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Full text of "Archiv für slavische Philologie"

3) 



ARCHIV 



FÜR 



SLAVISCHE PHILOLOGIE. 



UNTER MITWIRKUNG 



VON 



A. BRÜCKNER, J. GEBAÜER, C. JIRECEK, A. LESKIEN, 

BERLIN, PRAG, WIEN, LEIPZIG, 

W. NEHRING, ST. NOVAKOVIC, A. WESSELOFSKY, 

BRESLAU, BELGRAD, ST. PETERSBÜEG, 



HERAUSGEGEBEN 



V. J A G 1 C. 



VIERUNDZWANZIGSTER BAND. 



BERLIN, 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 
1902. 



530863 

^. 17. ^1 



PC 
I 

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ßdJ>t 



Inhalt. 



Abhandlungen. Seite 
Das gegenseitige Verhältniss der sogen, lechischen Sprachen, von 

F. Lorentz 1 

Valentin Vodnik, der erste sloven. Dichter, von Fr. Vi die (Schluss) 74 
Untersuchungen über Betonungs- und Quantitätsverhältnisse in den 

slavischen Sprachen, von A. Leskien 104 

Zur polnischen Gaunersprache, von A. Landau 137 

Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. 1, von Ivan Franko 150 

Ein Katechismus Primus Truber's vom J. 1567, von Erich Bern cker 155 
Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Srecko- 

vic's, von M. Speranskij 172 

Polonica, von A. Brückner 182 

Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichichte, von 

M. Resetar 205 

Zur slavischen Wortbildung, von Gr. Ilj ins kij 224 

Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. »Eecifla inexi, cbath- 

TcieS« (Gespräch dreier Heiligen), von E.Nachtigall (Schluss) 321 

Joso Krmpotic's Leben und Werke, von Konstantin Draganic . 409 

Zum Gebrauche des Praesens verbi perf. im Slavischen, von A. M u s i c 479 
Textkritische Studien zu Homilien des Glagolita Clozianus , von 

Gustav Adolf Thal 514 

Kritische Nachlese zum Texte der altserbischen Vita Symeonis 
(Stefan Nemanja's), geschrieben von seinem Sohne, dem erstge- 
krönten König Stefan, von V. Jagic 556 



Kritischer Anzeiger. 

Broz-Ivekovic's kroat. Wörterbuch, angez. von V. Jagic 230 

Miletic, Der bulgar. Artikel, angez. von M. Chalanskij 242 

Los, Die Wortcomposition im Polnischen, angez. von V. Jagic . . 246 

Melnickij, Kirchenslav. Grammatik, angez. von Fr. Pastrnek. . . 250 

Sajkovic, Ueber serbische Betonung, angez. von M. Resetar . . . 251 
Jevsejev's Beiträge zur altkirchenslavischen Literatur, angez. von 

V. Jagid 254 

Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von V. Jagic . . 263 

Sljakov's Belehrung Monomach's, angez. von V. Jagic 268 

Pogorelov, Altkirchenslavische Psalmenübersetzung, angez. von 

M. Speranskij 272 



IV Inhalt. 

Seite 

Petrovskij's Buch über Hektorovic, angez. von M. Resetar .... 276 

Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, angez. von M. Resetar 279 

Sipovskij , Puskin'sche Jubiläumsliteratur, angez. von M. S p e r a n s k i j 280 

NevcHl, Die Erzdiöcese des h. Methodius, angez. von Fr. Pastrnek 283 

Kalousek, Apologie des h. Wenzel, angez. von Fr. Pastrnek . . . 285 
Noväk, Komensky's Weisheit der alten Böhmen, angez. von Fr. 

Pastrnek 289 

Smetänka, Die Postille Chelcicky.s, angez. von Fr. Pastrnek . . 291 
P.Popovic, O gorskom vijencu, angez. von A.Jensen (nebst Zusatz 

von M. Resetar) 292 

Abicht, Despot Stephans Werke, angez. von St. S tan oje vi c . . . 304 

Hrincenko, Kleinruss. Folkloristik, angez. von M. Sp er anskij . . 306 
Bibliograph. Publicationen von Sprostranov und Stojanovic, angez. 

von M. S peranskij 308 

Torbiörnsson, Die gemeinslavische Liquidametathese, angez. von 

F. Solmsen 568 

Iljinskij, Archaismen und Neologismen im Urslavischen, angez. von 

V.Jagic 579 

Strohal, Kroat. Volkserzählungen, angez. von M. Resetar .... 586 

Brückner, Geschichte der poln. Literatur, angez. von W. Nehring 588 

Kaiuzniacki, Panegyr. Lit. d. Südslaven, angez. von C. Radcenko 592 

Kaluzniacki, Werke des Euthymius, angez. von C. Radcenko . . 603 

Hrubj-, Böhm. Postillen, angez. von Fr.Pastrnek 611 

Vasiljev, Byzanz und Araber, angez. von C. Jirecek 615 

Tetzner, Die Slaven in Deutschland, angez. von A. Brückner. . . 616 

Vrabelj, Ugrorussische Volkslieder, angez. von V. Jagic 620 

ätrekelj, Slovenische Volkslieder, angez. von V. Jag ic 623 

Sobolevskij, Grossruss. Volkslieder, angez. von V.Jagic 624 

Stojanovic, Serb. Volkslieder aus dem Nachlass Vuk's, angez. von 

V. Jagic 628 

Markov, Grossruss. Volksepik des Weissen Meeres, angez. von M. 

Speranskij 629 

Zivanovic-Zivkovic, Kirchensl. Gesangbuch, angez. v. M. S p e r a n s k i j 637 



Kleine Mittheilungen. 

Zur Wiederherstellung einiger unleserlicher Stellen im »Sbornik 

Svjatoslava« vom J. 1076, mitgetheilt von Vladimir Bobrov 311 

Weitere Spuren der glagolitischen Buchstaben in den cyrillischen 

Handschriften, mitgeth. von V. Jagic 313 

Die orthographische Frage in Russland. Offenes Sendschreiben 

R. Brandt's, mitgeth. von V. Jag iö 314 



Sach-, Namen- und Wortregister, von AI. Brückner 641 



Das gegenseitige Verliältniss der sogenannten 
lechisclien Sprachen. 



Nach Hilferding OcxaTKii S. 18, dem sich Schleicher, Laut- und 
Formenlehre der polabischen Sprache S. 15 anschliesst, sind das Pol- 
nische einerseits, das Polabische und das Kaschubische andererseits die 
Nachkommen einer Sprache, des Lechischen. Dieses bildet den nördlichen 
Zweig des westslavischen Sprachstamms und unterscheidet sich von dem 
südlichen, dem Cechischen, welches das Cechisch-Slovakische und das 
Sorbische umfasst, hauptsächlich durch das Vorhandensein der Nasal- 
vokale. 5 

Abgesehen von der immer etwas zweifelhaft gebliebenen Stellung 
des Kaschubischen, über welches wegen seiner fast vollständigen Un- 
bekanntheit ein sicheres Urtheil nicht möglich war, ist die Ansicht 
Hilferding's und Schleicher's lange unwidersprochen geblieben. Vor 
kurzem jedoch hat sich Ramult in seinem Slownik jezyka pomorskiego 
czyli kaszubskiego gegen dieselbe erklärt. Nach ihm (S. XLIII) zerfällt 
das Westslavische in vier von einander unabhängige Gruppen: das 
Cechisch-Slovakische, das Sorbische, das Polnische und das Polabisch- 
Kaschubische. Das gegenseitige Verhältniss der drei letzteren bestimmt 
Ramult dann dahin, dass das Polabisch-Kaschubische eine Mittelstellung 
zwischen dem Polnischen und Sorbischen, das Polnische eine solche 
zwischen dem Polabisch-Kaschubischen und dem Sorbischen , das Sor- 
bische eine solche zwischen dem Polnischen und Polabisch-Kaschubi- 
schen einnimmt. 

Diese Ansicht hat Ramult leider nicht in genügender Weise be- 
gründet, eine Diskussion derselben ist daher nicht thunlich. Anders ist 
dies bei seiner Ansicht über die Stellung des Kaschubischen. Indem er 
die Lauterscheinungen desselben mit denen des Polnischen vergleicht, 
kommt er zu der üeberzeugung, dass dies kein polnischer Dialekt, wie 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 1 



2 F. Lorentz, 

häufig behauptet, sondern eine Schwestermundart des Polabischen ist, 
also dieselbe Ansicht, welche Hilferding und Schleicher über diese 
Sprachen hatten. Hieran hat sich ein lebhafter Streit geknüpft, dessen 
Kernpunkt die Frage bildet : Ist das Kaschubische näher zum Polni- 
schen oder zum Polabischen zu stellen? Auch wir werden auf diese 
Frage eingehend zurückkommen müssen, zunächst aber muss es unsere 
Aufgabe sein, das Verhältnis des Polabischen zum Polnischen zu unter- 
suchen; erst wenn dies festgestellt ist, kann man daran denken, dem 
Kaschubischen die ihm gebührende Stellung zuzuweisen. Billig be- 
ginnen wir hier mit den von Schleicher für die Zusammengehörigkeit 
des Polnischen und Polabischen geltend gemachten Argumenten. 

I. Polabisch und Polniscb. 

A. Schleicher's Argumente für die Zusammengehörigkeit des 
Polabischen und Polnischen. 

1. Die Vertretung des urslav. dj. 

Als ersten Beweispunkt für die nahe Verwandtschaft des Polabi- 
schen und Polnischen dem Sorbischen und Cechischen gegenüber führt 
Schleicher den Umstand an, dass das urslav. dj im Polabischen und 
Polnischen durch die Affrikata dz^ nicht wie im Cechischen und Sorbi- 
schen durch den Spiranten z vertreten ist. 

Dass hier das Polabische und Polnische dem Sorbischen und 
Cechischen gegenüber übereinstimmen, ist nicht zu leugnen. Als wirk- 
licher Beweis für die Zusammengehörigkeit beider Sprachen kann aber 
diese Uebereinstimmung nicht gelten : der Uebergang von dz zu z ist zu 
häufig in den slavischen Sprachen eingetreten — ich erinnere nur an 
die Entwicklung des durch die zweite Palatalisation entstandenen dz 
im Altbulgarischeu, auch die unten zu besprechende Entwicklung des 
urslavischen dj im Kaschubischen ist zu berücksichtigen — , als dass 
wir nicht annehmen dürften, auch das Cechische und Sorbische haben 
einst die Stufe dz gekannt. Dann aber beweist die Entwicklung des 
urslav. dj im Westslavischen etwas ganz anderes, als sie nach 
Schleicher's Ansicht soll: dass Polabisch und Polnisch zusammen- 
gehören, kann sie nicht erweisen, für die Zusammengehörigkeit von 
Sorbisch und Cechisch würde sie dagegen schwer ins Gewicht fallen. 
Denn nur gemeinsam vollzogene Neuerungen, aber nicht gemeinsame 



Das gegenseitige Yerhältniss der sog. lechischen Sprachen. 3 

Erhaltung von etwas Altem können eine sprachliche Verwandtschaft 
bezeugen: bei dem polab. poln. dz für urslav, clj handelt es sich aber 
nur um die Erhaltung von etwas Altem. In der Vertretung des urslav. 
dj durch dz im Polabischen und Polnischen kann also kein Beweispunkt 
für die nahe Verwandtschaft beider Sprachen gesehen werden. 

2. Die zweite Palatalisation des (j. 

Als zweiten Beweispunkt nennt Schleicher die Vertretung des ur- 
slav. <7 vor e i (= idg. ai oi) durch dz im Polabischen und Polnischen. 

Auch dieser Uebereinstimmung ist jede Beweiskraft für die nahe 
Verwandtschaft beider Sprachen abzusprechen. Die zweite Palatalisa- 
tion, der Uebergang von k g cJi vor sekundärem e und i und in vor- 
toniger Stellung nach palatalen Vokalen in c dz s, ist schon urslavisch, 
für ursprüngliches g haben alle Slavinen einst in diesem Falle dz gehabt, 
in der Verbindung zdz hat es sich ja auch meistens erhalten. Wenn nun 
das Polabische und Polnische auch ausserhalb dieser Verbindung das dz 
aufweisen, so handelt es sich ebenfalls nur um die Erhaltung von etwas 
Altem, kann aber eine nähere Verwandtschaft nicht beweisen. 

In zwei Wörtern hat übrigens das Polabische z für urslav. dz : 
hiqz urslav. *konedzh und pqz urslav. *pe?iedzh. Was diese ab- 
weichende Vertretung hervorgerufen hat, ist nicht zu entscheiden. Die 
beiden Wörter sind die einzigen, in denen das Polabische ein nach 
Baudouin de Courtenay's Gesetz I. F. IV 48 entstandenes dz aufweist, 
man könnte also daran denken, dass dies dz von dem vor sekundären 
e und i entstandenen ursprünglich verschieden gewesen ist, allerdings 
ist eine solche Verschiedenheit sonst nicht nachweisbar, andererseits 
sind es aber auch die einzigen Beispiele, wo dem dz ein Nasalvokal 
vorangeht, da ist auch der Gedanke nicht abzuweisen , dass dieser die 
Ursache der abweichenden Behandlung gewesen ist, sei es, dass diese 
in der Sprache selbst vorhanden gewesen ist (die Nasalvokale können 
ja einst einen vollen Nasal hinter sich entwickelt gehabt haben und 7idz 
kann dann zu Jiz geworden sein), sei es, dass dem Ohre der sprach- 
fremden Aufzeichner die Verbindung qdz als qz erschienen ist. Volle 
Sicherheit ist hier nicht zu gewinnen. 

Schleicher hat S. 144 Schwierigkeiten mit tva krise J. und stisäy J. 
Beides sind deutsche Lehnwörter, der Stamm derselben ist nicht mit g, 
sondern mit spirantischem / anzusetzen, worauf die Schreibung kriech 
J. P. krich J. deutlich hinweist. Das z von krize stizdi ist aus z her- 

1* 



4 F. Lorentz, 

vorgegangen, welches zu / nach dem Verhältnis von ch : s eingeführt 
ist. Das Gleiche findet sieh auch im Kaschubischen z. B. slov. mauzä 
zu mauyci, Heist. reze zu rega aus *reya. 

3. Die Nasalvokale. 

Die bedeutendste Uebereinstimmung zwischen Polabisch und Pol- 
nisch, auf die immer das meiste Gewicht gelegt worden ist, findet sich 
bei den Nasalvokalen. Nach Schleicher sind im Polabischen die Nasal- 
vokale erhalten und zwar sollen q und/o ebenso wechseln wie im Pol- 
nischen (' und iq. Wenn dies richtig ist, muss die nahe Verwandtschaft 
von Polabisch und Polnisch als erwiesen angesehen werden. Dies wer- 
den wir zu prüfen haben. 

Das Urslavische hatte die beiden Nasalvokale q und e. Im Polni- 
schen ist das urslav. q durch hartes e und q^ das urslav. e durch weiches 
'e und 'q vertreten ; dass in den Dialekten noch andere Nasalvokale auf- 
treten, ist für uns hier von keiner Bedeutung, da sie alle aus den vier 
angeführten herzuleiten sind oder wenigstens auf dieselben Grundformen 
mit diesen zurückführen. Von den vier Nasalvokalen vertreten e und 
'e ursprüngliche Kürzen, q und q Längen: andere als quantitative Ver- 
änderungen kennt das Polnische bei den Nasalvokalen ursprünglich 
nicht. 

Nach ganz anderen Principien regelt sich die Vertheilung von q 
und 'o im Polabischen. Von einer ursprünglichen Quantitätsdifi'erenz 
ist hier nichts zu spüren, vielmehr tritt, sobald man das gesammte Ma- 
terial ins Auge fasst, klar und deutlich das Gesetz hervor, dass urslav, ^ 
vor harten Dentalen und ursprünglich hartem / zu o, vor Gutturalen, 
ursprünglich weichen Konsonanten und im Auslaut zu q geworden ist, 
für urslav. § vor Labialen hat das Polabische keine Beispiele. 

a. Urslav. e vor harten Dentalen: -desot^ desötl/, devott/^ pöJl/^ 
jgtra, pgia, sjot sjoty sjgta, nopücgtt/, vdzgfy, prgtrü prqtprü, hü- 

zgikii^ Endung des Plurals der e<-Stämme ~gta z. B. paü'gta stenota\ 
grgda^jgdrü^ zodlii; pigsat plgsal^jazi/k, igzat väzvgzat vgzöny. 

b. Urslav. e vor ursprünglich hartem /: nocgl. 

c. Urslav. e vor Gutturalen : tqgiie tqgnatö väztqg7igt pörtqgni-sq, 
Iqgne, Knqgdina, stqglli siqgvdi, klqgäi klqgväi. 

d. Urslav. e vor ursprünglich weichen Dentalen : desät desqtnöcte 
desqtarüj devqt divqtdekgt devqtnadist devqtnöcte devqtaru, pqt pqt- 
dckgt pqtnadist pqtnöcte pqtstige pqtarü, zqt^ zqtlk, 7iopücqt, tilqtäi^ 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 5 

prqde^ sqdl sqd, vqd'ol (urslav. *vqdeh ^) ; trqse trqsi-sq trqsin, prqst^ 
pqst pqstq; Jcnqz Jinqza Knqzdi Icnqzi, pqz. 

e. Urslav. e vor c (= urslav. c, c, tj\ s (= nrslav, s\ z (= ur- 
slav. 2): hrqcäika hrqcikq, brqci, j'qcmen, mqcmqcdm^ sdlqceny; zoj'qc 
zoj'qci] tilqci, 7iavqci navqc\ plqsq plqse: praivqzq euvqze^ sqztnq 
sqzmena^ tqzTi-ü^ vditqzemj. 

f. Urslav. e vor ursprünglich weichem l: väzqläi^ pücqldi-sq. 

g. Urslav. q im Auslaut: Nom.-Akk. Sing, der neutralen n- und 
w^-Stämme: jaimq^ väimq, sqzmq, rdmq, tilq, pailq, sfinq, Jieurq, 

Jognq^ büzq] Akk. Sing, der Personalpronomina: mq, sq; 3. Sing. Aor. 
vdzq. 

An Ausnahmen finden sich : 

a. Urslav. e ist vor weichen Konsonanten durch polab. ver- 
treten: pgse neben piqse, Jotrenij aus *Jqtrhm oder *Jetrem und viel- 
leicht bljünda »träumen« J. P. Von diesen ist pqse eine Neubildung 
nach posat (im Sühtener Dialekt Parum Schultze's hätte der Präsens- 
stamm plqs- aus urslav. *ples'^ der Infinitivstamm posa- aus urslav. 
*plesar lauten müssen), Jqtreny hat sein o ^oujotra erhalten, hljunda 
endlich, bei welchem Schleicher S. 157 schwankt, ob es in hloda oder 
hlqde zu ti'ansskribiren ist, ist sicher das erstere aus urslav. ^hle- 
daje{tb). 

b. Urslav. e ist vor harten Dentalen durch polab. q vertreten: 
swante »hochheilig« J. P., nach Schleicher durch svqty wiederzugeben, 
Nom.-Akk. Plur. der e^-Stämme hlaizqta Jognqta^ und das von Schlei- 
cher durch mqsü transskribirte mangsi J. P. mangsy P. mangsei 
mangsee S. mangsee Pf. D. Dass swante aber Nom. Sing. Mask. ist, 
ist durchaus nicht sicher, es kann ebenso gut Nom. Plur. Mask. urslav. 
*svetiji oder Adverb = poln. swiecie sein, in beiden Fällen ist q be- 
rechtigt. Die Formen hlaizqta jognqia werden ihr q vom Singular be- 
zogen haben und mqsü halte ich für falsch transskribirt. Wie die beiden 
Wörter mösU »Butter« für urslav. ^masth und süli »Salz« für urslav. 
*6o/& zeigen, hat im Polabischen einfe Neigung bestanden, StoflTbezeich- 
nungen (wenigstens für geniessbare Sachen) in die Form der Kollektiva 
überzuführen. Dies nehme ich auch für urslav. *meso an und deute die 



*) Man könnte auch an vqgäl denken, welches aus urslav. *vpglo (vgl. 
slov. vjqgnöuc) herzuleiten wäre. Doch müsste man dann wohl *iqgil er- 
warten. 



^ F. Lorentz. 

überlieferten Formen als nuisi oder mase aus *meshje. Dann ist auch 
das q lautgesetzlich. 

Das nichtpräjotirte urslav. q ist im Polabischen überall durch o 
vertreten. An Ausnahmen finden sich nur chrqst [granst S, grauste J. 
grangste P.), samh S., loangse ^.^ j^atitijüh S., demh S. Von diesen ist 
sicher chrqst zu streichen : das Polnische weist chrzqszcz auf, das auf 
urslav. *cJiresfjh zurückgeführt werden muss: aus derselben Grundform 
ist auch das polab. chrqst ohne Schwierigkeiten herzuleiten. Wie samh 
(S. hat daneben auch sumba mit regelmässigem o), icangse^ pantijüh 
und de77ih zu beurtheilen sind, entgeht mir, vielleicht sind es nur 
Schreibfehler, wie sie bei Parum Schnitze häufig vorkommen, demh ist 
schon wegen seines em verdächtig. Jedenfalls können sie der grossen 
Menge der Beispiele mit o gegenüber nicht ins Gewicht fallen. 

Das präjotirte urslav. q ist im Polabischen nur durch ci vertreten. 
Es finden sich jedoch nur solche Beispiele, wo auf das q ein Guttural 
oder weicher Konsonant folgt oder wo es im Auslaut steht. 

a. Urslav. y^^ vor Guttural: pojqk. 

b. Urslav. jq vor c (= urslav. c, tj] : pq/qcdiüa, Suffix des Part. 
Prs. Akk. : zdzqci, kgsaj'qcz, l'otöj'qcl, für vedqci büdqca ist älteres d' 
anzusetzen. 

c. Urslav. ja im Auslaut: Akk. Sing. derya-Stämme: zimq, ne- 
delq^ deusq^ köpq^ svecq (der A]ik. Jeuzaino gehört nicht zu dem da- 
neben überlieferten Nom. jeuzaina^ sondern zu *Jeuzaina) ; Instr. Sing. 
dery^i-Stämme : ziyyiq^ nidelq, tqcq^ vülq ; Instr. Sing, der fem. 2-Stämme : 
pqstq; Akk. Sing. Fem. der weichen Pronominalstämme : müjq, tüj'q, 
msq\ Instr. Sing. Fem. derselben: siijq\ 1. Sing. Praes. : ricq, püj<^{f, 
plocq^ cq, zdrq, auch aidq geht auf *aid'q zurück, das d' stammt aus 
den Formen der 2. Sing, bis 2. Plur. ; 3. Plur. Präs,: päj'q, bij'q-sq, 
plqsq, väzdedq-sq ^). 

Man darf jetzt nicht mehr behaupten, dass die Vertheilung von q 
und im Polabischen parallel der von 'e und 'q im Polnischen geht. 
Im Polnischen ist ursprünglich nur eine quantitative Spaltung der Nasal- 
vokale eingetreten : urslav. q ist zu q und q, urslav. e zu '^ und 'e ge- 



') Das polab. väzdedq-sq entspricht nicht dem abg. dezdqto urslav. *ded- 
jq't'o). Es ist entweder die Umbildung *dedq für urslav. *dedq[to}, der 3. Plur. 
eines e- o-Präsens *dedq, oder es ist als urslav. *dede(t-o) anzusetzen und würde 
dann dem idg. *dhedhnti (aind. dadhati) genau entsprechen, also eine athema- 
tische Bildung sein. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 7 

worden. Die Längen <} und 'e sind, soweit mir bekannt ist, überall 
qualitativ gleich geworden, sie sind in o zusammengefallen, welches nur 
durch das Vorhandensein bezw. Nichtvorhandensein der Erweichung an 
die ursprüngliche Qualitätsverschiedenheit erinnert. Die Kürzen ä und 
'e sind in der Schriftsprache ebenfalls qualitativ gleich geworden, dia- 
lektisch (z. B. im Oppelner Dialekt) aber sind sie geschieden geblieben. 
Auch präjotirtes a ist ({ geblieben, wie der Oppelner Dialekt erweist. 

Im Polabischen ist das nichtpräjotirte q nur durch q vertreten. 
Das urslav. e ist vor harten Dentalen und vor hartem l durch 'o, vor 
Gutturalen, weichen Konsonanten und im Auslaut durch q vertreten. 
Der Umstand, dass vor o die Erweichung geblieben, vor q aber ge- 
schwunden ist, zeigt uns, dass wir es bei dem Auftreten des o mit einer 
Eutpalatalisirung zu thun haben. Das entpalatalisirte e ist mit dem ur- 
slav. q qualitativ gleich geworden, das palatal gebliebene ist verschieden 
geblieben, seinen ursprünglichen Lautwerth werden wir unten bei der 
Behandlung der Geschicke der Nasalvokale im Kaschubischen näher 
■festzustellen suchen. Das präjotirte q ist mit urslav. e zusammen- 
gefallen, doch ist nur die Vertretung durch r/ nachzuweisen. 

Es bleibt also von der von Schleicher behaupteten Uebereinstim- 
mung in den Nasalvokalen zwischen Polabisch und Polnisch nur das 
blosse Vorhandensein i) derselben in beiden Sprachen. Wenn sich die- 
selben auch hierin scharf von dem Cechischen und Sorbischen unter- 
scheiden, ein Beweis für die nähere Zusammengehörigkeit derselben 
kann darin nicht gesehen werden. Denn auch hier liegt das Gemein- 
same nur darin, dass etwas Altes erhalten ist, die Neuerungen, welche 
allein beweisend sein würden, sind principiell verschieden. 

Die von Schleicher für die nahe Verwandtschaft des Polabischen 



1) Brückner hat kürzlich Archiv XXIII, 233 ff. auch für das Polnische 
den Uebergang von qin u behauptet. Trotz der zahlreichen Beispiele glaube 
ich nicht, dass dieser Lautwandel wirklich stattgefunden hat. Für einige der 
genannten Wörter werden z<-Wurzeln anzunehmen sein, z. B. ist p. nuda mit 
pr. nautin got. naups, p. tupac mit gr. tvtitoj zu verbinden, für iuff neben l^g 
istauf slovinz. luk (Gen.hikVi und lüt/u,) hinzuweisen, dies wird mit p. Paluki 
zu lit. laühas ahd. löh zu stellen sein, auch das Polabische hat vielleicht *luk 
gekannt, wenigstens weist der Ortsname Lucie (ein sumpfiges Gehölz zwischen 
Dannenberg, Lüchow und der Elbe) auf ein Huce urslav. */»c6;e hin. Wichtig 
wäre für die Beurtheilung der ganzen Frage eine genaue Zusammenstellung 
der in Betracht kommenden Wörter, wobei besonders ihr zeitliches und ört- 
liches Vorkommen zu berücksichtigen wäre [Korr.-N.]. 



8 F. Lorentz, 

und Polnischen geltend gemachten Argumente beweisen also sämmtlich 
nichts. Wenn man überhaupt einen Schluss aus ihnen ziehen will, so 
kann man nur den daraus ziehen, dass Cechisch und Sorbisch einst eine 
Einheit gebildet haben, für eine polniseh-polabische Spracheinheit sind 
sie nicht zu verwerthen. 



B. Giebt es andere Beweispunkte für die Zusammengehörigkeit 
des Polabischen und Polnischen? 

1. Die vokalischen Lautgesetze. 

a. Die Vokale urslav. a, o, i, y, u und ^ bieten in ihrer Entwick- 
lung weder im Polnischen noch im Polabischen irgendwelche Anhalts- 
punkte, welche auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein näherer 
Beziehungen zwischen beiden Sprachen schliessen lassen. Zwar haben 
fast alle diese Laute im Polabischen mehrere Nachkommen, die Spal- 
tungen haben sich aber augenscheinlich erst innerhalb des Polabischen^ 
vollzogen ; dass irgend eine aus vorpolabischer Zeit stammen muss, ist 
nicht nachzuweisen. Das Polnische hat bei a, o und u — abgesehen 
von den unten zu besprechenden geschlossenen Formen dieser Laute — 
nur einen Nachkommen, zwei hat es bei ^, y und 0, welche durch die 
Härte und Weichheit der vorhergehenden Konsonanten bedingt sind. 
Der einzige Punkt, bei welchem man an nähere Beziehungen zwischen 
Polnisch und Polabisch denken könnte, ist die Entwicklung der post- 
gutturalen y und ^, da aber wegen der Art der polabischen Sprach- 
überlieferung die hier einst eingetretenen Vokal Veränderungen sich nur 
an der Gestalt der Konsonanten mit Sicherheit erkennen lassen, werde 
ich auf diese Frage erst unten bei der Besprechung der Gutturale näher 
eingehen. 

b. Urslav. e. 

Im Polnischen ist das urslav. e bekanntlich vor harten Dentalen, 
hartem i und r zu 'a 'ä, vor Gutturalen, Labialen, sämmtlichen weichen 
Konsonanten und im Auslaut zu 'e 'e geworden ^j. 

Im Polabischen ist das urslav. nach Schleicher vertreten in- 



') Mikkola, Betonung und Quantität in den westslaviscben Sprachen I. 
S. 6, meint, dass die nichtpalatale Gestalt des f im Kaschubischeu auch vor 
harten Gutturalen und Labialen berechtigt war. Für das Polnische ist beim 
e (und ebensowenig bei e, hr, das Gleiche nicht nachzuweisen. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 9 

lautend durch o, a, a, e, i, auslautend durch e, a, Je, ja, anlautend 
durch ye,ya. Sehen wir von der Vertretung durch. Je ja ab — anlauten- 
dem e ist einj" vorgeschlagen, auslautendes -Je kommt nur bei Guttural- 
stämmen, auslautendes -Ja nur bei ye-Stämmen vor — , so fällt sofort 
auf, dass inlautend weiche und nichtweiche, auslautend nur nichtweiche 
Vokale auftreten. Bei einer Durchsicht des vorhandenen Materials 
finden wir dann, dass die weichen Vokale dem poln. 'a a, die nicht- 
weichen dem poln. 'e 'e entsprechen und genau unter denselben Be- 
dingungen wie diese auftreten. 

1 . Urslav. e ist vor harten Dentalen durch polab. o 'a vertreten : 
kjot^ sjot, l'otü^ voter, rotHy, d'otka, vüÖöd, püsl'od, posdk, posäcny, 
los, iostu, gnözda, gj'özda, zel'ozü, vührözat^ sonü, siöna, chron, väz- 
don\ vübrazony. 

2. Urslav. e ist vor hartem / und r durch polab. o 'a vertreten: 
hol holy, pol, d'olü, grämolü, mal, zäral, säd'al, naidal ; morö morq. 

3. Urslav. e ist vor Gutturalen durch polab. e a vertreten : lekar, 
reka, cläoak, sneg, vrecJi, gr'ech, mech, tecli. 

4. Urslav. e ist vor harten und weichen Labialen durch polab. e 
vertreten: repö, lepsi, chlev, leva, deva, deoka, nemdc, nemkamka. 

5. Urslav. e ist vor ursprünglich erweichten Dentalen durch polab. 
e a vertreten : svetl, detq, vu leta, m'et, no svate, zdrat, sädat, grämat, 
dedän, sedlj lesäi, Vesny, mest'e, l'eze, mena. Mit i\ vüdine. 

6. Urslav. e ist vor c {= urslav. c, tj, kt), s (= urslav. s), st (= ur- 
slav. sfj), z {= urslav. z) durch polab. e a vertreten: sece, sect, reo, 
eusaceny, sveca, mesäk, mesäist, vüzmesat, gr'esl-sq, gresnäikij, 
vübasen, vüzmaseny, sägrasenij, klesta, b'ez'i, h'ezat, reze rezq. Mit i: 
viza. 

7. Urslav. e ist vor ursprünglich weichem / und r durch polab. e 
vertreten : bellt, eudellt, nedel'a, mer'i. Mit ^: cJimil. 

S. Urslav. e ist vory durch polab. e ia vertreten: dolej, sije, 
smijq-sq, lije, grij'-sq^ mclnaj, l'eubaj. 

9. Im Auslaut ist das betonte e durch polab. -e, das unbetonte 
durch polab. -ii und -a vertreten, Beispiele s. bei Schleicher S. 95 ff. 
Weich tritt dies -e -a nur bei den Guttural- und denye-Stämmen auf. 
Dabei ist zu beachten, dass Formen wie vaike^\ Neubildungen sind, das 



ij Polab. deiste deisdi daista teisda sind in daist'e däisfa zu transskribiren, 
das st ist lautgesetzlich aus sc entstanden. 



j Q F. Lorentz, 

-Jce demnach aus -kii entstanden ist, und bei den /e-Stämmeu das/ 
stammhaft war. Dass auslautendes -e bisweilen lautgesetzlich zu -e -a 
geworden ist, können diese Formen nicht beweisen. 

Abweichungen finden sich nur äusserst selten. Mit o bezw. a führt 
Schleicher an : no lotäi^ pil d'öla., kä d'öle, Toze^ roze, väzd'at. Von 
diesen wird loze {lose J. P.) zu streichen und dafür lozi = poln. lazi 
zu schreiben sein, döla d'öle hat sein 'o vom Nom. d'olü bezogen, 
ebenso wird das von roze (falls rose S. nicht durch rozi wiederzugeben 
und dies dem poln. razi gleichzusetzen ist) aus dem Inf. rozat stammen, 
HO loiöay J. ist vielleicht nur Schreibfehler für no leivay und väzd'at 
steht neben sädat^ ist also auch wohl nur ein Irrthum, doch könnte 
man hier auch an urslav. *dejath poln. dziac denken. An Ausnahmen 
mit e für zu erwartendes o 'a führt Schleicher pridühed und die Stoff- 
adjektiva auf -eny an, wie diese zu erklären sind, ist mir unklar. 

Sehen wir von den wenigen Ausnahmen ab (auch das Polnische 
weist eine Reihe von Ausnahmen auf, vgl. Brückner Archiv XXIII, 237 f.), 
so haben wir zu konstatiren, dass sich die Entwicklung des urslav. e im 
Polabischen mit der im Polnischen deckt. In beiden Sprachen haben 
nichtpalatale Vokale entpalatalisirend auf ein e der vorhergehenden 
Silbe eingewirkt, in beiden Sprachen ist die entpalatalisirende Wirkung 
durch einen trennenden Guttural oder Labial gehemmt worden. Dass 
es sich hier um eine bedeutungsvolle Uebereinstimmung handelt, wird 
man nicht leugnen können. 

c. Urslav. e. 

Im Polnischen ist das urslav. e, sowohl das isolirt wie das in den 
tautosy Ilabischen Verbindungen er erstehende, nach denselben Gesetzen 
wie das urslav. e in o o und 'e 'e zerfallen. 

Im Polabischen ist das urslav, e in betonten Binnensilben durch e 
und i vertreten. Wie aus den Zusammenstellungen Schleichers S. 47 flf. 
hervorgeht, findet sich e vor hartem und weichem r, hartem l und 
harten Dentalen, i vor weichem /, weichen Dentalen, vor c und vor 
weichen Labialen, für e vor Gutturalen und vor harten Labialen gibt 
Schleicher keine Beispiele, an anderer Stelle aber nennt er pekar und 
dies beweist zur Genüge, dass e auch vor Gutturalen durch polab. e 
vertreten ist. 

Weniger klar ist die Entwicklung des e in unbetonten Binnensilben. 
Da hier in den Quellen dieselben Wörter häufig mit e und mit i auf- 
treten, meint Schleicher, dass überall ein Mittellaut zwischen c und i 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 1 1 

anzunehmen sei, welchen er mit e bezeichnet. Doch auch hier ist im 
Allgemeinen die Regel gewahrt, dass e vor nichtpalatalen, i vor pala- 
talen Vokalen der folgenden Silbe erscheint, vgl. das bei Mikkola Be- 
tonung und Quantität I, S. 9 angeführte Material. 

Diese Spaltung des urslav. e im Polabischen ist von der im Pol- 
nischen principjel l verschieden . Bei der letzteren handelt es sich um 
eine Entpalatalisirung, im Polabischen dagegen um eine stärkere Pala- 
talisirung. Daraus erklärt es sich auch, dass die stärker und die 
schwächer palatalen Vokale in beiden Sprachen unter verschiedenen 
Bedingungen auftreten : harte Labiale und Gutturale haben die entpala- 
talisirende Wirkung des hinteren Vokals im Polnischen gehindert, die 
palatalisirende Wirkung des vorderen Vokals im Polabischen wurde nur 
durch r gehindert und andererseits blieb e vor harten Labialen und 
Gutturalen unberührt. 

Hierzu stimmt auch die Behandlung des auslautenden e in beiden 
Sprachen. Auf dasselbe konnte weder eine palatalisirende noch eine 
entpalatalisirende Wirkung ausgeübt werden, wir finden daher im Pol- 
nischen - e, im Polabischen -e. 

Dieselbe Behandlung hat das e auch in den wenigen Beispielen 
erfahren, welche uns aus dem Polabischen für die Verbindung er be- 
kannt sind. Vor v d z n i&t e geblieben : crevu Plur. creva, sreda, 
breza, dren^), vor l' v dz ist es zu i geworden: zrihq^ zribäc, zrihäica^ 
criv, sridmj^ brizäin. Auffällig ist brig dem pekar gegenüber, doch 
ist von diesem Worte nur der Nom. Sing, überliefert und da kann man 
daran denken, dass ein ursprüngliches *breff über *bre(jf zu briff ge- 
worden ist, vgl. slovinz. dial. bfeß aus breK. Unklar sind mir prid 
und priz für urslav. '^perd^ ^perz^^ doch hat auch das Polnische hier 
przed przez. 

Eine ganz verschiedene Entwicklung hat das e in der Verbindung 
el durchgemacht. Hier ist im Polabischen Ja oder, wie wohl aus den 
Schreibungen mlauka J. P. melauka Pf. hervorgeht, lä entstanden: 
polab. mldka mlllcny poln. mUko mleczmj^ polab. mlät poln. mUc, 
]}o\sib. plavili i^oln.plewy, -polab. vdivldct poln. tvlec, das polah. ivkäzet 
tolatze »eggen« ist wohl nicht, wie Schleicher meint, mit dem poln. lolec, 



1) So, nicht tren ist das überlieferte dren J. P. drehti S. zu transskribiren, 
es ist identisch mit kasch. di-dn urslav. *derm. Woher stammt Ramult'a 
drezdn ? 



12 F. Lorentz, 

sondern mit dem poln. wUczyc identisch. Da nun im Polabischen urslav. 
ol ebenfalls durch la vertreten ist, hat es wie das Russische urslav. el 
und ol zusammenfallen lassen. 

In der Behandlung des urslav. e gehen demnach Polnisch und Po- 
labisch weit auseinander. Dort finden wir wie beim e eine Entpalatali- 
sirung, hier wird die Palatalität noch verstärkt. Dort gehen er und el 
mit dem e parallel, hier hat el eine abweichende Entwicklung durch- 
gemacht. Nur das haben beide Sprachen gemein, dass die Metathesis 
von er re, nicht re ergeben hat. 

d. Urslav. t. 

Im Polnischen ist das urslav. * überall durch 'e vertreten, das da- 
neben bisweilen auftretende o (z.B. OÄe'o/ neben osiel) ist erst sekundär. 

Im Polabischen ist das urslav. h durch J, 'u und i vertreten. Wie 
Mikkola Betonung und Quantität I S. 10 erkannt hat, erscheint 'ä vor 
harten, d vor ursprünglich weichen Konsonanten. Als einzige Aus- 
nahme führt Mikkola die Deminutiva auf -cäk -säk aus urslav. -cbko 
-hko an, welche nach seiner Ansicht -dk für -ak im Anschluss an die 
auf -dk aus urslav. -%kb angenommen haben. Ich glaube, dass -cdk ~säk 
lautgesetzlich sind. Die aus urslav. c z s entstandenen polab. c z s sind 
immer hart, weich ist c = c nur in Pfeffinger's tschiürna, woneben 
aber tzorna J. P. zohrne S. tsoorne M. steht, ^ = i in hüzota [hüse- 
junta S.) und hüzotkü {hüsejungtgii.), s ^ 's niemals. Das z in hüzota 
ist aber vielleicht erst in * hüzota neu eingeführt, da dies dann in das- 
selbe Verhältniss zu hüzq trat wie stehota *zrihota zu stenq zribq 
u. s.w., auch hüzoticü kann sein z im z nach Mustern wie *stenotkü 
*zriJjotJcü erhalten haben. Für Pfeffinger's tschiürna aber möchte ich 
zu bedenken geben, ob nicht dies und andere Wörter aus einem Dialekt 
stammen, welcher von den übrigen abweichend urslav. c und vielleicht 
auch z s als c z s (man könnte nach der Schreibung sogar an c z s 
denken) erhalten hat. Jedenfalls stammt keins der bei Schleicher mit 
-cuk -sdk angeführten Wörter aus Pfeffinger's Verzeichniss. 

Ob wir es hier mit einer Palatalisirung oder einer Entpalatalisi- 
rung zu thun haben, wage ich nicht zu entscheiden. Wir können diese 
Frage auch hier unberücksichtigt lassen, da das Polnische nichts ähn- 
liches aufweist. 

Neben d und 'ä findet sich auch i als Vertreter des urslav. b. Dies 
ist in folgenden Wörtern der Fall: chriMt [gribjat J. P. gribatJ. P. 
g7'ibjütä.), rdibi7iik, väknmik, zaitiny^ steudindc, vhäi visde und an- 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. j 3 

dere Formen von *vhsbj scliwartzig S., in dessen -ig Kaiina das Suffix 
-hkb sehen will, hat wohl eher das Suffix -iloi. Die Erklärung dieses i 
steht bisher noch dahin, Mikkola S. 1 1 meint, « und ä vertreten * als 
Länge, i als Kürze, es bleibt jedoch seine Begründung abzuwarten. Ich 
bin allerdings schon jetzt der Ansicht, dass dies wohl kaum richtig ist. 
Es wäre nämlich zu auffällig, dass die Kürze nur in so wenig Wörtern 
überliefert ist, während es für die Länge eine ganz stattliche Anzahl 
von Beispielen gibt. Mir scheint es, dass in diesem i eine stärkere Stufe 
der Palatalisirung vorliegt, das Gesetz für das Eintreten derselben ver- 
mag ich allerdings nicht anzugeben. 

Das urslav. w ist im Polnischen vor harten Dentalen und l durch 
ar, vor weichen Konsonanten, vor Gutturalen und Labialen durch 'ir 
vertreten. Das bisweilen neben dem ar auftretende 'ar ist nicht, wie 
Brückner meint, eine gleichberechtigte Nebenform des ar, sondern es 
ist mit Mikkola als Kompromissbildung von ar und 'ir aufzufassen. 

Dieselbe Vertretung will Mikkola auch im Polabischen wiederfin- 
den. Dies ist jedoch nicht richtig. Denn wie die wenigen überlieferten 
Beispiele zeigen, ist hr vor Gutturalen und weichen Konsonanten durch 
ur und w-, vor harten Dentalen dagegen durch 'är vertreten, für w vor 
harten Labialen gibt es keine Beispiele. 

1. Urslav. hr vor Gutturalen: värch^ vllrchni, pärgne, därgne, 
virgne, virgngt^ väzpirgne. 

2. Urslav. hr vor ursprünglich weichen Konsonanten: pärstin^ 
märze, mclrzne^ pardl. smärd'i, särsen, därzeny^ vch'säk, cärveny^ 
dirzi, dirzöl-sq. 

3. Urslav. fcr vor harten Dentalen: eumärty, praimllrty^ cetjärty, 
tjdrdy^ zärnü^ carny bezw. cllrny. 

Die einzige Ausnahme macht eumärzoji, doch wird dies durch 
märze u. s.w. beeinflusst sein. 

Die Bedingungen, unter denen die Spaltung des urslav. hr im Pol- 
nischen und Polabischen eingetreten ist, sind, wie wir sehen, die gleichen 
gewesen. Dagegen weichen die Resultate dieser Spaltung von einander 
ab. Letzteres kann nur daraus erklärt werden, dass zur Zeit des Ein- 
tretens der Spaltung das w im Polabischen schon erweichend auf den 
vorhergehenden Konsonanten eingewirkt hatte, während dies im Polni- 
schen noch nicht der Fall war. In beiden Sprachen zerfiel nun der 
*-Laut in einen stärker [h^] und einen schwächer (t^j palatalen Laut : 
im Polnischen entstanden hh' und h'^r, im Polabischen 'öV und 'hh'. Im 



14 F- Lorentz, 

Polnischen ging fe'r dann in erweichendes 'ir über, h^r blieb hart und 
fiel mit urslv. ^r in ar zusammen. Im Polabischen ging, wie überall 
bei palatalen Vokalen, vor h^r die Erweichung verloren, es entstanden 
daraus nach unbekanntem Gesetz är und ir, vor hh' blieb die Erwei- 
weichung erhalten und es entstand 'är. 

In beiden Sprachen haben wir es hier ohne Zweifel mit einer Ent- 
palatalisirung zu thun. Auch hier haben die Vokale der folgenden Silbe 
nur dann entpalatalisirend gewirkt, wenn der trennende Konsonant kein 
Guttural oder Labial war. 

Dem urslav. hl entspricht im Polnischen il, ei, ol. Das Polabische 
stellt diesem aw, dialektisch u, gegenüber: polab. väuk vuk poln. wilk, 
polab. mäucqd poln. milczec, polab. päun poln. peiny, polab. väunö 
poln. loelna. Das Polabische hat urslav. hl und ^l vollständig zusam- 
menfallen lassen, im Polnischen ist dies nur theilweise eingetreten. 

e. Auf die doppelte Vertretung des urslav. or im Polabischen, in 
welcher man jetzt nach den Auseinandersetzungen Kariowicz' und 
Brückner's keine Besonderheit dieser Sprache dem Polnischen gegen- 
über mehr sehen darf, werden wir unten bei der Besprechung des 
Kaschubischen zurückkommen. 

f. Urslav. ■&/. 

Das urslav. %l ist im Polnischen nach Labialen durch ol bzw. ul 
und el, nach Gutturalen durch 'el, nach Dentalen durch lu vertreten, 
z. B. ■pölk pulk, in Eigennamen pelk, urslav. *pzlkb, apoln. mohcic 
urslav. *m7./a^b, kielbasa xxx&lax. *k^lbasa, dlugi urslav. *c;?5/;5'^ '). 
Das Polabische hat dem gegenüber nur äu, dialektisch u\ tausty tust 
poln. tluaty , tauet tüce poln. tlucze, dclugy poln. dlugi, däug poln. 
diug, mäuna urslav. ^rmlntja. 

g. Quantitative Verschiebungen. 

Das Altpolnische hat Quantitätsverschiedenheiten bei den Vokalen 
gekannt. Die Spuren derselben finden sich in der heutigen Sprache nur 
noch in den Vokalpaaren a : ä, e : e, o : 6, e : (t, bei den Vokalen i y u 



1) Hierher gehört auch siu/ice aus *solnbch. Daneben ninss auch ein ur- 
slav. *solnbCb existirt haben, weiches in kasch. slbnce sloüce (Dem. s^onüska 
stony^koc] os. ninnco p. sionce, das nicht als spätere Entwicklung von sluüce 
angesehen werden darf, erhalten ist, ns. siynco kaun sowohl *s'>hibcb wie *s^l- 
nbcb fortsetzen. Wie c. sloniti zu erklären ist, weiss ich nicht, Mikkola Beto- 
nung u. Quantität I, S. 21 meint, dass von urslav. *s^hn- und *szIoh- auszu- 
gehen ist, dies ist aber wegen serb. sutice sloven. solnce unwahrscheinlich. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 15 

sind diese Differenzen verwischt, doch wird die ehemalige Länge durch 
Doppelschreibung des Vokals bezeugt z. B. rozuum^juui. 

Dass das Polabische Quantitätsverschiedenheiten besessen hat, ist 
mir nicht zweifelhaft, in welchem Umfang dieselben anzunehmen sind, 
kann jedoch nur eine genaue Untersuchung lehren. Für uns würde eine 
solche Untersuchung zwecklos sein, da die polabischen Quantitätsdiß"e- 
renzen mit den polnischen sicher nichts zu thun haben. Dies sehen wir 
schon an den aus urslav. a entstandenen a und o, von denen a die 
Kürze, die Länge vertritt. Nun haben zahlreiche reine a-Stämme 
einen Nom. Sing, auf -o, im Polnischen ist die Länge hier unerhört. Dies 
beweist zur Genüge, dass das polab. a : o mit dem poln. a : ä nicht zu 
vergleichen ist. 

Nur in einem Falle findet sich eine unsichere Spur einer der des 
Polnischen vergleichbaren Quantitätsdiff'erenz. In Mithof's Wörter- 
verzeichniss findet sich nämlich für poln. q ein unnasalirtes o, für poln. 
e aber o: mooke poln. maka, saccodel poln. kqdziel, ploossat poln. 
plqsac^ protka ]ßo\n. przqdka, aber: damp poln. dqh dehu, gums poln. 
ges, ronka ronkaiceiz poln. reka rekawica., sioncta p. stviety. Dies 
weist darauf hin, dass ö zu o geworden, o aber geblieben ist. An Aus- 
nahmen finden sich nur drenü Wottong poln. -vatq und uherak poln. 
weborek. Das o in drenü JVottotig ist vielleicht durch die Stellung im 
Auslaut begründet, und uherak kann Schreibfehler sein oder es verhält 
sich zu poln. ivehorek wie poln. zqdlo zu slov. zqglö^ Heist. sotöjiser 
zu Ram. sqtopjer. 

Weitere Spuren von denen des Polnischen ähnlichen Quantitäts- 
differenzeu habe ich nicht gefunden. Vorhanden können sie immerhin 
gewesen sein, sie sind dann in der Folgezeit eben wieder aufgehoben. 
Jedenfalls kann dieser Punkt weder für noch gegen die Verwandtschaft 
des Polnischen und Polabischen als Beweis verwandt werden. 

2. Die konsonantischen Lautgesetze, 
a. Urslav. p h v m t d s z nl r sind vor nichtpalatalen Vokalen 
und Konsonanten sowohl im Polnischen wie im Polabischen unangetastet 
geblieben. Vor ursprünglich erweichten Konsonanten haben sie meistens 
ebenfalls keine Veränderung erlitten, nur d ist im Polnischen vor lo zu 
dz geworden, ebenso scheint es im Polabischen dialektisch vor v zu (/' 
geworden zu sein, worauf Mithof's divar^ das wohl in dcur zu trans- 
skribiren ist, hinweist, und ferner scheint dem poln. s z vor erweichten 



•jß F. Loreutz, 

Konsonanten entsprechend das Polabische ebenfalls hier s z gehabt zu 
haben, worauf die Schreibung seh schliessen lässt. Da daneben aber 
auch Schreibungen wie schwöret schnüp vorkommen, ist auch die Mög- 
lichkeit zu berücksichtigen, dass s z vor gewissen Konsonanten zu s z 
geworden sein können, ohne dass irgend eine Erweichung mit im 
Spiele war. 

Vor palatalen Vokalen sind die oben genannten Konsonanten im 
Polnischen zxi p U v m c dz s z n l' rz geworden. Im Polabischen ist 
ebenfalls eine Erweichung eingetreten, dieselbe kann aber nicht so stark 
gewesen sein wie die des Polnischen, da sie einerseits keine Verände- 
rungen bei den Konsonanten hervorgerufen hat und andererseits vor 
den Vokalen, welche ihre palatale Färbung behalten haben, wieder ge- 
schwunden ist. Dass auch im letztern Falle die Erweichung einst vor- 
handen gewesen ist, wird durch die Erweichung der vorhergehenden 
Konsonanten wie in Jcnqz^Jognq, cKmil^ dvär genügend bezeugt. 

b. Urslav. k g ch sind im Polnischen überall ausser vor y und er- 
haltenem ^ unangetastet geblieben. Vor y und ^^ welche zu i 'e gewor- 
den sind, sind k und g palatalisirt, ch ist auch hier unverändert erhalten. 

Im Polabischen sind k g ch nur vor a und q sowie vor den meisten 
Konsonanten unverändert geblieben. Vor den sekundär zu palatalen 
Vokalen gewordenen o, m, y sind sie erweicht und werden hier von 
Schleicher durch k g ch' wiedergegeben, k und g sind aber ohne Zweifel 
palatale Affrikaten [tj\ clj\ dialektisch vielleicht sogar c', dz) gewesen. 

Schwierig ist die Behandlung von k g vor erhaltenem ^. In kä 
urslav. *h,^ kätü urslav. '^'k^to ist das k unverändert, das ^ hat die 
auch sonst übliche Gestalt. Dagegen ist k g in kid urslav. *ki>cle^ nikid 
urslav. *nikhde, lükit urslov. *olk^th, tiiUjit urslav. *nog%th zu k g ge- 
worden und ebenso ist es vor dem eingeschobenen Vokal in vügin ur- 
slav. *ognh und vogil urslav. "^qgh behandelt. In allen diesen Wörtern 
steht das ^ in geschlossener Silbe vor einem ursprünglich erweichten 
Konsonanten: hierin wird die Erklärung zu suchen sein. 

Vor erweichtem ti m ist k g ch gleichfalls zu k g ch geworden, 
wie knqzjögnq cJimil zeigen. Dass es in Wörtern wie kj'ot gjozda ge- 
blieben ist, wird sich dadurch erklären, dass ^Mot *gcozda schon zu 
*kcjot *gcJozda (mit hartem v und vollem/) geworden waren, als die 
Palatalisirung der Gutturale eintrat. 

c. Urslav. c z s sind im Polabischen wie in den sog. masurischen 
Dialekten des Polnischen zu c z s geworden. Ueber die bei diesen 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. leehischen Sprachen. 17 

Lauten auftretenden Erweichungserscheinungen haben wir schon oben 
gesprochen. 

Für sc (= urslav. sc und stj) und zdz (nur urslav. zdz ist zu be- 
legen) hat das Polabische st und zd: paiste abg. pisteU oder poln. 
piszczy^ chrqst poln. chrzqszcz^ stinq poln. szczenie^ stepa poln. 
szczepa, sieukö poln. szczuka^ hrezd'öjc (oder hresiöje] urslav. ^brezd- 
zajeto Iterativ zu russ. öpesowumcH poln. brzeszczy sie. Die Entwick- 
lung kann hier nicht auf dem Wege sc zdz — sc zdz — st zd erfolgt 
sein, da man dann *steuko '^hrezdoje erwarten müsste, sie ist vielmehr 
über M zd' ■ — s{ zd! gegangen. 

d. Urslav. c dz sind wie im Polnischen mit ij dj und ht zusammen- 
gefallen. Während aber das Polnische alle diese Laute hat hart wer- 
den lassen, ist im Polabischen die Erweichung geblieben. Das urslav. 
sc ist dem sc entsprechend zu st geworden, es ist jedoch nur in daiste 
däista urslav. *disce nachzuweisen. 

Welche Entwicklung das urslav. s genommen hat, ist nicht zu er- 
kennen. Ich kann es nur nachweisen in *vis urslav. *vhsh, das polab. s 
kann sowohl über 5, welches in den übrigen westslavischen Sprachen 
das urslav. s vertritt, als auch direkt aus s entstanden sein. 

S. 138 macht Schleicher darauf aufmerksam, dass im Part. Prt. auf 
-Jem das t d unverändert bleibt: ploteny abg. uplastem, zdblqdeny 
abg. zablqzdem u. s. w. Das Polabische hat aber in diesen Formen 
ein tj dj nicht mehr besessen, es hat hier das ^' d! aus den Formen, 
wo ein blosses ^ folgte, eingeführt und dies ist lautgesetzlich tm. t d 
geworden. 

3. Folgerungen. 

Die Zahl der vollständigen Uebereinstimmungen zwischen Polnisch 
und Polabisch ist sehr gering, ihre Bedeutung wird aber noch mehr ab- 
geschwächt, sobald wir unsere Blicke auf das Sorbische richten. 

Im Vokalismus stimmen Polnisch und Polabisch überein: 

1 . in der Behandlung des urslav. e, 

2. in der Entwicklung des urslav. ~or zu ar, 

3. darin, dass der entpalatalisirte fc-Laut des w zum a-Laut ge- 
worden ist, 

4. darin, dass die Metathesis von urslav. or ol er nicht ra la re, 
sondern rö lo re ergeben hat, und 

Archiv für slavische Philologie. XXTV. 2 



18 F. Lorentz, 

5. in dem Auftreten von ar neben ro als Vertreter des ur- 
slav. or. 

Dass beide Sprachen die Nasalvokale erhalten haben, beweist, wie 
schon oben gesagt ist, nichts. 

Den Ueborgang des e in 'a kennen nun auch der Sorauer Dialekt 
Jakubicas und der Gubener Dialekt Megisers des Niedersorbischen, 
ersterer nur in betonter, letzterer auch in unbetonter Silbe, vgl. Mucke 
Laut- und Formenlehre der uiedersorb. Sprache S. 63 f. Dieselben 
Dialekte und z. T. auch noch einige andere haben für urslav. ^r und 
urslav. hr vor harten Konsonanten ar^ selbst nach Gutturalen, wo das 
Niedersorbische sonst das urslav. ^r in 'ar umgewandelt hat. Endlich 
ist im gesammten Sorbischen urslav. or ol er durch die Metathesis in 
ro lo re wie im Polnischen und Polabischen übergegangen. 

Es bleibt also innerhalb des Vokalismus als einzige dem Sorbischen 
fremde Uebereinstimmung zwischen Polnisch und Polabisch das Auf- 
treten von ar neben ro für urslav. or. Ich möchte aber nicht mit 
Sicherheit behaupten, dass diese Erscheinung dem Sorbischen fremd 
gewesen ist, ja vielleicht ist sogar noch ein Beweis, wenn auch indirekt, 
für das Vorhandensein derselben zu führen. Aus Ortsnamen wie Pase- 
walk u. a. geht nämlich hervor, dass urslav. ol dem or entsprechend, 
ursprünglich durch ai neben lo vertreten gewesen ist. Da nun das ur- 
slav. *polkaih [os.piokac ^o\n. plökac) im Niedersorbischen als /)a/X"a6' 
(entsprechend heisst es auch slovinz. po'ükäc kasch. kabatk. pmikac) 
auftritt, könnte man die doppelte Vertretung des urslav. ol auch 
für das Niedersorbische voraussetzen. Allerdings legt das slovak. 
plukac ein urslav. *p^lkath nahe, trotzdem hat aber dieses vielleicht 
nicht bestanden. Worauf nämlich manche Anzeichen hindeuten, ist das 
betonte or ursprünglich durch 7'o, das unbetonte durch ar vertreten 
gewesen 1). Wenn dies richtig ist, so ist es auch das Wahrscheinlichste, 
dass dies auf einer Schwächung des or an unbetonter Stelle beruht. Da 
nun urslav. ^r ebenfalls durch ar vertreten ist, liegt die Annahme nahe, 
dass das unbetonte or mit diesem ^r in ^r zusammenfallen war. Die- 
selbe Entwicklung ist dann auch für ol anzunehmen und, falls für das 



1) Brückner Archiv XXIII, 233 meint, dass tart und trot nur ein Aus- 
weichen vor dem unbequemen to7-t gewesen sei. Damit ist aber genau ge- 
nommen gar nichts gesagt, denn in einem solchen Ausweichen kann doch 
nur die Veranlassung dafür, dass überhaupt ein Lautwandel eingetreten ist, 
aber nicht für die doppelte Gestalt des neuen Lautes gesucht werden. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. leehischen Sprachen. 19 

gesammte Westslavisch anzusetzen ist, können sowohl slovak. pluJcac 
wie ns. paikas dem urslav. *polkath entsprechen ^). 

Wie nun aber auch diese Frage entschieden werden mag, die dop- 
pelte Vertretung des urslav. or ist der einzige Punkt des Vokalismus, 
welcher für die Aufstellung näherer Beziehungen zwischen Polnisch 
und Polabisch ernsthaft in Betracht zu ziehen ist. Denn alle anderen 
beiden Sprachen gemeinsamen Erscheinungen finden sich auch ausser- 
halb derselben, können also nicht als beweiskräftig angesehen werden. 

Der Konsonantismus des Polabischen stimmt mit dem des Polni- 
schen ziemlich überein. Die Abweichungen in der Erhaltung der ur- 
sprünglichen Erweichung sind nur von untergeordneter Bedeutung. 
Das Neueintreten der Erweichung ist zwar in beiden Sprachen nach 
denselben Gesetzen erfolgt (dass die Resultate von einander abweichen, 
ist unwichtig), dies ist aber auch im Sorbischen geschehen. Wo endlich 
beide Sprachen dem Sorbischen gegenüber übereinstimmen, handelt es 
sich wie bei urslav. dz dj um die Erhaltung von etwas Altem : gemein- 
same, nur ihnen eigenthümliche Neuerungen haben beide Sprachen 
nicht. Die konsonantischen Lautgesetze fallen weder für noch gegen 
die Annahme einer näheren Verwandtschaft ins Gewicht. 

Gegen die Annahme einer näheren Verwandtschaft des Polnischen 
und Polabischen sprechen nun aber eine Reihe von Lautgesetzen. 

Das wichtigste ist der Zusammenfall von el und o/, hl und ^l im 
Polabischen, welche im Polnischen geschieden geblieben sind. Es ist 
dies eins der ältesten Lautgesetze des Polabischen, älter als die Meta- 
thesis, älter als das Eintreten der Konsonantenerweichung vor h. Von 
allen Lautgesetzen, mit welchen sich chronologische Beziehungen her- 
stellen lassen, kann ihm nur eins voraufgegangen sein : der oben ange- 
nommene Uebergang des unbetonten or ol in ^r ^l. Dass dies alte Ge- 
setz dem Polnischen vollständig fehlt, lässt das Vorhandensein der 
lechischen Sprachgemeinschaft als recht unwahrscheinlich erscheinen. 
Das Sorbische stimmt hier mit dem Polnischen überein. 

Als eben so wichtiger Punkt ist die Entwicklung des urslav. ^l zu 
nennen. Im Polabischen ist dies überall gleich behandelt, im Polnischen 
dagegen unterscheidet sich die Vertretung nach den vorhergehenden 
Lauten. Hier stimmt das Niedersorbische mit dem Polnischen, das 
Obersorbische mit dem Polabischen überein. 

1) Unter diesen Voraussetzungen könnte auch das c. smrk z. B. genau 
dem poln. smrok entsprechen. 

2* 



20 F. Loreatz, 

Fast eben so wichtig ist die Entwicklung des urslav. w, wo die 
Entpalatalisation im Polnischen der Erweichung vorhergehender Kon- 
sonanten vorangeht, im Polabischen derselben aber folgt. Da diese in 
beiden Sprachen unter denselben Bedingungen eingetreten ist, wird hier 
auch ein Zusammenhang bestehen. Dieselben Entpalatalisirungsgesetze 
haben auch das urslav. e betroffen, vor diesem zeigt sich jedoch überall 
die Erweichung. Das erklärt sich daraus, dass das urslav. e^ wie das 
Öechische und Slovakische zeigen, schon in gemeinsam westslavischer 
Zeit in einen Doppellaut, etwa m, übergegangen ist, während das h 
Monophthong blieb. Auch hier geht das Sorbische mit dem Polnischen 
zusammen. 

Ferner weicht das Polabische vom Polnischen ab in der Entpala- 
talisirung des urslav. e, die dem Polnischen fehlt. Viel Gewicht ist 
hierauf jedoch nicht zu legen, da dieselbe möglicherweise einst im Pol- 
nischen vorhanden gewesen, später aber wieder rückgängig gemacht 
sein kann. Auf dasselbe oder ein wenigstens sehr ähnliches Gesetz 
weist die Vertretung des urslav. q durch jii und i im Sorauer Dialekt 
Jakubicas hin, mit der polnischen Vertretung des q durch 'ci und 'e hat 
dieselbe sicher nichts zu thun. 

Dem Polabischen eigenthümlich ist der Zusammenfall des urslav ./« 
mit e. Dies ist jedoch wahrscheinlich ein ziemlich junger Lautwandel, 
worauf besonders der Umstand hinweist, dass er sich vielfach bei Neu- 
bildungen findet. 

Ebenfalls nur im Polabischen vorhanden ist die Spaltung des ur- 
slav. h. Da die Bedingungen, unter denen sie auftritt, von den sonst 
für die Entpalatalisirung geltenden abweichen, und andererseits ihr 
Auftreten infolge einer Palatalisirung wegen der Vokalfärbung recht 
unwahrscheinlich ist, wird es sich hier um ein jüngeres Lautgesetz 
handeln, welches für die Beurtheilung der Verwandtschaftsverhältnisse 
nicht in Betracht kommen würde. 

Höchst auffällig ist endlich die Differenz in der Behandlung des 
urslav. e zwischen Polnisch und Polabisch : dort Entpalatalisirung, hier 
Palatalisirung. Möglich ist es, dass auch das Polabische einst in ge- 
wissem Grade die Entpalatalisirung gekannt, dieselbe aber wieder rück- 
gängig gemacht hat i), und dass dann erst die Palatalisirung eingetreten 

1) Das aus dem Urslavischen bekannte Gesetz, der Uebergang von 'o 
zu '«?, kann sich recht wohl im Polabischen wiederholt haben, der Zusammen- 
fall von Jq und f würde gut dazu passen. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 2 1 

ist, zu beweisen ist dies jedoch nicht. Wichtig ist, dass beide Laut- 
gesetze später sind als die Metathesis, wie die Behandlung des urslav. 
er zeigt. 

Der Annahme des einstigen Vorhandenseins einer polnisch-polabi- 
schen (lechischen) Sprachgemeinschaft kann ich hiernach nicht zustim- 
men. Der Zusammenfall des el und o/, hl und ^l im Polabischen ist eine 
Klippe, an welcher diese Hypothese scheitern muss. Dazu tritt dann 
noch, um von den übrigen Verschiedenheiten abzusehen, die Differenz 
in der Behandlung des urslav. fer. Beide Erscheinungen sind älter als 
die Entpalatalisirung, erstere sogar älter als die Metathesis : diese ist 
aber das älteste Lautgesetz, welches wir als dem Polnischen und Pola- 
bischen gemeinsam nachweisen können. Eine Sprachgemeinschaft, 
welche aus einer Einheit hervorgegangen ist und allmählich in Dialekte 
zerfällt, in der aber gerade die ältesten Lautgesetze keine durchgehende 
Gültigkeit haben, ist undenkbar. 

Auf der anderen Seite sind die Lautgesetze, auf welche man die 
Zusammengehörigkeit des Polnischen und Polabischen gründen könnte, 
durchaus nicht auf diese beiden Sprachen beschränkt. Mit vielleicht 
einer Ausnahme finden sie sich in Dialekten des benachbarten Nieder- 
sorbischen, besonders in den ausgestorbenen Mundarten Jakubicas und 
Megisers wieder : will man das Niedersorbische nicht auch in die lechi- 
sche Sprachgemeinschaft aufnehmen, so muss man ihr Auftreten hier 
nach J. Schmidt's Wellentheorie erklären. In derselben Weise können 
aber auch die üebereinstimmungen zwischen dem Polnischen und Pola- 
bischen erklärt werden. Handelt es sich um Wellen, so wird e^ ver- 
ständlich, dass der Verschiedenheit in den älteren Lautgesetzen eine 
Gleichheit in den jüngeren zur Seite steht, wollte man nur die Stamm- 
baumtheorie anwenden und eine längere Zeit hindurch ununterbrochene 
Sprachgemeinschaft annehmen, so bliebe diese Erscheinung schlechthin 
unerklärlich. 

Meine Ansieht geht also dahin, dass wir in dem nördlichen Theil 
des Westslavischen (von der Stellung des Cechischen und Slovakischen 
sehe ich hier ab) drei selbständige Sprachen zu erkennen haben : das 
Sorbische, das Polnische und das Polabische. Die zwischen diesen 
Sprachen auftretenden Üebereinstimmungen können nirgends die Ab- 
stammung zweier derselben von einer gemeinsamen Grundsprache be- 
gründen, ihre Erklärung hat nach der Wellen theorie zu erfolgen. 

Ich habe zur Untersuchung nur die Lautlehre herangezogen, da 



22 V. Lorentz, 

von einer Vergleichung der Formenlehre (so weit wir überhaupt von 
einer Kenntniss der Formenlehre des Polabiseben sprechen können) 
nicht viel zu erwarten ist. Eine solche würde nur dann Werth haben, 
wenn die ungefähre Zeit des Eintretens von Neubildungen — nur diese 
können zur Festlegung der Verwandtschaftsverhältnisse in Betracht 
kommen — zu bestimmen wäre, daran ist aber beim Polabiseben gar 
nicht zu denken. Gemeinsame Neuerungen, welche auch ohne Bestim- 
mung der Entstehungszeit, allein durch ihre blosse Eigenart einen Zu- 
sammenhang beider Sprachen nicht abweisen Hessen, haben Polnisch 
und P.olabisch aber nicht. 

II. Das Kaschulbische. 

A. Die Stellung des Kaschubischen. 

Seiner geographischen Lage nach steht das Kaschubische zwischen 
dem Polnischen und Polabiseben und zwar ist es dem ersteren unmittel- 
bar benachbart, von letzterem jedoch durch eine Strecke von über 
400 km getrennt, welche ursprünglich dem slavischen Sprachgebiet an- 
gehörte, seit Jahrhunderten aber schon durch das Deutsche erobert ist. 
Für seine sprachliche Stellung kommen hier von vorne herein drei 
Möglichkeiten in Betracht : es kann entweder ein rein polnischer Dia- 
lekt sein oder ein Dialekt der Sprache, zu welcher wir das Polabische 
zu rechnen haben, oder endlich der letzte Rest einer Sprache, welcher 
eine selbständige Stellung neben dem Polnischen und Polabiseben zu- 
zuweisen ist. Hierauf hin werden wir die im Kaschubischen auftreten- 
den Erscheinungen zu prüfen haben. 
1. Die Spaltung der urslav. Vokale in Länge und Kürze. 

Jeder urslavische Vokal hat im Kaschubischen zwei Ablautsstufen, 
eine, welche auf einer ursprünglichen Länge, und eine, welche auf einer 
ursprünglichen Kürze beruht. Die einzelnen Ablautsreihen sind ^) : 

1. a : 6 = urslav. a, e, ^ h in zr w, z. B. baba : böbka, mjara : 
mjorka, törg : targu, cörny : carhejat. 

1) Kaschubische Wörter, bei denen es nicht auf die Form eines bestimm- 
ten Dialekts ankommt, gebe ich in Kamult's Transskription, nur wende ich 
für die von ihm nicht bezeichneten langen i und u die Zeichen i ü an. Den 
Heisternester Dialekt gebe ich in Bronisch's Schreibung, ebenso die übrigen 
von ihm bearbeiteten Dialekte, für das Slovinzische, Kabatkische und Leba- 
kaschubische verwende ich aus typographischen Gründen Mikkola's Trans- 
skription mit gewissen Modificirnngen, 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 23 

2. e : e = urslav. e, e : x^^^ '• ylßha^jez •.Jeza. 

3. 0, ce : =^ urslav. o, e: dom, domu, bog : hcega, mjbd: mjode. 

4. 2 : ^ = urslav. «', y, q : pisac : pisq, ^ibac : ^ibajq^ visc : vizq. 

5. e:l, y = urslav. ^, y, (?: tremac : trimaj'ci, sm : se?ia, bevac : 
byvajq, zih : zebu. 

6. u'.ü=^ urslav. u: kur : kura. 

7. e : w == urslav. e^, i> in <i/: lebic : lübj'q, dlüg : dlegu. 

8. q : g = urslav. «, e : 2:06 : zaSa, grqda : grod ^]. 

Nach welchen Gesetzen die Quantitätsdifferenzen entstanden sind, 
ist noch nicht bekannt. Dies wird um so schwieriger zu finden sein, 
als die einzelnen Dialekte bedeutend von einander abweichen. Beson- 
ders eigenthümlich sind die Ablautserscheinungen im Slovinzischen, 
welches in vielen Fällen ablautende Stämme starren Stämmen anderer 
Dialekte gegenüberstellt, z. B. gvjäuzdä : gvjazdöu^ aber Heist. giözda : 
gvozdo^ slov. dialekt. göurä : guörü aber Heist. gora : göre, slov. dialekt. 
rekä : riefji aber Heist. reka : reci, slov. dialekt. zdrehjq : zdriehjica 
aber Heist. zgreÜo : zgrSica u. a. m. Unter diesen Umständen gehe 
ich auf die Frage nach den Bedingungen für das Auftreten von Länge 
und Kürze (dieselben sind ohne Zweifel im urslavischen Accent zu 
suchen) nicht weiter ein, sondern begnüge mich damit, das Vorhanden- 
sein der Quantitätsspaltung festzustellen. 

Oben haben wir gesehen, dass auch das Polnische Quantitäts- 
differenzen besessen hat, während sie im Polabischen nicht mit voller 
Sicherheit nachzuweisen sind. Die Vertheilung von Länge und Kürze 
im Polnischen ist, von Einzelheiten abgesehen, der im Kaschubischen 
ziemlich gleich. Die grösste Verschiedenheit findet sich bei den a- und 
z- Verben, wo das Kaschubische häufig der Kürze im Inf. und Imp. in 
den übrigen Formen die Länge gegenüberstellt, während das Polnische 
in allen Formen dieselbe Quantitätsstufe hat. Vielleicht weisen aber 
Doppelbildungen wie siqkac siekac, tqzyc teiyc, skqpic skepic auf ein 
dem kaschubischen ähnliches Ablautsverhältniss hin, auch das Neben- 
einander von wiqdnqc xciednqc ist vielleicht aus einem Ablaut wie dem 
in slov. kldusknou c kluusJcnq : kläskni zu erklären. 



•) Dazu kommt dann noch ein Ablaut bei urslav. ^l bl, welcher sich häufig 
mir in der Accentqualität bemerkbar macht, z.B. slov. po-i}käc : po'ücq, 
c6-ün : co-imä. Das Kabatkische hat hier au : äii: paukäc : p&ucq, cä'un : 



24 F. Lorentz, 

Eine enge Zusammengehörigkeit von Polnisch und Kaschubisch zu 
beweisen, ist diese Uebereinstimmung jedoch nicht geeignet. Wenn 
wir im Slovinzischen (und Kabatkischen) Ablautstypen wie trauvä : 
Instr. travöti , dzerä : Instr. dzeröu oder im ganzen Nordkaschubischen 
moegq : mdzes finden, werden wir sofort an cech. träva : travou, dira : 
derou^ mohu : niuzes erinnert, während ein slovinz. zdrebjq zdrtehjicä 
merkwürdig an serb. zdrijebe zdrebeta anklingt. Es drängt sich hier 
der Gedanke auf, dass diese quantitative Spaltung schon in die gemein- 
sam westslavische, vielleicht gar in die urslavische Zeit hineinragt: 
etwas specifisch polnisch-kaschubisches ist sie gewiss nicht. 

Auf Grund der Quantitätsverschiebungen erklären sich nun meh- 
rere der von RamuJt Siownik S. XXXII ff. angeführten Verschiedenheiten 
zwischen Polnisch und Kaschubisch: 

1. Der Uebergang von urslav. a e vor i in kasch. e 'e (Ramuit 3. 4.), 
es ist nur das lange a a, sonstiges 6 o, welches diesen Lautwandel 
durchgemacht hat. In vielen Dialekten, dem Gross-Garder Dialekt des 
Slovinzischen, dem Kabatkischen, Bylakischen und Südkaschubischen, 
unterscheiden sich e und ö nicht, der Lautwandel ist also nicht einge- 
treten, das Slovinzische mit Ausnahme des Gross-Garder Dialekts hat 6 
nur vor tautosyllabischem ^ in ^ (hier 6ü gesprochen) umgewandelt, die 
von Ramuit und Cejnowa dargestellten auch vor heterosyllabischem. 

2. Der Uebergang von urslav. -enh in -iii gegenüber dem von -hnh 
in -en (Ramuit Nr. 1 7) ist durch die Mittelstufe -en gegangen, welches in 
betonter Stellung geblieben i), in unbetonter zu -in d.i. -m geworden ist. 
Andere Dialekte, wozu das Slovinzische gehört, haben nur -en: hier wird 
unbetontes -en nicht in -en^ sondern sekundär in -en übergegangen sein. 
Unter Nr. 18 führt Ramuit auch kamina u. s. w. an: das i wird hier 



1) Für Ramult's drezen erwartet man dreien vgl. slov. dr'd-kin^ was viel- 
leicht auch dafür einzusetzen ist. Die Darstellung der e-Laute, besonders die 
Scheidung von e und e, ist einer der schwächsten Punkte des Siownik. Aller- 
dings kenne ich den darin behandelten Dialekt nicht aus eigener Anschauung, 
ich kann mir aber nicht denken, dass Wörter, welche in den pommerschen, 
dem Heisternester und den südlich von Karthaus gesprochenen Dialekten ein 
geschlossenes v. haben, in dem zwischen den genannten liegenden Dialekt 
von Ramult's Slownik ein offenes e haben sollten und umgekehrt, dies müsste 
aber, wenn Ramult's Angaben über h und e stimmten, sehr häufig der Fall sein, 
z. B. bßgac, hjelee, hjezec, hregoevy, cesor, dfevjq, ^ece, j'esc, jezori/, lezq, mjesk, 
mjesci, mle/cae, previ, prectiy, predny, recka, reka, sec, sledny, sle^, strehro, stre^, 
vjej^ec u.s.w. Danach kann man auf Ramult's e-Laute gar nichts geben. 



Das gegenseitige Verbältniss der sog. lechischen Sprachen. 25 

aus dem Nom.-Akk. kamin stammen, in den mir bekannten Dialekten 
kommt jedoch nur hamjena vor. Ebenso ist das -i des Komparativs der 
Adverbien (Ramuit Nr. 15) aus -ej herzuleiten, das Slovinzische und 
Kabatkische haben jedoch nur -e. 

3. Der Uebergang des urslav. i nach c g l s z sz r^ im westpreussi- 
schen Kasehubisch auch nach c ^ (Ramuit Nr. 21), des urslav. u nach 
t d i l n r r s z s z c :^/\m. westpreussischen Kasehubisch auch nach c 
(Ramuit Nr. 27), des urslav. y nach p h viin t d s n i r (Ramuit N. 29) 
in einen e-Laut, welcher im Slovinzischen und einem Theil des Kabat- 
kischen als offenes palatales ä und ä, in einem andern Theil des Kabat- 
kischen als geschlossenes gutturales «, in den mir bekannten west- 
preussischen Dialekten als geschlossenes guttural -palatales e auftritt. 
Nach Ramuit sind nur i und yme zusammengefallen, u soll zu e ge- 
worden sein, doch ist dies jedenfalls ein Irrthum. Dieser Lautwandel 
hat nur die kurzen iu y betroffen. 

4. Nach Ramuit Nr. 22 soll i im Prät. auf -^/ nach Labialen, n und 
^ zu je geworden sein , während nach harten Konsonanten -el entstan- 
den ist. In den mir bekannten Dialekten ist mir eine derartige Ent- 
wicklung nicht begegnet. Am nächsten steht Ramuits Angaben das Süd- 
kaschubische : hier sind -il -il zu -eu -eu geworden, ebenso steht e 'e 
in den übrigen Formen mit ii, im Plur.Mask. heisst es dagegen -ele-'ile. 
Das Slovinzische hat -il -'il in -el -'el gewandelt (entsprechend auch -uf 
-ul in -Olli -'öul), vor heterosyllabischem l hat es aber ä bezw. ä und 'i. 
Das Kabatkische hat in unbetonter Stellung -ett -'eij(, in betonter -m -m, 
vor heterosyllabischem l hat es ä bezw. ä und 'i. Der Heisternester 
Dialekt hat -U -'il, sonst e 'i. Das für i auftretende slovinz. kabatk. e 
'e ist aus langem i durch den Einfluss des l entstanden, das südkasch. e 
kann nur auf kurzes i zurückgeführt werden , dass hier auch weiches 'i 
zu 'e geworden ist, ist durch das l bewirkt ^). 

In allen diesen Fällen handelt es sich um Lautwandlungen, welche 
erst in verhältnissmässig später Zeit eingetreten sind, für die Beurthei- 
lung der Stellung des Kaschubischen können dieselben nicht in Betracht 
kommen. 

2, Die Entpalatalisirung. 
a. Urslav. e. 
Das urslav. e ist im Kaschubischen ebenso wie im Polnischen und 

1) Genau entsprechend heisst es hier auch jpjeM« Ram. piia. 



26 F. Lorentz, 

Polabischen vor einem nichtpalatalen Vokal der folgenden Silbe entpa- 
latalisirt, auch hier haben dem e folgende Gutturale und Labiale die 
Entpalatalisirung gehindert. Das entpalatalisirte e tritt auch hier als 
weicher a-Laut auf, das palatal gebliebene ist mit dem urslav. e zu- 
sammengefallen, z. B. urslav. *bredh\ slovinz. kabatk. hräut brädü 
Ram. bi-öd brade Heist. bröt bräd'e südkasch. bröt bfädü^ urslav. *beh: 
slov. bjauli kabatk. bjaim Ram. bj'efy Heist. b'öil südkasch. bj'om, urslav. 
*vera: slov. kabatk. vj'arä Ram. vjara Heist. vära, urslav. *begnqth 
*begh: slov. bßegrmic bJeJl kabatk. bfiegnoiic bjek% Ram. bjegnoc 
Heist. b'ognoc b'ek südkasch. bjegnoc bjek urslav. *chleb^'. slov. kabatk. 
yUp yßebä Ram. yleb Heist. ylep yleba südkasch. ylep yleba^ urslav. 
*strelitb: slov. stHeUc strelq kabatk. st Helge strelq Ram. strelec 
Heist. strelec strelo südkasch. strelec^ vorkasch. *y^c/Je (urslav. *bhse) : 
slov. kabatk. pyße Heist. pyje südkasch. pyje. 

Die Übereinstimmung zwischen Polnisch und Kaschubisch geht so- 
weit, dass die Wörter, welche im Polnischen das urslav. e vor harten 
^Konsonanten durch e, nicht durch 'a vertreten sein lassen, auch im 
Kaschubischen 'e haben: urslav. *beda: poln. bieda slov. bjedä kasch. 
bj'eda, urslav. *bes^^. poln. bies kasch. bjes, urslav. *cesar/b: poln. 
cesarz slov. cesor (Ramult's cesöi' ist wohl nicht richtig, denn Heist. 
cisör südkasch cls'or kann wohl aus *cesur, aber nicht aus *cesör er- 
klärt werden), urslav. *kobefa: poln. hobieta slov. köbjeta^ dazu noch 
slov. dzera urslav. *dera. Soweit mir bekannt ist, ist diese Unregel- 
mässigkeit noch nicht erklärt. Ich glaube, dass wir zwei urslavische 
e-Laute anzunehmen haben, einen offeneren, aus idg. e entstanden, und 
einen geschlosseneren aus idg. cd oi. Der offenere e-Laut ist im Pol= 
nisch-Kaschubischen überall der Entpalatalisirung erlegen, der ge- 
schlossenere dagegen nur in geschlossener Silbe und, wenn er kurzJ 
war, in offener, als Länge ist er jedoch in offener Silbe geblieben J 
Widerspruch würde, soviel ich sehe, nur das Iterativ -vjadac -vj'ödajq 
erheben, aber hier ist der Ablaut eine Neuerung, ursprünglich hatten 
alle Formen 'a, wie das slov. -vjadq zeigt. 

Dasselbe e möchte ich auch für die Iterative wie -cierac -dzierac 
-mierac u. s. w. annehmen, welche m. E. auf urslav. *-terath *-derathj 
nicht auf *-tirati> *-dirath zurückzuführen sind. Die e-Formen würden 
dann als sekundäre Ablautsformen zu den ^-Formen aufzufassen sein. 
Die ganze t'-Frage bedarf einer eingehenden Untersuchung, doch würde 
dieselbe hier zu weit führen. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 27 

Aus dem Polabischen sind sichere Belege für das in einer offenen 
Silbe stehende geschlossenere e nicht tiberliefert. Das einzige vielleicht 
in Betracht kommende Wort ist dära [daara S. dära J. P. därung J. 
däre J. P.), das man aus urslav. '^dera herleiten kann, doch kann man 
auch an das russ. dwpa denken. Falls dära aus urslav. ^dera entstan- 
den ist, hat es dem slov. dzera entsprechend einen palatalen Vokal, wie 
das beständige Fehlen der Erweichung zeigt. 

b. Urslav. e und er. 

Das urslav. e und er ist wie im Polnischen durch nachfolgende 
nichtpalatale Vokale entpalatalisirt worden, eine Palatalisation wie das 
Polabische kennt das Kaschubische nicht. Das entpalatalisirte e ist auch 
hier zu o geworden z. B. urslav. ^med^■. slov. mjöiit mjhödü kabatk. 
mjöiit mjüodü Kam. 7vjod mjode Heist. mot mode südkasch. 7n,jot 
■mjodü, urslav. *h%cela : slov. pkcuolä kabatk. pscüoua Kam. pscoia 
snikasch. pscouUj urslav. *jezero slov. kabatk. y)esörö Ram.jezoro 
Heist. j'ozorOj urslav. "^herz^ka: slov. kabatk. hröuskä Ram. hrozka 
Heist. hroska südkasch. hfbska, dagegen: urslav. ^legh: slov. lek 
Ueglä kabatk. lekyi Uegua Heist. lek legla^ urslav. ^neho: slov. mehö 
kabatk. niehuö Ram. neboe Heist. t'iöbue, ursla^. *sestb: slov. kabatk. 
««esc Ram. sesc, urslav. *boze: slov. büözä kabatk btdezii Ram. boeze 
Heist. bueze, urslav. *berg^: slov. bfek briegü kabatk. brek% briegü 
Ram. breg Heist. brek bregug, urslav. *dervo: slov. drievö kabatk. 
drieiio Ram. drewcB. 

Besonders zu beachten ist, dass urslav. *perd^ "^perzh im Kaschu- 
bischen dem Polnischen entsprechend durch ^f et/ pre2 bew. pred prez 
vertreten sind, in Heisternest kommt daneben auch pros vor. 

c. ürlav. el. 

Wir haben oben gesehen, dass im Polabischen das urslav. el allge- 
mein mit dem urslav. ol zusammengefallen ist. Dasselbe ist zum Theil 
auch im Kaschubischen geschehen. Im Slovinzischen finden wir mlöukö 
poln. mleko, mlöiic poln. mUcz, mlüöc poln. mlec^ pluöc poln. j^/ec, 
pluöv'd poln. plewy^ im Kabatkischen motiktio^ mötic^ müoc, puQc, 
püovä, im Lebakaschubischen miigc, pt(Qc\ im Heisternester Dialekt 
mldc, plöc, im Stidkaschubischen mtioc , ptwc. Daneben hat aber das 
Slovinzische miete poln. mlecz und vliec poln. tolec, das Kabatkische 
ebenfalls mlec und vliec, das Lebakaschubische mlSkuü, mlec, plievä, 
vüecj der Heisternester Dialekt mlekue, plevä, vlec, das Südkaschu- 
bische mlekce, mlec, pleve, vlec. Ramult kennt in seinem SJownik nur 



28 F- Lorentz, 

die 7e-Formen, sogar das auf dem ganzen Gebiete in der Form mloc 
verbreitete urlav. '■^melth giebt er in der Form mlec. Wahrsclieinlich 
ist dies mlec unrichtig, ich glaube, dass Ramuit dasselbe von jemandem 
erhalten hat, welcher »fein« sein wollte und deshalb polnische Formen 
in sein Kaschubisch mischte, was man in Westpreussen sehr häufig be- 
obachten kann. Das Vorkommen der ^o-Formen im Kaschubischen 
beweist klar und deutlich, dass das urslav. el hier einst ebenso wie im 
Polabischen zu ol geworden ist, dass daneben überall mehr oder weniger 
/e-Formen auftreten, ist dem Einfluss des Polnischen zuzuschreiben — 
hat doch die ganze Gegend, in der wir heute noch die kaschubische 
Sprache antreflfen, theils längere, theils kürzere Zeit unter polnischer 
Herrschaft gestanden und ist die Kirchensprache überall das Polnische 
gewesen. Sehr bezeichnend ist, dass westlich von der Leba die 7o-For- 
men, östlich die /e-Formen überwiegen: bis an die Leba reichte die 
Lehnshoheit des polnischen Reichs. 

d. Urslav. e. 

Nach Mikkola Betonung und Quantität S. 4 flf. ist das urslav. e im 
Kaschubischen vor einer »harten« Silbe durch o, 'a, vor einer »wei- 
chen« durch l e'i) ^ 'i vertreten. Wenn das Lautgesetz in dieser Form 
zu fassen ist, so könnte es sich nur um eine Palatalisirung handeln, da- 
gegen erheben sich aber schwere Bedenken. 

Bei einer Palatalisation müsste man vor einer »harten« Silbe durch- 
gehends die Nasalvokale erwarten. Wenn ich nun auch gern zugestehen 
will, dass Fälle wie zlh zehn zehnoc durch Anlehnung an zehnes^ ciglo 
cignoc an eignes^ i)Hg pregia an pric prezes, pHsega bezw. presega 
an presic preslgnes erklärt werden können — der Inf. slov. iknouc 
aus urslav. *sednqth bezw. '^senqth muss sogar durch eine solche 
Anlehnung an slnes erklärt werden — , es bleiben doch noch Fälle 
übrig, wo die Annahme einer solchen Anlehnung schwer, ja 
fast geradezu unmöglich ist. Was soll man mit mitci^ ge'Ä; ^ekcevac, 
Jastrlb Jastreha anfangen? Für mitci mitkoe könnte man eine Anleh- 
nung nur in mihioc iniknes finden, was recht unwahrscheinlich ist, bei 
^ek ^ekoevac müsste man an v:^ecny denken, auch dies ist gerade nicht 
wahrscheinlich, im Jastrlb jastreha fände sich ein lautgesetzlich ent- 



1) In der Darstellung dieses Lautes schwankt Ramult, bald schreibt er 
e, bald <-', bisweilea (z.B. in pre^ono pre^ono) kommen beide vor. Nach meiner 
Kenntniss des Kaschubischen ist e das allein richtisre. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. leehischen Sprachen. 29 

wickeltes e nur in dem Adjektiv Jastrebl. Allerdings steht dem letz- 
tem das poln. jaslrzqh jastrzehia zur Seite und es wäre nicht ganz un- 
möglich, dass auch für das Kaschubische ursprünglich der /-Stamm 
anzusetzen ist. Denn wenn auch der Heisternester Dialekt in seinem 
nödvöps drops die Erweichung des Labials im Auslaut erhalten hat, 
lautgesetzlich ist dies nicht, wie die übrigen Dialekte zeigen. Es könnte 
also das stammauslautende h' im Nom. Sing, in b übergegangen und 
von hier aus in die andern Kasus verschleppt sein, auffällig bliebe aber 
immer, äassjastrib in keinem Dialekt eine Spur des b' aufweist. 

In allen den Ausnahmen, welche sich nach Mikkolas Gesetz er- 
geben, folgt auf den Nasalvokal ein Guttural oder Labial. Dies muss 
um so mehr auffallen, als es kein einziges Wort gibt, wo das urslav. e 
vor einem nicht erweichten Dental durch den ^-Vokal vertreten ist. 
Hier geht die Erhaltung des ursprünglichen Zustands soweit, dass selbst 
innerhalb desselben Paradigmas keine Ausgleichung eingetreten ist, wie 
prqdq'. prezes, trqsq: treses, vj'qzq: vizes, Tille klece'. klqtl ^ vzlc 
vzece: vzqß, plc pice^): pjqtl u. s.w. zeigen, dass daneben auch tresq 
u. dgl. vorkommt, beweist nichts, da es sich hier um sehr junge, einzeldia- 
lektische Ausgleichungen handelt. Dem gegenüber zeigen die Guttnral- 
stämme (vergleichbare Labialstämme gibt es nicht) überall die Aus- 
gleichung : pregq : prezes, Heist. pi'esegb : presezes. Ebenso ist es bei 
den Iterativen : es heisst -pradac, -trqsuc, vijqzac, aber -segac, -cegac, 
zUkac, -zebac. 

Andererseits gibt es aber auch eine Anzahl Wörter, welche bei der 
Annahme, dass vor Gutturalen und Labialen das urslav. e durch i- 
Vokale vertreten ist, nicht zu erklären sind. Hierher gehören z. B. 
brqkaCj zucgg, sprqg, zqboerec, Iqbrac^ pjqkny u. a. , denen sich dann 
einige andere anschliessen , in welchen das e vor einer ursprünglich 
»weichen« Silbe steht, z. B. ksq^, ksqzec, cqzJcce, pamjqc u. a. Für 
ksoz^ (neben dem übrigens Pobiocki in seinem Slownik das zu erwar- 
tende ksidz anführt) ksqzec meint Mikkola, dass hier entweder die Er- 
härtung des dz z früher erfolgt sei, als der Übergang von e zu ^ e, oder 
dass es sich um eine Dissimilation der beiden weichen Konsonanten [s 
und dz bezw. z) handelt. Für beide Annahmen genügt es aber, auf 



1) Weshalb schreibt Ramult für das aus urslav. p entstandene iji, z. B. 
pjic, 7njic, während er sonst das weiche i durch i gibt, z. B. bic? Eine Ver- 
schiedenheit in der Erweichung ist nicht vorhanden, i = ^ ist vollständig mit 
i = i zusammengefallen. 



30 F. Lorentz, 

sizen^) aus *srzb?ib hinzuweisen, um die Unhaltbarkeit derselben zu 
zeigen. 

Diese ganze Frage scheint mir keine von denen zu sein, welche 
man auf dem gewöhnlichen Wege — Aufsuchen des Lautgesetzes und 
Erklärung der Ausnahmen — lösen kann. Denn die Ausnahmen, welche 
sich, sei es dass man an eine Palatalisirung, sei es dass man an eine 
Entpalatalisiruug denkt, ergeben, sind schlechthin unerklärbar. Um hier 
das Richtige zu finden, müssen wir einen Blick werfen auf die lokale 
Verbreitung dieser Erscheinung. 

Im ganzen Nordkaschubischen, südlich etwa bis Karthaus, mit 
Einschluss der pommerschen Dialekte , stimmt die Verbreitung des i e 
'i i ziemlich mit dem in Ramults Slownik niedergelegten Dialekt über- 
ein. In Einzelheiten finden sich allerdings Abweichungen, so steht z. B. 
dem Heist. ps^'^öcqc im Slovinzischen pjiecic gegenüber, doch sind diese 
von geringer Bedeutung. Nur im Osten, im Dialekt der Oxhöfter Kämpe, 
ist das 'q stärker verbreitet: es heisst hier vzuc, prvsc, tmsc, dane- 
ben aber noch mcl u. a. Wie gross hier die Verbreitung der e'-Lante 
noch ist, kann ich nicht angeben, da ich diesen Dialekt nur aus Bro- 
nisch' Schriften kenne. Südlich von Karthaus wird die Zahl der Wörter 
mit i für e noch geringer: in dem von Biskupski beschriebenen Brod- 
nitzer Dialekt kommen nur noch j'icmen, zaj'ic zajc^ ^yg<^Ci cygnonc 
vor, die Dialekte des südlichen Theils des Karthäuser und die des Be- 
reuter Kreises kennen nur noch o '«, ebenso wird es auch in den übrigen 
südkaschubischen Mundarten sein. In einigen Ortsnamen ist aber auch 
in diesen Gegenden urslav. e durch 'i e vertreten : Poeleceno (so wurde 
mir der Name angegeben , Ramult gibt Po3/ac6^'wo) »PoUenschin« (Kr. 
Karthaus), MaUceno »Mallentin« (Kr. Danziger Höhe), Jastrebje »Kö- 
nigsdorf« (Kr. Bereut), Grmica (so bei Cejnowa, Ramult gibt Greminc 
poln. Grzmieniec^ aber K^trzynski poln. Grzmiqca] »Gramenz« (Kr. 
Bütow). 

Wir sehen also, dass im Norden das urslav. ^ in zahlreichen Fällen 
durch einen «-Vokal vertreten ist, dass dann Dialekte folgen und zwar 
in der Richtung nach Osten und Süden, in denen die Vertretung durch 
Nasalvokale häufiger wird, bis endlich im Süden sich nur noch Nasal- 

1) Woher hat Mikkola sein slzon Betonung und Quantität S. 6 ? Es gibt 
einen Gen. Phir. slzon, der nach einem (verlorenen ?) *kamJon geschaffen sein 
muss, ein Nom. Sing. sizSii existirt nicht, wäre auch ganz unmöglich, dieser 
Kasus heisst überall slze?'/. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 31 

vokale finden. Wenn wir eine genauere Kenntniss der einzelnen kaschu- 
bischen Dialekte hätten, so würden wir ohne Zweifel das in der Rich- 
tung von Norden nach Süden und von Westen nach Osten erfolgende 
Zurückweichen der ^- Vokale und Vordringen der Nasalvokale schärfer 
beobachten können. Dass auch die südlichen Dialekte einst die Vertre- 
tung des e durch ^-Vokale gekannt haben, geht aus der Erhaltung dieses 
Lautwandels in den angeführten Ortsnamen hervor. 

Aus allem diesen glaube ich den Schluss ziehen zu können, dass 
die echtkascbubische Vertretung des urslav. e vor weichen Konsonanten, 
Gutturalen und Labialen ein z-Vokal, vor harten Dentalen und hartem 
i 1) ein Nasalvokal ist. Dass neben und an Stelle der ^-Vokale öfters 
Nasalvokale auftreten, ist dem Einfluss des benachbarten Polnischen 
zuzuschreiben: ein Lautgesetz dafür ist nicht vorhanden. Diesen Ein- 
fluss des Polnischen in allen Einzelheiten festzustellen, ist für den Augen- 
blick wenigstens unmöglich, dafür ist unsere Kenntniss sowohl des Ka- 
schubischen wie der benachbarten polnischen Dialekte, die ja in erster 
Linie in Betracht kommen müssten, viel zu gering. Manches Wort, das 
uns bisher nur aus dem Kaschubischen bekannt ist, welches vielleicht 
auch nur in einem Theil desselben noch existirt, kann in diesen polni- 
schen Dialekten noch vorhanden sein oder wenigstens vor einiger Zeit 
noch vorhanden gewesen sein, hier Einzelheiten erklären zu wollen, 
wäre fruchtlose Mühe. 

Die doppelte Vertretung des urslav. e im Kaschubischen stimmt, 
von einem unten noch zu besprechenden Punkte abgesehen, in ihrer 
Vertheilung genau mit der im Polabischen überein. Man kann sich da- 
her nicht dem Gedanken entziehen, dass das polab. o und die Kaschu- 
bischen Nasalvokale einerseits , das polab. q und die kaschubischen i- 
Vokale andererseits auf dieselben Grundformen zurückzuführen sind. 

Wie Mikkola ohne Zweifel mit Recht annimmt, ist von einem Laut- 
werth q für das urslav. e auszugehen. Durch die Entpalatalisirung 
ging dies q in 'q über, welches im Polabischen überall, im Kaschubischen 
nur als Länge zu o wurde, sonst aber blieb. Das nichtentpalatalisirte 
q wurde im Polabischen zu <? , im Kaschubischen ging es über e und i 
in einen reinen ^-Vokal über. Von den Zwischenstufen e und / sind uns 



1) Die Gruppe Nasalvokal + i ist im Sloviuzischen und Bylakischen zu 
-ön -a/i- bzw. -en- -on- geworden, die übrigen Dialekte haben, soweit sie mir 
bekannt sind, dieselbe unverändert erhalten. 



32 F. Lorentz, 

noch einige Reste erhalten. Die Ortsnamen slov. Bßcänö und Knic'dnö 
lauten in der deutschen Form Benzin und Klenzin, ebenso müsste 
man für Enzow, welches etymologisch mit urslav. *jecetb kasch. ßcec 
zusammenhängt, vgl. das dazu gehörige Placzeioo zu plakac^ als 
kaschubische Form *Jiceic<x erwarten : in dem en dieser Namen ist die 
Vorstufe e des heutigen e -Vokals erhalten. Die Vorstufe { findet sich in 
dem Namen Dzincelitz^ wofür Ramult als heutige kaschubische Form 
Dzqcelc gibt, etymologisch gehört es aber zu :z^ecol urslav. *deteh. 
Vielleicht ist aber dies { auch noch in kaschubischen Wörtern erhalten. 

Die Zahlwörter urslav. *pet'b ^deveth ^desqth "^tysetjh erscheinen 
bekanntlich im Kaschubischen sX& pinc ^evinc ^esinc und slov. kabatk, 
tasinc. Ramult gibt /j/c z^evic j^esic, doch ist mir das i recht fraglich, 
wie ich überhaupt an dem Vorhandensein anderer Nasalvokale als «, q 
und eines aus o entstandenen dialektischen ?/, ausser vor Nasalen zweifle. 
Mikkola meint, dass in diesen Wörtern Kompromissbildungen aus 
*pic *j^evic *:^es{c und pjoü ^evjqtl z^esoü vorliegen. Ich kann mir 
das Aufkommen von derartigen Kompromissbildungen nicht recht vor- 
stellen, dass nur die Nasalirung übertragen wird, ist doch ein sonst 
nicht zu belegender Vorgang ^). M. E. ist vielmehr das kasch. in die 
lautgesetzliche Fortsetzung des urslav. e in unbetonter, vielleicht auch 
nur in nachtoniger Silbe. Kasch. ;^evi?ic :^esinc und slov. kabatk. 
tasinc betonen in keiner Form, weder im ürslavischen noch im Ka- 
schubischen, das e, in ihnen wäre also das ^7^ lautgesetzlich, das von 
hier aus auch sixif pinc übertragen sein müsste. Alle sonst vorkommen- 
den Wörter, in denen urslav. e durch einen ^-Vokal vertreten ist, haben 
Formen, in denen dieser betont ist, würden also dem Gesetz nicht wi- 
dersprechen. Dass ein volles in an die Stelle des i getreten ist, müsste 
auf einer späteren Entwicklung beruhen. 

Im Auslaut ist das urslav. e im Kaschubischen durch 'q vertreten. 
Hierin unterscheidet sich dasselbe von dem Polabischen, neben dessen 
q wir kasch. e 'i zu erwarten haben. Dass wir es hier mit einer princi- 
piell verschiedenen Behandlung des q in beiden Sprachen zu thun haben, 
darf aber nicht behauptet werden. Beide Laute, polab. q und kasch. V, 
können sehr wohl aus derselben Grundform entstanden sein, dass nicht 

') Slov. kabatk. tasinc muss Mikkola als Analogiebildung auffassen; 
dasselbe ist auch für ^esinc nothwendig, da dem poln. dziesifc kasch. *^esec 
entsprechen müsste und dies durch Verquickung mit js^esotl nur *^esenc hätte 
ergeben können. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 33 

<■ i entstanden ist, ist kein Beweis dagegen : die Stellung eines Lauts im 
Auslaut bewirkt häufig eine andere Entwicklung als im Inlaut '). 

Oben haben wir gesehen, dass das präjotiite q mit dem urslav. e 
im Polabischen zusammengefallen ist. Ob dasselbe auch im Kaschubi- 
schen geschehen ist, ist schwer zu bestimmen. Es kommt alles darauf 
an, was für eine Grundform dem poln. pajqk kasch. pajk polab. poj'qk 
zu Grunde zu legen ist, "^pajqkb oder *pajekb. Dies könnte nur durch 
solche polnische Dialekte entschieden werden, welche, wie der Oppel- 
ner, die Scheidung von q und e aufrecht erhalten haben, doch sind mir 
die in Betracht kommenden Wörter unbekannt. Das Part. Prs. Akt., 
welches sonst noch für die kaschubische Entwicklung des/t? in Betracht 
kommen könnte, hat überall die Endung -qcl.^ doch kann dies auf An- 
lehnung an Formen wie rekqci beruhen. 

Für die phonetische Entwicklung des urslav. Ja im Polabischen 
(und vielleicht auch im Kaschubischen) sind zwei Wege möglich : ent- 
weder isty« d. i. phonetisch jo zunächst durch Palatalisirung zu/ö und 
dies durch Aufgabe der Lippenrundung zu j"ä geworden oder das ur- 
slav. q d. i. ist zuerst durch Aufgabe der Lippenrundung in «, welches 
dann später mit dem aus e entstandenen 'q zusammen wieder zu q ge- 
worden ist , und dass das so entstandene Ja dann durch Palatalisirung 
in Jq übergegangen. Welche von beiden Entwicklungsweisen vorzu- 
ziehen ist, wage ich nicht zu entscheiden. 

e. Urslav. t. 

Das urslav. h ist in den mir bekannten kaschubischen Dialekten nur 
durch 'e oder, nach den sekundär hartgewordenen Konsonanten, e ver- 
treten. Daneben kommt eine palatalisirte Form i vor z. B. in körvinc 
malincl, diese findet sich jedoch nur vor tautosyllabischem n im Inlaut, 
im Auslaut entspricht ihr slov. e kasch. c z. B. slov. clzmi Heist. dzen. 

Ramuit gibt bisweilen auch entpalatalisirte Formen des h z. B. 
:^onk, koezei^ kcßzelk. Da mir der von ihm beschriebene kaschubische 
Dialekt nicht aus eigener Anschauung bekannt ist, habe ich über diese 
Formen kein Urtheil, allgemein verbreitet sind sie jedenfalls nicht. 

f. Urslav. hr. 

Ueber die Vertretung von urslav. thrto (d. i. hr vor harten Dentalen 

1) Vgl. z. B. die Behandlung des kasch. im Stohentiner Dialekt des 
Slovinzischen: im Inlaut ist dasselbe überall zu öil geworden, ebenso im 
betonten Auslaut, im unbetonten Auslaut ist es dagegen nasalirtes ou^ ge- 
blieben. 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 3 



34 F- Lorentz, 

und i) im Kascliubischen gibt es drei Ansichten : Baudouin de Courtenay 
meint, dass thrto zu darf geführt habe, wo tart erscheine, sei es durch 
die polnische Kirchensprache beeinflusst. Brückner will in tart und 
ciart gleich lautgesetzliche Nachkommen des urslav. thrto sehen. Mik- 
kola endlich hält nur tart für den lautgesetzlichen Vertreter des urslav. 
thrt'o^ das daneben auftretende ciart sei überall durch Kreuzung von 
tart und circ aus urslav. thrth entstanden. 

Baudouin's Ansicht ist die richtige, wie das Slovinzische beweist. 
Mit Ausnahme von Fällen wie zdrnö, särnä^ wo ein ar wegen des vor- 
hergehenden Konsonanten unmöglich ist, ist thrt^ hier überall durch 
ciart ciart vertreten, ein tart kommt überhaupt nicht vor. Scheinbar 
tritt es allerdings in den dialektischen cvärch cvärtl cvärtk neben 
cvjardi cvjiirü cvjärtk auf, dieselben Dialekte haben aber 2iXL(ih.cvÜ6r6 
neben sonstigem cvjuörö und dies zeigt, dass ctj hier vor nichtpalatalen 
Vokalen zu cv geworden ist. 

Im Kaschubischen nimmt nun in der Richtung von Norden nach 
Süden und von Westen nach Osten ciart ab und tart zu. Während das 
Kabatkische noch auf demselben Standpunkt wie das Slovinzische steht, 
stehen die Dialekte im südlichen Theil des Karthäuser Kreises auf dem- 
selben wie das Polnische, d. h. sie haben ciart nur noch da, wo auch 
das Polnische dies hat, sonst aber tart^ nur in den beiden Präteriten 
car und ^ar weichen sie ab. Wir finden hier also dieselbe Erscheinung 
wie bei dem urslav, e: die echtkaschubische Vertretung, welche wir in 
(nart zu erkennen haben, weicht gegen die polnische zurück. 

Die nicht entpalatalisirte Form des hr gibt RamuJt durch ir (da- 
neben aber auch er: serce) wieder, in den meisten Dialekten entsprechen 
'er 'er. Nur in den beiden Wörtern sclr scera urslav. *stbrvb und zJrz'/ 
bezw. :^ircl zieret urslav. '^'dhrz- ist es allgemein zu ?r geworden. Wie 
dies zu erklären ist, entgeht mir, es erinnert jedoch an das polab. ir 
neben är. 

g. Urslav. hl. 

Das urslav. hl hat in den einzelnen kaschubischen Dialekten sehr 
verschiedene Vertretungen. Das Slovinzische hat in allen Fällen öii 
z. B. vo-üli., v'o-ünä, mo-tic^c, cb-ükäc (= poln. czolgac\ Ramult bietet el 
z. B. velk, velna, celgac^ hat daneben aber auch il z. B. milknoc^ vilk. 
der Heisternester Dialekt hat öl, al [nach Mikkola Betonung und Quan- 
tität S. 20 ist dies sekun därer Ablaut zu o/], el und 'll z. B. lyolnl. 
zölte, zältkk, pelmc, vllk, das Südkaschubische hat eti, öti, 'il dem 



Das gegenseitige Yerhältniss der sog. lechiscben Sprachen. 35 

poln. e/, o/, il genau entsprechend: veuna, peuny, zöuti, cöuno^ vilk, 
milcec, daneber aber hat es den Ortsnamen Vöukoewoe (Kr. Karthaus). 
Dieser zeigt uns, dass die Vertretung des urslav. hl durch kasch. vi 
(dies ist auch dem slov. 6u zu Grunde zu legen) einst eine viel grössere 
Verbreitung gehabt hat, als wir heute thatsächlich finden. Legen wir 
diese als die echtkaschubische zu Grunde, so finden wir wieder, dass 
nach Osten und Süden zu die kaschubische Form vor der polnischen 
zurückweicht. 

3. Die Entwicklung des urslav. or. 

Als eine der hauptsächlichsten Verschiedenheiten zwischen Ka- 
schubisch und Polnisch ist immer die Entwicklung des urslav. or ange- 
führt. Das kaschubische Material ist neuerdings von Baudouin de 
Courtenay KauiyöcKiä ,h3liki>' S. 79 ff. gesammelt, es kann jedoch, 
besonders aus dem Slovinzischen, nicht unwesentlich ergänzt werden. 
Ich führe sämmtliche mir bekannten Belege für urslav. or an : 

Urslav. ^borda: gemeinkasch. hroda^ hrodaü und andere Ab- 
leitungen, dagegen westpreuss. -kasch. hardövka (das von Ramuit ge- 
nannte brodovka habe ich nirgends gehört), kabatk. hardävjica^ slov. 
börduica. Vgl. polab. bröda brödavaica. 

Urslav. '^borgo: gemeinkasch. brög. 

Urslav. *borna: westpreuss. -kasch. brona^ aber slov. kabatk. 
bdrtiä Instr. bartiöti^, eine Ableitung wie westpreuss.-kasch. bronovac 
fehlt den pommerschen Dialekten. — Dagegen heisst es gemeinkasch. 
bronicj wcebrona u. s. w. 

Urslav. ^borzda: westpreuss.-kasch. brözda^ aber pomm. -kasch. 
bärda. Vgl. polab. bordza. 

Urslav. *dorga: gemeinkasch. droga sammt allen Ableitungen. 

Urslav. *dorg% : gemeinkasch. dro^i sammt Ableitungen, aber in 
Ortsnamen *dargo- : Dargtioleza (Kr. Stolp), Dargceleivoe (Kr. Neustadt). 

Urslav. *gord^ : dass die von Ramuit genannten gare gard garda 
gardmj existiren, ist mir fraglich, ich habe weder sie noch die ebenfalls 
möglichen "^groc '^grhd ^grodny gehört. Für gardny kenne ich nur den 
Ortsnamenen Gärndu (die von Ramuit angeführte Form Gardnö gibt 
es nicht) , für gard — in dieser von Ramuit angegebenen Form ist es 
sicher nirgends vorhanden, derNom. Sing, müsste zum mindesten "^görd 
heissen — das Kompositum slov. vuögdrt kabatk. iiiegort westpreuss.- 
kasch. iccegröd sammt den dazu gehörigen Ableitungen z. B. slov. v6- 



36 F. Lorentz, 

gärdni vögärmU^ für gar da slov. zägürda pregärdä zägärtka pre- 
gdriku sowie die Ortsnamen BJelögarda StarögUrda, gare ist mir 
nicht begegnet, das westpreuss.-kasch. wcegrojc ist das aus der Kirchen- 
sprache genommene poln. ogrojec. Das Slovinzische hat tiberall ar: 
gardz6c u. s. w., nur näiigrödä nlludgröda weicht ab, ebenso kabatk, 
giirdzijc u. s. w., im westpreussischen Kaschubisch habe ich nur ro ge- 
hört. Vgl. polab. gord gordäiste. 

Urslav. ^gorch^: gemeinkasch. gro'/^ sammt Ableitungen. Vgl. 
polab. gor eh. 

Urslav. *cJiorna : slov. yßrna mit dem dazu gehörigen Ortsnamen 
Xarnövö (Kr. Stolp), aber überall yronic^ ioa>%rona u. s. w. Vgl. polab. 
chörna chörnlt. 

Urslav. "^cliorhro'. das Wort selbst ist heute dem Kaschubischen 
nicht mehr bekannt, es wird aber dem Ortsnamen Xärbrötio^ daraus 
durch Dissimilation Xäbrötio »Charbrow« (Kr. Lauenburg) zu Grunde 
liegen. 

Urslav. '^cliorp-: slov. yrö'pUtl. 

Urslav. ^clivorstb: gemeinkasch. yrhst »Reisig« sammt Ableitun- 
gen, daneben aber laH slov. kUrt »Strandhafer«. 

Urslav. '^horhh : gemeinkasch. hrok^ krocec. 

Urslav. *korljb'. gemeinkasch. krol^ daneben aber der Ortsname 
Körlekoewoe (Kr. Putzig und Neustadt). 

Urslav. *kort^k^: gemeinkasch. krötcJ, krocec vi. a., daneben aber 
der Ortsname Kortoseno (Kr. Putzig). 

Urslav. *korva: RamuJts karva karicccvy karvi habe ich nirgends 
gehört, nur krova u. s. w. ; ar ist mir begegnet in slov, körvjinc Heist. 
körvinc (aber südkasch. krovinc)^ sowie in den Ortsnamen Karvjö^ 
Karvinscl dwor, Karvinsce hloto (Kr. Putzig), dazu noch Karxcen 
(Kr. Stolp) , dessen kaschubische Form von Cejnowa als Karve ange- 
geben wird, mir aber nicht bekannt geworden ist. Vgl. polab. korvö. 

Urslav. "^khnorzh : gemeinkasch. knörz knarza sammt Ableitungen, 
Ramult hat auch ein dem poln. kiernoz entsprechendes cernoz aus 
*ce7iroz^ mir ist dies nicht begegnet. 

Urslav. *mork^: westpreuss.-kasch. mrok mrocny mrocec^ aber 
slov. mark marcnl mUrcie. 

Urslav. *morvb: westpreuss.-kasch. mrövka mrovica mrovisce, 
aber slov. kabatk. märvjlscö (nur in diesem Wort ist hier der Stamm 
morv- erhalten). Vgl. polab. mörvl. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 37 

ürslav. *m.orzb : gemeinkasch. mrdz mrozny mrozaty mrözk. Das 
Slovinzische hat neben diesen gemeinkaschubischen ro-Formen überall 
die ar-Form: märs (in dem Kompositum sadüömörs ist diese Form 
allein gebräuchlich), marzni^ marzäti^ märsk, das Kabatkische hat 
neben mröus auch mlirs. Das von Ramult genannte morz ist in dieser 
Form falsch, nach seiner Transskription müsste es morz heissen. Vgl. 
polab. morz. 

Urslav. *paproth: westpreuss.-kasch. paproc paprocena., slov. 
parporc parpoc^ parparcizna parpacizna. 

Urslav. *porg^ : westpreuss.-kasch. prög., slov. kabatk. päryi nebst 
Ableitungen. 

Urslav. ^porclvb: westpreuss.-kasch. proi^ proyjio, slov. pclryi 
pär% neben pruoi päryjnö^ kabatk. päry. 

Urslav. *pormenh : gemeinkasch. promjen sammt Ableitungen. 

Urslav. "^porm^ : südkasch. pröm^ falls dies nicht wie das slov. 
präum das d. Prahm ist. 

Urslav. ^porporhch : südkasch. proporc. 

Urslav. *porse: ka.sch. prosq vmä parsq sammt Ableitungen, das 
Slovinzische kennt nur die ar-Formen, der grösste Theil des west- 
preussischen Kaschubisch nur die ?-o-Formen, im Kabatkischen kommt 
neben pürsq auch pröiisq vor. Vgl. polab. porsq. 

