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ARCHIV
FÜR
SLAVISCHE PHILOLOGIE.
UNTER MITWIRKUNG
VON
A. BRÜCKNER, J. GEBAÜER, C. JIRECEK, A. LESKIEN,
BERLIN, PRAG, WIEN, LEIPZIG,
W. NEHRING, ST. NOVAKOVIC, A. WESSELOFSKY,
BRESLAU, BELGRAD, ST. PETERSBÜEG,
HERAUSGEGEBEN
V. J A G 1 C.
VIERUNDZWANZIGSTER BAND.
BERLIN,
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG
1902.
530863
^. 17. ^1
PC
I
m
ßdJ>t
Inhalt.
Abhandlungen. Seite
Das gegenseitige Verhältniss der sogen, lechischen Sprachen, von
F. Lorentz 1
Valentin Vodnik, der erste sloven. Dichter, von Fr. Vi die (Schluss) 74
Untersuchungen über Betonungs- und Quantitätsverhältnisse in den
slavischen Sprachen, von A. Leskien 104
Zur polnischen Gaunersprache, von A. Landau 137
Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. 1, von Ivan Franko 150
Ein Katechismus Primus Truber's vom J. 1567, von Erich Bern cker 155
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Srecko-
vic's, von M. Speranskij 172
Polonica, von A. Brückner 182
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichichte, von
M. Resetar 205
Zur slavischen Wortbildung, von Gr. Ilj ins kij 224
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. »Eecifla inexi, cbath-
TcieS« (Gespräch dreier Heiligen), von E.Nachtigall (Schluss) 321
Joso Krmpotic's Leben und Werke, von Konstantin Draganic . 409
Zum Gebrauche des Praesens verbi perf. im Slavischen, von A. M u s i c 479
Textkritische Studien zu Homilien des Glagolita Clozianus , von
Gustav Adolf Thal 514
Kritische Nachlese zum Texte der altserbischen Vita Symeonis
(Stefan Nemanja's), geschrieben von seinem Sohne, dem erstge-
krönten König Stefan, von V. Jagic 556
Kritischer Anzeiger.
Broz-Ivekovic's kroat. Wörterbuch, angez. von V. Jagic 230
Miletic, Der bulgar. Artikel, angez. von M. Chalanskij 242
Los, Die Wortcomposition im Polnischen, angez. von V. Jagic . . 246
Melnickij, Kirchenslav. Grammatik, angez. von Fr. Pastrnek. . . 250
Sajkovic, Ueber serbische Betonung, angez. von M. Resetar . . . 251
Jevsejev's Beiträge zur altkirchenslavischen Literatur, angez. von
V. Jagid 254
Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von V. Jagic . . 263
Sljakov's Belehrung Monomach's, angez. von V. Jagic 268
Pogorelov, Altkirchenslavische Psalmenübersetzung, angez. von
M. Speranskij 272
IV Inhalt.
Seite
Petrovskij's Buch über Hektorovic, angez. von M. Resetar .... 276
Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, angez. von M. Resetar 279
Sipovskij , Puskin'sche Jubiläumsliteratur, angez. von M. S p e r a n s k i j 280
NevcHl, Die Erzdiöcese des h. Methodius, angez. von Fr. Pastrnek 283
Kalousek, Apologie des h. Wenzel, angez. von Fr. Pastrnek . . . 285
Noväk, Komensky's Weisheit der alten Böhmen, angez. von Fr.
Pastrnek 289
Smetänka, Die Postille Chelcicky.s, angez. von Fr. Pastrnek . . 291
P.Popovic, O gorskom vijencu, angez. von A.Jensen (nebst Zusatz
von M. Resetar) 292
Abicht, Despot Stephans Werke, angez. von St. S tan oje vi c . . . 304
Hrincenko, Kleinruss. Folkloristik, angez. von M. Sp er anskij . . 306
Bibliograph. Publicationen von Sprostranov und Stojanovic, angez.
von M. S peranskij 308
Torbiörnsson, Die gemeinslavische Liquidametathese, angez. von
F. Solmsen 568
Iljinskij, Archaismen und Neologismen im Urslavischen, angez. von
V.Jagic 579
Strohal, Kroat. Volkserzählungen, angez. von M. Resetar .... 586
Brückner, Geschichte der poln. Literatur, angez. von W. Nehring 588
Kaiuzniacki, Panegyr. Lit. d. Südslaven, angez. von C. Radcenko 592
Kaluzniacki, Werke des Euthymius, angez. von C. Radcenko . . 603
Hrubj-, Böhm. Postillen, angez. von Fr.Pastrnek 611
Vasiljev, Byzanz und Araber, angez. von C. Jirecek 615
Tetzner, Die Slaven in Deutschland, angez. von A. Brückner. . . 616
Vrabelj, Ugrorussische Volkslieder, angez. von V. Jagic 620
ätrekelj, Slovenische Volkslieder, angez. von V. Jag ic 623
Sobolevskij, Grossruss. Volkslieder, angez. von V.Jagic 624
Stojanovic, Serb. Volkslieder aus dem Nachlass Vuk's, angez. von
V. Jagic 628
Markov, Grossruss. Volksepik des Weissen Meeres, angez. von M.
Speranskij 629
Zivanovic-Zivkovic, Kirchensl. Gesangbuch, angez. v. M. S p e r a n s k i j 637
Kleine Mittheilungen.
Zur Wiederherstellung einiger unleserlicher Stellen im »Sbornik
Svjatoslava« vom J. 1076, mitgetheilt von Vladimir Bobrov 311
Weitere Spuren der glagolitischen Buchstaben in den cyrillischen
Handschriften, mitgeth. von V. Jagic 313
Die orthographische Frage in Russland. Offenes Sendschreiben
R. Brandt's, mitgeth. von V. Jag iö 314
Sach-, Namen- und Wortregister, von AI. Brückner 641
Das gegenseitige Verliältniss der sogenannten
lechisclien Sprachen.
Nach Hilferding OcxaTKii S. 18, dem sich Schleicher, Laut- und
Formenlehre der polabischen Sprache S. 15 anschliesst, sind das Pol-
nische einerseits, das Polabische und das Kaschubische andererseits die
Nachkommen einer Sprache, des Lechischen. Dieses bildet den nördlichen
Zweig des westslavischen Sprachstamms und unterscheidet sich von dem
südlichen, dem Cechischen, welches das Cechisch-Slovakische und das
Sorbische umfasst, hauptsächlich durch das Vorhandensein der Nasal-
vokale. 5
Abgesehen von der immer etwas zweifelhaft gebliebenen Stellung
des Kaschubischen, über welches wegen seiner fast vollständigen Un-
bekanntheit ein sicheres Urtheil nicht möglich war, ist die Ansicht
Hilferding's und Schleicher's lange unwidersprochen geblieben. Vor
kurzem jedoch hat sich Ramult in seinem Slownik jezyka pomorskiego
czyli kaszubskiego gegen dieselbe erklärt. Nach ihm (S. XLIII) zerfällt
das Westslavische in vier von einander unabhängige Gruppen: das
Cechisch-Slovakische, das Sorbische, das Polnische und das Polabisch-
Kaschubische. Das gegenseitige Verhältniss der drei letzteren bestimmt
Ramult dann dahin, dass das Polabisch-Kaschubische eine Mittelstellung
zwischen dem Polnischen und Sorbischen, das Polnische eine solche
zwischen dem Polabisch-Kaschubischen und dem Sorbischen , das Sor-
bische eine solche zwischen dem Polnischen und Polabisch-Kaschubi-
schen einnimmt.
Diese Ansicht hat Ramult leider nicht in genügender Weise be-
gründet, eine Diskussion derselben ist daher nicht thunlich. Anders ist
dies bei seiner Ansicht über die Stellung des Kaschubischen. Indem er
die Lauterscheinungen desselben mit denen des Polnischen vergleicht,
kommt er zu der üeberzeugung, dass dies kein polnischer Dialekt, wie
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 1
2 F. Lorentz,
häufig behauptet, sondern eine Schwestermundart des Polabischen ist,
also dieselbe Ansicht, welche Hilferding und Schleicher über diese
Sprachen hatten. Hieran hat sich ein lebhafter Streit geknüpft, dessen
Kernpunkt die Frage bildet : Ist das Kaschubische näher zum Polni-
schen oder zum Polabischen zu stellen? Auch wir werden auf diese
Frage eingehend zurückkommen müssen, zunächst aber muss es unsere
Aufgabe sein, das Verhältnis des Polabischen zum Polnischen zu unter-
suchen; erst wenn dies festgestellt ist, kann man daran denken, dem
Kaschubischen die ihm gebührende Stellung zuzuweisen. Billig be-
ginnen wir hier mit den von Schleicher für die Zusammengehörigkeit
des Polnischen und Polabischen geltend gemachten Argumenten.
I. Polabisch und Polniscb.
A. Schleicher's Argumente für die Zusammengehörigkeit des
Polabischen und Polnischen.
1. Die Vertretung des urslav. dj.
Als ersten Beweispunkt für die nahe Verwandtschaft des Polabi-
schen und Polnischen dem Sorbischen und Cechischen gegenüber führt
Schleicher den Umstand an, dass das urslav. dj im Polabischen und
Polnischen durch die Affrikata dz^ nicht wie im Cechischen und Sorbi-
schen durch den Spiranten z vertreten ist.
Dass hier das Polabische und Polnische dem Sorbischen und
Cechischen gegenüber übereinstimmen, ist nicht zu leugnen. Als wirk-
licher Beweis für die Zusammengehörigkeit beider Sprachen kann aber
diese Uebereinstimmung nicht gelten : der Uebergang von dz zu z ist zu
häufig in den slavischen Sprachen eingetreten — ich erinnere nur an
die Entwicklung des durch die zweite Palatalisation entstandenen dz
im Altbulgarischeu, auch die unten zu besprechende Entwicklung des
urslavischen dj im Kaschubischen ist zu berücksichtigen — , als dass
wir nicht annehmen dürften, auch das Cechische und Sorbische haben
einst die Stufe dz gekannt. Dann aber beweist die Entwicklung des
urslav. dj im Westslavischen etwas ganz anderes, als sie nach
Schleicher's Ansicht soll: dass Polabisch und Polnisch zusammen-
gehören, kann sie nicht erweisen, für die Zusammengehörigkeit von
Sorbisch und Cechisch würde sie dagegen schwer ins Gewicht fallen.
Denn nur gemeinsam vollzogene Neuerungen, aber nicht gemeinsame
Das gegenseitige Yerhältniss der sog. lechischen Sprachen. 3
Erhaltung von etwas Altem können eine sprachliche Verwandtschaft
bezeugen: bei dem polab. poln. dz für urslav, clj handelt es sich aber
nur um die Erhaltung von etwas Altem. In der Vertretung des urslav.
dj durch dz im Polabischen und Polnischen kann also kein Beweispunkt
für die nahe Verwandtschaft beider Sprachen gesehen werden.
2. Die zweite Palatalisation des (j.
Als zweiten Beweispunkt nennt Schleicher die Vertretung des ur-
slav. <7 vor e i (= idg. ai oi) durch dz im Polabischen und Polnischen.
Auch dieser Uebereinstimmung ist jede Beweiskraft für die nahe
Verwandtschaft beider Sprachen abzusprechen. Die zweite Palatalisa-
tion, der Uebergang von k g cJi vor sekundärem e und i und in vor-
toniger Stellung nach palatalen Vokalen in c dz s, ist schon urslavisch,
für ursprüngliches g haben alle Slavinen einst in diesem Falle dz gehabt,
in der Verbindung zdz hat es sich ja auch meistens erhalten. Wenn nun
das Polabische und Polnische auch ausserhalb dieser Verbindung das dz
aufweisen, so handelt es sich ebenfalls nur um die Erhaltung von etwas
Altem, kann aber eine nähere Verwandtschaft nicht beweisen.
In zwei Wörtern hat übrigens das Polabische z für urslav. dz :
hiqz urslav. *konedzh und pqz urslav. *pe?iedzh. Was diese ab-
weichende Vertretung hervorgerufen hat, ist nicht zu entscheiden. Die
beiden Wörter sind die einzigen, in denen das Polabische ein nach
Baudouin de Courtenay's Gesetz I. F. IV 48 entstandenes dz aufweist,
man könnte also daran denken, dass dies dz von dem vor sekundären
e und i entstandenen ursprünglich verschieden gewesen ist, allerdings
ist eine solche Verschiedenheit sonst nicht nachweisbar, andererseits
sind es aber auch die einzigen Beispiele, wo dem dz ein Nasalvokal
vorangeht, da ist auch der Gedanke nicht abzuweisen , dass dieser die
Ursache der abweichenden Behandlung gewesen ist, sei es, dass diese
in der Sprache selbst vorhanden gewesen ist (die Nasalvokale können
ja einst einen vollen Nasal hinter sich entwickelt gehabt haben und 7idz
kann dann zu Jiz geworden sein), sei es, dass dem Ohre der sprach-
fremden Aufzeichner ds gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 7
worden. Die Längen <} und 'e sind, soweit mir bekannt ist, überall
qualitativ gleich geworden, sie sind in o zusammengefallen, welches nur
durch das Vorhandensein bezw. Nichtvorhandensein der Erweichung an
die ursprüngliche Qualitätsverschiedenheit erinnert. Die Kürzen ä und
'e sind in der Schriftsprache ebenfalls qualitativ gleich geworden, dia-
lektisch (z. B. im Oppelner Dialekt) aber sind sie geschieden geblieben.
Auch präjotirtes a ist ({ geblieben, wie der Oppelner Dialekt erweist.
Im Polabischen ist das nichtpräjotirte q nur durch q vertreten.
Das urslav. e ist vor harten Dentalen und vor hartem l durch 'o, vor
Gutturalen, weichen Konsonanten und im Auslaut durch q vertreten.
Der Umstand, dass vor o die Erweichung geblieben, vor q aber ge-
schwunden ist, zeigt uns, dass wir es bei dem Auftreten des o mit einer
Eutpalatalisirung zu thun haben. Das entpalatalisirte e ist mit dem ur-
slav. q qualitativ gleich geworden, das palatal gebliebene ist verschieden
geblieben, seinen ursprünglichen Lautwerth werden wir unten bei der
Behandlung der Geschicke der Nasalvokale im Kaschubischen näher
■festzustellen suchen. Das präjotirte q ist mit urslav. e zusammen-
gefallen, doch ist nur die Vertretung durch r/ nachzuweisen.
Es bleibt also von der von Schleicher behaupteten Uebereinstim-
mung in den Nasalvokalen zwischen Polabisch und Polnisch nur das
blosse Vorhandensein i) derselben in beiden Sprachen. Wenn sich die-
selben auch hierin scharf von dem Cechischen und Sorbischen unter-
scheiden, ein Beweis für die nähere Zusammengehörigkeit derselben
kann darin nicht gesehen werden. Denn auch hier liegt das Gemein-
same nur darin, dass etwas Altes erhalten ist, die Neuerungen, welche
allein beweisend sein würden, sind principiell verschieden.
Die von Schleicher für die nahe Verwandtschaft des Polabischen
1) Brückner hat kürzlich Archiv XXIII, 233 ff. auch für das Polnische
den Uebergang von qin u behauptet. Trotz der zahlreichen Beispiele glaube
ich nicht, dass dieser Lautwandel wirklich stattgefunden hat. Für einige der
genannten Wörter werden z<-Wurzeln anzunehmen sein, z. B. ist p. nuda mit
pr. nautin got. naups, p. tupac mit gr. tvtitoj zu verbinden, für iuff neben l^g
istauf slovinz. luk (Gen.hikVi und lüt/u,) hinzuweisen, dies wird mit p. Paluki
zu lit. laühas ahd. löh zu stellen sein, auch das Polabische hat vielleicht *luk
gekannt, wenigstens weist der Ortsname Lucie (ein sumpfiges Gehölz zwischen
Dannenberg, Lüchow und der Elbe) auf ein Huce urslav. */»c6;e hin. Wichtig
wäre für die Beurtheilung der ganzen Frage eine genaue Zusammenstellung
der in Betracht kommenden Wörter, wobei besonders ihr zeitliches und ört-
liches Vorkommen zu berücksichtigen wäre [Korr.-N.].
8 F. Lorentz,
und Polnischen geltend gemachten Argumente beweisen also sämmtlich
nichts. Wenn man überhaupt einen Schluss aus ihnen ziehen will, so
kann man nur den daraus ziehen, dass Cechisch und Sorbisch einst eine
Einheit gebildet haben, für eine polniseh-polabische Spracheinheit sind
sie nicht zu verwerthen.
B. Giebt es andere Beweispunkte für die Zusammengehörigkeit
des Polabischen und Polnischen?
1. Die vokalischen Lautgesetze.
a. Die Vokale urslav. a, o, i, y, u und ^ bieten in ihrer Entwick-
lung weder im Polnischen noch im Polabischen irgendwelche Anhalts-
punkte, welche auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein näherer
Beziehungen zwischen beiden Sprachen schliessen lassen. Zwar haben
fast alle diese Laute im Polabischen mehrere Nachkommen, die Spal-
tungen haben sich aber augenscheinlich erst innerhalb des Polabischen^
vollzogen ; dass irgend eine aus vorpolabischer Zeit stammen muss, ist
nicht nachzuweisen. Das Polnische hat bei a, o und u — abgesehen
von den unten zu besprechenden geschlossenen Formen dieser Laute —
nur einen Nachkommen, zwei hat es bei ^, y und 0, welche durch die
Härte und Weichheit der vorhergehenden Konsonanten bedingt sind.
Der einzige Punkt, bei welchem man an nähere Beziehungen zwischen
Polnisch und Polabisch denken könnte, ist die Entwicklung der post-
gutturalen y und ^, da aber wegen der Art der polabischen Sprach-
überlieferung die hier einst eingetretenen Vokal Veränderungen sich nur
an der Gestalt der Konsonanten mit Sicherheit erkennen lassen, werde
ich auf diese Frage erst unten bei der Besprechung der Gutturale näher
eingehen.
b. Urslav. e.
Im Polnischen ist das urslav. e bekanntlich vor harten Dentalen,
hartem i und r zu 'a 'ä, vor Gutturalen, Labialen, sämmtlichen weichen
Konsonanten und im Auslaut zu 'e 'e geworden ^j.
Im Polabischen ist das urslav. nach Schleicher vertreten in-
') Mikkola, Betonung und Quantität in den westslaviscben Sprachen I.
S. 6, meint, dass die nichtpalatale Gestalt des f im Kaschubischeu auch vor
harten Gutturalen und Labialen berechtigt war. Für das Polnische ist beim
e (und ebensowenig bei e, hr, das Gleiche nicht nachzuweisen.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 9
lautend durch o, a, a, e, i, auslautend durch e, a, Je, ja, anlautend
durch ye,ya. Sehen wir von der Vertretung durch. Je ja ab — anlauten-
dem e ist einj" vorgeschlagen, auslautendes -Je kommt nur bei Guttural-
stämmen, auslautendes -Ja nur bei ye-Stämmen vor — , so fällt sofort
auf, dass inlautend weiche und nichtweiche, auslautend nur nichtweiche
Vokale auftreten. Bei einer Durchsicht des vorhandenen Materials
finden wir dann, dass die weichen Vokale dem poln. 'a a, die nicht-
weichen dem poln. 'e 'e entsprechen und genau unter denselben Be-
dingungen wie diese auftreten.
1 . Urslav. e ist vor harten Dentalen durch polab. o 'a vertreten :
kjot^ sjot, l'otü^ voter, rotHy, d'otka, vüÖöd, püsl'od, posdk, posäcny,
los, iostu, gnözda, gj'özda, zel'ozü, vührözat^ sonü, siöna, chron, väz-
don\ vübrazony.
2. Urslav. e ist vor hartem / und r durch polab. o 'a vertreten:
hol holy, pol, d'olü, grämolü, mal, zäral, säd'al, naidal ; morö morq.
3. Urslav. e ist vor Gutturalen durch polab. e a vertreten : lekar,
reka, cläoak, sneg, vrecJi, gr'ech, mech, tecli.
4. Urslav. e ist vor harten und weichen Labialen durch polab. e
vertreten: repö, lepsi, chlev, leva, deva, deoka, nemdc, nemkamka.
5. Urslav. e ist vor ursprünglich erweichten Dentalen durch polab.
e a vertreten : svetl, detq, vu leta, m'et, no svate, zdrat, sädat, grämat,
dedän, sedlj lesäi, Vesny, mest'e, l'eze, mena. Mit i\ vüdine.
6. Urslav. e ist vor c {= urslav. c, tj, kt), s (= urslav. s), st (= ur-
slav. sfj), z {= urslav. z) durch polab. e a vertreten: sece, sect, reo,
eusaceny, sveca, mesäk, mesäist, vüzmesat, gr'esl-sq, gresnäikij,
vübasen, vüzmaseny, sägrasenij, klesta, b'ez'i, h'ezat, reze rezq. Mit i:
viza.
7. Urslav. e ist vor ursprünglich weichem / und r durch polab. e
vertreten : bellt, eudellt, nedel'a, mer'i. Mit ^: cJimil.
S. Urslav. e ist vory durch polab. e ia vertreten: dolej, sije,
smijq-sq, lije, grij'-sq^ mclnaj, l'eubaj.
9. Im Auslaut ist das betonte e durch polab. -e, das unbetonte
durch polab. -ii und -a vertreten, Beispiele s. bei Schleicher S. 95 ff.
Weich tritt dies -e -a nur bei den Guttural- und denye-Stämmen auf.
Dabei ist zu beachten, dass Formen wie vaike^\ Neubildungen sind, das
ij Polab. deiste deisdi daista teisda sind in daist'e däisfa zu transskribiren,
das st ist lautgesetzlich aus sc entstanden.
j Q F. Lorentz,
-Jce demnach aus -kii entstanden ist, und bei den /e-Stämmeu das/
stammhaft war. Dass auslautendes -e bisweilen lautgesetzlich zu -e -a
geworden ist, können diese Formen nicht beweisen.
Abweichungen finden sich nur äusserst selten. Mit o bezw. a führt
Schleicher an : no lotäi^ pil d'öla., kä d'öle, Toze^ roze, väzd'at. Von
diesen wird loze {lose J. P.) zu streichen und dafür lozi = poln. lazi
zu schreiben sein, döla d'öle hat sein 'o vom Nom. d'olü bezogen,
ebenso wird das von roze (falls rose S. nicht durch rozi wiederzugeben
und dies dem poln. razi gleichzusetzen ist) aus dem Inf. rozat stammen,
HO loiöay J. ist vielleicht nur Schreibfehler für no leivay und väzd'at
steht neben sädat^ ist also auch wohl nur ein Irrthum, doch könnte
man hier auch an urslav. *dejath poln. dziac denken. An Ausnahmen
mit e für zu erwartendes o 'a führt Schleicher pridühed und die Stoff-
adjektiva auf -eny an, wie diese zu erklären sind, ist mir unklar.
Sehen wir von den wenigen Ausnahmen ab (auch das Polnische
weist eine Reihe von Ausnahmen auf, vgl. Brückner Archiv XXIII, 237 f.),
so haben wir zu konstatiren, dass sich die Entwicklung des urslav. e im
Polabischen mit der im Polnischen deckt. In beiden Sprachen haben
nichtpalatale Vokale entpalatalisirend auf ein e der vorhergehenden
Silbe eingewirkt, in beiden Sprachen ist die entpalatalisirende Wirkung
durch einen trennenden Guttural oder Labial gehemmt worden. Dass
es sich hier um eine bedeutungsvolle Uebereinstimmung handelt, wird
man nicht leugnen können.
c. Urslav. e.
Im Polnischen ist das urslav. e, sowohl das isolirt wie das in den
tautosy Ilabischen Verbindungen er erstehende, nach denselben Gesetzen
wie das urslav. e in o o und 'e 'e zerfallen.
Im Polabischen ist das urslav, e in betonten Binnensilben durch e
und i vertreten. Wie aus den Zusammenstellungen Schleichers S. 47 flf.
hervorgeht, findet sich e vor hartem und weichem r, hartem l und
harten Dentalen, i vor weichem /, weichen Dentalen, vor c und vor
weichen Labialen, für e vor Gutturalen und vor harten Labialen gibt
Schleicher keine Beispiele, an anderer Stelle aber nennt er pekar und
dies beweist zur Genüge, dass e auch vor Gutturalen durch polab. e
vertreten ist.
Weniger klar ist die Entwicklung des e in unbetonten Binnensilben.
Da hier in den Quellen dieselben Wörter häufig mit e und mit i auf-
treten, meint Schleicher, dass überall ein Mittellaut zwischen c und i
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 1 1
anzunehmen sei, welchen er mit e bezeichnet. Doch auch hier ist im
Allgemeinen die Regel gewahrt, dass e vor nichtpalatalen, i vor pala-
talen Vokalen der folgenden Silbe erscheint, vgl. das bei Mikkola Be-
tonung und Quantität I, S. 9 angeführte Material.
Diese Spaltung des urslav. e im Polabischen ist von der im Pol-
nischen principjel l verschieden . Bei der letzteren handelt es sich um
eine Entpalatalisirung, im Polabischen dagegen um eine stärkere Pala-
talisirung. Daraus erklärt es sich auch, dass die stärker und die
schwächer palatalen Vokale in beiden Sprachen unter verschiedenen
Bedingungen auftreten : harte Labiale und Gutturale haben die entpala-
talisirende Wirkung des hinteren Vokals im Polnischen gehindert, die
palatalisirende Wirkung des vorderen Vokals im Polabischen wurde nur
durch r gehindert und andererseits blieb e vor harten Labialen und
Gutturalen unberührt.
Hierzu stimmt auch die Behandlung des auslautenden e in beiden
Sprachen. Auf dasselbe konnte weder eine palatalisirende noch eine
entpalatalisirende Wirkung ausgeübt werden, wir finden daher im Pol-
nischen - e, im Polabischen -e.
Dieselbe Behandlung hat das e auch in den wenigen Beispielen
erfahren, welche uns aus dem Polabischen für die Verbindung er be-
kannt sind. Vor v d z n i&t e geblieben : crevu Plur. creva, sreda,
breza, dren^), vor l' v dz ist es zu i geworden: zrihq^ zribäc, zrihäica^
criv, sridmj^ brizäin. Auffällig ist brig dem pekar gegenüber, doch
ist von diesem Worte nur der Nom. Sing, überliefert und da kann man
daran denken, dass ein ursprüngliches *breff über *bre(jf zu briff ge-
worden ist, vgl. slovinz. dial. bfeß aus breK. Unklar sind mir prid
und priz für urslav. '^perd^ ^perz^^ doch hat auch das Polnische hier
przed przez.
Eine ganz verschiedene Entwicklung hat das e in der Verbindung
el durchgemacht. Hier ist im Polabischen Ja oder, wie wohl aus den
Schreibungen mlauka J. P. melauka Pf. hervorgeht, lä entstanden:
polab. mldka mlllcny poln. mUko mleczmj^ polab. mlät poln. mUc,
]}o\sib. plavili i^oln.plewy, -polab. vdivldct poln. tvlec, das polah. ivkäzet
tolatze »eggen« ist wohl nicht, wie Schleicher meint, mit dem poln. lolec,
1) So, nicht tren ist das überlieferte dren J. P. drehti S. zu transskribiren,
es ist identisch mit kasch. di-dn urslav. *derm. Woher stammt Ramult'a
drezdn ?
12 F. Lorentz,
sondern mit dem poln. wUczyc identisch. Da nun im Polabischen urslav.
ol ebenfalls durch la vertreten ist, hat es wie das Russische urslav. el
und ol zusammenfallen lassen.
In der Behandlung des urslav. e gehen demnach Polnisch und Po-
labisch weit auseinander. Dort finden wir wie beim e eine Entpalatali-
sirung, hier wird die Palatalität noch verstärkt. Dort gehen er und el
mit dem e parallel, hier hat el eine abweichende Entwicklung durch-
gemacht. Nur das haben beide Sprachen gemein, dass die Metathesis
von er re, nicht re ergeben hat.
d. Urslav. t.
Im Polnischen ist das urslav. * überall durch 'e vertreten, das da-
neben bisweilen auftretende o (z.B. OÄe'o/ neben osiel) ist erst sekundär.
Im Polabischen ist das urslav. h durch J, 'u und i vertreten. Wie
Mikkola Betonung und Quantität I S. 10 erkannt hat, erscheint 'ä vor
harten, d vor ursprünglich weichen Konsonanten. Als einzige Aus-
nahme führt Mikkola die Deminutiva auf -cäk -säk aus urslav. -cbko
-hko an, welche nach seiner Ansicht -dk für -ak im Anschluss an die
auf -dk aus urslav. -%kb angenommen haben. Ich glaube, dass -cdk ~säk
lautgesetzlich sind. Die aus urslav. c z s entstandenen polab. c z s sind
immer hart, weich ist c = c nur in Pfeffinger's tschiürna, woneben
aber tzorna J. P. zohrne S. tsoorne M. steht, ^ = i in hüzota [hüse-
junta S.) und hüzotkü {hüsejungtgii.), s ^ 's niemals. Das z in hüzota
ist aber vielleicht erst in * hüzota neu eingeführt, da dies dann in das-
selbe Verhältniss zu hüzq trat wie stehota *zrihota zu stenq zribq
u. s.w., auch hüzoticü kann sein z im z nach Mustern wie *stenotkü
*zriJjotJcü erhalten haben. Für Pfeffinger's tschiürna aber möchte ich
zu bedenken geben, ob nicht dies und andere Wörter aus einem Dialekt
stammen, welcher von den übrigen abweichend urslav. c und vielleicht
auch z s als c z s (man könnte nach der Schreibung sogar an c z s
denken) erhalten hat. Jedenfalls stammt keins der bei Schleicher mit
-cuk -sdk angeführten Wörter aus Pfeffinger's Verzeichniss.
Ob wir es hier mit einer Palatalisirung oder einer Entpalatalisi-
rung zu thun haben, wage ich nicht zu entscheiden. Wir können diese
Frage auch hier unberücksichtigt lassen, da das Polnische nichts ähn-
liches aufweist.
Neben d und 'ä findet sich auch i als Vertreter des urslav. b. Dies
ist in folgenden Wörtern der Fall: chriMt [gribjat J. P. gribatJ. P.
g7'ibjütä.), rdibi7iik, väknmik, zaitiny^ steudindc, vhäi visde und an-
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. j 3
dere Formen von *vhsbj scliwartzig S., in dessen -ig Kaiina das Suffix
-hkb sehen will, hat wohl eher das Suffix -iloi. Die Erklärung dieses i
steht bisher noch dahin, Mikkola S. 1 1 meint, « und ä vertreten * als
Länge, i als Kürze, es bleibt jedoch seine Begründung abzuwarten. Ich
bin allerdings schon jetzt der Ansicht, dass dies wohl kaum richtig ist.
Es wäre nämlich zu auffällig, dass die Kürze nur in so wenig Wörtern
überliefert ist, während es für die Länge eine ganz stattliche Anzahl
von Beispielen gibt. Mir scheint es, dass in diesem i eine stärkere Stufe
der Palatalisirung vorliegt, das Gesetz für das Eintreten derselben ver-
mag ich allerdings nicht anzugeben.
Das urslav. w ist im Polnischen vor harten Dentalen und l durch
ar, vor weichen Konsonanten, vor Gutturalen und Labialen durch 'ir
vertreten. Das bisweilen neben dem ar auftretende 'ar ist nicht, wie
Brückner meint, eine gleichberechtigte Nebenform des ar, sondern es
ist mit Mikkola als Kompromissbildung von ar und 'ir aufzufassen.
Dieselbe Vertretung will Mikkola auch im Polabischen wiederfin-
den. Dies ist jedoch nicht richtig. Denn wie die wenigen überlieferten
Beispiele zeigen, ist hr vor Gutturalen und weichen Konsonanten durch
ur und w-, vor harten Dentalen dagegen durch 'är vertreten, für w vor
harten Labialen gibt es keine Beispiele.
1. Urslav. hr vor Gutturalen: värch^ vllrchni, pärgne, därgne,
virgne, virgngt^ väzpirgne.
2. Urslav. hr vor ursprünglich weichen Konsonanten: pärstin^
märze, mclrzne^ pardl. smärd'i, särsen, därzeny^ vch'säk, cärveny^
dirzi, dirzöl-sq.
3. Urslav. fcr vor harten Dentalen: eumärty, praimllrty^ cetjärty,
tjdrdy^ zärnü^ carny bezw. cllrny.
Die einzige Ausnahme macht eumärzoji, doch wird dies durch
märze u. s.w. beeinflusst sein.
Die Bedingungen, unter denen die Spaltung des urslav. hr im Pol-
nischen und Polabischen eingetreten ist, sind, wie wir sehen, die gleichen
gewesen. Dagegen weichen die Resultate dieser Spaltung von einander
ab. Letzteres kann nur daraus erklärt werden, dass zur Zeit des Ein-
tretens der Spaltung das w im Polabischen schon erweichend auf den
vorhergehenden Konsonanten eingewirkt hatte, während dies im Polni-
schen noch nicht der Fall war. In beiden Sprachen zerfiel nun der
*-Laut in einen stärker [h^] und einen schwächer (t^j palatalen Laut :
im Polnischen entstanden hh' und h'^r, im Polabischen 'öV und 'hh'. Im
14 F- Lorentz,
Polnischen ging fe'r dann in erweichendes 'ir über, h^r blieb hart und
fiel mit urslv. ^r in ar zusammen. Im Polabischen ging, wie überall
bei palatalen Vokalen, vor h^r die Erweichung verloren, es entstanden
daraus nach unbekanntem Gesetz är und ir, vor hh' blieb die Erwei-
weichung erhalten und es entstand 'är.
In beiden Sprachen haben wir es hier ohne Zweifel mit einer Ent-
palatalisirung zu thun. Auch hier haben die Vokale der folgenden Silbe
nur dann entpalatalisirend gewirkt, wenn der trennende Konsonant kein
Guttural oder Labial war.
Dem urslav. hl entspricht im Polnischen il, ei, ol. Das Polabische
stellt diesem aw, dialektisch u, gegenüber: polab. väuk vuk poln. wilk,
polab. mäucqd poln. milczec, polab. päun poln. peiny, polab. väunö
poln. loelna. Das Polabische hat urslav. hl und ^l vollständig zusam-
menfallen lassen, im Polnischen ist dies nur theilweise eingetreten.
e. Auf die doppelte Vertretung des urslav. or im Polabischen, in
welcher man jetzt nach den Auseinandersetzungen Kariowicz' und
Brückner's keine Besonderheit dieser Sprache dem Polnischen gegen-
über mehr sehen darf, werden wir unten bei der Besprechung des
Kaschubischen zurückkommen.
f. Urslav. ■&/.
Das urslav. %l ist im Polnischen nach Labialen durch ol bzw. ul
und el, nach Gutturalen durch 'el, nach Dentalen durch lu vertreten,
z. B. ■pölk pulk, in Eigennamen pelk, urslav. *pzlkb, apoln. mohcic
urslav. *m7./a^b, kielbasa xxx&lax. *k^lbasa, dlugi urslav. *c;?5/;5'^ ').
Das Polabische hat dem gegenüber nur äu, dialektisch u\ tausty tust
poln. tluaty , tauet tüce poln. tlucze, dclugy poln. dlugi, däug poln.
diug, mäuna urslav. ^rmlntja.
g. Quantitative Verschiebungen.
Das Altpolnische hat Quantitätsverschiedenheiten bei den Vokalen
gekannt. Die Spuren derselben finden sich in der heutigen Sprache nur
noch in den Vokalpaaren a : ä, e : e, o : 6, e : (t, bei den Vokalen i y u
1) Hierher gehört auch siu/ice aus *solnbch. Daneben ninss auch ein ur-
slav. *solnbCb existirt haben, weiches in kasch. slbnce sloüce (Dem. s^onüska
stony^koc] os. ninnco p. sionce, das nicht als spätere Entwicklung von sluüce
angesehen werden darf, erhalten ist, ns. siynco kaun sowohl *s'>hibcb wie *s^l-
nbcb fortsetzen. Wie c. sloniti zu erklären ist, weiss ich nicht, Mikkola Beto-
nung u. Quantität I, S. 21 meint, dass von urslav. *s^hn- und *szIoh- auszu-
gehen ist, dies ist aber wegen serb. sutice sloven. solnce unwahrscheinlich.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 15
sind diese Differenzen verwischt, doch wird die ehemalige Länge durch
Doppelschreibung des Vokals bezeugt z. B. rozuum^juui.
Dass das Polabische Quantitätsverschiedenheiten besessen hat, ist
mir nicht zweifelhaft, in welchem Umfang dieselben anzunehmen sind,
kann jedoch nur eine genaue Untersuchung lehren. Für uns würde eine
solche Untersuchung zwecklos sein, da die polabischen Quantitätsdiß"e-
renzen mit den polnischen sicher nichts zu thun haben. Dies sehen wir
schon an den aus urslav. a entstandenen a und o, von denen a die
Kürze, die Länge vertritt. Nun haben zahlreiche reine a-Stämme
einen Nom. Sing, auf -o, im Polnischen ist die Länge hier unerhört. Dies
beweist zur Genüge, dass das polab. a : o mit dem poln. a : ä nicht zu
vergleichen ist.
Nur in einem Falle findet sich eine unsichere Spur einer der des
Polnischen vergleichbaren Quantitätsdiff'erenz. In Mithof's Wörter-
verzeichniss findet sich nämlich für poln. q ein unnasalirtes o, für poln.
e aber o: mooke poln. maka, saccodel poln. kqdziel, ploossat poln.
plqsac^ protka ]ßo\n. przqdka, aber: damp poln. dqh dehu, gums poln.
ges, ronka ronkaiceiz poln. reka rekawica., sioncta p. stviety. Dies
weist darauf hin, dass ö zu o geworden, o aber geblieben ist. An Aus-
nahmen finden sich nur drenü Wottong poln. -vatq und uherak poln.
weborek. Das o in drenü JVottotig ist vielleicht durch die Stellung im
Auslaut begründet, und uherak kann Schreibfehler sein oder es verhält
sich zu poln. ivehorek wie poln. zqdlo zu slov. zqglö^ Heist. sotöjiser
zu Ram. sqtopjer.
Weitere Spuren von denen des Polnischen ähnlichen Quantitäts-
differenzeu habe ich nicht gefunden. Vorhanden können sie immerhin
gewesen sein, sie sind dann in der Folgezeit eben wieder aufgehoben.
Jedenfalls kann dieser Punkt weder für noch gegen die Verwandtschaft
des Polnischen und Polabischen als Beweis verwandt werden.
2. Die konsonantischen Lautgesetze,
a. Urslav. p h v m t d s z nl r sind vor nichtpalatalen Vokalen
und Konsonanten sowohl im Polnischen wie im Polabischen unangetastet
geblieben. Vor ursprünglich erweichten Konsonanten haben sie meistens
ebenfalls keine Veränderung erlitten, nur d ist im Polnischen vor lo zu
dz geworden, ebenso scheint es im Polabischen dialektisch vor v zu (/'
geworden zu sein, worauf Mithof's divar^ das wohl in dcur zu trans-
skribiren ist, hinweist, und ferner scheint dem poln. s z vor erweichten
•jß F. Loreutz,
Konsonanten entsprechend das Polabische ebenfalls hier s z gehabt zu
haben, worauf die Schreibung seh schliessen lässt. Da daneben aber
auch Schreibungen wie schwöret schnüp vorkommen, ist auch die Mög-
lichkeit zu berücksichtigen, dass s z vor gewissen Konsonanten zu s z
geworden sein können, ohne dass irgend eine Erweichung mit im
Spiele war.
Vor palatalen Vokalen sind die oben genannten Konsonanten im
Polnischen zxi p U v m c dz s z n l' rz geworden. Im Polabischen ist
ebenfalls eine Erweichung eingetreten, dieselbe kann aber nicht so stark
gewesen sein wie die des Polnischen, da sie einerseits keine Verände-
rungen bei den Konsonanten hervorgerufen hat und andererseits vor
den Vokalen, welche ihre palatale Färbung behalten haben, wieder ge-
schwunden ist. Dass auch im letztern Falle die Erweichung einst vor-
handen gewesen ist, wird durch die Erweichung der vorhergehenden
Konsonanten wie in Jcnqz^Jognq, cKmil^ dvär genügend bezeugt.
b. Urslav. k g ch sind im Polnischen überall ausser vor y und er-
haltenem ^ unangetastet geblieben. Vor y und ^^ welche zu i 'e gewor-
den sind, sind k und g palatalisirt, ch ist auch hier unverändert erhalten.
Im Polabischen sind k g ch nur vor a und q sowie vor den meisten
Konsonanten unverändert geblieben. Vor den sekundär zu palatalen
Vokalen gewordenen o, m, y sind sie erweicht und werden hier von
Schleicher durch k g ch' wiedergegeben, k und g sind aber ohne Zweifel
palatale Affrikaten [tj\ clj\ dialektisch vielleicht sogar c', dz) gewesen.
Schwierig ist die Behandlung von k g vor erhaltenem ^. In kä
urslav. *h,^ kätü urslav. '^'k^to ist das k unverändert, das ^ hat die
auch sonst übliche Gestalt. Dagegen ist k g in kid urslav. *ki>cle^ nikid
urslav. *nikhde, lükit urslov. *olk^th, tiiUjit urslav. *nog%th zu k g ge-
worden und ebenso ist es vor dem eingeschobenen Vokal in vügin ur-
slav. *ognh und vogil urslav. "^qgh behandelt. In allen diesen Wörtern
steht das ^ in geschlossener Silbe vor einem ursprünglich erweichten
Konsonanten: hierin wird die Erklärung zu suchen sein.
Vor erweichtem ti m ist k g ch gleichfalls zu k g ch geworden,
wie knqzjögnq cJimil zeigen. Dass es in Wörtern wie kj'ot gjozda ge-
blieben ist, wird sich dadurch erklären, dass ^Mot *gcozda schon zu
*kcjot *gcJozda (mit hartem v und vollem/) geworden waren, als die
Palatalisirung der Gutturale eintrat.
c. Urslav. c z s sind im Polabischen wie in den sog. masurischen
Dialekten des Polnischen zu c z s geworden. Ueber die bei diesen
Das gegenseitige Verhältniss der sog. leehischen Sprachen. 17
Lauten auftretenden Erweichungserscheinungen haben wir schon oben
gesprochen.
Für sc (= urslav. sc und stj) und zdz (nur urslav. zdz ist zu be-
legen) hat das Polabische st und zd: paiste abg. pisteU oder poln.
piszczy^ chrqst poln. chrzqszcz^ stinq poln. szczenie^ stepa poln.
szczepa, sieukö poln. szczuka^ hrezd'öjc (oder hresiöje] urslav. ^brezd-
zajeto Iterativ zu russ. öpesowumcH poln. brzeszczy sie. Die Entwick-
lung kann hier nicht auf dem Wege sc zdz — sc zdz — st zd erfolgt
sein, da man dann *steuko '^hrezdoje erwarten müsste, sie ist vielmehr
über M zd' ■ — s{ zd! gegangen.
d. Urslav. c dz sind wie im Polnischen mit ij dj und ht zusammen-
gefallen. Während aber das Polnische alle diese Laute hat hart wer-
den lassen, ist im Polabischen die Erweichung geblieben. Das urslav.
sc ist dem sc entsprechend zu st geworden, es ist jedoch nur in daiste
däista urslav. *disce nachzuweisen.
Welche Entwicklung das urslav. s genommen hat, ist nicht zu er-
kennen. Ich kann es nur nachweisen in *vis urslav. *vhsh, das polab. s
kann sowohl über 5, welches in den übrigen westslavischen Sprachen
das urslav. s vertritt, als auch direkt aus s entstanden sein.
S. 138 macht Schleicher darauf aufmerksam, dass im Part. Prt. auf
-Jem das t d unverändert bleibt: ploteny abg. uplastem, zdblqdeny
abg. zablqzdem u. s. w. Das Polabische hat aber in diesen Formen
ein tj dj nicht mehr besessen, es hat hier das ^' d! aus den Formen,
wo ein blosses ^ folgte, eingeführt und dies ist lautgesetzlich tm. t d
geworden.
3. Folgerungen.
Die Zahl der vollständigen Uebereinstimmungen zwischen Polnisch
und Polabisch ist sehr gering, ihre Bedeutung wird aber noch mehr ab-
geschwächt, sobald wir unsere Blicke auf das Sorbische richten.
Im Vokalismus stimmen Polnisch und Polabisch überein:
1 . in der Behandlung des urslav. e,
2. in der Entwicklung des urslav. ~or zu ar,
3. darin, dass der entpalatalisirte fc-Laut des w zum a-Laut ge-
worden ist,
4. darin, dass die Metathesis von urslav. or ol er nicht ra la re,
sondern rö lo re ergeben hat, und
Archiv für slavische Philologie. XXTV. 2
18 F. Lorentz,
5. in dem Auftreten von ar neben ro als Vertreter des ur-
slav. or.
Dass beide Sprachen die Nasalvokale erhalten haben, beweist, wie
schon oben gesagt ist, nichts.
Den Ueborgang des e in 'a kennen nun auch der Sorauer Dialekt
Jakubicas und der Gubener Dialekt Megisers des Niedersorbischen,
ersterer nur in betonter, letzterer auch in unbetonter Silbe, vgl. Mucke
Laut- und Formenlehre der uiedersorb. Sprache S. 63 f. Dieselben
Dialekte und z. T. auch noch einige andere haben für urslav. ^r und
urslav. hr vor harten Konsonanten ar^ selbst nach Gutturalen, wo das
Niedersorbische sonst das urslav. ^r in 'ar umgewandelt hat. Endlich
ist im gesammten Sorbischen urslav. or ol er durch die Metathesis in
ro lo re wie im Polnischen und Polabischen übergegangen.
Es bleibt also innerhalb des Vokalismus als einzige dem Sorbischen
fremde Uebereinstimmung zwischen Polnisch und Polabisch das Auf-
treten von ar neben ro für urslav. or. Ich möchte aber nicht mit
Sicherheit behaupten, dass diese Erscheinung dem Sorbischen fremd
gewesen ist, ja vielleicht ist sogar noch ein Beweis, wenn auch indirekt,
für das Vorhandensein derselben zu führen. Aus Ortsnamen wie Pase-
walk u. a. geht nämlich hervor, dass urslav. ol dem or entsprechend,
ursprünglich durch ai neben lo vertreten gewesen ist. Da nun das ur-
slav. *polkaih [os.piokac ^o\n. plökac) im Niedersorbischen als /)a/X"a6'
(entsprechend heisst es auch slovinz. po'ükäc kasch. kabatk. pmikac)
auftritt, könnte man die doppelte Vertretung des urslav. ol auch
für das Niedersorbische voraussetzen. Allerdings legt das slovak.
plukac ein urslav. *p^lkath nahe, trotzdem hat aber dieses vielleicht
nicht bestanden. Worauf nämlich manche Anzeichen hindeuten, ist das
betonte or ursprünglich durch 7'o, das unbetonte durch ar vertreten
gewesen 1). Wenn dies richtig ist, so ist es auch das Wahrscheinlichste,
dass dies auf einer Schwächung des or an unbetonter Stelle beruht. Da
nun urslav. ^r ebenfalls durch ar vertreten ist, liegt die Annahme nahe,
dass das unbetonte or mit diesem ^r in ^r zusammenfallen war. Die-
selbe Entwicklung ist dann auch für ol anzunehmen und, falls für das
1) Brückner Archiv XXIII, 233 meint, dass tart und trot nur ein Aus-
weichen vor dem unbequemen to7-t gewesen sei. Damit ist aber genau ge-
nommen gar nichts gesagt, denn in einem solchen Ausweichen kann doch
nur die Veranlassung dafür, dass überhaupt ein Lautwandel eingetreten ist,
aber nicht für die doppelte Gestalt des neuen Lautes gesucht werden.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. leehischen Sprachen. 19
gesammte Westslavisch anzusetzen ist, können sowohl slovak. pluJcac
wie ns. paikas dem urslav. *polkath entsprechen ^).
Wie nun aber auch diese Frage entschieden werden mag, die dop-
pelte Vertretung des urslav. or ist der einzige Punkt des Vokalismus,
welcher für die Aufstellung näherer Beziehungen zwischen Polnisch
und Polabisch ernsthaft in Betracht zu ziehen ist. Denn alle anderen
beiden Sprachen gemeinsamen Erscheinungen finden sich auch ausser-
halb derselben, können also nicht als beweiskräftig angesehen werden.
Der Konsonantismus des Polabischen stimmt mit dem des Polni-
schen ziemlich überein. Die Abweichungen in der Erhaltung der ur-
sprünglichen Erweichung sind nur von untergeordneter Bedeutung.
Das Neueintreten der Erweichung ist zwar in beiden Sprachen nach
denselben Gesetzen erfolgt (dass die Resultate von einander abweichen,
ist unwichtig), dies ist aber auch im Sorbischen geschehen. Wo endlich
beide Sprachen dem Sorbischen gegenüber übereinstimmen, handelt es
sich wie bei urslav. dz dj um die Erhaltung von etwas Altem : gemein-
same, nur ihnen eigenthümliche Neuerungen haben beide Sprachen
nicht. Die konsonantischen Lautgesetze fallen weder für noch gegen
die Annahme einer näheren Verwandtschaft ins Gewicht.
Gegen die Annahme einer näheren Verwandtschaft des Polnischen
und Polabischen sprechen nun aber eine Reihe von Lautgesetzen.
Das wichtigste ist der Zusammenfall von el und o/, hl und ^l im
Polabischen, welche im Polnischen geschieden geblieben sind. Es ist
dies eins der ältesten Lautgesetze des Polabischen, älter als die Meta-
thesis, älter als das Eintreten der Konsonantenerweichung vor h. Von
allen Lautgesetzen, mit welchen sich chronologische Beziehungen her-
stellen lassen, kann ihm nur eins voraufgegangen sein : der oben ange-
nommene Uebergang des unbetonten or ol in ^r ^l. Dass dies alte Ge-
setz dem Polnischen vollständig fehlt, lässt das Vorhandensein der
lechischen Sprachgemeinschaft als recht unwahrscheinlich erscheinen.
Das Sorbische stimmt hier mit dem Polnischen überein.
Als eben so wichtiger Punkt ist die Entwicklung des urslav. ^l zu
nennen. Im Polabischen ist dies überall gleich behandelt, im Polnischen
dagegen unterscheidet sich die Vertretung nach den vorhergehenden
Lauten. Hier stimmt das Niedersorbische mit dem Polnischen, das
Obersorbische mit dem Polabischen überein.
1) Unter diesen Voraussetzungen könnte auch das c. smrk z. B. genau
dem poln. smrok entsprechen.
2*
20 F. Loreatz,
Fast eben so wichtig ist die Entwicklung des urslav. w, wo die
Entpalatalisation im Polnischen der Erweichung vorhergehender Kon-
sonanten vorangeht, im Polabischen derselben aber folgt. Da diese in
beiden Sprachen unter denselben Bedingungen eingetreten ist, wird hier
auch ein Zusammenhang bestehen. Dieselben Entpalatalisirungsgesetze
haben auch das urslav. e betroffen, vor diesem zeigt sich jedoch überall
die Erweichung. Das erklärt sich daraus, dass das urslav. e^ wie das
Öechische und Slovakische zeigen, schon in gemeinsam westslavischer
Zeit in einen Doppellaut, etwa m, übergegangen ist, während das h
Monophthong blieb. Auch hier geht das Sorbische mit dem Polnischen
zusammen.
Ferner weicht das Polabische vom Polnischen ab in der Entpala-
talisirung des urslav. e, die dem Polnischen fehlt. Viel Gewicht ist
hierauf jedoch nicht zu legen, da dieselbe möglicherweise einst im Pol-
nischen vorhanden gewesen, später aber wieder rückgängig gemacht
sein kann. Auf dasselbe oder ein wenigstens sehr ähnliches Gesetz
weist die Vertretung des urslav. q durch jii und i im Sorauer Dialekt
Jakubicas hin, mit der polnischen Vertretung des q durch 'ci und 'e hat
dieselbe sicher nichts zu thun.
Dem Polabischen eigenthümlich ist der Zusammenfall des urslav ./«
mit e. Dies ist jedoch wahrscheinlich ein ziemlich junger Lautwandel,
worauf besonders der Umstand hinweist, dass er sich vielfach bei Neu-
bildungen findet.
Ebenfalls nur im Polabischen vorhanden ist die Spaltung des ur-
slav. h. Da die Bedingungen, unter denen sie auftritt, von den sonst
für die Entpalatalisirung geltenden abweichen, und andererseits ihr
Auftreten infolge einer Palatalisirung wegen der Vokalfärbung recht
unwahrscheinlich ist, wird es sich hier um ein jüngeres Lautgesetz
handeln, welches für die Beurtheilung der Verwandtschaftsverhältnisse
nicht in Betracht kommen würde.
Höchst auffällig ist endlich die Differenz in der Behandlung des
urslav. e zwischen Polnisch und Polabisch : dort Entpalatalisirung, hier
Palatalisirung. Möglich ist es, dass auch das Polabische einst in ge-
wissem Grade die Entpalatalisirung gekannt, dieselbe aber wieder rück-
gängig gemacht hat i), und dass dann erst die Palatalisirung eingetreten
1) Das aus dem Urslavischen bekannte Gesetz, der Uebergang von 'o
zu '«?, kann sich recht wohl im Polabischen wiederholt haben, der Zusammen-
fall von Jq und f würde gut dazu passen.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 2 1
ist, zu beweisen ist dies jedoch nicht. Wichtig ist, dass beide Laut-
gesetze später sind als die Metathesis, wie die Behandlung des urslav.
er zeigt.
Der Annahme des einstigen Vorhandenseins einer polnisch-polabi-
schen (lechischen) Sprachgemeinschaft kann ich hiernach nicht zustim-
men. Der Zusammenfall des el und o/, hl und ^l im Polabischen ist eine
Klippe, an welcher diese Hypothese scheitern muss. Dazu tritt dann
noch, um von den übrigen Verschiedenheiten abzusehen, die Differenz
in der Behandlung des urslav. fer. Beide Erscheinungen sind älter als
die Entpalatalisirung, erstere sogar älter als die Metathesis : diese ist
aber das älteste Lautgesetz, welches wir als dem Polnischen und Pola-
bischen gemeinsam nachweisen können. Eine Sprachgemeinschaft,
welche aus einer Einheit hervorgegangen ist und allmählich in Dialekte
zerfällt, in der aber gerade die ältesten Lautgesetze keine durchgehende
Gültigkeit haben, ist undenkbar.
Auf der anderen Seite sind die Lautgesetze, auf welche man die
Zusammengehörigkeit des Polnischen und Polabischen gründen könnte,
durchaus nicht auf diese beiden Sprachen beschränkt. Mit vielleicht
einer Ausnahme finden sie sich in Dialekten des benachbarten Nieder-
sorbischen, besonders in den ausgestorbenen Mundarten Jakubicas und
Megisers wieder : will man das Niedersorbische nicht auch in die lechi-
sche Sprachgemeinschaft aufnehmen, so muss man ihr Auftreten hier
nach J. Schmidt's Wellentheorie erklären. In derselben Weise können
aber auch die üebereinstimmungen zwischen dem Polnischen und Pola-
bischen erklärt werden. Handelt es sich um Wellen, so wird e^ ver-
ständlich, dass der Verschiedenheit in den älteren Lautgesetzen eine
Gleichheit in den jüngeren zur Seite steht, wollte man nur die Stamm-
baumtheorie anwenden und eine längere Zeit hindurch ununterbrochene
Sprachgemeinschaft annehmen, so bliebe diese Erscheinung schlechthin
unerklärlich.
Meine Ansieht geht also dahin, dass wir in dem nördlichen Theil
des Westslavischen (von der Stellung des Cechischen und Slovakischen
sehe ich hier ab) drei selbständige Sprachen zu erkennen haben : das
Sorbische, das Polnische und das Polabische. Die zwischen diesen
Sprachen auftretenden Üebereinstimmungen können nirgends die Ab-
stammung zweier derselben von einer gemeinsamen Grundsprache be-
gründen, ihre Erklärung hat nach der Wellen theorie zu erfolgen.
Ich habe zur Untersuchung nur die Lautlehre herangezogen, da
22 V. Lorentz,
von einer Vergleichung der Formenlehre (so weit wir überhaupt von
einer Kenntniss der Formenlehre des Polabiseben sprechen können)
nicht viel zu erwarten ist. Eine solche würde nur dann Werth haben,
wenn die ungefähre Zeit des Eintretens von Neubildungen — nur diese
können zur Festlegung der Verwandtschaftsverhältnisse in Betracht
kommen — zu bestimmen wäre, daran ist aber beim Polabiseben gar
nicht zu denken. Gemeinsame Neuerungen, welche auch ohne Bestim-
mung der Entstehungszeit, allein durch ihre blosse Eigenart einen Zu-
sammenhang beider Sprachen nicht abweisen Hessen, haben Polnisch
und P.olabisch aber nicht.
II. Das Kaschulbische.
A. Die Stellung des Kaschubischen.
Seiner geographischen Lage nach steht das Kaschubische zwischen
dem Polnischen und Polabiseben und zwar ist es dem ersteren unmittel-
bar benachbart, von letzterem jedoch durch eine Strecke von über
400 km getrennt, welche ursprünglich dem slavischen Sprachgebiet an-
gehörte, seit Jahrhunderten aber schon durch das Deutsche erobert ist.
Für seine sprachliche Stellung kommen hier von vorne herein drei
Möglichkeiten in Betracht : es kann entweder ein rein polnischer Dia-
lekt sein oder ein Dialekt der Sprache, zu welcher wir das Polabische
zu rechnen haben, oder endlich der letzte Rest einer Sprache, welcher
eine selbständige Stellung neben dem Polnischen und Polabiseben zu-
zuweisen ist. Hierauf hin werden wir die im Kaschubischen auftreten-
den Erscheinungen zu prüfen haben.
1. Die Spaltung der urslav. Vokale in Länge und Kürze.
Jeder urslavische Vokal hat im Kaschubischen zwei Ablautsstufen,
eine, welche auf einer ursprünglichen Länge, und eine, welche auf einer
ursprünglichen Kürze beruht. Die einzelnen Ablautsreihen sind ^) :
1. a : 6 = urslav. a, e, ^ h in zr w, z. B. baba : böbka, mjara :
mjorka, törg : targu, cörny : carhejat.
1) Kaschubische Wörter, bei denen es nicht auf die Form eines bestimm-
ten Dialekts ankommt, gebe ich in Kamult's Transskription, nur wende ich
für die von ihm nicht bezeichneten langen i und u die Zeichen i ü an. Den
Heisternester Dialekt gebe ich in Bronisch's Schreibung, ebenso die übrigen
von ihm bearbeiteten Dialekte, für das Slovinzische, Kabatkische und Leba-
kaschubische verwende ich aus typographischen Gründen Mikkola's Trans-
skription mit gewissen Modificirnngen,
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 23
2. e : e = urslav. e, e : x^^^ '• ylßha^jez •.Jeza.
3. 0, ce : =^ urslav. o, e: dom, domu, bog : hcega, mjbd: mjode.
4. 2 : ^ = urslav. «', y, q : pisac : pisq, ^ibac : ^ibajq^ visc : vizq.
5. e:l, y = urslav. ^, y, (?: tremac : trimaj'ci, sm : se?ia, bevac :
byvajq, zih : zebu.
6. u'.ü=^ urslav. u: kur : kura.
7. e : w == urslav. e^, i> in <i/: lebic : lübj'q, dlüg : dlegu.
8. q : g = urslav. «, e : 2:06 : zaSa, grqda : grod ^].
Nach welchen Gesetzen die Quantitätsdifferenzen entstanden sind,
ist noch nicht bekannt. Dies wird um so schwieriger zu finden sein,
als die einzelnen Dialekte bedeutend von einander abweichen. Beson-
ders eigenthümlich sind die Ablautserscheinungen im Slovinzischen,
welches in vielen Fällen ablautende Stämme starren Stämmen anderer
Dialekte gegenüberstellt, z. B. gvjäuzdä : gvjazdöu^ aber Heist. giözda :
gvozdo^ slov. dialekt. göurä : guörü aber Heist. gora : göre, slov. dialekt.
rekä : riefji aber Heist. reka : reci, slov. dialekt. zdrehjq : zdriehjica
aber Heist. zgreÜo : zgrSica u. a. m. Unter diesen Umständen gehe
ich auf die Frage nach den Bedingungen für das Auftreten von Länge
und Kürze (dieselben sind ohne Zweifel im urslavischen Accent zu
suchen) nicht weiter ein, sondern begnüge mich damit, das Vorhanden-
sein der Quantitätsspaltung festzustellen.
Oben haben wir gesehen, dass auch das Polnische Quantitäts-
differenzen besessen hat, während sie im Polabischen nicht mit voller
Sicherheit nachzuweisen sind. Die Vertheilung von Länge und Kürze
im Polnischen ist, von Einzelheiten abgesehen, der im Kaschubischen
ziemlich gleich. Die grösste Verschiedenheit findet sich bei den a- und
z- Verben, wo das Kaschubische häufig der Kürze im Inf. und Imp. in
den übrigen Formen die Länge gegenüberstellt, während das Polnische
in allen Formen dieselbe Quantitätsstufe hat. Vielleicht weisen aber
Doppelbildungen wie siqkac siekac, tqzyc teiyc, skqpic skepic auf ein
dem kaschubischen ähnliches Ablautsverhältniss hin, auch das Neben-
einander von wiqdnqc xciednqc ist vielleicht aus einem Ablaut wie dem
in slov. kldusknou c kluusJcnq : kläskni zu erklären.
•) Dazu kommt dann noch ein Ablaut bei urslav. ^l bl, welcher sich häufig
mir in der Accentqualität bemerkbar macht, z.B. slov. po-i}käc : po'ücq,
c6-ün : co-imä. Das Kabatkische hat hier au : äii: paukäc : p&ucq, cä'un :
24 F. Lorentz,
Eine enge Zusammengehörigkeit von Polnisch und Kaschubisch zu
beweisen, ist diese Uebereinstimmung jedoch nicht geeignet. Wenn
wir im Slovinzischen (und Kabatkischen) Ablautstypen wie trauvä :
Instr. travöti , dzerä : Instr. dzeröu oder im ganzen Nordkaschubischen
moegq : mdzes finden, werden wir sofort an cech. träva : travou, dira :
derou^ mohu : niuzes erinnert, während ein slovinz. zdrebjq zdrtehjicä
merkwürdig an serb. zdrijebe zdrebeta anklingt. Es drängt sich hier
der Gedanke auf, dass diese quantitative Spaltung schon in die gemein-
sam westslavische, vielleicht gar in die urslavische Zeit hineinragt:
etwas specifisch polnisch-kaschubisches ist sie gewiss nicht.
Auf Grund der Quantitätsverschiebungen erklären sich nun meh-
rere der von RamuJt Siownik S. XXXII ff. angeführten Verschiedenheiten
zwischen Polnisch und Kaschubisch:
1. Der Uebergang von urslav. a e vor i in kasch. e 'e (Ramuit 3. 4.),
es ist nur das lange a a, sonstiges 6 o, welches diesen Lautwandel
durchgemacht hat. In vielen Dialekten, dem Gross-Garder Dialekt des
Slovinzischen, dem Kabatkischen, Bylakischen und Südkaschubischen,
unterscheiden sich e und ö nicht, der Lautwandel ist also nicht einge-
treten, das Slovinzische mit Ausnahme des Gross-Garder Dialekts hat 6
nur vor tautosyllabischem ^ in ^ (hier 6ü gesprochen) umgewandelt, die
von Ramuit und Cejnowa dargestellten auch vor heterosyllabischem.
2. Der Uebergang von urslav. -enh in -iii gegenüber dem von -hnh
in -en (Ramuit Nr. 1 7) ist durch die Mittelstufe -en gegangen, welches in
betonter Stellung geblieben i), in unbetonter zu -in d.i. -m geworden ist.
Andere Dialekte, wozu das Slovinzische gehört, haben nur -en: hier wird
unbetontes -en nicht in -en^ sondern sekundär in -en übergegangen sein.
Unter Nr. 18 führt Ramuit auch kamina u. s. w. an: das i wird hier
1) Für Ramult's drezen erwartet man dreien vgl. slov. dr'd-kin^ was viel-
leicht auch dafür einzusetzen ist. Die Darstellung der e-Laute, besonders die
Scheidung von e und e, ist einer der schwächsten Punkte des Siownik. Aller-
dings kenne ich den darin behandelten Dialekt nicht aus eigener Anschauung,
ich kann mir aber nicht denken, dass Wörter, welche in den pommerschen,
dem Heisternester und den südlich von Karthaus gesprochenen Dialekten ein
geschlossenes v. haben, in dem zwischen den genannten liegenden Dialekt
von Ramult's Slownik ein offenes e haben sollten und umgekehrt, dies müsste
aber, wenn Ramult's Angaben über h und e stimmten, sehr häufig der Fall sein,
z. B. bßgac, hjelee, hjezec, hregoevy, cesor, dfevjq, ^ece, j'esc, jezori/, lezq, mjesk,
mjesci, mle/cae, previ, prectiy, predny, recka, reka, sec, sledny, sle^, strehro, stre^,
vjej^ec u.s.w. Danach kann man auf Ramult's e-Laute gar nichts geben.
Das gegenseitige Verbältniss der sog. lechischen Sprachen. 25
aus dem Nom.-Akk. kamin stammen, in den mir bekannten Dialekten
kommt jedoch nur hamjena vor. Ebenso ist das -i des Komparativs der
Adverbien (Ramuit Nr. 15) aus -ej herzuleiten, das Slovinzische und
Kabatkische haben jedoch nur -e.
3. Der Uebergang des urslav. i nach c g l s z sz r^ im westpreussi-
schen Kasehubisch auch nach c ^ (Ramuit Nr. 21), des urslav. u nach
t d i l n r r s z s z c :^/\m. westpreussischen Kasehubisch auch nach c
(Ramuit Nr. 27), des urslav. y nach p h viin t d s n i r (Ramuit N. 29)
in einen e-Laut, welcher im Slovinzischen und einem Theil des Kabat-
kischen als offenes palatales ä und ä, in einem andern Theil des Kabat-
kischen als geschlossenes gutturales «, in den mir bekannten west-
preussischen Dialekten als geschlossenes guttural -palatales e auftritt.
Nach Ramuit sind nur i und yme zusammengefallen, u soll zu e ge-
worden sein, doch ist dies jedenfalls ein Irrthum. Dieser Lautwandel
hat nur die kurzen iu y betroffen.
4. Nach Ramuit Nr. 22 soll i im Prät. auf -^/ nach Labialen, n und
^ zu je geworden sein , während nach harten Konsonanten -el entstan-
den ist. In den mir bekannten Dialekten ist mir eine derartige Ent-
wicklung nicht begegnet. Am nächsten steht Ramuits Angaben das Süd-
kaschubische : hier sind -il -il zu -eu -eu geworden, ebenso steht e 'e
in den übrigen Formen mit ii, im Plur.Mask. heisst es dagegen -ele-'ile.
Das Slovinzische hat -il -'il in -el -'el gewandelt (entsprechend auch -uf
-ul in -Olli -'öul), vor heterosyllabischem l hat es aber ä bezw. ä und 'i.
Das Kabatkische hat in unbetonter Stellung -ett -'eij(, in betonter -m -m,
vor heterosyllabischem l hat es ä bezw. ä und 'i. Der Heisternester
Dialekt hat -U -'il, sonst e 'i. Das für i auftretende slovinz. kabatk. e
'e ist aus langem i durch den Einfluss des l entstanden, das südkasch. e
kann nur auf kurzes i zurückgeführt werden , dass hier auch weiches 'i
zu 'e geworden ist, ist durch das l bewirkt ^).
In allen diesen Fällen handelt es sich um Lautwandlungen, welche
erst in verhältnissmässig später Zeit eingetreten sind, für die Beurthei-
lung der Stellung des Kaschubischen können dieselben nicht in Betracht
kommen.
2, Die Entpalatalisirung.
a. Urslav. e.
Das urslav. e ist im Kaschubischen ebenso wie im Polnischen und
1) Genau entsprechend heisst es hier auch jpjeM« Ram. piia.
26 F. Lorentz,
Polabischen vor einem nichtpalatalen Vokal der folgenden Silbe entpa-
latalisirt, auch hier haben dem e folgende Gutturale und Labiale die
Entpalatalisirung gehindert. Das entpalatalisirte e tritt auch hier als
weicher a-Laut auf, das palatal gebliebene ist mit dem urslav. e zu-
sammengefallen, z. B. urslav. *bredh\ slovinz. kabatk. hräut brädü
Ram. bi-öd brade Heist. bröt bräd'e südkasch. bröt bfädü^ urslav. *beh:
slov. bjauli kabatk. bjaim Ram. bj'efy Heist. b'öil südkasch. bj'om, urslav.
*vera: slov. kabatk. vj'arä Ram. vjara Heist. vära, urslav. *begnqth
*begh: slov. bßegrmic bJeJl kabatk. bfiegnoiic bjek% Ram. bjegnoc
Heist. b'ognoc b'ek südkasch. bjegnoc bjek urslav. *chleb^'. slov. kabatk.
yUp yßebä Ram. yleb Heist. ylep yleba südkasch. ylep yleba^ urslav.
*strelitb: slov. stHeUc strelq kabatk. st Helge strelq Ram. strelec
Heist. strelec strelo südkasch. strelec^ vorkasch. *y^c/Je (urslav. *bhse) :
slov. kabatk. pyße Heist. pyje südkasch. pyje.
Die Übereinstimmung zwischen Polnisch und Kaschubisch geht so-
weit, dass die Wörter, welche im Polnischen das urslav. e vor harten
^Konsonanten durch e, nicht durch 'a vertreten sein lassen, auch im
Kaschubischen 'e haben: urslav. *beda: poln. bieda slov. bjedä kasch.
bj'eda, urslav. *bes^^. poln. bies kasch. bjes, urslav. *cesar/b: poln.
cesarz slov. cesor (Ramult's cesöi' ist wohl nicht richtig, denn Heist.
cisör südkasch cls'or kann wohl aus *cesur, aber nicht aus *cesör er-
klärt werden), urslav. *kobefa: poln. hobieta slov. köbjeta^ dazu noch
slov. dzera urslav. *dera. Soweit mir bekannt ist, ist diese Unregel-
mässigkeit noch nicht erklärt. Ich glaube, dass wir zwei urslavische
e-Laute anzunehmen haben, einen offeneren, aus idg. e entstanden, und
einen geschlosseneren aus idg. cd oi. Der offenere e-Laut ist im Pol=
nisch-Kaschubischen überall der Entpalatalisirung erlegen, der ge-
schlossenere dagegen nur in geschlossener Silbe und, wenn er kurzJ
war, in offener, als Länge ist er jedoch in offener Silbe geblieben J
Widerspruch würde, soviel ich sehe, nur das Iterativ -vjadac -vj'ödajq
erheben, aber hier ist der Ablaut eine Neuerung, ursprünglich hatten
alle Formen 'a, wie das slov. -vjadq zeigt.
Dasselbe e möchte ich auch für die Iterative wie -cierac -dzierac
-mierac u. s. w. annehmen, welche m. E. auf urslav. *-terath *-derathj
nicht auf *-tirati> *-dirath zurückzuführen sind. Die e-Formen würden
dann als sekundäre Ablautsformen zu den ^-Formen aufzufassen sein.
Die ganze t'-Frage bedarf einer eingehenden Untersuchung, doch würde
dieselbe hier zu weit führen.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 27
Aus dem Polabischen sind sichere Belege für das in einer offenen
Silbe stehende geschlossenere e nicht tiberliefert. Das einzige vielleicht
in Betracht kommende Wort ist dära [daara S. dära J. P. därung J.
däre J. P.), das man aus urslav. '^dera herleiten kann, doch kann man
auch an das russ. dwpa denken. Falls dära aus urslav. ^dera entstan-
den ist, hat es dem slov. dzera entsprechend einen palatalen Vokal, wie
das beständige Fehlen der Erweichung zeigt.
b. Urslav. e und er.
Das urslav. e und er ist wie im Polnischen durch nachfolgende
nichtpalatale Vokale entpalatalisirt worden, eine Palatalisation wie das
Polabische kennt das Kaschubische nicht. Das entpalatalisirte e ist auch
hier zu o geworden z. B. urslav. ^med^■. slov. mjöiit mjhödü kabatk.
mjöiit mjüodü Kam. 7vjod mjode Heist. mot mode südkasch. 7n,jot
■mjodü, urslav. *h%cela : slov. pkcuolä kabatk. pscüoua Kam. pscoia
snikasch. pscouUj urslav. *jezero slov. kabatk. y)esörö Ram.jezoro
Heist. j'ozorOj urslav. "^herz^ka: slov. kabatk. hröuskä Ram. hrozka
Heist. hroska südkasch. hfbska, dagegen: urslav. ^legh: slov. lek
Ueglä kabatk. lekyi Uegua Heist. lek legla^ urslav. ^neho: slov. mehö
kabatk. niehuö Ram. neboe Heist. t'iöbue, ursla^. *sestb: slov. kabatk.
««esc Ram. sesc, urslav. *boze: slov. büözä kabatk btdezii Ram. boeze
Heist. bueze, urslav. *berg^: slov. bfek briegü kabatk. brek% briegü
Ram. breg Heist. brek bregug, urslav. *dervo: slov. drievö kabatk.
drieiio Ram. drewcB.
Besonders zu beachten ist, dass urslav. *perd^ "^perzh im Kaschu-
bischen dem Polnischen entsprechend durch ^f et/ pre2 bew. pred prez
vertreten sind, in Heisternest kommt daneben auch pros vor.
c. ürlav. el.
Wir haben oben gesehen, dass im Polabischen das urslav. el allge-
mein mit dem urslav. ol zusammengefallen ist. Dasselbe ist zum Theil
auch im Kaschubischen geschehen. Im Slovinzischen finden wir mlöukö
poln. mleko, mlöiic poln. mUcz, mlüöc poln. mlec^ pluöc poln. j^/ec,
pluöv'd poln. plewy^ im Kabatkischen motiktio^ mötic^ müoc, puQc,
püovä, im Lebakaschubischen miigc, pt(Qc\ im Heisternester Dialekt
mldc, plöc, im Stidkaschubischen mtioc , ptwc. Daneben hat aber das
Slovinzische miete poln. mlecz und vliec poln. tolec, das Kabatkische
ebenfalls mlec und vliec, das Lebakaschubische mlSkuü, mlec, plievä,
vüecj der Heisternester Dialekt mlekue, plevä, vlec, das Südkaschu-
bische mlekce, mlec, pleve, vlec. Ramult kennt in seinem SJownik nur
28 F- Lorentz,
die 7e-Formen, sogar das auf dem ganzen Gebiete in der Form mloc
verbreitete urlav. '■^melth giebt er in der Form mlec. Wahrsclieinlich
ist dies mlec unrichtig, ich glaube, dass Ramuit dasselbe von jemandem
erhalten hat, welcher »fein« sein wollte und deshalb polnische Formen
in sein Kaschubisch mischte, was man in Westpreussen sehr häufig be-
obachten kann. Das Vorkommen der ^o-Formen im Kaschubischen
beweist klar und deutlich, dass das urslav. el hier einst ebenso wie im
Polabischen zu ol geworden ist, dass daneben überall mehr oder weniger
/e-Formen auftreten, ist dem Einfluss des Polnischen zuzuschreiben —
hat doch die ganze Gegend, in der wir heute noch die kaschubische
Sprache antreflfen, theils längere, theils kürzere Zeit unter polnischer
Herrschaft gestanden und ist die Kirchensprache überall das Polnische
gewesen. Sehr bezeichnend ist, dass westlich von der Leba die 7o-For-
men, östlich die /e-Formen überwiegen: bis an die Leba reichte die
Lehnshoheit des polnischen Reichs.
d. Urslav. e.
Nach Mikkola Betonung und Quantität S. 4 flf. ist das urslav. e im
Kaschubischen vor einer »harten« Silbe durch o, 'a, vor einer »wei-
chen« durch l e'i) ^ 'i vertreten. Wenn das Lautgesetz in dieser Form
zu fassen ist, so könnte es sich nur um eine Palatalisirung handeln, da-
gegen erheben sich aber schwere Bedenken.
Bei einer Palatalisation müsste man vor einer »harten« Silbe durch-
gehends die Nasalvokale erwarten. Wenn ich nun auch gern zugestehen
will, dass Fälle wie zlh zehn zehnoc durch Anlehnung an zehnes^ ciglo
cignoc an eignes^ i)Hg pregia an pric prezes, pHsega bezw. presega
an presic preslgnes erklärt werden können — der Inf. slov. iknouc
aus urslav. *sednqth bezw. '^senqth muss sogar durch eine solche
Anlehnung an slnes erklärt werden — , es bleiben doch noch Fälle
übrig, wo die Annahme einer solchen Anlehnung schwer, ja
fast geradezu unmöglich ist. Was soll man mit mitci^ ge'Ä; ^ekcevac,
Jastrlb Jastreha anfangen? Für mitci mitkoe könnte man eine Anleh-
nung nur in mihioc iniknes finden, was recht unwahrscheinlich ist, bei
^ek ^ekoevac müsste man an v:^ecny denken, auch dies ist gerade nicht
wahrscheinlich, im Jastrlb jastreha fände sich ein lautgesetzlich ent-
1) In der Darstellung dieses Lautes schwankt Ramult, bald schreibt er
e, bald <-', bisweilea (z.B. in pre^ono pre^ono) kommen beide vor. Nach meiner
Kenntniss des Kaschubischen ist e das allein richtisre.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. leehischen Sprachen. 29
wickeltes e nur in dem Adjektiv Jastrebl. Allerdings steht dem letz-
tem das poln. jaslrzqh jastrzehia zur Seite und es wäre nicht ganz un-
möglich, dass auch für das Kaschubische ursprünglich der /-Stamm
anzusetzen ist. Denn wenn auch der Heisternester Dialekt in seinem
nödvöps drops die Erweichung des Labials im Auslaut erhalten hat,
lautgesetzlich ist dies nicht, wie die übrigen Dialekte zeigen. Es könnte
also das stammauslautende h' im Nom. Sing, in b übergegangen und
von hier aus in die andern Kasus verschleppt sein, auffällig bliebe aber
immer, äassjastrib in keinem Dialekt eine Spur des b' aufweist.
In allen den Ausnahmen, welche sich nach Mikkolas Gesetz er-
geben, folgt auf den Nasalvokal ein Guttural oder Labial. Dies muss
um so mehr auffallen, als es kein einziges Wort gibt, wo das urslav. e
vor einem nicht erweichten Dental durch den ^-Vokal vertreten ist.
Hier geht die Erhaltung des ursprünglichen Zustands soweit, dass selbst
innerhalb desselben Paradigmas keine Ausgleichung eingetreten ist, wie
prqdq'. prezes, trqsq: treses, vj'qzq: vizes, Tille klece'. klqtl ^ vzlc
vzece: vzqß, plc pice^): pjqtl u. s.w. zeigen, dass daneben auch tresq
u. dgl. vorkommt, beweist nichts, da es sich hier um sehr junge, einzeldia-
lektische Ausgleichungen handelt. Dem gegenüber zeigen die Guttnral-
stämme (vergleichbare Labialstämme gibt es nicht) überall die Aus-
gleichung : pregq : prezes, Heist. pi'esegb : presezes. Ebenso ist es bei
den Iterativen : es heisst -pradac, -trqsuc, vijqzac, aber -segac, -cegac,
zUkac, -zebac.
Andererseits gibt es aber auch eine Anzahl Wörter, welche bei der
Annahme, dass vor Gutturalen und Labialen das urslav. e durch i-
Vokale vertreten ist, nicht zu erklären sind. Hierher gehören z. B.
brqkaCj zucgg, sprqg, zqboerec, Iqbrac^ pjqkny u. a. , denen sich dann
einige andere anschliessen , in welchen das e vor einer ursprünglich
»weichen« Silbe steht, z. B. ksq^, ksqzec, cqzJcce, pamjqc u. a. Für
ksoz^ (neben dem übrigens Pobiocki in seinem Slownik das zu erwar-
tende ksidz anführt) ksqzec meint Mikkola, dass hier entweder die Er-
härtung des dz z früher erfolgt sei, als der Übergang von e zu ^ e, oder
dass es sich um eine Dissimilation der beiden weichen Konsonanten [s
und dz bezw. z) handelt. Für beide Annahmen genügt es aber, auf
1) Weshalb schreibt Ramult für das aus urslav. p entstandene iji, z. B.
pjic, 7njic, während er sonst das weiche i durch i gibt, z. B. bic? Eine Ver-
schiedenheit in der Erweichung ist nicht vorhanden, i = ^ ist vollständig mit
i = i zusammengefallen.
30 F. Lorentz,
sizen^) aus *srzb?ib hinzuweisen, um die Unhaltbarkeit derselben zu
zeigen.
Diese ganze Frage scheint mir keine von denen zu sein, welche
man auf dem gewöhnlichen Wege — Aufsuchen des Lautgesetzes und
Erklärung der Ausnahmen — lösen kann. Denn die Ausnahmen, welche
sich, sei es dass man an eine Palatalisirung, sei es dass man an eine
Entpalatalisiruug denkt, ergeben, sind schlechthin unerklärbar. Um hier
das Richtige zu finden, müssen wir einen Blick werfen auf die lokale
Verbreitung dieser Erscheinung.
Im ganzen Nordkaschubischen, südlich etwa bis Karthaus, mit
Einschluss der pommerschen Dialekte , stimmt die Verbreitung des i e
'i i ziemlich mit dem in Ramults Slownik niedergelegten Dialekt über-
ein. In Einzelheiten finden sich allerdings Abweichungen, so steht z. B.
dem Heist. ps^'^öcqc im Slovinzischen pjiecic gegenüber, doch sind diese
von geringer Bedeutung. Nur im Osten, im Dialekt der Oxhöfter Kämpe,
ist das 'q stärker verbreitet: es heisst hier vzuc, prvsc, tmsc, dane-
ben aber noch mcl u. a. Wie gross hier die Verbreitung der e'-Lante
noch ist, kann ich nicht angeben, da ich diesen Dialekt nur aus Bro-
nisch' Schriften kenne. Südlich von Karthaus wird die Zahl der Wörter
mit i für e noch geringer: in dem von Biskupski beschriebenen Brod-
nitzer Dialekt kommen nur noch j'icmen, zaj'ic zajc^ ^yg<^Ci cygnonc
vor, die Dialekte des südlichen Theils des Karthäuser und die des Be-
reuter Kreises kennen nur noch o '«, ebenso wird es auch in den übrigen
südkaschubischen Mundarten sein. In einigen Ortsnamen ist aber auch
in diesen Gegenden urslav. e durch 'i e vertreten : Poeleceno (so wurde
mir der Name angegeben , Ramult gibt Po3/ac6^'wo) »PoUenschin« (Kr.
Karthaus), MaUceno »Mallentin« (Kr. Danziger Höhe), Jastrebje »Kö-
nigsdorf« (Kr. Bereut), Grmica (so bei Cejnowa, Ramult gibt Greminc
poln. Grzmieniec^ aber K^trzynski poln. Grzmiqca] »Gramenz« (Kr.
Bütow).
Wir sehen also, dass im Norden das urslav. ^ in zahlreichen Fällen
durch einen «-Vokal vertreten ist, dass dann Dialekte folgen und zwar
in der Richtung nach Osten und Süden, in denen die Vertretung durch
Nasalvokale häufiger wird, bis endlich im Süden sich nur noch Nasal-
1) Woher hat Mikkola sein slzon Betonung und Quantität S. 6 ? Es gibt
einen Gen. Phir. slzon, der nach einem (verlorenen ?) *kamJon geschaffen sein
muss, ein Nom. Sing. sizSii existirt nicht, wäre auch ganz unmöglich, dieser
Kasus heisst überall slze?'/.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 31
vokale finden. Wenn wir eine genauere Kenntniss der einzelnen kaschu-
bischen Dialekte hätten, so würden wir ohne Zweifel das in der Rich-
tung von Norden nach Süden und von Westen nach Osten erfolgende
Zurückweichen der ^- Vokale und Vordringen der Nasalvokale schärfer
beobachten können. Dass auch die südlichen Dialekte einst die Vertre-
tung des e durch ^-Vokale gekannt haben, geht aus der Erhaltung dieses
Lautwandels in den angeführten Ortsnamen hervor.
Aus allem diesen glaube ich den Schluss ziehen zu können, dass
die echtkascbubische Vertretung des urslav. e vor weichen Konsonanten,
Gutturalen und Labialen ein z-Vokal, vor harten Dentalen und hartem
i 1) ein Nasalvokal ist. Dass neben und an Stelle der ^-Vokale öfters
Nasalvokale auftreten, ist dem Einfluss des benachbarten Polnischen
zuzuschreiben: ein Lautgesetz dafür ist nicht vorhanden. Diesen Ein-
fluss des Polnischen in allen Einzelheiten festzustellen, ist für den Augen-
blick wenigstens unmöglich, dafür ist unsere Kenntniss sowohl des Ka-
schubischen wie der benachbarten polnischen Dialekte, die ja in erster
Linie in Betracht kommen müssten, viel zu gering. Manches Wort, das
uns bisher nur aus dem Kaschubischen bekannt ist, welches vielleicht
auch nur in einem Theil desselben noch existirt, kann in diesen polni-
schen Dialekten noch vorhanden sein oder wenigstens vor einiger Zeit
noch vorhanden gewesen sein, hier Einzelheiten erklären zu wollen,
wäre fruchtlose Mühe.
Die doppelte Vertretung des urslav. e im Kaschubischen stimmt,
von einem unten noch zu besprechenden Punkte abgesehen, in ihrer
Vertheilung genau mit der im Polabischen überein. Man kann sich da-
her nicht dem Gedanken entziehen, dass das polab. o und die Kaschu-
bischen Nasalvokale einerseits , das polab. q und die kaschubischen i-
Vokale andererseits auf dieselben Grundformen zurückzuführen sind.
Wie Mikkola ohne Zweifel mit Recht annimmt, ist von einem Laut-
werth q für das urslav. e auszugehen. Durch die Entpalatalisirung
ging dies q in 'q über, welches im Polabischen überall, im Kaschubischen
nur als Länge zu o wurde, sonst aber blieb. Das nichtentpalatalisirte
q wurde im Polabischen zu <? , im Kaschubischen ging es über e und i
in einen reinen ^-Vokal über. Von den Zwischenstufen e und / sind uns
1) Die Gruppe Nasalvokal + i ist im Sloviuzischen und Bylakischen zu
-ön -a/i- bzw. -en- -on- geworden, die übrigen Dialekte haben, soweit sie mir
bekannt sind, dieselbe unverändert erhalten.
32 F. Lorentz,
noch einige Reste erhalten. Die Ortsnamen slov. Bßcänö und Knic'dnö
lauten in der deutschen Form Benzin und Klenzin, ebenso müsste
man für Enzow, welches etymologisch mit urslav. *jecetb kasch. ßcec
zusammenhängt, vgl. das dazu gehörige Placzeioo zu plakac^ als
kaschubische Form *Jiceic<x erwarten : in dem en dieser Namen ist die
Vorstufe e des heutigen e -Vokals erhalten. Die Vorstufe { findet sich in
dem Namen Dzincelitz^ wofür Ramult als heutige kaschubische Form
Dzqcelc gibt, etymologisch gehört es aber zu :z^ecol urslav. *deteh.
Vielleicht ist aber dies { auch noch in kaschubischen Wörtern erhalten.
Die Zahlwörter urslav. *pet'b ^deveth ^desqth "^tysetjh erscheinen
bekanntlich im Kaschubischen sX& pinc ^evinc ^esinc und slov. kabatk,
tasinc. Ramult gibt /j/c z^evic j^esic, doch ist mir das i recht fraglich,
wie ich überhaupt an dem Vorhandensein anderer Nasalvokale als «, q
und eines aus o entstandenen dialektischen ?/, ausser vor Nasalen zweifle.
Mikkola meint, dass in diesen Wörtern Kompromissbildungen aus
*pic *j^evic *:^es{c und pjoü ^evjqtl z^esoü vorliegen. Ich kann mir
das Aufkommen von derartigen Kompromissbildungen nicht recht vor-
stellen, dass nur die Nasalirung übertragen wird, ist doch ein sonst
nicht zu belegender Vorgang ^). M. E. ist vielmehr das kasch. in die
lautgesetzliche Fortsetzung des urslav. e in unbetonter, vielleicht auch
nur in nachtoniger Silbe. Kasch. ;^evi?ic :^esinc und slov. kabatk.
tasinc betonen in keiner Form, weder im ürslavischen noch im Ka-
schubischen, das e, in ihnen wäre also das ^7^ lautgesetzlich, das von
hier aus auch sixif pinc übertragen sein müsste. Alle sonst vorkommen-
den Wörter, in denen urslav. e durch einen ^-Vokal vertreten ist, haben
Formen, in denen dieser betont ist, würden also dem Gesetz nicht wi-
dersprechen. Dass ein volles in an die Stelle des i getreten ist, müsste
auf einer späteren Entwicklung beruhen.
Im Auslaut ist das urslav. e im Kaschubischen durch 'q vertreten.
Hierin unterscheidet sich dasselbe von dem Polabischen, neben dessen
q wir kasch. e 'i zu erwarten haben. Dass wir es hier mit einer princi-
piell verschiedenen Behandlung des q in beiden Sprachen zu thun haben,
darf aber nicht behauptet werden. Beide Laute, polab. q und kasch. V,
können sehr wohl aus derselben Grundform entstanden sein, dass nicht
') Slov. kabatk. tasinc muss Mikkola als Analogiebildung auffassen;
dasselbe ist auch für ^esinc nothwendig, da dem poln. dziesifc kasch. *^esec
entsprechen müsste und dies durch Verquickung mit js^esotl nur *^esenc hätte
ergeben können.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 33
<■ i entstanden ist, ist kein Beweis dagegen : die Stellung eines Lauts im
Auslaut bewirkt häufig eine andere Entwicklung als im Inlaut ').
Oben haben wir gesehen, dass das präjotiite q mit dem urslav. e
im Polabischen zusammengefallen ist. Ob dasselbe auch im Kaschubi-
schen geschehen ist, ist schwer zu bestimmen. Es kommt alles darauf
an, was für eine Grundform dem poln. pajqk kasch. pajk polab. poj'qk
zu Grunde zu legen ist, "^pajqkb oder *pajekb. Dies könnte nur durch
solche polnische Dialekte entschieden werden, welche, wie der Oppel-
ner, die Scheidung von q und e aufrecht erhalten haben, doch sind mir
die in Betracht kommenden Wörter unbekannt. Das Part. Prs. Akt.,
welches sonst noch für die kaschubische Entwicklung des/t? in Betracht
kommen könnte, hat überall die Endung -qcl.^ doch kann dies auf An-
lehnung an Formen wie rekqci beruhen.
Für die phonetische Entwicklung des urslav. Ja im Polabischen
(und vielleicht auch im Kaschubischen) sind zwei Wege möglich : ent-
weder isty« d. i. phonetisch jo zunächst durch Palatalisirung zu/ö und
dies durch Aufgabe der Lippenrundung zu j"ä geworden oder das ur-
slav. q d. i. ist zuerst durch Aufgabe der Lippenrundung in «, welches
dann später mit dem aus e entstandenen 'q zusammen wieder zu q ge-
worden ist , und dass das so entstandene Ja dann durch Palatalisirung
in Jq übergegangen. Welche von beiden Entwicklungsweisen vorzu-
ziehen ist, wage ich nicht zu entscheiden.
e. Urslav. t.
Das urslav. h ist in den mir bekannten kaschubischen Dialekten nur
durch 'e oder, nach den sekundär hartgewordenen Konsonanten, e ver-
treten. Daneben kommt eine palatalisirte Form i vor z. B. in körvinc
malincl, diese findet sich jedoch nur vor tautosyllabischem n im Inlaut,
im Auslaut entspricht ihr slov. e kasch. c z. B. slov. clzmi Heist. dzen.
Ramuit gibt bisweilen auch entpalatalisirte Formen des h z. B.
:^onk, koezei^ kcßzelk. Da mir der von ihm beschriebene kaschubische
Dialekt nicht aus eigener Anschauung bekannt ist, habe ich über diese
Formen kein Urtheil, allgemein verbreitet sind sie jedenfalls nicht.
f. Urslav. hr.
Ueber die Vertretung von urslav. thrto (d. i. hr vor harten Dentalen
1) Vgl. z. B. die Behandlung des kasch. im Stohentiner Dialekt des
Slovinzischen: im Inlaut ist dasselbe überall zu öil geworden, ebenso im
betonten Auslaut, im unbetonten Auslaut ist es dagegen nasalirtes ou^ ge-
blieben.
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 3
34 F- Lorentz,
und i) im Kascliubischen gibt es drei Ansichten : Baudouin de Courtenay
meint, dass thrto zu darf geführt habe, wo tart erscheine, sei es durch
die polnische Kirchensprache beeinflusst. Brückner will in tart und
ciart gleich lautgesetzliche Nachkommen des urslav. thrto sehen. Mik-
kola endlich hält nur tart für den lautgesetzlichen Vertreter des urslav.
thrt'o^ das daneben auftretende ciart sei überall durch Kreuzung von
tart und circ aus urslav. thrth entstanden.
Baudouin's Ansicht ist die richtige, wie das Slovinzische beweist.
Mit Ausnahme von Fällen wie zdrnö, särnä^ wo ein ar wegen des vor-
hergehenden Konsonanten unmöglich ist, ist thrt^ hier überall durch
ciart ciart vertreten, ein tart kommt überhaupt nicht vor. Scheinbar
tritt es allerdings in den dialektischen cvärch cvärtl cvärtk neben
cvjardi cvjiirü cvjärtk auf, dieselben Dialekte haben aber 2iXL(ih.cvÜ6r6
neben sonstigem cvjuörö und dies zeigt, dass ctj hier vor nichtpalatalen
Vokalen zu cv geworden ist.
Im Kaschubischen nimmt nun in der Richtung von Norden nach
Süden und von Westen nach Osten ciart ab und tart zu. Während das
Kabatkische noch auf demselben Standpunkt wie das Slovinzische steht,
stehen die Dialekte im südlichen Theil des Karthäuser Kreises auf dem-
selben wie das Polnische, d. h. sie haben ciart nur noch da, wo auch
das Polnische dies hat, sonst aber tart^ nur in den beiden Präteriten
car und ^ar weichen sie ab. Wir finden hier also dieselbe Erscheinung
wie bei dem urslav, e: die echtkaschubische Vertretung, welche wir in
(nart zu erkennen haben, weicht gegen die polnische zurück.
Die nicht entpalatalisirte Form des hr gibt RamuJt durch ir (da-
neben aber auch er: serce) wieder, in den meisten Dialekten entsprechen
'er 'er. Nur in den beiden Wörtern sclr scera urslav. *stbrvb und zJrz'/
bezw. :^ircl zieret urslav. '^'dhrz- ist es allgemein zu ?r geworden. Wie
dies zu erklären ist, entgeht mir, es erinnert jedoch an das polab. ir
neben är.
g. Urslav. hl.
Das urslav. hl hat in den einzelnen kaschubischen Dialekten sehr
verschiedene Vertretungen. Das Slovinzische hat in allen Fällen öii
z. B. vo-üli., v'o-ünä, mo-tic^c, cb-ükäc (= poln. czolgac\ Ramult bietet el
z. B. velk, velna, celgac^ hat daneben aber auch il z. B. milknoc^ vilk.
der Heisternester Dialekt hat öl, al [nach Mikkola Betonung und Quan-
tität S. 20 ist dies sekun därer Ablaut zu o/], el und 'll z. B. lyolnl.
zölte, zältkk, pelmc, vllk, das Südkaschubische hat eti, öti, 'il dem
Das gegenseitige Yerhältniss der sog. lechiscben Sprachen. 35
poln. e/, o/, il genau entsprechend: veuna, peuny, zöuti, cöuno^ vilk,
milcec, daneber aber hat es den Ortsnamen Vöukoewoe (Kr. Karthaus).
Dieser zeigt uns, dass die Vertretung des urslav. hl durch kasch. vi
(dies ist auch dem slov. 6u zu Grunde zu legen) einst eine viel grössere
Verbreitung gehabt hat, als wir heute thatsächlich finden. Legen wir
diese als die echtkaschubische zu Grunde, so finden wir wieder, dass
nach Osten und Süden zu die kaschubische Form vor der polnischen
zurückweicht.
3. Die Entwicklung des urslav. or.
Als eine der hauptsächlichsten Verschiedenheiten zwischen Ka-
schubisch und Polnisch ist immer die Entwicklung des urslav. or ange-
führt. Das kaschubische Material ist neuerdings von Baudouin de
Courtenay KauiyöcKiä ,h3liki>' S. 79 ff. gesammelt, es kann jedoch,
besonders aus dem Slovinzischen, nicht unwesentlich ergänzt werden.
Ich führe sämmtliche mir bekannten Belege für urslav. or an :
Urslav. ^borda: gemeinkasch. hroda^ hrodaü und andere Ab-
leitungen, dagegen westpreuss. -kasch. hardövka (das von Ramuit ge-
nannte brodovka habe ich nirgends gehört), kabatk. hardävjica^ slov.
börduica. Vgl. polab. bröda brödavaica.
Urslav. '^borgo: gemeinkasch. brög.
Urslav. *borna: westpreuss. -kasch. brona^ aber slov. kabatk.
bdrtiä Instr. bartiöti^, eine Ableitung wie westpreuss.-kasch. bronovac
fehlt den pommerschen Dialekten. — Dagegen heisst es gemeinkasch.
bronicj wcebrona u. s. w.
Urslav. ^borzda: westpreuss.-kasch. brözda^ aber pomm. -kasch.
bärda. Vgl. polab. bordza.
Urslav. *dorga: gemeinkasch. droga sammt allen Ableitungen.
Urslav. *dorg% : gemeinkasch. dro^i sammt Ableitungen, aber in
Ortsnamen *dargo- : Dargtioleza (Kr. Stolp), Dargceleivoe (Kr. Neustadt).
Urslav. *gord^ : dass die von Ramuit genannten gare gard garda
gardmj existiren, ist mir fraglich, ich habe weder sie noch die ebenfalls
möglichen "^groc '^grhd ^grodny gehört. Für gardny kenne ich nur den
Ortsnamenen Gärndu (die von Ramuit angeführte Form Gardnö gibt
es nicht) , für gard — in dieser von Ramuit angegebenen Form ist es
sicher nirgends vorhanden, derNom. Sing, müsste zum mindesten "^görd
heissen — das Kompositum slov. vuögdrt kabatk. iiiegort westpreuss.-
kasch. iccegröd sammt den dazu gehörigen Ableitungen z. B. slov. v6-
36 F. Lorentz,
gärdni vögärmU^ für gar da slov. zägürda pregärdä zägärtka pre-
gdriku sowie die Ortsnamen BJelögarda StarögUrda, gare ist mir
nicht begegnet, das westpreuss.-kasch. wcegrojc ist das aus der Kirchen-
sprache genommene poln. ogrojec. Das Slovinzische hat tiberall ar:
gardz6c u. s. w., nur näiigrödä nlludgröda weicht ab, ebenso kabatk,
giirdzijc u. s. w., im westpreussischen Kaschubisch habe ich nur ro ge-
hört. Vgl. polab. gord gordäiste.
Urslav. ^gorch^: gemeinkasch. gro'/^ sammt Ableitungen. Vgl.
polab. gor eh.
Urslav. *cJiorna : slov. yßrna mit dem dazu gehörigen Ortsnamen
Xarnövö (Kr. Stolp), aber überall yronic^ ioa>%rona u. s. w. Vgl. polab.
chörna chörnlt.
Urslav. "^cliorhro'. das Wort selbst ist heute dem Kaschubischen
nicht mehr bekannt, es wird aber dem Ortsnamen Xärbrötio^ daraus
durch Dissimilation Xäbrötio »Charbrow« (Kr. Lauenburg) zu Grunde
liegen.
Urslav. '^cliorp-: slov. yrö'pUtl.
Urslav. ^clivorstb: gemeinkasch. yrhst »Reisig« sammt Ableitun-
gen, daneben aber laH slov. kUrt »Strandhafer«.
Urslav. '^horhh : gemeinkasch. hrok^ krocec.
Urslav. *korljb'. gemeinkasch. krol^ daneben aber der Ortsname
Körlekoewoe (Kr. Putzig und Neustadt).
Urslav. *kort^k^: gemeinkasch. krötcJ, krocec vi. a., daneben aber
der Ortsname Kortoseno (Kr. Putzig).
Urslav. *korva: RamuJts karva karicccvy karvi habe ich nirgends
gehört, nur krova u. s. w. ; ar ist mir begegnet in slov, körvjinc Heist.
körvinc (aber südkasch. krovinc)^ sowie in den Ortsnamen Karvjö^
Karvinscl dwor, Karvinsce hloto (Kr. Putzig), dazu noch Karxcen
(Kr. Stolp) , dessen kaschubische Form von Cejnowa als Karve ange-
geben wird, mir aber nicht bekannt geworden ist. Vgl. polab. korvö.
Urslav. "^khnorzh : gemeinkasch. knörz knarza sammt Ableitungen,
Ramult hat auch ein dem poln. kiernoz entsprechendes cernoz aus
*ce7iroz^ mir ist dies nicht begegnet.
Urslav. *mork^: westpreuss.-kasch. mrok mrocny mrocec^ aber
slov. mark marcnl mUrcie.
Urslav. *morvb: westpreuss.-kasch. mrövka mrovica mrovisce,
aber slov. kabatk. märvjlscö (nur in diesem Wort ist hier der Stamm
morv- erhalten). Vgl. polab. mörvl.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 37
ürslav. *m.orzb : gemeinkasch. mrdz mrozny mrozaty mrözk. Das
Slovinzische hat neben diesen gemeinkaschubischen ro-Formen überall
die ar-Form: märs (in dem Kompositum sadüömörs ist diese Form
allein gebräuchlich), marzni^ marzäti^ märsk, das Kabatkische hat
neben mröus auch mlirs. Das von Ramult genannte morz ist in dieser
Form falsch, nach seiner Transskription müsste es morz heissen. Vgl.
polab. morz.
Urslav. *paproth: westpreuss.-kasch. paproc paprocena., slov.
parporc parpoc^ parparcizna parpacizna.
Urslav. *porg^ : westpreuss.-kasch. prög., slov. kabatk. päryi nebst
Ableitungen.
Urslav. ^porclvb: westpreuss.-kasch. proi^ proyjio, slov. pclryi
pär% neben pruoi päryjnö^ kabatk. päry.
Urslav. *pormenh : gemeinkasch. promjen sammt Ableitungen.
Urslav. "^porm^ : südkasch. pröm^ falls dies nicht wie das slov.
präum das d. Prahm ist.
Urslav. ^porporhch : südkasch. proporc.
Urslav. *porse: ka.sch. prosq vmä parsq sammt Ableitungen, das
Slovinzische kennt nur die ar-Formen, der grösste Theil des west-
preussischen Kaschubisch nur die ?-o-Formen, im Kabatkischen kommt
neben pürsq auch pröiisq vor. Vgl. polab. porsq.
Urslav. '^porzhm: gemeinkasch. prbzny nebst Ableitungen.
Urslav. *skornh: nordkasch. skar?iö, südkasch. skrono.
Urslav. *smordh : westpreuss.-kasch. smröd smro^ec.^ slov. smart
smärdzec smargläna.
Urslav. '^sorg^: gemeinkasch. sro^i stro^l prestroga.
Urslav. *sorm-: gemeinkasch. sromac sromoeta.
Urslav. "^ Stoma: gemeinkasch. 6^rowa,we3tpreuss.-kasch.pces^röw>?;,
aber slov. pöstarnek., startiäka^ stärna »Flunder«, dialekt. stärnä
»Seite«, Heist. stornef. Vgl. polab. stärna.
Urslav. ^svorh^^. kasch. svorh (die Verbreitung dieses Wortes ist
mir nicht bekannt).
Urslav. "^svorka: westpreuss.-kasch. sroka, slov. kabatk. särkä
nebst Ableitungen. Vgl. polab. svorkö.
Urslav. *s^do7•v^: gemeinkasch. zdrdv zdrovg nebst Ableitungen.
Vralsiv. *vorbh: gemeinkaach. vröbel, vrdhlusk^) sammt Ableitun-
1) Ramult's vrbbehisk dürfte in ein Wörterbuch der Prosasprache keine
38 F. Lorentz,
gen, aber die Ortsnamen VarhUno (Kr. Putzig), Värblänö (Kr. Stolp)
und Warheloiü (Kr. Stolp) , dessen kaschubisclier Name von Cejnowa
als Va7'blezüo angegeben wird. Vgl. polab. vörhll.
ürslav. *vorna: westpreuss.-kasch. vro?ia, skosvrönk^ slov. vUrnä,
varnkä, skövllrn^k, kabatk. värna. Vgl. polab. vornö vornq sTiilvörnak.
Urslav. *üor^-: westpreuss.-kasch. vrocec^ v7'ota, woehrot u. s. w.,
slov. vclrc^c, värtä, vuöbdrt ^ k'uölövart^ kabatk. vürcyc w. s. w. Vgl.
polab. vortat^ vörta.
Urslav. "^vorzh : westpreuss.-kasch. pcetrbz^ aber slov. püövörs^
kabatk. puievörs.
Urslav. *zorki : kasch. tizrok (mir nur aus Ramult's Stownik be-
kannt).
Aus dem Polabischen ist noch das im Kaschubischen nicht vor-
handene görmt urslav. *gornith hinzuzufügen.
Wenn auch nach Brückner und Karlowicz die Entwicklung des or
für die Beurtheilung der Verwandtschaftsverhältnisse nicht mehr in Be-
tracht kommen kann, so ist sie doch für die Beti'achtung der kaschubi-
schen Lautverhältnisse sehr instruktiv. Die «r-Formen, welche dem
heutigen Polnisch fremd geworden sind, finden sich am häufigsten in
den pommerschen Dialekten, der Heisternester Dialekt kennt noch har-
clöfka^ yärtj kör chic, knors, skarnö, stornef, das Südkaschubische nur
hardöüka und knorz. Wir finden also auch hier in der Richtung von
Westen nach Osten und von Norden nach Süden eine Annäherung an
das Polnische, eine Erscheinung, welche wir schon öfters beobachtet
haben.
4. Die Vertretung des urslav. ol.
Das urslav. ^l ist nach Gutturalen im Nordkaschubischen durch el
(Kam. cl slov. 6U Heist. o/), im Südkaschubischen dem Polnischen
entsprechend durch 'el vertreten : urslav. *khlbasa : kasch. Ram. kei-
bösa slov. ko-üböiisa südkasch. ceubösa, urslav. *kilpjb : kasch. Ram.
keip slov. k'b'üp Heist. kölps, daneben findet sich südkasch. öu in dem
Ortsnamen Kötipino »Kelpin« (Kr. Karthaus), wofür Ramult Ceipino
giebt. Nach Dentalen ist ^l auf dem ganzen Gebiet dem poln. lu ent-
Aufnahme gefunden haben. Es findet sich nur in Versen z. B. Möj te miii/
rrdbeluskii, i'ie trqptöj mje pos paluska oder Pvcmalusku, rrobelusku! boa mje
trqpces pce pahisku und steht auf gleicher Linie wie z. B. ein d. Kindelein. In
der gewöhnlichen Prosasprache gibt es nur vrdblusk.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 39
sprechend durch lü U vertreten : urslav. *d^lbath : kasch. dlehac (slov.
klahüc wohl in Anlehnung an d. Tdauben\ \ix%\2N.*dhlg^: kasch. dlüg
dUgu^ uvsl'dv. ^dolgh: kasch. (//w^I, urslav. *s^o/j!)ö : kasch. slüp, urslav.
*iolkfb: kasch. flüc tlekq [tlec bei Ramuit scheint mir unrichtig, ich
habe im Inf. nur ilüc gehört), urslav. ^Ulcith: slov. tläctc, urslav.
*thlsto: kasch. tiestl.
Die Vertretung durch iü U ist aber nicht ursprünglich, wie einige
Ortsnamen beweisen. Hier ist zunächst der Name der Stadt Stolp zu
nennen, der heute als slov. Slapsk Slapskö kasch. Suupsk Suapshco
auftritt. Derselbe Name findet sich in Urkunden des XIV. Jahrhunderts
in der Form Stolpsk als Name des Dorfes Zuckau an der Radaune,
welche da selbst die als stolpa erscheinende Stolpe aufnimmt (Nadmor-
ski, Kaszuby i Kociewie S. 15). Endlich ist diese Form auch heute noch
im Slovinzischen erhalten in dem Flurnamen Stb-iipsfjt des Dorfes
Holzkathen.
Ausserdem ist zu nennen der Name des Dolgen-Sees bei Scholpin:
slov. Do'üdje. Dies do'üd'je ist als identisch mit dlü^e anzusehen : der
See wird seinen Namen von seiner langgestreckten Form erhalten haben.
Dasselbe Wort begegnet auch in dem Klein-Garder Flurnamen D6-ud'je
hrüödä.
Wir finden hier also die interessante Thatsache, dass das urslav.
ol anfänglich im Kaschubischen eine grundsätzlich andere Vertretung
gehabt hat als heute. Dass das heutige iü le auf keine Weise aus dem
ursprünglichen 61 hergeleitet werden kann, steht zweifellos fest. Auch
hier kann zur Erklärung nur auf den Einfluss des Polnischen hinge-
wiesen werden. Derselbe geht hier weiter, als wir bisher beobachtet
haben, denn hier hat er sich über das gesammte Kaschubisch verbreitet,
während er sonst wenigstens die nordwestlichen Dialekte verschont oder
nur in geringem Grade afficirt hat. Auch macht sich hier der polnische
Einfluss im ganzen Nordkaschubisch in gleichem Maasse geltend, ohne
dass wir eine Verschiedenheit zwischen den westlichen und den öst-
lichen Dialekten feststellen können, während er sich im Südkaschubi-
schen stärker ausprägt. Also auch hier haben wir ein Zurückweichen
der echtkaschubischen Vertretung der polnischen gegenüber zu kon-
statiren.
5. Polgerungen.
Bevor wir uns zur Besprechung der weiteren Eigenthümlichkeiten
wenden, erscheint es mir am richtigsten, die bisher gewonnenen Resul-
40 F. Lorentz,
täte mit deu oben aus der Vergleichung des Polnischen und Polabischen
gezogenen Schlüssen zusammenzustellen, um so eine Grundlage für die
verwandtschaftliche Stellung des Kaschubischen zu gewinnen.
Die Verschiedenheiten zwischen Polnisch und Polabisch, welche
uns hier in erster Linie interessiren müssen, fanden sich in der Behand-
lung des urslav. el, hl, ^l, hr, e, j'q, h und e.
a. Das urslav. el ist im Polabischen mit ol zusammengefallen, im
Polnischen sind beide geschieden geblieben. Das Kaschubische hat ur-
sprünglich auf demselben Standpunkt wie das Polabische gestanden, wie
die überall erhaltenen Reste eines aus el entstandenen io zeigen.
b. Das urslav. hl ist im Polabischen mit ^l zusammengefallen, die
Behandlung desselben im Polnischen ist nicht ganz klar, doch ist so viel
zu erkennen, dass hier ein Zusammenfall mit ^l nicht eingetreten ist.
Das Kaschubische hat ursprünglich ebenfalls hl und ^l zusammenfallen
lassen, wie der Stand in den nordwestlichen Dialekten und die erhalte-
nen Reste von 61 aus urslav. hl in den übrigen Dialekten zeigen.
c. Das urslav. ^l hat im Polabischen nur eine Vertretung, im Pol-
nischen ist es je nach den vorangehenden Konsonanten verschieden be-
handelt. Das Kaschubische hat, wie einige erstarrte Reste im Slovin-
zischen und einige urkundliche Namen zeigen, ursprünglich wie das
Polabische nur einen Vertreter des urslav. ^l gekannt, die im Polnischen
auftretende Metathesis fehlte.
d. Das urslav. hr ist in seiner entpalatalisirten Form im Polabi-
schen durch weiches 'ar, im Polnischen durch hartes ar vertreten. Das
Kaschubische hat wie das Polabische ursprünglich weiches ar gehabt,
was durch die Alleinherrschaft des 'ar in den nordwestlichen Dialekten
und die das Polnische übertreffende Verbreitung in den übrigen Dia-
lekten erwiesen wird.
e. Das urslav. e tritt im Polabischen in einer entpalatalisirten und
einer nichtentpalatalisirten Form auf, für das Polnische ist eine Ent-
palatalisirung nicht nachweisbar. Das Kaschubische hat wie das Pola-
bische eine entpalatalisirte und eine nichtentpalatalisirte Form des (?, die
südlichen Dialekte haben die letztere jedoch nur noch in Ortsnamen. In
der Verbreitung beider Formen haben beide Sprachen ursprünglich
übereingestimmt, nur die Stellung im Auslaut hat vielleicht eine Ver-
schiedenheit bedingt.
f. Das urslav. ja ist im Polabischen mit dem urslav. q zusammen-
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 41
gefallen, im Polnischen nicht. Ob im Kaschubischenya und e zusammen-
gefallen sind, muss zweifelhaft bleiben.
g. Das urslav. e erscheint im Polabischen in einer palatalisirten
und einer nichtpalatalisirten Form, im Polnischen dagegen in einer
entpalatalisirten und einer nichtentpalatalisirten Form. Das Kaschu-
bische hat wie das Polnische nur eine entpalatalisirte und eine nicht-
entpalatalisirte Form, eine palatalisirte Form wie das Polabische kennt
es nicht.
h. Das urslav. * tritt im Polabischen in einer harten, an sich pala-
talen Form und einer weichen, an sich nichtpalatalen Form auf, das
Polnische kennt uur eine Vertretung. Das Kaschubische hat wie das
Polnische nur einen Nachkommen des urslav. h.
Ausser in der Behandlung von urslav. e und h und vielleicht von
ja hat also das Kaschubische in allen Punkten, in denen Polabisch und
Polnisch divergiren, ursprünglich auf der Seite des Polabischen gestan-
den. Hierunter sind aber gerade die Erscheinungen, welche die An-
nahme einer näheren Verwandtschaft des Polnischen und Polabischen
unmöglich machen : die Behandlung des urslav. e/, hl und ~or. Dadurch,
dass hierin Polabisch und Kaschubisch genau übereinstimmen, wird
bewiesen, dass beide Sprachen einst eine Einheit gebildet haben, und
dass demnach das Kaschubische kein polnischer Dialekt sein kann.
Die beiden Punkte, in denen eine Verschiedenheit zwischen Pola-
bisch und Kaschubisch zu konstatiren ist, sind denüebereinstimmungen
gegenüber von untergeordneter Bedeutung. Die Palatalisirung und die
Entpalatalisirung des urslav. e sind beide jünger als die Metathesis,
welche ihrerseits jünger ist, als der beiden Sprachen gemeinsame Ueber-
gang des el in ol. Ausserdem ist hier ja, wie oben bemerkt wurde,
auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass das Polabische einst ein
entpalatalisirtes e besessen hat und dass dies o sekundär wieder in e e
übergegangen ist. Die Spaltung des h im Polabischen ist aber ein Laut-
wandel, der weder mit der Palatalisirung noch mit der Entpalatalisirung
gleichzusetzen ist, da auf der einen Seite die lautlichen Thatsachen, auf
der andern Seite die Lautgesetze nicht entsprechen : es ist dies ein dem
Polabischen allein eigenthümlicher Lautwandel.
Wenn so das Kaschubische mit dem Polabischen eine Einheit ge-
bildet hat, so müssen sich natürlich auch die Lautgesetze, welche das
Polabische mit dem Polnischen gemein hat, im Kaschubischen wieder-
finden. Dies ist auch wirklich der Fall. Wie dort ist hier das urslav. e
42 F. Lorentz,
in ein entpalatalisirtes a und ein palatal gebliebenes e zerfallen , das
urslav. ^r ist in ar übergegangen, der t-Laut des entpalatalisirten fer
ist zum fl-Laut geworden , die Metathesis von er or ol hat re ro lo er-
geben und ar tritt neben ro als Nachkomme des urslav. or auf, also eine
vollständige Uebereinstimmung.
Eine tiefer gehende Differenz zwischen Polabisch und Kaschubisch
findet sich ausser in den schon genannten Punkten nur in der Behand-
lung der erweichten i d\ wo das Kaschubische wie das Polnische Affri-
katen hat. Da das Polabische aber die Erweichung selbst, also den
ersten Anfang der Affrikatenbildung gehabt hat, fällt diese Differenz
nicht schwer ins Gewicht. Dass bei einer solchen Entfernung, wie der
desKaschubischen und Polabischen, nicht dieselbe Entwicklung eintritt,
darf nicht Wunder nehmen. Zu einer Trennung beider Sprachen be-
rechtigt das Auftreten der Affrikaten uns nicht.
Die Sprache, welche wir unserer bisherigen Vergleichung mit dem
Polabischen und Polnischen zu Grunde gelegt haben, ist aber nicht das
heutige Kaschubisch, sondern das Kaschubisch, welches wir aus ein-
zelnen dialektischen Eigenthümlichkeiten und fossilen Resten früherer
Sprachepochen als ursprünglich erschliessen können. Das heutige Ka-
schubisch sieht anders aus. Gerade die Eigenthümlichkeiten, aufweiche
sich die Zusammenstellung mit dem Polabischen gründet, sind ganz oder
zum Theil verschwunden, an ihre Stelle sind die Lautverhältnisse des
Polnischen getreten.
Dass es sich hier um keine lautgesetzlichen Wandlungen handeln
kann, ist klar. Denn ganz abgesehen davon, dass die dann anzunehmen-
den Lautübergäuge jeder Möglichkeit, sie phonetisch zu erklären, wider-
stehen würden, die Zahl der Ausnahmen würde in keinem Verhältniss
zu der Zahl der durch das Lautgesetz betroffenen Wörter stehen. Die
einzig mögliche Erklärung dieser Erscheinung ist die schon oben bei
der Besprechung der einzelnen Vokale gegebene : sie beruht auf dem
Einfluss des Polnischen und zwar wohl weniger eines Volksdialekt als
der Kirchensprache, welche man wohl frühzeitig schon als die Sprache
der Gebildeten anzusehen hat.
In welcher Weise die Kirchensprache auf die Volkssprache ein-
wirkt, kann man noch heute in Westpreussen beobachten. Da z. B. dem
kasch. 6 in der Kirchensprache a gegenübersteht, spricht der Kaschube,
welcher -^fein« sein will und sich deshalb seiner Muttersprache schämt,
statt seines 6 das polnische a, bezeichnenderweise aber nur in Stamm-
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 43
Silben, nicht in Flexionssilben. Dasselbe begegnet bei dem aus i u ent-
standenen e , bei dem diphthongirten ce habe ich es nicht beobachtet :
hier ist der lautliche Unterschied vom Polnischen aber auch viel ge-
ringer. Dieselben Beweggründe ^], welche heute die Nachahmung des
Polnischen hervorrufen, werden wir auch für die frühere Zeit annehmen
dürfen: das Gefühl der Scham, eine verdorbene Sprache (»Plattpolnisch«
ist eine sehr häufige Bezeichnung des Kaschubischen) zu sprechen, und
das daraus entstehende Bestreben, die reine Sprache der Kirche und der
Gebildeten nachzuahmen. Hierbei fielen natürlich zuerst die am meisten
vom Polnischen abweichenden Laute zum Opfer, zufällig sind diese auch
nur in geringem Umfange in der Sprache verbreitet, während man die-
jenigen, welche nur wenig vom Polnischen abweichen oder eine grössere
Verbreitung haben, festhielt. So entstand das heutige Kaschubisch:
eine mit dem Polnischen ursprünglich nicht näher verwandte, jetzt aber
mit einem polnischen Firniss überzogene Mischsprache.
Am weitesten sind die kaschubischen Laute, wir wir oben gesehen
haben , in den südlichen Dialekten zurückgedrängt. Hier wird neben
der Kirchensprache auch die Sprache der polnischen Nachbarn, viel-
leicht auch polnischer Einwanderer, zersetzend auf den kaschubischen
Lautstand eingewirkt haben. Je weiter wir dann nach Norden und nach
Westen vordringen , um so besser hat sich das Ursprüngliche erhalten,
am besten in dem dem polnischen Sprachgebiet am fernsten liegenden
Slovinzischen.
Bei allen unseru bisherigen Erörterungen haben wir stillschweigend
eine Voraussetzung gemacht, die nämlich, dass das Kaschubische in dem
gewöhnlich angenommenen Umfange wirklich als eine einheitliche
Sprache anzusehen ist. Dies ist aber durchaus nicht so ohne Weiteres
als bewiesen anzusehen. Es ist nämlich recht gut möglich, dass wir in
einem Theil der Sprache einen ursprünglich dem Polabischen ver-
wandten Dialekt, welcher durch das Polnische beeinflusst ist, in einem
andern Theil umgekehrt einen durch das Kaschubische beeinflussten
polnischen Dialekt zu erblicken haben. Zur Erörterung dieser Frage
1) Diese Beweggründe wurden mir öfters geradezu angegeben, wenn ich
einwarf, dies oder jenes sei wohl nicht kaschubisch. »So mag ich nicht
sprechen, das ist zu gewöhnlich« war eine sehr häufige Rede. Andere spra-
chen ganz unbewusst polnische und kaschubische Laute neben einander, bei
ihnen war also die Polonisinmg schon weiter vorgeschritten. Am häufigsten
ist übrigens diese Erscheinung in den südlichen Gegenden.
44
F. Lorentz,
müssen wir uns jetzt wenden. Ich befinde mich hier allerdings in einer
etwas unangenehmen Lage, da mir die Dialekte der südlichen Gegenden,
des Konitzer und Schlochauer Kreises , nicht aus eigener Anschauung
bekannt und die Angaben über dieselben fast gleich Null sind. Diese
muss ich also bei den folgenden Ausführungen schon von vorne herein
ausschliessen, wo ich im folgenden vom Südkaschubischen spreche, be-
ziehen sich diese Angaben nicht weiter als auf die Sprache des Bereuter
Kreises.
B. Ist das Easchubische eine einheitliche Sprache?
1. Das Slovinzische.
Bevor wir zur eigentlichen Beantwortung unserer Frage über-
gehen, ist die Stellung des Slovinzischen zu präcisiren. Dies ist näm-
lich, wenn wir als »Normalkaschubisch« die Sprache, welche inRamult's
Siownik niedergelegt ist, ansehen wollen (was von Einzelheiten abge-
sehen richtig ist), kein eigentlich kaschubischer Dialekt, jedenfalls ist
es nicht mit den wirklich kaschubischen Dialekten, wie z.B. demKabat-
kischen, Bylakischen, deren Eigenthümlichkeiten sich ohne Schwierig-
keit aus dem »Normalkaschubisch« herleiten lassen, auf eine Linie zu
stellen. Die trennenden Punkte des Slovinzischen und Kaschubischen
sind folgende:
1. Das Kaschubische hat das kurze o nach Gutturalen und Labia-
len zu ce diphthongirt, das Slovinzische kennt diese Diphthongirung
nicht. Wenn letzteres für betontes o heute ein üö hat, so ist dies damit
zu vergleichen, dass das Kabatkische und Lebakaschubische für be-
tontes kasch. ein wo, furo? ein uie haben, z. B. urslav. *skoph: slov.
sküöp kasch. skcep (kabatk. lebakasch. skuiep Heist. skuep), urslav.
*gosth slov. güösc kasch. gcesc (kabatk. lebakasch. gmesc Heist. guesc),
urslav. *chovath: alov. yjwväc kasch. lOßviac (kabatk. lebakasch. yuievac
Heist. yueväc), urslav. *po: slov. pw kasch. pce (kabatk. lebakasch.
puie Heist. pue), urslav. *boga: slov. büögä kasch. baga (kabatk.
lebakasch. bui^ga Heist. buega)^ urslav. *voda: slov. vuödä kasch. loada
(kabatk. lebakasch. iviedu Heist. VM'edd), urslav. '^ogom : slov. vuögöun
kasch. wcegön (kabatk.lebakasch.M?<?^öMw Heist. wz/^<7Ö??) urslav. *mo/'a:
slov. müörä kasch. mcera (kabatk. lebakasch. muiera Heist. muera):
urslav. *topith: slov. tuopjic kasch. topic (kabatk. lebakasch. tüopßc
Heist. töptiic), urslav. *doma : slov. düömä kasch. do7)ia (kabatk. leba-
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 45
kasch, dnoma Heist. döma), ursiav. *sova : slov. süövä kasch. sova
(kabatk. lebakasch. s?^oya Heist. sö^a), ursiav. *tioso: slov. nüös kasch.
fios (kabatk. lebakasch. mtos Heist. nds), ursiav. *robakh : slov. ruöhok
kasch. rohok (kabatk. lebakasch. riiohok Heist. rdhök) , ursiav. *slovo :
slov. slüövö kasch. sioiooe (kabatk. lebakasch. siiüouo Heist. sldtvue), ur-
siav. ^tetbka vorhist. *t'otoka : slov. cuotka kasch. cotka (kabatk. leba-
kasch. ciiotkü Heist. cdtka\ ursiav. *sestra vorhist. *sostra: slov. sügsträ
kasch. sostra (kabatk. lebakasch. süqstj'ä Heist. sösfra), ursiav. *nesq,
vorhist. *nosq: slov. nuösqksisch.nosq 'kabatk. lebakasch. we/^^-sr/ Heist.
fidso), ursiav. *ceIo vorhist. *colo : slov. cüölö kasch. coio (kabatk.
lebakasch. cuouo Heist. cöfö), ursiav. "^zeravjh vorhist. ^zoravjh: slov.
ZHdrö-ü'k2L?,Q\\. zoröv (kabatk. lebakasch. züoröf), ursiav. *versb vorhist.
*crosb: slov. vrüös kasch. vros (kabatk. lebakasch. vrt(os Heist vros).
Vi\^\2LY . * pletq vorhist. *pl'otq: slov. pluötq ka,sch. plotq (kabatk. leba-
kasch. j^/eio^a B.eist. plöto). In nnbetonten Silben hat das Kaschnbische
nach Gutturalen und Labialen ebenfalls diphthongirtes ce (im Kabatki-
schen und Lebakaschubischen erscheint es hier als lio), das Slovinzinsche
weist überall ö auf z. B. ursiav. *kolena: slov. kölqnä kasch. koslana
(kabatk. lebakasch. kiwlana Heist. kuelü7ia), uvüsly. *gotovo: slov.
gdtüövl kasch. goeiovy (kabatk. lebakasch. giCbtüoti Heist. guetdvl),
ursiav. *cho7"o: slov. ^öri kasch. xa'ri (kabatk. lebakasch. yj/orJ Heist.
yuere}, ursiav. *po: slov. pö kasch. ^yce (kabatk. lebakasch. piw Heist,
pue), ursiav. *vodojq: slov. vödöii kasch. wcedo kabatk. tiodöii leba-
kasch. uodöu Heist. louedö), ursiav. *moktb?io : slov. möcni kasch. mcecny
(kabatk. lebakasch. muocni Heist. muecne]\ ursiav. ^tohojq: slov.
töhövL kasch. toho (kabatk. töhöii lebakasch. töhöii Heist. tobö). ursiav.
*novo: slov. ?iöv7 kasch. Jiovy (kabatk. lebakasch. 7iövi Heist. nove),
nrslsiy. *vymetq Yorh\st. *i'ymotq: slov. v'amjötq kasch. vemjotq (kabatk.
zamjötq Heist. thnofo) u. s. w.
Neben dem ö hat das Slovinzische in unbetonten Silben auch ein
diphthongirtes -ö und man ist im ersten Augenblick geneigt, dies mit
dem kasch. o', besonders dem kabatk. lebakasch. ?^o, in Verbindung zu brin-
gen. Das ist jedoch nicht richtig. Das slov. "ö ist keineswegs wie das
kasch. cß auf die Stellung nach Gutturalen und Labialen beschränkt, es
findet sich auch nach andern Lauten z. B. d^iöb'atk, rz'asc"ö. Sein Auf-
treten, welches übrigens durchaus nicht regelmässig ist, sondern sich
nach der Sprechgeschwindigkeit und wohl auch nach individuellen
Eigenthümlichkeiten richtet, ist an ganz bestimmte Stellungen im Wort
46 F. Lorentz,
gebunden: so findet es sich in der anlautenden Silbe ohne bestimmte Regel,
in Binnensilben, falls die vorhergehende Silbe betont ist und den dehnen-
den Ton hat, und in Endsilben, welche auf eine dehnend betonte oder
eine unbetonte Silbe folgen. Das Auftreten des "ö nach dehnend betonten
Silben ist daraus zu erklären, dass der dehnende Ton, ein zweigipfliger
Accent, mit einem Accentgipfel schliesst und der Uebergang zu dem fol-
genden völlig accentlosen ö durch den Eiuschub eines üebergangslauts
vermittelt wird; bei dem Auftreten desselben nach unbetonten Silben
handelt es sich um einen schwachen Nebenaccent. Mit dem kasch. oe
hat das slov. ''iö nichts zu schafien.
Scheinbar hat auch das Slovinzische ein diphthongirtes o in den
drei Wörtern yuema^ Xtiejudve und viitic^ von denen die beiden erste-
ren nur im Klnckener, das letztere auch im Virchenziner Dialekt vor-
handen ist. Dies sind aber Lehnwörter aus kabatk. yueinu ueic, echt-
slovinzisch lauten sie yb'inü vb'ic.
2. Das Kaschubische hat das urslav. v vor o- und u-hsLUten in den
bilabialen Halbvokal w gewandelt, ebenso zeigt es für den einem an-
lautenden u vorgeschlagenen Laut das bilabiale w, das Slovinzische
hat in beiden Fällen den labiodentalen Spiranten v z. B. urslav. *vozz :
slov. vöus kasch. tvoz (kabatk. lebakasch. uöiis Heist. ds aus *tüös).
urslav. *zvom: slov. zvoun kasch. ztoön (kabatk. lebakasch. zuhwi.
Heist. zvön aus *'zwon)^ urslav. *voziib: slov. vüözec kasch. woszec
(kabatk. lebakasch. uiezyc Heist. wuezec), urslav. *vujhko slov. vüiJi^)
kasch. wujk (Heist. wuyik)^ urslav. *d^vu^. slov. dv7c kasch. dwu (kabatk.
dtiu Heist. dvüy aus *dwüx)j urslav. *ov'bs^: slov. töiifs kasch. xoms
(kabatk. lebakasch. uöufs Heist. öfs aus *tcofs), urslav. *oko: slov.
viiokö kasch. woekce (kabatk. lebakasch. uiekuo Heist. wuekue)^ urslav.
*ucho: slov. ttixö kasch. wuyoß (kabatk. lebakasch. vtlyuo Heist. ivuy-
yue), urslav. *ud^: slov, vüt kasch. tvüd (kabatk. lebakasch. uüt Heist.
üt aus *wüt].
Im Heisternester Dialekt und nach Bronisch auch im ganzen By-
lakischen ist das kasch. w anlautend und postvokalisch vor d (und a)
geschwunden, postkonsonantisch aber zum labiodentalen Spiranten v
geworden. Der Schwund des to einerseits, die Erhaltung des postkon-
sonantischen lü als solchen vor oe (Heist. ue) und u (Heist. uy) anderer-
1) Häufiger als vuiji ist im Slovinzischen das nach stnli umgeformte vkK.
Ebenso hat >•;/,(«« neben sich das nach stAna gebildete vinu.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sorachen. 47
seits beweisen, dass es sich bei dem postkonsonantischen v um die
Kückverwandlung eines w, nicht um die ungestörte Erhaltung des labio-
dentalen V handelt. Da könnte man nun annehmen wollen , dass das
Gleiche auch im Slovinzischen eingetreten sei , dass also auch hier ein-
mal das w vor 0- und -w-Lauten bestanden habe , aber später wieder in
V übergegangen sei. Dadurch würde dieser Punkt als unterscheidendes
Merkmal des Slovinzischen und Kaschubischen hinfällig werden.
Es lässt sich jedoch als ziemlich wahrscheinlich erweisen, dass das
Slovinzische den kaschubischen Lautwandel von v zu tu niemals besessen
bat. Bei der Verbindung der Präposition v (urslav. v^) mit einem mit tv
anlautenden Wort schwindet nämlich im Kaschubischen das w z. B. ur-
slav. *v^ vode kasch. vos^e (kabatk. vißedzä Heist. vuedze)^ urslav.
*üö oci: kasch. v cece (kabatk. vuiect Heist. vuece). Im Slovinzischen
dagegen bleibt das anlautende v^ die Präposition tritt dann in der Gestalt
ve auf z. B. ve-vödzä, ve-vöci. Leider gibt es keine isolirt stehenden
Fälle, durch welche jeder Zweifel beseitigt werden könnte.
3. Im Kaschubischen ist das im Silbenauslaut stehende v überall
als Spiranten erhalten, im Slovinzischen ist es dagegen in vielen Fällen
in einen Halbvokal übergegangen. Es kommen hier folgende Einzelfälle
in Betracht.
a. Nach langem a ist jedes v, sowohl das aus urslav. vo wie das
aus vb entstandene, zu ^^/ geworden, der hierdurch entstandene Diph-
thong äu ist dann weiter in 6ü übergegangen z.B. urslav. *stav^: slov.
sto'k kasch, stöv, urslav. *2)otravi: slov. püötrö'ü kasch. pce fr öv, ur-
slav. */azj^^-a: slov. lu'ükä ksLSch. iövka, in's\3iv.*k)'avhc'b: slov. kro'üc
kasch. krövc^ utsIsly. ^pravbda: slov. pro'udä kasch. pro vda, urslav.
*zeravjh: slov. züörö'il kasch. zoröv.
b. Nach langem ist das aus urslav. v^ entstandene v zu u ge-
worden, der so entstandene Diphthong 5m ist geblieben und demnach
mit einfachem langen ö, welches ebenfalls in du übergegangen ist, zu-
sammengefallen z.B. urslav. *rovi: slov. rhu kasch. rov., urslav. *X;or^;^^•a :
slov. kröuka kasch. krövka^ urslav. ^zagolv^kh: slov. zäglöuk kasch.
zogibvk. Dagegen ist das aus urslav. vh entstandene v nach langem ö
als Spirant geblieben z.B. ViXsXav. *govhno: slov. gömiiö kasch. gövno.,
urslav. *orbs^ : slov. vöufs kasch. wovs. Wie auslautendes öv behan-
delt ist, ist nicht ganz klar. Formen wie vjerglöu pflslöu neben vjer-
gliwvje pHsluövJe können nicht viel beweisen, da der Plur. vjerglu'qva
prisliiöva heisst. Das einzige wirklich in Betracht zu ziehende Wort
48 F- Lorentz,
ist nralav. *oIovh, dem oslov. vuölöi wslov. vüölöu entspricht. Ich hatte
letzteres für die lautgesetzliche Form, in vu'gloi sehe ich ein mit dem/
der obliquen Kasus von neuem versehenes ^vnölduj.
c. Nach langem ü ist v in 7i übergegangen , doch ist dies nur bei
einigen Fremdwörtern nachweisbar z. B. sluu Gen. Plur. zu slüvä, hüu
Gen. PI. zu huvä.
d. Nach den kurzen e und o ist das aus urslav. vb entstandene 6
im Silbenauslaut zu i geworden, ei und oi sind dann in ei und öj
übergegangen z.B.\iYs\siv.*korl/ev'bskh: sloY.kröUistjl kasch. krölevsci,
urslav. *korljevhstvo : slov. kröleistvö kasch. krdlevsfww, urslav. *kz?i^-
dzevshk^: slov. ksqzlisfjl kasch. ksq;^evsct, urslav, *k^nedzevhstvo:
slov. ksqzhistvö kasch. ksq:^evstwcß^ x^\'i\2i^v.*zidovhsk^'. slov. zädo'i^sfjl
kasch. zedovscl ux^XsiV.^zidovhstvo: slov. zädo'istvö kasch. zedovstwoe.
e. Das durch den Schwund eines i in den Silbenauslaut gekommene
ü ist zu i geworden in folgenden Fällen.
a. In der Endung -a?5eca: hördcdca serb. bradavica, pjlväicä vgl.
russ. nineuna, rhke'ica poln. rekawica^ nuöge'ica poln. nogawica.
ß. In der Endung -ovica: jalo'ica poln. Jaloioica, pölo'ica poln.
poioicica.
y. In den patronymischen Suffixen -emtjh -ovitjh : Vqdreic, Pav-
Ib'ic.
d. In der Endung -ovihce: gröbo'iscö ksisch. grohoevisce, tärgo'iscö
kasch. targoevisce.
e. In der Endung -ovina -ovizna: kreptb'inä, hüko-iztiii.
'C. In dem Ortsnamen Sto'icänö »Stohentin« kabatk. Stövj]icänd
»Stojentin«.
Von dieser Vertretung des urslav. vi durch i finden sich auch im
Kaschubischen Spuren. Allerdings ist auf die von Ramult angeführten
Appellativa wie rqkajca nogajca grohb'sce nicht viel zu geben, da diese
bei Ramuit's Schweigen über die Herkunft seiner Wörter vielleicht aus
dem Slovinzischen stammen — im Kabatkischen heisst es o-qkaica nüq-
gaicXi und rakafcä nüogafca — , in einigen Familien- und Ortsnamen-
ist aber ?" für vi aufbewahrt. An hierher gehörigen Familiennamen sind
' k - . .'17.
zu nennen kabatk. <S'67e^o?/wrr/c Kam. Jostojc Scepkcajcj an Ortsnamen:
kabatk. Scipkucicä »Zipkow« (Kr. Stolp), Gardkcrjce »Gardkewitz«
(Kr. Lauenburg), Janojce »Jannewitz« (ebd.), Krqpkocjce »Krampke-
witz« (ebd.), Redkoej'ce »Rettkewitz« (ebd.), Lqtojce »Lankewitz« (Kr.
Patzig), Mink(jpjre »Menkewitz« (ebd.), BJeska-jce »Bieschkowitz«
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 49
(Kr. Neustadt) , Pqtkoejce » Pentkowitz « (ebd.), Serakoejce »Sierako-
witz« (Kr. Kartbaus), Goeckcejce Goedkopjce »Götzendorf« (Kr. Konitz).
Wir finden demnach hier wieder ein dem Polnischen fremdes Lautgesetz,
welches im Siovinzischen klar erhalten ist, in den übrigen Dialekten
aber nur Spuren hinterlassen hat.
4. Das Kaschubische hat in der grössten Zahl seiner Dialekte den
Unterschied von l und i erhalten, nur das Bylakische hat ihn aufge-
geben. Auch im Siovinzischen ist l und l zusammengefallen, jedocb ist
das antekonsonantische /, soweit es keine Umstellung erfahren hat, als
/ geblieben und weiter in u übergegangen, im Bylakischen ist auch dies
i durch / vertreten z. B. urslav. *lech : slov. löut kasch. loci (kabatk.
lebakasch. löiit Heist. löt)^ urslav. *laka: slov. lötika kasch. ioka (ka-
batk. uöuka lebakasch. uöy^ka Heist. /oA-a), urslav. *vblua: slov. ob'hnä
kasch. vehia (kabatk. väuna Heist. völna).
Das slov. dvöiitö sammt den Ableitungen dvmitäc dvöutuövac
dvdutuovl, welcher für das ursprüngliche l ein v aufweist, ist Lehnwort
aus dem kabatk. duöiitö. Es findet sich nur im Dialekt der Klucken,
deren Bewohner mit den kabatkischen Bewohnern von Giesebitz und
Fuchsberg einen regen Verkehr haben. Sonst ist *didto im Siovin-
zischen nicht vorhanden, dafür wird das aus dem Deutschen entlehnte
dersläx gebraucht, das übrigens auch dem Kluckener Dialekt nicht
fremd ist^).
In einigen mit 2^oh zusammengesetzten Wörtern tritt dies in der
Form pöü- auf. Es sind dies die Brnchzahlwörter pb'üiöt^ä pö-ütüorä,
pb'ütrecä pö'üfHecä u. s. w. (es kommen beide Betonungen vor), ferner
pö-üku'osi'jt poln. pölkoszek und po-ünä poln. poludnie^ das letztere
zeigt auch im gesammten Kaschubischen dieselbe Entwicklung: peine
i^dihsitk. pännä'H.tht. polnö), die Bruchzahlwörter auch im Kabatkischen
päiitdrä päutrecä u. s. w. Wie diese Behandlung des poh zu erklären
ist, entgeht mir.
5. Innerhalb der Flexion findet sieb eine bemerkenswerthe Ver-
schiedenheit zwischen dem Siovinzischen und dem Kaschubischen nur
bei den Verben mit dem Präsens auf -ttj'n. Während hier die Fonnen
des Kaschubischen genau mit denen der übrigen slavischen Sprachen
übereinstimmen, bildet das Slovinzische den Imper. und das flectirbare
1) Unerklärlich ist mir das Verhältniss von slov. yruu yruvä zu dem
gleichbedeutenden grul bei Pobiocki. Ein Gegensatz von i und l findet sich
bei slov. ymlä, Gen. Plur. yriul (d. i. *yrela) neben Ramutt's grela.
Archiv für slavisclie Philologie. XXIV. 4
50 F. Lorentz,
Part. Prs. stets, deulnf., das Prät., das Part. Prät. und das Verbalsubst.
gewöhnlich von einem Stamme auf -a-, welcher in den präsentischen
Formen durch -je-, in den ausserpräsentischen Formen durch -ja- er-
weitert ist, jedoch tritt das ausserpräsentische -aja- nur in der kontra-
hirten Form -a- auf. Diese Verba haben demnach im Slovinzischen
folgende Flexion :
Praes. dartijq dai'üj^h u. s. w.
Imp. darö'ü dZirö'mn'd dUrö-ücä.
Part. Praes. darajötict daröuc'i.
Gerund, darüjouc'd.
Inf. darUc und dar'mvac.
Prt. daroül -rU -räll und darüöcö'id -rödü -ru'ovall.
Part. Prt. daröum und daröviby/m.
Vbsbst. dann'ie und darövqne.
Die längereu, mit denen der übrigen slavischen Sprachen überein-
stimmenden Bildungen der ausserpräsentischen Formen finden sich nur
im Kluckener und im Virchenziner , den beiden südlichsten, an das
Kabatkische angrenzenden Dialekten, die kürzeren Bildungen sind
überall vorhanden.
lieber die Entstehung der a-Formen habe ich im K. Z. XXXVII
331 flf. gehandelt, hier sei nur so viel bemerkt, dass sie aller Wahr-
scheinlichkeit nach von den Iterativen ausgegangen sind. Ausserhalb
des Slovinzischen finden sie sich, wie a. a. 0. ausgeführt ist, nur noch
im Polabischen wieder, welches jedoch keine Spur des -oüa-|-e<-Stamme3
mehr besitzt. Wie die Mischung dieses Stammes mit dem a-Stamm im
Slovinzischen zu erklären ist, ist mir dunkel.
6. Innerhalb der Wortbildung ist mir ebenfalls nur ein Punkt be-
kannt, in dem sich das Slovinzische vom Kaschubischen, soweit ich
dasselbe aus eigener Anschauung kenne, unterscheidet, nämlich in der
Bildung des Komparativs der Adjektiva. Das Kaschubische bildet
diesen, so weit es nicht das Suffix -sl aus urslav, -hsh verwendet, mittels
des Suffixes -(j^'i, welches auf urslav. -üjhsh zurückzuführen ist. Nach
Ramult Slownik S. XXXIII Nr. 14 soll diesem -^'«oder-ei^ entsprechen,
die von ihm angeführten Komparative haben alle die Form -esl. Wie
wir jedoch oben gesehen haben, ist die Darstellung der c-Laute, be-
.sonders des c und r), bei Kamult im höchsten Grade unzuverlässig. Da
nun die mir bekannten Dialekte, das Kabatkische, Lebakaschubische,
Heisternestische uuil der nördliche Theil des Südkascliubischeu, ferner
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 51
der von Cejnowa beschriebene Dialekt der Zarnowitzer Kämpe nur -lu'fil
Laben und auch Brouisch in seiner Darstellung der von ihm erforschten
Dialekte nirgends das Vorhandensein eines -esl andeutet, zweifle ich,
dass irgend ein kaschubischer Dialekt das -est wirklich besitzt. Dass
ein -esl existiren kann, ist nicht zu bestreiten, dies kann aus -ejsl ent-
standen sein, ein -est aber nicht.
Ausserhalb des Kaschubischen ist jedoch ein Suffix -est vorhanden,
nämlich im Slovinzischen. Hier lautet das Komparativsuffix -i§st^ dies
kann aber nicht auf urslav, -ejbhb zurückgeführt werden, aus dem nur
slov. -eist (vgl. zltwdzeijca aus urslav. ^ zhlodejhka] oder -^tsl (vgl. zlö-
dzhistcö aus urslav. *z^lodeJ'bstvo] hätte entstehen können. Als ursla-
vische Form dieses Suffixes muss -esh angesetzt werden, -esh, welches
ebenfalls zu slov. -iesl geführt hätte, ist wegen des Polabischen nicht
zulässig, da das hier auftretende Suffix, wie ich K. Z. XXXVII 329 ff.
ausgeführt habe, als -esi anzusetzen ist und ein -esb zu -isi geführt
hätte. Es ist dies also ein zweiter Punkt, in dem Slovinzisch und Pola-
bisch dem Kaschubischen gegenüber übereinstimmen i).
K'L Hsyyeniio KamyöcKHX'L roBopoBX S. 4 f. nennt Mikkola noch
mehrere oben nicht erwähnte Punkte als Eigenthümlichkeiten des Slo-
vinzischen : die Entwicklung des urslav. dz^ des langen «, die Nasa-
lirung des a und die Behandlung der Gruppe dn.
Das urslav. dz, sowohl das vor e i als das nach palatalen Vokalen
nach Baudouin's Gesetz aus g entstandene, ist im Slovinzischen durch
z vertreten z. B. dfiiözä kasch. Heist. drodzc urslav. *dordze, ksqzü
kasch. Heist. ksqdza urslav. *kbnedza. Dasselbe Gesetz kennt aber
auch das dem Slovinzischen benachbarte Kabatkische: drüozil, /csqzä,
es kann demnach nicht als Eigenthümlichkeit des Slovinzischen ange-
sehen werden.
Nicht eingetreten ist diese Entwicklung natürlich in der Verbin-
dung zdz : wjäuzdzii röuzdzä, auch macht der Nom. Sing, ksöuc eine
Ausnahme: hier war das auslautende dz schon schon stumm geworden,
als der Uebergang zu z erfolgte. Ferner ist der Lautwandel unterblie-
ben bei pjiu dzä pßenvdz'd^ dessen dz mir dunkel ist.
1) Eigenthümlich ist es, dass das Polabische die Zahl 30 durch /JwV/owpy,
das Slovinzische durch 2^öiilk'uöpii, das Kaschubische durch pöukuiepü aus-
drücken. Auch dem polab. pqtstigc stellt das Slovinzische ^y?«c stiH neben
stüö gegenüber. Die übrigen Dekadenzahlen (ausser 20) drückt das Slovin-
zische immer, das Kabatkische gewöhnlich durch Zusammensetzungen aus.
4*
52 F. Lorentz,
Die Vertretuug des langen a durch au ä ist nicht für das Slovin-
zische charakteristisch, sie findet sich auch im Kabatkischen und Leba-
kaschubischen. Ebensowenig kommt die Nasalirung des betonten a vor
Nasalen (nur betontes a tritt hier als q auf, unbetontes ist reines a ge-
blieben) in Betracht, da sie in den verschiedensten kaschubischen Dia-
lekten nachzuweisen ist.
Der Schwund des d vor 7i scheint allerdings dem Slovinzischen
eigenthümlich zu sein. Er ßndet sich in folgenden Fällen: glörä poln.
giodnxj ^ ylöni poln. chlodny ^ mjen'i poln. miodny^ ströiml kasch.
strödny^), Jana ^oln. j'edna, zöiind poln. zadna^ stäna poln. studnia^
prem pre?il ]^o\n. przedni , slenl slenl t^oXü. sledni ^ vestreni vestrenl
poln. kredni, po'im'd poln. poludnie, vielleicht auch c'anl neben dem
nach cüt neugebildeten cüdm, ferner in den Gruppen rdn und zdn: vö-
gdrmJi. poln. ogrodnik, Garndu vgl. gardzlnsfjl aus ^gordhnhskh^
pöuzrä kasch. pcezdno ; die wr/-Verben shiöu c standii c fj'inou c pqnq
hatten vielleicht schon seit urslavischer Zeit kein d.
Daneben ist nun aber dn in vielen Fällen erhalten. Die Gruppen
zdn und rdn scheinen es allerdings immer ausgestossen zu haben, die
hier auftretenden Ausnahmen — vöhßezdni Adj. zu Vöhjäzda »Wo-
besde«,y^e2:c?w^. vögllrchn u. a. — sind leicht zu erklären. Auch die
Gruppe stn [rtn ist nicht nachzuweisen) hat das t verstummen lassen:
jlsnl poln. istny^ cesnl urslav. *chsfhno, die Ausnahmen wie redöüsiul
zaluöstnl erklären sich leicht durch Wiederherstellung des t. Es heisst
aber auch, von zahlreichen von «f-Stämmen abgeleiteten Adjektiven auf
-f/m abgesehen, /)rec?/<^ sled/ü vestredni Icuhd und diese, besonders ladni,
welches vollständig isolirt steht, hindern mich, den Uebergang von dti
zu n als allgemein gültiges Lautgesetz des Slovinzischen aufzustellen.
Vielleicht findet sich auch noch für diese Ausnahmen eine Erklärung
und der Schwund des d vor Ji wäre dann den Punkten, welches das
Slovinzische vom Kaschubischen unterscheiden, hinzuzufügen.
Durch die besprochenen Punkte wird bewiesen , dass das Slovin-
zische kein blosser kaschubischer Dialekt, wie das Kabatkische, Byla-
kische u. s. w. sein kann. Das Slovinzische ist vielmehr der letzte Rest
einer neben dem Kaschubischen stehenden , in mancher Beziehung sich
näher an das Polabische anschliessenden Sprache. Die Trennung von
^) Hiernach ist also der Schwund des d vor w älter als der Uebergang
des langen a in öti vor Nasalen.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 53
Slovinzisch und Kaschubisch ist nicht, wie man wohl vermuthen könnte,
durch äussere, aus einer politischen Theilung herrührende Gründe ver-
anlasst: seit dem Jahre 130S war der Stolper Kreis mit Ausnahme einer
kurzen Zeit, während der er dem deutschen Orden verpfändet war, von
dem eigentlichen Kaschubenlaude getrennt, die im Stolper Kreise
wohnenden Kabatken gehören gleichwohl sprachlich zu den Kaschnben.
Slovinzen und Kaschuben sind als zwei besondere Stämme anzusehen, ihre
Grenze bildete und bildet heute noch der Pustinkebach, welcher in
seinem Oberlauf durch einen ziemlich unwegsamen Wald , in seinem
Unterlauf durch ein weites Sumpfgebiet führt. Dies ist heute die Sprach-
grenze, dies wird auch die alte Stammesgrenze sein.
2. Nord- und Stidkaschubisch.
Das Kaschubische theilt Ramult Slownik S. XXX f. in drei Haupt-
dialekte, das Nordkaschubische, das Mittelkaschubische und das Süd-
kaschubische. Zum Nordkaschubischen rechnet er das Slovinzische,
welches, wie wir oben gesehen haben, ganz auszuscheiden ist, das Kabat-
kische und Lebakaschubische, die Sprache der Zarnowitzer Kämpe und
das Bylakische. Dem Mittelkaschubischen weist er die Dialekte des
südlichen Theils des Putziger Kreises, des ganzen Neustädter und
Karthäuser Kreises und des kaschubischen Theils des Danziger Kreises
zu. Das Südkaschubische endlich findet er im Bütower, Berenter,
Schlochauer und Konitzer Kreise.
Als Grund für seine Eintheilung nimmt Ramuit die Gestalt, in der
die erweichten h g erscheinen. Im Nordkaschubischen treten diese
Laute hauptsächlich ij dj\ daneben auch als kj gj und c ^' auf, im
Mittelkaschubischen erscheinen sie als cj c, g/ g', im Südkaschubischen
als c g, daneben auch als fj dj und hj gj.
Dies Eintheilungsprincip ist so ziemlich das unglücklichste, wel-
ches Ramult überhaupt wählen konnte. Die erweichten k g sind bis
jetzt nur in sehr wenig Dialekten auf dem Endpunkt ihrer Entwicklung
augelangt, in vielen Dialekten schwanken sie ganz beträchtlich. Ein
klassisches Beispiel liefert hier der Heisternester Dialekt: die ältere
Generation spricht noch ky^ gj und t% dj^)^ die jüngere hat den Wandel
zu c dz vollzogen. Dieselben Laute habe ich in verschiedenen Gegen-
1) Phonetisch richtiger würden diese Laute durch Hx (ij und i'x d'j dar-
gestellt, da sie durchaus weich sind.
54 F. Lorentz,
den des Karthäuser Kreises von einer und derselben Person gehört. Im
Kabatkischen hat das Dorf Giesebitz ij und dj^ die südöstlichen Dörfer
aber c und ^. Bei diesen Lauten ist noch alles im Fluss, als Grundlage
ftir eine dialektische Eintheilung sind sie nicht zu verwenden.
Nicht besser ist es mit den übrigen von Ramult angeführten Ver-
schiedenheiten bestellt. Die Genitivendung -u z.B., welche Ramult nur
dem Südkaschubischen zuschreibt, Laben auch die Dialekte im südlichen
Theil des Karthäuser Kreises sowie das Slovinzische, Kabatkische und
Lebakaschubische, das südkasch. -om für -o kommt auch im Karthäuser
Kreise vor, die 1 . Sing. Prs. auf -bm hat auch das Bylakische der Ox-
höfter Kämpe u. s. w. Unter allem diesen ist nichts, welches einen der
Dialekte wirklich von den andern beiden abgrenzt.
Richtiger scheint mir die Einteilung zu sein, welche Biskupski Bei-
träge zur slavischen Dialektologie I S. 3 gibt. Er unterscheidet zwei
Hauptmundarten: das Nordkaschubische und das Südkaschubische. Zum
Nordkaschubischen rechnet er die pommerschen und die Dialekte des
Putziger, Xeustädter und des nördlichen Theils des Karthäuser Kreises,
zum Südkaschubischen die des südlichen Theils des Karthäuser Kreises
und der weiter südlich liegenden Gegenden, die Grenze zwischen beiden
scheint er über den Ort Karthaus selbst zu ziehen.
Ohne behaupten zu wollen, dass Biskupski in allen Einzelheiten
recht hat (die weitere Eintheilung der beiden Hauptmundarten in Unter-
dialekte ist jedenfalls stark zu modificiren], halte ich die Einteilung in
zwei Gruppen und deren Vertheilung im Allgemeinen für richtig. Die
Grenzlinie beider wird da zu ziehen sein, wo der freie Accent in den
gebundeneu übergeht. Es ist zu erwarten, dass dieser Uebergang sich
nicht schroff, sondern sehr allmählich vollzieht — man beachte z. B. das
allmähliche Schwinden der Endbetonung im BN^lakischen, welches schon
in dem auf der Halbinsel Heia liegenden Ceyuowa beginnt, im Dialekt
der Schwarzauer Kämpe stärker wird und in dem der Oxhöfter Kämpe
vollständig durchgeführt ist — , es werden sich demnach Uebergangs-
dialekte finden, deren genaue Stellung zu den beiden Hauptmundarten
dann nach andern Eigenthümlichkeiteu bestimmt werden muss. Im All-
gemeinen scheint mir die Grenzlinie innerhalb des Karthäuser Kreises
zu liegen , genaueres kann ich der mangelhaften Kenntniss der Einzel-
dialekte wegen leider nicht augeben.
Oben haben wir gesehen, dass manche von den Eigenthümlich-
keiteu, welche im Slovinzischen und den kaschubischen Dialekten Pom-
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechisehen Sprachen. 55
merns scharf ausgeprägt, in den von Cejnowa und ßamuit bearbeiteten
Dialekten und dem Bylakischen schon weniger verbreitet sind, dem Süd-
kaschubischen ganz oder fast ganz fehlen , z. B. das Auftreten der
e- Vokale für urslav. e, die Konsonantenerweichung vor dem entpalatali-
sirten hr, die Vertretung von or durch ar u. a. Auch sonst finden sich
öfters Differenzen, in denen das Südkaschubische dem Nordkaschubi-
schen gegenüber auf dem Standpunkt des Polnischen steht. Diese
Punkte haben wir jetzt zu besprechen.
a. Die Erweichung der Gutturalen. Im Slovinzischen , Kabat-
kischen und Lebakaschubischen sind k g ch vor sämmtlichen sekun-
dären e- und e- Vokalen erweicht z. B. slov. i'jinoiic urslav. *kynqtb,
slov. tjidäc urslav. ^Jcydath, slov. kabatk. tafji^ urslav. '^takvjh, slov.
kabatk. t'fier urslav. ^k'orjh^ slov. kabatk. tat'je urslav. *takoje^ slov.
kabatk. d'jihac urslav. ^gyhath, slov. d'jTiioiic urslav. '^gynqtb, slov.
kabatk. nadjl \\x%\2.\.'^nag%j'h^ slov. kabatk. 7iadje uvs\a,y.*nagoje, slov.
Idßet kabatk. vdjiet urslav. '^log^to^ slov. kabatk. cqdjel urslav. ^qgh,
slov. kabatk. yjdäc urslav. *chylatb, slov. kabatk. lüyj urslav. */ecÄ^yt,
slov. kabatk. fö'/'e urslav. *lichoje, slov. kabatk. märxPf UTs\a.Y.*m7jr-
chovh, slov.kabatk. vjv/j'r urslav.*ü/c7i!r'&, nur dem slov. y\c'd steht kabatk.
yac'd gegenüber. Die Erweichung von k g hat das gesammte Kaschu-
bisch , die Erweichung von cli findet sich nur noch im Xordkaschubischen
und zwar im Heisternester Dialekt vor suffixalem -y z. B. muysi, gresi
und beweglichem oder eingeschobenen e z. B. märsf'^^öf, vis^ör^ kuys'^ön^
Ramuit hat die Erweichung des ch nur bei maryjev und viyjer. Das
Südkaschubische stimmt hier wieder genau mit dem Polnischen überein,
welches auf der einen Seite ki, gi^ kie, gie, auf der andern chy, che
aufweist, während die pommerschen Dialekte und ursprünglich auch die
übrigen nordkaschubischen in üebereinstimmung mit dem Polabischen
stehen. Auch hier beobachten wir wieder das Zurückweichen der
kaschubischen Entwicklung vor der polnischen.
b. Die Entwicklung des urslav. dj.
Im Polnischen ist das urslav. dj bekanntlich durch dz vertreten, im
Slovinzisch-Kaschubischen finden wir dafür z, dz und dz.
z als Vertreter des urslav. dJ haben die pommerschen Dialekte in
allen isolirt stehenden Wörtern z. B. cüz'i poln. cudzy, 7nj\ezä^ poln.
miedza, mjiza^) poln. mießzy, nqzä poln. nedza, säzä poln. sadza, saus
1, Das von Mikkola angeführte slov. mßdzä gibt es nicht.
56 F. Lorentz,
poln. sadz u, s. w. ßamuit bietet z meistens als Variante neben ^ z. B.
wjeza und m,)e:s^a, nqza und nqz^a, doch hat er nur cezl (geschr. cezi).
Ebenso hat auch das Bylakische bald z bald dz z. B. Jtza ^oXn.Jeßza,
niize poln. miqdzy^ aber tiqdza, mödze, nur cezS hat nie ein dz. Das
Stidkaschnbische hat mit z nur cezl.
dz ist der alleinige Vertreter des urslav. dj im Südkaschubischen
ausser in dem genannten cezl. Im Nordkaschubischen Westpreussens
ist es neben z sehr verbreitet, es scheint fast dasselbe zu überwiegen und
fehlt nur dem cezl. Die 1. Sing. u. s. w. der ^-Verba hat nur dz. Im
Nordkaschubischen Pommerns findet es sich ausschliesslich in dem zu-
letzt genannten Fall.
dz kommt nur im Slovinzischen und Kabatkischen vor in der 1 . Sing.
u. s. w. gewisser {-Verba: slov. blötidzq, bruödzcf, gärdzq, zgärdzq,
gluodzq^ gu'odzq^ yiluödzq, %uödzq, vädzq, kabatk. yuiedzq, zgdrdzq,
zgiii^dzq, auch für (/'tritt hier c auf: s\ov. xvdticq, kröucq.^ varcq^ kabatk.
Xväucq, bei diesem auch in andern Bildungen: -Jcrqcac^ -värctic, celacl,
särüöcl u. a. Wie dies c dz zu erklären ist, weiss ich nicht.
Sehen wir von cezl ab, auf das man kein grosses Gewicht legen
darf, da eine Dissimilation aus *ceg^ angenommen werden kann, so hat
das Stidkaschnbische dem Polnischen entsprechend nur dz^ das west-
preussische Nordkaschubisch hat z und dz neben einander und das pom-
mersche Nordkaschubisch hat nur s, die hier auftretenden dz stammen
aus andern Formen , in denen dies lautgesetzlich ist. Hiernach kann
als echtkaschubische Vertretung des urslav. dJ nur z gelten : wieder ist
aber wie so oft die echtkaschubische Vertretung von der polnischen
zurückgedrängt, das Stidkaschnbische hat nur die polnische Vertretung.
c. Der üebergang der erweichten r zu r ist im Stidkaschubischen
nach denselben Gesetzen wie im Polnischen eingetreten. Im Nord-
kaschubischen ist der Umfang des r grösser: postkonsonantisches rh ist
immer, postvokalisches vor ??, c, /, nach Ramult auch vor c (mir sind
keine Beispiele mit der Lautfolge -rhJi- begegnet) zu r geworden. Doch
scheinen auch hier die einzelnen Dialekte von einander abzuweichen,
und da hier eine eingehende Kenntniss derselben erforderlich wäre,
verlohnt es sich nicht, genauer auf diesen Punkt einzugehen. Wichtig
ist für uns, dass das Stidkaschubische mit dem Polnischen überein-
stimmt, während das Nordkaschubische dem r einen weiteren Bereich
einräumt.
d. Die Endung des Instr. Sing. Mask. und Neutr.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 57
Das Polnische hat als Endung des Instr. Sing. Mask. und Neutr.