Urslav. '^porzhm: gemeinkasch. prbzny nebst Ableitungen. 

Urslav. *skornh: nordkasch. skar?iö, südkasch. skrono. 

Urslav. *smordh : westpreuss.-kasch. smröd smro^ec.^ slov. smart 
smärdzec smargläna. 

Urslav. '^sorg^: gemeinkasch. sro^i stro^l prestroga. 

Urslav. *sorm-: gemeinkasch. sromac sromoeta. 

Urslav. "^ Stoma: gemeinkasch. 6^rowa,we3tpreuss.-kasch.pces^röw>?;, 
aber slov. pöstarnek., startiäka^ stärna »Flunder«, dialekt. stärnä 
»Seite«, Heist. stornef. Vgl. polab. stärna. 

Urslav. ^svorh^^. kasch. svorh (die Verbreitung dieses Wortes ist 
mir nicht bekannt). 

Urslav. "^svorka: westpreuss.-kasch. sroka, slov. kabatk. särkä 
nebst Ableitungen. Vgl. polab. svorkö. 

Urslav. *s^do7•v^: gemeinkasch. zdrdv zdrovg nebst Ableitungen. 

Vralsiv. *vorbh: gemeinkaach. vröbel, vrdhlusk^) sammt Ableitun- 



1) Ramult's vrbbehisk dürfte in ein Wörterbuch der Prosasprache keine 



38 F. Lorentz, 

gen, aber die Ortsnamen VarhUno (Kr. Putzig), Värblänö (Kr. Stolp) 
und Warheloiü (Kr. Stolp) , dessen kaschubisclier Name von Cejnowa 
als Va7'blezüo angegeben wird. Vgl. polab. vörhll. 

ürslav. *vorna: westpreuss.-kasch. vro?ia, skosvrönk^ slov. vUrnä, 
varnkä, skövllrn^k, kabatk. värna. Vgl. polab. vornö vornq sTiilvörnak. 

Urslav. *üor^-: westpreuss.-kasch. vrocec^ v7'ota, woehrot u. s. w., 
slov. vclrc^c, värtä, vuöbdrt ^ k'uölövart^ kabatk. vürcyc w. s. w. Vgl. 
polab. vortat^ vörta. 

Urslav. "^vorzh : westpreuss.-kasch. pcetrbz^ aber slov. püövörs^ 
kabatk. puievörs. 

Urslav. *zorki : kasch. tizrok (mir nur aus Ramult's Stownik be- 
kannt). 

Aus dem Polabischen ist noch das im Kaschubischen nicht vor- 
handene görmt urslav. *gornith hinzuzufügen. 

Wenn auch nach Brückner und Karlowicz die Entwicklung des or 
für die Beurtheilung der Verwandtschaftsverhältnisse nicht mehr in Be- 
tracht kommen kann, so ist sie doch für die Beti'achtung der kaschubi- 
schen Lautverhältnisse sehr instruktiv. Die «r-Formen, welche dem 
heutigen Polnisch fremd geworden sind, finden sich am häufigsten in 
den pommerschen Dialekten, der Heisternester Dialekt kennt noch har- 
clöfka^ yärtj kör chic, knors, skarnö, stornef, das Südkaschubische nur 
hardöüka und knorz. Wir finden also auch hier in der Richtung von 
Westen nach Osten und von Norden nach Süden eine Annäherung an 
das Polnische, eine Erscheinung, welche wir schon öfters beobachtet 
haben. 

4. Die Vertretung des urslav. ol. 

Das urslav. ^l ist nach Gutturalen im Nordkaschubischen durch el 
(Kam. cl slov. 6U Heist. o/), im Südkaschubischen dem Polnischen 
entsprechend durch 'el vertreten : urslav. *khlbasa : kasch. Ram. kei- 
bösa slov. ko-üböiisa südkasch. ceubösa, urslav. *kilpjb : kasch. Ram. 
keip slov. k'b'üp Heist. kölps, daneben findet sich südkasch. öu in dem 
Ortsnamen Kötipino »Kelpin« (Kr. Karthaus), wofür Ramult Ceipino 
giebt. Nach Dentalen ist ^l auf dem ganzen Gebiet dem poln. lu ent- 
Aufnahme gefunden haben. Es findet sich nur in Versen z. B. Möj te miii/ 
rrdbeluskii, i'ie trqptöj mje pos paluska oder Pvcmalusku, rrobelusku! boa mje 
trqpces pce pahisku und steht auf gleicher Linie wie z. B. ein d. Kindelein. In 
der gewöhnlichen Prosasprache gibt es nur vrdblusk. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 39 

sprechend durch lü U vertreten : urslav. *d^lbath : kasch. dlehac (slov. 
klahüc wohl in Anlehnung an d. Tdauben\ \ix%\2N.*dhlg^: kasch. dlüg 
dUgu^ uvsl'dv. ^dolgh: kasch. (//w^I, urslav. *s^o/j!)ö : kasch. slüp, urslav. 
*iolkfb: kasch. flüc tlekq [tlec bei Ramuit scheint mir unrichtig, ich 
habe im Inf. nur ilüc gehört), urslav. ^Ulcith: slov. tläctc, urslav. 
*thlsto: kasch. tiestl. 

Die Vertretung durch iü U ist aber nicht ursprünglich, wie einige 
Ortsnamen beweisen. Hier ist zunächst der Name der Stadt Stolp zu 
nennen, der heute als slov. Slapsk Slapskö kasch. Suupsk Suapshco 
auftritt. Derselbe Name findet sich in Urkunden des XIV. Jahrhunderts 
in der Form Stolpsk als Name des Dorfes Zuckau an der Radaune, 
welche da selbst die als stolpa erscheinende Stolpe aufnimmt (Nadmor- 
ski, Kaszuby i Kociewie S. 15). Endlich ist diese Form auch heute noch 
im Slovinzischen erhalten in dem Flurnamen Stb-iipsfjt des Dorfes 
Holzkathen. 

Ausserdem ist zu nennen der Name des Dolgen-Sees bei Scholpin: 
slov. Do'üdje. Dies do'üd'je ist als identisch mit dlü^e anzusehen : der 
See wird seinen Namen von seiner langgestreckten Form erhalten haben. 
Dasselbe Wort begegnet auch in dem Klein-Garder Flurnamen D6-ud'je 
hrüödä. 

Wir finden hier also die interessante Thatsache, dass das urslav. 
ol anfänglich im Kaschubischen eine grundsätzlich andere Vertretung 
gehabt hat als heute. Dass das heutige iü le auf keine Weise aus dem 
ursprünglichen 61 hergeleitet werden kann, steht zweifellos fest. Auch 
hier kann zur Erklärung nur auf den Einfluss des Polnischen hinge- 
wiesen werden. Derselbe geht hier weiter, als wir bisher beobachtet 
haben, denn hier hat er sich über das gesammte Kaschubisch verbreitet, 
während er sonst wenigstens die nordwestlichen Dialekte verschont oder 
nur in geringem Grade afficirt hat. Auch macht sich hier der polnische 
Einfluss im ganzen Nordkaschubisch in gleichem Maasse geltend, ohne 
dass wir eine Verschiedenheit zwischen den westlichen und den öst- 
lichen Dialekten feststellen können, während er sich im Südkaschubi- 
schen stärker ausprägt. Also auch hier haben wir ein Zurückweichen 
der echtkaschubischen Vertretung der polnischen gegenüber zu kon- 
statiren. 

5. Polgerungen. 

Bevor wir uns zur Besprechung der weiteren Eigenthümlichkeiten 
wenden, erscheint es mir am richtigsten, die bisher gewonnenen Resul- 



40 F. Lorentz, 

täte mit deu oben aus der Vergleichung des Polnischen und Polabischen 
gezogenen Schlüssen zusammenzustellen, um so eine Grundlage für die 
verwandtschaftliche Stellung des Kaschubischen zu gewinnen. 

Die Verschiedenheiten zwischen Polnisch und Polabisch, welche 
uns hier in erster Linie interessiren müssen, fanden sich in der Behand- 
lung des urslav. el, hl, ^l, hr, e, j'q, h und e. 

a. Das urslav. el ist im Polabischen mit ol zusammengefallen, im 
Polnischen sind beide geschieden geblieben. Das Kaschubische hat ur- 
sprünglich auf demselben Standpunkt wie das Polabische gestanden, wie 
die überall erhaltenen Reste eines aus el entstandenen io zeigen. 

b. Das urslav. hl ist im Polabischen mit ^l zusammengefallen, die 
Behandlung desselben im Polnischen ist nicht ganz klar, doch ist so viel 
zu erkennen, dass hier ein Zusammenfall mit ^l nicht eingetreten ist. 
Das Kaschubische hat ursprünglich ebenfalls hl und ^l zusammenfallen 
lassen, wie der Stand in den nordwestlichen Dialekten und die erhalte- 
nen Reste von 61 aus urslav. hl in den übrigen Dialekten zeigen. 

c. Das urslav. ^l hat im Polabischen nur eine Vertretung, im Pol- 
nischen ist es je nach den vorangehenden Konsonanten verschieden be- 
handelt. Das Kaschubische hat, wie einige erstarrte Reste im Slovin- 
zischen und einige urkundliche Namen zeigen, ursprünglich wie das 
Polabische nur einen Vertreter des urslav. ^l gekannt, die im Polnischen 
auftretende Metathesis fehlte. 

d. Das urslav. hr ist in seiner entpalatalisirten Form im Polabi- 
schen durch weiches 'ar, im Polnischen durch hartes ar vertreten. Das 
Kaschubische hat wie das Polabische ursprünglich weiches ar gehabt, 
was durch die Alleinherrschaft des 'ar in den nordwestlichen Dialekten 
und die das Polnische übertreffende Verbreitung in den übrigen Dia- 
lekten erwiesen wird. 

e. Das urslav. e tritt im Polabischen in einer entpalatalisirten und 
einer nichtentpalatalisirten Form auf, für das Polnische ist eine Ent- 
palatalisirung nicht nachweisbar. Das Kaschubische hat wie das Pola- 
bische eine entpalatalisirte und eine nichtentpalatalisirte Form des (?, die 
südlichen Dialekte haben die letztere jedoch nur noch in Ortsnamen. In 
der Verbreitung beider Formen haben beide Sprachen ursprünglich 
übereingestimmt, nur die Stellung im Auslaut hat vielleicht eine Ver- 
schiedenheit bedingt. 

f. Das urslav. ja ist im Polabischen mit dem urslav. q zusammen- 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 41 

gefallen, im Polnischen nicht. Ob im Kaschubischenya und e zusammen- 
gefallen sind, muss zweifelhaft bleiben. 

g. Das urslav. e erscheint im Polabischen in einer palatalisirten 
und einer nichtpalatalisirten Form, im Polnischen dagegen in einer 
entpalatalisirten und einer nichtentpalatalisirten Form. Das Kaschu- 
bische hat wie das Polnische nur eine entpalatalisirte und eine nicht- 
entpalatalisirte Form, eine palatalisirte Form wie das Polabische kennt 
es nicht. 

h. Das urslav. * tritt im Polabischen in einer harten, an sich pala- 
talen Form und einer weichen, an sich nichtpalatalen Form auf, das 
Polnische kennt uur eine Vertretung. Das Kaschubische hat wie das 
Polnische nur einen Nachkommen des urslav. h. 

Ausser in der Behandlung von urslav. e und h und vielleicht von 
ja hat also das Kaschubische in allen Punkten, in denen Polabisch und 
Polnisch divergiren, ursprünglich auf der Seite des Polabischen gestan- 
den. Hierunter sind aber gerade die Erscheinungen, welche die An- 
nahme einer näheren Verwandtschaft des Polnischen und Polabischen 
unmöglich machen : die Behandlung des urslav. e/, hl und ~or. Dadurch, 
dass hierin Polabisch und Kaschubisch genau übereinstimmen, wird 
bewiesen, dass beide Sprachen einst eine Einheit gebildet haben, und 
dass demnach das Kaschubische kein polnischer Dialekt sein kann. 

Die beiden Punkte, in denen eine Verschiedenheit zwischen Pola- 
bisch und Kaschubisch zu konstatiren ist, sind denüebereinstimmungen 
gegenüber von untergeordneter Bedeutung. Die Palatalisirung und die 
Entpalatalisirung des urslav. e sind beide jünger als die Metathesis, 
welche ihrerseits jünger ist, als der beiden Sprachen gemeinsame Ueber- 
gang des el in ol. Ausserdem ist hier ja, wie oben bemerkt wurde, 
auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass das Polabische einst ein 
entpalatalisirtes e besessen hat und dass dies o sekundär wieder in e e 
übergegangen ist. Die Spaltung des h im Polabischen ist aber ein Laut- 
wandel, der weder mit der Palatalisirung noch mit der Entpalatalisirung 
gleichzusetzen ist, da auf der einen Seite die lautlichen Thatsachen, auf 
der andern Seite die Lautgesetze nicht entsprechen : es ist dies ein dem 
Polabischen allein eigenthümlicher Lautwandel. 

Wenn so das Kaschubische mit dem Polabischen eine Einheit ge- 
bildet hat, so müssen sich natürlich auch die Lautgesetze, welche das 
Polabische mit dem Polnischen gemein hat, im Kaschubischen wieder- 
finden. Dies ist auch wirklich der Fall. Wie dort ist hier das urslav. e 



42 F. Lorentz, 

in ein entpalatalisirtes a und ein palatal gebliebenes e zerfallen , das 
urslav. ^r ist in ar übergegangen, der t-Laut des entpalatalisirten fer 
ist zum fl-Laut geworden , die Metathesis von er or ol hat re ro lo er- 
geben und ar tritt neben ro als Nachkomme des urslav. or auf, also eine 
vollständige Uebereinstimmung. 

Eine tiefer gehende Differenz zwischen Polabisch und Kaschubisch 
findet sich ausser in den schon genannten Punkten nur in der Behand- 
lung der erweichten i d\ wo das Kaschubische wie das Polnische Affri- 
katen hat. Da das Polabische aber die Erweichung selbst, also den 
ersten Anfang der Affrikatenbildung gehabt hat, fällt diese Differenz 
nicht schwer ins Gewicht. Dass bei einer solchen Entfernung, wie der 
desKaschubischen und Polabischen, nicht dieselbe Entwicklung eintritt, 
darf nicht Wunder nehmen. Zu einer Trennung beider Sprachen be- 
rechtigt das Auftreten der Affrikaten uns nicht. 

Die Sprache, welche wir unserer bisherigen Vergleichung mit dem 
Polabischen und Polnischen zu Grunde gelegt haben, ist aber nicht das 
heutige Kaschubisch, sondern das Kaschubisch, welches wir aus ein- 
zelnen dialektischen Eigenthümlichkeiten und fossilen Resten früherer 
Sprachepochen als ursprünglich erschliessen können. Das heutige Ka- 
schubisch sieht anders aus. Gerade die Eigenthümlichkeiten, aufweiche 
sich die Zusammenstellung mit dem Polabischen gründet, sind ganz oder 
zum Theil verschwunden, an ihre Stelle sind die Lautverhältnisse des 
Polnischen getreten. 

Dass es sich hier um keine lautgesetzlichen Wandlungen handeln 
kann, ist klar. Denn ganz abgesehen davon, dass die dann anzunehmen- 
den Lautübergäuge jeder Möglichkeit, sie phonetisch zu erklären, wider- 
stehen würden, die Zahl der Ausnahmen würde in keinem Verhältniss 
zu der Zahl der durch das Lautgesetz betroffenen Wörter stehen. Die 
einzig mögliche Erklärung dieser Erscheinung ist die schon oben bei 
der Besprechung der einzelnen Vokale gegebene : sie beruht auf dem 
Einfluss des Polnischen und zwar wohl weniger eines Volksdialekt als 
der Kirchensprache, welche man wohl frühzeitig schon als die Sprache 
der Gebildeten anzusehen hat. 

In welcher Weise die Kirchensprache auf die Volkssprache ein- 
wirkt, kann man noch heute in Westpreussen beobachten. Da z. B. dem 
kasch. 6 in der Kirchensprache a gegenübersteht, spricht der Kaschube, 
welcher -^fein« sein will und sich deshalb seiner Muttersprache schämt, 
statt seines 6 das polnische a, bezeichnenderweise aber nur in Stamm- 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 43 

Silben, nicht in Flexionssilben. Dasselbe begegnet bei dem aus i u ent- 
standenen e , bei dem diphthongirten ce habe ich es nicht beobachtet : 
hier ist der lautliche Unterschied vom Polnischen aber auch viel ge- 
ringer. Dieselben Beweggründe ^], welche heute die Nachahmung des 
Polnischen hervorrufen, werden wir auch für die frühere Zeit annehmen 
dürfen: das Gefühl der Scham, eine verdorbene Sprache (»Plattpolnisch« 
ist eine sehr häufige Bezeichnung des Kaschubischen) zu sprechen, und 
das daraus entstehende Bestreben, die reine Sprache der Kirche und der 
Gebildeten nachzuahmen. Hierbei fielen natürlich zuerst die am meisten 
vom Polnischen abweichenden Laute zum Opfer, zufällig sind diese auch 
nur in geringem Umfange in der Sprache verbreitet, während man die- 
jenigen, welche nur wenig vom Polnischen abweichen oder eine grössere 
Verbreitung haben, festhielt. So entstand das heutige Kaschubisch: 
eine mit dem Polnischen ursprünglich nicht näher verwandte, jetzt aber 
mit einem polnischen Firniss überzogene Mischsprache. 

Am weitesten sind die kaschubischen Laute, wir wir oben gesehen 
haben , in den südlichen Dialekten zurückgedrängt. Hier wird neben 
der Kirchensprache auch die Sprache der polnischen Nachbarn, viel- 
leicht auch polnischer Einwanderer, zersetzend auf den kaschubischen 
Lautstand eingewirkt haben. Je weiter wir dann nach Norden und nach 
Westen vordringen , um so besser hat sich das Ursprüngliche erhalten, 
am besten in dem dem polnischen Sprachgebiet am fernsten liegenden 
Slovinzischen. 

Bei allen unseru bisherigen Erörterungen haben wir stillschweigend 
eine Voraussetzung gemacht, die nämlich, dass das Kaschubische in dem 
gewöhnlich angenommenen Umfange wirklich als eine einheitliche 
Sprache anzusehen ist. Dies ist aber durchaus nicht so ohne Weiteres 
als bewiesen anzusehen. Es ist nämlich recht gut möglich, dass wir in 
einem Theil der Sprache einen ursprünglich dem Polabischen ver- 
wandten Dialekt, welcher durch das Polnische beeinflusst ist, in einem 
andern Theil umgekehrt einen durch das Kaschubische beeinflussten 
polnischen Dialekt zu erblicken haben. Zur Erörterung dieser Frage 



1) Diese Beweggründe wurden mir öfters geradezu angegeben, wenn ich 
einwarf, dies oder jenes sei wohl nicht kaschubisch. »So mag ich nicht 
sprechen, das ist zu gewöhnlich« war eine sehr häufige Rede. Andere spra- 
chen ganz unbewusst polnische und kaschubische Laute neben einander, bei 
ihnen war also die Polonisinmg schon weiter vorgeschritten. Am häufigsten 
ist übrigens diese Erscheinung in den südlichen Gegenden. 



44 



F. Lorentz, 



müssen wir uns jetzt wenden. Ich befinde mich hier allerdings in einer 
etwas unangenehmen Lage, da mir die Dialekte der südlichen Gegenden, 
des Konitzer und Schlochauer Kreises , nicht aus eigener Anschauung 
bekannt und die Angaben über dieselben fast gleich Null sind. Diese 
muss ich also bei den folgenden Ausführungen schon von vorne herein 
ausschliessen, wo ich im folgenden vom Südkaschubischen spreche, be- 
ziehen sich diese Angaben nicht weiter als auf die Sprache des Bereuter 
Kreises. 



B. Ist das Easchubische eine einheitliche Sprache? 
1. Das Slovinzische. 

Bevor wir zur eigentlichen Beantwortung unserer Frage über- 
gehen, ist die Stellung des Slovinzischen zu präcisiren. Dies ist näm- 
lich, wenn wir als »Normalkaschubisch« die Sprache, welche inRamult's 
Siownik niedergelegt ist, ansehen wollen (was von Einzelheiten abge- 
sehen richtig ist), kein eigentlich kaschubischer Dialekt, jedenfalls ist 
es nicht mit den wirklich kaschubischen Dialekten, wie z.B. demKabat- 
kischen, Bylakischen, deren Eigenthümlichkeiten sich ohne Schwierig- 
keit aus dem »Normalkaschubisch« herleiten lassen, auf eine Linie zu 
stellen. Die trennenden Punkte des Slovinzischen und Kaschubischen 
sind folgende: 

1. Das Kaschubische hat das kurze o nach Gutturalen und Labia- 
len zu ce diphthongirt, das Slovinzische kennt diese Diphthongirung 
nicht. Wenn letzteres für betontes o heute ein üö hat, so ist dies damit 
zu vergleichen, dass das Kabatkische und Lebakaschubische für be- 
tontes kasch. ein wo, furo? ein uie haben, z. B. urslav. *skoph: slov. 
sküöp kasch. skcep (kabatk. lebakasch. skuiep Heist. skuep), urslav. 
*gosth slov. güösc kasch. gcesc (kabatk. lebakasch. gmesc Heist. guesc), 
urslav. *chovath: alov. yjwväc kasch. lOßviac (kabatk. lebakasch. yuievac 
Heist. yueväc), urslav. *po: slov. pw kasch. pce (kabatk. lebakasch. 
puie Heist. pue), urslav. *boga: slov. büögä kasch. baga (kabatk. 
lebakasch. bui^ga Heist. buega)^ urslav. *voda: slov. vuödä kasch. loada 
(kabatk. lebakasch. iviedu Heist. VM'edd), urslav. '^ogom : slov. vuögöun 
kasch. wcegön (kabatk.lebakasch.M?<?^öMw Heist. wz/^<7Ö??) urslav. *mo/'a: 
slov. müörä kasch. mcera (kabatk. lebakasch. muiera Heist. muera): 
urslav. *topith: slov. tuopjic kasch. topic (kabatk. lebakasch. tüopßc 
Heist. töptiic), urslav. *doma : slov. düömä kasch. do7)ia (kabatk. leba- 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 45 

kasch, dnoma Heist. döma), ursiav. *sova : slov. süövä kasch. sova 
(kabatk. lebakasch. s?^oya Heist. sö^a), ursiav. *tioso: slov. nüös kasch. 
fios (kabatk. lebakasch. mtos Heist. nds), ursiav. *robakh : slov. ruöhok 
kasch. rohok (kabatk. lebakasch. riiohok Heist. rdhök) , ursiav. *slovo : 
slov. slüövö kasch. sioiooe (kabatk. lebakasch. siiüouo Heist. sldtvue), ur- 
siav. ^tetbka vorhist. *t'otoka : slov. cuotka kasch. cotka (kabatk. leba- 
kasch. ciiotkü Heist. cdtka\ ursiav. *sestra vorhist. *sostra: slov. sügsträ 
kasch. sostra (kabatk. lebakasch. süqstj'ä Heist. sösfra), ursiav. *nesq, 
vorhist. *nosq: slov. nuösqksisch.nosq 'kabatk. lebakasch. we/^^-sr/ Heist. 
fidso), ursiav. *ceIo vorhist. *colo : slov. cüölö kasch. coio (kabatk. 
lebakasch. cuouo Heist. cöfö), ursiav. "^zeravjh vorhist. ^zoravjh: slov. 
ZHdrö-ü'k2L?,Q\\. zoröv (kabatk. lebakasch. züoröf), ursiav. *versb vorhist. 
*crosb: slov. vrüös kasch. vros (kabatk. lebakasch. vrt(os Heist vros). 
Vi\^\2LY . * pletq vorhist. *pl'otq: slov. pluötq ka,sch. plotq (kabatk. leba- 
kasch. j^/eio^a B.eist. plöto). In nnbetonten Silben hat das Kaschnbische 
nach Gutturalen und Labialen ebenfalls diphthongirtes ce (im Kabatki- 
schen und Lebakaschubischen erscheint es hier als lio), das Slovinzinsche 
weist überall ö auf z. B. ursiav. *kolena: slov. kölqnä kasch. koslana 
(kabatk. lebakasch. kiwlana Heist. kuelü7ia), uvüsly. *gotovo: slov. 
gdtüövl kasch. goeiovy (kabatk. lebakasch. giCbtüoti Heist. guetdvl), 
ursiav. *cho7"o: slov. ^öri kasch. xa'ri (kabatk. lebakasch. yj/orJ Heist. 
yuere}, ursiav. *po: slov. pö kasch. ^yce (kabatk. lebakasch. piw Heist, 
pue), ursiav. *vodojq: slov. vödöii kasch. wcedo kabatk. tiodöii leba- 
kasch. uodöu Heist. louedö), ursiav. *moktb?io : slov. möcni kasch. mcecny 
(kabatk. lebakasch. muocni Heist. muecne]\ ursiav. ^tohojq: slov. 
töhövL kasch. toho (kabatk. töhöii lebakasch. töhöii Heist. tobö). ursiav. 
*novo: slov. ?iöv7 kasch. Jiovy (kabatk. lebakasch. 7iövi Heist. nove), 
nrslsiy. *vymetq Yorh\st. *i'ymotq: slov. v'amjötq kasch. vemjotq (kabatk. 
zamjötq Heist. thnofo) u. s. w. 

Neben dem ö hat das Slovinzische in unbetonten Silben auch ein 
diphthongirtes -ö und man ist im ersten Augenblick geneigt, dies mit 
dem kasch. o', besonders dem kabatk. lebakasch. ?^o, in Verbindung zu brin- 
gen. Das ist jedoch nicht richtig. Das slov. "ö ist keineswegs wie das 
kasch. cß auf die Stellung nach Gutturalen und Labialen beschränkt, es 
findet sich auch nach andern Lauten z. B. d^iöb'atk, rz'asc"ö. Sein Auf- 
treten, welches übrigens durchaus nicht regelmässig ist, sondern sich 
nach der Sprechgeschwindigkeit und wohl auch nach individuellen 
Eigenthümlichkeiten richtet, ist an ganz bestimmte Stellungen im Wort 



46 F. Lorentz, 

gebunden: so findet es sich in der anlautenden Silbe ohne bestimmte Regel, 
in Binnensilben, falls die vorhergehende Silbe betont ist und den dehnen- 
den Ton hat, und in Endsilben, welche auf eine dehnend betonte oder 
eine unbetonte Silbe folgen. Das Auftreten des "ö nach dehnend betonten 
Silben ist daraus zu erklären, dass der dehnende Ton, ein zweigipfliger 
Accent, mit einem Accentgipfel schliesst und der Uebergang zu dem fol- 
genden völlig accentlosen ö durch den Eiuschub eines üebergangslauts 
vermittelt wird; bei dem Auftreten desselben nach unbetonten Silben 
handelt es sich um einen schwachen Nebenaccent. Mit dem kasch. oe 
hat das slov. ''iö nichts zu schafien. 

Scheinbar hat auch das Slovinzische ein diphthongirtes o in den 
drei Wörtern yuema^ Xtiejudve und viitic^ von denen die beiden erste- 
ren nur im Klnckener, das letztere auch im Virchenziner Dialekt vor- 
handen ist. Dies sind aber Lehnwörter aus kabatk. yueinu ueic, echt- 
slovinzisch lauten sie yb'inü vb'ic. 

2. Das Kaschubische hat das urslav. v vor o- und u-hsLUten in den 
bilabialen Halbvokal w gewandelt, ebenso zeigt es für den einem an- 
lautenden u vorgeschlagenen Laut das bilabiale w, das Slovinzische 
hat in beiden Fällen den labiodentalen Spiranten v z. B. urslav. *vozz : 
slov. vöus kasch. tvoz (kabatk. lebakasch. uöiis Heist. ds aus *tüös). 
urslav. *zvom: slov. zvoun kasch. ztoön (kabatk. lebakasch. zuhwi. 
Heist. zvön aus *'zwon)^ urslav. *voziib: slov. vüözec kasch. woszec 
(kabatk. lebakasch. uiezyc Heist. wuezec), urslav. *vujhko slov. vüiJi^) 
kasch. wujk (Heist. wuyik)^ urslav. *d^vu^. slov. dv7c kasch. dwu (kabatk. 
dtiu Heist. dvüy aus *dwüx)j urslav. *ov'bs^: slov. töiifs kasch. xoms 
(kabatk. lebakasch. uöufs Heist. öfs aus *tcofs), urslav. *oko: slov. 
viiokö kasch. woekce (kabatk. lebakasch. uiekuo Heist. wuekue)^ urslav. 
*ucho: slov. ttixö kasch. wuyoß (kabatk. lebakasch. vtlyuo Heist. ivuy- 
yue), urslav. *ud^: slov, vüt kasch. tvüd (kabatk. lebakasch. uüt Heist. 
üt aus *wüt]. 

Im Heisternester Dialekt und nach Bronisch auch im ganzen By- 
lakischen ist das kasch. w anlautend und postvokalisch vor d (und a) 
geschwunden, postkonsonantisch aber zum labiodentalen Spiranten v 
geworden. Der Schwund des to einerseits, die Erhaltung des postkon- 
sonantischen lü als solchen vor oe (Heist. ue) und u (Heist. uy) anderer- 



1) Häufiger als vuiji ist im Slovinzischen das nach stnli umgeformte vkK. 
Ebenso hat >•;/,(«« neben sich das nach stAna gebildete vinu. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sorachen. 47 

seits beweisen, dass es sich bei dem postkonsonantischen v um die 
Kückverwandlung eines w, nicht um die ungestörte Erhaltung des labio- 
dentalen V handelt. Da könnte man nun annehmen wollen , dass das 
Gleiche auch im Slovinzischen eingetreten sei , dass also auch hier ein- 
mal das w vor 0- und -w-Lauten bestanden habe , aber später wieder in 
V übergegangen sei. Dadurch würde dieser Punkt als unterscheidendes 
Merkmal des Slovinzischen und Kaschubischen hinfällig werden. 

Es lässt sich jedoch als ziemlich wahrscheinlich erweisen, dass das 
Slovinzische den kaschubischen Lautwandel von v zu tu niemals besessen 
bat. Bei der Verbindung der Präposition v (urslav. v^) mit einem mit tv 
anlautenden Wort schwindet nämlich im Kaschubischen das w z. B. ur- 
slav. *v^ vode kasch. vos^e (kabatk. vißedzä Heist. vuedze)^ urslav. 
*üö oci: kasch. v cece (kabatk. vuiect Heist. vuece). Im Slovinzischen 
dagegen bleibt das anlautende v^ die Präposition tritt dann in der Gestalt 
ve auf z. B. ve-vödzä, ve-vöci. Leider gibt es keine isolirt stehenden 
Fälle, durch welche jeder Zweifel beseitigt werden könnte. 

3. Im Kaschubischen ist das im Silbenauslaut stehende v überall 
als Spiranten erhalten, im Slovinzischen ist es dagegen in vielen Fällen 
in einen Halbvokal übergegangen. Es kommen hier folgende Einzelfälle 
in Betracht. 

a. Nach langem a ist jedes v, sowohl das aus urslav. vo wie das 
aus vb entstandene, zu ^^/ geworden, der hierdurch entstandene Diph- 
thong äu ist dann weiter in 6ü übergegangen z.B. urslav. *stav^: slov. 
sto'k kasch, stöv, urslav. *2)otravi: slov. püötrö'ü kasch. pce fr öv, ur- 
slav. */azj^^-a: slov. lu'ükä ksLSch. iövka, in's\3iv.*k)'avhc'b: slov. kro'üc 
kasch. krövc^ utsIsly. ^pravbda: slov. pro'udä kasch. pro vda, urslav. 
*zeravjh: slov. züörö'il kasch. zoröv. 

b. Nach langem ist das aus urslav. v^ entstandene v zu u ge- 
worden, der so entstandene Diphthong 5m ist geblieben und demnach 
mit einfachem langen ö, welches ebenfalls in du übergegangen ist, zu- 
sammengefallen z.B. urslav. *rovi: slov. rhu kasch. rov., urslav. *X;or^;^^•a : 
slov. kröuka kasch. krövka^ urslav. ^zagolv^kh: slov. zäglöuk kasch. 
zogibvk. Dagegen ist das aus urslav. vh entstandene v nach langem ö 
als Spirant geblieben z.B. ViXsXav. *govhno: slov. gömiiö kasch. gövno., 
urslav. *orbs^ : slov. vöufs kasch. wovs. Wie auslautendes öv behan- 
delt ist, ist nicht ganz klar. Formen wie vjerglöu pflslöu neben vjer- 
gliwvje pHsluövJe können nicht viel beweisen, da der Plur. vjerglu'qva 
prisliiöva heisst. Das einzige wirklich in Betracht zu ziehende Wort 



48 F- Lorentz, 

ist nralav. *oIovh, dem oslov. vuölöi wslov. vüölöu entspricht. Ich hatte 
letzteres für die lautgesetzliche Form, in vu'gloi sehe ich ein mit dem/ 
der obliquen Kasus von neuem versehenes ^vnölduj. 

c. Nach langem ü ist v in 7i übergegangen , doch ist dies nur bei 
einigen Fremdwörtern nachweisbar z. B. sluu Gen. Plur. zu slüvä, hüu 
Gen. PI. zu huvä. 

d. Nach den kurzen e und o ist das aus urslav. vb entstandene 6 
im Silbenauslaut zu i geworden, ei und oi sind dann in ei und öj 
übergegangen z.B.\iYs\siv.*korl/ev'bskh: sloY.kröUistjl kasch. krölevsci, 
urslav. *korljevhstvo : slov. kröleistvö kasch. krdlevsfww, urslav. *kz?i^- 
dzevshk^: slov. ksqzlisfjl kasch. ksq;^evsct, urslav, *k^nedzevhstvo: 
slov. ksqzhistvö kasch. ksq:^evstwcß^ x^\'i\2i^v.*zidovhsk^'. slov. zädo'i^sfjl 
kasch. zedovscl ux^XsiV.^zidovhstvo: slov. zädo'istvö kasch. zedovstwoe. 

e. Das durch den Schwund eines i in den Silbenauslaut gekommene 
ü ist zu i geworden in folgenden Fällen. 

a. In der Endung -a?5eca: hördcdca serb. bradavica, pjlväicä vgl. 
russ. nineuna, rhke'ica poln. rekawica^ nuöge'ica poln. nogawica. 

ß. In der Endung -ovica: jalo'ica poln. Jaloioica, pölo'ica poln. 
poioicica. 

y. In den patronymischen Suffixen -emtjh -ovitjh : Vqdreic, Pav- 
Ib'ic. 

d. In der Endung -ovihce: gröbo'iscö ksisch. grohoevisce, tärgo'iscö 
kasch. targoevisce. 

e. In der Endung -ovina -ovizna: kreptb'inä, hüko-iztiii. 

'C. In dem Ortsnamen Sto'icänö »Stohentin« kabatk. Stövj]icänd 
»Stojentin«. 

Von dieser Vertretung des urslav. vi durch i finden sich auch im 
Kaschubischen Spuren. Allerdings ist auf die von Ramult angeführten 
Appellativa wie rqkajca nogajca grohb'sce nicht viel zu geben, da diese 
bei Ramuit's Schweigen über die Herkunft seiner Wörter vielleicht aus 
dem Slovinzischen stammen — im Kabatkischen heisst es o-qkaica nüq- 
gaicXi und rakafcä nüogafca — , in einigen Familien- und Ortsnamen- 
ist aber ?" für vi aufbewahrt. An hierher gehörigen Familiennamen sind 

' k - . .'17. 

zu nennen kabatk. <S'67e^o?/wrr/c Kam. Jostojc Scepkcajcj an Ortsnamen: 

kabatk. Scipkucicä »Zipkow« (Kr. Stolp), Gardkcrjce »Gardkewitz« 
(Kr. Lauenburg), Janojce »Jannewitz« (ebd.), Krqpkocjce »Krampke- 
witz« (ebd.), Redkoej'ce »Rettkewitz« (ebd.), Lqtojce »Lankewitz« (Kr. 
Patzig), Mink(jpjre »Menkewitz« (ebd.), BJeska-jce »Bieschkowitz« 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 49 

(Kr. Neustadt) , Pqtkoejce » Pentkowitz « (ebd.), Serakoejce »Sierako- 
witz« (Kr. Kartbaus), Goeckcejce Goedkopjce »Götzendorf« (Kr. Konitz). 
Wir finden demnach hier wieder ein dem Polnischen fremdes Lautgesetz, 
welches im Siovinzischen klar erhalten ist, in den übrigen Dialekten 
aber nur Spuren hinterlassen hat. 

4. Das Kaschubische hat in der grössten Zahl seiner Dialekte den 
Unterschied von l und i erhalten, nur das Bylakische hat ihn aufge- 
geben. Auch im Siovinzischen ist l und l zusammengefallen, jedocb ist 
das antekonsonantische /, soweit es keine Umstellung erfahren hat, als 
/ geblieben und weiter in u übergegangen, im Bylakischen ist auch dies 
i durch / vertreten z. B. urslav. *lech : slov. löut kasch. loci (kabatk. 
lebakasch. löiit Heist. löt)^ urslav. *laka: slov. lötika kasch. ioka (ka- 
batk. uöuka lebakasch. uöy^ka Heist. /oA-a), urslav. *vblua: slov. ob'hnä 
kasch. vehia (kabatk. väuna Heist. völna). 

Das slov. dvöiitö sammt den Ableitungen dvmitäc dvöutuövac 
dvdutuovl, welcher für das ursprüngliche l ein v aufweist, ist Lehnwort 
aus dem kabatk. duöiitö. Es findet sich nur im Dialekt der Klucken, 
deren Bewohner mit den kabatkischen Bewohnern von Giesebitz und 
Fuchsberg einen regen Verkehr haben. Sonst ist *didto im Siovin- 
zischen nicht vorhanden, dafür wird das aus dem Deutschen entlehnte 
dersläx gebraucht, das übrigens auch dem Kluckener Dialekt nicht 
fremd ist^). 

In einigen mit 2^oh zusammengesetzten Wörtern tritt dies in der 
Form pöü- auf. Es sind dies die Brnchzahlwörter pb'üiöt^ä pö-ütüorä, 
pb'ütrecä pö'üfHecä u. s. w. (es kommen beide Betonungen vor), ferner 
pö-üku'osi'jt poln. pölkoszek und po-ünä poln. poludnie^ das letztere 
zeigt auch im gesammten Kaschubischen dieselbe Entwicklung: peine 
i^dihsitk. pännä'H.tht. polnö), die Bruchzahlwörter auch im Kabatkischen 
päiitdrä päutrecä u. s. w. Wie diese Behandlung des poh zu erklären 
ist, entgeht mir. 

5. Innerhalb der Flexion findet sieb eine bemerkenswerthe Ver- 
schiedenheit zwischen dem Siovinzischen und dem Kaschubischen nur 
bei den Verben mit dem Präsens auf -ttj'n. Während hier die Fonnen 
des Kaschubischen genau mit denen der übrigen slavischen Sprachen 
übereinstimmen, bildet das Slovinzische den Imper. und das flectirbare 

1) Unerklärlich ist mir das Verhältniss von slov. yruu yruvä zu dem 
gleichbedeutenden grul bei Pobiocki. Ein Gegensatz von i und l findet sich 
bei slov. ymlä, Gen. Plur. yriul (d. i. *yrela) neben Ramutt's grela. 

Archiv für slavisclie Philologie. XXIV. 4 



50 F. Lorentz, 

Part. Prs. stets, deulnf., das Prät., das Part. Prät. und das Verbalsubst. 
gewöhnlich von einem Stamme auf -a-, welcher in den präsentischen 
Formen durch -je-, in den ausserpräsentischen Formen durch -ja- er- 
weitert ist, jedoch tritt das ausserpräsentische -aja- nur in der kontra- 
hirten Form -a- auf. Diese Verba haben demnach im Slovinzischen 
folgende Flexion : 

Praes. dartijq dai'üj^h u. s. w. 

Imp. darö'ü dZirö'mn'd dUrö-ücä. 

Part. Praes. darajötict daröuc'i. 

Gerund, darüjouc'd. 

Inf. darUc und dar'mvac. 

Prt. daroül -rU -räll und darüöcö'id -rödü -ru'ovall. 

Part. Prt. daröum und daröviby/m. 

Vbsbst. dann'ie und darövqne. 

Die längereu, mit denen der übrigen slavischen Sprachen überein- 
stimmenden Bildungen der ausserpräsentischen Formen finden sich nur 
im Kluckener und im Virchenziner , den beiden südlichsten, an das 
Kabatkische angrenzenden Dialekten, die kürzeren Bildungen sind 
überall vorhanden. 

lieber die Entstehung der a-Formen habe ich im K. Z. XXXVII 
331 flf. gehandelt, hier sei nur so viel bemerkt, dass sie aller Wahr- 
scheinlichkeit nach von den Iterativen ausgegangen sind. Ausserhalb 
des Slovinzischen finden sie sich, wie a. a. 0. ausgeführt ist, nur noch 
im Polabischen wieder, welches jedoch keine Spur des -oüa-|-e<-Stamme3 
mehr besitzt. Wie die Mischung dieses Stammes mit dem a-Stamm im 
Slovinzischen zu erklären ist, ist mir dunkel. 

6. Innerhalb der Wortbildung ist mir ebenfalls nur ein Punkt be- 
kannt, in dem sich das Slovinzische vom Kaschubischen, soweit ich 
dasselbe aus eigener Anschauung kenne, unterscheidet, nämlich in der 
Bildung des Komparativs der Adjektiva. Das Kaschubische bildet 
diesen, so weit es nicht das Suffix -sl aus urslav, -hsh verwendet, mittels 
des Suffixes -(j^'i, welches auf urslav. -üjhsh zurückzuführen ist. Nach 
Ramult Slownik S. XXXIII Nr. 14 soll diesem -^'«oder-ei^ entsprechen, 
die von ihm angeführten Komparative haben alle die Form -esl. Wie 
wir jedoch oben gesehen haben, ist die Darstellung der c-Laute, be- 
.sonders des c und r), bei Kamult im höchsten Grade unzuverlässig. Da 
nun die mir bekannten Dialekte, das Kabatkische, Lebakaschubische, 
Heisternestische uuil der nördliche Theil des Südkascliubischeu, ferner 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 51 

der von Cejnowa beschriebene Dialekt der Zarnowitzer Kämpe nur -lu'fil 
Laben und auch Brouisch in seiner Darstellung der von ihm erforschten 
Dialekte nirgends das Vorhandensein eines -esl andeutet, zweifle ich, 
dass irgend ein kaschubischer Dialekt das -est wirklich besitzt. Dass 
ein -esl existiren kann, ist nicht zu bestreiten, dies kann aus -ejsl ent- 
standen sein, ein -est aber nicht. 

Ausserhalb des Kaschubischen ist jedoch ein Suffix -est vorhanden, 
nämlich im Slovinzischen. Hier lautet das Komparativsuffix -i§st^ dies 
kann aber nicht auf urslav, -ejbhb zurückgeführt werden, aus dem nur 
slov. -eist (vgl. zltwdzeijca aus urslav. ^ zhlodejhka] oder -^tsl (vgl. zlö- 
dzhistcö aus urslav. *z^lodeJ'bstvo] hätte entstehen können. Als ursla- 
vische Form dieses Suffixes muss -esh angesetzt werden, -esh, welches 
ebenfalls zu slov. -iesl geführt hätte, ist wegen des Polabischen nicht 
zulässig, da das hier auftretende Suffix, wie ich K. Z. XXXVII 329 ff. 
ausgeführt habe, als -esi anzusetzen ist und ein -esb zu -isi geführt 
hätte. Es ist dies also ein zweiter Punkt, in dem Slovinzisch und Pola- 
bisch dem Kaschubischen gegenüber übereinstimmen i). 

K'L Hsyyeniio KamyöcKHX'L roBopoBX S. 4 f. nennt Mikkola noch 
mehrere oben nicht erwähnte Punkte als Eigenthümlichkeiten des Slo- 
vinzischen : die Entwicklung des urslav. dz^ des langen «, die Nasa- 
lirung des a und die Behandlung der Gruppe dn. 

Das urslav. dz, sowohl das vor e i als das nach palatalen Vokalen 
nach Baudouin's Gesetz aus g entstandene, ist im Slovinzischen durch 
z vertreten z. B. dfiiözä kasch. Heist. drodzc urslav. *dordze, ksqzü 
kasch. Heist. ksqdza urslav. *kbnedza. Dasselbe Gesetz kennt aber 
auch das dem Slovinzischen benachbarte Kabatkische: drüozil, /csqzä, 
es kann demnach nicht als Eigenthümlichkeit des Slovinzischen ange- 
sehen werden. 

Nicht eingetreten ist diese Entwicklung natürlich in der Verbin- 
dung zdz : wjäuzdzii röuzdzä, auch macht der Nom. Sing, ksöuc eine 
Ausnahme: hier war das auslautende dz schon schon stumm geworden, 
als der Uebergang zu z erfolgte. Ferner ist der Lautwandel unterblie- 
ben bei pjiu dzä pßenvdz'd^ dessen dz mir dunkel ist. 

1) Eigenthümlich ist es, dass das Polabische die Zahl 30 durch /JwV/owpy, 
das Slovinzische durch 2^öiilk'uöpii, das Kaschubische durch pöukuiepü aus- 
drücken. Auch dem polab. pqtstigc stellt das Slovinzische ^y?«c stiH neben 
stüö gegenüber. Die übrigen Dekadenzahlen (ausser 20) drückt das Slovin- 
zische immer, das Kabatkische gewöhnlich durch Zusammensetzungen aus. 

4* 



52 F. Lorentz, 

Die Vertretuug des langen a durch au ä ist nicht für das Slovin- 
zische charakteristisch, sie findet sich auch im Kabatkischen und Leba- 
kaschubischen. Ebensowenig kommt die Nasalirung des betonten a vor 
Nasalen (nur betontes a tritt hier als q auf, unbetontes ist reines a ge- 
blieben) in Betracht, da sie in den verschiedensten kaschubischen Dia- 
lekten nachzuweisen ist. 

Der Schwund des d vor 7i scheint allerdings dem Slovinzischen 
eigenthümlich zu sein. Er ßndet sich in folgenden Fällen: glörä poln. 
giodnxj ^ ylöni poln. chlodny ^ mjen'i poln. miodny^ ströiml kasch. 
strödny^), Jana ^oln. j'edna, zöiind poln. zadna^ stäna poln. studnia^ 
prem pre?il ]^o\n. przedni , slenl slenl t^oXü. sledni ^ vestreni vestrenl 
poln. kredni, po'im'd poln. poludnie, vielleicht auch c'anl neben dem 
nach cüt neugebildeten cüdm, ferner in den Gruppen rdn und zdn: vö- 
gdrmJi. poln. ogrodnik, Garndu vgl. gardzlnsfjl aus ^gordhnhskh^ 
pöuzrä kasch. pcezdno ; die wr/-Verben shiöu c standii c fj'inou c pqnq 
hatten vielleicht schon seit urslavischer Zeit kein d. 

Daneben ist nun aber dn in vielen Fällen erhalten. Die Gruppen 
zdn und rdn scheinen es allerdings immer ausgestossen zu haben, die 
hier auftretenden Ausnahmen — vöhßezdni Adj. zu Vöhjäzda »Wo- 
besde«,y^e2:c?w^. vögllrchn u. a. — sind leicht zu erklären. Auch die 
Gruppe stn [rtn ist nicht nachzuweisen) hat das t verstummen lassen: 
jlsnl poln. istny^ cesnl urslav. *chsfhno, die Ausnahmen wie redöüsiul 
zaluöstnl erklären sich leicht durch Wiederherstellung des t. Es heisst 
aber auch, von zahlreichen von «f-Stämmen abgeleiteten Adjektiven auf 
-f/m abgesehen, /)rec?/<^ sled/ü vestredni Icuhd und diese, besonders ladni, 
welches vollständig isolirt steht, hindern mich, den Uebergang von dti 
zu n als allgemein gültiges Lautgesetz des Slovinzischen aufzustellen. 
Vielleicht findet sich auch noch für diese Ausnahmen eine Erklärung 
und der Schwund des d vor Ji wäre dann den Punkten, welches das 
Slovinzische vom Kaschubischen unterscheiden, hinzuzufügen. 

Durch die besprochenen Punkte wird bewiesen , dass das Slovin- 
zische kein blosser kaschubischer Dialekt, wie das Kabatkische, Byla- 
kische u. s. w. sein kann. Das Slovinzische ist vielmehr der letzte Rest 
einer neben dem Kaschubischen stehenden , in mancher Beziehung sich 
näher an das Polabische anschliessenden Sprache. Die Trennung von 



^) Hiernach ist also der Schwund des d vor w älter als der Uebergang 
des langen a in öti vor Nasalen. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 53 

Slovinzisch und Kaschubisch ist nicht, wie man wohl vermuthen könnte, 
durch äussere, aus einer politischen Theilung herrührende Gründe ver- 
anlasst: seit dem Jahre 130S war der Stolper Kreis mit Ausnahme einer 
kurzen Zeit, während der er dem deutschen Orden verpfändet war, von 
dem eigentlichen Kaschubenlaude getrennt, die im Stolper Kreise 
wohnenden Kabatken gehören gleichwohl sprachlich zu den Kaschnben. 
Slovinzen und Kaschuben sind als zwei besondere Stämme anzusehen, ihre 
Grenze bildete und bildet heute noch der Pustinkebach, welcher in 
seinem Oberlauf durch einen ziemlich unwegsamen Wald , in seinem 
Unterlauf durch ein weites Sumpfgebiet führt. Dies ist heute die Sprach- 
grenze, dies wird auch die alte Stammesgrenze sein. 

2. Nord- und Stidkaschubisch. 

Das Kaschubische theilt Ramult Slownik S. XXX f. in drei Haupt- 
dialekte, das Nordkaschubische, das Mittelkaschubische und das Süd- 
kaschubische. Zum Nordkaschubischen rechnet er das Slovinzische, 
welches, wie wir oben gesehen haben, ganz auszuscheiden ist, das Kabat- 
kische und Lebakaschubische, die Sprache der Zarnowitzer Kämpe und 
das Bylakische. Dem Mittelkaschubischen weist er die Dialekte des 
südlichen Theils des Putziger Kreises, des ganzen Neustädter und 
Karthäuser Kreises und des kaschubischen Theils des Danziger Kreises 
zu. Das Südkaschubische endlich findet er im Bütower, Berenter, 
Schlochauer und Konitzer Kreise. 

Als Grund für seine Eintheilung nimmt Ramuit die Gestalt, in der 
die erweichten h g erscheinen. Im Nordkaschubischen treten diese 
Laute hauptsächlich ij dj\ daneben auch als kj gj und c ^' auf, im 
Mittelkaschubischen erscheinen sie als cj c, g/ g', im Südkaschubischen 
als c g, daneben auch als fj dj und hj gj. 

Dies Eintheilungsprincip ist so ziemlich das unglücklichste, wel- 
ches Ramult überhaupt wählen konnte. Die erweichten k g sind bis 
jetzt nur in sehr wenig Dialekten auf dem Endpunkt ihrer Entwicklung 
augelangt, in vielen Dialekten schwanken sie ganz beträchtlich. Ein 
klassisches Beispiel liefert hier der Heisternester Dialekt: die ältere 
Generation spricht noch ky^ gj und t% dj^)^ die jüngere hat den Wandel 
zu c dz vollzogen. Dieselben Laute habe ich in verschiedenen Gegen- 



1) Phonetisch richtiger würden diese Laute durch Hx (ij und i'x d'j dar- 
gestellt, da sie durchaus weich sind. 



54 F. Lorentz, 

den des Karthäuser Kreises von einer und derselben Person gehört. Im 
Kabatkischen hat das Dorf Giesebitz ij und dj^ die südöstlichen Dörfer 
aber c und ^. Bei diesen Lauten ist noch alles im Fluss, als Grundlage 
ftir eine dialektische Eintheilung sind sie nicht zu verwenden. 

Nicht besser ist es mit den übrigen von Ramult angeführten Ver- 
schiedenheiten bestellt. Die Genitivendung -u z.B., welche Ramult nur 
dem Südkaschubischen zuschreibt, Laben auch die Dialekte im südlichen 
Theil des Karthäuser Kreises sowie das Slovinzische, Kabatkische und 
Lebakaschubische, das südkasch. -om für -o kommt auch im Karthäuser 
Kreise vor, die 1 . Sing. Prs. auf -bm hat auch das Bylakische der Ox- 
höfter Kämpe u. s. w. Unter allem diesen ist nichts, welches einen der 
Dialekte wirklich von den andern beiden abgrenzt. 

Richtiger scheint mir die Einteilung zu sein, welche Biskupski Bei- 
träge zur slavischen Dialektologie I S. 3 gibt. Er unterscheidet zwei 
Hauptmundarten: das Nordkaschubische und das Südkaschubische. Zum 
Nordkaschubischen rechnet er die pommerschen und die Dialekte des 
Putziger, Xeustädter und des nördlichen Theils des Karthäuser Kreises, 
zum Südkaschubischen die des südlichen Theils des Karthäuser Kreises 
und der weiter südlich liegenden Gegenden, die Grenze zwischen beiden 
scheint er über den Ort Karthaus selbst zu ziehen. 

Ohne behaupten zu wollen, dass Biskupski in allen Einzelheiten 
recht hat (die weitere Eintheilung der beiden Hauptmundarten in Unter- 
dialekte ist jedenfalls stark zu modificiren], halte ich die Einteilung in 
zwei Gruppen und deren Vertheilung im Allgemeinen für richtig. Die 
Grenzlinie beider wird da zu ziehen sein, wo der freie Accent in den 
gebundeneu übergeht. Es ist zu erwarten, dass dieser Uebergang sich 
nicht schroff, sondern sehr allmählich vollzieht — man beachte z. B. das 
allmähliche Schwinden der Endbetonung im BN^lakischen, welches schon 
in dem auf der Halbinsel Heia liegenden Ceyuowa beginnt, im Dialekt 
der Schwarzauer Kämpe stärker wird und in dem der Oxhöfter Kämpe 
vollständig durchgeführt ist — , es werden sich demnach Uebergangs- 
dialekte finden, deren genaue Stellung zu den beiden Hauptmundarten 
dann nach andern Eigenthümlichkeiteu bestimmt werden muss. Im All- 
gemeinen scheint mir die Grenzlinie innerhalb des Karthäuser Kreises 
zu liegen , genaueres kann ich der mangelhaften Kenntniss der Einzel- 
dialekte wegen leider nicht augeben. 

Oben haben wir gesehen, dass manche von den Eigenthümlich- 
keiteu, welche im Slovinzischen und den kaschubischen Dialekten Pom- 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechisehen Sprachen. 55 

merns scharf ausgeprägt, in den von Cejnowa und ßamuit bearbeiteten 
Dialekten und dem Bylakischen schon weniger verbreitet sind, dem Süd- 
kaschubischen ganz oder fast ganz fehlen , z. B. das Auftreten der 
e- Vokale für urslav. e, die Konsonantenerweichung vor dem entpalatali- 
sirten hr, die Vertretung von or durch ar u. a. Auch sonst finden sich 
öfters Differenzen, in denen das Südkaschubische dem Nordkaschubi- 
schen gegenüber auf dem Standpunkt des Polnischen steht. Diese 
Punkte haben wir jetzt zu besprechen. 

a. Die Erweichung der Gutturalen. Im Slovinzischen , Kabat- 
kischen und Lebakaschubischen sind k g ch vor sämmtlichen sekun- 
dären e- und e- Vokalen erweicht z. B. slov. i'jinoiic urslav. *kynqtb, 
slov. tjidäc urslav. ^Jcydath, slov. kabatk. tafji^ urslav. '^takvjh, slov. 
kabatk. t'fier urslav. ^k'orjh^ slov. kabatk. tat'je urslav. *takoje^ slov. 
kabatk. d'jihac urslav. ^gyhath, slov. d'jTiioiic urslav. '^gynqtb, slov. 
kabatk. nadjl \\x%\2.\.'^nag%j'h^ slov. kabatk. 7iadje uvs\a,y.*nagoje, slov. 
Idßet kabatk. vdjiet urslav. '^log^to^ slov. kabatk. cqdjel urslav. ^qgh, 
slov. kabatk. yjdäc urslav. *chylatb, slov. kabatk. lüyj urslav. */ecÄ^yt, 
slov. kabatk. fö'/'e urslav. *lichoje, slov. kabatk. märxPf UTs\a.Y.*m7jr- 
chovh, slov.kabatk. vjv/j'r urslav.*ü/c7i!r'&, nur dem slov. y\c'd steht kabatk. 
yac'd gegenüber. Die Erweichung von k g hat das gesammte Kaschu- 
bisch , die Erweichung von cli findet sich nur noch im Xordkaschubischen 
und zwar im Heisternester Dialekt vor suffixalem -y z. B. muysi, gresi 
und beweglichem oder eingeschobenen e z. B. märsf'^^öf, vis^ör^ kuys'^ön^ 
Ramuit hat die Erweichung des ch nur bei maryjev und viyjer. Das 
Südkaschubische stimmt hier wieder genau mit dem Polnischen überein, 
welches auf der einen Seite ki, gi^ kie, gie, auf der andern chy, che 
aufweist, während die pommerschen Dialekte und ursprünglich auch die 
übrigen nordkaschubischen in üebereinstimmung mit dem Polabischen 
stehen. Auch hier beobachten wir wieder das Zurückweichen der 
kaschubischen Entwicklung vor der polnischen. 

b. Die Entwicklung des urslav. dj. 

Im Polnischen ist das urslav. dj bekanntlich durch dz vertreten, im 
Slovinzisch-Kaschubischen finden wir dafür z, dz und dz. 

z als Vertreter des urslav. dJ haben die pommerschen Dialekte in 
allen isolirt stehenden Wörtern z. B. cüz'i poln. cudzy, 7nj\ezä^ poln. 
miedza, mjiza^) poln. mießzy, nqzä poln. nedza, säzä poln. sadza, saus 



1, Das von Mikkola angeführte slov. mßdzä gibt es nicht. 



56 F. Lorentz, 

poln. sadz u, s. w. ßamuit bietet z meistens als Variante neben ^ z. B. 
wjeza und m,)e:s^a, nqza und nqz^a, doch hat er nur cezl (geschr. cezi). 
Ebenso hat auch das Bylakische bald z bald dz z. B. Jtza ^oXn.Jeßza, 
niize poln. miqdzy^ aber tiqdza, mödze, nur cezS hat nie ein dz. Das 
Stidkaschnbische hat mit z nur cezl. 

dz ist der alleinige Vertreter des urslav. dj im Südkaschubischen 
ausser in dem genannten cezl. Im Nordkaschubischen Westpreussens 
ist es neben z sehr verbreitet, es scheint fast dasselbe zu überwiegen und 
fehlt nur dem cezl. Die 1. Sing. u. s. w. der ^-Verba hat nur dz. Im 
Nordkaschubischen Pommerns findet es sich ausschliesslich in dem zu- 
letzt genannten Fall. 

dz kommt nur im Slovinzischen und Kabatkischen vor in der 1 . Sing. 
u. s. w. gewisser {-Verba: slov. blötidzq, bruödzcf, gärdzq, zgärdzq, 
gluodzq^ gu'odzq^ yiluödzq, %uödzq, vädzq, kabatk. yuiedzq, zgdrdzq, 
zgiii^dzq, auch für (/'tritt hier c auf: s\ov. xvdticq, kröucq.^ varcq^ kabatk. 
Xväucq, bei diesem auch in andern Bildungen: -Jcrqcac^ -värctic, celacl, 
särüöcl u. a. Wie dies c dz zu erklären ist, weiss ich nicht. 

Sehen wir von cezl ab, auf das man kein grosses Gewicht legen 
darf, da eine Dissimilation aus *ceg^ angenommen werden kann, so hat 
das Stidkaschnbische dem Polnischen entsprechend nur dz^ das west- 
preussische Nordkaschubisch hat z und dz neben einander und das pom- 
mersche Nordkaschubisch hat nur s, die hier auftretenden dz stammen 
aus andern Formen , in denen dies lautgesetzlich ist. Hiernach kann 
als echtkaschubische Vertretung des urslav. dJ nur z gelten : wieder ist 
aber wie so oft die echtkaschubische Vertretung von der polnischen 
zurückgedrängt, das Stidkaschnbische hat nur die polnische Vertretung. 

c. Der üebergang der erweichten r zu r ist im Stidkaschubischen 
nach denselben Gesetzen wie im Polnischen eingetreten. Im Nord- 
kaschubischen ist der Umfang des r grösser: postkonsonantisches rh ist 
immer, postvokalisches vor ??, c, /, nach Ramult auch vor c (mir sind 
keine Beispiele mit der Lautfolge -rhJi- begegnet) zu r geworden. Doch 
scheinen auch hier die einzelnen Dialekte von einander abzuweichen, 
und da hier eine eingehende Kenntniss derselben erforderlich wäre, 
verlohnt es sich nicht, genauer auf diesen Punkt einzugehen. Wichtig 
ist für uns, dass das Stidkaschubische mit dem Polnischen überein- 
stimmt, während das Nordkaschubische dem r einen weiteren Bereich 
einräumt. 

d. Die Endung des Instr. Sing. Mask. und Neutr. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 57 

Das Polnische hat als Endung des Instr. Sing. Mask. und Neutr. 
-ew?, nach k g -iem, ebenso das Südkaschubische. Das Nordkaschubi- 
sche hat dagegen die Endung q. Ramuit spricht allerdings von einer 
Endung -e, deren wirkliches Vorhandensein ich jedoch bezweifle. Das 
pommersche Kaschubisch kennt nur -q , Cejnowa macht nirgends eine 
Andeutung, dass die Endung des Instr. -c von dem sonstigen -e (wie er 
den Laut <( schreibt) verschieden sei, der Heisternester Dialekt hat -0, 
welches älteres -q voraussetzt, und auch den übrigen von Bronisch be- 
arbeiteten Dialekten scheint Ramuit's -e unbekannt zu sein. Ich halte da- 
nach den Laut der Instrumentalendung für identisch mit dem sonstigen q. 

lieber den Ursprung dieses -q habe ich ausführlich K. Z. XXXVII 
334 flf. gehandelt, ich will hier nur so viel bemerken, dass ich dasselbe 
nicht aus urslav. -^tmi herleiten kann, sondern für urslav. -q, die echte 
sonst allerdings nicht nachweisbare Endung der o-Stämme halte. Wie 
dem aber auch sein mag: für uns ist es wichtig, dass hier wieder das 
Südkaschubische mit dem Polnischen übereinstimmt, das Nordkaschu- 
bische aber abweicht. 

e. Die Genitivendung der pronominalen Deklination. 

In der pronominalen Deklination hat das Südkaschubische und ein 
Theil des Nordkaschubischen dieselbe Genitivendung wie das Polnische : 
kasch. -gce poln. go. Das übrige Nordkaschubische hat eine durch tv 
oder h charakterisirte Endung: -icce -I/o, und zwar haben -wce das Kabat- 
kische, Lebakaschubische und Bylakische, -ho der Dialekt der Zarno- 
witzer Kämpe. Eine dritte Form dieser Endung bietet da sSlovinzische: 
-fa, dasselbe ist wahrscheinlich durch eine Reihe von Neubildungen 
[-V0 ist nach der nominalen Deklination in -va umgeändert, aus *düö- 
hreva *teva ist dann dköbrä tä entstanden und nach diesen dann -va 
in vä umgewandelt) aus -vo herzuleiten. Ob das h von -Jio als wirk- 
licher Sprachlaut anzusehen ist, ist mir nicht klar. Das intervokalische 
tu wird häufig mit schwacher Artikulation gesprochen , so dass es kaum 
hörbar ist. Da wäre es denkbar, dass das durch keinen etymologischen 
Anhalt gestützte w der Endung -woa in einen /'-ähnlichen Laut über- 
gegangen ist. Jedenfalls berechtigt uns dies -ho nicht, ein ursprüng- 
liches -yo anzusetzen. 

Das kasch. -icce findet nur in dem russ. -vo (geschr. -lo) eine An- 
knüpfung, Beide aus urslav. -go herzuleiten halte ich nicht für möglich. 
Da aber auch -go bisher noch keine Aufklärung gefunden hat, wäre es 
falsch anzunehmen, dass beide Endungen notwendig identisch sein müssen. 



58 F. Lorentz, 

Es stimmt also auch in diesem Falle das Südkaschubische, wozu 
sich hier noch ein Theil des Nordkaschubischen gesellt, mit dem Polni- 
schen überein, während das übrige Nordkaschubiscbe und das Slovin- 
zische abweichen. 

f. Die Bildung des Imperativs. 

In der Bildung des Imperativs gehen das Nordkaschubiscbe und 
das Südkaschubische auseinander. Das Nordkaschubiscbe hat in allen 
Formen den stammbildenden Vokal, das Südkaschubische hat denselben 
nur bei den auf mehrfache Konsonanz auslautenden Stämmen, bei den 
auf einen einfachen Konsonanten ausgehenden fügt es die Endungen 
unmittelbar an den Stamm. Es gleicht hierin also dem Polnischen. 

Die Form des Imperativsuffixes war im Urslavischen im Sing, e, 
im Plur. und Dual bei den mit einem y-Suffix gebildeten Präsensstämmen 
i, sonst e. Das e ist im Polnischen und Kaschubischen aufgegeben und 
durch i ersetzt. Das Altpolnische hatte noch i y, das Neupoluische hat 
diese durch ij yj ersetzt, doch bat sich dialektisch das i erhalten. 
Das Kaschubische hat in allen Formen nach weichen Konsonanten ^, 
nach harten e. Bronisch führt allerdings aus dem Heisternester Dialekt 
zhii cdrpsii spsli an, ich habe jedoch nur ivi ch'psl spsi gehört, was 
auch die übrigen Dialekte aufweisen. 

Wieder stimmen also das Polnische uud Südkaschiibische überein, 
das Nordkaschubiscbe aber weicht ab. 

g. Das Präsens der sekundären a-Verba. 

Die sekundären a-Verba bilden in der polnischen Schriftsprache 
nur ein athematisches Präsens: -avi -asz -a u. s. w. Ebenso ist es im 
Südkaschubischen und in einigen nordkaschubischen Dialekten, z. B. 
dem der Oxhöfter und dem /-Dialekt der Putziger Kämpe. Dass es sich 
hier um eine echte athematische Bildung und nicht um eine Kontraktion 
von -aje- zu -a- handelt, beweist das Kaschubische, wo immer neben 
einem -hm der 1. Sing, in der 1. Plur. und 1. Dual, -öme -oma steht, 
während ein in diesen Formen auftretendes -owJ -oma in der 1. Sing, 
ein -aj'a neben sich hat. Nur die 3. Plur. wird überall auf -ajo^ also 
nach Art der y-Präsentia gebildet, dies ist aber auch im Polnischen 
der Fall. 

Das Nordkaschubiscbe und das Sloviuzische kennen ausser in einigen 
südlichen Dialekten die athematische Präsensbildung nicht. Sie bilden 
ein y-Präsens, die 1. Sing, und 3. Plur. gehen auf -ajq -ajg aus (im 
Slovinzischen und Kabatkischen ist Kontraktion zu -(i -du eingetreten). 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 59 

in den übrigen Formen ist das -aje- in -6- zusammengezogen. Aus dem 
Altpolnischen ist diese Bildung ebenfalls bezeugt und auch heute noch 
ist sie dialektisch vorhanden. 

Es trennen sich demnach auch hier im Allgemeinen Nordkaschu- 
bisch und Südkaschubisch, das letztere stimmt wieder zur polnischen 
Schriftsprache. 

h. Der Gebrauch der Suffixe -isko und -isce. 

Dem polnischen Suffix -isko in allen seinen Gebrauchsweisen stellt 
das Kaschubiscbe -isko und -übe gegenüber. Nach Kamult's Slownik 
scheint es, als ob beide Suffixformen in denselben Dialekten üblich sind, 
nach meinen Beobachtungen hat jedoch nur das Südkaschubische -isko^ 
das Nordkaschubische und das Slovinzische aber nur -isce^ nur -hsko ist 
hier in einigen Fällen (z. B. slov. büpskö zielskö) nachzuweisen. Zu 
beachten ist, dass aus dem Polabischen nur die Form -isce (polab. -aiste 
-aist) aufbewahrt ist: ein -isko wird demnach hier ebenso wenig, wie im 
Slovinzischen und Xordkaschubischen vorhanden gewesen sein. 

Es trennen sich also auch hier wieder Nordkaschubisch und Süd- 
kaschubisch, dies stimmt zur polnischen Schriftsprache, jenes zum Slo- 
vinzischen und Polabischeu. 

Es giebt vielleicht noch einige andere Punkte, in denen Nord- und 
Südkaschubisch auseinandergehen. So scheint z.B. die nordkaschubische 
Kontraktion von -ala -aja in -a -q dem Südkaschubischen zu fehlen, 
das auslautende -0 scheint im ganzen Nordkaschubischen geblieben, im 
ganzen Südkaschubischen aber zu -om geworden zu sein, um dies aber 
sicher stellen zu können, müssen die Einzeldialekte erst genauer er- 
forscht sein. Ich glaube aber auch, dass die oben besprochenen Punkte 
für uns hier genügen werden. 

Bevor v/ir aus dem Besprochenen irgendwelche Schlüsse ziehen, 
vernothwendigt es sich, die Punkte zusammenzustellen, in denen Nord- 
kaschubisch und Südkaschubisch, sei es allein, sei es mit dem Slovin- 
zischen zusammen dem Polnischen gegenüber übereinstimmen. 

Slovinzisch, Nordkaschubisch und Südkaschubisch stimmen dem 
Polnischen gegenüber überein in folgenden Punkten: 

a. ürslav. ra ist im Wortanlaut zu re geworden: redosc poln. ra- 
dosc^ Rediino poln. Radunia, reno poln. rano, poerenk poln. porcmek, 
rena poln. rana^ renic poln. ranic, remjq poln. ramie^ rej^l rede poln. 
rad, rek poln. r«^, slov. rekuövjöunkä russ. paKoeima, slov. redlö poln. 
radJo, slov. rescesTilnl aus *rat-cesalm, dazu die Ortsnamen: Rede- 



60 F. Lorentz, 

stowm »Reddestow« (Kr. Lauenburg), Redkoejce »Rettkewitz« (ebd.), 
Kekoioo >Reckow<c (Kr. Lauenburg-, Bütow! »Reckau« (Kr. Putzig) »Re- 
kau« (Kr. Neustadt), Redoszeww »Reddischau« (Kr. Putzig), Reclovsce 
»Radowken« (Kr. Neustadt), Redlowce »Hochredlau« (ebd.), Reda 
»Rheda« (ebd.), Reduno »Radnhn« (Kr. Bereut), i^e^-oz^mca »Recknitz« 
(ebd.), Recluvci »Rackelwitz« (Kr. Konitz). Dies Lautgesetz ist aber 
nicht streng durchgeführt, wie racec poln. raczyc^ rada poln. 7'ada, 
raza Gen. zu roz zeigen. 

Im Polabischen ist anlautendes ra vor dem Accent durch rä ver- 
treten: riidüst, rärnq^ rätöj\ rädlu^ rädläica^ rdMii^ räkväica. Polab. 
ä und kasch.-slov. e vertreten aber das urslav. ^ : sollte das polab. r«- 
mit dem slov.-kasch. re- derart in Verbindung zu bringen sein, dass das 
urslav. ra- hier unter gewissen Bedingungen zu rö- geworden ist ? 

b. Das aus urslav. a e entstandene ö 'ö ist vor Nasalen allgemein 
zu o geworden. In seinem Slownik schrieb Ramult in diesem Falle 
fälschlich immer 6, die Statystyka gibt das richtige o bzw. p. Letzteres 
ist sicher eine ältere Vorstufe des o, wo es heute auftritt, man kann aber 
vielleicht auch an Neunasalirung denken. 

Ein durch Kontraktion entstandenes ö ist nicht zu 6 geworden: 
slov. grdiimä gmidämä Heist. gröme godöme^ ebenso auch das uu 
deutscher Lehnwörter: slov. traun prlmm (aus dem westpreussischen 
Kaschubisch habe ich keine Beispiele). Auffällig ist, dass in bylakischen 
Dialekten das Part. Prt. der a- und e-Verba die Endung -Ö7vi hat, z. B. 
Heist. godönl cerpsom rozmöni^ sollte hier vielleicht von einem -ajem 
auszugehen sein? 

c. Das urslav. i ist nach harten Konsonanten, das urslav. y nach 
allen ausser nach k g und (dialektisch) ch , das urslav. u ausser nach 
Gutturalen, Labialen und weichen Konsonanten zu e geworden, Ramult 
schreibt allerdings bisweilen im Gen. Sing, -ve (d. i. -ve) für -vu z. B. 
pwtrave^ ist dies ein einfacher Fehler oder ist in diesem Dialekt das 
labiodentale v der übrigen Kasus an die Stelle des bilabialen rc des Gen. 
getreten und -vu zu -ve geworden, während das sonstige -ivu geblie- 
ben ist? 

Dass auch im Polnischen e-Laute für urslav. ?', y und ti vorhanden 
sind, hat Kavlowicz zu zeigen gesucht. So lange aber nicht nachge- 
wiesen ist, dass diese e-Laute nach denselben oder ähnlichen Gesetzen 
wie im Kaschubischen auftreten, ist dies für die Beurtheilung der Ver- 
wandtschaftsverhältnisse unwichtig. 



J 



Das gegenseitige Veihältniss dei- sog. lechischen Sprachen. ßl 

d. Kasch. 'e (aus urslav. e und h] ist vor tautosyllabischem h im 
Wortinnern zu i geworden: vinc urslav. ^venhch^ slovinscl urslav. *slo- 
venhskh, körvinc krovinc urslav. *ko7'cbnhc^^ malinci urslav. *malbnhk^. 
Dies i ist überall lang, von dem ursprünglichen ^ unterscheidet es sich 
dadurch, dass dies 1. den scharfen, das neuentstandene aber den dehnen- 
den Ton hat. Auslautendes w'i ist nicht zu in geworden : slov. dzUn 
Heist. dzeh Ram. ^ew südkasch. :z^en urslav. *db?iby nordkasch. sJzen 
sttdkasch. sgzen urslav. ^sezhtih. 

e. Schwund und Erhaltung von urslav. ^ h. 

Urslav. ^ h ist im Kaschubischen wie im Polnischen in oflfenen Sil- 
ben geschwunden , in geschlossenen erhalten. An Abweichungen fin- 
den sich: 

1. Urslav. So und fö, sowohl als Präfix wie als Präposition, treten 
vor Zischlauten bzw. vor v immer als se, dialektisch (besonders im Stid- 
kaschubischen) auch ze^ bzw. ve auf, während sie im Polnischen z\x z w 
geworden sind z. B. kasch. sesa^ec zesa;^ec poln. zsadzic, kasch. sesec 
zesec poln. zszyc, kasch. vevj'esc poln. wwiesc^ Ramult gibt auch zsenqc 
zzalee^ in den mir bekannten Dialekten sind diese Formen nicht vor- 
handen, se bzw. ze und ve werden aus solchen Wörtern stammen, wo 
sie lautgesetzlich entstanden sind, hier werden sie gebraucht, da ses- 
zes- vev- u. s. w. leichter sprechbar und deutlicher sind als ss- vv-^). 

2. Auslautendes -^ko -hk^ -hch -bch -iih -bs^ -bt^ ist nicht wie im 
Polnischen zu -ek -ek -ec -eh -ec -es -et, sondern zu -k -c -c -c -s -t 
geworden. Hier handelt es sich nicht um irgend ein Lautgesetz , viel- 
mehr ist, wie Mikkola Betonung und Quantität S. 55 erkannt hat, das 
-e- des Nom. Sing. bzw. Gen. Plur. dem Systemzwaug zum Opfer ge- 
fallen. Bewiesen wird dies dadurch, dass das urslav. "^ chrhbhtb im Slo- 
vinzischen als kriept und kriehjet auftritt , wäre der Schwund des e 
lautgesetzlich, so müsste man für kriehjet ein urslav. '^chrehett kon- 
struiren. Dass im Polnischen bisweilen Aehnliches vorkommt , ist für 
die Beurtheilung der gegenseitigen Stellung beider Sprachen nicht von 
Belang, es wäre dies nur dann der Fall, wenn es im Polnischen mit der- 
selben Strenge durchgeführt wäre wie im Kaschubischen, so aber ist es 
unerheblich. 



1] Das lautgesetzliche Verhältniss ist erhalten in den Adverbien slov. 
rfiecör »am Abend« poln. w ivieczör und söböu^, welches wie das deutsche ad- 
verb. mit gebraucht wird, z. B.Jä-ve^znq söböu^ »ich nehme mit«, jä-phdq sö- 
höu »ich werde mitkommen«. 



62 F. Lorentz, 

3. Als erste Eutwickelungsstufe der auslautenden postkonsonan- 
tischen -rh -rh -h -Ib sind für das Kaschubiscbe und wahrscheinlich 
auch für das Polnische sonantische -r -r -l -l anzusetzen. Das Pol- 
nische hat -r -r -l unsilbisch werden lassen: wiatr, wieprz, rzeki^ viel- 
leicht ist auch -7 so behandelt, worauf wqgl hindeutet. Das unsilbisch 
gewordene -l schwand dann, wo es von andern Formen aus wieder her- 
gestellt wurde, ging es in -el über: icegiei^ vielleicht nur in Anlehnung 
an Wörter wie orzei orla^ ebenso kann auch icegiel neben wqgl erklärt 
werden. Im Kaschubischeu wurden -r und -i unsilbisch, i wurde stimm- 
los und schwand: vjepr^ rek, -rund -/gingen in -er -einher, doch kön- 
nen vjaier vaz^el wie poln. loqgiel erklärt werden, vqz^el muss es sogar. 

4. Im Wortinnern sind postkousonantische vh rb h h im Kaschu- 
bischeu häufig zu re re U le geworden, häufig jedoch auch in unsil- 
bische r r l (das dann z. Th. geschwunden ist) / übergegangen. Da hier 
nur bei vollständigem Material aus den Einzeldialekten Klarheit zu er- 
reichen wäre, gebe ich auf diesen Punkt nicht weiter ein. Kur so viel 
sei bemerkt, dass auch hier als erste Entwicklungsstufe sonantische r 
r il anzusetzen sind. 

5. Kasch. setme und wcesme halte ich für Formen des Wort- bzw. 
Satzinlauts. Im Slovinzisehen entsprechen setem viiösSm, nur der aus- 
gestorbene Vietkower Dialekt hatte sitmä vuösmü, in der Komposition 
aber heisst es allgemein setmünäuscä vtiösmümluscä , das Südkaschu- 
bische hat (auch in der Komposition) sedeni iccesem. Urslav. *sefm'b 
*os?nh ist zunächst zu *setm *iüoesm geworden, m ist dann in m und 
weiter im Inlaut in me, im Auslaut in -e?n übergegangen. Ebenso ist 
auch urslav. m behandelt, wie slov. stclrnäka pöstllrnäkä (Nom. pö- 
stärn^k) skövdrn'dka (Nom. sköoärnek) aus urslav. ^ stormka*postor}Vbka 
*skovormka zeigen. 

f. Der kurze Nasalvokal ist im Südkaschubischen wie im Slovinzi- 
sehen und Nordkaschubischen ein nasalirtes a [q). Dasselbe findet sich 
allerdings auch in polnischen Dialekten. 

g. Schwund und Erhaltung der Konsonantenerweichung. 
Erhalten hat sich die Erweichung auf dem ganzen slovinzisch- 

kaschubischen Gebiet bei den Labialen und beim w, der in einigen 
bylakischen Dialekten eingetretene üebergang des weichen n in hartes 
n ist ganz jungen Datums, ebenso ist das Hartwerden der aus j'j/' ent- 
standenen ps f'a im Heisternester Dialekt erst kürzlich eingetreten. 
Ausserdem waren in den pommerschen Dialekten c und g noch weich, 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 63 

als die kurzen i u in e übergingen, diese sind daher als i u geblieben, 
in der heutigen Sprache sind jedoch c und ^' auch hier hart. 

Alle übrigen ursprünglich erweichten Konsonanten sind auf dem gan- 
zen Gebiet hartgeworden z.B. ce/o? poln. cicJw, :^evy T^oln. dziwt/, sevy 
poln. szwy, zema i^ohi. zima, cezi urslav. *^mc|/?,, iaseca urslav. */fl!s/ca, 
Jcsq:^ urslav. *kh}iedzb, vseden urslav. *vhsb, cestl (pomm.-kasch. ctsü) 
urslav. *cisto, sec urslav. ^äifb, zevy urslav. *zivo, recec urslav. *rjutitb, 
lexce poln. Ucho. 

Neu entstanden sind an weichen Konsonanten c ^ und dialektisch 
im Nordkaschubischen 7. Wo diese wie im Heisternester Dialekt zu 
harten c dz s geworden sind , ist die Entwicklung erst kürzlich einge- 
treten. 

h. In der Gruppe de ist das d nicht wie im Polnischen zur Affri- 
kata geworden: dvignoc poln. dzioignqc^ mjedvjez^ poln. niedzioiedz. 
In der Gruppe tv ist das t im Südkaschubischen wie im Polnischen un- 
verändert geblieben, im Nordkaschubischen ist tv dialektisch in cv (im 
Slovinzischen in cv) übergegangen z. B. stidkasch. tvjer:^ec Heist. tvör- 
dzec Ram. cvir^ec kabatk. cvfierdzTjc slov. cvßerdzec poln. ticierdzic. 

i. Die Lautgruppen sc U sind nicht wie im Polnischen zu sv sl ge- 
worden, sondern geblieben: svistac poln. sicistac, me'slq poln. mysle. 
Doch ist hier vielleicht zunächst ein Uebergang zu sv sl anzunehmen 
und dies neu entstandene s ist dann wieder zu 's geworden. 

k. Urslav. kvo gvo cJtvo sind im Slovinzisch-Kaschubischeu zu ko 
go clio geworden : skorc abg. skvorhch , gozz^ abg. gvozdh, yjKSc russ. 
xeoiufb. Dasselbe ist im Polabischen eingetreten : sköräc^ güzd^ cJtüst, 
im Polnischen findet sich dagegen neben gözdz auch gtcözdz, chwoszcz^ 
sonst ist auch hier vielfach das v geschwunden. 

l. Die Lautgruppen qs rz sind vor Konsonanten zu r geworden. 
Es scheinen jedoch, nach den bisherigen Aufzeichnungen zu schliessen, 
dialektische Abweichungen vorhanden zu sein , so dass dies Lautgesetz 
nicht mit voller Sicherheit für das Gesammtkaschubische anzusetzen ist. 

m. Die Lautgruppen sr zf haben einen Einschub von t d erhalten : 
stroda i^olu. sroda, stroda poln. trzöda^ zdrec poln. -j'rzec, ob auch der 
Einschub in zdrqbe poln. zreby allgemein vorhanden ist, kann ich nicht 
angeben. 

Neben dem Einschub von t d kommt auch ein solcher von Je g vor 
in südkasch. skresha poln. trzesnia, Heist. zgrelio südkasch. zgrehjq 
poln. zrebie. 



64 F. Lorentz, 

Ohne Einschub habe ich gehört südkasch. srebro, ohne Zweifel eine 
Entlehnung aus dem schriftpolnischen srehro. 

n. Anlautenden Vokalen ist im Slovinzisch-Kaschubischen ein / 
(vor a e i) oder v (vor o u a) vorgeschlagen. Nach Meillet J. F. V.331 ff. 
ist dieser Vorschlag schon urslavisch. Das Polnische hat den Vorschlug 
bei e und <f, theilweise bei a , in der gesprochenen Sprache auch bei i, 
das Polabische besitzt ihn in gleicher Weise wie das Kaschubische, nur 
bei aidq und dem Präfix eu- fehlt er. 

Sonderbar ist der f- Vorschlag in nordkasch. vitro (aber südkasch. 
j'itro], slov. vßr/d vßvä vßesen vjescieräcä neben Jescieräca polab. 
toiestarreitz. Die bisher gemachten Erklärungsversuche befriedigen 
nicht. 

Nordkaschubisch und Südkaschubisch allein stimmen dem Polni- 
schen und Slovinzischen gegenüber überein in folgenden Punkten : 

a. In der Diphthongirnng des urslav. o nach Gutturalen und La- 
bialen. Dass einige nordkaschubische Dialekte diese Diphthongirnng 
auch nach l haben, beruht wohl auf späterer Entwicklung. 

b. In dem Uebergang des labiodentalen Spiranten v in den bilabia- 
len Halbvokal u vor o- und e^-Lauten. 

c. In der Entwicklung von esc zu tc: wutcec urslav. *uchstitb 
poln. uczcic. Als einzelne Stufen dieser Entwicklung werden esc cc 
ce tc anzunehmen sein. Der Heisternester Dialekt weist allerdings 
dem sonstigen tce gegenüber cce auf, da er aber andererseits wuytcec 
besitzt, wird dies cc ebenso aufzufassen sein, wie das sonst für tc auf- 
tretende cc. Dass übrigens diese Entwicklung dem Slovinzischen fehlt, 
ist nicht mit Sicherheit zu behaupten , da ausser ciesc , welches in der 
ganzen Flexion das e festhält (Gen. ciescii) , die hier in Betracht kom- 
menden Wörter nicht vorhanden sind. Slov. tc^t kann nichts beweisen, 
da urslav. *t^stJb anzusetzen und ts durchaus nicht mit c identisch ist. 

Wir finden also, dass das Südkaschubische durch eine Reihe von 
Eigenthümlichkeiten mit dem Nordkaschubischen verbunden ist, dass es 
aber in andern Punkten , in denen das Nordkaschubische mit dem Slo- 
vinzischen übereinstimmt, von diesem abweicht und sich auf die Seite 
des Polnischen stellt. Dazu kommt dann noch, dass die Eigenthümlich- 
keiten, welche die principielle Trennung des Slovinzisch-Nordkaschubi- 
schen vom Polnischen unabweisbar machen, im Südkaschnbischen wenig 
oder gar nicht vorhanden sind. Wenn wir aus allem diesen auch noch 
keine sichern Schlüsse ziehen können — dazu ist unsere Kenntniss der 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 65 

Einzelmundarten noch viel zu gering — , so wird man doch nicht den 
Gedanken abweisen dürfen, dass Nordkaschubisch und Südkaschubisch 
ursprünglich vielleicht nichts mit einander zu thun gehabt haben, indem 
dieses ein polnischer, jenes aber ein nichtpolnischer Dialekt war. Denn 
ebenso gut, wie wir im Nordkaschubischen und im Slovinzi sehen eine 
starke polnische Beeinflussung antreflfen, können wir auch im Süd- 
kaschubischen das Umgekehrte finden. Bis zum Tode Mestwin's II. 1295 
waren die Kaschuben sammt ihren pommerschen Stammesgenossen das 
herrschende Element, wenn im pommerellischen Staat Polen lebten, wer- 
den sie auch in sprachlicher Hinsicht nicht unbeeinflusst geblieben sein. 
So könnte es erklärt werden , dass das polnische Südkaschubisch man- 
ches von dem nichtpolnischen Nordkaschubisch angenommen hat, der 
grösste Theil der Uebereinstimmungen und zwar alle, weiche ein durch- 
gehendes Lautgesetz erkennen lassen, ist durch »Wellen« zu erklären, 
welche das eigentliche Polnisch nicht mehr eiTeicht haben. 

Betreffs der weiteren dialektischen Eintheilung des Nord- und Stid- 
kaschubischen ist noch nicht viel sicheres zu sagen. Das Nordkaschu- 
bische ist naturgemäss in zwei Hauptmundarten zu theilen : das Byla- 
kische, dessen weitere Eintheilung Bronisch schon gegeben hat, und die 
/-Dialekte. Letzteres scheint dann wieder in zwei Theile zu zerfallen : 
das pommersche Kaschubisch, welches das Kabatkische im Stolper und 
das Lebakaschubische im Lauenburger Kreise umfasst , und die west- 
preussischen Mundarten. Was im Südkaschubischen an Dialekten zu 
unterscheiden ist, weiss ich nicht. 

Die Stellung des Slovinzisch-Kaschubischen ist also in folgender 
Weise zu präcisiren: 

Slovinzisch und Kaschubisch (Nordkaschubisch) sind keine polni- 
schen Dialekte, sondern eng mit dem Polabischen verwandt. Sie sind 
aber unter den Einfluss des Polnischen gerathen und mehr oder minder 
polonisirt. Das Slovinzische ist kein Unterdialekt des Kaschubischen, 
sondern steht selbständig neben demselben. Das Südkaschubische war 
vielleicht ursprünglich ein polnischer Dialekt, der durch das Nord- 
kaschubische beeinflusst ist. 

III. Uebersicht der Berührungspunkte des Polabischen, 
SloTinzischen, Kaschubischen und Polnischen. 

A. Das Polabische, Slovinzische, Kaschubische und Polnische stim- 
men tiberein in folgenden Punkten : 

Archiv für slavische Philologie. XXIY. 5 



^6 F. Lorentz, 

1. In der Entpalatalisirung des urslav. e und dem üebergang des 
entpalatalisirten e in 'a. Dasselbe findet sich in sorbischen Dialekten. 

2. In der Entpalatalisirung des hr. Dieselbe findet sich auch im 
Sorbischen. 

3. In der Entwickelung des ^.-Lauts in ^r und des entpalatalisirten 
vLaut in w zu einem a-Laut. Dasselbe ist im Sorbischen eingetreten. 

4. In der Umstellung von urslav. er or ol zu re ro lo. Ebenso im 
Sorbischen. 

5. Im Auftreten von a7' neben ro für urslav. or. 

6. In der Erweichung von k g vor sekundären i- und e-Lauteu. 
Dasselbe findet sich im Sorbischen. 

7. In dem üebergang von urslav. tj df in c dz. Dies ist allgemein 
westslavisch. 

8. In dem Schwinden des postgutturalen v vor o. Im Polnischen 
ist dies Lautgesetz nicht vollständig durchgeführt. Dasselbe findet sich 
auch im Sorbischen. 

B. Das Polabische, Slovinzische und Kaschubische stimmen überein 
in folgenden Punkten : 

1. In der Entwicklung des urslav. el zu ol io. Im Südkaschubi- 
schen und im grössten Theil des Nordkaschubischen sind nur wenig 
Spuren dieses Gesetzes erhalten. 

2. In der Erweichung der Konsonanten vor dem entpalatalisirten 
hr. Das Südkaschubische hat dies Gesetz nur in geringem Umfang er- 
halten. 

C. Das Polabische, Slovinzische und Nordkaschubische stimmen 
übereiu in folgenden Punkten : 

1. In der Entwicklung des urslav. ^Z zu aJ oder ol. Von diesem 
Lautgesetz sind überall nur Spuren erhalten. Dasselbe Gesetz hat auch 
das Obersorbische. 

2. In der Entwicklung des urslav. hl zu al oder oi. Ein Theil des 
Nordkaschubischen hat von diesem Gesetz nur Reste. 

3. In der Entpalatalisirung des urslav. e. Das Gesetz ist nirgends 
im Slovinzischen und Kaschubischen rein bewahrt. Ein ähnliches Gesetz 
scheint dialektisch im Niedersorbischen vorhanden zu sein. 

4. In der Erweichung des urslav. ch vor sekundären i- und e- Vo- 
kalen. In den nordkaschubischen Dialekten ist dies Gesetz stark zurück- 
gedrängt. Dasselbe Gesetz kennt auch das Obersorbische. 

5. Im ausschliesslichen Gebrauch des Suffixes -übe. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 67 

D. Das Polabische und Slovinzische stimmen überein in folgenden 
Punkten : 

1. Imüebergang des ^ in / bei Erhaltung des seit urslavischer Zeit 
in antekonsonantischer Stellung verbliebenen i und Ueberfübrung des 
letzteren in u. 

2. In der Einführung von -a;a-I-a;e- Verben anstatt der urslavi- 
schen -otJa-l-M/e- Verben. 

3. Im Gebranch eines Komparativsuffixes urslav. -esh für urslav. 
-ejhs'b. 

E. Das Polabische steht in folgenden Punkten allein: 

1. In der Palatalisirung des urslav. e. 

2. In der qualitativen Spaltung des urslav. h. 

3. In dem Wandel von urslav. j« in/e. Dieser ist vielleicht auch 
für das Slovinzische und Nordkaschubische anzunehmen. 

F. Das Slovinzische, Kaschubische und Polnische stimmen überein 
in folgenden Punkten: 

1. In der quantitativen Spaltung der urslavischen Vokale. Dieselbe 
ist wohl auch für das Polabische anzunehmen, wahrscheinlich ist sie 
schon urwestslavisch. 

2. In der Entpalatalisirung des urslav. e. 

3. In der Vertretung von urslav. ^ h durch e 'e. 

4. In der Vertretung von urslav. ^l nach Dentalen durch iu. Diese 
Vertretung ist im Slovinzischen und Nordkaschubischen an die Stelle 
der dem Polabischen entsprechenden durch ai bzw. ol getreten. Die 
Vertretung des ^l durch iu hat auch das Niedersorbische. 

5. In dem Hartwerden der ursprünglich weichen c dz tj dj s z r. 

6. In der Entwicklung der erweichten t d zn Affrikaten. Dasselbe 
findet sich im Obersorbischen. 

G. Das Slovinzische und Kaschubische stimmen tiberein in folgen- 
den Punkten: 

1 . In dem Uebergang des anlautenden ra in re. Etwas Aehnliches ) 
hat auch das Polabische. 

2. In dem Uebergang des v o vor Nasalen in ö o bzw. o 'o. 

3. In dem Wandel des 'e aus urslav. et vor tautosyllabischem n 
zu i im Wortinnern. 

4. In dem Uebergang des kurzen urslav. ^' nach harten Konsonan- 
ten, des kurzen urslav. y ebenfalls nach harten Konsonanten und des 

5* 



gg F. Lorentz, 

kurzen urslav. u nach harten Dentalen und nach Liquiden in e und dem 
somit eintretenden Zusammenfall der drei Vokale. 

5. In der Vertretung des kurzen Nasalvokals durch nasalirtes a. 

6. In der (nicht lautgesetzlichen) Entwicklung von urslav. -^k~o 
-hkh -hch -hch -^th -hsi> -ht^ zu -k -c -c -c -s -t. Dasselbe findet sich im 
Sorbischen. 

7. In der Entwicklung des postkonsonantischen -n zu -er. 

8. In dem Hartwerden der erweichten c ^ s i aus urslav. t d s z. 

9. In dem üebergang von antekonsonantischem rs rz in r. 
10. In dem Konsonanteneinschub in den Gruppen sr zr. 

H. Das Slovinzische und Nordkaschubische stimmen überein in 
folgenden Punkten : 

1. In der Vertretung des palatal gebliebenen e durch einen ^- Vokal. 

2. In der Vertretung des urslav. dj durch z. Im Nordkaschubi- 
schen tritt vielfach ^ daneben auf. 

3. In der Vertretung des urslav. dz durch z. Dies findet sich nur 
in den pommerschen Dialekten des Nordkaschubischen. 

4. In der Erweichung des t in der Gruppe ti>. In einigen nord- 
kaschubischen Dialekten fehlt das Gesetz. 

5. In der grösseren Verbreitung des /'• als im Polnischen. 

6. Im Gebrauch der Endung -q im Instr. Sing. Mask. und Neutr. 

7. Im Gebrauch der Endung -vo im Gen. Sing, der pronominalen 
Deklination. 

8. In der Bildung des Präsens der sekundären a-Verba mittels -Je-. 
I. Das Slovinzische steht in folgenden Punkten allein: 

1. In dem Üebergang silbeauslautender v vm u i. 

2. In dem Schwinden des d vor n. 

K. Das Kaschubische und das Polnische stimmen überein 

in dem Hartwerden der ursprünglich weichen c dz. Dies Gesetz 

fehlt den pommerschen Dialekten des Nordkaschubischen. 

L. Das Nordkaschubische und Südkaschubische stimmen überein 

in folgenden Punkten: 

1. In der Diphthongirung des urslav. o nach Gutturalen und La- 
bialen. 

2. In dem Üebergang des o vor o- und w- Vokalen in to. 

3. In dem üebergang von esc in tc. Dies ist vielleicht auch für 
das Slovinzische anzusetzen. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 69 

M. Das Südkaschubische und das Polnische stimmen tiberein in 
folgenden Punkten : 

1 . In der Entwicklung des urslav. bl. 

2. In dem Auftreten der Erweichung vor urslav. hr. 

3. In der Verbreitung des r. 

4. In der Bildung des Imperativs. 

5. Im Gebrauch der athematischen Präsensbildung bei den sekun- 
dären a- Verben. Diese findet sich auch in einigen nordkaschubischen 
Dialekten. 

6. Im ausschliesslichen Gebrauch des Suffixes -isko. 



Wir sehen also, dass Ramuit mit seinem Satze, das Slovinzische und 
Kaschubische (wenigstens das Nordkaschubische) bilde mit dem Polabi- 
schen eine Einheit, recht hat. Für die Sprache, deren Dialekte das 
Polabische , Slovinzische und Kaschubische sind , will Ramuit die Be- 
zeichnung Pomorskisch ^) angewandt wissen. Um diese Bezeichnung zu 
rechtfertigen, beruft er sich auf den Ausdruck Slavi maritimi für die an 
der Ostseeküste zwischen Weichsel und Elbe wohnenden Slaven bei den 
mittelalterlichen Schriftstellern. Er nimmt also augenscheinlich au, dass 
dies eine Uebersetzung eines gemeinsamen slavischen Namens ist. Da 
ist es aber doch sehr auffällig, dass mit Pomerani, der einfach latini- 
sirten Form des dem Slavi maritimi zu Grunde liegenden slavischen 
Worts, nur die östlich von der Oder wohnenden Stämme bezeichnet wer- 
den, während die westlich von der Oder wohnenden Stämme, die Wilzen, 
Obotriten, Wagrier u. s. w. immer unter ihren eigenen Einzelnamen oder 
unter dem Gesammtnamen Wenden, aber nie als Pommern auftreten. 
Auch Nestor kennt in seiner Chronik für die Ostseeslaven keinen ein- 
heitlichen Namen: er nennt in seiner Aufzählung der slavischen Stämme 
neben den Pommern die Liutizen, wozu er sicher ausser den Wilzen die 
Obotriten, Linonen und sonstigen westlich der Oder wohnenden Stämme 
rechnet. Ich kann nicht finden, dass es irgendwie historisch berechtigt 
ist , den Namen Pommern (und damit für die Sprache die Bezeichnung 
Pomorskisch) auf die westlich von der Oder wohnenden slavischen 
Stämme auszudehnen. Mit Pommern dürfen wir nur die zwischen Oder 



1) Ich gebrauche lieber den Ausdruck »Pomorskisch« als »Pommersch«. 
da hier zu leicht eine Verwechslung mit der deutschen Sprache Pommerns 
kommen würde. 



70 F. Lorentz, 

und Weichsel wohnenden Stämme , mit Pomorskisch nur die Sprache 
dieser Stämme bezeichnen. 

Eine andere Gesammtbezeichnnng wendet Cejnowa an: Slovin- 
zisch 1). Diese Bezeichnung hat ohne Zweifel grössere Berechtigung als 
Ramult's Pomorskisch. Denn ausser im heutigen Slovinzisch finden wir 
denselben Namen in dem polab. sföwewsÄ-y als einheimische Bezeichnung 
der polabischen Sprache. Cejnowa wendet diese Bezeichnung nur für 
die Sprache an, als Volksnamen gehraucht er Vende »Wenden«, mit 
Slovjnce »Slovinzen« bezeichnet er die Slaven »co to v wökregu Slöp- 
skjm nadGarnskjm jezore e ku petnjovj mjeszkaja jasz'pöStepsk«, also 
die heutigen Slovinzen. Nur Skorb kaszebsko-slovjnskje mövö Nr. XIII 
S. 15 f. spricht er unter dem Namen Slovinzen von allen Ostseeslaven 2), 
hier bedient er sich jedoch im Gegensatz zu seinen sonstigen Schriften 
der deutschen Sprache. 

Mit einem Volksnamen »Slovinzen« ist es nun ziemlich schlecht 
bestellt. Aus dem Polabischen ist ein *Slüvendc nicht überliefert, das 
will aber bei der lückenhaften üeberlieferung dieser Sprache nicht viel 
sagen. Aber auch im Slovinzischen existirt genau genommen ein Volks- 
name »Slovinzen« nicht: )S'/ö?.;^''mc bezeichnet den Evangelischen slavi- 
scher Nationalität, besonders den, welcher den in slovinzischer Sprache 
abgehaltenen Gottesdienst besucht. Auf dieselbe Bedeutung kommt man 
aus den Worten des Pontanus in seinem Katechismus: »Ty ksasky . .. 
ku . . . Zbudowäniu koscioiä jego SLOWIESKEGO w näsze Pommorske 
. . . spisal«, auch hier kann, besonders wenn man die von dem Slovinzi- 
schen durchaus verschiedene Sprache des Katechismus ansieht , unter 
kosciüJ slowieski nur die evangelische Kirche slavischer Nationalität 
verstanden sein. Ebenso bezeichnet auch Krofey in dem nichtslovinzi- 



1) Richtiger gebildet ist wohlCejnowa's »Slovinisch«. Da aber der Name 
Slovinzen sich schon eingebürgert hat, bleibe ich bei der hiervon abgeleiteten 
Form »Slovinzisch«. 

2) Der slovinzischen Sprache gibt er an dieser Stelle eine gewaltige 
Ausdehnung: »Die slovinische Sprache, ein Zweig der slavischen, erstreckte 
sich in ihrer Blüthezeit, d. h. im VIII., IX. und X. Jahrhundert nach Christi 
Geburt, nach Osten bis über die Weichsel, nach Westen hin nach Holstein 
und in die Lüneburger Haide, nach Süden bis an das schlesische Gebirge, 
nach Norden bis an die Ostsee und auf die zunächst liegenden Inseln (Rügen, 
Femern)«. Hier scheint er also auch die Lausitzer Sorben zu den Slovinzen 
zurechnen, die im ganzen Westpreussen wohnenden Slaven bis an die pol- 
nische und posensche Grenze zählt er auch sonst dazu. 



Das gegenseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 71 

sehen Bütow die Sprache seines Gesangbuchs als »slawi^sky« d.i. »slo- 
vinzisch'<. Diese Bedeutung wird sich dadurch erklären, dass zu Kro- 
fey's und Pontanus' Zeiten die meisten der in Pommern wohnenden 
Slaven ihre Sprache »Slovinzisch« nannten und dass diese im Gegensatz 
zu der Bezeichnung »Polnisch«, d. i. katholisch, die Bedeutung »evan- 
gelisch-slavisch« annahm. Ein Volksname »Slovinzen« ist jedoch nicht 
nachzuweisen. 

Dagegen ist als gemeinsamer Volksname der an der Ostsee zwischen 
Weichsel und Elbe wohnenden Slaven die Bezeichnung »Kaschuben« in 
Anspruch zu nehmen. Sowohl bei den westpreussischen und pommer- 
schen Kaschuben wie bei den Slovinzen ist Kaseha noch heute der 
eigentliche Volksname. Weiter finden wir das Herzogthum Kassuben in 
den pommerschen Kreisen Beigard, Dramburg, Neustettin, Schivelbein, 
schon 1289 wird diese Gegend als »terra Cassubiae« bezeichnet, auch 
Barnim I. und Boguslaw IV. führen 1267 und 1291 den Titel >dux 
Slavorum et Cassubiae«. Am wichtigsten ist, dass in einer Urkunde 
vom Jahre 1248 Johannes I. von Mecklenburg und Nikolaus von Werle 
»Domini Cassubiae« genannt und dass die Tochter Heinrichs des Pilgers 
von Mecklenburg Luitgard als »Cassubita« bezeichnet wird. Hierdurch 
wird der Name »Kaschuben« als gemeinsamer Volksname der an der 
Ostsee wohnenden Slaven erwiesen. 

Trotzdem würde ich es nicht für richtig halten, als gemeinsamen 
Namen der an der Ostseeküste gesprochenen slavischen Dialekte die 
Ausdrücke »Slovinzisch« oder »Kaschubiseh« anzuwenden. Beide Aus- 
drücke sind heute auf einzelne Dialekte der Sprache beschränkt, deren 
Gesammtheit sie bezeichnen sollten, wollte man sie auch in diesem Sinne 
gebrauchen, würde es bald Verwirrung geben. Ramult's »Pomorskisch« 
für das Ganze anzuwenden, kann ich mich nicht entschliessen, ich be- 
zeichne mit Pomorskisch das Slovinzisch-Kaschubische , welche beiden 
Dialekte dem Polabischen gegenüber als Einheit anzusehen sind. Ihre 
Rechtfertigung findet die Bezeichnung dieser beiden Dialekte durch 
Pomorskisch darin, dass wir in den Angehörigen derselben die letzten 
Reste des von Nestor Pommern genannten slavischen Stammes finden, 
ihre Sprachen demnach, da weitere Dialekte unbekannt sind, als Re- 
präsentanten der Sprache der Pommern zu gelten haben. Als gemein- 
samen Namen für das Pomovskische und das Polabische würde ich mit 
Hilferding den Ausdruck »Baltisch« für passend halten, mit Baltisch 
wird aber auch das Litauisch-Lettische bezeichnet, es ist daher besser, 



72 F. Lorentz, 

ihn zu vermeiden. Am besten wird es sein , als Gesammtbezeicbnung 
den Ausdruck »Ostseewendisch« oder, wenn man diese Bezeichnung für 
das Sorbische vermeiden wollte, »Wendisch« zu gebrauchen, ist doch 
der Name Wenden als ältester Gesammtname überliefert i). 



Meine Ansicht über die in Rede stehenden Sprachen ist also kurz 
zusammengefasst folgende : 

Das nördliche Westslavisch zerfällt in drei selbständige Sprachen, 
das Sorbische (welches vielleicht mit dem Cechisch-Slovakischen in 
näheren Beziehungen steht), das Polnische und das Ostseewendische. In 
gewisser Beziehung bildet, wie Ramutt behauptet, das Sorbische den 
Uebergang vom Polnischen zum Ostseewendischen, das Ostseewendische 
den vom Sorbischen zum Polnischen und das Polnische den vom Ost- 
seewendischen zum Sorbischen. Dass das Ostseewendische und das 
Polnische als Nachkommen einer Sprache , des Lechischen, anzusehen 
sind, ist nicht zu erweisen. 

Das Ostseewendische zerlegt sich, wenn man auf Nestor's Angaben 
über die westslavischen Völkerschaften Gewicht legen darf, in zwei 
Theile, das Liutizische und das Pomorskische , deren Grenzscheide au 
der Oder zu suchen ist. Von den westlich der Oder gesprochenen liuti- 
zischen Dialekten ist uns nur einer einigermassen bekannt, das drawe- 
nische Polabisch im Lüneburger Wendland. Von den östlich der Oder 
gesprochenen pomorskischen Mundarten leben noch zwei , das Slovin- 
zische und das Kaschubische. 

Das Slovinzische ist die Sprache der Kirchspiele Garde und Schmol- 
sin im Stolper Kreise, seine Grenze gegen das Kaschubische bilden der 
Pustinkebach und der Lebasee. Das Slovinzische ist nicht, wie gewöhn- 
lich angenommen wird, ein einfacher Dialekt des Kaschubischen , son- 
dern eine selbständige, neben dem Kaschubischen stehende Mundart des 
Pomorskischen. 



1) Eamutt empfiehlt seine Bezeichnung Pomorskisch auch dadm'ch, dass 
sie slavisch ist. Vielleicht ist das auch bei dem Namen Wenden (Venedae bei 
Plinius, Veneti bei Tacitus) der Fall. Wie aus serb. recV hervorgeht , kann 
urslav. *vQt- aus einem *ven3t- hergeleitet werden. Ein später verlorener Po- 
sitiv *ven9th Flur. *vendti (»die Grossen«) würde genau dem Veneti entsprechen 
und kann recht gut der Name eines slavischen Stammes gewesen sein, den die 
Germanen zuerst kennen lernten und dessen Namen sie dann auch für andere 
Slaven gebrauchten. 



Das gegezseitige Verhältniss der sog. lechischen Sprachen. 73 

Das Kaschubische, die zweite uns bekannte pomorskische Mundart, 
zerfällt in das Nordkascliubische und das Südkaschubische. Die Grenze 
dieser beiden Dialekte wird man in der Nähe der Radaune zu suchen 
haben, genau ist dieselbe noch nicht festgestellt. Mit der Grenze dieser 
beiden Dialekte fällt vielleicht auch die alte Sprachgrenze zwischen Pol- 
nisch und Ostseewendisch zusammen, wenn nämlich, worauf verschiedene 
Punkte hinweisen, das Südkaschubische ursprünglich ein polnischer 
Dialekt gewesen ist, was es heute auch in der That ist. 

Zwischen dem Pomorskischen und dem Polnischen hatten sich schon 
früh durch die nachbarschaftliche Berührung sprachliche üebereinstim- 
mungen herausgebildet. Diese üebereinstimmungen kennzeichnen sich 
dadurch, dass sie in beiden Sprachen als Lautgesetze auftreten. Durch 
die zeitweilige Herrschaft Polens über den grössten Theil des heutigen 
pomorskischen Gebiets und den allgemeinen Gebrauch des Polnischen 
als Kirchensprache, traten weitere üebereinstimmungen auf, indem pol- 
nische Eigenthümlichkeiten in das Pomorskische eindrangen und die 
einheimischen mehr oder weniger verdrängten. Das Charakteristische 
dieser Gruppe von üebereinstimmungen ist , dass , wenn auch die pol- 
nischen Eigenthümlichkeiten bisweilen im Wortschatz ausnahmslos 
durchgeführt sind, daneben sich die pomorskischen in einzelnen Resten, 
besonders in Ortsnamen erhalten haben. Im Allgemeinen nimmt der 
Einfluss des Polnischen in der Richtung von Süden nach Norden und 
von Osten nach Westen ab, so dass die am weitesten nach Nordwesten 
vorgeschobenen Dialekte, das zum Kaschubischen gehörige Kabatkische 
und das Slovinzische , den pomorskischen Typus am reinsten bewahrt 
haben und bei der lückenhaften üeberlieferung des Polabischen als 
Hauptquellen für die Erforschung des Ostseewendiscben dienen müssen. 

F. Lorentz. 



74 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 



III. Vodnik's Sprache. 

Bei dem Namen Vodnik denkt man heutzutage gewöhnlich an den 
Dichter Vodnik. Allein eine nicht unbedeutendere Rolle spielt Vodnik 
in der slovenischen Literatur als prosaischer Schriftsteller, und hervor- 
ragend sind seine Verdienste um die Sprache, auf die ich näher ein- 
gehen will. 

Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass Vodnik in einer 
Zeit auftrat, in welcher es mit der slovenischen Sprache traurig stand, 
da ein P. Marcus in linguistischen Fragen als Autorität galt. Vodnik's 
Verdienst ist es entschieden, dass er den unkritischen Neuerungen und 
Germanismen entgegentrat und die noch heute giltigen Regeln zur Be- 
reicherung des slovenischen Wortschatzes aufgestellt hat. Mag man 
auch Matthäus Ravnikar mit Rücksicht auf seine reine und grossentheils 
richtige Sprache als Vater der slovenischen Prosa bezeichnen, so dürfte 
doch auch Vodnik auf diesen Titel Anspruch machen ; denn er hat dazu 
den Anfang gemacht, hat so manches in unserer Sprache gefunden und 
als Regel aufgestellt, was der jüngere Ravnikar nur geschickt verwerthet 
und ausgenützt hat. 

Kopitar war, wie wir bereits gehört, auf Vodnik nicht gut zu 
sprechen, und warf ihm Einseitigkeit, Schwerfälligkeit, ja geradezu 
Trägheit vor. Fürwahr, Vodnik besass in sprachlichen Fragen nicht 
die tiefgehenden Kenntnisse, den kritischen Geist und Blick Kopitar's, 
allein er hatte so manche gute Ansicht und Idee, die auch Dobrowsky 
zu würdigen wusste. Dass Vodnik nicht so sehr einseitig war, zeigt die 
stattliche Anzahl von Werken, die allerdings nicht alle einen wissen- 
schaftlichen Werth repräsentiren, doch Voknik's Bestreben bestätigen, 
dass er auf allen Gebieten sich versucht und seiner Sprache Geltung 
verschaffen gewollt. 

Zur Charakterisirung der Sprache Vodnik's benutzte ich die beiden 
Werke: »Pismenost ali gramatika za perve sole« (ISllj und »Kersanski 



*) Vergl. Pd. XXIII, S. 386. 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 75 

navuk za illirske dezele« (1812), weil in den ersteren Werken ein zu 
grosses Schwanken ist und bei den »Novice« von Vodnik auch nicht die 
nothwendige Aufmerksamkeit beobachtet werden konnte. Seitdem aber 
Vodnik die Regeln der Sprache in seiner Grammatik fixirt hat, bleibt er 
mehr consequent, und seine Sprache kann leichter charakterisirt wer- 
den. Die Poesien verwendete ich nicht, weil dabei so manches dem 
Versmass und dem Reime zuliebe modificirt worden sein mag und daher 
kein treues Bild liefern könnte. 

Die Grundsätze Vodnik's und seine Anschauungen in sprachlichen 
Fragen werde ich beim lexicalischen Theile besprechen. Bei diesem 
nahm ich auch Rücksicht auf Bruchstücke aus anderen Werken 
Vodnik's. 

Vodnik's Grammatik zerfällt in sechs Theile: 1) cerke, 2) besede 
(Formenlehre), 3) vezanje (Syntax), 4) izobrazenje besed (Wortbildungs- 
lehre), 5) glasova mera, 6) prepone. 

Vodnik unterscheidet vier Declinationen ; eine masculine, neutrale 
und zwei feminine. Dann kommt das Adjectiv, Zahlwort, Pronomen, 
Verbum, Particip (Präpositionen, Adverbium, Conjunetionen, Inter- 
jectionen). 

Die Graphik Vodnik's ist die »Bohoricicä«, welche er ziemlich 
regelmässig gebraucht. In seinen ersten Werken finden sich noch viele 
Schwankungen, Verwechselungen von Sibilanten, Verdoppelungen von 
Consonanten und andere Unregelmässigkeiten. In »Pismenost(c und 
»Kerscanski navuk« ist die Graphik gleichartig s = f, z = s, c = z; 
s = fh, z = sh, c = zh. 

Nur hie und da wird s und f verwechselt ; ein paarmal findet sich 
auchy für i, jedoch sehr selten. 

Zur Lautlehre. 
Vocale. 
Ein für das Slovenische charakteristischer Laut ist die Vertretung 
der altslovenischen Halbvocale h und ö. Nach dem Reflexe dieser beiden 
Halbvocale kann man die sloven. Dialecte in zwei Gruppen scheiden : 
in eine nordöstliche und südwestliche. In der ersteren entspricht deu 
Halbvocalen sowohl in unbetonten als auch betonten Silben ein e, in der 
zweiten aber in betonten Silben ein a, in unbetonten und kurzen aber 
ein kurzer und unklarer Laut, der sich in der gewöhnlichen Aussprache 
einem e nähert; im ersteren Falle schreibt Vodnik a: ganen 78, vza- 



76 Fr. Vidic, 

mem 91, 92, bolan 39, gorak 39, dan, cast, tas (76). Statt a erscheint 
in secundär gelängter Silbe o : donas. Dieser Laut a ist aus betonten 
Silben durch Analogie auch in unbetonte eingedrungen: castjo, castiti, 
castenje 11 K, weil cast, daneben aber auch cesen, cesenje; hieher ge- 
hört auch: katir 11, danas (51, 125 P. 91. 94 K) statt denes nach der 
Analogie von dan u. s. w. 

In kurzen und unbetonten Silben entspricht dem altslovenischen b 
und ^ der dunkle unbestimmte Vocal mit dumpfem Klange, für den 
Vodnik e oder i schreibt: konec 53 K, k peklam 26 K; öfters aber i: 
razlocik 115, zacetik 116, 130, cetrtik 69, zvirik 51, petik, dobicik, 
obcutik, premislik, zasluzik, zapopadik, perstavik, delavic, terpivic, 
plevic, pomagavic, brambovic, tepic, prodavic, cepic, pokorivic, zejin, 
tezik und viele andere. 