-ew?, nach k g -iem, ebenso das Südkaschubische. Das Nordkaschubi-
sche hat dagegen die Endung q. Ramuit spricht allerdings von einer
Endung -e, deren wirkliches Vorhandensein ich jedoch bezweifle. Das
pommersche Kaschubisch kennt nur -q , Cejnowa macht nirgends eine
Andeutung, dass die Endung des Instr. -c von dem sonstigen -e (wie er
den Laut <( schreibt) verschieden sei, der Heisternester Dialekt hat -0,
welches älteres -q voraussetzt, und auch den übrigen von Bronisch be-
arbeiteten Dialekten scheint Ramuit's -e unbekannt zu sein. Ich halte da-
nach den Laut der Instrumentalendung für identisch mit dem sonstigen q.
lieber den Ursprung dieses -q habe ich ausführlich K. Z. XXXVII
334 flf. gehandelt, ich will hier nur so viel bemerken, dass ich dasselbe
nicht aus urslav. -^tmi herleiten kann, sondern für urslav. -q, die echte
sonst allerdings nicht nachweisbare Endung der o-Stämme halte. Wie
dem aber auch sein mag: für uns ist es wichtig, dass hier wieder das
Südkaschubische mit dem Polnischen übereinstimmt, das Nordkaschu-
bische aber abweicht.
e. Die Genitivendung der pronominalen Deklination.
In der pronominalen Deklination hat das Südkaschubische und ein
Theil des Nordkaschubischen dieselbe Genitivendung wie das Polnische :
kasch. -gce poln. go. Das übrige Nordkaschubische hat eine durch tv
oder h charakterisirte Endung: -icce -I/o, und zwar haben -wce das Kabat-
kische, Lebakaschubische und Bylakische, -ho der Dialekt der Zarno-
witzer Kämpe. Eine dritte Form dieser Endung bietet da sSlovinzische:
-fa, dasselbe ist wahrscheinlich durch eine Reihe von Neubildungen
[-V0 ist nach der nominalen Deklination in -va umgeändert, aus *düö-
hreva *teva ist dann dköbrä tä entstanden und nach diesen dann -va
in vä umgewandelt) aus -vo herzuleiten. Ob das h von -Jio als wirk-
licher Sprachlaut anzusehen ist, ist mir nicht klar. Das intervokalische
tu wird häufig mit schwacher Artikulation gesprochen , so dass es kaum
hörbar ist. Da wäre es denkbar, dass das durch keinen etymologischen
Anhalt gestützte w der Endung -woa in einen /'-ähnlichen Laut über-
gegangen ist. Jedenfalls berechtigt uns dies -ho nicht, ein ursprüng-
liches -yo anzusetzen.
Das kasch. -icce findet nur in dem russ. -vo (geschr. -lo) eine An-
knüpfung, Beide aus urslav. -go herzuleiten halte ich nicht für möglich.
Da aber auch -go bisher noch keine Aufklärung gefunden hat, wäre es
falsch anzunehmen, dass beide Endungen notwendig identisch sein müssen.
58 F. Lorentz,
Es stimmt also auch in diesem Falle das Südkaschubische, wozu
sich hier noch ein Theil des Nordkaschubischen gesellt, mit dem Polni-
schen überein, während das übrige Nordkaschubiscbe und das Slovin-
zische abweichen.
f. Die Bildung des Imperativs.
In der Bildung des Imperativs gehen das Nordkaschubiscbe und
das Südkaschubische auseinander. Das Nordkaschubiscbe hat in allen
Formen den stammbildenden Vokal, das Südkaschubische hat denselben
nur bei den auf mehrfache Konsonanz auslautenden Stämmen, bei den
auf einen einfachen Konsonanten ausgehenden fügt es die Endungen
unmittelbar an den Stamm. Es gleicht hierin also dem Polnischen.
Die Form des Imperativsuffixes war im Urslavischen im Sing, e,
im Plur. und Dual bei den mit einem y-Suffix gebildeten Präsensstämmen
i, sonst e. Das e ist im Polnischen und Kaschubischen aufgegeben und
durch i ersetzt. Das Altpolnische hatte noch i y, das Neupoluische hat
diese durch ij yj ersetzt, doch bat sich dialektisch das i erhalten.
Das Kaschubische hat in allen Formen nach weichen Konsonanten ^,
nach harten e. Bronisch führt allerdings aus dem Heisternester Dialekt
zhii cdrpsii spsli an, ich habe jedoch nur ivi ch'psl spsi gehört, was
auch die übrigen Dialekte aufweisen.
Wieder stimmen also das Polnische uud Südkaschiibische überein,
das Nordkaschubiscbe aber weicht ab.
g. Das Präsens der sekundären a-Verba.
Die sekundären a-Verba bilden in der polnischen Schriftsprache
nur ein athematisches Präsens: -avi -asz -a u. s. w. Ebenso ist es im
Südkaschubischen und in einigen nordkaschubischen Dialekten, z. B.
dem der Oxhöfter und dem /-Dialekt der Putziger Kämpe. Dass es sich
hier um eine echte athematische Bildung und nicht um eine Kontraktion
von -aje- zu -a- handelt, beweist das Kaschubische, wo immer neben
einem -hm der 1. Sing, in der 1. Plur. und 1. Dual, -öme -oma steht,
während ein in diesen Formen auftretendes -owJ -oma in der 1. Sing,
ein -aj'a neben sich hat. Nur die 3. Plur. wird überall auf -ajo^ also
nach Art der y-Präsentia gebildet, dies ist aber auch im Polnischen
der Fall.
Das Nordkaschubiscbe und das Sloviuzische kennen ausser in einigen
südlichen Dialekten die athematische Präsensbildung nicht. Sie bilden
ein y-Präsens, die 1. Sing, und 3. Plur. gehen auf -ajq -ajg aus (im
Slovinzischen und Kabatkischen ist Kontraktion zu -(i -du eingetreten).
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 59
in den übrigen Formen ist das -aje- in -6- zusammengezogen. Aus dem
Altpolnischen ist diese Bildung ebenfalls bezeugt und auch heute noch
ist sie dialektisch vorhanden.
Es trennen sich demnach auch hier im Allgemeinen Nordkaschu-
bisch und Südkaschubisch, das letztere stimmt wieder zur polnischen
Schriftsprache.
h. Der Gebrauch der Suffixe -isko und -isce.
Dem polnischen Suffix -isko in allen seinen Gebrauchsweisen stellt
das Kaschubiscbe -isko und -übe gegenüber. Nach Kamult's Slownik
scheint es, als ob beide Suffixformen in denselben Dialekten üblich sind,
nach meinen Beobachtungen hat jedoch nur das Südkaschubische -isko^
das Nordkaschubische und das Slovinzische aber nur -isce^ nur -hsko ist
hier in einigen Fällen (z. B. slov. büpskö zielskö) nachzuweisen. Zu
beachten ist, dass aus dem Polabischen nur die Form -isce (polab. -aiste
-aist) aufbewahrt ist: ein -isko wird demnach hier ebenso wenig, wie im
Slovinzischen und Xordkaschubischen vorhanden gewesen sein.
Es trennen sich also auch hier wieder Nordkaschubisch und Süd-
kaschubisch, dies stimmt zur polnischen Schriftsprache, jenes zum Slo-
vinzischen und Polabischeu.
Es giebt vielleicht noch einige andere Punkte, in denen Nord- und
Südkaschubisch auseinandergehen. So scheint z.B. die nordkaschubische
Kontraktion von -ala -aja in -a -q dem Südkaschubischen zu fehlen,
das auslautende -0 scheint im ganzen Nordkaschubischen geblieben, im
ganzen Südkaschubischen aber zu -om geworden zu sein, um dies aber
sicher stellen zu können, müssen die Einzeldialekte erst genauer er-
forscht sein. Ich glaube aber auch, dass die oben besprochenen Punkte
für uns hier genügen werden.
Bevor v/ir aus dem Besprochenen irgendwelche Schlüsse ziehen,
vernothwendigt es sich, die Punkte zusammenzustellen, in denen Nord-
kaschubisch und Südkaschubisch, sei es allein, sei es mit dem Slovin-
zischen zusammen dem Polnischen gegenüber übereinstimmen.
Slovinzisch, Nordkaschubisch und Südkaschubisch stimmen dem
Polnischen gegenüber überein in folgenden Punkten:
a. ürslav. ra ist im Wortanlaut zu re geworden: redosc poln. ra-
dosc^ Rediino poln. Radunia, reno poln. rano, poerenk poln. porcmek,
rena poln. rana^ renic poln. ranic, remjq poln. ramie^ rej^l rede poln.
rad, rek poln. r«^, slov. rekuövjöunkä russ. paKoeima, slov. redlö poln.
radJo, slov. rescesTilnl aus *rat-cesalm, dazu die Ortsnamen: Rede-
60 F. Lorentz,
stowm »Reddestow« (Kr. Lauenburg), Redkoejce »Rettkewitz« (ebd.),
Kekoioo >Reckow<c (Kr. Lauenburg-, Bütow! »Reckau« (Kr. Putzig) »Re-
kau« (Kr. Neustadt), Redoszeww »Reddischau« (Kr. Putzig), Reclovsce
»Radowken« (Kr. Neustadt), Redlowce »Hochredlau« (ebd.), Reda
»Rheda« (ebd.), Reduno »Radnhn« (Kr. Bereut), i^e^-oz^mca »Recknitz«
(ebd.), Recluvci »Rackelwitz« (Kr. Konitz). Dies Lautgesetz ist aber
nicht streng durchgeführt, wie racec poln. raczyc^ rada poln. 7'ada,
raza Gen. zu roz zeigen.
Im Polabischen ist anlautendes ra vor dem Accent durch rä ver-
treten: riidüst, rärnq^ rätöj\ rädlu^ rädläica^ rdMii^ räkväica. Polab.
ä und kasch.-slov. e vertreten aber das urslav. ^ : sollte das polab. r«-
mit dem slov.-kasch. re- derart in Verbindung zu bringen sein, dass das
urslav. ra- hier unter gewissen Bedingungen zu rö- geworden ist ?
b. Das aus urslav. a e entstandene ö 'ö ist vor Nasalen allgemein
zu o geworden. In seinem Slownik schrieb Ramult in diesem Falle
fälschlich immer 6, die Statystyka gibt das richtige o bzw. p. Letzteres
ist sicher eine ältere Vorstufe des o, wo es heute auftritt, man kann aber
vielleicht auch an Neunasalirung denken.
Ein durch Kontraktion entstandenes ö ist nicht zu 6 geworden:
slov. grdiimä gmidämä Heist. gröme godöme^ ebenso auch das uu
deutscher Lehnwörter: slov. traun prlmm (aus dem westpreussischen
Kaschubisch habe ich keine Beispiele). Auffällig ist, dass in bylakischen
Dialekten das Part. Prt. der a- und e-Verba die Endung -Ö7vi hat, z. B.
Heist. godönl cerpsom rozmöni^ sollte hier vielleicht von einem -ajem
auszugehen sein?
c. Das urslav. i ist nach harten Konsonanten, das urslav. y nach
allen ausser nach k g und (dialektisch) ch , das urslav. u ausser nach
Gutturalen, Labialen und weichen Konsonanten zu e geworden, Ramult
schreibt allerdings bisweilen im Gen. Sing, -ve (d. i. -ve) für -vu z. B.
pwtrave^ ist dies ein einfacher Fehler oder ist in diesem Dialekt das
labiodentale v der übrigen Kasus an die Stelle des bilabialen rc des Gen.
getreten und -vu zu -ve geworden, während das sonstige -ivu geblie-
ben ist?
Dass auch im Polnischen e-Laute für urslav. ?', y und ti vorhanden
sind, hat Kavlowicz zu zeigen gesucht. So lange aber nicht nachge-
wiesen ist, dass diese e-Laute nach denselben oder ähnlichen Gesetzen
wie im Kaschubischen auftreten, ist dies für die Beurtheilung der Ver-
wandtschaftsverhältnisse unwichtig.
J
Das gegenseitige Veihältniss dei- sog. lechischen Sprachen. ßl
d. Kasch. 'e (aus urslav. e und h] ist vor tautosyllabischem h im
Wortinnern zu i geworden: vinc urslav. ^venhch^ slovinscl urslav. *slo-
venhskh, körvinc krovinc urslav. *ko7'cbnhc^^ malinci urslav. *malbnhk^.
Dies i ist überall lang, von dem ursprünglichen ^ unterscheidet es sich
dadurch, dass dies 1. den scharfen, das neuentstandene aber den dehnen-
den Ton hat. Auslautendes w'i ist nicht zu in geworden : slov. dzUn
Heist. dzeh Ram. ^ew südkasch. :z^en urslav. *db?iby nordkasch. sJzen
sttdkasch. sgzen urslav. ^sezhtih.
e. Schwund und Erhaltung von urslav. ^ h.
Urslav. ^ h ist im Kaschubischen wie im Polnischen in oflfenen Sil-
ben geschwunden , in geschlossenen erhalten. An Abweichungen fin-
den sich:
1. Urslav. So und fö, sowohl als Präfix wie als Präposition, treten
vor Zischlauten bzw. vor v immer als se, dialektisch (besonders im Stid-
kaschubischen) auch ze^ bzw. ve auf, während sie im Polnischen z\x z w
geworden sind z. B. kasch. sesa^ec zesa;^ec poln. zsadzic, kasch. sesec
zesec poln. zszyc, kasch. vevj'esc poln. wwiesc^ Ramult gibt auch zsenqc
zzalee^ in den mir bekannten Dialekten sind diese Formen nicht vor-
handen, se bzw. ze und ve werden aus solchen Wörtern stammen, wo
sie lautgesetzlich entstanden sind, hier werden sie gebraucht, da ses-
zes- vev- u. s. w. leichter sprechbar und deutlicher sind als ss- vv-^).
2. Auslautendes -^ko -hk^ -hch -bch -iih -bs^ -bt^ ist nicht wie im
Polnischen zu -ek -ek -ec -eh -ec -es -et, sondern zu -k -c -c -c -s -t
geworden. Hier handelt es sich nicht um irgend ein Lautgesetz , viel-
mehr ist, wie Mikkola Betonung und Quantität S. 55 erkannt hat, das
-e- des Nom. Sing. bzw. Gen. Plur. dem Systemzwaug zum Opfer ge-
fallen. Bewiesen wird dies dadurch, dass das urslav. "^ chrhbhtb im Slo-
vinzischen als kriept und kriehjet auftritt , wäre der Schwund des e
lautgesetzlich, so müsste man für kriehjet ein urslav. '^chrehett kon-
struiren. Dass im Polnischen bisweilen Aehnliches vorkommt , ist für
die Beurtheilung der gegenseitigen Stellung beider Sprachen nicht von
Belang, es wäre dies nur dann der Fall, wenn es im Polnischen mit der-
selben Strenge durchgeführt wäre wie im Kaschubischen, so aber ist es
unerheblich.
1] Das lautgesetzliche Verhältniss ist erhalten in den Adverbien slov.
rfiecör »am Abend« poln. w ivieczör und söböu^, welches wie das deutsche ad-
verb. mit gebraucht wird, z. B.Jä-ve^znq söböu^ »ich nehme mit«, jä-phdq sö-
höu »ich werde mitkommen«.
62 F. Lorentz,
3. Als erste Eutwickelungsstufe der auslautenden postkonsonan-
tischen -rh -rh -h -Ib sind für das Kaschubiscbe und wahrscheinlich
auch für das Polnische sonantische -r -r -l -l anzusetzen. Das Pol-
nische hat -r -r -l unsilbisch werden lassen: wiatr, wieprz, rzeki^ viel-
leicht ist auch -7 so behandelt, worauf wqgl hindeutet. Das unsilbisch
gewordene -l schwand dann, wo es von andern Formen aus wieder her-
gestellt wurde, ging es in -el über: icegiei^ vielleicht nur in Anlehnung
an Wörter wie orzei orla^ ebenso kann auch icegiel neben wqgl erklärt
werden. Im Kaschubischeu wurden -r und -i unsilbisch, i wurde stimm-
los und schwand: vjepr^ rek, -rund -/gingen in -er -einher, doch kön-
nen vjaier vaz^el wie poln. loqgiel erklärt werden, vqz^el muss es sogar.
4. Im Wortinnern sind postkousonantische vh rb h h im Kaschu-
bischeu häufig zu re re U le geworden, häufig jedoch auch in unsil-
bische r r l (das dann z. Th. geschwunden ist) / übergegangen. Da hier
nur bei vollständigem Material aus den Einzeldialekten Klarheit zu er-
reichen wäre, gebe ich auf diesen Punkt nicht weiter ein. Kur so viel
sei bemerkt, dass auch hier als erste Entwicklungsstufe sonantische r
r il anzusetzen sind.
5. Kasch. setme und wcesme halte ich für Formen des Wort- bzw.
Satzinlauts. Im Slovinzisehen entsprechen setem viiösSm, nur der aus-
gestorbene Vietkower Dialekt hatte sitmä vuösmü, in der Komposition
aber heisst es allgemein setmünäuscä vtiösmümluscä , das Südkaschu-
bische hat (auch in der Komposition) sedeni iccesem. Urslav. *sefm'b
*os?nh ist zunächst zu *setm *iüoesm geworden, m ist dann in m und
weiter im Inlaut in me, im Auslaut in -e?n übergegangen. Ebenso ist
auch urslav. m behandelt, wie slov. stclrnäka pöstllrnäkä (Nom. pö-
stärn^k) skövdrn'dka (Nom. sköoärnek) aus urslav. ^ stormka*postor}Vbka
*skovormka zeigen.
f. Der kurze Nasalvokal ist im Südkaschubischen wie im Slovinzi-
sehen und Nordkaschubischen ein nasalirtes a [q). Dasselbe findet sich
allerdings auch in polnischen Dialekten.
g. Schwund und Erhaltung der Konsonantenerweichung.
Erhalten hat sich die Erweichung auf dem ganzen slovinzisch-
kaschubischen Gebiet bei den Labialen und beim w, der in einigen
bylakischen Dialekten eingetretene üebergang des weichen n in hartes
n ist ganz jungen Datums, ebenso ist das Hartwerden der aus j'j/' ent-
standenen ps f'a im Heisternester Dialekt erst kürzlich eingetreten.
Ausserdem waren in den pommerschen Dialekten c und g noch weich,
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 63
als die kurzen i u in e übergingen, diese sind daher als i u geblieben,
in der heutigen Sprache sind jedoch c und ^' auch hier hart.
Alle übrigen ursprünglich erweichten Konsonanten sind auf dem gan-
zen Gebiet hartgeworden z.B. ce/o? poln. cicJw, :^evy T^oln. dziwt/, sevy
poln. szwy, zema i^ohi. zima, cezi urslav. *^mc|/?,, iaseca urslav. */fl!s/ca,
Jcsq:^ urslav. *kh}iedzb, vseden urslav. *vhsb, cestl (pomm.-kasch. ctsü)
urslav. *cisto, sec urslav. ^äifb, zevy urslav. *zivo, recec urslav. *rjutitb,
lexce poln. Ucho.
Neu entstanden sind an weichen Konsonanten c ^ und dialektisch
im Nordkaschubischen 7. Wo diese wie im Heisternester Dialekt zu
harten c dz s geworden sind , ist die Entwicklung erst kürzlich einge-
treten.
h. In der Gruppe de ist das d nicht wie im Polnischen zur Affri-
kata geworden: dvignoc poln. dzioignqc^ mjedvjez^ poln. niedzioiedz.
In der Gruppe tv ist das t im Südkaschubischen wie im Polnischen un-
verändert geblieben, im Nordkaschubischen ist tv dialektisch in cv (im
Slovinzischen in cv) übergegangen z. B. stidkasch. tvjer:^ec Heist. tvör-
dzec Ram. cvir^ec kabatk. cvfierdzTjc slov. cvßerdzec poln. ticierdzic.
i. Die Lautgruppen sc U sind nicht wie im Polnischen zu sv sl ge-
worden, sondern geblieben: svistac poln. sicistac, me'slq poln. mysle.
Doch ist hier vielleicht zunächst ein Uebergang zu sv sl anzunehmen
und dies neu entstandene s ist dann wieder zu 's geworden.
k. Urslav. kvo gvo cJtvo sind im Slovinzisch-Kaschubischeu zu ko
go clio geworden : skorc abg. skvorhch , gozz^ abg. gvozdh, yjKSc russ.
xeoiufb. Dasselbe ist im Polabischen eingetreten : sköräc^ güzd^ cJtüst,
im Polnischen findet sich dagegen neben gözdz auch gtcözdz, chwoszcz^
sonst ist auch hier vielfach das v geschwunden.
l. Die Lautgruppen qs rz sind vor Konsonanten zu r geworden.
Es scheinen jedoch, nach den bisherigen Aufzeichnungen zu schliessen,
dialektische Abweichungen vorhanden zu sein , so dass dies Lautgesetz
nicht mit voller Sicherheit für das Gesammtkaschubische anzusetzen ist.
m. Die Lautgruppen sr zf haben einen Einschub von t d erhalten :
stroda i^olu. sroda, stroda poln. trzöda^ zdrec poln. -j'rzec, ob auch der
Einschub in zdrqbe poln. zreby allgemein vorhanden ist, kann ich nicht
angeben.
Neben dem Einschub von t d kommt auch ein solcher von Je g vor
in südkasch. skresha poln. trzesnia, Heist. zgrelio südkasch. zgrehjq
poln. zrebie.
64 F. Lorentz,
Ohne Einschub habe ich gehört südkasch. srebro, ohne Zweifel eine
Entlehnung aus dem schriftpolnischen srehro.
n. Anlautenden Vokalen ist im Slovinzisch-Kaschubischen ein /
(vor a e i) oder v (vor o u a) vorgeschlagen. Nach Meillet J. F. V.331 ff.
ist dieser Vorschlag schon urslavisch. Das Polnische hat den Vorschlug
bei e und <f, theilweise bei a , in der gesprochenen Sprache auch bei i,
das Polabische besitzt ihn in gleicher Weise wie das Kaschubische, nur
bei aidq und dem Präfix eu- fehlt er.
Sonderbar ist der f- Vorschlag in nordkasch. vitro (aber südkasch.
j'itro], slov. vßr/d vßvä vßesen vjescieräcä neben Jescieräca polab.
toiestarreitz. Die bisher gemachten Erklärungsversuche befriedigen
nicht.
Nordkaschubisch und Südkaschubisch allein stimmen dem Polni-
schen und Slovinzischen gegenüber überein in folgenden Punkten :
a. In der Diphthongirnng des urslav. o nach Gutturalen und La-
bialen. Dass einige nordkaschubische Dialekte diese Diphthongirnng
auch nach l haben, beruht wohl auf späterer Entwicklung.
b. In dem Uebergang des labiodentalen Spiranten v in den bilabia-
len Halbvokal u vor o- und e^-Lauten.
c. In der Entwicklung von esc zu tc: wutcec urslav. *uchstitb
poln. uczcic. Als einzelne Stufen dieser Entwicklung werden esc cc
ce tc anzunehmen sein. Der Heisternester Dialekt weist allerdings
dem sonstigen tce gegenüber cce auf, da er aber andererseits wuytcec
besitzt, wird dies cc ebenso aufzufassen sein, wie das sonst für tc auf-
tretende cc. Dass übrigens diese Entwicklung dem Slovinzischen fehlt,
ist nicht mit Sicherheit zu behaupten , da ausser ciesc , welches in der
ganzen Flexion das e festhält (Gen. ciescii) , die hier in Betracht kom-
menden Wörter nicht vorhanden sind. Slov. tc^t kann nichts beweisen,
da urslav. *t^stJb anzusetzen und ts durchaus nicht mit c identisch ist.
Wir finden also, dass das Südkaschubische durch eine Reihe von
Eigenthümlichkeiten mit dem Nordkaschubischen verbunden ist, dass es
aber in andern Punkten , in denen das Nordkaschubische mit dem Slo-
vinzischen übereinstimmt, von diesem abweicht und sich auf die Seite
des Polnischen stellt. Dazu kommt dann noch, dass die Eigenthümlich-
keiten, welche die principielle Trennung des Slovinzisch-Nordkaschubi-
schen vom Polnischen unabweisbar machen, im Südkaschnbischen wenig
oder gar nicht vorhanden sind. Wenn wir aus allem diesen auch noch
keine sichern Schlüsse ziehen können — dazu ist unsere Kenntniss der
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 65
Einzelmundarten noch viel zu gering — , so wird man doch nicht den
Gedanken abweisen dürfen, dass Nordkaschubisch und Südkaschubisch
ursprünglich vielleicht nichts mit einander zu thun gehabt haben, indem
dieses ein polnischer, jenes aber ein nichtpolnischer Dialekt war. Denn
ebenso gut, wie wir im Nordkaschubischen und im Slovinzi sehen eine
starke polnische Beeinflussung antreflfen, können wir auch im Süd-
kaschubischen das Umgekehrte finden. Bis zum Tode Mestwin's II. 1295
waren die Kaschuben sammt ihren pommerschen Stammesgenossen das
herrschende Element, wenn im pommerellischen Staat Polen lebten, wer-
den sie auch in sprachlicher Hinsicht nicht unbeeinflusst geblieben sein.
So könnte es erklärt werden , dass das polnische Südkaschubisch man-
ches von dem nichtpolnischen Nordkaschubisch angenommen hat, der
grösste Theil der Uebereinstimmungen und zwar alle, weiche ein durch-
gehendes Lautgesetz erkennen lassen, ist durch »Wellen« zu erklären,
welche das eigentliche Polnisch nicht mehr eiTeicht haben.
Betreffs der weiteren dialektischen Eintheilung des Nord- und Stid-
kaschubischen ist noch nicht viel sicheres zu sagen. Das Nordkaschu-
bische ist naturgemäss in zwei Hauptmundarten zu theilen : das Byla-
kische, dessen weitere Eintheilung Bronisch schon gegeben hat, und die
/-Dialekte. Letzteres scheint dann wieder in zwei Theile zu zerfallen :
das pommersche Kaschubisch, welches das Kabatkische im Stolper und
das Lebakaschubische im Lauenburger Kreise umfasst , und die west-
preussischen Mundarten. Was im Südkaschubischen an Dialekten zu
unterscheiden ist, weiss ich nicht.
Die Stellung des Slovinzisch-Kaschubischen ist also in folgender
Weise zu präcisiren:
Slovinzisch und Kaschubisch (Nordkaschubisch) sind keine polni-
schen Dialekte, sondern eng mit dem Polabischen verwandt. Sie sind
aber unter den Einfluss des Polnischen gerathen und mehr oder minder
polonisirt. Das Slovinzische ist kein Unterdialekt des Kaschubischen,
sondern steht selbständig neben demselben. Das Südkaschubische war
vielleicht ursprünglich ein polnischer Dialekt, der durch das Nord-
kaschubische beeinflusst ist.
III. Uebersicht der Berührungspunkte des Polabischen,
SloTinzischen, Kaschubischen und Polnischen.
A. Das Polabische, Slovinzische, Kaschubische und Polnische stim-
men tiberein in folgenden Punkten :
Archiv für slavische Philologie. XXIY. 5
^6 F. Lorentz,
1. In der Entpalatalisirung des urslav. e und dem üebergang des
entpalatalisirten e in 'a. Dasselbe findet sich in sorbischen Dialekten.
2. In der Entpalatalisirung des hr. Dieselbe findet sich auch im
Sorbischen.
3. In der Entwickelung des ^.-Lauts in ^r und des entpalatalisirten
vLaut in w zu einem a-Laut. Dasselbe ist im Sorbischen eingetreten.
4. In der Umstellung von urslav. er or ol zu re ro lo. Ebenso im
Sorbischen.
5. Im Auftreten von a7' neben ro für urslav. or.
6. In der Erweichung von k g vor sekundären i- und e-Lauteu.
Dasselbe findet sich im Sorbischen.
7. In dem üebergang von urslav. tj df in c dz. Dies ist allgemein
westslavisch.
8. In dem Schwinden des postgutturalen v vor o. Im Polnischen
ist dies Lautgesetz nicht vollständig durchgeführt. Dasselbe findet sich
auch im Sorbischen.
B. Das Polabische, Slovinzische und Kaschubische stimmen überein
in folgenden Punkten :
1. In der Entwicklung des urslav. el zu ol io. Im Südkaschubi-
schen und im grössten Theil des Nordkaschubischen sind nur wenig
Spuren dieses Gesetzes erhalten.
2. In der Erweichung der Konsonanten vor dem entpalatalisirten
hr. Das Südkaschubische hat dies Gesetz nur in geringem Umfang er-
halten.
C. Das Polabische, Slovinzische und Nordkaschubische stimmen
übereiu in folgenden Punkten :
1. In der Entwicklung des urslav. ^Z zu aJ oder ol. Von diesem
Lautgesetz sind überall nur Spuren erhalten. Dasselbe Gesetz hat auch
das Obersorbische.
2. In der Entwicklung des urslav. hl zu al oder oi. Ein Theil des
Nordkaschubischen hat von diesem Gesetz nur Reste.
3. In der Entpalatalisirung des urslav. e. Das Gesetz ist nirgends
im Slovinzischen und Kaschubischen rein bewahrt. Ein ähnliches Gesetz
scheint dialektisch im Niedersorbischen vorhanden zu sein.
4. In der Erweichung des urslav. ch vor sekundären i- und e- Vo-
kalen. In den nordkaschubischen Dialekten ist dies Gesetz stark zurück-
gedrängt. Dasselbe Gesetz kennt auch das Obersorbische.
5. Im ausschliesslichen Gebrauch des Suffixes -übe.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 67
D. Das Polabische und Slovinzische stimmen überein in folgenden
Punkten :
1. Imüebergang des ^ in / bei Erhaltung des seit urslavischer Zeit
in antekonsonantischer Stellung verbliebenen i und Ueberfübrung des
letzteren in u.
2. In der Einführung von -a;a-I-a;e- Verben anstatt der urslavi-
schen -otJa-l-M/e- Verben.
3. Im Gebranch eines Komparativsuffixes urslav. -esh für urslav.
-ejhs'b.
E. Das Polabische steht in folgenden Punkten allein:
1. In der Palatalisirung des urslav. e.
2. In der qualitativen Spaltung des urslav. h.
3. In dem Wandel von urslav. j« in/e. Dieser ist vielleicht auch
für das Slovinzische und Nordkaschubische anzunehmen.
F. Das Slovinzische, Kaschubische und Polnische stimmen überein
in folgenden Punkten:
1. In der quantitativen Spaltung der urslavischen Vokale. Dieselbe
ist wohl auch für das Polabische anzunehmen, wahrscheinlich ist sie
schon urwestslavisch.
2. In der Entpalatalisirung des urslav. e.
3. In der Vertretung von urslav. ^ h durch e 'e.
4. In der Vertretung von urslav. ^l nach Dentalen durch iu. Diese
Vertretung ist im Slovinzischen und Nordkaschubischen an die Stelle
der dem Polabischen entsprechenden durch ai bzw. ol getreten. Die
Vertretung des ^l durch iu hat auch das Niedersorbische.
5. In dem Hartwerden der ursprünglich weichen c dz tj dj s z r.
6. In der Entwicklung der erweichten t d zn Affrikaten. Dasselbe
findet sich im Obersorbischen.
G. Das Slovinzische und Kaschubische stimmen tiberein in folgen-
den Punkten:
1 . In dem Uebergang des anlautenden ra in re. Etwas Aehnliches )
hat auch das Polabische.
2. In dem Uebergang des v o vor Nasalen in ö o bzw. o 'o.
3. In dem Wandel des 'e aus urslav. et vor tautosyllabischem n
zu i im Wortinnern.
4. In dem Uebergang des kurzen urslav. ^' nach harten Konsonan-
ten, des kurzen urslav. y ebenfalls nach harten Konsonanten und des
5*
gg F. Lorentz,
kurzen urslav. u nach harten Dentalen und nach Liquiden in e und dem
somit eintretenden Zusammenfall der drei Vokale.
5. In der Vertretung des kurzen Nasalvokals durch nasalirtes a.
6. In der (nicht lautgesetzlichen) Entwicklung von urslav. -^k~o
-hkh -hch -hch -^th -hsi> -ht^ zu -k -c -c -c -s -t. Dasselbe findet sich im
Sorbischen.
7. In der Entwicklung des postkonsonantischen -n zu -er.
8. In dem Hartwerden der erweichten c ^ s i aus urslav. t d s z.
9. In dem üebergang von antekonsonantischem rs rz in r.
10. In dem Konsonanteneinschub in den Gruppen sr zr.
H. Das Slovinzische und Nordkaschubische stimmen überein in
folgenden Punkten :
1. In der Vertretung des palatal gebliebenen e durch einen ^- Vokal.
2. In der Vertretung des urslav. dj durch z. Im Nordkaschubi-
schen tritt vielfach ^ daneben auf.
3. In der Vertretung des urslav. dz durch z. Dies findet sich nur
in den pommerschen Dialekten des Nordkaschubischen.
4. In der Erweichung des t in der Gruppe ti>. In einigen nord-
kaschubischen Dialekten fehlt das Gesetz.
5. In der grösseren Verbreitung des /'• als im Polnischen.
6. Im Gebrauch der Endung -q im Instr. Sing. Mask. und Neutr.
7. Im Gebrauch der Endung -vo im Gen. Sing, der pronominalen
Deklination.
8. In der Bildung des Präsens der sekundären a-Verba mittels -Je-.
I. Das Slovinzische steht in folgenden Punkten allein:
1. In dem Üebergang silbeauslautender v vm u i.
2. In dem Schwinden des d vor n.
K. Das Kaschubische und das Polnische stimmen überein
in dem Hartwerden der ursprünglich weichen c dz. Dies Gesetz
fehlt den pommerschen Dialekten des Nordkaschubischen.
L. Das Nordkaschubische und Südkaschubische stimmen überein
in folgenden Punkten:
1. In der Diphthongirung des urslav. o nach Gutturalen und La-
bialen.
2. In dem Üebergang des o vor o- und w- Vokalen in to.
3. In dem üebergang von esc in tc. Dies ist vielleicht auch für
das Slovinzische anzusetzen.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 69
M. Das Südkaschubische und das Polnische stimmen tiberein in
folgenden Punkten :
1 . In der Entwicklung des urslav. bl.
2. In dem Auftreten der Erweichung vor urslav. hr.
3. In der Verbreitung des r.
4. In der Bildung des Imperativs.
5. Im Gebrauch der athematischen Präsensbildung bei den sekun-
dären a- Verben. Diese findet sich auch in einigen nordkaschubischen
Dialekten.
6. Im ausschliesslichen Gebrauch des Suffixes -isko.
Wir sehen also, dass Ramuit mit seinem Satze, das Slovinzische und
Kaschubische (wenigstens das Nordkaschubische) bilde mit dem Polabi-
schen eine Einheit, recht hat. Für die Sprache, deren Dialekte das
Polabische , Slovinzische und Kaschubische sind , will Ramuit die Be-
zeichnung Pomorskisch ^) angewandt wissen. Um diese Bezeichnung zu
rechtfertigen, beruft er sich auf den Ausdruck Slavi maritimi für die an
der Ostseeküste zwischen Weichsel und Elbe wohnenden Slaven bei den
mittelalterlichen Schriftstellern. Er nimmt also augenscheinlich au, dass
dies eine Uebersetzung eines gemeinsamen slavischen Namens ist. Da
ist es aber doch sehr auffällig, dass mit Pomerani, der einfach latini-
sirten Form des dem Slavi maritimi zu Grunde liegenden slavischen
Worts, nur die östlich von der Oder wohnenden Stämme bezeichnet wer-
den, während die westlich von der Oder wohnenden Stämme, die Wilzen,
Obotriten, Wagrier u. s. w. immer unter ihren eigenen Einzelnamen oder
unter dem Gesammtnamen Wenden, aber nie als Pommern auftreten.
Auch Nestor kennt in seiner Chronik für die Ostseeslaven keinen ein-
heitlichen Namen: er nennt in seiner Aufzählung der slavischen Stämme
neben den Pommern die Liutizen, wozu er sicher ausser den Wilzen die
Obotriten, Linonen und sonstigen westlich der Oder wohnenden Stämme
rechnet. Ich kann nicht finden, dass es irgendwie historisch berechtigt
ist , den Namen Pommern (und damit für die Sprache die Bezeichnung
Pomorskisch) auf die westlich von der Oder wohnenden slavischen
Stämme auszudehnen. Mit Pommern dürfen wir nur die zwischen Oder
1) Ich gebrauche lieber den Ausdruck »Pomorskisch« als »Pommersch«.
da hier zu leicht eine Verwechslung mit der deutschen Sprache Pommerns
kommen würde.
70 F. Lorentz,
und Weichsel wohnenden Stämme , mit Pomorskisch nur die Sprache
dieser Stämme bezeichnen.
Eine andere Gesammtbezeichnnng wendet Cejnowa an: Slovin-
zisch 1). Diese Bezeichnung hat ohne Zweifel grössere Berechtigung als
Ramult's Pomorskisch. Denn ausser im heutigen Slovinzisch finden wir
denselben Namen in dem polab. sföwewsÄ-y als einheimische Bezeichnung
der polabischen Sprache. Cejnowa wendet diese Bezeichnung nur für
die Sprache an, als Volksnamen gehraucht er Vende »Wenden«, mit
Slovjnce »Slovinzen« bezeichnet er die Slaven »co to v wökregu Slöp-
skjm nadGarnskjm jezore e ku petnjovj mjeszkaja jasz'pöStepsk«, also
die heutigen Slovinzen. Nur Skorb kaszebsko-slovjnskje mövö Nr. XIII
S. 15 f. spricht er unter dem Namen Slovinzen von allen Ostseeslaven 2),
hier bedient er sich jedoch im Gegensatz zu seinen sonstigen Schriften
der deutschen Sprache.
Mit einem Volksnamen »Slovinzen« ist es nun ziemlich schlecht
bestellt. Aus dem Polabischen ist ein *Slüvendc nicht überliefert, das
will aber bei der lückenhaften üeberlieferung dieser Sprache nicht viel
sagen. Aber auch im Slovinzischen existirt genau genommen ein Volks-
name »Slovinzen« nicht: )S'/ö?.;^''mc bezeichnet den Evangelischen slavi-
scher Nationalität, besonders den, welcher den in slovinzischer Sprache
abgehaltenen Gottesdienst besucht. Auf dieselbe Bedeutung kommt man
aus den Worten des Pontanus in seinem Katechismus: »Ty ksasky . ..
ku . . . Zbudowäniu koscioiä jego SLOWIESKEGO w näsze Pommorske
. . . spisal«, auch hier kann, besonders wenn man die von dem Slovinzi-
schen durchaus verschiedene Sprache des Katechismus ansieht , unter
kosciüJ slowieski nur die evangelische Kirche slavischer Nationalität
verstanden sein. Ebenso bezeichnet auch Krofey in dem nichtslovinzi-
1) Richtiger gebildet ist wohlCejnowa's »Slovinisch«. Da aber der Name
Slovinzen sich schon eingebürgert hat, bleibe ich bei der hiervon abgeleiteten
Form »Slovinzisch«.
2) Der slovinzischen Sprache gibt er an dieser Stelle eine gewaltige
Ausdehnung: »Die slovinische Sprache, ein Zweig der slavischen, erstreckte
sich in ihrer Blüthezeit, d. h. im VIII., IX. und X. Jahrhundert nach Christi
Geburt, nach Osten bis über die Weichsel, nach Westen hin nach Holstein
und in die Lüneburger Haide, nach Süden bis an das schlesische Gebirge,
nach Norden bis an die Ostsee und auf die zunächst liegenden Inseln (Rügen,
Femern)«. Hier scheint er also auch die Lausitzer Sorben zu den Slovinzen
zurechnen, die im ganzen Westpreussen wohnenden Slaven bis an die pol-
nische und posensche Grenze zählt er auch sonst dazu.
Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 71
sehen Bütow die Sprache seines Gesangbuchs als »slawi^sky« d.i. »slo-
vinzisch'<. Diese Bedeutung wird sich dadurch erklären, dass zu Kro-
fey's und Pontanus' Zeiten die meisten der in Pommern wohnenden
Slaven ihre Sprache »Slovinzisch« nannten und dass diese im Gegensatz
zu der Bezeichnung »Polnisch«, d. i. katholisch, die Bedeutung »evan-
gelisch-slavisch« annahm. Ein Volksname »Slovinzen« ist jedoch nicht
nachzuweisen.
Dagegen ist als gemeinsamer Volksname der an der Ostsee zwischen
Weichsel und Elbe wohnenden Slaven die Bezeichnung »Kaschuben« in
Anspruch zu nehmen. Sowohl bei den westpreussischen und pommer-
schen Kaschuben wie bei den Slovinzen ist Kaseha noch heute der
eigentliche Volksname. Weiter finden wir das Herzogthum Kassuben in
den pommerschen Kreisen Beigard, Dramburg, Neustettin, Schivelbein,
schon 1289 wird diese Gegend als »terra Cassubiae« bezeichnet, auch
Barnim I. und Boguslaw IV. führen 1267 und 1291 den Titel >dux
Slavorum et Cassubiae«. Am wichtigsten ist, dass in einer Urkunde
vom Jahre 1248 Johannes I. von Mecklenburg und Nikolaus von Werle
»Domini Cassubiae« genannt und dass die Tochter Heinrichs des Pilgers
von Mecklenburg Luitgard als »Cassubita« bezeichnet wird. Hierdurch
wird der Name »Kaschuben« als gemeinsamer Volksname der an der
Ostsee wohnenden Slaven erwiesen.
Trotzdem würde ich es nicht für richtig halten, als gemeinsamen
Namen der an der Ostseeküste gesprochenen slavischen Dialekte die
Ausdrücke »Slovinzisch« oder »Kaschubiseh« anzuwenden. Beide Aus-
drücke sind heute auf einzelne Dialekte der Sprache beschränkt, deren
Gesammtheit sie bezeichnen sollten, wollte man sie auch in diesem Sinne
gebrauchen, würde es bald Verwirrung geben. Ramult's »Pomorskisch«
für das Ganze anzuwenden, kann ich mich nicht entschliessen, ich be-
zeichne mit Pomorskisch das Slovinzisch-Kaschubische , welche beiden
Dialekte dem Polabischen gegenüber als Einheit anzusehen sind. Ihre
Rechtfertigung findet die Bezeichnung dieser beiden Dialekte durch
Pomorskisch darin, dass wir in den Angehörigen derselben die letzten
Reste des von Nestor Pommern genannten slavischen Stammes finden,
ihre Sprachen demnach, da weitere Dialekte unbekannt sind, als Re-
präsentanten der Sprache der Pommern zu gelten haben. Als gemein-
samen Namen für das Pomovskische und das Polabische würde ich mit
Hilferding den Ausdruck »Baltisch« für passend halten, mit Baltisch
wird aber auch das Litauisch-Lettische bezeichnet, es ist daher besser,
72 F. Lorentz,
ihn zu vermeiden. Am besten wird es sein , als Gesammtbezeicbnung
den Ausdruck »Ostseewendisch« oder, wenn man diese Bezeichnung für
das Sorbische vermeiden wollte, »Wendisch« zu gebrauchen, ist doch
der Name Wenden als ältester Gesammtname überliefert i).
Meine Ansicht über die in Rede stehenden Sprachen ist also kurz
zusammengefasst folgende :
Das nördliche Westslavisch zerfällt in drei selbständige Sprachen,
das Sorbische (welches vielleicht mit dem Cechisch-Slovakischen in
näheren Beziehungen steht), das Polnische und das Ostseewendische. In
gewisser Beziehung bildet, wie Ramutt behauptet, das Sorbische den
Uebergang vom Polnischen zum Ostseewendischen, das Ostseewendische
den vom Sorbischen zum Polnischen und das Polnische den vom Ost-
seewendischen zum Sorbischen. Dass das Ostseewendische und das
Polnische als Nachkommen einer Sprache , des Lechischen, anzusehen
sind, ist nicht zu erweisen.
Das Ostseewendische zerlegt sich, wenn man auf Nestor's Angaben
über die westslavischen Völkerschaften Gewicht legen darf, in zwei
Theile, das Liutizische und das Pomorskische , deren Grenzscheide au
der Oder zu suchen ist. Von den westlich der Oder gesprochenen liuti-
zischen Dialekten ist uns nur einer einigermassen bekannt, das drawe-
nische Polabisch im Lüneburger Wendland. Von den östlich der Oder
gesprochenen pomorskischen Mundarten leben noch zwei , das Slovin-
zische und das Kaschubische.
Das Slovinzische ist die Sprache der Kirchspiele Garde und Schmol-
sin im Stolper Kreise, seine Grenze gegen das Kaschubische bilden der
Pustinkebach und der Lebasee. Das Slovinzische ist nicht, wie gewöhn-
lich angenommen wird, ein einfacher Dialekt des Kaschubischen , son-
dern eine selbständige, neben dem Kaschubischen stehende Mundart des
Pomorskischen.
1) Eamutt empfiehlt seine Bezeichnung Pomorskisch auch dadm'ch, dass
sie slavisch ist. Vielleicht ist das auch bei dem Namen Wenden (Venedae bei
Plinius, Veneti bei Tacitus) der Fall. Wie aus serb. recV hervorgeht , kann
urslav. *vQt- aus einem *ven3t- hergeleitet werden. Ein später verlorener Po-
sitiv *ven9th Flur. *vendti (»die Grossen«) würde genau dem Veneti entsprechen
und kann recht gut der Name eines slavischen Stammes gewesen sein, den die
Germanen zuerst kennen lernten und dessen Namen sie dann auch für andere
Slaven gebrauchten.
Das gegezseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 73
Das Kaschubische, die zweite uns bekannte pomorskische Mundart,
zerfällt in das Nordkascliubische und das Südkaschubische. Die Grenze
dieser beiden Dialekte wird man in der Nähe der Radaune zu suchen
haben, genau ist dieselbe noch nicht festgestellt. Mit der Grenze dieser
beiden Dialekte fällt vielleicht auch die alte Sprachgrenze zwischen Pol-
nisch und Ostseewendisch zusammen, wenn nämlich, worauf verschiedene
Punkte hinweisen, das Südkaschubische ursprünglich ein polnischer
Dialekt gewesen ist, was es heute auch in der That ist.
Zwischen dem Pomorskischen und dem Polnischen hatten sich schon
früh durch die nachbarschaftliche Berührung sprachliche üebereinstim-
mungen herausgebildet. Diese üebereinstimmungen kennzeichnen sich
dadurch, dass sie in beiden Sprachen als Lautgesetze auftreten. Durch
die zeitweilige Herrschaft Polens über den grössten Theil des heutigen
pomorskischen Gebiets und den allgemeinen Gebrauch des Polnischen
als Kirchensprache, traten weitere üebereinstimmungen auf, indem pol-
nische Eigenthümlichkeiten in das Pomorskische eindrangen und die
einheimischen mehr oder weniger verdrängten. Das Charakteristische
dieser Gruppe von üebereinstimmungen ist , dass , wenn auch die pol-
nischen Eigenthümlichkeiten bisweilen im Wortschatz ausnahmslos
durchgeführt sind, daneben sich die pomorskischen in einzelnen Resten,
besonders in Ortsnamen erhalten haben. Im Allgemeinen nimmt der
Einfluss des Polnischen in der Richtung von Süden nach Norden und
von Osten nach Westen ab, so dass die am weitesten nach Nordwesten
vorgeschobenen Dialekte, das zum Kaschubischen gehörige Kabatkische
und das Slovinzische , den pomorskischen Typus am reinsten bewahrt
haben und bei der lückenhaften üeberlieferung des Polabischen als
Hauptquellen für die Erforschung des Ostseewendiscben dienen müssen.
F. Lorentz.
74
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter.
III. Vodnik's Sprache.
Bei dem Namen Vodnik denkt man heutzutage gewöhnlich an den
Dichter Vodnik. Allein eine nicht unbedeutendere Rolle spielt Vodnik
in der slovenischen Literatur als prosaischer Schriftsteller, und hervor-
ragend sind seine Verdienste um die Sprache, auf die ich näher ein-
gehen will.
Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass Vodnik in einer
Zeit auftrat, in welcher es mit der slovenischen Sprache traurig stand,
da ein P. Marcus in linguistischen Fragen als Autorität galt. Vodnik's
Verdienst ist es entschieden, dass er den unkritischen Neuerungen und
Germanismen entgegentrat und die noch heute giltigen Regeln zur Be-
reicherung des slovenischen Wortschatzes aufgestellt hat. Mag man
auch Matthäus Ravnikar mit Rücksicht auf seine reine und grossentheils
richtige Sprache als Vater der slovenischen Prosa bezeichnen, so dürfte
doch auch Vodnik auf diesen Titel Anspruch machen ; denn er hat dazu
den Anfang gemacht, hat so manches in unserer Sprache gefunden und
als Regel aufgestellt, was der jüngere Ravnikar nur geschickt verwerthet
und ausgenützt hat.
Kopitar war, wie wir bereits gehört, auf Vodnik nicht gut zu
sprechen, und warf ihm Einseitigkeit, Schwerfälligkeit, ja geradezu
Trägheit vor. Fürwahr, Vodnik besass in sprachlichen Fragen nicht
die tiefgehenden Kenntnisse, den kritischen Geist und Blick Kopitar's,
allein er hatte so manche gute Ansicht und Idee, die auch Dobrowsky
zu würdigen wusste. Dass Vodnik nicht so sehr einseitig war, zeigt die
stattliche Anzahl von Werken, die allerdings nicht alle einen wissen-
schaftlichen Werth repräsentiren, doch Voknik's Bestreben bestätigen,
dass er auf allen Gebieten sich versucht und seiner Sprache Geltung
verschaffen gewollt.
Zur Charakterisirung der Sprache Vodnik's benutzte ich die beiden
Werke: »Pismenost ali gramatika za perve sole« (ISllj und »Kersanski
*) Vergl. Pd. XXIII, S. 386.
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 75
navuk za illirske dezele« (1812), weil in den ersteren Werken ein zu
grosses Schwanken ist und bei den »Novice« von Vodnik auch nicht die
nothwendige Aufmerksamkeit beobachtet werden konnte. Seitdem aber
Vodnik die Regeln der Sprache in seiner Grammatik fixirt hat, bleibt er
mehr consequent, und seine Sprache kann leichter charakterisirt wer-
den. Die Poesien verwendete ich nicht, weil dabei so manches dem
Versmass und dem Reime zuliebe modificirt worden sein mag und daher
kein treues Bild liefern könnte.
Die Grundsätze Vodnik's und seine Anschauungen in sprachlichen
Fragen werde ich beim lexicalischen Theile besprechen. Bei diesem
nahm ich auch Rücksicht auf Bruchstücke aus anderen Werken
Vodnik's.
Vodnik's Grammatik zerfällt in sechs Theile: 1) cerke, 2) besede
(Formenlehre), 3) vezanje (Syntax), 4) izobrazenje besed (Wortbildungs-
lehre), 5) glasova mera, 6) prepone.
Vodnik unterscheidet vier Declinationen ; eine masculine, neutrale
und zwei feminine. Dann kommt das Adjectiv, Zahlwort, Pronomen,
Verbum, Particip (Präpositionen, Adverbium, Conjunetionen, Inter-
jectionen).
Die Graphik Vodnik's ist die »Bohoricicä«, welche er ziemlich
regelmässig gebraucht. In seinen ersten Werken finden sich noch viele
Schwankungen, Verwechselungen von Sibilanten, Verdoppelungen von
Consonanten und andere Unregelmässigkeiten. In »Pismenost(c und
»Kerscanski navuk« ist die Graphik gleichartig s = f, z = s, c = z;
s = fh, z = sh, c = zh.
Nur hie und da wird s und f verwechselt ; ein paarmal findet sich
auchy für i, jedoch sehr selten.
Zur Lautlehre.
Vocale.
Ein für das Slovenische charakteristischer Laut ist die Vertretung
der altslovenischen Halbvocale h und ö. Nach dem Reflexe dieser beiden
Halbvocale kann man die sloven. Dialecte in zwei Gruppen scheiden :
in eine nordöstliche und südwestliche. In der ersteren entspricht deu
Halbvocalen sowohl in unbetonten als auch betonten Silben ein e, in der
zweiten aber in betonten Silben ein a, in unbetonten und kurzen aber
ein kurzer und unklarer Laut, der sich in der gewöhnlichen Aussprache
einem e nähert; im ersteren Falle schreibt Vodnik a: ganen 78, vza-
76 Fr. Vidic,
mem 91, 92, bolan 39, gorak 39, dan, cast, tas (76). Statt a erscheint
in secundär gelängter Silbe o : donas. Dieser Laut a ist aus betonten
Silben durch Analogie auch in unbetonte eingedrungen: castjo, castiti,
castenje 11 K, weil cast, daneben aber auch cesen, cesenje; hieher ge-
hört auch: katir 11, danas (51, 125 P. 91. 94 K) statt denes nach der
Analogie von dan u. s. w.
In kurzen und unbetonten Silben entspricht dem altslovenischen b
und ^ der dunkle unbestimmte Vocal mit dumpfem Klange, für den
Vodnik e oder i schreibt: konec 53 K, k peklam 26 K; öfters aber i:
razlocik 115, zacetik 116, 130, cetrtik 69, zvirik 51, petik, dobicik,
obcutik, premislik, zasluzik, zapopadik, perstavik, delavic, terpivic,
plevic, pomagavic, brambovic, tepic, prodavic, cepic, pokorivic, zejin,
tezik und viele andere.
In gewissen Fällen steht für den unbestimmten Halbvocal auch o :
cerkov; es entwickelte sich hier unter dem Einfluss des benachbarten v
und Vodnik bemerkt dazu: »vem, da Rosi pisejo cerkov ne cerkev ;
al oni se tudi niso vsimu na konec prisli in per nas sta sama e in e v
koncnih zlogih rada brezglasna ; tedaj pisemo se -ev mesto ov,j ce se
nam lubi. Vunder za en cerk sem al tje, na lepi besedi m' je narvee
lezece(f.
In den Fällen v^, vh entwickelte sich zuerst das u und dann wurde
demselben ein v vorgeschlagen: vunod 108, zvunaj 7, vunajni 69, vun-
uzeti 79.
Der unbestimmte Halbvocal bleibt auch unbezeichnet. Dabei kann
er entweder ein Reflex des altslov. ft, ^ oder auf dem Gebiete des Slo-
venischen zwischen bestimmten Cons. -Gruppen als Hilfslaut eingeschaltet
sein. Im letzteren Falle aber fehlt er bei Vodnik namentlich nach den
Sonanten r, ^, m, w: dnar VII, dnarja 56, tma 4. Ursache ist die Natur
des r, /, m, n, vergl. r für unbetontes n", re, tu.
Das etymologische e hat sich ziemlich unverändert erhalten, wie e
überhaupt neben o der konservativste Laut ist. Aus je entwickelte sich
e, so entstand kir aus l\jer altslov. küdeze.
Langbetontes er wurde zu ir : petira, desetira.
Vodnik schreibt nur zname'ne, znamina 8, 65, 34; hier folgt der
Silbe mit e ein weiches n und unter seinem Einflüsse ist es zu i ge-
worden. So schreiben schon die Schriftsteller des XVI. Jahrb., so
Trubar psalt. znamine 109b, znamina 133b, Skalar. Wie wurde
dieses i ausgesprochen, war es ein reines i oder ein Halblaut ?>? Oblak
Valentin Vodnik, der erste slo venische Dichter. 77
meint: Wenn man bei Krelj znamanie, kamanie betrachtet, so muss
man denken, dass hier dieses a als Halblaut ausgesprochen wurde; in
znam^ne aber wirkte die nächste weiche Silbe ein mit ihrem/; aus ii
(ni, nj) wurde/«, und dieses/ bewirkte, dass sich aus dem geschwäch-
ten e-Laute infolge der Assimilation i entwickelte, also: ej — hj — i.
Einen Beleg findet man in einigen Dialecten, so in Begunje').
Statt des heute in der Schriftsprache üblichen prijatelj finden wir
perjatel; in den casus obliqui wurde das e ausgestossen : priatla, priatli.
Da Vodnik consequent prijatel und nie -telj schreibt, so ist an dieser
Aussprache nicht zu zweifeln. Das / (Ij) hat sich wahrscheinlich nach
der Analogie der Participia und ähnlicher Wörter verhärtet, und es
scheint keinen slov. Dialect, der perjatel' hätte, zu geben.
Das betonte § (e) schreibt Vodnik in der Regel als reines e : svet,
dete, vediti, potreba, bolezen, razsvetljenje, devica, z lepo, k svetlobi ;
ausserdem aber findet sich sowohl für das betonte als auch unbetonte i
auch i: pripovisti, okripcati, kripkih, kripkost, zvir, svitlobo, razsvitlen,
razumili, vediti u. a.
Das i hat sich im Laufe der historischen Entwickelung aus dem
eng klingenden e entwickelt. Dasselbe ist auch in einem grossen Theile
des serbokroatischen Sprachgebietes der Fall (vergl. Jagic, Arch. VI.
80—98).
In der Mehrzahl der Fälle steht zwar für i — e, doch ist nicht zu
zweifeln, dass dieses e etwas verschieden vom etymologischen e ausge-
sprochen wurde; in Vodnik's Sprache hatte betontes i wahrscheinlich
die heutige oberkrainische Aussprache eines engen zu i geneigten e.
Heutzutage entwickelte sich aus dem unbetonten und kurzen e der
dunkle, unbestimmte Halbvocal. Da Vodnik in der Bezeichnung des
unbetonten und kurzen i schwankt, indem er für dasselbe bald ^, bald e
setzt, so kann man annehmen, dass das unbetonte e bereits in der Mitte
des XVII. Jahrb., wahrscheinlich schon gegen Ende des XVI. Jahrh. zum
unbestimmten Halbvocal herabgesunken war.
Der Reflex des unbetonten e ist völlig geschwunden, in : dianje,
djati, spovdniku, spovdnik, spovdio, hotlo, hotli u. s. w., wie man das
auch bei unseren protest. Schriftstellern finden kann. Schuld daran ist
theils die Verrückung des Accentes, theils ist es der Einfluss des l und
der Analogie pletel-la etc.
Oblak: Doneski k histor. slov. dijalek. S. 12,
78 Fr. Vidic,
Für den altslovenischen Nasallaut e hat Vodnik sowohl in betonten
als auch unbetonten Silben e: pet, deset, grede, sveti, jesik (also kein
ie in ursprünglich langen, betonten Silben, kein piet).
Für das langbetonte o schrieb Vodnik in der Regel auch o: nebo,
pomoc, sladkost, gospod ; aber man findet auch skuzi- aus -vo-. Es ist
eine Eigenthümlichkeit mehrerer slovenischer Dialecte, zumeist der-
jenigen Krains, dass sich ein langbetontes etymologisches o zu w ent-
wickelt, ein Vorgang, der seine Parallele im Kleinrussischen, Polnischen,
Böhmischen hat. Bei Vodnik ist der Wandel des o m u consequent
durchgeführt bei sturiti, sturilo, sturivnih, sturivnimu u. s. w. durch -vo- ;
auch rugati findet sich, wenn das nicht eine Entlehnung aus dem Serbo-
kroatischen ist. — Vodnik bietet Beispiele, wo a für unbetontes o =
u. q steht: magoce, vajvoda, damovini, salota, matika; dasselbe ist in
der innerkrainischen Mundart bekannt, wo auch sogar für q ein a vor-
kommt: glaboko.
Es ist hier das o geschwächt worden zu einem halbvocalähnlichen "
Laute, der hier mit a bezeichnet wurde, während er in sebota depolni
mit e, in popolnma aber mit i wiedergegeben wurde. Unbetontes o geht
heutzutage in mehreren Dialecten Oberkrains in einen Halbvocal über,
welcher zwischen o und u steht, hauptsächlich im Auslaute. Während
die älteren slov. Schriftsteller fast durchgehends prerok schreiben, finden
wir bei Vodnik prorokvanje, aber auch prerok. Oft nimmt es Vodnik
mit dem o nicht gar streng und lässt es ausfallen : imenvana, oznanvati,
kmetvati u. s. w. ; das geschieht durch die Mittelstufe des u (aus dem
Praesens). Vodnik sagt in der Grammatik S. 8 »Kadar bi imela beseda
predolga biti, rajsi izpusamo brezgiasne zavolj lepsiga, postavim : imen-
vanmuö.
Bei Vodnik findet sich auch die Form kelM neben kolko. In den
östlichen, namentlich steirischen Dialecten kommen diese Formen ge-
wöhnlich vor. Oblak meint nun (Doneski S. 17): da auch in anderen
slav. Sprachen neben o auch e in diesen Formen vorkommt, so im Pol-
nischen: telko, kielko, im Sorbischen: telki, könnte man in der Sprache
ursprünglich zwei Formen annehmen : toliko, koliko und txliko, k-iliko;
aus letzterem hätte sich kelko telko entwickelt : die Erklärung ist aber
nicht sicher.
Das war in der bestimmten Form der Adjective lang; daher
schrieb Vodnik ursprünglich Blejskw, drugu, später und so auch in den
beiden besprochenen Werken hat Vodnik schon überall o.
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 79
In preden schwächte sich das o zu einem Halbvocal und verschwand
dann gänzlich, dafür erscheint der Halbvocal vor n und wird durch e
wiedergegeben.
Dem altslov. & (a) entspricht o, welches auch in langbetonten Silben
unverändert bleibt: roka, zoper, porocit, pot, vsemogocni; das finden
wir auch bei den älteren Schriftstellern, nur schreiben Trubar, Kastelec
u. a. regelmässig u bei super.
Der Vocal a ist viel conservativer als e und o. Er blieb in lang-
betonten Silben, falls er nicht von benachbarten Lauten beeinflusst
wurde, unverändert und erhielt sich grösstentheils auch in unbetonten
und kurzbetonten Silben, wiewohl es keinem Zweifel unterliegt, dass
der Laut schon etwas reducirt ausgesprochen wurde, also nicht mehr
reines a, sondern zwischen e und a.
Statt da (ut) schreibt Vodnik regelmässig de, welches sich schon bei
den ältesten Schriftstellern findet und auch heutzutage gesprochen wird.
In kurzen und unbetonten tautosyllabischen Silben entwickelte sich
vor folgendem J aus a ein e ; wir haben hier eine Art Assimilation oder
Umlaut, wie im Böhmischen, Polnischen; bei Vodnik findet man: tedej,
vselej\ kdej\ nekdej\ zdej neben kdaj^ tedaj\ zdaj; erhalten ist das a
iu: wa, nad.
Der Umlaut a zu e nach den Palatalen ist aber zu trennen von der
Assimilation des oj zu ej. Ersteres ist älter (jez), die Assimilation aber
erst aus dem Ende des XVI. Jahrh. (Archiv f. slav. Phil. XIV, S. 449).
In unbetonten oder kurzbetonten Silben geht unter dem Einflüsse
des /, t?, w das a über in o in: delovc. Das heutige notranje erscheint
bei Vodnik als notrin, notrisko. Wahrscheinlich ist hier ein notrn an-
zunehmen, welches dem altslov. qtr^n^ entspricht.
Der 2- Vocal blieb in betonten Silben unverändert, in unbetonten
und kurzen sank er zu einem unbestimmten Halbvocal herab, der sich
in der Aussprache einem e näherte, so dass der Unterschied zwischen
unbetontem i und e nur gering war. Gewöhnlich wurde dieser Halb-
vocal mit e bezeichnet. Beispiele dieser Lauterscheinung sind schon in
den späteren Schriften Trubar's so wie in anderen des XVI. Jahrh. an-
zutreffen. Viel zahlreicher sind sie bei Skalar und Stapleton (Oblak,
»Doneski« S. 19). Vodnik hat nur wenig Beispiele, darunter z. B.
memo, blezo.
Die Gruppe ri wurde in unbetonten Silben vor dem folgenden Con-
sonanten zu r (er). Das ist hauptsächlich der Fall bei der Präposition
80 Fr. Vidic,
pri, kommt schon bei den ersten Schriftstellern vor und ist auch in den
heutigen Dialecten üblich: perrekujemo, perbezim, perpravil, permesam,
perlog, pergnati, perlozi, perporocit etc. Hieher gehört auch kerstjani,
daneben kristjani. Statt />er findet sich auch />n : prihajam. Axach. pre
ging in per ttber: perdrznem.
Auf derselben Stufe der Schwächung steht ie für ^; dem Vocal i
wurde ein y vorgesetzt und dann wurde in der Lautgruppe /«" das i ge-
schwächt zu f. jegra, jegla; in langen Silben aber blieb natürlich i:
jilnica, jilovka, razjidejo, zajidemo. Eine solche Schwächung ist auch :
devjaski st. deVjaski aus d?)VJaski unter dem Einflüsse des v. Wegen des
nachfolgenden r ward i zu e in : opera, podpera, se podera, zaterati,
zberati u. s. w. In unbetonten und kurzen Silben schwindet häufig das
i: velke (st. velike), bla u. s. w.
Erhalten bleibt das i bei der Conjunction in, welche in den Formen
ino (das gewöhnliche), i und m vorkommt. Bei den früheren Schrift-
stellern findet sich selten ein m, in der Regel mo, woraus nach Abfall
des i — no wurde und daraus noch weiter nu. Bei der Präposition iz^
fiel unter dem Einflüsse von s^ das i ab ; solche Fälle sind häufig : zreci,
znajti u. a. Endlich fiel auslautendes i im Infinitiv ab, wofür ich bei der
Conjugation Beispiele anführen will.
Dem altslovenischen u entspricht bei Vodnik fast regelmässig u und
erleidet beinahe keine Veränderungen. Vor dem anlautenden u steht
gewöhnlich als Vorlaut ein v: iz vust do vust, vuho, vusesa, vurimo,
vurjenjam, vumetnost, vucencov, podvuci, navuk etc.
Dies V war ursprünglich ein bilabiales v, später näherte es sich dem
u und wird heutzutage nicht mehr gesprochen.
Für das silbenbildende r schreibt Vodnik — er: cerka, verste,
pervo, derzis, mertvo, certa, skerb, smert, sterd, serd, kerst, serp,
gerdo, terda, merzlica, serca, zapert, poterdil, vert, zatert etc.
Es findet sich auch — ar, wie parst.
Aus dem silbenbildenden / entstand — ol: solza, popolnim, dolg
etc. Aus j'abJ^ka schreibt Vodnik jableka, jablek. Oblak (»Doneski«
S. 26) erklärt dies, dass auch das Slovenische einen Unterschied machte
zwischen einem kurzen und langen / sonans, dass also auch im Slove-
nischen in der älteren Periode / lang und kurz war.
Auch Vodnik schreibt für das Altslovenische slxnLce, wie seine
Vorgänger sonce. Das / (i) schwand wegen des nachfolgenden ne schon
vor Beginn unserer Literatur (Skrabec: »Cvetjecc III. 3).
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. gl
üa die Palatalen im Slovenischen frühzeitig sich verhärteten, konnte
denselben o respective a statt des zu erwartenden e folgen. In der De-
clination wurde das durch die Analogie der harten Stämme gefördert ;
wir lesen daher : tovarsam, mozam, cepcam, krajam, padezov, krajov,
konjov etc.
Die Unterlassung der Assimilation nach den Palatalen und das
Zusammenfallen der weichen Stämme mit den harten in allen Formen
der Declination muss gewiss schon vor der Mitte des XVI. Jahrh. be-
gonnen haben, denn da finden wir sie schon sehr verbreitet. Sie muss
ihren Anfang schon früher genommen haben, wenn auch nicht in allen
Dialecten zu gleicher Zeit und in gleichem Masse.
Wie die meisten slavischen Sprachen, so vermeidet auch das Slo-
venische den vocalischen Anlaut. Dies geschieht hier durch den Vor-
schlag eines/ vor einem hellen Vocal: jilovka, jegra und durch Voran-
setzung eines v vor den dunklen Vocal : vuk, vusta, vaplena, vaplenka.
Diese Function hat merkwürdigerweise auch g übernommen, besonders
in den Dialecten Oberkrains. Schon Kopitar erwähnt in seiner Gram-
matik S. 293, Anm. 3 : »Der Oberkrainer spricht statt uni auch guni«.
Bei Vodnik kommen diese Formen nicht vor. — Verloren aber ging
dasy vor eden, en ; selbst die ältesten Schriftsteller haben ausschliess-
lich edn, Oblak (»Doneski« S. 27) erwähnt, dass er nur einen Fall
mity gefunden hat, und zwar Trubar psalt. ienu 45a, wenn nicht dabei,
wenigstens in der Graphik, das ino einen Einfluss geübt hat.
Heutzutage lauten in allen Dialecten diese beiden Wörter vocalisch
an, ausgenommen einige östliche Steiermarks und die kajkavischen.
Consonanten.
Die Wandlung des harten l Vixw begann schon um die Mitte des
XVI. Jahrh. Beispiele dieser Erscheinung finden sich schon bei Krelj.
Vodnik schreibt : terpivni, povrativni, delivni, rodiven, dajaven, ka-
zavno etc., dagegen visne/o nebo.
Im part. praet. act. II schrieb Vodnik regelmässig /, Formen wie
storu, hvalu finden sich nicht.
Das erweichte /' ist entweder unverändert geblieben, in den meisten
Fällen jedoch in das mittlere l übergegangen. V scheint dort, wo es
sich auf vorausgehenden Vocal stützen konnte, bewahrt zu sein , geht
ein Consonant voraus, so wird es zu mittlerem 1 : povelje, volje, dalje,
Archiv für elavische Philologie. XXIV. 6
82 Fr. Vidic,
bolj, polju, polje, k veselji, dagegen: locliv, lubav, ludi, grable, zemla,
lubka, lubca, aber auch zele, povele etc.
Bei n schreibt Yodnik bald das erweichte, bald das unerweichte :
lukne, nasledni, sredniga, jagne, premeuujejo, zadnic, zaston, stopna,
prosna, dagegen: luknja, prosnja, stopnja, smolnjak, ulnjak, golobnjak,
skusnjo, poslednje: beide sind ziemlich gleich vertreten, so dass man
daraus nicht schliessen kann, wie Vodnik gesprochen hat. Bei majnsa
tritt das j vor n.
Aus dem erweichten r wurde schon frühzeitig -rj-\ govorjenje,
morje etc.
Wie in allen älteren slov. Schriftstellern des XV. — XVIII. Jahrb.,
findet man auch bei Vodnik cez für crez^ indem die Lautgruppe er zu c
wurde. Die slavischen Sprachen lieben diese Gruppe überhaupt nicht
und suchen sie auf verschiedene Weise zu modificiren; so wurde im
Böhmischen cez und ähnlich auch im Bulgar. (Oblak: »Einige Capitel
aus der bulg. Gramm.« Arch. XVII). In einigen slovenischen Dialecten
findet man sogar cerez. Vodnik hat auch cesna.
Das d und t bleiben in der Regel erhalten, d fiel aus in en-a^ -o ;
noben, «, o und ähnl. Für t steht k: in doJde statt dotle. d fiel aus
in opustik für odpustik ; in tot, povsot steht t statt (/, was auch Kopitar
dem Dobrovsky gegenüber beanstandet hat.
In der Gruppe pj\ hj\ mj\ vj verliert /, welches in Vereinigung mit
den vorhergehenden Labialen sich zu plj^ blj\ mlj\ vlj entwickelte, seine
Erweichung : predstavlamo, jemlemo, zemla, ponavla ; in den Beispielen
wie terplenje wollte die Sprache die doppelte Erweichung vermeiden.
Das V ist abgefallen in ladajo st. vladajo.
In der Gruppe gl fiel das g ab : deslih, delih^ lilitam^ akolili^ lili-
kar. Die Gutturalen gehen in Sibilanten über in Fällen wie otroci^
volcj'e.
G wird zu/ erweicht vor e\ diese Erweichung ist secundär und
tritt im Westen des slov. Sprachgebietes vor jedem weichen Vocal auf:
drujga; das ist eine Dessimilation, entstanden aus drugiga\ das unbe-
tonte i wurde zum Halbvocal geschwächt: drug^ga, und aus drugga
wurde drujga.
S schwand vor dem folgenden ä: seboj, abgefallen ist es auch in
podbudi.
Für das Slovenische ist wichtig die Lautgruppe se für die Theilung
der Dialecte. In dieser Hinsicht scheiden sich der oberkrainische und
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 83
unterkrainische Dialect, mit letzterem geht auch der innerkrainische.
Der erste weist s, die beiden letzteren sc auf. Vodnik schreibt nur 6',
also oberkrainisch : cesenje, zelisa, opusamo, nepokorsine, prebivalse,
isejo, dopusa, obise, drusina, okolsine, sosesini, sternisa; merkwürdig
ist: mastuj, mastovauje.
Die Präposition k geht hie und da über in h: heim.
In Fremdwörtern tritt an das erweichte l ein ?^ an: Apostolne,
Apostelnov, Apostelnom, aber auch Apostolov. Die ersten Schriftsteller
haben das nicht, bei Kastelec aber kommt es schon vor.
Nominale Declination.
^/o- Stämme.
Im Nominativ ist der alte durch das Altslovenische repräsentirte
Thatbestand stehen geblieben nach dem Schwunde des auslautenden
Halbvocals. Der unbestimmte Halbvocal vor dem Schlussconsonanteu
hat sich erhalten und wird bei Vodnik meist durch ^, zuweilen durch e
bezeichnet: tepic, cepic, ogin, konec u. a. So schreiben auch die meisten
älteren: Trubar, Krelj, Hren; bei Kastelec dagegen schwindet er oft,
wie konc u. a. Dieses e oder i wird sonst von allen Schriftstellern bis
ins XIX. Jahrb. beibehalten, in der Mehrzahl der heutigen Dialecte ist
dieser Ersatzvocal des altslov. b und ^ geschwunden.
Neben der Gen. -Endung -a finden sich Formen auf -ü, welche der
e^-Declination entlehnt sind: stanü, rodü u. a. Diese Endung ist auf
einsilbige Wörter mit der Gen. -Betonung auf der Endsilbe beschränkt,
aber auch hier von Vodnik nicht besonders häufig angewendet, wiewohl
er in seiner Gramm, viele solche Subst. anführt, wie: dar, glas, god,
grad, hal, mir u. a., die im Gen. -ii haben können, also : meh, mehü,
aber auch meha und mehä (vergl. Kopitar's Gramm. S. 293). Trubar
liebt die Endung auf -u, dagegen ist sie bei Krelj beschränkt, bei an-
deren halten sich beide Endungen das Gleichgewicht. In den jetzigen
Dialecten ist das Vorkommen der Endung -u abhängig vom Accente
und wir finden die Gen. auf -u in jenen Dialecten, die eine Vorliebe für
die Ultima-Betonung zeigen und im Nom. den Accent = haben (Oblak :
Zur Geschichte der nominalen Declination 24).
Im Dativ hat Vodnik nur -u, -i habe ich kein einziges Mal getroffen,
wie er denn auch in seiner Gramm, nichts davon erwähnt: padezu u. a.
Die älteren: Trubar, Dalmatin, Bohoric, Hren, Skalar haben auch For-
c*
84 Fr. Vidic,
men auf -ovi und -ovu, die aber seit dem XVII, Jahrh. fast ganz ver-
schwinden. Bei diesen älteren findet sich auch i und ist in der jetzigen
Sprache sehr verbreitet, in den östlichen Dialecten fast alleinherrschend :
Küzmic, Volkmer, Schmigoz (Oblak: Zur Gesch.d. nom. Deel. S. 31).
Für den Acc. ist der Gen. eingetreten bei den Lebendes bezeich-
nenden Substantiven. Da also bei den masc, Monosyllabis der Gen.
manchmal die Endung -u hat, ist diese auch im Acc. aufgetreten : tatu
124, sinu 11, 92. Das findet sich auch bei Trubar, Hren, Dalmatin
und zieht sich durch alle Drucke bis auf die Gegenwart.
Der Vocativ ist durch den Nominativ ersetzt worden.
Im Local findet man bei Voduik nur die Endung -u, entlehnt von
den M-Stämmen, während sich von -^ als Reflex des altslov. i kein Bei-
spiel findet: v Bohinu, v licu, v letu, na koncu, po vrhu, na svetu u. s. w.
So schreiben Trubar, Krelj, Dalmatin, Bohoric hauptsächlich in Mono-
syllabis. Auch bei den Subst., deren Stamm auf ■;;' auslautet, haben sie
ausschliesslich -u. Skalar bevorzugt -i. In den heutigen slov. Dialecten
kommt der Local sing, auf -i, -u, -^ (einen dumpfen halbvocalähnlichen
Laut) vor, ja auch die Endung -e (Oblak: Gesch. d. nom. Decl. 46).
Kopitar hat in seiner Gramm. S. 232 auch -ovu und -ovi', ersteres
ist, wie Oblak (G. d. n. D. 54) erklärt, überhaupt nicht aufzuweisen,
letzteres äusserst selten.
Der Instrumental hat bei Vodnik regelmässig und ausschliesslich
-am auch bei den weichen Stämmen: z jezikam, z delam, s koncam,
z vumam, krajam, s cepcam, mozam, tovarsam, casam u.a. Die Endung
-am steht statt des organischen -om und bildet in den heutigen Dialecten
die Regel. Eine Erklärung gibt Oblak (G. d.n.D. S. 57). Diese Endung
ist in den Drucken des XVI. Jahrh. ungemein selten ; Trubar, Dalmatin
nur je ein Beispiel, Bohoric keines, sondern nur -om, -em, auch -um.,
später wird -am immer häufiger und dringt zu Anfang des XVIII. Jahrh.
ganz durch.
Im Nominativ plur. kommt die von den e<-Stämmen entlehnte En-
dung -ove bei Vodnik nicht vor (auch bei den ältesten Schriftstellern
sehr selten), hingegen findet sich -oci: dolgovi, glasovi, bogovi, duhovi,
sinovi u. a. Häufig findet man den von der «-Decl. entlehnten Nom. auf
-je: volcje (wobei der Guttural in den Sibilanten übergeht), bratje,
skofje, vudje u. a. Vor der Endung -i werden die Gutturalen bewahrt:
raki etc., eine Ausnahme macht: otroci. Die Endung -Je ist schon in
"Valentin Vodnik, der erste sloveniache Dichter. 85
den ältesten slov. Denkmälern verbreitet, hauptsächlich bei Personen
und Völkern.
Vom alten Genitiv plur. habe ich bei Vodnik nur moz 117 gefunden,
wiewohl er in seiner Gramm (S. 17) angibt, dass konj, lonec, otrok etc.
auch im Gen. plur. so lauten. Die Sprache entlehnte frühzeitig das
Suffix -ov von den w-Stämmen, welches im XV. und XVI. Jahrh. schon
die Regel ist und natürlich auch bei Vodnik durchgehends herrschend.
Schon die Freisinger Denkmäler haben neben greh mehrmals auch
grecliou. Diese Entwickelung hat ja das Slo venische mit den Schwester-
sprachen gemein. In der heutigen Sprache sind die Gen. auf-oi; bei
den Masc. in allen Dialecten das allgemein liebliche, die historischen
Formen sind nur auf wenige Subst. beschränkt (Oblak: G.d.n.D. S. 102).
Der Unterschied zwischen den harten und weichen Stämmen ist ge-
schwunden: mescov, padezov, krajov, vdarjov, konjov, kralestvov,
morjov, znancov, starsov etc. Diese Ausgleichung hat im Slov. in einigen
Dialecten schon im XVI. Jahrh. stattgefunden, während sich in anderen
der Unterschied länger festhielt. Der Gen. plur. auf das der «-Declin.
entlehnte -i kann in Vodnik nicht belegt werden, ist aber heute in einigen
Dialecten ziemlich verbreitet.
Im Dativ plur. findet man bei Vodnik die histor. Endung -om nicht
mehr, sondern nur -am, welches erst im XVI. Jahrh. aufzukommen be-
ginnt. Bei den Neutris erscheint -am um 150 Jahre früher (Oblak: G.
d. n.D. S. 112). Die älteren haben noch fast durchgehends -om, im
XVIII. Jahrh. hat aber -am das -om schon verdrängt und ist auch in
den Dialecten meist herrschend. Auch im Dativ plur. hat sich der
Unterschied zwischen den hart und weich auslautenden Stämmen völlig
ausgeglichen : Nemcam, mladencam, Slovencam, konjam, pevcam.
In der Gegenwart ist der Unterschied in der Mehrzahl der slov.
Dialecte völlig verwischt. Nachdem sich im Slov. das den w-Stämmen
entlehnte -ov in einigen Casus, namentlich im Plur. festgesetzt hatte,
finden wir auch im Dativ stanovam etc. Vodnik stellt in der Gramm,
neben tatam und tatovam auch tatöm, gebraucht es aber selbst nicht.
Im Accusativ plur. ist die gewöhnliche Endung -e, entlehnt von
den/o-St., so dass das -e als Repräsentant des altslov. ä erscheint. In
den slov. Denkmälern des XV. und XVI. Jahrh. haben wir durchgehends
Acc.plur. auf -e: rake, sogar sine u. a. In der Gramm, erwähnt Vodnik
auch den Acc. tati, der aber bei ihm dann nicht anzutreffen ist. Diese
Form ist nach der Analogie der e<-St. unter der Mitwirkung der «-St. ent-
86 Fr. Vidic,
standen, kommt schon im XV. Jahrh. vor und hat sich in vielen Dialecten
der Gegenwart erhalten (beschränkt auf Monosyllaba). Im Serbokroat.
kommen sie bereits im XIV. Jahrh. vor (Daniele, Istorija 105 — 107).
Auf der w-Decl. beruht wieder : tatove, mehove, domove, gnojove (auch
in den ältesten Drucken und in heutigen Dialecten; Oblak: G. S. 132).
Seite 114 des »Kersanski N.« hat Vodnik »sadez«, was man nach
der Construction als Acc. plur. auffassen muss.
Im Local plur. hat Vodnik ausschliesslich die organ. Formen auf
-ih^ sowohl bei den Masc. als auch bei den Neutris. In diesem Casus
begannen schon im XVI. Jahrh. Formen auf -aJt aufzukommen und ver-
drängten nach und nach das-///, bei Vodnik fanden sie keine Aufnahme.
Das -ah kam wie im Dat. -am zuerst beim Neutr. auf und erst im
XVII. Jahrh. auch beim Masc. Vodnik gibt in der Gramm, auch die
Form tateh an, was den «'-Stämmen entlehnt ist und fast über alle slov.
Dialecte, auf gewisse Wörter beschränkt, verbreitet ist. Im Paradigma
gibt Vodnik auch bogovih und tatovih an (auch bei Kopitar, Gramm.
S. 233) und bemerkt: »po ti podobi (tat) hodio: las, nocht, tast, trak«.
Im Instrumental plur. gebraucht Vodnik fast ausschliesslich die
Endung -tni: koucmi, glagolmi, krajmi, rakmi, glasmi, predlogmi,
darmi, judmi, krizmi, letmy, listmi etc., während die organische Endung
-i nur in den beiden Fällen: z vec soglasniki (10 Gr.) und: pred so-
glasniki von mir gefunden wurde; hier sehen wir auch, dass der Gut-
tural vor i unverändert bleibt. Ausserdem hat Vodnik vereinzelte
Formen auf -mK z glasnikimi, und axd-aini: med ludstvami, z delami.
Die Endung -mi ist den «-Stämmen entlehnt, wiewohl sie auch von den
M-Stämmen hergeleitet werden könnte. Sie kommt bei den älteren Au-
toren vor, bei welchen sich auch seltene Formen auf-«' finden. Die
Endung -mi ist in der gegenwärtigen Sprache fast in allen Dialecten
verbreitet, wenn auch hie und da beschränkt; jünger ist die Endung
-ami. (Kopitar hat in der Regel -i nur bei monosyll.-ywi ; Gramm. S. 225
u. 233.) Vodnik, der in seiner Gramm, den Instr. auf -am gar nicht
erwähnt, betrachtet als Regel -mi und setzt sogar bei den einsilbigen
Substant. ins Paradigma nicht -ovi, sondern -ovmi: bogovmi, mehovmi,
neben mehmi (auch Kopitar so, Pohlin aber hat nur -ovami).
Im Nominativ und Accusativ dualis ist die ursprüngliche Endung
-a erhalten: glasa, raka, tala; die Formen auf -ova sind wie alle durch
-ov- erweiterten Casus auf Monosyllaba beschränkt. So auch bei den
alten Autoren, bei welchen sich selten Formen auf -u und -i finden.
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 87
Im Genitiv und Local dual, erscheint die Endung des Plurals, was
ich nur nach den Paradigmen constatire, da ich sonst diese beiden Casus
im Dual nicht angetroffen habe.
Im Dativ und Instrumental dual, ist die Endung -ama bei den
Masc. und Neutr. von Vodnik geschrieben statt des ursprüngl. -oma,
welches schon im XVI. Jahrh. schwindet : rakama, apostelnama, glasni-
kama, krajama etc. Im Paradigma hat Vodnik auch die Form tatema
wie tatem im Plural.
Die °/o-Declination der MascuUna und Neutra ist also durch Neu-
bildungen aus der m-, i- und consonantischen Declination stark verändert.
a-Stämme.
Die Declination der a-Stämme hat bei Vodnik die ursprüngliche
Gestalt in allen ihren Casus bewahrt.
Der Dativ sing, der Subst. auf -ija, der bei anderen Schriftstellern,
schon ins XVI. Jahrh. zurückreichend, bei der Endung -iji das letzte i
abwirft und dann auf -ij lautet, hat bei Vodnik das zweite -i erhalten ;
nur hat Vodnik das -j- zwischen den beiden -i aufgegeben. Der Genitiv
plur. ist, wie dies in allen Denkmälern und gegenwärtigen Dialecten der
Fall ist, auch bei Vodnik ohne jeden Casuscharakter: nadlog, rib etc. etc.
Allein ziemlich häufig kommt ganz analog dem Serbokroatischen in
diesem Casus die Endung auf -ä vor : greblä, zelä, vrstä u. s. w. Es ist
dies im Slovenischen eine Eigeuthümlichkeit einiger westlichen Dialecte,
jener, in welchen der Ersatz der Halbvocale ein a ist, und die eine grosse
Vorliebe für die Accentuirung der Ultima zeigen. Diese Formen des
Gen. plur. kann man erst aus der Mitte des XVII. Jahrh. nachweisen.
Von den fem. ^-Stämmen ist die Genitiv-Endung -i in die Decl. der a-
Stämme gekommen, die wir bei Vodnik antreffen : besedi (135 G. 16 K.),
zgodbi (21 K.). Diese Endung gewann im Slov. gar keinen Boden und
ist auf wenige Beispiele beschränkt. Trotzdem findet man sie schon bei
den protest. Schriftstellern. Im Local plur. setzt Vodnik, wie Kopitar
;S.243) neben vodah, vodäh auch die Form vodeh, und Metelko bemerkt
(Gramm. S. 185), dass man bei zweisilbigen Subst. vorzüglich in Ober-
krain die Endung -eh findet. Im Instrumental plur. ist bei Vodnik die
historische Endung -ämi fast ausschliesslich : besedami, rokami ; nur ein
Beispiel habe ich gefunden, in welchem die Endung -mi der Decl, der
fem. t-Stämme entlehnt ist, nämlich: kozmi (128 K.) Von koza), die auch
schon im XVI. Jahrh. zu finden ist. Die gekürzte Endung -am aus -ami
88 Fr. Vidic,
findet sich bei Vodnik nicht. Den Dual hat Vodnik in der Gramm, regel-
recht durchgeführt, allein aus den von mir benutzten Werken lassen sich
die Dual-Formen nicht belegen. Bekanntlich ist bei der a-Decl. der Dual
nom. u. acc. in der Gegenwart in den steirischeu Dialecten und einigen,
Krains durch den Plural ergänzt.
i-Stämme masc.
Die Declination der masc. e'-Stämme wurde, wie die der w-Stämme,
in die '&/o-Decl. übergeführt; Spuren davon, die sich noch bei den
ältesten Schriftstellern finden, wie Gen. gospodi, Dat. gospodi etc., hat
Vodnik nicht. Das Subst.jwo^ decliuirt Vodnik nach den fem. e'-Stämmen
take poti (acc. plur.), indem er sagt: »po ti podobi (zival) sklanjamo
c) tudi enozlozue lue ino pot« (Pism. S. 33). In Ijudje ist, wie bei allen
Autoren und in allen heutigen Dialecten, so auch bei Vodnik die e'-Decl.
vollkommen bewahrt. Vodnik schreibt S. 18: »Mnozno ime ludje od
edinjiga lud, ima svoje posebno sklanjanje, tako: ludje, ludi, ludern
ludi, per ludeh, z ludmi«.
i-Stämme femin.
Die fem. ^-Decl. hat sich bei Vodnik in ihrer ursprünglichen Ge-
stalt bewahrt, nur im Plur. findet man Uebergänge in die a-Stämme.
Der Instrumental sing, geht auf -Jo aus : zivaljo, klopjo. Im Plur. ist
der Nom. u. Acc. erhalten, im Genetiv aber ist der alte Zustand durch
Analogiebildung gestört; Vodnik schreibt nämlich Gen. plur.: zival.
lastnost, pot, perloznost — also eine Analogie nach den ö-Stämmen ;
dies tritt schon um die Mitte des XVI. Jahrh. auf.
Vodnik unterscheidet aber hier, wie auch die älteren Grammatiker,
2 Classen, indem er bei Subst., die im Gen. sing, das Casussuffix be-
tonen, die Endung -i hat, also: pedi. Im Dat., Local und Instrum. ist
der Uebergang in die a-Decl. noch stärker : vucenostam, v zapovdah,
dolznostam, proti oblastam, z mislami, strastam, med dolznostami, pred
boleznam etc. Dasselbe findet man auch bei den Aelteren, nur haben
diese -om. Der Local lautet bei Vodnik ausser der schon erwähnten
Endung -ah auf -ih : v stvarih, v strastih und nur in den Subst. mit
Ultima-Betonung neben -ih auch -eh: pedeh. Im Instrum. neben dem
schon erwähnten -ami hat Vodnik -i7ni, -mi und -i: zivalimi, stvarmi.
pedmi.
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 89
u-Stämme.
Die Decl. der w-Stämme ist ganz in der a-Decl. aufgegangen.
Vodnik erwähnt sie auch in seiner Gramm, nicht, sondern reiht sie gleich
unter die a-Stämme. Im Nom. sing, findet man neben der Endung -ev
und -ov auch -va : cerkev, cerkva. Das Wort kri^ altslov. krivi., hat
Vodnik unter der e-Decl. und erklärt (Gramm. S. 35): »kri ali kerv ima
kervi in kervi ino tako dalje«.
Consonantische Stämme.
Die Declination der cons. Stämme hat, wie überhaupt im Slov. schon
im XVI. Jahrb., so auch bei Vodnik ihre Sonderstellung vollständig ein-
gebüsst und ist mit Beibehaltung des consonantischen Stammauslautes
vollkommen in die Decl. der w/o-Stämme übergegangen. Vodnik schreibt
in seiner »Pismenost« (S. 12): »ktire (imena) se pa koncajo z -e ali -e,
perjemajo v drugih padezih k sebi -/-, ino imajo v imenovavnimu mnoz-
nimu konec na -j'e^ kakor oce, oceta, ocetje. . . . Oca pa gre prav, to je,
oca, ocu, oca, per ocu, z ocam«. Vodnik unterscheidet daher die Decl.
bei oce je nach dem Nom. »oce« oder »oca«. Bei den Neutren schreibt
Vodnik (Pism.S.26): b) »konci -me ino -me perjemajo -n -k sebi, kakor
teme, ime, i. t. d. t^mena, imena; c) Drevo, kolo, pero, slovo, telo, med-
stavljajo — es ino imajo drevesa, kolesa i. t. d. Cudo ima cuda ino cu-
desa, nebo, neba ino nebesa u. a; v mnoznimu cudi, cudov, al pa cudesa
po podobi dela; nebo ima samo nebesa, nebes u. s. w.« Den Bedeutungs-
imterschied, den Oblak (Z. Gesch. d. n.D. S. 235) angibt, nach welchem
nehesa coelum, nebo das Firmament und den Gaumen bedeutet, hat
Vodnik nicht. Seite 26 sagt er weiter : »Oko ima v edinjimu ino dvojst-
nimu ocesa i. t. d. Vmnoznimu pak ima oci, je zenskega spola in hodi
kakor vas« (Paradigma ped mit Gen. Suf. Betonung). Für da7i gibt er
eine besondere Decl. : dan, dneva, dnevu, dan, per dnevu, z dnevam :
dvojst. dneva, dnev, dnema, dneva, per dneh, z dnema; mnoz : dnevi,
dni, dnem, dni, per dneh, z dnemi. In gleicher Weise behandelt die
cons. Stämme auch Kopitar (Gramm. S. 240). In der Behandlung der
alten s-Stämme scheiden sich die heutigen Dialecte in eine nordöstliche
und südwestliche Gruppe, bis auf geringe Ausnahmen. In der ersteren
sind die 5-Stämme vollständig in die '»/o-Stämme übergeführt, während
in der letzteren noch der conson. Stamm bewahrt erscheint (Oblak, G.
S. 237). Für die beiden r-Stämme mati und Jici sagt Vodnik, dass sie
90 Fr. Vidic.
eine eigene Decl. haben und zwar nach der Analogie der a-Stämme ; der
Acc. sing, mater, der Instr. hat die Endung der ^-Stämme materjo.
Personalpro)iomina.
Beim Personal-Pronomen halten sich bei Vodnik die kürzeren und
längeren Formen das Gleichgewicht; in der I.Person ist der Umlaut
des j'az zu jes, den wir auch bei Anderen finden und der auch noch
heute fast in allen Dialecten ist. Beim Dativ mi und ti elidirt Vodnik
das i und setzt dazu einen Apostroph (Pogolt.): kaj t'je na ocesu?
M' oteka; auch das si verliert oft das -^: s'bo pomagal; das hat Vodnik
dem Dialecte abgelauscht. Im Dual der zweiten Person hat Vodnik üa,
ve und in der ersten ma^ me, wofür man heute gewöhnlich midva, vidva
setzt. Die dritte Person on unterscheidet Vodnik vom Demonstrativ-
pronomen, indem er sie regelmässig on schreibt, während er für das
letztere un hat.
Pronominale Declination.
Poss. pron. Vodnik schreibt im Genetiv svojiga, dat. svojimu
u. s. w. In den älteren Autoren kommen die Formen svojga, svojmu
vor. Nach Skrabec (Cvetje IL 9) sind Formen wie mojga, mojmu, da-
durch entstanden, dass an Stelle des -e- in mega, memu u. s.w., welches
sich in den Freisinger Denkmälern findet, das -oj des Nom. trat. Daher
ist nach seiner Meinung in diesen Formen kein Vocal ausgefallen. Vodnik
declinirt, wie wir bereits gesehen, die Poss. pron. ganz wie Adjectiva,
was er auch selbst erklärt (Pism. S. 60). Statt des Pronom. poss. ist oft
auch der Genetiv des Personal-Pron. zu lesen : njega dusa, nje duhovnih
sluzabnikov, njega precudnih del etc.
Das Pronomen demonstr. wird nach der Analogie der zusammen-
gesetzten Decl. declinirt: tistiga, timi, tim, tih. Vodnik kennt wohl auch
taisti, -a, -o, gebraucht aber gewöhnlich tisti, -a, -o. Beim Pron.yö ist
zu bemerken, dass Vodnik in der Regel die langen Formen gebraucht :
na njemu etc.; es finden sich aber auch die kürzeren, wie nanj (44 K.).
Der Local ist unter Anlehnung an den Dativ falsch: njemu. Eine Pa-
rallele findet man im Kroat., woselbst am Ende des XV. und im ganzen
XVI. Jahrh. der Dativ statt des Locals steht. Der Accnsativ lautet /e'A
und njih. Die ältesten Schriftsteller schreiben auch nje^jc (Mikl. Gramm.
III. 148, Levec »Trubar's Sprache« 1 7) . Heutzutage hat sich diese Acc-
form nur in den östl. Dialecten Steiermarks und in der Görzer Mundart
Valentin Vodnik, der erste slo venische Dichter. 91
erhalten. Nach Daniele (Istorija S. 202) begann im Serbokroatischen
der Acc. schon im XIV. Jahrh. zu schwinden und wurde im XV.Jahrh.
gänzlich verdrängt. Pron. vhsh : nom. ves geht nach der zusammenge-
setzten Decl. vsiga, vsih, vsimu, vsim etc.
Das Pronomen relativum lautet bei Vodnik katir, ktir, kir und ki ;
letztere Form ist die jüngste und kommt erst im vorigen Jahrh. auf.
(lieber kir Cvetje VI. 10, 1 1.) Von ktir habe ich gefunden : ktire (fem.
plur.), ktirga, ktirih, v ktirih. Zur Verallgemeinerung fügt Vodnik ein
-kol hinzu : ktirgakol. Sie decliniren nach der zusammengesetzten Decl.
Von ki hat Vodnik den Gen. koga u. ciga, Dat. komu u. kimu, Acc. koga,
kiga etc. plur. Instr. s kimi, cimi. Auch ko gebraucht er : ktiri so sa-
dezi, ko jih obdelujemo (also Acc.) und ke: zeli, ke zive cloveka — für
ktire nom. plur. fem. (121 K, 28 G).
Das Pronomen interrogativum : khmo lautet kdo, indem das h
schwindet ; im Genetiv neben koga auch ciga.
Das Pronomen indefinitum lautet nekäo^ negirt niTice\ ^Qn.nikogra
und nikogar, wozu Kopitar bemerkt: »nikogra ist grob gefehlt«. Dat.
nikomur. Für das altslov. kbzdo (quisque) findet man bei Vodnik sieden
und slehrin^ sicheren^ für beide aber auch vsak.
Zusammengesetzte Declination.
Der Genetiv masc. und neutr. geht bei Vodnik nur auf -iga aus :
apostolskiga, bogatiga, bolniga, zdraviga, celiga, lanskiga etc.; der Gut-
tural bleibt vor dem i erhalten : drugiga neben drujga. Der Dativ en-
digt auf -imu : zadnjimu, k drugimu, k vecnimu, lepimu etc. Der Local
ist gleich dem Dativ: v treljimu, v svetimu, v zadnimu. Manchmal hat
er sich mit dem Instrumental ausgeglichen, und beide lauten dann auf
-im: V kratkim, na gorenskim, z lepim. Genetiv und Local plur. lauten
auf-e'/ii lepih; Dativ plur. : lepim. Im Instrumental ging das -i ver-
loren; im Paradigma hat zwar Vodnik: lepimi, sonst aber findet sich:
s ptujmi, neznanmi, med recenmi. Der Nominativ und Accusativ plur.
neutr. geht immer auf -e aus: plemenivne stevila, mozke in zenske
imena, duhovne in telesne bitja. Im Paradigma setzt Vodnik das -a in
die Klammer (S. 37). Diese Formen auf -e sind nach der Analogie des
Acc. plur. fem. gebildet. Bei den älteren Autoren findet sich diese En-
dung nicht.
Zu erwähnen ist der Genetiv zlega (63 K). Das Wort kommt noch
heutzutage wie zu Trubar's Zeiten (Levec S. 10) im Vaterunser vor.
92 Fr. Vidic,
Auch Vodnik hat es hier : Temozh refhi naf od slega. In den älteren
Schriftstellern findet sich dasselbe auch sonst nicht selten.
Nach der nominalen Declination habe ich nur: z lepo (111 G) ge-
funden.
Comparativ und Superlativ.
Im Comp, fügt Vodnik die Endung -si und -j'i an : bolsi, lepsi, ime-
nitneji; von velik bildet Vodnik veksi u. veci; von eist: cisji, cisteji u.
oistejsi; tolst: tolsji; gost-gosji: drag-drajsi; redka-rejsi, die in den
heutigen Dialecteu gewöhnlich nicht vorkommen. Die Declination des
weiblichen Comparativs hat in allen Casus die gleiche Endung -i, ob-
gleich Vodnik zugibt, dass man es auch wie ein Adjectiv decliniren
kann. Der Superlativ wird gebildet durch Vorsetzung von nar- oder
naj\ wovon nar- das Uebergewicht hat. Ncr, welches bei Trubar und
Anderen vorkommt, findet sich bei Vodnik nicht.
Conjugatio9i.
Das Suffix des Infinitivs bleibt in der Mehrzahl der Fälle unver-
ändert: djati, vediti, zvumiti, zreti, zreti, zaterati, vediti, zapopasti,
verovati, darovati etc. Häufig aber fällt das auslautende -i ab; slisi
govorit, dam natiskat, znam govorit, ne dajo locit, spela prelomit, vkaze
zdelat, oblubi dat etc. Dies geschah nicht bloss auf phonetischem Wege,
sondern auch unter Mitwirkung des Supinums. Diese Verwechselung
des Inf. und Supin. reicht im Slov. wenigstens ins XV. Jahrh. zurück
(Arch. XI. S. 588).
Auch im Serbokroatischen beginnt das auslautende -i des Inf. be-
reits am Ende des XIV. Jahrh. zu schwinden (Daniele, Ist. S. 255).
Vodnik schreibt (Gramm. S. 128): »Neokoncavni persekan naklon (sup.)
delamo veasi zavol lepsiga glasa, kadar bi dva glasnika, zlasti dva i
vkup prisla«. Hauptsächlich ist es ihm um die Schönheit der Sprache
zu thun, wie er denn oft derselben Rechnung tragen zu müssen meint.
Nach Vodnik muss stehen das Supinum bei Verben der Bewegung, bei
Adjectiven lahek, tezek, vreden u. a. ähnlichen, und bei Verben, welche
einen Befehl ausdrücken. Der Inf. statt des Sup. ist bei Vodnik nicht
anzutreffen. Auch die Schwächung des -ti zu -te findet sich bei ihm
nicht. Bei den Verben der I. 4. Cl. hat der Inf. die alte historische En-
dung -c^, nicht -cti^ die jetzt in einigen Dialecten gesprochen wird,
also : reci.
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 93
Die Endung -ste in der IL Pers. plur. piaes., die den Dial. Inner-
krains eigen ist und nach Analogie der Verba: veste, daste, greste ent-
standen ist, findet sicli bei Vodnik nicht. In der III. Pers. plur. ist die
kürzere Form mit Schlussbetonung nicht selten: leze, stojö, zarode,
zatope, zde, trp^, spremene, sramot^, moz^, hrepene, zapuste, etc. etc. ;
die kürzeren Formen auf -o wie rekö sind bei Vodnik nicht üblich.
Doch sind auch die erweiterten Formen häufiger, als bei den ältesten
Schriftstellern: navadio, stavio, opomnio, glasio, izrekvajo, operajo,
idejo, pozabijo, molio, hranio, hodio, pravio etc. Aus den angeführten
Beispielen erhellt, dass sich die Sprache Vodnik's in Bezug auf die An-
wendung der kurzen Formen von der jetzigen Schriftsprache wenig
unterscheidet. Bei den die Stammsilbe betonenden Verben der IV. CI.
stehen nur die längeren Formen : hranio, hodijo, pravio. Einflüsse des
Präsens auf andere Formen sind nicht zu finden.
Das Participium praes. auf -e fehlt, es kommt nur das aus dem
Casus obl. auf -ob (ec) gebildete vor. Dasselbe weist regelmässige Bil-
dungen auf: siskajoc, bogabojec, verujoc; doch sind falsche Bildungen
nicht selten : gonioc, grizejoo, vucioc, prosioe etc.
Diese Formen sind nach der Analogie der erweiterten III. plur.
praes. gebildet. Nachdem die III. plur. das -e- aus den übrigen Personen
erhalten, drang dieses auch ins Particip ein. Schon Trubar hat prideoc
(Levec S. 27) u. s. w. Der Hiatus wurde durch Einschaltung eines /
vermieden : vzemejoc etc.
Conjugation mit dem Präsenssufßx.
Das altslov. hqdq weist bei Vodnik, wie schon in der Mitte des
XVI. Jahrb., beide Formen auf: bom u. bodem; bo, bomo, böte, bodo.
Die kürzeren Formen überwiegen mit Ausnahme der III. Pers. plur. Ein
bojo oder bodejo, welche jünger sind, kommen bei Vodnik nicht vor.
(Zur Erklärung des bom u.s. w. vergl. Mikl. Gramm. III. S. 160, Jagic,
Cod. Marianus S. 447, Oblak »Doneski« S. 41.) Ebenso steht es mit
grem^ gres, gre gegenüber dem altslov. greda und dem slov. gredem.
Auch hier spricht man von einem Ausfall des -e und einer Assimilation
des -d-: gredem, -gredm, -grem, was aber nicht geschehen konnte.
Schon die ältesten Autoren schreiben im ganzen Sing, -d- und im Plur.
die kürzeren Formen. Der erste, der die längere Form hat, ist Skalar,
er schreibt schon grede und diese wiederholen sich dann bei den spä-
teren, und wir finden sie auch bei Vodnik. Oblak (»Doneski« S. 43)
94 Fr. Vidic,
meint, dass die III. Plur. gredö das ganze Präsens reformirt habe.
Vodnik hat also gredem u. s. w., gredo etc.
Das Verbum moci bedeutet ausser »können« auch »müssen« : v soll
mores molcat, moremo biti tas. Auch heutzutage hat das Verbum in der
Volkssprache diese doppelte Bedeutung. Die Volkssprache hilft sich
dabei folgendermassen : morem wird positiv in der Regel als «müssen«
gebraucht: »to mors (mores) storiti« = das musst du thun; negativ
aber hat es die Bedeutung »können«: ne mor(e)m tega storiti = das
kann ich nicht thun; negativ müssen (dürfen) heisst »ne smem«, positiv
»können« aber wird durch das Adverbium lahko umschrieben: »Kannst
du mir das thun: Ali mi lahko storis?« Auf diese Weise wird jedem
Missverständnisse ausgewichen.
I. 5. Der Stamm -im hat bei Vodnik im Präsens -Jmem-: prejme,
amem = vzami, verjami.
L 6. Bemerkenswerth ist die Präsensform merjem, altslov. nihrq^
mtresi I. 6. Der Stamm -ml- lautet aber schon im Altslov. meljq\ es
hat hier eine Anlehnung an die Stämme V. 2 stattgefunden.
Der Unterschied zwischen den Verben I. 6 und V. 2 herja., holjq
ist überhaupt nicht consequent durchgeführt: es lassen sich keine
scharfen Grenzen zwischen beiden ziehen. Im Sloven. muss schon im
XVI. Jahrh. umrjem-umerjem gesprochen worden sein. So schreibt
schon Trubar im I. Catech. vmeryes etc., ebenso Krelj , der sogar die
kürzere Form in der III. pl. aufweist (Obl. Doneski S. 45).
I. 7. Das Part, praet. pass. wird bei Vodnik auf -t gebildet, wäh-
rend es die Aelteren auch auf -n bilden, Trubar : razodeven, skriven ;
dieses auch bei Vodnik in skriven pisar.
II. Cl. Im Part, praet. der II. CI. ist das -n- vor -en bei Vodnik
graphisch nicht erweicht: natisnen, pahneni, zategneni, pretegneni etc.
Er schreibt es also hart, wie in der alten Sprache. In vielen Dialecten
spricht man jetzt ein erweichtes -w-, weil die Verba der II. Classe sieh
an die der IV. Cl. anlehnten und sich im Infin. zunächst mit denjenigen
Verben der IV. Cl. ausglichen, welche im Inf. vor dem Suffixe -i- ein
-n- haben und sehr zahlreich sind: braniti, ciniti, goniti, hraniti. Eine
Erweichung hat schon Krelj, ebenso Hren und Skallar: vkleneni, preo-
brnjen u. s. w. Wie nun Vodnik die Weichheit des n in anderen Fällen
nicht bezeichnete, so geschah es auch hier nicht, obwohl anzunehmen
ist, dass es weich gesprochen wurde.
III. 1 . Der Stamm ima wird mit der Negation ne stets zu einem
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 95
Worte verbunden ; die Conjugation ist regelmässig ; der Imperativ
lautet: imaj.
ni. 2. Der Stamm hole conjugirt regelmässig und hat: hocem,
hoteti, hotel, ausserdem aber noch eine kürzere Form cem. Die Form
lioco^ welcher im Altslov.Äoi'^a entspricht und die sich in Trubar's Mat-
thäus ausschliesslich findet, ferner bei Kastelec, Stapleton, Skallar vor-
kommt, kennt Vodnik nicht. (Vergl. Oblak, Doneski S. 45, und Zavadlal,
Kastelic's Sprache S. 32). Diese Form hoho lebt noch heutzutage bei
den Belokranjci und in den venetianischen Dialecten, wo man noch co
und cjon spricht. An co trat das m von den übrigen Verben ; aus die-
sem com entstand dann erst nach Analogie der übrigen Präsensformen
cem. Thatsächlich hat schon Trubar in seiner Postille I. 134 com
(Cvetje IX. 9). Sich stützend auf das venetianische co7i darf man com
nicht als Machwerk eines Schriftstellers betrachten ; die Form lebte in
der Sprache. Das Part, praet. act. II lautet regelmässig hotel; wegen
des Accentwechsels wird aber das e zum Halbvocal, der dann schwindet :
hotlo. Mit der Negation verbunden heisst das Verbum nocem, aber auch
necem.
IV. Neben regelmässigen Formen im Part, praet. pass. preslavlen,
lublen, kuplen, wo jedoch die Erweichung fehlt, finden sich auch solche,
in welchen der Consonant vor -en unverändert erscheint : mlaten, buden,
razsrden, naluden, obuden, vstanoviten. Diese Formen sind unter dem
Einflüsse des Präsens entstanden, sie finden aber ihre Begründung in
dem Bestreben, den Stamm des Verbums möglichst erkennbar zu er-
halten. Krelj schreibt noch: zapecaceno. Auch im Serbokroatischen
beginnen die Neubildungen mit unverändertem Consonanten vor ~eu
erst im XVI. Jahrh. (Daniele, Istorija 396).
V. Cl. Schon im Altslov. wurden viele Verba der V. Classe sowohl
nach der 1. als nach der 2. Gruppe conjugirt: gybati-gibaja oder giblja,
duhati-duhaja und dusa. Auch im Sloven. haben wir mehrere solche
Verba wie: jokatl-jokam und jocem, plakati- piakam und placem,
peljati-peljam und peljem, glodatl-glodam und glojem; Im Allgemeinen
Ist eine Vorliebe für die IL Gruppe bemerkbar, Vodnik conjugirt peljatl
nach der I. : perpelanl, spela, zapela.
VI. In Skodova III. pers. sing. Ist der Elnfluss des Inf. skodovati
zu bemerken, statt skoduje.
96 Fr. Vidic,
Ohne Präsenssufßx.
Vom Stamme ved lautet der Imperativ povej und eingeklammert
hat Vodnik auch povi; 3. plur. vejo oder vedo; vejo ist jünger und
nach der Analogie der thematischen Verba gebildet. Vom Stamme dad
lautet die 3. plur. dade, dado und dajo. Dade ist die ältere Form, dado
entstand durch die Anlehnung an die Verba der I.Cl. 1. In der 2. plur.
lautet es nur daste st. date, welches noch später aufkommt, als dajo.
Die ersten Schriftsteller aus dem XVI. Jahrh. und aus der Mitte des
XVII. Jahrh. kennen noch nicht die Form date, sondern nur daste] der
erste hat J. Bapt. date (Oblak »Doneski« S. 49).
Zur Syntax.
Adjectiva, die bei Vodnik ohne dazugehöriges Substantiv als Sub-
stantiva gebraucht werden, sind: mlajsi = die Jünger (26 K.); poslani
bozji = die Gesandten Gottes (43 K.); pomazan gospodov = der Ge-
salbte des Herrn (45 K.); nase obilno = unser Ueberfluss (107 K.);
brezglasni predkoncni = tonlose Penultima (16 Gr.); sturiven ^= Instru-
mental; V edinjimu ino dvojstnimu (26 G.) = im Singular und Dual;
dvanajst zlatih dam (49) 12 Ducaten etc.
Das Adjectiv oder Particip und das Pronomen poss. wird gewöhn-
lich vor das Subst. gesetzt, häufig aber findet man es auch nachgesetzt:
ludi pravicne (14 K.), de Bog je duh neskoncen, vecen (16 K.), Jezusa
Kr. prerokvaniga, obljubniga in cakaniga (22 K.), beseda bozja, vecna,
ocetova (23), pod oblastjo cerkveno (29 K.) etc.
Statt des Adjectivs wird das Adverbium gebraucht: Bog je bitje
neskoneno popolnima (16 K.), ktere med bozjimi stvarmi so narbolj po-
polnim (19 K.), popolnim obzalvanje (80 K.), sploh zastopnost allge-
meines Verständniss u. s. w. Dagegen steht in : isi neutruden spoznati
wahrscheinlich das Adject. für das Adverb, neutruduo (114 K.).
Seiner Kegel, dass die Numeralia von »jue^« an Substantiva sind
im Nom. u. Acc, in den anderen Casus aber Adjectiva, handelt Vodnik
zuwider: po tih stirdeset letih (10 K.), v sest dneh (5 K.). Bei Auf-
zählungen sagt Vodnik: prvo, drugo, tretje (88 G.).
Statt des possessiven Pronomens der III. Person aller 3 Numeri
setzt Vodnik gerne den Genetiv des Personal-Pronomens : po nje vdi-
hanjü (28 K.), nje navuke, v nje narocju (30 K.), sege njih verstva
(35 K.) etc.
Wahrscheinlich deutschem Einflüsse zuzuschreiben ist der fehler-
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 97
hafte Gebrauch des Possessiv-Pron, statt des reflexiven svoj\ obwohl
Vodnik die Regel in seiner Gramm, aufgenommen hat (S. 121), befolgt
er sie selbst nicht consequent und fehlt oft dagegen: »K potrjenju nje-
gove bozje nature (je clovek postal) (13 K.); Verujem s celim mojim
srcam, s celo mojo duso (37 K.). Postuj tvojega oceta (38 K.). Ne zeli
tvojiga blizniga zene (39 K.). Ljubi gospoda, tvojiga Boga, aber gleich
darauf: ljubi svojiga blizniga (39 K.) spoznam vso mojo podloznost
(77 K.), sklenem moje grehe spokoriti (7 7 K.). Umgekehrt wird auch
svoj gebraucht, wo es nicht berechtigt ist: ker v Rimu je stol sv. Petra,
prviga med Apostelni in med Papezi, svojimi nastopniki (29 K.); Daj
njim odpusanje vsih svoj'ih grehov (98 K.). Kdor jemlje ali hrani, kar
ni svoje (106 K.). Kadar popisujemo kaksino rec po svoji kaksinosti
(117 Gr.).
Um das Demonstrativ-Pron. von dem persönlichen on zu unter-
scheiden, schreibt Vodnik immer un -a -o; za unimi hinter jenen
(31 Gr.) ; une dve narveco = jene zwei grössten (33 K.), na unim svetu
auf jener Welt (55 K.).
Obwohl Vodnik die Regel aufgestellt hat, dass wir keinen Artikel
besitzen, «tedaj nimamo clena, kakor ga imajo Nemci, Lahi, Francozi in
drugi(f, konnte er ihm doch nicht vollkommen entsagen und gebraucht
ihn noch hie und da: eno djanje njegove volje (5) imenovan ta zelno
cakani Mesias; si govoril od ene Trojice (18 K.); te druge besede (27);
od tiga daru gnade (28 K.); ta druga (39 K.); Kaj je en zakrament
(65 K.); brate, sestre in te svoje (108 K.).
Seite 133 seiner Gramm, schreibt Vodnik: »Tudi narecje tie ino
vsi odrecivni izreki stavio svoj predmet v rodivniga« — allein er fehlt
oft selbst gegen diese Regel: Ne imenuj njegovo ime (38 K.); Cerkev
ne daje enako cast (40 K.); Nikar si ne delaj sam pravico (107 K.).
Merkwürdig ist die Construction : ne bomo jenjali glasiti tvoje smilenja
(wenn es nicht tvojega heissen soll) (91 K.). Ta razlocik ne delamo
(5 G.); revne ne smemo nikdar zasmehvati (166 K.).
Wenn voran ein neutrales Subst. geht, und darauf folgt ein Adj.
oder ein unbestimmtes Pronomen (Artikel), so wird dasselbe männlich
gebraucht: Ima dvoje sklanjanje, za vsaki spol eniga (36 G.); To pis-
menstvo sim v letu 1807 po nemsko spisal, zdaj ga dam svojim rojakam
V naso besedo prestavlenga (VIII G.). Auch bei leblosen Subst. setzt er
den Acc. sing, gleich dem Gen.: perviga soglasnika jemlemo (6 G.). Ima
tozivniga edinjiga enakiga (15 G.).
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 7
98 Fr. Vidic,
Für das Verbutn »müssen« wird in der Regel die Umschreibung
mit »imam« gesetzt: namen imamo imeti (37 K.); de imamo zadovoljni
biti (47 K.); kaj imamo delati (73 K.); kako se imamo spovedati
(84 K.). Manchmal wird auch »more« für »müssen« gebraucht, was
bereits erwähnt wurde: kaj more obzalvanje v sebi imeti (80 K.).
Vodnik gebraucht das Iterativum des Verbums noch nicht regel-
mässig; oft setzt er es nicht, wo es stehen müsste : obseze st. obsega;
opremo st. opiramo; perpisemo st. perpisujemo; skusil st. skusal; pre-
pove st. prepoveduje; druge obrekel st. obrekoval.
Trotzdem Vodnik äusserst häufig Verbaladjectiva gebraucht, setzt
er doch noch oft Infinitive, wo sie nicht berechtigt sind und reine Ger-
manismen bilden: za vstanoviti poklice (12); za pokazati etc. Die En-
klitike finden wir oft an erster Stelle, was bei den älteren Schriftstellern
oft der Fall ist (darüber schrieb Dr. Murko im »Letopis Matice Slov.«
1893): Si govoril od ene trojice (18 K.) ; je pa dober sosed (101 K.) ;
Smo dolzni imeti (108 K.); se so vuceniki (109 K.) ; so dobrotniki
(109 K.); je tudi domovina (109 K.) etc.
Die subordinirten Sätze haben manchmal die Stellung von coordi-
nirten Sätzen, so dass sie nach Entfernung der Conjunction oder der
Partikel förmliche Hauptsätze sind : De Bog je vstvaril cloveka (1 5 K.) :
de Bog je duh neskoncen (1 6 K.) ; Ako J. Kr. je pravi Bog (24 K.) ; de
J. Kr. vclovecen ima (27 K.) ; De te molitve so bolj prietne (73 K.) ; Ki
tukaj se daruje etc. Die Setzung des Verbums ans Ende der subordi-
nirten Sätze ist eine Beeinflussung des Deutschen.
Lexioalisehe Bemerkungen.
Schon im Anfange dieses Capitels hob ich hervor, dass Vodnik in
einer Zeit auftrat, in welcher P. Marcus mit seinen verworrenen An-
sichten über die Sprache in linguistischen Fragen als Autorität galt.
Es gereicht daher zum Lobe Vodnik's, dass er, obgleich er anfangs auf
dem Pfade Pohlin's wandelte, doch zu rechter Zeit erkannte, dass er
sich auf falschem Wege befinde, und sich gegen P. Marcus stellte.
Ueber seine Vorgänger und speciell über P. Marcus urtheilt Vodnik in
einem Aufsatze »Povedanje od slovenskiga jezika« (Novice 1797,
Nr. 83 — 102; Wiesthaler 1. c. S. 59): «Bohoriceva Grammatika se je
razgubila, Hypolitova je premalo med ludi persla. SIeherni pisavec je
krajnsko pisal, kakor se mu je zdelo; nobeden ni gledal na eno stano-
vitno vizo, vstavo ali red. Pisarji poprejsniga stoletja so se dosti derzali
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 99
po Bolioricu, al v' sedajnim stoletji so rili naprej, inu z' kranjskim pi-
sanjam delali, kakor presic z' meham. — Oce Marka vidioc to
nadlogo, je spisal eno novo gramatiko v' leti 1768. On je imel v' buk-
visi tega klostra Bohoricevo, inu Hypolitovo grammatiko, vunder dru-
gaci je napravil svojo, njo na dan dal, inu rekel: de do njegovih casov
se nobene kranjske grammatike ni bilo. AI potle smo zvedeli, de on je
imel poprejsne gramatike; zatorej naj gleda sam gori, kako si je upal
neresnico govoriti inu pisati. — Oeetu Marku smo hvalezni za vec reci
AI nekatere reci zastopnim niso dopadle ; on je namrec
Stare mejnike brez uzroka prestavil; od stareh gramatik odstopil; pisal
kakor Lublanski predmestnani govore; ni gledae na cistisi jezik polan-
cov, inu dalec od Nemcov stojecih starih krajnski zarodov. On je pre-
vec nemsoval, namesti de bi bil slovenil. V'enkatereh besedah je brez
potrebe hrvatil, v' drugeh premalo unajne slovence cislal, ker je lahko
inu treba«.
Hier zählt er also die Hauptfehler Pohlin's auf. Und Vodnik war
es, der unter dem Einflüsse des Zois und der romantischen Ideen, sein
Augenmerk auf die Volkssprache richtete und diese als Urquell des
Sprachschatzes bezeichnete. Oftmals hebt er dies ausdrücklich hervor :
»Te dni je eden rekel, da kranjskimu jeziku besedi manka, de je vbog;
inu je nekatere nemske besede za skusinu postavil, od katerih meni, de
ih ne moremo po krajnsko reci (Vodnik gibt dann für einige deutsche
Wörter mehrere slov. Bedeutungen und fügt hinzu): Krajnski jezik je
sam na sebi bogat, le ludje so revni na besedah ; zato, ker premalo spo-
mina imajo na to, kar ih je mati ucila« (Wiesthaler 1. c. S. 185). Man
solle schreiben »v takim jeziki, kakor ga kranjci po dezeli govore, ka-
dar se niso spaceni od nemsine tt (Wiesthaler S. 189). Und an einer
anderen Stelle (Wiesthaler S. 214) sagt er: »jes pravim: mi moremo
krajnske slovenske besede poiskati semtertje po dezeli raztresene, ino
na to vizo skup nabrati oisto slovensino. Skusna me uci, de ni lahko
stvari najditi, katira bi se v' enim al saj drugim koti prav po slovenski
ne imenvala; ce je pa kaj novic znajdeneh inu starim slovencam nez-
naneh reci, se znajo te po unajnih jezikih imenvati, ako bi jo mi ne
mogli iz ene slovenske korenine karstiti«; und an einer anderen Stelle
wird gesagt: »krajnsina bogata je, bogata ino cista na kmetih; pa
kmalo bode se v mestu, sej po predmestih je ze od nekda« (Wiesthaler
S. 263). Wenn in der lebenden Sprache ein Ausdruck nicht zu finden
wäre, dann könne man seine Zuflucht nehmen zu den älteren Schrift-
100 ^'^- Vidic,
stellern und zur altslovenischen Sprache: »Za zdej bodem kratko rekel,
de z' pomocjo nekidanih bukuv slovenskih se bode nasimu kranjskimu
jeziku kaj vec pomagalo. Le skoda je, de je malo perjatlov, katere bi
veselilo, se kej z' slovensko vucenostjo pecat« (Novice 1797, Nr. 62,
Wiesthaler S. 188) und: »Stari bukvinski jezik (= altslov. Spr.) ima
veliko podobnost z' nasim krajnskim to je: jezikov navuk; od
kateriga bomo eu drugi krat vec govorili, nase krajnsko pomankanje bo-
gatili, inu po bukviskim popravlali, kar smo se od stare korenine na
stran zasli« (Wiesthaler S. 52).
Wenn auch hier das Suchen nicht von Erfolg begleitet wäre, dann
solle man andere slavische Sprachen heranziehen, vor allem das Russische,
für welches Vodnik ganz besonders begeistert ist: »Kateri bi rad kranj-
skih imenov pomenik zvedel, more na moskovitarskiga (= russisch)
jezika znanje se podat. Krajnski jezik je moskovitarskimu narbol po-
doben ; bol kakor vsem drugim slovenskim izrekam. Moskovitarji so
dosti besedi öhranili, katere so se per nas pozabile, inu iz navade persle«
(Wiesthaler S. 51) und: »Zdaj vidimo z' ocmi, kakisne mogocue ino
velike brate (die Russen) mi po sveti imamo, kateri so nas slovenski je-
zik vselej eist öhranili. Proti letim se imamo blizati, kaderkol ocemo
jezik cistiti« (Novice 1799, Nr. 26; Wiesthaler S. 190).
Durch diese Citate glaube ich Vodnik's Grundsätze zur Bereicherung
des slov. Wortreichthums gezeigt zu haben. Nach diesen Grundsätzen
richtete sich Vodnik, ging auf dem Lande und im Gebirge herum, lauschte
dem Volke bei seinen Gesprächen die Worte ab und verzeichnete sie
gewissenhaft. Deshalb finden sich bei Vodnik Ausdrücke, welche heute
schon fast gänzlich geschwunden oder sehr selten und auf gewisse
Dialecte beschränkt sind. Wenn er nichtsdestoweniger sich von Ger-
manismen nicht freihalten konnte und dafür zahlreiche, manchmal über-
triebene und unbegründete Vorwürfe Kopitar's erntete, so war die Schuld
daran, dass Vodnik nicht den scharfen Blick und kritischen Geist Kopi-
tar's besass. Einige bemerkenswerthe Ausdrücke will ich anführen :
blezo oder blez = etwa, wie man sagt ; in einigen Gegenden allgemein
gebräuchlich (111 G.).
hlagrovati = glücklich, selig preisen, segnen (9 K.).
hlizen^ a, o in der Bedeutung: künftig (82 G.).
hrihten = geweckt.
cedelc = der Zettel (Germ ) .
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 101
cifj-a = die Ziffer ; aus dem Deutschen ; dagegen
cislo = » » » » Böhmischen.
dacie = Zinsen (44 K.).
dila = das Brett (128 K.).
dolistop (Germ.) = das Herabkommen.
duhovna hratia == Seelennahrung ; jetzt besser dusevna hrana ( 1 3 K.).
durati aus dem lat. duro 1 .
dvorne dolznosti = Etiquete-Eegeln (110 K.).
(jmajna = aus dem deutschen Gemeinschaft ; auch bei seinen Vor-
gängern und in der Volkssprache gebräuchlich.
gorivstajeiye (Germ.) = Auferstehung.
izreJc, a = der Ausspruch, bald männlich, bald weiblich izreka.
jogri = die Jünger, schon in den älteren Schriftstellern ; manchmal
setzt er dafür auch das adject. mlajsi.
xzliajek = die Folge ; aus izhodifi, izhajati abgeleitet.
klicati in der Bedeutung « nennen (t, jetzt »rufen« (36 K.).
kolce = der Butterstempel.
Masti (aus dem Altslov.) = füttern (130 K.).
kreniel (in Pletersnik's Slovar: kramelj) = das Gespräch (111 K.).
lastina = das Eigenthum; jetzt last oäer lastnina (8 K.).
lega v druzbi = Gesellschaftsstellung; auffallend ist, dass er Stel-
lung mit lega übersetzte (108 K.).
lice = Person (entlehnt), wofür er auch das deutsche »persona« ge-
braucht.
leva = kaminartige Mauernische.
memo pustiti = daneben, ausserachtlassen (IV G.).
merci v. mercati mercim = es rieselt.
mesta = die Mischung (13 K.), von mesiti.
mlevka auch Jilis (jetzt Jdisc) = der Flugsand, Bachsand (119 K.).
memOj pomenio = bedeuten (trans.) (24 G.).
mostuvati = rächen.
naluden = bevölkert (7 G.).
natura = natura.
napotie = das Hinderniss (17 G).
nasproti pritje (germ.) = das Entgegenkommen.
navratni duhovi = nachstellerisch, meuchelmörderisch (19 K.).
nastopati = folgen (29 G.).
naohilsati = anhäufen, vom adject. ohilo (68 K.).
102 Fr. Vidic,
naprejvidnost (gevm.) = Voraussicht.
naprejpostavljen (germ.) = vorausgesetzt (48 K.).
nepocaklit) = ungeduldig (78 K.), von cahati.
neizzajeti izvirk (germ.) :=: unerschöpfte Quelle (101 K.).
netuhejhie = hier nicht gegenwärtig (96 K.).
neprejidliva stojecost (germ.) = unvergänglicher Bestand (30 K.j.
ohrecenj'e = Verleumdung (56 K.) ; jetzt vom ital. ohrekovanje.
ofer = Opfer (71 K.).
ograja = die Schranke, aber auch die Einschränkung (87 K.).
zohek = ein unterbohrter oder abgepickter Traubenkamm (119 K.).
opeliniti = verbittern (104 K.); von pelm =^ Wermuth.
opuziti = abschaben.
oso?ij m. = absonniger Ort, Schattenseite (28 K.).
odnujati = verneinen, absprechen.
ozerk = Rückblick.
povsoten = überall seiend, allgemein (29 K.).
povsotni potop = die Sündflut (7 K.).
preluhezen = allzugrosse oder ttbergrosse Liebe (12 K.).
pricno = gegenwärtig (17 G.).
prevera = Aberglaube (39 K.).
pojzdna srovina (»ako clovek prepusti svoje polje pojzdni srovini«)
(113 K.); dafür weiss ich keine Erklärung.
plevek = schal, geschmacklos (128 K.j.
pravpismost (germ.) = Rechtschreibung (IV G.).
poltrak = to je polvtorji (russ.) ali poldrugi krajcer.
popertisniti u. potisk dati = Nachdruck geben, betonen (75 G.).
razffled für izc/led (primer) = Beispiel (jetzt »Aussichtcc) (83 K.).
ral = das Ackern, Pflügen (12 K.).
ravniti = ravnati ebnen, planen, dann zügeln (104 K.).
rojen (!) list = Taufschein (148 K.).
saninec = die Schlittenbahn.
skrivna pisavnica = Geheimkanzlei (3 K.).
skrivni pisar = Geheimschreiber (4 K.).
se stika = vereinigt, vereinbart sich ( 1 8 G.).
se ocita = gibt sich kund, äussert sich (69 G.).
strehiik, sonst und auch bei Pletersnik nur »Diener«; hiev »Spender«
(GS K.).
s?iov = Stoff wird als snova f. gebraucht (66 K.).
Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 103
svestost = Gewissheit (60 K.).
sramen = abscheulich, schändlich (85 K.) ; jetzt in dieser Bedeu-
tung: nesramen.
sop = der Athemzug (SS K.).
sovraz = feindlich (100 K.); auch bei Trubar und Dalmatin; jetzt
sovraze7i.
se Jim gredi (106 K.) ist mir unbekannt.
sklenast = jetzt steklenast »aus Glas« (117 K.).
srecnost = Glückseligkeit (133 K.).
sat = die Wabe (21 K.).
taran = geplagt, gemartert.
taziti = tolaziti, trösten (53 K.).
tolsoba = die Fette, Fettigkeit.
tozlivost == Verdriesslichkeit, Trägheit (57 K.).
tulja = Flachswerg (128 K.).
vundeliti = austheilen (44 K.).
vunvzet = ausgenommen (49 K.).
vseohlast = Allgewalt.
videz = Gestalt (70 K.).
vnotriti se = sich vertiefen, eindringen (73 K.).
oeselive mimetnosti = wahrscheinlich die freien Künste (101 K.).
vagati ^= wagen (germ.) (104 K.).
zaplata = Flickwort.
zvunaj ^ draussen; aber auch die Präp. »ausser«.
zadosti sturjenje = Genugthuung (85 K.).
zar, zarja (jetzt zarek) = Strahl.
zerfj'e = Unmässigkeit; bei Pletersnik zretj'e = das Fressen.
zrejsati = seltenmachen, von redek (129 K.].
etc. etc.
Die grammatischen, technischen Ausdrücke hat Vodnik — sein
Werk war ja die erste slovenisch geschriebene Grammatik — , wie er
selbst zugibt, aus Smotricki und Lomanosov geschöpft. Ich führe die
Ausdrücke nicht an, weil Vodnik sie selbst am Ende seiner Grammatik
als »Pomen pismenjih besed po abecednimu redu« zusammengestellt hat.
Wien. Fr. Vidic.
104
Untersuclmngeu über Betonungs- und üuautitätsyer-
liältnisse in den slavisclien Sprachen.
Die Betonung des Yerbums.
Bei der Behandlung der Verbalbetonung ist es zweckmässig, den Be-
stand der Verba in drei grosse Gruppen zu zerlegen : a) primäre athemati-
sche und thematische Verba, die Classen (nach meiner Eintheilung) YJes-t^^
I nes-e-to^ II dvig-ne-to, III A pise-t^ zna-je-to ; bei diesen müssen die
Betonungserscheinungen in unmittelbare Verbindung gesetzt werden mit
den fürs Indogermanische zu erschliessenden und den im Litauischen
vorhandenen Thatsachen ; b) Verba mit Verbalstamm auf -e-. Präsens-
stamm auf -z-, vicleti vidi-th (Cl. IV B); auch hier ist die Behandlung
wenigstens an das Litauische anzuknüpfen; c) Verba mit zwei- oder
mehrsilbigem Verbalstamm auf -a-, -e-, -u-, -i- (Cl.IIIB, IVA): dela-ti
dela-Je-th, zeU-ti zele-je-i^^ kupova-ti kupu-Je-t^^ chvali-ti chvali-tb.
Es versteht sich, dass auch bei der Gruppe c im letzten Grunde Be-
ziehungen zu litauischen und allgemein indogermanischen Erscheinungen
gesucht werden können und müssen. Allein diese Verba nehmen doch
darin eine besondre Stellung ein. Sie sind zu einem sehr grossen Theil
denominativ, innerhalb der slavischen Sprachgeschichte aus slavischen
Nomina gebildet und in ihrer Grundbetonuug von diesen abhängig, d.h.
die Hochtonstelle des Nomens verbleibt dem Verbum. Ferner lässt sich,
so weit ich sehe, dem Wechsel der Hochtonstelle, der Tonqualitäten,
der Silbenquantität, wie er hier in Präsens, Aorist u. a. vorkommt, in
den andern Sprachen nichts unmittelbar vergleichen. Es ist jedenfalls
nothwendig, erst festzustellen, wie weit innerhalb des Slavischen etwa
diesem eigenthümliche Betonungsgesetze gewirkt haben, und der Zweck
der folgenden Untersuchungen ist zunächst, für die Gruppe c diese zu
finden. Dabei gehe ich, wie auch in den weiteren Abschnitten, immer
vom Serbischen aus.
I. Die Terba auf -i-ti.
Die Untersuchung beginne ich mit den Verben auf -i-ti^ Präsens-
stamm -/-, weil sie bei der lautlichen Gleichheit von Infinitiv- und
Untersuch, über Betoniings- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 1 05
Präseusstamm keiner Durchkreuzung verschiedener Verbalstämme aus-
gesetzt und weniger leicht Mischungen und Ausgleichungen mit andern
Verbalclassen unterworfen sind. Im Serbischen ist zwar in gewissem
Grade eine Vermischung mit der Classe Infinitivstamm -e-ti, Präsens-
stamm -{- und -eti-^ Präsensst. -e-j'e- eingetreten, theils durch dialek-
tische Umbildung des alten ein«, theils in Folge lautlicher Gleichheit der
Präsensformen; allein die alten e-Verba lassen sich im Allgemeinen
ziemlich leicht wieder aussondern.
Ein sehr grosser Theil der Verba auf -i-fi ist denominativ.
Jedenfalls wird man bei allen, die ein noch in der Sprache gebräuch-
liches Nomen mit bekannter Betonung neben sich haben, vor aller wei-
teren Betrachtung fragen müssen :
A. Wie verhält sich die Betonung der abgeleiteten
Verba zu der der ihnen zu Grunde liegenden Nomina?
Dabei beschränke ich mich auf das Serbische, weil die Vergleichung
mit den anderen Sprachen nach dessen Zusammenstellung leicht von
jedem gemacht werden kann.
Bei der Beantwortung werde ich die Verba mit zweisilbigem
Stamm berücksichtigen, die ohnehin die grosse Masse bilden. Das
Nothwendige über die Verba mehrsilbigen Stammes folgt unten auf jene.
In Betracht kommen die Verba, die bei Daniele (Akcenti u glagola, Rad
VI, 1869, Sonderabdruck Agram 1896) aufgezählt sind in den Para-
graphen 22, 30, 37.
I. Der Infinitiv hat die Betonung '' auf der Wurzel-
silbe, also in dieser kurzen Vocal und, vom serbischen Standpunkte,
alten ursprünglichen Hochton (Daniele § 37). Der Indicativ präs. hat
ebenfalls in allen Personen unveränderlich '' auf der Wurzelsilbe.
Das zu Grunde liegende Nomen ist im Serbischen mit
bekannter Betonung nachweisbar: 1. Das Nomen hat die
gleiche Betonung " wie das Verbum. Von Substantiven : hahiti
bclba, haliti hille pl., ühariti bara (Sumpf), blatiti AkWb blato, brad-
viti bradva, brafiti se brat gen. brata^ zäbraviti brdva. briziti se
briga, bbritmti brltva^ öburiti büra, zäcariti cai' g. cara, casiti
cus gen. casa^ iscasiti casa, cväriti für skvan'fi aus skvariti ckcara
[skvära) vergl. näskvariti skvära, tiäcetiti se ceta^ räzdertiti se dh't
(türk.), d^tmiti d\m gen. dlma^ d'ipliti dlple plur., djubriti djubre
ntr. , dfipiti onomatop. vom Ausruf dfip^ räzgaciti se gace plur.,
ögazditi se gazda, ögrasiti ergötzen (bei Vuk aus einem Liede), wohl
106 A. Leskien,
zu grasa AkWb aus ital. grascia, grbiti AkWb grba^ grliti se grlo, gu-
citi gu/ca^ hapsiti haps (türk.), harciti Jiarac gen. Jiclrca (türk.), ü[h)o-
riti hora rechte Zeit, huliti Inda., Iskriti AkWb 'iskra, Jagnitijagne
ntr.jjäditijäd gen-jctda^jümciti (jemciti) j'amac [jemac] gen.jamca,
j'amitijama, ödjutriti se jTitro^juziti sejug ge'a.juf/a, Jiäkastiti se
sich vornehmen zu türk. kasd käst Absicht (AkWb käst adj. eifrig),
näkvaciti [näkaciti] kvaka, ökisiti se Kisa^ Kititi Jctta^ kladiti se vgl.
sklcld gen. sklada, klliciti kläk gen. klaka, klmiti die Ohren voll
schreien (wohl eigentlich vernageln, zu) klw, kljuciti kljuka, zäkme-
titi kmet gen. kmeta^ ükoriti köre pl. (doch wäre der Sing, nach dem
r. Kopä wohl kbra anzusetzen), potkoziti se koza^ ükrditi krd {krd),
krpiti krpa, bkrwiiti kruna, kupiti vgl. kup (Versammlung), kiiciti
küca, bkuziti küga, Umiti lern gen. Tema, zäljetiii IJeto, luciti lük
(Lauch), mllkljiti maklja^ masiti mah gen. maha, mjeriti mjera, nä-
mjestiti mjesto, zämreziti ?nreza, mrviti mrva, mrstiti se mrska, mü-
citi muka^ naditi nudo (Stahl), tätiti 7iiti ]^\.j ^^an7//>(7r«, pizmiti se
pizma (türk.), pjenitipjena, üplociti seploca, pluziti plug gen.plüga,
postiti posta, zäpresiti presa^ hprsiti se prsi (Brust), zäpuciti puce
ntr., sputiti 2>uto, braktiti rllht (türk., Pferdegeschirr), raniti rclna,
ratiti rat gen. rata, porusiti Rus gen. Rusa^ sUiti se stia, siriti str,
sjeniti se sjen gen. sj'ena, sjetiti se sj'eta, slclviti släva, stlniii stine
plur., srbiti Srb gen. Srba, üsreAiti sreca, bsmrtiti smrt gen. snirti,
strasiti str ah gen. straJia, pbstresiti streha, zästruziti struga
(Zaunlücke), zäsuhijiti suzanj gen. suznja, skoditi skoda, saliti se
säla, staviti (Felle einweichen) stava (Einlegen der Häute in Wasser),
zasaciti (ohrfeigen) saka (palma), üsanciti sanac gen. sanca, stetiti
steta, stlciti (Schiff mit Fährstange stossen) süca (die Stange), üciti se
fiö (s.Vuk s.w.), tj'esiti üfjesiti vgl. uijelia, nätmusiti se t^nu'sa, trapiti
(Weinberg pflanzen) trllp (neu angelegter W.), trlniti trlne plur., pri-
usiti uho, zävitliti wohl zu vitao gen. vltla (Haspel), vizliti vizle ntr.,
vjeriti vjera, vfetriti vjetar gen. vj'etra, vlasiti Vülh gen. Vlllha, vla-
ziti (caus. zu *i)blg?iqti) vläga, zaptiti zapt (türk.), zboriti zbor gen.
zbora., prizetiti zet gen. zeta, bzrniti se zrno, zaliti zao [mije), ziliti
zUa.1 bzuciti züc gen. zuci, zäzvaliti zvalo. Von Adjektiven : zäciliti
eil fem. c^ila (und so das Fem. bei den folgenden gleichartigen), cistiti
eist., jasniti Ak^h jasan fem. jäsna, nistiti se nist., pjaniti se pjan.,
plasiti plah , praviti p7'av, pruziti prug, puniii pun, näsititi sit,
truhliti (wohl für truhJjeti) truo fem. truhla., raniti früh aufstehen
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 107
räno adv. , slabiti sVdb^ stariti se star^ h-strmiti strm, istastiti iäst,
twjestiti vjest^ zdrciciti zdrav.
2. Das zu Grunde liegende Nomen hat im Stamm den
Accent ', also alte Endbetonung: batiti se zurückprallen, wohl zu
bat gen. bäta^ ügresiti Beeren, gres gen. gresa^ ansetzen, Jedriii (bei
Vuk schwankend, s^uch. Jedriti] Jedro^ krcmiti krcma^ phociti btac gen.
oca^ papriti päpar gQU. päpra^ sestriti sestra^ siiziti suza, dropiti
Vuk »sich niederlassen ohne zu sehen, ob der Ort sauber ista zu drop
dröpa Traber?
3. Das zu Grunde liegende Nomen hat die Betonung-,
also langen Vocal und alte Wurzelbetonung : näbrstiti brst gen. bfsta^
gariti gar gen. gära^ gaziti gaz ^qu. gäza^ kcllsiti (caus. zu kys-)
kväs gen. kväsa^ ülaktiti läkat gen. lakta^ niisliti misao gen. misli,
S77iraditi (caus. zu smrdjeti) smräd gen, smrada^ uditi zu üd gen. üda
Glied?, ulj'iti ölen ülje Oel, üdaritiudär (zu demselben Stamm wohl
auch nädariti).
4. Das zu Grunde liegende Nomen hat den Accent ' im
Stamme, also alte Endbetonung: Jaciti Als^h Jak fem.jäka, räska-
riti se kar gen. kära (oder kära'?) Sorge, umiti um gen. üma^ pupciti
knospen püpak Knospe (aber dasselbe Wort in der Bedeutung Nabel
pupak)^ tm-citi Türak gen. Tarka.
Vergleicht man die Masse der unter 1. angeführten Verba mit der
geringen Anzahl der unter 2 — 4 genannten, so kann man nicht zweifeln,
dass die Verba der Betonung '' abhängig sind von den ebenso betonten
nominalen Grundworten.
Von der noch übrigen Menge gehört eine Anzahl ursprünglich nicht
zu dieser Classe: [h]rupiti unverhofft kommen, slav. hrupeti lärmen,
heranstürmen [hrüp Lärm), im AkWb hrupjeti neben hrupiti\ käs?iüi
= kisb?ieti] sluziti triefen, slov. sluzeti; visiti für visjeti] priphvje-
diti für -vedeti. Einige sind direkte Entlehnungen aus anderen Spra-
chen : capiti scapiti ital. cJiiappare^ faliti aus dem deutschen fehlen,
kresiti ital. crescere^ patiti ital. patire.
Was endlich bleibt, sind theils an der Form deutlich erkennbare
Denominativa, darunter solche, bei denen das Grundwort irgendwo nach-
weisbar, aber im Serbischen nicht bekannt oder nicht belegt ist, theils
Verba, bei denen eine Ableitung von Nomina nicht vorliegt oder mir
wenigstens nicht nachweisbar ist.
Deutlich denominativ sind : bbendjiti durch Schlaftrunk betäuben
108 A. Leskien,
zu türk. heng Hanf (vgl. ohendjeluciti zu hendjeluk)^ nähuhriti (W.
hqb-) aufquillen, glacUti vgl. gllidak, zajapriti se roth werden, 7iä-
kanjiti se Stirn runzeln [zu kanje plur. Augenlider?), sknaditi ver-
schaffen näknaditi ersetzen vgl. naknada^ VeUti die zu gerbende Haut
schaben, wohl zu einem les^ cech. les Sämischleder, oder zu alban. les
Haar, ^jwYnYt gehören (nach Vuk im Küstenland) vgl. cech. patnti.pu-
siti rauchen slov. ^;i?/< Hauch flatus, rititi se hinten ausschlagen rith,
rusiti zerstören vgl. klr. ruch Bewegung, Anstoss, smusiti se wüthend
werden (zu mühaYWc^c'?)^ pdspje'siti beeilen (nach Vuk ragus., ist aber
äoTtpo-spij'esitl pb-spij'esim^ s. Rad 136 S. 241) vgl. r. nocnixt, pbszi-
liti vergleichen näsuliti se sich versöhnen türk. sülJi Friede, tegliti
wägen ziehen vgl.bulg. teglo Schwere Gewicht, nätmuriti (und natmü-
riti) se finster blicken, ütrkmiti vergleichen versöhnen, trliti Flachs
brechen vgl. frlica Flachsbreche, nätustiiise stustiii se sich umwölken
(zu tusk-) vgl. r. TycKjrtiii, zagriti sengen zu zeg-.
Wenn ich auch noch die nicht als denominativ erkenn-
baren Verba hersetze, so geschieht es um zu zeigen, wie viel ab-
sonderliches, z.Th. wohl onomatopoetisches, darunter ist: huviti (caus.
zu hyti)^ breciti zu Boden werfen (eig. knallen lassen, W. brek-^ vgl.
hrecati knallen) ohriisiti (bei Vuk aus einem Liede) küssen (vielleicht
zu verbinden mit hrüsiti brüstm wetzen?), bupiti schlagen onomat.,
SwszW schlagen stossen (vgl. näbusiti se sich aufblasen, näbuhmäi sin-
schwellen, cech. busiti pochen, derb draufschlagen), cnkiti küssen (das
AkWb verweist auf cüknuti sugere osculari) onomat., ceriti ceriti cje-
riti se fletschen, copiti schlagen onomat., depiti Schlag versetzen (vgl.
dep?iuti und depati), drpiti pf. und ipf. reissen zerren (vgl. drpmdi und
drpati), dudliti dutliti saugen (von Ferkeln, wohl onomat. wie deutsch
dial. nubbeln), zagaliti entblössen [zagälaciti dass.), grabiti^ grciti,
grstiti se ekeln (aber das gleiche Wort bei Vuk grstiti se), guriti se
sich zusammenziehen (vor Kälte), guviti se ekeln (im AkWb ein güviti
mit aller Gewalt Vermögen ansammeln), /niifi\ zälilapitt umzingeln und
vor sich hertreiben vgl. s[/i]rdpif{ erraffen, /ivatifi^ ht-kaviti aushalten
ertragen, okusiti kosten, pri- pro- räzmariti am Feuer erweichen
(wt^ra^idass.), ??;"ws?'/'2' schnüffeln (wohl eher onomat. als zu o-c^a^?'), keciti
Ball auffangen, klapiti se schäumen, hyieziti se ktv/cziti sc weinerliches
Gesicht machen, s-Jcrciti zusammenziehen, kuditi schmähen, lazifi, la-
titi ergreifen. Vajnti schlagen (nicht zum alten lupiti schälen, Haut ab-
ziehen, sondern zu lüpati lüpam klopfen), JJopiti schlagen, jyilaviti
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 1 09
schlagen, mrazifi verfeinden (caus. zu Trmznqti)^ ww(ieV« anbieten, j^a-
citi (Kinderwort) küssen, pastiti se sich Mühe geben slov. päsciti se,
paziti Acht haben, pülviti überschwemmen (wohl sicher von einem
a\iQ\i. plav^ Schwemmen, cech.^j/aü), plaziti herausstrecken (caus. zu
phznqti), prilziti Pulver verpuffen (eig. rösten), oprastiti (in einem
Räthsel bei Vuk) entblössen, prlltiti geleiten, oprciti se einen anfahren.
spfciti verpfuschen, prziti rösten (vgl. piraziti) , prtiti auf den Rücken
nehmen, prstiti (bei Vuk aus einem Liede) treten, pruciti se (Vuk, aus
einem Liede) sich niederwerfen, 2^u7"^t^ (grünen Mais) rösten spurifi
versengen (s.Mikl.EW./)?/r-), sA/)?Ye abwerfen (Kleider; sllpariti dass.).
staüiti (urspr. denom.zu einem Stamm stavo- stava-] ^ sljapiti schlagen
5ö/>«Vi dass. (beide onomat.?), {eziti axheXien poteziti se sich bemühen,
tratiti verlieren (wohl denom., vgl. trata r. p. u. a.), trsiti oti'siti ab-
fertigen beenden (slov. trsiti se), truciti schmeissen, tubiti tuviti sich
erinnern, tuciti se auf einander treffen (zu *thlk-^ ticci tiicem?), turiti
stürzen werfen, vllditi herausnehmen, prevariti betrügen (vielleicht
denom. von prijevara Betrug), -vjesiti hängen.
Bei Danicic a. 0. sind reichlich 260 Verba mit "' aufgezählt. Sie
sind, mit geringen Ausnahmen, so beschaffen, dass die erste Silbe
(Wurzelsilbe) einer ursprünglich langen Silbe entspricht, die durch stei-
genden Ton verkürzt ist. Von den Ausnahmen gehört ein Theil zu
onomatopoetischen oder sonst vereinzelten und räthselhaften Bildungen:
copiti^ depiti^ Ijopiti^ sopiti (alle irgend eine Art des Schiagens be-
deutend), keciti (vielleicht von einer Interjektion, s. AkWb.), kmeziti
oder knjeziti se weinerliches Gesicht ziehen. Ein Theil stammt von
Fremdwörtern : ügresiti gres aus ital. agresto, lemiti lern Kitt, Tesiti
(s. c), ü[]i)oriti hora^ skoditi skoda (Schade). Es bleiben: näcetiii se
sich herandrängen, wenn zu ceta^ verdächtig wird das Wort, weil Vuk
daneben gleichbedeutend naceciti näceclm hat ; sestriti posestriti sestra,
nach den sonstigen Ableitungen von so betonten Nomina würde man
*sestriti erwarten , vielleicht rührt die andere Betonung von dem pa-
rallelen hjiltiti pbhratiti her; ükoriti beschalen kore^ potkoziti se
koza, phociti ötac^ üplociti se ploca (das wohl ein Fremdwort ist), zbu-
riti zhor gen. zhora] jclmciti jemciti zw. Jamac Jemac^ wenn beide
Worte alt sind, ist das erste = *jbinhch^ das zweite =Jemhch] papriti
päpar päpra = altem *pbprh^ allein das Verbum knüpft schwerlich
mehr an den alten Vocal, sondern an das serb. a an; postiti ist eine
späte Bildung von posta = pocbta^ stetiti von steta^ dies aus tosteta:
110 A. Leskien,
zäkmetiti kniet aus k^7net^. Diesem dürftigen Material gegenüber wird
man kein Bedenken gegen die Annahme haben, dass Verba mit ur-
sprünglicher Kürze der Wurzelsilbe die Betonung " vermeiden.
II. Der Infinitiv hat ■* auf der Wurzelsilbe, also diese
kurz und alten Hoehton auf dem -i- des Stammes; das Prä-
sens hat, componirt und nicht componirt, " auf der Wurzel-
silbe (Danicic § 30a).
1. Denominativa, deren nominales Grundwort den Ac-
cent "^ hat, also alte Endbetonung hatte: kositi koslm kbsa, koziti
kozim koza^ kreciti kreclra krec geu. kreba^ seliti sellm selo^ steniti
stemm stene ntr., zeniti zenlm zena.
2. Denominativa, deren Grundwort den Accent '' hat:
hhditi hodlm Jiocl gen. Iioda^ prostiti pro süm prost fem. prosfa, rbditi
rodlm rod gen. roda.^ skociti skoclm skok gen. skoka.
3. Nicht deutlich denominativ: desiti desim^ gbniti gd7iim,
krbciti kröclm^ mbliti moUm^ püstiti pustlm^ vbditi v^odim^ vbziti vo-
zlm. Natürlich ist auch hier moliti sicher ein Denominativ, und vbziti
z. B. kann man auf vbz vdza beziehen, krbciti gehört zu einem alten
krokh Schritt, ghiiti zu gom. Allein zur Behandlung der Betonung
kann man das nicht verwerthen, da entweder das Nomen im Serbischen
fehlt oder, wenn vorhanden, nicht sicher und nothweudig dem Verbum
zu Grunde liegt.
Die Zahl der zu dieser Gruppe gehörigen Verba ist so gering, dass
keine weiteren Schlüsse gezogen werden können.
III. Der Infinitiv hat den Accent \ d. h. kurze Wurzel-
silbe, alten Hochton auf dem -i- des Stammes; das Präsens,
nicht componirt, dieselbe Betonung, dagegen componirt '\
z. B. : Ibmiti Ihmlm^ aber nalbmiti nälomlm slbmiti slomlm (so in
allen folgenden Beispielen); Danicic § 30a, bb.
1. Denominativa, deren Grundwort ^ hat, also alte End-
betonung. Von Substantiven : ohäkriti se bäkar gen. bäkra (Kupfer),
hasiti häsa (türk.), bbjiti hbja^ hrbciti broc gen. brbca^ sceliti belo.,
zacepiti cep gen. cepa (Stöpsel), dvbriti dvor dvbra (cak. dvorcl, bei
Vuk dvöra)^ glbhiti glbba., glbziti glog gen. glbga^ grbziti se grbza,
Iiäsniti Jiäsna (türk.), häsiti leugnen häsa [iüxk.), Ja gmiti Ja gma (türk.),
kbmiti kam gen. kbma^ bkonjiti se konj gen. kbfija., kystiti krst gen.
kj'sta, krsiti brechen zu krs gen. krsa ?, mägliti magla., medjiti medja,
opäkliti päkao gen. päkla, pärbiti pärha {%ixeii)^ tiajJeriti znpero?,
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 1 1 1
popiti pop gen. pbpa, rohiti roh gen. rbba^ rositi rosa^ usäcmiti se
säcma (Schrot), uskbriti skbro adv., s?nbliti smbia, skrbbiti skrob gen.
skrbba, sbciti sok Ankläger {gen. sbka?), srebriti srebro, stakliti se
stäklo^ sbkciti sbkac gen. sbkca^ sbriti i>or gen.-sbra, zlbbiti zlbba.! zb-
riti zbra. Von Adjektiven: odbhriti dobar fem. dbbra\ pohbliti se,
im AkWb hol Jiöla^ vgl. aber bJiol bhola.^ hol höla bat wie das ganz
anomale hbliti hblim se sekundäre Dehnung ; mbjiü moj fem. mbja,
svbjiti svbj fem. svbj'a. Man kann also hier Gleichartigkeit der Beto-
nung des Verbums (vom componirten Präsens einmal abgesehen) mit der
des Nomens constatiren. Allein die nächste Abtheilung wird zeigen,
dass diese Uebereinstimmung nicht durchgeht.
2. Denominativa , deren Grundwort auf der Wurzel-
silbe ", also alte Betonung hat. Von Substantiven: bbciti se
bbk gen. Z>oX'a, brbditi brod gen. broda., cästiti cast gen. c7w^e, udb-
miti dorn gen.doma., drbbiti drob gen. droba., gnbjiti gnbj gen. gnoja.,
gbditi god gen. goda., gbstiti gbst gen. gosta (alt gosti), kob (gen. kbbi.
nicht kobi?)^ kbtiti kot gen. kota.^ krbjiti krbj gen. kroja., krviti se
krti gen. kyrvi., lediti led gen. leda.^ Ibjiti loj gen. Idj'a, Ibviti Ibv gen.
/owa, mediti med gen. meda.^ podmbstiti most gen. mosta^ nibzditi
mozag gen. mozga., tibciti nbc gen. nbci.^ u-bciti oko^ plbditi se plod
gen. 2>rdda, popbditi pod poda (so Vuk, aber Q,2ik. pod poda, daher auch
liok. pod pbda.^ gehört also eigentlich zu 1.), pbsüü pbst gen. pdsta,
opb'stiti se posta (vgl. aber oben S. lOQpdsiiti^ die Betonung wird also nicht
ganz sicher sein), zapotiti pot gen. pota., rbciti rbk gen. roka^ rojiti se
rbj gen. roja., rbviti rbv gen. rova., porbziti se rog gen. roga.^ proslb-
viti slovo., sbliti so gen. soli., tbviti iov gen. tova^ tbriti tor td7-a, trb-
siti tfoha., vbstiti vosak gen. voska, znbjiti znbj gen. z7ioja.i zbbiti zob
gen. zobij zvhiiti zu zvom^ das bei Vuk fehlt, dem slov. zvon zvona
[zvonä] entspräche ein serb. zvbn zvona (aber cak. zvÖ7i zvonä^ das wäre
serb. zvon zvb?ia). Von Adjektiven : bistriti blsta?' fem. blstra^ dvbjiti
dvoj'l dvoje., polbsiti se los fem. losa.^ mnbziti mnögl m^iogo.^ mbdi'iti
modar fem. mddra.^ mbkriti mokar fem. mokra., ob-7ibmti 7i6v fem.
woüö, bsti'iti osta7' fem. ostra.^ sit7iiti sita7i fem. sitfia., sporiti spor
fem. spd7'a, tbpliti topal fem. topla., vedriti se vedai' fem. ved7'a. Ich
merke hier nur an, dass die zu Grunde liegenden Substantiva masc. und
ntr. so gut wie durchgehend fallende Kürze haben.
3, Verba, die nicht als deutlich denominativ erscheinen.
Auch von diesen ist sicher eine Anzahl auf Grund von Nomina gebildet,
112 A. Leskien,
z. B. razvhdniti', tociti ist an tok^ anzuknüpfen, ciniti an cin^ moriti
an mor^ (bei Vuk ein mor), allein liier kommt das nicht in Betracht,
sobald man das Verbum im Serbischen nicht mit Sicherheit an ein vor-
handenes Nomen anschliessen kann : boriti^ celiti (Kinderwort für cjeli-
vati küssen), ciniti^ ckäkJj'iti skäkJjiti neben ckäkljati kitzeln (onomat.),
dojiti^ grämziti^ grästiti., grstiti se, gühiti^ kloniti (im AkWb auch im
Simplex klomm] ^ zaklopiti (vgl. zäklop), zakhliti (zu koh Pfahl), kh-
riti schelten, kropiti^ ukrotiti (vgl. krotak), lebditi, Ihmiti (wohl eig.
denom. zu einem loni loma oder lom lb?}ia), lopiti^ loziti, mbciti,
iz-moliti hervorstrecken, moriti, motriti, nuriti njoriti tauchen, raz-
hriti (vgl. rdzor), ploviti, pbjiti, poriti, uprostiti = upropastiti se,
prüditi Frucht bringen, roniti^ rotiti se, za-slbniti, strojiti, skopiti
(= skopiti), skropiti = kropiti, südljiti, tociti, u-toliti, za-tbmiti,
tbpiti schmelzen, tbpiti tauchen, ivbriti, üciti, raziiriti zerstören, raz-
vbdniti.
Nach den Ausführungen von Daniele, d.h. nach seinen Aufstellungen
aus Vuk's Wörterbuch, würde hier noch eine Gruppe von Verben einzu-
reihen sein, die auch im Compositum das Präsens auf dem -i- des Stam-
mes betonen, also keinen Tonwechsel haben (Daniele' § 30 b, aa). Es
sind im ganzen nur 10 Beispiele und die meisten sind zu entfernen:
mbdriti se blau sein (eigentl. sich bläuen) betont zweifellos, wenn
es componirt vorkommt, modriti, vgl. ombdriti bmodrlm [pombdriti
bläulich werden ist altes modreti)] cävtiti steht für cvätjeti (vgl.
Vuk cävt/jeti), altes cvbteti; tütnjiti dröhnen entspricht einem tqthneti
(das y wird auf Anschluss an tütanj hex\\\vQv)\ zu zahüktiti se (neben
zahüktati zähukcem, dies zu hitkati liücem hu-schreien, loslärmen)
vgl. bükjeti neben büknuti, plämtjeti neben plamati, trepljeti neben
treptati\ die Verba solcher Bildung gehen ursprünglich auf-e7e aus;
cätiti lesen ist eine späte schwankende Bildung, vgl. die z. Th. älteren
Formen ctfeti Hirn, ctlti cüjem, ctati ctam, cätati cätäm; zvbniti hat
bei Vuk im Compositum neben zazvbnlm auch zäzvomm (so auch AkWb
dozvbniti dbzvonim); wenn in briti se zabriti se wiederhallen, stürzen,
dasselbe Wort vorliegt wie ruzbriti, so dürfte die Betonung des Präsens
als zabrtyn nicht absolut sicher sein, denn es heisst räzorlm (Vuk ver-
weist bei briti se auf shoriti, hat aber die Verweisung nicht eingelöst).
Bleiben drei Verba, zapäsiti zum Pascha machen, von päsa, brstiti
oSrs^m junge Zweige [brst) abfressen, pVtiti otprt'im eine Bahn durch den
Schnee [prt] machen. Man kann nun freilich auch an dem Verzeichniss
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 113
§ 30b, aa. das die Verba aufzählt, deren Composita den Hoehton im
Präsens wechseln, Kritik üben. Danicic hat darin alle Beispiele von
Compositis aufgenommen, denen bei Vuk das Simplex fehlt, z. B. ukrb-
titi ükrotlm, man kann aber dem Compositum an sich nicht ansehen,
ob etwa das Simplex krbtlm oder kroüm betone; so betont z. B. zu
zaklopiti zäklopim das AkWb kVopiti kloplm^ während nach Danicic's
Auffassung kloplm zu erwarten wäre. Auf der andern Seite hat er
hier alle Simplicia aufgenommen, zu denen bei Vuk keine Composita
vorkommen, z.B. Ibj'iti Ibj'lm; an sich ist aber keine Gewähr gegeben,
dass das Compositum sein Präsens nicht ebenso wie das des Simplex
betonen würde. Danicic hat glaube ich im allgemeinen mit seiner An-
nahme recht (in einzelnen Fällen kann man es nachweisen, zu rbj'üi se
hat das AkWb izrbjiti izrojtm se), aber ein Beweis ist nicht vorhan-
den. Aus dem Verzeichniss 30 b, bb müssen ausserdem einige Beispiele,
als ursprünglich nicht dahingehörig, entfernt werden : obositi fnr ohosjeti,
vgl. slov. oboseti r. öocixi,, döcniti für döcnjeti, gämziti vgl. slov.
gormzeti, hröpiti slov. hropeti cech. chropeti r. xpanlxt, opözniti r.
no3;i;H^TL, sbpiti slov. sopeti r. conixi,; sjähtiti, se slühtiti (demin.
zu slusati) , kämtiti beruhen ebenfalls auf -eti.
Betrachtet man die unter II und III (S. HO) besprochenen Verba in
Bezug auf den Wurzelvokal, so stellt sich heraus : unter der weit über 100
betragenden Zahl (auch mit Abzug des ursprünglich nicht zugehörigen)
hat die ungeheure Mehrzahl ursprüngliche Kürze, beinahe ausschliess-
lich oder e. Nicht dazu stimmt, also ursprüngliche Länge der Wurzel-
silbe hat nur folgendes : unter den Verben der Gruppe II nur eines
püstiti^ unter lU bisti^iti^ ciniti^ giihiti.! üciti, prüditi zum ersten Mal
Frucht bringen (wahrscheinlich fremd), südljiti aufpassen, auffangen
beim Spiel ; razüriti zerstören, doch wohl nur eine Umbildung des be-
kannten und alten razbriti; krstiti zu krst kt'sta, krviti se zu krv
krvi; unbekannten Ursprungs ckäkljiti skäkljiti kitzeln (wohl onomat.),
grämziti lechzen, grästiti erraffen, razjägliti se (übrigens bei Vuk Präs.
razjägllm) bersten, zergehen (etwa zu ^Xov.jcigla Breikern, y«^/«' Hirse-
brei? Das Beispiel bei Vuk: razjaglüa se zemicka u mlijeku, führt
wenigstens darauf). Was noch bleibt sind Ableitungen von Fremd-
worten : ohäkriti bäkar türk., basiti basa türk., häsniti liäsna türk. , häsiti
bäsa türk., jägjiitijägma türk., usäcmiti se säcma türk. Nebenbei
bemerke ich, dass sucediti, bei Danicic unter den serbischen Compositis,
das ital. succedere ist.
Archiv für alavisehe Philologie. XXIV. 8
1 14 A. Leskien,
Die Verba unter II, UI stehen also, was den Wurzelvocal betrifft,
in vollstem Gegensatz zu denen unter I, hier ursprüngliche Länge durch
steigenden Ton verkürzt, dort ursprüngliche Kürze.
IV. Der Infinitiv hat den Accent ' auf der ersten Silbe
(Wurzelsilbe), also Länge dieser Silbe und Hochton auf
dem i- des Stammes, das Präsens -, a. B. hväliti hvallm (Da-
nicic § 22 a).
1. Denominativa, deren Grundwort auf der ersten Silbe
'hat, also alte Endbetonung hatte. Von Substantiven : bijediti
hijeda, bräniti bräna [brän gen. bräni AkWb), pod-bräditi se bräda,
bräzditi bräzda^ büniti büna, cijeniti cijena^ cäriti cär gen. cära
türk., diciti dika^ dijetiti dijete gen. djeteta^ djäciii se djak gen.
djaka^ dusiti düsa^ ycijiti vielleicht zu ^ö;'gen. gäja Hain (vgl. deutsch
hegen), gläviti gläva, gnijezditi gnijezdo^ gövniti gövno^ liräniti hräna^
hväliti hväla, iz-järmiti järam ^Qn.järma^ kdniti käna (alt: Absicht)
AkWb, ukipiti se kip gen. kipa^ uklijestiti [ocima^ von Betrunkenen)
wohl zu klijesta Zange, köciti kölac gen. köca^ za-kriliti krilo^ ras-kri-
ziti kriz gen. kriza^ hrniiti füttern krma, Haiti lice^ lij'eciti Tijek gen.
lijeka^ mäciti mäca, mäziti mdza (Hätschelei, verhätscheltes Kind)
mijeniti mijena^ miriti mir gen. mira^ mititi mito, möbiti möba^ omü-
citi se muka (Mehl), nijemciti nijemac gen. nijemca^ onövciti se növac
gen. növca^ opänjiti se pdnj %q\x. pänja^ joea72 j!>e>?;a (Hätschelkind),
pot-petiti peta^ plästiti pläst gen. plasia^ piliii pila^ opristiti se prlst
gen. prista, za-prötiti pröta, is-püpiti se püpa (s. VukWb.), za-pütiti
put gen. püta.^ rüciti riika, rebriti deviare zu rebro ?, resiti resa., rü-
ziti rüga (daneben msc. rüg)., sijeliti sij'elo, slüziti slüga^ snäziti
snäga., za-sträniti sträna^ za-strijeliti strijela., suditi süd gen. süda,
po-svinjiti se svvy'a, po-stäpiti se zu stäp gen. stäpa ?, stititi siit gen.
stita., smnjiti se sich geniren svänja das Geniren, träviti träva^ trü-
diti trüd gen. trüda., tüziti tüga, iz-üstiti üsta plur. ntr., vöjstiti vöj-
ska^ za-vrä7ijiti vrmij gen. vränj'a Spund, zimiti zima, zöriti se zor
gen. zöra türk. Gewalt. Von Adjektiven ; ist das Adjektiv im Masc.
zweisilbig, so geht bei ihm der Accent ' durch : hläzniti bläzan fem.
bldzna, hräbriti hräbar f. hräbra., nad-müdriti müdar f. müdra^ iz-
präzniti präzati f. präzna., rävniti rddan f. rävna., süpJjiti süpal/j f.
süplja., tijesniti tij'esan f. tijesna., trijezniti trijezan f. trijezna. Ist
das Adjektiv einsilbig, so trägt der Nom. masc. den Accent ", alle an-
dern Formen ', d. h. in der nominalen (unbestimmten) Form, auf die es
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 115
hier allein ankommt: hijeliti bto [btj'el) gen. hijela fem. hijela^ hläziti
hläg gen. hläga fem. hläga (und so bei allen folgenden Beispielen),
pri-hliziti hliz^ hrziti brz^ is-cijeliti cio [cijel] , crniti crn^ za-cestiti
cest^ za-glüsiti glüh^ za-grciti grk^ grditi grcl (AkWb deformis), gü-
stiti güst^ naheriti se naJiero adv. schief, u-injiti se alterari inj'i alter
(bestimmte Form), kriviti kriv, krnjiti krnj\ pri-krütiti krüt^ küsiti
küsj lijeniti se Tvjen^ lisiti liclro Wio adv., Ijiititi Ijüt^ Mditi se lud,
mäliti mall (bestimmte Form), mläditi mlad^ mläciti mläk^ o-pläviti
pläv, za-prijeciti prijek prijeka^ o-püstiti püst^ o-sämiti sam^ o-sldtiiti
se sldn, za-slijepiti slijep slijepa^ o-süriti sür, sü'siti süh, svetiti svet,
tüdjiti se tüdj\ tvrditi tvrd^ tüpiti tüp, vrdniti vrän schwarz, pri-
vrüciti vrüc, oh-znäniti zndn (Budmani Gr. S. 83, bei Vuk zndn als
Adj.), zütiti züt.
2. Denominativa, deren Grundwort den Accent '^ auf
der Wurzelsilbe hat, also auf dieser alten Hochton (wie
grdd grdda). Von Substantiven: häriiti se hdn, blüditi blüd^ brciti
bfk^ brüsiti brüs, büciti se irasci büc AkWb aufgerichtetes Haar, pri-
cestiti cest f. gen. cesti, ucuditi se cüd f. gen. cüdi, cüsiti AkWb le-
niter spirare cüh Hauch, däniti dän^ ddriti dm', dijeliti dto gen.
dtj'ela, drüzitise drüg, düziti düg, zagätiti gät, gläsiti gleis, za-glibiti
se gilb, gnüsiti (das bei Vuk als ragus. angegebene ö-gnusiti -im ist
nach Rad 136 S. 238 richtig o-gnüsiti ö-gnüslm zu betonen) gnüs,
gräditi grdd, gribiti Fische mit dem grib, einer Art Netz, fangen,
grijesiti grijeh, güziti se güz, hläditi hläd, iskäpiti bis auf die Neige,
ukäp vgl. nä-iskäp, trinken, yanY^ se in Hitze kommen jar (s. AkWb),
jäviti jäv, Jäziti Jdz, Jediti ijediti Jed ^ijed, Jeziti se jez, käditi käd,
klisiti klis, kneziti knez, kresiti se krijes (s.Vuk Wb.), zakrüziti krüg,
kümiti küm, zaküsiti ein wenig Speise nehmen, einem Speise in den
Mund geben, in der letzten Bedeutung wohl sicher zu küs Essen mit
vollem Löffel, Geschmack, kväriti kcävy u-ljüditi Ijüdi plur., mdriti
mär, mästiti mäst fem., o-mesiti meso, za-mläziti mläz mulctus, za-
mlijeciti mVijec fem. Wolfsmilch, mräciti mräk, mrijestiti se mrijest
fem., mrsiti mrs, na-muljiti mülj Anschwemmsei, ot-päditi vgl. otpäd
Abfall, späriti pdr Paar, plijeniti pTtjen, präsiti präh gen. prdha
(dies aus *prähd)^ povräziti wohl unmittelbar zu povräz, räditi rdd,
rediti red, pod-repiti se rep, s-po-rijeciti rtjec fem., rübiti rüb^ sä-
diti (caus. zu sed-) säd, siniti sin., skrbiti se skrb fem., na-sUJediti
sTtjed^ o-snijeziti snijeg^ srämiti srdm, stäniti stän, sträziti sträza,
8*
1 j 6 A. Leskien,
strviti strv, smjestiti se svijest^ tij'esiiti üjesak gen. üjeska^ träziti
träg^ trniti tfn^ trüniti trÜHj povrijediti vrijed^ zlätiti zläto, znäciti
znak^ izdrdciti stieren wohl zu zdräk = zräk^ zäriti zär, ziriti zir,
zlij'ebiti zTljeh^ züljiti zülj.
3. Denominativa, deren Grundwort den Accent ", also
Kürze und alten Hochton auf der betr. Silbe hat. Von Sub-
stantiven : hüriti se (irasci) zu hura ?, gmiti ersticken intr. nach AkW.
zu giisa Kropf, Kehle, knisiti kruh gen. kruha, s-krviti krv gen. Jcrvi
(vgl. aber kxviti se unter III. 2), IJustiti /j'üska, mämiti moLma^ do-
mäsiti (und dö-masiti d. i. -masiti) mah [mäh] gen. maha^ njiviti
pflegen wohl zu nflva^ srciti srce, sirdviti se erschrecken, späte Bil-
dung zu strä straa (nach Wegfall des 7^), tiniti Scheidewand /w? ziehen;
gnjeviti gnjev^ muss eine junge Bildung sein, sonst hiesse es *g7iijeviti.
Dazu kommen hlizniti se hllzne gen. hTlzneta^ präsiti prase praseta^
zdrijebiti zdrijebe zdrebeta^ es ist aber augenscheinlich, dass diese
Bildungen dem Nominativ angelehnt sind, also eigentlich zu 2 gehören.
Von Adjektiven: o-släciti sladak fem. slätka] die übrigen von Com-
parativen : udäljiti se sich entfernen [odäliti vorrücken trans.) dalji,
c?m//V^z' verlängern zu dtilji^ einer Comparativform zu dug ^ pro-düziti-^QX-
längern duzi\ man kann freilich bei diesen Beispielen auch an die fem.
Substantiva dülj\ düz^ dalj denken und dann würden sie zu 2 gehören ;
mänjiti verringern mihy'i, tänjiti verdünnen tanjl. So gehören viel-
leicht auch meciti kneten zu einem alten Comp. *meci [mqaj] von mek
weich, uniziti zu riizl Comp, von ntzak^ siriti breiter zu sirl Comp, von
sirok, indess kann man hier auch von einer alten Adjektivform ohne
-^k^ ausgehen, vgl. üziti verengen zu ilzak wegen z, der Comp, ist üzi.
4. Denominativa, deren Grundwort den Accent \ also
Kürze und alte Endbetonung hat: bäsiti se basaimk.^ po-ten-
citi se tenac gen. tenca^ vrsiti vrh gen. wha (die Betonung ist im
Serb. wahrscheinlich unursprünglich, es wäre vfh vrha zu erwarten) ;
U7nrtviti mitav fem. mrtoa (doch auch mrtav mrtva] .
Ich bemerke hier nur, dass die Zahl der Beispiele unter 3, 4 ver-
schwindend ist gegen die unter 1, 2.
5. Verba, denen kein Nomen zur Seite steht. Viele
verräth ihre Form sofort als denominativ, zu andern kann man das
Nomen aus den verwandten Sprachen ergänzen, allein das ist hier für
die Betrachtung der Betonung irrelevant : äciti se (soll zum türk. acmak
gehören, ist wohl eher onomat.), bdciti werfen onomat., bätriti se er-
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 117
muntern (zu magy. hätor herzhaft), heciti starr richten, zahlesiti se
f= zäblelmuti se) gaflfen, blütiti ungereimt plappern, hriciti denom.
rasiren, od-büciti {-heciti), vgl. biicati hücäm abreissen, hüditi (caus.
zu h^cl-) wecken, hüljiii Augen vorstrecken, husiti bohren aufstochern,
cijediti seihen, o-cijepiti spalten, o-crmti blau färben denom., cmljiti
zischen (vgl. aber ckvrlj'eti), naceciti se sich herandrängen (vgl. cecati
ceclm hocken lauern), o-cepiti auf den Fuss treten rascepiti se die
Füsse spreizen (wohl demin. zu cepati stapfen), cepiti se = peciti se
(s. 0. S. 114), ca-cojözVe mit Koth verschmieren, cüliti (Ohren) spitzen,
cüriti blasen (vom Winde), däviii erwürgen, dititi se denom. sich wun-
dern, vgl. r. AHBO, dräziti reizen, drljiti (Brust) entblössen, diiriti se
aufbrausen (vgl. dürnuti und drnuti se dass.) gäliti sorgen um [razgä-
liti Unbehagen vertreiben), gäsiti löschen (caus. zugasnqti intr.), gmez-
diti quetschen kneten, gnjäviti drücken, gnjeciti kneten, za-gnjüriti se
untertauchen, grusiti demin. zu grüliati mit Krach schlagen, güliti
schälen schinden, pohäsiti se sich unabhängig machen (^Vuk aus einem
Liede ; zu türk. x<^ss eigen ?), uhiliti se in Ohnmacht fallen, za-hiljiti
blinzeln (älter auch hilj'ati), zahläpiti neben zählapiti d. i. -hlapiti
(s.o. S. 108), [h)vrljiti werfen; poimiti unternehmen podnimiti se Kopf
stützen ■swm^W herabnehmen, junge Bildungen zu -imati; od-jäpiti weit
'6SüeTi{japiti japlm klaffen), /wr^W treiben, Mliti härteji (Eisen in Was-
ser); ?2aÄa2«Ye verderben, vgl. näkaznasisc. näkaza {em.]kesitt {zubeZähne)
weisen, kiniti und Mnj'iti placken (AkWb ki?ia Plage ohne Accent), kldtiti
se zaklätiti^ oklöpiti hajigen poklöpiii se sich still hinducken ; po-kljü-
niti se [pokünjiti se) sinken, sich senken, skljüniti (Nase) hängen lassen
(zu kljün Schnabel ?), o-kljüsiti se beschämt werden, kräviti aufthauen
(trans., W. korv-) kräsiti schmücken (zu einem Nomen krasa, vgl. adj,
kräsan), krätiti kürzen (vgl. krätak), krciti roden, na-kriciti die Ohren
vollschreien (Umbildung von kricati krtcim), o-krijepiti stärken (vgl.
krepak)^ ras-kreciti aus-einander sperren, spreizen, krüniti pflücken ;
za-küciii hangen bleiben, do-küciti ergreifen, ras-kuciti auseinander
recken, s-küciti in die Enge treiben (zu kuka Haken?); Ä'M/?eW kaufen,
is-küsiti zerschneiden (Brod) zu kqs^, pre-lästiti betrügen (zu hstb?),
u-lipsiii se sich tot stellen (vgl. lipsati verrecken), lüciti trennen, IJü-
biti küssen (zu IJub^ lieb) ; u-ljüniti se sich todt stellen polünjiti se
finster vor sich binstarren (vgl. lünjati se dass.); pod-lüpiti se sich die
Füsse wund treten u. a. (ist das alte lupiti schälen, Haut abziehen) ;
odmästiti vergelten (zu nihstt ?), mijesiti mischen, za-mijetiti bemerken.
118 A. Leskien,
mlätiti dreschen, mütiti trüben, imliti anzünden, piriti blasen, plätiti
zahlen (vgl. übrigens pläta Zahlung); s-pijöstiti ras-pljöstiti glatt
machen (zu plosk^)', prciti Lippen aufwerfen (onomat. ?); za-prciti
sich aufblasen, na-prciti se zornig werden ; za-premiti s-premiti denom.
bereiten ; prijetiti drohen, prljiti absengen mit heissem Wasser, przniti
beim Ausweiden die Eingeweide verletzen, püciti die Lippen aufwerfen
(onomat. wie prciti?), püditi scheuchen, püciti spalten (vgl. pük
Krach) ; o-piiljiti im Spiele rupfen, püljiti hervorstrecken ; za-püriti se
erröthen, räbiti fröhnen, räciti se geruhen, Lust haben, narästiti
(Simpl. rästiti rdstim) begatten (vom Geflügel, vgl. närast Treten des
Hahns), po-räziti zu Grunde richten ; raz-, pro-rijediti lichten (vgl.
rijedak gen. rijetka), d-rijesiti losbinden, röziti einen besondern Laut
auf dem Dudelsack hervorbringen, rüniti = krÜ7iiti, skvrniti besudeln
denom. [skvr^na), släditi süssen denom. (vgl. slädak], slütiti ahnen,
smüditi sengen, srditi erzürnen (vgl. srce), stüpiti treten, usiciti se
grollen (wohl von einem Fremdwort), osldvili Ueberhand nehmen (von
Schnee), o-smöljiti Nase hängen lassen, smüzditi abstreifen (Blätter),
na-strsiti se sich sträuben, po-sünjiti se sich ducken (vgl. sunjati
schleichen), za-siljiti zuspitzen, pri-sljimiti se sich als ungebetener
Gast einfinden, o-spüriti se werfen (vom Schafe), süriti brühen,
tläciti worauf treten, auch fröhnen (vgl. tläka), trciti se Hintern vor-
strecken, trijehiti säubern, na-tmüriti se denom. (neben nä-tmuriti se
d. i. -tmuriti) finster blicken, po-ti'üsiti anstreuen verunreinigen, ras-
tühiti se klaffen, tüliti löschen, tuljiti sich genieren, tusiti schmoren,
üziti verengen (vgl. uzak) väbiti locken (vgl. vdh Lockung), mdiii
langsam gehen, za-väliti wälzen, väriti kochen (vgl. vär Hitze) nad-
visiti an Höhe übertreffen (vgl. msoÄ), vläciti eggen (eigentl. schleppen,
vgl. vläk), po-vläditi Vorschub geben (eigentl. ermächtigen, zu vläda?],
vrätiti wenden, zlijediti verletzen u. a. denom. [zUdh), zesiiti se in
Zorn entbrennen (vgl. zestok), ziiliti = güliii, züriti ze sich eilen.
V. Der Infinitiv hat \ das Präsens ebenso, also beide
Formen alte lange Wurzelsilbe und alten Hochton auf dem
-e-, z. B. trübiti trübim.
Nach der Aufzählung bei Daniele § 22 b gehören dahin ca. 70
Verba, allein die Zahl verkleinert sich ganz dedeutend, wenn man bei
genauerer Betrachtung aussondert, was ursprünglich nicht hergehört :
a. Verba auf altes -e^e; -e-ti [-a-ti] Präs. -/-, oder -e-ti Präs.
-ejcf, deren e dialektisch zu i geworden ist, oder die durch die gleich-
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 119
artige Präsensform in die Analogie der -«-Verba gerathen sind : hlije-
stiti funkeln, AkWb richtig blijesiatij bljustiti (nur 3. pr. bljusti mi
srce), AkWb bemerkt, der Infinitiv sei wohl hljüstati anzusetzen, hriz-
diti plärren, nach AkWb richtiger hrizdaii (vgl. brüzdaii brüzdlm],
cüriti rinnen slov. cureti., cütiti sentire westl. Form für cütjeti, drmiti
mürrisch sein AkW drmlj'eti^ gnjiliti faulen für *gnileti^ zu gnfio
gnj'ila, ogrübiti blatternarbig werden, zu grüb^ vgl. r. rpyö^xi, ; gnß-
riti gviriti njiriti viriti starr blicken (übrigens im AkW izviriti izmrlm
d.i. Simplex virim), slov. vireti] die gleichbedeutenden J9/?;V^«, j^e'^c/nVe
pizdriii sind darnach im Infinitiv auch zweifelhaft; [h]läpiti verdunsten,
slov. hlapeti\ po-hUpiti (nach Vuk ragusanisch) verlangen nach, slov,
hlepeti\ kisiii säuerlich schmecken, nach AkWb in Ragusa kisjeti\
kisiti regnen, daneben kisjeti\ mrziti na koga jem. hassen, altb. mr^-
zeti mr^zq mrhzisi slov. mrzeti\ omiidriti klug werden, r. My;i;piTL;
nägliti (zu nägao = nagh) eilig werden, r. narjiiTL; prästiti^ slov.
pi'ä'scati knistern, rascheln; preziti lauern, ältere Form ist prezati
preztm, so slov.; püpiti Knospen bekommen, vgl. cech. pupeii\ püziti
klettern, vgl. altserb. do-puzjeii^ altb. phzeti\ rüditi westl. neben
rüdjeti östl. roth werden ; skrbiti besorgt sein, ab. skrbbeti, so slov. ;
släditi süss schmecken, kchsl. sladeti sladejq, slov. sladeti (vgl. das
trans. släditi slädtm); smjetliti glänzen (zu svijetao = svetbh), ab.
svetbleti, slov. sveileti; strsiti strsi kosa das Haar sträubt sich, slov.
srsäti srsi\ sviriti [AkWh betönt übrigens (/o-sejmm), daneben svirj'eti,
die ältere Form; skripiti knarren, r. cKpHnixL; täjifi neben tdj'ati
täjxm\ teziti sich sehnen (zu tqg- ziehen), vgl. ab. tezati tezith\ zlät-
niti se zu zlätan = *zlathneti; oziviti wieder aufleben, für ozivjeti (so
auch bei Vuk); vrijediti werth sein (zu altem vired"^ ist vielleicht als
*vredeti anzusetzen.
b. Einige haben Nebenform nach hväliti hvälim : tüziti tüzim und
tüzim^ vgl. AkWb dd-tüzlm is-tüzlm; slijediti slijedim, aber naslije-
diti näsUjedlm d. i. sVijed1m\ päciti päctm, aber izopäciti izopücim
d. i. -päclm, vgl. Vuk opäciti dpäclm\ rdstiti rästlm, aber narästiti
näräsüm = räsüm; kläpiti [tläpiti] kläpim Vuk, kldplm AkWb;
snijeziti snij'ezi, doch o-snijeziti d-snijezlm = -smjezim\ züriti se
(wenn das unter züriti gemeint ist) hat bei Vuk zürim\ vgl. nochy«-
pitijäpim klaffen, das trans. od-jäpiti klaffend öffnen hat ödjäpxm =
-japim.
c. Eine Gruppe, so viel ich herausbringen kann, ohne Nebenformen.
120 A. Leskieu,
Vergleicht man aber hüj'iti päjiti Kinderworte für schlafen, bütnhifi
Kindcrwort für trinken [bümha für Wasser), pisiti demin. zu insati
mingere, lägiti demin. zu lägati lügen, so wird man kaum anstehen,
noch mehr Worte dieser Kategorie von späten und zufälligen Bildungen,
Deminutiven und Scherzworten, zuzurechnen: hüriti mingere, käkiti
cacare, sipiti fein regnen (wohl denom. zu sipati schütten), vgl. sisiti
dass., cmiljiti ganz fein spinnen, gmiziti neben gmizati gämizati wim-
meln, zmiriti und zmüriti blinzeln (neben zmirati zmiräm) kliziti
gleiten (neben klizati se), reziti ein wenig beissen (von Speisen; wohl zu
rezad) , strepiti zittern , trziti ein wenig Kramerei treiben (zu £rg und
trgdvati)j cam^V^ verdriesslich warten (neben cama^^ cawäm), skiljiti
blinzeln, cZdmW auf den Hinterbeinen stehen (vom Hasen, eig. Männchen
machen, zu clovjek]^ pasiti subolere ; wohl auch dühiti aufrecht [düpke]
stehen. Späte Bildungen sind oglüviti taub werden, gebildet von glüh
nach Verstummen des h\ pNj'eviti jäten, angeschlossen an das Präsens
plijevem zu pljeti. Diese ganze Gruppe c wird man wie a und b aus
der Betrachtung weglassen können. Es bleiben
d. nur ganz wenig Beispiele übrig : liciti Uci decere (zu lik, lice :
in der Bedeutung schmücken u. a. dagegen liciti liclm), miriti olere
(beruht auf miro = griech. /.ivqov), prüditi nützen (wohl fremd), trü-
hiti trompeten (auch im Comp., AkWb istrühlti istrühim) zu trüha ;
üditi sich sehnen.
Von Verben des Betonungstypus hvaliti hvällm zählt Daniele § 22
über 350 auf. Betrachtet man sie in Bezug auf die ursprüngliche
Quantität des Wurzelvocals, so zeigt sich, dass mit wenigen Ausnahmen
die Wurzelsilbe eine ursprüngliche Länge enthält. Die Ausnahmen, die ö
oder e zeigen, erklären sich z.Th. durch sekundäre Dehnung, so das ö in
gövniti gövno, möhiti mölha = *mooha aus *molba, köciti kölac köca
= *kooca = *kolca, onövciti novac növca, vöj'stiti vöjska aus der
Stellung des Vocals vor Liquida, v,j\ind Consonant, nach der bekann-
ten Regel; zaprötiti beruht auf der Koseform pröta mit der diesen
Formen eigenthümlichen Dehnung, zöriti se auf türk. zcr; etymolo-
gisch unklar sind röziti, zacöpiti, oklöpiti, osmöljiti] spljöstiti ras-
pljöstiti hat gegenüber pljosan plosan sicher unorganische Dehnung.
Mit e : jeziti se verdankt die Länge der unursprünglichen Dehnung des
Homena j'ezjeza (vgl. r. eati. eatä); peciti (dafür auch cepifi) von der
Koseform peka ; etymologisch unklar sind naheriti se (zu nah^ro), za-
blesifi se, naceciti se, beciti, kesiti, gmezditi, gnjeciti (vgl. gnjecati),
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 121
raskreciti\ bleiben zestiti se zu zestok, r e briti vfeun zu rebro. Mit
altem h : däniti, upänjiti se haben ihre Länge von dem fertig ausge-
bildeten serb. dän gen. däna, pänj gen. pänja\ bleiben prelästiti od-
mdstiti, wenn zu Ibstb mbsth, tänj'ifi tänj'l, mänjiti manji.
Fasst man alles bisher im einzelnen ausgeführte kurz zusammen
und geht dabei von der sichern Grundlage der deutlich als denominativ
zu erkennenden Verba aus, so ergeben sich recht einfache Prinzipien
der Betonung für das Verhältniss von nominalem Grundwort und ab-
geleitetem Verbum. Dabei habe ich zunächst nur den Infinitiv im
Auge, der Tonwechsel innerhalb der Formen des Verbums wird nach-
her zur Sprache kommen.
1. Das Verbum muss den Accent " haben, wenn die Wurzelsilbe des
zu Grunde liegenden Nomens ursprünglich lang war und steigenden Ton
hatte , bei dem die alte Länge verkürzt werden musste , z. B. pjeniti
pjena. Ableitungen von Nomina andrer Quantität und Betonung ver-
meiden den Betonungstypus ".
2. Verba abgeleitet von Nomina mit ursprünglich kurzer Wurzel-
silbe müssen den (alten) Hochton auf dem -i- des Nomens tragen,
a) wenn das Nomen unbetonte Wurselsilbe bei Endbetonung der Formen
hat; b) wenn es fallenden Ton hatte; z. B. kösiti kösa, bröditi brod
broda.
3. Verba abgeleitet von Nomina mit alter langer Wurzelsilbe, sei
diese unbetont oder fallend betont, müssen den Hochton auf dem -i- des
Stammes haben, z.B. hvälitz hvdla, gräditi gräd gräda. Damit stimmt
denn auch die Thatsache, dass es Verba einer Betonung wie etwa *grä-
diti nicht gibt. DaniSid hat zwar § 28 eine solche Kategorie, allein das
sind lauter Verba, deren Wurzelvocal vor Nasal, Liquida,/, v + Cons.
steht und durch diese Stellung gedehnt ist ; ein pämtiti u. s. w. ist
virtuell = *pamtiti.
Fasst man die Erscheinungen von 2 b und 3 zusammen, so stellt
sich als allgemeiner Satz heraus: wenn das nominale Grundwort fallen-
den Ton hat, einerlei ob auf kurzer oder langer Silbe, so erhält regel-
mässig das Verbum Endbetonung des Stammes: brod broda brodlti
bröditi wie gräd gräda grädMi gräditi.
Zum Belege, dass diese Regel auf urslavische Verhältnisse zurück-
geht, mögen einige Beispiele aus dem Russischen von fallendem und
steigendem Tone bei polnoglasie dienen, steigend : BOJiora noBOüoaKHTL,
öojioTO bojioTHTb, Moposi. MopoBHTt, s^opoBrE. SAopoBHTLCfl j dagegen
122 A. Leskien,
fallend : tojioa'b rojro;i;HTi>, rojroct roJOCHTL, xojro^tTb xojioahti,, BÖpori
Bopo»:HTt, BepeAt Bepe^HTb. In Bezug auf noch ältere Verhältnisse,
auf die Unbeweglichkeit der einen, die Beweglichkeit der andern Ton-
qualität im allgemeinen, verweise ich auf Hirt, Indog. Accent, S. 91 fg.
Die Verba auf -i-ti mit mehr als zweisilbigem Stamm im
Verhältniss zu ihren Grundworten. In Betracht kommen die bei
Daniele in den §§ 23 — 27, 29, 31 — 41 aufgezählten Verba. Die Ver-
hältnisse sind im Ganzen ziemlich einfach:
1. hat das nominale Grundwort den Accent ^ oder ', so verbleibt
er dem Verbum ; a) hatte dabei der Nominalstamm alte Endbetonung, so
liegt der alte Hochton des Verbums auf dem i seines Stammes, z. B.
hudäla hudäliti^ crven f. crvena crveniti, debeo f. dehela nadeheliti se,
plavetan f. plavetna plavetniti se, sökö g. soköla soköliti^ sramöta
sramötiti^ svjedok g. svjedöka svjeddciti (u. s. w. ; ich führe hier, wie
im folgenden, wenn die Sache klar ist, nicht jedesmal alle Beispiele
an) ; divän diväna diväniti^ drvär g. drvära drväriti^ gospödär gospo-
dära gospodäriti^ Jünäk Junäka Junäciti se, päzär pazära pazäriti,
räcün racüna racüniti, vämpir nampira povampiriti se u. s. w. Aus-
nahmen sind verschwindend, ich habe nur angemerkt ajmäna poäjma-
7iiti se, mbmak mbmka momciti se, zivica zlviciti. b) lag der alte Hoch-
ton auf einer Mittelsilbe des Nominalstammes, so behält ihn das Verbum
ebendort: hesjeda hesjediU, bespolica bespoliciti, biljeg biljeziti, bogat
bögatiti, brädat obrädatiti, dvöstruk predmstruciti , glävica gläviciti
se, gödiste pregödistiti, gotov gdtoviti, käludjer käludjeriti, könak
könaciti, kübura küburiti, Visica llsiciti, lükav izlükamti, öbraz pre-
öbraziti, pbgan pöganiti, pöocim pöocimiti, vlädika vlädiciti, zlöpata
zlopaiiti n. s. w.; domäzet domäzetiti, lisäjiv lisäjiviti se, pepeljav
pepeljaviti, praznöslov praznösloviti, sirömah osiromasiti, u. s. w. ;
brlog brloziti, gäjtan gäjtaniti, pärlog pärloziti, prilika priUciti,
räskos räskositi, zäkon pozäkoniti se u. s. w. Als Ausnahmen : grosicär
grosicäriti (es mag hier wohl eine Betonung grosicär grosicdra zu
Grunde liegen), prpor prporiti se, p\tom pitbmiti, pbkoj pbkoja upo-
kbjiti se, temelj otemeljiii se.
2. Das Grundwort hat " auf der ersten Silbe; kommt nur vor bei
einigen Fremdworten: dzagor dzagoriti, klcos kicositi, logor logoriti,
täbor taboriti. Zu Vuk's bdrpaviti d. i. drpaviti steht im AkWb
drpav, ist das richtig accentuirt, nicht vielmehr drpav? Zu zübor
neben zubor verzeichnet Vuk zubbriti neben züboriti.
Untersuch, über Betonungs- u. Quaiititätsverhältnisse in den slav. Spr. 123
3. das Grundwort hat '' auf der ersten Silbe. Hier sind die Ver-
hältnisse weniger einfach :
a) Wenn das Grundwort überhaupt keine Länge enthält, so ver-
bleibt dem Verbum " unverändert: hclbica hclbiciti^ bangav dhangamti^
Viskup zäbiskupiti^ bljutav dbljutamti^ hrabonjak brabotijciti, hrasnav
dbrasnaviii, bratim AkW brätimiti, budjav pobucljaviti^ bugar buga-
ritt, cigänka cigänciti, cadjav pöcadjamti^ celav> celamti, corav cora-
viti, djakon dj'akoniti^ dlakav dlakaviti^ drven dneniti se, gärav
dgaraviti, gusav dgusavitij Jalov Jalovili, Jevtin pöjevtiniti^ kaldrma
kaldrmiti^ kanat kanatiti^ Jcilav ökilamti^ Jciseo Jciseliti^ krajina zä-
krajiniti^ krslj'av zäkrsljaviti, kucica kuciciti, kuljav dkuJjamti,
kusljav zäkusljaviti^ Väkom lakomiti se, lastavica lastavicüi, milostiv
ümilostiviti, mati matere maferiti, mätor mäforiti, mVitav dmlitaviti,
mrsav mrsaviti, nadnica nadniciti, napolica napoliciti, ritstav iznista-
mtij pabirak pabirka päbirciti, parojak parojka parojciti se , pepeo
pepeljiti se, plj'esniv pljesnwiti se, prdez üsprdeziti se, pupav öpupa-
viti, sebica sebiciti, slnjav slnjaviti, sjeme sjemena sjemeniti se,
srebrn posrebrniti, tefter fefteriti, ütor ütoriti, vUica viliciti, voj'voda
vojvoditi, zioka zlociti, zubor zuboriti. Abweichungen sind spärlich :
krajina krajiniii, vgl. aber zäkrajiniti = krajmiti, pernat oprnatiti,
susjed prisüsjediti (die Betonung ist aber abhängig von süsjed), zalostiv
ozälostiviti; für Vuk's Viber b\beriti hat das AkWb b)ber; djcLvo
djavola djavöliti, p^epeo pepela opepeliti (vgl. pepeljiti se), prljatelj
prijateljiti se, veseo vesela veseliti, vijor mjbriti, vrijeme vreme?ia
uvremenitise, Ullav kiläviti (vgl. aber bkilamii = Mlaviti), betiav
benäviti se\ ctganin cigänifi se (neben pöciganiti) ist insofern kaum
eine Ausnahme, als es vom Plural cigäni abhängen kann und so unter
b) fällt.
b) Enthält das Grundwort eine Länge, so muss das Verbum, selbst
wenn die Länge in den Flexionsformen des betreffenden Stammes nur
im Nom. sg. (msc.) erscheint, den Hoehton ändern , es bekommt End-
betonung des Stammes, -iti: blagoslöv g. -slova blagoslömti, bogarädi
bogoräditi, botest bolesti obolestiti se, cemer ocemeriti, deset zadese-
titi, devet zadevetiti, dwläc divläciti se, dvojäk dvoj'äciii, drugoj'äk
predrugojäcifi, djever djevera dj'everiti, geäk geäciti, zagojätiti vgl.
gojätan AkWb, goropäd goropäditi se, gospöd gospoda pogospoditi se,
govör govora govöriti, jednäk Jednäciti, j'esen jeseni (neben Jesm
jesena, so AkW, Vuk anomal jesen Jesena) Jeseniti se, förls jurisiti.
124 A. Leskien,
kacün kacüniti se, käntär (= *käntär) prekantäriti , koköt kokötiti
se, kolomät okolomätiti, kopile kopiliti se, kopün kopüniti se, koräk
kordciti, Iwrijen iskorijeniti^ kostrijesiü vgl. kostrijet., krväv krvd-
viti^ kurjük pokurjäciti^ kuraz kuräziti , kusür dokusüriti^ mjehür
podmjehüriti se, nüopäk iztiaopäciti se, nemlr uznemiriti, obicäjizohi-
cäjiti se, obijest uzobijestiti se, oblük naoblüciti se, obrüc naobrüciti,
okolis okoUsiti, opak opäciti se, pctmei opametiti, pozär zapozäriti,
prednjak prednjäciti, perväz perväziti, propäst upropästiti, prosjäk
prosjäciti, protw protwiti se, pzisfös pustdsiti, räzüm razümiti, ribür
ribdriti, rodj'äk rodjäciti se , porogobätiti se vgl. rogobätan, skorüp
poskorüpiti, skrnäviti vgl. sJcrtiävan, sumräk sumräciti se, svoj'äk
svqfäciti, sestär sestäriti, fij'äk posijäciti, tocllj tocüjiti, troj'äk trojä-
citi, ilgär ugäriti, zMöst zalosti ozalöstiti. Die Ausnahmen sind ganz
gering an Zahl: kämm kdmena kameniti (das Verbum kann aber auf das
Adj. kamen bezogen werden und ist dann normal, vgl. drven drveniti),
koräk opkdraciti raskbraciti (vgl. aber oben kordciti), korlst oköristiti
se, krmelj zäkrmelßti, mramor mramora mrdmoriti se,pcikdst päkosü
pdkostiti, samoteg samöteziti, näsumoriti se vgl. s^möran (bildet
eigentlich keine Ausnahme, da sumoran hier für *silmoran steht und
das erst aus sümörna u. s. w. in den Nom. sg. msc. übertragen ist).
Es stellt sich bei diesen mehrsilbigen Stämmen in der Beziehung
völlige Gleichheit mit den zweisilbigen heraus, dass die Betonung ", sei
es auf erster Silbe, sei es auf nichterster (wo natürlich die neuere Be-
tonung dann ^ auf der vorangehenden hat, besjeda = hesjeda) unbe-
weglich ist. Wie weit man die unter 3 b besprochene Erscheinung der
Beweglichkeit des Tones [propäst propdstiti] mit dem Verhältniss von
grdd gräda grdditi in Beziehung zu setzen hat , lasse ich zunächst un-
bestimmt.
B. Betonung und Tonwechsel innerhalb der Conjuga-
tionsformeu des Verbums.
Die Untersuchung muss zweierlei im Auge haben :
1. Feststellung der serbischen Betonungstypen und ihre Ver-
gleichung mit denen anderer slavischer Sprachen zur Auffindung
etwaiger urslavischer oder überhaupt alter Typen.
2. Erklärung des Tonwechsels in den verschiedenen Verbalformen.
Zur Vergleichung kommen hier nur das Russische und Slovenische in
Betracht; auf das Bulgarische verzichte ich wegen der dort erfolgten
starken Regulirung des Hochtons (s. Archiv 21, 1 fg.). Zunächst be-
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 125
handle ich im Folgenden nur das Präsens; die z. Tb. eigeuthümlichen
Betonungen des Aorists im Serbischen, des Imperativs und der Parti-
cipien lassen sich besser besonders betrachten.
Das Russische zeigt bei den Verben auf -i-ti {-u-Tb) folgende Be-
tonungstypen :
1. Der Hochton liegt im Infinitiv auf irgend einer
Silbe vor dem -^- des Stammes, dann verbleibt er allen
Formen des Verbs unveränderlich ebenso, z. B. My^HTt Myyy
My^HUIL U. S. f., BipHTL BipK) B^pHUlB, rOTOBHTB r0T6B.IK) rOTOBHmL,
JiaKOMHTB JläKOMJIIO JläKOMHUIB U. S. W.
2. Der Hochton liegt im Infinitiv auf dem -^- des Stam-
mes, dann zerfallen die Verba in zwei Gruppen:
a. Das Präsens hat ebenfalls durchgehend den Ton auf
dem -i-, z. B. ^lepHiiTL qepHio ^lepHiiuib, roBopHTt roBopio roBopHUiL,
BecejiHTfc BBcejiK) BecejiHmL u. s. w.
b. Nur die 1. sing. präs. hat Endbetonung, die andern
Personen haben den Hochton auf der Wurzelsilbe, z. B.
xBajiHTi, xBajiio XBaanmL xBajinx^ u. s. w. Vgl. die Aufzählung bei
Grot, Razysk. P 378, und bei Boyer, De l'accentuation du verbe russe,
Paris 1895, S. 37; etwa 60 Beispiele. Etwa ebenso viele Verba
schwanken zwischen den Typen a und b, z. B. BajiHTB Ba.iii6 BaJinrnt
und Bajinmi. (s. Grot a. 0. 376, Boyer S. 38). Es ist nebenbei bemerkt
unnütz, die verschiedenen Arten der Betonung mit Bedeutungskatego-
rien zu verbinden, wie es Boyer gethan hat : die Betonung sei bei den
Denominativen fest, bei den Causativen und Iterativen beweglich, denn
z. B. rjiymHTi,, cy^HTL, ö^chtb mit der Präsensbetonung wie BecejiHTb
sind freilich ebensogut Denominativa wie dieses, aber aceHiixL a^enio
vKeHHmb, cjyacHTb c-iyacy cjry^HuiB u. a. ist nicht weniger eins.
Die Typen des Slovenischen bei zweisilbigem Verbalstamm; die
mehrsilbigen, die für unsern Zweck ohnehin wenig in Betracht kommen,
lasse ich aus, weil eine Menge sekundärer Lautverhältnisse dabei zn
erläutern wären. Die Angaben über das slovenische Verbum beruhen
auf den Arbeiten von Valjavec (die Verba auf -iti im Rad 93 und 94)
und dem Wörterduch von Pletersnik :
1. Der Infinitiv hat auf der Wurzelsilbe ' (steigenden
Ton), das Präsens ebenso, z. B. hväliti hvalim. Zu bemerken ist
indess, dass in diesen Fällen die ältere Betonung des Infinitivs häufig
das -i- des Stammes traf, hvaliti (vgl. Valjavec, Rad 132, S. 144).
126 A. Leskien,
2. Der Infinitiv hat' (steigenden Ton) auf der Wurzel-
silbe, das Präsens auf der gleichen Silbe " (fallenden Ton),
z. B. drüziti drüzim] ursprünglich lag auch hier in vielen Fällen der
Hochton des Infinitivs auf dem -i- , clruziti.
3. Der Infinitiv hat den Hochton auf dem -i- des Stam-
mes, das Präsens ebenfalls, z.'B. gasiti gasim.
Ein Typus mit fallendem Hochton auf der Wurzelsilbe des Infini-
tivs fehlt von Haus aus ; wo er erscheint, beruht er auf der Stellung des
Vocals in geschlossener Silbe vor Liquiden u. s. w., z. B. hersiti.
Die Typen des Serbischen.
1. Der alte Hochton liegt im Infinitiv so, dass er über-
haupt das -i- des Stammes nicht trifft, d. h. er liegt heute auf
der ersten Silbe als '^ (über " s. oben S. 121. 3) oder als ^ ' auf irgend
einer Silbe, die nicht unmittelbar dem -i- des Verbalstammes vorangeht ;
dann ist das Präsens betont wie der Infinitiv, weder in Hochtonstelle
noch Tonqualität tritt eine Aenderung ein, z. B. gaziti gazim gazu
u. s. w., pämtiti pämtlm^ hratimiti bratimlm, hesjediti besjedlm^
djevöjciti djevöjclm. Hierher gehören dieVerba beiDanicic § 23, 25,
28, 29, 31, 33, 34, 37, 38, 39, 40, 41.
2. Der alte Hochton liegt auf dem -i- des Stammes, die
vorhergehende Silbe ist lang, hat also heute den Accent ',
z. B. hväliti, Jednäciti\ dann tritt im Präsens der Hochton um eine
Silbe zurück. Ist der Stamm zweisilbig, so erhält dessen erste Silbe
den auch heute erkennbaren fallenden Ton ", z. B. hvällm^ dljellm zu
dijeliti (dahin gehören die Verba Danicic § 22 a). Ist der Stamm mehr-
silbig, so muss nach dem bekannten Verschiebungsgesetz, das die heu-
tige Hochtonstelle regelt, der neue Hochton noch um eine Silbe als ^
zurücktreten, z. B. jednäclm für altes *jednaclm^ zivotäriti zivdtärim
d. i. *zivotarim (dazu gehören die Verba § 24, 26, 27).
Die Gruppe § 22 b bei Danicic (Beibehaltung der Endbetonung auch
im Compositum) lasse ich nach den oben unter V (S. 118) gemachten
Bemerkungen ganz weg.
3. Der alte Hochton lag auf dem -i- des Stammes, die
vorhergehende Silbe ist kurz, muss also nach der heutigen Be-
tonung den Accent ^ tragen. Hier theilen sich die Verba in zwei ünter-
abtheilungen :
a. Im Präsens geht der Hochton auf die vorangehende
Silbe über, diese hat also bei zweisilbigen Stämmen ", z. B. nösiti
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 127
nosim (Daniele § 30a); bei mehrsilbigen muss nach der Verschiebung
der Hochton als "* um noch eine Silbe weiter zurück liegen, z.B. govorifi
göcorim = älterem *gooorlm^ hlagoslöviti hlagdslovlm=^*hlagosrdvim
(Danicic § 32 a, 35 a, im ganzen ausser den beiden genannten nur noch
pitömiti, poldviti^ romöriti).
b. Der Hochton bleibt im Präsens wie im Infinitiv, z. B.
lomiti Idnilm Idmi's lömi lomimo lomite (= lomimo lomife\ diese
Endbetonung auf dem Personalsuffix bleibt hier zunächst unberück-
sichtigt) lome. Aber nur im Simplex, im Compositum tritt die
Betonung von a. ein, also slormm slomls u. s. w., nälomim =
*nalom%m, (Danicic 30b, bb). Dazu einige ebenso behandelte Verba
in § 32b, bb, z.B. svjedociti svjeddclm^ aber posvjedocim = *posvje-
doclm. Die Angaben Resetar's (Südslav. Dialektstudien, I. Die serbo-
kroat. Betonung südwestl. Mundarten, S. 192, § 127) machen es jetzt
möglich zu erkennen, dass dieser Typus in den Dialekten geringer,
z. Th. gar nicht vertreten ist. In Ragusa kommt auch im Simplex vor
lomlm, lomm u.s.w., svjedocim neben svjeddcim] dagegen in (Ozri-
nici) und P (Prcanj) fallen die Verba des Vukschen Typus lörmm pö-
lomim auch im Simplex regelmässig in den Typus a [noslm]^ also lo-
mim^ zvonlm^ horim se, glohltn u. s. w., sjedocim^ vesellm u. s. f.
Anmerkung zu 3 b. Danicic hat 32b, aa und § 35 b eine Anzahl
Verba aufgeführt, die im Präsens den Hochton überhaupt nicht, auch
nicht im Compositum, verändern. Aber es ist damit eine etwas missliche
Sache: § 32b, aa werden 17 Verba genannt, davon sind aber 12 com-
ponirt nicht belegt, man kann daher nicht sicher entscheiden, wie
etwaige Composita betonen würden. Die componirten müssen auch im
Accent nicht sicher stehen, denn Vuk hat zwar zarumeniti -im^ d. h.
man muss voraussetzen, er habe zarumemm betont, allein das AkWb
accentuirt das aus Stulli aufgenommene izrumeniti im Präs. izrümenim
d. i. *-rumenim. In § 35b stehen die 3 Verba: prijateljiti^ museve-
diti (vom türk. museveda) ^ u-muaseriti (vom turk. muasera). Man
kann also derartige Fälle, deren Zahl übrigens ganz gering ist, weg-
lassen wie die von § 22 b.
Die weitere Frage ist nun: wie verhalten sich die serbischen
Betonungstypen zu denen der andern in Betracht kommen-
den Sprachen? Bei der Zusammenstellung ist so verfahren, dass das
serbische Wort voransteht, dann das russische, diesem das slovenische
folgt:
128 A. Leskien,
1. Serbischer Typus bclviti bavlm u. s. w.
A. Das Russische hat die gleiche, also unveränderliche
Betonung, z. B. MyiHTt : Myqy My^imub u. s. w. ; dabei 1. das Slo-
venische den Hochton ebenso, verwandelt aber im Präsens
den steigenden Ton in fallenden ("), z. B. misliti mislim. So
also im Slovenischen bei allen folgenden Beispielen : blatiti öcjothtb
(angegeben auch ßojiOTHTb) hlätiti^ cistiti tocthtl cistiti, cuditi se qy-
AHTtca cüditi se, gaditi räAHTB gäditi, gladiti rjiaAHTfc gläditi, grabiti
rpäÖHTb grabiti, liititi xHTHXt hititi, laziti JiasHTL läziti, misliti mlic-
.iHTb misliti, mjeriti MipnTL meriti, mrstiti se MopmHTL, mtlciti My-
uHTb, nistiti HHmHTb, nuditi Hy^HTb nüditi, päriti näpHTb pdriti, pje-
niti niHHTb peniti, plasiti nojromHTb pläsiti, praviti npäsHTb präviti,
raniti^imiTh räniti, rusifi T^fumTh rüsiti, sttitinäsititins^GhiTViTh sititi,
slaviti ciasHTb släviti slävim (und slaviti slavim), sVhiiti cjiHHHXb sli-
niti, smraditi r. kirchensl. Form CMpä^HTb (v. CMopoAHTb stinken, offen-
bar an cMopoA'b angeschlossen, cMopoAHXb durch Ansengen Gestank
verbreiten), staviti cTasHTb stäviti, svaditi CBäAHTnDahl (altr.) sväditi,
skoditi mKOAHTb sköditi, tj'esiti TimnTb tesiti, -vjesiti BicHXb vesiti,
zdraviti no-s^iopoBHXb zdräviti. Bei der grösseren Nähe der beiden
Sprachen lässt sich die Vergleichung mit dem Slovenischen noch etwas
weiter fortsetzen: bratiti slov. brdiiti brätim (und so bei allen folgen-
den), büsiti büsiti, gaziti gäziti, grbiti grbiti,jaciti Jäciti, ddjutriti se
jütriti se, Juziti se jiiziti se, zä-kaciti käciti, Ultiti kititi, zä-kmetiti
po-kmetiti, mraziti (verfeinden) mräziti, pre-mreziti omreziti omrezim
(und omrezim), paziti päziti, pläziti pldziti, pastiti se päsc-iti päscim
se [vL. päscim] pluziti plüziti, praziti präziti, pusiti püsiti, prtiti prtiti,
siliti se siliti, siriti siriti, ü-sreciti po-sreciti, vädifi (herausnehmen)
üäditi, 2)revariti pre-väriti, ziliti ziliti zUim (und zilim).
2. Das Slovenische hat im Präsens steigenden Ton, z.B.
kväsiti kväsim ; so bei allen folgenden : bclbiti öaÖHXb bäbiti [bäbim
aber obdbiti obdbim), baviti öäsHXb bäviti [bävim, aber izbäviti izbä-
vim), Jagniti arnnxb ca jägniti (aber iz-jägtiiti izjdgni se), jaditi
iäditi {Jädim, aber iz-jäditi -jddim se), kväsiti KBacnxb kväsiti, priliiti
npyacHXb pröziti, püniti nojinHXb pölniti, trätiti xpäxHXL trätiti, vj'e-
riti Bipnxb veriti se (betheuern), vjetriti Bixpaxb veti'iti. Mit dem
Slovenischen allein vergleichbar noch: zä-galiti gäliti, grbiti grciti,
o-gnusiti gnüsiti, jaditi jäditi, kljuciti kljuciti, pot-koziti se köziti se,
ktlditi küditi, ö-kuziti o-küziti, prätiti präliti, s-putiti spöiiti, ü-smrtiti
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 129
usmrtiti (und tismrtiti usmrtim), trliti trlitt, ü-vjestiti se izvesciti,
zilliti zäliti^ ö-hditi o-zöleiti^ zä-zcaliti zväliti.
3. Das Slovenische betont -iti und hat im Präsens End-
betonung, z.B.jasmtiAcmiThjasnifi 'jastum, aber iz-Jäsniti izjas-
nim), dabiti slahini^ sestriti cecTpHTLca noeecrpHTtCK sestriti se.
slahiti cjiaÖHTfc slahiti^ stariti se ocxäpnTLca ostariti se. Vgl. noch
mfciti slov. mrviii.
B. Das Russische hat im Infinitiv -lixb, im Präsens End-
betonung, z. B. cTpamHTb cxpamy cxpamiimi u. s. w. : zä-cariti bo-
i];apHTb, hidiii xy.iiixi,, nä-mjesiiti mJctiitb, d-strmiti CTpeMHTi,, is-
tastiti iicTOimiTfc, tTiriti TypÜTb. Dabei hat
1. das Slovenische ebenfalls Endbetonung: cdditi ^a-
ji^iih caditi caditn.^ ^s^nV^ HCKpiiTt iskritiiski'im^ kupiti o.o-BO-i^Ymi.'Th
kupifi kupim . suziti cresiiTb soiziii sohim^ vgl. noch plaviti slov.
plaviti platim (aber dopläviti -plavim).
2. Das Slovenische hat Wurzelbetonuug im Infinitiv
wie Präsens, in diesem aber fallenden Ton (z. B. sträsiti
strasim) : üdariti y^apiiTb udäriii.^ dlmiti AbiMHXb dimiti^ huliti xy-
.iiixb hüliti ^ o-kusiti no-KycHTbca oküsiti ., kTlniii K-iHHHTb kliniti^
pö-mjestiti noMicTHXb domestiti do77iestim, sjeniti se xiHHXb sefiifi,
pdspjesiti no-cni&miixb spesiti, strasiii cxpamiixb sträsiti^ saliti se
majiiixb säliti se, vlaziti BOjoacHXb (ksl. BJiäa:HXb) vldziti, tmiiti
HayMHXb doümiti.
3. Das Slovenische hat Wurzelbetonung, im Präsens
steigenden Ton (z. B. zrniti zrnim): militi se yMHjirixb militi se.
pripreniiti irpaMHXb premiti se, prestruziti cxpya:HXb strüziti, pri~
usiti 3a-ymiixb za-üsiti, d-zrniti se sepHiixb zrniti.
C. Das Russische hat im Infinitiv -i'ixb, im Präsens
Tonwechsel: hvdtiti Jwaüm xsaxHXb XBaqy xBaxmnb u, s. w.
Die Vergleichung ergibt, dass der serbische Betonungstypus " ein
urslavischer ist. In der grossen Mehrzahl der Beispiele stimmen die
Sprachen in der Lage des Hochtons tiberein. Die Erscheinung, dass im
Slovenischen so oft das Präsens fallenden Ton erhält, während der In-
finitiv den steigenden bewahrt (vgl. mtditi misltin slov. misNfi mislim),
wird später zu erörtern sein.
II. Der serbische Typus /ivdliii {= sxltem *hvärifi) hvä-
lim u. s. w.
Archiy für slavische Philologie. XXIV. 9
1 30 A. Leskien,
A. Das Russische hat die gleiche Betonung im Infinitiv,
im Präsens den Hochton durchgehend auf dem -^-, z. B. iiep-
iiHTfc yepnio yspuiiiub u.s.w. (so in allen folgenden Beispielen): bijediti
yß^ÄHTt, brziti öopsiiTb, cestiti ^lacTiixb, cläliti [däJjiti) Aajuixt, di-
viti se AHBHTL, -düziti npo^oJiJKHTL, -grciti ropqnTL, juriti lopHTt,
-krütiti KpyxHTt, licih oö.iiiyHTb, skrbiti ocKopÖHTb, vräniti Bopo-
HHTb, zestiti acecTHTb. Wo das Slovenische mit vergleichbar ist,
ergibt sich :
1. Das Slovenische hat die gleiche Betonung wie im
R u s s i s c h e n (z. B. glasiti glasim) : düriti AypHXb duriti^ gläsiti rjiacHTb
ro.iociixb glasiti., grditi ropAHXbca grditi [grdim und grdim Valjavec
Rad 94, S. 36), grijesiti rpiinnxb gresüi^ -giistiti rycxHXb gostiti,
Jdäditi xojiOAHXb hladiti., hräbriti xpaöpnxb xopoöpHXb hrabri!,i{?x'ä&.
auch hrabrim Rad 94, S. 36), Järiti se sn^nThcn j'ariti, käditi KaAHXt
kaditi^i käliti Ka^iiixb kaliti^ -krijepiti Kpinnxb krepiti^ kriviti Kpn-
BHXb kriviti., -mästiii MCXHXb rmstiti, mästiti Macxiixb ?nastiti, meciti
MHxqiixb meciti, mijeniti H3-MiHHXb meniti, miriti MHpnxb miriti,
mläditi MOJioAHXb mladiti., -mrtviti MepxBHXL mrtviti, -müdriti My-
Apnxb modriti., pUJeniti nojiOHHXb ple7iiti., präsiti nopouinxb prasiti,
prijetiti npexHxt pretiti, rävniti pasHiixb ravniti., rüciti nopyynxb
rociti, släditi cojoahxb sladiti., na-slijediti cji^A^xb slediti, -slijepiti
cjiinHXb slepiti, o-snijeziti CHiatHXb osneziti, -sträniti cxopoHHXbca
straniti se., svetiti CBaxHXb svetiti, tjesniti xicHHXb tesniti, tüdjiti se
iryatAHXb tujiti., -vijestiti Ha-B'£exHXb navestiti, vrsiti BepuiHXb vrsiti,
zübiti syÖHXb zobiti., zdrijebiti acepeÖHXbCH zrebiti., zütiti a^ojiXHXb
zoltiti. Vgl. noch aus dem Slovenischen (das zweite Wort ist das slo-
venische) cvrstiti AkWh cvrstiti, düziti doiziti, püditi poditi, smüditi
smoditi, teziti teziti, is-ki'csiti kositi.
2. Das Slovenische hat den Hochton auf der Wurzel-
silbe im Infinitiv wie im Präsens, in beiden Fällen stei-
gend (z.B. crniti crnim): bläzniti öjiasHiixb bläzniti., bläziti öjraacHXb
bläziti., bräniti öpamixb öopoHiixb bräniii, bräzditi öoposAHXb bräzditi,
cimiti ^epHHXL crniti, dräziti pas-ApaatHXb dräziti, drije'siti pimnxb
resiti, klätiti ko.ioxhxb klätiti, kneziti Knaatiixb ktieziti, kümiti Ky-
MHXbCfl kümiti, lisiti jnimiixb lisiti, mütiii Myxiixb 7nötiti, päliti na-
jiHXb päliti, na-rästiti paexiixb rästiti, -rijediti pi^HTb rediti, skvrniti
cKBepHHXb skrniti, srämiti cpaMHXbCfl (bei Dahl die eig. russ. Form
copoMHXbCH, angeschlossen an copÖMt für copoMt) o-srämiti {-srämim,
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 131
Rad 94, S. 36 srämim\ na-strciti se mepuiHTfc srsiti se, -trüsiti Tpy-
CHTt trösiti^ tvrditi TBep^HTt irditi, -vrijediti BpeAHTfc vrediti^ zuritt
se 5KypHTi> züriti.
3. Das Slovenische hat im Infinitiv steigenden, im
Präsens fallenden Ton auf der Wurzelsilbe: drüziti K^j-ssikrh
drüziti drüzim^ gnjeviti rH^BHTt gneviti gnevirn^ krtisiti KpymHTb
krüsiti krüiiim, piliti ni^ÄWVh piliti pllim^ räciti se payiixt räcifiräcim,
-rdziti Tpa-sArh rdziti räzim, sfrdziti CTo^oiiKu'Th strdziti sträzim, stititi
iUHTHTtcü scititi scUim\ vgl. noch IJütiti &\o'^ . IJütiti ljutim\ mdmiti
slov. mdmiti mdmim^ mldciti slov. mldciti niläcim^ präziti s\oy. prdzifi
prüzim, po-repiti slov. repiti repim, slütiti sl. slütiti slütim^ sndziti
sl. sndziti sndzim^ srciti sl. srciti sfcim^ ohzndniti sl. zndniti zndnim,
cvijeliti sl. cveliti coelim^ diciti sl. diciti dicim^ gdjiti ^X.gäj'iti gäjim^
güsiti sl. güsiti güsim.
B. Das Russische betont im Infinitiv -htb, das Präsens
hat in der 1. sing. Endbetonung, in den übrigen Personen
Wurzelbetonung, z.B. xBajiHTb xBa^io xBajirnnt u.s. w. serb. hvdliti
hmllm^ BopoTHTb BopoTf BopoTHiufc scrb. vrdtiti vrätlm. Dabei hat
1. das Slovenische im Infinitiv -iti^ im Präsens End-
betonung (z. B. lepiti lepim): büditi öjfl^uTh buditi, lijepiti JtinHTt
lepiti^ mäliti Ma^iHTt -maliti^ plätiti naaTHTL platiti^ -püstiti nycTHTt
opustiti^ srditi cepAHTt srditi, -strijeliti -cxp'fejHTfc streliti.
2. Das Slovenische hat im Infinitiv wie Präsens Wurzel-
betonung, in beiden Fällen steigend (z. B. ddüiti ddvim): cije-
niti ii,iHiiTt ceniti, -cijepiti \^m\T\> cepiti^ däviti ÄaBMXt däviti, hvd-
liti XBaJHTb hvdliti, krmiti KopitfiiTB krmiti, küpiti KynHTL küpiti,
Ijübiti jiioöhtb Ijübiti, -lüpiti jiynHTb lüpiti, mldtiti MOjroTHTt mldtiti,
rübiti pyÖHTL röbifi, slüziti ciyacHTb slüziti, südiii cyAHTb söditi,
tüziti TyatHTt töziti, vldciti BOJic^iHTb vldciti.
3. Das Slovenische hat im Infinitiv steigenden, im
Präsens fallenden Ton auf der Wurzelsilbe: lijeciti ji^HTt
leciti lecim, stüpiti cTynHTt stöpiti stopim, siriti pacmnpHTb siriti
sirim, tldciti tojig^htl tldciti tldcim.
C. Das Russische betont im Infinitiv -htl, das Präsens
schwankt zwischen durchgehender Betonung auf -i- und
dem Wechsel: 1. sing. Endbetonung, die andern Personen
Wurzelbetonung, z. B. a^-ihtl a^jik) Ai-^Hint u. s. w. oder a^-th)
9*
132 A. Leskien,
AiJHuit u. s.w. ; träviti trävim xpaBHTt TpaBJiK) TpaBHuib und TpaBJio
xpaBHiub. Dabei hat
1. das Slovenische im Infinitiv -^7^', im Präsens End-
betonung -im (z. B. zlatiti zlatim u. s. w.) : cijediti ixiAHTb cediti,
-ddriti ^aprixb dariti^ diJeUti A^JHTt deliti., düsiti AyiuHTt dusüi, gä-
siti racHTb gasiti^ -glüsiti rjryuiHTb glusiti, gräditi ropo^HTt graditi,
rediti pHAHTfc rediti^ säditi ca^HTb saditi, süsiti cyiuHTb susüt, -väliti
BajHTb valüi, väriti BapHXb varitt, zlätiti sojiOTHTb zlatiti.
2. das Slovenische im Infinitiv wie Präsens Wurzel-
betonung, in beiden Fällen steigend (z. B. krätiti krätim):
bijeliti 6§jiHTb heliti, hlüditi öjyAHXb blöditi^ gnijezditi rnisAHXb
(und rniaAHXb) gnezditi (und gnezditi\ Präs. auch gnezdim angegeben),
hräniti xopoHHXb (die ksl. Form xpaniixb xpanio xpaiiiimb u. s. w.)
hräniti, Jdviti üBiiTh jdmti [j'dvim, aber izj'dviti izjävim), krdtitiKO-
poxHXb krdtiti^ -krüziti KpyatHXb kröziti^ lijeniti se j^HHXbCfl leniti
se, lüciti pa3-.iiyqHXb löciti, mij'esiti M'ScHXb mesiti, tüpiti xyniixb tn-
piti, tüsiti xyuiHXb tüsiti.
3. das Slovenische Wurzelbetonung im Infinitiv stei-
gend, im Präsens fallend: trüditi T^Yji,AThC5i trtiditi trüdim.
D. Das Russische hat durchgehende Wurzelbetonung,
z. B. BaÖHXb BaÖJiK) Baöuuib u. s. w. ; -mijetiti wkiwvh. Dabei hat
1. das Slovenische im Infinitiv -^7^, im Präsens -im:
Jeziti se eacuxbca Jeziti se, mrdciti se Mopo^nxb mraciti, pot-petiti
nnxHXbCH petiti, zäriti jKapnxb zariti.
2. Das Slovenische hat im Infinitiv wie Präsens Wurzel-
betonung, in beiden Fällen steigend (z. B. vdbiti vdbim): güliti
se ryjHXb gtiliti, kräsiti KpäcHXb krdsiti (doch nicht echt sloven.),
7-küciti KyyHXb küciti se, -prdzniti nopoacHHXb präzniti, -prijeciti
n&^Q^wvh preciti, -pristiti m^hiu\vi'Thcsi pristiti se, vdbiti BaÖHXb vdbiti.
3. Das Slovenische hat steigende Wurzelbetonung im
Infinitiv, fallende im Präsens: krciti K6]^nRTh krciti krcim, pü-
citi nyiHXb pöciti p?)cim, siriti miipHXb siriti kirim, zndciti suaynxb
zndciti z?iäcim.
Aus der Vergleichung des serb. Typus hvdliti hvdlim ergiebt sich :
die Zahl der Verba, in denen das Russische durchgehende Wurzel-
betonuDg gegenüberstellt, ist sehr gering. Lässt man diese kleine
Gruppe bei Seite, so stellt sich heraus:
Untersuch, über Betonungs- ii. Quantitätsverhältnisse in den alav. Spr. 1 33
1. Dem gleichartigen serbischen Typus hväliti hvälim entspricht
im Russischen die gleichartige Betonung des Infinitivs , dagegen zwei
Betonungstypen des Präsens:
a) das Präsens bat durchgehende Endbetonung (d. h. auf dem
-i-) in allen Personen.
b) das Präsens hat Endbetonung nur in der 1. sing., sonst Wurzel-
betonung, wobei eine Anzahl Verba zwischen a und b schwanken.
2. Dem serbischen Typus entsprechen im Slovenischen drei Typen :
a) der Infinitiv betont wie im Serbischen, also -^7^, das Präsens hat
Endbetonung (auf dem -^-).
b) Infinitiv und Präsens haben Wurzelbetonung, beidemal steigend.
c) der Infinitiv hat Wurzelbetonung steigend, das Präsens Wurzel-
betonung fallend.
III. Der serbische Typus nösiti tioslm.
A. Das Russische betont -htb, hat im Präsens durch-
gehenden Ton auf dem -^-, z. B. npocTiixt npoiny npocxHuit
u. s. w.; das Slovenische ebenso prostiti prostim: pröstiti npo-
CTiixb prostiti^ rbditi [rodlm^ vgl. aber Daniele S. 52 Anm. 3, sing, rödi)
poAHTb roditi, teliti TsjiHTBca (bei Jel'sin S. 149 mit Wechsel im Prä-
sens 3. sing. TejiKTbCH). — Vgl. noch köziti okoshtlca, steniti mennTtCH,
falls diese Worte, was ich nicht constatiren kann, im Russischen keinen
Tonwechsel im Präsens haben.
B. Das Russische betont -htb, hat aber im Präsens
Wechsel der Hochtonstelle: 1. sing. Endbetonung, die andern Per-
sonen Wurzelbetonung, z. B. mojihtl mojik) MOJiHmb u. s. w. Dabei hat
1. das Slovenische ebenfalls Endbetonung: kositi kostm
KocHTb Komy KocHuiL kositi kosim.
2. Das Slovenische hat im Infinitiv wie im Präsens
Wurzelbetonung, in beiden Fällen steigend, die Vocale o, e
nehmen im Präsens die Färbung o e an, was ich nur an einem Beispiele
zeige, möliti molim^ seliti selim: gonüi roHio roHHiub (Inf. ungebräuch-
lich) göniti^ höditi xoahtb höditi, möliti mojihtl möliti^ nösiti iiocHTb
nösiti, prösiti u^omih prösiti^ sköciti CKO^iHTb sköciti (s^ocm Valjavec,
Rad 132, S. 133, im Wb, durch Versehen?, skocim), vöditi BOAHTb
vöditi, vöziti bosutl vöziti; seliti eeJHTb (cbjik) eejiHmb neben cejinuitj
seliti, zeniti ateHHTL zeniti. Abweichend ist im Slovenischen pustiti
pustim mit Endbetonung gegenüber serb. pustiti püstim r. nycTiiTK
iiymy nycTHUib.
134 A. Leskien,
Nicht vergleichbar sind aus diesem Typus: desiti deslm^ kreciti
krecim (kalken, weissen , von dem Fremdwort krec kreca) kröciti
krocim.
Die Zahl der Verba , die diesem Typus im Serbischen angehören,
ist im ganzen nicht gross und es könnte fraglich sein, ob man weiter
gehende Schlüsse darauf bauen kann. Allein ich glaube doch, dass sich
ein urslavischer Typus hier erkennen lässt. Russische und slovenische
Endbetonung im Präsens (s. oben S. 133 A und B 1) ist ganz selten, be-
schränkt auf 4 Verba, von denen eins noch zweifelhaft ist. Die andern
betonen in den drei Sprachen gleichmässig, wenn man sich dabei erinnert,
dass die Infinitivbetonung des Slovenischen höditi unursprünglich für
hoditi steht (vgl. Valjavec, Rad 132, S. 144) und hinzunimmt, dass die
Vocalfärbung o q alten Hochton auf der betreflfenden Silbe andeutet.
Darnach stellt sich heraus serb. nösiti nosis slov. no&iti fwsis r. HocHXb
HOCHUifc und so in allen folgenden Personen des Präsens. Ob die russi-
sche Eigenthümlichkeit der Endbetonung der 1. sing. HOiuy ehemals
auch den beiden andern Sprachen zukam, wird sich mit Sicherheit nicht
leicht entscheiden lassen, da diese Form ihnen verloren gegangen und
durch eine Analogiebildung nach den folgenden Personen ersetzt ist,
nosim slov. nösim^ wobei natürlich auch deren Betonung mit überge-
gangen sein kann.
IV. Serbischer Typus Simplex lömiti lömlm (u. s. w., s.
S. 110), Compositum s-lomiti slomlm^ nalömiti nälomtm.
A. Das Russische betont -htl, hat im Präsens durch-
gehenden Hochton auf dem -^-, dabei 1. das Slovenische, wo
vergleichbar, ebenso, z. B. MopHXb Mopro Mopiimb, %[ow.moriti morim.
Wurzelvocal o: höciti se öo^htbch, odobriti oji.oö'^uTh odobrüi, döjiti
ÄOHTb dojiti^ dröbiti ApoÖHXb drobiti, dvbjiti ABOHTb dvojiti, dvdriti
ABopHTb dvoriti, gnojiti raoHTb gnojiii., gbditi roAHTbca goditi^ goßti
klr. gojity (Dahl roHXb) gojiti^ göliti ro.iHTb goliti^ göstiti rocTiiTb
gostitij groziti rposuTb groziti^ po-höliti se klr. chohj/y (Dahl x6.3HTb),
köriti KopHTb koriti^ kotiti KOTHTtca kotiti^ kröjiti KpoHXb krojiti,
kropiti v\iOxm'Vb kropiti, ukrdtiti KT^oraTh krofiii, mö^nV« MOKpnxt
mokriti^ möriti Mopnxb moriti., pod-mostiti MOcxHXb mosfüi, mdtriti
(cMOxptxb) cMOxpK) citfoxpiimb, obnöviti HOBiixb novifi, noriti iiopHTb
(aushöhlen) noriti^ raz~driti pasopnxb, östriti ocxpHXb ostriti, plöditi
nüOAHXb ploditi [plodim Wb, plöditi plodim Valj.), pöjiti noHXb pojiti^
za-pdfiti uorviTh poiiti, röj'iti ]}OidThcn rojiti, rösiti "^ociirh rositi^ rotiti
Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 135
se poTiiTbCH rotiti^ ti-skoriti ycKopHXi., smöliti cmojthti. smoliti, söciti
co^HTh, sdliti cojiHTb soliti., sporiti <ino^^l\'\:^bQ,a^ skö piti t^oniiih skopiti^
za-tomiti tomhtl, trd'siti no-Tpomiirt (ausweiden) troHfi, vostiti BomHTb
voscifi, znojiti se shohtl znojiti., zvöniti sbouhtb zvottiti\ dazu aus
dem Slovenischen allein höriti boriti se, hrdjiti iz-hroßti, glöbiti glo-
liti, Idjiti lojiti, mödriti modriti, pomöliti pomoUti, nbciti nociti, ro-
hiti za-roliti, skrdpiti skropiti. Wurzelvocal e : medj'iti nepeMeatiiTb
mejiti, srehrifi cepeöpiixLca srebriti] lediti lediti, mediti mediti.
Andre Vocale in der Wurzelsilbe : cästiti ^ecxiiTb c^stiti, krstiti KpecTHTt
krstiti [krstim und krstiti krstim), mägliti mf^ihtl rmgliti, stäkliti se
sthkliti.
2. Das Slovenische betont die Wurzelsilbe, in beiden For-
men steigend: pöstiti nocriiThcn postiti pgstim, u-töliti jroÄinh töliti
tolim\ im Präsens fallend: listriti öticTpHTtcfl bistriti bistrim.
B. Das Russische hat im Präsens Tonwechsel, z. B. kjio-
HHTb MOHK) KJioHHinb u, s. w. Dabei
1. das Slovenische in Infinitiv wie Präsens Wurzel-
betonung, und zwar steigend, bei o-Vocal diesen im Präsens als
o (z. B. klöniti klönim): bröditi öpo^HTb bröditi, kloniti KJlOHHTb klö-
niti (und kloniti klonim) Ibmiti üOMiixb lömiti, möciti MOynTb möciti,
za-sloniti npn-cjioHHXb slöniti, töciti xoynxb töciti, töpiti (schmelzen)
Tomixb töpiti, töpiti (tauchen) xoniixb töpiti\ bröciti sl. bröcitl brocim,
skröbiti sl. skröbiti (so im Wb., richtiger skröbiti?) skröbim, töriti sl.
töriti tqrim. Dazu kommen einige Fälle, in denen das Russische zwi-
schen Wechsel und durchgehender Endbetonung im Präsens schwankt,
das Slovenische z. Th. auch schwankende Verhältnisse zeigt : ciniti qHHiixb
^iHHK) yHHHmb und TiHHmnb ciniti cinim, krsiti Kpomnxb Kpomy Kpocnmb
und Kpociimb krsiti krsim, löziti jioacy Jio^Hmb noji03Ky no^oaeiimb
löziti Iqzim poloziti polozim, tvöriti XBopnxb XBopio XBopiimb saxBO-
pHuib. Das slov. Wb. bietet noch zu serb. zaklöpiti slov. zaklöpiti
zaklopim, zu zacepiti slov. zacepiti zacepim, wo vielleicht richtiger o e
stehen sollte.
2. Das Slovenische hat Endbetonung (auf dem -/-): löviti
jOBHXb loviti lovim, gübiti ryönxb gubiti gulim, üciti ytjHXb
uciti ucitn.
C. Das Russische hat Wurzelbetonung, das Slovenische
Endbetonung: mnöziti MHo^nxb MHoaty MHoacnuib mnoziti mnozityi
(und so in den folgenden Beispielen), röciti c^o^wih (Dahl), pro-slöviti
136 A. Leskien,
y-e.icißHTh blovilt, scöjiti y-CBOHXb u-svojiti^ topliti xenjiHTb topUtiy
vedriti pas-BeApuTb cedriti^ zldbiti sjoChtb zlobiti. — Vereinzelt steht
in dieser Reihe strojiti cTpÖHTb ströjiü ströjim.
Die Zösammenstellnng ergibt: abgesehen von den zwei drei Fällen,
in denen das Russische Wurzelbetonung hat, stimmen die drei Sprachen
in der Betonung des Infinitivs auf dem -i- des Stammes überein,
z. B. gdstiti rocTirrb gostitl, tdciti xouHTb töciti d. h. älter tociti (s. o.
8. 134). Dagegen stellt dem serbischen Typus der Betonung im Prä-
sens des Simplex das Russische und Slovenische zwei Typen
gegenüber.
1. Sie betonen im Präsens wie das Serbische, also das -/-, z. B.
slov. gosiis rocxHuib serb. gdsüi>\ so in der Mehrzahl der Fälle.
2. Sie haben im Präsens den Hochton auf die Wurzelsilbe zurück-
gezogen, slov. töcis xo^iHiub serb. tocls. Ob die russische Betonung der
l.sing. xoiy einst auch im Slovenischen vorhanden war, lässt sich nach
dem oben (S. 134) Bemerkten nicht erkennen.
Der serbische Typus IV ist aber nicht einheitlich, im Compositum
anders als im Simplex : lömiti löm'im^ dagegen sldmiti slomim nalömiti
nälomim^ im letzten Falle genau dem Typus lU yiositi nosim stidsiti
snostm nanositi nänosim entsprechend. Ausserdem ist hervorzuheben
die Endbetonung auf der Personalendung der 1 . und 2. plur. des Simplex
loimmo lomite = "lomlmö "lonnCe. Die Besprechung der hier vor-
liegenden Probleme verschiebe ich, um sie unten in weiterem Znsammen-
hang zu behandeln.
Zur Gewinnung einer üebersicht über die Hauptthatsachen ist es
zweckmässig, die Vergleichung der serbischen Typen mit denen der
andern Sprachen auf eine möglichst einfache Formel zu bringen :
1 . Die Typen I bamti bavlm und III nositi ndstm sind im Slove-
nischen und Russischen (abgesehen von dessen Endbetonung der 1. sing,
präs.) ebenso vorhanden und als urslavisch anzusehen.
2. Den Typen II Jwäliti Jwällm und III im Simplex lömiti lömlin
entsprechen bei gleicher Betonung des Infinitivs im Russischen und
Slovenischen zwei Typen der Präsensbetonung :
a. Das Präsens hat hier Endbetonung slov. glasis r. r.iaciimb
(ro-iociimb) serb. gliisls, slov. gostih r. rocxiimb serb. gostis.
b. Das Präsens hat Wurzelbetonung (abgesehen von der 1. sing.
präs. im Russischen) slov. Itväliii r. xiia.iinmb serb. hrälis.
Aus dem allen ergeben sich folgende Probleme :
Untersuch, über Betoniings- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 137
1 . Erklärung des urslavischen Typus nösiti non'im gegenüber der
Betonung formal gleicbartiger Verba wie ?}idn'fi mörim.
2. Erklärung der einheitlicbeu Betonung des Präsens im serb.
Typus hüäliü hvälim, Idmiü Ibmira (Simplex) und der Doppelbeit im
Russischen und Slovenischen.
3. Erklärung des Unterschiedes in der Betonung der Präsensform
des serbischen Typus lömlm im Simplex von der im Compositum nä-
lomlm slomim.
4. Erklärung der serbischen Endbetonung auf der Personalendung
im Typus lömiti lömlm (Simplex) : lomimo lomite.
5. Erklärung der russischen Endbetonung der l.sing. präs. gegen-
über der Wurzelbetonung der andern Formen, xBa-iib xBajinmb, xo^iy
TO^IHmt.
6. Erklärung des Schwankens zahlreicher Verba des Russischen
zwischen zwei Betonungsarten des Präsens, ;i,iJK) ;],'5.iHint und A^-^nuib.
Die Behandlung dieser Probleme erfordert aber eine Feststellung
des Thatsächlichen andrer Verbalklassen und deren Vergleichung , die
ich in späteren Aufsätzen geben werde.
A. LesJcien.
Zur polnischen Gaunersprache.
Slovrnik mowy ziodziejskiej, zebrai AntoniKurka, o.k. oficyal Dyrekcyi
policyi we Lwowie. Wydanie drugie, zmienione i rozszerzone. Lwöw. Na-
kladem autora. 1899.
Gaunersprachliche Wörtersammlungen sind, so paradox dies auch
auf den ersten Anblick scheinen mag, um so werthvoller, je weniger ihr
Urheber mit der Literatur des Gegenstandes vertraut ist, je naiver er
seinem Stoffe gegenübersteht. Das vielgebrauchte Witzwort von dem
«durch Sachkenntniss ungetrübten Urtheiletf wird angesichts des auf
diesem Gebiete herrschenden Plagiarismus nachgerade zu einem Lob-
spruch. Dieses Lob kann man dem vorliegenden Werkchen nicht ver-
sagen, dessen Verfasser augenscheinlich die Existenz eines Vorgängers
nicht einmal geahnt hat und dadurch der Versuchung glücklich ent-
138 A. Landau,
gangen ist, ihn auszuschreiben. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass er
nur solche Ausdrücke verzeichnet, die er in seiner Stellung als Gefäng-
niss- und Polizeibeamter unmittelbar aus Gaunermund vernommen hat.
Wo seine Angaben mit denen seines Vorgängers Estreicher ^) stimmen,
kann man dies unbedenklich als Beweis für die Verlässlichkeit Beider
annehmen, wo er neue Ausdrücke bietet, erhalten wir eine werthvoUe
Bereicherung unserer Kenntniss der polnischen Gaunersprache.
Das Büchlein Kurka's enthält auf 55 Seiten in Westentaschen-
format ein gaunersprachlich- polnisches, dann ein polnisch -gauner-
sprachliches Glossar und zwei Gespräche. Die Zahl der darin enthal-
tenen Ausdrücke beträgt, wenn wir von den als der jüdischen Gauner-
sprache eigenthümlich bezeichneten absehen, rund 240, von denen sich
etwa 80 auch bei Estreicher finden. Im Folgenden soll nun der Ver-
such gemacht werden, im Anschluss an die grundlegende Arbeit des
Herausgebers dieser Zeitschrift »Die Geheimsprache bei den Slaven. I«.
Sitzungsberichte der Wiener Akademie Bd. 133. 1896 (von mir mit
»Jag.« citirt) eine Analyse und, soweit es möglich, auch eine Erklärung
dieser Ausdrücke zu geben.
Von nicht slavischen Gaunersprachen habe ich in erster Reihe zur
Vergleichung herangezogen die zeitlich und örtlich am nächsten stehen-
den, u. zw. die Wiener nach dem auch von Jag. benützten »Wörter-
buch der Diebes-, Gauner oder Kochemersprache, zusammengestellt vom
Central-Evidenz-Bureau der Polizei-Direktion in Wien« 1854 (citirt
WPD.) und nach dem kleinen von Georg Schönerer während seiner Haft
im Wiener Landesgerichte gesammelten Vocabular der Wiener Gauner-
ausdrücke (gedruckt in den »Unverfälschten Deutschen Worten« vom
16. Januar 1889), welches das vollste Gepräge der Echtheit an sich
trägt, und die ungarische nach dem Werkchen von Koloman Berkes
»Das Leben und Treiben der Gauner«, dessen Verfasser der Literatur
mit gleicher Unbefangenheit gegenübersteht. Wenigstens versichert er
(S. 8 der deutschen Bearbeitung von Victor Erdölyi, Budapest 1889),
dass ihm zur Abfassung seines Buches, »welches bloss ein bahnbrechen-
der Versuch sein will, keinerlei Quellen zur Verfügung standen« und
dass seines Wissens »kein ähnlich compendirtes Werk existirecr. Diesen
1) Karl Estreicher's Vocabular der polnischen Gaunersprache, das ich
im Folgenden mit E. citire, erschien unter dem Titel »Gwara zloczyncöw« in
Nr. 232. 233. 249. 250 und 253 der Warschauer »Gazeta Polska« vom October—
November 1867.
Zur polnischen Gaunersprache. 139
Vorzug kann man dem bescheiden als Compilation auftretenden Voca-
bular im »Handbuch für Untersuchungsrichter« von Hans Gross, 3. Aufl.
Graz 1899, nicht nachrühmen, dessen Verfasser es leider ausdrücklich
ablehnt, seine Zusammenstellung der Sprachforschung nutzbar zu
machen, was dieser scharfsinnige und gewissenhafte Beobachter doch
mit geringer Mühe hätte thun können, indem er die von ihm selbst ge-
hörten Ausdrücke als solche kenntlich gemacht hätte. Vielleicht ent-
schliesst er sich, da eine neue Auflage seines Werkes nicht so bald zu
erwarten ist, dies in dem als Fortsetzung desselben von ihm heraus-
gegebenen «Archiv für Criminalanthropologie und Criminalistik« nach-
zuholen.
Aus dem Wortschatz des Vocabulars sind leicht auszuscheiden die
aus der Sprache der galizischen Juden (ich bezeichne diese mit jd.) ent-
lehnten Ausdrücke, da sie fast ohne jede lautliche Veränderung über-
nommen worden sind. Ich zähle sie in alphabetischer Folge auf.
hataie^ Brieftasche, jd. hätali dem. von hätl^ Beutel, bicha,
Buch, jd. bich. bindoiüac^ jd. bincln^ ebenso mit Anhängung der
polu. Infinitivendung iachowac^ ]di.lachn^ machac, coire, jd.mac/in,
nemnac^ nehmen, jd. n^mm. bojdek^ Dachboden, jd. boidim, mit
irrthümlicher oder absichtlicher Entstellung des Auslautes, cenaie^
Banknote von zehn Gulden und darüber (im Slownik jezyka polskiego
von KarJowicz, Krynski und Niedzwiedzki, Warschau 1900, Bd.I, 262,
den ich im Folgenden mit »Siown.ct citire, heisst es offenbar unrichtig
nur «Banknote von über 10 fl.), jd. tsenarl (mit langem offenen e),
Zehnerl. — chawres^ Genosse, jd. chawrise, Gesellschaft. Slown.
I, 273 hat chawrus, chabrusa^ Bund, Gesellschaft. Genosse ist jd.
chawar. — fisy., Füsse, jd. yTs. — fiter, Pelz, jd._/«ter. — ■ geid,
jd. geld. — haivira, Haus. Die ursprüngliche Bedeutung findet sich
bei E. : chawira, Versteck, jd. kitdri, Begräbniss = Kawure bei Ave-
Lallemant, 4,555. Damit stimmt dem Sinne nach das als jd. gaunerspr.
von Kurka angeführte awire szlugen, sich verstecken, bei dem aber
gerade der consonantische Anlaut des hebr. Wortes geschwunden ist.
Die Siown. I, 273 versuchte Ableitung von der Wurzel chow- ist ab-
zulehnen. Auf dieses haioira ist vielleicht auch hawernik, Brief-
tasche, als Versteck des Geldes, zurückzuführen. — jo^ja, wie jd. —
klap in klap dziakowac, schlagen, zerschlagen, jd. klap Klapps,
Schlag. — meszemedres, Bethaus der Juden, Synagoge, jd. bisme-
dris. — mikwa, Keller, dunkles Gefängniss, jd. mikwi, das in einem
1 40 A. Landau,
unterirdischen Räume befindliche Bad für die rituellen Waschungen. —
plajter zrobiv^ entfliehen, das bek:innte in die deutsche Vulgär-
sprache übergegangene jd. pleite., Flucht. — rehe^ Richter, jd. Rabbi-
ner. — szmelc, Eisen das nur noch zum Einschmelzen tauglich ist,
wie jd. — szmir, Wache, 7ia szmirze stac^ Wache halten, jd. smiri^
Wache, gaunersprachlich allgemein, Schmiere stehen, Berkes, Ave-
Lall. 4, 596. — sznit^ Tasche eines Frauenkleides, jd. stiit = Ein-
schnitt? — sztemp scheint nicht richtig durch »strafbare Handlung«
wiedergegeben. Auf die richtige Bedeutung führen sztymp, das Ver-
rathen des Diebstahls, ein abgestrafter Dieb bei E. jd. hubn a siimp ist
so viel wie Fiasco machen, sich blamiren, aztymp ist demnach nur die
durch Verrath missglückte, vereitelte strafbare Handlung, und damit
stimmt Puchmayer's stumf, verjsigtj protitumßi/ 77iasomat, verhinder-
ter oder verrathener Diebstahl, proHumfoivat, verrathen, stunifowat,
bellen, wodurch eben der Dieb verjagt, das Verbrechen vereitelt wird.
— Nur eine jd. Plural endung ist angehängt in sobotnikes, Leuchter,
eigentlich nur die werthvoUeren, die am Sabbath gebraucht werden.
Entlehnung aus dem Deutschen, nicht aus dem Jd. ist, wenn die
Transscription richtig ist, bei arbajtowac anzunehmen, da arbeiten
jd. arbitn lautet (ich bezeichne mit i den zwischen e und i stehenden
Laut in unbetonten Nebensilben) , ferner bei bara, Geld, Scheidemünze
von baar (jd. bii)-). — blendöwka, Auslage (in einem Schaufenster)
wird Slown. I, 165 auf Blende, blindes Fenster, zurückgeführt. —
filipus, Cigarette, auf Fidibus ib. I, 742. — klapa, Schlagbaum,
Falle von Klappe? — po Lemhersku, Diebes-, bei E. : Lemberski
Jqzyk, die Gaunersprache. — szperhak, Dietrich, ist Sperrhaken. —
Unklar ist die Uebersetzung von nemnac do kirata durch wziac w
obroty. Linde (ich citire dessen Wörterbuch nach der Lemberger
Ausgabe) erklärt 3,415 nieszcze^cie wezmie go na obroty: das Unglück
beutelt, schüttelt ihn. Jedenfalls ist kirat = kierat, Kehrrad,
Tretrad. Linde 2, .351.
Romanischen Ursprungs sind : dycha, Zehnguldennote. Im Slown.
als gaunerspr. angeführt dycha, dychacz, dyska, Zehnhellerstück, Zehn
im Kartenspiel, aus frz. dix, ausgesprochen dis. I, 623. — fuga
zrobic, entfliehen. SJtown. I, 780. fuga urzqdzic, dac fuge
nicht als gaunersprachlich, sondern als scherzhaft, insbesondere
für »schwänzen« angeführt, es stammt also aus der Schülersprache. —
Hängt ywr, Lüge, bei E.j'wy, Speichelleckerei, Jury walista, ein aus-
Zur polnischen Gaunersprache. 141
gemachter Lügner, mit Jurare zusammen ? E.'s j'iira^ Gericht, jury^
Richter, liegt wohl Jus^ Juris und nicht die französische Ju7-y zu Grunde.
— kireja, Rock. Linde 2, 352: kiereja, ein mit Pelz gefütterter
Oberrock. Der Küre, ein Mantel mit Aermeln, die gewöhnlich nicht
gebraucht werden, in Frankreich von den Weltgeistlichen, besonders den
Cures getragen. Schmeller, Bayr. Wörterb. 1, 1285. — klawisz.
Schlüssel, klawisznik, Schliesser, Gefangnissaufseher, E. klawis,
Schlüssel, Dietrich, pl. klawisze klawisznik, Schliesser, von clavis. —
mamjle, Ketten, Handschellen. E. : mariele üuä bransolefki [Brace-
lets) Ketten, manela, Armband, Armspange, Linde 3, 39 und ebenda
schon aus dem Jahre 1623 inanele zelazne für Fesseln, ital. maniglia.
Armband. — motio, Antheil an einem Diebstahl, Schweigegeld.
E. motte. Linde 3, 165: moti/a, die Hälfte, z. B. w motyi z drugim
szulerem zgrac kogo, von frz. tnoitie. — pula, Büchse, davon [?) pu-
lac, verkaufen, E. przeopulac, przeopaltc, zopulac. ]^o\u. pula, frz.
poule, die Einsätze im Spiele, die Spielkasse. — szaleta, Weste, E.
szelita, ist wohl Entstellung von gilet.
Arcgwiza, Wasser, klingt an das ürviz, Wein, der serbischen
Bettlersprache, aus magyarisch nr und viz, das Wasser des Herrn (Jag.
24) an. Slown. I, 52 stellt es zu lat. cerevisia, Bier. — mente, Sol-
dat, ist wohl das magyar. mente, Pelzüberwurf, nach dem von den Hu-
saren getragenen Uniformstück.
andrus^ Dieb (in Westgalizien), ebenso bei E. und um Warschau
(Kolberg, Lud I, 282 f.) wird Siown. I, 36 zu gr. avrjq, avÖQÖg ge-
stellt. Vgl. odrich, Mensch, Puchm. und kassub. suchandrys ., ein
magerer Mensch, Prace filologiczne HI, 634. Das letzte Wort steht aber
vielleicht zu kassub. andryska, Winterbirne, so genannt, weil sie um
den Andreastag reift, in näherer Beziehung, ib. 359.
Auf das cechische slepice geht zurück s/e/?o^a für Henne, äusser-
lich an poln. klepota, Blindheit, angelehnt.
Auffallend gering ist die Anzahl der auf das Kleinrussische zurück-
führbaren Ausdrücke, huzar., Gans, ist wohl aus klr. rycfl, Gans,
rycfepi., Gänserich, gebildet und gqska, Zwanzighellersttick, eine
Uebersetzung des ebenfalls als »Gänschen« verstandenen, von Miklo-
sich, Vergl. Wörterb. d. slav. Spr. 84 als klr. angeführten und aus dem
magyar. huszäs abgeleiteten husas, Zwanziger. Sonst finde ich nur
rizuia, Schlächter, von klr. pisaxu, schlachten, seredyna, Mitte,
] 42 A. Landau,
Inneres, von klr. cepeAHna, taskac, tragen, f. sie, fahren, E. taszczyc,
gehen, klr. TacKaTii, TaiMHTH, ziehen, schleppen, t. ch, umherziehen.
oiöwek, Bier, ebenso in den Gaunerliedern aus der Umgebung
von Warschau dei Kolberg, Lud I, 282 f. (lautlich durch poln. oiö-
wek, Bleistift, beeinflusst, geht auf asl. olovina, ebenso russ. dial.,
zurück, das als olovine in das Rumänische und als lowina, lowinka in
die Zigeunersprache übergegangen ist. Miklosich, Vergl. Wörterb.
221 und Denkschr. d. Wiener Akad. 21, 222. 350; 23, 26. Linde
3, 547.
Berührung mit anderen slavischen Geheimsprachen zeigen die fol-
genden Ausdrücke: filicha, Tuch, Tüchlein, bei E. SLVLchßluc/ia, in
den russ. Geheimsprachen xBHJHCTa, xBiLiioeTKa, Jag. 54, vgl. poln.
ptelucha, Windel, Linde 4, 99 ? — gaicruk, Herr, gawruczka,
Frau, bei E. auch kawruk kawczuk, ofenisch chöivj'rak, Herr, aus Er-
mann's Archiv f. d. wissenschaftl. Kunde v. Russland, XV), mazowisch
chavytej (aus Safarik, Slaw. Alterth. II, 402), cit. von Wagner im
Archiv f. d. Studium d. neueren Spr. 33, 239. KOBpti, KOBpeä, Jag. 2.
Sehr unwahrscheinlich ist die Slown. I, 810 versuchte Beziehung auf
Gahrjel, Gawrylo = gawron, Gimpel, Tölpel.
holota, Pferd, E. cholota, russ. BOJiOTb, BCixa, Jag. 2. — ki-
mac, schlafen, E. kimka, Nacht, ofen. kimatj\ schlafen, von y.ü^ai,
Wagner 1. c. — klawy, schön, gut = E. Puchm. klaiory adj.,
klawo adv., russ. K-ieBBiil, KjestiH, Jag. 3. — lipka, Auge, Fenster,
Fensterscheibe, E. lipo und lipko, lipowac, sehen. Puchm. lipowy,
Thüre. — mikry, klein, mikrus, kleiner Mensch, E. mikno, mikna,
Puchm. mikraulsky, wenig, russ. MHKptiä, Jag. 3, von fxi'/.Q6g. —
styj'a, der Hintere, russ. cxtira, Jag. 78, davon nastygi, Hosen =
E. russ. HacTtiacHHKi., Unterrock, HacTtiaciiiiKH, Hosen, Jag. 78. —
aumer, Brod = E. ofen. sumar, Jag. 61, von ipiofii, Jag. 2.
Lautliche Veränderung durch Anhängung verschiedener Endungen
findet sich injorgacz, ja aus dem bereits erwähnten jd.yo. kaca-
raha, Katze, aus dem deutschen Worte, korotiacya, Krone (die
Münze), mit Anlehnung an das gleichlautende Wort für Krönung, la-
sica^ Stock, aus laska, m u li k, MsLurev stsitt mularz, sklejjiczur-
nia, Laden, aus sklep, straguia für strainik, Wächter (zur Endung
vgl. oben rizula).
Der deutschen Gaunersprache entstammen: blat, Hehler, hlat
hyc, einverstanden sein, bei E. : Hehler. /;/a<^, vertraut, befreundet
Zur polnischen Gaunersprache. 143
WPD. Av.-L. 4,584 jd. blat^ vertraut, einverstanden. — fechtowac,
betteln, vulgär /'ecÄ^ew, Av.-L. 4,538. 'Ei.fechty, Kunst (?). —
frajer, dumm. E. : des Kartenspiels unkundig, Anfänger. Fy'eier,
derjenige, der bestohlen werden soll WPD. Av.-L. 4, 541. — kafar^
Bauer, kafarka, Bäuerin, Magd. Kaffer, Bauer WPD. Puchm.
Av.-L. 4, 555. Vielleicht spielt auch die Bedeutung des poln. kafar,
Rammblock, Linde 2, 289 mithinein. — brac do miyna, jemand
verrathen, in Untersuchung verwickeln, ist die missverständliche wört-
liche Uebersetzung des von Kurka als jd. gaunersprachl. angeführten
nemen in der mile. Das letztere Wort hat mit Mühle entschieden
nichts zu thun. Berkes hat 7nilli, arretirt, Av.-L. 4, 566 millek sein,
verhaftet sein. Vielleicht ist an jd. mile, Beschneidung, zu denken,
wonach der Sinn etwa wäre : jemand Unannehmlichkeiten, Ungelegen-
heiten bereiten. — poczta (Post) für Schnur entspricht der Bezeich-
nung EisenhaJm, Fuhre, Kutsche für die Schnur oder den Bindfaden,
welcher zur Vermittlung der Gaunercorrespondenz innerhalb des Ge-
fängnisses dient. Av.-L. 4,517. Gross 309.93 n. — scianq robic,
einen stehlenden Dieb verdecken, ist die Uebersetzung des jd. gauner-
sprachl. mouer machen. Wand oder Mauer machen WPD. Schö-
nerer. Berkes. Av.-L. 4, 620. — skok, Zimmerdiebstahl. Skoker,
Dieb mit Nachschlüsseln. Berkes. WPD. Z<7orÄ-er, Hauseinschleicher.
Av.-L. 4,623. — s 20! 5 ry, Einbruchswerkzeuge, buchacz szabrowy,
Einbrecher, poszabrowany, zerrissen, verlumpt, jd. gaunersprachl.
mit hebräischer Pluralendung szabajrem, Einbruchs Werkzeuge. E. sza-
Äer, Meissel, Bohrer, Brecheisen, szabrowac, öflfnen, einbrechen, szaber
und szabrowac werden auch von Krem er im Rocznik Towarzystwa
naukowego krakowskiego 1870. F. 41, 238 aus Kamieniec Podolski als
gaunersprachlich angeführt. Puchm. säbr, Haue, Stemmeisen, sabro-
wat, einbrechen. Jag. 3. Schabber, Einbruchswerkzeuge, Berkes.
WPD. Av.-L. 4, 595. — szpanowac, schauen, aufpassen, spannen,
bemerken, aufpassen, Idiot. Austriacum. Wien 1824. 120. Sloven.
Vagabundenspr. sponati, kennen, sponar, Aufpasser. Jag. 32. —
Wiedeii, das Straf haus in Lemberg, vgl. Wieden = Haus. Gross
331. — zasypac, verrathen, E.: ergreifen, zasypac sie ergriffen wer-
den, ist die Uebersetzung des jd. gauuerspr.yaöszYtw, verrathen, part.
praet. ^^Sl^^. faszit. verschitten, ertappen, Berkes. verschütt gehen,
verhaftet werden WPD. Schönerer. Unrichtig bei Puchm. als jd.
gaunerspr. verschüppet statt verschüttet.
144 A. Landau,
Der Anlaut ist verändert in szwajcar für grajcar^ Kreuzer — E.
Unter die so beliebte Vorsetzung von ku (Jag. 44) ist vielleicht zu
rechnen kumac^ verstehen, bei E. : sprechen, wissen, können, aus
umiec^ vgl. kumati^ stehlen, kumovf, Dieb, in der slovenischen Land-
streichersprache, Jag. 35. Wird doch der Dieb häufig als der Wissende,
Eingeweihte bezeichnet. Durch Einschub einer Silbe ist entstellt ko-
iyhuch für kozuch, Pelz. Als lautliche Entstellung ist vielleicht auch
anzusehen sikora für zegarek^ Taschenuhr (auch bei E.). Ich halte
für die ältere Form das im Lemberger Dziennik Polski vom 17. Mai
1895 als gaunersprachlich angeführte sikorka^ in dem noch das aus-
lautende k bewahrt ist. Aus dieser Form, als einem vermeintlichen
Deminutiv, dürfte dann, vielleicht beeinflusst durch das gleichlautende
Wort für Kohlmeise (Linde 5,267), durch Piückbildung das sikora
entstanden sein.
Geringere Abweichungen von der polnischen Gemeinsprache in
Form oder Bedeutung zeigen die folgenden Ausdrücke : czepic^ er-
wischen, poln. czepic sie^ sich an etwas anhaken, anklammern, an-
hängen. — delegoivany ^ Bezirksgericht, ist die Abkürzung der amt-
lichen Bezeichnung: c. k. sqd delegowany miejski^ k. k. städtisch-dele-
girtes Bezirksgericht. — dziac^ dziakowac, geben, machen (mit
verschiedenen Objecten verbunden), bei E. : dziaczyc., dziaknac^ ist
dziaci machen, thuu. — dziobak^ blatternarbig, von dziöb^ Pocken-
narbe, -grübe, Linde 1, 615. — kiecka, Kleid, Unterrock, kieca,
kiecka^ leinener Kittel der Bauernweiber, Linde 2, 347. — krakus.
Zehnkreuzerstück. So hiessen die vom Freistaat Krakau 1835 gepräg-
ten Silbermünzen zu 2 und 1 poln. Gulden, 10 und 5 Groschen. —
iopcie^ iopuchy^ Stiefel, lopuchy E. lapcie^ Bastschuhe, Linde
2, 592. russ. Jionyxi, Stiefel, Jag. 67. 72. — mietlucha^ Besen,
pejorirende Form von miotla. — tahaczkarka^ Tabaktrafik. —
tiojmak^ Bettsack, für tlumok. — zabywac sie, für byc, sein, sich
befinden. — zahamowacj aufbewahren, E. zackamowac, aufbewah-
ren, einsperren, hemmen, anhalten, arretiren, Linde 6, 764.
Weitaus das reichste Contingent stellen aber der polnischen Gauner-
sprache die metaphorischen Ausdrücke, vgl. Jag. 37. In den meisten
Fällen dieser Art wird ein Gegenstand durch die Benennung eines an-
deren bezeichnet, der mit ihm ein Merkmal gemein hat, seltener durch
ein eine hervorstechende Eigenschaft bezeichnendes Adjectiv oder durch
ein aus einem Vcrbum, das eine charakteristische Thätigkeit bezeichnet,
Zur polnischen Gaunersprache. 1 45
gebildetes Substantiv. Mitunter liegt eine humoristische oder ironische
Vergleichung zu Grunde. Ich führe sie in alphabetischer Folge auf.
halon zrohic^ urzqdzic (einen [Luft-] ballon machen), von
einem höher gelegenen Orte, wie einem oberen Stockwerk, Dachboden,
entkommen. — beczka (eig. Fass), Kanzel, von der Form. — biaiko
(das Weisse) Papier, ebenso TVeisses, WPD. — btichac, buchnac,
stehlen, buchacz, Dieb (in der ostgaliz. Gaunersprache), bei E. ausser-
dem buchanka, buchawka, Diebstahl, vgl. buchac, bzic/mqc, derb prü-
geln, Linde 1, 189. Die Ausdrücke für stehlen und schlagen fallen
häufig zusammen, vgl. weiter nntenjuc/icic uudpalnqc. In anderer
Bedeutung hat Slown. I, 224 buchac sie, mit einem tauschen, handeln,
bucliejmtj sie na godzinki, tauschen wir die Uhren. — bulha (eig.
Semmel), Distinctionsstern an üniformkragen, richtiger wohl die »Ro-
setten« an den Kragen der Beamtenuniformen, in deren Form man
Aehnlichkeit mit den »Kaisersemmeln« finden kann. — cep (Dresch-
flegel), Bauer; ähnlich socJwr, Knüttel, Bengel, für Bauer in der mähr.
Schweinschneidersprache, Jag. 3 7. — choclak [chodaki, aus unge-
gerbten Häuten von denBauern selbstverfertigte Schuhe, Linde 1,253),
Brieftasche, weil sie aus Leder ist? — ciamkacz, Kind, von ciamkac,
wie ein Schwein schmatzend essen. Zbiör wiadomosci do antropol.
krajowej I, 65. Slown. I, 316. — cybula, Uhr, allgemein verbreitet,
vgl. Zioiebel, WPD. frz. oignon, Francisque-Michel, Etudes de
philol. comparee sur l'argot 295. — czernidio (Schwärze) Tinte. —
czuchrac lo iaty, Karten spielen, czechrac, czochrac, czucJirac,
krempeln, raufen, zerraufen, Linde 1, 360. — dolina (Thal) Tasche,
wie E.vgl.hluboka, Puchm. Jag. 38.40. frz.^?■q/o?^c?e, Francisque-
Michel dOb^fondriere (Schlucht, Höhlung) 169. — dym (Rauch) Mehl.
— dziadownia, Polizei-Inspection, von dziad, Greis. — facyenta,
Sachen, Yi. facjenda, Diebstahl, facyenda, Kauf, Tausch, Geldhandel,
Linde 1, 636, vgl. handeln, stehlen, jd. gaunerspr. bei Puchm. und
Handel als Bezeichnung der verschiedenen Gaunerthätigkeiten, Av.-L.
4,547. — fajka (Tabakspfeife), Cigarrenspitze. — gadzina (Reptil,
Schlange) Kette, vgl. Schlange, Kette, Av.-L. 4, 600. — gestwina
(Dickicht) Garten. — grabcia, "^X. graby , Hand, grabiqczka,
Handschuh, grabic, stehlen, bei E. grabki, Finger, Hand, grahice,
Hände, Kolberg 1. c, vgl. grabie, Rechen, Gabel, grabic, raffen,
rechen, Linde 2, 112 f. Das galiz.-jd. Gaunerwort grablen für Hände
(nicht bei Kurka) schliesst sich einerseits an das galiz. mundartliche
Archiv für slavische Philologie. XXIT. 10
1 46 A- Landau,
grahle für grahie (Zbiör wiad. I, 67), welches sein l vom kir. rpaö-ii
hat, und bildet andererseits die Brücke zu dem durch alle deutschen
Mundarten verbreiteten grahheln^ greifen. — gruchoioianka, fran-
zösische Korallen, E. grochowianki, vgl. grocJi (Erbsen), gaunerspr. für
Schrot, grocliotoianka^ Kranz aus Erbsenstroh. Siown. I, 908. — ja-
rzqczka^ Zündhölzchen, Kerze, \onJarzyc sie, leuchten, brennen. —
Jatka (Fleischbank), öffentliches Haus. — Juchcic, stehlen, wie E.
JucJicianka, Diebstahl, juchtowac, fig. einen durchgerben, prügeln,
Linde 2, 276. Vgl. oben bucJiac. — kaniola, Mütze, wie E. und
Kolberg 1. c. kaniasta czapka, wie ein Hühnergeier [kania) ausge-
spreizter Hut. Linde 2, 304. — kapuscianka, Nonne, vgl. kapus-
cianek, Kohlweissling (Pontia brassicae) von den grossen weissen
Haubenflügeln ? vielleicht mit Anlehnung an kapucyn, Kapuziner. —
kiwnqc, sterben, eig. wackeln, nicken. Linde 2, 359 f. — klin^
Orts-, Landesverweisung, vgl. klin, Keil, z. B. klinem zagwozdzic,
Linde 2, 376, etwa : einem ein Hinderniss bereiten, einen Riegel vor-
schieben. — kogut (Hahn) Gensdarm, vom Busch aus Hahnenfedern,
vgl. slepicka, slepice, Soldat, Puchm. und grivar, Gensdarm, in der
sloven. Vagabundensprache. Jag. 27. — kolo (Rad) Ring. — kono-
toala, Arzt, konowal^ Kurschmied, Rossarzt. Linde 2,432. — kop-
ciuch, Topf, von kopcic, berussen, beräuchern, kopciiicJt^ Aschen-
brödel. Linde 2, 438 f. — krowa, Tabakspfeife. Die Bedeutungs-
übertragung erklärt sich durch krowe doic (die Kuh melken = eine
Pfeife rauchen bei E. vgl. poln.-jd. Gaunerspr. melken für rauchen). —
krzyiak, Krankenaufseher (bei E. Soldat), vgl. k. geplagter Mann,
Kreuzträger. Linde 2, 526? — ksieiyc (Mond) Polizeisoldat, vom
halbmondförmigen Ringkragen. — kuznia (Schmiede) Kirche, vom
Glockengetön oder vom Zusammenschmieden der Ehen? — rozlacli-
cic, zerbrechen, zerschlagen, zu lechtac, kitzeln, in übertragener Be-
deutung einem das Fell walken, ihn schmieren, wichsen? Li. 2, 608.
— laty (Flecke, Lumpen, Fetzen) Spielkarten, ebenso Hadern bei
Berkes, Schönerer, Av.-L. 4, 547. — lokiec (Elle) Jahr, ebenso
E., Längenmass für Zeitmass, vgl. cech.j9?Vf, Spanne, für Jahr, Stunde,
Puchm., Meter für Monat, Schönerer; im Argot annee = douzaine,
Francisque-Michel 22. — lysy (kahlköpfig) Mond, wie E., vgl.
holäk, der nackte, für Mond. Puchm. Jag. 38. 40. — ?7iaciek
(Schweinsdarm, Wurst, Li. 3, 17) Magen. — maköioka (Mohnkopf)
Kopf, wie E. makoioice. Puchm. vgl. Jag. 39. — maipa (Affe) Gul-
Zur polnischen Gaunersprache. 147
deu, vielleicht von den Kinderfiguren auf den Guldennoten. — mq-
czennik (Märtyrer) Bäcker. Wortspiel: der mit Mehl [mqka] zu thun
hat? — 7niaukac (miauen) betteln, miauJcacz^ Bettler. — mod-
Iqczka, Gebetbuch, von modlic sie, beten. — naciqgaczki, Unter-
hosen, von ciqgac, ziehen: was auf die Beine gezogen wird, vgl.Streif-
lincje, Strümpfe, Hosen, Av.-L. 4, 120. 220. 243. 284. frz. Argot ti-
rantes, Hosen. Francisque-Michel 397. — niebo (Himmel) Regen-
schirm. — niedzioiadek (kleiner Bär), ebenso Kolberg 1. c, E.
Bettsack, Bündel, Koffer, vielleicht von den früher mit Fell überzogenen
Koffern, Felleisen? ebenso poln.-jd. Gspr. : her. — obora, Kleid,
Unterrock, E. Schlafrock, eigentl. ein nur ringsum geschlossener, oben
offener Viehhof, Viehstand, Li. 3, 404, vgl, nni^n parkan. — osioi
hölzerner Bock, Gestell) Fleischbank. — pajqczyna (Spinngewebe)
Wäsche. E. hat ausserdem noch das wahrscheinlich erst aus diesem
abgeleitete /?<r//W^- für Hemd. — paj'qk (Spinne) Polizeisoldat, wie E,,
von den Fangarmen ? vgl. Polyp in der Wiener Studentensprache. —
palnqc, palugowac (abfeuern, losbrennen, e. Hieb geben, zuhauen,
Li. 4, 28) stehlen, vgl. oben hucJiac. — parkan (Plankenzaun,
Planke) Kragen, ein ähnlicher Vergleich wie oben bei obora. — j^'^^^
krähen) singen. — piasek (Sand) Salz, wie E. — piachta (Plache,
grobes Leintuch) Cigarettenpapier. — plichacz, Geistlicher, wie E.
von klr. njife'i, Glatze, Tonsur, "ksi^^uh. plech, plesz, Prace filolog.
3,589. Li. 4, 153 hdiX nur plesz. — pogan, Jude, asl. pogan, Miklo-
sich, Denkschr. 24, 10. i^oln. pogatim, Heide. — potoka, Wagen,
E. pofok (eig. Strom, Bach) von potoczyc, hinrollen, hinwälzen, Li, 4,
406. — pruchatvka, Kissen, bei E. pwchaivkaj möchte ich zn pur-
chawka, pruchawka, Bovist, schwammartige Geschwulst, Li. 4, 723
stellen. Puchm. hai prachowy, Federbetten. Auf nyxt, Flaum, be-
ruht nyxaBKa, Polster, Jag. 75. — pukaioka, Pistole, bei E. Gewehr,
von pukac, knallen, vgl. jd.-poln. Gspr. knaler, Knaller WPD. —
rogula, E. rogala (die Gehörnte) Kuh, vgl. rohac, Ochs, rohacka,
rohatka, Kuh, Puchm. rozek und rohana in der mähr. Schwein-
schneiderspr. Jag. 37. — rylak, Gesicht, wohl der Rüssel, mit dem
das Schwein die Erde aufwühlt: ryc. — samoivar kipi (eig. die
Theemaschine kocht), auch Ä^/J^ allein = Cylinderhut, vielleicht von
dem cylindrischen Rauchfang, der auf die Theemaschine aufgesetzt
wird, um den Luftzug zu verstärken und dadurch das Wasser zum Sie-
den zu bringen? — siano (Heu) Tabak, poln.-jd. Gspr. haj\ ebenso
10*
148 ^- Landau,
Heu bei Schönerer. Umgekehrt tyton für Heu bei E. — sieczka
(Häcksel) kleine Korallen, Glasperlen. — siöclemka (Siebener) Haken,
Dietrich, von seiner der Ziffer 7 ähnlichen Form. — siivrac sprechen,
bei E. auch szewrac^ vgl. szemrac^ murren, brummen, murmeln. Li.
5, 577. — shrohidesha (Brettschaber) Tischler. — sionko (kleine
Sonne) Butter, klingt au slonina^ Speck, an. — strugac Jur^ lügen,
strugni Jur, Lügner {ju7' s. oben), von strugac, schnitzen, Li. 5,
478. — sxoiecznik (Leuchter) Lampe, Laterne. — szaryivary (eig.
Pumphosen) bäuerliche (Hosen-?) Tasche. — äc:^«^^ (Fetzen) Kleidung,
— szumowisko, Wald, Gebüsch, E. szum, Puchm. mm^ von szu-
miec, brausen, rauschen. — twardzizna (Hartes) Eisen. — xocgorz
(Aal) Leibriemen, Gürtel, vgl. frz. Argot anguille^ Gürtel. Franc-
Michel 11. — wichura^ Anhöhe, Dachboden, von wicher, Wirbel-
wind, weil es in der Höhe windig zu sein pflegt? — worek (Sack)
Flasche, ebenso wie bei E. das gleichbedeutende torba. — zlamac sie
(eig. zerbrechen) sterben. —
Nahezu ein Drittel der von Kurka verzeichneten Ausdrücke bin
ich zu deuten ausser Stande. Ich lasse sie hier folgen.
bankoj'za, Sparbüchse, Opferstock. — beseraj, Bezirksgericht.
— bikora, Stock. — binia, Mädchen, bei E. Mädchen, Weib. Siown.
1, 156 hat biniawka, Geliebte, biniocha, leichtfertiges Frauenzimmer.
Yg\. beindl. Mädchen, Schönerer. — Bosnia, Spital. — chatrak,
Polizeiagent, bei E.Revisor, chatranka, Polizeipatrouille, bei E.Re-
vision, eig. Diebstahl. Stown. 1,273 wird chatrak aus slo vak. cÄa^ra,
Pöbelhaufeu, abgeleitet. — chirus, Säufer, chirzyc, kirzyc,
trinken, kirtiy, betrunken, kirnia, Schenke. E. hat cliiiyc, kiiyc,
trinken, cJiirny, betrunken, kinrus, Branntwein. Kolberg 1. c. j^od-
kirzyc, austrinken, /ai = trinke ! — cinel, Ring. — cukier, Hunger,
c. mi7iiac, Hunger haben. — Dqbrowa [Na Dqhrowie) die
Strafanstalt in Stanislau. — ferniak, Nase. — filac, drängen.
Siown. 1, 740 mit der Bedeutung küssen von (piXelv abgeleitet. —
fiszla, Schloss. — fladrowac sie, flandrowac siq, liebkosen,
liebäugeln, caressiren. Slown. ha.t ßadrowac, lügen, verläumden. /Iq-
dra, schmutziges Frauenzimmer, Linde 1, 656, liederliches Weib.
Kolberg, Lud VHI, 307. — gingelmajsfer, Schuster. — ■ g?iys,
penis. Die SJ:own. 1, 856 versuchte Herleitung aus lat. genus oder
deutsch Genuss ist unannehmbar. — Görka [Na Görce), die Straf-
anstalt in Wisnicz. — grypsai-, schreiben, grypsak, Bleistift, gryp-
Zur polnischen Gaunersprache. 149
sanJca, Brief, ebenso bei E. Die Verweisung auf das deutsche Gripa,
SJown. 1, 926 (unter gryps, Bleistift) ist mir nicht erklärlich. —
hara^ Branntwein, 'E. haras. — ho/ik, Wagenkasten. — jancio^
Soldat. — kamien (Stein) Ohrring. — kapoivac, schauen, leuchten,
verrathen. k. na kogo, einen verrathen. kapoioidlo^ Spiegel, ka-
pownik^ Stern, kapus^ Verräther. E. hat kapowac, stehlen, ver-
rathen, anklagen, auflauern, kapoioiclia, Augen, kapoivny, Gott.
kapus^ Verräther. — kitoioac^ schlagen. — kity zawalic^ sterben.
knajac^ gehen, ebenso E. — kohzac, schlagen, auch bei E. rozkob-
zac, zerschlagen, zakohzac^ tödten. vgl. kohsten^ den Kopf ab-
schlagen, Av.-L. 4, 117 ? — kölko^ Schub. — kryse^ weicher Hut,
Strohhut, vgl. kryzy, Hahnenkamm, Linde 2, 495? — kucac sie,
sich fürchten. — kwacz^ Arrest, Spitalabtheilung für venerische
Krankheiten. E. kicacz^ Arrest, clnvaca^ Polizeiagent, von clncatac^
haschen, greifen? — los^ Kotzen, Decke. — lyta^ junger Mann,
Stutzer. — majcher^ Messer, majchroivac^ schneiden, ebenso E. —
maniata, Hemd, bei E. maniotka maniolka. — michas^ Sack. E,:
tnichaly^ Säcke. — miniac^ haben, miniac cukier^ Hunger haben.
klin m. ausgewiesen sein, bei E. c. dat.: mniehy sie miniali buty^
ich brauche Stiefel. — mona^ cunnus. — najman^ Huzule. — pecla^
Kaufmann. — pietröioka^ E. pietraxcka^ Vorhängeschloss. — piko-
leta, Schuhe. — pluskwa (eig. Wanze) Bosheit, Angriff. — plu-
loaczka, splutoaczka\^i nicht erklärt. — popalony^ zerlumpt. —
preferansrok^ Jaquet, Frack. — przecios^ Brieftasche. — 5^c,
Markt, Versammlung, Auflauf, sie robic = sciane robic, s. oben.
— skiia^ Hund, wie bei E. skihiik, Abdecker. — spas in dziac
spas == claj spok6j\ sei ruhig! E. dziacz spas. — swic: pod stoic,
Schubstation. — sioiecic (leuchten) schlagen. — szafkojza. Schrank,
poln. szafa dem. szafka. Zur Endung vgl. oben bankojza. — szli-
sak, Nase, szilsak S. 34 scheint Druckfehler zu sein. — szlug in
tyhonic szluga^ eine Cigarette rauchen. — szpadrynek^ Boxer.
— szpinak (eig. Spinat) Droschkenkutscher. — szymon., Hausbe-
sorger. — tory, Koffer. — trusiac^ bei E. troic, essen, trusianka,
trujanka^ truwanka^ Mund. — tyhonic szluga oder krowe^
eine Cigarette oder Pfeife rauchen. — urban^ Anschein, Vorwand,
na u.j zum Schein, unter falschem Namen. — loaryat (eigentl. Wahn-
sinniger) Cigarette. Angenommen, dass das oben an geführte y^7^jö 2^6-,
Cigarette, zwßlip^ Verstand, bei Puchm. in Beziehung steht, so würde
150 A. Landau, Zur polnischen Gaunersprache.
in der Benennung xcarxjat das gaunersprachliche Princip der Bezeich-
nung durch den Gegensatz zu Tage treten. Der Bedeutung nach ganz
verschieden ist das gaunerspr. icariat., Meth oder Honig, bei Kolberg,
Lud, I, 282. — wojewoda^ Holzhauer. — wojtek^ Mond, Monat. —
xoynyhac^ finden, ausspüren. — wystaivic^ entweichen, E. wysta-
wiac, — loyrha^ Grube. — zamaczac (benetzen) hineinstopfen. —
zitac ^ sprechen.
Wien. A. Landau.
Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. L
Es ist in dieser Zeitschrift unlängst (Arch. f. sl. Phil. Bd. XXH.,
S. 289) daran erinnert worden, dass der erste Vers der zweiten Strophe
des altpolnischen »Bogarodzicacc-Liedes »bis jetzt crux philologorum
war«, wobei der Verfasser jenes Satzes, H. Stan. Dobrzycki, die Er-
klärung des Dr. F. Hipler als »entschieden besser als alle bisherigen«
bezeichnet hat. Es möchte sich vielleicht verlohnen, die bisherigen
Erklärungsversuche jener schwierigen Stelle hier noch einmal kurz
durchzumustern und womöglich eine Hebung der bestehenden oder ver-
meintlichen Schwierigkeiten zu versuchen.
Der Text dieser Strophe lautet nach der ältesten Handschrift (Cod.
Cracov. I. aus dem XV. Jahrh.) wie folgt:
Twego dzela Krzcziczela bozide
vslisz glossy napelni misli czlowecze.
Slisz modlithwa yanz noszymi
oddacz radzy yegosz prosimi
a na swecze sboszni pobith
po szywocze rayski przebith
Kyrieleon.
Der erste Vers dieser Strophe bot den polnischen Copisten, Inter-
preten und Commentatoren schon seit Ende des XV. Jahrh. drei Räthsel
und Schwierigkeiten dar. Zuerst das Wort »dzela«. Es findet sich,
wenngleich mitunter etwas abweichend geschrieben, noch in sämmt-
lichen aus dem XV. Jahrh. stammenden Codices (Cracov. H. »dzela«,
Warsch. »dzyelacc, Czestoch. »dzyela«, Sandomir »dyela«); seit dem
Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. 1. 151
XVI. Jahrh. wurde aber das offenbar nicht mehr verständliche Wort
durch ein ganz und gar nicht passendes »szyna« und »syna« ersetzt.
Hartnäckiger hielt die Tradition an dem anderen Worte fest: »Krzczi-
czela« hat noch Skarga 1579 richtig in «Krzciciela« transcribirt, es
wurde aber noch im XV. Jahrh. durch Schreibfehler in »Krzyczela«
(Warsch.), »Krzyczyciela« (Sandom.) und «Krczyczielya« (S-aski 1506)
verunstaltet und von dem Matthäus von Koscian 1643 durch ein dem
vorhergehenden »syna« conformiertes »zbawiciela« ersetzt. Schliesslich
das räthselhafte Wort »bozide«, welches obendrein in diesem ältesten
Codex nicht gut lesbar ist, wurde fast in jedem Codex abweichend über-
liefert. So hat Cod. Cracov. II. (a. d. XV. Jahrh.) »boszicze«, Warsch.
»sbosnycza«, Czestoch. »sbosznycza«, Sandom. »bozyczyela«, Matthäus
von Koscian »zboznika«, die meisten anderen haben eine offenbar späte
Conjectur »sboszny czas«, welche nur das eine beweist, dass die Copisten
die ursprüngliche Lesart entweder nicht mehr gekannt oder dieselbe
gar nicht verstanden haben und dem Verse doch einen halbwegs an-
nehmbaren Sinn, wenn auch mit einem kleinen Gewaltmittel, abringen
wollten.
Was die späteren polnischen Interpreten und Commentatoren des
altehrwürdigen Denkmals bis zum J. 1879 für die Erklärung dieser
Stelle beigetragen haben, lässt sich am besten mit den Worten des Prof.
R. Pilat charakterisiren, welcher in seiner Abhandlung »Piesn Boga-
rodzica«, Krakau 1879, S. 53, nachdem er alle bisherigen Emendations-
und Erklärungsversuche kritisch gewürdigt hatte, das Endresultat der-
selben in folgenden Worten zusammengefasst hat: «Nach meiner Meinung
müssen alle Proben der Restitution dieses Verses so lange fruchtlos
bleiben, bis ein glücklicher Zufall uns vergönnt irgend einen neuen
Text aufzufinden, welcher diese Stelle in einer weniger verdorbenen Ge-
stalt darbietet und hierdurch eine Grundlage für neue Schlüsse liefern
wird. So wie die Sachen jetzt stehen, ist es schwer sich mit irgend
welchen Hypothesen hervorzuwagen, wenn es begründete Hypothesen
und keine vagen, der Wahrscheinlichkeit baren Einfälle sein sollen.
In einem aus vier Worten bestehenden Verse sind ja zwei Worte ganz
unverständlich und auf verschiedenste Weise corrumpirt, das dritte
»Krzciciela« wiederholt sich zwar in allen Texten ohne Ausnahme, ent-
spricht aber durch seine Bedeutung dem Satze so wenig, dass es fraglich
erscheint, ob dasselbe auch nicht als verdorben betrachtet werden
müsste. Ausserdem giebt es in keinem Texte eine Variante, welche auf
152 Ivan Franko,
die ursprüngliche Bedeutung dieses Verses einiges Licht würfe, und der
Zusammenhang mit dem folgenden Verse ist zu lose, als dass er irgend-
Avie zur Aufklärung der Sache beitragen könnte. Auf so gebrechlicher
Grundlage ist keine Hypothese zu bauen ! Ich bin deshalb der Meinung,
dass uns derzeit nichts übrig bleibt, als sich mit der Feststellung zu be-
gnügen, dass der Vers verdorben und keiner Restitution fähig sei.'t
Nun, wenigstens ein alter Codex des Liedes (Sandomiriensis, aus
dem Ende des XV, oder dem Anfang des XVI. Jahrh.) wurde seither
aufgefunden, an neuen Hypothesen und Erklärungen hat es auch nicht
gefehlt, und doch ist die Sache noch nicht zum Abschlnss gekommen.
Und doch war die hauptsächlichste Entdeckung weit früher gemacht
worden, als jene Worte des Prof. Pilat niedergeschrieben wurden, und
auch was die Erklärungsversuche anbelangt, waren jene Worte nach
meiner Meinung zu pessimistisch : es wurden in jenen Versuchen richtige
Gedanken ausgesprochen und sollten nur kritisch durchgesiebt und ge-
sichtet werden. Spätere Arbeiten haben wieder manches Anerkeunens-
werthe beigesteuert.
Vor allem muss hier die Arbeit des Prof. A. Kaiina erwähnt wer-
den. Statt sich in Hypothesen und Combinationen zu verlieren, hat er
dem ältesten Codex (Crac. I.) eine sorgfältige Aufmerksamkeit gewidmet
und constatirt, dass die Endbuchstaben des Wortes »bozide« sehr un-
leserlich geschrieben sind und ein anderer Worlaut hier sehr leicht
möglich wäre. Der Cod. Crac. II, ebenfalls aus dem XV. Jhd., hat hier
»boszicze«, welches nur als »bozyce« gelesen werden konnte. Das war
zwar nichts neues; schon Maciejowski, MaJkowski u. A. hatten es so
gelesen, dabei aber ihr Möglichstes gethau, um diese einzig richtige Les-
art zu compromittiren. Maciejowski sah in »bozyce« einen Genet. sing,
von »bozyc«, was doch ein arger Missgriff war, da ja eine solche Form
den Nominat. sing, »bozyca« und nicht »bo/.yc« postuliren würde. Und
richtig nahm Mal'kowski an dieser Stelle wirklich einen Nominat. sing,
»bozyca« in der Bedeutung »bogini« an, erklärte aber das »bozyce« für
einen Vocat. sing., gewiss nach Analogie des Kirchensl. i];apHi],e, wie-
derum ein Missgriff, da es ja im Polnischen »bozycocf hätte lauten müssen.
Prof Pilat hatte somit einen leichten Stand, diese Erklärungen als un-
haltbar zu verwerfen und besonders darauf hinzuweisen, dass der frag-
liche Vers dadurch doch keinen plausiblen Sinn bekommt. Wahrschein-
lich hat sich auch Prof. Kaiina dadurch bewegen lassen, die von ihm
selbst als älteste und zuverlässigste anerkannte Form »bozyce« (oder
Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. I. 153
»bozycze«) zu verwerfen und dafür das unmögliche »Boze oycze« her-
auszuklügeln, welches durch keine Tradition gestützt wird und sich
überdies noch dadurch auszeichnet, dass es dem Verse ebenfalls keinen
rechten Sinn zu verleihen vermag. Und so kann ich es nur als einen
Beweis des richtigen Gefühls betrachten, wenn die neuesten Ausleger
des Denkmals, Bobowski und Hipler, alle vagen Conjecturen in diesem
Punkte fallen lassen und sich an die Lesart des Cod. Crac. II und ge-
wissermassen auch des Crac. I haltend das Wort als »bozycze« in der
Bedeutung Gottessohn lesen und darin einen Vocat. sing, von «bozycz«
erblicken. Es möchte vielleicht richtiger sein das »boszicze« des Crac. 11
als ))bozyce« zu lesen und von »bozyc« abzuleiten, nach der Analogie
des Altpolnischen «oyczyc«, »panicw u. s. w., allein der nachfolgende
Reim »cztowiecze« scheint »bozycze« zu fordern. Analoge Vocativa
Hessen sich in Menge beibringen; noch am Anfange des XVII. Jhd.s
schrieb Szymonowicz (Sielanki, ed. St. Weclewski, Chelmno 1864, S. 71):
»Witamy cie, panicze, dawnopozadanycc. Ebenso verhält es sich mit dem
zweiten schwierigen Worte dieses Verses »dzela«. Schon Maciejowski
hat es richtig im Zusammenhang mit Asl., resp. Ksl. fl,i,Äm ei-klärt und
die spätere Lesart »dzieia« als unberechtigt zurückgewiesen. Prof.
Kaiina hält auch an dieser Erklärung fest, doch scheint mir seine völlige
Identificirung des »dzela« mit »dila« unberechtigt: »dzela« ist nicht das
altslavische, resp. kirchenslavische in crudo herübergenommene »dila«,
sondern entschieden eine altpoinische Form desselben Wortes, eine
Form, wo das Asl. ^^ ins Poln. dzie übergegangen ist; dass dieses
»dzela« nicht aus »dila« verschrieben ist, dafür bürgt der Binnenreim
»krzciciela«. Mag es auch nur einmal an dieser Stelle vorkommen und
in keinem altpolnischen Denkmale sonst anzutreffen sein, wir werden es
doch, so wie den »bozyc« auf Grund dieser Stelle dem altpolnischen
Sprachschatze zuweisen müssen.
Nun kommt das dritte »schwierige« Wort, welches an sich zwar
gar nicht schwierig ist, sich aber wegen des missverstandenen Zusam-
menhanges die meisten »Emendationen« hat gefallen lassen müssen. Es
mag ausreichen, wenn ich den »krzewiciela« des Dr.Jirecek, den »krzy-
czyciela« (Schreier!) des Dr. Hipler und »krzyzowa dla« des M. Bobowski
hier anführe, sämmtlich Combiuationen, welche entweder an der hand-
schriftlichen Ueberlieferung oder an den Prinzipien der polnischen Wort-
bildungslehre zerschellen. Und dazu Combinationen, welche doch einen
leicht fassbaren und klaren Sinn nicht geben und, was das Wichtigste
1 54 Ivan Franko, Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. 1.
ist, gar nicht nothwendig sind. Denn, um es kurz zu sagen, ich
halte den Text der ältesten Codices, besonders des Crac. II
an dieser Stelle, für ganz correct, unverdorben, klar und
ausser einer richtigen grammatischen Erklärung keiner
Emendation, keiner Restitution und keines Commentars be-
dürftig. Sein Sinn ist ganz klar, sein Zusammenhang mit dem nach-
folgenden Verse so logisch und natürlich als möglich, nur muss mau ihn
natürlich ohne alle Voreingenommenheit lesen. Eine Voreingenommen-
heit war es aber, welche den Prof. Pilat und seine Vorgänger gehindert
hat das Richtige zu treffen: sie wollten ja mit Gewalt diese Strophe,
ebenso wie die erste, als ebenfalls an Maria gerichtet betrachten. Prof.
Kaiina, Bobowski und Hipler haben mit Recht diese Ansicht verlassen
und eingesehen, dass diese Strophe an den «Bozyc«, den Gottessohn ge-
richtet ist; leider haben sie sich wieder von anderen Erwägungen ver-
leiten lassen, vom richtigen Wege abzuweichen und sich Schwierigkeiten
zu schaffen, wo es doch keine gibt.
So würde denn nach meiner Meinung das erste Verspaar dieser
Strophe in moderner polnischer Transcription lauten:
Twego dziela Krzciciela, Bozycze,
Uslysz glosy, napeini mysli czlowiecze,
was ja nichts anderes bedeuten kann, als: »Um deines Täufers willen,
Gottessohn, erhöre Stimmen, erfülle menschliche Gedanken.« Die
Bedeutung des »dziela« so wie des weiter in demselben Liede in eben-
solcher Position (nach dem Pronomen) und in derselben Bedeutung vor-
kommenden »dla« (»Nas dla wstal z martwych Syn Bozyc<, »Ciebie dla,
czlowiecze «) im Zusammenhang mit dem Kirchenslav. »Haet ß^iÄU ^jibk-b«
ist ohne Weiteres klar. Ebenso möchte es vielleicht gerathen erscheinen
in »napeini mysli czlowiecze« das Wort «napeini« nicht in dem von
Prof. Pilat postulirten Sinne »wysluchaj, wykonaj zyczenia czlowiecze«
(op. cit. S.92 — 93) zu interpretiren, da ja diese Bedeutung des Wortes
»napelnic« der polnischen Sprache nicht eigenthümlich und von Prof.
Pilat erst aus dem Böhmischen hergeholt wurde. Der ursprüngliche,
directe Sinn des Wortes gibt hier eine bessere und dem Geiste der mittel-
alterlichen Poesie mehr entsprechende Bedeutung: erfülle, d. h. thue,
dass die menschlichen Gedanken Deiner voll werden, sich immer mit
Dir (Gottes Sohn) beschäftigen. Diese Bedeutung entspräche mehr dem
frommen Sinne des Vei'fassers des Liedes, als eine Bitte um Erfüllung
jeglicher, auch thörichter und sündhafter menschlicher Gedanken.
Lembers:. Z>r. Ivafi Franko.
155
Ein KatecMsmns Primus Trubefs Yom Jahre 1567.
Auf der Königlichen Bibliothek in Berlin befindet sich unter der
Signatur Ep 13,100 Trubers ■' Catehismvs sdveima idagama'^ aus dem
Jahre 1575, der von Elze (Die slovenischen protestantischen Druck-
schriften des XVI. Jahrhunderts, Venedig 1896, S. 15 — 17) und Ahn
(Bibliographische Seltenheiten der Truberliteratur, Graz 1894) ausführ-
lich beschrieben ist. Dieses Berliner ist das vierte bis jetzt bekannte
Exemplar des seltenen Buches; Elze waren nur zwei, Ahn nur drei be-
kannt: eines im British Museum, das andere auf der Universitätsbiblio-
thek in Graz, das dritte im Besitz von Prof. Milcetic in Warasdin.
Diesem Berliner Exemplar des Katechismus von 1575 ist nun ein
anderer Katechismus Truber's von 1567 beigebunden mit dem Titel:
Ta cell Catehismvs, skratko sastopno islago tizhetertyzh, skufi Pri-
mosJia Truheria^ iftolmazhen^ inu fdai slouenshiinunemsliki vkupe
drukan. Is tiga fe ty tnladi^ vfe shtuke ie praue ftare kerfzhanske
vere, inu ta nemshki iefyk, mogo nauuzhyti. Darunter steht der
deutsche Titel: Catechifmus, mit des Herrn Johanis Brentzij kurtzen
Außlegung, in Windischer vnd Teutscher Sprach zusamen getruckt.
Nach einem lateinischen Motto folgt DRVKAN VTIBINGI MDLXVII.
Da dieses Katechismus' weder in den beiden obgenannten Werken,
noch in Glaser's Zgodovina slovenskega slovstva I, noch bei Sket, Slo-
venska slovstvena citanka, wo S. 365 — 368 Truber's Schriften aufge-
zählt werden, noch endlich in Dimitz's Geschichte Krains, wo eingehend
im 2. und 3. Band über den slovenischen Bücherdruck im XVI. Jahrh.
gehandelt wird, Erwähnung geschieht, so darf ich wohl annehmen, dass
dieser Katechismus bisher unbekannt geblieben ist, und es erscheint
nicht übrig, das kleine, 32 Seiten in Duodezformat enthaltende, Schrift-
chen durch einen Abdruck der Vergessenheit zu entreissen.
»Vzhetertyzh« [v cetrtic), zum vierten Mal, sendet Trüber seinen
Katechismus in die Welt hinaus ; das erste Mal erschien er unter dem
Titel »Catechifmus in der Windischen Sprach« ohne Jahresangabe, das
zweite Mal als ;>Abecedarium vnd der' klein Catechifmus in der Windi-
schen Sprach«, 1550, das dritte Mal als »Catehismvs vslouenskim
J56 Erich Berneker,
Jefiku<, 1555 (diese Bücher sind von Elze beschrieben). Der vorliegende
zum vierten Mal erscheinende Katechismus unterscheidet sich von allen
anderen dadurch, dass er slovenisch und deutsch abgefasst ist. Wie das
»Abecedarium vnd der klein Catechifmus« den Nebenzweck verfolgte,
dass die jungen Slovenen daraus lesen lernen sollten [ane huquice^ is
tili se ty mladi inu preprosti Slouenci mogo laJiku vkratkim zhasu
hrati nauuzliiti), so soll der Katechismus von 1567 die jungen Slovenen
ausser mit den Wahrheiten des rechten alten christlichen Glaubens auch
mit der deutschen Sprache bekannt machen. Daher ist er slovenisch
und deutsch abgefasst, »unangesehen, dass die Construction nicht
überall sich vergleichen will«, wie es in der Vorrede heisst. Immer gibt
in solchen Fällen » der Ungleichheit der Construction « der deutsche Text
nach, wie z. B. S. 12 das slov. inu v lesusa Cristusa synu nega diniga
gospudi nasJiiga einem deutschen »und in Jesum Christum Sohn seinem
einigen Herren unsern<: entspricht, wo dem Slovenischen zu Liebe die
Wortstellung ganz undeutsch ausgefallen ist; ähnlich S. 26 kadar ie
sahualil ga ie reslomil »als er hat danket, ihn hat zerbrochen« (statt
»ihn« sollte »es« stehen, bezüglich auf »Brot«, slov. Ärz^/;) oder ebenda
muie tellu, kateru »mein Leib, welches«, und so noch an vielen
Stellen.
Trüber widmet seinen Katechismus dem Junker Gabriel von Gallen-
berg, dem jüngsten Sohn des Landverwesers in Krain, Ritters Jobst von
Gallenberg zum Gallenstein, der am 1. Oktober 1566 gestorben war
und der, wie Trüber rühmt, »von der Lehr des Catechismi viel gehalten,
der auch zu Erhaltung und Ausbreitung der reinen Lehr des Evangelii
oftmals in grosse Gefahr sich begeben«. Jobst von Gallenberg war bei
seinen Lebzeiten stets ein ganz besonderer Gönner Truber's gewesen.
Dieser wendet sich nicht nur amtlich in Sachen des Reformationswerks
oft in Briefen an ihn (vgl. Primus Truber's Briefe, von Dr. Th. Elze, =
Bibl. des Litt. Vereins in Stuttgart, Bd. 115), sondern klagt ihm auch
vertrauensvoll seine persönliche Noth, so in einem Brief vom 29. Okt.
1564 (1. c. S. 431 — 2): »mein Kinder sein dise wochen ziemlich stil
und andechtig gewest, aber jezundt sein schon widerumb frech, frölich,
ungehorsam. E. g. klag ich armer khnecht , ich hab kein geld , wein,
khoren und speckh; schmoltz hab ich auflP halb jar . . . Nun wisse ich
nicht wo aus, taglich khumen frembd leut wo ich geld auflpringen
soll etc. Derhalben e.gn. wollen sambt anderen hm verschaffen, das mir
noch auflf die khunfftige quotemer noch 30. thaller furgestreckht werden.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 157
Umb die und vmb andere schulden setze ich mein behausung sambt dem
newen gebew ein. E. g. thue mich uuterthaniglich bevelhen«.
Aehnlich wie der Katechismus von 1567 dem 7 oder 8jährigen
Gabriel von Gallenberg gewidmet ist, ist auch der Katechismus von 1575
einem Spross des kraiuischen Adels, dem 13jährigen Junker Franz
Georg von Kein, Truber's Pathenkinde, zugeschrieben, mit dessen Gross-
vater und Vater Trüber gleichfalls in Freundschaft verbunden ge-
wesen war.
Die Vorrede unseres Katechismus ist datirt »zn Derendingen, im
Monat Januario, im 1567sten Jahr«. Dieses Jahr war also für Truber's
Schaffen ganz besonders ergiebig, denn es brachte noch den * Katechis-
mus nebst einer Sammlung geistlicher Lieder, dem Georg Kisel von
Kaltenbrunn gewidmet« (gedruckt in Tübingen, 2. Ausgabe 1579 in
Laibach) sowie die üebersetzung der Episteln Pauli an die Epheser,
Philipper, Kolosser, Thessalonicher und an Timotheus, Titus und Phi-
lemon.
Es folgt nun ein getreuer Abdruck des Katechismus von 1567.
Die eingeklammerten Zahlen bezeichnen die Seiten des Originals; unten
sind die Varianten des Caiehismvs sdveima islagama von 1575 ge-
geben; offenbare Druckfehler im deutschen Text sind stillschweigends
verbessert.
TA CELI CATE-
HISMVS, SKRATKO
SASTOFNO ISLAGO VZHETER-
tyzh, skufi Primosha Truberia, iftolma-
zhen, imi fdai Slouenski inu Nemshki
vkupe drukan. Is tiga fe ty Mladi,
vfe shtuke te praue ftare Kerfzhanske
Vere, inu ta Nemshki le-
fyk, mogo nauuzhyti.
(Sate($i)'mu§ | mit be§ §erm
Sol^aniS SSren^ii furl^ett aufjlegung |
in SBinbtic^er tonb Seiitfdjer
®^^rac^ gufamen ge=
trudt.
Matth. 21. Psal. 8.
Nunquam legistis: Ex ore infantium
& lactantium perfecisti laudem?
DRVKAN VTIBINGI,
M.D.LXVtl. (1)
158 Erich Berneker,
S)eS (Sbelgel^cirnen tonnb
©eftrengen 9iittcr8 | §erren
SoBften öon ®aüen6erg jum ©aUenftetn \ toci=
lunbt ber 9io. M. dJla. tnb ber g. Surd;.
9i^at »nnb Sanbt8uernje|er in Sretn | 2c.
feltgen |
jüngften @on | Suucfl^enn
©abriel bon ©attenfcerg | :c.
®nab bnb grtb lu^n (Sott burc^
3e[um S^riftum.
®en. 4.6. 11. ®Dtt gebeut ernftltd? inib offt biird; 3JJLnfe:t | ©atonionem | '■^aulum | tonb
5ßro. 13.23.2!». anbere | bte Sugenbt fein 2Bort fleißig juteljren | tifi brotDct gratr>[amU(^ benen | bie
icd 3Ü r^^ ergeren | tonb ben 9?a5arei8 Si?ein gutrinden geben tonb gu^rebigen toerfcietten | baS
SDJatti^.is. tft I bie 3ugenbt in ber 2ibx bcS ®öttlirf?en SBcrtg berfaumen | im bie ^rebigftul
mmo. 3 *). ,gjp^;jg„ 2)ann ein SüngUng | [agt ®auib | tan feinen 2Öeg | fein ®Iauben | SeBen
$faT. iiü. mib Sljün I anbetft rein tonb bnftvvifflid; ni(I;t mad;en | er f^altt fid; bann nat^
®Dtte§ Sort.
®cn. 35. 2)arumB Ijaben bie (Ert^uatter jrer Sugenbt bnb bem §au§gefinbt Betj jren
Slltaren »nnb im §auf5 fo fteif^ig ge^rebiget | toie ®Dtt fcifcft öon Sltra'^am geuget:
@en. 18. ®r tüerbe feinen Äinbern bnb §aufe benetl^en | baS [ie be§ §erren tocg l^atten | »nb
4.9ie. 5. 6. tt)un tiiaS red;t bnnb gut ift. S)ie 'ipro^tieten I^aBen jre ©diäter geliafit 3o= (3)
2.30^.2. I)anne§ ber St^joftet tonb SuangeUft | ^at ben Sünglingen toü Äinbern jugefd^riben.
sicto. 20. ®ie erftcn Sl;riften l^aBen {"^re Äinber auc^ bei) ber 9fad;t giir 5ßrebig gefitrt | »nb
faüVi2 15 i^^"^ befonbere @d;ülmeifter | aU ^antl^ennm | Originem toi! anbere toerorbnet | bie
fie ben Sated;ifmum geleljret. 2)ie alten Reifer | Äonig önb ^^ürften | l^aben bie l)o^tn
intb anbere @d;ufen | Settcgia | Sl^üm bnb Älcfter gefttfft | ba8 barinn bie Sugenbt
in ®otte§ SSort gele^^rnt tonb i.niberrid;t folt luerben.
@en.22.37.39. SSnnb tnaä foI(^e 2ä)x bei} ber Sngenbt für grud;t gebrad;t | ift nit allein am
1. 3ie. 2. 3. 3faac I Sofcpl; | «Samuel | Sobia^ ©on | am 2)aniel | feinen breiten ©efellen | an
^"e'is ©ufanna | ber 2}Jac^abeertn fiben ®6uen | tonb Iternad; an Dil taufent jungen 9J?dr=
2. 5!Hac(^a. 7. terem jufe'^en | bie fic^ in fd;ti>dren 5lnfed;tungcn »iber beS 2:enffel6 | eigen gleifc^ |
»nb ber SBelt tcutten ünb toben | im leiben imb fterben gegen ®ütt gel^orfamlid^
gel^alten | im ®lauben i in frei)er offentlid;er Setantnnjs beftenbig beliben | ©onber
»ir feigen tinb erfaren au^ 311 bifer ünfer jeit tdglid; | »aS ber Sated;ifmu8 in aHen
Sanben | het} jungen »nb alten giits auf3rid;te.
3n errt»egung bifeg alleS | Ijab ic^ ben Satcc^ifmum mit be6 2). Sutl^eri tonb
§errn SSrentij fur(jen Slußlegungen abermals tonberfd;iblid; truden laffen. 2Bold;en
id^ barum S^eutfc^ tonb 3Binbifd; (touangcfc^en | ba§ bie Sonftruction nic^t toberal fid;
toergleid^en ttoiß) gfifamc (4) geftelt | auff baS tonfere 3ugenbt | aud; bie 2eutfd;e
©:prad; barauß lefen tonb berftel^n lernete. 33om nut5 beS Sated>ifmi | n?ürbt in bem
onberen Sated^ifmo in Söinbifdjer ©:prad^ ttoeitleufftger gerebt.
S3nb nac^bem j mein in ®ctt ftarder geliebter ®abriel | bein licbfter | frommer
§err sßatter feligcr | toon ber 2d)x beS Sated;ifmi toil gcl^altc | ber aud; gu er^altung
*) Weitere Zahl verwischt.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 159
minb außBretttung ber reinen 2(.'i)x beS (guangeUi offtmalS in groffe Oefatir ftrf}
begeten (tocn feinen ©afien [ Sugenbten | (Sm^tern »nb SBeruff | tüte er biefelbigen
©ottjetiglic^ geBraud;t | tu xoaQ gemeinli(^ eruolgt | loann fotc^e Seut au^ einem
?anb ober ©tatt tcerben anffgerafft | teilt [ic^ aUha nit^t geljüren ein mehrere 5u= (Sfa. 57. 26.
leben bcrgletd^en bein Uete grate 9}Jutter | ^at fein griM'fere freub auff Srben | bann
@ottc§ SBcrt jul^oren | 5ute|cn | ^außarmen bnb verfolgten (S(;ri[ten gut§ suti^un |
ȟ bic^ I bein @cf;tr>efterlin | enb A5auf3gefinb | ben Sated^ifmum rec^t junerfte^n |
mit öorfefen bnb fingen julel^ren. SSnnb bietoeil bu auß ben Sreinerifc^en ^atrtttjs |
von altem el^rlit^en Slbel | 9tttter »nnb §erren @efc[}Ie(f;t | toon SSatter enb SRutter
getoren 1 tonb nun beineä 2llter§ ita^ fifcenb ober acpteft 3ar erreid;t | »nb in bie
@d;u[ jugel^n angefangen | ber'^alben tinE [id; bir gefcüren | bafs bu aud; in beiner
Sugenbt am aEer erften | ben rechten | alten | fetigmad;ettben ©laufcen mit feinen
Strtideln | tcie bie im (Sated;ifmo fein furlj Begriffen | er= (5) lel^rneft. SSnb auff ba«
bu luftiger t>nb fleißiger inerbeft jn 3ule!^rnen | Ijab id) bie ofcgemelten gteen (Sate=
c^ifmoS bir bebicieren | ;iüfc^rei6en | bnb in beinem Dfamen augge^n laffen tüoüen.
3?nfer §crr bnb §eiknb SefuS S^riftu§ | ber auc^ bon bnfert tbegen | jung |
{■(ein bnb arm ibar | ber trofte bein lieüe gratb SJifitter | bid; | beinen SSrübern |
@d)ireftern | bnnb bn§ alte in je^iger bttb tünfftiger S^ri'iBfal | mit feinen reic()en
bnnb getbiffen S5erf)ei[fungen beS etüigen Mens | bnb Beteare bnS bon allen feinen
geinben i 2tmen. ©efc^riben jü ©erenbingen | im SJJonat Saiiuario | im 1567. 3ar.
Sein tretber bnb
SienfttbiQiger.
^limuS SruBer ^far=
^err bafetbft. (6)
^er fur^
Ta kratki
SSürtembcrgifc^c 6afe=
Bii'temberski (sie!) Cate-
i^ifmttS.
hifiuns.
Vprashane. ^'^aQ.
SBütc^S glaubenS bift bu?
Katerei) Vere fi ti?
Odguuor. Stnttbort.
3c^ Bin be§ S^rifttic^en ©lauBenS.
left fem te Criftianske Vere 2).
Vprashane. grag.
3Son Ibe« tbegen Bift bu ein S^rift?
Sa zhes volo fi ti en Cristian^j?
1) hakoue. ^) lest ftm en herszhenik.
3' kerszheiiik.
160 Erich Berneker,
Odguuor. 2(utir>crt.
©arumB | ba6 W; glaube in Sefum G^rtftum | »nb baS tc^ Bin in feinem
Satu, kir ieft veruiem Viefnfa (7) Criftufa, inu kir') fem vnega
9kmen getaufft.
Imeui kerfzheu.
2)cr erft «Irtirfcl iic§
Ta perni Artikul-) tiga
ßatediifmi.
Catehifma.3)
2?ou bcr S:a«ff.
Od KERSTA.
Vprashane. %xa^.
2öa§ tp ber £auff ?
Kai ie ta Kerft?
Odguuor. Intoort.
3)er Sauff tft ein ©acrament | tonnb ein ©ottlic^ n)arjei^en | barmit ®ottt
Ta Kerft ie en Sacrament, inu enu Boshye fnamine, skaterim*) Bug
SSalter | burc^ 3efum Sl^rtflum feinen @un | fant^jt bem Iieiligen (Seift bejeugt | baS
Ozha, skufi lefufa Criftufa fuiga Synu, fred (8) Suetim Duhum, fpryzhuie, de
er bem getaufften ein gnäbigeu ®ott »ölte fein | tonnb ha^ er j!^me toerset^e alle
on tiiiiu kerfzhenimu en miloftiu Bug hozhe biti, inu de on nemu odpusti vfe
feine @ünbe | nur lauter an^ ®nab | tomfonft toon liegen Sefn Sl^rifti j tonnb jl^n
nega Grehe, le^) fgul is Milofti^), fabfton, fa volo lefufa Criftufa, inu'') ga
auff nimfct an ftatt etneS fiinbeä | tonb SrBen aQer §imlif(f)en ©iittcr.
gori vfame na rneiftu eniga Diteta, inu Erbizha vfiga Nebeshkiga Blaga.
Vprashane. grag.
©age 3Eitgnu6 au^ l;eiliger @d;rifft | mit woHit^en man fcie aufffa^ung
Pouei pryzhouane is fuetiga^) Pifma, skaterimi^) fe tu goripoftaulene
bifeS ©acraments Begeugt?
letiga Sacramenta 10) fpryzha^i)?
Odguuor. 2lutn3crt.
©ant 9}latt]^eu3 am letfien dapitd fc^reibt alfo j baö 3efu§ Sl^riftu«
Sueti Mateush na *-) puslednim capit. '•'') (9) pishe letaku **), de '5) lefusCriftus
©Ott ©otteä I ba er ift gewefit toon S^obten erftanben | l^at 51t feinen Süngern gerebt
Syni) Boshyi), kadar ie bil od Smerti vftaliG;, ie kfuim logrom gouuril
1) fehlt. 2) j)ßii oli Shtuk. 3) dieser Titel steht noch vor
den obigen Fragen. *) fälschlich sJcraterim. "5) fehlt. ") add. inu.
') add. de. «) S. ^) shalerim. i") add. tiga kerßa. H) fprizha.
12) vtt7n. 13) Capituli. 1*) letaku pishe. 15) add. nash Gofpud.
16) kadar— vßal fehlt.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 161
tonnb gefagt: SRir tft getien aUer ©clüolt | im §tmmel tu auff (grben | ®arum6
inu*) diali): Meni ie dana vfa Oblaft, Vnebi inu na Semli, Obtu
geltet l^in | bitttb teeret alle SBoIder | öitnb teuffet [ie in bem 92amen be8 SßatterS |
puidyte2},inu vuzhyte^) vfeLudyS) jnu kerftite nee*) vtim Imeni tiga Ozheta,
tinb beS @on6 | totinb beS l^eiligen ®etft§ i önb (eieret fie atteg ba^ ^alttn | tuaS
inu tiga Synu, inu tiga fuetiga Duha, inu vuzbyte^j nee vfe tu dershati"), kar
I)a6 tc^ euc^ fceuol^cti. 35nb i)eiUg 2JJarcu6 auä) am letfteit [c^reibt ] ®a8 3efu8
fem ieft vö ') fapouedal. Inu fueti Marco tudi 'j na puslednim pishe^), De lefus
anä) baguma^t ju feinen Sungern t)a6 aI[o gerebt. (Seilet !^in in alle SBett | önb
tudi tedai kfuim logrom ie letaku gouuril '•^j . Puidite 'O) po vfim fueitu, inu
^jtebtget ba§ (guangetion aEcr Sreatur | woüic^ev »ürbt glauben önb tcürbt getaufft |
pridiguite ta Euangeli vfi*i) Stuari, kateri bo veroual inu bo kerf-(10)zhen,
ber ttjürbt feiig | tüotd^er aber ntc()t toürbt glauben [ berfelbtg tt)ürt loerbam^t.
ta bode ifuelizhan, kateri pag ne bo veroual, ta ifti M bode ferdamnan.
2)cr anbcr 9(rttrful ober
Ta drugi Arriculi-j oli
©tutf be§ Gotcil^ifmt.
Shtnk tiga Catehifma.
aSott iem re^tcm
OD TE PßAVEi)
(S^rifKic^ctt | fettgnta^ens
Eerfzhanske, iraelizhau-
ben (Blanden,
skei) Yere.
Vprashane. %tctQ-
@og bte 3»oIff @tu(f beä Sl^riftUd^en (SlaubenS.
Pouei te duanaift Shtuke i'^) te ^*) Kerfzhanske Vere.
Odguuor. Stntiüort. (11)
Sc^ glaub in (Sott Sottern Stümec^tigen | ©(^o^ffer §iminel6 tonb ber Srben.
I. Ieft veruio Vbuga Ozheta Vfigamogozhiga, Stuarnika Nebes inu te Semle.
58nnb in Sefum Sl^riftum @on feinem einigen öerren tonfern.
IL Inu Viefufa Criftufa Synu nega diniga Gofpudi nashiga.
Ser t[t em:|jfangen toom l^eiUgen ®eift | geboren au§ SJtaria 3ungfratüen.
III. Kir ie pozhet od fuetiga Duha, royen is Marie i^) Diuice.
1) fehlt. -) puidite. 3) ludi. *) nee kerftite. 5) vuzhite.
ß) dershati vfe tu. ") vom. ^) praui. ^) Der Satz von de bis gouuril
fehlt. Wj add. vi. ") vfei. ^) Beil. «) add. oli Articule.
**) add. ^rawe. ^^) Marye.
Archiv für shivisclie Philologie. XXIV. 11
1 62 Erich Berneker,
©eüttett tonber ^^ontto ipikto | ©ecreu^tget | geftorfcen öitb Begracert,
IV, Terpil pod Ponciomi) Pilatom, Cryshan^), vmerl inu pocopan.
Slbgefttgen jur §elle. 2Im brittcn tag tft aufferftanbeit öon ben Sobten.
V. Doli shal btim Peklom. Na trety dan ie goriustaP) od tih Mertuih.
Sluffgejal^ren in bie §imel | [i^t jür ©ered^ten ©otteg feines SBatter» Wlmid)-.
VI. Gori shal 4) vta Nebeffa, fidy na DefniciS) Boshy fuiga Ozheta vfiga-
tigen.
mogozhiga. (12)
S3on bannen er iriber foöien tuürt | jurid^te bie lefienbigen önb bie tobten.
VII. Od vnof"') on'] fpef^) pryde, fodyti^) te shiue inu te mertue.
Sä) Qlanb in l^eiligen ®eift.
VIII. left ueruio vfuetiga Duha.
(Sin l^eilige S^riftlic^e Äirc^en | bie gcmein[cf;afft ber ^eiligen.
IX. Ena fueta Kerfzhanska^] Cerkou, ta") gmaina tih Suetnikou.
3?ergel6ung ber ©ünben.
X. Odpufzhane tih Grehou.
3tufferfte:^ung beS %ltii^.
XI. Vftanena loj tiga Mefla.
SSnb ein eh^igS S?e6en | 2tnten.
XII. Inu en vezhni Leben, Amen.
Vprashane. Si^ag-
2Ba§ für nu^ bu !^aft toon bifem ©laube?
Kakou prid ti imash od lete Vere?
Odguuor. StntlDort.