In gewissen Fällen steht für den unbestimmten Halbvocal auch o : 
cerkov; es entwickelte sich hier unter dem Einfluss des benachbarten v 
und Vodnik bemerkt dazu: »vem, da Rosi pisejo cerkov ne cerkev ; 
al oni se tudi niso vsimu na konec prisli in per nas sta sama e in e v 
koncnih zlogih rada brezglasna ; tedaj pisemo se -ev mesto ov,j ce se 
nam lubi. Vunder za en cerk sem al tje, na lepi besedi m' je narvee 
lezece(f. 

In den Fällen v^, vh entwickelte sich zuerst das u und dann wurde 
demselben ein v vorgeschlagen: vunod 108, zvunaj 7, vunajni 69, vun- 
uzeti 79. 

Der unbestimmte Halbvocal bleibt auch unbezeichnet. Dabei kann 
er entweder ein Reflex des altslov. ft, ^ oder auf dem Gebiete des Slo- 
venischen zwischen bestimmten Cons. -Gruppen als Hilfslaut eingeschaltet 
sein. Im letzteren Falle aber fehlt er bei Vodnik namentlich nach den 
Sonanten r, ^, m, w: dnar VII, dnarja 56, tma 4. Ursache ist die Natur 
des r, /, m, n, vergl. r für unbetontes n", re, tu. 

Das etymologische e hat sich ziemlich unverändert erhalten, wie e 
überhaupt neben o der konservativste Laut ist. Aus je entwickelte sich 
e, so entstand kir aus l\jer altslov. küdeze. 

Langbetontes er wurde zu ir : petira, desetira. 

Vodnik schreibt nur zname'ne, znamina 8, 65, 34; hier folgt der 
Silbe mit e ein weiches n und unter seinem Einflüsse ist es zu i ge- 
worden. So schreiben schon die Schriftsteller des XVI. Jahrb., so 
Trubar psalt. znamine 109b, znamina 133b, Skalar. Wie wurde 
dieses i ausgesprochen, war es ein reines i oder ein Halblaut ?>? Oblak 



Valentin Vodnik, der erste slo venische Dichter. 77 

meint: Wenn man bei Krelj znamanie, kamanie betrachtet, so muss 
man denken, dass hier dieses a als Halblaut ausgesprochen wurde; in 
znam^ne aber wirkte die nächste weiche Silbe ein mit ihrem/; aus ii 
(ni, nj) wurde/«, und dieses/ bewirkte, dass sich aus dem geschwäch- 
ten e-Laute infolge der Assimilation i entwickelte, also: ej — hj — i. 
Einen Beleg findet man in einigen Dialecten, so in Begunje'). 

Statt des heute in der Schriftsprache üblichen prijatelj finden wir 
perjatel; in den casus obliqui wurde das e ausgestossen : priatla, priatli. 
Da Vodnik consequent prijatel und nie -telj schreibt, so ist an dieser 
Aussprache nicht zu zweifeln. Das / (Ij) hat sich wahrscheinlich nach 
der Analogie der Participia und ähnlicher Wörter verhärtet, und es 
scheint keinen slov. Dialect, der perjatel' hätte, zu geben. 

Das betonte § (e) schreibt Vodnik in der Regel als reines e : svet, 
dete, vediti, potreba, bolezen, razsvetljenje, devica, z lepo, k svetlobi ; 
ausserdem aber findet sich sowohl für das betonte als auch unbetonte i 
auch i: pripovisti, okripcati, kripkih, kripkost, zvir, svitlobo, razsvitlen, 
razumili, vediti u. a. 

Das i hat sich im Laufe der historischen Entwickelung aus dem 
eng klingenden e entwickelt. Dasselbe ist auch in einem grossen Theile 
des serbokroatischen Sprachgebietes der Fall (vergl. Jagic, Arch. VI. 
80—98). 

In der Mehrzahl der Fälle steht zwar für i — e, doch ist nicht zu 
zweifeln, dass dieses e etwas verschieden vom etymologischen e ausge- 
sprochen wurde; in Vodnik's Sprache hatte betontes i wahrscheinlich 
die heutige oberkrainische Aussprache eines engen zu i geneigten e. 

Heutzutage entwickelte sich aus dem unbetonten und kurzen e der 
dunkle, unbestimmte Halbvocal. Da Vodnik in der Bezeichnung des 
unbetonten und kurzen i schwankt, indem er für dasselbe bald ^, bald e 
setzt, so kann man annehmen, dass das unbetonte e bereits in der Mitte 
des XVII. Jahrb., wahrscheinlich schon gegen Ende des XVI. Jahrh. zum 
unbestimmten Halbvocal herabgesunken war. 

Der Reflex des unbetonten e ist völlig geschwunden, in : dianje, 
djati, spovdniku, spovdnik, spovdio, hotlo, hotli u. s. w., wie man das 
auch bei unseren protest. Schriftstellern finden kann. Schuld daran ist 
theils die Verrückung des Accentes, theils ist es der Einfluss des l und 
der Analogie pletel-la etc. 



Oblak: Doneski k histor. slov. dijalek. S. 12, 



78 Fr. Vidic, 

Für den altslovenischen Nasallaut e hat Vodnik sowohl in betonten 
als auch unbetonten Silben e: pet, deset, grede, sveti, jesik (also kein 
ie in ursprünglich langen, betonten Silben, kein piet). 

Für das langbetonte o schrieb Vodnik in der Regel auch o: nebo, 
pomoc, sladkost, gospod ; aber man findet auch skuzi- aus -vo-. Es ist 
eine Eigenthümlichkeit mehrerer slovenischer Dialecte, zumeist der- 
jenigen Krains, dass sich ein langbetontes etymologisches o zu w ent- 
wickelt, ein Vorgang, der seine Parallele im Kleinrussischen, Polnischen, 
Böhmischen hat. Bei Vodnik ist der Wandel des o m u consequent 
durchgeführt bei sturiti, sturilo, sturivnih, sturivnimu u. s. w. durch -vo- ; 
auch rugati findet sich, wenn das nicht eine Entlehnung aus dem Serbo- 
kroatischen ist. — Vodnik bietet Beispiele, wo a für unbetontes o = 
u. q steht: magoce, vajvoda, damovini, salota, matika; dasselbe ist in 
der innerkrainischen Mundart bekannt, wo auch sogar für q ein a vor- 
kommt: glaboko. 

Es ist hier das o geschwächt worden zu einem halbvocalähnlichen " 
Laute, der hier mit a bezeichnet wurde, während er in sebota depolni 
mit e, in popolnma aber mit i wiedergegeben wurde. Unbetontes o geht 
heutzutage in mehreren Dialecten Oberkrains in einen Halbvocal über, 
welcher zwischen o und u steht, hauptsächlich im Auslaute. Während 
die älteren slov. Schriftsteller fast durchgehends prerok schreiben, finden 
wir bei Vodnik prorokvanje, aber auch prerok. Oft nimmt es Vodnik 
mit dem o nicht gar streng und lässt es ausfallen : imenvana, oznanvati, 
kmetvati u. s. w. ; das geschieht durch die Mittelstufe des u (aus dem 
Praesens). Vodnik sagt in der Grammatik S. 8 »Kadar bi imela beseda 
predolga biti, rajsi izpusamo brezgiasne zavolj lepsiga, postavim : imen- 
vanmuö. 

Bei Vodnik findet sich auch die Form kelM neben kolko. In den 
östlichen, namentlich steirischen Dialecten kommen diese Formen ge- 
wöhnlich vor. Oblak meint nun (Doneski S. 17): da auch in anderen 
slav. Sprachen neben o auch e in diesen Formen vorkommt, so im Pol- 
nischen: telko, kielko, im Sorbischen: telki, könnte man in der Sprache 
ursprünglich zwei Formen annehmen : toliko, koliko und txliko, k-iliko; 
aus letzterem hätte sich kelko telko entwickelt : die Erklärung ist aber 
nicht sicher. 

Das war in der bestimmten Form der Adjective lang; daher 
schrieb Vodnik ursprünglich Blejskw, drugu, später und so auch in den 
beiden besprochenen Werken hat Vodnik schon überall o. 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 79 

In preden schwächte sich das o zu einem Halbvocal und verschwand 
dann gänzlich, dafür erscheint der Halbvocal vor n und wird durch e 
wiedergegeben. 

Dem altslov. & (a) entspricht o, welches auch in langbetonten Silben 
unverändert bleibt: roka, zoper, porocit, pot, vsemogocni; das finden 
wir auch bei den älteren Schriftstellern, nur schreiben Trubar, Kastelec 
u. a. regelmässig u bei super. 

Der Vocal a ist viel conservativer als e und o. Er blieb in lang- 
betonten Silben, falls er nicht von benachbarten Lauten beeinflusst 
wurde, unverändert und erhielt sich grösstentheils auch in unbetonten 
und kurzbetonten Silben, wiewohl es keinem Zweifel unterliegt, dass 
der Laut schon etwas reducirt ausgesprochen wurde, also nicht mehr 
reines a, sondern zwischen e und a. 

Statt da (ut) schreibt Vodnik regelmässig de, welches sich schon bei 
den ältesten Schriftstellern findet und auch heutzutage gesprochen wird. 

In kurzen und unbetonten tautosyllabischen Silben entwickelte sich 
vor folgendem J aus a ein e ; wir haben hier eine Art Assimilation oder 
Umlaut, wie im Böhmischen, Polnischen; bei Vodnik findet man: tedej, 
vselej\ kdej\ nekdej\ zdej neben kdaj^ tedaj\ zdaj; erhalten ist das a 
iu: wa, nad. 

Der Umlaut a zu e nach den Palatalen ist aber zu trennen von der 
Assimilation des oj zu ej. Ersteres ist älter (jez), die Assimilation aber 
erst aus dem Ende des XVI. Jahrh. (Archiv f. slav. Phil. XIV, S. 449). 

In unbetonten oder kurzbetonten Silben geht unter dem Einflüsse 
des /, t?, w das a über in o in: delovc. Das heutige notranje erscheint 
bei Vodnik als notrin, notrisko. Wahrscheinlich ist hier ein notrn an- 
zunehmen, welches dem altslov. qtr^n^ entspricht. 

Der 2- Vocal blieb in betonten Silben unverändert, in unbetonten 
und kurzen sank er zu einem unbestimmten Halbvocal herab, der sich 
in der Aussprache einem e näherte, so dass der Unterschied zwischen 
unbetontem i und e nur gering war. Gewöhnlich wurde dieser Halb- 
vocal mit e bezeichnet. Beispiele dieser Lauterscheinung sind schon in 
den späteren Schriften Trubar's so wie in anderen des XVI. Jahrh. an- 
zutreffen. Viel zahlreicher sind sie bei Skalar und Stapleton (Oblak, 
»Doneski« S. 19). Vodnik hat nur wenig Beispiele, darunter z. B. 
memo, blezo. 

Die Gruppe ri wurde in unbetonten Silben vor dem folgenden Con- 
sonanten zu r (er). Das ist hauptsächlich der Fall bei der Präposition 



80 Fr. Vidic, 

pri, kommt schon bei den ersten Schriftstellern vor und ist auch in den 
heutigen Dialecten üblich: perrekujemo, perbezim, perpravil, permesam, 
perlog, pergnati, perlozi, perporocit etc. Hieher gehört auch kerstjani, 
daneben kristjani. Statt />er findet sich auch />n : prihajam. Axach. pre 
ging in per ttber: perdrznem. 

Auf derselben Stufe der Schwächung steht ie für ^; dem Vocal i 
wurde ein y vorgesetzt und dann wurde in der Lautgruppe /«" das i ge- 
schwächt zu f. jegra, jegla; in langen Silben aber blieb natürlich i: 
jilnica, jilovka, razjidejo, zajidemo. Eine solche Schwächung ist auch : 
devjaski st. deVjaski aus d?)VJaski unter dem Einflüsse des v. Wegen des 
nachfolgenden r ward i zu e in : opera, podpera, se podera, zaterati, 
zberati u. s. w. In unbetonten und kurzen Silben schwindet häufig das 
i: velke (st. velike), bla u. s. w. 

Erhalten bleibt das i bei der Conjunction in, welche in den Formen 
ino (das gewöhnliche), i und m vorkommt. Bei den früheren Schrift- 
stellern findet sich selten ein m, in der Regel mo, woraus nach Abfall 
des i — no wurde und daraus noch weiter nu. Bei der Präposition iz^ 
fiel unter dem Einflüsse von s^ das i ab ; solche Fälle sind häufig : zreci, 
znajti u. a. Endlich fiel auslautendes i im Infinitiv ab, wofür ich bei der 
Conjugation Beispiele anführen will. 

Dem altslovenischen u entspricht bei Vodnik fast regelmässig u und 
erleidet beinahe keine Veränderungen. Vor dem anlautenden u steht 
gewöhnlich als Vorlaut ein v: iz vust do vust, vuho, vusesa, vurimo, 
vurjenjam, vumetnost, vucencov, podvuci, navuk etc. 

Dies V war ursprünglich ein bilabiales v, später näherte es sich dem 
u und wird heutzutage nicht mehr gesprochen. 

Für das silbenbildende r schreibt Vodnik — er: cerka, verste, 
pervo, derzis, mertvo, certa, skerb, smert, sterd, serd, kerst, serp, 
gerdo, terda, merzlica, serca, zapert, poterdil, vert, zatert etc. 

Es findet sich auch — ar, wie parst. 

Aus dem silbenbildenden / entstand — ol: solza, popolnim, dolg 
etc. Aus j'abJ^ka schreibt Vodnik jableka, jablek. Oblak (»Doneski« 
S. 26) erklärt dies, dass auch das Slovenische einen Unterschied machte 
zwischen einem kurzen und langen / sonans, dass also auch im Slove- 
nischen in der älteren Periode / lang und kurz war. 

Auch Vodnik schreibt für das Altslovenische slxnLce, wie seine 
Vorgänger sonce. Das / (i) schwand wegen des nachfolgenden ne schon 
vor Beginn unserer Literatur (Skrabec: »Cvetjecc III. 3). 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. gl 

üa die Palatalen im Slovenischen frühzeitig sich verhärteten, konnte 
denselben o respective a statt des zu erwartenden e folgen. In der De- 
clination wurde das durch die Analogie der harten Stämme gefördert ; 
wir lesen daher : tovarsam, mozam, cepcam, krajam, padezov, krajov, 
konjov etc. 

Die Unterlassung der Assimilation nach den Palatalen und das 
Zusammenfallen der weichen Stämme mit den harten in allen Formen 
der Declination muss gewiss schon vor der Mitte des XVI. Jahrh. be- 
gonnen haben, denn da finden wir sie schon sehr verbreitet. Sie muss 
ihren Anfang schon früher genommen haben, wenn auch nicht in allen 
Dialecten zu gleicher Zeit und in gleichem Masse. 

Wie die meisten slavischen Sprachen, so vermeidet auch das Slo- 
venische den vocalischen Anlaut. Dies geschieht hier durch den Vor- 
schlag eines/ vor einem hellen Vocal: jilovka, jegra und durch Voran- 
setzung eines v vor den dunklen Vocal : vuk, vusta, vaplena, vaplenka. 
Diese Function hat merkwürdigerweise auch g übernommen, besonders 
in den Dialecten Oberkrains. Schon Kopitar erwähnt in seiner Gram- 
matik S. 293, Anm. 3 : »Der Oberkrainer spricht statt uni auch guni«. 
Bei Vodnik kommen diese Formen nicht vor. — Verloren aber ging 
dasy vor eden, en ; selbst die ältesten Schriftsteller haben ausschliess- 
lich edn, Oblak (»Doneski« S. 27) erwähnt, dass er nur einen Fall 
mity gefunden hat, und zwar Trubar psalt. ienu 45a, wenn nicht dabei, 
wenigstens in der Graphik, das ino einen Einfluss geübt hat. 

Heutzutage lauten in allen Dialecten diese beiden Wörter vocalisch 
an, ausgenommen einige östliche Steiermarks und die kajkavischen. 

Consonanten. 

Die Wandlung des harten l Vixw begann schon um die Mitte des 
XVI. Jahrh. Beispiele dieser Erscheinung finden sich schon bei Krelj. 
Vodnik schreibt : terpivni, povrativni, delivni, rodiven, dajaven, ka- 
zavno etc., dagegen visne/o nebo. 

Im part. praet. act. II schrieb Vodnik regelmässig /, Formen wie 
storu, hvalu finden sich nicht. 

Das erweichte /' ist entweder unverändert geblieben, in den meisten 
Fällen jedoch in das mittlere l übergegangen. V scheint dort, wo es 
sich auf vorausgehenden Vocal stützen konnte, bewahrt zu sein , geht 
ein Consonant voraus, so wird es zu mittlerem 1 : povelje, volje, dalje, 

Archiv für elavische Philologie. XXIV. 6 



82 Fr. Vidic, 

bolj, polju, polje, k veselji, dagegen: locliv, lubav, ludi, grable, zemla, 
lubka, lubca, aber auch zele, povele etc. 

Bei n schreibt Yodnik bald das erweichte, bald das unerweichte : 
lukne, nasledni, sredniga, jagne, premeuujejo, zadnic, zaston, stopna, 
prosna, dagegen: luknja, prosnja, stopnja, smolnjak, ulnjak, golobnjak, 
skusnjo, poslednje: beide sind ziemlich gleich vertreten, so dass man 
daraus nicht schliessen kann, wie Vodnik gesprochen hat. Bei majnsa 
tritt das j vor n. 

Aus dem erweichten r wurde schon frühzeitig -rj-\ govorjenje, 
morje etc. 

Wie in allen älteren slov. Schriftstellern des XV. — XVIII. Jahrb., 
findet man auch bei Vodnik cez für crez^ indem die Lautgruppe er zu c 
wurde. Die slavischen Sprachen lieben diese Gruppe überhaupt nicht 
und suchen sie auf verschiedene Weise zu modificiren; so wurde im 
Böhmischen cez und ähnlich auch im Bulgar. (Oblak: »Einige Capitel 
aus der bulg. Gramm.« Arch. XVII). In einigen slovenischen Dialecten 
findet man sogar cerez. Vodnik hat auch cesna. 

Das d und t bleiben in der Regel erhalten, d fiel aus in en-a^ -o ; 
noben, «, o und ähnl. Für t steht k: in doJde statt dotle. d fiel aus 
in opustik für odpustik ; in tot, povsot steht t statt (/, was auch Kopitar 
dem Dobrovsky gegenüber beanstandet hat. 

In der Gruppe pj\ hj\ mj\ vj verliert /, welches in Vereinigung mit 
den vorhergehenden Labialen sich zu plj^ blj\ mlj\ vlj entwickelte, seine 
Erweichung : predstavlamo, jemlemo, zemla, ponavla ; in den Beispielen 
wie terplenje wollte die Sprache die doppelte Erweichung vermeiden. 
Das V ist abgefallen in ladajo st. vladajo. 

In der Gruppe gl fiel das g ab : deslih, delih^ lilitam^ akolili^ lili- 
kar. Die Gutturalen gehen in Sibilanten über in Fällen wie otroci^ 
volcj'e. 

G wird zu/ erweicht vor e\ diese Erweichung ist secundär und 
tritt im Westen des slov. Sprachgebietes vor jedem weichen Vocal auf: 
drujga; das ist eine Dessimilation, entstanden aus drugiga\ das unbe- 
tonte i wurde zum Halbvocal geschwächt: drug^ga, und aus drugga 
wurde drujga. 

S schwand vor dem folgenden ä: seboj, abgefallen ist es auch in 
podbudi. 

Für das Slovenische ist wichtig die Lautgruppe se für die Theilung 
der Dialecte. In dieser Hinsicht scheiden sich der oberkrainische und 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 83 

unterkrainische Dialect, mit letzterem geht auch der innerkrainische. 
Der erste weist s, die beiden letzteren sc auf. Vodnik schreibt nur 6', 
also oberkrainisch : cesenje, zelisa, opusamo, nepokorsine, prebivalse, 
isejo, dopusa, obise, drusina, okolsine, sosesini, sternisa; merkwürdig 
ist: mastuj, mastovauje. 

Die Präposition k geht hie und da über in h: heim. 

In Fremdwörtern tritt an das erweichte l ein ?^ an: Apostolne, 
Apostelnov, Apostelnom, aber auch Apostolov. Die ersten Schriftsteller 
haben das nicht, bei Kastelec aber kommt es schon vor. 

Nominale Declination. 

^/o- Stämme. 

Im Nominativ ist der alte durch das Altslovenische repräsentirte 
Thatbestand stehen geblieben nach dem Schwunde des auslautenden 
Halbvocals. Der unbestimmte Halbvocal vor dem Schlussconsonanteu 
hat sich erhalten und wird bei Vodnik meist durch ^, zuweilen durch e 
bezeichnet: tepic, cepic, ogin, konec u. a. So schreiben auch die meisten 
älteren: Trubar, Krelj, Hren; bei Kastelec dagegen schwindet er oft, 
wie konc u. a. Dieses e oder i wird sonst von allen Schriftstellern bis 
ins XIX. Jahrb. beibehalten, in der Mehrzahl der heutigen Dialecte ist 
dieser Ersatzvocal des altslov. b und ^ geschwunden. 

Neben der Gen. -Endung -a finden sich Formen auf -ü, welche der 
e^-Declination entlehnt sind: stanü, rodü u. a. Diese Endung ist auf 
einsilbige Wörter mit der Gen. -Betonung auf der Endsilbe beschränkt, 
aber auch hier von Vodnik nicht besonders häufig angewendet, wiewohl 
er in seiner Gramm, viele solche Subst. anführt, wie: dar, glas, god, 
grad, hal, mir u. a., die im Gen. -ii haben können, also : meh, mehü, 
aber auch meha und mehä (vergl. Kopitar's Gramm. S. 293). Trubar 
liebt die Endung auf -u, dagegen ist sie bei Krelj beschränkt, bei an- 
deren halten sich beide Endungen das Gleichgewicht. In den jetzigen 
Dialecten ist das Vorkommen der Endung -u abhängig vom Accente 
und wir finden die Gen. auf -u in jenen Dialecten, die eine Vorliebe für 
die Ultima-Betonung zeigen und im Nom. den Accent = haben (Oblak : 
Zur Geschichte der nominalen Declination 24). 

Im Dativ hat Vodnik nur -u, -i habe ich kein einziges Mal getroffen, 
wie er denn auch in seiner Gramm, nichts davon erwähnt: padezu u. a. 
Die älteren: Trubar, Dalmatin, Bohoric, Hren, Skalar haben auch For- 

c* 



84 Fr. Vidic, 

men auf -ovi und -ovu, die aber seit dem XVII, Jahrh. fast ganz ver- 
schwinden. Bei diesen älteren findet sich auch i und ist in der jetzigen 
Sprache sehr verbreitet, in den östlichen Dialecten fast alleinherrschend : 
Küzmic, Volkmer, Schmigoz (Oblak: Zur Gesch.d. nom. Deel. S. 31). 

Für den Acc. ist der Gen. eingetreten bei den Lebendes bezeich- 
nenden Substantiven. Da also bei den masc, Monosyllabis der Gen. 
manchmal die Endung -u hat, ist diese auch im Acc. aufgetreten : tatu 
124, sinu 11, 92. Das findet sich auch bei Trubar, Hren, Dalmatin 
und zieht sich durch alle Drucke bis auf die Gegenwart. 

Der Vocativ ist durch den Nominativ ersetzt worden. 

Im Local findet man bei Voduik nur die Endung -u, entlehnt von 
den M-Stämmen, während sich von -^ als Reflex des altslov. i kein Bei- 
spiel findet: v Bohinu, v licu, v letu, na koncu, po vrhu, na svetu u. s. w. 
So schreiben Trubar, Krelj, Dalmatin, Bohoric hauptsächlich in Mono- 
syllabis. Auch bei den Subst., deren Stamm auf ■;;' auslautet, haben sie 
ausschliesslich -u. Skalar bevorzugt -i. In den heutigen slov. Dialecten 
kommt der Local sing, auf -i, -u, -^ (einen dumpfen halbvocalähnlichen 
Laut) vor, ja auch die Endung -e (Oblak: Gesch. d. nom. Decl. 46). 

Kopitar hat in seiner Gramm. S. 232 auch -ovu und -ovi', ersteres 
ist, wie Oblak (G. d. n. D. 54) erklärt, überhaupt nicht aufzuweisen, 
letzteres äusserst selten. 

Der Instrumental hat bei Vodnik regelmässig und ausschliesslich 
-am auch bei den weichen Stämmen: z jezikam, z delam, s koncam, 
z vumam, krajam, s cepcam, mozam, tovarsam, casam u.a. Die Endung 
-am steht statt des organischen -om und bildet in den heutigen Dialecten 
die Regel. Eine Erklärung gibt Oblak (G. d.n.D. S. 57). Diese Endung 
ist in den Drucken des XVI. Jahrh. ungemein selten ; Trubar, Dalmatin 
nur je ein Beispiel, Bohoric keines, sondern nur -om, -em, auch -um., 
später wird -am immer häufiger und dringt zu Anfang des XVIII. Jahrh. 
ganz durch. 

Im Nominativ plur. kommt die von den e<-Stämmen entlehnte En- 
dung -ove bei Vodnik nicht vor (auch bei den ältesten Schriftstellern 
sehr selten), hingegen findet sich -oci: dolgovi, glasovi, bogovi, duhovi, 
sinovi u. a. Häufig findet man den von der «-Decl. entlehnten Nom. auf 
-je: volcje (wobei der Guttural in den Sibilanten übergeht), bratje, 
skofje, vudje u. a. Vor der Endung -i werden die Gutturalen bewahrt: 
raki etc., eine Ausnahme macht: otroci. Die Endung -Je ist schon in 



"Valentin Vodnik, der erste sloveniache Dichter. 85 

den ältesten slov. Denkmälern verbreitet, hauptsächlich bei Personen 
und Völkern. 

Vom alten Genitiv plur. habe ich bei Vodnik nur moz 117 gefunden, 
wiewohl er in seiner Gramm (S. 17) angibt, dass konj, lonec, otrok etc. 
auch im Gen. plur. so lauten. Die Sprache entlehnte frühzeitig das 
Suffix -ov von den w-Stämmen, welches im XV. und XVI. Jahrh. schon 
die Regel ist und natürlich auch bei Vodnik durchgehends herrschend. 
Schon die Freisinger Denkmäler haben neben greh mehrmals auch 
grecliou. Diese Entwickelung hat ja das Slo venische mit den Schwester- 
sprachen gemein. In der heutigen Sprache sind die Gen. auf-oi; bei 
den Masc. in allen Dialecten das allgemein liebliche, die historischen 
Formen sind nur auf wenige Subst. beschränkt (Oblak: G.d.n.D. S. 102). 
Der Unterschied zwischen den harten und weichen Stämmen ist ge- 
schwunden: mescov, padezov, krajov, vdarjov, konjov, kralestvov, 
morjov, znancov, starsov etc. Diese Ausgleichung hat im Slov. in einigen 
Dialecten schon im XVI. Jahrh. stattgefunden, während sich in anderen 
der Unterschied länger festhielt. Der Gen. plur. auf das der «-Declin. 
entlehnte -i kann in Vodnik nicht belegt werden, ist aber heute in einigen 
Dialecten ziemlich verbreitet. 

Im Dativ plur. findet man bei Vodnik die histor. Endung -om nicht 
mehr, sondern nur -am, welches erst im XVI. Jahrh. aufzukommen be- 
ginnt. Bei den Neutris erscheint -am um 150 Jahre früher (Oblak: G. 
d. n.D. S. 112). Die älteren haben noch fast durchgehends -om, im 
XVIII. Jahrh. hat aber -am das -om schon verdrängt und ist auch in 
den Dialecten meist herrschend. Auch im Dativ plur. hat sich der 
Unterschied zwischen den hart und weich auslautenden Stämmen völlig 
ausgeglichen : Nemcam, mladencam, Slovencam, konjam, pevcam. 

In der Gegenwart ist der Unterschied in der Mehrzahl der slov. 
Dialecte völlig verwischt. Nachdem sich im Slov. das den w-Stämmen 
entlehnte -ov in einigen Casus, namentlich im Plur. festgesetzt hatte, 
finden wir auch im Dativ stanovam etc. Vodnik stellt in der Gramm, 
neben tatam und tatovam auch tatöm, gebraucht es aber selbst nicht. 

Im Accusativ plur. ist die gewöhnliche Endung -e, entlehnt von 
den/o-St., so dass das -e als Repräsentant des altslov. ä erscheint. In 
den slov. Denkmälern des XV. und XVI. Jahrh. haben wir durchgehends 
Acc.plur. auf -e: rake, sogar sine u. a. In der Gramm, erwähnt Vodnik 
auch den Acc. tati, der aber bei ihm dann nicht anzutreffen ist. Diese 
Form ist nach der Analogie der e<-St. unter der Mitwirkung der «-St. ent- 



86 Fr. Vidic, 

standen, kommt schon im XV. Jahrh. vor und hat sich in vielen Dialecten 
der Gegenwart erhalten (beschränkt auf Monosyllaba). Im Serbokroat. 
kommen sie bereits im XIV. Jahrh. vor (Daniele, Istorija 105 — 107). 
Auf der w-Decl. beruht wieder : tatove, mehove, domove, gnojove (auch 
in den ältesten Drucken und in heutigen Dialecten; Oblak: G. S. 132). 

Seite 114 des »Kersanski N.« hat Vodnik »sadez«, was man nach 
der Construction als Acc. plur. auffassen muss. 

Im Local plur. hat Vodnik ausschliesslich die organ. Formen auf 
-ih^ sowohl bei den Masc. als auch bei den Neutris. In diesem Casus 
begannen schon im XVI. Jahrh. Formen auf -aJt aufzukommen und ver- 
drängten nach und nach das-///, bei Vodnik fanden sie keine Aufnahme. 

Das -ah kam wie im Dat. -am zuerst beim Neutr. auf und erst im 
XVII. Jahrh. auch beim Masc. Vodnik gibt in der Gramm, auch die 
Form tateh an, was den «'-Stämmen entlehnt ist und fast über alle slov. 
Dialecte, auf gewisse Wörter beschränkt, verbreitet ist. Im Paradigma 
gibt Vodnik auch bogovih und tatovih an (auch bei Kopitar, Gramm. 
S. 233) und bemerkt: »po ti podobi (tat) hodio: las, nocht, tast, trak«. 

Im Instrumental plur. gebraucht Vodnik fast ausschliesslich die 
Endung -tni: koucmi, glagolmi, krajmi, rakmi, glasmi, predlogmi, 
darmi, judmi, krizmi, letmy, listmi etc., während die organische Endung 
-i nur in den beiden Fällen: z vec soglasniki (10 Gr.) und: pred so- 
glasniki von mir gefunden wurde; hier sehen wir auch, dass der Gut- 
tural vor i unverändert bleibt. Ausserdem hat Vodnik vereinzelte 
Formen auf -mK z glasnikimi, und axd-aini: med ludstvami, z delami. 
Die Endung -mi ist den «-Stämmen entlehnt, wiewohl sie auch von den 
M-Stämmen hergeleitet werden könnte. Sie kommt bei den älteren Au- 
toren vor, bei welchen sich auch seltene Formen auf-«' finden. Die 
Endung -mi ist in der gegenwärtigen Sprache fast in allen Dialecten 
verbreitet, wenn auch hie und da beschränkt; jünger ist die Endung 
-ami. (Kopitar hat in der Regel -i nur bei monosyll.-ywi ; Gramm. S. 225 
u. 233.) Vodnik, der in seiner Gramm, den Instr. auf -am gar nicht 
erwähnt, betrachtet als Regel -mi und setzt sogar bei den einsilbigen 
Substant. ins Paradigma nicht -ovi, sondern -ovmi: bogovmi, mehovmi, 
neben mehmi (auch Kopitar so, Pohlin aber hat nur -ovami). 

Im Nominativ und Accusativ dualis ist die ursprüngliche Endung 
-a erhalten: glasa, raka, tala; die Formen auf -ova sind wie alle durch 
-ov- erweiterten Casus auf Monosyllaba beschränkt. So auch bei den 
alten Autoren, bei welchen sich selten Formen auf -u und -i finden. 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 87 

Im Genitiv und Local dual, erscheint die Endung des Plurals, was 
ich nur nach den Paradigmen constatire, da ich sonst diese beiden Casus 
im Dual nicht angetroffen habe. 

Im Dativ und Instrumental dual, ist die Endung -ama bei den 
Masc. und Neutr. von Vodnik geschrieben statt des ursprüngl. -oma, 
welches schon im XVI. Jahrh. schwindet : rakama, apostelnama, glasni- 
kama, krajama etc. Im Paradigma hat Vodnik auch die Form tatema 
wie tatem im Plural. 

Die °/o-Declination der MascuUna und Neutra ist also durch Neu- 
bildungen aus der m-, i- und consonantischen Declination stark verändert. 

a-Stämme. 

Die Declination der a-Stämme hat bei Vodnik die ursprüngliche 
Gestalt in allen ihren Casus bewahrt. 

Der Dativ sing, der Subst. auf -ija, der bei anderen Schriftstellern, 
schon ins XVI. Jahrh. zurückreichend, bei der Endung -iji das letzte i 
abwirft und dann auf -ij lautet, hat bei Vodnik das zweite -i erhalten ; 
nur hat Vodnik das -j- zwischen den beiden -i aufgegeben. Der Genitiv 
plur. ist, wie dies in allen Denkmälern und gegenwärtigen Dialecten der 
Fall ist, auch bei Vodnik ohne jeden Casuscharakter: nadlog, rib etc. etc. 
Allein ziemlich häufig kommt ganz analog dem Serbokroatischen in 
diesem Casus die Endung auf -ä vor : greblä, zelä, vrstä u. s. w. Es ist 
dies im Slovenischen eine Eigeuthümlichkeit einiger westlichen Dialecte, 
jener, in welchen der Ersatz der Halbvocale ein a ist, und die eine grosse 
Vorliebe für die Accentuirung der Ultima zeigen. Diese Formen des 
Gen. plur. kann man erst aus der Mitte des XVII. Jahrh. nachweisen. 
Von den fem. ^-Stämmen ist die Genitiv-Endung -i in die Decl. der a- 
Stämme gekommen, die wir bei Vodnik antreffen : besedi (135 G. 16 K.), 
zgodbi (21 K.). Diese Endung gewann im Slov. gar keinen Boden und 
ist auf wenige Beispiele beschränkt. Trotzdem findet man sie schon bei 
den protest. Schriftstellern. Im Local plur. setzt Vodnik, wie Kopitar 
;S.243) neben vodah, vodäh auch die Form vodeh, und Metelko bemerkt 
(Gramm. S. 185), dass man bei zweisilbigen Subst. vorzüglich in Ober- 
krain die Endung -eh findet. Im Instrumental plur. ist bei Vodnik die 
historische Endung -ämi fast ausschliesslich : besedami, rokami ; nur ein 
Beispiel habe ich gefunden, in welchem die Endung -mi der Decl, der 
fem. t-Stämme entlehnt ist, nämlich: kozmi (128 K.) Von koza), die auch 
schon im XVI. Jahrh. zu finden ist. Die gekürzte Endung -am aus -ami 



88 Fr. Vidic, 

findet sich bei Vodnik nicht. Den Dual hat Vodnik in der Gramm, regel- 
recht durchgeführt, allein aus den von mir benutzten Werken lassen sich 
die Dual-Formen nicht belegen. Bekanntlich ist bei der a-Decl. der Dual 
nom. u. acc. in der Gegenwart in den steirischeu Dialecten und einigen, 
Krains durch den Plural ergänzt. 

i-Stämme masc. 

Die Declination der masc. e'-Stämme wurde, wie die der w-Stämme, 
in die '&/o-Decl. übergeführt; Spuren davon, die sich noch bei den 
ältesten Schriftstellern finden, wie Gen. gospodi, Dat. gospodi etc., hat 
Vodnik nicht. Das Subst.jwo^ decliuirt Vodnik nach den fem. e'-Stämmen 
take poti (acc. plur.), indem er sagt: »po ti podobi (zival) sklanjamo 
c) tudi enozlozue lue ino pot« (Pism. S. 33). In Ijudje ist, wie bei allen 
Autoren und in allen heutigen Dialecten, so auch bei Vodnik die e'-Decl. 
vollkommen bewahrt. Vodnik schreibt S. 18: »Mnozno ime ludje od 
edinjiga lud, ima svoje posebno sklanjanje, tako: ludje, ludi, ludern 
ludi, per ludeh, z ludmi«. 

i-Stämme femin. 

Die fem. ^-Decl. hat sich bei Vodnik in ihrer ursprünglichen Ge- 
stalt bewahrt, nur im Plur. findet man Uebergänge in die a-Stämme. 
Der Instrumental sing, geht auf -Jo aus : zivaljo, klopjo. Im Plur. ist 
der Nom. u. Acc. erhalten, im Genetiv aber ist der alte Zustand durch 
Analogiebildung gestört; Vodnik schreibt nämlich Gen. plur.: zival. 
lastnost, pot, perloznost — also eine Analogie nach den ö-Stämmen ; 
dies tritt schon um die Mitte des XVI. Jahrh. auf. 

Vodnik unterscheidet aber hier, wie auch die älteren Grammatiker, 
2 Classen, indem er bei Subst., die im Gen. sing, das Casussuffix be- 
tonen, die Endung -i hat, also: pedi. Im Dat., Local und Instrum. ist 
der Uebergang in die a-Decl. noch stärker : vucenostam, v zapovdah, 
dolznostam, proti oblastam, z mislami, strastam, med dolznostami, pred 
boleznam etc. Dasselbe findet man auch bei den Aelteren, nur haben 
diese -om. Der Local lautet bei Vodnik ausser der schon erwähnten 
Endung -ah auf -ih : v stvarih, v strastih und nur in den Subst. mit 
Ultima-Betonung neben -ih auch -eh: pedeh. Im Instrum. neben dem 
schon erwähnten -ami hat Vodnik -i7ni, -mi und -i: zivalimi, stvarmi. 
pedmi. 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 89 

u-Stämme. 

Die Decl. der w-Stämme ist ganz in der a-Decl. aufgegangen. 
Vodnik erwähnt sie auch in seiner Gramm, nicht, sondern reiht sie gleich 
unter die a-Stämme. Im Nom. sing, findet man neben der Endung -ev 
und -ov auch -va : cerkev, cerkva. Das Wort kri^ altslov. krivi., hat 
Vodnik unter der e-Decl. und erklärt (Gramm. S. 35): »kri ali kerv ima 
kervi in kervi ino tako dalje«. 

Consonantische Stämme. 

Die Declination der cons. Stämme hat, wie überhaupt im Slov. schon 
im XVI. Jahrb., so auch bei Vodnik ihre Sonderstellung vollständig ein- 
gebüsst und ist mit Beibehaltung des consonantischen Stammauslautes 
vollkommen in die Decl. der w/o-Stämme übergegangen. Vodnik schreibt 
in seiner »Pismenost« (S. 12): »ktire (imena) se pa koncajo z -e ali -e, 
perjemajo v drugih padezih k sebi -/-, ino imajo v imenovavnimu mnoz- 
nimu konec na -j'e^ kakor oce, oceta, ocetje. . . . Oca pa gre prav, to je, 
oca, ocu, oca, per ocu, z ocam«. Vodnik unterscheidet daher die Decl. 
bei oce je nach dem Nom. »oce« oder »oca«. Bei den Neutren schreibt 
Vodnik (Pism.S.26): b) »konci -me ino -me perjemajo -n -k sebi, kakor 
teme, ime, i. t. d. t^mena, imena; c) Drevo, kolo, pero, slovo, telo, med- 
stavljajo — es ino imajo drevesa, kolesa i. t. d. Cudo ima cuda ino cu- 
desa, nebo, neba ino nebesa u. a; v mnoznimu cudi, cudov, al pa cudesa 
po podobi dela; nebo ima samo nebesa, nebes u. s. w.« Den Bedeutungs- 
imterschied, den Oblak (Z. Gesch. d. n.D. S. 235) angibt, nach welchem 
nehesa coelum, nebo das Firmament und den Gaumen bedeutet, hat 
Vodnik nicht. Seite 26 sagt er weiter : »Oko ima v edinjimu ino dvojst- 
nimu ocesa i. t. d. Vmnoznimu pak ima oci, je zenskega spola in hodi 
kakor vas« (Paradigma ped mit Gen. Suf. Betonung). Für da7i gibt er 
eine besondere Decl. : dan, dneva, dnevu, dan, per dnevu, z dnevam : 
dvojst. dneva, dnev, dnema, dneva, per dneh, z dnema; mnoz : dnevi, 
dni, dnem, dni, per dneh, z dnemi. In gleicher Weise behandelt die 
cons. Stämme auch Kopitar (Gramm. S. 240). In der Behandlung der 
alten s-Stämme scheiden sich die heutigen Dialecte in eine nordöstliche 
und südwestliche Gruppe, bis auf geringe Ausnahmen. In der ersteren 
sind die 5-Stämme vollständig in die '»/o-Stämme übergeführt, während 
in der letzteren noch der conson. Stamm bewahrt erscheint (Oblak, G. 
S. 237). Für die beiden r-Stämme mati und Jici sagt Vodnik, dass sie 



90 Fr. Vidic. 

eine eigene Decl. haben und zwar nach der Analogie der a-Stämme ; der 
Acc. sing, mater, der Instr. hat die Endung der ^-Stämme materjo. 

Personalpro)iomina. 
Beim Personal-Pronomen halten sich bei Vodnik die kürzeren und 
längeren Formen das Gleichgewicht; in der I.Person ist der Umlaut 
des j'az zu jes, den wir auch bei Anderen finden und der auch noch 
heute fast in allen Dialecten ist. Beim Dativ mi und ti elidirt Vodnik 
das i und setzt dazu einen Apostroph (Pogolt.): kaj t'je na ocesu? 
M' oteka; auch das si verliert oft das -^: s'bo pomagal; das hat Vodnik 
dem Dialecte abgelauscht. Im Dual der zweiten Person hat Vodnik üa, 
ve und in der ersten ma^ me, wofür man heute gewöhnlich midva, vidva 
setzt. Die dritte Person on unterscheidet Vodnik vom Demonstrativ- 
pronomen, indem er sie regelmässig on schreibt, während er für das 
letztere un hat. 

Pronominale Declination. 

Poss. pron. Vodnik schreibt im Genetiv svojiga, dat. svojimu 
u. s. w. In den älteren Autoren kommen die Formen svojga, svojmu 
vor. Nach Skrabec (Cvetje IL 9) sind Formen wie mojga, mojmu, da- 
durch entstanden, dass an Stelle des -e- in mega, memu u. s.w., welches 
sich in den Freisinger Denkmälern findet, das -oj des Nom. trat. Daher 
ist nach seiner Meinung in diesen Formen kein Vocal ausgefallen. Vodnik 
declinirt, wie wir bereits gesehen, die Poss. pron. ganz wie Adjectiva, 
was er auch selbst erklärt (Pism. S. 60). Statt des Pronom. poss. ist oft 
auch der Genetiv des Personal-Pron. zu lesen : njega dusa, nje duhovnih 
sluzabnikov, njega precudnih del etc. 

Das Pronomen demonstr. wird nach der Analogie der zusammen- 
gesetzten Decl. declinirt: tistiga, timi, tim, tih. Vodnik kennt wohl auch 
taisti, -a, -o, gebraucht aber gewöhnlich tisti, -a, -o. Beim Pron.yö ist 
zu bemerken, dass Vodnik in der Regel die langen Formen gebraucht : 
na njemu etc.; es finden sich aber auch die kürzeren, wie nanj (44 K.). 
Der Local ist unter Anlehnung an den Dativ falsch: njemu. Eine Pa- 
rallele findet man im Kroat., woselbst am Ende des XV. und im ganzen 
XVI. Jahrh. der Dativ statt des Locals steht. Der Accnsativ lautet /e'A 
und njih. Die ältesten Schriftsteller schreiben auch nje^jc (Mikl. Gramm. 
III. 148, Levec »Trubar's Sprache« 1 7) . Heutzutage hat sich diese Acc- 
form nur in den östl. Dialecten Steiermarks und in der Görzer Mundart 



Valentin Vodnik, der erste slo venische Dichter. 91 

erhalten. Nach Daniele (Istorija S. 202) begann im Serbokroatischen 
der Acc. schon im XIV. Jahrh. zu schwinden und wurde im XV.Jahrh. 
gänzlich verdrängt. Pron. vhsh : nom. ves geht nach der zusammenge- 
setzten Decl. vsiga, vsih, vsimu, vsim etc. 

Das Pronomen relativum lautet bei Vodnik katir, ktir, kir und ki ; 
letztere Form ist die jüngste und kommt erst im vorigen Jahrh. auf. 
(lieber kir Cvetje VI. 10, 1 1.) Von ktir habe ich gefunden : ktire (fem. 
plur.), ktirga, ktirih, v ktirih. Zur Verallgemeinerung fügt Vodnik ein 
-kol hinzu : ktirgakol. Sie decliniren nach der zusammengesetzten Decl. 
Von ki hat Vodnik den Gen. koga u. ciga, Dat. komu u. kimu, Acc. koga, 
kiga etc. plur. Instr. s kimi, cimi. Auch ko gebraucht er : ktiri so sa- 
dezi, ko jih obdelujemo (also Acc.) und ke: zeli, ke zive cloveka — für 
ktire nom. plur. fem. (121 K, 28 G). 

Das Pronomen interrogativum : khmo lautet kdo, indem das h 
schwindet ; im Genetiv neben koga auch ciga. 

Das Pronomen indefinitum lautet nekäo^ negirt niTice\ ^Qn.nikogra 
und nikogar, wozu Kopitar bemerkt: »nikogra ist grob gefehlt«. Dat. 
nikomur. Für das altslov. kbzdo (quisque) findet man bei Vodnik sieden 
und slehrin^ sicheren^ für beide aber auch vsak. 

Zusammengesetzte Declination. 

Der Genetiv masc. und neutr. geht bei Vodnik nur auf -iga aus : 
apostolskiga, bogatiga, bolniga, zdraviga, celiga, lanskiga etc.; der Gut- 
tural bleibt vor dem i erhalten : drugiga neben drujga. Der Dativ en- 
digt auf -imu : zadnjimu, k drugimu, k vecnimu, lepimu etc. Der Local 
ist gleich dem Dativ: v treljimu, v svetimu, v zadnimu. Manchmal hat 
er sich mit dem Instrumental ausgeglichen, und beide lauten dann auf 
-im: V kratkim, na gorenskim, z lepim. Genetiv und Local plur. lauten 
auf-e'/ii lepih; Dativ plur. : lepim. Im Instrumental ging das -i ver- 
loren; im Paradigma hat zwar Vodnik: lepimi, sonst aber findet sich: 
s ptujmi, neznanmi, med recenmi. Der Nominativ und Accusativ plur. 
neutr. geht immer auf -e aus: plemenivne stevila, mozke in zenske 
imena, duhovne in telesne bitja. Im Paradigma setzt Vodnik das -a in 
die Klammer (S. 37). Diese Formen auf -e sind nach der Analogie des 
Acc. plur. fem. gebildet. Bei den älteren Autoren findet sich diese En- 
dung nicht. 

Zu erwähnen ist der Genetiv zlega (63 K). Das Wort kommt noch 
heutzutage wie zu Trubar's Zeiten (Levec S. 10) im Vaterunser vor. 



92 Fr. Vidic, 

Auch Vodnik hat es hier : Temozh refhi naf od slega. In den älteren 
Schriftstellern findet sich dasselbe auch sonst nicht selten. 

Nach der nominalen Declination habe ich nur: z lepo (111 G) ge- 
funden. 

Comparativ und Superlativ. 

Im Comp, fügt Vodnik die Endung -si und -j'i an : bolsi, lepsi, ime- 
nitneji; von velik bildet Vodnik veksi u. veci; von eist: cisji, cisteji u. 
oistejsi; tolst: tolsji; gost-gosji: drag-drajsi; redka-rejsi, die in den 
heutigen Dialecteu gewöhnlich nicht vorkommen. Die Declination des 
weiblichen Comparativs hat in allen Casus die gleiche Endung -i, ob- 
gleich Vodnik zugibt, dass man es auch wie ein Adjectiv decliniren 
kann. Der Superlativ wird gebildet durch Vorsetzung von nar- oder 
naj\ wovon nar- das Uebergewicht hat. Ncr, welches bei Trubar und 
Anderen vorkommt, findet sich bei Vodnik nicht. 

Conjugatio9i. 

Das Suffix des Infinitivs bleibt in der Mehrzahl der Fälle unver- 
ändert: djati, vediti, zvumiti, zreti, zreti, zaterati, vediti, zapopasti, 
verovati, darovati etc. Häufig aber fällt das auslautende -i ab; slisi 
govorit, dam natiskat, znam govorit, ne dajo locit, spela prelomit, vkaze 
zdelat, oblubi dat etc. Dies geschah nicht bloss auf phonetischem Wege, 
sondern auch unter Mitwirkung des Supinums. Diese Verwechselung 
des Inf. und Supin. reicht im Slov. wenigstens ins XV. Jahrh. zurück 
(Arch. XI. S. 588). 

Auch im Serbokroatischen beginnt das auslautende -i des Inf. be- 
reits am Ende des XIV. Jahrh. zu schwinden (Daniele, Ist. S. 255). 
Vodnik schreibt (Gramm. S. 128): »Neokoncavni persekan naklon (sup.) 
delamo veasi zavol lepsiga glasa, kadar bi dva glasnika, zlasti dva i 
vkup prisla«. Hauptsächlich ist es ihm um die Schönheit der Sprache 
zu thun, wie er denn oft derselben Rechnung tragen zu müssen meint. 
Nach Vodnik muss stehen das Supinum bei Verben der Bewegung, bei 
Adjectiven lahek, tezek, vreden u. a. ähnlichen, und bei Verben, welche 
einen Befehl ausdrücken. Der Inf. statt des Sup. ist bei Vodnik nicht 
anzutreffen. Auch die Schwächung des -ti zu -te findet sich bei ihm 
nicht. Bei den Verben der I. 4. Cl. hat der Inf. die alte historische En- 
dung -c^, nicht -cti^ die jetzt in einigen Dialecten gesprochen wird, 
also : reci. 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 93 

Die Endung -ste in der IL Pers. plur. piaes., die den Dial. Inner- 
krains eigen ist und nach Analogie der Verba: veste, daste, greste ent- 
standen ist, findet sicli bei Vodnik nicht. In der III. Pers. plur. ist die 
kürzere Form mit Schlussbetonung nicht selten: leze, stojö, zarode, 
zatope, zde, trp^, spremene, sramot^, moz^, hrepene, zapuste, etc. etc. ; 
die kürzeren Formen auf -o wie rekö sind bei Vodnik nicht üblich. 
Doch sind auch die erweiterten Formen häufiger, als bei den ältesten 
Schriftstellern: navadio, stavio, opomnio, glasio, izrekvajo, operajo, 
idejo, pozabijo, molio, hranio, hodio, pravio etc. Aus den angeführten 
Beispielen erhellt, dass sich die Sprache Vodnik's in Bezug auf die An- 
wendung der kurzen Formen von der jetzigen Schriftsprache wenig 
unterscheidet. Bei den die Stammsilbe betonenden Verben der IV. CI. 
stehen nur die längeren Formen : hranio, hodijo, pravio. Einflüsse des 
Präsens auf andere Formen sind nicht zu finden. 

Das Participium praes. auf -e fehlt, es kommt nur das aus dem 
Casus obl. auf -ob (ec) gebildete vor. Dasselbe weist regelmässige Bil- 
dungen auf: siskajoc, bogabojec, verujoc; doch sind falsche Bildungen 
nicht selten : gonioc, grizejoo, vucioc, prosioe etc. 

Diese Formen sind nach der Analogie der erweiterten III. plur. 
praes. gebildet. Nachdem die III. plur. das -e- aus den übrigen Personen 
erhalten, drang dieses auch ins Particip ein. Schon Trubar hat prideoc 
(Levec S. 27) u. s. w. Der Hiatus wurde durch Einschaltung eines / 
vermieden : vzemejoc etc. 

Conjugation mit dem Präsenssufßx. 
Das altslov. hqdq weist bei Vodnik, wie schon in der Mitte des 
XVI. Jahrb., beide Formen auf: bom u. bodem; bo, bomo, böte, bodo. 
Die kürzeren Formen überwiegen mit Ausnahme der III. Pers. plur. Ein 
bojo oder bodejo, welche jünger sind, kommen bei Vodnik nicht vor. 
(Zur Erklärung des bom u.s. w. vergl. Mikl. Gramm. III. S. 160, Jagic, 
Cod. Marianus S. 447, Oblak »Doneski« S. 41.) Ebenso steht es mit 
grem^ gres, gre gegenüber dem altslov. greda und dem slov. gredem. 
Auch hier spricht man von einem Ausfall des -e und einer Assimilation 
des -d-: gredem, -gredm, -grem, was aber nicht geschehen konnte. 
Schon die ältesten Autoren schreiben im ganzen Sing, -d- und im Plur. 
die kürzeren Formen. Der erste, der die längere Form hat, ist Skalar, 
er schreibt schon grede und diese wiederholen sich dann bei den spä- 
teren, und wir finden sie auch bei Vodnik. Oblak (»Doneski« S. 43) 



94 Fr. Vidic, 

meint, dass die III. Plur. gredö das ganze Präsens reformirt habe. 
Vodnik hat also gredem u. s. w., gredo etc. 

Das Verbum moci bedeutet ausser »können« auch »müssen« : v soll 
mores molcat, moremo biti tas. Auch heutzutage hat das Verbum in der 
Volkssprache diese doppelte Bedeutung. Die Volkssprache hilft sich 
dabei folgendermassen : morem wird positiv in der Regel als «müssen« 
gebraucht: »to mors (mores) storiti« = das musst du thun; negativ 
aber hat es die Bedeutung »können«: ne mor(e)m tega storiti = das 
kann ich nicht thun; negativ müssen (dürfen) heisst »ne smem«, positiv 
»können« aber wird durch das Adverbium lahko umschrieben: »Kannst 
du mir das thun: Ali mi lahko storis?« Auf diese Weise wird jedem 
Missverständnisse ausgewichen. 

I. 5. Der Stamm -im hat bei Vodnik im Präsens -Jmem-: prejme, 
amem = vzami, verjami. 

L 6. Bemerkenswerth ist die Präsensform merjem, altslov. nihrq^ 
mtresi I. 6. Der Stamm -ml- lautet aber schon im Altslov. meljq\ es 
hat hier eine Anlehnung an die Stämme V. 2 stattgefunden. 

Der Unterschied zwischen den Verben I. 6 und V. 2 herja., holjq 
ist überhaupt nicht consequent durchgeführt: es lassen sich keine 
scharfen Grenzen zwischen beiden ziehen. Im Sloven. muss schon im 
XVI. Jahrh. umrjem-umerjem gesprochen worden sein. So schreibt 
schon Trubar im I. Catech. vmeryes etc., ebenso Krelj , der sogar die 
kürzere Form in der III. pl. aufweist (Obl. Doneski S. 45). 

I. 7. Das Part, praet. pass. wird bei Vodnik auf -t gebildet, wäh- 
rend es die Aelteren auch auf -n bilden, Trubar : razodeven, skriven ; 
dieses auch bei Vodnik in skriven pisar. 

II. Cl. Im Part, praet. der II. CI. ist das -n- vor -en bei Vodnik 
graphisch nicht erweicht: natisnen, pahneni, zategneni, pretegneni etc. 
Er schreibt es also hart, wie in der alten Sprache. In vielen Dialecten 
spricht man jetzt ein erweichtes -w-, weil die Verba der II. Classe sieh 
an die der IV. Cl. anlehnten und sich im Infin. zunächst mit denjenigen 
Verben der IV. Cl. ausglichen, welche im Inf. vor dem Suffixe -i- ein 
-n- haben und sehr zahlreich sind: braniti, ciniti, goniti, hraniti. Eine 
Erweichung hat schon Krelj, ebenso Hren und Skallar: vkleneni, preo- 
brnjen u. s. w. Wie nun Vodnik die Weichheit des n in anderen Fällen 
nicht bezeichnete, so geschah es auch hier nicht, obwohl anzunehmen 
ist, dass es weich gesprochen wurde. 

III. 1 . Der Stamm ima wird mit der Negation ne stets zu einem 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 95 

Worte verbunden ; die Conjugation ist regelmässig ; der Imperativ 
lautet: imaj. 

ni. 2. Der Stamm hole conjugirt regelmässig und hat: hocem, 
hoteti, hotel, ausserdem aber noch eine kürzere Form cem. Die Form 
lioco^ welcher im Altslov.Äoi'^a entspricht und die sich in Trubar's Mat- 
thäus ausschliesslich findet, ferner bei Kastelec, Stapleton, Skallar vor- 
kommt, kennt Vodnik nicht. (Vergl. Oblak, Doneski S. 45, und Zavadlal, 
Kastelic's Sprache S. 32). Diese Form hoho lebt noch heutzutage bei 
den Belokranjci und in den venetianischen Dialecten, wo man noch co 
und cjon spricht. An co trat das m von den übrigen Verben ; aus die- 
sem com entstand dann erst nach Analogie der übrigen Präsensformen 
cem. Thatsächlich hat schon Trubar in seiner Postille I. 134 com 
(Cvetje IX. 9). Sich stützend auf das venetianische co7i darf man com 
nicht als Machwerk eines Schriftstellers betrachten ; die Form lebte in 
der Sprache. Das Part, praet. act. II lautet regelmässig hotel; wegen 
des Accentwechsels wird aber das e zum Halbvocal, der dann schwindet : 
hotlo. Mit der Negation verbunden heisst das Verbum nocem, aber auch 
necem. 

IV. Neben regelmässigen Formen im Part, praet. pass. preslavlen, 
lublen, kuplen, wo jedoch die Erweichung fehlt, finden sich auch solche, 
in welchen der Consonant vor -en unverändert erscheint : mlaten, buden, 
razsrden, naluden, obuden, vstanoviten. Diese Formen sind unter dem 
Einflüsse des Präsens entstanden, sie finden aber ihre Begründung in 
dem Bestreben, den Stamm des Verbums möglichst erkennbar zu er- 
halten. Krelj schreibt noch: zapecaceno. Auch im Serbokroatischen 
beginnen die Neubildungen mit unverändertem Consonanten vor ~eu 
erst im XVI. Jahrh. (Daniele, Istorija 396). 

V. Cl. Schon im Altslov. wurden viele Verba der V. Classe sowohl 
nach der 1. als nach der 2. Gruppe conjugirt: gybati-gibaja oder giblja, 
duhati-duhaja und dusa. Auch im Sloven. haben wir mehrere solche 
Verba wie: jokatl-jokam und jocem, plakati- piakam und placem, 
peljati-peljam und peljem, glodatl-glodam und glojem; Im Allgemeinen 
Ist eine Vorliebe für die IL Gruppe bemerkbar, Vodnik conjugirt peljatl 
nach der I. : perpelanl, spela, zapela. 

VI. In Skodova III. pers. sing. Ist der Elnfluss des Inf. skodovati 
zu bemerken, statt skoduje. 



96 Fr. Vidic, 

Ohne Präsenssufßx. 
Vom Stamme ved lautet der Imperativ povej und eingeklammert 
hat Vodnik auch povi; 3. plur. vejo oder vedo; vejo ist jünger und 
nach der Analogie der thematischen Verba gebildet. Vom Stamme dad 
lautet die 3. plur. dade, dado und dajo. Dade ist die ältere Form, dado 
entstand durch die Anlehnung an die Verba der I.Cl. 1. In der 2. plur. 
lautet es nur daste st. date, welches noch später aufkommt, als dajo. 
Die ersten Schriftsteller aus dem XVI. Jahrh. und aus der Mitte des 
XVII. Jahrh. kennen noch nicht die Form date, sondern nur daste] der 
erste hat J. Bapt. date (Oblak »Doneski« S. 49). 

Zur Syntax. 

Adjectiva, die bei Vodnik ohne dazugehöriges Substantiv als Sub- 
stantiva gebraucht werden, sind: mlajsi = die Jünger (26 K.); poslani 
bozji = die Gesandten Gottes (43 K.); pomazan gospodov = der Ge- 
salbte des Herrn (45 K.); nase obilno = unser Ueberfluss (107 K.); 
brezglasni predkoncni = tonlose Penultima (16 Gr.); sturiven ^= Instru- 
mental; V edinjimu ino dvojstnimu (26 G.) = im Singular und Dual; 
dvanajst zlatih dam (49) 12 Ducaten etc. 

Das Adjectiv oder Particip und das Pronomen poss. wird gewöhn- 
lich vor das Subst. gesetzt, häufig aber findet man es auch nachgesetzt: 
ludi pravicne (14 K.), de Bog je duh neskoncen, vecen (16 K.), Jezusa 
Kr. prerokvaniga, obljubniga in cakaniga (22 K.), beseda bozja, vecna, 
ocetova (23), pod oblastjo cerkveno (29 K.) etc. 

Statt des Adjectivs wird das Adverbium gebraucht: Bog je bitje 
neskoneno popolnima (16 K.), ktere med bozjimi stvarmi so narbolj po- 
polnim (19 K.), popolnim obzalvanje (80 K.), sploh zastopnost allge- 
meines Verständniss u. s. w. Dagegen steht in : isi neutruden spoznati 
wahrscheinlich das Adject. für das Adverb, neutruduo (114 K.). 

Seiner Kegel, dass die Numeralia von »jue^« an Substantiva sind 
im Nom. u. Acc, in den anderen Casus aber Adjectiva, handelt Vodnik 
zuwider: po tih stirdeset letih (10 K.), v sest dneh (5 K.). Bei Auf- 
zählungen sagt Vodnik: prvo, drugo, tretje (88 G.). 

Statt des possessiven Pronomens der III. Person aller 3 Numeri 
setzt Vodnik gerne den Genetiv des Personal-Pronomens : po nje vdi- 
hanjü (28 K.), nje navuke, v nje narocju (30 K.), sege njih verstva 
(35 K.) etc. 

Wahrscheinlich deutschem Einflüsse zuzuschreiben ist der fehler- 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 97 

hafte Gebrauch des Possessiv-Pron, statt des reflexiven svoj\ obwohl 
Vodnik die Regel in seiner Gramm, aufgenommen hat (S. 121), befolgt 
er sie selbst nicht consequent und fehlt oft dagegen: »K potrjenju nje- 
gove bozje nature (je clovek postal) (13 K.); Verujem s celim mojim 
srcam, s celo mojo duso (37 K.). Postuj tvojega oceta (38 K.). Ne zeli 
tvojiga blizniga zene (39 K.). Ljubi gospoda, tvojiga Boga, aber gleich 
darauf: ljubi svojiga blizniga (39 K.) spoznam vso mojo podloznost 
(77 K.), sklenem moje grehe spokoriti (7 7 K.). Umgekehrt wird auch 
svoj gebraucht, wo es nicht berechtigt ist: ker v Rimu je stol sv. Petra, 
prviga med Apostelni in med Papezi, svojimi nastopniki (29 K.); Daj 
njim odpusanje vsih svoj'ih grehov (98 K.). Kdor jemlje ali hrani, kar 
ni svoje (106 K.). Kadar popisujemo kaksino rec po svoji kaksinosti 
(117 Gr.). 

Um das Demonstrativ-Pron. von dem persönlichen on zu unter- 
scheiden, schreibt Vodnik immer un -a -o; za unimi hinter jenen 
(31 Gr.) ; une dve narveco = jene zwei grössten (33 K.), na unim svetu 
auf jener Welt (55 K.). 

Obwohl Vodnik die Regel aufgestellt hat, dass wir keinen Artikel 
besitzen, «tedaj nimamo clena, kakor ga imajo Nemci, Lahi, Francozi in 
drugi(f, konnte er ihm doch nicht vollkommen entsagen und gebraucht 
ihn noch hie und da: eno djanje njegove volje (5) imenovan ta zelno 
cakani Mesias; si govoril od ene Trojice (18 K.); te druge besede (27); 
od tiga daru gnade (28 K.); ta druga (39 K.); Kaj je en zakrament 
(65 K.); brate, sestre in te svoje (108 K.). 

Seite 133 seiner Gramm, schreibt Vodnik: »Tudi narecje tie ino 
vsi odrecivni izreki stavio svoj predmet v rodivniga« — allein er fehlt 
oft selbst gegen diese Regel: Ne imenuj njegovo ime (38 K.); Cerkev 
ne daje enako cast (40 K.); Nikar si ne delaj sam pravico (107 K.). 
Merkwürdig ist die Construction : ne bomo jenjali glasiti tvoje smilenja 
(wenn es nicht tvojega heissen soll) (91 K.). Ta razlocik ne delamo 
(5 G.); revne ne smemo nikdar zasmehvati (166 K.). 

Wenn voran ein neutrales Subst. geht, und darauf folgt ein Adj. 
oder ein unbestimmtes Pronomen (Artikel), so wird dasselbe männlich 
gebraucht: Ima dvoje sklanjanje, za vsaki spol eniga (36 G.); To pis- 
menstvo sim v letu 1807 po nemsko spisal, zdaj ga dam svojim rojakam 
V naso besedo prestavlenga (VIII G.). Auch bei leblosen Subst. setzt er 
den Acc. sing, gleich dem Gen.: perviga soglasnika jemlemo (6 G.). Ima 
tozivniga edinjiga enakiga (15 G.). 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 7 



98 Fr. Vidic, 

Für das Verbutn »müssen« wird in der Regel die Umschreibung 
mit »imam« gesetzt: namen imamo imeti (37 K.); de imamo zadovoljni 
biti (47 K.); kaj imamo delati (73 K.); kako se imamo spovedati 
(84 K.). Manchmal wird auch »more« für »müssen« gebraucht, was 
bereits erwähnt wurde: kaj more obzalvanje v sebi imeti (80 K.). 

Vodnik gebraucht das Iterativum des Verbums noch nicht regel- 
mässig; oft setzt er es nicht, wo es stehen müsste : obseze st. obsega; 
opremo st. opiramo; perpisemo st. perpisujemo; skusil st. skusal; pre- 
pove st. prepoveduje; druge obrekel st. obrekoval. 

Trotzdem Vodnik äusserst häufig Verbaladjectiva gebraucht, setzt 
er doch noch oft Infinitive, wo sie nicht berechtigt sind und reine Ger- 
manismen bilden: za vstanoviti poklice (12); za pokazati etc. Die En- 
klitike finden wir oft an erster Stelle, was bei den älteren Schriftstellern 
oft der Fall ist (darüber schrieb Dr. Murko im »Letopis Matice Slov.« 
1893): Si govoril od ene trojice (18 K.) ; je pa dober sosed (101 K.) ; 
Smo dolzni imeti (108 K.); se so vuceniki (109 K.) ; so dobrotniki 
(109 K.); je tudi domovina (109 K.) etc. 

Die subordinirten Sätze haben manchmal die Stellung von coordi- 
nirten Sätzen, so dass sie nach Entfernung der Conjunction oder der 
Partikel förmliche Hauptsätze sind : De Bog je vstvaril cloveka (1 5 K.) : 
de Bog je duh neskoncen (1 6 K.) ; Ako J. Kr. je pravi Bog (24 K.) ; de 
J. Kr. vclovecen ima (27 K.) ; De te molitve so bolj prietne (73 K.) ; Ki 
tukaj se daruje etc. Die Setzung des Verbums ans Ende der subordi- 
nirten Sätze ist eine Beeinflussung des Deutschen. 

Lexioalisehe Bemerkungen. 
Schon im Anfange dieses Capitels hob ich hervor, dass Vodnik in 
einer Zeit auftrat, in welcher P. Marcus mit seinen verworrenen An- 
sichten über die Sprache in linguistischen Fragen als Autorität galt. 
Es gereicht daher zum Lobe Vodnik's, dass er, obgleich er anfangs auf 
dem Pfade Pohlin's wandelte, doch zu rechter Zeit erkannte, dass er 
sich auf falschem Wege befinde, und sich gegen P. Marcus stellte. 
Ueber seine Vorgänger und speciell über P. Marcus urtheilt Vodnik in 
einem Aufsatze »Povedanje od slovenskiga jezika« (Novice 1797, 
Nr. 83 — 102; Wiesthaler 1. c. S. 59): «Bohoriceva Grammatika se je 
razgubila, Hypolitova je premalo med ludi persla. SIeherni pisavec je 
krajnsko pisal, kakor se mu je zdelo; nobeden ni gledal na eno stano- 
vitno vizo, vstavo ali red. Pisarji poprejsniga stoletja so se dosti derzali 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 99 

po Bolioricu, al v' sedajnim stoletji so rili naprej, inu z' kranjskim pi- 

sanjam delali, kakor presic z' meham. — Oce Marka vidioc to 

nadlogo, je spisal eno novo gramatiko v' leti 1768. On je imel v' buk- 
visi tega klostra Bohoricevo, inu Hypolitovo grammatiko, vunder dru- 
gaci je napravil svojo, njo na dan dal, inu rekel: de do njegovih casov 
se nobene kranjske grammatike ni bilo. AI potle smo zvedeli, de on je 
imel poprejsne gramatike; zatorej naj gleda sam gori, kako si je upal 
neresnico govoriti inu pisati. — Oeetu Marku smo hvalezni za vec reci 

AI nekatere reci zastopnim niso dopadle ; on je namrec 

Stare mejnike brez uzroka prestavil; od stareh gramatik odstopil; pisal 
kakor Lublanski predmestnani govore; ni gledae na cistisi jezik polan- 
cov, inu dalec od Nemcov stojecih starih krajnski zarodov. On je pre- 
vec nemsoval, namesti de bi bil slovenil. V'enkatereh besedah je brez 
potrebe hrvatil, v' drugeh premalo unajne slovence cislal, ker je lahko 
inu treba«. 

Hier zählt er also die Hauptfehler Pohlin's auf. Und Vodnik war 
es, der unter dem Einflüsse des Zois und der romantischen Ideen, sein 
Augenmerk auf die Volkssprache richtete und diese als Urquell des 
Sprachschatzes bezeichnete. Oftmals hebt er dies ausdrücklich hervor : 
»Te dni je eden rekel, da kranjskimu jeziku besedi manka, de je vbog; 
inu je nekatere nemske besede za skusinu postavil, od katerih meni, de 
ih ne moremo po krajnsko reci (Vodnik gibt dann für einige deutsche 
Wörter mehrere slov. Bedeutungen und fügt hinzu): Krajnski jezik je 
sam na sebi bogat, le ludje so revni na besedah ; zato, ker premalo spo- 
mina imajo na to, kar ih je mati ucila« (Wiesthaler 1. c. S. 185). Man 
solle schreiben »v takim jeziki, kakor ga kranjci po dezeli govore, ka- 
dar se niso spaceni od nemsine tt (Wiesthaler S. 189). Und an einer 
anderen Stelle (Wiesthaler S. 214) sagt er: »jes pravim: mi moremo 
krajnske slovenske besede poiskati semtertje po dezeli raztresene, ino 
na to vizo skup nabrati oisto slovensino. Skusna me uci, de ni lahko 
stvari najditi, katira bi se v' enim al saj drugim koti prav po slovenski 
ne imenvala; ce je pa kaj novic znajdeneh inu starim slovencam nez- 
naneh reci, se znajo te po unajnih jezikih imenvati, ako bi jo mi ne 
mogli iz ene slovenske korenine karstiti«; und an einer anderen Stelle 
wird gesagt: »krajnsina bogata je, bogata ino cista na kmetih; pa 
kmalo bode se v mestu, sej po predmestih je ze od nekda« (Wiesthaler 
S. 263). Wenn in der lebenden Sprache ein Ausdruck nicht zu finden 
wäre, dann könne man seine Zuflucht nehmen zu den älteren Schrift- 



100 ^'^- Vidic, 

stellern und zur altslovenischen Sprache: »Za zdej bodem kratko rekel, 
de z' pomocjo nekidanih bukuv slovenskih se bode nasimu kranjskimu 
jeziku kaj vec pomagalo. Le skoda je, de je malo perjatlov, katere bi 
veselilo, se kej z' slovensko vucenostjo pecat« (Novice 1797, Nr. 62, 
Wiesthaler S. 188) und: »Stari bukvinski jezik (= altslov. Spr.) ima 

veliko podobnost z' nasim krajnskim to je: jezikov navuk; od 

kateriga bomo eu drugi krat vec govorili, nase krajnsko pomankanje bo- 
gatili, inu po bukviskim popravlali, kar smo se od stare korenine na 
stran zasli« (Wiesthaler S. 52). 

Wenn auch hier das Suchen nicht von Erfolg begleitet wäre, dann 
solle man andere slavische Sprachen heranziehen, vor allem das Russische, 
für welches Vodnik ganz besonders begeistert ist: »Kateri bi rad kranj- 
skih imenov pomenik zvedel, more na moskovitarskiga (= russisch) 
jezika znanje se podat. Krajnski jezik je moskovitarskimu narbol po- 
doben ; bol kakor vsem drugim slovenskim izrekam. Moskovitarji so 
dosti besedi öhranili, katere so se per nas pozabile, inu iz navade persle« 
(Wiesthaler S. 51) und: »Zdaj vidimo z' ocmi, kakisne mogocue ino 
velike brate (die Russen) mi po sveti imamo, kateri so nas slovenski je- 
zik vselej eist öhranili. Proti letim se imamo blizati, kaderkol ocemo 
jezik cistiti« (Novice 1799, Nr. 26; Wiesthaler S. 190). 

Durch diese Citate glaube ich Vodnik's Grundsätze zur Bereicherung 
des slov. Wortreichthums gezeigt zu haben. Nach diesen Grundsätzen 
richtete sich Vodnik, ging auf dem Lande und im Gebirge herum, lauschte 
dem Volke bei seinen Gesprächen die Worte ab und verzeichnete sie 
gewissenhaft. Deshalb finden sich bei Vodnik Ausdrücke, welche heute 
schon fast gänzlich geschwunden oder sehr selten und auf gewisse 
Dialecte beschränkt sind. Wenn er nichtsdestoweniger sich von Ger- 
manismen nicht freihalten konnte und dafür zahlreiche, manchmal über- 
triebene und unbegründete Vorwürfe Kopitar's erntete, so war die Schuld 
daran, dass Vodnik nicht den scharfen Blick und kritischen Geist Kopi- 
tar's besass. Einige bemerkenswerthe Ausdrücke will ich anführen : 

blezo oder blez = etwa, wie man sagt ; in einigen Gegenden allgemein 

gebräuchlich (111 G.). 
hlagrovati = glücklich, selig preisen, segnen (9 K.). 
hlizen^ a, o in der Bedeutung: künftig (82 G.). 
hrihten = geweckt. 
cedelc = der Zettel (Germ ) . 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 101 

cifj-a = die Ziffer ; aus dem Deutschen ; dagegen 

cislo = » » » » Böhmischen. 

dacie = Zinsen (44 K.). 

dila = das Brett (128 K.). 

dolistop (Germ.) = das Herabkommen. 

duhovna hratia == Seelennahrung ; jetzt besser dusevna hrana ( 1 3 K.). 

durati aus dem lat. duro 1 . 

dvorne dolznosti = Etiquete-Eegeln (110 K.). 

(jmajna = aus dem deutschen Gemeinschaft ; auch bei seinen Vor- 
gängern und in der Volkssprache gebräuchlich. 

gorivstajeiye (Germ.) = Auferstehung. 

izreJc, a = der Ausspruch, bald männlich, bald weiblich izreka. 

jogri = die Jünger, schon in den älteren Schriftstellern ; manchmal 
setzt er dafür auch das adject. mlajsi. 

xzliajek = die Folge ; aus izhodifi, izhajati abgeleitet. 

klicati in der Bedeutung « nennen (t, jetzt »rufen« (36 K.). 

kolce = der Butterstempel. 

Masti (aus dem Altslov.) = füttern (130 K.). 

kreniel (in Pletersnik's Slovar: kramelj) = das Gespräch (111 K.). 

lastina = das Eigenthum; jetzt last oäer lastnina (8 K.). 

lega v druzbi = Gesellschaftsstellung; auffallend ist, dass er Stel- 
lung mit lega übersetzte (108 K.). 

lice = Person (entlehnt), wofür er auch das deutsche »persona« ge- 
braucht. 

leva = kaminartige Mauernische. 

memo pustiti = daneben, ausserachtlassen (IV G.). 

merci v. mercati mercim = es rieselt. 

mesta = die Mischung (13 K.), von mesiti. 

mlevka auch Jilis (jetzt Jdisc) = der Flugsand, Bachsand (119 K.). 

memOj pomenio = bedeuten (trans.) (24 G.). 

mostuvati = rächen. 

naluden = bevölkert (7 G.). 

natura = natura. 

napotie = das Hinderniss (17 G). 

nasproti pritje (germ.) = das Entgegenkommen. 

navratni duhovi = nachstellerisch, meuchelmörderisch (19 K.). 

nastopati = folgen (29 G.). 

naohilsati = anhäufen, vom adject. ohilo (68 K.). 



102 Fr. Vidic, 

naprejvidnost (gevm.) = Voraussicht. 

naprejpostavljen (germ.) = vorausgesetzt (48 K.). 

nepocaklit) = ungeduldig (78 K.), von cahati. 

neizzajeti izvirk (germ.) :=: unerschöpfte Quelle (101 K.). 

netuhejhie = hier nicht gegenwärtig (96 K.). 

neprejidliva stojecost (germ.) = unvergänglicher Bestand (30 K.j. 

ohrecenj'e = Verleumdung (56 K.) ; jetzt vom ital. ohrekovanje. 

ofer = Opfer (71 K.). 

ograja = die Schranke, aber auch die Einschränkung (87 K.). 

zohek = ein unterbohrter oder abgepickter Traubenkamm (119 K.). 

opeliniti = verbittern (104 K.); von pelm =^ Wermuth. 

opuziti = abschaben. 

oso?ij m. = absonniger Ort, Schattenseite (28 K.). 

odnujati = verneinen, absprechen. 

ozerk = Rückblick. 

povsoten = überall seiend, allgemein (29 K.). 

povsotni potop = die Sündflut (7 K.). 

preluhezen = allzugrosse oder ttbergrosse Liebe (12 K.). 

pricno = gegenwärtig (17 G.). 

prevera = Aberglaube (39 K.). 

pojzdna srovina (»ako clovek prepusti svoje polje pojzdni srovini«) 

(113 K.); dafür weiss ich keine Erklärung. 
plevek = schal, geschmacklos (128 K.j. 
pravpismost (germ.) = Rechtschreibung (IV G.). 
poltrak = to je polvtorji (russ.) ali poldrugi krajcer. 
popertisniti u. potisk dati = Nachdruck geben, betonen (75 G.). 
razffled für izc/led (primer) = Beispiel (jetzt »Aussichtcc) (83 K.). 
ral = das Ackern, Pflügen (12 K.). 
ravniti = ravnati ebnen, planen, dann zügeln (104 K.). 
rojen (!) list = Taufschein (148 K.). 
saninec = die Schlittenbahn. 
skrivna pisavnica = Geheimkanzlei (3 K.). 
skrivni pisar = Geheimschreiber (4 K.). 
se stika = vereinigt, vereinbart sich ( 1 8 G.). 
se ocita = gibt sich kund, äussert sich (69 G.). 
strehiik, sonst und auch bei Pletersnik nur »Diener«; hiev »Spender« 

(GS K.). 
s?iov = Stoff wird als snova f. gebraucht (66 K.). 



Valentin Vodnik, der erste slovenische Dichter. 103 

svestost = Gewissheit (60 K.). 

sramen = abscheulich, schändlich (85 K.) ; jetzt in dieser Bedeu- 
tung: nesramen. 

sop = der Athemzug (SS K.). 

sovraz = feindlich (100 K.); auch bei Trubar und Dalmatin; jetzt 
sovraze7i. 

se Jim gredi (106 K.) ist mir unbekannt. 

sklenast = jetzt steklenast »aus Glas« (117 K.). 

srecnost = Glückseligkeit (133 K.). 

sat = die Wabe (21 K.). 

taran = geplagt, gemartert. 

taziti = tolaziti, trösten (53 K.). 

tolsoba = die Fette, Fettigkeit. 

tozlivost == Verdriesslichkeit, Trägheit (57 K.). 

tulja = Flachswerg (128 K.). 

vundeliti = austheilen (44 K.). 

vunvzet = ausgenommen (49 K.). 

vseohlast = Allgewalt. 

videz = Gestalt (70 K.). 

vnotriti se = sich vertiefen, eindringen (73 K.). 

oeselive mimetnosti = wahrscheinlich die freien Künste (101 K.). 

vagati ^= wagen (germ.) (104 K.). 

zaplata = Flickwort. 

zvunaj ^ draussen; aber auch die Präp. »ausser«. 

zadosti sturjenje = Genugthuung (85 K.). 

zar, zarja (jetzt zarek) = Strahl. 

zerfj'e = Unmässigkeit; bei Pletersnik zretj'e = das Fressen. 

zrejsati = seltenmachen, von redek (129 K.]. 
etc. etc. 
Die grammatischen, technischen Ausdrücke hat Vodnik — sein 
Werk war ja die erste slovenisch geschriebene Grammatik — , wie er 
selbst zugibt, aus Smotricki und Lomanosov geschöpft. Ich führe die 
Ausdrücke nicht an, weil Vodnik sie selbst am Ende seiner Grammatik 
als »Pomen pismenjih besed po abecednimu redu« zusammengestellt hat. 

Wien. Fr. Vidic. 



104 



Untersuclmngeu über Betonungs- und üuautitätsyer- 
liältnisse in den slavisclien Sprachen. 



Die Betonung des Yerbums. 

Bei der Behandlung der Verbalbetonung ist es zweckmässig, den Be- 
stand der Verba in drei grosse Gruppen zu zerlegen : a) primäre athemati- 
sche und thematische Verba, die Classen (nach meiner Eintheilung) YJes-t^^ 
I nes-e-to^ II dvig-ne-to, III A pise-t^ zna-je-to ; bei diesen müssen die 
Betonungserscheinungen in unmittelbare Verbindung gesetzt werden mit 
den fürs Indogermanische zu erschliessenden und den im Litauischen 
vorhandenen Thatsachen ; b) Verba mit Verbalstamm auf -e-. Präsens- 
stamm auf -z-, vicleti vidi-th (Cl. IV B); auch hier ist die Behandlung 
wenigstens an das Litauische anzuknüpfen; c) Verba mit zwei- oder 
mehrsilbigem Verbalstamm auf -a-, -e-, -u-, -i- (Cl.IIIB, IVA): dela-ti 
dela-Je-th, zeU-ti zele-je-i^^ kupova-ti kupu-Je-t^^ chvali-ti chvali-tb. 
Es versteht sich, dass auch bei der Gruppe c im letzten Grunde Be- 
ziehungen zu litauischen und allgemein indogermanischen Erscheinungen 
gesucht werden können und müssen. Allein diese Verba nehmen doch 
darin eine besondre Stellung ein. Sie sind zu einem sehr grossen Theil 
denominativ, innerhalb der slavischen Sprachgeschichte aus slavischen 
Nomina gebildet und in ihrer Grundbetonuug von diesen abhängig, d.h. 
die Hochtonstelle des Nomens verbleibt dem Verbum. Ferner lässt sich, 
so weit ich sehe, dem Wechsel der Hochtonstelle, der Tonqualitäten, 
der Silbenquantität, wie er hier in Präsens, Aorist u. a. vorkommt, in 
den andern Sprachen nichts unmittelbar vergleichen. Es ist jedenfalls 
nothwendig, erst festzustellen, wie weit innerhalb des Slavischen etwa 
diesem eigenthümliche Betonungsgesetze gewirkt haben, und der Zweck 
der folgenden Untersuchungen ist zunächst, für die Gruppe c diese zu 
finden. Dabei gehe ich, wie auch in den weiteren Abschnitten, immer 
vom Serbischen aus. 

I. Die Terba auf -i-ti. 

Die Untersuchung beginne ich mit den Verben auf -i-ti^ Präsens- 
stamm -/-, weil sie bei der lautlichen Gleichheit von Infinitiv- und 



Untersuch, über Betoniings- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 1 05 

Präseusstamm keiner Durchkreuzung verschiedener Verbalstämme aus- 
gesetzt und weniger leicht Mischungen und Ausgleichungen mit andern 
Verbalclassen unterworfen sind. Im Serbischen ist zwar in gewissem 
Grade eine Vermischung mit der Classe Infinitivstamm -e-ti, Präsens- 
stamm -{- und -eti-^ Präsensst. -e-j'e- eingetreten, theils durch dialek- 
tische Umbildung des alten ein«, theils in Folge lautlicher Gleichheit der 
Präsensformen; allein die alten e-Verba lassen sich im Allgemeinen 
ziemlich leicht wieder aussondern. 

Ein sehr grosser Theil der Verba auf -i-fi ist denominativ. 
Jedenfalls wird man bei allen, die ein noch in der Sprache gebräuch- 
liches Nomen mit bekannter Betonung neben sich haben, vor aller wei- 
teren Betrachtung fragen müssen : 

A. Wie verhält sich die Betonung der abgeleiteten 
Verba zu der der ihnen zu Grunde liegenden Nomina? 

Dabei beschränke ich mich auf das Serbische, weil die Vergleichung 
mit den anderen Sprachen nach dessen Zusammenstellung leicht von 
jedem gemacht werden kann. 

Bei der Beantwortung werde ich die Verba mit zweisilbigem 
Stamm berücksichtigen, die ohnehin die grosse Masse bilden. Das 
Nothwendige über die Verba mehrsilbigen Stammes folgt unten auf jene. 
In Betracht kommen die Verba, die bei Daniele (Akcenti u glagola, Rad 
VI, 1869, Sonderabdruck Agram 1896) aufgezählt sind in den Para- 
graphen 22, 30, 37. 

I. Der Infinitiv hat die Betonung '' auf der Wurzel- 
silbe, also in dieser kurzen Vocal und, vom serbischen Standpunkte, 
alten ursprünglichen Hochton (Daniele § 37). Der Indicativ präs. hat 
ebenfalls in allen Personen unveränderlich '' auf der Wurzelsilbe. 

Das zu Grunde liegende Nomen ist im Serbischen mit 
bekannter Betonung nachweisbar: 1. Das Nomen hat die 
gleiche Betonung " wie das Verbum. Von Substantiven : hahiti 
bclba, haliti hille pl., ühariti bara (Sumpf), blatiti AkWb blato, brad- 
viti bradva, brafiti se brat gen. brata^ zäbraviti brdva. briziti se 
briga, bbritmti brltva^ öburiti büra, zäcariti cai' g. cara, casiti 
cus gen. casa^ iscasiti casa, cväriti für skvan'fi aus skvariti ckcara 
[skvära) vergl. näskvariti skvära, tiäcetiti se ceta^ räzdertiti se dh't 
(türk.), d^tmiti d\m gen. dlma^ d'ipliti dlple plur., djubriti djubre 
ntr. , dfipiti onomatop. vom Ausruf dfip^ räzgaciti se gace plur., 
ögazditi se gazda, ögrasiti ergötzen (bei Vuk aus einem Liede), wohl 



106 A. Leskien, 

zu grasa AkWb aus ital. grascia, grbiti AkWb grba^ grliti se grlo, gu- 
citi gu/ca^ hapsiti haps (türk.), harciti Jiarac gen. Jiclrca (türk.), ü[h)o- 
riti hora rechte Zeit, huliti Inda., Iskriti AkWb 'iskra, Jagnitijagne 
ntr.jjäditijäd gen-jctda^jümciti (jemciti) j'amac [jemac] gen.jamca, 
j'amitijama, ödjutriti se jTitro^juziti sejug ge'a.juf/a, Jiäkastiti se 
sich vornehmen zu türk. kasd käst Absicht (AkWb käst adj. eifrig), 
näkvaciti [näkaciti] kvaka, ökisiti se Kisa^ Kititi Jctta^ kladiti se vgl. 
sklcld gen. sklada, klliciti kläk gen. klaka, klmiti die Ohren voll 
schreien (wohl eigentlich vernageln, zu) klw, kljuciti kljuka, zäkme- 
titi kmet gen. kmeta^ ükoriti köre pl. (doch wäre der Sing, nach dem 
r. Kopä wohl kbra anzusetzen), potkoziti se koza^ ükrditi krd {krd), 
krpiti krpa, bkrwiiti kruna, kupiti vgl. kup (Versammlung), kiiciti 
küca, bkuziti küga, Umiti lern gen. Tema, zäljetiii IJeto, luciti lük 
(Lauch), mllkljiti maklja^ masiti mah gen. maha, mjeriti mjera, nä- 
mjestiti mjesto, zämreziti ?nreza, mrviti mrva, mrstiti se mrska, mü- 
citi muka^ naditi nudo (Stahl), tätiti 7iiti ]^\.j ^^an7//>(7r«, pizmiti se 
pizma (türk.), pjenitipjena, üplociti seploca, pluziti plug gen.plüga, 
postiti posta, zäpresiti presa^ hprsiti se prsi (Brust), zäpuciti puce 
ntr., sputiti 2>uto, braktiti rllht (türk., Pferdegeschirr), raniti rclna, 
ratiti rat gen. rata, porusiti Rus gen. Rusa^ sUiti se stia, siriti str, 
sjeniti se sjen gen. sj'ena, sjetiti se sj'eta, slclviti släva, stlniii stine 
plur., srbiti Srb gen. Srba, üsreAiti sreca, bsmrtiti smrt gen. snirti, 
strasiti str ah gen. straJia, pbstresiti streha, zästruziti struga 
(Zaunlücke), zäsuhijiti suzanj gen. suznja, skoditi skoda, saliti se 
säla, staviti (Felle einweichen) stava (Einlegen der Häute in Wasser), 
zasaciti (ohrfeigen) saka (palma), üsanciti sanac gen. sanca, stetiti 
steta, stlciti (Schiff mit Fährstange stossen) süca (die Stange), üciti se 
fiö (s.Vuk s.w.), tj'esiti üfjesiti vgl. uijelia, nätmusiti se t^nu'sa, trapiti 
(Weinberg pflanzen) trllp (neu angelegter W.), trlniti trlne plur., pri- 
usiti uho, zävitliti wohl zu vitao gen. vltla (Haspel), vizliti vizle ntr., 
vjeriti vjera, vfetriti vjetar gen. vj'etra, vlasiti Vülh gen. Vlllha, vla- 
ziti (caus. zu *i)blg?iqti) vläga, zaptiti zapt (türk.), zboriti zbor gen. 
zbora., prizetiti zet gen. zeta, bzrniti se zrno, zaliti zao [mije), ziliti 
zUa.1 bzuciti züc gen. zuci, zäzvaliti zvalo. Von Adjektiven : zäciliti 
eil fem. c^ila (und so das Fem. bei den folgenden gleichartigen), cistiti 
eist., jasniti Ak^h jasan fem. jäsna, nistiti se nist., pjaniti se pjan., 
plasiti plah , praviti p7'av, pruziti prug, puniii pun, näsititi sit, 
truhliti (wohl für truhJjeti) truo fem. truhla., raniti früh aufstehen 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 107 

räno adv. , slabiti sVdb^ stariti se star^ h-strmiti strm, istastiti iäst, 
twjestiti vjest^ zdrciciti zdrav. 

2. Das zu Grunde liegende Nomen hat im Stamm den 
Accent ', also alte Endbetonung: batiti se zurückprallen, wohl zu 
bat gen. bäta^ ügresiti Beeren, gres gen. gresa^ ansetzen, Jedriii (bei 
Vuk schwankend, s^uch. Jedriti] Jedro^ krcmiti krcma^ phociti btac gen. 
oca^ papriti päpar gQU. päpra^ sestriti sestra^ siiziti suza, dropiti 
Vuk »sich niederlassen ohne zu sehen, ob der Ort sauber ista zu drop 
dröpa Traber? 

3. Das zu Grunde liegende Nomen hat die Betonung-, 
also langen Vocal und alte Wurzelbetonung : näbrstiti brst gen. bfsta^ 
gariti gar gen. gära^ gaziti gaz ^qu. gäza^ kcllsiti (caus. zu kys-) 
kväs gen. kväsa^ ülaktiti läkat gen. lakta^ niisliti misao gen. misli, 
S77iraditi (caus. zu smrdjeti) smräd gen, smrada^ uditi zu üd gen. üda 
Glied?, ulj'iti ölen ülje Oel, üdaritiudär (zu demselben Stamm wohl 
auch nädariti). 

4. Das zu Grunde liegende Nomen hat den Accent ' im 
Stamme, also alte Endbetonung: Jaciti Als^h Jak fem.jäka, räska- 
riti se kar gen. kära (oder kära'?) Sorge, umiti um gen. üma^ pupciti 
knospen püpak Knospe (aber dasselbe Wort in der Bedeutung Nabel 
pupak)^ tm-citi Türak gen. Tarka. 

Vergleicht man die Masse der unter 1. angeführten Verba mit der 
geringen Anzahl der unter 2 — 4 genannten, so kann man nicht zweifeln, 
dass die Verba der Betonung '' abhängig sind von den ebenso betonten 
nominalen Grundworten. 

Von der noch übrigen Menge gehört eine Anzahl ursprünglich nicht 
zu dieser Classe: [h]rupiti unverhofft kommen, slav. hrupeti lärmen, 
heranstürmen [hrüp Lärm), im AkWb hrupjeti neben hrupiti\ käs?iüi 
= kisb?ieti] sluziti triefen, slov. sluzeti; visiti für visjeti] priphvje- 
diti für -vedeti. Einige sind direkte Entlehnungen aus anderen Spra- 
chen : capiti scapiti ital. cJiiappare^ faliti aus dem deutschen fehlen, 
kresiti ital. crescere^ patiti ital. patire. 

Was endlich bleibt, sind theils an der Form deutlich erkennbare 
Denominativa, darunter solche, bei denen das Grundwort irgendwo nach- 
weisbar, aber im Serbischen nicht bekannt oder nicht belegt ist, theils 
Verba, bei denen eine Ableitung von Nomina nicht vorliegt oder mir 
wenigstens nicht nachweisbar ist. 

Deutlich denominativ sind : bbendjiti durch Schlaftrunk betäuben 



108 A. Leskien, 

zu türk. heng Hanf (vgl. ohendjeluciti zu hendjeluk)^ nähuhriti (W. 
hqb-) aufquillen, glacUti vgl. gllidak, zajapriti se roth werden, 7iä- 
kanjiti se Stirn runzeln [zu kanje plur. Augenlider?), sknaditi ver- 
schaffen näknaditi ersetzen vgl. naknada^ VeUti die zu gerbende Haut 
schaben, wohl zu einem les^ cech. les Sämischleder, oder zu alban. les 
Haar, ^jwYnYt gehören (nach Vuk im Küstenland) vgl. cech. patnti.pu- 
siti rauchen slov. ^;i?/< Hauch flatus, rititi se hinten ausschlagen rith, 
rusiti zerstören vgl. klr. ruch Bewegung, Anstoss, smusiti se wüthend 
werden (zu mühaYWc^c'?)^ pdspje'siti beeilen (nach Vuk ragus., ist aber 
äoTtpo-spij'esitl pb-spij'esim^ s. Rad 136 S. 241) vgl. r. nocnixt, pbszi- 
liti vergleichen näsuliti se sich versöhnen türk. sülJi Friede, tegliti 
wägen ziehen vgl.bulg. teglo Schwere Gewicht, nätmuriti (und natmü- 
riti) se finster blicken, ütrkmiti vergleichen versöhnen, trliti Flachs 
brechen vgl. frlica Flachsbreche, nätustiiise stustiii se sich umwölken 
(zu tusk-) vgl. r. TycKjrtiii, zagriti sengen zu zeg-. 

Wenn ich auch noch die nicht als denominativ erkenn- 
baren Verba hersetze, so geschieht es um zu zeigen, wie viel ab- 
sonderliches, z.Th. wohl onomatopoetisches, darunter ist: huviti (caus. 
zu hyti)^ breciti zu Boden werfen (eig. knallen lassen, W. brek-^ vgl. 
hrecati knallen) ohriisiti (bei Vuk aus einem Liede) küssen (vielleicht 
zu verbinden mit hrüsiti brüstm wetzen?), bupiti schlagen onomat., 
SwszW schlagen stossen (vgl. näbusiti se sich aufblasen, näbuhmäi sin- 
schwellen, cech. busiti pochen, derb draufschlagen), cnkiti küssen (das 
AkWb verweist auf cüknuti sugere osculari) onomat., ceriti ceriti cje- 
riti se fletschen, copiti schlagen onomat., depiti Schlag versetzen (vgl. 
dep?iuti und depati), drpiti pf. und ipf. reissen zerren (vgl. drpmdi und 
drpati), dudliti dutliti saugen (von Ferkeln, wohl onomat. wie deutsch 
dial. nubbeln), zagaliti entblössen [zagälaciti dass.), grabiti^ grciti, 
grstiti se ekeln (aber das gleiche Wort bei Vuk grstiti se), guriti se 
sich zusammenziehen (vor Kälte), guviti se ekeln (im AkWb ein güviti 
mit aller Gewalt Vermögen ansammeln), /niifi\ zälilapitt umzingeln und 
vor sich hertreiben vgl. s[/i]rdpif{ erraffen, /ivatifi^ ht-kaviti aushalten 
ertragen, okusiti kosten, pri- pro- räzmariti am Feuer erweichen 
(wt^ra^idass.), ??;"ws?'/'2' schnüffeln (wohl eher onomat. als zu o-c^a^?'), keciti 
Ball auffangen, klapiti se schäumen, hyieziti se ktv/cziti sc weinerliches 
Gesicht machen, s-Jcrciti zusammenziehen, kuditi schmähen, lazifi, la- 
titi ergreifen. Vajnti schlagen (nicht zum alten lupiti schälen, Haut ab- 
ziehen, sondern zu lüpati lüpam klopfen), JJopiti schlagen, jyilaviti 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 1 09 

schlagen, mrazifi verfeinden (caus. zu Trmznqti)^ ww(ieV« anbieten, j^a- 
citi (Kinderwort) küssen, pastiti se sich Mühe geben slov. päsciti se, 
paziti Acht haben, pülviti überschwemmen (wohl sicher von einem 
a\iQ\i. plav^ Schwemmen, cech.^j/aü), plaziti herausstrecken (caus. zu 
phznqti), prilziti Pulver verpuffen (eig. rösten), oprastiti (in einem 
Räthsel bei Vuk) entblössen, prlltiti geleiten, oprciti se einen anfahren. 
spfciti verpfuschen, prziti rösten (vgl. piraziti) , prtiti auf den Rücken 
nehmen, prstiti (bei Vuk aus einem Liede) treten, pruciti se (Vuk, aus 
einem Liede) sich niederwerfen, 2^u7"^t^ (grünen Mais) rösten spurifi 
versengen (s.Mikl.EW./)?/r-), sA/)?Ye abwerfen (Kleider; sllpariti dass.). 
staüiti (urspr. denom.zu einem Stamm stavo- stava-] ^ sljapiti schlagen 
5ö/>«Vi dass. (beide onomat.?), {eziti axheXien poteziti se sich bemühen, 
tratiti verlieren (wohl denom., vgl. trata r. p. u. a.), trsiti oti'siti ab- 
fertigen beenden (slov. trsiti se), truciti schmeissen, tubiti tuviti sich 
erinnern, tuciti se auf einander treffen (zu *thlk-^ ticci tiicem?), turiti 
stürzen werfen, vllditi herausnehmen, prevariti betrügen (vielleicht 
denom. von prijevara Betrug), -vjesiti hängen. 

Bei Danicic a. 0. sind reichlich 260 Verba mit "' aufgezählt. Sie 
sind, mit geringen Ausnahmen, so beschaffen, dass die erste Silbe 
(Wurzelsilbe) einer ursprünglich langen Silbe entspricht, die durch stei- 
genden Ton verkürzt ist. Von den Ausnahmen gehört ein Theil zu 
onomatopoetischen oder sonst vereinzelten und räthselhaften Bildungen: 
copiti^ depiti^ Ijopiti^ sopiti (alle irgend eine Art des Schiagens be- 
deutend), keciti (vielleicht von einer Interjektion, s. AkWb.), kmeziti 
oder knjeziti se weinerliches Gesicht ziehen. Ein Theil stammt von 
Fremdwörtern : ügresiti gres aus ital. agresto, lemiti lern Kitt, Tesiti 
(s. c), ü[]i)oriti hora^ skoditi skoda (Schade). Es bleiben: näcetiii se 
sich herandrängen, wenn zu ceta^ verdächtig wird das Wort, weil Vuk 
daneben gleichbedeutend naceciti näceclm hat ; sestriti posestriti sestra, 
nach den sonstigen Ableitungen von so betonten Nomina würde man 
*sestriti erwarten , vielleicht rührt die andere Betonung von dem pa- 
rallelen hjiltiti pbhratiti her; ükoriti beschalen kore^ potkoziti se 
koza, phociti ötac^ üplociti se ploca (das wohl ein Fremdwort ist), zbu- 
riti zhor gen. zhora] jclmciti jemciti zw. Jamac Jemac^ wenn beide 
Worte alt sind, ist das erste = *jbinhch^ das zweite =Jemhch] papriti 
päpar päpra = altem *pbprh^ allein das Verbum knüpft schwerlich 
mehr an den alten Vocal, sondern an das serb. a an; postiti ist eine 
späte Bildung von posta = pocbta^ stetiti von steta^ dies aus tosteta: 



110 A. Leskien, 

zäkmetiti kniet aus k^7net^. Diesem dürftigen Material gegenüber wird 
man kein Bedenken gegen die Annahme haben, dass Verba mit ur- 
sprünglicher Kürze der Wurzelsilbe die Betonung " vermeiden. 

II. Der Infinitiv hat ■* auf der Wurzelsilbe, also diese 
kurz und alten Hoehton auf dem -i- des Stammes; das Prä- 
sens hat, componirt und nicht componirt, " auf der Wurzel- 
silbe (Danicic § 30a). 

1. Denominativa, deren nominales Grundwort den Ac- 
cent "^ hat, also alte Endbetonung hatte: kositi koslm kbsa, koziti 
kozim koza^ kreciti kreclra krec geu. kreba^ seliti sellm selo^ steniti 
stemm stene ntr., zeniti zenlm zena. 

2. Denominativa, deren Grundwort den Accent '' hat: 
hhditi hodlm Jiocl gen. Iioda^ prostiti pro süm prost fem. prosfa, rbditi 
rodlm rod gen. roda.^ skociti skoclm skok gen. skoka. 

3. Nicht deutlich denominativ: desiti desim^ gbniti gd7iim, 
krbciti kröclm^ mbliti moUm^ püstiti pustlm^ vbditi v^odim^ vbziti vo- 
zlm. Natürlich ist auch hier moliti sicher ein Denominativ, und vbziti 
z. B. kann man auf vbz vdza beziehen, krbciti gehört zu einem alten 
krokh Schritt, ghiiti zu gom. Allein zur Behandlung der Betonung 
kann man das nicht verwerthen, da entweder das Nomen im Serbischen 
fehlt oder, wenn vorhanden, nicht sicher und nothweudig dem Verbum 
zu Grunde liegt. 

Die Zahl der zu dieser Gruppe gehörigen Verba ist so gering, dass 
keine weiteren Schlüsse gezogen werden können. 

III. Der Infinitiv hat den Accent \ d. h. kurze Wurzel- 
silbe, alten Hochton auf dem -i- des Stammes; das Präsens, 
nicht componirt, dieselbe Betonung, dagegen componirt '\ 
z. B. : Ibmiti Ihmlm^ aber nalbmiti nälomlm slbmiti slomlm (so in 
allen folgenden Beispielen); Danicic § 30a, bb. 

1. Denominativa, deren Grundwort ^ hat, also alte End- 
betonung. Von Substantiven : ohäkriti se bäkar gen. bäkra (Kupfer), 
hasiti häsa (türk.), bbjiti hbja^ hrbciti broc gen. brbca^ sceliti belo., 
zacepiti cep gen. cepa (Stöpsel), dvbriti dvor dvbra (cak. dvorcl, bei 
Vuk dvöra)^ glbhiti glbba., glbziti glog gen. glbga^ grbziti se grbza, 
Iiäsniti Jiäsna (türk.), häsiti leugnen häsa [iüxk.), Ja gmiti Ja gma (türk.), 
kbmiti kam gen. kbma^ bkonjiti se konj gen. kbfija., kystiti krst gen. 
kj'sta, krsiti brechen zu krs gen. krsa ?, mägliti magla., medjiti medja, 
opäkliti päkao gen. päkla, pärbiti pärha {%ixeii)^ tiajJeriti znpero?, 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 1 1 1 

popiti pop gen. pbpa, rohiti roh gen. rbba^ rositi rosa^ usäcmiti se 
säcma (Schrot), uskbriti skbro adv., s?nbliti smbia, skrbbiti skrob gen. 
skrbba, sbciti sok Ankläger {gen. sbka?), srebriti srebro, stakliti se 
stäklo^ sbkciti sbkac gen. sbkca^ sbriti i>or gen.-sbra, zlbbiti zlbba.! zb- 
riti zbra. Von Adjektiven: odbhriti dobar fem. dbbra\ pohbliti se, 
im AkWb hol Jiöla^ vgl. aber bJiol bhola.^ hol höla bat wie das ganz 
anomale hbliti hblim se sekundäre Dehnung ; mbjiü moj fem. mbja, 
svbjiti svbj fem. svbj'a. Man kann also hier Gleichartigkeit der Beto- 
nung des Verbums (vom componirten Präsens einmal abgesehen) mit der 
des Nomens constatiren. Allein die nächste Abtheilung wird zeigen, 
dass diese Uebereinstimmung nicht durchgeht. 

2. Denominativa , deren Grundwort auf der Wurzel- 
silbe ", also alte Betonung hat. Von Substantiven: bbciti se 
bbk gen. Z>oX'a, brbditi brod gen. broda., cästiti cast gen. c7w^e, udb- 
miti dorn gen.doma., drbbiti drob gen. droba., gnbjiti gnbj gen. gnoja., 
gbditi god gen. goda., gbstiti gbst gen. gosta (alt gosti), kob (gen. kbbi. 
nicht kobi?)^ kbtiti kot gen. kota.^ krbjiti krbj gen. kroja., krviti se 
krti gen. kyrvi., lediti led gen. leda.^ Ibjiti loj gen. Idj'a, Ibviti Ibv gen. 
/owa, mediti med gen. meda.^ podmbstiti most gen. mosta^ nibzditi 
mozag gen. mozga., tibciti nbc gen. nbci.^ u-bciti oko^ plbditi se plod 
gen. 2>rdda, popbditi pod poda (so Vuk, aber Q,2ik. pod poda, daher auch 
liok. pod pbda.^ gehört also eigentlich zu 1.), pbsüü pbst gen. pdsta, 
opb'stiti se posta (vgl. aber oben S. lOQpdsiiti^ die Betonung wird also nicht 
ganz sicher sein), zapotiti pot gen. pota., rbciti rbk gen. roka^ rojiti se 
rbj gen. roja., rbviti rbv gen. rova., porbziti se rog gen. roga.^ proslb- 
viti slovo., sbliti so gen. soli., tbviti iov gen. tova^ tbriti tor td7-a, trb- 
siti tfoha., vbstiti vosak gen. voska, znbjiti znbj gen. z7ioja.i zbbiti zob 
gen. zobij zvhiiti zu zvom^ das bei Vuk fehlt, dem slov. zvon zvona 
[zvonä] entspräche ein serb. zvbn zvona (aber cak. zvÖ7i zvonä^ das wäre 
serb. zvon zvb?ia). Von Adjektiven : bistriti blsta?' fem. blstra^ dvbjiti 
dvoj'l dvoje., polbsiti se los fem. losa.^ mnbziti mnögl m^iogo.^ mbdi'iti 
modar fem. mddra.^ mbkriti mokar fem. mokra., ob-7ibmti 7i6v fem. 
woüö, bsti'iti osta7' fem. ostra.^ sit7iiti sita7i fem. sitfia., sporiti spor 
fem. spd7'a, tbpliti topal fem. topla., vedriti se vedai' fem. ved7'a. Ich 
merke hier nur an, dass die zu Grunde liegenden Substantiva masc. und 
ntr. so gut wie durchgehend fallende Kürze haben. 

3, Verba, die nicht als deutlich denominativ erscheinen. 
Auch von diesen ist sicher eine Anzahl auf Grund von Nomina gebildet, 



112 A. Leskien, 

z. B. razvhdniti', tociti ist an tok^ anzuknüpfen, ciniti an cin^ moriti 
an mor^ (bei Vuk ein mor), allein liier kommt das nicht in Betracht, 
sobald man das Verbum im Serbischen nicht mit Sicherheit an ein vor- 
handenes Nomen anschliessen kann : boriti^ celiti (Kinderwort für cjeli- 
vati küssen), ciniti^ ckäkJj'iti skäkJjiti neben ckäkljati kitzeln (onomat.), 
dojiti^ grämziti^ grästiti., grstiti se, gühiti^ kloniti (im AkWb auch im 
Simplex klomm] ^ zaklopiti (vgl. zäklop), zakhliti (zu koh Pfahl), kh- 
riti schelten, kropiti^ ukrotiti (vgl. krotak), lebditi, Ihmiti (wohl eig. 
denom. zu einem loni loma oder lom lb?}ia), lopiti^ loziti, mbciti, 
iz-moliti hervorstrecken, moriti, motriti, nuriti njoriti tauchen, raz- 
hriti (vgl. rdzor), ploviti, pbjiti, poriti, uprostiti = upropastiti se, 
prüditi Frucht bringen, roniti^ rotiti se, za-slbniti, strojiti, skopiti 
(= skopiti), skropiti = kropiti, südljiti, tociti, u-toliti, za-tbmiti, 
tbpiti schmelzen, tbpiti tauchen, ivbriti, üciti, raziiriti zerstören, raz- 
vbdniti. 

Nach den Ausführungen von Daniele, d.h. nach seinen Aufstellungen 
aus Vuk's Wörterbuch, würde hier noch eine Gruppe von Verben einzu- 
reihen sein, die auch im Compositum das Präsens auf dem -i- des Stam- 
mes betonen, also keinen Tonwechsel haben (Daniele' § 30 b, aa). Es 
sind im ganzen nur 10 Beispiele und die meisten sind zu entfernen: 
mbdriti se blau sein (eigentl. sich bläuen) betont zweifellos, wenn 
es componirt vorkommt, modriti, vgl. ombdriti bmodrlm [pombdriti 
bläulich werden ist altes modreti)] cävtiti steht für cvätjeti (vgl. 
Vuk cävt/jeti), altes cvbteti; tütnjiti dröhnen entspricht einem tqthneti 
(das y wird auf Anschluss an tütanj hex\\\vQv)\ zu zahüktiti se (neben 
zahüktati zähukcem, dies zu hitkati liücem hu-schreien, loslärmen) 
vgl. bükjeti neben büknuti, plämtjeti neben plamati, trepljeti neben 
treptati\ die Verba solcher Bildung gehen ursprünglich auf-e7e aus; 
cätiti lesen ist eine späte schwankende Bildung, vgl. die z. Th. älteren 
Formen ctfeti Hirn, ctlti cüjem, ctati ctam, cätati cätäm; zvbniti hat 
bei Vuk im Compositum neben zazvbnlm auch zäzvomm (so auch AkWb 
dozvbniti dbzvonim); wenn in briti se zabriti se wiederhallen, stürzen, 
dasselbe Wort vorliegt wie ruzbriti, so dürfte die Betonung des Präsens 
als zabrtyn nicht absolut sicher sein, denn es heisst räzorlm (Vuk ver- 
weist bei briti se auf shoriti, hat aber die Verweisung nicht eingelöst). 
Bleiben drei Verba, zapäsiti zum Pascha machen, von päsa, brstiti 
oSrs^m junge Zweige [brst) abfressen, pVtiti otprt'im eine Bahn durch den 
Schnee [prt] machen. Man kann nun freilich auch an dem Verzeichniss 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 113 

§ 30b, aa. das die Verba aufzählt, deren Composita den Hoehton im 
Präsens wechseln, Kritik üben. Danicic hat darin alle Beispiele von 
Compositis aufgenommen, denen bei Vuk das Simplex fehlt, z. B. ukrb- 
titi ükrotlm, man kann aber dem Compositum an sich nicht ansehen, 
ob etwa das Simplex krbtlm oder kroüm betone; so betont z. B. zu 
zaklopiti zäklopim das AkWb kVopiti kloplm^ während nach Danicic's 
Auffassung kloplm zu erwarten wäre. Auf der andern Seite hat er 
hier alle Simplicia aufgenommen, zu denen bei Vuk keine Composita 
vorkommen, z.B. Ibj'iti Ibj'lm; an sich ist aber keine Gewähr gegeben, 
dass das Compositum sein Präsens nicht ebenso wie das des Simplex 
betonen würde. Danicic hat glaube ich im allgemeinen mit seiner An- 
nahme recht (in einzelnen Fällen kann man es nachweisen, zu rbj'üi se 
hat das AkWb izrbjiti izrojtm se), aber ein Beweis ist nicht vorhan- 
den. Aus dem Verzeichniss 30 b, bb müssen ausserdem einige Beispiele, 
als ursprünglich nicht dahingehörig, entfernt werden : obositi fnr ohosjeti, 
vgl. slov. oboseti r. öocixi,, döcniti für döcnjeti, gämziti vgl. slov. 
gormzeti, hröpiti slov. hropeti cech. chropeti r. xpanlxt, opözniti r. 
no3;i;H^TL, sbpiti slov. sopeti r. conixi,; sjähtiti, se slühtiti (demin. 
zu slusati) , kämtiti beruhen ebenfalls auf -eti. 

Betrachtet man die unter II und III (S. HO) besprochenen Verba in 
Bezug auf den Wurzelvokal, so stellt sich heraus : unter der weit über 100 
betragenden Zahl (auch mit Abzug des ursprünglich nicht zugehörigen) 
hat die ungeheure Mehrzahl ursprüngliche Kürze, beinahe ausschliess- 
lich oder e. Nicht dazu stimmt, also ursprüngliche Länge der Wurzel- 
silbe hat nur folgendes : unter den Verben der Gruppe II nur eines 
püstiti^ unter lU bisti^iti^ ciniti^ giihiti.! üciti, prüditi zum ersten Mal 
Frucht bringen (wahrscheinlich fremd), südljiti aufpassen, auffangen 
beim Spiel ; razüriti zerstören, doch wohl nur eine Umbildung des be- 
kannten und alten razbriti; krstiti zu krst kt'sta, krviti se zu krv 
krvi; unbekannten Ursprungs ckäkljiti skäkljiti kitzeln (wohl onomat.), 
grämziti lechzen, grästiti erraffen, razjägliti se (übrigens bei Vuk Präs. 
razjägllm) bersten, zergehen (etwa zu ^Xov.jcigla Breikern, y«^/«' Hirse- 
brei? Das Beispiel bei Vuk: razjaglüa se zemicka u mlijeku, führt 
wenigstens darauf). Was noch bleibt sind Ableitungen von Fremd- 
worten : ohäkriti bäkar türk., basiti basa türk., häsniti liäsna türk. , häsiti 
bäsa türk., jägjiitijägma türk., usäcmiti se säcma türk. Nebenbei 
bemerke ich, dass sucediti, bei Danicic unter den serbischen Compositis, 
das ital. succedere ist. 

Archiv für alavisehe Philologie. XXIV. 8 



1 14 A. Leskien, 

Die Verba unter II, UI stehen also, was den Wurzelvocal betrifft, 
in vollstem Gegensatz zu denen unter I, hier ursprüngliche Länge durch 
steigenden Ton verkürzt, dort ursprüngliche Kürze. 

IV. Der Infinitiv hat den Accent ' auf der ersten Silbe 
(Wurzelsilbe), also Länge dieser Silbe und Hochton auf 
dem i- des Stammes, das Präsens -, a. B. hväliti hvallm (Da- 
nicic § 22 a). 