33on bifem ©lauBen ic^ fjalj bifcn nu^ 1 ba§ burd^ bifen ©lauBcn | id^ tcerbe
Od'^) lete") Vere''), ieft imam leta prid"), de skufi leto Vero, ieff) bom
bor ©Ott 1 toon »egen 3efu Sl^riflt | für frumfe tonb l^eiüg gefd;ä^t
predBugöi2)j fa volo lefufa Criftufa, fa brumniga (13) inu fuetiga shazan'^)
»nnb geilten 1 tonnb barneben n^ürbt mir geben ber l^eiüg ©eift | ba§ id^ rcd^t
inu''] dershan, Inu per'') tim") bode menii') dan^*] ta fueti Duh, de prou
SSette I tonnb an ©Ott | aU an meinen lieben Sattem [ mit glauben »nb anß
Molim, inu na Buga, koker na muiga lubiga") Ozheta, Suero'') inu') is '')
§er^en anrüffe | 93nb iaS meine SBercf | l^anbel | SSerüff tonb @tanb | füre tonb
Serza'') klyzhem ^^), Inu de muia Della, rounane, Poklyzane '6) inu Stan pelä i^)
l^alte nac^ feinen ©ebotten.
inu dershim po nega*^) Sapuuidah.
*) Pontiom. -) Crishan. ^) gori vftal. *) ftoiiil. ») Deftnici.
") vnod. ") fehlt. 8) foditi. '^) kerszhatiska. lO] Goriuftaiene.
") leta prid ieft imam. i^j Bugom. 13) meni bode. **) darouan.
lä) klizhem. i6) ijm ijjg Poklyzane fehlt, dafür mui leben. ^''j ^Je/a?/i.
18) negouih.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1507. 1 63
'^cx britt t^eil be§
Ta trety deil tiga
ßote^ifmi.
Catehifina.
Vprashane. S^ag.
SBie unnb mit iroI(f;en SBortcn bu mit ®ott in allen beinen ncten rebeft
Koku inu slsakouimi beffedami ti Sbugom vfeh tuih nadlugah gouorish
SSetteft vnb auff j^n riiffeft?
Molish inu na nega klyzhesh? i) (14)
Odguuor. Stnttport.
3c^ mit ©Ott im ®Ia:i6e bnb au6 §erl3en aifo rebe önnb Sette I 'mit f)at
left Sbugom Suero inu is Serza taku gouorim inu Molim, koker ie
SefuS S^riftuS @on ®otte§ felbft | feine jünger bnb aUt ©taufcigen gelel^rnt | tonb
lefus Cristus Syn Boshy fam, fuie logre inu vfe Verne vuzhil, inu
jl^nen Beuoll^en mit ©Ott jureben »nb betten.
nim porozhil Sbugom gouoriti inu molyti ^).
Vprashane. S^ctS-
®ag aißbann alba je^t | tootc^e feinb biefetBigen it»ort | ijnb »ie bu 53etteft?
Pouei tedai tukai fdai, kakoue fo te ifte beffede, inu koku ti Molish? 3)
Odguuor. Stnttnort.
Sc^ Sette aI[o |
left Molim letaku^),
SBatter tonfer | ber Bift im §immet
Ozha nash, kir fi Vnebelsih &).
©el^eiUget trerbe bein iRam.
I. Pofuizhenu^ bodi tuie Ime.
f omme gu ton6 bein Sleic^.
IL Pridi knom tuie Kraleuftuu. (15)
©e[(f)e]^e bein 'coiU | irie im §tmmel | alfo aud^ auff @rben.
III. Ifsidiffe'^) tuia vola, koker Vnebi, taku tudi na Semli.
©16 »nS l^eut bnfer taglid^ 53rot.
IV. Dal nom danas nash vfagdani Kruh.
95nb ijn6 bergibe tnfere @[f)ulbe | toie tinr öergeBen tonfern @cf;ntbigertt.
V. Inu nom odpufti nashe Dolge, koker mi odpufzhamo S) nashim Dolshni-
kom.
93nb tonS nic^t einfuie in bie 93erfucf;ung.
VI. Inu nas ne vpelai vto Iskushno.
') Koku ti molish, kadar na Buga klizhesh? -) le/t molim ta Ozha
Nash, kateriga ie Criftus nas fam vuzhil. 3] Pouei ta Ozha Nash?
* dieser Satz fehlt. 5) vnebeßih. ^) Pofuezhenu. '^) Ifidiffe.
•*) odpuszhemo.
11*
164 Erich Berneker,
@onber »n8 erlofe toom 256el.
VII. Temuzh nas reshi od SIega.
S)enit bein t[t baS 9tet(f; | önb bte Ärafft I önnb bte §errüg!eit | atttoeg tonnb
Sakai tuie ie tu Kraleuftuu, inu ta Muzh, inu ta Zhaft, vfelei^) inu^)
ctüigttc^ I Slmen.
vekoma i), Amen.
2)ct oietbte tf|ctl bc§
Ta zheterti deil tiga
ßoteti^iftnt.
Catehifma. (16)
SSott ben Sc^e«
OD TIH DESSET
©efiottctt.
Sapnnid.
Vprashane. %^o.q.
@ag je^t auc^ 1 tüa§ »nb inolc^e fetnb bte jel^en ©ebot tonb 35er6ott ©ottcS.
Pouei Tdai tudi, kai inu kakoue fo te delTet Sapuuidi inu Prepuuidi
Boshye '^) ?
Odguuor. 2(nttDort.
^a9 erft ©efcott ift | ha fetbft (Sott rebet aI[o. 3ci; Bin bein §err
I. Ta perua Sapuuid ie^, , kir fam Bug gouori*) letaku^). left lern tui Gof-
®ott I ber l^afe bic^ aufigefurt au^ bem (Sg?)5tett Sanbe | 3)arum6 bu
pud Bug, kir fem tebe ifpelal is te 5) Egyptoue Desheleß), Obtu ti
ntc^t folt l^aben neben mir anbete ©otter.
ne imash imeiti rauen mene drugih Bogou'^j.
2)a3 anber ©ebott.
Ta druga Sapuuid^). (17)
'>flid)t nime in beinen 9Jiunb ben Dramen beineS §erven ®otte§ tonnu^Ii^.
II. Ne iemli vtuia vulta tiga Imena tuiga Gofpudi Boga neprydnu^;.
®a8 britt ©ebott.
Ta tretya^) Sapuuid»).
©ebend | ba8 ben ge^ertag ^eiügeft.
III. Spumni, de ta Prafnik pofuezhuiesh ^O).
1) od vekoma, do vekoma. -j Katere fo te Sapuuidi Boshye, po katerih
Je ima ta leben narediti ittu dershati? Ferner: Odguuor. Lete/o te Sapuuidi
Boshye, kir vtihDeffet Sapuuidih ftoye. Vprashane. Pouei te Deffet Sapuuidi^
3) add. leta. ** praui. ^) fehlt. ^) is Egiptoue deshele ispclal.
') drugih Bogou imeiti. ^) Ne iemli tiga Imena tuiga Gofpudi Boga nepridnu
vtuia cufta, add. Sakai Bug tiga pres shtraifinge ne pufli, kir tu nega Ime ne-
l)ridnu imenuie. ■') tretia. ^^) Ti imash ta Prafnik fuezhouati.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. Iß5
S)a8 toierbt.
Ta zheterta.
(Sfire betn SBatter tonb bein SRutter | baS tüürbeft lang lefceit im Sanb |
IV. Poshtui tuiga Ozheta inu tuio Mater i), de bosh dolgu shiu na Semli 2),
tDoIc^eS bein §err ®ott ttjürbt btr geben.
katero tui Gofpud Bug bo tebi dal.
Sag fünfft.
Ta peta.
glicht Sobte.
V. Ne Vbyai3).
2)a6 fe^ft.
Ta shefta.
^iic^t Sl^eBred^e tonb nic^t 5ßnfeufc^e.
VI. Ne Preshuftuai inu ne Shuftuai*).
Sag ftefcenbt.
Ta fedma. (18)
ytiä)t ©tele.
VII. Ne kradi5).
Sag aä)t
Ta ofma.
Sticht rcbe falfc^ ^cugnuß irtber beinen ^iac^ften.
VIII. Ne gouori falsh pryzhouane fubper tuiga Blishniga ß).
Sag neunbt.
Ta deueta.
S^Jic^t Begere betneg ?Jec^ften §au§.
IX. Ne sheli tuiga Blishniga Hishe ").
Sag jel^enb.
Ta deffeta.
mHjt bcgere beineg 5«ed^ften SSetfcg | nit Änec^t 1 nid^t 3)?ogt | nic^t Od^fen |
X. Ne sheli tuiga Blishniga Shene, ne Hlapza, ne Dekle, ne VoUa,
ntd^t @fel I noc^ fein [adj | bie feinb betneg 9?e^[ten.
ne Osla, ne obene rizhy, kir fo tuiga Blishniga s).
1) Ti imash tuiga Ozheta inu tuio 3fater jMshtouati. -) vti Desheli.
3) Ti ne imash vhyati. *) Ti ne imash Preshuhtuati [s\(!,\) inu shushtuati.
5) Ti ne imash Tcra/ti. <<) Ti ne imash obetiiga falsh Pryzhouane gouoriti,
fuper tuiga blishniga. ') Ti ne imash sheleiti tuiga blishniga Hyshe. 8] Xi
ne imash sheleiti tuiga blishniga Shenee, ne nega Hlapza, ne nega Dekle, ne nega
Volla, ne nega Osla, Inu vfiga kar tui blishni ima.
166 Erich Berneker,
Vprashane. grag.
aSarjü mh boti »eB itjegen | felnb ton§ bte je:^eit ©efcott tooit ®ott geBen |
Szhemu iuu fa zhes volo i), fo nam^) te deffet Sapuuidi od^) BugaS) dane,
ijiinb auff gefegt?
inu3) (19) gori^) poftaulene^)?
Odguuor. StnttDort.
3um erfien | feinb ton« bte ge'^e:: (SeBott bov^u geBeit | SaS »ir baraufj
Nerpoprei*), fo nom te^) deffet 3) Sapuuidi htimu^] dane, De fe mi is nili
fotteit lel^rnett | bte öit[ere ©ünbe rec^t erfettnett. Saritac^ fettib t»n§ avtä) Don
imamo^) vuzhytiß), te nashe Grehe prou^) fpofnati. Potle^) fo nom tudi fa tiga
beß toegeit gebe | ®a§ tctr auß jl^tien le^^rnen | woßtd?e ®otte6 btettft | tonb lüold^e
volo dane ^% De fe") mi^) is nih vuzhimo '-), kakoue Boshye sluslibe, inu ka-
gute Söcrd gefattcn (Sott | tonb ö56W;e h?tr fc^ulbig 3Utl^un | baS ettt erbar
koua dobra Della, dopado Bogu, inu katera fmo dolshni ^3) diati '*), de en posh-
SeBen wir füren.
ten Leben mi^) pelamo.
Vprashane. ^rag.
SHogen tüir aber | mit »nferen guten SBcrden | bte ®otte§ ©ebott | gan^
Moremoliis) mi^) pag,fnashimi3) dobrimi^) Delli^), te Boshye Sapuuidi '6),
tonb toot!ommenü(^ ^Iten i^nb erfüllen?
cilu3) inu 3) popolnoma dershati inu 3) dopolniti^)?
Odguuor. StnttDcrt. (20)
9?etn I ben toir fetnb nad; Statur bö^ tonnb geborne ©ünber | 2)arumb
Nekar, fakai mi fmo po i^) Naturi ^s) hudi inu royeni Greshniki, Obtu i9)
bte bnfere SBercf ntci^t fetnb »olfommennd^ gut. Stber ha$ tüerbe ton6 ^ur feng=
tanasha'^O) Della ne fo popolnoma dobra. Oli-i) de fe nö--) htimu^) Ifuely-
!ett gel;oIffen | l^at bnfcr §err ©Ott S5atter ^imlifc^er feinen einigen ücben @on
zhanu3 pomaga-3), ie nashGofpud Bug Ozha Nebeski fuiga diniga lubiga Synu
Sefum (Sl^rtftum ju bn§ auff bte Söett gefd^idt | bnb jn l^at tonä gefc^endt | ber
lefufa Criftufa knom na ta Sueit poslal, inu ga ie nom shenkal^*)^ ta^ö)
fetbig nie fein ©ünbe nimmer gett)on | tonb l^at aüe ©otteS ©cbott gon^
ifti3) nei26)obenigaGrehanigdar3) fturil, inu ie vfe Boshye Sapuuidi 2^) cilu3)
1) fakai. 2) nom. 3) fehlt. ■*) Hperuimu. 5) lete. 6) Satu.
■J) vuzhimo. ^) 2}red Bugom. ^) Hdrugimu. löj Jq jjjg claiie fehlt.
11) defe. ^) statt des folgenden Satzes : ta Della fpofnati^ katera Bogu
dopado. 13) tni imamo. i*) fturiti. i^) Premoremo li. 16) Sapuuidi
Boshye. "I od. i«) Nature. i'J) fatu. '-O) add. dobra. 2i) ainpag.
22) nom. 23) add. Taku. -4) gtatt des Satzes nash bis — shenkal: Bug
Ozha nom daroual lefufa Criftufa fuiga eniga royeniga Sy7iu. 25) Jcateri.
26) add. nigdar. 27) Sapuuidi Boshye.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 167
tootfommenüc^ Qt^altm toitb bottrac^t. SavumB [o wir in bij'en 3efum Sl^ri«
popolnoma dershaU) inu ') cloperneiTal-). Obtu aku ml vletiga^) lefufa Cri-
fium redf}t toitb befi gkuBen | [o öiiS ®ott auß fetner groffeit ©iite tonb
ftufa proul) inu *) terdnu i) veruiemo taku nas Bug*) is nega*) preuelike^) do-
SSarm^er^igfett [ bon njegen Sefu Sl^rtfit | ^at tonb l^elt barfür |
bruti*) iüu 1) Milofti, fa volo lefufa Cri- (21) ftufa, ima^j inui) dershi ij fa te,
aU ba8 tüir fe(fc|t l^etten aEe OotteS (Btbott gehalten tonb üotbrad^t.
koker de bi mi fami ij bili vfe Boshye^) Sapuuidi^) dershali inu i) dopernesli i).
Vprashane. 5vag.
33ott tüejj tüegen fotlen tütr ban bie gute SBerd t^un | ®ott bieiten |
Sa zhes volo"^) imamo mi») tedaitai) dobra Della delati, Bogu slushiti,
beut Üied;[teit gfitä tf)fm | bnb ein frumts | erberS leben jitren ?
Blishnimu dobru diati, inu en brumen, poshte leben pelati^) ?
Odguuor. 2(nttoort.
9?tc^t toon beä tcegen j ba3 totr mit foM;en tonferen @otte6 Stenften
Nekar fa tiga volo ^O)^ de bimi") ftakimi^^) nashimi Boshymi '; Slush-
bnb guten SBerdEen | »oltcn für önfere @ünb genüg tl^ün I ober bie [etCen
bamii) inu') dobrimi Delli, hoteli i) fa^^) nashe Grehe fadofti fturiti, oli te ifte
besäten | tonnb bainit ben §tmmel önb ba§ etüig 2ihm berbienen | fetnä
plazhati, inu shnimi ta Nebeffa inu ta vezhni.Lebe (22) faslushiti, kratku
toegg I Senn aKein 3efu§ S:^riftus ^at mit feinem Setben tonb fterben am Sreü^ |
nekar, Sakai fam Jefus Criftus ie fto fuio Martro inu fmertio na Cryshu,
für bnfere @ünbe getI;on genüg | tonb f)at tong toerbtent tonb ertoorben bag en)ig
fa nashe Grehe fturil fadofti, inu ie nom faslushil inu dobil ta vezhni
Sebett. 2(ber toir feinb fc^ulbtg bienen ©ott | aßen SlJJenfc^en gütg tl^un | frum
Leben 1*). Ampag i5) mi fmo dolshni slushiti Bogu, vlem Ludern dobru fturiti,
tonb erbar fein | gitte itoerd tbün | ba3 lüir mit bem | ben tonfern ©lauben
brumni inu poshteni biti, dobra dela iS) dellati i'i, de mi fteim iS], to nasho Vero
bejeugen | beftetigen tonb offenbaren | ben billid^en a,d)ox\am tonnb bancfbarfett
pryzhuiemo'oi^ terdimo inu refodeuamo, to fpodobno pokorfzhino inu fahua-
gegen ®ott ] toon toegen ber feiner groffen SBcIf^aten erjeigen.
lene pruti Bogu, fa volo tih nega velikih Dobrut, iskashemo. (23)
K fehlt. ■-) dopolnil. 3) na. *) add. clershi fgul. ^) nega.
6) add. po2}olnonia. ~] Sakai a.6iA. tedai. ^) 7niima7no. ^) der Passus
von Bogu bis pelati fehlt. «>) j-atu. n) add. Jwteli. i2) ßemi.
13) add. <e. 1*) statt oZe bis Ze6ew heisst es : oli ta vezhni leben faslusJiiti,
Sahai fam Criftus ie fa te nashe Grehe fadofti fturil, inu nom ta vezhni leben
fafliishil. 15) statt Ampag bis biti: Temuzh fa tiga volo mi itnatno.
16) Della. 1') delati. isj shnimi. i^) statt terdimo bis iskashemo :
inu pruti nashimu Gofpudi Bogu, fa volo nega dobrut, hualeshni fe iskashemo.
168 . Erich Berneker,
Scr fünfft t^cil bc§
Ta peti deil tiga
ßotec^ifnti.
Catehirma. ')
Vprashane. Srag.
SBaS foüen irir anjagen bnb tf)uit | fcctS tütr bajumol^I | tcenn ton§ bfeel gel^t |
Kai imamo fazheti inu fturiti, de mi tedai, kadar nom hudu gre,
in tonferm ©lauBen irerbcit gefierdt | »nb in bnfern fc^iferen anfec^tungen getroft?
vti nashi Veri bomo poterieni, inu vtih nashih teshkih nadlugah potroshtani^)?
Odguuor. SlntiDort.
SBtr foQen 3ur redetet Wtc^ \ ba§ tft | gum ^^iac^tinat Sl^rifit gutretten.
Mi imamo hti praui Mashi, tu ie, hti Vezhery Criftufeui perftopyti^).
Vprashane. ^'cciQ-
aSBaS tonb luotc^e i[t ba§ (S^rtftt 91ac^tmal ?
Kai inu kakoua ie ta Criftufeua Vezherya*)?
Odguuor. Slnttüort.
Sa§ 9iac^tmal S^rifti | tjl ein ©acrament | ba8 tft ein ^etUgg ®ottHc^§
Ta Vezherya^) Criftufeua ie en Sacra- (24) ment, tu ie enu fuetu^) Boshye
SBarjeic^en | mit »olc^em ßl^riftuS alba felbfl Warl^afftig tonb gegenioertig | mit
Snamine, skaterim"] Criftus tukai^j fam^) rifnizhnu inu vpryzho, fteim^)
bem SSrot tnb Sein | ben reiften feinen 2dh \ tonb ba6 rec^t fein SSIut ! tonS
Kruhö^) inu 10) Vinom, tu prauu^) fuie Tellu, inu to prauo^j fuio Kry, nom 6)
für treg | gtBt tonb au^t^eilt | »nb bn§ bamit »ergtüt^t | baS fetnb »n8
naprei^) neffe^), daie i^) inu dily ^'j, inu nasfteimS) faguishuie, de i3) fo nom
©laubigen | aüe bnfere @ünbc t'crgeJ'en | ijnb ba§ toiv l^aben baS etoig leiten.
Vernim, vfi nashi Grehi odpufzheni, inu de imamo ta vezhni lebe.
Vprashane. S^^^S-
®ag alßbann bie SBort (Sl^rifti | ivofd^e IjaBen bie ©uangeltften t^nb @. ^aul
Pouei tedai te beffede Criftufeue ^*], katere fo ty Euangelyfti inu S. Paul
befd^riben. 9JJit Jrolc^en l^at SefuS S^rifiug baS fein l^eilig 9?ac^tmat auffgefefet?
fapiffali. Skaterimi ie lefus Criftus to fuio fueto Vezheryo gori poftauil?
1) add. od te Vezherie Criftufeue. '-] statt dieser Frage : Szhim inu
koku ho nasha Vera, kadar nom hudu (jre^ poteriena, Inu mi vtih nashih teshkih
Nadlugah inu iskushnauaJi pofroshtani? 3j statt dieser Antwort : Skufito
Vezherio nashiga Gofpudi lefufa Criftufa. ^) Kai ie ta Vezheria Criftufeua.
5) Vezheria. 6; fehlt. '^) vkateri &6.d. nom.. ^) ftem. ^) kruhom. W) add.
ftem. 11) daruie. i^j daie. ^) von hier bis zum Schluss : mi imamo
odpufzhane tih Grehou, inu ta vezhni leben. **) von hier bis zum Schluss :
skaterimi ie on to fuio Vezherio gori poftauil, Inu te iftefo ty Euangelifti inu
S. Paul fapiffali ?
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567, 169
Odguuor. Stnttüort.
a>nfer §err 3e[u§ S^rtftu§ in ber nacf;t in tt>üld;er tft er t^erl^aten geiDcfit |
Nash Gofpud lefus Criftus vty i) uozhi (25) vkateri^) ie on^) fratan bil,
önb ba er ift mit feinen 3üngern Bei) bem 9lacf>tmat gefeffen | 9Jame er ba§ Srot |
inu kadar3) ie^ fuiemi*) logri per tei^) Vezhery'') fidil, Vfame ta Kruh^j,
bnb otS er l^at bandet | jn l^at jerbroc^en t>nnb geben feinen Süngern | »nb
inu 3) kadar3) ie3; fahualil'), ga3) ie^) reslomil») inu^j dal^O) fuim logrom, inu
bat gefagt ( 5Jiemenb | effenb | 2)aS ift mein 2t\b \ TOofc^eS toürbt für tnä) geben | 2)a8
ie rekal, Vfamytei';, ieite, Letu ie muie Tellu, kateru bo i'-) fa vas danu, Letu
jr tl^ut I 3ü meinem gebecbtnuß. 35n befjetbige gleidben nac^ bem 2IbenbmaI | nam er
vi deite, kmoimu'^; fpominu. Inu glih^ taku^) po tei Vezhery, vfame on^j
ben Äeld^ | bandet önnb jn jl^nen gab | fagenbe | Srindet auß bem ibr aüe | ba§ ift ber
ta Kelih, fahuali inu ga nim da, rekozh i^), Pyte is letiga vi vii, letu ie ta
Äetcb be§ netten SeftamenS in meinem Slut | baS teürbt für euc^ tnnb für j^r t>'ü
Kelih tiga nouiga Testameta vmuiei KriyiSj, kiri^; bo fa vas inu fa nih dofti
toergoffen | jur Vergebung ber ©ünben | 3)ife8 jr tt)ut | aiB efft »erbet
prelyta, htimu'^) odpufzhanui'') tih Grehou, Letu vi 3, deite, koker zheftu-(20)
trinden | jur meinem ©ebec^tnuß.
krat bote^j pylii^j kmuimui^] Spominu.
aSott Sc^lüffcln bc§
OD KLVZHEV TIGA
^^immel ^tiä]§ | bo§ ift |
Nebeskiga Kralen ftua, tu ie,
öon t>tm ^rebtg=
od tiga Pridigar-
ampt.
ftua. 20)
Vprashane. %^<iQ-
SBoIc^e feinb bie ©c^tüffct be§ §immel 9tei(^8?
Kateri fo ty Kluzhi tiga Nebeskiga-') kraleuftua?
Odguuor. Slntiüort.
3)a§ ^rebigam^jt beS ßuangeli toon Sefu (S^rifto.
Tu Pridigarftuu tiga Euangelia od lefufa Criftufa.
') vti. 2] Jiudar. 3) fehlt. *) shnega. 5) vezherij. ^) add.
shegna. ') fahuali. 8) reslomi. ^] ga. lO) da. ii) vfamite add. inu.
^-) bode. 13) Jinmimn fälschl. für kmuimu. >*) add. Vfamite inu. ^^) statt
letu bis Kriy : Lette ie muia Kry tiga Nouiga Testamensa. 16) Jcatera.
") kodpufzhanu. i3) pyete. i9) kmoimu. -^) Statt dieses Titels : TA
SHJESTI INV PVSledni deil tiga Catehifma. Od Nebeshkih kluzheu.
21) Neheshkiga.
170 Erich Berneker,
Vprashane. S'^^S-
@ag alßbafi bit mir auß ben Suangettften ettltc^e »ort [ mit »otcfien
Pouei tedai ti meni is tih EnaDge-'27)liftou nekatere beffede, skaterimi
^t 3efu8 S^rtfluS ba« «Prebigam^jt auffgefe^t tottb gefcotteni)?
ie lefus Criftus tu Pridigouaue poftauil inu fapouedal?
Odguuor. 2(nt»ort.
S)er l^eitig 2ucaS am jel^enben Sa^itel alfo fd^reiBt. 2)a§ bnfer §err
Sueti Lukesii^) na 3) defletim Capituli taku*) pishe. De nash Gofpud
Sefus S^riftuS | l^at ju [einen jungem | tüolc^e f^at er jü :prebigen baä @uan=
lefus Criftus 5), ie htirn*) fuim^) logrom, katere ie on pridigouati ") ta*) Euä-
gelt I toon bem §imU[c^en 9teid;6 | tomfc gefe^idt | aI[o gerebt.
geli*), od*) tiga») Nebeskiga*) Kraleuftua^J, okuliio) poshilal, letaku gouuril.
SBer eud^ leeret | ber mic^ leeret | bnb toer euc^ toerfcf;med;t | ber mic^ toer=
Kateri vas poslusha, ta mene posluslia, Inu kateri vas shmaa"), ta mene
fc^me^et | teer aber mic^ toerfrf;med^t 1 berfelbig icerfciimec^t benn | ber !^at mic& gefanbt.
shmaa "), kateri pag mene schmaa"), ta ifti shmaa") tiga, kir ie mene poslal.
SSnb §. Watt^im am [ec^Sse'^enben fagt: ®a3 S^rijluS !^at jum l^eiUge $etro
Inu S. 12) Mateusli na slieft-(28)naiftim praiii: De Criftus ie kfuetimu Petru
otfo gerebt | Sir iä) n?itl geBen bie ©cfilüffel be§ §intmelrei(^8 | »aS
letaku*) gouuril, Tebi iest*) hozho dati te Kluzlie tiga Nebeskiga^^j kraleuftua,
Jüürbeft bu Binbcn auff (Srben | ba6 irürbt geBunben im §tmel | tonb nsaS
karboshtii*) fauefali^) na Semli, tu bo fauefanu i^') Vnebefsih i";, inu kar '8)
tt5Ürbeft aufftefen auff (grben | iaS^ luürbt im §tiSet Io§ fein | §eiUg So^afieS am
bosli refuefal na Semli, tu bo Vnebefsiii refuefanu i^), fueti^ö) lansh na duaiffe-
ätoein^igften auc^ fdjreiBt alfo | ba3 SefuS ba er öon Sobten tcar aufferftanben | Ijat 3u
tim tudi^j pishe letaku*;, de lefus kadar ie od Smerti bil vftal-i). ie kfuim
feinen 3ungern gerebt 91emenb ben §. ®eift , tooId;en j^r bie ©ünbe ertaffet \ benen feinb
logrom gouuril, Vfamite tiga S. Duha, katerim vi te Grehe odpuftite tim]fo
crtaffcn | bnb teclc^en jBr fte toorbe^Itet 1 benen feinb öorBel^alten.
odpufzheni, inu katerim vi nee*) fadershite, tim fo fadershani.
Vprashane. grag. (29)
@ag bu and; alba bie ©umma tonb ben furljen jnn^alt aller ©eBott tonb ©efefe?
Pouei ti*) tudi*) tukai22) to Summo inu ta*) kratik'-3) fapopadik-*) vfeh'-S)
Sapuuidi inu Poftau^^)?
1) Statt dieser Frage : Pouei nakafere heffcde^ is tili Euangeliftou, skate-
rimi ie lefus Criftus tu Pridigarftuu fuiga Euangelia gori poftauil?
-j Lucas. 3) vtim. *) fehlt. ^) lefus Criftus nash Gofpud.
6) kfuim. '') Pridigati. ^) tu. 9) kraleufluu Boshye. i") vunkai.
1») Fershmaga. '2) ßueti. 13) Neheshkiga. ") ti hosh. ^ fuefal.
16) fuefanu. i^) Vneheßih. i"») add. ti. ^^) refuefanu vnebeßih add. inu.
20) S. 21) jcadar bis vßal fehlt. 22) fdai aM. na kotizu. 23) kratig.
2*) fapopadig. -5) add. Boshych. 26) Poftau inu Sapuuid.
Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 171
Odguuor. Slnttüort.
SSon folc^er ©umma felBft SefuS S^riftu« tonfer ^txx SOIatt^. 22 atfo
Od take Summe fami) lefus Criftus nash Gofpud^) Math.*) 22 1) taku i)
rebct I ®u folt VuUn beinen §ernt ©Ott mit ganzen §erl|e | mit ganzer ©eel |
gouori^), Ti imash lubyti*) tuiga Gofpudi Boga fcelim Sercem, fcelo Dusho,
mit ganzem gcmutl^ | üiib mit aüen beinen frdfften. 3)a8 ift baS fürnemBft bnb ba3
fcelo miffalio, inu fo vfo tuio mozhio. Letu^) ie ta nerperua^) inu ner*) ta i)
groffejt (SeBott. 2)a8 anber aber ift bifem gleid^ | 2)u foUcft lieben beinen '^i<i)'
vegshi") Sapuuid. Ta druga pag ie letei glih, Ti imash lubyti*) tuiga Blish-
fien I aU felbft bid^. 3n bifen gnjei^en ©ebotten fielet ba§ gan^ ©efe^ vnb
niga, koker fam febe. Vleteyu^) dueyu Sapuuidah^') ftoy ta cela Poftaua inu
bie $ro))!)eten.
ty Preroki lO).
Vprashane. %^(iQ- (30)
@ag alBbann auc^ bie @uma beg gan^e Suangeti?
Pouei tedai *) tudi to Summe vfigaii) Euangelia?
Odguuor. Intttjort.
®te ©umma ganzen §. ßnangelt ift bife, iaS S^riftuS faget 3of)- 3. ©ott \)at
Ta Summa vfiga S. Euangelia ie leta, kir Criftus praui loh. 3 i^). Bug ie
bie SSett alfo geliebt | ba§ f)at feinen einigen @on geben | ha^ aüe bie in jl^n glauben ]
ta Sueit taku lubil, de ie fuiga diniga Synu dal, de vfi i3) kir vnega veruio i*),
nit »erben ijertoren | ©onber ba§ fie ^ben baS eteig ?eben. ®enn ©Ott
nebodo^-^j fgubleniiß)^ Temuzhdei") imaioi^) ta vezhni Lebei'-*). Sakai Bug
nt(^t gefanb feinen ®on auff bie SBelt | ba8 er bie Söelt berbam^je I ©onber | ba§
nei poslal fuiga Synu na ta Sueit, de bi on ta Sueit ferdamnal^O). Temuzh, de
bie SBelt njürbt burc^ j'^n feüg. SBer in j^n glaubet j ber felbig nit iDÜrbet tter=
ta Sueit bo skufi nega ifuelyzhä 21). Kateri vnega veruie, ta ifti ne bo fer-
bamt. SBer aber ntc^t glaubt ] ber felbig ift je^t öerbanm:t)t | Senn er nit glaubt
damnä. Kateri pag ne veruie, ta ifti ie fdai ferdamnan (31) Sakai on ne veruie
auff ben 9kmen be6 etngebornen ©otteS @on 1 95nb §. $aulu8 toon bifen auc^
na tu Ime tiga famoroyeniga Boshyga Synu 22), Inu S.Paul^^) od i) tigai) tudi*)
alfo fc^reibt | (S8 ift getoißlic^ ttja'^r | tonb ein t]^en?r icerbcS
taku^i pishe"-4), Onu^ä) ie26) guishnu-") rifniza'-s;, inu ena') draga^) vredna^^)
») fehlt. 2) add./a??2. 3) add. /eteÄ«. *) lubiti. '^) Leta.
6) nerperuishi. '•) neruegshi. ^) Vleteiu. ") add. f«/)» «wm. 1°) add.
Matth..22. II) aäd. Siietiga. ^-) statt dieses Satzes: Odtigafayn Criftus
praui loh. 3. ^3) sledni. 1*) veruie. 10) Jo. 16) fgublen. ^'^) bo.
18) i7nel. W) leben. 20j jodil. 21) ifuelizhan. 22) der Satz von kateri
bis Symi fehlt, 23) add. 1 Thi. 1. 24) praui. 25) Tu. 26) add. ena.
2") guishna. 28) beffeda. 29) add. de mi no obi miszhi fo vfo rizhio gori
vfamemo.
172 Erich Berneker, Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567.
tDort I 3)a8 3e)u8 Sl^riftuS ift fomen auff bte SBelt | bte ©ünber feltg gu mad^en |
beffeda i), de lefus Criftus ie prishal na i) ta*) Sueit '), te Greshnike ifuelizhati,
tnber tüctc^en 5in icfi fürnemi'ft | 3Iber 'v^ f)a'b SSarml^er^tgfeit erlangt | toon
vmei katerimi fem ieft ner ta perni 2), 011 ieft^) fem*) Myloft^) dobil^), fa^)
ttege | baS l^at Sefu« S^rtftuä aüe feine gebnit tonb toberfe'^ung an
volo, de iei) lefus CriftusS) vfe^j negaiO) faneffene") iaui) pregledane*) nai)
mir erjeigt | jutn einem @jem^>el tonb tonberric^t benen | bie »erben in j^n glau=
meni^: iskafal, kanimu Exemplu inu nauuku tim, kir bodo^-J vnega vero-
Ben gum etoigcn S?e6en.
uali ") htimu vezhnimu Lebnui*).
^_____ FINIS 15). (32)
1; fehlt. -) tih neruishih eclen 3) metii. *) fe ie. 5j Miloft.
6) iskafala. '] add. tiga. ^) add. nerpoprei na meni. ^) vfo.
10) fuio Miloft inu. H) feneffene. 12) imaio. 13) Verouati. i*) Hier
folgt noch ein Abschnitt : Sahualene S. Paula fa volo S. Euangelia. Natu timu
vezhnimu kralu, vfelei shiuimu, neuidezhiinu inu famiinu modrimu Bogu, bodi
vfa zhaft inu huala od vekoma do vekoma Ame7i. 1 Thi. 1. 15) Tiga
Catehifma konez.
Berlin, im Februar 1901. Erich Ber7ieker.
Ein bosnisches Evaugelinm in der Handschriften-
Sammlung Srec'kovic's,
Die Erwähnung dieser Handschrift geschah schon zu wiederholten
Malen '). Ein Stück derselben gelangte sogar in das russ. Museum der
Alterthümer zu Tver' 2). Sie ist ziemlich alt (geschrieben im XIV. Jahrb.),
auf Pergament, und da sie zur bosnischen Abart der südslavischen cyrilli-
schen Denkmäler zählt, die besondere Beachtung verdienen, so wäre es
angezeigt, den darin enthaltenen Evangelientext näher zu prüfen. Aber
1) Vergl. M. Speranskij in SaMiricu o pyKonucaxi. ßijrrpaacKuxt u co*iü-
cKoä 6nöjioTeKx (Moskau 1890), S. 86 ; id. Recension auf das Werk A. Voskre-
senskij (39e Preiszuerkennung derUvarov'schen Prämie), S. 00 des Soud.abdr.
2) Nach dem Katalog Nr. 4886, im Ganzen 2 Blätter, mit dem Text Matth.
XXI. 44— XXII. 35.
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sreckoviö's. 173
auch abgesehen davon macht sich dieser Codex durch die zahlreichen
Marginalglossen des XV. — XVI. Jahrh., die zur Erklärung des Evan-
gelientextes dienen, bemerkbar. Die Glossen bieten für den Philologen
und Literaturhistoriker einiges Interesse, und da vor kurzem Prof. Sto-
janovic (Archiv XXII, 510 ff.) ein anderes Denkmal ähnlicher Art in
diesem der slav. Philologie gewidmeten Organ zur Sprache brachte, so
möge — nach dem Grundsatz «exempla trahunt« — auch diese bisher
wenig bekannte Handschrift hier kurz besprochen werden.
Die Handschrift ist in klein Quartformat, wie die meisten bosnischen
Evangelien geschrieben, umfasst 184 oder mit den zwei in Tver' be-
findlichen 186 Blätter, die Schrift ist die übliche engeünciale bosnischer
Art. Die Anfänge der Lectionen sind von zweiter Hand (XV. — XVI.
Jahrh.) über den Columnen roth geschrieben, in folgender Weise : zu
Matth. XXI. 33 ff.: h". o BHHorpaA^; zu Matth. XXII. 2 ff.: iiä. o
3BaHHxt Ha öpaKL; zu Matth. XXH. 15 ff.: hb. o BtnponiLmHxt
KHHOci; zu Matth. XXII. 23 ff.: nr, o caAOKHHxt u. s. w. Die
Nummern h. na. hb. nr. entsprechen dem Capitelverzeichnisse, das an
der Spitze eines jeden Evangeliums zu stehen pflegt (vergl. HnKOTbCKO
JBB. S. XX). Von derselben späteren Hand rühren auch die am Rande
geschriebenen Hinweise auf die Parallelstellen aus anderen Evangelien
her und die Einschaltungen des für den Gottesdienst bestimmten
Lectionsanfangs im Texte selbst, z. B. : Pe vh kb npHmtmHMb kb
hgms (Gero pa^n tjlio . . Matth. XXI. 43), oder: Pe rt npnT^s
ciio (^noAOÖnce i^pLCXBO höcho . . Matth. XXV. 2) u. s. w. Zu Anfang
eines jeden Evangeliums standen: r.iaBH eBaHAejiHi, am Schluss :
Kohu;l eBaHAejH^. Die Handschrift ist nicht vollständig, es fehlt
am Anfang Matth.I— XXI. 30, im Inneren Matth. XXIV. 12—51, XXV.
44—46, XXVI. 1—16; Marc. I. 1—4, 40—45, II. 19. 22—27, III.
1—27, Vm. 30— IX. 18, XV. 22 — XVI. 20; Luc. I. 1—28, H. 21—
m. 1, V. 11— VIL 38, XXL 36 — XXIL 17, XXHL 47— XXIV. 53;
lo. I— V. 4, XL 8—28, XIIL 26 — XXI. 25. Vor dem Evangelium
Marci steht an der Spitze des Capitel Verzeichnisses — nur dieses hat
sich erhalten — eine Vignette bestehend aus drei in einen Rahmen ein-
gefassten Kreisen: im ersten und zweiten Kreise sind geflügelte Drachen,
im dritten ein Centaur mit dem Bogen hineingezeichnet. Die ganze
Vignette veriäth schon in der Ornamentik den westlichen Einfluss.
Zur Charakteristik des Textes unserer Handschrift führe ich aus
174 M. Speranskij,
derselben zu Matthäus Cap. XXVH und Marcus I. 5—39 (auf fol. 12*^—
IG'' und fol. 19 — 20) Abweichungen vom Text des Nikoljsko Jevangj.
(ed. Daniele), ebenso zum Capitelverzeichniss des Marcusevangel. an :
Me. XXVII. 1. J>Tps 3Ke BÖLiBiiioy apLxtiepiH h CTapLii;«
jiOAtenjH . . . sömoTB h; 2. h cBesaBLme h np^Aame noyHTBCKOMoy nn-
jaToy; 3. npe^aBM .... ocoyAHuie ii . . . . aptxLiep^GMt ; 4. neno-
BHHLHoyio . . . .; 5. H mL; 6. apBxtiep^H bb KopBBBHoy none
H 2te; 7. cBTBopnme ckokhjibhhkobo bb nor[pe]pi6aHHe cxpaHii-
komb; 8. KpBBe; 9. cböh ce pe^ieHoe nepeniBieMB; 10. h CKasa; 11. tbi
ÄU . . . HiOAiHCKB; 12. apBXBiep^H . . . . H Hiraecoate; 13. nnjiaTB ....
KOJHKO CH Ha TB CB^TeJIBCTBOyiOTB ; 14. TjIIO ^KG; 15. Be.THKH . . . 6i
.... e^HHaro .... CBSsana .... xoTixoy; 16. HMime .... BapaBoy;
17. cBÖpaHHMB .... nHJiaTB; 19. c^A'£n];oyMoy .... npaBCABHiiKcy
.... ahbcb; 20. apxiiep^H .... Hapo;i;Bi; 21. nreMOHB; 22. nnjiaTB;
23. TiBTB 6o; 24. nHjraxB .... oycnnBaeTB .... ÖHBaexB npniMB bo-
;i;oy SMBIH .... npaBBAHaro; 25. na hbcb; 27. reMorai npH^MBme;
28. cBBJiBKBme ii xjiaMHAoio i];pBBJieHOio ; 29. BiHBii,B . . . . h HarjiaBoy
BBBJioatHme .... noK.iOHHmece .... poyralomeee; 30. njioyHoyBBme
. . . . H ÖBixoy no rjraBi ero ; 31. x.ia3iHAoy n oöjiT&KBme ii . . . . na
nponexH; 32. oöpixoyTB ^jBKa KHpuiHHna .... xoMoy (h abest) sa-
Ä^me Aa noHecexB; 33. peKOMaro rojiBraxB . . . napimaeMa; 34. bb-
KoymB HB xoximB; 35. nponBHBmB a^B h . . . . Mexame acpiÖBi;
37. rjasBi ßro BBiHoy .... hioat&hckb; 38. eAHHaro .... BAHHaro;
40. sBa pasapaBXB .... cBsn^a b . . . . c KpBcxa; 41. apBXBiep^ . . . . cb
HHKBnHac:Bi];i (sie) .... rjrio; 42. ciisiexB^) Hmia; 43. snBBaH ....
HHi; 44. xora 3:b h pasöoHHHKa nponBxa cb hhmb noHOCHCxa ency;
45. üj mBCXBi . . . . H xBMa . . . . äo e-XB roAHHBi; 46. npii Aesexin yKe
ro^HHi .... Be.iHeMB rjrc .... jiBMMa saBaxxaHn; 47. c^nmaBBrnB;
48. H npii^MB .... ou;axB h BBHasB; 49. hhbi ate npn^MB .... hsh^b
aÖHB; 51. KaxanBsnana .... pasp'ScB . . . . ao imsHaro; 52. üjBpBSome
(sie); 53. H3B rpoÖB . . . . no bbckpbchh bfo sKn^oy s cxbi; 54. 6i-
ixoy . . . . 6'£ cb; 55. öixoy me xoy atBHBi MHorn .... H;i;ixoy no
HC^; 56. 6i MapHT& MarazHHBi — hoch naxH — 3aBBA'£oBoy; 57. öbi-
uioy (sie) .... 6raxB .... hochhb; 58. kb mijiaxoy .... mi-iaxB;
59. npH'fiMB njiaui;BHHi;eio; 60. bb hob^mb rpoön cbobjib nate
ij IC aus u.
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sredkoviö's. 175
HC^TieHL 6i (sie) .... BLSBajiH Be.iHH H OTHAe ; 6 1 . 6i ;Ke xoy
Mar^a^raHLi .... e^Äeiii,H; 62. bl sxptHH ate . . . . no napacKJieBtAH
apbXHepiH H 4>apHciH kb nHJiaToy; 63. ztcTai];b; 64. e^a KaKO ....<&
MptTBHXfc .... nocji^AHai .... roptmii; 65. nHJtaTt. HMaxe Koycxo-
Ä^H) .... sTBpLAHTe ; 66. et KoycTOA^eio.
Mp. I. 5. s eptaHLcii,^ .... rpixLi; 6. 6hi 3Ke . . . . Bejitö.ioyac.H
. . . . H iAW ero öi . . . . ahbh; 7. n^caMt ^ocToiKt .... peMena;
8. ctliml; 9. w Hapasapxa (sie) . . . . bl opa^aHi; 10. BLcxo^en; 11. e
HÖce .... 6.iaroH3BOJiHxt ; 12. aöae (h abest); 13. 6i xoy bl noycxuHLi
AHH .M. H HOiHH .M. ; 14. BBaHA'jiHe; 15. H npHÖJiffiKH 60 ce noKanxe
ce... BB BBaHA-iHe; 16. ciiMOHa nexpa h an^tp^i öpaxa xoMoy CHMOHoy;
17, npHA'^Ta .... pHÖapa; 18. ocxaB.itme .... ii^ocxa; 19. h npiiuib
Majo ü/xoyA^ ^'sp^ niKOBa saBSA^OBa . . . . Bt .laAti; 20. oexaBjiama
saBGA'fei BL jiaÄH CL HaiMHHKH; 21. Bt coyöoxLi; 22. o s^ieHH ero 6i
6o . . . . HMLi; 23. H 6i na cBHLMLiinHXb ; 24. npHniajrt .... cxti 63Ke;
26. cxpece h ^xt hsmiicxbi; 27. noö.iacxH (sie); 28. H3H;i;e; 29. Huibint
.... CHMOHa H an^pioBL cb h^koboml; 30. xbii],H2Ke; 31. ^ml k) sa
poyKoy eie^); 32. öbiBbuioy; 33. h 6i Bacb rpa^b; 34. iicu^imi mhofh
HCAoyrH .... pas-iHqHHMH .... iisbrna . . . .' öicHO. iKo BHAixoy;
35. noöpiroy (sie) .... iishab hcb. H^e; 36. H2ie ö^axoy cb h^ml;
38. H^eML ; 39. na ce 6o nsHAb h 65 nponoB^Aae na cbHLMHUi;HXb Hxb.
Das Capitelverzeichniss (rjiaBH eBaHAüHi) enthält, abgesehen
von einigen grammatischen Abweichungen, folgende Varianten:
6. oezaö.ieH^MH aciLiaMH, s. o jieBbrH Mbixapn, h. o nsöpann
anjroMb, ei. o iioiii Hpo^i, ei. o nsHHKHCHH, k. o rjib'Cbi h h^mli (Nik. o
royrbHHBiMb), Ka. o BbnpomeHH ii,5cap (Nik. — «»apHCHCi^^Mb), Ji3 . . . .
na B.iacx (Nik. Ha Jibcxb), ms. o Mexanii (Nik. o OAMexaHn).
Wie die angeführten Abweichungen zeigen, weicht der Text nicht
wesentlich von der üblichen Redaction der bosnischen Familie der
Evangelientexte ab. Etwas mehr Individuelles, darum auch grösseres
Interesse bieten die oben erwähnten Zusätze am Rande, in denen sich
zum Theil auch das Verständniss der Schreiber und Leser des XV. —
XVI. Jahrh. abspiegelt. Darum sollen diese Zusätze zu den entsprechen-
den (aus Nikol. Evangelium geschöpften) Evangelientexten hier mitge-
theilt werden :
ij K aus II.
176
M. Speranskij,
1) Mr. III, 29—30. nace BjracH-
MHcaeTt Ha Aoyxa CBexaro, ne
HMaTfc ujTtnoymTeiiHi bb Bi-
KLI, IIb nOBHIiaMI) ecTfc siytHOMoy
coy^oy. sane rjiarojiaxoy , §ko
ÄOyXB He^HCTB HMaTb.
2) Luc. VIII, 43 — h ce acena
COymTH Bb TOyeHLI KpbBH
WTB ABaK) Ha .1. xe jrixoy.
i03Ke spätre ML HSAaBuiH Bce hm$-
HHe CBoe, HH oxt eAHHoro ace ne
3I0Xe HCHi.liXH.
3) Luc. IX, 2 9 — 3 1 . H öticxb, er^a
Moaamece, BHA^HHe jiHi^a ero irao,
H OA^HHe ero 6i,jio ö^iHCxae ce. h ce
Moyata Aßa c hhmb rjiarojiiouixa,
ia:e ÖHcxa MoHcin (h) Hjcni,
iBÄhuia, ceBL cjiaBi, rjiaro.iacxa
ate HcxoAb ero, nate xoxiaiue
CKOHiiaxH BL Epoyca.iHMH.
4) Luc. X, 13. rope xe6i, Xo-
pasHHe; ropi xeöi, BH^caHAo;
iKO amxe Bb Ci^oni h Toypi
6bime chjIh öhjih öbiBbiuee Bb Baio,
apiBJie oyßo Bb Bpi&XHUiXH H ne-
ne.!ii ci^eiuxe noKaiJH ce öh.
5) Luc. X, 30 — 35. ^i.30BiKb
exepb cbxoacAame ü)xb Epoyca-
JiHMa Bb EpHxoy, h ßb pasöoii-
iiHKbi Ebna^e, iiace cb(B).JbKbiue h,
H i3Bbi BbSJtoatbiue oxH^oy ocxaB-
BipbHO xb nponoB^^a ne he 6b
npOCXHXH rpilUHHKOMb KOH Tjiaxs
AXb HeiHCXH es nen (sie) a s Heiwa^e
ÖHuie ÄXb oii;a HÖCHora (f. 22).
acena KpbBoxoyHBa exb jishb 6^h
eate xcb wihcxh üj rpixb HXb a Bpa-
^leBe saKOHHi^H, a ab^ naAecexe Jii-
XH :bi: xe anc.ib iace Bce ahh rpfee
oöJiH^iaioxb , MKOJKe H xexb (sie)
pe^e s eBaHAejH, aii];e ne xb npa-
majib H raajib HMb rp'fexb ne 6h
vmijm H anciH pe^ie h Aa a^e smho-
acH ce rp'fexb npiH'b (sie) ÖHcxb 6ja-
röxH (f. 68).
CHb 6a:H noKasa cBOHMb s^chh-
KOMb KaKOBS CJiaBS BHH8 HMBXb 8
oii,a, a eate r.iauie mohch (h) hjeh^ sa-
KOHHK) ce iBjiaio na saKOb ökh ao
CKOHTiaHHfe B§KS (f. 71).
xapasHHb H BHXbcaHAa rpaAa h
M^cxfe HenoKopji(H)Ba xcs a xspb
H CHAOHb noKopjHBa (f. 74).
uiib ^iBKb ecxb njiiHHHUH, a
epjicMb KHjiHme CBXHxb, epHxa
MHpb, a i3BH rpfecH, a ep(e)H mohch,
a JCBFHXb HBaHb BOAOIIOCbl^b, a
caMapHiianiHb HCb, a ojiiii h bhho
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sredkovic's. 1 77
.uLine ejii acHsa eoymTa. no npn-
KjiiOTiaK) ^e Hepen eTept CLXoa:-
;iame noyTeaifc t^ml ; h BH/tisL h,
MHMOHAe. TaKoac;i;e ace h jieBiHTfc
ötiBL Ha TOMLat^e Miexi, npHiuLAt
H BHA^Bt H, MHMOH^e. CaMapHHt-
HHHL aie exepb rpeAW npH^e na^t
HL, H BHA^BL H, MHJOCpBÄOBa; H
npHCToynjii. oöeaa cTpoynn ero,
BfeSüiBae OJliH HBHHO; H BBcaacAt
a:e H Ha ckotl, npHBe^e Bt ro-
CTHHHi];oy. H npHjieati. eMt. h na
K)Tpi>HLI HmtAI- H3I.MI> .B. H^Hesa
;i;acTL rocTHHHKoy.
6) Luc. XI, 5 7, KTO WTL BaCL
HMaTL Apoyra, h H^ext Kt neMoy
nojioyHomTH , h pe^ext eMoy:
ÄpoyKe, Bb aa^MB ^aa^Ai» mh xpn
XJliÖH . . . . HXb H3HoyxpLiOAoy
TCXLBemxaBb pe^iexb : ne XBopn mh
xpoy^a .... He Moroy BbcxaBb
AaxH xe6i.
7) Luc. Xm, 27. 28. wxbcxoy-
n^xe uxb Mene bch A^-iaioinxe ne-
npaBbAoy. xoy öcy^exb njiaMh h
CKpbacbXb 3oyöoMb, er^a 5Ke oyspn-
xe ÄBpaMa (h) HeaKa (h) Hi-
KOBa H Bce npopoKLi Bb ii,apb-
CXBi Ö03KHH, Bbl 5Ke HSrOHHMH
BbHb.
8) Luc. XV, 11—32. TijroB^Kb
exepb wsihi cbiHa Aßa; h peye Manbi
CHHb oxbi],öy . . . öbicxb aie clihl
ero cxapiH na cejii . . . . h saKJia
; oxbu;b XBOH xejreu;b oynnxi-
HblH
MHJTOcxb öatHi, a CKOxb aaKOHb, a
rocxHHHn;a [a] i];pKBa, a rocxHHmcb
nexapb, h Aßa nineaa Bipa H^HHa
(f. 75).
xpa xjii6H OD;b h cHHb h cbxh
Axb, a Apsrb csnpbHHKb nace xo-
mexb Aiuoy ero np']&;i;axH aH^JiOMb
HenpH'fesHHHHMe (f. 76 v.).
aSpaMb HCaKb HiKOBb H BCH
AXOBHH npopuiH JSAHe 6atH CbXb, a
CHOBe u;pcxBa üJcxsnbHHu;H eate
sBCAe coxoHa s eKpoBm^a cKSAHJib-
Hbi (f. 86).
WHb ^jiBKb ecxb wi;b hcbhahmh,
a CHb MbHH aHyvJH e^KB CXHHH 00-
xoHa, a CHb cxapiH aHA-in mKe
H
BHH8 oii;s cjisa^e, a xe.ibu; süHxiHH
^b (f. 89 V.).
1) Das Gleichniss vom verlorenen Sohn, hier sind nur einige Stellen her-
vorgehoben.
Archiv für slavische Philologie. XXIV.
12
178
M. Speranskij,
9) Luc.XVI, 1—111). yjiOBiKt
exept ßticTt öoraxb, iiace HMiame
oyKOHOMa . . . . H npasBaBB e^n-
iioro KoroacAO A-üta^tHnKa rocno-
ÄHHa CBoero, rjiaroJiame ....
10) Luc. XVI, 19—312). XJ.50-
B^KL exept 6i öoraxi. . . . .
HHuiTB Ke exept ßticxb HMeneMt
Jaaapt . . . öticxt jkc oyMpixH
HHinxeMoy h neceHoy ölixh aHAe.iH
Ha jiOHO aspaimie
1 1) Jo. Vj 2. ecxL yKe bl Epoy-
cajoraiLixfc iia obl^h KoynnjiH,
e»:e HapimaeTLce espencKLi bh-
xes^ia, .e. npnxBopt HMoyinxn.
12) Jo. VI, 11. npHexB ate xjii-
ÖLi IleoycL, H xBajioy BLS^aBB,
AacTL BL3Jiea:einxi>iMt ....
13) — 13. cLÖpauie ate h hc-
njiLHLiine .Bi.-xe KointHLmti oy-
KpoyxL xüXb .e. x.i§6l e^iMeHbixt.
14) Jo. IX, 6. CH peKL, njiiOHoy
na seMjiH), h cxBopn öptHHe uxl
njnoHOBeiiH^.
HHb ^MBKL KPieSB B^Ka, a iKOHOÖb
cxap'i&inHHa ijpKBe ero, a A-^t^HHKt
3aK0iiHri,H iiate no Bce ahh rpixe
ansmaio qjiLKOMb h xaKO rsöe jmie
Tj-iBKe (f. 91 V.).
öoraxH TiJiBKt CHOBe B§Ka H^ia^e
ecxL npocxpanoe acHxne xo e h rnb
B^Ka, a söorn JEasapt .tsah öskh,
aBpaML oxu;b h6chh a Kpn-
ÄO 3) (f. 92).
^BbTia (sie) KBHHJib ce paSSMiXH
MHpb cb, HÄ^ate ce Ksnse ^ma na
n.ibTi (f. 112).
4j eBHAJTHCTH H B^pa
H^HHa (f. 115 V.).
ABa HaAecexe ancjib, a e^bMenb
b'KopeHHe i!; esHKb (f. 115 v.)^).
ÖpbHHe ÄIHJIGCTL ÖKIH H(c)KsnHJIb
MHpb ea HAi^e noxpiöa kxb omh-
CXHXHCe TIJTBKS (f. 126 V.).
HaBaAtHHKb (f. 1 1 8).
nacKa MOHCHeBa (f. 118).
15) Jo.VI, 70. H wxb Bacb eAHHb
AH^BOJIb KCXb.
16) Jo. VII, 2. öbiexb ate öjrasb
np as AbHHKb iiK) AencKLi c k h h o -
*HaH§.
Bei näherer Betrachtung dieser Zusätze entdeckt man in ihnen den
Wiederhall der commentirten Evangelien, unzweifelhaft rtihren sie auch
') Das Gleichniss vom Oekonomen, auch nur das Weseutliche mitgetheilt.
2) Vom Reichen und dem armen Lazarus.
3) Abgewetzt, unleserlich.
*) Ausgewetzt, augenscheinlich: .e. xäMu cstb .».
^) Auf demselben Blatte unten ein Zusatz : Hapoas M.ai,Ba rHißb s esuufixB.
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sredkoviö's. 179
davon her: das ist also keine Originalarbeit des Schreibers dieser Margi-
nalglossen. Die allegorische Deutung des Textes, die Anknüpfung bibli-
scher, evangelischer oder moralischer Regeln an einzelne Worte — alles
das kehrt in der entsprechenden byzantinischen, mittelalterlichen west-
ländischen und auch in der kirchenslavischen Literatur, der kanonischen
und apokryphen oder volksthümlichen, wieder. Man erinnere sich der
scholastisch commentirten Evangelien bei Theophylactus v. Bulgarien
(Migne Patrol. graec. CXXIII), in den Spuria des Johannes Chrysosto-
mus (ib. vol.LXI), in den Antworten des Athanasius auf die Fragen des
Antiochus (ib. vol. XXVIII) u. a. Andererseits genügt es, auf die um-
fangreiche westliche und orientalische Literatur der 'EQcuTaTto^Qiastg
hinzuweisen (vergl.bei Moculskij, C.Hj&ah Hapo^Hon ÖHÖJiin, Odessa 1893).
Namentlich in der letzteren Literatur dürften vorzüglich die Quellen für
unsere Zusätze stecken. Der Schreiber derselben mag mit den aus Frage
und Antwort bestehenden Denkmälern besonders vertraut gewesen sein,
wahrscheinlich schon in der kirchenslavischen Uebersetzung. Auf eine
bestimmte Redaction kann man in Ermangelung der genauen Ueberein-
stimmung des Textes nicht hinweisen, die Berührungspunkte beziehen
sich auf verschiedene Denkmäler der besagten Art. Wahrscheinlich
schöpfte der Schreiber Einzelheiten aus dem Gedächtniss. Dass die
Südslavische, namentlich serbische Literatur an derartigen Producten
sehr reich war, das weiss man aus Moculskij und Polivka, Starine, s. u.
Besondere Aufmerksamkeit unter derartigen Denkmälern verdient
das Werk «TjitKOBaHHe eyjiLCKO h cKasanie« (ein bulgarischer Cod. der
kais. öflfeutl. Bibliothek F. L 376, aus dem Jahre 1348, fol. 210ö, mit
dem Namen des Commentars des Chrysostomus in dem Berliner Cod.
XIII saec. fol. 76 (Starine V), mit der Ueberschrift »T^bKOBame Bexxaro
H HOBaro saB^xa« in der Handschrift Safafik's (IX. H. 16) fol. 287 b,
Starine XXI. 212), wo mehreren evangelischen Gleichnissen (12 bis 18)
Erklärungen beigegeben sind. Aus einer solchen Erklärung des Gleich-
nisses schöpfte der unbekannte Glossator dieses Evangeliums das bei
ihm unter Nr. 5 Angeführte. In einem späten serb. Texte (Starine XXI.
12) lautet die betreffende Erklärung so: ^ixo Kcxt ^jiob'Skb? A^amt.
^xo Iepsca.aHMi.? Pan. ^xo lepHXOHb ? MnpB. ^xo M3Ba? rpicH.
i ^xo pasöoHHimH? ^iaBOjTH. Kxo iepen? Mohcih. Kxo .leBiH? IwaHB
! (Berlin. Cod. cxjib). Kxo CaMapaHHHb? XpHcxoct. ^xo Jiacjio h bhho?
j Tijio 11 KptBB XpHCxoBa. Kxo rocxHHHHKL ? naBa.ib. ^xo rocxHHHi];a ?
IljpKBa. ^xo neHesH? BexxiH h hobuh saBixb. Der Zusammenhang
12*
180 M. Speranskij,
zwischen diesem Text und dem oben angeführten Marginalzusatz
unter Nr. 5 ist unverkennbar. Da der Glossator, wie es scheint, aus
dem Gedächtnisse schrieb, so sind einige Abweichungen leicht er-
klärlich, z. B. statt A^anib steht bei uns njii&HHHi];H, statt pan — 3KHJiHiu,e
CBTMXh; statt xijio ii KpLBL XpncTOBa — mhjioctl öiKHi, statt Bexxiä
H HOBLiH saB'JxB — B§pa KAHHa. Was die Variante üaBa-iB — IleTapfc
anbelangt, so kann diese auf den besser unterrichteten Schreiber zurück-
geführt werden, oder auf einer richtigeren Lesart seines Textes be-
ruhen. Denn mit der Antwort i],pLKBi> auf rocTHHHi];a kann man
den Evangelientext vergleichen : iKo tli eeii IleTpt h na ceMb nexpi
(vi. KaMenn) etstia^Ay ii,pbKBL mok) u. s. w. (Matth. XVI. 18). —
Mit Nr. 8 (Gleichniss vom verlorenen Sohne) kann die gleichartige
Interpretation in dem »Streit zwischen Panagiotes und Azymites« zu-
sammengestellt werden, wo ebenfalls einige evangelische Gleichnisse
erklärt werden. In dem »Streit« lesen wir folgende Erklärung: ^ÄKb
H^KLiii 6i AOMOBHTL H iiMaaiue ABa CHa. IlanariwTb peiie- kto e ÖJii,fc,
KTO All CTapinmiH chb, kto jih iohlih chb ; Ashmhtb pe^ie • ^nit e 6x,
cxapiH CHt npaBeHHi];H, lOHtiH ys.e rp'femnimH, npaBenmiH ate paöoxaA-
msH öoy (nach dem bulg. Text der wallach. Provenienz, des XV. —
XVL Jahrh. im Rumjanc. Museum Nr. 1735, fol. 23—24). Die Erklä-
rungen unseres Glossators beruhen auf denselben Ansichten betreffs des
Sinnes des Evangeliums, wie in dem »Streit«.
Eine dritte gleichartige Quelle — das Gespräch der drei Heiligen —
gibt einiges zur Erklärung unter Nr. 13, namentlich betreffs der 12 Körbe
lasen wir in dem besagten Denkmal: ^xo recxt -e- seMJit, a jiBi xtMi
Mop^ci],^. üj. nexi 3eM.ib -e- xji'feöi. reace öjicbh ob, a reate ß,Bi xm^
Mop^ci^in B- pHÖi, a leate -e- xticoyn],t Hactin],Lumxbce mssch pasBi
2K:eHt H a'Sth, a kjkb -bi- Koma HS^ÖHs'mHXB oyKpoyxL (Codex Dragol's
bei Moeulskij p. 109). Der im Slavischen verdorbene Text entspricht
folgendem griechischem Text : ^E^iorrjOig. e tqg yr^g. ß' Tfjg d-aMoor^g.
iß' aTVoazölcüv. ^TtöxQioig' ro e ol 7tsvTE aQToi, ß' at ovo i%d-veg.
to ^e OL avÖQsg. ol de öiüöe'/.a ■x.öcpivoi- 7tEqiooo)n&viov Klaauäriop
(Cod. Vindob. 244 f. 49).
Für die übrigen Glossen fehlt es an fertigen Vorbildern, doch auch
ihr Ursprung muss auf gleiche Quelle der volksthümlich-apokryphen Fra-
gen und Antworten zurückgehen. Einige Erklärung in diesem Bereich
bietet die Zahlensymbolik, die sowohl in dem Gespräch der drei Heiligen
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sreckovic's. 181
als auch in den Evangelienerklärungen eine hervorragende Rolle spielt
(vergl. z. B. zu Nr. 13 Starine XXL 201. 205. 213, oder Joca Mona-
chorum [bei Moculskij 17] u. a.). Im Bereich dieser symbolischen Be-
deutung der Ziffern sind auch unsere Glossen entstanden : AB^HaAecexe
jI'^th: -bi- xe ancjib (Nr. 2), xpii x.iiÖH: oi^b ii CHUb h cbxh ;i;xb
(Nr. 6), -e- XÄi6hi Cbxt -a- eBHljüiicxii h B§pa H^HHa (Nr. 12). Wenn
für diese Erklärungen in den uns bekannten »Fragen und Antworten«
keine Bestätigung vorliegt, so kann man mit Zuversicht sagen, dass sie
dem Schreiber der Glossen durch die besagte weit verbreitete Zahlen-
symbolik suggerirt waren : bekannt sind die mittelalterlichen westeuro-
päischen, gewiss jedoch nicht ausschliesslich westlichen Verse : die mihi
quid unus etc. (vergl. Galachov, HcTopiK pyccK. jihx. 2 278); bekannt
ist auch die Abspiegelung derselben Zahlensymbolik in dem sogenannten
»Evangelistenlied«, einem uns in später Form zugänglichen Denkmal,
dessen erster Ursprung gewiss in hohes Alterthum zurückreicht (vergl.
ibid. 278 — 279). In diesem Lied erinnert einiges an unsere Glossen:
IIoBiAaH HaMi): ^xo ecxt xpa?
TpH Jim^h — TpoHi];ä (Bezsonov, Kaji^KH nepex. Nr. 93)
oder: ÜOBiflafixe, ^ixo ecxb ^ea iiaÄecHXL?
JI^BaHaAecHXb bi. ro^y Micflu;eB^,
Eahhi- Ha ÄecKTL anocxojioB% (ibid. Nr. 94, 95, mit der
Variante: ABiHaAU,axb rocnoAHHX'L anocxojiOB^).
Auch bei den Südslaven ist dieses Lied bekannt (Bezs. ib. Nr. 97).
Endlich ohne besondere Quelle erklärt sich der Zusatz Nr. 1, der
nur eine Periphrase des entsprechenden Evangelientextes mit den zuge-
fügten Worten »BipLHO xe nponoBi^a« enthält, ohne jedwede Symboli-
rung oder Erklärung; Nr. 4 ist ein einfacher Einfall des Schreibers, der
die Gegenüberstellung bemerkte und die zwei unteren Namen als der
Reue zugänglich hinstellte; Nr. 10 könnte theilweise aus einer Stelle
desselben Capitels abgeleitet werden, wo es heisst : clihobb B^Ka cero
MoyAp^HinLi na^ie ctiHOBt cBixa bt> poA'£ CBoeMt eoyxb (XVI. 8), der
andere Theil als Antithese dazu ergab sich von selbst, unter jK^iie
öoatHH konnte er dasselbe, was cwhli cnixa verstehen ; Nr. 1 1 entstand,
das kann man mit Sicherheit sagen, unter dem Einfluss einer Art philo-
logischer (scholastischer) Tendenz wBia KsniMt — iiA^ate ce Kjsnse ;
Nr. 1 5 u. 16 sind kaum der Erklärung bedürftig, als einfache Versinn-
lichung der Worte des Textes ; Nr. 3 kann ebenfalls der Autorschaft des
1 82 M. Speranskij, Ein bosnisches Evangelium etc.
Schreibers dieser Zusätze zugemuthet werden. Bleiben noch Nr. 7. 9. 14,
für die ich in den mir zugänglichen Erklärungshilfsmitteln nichts ent-
sprechendes fand.
Wenn man mit Weglassung der zweifelhaften Fälle bloss auf die-
jenigen Rücksicht nimmt, wo es möglich war, die Quelle mit einiger
Sicherheit anzugeben, so tiberzeugt man sich leicht, dass in diesen Zu-
sätzen, die eine Evangelienerklärung ihrer Art bezweckten, die Be-
kanntschaft des bosnischen Schreibers mit der weit verzweigten Literatur
der »Fragen und Antworten« sich wiederspiegelt. Ein Leser des Evan-
geliums verwerthete seine Bekanntschaft mit jenen Fragen und Ant-
worten zur Erklärung des Evangelientextes ganz im Sinne und in der
Richtung jener »Fragen und Antworten«.
M. Speranskij.
Polonica.'
Das Jahr 1900 wird in den Annalen der polnischen Litteratur-
geschichte stets unvergessen bleiben: zur 500-jährigen Jubelfeier der
Krakauer Universität sind nämlich so viel wissenschaftliche Sammlungen
und Arbeiten beigesteuert worden, dass eine ganz wesentliche Bereiche-
rung und Vertiefung der Forschung (im weitesten Sinne des Wortes,
auch Gelehrten- und Kulturgeschichte umfassend) ohneweiters konstatirt
werden kann.
Der Stoff ist nun so reichlich zugeflossen, dass wir einigermassen
in Verlegenheit gerathen, wie wir ihn am besten gruppiren sollen, doch
empfiehlt es sich, von den allgemeinen Darstellungen auszugehen.
So brachte uns das Jahr 1900 auf einmal zwei grössere Litteratnr-
geschichten, die eine von dem langjährigen Redakteur des Warschauer
Athenäums und bekannten Kritiker Piotr Chmielowski, die andere
von dem Krakauer Professor und Aesthetiker, Graf Stanislaw Tar-
nowski, die erste in 6 Bändchen (mit Illustrationen), die andere in 5
stattlichen Octav-Bänden, weitüber 2000 Seiten; beide reichen bis 1850.
*) Vgl. Archiv XXII, S. 22—68.
Polonica. 1 g3
Für eine lange Zeit der Dürre (Spasowicz hatte als der letzte
für Pypin's Werk eine selbständige Geschichte der poln. poetischen
Litteratur bearbeitet) werden wir nun durch zwei einander förmlich er-
gänzende Darstellungen entschädigt. Die Arbeit von Chmielowski,
Historya literatury polskiej, ist systematischer, korrekter, objektiver —
aber kürzer, trockener, unpersönlicher, unbelebter; sie beginnt zwar
mit den allerersten Anfängen, fertigt aber die ganze Zeit bis 1800 in
zwei Bändchen ab und verwendet ebensoviel Raum auf die Jahre 1830
bis 1850 allein! ; die Ausführung ist daher eine ungleichmässige; auch
merkt man ohneweiters, dass der Verfasser nur für die Zeit von 1750
ab das Material völlig beherrscht, für die frühere jedoch ganz von
seinen Vorgängern abhängig ist; das biographische Detail drängt sich
zu sehr in den Vordergrund ; dadurch fällt auch die Darstellung aus-
einander, wird lose. Bevorzugt wird sonst der ideelle Gehalt, die Form
der Werke wird darüber vernachlässigt; es handelt sich nicht nur um
schöne Litteratur ; der Zusammenhang mit Zeit und Umgebung ist stets
hervorgehoben; für die Zeit von 1800 ab ist das Werk zu einer schier
unerschöpflichen Fundgrube geworden; eine ganz unglaubliche Masse
von Detail ist hier aufgenommen und verarbeitet worden; liebevolles
Eingehen ins einzelnste und kleinste charakterisirt diesen Haupttheil
des ganzen Werkes.
Das Buch von Tarnowski ^), aus seinen Vorlesungen hervorgegangen,
ist dagegen eine glänzend geschriebene Darstellung nur der Werke
selbst, älterer und neuerer Zeit, vorherrschend der schönen Litteratur
allein. Es beginnt erst — und mit Recht — bei Rey und Kochauowski,
behandelt im L Bande das XVL, im IL dasXVIL, imllL dasXVIII. Jahrb.,
im IV. die Jahre 1800—1830, im V. 1830—1850. Trotzdem es auf
Bio- und Bibliographisches — wiederum mit Recht — verzichtet und
das ästhetische ürtheil in den Vordergrund stellt, liest es sich stellen-
weis wie ein fesselnder Roman, stellenweise wie eine politische oder
moralische Streitschrift ; wir bekommen statt Biographien und Recen-
sionen Totalbilder von Menschen und Zeiten ; es rechnet zudem, wie
Chmielowski es muss, nicht mit der Willkür der Censnr und kann da-
her die ganze Wahrheit unverhüllt sagen. Es ist zwar nicht frei von
tendenziöser Färbung, von üeberschätzung des einen (z. B. Krasiiiski),
») Historya literatury polskiej I, XVII, 396; II, 444; III, 553; IV, 429 ;
V, 505 Ss. 80. Krakau 1900.
1S4 A. Brückner,
Herabdrtickimg anderer (z. B. SJowacki, Kraszewski, Korzeniowski) ;
es ist nicht ganz gleichmässig ausgearbeitet, zieht z. B. Cricius und
Janicius herein, aber tibergeht Sarbievius; es behandelt allzubreit die
politische Litteratur (bis 1800); es hat mehrfache Lücken und nament-
lich berücksichtigt es nur zufällig Ergebnisse neuerer Forschungen für
die ältere Zeit, ist hier somit stellenweise antiquirt — aber trotz aller
Sprünge und Ungleichmässigkeiten und Irrthümer ist es ein fesselnd
und spannend geschriebenes Buch, dessen Lektüre ästhetischen Genuss
gewährt — und von welcher anderen slavischen Litteraturgeschichte
könnte man dasselbe behaupten? — ich wenigstens kenne keine, die
einen Vergleich auch nur annähernd bestehen könnte; es handelt von
Kunst und ist — trotz seiner gefährlichen Länge — selbst ein Kunst-
werk geworden.
Wir gehen nun zu den Einzeldarstellungen tiber und stellen an die
Spitze derselben Prof. Kazimierz Morawski, Historya uniwersytetu
Jagielonskiego. Srednie wieki i odrodzenie z wstepem o uniwersytecie
Kazimierza Wielkiego (I, XVIII und 467; II, XV und 472 Ss. S». Kra-
kau 1900). Der spröde und undankbare Stoff wird durch die Kunst der
Behandlung und Wärme der Darstellung tiber das gewöhnliche Niveau
von Universitätsgeschichten emporgehoben; er wird durch das Einbe-
ziehen von Gregor von Sanok, Callimach (Callimach's klassische Bio-
graphie des Gregor gab gleichzeitig Prof. A. S. Miodonski in sorglich
revidirtem Texte heraus 2)) u. a. zu einer altpolnischen Gelehrtenge-
schichte tiberhaupt. Der Verf. hat sich in seinen Stoff liebevoll hinein-
gearbeitet, seiner Aufmerksamkeit ist nur weniges entgangen ; wir ver-
danken ihm ein lebensvolles und wahrhaftes Bild der alten Universität,
ihrer Lehrer und ihres Lehrganges hauptsächlich, weniger des Treibens
ihrer Scholaren, in der Bltithezeit ihres Bestehens, bis vor dem Anbruch
der Reformation, da die Polen noch mit dem Auslande gleichen Schritt
hielten.
1) Philippi Buonacorsi Callimacbi vita et mores Gregorii Sanocei archi-
episcopi leopoliensis reconsuit etc., XXXVI Bll., in prächtigster Ausstattung;
doch ist eine wichtif^e Stelle im Texte, Gregor's Ansichten über die Polen
(Slaven), dass sie nicht die alten Vandalen, sondern die Veneter gewesen
wären, verdorben geblieben; sie muss heissen: (Kadlubek) nos eam (Vanda-
licam) vult esse gentem, quasi aut Vandalorum natio nou indigena {aiit non
ist zu streichen) ex antiquissimis et primis Germaniae cultoribus fuerit aut
illic, ubi nos sudjus, eam (ist hinzuzufügen) aliquando habitasse constet inter
scriptores,
Polonica. 185
Aus dieser alten Zeit ragen nun wieder besonders einzelne mäch-
tige Gestalten hervor, die aus der unverdienten Vergessenheit hervor-
zuziehen und ins rechte Licht zu stellen Arbeit der Einzelforschung
blieb — ein Matthaeus von Krakau, Jacobus de Paradiso, Paulus de
Brudzewo und — Kopernikus . . Der Prager und Heidelberger Professor
und Bischof von Worms, Matthaeus Stadtschreiber aus Krakau, half die
Universität seiner Vaterstadt, Krakaus, neu erigiren und unterhielt bis
an sein Lebensende Beziehungen zu Krakau — daher verfasste ich ein
kurzes Lebensbild des berühmten Mannes, des Prager und Heidelberger
Theologen, den man hartnäckig zu einem Reichsdeutschen hatte machen
wollen, und besprach seine litterarische Thätigkeit, wobei ich die Autor-
schaft einer verbreiteten ars moriendi, die unter seinem Namen geht,
bestritt. Dem Jacobus de Paradiso widmete Prof. Jan Fialek ein
zweibändiges Werk : Mistrz Jaköb z Paradyza i uniwersytet krakowski
w okresie soboru bazylejskiego (I, 448; H, 423 Ss. Krakau 1900).
Matthaeus von Krakau und Jacobus de Paradiso (Cisterzienserkloster in
Grosspolen) sind mit die bekanntesten »Reformatoren vor der Refor-
mation« (was übrigens nicht ganz richtig ist, da sie ihren strengkatholi-
schen Standpunkt, die unbedingte Unterwerfung unter die Autorität der
Kirche stets gewahrt haben); die Schriften des polnischen Cistersen,
Krakauer Theologieprofessors und schliesslichen Erfurter Karthäusers
gehörten zu den gelegensten des XV. Jahrb., behandelten Reform der
Kirche — speziell der Mönchszucht, moralische Fragen und dgl. ; ihre
eingehende Besprechung bildet den Haupttheil des Werkes von Fiaiek.
Der Verfasser bezeichnet den Jacobus de Paradiso oder de Polonia als
einen Deutschen von Geburt und bestreitet die landläufige Angabe de
Jüterbock, die auf Verwechselung beruhe. Jacobus ist als Deutschpole,
wie Matthaeus zu bezeichnen, nur in noch engerem Sinne, da er seine
Bildung der Krakauer Universität allein verdankt und die Hauptzierde
ihrer theologischen Fakultät ausmacht.
Demselben unermüdlichen Verfasser und seinem ehernen Fleisse
verdanken wir eine andere, grundlegende Gelehrtengeschiehte : Polonia
apud Italos scholastica ssecul. XV. Fascicnlus I: Poloni apud Italos
litteris studentes et laurea donati inde a Paulo Wladimiri usque ad lo-
hannem Lasocki, collecti et illustrati a lohaune Fijaiek, Cracov. 1900,
Ij 120 Ss. 40maxim. Dieser erste Theil umfasst 35 Biographien polnischer
I meist decretorum doctores aus Padua und Bologna, aus Urkunden und
! Consistorialakten geschöpft: der den polnischen Standpunkt vor dem
1 86 A. Brückner,
Konstanzer Konzil gegen die Ordensbrüder so erfolgreich vertheidigende
Paulus Wlodkowic und die ersten Humanisten, wie Johannes de Lu-
dzisko, treten dabei in den Vordergrund. Andere kürzere Beiträge, die
aus derselben rastlosen Feder geflossen sind, müssen wir hier übergehen.
Zur Geschichte des mathematischen und astronomischen Unterrichts-
betriebes, der die Krakauer Hochschule namentlich am Ausgange des
XV. Jahrh. berühmt gemacht hatte, sammelt und forscht seit Jahren
Dr. L. Birkenmayer; seine Arbeit über Marcin Bylica haben wir
seinerzeit genannt und tragen hier nach den Abdruck, Uebersetzung
und Erläuterung einer alten Messkunde, Marcina Kröla z Przemysla
Geometrya praktyczna, Warschau 1895, IX, 82 Ss., einer Schrift von
ca. 1450 (nach 2 Krakauer Handschrr.), Derselbe gab jetzt heraus:
Commentariolum super theorias novas planetarum Georgii Purbachii in
studio generali cracoviensi per magr. Albertum de Brudzewo diligenter
corrogatum a. d. 1482, LVI, 169 Ss. gr.-80, Cracov. 1900: Neudruck,
berichtigter, einer fehlerhaften Ausgabe von 1495 auf Grund von Hand-
schriften. Eine eingehende Einleitung konstatirt u. a., wie spätere
Astronomen, z. B. der Italiener Giuntini, ganze Kapitel aus dem Bru-
dzewczyk entlehnt haben, wörtlich, wie die Entdeckung des Witten-
berger Astronomen E. Reinhold (1542) über die Gestalt der Mondbahn
schon Brudzewczyk 1482 gemacht hatte u. dgl. m. Derselbe Gelehrte
gibt nun die Biographie von Kopernikus heraus: Mikoiaj Kopernik.
Czesc pierwsza. Studya nad pracami Kopernika oraz materyaly bio-
graficzne opracowat i zebraJ Lud. Ant. Birkenmajer, Krakau 1900,
XIII und 711 Ss. gr.-40. Der zweite Theil wird die eigentliche Biogra-
phie bringen, dieser erste schafft vorläufig die Bausteine herbei, erörtert
eine Menge von Nebenfragen, über Hilfsmittel, Studien u. s. w. des
grossen Thorners. Denn den Verfasser beschäftigt vor allem die von
den bisherigen Biographen vernachlässigte Frage, die Hauptfrage zu-
gleich: wie ist Kopernikus zu seiner heliocentrischen Theorie gekommen?
Zu diesem Zwecke geht er allen Büchern nach, die Kopernikus besessen,
allen Eiuzeichnungen , die er gemacht hat — bis in die entlegensten
schwedischen und englischen Bibliotheken; er schildert jeden Gelehrten,
dessen Pfade die des Ermländer Kanonikus gekreuzt haben. So schafft
er die umfassendste Grundlage für die folgende Biographie und sammelt
683 — 688 die (78) neuen Fakta oder Beobachtungen seiner Studien;
hiebei wird auch die Bedeutung des Krakauer Unterrichtes erst ins
rechte Licht gerückt.
Polonica. 187
Für uns Linguisten ist besonders wichtig das Ergebniss langjähri-
ger Mühen des Krakauer Botanikers, Prof. Jözef Rostafinski: Sym-
bola ad historiam naturalem medii aevi — Sredniowieczna historya
naturaina w Polsce, czesc pierwsza, XXI und 605 Ss. ; Collectanea
scientiam naturalem medii aevi in Polonia illustrantia — Materyaly
zrödiowe do slownictwa przyrodniczego srednich wieköw w Polsce,
352 Ss. S'*. Der Verfasser sammelte seit Decennien und bestimmte alle
mittelalterlichen Pflanzennamen, lateinische (über 18000) und polnische
(11286) — denn mit dem blossen Abschreiben von Glossen, worauf wir
Philologen uns beschränken, war noch wenig gewonnen; es handelte
sich darum, die Pflanzen selbst zu erkennen, die gemeint waren, und
dies war eine ausserordentlich schwierige und verwickelte Aufgabe, da
die mittelalterlichen Gelehrten oft die antiken, südeuropäischen Namen
auf die Pflanzenwelt ihrer nördlichen Umgebung ohneweiters übertrugen
und auch sonst vielfach schwankten. Den Hauptstoff lieferte das Werk
des Krakauer Kanonikus und königlichen Arztes (seit 1470) Jan
Stanko, eine Handschrift der Krakauer Kapitelsbibliothek von 540
Folioseiten, in welcher alle lateinischen Synonyma von Pflanzennamen
gesammelt und mit deutscher und polnischer Uebersetzung versehen
sind, doch verlieren sich deutsche Glossen auf den letzten 100 Seiten
der Hdschr. Stanko erweist sich dabei als ein hochbedeutender Bota-
niker, dem zwischen Albertus Magnus und Gesner ein Ehrenplatz an-
zuweisen ist; er ist ein sorglicher Beobachter gewesen, er unterscheidet
z.B. 433 einheimische Pflanzen, während die polnischen Herbarien des
XVI. Jahrh. ihrer nur 259 auseinanderhalten; in dem Sammeln der
latein. Synonyma war er ebenso beharrlich, verzeichnet er doch z. B.
unter bryonia allein über 250 solcher! Die Arbeit war nur von einem
Fachmanne zu vollbringen: wir Philologen standen ja vor diesen Glossen
rath- und machtlos da, weil wir nicht wussten, welche Glossen richtig,
welche falsch gesetzt waren, um was für Pflanzen es sich dabei handelte,
wie daher die Benennung zu erklären ist. Dies alles erörtert Rostafinski
aufs eingehendste und darum ist sein Werk für die gesammte slavische
alte Terminologie in der Botanik eine lösende That. Der erste Band
desselben untersucht systematisch die Namen, der zweite gibt das hand-
schriftliche (und gedruckte) Material selbst. Ich kann hier nicht einzelne
gelungene Etymologien aufführen {z.^. kalina die rothglühende u. dgl.)
und verweise nur darauf, dass die ganze mythologisch-schwärmerische
Betrachtungsweise unserer Pflanzennamen den Todesstoss erhalten hat :
1 88 A. Brückner,
was wir als urslavische vozzrenija na prirodu verehrt haben, ist einfach
Plinius, Dioscorides u. s. w. gewesen Nicht alle Erklärungen des Verf.
sind tadellos, aber das meiste ist richtig, und der Philologe athmet er-
leichtert auf; wir werden wohl noch öfters Gelegenheit haben, auf
Einzelnheiten zurückzukommen, doch sei hier wenigstens ein und das
andere genannt, zum Beweise, was alles Rostafinski neues bringt.
So glaubten wir alle, dass gewisse Monate von den Slaven benannt
wurden, »in denen gewisse Insekten (ohne Distinction crtvt genannt,
genauer eine Art farbestoffhaltiger Schildläuse) gesammelt wurden, um
als Färbemittel verwendet zu werden«! Gr. Krek, Einleitung 1887,
S. 516, ebenso Miklosich u. s. w. Aber Rostafinski (S. 375) wendet
richtig ein, dass dieses Insekt weder im Juni noch im Juli zu diesem
Zwecke gesammelt wurde, er hebt hervor, welche ausserordentliche Be-
deutung die Bienenzucht für das altslavische Leben gehabt hat, daher
benannte man auch die Jahreszeit »w ktörej czyrio pszczöl powstawai,
czeriocem^i. So wird der Grund einer jeden Benennung enthüllt; nur
manchmal stockt der Verf., wo ihn linguistische Mittel im Stiche lassen.
So heisst alisma plantago lyzczyca wegen der Aehnlichkeit ihrer Blätter
mit Löffeln, aber auch korzekioica dass., nur wusste der Verf. nicht,
dass poln. korzkiew gen. korzekvde (dieselbe Flexion wie cyrkiew gen.
cyrekwie und wie JiatH jio5KK)) ebenfalls Löffel bedeutet und daher
korzekiüica = iyiczyca sein müssen, er rieth bei einem gorhk^ u. dgl.,
aber korzkiew ist uralt, wir fanden es ja in einer preussischen Entleh-
nung. In vielen Fällen genügt der blosse Augenschein zum Nachweis,
dass der schöne (»mythologische«) Pflanzenname einfach aus dem Latei-
nischen übersetzt ist. Der Verf. operirt auch vielfach mit Entlehnungen
aus dem Deutschen und geht hierin manchmal entschieden zu weit, dass
z. B. szrqtka aus szragi (Schrägen) stammen sollte (S. 101), kann ich
nicht glauben; ebensowenig möchte ich zugeben, dass c/iaher Korn-
blume durch böhm. charha chrpa aus dem Deutschen entlehnt sein soll,
poln. charpec (CoUectiv) für Unkraut, Strauchwerk wäre hier mit zu
berücksichtigen. In anderen Fällen ist die Erklärung zu leicht gefasst,
Haz dürfte doch nicht mit sluz identisch sein (234); bieloti nicht mit
hiel von der Fettigkeit benannt sein, sondern dasselbe wie szalej be-
deuten (poln. polnogtasije, aus bleni.) 294; smardz hängt doch viel-
leicht nicht mit stnark- zusammen u. s. w. Trotz dieser Ausstellungen
und Zweifel im einzelnen begrüssen wir das Werk als einen hochwill-
kommenen Beitrag, von fundamentaler Bedeutung, für slav. Onomastik.
Polonica. Ig9
In die Gelehrtenlitteratur führt uns so recht mitten hinein der von
dem Krakauer Kustos, Dr. Wtadystaw Wisiocki, verfasste Katalog:
Incunabula typographica bibliothecae Universitatis Jagiellonicae Craco-
viensis inde ab inventa arte imprimendi usque ad a. 1500 secundum
Hainii repertorium bibliographicum una cum conspectu virorum qui
libros olim habuerant . . . per ordinem alphabeti digessit etc. XXXIV
und 634 Ss. 4°. Leider hat der Gelehrte, der intimste Kenner der Kra-
kauer Universität und ihr officieller Historiograph (vgl. seine Ausgaben
des Liber diligentiarum, d. h. der alten Vorlesungsverzeichnisse, der
Acta rectoralia u. s.w. mit den musterhaften Indices) diese Fortsetzung
und Abschluss seines vortrefflichen Handschriftenkatalogs derselben
Bibliothek nicht mehr überleben können : er starb gerade vor dem Be-
ginne der Säkularfeier und die polnische Litteratur- und Gelehrten-
geschichte verliert in ihm einen ihrer besten Kenner. Das Verzeichniss
umfasst 3000 Nummern, die nicht nur dadurch wichtig sind, dass sie
durch ihr blosses Vorhandensein den regen Antheil der Krakauer Pro-
fessoren (denn aus ihrem Besitz stammen die meisten Inkunabeln) am
damaligen wissenschaftlichen Leben bestimmen, sondern sie bieten auch
für den Slavisten durch Glossen, Eintragungen u.dgl. manches Interesse.
So geschieht auf S. 413 (Incunab. Nr. 1454) eines glagolitischen Frag-
mentes Erwähnung; so bekommen wir altpolnische Gedichte, z. B. eine
besondere Traumdeutung : man schlug ein Buch auf, sah auf den ersten
Buchstaben links oben und schlug nun diesen Buchstaben im Gedicht
nach, wo in je einer Strophe jeder Buchstabe gedeutet wurde, z. B. a:
mozesz swe rzeczy sprawowac
i panne piekna cai:owac,
boc to a droge podalo:
ujidziesz we wszytkiem calo u. s. w.
Unter den Glossen sei eine einzige genannt, habitus — wnor, nalog^
denn sie erinnert uns sofort an den Eingang zu den sog. Gebeten des
Papstes Urban (gedruckt 1514): ten ize sie byl ivnorzyi w grzech » der
wart umgeben mit Unkeuschheit«. Auch die Gräflich Czapski'sche
Bibliothek in Krakau hat zur Jubelfeier einen Katalog ihrer Inkunabeln
durch Dr. F. Kopera herausgeben lassen.
Da wir so in bibliographische Publicationen hineingerathen sind,
zählen wir gleich verwandtes auf: Mathias Bersohn, iluminowa-
nych rekopisach polskich, Warschau 1900 (159, II Ss. und XV Tafeln),
beschreibt Initialen und Miniaturen von Ritualhandschriften, Mess-
190 A. Brückner,
büchern, Antiphonarien u.dgl. aus Breslau und aus Krakauer Klöstern,
leider sind die Tafeln nur im Schwarzdruck ; ders. gab, Warschau 1899,
heraus: Ksic^gozbior katedry plockiej, 23 Ss., 17 Tafeln, eine Beschrei-
bung mehrerer Hdschrr., darunter namentlich ein Graduale geschrieben
von Swietosiaw de Wilkowo 1365, wo f. 4 der Schreiber zusetzt: libro
completo 7nuszysz mi clacz möge mito und gegen Ende der Hds. an-
schreibt das Osterlied (also der älteste uns erhaltene Liedertext!!):
Christus zmartwich wstal ge^ ludu prziclad dal ge^ esz nam zmart-
wich wstaci^ sbogiem croleuaci Kyrie ! Wir bedauern nur, dass der
Verf. nicht gerade diese Seite photographiren Hess.
Von dem bibliographischen Riesenwerk K. E streich er's sind
zwei weitere Bände erschienen : Bibliografia polska. Band XVII, Buch-
stabe G, 491 Ss. und V Bl. Nachträge und Berichtigungen, Krakau 1899 ;
Band XVIII, Buchstabe H, 331 Ss. Der letzte Band umfasst viele
deutsch-polnische Sachen, sonst ragen besonders hervor die Artikel
Historya (d. i. auch die alten Volksbücher, die Melusine, Magellone, der
Alexander, die 7 Weisen Meister, die römischen Historien u. s. w.) und
Hosius ; im vorigen seien Galatowski, Grochowski u. a. genannt. Die
Angaben sind allerdings von keiner absoluten Vollständigkeit ; auslän-
dische Bibliotheken, z. B. Berlin, sind nicht herangezogen ; sogar aus
den einheimischen, Warschauer und Lemberger, fehlen manchmal Nach-
weise, z. B. aus der Pawlikowski'schen, wo gerade »Historya« schön
vertreten ist (ein Othon von 1746, ein Alexander von 1626, ein Pon-
cyan, Magielona u. a.) u. a. Trotz dieser unvermeidlichen Mängel ver-
danken wir dem monumentalen Werke eine solche Fülle von Belehrung
jeglicher Art, dass es uns förmlich die bei 1650 abbrechenden biblio-
graphischen Repertorien eines Wiszniewski und Maciejowski völlig ver-
missen lässt; einzelne Artikel wachsen auch hier zu förmlichen Abhand-
lungen aus, mitunter mit sehr merkwürdigen Angaben, Analysen des <
Inhaltes, Diskussionen der Autor- und Echtheitsfragen u. s. w. ; selbst-
verständlich übertrifft es durch Genauigkeit der Titel u. dgl. die Vor-
gänger bei weitem. Möchte doch dem unermüdlichen Herausgeber die
Abschliessung seines Riesenwerkes vergönnt sein.
Nicht in die poln. Bibliographie allein gehört ein mit schier uner-
hörter Splendidität ausgestattetes Werk : Katalog dziei tresci przysio-
wiowej skJadajacych bibliotek(j Ignac. Bernstein, Catalogue des livres
par^miologiques composant la bibliotheque de I. B., Warszawa 1900,
Band I, XX und 56U Ss., Band U, 650 Ss., gr.-4'>. Der Besitzer der
Polonica. 191
grössten parömiographischen Bibliothek der Welt, die allein 4761 Num-
mern (auch Hdschrr. darunter) enthält, in allen, auch den unbekann-
testen Sprachen der Welt, hat bei Drugulin in Leipzig ein Prachtwerk
in typographischer Ausstattung herstellen lassen, nur die Facsimilia der
Titelblätter u. dgl. sind Warschauer Arbeit. Am reichsten ist der poln.
Theil vertreten, wohl vollständig; aber auch deutsche, englische u. s.w.
Drucke, die allerseltensten, sind in ausserordentlicher Fülle vorhanden ;
der Katalog wird für den einschlägigen Folklore zu einer Quelle ersten
Ranges.
Diese bibliographischen Werke haben uns vom XV. Jahrhundert
abgebracht, zu dem wir nunmehr zurückkehren. Hierher gehört noch
besonders, von Prof. Tad. Wojciechowski, Kosciöl: katedralny w
Krakowie, Krakau 1900, 258 Ss. 4^; diese Baugeschichte, welche jede
einzelne Kapelle, Altar u. s. w. der alten Schloss- und Domkirche nach
Geschichte und Einzelnheiten schildert, greift gleichzeitig weit aus, ver-
folgt z. B. die Spuren russisch-byzantinischer Malerei und Kunst im
alten Polen (liess sich doch JagieWo sogar sein Schlafzimmer von einer
artel' russischer Meister ausmalen), bis nach Schlesien und Breslau
hinein, wo eine cyrillische Inschrift (Agapija) in einem jetzt nur noch
abbildlich vorhandenen Tympanon des XII. Jahrh. festgestellt wird;
der gelehrte und scharfsinnige Verfasser kombinirt überzeugend, wem
die Kirche vor S. Wenceslaus ursprünglich geweiht sein konnte ; in seiner
Darstellung werden die Steine selbst zu historischen Zeugen und
Quellen.
Aus mittelalterlichen Publikationen seien dann noch erwähnt in
den Teki Pawinskiego die nach seinem Tode herausgegebenen
Ksiegi sadowe ieczyckie vom J. 1385 — 1419, als Band III und IV der
Teki, zu denen in Band V (S. CXXXVIII und Indices) die vom ver-
storbenen L. Malinowski noch in den achtziger Jahren hergestellte
grammatische Untersuchung und lexikalische Erläuterung der polnischen
Schwurformeln und anderer polnischer Brocken, die in diesen Prozess-
vermerken eingetragen sind, hinzugetreten ist. Sie ist sorgfältig, doch
nicht immer glücklich und treffend, z. B. in den Nrn. 3357 und 3358
heisst przes ten swatithy Alexy na drugdy dieses drugcly nicht drug-dy
(ein andermal, wie Mal. es erklärt), sondern es ist nur drugi gemeint
(usque ad aliud festum s. Alexii!) — der Schreiber wusste in seiner
Verlegenheit, wie drugi zu schreiben wäre (d. h. das -gi^ welches er -ji
le-^en musste !), sich nicht besser zu helfen, derselbe Schreiber schreibt
192 Polonica.
daher mit derselben kläglichen Consequenz falcones — rarogdy in
Nr. 3154 (für rarogi! solche Schreibungen können Licht werfen auf
die Gnesener Schreibungen droclze für drogie u. s. w., worüber ich
Archiv XX gehandelt habe) ; bei demselben Schreiber fällt die Vor-
setzung des // auf: ho lan^ hugorne 7iasene^ Jiospu (zweimal) für o lan^
ospu u. s. w. Sonst sind die Angaben von Malinowski sehr verlässlich
und genau.
An die Wende des XV. und XVI. Jahrh. gehört das »Rozmyslanie
zywociePana Jezusa«, das umfangreichste neutestamentliche Apokryph
der slavischen Sprachen überhaupt, da die Hds. auf 845 Seiten das
Leben Jesu nur bis zu der Verurtheilung durch Pilatus fortführt. Die
Hdschr. selbst, in der griech.-kath. Kapitelbibliothek in Przemysl be-
findlich gewesen, ist heute leider verschollen, aber der gelehrte Sammler
und Alterthumsforscher, Kanonikus A. Petruszewicz, hatte noch in
den 50 er Jahren reiche lexikalische Excerpte aus der Hds. gemacht,
die er mir zur Bearbeitung überliess. Es erschien nun in den Abhand-
lungen der Krak. Akad., philolog. Kl., XXVIII (1900), S, 262—380,
Apokryfy sredniowieczne I, wo der lexikalische Theil erschöpft ist und
die Analyse des Inhaltes so weit fortgeht, als des unbekannten Autors
Abhängigkeit von dem latein. Gedicht des XIII. Jahrb., Vita gloriose
Virginis Marie et Salvatoris 'zuerst 1890 herausgegeben von Vögtlin)
gereicht hat; doch ist irgend eine Hds. polnischer Provenienz dieser
Vorlage bisher nicht aufzutreiben gewesen. Der poln. Bearbeiter ent-
fernt sich von allen anderen dadurch, dass er sich nie mit einer Vorlage
allein begnügt hat, sondern alle erreichbaren Quellen sammelte und so
auch den gesammten Text der kanonischen Evangelien hinein verarbeitet
hat, was in Apokryphen sonst durchaus nicht der Fall zu sein pflegt;
seine Darstellung ist nicht ungeschickt, steht auf einer Stufe z. B. mit
dem verwandten, aber etwas späteren Werke von Opec, Zywot Chrystu-
söw, gedruckt 1522. Für einzelnes konnte ich bisher seine Quellen
nicht immer alle entdecken. Aus seiner Sprache sei ein Wort heraus-
gehoben: zu^cic und zusciec sie glänzen, wofür ich bei einem poln.
Glossator von ca. 1440 das Simplex usciec (fulserunt wsczaly) auf-
treiben konnte (ich würde das Wort von einem us-to = us-tro auszrä,
jutro ableiten wollen): das Wort ist wichtig, denn das blosse Vorhan-
densein desselben in jener bekannten weissrussischen Petersburger
Uebersetzung der Historia Trium Regum aus dem XV. oder XVI. Jahrh.
beweist, dass der Weissrusse nicht aus dem Lateinischen, sondern aus dem
Polonica. 193
Polnischen übersetzt hat, was man bestritten hat; freilich hat Karskij
in seiner minutiösen Untersuchung der Sprache des betreffenden Sbornik
gerade das ustil sja ausgelassen !! Ein anderes interessantes Wort wäre
sieh' Genosse u.dgl. m. Ein zweiter Theil meiner Abhandlung wird
den Schluss der Quellenanalyse bringen und verwandte Texte, speciell
Passionstexte, berücksichtigen.
Maciejowski hatte in seinen Dodatki das Fragment einer an-
geblichen Annenlegende abgedruckt ohne zu ahnen, dass dieses Frag-
ment nur die wörtliche Abschrift aus dem Anfange des Przemysler
Apokryphes darstellte ; ich wiederholte daher diesen Text in moderner
Transskription als Probe der verschollenen Przemysler Hds. selbst. In
der Einleitung handelte ich über poln. Apokryphenliteratur im Allge-
meinen, was ich gleichzeitig in der Bibliotheka Warszawska 1900,
Bd. III, S. 1 — 42 näher ausführte. Sonst ergab sich keine neue Aus-
beute auf altpolnischem Gebiete ; genannt sei ein Programm des Gym-
nasiums in Wadowice, von Ign. Stein (1900, 29 8s.) über die Negation
nie^ ni im Altpolnischen, welcher in nehto irgendjemand, nach der
neuesten Erklärung einen Demonstrativstamm, keine Negation oder Zu-
sammenziebung mit solcher, wie Miklosich lehrte, erkennt^).
Das Schlussheft des V. Bandes der Warschauer Prace filologiczne
(1899, S. 681 — 1033, III) brachte Przyczynki do uowego slownika jf-
zyka polskiego von Hier, fcopacinski auf 300 Seiten, reichliches
dialektologisches (lexikalisches) Material aus allen Gegenden Polens,
aber namentlich aus dem östlichen Kleinpolen Unterdessen hat Dr.
I. KarJowicz sein Dialektlexikon bereits begonnen; 1900 erschien im
Verlag der Akademie der erste Band desselben, A bis E, 454 Ss.,
doppelspaltig, und 4 Blätter Vorwort und Abkürzungen : Siownik gwar
polskich, eine unerlässliche Ergänzung unserer Wörterbücher, eine
hochwillkommene Gabe jedem Sprachforscher. Der Verf. geht nicht auf
die Deutung, d. i. Herleitung eines jeden Wortes ein; er begnügt sich
mit dem Zusammenstellen seines ausserordentlich reichen Materials,
wobei dann freilich die richtige Schreibung oft schon die Auskunft über
den Ursprung bringt. Auch hier können wir nur den Wunsch aus-
1) Hier sei noch eines Gymnasialprogrammes gedacht, von Dr. I. Le-
ciejewski (Lemberg 1899, 24 Ss.), wegen seines von Polen so selten behan-
delten Stoffes: alterthümliche Elemente in der sloveni sehen Poesie, wo
»mythische« und apokryphe Elemente in den »Balladen« der Strekelj'schen
Liedersammlung besprochen werden.
Archiv für slavische Philologie. XXIV. \ 3
194 A. Brückner,
drücken, dass der Verf. dieses Werk sowohl wie sein Fremdwörterbuch
möglichst rasch zu Ende führe, denn Wörterbücher nützen erst, wenn
sie vollständig sind.
In den Prace hat dann noch Dr. St. Dobrzycki mit zwei Auf-
sätzen über altpolnische Texte debütirt, aber das Fastenlied des poln.
pater Ladislaus Gielnovius vom J. 1488 hat er unrichtig aus dem Böh-
mischen entlehnt sein lassen (diesmal trat der umgekehrte Fall ein,
V. Rosa hat seinen Text, bei F. Mencik, Rozmanitosti I, 101 ß. abge-
druckt, schliesslich aus jener Cantilena des Ladislaus) und die S. Anna-
legende aus den Dodatki bei Maciejowski (S. 106 ff., Nehring, Altpoln.
Sprachdenkm. 129) hat er auf das Protoevangelium Jacobi zurückge-
führt, ohne den eigentlichen Zusammenhang mit dem Rozmy^lanie
(s. oben) und die Zeit und näheren Umstände des Textes zu kennen.
Hierauf folgen noch Anzeigen der Werke des Florinskij u. a. und Re-
gister.
Von der Krakauer Biblioteka Pisarzöw Polskich ist im letzten Jahre
nur ein Heft, das 37., erschienen, von dem unermüdlichen Erschliesser
älterer Texte, Dr. Zygm. Celichowski in Komik, dessen unerschöpf-
lichen Bibliotheksbeständen er immer neue Gaben für uns entnimmt
(Dzialynski-Zamoyski'sche Sammlungen). Diesmal ist es wieder ein
Unicum, Stanisiawa ze Szczodrkowic rozmowa pielgrzyma z gospodarzei
o niektörych ceremoniach koscielnych 1549. Das Werkchen, im mittel-
alterlichen Versmass (8 silbige Reimpaare) geschrieben von einem Laien,]
ist wichtig als erster Versuch von katholischer Seite, den fortwährender
protestantischen Angriffen gegenüber katholische Lehre und Bräuche kurzJ
fasslich, überzeugend zu begründen ; der Verf. war zwar ohne tieferes
Wissen und regeren Geist, aber es ist ganz ehrenwerth, was er aus derl
Schule in Krasnystaw mitgebracht hat, und höchst charakteristisch,!
dass »Steine reden mussten, weil Menschen schwiegen« (um Rey's stän-
dige Phrase nachzuahmen). Die Körniker Bibliothek hat jetzt auch,]
nach 2 2 jähriger Pause, einen neuen, den X. Band der sogen. Tomicians
(d, i. die nach Jahren geordnete politische und diplomatische Kanzlei-
korrespondenz unter Sigismund I. und dem Unterkanzler Tomicki)]
herausgegeben, welcher die Korrespondenz des J. 1528 (Poznan 1899,j
461 Ss. 40 max.) umfasst ; doch liegt der fast ausschliesslich streng
historische Inhalt des Ganzen unseren Zwecken ferner. Als Anhang
hierzu gibt Dir. Celichowski jetzt auch Przyczynki do dziejöw pa-
nowania Zygmuuta Starego heraus, wovon jetzt ein Heft erschienen ist
(
Polonica. 195
(Poznan 1900, 36 Ss. 8^), das Grenzrezesse zwischen Grosspolen und
Schlesien aus den Jj. 1528 — 1531 enthält, die wir wegen ihrer topo-
graphischen Nomenclatur hier erwähnen wollen ; aus der Fülle interes-
santer Namen und Wortformen führen wir an in monticulo alias na
grzqpxje — der älteste Beleg für grzqpa^ kaszubisch grepa gripka und
grqpa Hügel, vgl. zahlreiche Citate bei Karlowicz Fremdwörterbuch
p. 190 (grepa etc.), der es aus deutsch Gerumpel entlehnt sein lässt.
was ich nicht zugeben kann ; mellificia vulgariter dzianky (zu Klafter
heisst der gen. plur. stets szazon) ; qui iacet vedlie grqdii dicto Ech-
werder? (sollte öxQ^i = grimt sein?). Die Tomieiana enthalten fast
ausschliesslich lateinische Texte, doch kommen auch deutsche und im
Verkehr mit dem Osten polnische Texte vor, z. B. Nr. 8 legatio a Petro
voievoda Valachiae an den König, im schönsten Polnisch, wo verrathen
wird, dass der türkische carz überfallen will ordelskq zyemyq y za-
leskq^ alles auf den bösen Rath Betiathczanoiv u. s. w. ; an litterari-
schen Stücken enthält der Band den Poetenkampf zwischen fcaski und
Tomicki und Briefe des Z^bocki, eines berüchtigten Facecionisten und
Höflings.
Neben dieser historischen Publikation sei auch die Bibliografia
historyi polskiej, welche Prof. Lud. Finkel in Lemberg mit Dr. Henr.
Sawczynski auf Kosten der Akademie herausgibt, genannt; es ist
eben das 3. Heft des 2. Theiles erschienen, S. 849—1008, Nrn. 17334
bis 21020, die Arbeiten auf dem Felde der Rechtsgeschichte und Lan-
desökonomie (III), sowie der Kulturgeschichte (IV), und zwar der Sitten,
Schulen und Litteratnr (vorläufig bis zum XVII. Jahrb., Starowolski,
reichend). Die polnische historische Bibliographie unterscheidet sich
von der böhmischen durch aussordentliche Knappheit, aber auch sie
bietet eine ganz erstaunliche Fülle von Material, eine einzelne Nummer
nennt oft viele Schriften zusammen und die Angaben sind sehr verläss-
lich und genau trotz ihrer lakonischen Fassung; auch die allgemeine
Litteratur wird berücksichtigt; es bleibt nur auch hier der Wunsch
auszusprechen, dass wir uns möglichst bald des ganzen Werkes er-
freuen möchten, und das Bedauern, dass für das polnische Unternehmen
nicht die reichen Mittel flüssig gemacht werden konnten, die dem böh-
mischen zu Gute kommen.
Von der Warschauer altpolnischen Bibliothek, die Prof. Tad.
Wierzbowski herausgibt, erschien Nr. 11, Warschau 1899, 33 S.,
zwei diätetische Schriften, die eine die bekannten Gesundheitsregeln der
13*
1 96 A. Brückner,
salernitanischen Schule, ein mittelalterliches Reimopus, von dem Schle-
sier Fr. Mimer 1532 in deutsche und polnische Knittelverse gebracht
^mehrfach wieder abgedruckt, Dobrego zdrowia rzadzenie u. s. w., über-
setzt ins Russische 1698 ynpasjieHie s^pasifl, Mys. PyMiiHU,0B. Nr. 628)
und des Agrippa Pestlehre (nauka rzadzenia ku ustrzezeniu od zarazenia
powietrzem, 1543). Zur Jubelfeier der Krakauer Universität hat dann
Wierzbowski noch besonders herausgegeben : Materyaly do dziejöw
pismiennictwa polskiego i bibliografii pisarzow polskich, tom I, 1398 —
1600, Warschau 1900, XXIV, 339 und XXI Ss. 4«. Leider deckt der
vielversprechende Titel und die gediegene Ausstattung blosse Makula-
tur: es sind dies Ernennungen, Quittungen über Pensionen, Steuern
u. dgl., die aus dem alten Kronarchiv zusammengesucht wurden, über-
flüssige Briefe u. s. w. ; das interessantere, z.B. die Audienz des Reszka
bei Papst Sixtus über die Russenkriege und Pläne des Batory tangirt
gar nicht Litteraturgeschichte ; was litterarischen Werth haben könnte,
ist meist längst bekannt und gedruckt — alles zusammen meist werth-
lose Spreu, strotzend von Lese- und Erklärungsfehlern zugleich. Un-
gleich mehr und wichtigeres ist aus der alten polnisch-lateinischen
Litteratur veröffentlicht worden. Hierher gehört die Gesammtausgabe
des poetischen Nachlasses von Roysius durch Prof. Bron. Kruczkie-
wicz: Petri Royzii Maurei Alcagnicensis carmina. Pars I. carmina
maiora coutinens ex libris et typis excusis et manu scriptis edidit etc.
CXXXVm und 311 Ss.; Pars II: carmina minora ... 512 S., Krakau
1900. Der hässliche und gelehrte Jurist aus Spanien war allerdings
kein poetisches Ingenium, aber Verse machen konnte er wie nicht leicht
ein Anderer und mit der ganzen geistigen Aristokratie Polens stand er
im innigen Verkehr, daher uns seine Verse förmlich zu einer Gallerie
berühmter Zeitgenossen geworden sind, namentlich die kleineren und
Gelegenheitsgedichte, während uns seine grösseren epischen und dia-
lektischen Maschinen allerdings kalt lassen, mit Ausnahme des Chilia-
ötichou, das die katholischen Streitkräfte Polens zum Kampfe gegen die
Protestanten mobilisirt. Leider entwürdigt sich mitunter der Spanier
durch Auftragen faustdicker Schmeicheleien; andererseits verfolgen
wir mit Interesse seinen hartnäckigen, aber erfolglosen Kampf gegen
sarmatische Zechlust, die dem Südländer an den nordischen Barbaren
so unangenehm auffällt; seine Feder versucht sich schliesslich auch in
polnisch-lateinischen macaronea, die seiner satirischen Ader trefflich
entsprachen. Der Herausgeber hat keine Mühe im Sammeln der zer-
Polonlca, j 97
streuten opuscula gescheut ; auch seine Erklärungen sind sorgfältig und
treffend, bis auf einige Ausnahmen; übrigens findet man auch in an-
deren Hdscbrr. versprengte Royziana, z. B. die Verse de nummo u. a.
Dr. M. Jezienicki hat seine Schulauswahl aus Janicius, Kochanowski,
Sarbiewski (carmina selecta etc.) in einem dritten Hefte (S. 123 — 182.
Lemberg 1900), zu Ende geführt; dasselbe umfasst lyrica, 6 Oden des
Kochanowski und eine stattliche Zahl der Sarbieviana, mit sorgfältigem
Kommentar : der treffliche Gedanke einer Flüssigmachung dieser Schätze
für die Schule ist sehr gut ausgeführt worden und wir wünschten nur
weite Verbreitung in den entsprechenden Kreisen. Kleinere Beiträge
müssen wir übergehen; so hat in der Sammelschrift der Lemberger
Professoren zur Krakauer Säkularfeier (Ksiega pamiatkowa uniwersytetu
Iwowskiego ku uczczeniu 500. rocznicy etc., Lemberg 1900) Prof. L.
Cwiklinski über Leben und Schriften des Humanisten und Posener
Arztes S. Niger Chroscieski gehandelt; K. Heck begann eine grössere,
zusammenhängende Untersuchung der litterarischen Thätigkeit des Szy-
monowic mit Beiträgen über dessen gelehrten Vater und seine latein.
Erstlingsschrift. Diese Arbeit erschien in der Lemberger philologischen
Zeitschrift, Eos, die jetzt im 6. Jahrgange vorliegt, und ausser Ab-
handlungen klassischer Philologie auch Beiträge zur poln. -lateinischen
Litteratur bringt, ich erwähne hier nur die treffenden Ausführungen
von Dr. W. Bruchnalski, Pojecie i znaczenie poezyi u poetöw pol-
skich XVI wieku, Eos VI, 1900, S. 211—225.
Aus dem XVII.Jahrh. nenne ich zuerst meine eigene Abhandlung,
I Jezyk Waclawa Potockiego, przyczynek do historyi jezyka polskiego,
! Krakau. Abhandll. philolog. Kl. XXXI, S. 275—421. Dieser Schluss-
! theil meiner Potockistudien ist im Grunde ein Beitrag zur historischen
\ Lexikographie; in der Einleitung wird über die alte Lexikologie bis
auf Linde gehandelt, die Vorzüge und nothwendigen Mängel und Lücken
dieses Monumentalwerkes werden aufgewiesen und mit zahlreichen Bei-
spielen belegt. Es folgt das eigentliche Glossar zu Potocki, Worte
meist umfassend, die im Linde fehlen oder ungenügend belegt oder er-
klärt sind, geschöpft aus den handschriftlichen Riesenbänden des
greisen Dichters und aus Werken seiner Zeitgenossen , wobei manche
Nummern bedeutend anschwellen. Ausserdem sind Zeugnisse über alte
Sitten und Bräuche u. dgl. einbezogen worden, besonders jedoch ist die
Parömiographie berücksichtigt. Die polnische Parömiographie ist näm-
lich ebenso unerschöpflich wie die polnische Sprache, auch die grosse
1 98 ■^' Brückner,
Sammlung von Adalberg bringt weder alle noch richtige Deutungen
und Nummern. Z. B. heisst es bei Rysinski im J. 1618: od stworzenia
swiata tkwi noi w poiciu z ktörego dotychdoh zaden Jeszcze nie
ukroU. Was heisst das? Adalberg wiederholt nur Linde, welcher
darin vermuthete »eine Anspielung auf den Mond zumal in seinem
ersten Viertel« — gemeint ist aber nur ein einträchtiges Ehepaar —
denn ein solches hat die Welt noch nicht gesehen und es schreibt auch
richtig Potocki: wzdy gdzies o caiym poiciu jeszcze bajac wolno, co
go ma zgodne stadio krajac\ bei einem anderen Dichter finden wir
dann, wie die aus dem Himmel verbannte Eris bei Eheleuten sichere
Zuflucht findet.
Potocki ist jedoch auch für die russische Parömiographie wichtig,
deren Quellen bekanntlich so spät erst beginnen; der greise Gutsherr
aus dem Podgörze kannte Sprache und Sitten seiner russischen Unter-
thanen und berief sich mit Vorliebe auf dieselbe. Dasselbe thaten vor
ihm andere, namentlich der Jesuit Cnapius, der bedeutendste polnische
Philologe des XVII. und XVIII. Jahrb., der als dritten Band zu seinem
poln.-lat.-griechischen Wörterbuch die adagia polonica selecta (1632,
40, ist niemals in neuer Auflage wieder erschienen!) herausgegeben hat.
In diesem stattlichen Quartband figurirt nun eine ganze Reihe russischer
Sprichwörter, die ausdrücklich als solche bezeichnet werden ; Adalberg,
der überhaupt den Reichthum dieses Bandes nicht erschöpft hat, hat
auch diese Angaben übergangen. So führt er z. B. S. 513 das Sprich-
wort Sowa chocby pod niebiosa latala sokolem nigdy nie bedzie an,
ohne zu erwähnen, dass Cnapius es ausdrücklich als Russorum dictum
bezeichnet, ebenso wie solche, z. B. zayko lapki lizet gdy uteczet; nie
mieszay si? sielska sobako miedzy dworskie; kurczy si^ a kole; do-
mowe sobaki dopiero sie kasaiy a zaraz si^ liza ; mowze Fiedorku : az
— nie choczu nie budu u. s. w.
Sonst kam das XVII. Jahrh. ziemlich leer aus, ausser einer Bres-
lauer Doktordissertation von Karl Thieberger, 1898, 57 Ss., über den
Epiker, Satiriker und Romantiker Samuel Twardowski, die jedoch nur
das biographische (ohne neue Beiträge) erledigt und ganz allgemein cha-
rakterisirt, und Heck's Beiträgen zu Pasek u. a. wäre nichts zu nennen.
Aus dem XVIII. sei erwähnt die Veröflfentlichung des «Abrys domowey
nieszcz^sliwosci y wn^trzney niesnaski wojny Krölestwa Polskiego y
W. X. Litewsk. pro informatione potomnym nastt,'pujacym czasom przez
niektora zakonna osob^ swiatu pokazany etc. 1721« (herausgeg. von
Polonica. J99
F. X. Kluczycki, Krakau 1899, XXIII, 105 Ss. 40) — des Basilianer
consultor Jan Oleszewski, eine Chronik der Schweden- und Russenzeit
in Litauen zu Anfang des XVIII. Jahrh., darin auch der Bericht über
Peter des Gr. Gräuelthaten gegen schuldlose Basilianer. lieber Konar-
ski, wegen der 200jährigen Wiederkehr seiner Geburtsfeier handelt
kurz und treffend B. Chlebowski im Warschauer Ateneum 1900, HL
S. 558 — 582, besonderen Nachdruck auch auf die moralische Persön-
lichkeit legend.
Doch wenden wir uns endlich dem XIX. Jahrh., der mächtig an-
schwellenden Mickiewiczlitteratur zu. Eine Uebersicht der vielen
Gaben, die das hundertjährige Jubeljahr gebracht hat, findet der Leser
im reichhaltigen Aufsatz von Dr. K. Heck, Z literatury Mickiewiczow-
skiej w roku jubileuszowym, im Krakauer Przeglad powszechny 1900,
Bd. LXIII (auch Sep.-Abdr., 76 Ss.), eine Uebersicht der Feier selbst
im Rok Mickiewiczowski auf 290 Seiten von Dr. A. Bienkowski.
Nachdem das biographische Denkmal, das des Sohnes Pietät dem grossen
Vater setzte, vollendet ward (Posen, in 4 Bänden), erschienen in be-
richtigten und vermehrten Auflagen zwei ältere treffliche Werke wie-
der, des P. Chmielowski, Adam Mickiewicz zarys biograficzno-
literacki (Warschau 1898, 2 Bde., 427 und 485 Ss.) und Prof.LTretiak,
Miodosc Mickiewicza (1798—1824), Petersburg 1898, 2 Bde., 345 und
425 Ss. Es kam eine neue schöne Darstellung hierzu, von Prof.
I. Kallenbach in Freiburg, Adam Mickiewicz (Krakau 1897, 2 Bde.,
301 und 430 Ss.); das Werk behandelt den biographischen Theil fltich-
tig, um desto gründlicher aus den Ideen, Werken und der Lektüre des
Dichters seine geistige Biographie, seine Entwickelung klar und fass-
lich darzulegen ; das Werk will eine populäre Darstellung sein und ist
es im edelsten Sinne des Wortes. Alle diese hoch verdienstlichen Ar-
beiten treten jedoch zurück vor der Schilderung, die ein Dichter vom
Dichter entworfen hat, in einer begeisterten Sprache, die auch den
Theilnahmlosesten fortreissen musste, die bezaubert und belehrt zu-
gleich. Für die Sammlung nämlich, die bei Grendyszynski in Peters-
burg erscheint u. d. T. : ilyciorysy siawnych Polaköw — es sind darin
Biographien von Copernicus, Czacki u. s. w. erschienen, Nr. 12 ist eine
treffliche Biographie des J. Kochanowski (Zycie i dzieJa, 82 Ss. kl.-8*^,
1900) von Prof. Ne bring — verfasste der bedeutendste zeitgenössische
Lyriker Polens, Frau M. Konopnicka, einen Abriss vom Leben und
den Werken des Dichters, ihrer Bedeutung für die Nation und für den
200 ^- Brückner,
Einzelnen, voll treffender Bemerkungen im Einzelnen und doch zugleich
ein Dithyrambus, herausgesungen förmlich und herausgejubelt für den
Priester des Schönen, Wahren und Guten. Eine Fluth kleinerer Bei-
träge brachte der VI. Bd. des Pamietnik Towarzystwa literackiego im.
A. Mickiewicza in Lemberg (1898, 609 Ss.), der Rok Mickiewiczowski
(Lemberg 1898, 370 und 282 Ss.), die Ksiega pamiatkowa na uczczenie
setnej roczuicy urodzin A.M. (Warschau 1898, 2 Bde., 371 u. 300 Ss.),
die werthvoUsten und ausführlichsten im Pamietnik, besonders aus den
Handschriften des Dichters selbst, die zahlreichsten in der Ksiega,
namentlich in Bezug auf den Freundes- und Bekanntenkreis des Dich-
ters. Wir übergehen andere, einzeln erschienene Abhandlungen u. dgl.,
um ganz besonders der vom Lemberger Towarzystwo literackie im.
Mickiewicza unternommenen Gesammtausgabe des Dichterwerkes zu ge-
denken. Von derselben sind bisher drei Bände erschienen, Dziela A.
Mickiewicza etc., Bd. I, 1896, 304 Ss.; II, 1900, 590 Ss.; III, 1893,
284 Ss. ; sie umfassen die kleineren Gedichte und die epischen Erzäh-
lungen Grazyna, Wallenrod und den Giaur mit ausführlichen Einlei-
tungen, Varianten, Erklärungen. Den ersten Band gab Prof. Tretiak
heraus, den Wallenrod Prof. Nehring, den Giaur Chmielowski,
alles andere Bruchnalski, so den stattlichen zweiten Band, aufwei-
chen ausserordentliche Mühe verwendet worden ist. Jetzt erst prä-
sentirt sich der Text in einer des Dichters würdigen Ausstattung ; sie
ist zwar nicht so luxuriös, wie die der Petersburger Puszkinausgabe,
aber doch gediegen : jeden Band schmückt ein schönes Bild des Dich-
ters, Facsimilia sind reichlich beigegeben und auf Text wie Commentar
alle mögliche Sorgfalt gelegt.
Da ich schon Puszkin's gedacht habe, verdient das eingehende
Studium seines Verhältnisses zu Mickiewicz sowie des MiAHtiS Bcaa-
HHKt zum Ust^p, wie es zu einer Polemik zwischen J. Tretiak und W.
Spasowicz geführt hat, einer Erwähnung, zumal auch ein etwas ent-
stellter Bericht darüber in Koch's Ztschr. f. d. vergl. Litteraturgesch,
XI, 1897 erschienen ist, die betreffenden Aufsätze waren in den Krak.
Denkschriften philos.-histor. Kl. VII, 1889 und in den Pisma Spaso-
wicza V erschienen.
Jetzt gab Tretiak in den Abhandll. der Krak. Akad. XXXI, 1900,
S. 1 — 80 ein »Miedziany Jezdziec Puszkina, studyum polemiczne«
heraus, in welchem er seine Thesen, mit Erweiterung des Materials aus
der Gesammtthätigkeit Puszkin's, schärfer formulirt und vertheidigt;
Polonica, 201
wir lenken hiermit die Aufmerksamkeit russischer Kritiker auf dieses
Studium, dessen Ergebnisse sehr ansprechen.
Neben den Mickiewiczarbeiten sei hier noch genannt die äusserst
ausführliche, anschaulich und flott erzählte Biographie des J. Slowacki
von Ferd. Hösick: Zycie Juliusza Slowackiego na tle wspölczesnej
epoki (1809 — 1849), biografia psychologiczna, I, Krakau 1896, XII und
622 Ss., II und III 1897, 366 und 520 Ss. engen Druckes. Die Bio-
graphie nennt sich eine psychologische , ist aber in erster Reihe eine
anekdotische: keine Einzelnheit aus dem eindrucksreichen, aber ereig-
nissarmen Leben des Dichters wird uns erspart, aber über den Menschen
vergessen wir fast den Dichter, der nur herangezogen wird, wo er auf
persönliches reagirt; der literarische Theil fehlt fast ganz, ist nur durch
die zeitgenössischen, meist spärlichen und einseitigen Urtheile vertreten.
Andere Ausgaben und Werke über andere neuere Dichter, z. B. J. B.
Zaleski (Ausgabe seiner Correspondenz durch seinen Sohn u. s. w.l,
W^zyk Fr. (Epiker und Dramatiker der ersten Hälfte des Jahrhunderts,
eine Monographie über ihn von Dr. Z. Zapala, Krakau 1898) u. a.
können wir nicht mehr berücksichtigen.
Mit diesen stattlichen Aufzählungen haben wir erst einen Theil
unserer Aufgabe, freilich den Haupttheil, bewältigt; wir müssten nun-
mehr den archäologischen und folkloristischen behandeln ; doch werden
wir ihn diesmal wegen der Ueberhäufung mit dem literar- und kultur-
historischen nur kurz besprechen. Auf der Grenze zwischen beiden
Gebieten bewegen sich die Arbeiten und Ausgaben von L. G logier;
der bejahrte Sammler fasst jetzt die Resultate langjährigen, unermüd-
lichen, gewissenhaften Forschens und Beobachtens in grösseren Werken
zusammen, die Liebe und Verständniss für das heimische Alterthum in
weiten Kreisen wecken sollen. Hierher gehört seine heftweise erschei-
nende Encyklopedya staropolska, deren erster Theil, A — D, an tausend
Artikel mit anderthalbhundert Abbildungen umfassen wird, alle Einzeln-
heiten des alten Lebens, Musik und Tänze, Architectur, Kleidung und
Bewaffnung, öffentliche Einrichtungen, Schule und Haus, Kirche und
Kloster u. s. w. sind hier genannt, erklärt, verbildlicht. Dann seine Geo-
grafia historyczna dawnej Polski, Krakau 1900, 387 S., mit Abbildungen
und einer Karte von 1771 : die Territorien des alten Polen, die admini-
strative und kirchliche Eintheilung, ihre Geschichte und Wandlungen
von den ältesten Zeiten bis zu den Theilungen. Sehr verdienstlich war
seine Auswahl poln. Volkslieder mit Melodien, Warschau 1892, die eine
202 A. Brückner,
treffliche Uebersicht des markanteren vermittelt. Da wir schon von
Volksliedern handeln, erwähnen wir gleich mit die zur Jubelfeier eben-
falls von der Akademie herausgegebenen Melodje ludowe litewskie
zebrane przez i. p. ks. Antoniego Juszkiewicza, opracowywane przez s.
p. 0. Kolberga i I. Kopernickiego, a ostatecznie opracowane, zredago-
wane i wydane przez Z. Noskowskiego i I. Baudouin's de Courtenay I
Krakau 1900 (mit deutschem Nebentitel, gr. 4«, XI, IV und 247 S. :
1785 Melodien, bearbeitet — nach Versuchen anderer, die der Tod
unterbrach — durch einen hervorragenden Musiker -Komponisten und
herausgegeben von dem emsigsten und kenntnissreichsten Gelehrten; der
internationale Notentext wird durch deutsche Uebersetzung der Einlei-
tung u. dgl. jedermann zugänglich. Für Volksmelodien dürfte diese
Publikation förmlich epochemachend sein — eines näheren Urtheiles
muss ich unmusikalischer mich natürlich enthalten.
Unter den archäologischen Publikationen wäre zuerst Swiatowit
rocznik poswiecony archeologii przeddziejowej etc., herausgegeben von
E. Majewski, Bd. 11, Warschau 1900, II und 261 Ss., mit 58 Abbil-
dungen und 16 Tafeln, zu nennen. Der trefflich ausgestattete Band
bezeichnet einen wesentlichen Fortschritt gegen den ersten ; die Abhand-
lungen sind zahlreicher und mannigfaltiger; beibehalten ist dieEintbeilung
in Originalbeiträge (z.B. Arbeiten über litauische Kurhany, über Töpferei
zweier poln. Dörfer u. a. : besonders beachtenswerth ist der Aufsatz über
Wendeuspuren in Franken, 567 einst slavische Ortschaften, die dieselbe
Entwickelung des Slaventhumes aufweisen, wie auf altslavischem Boden)
und Berichte und Auszüge fremder Arbeiten, z. B. Virchow's Rede bei
dem Lübecker Anthropologentage u. a. ; Rezensionen, Bibliographie,
Miscellen beschliessen den Jahrgang. Der Herausgeber hat unlängst
zu Ende geführt seine grosse Publication Stownik nazwisk zoologicznych
i botanicznych polskich, I: poln.-lat. Theil, LXIV und 546 Ss., IT: lat.-
poln. Theil, LX und 890 Ss., 4«, Warschau 1891— 1898, der möglichst
vollständig altes und neues, volksthümliches und gelehrtes enthalten
sollte ; die moderne poln. botanische Nomenklatur bietet ausserdem das
Werk von Prof. Rostafinski Jöz., slownik polskich imion rodzajöw
oraz wyiszych skupien roslin, poprzedzony historyczna rozprawa o zröd-
lach, Krakau 1900 Materyaly do historyi j^zyka i dyalektologii polskiej
I — der neue Titel der alten Publikationsserie Sprawozdania komisyi
jozykowej, 834 Ss., 8'^. Es ist dies eine Sammlung der wissenschaft-
lichen Terminologie, zunächst nur der Artnamen, seit den Arbeiten von
Polonica, 203
K. Kluk (1786) bis heute, mit dem ausgesprochenen Zwecke einer Ko-
dificirung oder eher ünificirung dieser Terminologie; der wissenschaft-
liche Werth der Arbeit von Majewski wird dabei recht heruntergedrückt.
E. Majewski ist auch von dem XIII. Bande ab Herausgeber der Warschauer
Wisla geworden, doch können wir hier nicht mehr auf den Inhalt der
Wisia, Bd. XIII und XIV, sowie des Lemberger Lud (Redaktion von
A. Kaiina), Bd. V und VI, der sich immer kräftiger entwickelt, eingehen;
wir erwähnen nur die Beiträge von Majewski selbst, welcher, der Reihe
nach, das Auftreten und die Rolle von Storch, Schlange, Kuckuck, Fle-
dermaus, Eule in der Volkstradition und Aberglauben erörtert hat. Hier
wäre auch die hübsche Sammlung vonZ. Glogi er, rok polski w tradycji,
poezji i zyciu, zu erwähnen, eine Sammlung der Jahresfeste und ihrer
Feiern, der Jahreszeiten und ihrer Beschreibungen, Wetterregeln u.dgl.,
aus der alten und neuen Literatur, zumal aus Dichtern passend gewählt.
Von den Krakauer Materialy antropologiczno-archeologiczne i etnogra-
ficzne der anthropologischen Kommission der Akademie erschien 1900
Bd. IV, mit 4 Tafeln, XI, 125 und 285 Ss. : aus der ethnographischen
Abtheilung erwähnen wir aus dem Nachlass von L. Malinowski Volks-
erzählungen aus Polnischschlesien, herausgegeben von I. Bystron, in
streng phonetischer Aufzeichnung (S. 7 — 80) ; eine eingehende Schilde-
rung von Volk, Sitten und Glauben des Dorfes Przebieczany (in West-
galizien, beim Volke Przebiecoj genannt, aus dem Adjekt. przebiecojski,
vgl. pajski aus panski, entstanden) durch St. Cercha (S. Sl — 210);
Volkserzählungen aus Andrychow u. a.; auch russische Ethnographen
wird interessiren der Aufsatz von M. K u'c z , przysiowia ludowe z okolic
Witebska, Mohylewa, Smolenska i OrJa, die auf russische Städte u. dgl.
Bezug haben, polnischer und nissischer, von Weissrussen gesprochener
und gebrochener Text mit guten Erklärungen : Smolanie polskaja kost
ruskim mjasom obrosszaja, gorod Archangielsky a narod djawolsky
U.S.W. Die ethnographischen Arbeiten von Dr. St. Ciszewski sind
auf so breiter, vergleichender Grundlage aufgebaut, dass sie über den
polnischen, ja slavischen Rahmen weit hinausgreifen: wir werden sie
später besonders besprechen und erwähnen hier nur, neben der Leipziger
Dissertation des Verf. (Künstliche Verwandtschaft bei den Südslaven,
1897, III und 114 Ss.) dessen neueste Arbeit, Wrözda i pojednanie,
studjum etnologiczne, Warschau 1900, II, 97 und VU Ss., über die Blut-
rache und alle Bräuche, die mit ihr zusammenhängen, bei allen Völkern
der Erde, wodurch erst die slavischen ihre richtige Beleuchtung gewinnen.
204 A. Brückner,
Schliesslich nennen wir noch von äer Feder des verdienten Forschers,
Prof. Ant. Mierzynski, Romowe, rozprawa archeologiczna, zugleich
in russischer Sprache und in den Posener Roczniki (Bd. XXVII, Sep.-
Abdr. Posen 1900, 124 Ss.) erschienen ; die Arbeit entstand auch durch
eine Anregung von Kaiser Alexander lU., doch war sie schon durch die
eingehenden Forschungen des Verf. über lit. Mythologie (bisher liegen
von seinen Zrödia do mytologii litewskiej, einer quellenmässigen Dar-
stellung, zwei Theile vor und der dritte, den Rest des XV. Jahrh. und
das XVI. umfassend, ist in Vorbereitung) bedingt und vorausgesehen.
Die Arbeit umfasst nicht nur kritisch die gesammte Literatur über Romowe
mit allen ihren fabelhaften Angaben, sondern gibt auch schätzenswerthe
Erläuterungen über lit. Haus u. s. w.; mit den Resultaten des Verf. kann
man sich wohl einverstanden erklären.
Es war uns unmöglich, auch nur die Jubiläumspublikationen zu
erschöpfen; wir müssten z. B. noch des Werkes von Prof. H. Struve
gedenken, Historya filozofii w Polske na tle ogölnego rozwoju ^yciaumy-
slowego, wovon das 1. Heft, 98 Ss., Warschau 1900, der Universität
zugeeignet, erschienen ist, die vorbereitenden Nachrichten umfassend
(Gegenstand, Quellen, Literatur, der nationale Charakter der polnischen
Philosophie, Perioden) . Betheiligten sich doch alle Kräfte aller Land-
schaften an der erhebenden Feier; es steuerte bei z. B. die polnische
gelehrte Gesellschaft in Thorn den 6. Band ihrer Jahresschriften in
schöner Ausstattung, Roczniki Towarz. Naukow. w Toruniu, VI, 1899,
Thorn, 200 Ss. : aus den Abhandlungen nennen wir die von Ant. Kar-
bowiak szkoJy dyecezyi chelminskiej (Kulm) w wiekach srednich; I.
Fi alek o archidyakonach pomorskich etc. XII — XV wieku ; ein kleiner
Aufsatz von H. Goiebiewski über kaszubische Fischereiausdrücke;
endlich eine gute kritisch-bibliographische Uebersicht kaszubischer Pub-
likationen, z. B. über RamuJt's Statistik ii. dgl. Zu eifrigen Erforschern
des Kaszubischen gehört Herr A.Parczewski, dem wir auch die Arbeit
Szczatki kaszubskie w prowincyi pomorskiej, Posen 1896 (Sep.-Abdr.,
124 Ss., aus den Roczniki XXIX) verdanken: derselbe glaubte jetzt den
Swanty wit aus dem Munde eines Kaszuben beim Anblick eines Irrwisches
vernommen zu haben — leider ist dies nur eine Selbsttäuschung, wie
sie etwa S. Matusiak vor Jahren passirte, als er in einem Krakowiak
(Vierzeiler) seiner Lasowiacy die Erinnerung au — Arkona gefunden
zu haben behauptete (Z piesni Lasowiaköw, Krakau 1SS2, S. 8 des Sep.-
Abdr.). Aus den Ausgaben der Thorner Gesellschaft erwähne ich noch
Polonica. 205
den Abschluss ihrer Fontes I — III : Visitationes archidiaconatus Pomera-
niae H. Rozrazewski vladislaviensi et Pomeraniae episcopo factae, Thorn
1S97— 1899, XXXII und 65G Ss., die aus dem Ende des XVI. Jahrb.
stammend ein wichtiges Licht auf die Kulturverhältnisse, in erster Reihe
natürlich die religiösen, werfen können ; die Ausgabe besorgt der gelehrte
Dekan und Pfarrer in Grzybno, St. Kujot; sorgfältige Indices erleich-
tern den Gebrauch, interessante Ortsnamenformen, einzelne poln. Stoff-
namen (z. '&. spulforstacitty gruhrinowy^ JcarteczJi u. a.) u. dgl. m. reizen
die Aufmerksamkeit des Linguisten, doch überwiegt natürlich das pro-
viuzgeschichtliche Interesse.
Wir brechen ab, eine Reihe ausführlicher Werke, z. B. zur Schul-
geschichte, Geschichte der Jesuiten, einiges russische und deutsche u. a.
für den nächsten Jahresbericht zurücklegend. Es drängt sich uns un-
willkürlich noch eine Bemerkung auf. Die Hauptmasse dieser historisch-
philologischen Arbeit vereint sich um die Jubelfeier der Universität,
wurde durch diese zum Theil bedingt oder beschleunigt. Wer das ge-
leistete übersieht, wird ihm Anerkennung zollen müssen und solche
doppelt zollen, wenn er bedenkt, wie auch die geistige und gelehrte
Arbeit der Polen mit ungünstigen äusseren Verhältnissen zu kämpfen
hat. Trotzdem können die Polen stolz sein auf den Ertrag des Jahres
1900: es hat vielen und guten Wein gegeben; mögen künftige Jahrgänge
nicht nachstehen! A. Brückner.
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literatur-
geschichte.
Von M. Resetar.
L Das Original des Atamante von Fr. Lukarevic Burina.
Man hat allgemein vermuthet, dass diese ragusanische »Tragoedie«
(von S. Zepic im X. Bande der Stari pisci hrvatski herausgegeben)
eine Uebersetzung sei, schon deswegen, weil dieselbe die Bezeichnung
y)istomacena po Franu Luccari Burini« trägt, doch bis jetzt war das
206 M. Resetar,
vorauszusetzende und vorausgesetzte Original nicht bekannt. Aus
Quadrio, Della storia e della ragione di ogni poesia, Band III, 1. Theil,
S. 70 ersieht man aber, dass in der italienischen Literatur ein Drama
desselben Namens und Gegenstandes existirt, das von Girolamo Zoppio
verfasst und unter dem Namen der »Academici Catenati« im J. 1579 zu
Macerata gedruckt wurde. Ich habe vor kurzer Zeit ein Exemplar dieses
ziemlich seltenen Büchleins erworben, worauf ich sogleich konstatiren
konnte, dass Lukarevic das Werk des G. Zoppio tibersetzt hat, und
zwar, was kaum hervorgehoben zu werden braucht, nach der bekannten
sehr freien Manier aller ragusanischen (und überhaupt älteren) Ueber-
setzer; die Uebersetzung ist auch, wie gewöhnlich, etwas breiter aus-
gefallen, so dass den 2750 Versen des Originals (zumeist Elfsilber) in
der Uebersetzung an 3400 Verse (zumeist Zwölfsilber) entsprechen.
Sonst aber ist fast Alles ohne Veränderung geblieben, wenn man von
dem ganz äusserlichen Moment absieht, dass Lukarevic die Eintheilung
in Akte (welche im Originale bloss durch horizontale Striche angedeutet
werden) und Scenen durchgeführt hat (was ein Zeichen dafür ist, dass
die Uebersetzung aufgeführt wurde oder werden sollte). Ausserdem hat
Lukarevic am Anfange den (im altklassischen Stil gehaltenen) Prolog
von 104 Versen, sowie am Schlüsse den letzten Chor (9 Verse) ausge-
lassen, mit welchem von Melpomene Unsterblichkeit für die diesen
Gegenstand behandelnde Dichtung erbeten wird. Eine gewisse Selbst-
ständigkeit zeigt Lukarevic nur in Bezug auf einige Stellen des Origi-
nals, welche seiner religiösen oder republikanischen Gesinnung nicht ent-
sprachen; so ist es gewiss kein Zufall, dass in der Uebersetzung zwischen
V. 240 und 241 der von der Furie gesprochene Vers fehlt: »Cosi tolto
da me ti fia il tuo Gioue«, welcher allzudeutlich an die Seitensprünge
des Jupiter erinnerte; wohl aus übertriebener Rücksicht für den
Priesterstand wurden ferner nach V. 1060 drei vom Chor gesprochene
Verse ausgelassen, welche mit den Worten anfangen: »Giusto ed empio
e il parlar del Sacerdote . . .« Ganz deutlich ist aber das Eingreifen
des Uebersetzers in der III. Scene des II. Aktes, wo zwischen Athamas
und dem Priester über Pflichten und Rechte eines Königs debattirt
wird: nach V. 903 lässt er ganz einfach 14 Verse aus, in welchen zu
sehr das Königthum gepriesen wird ; aus demselben Grunde übergeht
er ferner nach V. 929 drei Verse, in welchen Athamas dem Boten mit
der Rache seines Königs droht. Vielleicht hat auch nach V. 1073 Lu-
karevic mit Fleiss 34 Verse gestrichen, wo der Priester des Königs
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 207
Rücksicht auf den Ruhm und sein Vertrauen in die Freundschaft mit
skeptischen Worten zu zerstören sucht ; doch ist in Bezug auf diese
Stelle nicht ausgeschlossen, dass sie später zufällig beim Abschreiben
ausgefallen ist. Man könnte noch mehrere Stellen anführen, wo Luka-
revic den einen oder anderen Vers ganz ausgelassen, bezw. eingeschaltet
hat, doch ist das nur aus metrischen Gründen geschehen, um eben eine
vollständige aus gereimten Versen bestehende Strophe zu erhalten, wäh-
rend das italienische Original sich freier in losen und nicht gereimten
Versen bewegt. In eine genauere Besprechung der Uebersetzung selbst
kann ich mich jetzt nicht einlassen; ich will aber die einzige Stelle her-
vorheben, welche nicht eine blosse Paraphrase des Originals ist, näm-
lich die Stelle, wo der Chor beim Auftreten des wahnsinnig gewordenen
Athamas die Königin mit den Worten trösten will: »Non v' affligete. |
Egli ha smarrito si, ma non perduto | II dritte senso per l'hauuto af-
fanno; | Ma ben fia che ne torni ancho signore«; diese Verse übersetzt
Lukarevic wie folgt : » Ne brini se, o kralice^ \ nega 'e tkogod namije-
nio ; I vidis, kako 'e promijenio \ oci^ usta, rijeci i lice. \ Opet ce se
povratiti^ \ Kako straha s nega otide: \ nastoj\ trikrat da ga
ohide I mjesec, kad pun bude biti (V. 2723 bis 2730)«. Das
erinnert stark an die Recepte der Jedupka des A. Cubranovic, und
steht vielleicht in der That mit einem Volksaberglauben im Zusammen-
hange.
Das italienische Original können wir mit Nutzen für die Ergänzung
und Richtigstellung des uns überlieferten serbokroatischen Textes ver-
wenden, der in einer Handschrift des XVIII, Jahrh. erhalten ist. So
können wir jetzt die Lücke in der Erzählung des Boten ausfüllen, für
welche nach V. 3191 in der Handschrift ein leerer Raum von 44 Zeilen
übrig gelassen ist : bei der Verfolgung der Ino stolpert Athamas, stösst
mit dem Kopfe an einen Stein und bleibt blutüberströmt liegen, kommt
aber bald zu sich und erkennt die von ihm erschlagenen Kinder wieder
(34 Verse). Auch die verstümmelte Stelle V. 2185 und 2186 lässt sich
jetzt, was den Inhalt anbelangt, ergänzen ; ihr entsprechen im Originale
die Verse : »Perche 1' vno e da certa riuerenza | Della prosperitä nostra
coperto : | L' altro secur per le sciagure nostre j NuUa stima mostrar
palese il core « ; es ist daher mehr als wahrscheinlich, dass hier in der
Handschrift wenigstens noch weitere zwei Verse ausgefallen sind. Die
Handschrift ist ferner auch nach V. 719 lückenhaft, obschon dies in der-
selben nicht angegeben wird, vom Herausgeber aber richtig erkannt
208 M. Resetar,
wurde: der Königin träumte es, dass sie auf einem weissen Rosse mit
ihren Kindern und Pentheus in die Ferne reitet ; der Chor versucht
den Traum günstig zu deuten, doch die Königin lässt sich nicht über-
zeugen, weil sie von bösen Ahnungen erfüllt ist und sich von Feinden
umgeben sieht; besonders für den Fall des Todes ihres Mannes
fürchtet sie, dass Phrixos die Gewalt an sich reissen möchte, und
fragt, wer ihn daran hindern könnte, worauf der Chor antwortet:
nPuk caakolik ....(( V. 720 flf. ; es fehlen hier somit 26 Verse des
Originals. Dagegen nach V. 380, wo in der Handschrift ein leerer
Raum für 5 Verse vorhanden ist, fehlt nach dem Originale nichts. Das
Original ist uns weiter behülflich, um einige Stellen zu saniren, wo der
Dialog zwischen den einzelnen Personen falsch eingetheilt ist ; so spricht
zunächst die Verse 1082 — 1123 nicht der Priester, sondern der von Ino
bestochene Bote ; es gehören ferner V. 934. 935 dem Priester; V. 1773.
1774 dem Chor, V. 2675. 76 sowie 2695. 96 der Ino, und V. 2765. 66
dem Chor; endlich hat der Herausgeber selbst richtig erkannt, dass
V. 2205. 206 vom Bürger gesprochen werden. Für die Textesgestaltung
der Uebersetzung braucht das Original nur an vereinzelten Stellen ver-
glichen zu werden, da die Handschrift, obschon so jungen Alters, sehr
korrekt ist; doch lassen sich einige verdorbene Stellen mit Hilfe des
Originals ausbessern ; so ist zu ändern : in V. 8 1 Muske bih prinila
ha\me na sehe (L' habito prenderei del maschio) — prinila in primila;
in V. 239 Ne pravu neg lubi cijec druge progna on (La prima moglie
per un' altra ei sprezza) — Ne pravu in A"e, prvu\ in V. 672 Agae
(Agaue) in Agave \ in V. 1073 Cinio kral volom svom, ter nece sila
hit (Se '1 fate per amor la forza cessa) — Cinio in Cini V; in V. 1522
Eto sad odi krala donijese nasega . . . (Ecco doue il Re nostro) — odi
in gdi (schon des Metrums wegen !). Für andere Stellen hilft das Ori-
ginal nicht, doch ergibt sich die Verbesserung von selbst: in V. 634
sind die Worte ovi svit umzustellen, wodurch man den nothwendigen
Reim bekommt; ferner ist auszubessern: in V. 761 svoj'u in tvoj'u; in
V. 1288 und 1945 obicj'u in ohijeju (d. i. obicj'u in obieju [vielleicht
vom Herausgeber schlecht gelesen !]) ; in V. 1760 stavla in stavlam; in
V. 2035 onuh in onud\ in V. 2114 kazet; se in kaze se; in V. 2667
ostavio in ostaviv; in V. 2696 zlo^n in zlo. Dagegen sind die vom
Herausgeber den Versen 115, 143, 266, 395, 451, 507, 596, 922 und
2378 beigesetzten Fragezeichen, bezw. die in den Anmerkungen ge-
machten Verbesserungsvorschläge, unbegründet, es sei denn, dass der
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 209
Herausgeber damit unleserliche Stellen bezeichnen wollte, welche dann
von ihm in der That richtig gelesen wurden; speciell für V. 395 Zivuc
tvoja prava hihi wird die Richtigkeit des ^;raüa durch das Italienische
»Viuendo la legittima tua moglie« bestätigt.
IL Zur ersten Ausgabe der Christias des J. Palraotic.
Ich besitze ein vorzüglich erhaltenes Exemplar dieser Ausgabe
(Rom 1670 in 4'') in Original-Pergamenteinband, das in bibliographi-
scher Beziehung eine grosse Seltenheit, ja vielleicht ein Unicum ist.
Nach den Vorstücken nämlich, welche 18 unpaginirte Blätter i) einneh-
men, folgt in meinem Exemplare das erste und vierte Blatt des ersten
Bogens (also Seite 1 — 2, 7 — 8) des eigentlichen Textes, dann wiederum
der ganze Text von S. 1 — 633, so dass also die vier Seiten 1 — 2 und
7 — 8 zweimal vorkommen. Es handelt sich aber dabei nicht um ein
einfaches Duplikat dieses einen Halbbogens, vielmehr haben wir da mit
zwei verschiedenen Redaktionen des Textes zu thun, von wel-
chen die erste (nämlich diejenige des dem vollständigen Texte voraus-
gehenden Halbbogens) derjenigen entspricht, welche in allen bis jetzt
bekannten Exemplaren vorkommt, daher auch in alle neueren Ausgaben
der Christias aufgenommen wurde, während die entsprechenden Seiten
des vollständigen Textes eine eigene Textirung aufweisen. Allerdings
erstreckt sich der Unterschied zwischen den beiden Redaktionen, wenn
man von einzelnen Buchstaben und Accentzeichen absieht (welche je-
doch den Beweis liefern, dass die Seiten 1 — 2 und 7 — 8 zweimal ge-
setzt wurden), bloss auf zwei Stellen. Im Halbbogen nämlich lautet der
1. Vers (des I. Gesanges): Viscgni Dufce^ kiemfua ishode, und der
9. Vers: Kd s' Viecnoga Chiachka f träne ^ dagegen im vollständigen
Text: Sveti Dufce kiemfua ishode^ bezw. Kd s' Vifcgniega Chiachka
ftrane. Diese zwei Varianten Sveti duse (für das gewöhnliche Visni
duse) und Ko s visnega (für Ko s vjecnogci) sind keine willkürlichen
1) Es sind eigentlich fünf Bogen (signirt §, §§ u. s. w.), doch der vierte
besteht bloss aus 2 Blättern. Der 5. Bogen, der verschiedene Lobgedichte
auf den Autor enthält, scheint nämlich erst nachträglich hinzugefügt worden
zu sein, denn auf dem 2. Blatte des 4. Bogens steht (nach der Widmung und
der Vita des Autors) das Imprimatur, und die letzte Seite hat als Kustos
»Pie-«, während die erste Seite des 5. Bogens mit »In laudem« anfängt. Als
also der 4. (Halb-) Bogen gesetzt wurde, sollte ursprünglich gleich der erste
Gesang der Christias (Pievanie paruo) folgen.
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 14
210 M. Resetar,
durch den Herausgeber (den Bruder des Dichters) vorgenommenen Aen-
derungen oder (wenn man etwa an einen noch nicht druckfertigen
Bürstenabzug denken wollte) zwei Satzfehler, sie stellen vielmehr
den ursprünglichen Text dieser beiden Verse dar! Prof.
Srepel hat nämlich im XIX. Band der Stari pisci hrvatski den ge-
druckten Text der Christias mit dem in der Gymnasial-Bibliothek in
Ragusa aufbewahrten Autographen des Dichters verglichen; leider ist
diese Handschrift am Anfange defekt, so dass für die ersten 40 Verse
nur eine jüngere (fremde) Abschrift des Autographen verglichen werden
konnte, welche allerdings in der Regel treu ist. In dieser Handschrift
finden wir nun im 1. Vers duse sveti und im 9*®° kao s vimega] es ist
somit sehr wahrscheinlich, dass auch im Autograph diese beiden Stellen
so lauteten. Es kann demnach als sicher gelten, dass die zweite Re-
daktion in meinem Exemplare dem ursprünglichen Texte in Bezug auf
diese zwei Verse näher steht als die erste, welche sonst in allen bekann-
ten Exemplaren der ersten Ausgabe vorkommt. Es entsteht nun die
Frage, wie überhaupt diese zweite Redaktion eine Aufnahme in meinem
Exemplare gefunden hat. Eine befriedigende Antwort darauf kann ich
nicht geben, glaube aber nicht, dass es sich um einen noch nicht durch-
korrigirten Bürstenabzug handelt, weil — wie erwähnt — diese Re-
daktion von der gewöhnlichen auch in Bezug auf einzelne Buchstaben
und Accentzeichen abweicht, was eher dafür zu sprechen scheint, dass
diese ganzen vier Seiten (1 — 2 und 7 — 8) zweimal gesetzt wurden.
Höchst wahrscheinlich wurden diese vier Seiten zuerst so gesetzt, wie
sie in meiner zweiten Redaktion erhalten sind, dann wollte man die
zwei Stellen in Vers 1 und 9 so ändern, wie sie thatsächlich sonst in
allen Exemplaren vorkommen, und die vier Seiten wurden noch einmal
gesetzt, der ursprüngliche Satz aber vernichtet. Diese Procedur wird
aber durch die Beschaffenheit der vorgenommenen Aenderungen kaum
begründet.
Sonst enthält auch mein Exemplar die gewöhnliche Redaktion. Es
kommen allerdings zwischen demselben und der von Pavic auf Grund
der ersten Ausgabe besorgten Edition (Stari pisci hrvatski XIV,
Agram 1S84) kleinere Abweichungen vor, auch solche, wo mein Text
vom Pavic'schen sich entfernt und mit dem Autographen übereinstimmt;
so hat Pavic z. B. im I. Gesang, Vers 218 srebra, zlata, V. 479 izagna,
V. 555 smrti, V. 574 ?', wo mein Exemplar und der Autograph überein-
stimmend srebra i zlata^ izagne^ smrtim, a bieten. Höchst wahrschein-
Kleinere Beiträge zur serbokratischen Literaturgeschichte. 211
lieh sind diese und ähnlich© Fälle auf eine nicht ganz genaue Wieder-
gabe des ursprünglichen Textes von Seite Pavic's, und nicht etwa auf
zwei verschiedene Redaktionen zurückzuführen, denn sowohl die Agramer
Ausgabe vom J. 1S51 als auch zwei weitere Exemplare der Original-
Ausgabe, die ich hier konsultiren konnte, enthalten dieselben Lesarten
wie mein Exemplar, bezw. der Autograph. Ueberhaupt es kommen bei
Pavic auch sonst Abweichungen vor, so im I. Gesang (den ich allein zur
Probe verglichen habe) : V. 53 srcem P(avic), s srcem I. A(usgabe) ; V. 70
po slovinskijeh strana P., po slovinskijeh stranah I.A.; V. 215 go-
spodstvu P., gospostmi I.A.; V. 220 u tom P., u tem I.A.; V. 438
stahu P., stanju I. A.; V. 486 paklene P., pakljene I.A.; V. 580 pa-
kletii P., pakljeni I.A.; wobei ich noch davon absehe, dass Pavic in
solchen Fällen wie V. 50 vojevode {voevode I.A.) ganz willkürlich ein/
einsetzte, in solchen aber wie V. 40 Fenicije (»Fenicie« d. i. Fenicije
I. A.) Fremdwörter nicht nach der für Palmotic massgebenden italieni-
schen Aussprache las, und endlich in solchen wie V. 129 zore (»zore«
d. i. dzore I. A.) Idiotismen des ragusanischen Dialektes nicht berück-
sichtigte. Es scheint also, dass die Pavic'sche Ausgabe einer genauen
KoUationirung mit der ersten Ausgabe unterworfen werden sollte.
in. Zlataric's Uebersetzung des Aminta.
Erst aus der von Budmaui besorgten akademischen Ausgabe der
Werke Zlataric's (Stari pisci XXI, Agram 1899) erfuhren wir, dass
es von dieser Uebersetzung des Aminta des Tasso zwei ganz ver-
schiedene Redaktionen gibt, von welchen die in der ersten Ausgabe der
Werke Zlataric's (Venedig 1597) enthaltene die jüngere ist, während in
zwei Handschriften sich eine ältere Redaktion erhalten hat, welche, wie
aus dem Datum der in Padua verfassten Widmung zu ersehen ist, schon am
1 1 . August 1580 fertig war. Budmani hat daher den Umstand hervorgeho-
ben, dass demnach die serbokroatische Uebersetzung des Zlataric die älteste
Uebersetzung des berühmten Schäferdramas ist; ja es scheint — wie
Budmani weiter bemerkt (s. XXXIX seiner Ausgabe), dass die Ueber-
setzung Zlataric's noch früher als das italienische Original gedruckt
wurde, denn in einer der beiden die ältere Redaktion enthaltenden Hand-
schriften folgt dem Titel die Angabe »Stampata in Venezia appresso
Domenico e Giambattista Guerra fratelli 1580«. Nach der Meinung
Budmani's soll also diese erste Redaktion des Zlataric'schen ^ubmir
14*
212 M. Resetar,
(so übersetzte er nämlich den Namen Aminta) im J. 1580 auch her-
ausgegeben und diese Handschrift eben nach einem Exemplar dieser
nunmehr gänzlich verschollenen Ausgabe abgeschrieben worden sein.
Die Sache ist an und für sich leicht möglich, denn leider wäre dies nicht
das einzige Beispiel, dass von älteren serbokroatischen Drucken kein
Exemplar sich erhalten habe. Auch die erste Ausgabe des italienischen
Originals war gänzlich in Vergessenheit gerathen, da von derselben nur
ein Exemplar sich erhalten hat, das im J. 1856 aufgedeckt wurde und
nachher wiederum als verloren galt^). Es wäre somit gar nichts Auf-
fallendes, wenn auch von der ersten Ausgabe der Zlataric'schen Ueber-
setzung kein Exemplar bis auf uns gekommen wäre, obschon andrerseits
auch die Möglichkeit zuzugeben ist, dass die oben erwähnte Notiz sich
auf eine bedungene, nicht aber thatsächlich zu Stande gekommene
Ausgabe bezieht. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass Budmani Recht
hat, und dass der^^ubmir wirklich zum ersten Male im J. 1580 gedruckt
wurde, denn ich finde, dass in der zweiten Ausgabe des Wörterbuches
Della Bella's (Ragusa 1785)2) im Verzeichnisse der benützten Autoren
auf S. IX auch Folgendes steht: »Gljub. Traduzione fatta da Dome-
nico Slatarich dell' Aminta di Torquato Tasso, favola boschereccia. Si
e adoperata sempre la Stampa di Venezia di Domenico e Giovanni
Guerri del 1680. in 8^^)«. Es ist nun trotz der Verschiedenheit der
Jahreszahl kaum ein Zweifel darüber möglich, dass die hier gemeinte
1) Nach einer brieflichen Mittheilung des Tasso-Forschers, Prof. A. So-
lerti in Massa, befindet sich jetzt dieses Exemplar in der Biblioteca com-
munale von Bergamo; aber noch zur Zeit der Abfassung seiner Bibliogra-
phie des Aminta (Bologna 1895) war Prof. Solerti nicht bekannt, dass dieses
Exemplar nicht verloren gegangen ist.
2) Da gerade von vorbereiteten und nicht zu Stande gekommenen Aus-
gaben die Rede ist, will ich erwähnen, dass mein aus dem Nachlasse des
Buchdruckers Martecchini in Ragusa stammendes Exemplar dieses Wörter-
buches das »Reimprimatur« des k. k. Censuramtes von Zara de dato 21. Juni
1837 trägt, obschon thatsächlich das Werk Della Bella's nie zum dritten Male
gedruckt wurde.
3) Safaiik (Gesch. der südslav. Lit. II, 124) war dieses Citat in der 2. Aus-
gabe Della Bella's bekannt, doch er glaubte, es handle sich dabei um ein von
Tasso's Aminta verschiedenes Werk. Da nun Safaiik überhaupt keine, und
Della Bella, auf den er sich beruft, die Jahreszahl 1680 nennt, so weiss ich
nicht, woher Pypin in seiner Hcxopia ciaBflncKuxt jiMTepaTypt 2 I, 187 bei Er-
wähnung des I^ubmir Zlatariö's in Klammern «Bciiei;. 1580« (wohl als Ort und
Jahr des Druckes) hinzufügt.
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte 213
Ausgabe identisch ist mit derjenigen, auf welcher die oben erwähnte
Abschrift beruht, denn die Brüder Guerra waren in Venedig als Buch-
drucker in den J. 1560 — 1592 thätig^). Es kann somit als sicher gelten,
dass die Jahreszahl 1680 in Della Bella durch einen (Druck-)Fehler
aus 1580 entstanden ist. Was mir aber als glaubwürdig erscheinen lässt,
dass der Redakteur der zweiten Ausgabe des Della Bella (es war dies
der ragusanische Domherr und Schriftsteller Peter Basic, f 1814) that-
sächlich ein gedrucktes Exemplar dieser ersten Ausgabe des l^jubmir in
den Händen hatte, ist der Umstand, dass er auch das Format der Aus-
gabe angibt; hätte er dagegen nur die oben erwähnte oder eine andere
Abschrift vor sich gehabt, so hätte er wohl jede Angabe des Formates
ausgelassen, um so mehr, als er auch in Bezug auf andere von ihm citirte
Editionen das Format nicht angiebt. Nun können wir mit noch grös-
serer Zuversicht Budmani beistimmen, wenn er (S. XXXIX seiner Aus-
gabe) auf diese erste Ausgabe die Worte Zlataric's in der Widmung der
Uebersetzung der Elektra bezieht: »jes njekoliko godista . . . prinesoh
iz latinskoga pastijersku pripovijes Tassovu . . i . . dah ju na svijetlo
(Stari pisci XXI, 4)«.