1. Denominativa, deren Grundwort auf der ersten Silbe 
'hat, also alte Endbetonung hatte. Von Substantiven : bijediti 
hijeda, bräniti bräna [brän gen. bräni AkWb), pod-bräditi se bräda, 
bräzditi bräzda^ büniti büna, cijeniti cijena^ cäriti cär gen. cära 
türk., diciti dika^ dijetiti dijete gen. djeteta^ djäciii se djak gen. 
djaka^ dusiti düsa^ ycijiti vielleicht zu ^ö;'gen. gäja Hain (vgl. deutsch 
hegen), gläviti gläva, gnijezditi gnijezdo^ gövniti gövno^ liräniti hräna^ 
hväliti hväla, iz-järmiti järam ^Qn.järma^ kdniti käna (alt: Absicht) 
AkWb, ukipiti se kip gen. kipa^ uklijestiti [ocima^ von Betrunkenen) 
wohl zu klijesta Zange, köciti kölac gen. köca^ za-kriliti krilo^ ras-kri- 
ziti kriz gen. kriza^ hrniiti füttern krma, Haiti lice^ lij'eciti Tijek gen. 
lijeka^ mäciti mäca, mäziti mdza (Hätschelei, verhätscheltes Kind) 
mijeniti mijena^ miriti mir gen. mira^ mititi mito, möbiti möba^ omü- 
citi se muka (Mehl), nijemciti nijemac gen. nijemca^ onövciti se növac 
gen. növca^ opänjiti se pdnj %q\x. pänja^ joea72 j!>e>?;a (Hätschelkind), 
pot-petiti peta^ plästiti pläst gen. plasia^ piliii pila^ opristiti se prlst 
gen. prista, za-prötiti pröta, is-püpiti se püpa (s. VukWb.), za-pütiti 
put gen. püta.^ rüciti riika, rebriti deviare zu rebro ?, resiti resa., rü- 
ziti rüga (daneben msc. rüg)., sijeliti sij'elo, slüziti slüga^ snäziti 
snäga., za-sträniti sträna^ za-strijeliti strijela., suditi süd gen. süda, 
po-svinjiti se svvy'a, po-stäpiti se zu stäp gen. stäpa ?, stititi siit gen. 
stita., smnjiti se sich geniren svänja das Geniren, träviti träva^ trü- 
diti trüd gen. trüda., tüziti tüga, iz-üstiti üsta plur. ntr., vöjstiti vöj- 
ska^ za-vrä7ijiti vrmij gen. vränj'a Spund, zimiti zima, zöriti se zor 
gen. zöra türk. Gewalt. Von Adjektiven ; ist das Adjektiv im Masc. 
zweisilbig, so geht bei ihm der Accent ' durch : hläzniti bläzan fem. 
bldzna, hräbriti hräbar f. hräbra., nad-müdriti müdar f. müdra^ iz- 
präzniti präzati f. präzna., rävniti rddan f. rävna., süpJjiti süpal/j f. 
süplja., tijesniti tij'esan f. tijesna., trijezniti trijezan f. trijezna. Ist 
das Adjektiv einsilbig, so trägt der Nom. masc. den Accent ", alle an- 
dern Formen ', d. h. in der nominalen (unbestimmten) Form, auf die es 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 115 

hier allein ankommt: hijeliti bto [btj'el) gen. hijela fem. hijela^ hläziti 
hläg gen. hläga fem. hläga (und so bei allen folgenden Beispielen), 
pri-hliziti hliz^ hrziti brz^ is-cijeliti cio [cijel] , crniti crn^ za-cestiti 
cest^ za-glüsiti glüh^ za-grciti grk^ grditi grcl (AkWb deformis), gü- 
stiti güst^ naheriti se naJiero adv. schief, u-injiti se alterari inj'i alter 
(bestimmte Form), kriviti kriv, krnjiti krnj\ pri-krütiti krüt^ küsiti 
küsj lijeniti se Tvjen^ lisiti liclro Wio adv., Ijiititi Ijüt^ Mditi se lud, 
mäliti mall (bestimmte Form), mläditi mlad^ mläciti mläk^ o-pläviti 
pläv, za-prijeciti prijek prijeka^ o-püstiti püst^ o-sämiti sam^ o-sldtiiti 
se sldn, za-slijepiti slijep slijepa^ o-süriti sür, sü'siti süh, svetiti svet, 
tüdjiti se tüdj\ tvrditi tvrd^ tüpiti tüp, vrdniti vrän schwarz, pri- 
vrüciti vrüc, oh-znäniti zndn (Budmani Gr. S. 83, bei Vuk zndn als 
Adj.), zütiti züt. 

2. Denominativa, deren Grundwort den Accent '^ auf 
der Wurzelsilbe hat, also auf dieser alten Hochton (wie 
grdd grdda). Von Substantiven: häriiti se hdn, blüditi blüd^ brciti 
bfk^ brüsiti brüs, büciti se irasci büc AkWb aufgerichtetes Haar, pri- 
cestiti cest f. gen. cesti, ucuditi se cüd f. gen. cüdi, cüsiti AkWb le- 
niter spirare cüh Hauch, däniti dän^ ddriti dm', dijeliti dto gen. 
dtj'ela, drüzitise drüg, düziti düg, zagätiti gät, gläsiti gleis, za-glibiti 
se gilb, gnüsiti (das bei Vuk als ragus. angegebene ö-gnusiti -im ist 
nach Rad 136 S. 238 richtig o-gnüsiti ö-gnüslm zu betonen) gnüs, 
gräditi grdd, gribiti Fische mit dem grib, einer Art Netz, fangen, 
grijesiti grijeh, güziti se güz, hläditi hläd, iskäpiti bis auf die Neige, 
ukäp vgl. nä-iskäp, trinken, yanY^ se in Hitze kommen jar (s. AkWb), 
jäviti jäv, Jäziti Jdz, Jediti ijediti Jed ^ijed, Jeziti se jez, käditi käd, 
klisiti klis, kneziti knez, kresiti se krijes (s.Vuk Wb.), zakrüziti krüg, 
kümiti küm, zaküsiti ein wenig Speise nehmen, einem Speise in den 
Mund geben, in der letzten Bedeutung wohl sicher zu küs Essen mit 
vollem Löffel, Geschmack, kväriti kcävy u-ljüditi Ijüdi plur., mdriti 
mär, mästiti mäst fem., o-mesiti meso, za-mläziti mläz mulctus, za- 
mlijeciti mVijec fem. Wolfsmilch, mräciti mräk, mrijestiti se mrijest 
fem., mrsiti mrs, na-muljiti mülj Anschwemmsei, ot-päditi vgl. otpäd 
Abfall, späriti pdr Paar, plijeniti pTtjen, präsiti präh gen. prdha 
(dies aus *prähd)^ povräziti wohl unmittelbar zu povräz, räditi rdd, 
rediti red, pod-repiti se rep, s-po-rijeciti rtjec fem., rübiti rüb^ sä- 
diti (caus. zu sed-) säd, siniti sin., skrbiti se skrb fem., na-sUJediti 
sTtjed^ o-snijeziti snijeg^ srämiti srdm, stäniti stän, sträziti sträza, 

8* 



1 j 6 A. Leskien, 

strviti strv, smjestiti se svijest^ tij'esiiti üjesak gen. üjeska^ träziti 
träg^ trniti tfn^ trüniti trÜHj povrijediti vrijed^ zlätiti zläto, znäciti 
znak^ izdrdciti stieren wohl zu zdräk = zräk^ zäriti zär, ziriti zir, 
zlij'ebiti zTljeh^ züljiti zülj. 

3. Denominativa, deren Grundwort den Accent ", also 
Kürze und alten Hochton auf der betr. Silbe hat. Von Sub- 
stantiven : hüriti se (irasci) zu hura ?, gmiti ersticken intr. nach AkW. 
zu giisa Kropf, Kehle, knisiti kruh gen. kruha, s-krviti krv gen. Jcrvi 
(vgl. aber kxviti se unter III. 2), IJustiti /j'üska, mämiti moLma^ do- 
mäsiti (und dö-masiti d. i. -masiti) mah [mäh] gen. maha^ njiviti 
pflegen wohl zu nflva^ srciti srce, sirdviti se erschrecken, späte Bil- 
dung zu strä straa (nach Wegfall des 7^), tiniti Scheidewand /w? ziehen; 
gnjeviti gnjev^ muss eine junge Bildung sein, sonst hiesse es *g7iijeviti. 
Dazu kommen hlizniti se hllzne gen. hTlzneta^ präsiti prase praseta^ 
zdrijebiti zdrijebe zdrebeta^ es ist aber augenscheinlich, dass diese 
Bildungen dem Nominativ angelehnt sind, also eigentlich zu 2 gehören. 
Von Adjektiven: o-släciti sladak fem. slätka] die übrigen von Com- 
parativen : udäljiti se sich entfernen [odäliti vorrücken trans.) dalji, 
c?m//V^z' verlängern zu dtilji^ einer Comparativform zu dug ^ pro-düziti-^QX- 
längern duzi\ man kann freilich bei diesen Beispielen auch an die fem. 
Substantiva dülj\ düz^ dalj denken und dann würden sie zu 2 gehören ; 
mänjiti verringern mihy'i, tänjiti verdünnen tanjl. So gehören viel- 
leicht auch meciti kneten zu einem alten Comp. *meci [mqaj] von mek 
weich, uniziti zu riizl Comp, von ntzak^ siriti breiter zu sirl Comp, von 
sirok, indess kann man hier auch von einer alten Adjektivform ohne 
-^k^ ausgehen, vgl. üziti verengen zu ilzak wegen z, der Comp, ist üzi. 

4. Denominativa, deren Grundwort den Accent \ also 
Kürze und alte Endbetonung hat: bäsiti se basaimk.^ po-ten- 
citi se tenac gen. tenca^ vrsiti vrh gen. wha (die Betonung ist im 
Serb. wahrscheinlich unursprünglich, es wäre vfh vrha zu erwarten) ; 
U7nrtviti mitav fem. mrtoa (doch auch mrtav mrtva] . 

Ich bemerke hier nur, dass die Zahl der Beispiele unter 3, 4 ver- 
schwindend ist gegen die unter 1, 2. 

5. Verba, denen kein Nomen zur Seite steht. Viele 
verräth ihre Form sofort als denominativ, zu andern kann man das 
Nomen aus den verwandten Sprachen ergänzen, allein das ist hier für 
die Betrachtung der Betonung irrelevant : äciti se (soll zum türk. acmak 
gehören, ist wohl eher onomat.), bdciti werfen onomat., bätriti se er- 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 117 

muntern (zu magy. hätor herzhaft), heciti starr richten, zahlesiti se 
f= zäblelmuti se) gaflfen, blütiti ungereimt plappern, hriciti denom. 
rasiren, od-büciti {-heciti), vgl. biicati hücäm abreissen, hüditi (caus. 
zu h^cl-) wecken, hüljiii Augen vorstrecken, husiti bohren aufstochern, 
cijediti seihen, o-cijepiti spalten, o-crmti blau färben denom., cmljiti 
zischen (vgl. aber ckvrlj'eti), naceciti se sich herandrängen (vgl. cecati 
ceclm hocken lauern), o-cepiti auf den Fuss treten rascepiti se die 
Füsse spreizen (wohl demin. zu cepati stapfen), cepiti se = peciti se 
(s. 0. S. 114), ca-cojözVe mit Koth verschmieren, cüliti (Ohren) spitzen, 
cüriti blasen (vom Winde), däviii erwürgen, dititi se denom. sich wun- 
dern, vgl. r. AHBO, dräziti reizen, drljiti (Brust) entblössen, diiriti se 
aufbrausen (vgl. dürnuti und drnuti se dass.) gäliti sorgen um [razgä- 
liti Unbehagen vertreiben), gäsiti löschen (caus. zugasnqti intr.), gmez- 
diti quetschen kneten, gnjäviti drücken, gnjeciti kneten, za-gnjüriti se 
untertauchen, grusiti demin. zu grüliati mit Krach schlagen, güliti 
schälen schinden, pohäsiti se sich unabhängig machen (^Vuk aus einem 
Liede ; zu türk. x<^ss eigen ?), uhiliti se in Ohnmacht fallen, za-hiljiti 
blinzeln (älter auch hilj'ati), zahläpiti neben zählapiti d. i. -hlapiti 
(s.o. S. 108), [h)vrljiti werfen; poimiti unternehmen podnimiti se Kopf 
stützen ■swm^W herabnehmen, junge Bildungen zu -imati; od-jäpiti weit 
'6SüeTi{japiti japlm klaffen), /wr^W treiben, Mliti härteji (Eisen in Was- 
ser); ?2aÄa2«Ye verderben, vgl. näkaznasisc. näkaza {em.]kesitt {zubeZähne) 
weisen, kiniti und Mnj'iti placken (AkWb ki?ia Plage ohne Accent), kldtiti 
se zaklätiti^ oklöpiti hajigen poklöpiii se sich still hinducken ; po-kljü- 
niti se [pokünjiti se) sinken, sich senken, skljüniti (Nase) hängen lassen 
(zu kljün Schnabel ?), o-kljüsiti se beschämt werden, kräviti aufthauen 
(trans., W. korv-) kräsiti schmücken (zu einem Nomen krasa, vgl. adj, 
kräsan), krätiti kürzen (vgl. krätak), krciti roden, na-kriciti die Ohren 
vollschreien (Umbildung von kricati krtcim), o-krijepiti stärken (vgl. 
krepak)^ ras-kreciti aus-einander sperren, spreizen, krüniti pflücken ; 
za-küciii hangen bleiben, do-küciti ergreifen, ras-kuciti auseinander 
recken, s-küciti in die Enge treiben (zu kuka Haken?); Ä'M/?eW kaufen, 
is-küsiti zerschneiden (Brod) zu kqs^, pre-lästiti betrügen (zu hstb?), 
u-lipsiii se sich tot stellen (vgl. lipsati verrecken), lüciti trennen, IJü- 
biti küssen (zu IJub^ lieb) ; u-ljüniti se sich todt stellen polünjiti se 
finster vor sich binstarren (vgl. lünjati se dass.); pod-lüpiti se sich die 
Füsse wund treten u. a. (ist das alte lupiti schälen, Haut abziehen) ; 
odmästiti vergelten (zu nihstt ?), mijesiti mischen, za-mijetiti bemerken. 



118 A. Leskien, 

mlätiti dreschen, mütiti trüben, imliti anzünden, piriti blasen, plätiti 
zahlen (vgl. übrigens pläta Zahlung); s-pijöstiti ras-pljöstiti glatt 
machen (zu plosk^)', prciti Lippen aufwerfen (onomat. ?); za-prciti 
sich aufblasen, na-prciti se zornig werden ; za-premiti s-premiti denom. 
bereiten ; prijetiti drohen, prljiti absengen mit heissem Wasser, przniti 
beim Ausweiden die Eingeweide verletzen, püciti die Lippen aufwerfen 
(onomat. wie prciti?), püditi scheuchen, püciti spalten (vgl. pük 
Krach) ; o-piiljiti im Spiele rupfen, püljiti hervorstrecken ; za-püriti se 
erröthen, räbiti fröhnen, räciti se geruhen, Lust haben, narästiti 
(Simpl. rästiti rdstim) begatten (vom Geflügel, vgl. närast Treten des 
Hahns), po-räziti zu Grunde richten ; raz-, pro-rijediti lichten (vgl. 
rijedak gen. rijetka), d-rijesiti losbinden, röziti einen besondern Laut 
auf dem Dudelsack hervorbringen, rüniti = krÜ7iiti, skvrniti besudeln 
denom. [skvr^na), släditi süssen denom. (vgl. slädak], slütiti ahnen, 
smüditi sengen, srditi erzürnen (vgl. srce), stüpiti treten, usiciti se 
grollen (wohl von einem Fremdwort), osldvili Ueberhand nehmen (von 
Schnee), o-smöljiti Nase hängen lassen, smüzditi abstreifen (Blätter), 
na-strsiti se sich sträuben, po-sünjiti se sich ducken (vgl. sunjati 
schleichen), za-siljiti zuspitzen, pri-sljimiti se sich als ungebetener 
Gast einfinden, o-spüriti se werfen (vom Schafe), süriti brühen, 
tläciti worauf treten, auch fröhnen (vgl. tläka), trciti se Hintern vor- 
strecken, trijehiti säubern, na-tmüriti se denom. (neben nä-tmuriti se 
d. i. -tmuriti) finster blicken, po-ti'üsiti anstreuen verunreinigen, ras- 
tühiti se klaffen, tüliti löschen, tuljiti sich genieren, tusiti schmoren, 
üziti verengen (vgl. uzak) väbiti locken (vgl. vdh Lockung), mdiii 
langsam gehen, za-väliti wälzen, väriti kochen (vgl. vär Hitze) nad- 
visiti an Höhe übertreffen (vgl. msoÄ), vläciti eggen (eigentl. schleppen, 
vgl. vläk), po-vläditi Vorschub geben (eigentl. ermächtigen, zu vläda?], 
vrätiti wenden, zlijediti verletzen u. a. denom. [zUdh), zesiiti se in 
Zorn entbrennen (vgl. zestok), ziiliti = güliii, züriti ze sich eilen. 

V. Der Infinitiv hat \ das Präsens ebenso, also beide 
Formen alte lange Wurzelsilbe und alten Hochton auf dem 
-e-, z. B. trübiti trübim. 

Nach der Aufzählung bei Daniele § 22 b gehören dahin ca. 70 
Verba, allein die Zahl verkleinert sich ganz dedeutend, wenn man bei 
genauerer Betrachtung aussondert, was ursprünglich nicht hergehört : 

a. Verba auf altes -e^e; -e-ti [-a-ti] Präs. -/-, oder -e-ti Präs. 
-ejcf, deren e dialektisch zu i geworden ist, oder die durch die gleich- 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 119 

artige Präsensform in die Analogie der -«-Verba gerathen sind : hlije- 
stiti funkeln, AkWb richtig blijesiatij bljustiti (nur 3. pr. bljusti mi 
srce), AkWb bemerkt, der Infinitiv sei wohl hljüstati anzusetzen, hriz- 
diti plärren, nach AkWb richtiger hrizdaii (vgl. brüzdaii brüzdlm], 
cüriti rinnen slov. cureti., cütiti sentire westl. Form für cütjeti, drmiti 
mürrisch sein AkW drmlj'eti^ gnjiliti faulen für *gnileti^ zu gnfio 
gnj'ila, ogrübiti blatternarbig werden, zu grüb^ vgl. r. rpyö^xi, ; gnß- 
riti gviriti njiriti viriti starr blicken (übrigens im AkW izviriti izmrlm 
d.i. Simplex virim), slov. vireti] die gleichbedeutenden J9/?;V^«, j^e'^c/nVe 
pizdriii sind darnach im Infinitiv auch zweifelhaft; [h]läpiti verdunsten, 
slov. hlapeti\ po-hUpiti (nach Vuk ragusanisch) verlangen nach, slov, 
hlepeti\ kisiii säuerlich schmecken, nach AkWb in Ragusa kisjeti\ 
kisiti regnen, daneben kisjeti\ mrziti na koga jem. hassen, altb. mr^- 
zeti mr^zq mrhzisi slov. mrzeti\ omiidriti klug werden, r. My;i;piTL; 
nägliti (zu nägao = nagh) eilig werden, r. narjiiTL; prästiti^ slov. 
pi'ä'scati knistern, rascheln; preziti lauern, ältere Form ist prezati 
preztm, so slov.; püpiti Knospen bekommen, vgl. cech. pupeii\ püziti 
klettern, vgl. altserb. do-puzjeii^ altb. phzeti\ rüditi westl. neben 
rüdjeti östl. roth werden ; skrbiti besorgt sein, ab. skrbbeti, so slov. ; 
släditi süss schmecken, kchsl. sladeti sladejq, slov. sladeti (vgl. das 
trans. släditi slädtm); smjetliti glänzen (zu svijetao = svetbh), ab. 
svetbleti, slov. sveileti; strsiti strsi kosa das Haar sträubt sich, slov. 
srsäti srsi\ sviriti [AkWh betönt übrigens (/o-sejmm), daneben svirj'eti, 
die ältere Form; skripiti knarren, r. cKpHnixL; täjifi neben tdj'ati 
täjxm\ teziti sich sehnen (zu tqg- ziehen), vgl. ab. tezati tezith\ zlät- 
niti se zu zlätan = *zlathneti; oziviti wieder aufleben, für ozivjeti (so 
auch bei Vuk); vrijediti werth sein (zu altem vired"^ ist vielleicht als 
*vredeti anzusetzen. 

b. Einige haben Nebenform nach hväliti hvälim : tüziti tüzim und 
tüzim^ vgl. AkWb dd-tüzlm is-tüzlm; slijediti slijedim, aber naslije- 
diti näsUjedlm d. i. sVijed1m\ päciti päctm, aber izopäciti izopücim 
d. i. -päclm, vgl. Vuk opäciti dpäclm\ rdstiti rästlm, aber narästiti 
näräsüm = räsüm; kläpiti [tläpiti] kläpim Vuk, kldplm AkWb; 
snijeziti snij'ezi, doch o-snijeziti d-snijezlm = -smjezim\ züriti se 
(wenn das unter züriti gemeint ist) hat bei Vuk zürim\ vgl. nochy«- 

pitijäpim klaffen, das trans. od-jäpiti klaffend öffnen hat ödjäpxm = 
-japim. 

c. Eine Gruppe, so viel ich herausbringen kann, ohne Nebenformen. 



120 A. Leskieu, 

Vergleicht man aber hüj'iti päjiti Kinderworte für schlafen, bütnhifi 
Kindcrwort für trinken [bümha für Wasser), pisiti demin. zu insati 
mingere, lägiti demin. zu lägati lügen, so wird man kaum anstehen, 
noch mehr Worte dieser Kategorie von späten und zufälligen Bildungen, 
Deminutiven und Scherzworten, zuzurechnen: hüriti mingere, käkiti 
cacare, sipiti fein regnen (wohl denom. zu sipati schütten), vgl. sisiti 
dass., cmiljiti ganz fein spinnen, gmiziti neben gmizati gämizati wim- 
meln, zmiriti und zmüriti blinzeln (neben zmirati zmiräm) kliziti 
gleiten (neben klizati se), reziti ein wenig beissen (von Speisen; wohl zu 
rezad) , strepiti zittern , trziti ein wenig Kramerei treiben (zu £rg und 
trgdvati)j cam^V^ verdriesslich warten (neben cama^^ cawäm), skiljiti 
blinzeln, cZdmW auf den Hinterbeinen stehen (vom Hasen, eig. Männchen 
machen, zu clovjek]^ pasiti subolere ; wohl auch dühiti aufrecht [düpke] 
stehen. Späte Bildungen sind oglüviti taub werden, gebildet von glüh 
nach Verstummen des h\ pNj'eviti jäten, angeschlossen an das Präsens 
plijevem zu pljeti. Diese ganze Gruppe c wird man wie a und b aus 
der Betrachtung weglassen können. Es bleiben 

d. nur ganz wenig Beispiele übrig : liciti Uci decere (zu lik, lice : 
in der Bedeutung schmücken u. a. dagegen liciti liclm), miriti olere 
(beruht auf miro = griech. /.ivqov), prüditi nützen (wohl fremd), trü- 
hiti trompeten (auch im Comp., AkWb istrühlti istrühim) zu trüha ; 
üditi sich sehnen. 

Von Verben des Betonungstypus hvaliti hvällm zählt Daniele § 22 
über 350 auf. Betrachtet man sie in Bezug auf die ursprüngliche 
Quantität des Wurzelvocals, so zeigt sich, dass mit wenigen Ausnahmen 
die Wurzelsilbe eine ursprüngliche Länge enthält. Die Ausnahmen, die ö 
oder e zeigen, erklären sich z.Th. durch sekundäre Dehnung, so das ö in 
gövniti gövno, möhiti mölha = *mooha aus *molba, köciti kölac köca 
= *kooca = *kolca, onövciti novac növca, vöj'stiti vöjska aus der 
Stellung des Vocals vor Liquida, v,j\ind Consonant, nach der bekann- 
ten Regel; zaprötiti beruht auf der Koseform pröta mit der diesen 
Formen eigenthümlichen Dehnung, zöriti se auf türk. zcr; etymolo- 
gisch unklar sind röziti, zacöpiti, oklöpiti, osmöljiti] spljöstiti ras- 
pljöstiti hat gegenüber pljosan plosan sicher unorganische Dehnung. 
Mit e : jeziti se verdankt die Länge der unursprünglichen Dehnung des 
Homena j'ezjeza (vgl. r. eati. eatä); peciti (dafür auch cepifi) von der 
Koseform peka ; etymologisch unklar sind naheriti se (zu nah^ro), za- 
blesifi se, naceciti se, beciti, kesiti, gmezditi, gnjeciti (vgl. gnjecati), 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 121 

raskreciti\ bleiben zestiti se zu zestok, r e briti vfeun zu rebro. Mit 
altem h : däniti, upänjiti se haben ihre Länge von dem fertig ausge- 
bildeten serb. dän gen. däna, pänj gen. pänja\ bleiben prelästiti od- 
mdstiti, wenn zu Ibstb mbsth, tänj'ifi tänj'l, mänjiti manji. 

Fasst man alles bisher im einzelnen ausgeführte kurz zusammen 
und geht dabei von der sichern Grundlage der deutlich als denominativ 
zu erkennenden Verba aus, so ergeben sich recht einfache Prinzipien 
der Betonung für das Verhältniss von nominalem Grundwort und ab- 
geleitetem Verbum. Dabei habe ich zunächst nur den Infinitiv im 
Auge, der Tonwechsel innerhalb der Formen des Verbums wird nach- 
her zur Sprache kommen. 

1. Das Verbum muss den Accent " haben, wenn die Wurzelsilbe des 
zu Grunde liegenden Nomens ursprünglich lang war und steigenden Ton 
hatte , bei dem die alte Länge verkürzt werden musste , z. B. pjeniti 
pjena. Ableitungen von Nomina andrer Quantität und Betonung ver- 
meiden den Betonungstypus ". 

2. Verba abgeleitet von Nomina mit ursprünglich kurzer Wurzel- 
silbe müssen den (alten) Hochton auf dem -i- des Nomens tragen, 
a) wenn das Nomen unbetonte Wurselsilbe bei Endbetonung der Formen 
hat; b) wenn es fallenden Ton hatte; z. B. kösiti kösa, bröditi brod 
broda. 

3. Verba abgeleitet von Nomina mit alter langer Wurzelsilbe, sei 
diese unbetont oder fallend betont, müssen den Hochton auf dem -i- des 
Stammes haben, z.B. hvälitz hvdla, gräditi gräd gräda. Damit stimmt 
denn auch die Thatsache, dass es Verba einer Betonung wie etwa *grä- 
diti nicht gibt. DaniSid hat zwar § 28 eine solche Kategorie, allein das 
sind lauter Verba, deren Wurzelvocal vor Nasal, Liquida,/, v + Cons. 
steht und durch diese Stellung gedehnt ist ; ein pämtiti u. s. w. ist 
virtuell = *pamtiti. 

Fasst man die Erscheinungen von 2 b und 3 zusammen, so stellt 
sich als allgemeiner Satz heraus: wenn das nominale Grundwort fallen- 
den Ton hat, einerlei ob auf kurzer oder langer Silbe, so erhält regel- 
mässig das Verbum Endbetonung des Stammes: brod broda brodlti 
bröditi wie gräd gräda grädMi gräditi. 

Zum Belege, dass diese Regel auf urslavische Verhältnisse zurück- 
geht, mögen einige Beispiele aus dem Russischen von fallendem und 
steigendem Tone bei polnoglasie dienen, steigend : BOJiora noBOüoaKHTL, 
öojioTO bojioTHTb, Moposi. MopoBHTt, s^opoBrE. SAopoBHTLCfl j dagegen 



122 A. Leskien, 

fallend : tojioa'b rojro;i;HTi>, rojroct roJOCHTL, xojro^tTb xojioahti,, BÖpori 
Bopo»:HTt, BepeAt Bepe^HTb. In Bezug auf noch ältere Verhältnisse, 
auf die Unbeweglichkeit der einen, die Beweglichkeit der andern Ton- 
qualität im allgemeinen, verweise ich auf Hirt, Indog. Accent, S. 91 fg. 
Die Verba auf -i-ti mit mehr als zweisilbigem Stamm im 
Verhältniss zu ihren Grundworten. In Betracht kommen die bei 
Daniele in den §§ 23 — 27, 29, 31 — 41 aufgezählten Verba. Die Ver- 
hältnisse sind im Ganzen ziemlich einfach: 

1. hat das nominale Grundwort den Accent ^ oder ', so verbleibt 
er dem Verbum ; a) hatte dabei der Nominalstamm alte Endbetonung, so 
liegt der alte Hochton des Verbums auf dem i seines Stammes, z. B. 
hudäla hudäliti^ crven f. crvena crveniti, debeo f. dehela nadeheliti se, 
plavetan f. plavetna plavetniti se, sökö g. soköla soköliti^ sramöta 
sramötiti^ svjedok g. svjedöka svjeddciti (u. s. w. ; ich führe hier, wie 
im folgenden, wenn die Sache klar ist, nicht jedesmal alle Beispiele 
an) ; divän diväna diväniti^ drvär g. drvära drväriti^ gospödär gospo- 
dära gospodäriti^ Jünäk Junäka Junäciti se, päzär pazära pazäriti, 
räcün racüna racüniti, vämpir nampira povampiriti se u. s. w. Aus- 
nahmen sind verschwindend, ich habe nur angemerkt ajmäna poäjma- 
7iiti se, mbmak mbmka momciti se, zivica zlviciti. b) lag der alte Hoch- 
ton auf einer Mittelsilbe des Nominalstammes, so behält ihn das Verbum 
ebendort: hesjeda hesjediU, bespolica bespoliciti, biljeg biljeziti, bogat 
bögatiti, brädat obrädatiti, dvöstruk predmstruciti , glävica gläviciti 
se, gödiste pregödistiti, gotov gdtoviti, käludjer käludjeriti, könak 
könaciti, kübura küburiti, Visica llsiciti, lükav izlükamti, öbraz pre- 
öbraziti, pbgan pöganiti, pöocim pöocimiti, vlädika vlädiciti, zlöpata 
zlopaiiti n. s. w.; domäzet domäzetiti, lisäjiv lisäjiviti se, pepeljav 
pepeljaviti, praznöslov praznösloviti, sirömah osiromasiti, u. s. w. ; 
brlog brloziti, gäjtan gäjtaniti, pärlog pärloziti, prilika priUciti, 
räskos räskositi, zäkon pozäkoniti se u. s. w. Als Ausnahmen : grosicär 
grosicäriti (es mag hier wohl eine Betonung grosicär grosicdra zu 
Grunde liegen), prpor prporiti se, p\tom pitbmiti, pbkoj pbkoja upo- 
kbjiti se, temelj otemeljiii se. 

2. Das Grundwort hat " auf der ersten Silbe; kommt nur vor bei 
einigen Fremdworten: dzagor dzagoriti, klcos kicositi, logor logoriti, 
täbor taboriti. Zu Vuk's bdrpaviti d. i. drpaviti steht im AkWb 
drpav, ist das richtig accentuirt, nicht vielmehr drpav? Zu zübor 
neben zubor verzeichnet Vuk zubbriti neben züboriti. 



Untersuch, über Betonungs- u. Quaiititätsverhältnisse in den slav. Spr. 123 

3. das Grundwort hat '' auf der ersten Silbe. Hier sind die Ver- 
hältnisse weniger einfach : 

a) Wenn das Grundwort überhaupt keine Länge enthält, so ver- 
bleibt dem Verbum " unverändert: hclbica hclbiciti^ bangav dhangamti^ 
Viskup zäbiskupiti^ bljutav dbljutamti^ hrabonjak brabotijciti, hrasnav 
dbrasnaviii, bratim AkW brätimiti, budjav pobucljaviti^ bugar buga- 
ritt, cigänka cigänciti, cadjav pöcadjamti^ celav> celamti, corav cora- 
viti, djakon dj'akoniti^ dlakav dlakaviti^ drven dneniti se, gärav 
dgaraviti, gusav dgusavitij Jalov Jalovili, Jevtin pöjevtiniti^ kaldrma 
kaldrmiti^ kanat kanatiti^ Jcilav ökilamti^ Jciseo Jciseliti^ krajina zä- 
krajiniti^ krslj'av zäkrsljaviti, kucica kuciciti, kuljav dkuJjamti, 
kusljav zäkusljaviti^ Väkom lakomiti se, lastavica lastavicüi, milostiv 
ümilostiviti, mati matere maferiti, mätor mäforiti, mVitav dmlitaviti, 
mrsav mrsaviti, nadnica nadniciti, napolica napoliciti, ritstav iznista- 
mtij pabirak pabirka päbirciti, parojak parojka parojciti se , pepeo 
pepeljiti se, plj'esniv pljesnwiti se, prdez üsprdeziti se, pupav öpupa- 
viti, sebica sebiciti, slnjav slnjaviti, sjeme sjemena sjemeniti se, 
srebrn posrebrniti, tefter fefteriti, ütor ütoriti, vUica viliciti, voj'voda 
vojvoditi, zioka zlociti, zubor zuboriti. Abweichungen sind spärlich : 
krajina krajiniii, vgl. aber zäkrajiniti = krajmiti, pernat oprnatiti, 
susjed prisüsjediti (die Betonung ist aber abhängig von süsjed), zalostiv 
ozälostiviti; für Vuk's Viber b\beriti hat das AkWb b)ber; djcLvo 
djavola djavöliti, p^epeo pepela opepeliti (vgl. pepeljiti se), prljatelj 
prijateljiti se, veseo vesela veseliti, vijor mjbriti, vrijeme vreme?ia 
uvremenitise, Ullav kiläviti (vgl. aber bkilamii = Mlaviti), betiav 
benäviti se\ ctganin cigänifi se (neben pöciganiti) ist insofern kaum 
eine Ausnahme, als es vom Plural cigäni abhängen kann und so unter 
b) fällt. 

b) Enthält das Grundwort eine Länge, so muss das Verbum, selbst 
wenn die Länge in den Flexionsformen des betreffenden Stammes nur 
im Nom. sg. (msc.) erscheint, den Hoehton ändern , es bekommt End- 
betonung des Stammes, -iti: blagoslöv g. -slova blagoslömti, bogarädi 
bogoräditi, botest bolesti obolestiti se, cemer ocemeriti, deset zadese- 
titi, devet zadevetiti, dwläc divläciti se, dvojäk dvoj'äciii, drugoj'äk 
predrugojäcifi, djever djevera dj'everiti, geäk geäciti, zagojätiti vgl. 
gojätan AkWb, goropäd goropäditi se, gospöd gospoda pogospoditi se, 
govör govora govöriti, jednäk Jednäciti, j'esen jeseni (neben Jesm 
jesena, so AkW, Vuk anomal jesen Jesena) Jeseniti se, förls jurisiti. 



124 A. Leskien, 

kacün kacüniti se, käntär (= *käntär) prekantäriti , koköt kokötiti 
se, kolomät okolomätiti, kopile kopiliti se, kopün kopüniti se, koräk 
kordciti, Iwrijen iskorijeniti^ kostrijesiü vgl. kostrijet., krväv krvd- 
viti^ kurjük pokurjäciti^ kuraz kuräziti , kusür dokusüriti^ mjehür 
podmjehüriti se, nüopäk iztiaopäciti se, nemlr uznemiriti, obicäjizohi- 
cäjiti se, obijest uzobijestiti se, oblük naoblüciti se, obrüc naobrüciti, 
okolis okoUsiti, opak opäciti se, pctmei opametiti, pozär zapozäriti, 
prednjak prednjäciti, perväz perväziti, propäst upropästiti, prosjäk 
prosjäciti, protw protwiti se, pzisfös pustdsiti, räzüm razümiti, ribür 
ribdriti, rodj'äk rodjäciti se , porogobätiti se vgl. rogobätan, skorüp 
poskorüpiti, skrnäviti vgl. sJcrtiävan, sumräk sumräciti se, svoj'äk 
svqfäciti, sestär sestäriti, fij'äk posijäciti, tocllj tocüjiti, troj'äk trojä- 
citi, ilgär ugäriti, zMöst zalosti ozalöstiti. Die Ausnahmen sind ganz 
gering an Zahl: kämm kdmena kameniti (das Verbum kann aber auf das 
Adj. kamen bezogen werden und ist dann normal, vgl. drven drveniti), 
koräk opkdraciti raskbraciti (vgl. aber oben kordciti), korlst oköristiti 
se, krmelj zäkrmelßti, mramor mramora mrdmoriti se,pcikdst päkosü 
pdkostiti, samoteg samöteziti, näsumoriti se vgl. s^möran (bildet 
eigentlich keine Ausnahme, da sumoran hier für *silmoran steht und 
das erst aus sümörna u. s. w. in den Nom. sg. msc. übertragen ist). 

Es stellt sich bei diesen mehrsilbigen Stämmen in der Beziehung 
völlige Gleichheit mit den zweisilbigen heraus, dass die Betonung ", sei 
es auf erster Silbe, sei es auf nichterster (wo natürlich die neuere Be- 
tonung dann ^ auf der vorangehenden hat, besjeda = hesjeda) unbe- 
weglich ist. Wie weit man die unter 3 b besprochene Erscheinung der 
Beweglichkeit des Tones [propäst propdstiti] mit dem Verhältniss von 
grdd gräda grdditi in Beziehung zu setzen hat , lasse ich zunächst un- 
bestimmt. 

B. Betonung und Tonwechsel innerhalb der Conjuga- 
tionsformeu des Verbums. 

Die Untersuchung muss zweierlei im Auge haben : 

1. Feststellung der serbischen Betonungstypen und ihre Ver- 
gleichung mit denen anderer slavischer Sprachen zur Auffindung 
etwaiger urslavischer oder überhaupt alter Typen. 

2. Erklärung des Tonwechsels in den verschiedenen Verbalformen. 
Zur Vergleichung kommen hier nur das Russische und Slovenische in 
Betracht; auf das Bulgarische verzichte ich wegen der dort erfolgten 
starken Regulirung des Hochtons (s. Archiv 21, 1 fg.). Zunächst be- 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 125 

handle ich im Folgenden nur das Präsens; die z. Tb. eigeuthümlichen 
Betonungen des Aorists im Serbischen, des Imperativs und der Parti- 
cipien lassen sich besser besonders betrachten. 

Das Russische zeigt bei den Verben auf -i-ti {-u-Tb) folgende Be- 
tonungstypen : 

1. Der Hochton liegt im Infinitiv auf irgend einer 
Silbe vor dem -^- des Stammes, dann verbleibt er allen 
Formen des Verbs unveränderlich ebenso, z. B. My^HTt Myyy 

My^HUIL U. S. f., BipHTL BipK) B^pHUlB, rOTOBHTB r0T6B.IK) rOTOBHmL, 
JiaKOMHTB JläKOMJIIO JläKOMHUIB U. S. W. 

2. Der Hochton liegt im Infinitiv auf dem -^- des Stam- 
mes, dann zerfallen die Verba in zwei Gruppen: 

a. Das Präsens hat ebenfalls durchgehend den Ton auf 
dem -i-, z. B. ^lepHiiTL qepHio ^lepHiiuib, roBopHTt roBopio roBopHUiL, 
BecejiHTfc BBcejiK) BecejiHmL u. s. w. 

b. Nur die 1. sing. präs. hat Endbetonung, die andern 
Personen haben den Hochton auf der Wurzelsilbe, z. B. 
xBajiHTi, xBajiio XBaanmL xBajinx^ u. s. w. Vgl. die Aufzählung bei 
Grot, Razysk. P 378, und bei Boyer, De l'accentuation du verbe russe, 
Paris 1895, S. 37; etwa 60 Beispiele. Etwa ebenso viele Verba 
schwanken zwischen den Typen a und b, z. B. BajiHTB Ba.iii6 BaJinrnt 
und Bajinmi. (s. Grot a. 0. 376, Boyer S. 38). Es ist nebenbei bemerkt 
unnütz, die verschiedenen Arten der Betonung mit Bedeutungskatego- 
rien zu verbinden, wie es Boyer gethan hat : die Betonung sei bei den 
Denominativen fest, bei den Causativen und Iterativen beweglich, denn 
z. B. rjiymHTi,, cy^HTL, ö^chtb mit der Präsensbetonung wie BecejiHTb 
sind freilich ebensogut Denominativa wie dieses, aber aceHiixL a^enio 
vKeHHmb, cjyacHTb c-iyacy cjry^HuiB u. a. ist nicht weniger eins. 

Die Typen des Slovenischen bei zweisilbigem Verbalstamm; die 
mehrsilbigen, die für unsern Zweck ohnehin wenig in Betracht kommen, 
lasse ich aus, weil eine Menge sekundärer Lautverhältnisse dabei zn 
erläutern wären. Die Angaben über das slovenische Verbum beruhen 
auf den Arbeiten von Valjavec (die Verba auf -iti im Rad 93 und 94) 
und dem Wörterduch von Pletersnik : 

1. Der Infinitiv hat auf der Wurzelsilbe ' (steigenden 
Ton), das Präsens ebenso, z. B. hväliti hvalim. Zu bemerken ist 
indess, dass in diesen Fällen die ältere Betonung des Infinitivs häufig 
das -i- des Stammes traf, hvaliti (vgl. Valjavec, Rad 132, S. 144). 



126 A. Leskien, 

2. Der Infinitiv hat' (steigenden Ton) auf der Wurzel- 
silbe, das Präsens auf der gleichen Silbe " (fallenden Ton), 
z. B. drüziti drüzim] ursprünglich lag auch hier in vielen Fällen der 
Hochton des Infinitivs auf dem -i- , clruziti. 

3. Der Infinitiv hat den Hochton auf dem -i- des Stam- 
mes, das Präsens ebenfalls, z.'B. gasiti gasim. 

Ein Typus mit fallendem Hochton auf der Wurzelsilbe des Infini- 
tivs fehlt von Haus aus ; wo er erscheint, beruht er auf der Stellung des 
Vocals in geschlossener Silbe vor Liquiden u. s. w., z. B. hersiti. 

Die Typen des Serbischen. 

1. Der alte Hochton liegt im Infinitiv so, dass er über- 
haupt das -i- des Stammes nicht trifft, d. h. er liegt heute auf 
der ersten Silbe als '^ (über " s. oben S. 121. 3) oder als ^ ' auf irgend 
einer Silbe, die nicht unmittelbar dem -i- des Verbalstammes vorangeht ; 
dann ist das Präsens betont wie der Infinitiv, weder in Hochtonstelle 
noch Tonqualität tritt eine Aenderung ein, z. B. gaziti gazim gazu 
u. s. w., pämtiti pämtlm^ hratimiti bratimlm, hesjediti besjedlm^ 
djevöjciti djevöjclm. Hierher gehören dieVerba beiDanicic § 23, 25, 
28, 29, 31, 33, 34, 37, 38, 39, 40, 41. 

2. Der alte Hochton liegt auf dem -i- des Stammes, die 
vorhergehende Silbe ist lang, hat also heute den Accent ', 
z. B. hväliti, Jednäciti\ dann tritt im Präsens der Hochton um eine 
Silbe zurück. Ist der Stamm zweisilbig, so erhält dessen erste Silbe 
den auch heute erkennbaren fallenden Ton ", z. B. hvällm^ dljellm zu 
dijeliti (dahin gehören die Verba Danicic § 22 a). Ist der Stamm mehr- 
silbig, so muss nach dem bekannten Verschiebungsgesetz, das die heu- 
tige Hochtonstelle regelt, der neue Hochton noch um eine Silbe als ^ 
zurücktreten, z. B. jednäclm für altes *jednaclm^ zivotäriti zivdtärim 
d. i. *zivotarim (dazu gehören die Verba § 24, 26, 27). 

Die Gruppe § 22 b bei Danicic (Beibehaltung der Endbetonung auch 
im Compositum) lasse ich nach den oben unter V (S. 118) gemachten 
Bemerkungen ganz weg. 

3. Der alte Hochton lag auf dem -i- des Stammes, die 
vorhergehende Silbe ist kurz, muss also nach der heutigen Be- 
tonung den Accent ^ tragen. Hier theilen sich die Verba in zwei ünter- 
abtheilungen : 

a. Im Präsens geht der Hochton auf die vorangehende 
Silbe über, diese hat also bei zweisilbigen Stämmen ", z. B. nösiti 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 127 

nosim (Daniele § 30a); bei mehrsilbigen muss nach der Verschiebung 
der Hochton als "* um noch eine Silbe weiter zurück liegen, z.B. govorifi 
göcorim = älterem *gooorlm^ hlagoslöviti hlagdslovlm=^*hlagosrdvim 
(Danicic § 32 a, 35 a, im ganzen ausser den beiden genannten nur noch 
pitömiti, poldviti^ romöriti). 

b. Der Hochton bleibt im Präsens wie im Infinitiv, z. B. 
lomiti Idnilm Idmi's lömi lomimo lomite (= lomimo lomife\ diese 
Endbetonung auf dem Personalsuffix bleibt hier zunächst unberück- 
sichtigt) lome. Aber nur im Simplex, im Compositum tritt die 
Betonung von a. ein, also slormm slomls u. s. w., nälomim = 
*nalom%m, (Danicic 30b, bb). Dazu einige ebenso behandelte Verba 
in § 32b, bb, z.B. svjedociti svjeddclm^ aber posvjedocim = *posvje- 
doclm. Die Angaben Resetar's (Südslav. Dialektstudien, I. Die serbo- 
kroat. Betonung südwestl. Mundarten, S. 192, § 127) machen es jetzt 
möglich zu erkennen, dass dieser Typus in den Dialekten geringer, 
z. Th. gar nicht vertreten ist. In Ragusa kommt auch im Simplex vor 
lomlm, lomm u.s.w., svjedocim neben svjeddcim] dagegen in (Ozri- 
nici) und P (Prcanj) fallen die Verba des Vukschen Typus lörmm pö- 
lomim auch im Simplex regelmässig in den Typus a [noslm]^ also lo- 
mim^ zvonlm^ horim se, glohltn u. s. w., sjedocim^ vesellm u. s. f. 

Anmerkung zu 3 b. Danicic hat 32b, aa und § 35 b eine Anzahl 
Verba aufgeführt, die im Präsens den Hochton überhaupt nicht, auch 
nicht im Compositum, verändern. Aber es ist damit eine etwas missliche 
Sache: § 32b, aa werden 17 Verba genannt, davon sind aber 12 com- 
ponirt nicht belegt, man kann daher nicht sicher entscheiden, wie 
etwaige Composita betonen würden. Die componirten müssen auch im 
Accent nicht sicher stehen, denn Vuk hat zwar zarumeniti -im^ d. h. 
man muss voraussetzen, er habe zarumemm betont, allein das AkWb 
accentuirt das aus Stulli aufgenommene izrumeniti im Präs. izrümenim 
d. i. *-rumenim. In § 35b stehen die 3 Verba: prijateljiti^ museve- 
diti (vom türk. museveda) ^ u-muaseriti (vom turk. muasera). Man 
kann also derartige Fälle, deren Zahl übrigens ganz gering ist, weg- 
lassen wie die von § 22 b. 

Die weitere Frage ist nun: wie verhalten sich die serbischen 
Betonungstypen zu denen der andern in Betracht kommen- 
den Sprachen? Bei der Zusammenstellung ist so verfahren, dass das 
serbische Wort voransteht, dann das russische, diesem das slovenische 
folgt: 



128 A. Leskien, 

1. Serbischer Typus bclviti bavlm u. s. w. 

A. Das Russische hat die gleiche, also unveränderliche 
Betonung, z. B. MyiHTt : Myqy My^imub u. s. w. ; dabei 1. das Slo- 
venische den Hochton ebenso, verwandelt aber im Präsens 
den steigenden Ton in fallenden ("), z. B. misliti mislim. So 
also im Slovenischen bei allen folgenden Beispielen : blatiti öcjothtb 
(angegeben auch ßojiOTHTb) hlätiti^ cistiti tocthtl cistiti, cuditi se qy- 
AHTtca cüditi se, gaditi räAHTB gäditi, gladiti rjiaAHTfc gläditi, grabiti 
rpäÖHTb grabiti, liititi xHTHXt hititi, laziti JiasHTL läziti, misliti mlic- 
.iHTb misliti, mjeriti MipnTL meriti, mrstiti se MopmHTL, mtlciti My- 
uHTb, nistiti HHmHTb, nuditi Hy^HTb nüditi, päriti näpHTb pdriti, pje- 
niti niHHTb peniti, plasiti nojromHTb pläsiti, praviti npäsHTb präviti, 
raniti^imiTh räniti, rusifi T^fumTh rüsiti, sttitinäsititins^GhiTViTh sititi, 
slaviti ciasHTb släviti slävim (und slaviti slavim), sVhiiti cjiHHHXb sli- 
niti, smraditi r. kirchensl. Form CMpä^HTb (v. CMopoAHTb stinken, offen- 
bar an cMopoA'b angeschlossen, cMopoAHXb durch Ansengen Gestank 
verbreiten), staviti cTasHTb stäviti, svaditi CBäAHTnDahl (altr.) sväditi, 
skoditi mKOAHTb sköditi, tj'esiti TimnTb tesiti, -vjesiti BicHXb vesiti, 
zdraviti no-s^iopoBHXb zdräviti. Bei der grösseren Nähe der beiden 
Sprachen lässt sich die Vergleichung mit dem Slovenischen noch etwas 
weiter fortsetzen: bratiti slov. brdiiti brätim (und so bei allen folgen- 
den), büsiti büsiti, gaziti gäziti, grbiti grbiti,jaciti Jäciti, ddjutriti se 
jütriti se, Juziti se jiiziti se, zä-kaciti käciti, Ultiti kititi, zä-kmetiti 
po-kmetiti, mraziti (verfeinden) mräziti, pre-mreziti omreziti omrezim 
(und omrezim), paziti päziti, pläziti pldziti, pastiti se päsc-iti päscim 
se [vL. päscim] pluziti plüziti, praziti präziti, pusiti püsiti, prtiti prtiti, 
siliti se siliti, siriti siriti, ü-sreciti po-sreciti, vädifi (herausnehmen) 
üäditi, 2)revariti pre-väriti, ziliti ziliti zUim (und zilim). 

2. Das Slovenische hat im Präsens steigenden Ton, z.B. 
kväsiti kväsim ; so bei allen folgenden : bclbiti öaÖHXb bäbiti [bäbim 
aber obdbiti obdbim), baviti öäsHXb bäviti [bävim, aber izbäviti izbä- 
vim), Jagniti arnnxb ca jägniti (aber iz-jägtiiti izjdgni se), jaditi 
iäditi {Jädim, aber iz-jäditi -jddim se), kväsiti KBacnxb kväsiti, priliiti 
npyacHXb pröziti, püniti nojinHXb pölniti, trätiti xpäxHXL trätiti, vj'e- 
riti Bipnxb veriti se (betheuern), vjetriti Bixpaxb veti'iti. Mit dem 
Slovenischen allein vergleichbar noch: zä-galiti gäliti, grbiti grciti, 
o-gnusiti gnüsiti, jaditi jäditi, kljuciti kljuciti, pot-koziti se köziti se, 
ktlditi küditi, ö-kuziti o-küziti, prätiti präliti, s-putiti spöiiti, ü-smrtiti 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 129 

usmrtiti (und tismrtiti usmrtim), trliti trlitt, ü-vjestiti se izvesciti, 
zilliti zäliti^ ö-hditi o-zöleiti^ zä-zcaliti zväliti. 

3. Das Slovenische betont -iti und hat im Präsens End- 
betonung, z.B.jasmtiAcmiThjasnifi 'jastum, aber iz-Jäsniti izjas- 
nim), dabiti slahini^ sestriti cecTpHTLca noeecrpHTtCK sestriti se. 
slahiti cjiaÖHTfc slahiti^ stariti se ocxäpnTLca ostariti se. Vgl. noch 
mfciti slov. mrviii. 

B. Das Russische hat im Infinitiv -lixb, im Präsens End- 
betonung, z. B. cTpamHTb cxpamy cxpamiimi u. s. w. : zä-cariti bo- 
i];apHTb, hidiii xy.iiixi,, nä-mjesiiti mJctiitb, d-strmiti CTpeMHTi,, is- 
tastiti iicTOimiTfc, tTiriti TypÜTb. Dabei hat 

1. das Slovenische ebenfalls Endbetonung: cdditi ^a- 
ji^iih caditi caditn.^ ^s^nV^ HCKpiiTt iskritiiski'im^ kupiti o.o-BO-i^Ymi.'Th 
kupifi kupim . suziti cresiiTb soiziii sohim^ vgl. noch plaviti slov. 
plaviti platim (aber dopläviti -plavim). 

2. Das Slovenische hat Wurzelbetonuug im Infinitiv 
wie Präsens, in diesem aber fallenden Ton (z. B. sträsiti 
strasim) : üdariti y^apiiTb udäriii.^ dlmiti AbiMHXb dimiti^ huliti xy- 
.iiixb hüliti ^ o-kusiti no-KycHTbca oküsiti ., kTlniii K-iHHHTb kliniti^ 
pö-mjestiti noMicTHXb domestiti do77iestim, sjeniti se xiHHXb sefiifi, 
pdspjesiti no-cni&miixb spesiti, strasiii cxpamiixb sträsiti^ saliti se 
majiiixb säliti se, vlaziti BOjoacHXb (ksl. BJiäa:HXb) vldziti, tmiiti 
HayMHXb doümiti. 

3. Das Slovenische hat Wurzelbetonung, im Präsens 
steigenden Ton (z. B. zrniti zrnim): militi se yMHjirixb militi se. 
pripreniiti irpaMHXb premiti se, prestruziti cxpya:HXb strüziti, pri~ 
usiti 3a-ymiixb za-üsiti, d-zrniti se sepHiixb zrniti. 

C. Das Russische hat im Infinitiv -i'ixb, im Präsens 
Tonwechsel: hvdtiti Jwaüm xsaxHXb XBaqy xBaxmnb u, s. w. 

Die Vergleichung ergibt, dass der serbische Betonungstypus " ein 
urslavischer ist. In der grossen Mehrzahl der Beispiele stimmen die 
Sprachen in der Lage des Hochtons tiberein. Die Erscheinung, dass im 
Slovenischen so oft das Präsens fallenden Ton erhält, während der In- 
finitiv den steigenden bewahrt (vgl. mtditi misltin slov. misNfi mislim), 
wird später zu erörtern sein. 

II. Der serbische Typus /ivdliii {= sxltem *hvärifi) hvä- 
lim u. s. w. 

Archiy für slavische Philologie. XXIV. 9 



1 30 A. Leskien, 

A. Das Russische hat die gleiche Betonung im Infinitiv, 
im Präsens den Hochton durchgehend auf dem -^-, z. B. iiep- 
iiHTfc yepnio yspuiiiub u.s.w. (so in allen folgenden Beispielen): bijediti 
yß^ÄHTt, brziti öopsiiTb, cestiti ^lacTiixb, cläliti [däJjiti) Aajuixt, di- 
viti se AHBHTL, -düziti npo^oJiJKHTL, -grciti ropqnTL, juriti lopHTt, 
-krütiti KpyxHTt, licih oö.iiiyHTb, skrbiti ocKopÖHTb, vräniti Bopo- 
HHTb, zestiti acecTHTb. Wo das Slovenische mit vergleichbar ist, 
ergibt sich : 

1. Das Slovenische hat die gleiche Betonung wie im 
R u s s i s c h e n (z. B. glasiti glasim) : düriti AypHXb duriti^ gläsiti rjiacHTb 
ro.iociixb glasiti., grditi ropAHXbca grditi [grdim und grdim Valjavec 
Rad 94, S. 36), grijesiti rpiinnxb gresüi^ -giistiti rycxHXb gostiti, 
Jdäditi xojiOAHXb hladiti., hräbriti xpaöpnxb xopoöpHXb hrabri!,i{?x'ä&. 
auch hrabrim Rad 94, S. 36), Järiti se sn^nThcn j'ariti, käditi KaAHXt 
kaditi^i käliti Ka^iiixb kaliti^ -krijepiti Kpinnxb krepiti^ kriviti Kpn- 
BHXb kriviti., -mästiii MCXHXb rmstiti, mästiti Macxiixb ?nastiti, meciti 
MHxqiixb meciti, mijeniti H3-MiHHXb meniti, miriti MHpnxb miriti, 
mläditi MOJioAHXb mladiti., -mrtviti MepxBHXL mrtviti, -müdriti My- 
Apnxb modriti., pUJeniti nojiOHHXb ple7iiti., präsiti nopouinxb prasiti, 
prijetiti npexHxt pretiti, rävniti pasHiixb ravniti., rüciti nopyynxb 
rociti, släditi cojoahxb sladiti., na-slijediti cji^A^xb slediti, -slijepiti 
cjiinHXb slepiti, o-snijeziti CHiatHXb osneziti, -sträniti cxopoHHXbca 
straniti se., svetiti CBaxHXb svetiti, tjesniti xicHHXb tesniti, tüdjiti se 
iryatAHXb tujiti., -vijestiti Ha-B'£exHXb navestiti, vrsiti BepuiHXb vrsiti, 
zübiti syÖHXb zobiti., zdrijebiti acepeÖHXbCH zrebiti., zütiti a^ojiXHXb 
zoltiti. Vgl. noch aus dem Slovenischen (das zweite Wort ist das slo- 
venische) cvrstiti AkWh cvrstiti, düziti doiziti, püditi poditi, smüditi 
smoditi, teziti teziti, is-ki'csiti kositi. 

2. Das Slovenische hat den Hochton auf der Wurzel- 
silbe im Infinitiv wie im Präsens, in beiden Fällen stei- 
gend (z.B. crniti crnim): bläzniti öjiasHiixb bläzniti., bläziti öjraacHXb 
bläziti., bräniti öpamixb öopoHiixb bräniii, bräzditi öoposAHXb bräzditi, 
cimiti ^epHHXL crniti, dräziti pas-ApaatHXb dräziti, drije'siti pimnxb 
resiti, klätiti ko.ioxhxb klätiti, kneziti Knaatiixb ktieziti, kümiti Ky- 
MHXbCfl kümiti, lisiti jnimiixb lisiti, mütiii Myxiixb 7nötiti, päliti na- 
jiHXb päliti, na-rästiti paexiixb rästiti, -rijediti pi^HTb rediti, skvrniti 
cKBepHHXb skrniti, srämiti cpaMHXbCfl (bei Dahl die eig. russ. Form 
copoMHXbCH, angeschlossen an copÖMt für copoMt) o-srämiti {-srämim, 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 131 

Rad 94, S. 36 srämim\ na-strciti se mepuiHTfc srsiti se, -trüsiti Tpy- 
CHTt trösiti^ tvrditi TBep^HTt irditi, -vrijediti BpeAHTfc vrediti^ zuritt 
se 5KypHTi> züriti. 

3. Das Slovenische hat im Infinitiv steigenden, im 
Präsens fallenden Ton auf der Wurzelsilbe: drüziti K^j-ssikrh 
drüziti drüzim^ gnjeviti rH^BHTt gneviti gnevirn^ krtisiti KpymHTb 
krüsiti krüiiim, piliti ni^ÄWVh piliti pllim^ räciti se payiixt räcifiräcim, 
-rdziti Tpa-sArh rdziti räzim, sfrdziti CTo^oiiKu'Th strdziti sträzim, stititi 
iUHTHTtcü scititi scUim\ vgl. noch IJütiti &\o'^ . IJütiti ljutim\ mdmiti 
slov. mdmiti mdmim^ mldciti slov. mldciti niläcim^ präziti s\oy. prdzifi 
prüzim, po-repiti slov. repiti repim, slütiti sl. slütiti slütim^ sndziti 
sl. sndziti sndzim^ srciti sl. srciti sfcim^ ohzndniti sl. zndniti zndnim, 
cvijeliti sl. cveliti coelim^ diciti sl. diciti dicim^ gdjiti ^X.gäj'iti gäjim^ 
güsiti sl. güsiti güsim. 

B. Das Russische betont im Infinitiv -htb, das Präsens 
hat in der 1. sing. Endbetonung, in den übrigen Personen 
Wurzelbetonung, z.B. xBajiHTb xBa^io xBajirnnt u.s. w. serb. hvdliti 
hmllm^ BopoTHTb BopoTf BopoTHiufc scrb. vrdtiti vrätlm. Dabei hat 

1. das Slovenische im Infinitiv -iti^ im Präsens End- 
betonung (z. B. lepiti lepim): büditi öjfl^uTh buditi, lijepiti JtinHTt 
lepiti^ mäliti Ma^iHTt -maliti^ plätiti naaTHTL platiti^ -püstiti nycTHTt 
opustiti^ srditi cepAHTt srditi, -strijeliti -cxp'fejHTfc streliti. 

2. Das Slovenische hat im Infinitiv wie Präsens Wurzel- 
betonung, in beiden Fällen steigend (z. B. ddüiti ddvim): cije- 
niti ii,iHiiTt ceniti, -cijepiti \^m\T\> cepiti^ däviti ÄaBMXt däviti, hvd- 
liti XBaJHTb hvdliti, krmiti KopitfiiTB krmiti, küpiti KynHTL küpiti, 
Ijübiti jiioöhtb Ijübiti, -lüpiti jiynHTb lüpiti, mldtiti MOjroTHTt mldtiti, 
rübiti pyÖHTL röbifi, slüziti ciyacHTb slüziti, südiii cyAHTb söditi, 
tüziti TyatHTt töziti, vldciti BOJic^iHTb vldciti. 

3. Das Slovenische hat im Infinitiv steigenden, im 
Präsens fallenden Ton auf der Wurzelsilbe: lijeciti ji^HTt 
leciti lecim, stüpiti cTynHTt stöpiti stopim, siriti pacmnpHTb siriti 
sirim, tldciti tojig^htl tldciti tldcim. 

C. Das Russische betont im Infinitiv -htl, das Präsens 
schwankt zwischen durchgehender Betonung auf -i- und 
dem Wechsel: 1. sing. Endbetonung, die andern Personen 
Wurzelbetonung, z. B. a^-ihtl a^jik) Ai-^Hint u. s. w. oder a^-th) 

9* 



132 A. Leskien, 

AiJHuit u. s.w. ; träviti trävim xpaBHTt TpaBJiK) TpaBHuib und TpaBJio 
xpaBHiub. Dabei hat 

1. das Slovenische im Infinitiv -^7^', im Präsens End- 
betonung -im (z. B. zlatiti zlatim u. s. w.) : cijediti ixiAHTb cediti, 
-ddriti ^aprixb dariti^ diJeUti A^JHTt deliti., düsiti AyiuHTt dusüi, gä- 
siti racHTb gasiti^ -glüsiti rjryuiHTb glusiti, gräditi ropo^HTt graditi, 
rediti pHAHTfc rediti^ säditi ca^HTb saditi, süsiti cyiuHTb susüt, -väliti 
BajHTb valüi, väriti BapHXb varitt, zlätiti sojiOTHTb zlatiti. 

2. das Slovenische im Infinitiv wie Präsens Wurzel- 
betonung, in beiden Fällen steigend (z. B. krätiti krätim): 
bijeliti 6§jiHTb heliti, hlüditi öjyAHXb blöditi^ gnijezditi rnisAHXb 
(und rniaAHXb) gnezditi (und gnezditi\ Präs. auch gnezdim angegeben), 
hräniti xopoHHXb (die ksl. Form xpaniixb xpanio xpaiiiimb u. s. w.) 
hräniti, Jdviti üBiiTh jdmti [j'dvim, aber izj'dviti izjävim), krdtitiKO- 
poxHXb krdtiti^ -krüziti KpyatHXb kröziti^ lijeniti se j^HHXbCfl leniti 
se, lüciti pa3-.iiyqHXb löciti, mij'esiti M'ScHXb mesiti, tüpiti xyniixb tn- 
piti, tüsiti xyuiHXb tüsiti. 

3. das Slovenische Wurzelbetonung im Infinitiv stei- 
gend, im Präsens fallend: trüditi T^Yji,AThC5i trtiditi trüdim. 

D. Das Russische hat durchgehende Wurzelbetonung, 
z. B. BaÖHXb BaÖJiK) Baöuuib u. s. w. ; -mijetiti wkiwvh. Dabei hat 

1. das Slovenische im Infinitiv -^7^, im Präsens -im: 
Jeziti se eacuxbca Jeziti se, mrdciti se Mopo^nxb mraciti, pot-petiti 

nnxHXbCH petiti, zäriti jKapnxb zariti. 

2. Das Slovenische hat im Infinitiv wie Präsens Wurzel- 
betonung, in beiden Fällen steigend (z. B. vdbiti vdbim): güliti 
se ryjHXb gtiliti, kräsiti KpäcHXb krdsiti (doch nicht echt sloven.), 
7-küciti KyyHXb küciti se, -prdzniti nopoacHHXb präzniti, -prijeciti 
n&^Q^wvh preciti, -pristiti m^hiu\vi'Thcsi pristiti se, vdbiti BaÖHXb vdbiti. 

3. Das Slovenische hat steigende Wurzelbetonung im 
Infinitiv, fallende im Präsens: krciti K6]^nRTh krciti krcim, pü- 
citi nyiHXb pöciti p?)cim, siriti miipHXb siriti kirim, zndciti suaynxb 
zndciti z?iäcim. 

Aus der Vergleichung des serb. Typus hvdliti hvdlim ergiebt sich : 
die Zahl der Verba, in denen das Russische durchgehende Wurzel- 
betonuDg gegenüberstellt, ist sehr gering. Lässt man diese kleine 
Gruppe bei Seite, so stellt sich heraus: 



Untersuch, über Betonungs- ii. Quantitätsverhältnisse in den alav. Spr. 1 33 

1. Dem gleichartigen serbischen Typus hväliti hvälim entspricht 
im Russischen die gleichartige Betonung des Infinitivs , dagegen zwei 
Betonungstypen des Präsens: 

a) das Präsens bat durchgehende Endbetonung (d. h. auf dem 
-i-) in allen Personen. 

b) das Präsens hat Endbetonung nur in der 1. sing., sonst Wurzel- 
betonung, wobei eine Anzahl Verba zwischen a und b schwanken. 

2. Dem serbischen Typus entsprechen im Slovenischen drei Typen : 

a) der Infinitiv betont wie im Serbischen, also -^7^, das Präsens hat 
Endbetonung (auf dem -^-). 

b) Infinitiv und Präsens haben Wurzelbetonung, beidemal steigend. 

c) der Infinitiv hat Wurzelbetonung steigend, das Präsens Wurzel- 
betonung fallend. 

III. Der serbische Typus nösiti tioslm. 

A. Das Russische betont -htb, hat im Präsens durch- 
gehenden Ton auf dem -^-, z. B. npocTiixt npoiny npocxHuit 
u. s. w.; das Slovenische ebenso prostiti prostim: pröstiti npo- 
CTiixb prostiti^ rbditi [rodlm^ vgl. aber Daniele S. 52 Anm. 3, sing, rödi) 
poAHTb roditi, teliti TsjiHTBca (bei Jel'sin S. 149 mit Wechsel im Prä- 
sens 3. sing. TejiKTbCH). — Vgl. noch köziti okoshtlca, steniti mennTtCH, 
falls diese Worte, was ich nicht constatiren kann, im Russischen keinen 
Tonwechsel im Präsens haben. 

B. Das Russische betont -htb, hat aber im Präsens 
Wechsel der Hochtonstelle: 1. sing. Endbetonung, die andern Per- 
sonen Wurzelbetonung, z. B. mojihtl mojik) MOJiHmb u. s. w. Dabei hat 

1. das Slovenische ebenfalls Endbetonung: kositi kostm 
KocHTb Komy KocHuiL kositi kosim. 

2. Das Slovenische hat im Infinitiv wie im Präsens 
Wurzelbetonung, in beiden Fällen steigend, die Vocale o, e 
nehmen im Präsens die Färbung o e an, was ich nur an einem Beispiele 
zeige, möliti molim^ seliti selim: gonüi roHio roHHiub (Inf. ungebräuch- 
lich) göniti^ höditi xoahtb höditi, möliti mojihtl möliti^ nösiti iiocHTb 
nösiti, prösiti u^omih prösiti^ sköciti CKO^iHTb sköciti (s^ocm Valjavec, 
Rad 132, S. 133, im Wb, durch Versehen?, skocim), vöditi BOAHTb 
vöditi, vöziti bosutl vöziti; seliti eeJHTb (cbjik) eejiHmb neben cejinuitj 
seliti, zeniti ateHHTL zeniti. Abweichend ist im Slovenischen pustiti 
pustim mit Endbetonung gegenüber serb. pustiti püstim r. nycTiiTK 
iiymy nycTHUib. 



134 A. Leskien, 

Nicht vergleichbar sind aus diesem Typus: desiti deslm^ kreciti 
krecim (kalken, weissen , von dem Fremdwort krec kreca) kröciti 
krocim. 

Die Zahl der Verba , die diesem Typus im Serbischen angehören, 
ist im ganzen nicht gross und es könnte fraglich sein, ob man weiter 
gehende Schlüsse darauf bauen kann. Allein ich glaube doch, dass sich 
ein urslavischer Typus hier erkennen lässt. Russische und slovenische 
Endbetonung im Präsens (s. oben S. 133 A und B 1) ist ganz selten, be- 
schränkt auf 4 Verba, von denen eins noch zweifelhaft ist. Die andern 
betonen in den drei Sprachen gleichmässig, wenn man sich dabei erinnert, 
dass die Infinitivbetonung des Slovenischen höditi unursprünglich für 
hoditi steht (vgl. Valjavec, Rad 132, S. 144) und hinzunimmt, dass die 
Vocalfärbung o q alten Hochton auf der betreflfenden Silbe andeutet. 
Darnach stellt sich heraus serb. nösiti nosis slov. no&iti fwsis r. HocHXb 
HOCHUifc und so in allen folgenden Personen des Präsens. Ob die russi- 
sche Eigenthümlichkeit der Endbetonung der 1. sing. HOiuy ehemals 
auch den beiden andern Sprachen zukam, wird sich mit Sicherheit nicht 
leicht entscheiden lassen, da diese Form ihnen verloren gegangen und 
durch eine Analogiebildung nach den folgenden Personen ersetzt ist, 
nosim slov. nösim^ wobei natürlich auch deren Betonung mit überge- 
gangen sein kann. 

IV. Serbischer Typus Simplex lömiti lömlm (u. s. w., s. 
S. 110), Compositum s-lomiti slomlm^ nalömiti nälomtm. 

A. Das Russische betont -htl, hat im Präsens durch- 
gehenden Hochton auf dem -^-, dabei 1. das Slovenische, wo 
vergleichbar, ebenso, z. B. MopHXb Mopro Mopiimb, %[ow.moriti morim. 
Wurzelvocal o: höciti se öo^htbch, odobriti oji.oö'^uTh odobrüi, döjiti 
ÄOHTb dojiti^ dröbiti ApoÖHXb drobiti, dvbjiti ABOHTb dvojiti, dvdriti 
ABopHTb dvoriti, gnojiti raoHTb gnojiii., gbditi roAHTbca goditi^ goßti 
klr. gojity (Dahl roHXb) gojiti^ göliti ro.iHTb goliti^ göstiti rocTiiTb 
gostitij groziti rposuTb groziti^ po-höliti se klr. chohj/y (Dahl x6.3HTb), 
köriti KopHTb koriti^ kotiti KOTHTtca kotiti^ kröjiti KpoHXb krojiti, 
kropiti v\iOxm'Vb kropiti, ukrdtiti KT^oraTh krofiii, mö^nV« MOKpnxt 
mokriti^ möriti Mopnxb moriti., pod-mostiti MOcxHXb mosfüi, mdtriti 
(cMOxptxb) cMOxpK) citfoxpiimb, obnöviti HOBiixb novifi, noriti iiopHTb 
(aushöhlen) noriti^ raz~driti pasopnxb, östriti ocxpHXb ostriti, plöditi 
nüOAHXb ploditi [plodim Wb, plöditi plodim Valj.), pöjiti noHXb pojiti^ 
za-pdfiti uorviTh poiiti, röj'iti ]}OidThcn rojiti, rösiti "^ociirh rositi^ rotiti 



Untersuch, über Betonungs- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 135 

se poTiiTbCH rotiti^ ti-skoriti ycKopHXi., smöliti cmojthti. smoliti, söciti 
co^HTh, sdliti cojiHTb soliti., sporiti <ino^^l\'\:^bQ,a^ skö piti t^oniiih skopiti^ 
za-tomiti tomhtl, trd'siti no-Tpomiirt (ausweiden) troHfi, vostiti BomHTb 
voscifi, znojiti se shohtl znojiti., zvöniti sbouhtb zvottiti\ dazu aus 
dem Slovenischen allein höriti boriti se, hrdjiti iz-hroßti, glöbiti glo- 
liti, Idjiti lojiti, mödriti modriti, pomöliti pomoUti, nbciti nociti, ro- 
hiti za-roliti, skrdpiti skropiti. Wurzelvocal e : medj'iti nepeMeatiiTb 
mejiti, srehrifi cepeöpiixLca srebriti] lediti lediti, mediti mediti. 
Andre Vocale in der Wurzelsilbe : cästiti ^ecxiiTb c^stiti, krstiti KpecTHTt 
krstiti [krstim und krstiti krstim), mägliti mf^ihtl rmgliti, stäkliti se 
sthkliti. 

2. Das Slovenische betont die Wurzelsilbe, in beiden For- 
men steigend: pöstiti nocriiThcn postiti pgstim, u-töliti jroÄinh töliti 
tolim\ im Präsens fallend: listriti öticTpHTtcfl bistriti bistrim. 

B. Das Russische hat im Präsens Tonwechsel, z. B. kjio- 
HHTb MOHK) KJioHHinb u, s. w. Dabei 

1. das Slovenische in Infinitiv wie Präsens Wurzel- 
betonung, und zwar steigend, bei o-Vocal diesen im Präsens als 
o (z. B. klöniti klönim): bröditi öpo^HTb bröditi, kloniti KJlOHHTb klö- 
niti (und kloniti klonim) Ibmiti üOMiixb lömiti, möciti MOynTb möciti, 
za-sloniti npn-cjioHHXb slöniti, töciti xoynxb töciti, töpiti (schmelzen) 
Tomixb töpiti, töpiti (tauchen) xoniixb töpiti\ bröciti sl. bröcitl brocim, 
skröbiti sl. skröbiti (so im Wb., richtiger skröbiti?) skröbim, töriti sl. 
töriti tqrim. Dazu kommen einige Fälle, in denen das Russische zwi- 
schen Wechsel und durchgehender Endbetonung im Präsens schwankt, 
das Slovenische z. Th. auch schwankende Verhältnisse zeigt : ciniti qHHiixb 
^iHHK) yHHHmb und TiHHmnb ciniti cinim, krsiti Kpomnxb Kpomy Kpocnmb 
und Kpociimb krsiti krsim, löziti jioacy Jio^Hmb noji03Ky no^oaeiimb 
löziti Iqzim poloziti polozim, tvöriti XBopnxb XBopio XBopiimb saxBO- 
pHuib. Das slov. Wb. bietet noch zu serb. zaklöpiti slov. zaklöpiti 
zaklopim, zu zacepiti slov. zacepiti zacepim, wo vielleicht richtiger o e 
stehen sollte. 

2. Das Slovenische hat Endbetonung (auf dem -/-): löviti 
jOBHXb loviti lovim, gübiti ryönxb gubiti gulim, üciti ytjHXb 
uciti ucitn. 

C. Das Russische hat Wurzelbetonung, das Slovenische 
Endbetonung: mnöziti MHo^nxb MHoaty MHoacnuib mnoziti mnozityi 
(und so in den folgenden Beispielen), röciti c^o^wih (Dahl), pro-slöviti 



136 A. Leskien, 

y-e.icißHTh blovilt, scöjiti y-CBOHXb u-svojiti^ topliti xenjiHTb topUtiy 
vedriti pas-BeApuTb cedriti^ zldbiti sjoChtb zlobiti. — Vereinzelt steht 
in dieser Reihe strojiti cTpÖHTb ströjiü ströjim. 

Die Zösammenstellnng ergibt: abgesehen von den zwei drei Fällen, 
in denen das Russische Wurzelbetonung hat, stimmen die drei Sprachen 
in der Betonung des Infinitivs auf dem -i- des Stammes überein, 
z. B. gdstiti rocTirrb gostitl, tdciti xouHTb töciti d. h. älter tociti (s. o. 
8. 134). Dagegen stellt dem serbischen Typus der Betonung im Prä- 
sens des Simplex das Russische und Slovenische zwei Typen 
gegenüber. 

1. Sie betonen im Präsens wie das Serbische, also das -/-, z. B. 
slov. gosiis rocxHuib serb. gdsüi>\ so in der Mehrzahl der Fälle. 

2. Sie haben im Präsens den Hochton auf die Wurzelsilbe zurück- 
gezogen, slov. töcis xo^iHiub serb. tocls. Ob die russische Betonung der 
l.sing. xoiy einst auch im Slovenischen vorhanden war, lässt sich nach 
dem oben (S. 134) Bemerkten nicht erkennen. 

Der serbische Typus IV ist aber nicht einheitlich, im Compositum 
anders als im Simplex : lömiti löm'im^ dagegen sldmiti slomim nalömiti 
nälomim^ im letzten Falle genau dem Typus lU yiositi nosim stidsiti 
snostm nanositi nänosim entsprechend. Ausserdem ist hervorzuheben 
die Endbetonung auf der Personalendung der 1 . und 2. plur. des Simplex 
loimmo lomite = "lomlmö "lonnCe. Die Besprechung der hier vor- 
liegenden Probleme verschiebe ich, um sie unten in weiterem Znsammen- 
hang zu behandeln. 

Zur Gewinnung einer üebersicht über die Hauptthatsachen ist es 
zweckmässig, die Vergleichung der serbischen Typen mit denen der 
andern Sprachen auf eine möglichst einfache Formel zu bringen : 

1 . Die Typen I bamti bavlm und III nositi ndstm sind im Slove- 
nischen und Russischen (abgesehen von dessen Endbetonung der 1. sing, 
präs.) ebenso vorhanden und als urslavisch anzusehen. 

2. Den Typen II Jwäliti Jwällm und III im Simplex lömiti lömlin 
entsprechen bei gleicher Betonung des Infinitivs im Russischen und 
Slovenischen zwei Typen der Präsensbetonung : 

a. Das Präsens hat hier Endbetonung slov. glasis r. r.iaciimb 
(ro-iociimb) serb. gliisls, slov. gostih r. rocxiimb serb. gostis. 

b. Das Präsens hat Wurzelbetonung (abgesehen von der 1. sing. 
präs. im Russischen) slov. Itväliii r. xiia.iinmb serb. hrälis. 

Aus dem allen ergeben sich folgende Probleme : 



Untersuch, über Betoniings- u. Quantitätsverhältnisse in den slav. Spr. 137 

1 . Erklärung des urslavischen Typus nösiti non'im gegenüber der 
Betonung formal gleicbartiger Verba wie ?}idn'fi mörim. 

2. Erklärung der einheitlicbeu Betonung des Präsens im serb. 
Typus hüäliü hvälim, Idmiü Ibmira (Simplex) und der Doppelbeit im 
Russischen und Slovenischen. 

3. Erklärung des Unterschiedes in der Betonung der Präsensform 
des serbischen Typus lömlm im Simplex von der im Compositum nä- 
lomlm slomim. 

4. Erklärung der serbischen Endbetonung auf der Personalendung 
im Typus lömiti lömlm (Simplex) : lomimo lomite. 

5. Erklärung der russischen Endbetonung der l.sing. präs. gegen- 
über der Wurzelbetonung der andern Formen, xBa-iib xBajinmb, xo^iy 

TO^IHmt. 

6. Erklärung des Schwankens zahlreicher Verba des Russischen 
zwischen zwei Betonungsarten des Präsens, ;i,iJK) ;],'5.iHint und A^-^nuib. 

Die Behandlung dieser Probleme erfordert aber eine Feststellung 
des Thatsächlichen andrer Verbalklassen und deren Vergleichung , die 
ich in späteren Aufsätzen geben werde. 

A. LesJcien. 



Zur polnischen Gaunersprache. 

Slovrnik mowy ziodziejskiej, zebrai AntoniKurka, o.k. oficyal Dyrekcyi 

policyi we Lwowie. Wydanie drugie, zmienione i rozszerzone. Lwöw. Na- 

kladem autora. 1899. 



Gaunersprachliche Wörtersammlungen sind, so paradox dies auch 
auf den ersten Anblick scheinen mag, um so werthvoller, je weniger ihr 
Urheber mit der Literatur des Gegenstandes vertraut ist, je naiver er 
seinem Stoffe gegenübersteht. Das vielgebrauchte Witzwort von dem 
«durch Sachkenntniss ungetrübten Urtheiletf wird angesichts des auf 
diesem Gebiete herrschenden Plagiarismus nachgerade zu einem Lob- 
spruch. Dieses Lob kann man dem vorliegenden Werkchen nicht ver- 
sagen, dessen Verfasser augenscheinlich die Existenz eines Vorgängers 
nicht einmal geahnt hat und dadurch der Versuchung glücklich ent- 



138 A. Landau, 

gangen ist, ihn auszuschreiben. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass er 
nur solche Ausdrücke verzeichnet, die er in seiner Stellung als Gefäng- 
niss- und Polizeibeamter unmittelbar aus Gaunermund vernommen hat. 
Wo seine Angaben mit denen seines Vorgängers Estreicher ^) stimmen, 
kann man dies unbedenklich als Beweis für die Verlässlichkeit Beider 
annehmen, wo er neue Ausdrücke bietet, erhalten wir eine werthvoUe 
Bereicherung unserer Kenntniss der polnischen Gaunersprache. 

Das Büchlein Kurka's enthält auf 55 Seiten in Westentaschen- 
format ein gaunersprachlich- polnisches, dann ein polnisch -gauner- 
sprachliches Glossar und zwei Gespräche. Die Zahl der darin enthal- 
tenen Ausdrücke beträgt, wenn wir von den als der jüdischen Gauner- 
sprache eigenthümlich bezeichneten absehen, rund 240, von denen sich 
etwa 80 auch bei Estreicher finden. Im Folgenden soll nun der Ver- 
such gemacht werden, im Anschluss an die grundlegende Arbeit des 
Herausgebers dieser Zeitschrift »Die Geheimsprache bei den Slaven. I«. 
Sitzungsberichte der Wiener Akademie Bd. 133. 1896 (von mir mit 
»Jag.« citirt) eine Analyse und, soweit es möglich, auch eine Erklärung 
dieser Ausdrücke zu geben. 

Von nicht slavischen Gaunersprachen habe ich in erster Reihe zur 
Vergleichung herangezogen die zeitlich und örtlich am nächsten stehen- 
den, u. zw. die Wiener nach dem auch von Jag. benützten »Wörter- 
buch der Diebes-, Gauner oder Kochemersprache, zusammengestellt vom 
Central-Evidenz-Bureau der Polizei-Direktion in Wien« 1854 (citirt 
WPD.) und nach dem kleinen von Georg Schönerer während seiner Haft 
im Wiener Landesgerichte gesammelten Vocabular der Wiener Gauner- 
ausdrücke (gedruckt in den »Unverfälschten Deutschen Worten« vom 
16. Januar 1889), welches das vollste Gepräge der Echtheit an sich 
trägt, und die ungarische nach dem Werkchen von Koloman Berkes 
»Das Leben und Treiben der Gauner«, dessen Verfasser der Literatur 
mit gleicher Unbefangenheit gegenübersteht. Wenigstens versichert er 
(S. 8 der deutschen Bearbeitung von Victor Erdölyi, Budapest 1889), 
dass ihm zur Abfassung seines Buches, »welches bloss ein bahnbrechen- 
der Versuch sein will, keinerlei Quellen zur Verfügung standen« und 
dass seines Wissens »kein ähnlich compendirtes Werk existirecr. Diesen 



1) Karl Estreicher's Vocabular der polnischen Gaunersprache, das ich 
im Folgenden mit E. citire, erschien unter dem Titel »Gwara zloczyncöw« in 
Nr. 232. 233. 249. 250 und 253 der Warschauer »Gazeta Polska« vom October— 
November 1867. 



Zur polnischen Gaunersprache. 139 

Vorzug kann man dem bescheiden als Compilation auftretenden Voca- 
bular im »Handbuch für Untersuchungsrichter« von Hans Gross, 3. Aufl. 
Graz 1899, nicht nachrühmen, dessen Verfasser es leider ausdrücklich 
ablehnt, seine Zusammenstellung der Sprachforschung nutzbar zu 
machen, was dieser scharfsinnige und gewissenhafte Beobachter doch 
mit geringer Mühe hätte thun können, indem er die von ihm selbst ge- 
hörten Ausdrücke als solche kenntlich gemacht hätte. Vielleicht ent- 
schliesst er sich, da eine neue Auflage seines Werkes nicht so bald zu 
erwarten ist, dies in dem als Fortsetzung desselben von ihm heraus- 
gegebenen «Archiv für Criminalanthropologie und Criminalistik« nach- 
zuholen. 

Aus dem Wortschatz des Vocabulars sind leicht auszuscheiden die 
aus der Sprache der galizischen Juden (ich bezeichne diese mit jd.) ent- 
lehnten Ausdrücke, da sie fast ohne jede lautliche Veränderung über- 
nommen worden sind. Ich zähle sie in alphabetischer Folge auf. 

hataie^ Brieftasche, jd. hätali dem. von hätl^ Beutel, bicha, 
Buch, jd. bich. bindoiüac^ jd. bincln^ ebenso mit Anhängung der 
polu. Infinitivendung iachowac^ ]di.lachn^ machac, coire, jd.mac/in, 
nemnac^ nehmen, jd. n^mm. bojdek^ Dachboden, jd. boidim, mit 
irrthümlicher oder absichtlicher Entstellung des Auslautes, cenaie^ 
Banknote von zehn Gulden und darüber (im Slownik jezyka polskiego 
von KarJowicz, Krynski und Niedzwiedzki, Warschau 1900, Bd.I, 262, 
den ich im Folgenden mit »Siown.ct citire, heisst es offenbar unrichtig 
nur «Banknote von über 10 fl.), jd. tsenarl (mit langem offenen e), 
Zehnerl. — chawres^ Genosse, jd. chawrise, Gesellschaft. Slown. 
I, 273 hat chawrus, chabrusa^ Bund, Gesellschaft. Genosse ist jd. 
chawar. — fisy., Füsse, jd. yTs. — fiter, Pelz, jd._/«ter. — ■ geid, 
jd. geld. — haivira, Haus. Die ursprüngliche Bedeutung findet sich 
bei E. : chawira, Versteck, jd. kitdri, Begräbniss = Kawure bei Ave- 
Lallemant, 4,555. Damit stimmt dem Sinne nach das als jd. gaunerspr. 
von Kurka angeführte awire szlugen, sich verstecken, bei dem aber 
gerade der consonantische Anlaut des hebr. Wortes geschwunden ist. 
Die Siown. I, 273 versuchte Ableitung von der Wurzel chow- ist ab- 
zulehnen. Auf dieses haioira ist vielleicht auch hawernik, Brief- 
tasche, als Versteck des Geldes, zurückzuführen. — jo^ja, wie jd. — 
klap in klap dziakowac, schlagen, zerschlagen, jd. klap Klapps, 
Schlag. — meszemedres, Bethaus der Juden, Synagoge, jd. bisme- 
dris. — mikwa, Keller, dunkles Gefängniss, jd. mikwi, das in einem 



1 40 A. Landau, 

unterirdischen Räume befindliche Bad für die rituellen Waschungen. — 
plajter zrobiv^ entfliehen, das bek:innte in die deutsche Vulgär- 
sprache übergegangene jd. pleite., Flucht. — rehe^ Richter, jd. Rabbi- 
ner. — szmelc, Eisen das nur noch zum Einschmelzen tauglich ist, 
wie jd. — szmir, Wache, 7ia szmirze stac^ Wache halten, jd. smiri^ 
Wache, gaunersprachlich allgemein, Schmiere stehen, Berkes, Ave- 
Lall. 4, 596. — sznit^ Tasche eines Frauenkleides, jd. stiit = Ein- 
schnitt? — sztemp scheint nicht richtig durch »strafbare Handlung« 
wiedergegeben. Auf die richtige Bedeutung führen sztymp, das Ver- 
rathen des Diebstahls, ein abgestrafter Dieb bei E. jd. hubn a siimp ist 
so viel wie Fiasco machen, sich blamiren, aztymp ist demnach nur die 
durch Verrath missglückte, vereitelte strafbare Handlung, und damit 
stimmt Puchmayer's stumf, verjsigtj protitumßi/ 77iasomat, verhinder- 
ter oder verrathener Diebstahl, proHumfoivat, verrathen, stunifowat, 
bellen, wodurch eben der Dieb verjagt, das Verbrechen vereitelt wird. 
— Nur eine jd. Plural endung ist angehängt in sobotnikes, Leuchter, 
eigentlich nur die werthvoUeren, die am Sabbath gebraucht werden. 

Entlehnung aus dem Deutschen, nicht aus dem Jd. ist, wenn die 
Transscription richtig ist, bei arbajtowac anzunehmen, da arbeiten 
jd. arbitn lautet (ich bezeichne mit i den zwischen e und i stehenden 
Laut in unbetonten Nebensilben) , ferner bei bara, Geld, Scheidemünze 
von baar (jd. bii)-). — blendöwka, Auslage (in einem Schaufenster) 
wird Slown. I, 165 auf Blende, blindes Fenster, zurückgeführt. — 
filipus, Cigarette, auf Fidibus ib. I, 742. — klapa, Schlagbaum, 
Falle von Klappe? — po Lemhersku, Diebes-, bei E. : Lemberski 
Jqzyk, die Gaunersprache. — szperhak, Dietrich, ist Sperrhaken. — 
Unklar ist die Uebersetzung von nemnac do kirata durch wziac w 
obroty. Linde (ich citire dessen Wörterbuch nach der Lemberger 
Ausgabe) erklärt 3,415 nieszcze^cie wezmie go na obroty: das Unglück 
beutelt, schüttelt ihn. Jedenfalls ist kirat = kierat, Kehrrad, 
Tretrad. Linde 2, .351. 

Romanischen Ursprungs sind : dycha, Zehnguldennote. Im Slown. 
als gaunerspr. angeführt dycha, dychacz, dyska, Zehnhellerstück, Zehn 
im Kartenspiel, aus frz. dix, ausgesprochen dis. I, 623. — fuga 
zrobic, entfliehen. SJtown. I, 780. fuga urzqdzic, dac fuge 
nicht als gaunersprachlich, sondern als scherzhaft, insbesondere 
für »schwänzen« angeführt, es stammt also aus der Schülersprache. — 
Hängt ywr, Lüge, bei E.j'wy, Speichelleckerei, Jury walista, ein aus- 



Zur polnischen Gaunersprache. 141 

gemachter Lügner, mit Jurare zusammen ? E.'s j'iira^ Gericht, jury^ 
Richter, liegt wohl Jus^ Juris und nicht die französische Ju7-y zu Grunde. 
— kireja, Rock. Linde 2, 352: kiereja, ein mit Pelz gefütterter 
Oberrock. Der Küre, ein Mantel mit Aermeln, die gewöhnlich nicht 
gebraucht werden, in Frankreich von den Weltgeistlichen, besonders den 
Cures getragen. Schmeller, Bayr. Wörterb. 1, 1285. — klawisz. 
Schlüssel, klawisznik, Schliesser, Gefangnissaufseher, E. klawis, 
Schlüssel, Dietrich, pl. klawisze klawisznik, Schliesser, von clavis. — 
mamjle, Ketten, Handschellen. E. : mariele üuä bransolefki [Brace- 
lets) Ketten, manela, Armband, Armspange, Linde 3, 39 und ebenda 
schon aus dem Jahre 1623 inanele zelazne für Fesseln, ital. maniglia. 
Armband. — motio, Antheil an einem Diebstahl, Schweigegeld. 
E. motte. Linde 3, 165: moti/a, die Hälfte, z. B. w motyi z drugim 
szulerem zgrac kogo, von frz. tnoitie. — pula, Büchse, davon [?) pu- 
lac, verkaufen, E. przeopulac, przeopaltc, zopulac. ]^o\u. pula, frz. 
poule, die Einsätze im Spiele, die Spielkasse. — szaleta, Weste, E. 
szelita, ist wohl Entstellung von gilet. 

Arcgwiza, Wasser, klingt an das ürviz, Wein, der serbischen 
Bettlersprache, aus magyarisch nr und viz, das Wasser des Herrn (Jag. 
24) an. Slown. I, 52 stellt es zu lat. cerevisia, Bier. — mente, Sol- 
dat, ist wohl das magyar. mente, Pelzüberwurf, nach dem von den Hu- 
saren getragenen Uniformstück. 

andrus^ Dieb (in Westgalizien), ebenso bei E. und um Warschau 
(Kolberg, Lud I, 282 f.) wird Siown. I, 36 zu gr. avrjq, avÖQÖg ge- 
stellt. Vgl. odrich, Mensch, Puchm. und kassub. suchandrys ., ein 
magerer Mensch, Prace filologiczne HI, 634. Das letzte Wort steht aber 
vielleicht zu kassub. andryska, Winterbirne, so genannt, weil sie um 
den Andreastag reift, in näherer Beziehung, ib. 359. 

Auf das cechische slepice geht zurück s/e/?o^a für Henne, äusser- 
lich an poln. klepota, Blindheit, angelehnt. 

Auffallend gering ist die Anzahl der auf das Kleinrussische zurück- 
führbaren Ausdrücke, huzar., Gans, ist wohl aus klr. rycfl, Gans, 
rycfepi., Gänserich, gebildet und gqska, Zwanzighellersttick, eine 
Uebersetzung des ebenfalls als »Gänschen« verstandenen, von Miklo- 
sich, Vergl. Wörterb. d. slav. Spr. 84 als klr. angeführten und aus dem 
magyar. huszäs abgeleiteten husas, Zwanziger. Sonst finde ich nur 
rizuia, Schlächter, von klr. pisaxu, schlachten, seredyna, Mitte, 



] 42 A. Landau, 

Inneres, von klr. cepeAHna, taskac, tragen, f. sie, fahren, E. taszczyc, 
gehen, klr. TacKaTii, TaiMHTH, ziehen, schleppen, t. ch, umherziehen. 

oiöwek, Bier, ebenso in den Gaunerliedern aus der Umgebung 
von Warschau dei Kolberg, Lud I, 282 f. (lautlich durch poln. oiö- 
wek, Bleistift, beeinflusst, geht auf asl. olovina, ebenso russ. dial., 
zurück, das als olovine in das Rumänische und als lowina, lowinka in 
die Zigeunersprache übergegangen ist. Miklosich, Vergl. Wörterb. 
221 und Denkschr. d. Wiener Akad. 21, 222. 350; 23, 26. Linde 
3, 547. 

Berührung mit anderen slavischen Geheimsprachen zeigen die fol- 
genden Ausdrücke: filicha, Tuch, Tüchlein, bei E. SLVLchßluc/ia, in 
den russ. Geheimsprachen xBHJHCTa, xBiLiioeTKa, Jag. 54, vgl. poln. 
ptelucha, Windel, Linde 4, 99 ? — gaicruk, Herr, gawruczka, 
Frau, bei E. auch kawruk kawczuk, ofenisch chöivj'rak, Herr, aus Er- 
mann's Archiv f. d. wissenschaftl. Kunde v. Russland, XV), mazowisch 
chavytej (aus Safarik, Slaw. Alterth. II, 402), cit. von Wagner im 
Archiv f. d. Studium d. neueren Spr. 33, 239. KOBpti, KOBpeä, Jag. 2. 
Sehr unwahrscheinlich ist die Slown. I, 810 versuchte Beziehung auf 
Gahrjel, Gawrylo = gawron, Gimpel, Tölpel. 

holota, Pferd, E. cholota, russ. BOJiOTb, BCixa, Jag. 2. — ki- 
mac, schlafen, E. kimka, Nacht, ofen. kimatj\ schlafen, von y.ü^ai, 
Wagner 1. c. — klawy, schön, gut = E. Puchm. klaiory adj., 
klawo adv., russ. K-ieBBiil, KjestiH, Jag. 3. — lipka, Auge, Fenster, 
Fensterscheibe, E. lipo und lipko, lipowac, sehen. Puchm. lipowy, 
Thüre. — mikry, klein, mikrus, kleiner Mensch, E. mikno, mikna, 
Puchm. mikraulsky, wenig, russ. MHKptiä, Jag. 3, von fxi'/.Q6g. — 
styj'a, der Hintere, russ. cxtira, Jag. 78, davon nastygi, Hosen = 
E. russ. HacTtiacHHKi., Unterrock, HacTtiaciiiiKH, Hosen, Jag. 78. — 
aumer, Brod = E. ofen. sumar, Jag. 61, von ipiofii, Jag. 2. 

Lautliche Veränderung durch Anhängung verschiedener Endungen 
findet sich injorgacz, ja aus dem bereits erwähnten jd.yo. kaca- 
raha, Katze, aus dem deutschen Worte, korotiacya, Krone (die 
Münze), mit Anlehnung an das gleichlautende Wort für Krönung, la- 
sica^ Stock, aus laska, m u li k, MsLurev stsitt mularz, sklejjiczur- 
nia, Laden, aus sklep, straguia für strainik, Wächter (zur Endung 
vgl. oben rizula). 

Der deutschen Gaunersprache entstammen: blat, Hehler, hlat 
hyc, einverstanden sein, bei E. : Hehler. /;/a<^, vertraut, befreundet 



Zur polnischen Gaunersprache. 143 

WPD. Av.-L. 4,584 jd. blat^ vertraut, einverstanden. — fechtowac, 
betteln, vulgär /'ecÄ^ew, Av.-L. 4,538. 'Ei.fechty, Kunst (?). — 
frajer, dumm. E. : des Kartenspiels unkundig, Anfänger. Fy'eier, 
derjenige, der bestohlen werden soll WPD. Av.-L. 4, 541. — kafar^ 
Bauer, kafarka, Bäuerin, Magd. Kaffer, Bauer WPD. Puchm. 
Av.-L. 4, 555. Vielleicht spielt auch die Bedeutung des poln. kafar, 
Rammblock, Linde 2, 289 mithinein. — brac do miyna, jemand 
verrathen, in Untersuchung verwickeln, ist die missverständliche wört- 
liche Uebersetzung des von Kurka als jd. gaunersprachl. angeführten 
nemen in der mile. Das letztere Wort hat mit Mühle entschieden 
nichts zu thun. Berkes hat 7nilli, arretirt, Av.-L. 4, 566 millek sein, 
verhaftet sein. Vielleicht ist an jd. mile, Beschneidung, zu denken, 
wonach der Sinn etwa wäre : jemand Unannehmlichkeiten, Ungelegen- 
heiten bereiten. — poczta (Post) für Schnur entspricht der Bezeich- 
nung EisenhaJm, Fuhre, Kutsche für die Schnur oder den Bindfaden, 
welcher zur Vermittlung der Gaunercorrespondenz innerhalb des Ge- 
fängnisses dient. Av.-L. 4,517. Gross 309.93 n. — scianq robic, 
einen stehlenden Dieb verdecken, ist die Uebersetzung des jd. gauner- 
sprachl. mouer machen. Wand oder Mauer machen WPD. Schö- 
nerer. Berkes. Av.-L. 4, 620. — skok, Zimmerdiebstahl. Skoker, 
Dieb mit Nachschlüsseln. Berkes. WPD. Z<7orÄ-er, Hauseinschleicher. 
Av.-L. 4,623. — s 20! 5 ry, Einbruchswerkzeuge, buchacz szabrowy, 
Einbrecher, poszabrowany, zerrissen, verlumpt, jd. gaunersprachl. 
mit hebräischer Pluralendung szabajrem, Einbruchs Werkzeuge. E. sza- 
Äer, Meissel, Bohrer, Brecheisen, szabrowac, öflfnen, einbrechen, szaber 
und szabrowac werden auch von Krem er im Rocznik Towarzystwa 
naukowego krakowskiego 1870. F. 41, 238 aus Kamieniec Podolski als 
gaunersprachlich angeführt. Puchm. säbr, Haue, Stemmeisen, sabro- 
wat, einbrechen. Jag. 3. Schabber, Einbruchswerkzeuge, Berkes. 
WPD. Av.-L. 4, 595. — szpanowac, schauen, aufpassen, spannen, 
bemerken, aufpassen, Idiot. Austriacum. Wien 1824. 120. Sloven. 
Vagabundenspr. sponati, kennen, sponar, Aufpasser. Jag. 32. — 
Wiedeii, das Straf haus in Lemberg, vgl. Wieden = Haus. Gross 
331. — zasypac, verrathen, E.: ergreifen, zasypac sie ergriffen wer- 
den, ist die Uebersetzung des jd. gauuerspr.yaöszYtw, verrathen, part. 
praet. ^^Sl^^. faszit. verschitten, ertappen, Berkes. verschütt gehen, 
verhaftet werden WPD. Schönerer. Unrichtig bei Puchm. als jd. 
gaunerspr. verschüppet statt verschüttet. 



144 A. Landau, 

Der Anlaut ist verändert in szwajcar für grajcar^ Kreuzer — E. 
Unter die so beliebte Vorsetzung von ku (Jag. 44) ist vielleicht zu 
rechnen kumac^ verstehen, bei E. : sprechen, wissen, können, aus 
umiec^ vgl. kumati^ stehlen, kumovf, Dieb, in der slovenischen Land- 
streichersprache, Jag. 35. Wird doch der Dieb häufig als der Wissende, 
Eingeweihte bezeichnet. Durch Einschub einer Silbe ist entstellt ko- 
iyhuch für kozuch, Pelz. Als lautliche Entstellung ist vielleicht auch 
anzusehen sikora für zegarek^ Taschenuhr (auch bei E.). Ich halte 
für die ältere Form das im Lemberger Dziennik Polski vom 17. Mai 
1895 als gaunersprachlich angeführte sikorka^ in dem noch das aus- 
lautende k bewahrt ist. Aus dieser Form, als einem vermeintlichen 
Deminutiv, dürfte dann, vielleicht beeinflusst durch das gleichlautende 
Wort für Kohlmeise (Linde 5,267), durch Piückbildung das sikora 
entstanden sein. 

Geringere Abweichungen von der polnischen Gemeinsprache in 
Form oder Bedeutung zeigen die folgenden Ausdrücke : czepic^ er- 
wischen, poln. czepic sie^ sich an etwas anhaken, anklammern, an- 
hängen. — delegoivany ^ Bezirksgericht, ist die Abkürzung der amt- 
lichen Bezeichnung: c. k. sqd delegowany miejski^ k. k. städtisch-dele- 
girtes Bezirksgericht. — dziac^ dziakowac, geben, machen (mit 
verschiedenen Objecten verbunden), bei E. : dziaczyc., dziaknac^ ist 
dziaci machen, thuu. — dziobak^ blatternarbig, von dziöb^ Pocken- 
narbe, -grübe, Linde 1, 615. — kiecka, Kleid, Unterrock, kieca, 
kiecka^ leinener Kittel der Bauernweiber, Linde 2, 347. — krakus. 
Zehnkreuzerstück. So hiessen die vom Freistaat Krakau 1835 gepräg- 
ten Silbermünzen zu 2 und 1 poln. Gulden, 10 und 5 Groschen. — 
iopcie^ iopuchy^ Stiefel, lopuchy E. lapcie^ Bastschuhe, Linde 
2, 592. russ. Jionyxi, Stiefel, Jag. 67. 72. — mietlucha^ Besen, 
pejorirende Form von miotla. — tahaczkarka^ Tabaktrafik. — 
tiojmak^ Bettsack, für tlumok. — zabywac sie, für byc, sein, sich 
befinden. — zahamowacj aufbewahren, E. zackamowac, aufbewah- 
ren, einsperren, hemmen, anhalten, arretiren, Linde 6, 764. 

Weitaus das reichste Contingent stellen aber der polnischen Gauner- 
sprache die metaphorischen Ausdrücke, vgl. Jag. 37. In den meisten 
Fällen dieser Art wird ein Gegenstand durch die Benennung eines an- 
deren bezeichnet, der mit ihm ein Merkmal gemein hat, seltener durch 
ein eine hervorstechende Eigenschaft bezeichnendes Adjectiv oder durch 
ein aus einem Vcrbum, das eine charakteristische Thätigkeit bezeichnet, 



Zur polnischen Gaunersprache. 1 45 

gebildetes Substantiv. Mitunter liegt eine humoristische oder ironische 
Vergleichung zu Grunde. Ich führe sie in alphabetischer Folge auf. 

halon zrohic^ urzqdzic (einen [Luft-] ballon machen), von 
einem höher gelegenen Orte, wie einem oberen Stockwerk, Dachboden, 
entkommen. — beczka (eig. Fass), Kanzel, von der Form. — biaiko 
(das Weisse) Papier, ebenso TVeisses, WPD. — btichac, buchnac, 
stehlen, buchacz, Dieb (in der ostgaliz. Gaunersprache), bei E. ausser- 
dem buchanka, buchawka, Diebstahl, vgl. buchac, bzic/mqc, derb prü- 
geln, Linde 1, 189. Die Ausdrücke für stehlen und schlagen fallen 
häufig zusammen, vgl. weiter nntenjuc/icic uudpalnqc. In anderer 
Bedeutung hat Slown. I, 224 buchac sie, mit einem tauschen, handeln, 
bucliejmtj sie na godzinki, tauschen wir die Uhren. — bulha (eig. 
Semmel), Distinctionsstern an üniformkragen, richtiger wohl die »Ro- 
setten« an den Kragen der Beamtenuniformen, in deren Form man 
Aehnlichkeit mit den »Kaisersemmeln« finden kann. — cep (Dresch- 
flegel), Bauer; ähnlich socJwr, Knüttel, Bengel, für Bauer in der mähr. 
Schweinschneidersprache, Jag. 3 7. — choclak [chodaki, aus unge- 
gerbten Häuten von denBauern selbstverfertigte Schuhe, Linde 1,253), 
Brieftasche, weil sie aus Leder ist? — ciamkacz, Kind, von ciamkac, 
wie ein Schwein schmatzend essen. Zbiör wiadomosci do antropol. 
krajowej I, 65. Slown. I, 316. — cybula, Uhr, allgemein verbreitet, 
vgl. Zioiebel, WPD. frz. oignon, Francisque-Michel, Etudes de 
philol. comparee sur l'argot 295. — czernidio (Schwärze) Tinte. — 
czuchrac lo iaty, Karten spielen, czechrac, czochrac, czucJirac, 
krempeln, raufen, zerraufen, Linde 1, 360. — dolina (Thal) Tasche, 
wie E.vgl.hluboka, Puchm. Jag. 38.40. frz.^?■q/o?^c?e, Francisque- 
Michel dOb^fondriere (Schlucht, Höhlung) 169. — dym (Rauch) Mehl. 
— dziadownia, Polizei-Inspection, von dziad, Greis. — facyenta, 
Sachen, Yi. facjenda, Diebstahl, facyenda, Kauf, Tausch, Geldhandel, 
Linde 1, 636, vgl. handeln, stehlen, jd. gaunerspr. bei Puchm. und 
Handel als Bezeichnung der verschiedenen Gaunerthätigkeiten, Av.-L. 
4,547. — fajka (Tabakspfeife), Cigarrenspitze. — gadzina (Reptil, 
Schlange) Kette, vgl. Schlange, Kette, Av.-L. 4, 600. — gestwina 
(Dickicht) Garten. — grabcia, "^X. graby , Hand, grabiqczka, 
Handschuh, grabic, stehlen, bei E. grabki, Finger, Hand, grahice, 
Hände, Kolberg 1. c, vgl. grabie, Rechen, Gabel, grabic, raffen, 
rechen, Linde 2, 112 f. Das galiz.-jd. Gaunerwort grablen für Hände 
(nicht bei Kurka) schliesst sich einerseits an das galiz. mundartliche 

Archiv für slavische Philologie. XXIT. 10 



1 46 A- Landau, 

grahle für grahie (Zbiör wiad. I, 67), welches sein l vom kir. rpaö-ii 
hat, und bildet andererseits die Brücke zu dem durch alle deutschen 
Mundarten verbreiteten grahheln^ greifen. — gruchoioianka, fran- 
zösische Korallen, E. grochowianki, vgl. grocJi (Erbsen), gaunerspr. für 
Schrot, grocliotoianka^ Kranz aus Erbsenstroh. Siown. I, 908. — ja- 
rzqczka^ Zündhölzchen, Kerze, \onJarzyc sie, leuchten, brennen. — 
Jatka (Fleischbank), öffentliches Haus. — Juchcic, stehlen, wie E. 
JucJicianka, Diebstahl, juchtowac, fig. einen durchgerben, prügeln, 
Linde 2, 276. Vgl. oben bucJiac. — kaniola, Mütze, wie E. und 
Kolberg 1. c. kaniasta czapka, wie ein Hühnergeier [kania) ausge- 
spreizter Hut. Linde 2, 304. — kapuscianka, Nonne, vgl. kapus- 
cianek, Kohlweissling (Pontia brassicae) von den grossen weissen 
Haubenflügeln ? vielleicht mit Anlehnung an kapucyn, Kapuziner. — 
kiwnqc, sterben, eig. wackeln, nicken. Linde 2, 359 f. — klin^ 
Orts-, Landesverweisung, vgl. klin, Keil, z. B. klinem zagwozdzic, 
Linde 2, 376, etwa : einem ein Hinderniss bereiten, einen Riegel vor- 
schieben. — kogut (Hahn) Gensdarm, vom Busch aus Hahnenfedern, 
vgl. slepicka, slepice, Soldat, Puchm. und grivar, Gensdarm, in der 
sloven. Vagabundensprache. Jag. 27. — kolo (Rad) Ring. — kono- 
toala, Arzt, konowal^ Kurschmied, Rossarzt. Linde 2,432. — kop- 
ciuch, Topf, von kopcic, berussen, beräuchern, kopciiicJt^ Aschen- 
brödel. Linde 2, 438 f. — krowa, Tabakspfeife. Die Bedeutungs- 
übertragung erklärt sich durch krowe doic (die Kuh melken = eine 
Pfeife rauchen bei E. vgl. poln.-jd. Gaunerspr. melken für rauchen). — 
krzyiak, Krankenaufseher (bei E. Soldat), vgl. k. geplagter Mann, 
Kreuzträger. Linde 2, 526? — ksieiyc (Mond) Polizeisoldat, vom 
halbmondförmigen Ringkragen. — kuznia (Schmiede) Kirche, vom 
Glockengetön oder vom Zusammenschmieden der Ehen? — rozlacli- 
cic, zerbrechen, zerschlagen, zu lechtac, kitzeln, in übertragener Be- 
deutung einem das Fell walken, ihn schmieren, wichsen? Li. 2, 608. 
— laty (Flecke, Lumpen, Fetzen) Spielkarten, ebenso Hadern bei 
Berkes, Schönerer, Av.-L. 4, 547. — lokiec (Elle) Jahr, ebenso 
E., Längenmass für Zeitmass, vgl. cech.j9?Vf, Spanne, für Jahr, Stunde, 
Puchm., Meter für Monat, Schönerer; im Argot annee = douzaine, 
Francisque-Michel 22. — lysy (kahlköpfig) Mond, wie E., vgl. 
holäk, der nackte, für Mond. Puchm. Jag. 38. 40. — ?7iaciek 
(Schweinsdarm, Wurst, Li. 3, 17) Magen. — maköioka (Mohnkopf) 
Kopf, wie E. makoioice. Puchm. vgl. Jag. 39. — maipa (Affe) Gul- 



Zur polnischen Gaunersprache. 147 

deu, vielleicht von den Kinderfiguren auf den Guldennoten. — mq- 
czennik (Märtyrer) Bäcker. Wortspiel: der mit Mehl [mqka] zu thun 
hat? — 7niaukac (miauen) betteln, miauJcacz^ Bettler. — mod- 
Iqczka, Gebetbuch, von modlic sie, beten. — naciqgaczki, Unter- 
hosen, von ciqgac, ziehen: was auf die Beine gezogen wird, vgl.Streif- 
lincje, Strümpfe, Hosen, Av.-L. 4, 120. 220. 243. 284. frz. Argot ti- 
rantes, Hosen. Francisque-Michel 397. — niebo (Himmel) Regen- 
schirm. — niedzioiadek (kleiner Bär), ebenso Kolberg 1. c, E. 
Bettsack, Bündel, Koffer, vielleicht von den früher mit Fell überzogenen 
Koffern, Felleisen? ebenso poln.-jd. Gspr. : her. — obora, Kleid, 
Unterrock, E. Schlafrock, eigentl. ein nur ringsum geschlossener, oben 
offener Viehhof, Viehstand, Li. 3, 404, vgl, nni^n parkan. — osioi 

hölzerner Bock, Gestell) Fleischbank. — pajqczyna (Spinngewebe) 
Wäsche. E. hat ausserdem noch das wahrscheinlich erst aus diesem 
abgeleitete /?<r//W^- für Hemd. — paj'qk (Spinne) Polizeisoldat, wie E,, 
von den Fangarmen ? vgl. Polyp in der Wiener Studentensprache. — 
palnqc, palugowac (abfeuern, losbrennen, e. Hieb geben, zuhauen, 
Li. 4, 28) stehlen, vgl. oben hucJiac. — parkan (Plankenzaun, 
Planke) Kragen, ein ähnlicher Vergleich wie oben bei obora. — j^'^^^ 

krähen) singen. — piasek (Sand) Salz, wie E. — piachta (Plache, 
grobes Leintuch) Cigarettenpapier. — plichacz, Geistlicher, wie E. 
von klr. njife'i, Glatze, Tonsur, "ksi^^uh. plech, plesz, Prace filolog. 
3,589. Li. 4, 153 hdiX nur plesz. — pogan, Jude, asl. pogan, Miklo- 
sich, Denkschr. 24, 10. i^oln. pogatim, Heide. — potoka, Wagen, 
E. pofok (eig. Strom, Bach) von potoczyc, hinrollen, hinwälzen, Li, 4, 
406. — pruchatvka, Kissen, bei E. pwchaivkaj möchte ich zn pur- 
chawka, pruchawka, Bovist, schwammartige Geschwulst, Li. 4, 723 
stellen. Puchm. hai prachowy, Federbetten. Auf nyxt, Flaum, be- 
ruht nyxaBKa, Polster, Jag. 75. — pukaioka, Pistole, bei E. Gewehr, 
von pukac, knallen, vgl. jd.-poln. Gspr. knaler, Knaller WPD. — 
rogula, E. rogala (die Gehörnte) Kuh, vgl. rohac, Ochs, rohacka, 
rohatka, Kuh, Puchm. rozek und rohana in der mähr. Schwein- 
schneiderspr. Jag. 37. — rylak, Gesicht, wohl der Rüssel, mit dem 
das Schwein die Erde aufwühlt: ryc. — samoivar kipi (eig. die 
Theemaschine kocht), auch Ä^/J^ allein = Cylinderhut, vielleicht von 
dem cylindrischen Rauchfang, der auf die Theemaschine aufgesetzt 
wird, um den Luftzug zu verstärken und dadurch das Wasser zum Sie- 
den zu bringen? — siano (Heu) Tabak, poln.-jd. Gspr. haj\ ebenso 

10* 



148 ^- Landau, 

Heu bei Schönerer. Umgekehrt tyton für Heu bei E. — sieczka 
(Häcksel) kleine Korallen, Glasperlen. — siöclemka (Siebener) Haken, 
Dietrich, von seiner der Ziffer 7 ähnlichen Form. — siivrac sprechen, 
bei E. auch szewrac^ vgl. szemrac^ murren, brummen, murmeln. Li. 
5, 577. — shrohidesha (Brettschaber) Tischler. — sionko (kleine 
Sonne) Butter, klingt au slonina^ Speck, an. — strugac Jur^ lügen, 
strugni Jur, Lügner {ju7' s. oben), von strugac, schnitzen, Li. 5, 
478. — sxoiecznik (Leuchter) Lampe, Laterne. — szaryivary (eig. 
Pumphosen) bäuerliche (Hosen-?) Tasche. — äc:^«^^ (Fetzen) Kleidung, 

— szumowisko, Wald, Gebüsch, E. szum, Puchm. mm^ von szu- 
miec, brausen, rauschen. — twardzizna (Hartes) Eisen. — xocgorz 
(Aal) Leibriemen, Gürtel, vgl. frz. Argot anguille^ Gürtel. Franc- 
Michel 11. — wichura^ Anhöhe, Dachboden, von wicher, Wirbel- 
wind, weil es in der Höhe windig zu sein pflegt? — worek (Sack) 
Flasche, ebenso wie bei E. das gleichbedeutende torba. — zlamac sie 
(eig. zerbrechen) sterben. — 

Nahezu ein Drittel der von Kurka verzeichneten Ausdrücke bin 
ich zu deuten ausser Stande. Ich lasse sie hier folgen. 

bankoj'za, Sparbüchse, Opferstock. — beseraj, Bezirksgericht. 

— bikora, Stock. — binia, Mädchen, bei E. Mädchen, Weib. Siown. 
1, 156 hat biniawka, Geliebte, biniocha, leichtfertiges Frauenzimmer. 
Yg\. beindl. Mädchen, Schönerer. — Bosnia, Spital. — chatrak, 
Polizeiagent, bei E.Revisor, chatranka, Polizeipatrouille, bei E.Re- 
vision, eig. Diebstahl. Stown. 1,273 wird chatrak aus slo vak. cÄa^ra, 
Pöbelhaufeu, abgeleitet. — chirus, Säufer, chirzyc, kirzyc, 
trinken, kirtiy, betrunken, kirnia, Schenke. E. hat cliiiyc, kiiyc, 
trinken, cJiirny, betrunken, kinrus, Branntwein. Kolberg 1. c. j^od- 
kirzyc, austrinken, /ai = trinke ! — cinel, Ring. — cukier, Hunger, 
c. mi7iiac, Hunger haben. — Dqbrowa [Na Dqhrowie) die 
Strafanstalt in Stanislau. — ferniak, Nase. — filac, drängen. 
Siown. 1, 740 mit der Bedeutung küssen von (piXelv abgeleitet. — 
fiszla, Schloss. — fladrowac sie, flandrowac siq, liebkosen, 
liebäugeln, caressiren. Slown. ha.t ßadrowac, lügen, verläumden. /Iq- 
dra, schmutziges Frauenzimmer, Linde 1, 656, liederliches Weib. 
Kolberg, Lud VHI, 307. — gingelmajsfer, Schuster. — ■ g?iys, 
penis. Die SJ:own. 1, 856 versuchte Herleitung aus lat. genus oder 
deutsch Genuss ist unannehmbar. — Görka [Na Görce), die Straf- 
anstalt in Wisnicz. — grypsai-, schreiben, grypsak, Bleistift, gryp- 



Zur polnischen Gaunersprache. 149 

sanJca, Brief, ebenso bei E. Die Verweisung auf das deutsche Gripa, 
SJown. 1, 926 (unter gryps, Bleistift) ist mir nicht erklärlich. — 
hara^ Branntwein, 'E. haras. — ho/ik, Wagenkasten. — jancio^ 
Soldat. — kamien (Stein) Ohrring. — kapoivac, schauen, leuchten, 
verrathen. k. na kogo, einen verrathen. kapoioidlo^ Spiegel, ka- 
pownik^ Stern, kapus^ Verräther. E. hat kapowac, stehlen, ver- 
rathen, anklagen, auflauern, kapoioiclia, Augen, kapoivny, Gott. 
kapus^ Verräther. — kitoioac^ schlagen. — kity zawalic^ sterben. 
knajac^ gehen, ebenso E. — kohzac, schlagen, auch bei E. rozkob- 
zac, zerschlagen, zakohzac^ tödten. vgl. kohsten^ den Kopf ab- 
schlagen, Av.-L. 4, 117 ? — kölko^ Schub. — kryse^ weicher Hut, 
Strohhut, vgl. kryzy, Hahnenkamm, Linde 2, 495? — kucac sie, 
sich fürchten. — kwacz^ Arrest, Spitalabtheilung für venerische 
Krankheiten. E. kicacz^ Arrest, clnvaca^ Polizeiagent, von clncatac^ 
haschen, greifen? — los^ Kotzen, Decke. — lyta^ junger Mann, 
Stutzer. — majcher^ Messer, majchroivac^ schneiden, ebenso E. — 
maniata, Hemd, bei E. maniotka maniolka. — michas^ Sack. E,: 
tnichaly^ Säcke. — miniac^ haben, miniac cukier^ Hunger haben. 
klin m. ausgewiesen sein, bei E. c. dat.: mniehy sie miniali buty^ 
ich brauche Stiefel. — mona^ cunnus. — najman^ Huzule. — pecla^ 
Kaufmann. — pietröioka^ E. pietraxcka^ Vorhängeschloss. — piko- 
leta, Schuhe. — pluskwa (eig. Wanze) Bosheit, Angriff. — plu- 
loaczka, splutoaczka\^i nicht erklärt. — popalony^ zerlumpt. — 
preferansrok^ Jaquet, Frack. — przecios^ Brieftasche. — 5^c, 
Markt, Versammlung, Auflauf, sie robic = sciane robic, s. oben. 

— skiia^ Hund, wie bei E. skihiik, Abdecker. — spas in dziac 
spas == claj spok6j\ sei ruhig! E. dziacz spas. — swic: pod stoic, 
Schubstation. — sioiecic (leuchten) schlagen. — szafkojza. Schrank, 
poln. szafa dem. szafka. Zur Endung vgl. oben bankojza. — szli- 
sak, Nase, szilsak S. 34 scheint Druckfehler zu sein. — szlug in 
tyhonic szluga^ eine Cigarette rauchen. — szpadrynek^ Boxer. 

— szpinak (eig. Spinat) Droschkenkutscher. — szymon., Hausbe- 
sorger. — tory, Koffer. — trusiac^ bei E. troic, essen, trusianka, 
trujanka^ truwanka^ Mund. — tyhonic szluga oder krowe^ 
eine Cigarette oder Pfeife rauchen. — urban^ Anschein, Vorwand, 
na u.j zum Schein, unter falschem Namen. — loaryat (eigentl. Wahn- 
sinniger) Cigarette. Angenommen, dass das oben an geführte y^7^jö 2^6-, 
Cigarette, zwßlip^ Verstand, bei Puchm. in Beziehung steht, so würde 



150 A. Landau, Zur polnischen Gaunersprache. 

in der Benennung xcarxjat das gaunersprachliche Princip der Bezeich- 
nung durch den Gegensatz zu Tage treten. Der Bedeutung nach ganz 
verschieden ist das gaunerspr. icariat., Meth oder Honig, bei Kolberg, 
Lud, I, 282. — wojewoda^ Holzhauer. — wojtek^ Mond, Monat. — 
xoynyhac^ finden, ausspüren. — wystaivic^ entweichen, E. wysta- 
wiac, — loyrha^ Grube. — zamaczac (benetzen) hineinstopfen. — 
zitac ^ sprechen. 

Wien. A. Landau. 



Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. L 



Es ist in dieser Zeitschrift unlängst (Arch. f. sl. Phil. Bd. XXH., 
S. 289) daran erinnert worden, dass der erste Vers der zweiten Strophe 
des altpolnischen »Bogarodzicacc-Liedes »bis jetzt crux philologorum 
war«, wobei der Verfasser jenes Satzes, H. Stan. Dobrzycki, die Er- 
klärung des Dr. F. Hipler als »entschieden besser als alle bisherigen« 
bezeichnet hat. Es möchte sich vielleicht verlohnen, die bisherigen 
Erklärungsversuche jener schwierigen Stelle hier noch einmal kurz 
durchzumustern und womöglich eine Hebung der bestehenden oder ver- 
meintlichen Schwierigkeiten zu versuchen. 

Der Text dieser Strophe lautet nach der ältesten Handschrift (Cod. 
Cracov. I. aus dem XV. Jahrh.) wie folgt: 

Twego dzela Krzcziczela bozide 

vslisz glossy napelni misli czlowecze. 

Slisz modlithwa yanz noszymi 

oddacz radzy yegosz prosimi 

a na swecze sboszni pobith 

po szywocze rayski przebith 

Kyrieleon. 
Der erste Vers dieser Strophe bot den polnischen Copisten, Inter- 
preten und Commentatoren schon seit Ende des XV. Jahrh. drei Räthsel 
und Schwierigkeiten dar. Zuerst das Wort »dzela«. Es findet sich, 
wenngleich mitunter etwas abweichend geschrieben, noch in sämmt- 
lichen aus dem XV. Jahrh. stammenden Codices (Cracov. H. »dzela«, 
Warsch. »dzyelacc, Czestoch. »dzyela«, Sandomir »dyela«); seit dem 



Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. 1. 151 

XVI. Jahrh. wurde aber das offenbar nicht mehr verständliche Wort 
durch ein ganz und gar nicht passendes »szyna« und »syna« ersetzt. 
Hartnäckiger hielt die Tradition an dem anderen Worte fest: »Krzczi- 
czela« hat noch Skarga 1579 richtig in «Krzciciela« transcribirt, es 
wurde aber noch im XV. Jahrh. durch Schreibfehler in »Krzyczela« 
(Warsch.), »Krzyczyciela« (Sandom.) und «Krczyczielya« (S-aski 1506) 
verunstaltet und von dem Matthäus von Koscian 1643 durch ein dem 
vorhergehenden »syna« conformiertes »zbawiciela« ersetzt. Schliesslich 
das räthselhafte Wort »bozide«, welches obendrein in diesem ältesten 
Codex nicht gut lesbar ist, wurde fast in jedem Codex abweichend über- 
liefert. So hat Cod. Cracov. II. (a. d. XV. Jahrh.) »boszicze«, Warsch. 
»sbosnycza«, Czestoch. »sbosznycza«, Sandom. »bozyczyela«, Matthäus 
von Koscian »zboznika«, die meisten anderen haben eine offenbar späte 
Conjectur »sboszny czas«, welche nur das eine beweist, dass die Copisten 
die ursprüngliche Lesart entweder nicht mehr gekannt oder dieselbe 
gar nicht verstanden haben und dem Verse doch einen halbwegs an- 
nehmbaren Sinn, wenn auch mit einem kleinen Gewaltmittel, abringen 
wollten. 

Was die späteren polnischen Interpreten und Commentatoren des 
altehrwürdigen Denkmals bis zum J. 1879 für die Erklärung dieser 
Stelle beigetragen haben, lässt sich am besten mit den Worten des Prof. 
R. Pilat charakterisiren, welcher in seiner Abhandlung »Piesn Boga- 
rodzica«, Krakau 1879, S. 53, nachdem er alle bisherigen Emendations- 
und Erklärungsversuche kritisch gewürdigt hatte, das Endresultat der- 
selben in folgenden Worten zusammengefasst hat: «Nach meiner Meinung 
müssen alle Proben der Restitution dieses Verses so lange fruchtlos 
bleiben, bis ein glücklicher Zufall uns vergönnt irgend einen neuen 
Text aufzufinden, welcher diese Stelle in einer weniger verdorbenen Ge- 
stalt darbietet und hierdurch eine Grundlage für neue Schlüsse liefern 
wird. So wie die Sachen jetzt stehen, ist es schwer sich mit irgend 
welchen Hypothesen hervorzuwagen, wenn es begründete Hypothesen 
und keine vagen, der Wahrscheinlichkeit baren Einfälle sein sollen. 
In einem aus vier Worten bestehenden Verse sind ja zwei Worte ganz 
unverständlich und auf verschiedenste Weise corrumpirt, das dritte 
»Krzciciela« wiederholt sich zwar in allen Texten ohne Ausnahme, ent- 
spricht aber durch seine Bedeutung dem Satze so wenig, dass es fraglich 
erscheint, ob dasselbe auch nicht als verdorben betrachtet werden 
müsste. Ausserdem giebt es in keinem Texte eine Variante, welche auf 



152 Ivan Franko, 

die ursprüngliche Bedeutung dieses Verses einiges Licht würfe, und der 
Zusammenhang mit dem folgenden Verse ist zu lose, als dass er irgend- 
Avie zur Aufklärung der Sache beitragen könnte. Auf so gebrechlicher 
Grundlage ist keine Hypothese zu bauen ! Ich bin deshalb der Meinung, 
dass uns derzeit nichts übrig bleibt, als sich mit der Feststellung zu be- 
gnügen, dass der Vers verdorben und keiner Restitution fähig sei.'t 

Nun, wenigstens ein alter Codex des Liedes (Sandomiriensis, aus 
dem Ende des XV, oder dem Anfang des XVI. Jahrh.) wurde seither 
aufgefunden, an neuen Hypothesen und Erklärungen hat es auch nicht 
gefehlt, und doch ist die Sache noch nicht zum Abschlnss gekommen. 
Und doch war die hauptsächlichste Entdeckung weit früher gemacht 
worden, als jene Worte des Prof. Pilat niedergeschrieben wurden, und 
auch was die Erklärungsversuche anbelangt, waren jene Worte nach 
meiner Meinung zu pessimistisch : es wurden in jenen Versuchen richtige 
Gedanken ausgesprochen und sollten nur kritisch durchgesiebt und ge- 
sichtet werden. Spätere Arbeiten haben wieder manches Anerkeunens- 
werthe beigesteuert. 

Vor allem muss hier die Arbeit des Prof. A. Kaiina erwähnt wer- 
den. Statt sich in Hypothesen und Combinationen zu verlieren, hat er 
dem ältesten Codex (Crac. I.) eine sorgfältige Aufmerksamkeit gewidmet 
und constatirt, dass die Endbuchstaben des Wortes »bozide« sehr un- 
leserlich geschrieben sind und ein anderer Worlaut hier sehr leicht 
möglich wäre. Der Cod. Crac. II, ebenfalls aus dem XV. Jhd., hat hier 
»boszicze«, welches nur als »bozyce« gelesen werden konnte. Das war 
zwar nichts neues; schon Maciejowski, MaJkowski u. A. hatten es so 
gelesen, dabei aber ihr Möglichstes gethau, um diese einzig richtige Les- 
art zu compromittiren. Maciejowski sah in »bozyce« einen Genet. sing, 
von »bozyc«, was doch ein arger Missgriff war, da ja eine solche Form 
den Nominat. sing, »bozyca« und nicht »bo/.yc« postuliren würde. Und 
richtig nahm Mal'kowski an dieser Stelle wirklich einen Nominat. sing, 
»bozyca« in der Bedeutung »bogini« an, erklärte aber das »bozyce« für 
einen Vocat. sing., gewiss nach Analogie des Kirchensl. i];apHi],e, wie- 
derum ein Missgriff, da es ja im Polnischen »bozycocf hätte lauten müssen. 
Prof Pilat hatte somit einen leichten Stand, diese Erklärungen als un- 
haltbar zu verwerfen und besonders darauf hinzuweisen, dass der frag- 
liche Vers dadurch doch keinen plausiblen Sinn bekommt. Wahrschein- 
lich hat sich auch Prof. Kaiina dadurch bewegen lassen, die von ihm 
selbst als älteste und zuverlässigste anerkannte Form »bozyce« (oder 



Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. I. 153 

»bozycze«) zu verwerfen und dafür das unmögliche »Boze oycze« her- 
auszuklügeln, welches durch keine Tradition gestützt wird und sich 
überdies noch dadurch auszeichnet, dass es dem Verse ebenfalls keinen 
rechten Sinn zu verleihen vermag. Und so kann ich es nur als einen 
Beweis des richtigen Gefühls betrachten, wenn die neuesten Ausleger 
des Denkmals, Bobowski und Hipler, alle vagen Conjecturen in diesem 
Punkte fallen lassen und sich an die Lesart des Cod. Crac. II und ge- 
wissermassen auch des Crac. I haltend das Wort als »bozycze« in der 
Bedeutung Gottessohn lesen und darin einen Vocat. sing, von «bozycz« 
erblicken. Es möchte vielleicht richtiger sein das »boszicze« des Crac. 11 
als ))bozyce« zu lesen und von »bozyc« abzuleiten, nach der Analogie 
des Altpolnischen «oyczyc«, »panicw u. s. w., allein der nachfolgende 
Reim »cztowiecze« scheint »bozycze« zu fordern. Analoge Vocativa 
Hessen sich in Menge beibringen; noch am Anfange des XVII. Jhd.s 
schrieb Szymonowicz (Sielanki, ed. St. Weclewski, Chelmno 1864, S. 71): 
»Witamy cie, panicze, dawnopozadanycc. Ebenso verhält es sich mit dem 
zweiten schwierigen Worte dieses Verses »dzela«. Schon Maciejowski 
hat es richtig im Zusammenhang mit Asl., resp. Ksl. fl,i,Äm ei-klärt und 
die spätere Lesart »dzieia« als unberechtigt zurückgewiesen. Prof. 
Kaiina hält auch an dieser Erklärung fest, doch scheint mir seine völlige 
Identificirung des »dzela« mit »dila« unberechtigt: »dzela« ist nicht das 
altslavische, resp. kirchenslavische in crudo herübergenommene »dila«, 
sondern entschieden eine altpoinische Form desselben Wortes, eine 
Form, wo das Asl. ^^ ins Poln. dzie übergegangen ist; dass dieses 
»dzela« nicht aus »dila« verschrieben ist, dafür bürgt der Binnenreim 
»krzciciela«. Mag es auch nur einmal an dieser Stelle vorkommen und 
in keinem altpolnischen Denkmale sonst anzutreffen sein, wir werden es 
doch, so wie den »bozyc« auf Grund dieser Stelle dem altpolnischen 
Sprachschatze zuweisen müssen. 

Nun kommt das dritte »schwierige« Wort, welches an sich zwar 
gar nicht schwierig ist, sich aber wegen des missverstandenen Zusam- 
menhanges die meisten »Emendationen« hat gefallen lassen müssen. Es 
mag ausreichen, wenn ich den »krzewiciela« des Dr.Jirecek, den »krzy- 
czyciela« (Schreier!) des Dr. Hipler und »krzyzowa dla« des M. Bobowski 
hier anführe, sämmtlich Combiuationen, welche entweder an der hand- 
schriftlichen Ueberlieferung oder an den Prinzipien der polnischen Wort- 
bildungslehre zerschellen. Und dazu Combinationen, welche doch einen 
leicht fassbaren und klaren Sinn nicht geben und, was das Wichtigste 



1 54 Ivan Franko, Zu »Bogarodzica« Str. 2, V. 1. 

ist, gar nicht nothwendig sind. Denn, um es kurz zu sagen, ich 
halte den Text der ältesten Codices, besonders des Crac. II 
an dieser Stelle, für ganz correct, unverdorben, klar und 
ausser einer richtigen grammatischen Erklärung keiner 
Emendation, keiner Restitution und keines Commentars be- 
dürftig. Sein Sinn ist ganz klar, sein Zusammenhang mit dem nach- 
folgenden Verse so logisch und natürlich als möglich, nur muss mau ihn 
natürlich ohne alle Voreingenommenheit lesen. Eine Voreingenommen- 
heit war es aber, welche den Prof. Pilat und seine Vorgänger gehindert 
hat das Richtige zu treffen: sie wollten ja mit Gewalt diese Strophe, 
ebenso wie die erste, als ebenfalls an Maria gerichtet betrachten. Prof. 
Kaiina, Bobowski und Hipler haben mit Recht diese Ansicht verlassen 
und eingesehen, dass diese Strophe an den «Bozyc«, den Gottessohn ge- 
richtet ist; leider haben sie sich wieder von anderen Erwägungen ver- 
leiten lassen, vom richtigen Wege abzuweichen und sich Schwierigkeiten 
zu schaffen, wo es doch keine gibt. 

So würde denn nach meiner Meinung das erste Verspaar dieser 
Strophe in moderner polnischer Transcription lauten: 

Twego dziela Krzciciela, Bozycze, 
Uslysz glosy, napeini mysli czlowiecze, 

was ja nichts anderes bedeuten kann, als: »Um deines Täufers willen, 
Gottessohn, erhöre Stimmen, erfülle menschliche Gedanken.« Die 
Bedeutung des »dziela« so wie des weiter in demselben Liede in eben- 
solcher Position (nach dem Pronomen) und in derselben Bedeutung vor- 
kommenden »dla« (»Nas dla wstal z martwych Syn Bozyc<, »Ciebie dla, 
czlowiecze «) im Zusammenhang mit dem Kirchenslav. »Haet ß^iÄU ^jibk-b« 
ist ohne Weiteres klar. Ebenso möchte es vielleicht gerathen erscheinen 
in »napeini mysli czlowiecze« das Wort «napeini« nicht in dem von 
Prof. Pilat postulirten Sinne »wysluchaj, wykonaj zyczenia czlowiecze« 
(op. cit. S.92 — 93) zu interpretiren, da ja diese Bedeutung des Wortes 
»napelnic« der polnischen Sprache nicht eigenthümlich und von Prof. 
Pilat erst aus dem Böhmischen hergeholt wurde. Der ursprüngliche, 
directe Sinn des Wortes gibt hier eine bessere und dem Geiste der mittel- 
alterlichen Poesie mehr entsprechende Bedeutung: erfülle, d. h. thue, 
dass die menschlichen Gedanken Deiner voll werden, sich immer mit 
Dir (Gottes Sohn) beschäftigen. Diese Bedeutung entspräche mehr dem 
frommen Sinne des Vei'fassers des Liedes, als eine Bitte um Erfüllung 
jeglicher, auch thörichter und sündhafter menschlicher Gedanken. 
Lembers:. Z>r. Ivafi Franko. 



155 



Ein KatecMsmns Primus Trubefs Yom Jahre 1567. 



Auf der Königlichen Bibliothek in Berlin befindet sich unter der 
Signatur Ep 13,100 Trubers ■' Catehismvs sdveima idagama'^ aus dem 
Jahre 1575, der von Elze (Die slovenischen protestantischen Druck- 
schriften des XVI. Jahrhunderts, Venedig 1896, S. 15 — 17) und Ahn 
(Bibliographische Seltenheiten der Truberliteratur, Graz 1894) ausführ- 
lich beschrieben ist. Dieses Berliner ist das vierte bis jetzt bekannte 
Exemplar des seltenen Buches; Elze waren nur zwei, Ahn nur drei be- 
kannt: eines im British Museum, das andere auf der Universitätsbiblio- 
thek in Graz, das dritte im Besitz von Prof. Milcetic in Warasdin. 

Diesem Berliner Exemplar des Katechismus von 1575 ist nun ein 
anderer Katechismus Truber's von 1567 beigebunden mit dem Titel: 
Ta cell Catehismvs, skratko sastopno islago tizhetertyzh, skufi Pri- 
mosJia Truheria^ iftolmazhen^ inu fdai slouenshiinunemsliki vkupe 
drukan. Is tiga fe ty tnladi^ vfe shtuke ie praue ftare kerfzhanske 
vere, inu ta nemshki iefyk, mogo nauuzhyti. Darunter steht der 
deutsche Titel: Catechifmus, mit des Herrn Johanis Brentzij kurtzen 
Außlegung, in Windischer vnd Teutscher Sprach zusamen getruckt. 
Nach einem lateinischen Motto folgt DRVKAN VTIBINGI MDLXVII. 

Da dieses Katechismus' weder in den beiden obgenannten Werken, 
noch in Glaser's Zgodovina slovenskega slovstva I, noch bei Sket, Slo- 
venska slovstvena citanka, wo S. 365 — 368 Truber's Schriften aufge- 
zählt werden, noch endlich in Dimitz's Geschichte Krains, wo eingehend 
im 2. und 3. Band über den slovenischen Bücherdruck im XVI. Jahrh. 
gehandelt wird, Erwähnung geschieht, so darf ich wohl annehmen, dass 
dieser Katechismus bisher unbekannt geblieben ist, und es erscheint 
nicht übrig, das kleine, 32 Seiten in Duodezformat enthaltende, Schrift- 
chen durch einen Abdruck der Vergessenheit zu entreissen. 

»Vzhetertyzh« [v cetrtic), zum vierten Mal, sendet Trüber seinen 
Katechismus in die Welt hinaus ; das erste Mal erschien er unter dem 
Titel »Catechifmus in der Windischen Sprach« ohne Jahresangabe, das 
zweite Mal als ;>Abecedarium vnd der' klein Catechifmus in der Windi- 
schen Sprach«, 1550, das dritte Mal als »Catehismvs vslouenskim 



J56 Erich Berneker, 

Jefiku<, 1555 (diese Bücher sind von Elze beschrieben). Der vorliegende 
zum vierten Mal erscheinende Katechismus unterscheidet sich von allen 
anderen dadurch, dass er slovenisch und deutsch abgefasst ist. Wie das 
»Abecedarium vnd der klein Catechifmus« den Nebenzweck verfolgte, 
dass die jungen Slovenen daraus lesen lernen sollten [ane huquice^ is 
tili se ty mladi inu preprosti Slouenci mogo laJiku vkratkim zhasu 
hrati nauuzliiti), so soll der Katechismus von 1567 die jungen Slovenen 
ausser mit den Wahrheiten des rechten alten christlichen Glaubens auch 
mit der deutschen Sprache bekannt machen. Daher ist er slovenisch 
und deutsch abgefasst, »unangesehen, dass die Construction nicht 
überall sich vergleichen will«, wie es in der Vorrede heisst. Immer gibt 
in solchen Fällen » der Ungleichheit der Construction « der deutsche Text 
nach, wie z. B. S. 12 das slov. inu v lesusa Cristusa synu nega diniga 
gospudi nasJiiga einem deutschen »und in Jesum Christum Sohn seinem 
einigen Herren unsern<: entspricht, wo dem Slovenischen zu Liebe die 
Wortstellung ganz undeutsch ausgefallen ist; ähnlich S. 26 kadar ie 
sahualil ga ie reslomil »als er hat danket, ihn hat zerbrochen« (statt 
»ihn« sollte »es« stehen, bezüglich auf »Brot«, slov. Ärz^/;) oder ebenda 
muie tellu, kateru »mein Leib, welches«, und so noch an vielen 
Stellen. 

Trüber widmet seinen Katechismus dem Junker Gabriel von Gallen- 
berg, dem jüngsten Sohn des Landverwesers in Krain, Ritters Jobst von 
Gallenberg zum Gallenstein, der am 1. Oktober 1566 gestorben war 
und der, wie Trüber rühmt, »von der Lehr des Catechismi viel gehalten, 
der auch zu Erhaltung und Ausbreitung der reinen Lehr des Evangelii 
oftmals in grosse Gefahr sich begeben«. Jobst von Gallenberg war bei 
seinen Lebzeiten stets ein ganz besonderer Gönner Truber's gewesen. 
Dieser wendet sich nicht nur amtlich in Sachen des Reformationswerks 
oft in Briefen an ihn (vgl. Primus Truber's Briefe, von Dr. Th. Elze, = 
Bibl. des Litt. Vereins in Stuttgart, Bd. 115), sondern klagt ihm auch 
vertrauensvoll seine persönliche Noth, so in einem Brief vom 29. Okt. 
1564 (1. c. S. 431 — 2): »mein Kinder sein dise wochen ziemlich stil 
und andechtig gewest, aber jezundt sein schon widerumb frech, frölich, 
ungehorsam. E. g. klag ich armer khnecht , ich hab kein geld , wein, 
khoren und speckh; schmoltz hab ich auflP halb jar . . . Nun wisse ich 

nicht wo aus, taglich khumen frembd leut wo ich geld auflpringen 

soll etc. Derhalben e.gn. wollen sambt anderen hm verschaffen, das mir 
noch auflf die khunfftige quotemer noch 30. thaller furgestreckht werden. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 157 

Umb die und vmb andere schulden setze ich mein behausung sambt dem 
newen gebew ein. E. g. thue mich uuterthaniglich bevelhen«. 

Aehnlich wie der Katechismus von 1567 dem 7 oder 8jährigen 
Gabriel von Gallenberg gewidmet ist, ist auch der Katechismus von 1575 
einem Spross des kraiuischen Adels, dem 13jährigen Junker Franz 
Georg von Kein, Truber's Pathenkinde, zugeschrieben, mit dessen Gross- 
vater und Vater Trüber gleichfalls in Freundschaft verbunden ge- 
wesen war. 

Die Vorrede unseres Katechismus ist datirt »zn Derendingen, im 
Monat Januario, im 1567sten Jahr«. Dieses Jahr war also für Truber's 
Schaffen ganz besonders ergiebig, denn es brachte noch den * Katechis- 
mus nebst einer Sammlung geistlicher Lieder, dem Georg Kisel von 
Kaltenbrunn gewidmet« (gedruckt in Tübingen, 2. Ausgabe 1579 in 
Laibach) sowie die üebersetzung der Episteln Pauli an die Epheser, 
Philipper, Kolosser, Thessalonicher und an Timotheus, Titus und Phi- 
lemon. 

Es folgt nun ein getreuer Abdruck des Katechismus von 1567. 
Die eingeklammerten Zahlen bezeichnen die Seiten des Originals; unten 
sind die Varianten des Caiehismvs sdveima islagama von 1575 ge- 
geben; offenbare Druckfehler im deutschen Text sind stillschweigends 
verbessert. 

TA CELI CATE- 

HISMVS, SKRATKO 

SASTOFNO ISLAGO VZHETER- 

tyzh, skufi Primosha Truberia, iftolma- 

zhen, imi fdai Slouenski inu Nemshki 

vkupe drukan. Is tiga fe ty Mladi, 

vfe shtuke te praue ftare Kerfzhanske 

Vere, inu ta Nemshki le- 

fyk, mogo nauuzhyti. 

(Sate($i)'mu§ | mit be§ §erm 

Sol^aniS SSren^ii furl^ett aufjlegung | 

in SBinbtic^er tonb Seiitfdjer 

®^^rac^ gufamen ge= 

trudt. 

Matth. 21. Psal. 8. 

Nunquam legistis: Ex ore infantium 

& lactantium perfecisti laudem? 

DRVKAN VTIBINGI, 

M.D.LXVtl. (1) 



158 Erich Berneker, 

S)eS (Sbelgel^cirnen tonnb 

©eftrengen 9iittcr8 | §erren 

SoBften öon ®aüen6erg jum ©aUenftetn \ toci= 

lunbt ber 9io. M. dJla. tnb ber g. Surd;. 

9i^at »nnb Sanbt8uernje|er in Sretn | 2c. 

feltgen | 

jüngften @on | Suucfl^enn 

©abriel bon ©attenfcerg | :c. 

®nab bnb grtb lu^n (Sott burc^ 
3e[um S^riftum. 
®en. 4.6. 11. ®Dtt gebeut ernftltd? inib offt biird; 3JJLnfe:t | ©atonionem | '■^aulum | tonb 

5ßro. 13.23.2!». anbere | bte Sugenbt fein 2Bort fleißig juteljren | tifi brotDct gratr>[amU(^ benen | bie 
icd 3Ü r^^ ergeren | tonb ben 9?a5arei8 Si?ein gutrinden geben tonb gu^rebigen toerfcietten | baS 
SDJatti^.is. tft I bie 3ugenbt in ber 2ibx bcS ®öttlirf?en SBcrtg berfaumen | im bie ^rebigftul 
mmo. 3 *). ,gjp^;jg„ 2)ann ein SüngUng | [agt ®auib | tan feinen 2Öeg | fein ®Iauben | SeBen 
$faT. iiü. mib Sljün I anbetft rein tonb bnftvvifflid; ni(I;t mad;en | er f^altt fid; bann nat^ 

®Dtte§ Sort. 

®cn. 35. 2)arumB Ijaben bie (Ert^uatter jrer Sugenbt bnb bem §au§gefinbt Betj jren 

Slltaren »nnb im §auf5 fo fteif^ig ge^rebiget | toie ®Dtt fcifcft öon Sltra'^am geuget: 

@en. 18. ®r tüerbe feinen Äinbern bnb §aufe benetl^en | baS [ie be§ §erren tocg l^atten | »nb 

4.9ie. 5. 6. tt)un tiiaS red;t bnnb gut ift. S)ie 'ipro^tieten I^aBen jre ©diäter geliafit 3o= (3) 

2.30^.2. I)anne§ ber St^joftet tonb SuangeUft | ^at ben Sünglingen toü Äinbern jugefd^riben. 

sicto. 20. ®ie erftcn Sl;riften l^aBen {"^re Äinber auc^ bei) ber 9fad;t giir 5ßrebig gefitrt | »nb 

faüVi2 15 i^^"^ befonbere @d;ülmeifter | aU ^antl^ennm | Originem toi! anbere toerorbnet | bie 

fie ben Sated;ifmum geleljret. 2)ie alten Reifer | Äonig önb ^^ürften | l^aben bie l)o^tn 

intb anbere @d;ufen | Settcgia | Sl^üm bnb Älcfter gefttfft | ba8 barinn bie Sugenbt 

in ®otte§ SSort gele^^rnt tonb i.niberrid;t folt luerben. 

@en.22.37.39. SSnnb tnaä foI(^e 2ä)x bei} ber Sngenbt für grud;t gebrad;t | ift nit allein am 

1. 3ie. 2. 3. 3faac I Sofcpl; | «Samuel | Sobia^ ©on | am 2)aniel | feinen breiten ©efellen | an 

^"e'is ©ufanna | ber 2}Jac^abeertn fiben ®6uen | tonb Iternad; an Dil taufent jungen 9J?dr= 

2. 5!Hac(^a. 7. terem jufe'^en | bie fic^ in fd;ti>dren 5lnfed;tungcn »iber beS 2:enffel6 | eigen gleifc^ | 

»nb ber SBelt tcutten ünb toben | im leiben imb fterben gegen ®ütt gel^orfamlid^ 

gel^alten | im ®lauben i in frei)er offentlid;er Setantnnjs beftenbig beliben | ©onber 

»ir feigen tinb erfaren au^ 311 bifer ünfer jeit tdglid; | »aS ber Sated;ifmu8 in aHen 

Sanben | het} jungen »nb alten giits auf3rid;te. 

3n errt»egung bifeg alleS | Ijab ic^ ben Satcc^ifmum mit be6 2). Sutl^eri tonb 
§errn SSrentij fur(jen Slußlegungen abermals tonberfd;iblid; truden laffen. 2Bold;en 
id^ barum S^eutfc^ tonb 3Binbifd; (touangcfc^en | ba§ bie Sonftruction nic^t toberal fid; 
toergleid^en ttoiß) gfifamc (4) geftelt | auff baS tonfere 3ugenbt | aud; bie 2eutfd;e 
©:prad; barauß lefen tonb berftel^n lernete. 33om nut5 beS Sated>ifmi | n?ürbt in bem 
onberen Sated^ifmo in Söinbifdjer ©:prad^ ttoeitleufftger gerebt. 

S3nb nac^bem j mein in ®ctt ftarder geliebter ®abriel | bein licbfter | frommer 
§err sßatter feligcr | toon ber 2d)x beS Sated;ifmi toil gcl^altc | ber aud; gu er^altung 

*) Weitere Zahl verwischt. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 159 

minb außBretttung ber reinen 2(.'i)x beS (guangeUi offtmalS in groffe Oefatir ftrf} 
begeten (tocn feinen ©afien [ Sugenbten | (Sm^tern »nb SBeruff | tüte er biefelbigen 
©ottjetiglic^ geBraud;t | tu xoaQ gemeinli(^ eruolgt | loann fotc^e Seut au^ einem 
?anb ober ©tatt tcerben anffgerafft | teilt [ic^ aUha nit^t geljüren ein mehrere 5u= (Sfa. 57. 26. 
leben bcrgletd^en bein Uete grate 9}Jutter | ^at fein griM'fere freub auff Srben | bann 
@ottc§ SBcrt jul^oren | 5ute|cn | ^außarmen bnb verfolgten (S(;ri[ten gut§ suti^un | 
ȟ bic^ I bein @cf;tr>efterlin | enb A5auf3gefinb | ben Sated^ifmum rec^t junerfte^n | 
mit öorfefen bnb fingen julel^ren. SSnnb bietoeil bu auß ben Sreinerifc^en ^atrtttjs | 
von altem el^rlit^en Slbel | 9tttter »nnb §erren @efc[}Ie(f;t | toon SSatter enb SRutter 
getoren 1 tonb nun beineä 2llter§ ita^ fifcenb ober acpteft 3ar erreid;t | »nb in bie 
@d;u[ jugel^n angefangen | ber'^alben tinE [id; bir gefcüren | bafs bu aud; in beiner 
Sugenbt am aEer erften | ben rechten | alten | fetigmad;ettben ©laufcen mit feinen 
Strtideln | tcie bie im (Sated;ifmo fein furlj Begriffen | er= (5) lel^rneft. SSnb auff ba« 
bu luftiger t>nb fleißiger inerbeft jn 3ule!^rnen | Ijab id) bie ofcgemelten gteen (Sate= 
c^ifmoS bir bebicieren | ;iüfc^rei6en | bnb in beinem Dfamen augge^n laffen tüoüen. 
3?nfer §crr bnb §eiknb SefuS S^riftu§ | ber auc^ bon bnfert tbegen | jung | 
{■(ein bnb arm ibar | ber trofte bein lieüe gratb SJifitter | bid; | beinen SSrübern | 
@d)ireftern | bnnb bn§ alte in je^iger bttb tünfftiger S^ri'iBfal | mit feinen reic()en 
bnnb getbiffen S5erf)ei[fungen beS etüigen Mens | bnb Beteare bnS bon allen feinen 
geinben i 2tmen. ©efc^riben jü ©erenbingen | im SJJonat Saiiuario | im 1567. 3ar. 
Sein tretber bnb 

SienfttbiQiger. 

^limuS SruBer ^far= 

^err bafetbft. (6) 

^er fur^ 
Ta kratki 

SSürtembcrgifc^c 6afe= 
Bii'temberski (sie!) Cate- 

i^ifmttS. 

hifiuns. 

Vprashane. ^'^aQ. 
SBütc^S glaubenS bift bu? 
Katerei) Vere fi ti? 

Odguuor. Stnttbort. 

3c^ Bin be§ S^rifttic^en ©lauBenS. 
left fem te Criftianske Vere 2). 

Vprashane. grag. 
3Son Ibe« tbegen Bift bu ein S^rift? 
Sa zhes volo fi ti en Cristian^j? 



1) hakoue. ^) lest ftm en herszhenik. 

3' kerszheiiik. 



160 Erich Berneker, 

Odguuor. 2(utir>crt. 

©arumB | ba6 W; glaube in Sefum G^rtftum | »nb baS tc^ Bin in feinem 
Satu, kir ieft veruiem Viefnfa (7) Criftufa, inu kir') fem vnega 
9kmen getaufft. 
Imeui kerfzheu. 

2)cr erft «Irtirfcl iic§ 
Ta perni Artikul-) tiga 

ßatediifmi. 
Catehifma.3) 

2?ou bcr S:a«ff. 
Od KERSTA. 

Vprashane. %xa^. 

2öa§ tp ber £auff ? 
Kai ie ta Kerft? 

Odguuor. Intoort. 
3)er Sauff tft ein ©acrament | tonnb ein ©ottlic^ n)arjei^en | barmit ®ottt 
Ta Kerft ie en Sacrament, inu enu Boshye fnamine, skaterim*) Bug 
SSalter | burc^ 3efum Sl^rtflum feinen @un | fant^jt bem Iieiligen (Seift bejeugt | baS 
Ozha, skufi lefufa Criftufa fuiga Synu, fred (8) Suetim Duhum, fpryzhuie, de 
er bem getaufften ein gnäbigeu ®ott »ölte fein | tonnb ha^ er j!^me toerset^e alle 
on tiiiiu kerfzhenimu en miloftiu Bug hozhe biti, inu de on nemu odpusti vfe 
feine @ünbe | nur lauter an^ ®nab | tomfonft toon liegen Sefn Sl^rifti j tonnb jl^n 
nega Grehe, le^) fgul is Milofti^), fabfton, fa volo lefufa Criftufa, inu'') ga 
auff nimfct an ftatt etneS fiinbeä | tonb SrBen aQer §imlif(f)en ©iittcr. 
gori vfame na rneiftu eniga Diteta, inu Erbizha vfiga Nebeshkiga Blaga. 

Vprashane. grag. 
©age 3Eitgnu6 au^ l;eiliger @d;rifft | mit woHit^en man fcie aufffa^ung 
Pouei pryzhouane is fuetiga^) Pifma, skaterimi^) fe tu goripoftaulene 

bifeS ©acraments Begeugt? 

letiga Sacramenta 10) fpryzha^i)? 

Odguuor. 2lutn3crt. 

©ant 9}latt]^eu3 am letfien dapitd fc^reibt alfo j baö 3efu§ Sl^riftu« 

Sueti Mateush na *-) puslednim capit. '•'') (9) pishe letaku **), de '5) lefusCriftus 

©Ott ©otteä I ba er ift gewefit toon S^obten erftanben | l^at 51t feinen Süngern gerebt 

Syni) Boshyi), kadar ie bil od Smerti vftaliG;, ie kfuim logrom gouuril 



1) fehlt. 2) j)ßii oli Shtuk. 3) dieser Titel steht noch vor 

den obigen Fragen. *) fälschlich sJcraterim. "5) fehlt. ") add. inu. 

') add. de. «) S. ^) shalerim. i") add. tiga kerßa. H) fprizha. 

12) vtt7n. 13) Capituli. 1*) letaku pishe. 15) add. nash Gofpud. 

16) kadar— vßal fehlt. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 161 

tonnb gefagt: SRir tft getien aUer ©clüolt | im §tmmel tu auff (grben | ®arum6 
inu*) diali): Meni ie dana vfa Oblaft, Vnebi inu na Semli, Obtu 
geltet l^in | bitttb teeret alle SBoIder | öitnb teuffet [ie in bem 92amen be8 SßatterS | 
puidyte2},inu vuzhyte^) vfeLudyS) jnu kerftite nee*) vtim Imeni tiga Ozheta, 
tinb beS @on6 | totinb beS l^eiligen ®etft§ i önb (eieret fie atteg ba^ ^alttn | tuaS 
inu tiga Synu, inu tiga fuetiga Duha, inu vuzbyte^j nee vfe tu dershati"), kar 
I)a6 tc^ euc^ fceuol^cti. 35nb i)eiUg 2JJarcu6 auä) am letfteit [c^reibt ] ®a8 3efu8 
fem ieft vö ') fapouedal. Inu fueti Marco tudi 'j na puslednim pishe^), De lefus 
anä) baguma^t ju feinen Sungern t)a6 aI[o gerebt. (Seilet !^in in alle SBett | önb 
tudi tedai kfuim logrom ie letaku gouuril '•^j . Puidite 'O) po vfim fueitu, inu 
^jtebtget ba§ (guangetion aEcr Sreatur | woüic^ev »ürbt glauben önb tcürbt getaufft | 
pridiguite ta Euangeli vfi*i) Stuari, kateri bo veroual inu bo kerf-(10)zhen, 
ber ttjürbt feiig | tüotd^er aber ntc()t toürbt glauben [ berfelbtg tt)ürt loerbam^t. 
ta bode ifuelizhan, kateri pag ne bo veroual, ta ifti M bode ferdamnan. 

2)cr anbcr 9(rttrful ober 

Ta drugi Arriculi-j oli 

©tutf be§ Gotcil^ifmt. 

Shtnk tiga Catehifma. 

aSott iem re^tcm 
OD TE PßAVEi) 

(S^rifKic^ctt | fettgnta^ens 
Eerfzhanske, iraelizhau- 

ben (Blanden, 
skei) Yere. 

Vprashane. %tctQ- 

@og bte 3»oIff @tu(f beä Sl^riftUd^en (SlaubenS. 
Pouei te duanaift Shtuke i'^) te ^*) Kerfzhanske Vere. 

Odguuor. Stntiüort. (11) 

Sc^ glaub in (Sott Sottern Stümec^tigen | ©(^o^ffer §iminel6 tonb ber Srben. 

I. Ieft veruio Vbuga Ozheta Vfigamogozhiga, Stuarnika Nebes inu te Semle. 

58nnb in Sefum Sl^riftum @on feinem einigen öerren tonfern. 
IL Inu Viefufa Criftufa Synu nega diniga Gofpudi nashiga. 

Ser t[t em:|jfangen toom l^eiUgen ®eift | geboren au§ SJtaria 3ungfratüen. 
III. Kir ie pozhet od fuetiga Duha, royen is Marie i^) Diuice. 



1) fehlt. -) puidite. 3) ludi. *) nee kerftite. 5) vuzhite. 

ß) dershati vfe tu. ") vom. ^) praui. ^) Der Satz von de bis gouuril 

fehlt. Wj add. vi. ") vfei. ^) Beil. «) add. oli Articule. 

**) add. ^rawe. ^^) Marye. 

Archiv für shivisclie Philologie. XXIV. 11 



1 62 Erich Berneker, 

©eüttett tonber ^^ontto ipikto | ©ecreu^tget | geftorfcen öitb Begracert, 
IV, Terpil pod Ponciomi) Pilatom, Cryshan^), vmerl inu pocopan. 

Slbgefttgen jur §elle. 2Im brittcn tag tft aufferftanbeit öon ben Sobten. 
V. Doli shal btim Peklom. Na trety dan ie goriustaP) od tih Mertuih. 

Sluffgejal^ren in bie §imel | [i^t jür ©ered^ten ©otteg feines SBatter» Wlmid)-. 
VI. Gori shal 4) vta Nebeffa, fidy na DefniciS) Boshy fuiga Ozheta vfiga- 

tigen. 
mogozhiga. (12) 

S3on bannen er iriber foöien tuürt | jurid^te bie lefienbigen önb bie tobten. 
VII. Od vnof"') on'] fpef^) pryde, fodyti^) te shiue inu te mertue. 

Sä) Qlanb in l^eiligen ®eift. 
VIII. left ueruio vfuetiga Duha. 

(Sin l^eilige S^riftlic^e Äirc^en | bie gcmein[cf;afft ber ^eiligen. 
IX. Ena fueta Kerfzhanska^] Cerkou, ta") gmaina tih Suetnikou. 

3?ergel6ung ber ©ünben. 
X. Odpufzhane tih Grehou. 
3tufferfte:^ung beS %ltii^. 
XI. Vftanena loj tiga Mefla. 

SSnb ein eh^igS S?e6en | 2tnten. 
XII. Inu en vezhni Leben, Amen. 

Vprashane. Si^ag- 

2Ba§ für nu^ bu !^aft toon bifem ©laube? 
Kakou prid ti imash od lete Vere? 

Odguuor. StntlDort. 

33on bifem ©lauBen ic^ fjalj bifcn nu^ 1 ba§ burd^ bifen ©lauBcn | id^ tcerbe 
Od'^) lete") Vere''), ieft imam leta prid"), de skufi leto Vero, ieff) bom 
bor ©Ott 1 toon »egen 3efu Sl^riflt | für frumfe tonb l^eiüg gefd;ä^t 
predBugöi2)j fa volo lefufa Criftufa, fa brumniga (13) inu fuetiga shazan'^) 
»nnb geilten 1 tonnb barneben n^ürbt mir geben ber l^eiüg ©eift | ba§ id^ rcd^t 
inu''] dershan, Inu per'') tim") bode menii') dan^*] ta fueti Duh, de prou 
SSette I tonnb an ©Ott | aU an meinen lieben Sattem [ mit glauben »nb anß 
Molim, inu na Buga, koker na muiga lubiga") Ozheta, Suero'') inu') is '') 
§er^en anrüffe | 93nb iaS meine SBercf | l^anbel | SSerüff tonb @tanb | füre tonb 
Serza'') klyzhem ^^), Inu de muia Della, rounane, Poklyzane '6) inu Stan pelä i^) 
l^alte nac^ feinen ©ebotten. 
inu dershim po nega*^) Sapuuidah. 

*) Pontiom. -) Crishan. ^) gori vftal. *) ftoiiil. ») Deftnici. 

") vnod. ") fehlt. 8) foditi. '^) kerszhatiska. lO] Goriuftaiene. 

") leta prid ieft imam. i^j Bugom. 13) meni bode. **) darouan. 

lä) klizhem. i6) ijm ijjg Poklyzane fehlt, dafür mui leben. ^''j ^Je/a?/i. 
18) negouih. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1507. 1 63 

'^cx britt t^eil be§ 
Ta trety deil tiga 

ßote^ifmi. 
Catehifina. 

Vprashane. S^ag. 

SBie unnb mit iroI(f;en SBortcn bu mit ®ott in allen beinen ncten rebeft 
Koku inu slsakouimi beffedami ti Sbugom vfeh tuih nadlugah gouorish 

SSetteft vnb auff j^n riiffeft? 

Molish inu na nega klyzhesh? i) (14) 

Odguuor. Stnttport. 

3c^ mit ©Ott im ®Ia:i6e bnb au6 §erl3en aifo rebe önnb Sette I 'mit f)at 
left Sbugom Suero inu is Serza taku gouorim inu Molim, koker ie 

SefuS S^riftuS @on ®otte§ felbft | feine jünger bnb aUt ©taufcigen gelel^rnt | tonb 

lefus Cristus Syn Boshy fam, fuie logre inu vfe Verne vuzhil, inu 

jl^nen Beuoll^en mit ©Ott jureben »nb betten. 

nim porozhil Sbugom gouoriti inu molyti ^). 

Vprashane. S^ctS- 

®ag aißbann alba je^t | tootc^e feinb biefetBigen it»ort | ijnb »ie bu 53etteft? 
Pouei tedai tukai fdai, kakoue fo te ifte beffede, inu koku ti Molish? 3) 

Odguuor. Stnttnort. 

Sc^ Sette aI[o | 

left Molim letaku^), 
SBatter tonfer | ber Bift im §immet 
Ozha nash, kir fi Vnebelsih &). 

©el^eiUget trerbe bein iRam. 
I. Pofuizhenu^ bodi tuie Ime. 

f omme gu ton6 bein Sleic^. 
IL Pridi knom tuie Kraleuftuu. (15) 

©e[(f)e]^e bein 'coiU | irie im §tmmel | alfo aud^ auff @rben. 

III. Ifsidiffe'^) tuia vola, koker Vnebi, taku tudi na Semli. 
©16 »nS l^eut bnfer taglid^ 53rot. 

IV. Dal nom danas nash vfagdani Kruh. 

95nb ijn6 bergibe tnfere @[f)ulbe | toie tinr öergeBen tonfern @cf;ntbigertt. 
V. Inu nom odpufti nashe Dolge, koker mi odpufzhamo S) nashim Dolshni- 
kom. 
93nb tonS nic^t einfuie in bie 93erfucf;ung. 
VI. Inu nas ne vpelai vto Iskushno. 

') Koku ti molish, kadar na Buga klizhesh? -) le/t molim ta Ozha 

Nash, kateriga ie Criftus nas fam vuzhil. 3] Pouei ta Ozha Nash? 

* dieser Satz fehlt. 5) vnebeßih. ^) Pofuezhenu. '^) Ifidiffe. 

•*) odpuszhemo. 

11* 



164 Erich Berneker, 

@onber »n8 erlofe toom 256el. 
VII. Temuzh nas reshi od SIega. 

S)enit bein t[t baS 9tet(f; | önb bte Ärafft I önnb bte §errüg!eit | atttoeg tonnb 
Sakai tuie ie tu Kraleuftuu, inu ta Muzh, inu ta Zhaft, vfelei^) inu^) 

ctüigttc^ I Slmen. 

vekoma i), Amen. 

2)ct oietbte tf|ctl bc§ 
Ta zheterti deil tiga 

ßoteti^iftnt. 

Catehifma. (16) 

SSott ben Sc^e« 

OD TIH DESSET 

©efiottctt. 

Sapnnid. 

Vprashane. %^o.q. 

@ag je^t auc^ 1 tüa§ »nb inolc^e fetnb bte jel^en ©ebot tonb 35er6ott ©ottcS. 
Pouei Tdai tudi, kai inu kakoue fo te delTet Sapuuidi inu Prepuuidi 
Boshye '^) ? 

Odguuor. 2(nttDort. 

^a9 erft ©efcott ift | ha fetbft (Sott rebet aI[o. 3ci; Bin bein §err 
I. Ta perua Sapuuid ie^, , kir fam Bug gouori*) letaku^). left lern tui Gof- 
®ott I ber l^afe bic^ aufigefurt au^ bem (Sg?)5tett Sanbe | 3)arum6 bu 
pud Bug, kir fem tebe ifpelal is te 5) Egyptoue Desheleß), Obtu ti 
ntc^t folt l^aben neben mir anbete ©otter. 
ne imash imeiti rauen mene drugih Bogou'^j. 

2)a3 anber ©ebott. 

Ta druga Sapuuid^). (17) 

'>flid)t nime in beinen 9Jiunb ben Dramen beineS §erven ®otte§ tonnu^Ii^. 
II. Ne iemli vtuia vulta tiga Imena tuiga Gofpudi Boga neprydnu^;. 

®a8 britt ©ebott. 
Ta tretya^) Sapuuid»). 
©ebend | ba8 ben ge^ertag ^eiügeft. 
III. Spumni, de ta Prafnik pofuezhuiesh ^O). 



1) od vekoma, do vekoma. -j Katere fo te Sapuuidi Boshye, po katerih 
Je ima ta leben narediti ittu dershati? Ferner: Odguuor. Lete/o te Sapuuidi 
Boshye, kir vtihDeffet Sapuuidih ftoye. Vprashane. Pouei te Deffet Sapuuidi^ 
3) add. leta. ** praui. ^) fehlt. ^) is Egiptoue deshele ispclal. 

') drugih Bogou imeiti. ^) Ne iemli tiga Imena tuiga Gofpudi Boga nepridnu 
vtuia cufta, add. Sakai Bug tiga pres shtraifinge ne pufli, kir tu nega Ime ne- 
l)ridnu imenuie. ■') tretia. ^^) Ti imash ta Prafnik fuezhouati. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. Iß5 

S)a8 toierbt. 
Ta zheterta. 

(Sfire betn SBatter tonb bein SRutter | baS tüürbeft lang lefceit im Sanb | 
IV. Poshtui tuiga Ozheta inu tuio Mater i), de bosh dolgu shiu na Semli 2), 
tDoIc^eS bein §err ®ott ttjürbt btr geben. 
katero tui Gofpud Bug bo tebi dal. 

Sag fünfft. 
Ta peta. 

glicht Sobte. 
V. Ne Vbyai3). 

2)a6 fe^ft. 
Ta shefta. 
^iic^t Sl^eBred^e tonb nic^t 5ßnfeufc^e. 

VI. Ne Preshuftuai inu ne Shuftuai*). 

Sag ftefcenbt. 

Ta fedma. (18) 

ytiä)t ©tele. 

VII. Ne kradi5). 

Sag aä)t 
Ta ofma. 
Sticht rcbe falfc^ ^cugnuß irtber beinen ^iac^ften. 
VIII. Ne gouori falsh pryzhouane fubper tuiga Blishniga ß). 

Sag neunbt. 
Ta deueta. 
S^Jic^t Begere betneg ?Jec^ften §au§. 
IX. Ne sheli tuiga Blishniga Hishe "). 

Sag jel^enb. 

Ta deffeta. 
mHjt bcgere beineg 5«ed^ften SSetfcg | nit Änec^t 1 nid^t 3)?ogt | nic^t Od^fen | 
X. Ne sheli tuiga Blishniga Shene, ne Hlapza, ne Dekle, ne VoUa, 
ntd^t @fel I noc^ fein [adj | bie feinb betneg 9?e^[ten. 
ne Osla, ne obene rizhy, kir fo tuiga Blishniga s). 



1) Ti imash tuiga Ozheta inu tuio 3fater jMshtouati. -) vti Desheli. 

3) Ti ne imash vhyati. *) Ti ne imash Preshuhtuati [s\(!,\) inu shushtuati. 

5) Ti ne imash Tcra/ti. <<) Ti ne imash obetiiga falsh Pryzhouane gouoriti, 

fuper tuiga blishniga. ') Ti ne imash sheleiti tuiga blishniga Hyshe. 8] Xi 
ne imash sheleiti tuiga blishniga Shenee, ne nega Hlapza, ne nega Dekle, ne nega 
Volla, ne nega Osla, Inu vfiga kar tui blishni ima. 



166 Erich Berneker, 

Vprashane. grag. 

aSarjü mh boti »eB itjegen | felnb ton§ bte je:^eit ©efcott tooit ®ott geBen | 
Szhemu iuu fa zhes volo i), fo nam^) te deffet Sapuuidi od^) BugaS) dane, 

ijiinb auff gefegt? 

inu3) (19) gori^) poftaulene^)? 

Odguuor. StnttDort. 

3um erfien | feinb ton« bte ge'^e:: (SeBott bov^u geBeit | SaS »ir baraufj 
Nerpoprei*), fo nom te^) deffet 3) Sapuuidi htimu^] dane, De fe mi is nili 
fotteit lel^rnett | bte öit[ere ©ünbe rec^t erfettnett. Saritac^ fettib t»n§ avtä) Don 
imamo^) vuzhytiß), te nashe Grehe prou^) fpofnati. Potle^) fo nom tudi fa tiga 
beß toegeit gebe | ®a§ tctr auß jl^tien le^^rnen | woßtd?e ®otte6 btettft | tonb lüold^e 
volo dane ^% De fe") mi^) is nih vuzhimo '-), kakoue Boshye sluslibe, inu ka- 
gute Söcrd gefattcn (Sott | tonb ö56W;e h?tr fc^ulbig 3Utl^un | baS ettt erbar 
koua dobra Della, dopado Bogu, inu katera fmo dolshni ^3) diati '*), de en posh- 

SeBen wir füren. 

ten Leben mi^) pelamo. 

Vprashane. ^rag. 

SHogen tüir aber | mit »nferen guten SBcrden | bte ®otte§ ©ebott | gan^ 
Moremoliis) mi^) pag,fnashimi3) dobrimi^) Delli^), te Boshye Sapuuidi '6), 

tonb toot!ommenü(^ ^Iten i^nb erfüllen? 

cilu3) inu 3) popolnoma dershati inu 3) dopolniti^)? 

Odguuor. StnttDcrt. (20) 

9?etn I ben toir fetnb nad; Statur bö^ tonnb geborne ©ünber | 2)arumb 
Nekar, fakai mi fmo po i^) Naturi ^s) hudi inu royeni Greshniki, Obtu i9) 
bte bnfere SBercf ntci^t fetnb »olfommennd^ gut. Stber ha$ tüerbe ton6 ^ur feng= 
tanasha'^O) Della ne fo popolnoma dobra. Oli-i) de fe nö--) htimu^) Ifuely- 
!ett gel;oIffen | l^at bnfcr §err ©Ott S5atter ^imlifc^er feinen einigen ücben @on 
zhanu3 pomaga-3), ie nashGofpud Bug Ozha Nebeski fuiga diniga lubiga Synu 
Sefum (Sl^rtftum ju bn§ auff bte Söett gefd^idt | bnb jn l^at tonä gefc^endt | ber 
lefufa Criftufa knom na ta Sueit poslal, inu ga ie nom shenkal^*)^ ta^ö) 
fetbig nie fein ©ünbe nimmer gett)on | tonb l^at aüe ©otteS ©cbott gon^ 
ifti3) nei26)obenigaGrehanigdar3) fturil, inu ie vfe Boshye Sapuuidi 2^) cilu3) 



1) fakai. 2) nom. 3) fehlt. ■*) Hperuimu. 5) lete. 6) Satu. 
■J) vuzhimo. ^) 2}red Bugom. ^) Hdrugimu. löj Jq jjjg claiie fehlt. 

11) defe. ^) statt des folgenden Satzes : ta Della fpofnati^ katera Bogu 

dopado. 13) tni imamo. i*) fturiti. i^) Premoremo li. 16) Sapuuidi 

Boshye. "I od. i«) Nature. i'J) fatu. '-O) add. dobra. 2i) ainpag. 
22) nom. 23) add. Taku. -4) gtatt des Satzes nash bis — shenkal: Bug 

Ozha nom daroual lefufa Criftufa fuiga eniga royeniga Sy7iu. 25) Jcateri. 

26) add. nigdar. 27) Sapuuidi Boshye. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 167 

tootfommenüc^ Qt^altm toitb bottrac^t. SavumB [o wir in bij'en 3efum Sl^ri« 
popolnoma dershaU) inu ') cloperneiTal-). Obtu aku ml vletiga^) lefufa Cri- 
fium redf}t toitb befi gkuBen | [o öiiS ®ott auß fetner groffeit ©iite tonb 
ftufa proul) inu *) terdnu i) veruiemo taku nas Bug*) is nega*) preuelike^) do- 
SSarm^er^igfett [ bon njegen Sefu Sl^rtfit | ^at tonb l^elt barfür | 
bruti*) iüu 1) Milofti, fa volo lefufa Cri- (21) ftufa, ima^j inui) dershi ij fa te, 
aU ba8 tüir fe(fc|t l^etten aEe OotteS (Btbott gehalten tonb üotbrad^t. 
koker de bi mi fami ij bili vfe Boshye^) Sapuuidi^) dershali inu i) dopernesli i). 

Vprashane. 5vag. 

33ott tüejj tüegen fotlen tütr ban bie gute SBerd t^un | ®ott bieiten | 
Sa zhes volo"^) imamo mi») tedaitai) dobra Della delati, Bogu slushiti, 

beut Üied;[teit gfitä tf)fm | bnb ein frumts | erberS leben jitren ? 

Blishnimu dobru diati, inu en brumen, poshte leben pelati^) ? 

Odguuor. 2(nttoort. 

9?tc^t toon beä tcegen j ba3 totr mit foM;en tonferen @otte6 Stenften 
Nekar fa tiga volo ^O)^ de bimi") ftakimi^^) nashimi Boshymi '; Slush- 
bnb guten SBerdEen | »oltcn für önfere @ünb genüg tl^ün I ober bie [etCen 
bamii) inu') dobrimi Delli, hoteli i) fa^^) nashe Grehe fadofti fturiti, oli te ifte 
besäten | tonnb bainit ben §tmmel önb ba§ etüig 2ihm berbienen | fetnä 
plazhati, inu shnimi ta Nebeffa inu ta vezhni.Lebe (22) faslushiti, kratku 
toegg I Senn aKein 3efu§ S:^riftus ^at mit feinem Setben tonb fterben am Sreü^ | 
nekar, Sakai fam Jefus Criftus ie fto fuio Martro inu fmertio na Cryshu, 
für bnfere @ünbe getI;on genüg | tonb f)at tong toerbtent tonb ertoorben bag en)ig 
fa nashe Grehe fturil fadofti, inu ie nom faslushil inu dobil ta vezhni 
Sebett. 2(ber toir feinb fc^ulbtg bienen ©ott | aßen SlJJenfc^en gütg tl^un | frum 
Leben 1*). Ampag i5) mi fmo dolshni slushiti Bogu, vlem Ludern dobru fturiti, 
tonb erbar fein | gitte itoerd tbün | ba3 lüir mit bem | ben tonfern ©lauben 
brumni inu poshteni biti, dobra dela iS) dellati i'i, de mi fteim iS], to nasho Vero 
bejeugen | beftetigen tonb offenbaren | ben billid^en a,d)ox\am tonnb bancfbarfett 
pryzhuiemo'oi^ terdimo inu refodeuamo, to fpodobno pokorfzhino inu fahua- 
gegen ®ott ] toon toegen ber feiner groffen SBcIf^aten erjeigen. 
lene pruti Bogu, fa volo tih nega velikih Dobrut, iskashemo. (23) 



K fehlt. ■-) dopolnil. 3) na. *) add. clershi fgul. ^) nega. 

6) add. po2}olnonia. ~] Sakai a.6iA. tedai. ^) 7niima7no. ^) der Passus 
von Bogu bis pelati fehlt. «>) j-atu. n) add. Jwteli. i2) ßemi. 

13) add. <e. 1*) statt oZe bis Ze6ew heisst es : oli ta vezhni leben faslusJiiti, 

Sahai fam Criftus ie fa te nashe Grehe fadofti fturil, inu nom ta vezhni leben 
fafliishil. 15) statt Ampag bis biti: Temuzh fa tiga volo mi itnatno. 

16) Della. 1') delati. isj shnimi. i^) statt terdimo bis iskashemo : 

inu pruti nashimu Gofpudi Bogu, fa volo nega dobrut, hualeshni fe iskashemo. 



168 . Erich Berneker, 

Scr fünfft t^cil bc§ 
Ta peti deil tiga 

ßotec^ifnti. 

Catehirma. ') 

Vprashane. Srag. 

SBaS foüen irir anjagen bnb tf)uit | fcctS tütr bajumol^I | tcenn ton§ bfeel gel^t | 
Kai imamo fazheti inu fturiti, de mi tedai, kadar nom hudu gre, 

in tonferm ©lauBen irerbcit gefierdt | »nb in bnfern fc^iferen anfec^tungen getroft? 

vti nashi Veri bomo poterieni, inu vtih nashih teshkih nadlugah potroshtani^)? 

Odguuor. SlntiDort. 

SBtr foQen 3ur redetet Wtc^ \ ba§ tft | gum ^^iac^tinat Sl^rifit gutretten. 
Mi imamo hti praui Mashi, tu ie, hti Vezhery Criftufeui perftopyti^). 

Vprashane. ^'cciQ- 

aSBaS tonb luotc^e i[t ba§ (S^rtftt 91ac^tmal ? 
Kai inu kakoua ie ta Criftufeua Vezherya*)? 

Odguuor. Slnttüort. 

Sa§ 9iac^tmal S^rifti | tjl ein ©acrament | ba8 tft ein ^etUgg ®ottHc^§ 
Ta Vezherya^) Criftufeua ie en Sacra- (24) ment, tu ie enu fuetu^) Boshye 
SBarjeic^en | mit »olc^em ßl^riftuS alba felbfl Warl^afftig tonb gegenioertig | mit 
Snamine, skaterim"] Criftus tukai^j fam^) rifnizhnu inu vpryzho, fteim^) 
bem SSrot tnb Sein | ben reiften feinen 2dh \ tonb ba6 rec^t fein SSIut ! tonS 
Kruhö^) inu 10) Vinom, tu prauu^) fuie Tellu, inu to prauo^j fuio Kry, nom 6) 

für treg | gtBt tonb au^t^eilt | »nb bn§ bamit »ergtüt^t | baS fetnb »n8 
naprei^) neffe^), daie i^) inu dily ^'j, inu nasfteimS) faguishuie, de i3) fo nom 
©laubigen | aüe bnfere @ünbc t'crgeJ'en | ijnb ba§ toiv l^aben baS etoig leiten. 
Vernim, vfi nashi Grehi odpufzheni, inu de imamo ta vezhni lebe. 

Vprashane. S^^^S- 

®ag alßbann bie SBort (Sl^rifti | ivofd^e IjaBen bie ©uangeltften t^nb @. ^aul 
Pouei tedai te beffede Criftufeue ^*], katere fo ty Euangelyfti inu S. Paul 

befd^riben. 9JJit Jrolc^en l^at SefuS S^rifiug baS fein l^eilig 9?ac^tmat auffgefefet? 

fapiffali. Skaterimi ie lefus Criftus to fuio fueto Vezheryo gori poftauil? 



1) add. od te Vezherie Criftufeue. '-] statt dieser Frage : Szhim inu 

koku ho nasha Vera, kadar nom hudu (jre^ poteriena, Inu mi vtih nashih teshkih 
Nadlugah inu iskushnauaJi pofroshtani? 3j statt dieser Antwort : Skufito 

Vezherio nashiga Gofpudi lefufa Criftufa. ^) Kai ie ta Vezheria Criftufeua. 
5) Vezheria. 6; fehlt. '^) vkateri &6.d. nom.. ^) ftem. ^) kruhom. W) add. 
ftem. 11) daruie. i^j daie. ^) von hier bis zum Schluss : mi imamo 

odpufzhane tih Grehou, inu ta vezhni leben. **) von hier bis zum Schluss : 

skaterimi ie on to fuio Vezherio gori poftauil, Inu te iftefo ty Euangelifti inu 
S. Paul fapiffali ? 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567, 169 

Odguuor. Stnttüort. 

a>nfer §err 3e[u§ S^rtftu§ in ber nacf;t in tt>üld;er tft er t^erl^aten geiDcfit | 
Nash Gofpud lefus Criftus vty i) uozhi (25) vkateri^) ie on^) fratan bil, 

önb ba er ift mit feinen 3üngern Bei) bem 9lacf>tmat gefeffen | 9Jame er ba§ Srot | 
inu kadar3) ie^ fuiemi*) logri per tei^) Vezhery'') fidil, Vfame ta Kruh^j, 

bnb otS er l^at bandet | jn l^at jerbroc^en t>nnb geben feinen Süngern | »nb 
inu 3) kadar3) ie3; fahualil'), ga3) ie^) reslomil») inu^j dal^O) fuim logrom, inu 

bat gefagt ( 5Jiemenb | effenb | 2)aS ift mein 2t\b \ TOofc^eS toürbt für tnä) geben | 2)a8 
ie rekal, Vfamytei';, ieite, Letu ie muie Tellu, kateru bo i'-) fa vas danu, Letu 
jr tl^ut I 3ü meinem gebecbtnuß. 35n befjetbige gleidben nac^ bem 2IbenbmaI | nam er 
vi deite, kmoimu'^; fpominu. Inu glih^ taku^) po tei Vezhery, vfame on^j 

ben Äeld^ | bandet önnb jn jl^nen gab | fagenbe | Srindet auß bem ibr aüe | ba§ ift ber 
ta Kelih, fahuali inu ga nim da, rekozh i^), Pyte is letiga vi vii, letu ie ta 
Äetcb be§ netten SeftamenS in meinem Slut | baS teürbt für euc^ tnnb für j^r t>'ü 
Kelih tiga nouiga Testameta vmuiei KriyiSj, kiri^; bo fa vas inu fa nih dofti 
toergoffen | jur Vergebung ber ©ünben | 3)ife8 jr tt)ut | aiB efft »erbet 
prelyta, htimu'^) odpufzhanui'') tih Grehou, Letu vi 3, deite, koker zheftu-(20) 
trinden | jur meinem ©ebec^tnuß. 
krat bote^j pylii^j kmuimui^] Spominu. 

aSott Sc^lüffcln bc§ 

OD KLVZHEV TIGA 
^^immel ^tiä]§ | bo§ ift | 
Nebeskiga Kralen ftua, tu ie, 

öon t>tm ^rebtg= 
od tiga Pridigar- 

ampt. 
ftua. 20) 

Vprashane. %^<iQ- 

SBoIc^e feinb bie ©c^tüffct be§ §immel 9tei(^8? 
Kateri fo ty Kluzhi tiga Nebeskiga-') kraleuftua? 

Odguuor. Slntiüort. 

3)a§ ^rebigam^jt beS ßuangeli toon Sefu (S^rifto. 
Tu Pridigarftuu tiga Euangelia od lefufa Criftufa. 



') vti. 2] Jiudar. 3) fehlt. *) shnega. 5) vezherij. ^) add. 
shegna. ') fahuali. 8) reslomi. ^] ga. lO) da. ii) vfamite add. inu. 
^-) bode. 13) Jinmimn fälschl. für kmuimu. >*) add. Vfamite inu. ^^) statt 
letu bis Kriy : Lette ie muia Kry tiga Nouiga Testamensa. 16) Jcatera. 

") kodpufzhanu. i3) pyete. i9) kmoimu. -^) Statt dieses Titels : TA 
SHJESTI INV PVSledni deil tiga Catehifma. Od Nebeshkih kluzheu. 
21) Neheshkiga. 



170 Erich Berneker, 

Vprashane. S'^^S- 

@ag alßbafi bit mir auß ben Suangettften ettltc^e »ort [ mit »otcfien 
Pouei tedai ti meni is tih EnaDge-'27)liftou nekatere beffede, skaterimi 
^t 3efu8 S^rtfluS ba« «Prebigam^jt auffgefe^t tottb gefcotteni)? 
ie lefus Criftus tu Pridigouaue poftauil inu fapouedal? 
Odguuor. 2(nt»ort. 

S)er l^eitig 2ucaS am jel^enben Sa^itel alfo fd^reiBt. 2)a§ bnfer §err 
Sueti Lukesii^) na 3) defletim Capituli taku*) pishe. De nash Gofpud 
Sefus S^riftuS | l^at ju [einen jungem | tüolc^e f^at er jü :prebigen baä @uan= 
lefus Criftus 5), ie htirn*) fuim^) logrom, katere ie on pridigouati ") ta*) Euä- 
gelt I toon bem §imU[c^en 9teid;6 | tomfc gefe^idt | aI[o gerebt. 
geli*), od*) tiga») Nebeskiga*) Kraleuftua^J, okuliio) poshilal, letaku gouuril. 
SBer eud^ leeret | ber mic^ leeret | bnb toer euc^ toerfcf;med;t | ber mic^ toer= 
Kateri vas poslusha, ta mene posluslia, Inu kateri vas shmaa"), ta mene 
fc^me^et | teer aber mic^ toerfrf;med^t 1 berfelbig icerfciimec^t benn | ber !^at mic& gefanbt. 
shmaa "), kateri pag mene schmaa"), ta ifti shmaa") tiga, kir ie mene poslal. 
SSnb §. Watt^im am [ec^Sse'^enben fagt: ®a3 S^rijluS !^at jum l^eiUge $etro 
Inu S. 12) Mateusli na slieft-(28)naiftim praiii: De Criftus ie kfuetimu Petru 
otfo gerebt | Sir iä) n?itl geBen bie ©cfilüffel be§ §intmelrei(^8 | »aS 
letaku*) gouuril, Tebi iest*) hozho dati te Kluzlie tiga Nebeskiga^^j kraleuftua, 
Jüürbeft bu Binbcn auff (Srben | ba6 irürbt geBunben im §tmel | tonb nsaS 
karboshtii*) fauefali^) na Semli, tu bo fauefanu i^') Vnebefsih i";, inu kar '8) 
tt5Ürbeft aufftefen auff (grben | iaS^ luürbt im §tiSet Io§ fein | §eiUg So^afieS am 
bosli refuefal na Semli, tu bo Vnebefsiii refuefanu i^), fueti^ö) lansh na duaiffe- 
ätoein^igften auc^ fdjreiBt alfo | ba3 SefuS ba er öon Sobten tcar aufferftanben | Ijat 3u 
tim tudi^j pishe letaku*;, de lefus kadar ie od Smerti bil vftal-i). ie kfuim 
feinen 3ungern gerebt 91emenb ben §. ®eift , tooId;en j^r bie ©ünbe ertaffet \ benen feinb 
logrom gouuril, Vfamite tiga S. Duha, katerim vi te Grehe odpuftite tim]fo 
crtaffcn | bnb teclc^en jBr fte toorbe^Itet 1 benen feinb öorBel^alten. 
odpufzheni, inu katerim vi nee*) fadershite, tim fo fadershani. 

Vprashane. grag. (29) 

@ag bu and; alba bie ©umma tonb ben furljen jnn^alt aller ©eBott tonb ©efefe? 
Pouei ti*) tudi*) tukai22) to Summo inu ta*) kratik'-3) fapopadik-*) vfeh'-S) 
Sapuuidi inu Poftau^^)? 

1) Statt dieser Frage : Pouei nakafere heffcde^ is tili Euangeliftou, skate- 
rimi ie lefus Criftus tu Pridigarftuu fuiga Euangelia gori poftauil? 
-j Lucas. 3) vtim. *) fehlt. ^) lefus Criftus nash Gofpud. 

6) kfuim. '') Pridigati. ^) tu. 9) kraleufluu Boshye. i") vunkai. 

1») Fershmaga. '2) ßueti. 13) Neheshkiga. ") ti hosh. ^ fuefal. 

16) fuefanu. i^) Vneheßih. i"») add. ti. ^^) refuefanu vnebeßih add. inu. 
20) S. 21) jcadar bis vßal fehlt. 22) fdai aM. na kotizu. 23) kratig. 

2*) fapopadig. -5) add. Boshych. 26) Poftau inu Sapuuid. 



Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 171 

Odguuor. Slnttüort. 

SSon folc^er ©umma felBft SefuS S^riftu« tonfer ^txx SOIatt^. 22 atfo 

Od take Summe fami) lefus Criftus nash Gofpud^) Math.*) 22 1) taku i) 
rebct I ®u folt VuUn beinen §ernt ©Ott mit ganzen §erl|e | mit ganzer ©eel | 
gouori^), Ti imash lubyti*) tuiga Gofpudi Boga fcelim Sercem, fcelo Dusho, 
mit ganzem gcmutl^ | üiib mit aüen beinen frdfften. 3)a8 ift baS fürnemBft bnb ba3 
fcelo miffalio, inu fo vfo tuio mozhio. Letu^) ie ta nerperua^) inu ner*) ta i) 
groffejt (SeBott. 2)a8 anber aber ift bifem gleid^ | 2)u foUcft lieben beinen '^i<i)' 
vegshi") Sapuuid. Ta druga pag ie letei glih, Ti imash lubyti*) tuiga Blish- 
fien I aU felbft bid^. 3n bifen gnjei^en ©ebotten fielet ba§ gan^ ©efe^ vnb 
niga, koker fam febe. Vleteyu^) dueyu Sapuuidah^') ftoy ta cela Poftaua inu 
bie $ro))!)eten. 
ty Preroki lO). 

Vprashane. %^(iQ- (30) 

@ag alBbann auc^ bie @uma beg gan^e Suangeti? 

Pouei tedai *) tudi to Summe vfigaii) Euangelia? 

Odguuor. Intttjort. 

®te ©umma ganzen §. ßnangelt ift bife, iaS S^riftuS faget 3of)- 3. ©ott \)at 
Ta Summa vfiga S. Euangelia ie leta, kir Criftus praui loh. 3 i^). Bug ie 
bie SSett alfo geliebt | ba§ f)at feinen einigen @on geben | ha^ aüe bie in jl^n glauben ] 
ta Sueit taku lubil, de ie fuiga diniga Synu dal, de vfi i3) kir vnega veruio i*), 
nit »erben ijertoren | ©onber ba§ fie ^ben baS eteig ?eben. ®enn ©Ott 
nebodo^-^j fgubleniiß)^ Temuzhdei") imaioi^) ta vezhni Lebei'-*). Sakai Bug 

nt(^t gefanb feinen ®on auff bie SBelt | ba8 er bie Söelt berbam^je I ©onber | ba§ 
nei poslal fuiga Synu na ta Sueit, de bi on ta Sueit ferdamnal^O). Temuzh, de 
bie SBelt njürbt burc^ j'^n feüg. SBer in j^n glaubet j ber felbig nit iDÜrbet tter= 
ta Sueit bo skufi nega ifuelyzhä 21). Kateri vnega veruie, ta ifti ne bo fer- 
bamt. SBer aber ntc^t glaubt ] ber felbig ift je^t öerbanm:t)t | Senn er nit glaubt 
damnä. Kateri pag ne veruie, ta ifti ie fdai ferdamnan (31) Sakai on ne veruie 

auff ben 9kmen be6 etngebornen ©otteS @on 1 95nb §. $aulu8 toon bifen auc^ 
na tu Ime tiga famoroyeniga Boshyga Synu 22), Inu S.Paul^^) od i) tigai) tudi*) 
alfo fc^reibt | (S8 ift getoißlic^ ttja'^r | tonb ein t]^en?r icerbcS 
taku^i pishe"-4), Onu^ä) ie26) guishnu-") rifniza'-s;, inu ena') draga^) vredna^^) 



») fehlt. 2) add./a??2. 3) add. /eteÄ«. *) lubiti. '^) Leta. 

6) nerperuishi. '•) neruegshi. ^) Vleteiu. ") add. f«/)» «wm. 1°) add. 
Matth..22. II) aäd. Siietiga. ^-) statt dieses Satzes: Odtigafayn Criftus 
praui loh. 3. ^3) sledni. 1*) veruie. 10) Jo. 16) fgublen. ^'^) bo. 

18) i7nel. W) leben. 20j jodil. 21) ifuelizhan. 22) der Satz von kateri 
bis Symi fehlt, 23) add. 1 Thi. 1. 24) praui. 25) Tu. 26) add. ena. 
2") guishna. 28) beffeda. 29) add. de mi no obi miszhi fo vfo rizhio gori 

vfamemo. 



172 Erich Berneker, Ein Katechismus Primus Truber's vom Jahre 1567. 

tDort I 3)a8 3e)u8 Sl^riftuS ift fomen auff bte SBelt | bte ©ünber feltg gu mad^en | 
beffeda i), de lefus Criftus ie prishal na i) ta*) Sueit '), te Greshnike ifuelizhati, 
tnber tüctc^en 5in icfi fürnemi'ft | 3Iber 'v^ f)a'b SSarml^er^tgfeit erlangt | toon 
vmei katerimi fem ieft ner ta perni 2), 011 ieft^) fem*) Myloft^) dobil^), fa^) 
ttege | baS l^at Sefu« S^rtftuä aüe feine gebnit tonb toberfe'^ung an 
volo, de iei) lefus CriftusS) vfe^j negaiO) faneffene") iaui) pregledane*) nai) 
mir erjeigt | jutn einem @jem^>el tonb tonberric^t benen | bie »erben in j^n glau= 
meni^: iskafal, kanimu Exemplu inu nauuku tim, kir bodo^-J vnega vero- 
Ben gum etoigcn S?e6en. 
uali ") htimu vezhnimu Lebnui*). 

^_____ FINIS 15). (32) 

1; fehlt. -) tih neruishih eclen 3) metii. *) fe ie. 5j Miloft. 

6) iskafala. '] add. tiga. ^) add. nerpoprei na meni. ^) vfo. 

10) fuio Miloft inu. H) feneffene. 12) imaio. 13) Verouati. i*) Hier 

folgt noch ein Abschnitt : Sahualene S. Paula fa volo S. Euangelia. Natu timu 
vezhnimu kralu, vfelei shiuimu, neuidezhiinu inu famiinu modrimu Bogu, bodi 

vfa zhaft inu huala od vekoma do vekoma Ame7i. 1 Thi. 1. 15) Tiga 
Catehifma konez. 

Berlin, im Februar 1901. Erich Ber7ieker. 



Ein bosnisches Evaugelinm in der Handschriften- 
Sammlung Srec'kovic's, 



Die Erwähnung dieser Handschrift geschah schon zu wiederholten 
Malen '). Ein Stück derselben gelangte sogar in das russ. Museum der 
Alterthümer zu Tver' 2). Sie ist ziemlich alt (geschrieben im XIV. Jahrb.), 
auf Pergament, und da sie zur bosnischen Abart der südslavischen cyrilli- 
schen Denkmäler zählt, die besondere Beachtung verdienen, so wäre es 
angezeigt, den darin enthaltenen Evangelientext näher zu prüfen. Aber 



1) Vergl. M. Speranskij in SaMiricu o pyKonucaxi. ßijrrpaacKuxt u co*iü- 
cKoä 6nöjioTeKx (Moskau 1890), S. 86 ; id. Recension auf das Werk A. Voskre- 
senskij (39e Preiszuerkennung derUvarov'schen Prämie), S. 00 des Soud.abdr. 

2) Nach dem Katalog Nr. 4886, im Ganzen 2 Blätter, mit dem Text Matth. 
XXI. 44— XXII. 35. 



Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sreckoviö's. 173 

auch abgesehen davon macht sich dieser Codex durch die zahlreichen 
Marginalglossen des XV. — XVI. Jahrh., die zur Erklärung des Evan- 
gelientextes dienen, bemerkbar. Die Glossen bieten für den Philologen 
und Literaturhistoriker einiges Interesse, und da vor kurzem Prof. Sto- 
janovic (Archiv XXII, 510 ff.) ein anderes Denkmal ähnlicher Art in 
diesem der slav. Philologie gewidmeten Organ zur Sprache brachte, so 
möge — nach dem Grundsatz «exempla trahunt« — auch diese bisher 
wenig bekannte Handschrift hier kurz besprochen werden. 

Die Handschrift ist in klein Quartformat, wie die meisten bosnischen 
Evangelien geschrieben, umfasst 184 oder mit den zwei in Tver' be- 
findlichen 186 Blätter, die Schrift ist die übliche engeünciale bosnischer 
Art. Die Anfänge der Lectionen sind von zweiter Hand (XV. — XVI. 
Jahrh.) über den Columnen roth geschrieben, in folgender Weise : zu 
Matth. XXI. 33 ff.: h". o BHHorpaA^; zu Matth. XXII. 2 ff.: iiä. o 
3BaHHxt Ha öpaKL; zu Matth. XXH. 15 ff.: hb. o BtnponiLmHxt 
KHHOci; zu Matth. XXII. 23 ff.: nr, o caAOKHHxt u. s. w. Die 
Nummern h. na. hb. nr. entsprechen dem Capitelverzeichnisse, das an 
der Spitze eines jeden Evangeliums zu stehen pflegt (vergl. HnKOTbCKO 
JBB. S. XX). Von derselben späteren Hand rühren auch die am Rande 
geschriebenen Hinweise auf die Parallelstellen aus anderen Evangelien 
her und die Einschaltungen des für den Gottesdienst bestimmten 
Lectionsanfangs im Texte selbst, z. B. : Pe vh kb npHmtmHMb kb 
hgms (Gero pa^n tjlio . . Matth. XXI. 43), oder: Pe rt npnT^s 
ciio (^noAOÖnce i^pLCXBO höcho . . Matth. XXV. 2) u. s. w. Zu Anfang 
eines jeden Evangeliums standen: r.iaBH eBaHAejiHi, am Schluss : 
Kohu;l eBaHAejH^. Die Handschrift ist nicht vollständig, es fehlt 
am Anfang Matth.I— XXI. 30, im Inneren Matth. XXIV. 12—51, XXV. 
44—46, XXVI. 1—16; Marc. I. 1—4, 40—45, II. 19. 22—27, III. 
1—27, Vm. 30— IX. 18, XV. 22 — XVI. 20; Luc. I. 1—28, H. 21— 
m. 1, V. 11— VIL 38, XXL 36 — XXIL 17, XXHL 47— XXIV. 53; 
lo. I— V. 4, XL 8—28, XIIL 26 — XXI. 25. Vor dem Evangelium 
Marci steht an der Spitze des Capitel Verzeichnisses — nur dieses hat 
sich erhalten — eine Vignette bestehend aus drei in einen Rahmen ein- 
gefassten Kreisen: im ersten und zweiten Kreise sind geflügelte Drachen, 
im dritten ein Centaur mit dem Bogen hineingezeichnet. Die ganze 
Vignette veriäth schon in der Ornamentik den westlichen Einfluss. 

Zur Charakteristik des Textes unserer Handschrift führe ich aus 



174 M. Speranskij, 

derselben zu Matthäus Cap. XXVH und Marcus I. 5—39 (auf fol. 12*^— 
IG'' und fol. 19 — 20) Abweichungen vom Text des Nikoljsko Jevangj. 
(ed. Daniele), ebenso zum Capitelverzeichniss des Marcusevangel. an : 

Me. XXVII. 1. J>Tps 3Ke BÖLiBiiioy apLxtiepiH h CTapLii;« 

jiOAtenjH . . . sömoTB h; 2. h cBesaBLme h np^Aame noyHTBCKOMoy nn- 
jaToy; 3. npe^aBM .... ocoyAHuie ii . . . . aptxLiep^GMt ; 4. neno- 

BHHLHoyio . . . .; 5. H mL; 6. apBxtiep^H bb KopBBBHoy none 

H 2te; 7. cBTBopnme ckokhjibhhkobo bb nor[pe]pi6aHHe cxpaHii- 

komb; 8. KpBBe; 9. cböh ce pe^ieHoe nepeniBieMB; 10. h CKasa; 11. tbi 
ÄU . . . HiOAiHCKB; 12. apBXBiep^H . . . . H Hiraecoate; 13. nnjiaTB .... 

KOJHKO CH Ha TB CB^TeJIBCTBOyiOTB ; 14. TjIIO ^KG; 15. Be.THKH . . . 6i 

.... e^HHaro .... CBSsana .... xoTixoy; 16. HMime .... BapaBoy; 
17. cBÖpaHHMB .... nHJiaTB; 19. c^A'£n];oyMoy .... npaBCABHiiKcy 
.... ahbcb; 20. apxiiep^H .... Hapo;i;Bi; 21. nreMOHB; 22. nnjiaTB; 
23. TiBTB 6o; 24. nHjraxB .... oycnnBaeTB .... ÖHBaexB npniMB bo- 
;i;oy SMBIH .... npaBBAHaro; 25. na hbcb; 27. reMorai npH^MBme; 
28. cBBJiBKBme ii xjiaMHAoio i];pBBJieHOio ; 29. BiHBii,B . . . . h HarjiaBoy 
BBBJioatHme .... noK.iOHHmece .... poyralomeee; 30. njioyHoyBBme 
. . . . H ÖBixoy no rjraBi ero ; 31. x.ia3iHAoy n oöjiT&KBme ii . . . . na 
nponexH; 32. oöpixoyTB ^jBKa KHpuiHHna .... xoMoy (h abest) sa- 
Ä^me Aa noHecexB; 33. peKOMaro rojiBraxB . . . napimaeMa; 34. bb- 
KoymB HB xoximB; 35. nponBHBmB a^B h . . . . Mexame acpiÖBi; 
37. rjasBi ßro BBiHoy .... hioat&hckb; 38. eAHHaro .... BAHHaro; 
40. sBa pasapaBXB .... cBsn^a b . . . . c KpBcxa; 41. apBXBiep^ . . . . cb 
HHKBnHac:Bi];i (sie) .... rjrio; 42. ciisiexB^) Hmia; 43. snBBaH .... 
HHi; 44. xora 3:b h pasöoHHHKa nponBxa cb hhmb noHOCHCxa ency; 
45. üj mBCXBi . . . . H xBMa . . . . äo e-XB roAHHBi; 46. npii Aesexin yKe 
ro^HHi .... Be.iHeMB rjrc .... jiBMMa saBaxxaHn; 47. c^nmaBBrnB; 
48. H npii^MB .... ou;axB h BBHasB; 49. hhbi ate npn^MB .... hsh^b 
aÖHB; 51. KaxanBsnana .... pasp'ScB . . . . ao imsHaro; 52. üjBpBSome 
(sie); 53. H3B rpoÖB . . . . no bbckpbchh bfo sKn^oy s cxbi; 54. 6i- 
ixoy . . . . 6'£ cb; 55. öixoy me xoy atBHBi MHorn .... H;i;ixoy no 
HC^; 56. 6i MapHT& MarazHHBi — hoch naxH — 3aBBA'£oBoy; 57. öbi- 
uioy (sie) .... 6raxB .... hochhb; 58. kb mijiaxoy .... mi-iaxB; 
59. npH'fiMB njiaui;BHHi;eio; 60. bb hob^mb rpoön cbobjib nate 

ij IC aus u. 



Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sredkoviö's. 175 

HC^TieHL 6i (sie) .... BLSBajiH Be.iHH H OTHAe ; 6 1 . 6i ;Ke xoy 

Mar^a^raHLi .... e^Äeiii,H; 62. bl sxptHH ate . . . . no napacKJieBtAH 

apbXHepiH H 4>apHciH kb nHJiaToy; 63. ztcTai];b; 64. e^a KaKO ....<& 
MptTBHXfc .... nocji^AHai .... roptmii; 65. nHJtaTt. HMaxe Koycxo- 
Ä^H) .... sTBpLAHTe ; 66. et KoycTOA^eio. 

Mp. I. 5. s eptaHLcii,^ .... rpixLi; 6. 6hi 3Ke . . . . Bejitö.ioyac.H 
. . . . H iAW ero öi . . . . ahbh; 7. n^caMt ^ocToiKt .... peMena; 
8. ctliml; 9. w Hapasapxa (sie) . . . . bl opa^aHi; 10. BLcxo^en; 11. e 
HÖce .... 6.iaroH3BOJiHxt ; 12. aöae (h abest); 13. 6i xoy bl noycxuHLi 

AHH .M. H HOiHH .M. ; 14. BBaHA'jiHe; 15. H npHÖJiffiKH 60 ce noKanxe 

ce... BB BBaHA-iHe; 16. ciiMOHa nexpa h an^tp^i öpaxa xoMoy CHMOHoy; 
17, npHA'^Ta .... pHÖapa; 18. ocxaB.itme .... ii^ocxa; 19. h npiiuib 

Majo ü/xoyA^ ^'sp^ niKOBa saBSA^OBa . . . . Bt .laAti; 20. oexaBjiama 

saBGA'fei BL jiaÄH CL HaiMHHKH; 21. Bt coyöoxLi; 22. o s^ieHH ero 6i 
6o . . . . HMLi; 23. H 6i na cBHLMLiinHXb ; 24. npHniajrt .... cxti 63Ke; 
26. cxpece h ^xt hsmiicxbi; 27. noö.iacxH (sie); 28. H3H;i;e; 29. Huibint 
.... CHMOHa H an^pioBL cb h^koboml; 30. xbii],H2Ke; 31. ^ml k) sa 
poyKoy eie^); 32. öbiBbuioy; 33. h 6i Bacb rpa^b; 34. iicu^imi mhofh 
HCAoyrH .... pas-iHqHHMH .... iisbrna . . . .' öicHO. iKo BHAixoy; 
35. noöpiroy (sie) .... iishab hcb. H^e; 36. H2ie ö^axoy cb h^ml; 
38. H^eML ; 39. na ce 6o nsHAb h 65 nponoB^Aae na cbHLMHUi;HXb Hxb. 

Das Capitelverzeichniss (rjiaBH eBaHAüHi) enthält, abgesehen 
von einigen grammatischen Abweichungen, folgende Varianten: 

6. oezaö.ieH^MH aciLiaMH, s. o jieBbrH Mbixapn, h. o nsöpann 
anjroMb, ei. o iioiii Hpo^i, ei. o nsHHKHCHH, k. o rjib'Cbi h h^mli (Nik. o 
royrbHHBiMb), Ka. o BbnpomeHH ii,5cap (Nik. — «»apHCHCi^^Mb), Ji3 . . . . 
na B.iacx (Nik. Ha Jibcxb), ms. o Mexanii (Nik. o OAMexaHn). 

Wie die angeführten Abweichungen zeigen, weicht der Text nicht 
wesentlich von der üblichen Redaction der bosnischen Familie der 
Evangelientexte ab. Etwas mehr Individuelles, darum auch grösseres 
Interesse bieten die oben erwähnten Zusätze am Rande, in denen sich 
zum Theil auch das Verständniss der Schreiber und Leser des XV. — 
XVI. Jahrh. abspiegelt. Darum sollen diese Zusätze zu den entsprechen- 
den (aus Nikol. Evangelium geschöpften) Evangelientexten hier mitge- 
theilt werden : 

ij K aus II. 



176 



M. Speranskij, 



1) Mr. III, 29—30. nace BjracH- 
MHcaeTt Ha Aoyxa CBexaro, ne 
HMaTfc ujTtnoymTeiiHi bb Bi- 
KLI, IIb nOBHIiaMI) ecTfc siytHOMoy 
coy^oy. sane rjiarojiaxoy , §ko 

ÄOyXB He^HCTB HMaTb. 

2) Luc. VIII, 43 — h ce acena 

COymTH Bb TOyeHLI KpbBH 

WTB ABaK) Ha .1. xe jrixoy. 
i03Ke spätre ML HSAaBuiH Bce hm$- 
HHe CBoe, HH oxt eAHHoro ace ne 

3I0Xe HCHi.liXH. 



3) Luc. IX, 2 9 — 3 1 . H öticxb, er^a 
Moaamece, BHA^HHe jiHi^a ero irao, 
H OA^HHe ero 6i,jio ö^iHCxae ce. h ce 
Moyata Aßa c hhmb rjiarojiiouixa, 
ia:e ÖHcxa MoHcin (h) Hjcni, 
iBÄhuia, ceBL cjiaBi, rjiaro.iacxa 
ate HcxoAb ero, nate xoxiaiue 
CKOHiiaxH BL Epoyca.iHMH. 

4) Luc. X, 13. rope xe6i, Xo- 
pasHHe; ropi xeöi, BH^caHAo; 
iKO amxe Bb Ci^oni h Toypi 
6bime chjIh öhjih öbiBbiuee Bb Baio, 
apiBJie oyßo Bb Bpi&XHUiXH H ne- 
ne.!ii ci^eiuxe noKaiJH ce öh. 

5) Luc. X, 30 — 35. ^i.30BiKb 
exepb cbxoacAame ü)xb Epoyca- 
JiHMa Bb EpHxoy, h ßb pasöoii- 
iiHKbi Ebna^e, iiace cb(B).JbKbiue h, 
H i3Bbi BbSJtoatbiue oxH^oy ocxaB- 



BipbHO xb nponoB^^a ne he 6b 

npOCXHXH rpilUHHKOMb KOH Tjiaxs 

AXb HeiHCXH es nen (sie) a s Heiwa^e 
ÖHuie ÄXb oii;a HÖCHora (f. 22). 



acena KpbBoxoyHBa exb jishb 6^h 
eate xcb wihcxh üj rpixb HXb a Bpa- 
^leBe saKOHHi^H, a ab^ naAecexe Jii- 
XH :bi: xe anc.ib iace Bce ahh rpfee 
oöJiH^iaioxb , MKOJKe H xexb (sie) 
pe^e s eBaHAejH, aii];e ne xb npa- 
majib H raajib HMb rp'fexb ne 6h 
vmijm H anciH pe^ie h Aa a^e smho- 
acH ce rp'fexb npiH'b (sie) ÖHcxb 6ja- 
röxH (f. 68). 

CHb 6a:H noKasa cBOHMb s^chh- 

KOMb KaKOBS CJiaBS BHH8 HMBXb 8 

oii,a, a eate r.iauie mohch (h) hjeh^ sa- 
KOHHK) ce iBjiaio na saKOb ökh ao 

CKOHTiaHHfe B§KS (f. 71). 



xapasHHb H BHXbcaHAa rpaAa h 
M^cxfe HenoKopji(H)Ba xcs a xspb 
H CHAOHb noKopjHBa (f. 74). 



uiib ^iBKb ecxb njiiHHHUH, a 
epjicMb KHjiHme CBXHxb, epHxa 
MHpb, a i3BH rpfecH, a ep(e)H mohch, 

a JCBFHXb HBaHb BOAOIIOCbl^b, a 

caMapHiianiHb HCb, a ojiiii h bhho 



Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sredkovic's. 1 77 



.uLine ejii acHsa eoymTa. no npn- 
KjiiOTiaK) ^e Hepen eTept CLXoa:- 
;iame noyTeaifc t^ml ; h BH/tisL h, 
MHMOHAe. TaKoac;i;e ace h jieBiHTfc 
ötiBL Ha TOMLat^e Miexi, npHiuLAt 

H BHA^Bt H, MHMOH^e. CaMapHHt- 

HHHL aie exepb rpeAW npH^e na^t 

HL, H BHA^BL H, MHJOCpBÄOBa; H 

npHCToynjii. oöeaa cTpoynn ero, 
BfeSüiBae OJliH HBHHO; H BBcaacAt 

a:e H Ha ckotl, npHBe^e Bt ro- 
CTHHHi];oy. H npHjieati. eMt. h na 

K)Tpi>HLI HmtAI- H3I.MI> .B. H^Hesa 

;i;acTL rocTHHHKoy. 

6) Luc. XI, 5 7, KTO WTL BaCL 

HMaTL Apoyra, h H^ext Kt neMoy 
nojioyHomTH , h pe^ext eMoy: 
ÄpoyKe, Bb aa^MB ^aa^Ai» mh xpn 
XJliÖH . . . . HXb H3HoyxpLiOAoy 
TCXLBemxaBb pe^iexb : ne XBopn mh 
xpoy^a .... He Moroy BbcxaBb 
AaxH xe6i. 

7) Luc. Xm, 27. 28. wxbcxoy- 
n^xe uxb Mene bch A^-iaioinxe ne- 
npaBbAoy. xoy öcy^exb njiaMh h 
CKpbacbXb 3oyöoMb, er^a 5Ke oyspn- 
xe ÄBpaMa (h) HeaKa (h) Hi- 
KOBa H Bce npopoKLi Bb ii,apb- 

CXBi Ö03KHH, Bbl 5Ke HSrOHHMH 
BbHb. 

8) Luc. XV, 11—32. TijroB^Kb 
exepb wsihi cbiHa Aßa; h peye Manbi 
CHHb oxbi],öy . . . öbicxb aie clihl 
ero cxapiH na cejii . . . . h saKJia 

; oxbu;b XBOH xejreu;b oynnxi- 



HblH 



MHJTOcxb öatHi, a CKOxb aaKOHb, a 
rocxHHHn;a [a] i];pKBa, a rocxHHmcb 
nexapb, h Aßa nineaa Bipa H^HHa 

(f. 75). 



xpa xjii6H OD;b h cHHb h cbxh 
Axb, a Apsrb csnpbHHKb nace xo- 
mexb Aiuoy ero np']&;i;axH aH^JiOMb 
HenpH'fesHHHHMe (f. 76 v.). 



aSpaMb HCaKb HiKOBb H BCH 

AXOBHH npopuiH JSAHe 6atH CbXb, a 
CHOBe u;pcxBa üJcxsnbHHu;H eate 
sBCAe coxoHa s eKpoBm^a cKSAHJib- 

Hbi (f. 86). 



WHb ^jiBKb ecxb wi;b hcbhahmh, 

a CHb MbHH aHyvJH e^KB CXHHH 00- 

xoHa, a CHb cxapiH aHA-in mKe 

H 

BHH8 oii;s cjisa^e, a xe.ibu; süHxiHH 
^b (f. 89 V.). 



1) Das Gleichniss vom verlorenen Sohn, hier sind nur einige Stellen her- 
vorgehoben. 



Archiv für slavische Philologie. XXIV. 



12 



178 



M. Speranskij, 



9) Luc.XVI, 1—111). yjiOBiKt 
exept ßticTt öoraxb, iiace HMiame 
oyKOHOMa . . . . H npasBaBB e^n- 
iioro KoroacAO A-üta^tHnKa rocno- 
ÄHHa CBoero, rjiaroJiame .... 

10) Luc. XVI, 19—312). XJ.50- 
B^KL exept 6i öoraxi. . . . . 
HHuiTB Ke exept ßticxb HMeneMt 
Jaaapt . . . öticxt jkc oyMpixH 
HHinxeMoy h neceHoy ölixh aHAe.iH 
Ha jiOHO aspaimie 

1 1) Jo. Vj 2. ecxL yKe bl Epoy- 
cajoraiLixfc iia obl^h KoynnjiH, 
e»:e HapimaeTLce espencKLi bh- 
xes^ia, .e. npnxBopt HMoyinxn. 

12) Jo. VI, 11. npHexB ate xjii- 
ÖLi IleoycL, H xBajioy BLS^aBB, 
AacTL BL3Jiea:einxi>iMt .... 

13) — 13. cLÖpauie ate h hc- 
njiLHLiine .Bi.-xe KointHLmti oy- 
KpoyxL xüXb .e. x.i§6l e^iMeHbixt. 

14) Jo. IX, 6. CH peKL, njiiOHoy 
na seMjiH), h cxBopn öptHHe uxl 
njnoHOBeiiH^. 



HHb ^MBKL KPieSB B^Ka, a iKOHOÖb 

cxap'i&inHHa ijpKBe ero, a A-^t^HHKt 
3aK0iiHri,H iiate no Bce ahh rpixe 
ansmaio qjiLKOMb h xaKO rsöe jmie 
Tj-iBKe (f. 91 V.). 

öoraxH TiJiBKt CHOBe B§Ka H^ia^e 
ecxL npocxpanoe acHxne xo e h rnb 
B^Ka, a söorn JEasapt .tsah öskh, 

aBpaML oxu;b h6chh a Kpn- 

ÄO 3) (f. 92). 

^BbTia (sie) KBHHJib ce paSSMiXH 
MHpb cb, HÄ^ate ce Ksnse ^ma na 
n.ibTi (f. 112). 

4j eBHAJTHCTH H B^pa 

H^HHa (f. 115 V.). 

ABa HaAecexe ancjib, a e^bMenb 
b'KopeHHe i!; esHKb (f. 115 v.)^). 

ÖpbHHe ÄIHJIGCTL ÖKIH H(c)KsnHJIb 

MHpb ea HAi^e noxpiöa kxb omh- 

CXHXHCe TIJTBKS (f. 126 V.). 

HaBaAtHHKb (f. 1 1 8). 



nacKa MOHCHeBa (f. 118). 



15) Jo.VI, 70. H wxb Bacb eAHHb 

AH^BOJIb KCXb. 

16) Jo. VII, 2. öbiexb ate öjrasb 
np as AbHHKb iiK) AencKLi c k h h o - 

*HaH§. 

Bei näherer Betrachtung dieser Zusätze entdeckt man in ihnen den 
Wiederhall der commentirten Evangelien, unzweifelhaft rtihren sie auch 



') Das Gleichniss vom Oekonomen, auch nur das Weseutliche mitgetheilt. 

2) Vom Reichen und dem armen Lazarus. 

3) Abgewetzt, unleserlich. 

*) Ausgewetzt, augenscheinlich: .e. xäMu cstb .». 

^) Auf demselben Blatte unten ein Zusatz : Hapoas M.ai,Ba rHißb s esuufixB. 



Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sredkoviö's. 179 

davon her: das ist also keine Originalarbeit des Schreibers dieser Margi- 
nalglossen. Die allegorische Deutung des Textes, die Anknüpfung bibli- 
scher, evangelischer oder moralischer Regeln an einzelne Worte — alles 
das kehrt in der entsprechenden byzantinischen, mittelalterlichen west- 
ländischen und auch in der kirchenslavischen Literatur, der kanonischen 
und apokryphen oder volksthümlichen, wieder. Man erinnere sich der 
scholastisch commentirten Evangelien bei Theophylactus v. Bulgarien 
(Migne Patrol. graec. CXXIII), in den Spuria des Johannes Chrysosto- 
mus (ib. vol.LXI), in den Antworten des Athanasius auf die Fragen des 
Antiochus (ib. vol. XXVIII) u. a. Andererseits genügt es, auf die um- 
fangreiche westliche und orientalische Literatur der 'EQcuTaTto^Qiastg 
hinzuweisen (vergl.bei Moculskij, C.Hj&ah Hapo^Hon ÖHÖJiin, Odessa 1893). 
Namentlich in der letzteren Literatur dürften vorzüglich die Quellen für 
unsere Zusätze stecken. Der Schreiber derselben mag mit den aus Frage 
und Antwort bestehenden Denkmälern besonders vertraut gewesen sein, 
wahrscheinlich schon in der kirchenslavischen Uebersetzung. Auf eine 
bestimmte Redaction kann man in Ermangelung der genauen Ueberein- 
stimmung des Textes nicht hinweisen, die Berührungspunkte beziehen 
sich auf verschiedene Denkmäler der besagten Art. Wahrscheinlich 
schöpfte der Schreiber Einzelheiten aus dem Gedächtniss. Dass die 
Südslavische, namentlich serbische Literatur an derartigen Producten 
sehr reich war, das weiss man aus Moculskij und Polivka, Starine, s. u. 
Besondere Aufmerksamkeit unter derartigen Denkmälern verdient 
das Werk «TjitKOBaHHe eyjiLCKO h cKasanie« (ein bulgarischer Cod. der 
kais. öflfeutl. Bibliothek F. L 376, aus dem Jahre 1348, fol. 210ö, mit 
dem Namen des Commentars des Chrysostomus in dem Berliner Cod. 
XIII saec. fol. 76 (Starine V), mit der Ueberschrift »T^bKOBame Bexxaro 
H HOBaro saB^xa« in der Handschrift Safafik's (IX. H. 16) fol. 287 b, 
Starine XXI. 212), wo mehreren evangelischen Gleichnissen (12 bis 18) 
Erklärungen beigegeben sind. Aus einer solchen Erklärung des Gleich- 
nisses schöpfte der unbekannte Glossator dieses Evangeliums das bei 
ihm unter Nr. 5 Angeführte. In einem späten serb. Texte (Starine XXI. 
12) lautet die betreffende Erklärung so: ^ixo Kcxt ^jiob'Skb? A^amt. 
^xo Iepsca.aHMi.? Pan. ^xo lepHXOHb ? MnpB. ^xo M3Ba? rpicH. 
i ^xo pasöoHHimH? ^iaBOjTH. Kxo iepen? Mohcih. Kxo .leBiH? IwaHB 
! (Berlin. Cod. cxjib). Kxo CaMapaHHHb? XpHcxoct. ^xo Jiacjio h bhho? 
j Tijio 11 KptBB XpHCxoBa. Kxo rocxHHHHKL ? naBa.ib. ^xo rocxHHHi];a ? 

IljpKBa. ^xo neHesH? BexxiH h hobuh saBixb. Der Zusammenhang 

12* 



180 M. Speranskij, 

zwischen diesem Text und dem oben angeführten Marginalzusatz 
unter Nr. 5 ist unverkennbar. Da der Glossator, wie es scheint, aus 
dem Gedächtnisse schrieb, so sind einige Abweichungen leicht er- 
klärlich, z. B. statt A^anib steht bei uns njii&HHHi];H, statt pan — 3KHJiHiu,e 
CBTMXh; statt xijio ii KpLBL XpncTOBa — mhjioctl öiKHi, statt Bexxiä 
H HOBLiH saB'JxB — B§pa KAHHa. Was die Variante üaBa-iB — IleTapfc 
anbelangt, so kann diese auf den besser unterrichteten Schreiber zurück- 
geführt werden, oder auf einer richtigeren Lesart seines Textes be- 
ruhen. Denn mit der Antwort i],pLKBi> auf rocTHHHi];a kann man 
den Evangelientext vergleichen : iKo tli eeii IleTpt h na ceMb nexpi 
(vi. KaMenn) etstia^Ay ii,pbKBL mok) u. s. w. (Matth. XVI. 18). — 
Mit Nr. 8 (Gleichniss vom verlorenen Sohne) kann die gleichartige 
Interpretation in dem »Streit zwischen Panagiotes und Azymites« zu- 
sammengestellt werden, wo ebenfalls einige evangelische Gleichnisse 
erklärt werden. In dem »Streit« lesen wir folgende Erklärung: ^ÄKb 
H^KLiii 6i AOMOBHTL H iiMaaiue ABa CHa. IlanariwTb peiie- kto e ÖJii,fc, 
KTO All CTapinmiH chb, kto jih iohlih chb ; Ashmhtb pe^ie • ^nit e 6x, 
cxapiH CHt npaBeHHi];H, lOHtiH ys.e rp'femnimH, npaBenmiH ate paöoxaA- 
msH öoy (nach dem bulg. Text der wallach. Provenienz, des XV. — 
XVL Jahrh. im Rumjanc. Museum Nr. 1735, fol. 23—24). Die Erklä- 
rungen unseres Glossators beruhen auf denselben Ansichten betreffs des 
Sinnes des Evangeliums, wie in dem »Streit«. 

Eine dritte gleichartige Quelle — das Gespräch der drei Heiligen — 
gibt einiges zur Erklärung unter Nr. 13, namentlich betreffs der 12 Körbe 
lasen wir in dem besagten Denkmal: ^xo recxt -e- seMJit, a jiBi xtMi 
Mop^ci],^. üj. nexi 3eM.ib -e- xji'feöi. reace öjicbh ob, a reate ß,Bi xm^ 
Mop^ci^in B- pHÖi, a leate -e- xticoyn],t Hactin],Lumxbce mssch pasBi 
2K:eHt H a'Sth, a kjkb -bi- Koma HS^ÖHs'mHXB oyKpoyxL (Codex Dragol's 
bei Moeulskij p. 109). Der im Slavischen verdorbene Text entspricht 
folgendem griechischem Text : ^E^iorrjOig. e tqg yr^g. ß' Tfjg d-aMoor^g. 
iß' aTVoazölcüv. ^TtöxQioig' ro e ol 7tsvTE aQToi, ß' at ovo i%d-veg. 
to ^e OL avÖQsg. ol de öiüöe'/.a ■x.öcpivoi- 7tEqiooo)n&viov Klaauäriop 
(Cod. Vindob. 244 f. 49). 

Für die übrigen Glossen fehlt es an fertigen Vorbildern, doch auch 
ihr Ursprung muss auf gleiche Quelle der volksthümlich-apokryphen Fra- 
gen und Antworten zurückgehen. Einige Erklärung in diesem Bereich 
bietet die Zahlensymbolik, die sowohl in dem Gespräch der drei Heiligen 



Ein bosnisches Evangelium in der Handschriftensammlung Sreckovic's. 181 

als auch in den Evangelienerklärungen eine hervorragende Rolle spielt 
(vergl. z. B. zu Nr. 13 Starine XXL 201. 205. 213, oder Joca Mona- 
chorum [bei Moculskij 17] u. a.). Im Bereich dieser symbolischen Be- 
deutung der Ziffern sind auch unsere Glossen entstanden : AB^HaAecexe 
jI'^th: -bi- xe ancjib (Nr. 2), xpii x.iiÖH: oi^b ii CHUb h cbxh ;i;xb 
(Nr. 6), -e- XÄi6hi Cbxt -a- eBHljüiicxii h B§pa H^HHa (Nr. 12). Wenn 
für diese Erklärungen in den uns bekannten »Fragen und Antworten« 
keine Bestätigung vorliegt, so kann man mit Zuversicht sagen, dass sie 
dem Schreiber der Glossen durch die besagte weit verbreitete Zahlen- 
symbolik suggerirt waren : bekannt sind die mittelalterlichen westeuro- 
päischen, gewiss jedoch nicht ausschliesslich westlichen Verse : die mihi 
quid unus etc. (vergl. Galachov, HcTopiK pyccK. jihx. 2 278); bekannt 
ist auch die Abspiegelung derselben Zahlensymbolik in dem sogenannten 
»Evangelistenlied«, einem uns in später Form zugänglichen Denkmal, 
dessen erster Ursprung gewiss in hohes Alterthum zurückreicht (vergl. 
ibid. 278 — 279). In diesem Lied erinnert einiges an unsere Glossen: 

IIoBiAaH HaMi): ^xo ecxt xpa? 

TpH Jim^h — TpoHi];ä (Bezsonov, Kaji^KH nepex. Nr. 93) 
oder: ÜOBiflafixe, ^ixo ecxb ^ea iiaÄecHXL? 

JI^BaHaAecHXb bi. ro^y Micflu;eB^, 

Eahhi- Ha ÄecKTL anocxojioB% (ibid. Nr. 94, 95, mit der 
Variante: ABiHaAU,axb rocnoAHHX'L anocxojiOB^). 

Auch bei den Südslaven ist dieses Lied bekannt (Bezs. ib. Nr. 97). 
Endlich ohne besondere Quelle erklärt sich der Zusatz Nr. 1, der 
nur eine Periphrase des entsprechenden Evangelientextes mit den zuge- 
fügten Worten »BipLHO xe nponoBi^a« enthält, ohne jedwede Symboli- 
rung oder Erklärung; Nr. 4 ist ein einfacher Einfall des Schreibers, der 
die Gegenüberstellung bemerkte und die zwei unteren Namen als der 
Reue zugänglich hinstellte; Nr. 10 könnte theilweise aus einer Stelle 
desselben Capitels abgeleitet werden, wo es heisst : clihobb B^Ka cero 
MoyAp^HinLi na^ie ctiHOBt cBixa bt> poA'£ CBoeMt eoyxb (XVI. 8), der 
andere Theil als Antithese dazu ergab sich von selbst, unter jK^iie 
öoatHH konnte er dasselbe, was cwhli cnixa verstehen ; Nr. 1 1 entstand, 
das kann man mit Sicherheit sagen, unter dem Einfluss einer Art philo- 
logischer (scholastischer) Tendenz wBia KsniMt — iiA^ate ce Kjsnse ; 
Nr. 1 5 u. 16 sind kaum der Erklärung bedürftig, als einfache Versinn- 
lichung der Worte des Textes ; Nr. 3 kann ebenfalls der Autorschaft des 



1 82 M. Speranskij, Ein bosnisches Evangelium etc. 

Schreibers dieser Zusätze zugemuthet werden. Bleiben noch Nr. 7. 9. 14, 
für die ich in den mir zugänglichen Erklärungshilfsmitteln nichts ent- 
sprechendes fand. 

Wenn man mit Weglassung der zweifelhaften Fälle bloss auf die- 
jenigen Rücksicht nimmt, wo es möglich war, die Quelle mit einiger 
Sicherheit anzugeben, so tiberzeugt man sich leicht, dass in diesen Zu- 
sätzen, die eine Evangelienerklärung ihrer Art bezweckten, die Be- 
kanntschaft des bosnischen Schreibers mit der weit verzweigten Literatur 
der »Fragen und Antworten« sich wiederspiegelt. Ein Leser des Evan- 
geliums verwerthete seine Bekanntschaft mit jenen Fragen und Ant- 
worten zur Erklärung des Evangelientextes ganz im Sinne und in der 
Richtung jener »Fragen und Antworten«. 

M. Speranskij. 



Polonica.' 



Das Jahr 1900 wird in den Annalen der polnischen Litteratur- 
geschichte stets unvergessen bleiben: zur 500-jährigen Jubelfeier der 
Krakauer Universität sind nämlich so viel wissenschaftliche Sammlungen 
und Arbeiten beigesteuert worden, dass eine ganz wesentliche Bereiche- 
rung und Vertiefung der Forschung (im weitesten Sinne des Wortes, 
auch Gelehrten- und Kulturgeschichte umfassend) ohneweiters konstatirt 
werden kann. 

Der Stoff ist nun so reichlich zugeflossen, dass wir einigermassen 
in Verlegenheit gerathen, wie wir ihn am besten gruppiren sollen, doch 
empfiehlt es sich, von den allgemeinen Darstellungen auszugehen. 

So brachte uns das Jahr 1900 auf einmal zwei grössere Litteratnr- 
geschichten, die eine von dem langjährigen Redakteur des Warschauer 
Athenäums und bekannten Kritiker Piotr Chmielowski, die andere 
von dem Krakauer Professor und Aesthetiker, Graf Stanislaw Tar- 
nowski, die erste in 6 Bändchen (mit Illustrationen), die andere in 5 
stattlichen Octav-Bänden, weitüber 2000 Seiten; beide reichen bis 1850. 