Leider ist auch diess eine, dem P. Basic bekannte Exemplar der
ersten Ausgabe des l^ubmir spurlos verschwunden; ich sage »spurlos«,
weil Basic dasselbe für die zweite Ausgabe des Wörterbuches Della
Bella's nicht verwerthet hat. Ich konnte vielmehr konstatiren, dass
er ganz einfach alle Citate aus dem 1^ üb mir, die er in der ersten von
Della Bella selbst besorgten Ausgabe vorfand, unverändert in die
neue Ausgabe herübernahm 2) ; da nun Della Bella seine Citate aus der
1) Ich verdanke diese Daten der Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. G.
Coggiola, der sie in dem handschriftlichen, vom bekannten venetianischen
Alterthumsforscher Cicogna verfassten und in der Marciana aufbewahrten
Verzeichnisse der Venetianer Buchdrucker vom J. 1469 bis zum J. 1857, fand;
die beiden Brüder hiessen Domenico und Giambattista Guerra (auch Guerrei,
Guerraees) , auf einzelnen Werken erscheint aber nur der Name des (wohl
älteren) Bruders Domenico. Auch das erste gedruckte ragusanische Prosa-
Werk, das Libarce od djevstva von Gradic, wurde gedruckt im J. 1567
»Appresso Domenico, & Gio. Battista Guerra, Fratelli«.
-) Citate aus dem !^ubmir findet man in Della Bella unter folgenden
Schlagwörtern (wobei die beigegebene Zahl den entsprechenden Vers in der
akademischen Ausgabe bezeichnet): Avorio 48i, battere i20l, cortese 1720,
esortazione 1195, fare 1349, faretra 27, freno 659, galantuomo 1720, guardare
1614, incantamento 480, incurahile 56, innamorare 781, inrimediahile 56, lique-
fare 1029, luogo 1712, maUdico 580, mancare 1526, misericordia 1711. 1786,
214 ^^- Resetar,
Ausgabe vom J. 1597 schöpfte, so beziehen sich auf dieselbe Edition
auch die Citate der zweiten Ausgabe Della Bella's. Basic aber erwähnt
im Autorenverzeichniss den j^ubmir vom J. 1580, weil Della Bella (in
der ersten Ausgabe !) in Bezug auf die von ihm benützten Werke keine
Angaben über den eventuellen Druckort und das Druckjahr macht; die
Ausgabe vom J. 1597 der Werke Zlataric's scheint aber dem Basic un-
bekannt gewesen zu sein, weil er auch für dieElektra nicht diese Edition
sondern diejenige vom J. 1621 citirt i).
Wir können somit mit grosser Wahrscheinlichkeit glauben, dass
Zlataric seine Uebersetzung des Aminta im J. 1580 verfertigt und auch
gedruckt hat, so dass seine Uebersetzung jedenfalls um vier Jahre älter
ist als die französische (Bordeaux 1584), welche bis jetzt allgemein als
die älteste galt. ObZlataric'sl^ubmir auch vor dem Originale gedruckt
worden sei, ist schwieriger zu sagen, denn die erste Ausgabe des Aminta
ist nicht die Aldinische vom J. 1581, sondern diejenige von Cremona
aus dem J. 1580, deren Widmung aber das Datum vom 15. Dezember
1580 trägt; doch auch die erste Aldinische Edition vom J. 1581 (mit
dem Datum vom 20. Dezember 1580 unter der Widmung) war in der
That schon Anfangs Dezember 1580 fertig, denn schon am 3. dieses
Monates hatte Tasso ein Exemplar derselben von Aldo bekommen 2). Es
ist somit möglich, dass die erste Ausgabe des ^ubmir noch vor diesem
Tage fertig war. Doch mehr als die Frage tiber die Priorität der ersten
Ausgabe des ^ub mir vor derjenigen des Aminta, ist es für uns wich-
molesto 488, morso 478, negare 1438, nominare 1345, occkio 1227, oechiuto 805,
osso 725, palma (dl mano) 1201, platano 903, precipitare \S0%, primär er a 1468,
2)unta 52, risposta 326, sapere 487, sciogliere 1260, sesso 1156, silenzio 548, tardi
1709, fernere 1194, uccidere 1396 ; das Citat sub corhezzolo ist nicht aus ]^ubmir
(Signatur Gljub.), sondern aus den Liebesliedern des D. Ranina (Signatur
Ragn. Gljub.), vergl. Stari pisci XVIII, 201, Vers 105.
1) Ich besitze vielleicht das einzige erhaltene Exemplar dieser Ausgabe;
Kukulevic hat in seiner Bibliographie sub Nr. 2140 ein Exemplar kurz be-
schrieben , das entweder verschollen ist (weil dasselbe mit seiner ganzen
Bibliothek nicht in den Besitz der südslavischen Akademie in Agram über-
ging) oder von Kukulevic in Ragusa nur gesehen wurde, woher ich auch mein
Exemplar erworben habe. Diese Ausgabe ist eine nicht fehlerlose Repro-
duktion der ersten, wobei nur die Widmung ausgelassen und an deren Stelle
eine kurze Inhaltsangabe der Tragoedie hinzugefügt wurde. Das Büchlein
ist in kl. -80 gedruckt und zählt 40 Blätter (nicht 40 Seiten!).
'-) Vergl. darüber Operi minori in versi di T. Tasso, edizione critica a
cura di A. Solerti (Bologna 1895), III, icv. xcvi).
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 215
tig zu sehen, ob die erste Ausgabe des ]^ üb mir — wenn sonst das
Datum in seiner Widmung richtig sein soll! — wirklich nach einer
Han dschrift des Aminta verfertigt wurde. In dieser Beziehung leistet
uns die kritische Ausgabe von Prof. Solerti ausgezeichnete Dienste, denn
er hat für dieselbe nicht nur die ältesten und korrektesten Drucke, son-
dern auch die erhaltenen Handschriften verwerthet, von welch' letzteren
einige vor dem J. 1580 niedergeschrieben wurden. Auf Grund des dieser
Ausgabe beigegebenen kritischen Apparates kann man also mit voller
Sicherheit konstatiren, dass Zlataric den Aminta thatsächlich nach einer
Handschrift übersetzt hat, denn in seiner Uebersetzuug finden sich nicht
selten auch solche Stellen, welche Lesarten im Original voraussetzen,
die in keiner gedruckten Ausgabe, wohl aber in einer oder der an-
deren Handschrift vorkommen. Ich will einige der hieher gehörenden
Stellen anführen: ^ubmir , Vers IbOne hijese dragaminegova prijazan
= Aminta, I. Akt, 1. Scene, Vers 60/61 eine Handschrift e m' era |
mal grata la sua grazia, alle übrigen Handschriften und alle gedruck-
ten Ausgaben . . . la mia grazia\ ][iub. 194/6 Nu kad si vidjela \ da
se je od ovce rod'io vuk^ alt huf \ od vrana? = Am., I. A., 1. Sc, V.
108/109 in den Handschriften Ma quando mai da i mansueti agnelli \
nacquer le tigri? o i hei cigtii da"" corvi?^ in den Ausgaben . . . o dcü
hei cigni i corvi\ ^^ub. 441/42 ToJ pravec^ medene ne usne prinese |
na lice raneno = Am., I.A., 2. Sc, V. 122/124 öine Handschrift Cosi
dicendo, avüicinö la hocca \ a la guaticia rimorsa^ sonst Cosi dicetido,
avvicinö le lahhra \ de la sua hella e dolcissima hocca \ a la guancia
rimorsa\ ^ub. 792 vecekrat u jezer svede oci ukradom = Am.,
II. A., 2. Sc, V. 60/61 die Handschriften U7ia o due volle | con gli
occhi a H lago consiglier ricorse, die Ausgaben . . . al fönte consigller
. . .; ^ub. 1913 eine mu sad slatku i dragu napravu = Am., V. A.,
V. 137 einige Handschriften fanno soave e caro condimento, sonst
fanno soave e dolce condimento. Schon diese wenigen Stellen zeigen
uns also, dass Zlataric wirklich nach einer Handschrift übersetzt hat,
was ebenfalls dafür spricht, dass er seine Uebersetzung vor dem Er-
scheinen der ersten Ausgabe des Originals verfertigt hatte, denn sonst
hätte er höchst wahrscheinlich ein gedrucktes Exemplar als Grundlage
für seine Uebersetzung genommen. Bezüglich dieser von Zlataric als
Grundlage genommenen Handschrift des Aminta kann nur soviel gesagt
werden, dass dieselbe mit keiner der von Prof. Solerti herangezogenen
vollkommen übereinstimmt; sie musste vielmehr eine eigene Redaktion
216 M. Resetar,
bilden, welche zum Theil auch mit den den ältesten Ausgaben als
Grundlage dienenden Handschriften übereinstimmte; so z. B, lauten im
^ub. V. 826/27 nemoj ti pak pronijet da ja ovo govorim i Joster nada
sve u pjesni me pravim, was in der (von Budmani [S. XXIX] richtig
vermutheten) Lesart der beiden ältesten Aldiner Ausgaben aus dem
J. 1581 und der Ausgabe von Ferrara aus demselben Jahre seine Er-
klärung findet, wo die betreffende Stelle (H.A., 2. Sc, V. 94/95) lautet:
Non ridir cK io cid dica^ e sovra tutto \ non parlo in rima, während
alle Handschriften und sonstigen Ausgaben für pat^lo das allein richtige
porlo haben; oder ^jub. 1263 7 Jiocu da cuj'es, was dem E pur voglio
ch? il sappi (ni. A., 2. Sc, V. 43) der beiden Aldiner und anderer Aus-
gaben, nicht aber dem E pur meglio che 7 sappia der Handschriften
entspricht.
In welchem Verhältnisse steht nun die zweite Redaktion des^iubmir
aus dem J. 1597 zur ersten aus dem J. 1580? Es ist dies eine Frage,
die sich von selbst aufwirft, die aber erst dann wird definitiv beantwortet
werden können, wenn die zweite — bessere — Handschrift, welche die
erste Redaktion des^ubmir enthält, uns besser bekannt sein wird, denn
sie wurde für die akademische Ausgabe leider nicht herangezogen. Doch
schon jetzt steht es fest, dass die zweite Redaktion eine viel freiere, zum
Theil auch breitere ist, so dass (abgesehen von den Chören, welche zum
Theil, wie es scheint, von Zlataric aus Eigenem hinzugefügt und in der
neuen Redaktion auch erweitert wurden) der l^ubmir vom J. 1597 über
100 Verse mehr als die erste Redaktion zählt. Zweitens kann man
konstatiren, dass Zlataric für die zweite Redaktion auch eine gedruckte
Ausgabe des Originals benützte (wahrscheinlich die Aldiner vom J. 1590),
denn an mancher Stelle wurde für dieselbe eine andere Lesart ange-
nommen. Ich will auch hiefür ein Paar Beispiele anführen : der oben
erwähnte Vers 150 lautet in der zweiten Redaktion (V. 159/160) ter
moja taj milos . . . | hij'ese mi nedraga\ und auch die Stelle Vers
441/42 wurde in der neuen Redaktion nach der gewöhnlichen Lesart
mit Hinzufügung des in der ersten fehlenden Verses übersetzt: ToJ pra-
vec, prinese na Uce ranetio \ ustie od medenih i lijepih ne usti (V.
485/86). Ein genauer Vergleich der beiden Redaktionen erscheint somit
geboten; als nothwendige Voraussetzung hiezu ergibt sich aber eine
genauere Kenntnis der zweiten besseren Handschrift der ersten Redaktion.
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 2 1 7
IV. Zu den ältesten küstenländischen Kirchenliedern.
Diese Seite der serbokroatischen küstenlänäischen Literatur wurde
bis jetzt leider sehr wenig beachtet, obschon es an und für sich wahr-
scheinlich ist, dass, wie in den übrigen katholischen Ländern, so auch
unter den Serbokroaten an der Ostküste des Adriatischen Meeres die
Volkssprache zunächst in der Kirche und für die Kirche angewendet
wurde. Ja, wenn Baronius gut informirt war, besitzen wir in seiner Er-
zählung von dem Papst Alexander III. im J. 1177 in Zara bereiteten
Empfange das direkte Zeugniss, dass solche Kirchenlieder thatsächlich
wenigstens in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts in Dalmatien
gesungen wurden, denn Baronius erzählt, die Einwohner von Zara hätten
den Papst bis zur Kathedralkirche geführt »immensislaudibus et canticis
resonantibus in eorum sciavica lingua« (von Jagic erwähnt in Rad 38,
58); dass aber diese cantlca nur Kirchenlieder sein konnten, ist wohl
selbstverständlich. Um so auffallender ist es aber, dass in den glagoliti-
schen Kirchenbüchern, zunächst in den Brevieren, wo vielfach lateinische
Kirchenlieder übersetzt werden mussten, dieselben, wie es scheint, regel-
mässig in einer so wenig rhy thmischen und metrischen Form wiedergegeben
werden, dass sie unmöglich als gebundene Rede angesehen werden kön-
nen und ganz gewiss nach einer bestimmten Melodie nicht gesungen
werden konnten. Doch Jagic erwähnt in seinen Prilozi eine glagoli-
tische Handschrift aus dem J. 1468, welche auch viele Verse enthält,
von welchen er auch einige als Probe der Versbaukunst unserer Glago-
liten mittheilt. Noch älter sind wahrscheinlich die Verse, welche Surmin
in einer glagolitischen Handschrift aus dem J. 1368 gefunden hat (vgl,
den Agramer Vienac, Jahrg. 1900, S. 14), obschon er uns nicht sagt,
ob die betreffende Notiz von derselben oder einer anderen Hand als
die Handschrift selbst geschrieben wurde; wahrscheinlich haben wir da
ein Citat aus einem Kirchenliede vor uns. Ziemlich früh wurden gewiss
Kirchenlieder auch mit lateinischen Lettern geschrieben, vorzüglich für die
städtischen Kirchen, in welchen in der Regel das Lateinische als Kirchen-
sprache diente, denn schon im Lectionarium Bernardins (Venedig 1 195)
finden wir auch eine Uebersetzung des Dies irae im Metrum des latein.
Originals. Eine kleine Sammlung alter Kirchenlieder gab dann V. Vuletic
in der Zeitung Katolicka Dalmacija (Zara 1880, auch als Separatab-
druck, kl. %^, 64 S.) nach einer Handschrift, welche in einer Kirche von
Curzola aufbewahrt wird, und die nicht aus dem XVII. Jahrh. stammt
218
M. Resetar,
(wie dies der Herausgeber ursprünglich glaubte, vgl. S. 1 des Separat-
abdruckes), sondern bedeutend älter sein dürfte, da dieselbe — wie mir
Herr V. schriftlich mittheilte — in halbgothischer Schrift geschrieben
ist. Ob sie gerade in den Anfang des XV, Jahrh. zu setzen ist , wie
Herr V. meint, mag dahingestellt sein ; sicher aber ist es, dass dieselbe,
wenigstens zum Theil, schon im J. 1468 existirte, denn die wenigen
Verse, aus der oben erwähnten glagolitischen Handschrift von diesem
Jahre, welche Jagic herausgegeben hat, sind in dieser Curzolaner Samm-
lung zu finden ; man vergleiche
Jagic, Prilozi 16:
Eraa TiycMO ace^me r^iacc —
KaMO Heye kh Hac cnace ;
^ycMO Äa ra e Ochu' cxi)aHH^' -
a nH.iaT My hh B36paHH.i.
ÜOMOJiHMO OcHna BJtaciejiHua —
Äa HaM nOBi rocnoÄUHa,
Mo.anMO Ti Bejie Äparo —
rai e Heye' Haute ö^iaro.
Jagic, Prilozi 16:
MpTBa CHHa npHeMaiue —
K cpÄa^my ra npHincKauie,
IIo KpiiJiH la npoeTHpame —
Bca ce HaÄ hhm' pae^Huauie,
caMa laKo roBopauie :
Gjia,TKii eHHy roBopH mh, —
CBOH) MaHKy pyKy npHMH,
rOBOpH MH CJiaTKH CHHy —
3a ^' OT MaHKe laKO Miiuy ;
''Ihm' TB CHHaK noTBopanie —
aa MH Ti laKo yMopHiue.
Vuletic 49 :
Jeda custe silni glasi,
kamo Isus ki nas spasi?
Cusmo da ga Josef shrani
i Pilat mu ne zabrani.
Molimo te vele drago,
kamo Isus nase blago ?
Vuletic 50 :
Martva sinka kad primase
k srcu svomu pritiskase
V sve rane eelivase
i suzami opirase :
Slatki sinu, govori mi,
svoju majku rukom primi,
Govori mi slatki sinu,
zac od majke tako minu,
Die Uebereinstimmung beider Redaktionen ist eine so grosse, dass
deren gemeinsamer Ursprung vollkommen sicher ist, dagegen lässt sich
auf Grund dieser wenigen glagolitischen Verse das gegenseitige Verhält-
niss der beiden Redaktionen nicht mit Sicherheit bestimmen; es ist näm-
lich möglich, dass das Lied, zu welchem die beiden oben angeführten
Stellen gehören, aus den « lateinischen a Städten aufs glagolitische flache
Land wanderte, aber auch das Gegentheil !
Es ist wahrscheinlich, dass dieses Lied, welches nach der Curzo-
laner Handschrift am Charfreitag gesungen wurde, aus dem Lateinischen
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 2 1 9
übersetzt wurde, denn es ist kaum anzunehmen, dass man etwa in der
ersten Hälfte des XV. Jahrb., oder gar noch früher, Originallieder in
serbokroatischer Sprache für den Kirchengebrauch verfasste, doch in
den mir zugänglichen Sammlungen lateinischer Kirchenlieder konnte
ich nichts Aehnliches finden. Dagegen ist es mir gelungen, das lateini-
sche Vorbild des im Küstenlande gesungenen Weihnachtsliedes zu findeu,
das ganz gewiss zu den am frühesten in den verschiedenen Volkssprachen
gesungenen Kirchenliedern gehört. In neuerer Zeit wurde das Lied im
V. Bande dieser Zeitschrift (S. 267 ff.) von F. Mencik nach einer (mit
lateinischen Lettern geschriebenen) Handschrift des XV. Jahrh. herausge-
geben, welche ursprünglich einem Franziskaner von Curzola gehörte;
dazu gab Jagic den Text desselben Liedes nach dem kleinen Nauk
krstjanski des M. Divkovic aus dem J. 1640 i). Aus einer im J. 1558
in Belgrad (kroat. Küstenland) abgeschriebenen glagolitischen Hand-
schrift gab dann Milcetic das Lied im VÜL Bande des Archivs (S. 252,
253) heraus. Das Lied kommt dann regelmässig in allen Lektionarien
des XVn. und XVIH. Jahrb., wobei aber die einzelnen Redaktionen so-
wohl in Bezug auf den Umfang als auch auf die Reihenfolge der einzelnen
Strophen in der Regel ziemlich stark von einander abweichen. Es genügt
jedoch ein flüchtiger Vergleich derselben, um sogleich zu erkennen, dass
alle diese verschiedenen Redaktionen etwas Gemeinsames haben, so dass
schliesslich alle auf einen wenigstens zum Theil gemeinsamen Ursprung
zurückzuführen sind. Nehmen wir z. B. die erste Strophe aus der Hand-
schrift von Curzola, dann aus der glagolitischen Handschrift vomJ. 1558
und aus Divkovic, und wir werden sehen, dass sich dieselbe fast wört-
lich wiederholt:
1) Herrn Akademiker A. §ahmatov verdanke ich eine Abschrift des
Liedes nach der ersten Ausgabe dieses Divkovic'schen Werkes aus dem
J. 1616, deren einziges bekanntes Exemplar die kaiserliche Bibliothek in
St. Petersburg besitzt. Abgesehen von einigen Lauterscheinungen (es sind
vorwiegend Fälle der jekavischen Aussprache, welche in der späteren Aus-
gabe durch ikavische ersetzt wurden) stimmen die beiden Texte vollkommen
überein; mir im Vers 1 steht das richtige ciie (anstatt sve); ausserdem kom-
men auch einzelne Abweichungen vor, welche auf das Metrum einen Einfluss
ausüben, so in Strophe 13 und 16 ooacHcra (statt bozja); es fehlt ferner in
Strophe 7 das i im 3. Verse, sowie in Strophe 18 das se in V. 3; dafür lautet
Strophe 9, V. 1 Ohh iis JiUM6a, BecejiehH ce saBananie, Str. 19, V. 1 Bqäuko ^yÄO
Kpah.2Ha BCJHKa, Str. 20, V. 2 A OÄuehHe na ce6u He HMaine.
220
M. Resetar,
Ciirzola:
U sej vrime godisca,
mir se svitu navisca
kroz rojenje ditica
od svcte dive Marije.
Glagol.:
U se vrime godisca
mir se svitu navisca
skroz roeiii ditida
od svete divi Marie.
Divk.:
y cuc BpHCMC roÄHma
MHcp ce CBHeiy HasHema
nopohcHHe ÄHTHhiia
OÄ CBeie ÄUBC Mapuc.
Dieselbe Uebereinstimmung herrscht auch bei mehreren anderen
Strophen, so dass es zweifelsohne ursprünglich nur einen serbokroatischen
Text gab, der dann wohl in verschiedenen Gegenden und Zeiten bald in
grösserem, bald in geringerem Umfang Aenderungen unterworfen wurde.
Wo soll man aber diesen gemeinsamen Ursprung suchen? Höchst wahr-
scheinlich in einem lateinischen Kirchenlied! In der That finden wir in
den Hymnensammlungen von F. J. Mone (Lateinische Hymnen des Mit-
telalters), H. A. Daniel (Thesaurus hymnologicus) und Ph. Wackernagel
(Das deutsche Kirchenlied) einige lateinische Weihnachtslieder, welche
sowohl was das Metrum als auch was einzelne Strophen anbelangt, mit
unserem Weihnachtslied vollkommen tibereinstimmen ; so lautet bei Mone
I, Nr. 50 (nach einer Handschrift des XV. Jahrh.) die erste Strophe: In
hoc anni circulo | vita datur saeculo, } nato nobis parvulo | per virginem
Mariam. Das lateinische Lied besteht also aus Strophen von drei in der
Regel unter einander reimenden siebensilbigen Versen (mit je einem
Proparoxytonon am Ende) und einem vierten Vers von 7 Silben, aber
mit jambischem Rhythmus als Abschluss; (dieser letztere Vers ist übrigens
bei allen Strophen gleich, da er nur zum Theil die Präposition wechselt
[z. B. cum virgine Maria u. Ä.]). Dasselbe Metrum kehrt im Serbokro-
atischen wieder: auch hier drei siebensilbige unter einander halbwegs
reimende Verse, welche in der Regel wenigstens auf ein dreisilbiges
Wort ausgehen und durch den refrainartigen Vers [od svete cleve Marije)
abgeschlossen werden. Das Metrum ist somit identisch! Dagegen lege
ich kein Gewicht darauf, dass auch im serbokroatischen Texte am Schlüsse
der drei ersten Verse in der Regel solche Wörter stehen, welche nach
dem neueren Betonungsprinzip Proparoxytona sind (vgl. in der ersten
Strophe godisca, navisca, ditica), denn zunächst ist es wahrscheinlich,
dass die ursprüngliche serbokroatische Redaktion im altkroatischen Nord-
dalmatien zu Stande kam, und zwar zu einer Zeit, als die dortige caka-
vische Bevölkerung, welche ganz gewiss nach dem älteren Princip accen-
tuirte, noch ziemlich intakt war, so dass wir dann beispielsweise in der
ersten Strophe godVsca, navisca, ditica als die ursprüngliche Betonung
annehmen müssten; zweitens, wenn wir auch an Ragusa denken wollten,
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 221
wo wenigstens heutzutage die neuere Betonung herrscht, so ist es gar
nicht sicher, ob letztere schon im XV. oder gar im XIV. Jahrh. durchge-
führt war.
Unser Text stimmt aber mit dem lateinischen auch in Bezug auf
den Inhalt wenigstens theilweise überein, so besonders in der oben an-
geführten ersten Strophe, dann in der IG. Strophe bei Mone II, Nr. 387
(aus italienischen Handschriften): «0 pastores currite, | gregem
vestrum sinite, | deum verum cernite | cum virgine Maria«, welcher
ganz gut Strophe 11 in der Handschrift von Curzola entspricht: »0
pastire tecite, ] stada vasa pustite, | bozja sina slavite, | svete dive
Marije ((. Sonst stimmen der lateinische und serbokroatische Text — wenn
man von den no thwend ige n Aehnlichkeiten (drei Könige, Stern im
Orient etc.) absieht — allerdings wenig überein, doch es genügen Metrum
und die beiden angeführten Strophen, um den Zusammenhang zwischen
beiden Texten als höchst wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Wenn
wir sowohl den serbokroatischen als auch speciell den in Italien ge-
sungeneu Text des lateinischen Weihnachtsliedes besser kennen werden
(die von mir benützten Sammlungen beziehen sich zumeist auf Hand-
schriften deutschen Ursprunges), werden sich vielleicht auf beiden
Seiten auch solche Redaktionen finden, die einander besser entsprechen.
Das Lied wurde sehr viel gesungen und daher wohl auch vielfach ge-
ändert, erweitert oder mit anderen Liedern kontaminirt, so dass es nicht
gelingt, auch für die anderssprachigen Uebersetzungen einen vollkommen
entsprechenden lateinischen Text zu finden. So wurde von Wackernagel
II, Nr. 542 eine deutsche Uebersetzuug nach einer Handschrift aus dem
J. 1426 abgedruckt, die auch solche Strophen enthält, für welche vom
Herausgeber das lateinische Vorbild nicht gefunden werden konnte, so
für Strophe 14: »0 du süsser jhesu crist | der sei du ein lebendige
speiss pist, | gib vns rw noch diser Frist | durch die mait Maria«.
Merkwürdigerweise lautet die 28. Strophe in dem zu Ragusa im J. 1841
gedruckten Lektionarium : »0 Jezuse prisladki, | vrijeme mirno daj
nami, | a dusu nam sahrani | po djevici Mariji«; ist das eine zufällige
gleichmässige Anwendung der Phrase »da nobis pacem« oder ein innerer
Zusammenhang, natürlich durch Vermittlung eines lateinischen Textes?
Woher das Weihnachtslied in das ragusanische Lektionarium vom J. 1841
aufgenommen wurde, kann ich momentan nicht sagen, aus der sonst als
Vorlage dienenden ebenfalls ragusanischen Ausgabe vom J. 1783 gewiss
nicht; vielleicht aus der mir nicht zugänglichen, von dem bekannten
222
M. Resetar,
Bartul Kasid »u jezik dubrovacki« verfertigten und im J. 1641 in Rom
gedruckten Ausgabe. Ein weiterer sicherer Beweis für den Zusammen-
hang speciell des glagolitischen Textes mit dem lateinischen ergibt
sich aus dem Refrain, der, wie gewöhnlich, nur einmal vor der ersten
Strophe geschrieben ist: »(Ric e?) draga (stvorena?) ] od svete divi
Marien; der glagolitische Text wurde hier von Milcetic richtig gelesen,
bezw. ergänzt, und entspricht ganz genau dem lateinischen: »Verbum
caro factum est | ex virgine Maria«, wo der Uebersetzer caro im Sinne
von italienisch caro auffasste! Es ist aber nicht sicher, ob wir annehmen
sollen, dass dieser Refrain in der ursprünglichen serbokroatischen Re-
daktion vorhanden war, denn — wie wir gleich sehen werden — ist
dieser Refrain sonst den verschiedenen serbokroatischen Redaktionen
unbekannt; dann aber der grobe üebersetzungsfehler draga für caro
[carnis] spricht dafür, dass diese Stelle eher von einem des Lateinischen
unkundigen glagolitischen Priester als von einem Geistlichen des latei-
nischen Ritus übersetzt worden sei, während es doch wahrscheinlicher ist,
dass das lateinische Weihnachtslied zuerst in einer »lateinischen« Stadt
des Küstenlandes übersetzt wurde und erst später auf das glagolitische
flache Land wanderte. Es könnte somit sein, dass in etwas späterer Zeit
ein glagolitischer Priester den Refrain tibersetzte und dem schon früher
übersetzten Lied hinzufügte, weil er ihn zufällig in einem lateinischen
Kirchenbuch fand und die Uebersetzung somit dem lateinischen Originale
näher bringen wollte. Diesen Refrain finden wir nämlich sonst in keiner
der bisher gedruckten serbokroatischen Redaktionen, und zwar wohl
aus dem Grunde, weil man bei uns vielleicht seit der ältesten Zeit als
Refrain nicht einen selbständigen Satz, sondern die zwei letzten Verse
jeder Strophe gebrauchte. Wenigstens in Ragusa wurde in meiner
Jugendzeit, und wird gewiss noch heutzutage das Weihnachtslied auf diese
Weise und nach der folgenden Melodie gesungen :
Andante
^ii
^
=t
--i^
-#■•-•■
-^--#
^-
U sej vrije-me go-di-sta, mir se svije-tu na-vije-sta,
Pi^^^^^
^^^
--A-
po - ro-d:e-ne dje - ti-öa od dje-vi-ce Ma - ri-je.
Und zwar sang zuerst der Vorsänger (so war wenigstens in meinem
Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 223
Vaterhaus der Usus) die ganze Strophe, worauf der Chor die zwei letzten
Verse wiederholte. Wie das Lied selbst, so ist höchst wahrscheinlich
auch die Melodie fremden Ursprunges, und sie kann uns eventuell bei
der Bestimmung der Herkunft des Weihnachtsliedes gute Dienste leisten.
Ich habe sie aber um so eher aufgezeichnet, als ich nicht weiss, welche
Verbreitung sie im Küstenlande hat. In dem von allem Anfang an unter
dem unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss der deutschen Geistlichkeit
stehenden Kroatien weiss ich, dass sowohl der Text als auch die Melodie
des Weihnachtsliedes ganz anders ist.
V. Noch eine Uebersetzung aus Marulic.
Im letzten Bande dieser Zeitschrift hat VI. Francev eine bis jetzt
wenig beachtete (speciell von Kukulevic nicht erwähnte) böhmische
Uebersetzung eines Theiles des Werkes Marulic's »de institutione bene
beateque vivendi« kurz besprochen. Herr M. Breyer hat dann in der
Agramer Prosvjeta Jahrg. 1901, Nr. 22, einen kurzen Aufsatz über
die verschiedenen Uebersetzungen einzelner Werke Marulic's veröffent-
licht, in welchem er uns insbesondere mit der französischen und der an-
geblichen spanischen Uebersetzung seiner Institutio näher bekannt macht;
letztereist vielmehr in portugiesischer Sprache (gedruckt zu Lissabon
im J. 1579) und galt bis jetzt nur deswegen als spanisch, weil sie auch
in einer älteren spanischen Bibliographie erwähnt wird. Von deutschen
Uebersetzungen erwähnt Herr M. Breyer eine nicht vollständige Ueber-
setzung der Institutio aus dem J. 1568, dann eine vollständige aus dem
J. 1583, welche später noch fünf Auflagen erlebte. In der Fortsetzung
zu Jöcher's Gelehrten -Lexikon, Band IV, Col. 895, wo von Marcus
Marulus die Rede ist, finde ich sub Nr. 6: »Die himmlische Weisheit in
christlichen Betrachtungen de IV.novissimis^ ist ins Teutsche übersetzt,
Augspurg 1697. 8. mit Kupfern«. Höchst wahrscheinlich haben wir da
mit keinem etwa bis jetzt unbekannten Werke des Marulus zu thun,
vielmehr ist das wohl eine (von den beiden älteren unabhängige) Ueber-
setzung eines Theiles der Institutio, nämlich der letzten drei Kapitel des
V. Buches (Tod und Fegefeuer) und des ganzen VI. Buches (Hölle und
Paradies); ich konnte das nicht weiter verfolgen, weil die »himmlische
Weisheit« hier in Wien nicht zu finden ist !
224
Zur slavisclien Wortbildung.
I.
Eine sehr zahlreich vertretene substantivische Wortfamilie bilden
die ihrer Entstehi^ng nach räthselhaften Nomina substantiva auf -öa.
Sie zerfallen, wie bekannt, in zwei Classen: zur ersten gehören die
Wortbildungen mit dem Vocal h vor 6a: rocxtöa, xo^BÖa, JitexBÖa u. s. w. ;
zur zweiten die Wortbildungen mito vor 6a \ sxjioöa, xA^oda, *mftc?/oJa
(böhm. mdloha) u. s. w. Worin ist diese in morphologischer Beziehung
verwandte und doch verschiedene Wortbildung begründet und auf was
für einen Ursprung geht das Suffix -rta zurück ? Auf diese zwei Fragen
will ich versuchen eine Antwort zu geben.
Vor allem möchte ich hervorheben, dass Substantiva beider Classen
eine bestimmte vorsichgehende Handlung bezeichnen, eine Handlung
nicht in abstracto, sondern in concreto. Z. B. das Wort jibCTbCla be-
zeichnet nicht jiLCTL im Allgemeinen, sondern ein gegebenes (vorsich-
gehendes oder als solches erwartetes) Factum des Begriffes jrbCTt.
Ebenso drückt rocxLÖa nicht die Gastfreundschaft im Allgemeinen,
sondern die factische Bethätigung derselben durch den Empfang eines
Gastes und seine Bewirthung aus. Das Wort xBajitöa drückt nicht das
Lob im Allgemeinen , sondern einen concreten Fall des Lobens aus
u. s. w.
Eine solche Bedeutung des concreten Seins liegt bekanntlich auch
der Verbalwurzel '^'bhu zu Grunde, die im slavischen öhth und seinen
zahlreichen Ableitungen fortlebt. Beispielshalber erwähnen wir das
Wort saöana (davon saöaBHTn), gebildet von dieser Wurzel in ihrer
höchsten Vocalstufe schon in der vorslavischen Zeit. Wenn das zutrifft,
so wäre es folgerichtig zu erwarten, dass zur selben Zeit auch Wort-
bildungen von derselben Wurzel in ihrer schwachen Vocalstufe bhu vor-
kommen werden. Nach den slavischen Lautgesetzen müssten solche
Wortbildungen in der urslavischen Sprache die Form bua, bva (ent-
sprechend dem -öana in saöana) oder infolge der Assimilation des v an
das vorausgehende b (wie in öiaxx aus bJnivach oder o6.iaeTb aus oh-
vlasth) die Form -ua annehmen. Vergleicht man nun ein solches Nomen
Zur slavischen Wortbildung. 225
mit unserem vorerwähnten räth seihaften Suffix, so überzeugt man sich bald
von ihrer vollständigen seraasiologischen und morphologischen Identität.
Ist somit der Ursprung des Suffixes -6a im hohen Grade einfach,
so erklärt sich noch einfacher die Art und Weise seiner Entstehung.
Als Nomen (z. B. als deverbatives Adjectiv auf -u) trat 6a in bestimmte
syntaktische Beziehungen zu anderen Nomina, unter anderem zu solchen
auf -{. In einem solchen Falle konnte in der urslavischen Sprache eine
syntaktische Wendung .itcTt 6a entstehen, die nach unserer heutigen
Ausdrucksweise wahrscheinlich ein factisches JihCTh, ebenso xo^b 6a
(xoAB vergl. mit dem russischen hhoxoab) ein factisches Gehen, mojib 6a
ein factisches Beten u. s. w. bedeutete. Da bei den Substantiven auf ?',
wie man das aus der vergleichenden Grammatik weiss, die Betonung
auf die Endsilbe fiel, so konnte das adjectivische 6a als ein einsilbiges
Wort leicht zur Enklitik werden und als solche mit dem vorausgehen-
den Wort in ein morphologisches Ganzes zusammenfliessen. Solange
die Enklitik 6a die Erinnerung an ihren Ursprung von 6i>ith wahrte,
war diese Zusammenrückung nichts beständiges, sie hatte einen ganz
mechanischen Charakter. Sobald aber dieser Zusammenhang entschwun-
den war (wahrscheinlich nach der stattgefundenen Assimilation von v
nach b)j musste die Enklitik 6a mit dem vorausgehenden Wort in ein
organisches Ganze zusammenfallen, d. h. zum Suffix werden. So ging
aus .ihCTi. 6a, uojih 6a u. s. w. das ganze einheitliche Wort jbCTL6a,
^lojjhösb u. s. w. hervor. Nach dem Vorbild dieser Wörter entstanden
•schon in der urslavischen Zeit solche Nomina wie rocTtöa, dann weiter
auch solche, die mit den Substantiven auf i eigentlich nie was zu thun
hatten, z. B. atennTtöa, eBaTL6a u. s. w. Dass zur Bildung solcher No-
mina die erstgenannten den Anstoss gaben, das wird dnrch das schon
von Miklosich hervorgehobene Factum erwiesen, dass diesen letzteren
in der Regel die Verba auf -hth zur Seite stehen.
Wie alles in der Sprache, kam auch dieses Zusammenwachsen
zweier Wörter in eins nicht plötzlich und auf einmal, sondern langsam
und allmählich zu Stande. Unter dieser Voraussetzung konnte 6a, da
es noch als ein abgesondertes Wort gefühlt wurde, mit anderen Worten
nicht bloss das Verhältniss der Zusammenrückung, sondern auch das
der Zusammensetzung, Coraposition, eingehen. So konnte 6a mit dem
Adjectiv s-b.h'l ein Compositum bilden und 3'i.jro6a erzeugen, mit dem
Adjectiv *mt.ajii> das böhmische und polnische mdloba u. s. w. Die
beiden Classen also der Wortbildung auf -6a verhalten sich zu einander
Archiv für slavische Philologie. XXTV. 15
•>26 V. Jagic,
wie Zusammensetzungen zu den Zusammenrückungen einerund derselben
Form des Adjectivs 6a mit verschiedenen Substantiven und Adjectiven.
II. Der Ursprung des Suffixes -ctbo.
In den slavischen Sprachen begegnet eine sehr zahlreiche Classe
von Substantiven n. g. mit dem Suffix -stvo (-ctbo). Vergl. altksl. ii;i-
captcTBo, ÄiHCTBO, /tixtcTBO, öicTBO, Ha^iAjibeTBO u. s. w., bulg. roe-
nocTBO, HMOCTBO, lOHacTBO, serb. öaHCTBO, yÖHCTBO, 6oa:aHCTBO, sloven.
hogastvo^ boza?istoo^ zidovsfvo, russ. ooacecTBO, ^lyBCTBO, ;i;'£tctbo.
böhm, bohatstvo, lidstvo, poln. hostwo, panstioo^ tov:arzystwo^ ols.
poMescanstvOy duchovnstvo u. s. w. Wie die Beispiele zeigen, alle diese
Substantiva bezeichnen den Zustand und Verharren in demselben eines
bestimmten Subjects oder Objects Mikl. Vergl. Gramm. II. 179 — 181].
Es entsteht die Frage nach dem Ursprung, der Entstehung dieses Suffixes .
Bekanntlich sind die Suffixe doppelten Ursprungs, entweder eines
pronominalen oder eines nominalen. Im gegebenen Falle wird man
kaum vom ersten (pronominalen ) Ursprung reden wollen : weder aus der
slavischen noch aus irgend einer anderen verwandten Sprache ist uns
ein Pronomen *stvo oder *bstvo bekannt. Es bleibt nur die Frage nach
dem nominalen Ursprung dieses Suffixes offen. Aber was für einem?
Um darauf eine Antwort zu geben, wollen wir die in Frage stehen-
den Substantiva mit den Adjectiven auf -iictt. zusammenstellen. Auch
diese Adjectlva datiren aus der urslavischen Zeit und bezeichnen eine
im hohen Grade beständig zukommende Eigenschaft. Z. B. rpt-
.iHCTt magnum Collum habens, MptEHCTi) formicis refertus, bulg. ro-
pHCTT., KaMCHHCTT., russ. .T^CHCTX, ptqHCTx, ro.iocHCTx, poln. buTwisty,
drzewisty, osobisty u. s. w. Die Bedeutung >i einer beständigen Eigen-
schaft« der Nomina mit dem Suffix -hctbo berührt sich sehr nahe mit
der Bedeutung des »beständigen Zustandes'f der Substantiva mit dem
Suffix -bctbo, und dieser Umstand erweckt unwillkürlich den Gedanken,
dass diese Substantiva auch in morphologischer Hinsicht so nahe zu-
einander stehen konnten, wie in semasiologischer. Doch kann eine
solche Annahme auch bewiesen werden? Wir möchten diese Frage
bejahen. Das Suffix -ctbo lässt sich unschwer von dem Suffix -ct'l ab-
leiten, angenommen dass das letztere nach den ?^-Themen declinirt
wurde und in der indoeurop. Ursprache die Form -stu hatte. In einem
solchen Falle würde sich das Suffix -stvo zum ersteren verhalten, wie
eine höhere Vocalstufe zur niedrigeren derselben Wurzel.
Zur slavischen Wortbildung. 227
Doch was würde die Wurzel -stu bedeuten?
Ein Blick auf das litauische Verbum stoveti erledigt die Frage.
Dies Verbum, wie die entsprechenden slavischen Worte cxaB'B, ocxaB-
.UMTH, cTaHOBHuixe u, s. w. (vcrgl. Mikl. Etym. Wörterbuch, wo weitere
Beispiele zu finden sind) weist darauf hin, dass einst in der indoeuro-
päischen Sprache ein Verbalstamm stu (stehen) vorhanden war. Von
diesem Stamm wurde in der gemeinslavischen Sprache ein substantivi-
sches oder adjectivisches*<s^yo gebildet, das ursprünglich ein Verharren
oder einen Zustand bezeichnete.
Ist diese Vermuthung annehmbar, dann würden die beiden Kate-
gorien der Substantiva in der Bedeutung des Verharrens und auch mor-
phologisch zusammenfallen. Der ganze Unterschied würde darin be-
stehen, dass die Substantiva mit dem Suffix -ct'b das Suffix in der ur-
sprünglichen Gestalt gewahrt hätten, während es bei -ctbo in der er-
weiterten Gestalt durch das Suffix -o vorläge. Mit einem Worte, das
erste Suffix wäre primär, das zweite — secundär.
III. Die Etymologie des Wortes HeBtcxa,
Die allgemein übliche Erklärung dieses Wortes geht auf Miklosich'.s
neuere Ableitung (im etymolog. Wörterbuch) von hbb'Sctx ignotus zurück
(früher dachte er an »nove nupta«). In neuester Zeit suchten Prof. Zu-
baty (Slavische Etymologien im Archiv XVI. 406 — 7) und W. Vondräk
(Altkirchenslav. Gramm. 1900, S. 64) und in Russland A. A. Pogodin
(P. $. B. XXXIII, CTp. 336) diese Erklärung aufrechtzuerhalten mit Hin-
weis auf das Verhältniss der jungen Frau als einer Unbekannten zu der
Verwandtschaft des Mannes. Nach meinem Dafürhalten ist es nicht
leicht, diese Erklärung als befriedigend hinzunehmen: die Bedeutung
des Adjectivs »HeßicT'L« ist zu umfangreich, um für einen so speciellen
Begrifi" wie »HeBScTa», sei es auch in der urslavischen Zeit, verwendet
werden zu können. Es könnte ja auch der Bräutigam in gewissen Fällen
für die Verwandtschaft der Frau einen Unbekannten abgeben und warum
heisst er nicht neBicTi,? Wir sehen dabei ganz davon ab, dass bei den
primitiven Geschlechtsverhältnissen in uralten Zeiten kaum auch eine
psychologische Basis für diese Benennung vorausgesetzt werden kann.
Immerhin ist aber diese Etymologie viel wahrscheinlicher als die von
Fr. Prusik (Krok VI. 37, KZ. XXIII, S. 160) in Vorschlag gebrachte,
das Wort von vedh (altind. vadhüs^ durch die Vermittehing von *nevo-
veÄte (die Neuvermählte) abzuleiten. Dabei wird der Ausfall der ganzen
15*
228 V. Jagic,
Silbe vo vor ve vorausgesetzt, womit man sich nicht so leicht einver-
standen erklären kann.
Es ist aber noch eine dritte Erklärung unseres Wortes möglich,
die, scheint c?, von semasiologischen wie phonetischen Bedenken frei
ist. Man nehme das Wort starosta in Betracht, in welchem sta als Ad-
jectiv, abgeleitet von dem Verbum stati, fungirt. Desselbe in ein Suffix
verwandelte Adjectiv sta kann man auch in der letzten Silbe des Wortes
Heni-CTa erblicken. Den ersten Theil des Wortes könnte man als Lo-
calis eines Adjectivs *nevos (griech. vefog) auffassen, das Ganze würde
die Bedeutung »stehend in neuem Verhältniss« haben. Bei der grossen
Bedeutung der Ehe für das Leben der Frau nicht nur bei den Slaven,
sondern auch bei den übrigen Völkern, auf allen Stufen ihrer Cultur-
entwickelung, wird man einer solchen Erklärung des Wortes einen
grossen Theil der inneren Wahrscheinlichkeit kaum absprechen können.
Grigorij IlJinskiJ.
Zusatz. Zu diesen drei kleinen Beiträgen eines jungen russischen
Gelehrten, dessen Eifer jede Förderung verdient, will ich mir einige
Bemerkungen erlauben, die darauf hinausgehen ihm zu zeigen, dass
seine Erklärungsweise angefochten werden kann. Zu 1 möchte ich
ihn darauf aufmerksam machen, dass seine Behandlung des Suffixes -ha,
mag sie endlich und letzlich auch das richtige trefifen, der unläugbaren
Thatsache keine Rechnung trägt, dass dasselbe Suffix auch im Litaui-
schen und Lettischen vorliegt, folglich eine selbständige Betrachtung
desselben innerhalb des Slavischen, ohne Rücksichtnahme auf das Li-
tauische und Lettische, einseitig ist und zu unerweislichen Behaptungen
führen muss. Die Zeiten, wo man in M0Jib6a eine Zusammenrückung
zweier selbständiger Wörter M0./rh 6a herausfühlte, liegen sehr weit
hinter der slavischen Sprachindividualität, d. h. MOjitöa wird nach schon
fertigen alten Modellen gebildet sein. Allerdings weicht das Litauische
und Lettische mit dem langen 7-Vocal vor -ba von der slavischen Kürze
V vor -ha ab. Der Unterschied mag mit den Betonungsverhältnissen im
Zusammenhang stehen, vergl. ivejijha gegenüber mohhä. Allein an der
Identität der ganzen Wortbildung kann dennoch nicht gezweifelt wer-
den. Folglich hat der Slave als solcher nie -ha als ein selbständiges
Adjectiv gefühlt. Dadurch entfällt auch dieNothwendigkeit, bei MOJibßa
von einer Zusammenrückung, bei 3T.ji66a (man beachte auch hier den
Betonungsunterschied, doch nicht immer, denn man sagt xyAOÖa = hu-
Zur slavischen Wortbildung. 229
döba) von einer Zusammensetzung zu sprechen. — Zu 2. Die Ableitung
des Suffixes -stvo von der Verbalwurzel stu (lit. stoveti = stojati) hat
bedenkliche Seiten. Schon das litauische der Bedeutung nach am näch-
sten stehende Suffix ysta-yste (vergl. draugyste = Apoy^bcTBo) befür-
wortet die Ableitung von stu-stoveti nicht. Wenn man ferner bedenkt,
dass dem Suffix -ist^ (in KaMeHHCTTB, rojocHCT'L), das der Verfasser ge-
waltsam zu -tstüs, statt Utas, machen möchte, in ganz gleicher Bedeu-
tung noch ^t^ [kamenit, glasit) zur Seite steht, so wie man neben -at^
auch -ast~o kennt (vergl. hradat und bradast, litauisch nur barzdötas),
so wird man leicht zu dem Gedanken geführt, in dem Suffix -stvo das
s nicht für etwas wurzelhaftes zu halten, was der Fall sein müsste, wenn
dem Suffix das Verbum sta-ti zu Grunde läge. Vergl. solche Parallelen
wie dragost-drazest und dragota-dragoca, oder das adjectivische Suffix
-hsk^ (lit. iszka) und griech. -^/.ot; und -toy.og. Darnach scheint zwi-
schen M0.JiHTBa und MOJieöcTBie , was den Ursprung betrifft, kein so
grosser Abstand zu liegen, wie es nach der Ableitung, die uns hier vor-
geschlagen wird, der Fall sein müsste. — Zu 3. Was die Erklärung des
Wortes HeBicTa anbelangt, auch hier operirt der Verfasser mit sehr
kühnen Voraussetzungen. Ist das Wort, wie er es annimmt, eine indi-
viduell slavische Neubildung, so mürde man, von allen anderen Bedenken
abgesehen, zum mindesten *novesta erwarten, da für slav. hob-b kaum
eine Nebenform *7iem zu Hiife genommen werden darf. Auch die An-
setzuug eines Locals neve- neben staro-, die Ableitung des Wortes
CTapocTa von staro-sta zugegeben (die ich nicht für wahrscheinlich
halte), erweckt Bedenken. Schwerlich ist das Gewicht aller dieser Be-
denken geringer, als die nicht ohne Grund hervorgehobene etwas zu all-
gemein lautende Bedeutung des neBiexa :=: ignota. Uebrigens ist zu
bedenken, worauf auch ich schon seit mehr als 15 Jahren in meinen
Vorlesungen hinzuweisen pflege, dass die Bedeutung » eine Unbekannte «
die Lage der neu in das Familienhaus eingeführten Frau gegenüber den
mitunter recht zahlreich gewesenen Mitgliedern der Familie, nicht etwa
gegenüber dem Manne präcisirte. Darum ist auch der Einwand des
Verfassers betrefls des aceiiHxi-, warum auch er nicht *HeBicTi. heisst,
hinfällig. Er kam ja in der Regel nicht in neue, unbekannte Verhält-
nisse. Der Fall der Einheirath war so selten, dass noch jetzt ein sol-
cher Mann bei den Serben die wie ein Schimpf klingenden Namen uljezi
pripuz führt. V. J.
Kritischer Anzeiger.
Ejecnik hrvatskoga jezika, skupili i obradili Dr. Fr. Ivekovic i
Dr. Ivan Broz. Svezak II. P— ^. U Zagrebu 1901, gr. lex.-S»,
881 Seiten.
Ich habe den ersten Band dieses Wörterbuches vor Kurzem im Archiv
XXIII, S. 52 1 — 29, besprochen. Die grosse Bedeutung des Werkes wurde schon
dort nachdrücklich genug betont, jetzt ist sie durch die so pünktlich eingetrof-
fene Vollendung desselben selbstverständlich wesentlich erhöht. Es würde zu
wenig besagen, wenn ich dieses Wörterbuch für das gegenwärtig beste lexi-
calische Hilfsmittel der serbokroatischen Sprache erklärte, ich raiisste noch
ausdrücklich hinzufügen, dass es die grösste Verbreitung und Benutzung ver-
dient, weil sein reicher Phrasenscbatz ungemein lehrreich ist. Die in der
modernen Zeit, wo die massenhafte Circulation fremdsprachlicher Werke
einen jeden Schriltsteller zur Kenntniss mehrerer Cultursprachen zwingt, so
überaus gefährdete Reinheit des Stiles kann durch dieses Wörterbuch, wenig-
stens soweit es »ich um die richtige Construction im Satze handelt, wesentlicli
geschützt werden, da bei sehr vielen Wörtern der richtige Gebrauch derganzen
Phrase mit reichlichen Belegen erläutert wird. Alle Einwendungen jedoch
gegen die dem Werk zu Grunde liegende Idee, falls man ein vollständiges
Wörterbuch der modernen Literatursprache anstrebte, halte ich auch jetzt^
wo mir die zweite Hälfte des Werkes vorliegt, in vollem Umfang aufrecht.
Ich ^^ill nur die Versicherung wiederholen, dass ich bei der Besprechung der
ersten Hälfte, und so wird es jetzt bei der zweiten der Fall sein, allen meinen
Einwendungen eine solche Form zu geben bemüht war, wodurch das grosse
persönliche Verdienst der beiden Bearbeiter des Wörterbuchs ungeschmälert
blieb. Es ist ungefähr so, wie bei einer Bahn, die in Einzelheiten mit grosser
Sorgfalt ausgebaut wurde, aber die ganze Richtung derselben nicht glücklich
gewählt erscheint. Meine allgemeinen Bemerkungen fanden Billigung seitens
eines sehr angesehenen Vertreters der serbokroatischen philologischen Studien,
den ich hoch scliätzi^ und für kompetent halte, um darüber, was der serbo-
kroatischen Lexicograpliie abgeht, ein selbständiges Urtheil zu haben. Er
schrieb mir (24. Nov. lüol) wörtlich folgendes: »Pre kratkog vreraena primih
najnoviju svesku Arhiva i ne dospevsi da procitam u njemu, procitah po tom
u »Kolu« VasuocenuIvekoviöevaiBiozovarecnika. Malomi se sto tako dopalo
podavno, kao ta Vasa ocena. Prvo i prvo, sve mi se cini tacao i tako dobro
pogogjeno ; drugo, sve je zivo, novo i auvremeno i jasno kazano. Svi ti razlozi
Broz-Ivekovic's krönt. Wörterbuch, angez. von Jagic. 2J^ I
odredili su, vec pre desetak godina, i mene da predlozim nasoj Akademiji da
pocne pribiranje gragje. I ona je pocela i radi se dosta zivo. Ako se gde
kakva pogreska ne nacini — nase pribiranje se vodi dobro. Vasa ocena samo
ce im posluziti kao kula svetilja da ne zagju. Dobro skupljena i sregjena
gragja moze se, u ostalom, upotrebiti na vise nacina«. Leider scheinen meine
principiellen Bemerkungen nicht eine gleich günstige Aufnahme in Agram
gefunden zu haben. Zu dieser Ansicht musste ich auf Grund einer gegen
mich gerichteten Entgegnung kommen, die in der politischen Zeitung »Hrvat-
ska« 1902, Nr. 3 erschien, leider anonym, so dass man nicht weiss, mit wem mau
es eigentlich zuthunhat. Die Entgegnung bewegt sich in der schon seit Jahren
gewissermassen sanctionirten Tonart, so oft es einem Organ der öffentlichen
Meinung meiner Heimath beliebt, meiner Wenigkeit zu gedenken. Vor allem
werden die Leser in Unkenntniss gehalten darüber, was ich gesagt habe oder
im besten Fall nur ganz einseitig davon informirt. So wird auch in dieser
anonymen Entgegnung meiner Anzeige Mangel an kritischem Sinn, an Objec-
tivität und Bedacht vorgeworfen. Ich hätte im Ivekovic'schen Wörterbuch
lauter Ausdrücke, die mir durch ihr exotisches und uncorrectes Wesen auf-
fielen, gesucht und natürlich, glücklicher Weise, darin nicht gefunden. Daraus
hätte ich dann Waffen gegen dieses grosse Werk, das viel Mühe und Kosten
verursachte, geschmiedet. Also man wirft mir geradezu Böswilligkeit vor.
Dazu gesellt sich dann sehr leicht auch die Dummheit. Und mein Anonymus
zeiht mich in derThat auch einer Unwissenheit, die, wenn die Sache so stünde,
wie er sie darstellt, sehr nahe an Dummheit und Gewissenlosigkeit grenzen
würde. Er glaubt nämlich, ich habe seit 30 Jahren die Entfaltung der serbo-
kroatischen Sprache ganz aufgegeben zu verfolgen und sei jetzt noch in dem
Wahne befangen, dass die Kraft der Literatursprache in der anderen Hemi-
sphäre (d. b. der serbischen) liege. So habe ich mich verrannt und den leuch-
tenden Stern an falscherstelle gesucht! Dazu kommen noch solche kleine
Liebenswürdigkeiten, wie der Vorwurf des Mangels au Sprachgefühl für die
neueste Phase der stilistischen Evolution und der immer von neuem sich
wiederholende Vorwurf, dass ich allem, was aus Belgrad kommt, vor Agram
den Vorzug gebe. Wer meine Anzeige im Archiv gelesen, wird sich erinnern,
dass ich bei einem Wörterbuch, das Vuk's und Danicic's Sprache zur Basis
hat, vor allem aus Vorsicht die Frage aufwerfen musste, ob man sich auch
derzeit noch dort auf den lexicalischenVorrath Vuk's und Danicic's beschränkt
und beschränken kann. Ich sagte auch ausdrücklich, dass ich unter den von
mir gesammeltenAusdrücken durchaus nicht alle gut heisse (vgl. Archiv XXIII.
S. 527). Es handelte sich bei mir zunächst darum, zu constatiren, nicht gegen
Broz-Ivekoviö, sondern gegen das Wörterbuch Vuk's, dass es noch zahllose
schöne Volksausdrücke gibt, die im Vuk'schen Wörterbuch fehlen. Heisst
nun das »grundlos und schnurstraks« mit der Reinheit der Literatursprache
brechen? Wo hat Herr Anonymus diesen Unsinn in meiner Anzeige gelesen?
Was für neue Principe verkündige ich? Ich verkündige gar nichts neues,
wenn Herr Anonymus nicht das für neu und unerhört erklärt, dass ich die
Thatsache constatire, die serbokroatische Sprache habe seit der Zeit der
zweiten Auflage des Vuk'schen Wörterbuchs eine herrliche Entwicklnu";
232 Kritischer Anzeiger.
durchgemacht — und dass das Broz-Ivekovic'sche Wörterbuch gerade dieser
reichen Entfaltung nicht genug Rechnung geprava kusnica 24 (ich habe immer in meiner Jugend kujsnica gehört, von
kujsa), u tom hrastovlju 25, koja se digla u drvariju, 25, pseto mrzi na svakoga
zahogara 25, svagdje samilost i bozji blagoslov ib., gdje puna kuruza raste
gdje li pust siruk 26 (im Wörterbuch steht zwar sijerak, aber diese kajka-
vische Form mit i hätte sollen angemerkt werden), ali posluhnu ib., moram
popostajati 27, varuvo svjetlilo nocno 29, hjelokos bradat starac 29, pogleda
starca te ga ponese letimice nizbrdice 30, dodje na samotno groblje 30, srebrolik
dim 30, njegovim licem drhtnuU crte jarosti 30, po Jarostno?n nebu ib., da
cielomu svietu suprotrnUi kuni ib. (nach suprotiti nicht schön weiter gebildet),
svezanj mrljavih papira 31, snuzden okrenu se 31, bjese ovifsoka 32, sto saui tri
mjeseca na sjeniku spavao ib., odsulja se zaiostan 32, lice mrknputno 32, oci
crne kao kupinice ib., malen odrpan covjecac 34, mrk krzljavac 34, sujajastiini
dugmeti 34, pa se ide u rest 34, u gri/nfovnicu 35, mlieko i pvvrtelje 36, ne
treba mi tih \ 'dsih prnjaka 37, usiforintaci 37, znam kakva mu je podstava ib.
(diese Form des Wortes, ausgesprochen lautet es poctavu, ist gewiss richtiger
als postavu, darum ist auch die Ableitung von po und stuviti nicht richtig, es
sollte heisseu pod und staviti,, cvieca i Ucitaru 38 (man hat keinen Grund.
236 Kritischer Anzeiger,
dieses Fremdwort zu perhorresciren), ziva rumen (als Subst. fem. g. fehlt es im
Wörterbuch), zapenta krotko 39, na mrazu drhturiti 39, dost me se bieda na-
davila 39, ako psa ne nahuska na te 4(), vergl. valjda ga krtica /»«s/ca/a na
pravdaiije 50, d», prikrati put 43, udari precice poljem 43, proksen gospodicic
43, kao da ju je uesto zapeklo 33 (im Wörterbuch nur reflexiv), kad izminc
treca godina 46, sto se/^nec7/47 (vergl. tu da je pnet'Äa nasqj sredi 49), suze
ju pocese gutiti 47, da i zadnju kravu zapracdati moram 50, na zavrtnici za
svojim kucama 50, u Ijudskoj spodobi \h.
Ist Senoa ein kroatischer Schriffsteller, wird er sogar gern gelesen, wie
kaum bezweifelt werden kann, so müssten diese Wörter, mögen auch einzelne
von ihnen nicht ganz einwandfrei sein, in das kroatische Wörterbuch aufge-
nommen werden. In der That ist das gesammte ziemlich reiche Wortmaterial
Senoa's wenigstens eben so viel werth, wie die vielen aus dem Vuk'schen
Wörterbuch heriiborgenommenen türkischen und vulgären Ausdrücke des
Ivekovic'schen Wörterbuches. Aber die ganze Unbeholfenheit des Standpunk-
tes, den die Bearbeiter sklavisch einnahmen, wird merkwürdig durch folgende
Beispiele illustrirt: Senoa schreibt S. 7: uckakvo krato tankonogo sevrdalo da
ga d p u h n e s. Die Bearbeiter des » kroatischen « Wörterbuchs, die täglich das
Wort in ganz Kroatien hören konnten, wiederholen nur aus Vuks Wörterbuch,
das Wort werde in Perast gehört und haben nicht den Muth oder die Einsicht
hinzuzufügen, wenigstens so viel, dass man das Wort auch in Kroatien kennt!
Oder ^enoa schreibt S. 10: «Ti, ti si, Mikica, velika nistarija< . Auch
dieses Wort kennt ganz Kroatien, Vuk kannte es nur aus Slavonien, und die
beiden Bearbeiter hatten schon wieder nicht den Muth oder die Einsicht, um
entweder etwas hinzuzufügen oder wenigstens den einengenden Zusatz «in
Slavonien« zu streichen. Es fehltauch beim Wort dieAngabe, dass es zugleich
(oder vielleicht nur?) von den Personen gebraucht wird.
Seuoa schreibt S. 10: »Danas bijase Luka za cudo turohan«. Ganz Kroa
tien kennt dieses Adjectiv nur in dieser Form (so auch im Slovenischen). Die
beiden Bearbeiter glaubten denuoch das Wort erst durch den Hinweis auf
Bogdanovic's Material stützen zu müssen, verweisen zugleich auf die andere,
gleichsam besser begründete Form, auf turovan ! Hätte neben dem Zeugniss
Bogdanovic's nicht ihr eigenes Sprachgefühl sie veranlassen dürfen, wenig-
stens etwas zur Stütze der Form turohan hinzuzufügen?! Auch für das Wort
skulja citiren die Herausgeber nur Bogdanovic als Autorität, als ob das Wort
skulja nicht in ganz Kroatien eben so bekannt wäre w ie spilja, das sie gar
nicht erwähnen (wir sahen es oben bei Mazuranic). Oder das Wort zcakatv
allgemein bekannt, führt noch jetzt den überflüssigen Zusatz »osobito u
Srijemu«! Waium »osobito u Srljemu«, da mau in ganz Kroatien auch nur
so spricht ! ?
Senoa schreibt S. 18: onaj izmet svieta sto ga je opacina, stu ga grieh
skupio bio. Auch dieses Wort kennt ganz Kroatien. Belosteuec hat es schon
in seinem Wörterbuch, und doch wiederholen die Herausgeber aus Vuk's
Wörterbuch den Zusatz »u Poljicima«. Für Vuk's Gewissenhaftigkeit war das
ein rühmliches Zeugniss, aber soll man denn immer auf demselben Fleck blei-
ben und nicht über Vuk in unseren Kenntnissen hinaus gehen? !
Broz-Ivekovid's kroat. Wörterbuch, fixigez. von Jagid. 237
Beim Wort dvoriste liegen zwei Bedeutungen vor: einmal die gewesene
und dann die gegenwärtige Hofstätte. Die Herausgeber machten daraus zwei
verschiedene Wörter!
Beim Wort spretan steht nach Vuk nur die sachliche Bedeutung von
einem nicht viel Raum einnehmenden Gegenstande. Nun weiss man aber, dass
in Kroatien das Wort auch von einer geschickten, anstelligen Person gebraucht
wird, z. B. .Senoa sagt (S. 41): jer bi bas ona spretna, prikladna bila. Warum
sträubten sich die Bearbeiter dieser Bedeutungserweiterung in ihrem Wörter-
buch Rechnung zu tragen? Nur selten geschieht das wirklich, z. B. s. v.
zamjera steht wirklich ein Zusatz, der die volksthihnliche Bedeutung des
Wortes auch für Kroatien in Anspruch nimmt. Leider ist eine solclie Eman-
cipation viel zu selten anzutreffen.
Doch lassen wir Senoa, wenn schon die beiden Bearbeiter wirklich
glaubten, mit einigen trefflichen Ausdrücken seiner Prosa ihr Gewissen nicht
belasten zu müssen, obschon Senoa als Schilderer Provinzialkroatiens berech-
tigt war, ebenso die lokale Couleur zu pflegen, wie Ljubisa, wenn er Monte-
negro und Bocche schilderte, wie Vrceviö, wenn er den Witz Hercegovina's
zum besten gab, wie Milicevic, wenn er das serbische Dorfleben vor unseren
Augen aufleben lässt. Alle diese Schriftsteller gehören gleichmässig und
gleichberechtigt in ein Wörterbuch der modernen serbokroatischen Sprache.
Doch, wie gesagt, lassen wir ^enoa, wie wird man aber die Lücken des Wör-
terbuchs entschuldigen, die ich wahrnahm, als ich die kernige Sprache Pav-
linovic's einer ähnlichen kurzen Probe unterzog? Pavlinovic geht mich
als Politiker nichts an, aber als kroatischer Schriftsteller beherrschte er die
reiche Sprache Dalmatiens in einer Weise, die alle Achtung verdient, und es
hätte dem akademischen Wörterbuch gar nicht zum Nachtheile gereicht, wenn
es diePavlinovic'sche Sprache in seinen Wortschatz aufgenommen hätte. Ich
nahm auch hier « voraussetzungslos « dasBüchlein «Pjesme iBesjedeMihovila
Pavlinovica« (Zadar 1873) zur Hand und beschränkte mich auf die Schilderung
der »Kotari« (S. 35 — 84;. Folgende, meist herrliche Ausdrücke, die jedem
serbokroatischen Wörterbuch zur Zierde gereichen müssen, fehlen im Broz-
Ivekovic'schen Wörterbuch: kada gvozdan Biokov zajelcne 35, jeda li de mutni
podvedritiih., kroz te hridne jj/ü'ar* karinske ib., vgl. kuzna spara iz plicavi
Ninske 74, (ich kenne die Bedeutung dieses Ausdrucks nicht) 35., u osjenje
Zrmanji spanerao ib., mrzovoIp>a,jor/uiia, nakera ib. (die beiden letzten Adjec-
tive mögen Pavlinovid's Eigenthum sein), na krvavu gudnju s Velebita ib., u
to kolo zhiicana vrtloga ib., ogoljene göre i sumeti ib. (vergl. gdje se momce
vere po sumetu 57), zakrldjale poljem potocine 36, sam se Ijutez iz ravna po-
malja 37, okostnica starieh kotara ib., i svojiem zanudjali Ijudstvom ib. (vergl.
lava zanudjaju odkinutim udim 44, rajesto kriza znnudja sabalja 47), i bedeme
sruse zidoderi 37, da se pamet vrza cudna povjestnim vrzivomZS, gdje seKrka
mamna raspljiiskuje 38, netora se je grebenju otela ib. (dieses Collectivum von
greben fehlt im Wörterbuch), u samoti slapa 39 vergl. oh ne placte na svietu
samote 77, i samotii u praznome duhu, kada Biidim ne uhrani kralja 41, toga
slavlja rodu hrvatskome 41 (vergl. nad se izvor narodnome slavlju 42), odkle
njemu kolje dohrovolje 42, svoje ozleäio duse 4.i, da sega na tudje dvorove 43
238 Kritischer Anzeiger.
(im Wörterbuch nur reflexiv;, da se gozdnim kopitom pricepi 43, porlastice
dieli; zaduzbine 13, zatrapila silüe, glasovite 43, jer sj'aj pred njiiu sjaje 43,
smamüi se primorski gradovi 44 (vergl. 48 smamio se, im Wörterbuch fehlt
diese Bedeutung), al' je sveto ali pirba banu 45 (öfters jnrba bei Pavlinovic),
jali miadu umahne kotarku 45 (vergl. veselilo kadam umahnuUm 54. diese ur-
alte Bedeutung für das spätere o^^i;«,o^/m'ca verdient hoch geschätzt zu werden),
olis parca jal' doliza podia 45 (das Wort doliz mag Neubildung sein), nema
gosta do suinja zahovna 45, u Bosni se rane razvriedile 46 (vergl. Bosni tuznoj
razvriedile rane 48, vergl. russ. passepeÄHTB in derselben Bedeutung, ein präch-
tiger Ausdruck), saklalo se psenje 1 skosilo 46, jednom reznu vuce iz peöine 46
(gehört zu rezati], podstrekao primorske gradove 46, mrtvo tielo kobno ras-
cjepkanje 47, odkle zamef jadu tolikome 47 (diese Bedeutung, jetzt üblich,
fehlt im Wörterbuch), neraa varke nema zaklonika 47, svetogrdne ruke oprljao
47, kraljskom krvlju kriza nastrapao 47, tri vladike u raskol zagrezli 48, car
rumene zagriznu jabuke ib. (fehlt diese Form), avaj glava o kopiscu breci 49
(mir nicht ganz verständlich, scheint zu bedeuten »riba od glave smrdi«,
kopisce ist auch im kajkavischen bekannt), pmznoruka osta sirotinja 49, odkud
coban vtknuti vitestvu 49 (vergl. oben bei Mazuraniö vikö), da ohakla ovce raz-
bludnice ib., kako Turkom na susrete stupa ib. (im Wörterbuch nur Singul.),
Spljet ne bio tursko vafjaliste 50 (vergl. valjaliste vojsci nevjezbanoj 53), duh
nebeski na Spljet se nadvija 50 (diese Form fehlt im Wörterbuch), u bieg krenu
bez traga bulince ib. (vergl. im Wörterbuch balija), tko to kaza' z%jale hrvatske
51 (vergl. nije njemu do kotarskih^a/a 59, da vidaja/e nevidjene 61, das Broz-
Ivekovic'sche Wörterbuch hat das Wort ja/ überhaupt nicht, das akademi-
sche citirt für diese Bedeutung, bijeda, nevolja, nur Grga Martic, mau sieht,
dass auch Pavlinovic die Bedeutung kannte und gern das Wort anwendete),
on se tuca i sviet obija 51 (diese Bedeutung fehlt, vergl. tucak: der Bettler),
eto turskom uspora bjesnilu 51 (auch dieses Wort ist im Wörterbuch Broz-
Ivekovic nur einseitig nach Vuk behandelt), ti poviedaj svietu kroz viekove
52 (auch hier haben sich die Bearbeiter enthalten zur Bemerkung Vuk's, dass
das Wort in Risan gesprochen werde, wenigstens das hinzuzufügen, was sie
wissen mussten, dass ganz Kroatien das Verbum kennt!), al' se javi pomirljiva
duga 52, sa svih strana Hrvat se blamio 52 (dieses Wort verstehe ich nicht),
Imotsko se ubavo skitilo 53, sve se nase predigte krajine 53, jake ruke u pro-
zobna trupla 53 (mir unverständlich), svika' pusci i zidjezu Ijutu 54 (citirt von mir
wegen der Consti-uction), krvare se dva susjedna sela 54, kako tovni u priuzi
voll 55, kano Stada u zasjeku gustu (bei Vuk, also auch Broz-Ivekovi<5, nur
Femininum), pusto lozje sto bezdusnik srazi 55, a ti na put kada tmine glunu
55 (citirt, um das im Wörterbuch gegebene zu beleuchten), nema uikog hudoj
jugmenici ib., kisajii se najraljeni djeveri 55 (im Wörterbuch ohne se, auch das
akad. Wörterbuch kennt ein solches Beispiel nicht), kako vristi silnikn naruci
55, gdje se hrani putnicka okrepa ib., jer da su ga runtoci zacnli 56. deveti se
ponosi ubojstvom ib., priskocilo drustvo zlokobnika 56, covjek porinuo zlicimice
ib., eto na te srdna i manena ib., tesko kuci kojoj okastüa (mir unverständlich),
jel' ognjista jeli zaklonista 57, zlo ti zaklon, göre ogrijanje 57, w potrietnu za-
lostne zadruge 57 (Vuk, also auch Broz-Ivekovic haben n\xv prjtremak), vergl.
Broz-Ivekovid's kroat. Wörterbuch, angez. von Jagic. 239
ib. äve potriemi i ]iiYe zagorske, da navuce kukre i gUhe'zi 57 (das Wörterbuch
kennt nur kukrika], gdje te majka diveseCom cuva 57 (das akad. Wörterbuch
hat das Wort aus Pavlinoviö's Sammlung, wahrscheinlich dasselbe wie
devesi/j), sliepo sudbovanje, sto sudba sudhovala ib., i gdje 1' suze na sjarm-
Ijene duse 59, vec da mrtvom rastuzuju sjenom ib., braca jesmo ujedanak zovu
60 (im Wörterbuch nur mit der Präposition na, das akad. Wörterbuch kennt
doch auch ein Beispiel mit m), da otire suzu otajnicu Gl, svojim duhom da
zrcalo svMi 61 (mir unklar), kad zlikovcu krvava pohlepa srca siri 62 (das
Wörterbuch hat zwar das Wort, es sagt aber [nach Vuk] dasselbe sei in Ra-
gnsa [in Dubr.] bekannt; nun hätten aber die beiden Herausgeber doch hinzu-
fügen können, dass auch ganz Kroatien das Wort kennt, schon Belostenec
führt es an!;, tko odoli razhucanoj strasti (das Wörterbuch hat nur razbuciti]
ib., tko pretvori neljudstvo ii Ijudstvo ib., i vase su proincave umi ib., al' je
vasa oplitka rnndrika 63 (vielleicht ist mudrika ein Druckfehler für mudrinal),
i vasi su krivostrani sudi ib., sto kroz sviesti u dnoca prodice ib. (ist das De-
rainutivum von dno?), obaraju suzom od oprostu ib., daj ti meniradisne zupnike
ib., kad mlad putnik zakon ohi-sio 6A (bedeutet also nicht nur das, was bei
Broz-Ivokovic steht, sondern auch ohne üble Nebenbedeutung), tko hut prasci
tko veze kokosku ib., luda djeca oci izdrecila 65 (vergl. zapjenio oke zadrecio
61),pripelin sklada i napredka ib., aP tu oka potremdo nije 66, spali druzi u
cvmxjapaiju 67 (im akad. Wörterbuch ist das Wort belegt), progara svaka suza
kroz sree 6S, strepmc, zdrinnn, vuk gorski probliedi 6S, pa se mlade takmile
kotarke 71, dat' upute kroz ta praznovjerja 72, ovaj .pita od ukolja vuka 72,
stirka moli od srca poroda (im Wörterbuch nur sttrkinja), a susjeda od ukose
lieka ib., kravi mlieka i sebi pocitka ib., i vinova loza zapupüa 73, jedan zeze,
}QA&npodjanije 74 (im Wörterbuch nur podjariti), sjever suhi ispuhao stiene
(im Wörterbuch nur reflexiv), a domecu izZap» skradinski ib. (statt ishlapi), sto
su njima dragali livade (seil, janjci) 75 (vergl. lipu draga dih lahora tiha 76),
rodne voöke, jüase i topole 75 (was bedeutet dieses Wort?), da iz blata razgone
natruhe ib., paJjeznika otmicara tata (wohl paleznika) ib., zloudarne ruke po-
stetljive ib., al veselo korom projanice 76, kada sama na zrenike lazi 77, nit'
spomena ugojnoj Ijepoti ib., od te spare i gTadjanske tisme 78 (das letzte Wort
nicht nur in Syrmien, wie es ursprünglich bei Vuk stand, und auch nicht bloss
in der Lika, wie es bei Broz-Ivekovic nacii Bogdanovic hinzugefügt wird,
sondern aucli weiter unten in Dfilmatien bekannt), nit' ogrijat suza kajalica 78.
Auch diese Auslese aus einem olme jede Berechnung gewählten 1 361 Verse
umfassenden Gedichte bedarf keines weiteren Commentars. Ich hätte selbst
nicht geglaubt, wenn ich nicht dieses Resultat durch eigene Prüfung erzielt
hätte, dass diese moderne Sprache, mag man sie kroatisch oder serbisch
nennen, gleichviel, so weit den Wortschatz des Vuk'schen Wörterbuchs hinter
sich zurücklässt. Was für eine Lehre folgt aus dieser Thatsache für das
Broz-Ivekoviö'sche Wörterbuch .' Das Werk bedarf einer Ergänzung, wenn
es ein Wörterbuch der gegenwärtigen Literatursprache werden will. Darüber
kann keine gegen mich gerichtete Polemik hinwegtäuschen. Auch die An-
kündigung eines eigenen Vortrags des Hochwürdigen Herrn Dr. Ivekovic,
i dem ich die von der Agramer Akademie zu Theil gewordene Auszeichnung
240 Kritischer Anzeiger.
aus Herzen gönne, in der Akademie selbst kann an der Thatsache, dass das
Wörterbuch lückenhaft ist, nichts ändern. Es bleibt also nur eins zu thun
übrig, was man von der Opferwilligkeit des Herausgebers dieses Wörterbuchs
vielleicht erwarten könnte: er möchte sich entschliessen, zu seinem jetzigen
zweibändigen Wörterbuch noch einen Ergänzungsband zusammenzustellen,
der zunächst nur die Wörter der modernen Literatursprache enthielte, die in
dem jetzigen Umfang des Werkes fehlen. In dieser Weise hat Prof. Kott sein
böhmisches Wörterbuch ergänzt. Bei einer Neuauflage könnte dann die Er-
gänzung in die alphabetische Reihenfolge aufgenommen werden. Auf diese
Weise würde Herr Dr. Ivekovic seinen Verdiensten die Krone aufsetzen. Aus
Hochachtung vor der wirklichen Mühe, die schon der jetzige Umfang den
überlebenden zweiten und älteren Herausgeber gekostet, ratheich ihm, diesen
Weg einzuschlagen und bitte dabei, die in meinen beiden Anzeigen enthaltenen
Winke gefälligst zu berücksichtigen.
Ich weiss, dass man gegen meine Einwendungen vorbringen wird, das
Werk sei vor allem bestimmt, den Vuk-Danicic'schen Sprachschatz in den
westlichen Gegenden des Sprachgebietes möglichst zu verbreiten, zu be-
leuchten, zu popularisiren. Dass ich nichts dagegen habe, wurde schon gesagt.
Niemand anders kann die Mustergiltigkeit dieser Quellen höher schätzen, als
ich. Ich' muss jedoch abermals wiederholen, dass jetzt die Sprache Vuk-
Danicic's nicht mehr ausreicht, die culturelle Entwickelung der Kroaten und
Serben ist jetjt schon diesem Kleide entwachsen und die Aufgabe eines
modernen Wörterbuchs besteht eben darin, dem Wachsthum des Wortschatzes
vollauf Rechnung zu tragen. Ich könnte das auf keine bessere Weise illu
striren, als durch den Hinweis auf einen hochgeachteten Dichter, den man
neben Grgo Martid als den Senior oder Nestor der kroatischen Literatur be-
zeichnen darf, durch das Beispiel Trnski's. Es ist gewiss auf dem ganzen
Sprachgebiete, für welches dieses Wörterbuch vor allem bestimmt ist, kein
zweiter Schriftsteller zu finden, der so gut den ganzen Wortschatz des Vuk-
schen Wörterbuchs kennt und in seinen Werken anzuwenden versteht wie
Trnski. Er geht in der Verwendung des Vuk'schen Wortvorrathes vielleicht
dann und wann sogar zu weit, d. h. er pflegt statt der guten, allgemein be-
kannten Ausdrücke, einen vielleicht zu grossen Spielraum in seinen Werken,
minder bekannten oder gebräuchlichen, aber in das Wörterbuch Vuk's mit
einerjbestimmten Bedeutung eingetragenen Wörtern zu überlassen. Dadurch
machen seine Gedichte und Erzählungen in Versen leicht den Eindruck einer
gesuchten, nichtsweniger als einfachen, natürlichen Ausdrucksweise. Allein
um das handelt sich jetzt nicht. Im gegebenen Falle ist wichtig zu constatiren
die Thatsache, dass Trnski ein vortrefflicher Kenner der Sprache des Vuk-
schen Wörterbuchs ist. Schwerlich erreicht ihn in dieser Hinsicht ein zweiter
Schriftsteller, gewiss steht er keinem nach. Und reicht etwa dieser Vorrath
des Vuk'schen Wörterbuchs für Trnski aus? Ist er ein so ausschliesslicher
Purist, im Sinne der Beschränkung auf das Vuk'sche Wörterbuch, wie im
Broz-Ivekoviö'schen W^örterbuch, dieser Standpunkt engherzig vertreten wird?
Dafür will ich ein Beispiel geben. Ich wähle absichtlich aus Trnski's dichte-
rischen Leistungen eine im J. 1890 erschienene, im leichten Genre geschriebene
Broz-Ivekovic's kroat. Wörterbuch, angez. von Jagic. 241
romantische Erzählung, welcher eine geschichtliche Volksüberlieferung aus
der Gegend von Kostajnica zu Grunde liegt. Das Büchlein ist unter dem
Titel »Ana Loviöeva« bekannt, umfasst 104 Seiten mit einer Vorrede auf vier
Seiten. Ich unterzog mich nun der Mühe, alle hier von Trnski angewendeten
Ausdrücke, von denen ich einigermassen im Zweifel war, ob sie im Wörterbuch
Broz-Ivekovic's vorkommen, nachzuschlagen, und gelangte schon wieder zu
dem nicht mehr überraschenden Resultate, dass Trnski auf jeder Seite einige
Ausdrücke anwendete, die man in dem neuen Wörterbuch, sei es überhaupt
nicht findet, oder wenigstens in der vom Dichter gebrauchten Bedeutung
nicht. Ueber drei Hundert solcher Wörter habe ich mir angezeichnet. Ich
will sie nicht alle aufzählen, aber wenigstens einige seien erwähnt, um zu
zeigen, dass das meistens alte Bekannte sind, die man nicht als Neologismen
Trnski's (es gibt allerdings auch solche) einfach über Bord werfen kann: baha-
tost, beznadje, hlizina, hogoduh, briznik, cilikati, za-, cinik (auch iinik), cetica,
culo, delac, diljem, doglasitt, dolandati, dojimati se, domar, domoljuban, doseg,
dostojnik, dnsulj'ati se, dotescati, dragota, dragulj, drugaciti, (^«6 (Tiefe), dvorilac,
ginba, glibiti, gnjus (im Wörterb. nur gnits), grmecak, grozota, grstan, gud, hra-
nilac, hiilja, imetak, iskukati, isprostrance, istolik, izbavijaj, izbavnica, izmirba,
jasilac, jedrenjak (brod), jecaj, komiti (in anderer Bedeutung), koraknuti, kre-
menjak, kret, krivvja, Är«£a<i (Kreuz machen), krvnikovati, lahor, last 2idiy,lecnuU
se, Ijutav 8. f., maran, martiik, micenica, micenik, mitnjak (in anderer Bedeutung),
milak,mracaj, nakuciti,nakucaj,namjerce, namrijeti, napadnik, naslov, naslucaj,
naselac, naseljaj, naslanik, nasiti se, naum, naumce, nenaumce, neduznik, nelast,
neman, neracan, neprestance, nevidomce, neviko, nice, nizvodice, obdujJsti, obraynba,
ocajni, odrjesitost, odskakutati, ozdravljati, okrepa, oprezce, osjecaj, oziinni,
oziv/jaj, pah, papnuti, parobrod, patcoriti, pecal, peritt (öfters bei Trnski),
pijelo, plocnik, poduvtiiti se, podizanje (diese specielle Bedeutung fehlt), pogi-
belj (im Wörterbuch fehlt diese Form), pogwjati, poglegjaj, pohranjivati, pokrs-
caj, pomamnik, poodahnuti,poodsijecati, popomahnuti, popriste, poposjediti, poru-
kovati se, posada, posj'ed, posmjeh, postavati, povladak, povodnik, pozir, 2^ozvo-
njeti, praviti se (^pravdati se), predociti, pregorljiv, pirekopitnuti, prelo (Inder
Bedeutung: Loch), premac, premuciti, preopak, prespalo, prezir, preznja, pribli-
zaj, pricescaj, prikladnik, p)riJiricati, primignuti, primisalj, pripit, j^ripomenuti,
prisijedati, privola, probit s.f. g., rodiste, rugalica, ruglo, runien s. f.g., samohval,
sijev, siliti, sihnk,skoncati (in der Bedeutung: tödten], skorlatiti,skupljaj,slovitt,
sluzinski, sluzbovati, sluskati, smijuckati, smjer, srnijesak,smjestati,smrinik,snatri-
ti, S7iatrenje, spasenik, spetiti se, spoj, spretnost, srodba, starovjek, stanka, stistaj,
strazilac, sugragjanin, svojilac, svojtljivost, svjetlaja, svjez, svesrdice, salan, sar,
stedimce, sumni, suVjiv, tamnik, tap, tapati, tihoca, tijec, tinik (auch cijiik), tje-
dan, trenjak, tronuce,ubavost, uglavce.uklinjati, umijece,umjetnica,upit,uskrata,
uskratiti, ustavljac, utvrdn, uza, uziti, uznik, uzbibati, uzdaj'a, iizdanik, uzvelicati,
uzvodice, velicajni, velmoznica, vidok, vijeno (Mitgift), vocar (in der Bedeutung
des Obstgartens), voljhi, vrijednja, vrelica, vrelski, zahrecaj, zaiskriti, zakrilnica,
zmiosan, zaokupljati, zarobljaj, zasjednik, zaskocaj, zastifnica, zavicajni, zavidnik,
zavjetnvan, zavreda, zazaraj, zborar, zdusan, zdvojno, zirnuti, zlohudnik, zlohud-
nica, zloumnik, zov, zrcati, zalan, zalobiti, zaloban, zaoba, zenskad, zuran, zurimce.
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 16
242 Kritischer Anzeiger.
Mag man einen noch so strengen Massstab auf die Auswahl des Wortvor-
rathes für ein klassisch sein wollendes Wörterbuch anlegen — wie viele Hun-
derte von Ausdrücken müssten dann aus dem Ivekovid'schen Wörterbuch
ausgemerzt werden? ! — so wird man doch nicht behaupten dürfen, dass nicht
der bei weitem grösste Theil dieser kleinen Blumenlese aus einem einzigen
Werk Trnski's (von ganz geringem Umfang) Aufnahme finden müsste.
V.J.
^p. JI. MHjiexHyb. 'y^.ieHi.T'B bi. öijirapcKHH h bi> pyccKHH gshk'l
(Miletic, Der Artikel in der bulgarischen und russischen Sprache) .
SA. aus CÖOpHHK'L 3a HapO^HH yMOTBOpeHHH B. XVIII. Co*HÄ 1901.
gr. lex.-S*^, 65 Seiten.
Prof. L. Miletic, seit langer Zeit mit der Erforschung der Schicksale des
bulgarischen (postpositiven) Artikels beschäftigt, gab vor kurzem eine neue
Studie über den postpositiven Artikel in der bulgarischen und russischen
Sprache heraus. Im Vergleich zu seinen früheren Forschungen enthält diese
letzte Arbeit manches Neue und Interessante sowohl hinsichtlich des Materials
wie auch hinsichtlich seiner Hauptansichten über die Entstehung und Ent-
wickelung der mit Artikel versehenen Formen in den erwähnten slav. Sprachen.
In der Einleitung (S. 3 — 8) gibt er die Uebersicht der Literatur über den Ar-
tikel im Bulgarischen, polemisirt mit denjenigen Gelehrten, die im bulgarischen
Artikel eine Entlehnung von den Nachbaren (den Rumänen-Jagic oder Rumä-
nen- Albanesen-Hasdeu) erblicken, setzt seine Ansicht auseinander. Wie früher,
so auch jetzt, hält Prof. Miletic den bulg. Artikel für eine Originalerscheinung,
einheimisch und organisch entwickelt; doch zum Unterschied von seiner
früheren Ansicht über die verhältnissmässig späte Entstehung des bulgarischen
Artikels auf syntaktischem Wege (0 clanu 51) findet er jetzt für nothwendig,
die Entstehung des Artikels im Bulgarischen der vorgeschichtlichen Zeit zu-
zuweisen, und eine Vorstufe davon erblickt er in der zusammengesetzten
Declination der Substantiva, die nach seiner Annahme in der bulgarischen
und russischen Sprache nach der Analogie der zusammengesetzten Declination
der Adjectiva sich entwickelte; das soll in der Zeit der Gemeinsamkeit der
russischen und bulgarischen Slaven in irgend einem Winkel ihrer Urheimath
vor sich gegangen sein (^jieHxxx, S. 7—8).
Im ersten Capitel wird die Evolution des bulgar. Artikels gegeben. In
vielen Fällen der postpositiven Anwendung des Pronomens xi. in altkirchen-
slavischen Denkmälern (Codex suprasl., Assem.evang.Zograf. evang.) erblickt
er »unzweifelhafte mit Artikel versehene Formen«, führt solche Beispiele an
aus dem Hexemeron des Joannes Exarchus Bulgaricus, aus einem Chludov-
schen Triod, aus einem Evangelium saec. XIII von Ryla, aus den bulgar. Ur-
kunden des XIII. Jahrh. , aus den Codices miscellanei des XVII. — XVIII. Jahrh.
und aus den modernen Volksdialekten, wo sich Beispiele des flectirten Artikels
erhalten haben.
Miletic, Der bulgar. Artikel, angez. von Chalanskij. 24'^
Die von Miletic aufgezählten Beispiele lassen keinen Zweifel übrig, dass
der Anfang des bulgarischen Artikels weit, bis in die älteste Periode der
Sprache zurückreicht und dass im Verlauf von 1000 Jahren, seit der Zeit der
Wirksamkeit der beiden Apostel Kyrill und Methodius, der Artikel im Bul-
garischen eine ununterbrochene Evolution durchgemacht hat, die man an der
Hand der Denkmäler verfolgen kann (S. 22). Diese Evolution bestand in dem
stufenweise vor sich gehenden Verlust der demonstrativen Natur des Prono-
mens und der Casusflexion. Nur in der Interpretation der Fälle der postposi-
tiven Anwendung des Pronomens tx in den altkirchenslavischen Denkmälern
können wir uns mit Prof. Miletic nicht einverstanden erklären. In den von
ihm angeführten Beispielen (S. 11): öiaxA bt. ropaxt BBp&iuTaimuiTe ca bi.
CTinaxt blcb äbhb it h ta houitb (cod. sup. 23), ta ace bhä^bt. rocnOÄHHt ehb-h
•xoKi (ib. 159) und ähnlichen, erblicken wir nicht die mit Artikel versehenen
Formen, sondern Fälle der postpositiven Anwendung des adjectivischen Pro-
nomens TT. in der reciprok-demonstrativen, anaphorischen Bedeutung (Brugm.
Delbrück Grundr. IV, § 218, S. 502). Zugleich halten wir für unerwiesen die
Behauptung Miletic, dass es im Altbulgarischen eine eigene zusammengesetzte
Declination derSubstantiva gegeben habe. Die ältesten altkirchenslavischen
Denkmäler zeigen eine freie Anwendung des Pronomens tt, sowohl in der
Postposition wie in der Anteposition der Nomina. Fügen wir hinzu, dass die
Postposition des anaphorischen Pronomens sa schon im Sanskrit begegnet,
wenn auch in Ausnahmefällen, hervorgerufen durch metrische Rücksichten :
Indram tam ahve (RV. I. 211, u. Delbr. Syntax 502).
Im zweiten Capitel gibt Prof Miletic eine übersichtliche Zusammenstel-
lung der aus den russ. Denkmälern geschöpften Daten, die sich auf die Ge-
schichte des Artikels in der russischen Sprache beziehen. Sein unverkenn-
bares Verdienst bildet dabei einerseits die gehmgene Gruppirung des bisher
schon bekannt gewesenen Materials, anderseits die Bereicherung desselben
durch neue Zeugnisse über die Schicksale des Artikels im Russischen im
XVII. Jahrh., auf die er zuerst hingewiesen (Die Schreiben des Garen Alexej
Michajlovic an den Patriarchen Nikon, und die Beschreibung des türkischen
Reiches von einem Unbekannten, der bei den Türken in Gefangenschaft war).
Wir schätzen hoch die von Prof. Miletic zugegebene Identität des postpositiven
Artikels im Bulgarischen und Russischen, doch halten wir dafür, dass seine
These von der Existenz des Artikels in der altrussischen Sprache vor dem
XV. Jahrh. einer nachdrücklicheren Stütze bedarf, und auch die Frage von
der Verbreitung des Artikels zu jener Zeit im Russischen weitere Nachfor-
schungen erwartet, da die aus derHypatius-Chronik und aus den Reden Georg
des Grossen angeführten Beispiele nicht ausreichen. Der Verfasser hat eine
bedeutende Anzahl von Fällen der Anwendung des postpositiven Pronomens
T-B in den alten südrussischen Denkmälern unberücksichtigt gelassen, z. B. in
der Vita des Theodosius Pescerskij (XI s., im Text des XII s.), in der Reise
des Hegumenos Daniel in das heil. Land (XII s., imText des XV. Jahrh.) u. s.w.
Die Fälle sind zumTheil mit der Anwendung des anaphorischen postpositiven
Pronomens xt, in den altkirchenslavischen Denkmälern (bei Miletic angegeben)
identisch, zum Theil liefern sie unzweifelhafte Fälle eines postPOsitiven Ar-
16*
244 Kritischer Anzeiger.
tikels. In der Reise Daniels ist die Zahl der Fälle des wirklichen Artikels
grösser als in der Vita Theodosii von Nestor: »h Kr^a BtcxoTi jhmth bx
KaHÄu;io Macjio to h ce Buai mbiiub BmaÄ-Binw btj hk MBptTBoy luiaBaiomoy
BT> HKMB : Taqe CKopo lUBÄT. CBHOBiÄa öJiaaKeHOMoy rjiarojiH, hko cx bchkbihmb
OyTBBpBHCeHHffiMB ÖiXT) nOKl)'H-!Il. CBCOyÄlT-B CB MaCJT.MB, II He Bist ® KOyflS
B'BJiiae raÄ-Bx-B h oyione« (Sachmatov u. Lavrov, CöopmiK'B XII b. S. 78). —
H laKO BtsEpaiHCTacA B-BCHATB. II KÄHHOMoy ciÄtmH) Ha CTOJii TOMB öpaia H
OTBiia CBOiero, ÄpoyroMOy ace B'BSBpaTiiB'Binioca bx oöjiacTB cboh) (ib. S. 85). —
Ja noycTHTB cb humb cnna CBOiero fla chäctb Ha cto Jii tomb (ib. 32). — A
Äpyroe ÄpcBiie eciB jiajo, oöpasoM-B hko ocnHa, ho cctb hmh apeBHio TOMy
paKa (Var. cxypaKa, CTHpaKa, Styrax officinalis); ii cctb B-BÄpesiiH TOMt
qepBB BeJHKX, HKO HOHOpOBt B-B ÖOJii eCTB, 3a KOpOK» ÄpCBIia TOTO, H TO^HTX
apoBiie TO gepseirB h ucxoäht'b h3x apesiia loro gepsoio^iHHa la hko
CTpyöbi mneHH^HBi h na^aiOTTb ori) Äpesiifl loro hko luieä BBiuiHeBBiä (SChtbc
D xo3ceHBe J^aniiMa,. IIpaBOCJi. najiecT. cöopH. III h IX bbiii. 0116. 1885, S. 9 — 10).
Ctoht-b ace na B03/iyci KpecTon., hhihm-b a:e He npiiÄepacHTCH k-b seMJii (ib.
S. 11). Toraa acen t-b KaMCHB npociÄeca HaAi» rjaBOio AflaRiJceio h tok> pas-
ctJiuHOio cHHÄe KpoBB H BOÄa HS-B peöpx BjasBiiCHB Ha r.!iaBy AsaMOBy ii ombi
Bca rpixBi pcaa ^.lOBi^a. H cctb pasciJiHHa la na KaMCHU tomt. h äo
ÄHeniHJiro ane, 3HaTH eciB na aecHiii cxpaHi pacnaTiü rocnoÄHa snaMenie
TO qecTHoe (ib. 20) u. s. w.
In syntaktischer Beziehung ist der Gebrauch des postpositiven Prono-
mens T-B in der »Reise Daniels« ganz entsprechend dem Gebrauch des Ar-
tikels -TT. in jenen nordgrossrussischen Mundarten, die ihn bis auf den heu-
tigen Tag gebrauchen. Z. B. nach den Worten Pokrovskij's wird von den
Bewohnern des nordwestlichen Theils des Gouvernements Kostroma »der
alte Artikel (-t-b, -la, -to, -ly, -tt&, -tu) immer nur in solchen Fällen an-
gewendet, wenn der Gegenstand, zu dessen Namen er hinzugefügt wird, ert-
weder bereits im Gespräch genannt wurde, oder wenigstens nach der Voraus-
setzung des Redenden, sowohl im eigenen wie in den Gedanken des Mitredners
vorschwebt: sieh' da ist der Gegenstand, so ungefähr will er mit der Hinzu-
fügung des Artikels ausdrücken, über welchen wir verhandeln oder an wel-
chen wir denken: KycoKOTT., npom.ioeT'B toä-b, no 3y6aMX-To u. s. w.«
(^Chb. CTap. 1897, Heft III — IV, S. 460). Aus den alten juridischen Urkunden
wollen wir ein Beispiel des postpositiven Artikels in der Urkunde des Metro-
politen Theognost vom J. 1330 verzeichnen: MHoraacÄBi pi^n h Maie^JB öbijih
e „
Meacay aBiMa BJiaÄBiKaMa npo niyejs.iJi'b toh.
Unsere eigenen Beobachtungen über den Gebrauch des postpositiven
Artikels in der altrussischen Sprache gestatten den Schluss, dass er bis zu
Ende des XIV. Jahrh. der Kijever und Severjaner Mundart eigen war, den
westrussischen Mundarten dagegen abging. Auch in den Pskover und Nov-
goroder Denkmälern begegnen derartige syntaktische Wendungen nicht. In
den westrussischen Denkmälern kann man Fälle eines praepositiven Prono-
mens TT, (toÖjTot-b) im anaphorischen Sinne angewendet (Jagic, Kpjix. 3aM.
125) beobachten: öyayTB To6e, khh^o, jiiiuihu jkäbo Ty«) «yMy noBiÄaTii, to tb
He oy lecTB to Besajiu . . Toyio ÄyM^»- (Urk. v. J. 1300).
Miletic, Der bulgar. Artikel, angez. von Chalanskij. 245
Prof. Miletic behauptet (S. 27), im Russischen habe ein Schwanken
zwischen dem postpositiven und praepositiven Artikel geherrscht. Dieser
Satz bedarf einiger Erklärung. Im strengen Sinne gab es im Russischen kein
Schwanken zwischen zwei Formen des Artikels, das Schwanken fand nur
zwischen der postpositiven und praepositiven Anwendung des anaphorischen
Pronomens t-b statt, wobei, wie es scheint, dieses Schwanken dialektischen
Hintergrund hatte. In den literarischen Produkten, in denen sich ostrussische
Mundarten abspiegelten, begegnen Formen des postpositiven Artikels und
anaphorischen Pronomens tt>, dagegen in den Produkten, die den westrussi-
schen Mundarten näher stehen, herrscht ausschliesslich die Anteposition des
Ti, vor. Die erste Form entwickelte sich zum wirklichen Artikel in den nord-
ostrussischen Mundarten, ganz analog dem bulgarischen. Zahlreiche Beispiele
eines solchen Artikels findet man in den Werken des berühmten Protopop
Avakum, in vielen anderen Moskauer Sprachdenkmälern des XVII. — XVIII.
Jahrh. und in den heutigen grossrussischen Mundarten. Prof. Miletic hat
viele Beispiele angeführt, sie konnten noch bedeutend vermehrt werden.
Vergl. unsere Abhandlung: ^Jieni bt. pyccKOMi. HswKi im VI. Band der
»HaEicxia«, Heft 3 . . Die zweite Form war ganz üblich in der Aktensprache
der Moskauer Staatskanzlei, sie ist charakteristisch auch in der Sprache des
gewesenen Moskauer Dijak Grigorij Kotosychin (0 PoccIh bt> iiapciB. AjieKcia
MaxanjoBH^a). Diese Vorherrschaft Inder Moskauer Aktensprache des Typus
ille bonus beim offenbaren Gebrauch in der grossrussischen Volkssprache des
Typus homo ille muss in Zusammenhang gebracht werden mit dem Einfluss,
den die südwestrussische Sprache und einzelne von dort stammende Persön-
lichkeiten auf die literarische und juridische Sprache des Moskauer Staates
ausgeübt haben.
Aus dem anaphorischen Gebrauch des Pronomens ti. vor dem Nomen
vermochte sich nicht der Artikel des typus ille bonus zu entwickeln. Es gibt
bloss bestimmte Fälle einer Annäherung dazu in der poetischen Volkssprache,
z. B. HC TOBO 6H.30 CTO.aa KHHaceHeuKOBa h c toh c KaMBH öoraTwpcKHfl ; hc
TOBO c e Ji a Kopo'iapoBa ; tok» aoporoio np^Moisacyio; lepest li jiica6pi.iH-
cKiia (lüe^^ept GöopH.Knpin. /laHHJioBa). Ganz analoge Beispiele dieser letzten
Anwendung des demonstrativen Pronomens sind auch in der poetischen
Sprache der Kleinrussen bekannt, ebenso im Bulgarischen (toh), Serbischen
(oh, OHaj).
Darnach ergeben die russischen Denkmäler und Documente ein anderes
Bild von der Evolution des Artikels im Russischen als das von Prof. Miletic
gezeichnete. Der postpositive Artikel war und bleibt in der russischen Sprache
eine mundartliche Erscheinung, charakteristisch für ihre östlichen und nord-
östlichen Mundarten. Er ist in geschichtlicher Zeit aus dem anaphorischen
postpositiven Pronomen ti. hervorgegangen. Die Festsetzung des exspiratori-
schen Betonungssystems konnte, selbstverständlich, den Process des Ueber-
gangs des demonstrativen Pronomens in dem Artikel, der im allmähligen
Schwund der demonstrativen Kraft des Pronomens bestand, nur noch be-
schleunigen.
Angesichts der Thatsache, dass die Geschichte des postpositiven Artikels
246 Kritischer Anzeiger.
im Bulgarischen und Russischen ihre volle Analogie in der Geschichte der
gleichen Erscheinung in den nordgermanischen Sprachen findet, sind wir in
Uebereinstimraung mit Miletic bereit, die Annahme einer äusseren Beeinflus-
sung auf die Entstehung des Artikels in den genannten slavischen Sprachen
fern zu halten. Ja, wir wären sogar geneigt, zuzugeben, dass möglicherweise
die bulgarische Sprache auf die rumänische bei der Entstehung des bestimmten
Artikels, in der letzteren eingewirkt hat, wovon das III. Capitel der Studie
Miletic's handelt.
In der Beilage zu seiner Monographie theilt Prof. Miletic Proben der
Sprache aus den bulgarischen »Damascenen« (von Brestovo, Elena und Svis-
tovo) des XVII. — XVIII. Jahrh. mit, worin viele Beispiele des von den Casus
obliqui flectirten Artikels vorkommen.
Charkov. 31. Chalanskij.
Cjiokhmh cjiOBa Bt no.jfcCKOM'B astiKi. HscJi'feAOBaHie H. Jl. JIoqä.
Cnöra 1901, 8«, VIII. 141.
Diese Schrift behandelt die Wortcomposition in der polnischen Sprache,
ein hübsches und dankbares Thema, das der Verfasser im Zusammenhang mit
der Auffassung der vergleichenden Grammatik und doch auf dem Wege der
geschichtlichen Erforschung innerhalb des Polnischen, mit Seitenblicken
auch auf die übrigen slavischen Sprachen beleuchten wollte. Die Anordnung
des recht fleissig aus der Geschichte der polnischen Sprache zusammenge-
tragenen, wenn auch nach keiner Seite hin erschöpfenden Materials könnte
man sich wohl auch anders vorstellen und vielleicht wäre sie dann übersicht-
licher. Die ersten drei Capitel geben sich mit der Zusammenrückung syn-
tactischer Wendungen ab, das vierte und fünfte sind der Zusammensetzung
im engeren Sinne, wobei der erste Theil des Compositums den Stammesauslaut
vorstellt, gewidmet. Nun sind aber solche Zusammeurückungen, wie dotych-
czas, dotychmiast, natomiast, natychmiast, oder die Beispiele wie zmartwych-
tvstanie, wntebowzi^cte gewiss kein uraltes polnisches Sprachgut, wie das ja
ausdrücklich auch vom Verfasser betont wird. Warum mussten also gerade
diese Bildungen zuerst zur Sprache kommen? Ich weiss auch nicht, auf
Grund welcher Erwägungen diese Zusammenrückungen als »anormal« be-
zeichnet werden? Warum ist zinartwychwstanie anormal und sagen wir
okamgmenie nicht? Warum wird das erste Wort auf S. 12, das zweite auf
S. 63 besprochen? Mit dieser, wie es mir scheint, wenig übersichtlichen An-
ordnung hängt wohl zusammen, dass im zweiten und dritten Capitel in einem
fort das Verhältniss der Zusammenrückung zu dem der Zusammensetzung
berührt werden muss, man vergl. die Auseinandersetzungen auf S. 33. 40. 45.
47 — 49 u. s. w., und doch ist von der eigentlichen Zusammensetzung erst im
vierten und fünften Capitel die Rede ! Wir hören zwar (auf S. 45), dass der
Uebergang von den syntactischen Wendungen bald zu den Zusammen-
rückungen, bald zu den Zusammensetzungen in gewissen Fällen so zu sagen
vor unseren Augen vor sich gehe, allein wie eigentlich gegenüber einem
Ueber die Wortcomposition im Poln. von Los, angez. von Jagic. 247
Wielka wola ein Wielkovola zu Stande kam, das wird nicht deutlich und präcis
genug ausgesprochen, wenn es auch zu wiederholten Malen angedeutet ist.
Dass Wielkowola erst nach der Analogie von Wielkowolski als eine Analogie-
übertragung sich entwickelte, das ist unzweifelhaft und wird durch die auf
S. 47 — 48 aufgezählten Beispiele glänzend bestätigt. Wenn gesagt wird, eine
syntactische Wendung könne entweder Zusammenrückung oder Zusammen-
setzung, aber nicht beides auf einmal hervorbringen, so ist das im Allgemeinen
richtig und zwar darum, weil eine jede dieser Wortbildungsarten ursprüng-
lich ihre eigene Sphäre hatte. Sobald in der syntactischen Wendung Nowy
gröd, dessen beide Theile als der bestimmende und bestimmte Ausdruck ge-
fühlt wurden, derjenige Theil (Substantiv), an den sich der andere (Adjectiv)
syntactisch durch Concordanz anlehnt, aus dieser Geltungssphäre heraustritt
(also selbst Adjectiv oder adjectivisch, oder auch von neuem substantivisch
aber abgeleitet wird), muss auch das im ersten Theil stehende bestimmende
Wort ebenfalls aus der früheren Kategorie heraustreten und die bekannte
Form des Stammesauslautes annehmen. Ein Czarny las oder Czarne morze
muss czarnolesny oder czarnomorski ergeben, konnte aber dann durch diese
Ableitungen geführt und durch die übertragene einheitliche Bedeutung (zu-
mal bei Ortsnamen) gestützt auch Czarnolas ergeben. Ich habe das in meiner
im XX. u. XXI. B. gedruckten Abhandlung näher ausgeführt und endlich und
letzlich scheint auch der Verfasser dieser Monographie daran festzuhalten.
Wenn er auf S. 48 diesen Uebergang als »die normale Episode in der Ent-
wickelungsgeschichte der Composita« bezeichnet, so wird damit schwerlich
etwas anderes gemeint sein, als was ich soeben sägte. Dass die bei der äl-
testen Ausdrucksweise aus der syntaktischen Wendung dann und wann her-
vorgehende Zusammenrückung (aus Hob-b ropoÄi. zu HöBropoÄi.) bei den wei-
teren Ableitungen den Uebergang des Vordertheils in die Compositionsform
(Stammesauslaut) aufhalten muss, ist an und für sich klar, da ja die Zusam-
menrückung zweier Bestandtheile dem neuen Ausdruck ein einheitliches Ge-
präge verleiht. Bestimmte Regeln lassen sich kaum aufstellen. Ein wielka-
nocny setzt schon für das Sprachgefühl ein zusammengerücktes wielkanoc
voraus, wenigstens im Nominativ, der ja für das Adjectiv den Ausgangspunkt
bildet. Man muss übrigens nicht bloss Wortkategorien nach der Bedeutung
auseinanderhalten, sondern auch nach dem ersten Bestandtheil der Zusammen-
setzung. Namentlich empfiehlt es sich, die Numeralien in ihrer bunten
Mannichfaltigkeit besonders ins Auge zu fassen, was auch hier, zwar sehr
zetstreut, auf S. 14 — 17, 39 — 42, 81 geschah. Eine besondere Vorliebe zeigt
in neueren Phasen die polnische sowie die russische Sprache für die Genitiv-
form des ersten Bestandtheils der mit Numeralien zusammengesetzten Aus-
drücke: trzechstronny, TpexciopoH hbim sind Neubildungen, den syntakti-
schen Wendungen des Genitivus plur. abgelauscht, die auch mit wszechmngqcy
im vorbildlichen Zusammenhang stehen. Hierher gehört auch die bunte An-
wendung des no.at im ersten Theile der Composition. Die auf S. 18 erwähnte
angeblich den Ausgangspunkt bildende Wortbildung nojoyÄtHB ist ganz
gewiss erst eine aus dem Casus obliquus nojioyaEHe oder no.ioyaBHu se-
cundär emporgerichtete Form , deren Deutung bei Miklosich lex. s. v. als
248 Kritischer Anzeiger.
Septempentrio gewiss auf irgend einem Missverständniss beruht. Ebenso-
wenig annehmbar ist die auf S. 29 gegebene Erklärung der südslavischen Be-
nennung für Constantinopel : Ilapi. rpaat, jetzt serbokroatisch Carigrad.
Der Verfasser brachte das Wort miss verständlich unter Zusammenrückungen,
deren ersten Theil ein Substantiv bildet. Nun ist aber ^apI. kein Substantiv,
sondern Adjectiv, analog den Bildungen wie: knez dvor, knez laz, banj dvor,
banj'a luka [jetzt wohl nur Zusammenrückungen : Banjdvor, Banjaluka, knez-
laz] u. s. w. Warum IJapi, rpafli. nicht *Cargrad blieb, sondern in der Form
Carigrad üblich ist, darüber vergl. Archiv XX. 520. Sehr ausführlich behan-
delt der Verfasser das Wort tydzieü (S.35 — 39), ohne mit seinen schwankenden.
Resultaten zum Abschluss gekommen zu sein. Ist das Wort im Polnischen
ein Lehnwort, so ist es wenigstens im Böhmisch-SIovakischen als Original-
leistung aufzufassen. Eine Entlehnung ins Böhmische aus dem Kroatischen
oder Slovenischen ist wohl ausgeschlossen. Nur als christlich-kirchlicher
Ausdruck konnte das Wort solche Wanderungen durchgemacht haben. Nun
fehlt es aber, merkwürdig genug, in den altkirchenslavischen Texten, durch
die es dann auch zu den Serben, Bulgaren und Russen gekommen wäre. Da
das bekanntlich nicht der Fall ist, so entsteht die Frage, ob der Ausdruck
nicht in die urslavische Zeit fällt, in welcher er jedoch nicht bei allen, son-
dern bloss bei dem westlichen Bruchtheil der Slaven bekannt war. Die Be-
zeichnung der Woche durch denselben, d. h. wiederkehrenden Tag, hat etwas
originelles in der Auffassung, die sich weder an die byzantinische oder
römische, noch an die deutsche anlehnt. Darum scheint mir auch das Wort
älteren Datums zu sein, als das einst Miklosich gelten lassen wollte.
Ich finde die Schrift des Herrn Los sehr nützlich, wenn sie auch, wie ich
glaube, dem Gegenstande nicht alle Seiten abgewonnen hat. So scheint mir
ein wichtiger Factor, die Abhängigkeit der benachbarten Sprachen voneinan-
der, nirgends hervorgehoben zu sein. Wenn auf S. 85 der theoretisch unan-
fechtbaren Annahme, dass die primären Zusammensetzungen auf syntaktischen
Wendungen der Concordanz oder Construction beruhen, Beispiele wie paro-
chöd, parowöz entgegengehalten werden, so ist nicht genug daran zu erinnern,
dass diese modernen Bildungen plötzlich nach dem üblichen Typus entstan-
den, sondern es wäre nicht überflüssig gewesen noch hinzuzufügen, dass ihnen
deutsche Wortbildungen mit Dampf — vorschwebten. Selbständig, ohne cul-
turellen Zusammenhang mit Deutschland, hätte der polnische Sprachgeist
schwerlich parochöd, parowöz geschaffen. Erzählt uns doch der Verfasser
selbst, dass man in Warschau auf eine Preisfrage über die beste Bezeichnung
der »Correspondenz-Karte« in polnischer Sprache unter mehr als 200 Vor-
schlägen nur 220/q Composita, dagegen 88% einfache Benennungen eingesen-
det hatte ! Und ich hörte von einem Freunde aus Russland, was ich sonst
nicht wusste, dass man auch dort die syntaktische Wendung otkpbitoc hhclmo
jetzt lieber mit gekürztem Wort oxKpbiTKa bezeichnet. Hier gibt sich das Be-
streben nach der Kürze, nach der Einheitlichkeit des Ausdrucks für einen
einheitlichen Gegenstand kund. Auch dieser Factor wird in der vorliegenden
Untersuchung nicht stark genug betont. Ihm ist zu verdanken die Ueber-
handnahme solcher Bildungen wie Brzozogaj fürs einstige Brzozowy gaj
Ueber die Wortcompoaition im Poln. von Los, angez. von Jagid. 249
oder Tarnogöra für Tarnowa gora (S. 107, 108), darauf beruht auch das Um-
sichgreifen solcher Beispiele wie Czarnolas, die eigentlich von Haus aus
unrichtige Bildungen sind. Wenn der Verfasser auf S. 86 sich darüber gleich-
sam wundert, dass eine syntaktische Wendung wie z.B. czarne morze so leicht
zu csornomorsÄ;i wird, und für diesen Uebergang nicht den Ausdruck nepexo-
ÄHTT. (geht über), sondern saMiHaexcH (wird ersetzt) als zutreflFend bezeich-
net, so glaube ich an diese vermeintliche Schwierigkeit des üeberganges
nicht. Er war nicht schwieriger als in der Declination die Hervorbringung
des Vocativs accHo zu Nominativ JKena. Das setzt freilich voraus, dass die
Anwendung des thematischen Auslauts, zumeist bekanntlich o (e), eine uralte
Gewöhnung war, auf der das Sprachgefühl für solche Bildungen beruhte —
eine Annahme, der der Verfasser dieser Schrift seine Zustimmung versagen
zu wollen scheint, da er unter der Ueberschrift >Der Ursprung der Compo-
sita« S. 84 flf. gegen Brugmann und Delbrück polemisirt, ja ihnen bezüglich
des Capitels, das von den Wortzusammensetzungen handelt, die strenge Be-
obachtung der methodischen Grundsätze, die bei ihnen sonst stattfindet, ab-
spricht. Herr Los geht so weit, nicht nur für die »indoeuropäischen Zeiten«
die Compositionsbildungen in Abrede zu stellen, sondern selbst für die sla-
visch-litauische Epoche (S. 89). Schwerlich wird er viele Anhänger für diese
seine extreme Auffassung finden. Man muss die Identität der erhaltenen
Composita von der Identität der Compositionsbildung auseinanderhalten.
Selbst wenn echte Composita aus der lituslavischen Sprachepoche — man
weiss, dass ich darunter nicht gerade eine durchgehends einheitliche, dialect-
lose Sprache verstehe — nicht nachweisbar sind, wird man doch an der Iden-
tität der bei der Zusammensetzung beobachteten Wortbildungsart nicht rüt-
teln können. Dafür spricht nicht nur das Verhältniss des Altlitauischen (mit
zahlreich erhaltenen Stammvocalen des ersten Compositionsgliedes , vergl.
Bez. Beiträge VII die Abhandlung Kremer's) zum Slavischen, sondern auch
des Griechischen u. s. w. Da diese Gleichartigkeit der Compositionsbildungen
auch Herr Los nicht in Abrede stellen kann, so sucht er bei ihrer vorausge-
setzten abgesonderten Entstehung den Grund der Einheitlichkeit in dem
Prototyp des »einfachen Wortes« (S. 89). Mit dieser Hypothese wird er aber
um so weniger Anklang finden, je später er die Entstehung der Composita
ansetzt, denn je später angeblich, d. h. erst im Sonderleben der einzelnen
Sprachen, die Composition aufgekommen wäre, desto ungeeigneter wären die
einfachen Wörter in ihrer Ausgestaltung, in der Verkümmerung und Ver-
blassung ihrer Suffixe, um als Vorbilder zu dienen. Hat ja doch der Verfasser
selbst gezeigt, dass eine vollzogene Zusammenrückung nicht mehr die Fähig-
keit erhalten hat, Composita hei vorzurufen. Nun waren aber die mit ver-
schiedenen Suffixen gebildeten urslavischen Substantive oder Adjective ge-
wiss schon in der gemeinslavischen Zeit festere, einjieitlichere Wortgebilde,
als die modernen Zusammenrückungen. Nach allem glaube ich, dass der
Verfasser besser gethan haben würde, wenn er Probleme, die weit hinter
seiner Aufgabe liegen, bei Seite gelassen hätte. V. J.
250 Kritischer Anzeiger.
FpaMaTHKa i^^pkobho- CAOBEHkCKoro rasKiKa. HanHcaHa ck
0YB3rAra.,\HfHKerui'K HCfpcAi^ CTapocaoBfHkCKHYT». MfpfSTi, loc.
AV'kAKHHU^Koro, ACKTopa CK. KorocaoBira, npaaaTa a*^mob.
CBAT. nanki pHMCKoro h np. Akbobt». 1900. Hsi». THnorp.
CTaBpORHr. HHCT. XII -f- 164 CTp. 80.
Diese kirclienslavische Grammatik ist nur ein Abdruck der im J. 1895
lithographisch herausgegebenen 4. Auflage, von welcher im XXII. Bde dieser
Zeitschr.. S. 278 — 286 die Rede war. Der vorliegende Abdruck unterscheidet
sich nur ganz unwesentlich von der erwähnten Auflage. So z. B. vermeidet
jetzt der Verf durchgehends den Nasalvokal ^, i^ und schreibt dafür S, IC :
Sg. Acc. BÖ^S, A<^EP^*^> I°?tr- B'^A^K^j A^KP<>K>? ^- Sg. np^A^, MpS,
MHK>, Y^aaiC», 3. PI. np/Ä;\STk, mipÖTk u.s.w., während er früher in der
Regel den Nasalvokal schrieb. Eine andere Aenderung betrifft die Laute k
und 1%.. Früher las man im Paradigma des Pron. BkCk den Lok. und Instr. Sg.
BbCEMk und BkCtMk, jetzt lauten diese Kasus: BCEMli. und BC'^M'K.
Früher schrieb der Verf. den Gen.Sg. i;epKT»,Bf, PI. l^fpK'KB'K, jetzt haben
dieselben Formen die Gestalt U,EpKBE und U,£pKB'K. Und was den geän-
derten Accent des Wortes betriffs, so bemerkt dazu jetzt der Verf: »Das
Nomen U,cpKkl (u,EpKOBk) hat in unseren Büchern (d. i. den slavischen Kir-
chenbüchern der kleinruss. Uniaten von Galizien) den Accent auf der ersten
Silbe in allen Kasus. Hier (d.i. in der vorliegenden gedruckten Ausgabe) wird
so betont, wie es in der Hdschr. des Ossolineura (in Lemberg) aus dem XIV.
Jahrh. der Fall ist« (S. 29). Von der hier erwähnten Handschr. erfahren wir
an anderer Stelle (S. XI), sie enthalte ein »Tetroevangelium« und sei bulga-
risch. Diese wenigen Proben dürften genügen, um das eigenartige Verfahren
des Verfassers zu beleuchten. Einerseits entfernt er sich von den ältesten
südslavischen Formen und kehrt zu der russisch-kirchenslavischen Tradition
zurück, andererseits aber verlässt er dieselbe wieder zu Gunsten eines mittel-
bulgarischen Evangelientextes. Das wiederholt sich freilich nicht häufig,
allein für den Standpunkt des Verf ist es immerhin bezeichnend. Es scheint
ursprünglich seine Absicht gewesen zu sein, sein grammatisches Lehrbuch
auf einer mehr wissenschaftlichen Grundlage aufzubauen und aus den an
erster Stelle (S.X) angeführten Quellen der altslov. Sprache in der That auch
zu schöpfen. Doch der Mangel an philologischer Schulung machte sich allzu
sehr geltend, und so kam ein Werk zu Stande, welches auch bescheidenen
wissenschaftlichen Anforderunden in keiner Weise Genüge leistet. Einzeln-
heiten anzuführen, ist wohl ganz überflüssig. Man vergleiche diesbezüglich
die Anzeige Kocowski's. Es erübrigt nur, den berufenen Kreisen den Wunsch
nahezulegen, sie mögen den Unterricht in der slav. Kirchensprache an den
theologischen Lehranstalten Männern von philologischer Bildung anvertrauen,
deren Aufgabe es wäre, ihren Zöglingen ein wahres Bild des grammatischen
Gefüges, der erhaltenen Denkmäler und der mannigfachen Schicksale der-
jenigen Sprache zu bieten, welche die Slavenapostel Cyrill und Method in
den Kreis der europäischen Kultursprachen eingeführt und uns als ihr kost-
barstes Vermächtniss hinterlassen haben. Fr. Pastmek.
lieber serbische Betonung von Sajkovic, angez. von Resetar. 251
Sajkovic J., Die Betonung in der Umgangssprache der Gebildeten
im Königreich Serbien. Leipzig 1901, 8^, 34 S.
Eine neue Arbeit über die serbokroatische Betonung, und selbstver-
ständlich auch eine neue Theorie derselben! Da diese letztere Thatsache
diejenigen, die sich speciell mit accentologischen Studien beschäftigen, am
meisten interessiren kann, will ich vor Allem die von Herrn S. den verschie-
denen Accenten der serbokroatischen Sprache gegebenen Werth anführen,
wobei ich unter den von ihm gegebenen Beispielen für jeden Accent-Typus
ein mehrsilbiges Wort wähle, damit zu gleicher Zeit auch das (nach der An-
sichtS.'s) zwischen den betonten und den unbetonten Silben desselben Wortes
bestehende Verhältniss zum Vorschein komme:
1. »Der jähe sin- 2. «Der sanfte sin- 3. »Der sanfte stei- 4. »Der zweitö-
kende Accent«; gende Accent«; nige Accentw.
kende Accent«
(Vuks ^^)
(Vuks ^)
Gegen die Definition sub 1 und 3 habe ich keine principiellen Einwen-
dungen zu machen, um so mehr aber gegen diejenigen sub 2 und 4; ich ver-
zichte aber darauf, deren Urheber von der Falschheit derselben überzeugen
zu wollen; ich will aber jedenfalls den sehr wichtigen Umstand hervorheben,
dass — selbstverständlich! — diese beiden, von S. gegebenen Definitionen
mit keiner der früheren (von der Budmani-Kovacevic'schen abweichenden)
übereinstimmen 1 Zur Bekräftigung des Glaubens aller — sit venia verbo —
orthodoxen Accentologen kann ich aber noch auf eine Fixirung der serbo-
kroatischen Accente hinweisen, welche im Eousselot'schen Laboratorium in
Paris mit Hilfe seiner Instrumente vorgenommen wurde, und zwar nach der
Aussprache eines Belgraders, der kurz vorher nach Frankreich gekom-
men war, nachdem er alle seine Studien in seiner Vaterstadt
absolvirt hattet). Ich hebe diesen Umstand hervor, weil auch dieser Herr
ein Gebildeter aus dem Königreiche Serbien ist. Was registrirten nun die
Rousselot'schen Instrumente? Ich gebe die mit deren Hilfe gewonnenen
graphischen Schemen wieder, wobei zu bemerken ist, dass die punktirte
Linie die Höhe, die volle Linie die Stärke der Silbe bedeutet :
1) Vgl. R. Gauthiot, Etüde sur les Intonations serbes (Extrait des Me-
moires de linguistique de Paris, tome XI).
252
Kritischer Anzeiger.
1. Vuks ' in e{to] ;
Vuks » in d{tac) ;
3. Vuks ' in i{ci) i) ;
4. Vuks " in süh.
Wir sehen somit, dass bezüglich der drei letzten Accente dieRousselot-
schen Instrumente für die Tonhöhe genau dasselbe registrirt haben, was
Budmani-Kovaceviö behaupten, nämlich, dass ^ und ' einfach steigende Ac-
cente und "^ ein einfach fallender Accent ist ; nur bezüglich des Accentes «,
wo wir Alle — Anhänger und Gegner der Budmani-Kovacevid'schen Theorie
— ein einfaches Fallen des Accentes zu hören glauben, finden wir in obigem I
Schema eine vollkommen gerade Linie, was mich, aufrichtig gesagt, nicht j
wenig wundert, denn es scheint mir noch immer, dass ich auch in solchen
Fällen wie eto, wo also die erste Silbe aus einem einzigen stimmhaften Laute j
besteht, ein Sinken des Tones in der ersten Silbe höre ; doch das ist der Punkt,
wo ich noch am ehesten geneigt wäre, eine Koncession zu machen. Das obige
Schema für Vuks '^ gibt uns auch die Erklärung für^.'s »zweitönigen Accent«:
er hat die Stärke mit der Höhe verwechselt, denn nach seinem Gehör und 1
Gauthiot's Aufzeichnungen sind die den Accent " tragenden Silben zwei-
gipflig: »elles ont deux sommets d'intensite, Tun ä l'initiale, l'autre ä la
finale, separes par une partie mediane non intense«. Diese Zweigipfligkeit in i
Bezug auf die Intensität gebe ich gerne zu, obschon sie nicht überall und]
nicht immer als die regelmässige Aussprache gelten kann, besonders nicht bei
ruhigem, nicht lautem Sprechen, während dieselbe bei Versuchen, bei
welchen immer einzelne Wörter recht deutlich und recht kräftig hervorge-
bracht werden, so ziemlich regelmässig zu beobachten sein wird. Während
also ^. die Intensität der Silbe bei •^ (wenigstens zum Theil) richtig aufgefasst j
und definirt haben dürfte, hat er die Bewegung derselben mit der Bewegung i
der Tonhöhe verwechselt, wie denn er mir überhaupt für Unterschiede dieser j
zweiten Art ein zu wenig feines Gehör zu haben scheint, denn sonst könnte er
1) Nach der Belgrader Aussprache! nach Vuk hat 'u'i den kurzen]
steigenden Accent.
üeber serbische Betonung von äajkovid, angez. von Resetar. 253
nicht behaupten, dass Wörter wie vislna, vedrlna, bolesnlk (nach Vuk's Accen-
tuirung) den Accent eigentlich auf der ersten Silbe wie krälica haben, weil
die erste Silbe musikalisch die höchste sei (S. 17), oder dass der Unterschied
zwischen Nom. sg. krälica und Gen. plur. kralicä nur darin bestehe, dass »das
letztere Wort in der zweiten Silbe etwas länger gesprochen wird (S. 29)«.
Aber auch in Bezug auf die Quantität der Silben scheint mir S. nicht immer
das Richtige zu treffen; so stellt er auf S. 20 die Regel auf, dass »der Vokal
der auf ' folgenden Silbe niemals lang ist«. Ich bezweifle das stark, auch für
die Aussprache der Gebildeten im Königreiche Serbien, denn ich habe auch
mit vielen Gebildeten aus Serbien verkehrt und dabei nicht konstatiren kön-
nen, dass eine solche Aussprache als die regelmässige gelten könne ; dagegen
gibt es Fälle, wo auch die Gebildeten aus Serbien kaum die Länge einer dem
Accente ' folgenden Silbe aufgeben dürften; ich meine solche Fälle, wo der
Unterschied der Quantität einer dem Accente ' folgenden Silbe einen Unter-
schied in der Bedeutung involvirt z. B. Nom. sg. strdna, güja: Gen. plur.
strdnä, gtij'ä u. s. w. Uebrigens gibt es keine einheitliche Betonung der Ge-
bildeten im Königreich Serbien, wie dies ä. stillschweigend voraussetzt, viel-
mehr weicht dieselbe ziemlich stark, je nachdem der Betreffende aus den
nordwestlichen Gegenden (mit neuerer Betonung), oder aus dem Moravathale
(mit älterer Betonung), oder gar aus dem südöstlichen Theile Serbiens stammt.
Noch weniger kann man aber von einer »Kluft« (S. 6) zwischen der Betonung
der Gebildeten und derjenigen Vuks sprechen; im Grossen und Ganzen ist
die Betonung eine und dieselbe, nur sind wohl die unbetonten Längen viel-
fach verschwunden. Am allerwenigsten aber sollte es erlaubt sein, von der
Accentuation Vuks, welche in allen serbokroatischen Schulen, also auch in
denjenigen, aus welchen die Gebildeten im Königreiche Serbien hervorgehen,
als Richtschnur dient, mit einer gewissen Geringschätzung zu sprechen und
sie als »bäuerisch« zu bezeichnen, wie diesä. thut, ais er uns in einer Fussnote
auf S. 5 mittheilt: »Beim Niederschreiben dieser Zeilen taucht in unserer
Erinnerung das Bild einer gelehrten Sitzung in Belgrad auf, in welcher der
Vortragende, trotz der Gediegenheit seines Referates, durch seine bäuerische
Betonungsweise allgemeines Gelächter erregte«. Es wäre zu traurig, wenn
das wahr wäre! desswegen will ich lieber glauben, dass S. auch hier schlecht
gehört hat.
Und da ich gerade von serbokroatischen Accenten spreche, will ich noch
einen Aufsatz von K. Milenoviö über »die Accente des Verbums« kurz er-
wähnen, der im Belgrader Nastavnik, 1901, Heft 2, erschienen ist und eine
mechanische Zusammenstellung der in der Betonung der serbokroatischen
Verba eintretenden Aenderungen darbietet, wobei als Grundlage der Accent
des Infinitivs genommen wird. Ich möchte aber diese vollkommen unnütze
Arbeit gar nicht erwähnen, wenn ich nicht zu meinem Entsetzen sehen würde,
dass Herr M. im Ernst daran denkt, dass man nach seinem Vorschlag in
den Schulen Serbiens die Lehre vom serbokroatischen Accent den Schülern
beibringen solle . Nach Aufstellung seiner Regeln nimmt Herr M. ein Volkslied
und stellt alle in demselben vorkommenden Verba zusammen und gibt dann
eine Anleitung, »wie man in der Schule vorgehen soll«, indem an die Schüler
254 Kritischer Anzeiger.
die Fragen gerichtet werden sollen; »Gibt es unter diesen Verba einige,
die im Infinitiv den Accent ' haben? Suchen Sie alle diese Verba und schreiben
Sie sie ab. Haben darunter einige den Accent auf der vorletzten Silbe des
Stammes?« u.s.w. u.s.w. für alle möglichen Accentkombinationen, Tempora
und Modi durch volle elf gedruckte Grossoktav -Seiten ! ! Ja, in welchen
Schulen soll auf diese Weise die Betonung der eigenen Muttersprache gelehrt
und gelernt werden? ? Ich glaubte gegen einen solchen ungeheuerlichen Ver-
such die Stimme erheben zu müssen, da — wie es scheint — gegen denselben
im Lande selbst nicht sogleich energisch genug protestirt wurde : der Aufsatz
fand sogar einen Platz im officiellen Organ des serbischen Professorenvereins.
M. Resetar.
H. E. EßcieBt. SaMiTKH no ApeEHecjaBaHCKOMy nepeEO^y cb. nHcamfl.
I — V. (Jevsejev. Bemerkungen zur altkirchenslavischen Ueber-
setzung der heil. Schrift. Abhandlung I — V).
Der Verfasser einer hervorragenden Monographie über das Buch Isaias
(KHHra jipopoKa Hcaiu Bt apesHeciaEHHCKOMt nepesoji. CII6. 1897, 40, 168.
145. III) gab seither unter dem oben angeführten Titel fünf Abhandlungen
in drei verschiedenen Publicationen) heraus. Ich muss meinem aufrichtigen
Bedauern Ausdruck geben, dass ich nicht früher dazu kam, um über das dem
Isaias gewidmete Werk rechtzeitig zu referiren. Da die nachfolgenden Ab-
handlungen mit jenem Werk mehr oder weniger in Zusammenhang stehen,
so will ich nachträglich zuerst jene Schrift kurz besprechen und die »Bemer-
kungen« daran anknüpfen. In dem Buch vom Propheten Isaias steht zwar
auf dem Titelblatt die altkirchenslavische Uebersetzung desselben, in der
Wirklichkeit ist aber das nur die Hälfte der ganzen, recht eingehenden Unter-
suchung. Die ganze zweite Hälfte, die nach meinem Ermessen eigentlich die
erste Stelle hätte einnehmen müssen, ist den griechischen Quellen, d. h. den
griechischen Texten des Isaias, gewidmet. An der Hand der Forschungen
Lagarde's und anderer neueren Textkritiker des alten Testamentes, zumal
der Propheten, constatirt der Verfasser, das in dem liturgischen Werk, das
in der griechischen Kirchenliteratur unter dem Namen Prophetologion bekannt
ist, der Isaiastext die sogenannte LucianischeRecension repräsentirt. Das war
der officielle Text von Antiochien und Constantinopel, während eine andere,
alexandrinische, Recension in Alexandrien verbreitet war, eine dritte in Pa-
lästina. Der Verfasser gab sich viel Mühe, um auf Grund einzelner Studien,
die er auf einer Orientreise und in den Bibliotheken Petersburgs und Moskaus
machte, den textkritischen Typus vieler griech. Prophetologien festzustellen.
Sie gelten ihm alle als Repräsentanten der Lucianischen Redaktion der Sep-
tuaginta ;S. 13 — 92). Fast eben so eingehend wird auch die alexandrinische,
aufHesychius zurückgehende, Recension behandelt (S. 101 — 142). In der Mitte
stehen einige Bemerkungen über die dritte Recension, die für die altkirchen-
slavische Uebersetzung wenig in Betracht kommt. Das ist der wesentliche
Inhalt des zweiten Theils des dem Isaias gewidmeten Werkes. Der erBte
Jevsejev's Beiträge zur altkirchensl. Lit., angez. von Jagid. 255
Theil gibt sich mit der kirchenslavischen Uebersetzung des Isaias ab. Die
slavischen Texte zerfallen, nach der Darstellung Jevsejev's, in zwei Gruppen:
in die erste gehört der Isaiastext, wie er in dem Paroemienbuch (so wird in
der kirchenslavischen Literatur das Prophetologion bezeichnet) vertreten ist,
wo allerdings nurLectionen aus Isaias, nicht der volle Umfang des Propheten
vertreten ist; in der zweiten der Isaiastext der commentirten Propheten, der
nicht mehr als liturgisches Buch, sondern als ein Bibeltheil und zwar mit
dem Commentar versehen, auftritt. Die Textunterschiede der kirchenslavi-
schen Uebersetzung decken sich, wie der Verfasser nachzuweisen trachtet,
mit den beiden griechischen Recensionen : Paroemienbuch folgt der Luciani-
schen, der Text der commentirten Propheten der Alexandrinischen (Hesychius-l
Redaction. Allerdings seien, meint der Verfasser, die Schranken beider Re-
dactionen häufig überschritten worden, da sich die Autorität derConstantino-
politanischen Redaction auch im weiteren Orient Geltung zu verschaffen
wusste. Für uns liegt sehr nahe die Frage, auf die ich in den Forschungen
Jevsejev's keine befriedigende Antwort finde, warum die commentirten Pro-
pheten, deren Uebersetzung er doch in eine noch grössere Nähe zu Constan-
tinopel versetzt (nach Bulgarien), als die Uebersetzung des Paroemienbuchs
(Mähren-Pannonien), der in Constantinopel geltenden Redaction den Rücken
gekehrt und eine andere (alexandrinische, die des Hesychius) vorgezogen
hätten? Es scheint also doch auch diejenige Redaction des griech. Propheten-
textes, auf welcher die slavischecommentirte Uebersetzung beruht, im Bereich
der dem Constantinopolitanischen Patriarchat untergebenen Kirchen Geltung
gehabt zu haben. Die Thatsache zweier Redactionen bleibt aber immerhin
bestehen, diese ans Licht gebracht zu haben ist ein Verdienst Jevsejev's. Er
fasste den Unterschied der slavischen Uebersetzung als doppelte Arbeit auf,
was schon Gorskij und Nevostrujev behauptet hatte (Onuc. ciiho;i. pycc. II,
S. 114 ff.), doch gibt er zu, dass der zweite Uebersetzer des Textes der com-
mentirten Propheten) die erste und ursprüngliche Arbeit (die ihm im Prophe-
tologion, aber wie wir unten hören werden, sogar im vollen Umfang des
Prophetentextes vorlag; gekannt und benutzt hat. Den zweiten Uebersetzer
schätzt er im Verhältniss zu seinem älteren Vorbild nicht hoch, er habe in
Bezug auf die Kenntniss der beiden Sprachen und die Uebersetzungsfertigkeit
viel tiefer gestanden. Mir scheint der dem zweiten Uebersetzer (es können
auch mehrere gewesen sein) gemachte Vorwurf nicht ganz gerechtfertigt zu
sein. Der lexicalische Wechsel kann auch auf anderen Gründen und nicht
gerade auf den Mangel an Takt und Anstandsgefühl, wie Herr Jevsejev die
Sache darstellt, beruhen. Die Uebersetzung vieler bei der ersten Arbeit un-
übersetzt gelassenen Ausdrücke galt offenbar als ein Fortschritt ; die übrigen
Aenderungen mögen in der Tendenz zum Theil verständlicher, zum Theil ge-
nauer sich auszudrücken ihre Begründung gehabt haben. Allerdings liess
sich, wie die Darlegung des Verfassers zeigt, der zweite Uebersetzer etwas
mehr Missverständnisse zu Schulden kommen, als der erste, doch auch dieser
1 ist nicht ganz davon frei zu sprechen. Für die Philologen, die vielleicht doch
einen weiteren Ueberblick in solchen Fragen für sich in Anspruch nehmen
dürfen, gestaltet sich der auch hier, bei der Isaiasübersetzung wahrgenommene
256 Kritischer Anzeiger.
Entwickelungsprocess zu einem sehr wichtigen Merkmal bei der Lösung
sprachgeschichtlicher und dialectologischer Fragen (vergl. Entstehungsge-
schichte II, S.71 — 72). Wenn Herr Jevsejev (S. 17) in der Form uecapi. einen
Latinismus erblickt, so mag er inzwischen schon selbst diese Meinung als
eine irrige erkannt haben. Dagegen ist seine Beobachtung des innigen Zu-
sammenhanges zwischen den sprachlichen Eigenthümlichkeiten desslav.Pro-
phetologions und der ältesten Evangelien- oder Aposteltexte eine werthvolle
Bereicherung. Dann und wann zeigt die Einsicht in die Vorgeschichte dieser
Fragen einige Lücken, z. B. von den Forschungen Safafik's oder meiner Ein-
leitung in die Racki'sche Ausgabe des Assem. Evangeliums wird er wohl keine
Kenntniss gehabt haben, als er sein Werk schrieb. Mit seiner Meinung, dass
der commentirte Isaias im Gegensatz zu dem Paroemientext desselben Pro-
pheten in die zweite, also bulgarische Periode der literarischen Thätigkeit
einzureihen sei, kann man sich einverstanden erklären (S. 22). Die palaeo-
graphischen und grammatischen Charakteristiken der einzelnen Handschriften
(zunächst der Paroemienbücher, dann der Commentirten Propheten S. 52 — 72)
sind in üblicher Weise gehalten (wie z. B. bei Voskresenskij bezüglich des Apo-
stolus, bei Sreznevskij betreffs des Psalters). Auf S. 72 — 168 folgt ein recht
ausführlicher grammatisch-lexicalischerTheil der Arbeit, der sich ganz in den
Fussstapfen der vom Verfasser zum Vorbild genommenen Studie Budilovic's
über die Sprache der XIII Reden des Gregorius von Nanzianz (im J. 1871 ge-
schrieben) bewegt. Nicht ihm kann man das zum Vorwurf machen, aber bei
seinem ehrlichen Fleiss hätte die Anwendung einer besseren Methode auch
bessere Resultate erzielt. Uebrigens sind auch in dieser mechanischen Zu-
sammenstellung seine lexicalischen Parallelen werthvoll. DieCitate aus Isaias
in anderen alten Denkmälern, die er nach seinen zwei Typen gruppirt, wären
unvergleichlich brauchbarer, wenn überall die entsprechenden Stellen aus
dem Paroemientext oder aus den commentirten Propheten hinzugefügt worden
wären. Allein auch hier bleiben für mich einige Räthsel übrig; z. B. warum
sind in demselben Denkmal (imlzbornikl073, in denPandekten desAntiochius
U.S.W.) die Citate bald nach einem, bald nach anderem Typus ausgefallen?
Einen hübschen resümirenden Vortrag über diese seine Arbeit gab der
Verfasser selbst anlässlich der Vertheidigung seines Werkes als Magisterdis-
sertation, der später im XpacTiaHCKoe ^Teule gedruckt erschien: »0 ÄpesHe-
caaBÄHCKOM-B nepeBOÄi Beixaro saBiia« (StPtbg S^, 22 Seiten). Wenn Herr Jevse-
jev sagt, die Wissenschaft könne nicht sagen, wie die Cyrillo-methodianische
Uebersetzung aussah (S. 2), so ist das streng genommen leider richtig, doch
scheint er mir den erfreulichen Fortschritt, der wenigstens bezüglich des
Evangelientextes bereits erzielt wurde, etwas zu gering anzuschlagen. Er
arbeitet auf dem Gebiete des alten Testamentes und da ist man in der That
noch gar nicht weit gekommen. Warum? Ich kann es gleich sagen, der
Hauptgrund liegt in der merkwürdig geringen Publicationsthätigkeit bezüg-
lich der Denkmäler selbst. Wenn man von den Psalmen absieht, das ganze
übrige alte Testament wartet noch auf eine kritische Ausgabe nach den älte-
sten vorhandenen Texten! Ich freue mich über manches freimüthige Wort
des jungen Gelehrten, aber diese Lücke berührte er leider in seinem Vortrag
Jevsejev's Beiträge ztir altkirchensl. Lit., angez. von Jagic. 257
nicht. Uebrigens manches von dem, was er als Postulat der nächsten wiss.
Forschung hinstellt, ist nicht neu. Ich habe schon zu wiederholten Malen
darauf hingewiesen, dass uns das intensive Studium der ältesten Werke des
altkirchenslavischen Schriftthums über manche Frage, die in den Geschichts-
quellen mit Stillschweigen übergangen oder in den Legenden auf legendari-
sche Art beantwortet wird, eine viel sicherere, genauere, zuverlässigere Aus-
kunft ertheilen wird, als das vergebliche Erwarten neuer Quellen, neuer
Entdeckungen. Noch will ich bemerken, dass die Zeitbestimmung für die
Uebersetzuug der commentirten Propheten mit den Jahren 888 — 927 doch
etwas zu eng gefasst sein dürfte. Richtiger wäre es wohl zu sagen, diese
Arbeit sei im Verlaufe des X. Jahrhunderts gemacht worden.
Nun komme ich zu den fünf Abhandlungen, die unter dem oben ange-
führten gemeinsamen Titel zusammengefasst sind. Nr. I, II und III erschienen
in dem Bulletin de l'academie Imperiale de Sciences de St. Petersbourg, und
zwar I und II im J. 1898, Mai, T. VIII, Nr. 5; III ib. 1899, T. X, Nr. 4 (der
russische Titel »HsBtcTiH« kann beim Vorhandensein der HsBicTiH der russi-
schen Abtheilung leicht zur Confusion führen), unter Nr. I spricht der Ver-
fasser von dem »griechischen Original der ursprünglichen kirchenslavischen
Uebersetzung« im allgemeinen und bringt viel beherzigenswerthes vor, doch
scheint er mir auch hier in der Beurtheilung der bisher erzielten Resultate
nicht genug objectiv zu sein. Sein Pessimismus fusst auf dem Alten Testa-
mente, wenn ich mich so ausdrücken darf. Seine methodologischen Grundsätze
stehen mit unseren bisherigen Forschungen durchaus nicht im Widerspruche.
Wenn es sich um die Auffindung des ältesten Typus der altkirchenslavischen
Evangelienübersetzung handelt, wird man, mag man sagen was man will, den
von mir bisher eingeschlagenen Weg nicht aufgeben können. Bewegt sich
ja doch auch Herr Jevsejev bei seiner Isaias-Studie ganz auf derselben Bahn,
sonst würde er nicht die Ergebnisse unserer bisherigen Forschungen ohne
Weiteres annehmen und mit seinen Resultaten im schönsten Einklang finden
können. Allerdings will ich ihm eine grosse Concession machen und sagen,
dass wir uns bei unseren kirchenslavischen Text-Studien zu wenig um die
Feststellung des griechischen Prototyps unserer slav. Uebersetzung kümmer-
ten. Daran ist aber sehr viel unser recht confuser Wegweiser Tischendorf
Schuld gewesen. Ich selbst fühlte bezüglich des Evangelientextes sehr oft
das Bedürfniss von seinem Bestreben, ausschliesslich den Codex Sinaiticus
und einige andere der ältesten üncialhandschriften zur Geltung zu bringen,
für unsere slavische Redaction abzusehen und mehr die realen Verhältnisse
der Kirche von Constantinopel, die ja für die Slavenapostel maassgebend
waren, ins Auge zu fassen. Man darf aber nicht vergessen, dass eine strengere
Methode der textkritischen Studien des Alten und Neuen Testaments erst um
viele Jahre später aufkam, nachdem ich mit lächerlich bescheidenen Mitteln
die Frage über die kritische Seite des Textes des Assem. Evangeliums in den
Kreis unserer Studien eingeführt hatte (1865, also vor 36 Jahren!). Es wäre
traurig genug, wenn man seit jener Zeit keinen Schritt nach vorwärts gemacht
hätte. Herr Jevsejev hebt die Forschungen de Lagardes als epochemachend
hervor; allein seine Studien concentriren sich doch wesentlich auf der kriti-
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 17
258 Kritischer Anzeiger.
sehen Sichtung der Septuaginta und der russische Gelehrte kann nicht umhin
selbst zuzogeben (S. 337 der I. Abhandlung), dass die Nachfolger Lagardes
in Deutschland. England, Italien u. s.w. die allgemeine Charakteristik der
Lucianischen Recension des Bibeltextes wenig gefördert haben und er selbst,
der einen beachtenswerthen Beitrag dazu in seinem Werk über Isaiastext
lieferte, wagt nur vermuthungsweise auszusprechen, dass die von ihm als
Lucianisch formulirten Merkmale nicht auf Isaiastext beschränkt waren,
sondern auch in anderen Theilen der Bibel wiederkehrten. Das Hauptmerk-
mal übrigens, wenigstens nach der Auffassung Jevsejev's, sieht ziemlich un-
bestimmt aus, er nennt es »KOJiHiecTBeHHaa pacnpocTpaneHHocTt öuöjeiicKaro
xcKCTa« (quantitative Erweiterung des biblischen Textes ) ! Nun sieht leicht
Jedermann ein, wie dieses Princip irre führen kann. Irgend ein zufälliger
Zusatz im Text kann gleich ohne Weiteres für ein Lucianisches Merkmal
erklärt werden! Z. B. die vom Verfasser auf S. 337 aus Marc. I notirten >Zu-
sätze«, die er für Merkmale der Lucianischen Texteserweiterung, erklärt,
kommen allerdings in allen ältesten kirchenslav. Evangelientexten vor, allein
wie stimmt dazu die auf S. 339 gemachte Bemerkung, dass die Lucianische
Redaction eigentlich auf die liturgischen Bücher beschränkt blieb, die man
»gleich aufgab, sobald der liturgische Codex die Gestalt eines gewöhnlichen
biblischen Buches annahm«? Marc. I, 9 — 34 begegnet überhaupt als Lection
nicht, und doch enthalten die Verse 13, 14, 24, 31 selbst in den ältesten Tetra-
evangelien, die doch keine liturgischen Zwecke verfolgten, jene von Jevsejev
als Lucianisch aufgefassten Erweiterungen. Bezüglich der aus den Psalmen
citirten Belege ähnlicher »Erweiterungen« (S.338 — 9) will ich nur konstatiren
dass die ältesten Texte (Sinaiticus, Pogodiner und Bologner) ganz überein-
stimmend in Ps. 70, 4. 20 und 71, 18 die sogenannte erweiterte, in Ps. 70, 13
und 71, 16 die »kürzere« Redaction abspiegeln. Wie ist das zu verstehen?
Die Beobachtungen des Verfassers, die ich für sehr beachtenswert!! halte,
bedürfen jedenfalls einer weiteren Prüfung; fürs nächste scheinen sie sich
wenigstens für den Isaiastext bewahrheilen zu wollen. Und auch das schon
ist kein geringer Gewinn.
Nr. II handelt von dem Text des biblischen Buches Esther. Im Ge-
gensatz zu einer mir in ihrem Wortlaute nicht zugänglichen Behauptung Prof.
Sobolevskijs, der den in die Gennadius- Bibel aufgenommenen kirchenslavi-
schen Text des Buches Esther aus einer griechischen Vorlage übersetzt sein
lässt, vertheidigt Herr Jevsejev, wie ich glaube mit überzeugenden Gründen,
die ältere Ansicht, nach welcher die grössere Hälfte dieses Buches aus dem
Hebräischen, das Fehlende aber ursprünglich aus dem Lateinischen, nachher
aus dem Griechischen übersetzt worden sei. Auch der glagolit. Text (bei
Breie) verräth auf Schritt und Tritt seine volle Abhängigkeit vom lateinischen
Original. Leider fehlt jenes von Herrn Jevsejev in Konstantin's Leben des
Stefan Lazarevic gefundene slavische Bruchstück, das gewiss aus dem griech.
Original, imd zwar wohl vor Konstantin übersetzt wurde, in dem glagolitischen
bei Brciö gesammelten Stücken. Sonst könnte man vielleicht irgend welche
Anhaltspunkte finden.
Nr. III bewegt sich wieder im Kreise der Prophetentexte. Das hier
Jevsejev's Beiträge zur altkirchensl. Lit., angez. von Jagic. 259
Gebotene kann als nicht unwesentliche Ergänzung und Erweiterung der im
Buch Isaias gewonnenen Resultate angesehen werden. Bisher hielt der Ver-
fasser an dem Gedanken fest, dass die älteste, mit allen Merkmalen der ersten
altkirchenslavischen Literaturperiode ausgestattete Uebersetzung des Pro-
pheten Isaias auf die in dem Prophetologion enthaltenen Bestandtheile be-
schränkt gewesen, und dass der volle Isaiastext gleichzeitig mit dem Com-
mentar erst der nachfolgenden, zweiten oder bulgarischen Literaturperiode
seine Entstehung verdanke. Nun fand aber Herr Jevsejev in dem bekannten
Codex des Moskauer Archivs, in welchem die Chronik Malala's enthalten ist,
auch solche Stücke aus den Propheten, die in dem Paroemienbuch gar nicht
vertreten sind, erstens ohne Commentar, zweitens in dem Paroemientypus
(nicht dem Prophetentypus) gehalten. Dadurch wurde er gezwungen, seine
bisherigen Behauptungen insofern zu erweitern, als er jetzt neben einem auf
Paroemienstücke beschränkten, noch einen vollen Isaiastext im alten Typus,
ohne Commentare, übersetzt sein lässt. Der durch zahlreiche Beispiele illu-
strirte Beweis scheint mir überzeugend geführt zu sein. Auch aus glagoliti-
Texten kroat. Provenienz Hesse sich vielleicht eine Bestätigung beibringen,
leider sind die bei Breie gesammelten Texte sehr fragmentarisch und lassen
nur wenig Vergleiche zu. Die zwei Stellen, die Jevsejev auf S. 7 seines
Isaias-Buches anführt, gehören in der That auch im glagolit. Text dem soge-
nannten erweiterten Typus an: 1. 29 nocTn;i;eT ce oyöo o HCToyKaHHnx^ cboux^
H:M>Ke cjioyjKumu n nocTujei ce o Bpxorpaaixt cbohx* e>Ke asBO.iHme u o acp^iBaxt
CBOHxt HMuace HCToyKaHHHM* cjoyatuine (die Uebereinstimmung mit dem Parö-
mientext ist grösser als etwa mit der latein. Vulgata): IX. 6: MJtaÄiHBu"" oyöo
poatjen* ecx Haai* n cuh* Äan* ecx^ hem*, CTBopena ace ecx* BjracT* ero na paiii ero
H ESOBei* ce HMe ero auB\ CBiTHHK'', öort, KpinK*, oxanL 6oyaoyni;aro
EiKa, B.3aÄUKa Miipa (dieser Text stimmt zui; lateinischen Fassung, die
ebenfalls mit einer erweiterten griechischen Textgestalt identisch ist;. Leider
können von den zahlreichen auf S. 356 — 369 der in Rede stehenden Abhand-
lung aufgezählten Belegen nur die wenigsten mit dem glagol.Text verglichen
werden. So weit die Vergleichung möglich ist, zeigt der glagol. Text manch-
mal Berührung mit dem commentirten Prophetentext, die vielleicht auf latei-
nischen Einfluss zurückzuführen ist, z. B. Dan. 1, 3 ox* ctiieHe necapcKaro u
CHJiHiix^ (CP. oxt n-ieMene uaptcKa n oii. KpinKtmxi., lat. de semine regio
et tyranuorum) — hier ist der erste Theil nach alter Vorlage , der zweite
stimmt zur Lesart der comm. Propheten, weil im latein. tyrannorum steht.
Dan. 2, 42: ii qeciB acejitsHa, gecTt CKoyÄ^Ji^Ha, lecxB ace öoyaeiB iiecapcxBa
KpinKa, hier stimmt der Ausdruck ckoja^ji^hü zum alten Typus, aber die
Zusätze exepa (3 mal) fehlen, wie in dem comment. Prophetentext; die latein.
Uebersetzung mit ihrem ex parte steht fern. Die vom Verfasser aus der Prü-
fung des Archivtextes der Propheten gezogenen Schlussfolgerungen müssen
zunächst noch in suspenso gelassen werden. Die lexicalisch-grammatische
Aehnlichkeit dieses Prophetentextes mit dem Paroemientypus kann man
noch nicht als Beweis hinstellen , dass die Ergänzung des Paroemientextes
zum vollständigen Prophetentext (zunächst ohne Commentar) gerade von
17*
260 Kritischer Anzeiger.
Metbodius herrührt. Ich kann es nicht als unmöglich bezeichnen, aber ohne
weiteres daran zu glauben vermag ich doch nicht.
Nr. IV der «Bemerkungen" erschien im B. V. 1900 (S. 788—823, SA. 1
bis 36) der TLsBiciin der russischen Abtheilung. Der Inhalt dieser Abhandlung
bezieht sich auf den vom Verfasser sehr scharfsinnig vermutheten Zusammen-
hang mehrerer Stellen der Prophetenkommentare mit der in der altrussischen
Literatur vorhandenen Bekämpfung der Juden als Läugner Christi und da
man nach dem antijüdischen polemischen Charakter der sogenannten com-
mentirten Palaea die Verwerthung der Prophetencommentare auch für dieses
Denkmal erwarten würde, so wirft der Verfasser die Frage auf, ob nicht die
von ihm verglichenen Texte (alles inedita, zum Theil selbst ihm schwer zu-
gänglich) einen Schlüssel zur präciserenFormulirung des Verhältnisses geben.
Ich muss die Beurtheilung dieser »Bemerkungen« anderen überlassen, da ich
aus Mangel an zugänglichem Material zur ganzen Frage keine Stellung
nehmen kann.
Nr.V der »Bemerkungen« erscheint im III. Band der »Tpyflti ciaBaHCKoä
komhccIh« der Moskauer archäologischen Gesellschaft. Diese Abhandlung
kommt von neuem auf die Prophetentexte zurück, diesmal wird der Commen-
tar vom Propheten Daniel bebandelt, der von Hippolytus herrührt und erst
yor kurzem in der deutschen kirchengeschichtlichen Literatur, in den Werken
von Bradtke und Bonvetsch wissenschaftlich behandelt wurde. Das Buch
Daniel nimmt in der slav. Uebersetzung an den commentirten Propheten
keinen Antheil, es ist ohne Commentar geblieben (vergl. Gorskij und Nevo-
strujev OnHcaHie cuHoa. pyK. II, 1, S. 113). Nun besitzt aber die kirchenslav.
Literatur auch eine Uebersetzung des Hippoly tuscommentars auf den Propheten
Daniel, gerade so wie sie einen besonderen Text des Hippolytus über den
Antichristus kennt (den letzteren gab schon 1868 Nevostrujev unter dem Titel
»Cjiobo CBÄTaro Hnnojmia ofji. aHTHxpHCxi, MocKsa 1868 heraus). Herr Jevsejev
studirte auf Grund derselben Handschrift (deren Text nebst einem anderen
der Moskauer Geistl. Akademie Sreznevskij im J. 1874 in dem Bericht über
die 15. Preiszuerkennung der Graf Uvarov'schen Prämie herausgegeben hat)
diesen Commeutar und sein Verhältniss zum Text der Propheten und zu dem
genannten Werke desselben Hippolyten über den Antichristus — beides
nicht in griechischer Sprache, sondern in slavischer Uebersetzung, um den
Charakter derselben und die ungefähre Zeit ihrer Entstehung zu bestimmen.
Der Verfasser geht, auf seinen früheren Forschungen fussend, von der Vor-
aussetzung aus, dass das Buch Daniel nicht weniger als viermal einer
besonderen Behandlung seitens der slavischenUebersetzer unterzogen wurde:
1. zuerst seien Stücke für dasParoemienbuch übersetzt worden, 2. dann haben
sie eine Ergänzung erfahren (diese zwei Arbeiten hätten noch in Mähren-
Pannonien stattgefunden), 3. ferner sei eine neue, bulgarische, Uebersetzung
veranstaltet worden bei der Gelegenheit, da man eine commentirte Propheten-
übersetzung zu Stande brachte (wobei jedoch Daniel ohne Commeutar blieb
und doch übersetzt wurde [?j), endlich zu dieser neuen, bulgarischen, Ueber-
setzung sei 4. der Hippolytuscommentar hinzugekommen, bei welcher Gelegen-
heit doch auch der Text einigen Aenderungen unterzogen worden sein soll.
Jevsejev's Beiträge zur altkirchensl. Lit., angez. von Jagic.
261
Diese viermalige Betheiligung der Uebersetzer an demselben Text ist nicht
gerade etwas selbstverständliches, es müssen wichtige Gründe dafür vorliegen,
um uns zu dieser üeberzeugung zu bringen. Wer nicht zu den Glücklichen
zählt, die die kais. öflfentliche Bibliothek zu Petersburg oder die Moskauer
Synodalbibliothek bei der Hand haben, muss bei der Prüfung dieser Fragen
im Halbdunkel herumtappen, da noch Niemand in Russland den glücklichen
Einfall hatte, die Propheten herauszugeben. Ich muss mich also an das von
Herrn Jevsejev Gebotene halten. Seine Parallelen (auf S. 5, 7, 8), worin er
Dan. 2, 34 — 35 und 7, 13 — 14 nach dem Paroemien- und dem completten Text
erster und zweiter Bearbeitung mittheilt, sehen durchaus nicht so aus, als
hätten wir in der That mit den verschiedenen, immer wieder von neuem
gemachten Arbeiten zu thun. Sagen wir immerhin, dass die erste Complet-
tirung der Paroemienübersetzung das schon in den Paroemien Enthaltene
verwerthete, und nur durch Zusätze das Fehlende ergänzte, wo findet man aber
die Beweise für eine Neuübersetzung, wenn man den in der commentirten
Prophetenübersetzung enthaltenen Danieltext mit dem ältesten ( der Paroemien)
vergleicht und folgende Parallele bekommt:
Parem. Grigor. Dan. 2, 34—35:
BHjiuie ÄOHtÄSHce oyxptace ca KaivieHi.
OTT. ropra. He p&KaMa, h oyaapH xijio ■. .
H ÖHCTt HKO H npaxt OTT) royMHa jiix-
Hiro H BSATT) u. npiaMHonJH Biipi. . .
H KaiaeHT. eace paa^pasH xiÄO öticit b-l
rOpA BeJIHKA H Han.I'BHH b-bcä seMA.
Aus der comm. Proph.-Sammlung id.:
Biiatame ÄOHae>Ke oyiptace ca KaMeuB
OT-B ropti He poyKaMH, ii oyaapH Tijio . .
u ÖBiCTB MKO u npaxT. cix royMHa Jii-
TBHA H HSAT-B H npiMHOrblH B^Tp-B . .
KaMCHB 3ce H»ce pasÄpasH oöpasa öthctb
ropa BCJiHKa a HaiWBHU bch) seauH».
Fügen wir noch den glagolitisch-kroatischen Text hinzu : BHÄ^ime äoh-
aeace ce oyxpBjKe KaiieHB ox ropa ne poyKaMH oxciieHB h oyaapu Ti.;io . . . h 6hctb
tKo npaxB Ol royMHa .lii^'naro h s'aei^ h npiMHora BixpB . . KaMeHB Hce iiace pas-
pasH lijio, ÖHCiB B ropoy Bdino h Han.!iBHii Bcoy aeMJio . . Sind das wirklich
verschiedene Uebersetzungen?
Dieselbe vollständige Identität der Uebersetzung ist auch aus demCitat
Dan. 7, 13—14 (bei Jevsejev auf S. 7 — 8 angeführt) ersichtlich. Wir finden
da nur das Verbum mhhcib einmal durch MUMonaexB, das andere Mal durch
npuAeiB ersetzt — ein sehr üblicher Wechsel (vergl. Entstehungsgeschichte
II. 62). Auch die Beispiele Dan. 1, 14—15; 2, 11 (angeführt auf S. 10) unter-
stützen die Annahme einer selbständigen neuen Uebersetzung Daniel's nicht ;
das Wort cd Idica lautet allerdings im älteren Text spauH. im vollen ospB^a
(im glagolit. Text Jiuua und so auch in — Hippolytus!), dann ist anora ersetzt
durch apoyraaro, für cBKaateiB [uvayYeXei) steht das näher an den griech.Text
sich anschliessende cxb^cihtb (glag. Text hat BBSBiciHiB). In einem anderen
Citat (Dan. 8, 14) auf S. 11 findet man bloss oiHuieno öcyaeiB ersetzt durch
o^HcxuTCA. Alle diese Belege, die ich, wie gesagt, gezwungen bin aus zweiter
Hand zu schöpfen, reichen nach meinem Dafürhalten nicht hin, um von dem
Buch Daniel eine neue Uebersetzung in die Zeit Symeon's (also zu Anfang
des X. Jahrh.) zu versetzen, oder richtiger in jene Zeit, da zu einigen Pro-
262
Kritischer Anzeiger.
pheten die Commentare übersetzt werden sollten, aus welchem Anlass in der
That sehr nahe lag auch den Text mit zu übersetzen. Das Buch Daniel be-
kam aber keinen Commentar, folglich eine Neuübersetzung, wenn schon eine
frühere vorhanden war, wäre ganz zwecklos gewesen, für sie lag kein An-
lass vor.
Es ist möglich, dass der Verfasser seine Ansicht durch Beweise stützen
kann, die mir hierorts unzugänglich sind. Mari mus ja den Muth des Fehlens
haben, ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Die Studie Jevsejev's
hat aber auch, selbst wenn ich sie in diesem einen Punkte bekämpfe, grosse
Bedeutung dadurch, dass er zwischen dem Commentar des Hippolytus auf
Daniel, zwischen dem Werk desselben Hippolytus über Antichristus und
zwischen dem Izbornik 1073 (der bekanntlich auf Veranlassung Symeons von
Bulgarien zu Stande kam) eine sehr nahe Verwandtschaft constatirte, eine
Verwandtschaft, die so weit geht, dass sie Herrn Jevsejev veranlasste die
Vermuthung auszusprechen, der Uebersetzer des Hippolytus und des Izbornik
1073 sei eine und dieselbe Person gewesen (S. 7). Mir scheint auch hier die
Schlussfolgerung des Herrn Jevsejev etwas voreilig zu sein. Früher sprach
er (S. 5) nur davon, dass der Uebersetzer des Izbornik der Uebersetzung der
Werke des Hippolytus sehr nahe stand. Diese Fassung möchte ich als die
vorsichtigere vorziehen. In der Stelle aus dem Izbornik, auf die der Verfasser
das Hauptgewicht legt (citirt auf S. 6), werden ccl xvrjfxai mit rojiiHt (dual oder
plur. ro.aiiiH), dagegen bei Hippolytus mit ji-hcth (von j-hctt.) wiedergegeben
(der glagolitische Text hat auch ro.iiHH). Diese Abweichung ist nicht un-
bedeutend, es gibt aber auch mehrere unbedeutende, Alles zusammen macht
nicht den Eindruck, dass gerade eine Person an beiden Werken betheiligt
war. Wahrscheinlicher klingt eine andere Vermuthung des Verfassers, nach
welcher das »Wort vom Antichristus« und der Commentar auf Daniel, wie sie
von demselben griechischen Autor herrühren, auch dieselbe Person zum Ueber-
setzer haben könnten. Mit dieser Ansicht könnte ich mich eher einverstanden
erklären, zumal in der alten, ins XII. Jahrh. versetzten Cudovo-Handschrift
beide Werke unmittelbar aufeinander folgen.
Auf den weiteren Inhalt dieser fünften Abhandlung gehe ich nicht weiter
ein, ervähne Ar, dass der Verfasser in einer der Beilagen den Commentar
des Hippolytus auf das 9. Capitel Daniel's zum Abdruck brachte. Hätte er
doch auch den Text Daniel's, oder wenigstens dieses einen Capitels, nach, wie
er glaubt, verschiedenen Uebersetzungen beigegeben; am liebsten wäre uns
freilich, wenn wir den ganzen Daniel nach den ältesten Quellen der Uebersetz-
ung bekommen hätten. Möge uns der kenntnissreiche russische Gelehrte noch
recht oft Gelegenheit geben, über seine weiteren Forschungen, die die slavische
Philologie so nahe angehen, in dieser Zeitschrift zu berichten. Wir werden
es, davon möge er überzeugt sein, immer mit demjenigen Wohlwollen thun,
das seine, das gewöhnliche Mass der philologischen Kritik in russischen For-
schungen weit überholenden Studien verdienen. V. J.
Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von Jagic. 263
A. CoöojieBCKiä. UjepKOBHOCJiaBHHCKie TeKcxBi MopaBCKaro npoHcxoac-
Aema. Bapuiaßa 1900, 8^, 68 (SA. aus dem Warschauer ^>UÄOÄorii-
^leCKifi BiCTHHKT.).
Diese, wenn auch nicht umfangreiche, so doch reichhaltige Studie ver-
dient besondere Beachtung. Bei der nicht abzuläugnenden Disciplinlosigkeit,
die bezüglich vieler wichtiger Fragen des altkirchenslavischen Alterthums
in der Slavistik noch immer herrscht, — unsere Zeitschrift machte zu wieder-
holten Malen darauf aufmerksam — ist es gewiss tröstlich, constatiren zu
dürfen, dass Prof. Sobolevskij in der Einleitung zu seiner Monographie von
einigen mir unzweifelhaft richtig scheinenden, und doch gerade in Russland
selten anerkannten Voraussetzungen ausgeht, namentlich will ich auf die
Geltendmachung einer gewissen Vorarbeit bei der Bekehrung Mährens und
Pannoniens zum Christenthum vor der apostolischen Wirksamkeit der aus
Constantinopel gekommenen Brüder hinweisen, woraus in dem ältesten Wort-
schatz der altkirchenslavischen Literatur ein bedingter Dualismus sich ent-
wickelte. Durch diese Annahme nähert sich Prof. Sobolevskij wesentlich dem
von uns im Westen des Slaventhums vertretenen Gesichtspunkt. Allerdings
folgert er daraus in der vorliegenden Schrift mehr, als ich es thun könnte.
Er versucht nämlich von einer Reihe der noch vorhandenen altkirchenslav.
Denkmäler den Nachweis zuführen, dass sie geradezu in Mähren entstanden
sind. Es handelt sich zunächst um vier Denkmäler, das eine davon, die
Kijever Blätter, wird nicht näher untersucht, da der Verfasser, wie es scheint
(gesagt hat er es nicht, das wäre auch zu viel verlangt!) mit meinem Resul-
tate einverstanden ist. Ich muss freilich auch bezüglich dieses Denkmals
die schon einmal gesagte Vermuthung widerholen, dass nur die jetzige
Form der Kijever Blätter in das Gebiet der böhmisch-mährisch-slovakischen
Dialectengruppe versetzt werden muss, die erste, ursprüngliche Abfassung
des ganzen Sacramentariums könnte aber weiter unten im Süden, im Bereich
der pannonischenSlovenen (die bis au die Save reichten) zu Stande gekommen
sein. Was aber das zweite Denkmal, hier in dieser Monographie an die Spitze
gestellt, anbelangt, d. h. die Reden des Papstes Gregorius des Grossen (des
h. Gregorius Dialogus) die schon seit dem J. 1859 (OnacaHie pyKonHceii chho-
ja.iBHoii ÖU6.I. IL 2, Nr. 149) in einer recht umfangreichen kritisch-grammati-
schen Analyse vorliegen, so kann ich aus dem dankenswerthen lexicalischen
Material, das der Verfasser auf S. 8 — 9 und 31 — 56 beigebracht, nicht den
Eindruck gewinnen, dass diese Reden des Gregorius, denen unzweifelhaft ein
lateinischer Text zu Grunde liegt, gerade in Mähren (selbst im umfangreich-
sten Sinne dieser Benennung) aus dem Lateinischen ins Kirchenslavische
übersetzt wurden. Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, mit denen die
endgiltige Lösung derartiger Fragen bei unseren heutigen ganz unzulänglichen
lexicalischen Hilfsmitteln zu kämpfen hat, und doch scheint mir vieles dafür
zu sprechen, dass Gorskij und Nevostrujev näher der Wahrheit standen, als
sie den südslavischen Ursprung des Denkmals annahmen (Onnc. II, 2, S. 239).
Was zunächst die kirchenslavische Ausdrucksweise bietet, die uns aus den
ältesten Quellen wohl bekannt ist, diese ist hier nicht rein in ihrer ältesten
264 Kritischer Anzeiger.
exicalischen Fassung vertreten, vielmehr kommen neben den sehr alten Aus-
drücken auch schon solche vor, die vrir in den Denkmälern der nächstfolgenden
Periode anzutreffen gewohnt sind. Neben öAaroÄiTt findet man auch schon
öjaroaaxB, neben HHoiAÄt auch schon KÄUHOiaÄ-B, neben HeöectCK-B
auch neßecBHi., neben seMtcKi. auch scm.ibh'b. Aelteren Standpunkt
wahren die Ausdrücke wie: ßoJiisHB (auch neÄoyr'B), 6paHB (nicht paii,,
doch paTHBiä), sapHiH, b-mhha (statt npiiCHo), BAme, B-Bsr^iaiuaTH,
roÄHHa (doch auch qaci.), aoMt, äoctoht-b, ApeB.uK, acajiocTB, acp-B-
TBa, »HBOTT., HCKpB, SaKJICne, KJreBpiT-B, KJIIOIHTH Ca, KOBBier-B,
Kp-Biarx, KpBCT-B (nicht KpaacBl), K-BHana, .laMHHie, H3.iHxa, ji4to,
NjüXBa (nicht njiumB), M-HiapB, nenpHiasHB, HenBuieBaiH, OTpoK-B,
OXpOlHUa, OpAaCHK, OTOK-B, OTTbnOy C T HT II (nicht OCTaBHTH), OÖJiaCTB
(und BJiacTB), naiiTH ca, noBiiHOBaTu ca, hocthth ca (aber auch
aJCBKaTH), npoJiiiBaTH, nponATH,nBpM, ninasB, iiA^HHa, npanp&at,
paH, paöoiaTH, peMCHBH'B, canor-B, cejio, CKp-BÖB (aber auch neiajB),
CK&ÄiJIBHHK'B, CMOKOBBHHUa, CBBiS^HHie, CBHBMl, TBOpBUB (uicht
3H2CÄHTe.!IB), TOyHCÄB, OyÖOr-B, Cyn-BBaHHie, XOyÄO^KBCIBO, XpBÖBXX,
XTämBiiHK-B, uivi-B (nicht cBapaBi.), msBa, und die Fremdwörter äu-
aacKa.iBCTBO, HroyMCH'B, uiepcH (acpBUB für consul!), lepeTiiK-B, ku-
BOTT), Kajioyrep'B, KejiiiM, ojiiii, npoapoM'B, ckhhhh, CTpaTHri. u.a.
Daneben kommen vor : amioT-B und öeaoyivia (ohne cn'HiH), öicx (nicht
ÄiMOH-B), 6jioYJi.T> und öJioyÄBHima (doch ist jiio6oÄiMHHK bekannt),
BHÄiHHie (nicht spaKx), spa^B (nicht öajiHii), bohm (nicht apoMaii.),
BcpHra (nicht Aace acejiisBHo), rjioym. (weder 6oyii, noch oypoÄt),
rpo6T. (nicht 3cajinii), rpo3H%, rpBSHi. (neben rposÄ'B), spißa Äoy-
ÖpoBBHara (neben «oyöpasa ist JOhn, üblich), Äisima (statt «isa), die
Präposition ai.iBMa (statt und neben paan), äbhb Be.nHKi. (statt npasÄB -
hmk-b), acHTBHHua (nicht CBKpoBume), saKOHOoyiHiejiB, saBHSa (für
aaBHCTB), 3H0H (uicht BapTb), HcnpBBa (statt hckohu), uMBace für quia
(statt no HC ace, Oniic. 237), Kona^B (neben Äi./i aiejiB, nicht BiiHapB),
KOT-Hra (nicht xaTOH-B), kp-bmhth ca (neben nHTiTu ca), k'B3Hb (statt
xiiTpocTB), jicMeiuB (uicht pajio), Ma.joMOiiXB (neben öiÄBH^), Macit
(nicht Mvpo oder xpnsMa), MmrocxiiB-B (nicht mhjiocpbä'b), MOiuBiia
(nicht nnpa), moiubho (für s-BSMoacBHo), Mpiaca (nicht neBoa'i), MBsaa
neben M-EiTO, naö-BÄiiH, HanaciB (nicht HCKoymeHHK), neöpimn (nicht
HepoÄHTH), oÖHiiJiB (uicht acnjiHme), oap-B (nicht Jioate), njieMA (nicht
ctMA oder KO.aiHo), npanjiOÄX (neben JiHXBa), npirpiuiBH'B (nach
npirpiiucHHie statt CBrpiuieHHB), npomapHB'B (für 3'hJi'h), npaBO
für amen, hatb (nicht uicia), cKopo (nicht a^po), cjioyacBöa (neben
jHToyprHM, ohne MBiua), cMp'fciB (neben KCÄpt), cpaivioTa (nicht
■ CToya-B), cpaMjiMTH CA (für cx-HsiTH ca), CTO.i'B (nicht npicxo.!!.),
cxÖJiasH'B (nicht cKaHflaji'B), c'b.i'b (für nuntius, eigentl. apostolus), xicK-B
(nicht xo^H.)io), ipi6§ (statt noaoöaicTT.), xpaaiiiHa (statt xpaMi.), iio-
äbh-b (statt äubbh'b).
Diese nicht erschöpfenden Belege machen a priori wenig wahrscheinlich
die Annahme, dass ein solches sprachlich mit verschiedenen späteren süd-
Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von Jagic. 265
slavischen zusammenhängendes Denkmal oben in Mähren übersetzt worden
wäre. Das würde eine durch längere Zeit andauernde ruhige Entwickelung
der Liturgie, Sprache und literarischen Thätigkeit dort oben voraussetzen,
von der uns nichts bekannt ist, und es müssten sehr starke Beweise dafür
ins Treffen geführt werden können , um uns diesen Glauben aufzuzwingen.
Diese vermisse ich in der vorliegenden Schrift. Die auf S. 8 — 9 als Moravis-
men bezeichneten Ausdrücke, z. B. BapoBaiii ca , BJiami., BtaiHHi«, n.OÄi,
II3B0.IHTH, Ka3aTu,KaMHuifl, HaMicTHK, paqiiTM,piit (als res), caara,
CHaacLHT., sind alle auch südslavisch (z. B. durch das Wörterbuch Danicic's
nachweisbar). Das Wort noHKBaace braucht auch kein Bohemismus oder
Moravismus zu sein, da auch im Altserbischen sein Abklatsch in noHKBape
(s. Danicic's Wörterbuch) vorliegt. Solche Ausdrücke, wie öjiHKiiKa, öjoy-
ÄBHHiia, öoroMBJKH ure , öpaKT., öpaiuHX, öpaiUBHO, ö-BX-Bivia -6^-
niHK», BepHra, BHHHKa, BOJioyii, Bpa^BCxBO, Bpaxx, spLatra, b'b-
CTArHoyTH, rpaaapB, äochth (üblicher äcchth), sanosiÄB, sanoei-
mnuK-h, KOBBiert, plur. KOJia, KOTepuH, KpuBuna, jih6§bhth,
MacjHua, MoyÄtöa - saMoyacacHUK - usMoyaHTU, oÖhjthk, doboh,
nonoBBCTBO- nonoBBCKaa cjioyjKBÖa, CBiiia, cxapocTB (für aetas),
TOMrt, TAjKaxu, oypoqnme, x^ipt (in der Bedeutung Studiosus, dili-
gens) tragen ein so entschieden südslavisches Gepräge, leben noch jetzt bald
im Bulgarischen, bald im Serbokroatischen, bald im Slovenischen, dass es
schwer fallen würde, sie aus dem Böhmisch-Mährisch-Slovakischen abzuleiten,
mag auch im altmährischen Wortschatz manches Gemeinsame einst vorhan-
den gewesen sein, wie z. B. rjoynt, ahmt. (Instrum. ä'hm'bmb in inguine,
\ GT g\. cech. dyme, dt/mej, serhokr. dimlj'e), KOMiina (gen. plur.: MaciHua ot
KOMHHT> OTJioyiHTB Ca), .!ia.aoKa, MOHiBHa, HaTJix, naKocTB — den mäh-
rischen und südlichen Slaven noch heute gemeinsam sind. Nach unserem
heutigen Wissen könnte man höchstens bei tocthhbub, oxonuTu ca, pa-
cna^eHuie eher an nordwest- als südslavische Verwandtschaft denken; doch
wer kann behaupten, dass nicht auch diese Ausdrücke einst im Süden be-
kannt waren? Selbst die Form der Fremdwörter spricht nicht gegen den
südslavischen Ursprung, vergl. ÄHraKX (schon im XII. Jahrh. im Süden nach-
weisbar), MOHCTpBiHB (magistra) mit dem ragusanischen Familiennamen des
XII. Jahrh. MoncipB, GoyK-BiuB (buxus), reaciOBeB (Josue), Kpu^o.iHX'B.
Vergl. im altkroatischen Alexanderroman: apHiuTOxe.TB, auujHniB, Ka-
jiHcxeHoyiua, <i>H.io>Ko*ua, *h.j[05ko*, ähohu^hh, oder in der bulgar.
Trojasage: *apH3CB, öpiiacen/ia, npuaeacB Kpa.!iB, auH.iemB u. s. w. Ich
erwähne noch, dass K.aa3axB für cisterna auf »clausata» zu beruhen scheint.
Die Frage, wo die Uebersetzung im Süden stattfand, ist nicht leicht zu
beantworten. Manches spricht für die westlichen, nicht weit vom Adriatischen
Meere entfernten Gegenden. Die nicht ganz abgebrochenen Beziehungen zum
griechischen (byzantinischen) Wesen würden selbst an Macedonien zu denken
gestatten. Beachtenswerth ist jedenfalls die nicht besonders grosse Vertraut-
heit des Uebersetzers mit der lateinischen Sprache, wie folgende Belege zeigen :
E-B r.aarojii ex ratione, auch öeci/ia für ratio scheint auf der Verwechse-
lung zwischen ratio und oratio zu beruhen; ebenso ist ex aequo kohu und
266 Kritisclier Anzeiger.
Ha Kouiixt durch Missverstäudniss (Verwechselung von aequum und equus)
zu erklären. Auffallend sind a.jm.10 Tijio für castigo corpus, aiuioxi. ct-
TBopcHo für casu gestum (der Uebersetzer verwechselte casus mit cassus) ;
falsch ist BJiaA'H'itcKaH 6eciaa für generalis sententia; in B-BsaoyiuBua
und Bi.3ÄoyuiH)m;e für suspecti wird der Uebersetzer an die Bedeutung
suspirare gedacht haben; in Bi,3Jiv)6Jien'h für electus dürfte eine Ver-
wechselung mit dilectus vorliegen; in jraCKaHHie abstinentia ist vielleicht
nur ein Schreib- oder Druckfehler zu erblicken (statt .laKauiiK); ospautH-L
für despectus ist wahrscheinlich auch nur falsche Auffassung der lateinischen
Wortbedeutung. Beachtenswerth ist die Anwendung der Form poyMLCKi>
zur Uebersetzung des Adjectivs latinus, die Form scheint für hohes Alter der
Uebersetzung zu sprechen. Noch mehr verdient der Zusammenhang mit der
Sprache der Kijever Blätter hervorgehoben zu werden in solchen Ausdrücken :
.liia oöuaoyma (K.Bl. JiiTa orpA/iAui, auch oöuÄAui), saKOHtHHKi.,
UBCXB (für festum, festivitas), uhokoctl (peregrinatio), oöimanuK (K.Bl.
oöiuiHiii) für promissio, usÄpimuTejiB redemptor (K. Bl. usapiuieHHi),
BBCCMor'HH (omnipotens) , npuHocB (oblatio), öJiarocjiOBecTiiTH (bene-
dicere), noxoTB (desiderium), 3aK.iene (clausit), j:oyKaBBCTBO curiositas
K.Bl. -lAKaBBCTBO malitia), cBBicxBCTBOBaTu testari (K.Bl. cx-
BicxoBaTH id.), Hacii^oBaTu (imitari), OTxn.iaTUTu K.Bl.: ornjiamc-
HHK (retributio).
Das Leben des heil.Benedictus ist ein anderes, im serbischen Codex des
14. Jahrh. erhaltenes Denkmal, das auf Gregorius den Grossen und lateinisches
Original zurückgeht. Prof. Sobolevskij hat das Verdienst zuerst auf den Text
hingewiesen zu haben, leider viel zu kurz. Selbst der lexicalische Auszug
umfasst kaum zwei gedruckte Seiten. Sonderbar sieht es bei einem Gramma-
tiker aus, dass er den Text serbischer Eedaction in die russische zu um-
schreiben für statthaft hält. Der kleine Wortvorrath gibt nicht den geringsten
Anhaltspunkt für die mährische Provenienz des Textes, dagegen verrathen
Wörter, wie Mac.io (Äpisino) für oleum, nacioyx'B, CBiai, oyposBCTBO
u.v.a. einen Typus des Altkirchenslavischen, den wir nicht als ältesten anzu-
sehen gewohnt sind. Beachtenswerth ist das Vorkommen des Substantivs
ipecaBHua für febris in diesen beiden Denkmälern: ein Ausdruck, der bekannt-
lich im Bulgarischen noch heute bekannt ist und die Annahme des mährischen
Ursprungs der Uebersetzung keineswegs wahrscheinlich macht.
Einen weiteren »mährischen« Text soll nach Prof. Sobolevskij das Nico-
demus -Evangelium repräsentiren, das uns durch Stojanovic (FjiacHiiK B. 63,
S. 78 fif.) nach zwei Wiener Handschriften und nach einer Analyse durch Polivka
C. C. M. 1891, S. 440 ff. zugänglich ist. Prof. Polivka erblickte mit Recht auch
hierin eine südslavische Arbeit, möglicherweise aus den westlichen Gegenden
(also aus dem Bereich der adriatischen Meeresküste) herstammend. Gewiss
ist diese Ansicht (iie allein richtige, von einer mährischen Provenienz kann gar
keineRedesein. Nichts specifisch Mährisches enthält der Text, da ja der Aus-
druck Bc.iuKa HOuiL für Pascha auch den Südslaven (wenigstens noch heute
den Slovenen) bekannt war. Beachtenswerth ist allerdings eine gewisse Ver-
wandtschaft der Sprache dieses Textes mit den Gregoriusreden. Z. B. auch
Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von Jagid. 267
hier kommt Moucxpi vor, und ein Nomen proprium endigt .Iimuomi., oder
Ausdrücke wie 6.ioyÄi.Hima, saK^ient, Bo.ie oder bojiw. als Fragepartikel,
auHKtjSaKOHLHHK'BjÄecuTii u. m. a. Zwei dunkel scheinende Ausdrücke
(vergl. Polivka a. a. 0.) will ich hier zur Sprache bringen. Wenn Cap. IX die
lateinische Vorlage vobis consuetudo est durch ua oiuecTBic, vi. na oy-
luBCTBUK ecTL gelcssn Wird, SO halte ich das für ciu Wort H a y lu I. c T B H K,
welches dem lateinischen consuetudo entsprechen und vielleicht Haoymt-
cxBuie (als Parallele zu HaoymeHUK) gelesen werden muss. Die zweite
Stelle, die Polivka Kopfzerbrechen verursachte, betriift das Wort npuMpt-
saHUK — gewiss ist hier entweder npuMptiauuie oder npiiMpxuaHUK
zu lesen, das 3 könnte man aus ^ erklären ; ^ war dann und wann mit u ver-
wechselt.
Auch mit dem weiteren Verlauf der Beweisführung Sobolevskij's kann
ich mich nicht immer einverstanden erklären. Auf S. 14 — 20 bespricht er die
zwei Bücher der Könige nach einer ihm zugänglich gewesenen Handschrift
des XIV. Jahrh. Ich glaube nicht, dass man diese Uebersetzung im vollen
Umfang in die methodianischen Zeiten zurückführen darf. In Mähren wird
wohl nur das Paroemienbuch übersetzt worden sein, die nicht in dieses litur-
gische Buch aufgenommenen Stellen oder Stücke aus den Libri regum ge-
hören ihrer Uebersetzung nach gewiss einer späteren Zeit an. Das zeigen
schon solche südslavischen Ausdrücke wie B.3acxejiHHi., Kouiapa, noöiau-
THCA (mit CT. und Instrumental, so auch im Nicodemus-Evangelium), cxci-
xiiTU CA, uiaiop-L u. s.w. Sehr dankbar sind wir Prof. Sobolevskij für die klei-
nen lexicalisehen Beiträge aus einigen anderen Texten, die er aus den Peters-
burger Handschriften schöpfte, doch würde ich den von ihm aufgezählten Sel-
tenheiten des Lexikons nicht die Bedeutung einer Abweichung von dem »cyrillo-
methodianischen«, wie er sich ausdrückt, Wortvorrath beimessen, da wir ja den
vollen Umfang dieses cyrillo-methodianischen Lexikons noch gar nicht kennen
und gewiss nicht gerade bloss die heute üblichen Ausdrücke des kirchensla-
vischen Wortschatzes das älteste, echte cyrillo-methodianische Lexikon
bildeten. Die Versuche des Verfassers, gerade diese »Abweichungen« haupt-
sächlich aus dem böhmischen Sprachschatz zu deuten, können einen Eindruck
erzeugen, als ob es sich wirklich um ausschliessliche Bohemismen handelt,
was bei den meisten Beispielen nicht der Fall ist. Z. B. das auf S. 18 citirte
KpHaciMa (aus dem Commentar des Andräas v. Cäsaria zur Apokalypse)
braucht durchaus nicht direkt mit dem böhm. krizmo sich zu berühren, es ist
aus KpH3Ma so hervorgegangen, wie bei vielen Fremdwörtern z zu z wurde,
und geradeso das einige Male wiederholte c|aHii. dieses Textes spricht nicht
für nordwestslavisches, sondern eher für südslavisches Sprachgebiet. Oder
noÄOöa ist gewiss eben so gut südslavisch, wie es böhmisch sein konnte.
Und für cKpoöoiHO braucht man auch nicht erst das böhmische sJo-ob herbei-
zuziehen. Richtig wird raosaöHaM oac/KÄa eines anderen in bulgarischer
Fassung erhaltenen Textes für identisch gehalten mit cechoslov. hedcabny,
hodvahmj, allein daraus, dass sich das Wort im Böhmisch- Slovakischen und
Polnischen erhalten hat, folgt noch nicht, dass es in alter Zeit nicht weiter
bekannt war. Zu EamuHem> kann man eine wenigstens eben so nahe ste-
268 Kritischer Anzeiger.
hende Parallele aus Marin Drzic's Komödie anführen, wo nasitiac schon eine
Rolle spielt. UndKJiÄnB scainnum ist doch das südslavischeÄ;^M;j, Z;/M^a, sloven.
klöp. Auch bei einigen weiter folgenden Denkmälern (wo öpamtHo, öpauie-
HBue, paqmu u. a. vorkommen) könnte ich nicht das folgern, was Prof. So-
bolevskij thut, da ich an einen specifischen Bohemismus selbst bei raciti
nicht glauben kann. Das Wort ist ja gewesen, ist auch jetzt noch auch süd-
slavisch (sloveniscb, kroatisch). Die einseitige Deutung einiger weniger
üblichen Ausdrücke der kirchenslavischen Texte aus dem Böhmischen brachte
den Verfasser dazu, alles mögliche aus Mähren abzuleiten, z. B. die beiden
pannonischen Legenden, ihre glagolitischen Auszüge (woselbst das Wort
dika aus dem — cechischen erklärt wird, gerade so wie eines anderen Denk-
mals Ausdruck /tiÄHHa ebenfalls aus dem Cechischen abgeleitet wird). Ich
möchte nicht, was man sagt, das Kind mit dem Bade ausgiessen. Eine gewisse
Beeinflussung des altkirchenslavischen Sprachschatzes durch den mährischen
muss man unbedingt zugeben und wenn Prof. Sobolevskij die von ihm aus
verschiedenen Texten herangezogenen Beispiele so erklären wollte, dass
wenigstens einige von ihnen vielleicht aus Mähren ihren Ursprung ableiten,
so könnte man dagegen wenig einwenden. Wenn er jedoch alle die von ihm
zur Sprache gebrachten Denkmäler geradezu in Mähren geschrieben seinlässt
(natürlich in ihrer ursprünglichen Fassung), so kann ich dem nicht beistimmen,
ich halte das für eine Verschiebung der Thatsachen, erklärlich zum Theil
daraus, dass der Verfasser zu wenig auf den südslavischen (namentlich slo-
venisch-kroatischen) Sprachschatz Rücksicht genommen. Vieles ist auf diesem
Gebiete noch dunkel und darum nehmen wir jede Bereicherung unserer Kennt-
nisse namentlich aus unedirten, handschriftlichen Quellen, die Prof. Sobo-
levskij in so reichlichem Maasse zur Verfügung stehen, mit Dank an, möge
auch unsere Werthschätzung von der des Verfassers in manchen Punkten ab-
weichen. V. J.
H. B. IIIjüKOBt. noyiemH Bja^Hiaipa MoiioMaxa. Cüört 1900.
8<>, 116 (SA. aus dem russ. Joui-n. des Min. der Volksauf klärung).
Im Laurentiuscodex (vom J. 1377) der altrussischen Chronik, vulgo Nestor,
ist unter dem J. 1096 eine »Belehrung« des russischen Fürsten Vladimir Mono-
mach (IIoyieHie BjiaÄHMipa MoHOMaxa) eingeschaltet, deren Provenienz aus einem
selbständigen Werk des genannten Fürsten keinem Zweifel unterliegt. Die>Be-
lehrung« umfasst eigentlich nur den grösseren Theil der ganzen Einschaltung,
der mit der Person Vladimirs, als des Redenden, anhebt, die »Belehrung«
selbst wird als einschreiben (rpaMOTuua) bezeichnet und der Zweck derselben
gipfelt in einer zunächst an die eigenen Kinder, dann aber auch an andere
Menschen gerichteten Mahnung, ihr Leben nach den Grundsätzen der christ-
lichen Lehre und Moral einzurichten. Das »Schreiben« wurde, nach den eigenen
Worten des Fürsten, ohne lange Vorbereitung und viel Nachdenken, auf einer
Reise des Fürsten niedergeschrieben, vom Verfasser selbst als eine flüchtige
Skizze hingestellt. Eine gewisse ernst-resignirte seelische Stimmung bildet
isljakov's Belehrung Monomach's, angez. von Jagic. 269
den Grund, auf dem das ganze Bild beruht. Der Fürst schlug einen bei ihm
auf der Eeise befindlichen Psalter auf, las darin in der slavischen Uebersetzung
die bekannten Worte: quare tristis es anima mea, et quare conturbas me?
Auf dieses Thema und in diesem Ton wurde von ihm zunächst eine Blumen-
lese aus verschiedenen Psalmenstellen, aus einigen zu den Psalmen gehörenden
Gebeten und aus einigen Gebeten des Triods und Belehrungen des Prologs
zusammengestellt. Das bildet aber nur die Einleitung zu der weiter folgenden
Auseinandersetzung der Lebensgrundsätze, die der Fürst seinen Kindern ans
Herz legt, an die sich dann autobiographische Züge des Verfassers anschliessen.
Die Worte cu cjoBua npoiuxaiome (ed. 1872, 236, Z. 15) deuten den üebergang
von der Einleitung zu der eigentlichen Mahnung und persönlichen Lebens-
schilderung an. Man kann nicht umhin dieses idealrealistische Bild eines
christlichen Lebenswandels für einen russischen Fürsten gezeichnet, höchst
bemerkenswerth zu finden. Je weniger wir über das innere Leben der alt-
russischen Menschen unterrichtet sind, desto schätzbarer steht dieses in seiner
Art einzige Denkmal da. Kein Wunder, dass die Geschichtsschreiber
(Karamzin, Pogodin, Solovjevj und Literaturhistoriker (§evyrev, Galachov,
Porphyrijev) ihre Aufmerksamkeit diesem Denkmal zuwendeten, und dass es
selbst monographische Behandlung erfuhr (Protopopov im J.1874, jetzt Sljakov
1900 — beide im Journal der Volksauf klärung). Für die Geschichtsschreiber
kam hauptsächlich die Entstehungszeit, für die Literaturhistoriker die Analyse
des Inhalts in Betracht. Nach allen Seiten trachtet der Verfasser der oben
citirten Monographie (Herr Sljakov) das Verständniss des Denkmals zu fördern.
Man muss ihm volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, es war sein redliches
Bemühen, tiefer in den Charakter und die näheren Umstände der Entstehung
dieser Belehrung einzudringen. Ich hätte nur eine klarere Darstellung und
eine übersichtlichere Behandlung der vielen von ihm zur Sprache gebrachten
Fragen gewünscht. Namentlich sollte sich der Verfasser ein genaues Citiren
der Texte, um die es sich in jedem einzelnen Fall handelt, angewöhnen. Wozu
gab man in der Ausgabe des Laurentiuscodex nebst den Seiten- auch noch
die Zeilenzahlen des Textes an, wenn die kritischen Forscher keinen Gebrauch
davon machen und die zeitraubende Mühe des langen Nachsuchens einzelner
Stellen in dem gedruckten 15 Seiten umfassenden Texte uns nicht ersparen
wollen? !
Der erste Theil der Abhandlung Sljakov's polemisirt gegen die Ansetzung
des Jahres 1099 (von Pogodin) als der Entstehungszeit der »Belehrung<. Sehr
wirksam, ich gestehe es, gestaltet sich die parallele Nebeneinanderstellung
der vom Fürsten Vladimir aufgezählten eigenen Feldzüge und Reisen und
der über dieselben in der russischen Chronik gemachten Erwähnungen. Es
handelte sich darum den Beweis zu erbringen, dass Vladimir von seinen
Zügen und Reisen durch Russland hin und her in chronologischer Reihenfolge
erzählt. Ob das dem Verfasser wirklich in allen Einzelheiten gelungen ist,
darüber kommt nicht mir das Urtheil zu, sondern solchen Gelehrten, die sich
mit der schwierigen Frage über die Chronologie der altrussischen Chroniken
beschäftigen (z. B. in neuester Zeit Akad. äachmatov). Nach Sljakov's Be-
rechnungen würde die Reise Vladimir's, an der Wolga gegen Rostov, auf
270 Kritischer Anzeiger.
welcher er selbst vorgibt seine Belehrung niedergeschrieben zu haben, nicht
mit Pogodin in das Jahr 1099, sondern erst in das Jahr 1106 fallen, also um
sieben Jahre später. Lässt man diese Bestimmung als die wahrscheinlichere
gelten, immerhin bleibt unerklärt die auffallende Thatsache, dass die aus-
schlaggebenden Worte »u ce umni Hsy PocxoBy« (S. 241, Z. 7), die offenbar mit
der Eotstehungszeit der Belehrung sich decken, nicht etwa zu Ende der Auf-
zählung aller von Vladimir unternommenen Züge und Reisen erwähnt werden,
sondern die Aufzählung einiger weiterer Unternehmungen noch nachfolgt.
Wenn man in der Deutung dieses auffallenden Umstandes zwischen Pogodin,
der an eine fremde Erweiterung dachte, und Sljakov, der dem Fürsten Vladimir
selbst eine nachträgliche Ergänzung zuschreibt, entscheiden sollte, so würde
ich wenigstens mich in einiger Verlegenheit befinden (S. 31). Dagegen kühn,
ja sehr kühn muss ich die Vermuthung Sljakov's nennen, nach welcher einige
von Vladimir Monomach nicht erwähnten Züge, über die wir aus der russischen
Chronik unterrichtet sind, in der Aufzählung unseres Textes darum fehlen,
weil schon der Schreiber Laurentius im J. 1377 ein defectes Exemplar der
Belehrung Monomach's vor sich hatte. Wer die ganze Virtuosität ^Ijakov's,
mit welcher er das Format, die Zahl der Zeilen, ja selbst der Buchstaben des
Monomach'schen Autographen ausgerechnet zu haben wähnt, bewundern will,
den verweise ich auf S. 32—34, 39 — 40 und 49 seiner Abhandlung. Auf mich
macht eine derartige Combinationssucht keinen angenehmen Eindruck. Einen
gewissen Anlass dazu, kühn zu sein, konnte der Verfasser aus derunläugbaren
Thatsache ableiten, dass sowohl im Anfang der Belehrung wie am Schluss
derselben, vor dem jetzt ohne rechten Anfang beginnenden Sendschreiben
Vladimirs anOleg im Text irgend etwas ausgefallen oder sonst irgendwie eine
Schädigung des richtigen Zusammenhangs eingetreten sein muss. Und doch
möchte ich vor der Annahme mehrerer Lücken im Texte warnen. Man soll
nicht in den Fehler verfallen, alles besser wissen zu wollen. Leider verstand
gerade in dieserRichtungder Verfasser dieser inhaltreichen Abhandlung nicht
Maass zu halten (vgl. z. B. seine Combinationen auf S. 36). Da Vladimir Mo-
nomach selbst zugibt, seine Belehruug mit einer gewissen unbequemen Eile
niedergeschrieben zu haben, so wäre es, glaub' ich, denkbar, dass er einiges
einfach darum ausliess, weil es seinem Gedächtniss entschwunden war. Einiges
mag er absichtlich verschwiegen haben. Von den Lücken kann man mit
einiger Wahrscheinlichkeit nur dort sprechen, wo man sie wirklich fühlt, wie
zu Anfang (S. 232, Z. 14) und am Ende (S. 243, Z. 16). Wie weit nach dem
jetzigen Text die Belehrung als ein aus der Feder Monomach's geflossenes
Denkmal reicht, ob bis S. 243, Z. 16 oder aber nur bisZ. 8, wie es Protopopov
wollte, das lässt sich schwer sagen. Mir scheint allerdings der Satz »o mhofo-
CTpacTHLiü u nciia.)ii.Hi.iji asT.« schon zu dem Sendschreiben Monomach's an Oleg
gerechnet werden zu müssen. Doch ist das selbstverständlich kein richtiger
oder er« arteter Anfang des Sendschreibens. Hier scheint also in unserer Text-
überlieferung manches schadhaft zu sein. Herr .^Ijakov äussert sich darüber
auf S. 33 und 59 seiner Abhandlung. Nach seiner Auffassung, die nicht so
sehr auf den Inhalt Rücksicht nimmt, wie auf die ganz äusserlichen Umfangs-
bemessungen, sollte das fragmentarische Sendschreiben mit den Worten
Sljakov's Belehrung Monomach's, angez. von Jagic. 271
(S.243, Z. 14) üpopoKT. rjaro^reit ne peBiiyii beginnen. Allein dagegen muss icli
schon darum Einsprache erheben, weil unmittelbar vorher zwei Citate ent-
halten sind, in welchen die Bruderliebe erwähnt wird. Schon dieser Inhalt
zeigt, dass diese Citate in das Sendschreiben Monoraach's an Oleg hineinge-
hüren, in welchem der letztere mit dem Worte öpax^ (vgl. S. 244, Z. 10) ange-
redet wird. Auch die Worte cio rpaiioiumo npoiirraioiu (S. 242, Z. 31) machen
es rathsam, den Abschluss der Belehrung nicht weit auszudehnen, da sie auf
denselben deutlich vorbereiten. Eine andere Behauptung des Verfassers, dass
die Worte (S. 246, Z. 1 — 2) Ha CTpaniiiiir npu u. s. w. zum Sendschreiben nicht
gut stimmen (S. 61), scheint mir unerweislich zu sein.
Neu dürfte die Auffassung Sljakov's bezüglich des kürzesten dritten
Abschnittes der ganzen Einschaltung sein, der aus allerlei Gebeten zusammen-
gestellt ist (S. 246, Z. 3 bis S.247, Z. 9). Nach seinem Dafürhalten sollen diese
Gebete den Abschluss der eigentlichen »Belehrung« bilden, also vor dem
Sendschreiben, das nur fragmentarisch erhalten ist, ihren Platz finden. Diese
Ansicht Sljakov's könnte ich mir nicht aneignen. Die Gebete scheinen mir
in den Ton der Belehrung nicht zu passen, aber auch von dem Sendschreiben
fern gehalten werden zu müssen. In diesen frommen Herzensergiessungen
ist wiederholt von einer Stadt die Rede, deren Schutz angefleht wird (wahr-
scheinlich ist es Vladimir gemeint). Die Erwähnung des h. Andreas vonKreta
(S. 246, Z. 14) legt den Gedanken nahe, dass diese Gebete mit dem Sohne
Monomach's, dem Andrej Vladimirovic, in einem gewissen Zusammenhang
stehen, den bekanntlich sein Vater Vladimir Monomach, erst 1119 nach Vla-
dimir schickte. Sljakov weiss freilich auch hier weit mehr, als die gewöhn-
lichen Sterblichen. Nach seiner Combination hat eben in diesem Jahre der
Vater die Belehrung dem Sohn mit auf den Weg nach Vladimir gegeben. In
diesem Falle hätten wir jedenfalls eine deutlichere Sprache vom Vater erwartet.
Das Hauptverdienst der Abhandlung .Sljakov's scheint mir in ihrem
zweiten Theil in dem Bestreben zu liegen, die einzelnen Bestandtheile der
Belehrung Monomach's zu analysiren und auf ihre Quelle zurückzuführen.
Die Citate aus Psalmen, aus Isaias u. a. m. waren schon längst festgesetzt.
Der Verfasser ging weiter und wies Parallelen aus demTriod, aus dem Prolog
und einigen patristischen Quellen nach. Etwas vorgearbeitet wurde auch in
dieser Richtung durch Protopopov undPonomarev. Doch das Hauptverdienst
unseres Verfassers bleibt ungeschmälert. Nur glaub' ich, dass er schon wieder
auch hier des Guten zu viel leistet. Aus dem Zusammentreffen der aus dem
Fastentriod gemachten Entlehnungen mit dem ziemlich sicheren äusseren
Umstand, dass der Fürst in der Fastenzeit mit dem Niederschreiben seiner
Belehrung beschäftigt war, möchte er den Beweis ableiten, dass Vladimir
Monomach bei seiner schriftstellerischen Arbeit unter dem unmittelbaren Ein-
druck des bei den Gottesdiensten Gehörten stand und wenigstens einen Theil
seiner Darstellung dem Text des eben stattgefundenen Gottesdienstes ab-
lauschte (vgl. S. 41 — 42). Er weiss z. B., dass die Abfassung im J. 1106 uud
zwar in der ersten Fastenwoche stattfand; er weiss, dass der Verfasser der
Belehrung müde von der Reise, geschwächt von den Fasten an nervöser Ueber-
spannung litt (S. 38) ; er klügelt aus, dass alle Kathismen (Abtheilungen von
272 Kritischer Anzeiger.
mehreren Psalmen), aus denen Vladimir für seine Belehrung Auszüge machte,
gerade in den ersten Tagen der Fastenzeit gesungen wurden (S.48) und folgert
daraus den Schluss, der mir gar nicht wahrscheinlich ist, dass die besagten
Auszüge unter dem Eindruck des Gehörten zu Stande kamen. Wie reimt sich
das zusammen mit der anderen, von ihm selbst kurz vorher (S.47j aufgestellten
Behauptung, dass die Psalmen nicht nach der einfachen Einprägung im Ge-
dächtniss Vladimirs, sondern nach ihrem wirklichen Inhalt herangezogen
wurden und dass Vladimir die Psalmen auch homhmo ooti^Haro öorociyaceiiiÄ
kannte? In der That gewinnt man aus dem ganzen Inhalt der »Belehrung«
bald den Eindruck, dass ihr Verfasser mit der Leetüre des Psalters, desTriods,
des Prologs und einiger homiletischer Werke recht vertraut war (vgl. S. 47)
und wenn er den Psalter auf der Keise mitführte, wie er es selbst andeutet,
so kann er leicht auch einige andere Bücher zur frommen Leetüre mitgenom-
men haben, soviel eben damals eine Reisebibliothek vertragen konnte. Gewiss
wird er manches auch aus demGedächtniss in seine »Belehrung« aufgenommen
haben, ohne gerade von dem eben erst gehörten Texte abhängig gewesen zu
sein. So fasse ich die Entstehung der »Belehrung« auf.
In nicht weniger als 42 Punkten stellt der Verfasser die Resultate seiner
Forschung zusammen, die gewiss nicht alle auf die allgemeine Annahme, wohl
kaum die Hälfte davon, rechnen darf. Und doch ist diese Monographie sehr
beachtenswerth, wenn sie auch jene vor 25 Jahren geschriebene Protopopovs
nicht entbehrlich macht. V. J.
BHÖjlioTeKa mockobckoh CHHO^tajiLHOH THnorpa*iH. ^acxL I (pyKonHCH).
Ota'^.i'b 3. IleajTBipH. OriHcaji. Bajr. IIoropijoB'i.. Cx npncoe^tHHe-
HieMT. cxaTtH »0 peAaKi];iax% ciaBAHCKaro nepeEO^a IIcajiTBipH«.
MocKBa 1901, 80, LXIV, 175, 4 Facs.
In diesem dritten Heft der Beschreibung der Handschriften der Mos-
kauer Synodaltypographie — das erste Heft, im J. 1896 unter der Redaction
von A.Orlov erschienen, umfasst die Beschreibung von 24 Codices miscellanei
(CöopHiiKu); das zweite, im J. 1899 schon unter der Redaction Pogorelov's
erschienene Heft, setzt die Beschreibung der CöopHUKu fort, Nr. 25 — 39 und
anschliessend sind unter Nr. 40 — 44 die handschriftlichen Lexica beschrieben
— kommen 19 handschriftliche Psalter des XIII. bis XVIII. Jahrb., unter Nr.
45 — 63, an die Reihe, doch das hauptsächliche Interesse nimmt die vom Verf.
in der Einleitung gegebene Studie über die verschiedenen Redactionen der
altkirchensl. Psalterübersetzung in Anspruch. Diese Studie ist augenschein-
lich nur ein Auszug aus einer grösseren, noch nicht zu Ende geführten Arbeit
des Verf. über die Uebersetzung des den Theodoretus-Commeutar enthal-
tenden Psalters (vergl. S. XII Anm.;. Herr Pogorelov gibt zu, nicht über das
ganze einschlägige Material zu verfügen (von den ältesten Texten hatte er
nur den Sinaitischen Psalter in der Ausgabe Geitler's, von den späteren nur
den Simon'schen Psalter in der Ausgabe des Amphilochius zur Verfügung).
Pogorelov, Altkirchenslav. Psalmenübersetzung, angez. von Speranskij. 273
Die Geltung seiner Ergebnisse beschränkt er daher selbst nur auf die von ihm
durchforschten Denkmäler. Er stellt vier Hauptredactionen der slav. Psalter-
übersetzung auf, wodurch er die von V. Sreznevskij (/IpesHifi nepesoAt Ilcaji-
TtipH. Cllön. 1S77) und V. Jagic (HeTwpe KpuTUKonajeorpa*uTiecKi/'i CTaitH.
CüörT) 188-1) gemachten Bestimmungen weiter führt, resp. präcisirt und er-
gänzt. Und zwar nach ihm hätte man 1) eine südslavische oder ursprüngliche
Redaction, 2) eine commentirte (wobei an den Theodoretus-Commentar ge-
dacht wird), 3) eine russische und 4) eine neue oder berichtigte Redaction.
Allen diesen Redactionen liege jedoch eine erste Uebersetzung zu Grunde
und die Geschichte der Psalterredactionen (in der slavischen Uebersetzung)
falle in ihren Hauptmomenten mit der Geschichte der Uebersetzung der
übrigen Bücher der heil. Schrift zusammen (S. VIII). Die erste oder ur-
sprüngliche Redaction wird nach den Angaben V. Jagic's (a. a. 0. S. 43 — 59)
charakterisirt, sie wird, in Uebereinstimmung mit ihm, als das Werk der sla-
vischen Apostel anerkannt; hierbei wird auch eine Abhandlung A.I.Sobolev-
skij's (IlepKOBHOCJiaB. leKCTti MopaECKaro npoHcxoacÄeHla, P.$.B. 1900), bezüglich
der westslavischen Spuren in dem Sinaitischen Psalter (z. B. picHOTa, HCBi-
secTBo, ociLiue) in Betracht gezogen. Doch das Hauptthema des Verf. bildet
der mit Theodoretus-Commentar ausgestattete Psalter; alle neun, ihm be-
kannten Texte des Psalters dieser Art, vom XI. bis XV. Jahrb., gehören einer
Redaction an, deren Text der ersten oder ältesten Redaction sehr nahe steht,
aber doch auch seine Eigenthümlichkeiten hat. Diese bestehen hauptsäch-
lich in der Neuübersetzung verschiedener Ausdrücke und in grammatischen
Abweichungen, und zwar 1) die früheren Graecismen werden jetzt schon
übersetzt (z. B. UKona-oöpasx, KeÄpTa-CMpiquie, nca.iTupu-nicHEHHUu, eeuonuM-
MoypLCKaH seM.ia), 2) die westslavischen Ausdrücke werden durch andere,
südslavische, bulgarische, ersetzt (z. B. oitea-Macio apiEinore, nocTX-ajKaHHie),
3) wenig bekannte Ausdrücke treten vor den im Süden üblicheren oder ge-
läufigeren zurück z. B. saqAJO-uaiATtKt, ArjiHie-rjiaBHH) . Die grammatischen
Abweichungen bestehen vorzüglich in dem Ersatz der alten Aoristformen
durch jüngere, später mehr übliche Formen. Der Uebersetzer des Theodo-
retus-Commeufars war, nach der Ansicht des Verf., mit dem Redactor des
Textes der Psalmen identisch (S. XV), er habe getrachtet, die sprachlichen
Eigenthümlichkeiten der ursprünglichen Uebersetzung der Psalmen mit sei-
ner an der Commentarübersetzung bethätigten Sprache in Einklang zu
bringen (S. XIX). Herr Pogorelov hält es für möglich dadurch, dass er den
Text des mit Theodoretus-Commentar ausgestatteten Psalters mit den übri-
gen commentirten Uebersetzungen der heil. Schrift in Zusammenhang bringt,
die einst vom Akademiker I.V. Jagic aufgestellte Ansicht, wonach die Ueber-
setzung des Theodoretus-Commentars als etwas Besonderes, ausserhalb eines
bp^timmten liierarischen Centrums Zustandegekommenes zu betrachten
wäre, zu berichtigen, und dieses Werk als einen Theil des grossen Unter-
nehmens, das die Uebersetzung der heil. Schrift in neuer, mit Commentaren
versehener Form bezweckte, hinzustellen. Er stützt sich dabei hauptsächlich
auf die parallelen Forschungen Jevsejev's (Ueber das Buch des Propheten
Isaias), zum Theil auch auf Voskresenskij's Werke (über den Apostolus und
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 18
274 Kritischer Anzeiger.
über die charakteristischen Merkmale der vier Recensionen des Evangelien-
textes) (S. XIX). Mit Hinblick auf gewisse, meist lexicalische Uebereinstim-
mungen in der Sprache hält er dafür, dass jene zusammenhängende Gruppe
von Uebersetzungen, zu der auch der übersetzte Theodoretus Commentar
gehört, bedeutend erweitert werden kann. Nach seiner Ansicht könnten dazu
gehören (ausser den commentirten Bibeltheilen) : 1) einige Uebersetzungen
aus Methodius von Patarae, 2) eine Epistel des heil. Basilius de virginitate
[Handschrift der Synodalbibliothek Nr. 110, saec. XVI), 3) die katechetischen
Belehrungen Cyrills v. Jerusalem (Handschrift der Synodalbibliothek Nr. 114,
saec. XII — XIII), 4) die Reden des Gregorius theologus (Handschrift der kais.
öflfentl. Bibliothek XI. Jahrb., ed. Budilovic). 5) die Reden des Joannes Chry-
sostomus an das Antiochenische Volk de statuis (in der kais. öfF. Bibliothek,
saec.XVI), 6) Zlatostruj (vergl. Monographie Malinin's), endlich noch 7) Codex
Suprasliensis und 8) Izbornik 1073 (S. XXI— XXII). In dieser Weise würde
unsere Vorstellung von der literarischen Bewegung und der Menge der wäh-
rend der Glanzperiode des bulgar. Kaisers Symeon zu Stande gekommenen
Denkmäler wesentlich erweitert werden. Der Sprache nach fallen damit noch
zusammen die Werke des Joannes exarchus bulgaricus, des Constantin pres-
byter, des Mönchs Chrabr. Das ist in aller Kürze das Resultat der Studie
Pogorelov's bezüglich seiner zweiten Redaction, das er durch die gleichartig
übersetzten Ausdrücke, also durch den lexicalischen Parallelismus zu stützen
trachtet. Die Beweisführung des Verf. verdient alle Beachtung, sie sollte
aber auch näher geprüft werden. Die dritte, d. h. sogenannte russische Re-
daction — so benannt darum, weil die Hauptvertreter derselben aus den
Texten russischer Provenienz bestehen — wird mehr angedeutet als ausge-
führt; ihren Hauptvertreter erblickt der Verf. in dem Simon'schen Psalter
vom J. 1280, den er von neuem nach dem griechischen Text revidirt und
theilweise neuübersetzt sein lässt (S. XXXII). In Ermangelung jedoch des
nothwendigen Materials sieht er von den weiteren Auseinandersetzungen in
dieser Richtung ab. — Die vierte Redaction, zu welcher die Handschriften
Nr. 51. 55. 56 — 62 dieser Beschreibung gezählt werden, entstand nach der
Ansicht des Verf. auf folgende Weise : die dritte, sogenannte russische Re-
daction sei nach der ersten (ursprünglichen) berichtigt worden. Als den
Entstehungsort derselben möchte der Verf. vermuthungsweise Bulgarien
gelten lassen, und zwar wird diese Arbeit mit der Thätigkeit des Euthymius
von Trnovo in Zusammenhang gebracht (S. XXXVI— XXXVII). Auch diese
Combination des Verf. bedarf einer eingehenden Prüfung.
Zuletzt folgt noch eine kurze Skizze der alten (Moskauer) Drucke des
kirchenslavischen Psalters, endlich eine tabellarisch angelegte Uebersicht
der lexikalischen Parallelen aller vier Redactionen der Psalterübersetzung,
wobei die griechischen Wörter in alphabetischer Anordnung den Ausgangs-
punkt bilden.
Bei der Darstellung seiner zweiten Redaction berührt der Verf. auch
die von mir in der Besprechung des letzten Werkes Voskresenskij's vorge-
brachten Ansichten, die nicht durchwegs seine Billigung finden. Es wäre mir
nicht schwer zu zeigen, dass unsere Ansichten durchaus nicht so sehr aus-
Pogorelov, Altkirchenslav. Psalmenübersetzung, angez. von Speranskij. ^27 5
einandergehen, wie es nach seinen Bemerkungen den Anschein haben könnte.
Es handelt sich hauptsächlich um den sehr dehnbaren Begriff »Redaction»:
was ist eigentlich eine Redaction, welche Summe von Abweichungen gehört
dazu, um eine neue Redaction zu bilden, wie kommt sie überhaupt zu Stande?
Ich gehe hier nicht weiter darauf ein. Lieber will ich auf eine Lücke in der
Beschreibung der Handschrift Nr. 47 hinweisen. Die vom Verf. auf S.36 — 39
abgedruckten Beiträge sind nicht bloss früher einmal von Sreznevskij, son-
dern unlängst auch noch von mir in möglichster Vollständigkeit abgedruckt
worden, und zwar nach derselben Handschrift (in dem Werke raaaTe.ii>Hi,ia
ncajTBipH. Cn6ri, 1899). Möglicher Weise war das dem Verf., als er an jener
Beschreibung arbeitete, noch unzugänglich. Ich halte es dennoch nicht für
überflüssig, dass auch er seinerseits eine Entzifferung der schwer lesbaren
Handschrift versuchte. Unsere Ausgaben ergänzen sich gegenseitig; ein
Dritter, der nach uns kommen wird, wird vielleicht noch mehr und manches
richtiger, als wir beide, lesen können. M. Speranskij.
Zusatz. Auch ich kam kürzlich in die Lage, durch die freundliche Zu-
sendung seitens des Verfassers selbst, die Studie desselben über die vier Re-
dactionen der slavischen Psalterübersetzung zu lesen. Der gewonnene Ein-
druck stimmt ungefähr mit dem, was der verehrte Recensent soeben gesagt,
überein. Ich lobe den Fleiss des Verfassers, bedauere die Beschränktheit
seiner Hilfsmittel, in deren Folge keine abschliessenden Resultate erzielt
werden konnten. Ob man gerade von vier Redactionen ;der slav. Psalmen-
übersetzung wird endgiltig reden dürfen, das läset sich jetzt noch nicht
sagen. Aber soviel gebe ich gern schon jetzt zu, dass er über den sprach-
lichen Zusammenhang des Theodoretus-Psalters mit einer Reihe von anderen
Denkmälern aus der ältesten altbulgarischen Periode (saec. IX — X) richtiger
urtheilt, als ich es vor 17 Jahren (1884) that und auch thun konnte. Freilich
in einem Punkt muss er mir doch Recht geben. Er sagt (S. XXIX) dasselbe,
was ich in meiner Abhandlung (die ja nur eine vorübergehende Anzeige war),
sagte, nämlich dass der Theodoretus-Psalter sehr wenig verbreitet, und sein
Einfluss auf andere Psalmentexte ein sehr geringer war. Eine von mir schon
damals aufgeworfene Frage, über das Verhältniss des Theodoretus-Psalters
zum Pseudoathanasius-Psalter ist auch jetzt noch unbeantwortet geblieben.
Man wird aber das vom Verf. zusammengestellte Material, hauptsächlich aus
dem Theodoretus-Psalter geschöpft, bei dem Versuch einer Lösung dieser
Frage mit grossem Nutzen verwerthen können. Allerdings nicht alle von
Herrn Pogorelov citirten Parallelen aus dem lexicalischen Material haben
gleiche Beweiskraft, auch nicht alle von ihm hervorgehobenen Sprachformen
sind gleich wichtig, zum Theil ist der Deutungsversuch im Sinne der bulga-
rischen Provenienz falsch angebracht (z. B. das auf S. XXVII citirte Beispiel
xoiHTeTi, ciTBopH hat mit der heutigen Ausdrucksweise des bulgar. Futurums
nichts zu thun, das ist einfach ein durch Auslassung der Silbe tu entstan-
dener Schreibfehler, statt xoniText c-etboputh). Und doch — diese Studie ist
sehr werthvoll, möge der Verfasser auf der eingeschlagenen Bahn unentwegt
weiterschreiten, er ist auf dem richtigen Wege. V. J.
18*
276 Kritischer Anzeiger.
H. üexpoBCKiH, ccmHemaxt üexpa FeKTopoBiwa (1487 — 1572).
Kazan 1901, 8«, 320 S.
Es ist eine nüchterne, aber inhaltsreiche Monographie über P. Hektoro-
vi<5, die Herr Petrovskij uns hier gegeben hat, wobei er sich nicht in subjektiv
ästhetische Auseinandersetzungen eingelassen hat, sondern vor Allem das
Thatsächliche in den Werken und im Lebenslauf dieses bisher zu wenig be-
achteten und geschätzten serbokroatischen Dichters des XVI. Jahrh. ins
richtige Licht zu bringen und zu erklären versucht hat. Dies that er hie und
da vielleicht mit einer allzugrossen Gewissenhaftigkeit und Ausführlichkeit
und besonders mit einer zu grossen Fülle von umfangreichen Noten, so dass
die Lektüre des von allem Anfange an anziehenden Werkes etwas gestört
wird und der Leser ermüdet. Doch diese Mängel, wenn man sie so nennen
darf, in der äusseren Darstellungsweise ändern gar nichts an dem überaus
günstigen Eindrucke, den diese erste grössere Arbeit des jungen russischen
Forschers auf Jeden machen muss. Gleich das erste einleitende Kapitel »die
weltliche Literatur Dalmatiens vor Hektorovic« (S. 7 — 38) bringt überraschend
viel neues bio- und bibliographisches Detail (das ist die starke Seite P.'s, der
dabei eine seltene Vertrautheit mit allen einschlägigen Vorarbeiten bekundet) :
ich will beispielsweise nur die ungemein interessanten Daten über das Leben
der beiden Dichter Gore und Marin Drziö (S. 15 — 18) erwähnen, welche P. in
einer in der Franziskaner-Bibliothek zu Ragusa aufbewahrten »Orrigine
et descendenza della famiglia di darsa« gefunden hat. Es musste
P. aus Kazan kommen, um diese Handschrift neu zu entdecken, welche gewiss
auf Grund von authentischen Urkunden zusammengestellt wurde, denn ihre
Angaben stimmen vollständig mit den von Jirecek im Archiv XXI aus dem
ragusanisehen Staatsarchiv geschöpften Notizen überein. Wir wissen nun z. B.,
dass Don Giore Darsa am 6. Februar 1461 geboren wurde und am 26. September
1501 starb, »pocho dapoi che celebro la prima messa«; ich erwähne speciell
das Datum des Todes des Gore Drzic, weil man daraus sieht, dass es absolut
falsch ist, wenn man mit dem Jahre 1501 erst den Anfang der küstenländi-
schen serbokroatischen Literatur datiren will. — Das folgende Kapitel II
(S.39 — 74) ist der Biographie des Hektorovic gewidmet, wobeiP. nur die schon
bekannten Thatsachen etwas ausführlicher (den Bauernaufstand auf Lesina
im Anfange des XVI. Jahrh. [S. 44 — 54] entschieden zu ausführlich) wieder-
erzählt. Zum Schlüsse des Kapitels bespricht er auch die verschiedenen
Handschriften und Ausgaben des Hektorovic, wobei er auch die wenigen
Abweichungen des akademischen Textes von der Editio princeps anführt.
P. bespricht dann in Kapitel III (S. 75 — 89) die Uebersetzung des »Remedium
amoris«, in welcher er einerseits Kenntniss der Kommentarien des B. Merula,
andererseits der Gedichte Mencetic's und Drzid's konstatirt, und wendet sich
darauf seiner Hauptaufgabe, der Besprechung des Hauptwerkes Hektoroviö's,
nämlich seines Rihanje zu, welchem Kapitel IV (S. 90 — 110, über das Ribanje
im Allgemeinen), sowie Kapitel V (S. 111 — 201, über die im iJtJa/ye aufgenom-
menen Erzeugnisse der Volksdichtung) gewidmet sind. Allmählich kehren wir
Petrovskij's Buch über Hektorovid, angez. von Resetar. 277
nämlich zu einer nüchternen und objektiven Beurtheilung der serbokroati-
schen Literaturerzeugnisse des XV. — XVIII. Jahrh. zurück: nach den über-
schwänglichen Lobpreisungen der älteren Literarhistoriker und der Enthu-
siasten der »illyrischen« Zeit hatte hauptsächlich Paviö eine zum Theil über-
triebene Geringschätzung unserer alten Dichter herbeigeführt: wie man früher
sehr viel lobte, so wurde auch in der neuesten Zeit nicht selten viel geschimpft,
in beiden Fällen vielfach ohne die Werke selbst studirt zu haben. Wenn
man aber diese armen, früher in den Himmel gehobenen und später so arg
verleumdeten Dichter wirklich studirt, so sieht man, dass wenigstens
einige darunter doch besser sind als sie heutzutage für gewöhnlich gelten.
Den Beweis geliefert zu haben, dass dies speciell auch in Bezug auf Hekto-
rovic'sRibanje gilt, ist eben einVerdienstP.'s, der zuerst einerseits die grosse
Originalität des Dichters in Bezug auf Konception und Ausführung des Ge-
dichtes, andrerseits aber die fremden Elemente in demselben aufdeckt und
nachweist. Einen grossen Vorzug Hektorovic's vor allen anderen gleichzeitigen
(einheimischen und fremden) Dichtern findet F. mit Recht darin, dass er mit
einem gesunden Realismus die in seinem Ribanje (neben dem Dichter seibat)
auftretenden beiden Fischer im Grossen und Ganzen wie echte Fischer handeln
und sprechen lässt, — und vergleicht damit die unnatürlichen Schäfer des
gleichzeitigen Schäferdramas und speciell der italienischen eglogke pescatorie.
Wenn er aber dabei die von Zoranic, Vetranic und M. Drzic dargestellten
Schäfer cumulativ verurtheilt (S. 108), so kann ich ihm nicht mehr beistimmen,
denn — bei Zoranid wohl nicht, aber schon bei Vetranic und noch mehr bei
M. Drzic finden wir auch in den Schäferdramen wenigstens einzelne Gestalten,
welche ebenso natürlich sind wie die Fischer des Hektorovic. Für das Ribanje
gilt also die gewöhnliche Formel vom »italienischen Abklatsch« absolut nicht,
denn man findet etwas ähnliches weder in der italienischen noch auch in den
übrigen europäischen Literaturen vor oder in der Zeit des Hektorovic i). Wäh-
rend aber die Erörterung in dieser Beziehung (in Kapitel IV) relativ kurz gehal-
ten werden durfte, da eben für das Ribmije weder ein Vorbild noch Parallelen
angeführt oder verglichen werden konnten, nahm die Untersuchung der von
Hektorovic in sein Gedicht aufgenommenen fremden Elemente (in Kapitel V)
einen viel grösseren Raum und eine viel intensivere Arbeit in Anspruch.
Zunächst gelang es P. die Quelle der von Hektorovic (im Gegensatze zu seiner
1) Ich mache anlässlich dieser mit Recht hervorgehobenen Bemerkungen
auf mein im Archiv Bd. XIX, S.476 über Hektorovic's Ribanje ausgesproche-
nes Urtheil aufmerksam, wo ich 1) dieses Gedicht eine Perle der alten kroa-
tischen Dichtung nannte und 2) ausdrücklich sagte: »Man lese nur zur Ver-
gleichung die gleichzeitigen ital. egloghe pescatorie mit ihrem Liebesinhalt,
um von der Vortreflflichkeit, von der verhältnissmässig sehr grossen Origi-
nalität des , Ribanje' Hektorovic's einen richtigen Begriff zu bekommen«.
Meiner Ueberzeugung nach, sagte ich dort zuletzt, hat man die Bedeutung
dieser Dichtung Hektorovic's noch gar nicht gehörig gewürdigt. Auch ich
freue mich, dass meinen Wunsch, dem ich ungefähr in derselben Weise auch
in meinen Vorlesungen Ausdruck gab, ein junger Gelehrter aus Kazan in so
befriedigender Weise erfüllt hat. V. J.
278 Kritischer Anzeiger.
ganzen Ausführung des Ribatije] seinen Fischern in den Mund gelegten Sen-
tenzen und weisen Sprüche aufzufinden : als solche ergibt sich nämlich mit
Sicherheit Diogenes Laertius, und zwar in latein. üebersetzung (S. 111 — 152).
Weniger gelungen scheint mir dagegen der zweite Theil dieses Kapitels, wo P.
die bekannten von Hektorovic im Ribanje wiedergegebenen Volkslieder be-
spricht, denn hier ist neu nur seine Erklärung des Ursprunges des Metrums
und des Namens dieser älteren serbokroatischen Volkslieder [bugarstice). Nach
P. soll beides — Metrum und Namen — fremd sein: der (gewöhnlich 15 oder
16 Silben zählende) Vers soll eigentlich aus zwei italienischen Achtsiibern
bestehen, während bugar- aus {poesia) volgare (im Gegensatze zu poesia latina)
hervorgegangen sein soll : ich glaube, beides ist entschieden falsch. Dass die
Serbokroaten für ihre frischen Volkslieder den Vers (und zwar bloss den Vers,
denn die Strophe der bugarstice kann absolut nicht als italienisch gelten)
von den Italienern entlehnt hätten, ist eine so gewagte Hypothese, dass ich
vollkommen überzeugt bin, P. selbst wäre auf diesenGedanken nicht verfallen,
wenn er nicht geglaubt hätte, im italienischen Wort volgare die richtige Ety-
mologie für bugariti- bugarstice gefunden zu haben. Diese Etymologie steht
wiederum auf so schwachen Füssen, dass sie kaum eine Widerlegung erheischt ;
es genügt auf den Unterschied im Accent hinzuweisen [volgdre-bügariti). Einen
Fortschritt in unserer bisherigen Auffassung bedeutet dagegen Kapitel VI
ȟber die kroatische Dramatisirung des Lebens des St. Laurentius (S. 202 bis
274)«. Doch auch hier hätte der ausführliche Vergleich der italienischen Rap-
prese7itaziotie, welche uns als Original des dem Hektorovic zugeschriebeneu
Prikazanje sv. Lovrinca schon bekannt war, mit deren lateinischen Quellen
viel kürzer ausfallen sollen. Für uns wäre es genügend gewesen, wenn P.
uns das Verhältniss des Prikazanje zur Rappresentazio7ie erklärt hätte.
Nun, das hat er in der That auch gethan, und zwar wusste er die zuerst von
Leskien ausgesprochene Ansicht, dass das Prikazanje nicht von Hektorovic
übersetzt werden konnte, durch neue Argumente zu stützen, unter welchen
meiner Ansicht nach der Umstand am meisten ins Gewicht fällt, dass der
Uebersetzer italienisch mangelhaft kannte (S. 257), während Hektorovic des
Italienischen vollkommen mächtig war (vergl. seinen italienischen Brief an
V. Vanetti) , ferner dass der Uebersetzer auch solche Keime sich erlaubt, wie
muci-odluci, vase-spase, was Hektorovic in den sicher ihm gehörenden Gedich-
ten nie thut (S. 269). In Bezug auf dieses Prikazanje ist es ferner wichtig,
dass P. in einer vom Herausgeber Zepic wenig beachteten Handschrift eine
ältere, von der in Stari jnsci F7 abgedruckten selbständige und bessere Form
des Prikazanje nachweist, die er aber auf Grund der in derselben ebenfalls
vorkommenden Reime wie krvnice-dice dem Hektorovic abspricht (8. 271); es
ist daher die von P. aufgestellte Hypothese gar nicht unwahrscheinlich, dass
Hektorovic, der sich mit Musik beschäftigte (und uns auch die Melodien der
von ihm aufgezeichneten Volkslieder erhalten hat), nur die Musik zum Texte
des Prikazanje schrieb, woraus dann die Ueberlieferung sich gebildet hätte,
dass er der Autor (d. h. der Uebersetzer) dieses Kirchendramas sei. Auf dieses
Prikazanje bezieht sich auch ein Anhang (S. 291 — 313), wo P. auf Grund des
itnlienischen Textes eine Reihe von fast immer richtigen Verbesserungen des
Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, angez. von Resetar. 279
in Stari pisci VI gebotenen Textes vorschlägt. In Kapitel VII (S. 275— 2S9)
folgt dann eine kurze Besprechung der kleineren Werke des Hektorovic, welche
P. mit einigen sehr treffenden Bemerkungen über die Bedeutung des Hekto-
rovic in der Geschichte der serbokroatischen Literatur abschliesst, woraus
ich folgende Worte anführen will: »Weder von seinen Zeitgenossen noch von
seinen Nachfolgern verstanden, hatte Hektorovic in der Geschichte der kroati-
schen Literatur keine Bedeutung ; doch das war nicht seine Schuld ; dies
zeigt nur, dass er um volle 300 Jahre zu früh aufgetreten war« — gewiss ein
für den sympathischen und talentvollen Dichter des Rihanje sehr zutreffen-
der Ausspruch. Mit aufrichtiger Freude zeige ich daher das Werk P.'s an,
in welchem endlich die wahre Bedeutung des Hektorovic erkannt und gewür-
digt wird, wesswegen ich auch auf die Besprechung einiger im Werke, wie
mir scheint, weniger richtig aufgefassten, streng grammatischen Fragen ver-
zichte. M. Resetar.
W. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas. II. Band: Re-
naissance und Reformation. Halle a. S. 1901, M. Niemeyer, gr. S**,
XIV + 532 S. (M. 14.—)-
Von diesem schönen Werke liegt nunmehr der zweite Band vor, der für
manchen nichtslavisehen Leser mit seinem IV. Buch »Das serbo -kroatische
Drama in Dalmatien« (S. 506—526) eine nicht geringe Ueberraschung bringen
wird, um so mehr als in demselben die grösseren slavischen Literaturen fast
gar nicht besprochen werden; die russische konnte natürlich überhaupt nicht
in Betracht kommen, denn im XVI. Jahrb., mit welchem sich C.im vorliegen-
den Bande beschäftigt, existirte janoch keine russische Nationalliteratur, aber
auch die polnische und böhmische, für welche bekanntlich gerade dieses Jahr-
hundert als das »goldene Zeitalter« gilt, werden nur bei der Besprechung des
lateinischen Schuldramas (auf S. 8S) kurz erwähnt. Es ist nun allerdings
wahr, dass weder die polnische noch die böhmische dramatische Literatur aus
dieser Zeit solche Erzeugnisse aufzuweisen hat, welche würdig wären, in einem
zunächst für das deutsch lesende weitere Publikum bestimmten Handbuch näher
besprochen zu werden, nichtsdestoweniger wird schon durch die äussere auf-
fallende Bevorzugung, welche im Werke C.'s dem serbokroatischen Drama
zu Theil wird, letzteres gegenüber dem gleichzeitigen polnischen und böhmi-
schen zu stark hervorgehoben. Augenscheinlich hat die Liebe des Ver-
fassers für das von ihm für das »westeuropäische« Publikum, man kann wohl
sagen, entdeckte serbokroatische Drama ihn dazu verleitet, diesen Gegenstand
in einem selbstständigen (allerdings gegenüber den übrigen verschwindend
kleinen) Buche zu behandeln, während in derThat das serbokroatische Drama
im Grossen und Ganzen doch nur eine Nachahmung des gleichzeitigen oder
etwas älteren italienischen ist: geistliche Spiele, Schäferdramen, Komödien
und Tragödien — Alles wurde den Italienern nachgemacht, zum Theil direkt
von ihnen übersetzt. Doch es soll daraus kein Vorwurf dem Verfasser
gemacht werden, der, um das serbokroatische Drama in den Kreis seiner
280 Kritischer Anzeiger.
Betrachtung einbeziehen zu können, es nicht gescheut hat, das Serbokroati-
sche speciell zu diesem Zwecke zu erlernen. Dafür hat er aber auch ein
kleines, aber sehr lebendiges Bild dieser dramatischen Literatur gegeben; es
thutEinem wohl, wenn mansiehtjdass der Verfasser die von ihm besprochenen
Werke auch wirklich studirt hat. Wer also keiner slavischen Sprache mächtig
ist, wird von nun an, um diese Partie der serbokroatischen Literatur kennen
zu lernen, zum Buche C.'s greifen müssen, denn was er in der deutschen Ueber-
setzung des Werkes Pypin's und Spasovic's findet, ist ungemein blass und in-
haltslos; bezüglich des begabtesten Dichters dieser Periode, des M.Drzic, wer-
den z. B. nur die Titeln von drei Dramen genannt ! Wenn man dagegen das-
jenige liest, was C. über Drzid sagt, dann erst lernt man ihn schätzen und sieht
man ein, dass er ein dramatisches Talent ist, das in der Geschichte des
europäischen Dramas des XVI. Jahrb. mit vollem Rechte eine Stelle bean-
spruchen darf. Vom slavistischen Standpunkte (von welchem allein das Werk
C.'s hier besprochen wird) liegt also ein grosses Verdienst C.'s eben darin,
dass er als Erster dem serbokroatischen Drama des XVI. Jahrb. die ihm ge-
bührende Stellung in der Entwicklung des Dramas in Europa angewiesen hat.
Nur in Bezug auf ein paar Stellen möchte ich die Darstellung C.'s berichtigen,
bezw. vervollständigen: in der Suzana des Vetranic findet C. den Umstand
auffallend, «dass Vetranic die Eigenschaft der beiden Alten als Priester so
entschieden hervorhebt (S. 512)«; das steht damit im Zusammenhange, dass
dieser Dichter überhaupt kein Freund der weltlichen Geistlichkeit war (vgl.
die diesbezüglichen recht charakteristischen Stellen in <S^ari\pjsct III, 172,
372); besonders gab er seinem Unwillen gegen den Erzbischof von Ragusa
freien Ausdruck (ibid. 372 ; vgl. auch 450) , mit welchem er — wie Appendini
erzählt — wegen der Reorganisation der Benediktinerklöster auf dem Gebiete
Ragusas in Feindschaft lebte. Pastir in den Schäferdramen ist kein italieni-
sches Wort (S. 517), wesswegen auch aus seinem Vorkommen kein Schluss in
Bezug auf die Abhängigkeit vom italienischen Schäferdrama gezogen werden
kann. Es ist auch nicht angezeigt, den acht- bezw. zwölfsilbigen Vers der
älteren serbokroatischen Dichter als »achtsilbigen Trochaeus«, bezw. als
»zwölfsilbigen Vers mit jambischem Tonfall (Alexandriner)« zu bezeichnen;
der Accent (als Iktus aufgefasst) spielt in der slavischen, besonders aber in
der serbokroatischen Metrik eine so unbedeutende Rolle, dass es entschieden
am Besten ist, auch diese beiden Versarten in keinen näheren Zusammenhang
mit der altklassischen Metrik zu bringen. 31. Resetar.
B. B. CnnoBCKiH. IlymKHHeKafl loÖHjefiHaH .iiixepaTypa (1899 —
1900 rr.). KpHTiiKO-ÖHÖJiiorpa'M^iecKiH oösopt. Cllön, 1901, S*', II.
272 (SA. aus dem russ. ^KMHEp. 1900—1901).
Das hundertjährige Jubiläum der Geburt A. S. Puskin's brachte eine so
mächtige, über ganz Russland verbreitete, zum Theil auch Westeuropa um-
fassende literarische Bewegung zu Stande, dass schon die knapp gehaltene
Uebersicht Sipovskij's ein Buch von 272 Seiten liefert. Die Umschau ist sehr
Sipovskij, Puskin'sche Jubiläumsliteratur, angez. von Speranskij. 281
genau geführt, nur die in den Tagesblättern oder Wochenschriften erschie-
nenen Artikel (deren Zusammenstellung ein anderer Verfasser, Herr Kallas,
vorhat) wurden unberücksichtigt gelassen. Wegen der grösseren Uebersicht-
lichkeit des gesammelten Materials vertheilte der Verfasser seinen Stoff nach
gewissen Gesichtspunkten in Capitel, die sich aus dem Inhalt der Festschrif-
ten und Beiträge ergaben. Das Buch, eine sehr erfreuliche Erscheinung in
der bibliographischen Literatur, verfolgt den hübschen Zweck, aus der Be-
trachtung des Gebotenen die Frage zu beantworten, welchen dauernden Ge-
winn die russ. Literatur aus diesen Fublicationen ziehen könne und welche
Bereicherung der Kenntnisse betreffs Puskin's sich daraus ergeben. Mit der
allgemeinen Würdigung des Puskin'schen Jubiläums beginnt der Verfasser
seine bibliographische Uebersicht. Während er im Allgemeinen mit dem Zu-
stande der neuesten russischen Literatur wenig zufrieden ist, die sich nach
seinen Worten in einem Uebergangsstadium befindet und neue Bahnen in der
Kunst aufsucht, beurtheilt er das Puskinfest als eine helle, trostreiche Er-
scheinung auf jenem grauen Grunde. Seine Bedeutung besteht nach den
Worten des Verfassers darin, dass gerade bei diesem Anlass die Tendenz,
Puskin auf Grund eines allseitigen Detailstudiums besser kennen zu lernen,
sich geltend machte. Dabei habe sich herausgestellt, dass noch ganze Ge-
biete der russischen Literatur, ohne die man Puskin geschichtlich nicht ver-
stehen könne, unerforscht geblieben seien (S. '/ — 8). Im Vergleich zu dem im
J. 1880 gefeierten Jubiläum Puskin's — gelegentlich der Enthüllung seines
Denkmals in Moskau — kann die jetzige Feier als eine akademische be-
zeichnet werden, während die erstere eher eine journalistische war.
Denn im J. 1880 fiel die Hauptrolle den Literaten (Schriftstellern) zu (Turge-
niev, Dostojevskij, Giljarov u. a. Man vergl. die Ausgabe: BiHOKi. na nanaT-
HHKT. IlymKHHa. MocKBa 1880), jetzt dagegen spielten die Gelehrten und Puskin-
Forscher die erste EoUe. Auch in dem Charakter der Festlichkeiten merkt
man den Unterschied: damals concentrirte sich die Feier in den Hauptstädten,
sie war eine Feier der Aristokratie der russischen Literatur; jetzt dagegen
machte sich die Demokratie der russ. Literatur geltend: die Provinz, bis in
die äussersten Winkel, lieferte eine Reihe von Festlichkeiten, von literari-
schen Beiträgen (S. 13). Der demokratische Charakter gab sieh auch dadurch
kund, dass dieses letzte Jubiläum, wenn man es auch noch nicht ganz als
volksthümlich bezeichnen kann, dennoch bis in die Sphären des Volkes
reichte, weil es auch bei den Massen ein Interesse für Puskin erweckte
(S. 14). Endlich das letzte Jubiläum (1899) ist bemerkenswerth auch durch
die internationale Ausdehnung desselben: an der Feier betheiligten sich
nämlich auch ausländische Literaturen, zum Petersburger Fest langten
massenhaft Begrüssuugen aus dem Ausland an. Es schien das prophetische
Wort Zukovskij's in Erfüllung zu gehen: Puskin gehöre nicht bloss Russland,
sondern ganz Europa an (das Citat wurde in dem Telegramme der deutschen
Shakespeare- Gesellschaft an die kaiserliche Akademie der Wissenschaften
hervorgehoben, S. 17). Endlich nach den Worten des Verfassers waren auch
die Beziehungen der Slaven zur russischen Feier »eine glänzende Geltend-
machung der russischen Cultur innerhalb der slavischen Welt« (S. 20).
282 Kritischer Anzeiger.
Nach der Aufzählung der Orte, wo die Puskinfeier stattfand, und unter
Zurückweisung der pessimistischen Urtheile über die ganze Feier fS. 21 — 26),
werden die Hauptpublicationen vorgeführt und einer Würdigung unterzogen,
wobei freilich eine sehr ungleichmässige Vertheilung nach den Gegenden und
noch mehr eine ungleiche Werthschätzung nach der Qualität des Geleisteten
sich ergibt. So z. B. soweit es sich um neues Material zur Biographie und
literar. Wirksamkeit Puskin's handelt — Cap. II — wurde sehr wenig ge-
leistet, meistens anekdotenartige Kleinigkeiten oder Bestätigung der bisher
schon bekannten Thatsachen (S. 35). Am werthvollsten sind in dieser Be-
ziehung die Publicationen des verstorbenen L. N. Majkov (nyiuKiiHt), A. I.
Kirpicnikov's (in PyccKaK ciapuna 1899) und Gastfrennd's (ÄOKyMeHxti
ciyacöi UyiuKUHa Et 1831 — 1837 r. CXIört 1900). Auch zur eigentlichen Bio-
graphie des Dichters wurden keine bedeutenden neuen Ergebnisse erzielt :
eine vollständige Biographie geht uns noch immer ab und es wird noch lange
dauern, bis wir sie erhalten, denn die ganze unmittelbare Vorzeit Puskin's ist
noch ebensowenig erforscht, wie seine eigene Zeit (S.57). Dennoch verdienen
in dieser Beziehung einige Arbeiten genannt zu werden, so dieKudrjav-
cev's »r.iaBHtie MOMeHxti acusHu u ^lurepaTypHaro pasEHiia« (indem Sbornik
der Kijever Univ^ersität, KIcb-l 1899) und unter den populär gehaltenen die
von V. Charciev »^xeHie oöi. A. C. IlyiuKiiHi« (die Ausgabe der Charkover
Commission für Volksvorträge). Am stärksten ist in der Puskiniana dieser
Jahre die Zeichnung des Charakters des Dichters vertreten, wovon auch der
VerfriSser am ausführlichsten handelt (S. 112 ff.). Als der Hauptmangel aller
dieser Charakteristiken wird die Beschränkung der Verfasser auf die Werke
des Dichters und die subjective Deutung derselben betont (S. 113). Am origi-
nellsten und frischesten scheinen Herrn Sipovskij zu sein die Arbeiten :
I. I. Ivanov's (ähu noKaaui/i, erschienen im Mip-b öoaciü 1899 V, S. 118 — 122);
I. A. Linnicenko's (aCusHCHHaa apaisia IlyuiKUHa, erschienen im Sbornik der
Odessaer Universität), A. Th. Koni 's (OömecTBeHHLie B3r.iHai>i n — a. Akade-
mische Publication, S.J144 — 146), A. E. Nazimov's (im Sbornik der Odessaer
Universität, S.146 — 147), V. Mj akotin's (»Hsx IlyinKUHCKoir anoxu« — no.iH-
THiecKie BsrjiflÄti üyniKUHa in PyccKoe öoraxcrBO 1899, CöopHHKX I, S.148 — 152).
Im Bereich der literarischen Würdigung (der Dichtungen Puskin's) gefielen
Herrn Sipovskij am besten: Jul. Eichenwald (IlymKiiH'L KaKi. BocmixaxejB,
erschienen im BicxHHKt Bocnaxania 1899 V, S. 157 — 158), A. P. Kadlubov-
skij (ryMaHHBie moiubbi bt> iBop^ecxBi 11 — a, im Sbornik des Njeziner bist,
philol. Institutes, S. 181 — 182). Unter den der Beleuchtung der Beziehungen
Puskin's zu den ausländischen Literaturen gewidmeten Schriften stellt der
Verfasser mit Recht die (leider unvollendete) Studie I. P. Daskiewic's (im
Sbornik der Kijever Universität) an die Spitze (S. 197 — 200), dann jene Alexej
N. Wesselofskij's (im Sbornik der Zeitschrift >Ku3hi., S. 200 — 202), ferner
P. Cernj aj e v's (IlyuiKuiix KaKi. ÄK)6uTejih aHiuinaro aiipa, IvaaaHB 1899,
S. 205). Die Beziehungen Puskin's zur russischen Literatur ergaben keine
hervorragende Leistung. Ein eigenes Capitel ist den Studien, die Puskin als
nationalen Dichter beleuchten, gewidmet (S 216 ff.). Darunter ragt selbstver-
ständlich die Studie des Akademikers A. N. Wesselofskij (ITymKHHx KaKi.
Nevefil, Die Erzdiöcese des heil. Methodiua, angez. von Pastrnek. 283
HanioHajTBHbiü no3Ti>, in der akad. Ausgabe) vor allen hervor. Endlich in der
Literatur der Ausgaben Puskin's (Cap. XI) steht natürlich die akademische
Ausgabe des bis jetzt leider nur ersten Bandes unter der Redaction des (ver-
storbenen) L. N. M a j k V an der Spitze. Sehr beachtenswer th sind aber auch
N. Th. Sumcov's Jl3cjiiji.0Ba.nifi o noasiu üyiuKUHa (im Charkover Sbornik),
eine Umarbeitung seiner früheren Etüden (erschienen in dem Warschauer
PyccKiH $iijoj. BicTHHKx). Die Einwendungen des Verfassers gegen einzelne
Mängel der Studie Sumcov's finden wir zu streng. Weiterhin hebt er hervor
die Beiträge P. Cernjajev's (KpuTu^ecKia ciaiBU h saMiiKu o IlyuiKHHi,
Charkov 1900, S. 243 — 248), P. V. Vladimir ov's (IlyiiiKiiHx h ero npeame-
CTBCHHHKH, Im Kijever Sbornik, S. 248 — 250) und I. N. Zdanov's (Pyca^iKa
CyuiKHHa H Donauweibchen, SPtbg. 1900, S. 281). Zu Ende des Werkes
: S. 263 — 270) werden neue Ausgaben der Werke Puskin's aufgezählt : voll-
ständige 5, im Auszug 18. Im Allgemeinen macht das Werk durch die Fülle
des gebotenen bibliographischen Materials, durch das in scharfen Umrissen
gezeichnete, wenn auch nicht überall gleich klare Bild der Puskin'schen
Literatur einen sehr guten Eindruck. Hie und da vermisst man die Eben-
mässigkeit, was bei dem grossen Quantum des Gebotenen nicht leicht zu
vermeiden war. Dem Werke fehlt leider ein Namenindex, durch welchen das
Nachschlagen wesentlich erleichtert wäre. Auch die Controlle in Bezug auf
die Vollständigkeit wäre dadurch leichter möglich. Gewiss werden auch
Lücken nachzuweisen sein, namentlich hinsichtlich der slavischen Literaturen.
So z. B. fanden wir die Publication des Professors M. Srepel in Agram :
»Puskin i hrvatska knjizevnost (in Ljetopis jugosi. akad. 1899) nicht erwähnt.
3f. Speranskij.
Die Gründung und Auflösung der Erzdiöcese des heil. Meiliodius^
des Glauhensapostels der Slaven. Ein Beitrag zur Geschichte der
Christianisirung Mährens von J. Neveril. Ung.-Hradisch 1900.
68 SS. in 80. SA. des Gymn.-Progr. aus den J. 1896/7, 1898/9 und
1899/900. Beendet 1. Juni 1900.
Nach dem Titel könnte man vermuthen, dass sich die vorliegende Ab-
handlung darauf beschränkt, dieThätigkeit des heil. Methodius als Erzbischof
von Mähren und Pannonien zu erörtern. Indessen hat der Verf. weiter aus-
geholt und schildert in kurzen Umrissen den ganzen Lebenslauf der beiden
Slavenapostel, wobei natürlicherweise auf die mährisch-pannonische Periode,
über welche die Quellen viel reichlicher zufliessen, der Löwenantheil entfällt.
Die wechselvollen Schicksale Methods treten auf diese Weise in den Vorder-
grund, und die Gründung und Auflösung seiner Erzdiöcese wird, zumal bei
einem Verf., welcher auf dem historischen Boden des ehemaligen Velehrad
wirkt, von selbst zum Hauptthema. Die so gestellte Aufgabe befriedigend zu
lösen, ist nun eine äusserst schwierige Sache. Das erste Erforderniss ist die
genaueste Kenntniss der Quellen und literarischen Arbeiten, welche diesem
284 Kritischer Anzeiger.
höchst interessanten Problem gewidmet sind. Ihre Zahl ist sehr gross. Eine
erschöpfende Bibliographie der cyrillo-methodianischen Literatur dürfte ein
stattliches Bändchen ausmachen. Freilich sind nicht alle Beiträge von gleichem
Werthe. Allein noch heute gilt, was V. Jagic im J. 1879 niederschrieb (IV.
Bd. dieser Zeitschr., S. 97) und der Verf. gleich in der Einleitung citirt, dass
sich an der Lösung der vielen hiebei in Betracht kommenden Fragen die besten
geistigen Kräfte der Slaven betheiligten. Einen glänzenden Beleg liefert
dafür die von mir im XXIII. Bde. dieser Zeitschr., S. 242 — 258, besprochene
umfangreiche Studie von V. Jagic «ZurEntatehungsgesch. der kslav. Sprache«,
1900, welche der Verf. allerdings nicht benützen konnte. Diese Studie zeigt
zugleich, wie unentbehrlich bei dieser eigenartigen Forschung eine eingehende
Kenntniss der slavischen Philologie ist. Selbst ein so bedeutender Historiker
wieE.Dümmler, gerieth ins Gedränge, als es sich darum handelte, die sprach-
liche Seite der cyrillo-methodianischen Missionsthätigkeit in Mähren und Pan-
nonien ins Treffen zu führen. Das ist nun ein Mangel, welcher sich auch bei
dem Verf. der vorliegenden Abhandlung in höchst unliebsamer Weise bemerk-
bar macht. Die historische Darstellung der Ereignisse bewegt sich in den
Geleisen, welche durch die Namen B. Dudik, I. A.Ginzel und A. Lapotre wohl
hinreichend charakterisirt sind. Der Verf. geht dabei recht vorsichtig zu
Werke und trachtet seinen Gewährsmännern nur so viel zu entnehmen, als
die den Ereignissen zunächst stehenden Quellen, deren Uebersicht er voraus-
schickt, zu verbürgen scheinen. Das Bild, welches er von dem Leben und der
Wirksamkeit der beiden Slavenapostel entwirft, ist daher im Allgemeinen
richtig. Von der rein historischen Seite hat der Verf. seine Aufgabe ziemlich
glücklich gelöst. Umsomehr sind die philologischen Verstösse zu bedauern.
So lesen wir z. B. auf S. 31, Cyrill habe die neue Erfindung des slavischen
Alphabets — natürlich noch in Constantinopel — auch gleich praktisch ver-
werthet, »indem er sogleich an die Uebersetzung des neuen Testamentes und
der zum Gottesdienste nöthigen Texte und Kirchengesänge schritt«. Eine
solche Leistung ist an sich unwahrscheinlich und ausserdem historisch unbe-
gründet. Die vom Verf. richtig angezogenen Quellen stimmen vielmehr darin
überein, dass Konstantin nur das Evangelium — wohl nur die evangelischen
Perikopen — in Constantinopel übersetzt und mit diesem Buche in der Hand
die Missionsreise nach Mähren angetreten habe. An einer anderen Stelle (S.
66) lesen wir, »die älteste Bibelübersetzung (sie!) in altslavischer Sprache
gebe uns der Ostromirer Codex in Petersburg, geschrieben zwischen 1056 und
1057«. Der Verf. weiss nicht, dass die berühmte Handschrift eben nichts als
ein solches Perikopen-Evangelium enthält, welches dem Urbilde des ersten
slavischen Buches sehr nahe kommt. Freilieh schöpfte der Verf. diese (un-
richtige) Belehrung aus dem hiebei citirten Werke Dudik's. Es hätte auch
sonst der vorliegenden Abhandlung zum Vortheil gereicht, wenn der Verf. sich
von diesem Gewährsmanne etwas mehr freigemacht hätte. Nach den ange-
führten Proben nimmt es uns nicht Wunder, wenn wir über die slavische
Sprache, deren sich Cyrill und Method bedienten, lesen (S. 33), es sei die
Sprache der mährisch-pannonischen Slaven gewesen, welche heute ausge-
storben sei. Der Verf. wiederholt hier vertrauensvoll dieAnsichtE. Dümmler's,
Kalousek, Apologie des heil. Wenzel, angez. von Pastrnek. 285
ohne zu ahnen, dasa diese grosse Frage so weit klargelegt ist, dass an eine
mährisch-pannonische Heimath der slavischen Kirchensprache wohl nicht
mehr gedacht werden kann. Auch »die Ansicht, dass Cyrillus die lateinische
Messliturgie ins Altslavische übersetzt habe und dass diese lateinisch-slavi-
sche Liturgie vom P. Hadrian II. und später von Johann VIII. approbiert
worden sei« (S. 40), lässt sich nicht ernstlich vertheidigen ; etwas derartiges
hat auch V. Jagiö niemals behauptet. Die Anfänge der lat.-slav. Liturgie
fallen in die Zeiten Method's und das wahrscheinlich gemacht zu haben, ist
wohl ein Verdienst von V. Jagic. Fr. Pastrnek.
Ohrana knizete Väclava svateJio proti smyslenkäm a krivym üsud-
küm jeho povaze. Sepsal Dr. Josef Kalousek. Vydäni druhe,
rozmnozenö. VPraze 1901, 8**, 144 (Apologie des Fürsten Wenzels
des Heiligen gegen Erdichtungen und falsche Beurtheilung seines
Charakters).
Das Ziel der Schrift Prof. Kalousek's ist die wahrheitsgemässe , auf
sorgfältiger Quellenkritik beruhende Darstellung der Geschichte und des
Charakters des heil. Wenzel's (+ 935), sowie seiner Verehrung in Böhmen.
Für die Geschichte dieses Fürsten erwies sich bekanntlich die auf Geheiss des
Kaisers Otto II. (973 — 983) von dem Bischof Gumpold von Mantua — einem
Fremdling, der niemals in Böhmen war — verfasste Vita als eine Quelle von
sehr geringem historischen Werthe. Auch die zweite lateinische Legende,
welche Laurentius, ein Mönch von Monte Cassino — also abermals ein ferner
Fremdling — zu Ende des XL Jahrb., unabhängig von Gumpold und auch
etwas nüchterner als dieser schrieb, bietet wenig verlässliche Nachrichten.
Werthvoll ist dagegen die von Wattenbach im Stifte Heiligenkreuz (in Nieder-
Oesterreich) entdeckte Ludmila-Legende, welche nach Inhalt und Form älter
ist, als beide genannten Vitae. Höchst beachtenswerth und für die damaligen
Strömungen auf kirchlichem Gebiete in Böhmen bezeichnend ist es nun, dass
sich ein viel richtigeres und der Wahrheit entschieden am nächsten stehendes
Lebensbild Wenzel's, den man in neuester Zeit beinahe zu einem Märtyrer
seiner Zuneigung an das deutsche Reich gemacht hat, in einer ausführlichen
altkirchenslavischen Legende findet, welcher ausserdem eine zweite kürzere
Fassung, ferner eine Ludmila-Legende, ein Canon dieses Heiligen und andere
Notizen in slavischen Quellen zur Seite stehen. Diese slavischen Quellen
bilden die festen Grundlagen für die Geschichte St. Wenzels ; der Art und
Weise, wie sie in der vorliegenden Schrift beurtheilt und verwerthet werden,
wollen wir hier zunächst einige Aufmerksamkeit schenken. Was die Abfas-
sungszeit der ausführlicheren, von Vostokov entdeckten altslavischen Legende
vom heil. Wenzel anbetrifft, so stimmt der Verfasser der allgemeinen Ansicht
zu, dass dieselbe bald nach dem Tode Wenzel's, jedenfalls aber vor das J. 96"
anzusetzen sei, weil bekanntlich Widukind von Corvey, welcher um dieses
Jahr seine Chronik zu schreiben begann, vom heil. Wenzel sagt, es werden
286 Kritischer Anzeiger.
einige Wunder von ihm berichtet (quaedam mirabilia praedicantes), welche
er mit Stillschweigen übergehe, da er sie nicht prüfen könne. Die genannte
slav. Legende kennt aber bekanntlich nur ein Wunder und erwartet ein grös-
seres erst in der Zukunft. In diesem Punkte dürfte eine Meinungsverschieden-
heit nicht bestehen. Nicht unwahrscheinlich ist die von J. Kolär (Font, rerum
boh. I. 135) ausgesprochene und vom Verf. getheilte Vermuthung, dass diese
Legende ursprünglich glagolitisch geschrieben war. Dafür spräche nicht nur
der Umstand, dass dieselbe theilweise*) in einem kroatisch -glagolitischen
Brevier (aus dem J. 1443) enthalten sei, sondern auch derZahlwerth des Buch-
stabens r, welcher hier nach glagolitischer Weise = 4 sei. Die Ueberführung
des heil. Wenzel's nach Prag fand eben nach alter Tradition am 4. März (938
oder 939) statt. Die slavische St. Ludmiia-Legende hält dagegen der Verf.
in Uebereinstimmung mit Vondräk (zur Würdigung u. s.w. 31) für jünger als
die St. Wenzels-Legende. Prof. Kalousek thut dies deshalb, weil in der Lud-
miia-Legende das Alter mehrerer Personen angegeben werde, was ihm die
Art eines späteren Schriftstellers, der bereits als Forscher und Commentator
auftrete, zu sein scheint. Doch muss der Verf. zugeben, dass diese Zahlen
nicht unrichtig sind. Bofivoj dürfte in der That 36 Jahre, Ludmila 61 Jahre
alt gestorben sein; gegen die 33 Regierungsjahre Vratislavs wäre nichts
anderes einzuwenden, ausser dass sein Bruder Spytihnev, welcher von 895
bis 905 regierte, nicht erwähnt werde, möglicherweise desshalb, weil Vratis-
lav Mitregent war. Uebrigens bringt der Verf. diese slavische Legende mit
der lateinischen, zuerst von Menken (Script. Germ. III, 1808) herausgegebenen
Vita in Verbindung und vermuthet, dass diese die Jahreszahlen aus jener ent-
lehnt, sie jedoch in Verwirrung gebracht hat. Auf die wichtige Frage, wo
diese slavischen Legenden verfasst worden seien, lautet die Antwort des Verf.
dahin, dass dieselben in Böhmen entstanden und von Einheimischen, die der
kirchenslavischen Sprache mächtig waren, geschrieben wurden. Das sei zu
einer Zeit geschehen, als noch die West- und Ost-Slaven zu einer gemein-
samen Kirche gehörten, als die folgenschwere Spaltung der Kirchen noch
nicht eingetreten wäre. Daraus erkläre sich auch, dass in der griechisch-
slavischen Kirche zwar die heiL Wenzel und Ludmila, nicht aber die heil.
Vojtech und Prokop verehrt werden. Der letztere sei im J. 1053 gestorben
und ein Jahr darauf habe sich jeaes unheilbare Schisma zwischen Constanti-
nopel und Rom ereignet. Diese Erwägungen sind gewiss im Allgemeinen
richtig. Dennoch bleibt es auffallend, dass der heil. Prokop bei den Süd- und
Ost-Slaven unbekannt ist, umsomehr als im Säzaver Kloster auch zwei russi-
sche Heilige verehrt wurden, nämlich die fürstlichen Brüder Boris und Gleb,
welche im J. 1015 getödtet und im J. 1072, bei der Uebertragung ihrer Gebeine,
von der russischen Kirche als Heilige anerkannt wurden. Mit Rücksicht auf
*) Ich erlaube mir eine vorläufige Mittheilung zu machen, dass in einem
Laibacher glagolitischen Breviarium (geschrieben in Istrien zwischen 1400 —
1440) die Wenzellegende in ihrem vollen Umfang sich erhalten hat. Näheres
darüber an einem anderen Ort. V. J.
Kalousek, Apologie des heil. Wenzel, angez. von Pastrnek. 287
diesen Umstand hält der Verf. daran fest, dass die Säzaver slavischen Mönche
bis zu ihrer Vertreibung mit den russischen Christen als Glieder einer Kirche
in wechselseitigem Verkehr standen. Von dem Säzaver Kloster aus seien
höchst wahrscheinlich auch die Lebensbeschreibungen der böhmischen Hei-
ligen, des Fürsten Wenzel und seiner Grossmutter Ludmila, ungefähr in den
Jahren 1033 — 1096, zu den Ost-Slaven gedrungen. Auch zu den Süd-Slaven
hätte die Verehrung des heil. Wenzels aus Säzava dringen können, doch
müsse angenommen werden, dass dies frühzeitig geschehen sei, weil der Kanon
des Heiligen in altrussischen Menaeen vom J. 1096 enthalten sei, die auf süd-
slavische Vorlage zurückgehen (herausgeg. von V. Jagic). Die Vermittelung
von Säzava, welche der Verf. annimmt, scheint mir nun im höclisten Grade
unwahrscheinlich zu sein, zunächst deshalb, weil die eben erwähnten Septem-
ber-Menaeen, welche den Canon des heil Wenzels enthalten, aus bulgarischen
Vorlagen stammen, die zu Ende des X. oder zu Anfang des XI. Jahrh., viel-
leicht in einem Kloster des Athosberges, übersetzt wurden (cf. Jagic, Menaea
p. XCVII). Der Verf. des Canons kennt bereits den Inhalt der slavischen
Wenzelslegende (vergl.Vondräk, p. 27). Wenn ferner diese Legende ursprüng-
lich mit glagolitischer Schrift niedergeschrieben war, so liegt es ebenfalls
nahe, bei ihrer Verbreitung nach Russland an ein südslavisches (bulgarisches)
Medium zu denken; auch dieser Umstand weist uns in eine ältere Zeit, als es
die Existenz des Klosters Sävaza ist. Es darf ferner die Frage, welcher Ritus
in diesem Kloster herrschte, nicht ausser Acht gelassen werden. Wir haben
darüber wohl keine sicheren Nachrichten, allein viele Umstände sprechen doch
dafür, dass die Benediktiner von Säzava den slavischen Gottesdienst nach
lateinischem Ritus verrichteten, dessen integrirender Bestandtheil ohne
Zweifel der verhängnissvolle Zusatz filioque war, während in den griechisch-
slavischen Kirchen diese Formel wohl niemals Eingang fand. Endlich fehlt
es an jeglichen Nachrichten, dass das Kloster von Säzava irgendwelche Ver-
bindung mit dem slavischen Süden, dessen Vermittelung doch wohl nicht
bezweifelt werden kann, unterhielt. Der Cultus des heil. Wenzel muss
daher bei den Süd-Slaven noch im Laufe des X. Jahrhunderts Verbreitung
gefunden haben, zu einer Zeit, in welcher noch die cyrillo-methodianische
Tradition lebendig war und mittels der glagolitischen Schrift die Glieder
der einzelnen, über die westlichen und südlichen Wohnsitze der Slaven
weit zerstreuten und officiell durchaus nicht allgemein anerkannten und be-
günstigten Kirchen und Klöster vereinigte. Zu jener Zeit gab es auch in
Böhmen slavische Priester Popen), welche sich des Schutzes der Fürstin
Ludmila erfreuten. Es dürfte wohl zu weit gegangen sein, wenn der Verf.
meint, in Böhmen habe seit der Thronbesteigung Spytihnev's (895) beiderlei
Ritus, sowohl der slavische als auch der neuerlich eingeführte lateinische,
geblüht und Ludmila, die Gemahlin des ersten christlichen Fürsten, wäre dem
grlechisch-slavischen Ritus, in dessen Form sie das Christenthum empfangen
hatte, stets treu geblieben (p. 6 . Für solche Behauptungen fehlen uns sichere
Anhaltspunkte; insbesondere lässt sich dieBlüthe eines griechisch-slavischen
Ritus in Böhmen schwer voraussetzen. Zu einer Blüte hat es eben der slavi-
sche Gottesdienst in Böhmen nie gebracht, er blieb immer auf einzelne Punkte
288 Kritischer Anzeiger.
und auf die Gunst einzelner Landesfürsten beschränkt. Höchst ansprechend
ist nun die Vermuthung, welche V. Jagic jüngst (Zur Entstehungsgesch. d.
ksl. Sp., I, 55) ausgesprochen hat, dass derselbe Pope, der bei Wenzel als
Lehrer des Altkirchenslavischen fungirte, auch der Verfasser der einen oder
der anderen slavischen Legende (vom heil. Wenzel und von der heil. Ludmila)
war. Daraus erklärte sich dann seine Vertrautheit mit den Ereignissen, wäh-
rend die schlichte und wahrheitsgemässe Darstellung ein vortheilhaftes Zeug-
niss von seiner Bildung und seinem Charakter liefern. Auf Grund dieser
slavischen Legenden erscheint der heil. Wenzel durchaus nicht als der Mönch
im Fürstengewande, als eine Abstraktion von Engelstugenden, sondern als
Mensch von Fleisch und Blut und als ein frommer und guter Landesfürst, der
ohne Schuld den Tod von Brudershand erlitt und deshalb als eiu Heiliger
vom Volke verehrt wurde. Diese Verehrung war ursprünglich sehr gross. Der
heil. Wenzel galt den Böhmen nicht nur als erster Landespatron, sondern
auch als eigentlicher Beschützer in Krieg und Frieden, was der Verf. des
Näheren auseinandersetzt. Insbesondere verfolgt er die Geschichte des be-
kannten Liedes: 1. Svaty Vaclave, vevodo Cesk6 zeme, kneze näs, pros za ny
Boha, svateho Ducha. Kyrieleison. 2. Nebesket jest dvorstvo kräsne, blaze
tomu, ktoz tarn pöjde: v zivot vecny, oben jasny, svateho Ducha. Kyrieleison.
3. Pomoci tve zädämy, smiluj se nad nämi : utes smutne, otzefi vse zle, svaty
Vaclave. Kyrieleison. So lautet nämlich das ganze (dreistrophige) Lied nach
der ältesten handschriftlichen Ueberlieferung aus dem XIV. Jahrh. Bald
darauf, um das J. 1500, hat das Lied bereits fünf Strophen. Die 4. Strophe
hat folgenden charakteristischen Wortlaut: Tys näs dedic Ceske zeme, roz-
pomen se na sve pl6mt-, nedaj zahynüti, näm i budücim, svaty Vaclave. Kriste
eleison. Später kamen weitere Strophen hinzu. Endlich geschah es auch (der
Verf. vermuthet im stürmischen Jahre 1848), dass die Worte der 3. Strophe:
Utes smutne, otzen vse zle ersetzt wurden (natürlich nur im Volke, ausserhalb
des Kirchengesanges) durch die Aufforderung: Vyzen Nemce, cizozemce!
worauf P. A. Klar (Libusa 1858) und Ant. Springer (Gesch. Oesterr. seit dem
Wiener Frieden 1809, Leipzig, 1865, II, 222 Anm.) hinweisen. So wurde aus
dem Liede ein historisches Denkmal, welches die Spuren aller bedeutsamen
Ereignisse von Böhmen an sich trägt. Entstanden, wie es scheint, in der
zweiten Hälfte des XIII. Jahrb., vielleicht nach dem Tode Königs Pi-emysl II.,
wuchs es in der husitischen Epoche und dann in den schweren Zeiten nach
der Schlacht am Weissen Berge zu der gegenwärtigen Ausdehnung, um als
Ausdruck einer frommen Bitte an den vornehmsten Schutzpatron von Böhmen
zu gelten. In der Neuzeit wurde auch dieser feierliche Choral zu nationalen
Zwecken missbraucht. Aehnlich verfolgt der Verf. auch die mit dem Bildnisse
des heil. Wenzels versehenen Münzen (seit dem XI. \ind XII. Jahrb.). Auch
das ungefähr aus dem J. 1350 stammende und bis auf den heutigen Tag ge-
brauchte Siegel der Prager Universität zeigt Kaiser Karl IV. knieend vor dem
heil. Wenzel. So bietet die Schrift Prof. Kalousek's vielfache Belehrung und
dürfte ihrem Zwecke, ein wahres Bild des heil. Wenzel's und seiner Vereh-
rung zu bieten, vollauf entsprechen. Fr. Pastmek.
Noväk, Komensky's Weisheit der alten Böhmen, angez. von Pastrnek. 289
Jana Amosa Komenskeho Maudrost starych Cechü^ za zrcadlo vy-
stavenä potomküm. Z rukopisu lesenskeho vydävä Jan V. Noväk.
V Praze, näkladem ceske akademie, 1901, 8", XV + 113 Str. (Job.
A. Comenius' Weisheit der alten Böhmen. Nach der Handschr. von
Lissa herausgeg. von J. V. Noväk).
Komensky's Adagiorum Bohemicorum farrago oder Moudrost starych
Cechu, za zrcadlo vystavenä potomküm (Weisheit der alten Böhmen, als Spiegel
der Nachwelt aufgestellt) gelangte zur Zeit des Verfassers nicht zur Veröffent-
lichung, sondern hat sich nur handschriftlich erhalten. Zuerst benützte die
Sammlung Fr. L. CelakovskjS indem er sie beinahe vollständig in sein Werk
Mudroslovi ncirodu slovanskeho ve pHslovich (Die Philosophie des slavischen
Volkes in Sprichwörtern, Prag, 1852) aufnahm. Dann wurde sie auch bei der
Ausgabe der böhmischenDidaktik (1849, 1871) zwar vollständig, aber ungenau
abgedruckt. Die vorliegende Ausgabe beruht auf der Handschrift selbst,
welche sich im Archiv der Kirche zu St. Johannes in Lissa befindet. Die
Sammlung umfasst, nach der Zählung des Herausgebers, 2214 Sätze, von den
allerdings 136 Wiederholungen in Abzug zu bringen seien. Die Eintheilung
geschieht nach den Gegenständen, welche zum Vergleiche herangezogen
werden. Das sind 1. Gegenstände der Natur, von den Elementen bis zum
Menschen, 2. Erzeugnisse des menschlichen Handwerkes, 3. Ereignisse, 4.
Fabeln, welche kluge Menschen ersonnen haben. In dieser Ordnung werden
die Sprichwörter vorgeführt. Es ist, wie der Herausgeber zeigt, dieselbe sach-
liche Eintheilung, welche auch der Bräna (der böhm. Ausgabe der Janua lin-
guarum) zu Grunde liegt. Was nun die Originalität der Sammlung betrifft,
so ist es vor allem sicher, dass Komensky das ältere Werk des Mag. Jakob
Srnec von Varvazov, herausgeg. in Prag im J. 1582 bei Georgius Nigrinus
unter dem Titel Dicteria seu Proverbia Bohemica, vor sich hatte; denn von
den 721 Sprüchen dieser Sammlung nahm Komensky nicht weniger als 606
und zwar zumeist wörtlich in seine Handschrift auf. Weiter ist es wahrschein-
lich, dass Komensky auch die Sammlung Cervenka's kannte und benützte;
denn man findet bei ihm mehr als 350 ähnliche Sätze, deren Aenderungen
vielleicht auf Blahoslav, der die Sammlung Cervenka's in seine Grammatik
(1571) aufnahm, zurückgehen. Dagegen lässt sich mit Sicherhei'.- behaupten,
dass Komensky die älteste Sammlung böhmischer Sprichwörter, die des Herrn
Smil Flaska (+ 1403), nicht kannte. Man findet zwar bei Komensky ungefähr
89 ähnliche Stellen, wie bei Flaska, allein der Wortlaut weicht stark ab und
gerade die Pointe derselben fehlt. Der Herausgeber führt alle diese Ueber-
einstimmungen Komensky's mit den älteren Sammlungen bei jedem einzelnen
Sprichwort unter dem Striche an. Wie bei Blahoslav, so lässt sich auch bei
Komensky zeigen, dass manche Sprichwörter aus Mähren, der engeren Hei-
math beider Männer, stammen. Als solche führt der Herausgeber an: Nr. 31.
Strach, by se nebe 7ieoborilo. — 138. Vodu v stüpe opichati (sc. inanis opera).
— 141. Ricici yoAvi väziti. — 200. ZovireU drevo tezce se zprimi (t. zvyk za-
staraly). — 213. Hluchy jako pen. — 229. Nebude z t6 rze mauka. — 509. Snedl
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 19
290 Kritischer Anzeiger.
to CO pes horky kohlih. — 761. Smeje inu se na to huhice (t. räd). — 921. Cot
se na jeho ricici dostane, umi zopälaü (t. o klevetnem). — 1105. Ujeda mili,
postüj koni chvili; ujeda tri, cela jim potfi; ujeda sest, dej ]\m jest. — 1251.
§vec dokad jednoho hota neusije, druheho nezacinä. — 1330. Chtel udelati
cbänek, a kdyz zatocil kruhem, udelala se perfiicka. (Rikä se o tech, jimz pi-ed-
sevzeti, jinak nez chteli, a sme-sne nejak, vychäzi.) — 1357. K liceni (= bileni)
trebe licidla. — 1388. Mysl jiz dävno v misi. Plaut. — 1770. Kdo chodi s kabelt,
toho Pän Büh nadell. (Od zebräkü vzate.) — 1821 . Poki) chodim, potij se hodim. —
1930. Hlediz, aby sobe ze mne gejd neudelal. Die durch verschiedenen Druck
gekennzeichneten Worte sieht der Herausgeber mitRecht fiirMoravismen an.
Bei einigen Sprichwörtern fügte schon Komensky lateinische oder deutsche
Parallelen hinzu. Zum Beispiel: Nr. 55. Piijde cas, pi-ijde rada. (Komt Zeit,
komt raht. Dies diem docet.) — 59. Dnem se leto neopozdi. (Parum pro nihilo
habetur.) — 103. Svice lidem slauzic, sama se stravuje. (Aliis inserviendo
consumor.) — 136. Spatnä zhoda, s ohnem voda. (Contraria nunquam coeunt.)
— 139. Na vode psäti. In aqua scribere. — 148. Trefil z lauze do bläta. (In-
cidit in prunas cupiens vitare patellam.) — 160. Jiz jsme vybredli (Res est
in vado), t. z nebezpecenstvi. — 182. Nad propasti stäti. (Inter incudem
et malleum versari.) — 531. Psu sädio sveriti: den hund mit bratt-
wuersten feßlen. DieKatzen Vber das schmeer setzen. Den Bock zum gärtner
machen. — 698. Mnoho rukau, mälo dila. Viel hirten, Übel gehütet. — Der-
artige Parallelen kommen indess nicht besonders häufig vor. Immerhin be-
weisen sie zur Genüge, dass Komensky die Gemeinsamkeit vieler Sprüche
und Redensarten mit den zunächst betheiligten Culturkreisen wohl kannte.
Aehnlich verfuhren Blahoslav, Srnec und auch Veleslavin (Dictionarium lin-
guae latinae.) Eine Abhängigkeit von polnischen Sammlungen scheint nicht
vorzuliegen. Der Herausgeber citirt nur ein Beispiel: Nr. 1794. Pänem vel-
kym byt jest velkä nevole. In der Sammlung Knapski's v. J. 1632 lesen wir
ebenfalls: Panem wielkim byc, wielka nieivola. Doch ist das hervorgehobene
Wort durchaus kein Polonismus, sondern auch in slovakischen Dialekten
wohl bekannt. Vielfach setzte Komensky eine Erklärung des citirten Sprich-
wortes hinzu, z.B. Nr.ll4. Kam vitr, tam pläst'. (0 vrtkavem cloveku.) — 145.
Tee vodo, kam Pän käze; (käze, t. strauhu udelaje). — 226. Rüze vije (o tom,
kdo V dostatku sedi a pohodli uzivä). — Besonders beachtenswerth sind die
Bemerkungen, wie bei Nr. 340. Räd by hauserem berana vylaudil. (Ad fabu-
las referendum.) Desgleichen bei Nr. 401. Kazdä liska svüj ocas chväll. (To
do fabuli.) Aehnlich bei anderen Sprüchen. Auch die Quelle führt zuweilen
Komensky selbst bereits an, z.B. Nr. 493. Pes k vyvratku. Petr Apost. —
611. Tvär zvrasklä, mnoheho povedomä. (S. Rehor.) — 626. Byli by oci vy-
laupili (o Galadskych apostol). — 657. Treti jazyk rychlejsi nez ptäk. Eccles.
10, 20. — 697. Polozim ruku na iista svä. Job. 39, 34. — 11 14. Neni vozu, neni
koni, jedna psota druhau honi. §im. Lomn. — 2063. Tvrdot jest proti ostnuse
zpecovati. Skut. 9. — Die Parallelen, Erklärungen und Quellenangaben Ko-
mensky's legen den Gedanken nahe, wie wichtig es wäre, wenn der Schatz an
Sprichwörtern, welchen das böhmische Volk besitzt, nach seinen Quellen hin
untersucht würde. Der Herausgeber hat sich um die Vorarbeiten zu dieser
Smetänka, Die Postille Chelcicky's, angez. von Pastrnek. 291
Erforschung bereits vielfache Verdienste erworben, unter denen die vorlie-
gende, äusserst genaue Wiedergabe der Sammlung Komensky's gewiss das
grösste ist. Fr. Pastrnek.
Petra Chelciekeho Postilla. Dil I. K vydäni upravil Dr. Emil Sme-
tänka. VPraze. Vydänira a nakl. Comenia, evang. Matice Komen-
skeho. 1900, kl.-S», 438 SS.
Der tiefsinnige südbühmische Landedelmann und Denker Peter Chel-
cicky (f ca. 1460) verdient es wohl, dass seine Werke, welche vom edelsten
sittlichen Ernst einer werkthätigen Nachfolge Christi erfüllt sind, immer
wieder aufgelegt und verbreitet werden. Vor einigen Jahren (1893) gab be-
kanntlich die St. Petersburger Akademie, unter der Redaktion von J. S. An-
nenkov und nach dessen frühem Tode (f 1885) von V. Jagic, zwei Schriften
Chelcicky's heraus: »Siet viery« (Das Glaubensnetz) und »Replika proti
Mikuläsi Biskupci Täborskemu« (Replik gegen Nikolaus Biskupec
aus Pilgrim). Diese vortreffliche Ausgabe, welche seinerzeit im Archiv nicht
verzeichnet wurde, enthält in der Einleitung eine Würdigung des Lebens und
besonders der Schriften Chelcicky's und ausserdem im Anhang den Inhalt der
beiden abgedruckten Werke in russischer Sprache. Daselbst ist bereits eine
neuere Ausgabe von Chelcicky's Hauptwerk, der Postille, L Theil, von Benj.
Kosut, im J. 1890 (als Beilage der evang. Ztschr. »Cesky Bratr«) erwähnt.
Da jedoch diese Ausgabe vielfache Mängel aufwies, so veranstaltete der
evang. Verein »Comenium«, derselbe, welcher auch die kleineren Schriften
Chelcicky's, in der Redaktion von Dr. J. Karäsek herausgegeben hatte (1891
und 1892), eine neue Edition der Pos tili e, welche Dr. E. Smetänka besorgte.
Dieselbe ist in erster Linie für Philologen bestimmt und bewahrt daher mög-
lichst genau die Orthographie des ältesten Druckes vom J. 1522, aus dem der
Text entnommen ist. In den Anmerkungen werden abweichende Lesarten des
Druckes vom J. 1532 hinzugefügt. Die Aenderungen des Herausgebers be-
schränken sich auf die Lösung der Abbreviaturen und eine sinngemässe Inter-
punktion, was bei dem ungleichmässigen Satzbau und den häufigen Anako-
luthen Chelcicky's zugleich eine Interpretation bedeutet.
Ferner unterliess der Herausgeber die Unterscheidung des zweifachen t
und /, und zwar aus dem Grunde, weil der alte Druck diese beiden Bezeich-
nungen ganz regellos gebraucht, was auch Gobauer (Eist. ml. 1.357) constatirt.
Die Ausgabe ist sehr sorgfältig veranstaltet: eine Collation mit dem Drucke
vom J. 1522 lehrt, dass nur äusserst wenig Versehen untergelaufen sind und
auch diese sind insgesammt belanglos. Eine Besprechung der Postille, sowie
ein Wörterbuch zu derselben verspricht der Herausgeber bei dem Abdruck
des zweiten Theiles zu bieten. So wurden in der letzten Zeit die wichtigsten
und umfangreichsten Schriften Chelcicky's neu aufgelegt, allerdings nicht
gleichmässig. »Siet viery« ist nach der gegenwärtigen Orthographie trans-
scribirt, ohne dass die dabei befolgten Grundsätze dargelegt wären. Auch
»die kleineren Schriften« gab Dr.Karäsek in neuböhm. Umschreibung heraus,
19*
292 . Kritischer Anzeiger.
doch fügte er eine kurze Erklärung seines Vorganges hinzu. Ausserdem
bietet der Abdruck der »Replika« ein genaues Bild der Olmützer Handschrift.
Diese Schrift ist bisher die einzige, welche nach einer älteren handschrift-
lichen Quelle mit sorgfältiger Bawahrung aller orthogr. Eigenthümlichkeiten
abgedruckt ist. Die vorliegende Ausgabe des I. Th. der Postille ist nun ein
weiterer Schritt zu einer Gesammtausgabe der Werke Chelcicky's, des gei-
stigen Vaters der böhmischen Brüdergemeinde, nach der ältesten erreich-
baren Gestalt. Fr. Pastrnek.
Pavle Popovic: gorskom vijencu. Mostar 1901, Fächer &
Kisic, kl. 80, 284 + V S.
Wenn ein Staat verhältnissmässig spät in die Reihe der sogenannten
Kulturländer eingetreten ist, darf man nicht z u grosse Ansprüche an seine
moderne Literatur stellen, und es kann deshalb nicht überraschen, wenn die
südslavischen Literaturen, wegen der schwierigen äusseren und inneren Ver-
hältnisse in der wissenschaftlichen Forschung noch immer recht mangelhaft
erscheinen. Immerhin bleibt diese Thatsache bedauerlich, und zwar um so
mehr, als die Lücken schwer auszufüllen sind, theils weil das Material ver-
schollen ist, theils weil die bibliographischen Quellen gar zu verstreut und
schwer zu finden sind. Diesem Mangel an einer von Anfang an systemati-
schen, literaturkritischen Schulung verdanken wir den jedenfalls glücklichen
Umstand, dass die beste südslavische Literaturforschung (nuUa regula sine
exceptione !) in die Hände solcher Gelehrter gelangt ist, denen eine moderne
Literaturschreibung nebensächlich war, weil sie sich — mit aller Anerken-
nung ihrer ästhetischen Kompetenz — hauptsächlich den sprachlichen und
rein historischen Forschungen gewidmet haben.
Daraus erklärt es sich, dass erst 43 Jahre nach dem ersten Erscheinen
des herrlichen Heldengedichtes »Gorski Vijenac« des montenegrinischen
Fürstbischofs Petar IL Petrovic Njegos eine modern geniessbare und dabei
wissenschaftlich kritische Edition publicirt wurde (in Agram 1890, 2. Auflage
Belgrad 1892), und zwar durch einen philologischen Fachmann, den Universi-
tätsdocenten Dr. M. Resetar. Aber auf die eigentliche Textkritik be-
schränkte sich diese grundlegende Edition nicht: Dr. Resetar versah sie mit
einem umfangreichen Kommentar und verfasste ausserdem eine ästhetische
Analyse des grossartigen Werkes. In der Vorrede drückt sich der Verfasser
über diese literarische Leistung sehr bescheiden aus, indem er den Wunsch
beifügt, sein Versuch möge zu weiteren Studien anregen. Diese Hoffnung
hat sich endlich durch das hier zu besprechende Buch des Herrn Prof. Pavle
Popovic in Belgrad erfüllt, und wenngleich dasselbe in mancher Hinsicht eine
gegen die Ansichten Resetar's gerichtete Polemik ist, glaube ich doch, Dr.
Resetar sei der Erste, der diese interessante Studie mit dankbarer Freude
begrüssen wird, um so mehr, als es sich hier weniger um literarische That-
sachen, als um ästhetische Anschauungen handelt. In Geschmacksachen kann
man ja immer disputiren, und schliesslich können sich die Streitenden in der
P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Jensen. 293
Hauptsache doch einigen, obgleich der Eine das Gedicht als ein Epos, der
Andere als ein Drama auffasst. Ganz anders stellt sich der literarische Streit,
wenn z. B. Jemand es wagt, die zielbewusste imd thatsächliche Einheitlichkeit
desGundulic'schen »Osman« ohne geschichtliche, sprachliche oder ästhetische
Gründe zu leugnen.
Resetar hat, wie die übrigen Literaturkenner i) , den dramatischen
Charakter des »Gorski vijenac« in Abrede gestellt. Die istraga (d.h. die Ver-
nichtung der Mohammedaner in Montenegro) ziehe sich allerdings wie ein
rother Faden durch das Ganze vom Anfang bis zum Ende, aber sie sei mehr
oder weniger sichtbar, und es bestehe kein eigentlicher Zusammenhang zwi-
schen den verschiedenen Scenen, denn ganze Auftritte von mehreren Hundert
Versen könnten herausgenommen werden, ohne dass der Stoff der istraga da-
durch leiden würde. Deshalb habe auch der Dichter selbst sein Werk nicht
ein Drama oder dramatische Scenen benannt, sondern einfach istoricesko
sobitije, ein historisches Ereigniss mit verschiedenen Scenen aus dem mon-
tenegrinischen Leben. Er wollte die serbischen »Hajduken« im wahren Lichte
zeigen und habe sich deshalb einen interessanten Moment aus älteren Zeiten
gewählt, der ausserdem geeignet sein konnte, durch Danilo, den Begründer
der Njegos-Dynastie, das montenegrinische Fürstenhaus zu preisen. Und da
der politisch-religiöse Freiheitskampf eine wesentliche Seite des montenegri-
nischen Lebens bilde, müsse selbstverständlich die istraga dabei sein.
Resetar hatte in seiner Einleitung weiter nachzuweisen versucht, wes-
halb der »Gorski Vijenac« kein echtes Drama sein konnte: es fehle an dra-
matischer Charakterzeichnung, Psychologie und innerer Konsequenz. Die
erste Rathsversammlung sei als Expose aufzufassen, die zweite als Peripethie
und die Scenen am Weihnachtsfest und zu Neujahr als die Katastrophe. Es
seien höchstens Scenen in dramatischer Form, auf der istraga basirt, und
dramatische Wirkung haben nur die Berathungen der Häuptlinge, das Auf-
treten der Hexe und einigermassen die Erzählung des Drasko von seinen
venetianischen Reiseeindrücken. Wenn man aber das Gedicht so auffassen
wolle, seien die ästhetischen Bemerkungen gegen die dramatische Komposition
nicht mehr stichhaltig. — Schliesslich kritisirt Resetar die geschichtliche
Treue des Gedichtes: von dem Ereignisse kenne man eigentlich nur den Auf-
stand der Brüder Martinovic in Cetinje; es geschah dies aber im J. 1702 oder
1703, nicht »pri svrsetku XVII. vijeka«, wie der Dichter selbst angegeben
hat. Der Bischof Danilo sei nicht historisch treu gezeichnet, sondern er
spiegle mehr die subjektiven Stimmungen des Dichters wieder, und die übri-
gen Personen des Gedichtes seien nicht geschichtlich erwiesene Individuen
(ausser dem in dem historischen Drama »Scepan mali« ebenfalls erwähnten
Vuk Mandusic, der von den Türken gemartert wurde), sondern montenegri-
1} Ich führe nur zwei Citate an: Jagic: »Ein ethnographisches Ge-
mälde mit geschichtlichem Hintergrund«. Svet. Vulovid: «Gorski Vijenac
ist eine Sammlung lyrischer Stimmungen aus dem serbischen Leben in Mon-
tenegro, in einen Blumenstrauss bunt vereinigt, und das in dem Werke be-
sungene Ereigniss ist die Schnur, womit das Bouquet gebunden wird«.
294 Kritischer Anzeiger.
nische Heldentypen, welche — von einander sehr wenig verschieden — durch
ihren antitiirkischenPatriotismus vereinigt sind und den serbischen National-
charakter idealistisch wiedergeben.
Gegen diese, von den meisten anderen Forschern getheilte Auffassung
des G. V. tritt nun Popovid mit seinem eingehenden Essay auf, und wenn-
gleich ich seine Argumentation nicht immer überzeugend finde (man beweist
oft zu wenig, wenn man zu viel beweisen will!), konstatire ich mit grossem
Vergnügen, dass seine Studie eine Frucht von tiefem Sachverständniss, feiner
Beurtheilung und ästhetischem Geschmacke ist. Popovid, bisjetzt nur durch
kleinere Schriften (»Francuski moralisti«, »Srpska knjizevna zadruga«, »Na-
cionalni repertoar« etc.) literarisch bekannt, hat durch diesen Essay die süd-
slavische Literaturgeschichte bereichert, ebenso wie seine, hoffentlich bald
erscheinenden Studien über die ragusanische Literatur ihr gewiss noch mehr
zur Zierde gereichen werden, während sein eleganter Stil von der Vertraut-
heit des Verfassers mit der französischen Literatur zeugt.
Gegen die Meinung Resetar's über den Mangel geschichtlicher Treue
hebt der Verfasser hervor, dass die Quellen nicht nur in den Chroniken zu
suchen sind, sondern auch in Volksliedern und mündlichen Ueberlieferungen,
und erst mit Hülfe dieses gesammten Materials könne man das Thatsächliche
von dem Fingirten unterscheiden. In dieser Hinsicht hat P. P. weltgehende
Untersuchungen in der Literatur gemacht und folgert daraus, dass die her-
vorragendsten Personen im Gorski vijenac der geschichtlichen Wirklichkeit
entnommen sind und zwar nicht nur Danilo selbst, die Brüder Martinovid und
Vuk Mandusid, sondern auch Vuk Borilovid, Vuk Micunovic, der Serdar
Janko und sein Bruder Bogdan Gjuraskovid, Vuk Raslapcevic, der Vojvode
Drasko, Vuk Tomanovic, Vukota Mrvaljevic, Vuk Markovic, Vuk Ljese-
vostupac, Batrid Perovid, der Vojvode Milija und der Knez Rogan, welche
alle in volkspoetischen Ueberlieferungen vorkommen. Wahrscheinlich sei
weiter die geschichtliche Existenz des Knez Rade (eines Bruders des Bi-
schofs), des Knez Nikoia, des Serdar Vukota, des Pop Scepan (nach Milutino-
vid), des Knez Bajko und vielleicht auch des Serdar Radonja. Schliesslich
seien auch die türkischen Namen nicht ganz ohne Grund gewählt. Wenn-
gleich das Material des Volksliedes nicht immer als geschichtlicher Beweis
gelten kann, hat P.P. gewiss darin Recht, dass »Gorski vijenac« auf einer
soliden historischen Unterlage basirt ist; ja, er behauptet sogar, dass das
Eieigniss im Grossen und Ganzen mehr mit der Chronik als mit den Volks-
liedern übereinstimmt. Der Dichter hatte ja auch selbst den Stoff als ein ge-
schichtliches Ereigniss bezeichnet, und ob die Katastrophe schon am Ende
des XVIL oder gleich im Anfange des XVIIL Jahrh. geschehen sei, sei für
uns ganz gleichgültig. Schliesslich macht P.P. auf einige Episoden aufmerk-
sam, die volksepische Vorbilder verrathen, was wohl auch Niemand — am
wenigsten Dr. Resetar — bezweifelt hat: die venetiauische Erzählung soll
von einem Volksliede über Drasko herstammen, und das Klagelied der
Schwester von Batrid ist ja dem echten Volksleben abgelauscht (Vuk Stef.
Karadzid, der in solchen Sachen ein feines Gehör hatte, fand dieses Klagelied
dem volkslyrischen Geiste so entsprechend, dass er es unter den zwölf echten
P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Jensen. 295
tuzaljke in seinem, erst nach seinem Tode publicirten »Zivot i obicaji naroda
srpskoga« abdruckte!). Ausserdem bemerkt P. P., dass die verschiedenen
Titel nur dort vorkommen, wo sie auch in Volksliedern gebraucht wurden,
und er definirt dabei den Yojvoda als Häuptling einer nahija (Bezirk in Mon-
tenegro) und den Knez als Vorsteher eines pleme (»Stamm«), kann aber für
den Titel Serdar keine Erklärungen geben. Ich möchte dabei auf den kleinen
Kalender »Griica« in Cetinje aus dem J. 1860 hinweisen, wo folgende Rang-
liste angeführt wird: 1) vojvoda, 2) veliki barjaktar, 3) serdar, 4) kapetan i).
Die sozusagen ästhetische Tendenz des »Gorski Vijenac« ist von P. P.
sehr schön hervorgehoben. Das Verdienst des Dichters lag eben darin, dass
Petar II. Petrovic Njegos der erste serbische Künstler war, der es verstand,
eine nationale Epik nach und ausser dem Kosovo-Cyklus zu schaffen — eine
Aufgabe, die von älteren serbischen Dichtern und von dem Zeitgenossen
Branko Radicevic nur geahnt wurde. Zu diesem Zwecke suchte sich Njegos
ein grosses Ereigniss aus der Geschichte Montenegros aus, und zwar in dem
Zeitpunkte, wo die Staatsidee über den » Partikularismus «, die einheitliche
Nationalität über die Engherzigkeit der persönlichen Parteien siegte. Denn
erst durch die Ausrottung der Mohammedaner wurde Montenegro zu einem
Volke. Es war das grosse Ereigniss par excellence in der Geschichte Monte-
negros, eine nationale Bewegung und ein glückliches Omen für die politische
Befreiung des ganzen Serbenthums, was auch durch die »der Asche des
Vaters von Serbien« gewidmete Einleitung bestätigt wird. Ein solches
Ereigniss wie diese innere Revolution bedeutet mehr als Siege auf dem
Schlachtfelde, und auf Grund epischer Volkslieder wurde es in einen »Ge-
birgskranzM poetisch zusammengeflochten.
Wenn aber P. P. weiter behauptet, dass die Hauptperson des Gedichtes,
der Bischof Danilo, gegen das Zeugniss der Geschichte, sich anfangs nur des-
halb so wankelmüthig und energielos zeigt, weil der Aufstand dadurch als
eine nationale Nothwendigkeit, einVolksbedürfniss erscheinen soll, kann ich
ihm nicht beipflichten. Vielmehr stelle ich mich hier auf den Standpunkt
Resetar's, der in diesem Charakter ein Abbild desjenigen des Dichters selbst
erblickt. Der subjektive Ton, die reflektirende Gelehrtheit, der Pessimismus
(ich verweise als Beispiel auf die Verse 33—38, 612—623, 644—645, 742—
749, 763) stimmen weder mit der kampflustigen Energie des wenig gebildeten
Bischofs Danilo, noch mit dem damaligen Zeitgeist überhaupt, um so mehr
aber mit der eigenen Person des Dichters überein. Und nachdem Danilo
endlich seinen Beschluss gefasst hat, tritt doch — wie dies Resetar ebenfalls
bemerkt hat — die Subjektivität des Dichters in der Person des Iguman
Stefan wieder deutlich hervor (V. 2.280—2.335 und 2.499—2.520). Ebenso wie
der philosophirende Mönch war auch der Dichter mit der grossen Welt ver-
1) Vergl. Ami Boue in »La Turquie d'Europe«, Paris 1840 (III, 315):
»Dans le Montenegro, chaque nahie avait jadis son Serdar ou grand-pr6v6t,
et chaque tribu son Voivoda, son Knes et son Bariaktar ou port-enseigne,
dignites qui sont presque hereditaires dans certaines familles, quoique jadis
elles fussent electives«.
296 Kritischer Anzeiger,
traut: jener hatte Jerusalem und Kijev besucht, dieser kannte Rom recht gut
und war vielleicht auf der Reise nach oder von Petersburg auch in der heil.
Stadt Kijev. Hier begegnet uns nicht nur die ideelle Weltanschauung, die
nach Milton's Vorbilde 1) die »Luca mikrokozma« schuf, sondern auch ein
ganz modernes Philosophiren über Natur und Geist, über Elektricität und
sogar über »den Kampf ums Dasein«, was einen Gelehrten veranlasst hat,
den Dichter der »Slobodijada« und des »Scepan mali« unter den Vorgängern
des — Darwinismus (!) zu präsentiren (B. Sulek: »Predtece Darwina« im Rad
Jugosl. Akad. B. LXXV, nach St. Nedeljkovic, »Javor« 1877, und J. Pasaric,
Vienac 1884).
Obgleich wir noch keine allseitige Njegos-Monographie besitzen 2), ist
die interessante Persönlichkeit des edlen Dichters so gut bekannt, dass man
diese Identität feststellen kann. Aus der Geschichte wissen wir, mit welchen
politischen und materiellen Schwierigkeiten der Vladika Petar II. immer zu
kämpfen hatte. Prof. Vuloviö bezeichnete ihn als »kalt und tapfer im Kampfe«,
aber im persönlichen Verkehr als bescheiden, da er nie vergass, dass er ein
Autodidakt war (wie der Iguman Teodosije im »äcepan mali«); bezeichnend
ist auch sein Brief an Vuk vom 1. Nov. 1847: er verflucht darin »die Stunde,
wo der Funke (des Freiheitsgefühls) von den Aschenhaufen des Dusan'schen
Reiches zu unseren Gebirgen herüberflog. Weshalb ist auch er nicht dort
1) Da der Dichter auch englisch konnte, hat er wohl das Original direkt
studirt. Es mag doch hier erwähnt werden, dass »The Paradise lost« schon
im J. 1780 russisch übersetzt wurde, und bis 1844 waren noch zwei russische
Uebersetzungen vorhanden. Die cechische Uebersetzung von Jos. Jungmann
erschien zum ersten Male 1811.
2) Ich führe hier die Njegos-Literatur an, insofern sie mir bekannt ist :
Ami Boue: »La Turquie d'Europe«, Paris 1840. — Franceschi: »La
Dalmazia« 1847; soll auch in demselben Jahr slavisch übersetzt worden sein.
— Jov. Subotiö: »Slovo Petru II. Petrovicu Njegosu«. Serbski Ijetopis
1852: I. — J. Ignj atovic: »Tri srpskaspisatelja«. ,Danica' 1860. — N. Du-
cic: «Crna Gora«. Glasn. srp. uc. drustva 1874. — M. Ban: »Podaci o Pe-
tru II. Njegosu«. jPreodnica' Nr. 9. — Spirid. Gopcevic; »Montenegro und
die Montenegriner«. Leipzig 1877. — Heinrich Stieglitz (?). — V. Vrce-
vic: »Zivotopis Vladike Crnogorske Petra II.« Dubrovnik (Kalender) 1874.
— Svet. Vulovic: »Petar Petrovic Njegos pesnik srpski«. Godisnjica N.
Cupica I, Belgrad 1877, und von demselben Verfasser: »Jos po nesto za
biografiju P. P.Njegosa«, Godisnj. Cup. B. VII, Belgrad 1885. — Medakovic:
»P. P. Njegos, posljednji vladajuci vladika crnogorski". Novi Sad 1882. —
P. A. Lavrov: »Petar II. Petrovic Njegos, vladyka cernogorskij i ego lite-
raturnaja dejatelnost'«. Moskva 1887 (bespr. im »Archiv« XI von Bartol. In-
hof). — P. A. Rovinskij: »Petar II. Petrovic Njegos, vladyka cernogor-
skij«. Petersburg 1889. — L. Tomanovic: »Petar II. Petrovic Njegos«.
Cetinje 1890, 91 (»Nova Zeta«). — Ljub. N.Nenadovic: »Celokupna dela«.
Belgrad 1893/94 (»Pisma sa Cetinja i Pisma iz Italije«). — M. Gar: »Moje
simpatije« I. Zara 1895. — Andra Gavrilovic: »Ka biografiji P. P. Nje-
gosa«. Godisnj. N. fiupica. B. XIX (Belgrad 1889). Ausserdem die Editionen
von Resetar u. A.
P. Popovid, gorskom vijencu, angez. von Jensen. 297
gestorben, wo der serbische Feuerherd erlosch?« Die geistreichen Briefe
des Ljub.Nenadoviö aus Italien aus dem J. 1851 geben auch viele treue, wenn
auch etwas idealisirte Aufklärungen über die zartfühlende Seele des Dich-
ters. Einmal sagte ihm der Vladika: »Ich sehe vor mir einen Grabstein mit
der Inschrift: Hier ruht der montenegrinische Vladika; er starb, ohne dass
es ihm vergönnt gewesen wäre, die Befreiung seines Volkes zu erleben«. Er
war auf England wegen dessen türkenfreundlicher Politik erbost, und als ein
englischer Lord in Neapel sein Portrait erhielt, fügte der Spender hinzu:
»Wenn Sie nach London zurückkehren und mein Bild zeigen, dürfen Sie
nicht sagen: es ist der Herrscher eines glücklichen Volkes, sondern : es ist
der Märtyrer eines für seine Freiheit gequälten Volkes«. Einem Serben in
Florenz sagte er: »Mein armes Volk! Zerstreut bist du im Solde bei Fremden.
Nirgends haben wir eine Heimath; sie verbrannte auf dem Kosovo-Felde«.
Derartige Aeusserungen entsprechen ganz den ersten Monologen des
Bischofs Danilo. Aber noch mehr! Bei den Beiden finden wir dieselbe Anti-
pathie gegen A\q poturcenici , die slavischen Renegaten. Als Petar II. von
dem Feldzuge Omar-Paschas in Bosnien erfuhr, sagte er von den moham-
medanischen Slaven: »Gebe Gott, dass sie von der serbischen Milch, die sie
ernährt hat, vergiftet würden, und dass sie am jüngsten Gericht vor den
Obilic treten!« Und einem Türken in Livorno sagte er: »Die Türken haben
nie vermocht, Montenegro zu zertreten, aber unsere eigenen Brüder haben
uns oft gedrückt. Alle diese Paschas und Veziere, die Montenegro mit Blut
begossen, haben serbische Muttermilch gesaugt, aber Hessen mich im Stich,
um besseres Brod zu verdienen !«
In dem ganzen Gedichte, dessen Anfang als eine Art Prolog zu betrach-
ten sei, sieht Popovic die konsequent durchgeführte Idee des Befreiungs-
dramas, und die scheinbar freistehenden Episoden seien nothwendige Glieder
in dieser logischen Kette. So z. B. in der venetianischen komischen Erzäh-
lung, denn während in dem betreffenden Volksliede es sich darum handelt,
dass Drasko türkische Köpfe dem Dogen bringt, haben wir es hier mit einer
politischen Mission zu thun, welche den Zweck hat, Kriegsvorrath und Ver-
bündete zu suchen. Die Scene mit den betrunkenen Hochzeitsgästen sollte
den Volkscharakter in wahrem, wenn auch unvortheilhaftem Lichte zeigen,
und als scharfer Gegensatz folgt dann unmittelbar das Klagelied der
Schwester des Ermordeten. In dem Volksliede wird nur die persönliche
Rache betont; hier aber geben — wie P. P. treffend bemerkt — ihre persön-
lichen Gefühle der nationalen Rache Raum (V. 1962 — 63) :
»e se zemlja sva isturci — bog je kleo !
glavari se skamenili — kam im u dom ! «
Auch das Auftreten der Hexe sei kein Zufall, etwa bloss wegen des
volksthümlichen Kolorits. Sie ist ja von dem Vezier zum Spioniren gesandt,
und durch ihr Bekenntniss wird die Verschwörung eine offene Thatsache.
Die vielen Allegorien (Träume, Weissagungen, Naturphänomene etc.) zielen
auch auf das grosse Ereigniss hin ; mit dem Aufstande in Cetinje beginnt die
wirkliche Ausrottung, und den Brüdern Martinovici wird im Epiloge (wie in
der Geschichte) eine Hauptrolle angewiesen. Die sechs Kolo-Gesänge stellen
298 Kritischer Anzeiger.
die montenegrinische Geschichte chronologisch dar, aber das letzte Glied in
dieser Kette, die Befreiung des ganzen Serbenthumes, wird in die Widmung
aufgenommen, weil es einer späteren Zeit gehört. Auch der Wechsel der
Scenen von tiefer Nacht zum hellen Morgen, von Finsterniss zum neuen Jahre
hat — nach P. P.'s feiner Ansicht — einen allegorischen Sinn. Er gibt doch
selbst zu, dass viele Sachen eingeflochten sind, um das Titelbild völlig natio-
nal zu machen. — Schliesslich ist doch das Lob des Dichters über die serb.
Sitten und Spiele {gusle, badnjak, krsno ime, kumstvo etc.) auch eine »Aus-
rottung der Renegaten«, und insofern können sowohl Resetar wie Popovic
Recht haben.
Abgesehen von der dramatischen Idee des Gedichtes, gibt P. P. doch
selbst unbedingt zu, dass der »Gorski vijenac« kein Drama im modernen
Sinne ist, denn es mangelt an dramatischer Motivirung, Intriguen etc., und
der Hauptheld raisonnirt mehr als er handelt. Der Kampf selbst wird ja gar
nicht dargestellt, sondern nur durch Boten, wie in der klassischen Tragödie,
angedeutet. Es gibt keine »Spannung« oder Ueberraschung, und mehrere
dankbare Motive (die vorige Gefangenschaft des Bischofs, die Liebe Mandu-
sic's, der Tod des Batric, das Unglück der Ruza etc.) sind gar nicht drama-
tisch verwerthet. Es sind nur Scenen, um das Hauptereigniss zu illustriren.
Deshalb ist »Gorski vijenac« für die Bühne kaum brauchbar').
Ich gebe aber andererseits dem Verfasser darin Recht, dass gewöhnliche
dramatische Effekte den Hauptstoff, den Njegoa selbst so hoch stellte, leicht
hätten schädigen können. Es gelang dem Dichter zu zeigen, dass es hier etwas
mehr als eine lokale Balkanfrage gab : es handelt sich um den Kampf zwi-
schen zwei Welten, zwischen dem christlichen Licht und der barbarischen
Finsterniss, der geistigen Vernunft und der rohen Naturgewalt (vergl. V. 614:
»Je liinstinkt aV duhovni vogjal <*■), ähnlich dem Grundgedanken im »Osman«
und in einigen Details in sublimer Grösse den Meisterwerken der Weltlitera-
tur gleichgestellt. Schon die Anfangszeile : »vigji vi-aga«. deutet darauf
hin. Es werden die bedeutungsvolle Schlacht bei Poitiers (V. 7) und die Be-
lagerung von Wien (V. 1143 — 50) ausdrücklich erwähnt; der Mond und das
Kreuz sind zwei mächtige Symbole (V. 631); Omar's Tempel erhebt sich über
Salomo's heiligen Tempel (V.2277 — 78); es kommen die kräftigen Ausdrücke:
»der Henker Europas« (V.624), »Asiens Altar« (V.625) und »Demon« (V. 1.145)
vor, und schliesslich wird (V. 2.348 — 55) die politische Renaissance des ge-
1) So viel ich weiss, soll das Stück in Karlovci 1897 aufgeführt worden
sein. Ein Versuch wurde allerdings in Belgrad 1863 gemacht, scheiterte aber
schon bei den Vorbereitungen.
Sehr wirksam für die Bühne muss dagegen das poetisch und episch
schwächere Stück » Balkmiska Caricau sein, denn sein Dichter, Fürst Nikolai,
von Montenegro, hat die dramatischen Hülfsmittel (Liebe, Eifersucht, Ver-
rath etc.) reichlich verwendet. Es möchte interessant sein zu erfahren, ob
mit Wissen des hohen Verfassers ein gewisser Herr Hugo Marek durch seine
flotten Reimereien von »der Balkankaiserin« (Berlin 1901) den Inhalt, den
Ton und die Form des jedenfalls schönen Dramas so gänzlich verdorben hat !
P. Popovic, gorskom vijeneu, angez. von Jensen. 299
sammten Serbenthumes feierlich prophezeit, durch die in der Widmung er-
wähnten Napoleonischen Kriege näher bestimmt.
In Bezug- auf die Charakterzeichnung im »Gorski vijenac« hat P. P.
mehrere interessante Nuancen nachgewiesen, obgleich er die Ansicht Rese-
tar's von der Schablonenmässigkeit dieser Typen schwerlich hat widerlegen
können. Ausser den beiden klar ausgeprägten Personen, dem Bischof und
dem Iguman, die sich in vielen Punkten komplettiren und die beiden Haupt-
seiten des menschlichen Wesens verkörpern: einerseits die zweifelnde In-
telligenz und den finsteren Pessimismus, andererseits die naive, kindliche
Lebens- und Glaubensfreude, gibt es im »Gorski vijenac« verschiedene
Schattirungen des montenegrinischen Nationalcharakters, die P. P. verständ-
nissvoll bemerkt. Drasko z. B. ist ein naives, treuherziges Naturkind, ebenso
wie der ungebildete, einfältig fromme Pop Mico, dessen originelle Persönlich-
keit ich mit dem herrlichen Dorfpriester in der vorzüglichen Novelle »Skol-
ska ikona« von Lazo Lazarevic vergleichen möchte. Ganz anderer Art ist die
Komik der beiden, geistig recht beschränkten »Spassvögel«, Knez Janko und
Knez Rogan, von welchen der Name des Letzteren sogar unfreiwillige Witze
{rog = Hörn V. 1403 und 2.175) veranlasst. Vuk Micunovic ist der konventio-
nelle Held ohne Furcht und Tadel. Wenn Rogan nach venetianischen Speisen
fragt, will Vuk Micunovic Auskunft haben, ob man dort gusle spielt. Er ist
ein wahrhafter »Gentleman«, so im Aeusseren (V. 1.685) wie in Ehrensachen
(1.130) und hasst die abtrünnigen Landsleute noch mehr als die Türken selbst
(1.900); dabei ist er ein »aufgeklärter« Mann, denn er verhöhnt den Aber-
glauben seiner Kameraden (1.718—21 und 2.124 — 25). Ebenso konstruirt ist
auch die Figur des Vuk Mandusic: er liebt den Krieg als solchen, träumt von
Liebe (obgleich er sich natürlich schämt, dies zu verrathen, siehe V. 1.376),
erkundigt sich um venetianische Helden (1.445) und kümmert sich mehr um
den Verlust seiner prächtigen Flinte als um den Erfolg der ganzen nationalen
Bewegung. Batric zeigt wiederum eine andere Auffassung der politischen
Befreiung. Zu diesen Bemerkungen, welche die psychologische Analyse des
Herrn P. hervorgerufen hat, möchte ich schliesslich hinzufügen, dass noch ein
Paar Figuren individuelle Züge verrathen: Obrad hat immer trübe Ahnungen
(179—80, 818, 1.330) und glaubt fest an Hexereien (1582—1614); der Serdar
Vukota wiederum repräsentirt das friedlich zurückhaltende und weniger un-
erschrockene Element (346—49, 663—67, 1.359—60 und 2.047—48) — alles
doch nur mit wenigen Worten skizzirt.
Ueberall findet P. P. also die Früchte von realen Studien, auch in der
vorurtheilsfreien Zeichnung der schlauen, fanatischen, verfeinerten Türken,
die der Dichter viel besser kannte als Branko Radicevid oder Mazuranic ;
durch die komischen Typen hat aber Njegos eine grosse Bedeutung für die
südslavische Literatur. Das Totalbild ist allerdings idealisirt, gar zu edel;
aber abgesehen davon, dass diese Verschönerung dem episch-dramatischen
Stile gehört, hebt P. P. mit Recht hervor, dasa Njegos dabei eine bestimmte
Tendenz verfolgte: er wollte der civilisirten Welt zeigen, was ein echt
epischer Hajduk sei, und deshalb kommen keine Strassenräuber (ausser Pe-
cirep und Baleta) oder Verräther im »Gorski vijenac« vor; er wollte sagen,
300 Kritischer Anzeiger.
dass auch unter diesen armen, ungebildeten Gebirgsleuten ein Adel der Ge-
sinnung existiren konnte, damit man nicht mehr wie der Doge von Venedig
(V. 1640—45) halb scherzend frage, ob es in Montenegro Menschenfresser
gebe. Sir Gardner Wilkinson, der berühmte Forschungsreisende, cltirt eine
derartige Aeusserung des Vladika: »Unsere Nachbarn brandmarken die
Montenegriner als Räuber und Mörder, aber ich habe beschlossen, diese
falsche Meinung zu vertilgen und will zeigen, dass sie ebenso veredelungs-
fähig wie irgend ein anderes Volk sind«. Und dem sterbenden Dichter legte
Medakovic folgende Worte in den Mund: »Ich muss sterben und fürchte mich
nicht vor dem Tod; aber ich hätte länger leben wollen, um zu zeigen, was
ich aus euch thun wollte; denn obgleich ich mit euch gelebt, habt ihr mich
doch nicht verstanden«.
In dem Essay des Herrn Popovic habe ich eine Beurtheilung des un-
zweifelhaft matten Schlusses vermisst. Die sonstige dramatische Steigerung
der Weihnachtsscenen weicht hier plötzlich vor einer rein epischen Episode
zurück, und gerade diese merkbare Erschlaffung macht mich in der endgültigen
Bezeichnung der Art des Kunstwerkes schwankend; aber die Grenzen der poe-
tischen Gattungen sind mitunter so schwebend, dass man den »Gorski vijenac«
als Drama oder als Epos auffassen und dabei eine andere Meinung ruhig
toleriren kann. — Was der Verfasser zuletzt von der Schönheit der Sprache
sagt, kann ich nur mit dankbarer Zuversicht unterschreiben. Vielleicht hätten
die wenigen, aber schönen Naturschilderungen im »Gorski vijenac« ein kräf-
tigeres Lob verdient; ich erinnere an die Aussicht vom Lovcen (wo der
Dichter seine erhabene Grabstätte gefunden hat), den Kampf der Elemente
unter dem klaren ruhigen Gipfel, den Frühlingsmorgen in den Bocche di Cat-
taro (V. T89 — 90) und das Erwachen des Tages am Goldenen Hörn, und viel-
leicht wird mein verehrter Freund Pavle Popovic nicht ohne sehnsuchtsvolle
Empfindung die schönen Verse gerne im Gedächtniss behalten:
»Novi Grade I sjedis nakraj mora
i valove brojis niz pucinu,
kako starac na kamen sjedeci
sto nabraje svoje brojanice«.
Denn Petar II. Njegos, der — wie der Bischof Danilo im »Gorski Vije-
nac« — nach einem Waffensieg über die blutigen Opfer weinen musste, war
ein lyrischer Dichter von Gottes Gnaden, was P. P. auch betont. Die leiden-
schaftliche Hinreissung der Schwester des Batric deutet auf verborgene
Leidenschaften in der Brust des Dichters selbst; es wird behauptet, dass
Njegos viele erotische Lieder unmittelbar vor seinem Tode verbrannte, und
in der beinahe neidischen Klage des Vuk Mandusic über das schöne Loos
des beweinten Andrija (1.294 — 1307) klingt etwas von der eigenen Klage des
bischöflichen Dichters über sein Alleinsein. Ueberaus wichtig ist in dieser
Hinsicht sein an Dr. Marinkovic im Aug. 1850 gerichteter Brief: »Einige
haben mir den Rath gegeben, ich solle die Augen dem weiblichen Geschlechte
nicht zuwenden, aber sogar auf dem Sterbelager kann der Mann nicht umhin,
die Blicke dem schönen Geschöpfe zuzuwerfen« (mitgetheilt von Resetar im
»Strazilovo« 1893, Nr. 14). Alfred Jensen.
P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Resetar. 301
Zusatz. Nachdem sich Herr A. Jensen bereit erklärt hatte, das Buch
P.'s zur Kenntniss der Leser dieser Zeitschrift zu bringen, wurde ich der Ver-
pflichtung überhoben, mich näher mit einem Werke zu befassen, dessen Aus-
führungen zum grösseren Theil gegen die in der Einleitung zu meiner ersten
Ausgabe des Gorski Vijenac (Agram 1890) enthaltene Darstellung gerichtet
sind. Es ist gewiss für die Sache selbst vortheilhafter, wenn anstatt meiner
ein ausgezeichneter Kenner der serbokroatischen Literatur, speciell des G.V.,
als vorurtheilsloser, objektiver Kritiker zu Worte kommt. Nichtsdestoweniger
möchte ich von dem mir gemachten Antrag Gebrauch machen, um auch
meinerseits einige Bemerkungen hinzuzufügen, welche mir geeignet erschei-
nen, die Differenzpnnkte zwischen P. und mir genauer zu fixiren und — was
für mich die Hauptsache ist — das richtige Verständniss des G.V. zu fördern.
Dass P. in dem I. Kapitel seiner Abhandlung über den Stoff des G.V. (S. 6 —
42), sowie in den beiden letzten Kapiteln, dem vierten über die Charaktere
(S. 164—257) und dem fünften über die Diktion (S. 257—284) sehr werth-
volle Beiträge zur Erklärung des G.V. geliefert hat, das ist eine unläugbare
Thatsache, die dem jungen Verfasser zur Ehre und der serbokroatischen
Literaturgeschichte zum grossen Nutzen gereicht. Weniger gelungen er-
scheinen nach meiner Auffassung das zweite Kapitel über den Gegenstand
des G.V. (S. 42 — 115), und das dritte über die Handlung desselben (S. 115 —
164). Ich will vor Allem die Erklärung des Namens »Gorski Vijenac« zur
Sprache bringen, denn im Titel eines jeden literarischen Werkes spiegelt
sich doch mehr oder weniger auch die Auffassung des Dichters selbst wieder,
ein Moment, das für die richtige Beurtbeilung der Tendenz eines literarischen
Werkes gewiss von hoher Wichtigkeit ist. Ich hatte nun in der Einleitung
zu meiner ersten Ausgabe des G.V. die Ansicht ausgesprochen, Gorski Vijenac,
also der »Bergkranz« (wie auch Kirste bekanntlich den Titel übersetzte), sei
»ein Kranz von Bergblumen, eine Reihe von Bildern aus dem Leben der
Helden der Berge Montenegros (S.22)«. Allein später fand ich in der hiesigen
Hofbibliothek den ersten Theil des Autographen des G.V., in welchem der
Titel ursprünglich lautete HsBHJaae ucKpe, was dann in HsBuucKpa
und HsBniaucKpa (also etwa »Entfachen des Funkens«) umgeändert wurde,
um zuletzt durch FopcKu BiijcHau ersetzt zu werden (vergl. meinen Auf-
satz im Neusatzer CTpayKu.!ioBo 1892, Nr. 17). Jener ursprünglichen Benen-
nung entsprechend, sowie mit Rücksicht auf den Umstand, dass der Dichter
selbst auf dem Titelblatte den G.V. als »ein historisches Ereigniss aus
dem Ende des XVII. Jahrhunderts« bezeichnet hatte, gab ich in der Einlei-
tung zur zweiten von mir besorgten Ausgabe des G.V. (Belgrad 1892) eine
ganz andere Erklärung des Namens Gorski Vijenac: »Der Vladika . . . wollte
die Ausrottung der Mohammedaner in Montenegro besingen ... Er hat dieses
Ereigniss als den Anfang des serbischen Freiheitskampfes aufgefasst, und
deswegen seinem Gedichte zuerst den Namen Izvijane iskre etc. gegeben
Diesen Namen hat der Dichter später in den Namen Gorski Vijenac, d. i.