*) Vgl. Archiv XXII, S. 22—68. 



Polonica. 1 g3 

Für eine lange Zeit der Dürre (Spasowicz hatte als der letzte 
für Pypin's Werk eine selbständige Geschichte der poln. poetischen 
Litteratur bearbeitet) werden wir nun durch zwei einander förmlich er- 
gänzende Darstellungen entschädigt. Die Arbeit von Chmielowski, 
Historya literatury polskiej, ist systematischer, korrekter, objektiver — 
aber kürzer, trockener, unpersönlicher, unbelebter; sie beginnt zwar 
mit den allerersten Anfängen, fertigt aber die ganze Zeit bis 1800 in 
zwei Bändchen ab und verwendet ebensoviel Raum auf die Jahre 1830 
bis 1850 allein! ; die Ausführung ist daher eine ungleichmässige; auch 
merkt man ohneweiters, dass der Verfasser nur für die Zeit von 1750 
ab das Material völlig beherrscht, für die frühere jedoch ganz von 
seinen Vorgängern abhängig ist; das biographische Detail drängt sich 
zu sehr in den Vordergrund ; dadurch fällt auch die Darstellung aus- 
einander, wird lose. Bevorzugt wird sonst der ideelle Gehalt, die Form 
der Werke wird darüber vernachlässigt; es handelt sich nicht nur um 
schöne Litteratur ; der Zusammenhang mit Zeit und Umgebung ist stets 
hervorgehoben; für die Zeit von 1800 ab ist das Werk zu einer schier 
unerschöpflichen Fundgrube geworden; eine ganz unglaubliche Masse 
von Detail ist hier aufgenommen und verarbeitet worden; liebevolles 
Eingehen ins einzelnste und kleinste charakterisirt diesen Haupttheil 
des ganzen Werkes. 

Das Buch von Tarnowski ^), aus seinen Vorlesungen hervorgegangen, 
ist dagegen eine glänzend geschriebene Darstellung nur der Werke 
selbst, älterer und neuerer Zeit, vorherrschend der schönen Litteratur 
allein. Es beginnt erst — und mit Recht — bei Rey und Kochauowski, 
behandelt im L Bande das XVL, im IL dasXVIL, imllL dasXVIII. Jahrb., 
im IV. die Jahre 1800—1830, im V. 1830—1850. Trotzdem es auf 
Bio- und Bibliographisches — wiederum mit Recht — verzichtet und 
das ästhetische ürtheil in den Vordergrund stellt, liest es sich stellen- 
weis wie ein fesselnder Roman, stellenweise wie eine politische oder 
moralische Streitschrift ; wir bekommen statt Biographien und Recen- 
sionen Totalbilder von Menschen und Zeiten ; es rechnet zudem, wie 
Chmielowski es muss, nicht mit der Willkür der Censnr und kann da- 
her die ganze Wahrheit unverhüllt sagen. Es ist zwar nicht frei von 
tendenziöser Färbung, von üeberschätzung des einen (z. B. Krasiiiski), 



») Historya literatury polskiej I, XVII, 396; II, 444; III, 553; IV, 429 ; 
V, 505 Ss. 80. Krakau 1900. 



1S4 A. Brückner, 

Herabdrtickimg anderer (z. B. SJowacki, Kraszewski, Korzeniowski) ; 
es ist nicht ganz gleichmässig ausgearbeitet, zieht z. B. Cricius und 
Janicius herein, aber tibergeht Sarbievius; es behandelt allzubreit die 
politische Litteratur (bis 1800); es hat mehrfache Lücken und nament- 
lich berücksichtigt es nur zufällig Ergebnisse neuerer Forschungen für 
die ältere Zeit, ist hier somit stellenweise antiquirt — aber trotz aller 
Sprünge und Ungleichmässigkeiten und Irrthümer ist es ein fesselnd 
und spannend geschriebenes Buch, dessen Lektüre ästhetischen Genuss 
gewährt — und von welcher anderen slavischen Litteraturgeschichte 
könnte man dasselbe behaupten? — ich wenigstens kenne keine, die 
einen Vergleich auch nur annähernd bestehen könnte; es handelt von 
Kunst und ist — trotz seiner gefährlichen Länge — selbst ein Kunst- 
werk geworden. 

Wir gehen nun zu den Einzeldarstellungen tiber und stellen an die 
Spitze derselben Prof. Kazimierz Morawski, Historya uniwersytetu 
Jagielonskiego. Srednie wieki i odrodzenie z wstepem o uniwersytecie 
Kazimierza Wielkiego (I, XVIII und 467; II, XV und 472 Ss. S». Kra- 
kau 1900). Der spröde und undankbare Stoff wird durch die Kunst der 
Behandlung und Wärme der Darstellung tiber das gewöhnliche Niveau 
von Universitätsgeschichten emporgehoben; er wird durch das Einbe- 
ziehen von Gregor von Sanok, Callimach (Callimach's klassische Bio- 
graphie des Gregor gab gleichzeitig Prof. A. S. Miodonski in sorglich 
revidirtem Texte heraus 2)) u. a. zu einer altpolnischen Gelehrtenge- 
schichte tiberhaupt. Der Verf. hat sich in seinen Stoff liebevoll hinein- 
gearbeitet, seiner Aufmerksamkeit ist nur weniges entgangen ; wir ver- 
danken ihm ein lebensvolles und wahrhaftes Bild der alten Universität, 
ihrer Lehrer und ihres Lehrganges hauptsächlich, weniger des Treibens 
ihrer Scholaren, in der Bltithezeit ihres Bestehens, bis vor dem Anbruch 
der Reformation, da die Polen noch mit dem Auslande gleichen Schritt 
hielten. 



1) Philippi Buonacorsi Callimacbi vita et mores Gregorii Sanocei archi- 
episcopi leopoliensis reconsuit etc., XXXVI Bll., in prächtigster Ausstattung; 
doch ist eine wichtif^e Stelle im Texte, Gregor's Ansichten über die Polen 
(Slaven), dass sie nicht die alten Vandalen, sondern die Veneter gewesen 
wären, verdorben geblieben; sie muss heissen: (Kadlubek) nos eam (Vanda- 
licam) vult esse gentem, quasi aut Vandalorum natio nou indigena {aiit non 
ist zu streichen) ex antiquissimis et primis Germaniae cultoribus fuerit aut 
illic, ubi nos sudjus, eam (ist hinzuzufügen) aliquando habitasse constet inter 
scriptores, 



Polonica. 185 

Aus dieser alten Zeit ragen nun wieder besonders einzelne mäch- 
tige Gestalten hervor, die aus der unverdienten Vergessenheit hervor- 
zuziehen und ins rechte Licht zu stellen Arbeit der Einzelforschung 
blieb — ein Matthaeus von Krakau, Jacobus de Paradiso, Paulus de 
Brudzewo und — Kopernikus . . Der Prager und Heidelberger Professor 
und Bischof von Worms, Matthaeus Stadtschreiber aus Krakau, half die 
Universität seiner Vaterstadt, Krakaus, neu erigiren und unterhielt bis 
an sein Lebensende Beziehungen zu Krakau — daher verfasste ich ein 
kurzes Lebensbild des berühmten Mannes, des Prager und Heidelberger 
Theologen, den man hartnäckig zu einem Reichsdeutschen hatte machen 
wollen, und besprach seine litterarische Thätigkeit, wobei ich die Autor- 
schaft einer verbreiteten ars moriendi, die unter seinem Namen geht, 
bestritt. Dem Jacobus de Paradiso widmete Prof. Jan Fialek ein 
zweibändiges Werk : Mistrz Jaköb z Paradyza i uniwersytet krakowski 
w okresie soboru bazylejskiego (I, 448; H, 423 Ss. Krakau 1900). 
Matthaeus von Krakau und Jacobus de Paradiso (Cisterzienserkloster in 
Grosspolen) sind mit die bekanntesten »Reformatoren vor der Refor- 
mation« (was übrigens nicht ganz richtig ist, da sie ihren strengkatholi- 
schen Standpunkt, die unbedingte Unterwerfung unter die Autorität der 
Kirche stets gewahrt haben); die Schriften des polnischen Cistersen, 
Krakauer Theologieprofessors und schliesslichen Erfurter Karthäusers 
gehörten zu den gelegensten des XV. Jahrb., behandelten Reform der 
Kirche — speziell der Mönchszucht, moralische Fragen und dgl. ; ihre 
eingehende Besprechung bildet den Haupttheil des Werkes von Fiaiek. 
Der Verfasser bezeichnet den Jacobus de Paradiso oder de Polonia als 
einen Deutschen von Geburt und bestreitet die landläufige Angabe de 
Jüterbock, die auf Verwechselung beruhe. Jacobus ist als Deutschpole, 
wie Matthaeus zu bezeichnen, nur in noch engerem Sinne, da er seine 
Bildung der Krakauer Universität allein verdankt und die Hauptzierde 
ihrer theologischen Fakultät ausmacht. 

Demselben unermüdlichen Verfasser und seinem ehernen Fleisse 
verdanken wir eine andere, grundlegende Gelehrtengeschiehte : Polonia 
apud Italos scholastica ssecul. XV. Fascicnlus I: Poloni apud Italos 
litteris studentes et laurea donati inde a Paulo Wladimiri usque ad lo- 
hannem Lasocki, collecti et illustrati a lohaune Fijaiek, Cracov. 1900, 
Ij 120 Ss. 40maxim. Dieser erste Theil umfasst 35 Biographien polnischer 
I meist decretorum doctores aus Padua und Bologna, aus Urkunden und 
! Consistorialakten geschöpft: der den polnischen Standpunkt vor dem 



1 86 A. Brückner, 

Konstanzer Konzil gegen die Ordensbrüder so erfolgreich vertheidigende 
Paulus Wlodkowic und die ersten Humanisten, wie Johannes de Lu- 
dzisko, treten dabei in den Vordergrund. Andere kürzere Beiträge, die 
aus derselben rastlosen Feder geflossen sind, müssen wir hier übergehen. 
Zur Geschichte des mathematischen und astronomischen Unterrichts- 
betriebes, der die Krakauer Hochschule namentlich am Ausgange des 
XV. Jahrh. berühmt gemacht hatte, sammelt und forscht seit Jahren 
Dr. L. Birkenmayer; seine Arbeit über Marcin Bylica haben wir 
seinerzeit genannt und tragen hier nach den Abdruck, Uebersetzung 
und Erläuterung einer alten Messkunde, Marcina Kröla z Przemysla 
Geometrya praktyczna, Warschau 1895, IX, 82 Ss., einer Schrift von 
ca. 1450 (nach 2 Krakauer Handschrr.), Derselbe gab jetzt heraus: 
Commentariolum super theorias novas planetarum Georgii Purbachii in 
studio generali cracoviensi per magr. Albertum de Brudzewo diligenter 
corrogatum a. d. 1482, LVI, 169 Ss. gr.-80, Cracov. 1900: Neudruck, 
berichtigter, einer fehlerhaften Ausgabe von 1495 auf Grund von Hand- 
schriften. Eine eingehende Einleitung konstatirt u. a., wie spätere 
Astronomen, z. B. der Italiener Giuntini, ganze Kapitel aus dem Bru- 
dzewczyk entlehnt haben, wörtlich, wie die Entdeckung des Witten- 
berger Astronomen E. Reinhold (1542) über die Gestalt der Mondbahn 
schon Brudzewczyk 1482 gemacht hatte u. dgl. m. Derselbe Gelehrte 
gibt nun die Biographie von Kopernikus heraus: Mikoiaj Kopernik. 
Czesc pierwsza. Studya nad pracami Kopernika oraz materyaly bio- 
graficzne opracowat i zebraJ Lud. Ant. Birkenmajer, Krakau 1900, 
XIII und 711 Ss. gr.-40. Der zweite Theil wird die eigentliche Biogra- 
phie bringen, dieser erste schafft vorläufig die Bausteine herbei, erörtert 
eine Menge von Nebenfragen, über Hilfsmittel, Studien u. s. w. des 
grossen Thorners. Denn den Verfasser beschäftigt vor allem die von 
den bisherigen Biographen vernachlässigte Frage, die Hauptfrage zu- 
gleich: wie ist Kopernikus zu seiner heliocentrischen Theorie gekommen? 
Zu diesem Zwecke geht er allen Büchern nach, die Kopernikus besessen, 
allen Eiuzeichnungen , die er gemacht hat — bis in die entlegensten 
schwedischen und englischen Bibliotheken; er schildert jeden Gelehrten, 
dessen Pfade die des Ermländer Kanonikus gekreuzt haben. So schafft 
er die umfassendste Grundlage für die folgende Biographie und sammelt 
683 — 688 die (78) neuen Fakta oder Beobachtungen seiner Studien; 
hiebei wird auch die Bedeutung des Krakauer Unterrichtes erst ins 
rechte Licht gerückt. 



Polonica. 187 

Für uns Linguisten ist besonders wichtig das Ergebniss langjähri- 
ger Mühen des Krakauer Botanikers, Prof. Jözef Rostafinski: Sym- 
bola ad historiam naturalem medii aevi — Sredniowieczna historya 
naturaina w Polsce, czesc pierwsza, XXI und 605 Ss. ; Collectanea 
scientiam naturalem medii aevi in Polonia illustrantia — Materyaly 
zrödiowe do slownictwa przyrodniczego srednich wieköw w Polsce, 
352 Ss. S'*. Der Verfasser sammelte seit Decennien und bestimmte alle 
mittelalterlichen Pflanzennamen, lateinische (über 18000) und polnische 
(11286) — denn mit dem blossen Abschreiben von Glossen, worauf wir 
Philologen uns beschränken, war noch wenig gewonnen; es handelte 
sich darum, die Pflanzen selbst zu erkennen, die gemeint waren, und 
dies war eine ausserordentlich schwierige und verwickelte Aufgabe, da 
die mittelalterlichen Gelehrten oft die antiken, südeuropäischen Namen 
auf die Pflanzenwelt ihrer nördlichen Umgebung ohneweiters übertrugen 
und auch sonst vielfach schwankten. Den Hauptstoff lieferte das Werk 
des Krakauer Kanonikus und königlichen Arztes (seit 1470) Jan 
Stanko, eine Handschrift der Krakauer Kapitelsbibliothek von 540 
Folioseiten, in welcher alle lateinischen Synonyma von Pflanzennamen 
gesammelt und mit deutscher und polnischer Uebersetzung versehen 
sind, doch verlieren sich deutsche Glossen auf den letzten 100 Seiten 
der Hdschr. Stanko erweist sich dabei als ein hochbedeutender Bota- 
niker, dem zwischen Albertus Magnus und Gesner ein Ehrenplatz an- 
zuweisen ist; er ist ein sorglicher Beobachter gewesen, er unterscheidet 
z.B. 433 einheimische Pflanzen, während die polnischen Herbarien des 
XVI. Jahrh. ihrer nur 259 auseinanderhalten; in dem Sammeln der 
latein. Synonyma war er ebenso beharrlich, verzeichnet er doch z. B. 
unter bryonia allein über 250 solcher! Die Arbeit war nur von einem 
Fachmanne zu vollbringen: wir Philologen standen ja vor diesen Glossen 
rath- und machtlos da, weil wir nicht wussten, welche Glossen richtig, 
welche falsch gesetzt waren, um was für Pflanzen es sich dabei handelte, 
wie daher die Benennung zu erklären ist. Dies alles erörtert Rostafinski 
aufs eingehendste und darum ist sein Werk für die gesammte slavische 
alte Terminologie in der Botanik eine lösende That. Der erste Band 
desselben untersucht systematisch die Namen, der zweite gibt das hand- 
schriftliche (und gedruckte) Material selbst. Ich kann hier nicht einzelne 
gelungene Etymologien aufführen {z.^. kalina die rothglühende u. dgl.) 
und verweise nur darauf, dass die ganze mythologisch-schwärmerische 
Betrachtungsweise unserer Pflanzennamen den Todesstoss erhalten hat : 



1 88 A. Brückner, 

was wir als urslavische vozzrenija na prirodu verehrt haben, ist einfach 
Plinius, Dioscorides u. s. w. gewesen Nicht alle Erklärungen des Verf. 
sind tadellos, aber das meiste ist richtig, und der Philologe athmet er- 
leichtert auf; wir werden wohl noch öfters Gelegenheit haben, auf 
Einzelnheiten zurückzukommen, doch sei hier wenigstens ein und das 
andere genannt, zum Beweise, was alles Rostafinski neues bringt. 

So glaubten wir alle, dass gewisse Monate von den Slaven benannt 
wurden, »in denen gewisse Insekten (ohne Distinction crtvt genannt, 
genauer eine Art farbestoffhaltiger Schildläuse) gesammelt wurden, um 
als Färbemittel verwendet zu werden«! Gr. Krek, Einleitung 1887, 
S. 516, ebenso Miklosich u. s. w. Aber Rostafinski (S. 375) wendet 
richtig ein, dass dieses Insekt weder im Juni noch im Juli zu diesem 
Zwecke gesammelt wurde, er hebt hervor, welche ausserordentliche Be- 
deutung die Bienenzucht für das altslavische Leben gehabt hat, daher 
benannte man auch die Jahreszeit »w ktörej czyrio pszczöl powstawai, 
czeriocem^i. So wird der Grund einer jeden Benennung enthüllt; nur 
manchmal stockt der Verf., wo ihn linguistische Mittel im Stiche lassen. 
So heisst alisma plantago lyzczyca wegen der Aehnlichkeit ihrer Blätter 
mit Löffeln, aber auch korzekioica dass., nur wusste der Verf. nicht, 
dass poln. korzkiew gen. korzekvde (dieselbe Flexion wie cyrkiew gen. 
cyrekwie und wie JiatH jio5KK)) ebenfalls Löffel bedeutet und daher 
korzekiüica = iyiczyca sein müssen, er rieth bei einem gorhk^ u. dgl., 
aber korzkiew ist uralt, wir fanden es ja in einer preussischen Entleh- 
nung. In vielen Fällen genügt der blosse Augenschein zum Nachweis, 
dass der schöne (»mythologische«) Pflanzenname einfach aus dem Latei- 
nischen übersetzt ist. Der Verf. operirt auch vielfach mit Entlehnungen 
aus dem Deutschen und geht hierin manchmal entschieden zu weit, dass 
z. B. szrqtka aus szragi (Schrägen) stammen sollte (S. 101), kann ich 
nicht glauben; ebensowenig möchte ich zugeben, dass c/iaher Korn- 
blume durch böhm. charha chrpa aus dem Deutschen entlehnt sein soll, 
poln. charpec (CoUectiv) für Unkraut, Strauchwerk wäre hier mit zu 
berücksichtigen. In anderen Fällen ist die Erklärung zu leicht gefasst, 
Haz dürfte doch nicht mit sluz identisch sein (234); bieloti nicht mit 
hiel von der Fettigkeit benannt sein, sondern dasselbe wie szalej be- 
deuten (poln. polnogtasije, aus bleni.) 294; smardz hängt doch viel- 
leicht nicht mit stnark- zusammen u. s. w. Trotz dieser Ausstellungen 
und Zweifel im einzelnen begrüssen wir das Werk als einen hochwill- 
kommenen Beitrag, von fundamentaler Bedeutung, für slav. Onomastik. 



Polonica. Ig9 

In die Gelehrtenlitteratur führt uns so recht mitten hinein der von 
dem Krakauer Kustos, Dr. Wtadystaw Wisiocki, verfasste Katalog: 
Incunabula typographica bibliothecae Universitatis Jagiellonicae Craco- 
viensis inde ab inventa arte imprimendi usque ad a. 1500 secundum 
Hainii repertorium bibliographicum una cum conspectu virorum qui 
libros olim habuerant . . . per ordinem alphabeti digessit etc. XXXIV 
und 634 Ss. 4°. Leider hat der Gelehrte, der intimste Kenner der Kra- 
kauer Universität und ihr officieller Historiograph (vgl. seine Ausgaben 
des Liber diligentiarum, d. h. der alten Vorlesungsverzeichnisse, der 
Acta rectoralia u. s.w. mit den musterhaften Indices) diese Fortsetzung 
und Abschluss seines vortrefflichen Handschriftenkatalogs derselben 
Bibliothek nicht mehr überleben können : er starb gerade vor dem Be- 
ginne der Säkularfeier und die polnische Litteratur- und Gelehrten- 
geschichte verliert in ihm einen ihrer besten Kenner. Das Verzeichniss 
umfasst 3000 Nummern, die nicht nur dadurch wichtig sind, dass sie 
durch ihr blosses Vorhandensein den regen Antheil der Krakauer Pro- 
fessoren (denn aus ihrem Besitz stammen die meisten Inkunabeln) am 
damaligen wissenschaftlichen Leben bestimmen, sondern sie bieten auch 
für den Slavisten durch Glossen, Eintragungen u.dgl. manches Interesse. 
So geschieht auf S. 413 (Incunab. Nr. 1454) eines glagolitischen Frag- 
mentes Erwähnung; so bekommen wir altpolnische Gedichte, z. B. eine 
besondere Traumdeutung : man schlug ein Buch auf, sah auf den ersten 
Buchstaben links oben und schlug nun diesen Buchstaben im Gedicht 
nach, wo in je einer Strophe jeder Buchstabe gedeutet wurde, z. B. a: 

mozesz swe rzeczy sprawowac 

i panne piekna cai:owac, 

boc to a droge podalo: 

ujidziesz we wszytkiem calo u. s. w. 

Unter den Glossen sei eine einzige genannt, habitus — wnor, nalog^ 
denn sie erinnert uns sofort an den Eingang zu den sog. Gebeten des 
Papstes Urban (gedruckt 1514): ten ize sie byl ivnorzyi w grzech » der 
wart umgeben mit Unkeuschheit«. Auch die Gräflich Czapski'sche 
Bibliothek in Krakau hat zur Jubelfeier einen Katalog ihrer Inkunabeln 
durch Dr. F. Kopera herausgeben lassen. 

Da wir so in bibliographische Publicationen hineingerathen sind, 
zählen wir gleich verwandtes auf: Mathias Bersohn, iluminowa- 
nych rekopisach polskich, Warschau 1900 (159, II Ss. und XV Tafeln), 
beschreibt Initialen und Miniaturen von Ritualhandschriften, Mess- 



190 A. Brückner, 

büchern, Antiphonarien u.dgl. aus Breslau und aus Krakauer Klöstern, 
leider sind die Tafeln nur im Schwarzdruck ; ders. gab, Warschau 1899, 
heraus: Ksic^gozbior katedry plockiej, 23 Ss., 17 Tafeln, eine Beschrei- 
bung mehrerer Hdschrr., darunter namentlich ein Graduale geschrieben 
von Swietosiaw de Wilkowo 1365, wo f. 4 der Schreiber zusetzt: libro 
completo 7nuszysz mi clacz möge mito und gegen Ende der Hds. an- 
schreibt das Osterlied (also der älteste uns erhaltene Liedertext!!): 
Christus zmartwich wstal ge^ ludu prziclad dal ge^ esz nam zmart- 
wich wstaci^ sbogiem croleuaci Kyrie ! Wir bedauern nur, dass der 
Verf. nicht gerade diese Seite photographiren Hess. 

Von dem bibliographischen Riesenwerk K. E streich er's sind 
zwei weitere Bände erschienen : Bibliografia polska. Band XVII, Buch- 
stabe G, 491 Ss. und V Bl. Nachträge und Berichtigungen, Krakau 1899 ; 
Band XVIII, Buchstabe H, 331 Ss. Der letzte Band umfasst viele 
deutsch-polnische Sachen, sonst ragen besonders hervor die Artikel 
Historya (d. i. auch die alten Volksbücher, die Melusine, Magellone, der 
Alexander, die 7 Weisen Meister, die römischen Historien u. s. w.) und 
Hosius ; im vorigen seien Galatowski, Grochowski u. a. genannt. Die 
Angaben sind allerdings von keiner absoluten Vollständigkeit ; auslän- 
dische Bibliotheken, z. B. Berlin, sind nicht herangezogen ; sogar aus 
den einheimischen, Warschauer und Lemberger, fehlen manchmal Nach- 
weise, z. B. aus der Pawlikowski'schen, wo gerade »Historya« schön 
vertreten ist (ein Othon von 1746, ein Alexander von 1626, ein Pon- 
cyan, Magielona u. a.) u. a. Trotz dieser unvermeidlichen Mängel ver- 
danken wir dem monumentalen Werke eine solche Fülle von Belehrung 
jeglicher Art, dass es uns förmlich die bei 1650 abbrechenden biblio- 
graphischen Repertorien eines Wiszniewski und Maciejowski völlig ver- 
missen lässt; einzelne Artikel wachsen auch hier zu förmlichen Abhand- 
lungen aus, mitunter mit sehr merkwürdigen Angaben, Analysen des < 
Inhaltes, Diskussionen der Autor- und Echtheitsfragen u. s. w. ; selbst- 
verständlich übertrifft es durch Genauigkeit der Titel u. dgl. die Vor- 
gänger bei weitem. Möchte doch dem unermüdlichen Herausgeber die 
Abschliessung seines Riesenwerkes vergönnt sein. 

Nicht in die poln. Bibliographie allein gehört ein mit schier uner- 
hörter Splendidität ausgestattetes Werk : Katalog dziei tresci przysio- 
wiowej skJadajacych bibliotek(j Ignac. Bernstein, Catalogue des livres 
par^miologiques composant la bibliotheque de I. B., Warszawa 1900, 
Band I, XX und 56U Ss., Band U, 650 Ss., gr.-4'>. Der Besitzer der 



Polonica. 191 

grössten parömiographischen Bibliothek der Welt, die allein 4761 Num- 
mern (auch Hdschrr. darunter) enthält, in allen, auch den unbekann- 
testen Sprachen der Welt, hat bei Drugulin in Leipzig ein Prachtwerk 
in typographischer Ausstattung herstellen lassen, nur die Facsimilia der 
Titelblätter u. dgl. sind Warschauer Arbeit. Am reichsten ist der poln. 
Theil vertreten, wohl vollständig; aber auch deutsche, englische u. s.w. 
Drucke, die allerseltensten, sind in ausserordentlicher Fülle vorhanden ; 
der Katalog wird für den einschlägigen Folklore zu einer Quelle ersten 
Ranges. 

Diese bibliographischen Werke haben uns vom XV. Jahrhundert 
abgebracht, zu dem wir nunmehr zurückkehren. Hierher gehört noch 
besonders, von Prof. Tad. Wojciechowski, Kosciöl: katedralny w 
Krakowie, Krakau 1900, 258 Ss. 4^; diese Baugeschichte, welche jede 
einzelne Kapelle, Altar u. s. w. der alten Schloss- und Domkirche nach 
Geschichte und Einzelnheiten schildert, greift gleichzeitig weit aus, ver- 
folgt z. B. die Spuren russisch-byzantinischer Malerei und Kunst im 
alten Polen (liess sich doch JagieWo sogar sein Schlafzimmer von einer 
artel' russischer Meister ausmalen), bis nach Schlesien und Breslau 
hinein, wo eine cyrillische Inschrift (Agapija) in einem jetzt nur noch 
abbildlich vorhandenen Tympanon des XII. Jahrh. festgestellt wird; 
der gelehrte und scharfsinnige Verfasser kombinirt überzeugend, wem 
die Kirche vor S. Wenceslaus ursprünglich geweiht sein konnte ; in seiner 
Darstellung werden die Steine selbst zu historischen Zeugen und 
Quellen. 

Aus mittelalterlichen Publikationen seien dann noch erwähnt in 
den Teki Pawinskiego die nach seinem Tode herausgegebenen 
Ksiegi sadowe ieczyckie vom J. 1385 — 1419, als Band III und IV der 
Teki, zu denen in Band V (S. CXXXVIII und Indices) die vom ver- 
storbenen L. Malinowski noch in den achtziger Jahren hergestellte 
grammatische Untersuchung und lexikalische Erläuterung der polnischen 
Schwurformeln und anderer polnischer Brocken, die in diesen Prozess- 
vermerken eingetragen sind, hinzugetreten ist. Sie ist sorgfältig, doch 
nicht immer glücklich und treffend, z. B. in den Nrn. 3357 und 3358 
heisst przes ten swatithy Alexy na drugdy dieses drugcly nicht drug-dy 
(ein andermal, wie Mal. es erklärt), sondern es ist nur drugi gemeint 
(usque ad aliud festum s. Alexii!) — der Schreiber wusste in seiner 
Verlegenheit, wie drugi zu schreiben wäre (d. h. das -gi^ welches er -ji 
le-^en musste !), sich nicht besser zu helfen, derselbe Schreiber schreibt 



192 Polonica. 

daher mit derselben kläglichen Consequenz falcones — rarogdy in 
Nr. 3154 (für rarogi! solche Schreibungen können Licht werfen auf 
die Gnesener Schreibungen droclze für drogie u. s. w., worüber ich 
Archiv XX gehandelt habe) ; bei demselben Schreiber fällt die Vor- 
setzung des // auf: ho lan^ hugorne 7iasene^ Jiospu (zweimal) für o lan^ 
ospu u. s. w. Sonst sind die Angaben von Malinowski sehr verlässlich 
und genau. 

An die Wende des XV. und XVI. Jahrh. gehört das »Rozmyslanie 
zywociePana Jezusa«, das umfangreichste neutestamentliche Apokryph 
der slavischen Sprachen überhaupt, da die Hds. auf 845 Seiten das 
Leben Jesu nur bis zu der Verurtheilung durch Pilatus fortführt. Die 
Hdschr. selbst, in der griech.-kath. Kapitelbibliothek in Przemysl be- 
findlich gewesen, ist heute leider verschollen, aber der gelehrte Sammler 
und Alterthumsforscher, Kanonikus A. Petruszewicz, hatte noch in 
den 50 er Jahren reiche lexikalische Excerpte aus der Hds. gemacht, 
die er mir zur Bearbeitung überliess. Es erschien nun in den Abhand- 
lungen der Krak. Akad., philolog. Kl., XXVIII (1900), S, 262—380, 
Apokryfy sredniowieczne I, wo der lexikalische Theil erschöpft ist und 
die Analyse des Inhaltes so weit fortgeht, als des unbekannten Autors 
Abhängigkeit von dem latein. Gedicht des XIII. Jahrb., Vita gloriose 
Virginis Marie et Salvatoris 'zuerst 1890 herausgegeben von Vögtlin) 
gereicht hat; doch ist irgend eine Hds. polnischer Provenienz dieser 
Vorlage bisher nicht aufzutreiben gewesen. Der poln. Bearbeiter ent- 
fernt sich von allen anderen dadurch, dass er sich nie mit einer Vorlage 
allein begnügt hat, sondern alle erreichbaren Quellen sammelte und so 
auch den gesammten Text der kanonischen Evangelien hinein verarbeitet 
hat, was in Apokryphen sonst durchaus nicht der Fall zu sein pflegt; 
seine Darstellung ist nicht ungeschickt, steht auf einer Stufe z. B. mit 
dem verwandten, aber etwas späteren Werke von Opec, Zywot Chrystu- 
söw, gedruckt 1522. Für einzelnes konnte ich bisher seine Quellen 
nicht immer alle entdecken. Aus seiner Sprache sei ein Wort heraus- 
gehoben: zu^cic und zusciec sie glänzen, wofür ich bei einem poln. 
Glossator von ca. 1440 das Simplex usciec (fulserunt wsczaly) auf- 
treiben konnte (ich würde das Wort von einem us-to = us-tro auszrä, 
jutro ableiten wollen): das Wort ist wichtig, denn das blosse Vorhan- 
densein desselben in jener bekannten weissrussischen Petersburger 
Uebersetzung der Historia Trium Regum aus dem XV. oder XVI. Jahrh. 
beweist, dass der Weissrusse nicht aus dem Lateinischen, sondern aus dem 



Polonica. 193 

Polnischen übersetzt hat, was man bestritten hat; freilich hat Karskij 
in seiner minutiösen Untersuchung der Sprache des betreffenden Sbornik 
gerade das ustil sja ausgelassen !! Ein anderes interessantes Wort wäre 
sieh' Genosse u.dgl. m. Ein zweiter Theil meiner Abhandlung wird 
den Schluss der Quellenanalyse bringen und verwandte Texte, speciell 
Passionstexte, berücksichtigen. 

Maciejowski hatte in seinen Dodatki das Fragment einer an- 
geblichen Annenlegende abgedruckt ohne zu ahnen, dass dieses Frag- 
ment nur die wörtliche Abschrift aus dem Anfange des Przemysler 
Apokryphes darstellte ; ich wiederholte daher diesen Text in moderner 
Transskription als Probe der verschollenen Przemysler Hds. selbst. In 
der Einleitung handelte ich über poln. Apokryphenliteratur im Allge- 
meinen, was ich gleichzeitig in der Bibliotheka Warszawska 1900, 
Bd. III, S. 1 — 42 näher ausführte. Sonst ergab sich keine neue Aus- 
beute auf altpolnischem Gebiete ; genannt sei ein Programm des Gym- 
nasiums in Wadowice, von Ign. Stein (1900, 29 8s.) über die Negation 
nie^ ni im Altpolnischen, welcher in nehto irgendjemand, nach der 
neuesten Erklärung einen Demonstrativstamm, keine Negation oder Zu- 
sammenziebung mit solcher, wie Miklosich lehrte, erkennt^). 

Das Schlussheft des V. Bandes der Warschauer Prace filologiczne 
(1899, S. 681 — 1033, III) brachte Przyczynki do uowego slownika jf- 
zyka polskiego von Hier, fcopacinski auf 300 Seiten, reichliches 
dialektologisches (lexikalisches) Material aus allen Gegenden Polens, 
aber namentlich aus dem östlichen Kleinpolen Unterdessen hat Dr. 
I. KarJowicz sein Dialektlexikon bereits begonnen; 1900 erschien im 
Verlag der Akademie der erste Band desselben, A bis E, 454 Ss., 
doppelspaltig, und 4 Blätter Vorwort und Abkürzungen : Siownik gwar 
polskich, eine unerlässliche Ergänzung unserer Wörterbücher, eine 
hochwillkommene Gabe jedem Sprachforscher. Der Verf. geht nicht auf 
die Deutung, d. i. Herleitung eines jeden Wortes ein; er begnügt sich 
mit dem Zusammenstellen seines ausserordentlich reichen Materials, 
wobei dann freilich die richtige Schreibung oft schon die Auskunft über 
den Ursprung bringt. Auch hier können wir nur den Wunsch aus- 



1) Hier sei noch eines Gymnasialprogrammes gedacht, von Dr. I. Le- 
ciejewski (Lemberg 1899, 24 Ss.), wegen seines von Polen so selten behan- 
delten Stoffes: alterthümliche Elemente in der sloveni sehen Poesie, wo 
»mythische« und apokryphe Elemente in den »Balladen« der Strekelj'schen 
Liedersammlung besprochen werden. 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. \ 3 



194 A. Brückner, 

drücken, dass der Verf. dieses Werk sowohl wie sein Fremdwörterbuch 
möglichst rasch zu Ende führe, denn Wörterbücher nützen erst, wenn 
sie vollständig sind. 

In den Prace hat dann noch Dr. St. Dobrzycki mit zwei Auf- 
sätzen über altpolnische Texte debütirt, aber das Fastenlied des poln. 
pater Ladislaus Gielnovius vom J. 1488 hat er unrichtig aus dem Böh- 
mischen entlehnt sein lassen (diesmal trat der umgekehrte Fall ein, 
V. Rosa hat seinen Text, bei F. Mencik, Rozmanitosti I, 101 ß. abge- 
druckt, schliesslich aus jener Cantilena des Ladislaus) und die S. Anna- 
legende aus den Dodatki bei Maciejowski (S. 106 ff., Nehring, Altpoln. 
Sprachdenkm. 129) hat er auf das Protoevangelium Jacobi zurückge- 
führt, ohne den eigentlichen Zusammenhang mit dem Rozmy^lanie 
(s. oben) und die Zeit und näheren Umstände des Textes zu kennen. 
Hierauf folgen noch Anzeigen der Werke des Florinskij u. a. und Re- 
gister. 

Von der Krakauer Biblioteka Pisarzöw Polskich ist im letzten Jahre 
nur ein Heft, das 37., erschienen, von dem unermüdlichen Erschliesser 
älterer Texte, Dr. Zygm. Celichowski in Komik, dessen unerschöpf- 
lichen Bibliotheksbeständen er immer neue Gaben für uns entnimmt 
(Dzialynski-Zamoyski'sche Sammlungen). Diesmal ist es wieder ein 
Unicum, Stanisiawa ze Szczodrkowic rozmowa pielgrzyma z gospodarzei 
o niektörych ceremoniach koscielnych 1549. Das Werkchen, im mittel- 
alterlichen Versmass (8 silbige Reimpaare) geschrieben von einem Laien,] 
ist wichtig als erster Versuch von katholischer Seite, den fortwährender 
protestantischen Angriffen gegenüber katholische Lehre und Bräuche kurzJ 
fasslich, überzeugend zu begründen ; der Verf. war zwar ohne tieferes 
Wissen und regeren Geist, aber es ist ganz ehrenwerth, was er aus derl 
Schule in Krasnystaw mitgebracht hat, und höchst charakteristisch,! 
dass »Steine reden mussten, weil Menschen schwiegen« (um Rey's stän- 
dige Phrase nachzuahmen). Die Körniker Bibliothek hat jetzt auch,] 
nach 2 2 jähriger Pause, einen neuen, den X. Band der sogen. Tomicians 
(d, i. die nach Jahren geordnete politische und diplomatische Kanzlei- 
korrespondenz unter Sigismund I. und dem Unterkanzler Tomicki)] 
herausgegeben, welcher die Korrespondenz des J. 1528 (Poznan 1899,j 
461 Ss. 40 max.) umfasst ; doch liegt der fast ausschliesslich streng 
historische Inhalt des Ganzen unseren Zwecken ferner. Als Anhang 
hierzu gibt Dir. Celichowski jetzt auch Przyczynki do dziejöw pa- 
nowania Zygmuuta Starego heraus, wovon jetzt ein Heft erschienen ist 



( 
Polonica. 195 

(Poznan 1900, 36 Ss. 8^), das Grenzrezesse zwischen Grosspolen und 
Schlesien aus den Jj. 1528 — 1531 enthält, die wir wegen ihrer topo- 
graphischen Nomenclatur hier erwähnen wollen ; aus der Fülle interes- 
santer Namen und Wortformen führen wir an in monticulo alias na 
grzqpxje — der älteste Beleg für grzqpa^ kaszubisch grepa gripka und 
grqpa Hügel, vgl. zahlreiche Citate bei Karlowicz Fremdwörterbuch 
p. 190 (grepa etc.), der es aus deutsch Gerumpel entlehnt sein lässt. 
was ich nicht zugeben kann ; mellificia vulgariter dzianky (zu Klafter 
heisst der gen. plur. stets szazon) ; qui iacet vedlie grqdii dicto Ech- 
werder? (sollte öxQ^i = grimt sein?). Die Tomieiana enthalten fast 
ausschliesslich lateinische Texte, doch kommen auch deutsche und im 
Verkehr mit dem Osten polnische Texte vor, z. B. Nr. 8 legatio a Petro 
voievoda Valachiae an den König, im schönsten Polnisch, wo verrathen 
wird, dass der türkische carz überfallen will ordelskq zyemyq y za- 
leskq^ alles auf den bösen Rath Betiathczanoiv u. s. w. ; an litterari- 
schen Stücken enthält der Band den Poetenkampf zwischen fcaski und 
Tomicki und Briefe des Z^bocki, eines berüchtigten Facecionisten und 
Höflings. 

Neben dieser historischen Publikation sei auch die Bibliografia 
historyi polskiej, welche Prof. Lud. Finkel in Lemberg mit Dr. Henr. 
Sawczynski auf Kosten der Akademie herausgibt, genannt; es ist 
eben das 3. Heft des 2. Theiles erschienen, S. 849—1008, Nrn. 17334 
bis 21020, die Arbeiten auf dem Felde der Rechtsgeschichte und Lan- 
desökonomie (III), sowie der Kulturgeschichte (IV), und zwar der Sitten, 
Schulen und Litteratnr (vorläufig bis zum XVII. Jahrb., Starowolski, 
reichend). Die polnische historische Bibliographie unterscheidet sich 
von der böhmischen durch aussordentliche Knappheit, aber auch sie 
bietet eine ganz erstaunliche Fülle von Material, eine einzelne Nummer 
nennt oft viele Schriften zusammen und die Angaben sind sehr verläss- 
lich und genau trotz ihrer lakonischen Fassung; auch die allgemeine 
Litteratur wird berücksichtigt; es bleibt nur auch hier der Wunsch 
auszusprechen, dass wir uns möglichst bald des ganzen Werkes er- 
freuen möchten, und das Bedauern, dass für das polnische Unternehmen 
nicht die reichen Mittel flüssig gemacht werden konnten, die dem böh- 
mischen zu Gute kommen. 

Von der Warschauer altpolnischen Bibliothek, die Prof. Tad. 
Wierzbowski herausgibt, erschien Nr. 11, Warschau 1899, 33 S., 
zwei diätetische Schriften, die eine die bekannten Gesundheitsregeln der 

13* 



1 96 A. Brückner, 

salernitanischen Schule, ein mittelalterliches Reimopus, von dem Schle- 
sier Fr. Mimer 1532 in deutsche und polnische Knittelverse gebracht 
^mehrfach wieder abgedruckt, Dobrego zdrowia rzadzenie u. s. w., über- 
setzt ins Russische 1698 ynpasjieHie s^pasifl, Mys. PyMiiHU,0B. Nr. 628) 
und des Agrippa Pestlehre (nauka rzadzenia ku ustrzezeniu od zarazenia 
powietrzem, 1543). Zur Jubelfeier der Krakauer Universität hat dann 
Wierzbowski noch besonders herausgegeben : Materyaly do dziejöw 
pismiennictwa polskiego i bibliografii pisarzow polskich, tom I, 1398 — 
1600, Warschau 1900, XXIV, 339 und XXI Ss. 4«. Leider deckt der 
vielversprechende Titel und die gediegene Ausstattung blosse Makula- 
tur: es sind dies Ernennungen, Quittungen über Pensionen, Steuern 
u. dgl., die aus dem alten Kronarchiv zusammengesucht wurden, über- 
flüssige Briefe u. s. w. ; das interessantere, z.B. die Audienz des Reszka 
bei Papst Sixtus über die Russenkriege und Pläne des Batory tangirt 
gar nicht Litteraturgeschichte ; was litterarischen Werth haben könnte, 
ist meist längst bekannt und gedruckt — alles zusammen meist werth- 
lose Spreu, strotzend von Lese- und Erklärungsfehlern zugleich. Un- 
gleich mehr und wichtigeres ist aus der alten polnisch-lateinischen 
Litteratur veröffentlicht worden. Hierher gehört die Gesammtausgabe 
des poetischen Nachlasses von Roysius durch Prof. Bron. Kruczkie- 
wicz: Petri Royzii Maurei Alcagnicensis carmina. Pars I. carmina 
maiora coutinens ex libris et typis excusis et manu scriptis edidit etc. 
CXXXVm und 311 Ss.; Pars II: carmina minora ... 512 S., Krakau 
1900. Der hässliche und gelehrte Jurist aus Spanien war allerdings 
kein poetisches Ingenium, aber Verse machen konnte er wie nicht leicht 
ein Anderer und mit der ganzen geistigen Aristokratie Polens stand er 
im innigen Verkehr, daher uns seine Verse förmlich zu einer Gallerie 
berühmter Zeitgenossen geworden sind, namentlich die kleineren und 
Gelegenheitsgedichte, während uns seine grösseren epischen und dia- 
lektischen Maschinen allerdings kalt lassen, mit Ausnahme des Chilia- 
ötichou, das die katholischen Streitkräfte Polens zum Kampfe gegen die 
Protestanten mobilisirt. Leider entwürdigt sich mitunter der Spanier 
durch Auftragen faustdicker Schmeicheleien; andererseits verfolgen 
wir mit Interesse seinen hartnäckigen, aber erfolglosen Kampf gegen 
sarmatische Zechlust, die dem Südländer an den nordischen Barbaren 
so unangenehm auffällt; seine Feder versucht sich schliesslich auch in 
polnisch-lateinischen macaronea, die seiner satirischen Ader trefflich 
entsprachen. Der Herausgeber hat keine Mühe im Sammeln der zer- 



Polonlca, j 97 

streuten opuscula gescheut ; auch seine Erklärungen sind sorgfältig und 
treffend, bis auf einige Ausnahmen; übrigens findet man auch in an- 
deren Hdscbrr. versprengte Royziana, z. B. die Verse de nummo u. a. 
Dr. M. Jezienicki hat seine Schulauswahl aus Janicius, Kochanowski, 
Sarbiewski (carmina selecta etc.) in einem dritten Hefte (S. 123 — 182. 
Lemberg 1900), zu Ende geführt; dasselbe umfasst lyrica, 6 Oden des 
Kochanowski und eine stattliche Zahl der Sarbieviana, mit sorgfältigem 
Kommentar : der treffliche Gedanke einer Flüssigmachung dieser Schätze 
für die Schule ist sehr gut ausgeführt worden und wir wünschten nur 
weite Verbreitung in den entsprechenden Kreisen. Kleinere Beiträge 
müssen wir übergehen; so hat in der Sammelschrift der Lemberger 
Professoren zur Krakauer Säkularfeier (Ksiega pamiatkowa uniwersytetu 
Iwowskiego ku uczczeniu 500. rocznicy etc., Lemberg 1900) Prof. L. 
Cwiklinski über Leben und Schriften des Humanisten und Posener 
Arztes S. Niger Chroscieski gehandelt; K. Heck begann eine grössere, 
zusammenhängende Untersuchung der litterarischen Thätigkeit des Szy- 
monowic mit Beiträgen über dessen gelehrten Vater und seine latein. 
Erstlingsschrift. Diese Arbeit erschien in der Lemberger philologischen 
Zeitschrift, Eos, die jetzt im 6. Jahrgange vorliegt, und ausser Ab- 
handlungen klassischer Philologie auch Beiträge zur poln. -lateinischen 
Litteratur bringt, ich erwähne hier nur die treffenden Ausführungen 
von Dr. W. Bruchnalski, Pojecie i znaczenie poezyi u poetöw pol- 
skich XVI wieku, Eos VI, 1900, S. 211—225. 

Aus dem XVII.Jahrh. nenne ich zuerst meine eigene Abhandlung, 
I Jezyk Waclawa Potockiego, przyczynek do historyi jezyka polskiego, 
! Krakau. Abhandll. philolog. Kl. XXXI, S. 275—421. Dieser Schluss- 
! theil meiner Potockistudien ist im Grunde ein Beitrag zur historischen 
\ Lexikographie; in der Einleitung wird über die alte Lexikologie bis 
auf Linde gehandelt, die Vorzüge und nothwendigen Mängel und Lücken 
dieses Monumentalwerkes werden aufgewiesen und mit zahlreichen Bei- 
spielen belegt. Es folgt das eigentliche Glossar zu Potocki, Worte 
meist umfassend, die im Linde fehlen oder ungenügend belegt oder er- 
klärt sind, geschöpft aus den handschriftlichen Riesenbänden des 
greisen Dichters und aus Werken seiner Zeitgenossen , wobei manche 
Nummern bedeutend anschwellen. Ausserdem sind Zeugnisse über alte 
Sitten und Bräuche u. dgl. einbezogen worden, besonders jedoch ist die 
Parömiographie berücksichtigt. Die polnische Parömiographie ist näm- 
lich ebenso unerschöpflich wie die polnische Sprache, auch die grosse 



1 98 ■^' Brückner, 

Sammlung von Adalberg bringt weder alle noch richtige Deutungen 
und Nummern. Z. B. heisst es bei Rysinski im J. 1618: od stworzenia 
swiata tkwi noi w poiciu z ktörego dotychdoh zaden Jeszcze nie 
ukroU. Was heisst das? Adalberg wiederholt nur Linde, welcher 
darin vermuthete »eine Anspielung auf den Mond zumal in seinem 
ersten Viertel« — gemeint ist aber nur ein einträchtiges Ehepaar — 
denn ein solches hat die Welt noch nicht gesehen und es schreibt auch 
richtig Potocki: wzdy gdzies o caiym poiciu jeszcze bajac wolno, co 
go ma zgodne stadio krajac\ bei einem anderen Dichter finden wir 
dann, wie die aus dem Himmel verbannte Eris bei Eheleuten sichere 
Zuflucht findet. 

Potocki ist jedoch auch für die russische Parömiographie wichtig, 
deren Quellen bekanntlich so spät erst beginnen; der greise Gutsherr 
aus dem Podgörze kannte Sprache und Sitten seiner russischen Unter- 
thanen und berief sich mit Vorliebe auf dieselbe. Dasselbe thaten vor 
ihm andere, namentlich der Jesuit Cnapius, der bedeutendste polnische 
Philologe des XVII. und XVIII. Jahrb., der als dritten Band zu seinem 
poln.-lat.-griechischen Wörterbuch die adagia polonica selecta (1632, 
40, ist niemals in neuer Auflage wieder erschienen!) herausgegeben hat. 
In diesem stattlichen Quartband figurirt nun eine ganze Reihe russischer 
Sprichwörter, die ausdrücklich als solche bezeichnet werden ; Adalberg, 
der überhaupt den Reichthum dieses Bandes nicht erschöpft hat, hat 
auch diese Angaben übergangen. So führt er z. B. S. 513 das Sprich- 
wort Sowa chocby pod niebiosa latala sokolem nigdy nie bedzie an, 
ohne zu erwähnen, dass Cnapius es ausdrücklich als Russorum dictum 
bezeichnet, ebenso wie solche, z. B. zayko lapki lizet gdy uteczet; nie 
mieszay si? sielska sobako miedzy dworskie; kurczy si^ a kole; do- 
mowe sobaki dopiero sie kasaiy a zaraz si^ liza ; mowze Fiedorku : az 
— nie choczu nie budu u. s. w. 

Sonst kam das XVII. Jahrh. ziemlich leer aus, ausser einer Bres- 
lauer Doktordissertation von Karl Thieberger, 1898, 57 Ss., über den 
Epiker, Satiriker und Romantiker Samuel Twardowski, die jedoch nur 
das biographische (ohne neue Beiträge) erledigt und ganz allgemein cha- 
rakterisirt, und Heck's Beiträgen zu Pasek u. a. wäre nichts zu nennen. 
Aus dem XVIII. sei erwähnt die Veröflfentlichung des «Abrys domowey 
nieszcz^sliwosci y wn^trzney niesnaski wojny Krölestwa Polskiego y 
W. X. Litewsk. pro informatione potomnym nastt,'pujacym czasom przez 
niektora zakonna osob^ swiatu pokazany etc. 1721« (herausgeg. von 



Polonica. J99 

F. X. Kluczycki, Krakau 1899, XXIII, 105 Ss. 40) — des Basilianer 
consultor Jan Oleszewski, eine Chronik der Schweden- und Russenzeit 
in Litauen zu Anfang des XVIII. Jahrh., darin auch der Bericht über 
Peter des Gr. Gräuelthaten gegen schuldlose Basilianer. lieber Konar- 
ski, wegen der 200jährigen Wiederkehr seiner Geburtsfeier handelt 
kurz und treffend B. Chlebowski im Warschauer Ateneum 1900, HL 
S. 558 — 582, besonderen Nachdruck auch auf die moralische Persön- 
lichkeit legend. 

Doch wenden wir uns endlich dem XIX. Jahrh., der mächtig an- 
schwellenden Mickiewiczlitteratur zu. Eine Uebersicht der vielen 
Gaben, die das hundertjährige Jubeljahr gebracht hat, findet der Leser 
im reichhaltigen Aufsatz von Dr. K. Heck, Z literatury Mickiewiczow- 
skiej w roku jubileuszowym, im Krakauer Przeglad powszechny 1900, 
Bd. LXIII (auch Sep.-Abdr., 76 Ss.), eine Uebersicht der Feier selbst 
im Rok Mickiewiczowski auf 290 Seiten von Dr. A. Bienkowski. 
Nachdem das biographische Denkmal, das des Sohnes Pietät dem grossen 
Vater setzte, vollendet ward (Posen, in 4 Bänden), erschienen in be- 
richtigten und vermehrten Auflagen zwei ältere treffliche Werke wie- 
der, des P. Chmielowski, Adam Mickiewicz zarys biograficzno- 
literacki (Warschau 1898, 2 Bde., 427 und 485 Ss.) und Prof.LTretiak, 
Miodosc Mickiewicza (1798—1824), Petersburg 1898, 2 Bde., 345 und 
425 Ss. Es kam eine neue schöne Darstellung hierzu, von Prof. 
I. Kallenbach in Freiburg, Adam Mickiewicz (Krakau 1897, 2 Bde., 
301 und 430 Ss.); das Werk behandelt den biographischen Theil fltich- 
tig, um desto gründlicher aus den Ideen, Werken und der Lektüre des 
Dichters seine geistige Biographie, seine Entwickelung klar und fass- 
lich darzulegen ; das Werk will eine populäre Darstellung sein und ist 
es im edelsten Sinne des Wortes. Alle diese hoch verdienstlichen Ar- 
beiten treten jedoch zurück vor der Schilderung, die ein Dichter vom 
Dichter entworfen hat, in einer begeisterten Sprache, die auch den 
Theilnahmlosesten fortreissen musste, die bezaubert und belehrt zu- 
gleich. Für die Sammlung nämlich, die bei Grendyszynski in Peters- 
burg erscheint u. d. T. : ilyciorysy siawnych Polaköw — es sind darin 
Biographien von Copernicus, Czacki u. s. w. erschienen, Nr. 12 ist eine 
treffliche Biographie des J. Kochanowski (Zycie i dzieJa, 82 Ss. kl.-8*^, 
1900) von Prof. Ne bring — verfasste der bedeutendste zeitgenössische 
Lyriker Polens, Frau M. Konopnicka, einen Abriss vom Leben und 
den Werken des Dichters, ihrer Bedeutung für die Nation und für den 



200 ^- Brückner, 

Einzelnen, voll treffender Bemerkungen im Einzelnen und doch zugleich 
ein Dithyrambus, herausgesungen förmlich und herausgejubelt für den 
Priester des Schönen, Wahren und Guten. Eine Fluth kleinerer Bei- 
träge brachte der VI. Bd. des Pamietnik Towarzystwa literackiego im. 
A. Mickiewicza in Lemberg (1898, 609 Ss.), der Rok Mickiewiczowski 
(Lemberg 1898, 370 und 282 Ss.), die Ksiega pamiatkowa na uczczenie 
setnej roczuicy urodzin A.M. (Warschau 1898, 2 Bde., 371 u. 300 Ss.), 
die werthvoUsten und ausführlichsten im Pamietnik, besonders aus den 
Handschriften des Dichters selbst, die zahlreichsten in der Ksiega, 
namentlich in Bezug auf den Freundes- und Bekanntenkreis des Dich- 
ters. Wir übergehen andere, einzeln erschienene Abhandlungen u. dgl., 
um ganz besonders der vom Lemberger Towarzystwo literackie im. 
Mickiewicza unternommenen Gesammtausgabe des Dichterwerkes zu ge- 
denken. Von derselben sind bisher drei Bände erschienen, Dziela A. 
Mickiewicza etc., Bd. I, 1896, 304 Ss.; II, 1900, 590 Ss.; III, 1893, 
284 Ss. ; sie umfassen die kleineren Gedichte und die epischen Erzäh- 
lungen Grazyna, Wallenrod und den Giaur mit ausführlichen Einlei- 
tungen, Varianten, Erklärungen. Den ersten Band gab Prof. Tretiak 
heraus, den Wallenrod Prof. Nehring, den Giaur Chmielowski, 
alles andere Bruchnalski, so den stattlichen zweiten Band, aufwei- 
chen ausserordentliche Mühe verwendet worden ist. Jetzt erst prä- 
sentirt sich der Text in einer des Dichters würdigen Ausstattung ; sie 
ist zwar nicht so luxuriös, wie die der Petersburger Puszkinausgabe, 
aber doch gediegen : jeden Band schmückt ein schönes Bild des Dich- 
ters, Facsimilia sind reichlich beigegeben und auf Text wie Commentar 
alle mögliche Sorgfalt gelegt. 

Da ich schon Puszkin's gedacht habe, verdient das eingehende 
Studium seines Verhältnisses zu Mickiewicz sowie des MiAHtiS Bcaa- 
HHKt zum Ust^p, wie es zu einer Polemik zwischen J. Tretiak und W. 
Spasowicz geführt hat, einer Erwähnung, zumal auch ein etwas ent- 
stellter Bericht darüber in Koch's Ztschr. f. d. vergl. Litteraturgesch, 
XI, 1897 erschienen ist, die betreffenden Aufsätze waren in den Krak. 
Denkschriften philos.-histor. Kl. VII, 1889 und in den Pisma Spaso- 
wicza V erschienen. 

Jetzt gab Tretiak in den Abhandll. der Krak. Akad. XXXI, 1900, 
S. 1 — 80 ein »Miedziany Jezdziec Puszkina, studyum polemiczne« 
heraus, in welchem er seine Thesen, mit Erweiterung des Materials aus 
der Gesammtthätigkeit Puszkin's, schärfer formulirt und vertheidigt; 



Polonica, 201 

wir lenken hiermit die Aufmerksamkeit russischer Kritiker auf dieses 
Studium, dessen Ergebnisse sehr ansprechen. 

Neben den Mickiewiczarbeiten sei hier noch genannt die äusserst 
ausführliche, anschaulich und flott erzählte Biographie des J. Slowacki 
von Ferd. Hösick: Zycie Juliusza Slowackiego na tle wspölczesnej 
epoki (1809 — 1849), biografia psychologiczna, I, Krakau 1896, XII und 
622 Ss., II und III 1897, 366 und 520 Ss. engen Druckes. Die Bio- 
graphie nennt sich eine psychologische , ist aber in erster Reihe eine 
anekdotische: keine Einzelnheit aus dem eindrucksreichen, aber ereig- 
nissarmen Leben des Dichters wird uns erspart, aber über den Menschen 
vergessen wir fast den Dichter, der nur herangezogen wird, wo er auf 
persönliches reagirt; der literarische Theil fehlt fast ganz, ist nur durch 
die zeitgenössischen, meist spärlichen und einseitigen Urtheile vertreten. 
Andere Ausgaben und Werke über andere neuere Dichter, z. B. J. B. 
Zaleski (Ausgabe seiner Correspondenz durch seinen Sohn u. s. w.l, 
W^zyk Fr. (Epiker und Dramatiker der ersten Hälfte des Jahrhunderts, 
eine Monographie über ihn von Dr. Z. Zapala, Krakau 1898) u. a. 
können wir nicht mehr berücksichtigen. 

Mit diesen stattlichen Aufzählungen haben wir erst einen Theil 
unserer Aufgabe, freilich den Haupttheil, bewältigt; wir müssten nun- 
mehr den archäologischen und folkloristischen behandeln ; doch werden 
wir ihn diesmal wegen der Ueberhäufung mit dem literar- und kultur- 
historischen nur kurz besprechen. Auf der Grenze zwischen beiden 
Gebieten bewegen sich die Arbeiten und Ausgaben von L. G logier; 
der bejahrte Sammler fasst jetzt die Resultate langjährigen, unermüd- 
lichen, gewissenhaften Forschens und Beobachtens in grösseren Werken 
zusammen, die Liebe und Verständniss für das heimische Alterthum in 
weiten Kreisen wecken sollen. Hierher gehört seine heftweise erschei- 
nende Encyklopedya staropolska, deren erster Theil, A — D, an tausend 
Artikel mit anderthalbhundert Abbildungen umfassen wird, alle Einzeln- 
heiten des alten Lebens, Musik und Tänze, Architectur, Kleidung und 
Bewaffnung, öffentliche Einrichtungen, Schule und Haus, Kirche und 
Kloster u. s. w. sind hier genannt, erklärt, verbildlicht. Dann seine Geo- 
grafia historyczna dawnej Polski, Krakau 1900, 387 S., mit Abbildungen 
und einer Karte von 1771 : die Territorien des alten Polen, die admini- 
strative und kirchliche Eintheilung, ihre Geschichte und Wandlungen 
von den ältesten Zeiten bis zu den Theilungen. Sehr verdienstlich war 
seine Auswahl poln. Volkslieder mit Melodien, Warschau 1892, die eine 



202 A. Brückner, 

treffliche Uebersicht des markanteren vermittelt. Da wir schon von 
Volksliedern handeln, erwähnen wir gleich mit die zur Jubelfeier eben- 
falls von der Akademie herausgegebenen Melodje ludowe litewskie 
zebrane przez i. p. ks. Antoniego Juszkiewicza, opracowywane przez s. 
p. 0. Kolberga i I. Kopernickiego, a ostatecznie opracowane, zredago- 
wane i wydane przez Z. Noskowskiego i I. Baudouin's de Courtenay I 
Krakau 1900 (mit deutschem Nebentitel, gr. 4«, XI, IV und 247 S. : 
1785 Melodien, bearbeitet — nach Versuchen anderer, die der Tod 
unterbrach — durch einen hervorragenden Musiker -Komponisten und 
herausgegeben von dem emsigsten und kenntnissreichsten Gelehrten; der 
internationale Notentext wird durch deutsche Uebersetzung der Einlei- 
tung u. dgl. jedermann zugänglich. Für Volksmelodien dürfte diese 
Publikation förmlich epochemachend sein — eines näheren Urtheiles 
muss ich unmusikalischer mich natürlich enthalten. 

Unter den archäologischen Publikationen wäre zuerst Swiatowit 
rocznik poswiecony archeologii przeddziejowej etc., herausgegeben von 
E. Majewski, Bd. 11, Warschau 1900, II und 261 Ss., mit 58 Abbil- 
dungen und 16 Tafeln, zu nennen. Der trefflich ausgestattete Band 
bezeichnet einen wesentlichen Fortschritt gegen den ersten ; die Abhand- 
lungen sind zahlreicher und mannigfaltiger; beibehalten ist dieEintbeilung 
in Originalbeiträge (z.B. Arbeiten über litauische Kurhany, über Töpferei 
zweier poln. Dörfer u. a. : besonders beachtenswerth ist der Aufsatz über 
Wendeuspuren in Franken, 567 einst slavische Ortschaften, die dieselbe 
Entwickelung des Slaventhumes aufweisen, wie auf altslavischem Boden) 
und Berichte und Auszüge fremder Arbeiten, z. B. Virchow's Rede bei 
dem Lübecker Anthropologentage u. a. ; Rezensionen, Bibliographie, 
Miscellen beschliessen den Jahrgang. Der Herausgeber hat unlängst 
zu Ende geführt seine grosse Publication Stownik nazwisk zoologicznych 
i botanicznych polskich, I: poln.-lat. Theil, LXIV und 546 Ss., IT: lat.- 
poln. Theil, LX und 890 Ss., 4«, Warschau 1891— 1898, der möglichst 
vollständig altes und neues, volksthümliches und gelehrtes enthalten 
sollte ; die moderne poln. botanische Nomenklatur bietet ausserdem das 
Werk von Prof. Rostafinski Jöz., slownik polskich imion rodzajöw 
oraz wyiszych skupien roslin, poprzedzony historyczna rozprawa o zröd- 
lach, Krakau 1900 Materyaly do historyi j^zyka i dyalektologii polskiej 
I — der neue Titel der alten Publikationsserie Sprawozdania komisyi 
jozykowej, 834 Ss., 8'^. Es ist dies eine Sammlung der wissenschaft- 
lichen Terminologie, zunächst nur der Artnamen, seit den Arbeiten von 



Polonica, 203 

K. Kluk (1786) bis heute, mit dem ausgesprochenen Zwecke einer Ko- 
dificirung oder eher ünificirung dieser Terminologie; der wissenschaft- 
liche Werth der Arbeit von Majewski wird dabei recht heruntergedrückt. 
E. Majewski ist auch von dem XIII. Bande ab Herausgeber der Warschauer 
Wisla geworden, doch können wir hier nicht mehr auf den Inhalt der 
Wisia, Bd. XIII und XIV, sowie des Lemberger Lud (Redaktion von 
A. Kaiina), Bd. V und VI, der sich immer kräftiger entwickelt, eingehen; 
wir erwähnen nur die Beiträge von Majewski selbst, welcher, der Reihe 
nach, das Auftreten und die Rolle von Storch, Schlange, Kuckuck, Fle- 
dermaus, Eule in der Volkstradition und Aberglauben erörtert hat. Hier 
wäre auch die hübsche Sammlung vonZ. Glogi er, rok polski w tradycji, 
poezji i zyciu, zu erwähnen, eine Sammlung der Jahresfeste und ihrer 
Feiern, der Jahreszeiten und ihrer Beschreibungen, Wetterregeln u.dgl., 
aus der alten und neuen Literatur, zumal aus Dichtern passend gewählt. 
Von den Krakauer Materialy antropologiczno-archeologiczne i etnogra- 
ficzne der anthropologischen Kommission der Akademie erschien 1900 
Bd. IV, mit 4 Tafeln, XI, 125 und 285 Ss. : aus der ethnographischen 
Abtheilung erwähnen wir aus dem Nachlass von L. Malinowski Volks- 
erzählungen aus Polnischschlesien, herausgegeben von I. Bystron, in 
streng phonetischer Aufzeichnung (S. 7 — 80) ; eine eingehende Schilde- 
rung von Volk, Sitten und Glauben des Dorfes Przebieczany (in West- 
galizien, beim Volke Przebiecoj genannt, aus dem Adjekt. przebiecojski, 
vgl. pajski aus panski, entstanden) durch St. Cercha (S. Sl — 210); 
Volkserzählungen aus Andrychow u. a.; auch russische Ethnographen 
wird interessiren der Aufsatz von M. K u'c z , przysiowia ludowe z okolic 
Witebska, Mohylewa, Smolenska i OrJa, die auf russische Städte u. dgl. 
Bezug haben, polnischer und nissischer, von Weissrussen gesprochener 
und gebrochener Text mit guten Erklärungen : Smolanie polskaja kost 
ruskim mjasom obrosszaja, gorod Archangielsky a narod djawolsky 
U.S.W. Die ethnographischen Arbeiten von Dr. St. Ciszewski sind 
auf so breiter, vergleichender Grundlage aufgebaut, dass sie über den 
polnischen, ja slavischen Rahmen weit hinausgreifen: wir werden sie 
später besonders besprechen und erwähnen hier nur, neben der Leipziger 
Dissertation des Verf. (Künstliche Verwandtschaft bei den Südslaven, 
1897, III und 114 Ss.) dessen neueste Arbeit, Wrözda i pojednanie, 
studjum etnologiczne, Warschau 1900, II, 97 und VU Ss., über die Blut- 
rache und alle Bräuche, die mit ihr zusammenhängen, bei allen Völkern 
der Erde, wodurch erst die slavischen ihre richtige Beleuchtung gewinnen. 



204 A. Brückner, 

Schliesslich nennen wir noch von äer Feder des verdienten Forschers, 
Prof. Ant. Mierzynski, Romowe, rozprawa archeologiczna, zugleich 
in russischer Sprache und in den Posener Roczniki (Bd. XXVII, Sep.- 
Abdr. Posen 1900, 124 Ss.) erschienen ; die Arbeit entstand auch durch 
eine Anregung von Kaiser Alexander lU., doch war sie schon durch die 
eingehenden Forschungen des Verf. über lit. Mythologie (bisher liegen 
von seinen Zrödia do mytologii litewskiej, einer quellenmässigen Dar- 
stellung, zwei Theile vor und der dritte, den Rest des XV. Jahrh. und 
das XVI. umfassend, ist in Vorbereitung) bedingt und vorausgesehen. 
Die Arbeit umfasst nicht nur kritisch die gesammte Literatur über Romowe 
mit allen ihren fabelhaften Angaben, sondern gibt auch schätzenswerthe 
Erläuterungen über lit. Haus u. s. w.; mit den Resultaten des Verf. kann 
man sich wohl einverstanden erklären. 

Es war uns unmöglich, auch nur die Jubiläumspublikationen zu 
erschöpfen; wir müssten z. B. noch des Werkes von Prof. H. Struve 
gedenken, Historya filozofii w Polske na tle ogölnego rozwoju ^yciaumy- 
slowego, wovon das 1. Heft, 98 Ss., Warschau 1900, der Universität 
zugeeignet, erschienen ist, die vorbereitenden Nachrichten umfassend 
(Gegenstand, Quellen, Literatur, der nationale Charakter der polnischen 
Philosophie, Perioden) . Betheiligten sich doch alle Kräfte aller Land- 
schaften an der erhebenden Feier; es steuerte bei z. B. die polnische 
gelehrte Gesellschaft in Thorn den 6. Band ihrer Jahresschriften in 
schöner Ausstattung, Roczniki Towarz. Naukow. w Toruniu, VI, 1899, 
Thorn, 200 Ss. : aus den Abhandlungen nennen wir die von Ant. Kar- 
bowiak szkoJy dyecezyi chelminskiej (Kulm) w wiekach srednich; I. 
Fi alek o archidyakonach pomorskich etc. XII — XV wieku ; ein kleiner 
Aufsatz von H. Goiebiewski über kaszubische Fischereiausdrücke; 
endlich eine gute kritisch-bibliographische Uebersicht kaszubischer Pub- 
likationen, z. B. über RamuJt's Statistik ii. dgl. Zu eifrigen Erforschern 
des Kaszubischen gehört Herr A.Parczewski, dem wir auch die Arbeit 
Szczatki kaszubskie w prowincyi pomorskiej, Posen 1896 (Sep.-Abdr., 
124 Ss., aus den Roczniki XXIX) verdanken: derselbe glaubte jetzt den 
Swanty wit aus dem Munde eines Kaszuben beim Anblick eines Irrwisches 
vernommen zu haben — leider ist dies nur eine Selbsttäuschung, wie 
sie etwa S. Matusiak vor Jahren passirte, als er in einem Krakowiak 
(Vierzeiler) seiner Lasowiacy die Erinnerung au — Arkona gefunden 
zu haben behauptete (Z piesni Lasowiaköw, Krakau 1SS2, S. 8 des Sep.- 
Abdr.). Aus den Ausgaben der Thorner Gesellschaft erwähne ich noch 



Polonica. 205 

den Abschluss ihrer Fontes I — III : Visitationes archidiaconatus Pomera- 
niae H. Rozrazewski vladislaviensi et Pomeraniae episcopo factae, Thorn 
1S97— 1899, XXXII und 65G Ss., die aus dem Ende des XVI. Jahrb. 
stammend ein wichtiges Licht auf die Kulturverhältnisse, in erster Reihe 
natürlich die religiösen, werfen können ; die Ausgabe besorgt der gelehrte 
Dekan und Pfarrer in Grzybno, St. Kujot; sorgfältige Indices erleich- 
tern den Gebrauch, interessante Ortsnamenformen, einzelne poln. Stoff- 
namen (z. '&. spulforstacitty gruhrinowy^ JcarteczJi u. a.) u. dgl. m. reizen 
die Aufmerksamkeit des Linguisten, doch überwiegt natürlich das pro- 
viuzgeschichtliche Interesse. 

Wir brechen ab, eine Reihe ausführlicher Werke, z. B. zur Schul- 
geschichte, Geschichte der Jesuiten, einiges russische und deutsche u. a. 
für den nächsten Jahresbericht zurücklegend. Es drängt sich uns un- 
willkürlich noch eine Bemerkung auf. Die Hauptmasse dieser historisch- 
philologischen Arbeit vereint sich um die Jubelfeier der Universität, 
wurde durch diese zum Theil bedingt oder beschleunigt. Wer das ge- 
leistete übersieht, wird ihm Anerkennung zollen müssen und solche 
doppelt zollen, wenn er bedenkt, wie auch die geistige und gelehrte 
Arbeit der Polen mit ungünstigen äusseren Verhältnissen zu kämpfen 
hat. Trotzdem können die Polen stolz sein auf den Ertrag des Jahres 
1900: es hat vielen und guten Wein gegeben; mögen künftige Jahrgänge 
nicht nachstehen! A. Brückner. 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literatur- 
geschichte. 

Von M. Resetar. 



L Das Original des Atamante von Fr. Lukarevic Burina. 

Man hat allgemein vermuthet, dass diese ragusanische »Tragoedie« 
(von S. Zepic im X. Bande der Stari pisci hrvatski herausgegeben) 
eine Uebersetzung sei, schon deswegen, weil dieselbe die Bezeichnung 
y)istomacena po Franu Luccari Burini« trägt, doch bis jetzt war das 



206 M. Resetar, 

vorauszusetzende und vorausgesetzte Original nicht bekannt. Aus 
Quadrio, Della storia e della ragione di ogni poesia, Band III, 1. Theil, 
S. 70 ersieht man aber, dass in der italienischen Literatur ein Drama 
desselben Namens und Gegenstandes existirt, das von Girolamo Zoppio 
verfasst und unter dem Namen der »Academici Catenati« im J. 1579 zu 
Macerata gedruckt wurde. Ich habe vor kurzer Zeit ein Exemplar dieses 
ziemlich seltenen Büchleins erworben, worauf ich sogleich konstatiren 
konnte, dass Lukarevic das Werk des G. Zoppio tibersetzt hat, und 
zwar, was kaum hervorgehoben zu werden braucht, nach der bekannten 
sehr freien Manier aller ragusanischen (und überhaupt älteren) Ueber- 
setzer; die Uebersetzung ist auch, wie gewöhnlich, etwas breiter aus- 
gefallen, so dass den 2750 Versen des Originals (zumeist Elfsilber) in 
der Uebersetzung an 3400 Verse (zumeist Zwölfsilber) entsprechen. 
Sonst aber ist fast Alles ohne Veränderung geblieben, wenn man von 
dem ganz äusserlichen Moment absieht, dass Lukarevic die Eintheilung 
in Akte (welche im Originale bloss durch horizontale Striche angedeutet 
werden) und Scenen durchgeführt hat (was ein Zeichen dafür ist, dass 
die Uebersetzung aufgeführt wurde oder werden sollte). Ausserdem hat 
Lukarevic am Anfange den (im altklassischen Stil gehaltenen) Prolog 
von 104 Versen, sowie am Schlüsse den letzten Chor (9 Verse) ausge- 
lassen, mit welchem von Melpomene Unsterblichkeit für die diesen 
Gegenstand behandelnde Dichtung erbeten wird. Eine gewisse Selbst- 
ständigkeit zeigt Lukarevic nur in Bezug auf einige Stellen des Origi- 
nals, welche seiner religiösen oder republikanischen Gesinnung nicht ent- 
sprachen; so ist es gewiss kein Zufall, dass in der Uebersetzung zwischen 
V. 240 und 241 der von der Furie gesprochene Vers fehlt: »Cosi tolto 
da me ti fia il tuo Gioue«, welcher allzudeutlich an die Seitensprünge 
des Jupiter erinnerte; wohl aus übertriebener Rücksicht für den 
Priesterstand wurden ferner nach V. 1060 drei vom Chor gesprochene 
Verse ausgelassen, welche mit den Worten anfangen: »Giusto ed empio 
e il parlar del Sacerdote . . .« Ganz deutlich ist aber das Eingreifen 
des Uebersetzers in der III. Scene des II. Aktes, wo zwischen Athamas 
und dem Priester über Pflichten und Rechte eines Königs debattirt 
wird: nach V. 903 lässt er ganz einfach 14 Verse aus, in welchen zu 
sehr das Königthum gepriesen wird ; aus demselben Grunde übergeht 
er ferner nach V. 929 drei Verse, in welchen Athamas dem Boten mit 
der Rache seines Königs droht. Vielleicht hat auch nach V. 1073 Lu- 
karevic mit Fleiss 34 Verse gestrichen, wo der Priester des Königs 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 207 

Rücksicht auf den Ruhm und sein Vertrauen in die Freundschaft mit 
skeptischen Worten zu zerstören sucht ; doch ist in Bezug auf diese 
Stelle nicht ausgeschlossen, dass sie später zufällig beim Abschreiben 
ausgefallen ist. Man könnte noch mehrere Stellen anführen, wo Luka- 
revic den einen oder anderen Vers ganz ausgelassen, bezw. eingeschaltet 
hat, doch ist das nur aus metrischen Gründen geschehen, um eben eine 
vollständige aus gereimten Versen bestehende Strophe zu erhalten, wäh- 
rend das italienische Original sich freier in losen und nicht gereimten 
Versen bewegt. In eine genauere Besprechung der Uebersetzung selbst 
kann ich mich jetzt nicht einlassen; ich will aber die einzige Stelle her- 
vorheben, welche nicht eine blosse Paraphrase des Originals ist, näm- 
lich die Stelle, wo der Chor beim Auftreten des wahnsinnig gewordenen 
Athamas die Königin mit den Worten trösten will: »Non v' affligete. | 
Egli ha smarrito si, ma non perduto | II dritte senso per l'hauuto af- 
fanno; | Ma ben fia che ne torni ancho signore«; diese Verse übersetzt 
Lukarevic wie folgt : » Ne brini se, o kralice^ \ nega 'e tkogod namije- 
nio ; I vidis, kako 'e promijenio \ oci^ usta, rijeci i lice. \ Opet ce se 
povratiti^ \ Kako straha s nega otide: \ nastoj\ trikrat da ga 
ohide I mjesec, kad pun bude biti (V. 2723 bis 2730)«. Das 
erinnert stark an die Recepte der Jedupka des A. Cubranovic, und 
steht vielleicht in der That mit einem Volksaberglauben im Zusammen- 
hange. 

Das italienische Original können wir mit Nutzen für die Ergänzung 
und Richtigstellung des uns überlieferten serbokroatischen Textes ver- 
wenden, der in einer Handschrift des XVIII, Jahrh. erhalten ist. So 
können wir jetzt die Lücke in der Erzählung des Boten ausfüllen, für 
welche nach V. 3191 in der Handschrift ein leerer Raum von 44 Zeilen 
übrig gelassen ist : bei der Verfolgung der Ino stolpert Athamas, stösst 
mit dem Kopfe an einen Stein und bleibt blutüberströmt liegen, kommt 
aber bald zu sich und erkennt die von ihm erschlagenen Kinder wieder 
(34 Verse). Auch die verstümmelte Stelle V. 2185 und 2186 lässt sich 
jetzt, was den Inhalt anbelangt, ergänzen ; ihr entsprechen im Originale 
die Verse : »Perche 1' vno e da certa riuerenza | Della prosperitä nostra 
coperto : | L' altro secur per le sciagure nostre j NuUa stima mostrar 
palese il core « ; es ist daher mehr als wahrscheinlich, dass hier in der 
Handschrift wenigstens noch weitere zwei Verse ausgefallen sind. Die 
Handschrift ist ferner auch nach V. 719 lückenhaft, obschon dies in der- 
selben nicht angegeben wird, vom Herausgeber aber richtig erkannt 



208 M. Resetar, 

wurde: der Königin träumte es, dass sie auf einem weissen Rosse mit 
ihren Kindern und Pentheus in die Ferne reitet ; der Chor versucht 
den Traum günstig zu deuten, doch die Königin lässt sich nicht über- 
zeugen, weil sie von bösen Ahnungen erfüllt ist und sich von Feinden 
umgeben sieht; besonders für den Fall des Todes ihres Mannes 
fürchtet sie, dass Phrixos die Gewalt an sich reissen möchte, und 
fragt, wer ihn daran hindern könnte, worauf der Chor antwortet: 
nPuk caakolik ....(( V. 720 flf. ; es fehlen hier somit 26 Verse des 
Originals. Dagegen nach V. 380, wo in der Handschrift ein leerer 
Raum für 5 Verse vorhanden ist, fehlt nach dem Originale nichts. Das 
Original ist uns weiter behülflich, um einige Stellen zu saniren, wo der 
Dialog zwischen den einzelnen Personen falsch eingetheilt ist ; so spricht 
zunächst die Verse 1082 — 1123 nicht der Priester, sondern der von Ino 
bestochene Bote ; es gehören ferner V. 934. 935 dem Priester; V. 1773. 
1774 dem Chor, V. 2675. 76 sowie 2695. 96 der Ino, und V. 2765. 66 
dem Chor; endlich hat der Herausgeber selbst richtig erkannt, dass 
V. 2205. 206 vom Bürger gesprochen werden. Für die Textesgestaltung 
der Uebersetzung braucht das Original nur an vereinzelten Stellen ver- 
glichen zu werden, da die Handschrift, obschon so jungen Alters, sehr 
korrekt ist; doch lassen sich einige verdorbene Stellen mit Hilfe des 
Originals ausbessern ; so ist zu ändern : in V. 8 1 Muske bih prinila 
ha\me na sehe (L' habito prenderei del maschio) — prinila in primila; 
in V. 239 Ne pravu neg lubi cijec druge progna on (La prima moglie 
per un' altra ei sprezza) — Ne pravu in A"e, prvu\ in V. 672 Agae 
(Agaue) in Agave \ in V. 1073 Cinio kral volom svom, ter nece sila 
hit (Se '1 fate per amor la forza cessa) — Cinio in Cini V; in V. 1522 
Eto sad odi krala donijese nasega . . . (Ecco doue il Re nostro) — odi 
in gdi (schon des Metrums wegen !). Für andere Stellen hilft das Ori- 
ginal nicht, doch ergibt sich die Verbesserung von selbst: in V. 634 
sind die Worte ovi svit umzustellen, wodurch man den nothwendigen 
Reim bekommt; ferner ist auszubessern: in V. 761 svoj'u in tvoj'u; in 
V. 1288 und 1945 obicj'u in ohijeju (d. i. obicj'u in obieju [vielleicht 
vom Herausgeber schlecht gelesen !]) ; in V. 1760 stavla in stavlam; in 
V. 2035 onuh in onud\ in V. 2114 kazet; se in kaze se; in V. 2667 
ostavio in ostaviv; in V. 2696 zlo^n in zlo. Dagegen sind die vom 
Herausgeber den Versen 115, 143, 266, 395, 451, 507, 596, 922 und 
2378 beigesetzten Fragezeichen, bezw. die in den Anmerkungen ge- 
machten Verbesserungsvorschläge, unbegründet, es sei denn, dass der 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 209 

Herausgeber damit unleserliche Stellen bezeichnen wollte, welche dann 
von ihm in der That richtig gelesen wurden; speciell für V. 395 Zivuc 
tvoja prava hihi wird die Richtigkeit des ^;raüa durch das Italienische 
»Viuendo la legittima tua moglie« bestätigt. 

IL Zur ersten Ausgabe der Christias des J. Palraotic. 

Ich besitze ein vorzüglich erhaltenes Exemplar dieser Ausgabe 
(Rom 1670 in 4'') in Original-Pergamenteinband, das in bibliographi- 
scher Beziehung eine grosse Seltenheit, ja vielleicht ein Unicum ist. 
Nach den Vorstücken nämlich, welche 18 unpaginirte Blätter i) einneh- 
men, folgt in meinem Exemplare das erste und vierte Blatt des ersten 
Bogens (also Seite 1 — 2, 7 — 8) des eigentlichen Textes, dann wiederum 
der ganze Text von S. 1 — 633, so dass also die vier Seiten 1 — 2 und 
7 — 8 zweimal vorkommen. Es handelt sich aber dabei nicht um ein 
einfaches Duplikat dieses einen Halbbogens, vielmehr haben wir da mit 
zwei verschiedenen Redaktionen des Textes zu thun, von wel- 
chen die erste (nämlich diejenige des dem vollständigen Texte voraus- 
gehenden Halbbogens) derjenigen entspricht, welche in allen bis jetzt 
bekannten Exemplaren vorkommt, daher auch in alle neueren Ausgaben 
der Christias aufgenommen wurde, während die entsprechenden Seiten 
des vollständigen Textes eine eigene Textirung aufweisen. Allerdings 
erstreckt sich der Unterschied zwischen den beiden Redaktionen, wenn 
man von einzelnen Buchstaben und Accentzeichen absieht (welche je- 
doch den Beweis liefern, dass die Seiten 1 — 2 und 7 — 8 zweimal ge- 
setzt wurden), bloss auf zwei Stellen. Im Halbbogen nämlich lautet der 
1. Vers (des I. Gesanges): Viscgni Dufce^ kiemfua ishode, und der 
9. Vers: Kd s' Viecnoga Chiachka f träne ^ dagegen im vollständigen 
Text: Sveti Dufce kiemfua ishode^ bezw. Kd s' Vifcgniega Chiachka 
ftrane. Diese zwei Varianten Sveti duse (für das gewöhnliche Visni 
duse) und Ko s visnega (für Ko s vjecnogci) sind keine willkürlichen 



1) Es sind eigentlich fünf Bogen (signirt §, §§ u. s. w.), doch der vierte 
besteht bloss aus 2 Blättern. Der 5. Bogen, der verschiedene Lobgedichte 
auf den Autor enthält, scheint nämlich erst nachträglich hinzugefügt worden 
zu sein, denn auf dem 2. Blatte des 4. Bogens steht (nach der Widmung und 
der Vita des Autors) das Imprimatur, und die letzte Seite hat als Kustos 
»Pie-«, während die erste Seite des 5. Bogens mit »In laudem« anfängt. Als 
also der 4. (Halb-) Bogen gesetzt wurde, sollte ursprünglich gleich der erste 
Gesang der Christias (Pievanie paruo) folgen. 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 14 



210 M. Resetar, 

durch den Herausgeber (den Bruder des Dichters) vorgenommenen Aen- 
derungen oder (wenn man etwa an einen noch nicht druckfertigen 
Bürstenabzug denken wollte) zwei Satzfehler, sie stellen vielmehr 
den ursprünglichen Text dieser beiden Verse dar! Prof. 
Srepel hat nämlich im XIX. Band der Stari pisci hrvatski den ge- 
druckten Text der Christias mit dem in der Gymnasial-Bibliothek in 
Ragusa aufbewahrten Autographen des Dichters verglichen; leider ist 
diese Handschrift am Anfange defekt, so dass für die ersten 40 Verse 
nur eine jüngere (fremde) Abschrift des Autographen verglichen werden 
konnte, welche allerdings in der Regel treu ist. In dieser Handschrift 
finden wir nun im 1. Vers duse sveti und im 9*®° kao s vimega] es ist 
somit sehr wahrscheinlich, dass auch im Autograph diese beiden Stellen 
so lauteten. Es kann demnach als sicher gelten, dass die zweite Re- 
daktion in meinem Exemplare dem ursprünglichen Texte in Bezug auf 
diese zwei Verse näher steht als die erste, welche sonst in allen bekann- 
ten Exemplaren der ersten Ausgabe vorkommt. Es entsteht nun die 
Frage, wie überhaupt diese zweite Redaktion eine Aufnahme in meinem 
Exemplare gefunden hat. Eine befriedigende Antwort darauf kann ich 
nicht geben, glaube aber nicht, dass es sich um einen noch nicht durch- 
korrigirten Bürstenabzug handelt, weil — wie erwähnt — diese Re- 
daktion von der gewöhnlichen auch in Bezug auf einzelne Buchstaben 
und Accentzeichen abweicht, was eher dafür zu sprechen scheint, dass 
diese ganzen vier Seiten (1 — 2 und 7 — 8) zweimal gesetzt wurden. 
Höchst wahrscheinlich wurden diese vier Seiten zuerst so gesetzt, wie 
sie in meiner zweiten Redaktion erhalten sind, dann wollte man die 
zwei Stellen in Vers 1 und 9 so ändern, wie sie thatsächlich sonst in 
allen Exemplaren vorkommen, und die vier Seiten wurden noch einmal 
gesetzt, der ursprüngliche Satz aber vernichtet. Diese Procedur wird 
aber durch die Beschaffenheit der vorgenommenen Aenderungen kaum 
begründet. 

Sonst enthält auch mein Exemplar die gewöhnliche Redaktion. Es 
kommen allerdings zwischen demselben und der von Pavic auf Grund 
der ersten Ausgabe besorgten Edition (Stari pisci hrvatski XIV, 
Agram 1S84) kleinere Abweichungen vor, auch solche, wo mein Text 
vom Pavic'schen sich entfernt und mit dem Autographen übereinstimmt; 
so hat Pavic z. B. im I. Gesang, Vers 218 srebra, zlata, V. 479 izagna, 
V. 555 smrti, V. 574 ?', wo mein Exemplar und der Autograph überein- 
stimmend srebra i zlata^ izagne^ smrtim, a bieten. Höchst wahrschein- 



Kleinere Beiträge zur serbokratischen Literaturgeschichte. 211 

lieh sind diese und ähnlich© Fälle auf eine nicht ganz genaue Wieder- 
gabe des ursprünglichen Textes von Seite Pavic's, und nicht etwa auf 
zwei verschiedene Redaktionen zurückzuführen, denn sowohl die Agramer 
Ausgabe vom J. 1S51 als auch zwei weitere Exemplare der Original- 
Ausgabe, die ich hier konsultiren konnte, enthalten dieselben Lesarten 
wie mein Exemplar, bezw. der Autograph. Ueberhaupt es kommen bei 
Pavic auch sonst Abweichungen vor, so im I. Gesang (den ich allein zur 
Probe verglichen habe) : V. 53 srcem P(avic), s srcem I. A(usgabe) ; V. 70 
po slovinskijeh strana P., po slovinskijeh stranah I.A.; V. 215 go- 
spodstvu P., gospostmi I.A.; V. 220 u tom P., u tem I.A.; V. 438 
stahu P., stanju I. A.; V. 486 paklene P., pakljene I.A.; V. 580 pa- 
kletii P., pakljeni I.A.; wobei ich noch davon absehe, dass Pavic in 
solchen Fällen wie V. 50 vojevode {voevode I.A.) ganz willkürlich ein/ 
einsetzte, in solchen aber wie V. 40 Fenicije (»Fenicie« d. i. Fenicije 
I. A.) Fremdwörter nicht nach der für Palmotic massgebenden italieni- 
schen Aussprache las, und endlich in solchen wie V. 129 zore (»zore« 
d. i. dzore I. A.) Idiotismen des ragusanischen Dialektes nicht berück- 
sichtigte. Es scheint also, dass die Pavic'sche Ausgabe einer genauen 
KoUationirung mit der ersten Ausgabe unterworfen werden sollte. 

in. Zlataric's Uebersetzung des Aminta. 

Erst aus der von Budmaui besorgten akademischen Ausgabe der 
Werke Zlataric's (Stari pisci XXI, Agram 1899) erfuhren wir, dass 
es von dieser Uebersetzung des Aminta des Tasso zwei ganz ver- 
schiedene Redaktionen gibt, von welchen die in der ersten Ausgabe der 
Werke Zlataric's (Venedig 1597) enthaltene die jüngere ist, während in 
zwei Handschriften sich eine ältere Redaktion erhalten hat, welche, wie 
aus dem Datum der in Padua verfassten Widmung zu ersehen ist, schon am 
1 1 . August 1580 fertig war. Budmani hat daher den Umstand hervorgeho- 
ben, dass demnach die serbokroatische Uebersetzung des Zlataric die älteste 
Uebersetzung des berühmten Schäferdramas ist; ja es scheint — wie 
Budmani weiter bemerkt (s. XXXIX seiner Ausgabe), dass die Ueber- 
setzung Zlataric's noch früher als das italienische Original gedruckt 
wurde, denn in einer der beiden die ältere Redaktion enthaltenden Hand- 
schriften folgt dem Titel die Angabe »Stampata in Venezia appresso 
Domenico e Giambattista Guerra fratelli 1580«. Nach der Meinung 
Budmani's soll also diese erste Redaktion des Zlataric'schen ^ubmir 

14* 



212 M. Resetar, 

(so übersetzte er nämlich den Namen Aminta) im J. 1580 auch her- 
ausgegeben und diese Handschrift eben nach einem Exemplar dieser 
nunmehr gänzlich verschollenen Ausgabe abgeschrieben worden sein. 
Die Sache ist an und für sich leicht möglich, denn leider wäre dies nicht 
das einzige Beispiel, dass von älteren serbokroatischen Drucken kein 
Exemplar sich erhalten habe. Auch die erste Ausgabe des italienischen 
Originals war gänzlich in Vergessenheit gerathen, da von derselben nur 
ein Exemplar sich erhalten hat, das im J. 1856 aufgedeckt wurde und 
nachher wiederum als verloren galt^). Es wäre somit gar nichts Auf- 
fallendes, wenn auch von der ersten Ausgabe der Zlataric'schen Ueber- 
setzung kein Exemplar bis auf uns gekommen wäre, obschon andrerseits 
auch die Möglichkeit zuzugeben ist, dass die oben erwähnte Notiz sich 
auf eine bedungene, nicht aber thatsächlich zu Stande gekommene 
Ausgabe bezieht. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass Budmani Recht 
hat, und dass der^^ubmir wirklich zum ersten Male im J. 1580 gedruckt 
wurde, denn ich finde, dass in der zweiten Ausgabe des Wörterbuches 
Della Bella's (Ragusa 1785)2) im Verzeichnisse der benützten Autoren 
auf S. IX auch Folgendes steht: »Gljub. Traduzione fatta da Dome- 
nico Slatarich dell' Aminta di Torquato Tasso, favola boschereccia. Si 
e adoperata sempre la Stampa di Venezia di Domenico e Giovanni 
Guerri del 1680. in 8^^)«. Es ist nun trotz der Verschiedenheit der 
Jahreszahl kaum ein Zweifel darüber möglich, dass die hier gemeinte 



1) Nach einer brieflichen Mittheilung des Tasso-Forschers, Prof. A. So- 
lerti in Massa, befindet sich jetzt dieses Exemplar in der Biblioteca com- 
munale von Bergamo; aber noch zur Zeit der Abfassung seiner Bibliogra- 
phie des Aminta (Bologna 1895) war Prof. Solerti nicht bekannt, dass dieses 
Exemplar nicht verloren gegangen ist. 

2) Da gerade von vorbereiteten und nicht zu Stande gekommenen Aus- 
gaben die Rede ist, will ich erwähnen, dass mein aus dem Nachlasse des 
Buchdruckers Martecchini in Ragusa stammendes Exemplar dieses Wörter- 
buches das »Reimprimatur« des k. k. Censuramtes von Zara de dato 21. Juni 
1837 trägt, obschon thatsächlich das Werk Della Bella's nie zum dritten Male 
gedruckt wurde. 

3) Safaiik (Gesch. der südslav. Lit. II, 124) war dieses Citat in der 2. Aus- 
gabe Della Bella's bekannt, doch er glaubte, es handle sich dabei um ein von 
Tasso's Aminta verschiedenes Werk. Da nun Safaiik überhaupt keine, und 
Della Bella, auf den er sich beruft, die Jahreszahl 1680 nennt, so weiss ich 
nicht, woher Pypin in seiner Hcxopia ciaBflncKuxt jiMTepaTypt 2 I, 187 bei Er- 
wähnung des I^ubmir Zlatariö's in Klammern «Bciiei;. 1580« (wohl als Ort und 
Jahr des Druckes) hinzufügt. 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte 213 

Ausgabe identisch ist mit derjenigen, auf welcher die oben erwähnte 
Abschrift beruht, denn die Brüder Guerra waren in Venedig als Buch- 
drucker in den J. 1560 — 1592 thätig^). Es kann somit als sicher gelten, 
dass die Jahreszahl 1680 in Della Bella durch einen (Druck-)Fehler 
aus 1580 entstanden ist. Was mir aber als glaubwürdig erscheinen lässt, 
dass der Redakteur der zweiten Ausgabe des Della Bella (es war dies 
der ragusanische Domherr und Schriftsteller Peter Basic, f 1814) that- 
sächlich ein gedrucktes Exemplar dieser ersten Ausgabe des l^jubmir in 
den Händen hatte, ist der Umstand, dass er auch das Format der Aus- 
gabe angibt; hätte er dagegen nur die oben erwähnte oder eine andere 
Abschrift vor sich gehabt, so hätte er wohl jede Angabe des Formates 
ausgelassen, um so mehr, als er auch in Bezug auf andere von ihm citirte 
Editionen das Format nicht angiebt. Nun können wir mit noch grös- 
serer Zuversicht Budmani beistimmen, wenn er (S. XXXIX seiner Aus- 
gabe) auf diese erste Ausgabe die Worte Zlataric's in der Widmung der 
Uebersetzung der Elektra bezieht: »jes njekoliko godista . . . prinesoh 
iz latinskoga pastijersku pripovijes Tassovu . . i . . dah ju na svijetlo 
(Stari pisci XXI, 4)«. 

Leider ist auch diess eine, dem P. Basic bekannte Exemplar der 
ersten Ausgabe des l^ubmir spurlos verschwunden; ich sage »spurlos«, 
weil Basic dasselbe für die zweite Ausgabe des Wörterbuches Della 
Bella's nicht verwerthet hat. Ich konnte vielmehr konstatiren, dass 
er ganz einfach alle Citate aus dem 1^ üb mir, die er in der ersten von 
Della Bella selbst besorgten Ausgabe vorfand, unverändert in die 
neue Ausgabe herübernahm 2) ; da nun Della Bella seine Citate aus der 

1) Ich verdanke diese Daten der Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. G. 
Coggiola, der sie in dem handschriftlichen, vom bekannten venetianischen 
Alterthumsforscher Cicogna verfassten und in der Marciana aufbewahrten 
Verzeichnisse der Venetianer Buchdrucker vom J. 1469 bis zum J. 1857, fand; 
die beiden Brüder hiessen Domenico und Giambattista Guerra (auch Guerrei, 
Guerraees) , auf einzelnen Werken erscheint aber nur der Name des (wohl 
älteren) Bruders Domenico. Auch das erste gedruckte ragusanische Prosa- 
Werk, das Libarce od djevstva von Gradic, wurde gedruckt im J. 1567 
»Appresso Domenico, & Gio. Battista Guerra, Fratelli«. 

-) Citate aus dem !^ubmir findet man in Della Bella unter folgenden 
Schlagwörtern (wobei die beigegebene Zahl den entsprechenden Vers in der 
akademischen Ausgabe bezeichnet): Avorio 48i, battere i20l, cortese 1720, 
esortazione 1195, fare 1349, faretra 27, freno 659, galantuomo 1720, guardare 
1614, incantamento 480, incurahile 56, innamorare 781, inrimediahile 56, lique- 
fare 1029, luogo 1712, maUdico 580, mancare 1526, misericordia 1711. 1786, 



214 ^^- Resetar, 

Ausgabe vom J. 1597 schöpfte, so beziehen sich auf dieselbe Edition 
auch die Citate der zweiten Ausgabe Della Bella's. Basic aber erwähnt 
im Autorenverzeichniss den j^ubmir vom J. 1580, weil Della Bella (in 
der ersten Ausgabe !) in Bezug auf die von ihm benützten Werke keine 
Angaben über den eventuellen Druckort und das Druckjahr macht; die 
Ausgabe vom J. 1597 der Werke Zlataric's scheint aber dem Basic un- 
bekannt gewesen zu sein, weil er auch für dieElektra nicht diese Edition 
sondern diejenige vom J. 1621 citirt i). 

Wir können somit mit grosser Wahrscheinlichkeit glauben, dass 
Zlataric seine Uebersetzung des Aminta im J. 1580 verfertigt und auch 
gedruckt hat, so dass seine Uebersetzung jedenfalls um vier Jahre älter 
ist als die französische (Bordeaux 1584), welche bis jetzt allgemein als 
die älteste galt. ObZlataric'sl^ubmir auch vor dem Originale gedruckt 
worden sei, ist schwieriger zu sagen, denn die erste Ausgabe des Aminta 
ist nicht die Aldinische vom J. 1581, sondern diejenige von Cremona 
aus dem J. 1580, deren Widmung aber das Datum vom 15. Dezember 
1580 trägt; doch auch die erste Aldinische Edition vom J. 1581 (mit 
dem Datum vom 20. Dezember 1580 unter der Widmung) war in der 
That schon Anfangs Dezember 1580 fertig, denn schon am 3. dieses 
Monates hatte Tasso ein Exemplar derselben von Aldo bekommen 2). Es 
ist somit möglich, dass die erste Ausgabe des ^ubmir noch vor diesem 
Tage fertig war. Doch mehr als die Frage tiber die Priorität der ersten 
Ausgabe des ^ub mir vor derjenigen des Aminta, ist es für uns wich- 



molesto 488, morso 478, negare 1438, nominare 1345, occkio 1227, oechiuto 805, 
osso 725, palma (dl mano) 1201, platano 903, precipitare \S0%, primär er a 1468, 
2)unta 52, risposta 326, sapere 487, sciogliere 1260, sesso 1156, silenzio 548, tardi 
1709, fernere 1194, uccidere 1396 ; das Citat sub corhezzolo ist nicht aus ]^ubmir 
(Signatur Gljub.), sondern aus den Liebesliedern des D. Ranina (Signatur 
Ragn. Gljub.), vergl. Stari pisci XVIII, 201, Vers 105. 

1) Ich besitze vielleicht das einzige erhaltene Exemplar dieser Ausgabe; 
Kukulevic hat in seiner Bibliographie sub Nr. 2140 ein Exemplar kurz be- 
schrieben , das entweder verschollen ist (weil dasselbe mit seiner ganzen 
Bibliothek nicht in den Besitz der südslavischen Akademie in Agram über- 
ging) oder von Kukulevic in Ragusa nur gesehen wurde, woher ich auch mein 
Exemplar erworben habe. Diese Ausgabe ist eine nicht fehlerlose Repro- 
duktion der ersten, wobei nur die Widmung ausgelassen und an deren Stelle 
eine kurze Inhaltsangabe der Tragoedie hinzugefügt wurde. Das Büchlein 
ist in kl. -80 gedruckt und zählt 40 Blätter (nicht 40 Seiten!). 

'-) Vergl. darüber Operi minori in versi di T. Tasso, edizione critica a 
cura di A. Solerti (Bologna 1895), III, icv. xcvi). 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 215 

tig zu sehen, ob die erste Ausgabe des ]^ üb mir — wenn sonst das 
Datum in seiner Widmung richtig sein soll! — wirklich nach einer 
Han dschrift des Aminta verfertigt wurde. In dieser Beziehung leistet 
uns die kritische Ausgabe von Prof. Solerti ausgezeichnete Dienste, denn 
er hat für dieselbe nicht nur die ältesten und korrektesten Drucke, son- 
dern auch die erhaltenen Handschriften verwerthet, von welch' letzteren 
einige vor dem J. 1580 niedergeschrieben wurden. Auf Grund des dieser 
Ausgabe beigegebenen kritischen Apparates kann man also mit voller 
Sicherheit konstatiren, dass Zlataric den Aminta thatsächlich nach einer 
Handschrift übersetzt hat, denn in seiner Uebersetzuug finden sich nicht 
selten auch solche Stellen, welche Lesarten im Original voraussetzen, 
die in keiner gedruckten Ausgabe, wohl aber in einer oder der an- 
deren Handschrift vorkommen. Ich will einige der hieher gehörenden 
Stellen anführen: ^ubmir , Vers IbOne hijese dragaminegova prijazan 
= Aminta, I. Akt, 1. Scene, Vers 60/61 eine Handschrift e m' era | 
mal grata la sua grazia, alle übrigen Handschriften und alle gedruck- 
ten Ausgaben . . . la mia grazia\ ][iub. 194/6 Nu kad si vidjela \ da 
se je od ovce rod'io vuk^ alt huf \ od vrana? = Am., I. A., 1. Sc, V. 
108/109 in den Handschriften Ma quando mai da i mansueti agnelli \ 
nacquer le tigri? o i hei cigtii da"" corvi?^ in den Ausgaben . . . o dcü 
hei cigni i corvi\ ^^ub. 441/42 ToJ pravec^ medene ne usne prinese | 
na lice raneno = Am., I.A., 2. Sc, V. 122/124 öine Handschrift Cosi 
dicendo, avüicinö la hocca \ a la guaticia rimorsa^ sonst Cosi dicetido, 
avvicinö le lahhra \ de la sua hella e dolcissima hocca \ a la guancia 
rimorsa\ ^ub. 792 vecekrat u jezer svede oci ukradom = Am., 
II. A., 2. Sc, V. 60/61 die Handschriften U7ia o due volle | con gli 
occhi a H lago consiglier ricorse, die Ausgaben . . . al fönte consigller 
. . .; ^ub. 1913 eine mu sad slatku i dragu napravu = Am., V. A., 
V. 137 einige Handschriften fanno soave e caro condimento, sonst 
fanno soave e dolce condimento. Schon diese wenigen Stellen zeigen 
uns also, dass Zlataric wirklich nach einer Handschrift übersetzt hat, 
was ebenfalls dafür spricht, dass er seine Uebersetzung vor dem Er- 
scheinen der ersten Ausgabe des Originals verfertigt hatte, denn sonst 
hätte er höchst wahrscheinlich ein gedrucktes Exemplar als Grundlage 
für seine Uebersetzung genommen. Bezüglich dieser von Zlataric als 
Grundlage genommenen Handschrift des Aminta kann nur soviel gesagt 
werden, dass dieselbe mit keiner der von Prof. Solerti herangezogenen 
vollkommen übereinstimmt; sie musste vielmehr eine eigene Redaktion 



216 M. Resetar, 

bilden, welche zum Theil auch mit den den ältesten Ausgaben als 
Grundlage dienenden Handschriften übereinstimmte; so z. B, lauten im 
^ub. V. 826/27 nemoj ti pak pronijet da ja ovo govorim i Joster nada 
sve u pjesni me pravim, was in der (von Budmani [S. XXIX] richtig 
vermutheten) Lesart der beiden ältesten Aldiner Ausgaben aus dem 
J. 1581 und der Ausgabe von Ferrara aus demselben Jahre seine Er- 
klärung findet, wo die betreffende Stelle (H.A., 2. Sc, V. 94/95) lautet: 
Non ridir cK io cid dica^ e sovra tutto \ non parlo in rima, während 
alle Handschriften und sonstigen Ausgaben für pat^lo das allein richtige 
porlo haben; oder ^jub. 1263 7 Jiocu da cuj'es, was dem E pur voglio 
ch? il sappi (ni. A., 2. Sc, V. 43) der beiden Aldiner und anderer Aus- 
gaben, nicht aber dem E pur meglio che 7 sappia der Handschriften 
entspricht. 

In welchem Verhältnisse steht nun die zweite Redaktion des^iubmir 
aus dem J. 1597 zur ersten aus dem J. 1580? Es ist dies eine Frage, 
die sich von selbst aufwirft, die aber erst dann wird definitiv beantwortet 
werden können, wenn die zweite — bessere — Handschrift, welche die 
erste Redaktion des^ubmir enthält, uns besser bekannt sein wird, denn 
sie wurde für die akademische Ausgabe leider nicht herangezogen. Doch 
schon jetzt steht es fest, dass die zweite Redaktion eine viel freiere, zum 
Theil auch breitere ist, so dass (abgesehen von den Chören, welche zum 
Theil, wie es scheint, von Zlataric aus Eigenem hinzugefügt und in der 
neuen Redaktion auch erweitert wurden) der l^ubmir vom J. 1597 über 
100 Verse mehr als die erste Redaktion zählt. Zweitens kann man 
konstatiren, dass Zlataric für die zweite Redaktion auch eine gedruckte 
Ausgabe des Originals benützte (wahrscheinlich die Aldiner vom J. 1590), 
denn an mancher Stelle wurde für dieselbe eine andere Lesart ange- 
nommen. Ich will auch hiefür ein Paar Beispiele anführen : der oben 
erwähnte Vers 150 lautet in der zweiten Redaktion (V. 159/160) ter 
moja taj milos . . . | hij'ese mi nedraga\ und auch die Stelle Vers 
441/42 wurde in der neuen Redaktion nach der gewöhnlichen Lesart 
mit Hinzufügung des in der ersten fehlenden Verses übersetzt: ToJ pra- 
vec, prinese na Uce ranetio \ ustie od medenih i lijepih ne usti (V. 
485/86). Ein genauer Vergleich der beiden Redaktionen erscheint somit 
geboten; als nothwendige Voraussetzung hiezu ergibt sich aber eine 
genauere Kenntnis der zweiten besseren Handschrift der ersten Redaktion. 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 2 1 7 

IV. Zu den ältesten küstenländischen Kirchenliedern. 

Diese Seite der serbokroatischen küstenlänäischen Literatur wurde 
bis jetzt leider sehr wenig beachtet, obschon es an und für sich wahr- 
scheinlich ist, dass, wie in den übrigen katholischen Ländern, so auch 
unter den Serbokroaten an der Ostküste des Adriatischen Meeres die 
Volkssprache zunächst in der Kirche und für die Kirche angewendet 
wurde. Ja, wenn Baronius gut informirt war, besitzen wir in seiner Er- 
zählung von dem Papst Alexander III. im J. 1177 in Zara bereiteten 
Empfange das direkte Zeugniss, dass solche Kirchenlieder thatsächlich 
wenigstens in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts in Dalmatien 
gesungen wurden, denn Baronius erzählt, die Einwohner von Zara hätten 
den Papst bis zur Kathedralkirche geführt »immensislaudibus et canticis 
resonantibus in eorum sciavica lingua« (von Jagic erwähnt in Rad 38, 
58); dass aber diese cantlca nur Kirchenlieder sein konnten, ist wohl 
selbstverständlich. Um so auffallender ist es aber, dass in den glagoliti- 
schen Kirchenbüchern, zunächst in den Brevieren, wo vielfach lateinische 
Kirchenlieder übersetzt werden mussten, dieselben, wie es scheint, regel- 
mässig in einer so wenig rhy thmischen und metrischen Form wiedergegeben 
werden, dass sie unmöglich als gebundene Rede angesehen werden kön- 
nen und ganz gewiss nach einer bestimmten Melodie nicht gesungen 
werden konnten. Doch Jagic erwähnt in seinen Prilozi eine glagoli- 
tische Handschrift aus dem J. 1468, welche auch viele Verse enthält, 
von welchen er auch einige als Probe der Versbaukunst unserer Glago- 
liten mittheilt. Noch älter sind wahrscheinlich die Verse, welche Surmin 
in einer glagolitischen Handschrift aus dem J. 1368 gefunden hat (vgl, 
den Agramer Vienac, Jahrg. 1900, S. 14), obschon er uns nicht sagt, 
ob die betreffende Notiz von derselben oder einer anderen Hand als 
die Handschrift selbst geschrieben wurde; wahrscheinlich haben wir da 
ein Citat aus einem Kirchenliede vor uns. Ziemlich früh wurden gewiss 
Kirchenlieder auch mit lateinischen Lettern geschrieben, vorzüglich für die 
städtischen Kirchen, in welchen in der Regel das Lateinische als Kirchen- 
sprache diente, denn schon im Lectionarium Bernardins (Venedig 1 195) 
finden wir auch eine Uebersetzung des Dies irae im Metrum des latein. 
Originals. Eine kleine Sammlung alter Kirchenlieder gab dann V. Vuletic 
in der Zeitung Katolicka Dalmacija (Zara 1880, auch als Separatab- 
druck, kl. %^, 64 S.) nach einer Handschrift, welche in einer Kirche von 
Curzola aufbewahrt wird, und die nicht aus dem XVII. Jahrh. stammt 



218 



M. Resetar, 



(wie dies der Herausgeber ursprünglich glaubte, vgl. S. 1 des Separat- 
abdruckes), sondern bedeutend älter sein dürfte, da dieselbe — wie mir 
Herr V. schriftlich mittheilte — in halbgothischer Schrift geschrieben 
ist. Ob sie gerade in den Anfang des XV, Jahrh. zu setzen ist , wie 
Herr V. meint, mag dahingestellt sein ; sicher aber ist es, dass dieselbe, 
wenigstens zum Theil, schon im J. 1468 existirte, denn die wenigen 
Verse, aus der oben erwähnten glagolitischen Handschrift von diesem 
Jahre, welche Jagic herausgegeben hat, sind in dieser Curzolaner Samm- 
lung zu finden ; man vergleiche 



Jagic, Prilozi 16: 
Eraa TiycMO ace^me r^iacc — 

KaMO Heye kh Hac cnace ; 
^ycMO Äa ra e Ochu' cxi)aHH^' - 

a nH.iaT My hh B36paHH.i. 
ÜOMOJiHMO OcHna BJtaciejiHua — 

Äa HaM nOBi rocnoÄUHa, 
Mo.anMO Ti Bejie Äparo — 

rai e Heye' Haute ö^iaro. 

Jagic, Prilozi 16: 
MpTBa CHHa npHeMaiue — 

K cpÄa^my ra npHincKauie, 
IIo KpiiJiH la npoeTHpame — 

Bca ce HaÄ hhm' pae^Huauie, 

caMa laKo roBopauie : 
Gjia,TKii eHHy roBopH mh, — 

CBOH) MaHKy pyKy npHMH, 

rOBOpH MH CJiaTKH CHHy — 

3a ^' OT MaHKe laKO Miiuy ; 
''Ihm' TB CHHaK noTBopanie — 
aa MH Ti laKo yMopHiue. 



Vuletic 49 : 
Jeda custe silni glasi, 

kamo Isus ki nas spasi? 
Cusmo da ga Josef shrani 

i Pilat mu ne zabrani. 



Molimo te vele drago, 
kamo Isus nase blago ? 

Vuletic 50 : 

Martva sinka kad primase 
k srcu svomu pritiskase 

V sve rane eelivase 
i suzami opirase : 

Slatki sinu, govori mi, 

svoju majku rukom primi, 

Govori mi slatki sinu, 

zac od majke tako minu, 



Die Uebereinstimmung beider Redaktionen ist eine so grosse, dass 
deren gemeinsamer Ursprung vollkommen sicher ist, dagegen lässt sich 
auf Grund dieser wenigen glagolitischen Verse das gegenseitige Verhält- 
niss der beiden Redaktionen nicht mit Sicherheit bestimmen; es ist näm- 
lich möglich, dass das Lied, zu welchem die beiden oben angeführten 
Stellen gehören, aus den « lateinischen a Städten aufs glagolitische flache 
Land wanderte, aber auch das Gegentheil ! 

Es ist wahrscheinlich, dass dieses Lied, welches nach der Curzo- 
laner Handschrift am Charfreitag gesungen wurde, aus dem Lateinischen 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 2 1 9 

übersetzt wurde, denn es ist kaum anzunehmen, dass man etwa in der 
ersten Hälfte des XV. Jahrb., oder gar noch früher, Originallieder in 
serbokroatischer Sprache für den Kirchengebrauch verfasste, doch in 
den mir zugänglichen Sammlungen lateinischer Kirchenlieder konnte 
ich nichts Aehnliches finden. Dagegen ist es mir gelungen, das lateini- 
sche Vorbild des im Küstenlande gesungenen Weihnachtsliedes zu findeu, 
das ganz gewiss zu den am frühesten in den verschiedenen Volkssprachen 
gesungenen Kirchenliedern gehört. In neuerer Zeit wurde das Lied im 
V. Bande dieser Zeitschrift (S. 267 ff.) von F. Mencik nach einer (mit 
lateinischen Lettern geschriebenen) Handschrift des XV. Jahrh. herausge- 
geben, welche ursprünglich einem Franziskaner von Curzola gehörte; 
dazu gab Jagic den Text desselben Liedes nach dem kleinen Nauk 
krstjanski des M. Divkovic aus dem J. 1640 i). Aus einer im J. 1558 
in Belgrad (kroat. Küstenland) abgeschriebenen glagolitischen Hand- 
schrift gab dann Milcetic das Lied im VÜL Bande des Archivs (S. 252, 
253) heraus. Das Lied kommt dann regelmässig in allen Lektionarien 
des XVn. und XVIH. Jahrb., wobei aber die einzelnen Redaktionen so- 
wohl in Bezug auf den Umfang als auch auf die Reihenfolge der einzelnen 
Strophen in der Regel ziemlich stark von einander abweichen. Es genügt 
jedoch ein flüchtiger Vergleich derselben, um sogleich zu erkennen, dass 
alle diese verschiedenen Redaktionen etwas Gemeinsames haben, so dass 
schliesslich alle auf einen wenigstens zum Theil gemeinsamen Ursprung 
zurückzuführen sind. Nehmen wir z. B. die erste Strophe aus der Hand- 
schrift von Curzola, dann aus der glagolitischen Handschrift vomJ. 1558 
und aus Divkovic, und wir werden sehen, dass sich dieselbe fast wört- 
lich wiederholt: 



1) Herrn Akademiker A. §ahmatov verdanke ich eine Abschrift des 
Liedes nach der ersten Ausgabe dieses Divkovic'schen Werkes aus dem 
J. 1616, deren einziges bekanntes Exemplar die kaiserliche Bibliothek in 
St. Petersburg besitzt. Abgesehen von einigen Lauterscheinungen (es sind 
vorwiegend Fälle der jekavischen Aussprache, welche in der späteren Aus- 
gabe durch ikavische ersetzt wurden) stimmen die beiden Texte vollkommen 
überein; mir im Vers 1 steht das richtige ciie (anstatt sve); ausserdem kom- 
men auch einzelne Abweichungen vor, welche auf das Metrum einen Einfluss 
ausüben, so in Strophe 13 und 16 ooacHcra (statt bozja); es fehlt ferner in 
Strophe 7 das i im 3. Verse, sowie in Strophe 18 das se in V. 3; dafür lautet 
Strophe 9, V. 1 Ohh iis JiUM6a, BecejiehH ce saBananie, Str. 19, V. 1 Bqäuko ^yÄO 
Kpah.2Ha BCJHKa, Str. 20, V. 2 A OÄuehHe na ce6u He HMaine. 



220 



M. Resetar, 



Ciirzola: 
U sej vrime godisca, 
mir se svitu navisca 
kroz rojenje ditica 
od svcte dive Marije. 



Glagol.: 
U se vrime godisca 
mir se svitu navisca 
skroz roeiii ditida 
od svete divi Marie. 



Divk.: 

y cuc BpHCMC roÄHma 
MHcp ce CBHeiy HasHema 
nopohcHHe ÄHTHhiia 
OÄ CBeie ÄUBC Mapuc. 



Dieselbe Uebereinstimmung herrscht auch bei mehreren anderen 
Strophen, so dass es zweifelsohne ursprünglich nur einen serbokroatischen 
Text gab, der dann wohl in verschiedenen Gegenden und Zeiten bald in 
grösserem, bald in geringerem Umfang Aenderungen unterworfen wurde. 
Wo soll man aber diesen gemeinsamen Ursprung suchen? Höchst wahr- 
scheinlich in einem lateinischen Kirchenlied! In der That finden wir in 
den Hymnensammlungen von F. J. Mone (Lateinische Hymnen des Mit- 
telalters), H. A. Daniel (Thesaurus hymnologicus) und Ph. Wackernagel 
(Das deutsche Kirchenlied) einige lateinische Weihnachtslieder, welche 
sowohl was das Metrum als auch was einzelne Strophen anbelangt, mit 
unserem Weihnachtslied vollkommen tibereinstimmen ; so lautet bei Mone 
I, Nr. 50 (nach einer Handschrift des XV. Jahrh.) die erste Strophe: In 
hoc anni circulo | vita datur saeculo, } nato nobis parvulo | per virginem 
Mariam. Das lateinische Lied besteht also aus Strophen von drei in der 
Regel unter einander reimenden siebensilbigen Versen (mit je einem 
Proparoxytonon am Ende) und einem vierten Vers von 7 Silben, aber 
mit jambischem Rhythmus als Abschluss; (dieser letztere Vers ist übrigens 
bei allen Strophen gleich, da er nur zum Theil die Präposition wechselt 
[z. B. cum virgine Maria u. Ä.]). Dasselbe Metrum kehrt im Serbokro- 
atischen wieder: auch hier drei siebensilbige unter einander halbwegs 
reimende Verse, welche in der Regel wenigstens auf ein dreisilbiges 
Wort ausgehen und durch den refrainartigen Vers [od svete cleve Marije) 
abgeschlossen werden. Das Metrum ist somit identisch! Dagegen lege 
ich kein Gewicht darauf, dass auch im serbokroatischen Texte am Schlüsse 
der drei ersten Verse in der Regel solche Wörter stehen, welche nach 
dem neueren Betonungsprinzip Proparoxytona sind (vgl. in der ersten 
Strophe godisca, navisca, ditica), denn zunächst ist es wahrscheinlich, 
dass die ursprüngliche serbokroatische Redaktion im altkroatischen Nord- 
dalmatien zu Stande kam, und zwar zu einer Zeit, als die dortige caka- 
vische Bevölkerung, welche ganz gewiss nach dem älteren Princip accen- 
tuirte, noch ziemlich intakt war, so dass wir dann beispielsweise in der 
ersten Strophe godVsca, navisca, ditica als die ursprüngliche Betonung 
annehmen müssten; zweitens, wenn wir auch an Ragusa denken wollten, 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 221 

wo wenigstens heutzutage die neuere Betonung herrscht, so ist es gar 
nicht sicher, ob letztere schon im XV. oder gar im XIV. Jahrh. durchge- 
führt war. 

Unser Text stimmt aber mit dem lateinischen auch in Bezug auf 
den Inhalt wenigstens theilweise überein, so besonders in der oben an- 
geführten ersten Strophe, dann in der IG. Strophe bei Mone II, Nr. 387 
(aus italienischen Handschriften): «0 pastores currite, | gregem 
vestrum sinite, | deum verum cernite | cum virgine Maria«, welcher 
ganz gut Strophe 11 in der Handschrift von Curzola entspricht: »0 
pastire tecite, ] stada vasa pustite, | bozja sina slavite, | svete dive 
Marije ((. Sonst stimmen der lateinische und serbokroatische Text — wenn 
man von den no thwend ige n Aehnlichkeiten (drei Könige, Stern im 
Orient etc.) absieht — allerdings wenig überein, doch es genügen Metrum 
und die beiden angeführten Strophen, um den Zusammenhang zwischen 
beiden Texten als höchst wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Wenn 
wir sowohl den serbokroatischen als auch speciell den in Italien ge- 
sungeneu Text des lateinischen Weihnachtsliedes besser kennen werden 
(die von mir benützten Sammlungen beziehen sich zumeist auf Hand- 
schriften deutschen Ursprunges), werden sich vielleicht auf beiden 
Seiten auch solche Redaktionen finden, die einander besser entsprechen. 
Das Lied wurde sehr viel gesungen und daher wohl auch vielfach ge- 
ändert, erweitert oder mit anderen Liedern kontaminirt, so dass es nicht 
gelingt, auch für die anderssprachigen Uebersetzungen einen vollkommen 
entsprechenden lateinischen Text zu finden. So wurde von Wackernagel 
II, Nr. 542 eine deutsche Uebersetzuug nach einer Handschrift aus dem 
J. 1426 abgedruckt, die auch solche Strophen enthält, für welche vom 
Herausgeber das lateinische Vorbild nicht gefunden werden konnte, so 
für Strophe 14: »0 du süsser jhesu crist | der sei du ein lebendige 
speiss pist, | gib vns rw noch diser Frist | durch die mait Maria«. 
Merkwürdigerweise lautet die 28. Strophe in dem zu Ragusa im J. 1841 
gedruckten Lektionarium : »0 Jezuse prisladki, | vrijeme mirno daj 
nami, | a dusu nam sahrani | po djevici Mariji«; ist das eine zufällige 
gleichmässige Anwendung der Phrase »da nobis pacem« oder ein innerer 
Zusammenhang, natürlich durch Vermittlung eines lateinischen Textes? 
Woher das Weihnachtslied in das ragusanische Lektionarium vom J. 1841 
aufgenommen wurde, kann ich momentan nicht sagen, aus der sonst als 
Vorlage dienenden ebenfalls ragusanischen Ausgabe vom J. 1783 gewiss 
nicht; vielleicht aus der mir nicht zugänglichen, von dem bekannten 



222 



M. Resetar, 



Bartul Kasid »u jezik dubrovacki« verfertigten und im J. 1641 in Rom 
gedruckten Ausgabe. Ein weiterer sicherer Beweis für den Zusammen- 
hang speciell des glagolitischen Textes mit dem lateinischen ergibt 
sich aus dem Refrain, der, wie gewöhnlich, nur einmal vor der ersten 
Strophe geschrieben ist: »(Ric e?) draga (stvorena?) ] od svete divi 
Marien; der glagolitische Text wurde hier von Milcetic richtig gelesen, 
bezw. ergänzt, und entspricht ganz genau dem lateinischen: »Verbum 
caro factum est | ex virgine Maria«, wo der Uebersetzer caro im Sinne 
von italienisch caro auffasste! Es ist aber nicht sicher, ob wir annehmen 
sollen, dass dieser Refrain in der ursprünglichen serbokroatischen Re- 
daktion vorhanden war, denn — wie wir gleich sehen werden — ist 
dieser Refrain sonst den verschiedenen serbokroatischen Redaktionen 
unbekannt; dann aber der grobe üebersetzungsfehler draga für caro 
[carnis] spricht dafür, dass diese Stelle eher von einem des Lateinischen 
unkundigen glagolitischen Priester als von einem Geistlichen des latei- 
nischen Ritus übersetzt worden sei, während es doch wahrscheinlicher ist, 
dass das lateinische Weihnachtslied zuerst in einer »lateinischen« Stadt 
des Küstenlandes übersetzt wurde und erst später auf das glagolitische 
flache Land wanderte. Es könnte somit sein, dass in etwas späterer Zeit 
ein glagolitischer Priester den Refrain tibersetzte und dem schon früher 
übersetzten Lied hinzufügte, weil er ihn zufällig in einem lateinischen 
Kirchenbuch fand und die Uebersetzung somit dem lateinischen Originale 
näher bringen wollte. Diesen Refrain finden wir nämlich sonst in keiner 
der bisher gedruckten serbokroatischen Redaktionen, und zwar wohl 
aus dem Grunde, weil man bei uns vielleicht seit der ältesten Zeit als 
Refrain nicht einen selbständigen Satz, sondern die zwei letzten Verse 
jeder Strophe gebrauchte. Wenigstens in Ragusa wurde in meiner 
Jugendzeit, und wird gewiss noch heutzutage das Weihnachtslied auf diese 
Weise und nach der folgenden Melodie gesungen : 

Andante 



^ii 



^ 



=t 



--i^ 



-#■•-•■ 



-^--# 



^- 



U sej vrije-me go-di-sta, mir se svije-tu na-vije-sta, 



Pi^^^^^ 



^^^ 



--A- 



po - ro-d:e-ne dje - ti-öa od dje-vi-ce Ma - ri-je. 
Und zwar sang zuerst der Vorsänger (so war wenigstens in meinem 



Kleinere Beiträge zur serbokroatischen Literaturgeschichte. 223 

Vaterhaus der Usus) die ganze Strophe, worauf der Chor die zwei letzten 
Verse wiederholte. Wie das Lied selbst, so ist höchst wahrscheinlich 
auch die Melodie fremden Ursprunges, und sie kann uns eventuell bei 
der Bestimmung der Herkunft des Weihnachtsliedes gute Dienste leisten. 
Ich habe sie aber um so eher aufgezeichnet, als ich nicht weiss, welche 
Verbreitung sie im Küstenlande hat. In dem von allem Anfang an unter 
dem unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss der deutschen Geistlichkeit 
stehenden Kroatien weiss ich, dass sowohl der Text als auch die Melodie 
des Weihnachtsliedes ganz anders ist. 

V. Noch eine Uebersetzung aus Marulic. 

Im letzten Bande dieser Zeitschrift hat VI. Francev eine bis jetzt 
wenig beachtete (speciell von Kukulevic nicht erwähnte) böhmische 
Uebersetzung eines Theiles des Werkes Marulic's »de institutione bene 
beateque vivendi« kurz besprochen. Herr M. Breyer hat dann in der 
Agramer Prosvjeta Jahrg. 1901, Nr. 22, einen kurzen Aufsatz über 
die verschiedenen Uebersetzungen einzelner Werke Marulic's veröffent- 
licht, in welchem er uns insbesondere mit der französischen und der an- 
geblichen spanischen Uebersetzung seiner Institutio näher bekannt macht; 
letztereist vielmehr in portugiesischer Sprache (gedruckt zu Lissabon 
im J. 1579) und galt bis jetzt nur deswegen als spanisch, weil sie auch 
in einer älteren spanischen Bibliographie erwähnt wird. Von deutschen 
Uebersetzungen erwähnt Herr M. Breyer eine nicht vollständige Ueber- 
setzung der Institutio aus dem J. 1568, dann eine vollständige aus dem 
J. 1583, welche später noch fünf Auflagen erlebte. In der Fortsetzung 
zu Jöcher's Gelehrten -Lexikon, Band IV, Col. 895, wo von Marcus 
Marulus die Rede ist, finde ich sub Nr. 6: »Die himmlische Weisheit in 
christlichen Betrachtungen de IV.novissimis^ ist ins Teutsche übersetzt, 
Augspurg 1697. 8. mit Kupfern«. Höchst wahrscheinlich haben wir da 
mit keinem etwa bis jetzt unbekannten Werke des Marulus zu thun, 
vielmehr ist das wohl eine (von den beiden älteren unabhängige) Ueber- 
setzung eines Theiles der Institutio, nämlich der letzten drei Kapitel des 
V. Buches (Tod und Fegefeuer) und des ganzen VI. Buches (Hölle und 
Paradies); ich konnte das nicht weiter verfolgen, weil die »himmlische 
Weisheit« hier in Wien nicht zu finden ist ! 



224 



Zur slavisclien Wortbildung. 



I. 

Eine sehr zahlreich vertretene substantivische Wortfamilie bilden 
die ihrer Entstehi^ng nach räthselhaften Nomina substantiva auf -öa. 
Sie zerfallen, wie bekannt, in zwei Classen: zur ersten gehören die 
Wortbildungen mit dem Vocal h vor 6a: rocxtöa, xo^BÖa, JitexBÖa u. s. w. ; 
zur zweiten die Wortbildungen mito vor 6a \ sxjioöa, xA^oda, *mftc?/oJa 
(böhm. mdloha) u. s. w. Worin ist diese in morphologischer Beziehung 
verwandte und doch verschiedene Wortbildung begründet und auf was 
für einen Ursprung geht das Suffix -rta zurück ? Auf diese zwei Fragen 
will ich versuchen eine Antwort zu geben. 

Vor allem möchte ich hervorheben, dass Substantiva beider Classen 
eine bestimmte vorsichgehende Handlung bezeichnen, eine Handlung 
nicht in abstracto, sondern in concreto. Z. B. das Wort jibCTbCla be- 
zeichnet nicht jiLCTL im Allgemeinen, sondern ein gegebenes (vorsich- 
gehendes oder als solches erwartetes) Factum des Begriffes jrbCTt. 
Ebenso drückt rocxLÖa nicht die Gastfreundschaft im Allgemeinen, 
sondern die factische Bethätigung derselben durch den Empfang eines 
Gastes und seine Bewirthung aus. Das Wort xBajitöa drückt nicht das 
Lob im Allgemeinen , sondern einen concreten Fall des Lobens aus 
u. s. w. 

Eine solche Bedeutung des concreten Seins liegt bekanntlich auch 
der Verbalwurzel '^'bhu zu Grunde, die im slavischen öhth und seinen 
zahlreichen Ableitungen fortlebt. Beispielshalber erwähnen wir das 
Wort saöana (davon saöaBHTn), gebildet von dieser Wurzel in ihrer 
höchsten Vocalstufe schon in der vorslavischen Zeit. Wenn das zutrifft, 
so wäre es folgerichtig zu erwarten, dass zur selben Zeit auch Wort- 
bildungen von derselben Wurzel in ihrer schwachen Vocalstufe bhu vor- 
kommen werden. Nach den slavischen Lautgesetzen müssten solche 
Wortbildungen in der urslavischen Sprache die Form bua, bva (ent- 
sprechend dem -öana in saöana) oder infolge der Assimilation des v an 
das vorausgehende b (wie in öiaxx aus bJnivach oder o6.iaeTb aus oh- 
vlasth) die Form -ua annehmen. Vergleicht man nun ein solches Nomen 



Zur slavischen Wortbildung. 225 

mit unserem vorerwähnten räth seihaften Suffix, so überzeugt man sich bald 
von ihrer vollständigen seraasiologischen und morphologischen Identität. 

Ist somit der Ursprung des Suffixes -6a im hohen Grade einfach, 
so erklärt sich noch einfacher die Art und Weise seiner Entstehung. 
Als Nomen (z. B. als deverbatives Adjectiv auf -u) trat 6a in bestimmte 
syntaktische Beziehungen zu anderen Nomina, unter anderem zu solchen 
auf -{. In einem solchen Falle konnte in der urslavischen Sprache eine 
syntaktische Wendung .itcTt 6a entstehen, die nach unserer heutigen 
Ausdrucksweise wahrscheinlich ein factisches JihCTh, ebenso xo^b 6a 
(xoAB vergl. mit dem russischen hhoxoab) ein factisches Gehen, mojib 6a 
ein factisches Beten u. s. w. bedeutete. Da bei den Substantiven auf ?', 
wie man das aus der vergleichenden Grammatik weiss, die Betonung 
auf die Endsilbe fiel, so konnte das adjectivische 6a als ein einsilbiges 
Wort leicht zur Enklitik werden und als solche mit dem vorausgehen- 
den Wort in ein morphologisches Ganzes zusammenfliessen. Solange 
die Enklitik 6a die Erinnerung an ihren Ursprung von 6i>ith wahrte, 
war diese Zusammenrückung nichts beständiges, sie hatte einen ganz 
mechanischen Charakter. Sobald aber dieser Zusammenhang entschwun- 
den war (wahrscheinlich nach der stattgefundenen Assimilation von v 
nach b)j musste die Enklitik 6a mit dem vorausgehenden Wort in ein 
organisches Ganze zusammenfallen, d. h. zum Suffix werden. So ging 
aus .ihCTi. 6a, uojih 6a u. s. w. das ganze einheitliche Wort jbCTL6a, 
^lojjhösb u. s. w. hervor. Nach dem Vorbild dieser Wörter entstanden 
•schon in der urslavischen Zeit solche Nomina wie rocTtöa, dann weiter 
auch solche, die mit den Substantiven auf i eigentlich nie was zu thun 
hatten, z. B. atennTtöa, eBaTL6a u. s. w. Dass zur Bildung solcher No- 
mina die erstgenannten den Anstoss gaben, das wird dnrch das schon 
von Miklosich hervorgehobene Factum erwiesen, dass diesen letzteren 
in der Regel die Verba auf -hth zur Seite stehen. 

Wie alles in der Sprache, kam auch dieses Zusammenwachsen 
zweier Wörter in eins nicht plötzlich und auf einmal, sondern langsam 
und allmählich zu Stande. Unter dieser Voraussetzung konnte 6a, da 
es noch als ein abgesondertes Wort gefühlt wurde, mit anderen Worten 
nicht bloss das Verhältniss der Zusammenrückung, sondern auch das 
der Zusammensetzung, Coraposition, eingehen. So konnte 6a mit dem 
Adjectiv s-b.h'l ein Compositum bilden und 3'i.jro6a erzeugen, mit dem 
Adjectiv *mt.ajii> das böhmische und polnische mdloba u. s. w. Die 
beiden Classen also der Wortbildung auf -6a verhalten sich zu einander 

Archiv für slavische Philologie. XXTV. 15 



•>26 V. Jagic, 

wie Zusammensetzungen zu den Zusammenrückungen einerund derselben 
Form des Adjectivs 6a mit verschiedenen Substantiven und Adjectiven. 

II. Der Ursprung des Suffixes -ctbo. 

In den slavischen Sprachen begegnet eine sehr zahlreiche Classe 
von Substantiven n. g. mit dem Suffix -stvo (-ctbo). Vergl. altksl. ii;i- 
captcTBo, ÄiHCTBO, /tixtcTBO, öicTBO, Ha^iAjibeTBO u. s. w., bulg. roe- 
nocTBO, HMOCTBO, lOHacTBO, serb. öaHCTBO, yÖHCTBO, 6oa:aHCTBO, sloven. 
hogastvo^ boza?istoo^ zidovsfvo, russ. ooacecTBO, ^lyBCTBO, ;i;'£tctbo. 
böhm, bohatstvo, lidstvo, poln. hostwo, panstioo^ tov:arzystwo^ ols. 
poMescanstvOy duchovnstvo u. s. w. Wie die Beispiele zeigen, alle diese 
Substantiva bezeichnen den Zustand und Verharren in demselben eines 
bestimmten Subjects oder Objects Mikl. Vergl. Gramm. II. 179 — 181]. 
Es entsteht die Frage nach dem Ursprung, der Entstehung dieses Suffixes . 

Bekanntlich sind die Suffixe doppelten Ursprungs, entweder eines 
pronominalen oder eines nominalen. Im gegebenen Falle wird man 
kaum vom ersten (pronominalen ) Ursprung reden wollen : weder aus der 
slavischen noch aus irgend einer anderen verwandten Sprache ist uns 
ein Pronomen *stvo oder *bstvo bekannt. Es bleibt nur die Frage nach 
dem nominalen Ursprung dieses Suffixes offen. Aber was für einem? 

Um darauf eine Antwort zu geben, wollen wir die in Frage stehen- 
den Substantiva mit den Adjectiven auf -iictt. zusammenstellen. Auch 
diese Adjectlva datiren aus der urslavischen Zeit und bezeichnen eine 
im hohen Grade beständig zukommende Eigenschaft. Z. B. rpt- 
.iHCTt magnum Collum habens, MptEHCTi) formicis refertus, bulg. ro- 
pHCTT., KaMCHHCTT., russ. .T^CHCTX, ptqHCTx, ro.iocHCTx, poln. buTwisty, 
drzewisty, osobisty u. s. w. Die Bedeutung >i einer beständigen Eigen- 
schaft« der Nomina mit dem Suffix -hctbo berührt sich sehr nahe mit 
der Bedeutung des »beständigen Zustandes'f der Substantiva mit dem 
Suffix -bctbo, und dieser Umstand erweckt unwillkürlich den Gedanken, 
dass diese Substantiva auch in morphologischer Hinsicht so nahe zu- 
einander stehen konnten, wie in semasiologischer. Doch kann eine 
solche Annahme auch bewiesen werden? Wir möchten diese Frage 
bejahen. Das Suffix -ctbo lässt sich unschwer von dem Suffix -ct'l ab- 
leiten, angenommen dass das letztere nach den ?^-Themen declinirt 
wurde und in der indoeurop. Ursprache die Form -stu hatte. In einem 
solchen Falle würde sich das Suffix -stvo zum ersteren verhalten, wie 
eine höhere Vocalstufe zur niedrigeren derselben Wurzel. 



Zur slavischen Wortbildung. 227 

Doch was würde die Wurzel -stu bedeuten? 

Ein Blick auf das litauische Verbum stoveti erledigt die Frage. 
Dies Verbum, wie die entsprechenden slavischen Worte cxaB'B, ocxaB- 
.UMTH, cTaHOBHuixe u, s. w. (vcrgl. Mikl. Etym. Wörterbuch, wo weitere 
Beispiele zu finden sind) weist darauf hin, dass einst in der indoeuro- 
päischen Sprache ein Verbalstamm stu (stehen) vorhanden war. Von 
diesem Stamm wurde in der gemeinslavischen Sprache ein substantivi- 
sches oder adjectivisches*<s^yo gebildet, das ursprünglich ein Verharren 
oder einen Zustand bezeichnete. 

Ist diese Vermuthung annehmbar, dann würden die beiden Kate- 
gorien der Substantiva in der Bedeutung des Verharrens und auch mor- 
phologisch zusammenfallen. Der ganze Unterschied würde darin be- 
stehen, dass die Substantiva mit dem Suffix -ct'b das Suffix in der ur- 
sprünglichen Gestalt gewahrt hätten, während es bei -ctbo in der er- 
weiterten Gestalt durch das Suffix -o vorläge. Mit einem Worte, das 
erste Suffix wäre primär, das zweite — secundär. 

III. Die Etymologie des Wortes HeBtcxa, 

Die allgemein übliche Erklärung dieses Wortes geht auf Miklosich'.s 
neuere Ableitung (im etymolog. Wörterbuch) von hbb'Sctx ignotus zurück 
(früher dachte er an »nove nupta«). In neuester Zeit suchten Prof. Zu- 
baty (Slavische Etymologien im Archiv XVI. 406 — 7) und W. Vondräk 
(Altkirchenslav. Gramm. 1900, S. 64) und in Russland A. A. Pogodin 
(P. $. B. XXXIII, CTp. 336) diese Erklärung aufrechtzuerhalten mit Hin- 
weis auf das Verhältniss der jungen Frau als einer Unbekannten zu der 
Verwandtschaft des Mannes. Nach meinem Dafürhalten ist es nicht 
leicht, diese Erklärung als befriedigend hinzunehmen: die Bedeutung 
des Adjectivs »HeßicT'L« ist zu umfangreich, um für einen so speciellen 
Begrifi" wie »HeBScTa», sei es auch in der urslavischen Zeit, verwendet 
werden zu können. Es könnte ja auch der Bräutigam in gewissen Fällen 
für die Verwandtschaft der Frau einen Unbekannten abgeben und warum 
heisst er nicht neBicTi,? Wir sehen dabei ganz davon ab, dass bei den 
primitiven Geschlechtsverhältnissen in uralten Zeiten kaum auch eine 
psychologische Basis für diese Benennung vorausgesetzt werden kann. 
Immerhin ist aber diese Etymologie viel wahrscheinlicher als die von 
Fr. Prusik (Krok VI. 37, KZ. XXIII, S. 160) in Vorschlag gebrachte, 
das Wort von vedh (altind. vadhüs^ durch die Vermittehing von *nevo- 
veÄte (die Neuvermählte) abzuleiten. Dabei wird der Ausfall der ganzen 

15* 



228 V. Jagic, 

Silbe vo vor ve vorausgesetzt, womit man sich nicht so leicht einver- 
standen erklären kann. 

Es ist aber noch eine dritte Erklärung unseres Wortes möglich, 
die, scheint c?, von semasiologischen wie phonetischen Bedenken frei 
ist. Man nehme das Wort starosta in Betracht, in welchem sta als Ad- 
jectiv, abgeleitet von dem Verbum stati, fungirt. Desselbe in ein Suffix 
verwandelte Adjectiv sta kann man auch in der letzten Silbe des Wortes 
Heni-CTa erblicken. Den ersten Theil des Wortes könnte man als Lo- 
calis eines Adjectivs *nevos (griech. vefog) auffassen, das Ganze würde 
die Bedeutung »stehend in neuem Verhältniss« haben. Bei der grossen 
Bedeutung der Ehe für das Leben der Frau nicht nur bei den Slaven, 
sondern auch bei den übrigen Völkern, auf allen Stufen ihrer Cultur- 
entwickelung, wird man einer solchen Erklärung des Wortes einen 
grossen Theil der inneren Wahrscheinlichkeit kaum absprechen können. 

Grigorij IlJinskiJ. 

Zusatz. Zu diesen drei kleinen Beiträgen eines jungen russischen 
Gelehrten, dessen Eifer jede Förderung verdient, will ich mir einige 
Bemerkungen erlauben, die darauf hinausgehen ihm zu zeigen, dass 
seine Erklärungsweise angefochten werden kann. Zu 1 möchte ich 
ihn darauf aufmerksam machen, dass seine Behandlung des Suffixes -ha, 
mag sie endlich und letzlich auch das richtige trefifen, der unläugbaren 
Thatsache keine Rechnung trägt, dass dasselbe Suffix auch im Litaui- 
schen und Lettischen vorliegt, folglich eine selbständige Betrachtung 
desselben innerhalb des Slavischen, ohne Rücksichtnahme auf das Li- 
tauische und Lettische, einseitig ist und zu unerweislichen Behaptungen 
führen muss. Die Zeiten, wo man in M0Jib6a eine Zusammenrückung 
zweier selbständiger Wörter M0./rh 6a herausfühlte, liegen sehr weit 
hinter der slavischen Sprachindividualität, d. h. MOjitöa wird nach schon 
fertigen alten Modellen gebildet sein. Allerdings weicht das Litauische 
und Lettische mit dem langen 7-Vocal vor -ba von der slavischen Kürze 
V vor -ha ab. Der Unterschied mag mit den Betonungsverhältnissen im 
Zusammenhang stehen, vergl. ivejijha gegenüber mohhä. Allein an der 
Identität der ganzen Wortbildung kann dennoch nicht gezweifelt wer- 
den. Folglich hat der Slave als solcher nie -ha als ein selbständiges 
Adjectiv gefühlt. Dadurch entfällt auch dieNothwendigkeit, bei MOJibßa 
von einer Zusammenrückung, bei 3T.ji66a (man beachte auch hier den 
Betonungsunterschied, doch nicht immer, denn man sagt xyAOÖa = hu- 



Zur slavischen Wortbildung. 229 

döba) von einer Zusammensetzung zu sprechen. — Zu 2. Die Ableitung 
des Suffixes -stvo von der Verbalwurzel stu (lit. stoveti = stojati) hat 
bedenkliche Seiten. Schon das litauische der Bedeutung nach am näch- 
sten stehende Suffix ysta-yste (vergl. draugyste = Apoy^bcTBo) befür- 
wortet die Ableitung von stu-stoveti nicht. Wenn man ferner bedenkt, 
dass dem Suffix -ist^ (in KaMeHHCTTB, rojocHCT'L), das der Verfasser ge- 
waltsam zu -tstüs, statt Utas, machen möchte, in ganz gleicher Bedeu- 
tung noch ^t^ [kamenit, glasit) zur Seite steht, so wie man neben -at^ 
auch -ast~o kennt (vergl. hradat und bradast, litauisch nur barzdötas), 
so wird man leicht zu dem Gedanken geführt, in dem Suffix -stvo das 
s nicht für etwas wurzelhaftes zu halten, was der Fall sein müsste, wenn 
dem Suffix das Verbum sta-ti zu Grunde läge. Vergl. solche Parallelen 
wie dragost-drazest und dragota-dragoca, oder das adjectivische Suffix 
-hsk^ (lit. iszka) und griech. -^/.ot; und -toy.og. Darnach scheint zwi- 
schen M0.JiHTBa und MOJieöcTBie , was den Ursprung betrifft, kein so 
grosser Abstand zu liegen, wie es nach der Ableitung, die uns hier vor- 
geschlagen wird, der Fall sein müsste. — Zu 3. Was die Erklärung des 
Wortes HeBicTa anbelangt, auch hier operirt der Verfasser mit sehr 
kühnen Voraussetzungen. Ist das Wort, wie er es annimmt, eine indi- 
viduell slavische Neubildung, so mürde man, von allen anderen Bedenken 
abgesehen, zum mindesten *novesta erwarten, da für slav. hob-b kaum 
eine Nebenform *7iem zu Hiife genommen werden darf. Auch die An- 
setzuug eines Locals neve- neben staro-, die Ableitung des Wortes 
CTapocTa von staro-sta zugegeben (die ich nicht für wahrscheinlich 
halte), erweckt Bedenken. Schwerlich ist das Gewicht aller dieser Be- 
denken geringer, als die nicht ohne Grund hervorgehobene etwas zu all- 
gemein lautende Bedeutung des neBiexa :=: ignota. Uebrigens ist zu 
bedenken, worauf auch ich schon seit mehr als 15 Jahren in meinen 
Vorlesungen hinzuweisen pflege, dass die Bedeutung » eine Unbekannte « 
die Lage der neu in das Familienhaus eingeführten Frau gegenüber den 
mitunter recht zahlreich gewesenen Mitgliedern der Familie, nicht etwa 
gegenüber dem Manne präcisirte. Darum ist auch der Einwand des 
Verfassers betrefls des aceiiHxi-, warum auch er nicht *HeBicTi. heisst, 
hinfällig. Er kam ja in der Regel nicht in neue, unbekannte Verhält- 
nisse. Der Fall der Einheirath war so selten, dass noch jetzt ein sol- 
cher Mann bei den Serben die wie ein Schimpf klingenden Namen uljezi 
pripuz führt. V. J. 



Kritischer Anzeiger. 



Ejecnik hrvatskoga jezika, skupili i obradili Dr. Fr. Ivekovic i 
Dr. Ivan Broz. Svezak II. P— ^. U Zagrebu 1901, gr. lex.-S», 

881 Seiten. 

Ich habe den ersten Band dieses Wörterbuches vor Kurzem im Archiv 
XXIII, S. 52 1 — 29, besprochen. Die grosse Bedeutung des Werkes wurde schon 
dort nachdrücklich genug betont, jetzt ist sie durch die so pünktlich eingetrof- 
fene Vollendung desselben selbstverständlich wesentlich erhöht. Es würde zu 
wenig besagen, wenn ich dieses Wörterbuch für das gegenwärtig beste lexi- 
calische Hilfsmittel der serbokroatischen Sprache erklärte, ich raiisste noch 
ausdrücklich hinzufügen, dass es die grösste Verbreitung und Benutzung ver- 
dient, weil sein reicher Phrasenscbatz ungemein lehrreich ist. Die in der 
modernen Zeit, wo die massenhafte Circulation fremdsprachlicher Werke 
einen jeden Schriltsteller zur Kenntniss mehrerer Cultursprachen zwingt, so 
überaus gefährdete Reinheit des Stiles kann durch dieses Wörterbuch, wenig- 
stens soweit es »ich um die richtige Construction im Satze handelt, wesentlicli 
geschützt werden, da bei sehr vielen Wörtern der richtige Gebrauch derganzen 
Phrase mit reichlichen Belegen erläutert wird. Alle Einwendungen jedoch 
gegen die dem Werk zu Grunde liegende Idee, falls man ein vollständiges 
Wörterbuch der modernen Literatursprache anstrebte, halte ich auch jetzt^ 
wo mir die zweite Hälfte des Werkes vorliegt, in vollem Umfang aufrecht. 
Ich ^^ill nur die Versicherung wiederholen, dass ich bei der Besprechung der 
ersten Hälfte, und so wird es jetzt bei der zweiten der Fall sein, allen meinen 
Einwendungen eine solche Form zu geben bemüht war, wodurch das grosse 
persönliche Verdienst der beiden Bearbeiter des Wörterbuchs ungeschmälert 
blieb. Es ist ungefähr so, wie bei einer Bahn, die in Einzelheiten mit grosser 
Sorgfalt ausgebaut wurde, aber die ganze Richtung derselben nicht glücklich 
gewählt erscheint. Meine allgemeinen Bemerkungen fanden Billigung seitens 
eines sehr angesehenen Vertreters der serbokroatischen philologischen Studien, 
den ich hoch scliätzi^ und für kompetent halte, um darüber, was der serbo- 
kroatischen Lexicograpliie abgeht, ein selbständiges Urtheil zu haben. Er 
schrieb mir (24. Nov. lüol) wörtlich folgendes: »Pre kratkog vreraena primih 
najnoviju svesku Arhiva i ne dospevsi da procitam u njemu, procitah po tom 
u »Kolu« VasuocenuIvekoviöevaiBiozovarecnika. Malomi se sto tako dopalo 
podavno, kao ta Vasa ocena. Prvo i prvo, sve mi se cini tacao i tako dobro 
pogogjeno ; drugo, sve je zivo, novo i auvremeno i jasno kazano. Svi ti razlozi 



Broz-Ivekovic's krönt. Wörterbuch, angez. von Jagic. 2J^ I 

odredili su, vec pre desetak godina, i mene da predlozim nasoj Akademiji da 
pocne pribiranje gragje. I ona je pocela i radi se dosta zivo. Ako se gde 
kakva pogreska ne nacini — nase pribiranje se vodi dobro. Vasa ocena samo 
ce im posluziti kao kula svetilja da ne zagju. Dobro skupljena i sregjena 
gragja moze se, u ostalom, upotrebiti na vise nacina«. Leider scheinen meine 
principiellen Bemerkungen nicht eine gleich günstige Aufnahme in Agram 
gefunden zu haben. Zu dieser Ansicht musste ich auf Grund einer gegen 
mich gerichteten Entgegnung kommen, die in der politischen Zeitung »Hrvat- 
ska« 1902, Nr. 3 erschien, leider anonym, so dass man nicht weiss, mit wem mau 
es eigentlich zuthunhat. Die Entgegnung bewegt sich in der schon seit Jahren 
gewissermassen sanctionirten Tonart, so oft es einem Organ der öffentlichen 
Meinung meiner Heimath beliebt, meiner Wenigkeit zu gedenken. Vor allem 
werden die Leser in Unkenntniss gehalten darüber, was ich gesagt habe oder 
im besten Fall nur ganz einseitig davon informirt. So wird auch in dieser 
anonymen Entgegnung meiner Anzeige Mangel an kritischem Sinn, an Objec- 
tivität und Bedacht vorgeworfen. Ich hätte im Ivekovic'schen Wörterbuch 
lauter Ausdrücke, die mir durch ihr exotisches und uncorrectes Wesen auf- 
fielen, gesucht und natürlich, glücklicher Weise, darin nicht gefunden. Daraus 
hätte ich dann Waffen gegen dieses grosse Werk, das viel Mühe und Kosten 
verursachte, geschmiedet. Also man wirft mir geradezu Böswilligkeit vor. 
Dazu gesellt sich dann sehr leicht auch die Dummheit. Und mein Anonymus 
zeiht mich in derThat auch einer Unwissenheit, die, wenn die Sache so stünde, 
wie er sie darstellt, sehr nahe an Dummheit und Gewissenlosigkeit grenzen 
würde. Er glaubt nämlich, ich habe seit 30 Jahren die Entfaltung der serbo- 
kroatischen Sprache ganz aufgegeben zu verfolgen und sei jetzt noch in dem 
Wahne befangen, dass die Kraft der Literatursprache in der anderen Hemi- 
sphäre (d. b. der serbischen) liege. So habe ich mich verrannt und den leuch- 
tenden Stern an falscherstelle gesucht! Dazu kommen noch solche kleine 
Liebenswürdigkeiten, wie der Vorwurf des Mangels au Sprachgefühl für die 
neueste Phase der stilistischen Evolution und der immer von neuem sich 
wiederholende Vorwurf, dass ich allem, was aus Belgrad kommt, vor Agram 
den Vorzug gebe. Wer meine Anzeige im Archiv gelesen, wird sich erinnern, 
dass ich bei einem Wörterbuch, das Vuk's und Danicic's Sprache zur Basis 
hat, vor allem aus Vorsicht die Frage aufwerfen musste, ob man sich auch 
derzeit noch dort auf den lexicalischenVorrath Vuk's und Danicic's beschränkt 
und beschränken kann. Ich sagte auch ausdrücklich, dass ich unter den von 
mir gesammeltenAusdrücken durchaus nicht alle gut heisse (vgl. Archiv XXIII. 
S. 527). Es handelte sich bei mir zunächst darum, zu constatiren, nicht gegen 
Broz-Ivekoviö, sondern gegen das Wörterbuch Vuk's, dass es noch zahllose 
schöne Volksausdrücke gibt, die im Vuk'schen Wörterbuch fehlen. Heisst 
nun das »grundlos und schnurstraks« mit der Reinheit der Literatursprache 
brechen? Wo hat Herr Anonymus diesen Unsinn in meiner Anzeige gelesen? 
Was für neue Principe verkündige ich? Ich verkündige gar nichts neues, 
wenn Herr Anonymus nicht das für neu und unerhört erklärt, dass ich die 
Thatsache constatire, die serbokroatische Sprache habe seit der Zeit der 
zweiten Auflage des Vuk'schen Wörterbuchs eine herrliche Entwicklnu"; 



232 Kritischer Anzeiger. 

durchgemacht — und dass das Broz-Ivekovic'sche Wörterbuch gerade dieser 
reichen Entfaltung nicht genug Rechnung getragen habe. Nicht aus irgend 
welcher Schadenfreude erhob ich diesen Vorwurf gegen das Wörterbuch, eher 
mit aufrichtigem Bedauern. 

Um aber den gegen mich (wie gesagt, jetzt nicht das erste Mal) erho- 
benen Vorwurf, als würde ich nur auf die literarische Bewegung in Belgrad 
Rücksicht nehmen, zurückzuweisen, will ich aus Anlass des nun glücklich 
vollendeten Wörterbuchs Ivekovic's in gleicher Weise, wie ich es schon beim 
ersten Heft that, die Vollständigkeit des Werkes an der Hand einiger kro- 
atischer Schriftsteller prüfen und es wird sich zeigen, dass bei diesen Stich- 
proben das Wörterbuch leider noch bedeutend lückenhafter aussieht. 

Fangen wir mit Mazuranics Cengic Aga an und ich bitte den 
Leser im Gedächtniss zu halten, dass die curslv gedruckten Worte in dem 
Wörterbuche Ivekovic's fehlen: Ac/ovanje. — v. 12 oni ce mi odmazditi. — 
V. 34 krcnu ferste Ausgabe kercnu) kolac njekoliko puta. — v. 39 proz polja- 
nu mrka kr\'ca teknu. — v. 62 boj se onoga tko je vikö, v. 346: vas koji ste 
vikli tome, v. 598: il' spotakne 1' desnica se vikla (man vergl. die bei Iveko- 
vic II, S. 717 aus Vuk übernommene unrichtige Behauptung). — v. 65 zazebe 
ga na dnu srca. — v. 69 sto ih silan zaman strati. — v. 74 hrabar junak uzprev 
zimu (im Wörterbuche nur uspregnuli). — v. 75 sto mu s one piknje male. — 
V. 76 po svem tielu mrazne valja vale. — v. 91 11' u ravnol na ra,vno ce sici 
(in dieser Form und Bedeutung nicht belegt) . — v. 94 misad grize ali po tlih 
gmize. — V. 133 sto uhodi sviloruna hrda (im Wörterbuche nur das mascul. 
krd). — V. 145 gujsko gniezdo st^ükoia prikrilio. — v. 147 a gö rakcin na ju- 
nacku glavu. — v. 153 jos Bjelice ratnborne k tome. •— v. 208 ko se ma kupi 
ceta, V. 412: jer sto kaze inom u. s. w. — v. 217 ter gle cuda! proz mrak scie- 
nis. — v. 239 — 40 man des pitat cetu istu. — v. 241 i gromove gromke mani. — 
v. 259 j:;/,sec muklo prietec muklo (in dieser Bedeutung nicht vorhanden). — v. 263 
stupawMce. — v. 265 na ki-ivine [moht in dieser Bedeutung). — v.269 ni nalagan 
stupaj nogü, v. 856 ali oni stupaj laki, cf v. 873. — v. 274 a vrletna nize brda 
(als Verbum niziti nicht vorhanden). — v. 262 ko desnici podoha se visnjoj, 
V. 441 a jer krstu ne podoha junak. — v. 275 vierna uz druga drug koraca. — 
V. 276 nerazlucno, vierno i tvrdo. — v. 278 kad suncani zrak ugasne. — v. 301 
Stada krotka cetvrticu ovna. — v. 310 kojemu se zvonko oziva, v. 320 i zvon 
smjeran ovna iz planine (im Wörterbuche nur das Neutr. zvono). — v.311 pre- 
üodnika ovna zvono (im Wörterbuche nur 2)rehod?nk). — v. 321 crkva mu je 
divno podnc.hesje. — v. 330 na studen je kamen pokrocio. — v. 335 krsovita 
ali vama zlatna. — v. 391 ili gladnu nskndio hranu. — v. 366 on je sto ve u 
nevolji jacV. — v. 394 bez kajanja ne ima oprostnika. — v.407 ko hiserak sitan 
sinu. — V.414 stoji mnoztvo razboljeno. — v.495 i za noccu uhredom djevojku, 
V. 960 i za noccu na ohred djevojku (in dieser Bedeutung im Wörterbuche 
nicht vorhanden). — v. 514 sad nadliece ine Türke skokom. — v. 515 sad nad- 
me6e harbom. — v.519 zaletje se strjeloväo. — v. 521 ter u letu kusnje radi. — 
V. 525 driemne kadkad ruka hrabra. — v. 529 ter lakokril nejednaciem letora. 
— V. 530 mjeste janjca mrka kosnu vuka. — v. 552 stoji klikn sluga na ko- 
njijeh. — v. 563 ter je vuku konji krilonozi. — v. 568 ter prizorom zalostnijem. 



ßroz-Ivekovic's kroat. WürteibiicL, angez. vou Jagic. 233 

— V. 590 na suinrtvu juris cinit raju. — v. 596 mucenicku piit progriza. — v. 619 
biesan aga, neman ruzna. — v. 622 stvorac visnji pticara nebo dade. — v. 627 
hladoe spilje i zelene luge. — v. 653 vicne sluge raju kvace. — v. 669 prepa- 
dene tezke vaje. — v. 677 tuzna svieöa pozorisfa tuzua. — v. 679 starodavna 
raste lipa. — v.683 auin cador ine nadkrilio. — v. 687 na ühotnoj mjesecini. — 
V. 691 slikam' plase prolazniha nocna. — v. 694 i lelekoui stradajucieh gluse. 

— V. 696 kieh slovjase ime slavno. — v. 703 nad otrazjem srece bolje. — v. 709 
cujes zveku gvozdja ohovnoga. — v. 720 tko nnpulinuv mjesinu, v. 721 pod- 
puhuje tiem da Ijepse planati. — v. 724 na prokolu tovna vrti ovna. — v. 725 
cvrci pusti ovan pri zeravci. — v. 727 ter razsvietlja rosu znojnu. — v. 756 
riknu aga setnu pod cadora. — v. 702 raskosno se sire. — v. 785 u zakutku na 
malenu ognju. — v. 7S7 IT se cmari \ pjesarncu dragu placuc pjeva. — v. 822 
noc je varii sliepa gluha. — v. S63 druzba nocna sve se blize kuci. — v. 870 
zirni pobre kako lako idje. — v. 883 il' gorucu kako lava (gehört doch nicht 
unter das Verbum gorjeti als etwas selbstverständliches). — v. 896 namrkio 
mrskam^ tamniem (im Wörterbuche nur reflexiv). — v. 899 pod nju oko namr- 
cio. — V. 915 stuknu malo bijes krvni nicht in dieser Bedeutung). — v. 932 
jedin bih im pnodsieco glave. — v. 941 a pak smjeran podvitijeh nogü. — v. 942 
na prijasnje sjede mjesto. — v. 945 gudnu luccem zveketnijem (das mittlere 
Wort in dieser Bedeutung nicht erwähnt). — v. 970 ter je poljem narazance 
redi. — v. 1013 grozan pakleu izraz stade. — v. 1024 miso strasnu u dubine 
srcu aga topi (in dieser Bi^deutung nicht belegt). — v. 1038 a na dvoru puska 
grmnu. — v. 1082 pisti, cici, hripi (in dieser Bedeutung fehlt). — v. 1115 ter ti 
smierno obie skrsta ruke nicht in dieser Form), ruke skrsta a prigiba glavu 
(fehlt diese Form). 

Für ein Gedicht von 1134 Versen dürfte diese beträchtliche Zahl vou 
Wörtern oder Wortbildungen, die in dem Broz-Ivekovic'schen Wörterbuche 
fehlen, gewiss nicht gering sein. Es sind auch nicht excentrische, uncorrecte 
oder unerhörte Wörter, die ich da aufgezählt habe. Noch curioser sieht es 
aus, wenn z. B. bei den Wörtern poraz, uskrisiti (die bei Mazuranic vertreten 
sind) Stulli als Gewährsmann citirt wird, als ob das ein historisches Wörter- 
buch wäre, das der ältesten Quellennachweise sich befleissigt. Oder wenn 
bei der in Kroatien allgemein bekannten Wortform duplir auch in diesem 
Wörterbuche noch immer der Zusatz steht, man spreche es in Syrmien. Vnk 
wusste freilich von dem Leben des Wortes in ganz Kroatien nichts, muss es 
aber auch der aus Klanjac gebürtige Dr. Fr. Ivekovic nicht wissen?! 

Ich glaube, schon diese Lücken mit Hinsicht auf den ersten und grössten 
Dichter der modernen Renaissance der Kroaten (Ivan Mazuranic) müssten 
hinreichen, um meinen Vorwurf, den ich bei der Besprechung der ersten 
Hälfte des Wörterbuches gegen da.sselb« erhoben und jetzt bei der zweiten 
Hälfte mit voller Energie, trotz der liebenswürdigen Entgegnung des Ano- 
nymus aufrecht erhalte, begründet erscheinen zu lassen. Doch gehen wir 
noch einige Schritte weiter. Noch jetzt gehört zu sehr populären Belletristen 

— nicht bloss bei Kroaten, sondern auch bei Serben, so weit sie nicht von 
Vorurtheil befangen die guten kroatischen Werke bei Seite schieben — mein 
gewesener Alters- und iStudiengenosse August Seuoa (er besuchte die 



234 Kritischer Anzeiger. 

Mittel- und Hochschule um einen Jahrgang hinter mir). Man hat erst vor 
kurzem in Agram pietätvoll sein Andenken gefeiert. Wie spiegelt sich 
nun seine im ganzen niclit ungefällige Prosa in diesem Wörterbuche? Die 
kleine Probe, die ich machte, bringt starke Enttäuschung. Nach meinen 
Proben zu urtlieilen, könnte man aus den von Senoa gebrauchten und in dieses 
Wörterbuch nicht aufgenommenen Ausdrücken geradezu ein kleines Lexicon 
der Sprache Senoa's zusammenstellen, die bei Broz-Ivekovic fehlen.' Und 
sind das etwa wirklich lauter Idiotismen, die sonst in der kroatischen Lite- 
ratursprache nicht vorkommen? Das wird, glaub' ich, Niemand behaupten 
dürfen, vielmehr das Wörterbuch Ivekovic's zeigt schon wieder auch von 
dieser Seite betrachtet nur die Einseitigkeit seines Standpunktes, die Ver- 
fehltheit seiner Grundidee. 

Die kleine Probe, auf die ich mich beschränke, besteht in Folgendem : 
Ohne jeden Hintergedanken, » voraussetzungslos «, wie jetzt der in Mode ge- 
kommene Ausdruck lautet, nahm ich das achte im J. 1897 von der »Matica 
hrvatska« herausgegebene Bändclien der »Sabrane pripoviesti« Senoa's in die 
Hand. Ich wollte die Erzählung »Prosjak Luka« in ihrem ganzen Umfange 
durchnehmen. Doch beim vorgenommenen Nachschlagen in dem Ivekovic- 
schen Wörterbuche fand ich so viele Lücken, dass mich die fleissige Arbeit 
zweier Tage nicht weiter als bis zur Seite 50 brachte. Schon bis hierher (also 
etwa bei einem Viertel des Umfanges der ganzen Erzählung) hatten sich so 
viele Ausdrücke, die in dem Wörterbuche Ivekovic's fehlen, angehäuft, dass 
ich die Fortsetzung der Collation oder ControUe aufgeben musste, da doch 
meine Besprechung gewisse Grenzen nicht überschreiten darf. Ich sage also, 
dass ich auf den ersten 50 Seiten der Erzählung folgende Worte fand, die 
man in Ivekovic-Broz vergebens suchen wird: Uz nju bieli se rrbirrje 5 (und 
öfters), struze preko bielih prudina ib., cigani zivicari ib. (öfters), po koja siva 
drvenjara ib., pod razcupanim krovicem ib., po kojem plavucu guske i patke 
ib., uz haljuzne glibove ib., ispruzila se vo<5ka ib., livade zamuljene ib. (vergl. 
mulji livade 13), cjelina razgazena ib. (in der hier gebrauchten Bedeutung 
nicht angeführt im Wörterbuche), tizrocana od krtice ib., na zlo su ostrovidi ib. 
(da je Mato bio ostravid 26), pravdasi su ib.. za hruzdicu ib., pa zapije prirod ib., 
za kidljivu kramarsku tkaninu ib., kadno Jelenjani kruto kmetovahu gradu 
6 (in dieser Bedeutung fehlt), bud se postenjak ue daje na taj posao ib., pre- 
poznat des ga po Ijeskovaci ib., nebo aesivi ib., zgrhljetn tiskaju se ib., drktavi 
joj plamecak rek bi plaho zmirka 7 (vergl. baba zmirnu 19), nekoliko struka 
kuruze ib. (vergl. krov od kuruzinja 23;, vreynesna odehe/a baba ib., kratko 
tankonogo sevrdalo ib., po izlizanom plavetnom kaputu-n ib., iza klupastih usiju 
(so auch klapasti sesir öfters), dvie crne cupice (im Wörterbuch nicht in die- 
ser Bedeutung), kao da ima vrbanac ib., obojica hcnuse se ib., cura se lecnu 
43, popravlja si crveni ovratvjak 7, odmuca Janko 8. 15, obraz mu je zahiren, 
grizljio 8, kuci svoj vrat medju ramena ib., zapiskuta onaj supijani rumenko 8, 
zivim na svakom swetistu ib. (diese Form steht im Wörterbuche nicht), za 
robotu i luknn 9, hrb/Julo jedno ib., zakUina Janko 9 (vergl. zaklimav giavom 
15), uraziti kao siloin 9, dosta me je okrpala huda sreca (im Wörterbuch nur 
okrpitv. vergl. da se kqji ukrpa 14, Jankovo se lice trznu 9 (vergl. trznu se 



Broz-Ivekovic's kroat. Wörterbuch, ungez. von Jagic. 235 

djevojka 46), izbieli ziibe 10 (in dieser Bedeixtung fehlt), zaskrinu Mikica 
10, na ocigled papirnatih novaca 11, na kupic 'i)etaca ib., zauzlanng riibca 11, 
prinese ju k svetiljci II, krstitke i snuhoci 12 (vergl. snuhili su ju i drugi 40), 
treba zasuknut rukave 13 fdiese Form fehlt im Wörterbuch), huhaknu iiiali l:} 
iverg]. hahaknu liepi mladid 45), zukre-sne^ Vi jezikom 13, za (h-ohti7nct1kva.ru 
ib., dok zanjusis da, popisuju birace 14, istrusi ostatak viua 14, da si cuhnuo 
ib., moram stiskati oci 15, gledao je neJwJno 15, takovib glupana i ne treba 16, 
sviet ga vidjao najprije djecarcem ib., kraj draca ib. (im Wörterbuch nur 
femin.), te bi se kadkad veselo nakesio 16 (vergl. nakesi se ciganin 34), sarao 
kadkad zirnuo bi ispod oka 16 'vergl. oben aus Mazuranic dasselbe A^erbuni). 
ro/Jka topiina sterala se krajem ib., gotovo od sdi-ojnosti ib.. ujegove krpc 
bijahu odurtiije ib., golisavo novorodjence (diese Form fehlt), dadose ga na 
dojactvo (gebildet nach dem kajkavischen dojectvo] 17, cuo hripaci smieh raz- 
bojnika 18 (vergl. zovnu ga hripavim glasom 28), zadusljiv zrak zatvora 18 (im 
Wörterbuch nicht in dieser Bedeutung), uvrebao \s,kxw prijaznodi 18, ne htje- 
dose mu priustiti ib., nije cutio smilovanja ib., zivci otiipise ib., kao psctancu 
koje bacise u vodu ib., ne vidite te sab/Jikaste noge 19 (krumme Fasse!', 
cestom sti-opotala kola 20, podje kraj njega mljekarica 20 (merkwürdig, das 
Masculinum mljekar steht im Wörterbuch und das häufiger gebrauchte Femi- 
ninum nicht), strese ?:Q otl prepasti \\)., prije su dvogroske kao jj^o/h/ padale 
21 (vergl. sad je plohitnice palo u Lukinu torbu 26), prostenje u Cucerju zane- 
mariti 21 (diese so bekannte Bedeutung fehlt im Wörterbuch!), sepaj moj 
Mato u bieli sviet 21 (vergl. stari seponja 22), znam svaki svetuk 21, kapne i 
mrva srebrisa 22, sunce je zesce ^jr/};ica/o ib., suvisni sitnis i'genit. sitnisu 
stavio u torbu 22 (im Wörterbuch nur sitniz), zapUji oci u Luku ib. (vergl. 
zapUji oko u sviet 27), te ce grohotmdi 22, gdje je grmlje najgiisde 23, nisi 
Jos djetic pa vec hoces majstorom biti 23 (dieses schöne, allgemein in Kroatien 
bekannte Synonymon von kalfa steht im Wörterbuch nicht!;, bio i dosta 
grlovit 24, nije bio tupoglaoac 24 (diese Form fehlt), dopremi me ovamo 24, nu 
prava kusnica 24 (ich habe immer in meiner Jugend kujsnica gehört, von 
kujsa), u tom hrastovlju 25, koja se digla u drvariju, 25, pseto mrzi na svakoga 
zahogara 25, svagdje samilost i bozji blagoslov ib., gdje puna kuruza raste 
gdje li pust siruk 26 (im Wörterbuch steht zwar sijerak, aber diese kajka- 
vische Form mit i hätte sollen angemerkt werden), ali posluhnu ib., moram 
popostajati 27, varuvo svjetlilo nocno 29, hjelokos bradat starac 29, pogleda 
starca te ga ponese letimice nizbrdice 30, dodje na samotno groblje 30, srebrolik 
dim 30, njegovim licem drhtnuU crte jarosti 30, po Jarostno?n nebu ib., da 
cielomu svietu suprotrnUi kuni ib. (nach suprotiti nicht schön weiter gebildet), 
svezanj mrljavih papira 31, snuzden okrenu se 31, bjese ovifsoka 32, sto saui tri 
mjeseca na sjeniku spavao ib., odsulja se zaiostan 32, lice mrknputno 32, oci 
crne kao kupinice ib., malen odrpan covjecac 34, mrk krzljavac 34, sujajastiini 
dugmeti 34, pa se ide u rest 34, u gri/nfovnicu 35, mlieko i pvvrtelje 36, ne 
treba mi tih \ 'dsih prnjaka 37, usiforintaci 37, znam kakva mu je podstava ib. 
(diese Form des Wortes, ausgesprochen lautet es poctavu, ist gewiss richtiger 
als postavu, darum ist auch die Ableitung von po und stuviti nicht richtig, es 
sollte heisseu pod und staviti,, cvieca i Ucitaru 38 (man hat keinen Grund. 



236 Kritischer Anzeiger, 

dieses Fremdwort zu perhorresciren), ziva rumen (als Subst. fem. g. fehlt es im 
Wörterbuch), zapenta krotko 39, na mrazu drhturiti 39, dost me se bieda na- 
davila 39, ako psa ne nahuska na te 4(), vergl. valjda ga krtica /»«s/ca/a na 
pravdaiije 50, d», prikrati put 43, udari precice poljem 43, proksen gospodicic 
43, kao da ju je uesto zapeklo 33 (im Wörterbuch nur reflexiv), kad izminc 
treca godina 46, sto se/^nec7/47 (vergl. tu da je pnet'Äa nasqj sredi 49), suze 
ju pocese gutiti 47, da i zadnju kravu zapracdati moram 50, na zavrtnici za 
svojim kucama 50, u Ijudskoj spodobi \h. 

Ist Senoa ein kroatischer Schriffsteller, wird er sogar gern gelesen, wie 
kaum bezweifelt werden kann, so müssten diese Wörter, mögen auch einzelne 
von ihnen nicht ganz einwandfrei sein, in das kroatische Wörterbuch aufge- 
nommen werden. In der That ist das gesammte ziemlich reiche Wortmaterial 
Senoa's wenigstens eben so viel werth, wie die vielen aus dem Vuk'schen 
Wörterbuch heriiborgenommenen türkischen und vulgären Ausdrücke des 
Ivekovic'schen Wörterbuches. Aber die ganze Unbeholfenheit des Standpunk- 
tes, den die Bearbeiter sklavisch einnahmen, wird merkwürdig durch folgende 
Beispiele illustrirt: Senoa schreibt S. 7: uckakvo krato tankonogo sevrdalo da 
ga d p u h n e s. Die Bearbeiter des » kroatischen « Wörterbuchs, die täglich das 
Wort in ganz Kroatien hören konnten, wiederholen nur aus Vuks Wörterbuch, 
das Wort werde in Perast gehört und haben nicht den Muth oder die Einsicht 
hinzuzufügen, wenigstens so viel, dass man das Wort auch in Kroatien kennt! 

Oder ^enoa schreibt S. 10: «Ti, ti si, Mikica, velika nistarija< . Auch 
dieses Wort kennt ganz Kroatien, Vuk kannte es nur aus Slavonien, und die 
beiden Bearbeiter hatten schon wieder nicht den Muth oder die Einsicht, um 
entweder etwas hinzuzufügen oder wenigstens den einengenden Zusatz «in 
Slavonien« zu streichen. Es fehltauch beim Wort dieAngabe, dass es zugleich 
(oder vielleicht nur?) von den Personen gebraucht wird. 

Seuoa schreibt S. 10: »Danas bijase Luka za cudo turohan«. Ganz Kroa 
tien kennt dieses Adjectiv nur in dieser Form (so auch im Slovenischen). Die 
beiden Bearbeiter glaubten denuoch das Wort erst durch den Hinweis auf 
Bogdanovic's Material stützen zu müssen, verweisen zugleich auf die andere, 
gleichsam besser begründete Form, auf turovan ! Hätte neben dem Zeugniss 
Bogdanovic's nicht ihr eigenes Sprachgefühl sie veranlassen dürfen, wenig- 
stens etwas zur Stütze der Form turohan hinzuzufügen?! Auch für das Wort 
skulja citiren die Herausgeber nur Bogdanovic als Autorität, als ob das Wort 
skulja nicht in ganz Kroatien eben so bekannt wäre w ie spilja, das sie gar 
nicht erwähnen (wir sahen es oben bei Mazuranic). Oder das Wort zcakatv 
allgemein bekannt, führt noch jetzt den überflüssigen Zusatz »osobito u 
Srijemu«! Waium »osobito u Srljemu«, da mau in ganz Kroatien auch nur 
so spricht ! ? 

Senoa schreibt S. 18: onaj izmet svieta sto ga je opacina, stu ga grieh 
skupio bio. Auch dieses Wort kennt ganz Kroatien. Belosteuec hat es schon 
in seinem Wörterbuch, und doch wiederholen die Herausgeber aus Vuk's 
Wörterbuch den Zusatz »u Poljicima«. Für Vuk's Gewissenhaftigkeit war das 
ein rühmliches Zeugniss, aber soll man denn immer auf demselben Fleck blei- 
ben und nicht über Vuk in unseren Kenntnissen hinaus gehen? ! 



Broz-Ivekovid's kroat. Wörterbuch, fixigez. von Jagid. 237 

Beim Wort dvoriste liegen zwei Bedeutungen vor: einmal die gewesene 
und dann die gegenwärtige Hofstätte. Die Herausgeber machten daraus zwei 
verschiedene Wörter! 

Beim Wort spretan steht nach Vuk nur die sachliche Bedeutung von 
einem nicht viel Raum einnehmenden Gegenstande. Nun weiss man aber, dass 
in Kroatien das Wort auch von einer geschickten, anstelligen Person gebraucht 
wird, z. B. .Senoa sagt (S. 41): jer bi bas ona spretna, prikladna bila. Warum 
sträubten sich die Bearbeiter dieser Bedeutungserweiterung in ihrem Wörter- 
buch Rechnung zu tragen? Nur selten geschieht das wirklich, z. B. s. v. 
zamjera steht wirklich ein Zusatz, der die volksthihnliche Bedeutung des 
Wortes auch für Kroatien in Anspruch nimmt. Leider ist eine solclie Eman- 
cipation viel zu selten anzutreffen. 

Doch lassen wir Senoa, wenn schon die beiden Bearbeiter wirklich 
glaubten, mit einigen trefflichen Ausdrücken seiner Prosa ihr Gewissen nicht 
belasten zu müssen, obschon Senoa als Schilderer Provinzialkroatiens berech- 
tigt war, ebenso die lokale Couleur zu pflegen, wie Ljubisa, wenn er Monte- 
negro und Bocche schilderte, wie Vrceviö, wenn er den Witz Hercegovina's 
zum besten gab, wie Milicevic, wenn er das serbische Dorfleben vor unseren 
Augen aufleben lässt. Alle diese Schriftsteller gehören gleichmässig und 
gleichberechtigt in ein Wörterbuch der modernen serbokroatischen Sprache. 
Doch, wie gesagt, lassen wir ^enoa, wie wird man aber die Lücken des Wör- 
terbuchs entschuldigen, die ich wahrnahm, als ich die kernige Sprache Pav- 
linovic's einer ähnlichen kurzen Probe unterzog? Pavlinovic geht mich 
als Politiker nichts an, aber als kroatischer Schriftsteller beherrschte er die 
reiche Sprache Dalmatiens in einer Weise, die alle Achtung verdient, und es 
hätte dem akademischen Wörterbuch gar nicht zum Nachtheile gereicht, wenn 
es diePavlinovic'sche Sprache in seinen Wortschatz aufgenommen hätte. Ich 
nahm auch hier « voraussetzungslos « dasBüchlein «Pjesme iBesjedeMihovila 
Pavlinovica« (Zadar 1873) zur Hand und beschränkte mich auf die Schilderung 
der »Kotari« (S. 35 — 84;. Folgende, meist herrliche Ausdrücke, die jedem 
serbokroatischen Wörterbuch zur Zierde gereichen müssen, fehlen im Broz- 
Ivekovic'schen Wörterbuch: kada gvozdan Biokov zajelcne 35, jeda li de mutni 
podvedritiih., kroz te hridne jj/ü'ar* karinske ib., vgl. kuzna spara iz plicavi 
Ninske 74, (ich kenne die Bedeutung dieses Ausdrucks nicht) 35., u osjenje 
Zrmanji spanerao ib., mrzovoIp>a,jor/uiia, nakera ib. (die beiden letzten Adjec- 
tive mögen Pavlinovid's Eigenthum sein), na krvavu gudnju s Velebita ib., u 
to kolo zhiicana vrtloga ib., ogoljene göre i sumeti ib. (vergl. gdje se momce 
vere po sumetu 57), zakrldjale poljem potocine 36, sam se Ijutez iz ravna po- 
malja 37, okostnica starieh kotara ib., i svojiem zanudjali Ijudstvom ib. (vergl. 
lava zanudjaju odkinutim udim 44, rajesto kriza znnudja sabalja 47), i bedeme 
sruse zidoderi 37, da se pamet vrza cudna povjestnim vrzivomZS, gdje seKrka 
mamna raspljiiskuje 38, netora se je grebenju otela ib. (dieses Collectivum von 
greben fehlt im Wörterbuch), u samoti slapa 39 vergl. oh ne placte na svietu 
samote 77, i samotii u praznome duhu, kada Biidim ne uhrani kralja 41, toga 
slavlja rodu hrvatskome 41 (vergl. nad se izvor narodnome slavlju 42), odkle 
njemu kolje dohrovolje 42, svoje ozleäio duse 4.i, da sega na tudje dvorove 43 



238 Kritischer Anzeiger. 

(im Wörterbuch nur reflexiv;, da se gozdnim kopitom pricepi 43, porlastice 
dieli; zaduzbine 13, zatrapila silüe, glasovite 43, jer sj'aj pred njiiu sjaje 43, 
smamüi se primorski gradovi 44 (vergl. 48 smamio se, im Wörterbuch fehlt 
diese Bedeutung), al' je sveto ali pirba banu 45 (öfters jnrba bei Pavlinovic), 
jali miadu umahne kotarku 45 (vergl. veselilo kadam umahnuUm 54. diese ur- 
alte Bedeutung für das spätere o^^i;«,o^/m'ca verdient hoch geschätzt zu werden), 
olis parca jal' doliza podia 45 (das Wort doliz mag Neubildung sein), nema 
gosta do suinja zahovna 45, u Bosni se rane razvriedile 46 (vergl. Bosni tuznoj 
razvriedile rane 48, vergl. russ. passepeÄHTB in derselben Bedeutung, ein präch- 
tiger Ausdruck), saklalo se psenje 1 skosilo 46, jednom reznu vuce iz peöine 46 
(gehört zu rezati], podstrekao primorske gradove 46, mrtvo tielo kobno ras- 
cjepkanje 47, odkle zamef jadu tolikome 47 (diese Bedeutung, jetzt üblich, 
fehlt im Wörterbuch), neraa varke nema zaklonika 47, svetogrdne ruke oprljao 
47, kraljskom krvlju kriza nastrapao 47, tri vladike u raskol zagrezli 48, car 
rumene zagriznu jabuke ib. (fehlt diese Form), avaj glava o kopiscu breci 49 
(mir nicht ganz verständlich, scheint zu bedeuten »riba od glave smrdi«, 
kopisce ist auch im kajkavischen bekannt), pmznoruka osta sirotinja 49, odkud 
coban vtknuti vitestvu 49 (vergl. oben bei Mazuraniö vikö), da ohakla ovce raz- 
bludnice ib., kako Turkom na susrete stupa ib. (im Wörterbuch nur Singul.), 
Spljet ne bio tursko vafjaliste 50 (vergl. valjaliste vojsci nevjezbanoj 53), duh 
nebeski na Spljet se nadvija 50 (diese Form fehlt im Wörterbuch), u bieg krenu 
bez traga bulince ib. (vergl. im Wörterbuch balija), tko to kaza' z%jale hrvatske 

51 (vergl. nije njemu do kotarskih^a/a 59, da vidaja/e nevidjene 61, das Broz- 
Ivekovic'sche Wörterbuch hat das Wort ja/ überhaupt nicht, das akademi- 
sche citirt für diese Bedeutung, bijeda, nevolja, nur Grga Martic, mau sieht, 
dass auch Pavlinovic die Bedeutung kannte und gern das Wort anwendete), 
on se tuca i sviet obija 51 (diese Bedeutung fehlt, vergl. tucak: der Bettler), 
eto turskom uspora bjesnilu 51 (auch dieses Wort ist im Wörterbuch Broz- 
Ivekovic nur einseitig nach Vuk behandelt), ti poviedaj svietu kroz viekove 

52 (auch hier haben sich die Bearbeiter enthalten zur Bemerkung Vuk's, dass 
das Wort in Risan gesprochen werde, wenigstens das hinzuzufügen, was sie 
wissen mussten, dass ganz Kroatien das Verbum kennt!), al' se javi pomirljiva 
duga 52, sa svih strana Hrvat se blamio 52 (dieses Wort verstehe ich nicht), 
Imotsko se ubavo skitilo 53, sve se nase predigte krajine 53, jake ruke u pro- 
zobna trupla 53 (mir unverständlich), svika' pusci i zidjezu Ijutu 54 (citirt von mir 
wegen der Consti-uction), krvare se dva susjedna sela 54, kako tovni u priuzi 
voll 55, kano Stada u zasjeku gustu (bei Vuk, also auch Broz-Ivekovi<5, nur 
Femininum), pusto lozje sto bezdusnik srazi 55, a ti na put kada tmine glunu 
55 (citirt, um das im Wörterbuch gegebene zu beleuchten), nema uikog hudoj 
jugmenici ib., kisajii se najraljeni djeveri 55 (im Wörterbuch ohne se, auch das 
akad. Wörterbuch kennt ein solches Beispiel nicht), kako vristi silnikn naruci 
55, gdje se hrani putnicka okrepa ib., jer da su ga runtoci zacnli 56. deveti se 
ponosi ubojstvom ib., priskocilo drustvo zlokobnika 56, covjek porinuo zlicimice 
ib., eto na te srdna i manena ib., tesko kuci kojoj okastüa (mir unverständlich), 
jel' ognjista jeli zaklonista 57, zlo ti zaklon, göre ogrijanje 57, w potrietnu za- 
lostne zadruge 57 (Vuk, also auch Broz-Ivekovic haben n\xv prjtremak), vergl. 



Broz-Ivekovid's kroat. Wörterbuch, angez. von Jagic. 239 

ib. äve potriemi i ]iiYe zagorske, da navuce kukre i gUhe'zi 57 (das Wörterbuch 
kennt nur kukrika], gdje te majka diveseCom cuva 57 (das akad. Wörterbuch 
hat das Wort aus Pavlinoviö's Sammlung, wahrscheinlich dasselbe wie 
devesi/j), sliepo sudbovanje, sto sudba sudhovala ib., i gdje 1' suze na sjarm- 
Ijene duse 59, vec da mrtvom rastuzuju sjenom ib., braca jesmo ujedanak zovu 
60 (im Wörterbuch nur mit der Präposition na, das akad. Wörterbuch kennt 
doch auch ein Beispiel mit m), da otire suzu otajnicu Gl, svojim duhom da 
zrcalo svMi 61 (mir unklar), kad zlikovcu krvava pohlepa srca siri 62 (das 
Wörterbuch hat zwar das Wort, es sagt aber [nach Vuk] dasselbe sei in Ra- 
gnsa [in Dubr.] bekannt; nun hätten aber die beiden Herausgeber doch hinzu- 
fügen können, dass auch ganz Kroatien das Wort kennt, schon Belostenec 
führt es an!;, tko odoli razhucanoj strasti (das Wörterbuch hat nur razbuciti] 
ib., tko pretvori neljudstvo ii Ijudstvo ib., i vase su proincave umi ib., al' je 
vasa oplitka rnndrika 63 (vielleicht ist mudrika ein Druckfehler für mudrinal), 
i vasi su krivostrani sudi ib., sto kroz sviesti u dnoca prodice ib. (ist das De- 
rainutivum von dno?), obaraju suzom od oprostu ib., daj ti meniradisne zupnike 
ib., kad mlad putnik zakon ohi-sio 6A (bedeutet also nicht nur das, was bei 
Broz-Ivokovic steht, sondern auch ohne üble Nebenbedeutung), tko hut prasci 
tko veze kokosku ib., luda djeca oci izdrecila 65 (vergl. zapjenio oke zadrecio 
61),pripelin sklada i napredka ib., aP tu oka potremdo nije 66, spali druzi u 
cvmxjapaiju 67 (im akad. Wörterbuch ist das Wort belegt), progara svaka suza 
kroz sree 6S, strepmc, zdrinnn, vuk gorski probliedi 6S, pa se mlade takmile 
kotarke 71, dat' upute kroz ta praznovjerja 72, ovaj .pita od ukolja vuka 72, 
stirka moli od srca poroda (im Wörterbuch nur sttrkinja), a susjeda od ukose 
lieka ib., kravi mlieka i sebi pocitka ib., i vinova loza zapupüa 73, jedan zeze, 
}QA&npodjanije 74 (im Wörterbuch nur podjariti), sjever suhi ispuhao stiene 
(im Wörterbuch nur reflexiv), a domecu izZap» skradinski ib. (statt ishlapi), sto 
su njima dragali livade (seil, janjci) 75 (vergl. lipu draga dih lahora tiha 76), 
rodne voöke, jüase i topole 75 (was bedeutet dieses Wort?), da iz blata razgone 
natruhe ib., paJjeznika otmicara tata (wohl paleznika) ib., zloudarne ruke po- 
stetljive ib., al veselo korom projanice 76, kada sama na zrenike lazi 77, nit' 
spomena ugojnoj Ijepoti ib., od te spare i gTadjanske tisme 78 (das letzte Wort 
nicht nur in Syrmien, wie es ursprünglich bei Vuk stand, und auch nicht bloss 
in der Lika, wie es bei Broz-Ivekovic nacii Bogdanovic hinzugefügt wird, 
sondern aucli weiter unten in Dfilmatien bekannt), nit' ogrijat suza kajalica 78. 
Auch diese Auslese aus einem olme jede Berechnung gewählten 1 361 Verse 
umfassenden Gedichte bedarf keines weiteren Commentars. Ich hätte selbst 
nicht geglaubt, wenn ich nicht dieses Resultat durch eigene Prüfung erzielt 
hätte, dass diese moderne Sprache, mag man sie kroatisch oder serbisch 
nennen, gleichviel, so weit den Wortschatz des Vuk'schen Wörterbuchs hinter 
sich zurücklässt. Was für eine Lehre folgt aus dieser Thatsache für das 
Broz-Ivekoviö'sche Wörterbuch .' Das Werk bedarf einer Ergänzung, wenn 
es ein Wörterbuch der gegenwärtigen Literatursprache werden will. Darüber 
kann keine gegen mich gerichtete Polemik hinwegtäuschen. Auch die An- 
kündigung eines eigenen Vortrags des Hochwürdigen Herrn Dr. Ivekovic, 
i dem ich die von der Agramer Akademie zu Theil gewordene Auszeichnung 



240 Kritischer Anzeiger. 

aus Herzen gönne, in der Akademie selbst kann an der Thatsache, dass das 
Wörterbuch lückenhaft ist, nichts ändern. Es bleibt also nur eins zu thun 
übrig, was man von der Opferwilligkeit des Herausgebers dieses Wörterbuchs 
vielleicht erwarten könnte: er möchte sich entschliessen, zu seinem jetzigen 
zweibändigen Wörterbuch noch einen Ergänzungsband zusammenzustellen, 
der zunächst nur die Wörter der modernen Literatursprache enthielte, die in 
dem jetzigen Umfang des Werkes fehlen. In dieser Weise hat Prof. Kott sein 
böhmisches Wörterbuch ergänzt. Bei einer Neuauflage könnte dann die Er- 
gänzung in die alphabetische Reihenfolge aufgenommen werden. Auf diese 
Weise würde Herr Dr. Ivekovic seinen Verdiensten die Krone aufsetzen. Aus 
Hochachtung vor der wirklichen Mühe, die schon der jetzige Umfang den 
überlebenden zweiten und älteren Herausgeber gekostet, ratheich ihm, diesen 
Weg einzuschlagen und bitte dabei, die in meinen beiden Anzeigen enthaltenen 
Winke gefälligst zu berücksichtigen. 

Ich weiss, dass man gegen meine Einwendungen vorbringen wird, das 
Werk sei vor allem bestimmt, den Vuk-Danicic'schen Sprachschatz in den 
westlichen Gegenden des Sprachgebietes möglichst zu verbreiten, zu be- 
leuchten, zu popularisiren. Dass ich nichts dagegen habe, wurde schon gesagt. 
Niemand anders kann die Mustergiltigkeit dieser Quellen höher schätzen, als 
ich. Ich' muss jedoch abermals wiederholen, dass jetzt die Sprache Vuk- 
Danicic's nicht mehr ausreicht, die culturelle Entwickelung der Kroaten und 
Serben ist jetjt schon diesem Kleide entwachsen und die Aufgabe eines 
modernen Wörterbuchs besteht eben darin, dem Wachsthum des Wortschatzes 
vollauf Rechnung zu tragen. Ich könnte das auf keine bessere Weise illu 
striren, als durch den Hinweis auf einen hochgeachteten Dichter, den man 
neben Grgo Martid als den Senior oder Nestor der kroatischen Literatur be- 
zeichnen darf, durch das Beispiel Trnski's. Es ist gewiss auf dem ganzen 
Sprachgebiete, für welches dieses Wörterbuch vor allem bestimmt ist, kein 
zweiter Schriftsteller zu finden, der so gut den ganzen Wortschatz des Vuk- 
schen Wörterbuchs kennt und in seinen Werken anzuwenden versteht wie 
Trnski. Er geht in der Verwendung des Vuk'schen Wortvorrathes vielleicht 
dann und wann sogar zu weit, d. h. er pflegt statt der guten, allgemein be- 
kannten Ausdrücke, einen vielleicht zu grossen Spielraum in seinen Werken, 
minder bekannten oder gebräuchlichen, aber in das Wörterbuch Vuk's mit 
einerjbestimmten Bedeutung eingetragenen Wörtern zu überlassen. Dadurch 
machen seine Gedichte und Erzählungen in Versen leicht den Eindruck einer 
gesuchten, nichtsweniger als einfachen, natürlichen Ausdrucksweise. Allein 
um das handelt sich jetzt nicht. Im gegebenen Falle ist wichtig zu constatiren 
die Thatsache, dass Trnski ein vortrefflicher Kenner der Sprache des Vuk- 
schen Wörterbuchs ist. Schwerlich erreicht ihn in dieser Hinsicht ein zweiter 
Schriftsteller, gewiss steht er keinem nach. Und reicht etwa dieser Vorrath 
des Vuk'schen Wörterbuchs für Trnski aus? Ist er ein so ausschliesslicher 
Purist, im Sinne der Beschränkung auf das Vuk'sche Wörterbuch, wie im 
Broz-Ivekoviö'schen W^örterbuch, dieser Standpunkt engherzig vertreten wird? 
Dafür will ich ein Beispiel geben. Ich wähle absichtlich aus Trnski's dichte- 
rischen Leistungen eine im J. 1890 erschienene, im leichten Genre geschriebene 



Broz-Ivekovic's kroat. Wörterbuch, angez. von Jagic. 241 

romantische Erzählung, welcher eine geschichtliche Volksüberlieferung aus 
der Gegend von Kostajnica zu Grunde liegt. Das Büchlein ist unter dem 
Titel »Ana Loviöeva« bekannt, umfasst 104 Seiten mit einer Vorrede auf vier 
Seiten. Ich unterzog mich nun der Mühe, alle hier von Trnski angewendeten 
Ausdrücke, von denen ich einigermassen im Zweifel war, ob sie im Wörterbuch 
Broz-Ivekovic's vorkommen, nachzuschlagen, und gelangte schon wieder zu 
dem nicht mehr überraschenden Resultate, dass Trnski auf jeder Seite einige 
Ausdrücke anwendete, die man in dem neuen Wörterbuch, sei es überhaupt 
nicht findet, oder wenigstens in der vom Dichter gebrauchten Bedeutung 
nicht. Ueber drei Hundert solcher Wörter habe ich mir angezeichnet. Ich 
will sie nicht alle aufzählen, aber wenigstens einige seien erwähnt, um zu 
zeigen, dass das meistens alte Bekannte sind, die man nicht als Neologismen 
Trnski's (es gibt allerdings auch solche) einfach über Bord werfen kann: baha- 
tost, beznadje, hlizina, hogoduh, briznik, cilikati, za-, cinik (auch iinik), cetica, 
culo, delac, diljem, doglasitt, dolandati, dojimati se, domar, domoljuban, doseg, 
dostojnik, dnsulj'ati se, dotescati, dragota, dragulj, drugaciti, (^«6 (Tiefe), dvorilac, 
ginba, glibiti, gnjus (im Wörterb. nur gnits), grmecak, grozota, grstan, gud, hra- 
nilac, hiilja, imetak, iskukati, isprostrance, istolik, izbavijaj, izbavnica, izmirba, 
jasilac, jedrenjak (brod), jecaj, komiti (in anderer Bedeutung), koraknuti, kre- 
menjak, kret, krivvja, Är«£a<i (Kreuz machen), krvnikovati, lahor, last 2idiy,lecnuU 
se, Ijutav 8. f., maran, martiik, micenica, micenik, mitnjak (in anderer Bedeutung), 
milak,mracaj, nakuciti,nakucaj,namjerce, namrijeti, napadnik, naslov, naslucaj, 
naselac, naseljaj, naslanik, nasiti se, naum, naumce, nenaumce, neduznik, nelast, 
neman, neracan, neprestance, nevidomce, neviko, nice, nizvodice, obdujJsti, obraynba, 
ocajni, odrjesitost, odskakutati, ozdravljati, okrepa, oprezce, osjecaj, oziinni, 
oziv/jaj, pah, papnuti, parobrod, patcoriti, pecal, peritt (öfters bei Trnski), 
pijelo, plocnik, poduvtiiti se, podizanje (diese specielle Bedeutung fehlt), pogi- 
belj (im Wörterbuch fehlt diese Form), pogwjati, poglegjaj, pohranjivati, pokrs- 
caj, pomamnik, poodahnuti,poodsijecati, popomahnuti, popriste, poposjediti, poru- 
kovati se, posada, posj'ed, posmjeh, postavati, povladak, povodnik, pozir, 2^ozvo- 
njeti, praviti se (^pravdati se), predociti, pregorljiv, pirekopitnuti, prelo (Inder 
Bedeutung: Loch), premac, premuciti, preopak, prespalo, prezir, preznja, pribli- 
zaj, pricescaj, prikladnik, p)riJiricati, primignuti, primisalj, pripit, j^ripomenuti, 
prisijedati, privola, probit s.f. g., rodiste, rugalica, ruglo, runien s. f.g., samohval, 
sijev, siliti, sihnk,skoncati (in der Bedeutung: tödten], skorlatiti,skupljaj,slovitt, 
sluzinski, sluzbovati, sluskati, smijuckati, smjer, srnijesak,smjestati,smrinik,snatri- 
ti, S7iatrenje, spasenik, spetiti se, spoj, spretnost, srodba, starovjek, stanka, stistaj, 
strazilac, sugragjanin, svojilac, svojtljivost, svjetlaja, svjez, svesrdice, salan, sar, 
stedimce, sumni, suVjiv, tamnik, tap, tapati, tihoca, tijec, tinik (auch cijiik), tje- 
dan, trenjak, tronuce,ubavost, uglavce.uklinjati, umijece,umjetnica,upit,uskrata, 
uskratiti, ustavljac, utvrdn, uza, uziti, uznik, uzbibati, uzdaj'a, iizdanik, uzvelicati, 
uzvodice, velicajni, velmoznica, vidok, vijeno (Mitgift), vocar (in der Bedeutung 
des Obstgartens), voljhi, vrijednja, vrelica, vrelski, zahrecaj, zaiskriti, zakrilnica, 
zmiosan, zaokupljati, zarobljaj, zasjednik, zaskocaj, zastifnica, zavicajni, zavidnik, 
zavjetnvan, zavreda, zazaraj, zborar, zdusan, zdvojno, zirnuti, zlohudnik, zlohud- 
nica, zloumnik, zov, zrcati, zalan, zalobiti, zaloban, zaoba, zenskad, zuran, zurimce. 
Archiv für slavische Philologie. XXIV. 16 



242 Kritischer Anzeiger. 

Mag man einen noch so strengen Massstab auf die Auswahl des Wortvor- 
rathes für ein klassisch sein wollendes Wörterbuch anlegen — wie viele Hun- 
derte von Ausdrücken müssten dann aus dem Ivekovid'schen Wörterbuch 
ausgemerzt werden? ! — so wird man doch nicht behaupten dürfen, dass nicht 
der bei weitem grösste Theil dieser kleinen Blumenlese aus einem einzigen 
Werk Trnski's (von ganz geringem Umfang) Aufnahme finden müsste. 

V.J. 



^p. JI. MHjiexHyb. 'y^.ieHi.T'B bi. öijirapcKHH h bi> pyccKHH gshk'l 
(Miletic, Der Artikel in der bulgarischen und russischen Sprache) . 

SA. aus CÖOpHHK'L 3a HapO^HH yMOTBOpeHHH B. XVIII. Co*HÄ 1901. 

gr. lex.-S*^, 65 Seiten. 

Prof. L. Miletic, seit langer Zeit mit der Erforschung der Schicksale des 
bulgarischen (postpositiven) Artikels beschäftigt, gab vor kurzem eine neue 
Studie über den postpositiven Artikel in der bulgarischen und russischen 
Sprache heraus. Im Vergleich zu seinen früheren Forschungen enthält diese 
letzte Arbeit manches Neue und Interessante sowohl hinsichtlich des Materials 
wie auch hinsichtlich seiner Hauptansichten über die Entstehung und Ent- 
wickelung der mit Artikel versehenen Formen in den erwähnten slav. Sprachen. 
In der Einleitung (S. 3 — 8) gibt er die Uebersicht der Literatur über den Ar- 
tikel im Bulgarischen, polemisirt mit denjenigen Gelehrten, die im bulgarischen 
Artikel eine Entlehnung von den Nachbaren (den Rumänen-Jagic oder Rumä- 
nen- Albanesen-Hasdeu) erblicken, setzt seine Ansicht auseinander. Wie früher, 
so auch jetzt, hält Prof. Miletic den bulg. Artikel für eine Originalerscheinung, 
einheimisch und organisch entwickelt; doch zum Unterschied von seiner 
früheren Ansicht über die verhältnissmässig späte Entstehung des bulgarischen 
Artikels auf syntaktischem Wege (0 clanu 51) findet er jetzt für nothwendig, 
die Entstehung des Artikels im Bulgarischen der vorgeschichtlichen Zeit zu- 
zuweisen, und eine Vorstufe davon erblickt er in der zusammengesetzten 
Declination der Substantiva, die nach seiner Annahme in der bulgarischen 
und russischen Sprache nach der Analogie der zusammengesetzten Declination 
der Adjectiva sich entwickelte; das soll in der Zeit der Gemeinsamkeit der 
russischen und bulgarischen Slaven in irgend einem Winkel ihrer Urheimath 
vor sich gegangen sein (^jieHxxx, S. 7—8). 

Im ersten Capitel wird die Evolution des bulgar. Artikels gegeben. In 
vielen Fällen der postpositiven Anwendung des Pronomens xi. in altkirchen- 
slavischen Denkmälern (Codex suprasl., Assem.evang.Zograf. evang.) erblickt 
er »unzweifelhafte mit Artikel versehene Formen«, führt solche Beispiele an 
aus dem Hexemeron des Joannes Exarchus Bulgaricus, aus einem Chludov- 
schen Triod, aus einem Evangelium saec. XIII von Ryla, aus den bulgar. Ur- 
kunden des XIII. Jahrh. , aus den Codices miscellanei des XVII. — XVIII. Jahrh. 
und aus den modernen Volksdialekten, wo sich Beispiele des flectirten Artikels 
erhalten haben. 



Miletic, Der bulgar. Artikel, angez. von Chalanskij. 24'^ 

Die von Miletic aufgezählten Beispiele lassen keinen Zweifel übrig, dass 
der Anfang des bulgarischen Artikels weit, bis in die älteste Periode der 
Sprache zurückreicht und dass im Verlauf von 1000 Jahren, seit der Zeit der 
Wirksamkeit der beiden Apostel Kyrill und Methodius, der Artikel im Bul- 
garischen eine ununterbrochene Evolution durchgemacht hat, die man an der 
Hand der Denkmäler verfolgen kann (S. 22). Diese Evolution bestand in dem 
stufenweise vor sich gehenden Verlust der demonstrativen Natur des Prono- 
mens und der Casusflexion. Nur in der Interpretation der Fälle der postposi- 
tiven Anwendung des Pronomens tx in den altkirchenslavischen Denkmälern 
können wir uns mit Prof. Miletic nicht einverstanden erklären. In den von 
ihm angeführten Beispielen (S. 11): öiaxA bt. ropaxt BBp&iuTaimuiTe ca bi. 
CTinaxt blcb äbhb it h ta houitb (cod. sup. 23), ta ace bhä^bt. rocnOÄHHt ehb-h 
•xoKi (ib. 159) und ähnlichen, erblicken wir nicht die mit Artikel versehenen 
Formen, sondern Fälle der postpositiven Anwendung des adjectivischen Pro- 
nomens TT. in der reciprok-demonstrativen, anaphorischen Bedeutung (Brugm. 
Delbrück Grundr. IV, § 218, S. 502). Zugleich halten wir für unerwiesen die 
Behauptung Miletic, dass es im Altbulgarischen eine eigene zusammengesetzte 
Declination derSubstantiva gegeben habe. Die ältesten altkirchenslavischen 
Denkmäler zeigen eine freie Anwendung des Pronomens tt, sowohl in der 
Postposition wie in der Anteposition der Nomina. Fügen wir hinzu, dass die 
Postposition des anaphorischen Pronomens sa schon im Sanskrit begegnet, 
wenn auch in Ausnahmefällen, hervorgerufen durch metrische Rücksichten : 
Indram tam ahve (RV. I. 211, u. Delbr. Syntax 502). 

Im zweiten Capitel gibt Prof Miletic eine übersichtliche Zusammenstel- 
lung der aus den russ. Denkmälern geschöpften Daten, die sich auf die Ge- 
schichte des Artikels in der russischen Sprache beziehen. Sein unverkenn- 
bares Verdienst bildet dabei einerseits die gehmgene Gruppirung des bisher 
schon bekannt gewesenen Materials, anderseits die Bereicherung desselben 
durch neue Zeugnisse über die Schicksale des Artikels im Russischen im 
XVII. Jahrh., auf die er zuerst hingewiesen (Die Schreiben des Garen Alexej 
Michajlovic an den Patriarchen Nikon, und die Beschreibung des türkischen 
Reiches von einem Unbekannten, der bei den Türken in Gefangenschaft war). 
Wir schätzen hoch die von Prof. Miletic zugegebene Identität des postpositiven 
Artikels im Bulgarischen und Russischen, doch halten wir dafür, dass seine 
These von der Existenz des Artikels in der altrussischen Sprache vor dem 
XV. Jahrh. einer nachdrücklicheren Stütze bedarf, und auch die Frage von 
der Verbreitung des Artikels zu jener Zeit im Russischen weitere Nachfor- 
schungen erwartet, da die aus derHypatius-Chronik und aus den Reden Georg 
des Grossen angeführten Beispiele nicht ausreichen. Der Verfasser hat eine 
bedeutende Anzahl von Fällen der Anwendung des postpositiven Pronomens 
T-B in den alten südrussischen Denkmälern unberücksichtigt gelassen, z. B. in 
der Vita des Theodosius Pescerskij (XI s., im Text des XII s.), in der Reise 
des Hegumenos Daniel in das heil. Land (XII s., imText des XV. Jahrh.) u. s.w. 
Die Fälle sind zumTheil mit der Anwendung des anaphorischen postpositiven 
Pronomens xt, in den altkirchenslavischen Denkmälern (bei Miletic angegeben) 
identisch, zum Theil liefern sie unzweifelhafte Fälle eines postPOsitiven Ar- 

16* 



244 Kritischer Anzeiger. 

tikels. In der Reise Daniels ist die Zahl der Fälle des wirklichen Artikels 
grösser als in der Vita Theodosii von Nestor: »h Kr^a BtcxoTi jhmth bx 
KaHÄu;io Macjio to h ce Buai mbiiub BmaÄ-Binw btj hk MBptTBoy luiaBaiomoy 
BT> HKMB : Taqe CKopo lUBÄT. CBHOBiÄa öJiaaKeHOMoy rjiarojiH, hko cx bchkbihmb 

OyTBBpBHCeHHffiMB ÖiXT) nOKl)'H-!Il. CBCOyÄlT-B CB MaCJT.MB, II He Bist ® KOyflS 

B'BJiiae raÄ-Bx-B h oyione« (Sachmatov u. Lavrov, CöopmiK'B XII b. S. 78). — 
H laKO BtsEpaiHCTacA B-BCHATB. II KÄHHOMoy ciÄtmH) Ha CTOJii TOMB öpaia H 
OTBiia CBOiero, ÄpoyroMOy ace B'BSBpaTiiB'Binioca bx oöjiacTB cboh) (ib. S. 85). — 
Ja noycTHTB cb humb cnna CBOiero fla chäctb Ha cto Jii tomb (ib. 32). — A 
Äpyroe ÄpcBiie eciB jiajo, oöpasoM-B hko ocnHa, ho cctb hmh apeBHio TOMy 
paKa (Var. cxypaKa, CTHpaKa, Styrax officinalis); ii cctb B-BÄpesiiH TOMt 

qepBB BeJHKX, HKO HOHOpOBt B-B ÖOJii eCTB, 3a KOpOK» ÄpCBIia TOTO, H TO^HTX 

apoBiie TO gepseirB h ucxoäht'b h3x apesiia loro gepsoio^iHHa la hko 
CTpyöbi mneHH^HBi h na^aiOTTb ori) Äpesiifl loro hko luieä BBiuiHeBBiä (SChtbc 
D xo3ceHBe J^aniiMa,. IIpaBOCJi. najiecT. cöopH. III h IX bbiii. 0116. 1885, S. 9 — 10). 
Ctoht-b ace na B03/iyci KpecTon., hhihm-b a:e He npiiÄepacHTCH k-b seMJii (ib. 
S. 11). Toraa acen t-b KaMCHB npociÄeca HaAi» rjaBOio AflaRiJceio h tok> pas- 
ctJiuHOio cHHÄe KpoBB H BOÄa HS-B peöpx BjasBiiCHB Ha r.!iaBy AsaMOBy ii ombi 
Bca rpixBi pcaa ^.lOBi^a. H cctb pasciJiHHa la na KaMCHU tomt. h äo 
ÄHeniHJiro ane, 3HaTH eciB na aecHiii cxpaHi pacnaTiü rocnoÄHa snaMenie 
TO qecTHoe (ib. 20) u. s. w. 

In syntaktischer Beziehung ist der Gebrauch des postpositiven Prono- 
mens T-B in der »Reise Daniels« ganz entsprechend dem Gebrauch des Ar- 
tikels -TT. in jenen nordgrossrussischen Mundarten, die ihn bis auf den heu- 
tigen Tag gebrauchen. Z. B. nach den Worten Pokrovskij's wird von den 
Bewohnern des nordwestlichen Theils des Gouvernements Kostroma »der 
alte Artikel (-t-b, -la, -to, -ly, -tt&, -tu) immer nur in solchen Fällen an- 
gewendet, wenn der Gegenstand, zu dessen Namen er hinzugefügt wird, ert- 
weder bereits im Gespräch genannt wurde, oder wenigstens nach der Voraus- 
setzung des Redenden, sowohl im eigenen wie in den Gedanken des Mitredners 
vorschwebt: sieh' da ist der Gegenstand, so ungefähr will er mit der Hinzu- 
fügung des Artikels ausdrücken, über welchen wir verhandeln oder an wel- 
chen wir denken: KycoKOTT., npom.ioeT'B toä-b, no 3y6aMX-To u. s. w.« 
(^Chb. CTap. 1897, Heft III — IV, S. 460). Aus den alten juridischen Urkunden 
wollen wir ein Beispiel des postpositiven Artikels in der Urkunde des Metro- 
politen Theognost vom J. 1330 verzeichnen: MHoraacÄBi pi^n h Maie^JB öbijih 

e „ 

Meacay aBiMa BJiaÄBiKaMa npo niyejs.iJi'b toh. 

Unsere eigenen Beobachtungen über den Gebrauch des postpositiven 
Artikels in der altrussischen Sprache gestatten den Schluss, dass er bis zu 
Ende des XIV. Jahrh. der Kijever und Severjaner Mundart eigen war, den 
westrussischen Mundarten dagegen abging. Auch in den Pskover und Nov- 
goroder Denkmälern begegnen derartige syntaktische Wendungen nicht. In 
den westrussischen Denkmälern kann man Fälle eines praepositiven Prono- 
mens TT, (toÖjTot-b) im anaphorischen Sinne angewendet (Jagic, Kpjix. 3aM. 
125) beobachten: öyayTB To6e, khh^o, jiiiuihu jkäbo Ty«) «yMy noBiÄaTii, to tb 
He oy lecTB to Besajiu . . Toyio ÄyM^»- (Urk. v. J. 1300). 



Miletic, Der bulgar. Artikel, angez. von Chalanskij. 245 

Prof. Miletic behauptet (S. 27), im Russischen habe ein Schwanken 
zwischen dem postpositiven und praepositiven Artikel geherrscht. Dieser 
Satz bedarf einiger Erklärung. Im strengen Sinne gab es im Russischen kein 
Schwanken zwischen zwei Formen des Artikels, das Schwanken fand nur 
zwischen der postpositiven und praepositiven Anwendung des anaphorischen 
Pronomens t-b statt, wobei, wie es scheint, dieses Schwanken dialektischen 
Hintergrund hatte. In den literarischen Produkten, in denen sich ostrussische 
Mundarten abspiegelten, begegnen Formen des postpositiven Artikels und 
anaphorischen Pronomens tt>, dagegen in den Produkten, die den westrussi- 
schen Mundarten näher stehen, herrscht ausschliesslich die Anteposition des 
Ti, vor. Die erste Form entwickelte sich zum wirklichen Artikel in den nord- 
ostrussischen Mundarten, ganz analog dem bulgarischen. Zahlreiche Beispiele 
eines solchen Artikels findet man in den Werken des berühmten Protopop 
Avakum, in vielen anderen Moskauer Sprachdenkmälern des XVII. — XVIII. 
Jahrh. und in den heutigen grossrussischen Mundarten. Prof. Miletic hat 
viele Beispiele angeführt, sie konnten noch bedeutend vermehrt werden. 
Vergl. unsere Abhandlung: ^Jieni bt. pyccKOMi. HswKi im VI. Band der 
»HaEicxia«, Heft 3 . . Die zweite Form war ganz üblich in der Aktensprache 
der Moskauer Staatskanzlei, sie ist charakteristisch auch in der Sprache des 
gewesenen Moskauer Dijak Grigorij Kotosychin (0 PoccIh bt> iiapciB. AjieKcia 
MaxanjoBH^a). Diese Vorherrschaft Inder Moskauer Aktensprache des Typus 
ille bonus beim offenbaren Gebrauch in der grossrussischen Volkssprache des 
Typus homo ille muss in Zusammenhang gebracht werden mit dem Einfluss, 
den die südwestrussische Sprache und einzelne von dort stammende Persön- 
lichkeiten auf die literarische und juridische Sprache des Moskauer Staates 
ausgeübt haben. 

Aus dem anaphorischen Gebrauch des Pronomens ti. vor dem Nomen 
vermochte sich nicht der Artikel des typus ille bonus zu entwickeln. Es gibt 
bloss bestimmte Fälle einer Annäherung dazu in der poetischen Volkssprache, 
z. B. HC TOBO 6H.30 CTO.aa KHHaceHeuKOBa h c toh c KaMBH öoraTwpcKHfl ; hc 
TOBO c e Ji a Kopo'iapoBa ; tok» aoporoio np^Moisacyio; lepest li jiica6pi.iH- 
cKiia (lüe^^ept GöopH.Knpin. /laHHJioBa). Ganz analoge Beispiele dieser letzten 
Anwendung des demonstrativen Pronomens sind auch in der poetischen 
Sprache der Kleinrussen bekannt, ebenso im Bulgarischen (toh), Serbischen 
(oh, OHaj). 

Darnach ergeben die russischen Denkmäler und Documente ein anderes 
Bild von der Evolution des Artikels im Russischen als das von Prof. Miletic 
gezeichnete. Der postpositive Artikel war und bleibt in der russischen Sprache 
eine mundartliche Erscheinung, charakteristisch für ihre östlichen und nord- 
östlichen Mundarten. Er ist in geschichtlicher Zeit aus dem anaphorischen 
postpositiven Pronomen ti. hervorgegangen. Die Festsetzung des exspiratori- 
schen Betonungssystems konnte, selbstverständlich, den Process des Ueber- 
gangs des demonstrativen Pronomens in dem Artikel, der im allmähligen 
Schwund der demonstrativen Kraft des Pronomens bestand, nur noch be- 
schleunigen. 

Angesichts der Thatsache, dass die Geschichte des postpositiven Artikels 



246 Kritischer Anzeiger. 

im Bulgarischen und Russischen ihre volle Analogie in der Geschichte der 
gleichen Erscheinung in den nordgermanischen Sprachen findet, sind wir in 
Uebereinstimraung mit Miletic bereit, die Annahme einer äusseren Beeinflus- 
sung auf die Entstehung des Artikels in den genannten slavischen Sprachen 
fern zu halten. Ja, wir wären sogar geneigt, zuzugeben, dass möglicherweise 
die bulgarische Sprache auf die rumänische bei der Entstehung des bestimmten 
Artikels, in der letzteren eingewirkt hat, wovon das III. Capitel der Studie 
Miletic's handelt. 

In der Beilage zu seiner Monographie theilt Prof. Miletic Proben der 
Sprache aus den bulgarischen »Damascenen« (von Brestovo, Elena und Svis- 
tovo) des XVII. — XVIII. Jahrh. mit, worin viele Beispiele des von den Casus 
obliqui flectirten Artikels vorkommen. 

Charkov. 31. Chalanskij. 



Cjiokhmh cjiOBa Bt no.jfcCKOM'B astiKi. HscJi'feAOBaHie H. Jl. JIoqä. 
Cnöra 1901, 8«, VIII. 141. 

Diese Schrift behandelt die Wortcomposition in der polnischen Sprache, 
ein hübsches und dankbares Thema, das der Verfasser im Zusammenhang mit 
der Auffassung der vergleichenden Grammatik und doch auf dem Wege der 
geschichtlichen Erforschung innerhalb des Polnischen, mit Seitenblicken 
auch auf die übrigen slavischen Sprachen beleuchten wollte. Die Anordnung 
des recht fleissig aus der Geschichte der polnischen Sprache zusammenge- 
tragenen, wenn auch nach keiner Seite hin erschöpfenden Materials könnte 
man sich wohl auch anders vorstellen und vielleicht wäre sie dann übersicht- 
licher. Die ersten drei Capitel geben sich mit der Zusammenrückung syn- 
tactischer Wendungen ab, das vierte und fünfte sind der Zusammensetzung 
im engeren Sinne, wobei der erste Theil des Compositums den Stammesauslaut 
vorstellt, gewidmet. Nun sind aber solche Zusammeurückungen, wie dotych- 
czas, dotychmiast, natomiast, natychmiast, oder die Beispiele wie zmartwych- 
tvstanie, wntebowzi^cte gewiss kein uraltes polnisches Sprachgut, wie das ja 
ausdrücklich auch vom Verfasser betont wird. Warum mussten also gerade 
diese Bildungen zuerst zur Sprache kommen? Ich weiss auch nicht, auf 
Grund welcher Erwägungen diese Zusammenrückungen als »anormal« be- 
zeichnet werden? Warum ist zinartwychwstanie anormal und sagen wir 
okamgmenie nicht? Warum wird das erste Wort auf S. 12, das zweite auf 
S. 63 besprochen? Mit dieser, wie es mir scheint, wenig übersichtlichen An- 
ordnung hängt wohl zusammen, dass im zweiten und dritten Capitel in einem 
fort das Verhältniss der Zusammenrückung zu dem der Zusammensetzung 
berührt werden muss, man vergl. die Auseinandersetzungen auf S. 33. 40. 45. 
47 — 49 u. s. w., und doch ist von der eigentlichen Zusammensetzung erst im 
vierten und fünften Capitel die Rede ! Wir hören zwar (auf S. 45), dass der 
Uebergang von den syntactischen Wendungen bald zu den Zusammen- 
rückungen, bald zu den Zusammensetzungen in gewissen Fällen so zu sagen 
vor unseren Augen vor sich gehe, allein wie eigentlich gegenüber einem 



Ueber die Wortcomposition im Poln. von Los, angez. von Jagic. 247 

Wielka wola ein Wielkovola zu Stande kam, das wird nicht deutlich und präcis 
genug ausgesprochen, wenn es auch zu wiederholten Malen angedeutet ist. 
Dass Wielkowola erst nach der Analogie von Wielkowolski als eine Analogie- 
übertragung sich entwickelte, das ist unzweifelhaft und wird durch die auf 
S. 47 — 48 aufgezählten Beispiele glänzend bestätigt. Wenn gesagt wird, eine 
syntactische Wendung könne entweder Zusammenrückung oder Zusammen- 
setzung, aber nicht beides auf einmal hervorbringen, so ist das im Allgemeinen 
richtig und zwar darum, weil eine jede dieser Wortbildungsarten ursprüng- 
lich ihre eigene Sphäre hatte. Sobald in der syntactischen Wendung Nowy 
gröd, dessen beide Theile als der bestimmende und bestimmte Ausdruck ge- 
fühlt wurden, derjenige Theil (Substantiv), an den sich der andere (Adjectiv) 
syntactisch durch Concordanz anlehnt, aus dieser Geltungssphäre heraustritt 
(also selbst Adjectiv oder adjectivisch, oder auch von neuem substantivisch 
aber abgeleitet wird), muss auch das im ersten Theil stehende bestimmende 
Wort ebenfalls aus der früheren Kategorie heraustreten und die bekannte 
Form des Stammesauslautes annehmen. Ein Czarny las oder Czarne morze 
muss czarnolesny oder czarnomorski ergeben, konnte aber dann durch diese 
Ableitungen geführt und durch die übertragene einheitliche Bedeutung (zu- 
mal bei Ortsnamen) gestützt auch Czarnolas ergeben. Ich habe das in meiner 
im XX. u. XXI. B. gedruckten Abhandlung näher ausgeführt und endlich und 
letzlich scheint auch der Verfasser dieser Monographie daran festzuhalten. 
Wenn er auf S. 48 diesen Uebergang als »die normale Episode in der Ent- 
wickelungsgeschichte der Composita« bezeichnet, so wird damit schwerlich 
etwas anderes gemeint sein, als was ich soeben sägte. Dass die bei der äl- 
testen Ausdrucksweise aus der syntaktischen Wendung dann und wann her- 
vorgehende Zusammenrückung (aus Hob-b ropoÄi. zu HöBropoÄi.) bei den wei- 
teren Ableitungen den Uebergang des Vordertheils in die Compositionsform 
(Stammesauslaut) aufhalten muss, ist an und für sich klar, da ja die Zusam- 
menrückung zweier Bestandtheile dem neuen Ausdruck ein einheitliches Ge- 
präge verleiht. Bestimmte Regeln lassen sich kaum aufstellen. Ein wielka- 
nocny setzt schon für das Sprachgefühl ein zusammengerücktes wielkanoc 
voraus, wenigstens im Nominativ, der ja für das Adjectiv den Ausgangspunkt 
bildet. Man muss übrigens nicht bloss Wortkategorien nach der Bedeutung 
auseinanderhalten, sondern auch nach dem ersten Bestandtheil der Zusammen- 
setzung. Namentlich empfiehlt es sich, die Numeralien in ihrer bunten 
Mannichfaltigkeit besonders ins Auge zu fassen, was auch hier, zwar sehr 
zetstreut, auf S. 14 — 17, 39 — 42, 81 geschah. Eine besondere Vorliebe zeigt 
in neueren Phasen die polnische sowie die russische Sprache für die Genitiv- 
form des ersten Bestandtheils der mit Numeralien zusammengesetzten Aus- 
drücke: trzechstronny, TpexciopoH hbim sind Neubildungen, den syntakti- 
schen Wendungen des Genitivus plur. abgelauscht, die auch mit wszechmngqcy 
im vorbildlichen Zusammenhang stehen. Hierher gehört auch die bunte An- 
wendung des no.at im ersten Theile der Composition. Die auf S. 18 erwähnte 
angeblich den Ausgangspunkt bildende Wortbildung nojoyÄtHB ist ganz 
gewiss erst eine aus dem Casus obliquus nojioyaEHe oder no.ioyaBHu se- 
cundär emporgerichtete Form , deren Deutung bei Miklosich lex. s. v. als 



248 Kritischer Anzeiger. 

Septempentrio gewiss auf irgend einem Missverständniss beruht. Ebenso- 
wenig annehmbar ist die auf S. 29 gegebene Erklärung der südslavischen Be- 
nennung für Constantinopel : Ilapi. rpaat, jetzt serbokroatisch Carigrad. 
Der Verfasser brachte das Wort miss verständlich unter Zusammenrückungen, 
deren ersten Theil ein Substantiv bildet. Nun ist aber ^apI. kein Substantiv, 
sondern Adjectiv, analog den Bildungen wie: knez dvor, knez laz, banj dvor, 
banj'a luka [jetzt wohl nur Zusammenrückungen : Banjdvor, Banjaluka, knez- 
laz] u. s. w. Warum IJapi, rpafli. nicht *Cargrad blieb, sondern in der Form 
Carigrad üblich ist, darüber vergl. Archiv XX. 520. Sehr ausführlich behan- 
delt der Verfasser das Wort tydzieü (S.35 — 39), ohne mit seinen schwankenden. 
Resultaten zum Abschluss gekommen zu sein. Ist das Wort im Polnischen 
ein Lehnwort, so ist es wenigstens im Böhmisch-SIovakischen als Original- 
leistung aufzufassen. Eine Entlehnung ins Böhmische aus dem Kroatischen 
oder Slovenischen ist wohl ausgeschlossen. Nur als christlich-kirchlicher 
Ausdruck konnte das Wort solche Wanderungen durchgemacht haben. Nun 
fehlt es aber, merkwürdig genug, in den altkirchenslavischen Texten, durch 
die es dann auch zu den Serben, Bulgaren und Russen gekommen wäre. Da 
das bekanntlich nicht der Fall ist, so entsteht die Frage, ob der Ausdruck 
nicht in die urslavische Zeit fällt, in welcher er jedoch nicht bei allen, son- 
dern bloss bei dem westlichen Bruchtheil der Slaven bekannt war. Die Be- 
zeichnung der Woche durch denselben, d. h. wiederkehrenden Tag, hat etwas 
originelles in der Auffassung, die sich weder an die byzantinische oder 
römische, noch an die deutsche anlehnt. Darum scheint mir auch das Wort 
älteren Datums zu sein, als das einst Miklosich gelten lassen wollte. 

Ich finde die Schrift des Herrn Los sehr nützlich, wenn sie auch, wie ich 
glaube, dem Gegenstande nicht alle Seiten abgewonnen hat. So scheint mir 
ein wichtiger Factor, die Abhängigkeit der benachbarten Sprachen voneinan- 
der, nirgends hervorgehoben zu sein. Wenn auf S. 85 der theoretisch unan- 
fechtbaren Annahme, dass die primären Zusammensetzungen auf syntaktischen 
Wendungen der Concordanz oder Construction beruhen, Beispiele wie paro- 
chöd, parowöz entgegengehalten werden, so ist nicht genug daran zu erinnern, 
dass diese modernen Bildungen plötzlich nach dem üblichen Typus entstan- 
den, sondern es wäre nicht überflüssig gewesen noch hinzuzufügen, dass ihnen 
deutsche Wortbildungen mit Dampf — vorschwebten. Selbständig, ohne cul- 
turellen Zusammenhang mit Deutschland, hätte der polnische Sprachgeist 
schwerlich parochöd, parowöz geschaffen. Erzählt uns doch der Verfasser 
selbst, dass man in Warschau auf eine Preisfrage über die beste Bezeichnung 
der »Correspondenz-Karte« in polnischer Sprache unter mehr als 200 Vor- 
schlägen nur 220/q Composita, dagegen 88% einfache Benennungen eingesen- 
det hatte ! Und ich hörte von einem Freunde aus Russland, was ich sonst 
nicht wusste, dass man auch dort die syntaktische Wendung otkpbitoc hhclmo 
jetzt lieber mit gekürztem Wort oxKpbiTKa bezeichnet. Hier gibt sich das Be- 
streben nach der Kürze, nach der Einheitlichkeit des Ausdrucks für einen 
einheitlichen Gegenstand kund. Auch dieser Factor wird in der vorliegenden 
Untersuchung nicht stark genug betont. Ihm ist zu verdanken die Ueber- 
handnahme solcher Bildungen wie Brzozogaj fürs einstige Brzozowy gaj 



Ueber die Wortcompoaition im Poln. von Los, angez. von Jagid. 249 

oder Tarnogöra für Tarnowa gora (S. 107, 108), darauf beruht auch das Um- 
sichgreifen solcher Beispiele wie Czarnolas, die eigentlich von Haus aus 
unrichtige Bildungen sind. Wenn der Verfasser auf S. 86 sich darüber gleich- 
sam wundert, dass eine syntaktische Wendung wie z.B. czarne morze so leicht 
zu csornomorsÄ;i wird, und für diesen Uebergang nicht den Ausdruck nepexo- 
ÄHTT. (geht über), sondern saMiHaexcH (wird ersetzt) als zutreflFend bezeich- 
net, so glaube ich an diese vermeintliche Schwierigkeit des üeberganges 
nicht. Er war nicht schwieriger als in der Declination die Hervorbringung 
des Vocativs accHo zu Nominativ JKena. Das setzt freilich voraus, dass die 
Anwendung des thematischen Auslauts, zumeist bekanntlich o (e), eine uralte 
Gewöhnung war, auf der das Sprachgefühl für solche Bildungen beruhte — 
eine Annahme, der der Verfasser dieser Schrift seine Zustimmung versagen 
zu wollen scheint, da er unter der Ueberschrift >Der Ursprung der Compo- 
sita« S. 84 flf. gegen Brugmann und Delbrück polemisirt, ja ihnen bezüglich 
des Capitels, das von den Wortzusammensetzungen handelt, die strenge Be- 
obachtung der methodischen Grundsätze, die bei ihnen sonst stattfindet, ab- 
spricht. Herr Los geht so weit, nicht nur für die »indoeuropäischen Zeiten« 
die Compositionsbildungen in Abrede zu stellen, sondern selbst für die sla- 
visch-litauische Epoche (S. 89). Schwerlich wird er viele Anhänger für diese 
seine extreme Auffassung finden. Man muss die Identität der erhaltenen 
Composita von der Identität der Compositionsbildung auseinanderhalten. 
Selbst wenn echte Composita aus der lituslavischen Sprachepoche — man 
weiss, dass ich darunter nicht gerade eine durchgehends einheitliche, dialect- 
lose Sprache verstehe — nicht nachweisbar sind, wird man doch an der Iden- 
tität der bei der Zusammensetzung beobachteten Wortbildungsart nicht rüt- 
teln können. Dafür spricht nicht nur das Verhältniss des Altlitauischen (mit 
zahlreich erhaltenen Stammvocalen des ersten Compositionsgliedes , vergl. 
Bez. Beiträge VII die Abhandlung Kremer's) zum Slavischen, sondern auch 
des Griechischen u. s. w. Da diese Gleichartigkeit der Compositionsbildungen 
auch Herr Los nicht in Abrede stellen kann, so sucht er bei ihrer vorausge- 
setzten abgesonderten Entstehung den Grund der Einheitlichkeit in dem 
Prototyp des »einfachen Wortes« (S. 89). Mit dieser Hypothese wird er aber 
um so weniger Anklang finden, je später er die Entstehung der Composita 
ansetzt, denn je später angeblich, d. h. erst im Sonderleben der einzelnen 
Sprachen, die Composition aufgekommen wäre, desto ungeeigneter wären die 
einfachen Wörter in ihrer Ausgestaltung, in der Verkümmerung und Ver- 
blassung ihrer Suffixe, um als Vorbilder zu dienen. Hat ja doch der Verfasser 
selbst gezeigt, dass eine vollzogene Zusammenrückung nicht mehr die Fähig- 
keit erhalten hat, Composita hei vorzurufen. Nun waren aber die mit ver- 
schiedenen Suffixen gebildeten urslavischen Substantive oder Adjective ge- 
wiss schon in der gemeinslavischen Zeit festere, einjieitlichere Wortgebilde, 
als die modernen Zusammenrückungen. Nach allem glaube ich, dass der 
Verfasser besser gethan haben würde, wenn er Probleme, die weit hinter 
seiner Aufgabe liegen, bei Seite gelassen hätte. V. J. 