»Montenegros Ruhm« geändert (S. IX)«. Ich glaube diese Bemerkung hier
wiederholen zu müssen, weil die Worte Izvijane iskre etc. die beste und
sicherste Erklärung des Namens Gorski Vijenac geben, und darin auch ein
302 Kritischer Anzeiger.
fester Anhaltspunkt gegeben wird, was der Vladika mit seinem Gedicht eigent-
lich bezweckte. Trotzdem Herrn P. diese älteren Phasen in der Benennung
des G. V. bekannt waren, will er doch den Namen »Gorski Vi jenac« noch
immer als einen Kranz, d. i. Sammlung von Liedern über die Befreiung Mon-
tenegros erklären; er sagt: »Wie Homer in der Ilias einen Cyklus von Volks-
liedern über den trojanischen Krieg gegeben, so hat Negos im Vijenac einen
Cyklus von Liedern über die Befreiung Montenegros gegeben. Negos hat
diese Lieder auf künstlerische Weise gesammelt und vereinigt. Er hat sie
zu einem Kranze geflochten, zu einem montenegrinischen Kranz, zu einem
Kranze der Ueberlieferungen Montenegros, zu einem eigentlichen und wahr-
haften Bergkranze (S. 41. 42)«. Ich überlasse es dem Urtheil der Kenner
des Gedichtes, zu entscheiden, welche Deutung des Namens der Auffassung
des Dichters selbst näher kommt.
Viel wichtiger und verwickelter ist die mit einer richtigen Deutung des
Namens »Gorski Vijenac« im engsten Zusammenhange stehende Frage über
den eigentlichen Gegenstand und Zweck des Gedichtes, sowie diejenige über
die Art und Weise, wie der Dichter sein Vorhaben ausgeführt hat. Was ich
jetzt als den eigentlichen Gegenstand und Hauptzweck des G. V. ansehe,
habe ich in der oben citirten Stelle aus der Ausgabe vom J. 1892 erwähnt;
dort sagte ich ferner: »Seine Absicht hat der Dichter auf ungewöhnliche
Weise ausgeführt: er hat weder ein episches Gedicht noch ein Drama ver-
fasst, vielmehr das Ereigniss, welches den Gegenstand seines Gedichtes bil-
den sollte, in mehreren Bildern dargestellt, welchem er die äussere drama-
tische, d. i. die dialogische Form gab, dazwischen aber hat er noch andere
Bilder eingeschoben, die mit der Haupthandlung in keinem inneren Zusam-
menhange stehen, sondern verschiedene Momente aus dem Leben der Monte-
negriner darstellen; diesem epischen Elemente in der äusseren dramatischen
Form hat er zuletzt (in den Reden des Vladika Danilo und des Iguman
Stefan) auch lyrische Partien hinzugefügt, in welchen er sein eigenes Denken
und Fühlen zum Ausdrucke bringt«. Ich glaube, an dieser Auffassung des
Gegenstandes und der Komposition des G.V. noch immer festhalten zu müs-
sen, umsomehr als ich sehe, dass P. am Schlüsse seiner diesbezüglichen sehr
umfangreichen Erörterung endlich und letztlich zu einem mit meiner Auf-
fassung ziemlich übereinstimmenden Resultate gelangt. Allerdings wendet
sich P. zuerst ganz entschieden gegen meine Auffassung, und zwar merk-
würdigerweise nicht gegen meine neuere — und wie ich glaube bessere —
Auffassung, die ich soeben nach der Ausgabe vom J. 1892 wiedergegeben
habe, sondern gegen meine ältere in der Ausgabe vom J. 1890 niedergelegte.
In dieser letzteren hatte ich wohl gesagt: »Mit Rücksicht auf den Inhalt des
G.V. kann man nicht sagen, dass in demselben eine Einheitlichkeit vorhanden
sei. Die Ausrottung der Mohammedaner zieht sich vom Anfange bis zum
Ende des Gedichtes wie ein rother Faden, der bald mehr bald weniger zum
Vorschein tritt .... Die Ausrottung der Mohammedaner hält zur Noth viele
Sachen zusammen, die mit derselben in fast keinem oder nur geringem Zu-
sammenhange stehen . . .«, worauf ich die schon erwähnte Ansicht vorbrachte,
dass der G.V. eigentlich eine Reihe von Bildern aus dem Leben der Helden
P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Resetar. 303
aus den Bergen Montenegros sei. Diese nun von mir fallen gelassene Ansicht
wurde von P. als Ausgangspunkt seiner Erörterung genommen. Hätte er dies
nur deswegen gethan, um an meine ältere Auffassung von Gegenstand und
Zweck des G.V. zu erinnern, so könnte man nichts dagegen einwenden ; aber er
begnügt sich nicht damit, vielmehr tritt er auf vollen 57, sage siebenund-
fünfzig Seiten (S. 42 — 99) seines Buches gegen diese (von mir fallen gelas-
sene!!) Ansicht, wobei er mit dem Satz anfängt: »Dies (nämlich die Aus-
rottung der Mohammedaner) ist der Haupt-, Grund- und einzige Gegenstand
des Gedichtes. Alles, was in dem Gedichte enthalten ist, hat den Zweck,
diesen Gegenstand hervorzukehren, in dem ganzen Gedicht wird die Ein-
heitlichkeit des Gegenstandes bewahrt«, und mit den Worten schliesst:
»Das Ganze zusammenfassend, haben wir also den ganzen Vijenac — Scenen,
Episoden, Digressionen und Details — durchgenommen, und dabei gefunden,
dass Negos überall denselben Gegenstand darstellt und dessen Einheitlich-
keit bewahrt hat, nirgends aber, dass Herr Resetar Recht hat«. Ich will ganz
davon absehen, dass es den Principien einer wissenschaftlichen Kritik gar
nicht entspricht, eine von einem Forscher fallen gelassene und durch eine
neuere ersetzte Ansicht in so ausführlicher Weise zu bekämpfen, doch könnte
man dies specieil in diesem Falle insofern entschuldigen, als ich thatsächlich
auch in meiner zweiten Ausgabe des G.V. daran festhalte, dass der Dichter
neben der Ausrottung der Mohammedaner auch das Volksleben in Mon-
tenegro darstellen wollte. Was aber schier unverständlich ist, ist der weitere
Umstand, dass P. nach Abschluss dieser langen Erörterung noch einmal auf den
Gegenstand mit den Worten zurückkommt: »Doch wir wollen die Sache auf
ihr richtiges Mass zurückführen. Herr Resetar hat trotz Allem, was wir bis
jetzt gesagt haben, in einer Beziehung Recht iS. 99)«, nämlich: »Alles dies ....
zeigt uns, dass Negos im Vijenac zwei Tendenzen hatte. Er wollte sowohl das
Ereigniss (d.h. die Ausrottung der Mohammedaner) als auch das Volk darstellen
und hat Beides erreicht. Welcher von diesen beiden Zwecken sein Hauptzweck
war; hatte er beide vor Augen, als er sich ans Werk setzte, oder verfolgte
er gleich im Anfang nur einen, während der andere erst im Laufe der Aus-
arbeitung hinzutrat, — das wissen wir nicht; aber was wir wissen und mit
Zuversicht behaupten können, und zwar als das letzte Wort in dieser Frage,
ist, dass Negos dadurch zwei Konceptionen von dem Inhalte und dem Zwecke
seines Gedichtes an den Tag gelegt hat (S. 111)«. Also wenige Seiten nach-
dem P. so ausführlich und so heiss die Einheitlichkeit in dem Gegenstande
des G.V. vertheidigt hatte und den Beweis zu führen suchte, dass die Aus-
rottung der Mohammedaner der einzige Gegenstand des G.V. sei und dass
in allen Scenen, Episoden, Digressionen und Details nur dieser eine Haupt-
und Grundgegenstand dargestellt werde, — wenige Seiten später weiss er
nicht mehr, ob die Ausrottung der Mohammedaner oder die Darstellung des
Volkslebens der eigentliche Hauptgegenstand sei, ja er weiss nicht einmal,
ob die erstere nicht vielleicht erst Im Laufe der Ausarbeitung als zweiter
Gegenstand hinzugetreten sei, er weiss nur, dass Negos im G.V. »zwei Kon-
ceptionen vom Inhalt und Zwecke seines Gedichtes an den Tag gelegt habe« !
Ich glaube, es genügt diesen unlöslichen Widerspruch zu konstatiren: die
304 Kritischer Anzeiger.
nothwendigen Schlussfolgeiungen ergeben sich von selbst. Ich verzichte
darauf, noch weitere Punkte aus dem Buche P.'s hervorzuheben, in Bezug
auf welche ich mit ihm nicht übereinstimmen kann, da dann diese kurze
Notiz nothwendigerweise den Charakter einer zum Theil auch subjektiven
Polemik annehmen müsste; es genügt mir, gezeigt zu haben, dass P.'s mit
feinem literarischen Geschmack und Verständniss geschriebenes Buch auch
solche Partien enthält, die (vielleicht in Eile geschrieben) absolut nicht zu
vertheidigen sind. M. Jtesetar.
De Stephan! Despotae quae feruntur scriptis commentatio philolo-
gica, quam in honorem viri maxime reverendi Vladislai Nehring . .
.... scripsit Rudolphus Abicht .... Lipsiae apud Raimundum Ger-
hard. A. A. MDCCCC">^ P. 34.
Aus einem unsicheren Material ist es, selbst bei grösstem Scharfsinn,
sehr schwer etwas Sicheres herauszubringen. Das zeigt sehr deutlich auch
die vorliegende Abhandlung; denn die Prophezeiungen des Despoten
Stefan Lazarevic sind solch ein unsicheres Material. Man kann unbedingt in
dieser Schrift einen historischen Kern finden, man kann auch manche Allusion
ganz richtig deuten und commentiren, aber es ist gerade so ohne Zweifel so
manches darin, was man niemals in's wahre Licht wird bringen können. Sind
wir doch ungenügend und oberflächlich unterrichtet selbst über die politi-
schen Verhältnisse jener Zeit, die Kulturzustände aber sind noch viel weniger
bekannt; so auch die Persönlichkeiten jener vielbewegten Zeit. Es war viel-
leicht gerade deshalb für den Verfasser der vorliegenden Abhandlung ver-
lockend, das dunkle und unerforschte Gebiet zu betreten. Die Abhandlung
ist auch, trotz aller Mängel, ein werthvoller Beitrag zur alt-serbischen Lite-
raturgeschichte.
Der bekannte Biograph des Despoten Stefan Lazarevic, Konstantin der
Philosoph, hebt in seinem Werke viele Tugenden seines Gönners hervor,
spricht aber nicht, dass Stefan auch schriftstellerisch thätig gewesen wäre.
Dennoch ist es ohne Zweifel, dass Stefan als Verfasser zweier Schriften an-
zunehmen ist. Die eine ist Cjiobo jhdölbc, ein Lobgedicht an die Liebe, welches,
nach der Meinung des Herrn Abicht, während Stefan's Abwesenheit aus
Serbien im J. 1402 geschrieben und an Konstantin gerichtet sein soll, was
sehr wahrscheinlich zu sein scheint. Der Verfasser hat das Gedicht in's La-
teinische übersetzt und trefflich commentirt.
Die zweite Schrift des Despoten ist das IIpopoiacTBHe, eine Art Prophe-
zeiung, nach byzantinischem Muster verfasst. Dieses Werk Stefan's ist aus
verschiedenen historischen Allusionen und Andeutungen zusammengestellt,
aber das ganze ist so dunkel, dass es unmöglich ist, nur mit einer Wahr-
scheinliclikeit etwas Sicheres herauszubringen. Herr Abicht hat in seiner
Abhandlung den Versuch gemacht, in jedem Satze der Prophezeiung Stefan's
einen historischen Kern zu suchen; das ist jedenfalls lobenswerth; wenn
aber Herr Abicht übetzeugt ist, in jedem Satze der Schrift Stephan's einen
Abieht, De Stephani despotae scriptis, angez. von Stanojevic. 305
historischen Sinn und Kern gefunden zuhaben, so muss ich schon gestehen,
dass er mich dabei von der Richtigkeit seiner Ausführungen nicht nur nicht
überzeugt hat, sondern dass ich, gerade im Gegentheil, überzeugt bin, dass
sein Unternehmen in dieser Hinsicht gescheitert ist. Nach seiner Auseinander-
setzung wäre der Inhalt der ganzen Schrift folgender: Inscriptio, Praefatio;
I: Elisabetha, Maria; II: Joannes Hus et Hieronymus; III: Bajazidus et
Timur, Uros et Hadschi Ilbegi; IV: Prologus, Vukasin, Restauratio Serbiae,
Lazarus et Stephanus, dies novissimi, Vulcus, Peroratio.
Um das alles zu beweisen, hat der Verfasser seiner Uebersetzung einen
ausführlichen Kommentar zugefügt. Es ist auch in diesem Kommentar so
manches richtige und wahrscheinliche gesagt und augedeutet, aber auch
vieles unrichtig und unkritisch auseinandergesetzt. Es mangelten vor allem
dem Verfasser die eingehenden Kenntnisse der serbischen Geschichte. Dass
der Verfasser den Fürsten Lazar Grebljanovid nennt, wäre kein unver-
zeihlicher Fehler, aber dass er mit den neueren Resultaten der serbischen
Geschichtsforschung so wenig vertraut ist, um behaupten zu können, »anno
1367™o Urosus V. a Vukasino interfectus est, qui, per annos quinque (1367 —
1372) Serborum dominium, facinore arreptum tenuit« (P. 24) — ist, zum
mindesten, sehr sonderbar, da ja schon längst bekannt ist, und das müsste
Jedem, der etwas über die serbische Geschichte schreibt, wohlbekannt sein,
dass Uros eines natürlichen Todes, und zwar nach Vukasin (+ 26. Sept.
1371) starb (2. Dec. 1371). Deswegen ist der Kommentar zu den Worten »u
oyaaBHT ce BejiHKH acapeöaut. H no tom npouae niima lacTpeöB sa ccähtb aa ra
ÖJKÄeTB . . . .« — »Equo magno i. e. Uroso V., interfecto, avis rapax, acci-
piter, nimirum Vukasinus vineam sc. Serbiam tuetur« (P. 25) ganz
falsch. Geradeso ist auch der Kommentar zu der angeblichen Andeutung
an die nie stattgefundene Schlacht an der Marica im J. 1364, selbstverständ-
lich ganz unnütz (P. 22). Der Verfasser scheint auch nicht im Klaren gewesen
zu sein, dass sich die Worte: CaspraaioinToy ce .n.-inoy iHÄHKioy, h na^iHHaioinToy
ce .e.-Moy . . . .« (Starine 4, 83) auf August — September 1385 (oder 1400
oder 1415) beziehen.
Zuletzt sei es noch erwähnt, dass der Verfasser meint, »vaticinium no-
strum haut ita multo post annum 1410-mum scriptum esse« (P. 28). Nach
meinem Dafürhalten ist das unrichtig. Wenn der »oyöoacaHmu Iwant«, der
von sich sagt: »HeKorAa 6exi. noyaapt, ir npouÄOxi. jia, 6.iH)Äoy BHHorpaÄ .ji. u .s.
jiGTh laKMo« wirklich Stefan selbst ist, wie es der Verfasser annimmt (S. 27),
so hätten wir das Jahr 1425 (1389 + 36). Nach meinem Dafürhalten aber ist
dennoch das Vaticinium i. J. 1415 verfasst, denn Stefan sagt am Ende
seiner Schrift: «H xpicxTaHCKa «eija aa ne öame loraa öHJia Ba laa BpeueHa, sa
BpeMe ace who cesMopu^Ho h ceaaMB THcymiHO, w rope seuji Toraa wtb CKpÖH
ÖHBaeMHXB, erAa na^iHoyTB BpmnTH ce OHaa .n. h .ä- jeia HanoKOHHinnia (Sta-
rine 4, 85), folglich: 7007—84 = 6923—5508 = 1416.
B e 1 g r a d , 2. XII. 1901. St. Stanojevic.
Archiv für slavische Pliilologie. XXIV. 20
306 Kritischer Anzeiger.
1. B.^.rpHHTieHKo. Hs^ ycT'L HapoAa. Ma;iopyecKie pascKasBi, CKasKH
H np. ^epHHroB^ 1900, Ißo, VIIL 488. (Als Beilage zu Nr. 12 des
3eMCKiä eöopHHKT)).
2. E./^.rpHH^BHKO. JlHTepaTypayKpaHHeKaro*OJiLKJiopal777 — 1900.
OnBiTt ÖHÖjriorpa^iraecKaro yKasaTejH. ^epHHroBi 1900, 16^, 1. 317. 1.
(Als Beilage Nr. 5 zum BeMCKiS cöopHHKx).
Die unter Nr. 1 angeführte Schrift des Herrn Grincenko (Hrincenko) ist
ein unter besonderem Titel erschienenes Heft (viertes) seiner grossen Arbeit,
die sich betitelt: »3THorpa*iiiecKie Maieplajn.!, coöpaHHtie bx ^epHuroBCKoä h
cocianuxT. ex Heio ryöepHiflxrb«. Die ersten zwei Hefte wurden bereits im
Archiv XXI. 263 u. 273 kurz besprochen und mit parallelen Nachweisen ver-
sehen. Das neue Heft ist nach demselben Plane eingerichtet, es enthält 369
Nummern von Erzählungen und anderen Aufzeichnungen (S. 1 — 420); An-
merkungen oder Parallelen dazu auf S. 420 — 454, endlich ein Inhaltsverzeich-
niss (S.455 — 488). Ich will nur kurz die vom Herausgeber beobachtete Grup-
pirung seines Stoffes erwähnen : I. Vorstellungen und Erzählungen über die
Naturerscheinungen und Erfindungen, IL Wahrsagungen und Aberglauben,
III. Zauberei und Zaubersprüche u. s.w., IV. Von den übernatürlichen Wesen,
V. Von den Todten, VI. Von den mit wunderbarer Kraft ausgestatteten Men-
schen, VII. Von den vergrabenen Schätzen, VIIL Nr. 215 — 233 ohne Ueber-
schrift, hier kommen u. a. Texte mit folgenden Titeln vor: Kain's Frau;
Mensch bei Gott; Gott weiss besser, was wir brauchen; Mittwoch und Frei-
tag; Ueber Jerusalem; Die Mönche und der Schatz; Wo gibt es mehr Fest-
tage; Ein nichtschriftgelehrter Pope; Zwei Predigten ; Eine ungewöhnliche
Hausfrau; Das jüngste Gericht, u. a., IX. Ueber die Erscheinungen aus dem
Familien- und Gesellschaftsleben, X. üeberlieferungen über einzelne Per-
sonen und politische Begebenheiten, XI. Üeberlieferungen betreffs einzelner
Orte, XII— XIII. Phantastische Märchen, Wortspielerei, Witze (hier sind auch
Sprüche enthalten). Folgen noch nachträgliche Zusätze zu den einzelnen
Rubriken, endlich (S.402) »Geschichte von einem weisen Knaben« (nach einer
Niederschrift aus dem Anfang des XIX. Jahrh.) und noch einige Texte aus
derselben Handschrift (vom Kaiser Filimen, das Wunder des heil. Nicolaus,
u. a.). Die Erzählung vom Filimen ist der aus den grossrussischen Märchen
in die kleinrussischen herübergenommene Stoff, bekannt durch das Märchen
vom hochmüthigen Kaiser Aggeus, das in der grossruss. Märchenliteratur
weit verbreitet ist (vergl. Afanasjev CKasKH^ Nr. 214 c, 3xh. 06. XXII. 126 u. a.).
Schon die Sprache macht diesen Uebergang aus dem Grossrussischen ins Klein-
russische wahrscheinlich. Aehnlicher Ursprung ist anzunehmen auch beim
Wunder vom heil. Nicolaus, bei der Erzählung vom Ritter und dem Tod, wo
nur eine Variante zum Kaiser Anika und dem Tode (vergl. Zdanov, Kx .lUTep.
HCTopiH öbiJieBoä no33iH. KieBX 1881, S. 211) vorliegt.
Die vom Herausgeber aufgestellten Rubriken erschöpfen bei weitem
nicht den ganzen Inhalt des von ihm gesammelten Materials an Erzählungen
und Volksglauben. Auch die beigefügten Parallelen können nicht auf Voll-
Hrincenko, zwei Werke des kleinruss. Folklors, angez. von Speranskij. 307
ständigkeit Anspruch erheben. Augenscheinlich wollte er den Kreis der
kleinrussischen üeberlieferungen nicht überschreiten, während doch viele
von den von ihm gesammelten Erzählungen einen grossen Umfang an Pa-
rallelen nicht nur innerhalb der russischen und slavischen, sondern auch der
allgemeinen Volksliteratur aufweisen können. Doch auch die von dem Verf.
beobachtete Einschränkung hat ihre Bedeutung, sie zeigt die Verbreitung
einzelner Motive. Die darüber hinausgehenden Parallelen, die er hier und
dort angibt, tragen den Charakter des Zufälligen an sich. Schade auch, dass
auf die alte Literatur keine Rücksicht genommen wurde, die, wie bekannt,
genug Material für die Vergleichung mit den modernen Volkserzählungen
oder Legenden bietet. Erschöpfend hätte diese Seite allerdings noch nicht
behandelt werden können, allein einzelne Hinweise auf die Motive, deren Ur-
sprung schon feststeht, wären doch sehr willkommen gewesen. Z. B. in der
Erzählung Nr. 215 (von der Frau Kain's) bietet sich bei der Erwähnung des
Gottes Ba.ioctKo von selbst die Vergleichung mit der bekannten Stelle der
russischen Chronik an; oder unter Nr. 225 (der Streit mit dem Juden über
die Festtage) wird man an die populäre »Rede von dem jüdischen und christ-
lichen Glauben« (vergl. Tichonravov's JliTonucu III, ot^. II, cxp. 70, 1861)
erinnert.
Die Sammlung Hrincenko's nimmt durch ihren Reichthum und ihre
Mannichfaltigkeit in den neueren ethnographischen Publicationen eine her-
vorragende Stelle ein. Diese wird noch dadurch erhöht, dass er nach dem
Vorgange Rudcenko's, Nomis', Cubinskij's keinen Anstand nahm, für seine
Publication aus den seltenen, nur Wenigen zugänglichen Büchern oder Aus-
gaben, wie die ^epHiiroBCKia ryöepHCKia Bij,0M0CTu, das brauchbare Material
wiederabzudrucken.
Dem ukrainischen Folklor ist auch die unter 2 angeführte Schrift Hrin-
cenko's gewidmet. Mag er auch selbst bescheiden auf die Unvollständigkeit
seiner Zusammenstellung hinweisen — Ergänzungen sind in der That mög-
lich, vergl. KicBCKaH ciapuHa 1902. III ein Beitrag Sugurovski's — wir müssen
sein Werk als ein sehr schätzbares Hilfsmittel für jeden Ethnographen hin-
stellen : es umfasst alles Wesentliche, mit dem ukrainischen Folklor in Zu-
sammenhang Stehende: I. Aufzeichnungen des folkloristischen Materials,
II. Producte der schönen Literatur, die sich mit der Bearbeitung der Stoffe
des ukrainischen Folklors abgeben, III. Forschungen im Bereiche des
Folklors, IV. Geschichte der Erforschung des ukrainischen Folklors. Inner-
halb dieser Rubriken ist das Material chronologisch und unter demselben
Jahre alphabetisch angeordnet, zum Schluss folgt ein gut gemachtes Ver-
zeichniss. Auch hier , wie in der Ausgabe Nr. 1 , fehlen Hinweise auf die
Werke, die die folkloristischen Fragen geschichtlich behandeln. Das hängt
mit der Auffassung des Verfassers, beim Folklor als der modernen Volks-
literatur zu verbleiben, zusammen. Darum werden z. B. nicht alle Werke
Dr. I. Franko's citirt. M. Speranskij.
20*
308 Kritischer Anzeiger.
a) E. CnpocTpaHOB'B. Onnct iia pÄKonncHTi bt. ÖHÖjrioxeKaTa npn ct.
Chhoäi» Ha ExjrrapcKaxa i;T>pKBa Bt Co^hä. Co*Hii 1900, S^, 234.
b) Äi. CxojaHOBHli. KaTajior pyKonnca h cxapnx inxaMnaHHx KH>Hra.
SÖHpKa CpncKe Kpa&eBCKe aKaAeMHJe. Eeorpa^x 1901, 8*^,267.
Die Publikation der Beschreibungen oder Kataloge handschriftlicher
Schätze ist am weitesten vorgeschritten in Russland. Beschreibungen, mehr
oder minder ausführliche, zuweilen erschöpfende, von slavischen Handschriften
verschiedener Bibliotheken Russlands stehen uns jetzt schon in grosser Zahl
zur Verfügung. Dieses für die Beschäftigung mit den Denkmälern des slavi-
schen Schriftthums so unentbehrliche Hilfsmittel ging uns bis vor kurzem
betreffs der ausserhalb Russlands befindlichen slavischen Handschriften bei-
nahe gänzlich ab. Daraus entstanden nicht geringe Schwierigkeiten für die
Gelehrten, einheimischen und zugereisten, deren Aufgaben auf die Benutzung
jener Sammlungen angewiesen waren. Unsere ganze Kenntniss von den reichen
Sammlungen slavischer Handschriften zu Wien, Agram, Belgrad, Sofia, Phi-
lippopel, in den Athos-Klöstern u. s. w. bestand hauptsächlich in der Beschrei-
bung oder Erforschung einzelner Handschriften, seltener in kurzen, nicht
immer genauen Katalogen (solche gab es in handschriftlicher P^orm bei den
Bibliotheken in Wien, Belgrad, Sofia). Dieser Mangel an ausreichenden Hilfs-
mitteln, der alle Forschungen und Studien erschwerte, war für jeden Gelehrten,
der sich dem Studium der altslavischen Literatur widmete, sehr fühlbar; mit
grosser Mühe und viel Zeitverlust musste man sich Notizen über einzelne
Handschriften aus weit zerstreuten, in allen möglichen slavischen und nicht-
slavischen Sprachen gedruckten, schwer zugänglichen kleinen Zeitschriften
zusammentragen. Die Unentbehrlichkeit, wenn auch kurzer, aber genauer,
gedruckter Handschriftenkataloge steht ausser Frage. Bis zur letzten Zeit
gab es nur wenige Beschreibungen west- und südslavischer Handschriften-
sammlungen. Wir erwähnen P. Martynov's Beschreibung der slav. Hand-
schriften in Paris (Les manuscrits slaves de la bibliotheque Imperiale de Paris
1858), unsere eigene der slav. Handschriften Prags (PyKonuca ü. I. nia*apuKa
MocKBa 1894), welcher eine kurze, ungenaue, Jos. Jirecek's vorausging (Cata-
logus librorum — Pauli Jos. Safarik, Wien 1862, auf S. 108—113) i). Erst in
allerletzter Zeit fängt man an diese Lücke auszufüllen, und es thut wohl, dar-
auf hinweisen zu können, dass jetzt schon die einheimischen Gelehrten selbst
sich anheischig machen, das Versäumte nachzuholen, d. h. die wissenschaft-
liche Welt mit den Bücher- und Handschriftenschätzen ihrer Bibliotheken,
Sammlungen u. s. w, bekannt zu machen. Unlängst erschien eine kurze Be-
schreibung von dem Athos-Mönch (einem geborenen Böhmen) Sava Chi-
landarec: Knihopisy a starotisky Chilandarske, Praha 1890 (vergl. BusaHx.
1) Im Jahre 1882 gab Prof. Voskresenskij die Beschreibung einer Aus-
wahl von slav. Handschriften der Bibliotheken in Berlin, Prag, Wien, Laibach,
Agram und Belgrad heraus (im 31. Band des akad. CöopHUKt StPtbg.) für
Athos war man neben Grigorovic auf die Beschreibung Petkovic's (1865 in
StPtbg.) angewiesen.
Sprostranov und Stojanovic, Bibliographien, angez. von Speranskij. 309
BpeMeHHaK-B, 1897, IV. S. 296 eine Besprechung von P. A. Lavrov). Darauf
folgte die Beschreibung der Handschriften der Natioualbibliothek von Sofia,
verfasst vom verstorbenen Prof. Sv. Vulovid aus Belgrad (erschienen in Cao-
MCHMK cpncKe Kpa.i. aKaÄeMHJe XXXVII, Äpym paspes 33). Hieher gehören auch
die zwei oben angeführten Publikationen. Die erste betrifft eine nicht sehr
grosse Sammlung — etwa 150 Handschriften und alte Drucke — der Bibliothek
des heil. Synods in Sofia, in welcher die Schätze verschiedener Kirchen und
Klöster Bulgariens, im Auftrag des heil. Synods concentrirt sind (vergl. die
Vorrede, S. 3). Diese ganz vernünftige Vereinigung begann vor wenigen Jahren
sich zu vollziehen und wird noch fortgesetzt (ib. S. 4) . Nicht ohne Interesse
ist die Thatsache, dass unter der Gesammtzahl von 156 Handschriften und
alten Drucken (eigentlich 136 Handschriften und alten Drucken und 20 Frag-
menten) die grösste Mehrheit, nämlich 107, der serbischen Redaktion ange-
hört, bulgarischer Redaktion sind 28, nicht gering im VerhältnisszurGesammt-
heit ist die Zahl der russischen Handschriften — 19 ; endlich gibt es auch zwei
in griech. Sprache. Diese Zahlen sind bezeichnend für die Veranschaulichung
der einst bestandenen Beziehungen zwischen den drei Literaturen im Bereich
Bulgariens. Die Handschriften sind, nach derBeschreibung und den Auszügen
zu urtheilen, überhaupt nicht alt. Daraus erklärt sich auch die verhältniss-
mässig bedeutende Anzahl von russischen Handschriften mitten unter den
serbischen und bulgarischen. Das waren die Jahrhunderte XVI — XVIII, die
Zeit der Beeinflussung des südslavischen Schriftthums, zumal des bulgarischen,
seitens Russlands (vergl. H. ^. IIlHiuMaHOBi> in H. B. üfhil: A. C. IlyniKiiHi,
Bt H);KHocjiaB. jiHTep., S. 4 — b]. Unter den bulgarischen Handschriften lenken
Nr. 131 — 134 die Aufmerksamkeit auf sich, die sogenannten »Damascenen«,
typisch für die Anfänge der neubulgarischen Literatur. Der Herausgeber gab
eine genaue Beschreibung derselben, vervollständigend und ergänzend das,
was schon vor ihm andere zur Charakteristik dieser Denkmäler als Quellen
der neubulgarischen Sprache beigetragen haben (vergl. Lavrov's Abhandlung
»^aMacKHHT. CryaHT-B h cöopHHKU ero hmchh ilaMacKHHH bt. »rocjias. nuctMCH-
HOCTU, erschienen in JliTonHCi. HCTop. *HjI0.3. o6m. ups HOBopocc. yEHBepcHieii
VII, 306 — 8). Einer von diesen Damascenen (Nr. 134) ist serbischer, die übrigen
bulgarischer Redaction. In der Beschreibung der Handschriften befolgt der
Verfasser, in einem Punkt wenigstens, nicht die üblichen Grundsätze. Denn
während er das Format, die Zahl der Blätter und Zeilen, die Grösse des Blat-
tes, derColumne und der Buchstaben, die Qualität der Schrift und die Redac-
tion des Textes immer angibt, übersieht er das Alter der Handschrift, das aus
der Angabe der Schrift (Uncial, Halbcursiv u. s. w.) noch nicht mit Sicherheit
abzuleiten ist. Sonst ist er in seinen Beschreibungen, wie es den Anschein
hat, sehr genau, erwähnt alle zufälligen Zusätze, wenn sie zur Bestimmung
der Handschriften etwas beitragen, gibt hie und da kleine Textproben (vergl.
bei Nr. 15, 19, 35, 38, 40, HO, 123, 126 u. s.w.). Unter Nr. 15, 19, 35, 38 sind
Evangelientexte, unter Nr. 43 Psalmentexte, unter Nr. 110 eine Erzählung aus
dem Lesemenäum für November, unter Nr. 123 apokryphe Namen der Mutter
Gottes, unter Nr. 126 apokryphe Gebete enthaltend. Diese Beiträge erhöhen
wesentlich den Werth dieser Publikation für jeden Forscher der altkirchen-
310 Kritischer Anzeiger.
slav. Literatur. Man vermisst nur einen Index. Die Hinweise auf die ein-
schlägige wiss. Literatur scheinen nicht beabsichtigt gewesen zu sein (vergl.
P. A. Lavrov's Recension dieses Buches im russ. Journ. der Ministerien der
Aufklärung für 1901. VIII. 476 flf.).
Prof. Stojanovic liefert sub b) die Beschreibung der Handschriften der
serb. Akademie der Wissenschaften zu Belgrad. Dieser Beschreibung gehen
Indices aller Art nicht ab, vielmehr ist sie reichlich mit ihnen versehen, ge-
rade so wie die Hinweise auf die Parallelen anderer wiss. Publikationen mit
Sachkenntniss gegeben sind, die Bestimmung der Zeit oder des Jahrb. fehlt
auch nicht. Der Verfasser, der selbst im Bereich der Handschriftenliteratur
grosse Erfahrungen hat, liefert überall eine gedrängte, wissenschaftlich be-
gründete Beschreibung, von Textproben nimmt er bis auf wenige älteste Evan-
gelientexte (vergl. S. 5, 6, 7, 10, 12) Abstand. Seine Beschreibung beweist,
dass die akademische llandschriftensammlung in Belgrad reich genug ist: 312
Handschriften und alte Drucke, darunter 290 slavische (darunter 2 böhmische,
15 russischslavische, 10 bulgarische, die übrigen alle serbisch). Auch dem
Alter nach gilt dieser Sammlung vor jener von Sofia der Vorzug: die ältesten
Handschriften der serb. Akademie reichen bis ins XIII. Jalirh. zurück (Nr. 2.
102). Wir hätten eine kurze Entstehungsgeschichte dieser Sammlung sehr
gewünscht.
Man hat also jetzt schon einige Inventare der südslavischen Bibliotheken,
in Bezug auf ihre Handschriften und alte Drucke. Hoffentlich werden die
übrigen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Vor allem dürfen wir viel-
leicht von Prof. Stojanoviö selbst eine Beschreibung der reichsten Sammlung
bei den Südslaven, derjenigen der Belgrader Nationalbibliothek, erwarten.
Weiter wäre die Beschreibung der Handschriften der südslavischen Akademie
in Agram, der Gesellschaft Khhjkobho ÄpyjKecxBO in Sofia, der Bibliothek in
Plovdiv an der Reihe. Auch eine nochmalige Umschau über die Handschriften
der Klöster in Athos und Fruska Gora, über die Schätze der Karlowitzer Bib-
liothek, des Klosters von Ryla u. s. w. erwartet man mit Sehnsucht *).
M. Speranskij.
1) Ich mache noch auf die von M. Vukiöevid in dem Sarajever »Glasnik
zemaljskog muzeja« 1901, B.XIII, S.31 — 70,289—350 gegebene Beschreibung
einiger in Bosnien befindlichen Handschriften (Hs cxapiix cpöy.i.a) aufmerksam
(aus Sarajevo, Zitomisljiö, Dreifaltigkeits-Kloster bei Plevlje an derBreznica
mit 63 Handschriften, Cajnice,Gorazde,Fojnica); ferner erschien im Belgrader
akademischen »CnoMciiiiK« XXXVIII (EeorpaÄ 1901) vom Bischof Nikanor
Ruzici<5 eine kurze, nicht erschöpfende Beschreibung: »Crapu cpncKu pyKo-
HHCH y Kibii^iiimu jyrocjOBCHCKe aKaÄeaiiijc y Sarpeöy« S. 129 — 147. V. J.
Kleine Mittheilungen.
Zur Wiederherstellung einiger unleserlicher Stellen in der
Handschrift »Sbornik Svjatoslav'a« vom Jahre 1076.
Der drittälteste russische Codex vom Jahre 1076 wurde von Herrn Si-
manovskij als Beilage zu seiner Dissertation »Kx HciopiM ÄpeBHe-pyccKHXt
roBopoBT.« (Warschau 1887) herausgegeben. Doch war diese Ausgabe nach
allen Seiten hin höchst unbefriedigend. Ihre verschiedenartigen Mängel und
Fehler sind in mehreren Recensionen von Proflf. Sobolevskij, Smirnov, Jagic-
Simoni aufgedeckt worden. Die Polemik, die daraufhin entbrannte, ist von
mir geschildert in meinem neuen Buche »HcTopia uayvianiii CBHiocaaBona Cöop-
HHKa 1076 r.« Kazan 1902. Wie man aus der ausführlichsten und vollständig-
sten von allen diesen Recensionen, nämlich derjenigen von Jagic-Simoni
(Archiv für slavische Philologie 1888, Bd. XI) sehen kann, hat Simanovskij
nicht bloss die deutlichen Stellen im Codex falsch gelesen, sondern auch
manche Columnen nicht einmal zu entziffern vermocht. Solche Stellen hatte
er ganz ausgelassen und nur durch Punkte angedeutet. In diesen Fällen kam
ihm gewöhnlich Ilr. Simoni in seiner Recension zur Hilfe. Trotzdem dass die
Correcturen Simoni's sich als richtig und stichhaltig erweisen, hat sie Sima-
novskij leider nicht alle in seine zweite Ausgabe des Codex (Warschau 1894)
aufgenommen. Einige Stellen, die bei -Siraanovskij ganz fehlen, hat Simoni
glücklich wiederhergestellt, doch nicht alle. So z. B. auf S. 157 b hat Simoni
nur Zeilen 8 und 11, theilweise Z. 12 und ein Wort von Z. 4 entziffert. Die
Seiten 163a, 163b, 164b, 166a u. a. sind nicht ganz ausgefüllt worden.
Bei meinem mehrjährigen Studium des Codex 1076 gelang es mir auch
für diese wirklich schwer lesbaren Seiten etwas herauszubringen. Meine
Lesarten theile ich im Folgenden mit. Ich citire die zweite Ausgabe von
äimanovskij. Die Lesarten von Simanovskij und Simoni sind gesperrt.
Alles üebrige gehört mir.
157b:
1. K> nplinpoBa^KAH- h habko
3. J\,(lUti-
4. KoAk BfAHK'k (l6CH?) ....
312 Kleine Mittheilungen.
5. (tOAHKO CMHp<fiH C/Ä H np« ?)
6. js^i%, r,\,iiiii OKp/S\(ip«mH KAa?)
7. roA'tTk
8. Gut MbTH ra H K'KSA'i
9
10
11. BfAHH/ÄiaH CA CßOtM» 31».
12. A0B0;R CkCRE
13. ... /Ä
163a:
1. /i,AaH.
2. He cKapH CA (ck?) coya^Ii^)»* no
3. (paCC>Y>KA6HIK>?) KO CO\'AATk I€M8-
4. 3BaHHH CHAkHklHYT».-
5. IGr^a TA npH30߫Th. (chak?)
6. HWH TO (Hf?) (il)cTOY?)naH
7. (h?) ler^A naMf npH30
8. BfTk TA TO H6 (HanaA<iH ?)
9. Ji,A [HC iÜpHHOBEH'K K01f;i,£ ?]UJH
10. H H( CTaHH AaAtMf ^a
11. Hf 3aB'KK«H'K KOYA^UJH
12. Ht HAA(7KH paBkH'KIHMH
13. CK HHMk H HC B'kpC\'H Mls.
163b:
1. HorkiMT». cACBfCknin». lero.
2. MT».HC>(rOIO EO Keclv?)A<?i<> (hc?)kS
3. CHTk TA (H raKO C)lUI't(A CAj H
4. Cn'klTai€Tk TA .... CA BAK»/l,H H
5. BI^HHMaH BtAklUIH »KO Cli
6. (naAEHitlUI'K TBOHMT»,?] ^0
7. ^HUJH :• ~
8. BioraT'kiH KO koa'Rkaa ca
9. oyTBkpjKaieTk CA Apoyrki
10. 0\-KOrklH 7K( Ckna^T»^ CA.
11. ROpHnOBtHli KOYA^'Tk AP^
12. rki i€ro-
13. BoraToy B'ksrAarOAaK'küj;*^.
Kleine Mittheilungen. 3 13
In der Collation*Simoni's war eine Lücke, die sich gerade von Bl. 161
bis 188 erstreckte. Eine Sammlung meiner eigenen paläographischen Be-
richtigungen zum Text der II. Ausgabe des Codex erscheint nächstens im
»PyccKifi ^H.io.iorii'iecKiä BtcTHHKt«.
Zum Schluss sei noch angeführt, wie ich mir die unbegreiflichen Formen
B^3AK>KH C_^TBOpb {maaro (S. 160a, Z. 11 — 12) erkläre. Ursprüng-
lich stand in dieser 11-ten Zeile ganz richtig ßT%3AK»BH CT^TBOPh ....
Aber beim Zusammendrücken der Handschrift haben sich die entsprechenden
Zeilen aufeinander liegender Seiten gegenseitig beschmiert, wobei der An-
fang der Zeilen der linken Seite des Buches auf den Schluss der Zeilen der
rechten Seite und der Schluss der Zeilen der linken Seite auf den Anfang
der Zeilen der rechten Seite fielen. Diese Erscheinung kann man auf mehreren
Seiten des Codex besonders zwischen den Zeilen beobachten. So ist, meiner
Meinung nach, diese Zeile 11 der Seite 160a durch die Z. 11 der S. 159b be-
schmiert worden und zwar der VI. Buchstabe T*. in CKTBOpK Z. 11, S. 160a
nach dem gedruckten Exemplar (von Schluss der Zeile gerechnet) durch den
VII. Buchstaben >K im Worte }K(HA Z. 11, S. 159 b (von Anfang der Zeile ge-
rechnet) und Tjk in B^KSAIOBH (XIII. Buchstabe) durch B in ^UJEBkHa
(XIV. Buchstabe). Die Richtigkeit dieser Voraussetzung wird auf das beste
durch die Congruenz der beiden Seiten im Codex selbst bestätigt. Die durch
Beschmierung entstandenen Ligaturen ('k4~^ = '*») 1^4-3 = ;^) machen
wirklich den Eindruck von nasalem ä.
K a z a n. Vladimir Bohrov,
Weitere Spuren der glagolitischen Buchstaben in den
cyrillischen Handschriften.
In neuerer Zeit sind in verschiedenen cyrillischen Handschriften süd-
slavischer (bulgarischer und serbischer) Provenienz an einzelnen Stellen gla-
golitische Buchstaben gefunden worden. Die Tragweite dieser kleinen Funde
lässt sich gegenwärtig noch nicht näher bestimmen. Gewiss wäre es übereilt,
immer gleich an eine ganze glagolitische Vorlage des betreffenden cyrillischen
Textes zu denken. Aber so viel steht immerhin fest, dass noch imXIV. Jahrh.
bei den Bulgaren und Serben die glagolitische Schrift nicht ganz unbekannt
war. Es wäre möglich und liegt so nahe zu glauben, dass diese Bekannt-
schaft mit der glagolitischen Schrift aus dem kroatisch-dalmatinischen Küsten-
lande sich in das Innere der Balkanhalbinsel verbreitete. Und doch ist aus
paläographischen Gründen eine solche Vermuthung so gut wie ausgeschlossen.
Man weiss ja, dass im XIII. und XIV. Jahrh. die kroatische Glagoliea ihren
scharf ausgeprägten eckigen Charakter hatte. Dagegen sind die in cyrill.
Handschriften auffindbaren glagolitischen Einmengsei durchaus gerundet und
oval, weisen also auf die Vorbilder solcher glagolitischen Texte hin, wie wir
sie aus dem XI. — XII. Jahrh. kennen. Man muss also zugeben, dass die
Ueberlieferung jener glagolitischen Schriftzüge bis ins XIV. Jahrh. fort-
dauerte. Einen solchen Beleg kann ich aus einer mittelbulgarischen Hand-
314 Kleine Mittheilungen,
schrift anführen, die im J. 1337(6845) für den bulgarischen Car Joann Alexan-
der geschrieben wurde. Das ist jener commentirte Psalter, »HicHUBeu-B« ge-
nannt, den schon im Jahre 1887 V. D. Stojanov in »Periodicesko spisanije«
(B. XXI— XXII, S. 267—279) und im J. 1897 Prof. A. S. Archangelskij im
IL Band der Petersburger akademischen HsBiciia S. 786 — 794 kurz beschrie-
ben haben. Keiner von ihnen bemerkte jedoch, dass in diesem Codex bei der
Psalmenzählung, die bald roth bald blau mit cyrillischen Buchstaben gegeben
ist, zu Psalm 123 die an der sonst üblichen Stelle beigefügte Zahl so aussieht:
pKV (also zwei Buchstaben cyrillisch, der dritte glagolitisch), zu dem nächst-
folgenden Psalm 124 steht ausschliesslich glagolitisch die Zahl bS9b, zuPs. 125
fehlt die Zahlbezeichnung, und zu Ps. 126 steht wieder nur glagolitisch bS3,
zu Ps. 127 bsas und zu Ps. 128 bs*. Damit hört aber auch die glagolitische
Zahlenbezeichnung auf, denn schon der nächste Psalm führt die cyrillische Zahl
pK* U.S.W. An der Gleichzeitigkeit dieser glagolitischen Zahlenbezeich-
nungen mit dem ganzen übrigen cyrillischen Text und an der Eintragung
derselben von der Hand des Schreibers des cyrillischen Textes ist kein
Zweifel möglich. Was aber den Schreiber veranlasst haben mag, bei den oben
angegebenen fünf Psalmen von der üblichen cyrillischen Zählung abzustehen
— ist schwer zu sagen. Die glagolitischen Buchstaben scheinen ihm ganz
geläufig gewesen zu sein bis auf &, den er nicht gut wiederzugeben verstand.
Der paläographische Charakter der Buchstaben hat mit der kroatischen Gla-
golica nichts zu thun, er ist rund. V. Jagic.
Zur orthographischen Frage in Russland.
Ein offenes Schreiben Roman Brandt's (Professors in Moskau)
an den Herausgeber dieser Zeitschrift.*)
Infolge Ihrer Besprechung (im Archiv XXIII, S. 576) meines öffentlichen
Vortrags beehre ich mich dieses Schreiben an Sie, hochverehrter Herr Collega,
zu richten. Für mich ist es sehr tröstlich, dass auch Sie für die Vereinfachung
der russ. Orthographie eintreten (von der Beseitigung des t> sprachen Sie
schon früher). Sie werden wahrscheinlich bald in die Lage kommen auch als
russischer Akademiker dieser Frage näher zu treten. Denn aus Anlass meines
Vortrages, der nachher in der bei der Universität bestehenden »Paedagogi-
schen Gesellschaft« in ihrer russischen Abtheilung wiederholt wurde, erin-
nerte sich die letztere eines ähnlichen Vorschlags ihres einstigen, verdienst-
vollen, jetzt schon verstorbenen Mitgliedes, Vlad. Petr. äeremetskij, unter
dessen Präsidium sie eine »Orthographische Commission« ernannt hatte,
deren Mitglieder die Herren Sakulin (Pavel Nikitic), Kazanskij (Ivan Pavlovio)
und Smirnov (Sergej Grigorievic) waren, in welche in der Eigenschaft eines
*) Das Originalschreiben ist russisch, ich gebe es in sinngetreuer Ueber-
setzung, mit einigen Kürzungen. V. J.
Kleine Mittheilungen. 315
Rathgebers auch Prof. F. Th. Fortnnatov eingeladen war. Ueber diese Frage
verhandelte zu gleicher Zeit auch eine andere Abtheilung derselben Gesell-
schaft, — die Abtheilung für den Elementarunterricht, unter hauptsächlicher
Mitwirkung des Herrn Semenov (Mich. Sem.). Die Vorschläge dieser Abthei-
lung, die grösstentheils mit jenen unserer übereinstimmend lauteten, wurden
nachher in den Sitzungen der Abtheilung für die russische Sprache, dann in
den gemeinsamen Sitzungen beider Abtheilungen, zuletzt in den Sitzungen
der ganzen Gesellschaft geprüft. Das mit geringfügigen Aenderungen ange-
nommene Projekt wird nun unserem Ministerium der Volksauf klärung unter-
breitet, an das wir uns mit der Bitte wenden, beim Ministerium eine ortho-
graphische Commission zu ernennen. Das Projekt, welchem eine Reihe er-
gänzender Privatgutachten beigegeben ist (sie rühren zumeist von mir her),
ist bedeutend massiger gehalten als meine persönlichen Vorschläge. Uebri-
gens auch ich trete im Vortrage, im Vergleich zu dem phonetischen, Karadzic'-
schen Ideal, mit sehr massigen Forderungen auf. So concedire ich, dem Ge-
brauche nachgebend, die Schreibung des o (in unbetonten Silben statt a], von
der Unterscheidung zwischen e und i, die in den tieftönigen Silben zusammen-
fallen, gar nicht zu reden; ebenso gestatte ich die unphonetische Schreibung
der Lautgruppen s-d, v-k u. ä. {sdelatb, lovko). Allein ich glaube, die Männer
der Wissenschaft sollen kein zu grosses Gewicht der Macht der Gewohnheit
beilegen : von dieser sprechen so wie so alle, auch ohne uns, unsere Aufgabe
besteht hauptsächlich darin, die Frage zu stellen, ob die Vereinfachung der
Orthographie, deren Schwierigkeiten fast niemand in Abrede stellt, nicht den
Eigenheiten der russischen Sprache zuwiderläuft, ob sie nicht für die Wissen-
schaft verletzend ist. Darauf kann man mit der Antwort kommen, dass ja die
Karadzid'sche Reform den Eigenheiten der serbischen Sprache keinen Ab-
bruch gethan, ja sie sogar noch in helleres Licht gestellt hat. Bezüglich des
Vortheils der etymologischen Schreibweise für die Wissenschaft kann man
sagen, dass man ihre, nicht immer sicheren, Angaben ohnehin nicht gut be-
folgen kann, bezüglich des praktischen Werthes aber muss darauf hinge-
wiesen werden, dass dort wo ein lebendiges Band vorhanden ist, dieses von
allen, selbst des Lesens Unkundigen, lebhaft gefühlt wird, dass jeder weiss,
dass vos denselben Gegenstand bezeichnet wie vozä, nur in einem anderen
Wortumfange, dass lövik und lafkä dasselbe sei, nur das eine masculin, das
andere feminin. Dieses wirkliche Band wird beim Lese- und Schreibunter-
richt zerrissen, indem man die Schreibungen wie vozo den Lernenden ange-
wöhnt und dadurch ein neues künstliches Band hervorruft. Gegen diese nie-
drige Scholastik, die auf die Verhüllung der wirklichen Eigenheiten der
Sprache stolz ist, lehne ich mich auf, ja wahrscheinlich ist sie auch Ihnen nicht
sympathisch, obschon die unwissenden Apologeten der heutigen Tradition
aus Ihrer Anzeige das Gegentheil ableiten könnten.
Die von mir angegebenen Missgriflfe unserer Rechtschreibung bestehen
nicht aus vereinzelten Fällen, die man auch bei Karadzic nachweisen kann,
sie sind typische Beispiele eines durchgängigen Kampfes zweier entgegen-
gesetzter Principe, von denen das etymologische Princip einen künstlichen,
falschen Grundgedanken veranschaulicht, weswegen es nothwendig erscheint
316 Kleine Mittheilungen.
wenigstens in der Theorie — und wir sind ja Männer der Theorie — die pho-
netische Schreibweise nach der literarischen (oder wenn man dialektisch
schreibt, »ach der Local-) Aussprache, wo nicht ausschliesslich als Regel auf-
zustellen, so doch wenigstens in allen zweifelhaften Fällen als ausschlag-
gebend gelten zu lassen. Das Vorhandensein einiger schon derzeit mit dem
herrschenden System nicht im Einklang stehenden phonetischen Schreibungen
hat eine principielle Bedeutung: es beweist die Möglichkeit phonetischer
Schreibweise, wie z. B. in Me^iKift, ceMta u. s. w. der Sinn durch die Anwen-
dung des e für § nicht verdunkelt worden ist. In gleicher Weise würde auch
der Sinn anderer Worte, wo noch heute i geschrieben wird, durch die Ein-
führung des Schreibens mit e, nicht verdunkelt werden. Ich halte es überhaupt
für eine Pflicht des Philologen, der OeflFentlichkeit gegenüber zu erklären,
dass die Sprachgeschichte in ganz ungehöriger Weise mit der Frage von der
Literatur-Orthographie verquickt wird, und die Worte Miklosich's zu wieder-
holen: »das kommt daher, wenn man, um seine Muttersprache zu schreiben,
an gelehrte Forschung gewiesen wird«.
Was die allmähliche Angewöhnung des Publikums an die neue Schreib-
weise anbelangt, diese Aufgabe könnte die Akademie oder irgend ein ein-
flussreiches herausgeberisches Unternehmen oder ein bedeutender Schrift-
steller übernehmen. Sie befürchten, wie es scheint, die Einwendungen seitens
der Censur. In der That wollte unlängst ein gewisser Kazarinov in Moskau
ein Buch ohne t und b und ohne i drucken, aber die Censur machte Einwen-
dungen. Noch mehr : A. I. Smirnov wollte meinen Vorschlag weder mit der
von mir vorgeschlagenen vereinfachten Orthographie, noch überhaupt zum
Abdruck bringen. Angesichts dieser Sachlage wäre es äusserst wünschens-
werth, die Bewilligung zur Vornahme einer wenn auch sehr massigen Reform,
wie sie von unserer pädagogischen Gesellschaft geplant wird, von der com-
petenten Behörde zu erlangen.
Die Vorschläge der Gesellschaft bestehen im Folgenden: 1) es sollen
beseitigt werden die Buchstaben i, t, v, i und e; 2) b soll nur dort geschrie-
ben werden, wo es wegen der Aussprache nothwendig ist, also: rHaTi, HAHtKa,
BecLMa, KpecTBflHHu, sonst ohne b : rHaxca, hoi, Mom, Jie-^. Nach Beseitigung
von t würde als Trennungszeichen immer b gebraucht werden : oöbcm, cBeciB ;
3) nach tk und ni soll nicht u, sondern bi geschrieben werden: acBip, 2cbitb,
cyiuBiTB, und nach ihnen auch kein b folgen, also : poac, thui ; 4) nach u soll
überall bi durchgeführt werden, also nicht bloss utiraH, nBinoBKa u. s. w., son-
dern auch HBiKopHÖ, UBiraÄdB, craHutiH, jicKutia; 5) nach den Zischlauten und
V. soll das betonte o immer auch in der Schrift so ausgedrückt werden: acop-
HOB, ino-i, TeqoT, npe.iBii];oH ; 6) die Präfixe bos, us, hii3, paa, ähnlich öea, qpes
(qepea) und anderen Präfixen behalten immer ihr 3, ohne es in c zu ändern
(dieser Punkt wurde bekämpft). 7) Statt der Endungen -oro, -aro und -ero
soll -OBO und -GBO eingeführt werden: s-iobo, ÄoßpoBo, chhcbo, tobo, eso (vor
diesem Punkt stand ein anderer von der Gesellschaft zurückgewiesener, be-
treffend die Endungen -oii und -eii statt -biö und -ifi : Äoöpoä, cuhcü, bcihkoü,
neroö, thxoü oder -KBift, -rBifi, -XBiii statt -kIm, -riö, -xifi: BCJiHKBiii, nerBift,
THXBiii). 8) Statt der Pluralendungen -Bie, -üb, -ie, -in soll überall nur -bih, -ua
Kleine Mittheilungen. 3J7
für alle Genera verwendet werden (die Mitglieder der Commission vertreten
hier den Standpunkt, im Falle der Vereibt'achung der Endung sollte überall
-e geschrieben werden). 9) Die Pronominalform eü soll so, und nicht anders,
statt eH, auch als Genitiv geschrieben werden. 10) Immer sei zu schreiben
OHu und OÄHu (die Commission war hier für die Endung -e [i] , doch ohne
Beschränkung auf das Femininum). 11) Im Local der Substantiva auf -iä, -in,
-ie und im Dativ der Substantiva auf -ia sei die Endung -e(i) zuzulassen :
Bacujiiiu, Ha jiuhuii, k äuuuii, b 3tom saanuu oder aber: o BaciwHe, na jiiiHue,
K jiunue, B 3T0M saaHue. Es wurde ausgesprochen, dass die Uebertragungs-
regeln keine obligatorische Bedeutung haben, nur die Uebertragung nach
den Silben sei zu empfehlen unter Berücksichtigung der Regel, dass der
Consonant zum nächsfolgenden Vocal gehört, bei der Anhäufung von Con-
sonanten aber entweder alle zum nachfolgenden Vocal zu nehmen oder einige
beim vorausgehenden zu belassen seien.
Diese Vorschläge der Pädagogischen Gesellschaft sind ungeachtet ihrer
Mässigung eigentlich hauptsächlich gegen das Palladium der russischen Gra-
phik, gegen das i gerichtet, dabei erhob sich in der Gesellschaft nicht eine
Stimme zu Gunsten des i. Nicht möglich, dass Sie für i sich einsetzen wer-
den? Mir scheint es, Sie haben für i dasselbe Gefühl, von welchem auch ich
in meinem Vortrag (auf S. 48 unten) spreche, doch das bedeutet nicht, dass
man von dem Nutzen des Buchstaben überzeugt sei. Bei der Anwendung des
i drückt sich eine Art Achtung vorUeberlieferung aus, gepaart mit der Miss-
achtung der Geschichte: im XX. Jahrh. einen Buchstaben anwenden, welcher
vielleicht im XII. Jahrh. am Platze war — ist ein grober Anachronismus.
Uebrigens ist unsere Orthographie nicht ein bis auf unsere Zeiten überkom-
menes alterthümliches Gebäude. Wäre dem so, ich würde zuerst die Ar-
chäologische Gesellschaft auf die Beine bringen und selbst die Mithilfe der
Polizei in Anspruch nehmen, um das interessante Denkmal vor den barbari-
schen Händen der unvernünftig eifrigen Neuerer zu retten. Nein, die Ortho-
graphie das ist der Plan, nach welchem alle Schreibenden verpflichtet sind,
neue Gebäude aufzuführen, und ein solcher Plan muss, wenn er veraltet ist,
umgearbeitet und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Wir
Philologen mögen vielleicht für die Mühe der Erlernung des i auch belohnt
sein, wenn uns in der Form >KeH§ eine ganze Kette lautlicher üebergänge in
Erinnerung gebracht wird ; ist aber diese einem Handvoll von Philologen ge-
botene Entschädigung ein ausreichender Ersatz für die Mühe der Millionen
anderer Menschen? Nach der Entfernung des i würden die zukünftigen Ge-
lehrten dieselben historisch-comparativen Erinnerungen mit dem Buchstaben
e verknüpfen. Die wissenschaftliche Bearbeitung der vergleichenden Gram-
matik der glavischen Sprachen würde schon gar nicht von der Beseitigung
des neurussischen i zu leiden haben. Oder ist i vielleicht für die Stu-
denten-Philologen nützlich? Nein, nicht nützlich, sondern schädlich. Wie
oft musste ich in den Referaten unserer Studenten die gegen die ehrwürdigen
Mönche erhobene Beschuldigung lesen, dass sie angeblich nicht wussten, i
richtig anzuwenden, da sie k-bäc mit e und o6ut§.k. mit i schrieben! So sehen
die Früchte des Halbwissens aus, ärger als die Unwissenheit ! Um so weniger
318 Kleine Mittheilungen.
nützlieh erweist sich i für die gewöhnlichen Sterblichen. Sie tragen aus der
Schule ungefähr folgende Begriffe von i: »es gebe in dem russ. Alphabet
einen Buchstaben i, den man sehr schwer von e unterscheiden kann, was ich
glücklich erreicht (oder auch nicht) habe«. Wahrlich ein schönes und nütz-
liches Wissen ! Wie viel kostbare Zeit geht auf die Aneignung desselben
verloren ! Mir scheint ausserdem, dass das in der Gesellschaft gegen unsere
arme Philologie herrschende Vorurtheil, das NichtgeltenlassenwoUen der
Sprachforschung, hauptsächlich dem Umstände zuzuschreiben ist, dass die
Schulgrammatik vor allem als die Lehre vom Gebrauch des Buchstabens i
und anderer scholastischen Spitzfindigkeiten aufgefasst wird.
Was die Frage, ob die Eröffnung einer orthographischen Campagne
gerade jetzt zeitgemäss war anbelangt, so hege ich selbst leise Zweifel be-
treffs der Empfänglichkeit des russischen Publicums (S. 29). Allein ich konnte
nicht länger warten: denn es ist fraglich, ob ich selbst auf ein grösseres per-
sönliches Ansehen, als ich es derzeit geniesse, rechnen könnte und das Leben
neigt vielleicht seinem Ende zu. Allerdings hatte ich im J. 1899 einen be-
sonderen Anlass: ich wollte einen kleinen Beitrag für das »Volkshaus« in
Bautzen sammeln, und da man Bedenken hatte, mir einen Vortrag über
Mickiewicz zu gestatten, so entschloss ich mich, meinem seit Jahren gesam-
melten Material zur orthographischen Frage freien Lauf zu geben (über
Mickiewicz hielt ich nachher einen öffentlichen Vortrag in der Gesellschaft
der Literaturfreunde und dieser Vortrag wird in der zu Ehren Professors
Nikolaj Ujic Storozenko herauszugebenden Festschrift erscheinen). Mir
scheint es, dass ich im richtigen Moment damit auftrat, da gerade jetzt die
Reform der Mittelschule mit der Abänderung und Erweiterung des Lehrplans
im Zuge ist. Der Umstand, dass wir neben dem jugendlichen Kaiser einen
Unterrichtsminister aus dem Militär haben, scheint mir dem gegen die Scho-
lastik gerichteten Feldzug günstig zu sein. Auch die wissenschaftliche Auf-
fassung der russischen Sprache ist jetzt wenigstens bei der Mehrzahl der
Lehrer bedeutend gestiegen — nicht vergebens wurden den Studenten in den
letzten Decennien die wirklichen Eigenschaften und Beziehungen der slavi-
schen Sprachen untereinander zum Bewusstsein geführt. Schon der Erfolg
in unserer pädagogischen Gesellschaft, auf den ich selbst nicht rechnete, zeugt
von dem Fortschritt: in den 60er Jahren erzielten die orthographischen Be-
rathungen in Petersburg nicht das gleiche Ergebniss wie jetzt: eine Petition
ans Ministerium. Diesem Gesuch gedenken auch mehrere pädagogische Pro-
vinzial-Gesellschaften (vielleicht mit einigen Abweichungen im Detail) sich
anzuschliessen. In der Akademie dürfen wir neben Fortunatov auf Korsch
und Schachmatov rechnen, gegen uns könnte Sobolevskij sein ... Sie erhoben
zwar ihre Stimme für i in den Fällen, wo es nach der Etymologie und nach
der Aussprache (d.h. wie «) berechtigt ist, aber Sie werden wohl nicht auf der
Anwendung des Buchstaben im täglichen Leben in heutiger Weise, quer und
drüber, und noch weniger nach anderen ganz willkürlichen Regeln bestehen.
Ich lese Ihre Aufsätze im »Archiv« immer mit grosser Aufmerksamkeit
und Ihre Bemerkung »Zur Transscription « (XX. 432 — 33) ist mir nicht ent-
gangen. Allein das Aufwerfen einer solchen Frage vor dem mit der lateini-
Kleine Mittheilungen. 319
sehen Schrift der Westslaven nicht vertrauten Publicum schien mir nicht an-
gebracht.
Zur orthographischen Frage hat auch Ihre Deutung des Infinitivs uttu
(XXIII. 586) eine Beziehung. Ich halte mich an die Erklärung Buslajev's,
dass tl (natürlich nicht als solches, sondern nur als Verdoppelung des t) aus
dem Präsens in den Infinitiv kam (S. 49, Anm. 53, vergl. Morphol. S. 462,
Anm. 3). Die Form hti. kommt nicht vor (das altpolnische ic bleibt natürlich
ausser Betracht) und es würde sich erhalten haben wie in hhtb, biitb, äetb ;
da^, alte utbtu zeigt l, glaub' ich, als Erweichungszeichen und ausserdem
darum, weil die Consonantendoppelung der alten Orthographie fremd war.
Was das Wort ))cpij;a« (Archiv XXIII. 537) anbelangt, so stimme ich
bei, dass kein Grund vorhanden sei, vom deutschen Einfluss zu reden, mir
erscheint jedoch noch immer am wahrscheinlichsten meine im Warschauer
P. $.B. XXIV. 150 gegebene Erklärung, d. h. auch die Slaven begannen die
Zählung mit Sonntag, daher noHe/i,i.iBHHK, btophuk, leiBepr, naiHuua, so schon
bei Dobrovsky (Glagolitica, S. 78), der zuerst den Gedanken von dem Einfluss
des deutschen »Mittwoch« aufgebracht zu haben scheint. Anton nahm den
umgekehrten Gang an (S. 160).
In der Hoffnung, dass Sie uns durch Ihre Betheiligung die uns aufgeladene
Bürde erleichtern werden, bleibe ich in aufrichtiger Verehrung
Ihr Roman Brandt.
Zu diesem offenen Schreiben lagen Proben der ganzphonetischen und
halbphonetischen Schreibweise (der letzteren in doppelter Gestalt: nach den
Vorschlägen Brandt's und jenen der orthographischen Commission) bei, die
wir leider aus Mangel an Eaum nicht mittheilen können. Mein Standpunkt
zur ganzen Frage ist schon durch die gegebene Besprechung a. a. 0. gekenn-
zeichnet. Die Berechtigung zu allen möglichen Vereinfachungsversuchen auf
dem Gebiete der Orthographie und des Elementarunterrichtes kann theoretisch
selbstverständlich nicht in Abrede gestellt werden. Gelingt es den kleinen
rührigen Kreisen, die diese Frage in Anregung brachten, die grosse intelli-
gente russische Gesellschaft für sich zu gewinnen, wobei ich die freie Agitation
pro und contra, ungehindert von jedem Verbot, stillschweigend voraussetze,
dann wird natürlich auch die Schule dieser veränderten Geschmacksrichtung
des Publikums sich nicht entziehen können. Aber jede Regierung, nicht bloss
die russische, hat die Verpflichtung in solchen Fragen conservativ vorzugehen
und nicht sich und die unter ihrer ControUe stehenden Schulen an die Spitze
der Bewegung zu stellen. Darin scheint mir Prof Brandt mit seinen Anhängern
fehl zu gehen. Er möchte vor allem durch die pädagogischen Kreise auf das
Ministerium denDruck ausüben, dass es mit derSchule den Anfang mache. Wo
hat aber die Schulbehörde die Bürgschaft dafür, dass ihre für die Schulen
herausgegebenen Verordnungen nicht an dem Widerwillen der grossen Kreise
russischer Intelligenz scheitern würden? Die russische Orthographie ist, das
lässt sich doch nicht in Abrede stellen, ein historisches Gebäude, ganz so, wie
die französische oder englische oder deutsche, oder unter den slavlschen die
cechische und noch mehr die polnische. Jahrhunderte arbeiten an solchen
Gebäuden, manches wird abgetragen, einiges umgeändert, anderes zugebaut,
320 Kleine Mittheilungen.
dann und wann nicht ganz » stilgerecht« — und doch der Grundcharakter de3
Ganzen verbleibt. Selbst Prof. Brandt kann nicht umhin mit diesem Factor
zu rechnen, er muss seinen orthographischen Wünschen Halt befehlen, also
auch er steht auf dem Standpunkte des Opportunismus, und das ist wenigstens
in orthographischen Fragen der beste Standpunkt. Je weniger man auf ein-
mal anstrebt, desto mehr Aussicht auf Erfolg ist vorhanden. Z. B. wenn man
die Auslassung des auslautenden i. bei einigen einflussreichen, weit verbrei-
teten politischen und literarischen Zeitschriften durchsetzen könnte, so würde
bald auch die Schule diesem Fait accompli Rechnung tragen müssen. So lange
man aber nicht einmal das erreicht hat, halte ich die Verfolgung des armen
i für ungerechtfertigt. Man könnte vielleicht seinen Gebrauch noch besser
regeln, als es derzeit (nach Grot) der Fall ist, aber dass es so schwer fallen
sollte, sich die Anwendung dieses Buchstabens ins Gedächtniss einzuprägen,
das glaube ich nicht. Für so begriffsstutzig halteich das russische Volk nicht.
Die eingebildeten Schwierigkeiten mit 4 scheinen mir eine arge Uebertreibung
zu sein. Was müssten dann die Engländer, Franzosen und Deutschen zu ihrer
Orthographie sagen? Doch — wer wird es behaupten wollen, dass die russi-
sche Sprache nicht auch ohne i existiren könnte? Nur scheint mir seine Be-
seitigung nicht so nahe liegend zu sein wie die von v, e, i, -b.
Nur noch eins. Die lateinische Transcription der russischen Wörter und
Namen scheint mir doch nicht so ganz den Interessen des russischen Publikums
fern zu liegen. Die Beziehungen Russlands mit Europa werden doch mit jedem
Tage und Jahre grösser, inniger. Jetzt geht dieser Verkehr in französischer
äusserer Form vor sich. Nun ist es für das correspondirende und telegraphi-
rende Publikum gewiss nicht gleichgiltig, ob man Joukovski oder Shukovski
oder Zukovskij, ob man Tchitcherine oder Tschitscherin oder Cicerin, ob man
Sapojnikoflf oder Ssaposhnikoflf oder Sapoznikov schreibt. Die westslavische
(sagen wir böhmisch-slovenisch-kroatische) Bezeichnung ist gewiss die kür-
zeste und rationellste. Sie kann bei den Telegrammen zu nicht unbedeutenden
Ersparnissen führen. V. J.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sogenannte
»Becfejta TpexTi CBaTHTejieii«
(Gespräcli dreier Heiligen). *j
Nachdem wir alle zugänglichen Texte, die ihrer Verwandtschaft
oder ihres Charakters halber zu Syn. AI — (Syn. A II ist der im grie-
chischen Originale bekannte, von Syn. A I völlig zu trennende Theil) —
in Beziehung stehen, herangezogen haben, gehen wir nun daran, auf
Grund der einschlägigen Texte, deren wir leider so wenige besitzen : in
erster Linie natürlich des Syn. (XVI. Jahrb.), Prim. u (?Jahrh.), Star. VI
(XVIII. Jahrh.) und zu ganz geringem Theile : Tich. Ale (wegen der
Kürze des Textes) [XV. Jahrb.] und Moc. Nr. 2G (wegen seiner Unzu-
gänglichkeit) [XVII. Jahrb.], das aus den genannten Texten sich mit
mehr oder minder Gewissheit ergebende Bild der durch sie dargestell-
ten Redaction der sogen. »Fragen, aus wie viel Theilen Adam erschaffen
worden ist«, zu skizziren. Ich schicke vor Allem eine Tabelle der iden-
tischen und nach den vorhergegangenen Auseinandersetzungen hierher
gehörigen Fragen in einer auf Grund der Texte sich empfehlenden
Reihenfolge voraus:
Tabelle der Adamfragen erster Redaction.
Syn. A 1 =
Prim.
U 1 :
= Star.
VI0 =
: Moo. Nr. 26, 1
2
=
2
=
= 6
3
=
=
[1]
4
=
=
2 [3]
5
=
=
6
=
=
[1]
7
=
=
8—13
= Tich. A I c 1
8
=
=
=
9
=
:=
==
10»
11 /
=
=
11
= 3
*) Vergl. Archiv XXIII, S. 1—95.
Archiv für slavisehe Philologie. XXIV. 21
322 Rajko Nachtigall,
Syn. A [0 =
Prim.
aß =
Star. VI 15]
121)
=
3
=
13 2)
=
4
14
=
5
=
} 23
15
=
6
=
16
=
7
=
24
17
=
8
==
25
18
=
9
=
30
19
=
10
=
31
=
=
32
20
21
=
11
12.
=
33
=
=
34
22
=
13
=
55
23
=
14
=
56
24
=
15
=
25 ■
=
16 •
=
0]
=
17
=
=
18
=
57
31
=
=
59
[0
=
=
60
1) Nach Syn. A 1 1 könnte id. 62 am besten stehen, wenn es hierher ge-
hört. S. unten S. 326.
-) Diese Frage: Syn. A 13 kojhko kctb po^a nTH^Hiera? .pM. pwäobl
passt zwischen Syn. A 12: kojhko mchtb asaivi na 3eM.M'? .u.i. jiiT und Syn. A 14:
KTO cBTBopH .a. wöpoK 6ory? aBeji, arHua saKJia etc. nicht recht hinein. Sie mit
Star. VI 15: B. kojhko ca po^OBC i^iOBeiBCKH ? 0. .b. AsaMt h Esa gleichzu-
stellen, geht nicht, da nur sie im Lat. belegbar ist, z. B. Schlettst. IX 25 -.
Quot genera sunt volucrum. R. Quinquaginta et IV. (Hier im Lat. auch an-
dere gleiche Fragen, so Schlettst. IX 24: Quot genera sunt pisciura? Slav.
dasselbe Thema noch Syn.C 14.) Die Frage auszumerzen, wäre ein zu leichtes
und wegen mancher anderen lat. Vertretungen gerade der hier vorkommenden
Fragen nicht statthaftes Beginnen. Ob sie nach Star. VI 15, das ja auch un-
sicher ist, oder nach ähnlichen Fragen wie Agr. (Moc. Nr. 21, cf. Knjizevnik
III, S. 130): KOJiHKO poÄa wtb xaMa? kojhko poaa a*eTOBa? ko^ihko xjianhCKa,
poÄa? (cf. Syn. A 26: kto 3aMi>ie.M xjiana? hoir, npBBO xaaia öpaioMa CBOiiMa
paöoxaTu), falls das alles ursprünglich ist, zu setzen ist, lasse ich unentschie-
den. Es möge aber dieser kurze Excurs ein Beispiel darthun, wie weniges
uns fürs nähere Detail trotz der Fülle der Texte im Ganzen bekannt ist.
3) Star. VI 58, eine allegor. Frage, entfällt (siehe Archiv XXIII, S. 77,
Anm. 2). Syn. A 31, offenbar auf seiner Stelle socundiir, ist hier .im besten
einzuschalten. Cf. 1. c. S. 70—71.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciAa Tpcxt CBüTHTejefi. 323
Syn. A0 = Prim. /? = Star.VI61]i)
26
=
19
=
27
=
20
=
=
=
73
=
Syn. B. 6
==
=
74
=
7
28
=
21
=
75
=
8
=
22
=
=
9
29
=
=
76
=
10
=
=
77
=
11
=
=
78
=
12
=
=
79
=
13
32
=
=
33
=
=
34
=
=
35
36
=
=
37
r=
=
36
=
=
37
=
=
38
35 2)
=
=
65 3)
In solcher Darstellung zeigt sich uns nach unseren Texten ein ur-
sprünglicheres Syn. A I, wobei selbstverständlich nicht die Verantwor-
tung für jede Einzelheit übernommen werden kann — der älteste Typus
war ja vielleicht viel kürzer — ; wohl aber ist zu betonen, dass nach
dieser im ganzen und grossen natürlichen Zusammenstellung ein Grund-
text zu Stande kommt, der nicht im Mindesten gegen die Annahme einer
systematischen Aufeinanderfolge verstösst. Es dürfte nicht überflüssig
erscheinen, wenn wir die todten Zahlen in lebendige Worte umsetzen
und den Text nach den besten Lesarten ^) und mit der Beigabe charak-
teristischer Varianten abdrucken :
1) Star. 60 u. 61 fügen sich gut zwischen Prim. « 18 n. 19 etc. ein.
-) Diese Frage an letzter Stelle infolge bessererAnordnung des Stoffes,
die in Star. VI eine Stütze findet. S. Achiv XXIII, S. 78.
3) Eine weitere Frage als diese: B. Koi e rpait HacpcTt scmjh? 0. Ta
peqe: lepscajiHMi. ist als Schlussfrage nicht mehr zu finden.
4) Dabei zeigt die zuerst citirte Stelle, woher der Text der einzelnen
Fragen entnommen wurde, daher auch die ungleiche Graphik im Texte, welche
irgendwie zu corrigiren bei der bekannten Fahrlässigkeit unserer Codices zu
21*
324 Rajko Nachtigall,
Text der Adamfragen erster Redaction.
1. "^^TO nptBO H3LIAe H3b SCTb 6oaB:iHXI>? CjIOBO, GUÜh 6o3kTh.
2. ^Ito npLBO cLTßopH 6oThi ueöo H SBMJiio, H AO .3. Maro AHB
CbBptUIH Ä^JIO CBOe.
3. Wtl ^leca ßticTt neöo? wt bo^h.
4. KojcHKO KCTb neöecL? .3. [5. B. KaKO hmb ca HMena? 0. .a.
HBÖo cHTt; .B. asapb; .r. enoBb; .ä. hob; .e. aBpaiwb ; .s. HcaKb;
.3. HHKOBb.]
6. Wxb ^eca öbiexb cjibHi];B h joyna h 3b^3äh? wTb CBHXb 6oMvixh.
7. Wxb ^BCa ÖblCTb SBMJIH? WTb THHbl BOAHIK.
8. ^TO Apt^HTb 3BMJII0? BO^a. a BOAS ^ITO Api^KHTb ? KaMBHb BB-
1. Syn. A 1 ; Prim. « 1; Moc. Nr. 26, 1 : bloss »cjiobo«. Lat. Par. 7: Qiiis
primus ex Deo processit? Verbum.
2. Syn. A 2; Prim. « 2; Moc. Nr. 26, 2: das von seuÄio an fehlt.
3. Syn. A 3 ; Star. VI 1 : B. Otb 'ito caiBopu FocnoÄt ue6o h aeinjiM? 0. Btae
CMeiaHa Boaiia ii cscHpa ca, u coiBopii ueöo u 3eM.iH) (cf dazu das Archiv XXIII.
S. 84 u. 75 Bemerkte).
4. Syn. A4; Star. VI 2. — 5. Star. VI 3. Cf. gr. Krasnos. 1898, I 5: '£().
TivEs slalv Ol ovnavol, oii eItiev o nQofprjzrig »ol ovqavol dirjyovvxai do^ay
0Eov<t; ün. ^Ema. yaq siffiy ovqavol, utv nqSnos liyerai' 2^0-', o ß'Evui/, b y
^Eviis, b d' SaixovTj'K (Moc. griech.Text I b 7: iVüia), o e ^ßqScju, b g "^laanx, bg
laxiöß. Davon haben wir sogar eine nahe slav. Uebersetzung in Archang. 48,
B. Kto coyT Höca HcnoBiÄOyiOTi. cjaBoy öoaciio. W. .3. höcb aace ucnoBiAaiOTB
cjiaBoy 6o3kTk): .a. chmx, .b. enocx, .r. choxx, .«. Hoe, .e. aBpaaMt, .s.HcaKt, .3. ia-
KOBx. Ueber das gegenseitige Verhältniss der beiden slav. Stellen lässt sich
jedoch vorläufig nichts sagen.
6. Syn. A 5. Cf Moc. AuajHsi., Fr. 3 u. 6 des Textes cojhuc vi; cBiT.infl,
jryna w xeMHti« pnati rocnoÄHH (doch stand Moc. auch unter starkem Einflüsse
von Texten der Art ib. S. 237 ff., wo dies auch ähnlich steht). Cf. übrigens
noch Porf II 7—8 u. Pyp. I 6—7.
7. Syn. A 6 ; Star. VI 1 (s. Fr. 3).
8. Syn. A 7. Tich. A I c 1 und Star. VI 8 — 13: Anf ^a CKaaui mh, mo
ÄptacHTB — Ha uiTO CTOH ; BOÄa BHCOKa — BOÄa TBBpÄc rojCMa ; KaMent n.ioceHB
BCJIMH KaMCHB nJIOUlTaTB ; .a. KHTOBG 3.!iaTbI — .Ä- KUTOBC 3JiaTHH ; p^Ka WTHB-
weit führen würde. Die unter der Zeile angeführten Varianten mögen still-
schweigend darthun, in welcher verschiedenen Art die Texte ihren Wortlaut
änderten, berichtigten, verdarben u. s. w. Bemerkt muss jedoch werden, dass
hier so manche Variante auch gerade das älteste bietet, wie ja Altes neben
Neuem in unseren Texten nebeneinander vorkommt. Die Beurtheilung aller
angeführten Momente ergibt sich ohne Schwierigkeit von seibat.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciAa Tpext cBflTiiTe.ieÄ. 325
JIHKLl. a KaMGHb ^TO ÄPL3KHTL ? ÖpaBH TieTBOpOKpHJaTH, a ÖpaBH 'IGTHpe
yxo flpfcKHTfc ? wrHB, wTHoy^oyjKe öanie HcxeyiOTt. a wriih qTO Apt-
acHTt? flpoyrBi wrnb ropqaHiuH Toro .bi. Kpax. a xb wnib ^ixo noAflpb-
acHXb ? Aoyöb npbBO Bcixb noeaatAeHb, a Kopeiiiie Asöa xoro cxoHXb na
cnÄi 6oMh. rocnoAb ate h cHjia öoatia sayejia h KOHu;a ne HMaxb.
9. KOJIHKO leCX BLICOKO HeÖO ? KOJIHKO TOpe XOJIHKO H Bb KIMpOXS.
10. KOJIHKO lecx Äeöe;ia seMjiH, kojihko jih BO^a? BO^a lecxb .3.
cxa^HOBb, a seMjiM (?).
11. wxKoyAoy öbicxb y joBiK ? wxb seMjiie. 12, KaKo cbXBopenb
öbicTb? wä .h. qecxH, .a. ujxb seMjiK, .b. wxb Mopa, .r. wxb cjbima, .;i;.
ujxb ujöJiaKa, .e. wxb Bixpa, .s. wxb KaMene, .3. wxb csexoro Asxa, .h.
wxb cero CBixa. xaKO cbXBopn öorb wxb .h. qeexH Bb K;i;HHa, pe^ie ame
HSbiAexb ceMe ^MOBi^e h ame ös^exb ceMe lero luxb Mopa, xo ösAexb
jiaKOM; ame äu ös^exb wxb e,iibHu,a, xo 68;i;exb MSApt h no'^ixeHb ii cb-
MbicjibHb ; aiii;e jih ujxb wÖJiaKa ösAexb, xo npijibcxHBb, aii];e jih luxb Bixpa,
xo CHJibHb H cpbAHXb, aii];e jih wx KaMene öoyAexb, xo MHjioexHBb h xBpb^b,
aiii,e JIH wxb CBexaro ^sxa öoyAex, xo CMipenb h AOÖpoBOJibHb Kb BciMb.
H'Haa — peKa orHena (wi HoyÄoyKe öanie HcieiioTi. fehlt in beiden); ÄoyÖB ace-
Jiiauhi — ace^ieseHi. «auB; rocnoÄB etc. fehlt beiderseits. In dem lat. Dialog
zwischen Adrian und Epictet (Archiv f. slav. Philol. I, S. 335): Quid sustinet
celum? Terra. Quid sustinet terram? Aqua. Cuid sustinet aquam? Petra.
Quid sustinet petrarn ? Quatuor animalia. Quae sunt illa quatuor animalia ?
Lucas, Marcus, Mattheus, Johannes. Quid sustinet illa quatuor animalia?
Ignis. Quid sustinet ignem? Abissus. Quid sustinet abissum? Arbor, quae ab
iniiio posita est, ipse est Dominus Jesus Christus (also secundärer als das
slavischel).
9. Syn. A 8. — 10. Syn. A 9.
11. Syn. A 10 (die Trennung dieser Frage von ib. 11 vielleicht secundär).
— 12. Syn. A 11. Tich. A I c 3: ro ito cbtboph 6b aflaivia? Star. VI 14: B. Otb
KOJIHKO ÄejiOBe coTBopH EoFB AftaMa? Otb .3. äcjicbo (cf. Nac. und oben Archiv
XXIII, S. 81 f.). Bei .a. fügt Tich. Ale tqjio (Star. VI äcjio) hinzu, bei .b. Star.
Kpo*B; ganz gleich bieten Tich. und Star, (in Star, ist dabei die falsche Inter-
punction zu ändern) für 3 .s., für 4 .e. (Star, fügt h otb öoacie «hxb hinzu), für
5 .Ä- (Star, dazu passMB), für 6 .r. (dazu Tich. h w pocH, Star, ciu . . und
auch H otb poca), für 7: Tich. .3. icctb w noMLicjia w 6pB30CTii ar-
rejiBCKBixB, Star. .3. noMuuiJieiiie ero otb 6pB30CTU arrejiCKii u JiaiB
otb cmcxb und schliesslich Tich. für 8 .3. mit der Fortsetzung w xoro CBöpa
6orB, während Star, beides vereint: h otb losa chiko äsxb cbctu coöpa ro ; nach
MSÄpB hat Tich. oyMCHB, Star, h passMeHB h noieienB ; chjtbhb fehlt beiderorts,
ebenso in Tich. tbpb«b und in Star, der ganze Satz : ame jih wtb KaMene 6oy-
acTB, To mhjiocthbb h TBpBÄBj cndHch schreibt Star, für ame jih wtb CBCTaro
326 Rajko Nachtigall,
[13. Ha KOJiHKO qecTii pas^iJ!« 6ort ^oöpoTs a^awoBs? iia .3.
'lecTH; nptBOK anpaaMs rocTOJioöcTBO, .b. hwbs öoraxtcxBO, .r. ^aBii-
AOy KpOTOCTb, .A- CWJI0M0H5> MS^pWCTL, .6. IWCH*» JlinOTS, .8. CaMCOHJä
HKOCTfc, .3. aBecajioMs Koce.]
14. B. KojiHKO ca pa^oBe ^i.iOBeTiLCKH ? 0. .b. A^aMt h Esa.
15. B. KojiHKO KGTt poAa nxH^Hiera? .pM. pwAOBb.
16. KojiHKo KHTB a^taML Ha seMjiH? .JS,Ä. jiirh.
17. Kto ctTBopn .a. wöpoK 6ors? oßejih, arHn;a 3aKJia.
18. KTO ÖBicTb npbBiH nacTHpB wBi];aMb'? ÄBejib.
19. Kto öbiCTb npbB'm paTan? Kannb, h naieT wpaTH.
20. WTKoy;i,oy Bbse rmieimii;« '? MnxaHJib lo H3Hece h3 paH h no-
Bpbate Ha seMJiio.
Äsxa öoyÄeTB — aKo jik e otb 6pL30CTii anrejCKH (was ja .3. vertritt). Im ersten
Theil gehen die Abweichungen, wie a. a. 0. gezeigt wurde, auf die Redaction
derselben Frage zurück, wie sie uns in Nac. 3, Nom. a 8 und Tich. A III a 2
vorliegt. Betreffs des Lat. u. Griech. cf. oben Archiv XXIII, S. 83. — Nach
dieser Frage stand vielleicht einst Tich. A I c 4 : B, Kto oöpexe HMCHiH ero
(AflaMa)? W. .«. anrejin: apxaHre-ii> MHxaHJii. hshäc na bbctoki, h bhä§ SBisÄs,
HMe eH aHaiojiH u BtseMi. cjiobo ro niee c^iobo asB h npuaece npiÄB rocnoaa ; apxaii-
rejiB raBpiHJiB nsBiae etc. Cf. Schlettst. IX, 39: Die mihi nomina quattuor
Stellarum, unde ortus est nomen Adam? — Anatolem, dysis, arctus, misim-
bria. Es hat aber auch Syn. C 12 die gleiche Frage (in einer dem Lat. ent-
sprechenden Kürze). S. dazu noch oben Archiv XXIII, S. 87.
13. Syn. A62; wo sonst diese Frage vorkommt, deutet sie nicht nur
durch ihre Folge als auch durch die gleich geformte Abweichung gegenüber
Syn. A auf eine andere Vorlage. In Nac. 12, Nom. a 9, Tich. A III a 3 reihen
sich die Theile ganz gleich folgendermassen an: .v. .s. .b. .e .«. .r. (Nac.. ä-)
.Ä. (Nac. .r.) .£. — Star. VI 28 stimmt theilweise auch überein: .a. .s. .e. .r.
.3. .Ä. .B.; mit Nac. wird es durch die Reihenfolge der Fragen verknüpft. Im
Griech. kommt diese Frage in verschiedenen Abweichungen vor an mit den
unsrigen direct nicht zu verbindenden Stellen: Krasnos. 1898. VI 15, VII 22,
VIII 13 und Eme 6. Ihre Stelle nimmt die Frage oben nach dem Vorbilde ein-
[zelner Texte der zweiten Redaction der Adamfragen ein.
14. Star. VI 15. [Quot genera sunt volucrum? LIV.
15. Syn. A 13; Prim. a 4. Lat. Schlettst. IX, 25; Par. 29; Münch. 15:
16. Syn. A 12 (besser nach ib. 13 wegen ib. 14) ; Prim.« 3. Lat. Schlettst.
IX, 4; Par. 4: Quantos annos vixit Adam? 930.
17. Syn. A 14; Prim. « 5; Star. VI 23. Schlettst. IX, 6: Qui primus ob-
tulit holocaustum deo. R. Abel.
18. Syn. A 15 ; Prim. a 6 ; Star. VI 23.
19. Syn. A 16; Prim. a 7; Star. VI 24: Kou uayqH opaie «a ope? KauHB.
20. Syn. An : Prim.« 8 fügt zur Frage u uaia ciMena hinzu; Star. VI 25:
neben MaxaHJiB steht noch raBpH.aB.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Ecciaa ipexx cB/iTHxe^eii. 327
21. Kto nptBO Ha^e 6ora mojehth? Ehwx.
22. Kto npLBO Has^ni KHHrs? Meeacoyjr.
23. B. KoH iiaHAe jiaxuHCKH KHnrH? 0. ^a s^ih OyiaaMt Höe-
pexspt.
24. Kto nptBO HSwöpiTe KHtirs rptqcKs? MepKspiie.
25. A CJOBeHCKS KHHFS kto IBtOÖpiTe? KVpHJII>.
26. Kora njaHHHa Braua wtl Bcixt njramiHfc? aji*ewBa, ii Ta
ÖLiCTb BL noTone ne noKpLBeHa, a iie norpisjia kctl.
27. 3a KOJHKO HSAijia noie KOBTOrt? 3a .p. ji^tl.
28. KojiHKO 6e bb a-itots? .t. jiaKTt. 29. A bb uinpoTs? .ii.
30. A BL BHCOT« ? .jI.
31. B. KoH AtHfc wTBpLse Hoe KOBL^erL H nocjia Bpana ? 0. .m.
AHH 6eme h3hui.io.
32. B. A KOHO SBepie HeMame bo Kopaöe"? 0. Peqe: Pnöa.
33. B. KojiKO KauiTH HMaine bb Kopaöe? 0. .r. KauiTH rojreMH,
Äa To dexa SBepie h AOÖHTaKL, a Apsra, ag to öexa hthi^h h ap^fh ra-
AHHH <i>paKaTH, H Apsra, a© to öexa CHHOBe ero. 34. B. Koh ce naceMe
öaiuTH CH. 0. Peye: XaML.
21. Syn. A 18; Prim. «9; Star. VI 30: EHoxB.npaBesHH.
22. Syn. A 19; Prim. « 10: Maisca^t; Star. VI 31 : B. Kon 6u ymmi .pe.
jtexa, II mieine na, uAe ii Äa hhc UÄasqiiKHiira. 0. MaxscaHjB.
23. Star. VI 32; Agr. (Knjizevnik I, S. 130): pun mh, kto ro6pi jaiHHCKoy
KHHroy ? pe^e : MaioycaJB.
24. Syn.A 20; Prim.« 11 ; Star. VI 33; Lat. Schlettst. IX, 44 (allgemein):
Int. Qui primus dicit litteras? R. Mercurius gigans.
25. Syn. A 21 ; Prim. « 12; Star. VI 34: 6.3BrapcKii.
26. Syn. A 22: Prim.« 13: tb öuctb BBKsni wiKpuBena aiajo ; Star. VI 55:
0. A.aH'te, onaHH thh ca bhäc cjictb hotoiib, h noxanajia öeiue y KpB*B.
27. Syn. A 23 ; Prim. « 14; Star. VI 56. Lat. Schlettst. VII, 8; IX, 46 :
Int. Quantos annos fabricavit (Noe) arcam? R. C; Moc. gr. Nr. 5, Fr. 15: 'Eq.
Uoffa 'izrj (iVcSe) 'ixriae xrjv xißcjToy. Hn. Xqövovg .q'. (Ebenso Krasnos. 1898,
IV 14.)
28. Syn.A 24; Prim. «15. — 29. Syn.A 25; Prim.« 16. — 30. Prim. «17.
Cf. zu den letzten drei Fragen 28 — 28 Krasnos. 1898, IV 21 : 'jEq. Iloaov firixos
slxsf Tj xißü}x6s ; Mn. Th fxrjxos nrj^eis rqiaxoaias. To nXccrog^ TQidxoyta. Kai
TO vxpos TQiccxovxa.
31. Prim.« 18; Star. VI 57: H bb kou äbhb oiBopH spaia? 0. Peqe: .m.-tii
ÄBHB nscxH rapBaHa.
32. Star. VI 59; Syn. A 31 fügt hinzu: zur Frage — h acHBH 6iinie, zur
Antwort: h «iaBOJ. Cf. noch Nom. b 17.
33. Star. VI 60. — 34. Star. VI 61 .
328 Rajko Nachtigall,
35. Kto saMHCJiu xjana? iioie, iipbBO xawa öpaxoMa CBOHwa pa-
ßoTaTH.
36. Kto pasA^JH Btcs seMJiio iia .a- ^lecxn? 0. Hoe yeTtipewt
cuHOBOML cBOHMb: Chms , XaM« H A-texs H Mnsrb-, Hase po^Hce eMs
no noTone.
37. Kto öora bha^? ABpaaML.
38. ^a KTO et [mlckoml] öece^OBa? npopoKb aBBaKSMt.
39. Kto cl öoroML öece^OBa Jini^iMt kj. .ihi],s? Mujvch iia rope
cHHanci^eH.
40. Kto paa^^JH atbSjroMt Mwpe h npoiiAe Kpose iire no coyxoy?
CtiHOBe icpaiueBH h mujvch.
4 1 . ^H rpoöb He wöp^Te ce ? MOMBHHOBb [wohl MwvcewBb] .
42. Jlß, KTO BHA^ öora Hara? cBexbi MapTHHb.
43. Kto csesa 3Mea ? CBeTaa Mapnna.
44. /I|a KTO Bb w6pa3b öece^OBa cb arre-ibi? epeiMia npopoKb.
45. Kto saTBopn neöo .r. ji^Tb h .s. Mieeii,b? Hjiia.
46. Kto ena .^s. .ii'feTb? aBHMOJiixb.
47. Kto nocTaBH npbBO i],pbKOBb öors? cojiOMOHb,
35. Syn. A26; Prim. « 19: npoKJie. Schlettst. IX, 27 etc.: Int. Servi
quomodo vel quo ordine facti sunt? R. De Cham, qui de Noe patri suo risit.
36. Prim. « 20; Syn. A 27 : kto pasÄi^n scmjIio na .n. -qecTn? Hob .r. cti-
HOBOMB cuMs, xaMoy u a-i-eTs. Schlettst. VII, 12: Quantos filios habuit Noe.
III. Sem, Cham et Japhet, qui inter se diviserunt terram.
37. Syn. B 6; Star. VI 73: MpaMi.
38. Syn.B7; Star.VI74: B. Kon cact MH.ie HsMauie. 0. IIpopoKL AsaKSMi.
39. Syn. B 8; Star. VI 75; Syn. A 28 und Prim. a 21 : nur mwvch.
40. Syn. B 9; Prim. «22 (viell. besser): B. Kto pa3ai.iu Mope u npoBeae
Äwm no CSX8? 0. Movcu.
41. Syn.B 10; Star. VI 76: Mouce«,, ebenso Syn. A 29: kto sMpi u rpo6b
lero He wöpcTe ce? MwvcewBB. Lat. Schlettst. IX, 81 : Int. Cujus sepiüchrum
quaesitum et non inventum. R. Moysi, quia dixit ei deus etc.
42. Syn. B 11; Star. VI 77.
43. Syn. B 12; Star. VI 78: ÄaMEO.ia.
44. Syn. B 13; Star. VI 79: o6paci. öohch.
45. Syn. A 32: .t. statt .r. ist wohl Druckfehler, cf. gr. Krasnos. 1898,
XII, 91 u. Moc. griech. Text II 29: 'Eq. Tig xov ovQavhv taTTjae tov ^r, ß^iiat
inl xrjs yrjg htj y, fxrjvas cJ" ; .'/tt. 'O ccyiog 'FlXiag (Moc. hr] tqiu x(d /LiTifccg .?'.).
T
46. Syn. A 33; Sreck. 75: B. Kto cni .o. .s. .Tiri.. W. AuuMe.^iexi. (doch
hier in anderem Zusammenhange zu erklären).
47. Syn. A 34; Star. VI 35.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa •rpex'L cBamTejefi. 329
48. KoH öfcicTL nptBa lüpLKOBb xpHCTiaHCKa ? CßeTLi IleTpb Bb
Phmg.
49. KoH 6bicTb npbBiH eraicKsnb? MKOBb Bb KpKcaJiHMe.
50. B. Amh KOH 6h apxH^HHKOHb? 0. Eeme CBexH Cxe^anb.
51. B. Amh koii 6h MejixHceAeKb ? 0, CbiHb nasBaHb 6HCTb npea-
BHXepb.
52. KoH KCTb rpaAb ep§Ä^ 3eMJiK? lepscajHMb.
48. Syn. A 36.
49. Syn. 37; Star. VI 36: naTpuxapt so lepscaJUML? Mkoel.
50. Star. VI 37.
51. Star. VI 38.
52. Syn. A 35; Star. VI 65.
Unter diesen 52 Fragen sind gewiss nicht alle ursprünglich — so
besonders von denjenigen, die bloss aus einem Texte zu belegen sind
und durch die gleiche Idee oder ein gleiches äusseres Moment hervor-
gerufen werden konnten; doch gestatten uns die Texte keine nähere
Bestimmung. Mein Trachten war, keine Frage entgehen zu lassen, die
aus irgend einem ansprechenden Grunde in den Bereich des hier Be-
handelten aufgenommen werden könnte. Der Text, wie er hier wieder-
gegeben wurde, erlaubt von gar keinem Chaos zu sprechen. Sein Sinn
zeichnet sich durch stetigen guten, wenn auch vielfach nur äusserlichen
Uebergang von einem zum andern Thema aus. Das Charakteristische
der Auslegung ist (selbst nicht ausgenommen die Auslegung der Frage
über die 8 Theile Adams) die lapidare Kürze der gestellten Fragen und
der darauf ertheilten Antworten. Deren Inhalt ist zunächst ein kosmo-
gonischer, die Genesis der Natur und des ersten Menschen umfassender,
worauf mit Adam der Uebergang auf Merkwürdigkeiten, Personen und
Begebenheiten des Alten Testamentes stattfindet, womit, veranlasst
durch die Idee des Ursprunges und der Priorität gewisser Dinge, auch
anderes in- und ausserhalb des Neuen Testamentes Liegende verknüpft
wird. Im Griech. können wir bisjetzt nur einzelne Fragen belegen —
und dies nur aus dem nicht kosmogonischen Theile des Textes. Fast
zahlreicher noch fliessen dafür im Lat. die einstigen Quellen. Da jedoch
im Lat. neben den hierher gehörigen Fragen ganz vermischt auch solche
davon zu trennende aus der echten Beseda des Slav. vorkommen, sind
wir über die Natur des ursprünglichsten Prototypons für den hier be-
handelten slav. Text so lange nicht aufgeklärt, bis uns nicht eine um-
330 Rajko Nachtigall,
fassende Studie der lat. loca und der damit verwandten Literatur-
erzeiignisse diese klarlegt. Natürlich steht für das Slav. noch mehr im
Vordergrunde seines Interesses die Auffindung directer griechischer
Originale desselben. Andererseits musa man erwarten, dass noch con-
servativere slav. Texte selbst ans Tageslicht kommen und weitere Klar-
heit über die Schicksale unseres Themas bringen.
Manches von dem eben Gesagten Hesse sich auch betreffs der zwei-
ten Reihe der Adamfragen wiederholen. War es bei der ersten noch
leicht, das sich darbietende Material nachwinken der Texte zu ordnen,
so haben wir es hier zwar ebenso mit einem ziemlich abgerundeten In-
halte bestimmten Charakters zu thun, können jedoch nicht mehr in dem
Masse Auskunft über die Reihenfolge der Fragen in den zwar zwei Fa-
milien vorstellenden, aber deutlich verschobenen, secundären und theils
geringfügigen Texten selbst vorfinden, wie vordem. Die Texte, die in
Betracht zu ziehen wären, sind: in erster Linie Nac. (XVII. Jahrb.),
Star. VI (XVm. Jahrb.), Tich. A III a u. b (XVI. Jahrb.), Nom. a (XV.
Jahrh.) und Agr. (XVI. Jahrb.). Dazu kommt für 3 Fragen auch Tich.
A I c in Betracht. Eine Tabelle der zusammengehörenden Fragen stellt
sich folgendermassen dar :
Tabelle der Adamfragen zweiter Redaction.
Tich. A III a 1 : Agr. : Nom. a 7 : Tich. A I c 2
5 = 0=20 bis 22 (+24: Ende V.Star. VI 5)
= 2=0 = 8= [3]
5
45 = =
Nac. 1 :
Star. VI
a\ :
2 + 14
= a
2 u.
3
=
14
4
=
16
5
=
17
6
=
18 a
7
=
18b
8
=
19
9
=
45
19
=
46
20
=
47
10
=
26
11
=:
27
12
=
28
vor 13
=
44
13
48
= 9
= 6
3=0 =
7
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa Tpext CBÄiHiejieH. 331
Nac.35 : Star. Via 40a : Tich. A III a : Agr. : Nom. a : Tich. A I c
36 = 40b = 10[11] = = = 5
Tich. A III b 1 = Prim. /? 1 4 b Drin. XVI, 1
(Moc.Nr.17, S.56)
23 = = 2 =0=15 ib. 2(8.69)
15 = 6 = 9bis 11 =5bis7
[7 = Agr. Moc. Nr.21]
16 = = 6,5 U.3
17 = = 4
18 = =7 + 8 = 4
21 =0 =12 =8 = = 6
13 [14] = 1
[15 = 2]
24 = =46 = = 10
25 =0 =47
26 = =48
27 =0 =19 =11
28. = 42 b =
29 = 43 = 20 + 21 = 12
22 = = [22] 23 = [13] 14
33 =0 =27 =0
30 =49 =16 =3
31 =50 = =23
39 = 51
38 = 52
37 = 53
32 = 54
40 = 62
41 = 63 : Tich.AIUa[12]
42 = 64.
Wie man aus den Zahlen ersieht, sehen diese Texte schon viel
bunter ans als die früheren. Am vollständigsten hat das hierher ge-
hörige Material Nac. enthalten, doch mit deutlichen Spuren der Ver-
derbtheit in dessen Anordnung, was auch durch die übrigen Texte nicht
vollständig sanirt werden kann. Gewiss, schon äusserlich kenntlich ist
eine spätere Verstellung, wenn es z. B. nach Nac. 1 3 : E. .laMiex KaKO
6h cjrhnh h KaKo scTpijiH KanHa? — in Nac. 14: B. SBis^H ü; n;a cb-
332 Rajko Nachtigall,
TBopii 6t? (cf. Nac. 2: B. W ma cBXBopH 6b ejiHi^e h mi^l) heisst, oder
wenn nach Nac. 1 8 : B. KaKo 3axo;i;HT CÄnvsß hjth KaKO hcxoaht "? in
Nac. 1 9 : B. KaKO iie blcmpah ce hjih KaKO iie eBrnnce ? steht, das nur
durch ein ausgefallenes: Star. VI 45 (Tich. A lU A a 9): B. Kojiko
jieyKQ, Abbjil HenorpeöeHL ? erklärlich ist und mit Nac. 9 : B. Kto öuct
npbBH MpLTBi>u,L Ha 3eM.iH? Verknüpft werden muss. Ein weiterer se-
cundärer Fall ist offenbar auch Nac. 33 : B. mo ropn ctxBopH 6i>? —
was zwischen Nac. 32: B. Kto :ssaiBh bb rpoöb Btjiese und Nac. 34:
^To KCTB JiOTh AßpaMoy, eyme tojihko h öojihti. sa Hera seinen Platz
hat. Die letzte Frage, neben Nac. 9 die einzige, welche man in den
übrigen Texten nicht belegen kann, scheint ebenfalls späterer Abkunft
zu sein, da wir sie nirgends recht gut einreihen können.
Wie ich es betreffs Syn. A etc. gethan habe, gebe ich auch hier
den Text umsomehr wieder, da daraufhin einige Bemerkungen anzu-
knüpfen sind.
Text der Adamfragen zweiter Redaction.
1. Bb He^ijroy CBTBopn 6b hböo h seMjrio. Bb hohjIkb cjini^e h mu;b
c' Ä
H Bca H6Haa. Bbtophhk Haca^H pan. Bb cpi BBcxaBH bo^h bb Mopi.
Bb ^tkb noBijie h cBSAamece bbch ckoth h ra^H. Bb nexB CBS^a aAaMa.
Bb csßoTs BB^a^e KMoy ^moy.
2. B. W ma CBTBopH 6b cjini^e h mi][b? W. ler^a cBTBopn 6b He6o
H 3eMjK) H ler^a homhcjih KaKO ^a cbtbophtb Ti.!iBKa h KaKO ^a ce po^HT
u) Hero. H KaKO xoxe pacnexHce h CMp'xH npi^axH ce. H ler^a w
1. Nac. I. Star. VI « 1 : Bi Heaejno noseje rocnosB u cTsopu; 3eM.!iia otb
neuÄ MopcKa (cf. Star. VI /S 1 et Syn. C 6 : u nose^i rocnoas CBriiaxii nens Mwp-
CKsH) H CBTBopu seMJiio) ; H Bca Hönaa fehlt, dafür: cJihum cctb .lonaia öoacHM ;
raÄU H nxHUH. Tich. A III a 1 : 3eM.aK), äbub h hoiiib h bcio Bce.3eH8io ; ra^u,
HTUua nepHaTBiia ; a^aiia pyKoio CBoeio ; «aposa statt BBsaae ; Äinio aaaiwoy u
W3KHBH ero. Nom. a 7: (mit einer Frage begleitet:) Bb kou äi>hb cbtboph 6orB
c' a
He6o H scMjiH)? Bca HÖnaa fehlt; cbctbh boäbuhic CBTsapu; ckotu fehlt. Tich. A
I c 2: von Dienstag an: aiope statt Boau bb Mopi; saÄc ms äxb acHBOiHBiu.
2 — 3. Nac. 2. Star. VI « 1 : Antw. fängt mit lerfla noMHcau an; na KpBcxB
npcaaae ce, TorAa cjiasa naÄCXB u3B oko rocnoÄHe, h caxBopii cibhiic neroBO. Star.
VI /S 5 : H KaKO Äa ce poÄUT w Hero fehlt ; Schluss heisst : MiceuL otb npecTO.!iB
rocnoÄCHB u sBesaaTC co otb tcjo öojkIc, a arrcie ca otb asxa öojkh h otb ofuhb
(cf. Syn. C 8: Bac. p. : wt tt» coyi arrdbi coxBopeHH? iwaHB p. : wx Äsxa rocno-
Ein Beitrug zu den Forschungen über die sog. Beciaa ipexx CBSTHTe^ieH. 333
CMp'xH noMHCJiH Tb, TOFAa cjiLsa HcnaA^ H3i> wKa rna. to do cjLse na-
pe^ie rb cjHiiie. Mi^b w nexpaxHJia rna k.
5. B. Sb^sah üj ma cbXBopH 6b. W. (& noxa rna xaKOjK^e h
arr-iH cbXBopn.
T t-, T T »-.
4. B. W Koro cbXBopH 6b a^aaia. W. W .3. qecxH: .a. xejio rero fl;
aeMJiK, .B. Kocxb lero iD KaMena, .r. KpbBb lero ^ pocH h i& ejHiiia, .a.
AHxaHiK Kro vj B'Ixpa. Ainoy lero ü; Ana öojkhh, .e. pasoyMb lero ö; wÖJiaKa,
c
,s. üjim Kro ü) MopH, .3. noMHCJib üj 6pb30CXH lero arrjiKHH.
5. B. KaKO AHMBOJia cbXBopa 6h. W. lerAa cbXBopn 6h neöo h
seMJiio BHA^ ceHb CBOKt Bb BOA^ H peqe 6paxe hbhah h öoyAH cb mhok).
H3HA^ ^JiBKb H Hapeie HMe KMoy caxanaHjib.
6. B. KaKO HcnaA^. W. lerAa caAH rb pan. xorAa noBijieBame
caAHXH. caxanaHJb KpaA^me w BCbro. h uibAb npocnna na cp'^A© xaniio
öj ra. rb peue* xh KpaAemn w Mene. Aa 6sAexb xeöi na nporHamie.
H3HAe eaxaiiaHJib h pe^ie* ra öjibh kjihko nacaAHXOM. rbpe^ie* öjibho
Aa K, xoy KCMb asb nocpn rero. caxaHaHJLb hab Aa BHAHXb ap^bo leate
sKpaAe H nocaAH. KrAa bha^ ap^bo lero, xorAa oaxananjib no^pbHi.
HSbrna ra AptBO lero hs paM. xorAa rb nape^ie hmg kms AHMBOJib.
ahm). Agr. 20: B, noBiatSB mu wqe KaKO cjiHue saqeice; poÄiixce ro aiBti rt h
- — - "c
KaKO CBMptTB npHeM.ieTB : TO sa^ece cjHue; Agr. 21 : B. Jioyaa üj Koro k.
T C T c'
W. w pecB neipaxiijia thh. Agr. 22 : B. SBisaa w Koro coyi. W. ilibt thh coyxB.
Agr. 24 : B. W iio tb arrjiM CBoe CBiBopH. W. ro niTpaxu.iM.
4. Nac. 3. Star. VI 14: B. Ot kojihko aejose coTBopH 6orB ÄÄaMa? 0. Otb
.3. Äe.50Be. IlepBO jiejio otb 3eM.iH, .b. j^ejih Kpo<(>B otb Mope, .r. otb KaMCHB, .^.
Änioy lero fehlt, .s. w^h ms Äaae otb cjibhuc h otb poca, .3. arreJiCKH u jiaiB otb
CMexB. H otb TOBa chiko äsxb cseTii co6pa ro etc., cf. ohen S. 325. Tich. A III a 2 :
T
W KOJHKa iiacTH CTBopH öoFB ajiaMa? für .r. steht .8., f. .ä- — -3.; in .«. f. .e.
fehlt ro Äxa öoacHH. Nom. a 8: W K0.111KO qecTii cbtboph öofb aÄaaia'? für .e.
steht .8. (wT BOÄH MopcKHie), f. .F. — .B. ; .«. ist i Ä8IU8 wT BCTBpa; für .e. — .3.
(nur sMB statt homhcjib], f. .8. — .e. ; .3. ist kpbb wt poce seaiJiBHHie. Tich. A I
c 3: .H. qecTH; .e. ^le ro Mope, .r. q. ro KOMCHia, .ä. 1. ro BiTpa, .e. n. w rooJiaK,
.8. q. w cJiHua H ffi pocH, .3. 1. w noMBicaa ro öpBsocTH arrjBCKBix, .u. 1. xCj ctfo
Äxa. © Toro CT>6pa 6orB etc. (cf. S. 40 u. Arch. XXIII, S. 81—83).
5. Nac. 4. Star. VI 16: bb boä^ fehlt; comsujib.
6. Nac. 5. Star. VI 17: B. KaKB OTuaÄe otb öora? a CaMSHJB KpaÄCiue ae
TO noBe.;ie Ta ce/iexa, otb chikutc OBouiTie no spBuo u sauece aa ro caau c KpuuioMB
334 Rajko Nachtigall,
7. B. Kto ci^e Ha iipicTOJii BHUie ra. W. Ap,sMh rer^a BhsjußviTRe
lero rt na CBOie pawo h BtAa^e KMoy fljuoj.
T 'S'
8. B. Kok p'iyn npiacAe nporoBopH a^aM. W. ajinÄOjnu to re ch-
c . — .
Phkh: xBajiHxe ra.
T
9. B. TA'fe Geß,i a^aitt hslui'ai» hs paH. W. Bt K^ewi npi^ ab'^p'mh
paHCKHMH.
T
10. B. Kto ölict npLBH mp'tb'u;i> na 3eM.TH. W. Abg^b öltcti.
npLBH mp'tb'i^b.
11. B. Kojiko jesKa Asejit HenorpeöeHL? 0. .u,ä. jexa, AOHAe
norpeöoBa A^aina, oi],a ero.
12. B. KaKO He bl CMpAeee hjih KaKO ne CBrnnee. W. He öeuie
p'^enO HH MSXaML HH ^ipLBWM Aa KflOyTL.
T
13. B. KaKO BBSABHacoyTce ch.zihh B^xpH. W. Kr^a KaHHi. njia-
^IGT, TOr^a BBS^BHJKOyTCe CHJHH BiXpH.
T TT
14. B. W Koro saqeee säo. W. W Kanna 3Jio, Jitata h KJ^Bexa,
pasÖOH H ÄUiersÖHK.
T
15. B. KXO CtXBOpH .3. 3I>JII> BeJTHKHX. W. KaHHB CLXBOpH .3. 3hÄ
BBJiHKHx, ler^a Hsrnöi .3. TiecxB cb^t .a. Auiersöiie, .b. aAa usic^ij^n,
OTB Eora; hshäc caMSHJii.; vor Toy kcml (laivio caMi.) fehlt «a le; caivianJiB othäc;
Torasa caMaHJioBo-To no^pine Hcnaaeno OHO-Ba Äpeso (weiter fehlt). Diese zwei
Fragen (5 + 6) sind wahrscheinlich aus der Kreuzlegende hierher gerathen
(cf. oben Arch. XXIII, S. 56). _
7. Nac. 6. Star. VI 18 a. Tich. AlllaS: Antw. nur AAaM, BÄase gm» äiüio.
8. Nac. 7. Star. VI 18 b: XBaJiHTe Eora cb He6ecB. Tich. AIIIa45: B. ^to
ecTB ajiCÄma hkojkg vjitt,. W. aji. eBpiücKHM'B hbbikomx : XBaJHTC ra. Nom. a 6:
'^To KOT aJiJisH? xBajiUTe rocno/üa.
9. Nac. 8. Star. VI 19: Bb mm^i fehlt.
10. Nac. 9.
11. Star. VI 45: die Zahl .m. cf Syn. A 12; Tich. A III a 9: W. ÄesiTt
COT (.i;.) jiiTx; ÄOUÄcace oyaipe aÄaMt xorÄa norpeöoiua aBCJM npu a^aivie h CBBoy
npn eÄCMC.
12. Nac. 19; Star. VI 46.
13. Nac. 20; Star. VI 47.
14. Nac. 10. Star. VI 26: f. paaöou — xaiwsTCTBO. Tich. A III a 6: Antw.
Ji'aca H K.3eBeTa, eoynB saBiicxB h HCHaBHCTB, Tai'ßa, HacujocaHHe .... er^a oycxpejH
cro .jaiviex lorÄa pe^e cms' 3jimh 3Äe nornöHCTt h oyMp'T-B (offenbar verdorben).
15. Nac. 11. Star. VI 27: B. Koh coctboph .3. paöoTH bcjukh KorAa noru-
Haxa .3. Ä(j.!i0Be otb CBCTa? 0. KaüHB .a. Asuiy norsöu, .b. afla Haiviepii; .r. (wie
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa ipex-L cBflTHTc;ieä. 335
.r. seM^is wcMpaAH, -a- i^i^a wne^a^iH, .e. Maxepb wöesB^eTH, .s. ra
ö;Bpba:ece, .3. 3 öpaTOML pacxa ce.
16. Ha KOJiHKO ^ecTH pas^ejEH öorb ÄOÖpoTs a^aMOBs"? na .3.
tocth; .a. qecTt pßCTh aspaMs rocTOJiioÖHe, .b. caMcoHs cnars, .r.
ÖOraTCTtBO IWBS, .fl. JenOTS IWCH*«, .e. KpOTOCTb AaSH^S, .S. MSApOCXL
cojIGmohs, .3. Koee aBecajrsMs clihs AaBHAOBs,
17. B. 3a inTo ocTaBH Bort Kanna na Micei];a ^a rjieÄa? 0. Otb
KaKBO e Aoöpo HcnaAHajB, h naKt ^a rje^a KaKBO ce 3.10 gt-l nero sage.
T
18. B. JlaMiex KaKO 6h cjiini. h KaKO scTpejiH Kanna. W. Kto 6i
rH^BB 6yK.hi Ha Kanni, cbüi^k ce xoatAame r^asa KMoy npn Horoy. ko-
ji'Söame TptcTiie. BoatAi» -laMexoBB MHen^H SB^pt le^ h HanpaBH psKs
JiaMeXS H CTpijIHTt.
. — . T
19. Kto nannpisiAe ctTBopH acp'xBs öoy. W. Hok Kr^a hshä^
HC KOBqera.
T
[20. r^e ce^HT a^aM. W. na .a- neöoy iipoBaatAaKT npaB^AHire
Bt paH, a rpiniHiK bb MoyKoy.]
oben); .«• ouaorpemii; .e. Maiept cbom oöect^eÄii; .s. otb öora oipe^e ca etc.
Im Griech. entspricht dieser Art der Auslegung der oft begegnenden Frage
noch am meisten Krasn. 1898, VII 30 gegenüber z. B. V 7 oder XI 70.
16. Nom. a 9. Nac. 12: na .3. lecm fehlt; die Antwort ist lückenhaft,
doch erkennbar: .s. steht vor .e. ; .3. fehlt, da hier (zu Ende) das Blatt abge-
rissen ist. Star. VI 28: die Eeihenfolge ist: .a. .b. .ä. .e. (uaps ^asuÄs) .3.
(sJiaTHii koch) .8. .r. Tich. A III a 3: Ha .3. geciH fehlt; in .e. ist KpoBi. f. d.
zu erwartende kpotoctl unverständlich; .s. fügt cHoy ero aaBBs hinzu; .3.
fehlt (s. übrigens oben S. 326).
17. Star. VI 44. Nac. vor 13: wegen des abgerissenen Blattes nur er-
halten : lejiHKo ro Hcro 3aqeHsce. Tich. A III a 7 : ßori. u. «a vjiexa fehlt ; w. aa
3piiT b'cm s'jiaH Ha CBCTe KOJHKO 3Jia uj Hero 3a^ama'S". u naKH rsl apHT bcm ö^raM
e.IHKO CA eCTB HX JÜHHIIIjI.
18. Nac. 13. Star. VI 48: Ta ce srBpqu; uTpeneparae Kaio ipecTUKa; 11
T
sxaKMH cipda-ia üaiviexs. Tich. A III a 8 : oyÖH; W, Eoatauie ero [wipoia] u
erÄa bhäht 3Bipi. h HanpaB.;iHHie eivioy poyKs a wwh ne rpemeuia «a mko 6e
rniBt 6acHu na Kanne h xo>Kaui§ CKop^acM peie npnKJiOHUCM rjiaBa
CMcy npH Hors CKOse usctlih» ko jeöjEMme c lepHne ^jtKi. HanpaEJume
JiaMexoy poyKs mhmuih h sBipB e^ h mko oycipiJiH e. Die Zusätze
scheinen auf einen Apokryph der Art wie Tich. XlaMax. I S. 24 f. (Jaiiext)
zurückzugehen.
19. Nac. 35. Star. VI 40a: Die Frage: Koh cotboph Kopaö ? scheint unter
dem Einflüsse von Star. VI 23 : B. H koh coTBopa HaanpBo Kspöani. Ha scmjh ?
Abcji. (=Syn. A14) differencirt und als Frage zu Star. VI 40 b gesetzt worden
zu sein.
336 Rajko Nachtigall,
T
21. B. Pi];h mh KaKO eext seMJiM. W. Ha ^leTBipe tocth öort pas-
^eJiHJi 3eMjiio : e^Hns ^acxt coTBopn pan. ApHrsio iiacTL coxBopH jiio-
fleM'B eeAaüHme . (Cyi;eJiH öorx ce^Msio qacxL ^ paH ^a^i jno^eMx atnxH.
22. B, Be;iHKa jih e^ seinjia, W. Ejhko i3j seMJie ao neöa xo.ihko
e*^ seMJia Aeöeja.
23. B. FojiiMO JH K^ ejiHii;e hjih mij;l hjh sbgsah. W. CjiHi],e k'^
rojiiMeie w Bce 3eM.ie .^. nbnpnm. mi],i. k*^ s nojiOBHHa seMJie. Ss'^s^a
.ei. AHe xo^a.
^ CT 'S
24. B. /liajreiie jih e*= cjiniiie ^ Mi^a. W. Ejihko ^ seMjre ^o Mi];a
20. Nac. 36. Star. VI 40 b. Tich. A III a 10: W. na BI,ICO^e npecTOJi
CMOTpMioinu EeaKs Äuiio npoBoacaiomu c n-üaiejix rpeinns a npase^iHs c paaocTiio.
T
Darauf folgt : Tich. A III a 11 : B. T^i ccähtt. cbihx ero aseju.. W. ccäht ctiHt
cro OB enoxoMi. niiraoymH rjjexH bccm h npoBoacaiomH nj)aBeÄHBiM b pau, a
rpeuiHMu b MHKoy. Tich. A I c 5 = Nac. 36. lieber die Stellung und Ur-
sprünglichkeit der 20. Frage bieten die Texte zu wenig Anhaltspunkte.
21. Tich. A III b 1. Prim. /? 14 b (resp. Nom. a) : II na lempu qecxH pas-
acju Bon seMBJiro, .a.-io hcctb CBTBopu paii, .b.-io ^ecxt Mopc u Bo^e, .r.-io qecii.
nscTO MicTO, .Ä. lecTB JioaeMB ceÄaJiniTe u wx.is'iu Eort v: para. .3.-10 qecTB
niniTe JiioaeMB, Drin. XVI (Moc. Nr. 17, 1 ; S. 56): B. Pluu mh w seMjiH. KaKO
T C
deui. W. Ha .«. gei pasÄiJieHa seujii lieber diese und die folgenden
Fragen vgl. noch später.
22. Nac. 23. Prim. ß \b (resp. Nom. a): Kojhko gctl seiviJiH aeöe^ia? Tich.
A III b 2 : Ko.iHKa cctb rjoyÖHHa BCMHaa? W. K0.iHKa ec BBicoia HöaaM. Drin.
T ^
XVI (Fr. 2, S. 69 f.): BdHKa Jiu e rjisÖHHa seaiu. W. cjhko le^ ro scma na h6o. to-
JHKO U rJIAÖHHa 3eMH.
23. Nac. 15. Star. VI 6 : Kojuko jiu e etc. 0. catHiie-xo e ro.ieMo .^. no-
rjieÄe, a MiceuB e Ha ciiiKaxa zquäu no^OBuna-ia. Star. VI 7 : B. K0.IK0 .iHiia
HMa cJiBHHe TD HJiH Miccua? 0. Oöpase ^.a. uMa c^bhixc-to, a aiiceHB HMa .tm.
oöpase. Agr. (Moc. Cji^äbi S. 57) Piiu mh kojihko w6pa3B HMax cjiHHe. peie. xh-
coymoy mag viell. auch hierher gehören. Agr. 5 : B. BejiHKo jih kc ciuue.
HJ. EBce 3eM.ie HBnpuuiB lucoymoy no Ei.iUKO ecxB ; 6: B. jrsHa BejiUKa äu k'^.
T
no.30BHHa BCi scMjie; 7. B. SBisabi BijHKC Jiu coyx. W. .ji. ähu xoaa, xo.iuhu
. . T
cojn-. Tich. A III b 9: B. Ko.ihko ccxb cjimo BCiHiecxBO. W. .^. nonpuiuB; 10:
T
B. KojHKO ecTB Jioyna. W. no.ioBHHa ecxB Bceia sgmjia; 11. B. 3Be3/iBi kojukh
CSTb. W. KOJIHKO eCXB .JI. ÄHCH HSTH XO-IUKa CCXB SBCSSa.
24. Nac. 16. Tich. A III b 6: AaJieiuH ecrt w Mua h6o? Zur Antwort
(=Nac.) wird noneace cüue cctb na hoch hinzugeschrieben ; ib. 3 : KaKo sbcsäh
Ha iCM-B CTOUTx; ib. Sj JIoyHa h ane ächbhuhu KaKO ckxb? üoyua na uöcn lecii.
a ÄBe etc. — 25. Nac. 17: Die Antwort fehlt, da das Blatt hier abgerissen ist.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eecifla xpexi. c-anTUTeÄen. 337
TOjiHKO iD Mi],a AO ejiHii;a h fl,o 33^3^^. 3b'63ah na hoch STBphSKAeuH csth.
C T
Mu,b H AB'6 Ai'HHi^H IIa Hiepex njaoaiOTb. 25. KaKO 3b§3ah xo^eTb. W.
T
20. KaKO 3axoAHT CjiHi;e hjih KaKO hcxo^ht. W. Er^a 3aHAe
cjiime, noHMoyT ra arr.JH h Hecoyxb ra iia iipicTOJiL rnb. nojiaraiOTb
ra Ha Kpnjio rne. h noiOTb n^iciib HeMjiLqiioyio h na .s. m,*^ vDßpbseTb'^
np'icTOJi H noHMoyT cjHi;e h iiecoyT na BbcxoK. h nocxaßeT iia np'i-
cTOJi, Toro pa^H na roüei«' flß.h BbcxOAHT,
27. B. KaKO niTJiH Bb hoii],h noiOTb. W. Kr^a noHMoyx arr.jH
c.iHii,e cb npicTOja rna h noiiecoyT na BbCTOKb, oy^apeT xepsBHMH
KpioH, Tor^a Ha somäh BcaKa nTnu,a noTpenemexb. Tor^a pa^n nixjH
nponOBi^OyiOTb MHpOBH.
«• T
[28. B. ^xo csxb rpoM h mxo csxb mojHIhm ö-iHcxaioma. W. FpoM-B
eexb wpsatie aHr.icKoe. aHr.i% rHb ^töBOJia tohhx a mojhhh coyxb
WAeat^a apxanrjia iiaeaHanjia h er^a AoatAi» H^ex xor^a AtHBOji'b cxa-
HexT. npe^ fl.oyKji,eMT> ^a ne rpaAexx na seuÄio xoro pa^H anr./i'b rnb
roHHX xoro. - — 29. B. ^xo xaKO mojihhm ceKb'Xu,a. W. To 6o ecxb xor^a
apxaHrjix co rniBOM spnxx iia AtHBOja. — 30. Kojihko eexb na AtMB0.)ia
cKopocxb anrjibcKaM. W. Kojihko ecxb oyMt mjikhh.]
Ebenso fehlt sie aber auch merkwürdigerweise in Tich. A III b 4 : B. KaKo
aaxoÄHT'i.
26. Nac. 18. Agr. 4 (verdorben) : — Ha ro.;iiM ähb blcxoähtb — B. KaKo
Hoiu,L BLCXOÄHT. W. Er^a cjiuue BBSuAeTB, MH03KCTB0 arrjiB BB3MoyTB ero u npUHe-
c c"
coyTB ero iia npicTOje nie noiome n§ iieMoyuHoy u na .3. nicHU uBpBsaiOT npi-
CTO.T THB II nouMoyiB arr^iii cjiHue u noHecoyi ua bbctok. Tich. A III b 7 : B. KaKO
CjiHue Ha ro.!ieM ähb ucxoaut? (Antw. fehlt); ib. 8: KaKo bt. Homii saxoÄUTx u
T
rje ecTB ? W. Er^a aa.uAex'h aiHue, TorAa MHoacecTEo etc. wie Agr. ; vor nouMoyrt
wird noioT aHrjiii ni^ hcmojI'bihkh) wiederholt. Die Zahl ist ausgeschrieben :
Ha ceÄMOu nicHu (wie Agr., Nac. hat .».].
27. Nac. 21. Tich. A I c 6. Agr. 8: Antw. kurz . . arrjiH rnti ii usHecoyx
cjiHue Ha 3eM.iH). Tich. A III b 12 : von noHccoyT bis xorAa neuti fehlt.
28. Tich. A III b 13. Agr. 1 : M^iBHia le'^ [rHe]BB (?) caTaHaii.ia tohhtb erAa
6o Ä03KÄB; statt Toro paa« etc.: Toraa cb rncBOMB tohutb ero. — 29. Tich. A III
b 14. — 30. Tich. A III b 15. Agr. 2: ua ÄBMBOJia fehlt; statt cyM-t — noMuciB
Etwas dieser letzten Frage Entsprechendes kommt auch in Tich. A III a 18
ungefähr vor: B. Koropsio cu.;ik i.3ks uorx awg u- aurjia. W. iT- 6op30CTH aHrjiii-
CKHM AacTB qjiKs oyM-B (-|- ein Zusatz). Es steht dies in dem Theile, der Prim.,?
entspricht fPrim.3 — Tich. IG, Prim.4 — Tich.17, Prim.5 — Tich. 18:. Prim.,'?5
Arohiv für slavische Philologie. XXIV. 22
338 Rajko Nachtigall,
31. B. ^To K'^ seMJia ^a le*^ njiMia boab. W. Mko tgjio njiLHO
KpLBH, TaKO H 3eMja BO^e.
T
32. B. KaMO Mope ^eBaieTt bo^h, K»:e hast bl Mope. W. MKoate
3B^ps xpaiia K^ Mptma xaKO Mops boah.
33. B. ^To K*^ cojit Mops. W. MKoa:e xejis tskb, xaKO Mops cojib.
34. B. r^e BL3HMJISTB WÖJiai^H BOAH, Kate TO.IHKO MHOFO H3H0CeT.
W. BcaKOie AHxaHire Toy HeeeTB r^e le^ Ta BO^a noneate Bt 6e3AHe k^.
T
35. B. KaKo sMHoataieTce BO^a Ata^ÄeßHa. W. M&jlo BtSHMaiox
ojöJiai^H Kr^a bhabt cb^tb ^Miioatexce. Peye 6o npopoKt Bt kocm§ psHO
pac^euis.
T ...
36. B. KaKO ÖHsaieT eoyuia hjih ß,hmji.eBO. W. Eext i];pt BOAenn
H csuiHH. Aa lerAa noHAexB bb rjifcÖHHOy, noHAyT Bce boah no hgm xoro
heisst: B. Koio ch^b AacTB Eon. q.ioBiKs? 0. Wtb öpBsocTH arre^rcKHe smb ^.Ä0-
BiKs ecTB. Man vergl. dazu noch inTich. A Illa 2: ^eTseproe mmcib cmb nane
w cKopocTH aHr^HCKiiM. Wcder für die Adamfragen noch für das sogen. Cjobo
OB. E-fpiaia sind die beiden citirten Fassungen der Frage genügend beglau-
bigt. Das Gleiche gilt viell. auch betreffs 28 u. 29.
31. Nac. 24. Nom. a 10 (später verändert, da es in anderem Zusammen-
hange steht): KojiHKo kct iqjio gjioBiiBCKO n.5BHo kpbbh? laKo m 3eM.3a kct njiHa
BOÄ^. Tich. A III a 46: w. mko h kpobb b le^ie TaKO u seMJiii BO^a.
V TT
32. Nac. 25. Tich. A III a47: B. IIomo KaMO iiaen. bxoäu. W. bcakhh 3BipB
KpOEHio xpaHHTi?a, laKo H Mopio ccxpaHCHie Boaa.
33. Nac. 26. Tich. A III a 48: B. KaKO gctb Mopio ciano«-". W. KaKO cctb
TOyKOCTU BBepCM'B U CKOTOy, TaKO eCTB H Mopio cjraHo'^.
34. Nac. 27. Agr. 11, mit anderer Stilisation: B. r^i BBsiiMaiOTB wöjtauu
EOÄoy ÄtacÄeBHoy. W. hhkom stnima snaeiB Kora m^ 'xasii BOÄa bb öis^ne ^iiBiit
II BB öisflHe BBSHMacT cc. Tich. A III b 19 (lehnt sich an Agr. an). Die Antwort
T
heisst : W. Hu Kaci siiHima hh wko Toro bhäux hh sHacTi. toh boäbi noue/Ke b
öisaae B3HMaeTKa.
35. Nac. 28. In Star. VI 42 finden wir nur: kocgho ccho nwiacTCHo, a tu ro
pac^eiueTB, la ciaHCT Miioro (cf. darüber schon oben, Arch. XXIII, S. 76).
36. Nac. 29. Star. VI 43: h csuihh fehlt, bei ÄJiBöiiiia steht beidemal Boana;
mehr ist: h3 3eMe «a ii3Bnpa und zum Schlüsse h nsiuTaxB poca no 3eMjriiTa.
T
Agr. 12: B. KaKO ÖHBaexB coyina, KaKO jh ÖHBaeiB ÄBacÄOBHO. W. erÄa öuBacTB
coyuia wxoaiiTB boäum upB bb r.;[B6iiHoy h noHÄoyTB no hcmb bcc CToyxTe boäkic
. . T
noHCHJC upB Toro paAii coyraa ÖHBaexB. W. ersa öHBacTB Ooypa BBSÄBHrHexce iipL
EOÄUii H3B rjiBöium noHÄoyTB no hcmb bbcc cioyxTc BOÄHie npia humb Toro paau
BB3BpaTHT BOfla HC KaMCH H3 spcEa Toio paflH HOHMoyx wÖJiami BOÄoy. Tich. A III {
b 20 lehnt sich an Agr. an; die Antw. heisst: Ectb cxsxuij npB boähbi craa j
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa rpexx cBjixHTe^ieK. 339
pa^H ÖHBaieT coyma. Er^a naKH i];pL BOAeHH AEHrneTce h3 TÄhönae bck
BOAH nOHÄyT np'^A HHM. TOr^a HSBpHT BO^a H3 AP'^BHH H HC KaiVieHlM. H
ujöjraij;!! roTOBO blshmjiiotb k>.
37. B. KaKO w HCTOTiHHKt 3HMie HCxOÄHTfc Tonja Bo;i;a a jieTie
cTs^ena npeMencyeTce. jrexie np^AXOAHTt cTsAeHO Bt MHpt, a Tonjio
Bb rjEBÖHHoy. TSiKoyKß^e h 3HMie CToyAeiio bb rjibÖHiioy a TonjiOTa nh
MHpB, Toro paAH re^ BO^a Tonjia.
38. B. (rA'i&) öane (nsBapexL H3t seMjre h) [?] tojihko lurHLHe
T
HcxcAex. W. 3eMJiM na BO^e ctoht h BO/i;a na wrHH, iD tsas
BO^e no atHJiaML H;i;eTi,. w6aye ain,e ne öh tojihko TJtcToxy 3eM.iibHS
npoxoAHJia, He 6h Morjii> w ropuHiie hh rje^aTH lo ^jckb.
39. B. IIIto ropH cLTBopn 6h. W. ropaMH 6h 3eM.M0 htbpbah ^a
CTOHTt a He KOJiöteTce na Bo;i;ax.
T T c'
40. B. W 111,0 vjTHh sa^iece. W. w 3eHHH,e rne BtKeate 6o aHr.ib
rHB. H cHece aAaMs.
41. B. 111,0 He CtTBOpH TL 5KeH0y ÖJ 3eMJie MKO H ^MBKa HB (D
peöpa cLTBopH K). W. BBnpocHuie arrjH w tom tb peye teko cbtbo-
pHTB Aa öojiHT apsrB 3a Apsra.
WHÄGT BO rJtSÖHHS H nOHÄSX BCU CIUXUM BOÄHaM nO HGMt nOHCKe UpB eCTB Toro
T
paÄH C8X0 ötiBaex-B. Ib. 21 gibt zu Agr. zweitem W. auch die Frage: B. Er^a
T
öspa 6i.iBaeii> KaKO npnxoffHTx soja. W. Bo3ÄBnrHema ijpL boähliu hst. tjisühhI)!
u noHÄST BCM BOCJiiaoyiomau eaiK u houäst Bnpea, loro pam BOSBpuT h3 apeBa Bo^a
HC KaMCHU WBCK)Ä8.
37. Agr. 13. Tich. A III b 22 (anders stilisirt): B. Kano ecxt seujia ust.
T
ropi. BOÄH xen^iLi laKOJiu cstb boäbi ctsächh. W. Ectb äbc ciHxiie esHHa Ten.ia
a ÄpoyraM CTSÄena npeivieHMma hko Ha hhoks noHe juexe npnxOÄHT cisaeHL bo
rjsÖHHs a ropMme sepxs npes SHMoy npeötiBaeix ropame bo r.iioy6HHe loro pa^u
H 3HMi Ten.!ia ecxB Bosa w hs ropt.
38. Nac.22 mit beschädigtem Texte der Frage: Kxo öaHe h. . . . Agr. 14:
T
B. Tai HSBHpeiB Boaa bb öanax. W. seMJiM na BO^ax cioutb. Boja na uthh u
BOÄHTce no acHJiaxB. xoro pa^H wrHti coyx. Tich. A III b 23: ß. Tä^ BsuMaema
T
BOfta xen.aa h3 3eM.a:H h tojiu wrueHeuo ucxcanx; W. Agr. entsprechend.
39. Nac. 33. Tich. A III b 27: cxchit. bb Mups.
V T . — .
40. Nac. 30. Star. VI 49. Agr. 3 : B. KaKo wruB saqeiB. W. apxarr^iB mu-
T
xau.TB BBaceace ^' 3euHHe. Tich. A III b 16 = Agr. 3, nur heisst in Tich. VJ.
Apxanrj'B MHxaHJX saace uthb w 3SHiua rua u cnlce na denJiDO.
41. Nac. 31. Star. VI 50. Agr. 23: B. IIohio CBXBopu 6b acenoy u- peöpa
T - — .
aftaMOBa a ne cBXBopu w 3eM.ie. W. er^a CBiBopu 6b yKCHoy xaKoacAe BBnpamaxoy
22*
340 Rajko Nachtigall,
T
42. B. KojiHKO Äir öbict a^aiiL bb pan AOHAeate ctrpiiira. W.
.Ä. Jlf,T.
. .-. T
43. B. Kto iiape^ie 6oy HJie leaioy 6b. W. JI^nuBOÄh iiapeue ier,T,a
peqe KB3t : mo pe^ie 6h hcth h.ih iie mcth.
^ T
44. B. ^H raac 6w*= iiyTb w etcTOKa ao sana^a? W. (Eß'acHHi.]
rjac ler^a wcs^h io SB^pt roproHH. Tor^a njia^ieuie BejiHKO.
T
45. B. Kto 2chbl bi> rpoöt BhJiese. W. Ha<i>api> rer^a Hse^e .r.
nemH xjieöa. ii o^^ataceHt 6hi'^ [AaBHAt h] ctTBopH MjITbs ki> 6s h shhs
seMjia H nojKpeTL acnnia H'i'apa.
46. B. Kto 6ixoy ciioBi ^jiByci^H nate BLsexoy aceim ceö^. ne
T . .
njiLTiH) njro^exoy ce Hoy noMHCJiivM. W. Chob^ chmobh Btaexoy cecTpH
CBOK H iie np^KOCHoyine ce k hhml.
47. B. IIoyTO TL KpmeHiie ctTBopH Bt Hop^aiiH. W. r^i A^aML
noKaa ce ts rt KpcTHce.
48. B. Kto npo^a^'S ^i'^cTt 3a6ecyeeTiK. W. HaaBt npo^a^'S ^i'^cti.
3a ö'^yTie HKOBoy öpaTs CBOKMoy.
6a arrjiH h peie ri. TaKO ctTBopoy aa öojihtb sa Moyaca csoero (mit einem Zusatz:)
Äa er^a Kapaeii na Hie na ceöi Kapaext a wna oynoEaHure Hani. UMaxt.
42. Nac. 39. Star. VI 51. Cf. griech. Krasn. 1898, VIII 9 [IX 13] : 'Eq.
nöau ITT] Inoirjaeu o yidü/,i eis' rov naouSeiaou] jln.ETf] ixcaöv: das nächste,
das aber auch nichts direct mit unserer Stelle zu thun hat.
43. Nac. 38. Star. VI 52. Siehe über diese Fragen bereits oben Archiv
XXIII, S. 8.5, sowie betreffs Fr. 42 u. 44.
44. Nac. 37 : W. öoküii. Star. VI 53.
45. Nac. 32. Star. VI 54: ii oyöoM ca ^aEUÄt u coTBopir. Cf. griech. in
Krasn. 1898, I 17 : 'Eq. Ti lariy ai irpotaeis xov (-Jeov tu tio kÜQvyyi ainüt^ xui
^ojuqialai d'lßTOfxoi iy Talg ^SQalv avxüv; j4n. ^Enl Miiiä&u^' ore eneii'aaey
ztaßlS y.al eisrjXd-ev eis tov vaov xal tovs «^tovs ti]5 TiQo&iaeoJS tcpceyey nvxos
xal ot fiel' avTov. Die Frage oben setzt natürlich eine andere griech. Vorlage
voraus.
46. Nac. 40. Star. VI 63: CuHOBe Hocbu h A^ctobu (über die griech. Pa-
rallele dieser Frage s. oben Arch. XXIII, S. 77).
47. Nac. 41. Star. VI 62: Hcoycx XpucToct für rt. Tich. A III a 12:
B. IIa KoeMx Meere 6ti Kpiuenie nie r^e u KaKO? mit einer langen Antwort
(8 gedruckte Zeilen), deren Urgrund (= Nac.) noch ganz darin enthalten ist.
48. Nac. 42. Star. VI 64 (kürzer ausgedrückt).
Der vorangehenden Zusammenstellung könnte man den einiger-
massen berechtigten Vorwurf machen, warum nicht vor allem z. B.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eecisa -rpex-i. CBHTirre.3efi. 341
Frage 23 nach Fr. 3 eingefügt wird; ebenso dürfte Fr. 22 nach Fr. 38,
wie da8 Nac. hat, ganz gut folgen. Gewiss hätte es viel für sich, alles
Kosmogonische zusammenzuthun, worauf entsprechend dem Syn. A I die
weiteren an Adam anknüpfenden, dem Alten Testamente angehörenden
Fragen anzuschlicssen wären. Doch konnte ich mich nicht dazu eut-
schliessen, da so die Frage über die 7 Theile Adams viel zu tief ge-
stellt sein würde, mehr als es die Texte erlauben. Es wäre in diesem
Falle ein starkes Abweichen von den Handschriften vonnöthen, das
manche Bedenken erregen könnte; darum scheint es besser, es bei
einem Compromisse zwischen den Texten, die zwei Familien vorstellen,
bewenden zu lassen. Bin ich betreffs der Trennung der kosmogonischen
Fragen der durch Drin. XVI, Tich. A III, Agr., ja gewiss auch durch
Nom. a repräsentirten gefolgt, so tritt neben allgemeinen Erwägungen,
namentlich deren höheres Alter nicht unbedeutend in die Wagschale.
Nac.I und damit der entsprechende Theil von Star. VI stellen die zweite
Familie dieser Adamfragen vor. Die Zusammengehörigkeit einerseits
der der ersten Gruppe angehörenden Texte und anderseits von Nac. und
Star. VI beruht theils auf dem Wortlaute, theils auf identischen, nur in
gewissen Texten belegbaren Fragen (von denen manche, wie die ganz
allein stehenden, ohne Zweifel secundär sein werden; man müsste sich
um ihre directen Quellen umschauen, dabei aber noch mehr Texte
haben) ; hauptsächlich entscheidend ist jedoch die Anordnung des ge-
meinsamen Inhaltes, hinsichtlich dessen man in der früheren Darstellung
der Tabelle nachschauen möge. Die Differenzen im Texte der beiden
Familien betreffen zumeist eine verschiedene Stilisation — ein Star. VI
ist ja auch völlig bulgarisirt — , doch finden sich auch weitere Abwei-
chungen, die aber — wie man sich aus den in Gänze angeführten der-
artigen Varianten tiberzeugen kann — an sich kaum ein verschiedenes
Original für den Ausgangspunkt vorauszusetzen geeignet sind. Man
muss sich nur an die Thatsache erinnera, wie derartige Literaturerzeug-
nisse dialogischer Form und einem breiteren Interesse zugänglich —
ganz selbstverständlich leicht ihr Kleid und Putz ändern, wofür uns das
Griech. und auch Lat. treffende Analogien geben. Im Grlech. ist bis-
jetzt, wie für die Redaction von Syn. A I, so auch für die von Nac. I —
benennen wir so kurz die beiden Typen der Adamfragen — nichts
Näheres bekannt. So können wir z. B. die Frage über die 7, resp. 8
Theile Adams nirgends belegen. Wir haben Tractate ähnlicher Natur,
wie z. B. den von Moculjskij herausgegebenen griech. Text: IIsqI y,xi-
342 Rajko Nachtigall,
(Jetog AÖOf-iov. Kai rör^fia ovQäviov inl Trjg yijg (JliTomicb HCTop.-
ctHJO.i. oöin. OACcca VI, S. 358 ff.) oder gar den sogen, kosmogonischen
Liber Johaunis (Thilo I, 885 ff.); doch können wir, wie schon oben
(Arch. XXIII, S. 53ff.) dargethan wurde, unter diesen genannten Texten
keine directen Beziehungen herstellen. Ein Liber Johannis hat sogar
eine ganz andere Richtung — mit einer echt bogomilischen Aus-
schmückung, während das betreffs der slavischen Texte gar nicht der
Fall ist. Selbst die in dieser Hinsicht am meisten hervorstechenden zwei
Fragen 5 u. 6 sind nicht so böse und wahrscheinlich nicht einmal im
Bereiche der Adamfragen heimatsberechtigt. Uebrigens muss ich die
Beurtheilung der stofflichen Seite unseres Denkmals, ihrer kosmogoni-
schen und anderen Anschauungen Fachleuten überlassen.
In der zweiten Redaction der Adamfragen ist das Charakteristi-
scheste das starke Obwalten des kosmogonischen und kosmographischen
Elementes. Ist der Anfang mit seinem kosmogonischen Inhalte und
dessen fernerem Uebergange auf die Capitel der ältesten biblischen Ge-
schichte einigermassen conform mit der äusseren Natur von Syn. A I,
so ist das Kosmographische eine Eigenheit der eben behandelten Re-
daction. Eine gemeinschaftliche identische Frage und Antwort gibt es
zwischen den beiden Redactionen nicht. Wohl werden erklärlicherweise
zur Genesis ähnliche Fragen gestellt — man vergleiche aber ihre Deu-
tung! Vergleiche will ich nicht anführen, sondern nur auf die beiden
Zusammenstellungen hinweisen : Redaction I Fr. 2 und Red. II Fr. 1 ;
6 — 2-f-3;8 — 38;9-fl0 — 22;il — 4; 13—16; 16 — 42;
17— 19; 36 — 21.
Zu glauben, dass sich Syn. AI und Nac.I aus einem ursprünglichen
Eins entwickelt hätten, geht nicht an, da ja dem die Texte selbst wider-
sprechen. Die in der That bestehenden alten Berührungen zwischen
beiden (Tich. Ale!) beweisen gerade nur das letztere. Wie nun diese
ältesten Beziehungen, die über ein Star. VI mit dem genannten Tich. A
I c ins Serb.-Bulg. und in das XV. Jahrh. hineinreichen, zu erklären
sind, wie sie sich ausgestalteten, dafür haben wir bis jetzt noch zu wenig
Daten, um es verfolgen zu können 'j. Ich glaube überhaupt, dass man
sich auf Schritt und Tritt in der Untersuchung überzeugen konnte, dass
1) Dass beide Arten von Adamfragen in einem Codex zusamraenstossen
konnten, zeigt viell. Agr., wo wir nach Knjizevnik III, S. 130 Fragen, wie sie
in Syn. A I vorkommen, antreffen, wo jedoch auch in dem von uns benutzten
Theil ohne Zweifel die Redaction von Nac. I wiederkehrt.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Becifla xpcxi. cBaTurejieii. 343
wir noch bei Weitem nicht ein kritisch zusammengesuchtes, bestes,
sondern mehr nur gelegentliches Textmaterial zur Verfügung haben,
was schliesslich nicht zu verargen ist, da man es neben Wichtigerem
leicht übersieht — mag dies üppig hervorgeschossene »Unkraut« auf
dem Felde alter Literatur infolge seines demokratischen Charakters
auch Mehr umgarnt und tiefere Spuren gelassen haben, als man ge-
wöhnlich denkt.
III. IIcnpaßjieHie und Cjobo cb. E*piMa (Syn. B, Prim. /i).
Wir wiesen auf die Berührungen zwischen Syn. A I und Nac. I
hin, die sich in Tich. Ale oder Star. VI etc. äussern. Ein weiterer
interessanter Fall derselben ist, dass wir einerseits in Nac. unter dem
Titel: IIcnpaBjeme w iiOB-feM saB^Te craro Hwa w snpoce (Nac II),
anderseits aber auch im Syn.* unter: IlenpaBJieHie w hobwm saBBTe
(Syn.B) an 20 Fragen angehängt haben, von denen 13 bei beiden völlig
identisch sind (darunter sogar eine nur in ihnen vorhanden: Syn. B 3 =
Nac. 52). Dieselbe Folge sehen wir natürlich auch in Star. VI; es ver-
mittelt überdies, da es mit beiden 10, mit Nac. II allein 5, mit Syn. B
8 Fragen gemeinschaftlich hat. In der Reihenfolge folgt es Syn. B, im
Wortlaute aber gewöhnlich Nac. II. Dieselbe, wenn auch etwas ver-
schobene Verquickung des gleichen Materials von Nac. I -f- Nac. II,
resp. Syn. B sehen wir schliesslich in Tich. A III, wo, von einigen
Schlussfragen von Tich. A III b abgesehen, inmitten von Tich. A III a
ganz Prim. ß : Cjiobo cb. vjTUß. E<i>peMa (Anfang des XVIII. Jahrh. ; cf .
Moc. Cjii^u S. 58), resp. Nom. a (XV. Jahrb.): Cjtobo cb. E*peMa ent-
halten ist, was auch im Titel von Tich. A III seine Spur zurückgelassen
hat: Bonpoc cb. E*piMa w cb. sacHJiHH w bcbm HcnpaBjrsHHH, und
wo ebenfalls dieselben charakteristischen Fragen (in Prim. ß 7, in Tich.
AIII 1 4), wie in dem HcnpaB.ieimre vorkommen. In der letzteren Gruppe
von Texten kommt überdies noch ein ebenfalls hierher gehöriges Plus
vor. Endlich bietet auch Agr. neben seinen Adamfragen 7 in Nac. II
und Syn. B vorkommende Fragen, ausserdem noch solche, die es mit
dem erwähnten Plus Prim. ß, resp. Nom. a und dem betreffenden Theile
von Tich. A III gemeinsam hat.
In diesen Anhängseln an die Adamfragen haben wir eine eigene
selbständige Reihe von Fragen zu erblicken, die sich in den Texten
folgendermassen vorstellt:
344 Rajko Nachtigall,
Tabelle der Fragen des KcnpaB-ienie.
Syü. B 1 = Nac. 43 == Star. VI 68 = Prim. ß = Agr. 1 6 (42) = Tich. A
(resp.Nom.a)
Illa, b26
44
=
69 = =
34
=
20
45
=
70 = =
=
46
z=
1
71 ^ ^ =
=
21
47
=
=
22
4S
(Ende v.) 71
2
=
50
=
72 = =
15
=
25
3
=
52
4
=
51
=
0=0 =
26
=
5^)
=
49
=
0=0 =
40
=
24
=
59
=
= Nom. a 1 =
38
=
43
=
=
= Nom. a 2 =
39
=
44
14
=
61
=
SO = =
=
49
15
=
56
=
81 = Prim./?2 =
=
14 [+15]
16
=
58
=
82 = 1 =
13
_ J
f 53
=
83 = 10 =
25
17
l 54
=
84 = =
26
IS
=
60
=
S5 = 3 + 42) =
16+ 17
19
=
57
=
86 = =
20
=
55
=
87 = =
37
21
=
=
88
(—95.
») Ueber Syn. B 6—13 cf. oben Arcb. XXIII, S. 70 f., 74.
2) Die Tabelle des hierher gohörigen Plus in Prim. ^, resp.Nom.a, Agr.
und Tich. A III a (Cjobo cb. E*piMa) :
Prim. ß 5 = Agr. = Tich. A III a 18
8
=
35
=
2;{
9
=
=
24
11
^-^
^:
27
12
=
=
29 + 28
[30—31 ist ein Zusatz]
13
^
=
32
[33 — 36 auch ein Zusatz]
14
=
36
r=
38—39
15(
= Nac. 23, Adamfr. II 22)
16
=
37
=
40
17
=
=
41
18
=
=
42.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa xpexi, cnnTHTCJicii. 345
In der Anordnung der vorausgehenden Fragen möchte mau sich
vor allem auf Syn. B als den bestgeordneten Text halten. Ausser ihm
können in grösserem Masse noch Nac. II und Prim. ß in Betracht
kommen. Nac. II interessirt uns besonders anfangs, wo er zwei Fragen
enthält, die Syn. B nicht mit ihm theilt. Es hat den Anschein, als ob
die beiden Fragen über Jesus Nave (Nac. 44 — 45) nur eine Fortsetzung
der alttestamentlichen vor 43 wären. Die weiteren über Judas Nac. 46 —
4S knüpfen dann leicht an Nac. 43 an, welches, wie auch Nac. 50, über
Judas handeln und in Syn. B durch Fr. 1 und 2 vertreten sind. Im
weiteren Verlaufe ist Nac. II gewiss unursprünglich, wo z. B. Fragen
in solcherweise nacheinanderfolgen : 54: B. Korero rpixa HanßeK'Ma
oiacHTB arr.iL; 55: B. 3aii];o ctTBopn öt ahbhk ap^bik; 56: B. Ilace
npiDiHieTb IV ce6i noext, kok ^oöpo HMaxt; 57: B. Kto atHBi. BtSHAe
Ha HÖca; 58: B. Kok Aodpo HMax ^jiBKh koh no^mxaKxt cxhx; 59: B.
3au;o iiasHBaexce mkobl öpaxt rnb und 60: B. KaKO npHxo^nxb arrjit
Kb npaBCAHHKoy iia cMpxb hjih Kb rp'JuiHHKoy. In einer viel besseren
Ordnung kommt dies in Syn. B vor.
Einige nähere Bemerkungen erheischt Prim. ß, aus dem sogar 1 1
Fragen von 18 in der Haupttabelle nicht verzeichnet sind, und doch stellt
es so zu sagen xar' ^^oxrjv einen Text vor, der mit seinem Charakter
hierher gehört. Das beweisen schon seine 7 (im Nom. a 9) mit Syn. B
und Nac. 11 gemeinsamen Fragen (nehmen wir die ganze Gruppe solcher
Texte: nebst Prim. ß und Nom. a noch Tich. A III und Agr. her, so
zählen wir deren 16). Dasselbe beweist auch der Titel von Tich. A III.
Was bedeuten demnach die übrigen, das Plus ausmachenden Fragen,
die die genannte Gruppe zusammen verknüpfen ? Vor allem steht es
fest, dass einzelne Fragen secundären Ursprunges sind, wie z. B.
Prim. ß 15 und der 2. Theil von 14, welche wir als Adamfragen fest-
stellen mussten (Redaction II, Fr. 22 u. 21). Wenn im Vergleiche zu
einem Syn.B und anderen Texten noch eine offenbar bedenkliche Folge
von Fragen hinzukommt, wie z.B. : Prim. ß 4. KaKO arre-ib npiExo^uxb
Kb rpimHHKs Ha cbMpbXH? 5. Koio chjs ^acxb Eorb ^iJiOBiKs ? 6. Kxo
cjibra H cnaeexb ce? 8. Kxo HCKame .a.-ro n pa^OBame ee h u'öpixe
.r. H WCKpbÖe? 9. KoHMH ^JIOBiUß. BbCb MHpb CXOHXb? 10. BeKHXb ÄW.
arrejib wxb xe.necHaro cnipa^a ? 11. II HeBinbyane ^iJtoBi&Ks KaKO ecxb ?
etc. — so muss erklärlicherweise das Vertrauen auf die Güte der durch
Prim. ß und seinesgleichen dargestellten, mit Cjiobo cb. E^-pejia tiber-
schriebenen Familie von Texten erschüttert werden. Dass der Text von
346
Rajko Nachtigall,
Prira. (i erst aus dem Anfange des XVIII. Jahrh. (Moculskij, Ci^äh S. 58)
stammt, hat weniger zu besagen, da ja durch Notn. a, sowie Tich. A III
das XV. — XVI. Jahrh. für die Hauptsache feststeht. Trotz des poste-
rioren Aussehens von Prim. ß etc. gegenüber Syn. B will ich jedoch
nicht behaupten, dass alles, was nicht Syn. B und Nac. II bieten, secun-
där ist und eliminirt werden muss. So ist ja Nom. a 2 mit ib. 1 höchst
wahrscheinlich zu verbinden und Nom. a 1 ist Nac. 59. Es scheinen
auch besonders jene Fragen einen festeren Halt zu haben, die neben
Tich. A III auch in Agr. zu belegen sind. Dafür spricht ausserdem die
Natur und eigenartige Stilisation einzelner Fragen, woraus ich Prim. ß 8
(Agr. 35 und Tich. A III a 23) hervorheben will. Dasselbe Thema be-
handelt auch die echte Beseda, wie Archang. Fr. 55 (griech.nahe Krasn.
1898, 1 23 und Moc. I b 9), aber in ganz verschiedener Weise. Man ver-
gleiche nur die Fragen :
Archang. 55: Kto e
GÄHHoro HCKaxb' a xpn
oöpiT-L H eroate HCKa-
xoy HC Moacaxoy oö.ih-
iHTH, 111. noKasa hmt,
MpTBaa ABU,a.
(Antw. 5 gedr. ZZ.
Prim. ß 8: Kto hc-
Kauie . a.-ro ii paAOBame
ce, II u'öpeTc .r. h
wcKpile ?
(Antw. 2 gedruckte
Zeilen; Prim, ß 8 glei-
chen Tich. A III a 23
und Agr. 35.)
Moc. 169: "Eva eCrj-
TEL y.cu TQia eVQBV.
•/mI OTtSQ eite^vf.iovv
ovÖEig (.lOL edvvr]d-r]
dsl^cci r) f.i6vov rj ve-
y.Qa nöqi] ;
(Antw. 8 ZZ.)
Ein ähnliches Verhältniss des HcnpanjieHie zur Beseda zeigt Syn.
B 5 und Archang. 56, Nac. 46 -f 47 (Prim /i 6 + 7) und Archang. 24 ;
ganz auseinandergehen Syn. B 4 und Archang. 6, Syn. B 19 und
Archang. 28, Prim. ß 17 und Syn. C 15 (Nom. b 2).
Noch mehr Texte werden auch die Stellung des Plus von Prim. ß
etc. zu Syn. B und Nac. H klarlegen. Zu beachten ist, dass dieses Plus
ein Kennzeichen der zweiten Familie der zweiten Redaction der Adam-
fragen ist ; denn die hier behandelte Reihe von Fragen folgt überall nach
dem Adamapokryphe. An die Möglichkeit einer eigenen griech. Vorlage
für die genannte Familie von Texten zu denken, dazu haben wir vor-
läufig noch zu wenig Anhaltspunkte. Bei der Wiedergabe des Textes
des sog. HcnpaBJieHie will ich dieses aus Vorsicht nicht mit jenem (Cjiobo
CB. E*piMa) vereinigen, sondern das für sich Stehende, wie bei der
Tabelle, an geeigneter Stelle unter der Zeile zusammen anführen.
Der Text des HcnpaBjieiiie ist folgender:
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa rpexi. cBHTHTe.iefi. 3 17
l. Koro HaraiHwro rocno^B noata-iOBa? Iio;i;k.
[2. B. Kto He w 3.10 cpAH ce iia CBixs. W. Icb iiaBHii. 3. B. Kto
ABbCTtBHHKb ÖH Ha CBixi. W. ICB HaBHHb.]
. . T
4. B. Kto cjibrBa cnce ee. W. IleTpb. 5. B. Kto hcthhs peqe
H noTHÖi. HiOAa. 6. B. Kto bha^ Aoöpo h öjBpbJKe ce w nero.
T
W. IIiOAa H apiH öessMHH,
* 3 a
7. WxKoyAoy oixs cpiopbHnuiH , reate /tarne iiOAe na npo^aniK?
.iiOAie Ha:e BipoBaxs Bb aP'^bo, iea:e noca^H jioTb, .r. rjiaBHK, h npH-
■fe
KOBame Kb ap^bs h no^ame noAeie.
8. üo^To peye rocnoAb: npuMeTc n ußflTe, niHTe wt hkc Bbce,
ce lecT KpbBb «MOH? er^a npi.ioMH x.iiöb h ^acTb sieHHKOMb CBOHJib,
Tor^a iiOAa ne M^e, Toro pa^H h3bo.3h peqb öuth.
9. ILo'iTO npHHecome xpHCxoy B-ibCBbi Aapw? B-iaTO h jHBan mko
iloroy, H3MHpH8 (h) mko MpbTBblljS.
1. Syn. B 1. Nac. 43: W. Mko lOÄoy laKo u apiiio. Star. VI 68 = Nac.
Agr. 16 : B. Ha Koro noata.iii xt, hko na iiOÄoy lano h na öeaoyMHaro apiio; ib. 42 :
B. Koro Ha bckk noaca^ra ob. W. iiOÄOy i öesoyMHaro pasöoHHHKa n apnio. Tich. A
III b 26: B. Koro xb no/Kajn. W. Hioaoy.
2. Nac. 44. Star. VI 69. Agr. 34: B. Kxo uc ocKpLöu ce bb acHBOTe cbocmb,
DU. IC HaBHHB. Tich. A III a 20: Kxo ue KOTopaBwcH etc. (= Agr.).
3. Nac. 45. Star. VI 70: Kohöh eprcHB Ha cbcto? Im Griech. cf. über
Jesus Nave Krasnos. 1898, IV 29, V 27, XI 40, XII 54 und Moc. lall. Ueber
Frage 2 u. 3 s. überdies oben S. 345.
4. Nac. 46. Prim. ß 6. Tich. A III a 21. — 5. Nac. 47. Prim. ß 7. Tich. A
in a 22. — 6. Nac. 48. Star. VI (Ende v.) 71, wo auch 4 n. 5 enthalten sind :
B. Amh koh cjiara h cnace ce, a kou peie HCTHna a noruHa ? 0. Peqe : Xleipa
CJara ce u cnace ce, a Isaa peqe HCTHna u noruHa. Kora to EspeeTO csesaxa XpH-
CTa, pe^e Isaa: Koro ase ua^rsBaiiB u Bue Hero Äptuixe, a IlexpB pe^e : Äse XpHcxa
Ha 3HaeMB ^.lOBeKa xoro, HKora ms Buje ÄOöpana xa, a ioh ce oxB*pB.iH otb Espe-
exo, IsÄa, öesBKMeHB ApHM He noKaw ce. Tana u norHHaxa (offenbar eine spätere
Zusammenrückung u. Ausschmückung!).
7. Syn. B 2. Nac. 50: npHKOBame MHoro rpHBBHB. Star. VI 72: npüKosaxa
MHoro rpHBHH cpeöpaHH. Agr. 15: Wxksä öhiuc cpiöptHHUH eace Äame hoack iioac
eraa npeaa« ra. W. iioaeH sepoyiome ra na ÄpiBO W/KHAaxoy pasnexTe xbo h npu-
TBoacjaxoy rpHBHti kb ÄpiBoy mhofh h xaKO aatixoy cMoy (demnach secundär,
aber auf Nac. zurückgehend). Tich. A III b 25 lehnt sich an Agr. an.
8. Syn. B 3. Nac. 52 : xoro pasH aaciB naxH. h peie nme ox hkc bbch.
V '■'
9. Syn.B 4. Nac. 51 : statt ÄapBi — s.iaxo h .iHBaHB a bmp'hu. W. 3.!iaxo mko
— c"
ups; H3MiipH0 MKO. AgT. 26: B. /"Iio npHHecouie xoy asMipHs h sjiaiy h jiHBua.
348 Rajko Nachtigall,
10. 3aiu;o peye: CaMapaimne, .e. Msacn HMejia kch? CaMapaHHHa
iiMaiue Bijüm Hoy^pocx h xpaHHuie ^'^BtcTBO, h .e. npopoKb Hiviame.
npopoybCTBO bb cpfc^u^H cbokm: npopoKa ;i;aBHAa, Hcane h eaeKtiJiM h
aBBaKsMa h Hasna, t^x npopo^ifeCTco Äpi>»^auie Bt cpÄU,H ch, a Msaca
CBoero, eroace HMauie, nenpHivieiuauie ce Kb hkms, iias^iauie ero 6o5Kb-
CTBS, H BHA^ ÖOrL ^IHCTOTS Ke, H npH;i;i Kfc IIKH Ha HCTO^IHtlKt H MBH
nio;i;eca cboh.
C T T
1 1 . B. 3am,o nasHBaexce mkobl öpaxt rnt. W. WpiKoxs ce iX
xa cHOse hwch*obh. h piuie Hi^ namt öpaxb, ne a^ml leMoy ^ecxt lu
iDyHHXBa. mkobl (rb) peye öpaxb moh lecxb asb Heins ^lecxb mok)
pasAijno.
12. Iloyxo pi^e Hwans: ce MaxH xboh h 6oropo;iiHu;H ptye: ce
cbiHb XBOH? IwaHb 6o öime, eroace jiioöbjiauie i'coycb, 6iaroBenj,eHHeM
poAHJb ce Kcx wx cBCXoro ^sxa.
W. npHiiecorae s^iaTO wko upoy u .ihbhi. mko 6oy Äaseii ero usmhpho wko xomeii,
MpTBUB fiHTH (secuudär !). Anders Mich. 86.
10. Syn. B 5. Nac. 49: peqe ri.; lex npopoKL (bei bb cpAUu cu wiederholt
Nac. eine Druckzeile; wohl ein Druckversehen?!. Agr.40 (wieder secundär) :
■ T
B. Heco paÄH i^e^e rt caMapaHHHti neu. MoyjKn HMCJia eca. W. camapaHuiia ctivia-
xpauie .e. nppKB rjiii ro xe nppKa Monceia h asÄa h apoHa h ncamo h rieÄewHa.
TCXB peiH BB cpBÄUH wHCHaaiue rHM Moy/Ka lerosKC UMauie, oy^auie ero öaciBs hc
npHMf.uiame 6o h aiBCxBo CBoe xpanaiue n bhä^ 6b yiiCTOToy cpBÄua kk h npHÄc
KB Heu. Tich. A III b 24 lehnt sich wiederum an Agr. an. Zu dieser slav. Frage
vergl. man die griech. Krasnos. 1898, VII 2: 'Eq. Jiu xi 'Kiyzxai ort ntvxE av-
(Tpßs- iax^s ^^i' vvVj ou 'i)(Bis ovx taxiv aov avrjQ] j4n. 'Unei&r] nivxs avÖQtcs
vofxifjLovs änriQBv xal xe^f^xüXTi xal &tcc xo fxt] vnofieveiv XQVcpiMS knÖQVEvaev,
(agxe firj nagaxojQeli' o vo/xog kceßsiu 'ixeQov avSqa.
11. Nac. 59. Nom.al: Antw. eraa öbict poataacTBO rocnoÄUie Toraa cbi-
UOBH irocH<fOBiH urrpeKOuie ce rocnoaa. mkobb peqc : ce öpaxB mou cbihb wTBiia
MOiero H asB moh) lecxB pasjejiK) cb humb. Toro pa/iu napiqe ce wkobb öpaxB roc-
noÄBHB. Damit vergleiche man Agr. 38 : B. ^eco paau nape^e ce laKOBB fipaTB
(J T ^ . .
THB. W. eraa 6bic po/Käbctbo rnie Toraa cubc iwch-i-obu ii'pcKouie ce xa hkobb acc
"c T . .
pcue ce Iß 6pa mou h clihb OTua Moero h asB icctb ÄOMoy Moero pasaiJuo cb humb.
Toro pa^H napeie ce mkobb öpaiB tht.. Tich. A III a 43 gleicht Agr. u. Nora. a.
Vielleicht ist diese Fassung die ältere.
12. Nom. a 2. Agr. 39: B. nouxo peue tb iwBauuoy ce mth tboij. kb 6mi ace
ce CHB xboh. W. iwBaHHB 6iiue öJiroBemeuiCMB poHCACiiB. Tich. A III a 44 gleicht
Nom. a 2. Die Stellung dieser Frage sammt der vorhergehenden ist nicht
sicher zu bestimmen.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Bec^Äa rpexT. cBOTurejieii. 349
13. KaKO Aa H3ÖaBHT ce yjOB^Kb XiaßO-^af nocTOM h MHJocTHHieK)
H MOJIHTBOIO.
14. KoM nojisa ^iJiOBiKb' nace w ceöi nocxb nocxen? TaKOBiH
w<Dpiii];eT ce iia esAHiu,« xpHCTBOBi, noA KpoBOM cBextie 6oropoAHij,e.
15. Koe ^oöpo oöpexaeTB ^uroBiKt öjiaroAeTL h MHjrocTmiio tbo-
peinxe. xo ecxt BejiiKO npeAt EoroMb, noneate nj)ixo;i,HXL ^o caMaro
npicxoja öoatHM.
16. Kok» nojrss HMax tijiob'Skii, hjkc no^raxaexb cBexLiHx? ^.lo-
B^Kb noyaxarexb CBexbinx, CBexbTH ace AecexKsiox kms rpixbi np^A öo-
roMb Ha cxpaiuHeMb npHinbcxBiH.
17 a. Ee»:HX jih arrejib wx xeJiicHaro CMpa^a? ne öeatHXb wx
xejiicHaro, Hb wx ^suieBHaro rpixa öeacHXb ne BHAHMb arrejib; —
17 b. (Koero rpixa naHBeKMa öeacHXb arr^b?) wx yioatAaro 6js/i,a .r.
nbnpHiu,e öejKHXb arreJb njiainou;H ce.
13. Syn. B 14. Nac. 61: mimocthiikio fehlt; nach moj[htboio steht 1136a-
EiiTce 1JIBKB OTB ÄHMBOJia. Star. VI 80. Tich. A III a 49 weicht etwas ab:
. . C T ? , .
B. KaKO ecTB qjiBKs BcerÄa coxpaHiiTU w ABiasoja bo bcku. W. er^a 6ü e iijibki.
nOCHIIKt ÄBMBOjni CMOy He HMait HHITOate CTBOpHT.
14. Syn. B 15. Nac. 56: Hate npHMHiei ce6§ nocxt Koie ^oöpo UMait?
W. iiace npHMHiieTi. ceöi nocTB tlh ijibkb oöpimeiB co Ha coyÄHmii hoäb Kpo-
BOMB CTbiK 6ue. Star. VI 81. Prim./S2: B. Koe ÄOÖpo oöpeuiTaexB ^.aoBiKB u»;e
npHMUlCTB KB HOCTS ? W. ErAa CiSCTB ToCnOÄB COyÄHTH Mups, TOr^a nOCTBHUKB
I roHTB noitB KpoBOMB npecBCTHe BoropoÄUUii. Tich. A III a 14 = Prim. ß 2 (nur
U/Ke npHTeiCTB kb nony).
15. Prim. /i 2 (falsch mit der vorhergehenden zusammengedruckt). Tich.
A III a 15: V. noHCjKe weiter fehlt.
16. Syn. B 16. Nac.: öopomb u wupocex ra. Star. VI 82: u npoiuiaBa ms ro.
Prim. ß 1 (mehr an Nac. herantretend): B. Koe «oöpo imarB ^.lOBf.KB no^iTraTu
CBCiuxB? tu. Koero CBeiaro uapeieiB q.iOBiKi> noiiTaxu, Tau cBexu A''ceTKseTB
rpixu iiJioBiKs, u U3M0.3HTB HXB Hp^AB EoroMB. Tich. A III a 13 (lehnt sich an
Prim. /San).
17. Syn. B 17: wahrscheinlich aus 2 Fragen zusammengefallen. Vgl.
V T
Nac. 53 + 54 : 53. B. EijKuxB jih arre.!iB w xejiecHaro civipa^a. W. He öiacux <&
TCiecHaro CMpa^auB wÄuicBHaro; 54. B. Koiero rpixa HauBeKMaöejKux arre.jB. W.
iioHc^era 6.!iH)/i,a .r. uBnpuma CijKux arrjB n.aay8U];u ce. Star. VI 83 + 84 = Nac.
Prim. /S 10 = Nac. 53. Tich. A III 25 = Nac. 53. Tich. A III 26 weicht ab :
B. eraa qjiBK'B c ^iioacoio acenoio 6-isä cxBopHXT>, ko.3uko öcjkht aurju. w Hcro. u
aHrjT. öeacuxT. wx uero mu.!iu mccxo w nero 11 uc npu6.iu5Kaxua k xoms cu i.;ibks
(wohl secundär). In Agr. ist dazu wohl nicht 33 heranzuziehen: B. Er^a aceua
w Moyaca CBoero CBrpiuiu e äü Moyacoy rpix ujiu ai. Bicu, öpax, er^a esBa cb-
350 Rajko Nachtigall,
18. KaKO npHxoAHT arre^iL kl npaBe^HnKs vläk vh rpiuiHHKs na
cLiwpbTL ? ArrejiL npHXOAUTt la rpiüUHHKs jfcBOBeM oöpaaoM, ^ipLHL
oriiK3paiitiiL, a Kt npaBeAiiHics thxl, tojisöhhlim oöpaaoM, cl b'£.?ihkoio
JI^nOTOK).
rpiuiH, aaaMa HSBrnauie h3 paM. Dazu vergleiche man in Sreck. zu Anfang der
Handschrift Bl. 7 a : B. ÜMaxi. äti rpixL MoyacL ame accHa rero et hh§mb ÖJioyÄB
T
CTBopiiTL. W. ^IcÄO BejHKt rpixB recTi MKoace h a^aivia leoyra HSBeÄC h3 paia etc. ;
s. ausserdem Soph. 26.
18. Syn. B18. Nac. 60: -^ptHoapauHHMi. oöpasoM, thxojiioöhhm. Star. VI 85
= Syn. B. Prim. /? 3 -f- 4 : 3. B. Kohmb oöpasoMb npHxoÄHTi, arrejTB kb npases-
HHK8 Ua CBMpXH ? 0. üpUXOÄHTB CB BCIHKOIO KpaCOTOK) H CB MBH03UMB BecejIieMB ;
ib. 4: KaKO arrejiB npaxoÄHTB rpiniHüKs na cbmpbth? 0. IIphxoähtb CTpauijrH-
BUMB o6pa30MB, ^ipHHMB, orBHe3paiiHiiMB. Tich. A III a 16 + 17 stimmt zu Prim.
,'J 3 + 4 *).
*) Hier möchten wir die Fragen von Prim. ß etc., die in die Zusammen-
stellung nicht aufgenommen worden sind, einfügen:
Prim./? 5: B. Koio chjis aacTB Eofb i.ioBiKK? 0. Wtb 6pB30CTH arrcacKHe
8MB qjioB§K8 ecTB [Tich. A III a 18 lehnt sich daran an].
Prim. B 8: B. Kto acKaiue .a. ro h paAOBame ce h oöpiie .r. h ocKpBöe?
0. Cseiaa EjieHa HCKame ^bctbhh kpbctb rocnoÄBHB h wöpiTC .r. h ocKpBöe, no-
Hcace He BBSBMoace noanaTH KHSBHOÄaBaqB KpcTB. [Agr. 35 : B. Kto acKa cähho h
T ■ — . ^ C"
w6pi .r. H BBcn.!iaKa ce Be.3UK0. W. ciaa dOHa noHCKa Kpi^Ta riiB h oöpiie .r.
KpcTe .B. pasöoHHHqa h cähhb HtHsiiOÄaBiB H BBcn.jaKa ce bcjihko noHoace ue no3Ha
Kp^xa THu. — Tich. A III a 23 lehnt sich an Agr. an.]
Prim. /9 9 : B. Kohmh ^.lOBiuH bbcb mhpb ctohtb ? 0. IIonoMB ii paTareMB h
bouuhkomb. IIonB mo.3Htb Bora sa sacB MipB, a paiapB xpaHH h nona h BOiniuKa, a
BOHHHKB öpauuTB H nona u paxapa. Tcmh ipcMa i.iOBiun bbcb ivmpB cxoutb. [Tich.
A III a 24]. Hier also ein Stück der alten, Platonischen Philosophie !
Prim./3 11 : B. H iieB^HBiaHs q.aoBiKs KaKo cctb? 0. Ejiiiko «oÖBpa cbtbo-
piiTB q.joB§KB, nieflHaro BorB iie npHeM.s[eTB cms. [Tich. A III a 27 : Frage aus-
T
gelassen; Antw. : W. Kojhko aoöpo cxBopux ne npiiMcx-B].
Prim. ;5 12 : B. ^eco paaH öoutb ce scmjim er/i;a norpeöaiOTB qjOBiKa? 0. 3aHe
BorB BB i.30BiqB o6pa3B BBw6pa3u ce. [Tich. A III a bietet das viell. besser :
28. B. 3a 1X0 saBHatix anr.m ijikm'b. W. Sane oöjieqe tb b i.iiiB o6pa3B und 29. B.
3a iTO MOJiHTa deujiu eraa norpcösT-B hjikh. W. fehlt.]
Prim. /3 13: ErB^a BB3eMJicxB ujioBiKB Ka.ioyrepBCTBO, leco paAH npeiBa-
paiOTB HMe eM8? 0. Ejthko bb 6i.30iacTBBe rpixa cctb CBXBopujiB, to arre.!iB ne
noMeiiserB mk, hb etc. [Gleich Tich. A III a 32].
Prim. ß 14: Koumb or)pa30MB xouixeTB BorB csahti Mups? 0. 06pa30MB ii jic-
noxoio npcKpacBiiaro HwcH*a, a csikomb chphmubckiimb xouitctb Eofb coyÄHXH
MHps, noHeate cumb csbkomb r.aaro.aauie A^aMB ii EßBEa. [Agr. 36: B. Koumb
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeci^a Tpext cBiiTmejieii. 351
19. Kto cl njiBTiH) BL3tiA'6 iia Heöo/ Hjia na orHtiHXh ko-
jecHHi],axL.
20. IIoyTG ctTBopii öorL AP'l&Beea AHB'ia? Aa nHTOMO le mh;io luo-
B^KOMt.
21. Peie pHTopt *HJ0C0*L, ^ito ce soBeTL eAHHO? peMe^pBru:
H KAHH ÖorL na neöec^xL. /i;a ^to .b. ? Aß'S CB^TUJi'fe na HeöecSxL. ^a
^iTO coyTL .r. ■? wTBi^t H CLiHb H Ä^xb CBeTLi. Aa yTo peMG .A- ■? BexpH.
^a ^To KCTi. .e.? .e. np'fecTOjt rociiOAtHt. /I,a ^ixo ecxt .s,? xepsBHM
H cepa*HM. /I|a ^xo leexL .3. ? .3. neöecL, na ceAMen oxbu;t ne bhahmh.
^a Mxo lecxL .h. ? oxb hckohh npiÖBiBaiext bl b^kli. Amhhl.
19. Syn. B 19. Nac. 57 : Kto 2Ciibb. Star. VI 86 = Nac. 57.
20. Syn. B 20. Nac. 55. Star. 87 geht wohl auch darauf zurück: B. 3a
KOM paöoTa 6orB coTBopii ähbh sBepu ? 0. Äa e mh.!i aoöniaK. Tich. A III a 37
■ — ■ T r^
etwas abweichend: B. 3a ito rt coTBopu äpcebg. W. ^aexi. i.iJi'^T-i, h toms
OBOmUH).
21. Syn. B 21. Star. VI 88 — 95. B. Ja .jK/ieTe, peie pnxopi, etc. ; npicT0.3B
orHeH-B; Ha ceaMeaiB otbub He bhähmh fehlt. Diese und die beiden vorletzten
Fragen sollten zu ihrem besseren Verständniss noch mehr belegt sein.
oöpasoMB xomexB coyAHTH 6rB MHpoy. W. OöpaaoMB JienoTOH) npiKpacBHaro iiocu^a
BB cupurjHBCKBiMB esHKOMB . — Tich. A III a in zwei Fragen: 38. koumt. o6pa-
30MX und 39. kohmx hshkomt,.] Diese Frage könnte an Prim. ß 2 oder aber ib.
17 anknüpfen.
Prim. ß IG: B. IIo ito gctb BejuKH neiaKB norojieMB ä^hb? 0. Er/üa pac-
nenie rocnoaa, Toraa bhäg ciBHiie h ctoh .r. laca Ha cähhomb Micxe. TaKOSKÄe u
BHHs bcjhkh nexaKB ctohtb. Toro paRH ecTt no ojeMB ä^hb wtb hhhxb ä^hh.
[Agr. 37 : B. ^eco pa^u öbi« neiBK b§jihkii uhcxb neiLKB crapen. w. er^a pac-
neuie ra Hmro ivc xa Tor^a Buae cjinne u ctom .r. la'c laKOKÄe BBceraa ctohtb
BB BijiiiKBi nii'KB. — Tich. A III a 40 = Prim.].
Prim. |3 17 : B. IIo qTo jikäTk KjraHMiOTB ce Ha BacBioKB h norpeöaiOTB ce?
0. IIoHOKc EorB WTB BBCTOKa npHTH xoHiTeTB csÄHTH Miips. [Glclch Tich. A III a41].
Prim. /? 18: Kor^a ecxB u.ioBiKs pasocTB? 0. Korsa Opara CBoero'BHÄUTB.
[Gleich Tich. A III a 42].
Wie diese angeführten Fragen aus Prim. ß etc. zu den übrigen von
Syn. B u. s. w. gestellt werden müssen, entzieht sich unserer Bestimmung,
ebenso aber auch die nähere Beziehung zwischen ihnen und dem Sinne der
Ueberschrift : Cjiobo cb. E^piiaa. Vielleicht werden sich hiefür irgend welche
Anhaltspunkte ergeben, wenn man sich nach Quellen dafür umschauen wird.
Der Name Ephraims wird auch sonst in unseren Texten citirt, cf. oben Arch.
XXIII, S. 89.
352 Rajko Nachtigall,
Auf den ersten Blick sieht man, dass die über der Zeile vorge-
führte Reihe von Fragen des sogen. IIcnpaB-ieide aus zwei Theilen be-
steht. Fr. 1 — 12 sind neutestamentlich und überwiegend exegetischen
Charakters. Hierauf folgen Fragen hauptsächlich allgemeiner moral-
exegetischer Natur, die zum Schlüsse von einigen andern (drei) abgelöst
werden. Für diese Reihe von Fragen finden wir in den Texten die
gut passende Benennung: IIcnpaBJieHie o iioboml saBexe. Dieser Titel
ist die Uebersetzung eines griechischen. Bei der zweiten Gruppe von
Texten (Prim. ß, Nom. a, Tich. A III), die sich noch durch das unter
der Zeile vorgeführte Plus zur genannten Reihe auszeichnen, erscheint
als Ueberschrift, wie gesagt: Cjiobo cb. E^pima. Den Grund dafür in
dem Plus des Inhaltes zu suchen, geht wohl nicht, da dieses Plus zwar
eine gemeinsame Familie von Texten (das ist jener, die auch bei der
II. Redactiou der Adamfragen eine zusammengehörige Gruppe bilden)
darthut, sich aber weder als einheitlich, noch derartig erweist, dass
uoth wendig an Ephraim gedacht werden müsste. Das konnte eben so
gut der zweite Theil des HcnpasjreHHK sein. Dabei ist bemerkenswerth,
dass ein Prim. ß hauptsächlich mit diesem zweiten Theil Berfibrungeu
aufweist. Wirklich bietet auch Tich. A III a, falls das uiclit anders
zu erklären ist, die interessante Vereinigung beider Benennungen:
Bonpocb CB. E*p'£Ma . . . o BceMx HcnpaBJieimH.
IV. Die echte EeeiAa xpexi. CBHTiiTejieil.
Der Gang der bisherigen Untersuchung zeigte uns, was wir uns
unter den beiden Theilen von Syn. A, unter Syn. B und an sie an-
knüpfend unter den Texten Avie: Stojau., Prim. «, Tich. Ale, dem
ersten Theile von Star. VI, Nai-., Nom. a mit Prim. ß, Agr. u. Tich. A III
vorzustellen haben. Nun erübrigt uns Syn. C mit den ihm entsprechen-
den Texten. Mit Syn. C kommen wir erst in das Gebiet der echten
EecfeAa TpexTi CBaxHTejieS. Das äussere Zeichen davon liegt schon im
Titel : CKa3aHiie o np1iMs;i;pocTH rpiiropnM, BaciiJiHM, lu aniia öorociOBa
und in der Benennung der Fragen durch einen der drei HH. Wie
schauen nun die gegenseitigen Beziehungen der hierhergehörigen Texte
aus und wie steht die Beseda den übrigen bereits behandelten Reihen
von Fragen gegenüber ?
Abgesehen vom zweiten Theil in Star. VI (96 bis Ende), dessen Zu-
sammenfallen mit Syn. C schon oben (Archiv XXIII, S. 72 f.) dargethau
wurde, haben wir noch G hierhergehörige südslav. Texte : Sreuk., Mich.,
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beciaa Tpexi. CBflTHiejieH. 353
Milc., Ark., Nom. b und Prim. /. Von diesen geht der letzte in der ersten
Hälfte von Syn.C (Fragen bis 20) fast völlig auf, während der vorletzte
namentlich dessen zweiter Hälfte entspricht. Bevor wir jedoch näher
darauf eingehen, schicken wir voraus, dass für Syn. C 1 u. 3 bereits
oben, Arch. XXHI, S. 73, als der richtige Platz die Stellung nach der
28. Frage erkannt wurde. Gar nicht in den Text gehört Syn. C 2 :
KoM .iH KCTL nocjiiAHH ^suia '? das selbst ohne Antwort und ohne die
Namen der drei Heiligen dasteht. So erhalten wir ebenso wie in Prim. y 1
als erste Frage Syn. C 4 :
Prim. / 1 = Syn. C 4, 2 = 5 [cf. Nom. b 2 1], 3 = 6, 4 = 12,
5 = 13, 6 = 14 [cf. Porf. Hiß], 7, 8 = [cf. Star. VI 29; Porf. U
18, 19], 9 = 15 [cf. Nom. b 1% Porf. U 25], 10 = 16, 11 = 17,
12 = 18, 132) = 19.
Syn. C 21 = Nom. b 3 [cf. Archang. 22], = 4 [cf. Archang.
23 + 24], 23 = 5 [cf. Archang. 26], 24 = 6, 25 = 7, 26 = 8,
= 9 [cf. Archang. 35], 29 = 10 [cf. Archang. 36], 30 = 11, 32 =
12, 33 = 13, 34 = 14, 35 = 15, 39 = 163), 40 = 18, 41 = 19,
= 20 (cf. Archang. 12], 47 = 21 [siehe Syn. C 5], = 22 [cf.
Archang. 58], = 23 [cf. Sreck. 65 u. Tich. AIb4], = 24 [siehe
Star. VI 58; cf. darüber Archiv XXHI, S. 77] 3),
Den ersten Theil von Syn. C (1 — 20) finden wir auch in den russ.
Texten des Typus Porf. H (Pyp. I, Tich. B U) völlig enthalten. Durch
ihn sind auch diese Texte charakterisirt, denn die zerstreuten 15"^)
Fragen, die der Art des zweiten Theiles von Syn. C entsprechen, er-
lauben uns nicht den Schluss, die genannten russ. Texte auf eine süd-
slav. Vorlage gleich dem ganzen Syn. C zurückzuführen. Es scheint
darin eine spätere Zuthat zu liegen, wie wir ja über 25 Fragen noch zu
1) Norn.b 1 = Syn.C 1.
2) Novak. druckte von 17 nur 13 Fragen ab (Moc. Ciiati S. 58]. Der Text
selbst ist aus dem XVII. Jahrh. (cf. ib. Nr. 25, S. 57}.
3) Nom. b 17: B. Koero ssipa ne ömctb cb hocai bb KOB^ese? 0. Puoli cf.
Adamfragen Eed. I 32. Zusätze hat und verdorben ist der Text in Nom. b
noch zu Ende.
4) Porf. II 13 = Archang. 35, Syn. C 0; ib. 14 = Archang. 50, Syn. C 0;
ib. 29 = mehr Arch. 21 + 22, als Syn. C 21 ; ib. 30 = Arch. 23 + 24, Syn. C 0;
ib. 31 = Arch. 31, Syn. C 28; ib. 33 = Arch. 33, Syn. C 3 ; ib. 34 = Arch. 16,
Syn. C 46; ib. 37 = Arch. 14, Syn. C ; ib. 38 + 39 = Arch. 36 + 37, Syn. C
29 + 30; ib. 42 = Arch. 25, Syn. C 22; ib. 43 = Arch. 32, Syn. C 1; ib. 48 =
Arch. 57, Syn. C 0; ib. 54 = Arch. 56, Syn. C 0; ib. 56 = Arch. 39, Syn. C 32.
ArcMv für slavische Philologie. XXTV. 23
354 Rajko Nachtigall,
verzeichnen haben, die diesen russ. Texten gemeinsam sind, den süd-
slavischen abei* und der russ. Gruppe des Archang. abgeben, demnach
secundär und verschiedenerorts zu belegen sind (so z.B. Porf. II 12 u. 23
in den Adamfragen, ib. 21 u. 22 in Stojan. 8 u. 11, ib. 27 in Tich. A I
b 8, ib. 59 u. 60 im Kaa*i. [s. Archang. TsopemH S. 164] etc. ^).
Wohl folgen aberSyn. 4 — 20 ganz correct in gleicher Reihenfolge :
Syn. C 4 = Porf. II 1 = Pyp. I 1 = Busl. 1 i)
= 2 = Tich. B II 38
= = »39
= 3
= 4
= 5 = Busl. 2
= 6 = »3
= 7 = »5
= 8
= 9
= 10
=
= 14 = Tich. B II 4
5
=
2
6
=
3
7
=
c
8
6
7
8
9
=
10
=
9
11
=
10
12
=
11
13
=
15
Prim. y 6 ..
. 14
=
16
17
7 ..
8..
• — |(St
ar.VI29)^^
19
9..
. 15
=
25
16
=
26
17
=
28
18
=
35
19
=
40
20
=
45
= 151
= 16/ =
5
6
7
32 = )) 13
33 = » 14
25
36 = (» 45)
42 = » 26.
^j Busl. ist die Fortsetzung von Tich. B II (im HBiTHUKt v. 1665). Darin
finden sich zerstreut auch die übrigen Fragen, die in Tich. B II gegenüber
Syn. C und auch Porf. II et Pyp. I nicht belegbar sind (z. B. Syn. C 11 = Busl.
37 etc.). Tich. B II mit Busl. stellt einen ziemlich zerschlagenen Text vor, voll
von späteren Zuthaten und verschiedenartigen Aenderungen. Es ist eine ein-
gehende Compilation von allem möglichen (selbst mit Wiederholungen: so
Syn. C 14 = Tich. B II 5 u. Busl. 67). Wir treffen da Adamfragen, Fragen aus
Texten wie Archang. etc.). Es liegt ausserhalb meines jetzigen Interesses, die
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beci/ta xpcxi. CBfiTaxejieik. 355
Beachtenswerth ist, dass man, so viel zu ersehen ist, nur bei
diesem Typus der russ. Beseda (wie Porf. II) im Titel: Eec^Aa ctlixt.
TpexT) CT.ieS BaeiLiia Be.iHKaro KecapiiHCKaro h TpiiropHa EorocjOBa
H HsaHHa SaaToscTaro noch den Zusatz : cb TOjiKOBameMi, ot-b naxe-
pnKa pHMCKaro findet. Man vergleiche neben Porf. II u. Pyp. H) —
z.B. bei Archangelskij, TfiopeniÄ S. 130 einen Text Chludov's (Nr. lOS,
Ende des XVII. Jahrb.) und ib. S. 132 einen aus der Petersburger k. öflf.
Bibl. (Nr. LXXXVII, XVII. Jahrb.). Betreffs der Angaben Moculskij's
ist man nicht sicher, ob der besagte Zusatz bei der sonst, wie es allen
Anschein hat und wie Moculskij selbst angibt, völligen Entsprechung
der von ihm angeführten Texte, worunter sich einige aus dem XVI. Jh.
vorfinden, wirklich nicht vorkommt oder vielleicht doch (cf. Cji^ah
S. 121, Nr. 14 u. 15; S. 128, Nr. 31 etc.). Dass er bei Nr. 38 (S. 131)
zu lesen ist, kann leicht auf Archangelskij zurückgehen, da dieser Text
jener Chludov's ist. Die ganze Sache würde verdienen wegen der Be-
deutung des genannten Zusatzes von den russ. Literaturhistorikern näher
in Augenschein genommen zu werden.
Der Text dieses ersten Typus der slav. Beseda repräsentirt
sich folgendermassen :
1. TpHropiie peiie: kto npLBO öora Hapere? BacH.iii€ peye: caxa-
HaMB npLBiH arre.iB, ctBpBateHt et Heöect, u^iyK^e cts^ania a^aaiOBa
•A- AHH, a sa rpt^ocTL nape^ie ce hmb hms eaTanaiurt.
2. Bae. p. : yxo kct BHcora Heöecnaa h mHpoxa 3eM.iLHa h r.iL-
ÖHHa aiwpcKa? [Iwanb p. : Wti>u;l h clihb h cBextiH asxl].
1. Syn. C 4. Prim. y 1 : nptBo fehlt, zugegeben Ha zemjiu; caxaHa; npBBin
fehlt, ebenso a 3a rpt^ocxt etc. Porf. II: uapeue iia seji^iu; carana; .a- ähh fehlt ;
caxana u äbmeo.!!.; ropsociL steht vor CBepaceHt. Die übrigen russ. Texte will
ich nur insofern erwähnen, falls sie eine dem südslav. näher stehende Variante
bieten. Hier Pyp. I: csbT&ua.uji'h; sa .a. steht. Cf. zu demselben Thema
Stojan. 3, Adamfragen Eed. II 43, Arch. 52 u. s. w.
2. Syn.Cö: Die Frage ist oben nach ib. 47, nur stehen da Fpur. u. Bac; in
Analyse desselben näher zu verfolgen. Es genügt die Constatirung der That-
sache, dass auch Tich. B II mit Porf. II u. Pyp. I in eine Reihe zu stellen ist, was
ja ein Vergleich mit den genannten unzweifelhaft darthut. Cf. Porf. II 12 =
Pyp. 111= Tich. B II 1, Porf. II 13 = Pyp. 1 12 = Tich. B II 2, Porf. II 14 =
Pyp. 113 = Tich. B II 3 u. s. w. Zwischen Tich. B II + Busl. und Pyp. I +
II + III ergibt sich ein weiterer Parallelismus darin, dass Pyp. II + III ähn-
liche Anhängsel zu Pyp. I sind, wie Busl. zu Tich. B II.
1) Tich. B II ist schon eine Weiterbildung einer Beseda, wie Porf. II.
23*
356 Rajko Nachtigall,
3. Iwan peye: iito kct kahhb npnxeKL h bha^ pnati ie;i;HHH zeace-
meie H coy^apL nace 6e iia rjiaBe lero, iie et pnaaMH Ji']&2teiii,t, hb njcodt
CBBiTt H Ha HHOMb M^cTe .lijKe '? rpHropiK p. i coy^apt WCS njMTna
CJoyatLÖHaro na ö-HO^e, a Aapn rero BptxoBHO neöo ;i;o npiHcno;i;HH
6e3^HW, H Toy kct öesAHa mko pnsa, a cTHxapt kct .3. neöect a noHCb
recTfc CTjitmie atejisHOie wko BejiHKaro Mwpa, na HKMJKe scmjih njin-
BaKTt. nexpaxHJib kct blxwa h hcxui^i;, a cck noA noHCOM seMjiK toh
TJiLCTOTa CH, ejiHKO WT BiCTOKa ^0 sana^a h noBCjLi rocno^B CLrnaTH
neHS MWpCKSK) H CLTBOpH SeMJH) Ha TfCTHpix KHT^X BejIHKtlHXL, Ha .T.
^tesexH Ma;rHx wt kohli];^ saJioatHT, a AHuieBHHHx Tp^Tia ticctb, pan-
CKtiHx BÖHM, HAc pHÖa'''^ TS BOHK), rjiLötiHa JKB Toro Mwpa BijIHKa
.1
ejiHKo ecT WT BBCTOKa CHij;a ao sanaAa, h aho kct Toro Mwpa npHTHm,eTb
Ce KB atejiSHOMS CTJBns. TJIBCTOTa KCTB TOrO MWpa, HKO MOpe BB rjIB-
ÖHHe KCT, Toroace aho kct ctohtb na ccamhx CTjiBnfe, h ts kctb
aAOBO atHJiHU],e, h xoy aHTHxpncTB jcjkhtb CB^san h aMHB. h arrejiB no
OyTBpBatAaKTB KTO. a TOJKAC CTJIBmK CTOHTB Ha WFHBI HeraCHMCMB,
H no TOM Heöo H AtHHD;a CBiTjiaa. mjkg npiacAe cjrHu;a cBTsopenna,
Toy>Ke coyTB jioak, .n^Taion^e mbicjiiio, hko nas^HHa h hgctb hmb cb-
MpBTB HH SeMJIK, CJKe H§CT TOy H CTOHH, HHO ^ITO 6o TOy KCT ÖtSAHa
MKO pHsa.
ib. 5 ist rjii>6iiHa MwpcKa an erster Stelle; die Antw. fehlt, sie steht oben nach
Prim. y 2, wo in der Frage nur rjtöHHa MoptCKa und BBicoxa neöecna vorkom-
men. Star. VI 22 (ohne Namen) = Syn. C 5; Antw.; 0. Ormi. h cmhb h jmxh.
Nora, b (ohne Namen) hat zur Antw. wie Syn. C 47: cHJia (Syn. C 47: caMt)
II MsapocTB H passMi., TpoHua CBCTaa. Porf. II 2: Tpiia etc. + cb^tt. cctb u apsniu
CBiTx orHB ecTt. Pyp. I 2 wie oben; ebenso Tich. A II 38 (nur ohne Namen).
3. Syn. C 6. Prim. y 3 : IleTpi. statt kähhl; .leaceinere u. ne ob piisaMii etc.
in der Frage fehlt; statt wcs steht kctb .b. n.aaTa; pnsa statt /lapn; neöo a»
npicjiiÄHHXB seMJiH cnoÄHHXB öesÄHH; Bceraa statt a cere; seujie fehlt; na ipexB
KHiixB, a .r. seBerii MajiiixB koh sajeace .Ji, okhbub, a asiua bb hiixb xpeiia ^ecit
paiicKiie BWHK. A häb pnöii na ts bwhio h t5mb nHTaiomB ce (weiter fehlt —
nicht gedruckt?). Porf. 113: ITiTpi. hphhhk'b; Ha r^iase lero fehlt, ebenso
jreyKeuiB und .3e»ce; Antw.: CoyÄapB 6i /(Ba njtaia cjiyaceÖHaii; pHSbi statt aapH ;
Bx npeHcnOÄHeu öesÄHe ctohtb mko pHsa; a noiacoM'B aeM-ia; na Tpcx'B khtcx'B-
BCJHKHXX H Ha TpHÄeCHTH MaJtBIX-B KHTGXX. 3a.iaraiOTX TpiIÄeCHTH MOpCKHX-B OKO-
Heiii. a aymn hxT) ipexBaa ■qacTB pancKan bohh h hästt. na tk bohm h tc ptiöBi bt»
ciTH i!b;i3hst'b. rjTsöHna Toro Mop^ Be.iHKaro. BTpoe toto TOJiCTOia, Kanx seMjra
lOJicia. ano noax t^mx MopeMX bojiiikhmx paBHO aceJiisHOMs CTOJinaio, loro ace
Mopa ÄHO CTOHTx Ha .3. CTOJinixx etc. ; u ösaexx (statt jeacuxx) CBasanx. a Mu-
xaHJX apxarrcjx; vor wruBi: BOSBBimeHO fiKO to Mope. to CTO.inue ctoutx. IIoäI'
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EcciAa ipext cBflxuTCJieH. 357
4. Bac. p. : Tjii öeuie npix;i;e 6ori>, er^a ne öeme csixa. Iwanb
p. : ecTb .r. Kaiviape na neöecixb, h ts öeme Bt xix Kaiviapax anm^M,
Toy H lero coyT ^ap«, cb'Sts 3Ke lero h'^ct KOHu;a. Iwans p. : bi, t4x
KaMapax WTLi^b h clihl h CBexti Asxt, arrejit lecx.
5. Bac. p. : wt yxa coyx arrejrti ctTBopenH ? IwanL p. : wt ^sxa
rocnoAHM. [6. IßaHH'B pe^ie: OT^iero co.iHii;e coTBopeno ecTb? Bac. p. :
OT'B pacHM pnsLi Tahh, 7. FpHr. p. w^iero Jijna coTBopena ecxb?
(I. p. oTTi aepa h oxt B03Ayxa h oti. npecxojia roenoAna).]
8. Iwant p. : wx yxa kcx rpoM, wx ^ixa jih M.ibHie'? Bac. p. : ^Baa
arre-ia lecxa rpoMnaa h Aßa MjbHHna.
9. FpHr. p. : kojihko kcx B§xpb? IwaHiiL p. .bi.
[10. Bap. p. : IIporjiLKSH mh yexnpH ropti. TpHr. p. : joyKa na
BBcxoi];$ TiJiOBiTiBCKBiM wöpa30M, MaexcH na lose xe.iqHM uJÖpaaoMt,
MapKO iia sana^i ujpjiwBeM roöpaaoM, iwaHHt na c^Bipe jibBOBeji wöpa-
3WMt, BtCH KpHjraxH coyxL.
11. IwaHHb p, : KaKO ce nasBa hmc a^ans? Bac. p. : nocjia 6ori>
xewh orn&wh cctl ^HLHUAa uace; jikäu RpH^iam äko nasiHHa mbicjihio; nach cb-
MpBTB : la Hce hhofo HHiero, ho sei bosäsxi, Eschh tb Äepacanb. To th ecTB öesaHa
aKO pH3a. Tich. B II 39 hat: na r.iaBi lero und jroKame. (Die Antw.ist gekürzt.)
4. Syn. C 7. Star. VI 96 (ohne Namen) : Tag öeme BorB Ha npecTO.;iB etc. ;
0. Peie: .r. KaiB puca Ha neöeca u na lexe 611.1B BorB na thh Äpara araHixa, 11
TaMO ca öujra m cbcxb. TaMo HCMa Kpaa. Porf. II 4: HsaHHi. p. ■ — Bac. p. ; «apu
fehlt; vor dem zweiten iwam. steht eine Frage in Porf. II 5: FpHr.p.: npoTo.a;KSH
MH Tpus; statt arrejiB kct: arre.i'B CBin. cctb, a spsrHH CBiii. ofhb cctb.
5. Syn. C 8. Star. VI 97 + 98 (ohne Namen): rocnoÄHia fehlt, dafür: B.
A CBeTB? 0. Otb orHB. Porf. II 6, Antw. Fpnr. p. : ott. axa Tahk i oTt csixa
Tmn. Pyp- 1 5 setzt noch u oi-b orna hinzu. Cf. Porf. II 5 zu Ende.
6. Porf. II 7. Pyp. I 6: BBicnpenHBia pHsti. — 7. Porf. II 8: Antw. fehlt,
diese hat Pyp. I 7. Busl. 5 (ohne Namen) Antw. : W. Or epeaia npTO.!ia tähh.
8. SyD.C9. Star. VI 99. Pyp. 18: Antw. weicht ab: F^iacB TocnoÄeHT.
B'B KMecHHui orHeHHOH yTBcpaceHi> u aHrejia rpoMHaa npucTaB.!ieHa.
9. Syn. CIO. Star. VI 100. Porf. II 9: Bac. p. — ÜBaHH-B p. : s7. Pyp. 19:
r. p. I. p. 12 BixpOBX.
10. Syn. C 11. Porf. II 10: Fpar. p. ^to cstb qeTtipe po3H Ha acMJiu?
Bac. p.: BOCTOK-B, sana^x, lor-B, ciBcp-B. Fpnr. p. npoxojiKsu mu wB§ie. Bac. p.
etc. — Cf. zu demselben Thema Archang. 19 etc.
11. Syn. C 12. Prim. y 4. Porf. II 11 secundär: Bac. p. oxyero Asain.
cosAaHX. I. p.: nocia etc. Diese und die vorhergehende Frage kommen hier
wahrscheinlich auf Grund ihrer eigenartigen Auseinandersetzung der vier
358 Kajko Nachtigall,
arrejia CBoero h blsbt .a- cjiob^ : ast na Bi>CTOi],i, ^oöpo na sana^ife,
Mbicj^Te iia K)3i, epfc iia c^Bepe, ii nape^ie hmg reMs a^aniL.]
12. Eac. p. : koühko kct bhcokbihx ropL ii Mwpt Bcix, h b'Sjihkhhx
peKb? rpnr.p. : Mopi> ('?wohl: ropt) lecTt .bi. h Mwpt .bi., H^sTt cKpo3
BC« SeMjlIO, H BeJHKtlHX peKt .Ä. e^HHa H3L paM HCTH^eX H paSA^JIMKT
ce Ha yexiqiH peKLi.
13. laaHHB p.: koühko kct wcxpoBt MwpcKLinx? Bac. p. : .Ji.
BCfe H BB Tix WCXpOBiX HO .0, KSLIK paSJEMqHHHX, HO XOJHKOatAe H
nxHUB, no xojiHKOSKAe h ptiöt, no xojiHKoatAe h aP'^bl blc^x.
[14. IIb. p. : kojiko Kocxeä Bt qj[i];e. TpHr. p. : .pne. a cycxaBOB'B
xojiKO yme.]
15. Bac. p.: Koms Eon. ctcja rpaMa^s? I. p. i Cnes clihs A^a-
MOB^'. — 16. Fp. p.: ^xo MS cBCjra? B. p. : .i. cjobl: hckohbi 6i
cjroBO, H CJioBO 6i wxL Eora. A napeMiio nape^e : hckohh cBXBopn
Eorb Heöo h seMJio. Wxxojre ace H^exL koji^ho IlepaHjiieBO.
17. I. p. : Kxo Ha^s^iH KjaHMXH ce jiki^^mb na bbcxokb? B. p. :
MwvcH Ha rope cHHaHeu;^H.
18. r. p. : KOH npopoKB ne norpiöenL öticx? I. p.: mwvch na
ropi CHHaHCu;iH, h BtSHecoine lero arrejH bb pan.
Himmelsgegenden zu stehen. Das gleiche Thema sonst s. Arch. XXIII. S. 87,
über Sreck. und Mich, übrigens noch unten S. 367 f.
12. Syn. C 13. Star. VI 101 : in einer Frage: B. Ko.iko ca ujia.nunn ro-
jieMH? Syn. C 13 u. 14 enthalten. Prim. / 5: BejinKtix ropL h Mopt h Bcixt
ropB BejHKMHXL? (Verdorben wie auch in der Antw.): .bi. ropt apaBHTCKBiHXB
a MopiH .BI. H rpe^sTB — a Bej:HKLiiixt ropt .ji. E^Ha hbb pau Teieii. Ha .a. piKU.
Porf. II 15: Frage nur: B. p. Ko.aHKO bcjhkhxx Mopi. ii piKX BejtHKHxi.? Dar-
nach richtet sich auch die Antwort; darunter steht: piKi Be.jiiKHxi. esHHa.
Pyp. I 14: B. p. kojihko ropi> BbicoKnxT> h Mopeft ii piKt bcjukhxx?
13. Syn. C 14. Star. VI 101 (cf. unter 12). Prim. y 6: .oe.; no -o. esbiKB,
a HMCHB pa3.IH^HUXB .HF. HO TOJIIIKOy aCC SBipiIHUXB, IIO T0JIIIK8 »6 nTHUB CtC.
Zum Schlüsse noch: a bbc^xb hmchb h cbbikb .co3. Porf. II 16: Antw. .ob. a et.
T§X1. OSTpOBiXT) .OB. H3BIKH paBHOJmHHBIXX HMÄHT..
14. Porf. II 17. Pyp. I 16 u. Tich. B II 5 (zu Ende der Antw. von 5).
15—16. Prim. 7 7 — S. Star. VI 29 (mit unwichtigen späteren Aenderungen).
Porf. II 18 — 19. Tich. B II 6 — 7. Ganz anders werden erwähnt die >>.i. cjosa«
Arch. 18, Mich, l etc.
17. Syn. C 15. Prim.;' 9: Antw. B. p. : ua ropi CBCTin. Star. VI 102 =
Syn. C. Nom. b 2 (ohne Namen): arapHHCuiii. Porf. II 25: na rope AraiJife.
Tich. B II 1 3 : apaBHTCTefi.
18. Syn. C 16. Prim. ;/ 10: zur Frage bbhccb 6o arre.iB n.iBTB ero bb pafi?
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciAa ipext CBHTUTejeM. 359
19. B. p. : ujT Tixa 6lict npoc*spa? I. p.: er^a mwvch npose^e
jrio^H cKpose ^tMHoe Mope, Tor^a qecTL nojaraxs BejiMaxHCL na
TÄSLBi cBoeH H neiame ee wt cjHua, a öors jKpLXBs npHHomaxs h to
6hct Ha rjiaBi npoc*opa.
20. I. p. : Wt KoyAoy blsbt ee ampo? Bac. p.: er^a Ksname
MvpoHOCHu;e roenoAa, xor^a Mapia Btsex bl KynejiH xoh h noMasa
6paxa cBoero cHMona, jreataji öo 6e Mieei];i> .s. 6ojiiin,iH.
21. r. p.: KoM MaxH A^-nß ccixt? I. p. : Mwpe piKLi ceexL.
22. r. p.: Kto npBBiie cBiHa öoM'a Ha seMJiH Hapere ? I. p, :Icaia
WT ^ipiBa Maxepe cBOiee, h BLsex öwcx arrejti h necen ao ceAMaro ne-
öecBi. H cLHHA^x peq BL sxpoös A^BBie. Hcaia ate 6i bb ^rp^Bi Maxepe
CBOiee BB joacecHax.
dann Hjiia. Star. VI 103: na ropa lÜTasra. Porf. II 26 et Tich. B IT 14 =
Syn. C.
19. Syn. C 17. Star. VI 104 (ohne Namen). Prim. 7 11: I. p.: Wit geca
öbiCTt nocKspa u rsMLHme? ron.ziaTHKii f. BeJiMaTHCt; .... GJihnna, 3a cjioyacös, h
npoTarj non.iaTHKOMi. njiiinB; a who nocKspa. Porf. II 28 (= Prim. y 11): I. p. :
OTiero nptCBupa 11 rsMenito? B. p. : er^a MoHcen npoBeAe jhoäh cbom CKBOsi '^ep-
MHoe Mope, H Toraa no^araa onpecHOKH neiiH 0x1. co.!iHiiia Ha rüasi, tbh cbocms
Ha cjsacöy.
20. Syn. C 18. Star. VI 105 (0. NN.). Prim. 7 12: ErÄa Ksnanie CajtoMiH
rocnoAa npu KKnijH, ^Tor/ia Mapia Ksnijin loe etc. [6oJiivXivi fehlt). Porf. 11 35
lehnt sich an Prim. 7 12 an, ebenso Pyp. I 25. Ganz anders wird das behan-
delt Stojan. 20, aber auch Mich. 57, Arch. 59, Sreök. 20 etc.
21. Syn. C 19. Star. VI 106 (ohne Namen). Prim. 7 13. Porf. II 40 et
Pyp. I 36.
22. Syn. C 20. Star. VI 107 (0. Namen der drei Heiligen). Porf. II 45 et
Pyp. I 42, Tich. B II 26. Vgl. Frage 1.
Diese soeben zur Darstellung gebracbte Reihe von Fragen und
Antworten, in denen das stärkere Hervortreten des kosmologischen
Elementes zu betonen ist, wird im üebrigen durch die von der Gruppe
Stojan. etc., mit der sie einzelne Themata gleich hat, völlig abweichende
Lösung derselben charakterisirt. Man vergleiche dazu 1 : rpnr. p. :
KTO npfcBO öora napege? und Stojan. 3: B. Kxo npi&acAe Bcixt HMCHOBa
Eora Ha senurn, ausserdem 20: I. p. : WxKoyAoy BLsex ee MHpo? und
Stojan. 18: B. OxRoy^t öime M\-po leate noMaaa Mapia Hosi HeoyeoBt
etc. (die Antw. wolle man an den betreffenden Stellen nachsehen).
Dureli die Benennung der Fragen und Antworten mit den Namen der
360
Rajko Nachtigall,
drei Heiligen Basilius, Gregorius und Johannes, von welchen der letzte
jedoch die wichtigste Rolle zu spielen scheint (er kommt an 19 Stellen
vor^), während er sonst stark zurücktritt, erweist sich die genannte
Reihe als eine echte sogenannte Bee'£ji;a xpex-L CBaTHTe^reii, der wir im
Griechischen leider fast gar nicht auf die Spur kommen können. Nur
für die 3. Frage können wir einen griech. Beleg liefern, der bloss zum
Theil mit dem slav. zusammenfällt (die Antworten gehen auseinander).
Es dürfte aber doch schon dieser Umstand, nebst Anzeichen einer aus
dem griech. Original geflossenen Uebersetzung im slav. Texte 2), zur
Genüge beweisen, dass wir auch dafür, wie für Stojan. etc., ein griech.
Original voraussetzen müssen. Die besagte Entsprechung in der 3. Frage
ist folgende :
Krasnos. 1898, XI 77 : 'Eq. Jia
tL to aovddcQLOV, o yjv enl tfjs
y.ecpa?,7jg avrov^ ov f.iera tCov
ö-9-oviiov y.eif.ievov ä?^lcc yj^Qi^S ^*^-
TETvXtyfisrov elg eva xöitov ;
(cf. das gleiche ib. VIII 16).
Eec. 13: I. p. : ^ixo kctl le^Hut
npHTBKt H BHA^ pH3LI re;i,HHH JS-
a:em,eK n coy^apt, nate 6e na
rjraBe lero, ne et pnsaMH Jii-
2KeU],t, Hb WCOÖL CBtITt H Iia
HHOMB Mi exe JliKe'/
Die Texte, die uns noch übrig bleiben, berühren sich nur mit dem
zweiten Theil von Syn. C: Syn. C2 (die Fragen 21—46).
dies zunächst eine Tabelle:
Syn. C 2 1 = Star. VI 1 08 = Nom. b 3 = Mich. 1 9 (20) = Arch.
22
23
24
25
26
27
28
109
110
111
112
113
114
115
4
=
21 + 22
=
23
5
=
24
6
=
25
7
=
26
8
=
27
=
28
=
29
Es zeige
(21)22 3)
23 + 24
25
26
27
28
29
30
31
1) Basilius 15 mal, Gregorius 11 mal.
2) Vgl. z.B. Frage 19: wenn nicht schon mit ihrem »npoc^spa«, so doch
»BejiMan Stellen werden trotz ihrer Abweichungen, wobei bald
Sreök., bald Mich, mehr hat und breiter ausführt, aus ursprünglich gleicher
Quelle herstammen. Der Absatz über die 8 Theile Adams enthält auch das,
was die II. Redaction der Adamfragen bietet. Man wird ungefähr an Tich.
Ale und Star. VI erinnert, mag auch viell. beides davon zu trennen sein.
Es war dies eben ein sehr populärer Stoff. S. übrigens Archiv XXIII, S. 81 f.
368 Rajko Nachtigall,
das Mehr des Sreck. u. Mich, gegenüber Archang. die Frage nach der
Zusammengehörigkeit desselben mit der echten Beseda verneinen muss.
Betreffs des Tractates über Adam ist das leicht erklärlich i). — Für die
übrigen Fragen ist das ebenfalls sicher, aber nicht so leicht ersichtlich.
Wir begegnen ihnen jetzt schon auch in griech. Texten. Bevor wir
jedoch darauf, sowie auf die Analyse des durch Archang. dargebotenen
Materials übergehen, wollen wir ein Paar Worte über die beiden kroat.-
glagolitischen Texte: Milc. und Ark. einschieben. Die beiden Texte
stellen trotz einiger Abweichungen ein Zwillingspaar vor und gehen
endlich und letztlich auf einen Text wie Sreck. zurück. Die Milc. und
Ark. gemeinsamen Fragen sind (dabei erläutern sie sich an mancher
verdorbenen Stelle gegenseitig) :
Milc. 1—2 = Ark. 1, 3—6 = 2—5, 7—8 = 6, 9 = 7, 13 = 8,
14—15 = 9, 16=10, 18—20 = 11—13, 21—22=16—17,
24—26 = 18—20, 27 = 15, 28—32 = 21—25, 34—35 = 26—27,
36 = 29, 38—43 = 30—35, 44 = 38, 46—47 = 37—36, 48—52 =
39—42, 54—56 = 44—46, 57 = 48, 70—14.
In anderen unseren Texten überhaupt nicht belegbar sind die
Fragen Milc. 10—12 (alle drei defect), (17), 33, 58, 60, 62, 66, 68—
69 und Ark. 47, 50—60 (Schluss).
Die Anfangsfragen Milc. 1 — 20 (3a^it ^mobhkl o6' Homxt poAH ce h
o6' HoniTt norHÖe? etc.), Ark. 1 — 13 (A no ^ito yjiOBiKL o6' hoiu,' po^HB
ce, o6 H0ii],B H yMpex'? etc.) gehen grösstentheils auf sogenannte Fragen
Johannes' Theologus an Abraham am Berge Eleou zurück, wie ja solche
auch im Codex Sreckovic's vor der Beseda stehen. Ein Beispiel ist be-
reits Arch. XXIII, S. 68 angeführt worden. In dem Theile der Beseda
begegnen nur in Milc. u. Arkiv folgende Fragen :
Milc. 28: A r^o e oÖJiaiiiTeHa 0B'i];a? A^aML; Ark. 21: A kto
ecTB odiia^ana 0Bu;a? A^am'. — Milc. 48: A kh cxapt po^n ce? Kh ce
noKai rpnxa; Ark. 39 : A kto cxap' po^n ce? kh noKaex ce rpexa. —
Milc. 54: Ka seM-ia ne bh;i;h eJiH'i],a? Ka e no^' MopeaiL; Ark. 44 : A
Tich. Ale könnte übrigens unter dem Einflüsse eines ähnlichen Adamapo-
kryphes, wie ihn Mich, und Sreck. bieten, gestanden haben, worauf auch ib.
S. 87 verwiesen wurde.
1) Es ist also nicht ganz richtig, wenn in Jagic's Slavischen Beiträgen
zu den biblischen Apokryphen (I. Die akslav. Texte des Adambuches S. 59f.)
die betreffenden Fragen in Sreck. aus dem Gespräche der drei Heiligen her-
geleitet werden.
Eiu Beitrag zu den Forschungen über die sog. EcciAa ipcxi cBaTUTe^ieÄ. 369
KOTepa 3eMJia cjrHii;a ne bhah? Ka e no^ Mop'feM'. — Milc. 55: ^'to
cyxL o6jh KpycH? ]Ipopoii,H; Ark. 45: A ^ito cy o6äk KpycH? to
npopoii,H. — Milc. 56: A tao ey cTJinH i^pHKBeHH? AnocTo.;iH; Ark.
46 : A ^iTO cy y^H XpHCTOBH? To anocxojiH,
Sonst erweisen sich die beiden Texte als Abkömmlinge eines Textes
wie Sreck. Das zeigen die nur mit diesem gemeinsamen Fragen:
7; Ark. 10]
:. 9 =
Milc. 38— 39;
Ark.
3 0—3 1 (cf. auch Mik\ 16 + 17
10 =
57
48
15 =
59 + 61+64
33 =
51
41
43 =
63
49 =
31
24 [Sreck. 50 = Milc. 30 ;
56 =
3
2
59 =
27 + 26
15 + 20 1)
61 =
40
32
Ark. 231
69 (die Zeitbestimmung im Zusatz) = 70; 14
75 = 65.
Zum Vergleiche führe ich folgende zwei charakteristische Fragen
aus den drei Texten an :
Milc. 57: A yiiM' ce
en'pen Kp'exe? 06p§-
saHHBM' OT aBpaana
no^iaHuie ao mohcM.
31 : Ar^o 'e rpoa'Ai»
ropecTH ? Eyra 6o
npijacTH ce ox ^'pHß'-
Hora njiG^a.
Ark. 48 : A mim' ce
Ebp^h KpcxHme? xo
oöpisaHHCM' ox Anpa-
aivia saiaiuuH,
24: A mo ecxi.'
rpo3Ai» acic^H H rposAb
ropicxH HXL ? Eyry 6o
npejiacxH smh^ rpo3-
äom'.
Sreck. 1 : B. ^hml ce
T
hioa'£h Kp'cxexL. W.
OöpiaaHHeMt \Sj aspaMa
Ha^i'HLuie.
49. B. Koie fl,ijio na
aejLiH ÖLicxL npbBO iio-
T
Bo2). W. rp03AB, HÖO
3o6a rpos^ii h leeroy
3MHM npijitexH rpo3-
ÄOMt 3) .
*) Die Fragen über die 8 Theile Adams und seinen Namen; auch sie
haben nichts mit den Adamfragen der I. oder II. Redaction zu thun. Das
sieht man aus ihrer Auslegung, indem die Zahl der Theile = Syn. A I, die
Form der Antwort aber = Nac. I ist; überhaupt bieten sie nur ein Excerpt
aus Sreök. (s. oben S. 366 f.).
') Frage der 50. gleichgebildet: Tjiar. p. Koti xuipocxB uptBie na 3eM.m
ÖHCTL? Milc.30: A ko ^ijio 'e HaHnpBO HascMJiH? Ark. 23: A ko a^äo 6i Hannpso
Ha seMJiH? 3) Cf. zu dieser Frage Jagic 1. c. S. 59; Sokolov,
Archiv für slaviache Philologie. XXIV. 24
370 Eajko Nachtigall,
Die Fragen in Milc. u. Ark. machen den Eindruck eines Excerptes,
wie das besonders die auf umfangreichere zurückzuführenden darthun,
z.B. Milc. 26: A r^o mh hmb Hapeue (scill. A;taMoy)? (Ark. 20: A kto
A^aHoy HMB Hapeye?) oder Milc. 37 : A ti'to 'e epe eAHora HCKaxoy
a xpn HaH;i;ome oder Ark. 49 : A b kh oöpaa' HanHcame ce 4 eBanhe-
jiHCTH? U.S.W. Die theilweise abweichende Reihenfolge der im Ganzen
und Grossen nicht zahlreichen Fragen ist natürlich secundär.
Kehren wir nun zur Analyse des uns durch Archang. und die Er-
weiterungen in Sreck. u. Mich, dargebotenen Materials zurück. Voraus-
schicken wollen wir eine Tabelle der sich entsprechenden Fragen und
zwar auf Grund des Textes Archang. :
Archang. 1 =
= Mic
h. 4
= Sreök.
2
=
5
=
=
= Milc.
21;
Ark.
16 1)
3
=
6
=
[Stojan. 16]
4
=
=
5
=
7
=
6
=
8
=
2
7
=
9
=
4
8
=
10
=
5
9*2
) =
11
=
26
10
=
12
=
23
11*
=
13
r=;
25
=
47;
36
12*
=
=
(45)
13*
=
14
=
27
=
46;
37
14
=
15
=
28
=
44;
38
15
=
16
=
29
16*
=
17
=
30
=
43;
35
17
=
18
=
^
22;
17
18
=
1
=
78
19
=
2
=
=
0;
49
20
=
3
=
79
21
=
19
=
80
=
67;
MaTepia.iti S. 132 ff. — Sie gehört jedoch nicht der Beseda an, ist auch sonst
nicht belegbar.
1) Eigentlich 1 : da die vorhergehenden Fragen nichts mit der Beseda
zu thun haben (s. oben S. 368).
'-') Die in der ersten Reihe mit Sternchen bezeichneten Fragen kommen
auch in Syn. C etc. vor (cf. die betreffende Tabelle S. 360 f.).
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa ipexi cBflXHxe.ieM. 37 \
Arch
. 22*:
= Mich. 20 =
= Sre6k.81
23*
24*
=
21
22
z
l 24 ■"
Milc. 41
= 42
; Ark. 34
; 33
25*
=
23
=
38
=
; 28
2G*
=
24
=
82
27*
=
25
=
83
28*
=
26
=
29*
=
27
=
76
30*
=
28
=
39
31*
=
29
=
0|
32*
=
30
=
50
= 30
23
33*
=
31
=
^ 84
= 34
26
34
=
32
=
/
= 35
27 =
Ötojan. 81
35*
:=r
33
=
63
= 32
, 25 =>
[2] ^
3G*
37*
=rz:
34
35
=
l 77
= 25
= 24
19 =
18 =
[4]
[5]
38*
=
36
=
in 69 1)
=
=
[9]
39*
=
37
=
85
= [49].
i0;40
40
=
38
=
69
41
=
39
=
86
42*
=
40
=
71
= 36;
29 =
[11]
43*
=
41
=
=
=
[12]
<
44*
45*
=
42
43
"^152;
42|"^
[15]
[14]
46
=
44
=
= 53;
=
47*
=
45
=
=z
=
48
=
46
=
72
49*
=
47
=
58
50
=
48
=
64
51*
=
49
=
62
= 23
=>
[1]
52
=
50
=
544-55
= 29;
22 =
[3]
53
=
51
=
54
=
52
=
52 + 53
55*
=
53
=
46
= 37
56*
=:
54
=
88
») Sreck. 68 ist die gleiche Frage, wie Stojan. 7; cf. dazu Porf.I, S. 384.
Siehe unten S. 377.
24*
372
Rajko Nachtigall,
Arch. 57
58^
Mich. 55 = Sredk. 89
56
90 [13]
59
=
57
= 20
60
=
58
= 21
61
=
59
= 73
62
=
= 48
63
=
= 1
64
=
=
65*
=
= [31] :
66
67
=
[22
=
[Stojan. 18]
= Milc.45; Ark.
= 0; 43 = [Stojau. 20]
Aus der Tabelle ersieht man, dass die Gruppe Archang. allein und
mit der von Syn. C 2 zusammen gewisse Fragen mit Stojan. und den
dazu gehörigen slav.-grieeh. Texten, so Syn. A II theilt. So drängen
sich uns vor allem 3 Fragen zur Beantwortung auf: 1) Sind die in
Syn. C 2 und Syn. A II sich entsprechende Fragen aus gemeinsamer
Quelle geflossen? 2) Wie steht es in gleicher Hinsicht mit den Berüh-
rungen von Archang. und Syn. A II (Stojan. etc.)? und 3) Ist die Vor-
lage der Gruppe Syn. C ^ und der von Archang. dieselbe gewesen?
Auf die erste Frage müssen wir mit Nein antworten. Völlig ver-
schieden werden ja gelöst die Fragen, wie:
Stojan. 1 (Syn. A 40) : B. KorAa
eL3;i;a Eort A^aMa ? 0. Mko c.tobo
etsAauia bl mecTtin ji,huh cB3;i;aBa-
BTB A^aMa. [Griech. cf. oben
Archiv XXIII, S. 63].
Syn. C 39: Tpar. p. : Koero m§-
eei],a CBS^a öort A;i;aMa? Bac. p. :
Mapxa .Ke. äbhb bb yac .s.
[Griech. Krasnos. 189S, XII 39:
'Eq. JIÖTe tTtXaoEV o Gebg tov
J4ÖUI.I, STti Tiolov (■it]vbg y.al sig
vag ncöaag; J^tt. 3Ir]vbg Blaq-
xiov, "/£', fji.ieQq £xrj]] ')•
1) Slav. = Star. VI 125; Nom. b 16; Archang. 51: B. Kor^a 6^ ctSÄa
C' T (? •-» . ?
aaaMa. u Koero Mua. W. Mapia Mua kc. a b-l äbhb .s. Mich. 49: BBnpo. Korsa
CB3Äa 6b a^aiMa. Koicro ama h bb kbi ähb Mna. W. napia .Ke. ^a .8. ähb penoMBi
ncTKB. Srcck. lässt Koero Mua etc. aus, hat aber bb ahb pgkombi nex'KB. oy qac
.7. ÄHG. Milc. 23 hat auch b' neiaKB. Griech. = ib. VII 28; X4; X 64 — 66;
Moc. I a 1. Krasnos. 1898, IV 5: 'Fq. ITöxe InXaadi] o MSäix; ün. Mrjvl Maq-
tUo eis ta^ eixoaTfi nif^nir], r^/Ltig^t naQaaxavii beweist, dass für Mich. u. s. w.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EcoiAa ipexi. cuHXiirejieii. 373
Stojan. 2: B. Kcihko jii&Tb cb-
TBopH A;^aMfc Bt paH? 0. M^ac .s.
Ka Beyepoy 60 chKpn ce, mko ate
imiueT ce etc. (auch griech. cf.
Archiv XXIII, S. 63].
Nom. b 9: B. Ko.ihko iiokhti,
A^aM Bb paH? W. ujT uiecTaro
^laca äo .ö.ro M.
Stojan. 3 gegenüber Syn. C * 4 (wie Stojan. 18 gegenüber Syn.C 1 18)
ist bei anderer Gelegenheit (oben S. 359) zur Sprache gekommen.
Selbst in der Fragestellung ist ein Auseinandergehen sichtbar bei :
Stojan. 9 : B. Kojrau.inib .lixoMb
6iuie Hoe Kr;i,a cbTBopn ce no-
TOnb '? 0. IIsTHMb CTOMb JI^TOMb .
[Griech. siehe Archiv XXIII, S. 64].
Syn. 31: Tpur. p. : kojihko Air
3CHT Höre no noToni? Bac. p.
uiecTb .lixb^).
Im Griech. scheint eine Syn. C 31 entsprechende Frage nicht vor-
, 'C T
zukommen. Die Frage in Mich. 36: Bbnpo. Ko.inKO Äi 6i nore rer^a
iiOTonb 6hl. W. .X. Äi. (Archang. 38: B. Ko-raKOjiTeHt 6i Hoe, Kr;i,a
noTont 6hl. W. .x.)3] entspricht näher Stojan.
Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache hinsichtlich jeuer Fragen,
die in Syn. C^ und Stojan. resp. Syn. All fast identisch sind. Doch
bestimmen uns auch hier nähere Betrachtungen, auch diese betreffs ihrer
griech. Vorlage von einander zu trennen. In erster Linie kommen da
die Fragen in Betracht, die an den Auszug der Israeliten aus Aegypten
anknüpfen :
eine nähere Variante im Griech. als Krasn. 1898, XII 39 anzunehmen ist.
Arch. u. s. w. kann hierin nur secundär sein.
1) Slav. = Mich. 33, Sreck. 63, Archang. 35; Milc. 32, Arh. 25. — Griech.
haben wir ausser dem Original für Stojan. auf diese Frage noch folgende
Antworten: 7?oßs- c' [Krasnos. 1898, VII 25, XII 6, ad IV 34] und: '-Erri txcn6v
[ib. VIII 9 u. IX 13] ; man vergl. jedoch die auf die beiden letzteren Stellen
folgende Frage (ib. VIII 10 u. IX 14): 'Eo. Kul ano ir^s na^aßaaEiog noaa
-) Slav. hat das noch Star. VI 118, nur mit: .x. .aexa.
3) In Sreck. ist die Antwort in 69 enthalten : HOKBa acHBOxa .x. .aix (scill.
1JIBIXU . . . na^ROje Ha seM.TK) noxont;.
374 Rajko Nachtigall,
Syn. C2 34 = Mich. 41 = Archang. 43 = Stojan. 12
35 = 42 = 44 = 15
36 = 43 = 45 = 14 1)
= 44 = 46 =
37 = 45 = 47 = 0.
Schon der Umstand, dass einerseits das griech. Original für Stojan.
etc. bis aufs Wort feststeht, anderseits für das Mehr in Syn. C^ und
Archang. ein griech. Beleg gefunden werden kann, unterstützt die aus-
gesprochene Behauptung. Man vergl. : Archang. 46 : B. Kojihko ji^t^
c^TBopHuia Hi.aBTH B'L noycTBiHH ? W. .M.2) = Moc.Ib 5: Eq. UÖGa
etrj eTtolrjaav ol vtol ^loqai^X eig Ttjv eQr][,iov', J^Tt. .fi . und Archang.
47: B. Kojihko hxb irpoHAe iropÄanx? W, .y. THcoymb 3) = Moc. ib. 6 :
^Eq. TIÖGOi eTtsQaaai/ rov 'loQÖävrjV 7tora(.iöv\ ^rc. T€TQay.6aiai,
l-ivQKxdss'^)- Ausserdem bemerken wir in Moc. I b 3 — 4 die gleiche
Reihenfolge wie in Archang.44 — 45 u. Mich. 42 — 43 (Stojan. 15 — 14).
Ja nach Moc. I b 6 folgt 7: ^Eq. TL eijtev b Ttqocprirrig' oi ovqavol
dci^yovvTaL dö^ap Qeov] = Archang. 48: B. Kto coyx HÖca Hcnoni-
ÄoyiOTfc cJiaBoy öatiio? Mich. 46: BLnpo. Kto coyTb h6% hko^kb pe
npopoKt: HÖ^a HcnoBiAaioTt cjiaBoy öatmo? mit gleichen Antworten^).
Vor den behandelten Fragen steht bei Stojan. (11) und Archang.
(42), Mich. (40), resp. Syn. C^ (33) in gleicherweise die Frage: Wann
freute sich die ganze Welt? Stojan. hat gegenüber den übrigen in der
Frage und Antwort einen Zusatz, der im Griech. feststeht. Ebenso finden
wir aber auch für die Fassung in Archang. etc. den griech. Beleg (cf.
Moc. I a 5 ; Krasnos. 1898, XI 52, XII 42, VII 4, I 9).
Gegenüber Stojan. 4 u. 5 bieten Syn. C ^ und Archang., resp. Mich,
Stojan. 13 fehlt in den drei übrigen Texten.
CT ~ T ...
-) Mich. 44: Btnpo. Kojihko Jii cxBopHiue H3JiHTiHe bb noycTLiHH. W. .äi.
T
Jii (Antw. seeundär).
3) Ib. 45: KOJIHKO HXL npoHÄe iwpÄaHB. W. .iä. (dtto).
*) Von »eQT^f^o^a spricht noch Krasnos. 1898, XI 60 und von »Ioq&kuijs«
ib. X 20. In denselben griech. Texten ist ein dem Arch. etc. näherer Text
auch für die übrigen mit Stojan. gemeinsamen Fragen zu finden. Cf.i b. X 20,
XI 61 u. Moc. I h 4.
5) Moc. I b 8 entspricht Archang. 54, Mich. 52; ib. 9 — 55, 53; ib. 10 —
56, 54; ib. 11 — 58,56.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beciaa xpexi. cBaxHxejieir. 375
folgende Abweichungen : Syn. C 29 : TpHr. p. : Kto hg poatAeHB wt mr-
Tepe? ') — Archang. 36: B. Kto iie poateiii. sMpxL? Mich. 34: BLnpo.
T
Kto Hepoac;i;eHL sMpiTt? [W. A^aMt] (Stojan. 4 u. Syn, A 43: Kto iie-
po^üHBL ce oyMpiTL); Syn. C 30: Kto HepoacAeHL ctcTapesh ce (viell,
nach 29) und Archang. 37: Kto no patcTsi cicTapiBCA, Mich. 35:
Bbnpo. Kto no poatAtcTBt ctcTap^Bt ce f. Kto ctcTap^BUiH ce des
Stojan. 5 (Syn. A 44 : Kto cltbophbl ce). Ausserdem lassen in dieser
letzteren Frage Archang., sowie Mich. u. Syn. C gegenüber Stojan. u.
Syn. A den Zusatz zur Antwort: OTt in€K:Ke BLeTB öticTb aus. Im
Griech. finden wir nur in Krasnos. 1898, I 1 durch das: Tig /^lera to
yevvrjd-fjvai v.al yrjQäaai und den gleichen Mangel des genannten Zu-
satzes eine nähere Entsprechung für die Gruppe Archang. Die übrigen
hierher gehörenden griech. Fragen lehnen sich an die Stojan.' an. Es
scheint, dass wir doch auch die letzten zwei Fragen schon der Vorlage
von Syn. C 2 etc. zuschreiben müssen.
Auf die zweite Frage, die wir stellten, — betreffs der Berührungen
von Archang. allein und Stojan. müssen wir uns ebenfalls für die
Annahme von zwei verschiedenen griechischen Originalen für die beiden
Gruppen entscheiden. Unter den da zu behandelnden Fragen sticht am
meisten Stojan. 18 = Archang. 59, Mich. 57, über das Chrisma, mit
dem Maria die Füsse des Herrn salbte, hervor. Wir finden nun in dem
schon in dieser Richtung herangezogenen griech. Texte Moc. I b 1 1
einen (leider nicht vollständigen) Text der genannten Frage, der in
seinen Varianten zu Krasnos. 1898, V 18 etc. (also auch Stojan. und
Syn. A II) eine interessante Annäherung an Archang., Mich. u. Sreck.
zeigt, so dass für diese letztgenannten Texte eine von der Stojan.' u. s. w.
verschiedene griech. Vorlage vorausgesetzt werden muss. Die Varianten
der beiden griech. Texte, die uns interessiren, sind: Moc. I b: roifg
Tiödag Tov Kvqiov (Archang., Mich., Sreck.: Hosi thh) — Krasn.
1898, V: rovg rcödag tov ^IrjOov (Stojan., Syn. A II: iiosi Hcoycoiii) ;
Krasn.: xat kTtXrjU^rj b oinog e% rfjg dG(.ifjg tov i^ivqov, Stojan., Syn.
A II: H HcnjLHH ce aoml otl bohk Mvpa (in der Frage) fehlt in Moc.,
Arch., Mich. u. Sreck,; Moc.: eXaßev ^ ^lala to ano tov Iovtqov
(Arch,, Mich., Sreck. : ^ noKoynaHHM leate BLBLMfcmn öaöa) — Krasn. :
•/.al eXovasp avvbv (andere Variante kXovoccTo) i] (.lala laß ovo a to
aTtölovai-ia (Stojan,, Syn. A II: h omh ce öaöa BBsaMiUH noMHBeiiie):
ij Star. VI 118: oxt aiaHKa (bulgarisch).
376 Rajko Nachtigall,
Mo5. : Iv rcp y.acarQvßf^vaL rov töicov (Arch., Mich., Sreck. : Bt cKpt-
BeHbH^Mfc^) MicTi) — Krasn. : ccjtEO'AETtao&n] 6 roTtog (Stojan., Syn.
A II: wTKpH ce Miexo).
Das Weitere der Frage, das Moc. nicht mehr hat, gebe ich ganz
wieder :
Archang. : . . . hbhcä cToe h iC-
KpH CA. H HCnJI'BHHCÄ M^CTO TO ÜJ
BOHA MHpcKia MKO ;;hbhth ce na-
CT^xoMTi^j H HCKaBinn ero Mapia
oöpixe HBBiAoyuiie '^to ecxL. ^a
er/i;a BtHn^te rt bx aomb CHMona
iipoKajKBHaro noMasa iioai^) ero ö)
ToroM.
Syn. A: mbh ce cbcoyAfc iicnjih-
HH ce MiCTO WT BOHK MHpa, HKO
qiOÄHTH ce nacTHps, h noHCKaBt
lüöpexe ciie, Hsex wx seM-ire, h ne-
pasHMe Tixo KcxL, no npHKJisyeHiH
ace w6p'£xmii ce Mapia. na^ie öjia-
roBOjiieHieMt öokikm blscxh cie h
CBxpaHH ÄOHÄe wHoro, h er^a bb-
HH^e ICSCB Bb AOMS CHMOHa npoKU-
aieiiaaro .
Auch die Gegenüberstellung dieses Theiles der Frage deutet durch
das Frühere gestützt unzweifelhaft auf zwei verschiedene griech. Quellen
hin. Wie nur in Stojan. und dessen Gruppe vor 1 S eine dazu gehörige
Frage über Salome, die das Chrisma verborgen hatte, steht, so haben
auch nur Arch., Mich, und Sreck. gleich darauf eine über Maria, die
den Herrn mit dem Chrisma gesalbt hat.
Sreck. (22) fügt auch gleich die Frage über die Zahl der MiipoHOCHi];e
dazu (Stojan, 20), welche in Arch. erst nach andern 7 Fragen ganz zu
Ende des Textes und etwas abweichend steht, in Mich, sogar fehlt, aber
ihre Spur, wie es allen Anschein hat, in der 5 8. Frage (s. unten im Text-
abdruck) zurückgelassen hat. Das Aelteste betreffs beider Fragen über
Maria und die MHpoHOCHri;e wird da wahrscheinlich Sreck. erhalten haben.
Auf jeden Fall aber stellt sich für die Frage über die f.iVQOcp6qoi
gegenüber Stojan. eine andere Redaction heraus. Stojan. und dessen
Gruppe weiss nichts von 6jio"yAHHii,a (oder wap'xa, Sredk. ; Krasn. 1898,
1) Mich., wie es scheint: bl cK(pi.)BeuHre bb MicTi (die Stelle ist schlecht
erhalten).
-) Sreck. bc^m.
3) Sreck. u. Mich, rjiasoy.
*) Mich.: raBH ce ctok h wKpH cc. h ucn.iBHU ce wicio xo w bohk MvptCKbire,
iJKO auBHTH ce nacxoyxoML. h HCKaBiun ro MapHia wöpixe hc BiÄoyiUH ^xo
lecxB. Äa icrAa BtHiise fb bb äomb chmoiiobb npOKaacOHaro, noMasa r.iaBoy roy
«5 loro.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa Tpexi. cBuxuxejieyi. 377
VII 10:-^ 7v6()vrj), ebenso nichts von dem Mehr bei Sreck. : h ApoyrHK
cb HHMH (Arch.: h Apoyrtia 60 noMasaxii HAoyx).
Eine in den griecb. Texten stark verbreitete Frage ist: Wann
starb der vierte Theil der Welt? Sie kommt vor: Krasn. 1898, II 4;
IV 12, V 8 u. 35, VII 29, IX 11, X 5, XI 53, XII 51 u. Moc. I a (>.
Auf Grund des slav. Textes in Stojan. u. Syn. A ist charakteristisch
der Zusatz kp a7ta§ (Krasn. 1898, V 8 u. 1890, 8; nicht mehr 1898,
V 35, IV 12 u. s. w.) = KAHiioK) (in der Frage). Das entbehren nun
nebst der Mehrzahl der griechischen Teste auch Arch. 34, Mich. 32
(Sreck. hat diese Frage an die 84. angehängt), Milc. 35 und Ark. 27.
Für Arch. 3 : Fpiir. p. B^n-iomeuie rne b kob npeMA 6w h b kob
T . f *$
.liTo. W. npH aBrscTi i];pi; Mich. 6: Ppn pB. BLnjtm,BHHK rne Bb
KOK BpiMB 6hl H Bb KOK jii. W. npH aBroycxi iipi. ABKBÖpa .KB. —
Stojan. 16 (Syn. A 55) : B. BtqjroBeyeme 6oaciB Bb kobh oöJiacTH öbicxb?
0. TEpH AnroycTi KBcapn finden wir im Griech. nur das Stojan. ent-
sprechende : "Eq. 'H evavd-QWJtijaig roü Kvqiov T^^mv ^Irjaov Xqiütov
Iv TioLa VTtüTeia yeyorep; J^n. ^Ercl Avyovoxov KaioaQog. Auch
da ist nicht nur eine doppelte Uebersetzung fllr's Slav., sondern auch
eine doppelte Quelle dafür im Griech. herauszulesen.
Auch Sre(5k. 68: B. ^Ixo lecxb .3. MbmBHH KaHHOBb? divergirt
einigermassen gegen Stojan. 7, ganz abgesehen, dass es nicht in die
Beseda gehört und in Sreck. auf eine leicht ersichtliche Weise hinein-
gerathen ist (cf. S. 365). Es fehlt in Sreck. die Hälfte der Frage und
statt a^a oöhobm hat er a^a Haci^AOBa (cf. Nac. 11: a^a nacjiiAH).
Mehr stimmt zu Stojan. Porf. I, S. 384, ein später Text, der endlich und
letztlich auf eine Vorlage der Art des Arch. zurückgehen mag. Doch
auch er zeigt Varianten: pßye statt peys Eorx, oyöiiBb statt oöp^xaBH
H oyÖHBaB und h nojiüja^H BMy sHaMBHiB, als Mehr in der Frage. Im
Griech. ist diese Frage auch stark und zwar nicht nur in Texten, die
der Beseda, hier im weitesten bisherigen Sinne des Wortes genommen,
entsprechen würden, verbreitet (z. B. in den '^PrjasLg -/.al iQurjvelat
jtaqaßolCüv^ s. Archangelskij, Tnopema S. 174 — 75). Bei Krasnos.
1898 kommt die Frage vor: IV 54, V 7, VII 30, X 6, XI 70, XU 56,
bei Moc. I a 7. Darunter nähern sich Krasnos. XI 70, sowie Moc. I a 7
hinsichtlich ihrer Auslegung noch am meisten dem Sreck., was jedoch
vermuthlich dem Zufall zugeschrieben werden muss, wofür das »a^a
Hacji^AOsa« gegenüber dem »adqv up€/.aiviaev« (a^a oöiiobh) spricht.
378
Rajko Nachtigall,
Es ist schwer zu sagen, ob diese Frage zu denjenigen in Archang. und
Stojan. gemeinsam vorkommenden, aber auf verschiedene griech. Vor-
lagen zurückgehenden zu rechnen ist. Wir haben sie im Slav. wieder
in anderer Form auch in den Adamfragen II. Redaction und können sie
auch in alttestamentlichen erzählenden Apokryphen belegen (vergl.
CöopiiHKi. der Petersburger Akademie XVII, S. 104 ; Franko I, S. 9 etc.).
Sie ist wohl, da sie in Archang. und Mich, übereinstimmend fehlt, aus-
zuscheiden und den übrigen secundären Zuthaten in Sreck. zuzuzählen.
Trotzdem nun, was das Slavische anbetrifft, Texte wie Stojan.,
resp. Syn. A II einerseits und Archang. und seine Gruppe anderseits
hinsichtlich ihrer gemeinsamen Fragen nichts miteinander zu thun
haben, so muss doch für die griech. Vorlage der Gruppe Archang. eine
Verbindung einer, sagen wir, echten Beseda mit Fragen der Art Stojan.
(Krasn. 1890) angenommen werden. Dies ersah richtig bereits Kras-
noselcev (s. Archiv XXIII, S. 34 — 35). Man merkt es auch, wenn man
die Tabelle auf S. 371 durchgeht, wo wir im zweiten jTheil solcher
Texte, wie Mich. u. Arch., fast reihenweise die im Vorausgehenden be-
sprochenen Berührungen derselben mit Stojan.' Gruppe von Texten an-
treffen. Das kann keinem Zweifel unterliegen. Doch gehört die Er-
örterung davon ins Gebiet der griech. Beseda.
Zu beantworten erübrigt uns noch die dritte oben gestellte Frage,
ob für Archang. und Syn. C^ eine gemeinsame Vorlage vorauszusetzen
ist. Sie zu stellen, verlangen vor Allem ein Paar sonst ganz regelrecht
vorkommende Fragen, die durch ihre abweichende Fassung auf ver-
schiedene Quellen hinweisen könnten. In dieser Beziehung wären
hauptsächlich folgende drei anzuführen :
Syn. C 22: TpHr. p. : koh häo-
BiKfc .p. jiir He ölibb na aeMJiH
ce^i H HBÖeca hb bhä^, h neöeceM
noB§Aa AO -A-ro JiiTa? Bac. p. :
Hjiia npi BBLsaBCJiL. er^a i^apcTBO-
Bame h hb iuai>»^äh no sbmjih jiixa
xpH H Micei^b .s. 1).
Archang. 25: TpHr. p. : klih
iJiKb nDjit^ieTBepTa CTJxna no-
craBH na sbm^ih? Bac. p.: Hjia
npH esaBBJH. .r. jiiTa h ,s. Mu;b
HB OAoatAH^),
1) Star. VI 109: .p. Jiixa na scmjiu a hcöoto; napHua.
2) Mich. 23: Fpa pe. Kii ijibkb noJiB .a. 'xa cxjiLna nocxaBU Ha 3eMJH.
Ba./iH pe. Hjiiiia npn re3aBe.iii .r. .it h .s. mub ae wäbhcäu 6l iia scmjh) (Sredk. 38
wörtlich gleich) . Diese Redaction bieten auch die russ. Texte, die Syn. C '
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa ipexi, cBHiHTejieü. 379
[Im Griech. ist nur die betreffs ihrer Form wieder für sich stehende
und mit den slav. Adamfragen I.Redaction (Frage 45) übereinstimmende
Fassung belegbar, wie sie Krasnos. 1898, XII 91 (Moc. II 29) bietet:
'Eq. Tig rbv ovqavov eoTi]ae tov ^rj ßqi^ai eTtl rfjg yfjg errj y', (.if]-
vag ö'', uirc. '0 ayiog^Hliag; slav.: Kto saxBopH hböo .r. ji^xa ii .s.
Miceii;!.? Hjia.l
Syn. C 24 : Tpur. p. : KOiero npa-
BBÄHBIKa Öorb HSÖaBH WT CLMptTH?
Bac. p.: JIoTa, er^a iisöiaca wt
CtMpbTH ^).
Archang. 27:? Fpiir. p. : Koero
npaseAHaro rpa^ cnace ca w cMpTu.
Bac. p. : CHTopTb rpa^'B h jioti., er-
Aa3Ke HBÖiata hc co;ioml. h ehhäc
Bt evropx^).
[Griech. haben wir vermittelnd: Krasnos. 1898, V 28: ^Eq. Tig
eQQvad^i] Ix ^avarov, otav // TtöXig aTtwlsTO ; J^tv. '0 ^tor, brav
erpvyep ex 2od6i.io)v y.ai eiafjk&ev aig 2iycoQ.]
Syn. C 31: Tpnr.p.: kojihko ji^t I Archang. 38: KOjHKOJiiTeHb 6i
^HT Höre no noToni? Bac. p. : Hoe, er^a noxon'B 6hc. W. .x.
mecxL jiixt 3).
Es entsteht die Frage, ob wir derartige Abweichungen des Syn. C ^
gegenüber Archang. etc. einer slav. Redaction des Textes oder zwei be-
sonderen griechischen Originalen zuschreiben wollen. Die Sache hat
ihre Schwierigkeit, da wir im Griech. nichts Charakteristisches, mit
Syn. C^ und gegen Archang. Stimmendes herausfinden können. Wenn
z. B. Nom. b22 (das ja mit Syn. C^ in eine Linie zu stellen ist) in seiner
Kürzung einer bei Sreck. 88, Mich. 54 und Archang. 56 ziemlich lang
vorkommenden Frage eine Analogie in Krasnos. IX 16 findet, so
möchte man vorläufig diesem Umstände doch nicht zu viel Wichtigkeit
beilegen :
enthalten (cf. Porf. II 42), ein Beweis, woher sie geschöpft habe (s. oben
S. 353 f.
1) Star. VI 111 : 6era otb cssoml. ,Nom. b 6: aatöeace wr coÄOMa.
2) Mich. 25: Fpn pe. Korero npaBGÄHHKa rpaat cnce ce ffi CMptiH. BaJH pe.
CHropB rpaÄB ii jioti., nace H36i>Ka ro coÄOMa h ebhuäg bb ciiropB rpa/iB. Sredk. 83:
Koiero pa^H, h jiotb fehlt, wraa f. Hsce, jiotb f. w, rpa^B am Schlüsse fehlt.
3) Siehe über diese Frage bereits oben S. 373.
380
Rajko Nachtigall,
Nom. b 22 : B. ^Ito
recT .s. H cTOHine, ab^
r.iarojiacTa , nexiix ce
oÖJiHqame, .bi. ^HBJca-
me ce*/ HJ.: ^laci. .s.
Öiuie, er^a xpHCToct
cb caMapHHHHOK) ate-
iioK) rjiarojiaine, .e. ms-
aciH HBJiMme eii .bi.
anocTOjib jijiBÄUuie ce.
Griech.: ^Eq. Tb g'
'latato, rb ovo klaXet
ytal iß' li)-avi.itt'Qov\
M-Tt. Tb g fjoav ÜQa,
rb dlg b XQiarbg mal
^aauQelvig ; oi iß'
aTtÖGToloi Id-avf-ia-
tov, Oll fiera yvrai'/.a
iXä).ei.
Sreck. : ^xo lecxt .s.
exoHine. a ^Ba rjiacxa
.e. 06 Äl^^l ame .bi.
;i;HBjiacxa ce. W. Ft
w6p§xe caMapiHHHoy
Ha cxoyAeH'i],H. h npo-
CH HHXH BO^H W HCK.
"y[ae a:e cxom .s. a ejKe
.B.rjacxa tl et jKeHoio.
a leate .e. wÖJiHyaxo^'-,
oöJiHiii 60 K rjie rb. ao-
6pi pe^ie HKO He HMaMb
Moyaca .e. 60 MoysKH
HM'J.ia recH a lero ate
HManra h^^ xh MoyjKb.
a Kate .bi. an.3u (ah-
BJiMxoy ce) ^).
Dass Syn. C^ auf jeden Fall schon hie und da ein secundäres Bild
darstellt, beweist der Ausfall der in Nom. b an 4., 9., 20. u. 22. Stelle
vorkommenden Fragen, viell. auch der in Archang. 46, welche auch
Nom. b und Star. VI nicht haben, falls das nicht einer eigenen griech.
Vorlage zuzuschreiben ist. Ausserdem bemerken wir in Syn. C ^ schon
ein jüngeres Gepräge des Textes, z. B. :
Syn. 44: TpHr. p.: ap^bo iia Archang. 11: Bae. p.: /tpeso
HKM 2te wöecH ce HsAa, ^ixo ce na iieMb'^ cä loyAa oöicH, ^ixo cä
30Bex? Bae. p.: EpeKbiHM. c.ibima. TpHr. p.: mhphmxh
(Mich. 13: umpiiixH, Sreck. 25:
MHpiHHXH , beide auch : u'xo ce
! c-ibima) .
1) Damit stimmen Mich. 54 u. Arch. 56 überein. Im Griech. steht diese
Fassung in Krasnos. 1898, 1 24 und Moc. I b 10. Die letztere Stelle heisst:
'EqoiT. To 'ixTou 'iataxo, xa Svo Hätriaav^ dcödexcc k^uvfxal^ov, to nifimov
eniXeye. Mnix. Kvqios evQUjy xr^v Zccfj.aQiTTjf Inl xov cpqiaxog xal ^rjxrjaas
vS(aq xov nislv wqu St äxxt] 'laiaxo. xa 6i &vo ilälrjOaV o Kvqiog IXüXet
xai T] yvrr]. xh cTwcTex« i9-avfxuCov 01 iSiääexa /ncc&Tjxfu Id-etvf^aCof, oxi /uexcc
yvvcaxos HüIbi. xo öi nifxnxov uvxos t'kEyir /jXeySey yuQ ccvx?]y elnan^ • nivxe
yaQ (ip&ons^ 'ioxes' xcci vvv ov f^^tf, ovx iaxi aov avrjq.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Ecciaa ipcx-B CBaxiiTejieM. 381
Erwägen wir das im Vorstehenden angeführte Füi;' und Wieder,
ob wir denn Syn. C ^ einer besonderen Uebersetzung aus dem Griech.
zuzuweisen haben, so müssen wir entschieden geneigt sein, dies zu be-
jahen, und Syn. C ^ wirklich von der Gruppe Arch. trennen. Die drei
citirten Fragen, herausgenommen aus einer grösseren Anzahl anderer
mehr oder minder abweichender Fragen, schauen schwerlich so aus, als
ob sie ihre Gestalt nur und erst einem slav. Redigiren des ursprüngl.
Besedatextes zu verdanken hätten. Man erinnere sich, wie wir so nahe-
stehende Fragen, wie die über das Chrisma in Arch. u. Stojan. (s. oben
S. 375 f.) von einander zu trennen gezwungen waren, weil sich das
griechische Original für beides erweisen Hess. Vielleicht dürfte mit
Rücksicht darauf die Nähe von Nom. b 22 und Krasn.IX, 16 gegenüber
Sreck. 88 und Moc.Ib 10 dennoch von Wichtigkeit sein. Der secundäre
Ausfall einzelner Fragen in Syn. C ^ kann mit allem andern eventuell als
secundär Anzuführenden nicht zur Rechtfertigung von dessen Abwei-
chungen hinreichen. Die ausgefallenen Fragen kommen ja in Nom. b
vor, und dieser theilt die an zweiter Stelle angegebene Frage mit Syn.C 2,
wie er überhaupt damit eng zusammenhängt, was neben dem, gegenüber
Arch. und dessen Gruppe unregelmässigen Anfang noch andere Dinge
beweisen. So fehlen beiden sehr viele und zwar besonders charakte-
ristische Fragen des Arch. und seiner Genossen. Ich erwähne z. B.
Mich. 1—3, Arch. 18—20. Es fehlt da sonst: Arch. 1—8, 10, 14—
15, 17—21, 34, 40—41, 46, 48, 50, 52—54, 57, 59—64, 66—67;
Mich. 4—10, 12, 15—16, 18—19, 32, 38—39, 44, 46, 48, 50—52,
55, 57 — 59. Der Mangel dieser Fragen zeigt sich in einer für Syn. C^
und Nom. b regelmässigen Weise, so ist z. B. Arch. 40 — 41, Mich. 38 —
39 zwischen Syn. C 32, Nom. b 12 und Syn. C 33, Nom. b 13; Arch.
52—54, Mich. 50—52 zwischen Syn. C 39, Nom. b 16 und Syn. C 40,
Nom. b 18 [Nom. b 17 ist eine Adamfrage, s. oben S. 353] u. s. w.
ausgefallen. In gleicher Art reihen sich Anfangsfragen des Arch.
und Mich, in Syn. C^ und Nom. b an deren Ende. Wohl aber geht
das vom Syn. C^ und Nom. b gebotene Material in Arch. sammt den
Brudertexten in ziemlich entsprechender Reihenfolge auf, wobei je-
doch die schon erwähnten Abweichungen nicht zu übersehen sind,
während die Trias Mich., Sreck. und Arch. bis in Kleinigkeiten über-
einstimmend, von einander völlig untrennbar dasteht. Nach Allem
dürfte daher, glaube ich, der Schluss gar nicht gewagt sein, in Syn. C^
und den dazu gehörigen Texten, wie Nom. b und Star. VI B ^ eine neue.
382 Rajko Nachtigall,
selb. Ueberselzung zu sehen, welche Annahme, wie bekannt, nicht ver-
einzelt dasteht, da wir ja um das XIV. Jahrh. in Altserbien solche neuer-
liche Uebersetzungen zu constatiren haben, um als Beispiel auf die Er-
zählung des Aphroditianus Persa über den Stern der Weisen (s. Nova-
kovid, Starine IX 14 ff. und Tichonr. II 1 ff.) hinzuweisen. Die im
Sreck.' und dem Berliner Codex befindliche Prophezeiung über das Ende
der Welt traf ebenfalls das Loos einer zweiten, im XIII. — XIV. Jahrh.
wahrscheinlich in Bulgarien geschehenen üebersetzung (cf. V. Istrin,
OTKpoBeHie Me^oXia üaTapcKaro, MocKna 1897, S. 174). Oben wurde
das jüngere Gepräge des Textes in Syn. C ^ betont, welches gegen die,
nennen wir sie macedonisch-bulgar. Classe der echten Bes&da, die mit
Rücksicht auf die weitgehende Umarbeitung des ursprüngl. Textes im
Sre6k.' Codex, die schon im XIV. Jahrh. in die kroatisch-glagolitische
Literatur Eingang gefunden hatte, sodann mit Bezugnahme auf das
Alter der übrigen Bestandtheile des genannten Codex ohne Zweifel ins
XU. Jahrh. hinaufreicht, grell absticht. Auf welchem Wege Syn. C'^
mit Syn. C \ sowie Syn. A II, Syn. A I und Syn. B zusammentraf, ent-
zieht sich unserer Einsicht. Da aber Nom. b mit nur undeutlichen
Spuren des Syn. C \ anderseits dieser in Prim. y und den russischen
Texten, wie Porf. II, für sich selbständig existirt, so musste Syn. C^ in
dem für ihn vorgelegenen griech. Original von den mitvorkommenden
und zugleich übersetzten Stücken des Synaxar irgendwie abgesondert
und trennbar gestanden haben. Wir denken da selbstverständlich an
Syn. C 1, der sich aber trotz des Gesagten immerhin in einer Beziehung
zu Syn. C^ befunden haben musste, mag auch diese bei weitem nicht
der in dem griech. Original von Arch.-Mich.-Sreck. angetroffenen Ver-
schmelzung der zweiten Redaction der Beseda mit den ^EgioTtjOsig ^al
ctTtoxQiaeig ötäcpo^ot (Krasn. 1890) gleichgekommen sein. Auffallend
ist doch, dass die Fragen in Syn. C ^ fast mit denselben Zahlen, wie die
Arch.', anzugeben sind, so dass es förmlich den Anschein hat, als ob
Syn. C 1 anstatt der Anfangsfragen in Arch. u. Mich, hineingeschoben
worden wäre, denn Syn. C^ l ist Syn. C 21 und dies Arch. (21 — )22,
Mich. (19 — )20. Hoffen wir jedoch, dass weitere Funde diese Schwierig-
keiten, ja vielleicht Widersprüche, besser lösen werden.
Als Repräsentant des Typus der Besedatexte, die eben behandelt
werden, kann von den gedruckten Texten am besten Archang. gelten,
der ja so schön seine südslav. Vorlage bewahrt hatte, wie das Mich, be-
weist. Da man im Ganzen und Grossen keine Anhaltspunkte hat, an
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Becifla ipext cBaTHTejefi. 383
ihm in der Reihenfolge der Fragen viel auszusetzen, resp. aus- oder ein-
zuschalten, so könnte man kurzweg auf ihn hinweisen. Um jedoch mit
den übrigen Theilen unserer Auseinandersetzung Schritt zu halten und
auch diese Reihe von Fragen ins beste Licht zu stellen, indem man sie
den übrigen gegenüberstellt, will ich weiter unten den von seinen offen-
baren Zuthaten (cf. oben S. 364 ff. u. gleich unten) geklärten Text Mich,
sammt den hierher gehörigen Varianten ') und den griechischen Belegen
abdrucken.
Somit erheischen einige Bemerkungen zunächst noch die das Plus
ausmachenden Fragen bei Sre6k. und im Zusammenhange damit Mich.
Sie sind folgende :
3. B. Köre ^iio^o CTBopn Xt nptBO na seivun? Griech. Moc. I a 9 :
Eq. TL &av^ia tiqütov £7roii]aev b XQiarög', (ebenso Krasnos. 1898,
II 6, XII 43; cf. noch XI 32, wo auch STti Tfjg yfjg in der Frage vor-
kommt].
6. B. KojHKO Ä^TH h36h npoA'? Krasnos. XII S9 et MoL II 27 :
'Eq. nöaa vrjTtia sq)a^EV b 'HQioörjg ;
7. B. K'TO Ü5 MOpM ciH MHpL? W. WrHb reSBIKBI. 8. ^TO K*^ ci-
T
HHHK. W. Kpiu,eHHre HwpÄana. Wörtlich gleich in Mich. 61. Im Griech.
steht da mehr. Cf. Krasn. // 7 : 'Eq. Tig knl ^aXaaaar eoiceiQev xa/
VTto rov nvQog kd-EQLOsv '/.al eig Ttorafibv earrjoev tov ocoqöv] ^tc.
Tig fj 9-dlaaaa; s^i^rj. rlg ib 7tvQ\ b XQiarög. rig b O(j0QÖg\ to
ßaTttiGf^ia, ßaTvriod^ivTog rov Xqlotov Iv zio 'loQdavi]. (Ebenso ib.
VII13U.XII48).
9. B. ^HM ce Kp'cTH seMJii H a^aMt? Zu: h bl iwpÄaHi& h Bb
Mopn H KpoBHK) x'^BGio in der Antwort vergl. man die Kreuzlegende
(Sokolov, MaTepiaJiH, S. 95): noBejii .... KpLCTHTH ce KOCTeMt rero
(sein, a^awa) npLBore lu/pAanoMt, BtTopo MopeML, .r. rjasa rero KptBHio
ra Hamero ic xa. Eine nähere Quelle ist unbekannt. S. Frage 61.
10. B. ^MUh ce HspaHjrt Kp'cTBTb?
11. B. KoK3HaMeHHK BL jiobu;hxb cTBopn icfc? 12. B. Ko.raKO üjt
puöapt anjiB. Krasn. XII 85: 'Eq. IJöool siaiv aXieig ccTtoGxökwv.,
ib. 86 : 'Eq. Tlov ecpaviod^ri tcqCotov b KvQiog rolg aXiSVOL^ 87: Eq.
Kai Ti orifxelov VTtedsi^ev b KvQiog rolg alievai; S8: Kai Tig b le-
TtQÖg; (ebenso: Moc. II 23—2^; Krasn. VII 45—47 u. X 30—31).
1) Da wird auch Syn. C 2 zur Sprache kommen, da er ja von Arch. etc.
nicht getrennt werden kann, wenn er auch wahrscheinlich einer anderen
Uebersetzung aus dem Griech. entstammt als diese.
384 ßajko Nachtigall,
14. Bac. p. : ^ito k ^mkb iraa .i. poyKOBeTH, h K;;Ha w hhxl no-
THÖe. BbKerb ace cb'£ii];k) h iröpixe lo. Cf. die Erklärung der evangel.
Parabel im Cod. Sreck.' selbst (Bl. 41a): Bac. p. : oynoAOÖa ee i];p'=TBO
HeöecHoe atent, H»te hm§ ;i;parLMB .i. h noroyön le^Hoy ü; hhxl h no-
cKpLÖi uj H^H MHoro. CKa3. etc. (in directer Beziehung stehen die bei-
den Stellen wohl nicht).
15. ^TO K HWaHI,'). npHLUtCTBHK XBO. A HOBHHa^j Xt. B. A
M^CH BexLCH atH^OBe. Cf. Im cKasaHHK cjioBeci» KBanrjiCKBixL (Sreck.
Bl. 43 b): Bac. p. : HHKToace BLJiHBaH BHHa HOBaro bl m^xbi BexLXLi,
HL HOBOre BHHO BL.lHBaH BL HOBLI M^XLI H WÖOK CLÖjIIOAeTL 06. ^IxO
COyXL BBXLCH M'^CH-aCHAOBC a HOBH MiCH-KSLII^H B'fepOBaB'mBH. a BHHO
B^pa x^Ba.
16. B. 3a Koro 6li cnaceHHie?
17. B. KojiLKpaxH XL rjia w repciHMi n qxo rja xl? Wörtlich
gleich in Mich. 77. Krasn. XII 44 : ^Eq. IIoaccKig sXalrjaev b KvQwg
18. K'xo K"^ poatAOHLHHKL HOÖCHLi ? = Mich. 78.
19. B. Kor^a 6i ^'^xhl? = Mich. 79 (nur: ße^iLcxLHL).
32. B. ^'xo KCXL caatAOHHie öjiaxa. ij;b^xl MopcKH. ^leexL ckoxhm.
KpLBL AP'^Ba. oyÖHme Moyata npaBe^na. Krasn. XII 83: "Eq. Ovtov
li^vrjg '/.OL avd-og ^aldoar^g '/.al f.ieXog y.T)]vCjv Y.ai alua ^vlov.
Tavra teooaqa ekvTtrjaav rov uvdqa dly,c(LOv; (Ebenso: Moc. la 35;
II 21). _
33. B. KojIHKO ji^x cLnp'iÖLicx' icl bl MHpoy?
34. B. Kxo at^a xeroxLi a^aiviOBLi? = Mich. 75. Krasn. XII 94:
^Eq. Tlg ideiaro zb ßäqog rov ^däf.i; (Ebenso: Moc. la 45; II 32).
35. B. KojrHii,'£MH ahmh blshab icl na h6o? = Mich. 76. 36. B.
W Koiero Micxa BLSH^e icl na h6o'? = Mich. SO (die Antwort hier: ®
ropH K.aHWHLCKLiie) . Krasn. XII 95 : ^Eq. Msra nöoag T^\.Uqag ave-
lrj(fd-ri b Xquorbg eig rov ovqavbv '/.al ev rtoico %ötc(o\ (Cf. auch
Mo(-. /a4^ + 6/7; 1133).
37. B. Ha KOKML Micxi mohch cxBopn nacxoy. arHi];e hsöh. h
T
kp'bhh) leBp'SoML nparLi OKponn? = Mich. 81 (dahier steht: W. ha^-
KB u. s. w.).
1) Milc. 59 HOBHHa.
'-) Milc. UOBO BUHO.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beciaa ipex-B CBHTHTejieH. 385
T
40. B. T^i npiöwBame hjihm? W. Ha ropi xaBopLci^'JH. Wört-
lich gleich in Mich. 69. Moc. la 48: ^Eq. TIov -/.aTioyiEt 'HXiag, dxe
tövoev rovg ovQavovg; 49: JiTt. Eig ro oQog rb QaßwQ. (Cf. Krasn.
XII 90, Moc. II 28).
T
41. B. Kto öojie BcixL atHBeTi>"? W. Kjhm h KHoxt. Wörtlich
gleich in Mich. 65. Cf. dazu noch Mich. 96 : B. KaM jKHAOBHHa CMpbXH
T
He BtKoyiiiLiua na neöeca BLSHAOCxa ? W. HjIhm h KHOxb.
42. B. Kto npopoKt 3KeHM oyöoHce? Krasn. XII 76; TJolog tzqo-
(prjTrjg £g)oßr]d^rj rr^v'leKaßel; (ebenso Moc. II 14).
c c^
43. B. K0.1HK0 ate ap^bo Jieaca oyc^^ieHoie Kpxoy XBoy? Krasn.
IV 1 7 : Jlöoa €T)] tjv •/.e/.qvf.ifxevog b Gxavqbg rov Xqiötov ; (cf. ib.
I 24, ad IV 18 u. XII 58).
. ]i^ TT
44. B. Kto HSA^jra KpcTi. thb ^ito ee rje? W. Kmöphhhoci. cjili-
c"
mame Ka-iTacL. Bei Mich. 90 : B. Kto ce cjiima, nace KpTt H3;i,ijia?
W. KMÖpHaHocb cjiuinauie ee. Krasn. XII 104: Eq. 7iek€y.rjaag xbv
otavQov Tov KvQLOv TiCog rj^ovev] (cf. ib. IV 38, XI 23 u. Moc. II 43).
c' Ä ''' , ■
45. B. Kto CKasaKpTt rnb? W. Hio^a sHoyK saKtxewBt, rjreMti
KvpHMKb. Bei Mich. S9: B. Kto noKasa KpTb rHb? W. ny^a rjieMti
KVpHMKb BHOyKb XaMOBb.
47. B. KojiHKO poyKb cTBopeHH cTBopH ÖL? Krasn. XII 81 : ^Eq.
Tlöoa "lEiQOTCoLriTa knoirjasv b QEÖg\ (cf. ib. XII 1, IV 2, VI 16,
Vni 14; Moc. II 19).
T
49. B. Kok ß^jio na aeMJH öhctl npLBO hobo? W. rpo3Ab etc. (cf.
dazu Sokolov, MaTepiajLi S. 132 f.).
51. B. ^eco paAH k Mope cjiaHo?
56. B. TITO KCTb AHMBOüL ? (cf. Milc. 3, Ark. 2: T^a OTna^e a^-
BajiB DT rocno^a. Vgl. auch zu dem Thema Krasn. X 3 : z/ta rl i^eq-
Qitprjv b diäßoXog]).
57. B. KojiHKO piKB HCXOAHTL H3 paH ? = Mich. 84. Moc. I a 50 :
^Eq. nöool Ttorai-ioi e^sQxovrac e^^Edef-i; (Ebenso: Krasn. IV 24).
60. B. Kokk BptcTti a^aML ö^ Kr^a cba^aHt öticxb? Angehängt
ist diese Frage an die 59. über Adam's Theile und seinen Namen: so
auch die folgende :
61. B. KojiHKa 6i rjiaBa a^aMOBa? (Cf. die Kreuzlegende, So-
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 25
386 Rajko Nachtigall,
kolov, Maxepiajifci S. 96: . . . ;i;HBJiixoy ce bch a^aMOB^ r^aBi, BejiH-
KOCTH KH. 6i, 60 HKO ctAaTH Bb hI^h .jt. MoyjKeMt). S. Frage 9.
65. B. y^TO KCTB wi^b MOii po^H MCHe (h3l) qpsBa Maxepe mh? =
Mich. 60. (Die Frage hat Mich, schlecht erhalten. Die Antworten sind
sich ganz gleich). Krasn. 119: ^Eq/0 TrarrjQ f.wv eysvprioe i-ie Ix
y.oillag i.u]TQÖq /.lov xctyco etc. (cf. ib.VI 8, VII 12, X 23; Moc. I a 36;
cf. auch Nom. b 23 und Tich. A I b 4.
66. B. Kto noKTL HCKptHoy cn Äi>uJ,epfc ^enoy? = Mich. 64,
Krasn. // 11: ^Eq. Tis s^ctßsv Trjv idiav S-uyaregav yvvalxa; (Cf.
ib. IV 9, XII 45; Moc. I a 55).
67. B. KoTopti HOCHTfc MpLTLBt acHBa ? = Mich. 63. Krasn.// (S:
'Eq. Tis vsyiQos ßaotätei rov tCovra; (Ebenso ib. VI 9, VII 14,
XII 50).
68. B. ^TO KCTb .3. MLmeHH KaHHOBt ? (cf. darüber oben S. 377).
70, B. Kor^a noiniine SB^pHie h ra^H* hcto^hhi];h boahhh h n^HHie
XBO ? = Mich. 7 4 (vor HCToqtHHU,H steht da noch piKLi) .
T '^
74. B. ^TO nOKaaa qjiKa bl .m. oypini? Mich. 66: Kto noKasa
MjiBKa Bfc .M. jiHToyprHcaTH ? Krasn. XII 84 et Moc. II 22: ^Eq. Tlg
yiatiÖEi^ev, %va IsLTOVQyrjTat avd-q(x)7Tos eis ^^ctg (-i ',
T
75. B. Kto cni .o. .s. jii? (cf. Pol. Syn. A 33, s, Adamfragen
I 46, oben S. 328).
87. B. Koii BOJit KpaBs po/tn"?
Die bei Mich, ausserdem noch vorkommenden Fragen, welche auf
die Beseda folgen und mit ihr nicht vereinigt werden können, sind
folgende :
62. B. Kto cl(tboph .ob. uaca) Bb aAt n BbCTaBb s^ame? W,
HWHbHa Bb KHTi. Gricch. ganz entsprechend in Krasn. 1898, XII 49
(darnach ist iauch das Fehlende in Mich, eingesetzt): ^Eq. Tis Sftoirjosv
oß' wQag ev t(^ adji y.a\ dvaoras edidaöy.ev ; ^it. Tiovccg b Ttqo-
g)ritrjs hv rfi "/-^yx}] tov yirjTovS' Eine andere Fassung bieten Krasn.
1898, I 16, IV 28, ad IV 23, VII 39, IX 15, X 25, XI 51 (dazu vergl.
XI 29) und Moc. I a 31.
T
67. B. Koro hm^ hhkobl npbB^Hiiia? W. PoyBHMa. Griech, Moc.
I a 42: ^Eq. Tiva slx^v^Iayuaß 7tQioTor6y.ov \, J^/r. Tbv Povßi{.i.
T . — .
68. B. Kto 6t ujTpoye, leace lejuein BbCKpicii? W. HWHoy cna
coyMaiiHTiHHHe. Griech. Krasn. 1 898, XII 75 : ^Eq. Kai r/g 6 rsaviay.os,
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa Tpext cBÄiHTejieH. 387
ov aveoTYioev b ^Elioaalog ; J^Tt. ^0 vlbg rfjg 2ovf.iaviTidog, ö 'iwväg
(Dasselbe Moc. II 13).
70. Unlesbar. Zu Ende der Frage steht »bbcl MHpL a coyAHiii;e xb«.
7 1 . B. K^HHfc ce wcoy^H, a tlmli cncome ce ? W. wcoyAH ce xi> h cnce
BLCB MHpt.
■^ T •-. C"
72. B. KoH ateiia hochtl wcHOBaHHie Bcere 3eM.ie? W. 6i];a xa.
Griech. Moc. I a 44 : ^Eq. Hoia yvvi] ßaGTä[lßäoTaoe) rb &e(-ieXiov
Tijg /jjg ; Ji/t. "^H GeoTÖxog rbv Xqlotöv. (S. noch ib. II 30 u. Krasn.
1898, XII 92).
' ' CT .
73. B. ^TO KCTb pori. xoy? W. nponoB'iA KvaraHM.
82. KOJIHKO jiT CTBOpH ManaCH .IKAH H3JBtI KJiaHHTH CG H^O-
jioMfc? W. H.B.jiiT. 83. B. KojiHKO TtMb sMpi? W. Bi. Griech. Krasn.
1898, VII 43: ^Eq. Kai nöoovg xQÖvovg STtoirjae Mavaaarjg b ßa-
ailsvg rbv Xabv tCov ^lovdaaov eidioXoXaxQelv ; Mtz. vß' . Ib. 44 : ^Eq.
xal TtÖGai xi^Xiädeg arce&avov iv tjj tidioXoXarQeia', ^tz. Xikiddeg
SiüdsKa. Siehe auch Krasn. 1898, XII 100—101 u. Moc. II 39—40.
T
85. B. Kto nn BOAoy hh w ueöa hh w ssMJie? W. caML\|roHi> w
MejiioeTH wcjie. Griech. Moc. I a 51 : ^Eq. Ttg STToirjaev tz rov ovqa-
vnv vdioQ\ 14.7t. ^auipcüv £X rf^g oiayövog.
86. B. ^Ito npHiräme xoy bjii.cbh ^apti? W. 3JiaT0 h jHBaHL h
SMHpHoy. Griech. in Krasn. 1898, XII 97: 'Eo. Ilöaoi ol ^idyoi ol
TTQOoü^avTEg dCoqa xcö Xqlotco ; Hit. Petg etc. . . . ra de dwQa XQV-
aör, lißavop -Aal oiivQvav. Ebenso Moc. II 36. S, Mich. 8 (8. 391).
T "h C'
87. B. HeMLCTfc He^iiCTHi ^ilctb npHHece? W. r^aBoy nuia KpxH-
TejiM npH KsaBBJiH. Cf. Krasn. 1898, VII 53: ^EQ/Evrifiog b ixlooog^
arif-iog b dlaxog; Mit.^'EvtL^iog b {.ilGGog rj xscpaXr] rov BaTtriGTov,
aTi(.Log b diGxog fj ßöelvurrj 'Hgcoöidg. S. noch ib. IX 1 7,
88. B. Kto Kpa^ti h cnce ce. W. Ga^nact Kpa^M Te.iieca ctlixb mhkb
norpiöame. Griech. Krasn. 1898, XI 36: ^Eq. TLg nXeTtriov sGw^r] :
Jä/t. '0 Tcoßlag, -/.XiTtTcov ra Gcof^iara xCov aylcop (.laqrvqcjjv '/.al
d^ärcTMv. Ausserdem ib. IV 33 u. X 13.
94. B. KoMoy rt nporjia npbBOK? W. Kb AecHimii cbokh h Kb
najibi];oy ;i;ecHOMoy. ^ ^ ^
95. B. Kok cüobo a^aMb pe HannpiatAe Kb roy . . xoy h pe 5Khbh
AUie Bb AOÖp'S T^jrecH. Anders griech. Krasp. 1898, VII 57 u. X 49.
96. B. KaM a^HAOBHHa cMpbxn ne BbKoymbina na HÖea BLSHÄOCxa?
W. MHH H KHOxb. Cf.Mich.65, Sreck.41 (3.S.385u. 395, Fr. 26— 28).
25*
388
Kajko Nachtigall,
97. B. Jl,oj6h lecTfc w .0. spixoBL* kjih KMoy yToy hjh h^ctl'?
TOMoy Äoyöoy lecTa .b. spLxa coyxa.
T
98. B. KtTo HepoatAeHoy Henoiub^tuioy BLcxa. W. K^iHcaBexb
CTiH MapHH. Vgl. dazu im Griech. Krasn. 1898, V 33: ^Eq. Tig ov-
qavov ovyi eidsy yfjv ov 7TeQieTrdtr]a€v, 0ebv TrQogsKvvrjaev ; J^Tt.
'0 ayiog ^Icoccvprjg b IlQÖÖQO^iog kv rfj xotlla rrjg intjTQog avrov.
Aehnlich ib. I 26, IV 19, ad IV 20, VII 5, IX 8, XI 55, XU 53, Moc.
la 10.
99. Frage unlesbar. W. (xaKt 6i npiJK^te hmg CTin MapHH.
100. B. He6o öiuie, seMjre ne 6i (h blcb) öime (a) noyTH ne 6i
T
(kl) Hin. W. ler^a Höre njasa.
Heben wir die wichtigsten Zahlen für die griech. Citate heraus, so
erhalten wir folgende Tabelle :
f Krasn. 1898: Kr v xr « t .^
= ilI9,VI6,VUi2,XII0;r^""®'^"''
Mich. 60 = Sreck. 65
3
6
43
9
61
7 + 8
7
13,
48
62
39,
49
31
63
67
8,
t
^ i4,
50
64
66 11
45
38
68
30,
56
7
43
58
42
76,
14
,
47
1
3
81(1),
19
32
83,
21,
35
66
74
84,
22
11
45—47,
85—88,
23—26
6
.
89,
27
67
42
68
75,
13
69
40
90,
28,48+49
72
92,
30,
44
75
34
94,
32,
45
76 + 80
35 + 36
95,
33, 46^47
77
17
44
82 + 83
43+44,100+111
, 39+40
84
57
50
85
51
86
97,
36
87
53
90
44
104,
43
.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa xpexi. CBflTure;icK. 389
Wir sehen, dass einzelne der ausgeschiedenen Fragen in Sreck.,
sowie von den angehängten in Mich., nur in gewissen griech. Texten
und da an einigen Stellen selbst in gleicher Reihenfolge vorgefunden
werden können. Sieht man sich diese griech. Texte im Vergleiche zu
den übrigen an, so bekommt man, insofern das bei der Geringfügigkeit
und Posteriorität derselben möglich ist, den Eindruck, dass ursprüng-
lich eine neben Krasnos. 1890 und den beiden Typen der Besedy für
sich bestehende Reihe von Fragen existirt haben miiss ^), die dann, wie
Krasnos. 1890, in mannigfaltige Verknüpfung mit der Beseda der Art
Archang. trat. Ja schon in diese Form, wie uns die Beseda der Text
Archang.' bietet, scheinen daraus einzelne Fragen eingedrungen zu sein,
wie z. B. 62 (die da einsetzt, wo Mich, als echte Bes. aufhört). B. Ko-
jiHKO 6^ ecTecTBt Ha HOCH H Ha SBMJiH. W. öx H 1JIKB (Krasn. VI 5 :
Eq. Jlöoai (fvoeig iv ougapcp '/.al lici yfjg', J^tt. Qsbg y.cd avd-qio-
Ttog). Das Charakteristische für diese griech. Gruppe von Fragen dünkt
uns die Frage: 'Y/rb tiooiop GToiyJtov ovvioTaxat ö zöoi-iog; zu sein,
die gewöhnlich zu Anfang der Texte steht (Krasn. 1898, II 1, VI 1 etc.).
Von cTHxiH spricht auch Archang. (54, Mich. 52 und Sreck. 52 + 53),
doch geht das auf eine andere Vorlage zurück und zwar, wie sie in Moc.
I b 8 und Krasn. V 25 geboten wird. Die weitere Discussion über dieses
Thema ist von den zu erwartenden Studien anf dem griechischen Ge-
biete unseres Gegenstandes zu gewärtigen.
Text des zweiten Typus der Beseda nach Mich.
1. (Blatt 161a) TpHropa pe: Pi;h mh .i. cjOBecL 3) levarjiHH.
BacH pe: .a. hckohh 6i cjobo, b. h cjiobo 6i s 6a, r. h ob 6i cjobo, ä-
1. Mich. 1. Sreck. 78: wö'ktb. Arch. 18: s. eace 6u, e ciaeTB.
1) Etwas Derartiges ist auch für die namentlich in späteren russischen
Texten stark auftretenden ausgeprägt allegorischen und änigmatischen Fra-
gen anzunehmen. Eine kleine Sammlung derselben haben wir in Tich. Alb
angetroffen. Doch ist Weiteres darüber weder in der slavischen, noch in der
byzantinischen Literaturgeschichte von diesem Gesichtspunkte aus erforscht
worden. Cf. dazu (und zu Destunis : OqepKii rpei.saraÄKu HMHIIp. 1890 Aug.)
^danov, ZMNPr. 1892 Jan., S. 165—66. Tich. A I b Frage 6 (nur hier) z. B.
cf. griech. bei Krasn. I 26, IV 19, V 33, VII 5, IX 8, XI 55, XII 53 und Moc.
I a 10.
390 Eajko Nachtigall,
ce öi HCKOHH s 6a, e. Bca xiMb ÖHUie, s. h öe3 nero iimiecoace ne
ÖHCTB iea:e ölictl, 3. bb xoMt 2chbotb 6i, h. a »^hboti. 6i cßixb
o ■-• •-•
^JTBKML, e. H CB^TL Bb TM^ CBLTHTb Ce, I. H TtMa KFO He KTfc.
an '-.•-•
2. BacH pe: Vixa mh ka'6 ce Hanncame -a- levarjiHH, bi> km wopaBt
ÖLime. rpnropH pe: (K)a:e üj MaTeea, na «cTon,^ caaiiMt MaTeewMb
khaoblckh HHCMeHH BB w6pa3b ^.iB^L xepoyBHMfc. A K3Ke vj jiapKa,
HanHca ce Bt pHM^ caMiMt MapKOMt bl wöpasL jIBbobb* et kctl ÖJia^-
■— — '^
HHH lepMJliHHHL, HA^^te TL BepK) CH^CTL Cfc JjyeHHKH CBOHMH. A K^te
ü; JioyKBi, HanHcaHO oti caiuiML joyKOio, noBeji'feH ctml nexpoMb, bb
H 'C
wopasB xejiBTiB. A leate (B Huia, Hanncano obi bb nneaii KvnpBcxiM, bb
AHH xparnaHa i];pa bb wöpaaB wpBJiB' nannca .i. cjiOBecB KvarjiiiM,
peKiue HCKOHH 6i cjiobo.
3. A (H)ujaHB pe: ü;u,b h chb h cxbi axb. khmb wöpasoMB cJiaBHXB
— an ■ — — •-.
ce wi^B. BacH pe : kahhb \xm> cxbi 6b , BceMorBi h Bce^pBJKHxejiB
öesHa^iejiBHB nepasA^jiBHB, Hepca^^eHB 6ecMpBXBHB, nei&cxoynHB, tb
caBaweB, nepasApoyiueHH, b'Smhh neBHAHam. BacH pe : khmb HMcneMB
cjiaBHXB ce CHB. rpnropH pe : Kahhb cxb cjiobo öatnie cjioyHu;e npa-
BBAHOK CBiXB 3KHB0XBHB, HCXHHa HOyXB, AB^pB CXJIBHB, KaMCHB Ußi-
2. Mich. 2. Arch. 19: seqepa, naiMi, TpoaHa, ciipiiB. Ark. 49: A b kh
oöpas' Haniicaine ce 4. eBaHhducTu ? Maxiii Ba oöpas' i^iOBiqB, JlyKa Ba oöpas'
lejiati' etc. Cf. die 10. Frage beim ersten Typus der Beseda (S. 375). Im Griech.
vergl. Krasn. 1898, IV 40: 'Eq. ITov eyQcicpS-Tjaay z« xiaaaqa evayyiXia; j4n.
To xaxu MaT&alof iv Tfj avaxo'kfi etc.; ib. VI 17: ^Eq. Ti eQfxr]VEV0}'TCii oi &'
evayyEXiaiai; yin. o ßovs, o Xitav, b astos xcu o äy&Qwnos etc. und ib. VII 17 :
'Eq. Ti eQ/urjfEvsrai' to K&ofZK, ßoäii'Ta, XEXQayÖTct xrd liyovru; 14ti. Ol riaaa-
qes EvayyeXiarai.
3. Mich. 3. Sreck. 79: BacHJiu — r^mropa; kähhi. öjiib EceMorea* u 6b;
Hea'CToyn.ieHB ; ii reme sacu; statt chb: wub u chb h ctbi äxb; cjoyH'ne auch da;
, •
HCTHH HBi noyiB ; statt KaineHB : n.iaMeHB ; statt MacxB , w6h. chbi njiBH.e : xpusBMa
wöHaBJiaiomHH • CHBi CTBi; statt ipLBB Mecura: 'ipBBB- nacTBipB" MCCHM" wnh;
statt CKoyMeHB {axvfj.viov): njiaweHB; öohchmmb fehlt vor CHjaiviB; statt ctbi äxb.
Wb. CTB TB MHOrOÄBCHB TBHBKB Steht : CTBI BCJUKBl TB ' MHOrOMB ÄHCMB Ha^eJ-
hhkb; öjaro ötiCTpo, ÖesBBjiacTBHB, kb wcipoTi, q.3BKOJiio6'nB, usbIchhkb, Bceno-
cimau, pasoyiviHa qncTOTa, nepaaJioyq'HO. Arch. 20: BaciiJiiH — Fpuropia, KaMCHt
fehlt vor HBtTBUB ; xpnsMa w6h. chbi ^.iibckbi; arr^i.' nacTBipB* Mecea; CKVMeHT>,
C' ■ T .
npTBiH Äxx, Wb. fehlt, ijiKOJioöeaB, pasoyMua qacToxa, Hepasjioyi'HO.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciAa ipexi, cBüTHie^eä. 391
Ttii;B, nacTBipt wBu;aM6, xjriöb MacTL, wönaBiCMioiiiiH chm yjiBie, BeJiHKa
(Bl. 161b) CB^Ta aHrjib, yptBt MecHM, let xt öt ii;pL, npiMoy^pocTt,
CHJia, MOCTLIHH HCTOtIHHKL, JILBB H CKOyMeHfc JILBOBL, CB^TtJH. WÖJiaKL,
Ha^ejiLHHKB öacHMMt CHjraMB. HwaHfc pe: khmb HMeneML cjraBHXB ce
^CBl ÄXB. Wb. CtB TB MHOrO^HeHB TBHBKB, BB ÖjiarO ÖBICXpB, MOy-
/tpocTBHB, öesBBJacxejiHHHB , 6 jarojrio6u;B , wcxpB iienpnjiinBHB , ÖJia-
rO^'SxeJIBHB , yjBKOJIOÖHB, H3B'£CXBHB Kp^HBKB, XBpB^B Öecne^aJIBHB,
BceMorBi H BcenocnimaKH, paaoyMHO tihcxo, xbhbko Hepasjroy^HB üj
CHJIBI ÖatHK.
q — .
4. FpuropH pe: IßjiHcaBBXHH, bb Ko(ie) sp^Me h bb kok jiixo öjiro-
BicxH apxanr-iB raBpniCB. Bb Bpime jr(B)cxHJioy (h) CH(jtoy)iHe npiatAe
• AI- Ka**HBAB.
5. BacHüHH pe : Vu,a bb kob BpiMe ßjroBicxH apxanrjiB raBpHJiB
T T , ^ C' •-. i-,
H BB KOK Äi. Wb. Bb ahh aBroycxa i];pa, Mij;a ate Mapxa, bb .Ke. ^ühb.
"r '? — 'S'
6. TpH pe: BBnjiBiii,eHHK rne bb Koe Bpiaie 6bi h bb kok Jii^.
W. npH aBroycxi Dipi. /i;eKepa .kb.
.1 "? — c
7. BacH pe: *ixo ce cjiBiuia thb spBXBnB bb HeMBate po^H ce xb.
r^ "5 ■
FpH pe : Hne KMoy ^oyspocB, Ka:e cKasaKXb ce ÖJirBipHK.
(? *$ ■-.
8. BaJiH pe : ^ixo ce c-iBiuiaxoy bjbcbh, nate ^apBi npHHecome ooy.
Hwa pe: MejBxesoypB, racnapB h sajiBxacapB.
4. Mich. 4: Das in Klammern ist ausradirt. Statt cH(jioy)iHe könnte man
viel!, auch nach Tich. B I 1 cH(M)iHe lesen. Arch. 1 : raBpiML. h b Koe jiiTo.
BacuAiH pe, CHJtsaHoy (Tich. B I 1 : chmahoy), TpanaÄecATe.
5. Mich. 5. Arch. 2: 6iih, ama Mapia. Ke. Milc. 21: mehr b' hcäiuh). Ark.
16 : 15. ÄHH. Griech. Krasn. 1898, VIII IT: 'Eq.^Ev noia vncczei<f EvayysXiCsTo
o raßqirjX ttjv OsotÖxov; Mn. "Eni .Ivyovaxov BaailioiS fJ.T]vi Maqruo xe .
Ausserdem ib. XI 72.
6. Mich. 6. Arch. 3: Äenepa .Ke. fehlt. Vgl. dazu Stojan. 16 (Archiv
XXIII, S.65). Im Griech. nur das Original für Stojan.: Krasn. 1898, V 16 etc.
7. Mich. 7. Arch. hat vor dieser Frage: Arch. 4: IroaH'b pe. kto poähca
BT. Bcpini. Die Antwort fehlt. Arch. 5 : th-b Bepras, ^oyasoct. Im Griech.
Krasn. 1898, XI 73: 'Eq. Uüg rjxovav o xvqios tov anr]).uiov, lu lo htx^V ^'^
aiiTip; Mn. üovvdos, o kqf^TjvsveTai evaißiot; und ib. VII 38: 'Eq. Tb ani^-
kaioy, iv lo iyeyyrj&^rj b Xqiazög, xiuog rjTOVj ün. Tov <PavaTov.
8. Mich. 8. Dazu vergl. Mich. 86 (s. oben S. 387). Sreök. 2 : Anna a Mcj'xe-
ßoypt H Ba.3TacaBB. Arch. 6: TueJiseoHt, acnapt h Ba.aiacap'B. Griech. Moc.Ia 52:
392 Rajko Nachtigall,
r" q ■?■ — ■(?■
9. TpH pe: Kojihko Jii cTBOpn rt bl Kroy*TB npHintAi»- BajiH
■$ ■-. c"
pe: .Bi. Mi^a.
H "5 •-■ C ■?
10. Huja pe: Bt TfflKMb AOMoy rt upiOBi Bb leroy^xt lUMb. TpH
pe : Bb ÄOMoy «tejioHOBi.
1 1 . TpH pe : PaöbiHM laate cTBopn nexpa ujBpimH ce , ^ito ce
"c ■?
cjibima. BajiH pe : BajiHJia, leace cKasaiexb ce npoeemH.
12. BajiH pe : ^ixo ce cjEHiuame ^HHa HÄ^ate rb BepH. W. Hhkobb
6pa THb no njibTH.
13. (ßl. 162a) BajiH pe: apiBO na iieittbate ce HiOAa noB^CH, yxo
^ ■? ■$
ce cjbiiua. TpH pe: MHpmxa.
■q C •-.
[13 a. IwaHH-bpe: nonecbi Kpxb rnb kxo ca cjbima. TpHr. p. :
CHMOH'B KHpHH^H.]
'Eq. niäs TJxovof Ol fxäyoi ot zu dÜQa nQoae>'syx6uT£^ xö) X^iaxib; jin. yianccQ,
Me^X'-'^'^ 5^"* BuXxaaÜQ. Ausserdem Krasn. 1898, XI 16, cf. auch ib. XII 97
und Moc. II36. In den beiden letzten griech. Fragen sind Anklänge an Mich.
86 (s. oben S. 387). _
9. Mich. 9. Sreck. 4: npi(6bi). Arch. 7: nie. Griech. Krasn. 1898, III 1 :
Aiyei b rQrjyoQiog . 'JnEl&titv o KvQiog eis Aiyvnxov noaag ^^ovovg (noirjaey;
Baalleos. MTivccs iß'. Ib. XI 17: KaxBX÷ ib. XII 73. Moc. I a 28, I 11.
10. Mich. 10. Sredk. 5: npHiutÄB. Arch. 8. Griech. Krasn. 1898, III 2 :
r^rjy. Mne'kd-oiv b KvQiog Big AXyvnxov sig x'ivog olxiay xaTTjvxrjaev; BaaiX.
Eig otxiccf ovöfiaxi AcpeXw. Ib. XI 74: 'Eneld-cjy.
11. Mich. 11. Sreck. 26. Arch. 9: ^to ca Hape; statt Eajiujia — jciquua.
Syn. C 43 : TpHropie peie : kxo cbtboph neips wTBpima ce ? ?to ce sobct ? Ba-
CHjiie peqe : 6acncajiB. Griech. Krasn. 1898, III 3 : Fgr^y. 'H TiaiSiaxr], i] xby ITi-
XQov noiTjßuaa «qvr^aaax^ai xov Kvqiov nwg ixaXeixo; BaaiX. BaßrjXag, o i^fJ-rj-
vsvExcti f»7T?yfff?. S. ib. X 15, XI 75: nibg i]xove; XII 65: nöyg 7;xovEy; BceXXrjXa,
b kqfxrjv. Cvxovaa. Moc. II ii = Krasn. 1898, XII ü5. Moc. I a 23: ncüg rjxovEy;
BaXvkcc, ^i]xov(Sa.
12. Mich. 12. Sreck. 23: mo k, ohne rt. Arch. 10: ohne W. Griech.
Moc. I a 24: 'Eqmx. nüg fjxovev o (iy&Qwnog, bnov xo deinyou icpayey b Xqi-
axog; Anöx.'Iäxioßog b tnixXijS-elg ideXcpog xov Kvqiov. S. ib. II 8 u. Krasn.
1898, XII 70.
13. Mich. 13. Sreck. 25: w6icn, mhpihhxh. Arch. 11: Anfang »^pcBO«,
o64cii, MHpiiHxii. Milc.47: o6hch, Mop'auKa. Ark. 36: oöica, MHpHKa. Syn. C 44:
Fpar. p.: Äpino Ha HKMace ro6ecH ce isaa, ito ce sobct? Bac.p. : 6peKi,iHM. Griech.
Moc. II 43: 'Eq. Tb diy&Qoy, bnov an^y^axo b'Iot&ag, xi rjy; An. Mvqixti,
Krasn. 1898, XII 103: fxvqixiy.
13a. Arch. 12. In Mich, fehlt diese Frage. Cf. jedoch Mich. 89: B. Kxo
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Becifla ipex-B CBaTiiTejeä. 393
'?'?•-> c''>i
1 4. TpH pe : IlpoDOAH ra KonnieMb kto ce cjitima. BajiH pe : ;io-
rtiHL.
c "q "c
15. BajiH pe : Pacnexa ci> xomi. yxo ce cjiBimacxa hau ^T0 ce cKa-
saKTa HMeni kiö. Hwa pe: H^(e) w ;i;ecHoyio bi> pan, leace CKaieTt ce
— ji
CHJia, a Hate w moyioio rjiecxa, leace cKasaierb ce waeMeBaHti.
H "? - — ■
16. Hwape: nate cne t^äo rne h norpeöe re, ^ito ce citiiua.
TpH pe : HwcH*!., nate iX' apHwaeeie.
'r "5 ■ ■
17. TpH pe: woa anr^ia mjkb üJBajHCTa KaivieHt, KaKO Kcxa ujaeni
HMa. BajH pe: kahhomy aBanjit, lesKe cKasaiexL ce npaseAHb 6i>, a
^ipoyroMoy KaaoynJL, leate cKaaaiexL ce KpintKB 6h.
18. Mwa pe: Bb kok spiMe cxbi navjiB bb an;iBCKBi ^rauB bbahac
— r 1 -^
H BB KBiH fljih. FpH pe : npiatAe KpBmeHHH kabh^mb ^HeMB.
noKasa KpiB thi.. W. HVAa rjieMW kvphmkl BHoyKt xaMOBi., was Sreck. 45 : B.
C' S T
Kto CKasa Kpri, rat. W. HiOÄa sHoyK saKBxewB vjieuhi khphmkb entspricht.
Nom. b 20 hat: B. Kto noneci KpcTt rocnoÄtHB? wtb. CHiviewH KupHnea. Im
Griech. nur: Krasn. 1898, XII 104: 'Uq. '0 ns^exr^aus rhv aiavQoy tov Kvqiov
Tiüj^ ijxovey; 'Mn. Sifjcjy o Kv^i^valos (= Moc. II 43). Cf. noch Krasn. 1898,
IV 38 und XI 23. S. auch S. 385, Fr. 45 u. 44.
14. Mich. 14. Sreck. 27. Arch. 13. Milc.46. Ark. 37. Syn.C45: TpHr.p.:
Kto npoöoai rocnoaa? Bac. p. : JIorriHB cbthhkb. Griech. Krasn. 1898, XII 105:
lE"^. 'O cTwfffff 'koyxrji' xw KvqUo t<V T]y, yln. Aoyylvos (+ ein Zusatz). Ebenso
Moc. II 44.
15. Mich. 15. Sreck. 28: rjacia, w3eMJiBCTB0BaH\ Arch. 14: recia, oscmb-
CTBie. Milc. 44: KaKo hmg paa'öoHHHKOMa pac'neiHMa c' rocnoÄHHOMB? Eähomy
ÄaacÄHMaHB, a apyroMy ecia. /[ajKÄUMaHB b paJB nouae c' rocnoauHOMB. Dass Milc.
secundär ist, beweist, dass auch Ark. 38 das anders hat: A pasöoiiHHKOMa
nponeiHMa c XpHCTOivi', KaKo hmc ö§? aecnoMy ^hb', a inycMy ^eacT*. Im Griech.
s. Krasn. 1898, XI 26: 'Eq. Ot ^rjaral avvaxavQoiQ^ivxEs juerß xov 'Irjaov nü^
Tjxovoy; Mn. O Ix de^iwy ^rjfxae, o 1^ agiaxBQwy Texas, b iq/xTjyBvexai l^o-
qiafxös.
16. Mich. 16. Sreck. 29. Arch. 15.
17. Mich. 17. Sreck. 30. Arch. 16. Milc. 43. Ark.35. Syn.C46: Tpur.p.:
KOM ÄBa arrejia roiBa^iiCTa KaMCHB wt Äsepeu rpoöa? Bac. p. : eaiin AaauJiB, reace
HapHiiaKT ce KpinKB öort, a apsriH KajioiWB, eace HapimaieT ce npaBBaBHB 6orB.
Griech. Krasn. 1898, XI 76: 'Eq. Ot dvo ayys'koi ot xvXiattvxEs xoy Xi&oy ix
xov xcccpov nöis rjxovoy; Mn.'^O fxiy sig HafxarjX xal 6 exeQos'IcorjX. Ib. VII 33
haben wir in der Antwort auf eine andere Frage die Namen: 'IovtjX xal
KoiXovxi'^X.
18. Mich. 18. Arch. 17. Milc. 22. Ark. 17.
394 Rajko Nachtigall,
19. Fpn pe: KaM ce .b. öopexa. W. atHBOTt h eaipLTL.
20. FpHpe: Kaa .b. coynocTaTa. W. Homb h ahb.
? H ■ T
2 1 . TpH pe : kto et jtraBL cnce (ce). W. IlexpL peKLi ne b^a^
^jiBKa Toro,
T" q c "h
22. TpH pe: Kxo HCXHHoy peKt norLiöe. BaJH pe: Hio^a npi-
AaBH ra" pe 6o, Kroate Bti ast jioÖLaioy, Toro HMixe.
f ■? ■ — •-•
23. TpHpe: kh ijibkl nojiL .a. Ta cxjiLna nocxaBH na scm^h.
BajiHpe: Hjraa npa K3aBe.JiH .r. jii h .s. mi],b ne üj^bjkah 6b na
SeMJK).
24. FpH pe: Kxo npaBe^Hb cti h hb r.ia .e. amb h [Hb] .h. ahhü
BajiH pe : 3axapHM bh^'^bb BHA^HHie.
19. Mich. 19. Sreck.SO: ob cmpbthio. Arch.21. Milc. : c' cMpVio. Griech.
Krasn.1898, VII45 : 'G^. Tiusf 6vo [xa^ovrai; Mn.^H >^(ar] xal 6 d^avarog. Auch
ib. VII 23. __
20. Mich. 20. Sredk. 81: ob ähcmi,. Areh. 22. Syn. C21: Tpur. p.: Kora
ÄBa CBnocTaia öopiixa ce wx hckohu h äo Bina. Bac. p. : jbhb h hoihb. Star. VI
108 = Syn. C 21. Nom. b 3 : B. koh Asa ßopucja ce canocTaia. W. sbhb h hoiub.
Griech. Krasn. 1898, XI 45: ^E^. Tiyes Sio anaX'käaovroi; Mn. 7/ fw?/ xal b
9-ävaxos. Anders ib. I 2, IV 11, ad IV 27.
21. Mich. 21. In Sreck. 24 ist diese Frage mit der folgenden ohne sonstige
Aenderungen vereinigt. Arch. 21 : anaio. Milc. 41. Ark. 34. Nom. b 3 ver-
einigt ebenfalls, wie Sreck., die beiden Fragen, doch mit abweichendem
Wortlaut. Die gleichen Fragen kommen (mit gekürzter Antwort) auch in dem
Ispravlenie 4 — 5 vor (s. S. 347). Im Griech. Krasn. 1898, VII 7: 'E^. Tis einiav
ipsvfia tawd'T]; Mn. o UiTqos Iv xj] nqodoaiu eitküv ovx oidcc rby ufd-quinov.
S. noch: ib. IV 23, XII 67, Moc. i a 26.
22. Mich. 22. Sreck. 24 (vergl. bei der vorhergehenden Frage). Arch. 24.
Milc. 42. Ark. 33. Nom. b 4 (siehe die vorherg. Fr.). Griech. Krasnos. 1898,
VII 8: ^Eq. Tig elnaju aXt&Eiau unüjXia&Tj. jin.O^IovSus sirnöv ov uv g>i-
Xrjaü} ctvTÖs iazt, xQcnrjacue avxöy. Ausserdem ib. X 14, IV 22, XII 66 und
Moc.Ia25.
23. Mich. 23. Sreck. 38. Arch. 25: 6b iia scm.!» fehlt. Ark. 28. Die in
Syn. C 22 u. Star. VI 109 abweichend lautende Frage, sowie über die griech.
Entsprechung u. s. w. s. oben S. 378 — 79.
24. Mich. 24. Sreck. 82. Arch. 26. Syn. C 23: Tpiir. p.: Koh npaBeÄHHKB
HC raarojia .e. aiiceuB h ahm .u. ? Bac. p. : Saxapia wtbhb IwaHHa npiÄieie, eraa
BHÄCHiK BHAi. Star. VI 110 = Syn. C 23. Nom. b fügt zur Antwort bei Syn. C
23: BB upKBBi hinzu. Im Griech. vergl. eine an die Gruppe Syn. C^ anklingende
Fassung in Krasn. 1898, IV 18: Eq. Ti; ovx tkälrjaBv /UTJ^ag ivia [xal rj^iqas
oxx(d\\ Mn. ZaxaQiag, o naxrjQ xov ITqoi^qojuov u. ib. XI 35: Tig tmv öixaitov
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa xpexi. CBüTHxejieü. 395
? 1 • c'
25. FpH pe: Koiero npaBeAHHKa rpa^t cnce ce iD oiptTH. BajiH
'q
pe: curopt rpa;i;t 11 .iioTt, iiace Hsöiaca ü; co^OMa h BLimAe bb cnropt
rpaAt-
26. FpH pe: Kto ni poa^AeHB W ^.ibbl h kto ni sMptJiL. Ba.iH
'5
pe: a/iaMB HepoacAeHt, hjhh ne SMpLJB.
? u c n
27. Fpii pe: kto ^sa KpaxB sMtpB BLcxa. Bajra pe: jiaaapB.
■? ■? c' H 1; q
28. TpH pe: Kto esipBTH iie ebkojcheb h ojrBMB oi. BaüH pe:
H^JIHM HKSaBejIB.
29. (Bl. 162 b) Fpiipe: rji^i CToyAeiio e TonjiOMB CMimareTB ee.
c "5
BaJiH pe : bb co^OMi h roMopi rpa^i h srjiHie ropoynijH.
30. IpH pe: Kok xoyAoac^BCTBO na seMjni npBBore obi. BajH pe :
He inBBB jiH, ler^a a^aMB cBniH .iHCTHie cmokobhok ce6i piisoy,
ovx eXäXriae jufjyas ivvia xal rjfx. oxzw; jin, 'O ZaxciQia^ o noocp^TT]^, otb eidey
bmaalav tu tw vaiä. S. auch ad IV 19.
25. Mich. 25. Sreck. 83. Arch. 27. Syn. C 24. Star. VI 111. Nom. b 6.
Die Varianten in den Texten, namentlich die Abweichung des Syn. C 2 von
der Gruppe Mich, und die griech. Vertretung s. oben S. 379.
26. Mich. 26. Arch. 28. Syn. C 25: Bac. p.: Koh luOBiKt ne pojKÄeHi.
sMpeit, KOH Jin poacaeHB aciist öbicx? Bac. p.: A^aMB hc po>Kj;eHB KMpexB a
HiiTa poacÄCHB acuBB öbict. Star. VI 1 12 = Syn. C 25, aber mit Ausfall einiger in
der Mitte stehenden Worte. Nom. b 7 : tot i.ioBiKB, ne sMpexB statt 2cubb öbict.
Im Griech. lehnt sich Krasn. 1898, XI 44: 'Eq. Tis f^v yE'"^f]^els anid^avEv xal
TIS yEvvrjd^els ovx ani&ccveu; jin. l4Sufx fxi] yBVfrjd-els anid^avsv. 'Eviax xal
^EUus yevPTj&ivTes ovx o.nid-ui/ov an Nom. b 7 u. Syn. C 25 an. Cf. auch ib.
VII 32, slav. noch Tich. A I b 5.
27. Mich. 27. Sreck. 76: j;Bamii. Arch. 29: cMpiB bksch (cf. die nächste
Frage) statt bmbpb EBCia. Syn. C 26: Fpar. p.: Kxo ^Bamu sMpBJ, h naKti bb-
cxa-iB KCl? Bac.p. : JlasapB. Star. VI 113. Nom. b 8 = Syn. C 26. Griech.
Krasn. 1898, V 29 und XI 50: "E^. Tis anid^avB xal ana^ vy^Q^V, ^n/O Aä-
Caoos. Ib. IX 9 : 'Eq. Tis yBvvri&sls &BVTEQoy ani^aps; j4n. Aä^aqos.
28. Mich. 28. Sredk. 39. Arch. 30: CMpxH 6ira statt u 6.;irBMB 6§. Syn.C
27 : Tpar. p. : Kxo cbmpbxb ho B]i;i;eBB bb cmpbxb bböokc ? Bac. p. : E^iBsaBCiB
eraa uapcxBOBauie. Diesem gleich Star. VI 114. Griech. Krasn. 1898, V 30
(auch IV 30): 'Eq. Tis d-üvarov [xi] yBvaüfXBvos d-auarou tcpvyeu; An. O'HXias
inl TTJs 'iB^äße)...
29. Mich. 29. Arch. 31: 11 ien.io. Syn. C 28: Tpnr. p. : tä^ cisjcho h
ropimeie CMimarex ce? Bac.p.: oyr.aie ropeme u rpaa. Gleich Star. VI 115.
Griech. Krasn. 1898, V 31 : "Eq. Ilov zo ^b^^iov xal nov xo ipvxQoy a{j.iyovrat,;
An. ^0'n).ias Inl ttjs 'iBCäßs'k.
30. Mich. 30. Sreck. 50: xHipocxB, npBBie chiiibb st. reraa cbiuh, Arch. 32:
396 Kajko Nachtigall,
3 1 . TpH pe : ^h rjia CHH^e i!; BfccxoKa äo sana^a. BajiH pe : ler^a
ace po^H Kva Kanna.
32. Bbnpo: Kor^a ^leTBpbTa yecxt MHpa sMpixt. lerAa jKe Kaant
s6h aseza.
C' V ^ '^
33. Btnpo: Kojihko a^aMt np^oti bi. pan. W. ^ mecxaro ^la ao
.e.ro Tia.
? T
34. Bbnpo; Kxo Hepoa^AeHb sMpixb. W. A^awb.
c
35. Bbnpo: Kxo no poatAtcxßi cbcxapiBbce naKbi Bb sxpoöoy
MxpH Bbjiiae. W. a^aMb ijj seM^re ca3;i,a ce naKbi Bb seMJiio Bbjiise.
Ha scMJH 6bi, He Jiu und ce6i pysoy fehlt. Milc. 30. Ark. 23. Syn. C 1 : FpHr. p. :
KOM ÖLICT XblTpOCTB Ha SCMJIH ? BaC. p. : UILBB, KFÄa GBBa H ajaMB CBUlHCTa JIUCTBIH!
CMOKOBHoe, CBTBopiicxa wä§hhTk ce6i. Gleich Star. VI 20. Nom. b 1 mit Aen-
derungen in der Antwort: B. kok xsso/kbctbo öhcx npBBee Ha3eM.!iTu? Wtb. :
uiaBB ; erÄa a^aivi h esa lUHcra jriicTie CMOKOBHoe Ba pau, KorÄa oÖHajKHCxa ce npi-
Tsnj&Hia paÄH. Griech. Krasn. 1898, XI 34: 'Eq. Iloia xi/yv ty^vExo tiqwtou
enl Ttjs' yris; ^An. 'H Qamixrj, 6xe tqqctxpEu o jlSixfj. xai Eva rcc cpvXXa xjjs- 0vx?j^.
31. Mich. 31. Sreck. 84: 6bi statt chuäc. Arch. 33. Milc. 34. Ark. 26.
Syn. C 3 : citimaH 6bict ; cbbhhb, eraa. Star. VI 2 1 = Syn. C 3. Griech. Krasn. 1898,
V 32: 'Eq. Tivog (po)VTj lifjXxhBv ccnb av«xo'k(x>u twg dva^tüy; An/IT Eva, oxav
iyiyyrjae xov Kaiv.
32. Mich. 32. In Sreck. der 84. Frage angehängt: lorAa leiBpLia icctb
etc. Arch. 34: Auch hier, wie in Mich., von dieser Frage an, nur Bxnpo — Wb*.
Milc. 35. Ark. 27. Im Griech. vergl. Krasn. 1898, V 35: "Eq. ITöxe ani^avs xh
xixaQxoy xov xoa/nov ; An.'Oiay anixxEivs Kaiv xoi' ads^cpoy avxov AßsX gegen-
über ib. V8: 'Eq. nöxE anixtauey i(p' ana^ xb xixaQxov xov xoa/nov; An. 'Oxay
anixxEivE Kai'y xov adsXcpoy avxov, was das Original für Stojan. 8 u. Syn. A 47
(3. Arch. XXIII, S. 64) ist, während das erstere der echten Beseda entspricht,
wie wir auch aus der ziemlich gleichen Reihenfolge der Fragen im zweiten
Theil von ib. V (s. bei den vorhergehenden Fragen!) ersehen. Sonst kommt
die nämliche Frsige mit dieser oder jener Aenderung im Griech. noch vor:
Ib. II 4, IV 12. VII 29, IX 11, X 5, XI 53, XII 51 und Moc. I a 6.
33. Mich. 33. Sreök. 63. Arch. 35. Milc. 32. Ark. 25. Nom. b 9: noacHTB.
Die slav.-griech. Fassung derselben Frage in den 'Eqojx. xnl anoxg. öiäcpo^oi
8. Arch. XXIII, S. 63. Die übrigen griech. Fragen geben: w^as s (Krasn. 1898,
VII 25, XII 6, ad IV 34) und Ut] h.ax6v (ib. VIII 9 und IX 13) zur Antwort.
34. Mich. 34. In Sredk. zu Anfang der 77. Frage. Arch. 36. Milc. 25.
Ark. 19. Syn. C 29: Fpiir. p. : Kxo ne pohcächb wi Riaiepe? Bac. p. : AflaMB.
Gleich in Star. VI 116. Nom. b 10 auch: B. Kxo HepoacÄinB poacÄiHB wt Ma-
lepe. W. ÄÄaMB, Stojan. 4 etc. s. Arch. XXIII, S. 63. Im Griech. Krasn. 1898,
I 4: 'Eq. Tig /ut] yEvyrj&Eig anid^avE; An. O ASäu und ebenso ib. X 10, = ib.
V 4 und IV 43.
Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beciaa rpext c^Hxmojieu. 397
C CT.-.
36. Bbnpo: kojihko ji^t 6i hok, Kr^a noxont 6h. W. .x. ä^'^.
37. Bbnpo: kto üj npöpoKb KHBb norpeöeHb 6li h xijiOMB xo-
acAame, MptTBtix ciice ce h noHine. W. IIwHa bl ^pisi KHTOBi&.
'S T
38. Btnpo: kto po^H rHrauTti. W. BtHoyKL a^aMOBb.
'C €■ T
39. Bbnpo: Kto ne sipoBa h öbi Ti.iOMb cjanoMb. W. atena
JOTOBa.
ü ^ T
40. Bbnpo: Kor^a ce Bbspa^Ba BCbMupb. W. rer^a ate hok hc
KOB^era H3.ii3e.
"C • T
41. Bbnpo: Kojhko jiiTb paßoTame nsji^Tiae Bb KrvnTi. W.
.yji. Äi'^.
35. Mich. 35. Sreck. 77: cxapaBLce, cLSÄant, BLBBpaxHce. Arch. 37 : ipeBO,
BSAT-B 61.1, HÄe. Milc. 24. Ark. 18. Syn. C 30 : Tpar. p. : Kto HepoacÄeHt ctcrapaB
ce H naKbi bb ipiso MaTcpe cbok BBHHÄi. Bac. p. : AaaMB ot seMJK CBSÄani, h bb
301.110 naKBi BBHHÄi. Star. VI 117 = Nom. b 11 : B. Kto no poacÄacTBi cbogm
CBCxapeBB ce h naKBi bb qpiBO MaTipHe ein bbehä* ? Antwort = Syn. C 30. Cf.
'Eqwt. xal anoxQ. Siacpoqoi 5 (Archiv XXIII, S. 63 — 64). Im Griech. cf. noch
Krasn. 1898, I 1, III 7 u. X 9.
36. Mich. 36. Sreck. in 69. Arch. 38. Betreffs Syn. C 31 (Star. VI 118)
s. oben S. 379, betreffs dex^Eq. xal anoxg. didcpoQoi S. 373.
37. Mich. 37, Sreck. 85: acHBB ci/i;e noMme, a rpoÖB Moy xo^caame. Arch.
39: H MpTBX cncaamecÄ. Milc. 50. Ark. 40. Syn. C 32. Fpar. p. : koh npopoKB
He norpiöcHB öbict, rpoÖB rero Homaiue u bb rpo6i mpbtbb noanie. Bac. p. : Iwna
BB qptßi kbitobc. Star. VI u. Nom. b 12 gleichen Syn. C 32. Im Griech. vergl.
Krasn. 1S9S, I 16, IV 28, (ad IV 23), VII 39, IX 15, X 2.5, XI 29, XII 49, slav.
noch Tich. A I b 9.
38. Mich. 38. Sreck. 69. Arch. 40 : xaMOB-B. Griech. Krasn. 1898, V 36 :
'Eq. Tis iyifyrjffs tovs yiyavTus ixbxu rhu xaTaxkva^iwf; ^n. iCx tov oixov xov
Xäfx, vlog (fe Xavaüf. Cf. auch ib. 111.
39. Mich. 39. Sredk. 86: iiiJio rero CT.iinB cianB. Arch. 41 : HCBipoBaBT. 6bi.
Griech. Krasn. 1898, V 37: ^Eq. Tis uno&avMu oix Iräcpr] ovxs mCeto; I4n.
""H yvvr] toi) y^wT, (psvyovact uno ZoSo^cav, yiyove anqlr] aX/uvqu xal 'iazaxai
lii%qi xrjs (SrjuEQov. Ausserdem s. ib. I 15, IV 27, (ad IV 22), IX 7.
40. Mich. 40. Sreck. 71. Arch. 42: pa;^OBa, hsbiäc Milc. 36. Ark. 29. Syn.
C 33 : FpHr. p. : Kor^a bbcb ampB BBspaAOBa ce ? Bac. p. : er/ta Hok HSBiai wt
Kopaöa. Star. VI 120, Nom. b 13 lehnen sich an Syn. C 33 an. ^Eq. xal änoxQ.
&ia(p. 11 s. Archiv XXIII, S. 65. Griech. vergl. Moc. I a 5: 'Eq. nöie Ix^QI
b xößfxos oXos; 'In. 'Ote l^f^ld-B Nüe Ix tt;s xißbjzov. Ausserdem s. Krasn.
1898, I 9, VII 4, XI 52 und XII 42,
41. Mich. 41. Arch. 43. Syn. C 34: Fpur. p. : kojihko Jiix paöoxanie Ervn-
TCHWM icpaHJiTCHe? Bac.p. : 'ie(THpH) CTa jiT. Star. VI 121 hat .yji., Nom. b 14:
^Y.'Eq. — an.diacp.VI [s. Arch. XXIII, S. 65). Krasn.1898, VI6 hat: w, X17: aX'.
398 Rajko Nachtigall,
C T
42. Bbnpo: Ha kojhko ^leexii paa^^JiHKTi. ce Mope. W. na .bi. ^a
KLKAO Cb pO^OMb CBOHMb npoH^eTb Mope.
43. Bbnpo : Kojihko XHCoymb jiio;i,Hi npoH^e Mope. W. .§^.
C" ■ • T
44. Bbnpo: kojihko j^'^ cxBopHuie rnjiniine Bb noycTbiHH. W.
-AI. Jii''-
45. Bbnpo: ko.thko nxb npon^e irop^anb-^W. .;jr^.
46. Bbnpo: KTO coyTb noca, MKoace pe nppKb. noea nenoBiAaiOTb
cjtaBoy övKHH). a. h6o cneb, b. h6o KHOCb, r. KHOXb, a- HOie, .e. aBpa-
aMb, S. HCaaKb, 3. lIHKOBb.
C' •-■ ^ T
47. (Bl. 163a) Bbnpo: vjii Bb3(b)Mb 6b npbCTb cbs^a ^lii^BKa. W.
Bb aeMJIH MaAHMMCT^.
42. Mich. 42. Arch.44: pasÄ^^H ca, no^'^TeM npouÄCTX, ohne Mope. In Milc.
52 und Alk. 42 zu Ende der Fragen eine Spur von dieser. Syn.C35: Bpar. p. :
Ha KOJIHKO pasÄi^H ce Mope? Bac. p. : Ha .bi. hstobb. Gleich Star. VI 123 (nur
.M. fehlerhaft) und Nom. b 15. 'Eq. — SenoxQ. 6iacp. 15 (Arch. XXIII, S. 65).
Griech. noch Moc. Ib3: 'Eq. Elg nöaa ka^fia&r] i] iQv&Qcc S^aXasacc. Mn.
Kaxu Tov nqocpi]Ti]v eis tß' , <V« ixuairj rpvlr] ttju i&iau oäetat] odou. Ausser-
dem Krasn. 1898, I 20, VIII 19, X 21, XI 61 und Eme 39.
43. Mich. 43. Arch. 45 : jiioäTu fehlt, .x. Milc. 52. Ark. 42. Syn. C 36 :
TpHr. p. : KOJHKo hx iHCoymB npiHÄC Mope? Bac. p. : .m. THCoymB. Ebenso in
Star.VI124. 'Eq.— an.diacpAA (Arch. XXIII, S. 65). Griech. sonst Moc. I b 4':
'Eq, Uoaai ;^i^(ßcf£f Iniqaaav rijy ^dXaaaau /nsrcc MwvGtüi;; Hn. ^E^axSaiai
XiliäSes. S. noch Krasn. 1898, I 19, VII 35, X 19, XI 60, En^e 37.