250 Kritischer Anzeiger. 

FpaMaTHKa i^^pkobho- CAOBEHkCKoro rasKiKa. HanHcaHa ck 
0YB3rAra.,\HfHKerui'K HCfpcAi^ CTapocaoBfHkCKHYT». MfpfSTi, loc. 
AV'kAKHHU^Koro, ACKTopa CK. KorocaoBira, npaaaTa a*^mob. 
CBAT. nanki pHMCKoro h np. Akbobt». 1900. Hsi». THnorp. 

CTaBpORHr. HHCT. XII -f- 164 CTp. 80. 

Diese kirclienslavische Grammatik ist nur ein Abdruck der im J. 1895 
lithographisch herausgegebenen 4. Auflage, von welcher im XXII. Bde dieser 
Zeitschr.. S. 278 — 286 die Rede war. Der vorliegende Abdruck unterscheidet 
sich nur ganz unwesentlich von der erwähnten Auflage. So z. B. vermeidet 
jetzt der Verf durchgehends den Nasalvokal ^, i^ und schreibt dafür S, IC : 
Sg. Acc. BÖ^S, A<^EP^*^> I°?tr- B'^A^K^j A^KP<>K>? ^- Sg. np^A^, MpS, 
MHK>, Y^aaiC», 3. PI. np/Ä;\STk, mipÖTk u.s.w., während er früher in der 
Regel den Nasalvokal schrieb. Eine andere Aenderung betrifft die Laute k 
und 1%.. Früher las man im Paradigma des Pron. BkCk den Lok. und Instr. Sg. 
BbCEMk und BkCtMk, jetzt lauten diese Kasus: BCEMli. und BC'^M'K. 
Früher schrieb der Verf. den Gen.Sg. i;epKT»,Bf, PI. l^fpK'KB'K, jetzt haben 
dieselben Formen die Gestalt U,EpKBE und U,£pKB'K. Und was den geän- 
derten Accent des Wortes betriffs, so bemerkt dazu jetzt der Verf: »Das 
Nomen U,cpKkl (u,EpKOBk) hat in unseren Büchern (d. i. den slavischen Kir- 
chenbüchern der kleinruss. Uniaten von Galizien) den Accent auf der ersten 
Silbe in allen Kasus. Hier (d.i. in der vorliegenden gedruckten Ausgabe) wird 
so betont, wie es in der Hdschr. des Ossolineura (in Lemberg) aus dem XIV. 
Jahrh. der Fall ist« (S. 29). Von der hier erwähnten Handschr. erfahren wir 
an anderer Stelle (S. XI), sie enthalte ein »Tetroevangelium« und sei bulga- 
risch. Diese wenigen Proben dürften genügen, um das eigenartige Verfahren 
des Verfassers zu beleuchten. Einerseits entfernt er sich von den ältesten 
südslavischen Formen und kehrt zu der russisch-kirchenslavischen Tradition 
zurück, andererseits aber verlässt er dieselbe wieder zu Gunsten eines mittel- 
bulgarischen Evangelientextes. Das wiederholt sich freilich nicht häufig, 
allein für den Standpunkt des Verf ist es immerhin bezeichnend. Es scheint 
ursprünglich seine Absicht gewesen zu sein, sein grammatisches Lehrbuch 
auf einer mehr wissenschaftlichen Grundlage aufzubauen und aus den an 
erster Stelle (S.X) angeführten Quellen der altslov. Sprache in der That auch 
zu schöpfen. Doch der Mangel an philologischer Schulung machte sich allzu 
sehr geltend, und so kam ein Werk zu Stande, welches auch bescheidenen 
wissenschaftlichen Anforderunden in keiner Weise Genüge leistet. Einzeln- 
heiten anzuführen, ist wohl ganz überflüssig. Man vergleiche diesbezüglich 
die Anzeige Kocowski's. Es erübrigt nur, den berufenen Kreisen den Wunsch 
nahezulegen, sie mögen den Unterricht in der slav. Kirchensprache an den 
theologischen Lehranstalten Männern von philologischer Bildung anvertrauen, 
deren Aufgabe es wäre, ihren Zöglingen ein wahres Bild des grammatischen 
Gefüges, der erhaltenen Denkmäler und der mannigfachen Schicksale der- 
jenigen Sprache zu bieten, welche die Slavenapostel Cyrill und Method in 
den Kreis der europäischen Kultursprachen eingeführt und uns als ihr kost- 
barstes Vermächtniss hinterlassen haben. Fr. Pastmek. 



lieber serbische Betonung von Sajkovic, angez. von Resetar. 251 

Sajkovic J., Die Betonung in der Umgangssprache der Gebildeten 
im Königreich Serbien. Leipzig 1901, 8^, 34 S. 

Eine neue Arbeit über die serbokroatische Betonung, und selbstver- 
ständlich auch eine neue Theorie derselben! Da diese letztere Thatsache 
diejenigen, die sich speciell mit accentologischen Studien beschäftigen, am 
meisten interessiren kann, will ich vor Allem die von Herrn S. den verschie- 
denen Accenten der serbokroatischen Sprache gegebenen Werth anführen, 
wobei ich unter den von ihm gegebenen Beispielen für jeden Accent-Typus 
ein mehrsilbiges Wort wähle, damit zu gleicher Zeit auch das (nach der An- 
sichtS.'s) zwischen den betonten und den unbetonten Silben desselben Wortes 
bestehende Verhältniss zum Vorschein komme: 



1. »Der jähe sin- 2. «Der sanfte sin- 3. »Der sanfte stei- 4. »Der zweitö- 
kende Accent«; gende Accent«; nige Accentw. 



kende Accent« 
(Vuks ^^) 



(Vuks ^) 




Gegen die Definition sub 1 und 3 habe ich keine principiellen Einwen- 
dungen zu machen, um so mehr aber gegen diejenigen sub 2 und 4; ich ver- 
zichte aber darauf, deren Urheber von der Falschheit derselben überzeugen 
zu wollen; ich will aber jedenfalls den sehr wichtigen Umstand hervorheben, 
dass — selbstverständlich! — diese beiden, von S. gegebenen Definitionen 
mit keiner der früheren (von der Budmani-Kovacevic'schen abweichenden) 
übereinstimmen 1 Zur Bekräftigung des Glaubens aller — sit venia verbo — 
orthodoxen Accentologen kann ich aber noch auf eine Fixirung der serbo- 
kroatischen Accente hinweisen, welche im Eousselot'schen Laboratorium in 
Paris mit Hilfe seiner Instrumente vorgenommen wurde, und zwar nach der 
Aussprache eines Belgraders, der kurz vorher nach Frankreich gekom- 
men war, nachdem er alle seine Studien in seiner Vaterstadt 
absolvirt hattet). Ich hebe diesen Umstand hervor, weil auch dieser Herr 
ein Gebildeter aus dem Königreiche Serbien ist. Was registrirten nun die 
Rousselot'schen Instrumente? Ich gebe die mit deren Hilfe gewonnenen 
graphischen Schemen wieder, wobei zu bemerken ist, dass die punktirte 
Linie die Höhe, die volle Linie die Stärke der Silbe bedeutet : 



1) Vgl. R. Gauthiot, Etüde sur les Intonations serbes (Extrait des Me- 
moires de linguistique de Paris, tome XI). 



252 



Kritischer Anzeiger. 



1. Vuks ' in e{to] ; 



Vuks » in d{tac) ; 



3. Vuks ' in i{ci) i) ; 



4. Vuks " in süh. 





Wir sehen somit, dass bezüglich der drei letzten Accente dieRousselot- 
schen Instrumente für die Tonhöhe genau dasselbe registrirt haben, was 
Budmani-Kovaceviö behaupten, nämlich, dass ^ und ' einfach steigende Ac- 
cente und "^ ein einfach fallender Accent ist ; nur bezüglich des Accentes «, 
wo wir Alle — Anhänger und Gegner der Budmani-Kovacevid'schen Theorie 
— ein einfaches Fallen des Accentes zu hören glauben, finden wir in obigem I 
Schema eine vollkommen gerade Linie, was mich, aufrichtig gesagt, nicht j 
wenig wundert, denn es scheint mir noch immer, dass ich auch in solchen 
Fällen wie eto, wo also die erste Silbe aus einem einzigen stimmhaften Laute j 
besteht, ein Sinken des Tones in der ersten Silbe höre ; doch das ist der Punkt, 
wo ich noch am ehesten geneigt wäre, eine Koncession zu machen. Das obige 
Schema für Vuks '^ gibt uns auch die Erklärung für^.'s »zweitönigen Accent«: 
er hat die Stärke mit der Höhe verwechselt, denn nach seinem Gehör und 1 
Gauthiot's Aufzeichnungen sind die den Accent " tragenden Silben zwei- 
gipflig: »elles ont deux sommets d'intensite, Tun ä l'initiale, l'autre ä la 
finale, separes par une partie mediane non intense«. Diese Zweigipfligkeit in i 
Bezug auf die Intensität gebe ich gerne zu, obschon sie nicht überall und] 
nicht immer als die regelmässige Aussprache gelten kann, besonders nicht bei 
ruhigem, nicht lautem Sprechen, während dieselbe bei Versuchen, bei 
welchen immer einzelne Wörter recht deutlich und recht kräftig hervorge- 
bracht werden, so ziemlich regelmässig zu beobachten sein wird. Während 
also ^. die Intensität der Silbe bei •^ (wenigstens zum Theil) richtig aufgefasst j 
und definirt haben dürfte, hat er die Bewegung derselben mit der Bewegung i 
der Tonhöhe verwechselt, wie denn er mir überhaupt für Unterschiede dieser j 
zweiten Art ein zu wenig feines Gehör zu haben scheint, denn sonst könnte er 



1) Nach der Belgrader Aussprache! nach Vuk hat 'u'i den kurzen] 
steigenden Accent. 



üeber serbische Betonung von äajkovid, angez. von Resetar. 253 

nicht behaupten, dass Wörter wie vislna, vedrlna, bolesnlk (nach Vuk's Accen- 
tuirung) den Accent eigentlich auf der ersten Silbe wie krälica haben, weil 
die erste Silbe musikalisch die höchste sei (S. 17), oder dass der Unterschied 
zwischen Nom. sg. krälica und Gen. plur. kralicä nur darin bestehe, dass »das 
letztere Wort in der zweiten Silbe etwas länger gesprochen wird (S. 29)«. 
Aber auch in Bezug auf die Quantität der Silben scheint mir S. nicht immer 
das Richtige zu treffen; so stellt er auf S. 20 die Regel auf, dass »der Vokal 
der auf ' folgenden Silbe niemals lang ist«. Ich bezweifle das stark, auch für 
die Aussprache der Gebildeten im Königreiche Serbien, denn ich habe auch 
mit vielen Gebildeten aus Serbien verkehrt und dabei nicht konstatiren kön- 
nen, dass eine solche Aussprache als die regelmässige gelten könne ; dagegen 
gibt es Fälle, wo auch die Gebildeten aus Serbien kaum die Länge einer dem 
Accente ' folgenden Silbe aufgeben dürften; ich meine solche Fälle, wo der 
Unterschied der Quantität einer dem Accente ' folgenden Silbe einen Unter- 
schied in der Bedeutung involvirt z. B. Nom. sg. strdna, güja: Gen. plur. 
strdnä, gtij'ä u. s. w. Uebrigens gibt es keine einheitliche Betonung der Ge- 
bildeten im Königreich Serbien, wie dies ä. stillschweigend voraussetzt, viel- 
mehr weicht dieselbe ziemlich stark, je nachdem der Betreffende aus den 
nordwestlichen Gegenden (mit neuerer Betonung), oder aus dem Moravathale 
(mit älterer Betonung), oder gar aus dem südöstlichen Theile Serbiens stammt. 
Noch weniger kann man aber von einer »Kluft« (S. 6) zwischen der Betonung 
der Gebildeten und derjenigen Vuks sprechen; im Grossen und Ganzen ist 
die Betonung eine und dieselbe, nur sind wohl die unbetonten Längen viel- 
fach verschwunden. Am allerwenigsten aber sollte es erlaubt sein, von der 
Accentuation Vuks, welche in allen serbokroatischen Schulen, also auch in 
denjenigen, aus welchen die Gebildeten im Königreiche Serbien hervorgehen, 
als Richtschnur dient, mit einer gewissen Geringschätzung zu sprechen und 
sie als »bäuerisch« zu bezeichnen, wie diesä. thut, ais er uns in einer Fussnote 
auf S. 5 mittheilt: »Beim Niederschreiben dieser Zeilen taucht in unserer 
Erinnerung das Bild einer gelehrten Sitzung in Belgrad auf, in welcher der 
Vortragende, trotz der Gediegenheit seines Referates, durch seine bäuerische 
Betonungsweise allgemeines Gelächter erregte«. Es wäre zu traurig, wenn 
das wahr wäre! desswegen will ich lieber glauben, dass S. auch hier schlecht 
gehört hat. 

Und da ich gerade von serbokroatischen Accenten spreche, will ich noch 
einen Aufsatz von K. Milenoviö über »die Accente des Verbums« kurz er- 
wähnen, der im Belgrader Nastavnik, 1901, Heft 2, erschienen ist und eine 
mechanische Zusammenstellung der in der Betonung der serbokroatischen 
Verba eintretenden Aenderungen darbietet, wobei als Grundlage der Accent 
des Infinitivs genommen wird. Ich möchte aber diese vollkommen unnütze 
Arbeit gar nicht erwähnen, wenn ich nicht zu meinem Entsetzen sehen würde, 
dass Herr M. im Ernst daran denkt, dass man nach seinem Vorschlag in 
den Schulen Serbiens die Lehre vom serbokroatischen Accent den Schülern 
beibringen solle . Nach Aufstellung seiner Regeln nimmt Herr M. ein Volkslied 
und stellt alle in demselben vorkommenden Verba zusammen und gibt dann 
eine Anleitung, »wie man in der Schule vorgehen soll«, indem an die Schüler 



254 Kritischer Anzeiger. 

die Fragen gerichtet werden sollen; »Gibt es unter diesen Verba einige, 
die im Infinitiv den Accent ' haben? Suchen Sie alle diese Verba und schreiben 
Sie sie ab. Haben darunter einige den Accent auf der vorletzten Silbe des 
Stammes?« u.s.w. u.s.w. für alle möglichen Accentkombinationen, Tempora 
und Modi durch volle elf gedruckte Grossoktav -Seiten ! ! Ja, in welchen 
Schulen soll auf diese Weise die Betonung der eigenen Muttersprache gelehrt 
und gelernt werden? ? Ich glaubte gegen einen solchen ungeheuerlichen Ver- 
such die Stimme erheben zu müssen, da — wie es scheint — gegen denselben 
im Lande selbst nicht sogleich energisch genug protestirt wurde : der Aufsatz 
fand sogar einen Platz im officiellen Organ des serbischen Professorenvereins. 

M. Resetar. 



H. E. EßcieBt. SaMiTKH no ApeEHecjaBaHCKOMy nepeEO^y cb. nHcamfl. 

I — V. (Jevsejev. Bemerkungen zur altkirchenslavischen Ueber- 

setzung der heil. Schrift. Abhandlung I — V). 

Der Verfasser einer hervorragenden Monographie über das Buch Isaias 
(KHHra jipopoKa Hcaiu Bt apesHeciaEHHCKOMt nepesoji. CII6. 1897, 40, 168. 
145. III) gab seither unter dem oben angeführten Titel fünf Abhandlungen 
in drei verschiedenen Publicationen) heraus. Ich muss meinem aufrichtigen 
Bedauern Ausdruck geben, dass ich nicht früher dazu kam, um über das dem 
Isaias gewidmete Werk rechtzeitig zu referiren. Da die nachfolgenden Ab- 
handlungen mit jenem Werk mehr oder weniger in Zusammenhang stehen, 
so will ich nachträglich zuerst jene Schrift kurz besprechen und die »Bemer- 
kungen« daran anknüpfen. In dem Buch vom Propheten Isaias steht zwar 
auf dem Titelblatt die altkirchenslavische Uebersetzung desselben, in der 
Wirklichkeit ist aber das nur die Hälfte der ganzen, recht eingehenden Unter- 
suchung. Die ganze zweite Hälfte, die nach meinem Ermessen eigentlich die 
erste Stelle hätte einnehmen müssen, ist den griechischen Quellen, d. h. den 
griechischen Texten des Isaias, gewidmet. An der Hand der Forschungen 
Lagarde's und anderer neueren Textkritiker des alten Testamentes, zumal 
der Propheten, constatirt der Verfasser, das in dem liturgischen Werk, das 
in der griechischen Kirchenliteratur unter dem Namen Prophetologion bekannt 
ist, der Isaiastext die sogenannte LucianischeRecension repräsentirt. Das war 
der officielle Text von Antiochien und Constantinopel, während eine andere, 
alexandrinische, Recension in Alexandrien verbreitet war, eine dritte in Pa- 
lästina. Der Verfasser gab sich viel Mühe, um auf Grund einzelner Studien, 
die er auf einer Orientreise und in den Bibliotheken Petersburgs und Moskaus 
machte, den textkritischen Typus vieler griech. Prophetologien festzustellen. 
Sie gelten ihm alle als Repräsentanten der Lucianischen Redaktion der Sep- 
tuaginta ;S. 13 — 92). Fast eben so eingehend wird auch die alexandrinische, 
aufHesychius zurückgehende, Recension behandelt (S. 101 — 142). In der Mitte 
stehen einige Bemerkungen über die dritte Recension, die für die altkirchen- 
slavische Uebersetzung wenig in Betracht kommt. Das ist der wesentliche 
Inhalt des zweiten Theils des dem Isaias gewidmeten Werkes. Der erBte 



Jevsejev's Beiträge zur altkirchensl. Lit., angez. von Jagid. 255 

Theil gibt sich mit der kirchenslavischen Uebersetzung des Isaias ab. Die 
slavischen Texte zerfallen, nach der Darstellung Jevsejev's, in zwei Gruppen: 
in die erste gehört der Isaiastext, wie er in dem Paroemienbuch (so wird in 
der kirchenslavischen Literatur das Prophetologion bezeichnet) vertreten ist, 
wo allerdings nurLectionen aus Isaias, nicht der volle Umfang des Propheten 
vertreten ist; in der zweiten der Isaiastext der commentirten Propheten, der 
nicht mehr als liturgisches Buch, sondern als ein Bibeltheil und zwar mit 
dem Commentar versehen, auftritt. Die Textunterschiede der kirchenslavi- 
schen Uebersetzung decken sich, wie der Verfasser nachzuweisen trachtet, 
mit den beiden griechischen Recensionen : Paroemienbuch folgt der Luciani- 
schen, der Text der commentirten Propheten der Alexandrinischen (Hesychius-l 
Redaction. Allerdings seien, meint der Verfasser, die Schranken beider Re- 
dactionen häufig überschritten worden, da sich die Autorität derConstantino- 
politanischen Redaction auch im weiteren Orient Geltung zu verschaffen 
wusste. Für uns liegt sehr nahe die Frage, auf die ich in den Forschungen 
Jevsejev's keine befriedigende Antwort finde, warum die commentirten Pro- 
pheten, deren Uebersetzung er doch in eine noch grössere Nähe zu Constan- 
tinopel versetzt (nach Bulgarien), als die Uebersetzung des Paroemienbuchs 
(Mähren-Pannonien), der in Constantinopel geltenden Redaction den Rücken 
gekehrt und eine andere (alexandrinische, die des Hesychius) vorgezogen 
hätten? Es scheint also doch auch diejenige Redaction des griech. Propheten- 
textes, auf welcher die slavischecommentirte Uebersetzung beruht, im Bereich 
der dem Constantinopolitanischen Patriarchat untergebenen Kirchen Geltung 
gehabt zu haben. Die Thatsache zweier Redactionen bleibt aber immerhin 
bestehen, diese ans Licht gebracht zu haben ist ein Verdienst Jevsejev's. Er 
fasste den Unterschied der slavischen Uebersetzung als doppelte Arbeit auf, 
was schon Gorskij und Nevostrujev behauptet hatte (Onuc. ciiho;i. pycc. II, 
S. 114 ff.), doch gibt er zu, dass der zweite Uebersetzer des Textes der com- 
mentirten Propheten) die erste und ursprüngliche Arbeit (die ihm im Prophe- 
tologion, aber wie wir unten hören werden, sogar im vollen Umfang des 
Prophetentextes vorlag; gekannt und benutzt hat. Den zweiten Uebersetzer 
schätzt er im Verhältniss zu seinem älteren Vorbild nicht hoch, er habe in 
Bezug auf die Kenntniss der beiden Sprachen und die Uebersetzungsfertigkeit 
viel tiefer gestanden. Mir scheint der dem zweiten Uebersetzer (es können 
auch mehrere gewesen sein) gemachte Vorwurf nicht ganz gerechtfertigt zu 
sein. Der lexicalische Wechsel kann auch auf anderen Gründen und nicht 
gerade auf den Mangel an Takt und Anstandsgefühl, wie Herr Jevsejev die 
Sache darstellt, beruhen. Die Uebersetzung vieler bei der ersten Arbeit un- 
übersetzt gelassenen Ausdrücke galt offenbar als ein Fortschritt ; die übrigen 
Aenderungen mögen in der Tendenz zum Theil verständlicher, zum Theil ge- 
nauer sich auszudrücken ihre Begründung gehabt haben. Allerdings liess 
sich, wie die Darlegung des Verfassers zeigt, der zweite Uebersetzer etwas 
mehr Missverständnisse zu Schulden kommen, als der erste, doch auch dieser 
1 ist nicht ganz davon frei zu sprechen. Für die Philologen, die vielleicht doch 
einen weiteren Ueberblick in solchen Fragen für sich in Anspruch nehmen 
dürfen, gestaltet sich der auch hier, bei der Isaiasübersetzung wahrgenommene 



256 Kritischer Anzeiger. 

Entwickelungsprocess zu einem sehr wichtigen Merkmal bei der Lösung 
sprachgeschichtlicher und dialectologischer Fragen (vergl. Entstehungsge- 
schichte II, S.71 — 72). Wenn Herr Jevsejev (S. 17) in der Form uecapi. einen 
Latinismus erblickt, so mag er inzwischen schon selbst diese Meinung als 
eine irrige erkannt haben. Dagegen ist seine Beobachtung des innigen Zu- 
sammenhanges zwischen den sprachlichen Eigenthümlichkeiten desslav.Pro- 
phetologions und der ältesten Evangelien- oder Aposteltexte eine werthvolle 
Bereicherung. Dann und wann zeigt die Einsicht in die Vorgeschichte dieser 
Fragen einige Lücken, z. B. von den Forschungen Safafik's oder meiner Ein- 
leitung in die Racki'sche Ausgabe des Assem. Evangeliums wird er wohl keine 
Kenntniss gehabt haben, als er sein Werk schrieb. Mit seiner Meinung, dass 
der commentirte Isaias im Gegensatz zu dem Paroemientext desselben Pro- 
pheten in die zweite, also bulgarische Periode der literarischen Thätigkeit 
einzureihen sei, kann man sich einverstanden erklären (S. 22). Die palaeo- 
graphischen und grammatischen Charakteristiken der einzelnen Handschriften 
(zunächst der Paroemienbücher, dann der Commentirten Propheten S. 52 — 72) 
sind in üblicher Weise gehalten (wie z. B. bei Voskresenskij bezüglich des Apo- 
stolus, bei Sreznevskij betreffs des Psalters). Auf S. 72 — 168 folgt ein recht 
ausführlicher grammatisch-lexicalischerTheil der Arbeit, der sich ganz in den 
Fussstapfen der vom Verfasser zum Vorbild genommenen Studie Budilovic's 
über die Sprache der XIII Reden des Gregorius von Nanzianz (im J. 1871 ge- 
schrieben) bewegt. Nicht ihm kann man das zum Vorwurf machen, aber bei 
seinem ehrlichen Fleiss hätte die Anwendung einer besseren Methode auch 
bessere Resultate erzielt. Uebrigens sind auch in dieser mechanischen Zu- 
sammenstellung seine lexicalischen Parallelen werthvoll. DieCitate aus Isaias 
in anderen alten Denkmälern, die er nach seinen zwei Typen gruppirt, wären 
unvergleichlich brauchbarer, wenn überall die entsprechenden Stellen aus 
dem Paroemientext oder aus den commentirten Propheten hinzugefügt worden 
wären. Allein auch hier bleiben für mich einige Räthsel übrig; z. B. warum 
sind in demselben Denkmal (imlzbornikl073, in denPandekten desAntiochius 
U.S.W.) die Citate bald nach einem, bald nach anderem Typus ausgefallen? 

Einen hübschen resümirenden Vortrag über diese seine Arbeit gab der 
Verfasser selbst anlässlich der Vertheidigung seines Werkes als Magisterdis- 
sertation, der später im XpacTiaHCKoe ^Teule gedruckt erschien: »0 ÄpesHe- 
caaBÄHCKOM-B nepeBOÄi Beixaro saBiia« (StPtbg S^, 22 Seiten). Wenn Herr Jevse- 
jev sagt, die Wissenschaft könne nicht sagen, wie die Cyrillo-methodianische 
Uebersetzung aussah (S. 2), so ist das streng genommen leider richtig, doch 
scheint er mir den erfreulichen Fortschritt, der wenigstens bezüglich des 
Evangelientextes bereits erzielt wurde, etwas zu gering anzuschlagen. Er 
arbeitet auf dem Gebiete des alten Testamentes und da ist man in der That 
noch gar nicht weit gekommen. Warum? Ich kann es gleich sagen, der 
Hauptgrund liegt in der merkwürdig geringen Publicationsthätigkeit bezüg- 
lich der Denkmäler selbst. Wenn man von den Psalmen absieht, das ganze 
übrige alte Testament wartet noch auf eine kritische Ausgabe nach den älte- 
sten vorhandenen Texten! Ich freue mich über manches freimüthige Wort 
des jungen Gelehrten, aber diese Lücke berührte er leider in seinem Vortrag 



Jevsejev's Beiträge ztir altkirchensl. Lit., angez. von Jagic. 257 

nicht. Uebrigens manches von dem, was er als Postulat der nächsten wiss. 
Forschung hinstellt, ist nicht neu. Ich habe schon zu wiederholten Malen 
darauf hingewiesen, dass uns das intensive Studium der ältesten Werke des 
altkirchenslavischen Schriftthums über manche Frage, die in den Geschichts- 
quellen mit Stillschweigen übergangen oder in den Legenden auf legendari- 
sche Art beantwortet wird, eine viel sicherere, genauere, zuverlässigere Aus- 
kunft ertheilen wird, als das vergebliche Erwarten neuer Quellen, neuer 
Entdeckungen. Noch will ich bemerken, dass die Zeitbestimmung für die 
Uebersetzuug der commentirten Propheten mit den Jahren 888 — 927 doch 
etwas zu eng gefasst sein dürfte. Richtiger wäre es wohl zu sagen, diese 
Arbeit sei im Verlaufe des X. Jahrhunderts gemacht worden. 

Nun komme ich zu den fünf Abhandlungen, die unter dem oben ange- 
führten gemeinsamen Titel zusammengefasst sind. Nr. I, II und III erschienen 
in dem Bulletin de l'academie Imperiale de Sciences de St. Petersbourg, und 
zwar I und II im J. 1898, Mai, T. VIII, Nr. 5; III ib. 1899, T. X, Nr. 4 (der 
russische Titel »HsBtcTiH« kann beim Vorhandensein der HsBicTiH der russi- 
schen Abtheilung leicht zur Confusion führen), unter Nr. I spricht der Ver- 
fasser von dem »griechischen Original der ursprünglichen kirchenslavischen 
Uebersetzung« im allgemeinen und bringt viel beherzigenswerthes vor, doch 
scheint er mir auch hier in der Beurtheilung der bisher erzielten Resultate 
nicht genug objectiv zu sein. Sein Pessimismus fusst auf dem Alten Testa- 
mente, wenn ich mich so ausdrücken darf. Seine methodologischen Grundsätze 
stehen mit unseren bisherigen Forschungen durchaus nicht im Widerspruche. 
Wenn es sich um die Auffindung des ältesten Typus der altkirchenslavischen 
Evangelienübersetzung handelt, wird man, mag man sagen was man will, den 
von mir bisher eingeschlagenen Weg nicht aufgeben können. Bewegt sich 
ja doch auch Herr Jevsejev bei seiner Isaias-Studie ganz auf derselben Bahn, 
sonst würde er nicht die Ergebnisse unserer bisherigen Forschungen ohne 
Weiteres annehmen und mit seinen Resultaten im schönsten Einklang finden 
können. Allerdings will ich ihm eine grosse Concession machen und sagen, 
dass wir uns bei unseren kirchenslavischen Text-Studien zu wenig um die 
Feststellung des griechischen Prototyps unserer slav. Uebersetzung kümmer- 
ten. Daran ist aber sehr viel unser recht confuser Wegweiser Tischendorf 
Schuld gewesen. Ich selbst fühlte bezüglich des Evangelientextes sehr oft 
das Bedürfniss von seinem Bestreben, ausschliesslich den Codex Sinaiticus 
und einige andere der ältesten üncialhandschriften zur Geltung zu bringen, 
für unsere slavische Redaction abzusehen und mehr die realen Verhältnisse 
der Kirche von Constantinopel, die ja für die Slavenapostel maassgebend 
waren, ins Auge zu fassen. Man darf aber nicht vergessen, dass eine strengere 
Methode der textkritischen Studien des Alten und Neuen Testaments erst um 
viele Jahre später aufkam, nachdem ich mit lächerlich bescheidenen Mitteln 
die Frage über die kritische Seite des Textes des Assem. Evangeliums in den 
Kreis unserer Studien eingeführt hatte (1865, also vor 36 Jahren!). Es wäre 
traurig genug, wenn man seit jener Zeit keinen Schritt nach vorwärts gemacht 
hätte. Herr Jevsejev hebt die Forschungen de Lagardes als epochemachend 
hervor; allein seine Studien concentriren sich doch wesentlich auf der kriti- 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 17 



258 Kritischer Anzeiger. 

sehen Sichtung der Septuaginta und der russische Gelehrte kann nicht umhin 
selbst zuzogeben (S. 337 der I. Abhandlung), dass die Nachfolger Lagardes 
in Deutschland. England, Italien u. s.w. die allgemeine Charakteristik der 
Lucianischen Recension des Bibeltextes wenig gefördert haben und er selbst, 
der einen beachtenswerthen Beitrag dazu in seinem Werk über Isaiastext 
lieferte, wagt nur vermuthungsweise auszusprechen, dass die von ihm als 
Lucianisch formulirten Merkmale nicht auf Isaiastext beschränkt waren, 
sondern auch in anderen Theilen der Bibel wiederkehrten. Das Hauptmerk- 
mal übrigens, wenigstens nach der Auffassung Jevsejev's, sieht ziemlich un- 
bestimmt aus, er nennt es »KOJiHiecTBeHHaa pacnpocTpaneHHocTt öuöjeiicKaro 
xcKCTa« (quantitative Erweiterung des biblischen Textes ) ! Nun sieht leicht 
Jedermann ein, wie dieses Princip irre führen kann. Irgend ein zufälliger 
Zusatz im Text kann gleich ohne Weiteres für ein Lucianisches Merkmal 
erklärt werden! Z. B. die vom Verfasser auf S. 337 aus Marc. I notirten >Zu- 
sätze«, die er für Merkmale der Lucianischen Texteserweiterung, erklärt, 
kommen allerdings in allen ältesten kirchenslav. Evangelientexten vor, allein 
wie stimmt dazu die auf S. 339 gemachte Bemerkung, dass die Lucianische 
Redaction eigentlich auf die liturgischen Bücher beschränkt blieb, die man 
»gleich aufgab, sobald der liturgische Codex die Gestalt eines gewöhnlichen 
biblischen Buches annahm«? Marc. I, 9 — 34 begegnet überhaupt als Lection 
nicht, und doch enthalten die Verse 13, 14, 24, 31 selbst in den ältesten Tetra- 
evangelien, die doch keine liturgischen Zwecke verfolgten, jene von Jevsejev 
als Lucianisch aufgefassten Erweiterungen. Bezüglich der aus den Psalmen 
citirten Belege ähnlicher »Erweiterungen« (S.338 — 9) will ich nur konstatiren 
dass die ältesten Texte (Sinaiticus, Pogodiner und Bologner) ganz überein- 
stimmend in Ps. 70, 4. 20 und 71, 18 die sogenannte erweiterte, in Ps. 70, 13 
und 71, 16 die »kürzere« Redaction abspiegeln. Wie ist das zu verstehen? 
Die Beobachtungen des Verfassers, die ich für sehr beachtenswert!! halte, 
bedürfen jedenfalls einer weiteren Prüfung; fürs nächste scheinen sie sich 
wenigstens für den Isaiastext bewahrheilen zu wollen. Und auch das schon 
ist kein geringer Gewinn. 

Nr. II handelt von dem Text des biblischen Buches Esther. Im Ge- 
gensatz zu einer mir in ihrem Wortlaute nicht zugänglichen Behauptung Prof. 
Sobolevskijs, der den in die Gennadius- Bibel aufgenommenen kirchenslavi- 
schen Text des Buches Esther aus einer griechischen Vorlage übersetzt sein 
lässt, vertheidigt Herr Jevsejev, wie ich glaube mit überzeugenden Gründen, 
die ältere Ansicht, nach welcher die grössere Hälfte dieses Buches aus dem 
Hebräischen, das Fehlende aber ursprünglich aus dem Lateinischen, nachher 
aus dem Griechischen übersetzt worden sei. Auch der glagolit. Text (bei 
Breie) verräth auf Schritt und Tritt seine volle Abhängigkeit vom lateinischen 
Original. Leider fehlt jenes von Herrn Jevsejev in Konstantin's Leben des 
Stefan Lazarevic gefundene slavische Bruchstück, das gewiss aus dem griech. 
Original, imd zwar wohl vor Konstantin übersetzt wurde, in dem glagolitischen 
bei Brciö gesammelten Stücken. Sonst könnte man vielleicht irgend welche 
Anhaltspunkte finden. 

Nr. III bewegt sich wieder im Kreise der Prophetentexte. Das hier 



Jevsejev's Beiträge zur altkirchensl. Lit., angez. von Jagic. 259 

Gebotene kann als nicht unwesentliche Ergänzung und Erweiterung der im 
Buch Isaias gewonnenen Resultate angesehen werden. Bisher hielt der Ver- 
fasser an dem Gedanken fest, dass die älteste, mit allen Merkmalen der ersten 
altkirchenslavischen Literaturperiode ausgestattete Uebersetzung des Pro- 
pheten Isaias auf die in dem Prophetologion enthaltenen Bestandtheile be- 
schränkt gewesen, und dass der volle Isaiastext gleichzeitig mit dem Com- 
mentar erst der nachfolgenden, zweiten oder bulgarischen Literaturperiode 
seine Entstehung verdanke. Nun fand aber Herr Jevsejev in dem bekannten 
Codex des Moskauer Archivs, in welchem die Chronik Malala's enthalten ist, 
auch solche Stücke aus den Propheten, die in dem Paroemienbuch gar nicht 
vertreten sind, erstens ohne Commentar, zweitens in dem Paroemientypus 
(nicht dem Prophetentypus) gehalten. Dadurch wurde er gezwungen, seine 
bisherigen Behauptungen insofern zu erweitern, als er jetzt neben einem auf 
Paroemienstücke beschränkten, noch einen vollen Isaiastext im alten Typus, 
ohne Commentare, übersetzt sein lässt. Der durch zahlreiche Beispiele illu- 
strirte Beweis scheint mir überzeugend geführt zu sein. Auch aus glagoliti- 
Texten kroat. Provenienz Hesse sich vielleicht eine Bestätigung beibringen, 
leider sind die bei Breie gesammelten Texte sehr fragmentarisch und lassen 
nur wenig Vergleiche zu. Die zwei Stellen, die Jevsejev auf S. 7 seines 
Isaias-Buches anführt, gehören in der That auch im glagolit. Text dem soge- 
nannten erweiterten Typus an: 1. 29 nocTn;i;eT ce oyöo o HCToyKaHHnx^ cboux^ 
H:M>Ke cjioyjKumu n nocTujei ce o Bpxorpaaixt cbohx* e>Ke asBO.iHme u o acp^iBaxt 
CBOHxt HMuace HCToyKaHHHM* cjoyatuine (die Uebereinstimmung mit dem Parö- 
mientext ist grösser als etwa mit der latein. Vulgata): IX. 6: MJtaÄiHBu"" oyöo 
poatjen* ecx Haai* n cuh* Äan* ecx^ hem*, CTBopena ace ecx* BjracT* ero na paiii ero 
H ESOBei* ce HMe ero auB\ CBiTHHK'', öort, KpinK*, oxanL 6oyaoyni;aro 
EiKa, B.3aÄUKa Miipa (dieser Text stimmt zui; lateinischen Fassung, die 
ebenfalls mit einer erweiterten griechischen Textgestalt identisch ist;. Leider 
können von den zahlreichen auf S. 356 — 369 der in Rede stehenden Abhand- 
lung aufgezählten Belegen nur die wenigsten mit dem glagol.Text verglichen 
werden. So weit die Vergleichung möglich ist, zeigt der glagol. Text manch- 
mal Berührung mit dem commentirten Prophetentext, die vielleicht auf latei- 
nischen Einfluss zurückzuführen ist, z. B. Dan. 1, 3 ox* ctiieHe necapcKaro u 
CHJiHiix^ (CP. oxt n-ieMene uaptcKa n oii. KpinKtmxi., lat. de semine regio 
et tyranuorum) — hier ist der erste Theil nach alter Vorlage , der zweite 
stimmt zur Lesart der comm. Propheten, weil im latein. tyrannorum steht. 
Dan. 2, 42: ii qeciB acejitsHa, gecTt CKoyÄ^Ji^Ha, lecxB ace öoyaeiB iiecapcxBa 
KpinKa, hier stimmt der Ausdruck ckoja^ji^hü zum alten Typus, aber die 
Zusätze exepa (3 mal) fehlen, wie in dem comment. Prophetentext; die latein. 
Uebersetzung mit ihrem ex parte steht fern. Die vom Verfasser aus der Prü- 
fung des Archivtextes der Propheten gezogenen Schlussfolgerungen müssen 
zunächst noch in suspenso gelassen werden. Die lexicalisch-grammatische 
Aehnlichkeit dieses Prophetentextes mit dem Paroemientypus kann man 
noch nicht als Beweis hinstellen , dass die Ergänzung des Paroemientextes 
zum vollständigen Prophetentext (zunächst ohne Commentar) gerade von 

17* 



260 Kritischer Anzeiger. 

Metbodius herrührt. Ich kann es nicht als unmöglich bezeichnen, aber ohne 
weiteres daran zu glauben vermag ich doch nicht. 

Nr. IV der «Bemerkungen" erschien im B. V. 1900 (S. 788—823, SA. 1 
bis 36) der TLsBiciin der russischen Abtheilung. Der Inhalt dieser Abhandlung 
bezieht sich auf den vom Verfasser sehr scharfsinnig vermutheten Zusammen- 
hang mehrerer Stellen der Prophetenkommentare mit der in der altrussischen 
Literatur vorhandenen Bekämpfung der Juden als Läugner Christi und da 
man nach dem antijüdischen polemischen Charakter der sogenannten com- 
mentirten Palaea die Verwerthung der Prophetencommentare auch für dieses 
Denkmal erwarten würde, so wirft der Verfasser die Frage auf, ob nicht die 
von ihm verglichenen Texte (alles inedita, zum Theil selbst ihm schwer zu- 
gänglich) einen Schlüssel zur präciserenFormulirung des Verhältnisses geben. 
Ich muss die Beurtheilung dieser »Bemerkungen« anderen überlassen, da ich 
aus Mangel an zugänglichem Material zur ganzen Frage keine Stellung 
nehmen kann. 

Nr.V der »Bemerkungen« erscheint im III. Band der »Tpyflti ciaBaHCKoä 
komhccIh« der Moskauer archäologischen Gesellschaft. Diese Abhandlung 
kommt von neuem auf die Prophetentexte zurück, diesmal wird der Commen- 
tar vom Propheten Daniel bebandelt, der von Hippolytus herrührt und erst 
yor kurzem in der deutschen kirchengeschichtlichen Literatur, in den Werken 
von Bradtke und Bonvetsch wissenschaftlich behandelt wurde. Das Buch 
Daniel nimmt in der slav. Uebersetzung an den commentirten Propheten 
keinen Antheil, es ist ohne Commentar geblieben (vergl. Gorskij und Nevo- 
strujev OnHcaHie cuHoa. pyK. II, 1, S. 113). Nun besitzt aber die kirchenslav. 
Literatur auch eine Uebersetzung des Hippoly tuscommentars auf den Propheten 
Daniel, gerade so wie sie einen besonderen Text des Hippolytus über den 
Antichristus kennt (den letzteren gab schon 1868 Nevostrujev unter dem Titel 
»Cjiobo CBÄTaro Hnnojmia ofji. aHTHxpHCxi, MocKsa 1868 heraus). Herr Jevsejev 
studirte auf Grund derselben Handschrift (deren Text nebst einem anderen 
der Moskauer Geistl. Akademie Sreznevskij im J. 1874 in dem Bericht über 
die 15. Preiszuerkennung der Graf Uvarov'schen Prämie herausgegeben hat) 
diesen Commeutar und sein Verhältniss zum Text der Propheten und zu dem 
genannten Werke desselben Hippolyten über den Antichristus — beides 
nicht in griechischer Sprache, sondern in slavischer Uebersetzung, um den 
Charakter derselben und die ungefähre Zeit ihrer Entstehung zu bestimmen. 
Der Verfasser geht, auf seinen früheren Forschungen fussend, von der Vor- 
aussetzung aus, dass das Buch Daniel nicht weniger als viermal einer 
besonderen Behandlung seitens der slavischenUebersetzer unterzogen wurde: 
1. zuerst seien Stücke für dasParoemienbuch übersetzt worden, 2. dann haben 
sie eine Ergänzung erfahren (diese zwei Arbeiten hätten noch in Mähren- 
Pannonien stattgefunden), 3. ferner sei eine neue, bulgarische, Uebersetzung 
veranstaltet worden bei der Gelegenheit, da man eine commentirte Propheten- 
übersetzung zu Stande brachte (wobei jedoch Daniel ohne Commeutar blieb 
und doch übersetzt wurde [?j), endlich zu dieser neuen, bulgarischen, Ueber- 
setzung sei 4. der Hippolytuscommentar hinzugekommen, bei welcher Gelegen- 
heit doch auch der Text einigen Aenderungen unterzogen worden sein soll. 



Jevsejev's Beiträge zur altkirchensl. Lit., angez. von Jagic. 



261 



Diese viermalige Betheiligung der Uebersetzer an demselben Text ist nicht 
gerade etwas selbstverständliches, es müssen wichtige Gründe dafür vorliegen, 
um uns zu dieser üeberzeugung zu bringen. Wer nicht zu den Glücklichen 
zählt, die die kais. öflfentliche Bibliothek zu Petersburg oder die Moskauer 
Synodalbibliothek bei der Hand haben, muss bei der Prüfung dieser Fragen 
im Halbdunkel herumtappen, da noch Niemand in Russland den glücklichen 
Einfall hatte, die Propheten herauszugeben. Ich muss mich also an das von 
Herrn Jevsejev Gebotene halten. Seine Parallelen (auf S. 5, 7, 8), worin er 
Dan. 2, 34 — 35 und 7, 13 — 14 nach dem Paroemien- und dem completten Text 
erster und zweiter Bearbeitung mittheilt, sehen durchaus nicht so aus, als 
hätten wir in der That mit den verschiedenen, immer wieder von neuem 
gemachten Arbeiten zu thun. Sagen wir immerhin, dass die erste Complet- 
tirung der Paroemienübersetzung das schon in den Paroemien Enthaltene 
verwerthete, und nur durch Zusätze das Fehlende ergänzte, wo findet man aber 
die Beweise für eine Neuübersetzung, wenn man den in der commentirten 
Prophetenübersetzung enthaltenen Danieltext mit dem ältesten ( der Paroemien) 
vergleicht und folgende Parallele bekommt: 



Parem. Grigor. Dan. 2, 34—35: 

BHjiuie ÄOHtÄSHce oyxptace ca KaivieHi. 
OTT. ropra. He p&KaMa, h oyaapH xijio ■. . 
H ÖHCTt HKO H npaxt OTT) royMHa jiix- 
Hiro H BSATT) u. npiaMHonJH Biipi. . . 
H KaiaeHT. eace paa^pasH xiÄO öticit b-l 

rOpA BeJIHKA H Han.I'BHH b-bcä seMA. 



Aus der comm. Proph.-Sammlung id.: 

Biiatame ÄOHae>Ke oyiptace ca KaMeuB 
OT-B ropti He poyKaMH, ii oyaapH Tijio . . 
u ÖBiCTB MKO u npaxT. cix royMHa Jii- 

TBHA H HSAT-B H npiMHOrblH B^Tp-B . . 

KaMCHB 3ce H»ce pasÄpasH oöpasa öthctb 
ropa BCJiHKa a HaiWBHU bch) seauH». 



Fügen wir noch den glagolitisch-kroatischen Text hinzu : BHÄ^ime äoh- 
aeace ce oyxpBjKe KaiieHB ox ropa ne poyKaMH oxciieHB h oyaapu Ti.;io . . . h 6hctb 
tKo npaxB Ol royMHa .lii^'naro h s'aei^ h npiMHora BixpB . . KaMeHB Hce iiace pas- 
pasH lijio, ÖHCiB B ropoy Bdino h Han.!iBHii Bcoy aeMJio . . Sind das wirklich 
verschiedene Uebersetzungen? 

Dieselbe vollständige Identität der Uebersetzung ist auch aus demCitat 
Dan. 7, 13—14 (bei Jevsejev auf S. 7 — 8 angeführt) ersichtlich. Wir finden 
da nur das Verbum mhhcib einmal durch MUMonaexB, das andere Mal durch 
npuAeiB ersetzt — ein sehr üblicher Wechsel (vergl. Entstehungsgeschichte 
II. 62). Auch die Beispiele Dan. 1, 14—15; 2, 11 (angeführt auf S. 10) unter- 
stützen die Annahme einer selbständigen neuen Uebersetzung Daniel's nicht ; 
das Wort cd Idica lautet allerdings im älteren Text spauH. im vollen ospB^a 
(im glagolit. Text Jiuua und so auch in — Hippolytus!), dann ist anora ersetzt 
durch apoyraaro, für cBKaateiB [uvayYeXei) steht das näher an den griech.Text 
sich anschliessende cxb^cihtb (glag. Text hat BBSBiciHiB). In einem anderen 
Citat (Dan. 8, 14) auf S. 11 findet man bloss oiHuieno öcyaeiB ersetzt durch 
o^HcxuTCA. Alle diese Belege, die ich, wie gesagt, gezwungen bin aus zweiter 
Hand zu schöpfen, reichen nach meinem Dafürhalten nicht hin, um von dem 
Buch Daniel eine neue Uebersetzung in die Zeit Symeon's (also zu Anfang 
des X. Jahrh.) zu versetzen, oder richtiger in jene Zeit, da zu einigen Pro- 



262 



Kritischer Anzeiger. 



pheten die Commentare übersetzt werden sollten, aus welchem Anlass in der 
That sehr nahe lag auch den Text mit zu übersetzen. Das Buch Daniel be- 
kam aber keinen Commentar, folglich eine Neuübersetzung, wenn schon eine 
frühere vorhanden war, wäre ganz zwecklos gewesen, für sie lag kein An- 
lass vor. 

Es ist möglich, dass der Verfasser seine Ansicht durch Beweise stützen 
kann, die mir hierorts unzugänglich sind. Mari mus ja den Muth des Fehlens 
haben, ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Die Studie Jevsejev's 
hat aber auch, selbst wenn ich sie in diesem einen Punkte bekämpfe, grosse 
Bedeutung dadurch, dass er zwischen dem Commentar des Hippolytus auf 
Daniel, zwischen dem Werk desselben Hippolytus über Antichristus und 
zwischen dem Izbornik 1073 (der bekanntlich auf Veranlassung Symeons von 
Bulgarien zu Stande kam) eine sehr nahe Verwandtschaft constatirte, eine 
Verwandtschaft, die so weit geht, dass sie Herrn Jevsejev veranlasste die 
Vermuthung auszusprechen, der Uebersetzer des Hippolytus und des Izbornik 
1073 sei eine und dieselbe Person gewesen (S. 7). Mir scheint auch hier die 
Schlussfolgerung des Herrn Jevsejev etwas voreilig zu sein. Früher sprach 
er (S. 5) nur davon, dass der Uebersetzer des Izbornik der Uebersetzung der 
Werke des Hippolytus sehr nahe stand. Diese Fassung möchte ich als die 
vorsichtigere vorziehen. In der Stelle aus dem Izbornik, auf die der Verfasser 
das Hauptgewicht legt (citirt auf S. 6), werden ccl xvrjfxai mit rojiiHt (dual oder 
plur. ro.aiiiH), dagegen bei Hippolytus mit ji-hcth (von j-hctt.) wiedergegeben 
(der glagolitische Text hat auch ro.iiHH). Diese Abweichung ist nicht un- 
bedeutend, es gibt aber auch mehrere unbedeutende, Alles zusammen macht 
nicht den Eindruck, dass gerade eine Person an beiden Werken betheiligt 
war. Wahrscheinlicher klingt eine andere Vermuthung des Verfassers, nach 
welcher das »Wort vom Antichristus« und der Commentar auf Daniel, wie sie 
von demselben griechischen Autor herrühren, auch dieselbe Person zum Ueber- 
setzer haben könnten. Mit dieser Ansicht könnte ich mich eher einverstanden 
erklären, zumal in der alten, ins XII. Jahrh. versetzten Cudovo-Handschrift 
beide Werke unmittelbar aufeinander folgen. 

Auf den weiteren Inhalt dieser fünften Abhandlung gehe ich nicht weiter 
ein, ervähne Ar, dass der Verfasser in einer der Beilagen den Commentar 
des Hippolytus auf das 9. Capitel Daniel's zum Abdruck brachte. Hätte er 
doch auch den Text Daniel's, oder wenigstens dieses einen Capitels, nach, wie 
er glaubt, verschiedenen Uebersetzungen beigegeben; am liebsten wäre uns 
freilich, wenn wir den ganzen Daniel nach den ältesten Quellen der Uebersetz- 
ung bekommen hätten. Möge uns der kenntnissreiche russische Gelehrte noch 
recht oft Gelegenheit geben, über seine weiteren Forschungen, die die slavische 
Philologie so nahe angehen, in dieser Zeitschrift zu berichten. Wir werden 
es, davon möge er überzeugt sein, immer mit demjenigen Wohlwollen thun, 
das seine, das gewöhnliche Mass der philologischen Kritik in russischen For- 
schungen weit überholenden Studien verdienen. V. J. 



Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von Jagic. 263 

A. CoöojieBCKiä. UjepKOBHOCJiaBHHCKie TeKcxBi MopaBCKaro npoHcxoac- 
Aema. Bapuiaßa 1900, 8^, 68 (SA. aus dem Warschauer ^>UÄOÄorii- 

^leCKifi BiCTHHKT.). 

Diese, wenn auch nicht umfangreiche, so doch reichhaltige Studie ver- 
dient besondere Beachtung. Bei der nicht abzuläugnenden Disciplinlosigkeit, 
die bezüglich vieler wichtiger Fragen des altkirchenslavischen Alterthums 
in der Slavistik noch immer herrscht, — unsere Zeitschrift machte zu wieder- 
holten Malen darauf aufmerksam — ist es gewiss tröstlich, constatiren zu 
dürfen, dass Prof. Sobolevskij in der Einleitung zu seiner Monographie von 
einigen mir unzweifelhaft richtig scheinenden, und doch gerade in Russland 
selten anerkannten Voraussetzungen ausgeht, namentlich will ich auf die 
Geltendmachung einer gewissen Vorarbeit bei der Bekehrung Mährens und 
Pannoniens zum Christenthum vor der apostolischen Wirksamkeit der aus 
Constantinopel gekommenen Brüder hinweisen, woraus in dem ältesten Wort- 
schatz der altkirchenslavischen Literatur ein bedingter Dualismus sich ent- 
wickelte. Durch diese Annahme nähert sich Prof. Sobolevskij wesentlich dem 
von uns im Westen des Slaventhums vertretenen Gesichtspunkt. Allerdings 
folgert er daraus in der vorliegenden Schrift mehr, als ich es thun könnte. 
Er versucht nämlich von einer Reihe der noch vorhandenen altkirchenslav. 
Denkmäler den Nachweis zuführen, dass sie geradezu in Mähren entstanden 
sind. Es handelt sich zunächst um vier Denkmäler, das eine davon, die 
Kijever Blätter, wird nicht näher untersucht, da der Verfasser, wie es scheint 
(gesagt hat er es nicht, das wäre auch zu viel verlangt!) mit meinem Resul- 
tate einverstanden ist. Ich muss freilich auch bezüglich dieses Denkmals 
die schon einmal gesagte Vermuthung widerholen, dass nur die jetzige 
Form der Kijever Blätter in das Gebiet der böhmisch-mährisch-slovakischen 
Dialectengruppe versetzt werden muss, die erste, ursprüngliche Abfassung 
des ganzen Sacramentariums könnte aber weiter unten im Süden, im Bereich 
der pannonischenSlovenen (die bis au die Save reichten) zu Stande gekommen 
sein. Was aber das zweite Denkmal, hier in dieser Monographie an die Spitze 
gestellt, anbelangt, d. h. die Reden des Papstes Gregorius des Grossen (des 
h. Gregorius Dialogus) die schon seit dem J. 1859 (OnacaHie pyKonHceii chho- 
ja.iBHoii ÖU6.I. IL 2, Nr. 149) in einer recht umfangreichen kritisch-grammati- 
schen Analyse vorliegen, so kann ich aus dem dankenswerthen lexicalischen 
Material, das der Verfasser auf S. 8 — 9 und 31 — 56 beigebracht, nicht den 
Eindruck gewinnen, dass diese Reden des Gregorius, denen unzweifelhaft ein 
lateinischer Text zu Grunde liegt, gerade in Mähren (selbst im umfangreich- 
sten Sinne dieser Benennung) aus dem Lateinischen ins Kirchenslavische 
übersetzt wurden. Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, mit denen die 
endgiltige Lösung derartiger Fragen bei unseren heutigen ganz unzulänglichen 
lexicalischen Hilfsmitteln zu kämpfen hat, und doch scheint mir vieles dafür 
zu sprechen, dass Gorskij und Nevostrujev näher der Wahrheit standen, als 
sie den südslavischen Ursprung des Denkmals annahmen (Onnc. II, 2, S. 239). 
Was zunächst die kirchenslavische Ausdrucksweise bietet, die uns aus den 
ältesten Quellen wohl bekannt ist, diese ist hier nicht rein in ihrer ältesten 



264 Kritischer Anzeiger. 

exicalischen Fassung vertreten, vielmehr kommen neben den sehr alten Aus- 
drücken auch schon solche vor, die vrir in den Denkmälern der nächstfolgenden 
Periode anzutreffen gewohnt sind. Neben öAaroÄiTt findet man auch schon 
öjaroaaxB, neben HHoiAÄt auch schon KÄUHOiaÄ-B, neben HeöectCK-B 
auch neßecBHi., neben seMtcKi. auch scm.ibh'b. Aelteren Standpunkt 
wahren die Ausdrücke wie: ßoJiisHB (auch neÄoyr'B), 6paHB (nicht paii,, 
doch paTHBiä), sapHiH, b-mhha (statt npiiCHo), BAme, B-Bsr^iaiuaTH, 
roÄHHa (doch auch qaci.), aoMt, äoctoht-b, ApeB.uK, acajiocTB, acp-B- 

TBa, »HBOTT., HCKpB, SaKJICne, KJreBpiT-B, KJIIOIHTH Ca, KOBBier-B, 

Kp-Biarx, KpBCT-B (nicht KpaacBl), K-BHana, .laMHHie, H3.iHxa, ji4to, 
NjüXBa (nicht njiumB), M-HiapB, nenpHiasHB, HenBuieBaiH, OTpoK-B, 

OXpOlHUa, OpAaCHK, OTOK-B, OTTbnOy C T HT II (nicht OCTaBHTH), OÖJiaCTB 

(und BJiacTB), naiiTH ca, noBiiHOBaTu ca, hocthth ca (aber auch 
aJCBKaTH), npoJiiiBaTH, nponATH,nBpM, ninasB, iiA^HHa, npanp&at, 
paH, paöoiaTH, peMCHBH'B, canor-B, cejio, CKp-BÖB (aber auch neiajB), 

CK&ÄiJIBHHK'B, CMOKOBBHHUa, CBBiS^HHie, CBHBMl, TBOpBUB (uicht 
3H2CÄHTe.!IB), TOyHCÄB, OyÖOr-B, Cyn-BBaHHie, XOyÄO^KBCIBO, XpBÖBXX, 

XTämBiiHK-B, uivi-B (nicht cBapaBi.), msBa, und die Fremdwörter äu- 
aacKa.iBCTBO, HroyMCH'B, uiepcH (acpBUB für consul!), lepeTiiK-B, ku- 
BOTT), Kajioyrep'B, KejiiiM, ojiiii, npoapoM'B, ckhhhh, CTpaTHri. u.a. 
Daneben kommen vor : amioT-B und öeaoyivia (ohne cn'HiH), öicx (nicht 
ÄiMOH-B), 6jioYJi.T> und öJioyÄBHima (doch ist jiio6oÄiMHHK bekannt), 
BHÄiHHie (nicht spaKx), spa^B (nicht öajiHii), bohm (nicht apoMaii.), 
BcpHra (nicht Aace acejiisBHo), rjioym. (weder 6oyii, noch oypoÄt), 
rpo6T. (nicht 3cajinii), rpo3H%, rpBSHi. (neben rposÄ'B), spißa Äoy- 
ÖpoBBHara (neben «oyöpasa ist JOhn, üblich), Äisima (statt «isa), die 
Präposition ai.iBMa (statt und neben paan), äbhb Be.nHKi. (statt npasÄB - 
hmk-b), acHTBHHua (nicht CBKpoBume), saKOHOoyiHiejiB, saBHSa (für 
aaBHCTB), 3H0H (uicht BapTb), HcnpBBa (statt hckohu), uMBace für quia 
(statt no HC ace, Oniic. 237), Kona^B (neben Äi./i aiejiB, nicht BiiHapB), 
KOT-Hra (nicht xaTOH-B), kp-bmhth ca (neben nHTiTu ca), k'B3Hb (statt 
xiiTpocTB), jicMeiuB (uicht pajio), Ma.joMOiiXB (neben öiÄBH^), Macit 
(nicht Mvpo oder xpnsMa), MmrocxiiB-B (nicht mhjiocpbä'b), MOiuBiia 
(nicht nnpa), moiubho (für s-BSMoacBHo), Mpiaca (nicht neBoa'i), MBsaa 
neben M-EiTO, naö-BÄiiH, HanaciB (nicht HCKoymeHHK), neöpimn (nicht 
HepoÄHTH), oÖHiiJiB (uicht acnjiHme), oap-B (nicht Jioate), njieMA (nicht 
ctMA oder KO.aiHo), npanjiOÄX (neben JiHXBa), npirpiuiBH'B (nach 
npirpiiucHHie statt CBrpiuieHHB), npomapHB'B (für 3'hJi'h), npaBO 
für amen, hatb (nicht uicia), cKopo (nicht a^po), cjioyacBöa (neben 
jHToyprHM, ohne MBiua), cMp'fciB (neben KCÄpt), cpaivioTa (nicht 
■ CToya-B), cpaMjiMTH CA (für cx-HsiTH ca), CTO.i'B (nicht npicxo.!!.), 
cxÖJiasH'B (nicht cKaHflaji'B), c'b.i'b (für nuntius, eigentl. apostolus), xicK-B 
(nicht xo^H.)io), ipi6§ (statt noaoöaicTT.), xpaaiiiHa (statt xpaMi.), iio- 
äbh-b (statt äubbh'b). 

Diese nicht erschöpfenden Belege machen a priori wenig wahrscheinlich 
die Annahme, dass ein solches sprachlich mit verschiedenen späteren süd- 



Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von Jagic. 265 

slavischen zusammenhängendes Denkmal oben in Mähren übersetzt worden 
wäre. Das würde eine durch längere Zeit andauernde ruhige Entwickelung 
der Liturgie, Sprache und literarischen Thätigkeit dort oben voraussetzen, 
von der uns nichts bekannt ist, und es müssten sehr starke Beweise dafür 
ins Treffen geführt werden können , um uns diesen Glauben aufzuzwingen. 
Diese vermisse ich in der vorliegenden Schrift. Die auf S. 8 — 9 als Moravis- 
men bezeichneten Ausdrücke, z. B. BapoBaiii ca , BJiami., BtaiHHi«, n.OÄi, 
II3B0.IHTH, Ka3aTu,KaMHuifl, HaMicTHK, paqiiTM,piit (als res), caara, 
CHaacLHT., sind alle auch südslavisch (z. B. durch das Wörterbuch Danicic's 
nachweisbar). Das Wort noHKBaace braucht auch kein Bohemismus oder 
Moravismus zu sein, da auch im Altserbischen sein Abklatsch in noHKBape 
(s. Danicic's Wörterbuch) vorliegt. Solche Ausdrücke, wie öjiHKiiKa, öjoy- 
ÄBHHiia, öoroMBJKH ure , öpaKT., öpaiuHX, öpaiUBHO, ö-BX-Bivia -6^- 
niHK», BepHra, BHHHKa, BOJioyii, Bpa^BCxBO, Bpaxx, spLatra, b'b- 
CTArHoyTH, rpaaapB, äochth (üblicher äcchth), sanosiÄB, sanoei- 
mnuK-h, KOBBiert, plur. KOJia, KOTepuH, KpuBuna, jih6§bhth, 
MacjHua, MoyÄtöa - saMoyacacHUK - usMoyaHTU, oÖhjthk, doboh, 
nonoBBCTBO- nonoBBCKaa cjioyjKBÖa, CBiiia, cxapocTB (für aetas), 
TOMrt, TAjKaxu, oypoqnme, x^ipt (in der Bedeutung Studiosus, dili- 
gens) tragen ein so entschieden südslavisches Gepräge, leben noch jetzt bald 
im Bulgarischen, bald im Serbokroatischen, bald im Slovenischen, dass es 
schwer fallen würde, sie aus dem Böhmisch-Mährisch-Slovakischen abzuleiten, 
mag auch im altmährischen Wortschatz manches Gemeinsame einst vorhan- 
den gewesen sein, wie z. B. rjoynt, ahmt. (Instrum. ä'hm'bmb in inguine, 
\ GT g\. cech. dyme, dt/mej, serhokr. dimlj'e), KOMiina (gen. plur.: MaciHua ot 
KOMHHT> OTJioyiHTB Ca), .!ia.aoKa, MOHiBHa, HaTJix, naKocTB — den mäh- 
rischen und südlichen Slaven noch heute gemeinsam sind. Nach unserem 
heutigen Wissen könnte man höchstens bei tocthhbub, oxonuTu ca, pa- 
cna^eHuie eher an nordwest- als südslavische Verwandtschaft denken; doch 
wer kann behaupten, dass nicht auch diese Ausdrücke einst im Süden be- 
kannt waren? Selbst die Form der Fremdwörter spricht nicht gegen den 
südslavischen Ursprung, vergl. ÄHraKX (schon im XII. Jahrh. im Süden nach- 
weisbar), MOHCTpBiHB (magistra) mit dem ragusanischen Familiennamen des 
XII. Jahrh. MoncipB, GoyK-BiuB (buxus), reaciOBeB (Josue), Kpu^o.iHX'B. 
Vergl. im altkroatischen Alexanderroman: apHiuTOxe.TB, auujHniB, Ka- 
jiHcxeHoyiua, <i>H.io>Ko*ua, *h.j[05ko*, ähohu^hh, oder in der bulgar. 
Trojasage: *apH3CB, öpiiacen/ia, npuaeacB Kpa.!iB, auH.iemB u. s. w. Ich 
erwähne noch, dass K.aa3axB für cisterna auf »clausata» zu beruhen scheint. 
Die Frage, wo die Uebersetzung im Süden stattfand, ist nicht leicht zu 
beantworten. Manches spricht für die westlichen, nicht weit vom Adriatischen 
Meere entfernten Gegenden. Die nicht ganz abgebrochenen Beziehungen zum 
griechischen (byzantinischen) Wesen würden selbst an Macedonien zu denken 
gestatten. Beachtenswerth ist jedenfalls die nicht besonders grosse Vertraut- 
heit des Uebersetzers mit der lateinischen Sprache, wie folgende Belege zeigen : 
E-B r.aarojii ex ratione, auch öeci/ia für ratio scheint auf der Verwechse- 
lung zwischen ratio und oratio zu beruhen; ebenso ist ex aequo kohu und 



266 Kritisclier Anzeiger. 

Ha Kouiixt durch Missverstäudniss (Verwechselung von aequum und equus) 
zu erklären. Auffallend sind a.jm.10 Tijio für castigo corpus, aiuioxi. ct- 
TBopcHo für casu gestum (der Uebersetzer verwechselte casus mit cassus) ; 
falsch ist BJiaA'H'itcKaH 6eciaa für generalis sententia; in B-BsaoyiuBua 
und Bi.3ÄoyuiH)m;e für suspecti wird der Uebersetzer an die Bedeutung 
suspirare gedacht haben; in Bi,3Jiv)6Jien'h für electus dürfte eine Ver- 
wechselung mit dilectus vorliegen; in jraCKaHHie abstinentia ist vielleicht 
nur ein Schreib- oder Druckfehler zu erblicken (statt .laKauiiK); ospautH-L 
für despectus ist wahrscheinlich auch nur falsche Auffassung der lateinischen 
Wortbedeutung. Beachtenswerth ist die Anwendung der Form poyMLCKi> 
zur Uebersetzung des Adjectivs latinus, die Form scheint für hohes Alter der 
Uebersetzung zu sprechen. Noch mehr verdient der Zusammenhang mit der 
Sprache der Kijever Blätter hervorgehoben zu werden in solchen Ausdrücken : 
.liia oöuaoyma (K.Bl. JiiTa orpA/iAui, auch oöuÄAui), saKOHtHHKi., 
UBCXB (für festum, festivitas), uhokoctl (peregrinatio), oöimanuK (K.Bl. 
oöiuiHiii) für promissio, usÄpimuTejiB redemptor (K. Bl. usapiuieHHi), 
BBCCMor'HH (omnipotens) , npuHocB (oblatio), öJiarocjiOBecTiiTH (bene- 
dicere), noxoTB (desiderium), 3aK.iene (clausit), j:oyKaBBCTBO curiositas 
K.Bl. -lAKaBBCTBO malitia), cBBicxBCTBOBaTu testari (K.Bl. cx- 
BicxoBaTH id.), Hacii^oBaTu (imitari), OTxn.iaTUTu K.Bl.: ornjiamc- 
HHK (retributio). 

Das Leben des heil.Benedictus ist ein anderes, im serbischen Codex des 
14. Jahrh. erhaltenes Denkmal, das auf Gregorius den Grossen und lateinisches 
Original zurückgeht. Prof. Sobolevskij hat das Verdienst zuerst auf den Text 
hingewiesen zu haben, leider viel zu kurz. Selbst der lexicalische Auszug 
umfasst kaum zwei gedruckte Seiten. Sonderbar sieht es bei einem Gramma- 
tiker aus, dass er den Text serbischer Eedaction in die russische zu um- 
schreiben für statthaft hält. Der kleine Wortvorrath gibt nicht den geringsten 
Anhaltspunkt für die mährische Provenienz des Textes, dagegen verrathen 
Wörter, wie Mac.io (Äpisino) für oleum, nacioyx'B, CBiai, oyposBCTBO 
u.v.a. einen Typus des Altkirchenslavischen, den wir nicht als ältesten anzu- 
sehen gewohnt sind. Beachtenswerth ist das Vorkommen des Substantivs 
ipecaBHua für febris in diesen beiden Denkmälern: ein Ausdruck, der bekannt- 
lich im Bulgarischen noch heute bekannt ist und die Annahme des mährischen 
Ursprungs der Uebersetzung keineswegs wahrscheinlich macht. 

Einen weiteren »mährischen« Text soll nach Prof. Sobolevskij das Nico- 
demus -Evangelium repräsentiren, das uns durch Stojanovic (FjiacHiiK B. 63, 
S. 78 fif.) nach zwei Wiener Handschriften und nach einer Analyse durch Polivka 
C. C. M. 1891, S. 440 ff. zugänglich ist. Prof. Polivka erblickte mit Recht auch 
hierin eine südslavische Arbeit, möglicherweise aus den westlichen Gegenden 
(also aus dem Bereich der adriatischen Meeresküste) herstammend. Gewiss 
ist diese Ansicht (iie allein richtige, von einer mährischen Provenienz kann gar 
keineRedesein. Nichts specifisch Mährisches enthält der Text, da ja der Aus- 
druck Bc.iuKa HOuiL für Pascha auch den Südslaven (wenigstens noch heute 
den Slovenen) bekannt war. Beachtenswerth ist allerdings eine gewisse Ver- 
wandtschaft der Sprache dieses Textes mit den Gregoriusreden. Z. B. auch 



Sobolevskij's Denkmäler mähr. Ursprungs, angez. von Jagid. 267 

hier kommt Moucxpi vor, und ein Nomen proprium endigt .Iimuomi., oder 
Ausdrücke wie 6.ioyÄi.Hima, saK^ient, Bo.ie oder bojiw. als Fragepartikel, 
auHKtjSaKOHLHHK'BjÄecuTii u. m. a. Zwei dunkel scheinende Ausdrücke 
(vergl. Polivka a. a. 0.) will ich hier zur Sprache bringen. Wenn Cap. IX die 
lateinische Vorlage vobis consuetudo est durch ua oiuecTBic, vi. na oy- 
luBCTBUK ecTL gelcssn Wird, SO halte ich das für ciu Wort H a y lu I. c T B H K, 
welches dem lateinischen consuetudo entsprechen und vielleicht Haoymt- 
cxBuie (als Parallele zu HaoymeHUK) gelesen werden muss. Die zweite 
Stelle, die Polivka Kopfzerbrechen verursachte, betriift das Wort npuMpt- 
saHUK — gewiss ist hier entweder npuMptiauuie oder npiiMpxuaHUK 
zu lesen, das 3 könnte man aus ^ erklären ; ^ war dann und wann mit u ver- 
wechselt. 

Auch mit dem weiteren Verlauf der Beweisführung Sobolevskij's kann 
ich mich nicht immer einverstanden erklären. Auf S. 14 — 20 bespricht er die 
zwei Bücher der Könige nach einer ihm zugänglich gewesenen Handschrift 
des XIV. Jahrh. Ich glaube nicht, dass man diese Uebersetzung im vollen 
Umfang in die methodianischen Zeiten zurückführen darf. In Mähren wird 
wohl nur das Paroemienbuch übersetzt worden sein, die nicht in dieses litur- 
gische Buch aufgenommenen Stellen oder Stücke aus den Libri regum ge- 
hören ihrer Uebersetzung nach gewiss einer späteren Zeit an. Das zeigen 
schon solche südslavischen Ausdrücke wie B.3acxejiHHi., Kouiapa, noöiau- 
THCA (mit CT. und Instrumental, so auch im Nicodemus-Evangelium), cxci- 
xiiTU CA, uiaiop-L u. s.w. Sehr dankbar sind wir Prof. Sobolevskij für die klei- 
nen lexicalisehen Beiträge aus einigen anderen Texten, die er aus den Peters- 
burger Handschriften schöpfte, doch würde ich den von ihm aufgezählten Sel- 
tenheiten des Lexikons nicht die Bedeutung einer Abweichung von dem »cyrillo- 
methodianischen«, wie er sich ausdrückt, Wortvorrath beimessen, da wir ja den 
vollen Umfang dieses cyrillo-methodianischen Lexikons noch gar nicht kennen 
und gewiss nicht gerade bloss die heute üblichen Ausdrücke des kirchensla- 
vischen Wortschatzes das älteste, echte cyrillo-methodianische Lexikon 
bildeten. Die Versuche des Verfassers, gerade diese »Abweichungen« haupt- 
sächlich aus dem böhmischen Sprachschatz zu deuten, können einen Eindruck 
erzeugen, als ob es sich wirklich um ausschliessliche Bohemismen handelt, 
was bei den meisten Beispielen nicht der Fall ist. Z. B. das auf S. 18 citirte 
KpHaciMa (aus dem Commentar des Andräas v. Cäsaria zur Apokalypse) 
braucht durchaus nicht direkt mit dem böhm. krizmo sich zu berühren, es ist 
aus KpH3Ma so hervorgegangen, wie bei vielen Fremdwörtern z zu z wurde, 
und geradeso das einige Male wiederholte c|aHii. dieses Textes spricht nicht 
für nordwestslavisches, sondern eher für südslavisches Sprachgebiet. Oder 
noÄOöa ist gewiss eben so gut südslavisch, wie es böhmisch sein konnte. 
Und für cKpoöoiHO braucht man auch nicht erst das böhmische sJo-ob herbei- 
zuziehen. Richtig wird raosaöHaM oac/KÄa eines anderen in bulgarischer 
Fassung erhaltenen Textes für identisch gehalten mit cechoslov. hedcabny, 
hodvahmj, allein daraus, dass sich das Wort im Böhmisch- Slovakischen und 
Polnischen erhalten hat, folgt noch nicht, dass es in alter Zeit nicht weiter 
bekannt war. Zu EamuHem> kann man eine wenigstens eben so nahe ste- 



268 Kritischer Anzeiger. 

hende Parallele aus Marin Drzic's Komödie anführen, wo nasitiac schon eine 
Rolle spielt. UndKJiÄnB scainnum ist doch das südslavischeÄ;^M;j, Z;/M^a, sloven. 
klöp. Auch bei einigen weiter folgenden Denkmälern (wo öpamtHo, öpauie- 
HBue, paqmu u. a. vorkommen) könnte ich nicht das folgern, was Prof. So- 
bolevskij thut, da ich an einen specifischen Bohemismus selbst bei raciti 
nicht glauben kann. Das Wort ist ja gewesen, ist auch jetzt noch auch süd- 
slavisch (sloveniscb, kroatisch). Die einseitige Deutung einiger weniger 
üblichen Ausdrücke der kirchenslavischen Texte aus dem Böhmischen brachte 
den Verfasser dazu, alles mögliche aus Mähren abzuleiten, z. B. die beiden 
pannonischen Legenden, ihre glagolitischen Auszüge (woselbst das Wort 
dika aus dem — cechischen erklärt wird, gerade so wie eines anderen Denk- 
mals Ausdruck /tiÄHHa ebenfalls aus dem Cechischen abgeleitet wird). Ich 
möchte nicht, was man sagt, das Kind mit dem Bade ausgiessen. Eine gewisse 
Beeinflussung des altkirchenslavischen Sprachschatzes durch den mährischen 
muss man unbedingt zugeben und wenn Prof. Sobolevskij die von ihm aus 
verschiedenen Texten herangezogenen Beispiele so erklären wollte, dass 
wenigstens einige von ihnen vielleicht aus Mähren ihren Ursprung ableiten, 
so könnte man dagegen wenig einwenden. Wenn er jedoch alle die von ihm 
zur Sprache gebrachten Denkmäler geradezu in Mähren geschrieben seinlässt 
(natürlich in ihrer ursprünglichen Fassung), so kann ich dem nicht beistimmen, 
ich halte das für eine Verschiebung der Thatsachen, erklärlich zum Theil 
daraus, dass der Verfasser zu wenig auf den südslavischen (namentlich slo- 
venisch-kroatischen) Sprachschatz Rücksicht genommen. Vieles ist auf diesem 
Gebiete noch dunkel und darum nehmen wir jede Bereicherung unserer Kennt- 
nisse namentlich aus unedirten, handschriftlichen Quellen, die Prof. Sobo- 
levskij in so reichlichem Maasse zur Verfügung stehen, mit Dank an, möge 
auch unsere Werthschätzung von der des Verfassers in manchen Punkten ab- 
weichen. V. J. 



H. B. IIIjüKOBt. noyiemH Bja^Hiaipa MoiioMaxa. Cüört 1900. 
8<>, 116 (SA. aus dem russ. Joui-n. des Min. der Volksauf klärung). 

Im Laurentiuscodex (vom J. 1377) der altrussischen Chronik, vulgo Nestor, 
ist unter dem J. 1096 eine »Belehrung« des russischen Fürsten Vladimir Mono- 
mach (IIoyieHie BjiaÄHMipa MoHOMaxa) eingeschaltet, deren Provenienz aus einem 
selbständigen Werk des genannten Fürsten keinem Zweifel unterliegt. Die>Be- 
lehrung« umfasst eigentlich nur den grösseren Theil der ganzen Einschaltung, 
der mit der Person Vladimirs, als des Redenden, anhebt, die »Belehrung« 
selbst wird als einschreiben (rpaMOTuua) bezeichnet und der Zweck derselben 
gipfelt in einer zunächst an die eigenen Kinder, dann aber auch an andere 
Menschen gerichteten Mahnung, ihr Leben nach den Grundsätzen der christ- 
lichen Lehre und Moral einzurichten. Das »Schreiben« wurde, nach den eigenen 
Worten des Fürsten, ohne lange Vorbereitung und viel Nachdenken, auf einer 
Reise des Fürsten niedergeschrieben, vom Verfasser selbst als eine flüchtige 
Skizze hingestellt. Eine gewisse ernst-resignirte seelische Stimmung bildet 



isljakov's Belehrung Monomach's, angez. von Jagic. 269 

den Grund, auf dem das ganze Bild beruht. Der Fürst schlug einen bei ihm 
auf der Eeise befindlichen Psalter auf, las darin in der slavischen Uebersetzung 
die bekannten Worte: quare tristis es anima mea, et quare conturbas me? 
Auf dieses Thema und in diesem Ton wurde von ihm zunächst eine Blumen- 
lese aus verschiedenen Psalmenstellen, aus einigen zu den Psalmen gehörenden 
Gebeten und aus einigen Gebeten des Triods und Belehrungen des Prologs 
zusammengestellt. Das bildet aber nur die Einleitung zu der weiter folgenden 
Auseinandersetzung der Lebensgrundsätze, die der Fürst seinen Kindern ans 
Herz legt, an die sich dann autobiographische Züge des Verfassers anschliessen. 
Die Worte cu cjoBua npoiuxaiome (ed. 1872, 236, Z. 15) deuten den üebergang 
von der Einleitung zu der eigentlichen Mahnung und persönlichen Lebens- 
schilderung an. Man kann nicht umhin dieses idealrealistische Bild eines 
christlichen Lebenswandels für einen russischen Fürsten gezeichnet, höchst 
bemerkenswerth zu finden. Je weniger wir über das innere Leben der alt- 
russischen Menschen unterrichtet sind, desto schätzbarer steht dieses in seiner 
Art einzige Denkmal da. Kein Wunder, dass die Geschichtsschreiber 
(Karamzin, Pogodin, Solovjevj und Literaturhistoriker (§evyrev, Galachov, 
Porphyrijev) ihre Aufmerksamkeit diesem Denkmal zuwendeten, und dass es 
selbst monographische Behandlung erfuhr (Protopopov im J.1874, jetzt Sljakov 
1900 — beide im Journal der Volksauf klärung). Für die Geschichtsschreiber 
kam hauptsächlich die Entstehungszeit, für die Literaturhistoriker die Analyse 
des Inhalts in Betracht. Nach allen Seiten trachtet der Verfasser der oben 
citirten Monographie (Herr Sljakov) das Verständniss des Denkmals zu fördern. 
Man muss ihm volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, es war sein redliches 
Bemühen, tiefer in den Charakter und die näheren Umstände der Entstehung 
dieser Belehrung einzudringen. Ich hätte nur eine klarere Darstellung und 
eine übersichtlichere Behandlung der vielen von ihm zur Sprache gebrachten 
Fragen gewünscht. Namentlich sollte sich der Verfasser ein genaues Citiren 
der Texte, um die es sich in jedem einzelnen Fall handelt, angewöhnen. Wozu 
gab man in der Ausgabe des Laurentiuscodex nebst den Seiten- auch noch 
die Zeilenzahlen des Textes an, wenn die kritischen Forscher keinen Gebrauch 
davon machen und die zeitraubende Mühe des langen Nachsuchens einzelner 
Stellen in dem gedruckten 15 Seiten umfassenden Texte uns nicht ersparen 
wollen? ! 

Der erste Theil der Abhandlung Sljakov's polemisirt gegen die Ansetzung 
des Jahres 1099 (von Pogodin) als der Entstehungszeit der »Belehrung<. Sehr 
wirksam, ich gestehe es, gestaltet sich die parallele Nebeneinanderstellung 
der vom Fürsten Vladimir aufgezählten eigenen Feldzüge und Reisen und 
der über dieselben in der russischen Chronik gemachten Erwähnungen. Es 
handelte sich darum den Beweis zu erbringen, dass Vladimir von seinen 
Zügen und Reisen durch Russland hin und her in chronologischer Reihenfolge 
erzählt. Ob das dem Verfasser wirklich in allen Einzelheiten gelungen ist, 
darüber kommt nicht mir das Urtheil zu, sondern solchen Gelehrten, die sich 
mit der schwierigen Frage über die Chronologie der altrussischen Chroniken 
beschäftigen (z. B. in neuester Zeit Akad. äachmatov). Nach Sljakov's Be- 
rechnungen würde die Reise Vladimir's, an der Wolga gegen Rostov, auf 



270 Kritischer Anzeiger. 

welcher er selbst vorgibt seine Belehrung niedergeschrieben zu haben, nicht 
mit Pogodin in das Jahr 1099, sondern erst in das Jahr 1106 fallen, also um 
sieben Jahre später. Lässt man diese Bestimmung als die wahrscheinlichere 
gelten, immerhin bleibt unerklärt die auffallende Thatsache, dass die aus- 
schlaggebenden Worte »u ce umni Hsy PocxoBy« (S. 241, Z. 7), die offenbar mit 
der Eotstehungszeit der Belehrung sich decken, nicht etwa zu Ende der Auf- 
zählung aller von Vladimir unternommenen Züge und Reisen erwähnt werden, 
sondern die Aufzählung einiger weiterer Unternehmungen noch nachfolgt. 
Wenn man in der Deutung dieses auffallenden Umstandes zwischen Pogodin, 
der an eine fremde Erweiterung dachte, und Sljakov, der dem Fürsten Vladimir 
selbst eine nachträgliche Ergänzung zuschreibt, entscheiden sollte, so würde 
ich wenigstens mich in einiger Verlegenheit befinden (S. 31). Dagegen kühn, 
ja sehr kühn muss ich die Vermuthung Sljakov's nennen, nach welcher einige 
von Vladimir Monomach nicht erwähnten Züge, über die wir aus der russischen 
Chronik unterrichtet sind, in der Aufzählung unseres Textes darum fehlen, 
weil schon der Schreiber Laurentius im J. 1377 ein defectes Exemplar der 
Belehrung Monomach's vor sich hatte. Wer die ganze Virtuosität ^Ijakov's, 
mit welcher er das Format, die Zahl der Zeilen, ja selbst der Buchstaben des 
Monomach'schen Autographen ausgerechnet zu haben wähnt, bewundern will, 
den verweise ich auf S. 32—34, 39 — 40 und 49 seiner Abhandlung. Auf mich 
macht eine derartige Combinationssucht keinen angenehmen Eindruck. Einen 
gewissen Anlass dazu, kühn zu sein, konnte der Verfasser aus derunläugbaren 
Thatsache ableiten, dass sowohl im Anfang der Belehrung wie am Schluss 
derselben, vor dem jetzt ohne rechten Anfang beginnenden Sendschreiben 
Vladimirs anOleg im Text irgend etwas ausgefallen oder sonst irgendwie eine 
Schädigung des richtigen Zusammenhangs eingetreten sein muss. Und doch 
möchte ich vor der Annahme mehrerer Lücken im Texte warnen. Man soll 
nicht in den Fehler verfallen, alles besser wissen zu wollen. Leider verstand 
gerade in dieserRichtungder Verfasser dieser inhaltreichen Abhandlung nicht 
Maass zu halten (vgl. z. B. seine Combinationen auf S. 36). Da Vladimir Mo- 
nomach selbst zugibt, seine Belehruug mit einer gewissen unbequemen Eile 
niedergeschrieben zu haben, so wäre es, glaub' ich, denkbar, dass er einiges 
einfach darum ausliess, weil es seinem Gedächtniss entschwunden war. Einiges 
mag er absichtlich verschwiegen haben. Von den Lücken kann man mit 
einiger Wahrscheinlichkeit nur dort sprechen, wo man sie wirklich fühlt, wie 
zu Anfang (S. 232, Z. 14) und am Ende (S. 243, Z. 16). Wie weit nach dem 
jetzigen Text die Belehrung als ein aus der Feder Monomach's geflossenes 
Denkmal reicht, ob bis S. 243, Z. 16 oder aber nur bisZ. 8, wie es Protopopov 
wollte, das lässt sich schwer sagen. Mir scheint allerdings der Satz »o mhofo- 
CTpacTHLiü u nciia.)ii.Hi.iji asT.« schon zu dem Sendschreiben Monomach's an Oleg 
gerechnet werden zu müssen. Doch ist das selbstverständlich kein richtiger 
oder er« arteter Anfang des Sendschreibens. Hier scheint also in unserer Text- 
überlieferung manches schadhaft zu sein. Herr .^Ijakov äussert sich darüber 
auf S. 33 und 59 seiner Abhandlung. Nach seiner Auffassung, die nicht so 
sehr auf den Inhalt Rücksicht nimmt, wie auf die ganz äusserlichen Umfangs- 
bemessungen, sollte das fragmentarische Sendschreiben mit den Worten 



Sljakov's Belehrung Monomach's, angez. von Jagic. 271 

(S.243, Z. 14) üpopoKT. rjaro^reit ne peBiiyii beginnen. Allein dagegen muss icli 
schon darum Einsprache erheben, weil unmittelbar vorher zwei Citate ent- 
halten sind, in welchen die Bruderliebe erwähnt wird. Schon dieser Inhalt 
zeigt, dass diese Citate in das Sendschreiben Monoraach's an Oleg hineinge- 
hüren, in welchem der letztere mit dem Worte öpax^ (vgl. S. 244, Z. 10) ange- 
redet wird. Auch die Worte cio rpaiioiumo npoiirraioiu (S. 242, Z. 31) machen 
es rathsam, den Abschluss der Belehrung nicht weit auszudehnen, da sie auf 
denselben deutlich vorbereiten. Eine andere Behauptung des Verfassers, dass 
die Worte (S. 246, Z. 1 — 2) Ha CTpaniiiiir npu u. s. w. zum Sendschreiben nicht 
gut stimmen (S. 61), scheint mir unerweislich zu sein. 

Neu dürfte die Auffassung Sljakov's bezüglich des kürzesten dritten 
Abschnittes der ganzen Einschaltung sein, der aus allerlei Gebeten zusammen- 
gestellt ist (S. 246, Z. 3 bis S.247, Z. 9). Nach seinem Dafürhalten sollen diese 
Gebete den Abschluss der eigentlichen »Belehrung« bilden, also vor dem 
Sendschreiben, das nur fragmentarisch erhalten ist, ihren Platz finden. Diese 
Ansicht Sljakov's könnte ich mir nicht aneignen. Die Gebete scheinen mir 
in den Ton der Belehrung nicht zu passen, aber auch von dem Sendschreiben 
fern gehalten werden zu müssen. In diesen frommen Herzensergiessungen 
ist wiederholt von einer Stadt die Rede, deren Schutz angefleht wird (wahr- 
scheinlich ist es Vladimir gemeint). Die Erwähnung des h. Andreas vonKreta 
(S. 246, Z. 14) legt den Gedanken nahe, dass diese Gebete mit dem Sohne 
Monomach's, dem Andrej Vladimirovic, in einem gewissen Zusammenhang 
stehen, den bekanntlich sein Vater Vladimir Monomach, erst 1119 nach Vla- 
dimir schickte. Sljakov weiss freilich auch hier weit mehr, als die gewöhn- 
lichen Sterblichen. Nach seiner Combination hat eben in diesem Jahre der 
Vater die Belehrung dem Sohn mit auf den Weg nach Vladimir gegeben. In 
diesem Falle hätten wir jedenfalls eine deutlichere Sprache vom Vater erwartet. 

Das Hauptverdienst der Abhandlung .Sljakov's scheint mir in ihrem 
zweiten Theil in dem Bestreben zu liegen, die einzelnen Bestandtheile der 
Belehrung Monomach's zu analysiren und auf ihre Quelle zurückzuführen. 
Die Citate aus Psalmen, aus Isaias u. a. m. waren schon längst festgesetzt. 
Der Verfasser ging weiter und wies Parallelen aus demTriod, aus dem Prolog 
und einigen patristischen Quellen nach. Etwas vorgearbeitet wurde auch in 
dieser Richtung durch Protopopov undPonomarev. Doch das Hauptverdienst 
unseres Verfassers bleibt ungeschmälert. Nur glaub' ich, dass er schon wieder 
auch hier des Guten zu viel leistet. Aus dem Zusammentreffen der aus dem 
Fastentriod gemachten Entlehnungen mit dem ziemlich sicheren äusseren 
Umstand, dass der Fürst in der Fastenzeit mit dem Niederschreiben seiner 
Belehrung beschäftigt war, möchte er den Beweis ableiten, dass Vladimir 
Monomach bei seiner schriftstellerischen Arbeit unter dem unmittelbaren Ein- 
druck des bei den Gottesdiensten Gehörten stand und wenigstens einen Theil 
seiner Darstellung dem Text des eben stattgefundenen Gottesdienstes ab- 
lauschte (vgl. S. 41 — 42). Er weiss z. B., dass die Abfassung im J. 1106 uud 
zwar in der ersten Fastenwoche stattfand; er weiss, dass der Verfasser der 
Belehrung müde von der Reise, geschwächt von den Fasten an nervöser Ueber- 
spannung litt (S. 38) ; er klügelt aus, dass alle Kathismen (Abtheilungen von 



272 Kritischer Anzeiger. 

mehreren Psalmen), aus denen Vladimir für seine Belehrung Auszüge machte, 
gerade in den ersten Tagen der Fastenzeit gesungen wurden (S.48) und folgert 
daraus den Schluss, der mir gar nicht wahrscheinlich ist, dass die besagten 
Auszüge unter dem Eindruck des Gehörten zu Stande kamen. Wie reimt sich 
das zusammen mit der anderen, von ihm selbst kurz vorher (S.47j aufgestellten 
Behauptung, dass die Psalmen nicht nach der einfachen Einprägung im Ge- 
dächtniss Vladimirs, sondern nach ihrem wirklichen Inhalt herangezogen 
wurden und dass Vladimir die Psalmen auch homhmo ooti^Haro öorociyaceiiiÄ 
kannte? In der That gewinnt man aus dem ganzen Inhalt der »Belehrung« 
bald den Eindruck, dass ihr Verfasser mit der Leetüre des Psalters, desTriods, 
des Prologs und einiger homiletischer Werke recht vertraut war (vgl. S. 47) 
und wenn er den Psalter auf der Keise mitführte, wie er es selbst andeutet, 
so kann er leicht auch einige andere Bücher zur frommen Leetüre mitgenom- 
men haben, soviel eben damals eine Reisebibliothek vertragen konnte. Gewiss 
wird er manches auch aus demGedächtniss in seine »Belehrung« aufgenommen 
haben, ohne gerade von dem eben erst gehörten Texte abhängig gewesen zu 
sein. So fasse ich die Entstehung der »Belehrung« auf. 

In nicht weniger als 42 Punkten stellt der Verfasser die Resultate seiner 
Forschung zusammen, die gewiss nicht alle auf die allgemeine Annahme, wohl 
kaum die Hälfte davon, rechnen darf. Und doch ist diese Monographie sehr 
beachtenswerth, wenn sie auch jene vor 25 Jahren geschriebene Protopopovs 
nicht entbehrlich macht. V. J. 



BHÖjlioTeKa mockobckoh CHHO^tajiLHOH THnorpa*iH. ^acxL I (pyKonHCH). 

Ota'^.i'b 3. IleajTBipH. OriHcaji. Bajr. IIoropijoB'i.. Cx npncoe^tHHe- 

HieMT. cxaTtH »0 peAaKi];iax% ciaBAHCKaro nepeEO^a IIcajiTBipH«. 

MocKBa 1901, 80, LXIV, 175, 4 Facs. 

In diesem dritten Heft der Beschreibung der Handschriften der Mos- 
kauer Synodaltypographie — das erste Heft, im J. 1896 unter der Redaction 
von A.Orlov erschienen, umfasst die Beschreibung von 24 Codices miscellanei 
(CöopHiiKu); das zweite, im J. 1899 schon unter der Redaction Pogorelov's 
erschienene Heft, setzt die Beschreibung der CöopHUKu fort, Nr. 25 — 39 und 
anschliessend sind unter Nr. 40 — 44 die handschriftlichen Lexica beschrieben 
— kommen 19 handschriftliche Psalter des XIII. bis XVIII. Jahrb., unter Nr. 
45 — 63, an die Reihe, doch das hauptsächliche Interesse nimmt die vom Verf. 
in der Einleitung gegebene Studie über die verschiedenen Redactionen der 
altkirchensl. Psalterübersetzung in Anspruch. Diese Studie ist augenschein- 
lich nur ein Auszug aus einer grösseren, noch nicht zu Ende geführten Arbeit 
des Verf. über die Uebersetzung des den Theodoretus-Commeutar enthal- 
tenden Psalters (vergl. S. XII Anm.;. Herr Pogorelov gibt zu, nicht über das 
ganze einschlägige Material zu verfügen (von den ältesten Texten hatte er 
nur den Sinaitischen Psalter in der Ausgabe Geitler's, von den späteren nur 
den Simon'schen Psalter in der Ausgabe des Amphilochius zur Verfügung). 



Pogorelov, Altkirchenslav. Psalmenübersetzung, angez. von Speranskij. 273 

Die Geltung seiner Ergebnisse beschränkt er daher selbst nur auf die von ihm 
durchforschten Denkmäler. Er stellt vier Hauptredactionen der slav. Psalter- 
übersetzung auf, wodurch er die von V. Sreznevskij (/IpesHifi nepesoAt Ilcaji- 
TtipH. Cllön. 1S77) und V. Jagic (HeTwpe KpuTUKonajeorpa*uTiecKi/'i CTaitH. 
CüörT) 188-1) gemachten Bestimmungen weiter führt, resp. präcisirt und er- 
gänzt. Und zwar nach ihm hätte man 1) eine südslavische oder ursprüngliche 
Redaction, 2) eine commentirte (wobei an den Theodoretus-Commentar ge- 
dacht wird), 3) eine russische und 4) eine neue oder berichtigte Redaction. 
Allen diesen Redactionen liege jedoch eine erste Uebersetzung zu Grunde 
und die Geschichte der Psalterredactionen (in der slavischen Uebersetzung) 
falle in ihren Hauptmomenten mit der Geschichte der Uebersetzung der 
übrigen Bücher der heil. Schrift zusammen (S. VIII). Die erste oder ur- 
sprüngliche Redaction wird nach den Angaben V. Jagic's (a. a. 0. S. 43 — 59) 
charakterisirt, sie wird, in Uebereinstimmung mit ihm, als das Werk der sla- 
vischen Apostel anerkannt; hierbei wird auch eine Abhandlung A.I.Sobolev- 
skij's (IlepKOBHOCJiaB. leKCTti MopaECKaro npoHcxoacÄeHla, P.$.B. 1900), bezüglich 
der westslavischen Spuren in dem Sinaitischen Psalter (z. B. picHOTa, HCBi- 
secTBo, ociLiue) in Betracht gezogen. Doch das Hauptthema des Verf. bildet 
der mit Theodoretus-Commentar ausgestattete Psalter; alle neun, ihm be- 
kannten Texte des Psalters dieser Art, vom XI. bis XV. Jahrb., gehören einer 
Redaction an, deren Text der ersten oder ältesten Redaction sehr nahe steht, 
aber doch auch seine Eigenthümlichkeiten hat. Diese bestehen hauptsäch- 
lich in der Neuübersetzung verschiedener Ausdrücke und in grammatischen 
Abweichungen, und zwar 1) die früheren Graecismen werden jetzt schon 
übersetzt (z. B. UKona-oöpasx, KeÄpTa-CMpiquie, nca.iTupu-nicHEHHUu, eeuonuM- 
MoypLCKaH seM.ia), 2) die westslavischen Ausdrücke werden durch andere, 
südslavische, bulgarische, ersetzt (z. B. oitea-Macio apiEinore, nocTX-ajKaHHie), 
3) wenig bekannte Ausdrücke treten vor den im Süden üblicheren oder ge- 
läufigeren zurück z. B. saqAJO-uaiATtKt, ArjiHie-rjiaBHH) . Die grammatischen 
Abweichungen bestehen vorzüglich in dem Ersatz der alten Aoristformen 
durch jüngere, später mehr übliche Formen. Der Uebersetzer des Theodo- 
retus-Commeufars war, nach der Ansicht des Verf., mit dem Redactor des 
Textes der Psalmen identisch (S. XV), er habe getrachtet, die sprachlichen 
Eigenthümlichkeiten der ursprünglichen Uebersetzung der Psalmen mit sei- 
ner an der Commentarübersetzung bethätigten Sprache in Einklang zu 
bringen (S. XIX). Herr Pogorelov hält es für möglich dadurch, dass er den 
Text des mit Theodoretus-Commentar ausgestatteten Psalters mit den übri- 
gen commentirten Uebersetzungen der heil. Schrift in Zusammenhang bringt, 
die einst vom Akademiker I.V. Jagic aufgestellte Ansicht, wonach die Ueber- 
setzung des Theodoretus-Commentars als etwas Besonderes, ausserhalb eines 
bp^timmten liierarischen Centrums Zustandegekommenes zu betrachten 
wäre, zu berichtigen, und dieses Werk als einen Theil des grossen Unter- 
nehmens, das die Uebersetzung der heil. Schrift in neuer, mit Commentaren 
versehener Form bezweckte, hinzustellen. Er stützt sich dabei hauptsächlich 
auf die parallelen Forschungen Jevsejev's (Ueber das Buch des Propheten 
Isaias), zum Theil auch auf Voskresenskij's Werke (über den Apostolus und 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 18 



274 Kritischer Anzeiger. 

über die charakteristischen Merkmale der vier Recensionen des Evangelien- 
textes) (S. XIX). Mit Hinblick auf gewisse, meist lexicalische Uebereinstim- 
mungen in der Sprache hält er dafür, dass jene zusammenhängende Gruppe 
von Uebersetzungen, zu der auch der übersetzte Theodoretus Commentar 
gehört, bedeutend erweitert werden kann. Nach seiner Ansicht könnten dazu 
gehören (ausser den commentirten Bibeltheilen) : 1) einige Uebersetzungen 
aus Methodius von Patarae, 2) eine Epistel des heil. Basilius de virginitate 
[Handschrift der Synodalbibliothek Nr. 110, saec. XVI), 3) die katechetischen 
Belehrungen Cyrills v. Jerusalem (Handschrift der Synodalbibliothek Nr. 114, 
saec. XII — XIII), 4) die Reden des Gregorius theologus (Handschrift der kais. 
öflfentl. Bibliothek XI. Jahrb., ed. Budilovic). 5) die Reden des Joannes Chry- 
sostomus an das Antiochenische Volk de statuis (in der kais. öfF. Bibliothek, 
saec.XVI), 6) Zlatostruj (vergl. Monographie Malinin's), endlich noch 7) Codex 
Suprasliensis und 8) Izbornik 1073 (S. XXI— XXII). In dieser Weise würde 
unsere Vorstellung von der literarischen Bewegung und der Menge der wäh- 
rend der Glanzperiode des bulgar. Kaisers Symeon zu Stande gekommenen 
Denkmäler wesentlich erweitert werden. Der Sprache nach fallen damit noch 
zusammen die Werke des Joannes exarchus bulgaricus, des Constantin pres- 
byter, des Mönchs Chrabr. Das ist in aller Kürze das Resultat der Studie 
Pogorelov's bezüglich seiner zweiten Redaction, das er durch die gleichartig 
übersetzten Ausdrücke, also durch den lexicalischen Parallelismus zu stützen 
trachtet. Die Beweisführung des Verf. verdient alle Beachtung, sie sollte 
aber auch näher geprüft werden. Die dritte, d. h. sogenannte russische Re- 
daction — so benannt darum, weil die Hauptvertreter derselben aus den 
Texten russischer Provenienz bestehen — wird mehr angedeutet als ausge- 
führt; ihren Hauptvertreter erblickt der Verf. in dem Simon'schen Psalter 
vom J. 1280, den er von neuem nach dem griechischen Text revidirt und 
theilweise neuübersetzt sein lässt (S. XXXII). In Ermangelung jedoch des 
nothwendigen Materials sieht er von den weiteren Auseinandersetzungen in 
dieser Richtung ab. — Die vierte Redaction, zu welcher die Handschriften 
Nr. 51. 55. 56 — 62 dieser Beschreibung gezählt werden, entstand nach der 
Ansicht des Verf. auf folgende Weise : die dritte, sogenannte russische Re- 
daction sei nach der ersten (ursprünglichen) berichtigt worden. Als den 
Entstehungsort derselben möchte der Verf. vermuthungsweise Bulgarien 
gelten lassen, und zwar wird diese Arbeit mit der Thätigkeit des Euthymius 
von Trnovo in Zusammenhang gebracht (S. XXXVI— XXXVII). Auch diese 
Combination des Verf. bedarf einer eingehenden Prüfung. 

Zuletzt folgt noch eine kurze Skizze der alten (Moskauer) Drucke des 
kirchenslavischen Psalters, endlich eine tabellarisch angelegte Uebersicht 
der lexikalischen Parallelen aller vier Redactionen der Psalterübersetzung, 
wobei die griechischen Wörter in alphabetischer Anordnung den Ausgangs- 
punkt bilden. 

Bei der Darstellung seiner zweiten Redaction berührt der Verf. auch 
die von mir in der Besprechung des letzten Werkes Voskresenskij's vorge- 
brachten Ansichten, die nicht durchwegs seine Billigung finden. Es wäre mir 
nicht schwer zu zeigen, dass unsere Ansichten durchaus nicht so sehr aus- 



Pogorelov, Altkirchenslav. Psalmenübersetzung, angez. von Speranskij. ^27 5 

einandergehen, wie es nach seinen Bemerkungen den Anschein haben könnte. 
Es handelt sich hauptsächlich um den sehr dehnbaren Begriff »Redaction»: 
was ist eigentlich eine Redaction, welche Summe von Abweichungen gehört 
dazu, um eine neue Redaction zu bilden, wie kommt sie überhaupt zu Stande? 
Ich gehe hier nicht weiter darauf ein. Lieber will ich auf eine Lücke in der 
Beschreibung der Handschrift Nr. 47 hinweisen. Die vom Verf. auf S.36 — 39 
abgedruckten Beiträge sind nicht bloss früher einmal von Sreznevskij, son- 
dern unlängst auch noch von mir in möglichster Vollständigkeit abgedruckt 
worden, und zwar nach derselben Handschrift (in dem Werke raaaTe.ii>Hi,ia 
ncajTBipH. Cn6ri, 1899). Möglicher Weise war das dem Verf., als er an jener 
Beschreibung arbeitete, noch unzugänglich. Ich halte es dennoch nicht für 
überflüssig, dass auch er seinerseits eine Entzifferung der schwer lesbaren 
Handschrift versuchte. Unsere Ausgaben ergänzen sich gegenseitig; ein 
Dritter, der nach uns kommen wird, wird vielleicht noch mehr und manches 
richtiger, als wir beide, lesen können. M. Speranskij. 

Zusatz. Auch ich kam kürzlich in die Lage, durch die freundliche Zu- 
sendung seitens des Verfassers selbst, die Studie desselben über die vier Re- 
dactionen der slavischen Psalterübersetzung zu lesen. Der gewonnene Ein- 
druck stimmt ungefähr mit dem, was der verehrte Recensent soeben gesagt, 
überein. Ich lobe den Fleiss des Verfassers, bedauere die Beschränktheit 
seiner Hilfsmittel, in deren Folge keine abschliessenden Resultate erzielt 
werden konnten. Ob man gerade von vier Redactionen ;der slav. Psalmen- 
übersetzung wird endgiltig reden dürfen, das läset sich jetzt noch nicht 
sagen. Aber soviel gebe ich gern schon jetzt zu, dass er über den sprach- 
lichen Zusammenhang des Theodoretus-Psalters mit einer Reihe von anderen 
Denkmälern aus der ältesten altbulgarischen Periode (saec. IX — X) richtiger 
urtheilt, als ich es vor 17 Jahren (1884) that und auch thun konnte. Freilich 
in einem Punkt muss er mir doch Recht geben. Er sagt (S. XXIX) dasselbe, 
was ich in meiner Abhandlung (die ja nur eine vorübergehende Anzeige war), 
sagte, nämlich dass der Theodoretus-Psalter sehr wenig verbreitet, und sein 
Einfluss auf andere Psalmentexte ein sehr geringer war. Eine von mir schon 
damals aufgeworfene Frage, über das Verhältniss des Theodoretus-Psalters 
zum Pseudoathanasius-Psalter ist auch jetzt noch unbeantwortet geblieben. 
Man wird aber das vom Verf. zusammengestellte Material, hauptsächlich aus 
dem Theodoretus-Psalter geschöpft, bei dem Versuch einer Lösung dieser 
Frage mit grossem Nutzen verwerthen können. Allerdings nicht alle von 
Herrn Pogorelov citirten Parallelen aus dem lexicalischen Material haben 
gleiche Beweiskraft, auch nicht alle von ihm hervorgehobenen Sprachformen 
sind gleich wichtig, zum Theil ist der Deutungsversuch im Sinne der bulga- 
rischen Provenienz falsch angebracht (z. B. das auf S. XXVII citirte Beispiel 
xoiHTeTi, ciTBopH hat mit der heutigen Ausdrucksweise des bulgar. Futurums 
nichts zu thun, das ist einfach ein durch Auslassung der Silbe tu entstan- 
dener Schreibfehler, statt xoniText c-etboputh). Und doch — diese Studie ist 
sehr werthvoll, möge der Verfasser auf der eingeschlagenen Bahn unentwegt 
weiterschreiten, er ist auf dem richtigen Wege. V. J. 

18* 



276 Kritischer Anzeiger. 

H. üexpoBCKiH, ccmHemaxt üexpa FeKTopoBiwa (1487 — 1572). 
Kazan 1901, 8«, 320 S. 

Es ist eine nüchterne, aber inhaltsreiche Monographie über P. Hektoro- 
vi<5, die Herr Petrovskij uns hier gegeben hat, wobei er sich nicht in subjektiv 
ästhetische Auseinandersetzungen eingelassen hat, sondern vor Allem das 
Thatsächliche in den Werken und im Lebenslauf dieses bisher zu wenig be- 
achteten und geschätzten serbokroatischen Dichters des XVI. Jahrh. ins 
richtige Licht zu bringen und zu erklären versucht hat. Dies that er hie und 
da vielleicht mit einer allzugrossen Gewissenhaftigkeit und Ausführlichkeit 
und besonders mit einer zu grossen Fülle von umfangreichen Noten, so dass 
die Lektüre des von allem Anfange an anziehenden Werkes etwas gestört 
wird und der Leser ermüdet. Doch diese Mängel, wenn man sie so nennen 
darf, in der äusseren Darstellungsweise ändern gar nichts an dem überaus 
günstigen Eindrucke, den diese erste grössere Arbeit des jungen russischen 
Forschers auf Jeden machen muss. Gleich das erste einleitende Kapitel »die 
weltliche Literatur Dalmatiens vor Hektorovic« (S. 7 — 38) bringt überraschend 
viel neues bio- und bibliographisches Detail (das ist die starke Seite P.'s, der 
dabei eine seltene Vertrautheit mit allen einschlägigen Vorarbeiten bekundet) : 
ich will beispielsweise nur die ungemein interessanten Daten über das Leben 
der beiden Dichter Gore und Marin Drziö (S. 15 — 18) erwähnen, welche P. in 
einer in der Franziskaner-Bibliothek zu Ragusa aufbewahrten »Orrigine 
et descendenza della famiglia di darsa« gefunden hat. Es musste 
P. aus Kazan kommen, um diese Handschrift neu zu entdecken, welche gewiss 
auf Grund von authentischen Urkunden zusammengestellt wurde, denn ihre 
Angaben stimmen vollständig mit den von Jirecek im Archiv XXI aus dem 
ragusanisehen Staatsarchiv geschöpften Notizen überein. Wir wissen nun z. B., 
dass Don Giore Darsa am 6. Februar 1461 geboren wurde und am 26. September 
1501 starb, »pocho dapoi che celebro la prima messa«; ich erwähne speciell 
das Datum des Todes des Gore Drzic, weil man daraus sieht, dass es absolut 
falsch ist, wenn man mit dem Jahre 1501 erst den Anfang der küstenländi- 
schen serbokroatischen Literatur datiren will. — Das folgende Kapitel II 
(S.39 — 74) ist der Biographie des Hektorovic gewidmet, wobeiP. nur die schon 
bekannten Thatsachen etwas ausführlicher (den Bauernaufstand auf Lesina 
im Anfange des XVI. Jahrh. [S. 44 — 54] entschieden zu ausführlich) wieder- 
erzählt. Zum Schlüsse des Kapitels bespricht er auch die verschiedenen 
Handschriften und Ausgaben des Hektorovic, wobei er auch die wenigen 
Abweichungen des akademischen Textes von der Editio princeps anführt. 
P. bespricht dann in Kapitel III (S. 75 — 89) die Uebersetzung des »Remedium 
amoris«, in welcher er einerseits Kenntniss der Kommentarien des B. Merula, 
andererseits der Gedichte Mencetic's und Drzid's konstatirt, und wendet sich 
darauf seiner Hauptaufgabe, der Besprechung des Hauptwerkes Hektoroviö's, 
nämlich seines Rihanje zu, welchem Kapitel IV (S. 90 — 110, über das Ribanje 
im Allgemeinen), sowie Kapitel V (S. 111 — 201, über die im iJtJa/ye aufgenom- 
menen Erzeugnisse der Volksdichtung) gewidmet sind. Allmählich kehren wir 



Petrovskij's Buch über Hektorovid, angez. von Resetar. 277 

nämlich zu einer nüchternen und objektiven Beurtheilung der serbokroati- 
schen Literaturerzeugnisse des XV. — XVIII. Jahrh. zurück: nach den über- 
schwänglichen Lobpreisungen der älteren Literarhistoriker und der Enthu- 
siasten der »illyrischen« Zeit hatte hauptsächlich Paviö eine zum Theil über- 
triebene Geringschätzung unserer alten Dichter herbeigeführt: wie man früher 
sehr viel lobte, so wurde auch in der neuesten Zeit nicht selten viel geschimpft, 
in beiden Fällen vielfach ohne die Werke selbst studirt zu haben. Wenn 
man aber diese armen, früher in den Himmel gehobenen und später so arg 
verleumdeten Dichter wirklich studirt, so sieht man, dass wenigstens 
einige darunter doch besser sind als sie heutzutage für gewöhnlich gelten. 
Den Beweis geliefert zu haben, dass dies speciell auch in Bezug auf Hekto- 
rovic'sRibanje gilt, ist eben einVerdienstP.'s, der zuerst einerseits die grosse 
Originalität des Dichters in Bezug auf Konception und Ausführung des Ge- 
dichtes, andrerseits aber die fremden Elemente in demselben aufdeckt und 
nachweist. Einen grossen Vorzug Hektorovic's vor allen anderen gleichzeitigen 
(einheimischen und fremden) Dichtern findet F. mit Recht darin, dass er mit 
einem gesunden Realismus die in seinem Ribanje (neben dem Dichter seibat) 
auftretenden beiden Fischer im Grossen und Ganzen wie echte Fischer handeln 
und sprechen lässt, — und vergleicht damit die unnatürlichen Schäfer des 
gleichzeitigen Schäferdramas und speciell der italienischen eglogke pescatorie. 
Wenn er aber dabei die von Zoranic, Vetranic und M. Drzic dargestellten 
Schäfer cumulativ verurtheilt (S. 108), so kann ich ihm nicht mehr beistimmen, 
denn — bei Zoranid wohl nicht, aber schon bei Vetranic und noch mehr bei 
M. Drzic finden wir auch in den Schäferdramen wenigstens einzelne Gestalten, 
welche ebenso natürlich sind wie die Fischer des Hektorovic. Für das Ribanje 
gilt also die gewöhnliche Formel vom »italienischen Abklatsch« absolut nicht, 
denn man findet etwas ähnliches weder in der italienischen noch auch in den 
übrigen europäischen Literaturen vor oder in der Zeit des Hektorovic i). Wäh- 
rend aber die Erörterung in dieser Beziehung (in Kapitel IV) relativ kurz gehal- 
ten werden durfte, da eben für das Ribmije weder ein Vorbild noch Parallelen 
angeführt oder verglichen werden konnten, nahm die Untersuchung der von 
Hektorovic in sein Gedicht aufgenommenen fremden Elemente (in Kapitel V) 
einen viel grösseren Raum und eine viel intensivere Arbeit in Anspruch. 
Zunächst gelang es P. die Quelle der von Hektorovic (im Gegensatze zu seiner 



1) Ich mache anlässlich dieser mit Recht hervorgehobenen Bemerkungen 
auf mein im Archiv Bd. XIX, S.476 über Hektorovic's Ribanje ausgesproche- 
nes Urtheil aufmerksam, wo ich 1) dieses Gedicht eine Perle der alten kroa- 
tischen Dichtung nannte und 2) ausdrücklich sagte: »Man lese nur zur Ver- 
gleichung die gleichzeitigen ital. egloghe pescatorie mit ihrem Liebesinhalt, 
um von der Vortreflflichkeit, von der verhältnissmässig sehr grossen Origi- 
nalität des , Ribanje' Hektorovic's einen richtigen Begriff zu bekommen«. 
Meiner Ueberzeugung nach, sagte ich dort zuletzt, hat man die Bedeutung 
dieser Dichtung Hektorovic's noch gar nicht gehörig gewürdigt. Auch ich 
freue mich, dass meinen Wunsch, dem ich ungefähr in derselben Weise auch 
in meinen Vorlesungen Ausdruck gab, ein junger Gelehrter aus Kazan in so 
befriedigender Weise erfüllt hat. V. J. 



278 Kritischer Anzeiger. 

ganzen Ausführung des Ribatije] seinen Fischern in den Mund gelegten Sen- 
tenzen und weisen Sprüche aufzufinden : als solche ergibt sich nämlich mit 
Sicherheit Diogenes Laertius, und zwar in latein. üebersetzung (S. 111 — 152). 
Weniger gelungen scheint mir dagegen der zweite Theil dieses Kapitels, wo P. 
die bekannten von Hektorovic im Ribanje wiedergegebenen Volkslieder be- 
spricht, denn hier ist neu nur seine Erklärung des Ursprunges des Metrums 
und des Namens dieser älteren serbokroatischen Volkslieder [bugarstice). Nach 
P. soll beides — Metrum und Namen — fremd sein: der (gewöhnlich 15 oder 
16 Silben zählende) Vers soll eigentlich aus zwei italienischen Achtsiibern 
bestehen, während bugar- aus {poesia) volgare (im Gegensatze zu poesia latina) 
hervorgegangen sein soll : ich glaube, beides ist entschieden falsch. Dass die 
Serbokroaten für ihre frischen Volkslieder den Vers (und zwar bloss den Vers, 
denn die Strophe der bugarstice kann absolut nicht als italienisch gelten) 
von den Italienern entlehnt hätten, ist eine so gewagte Hypothese, dass ich 
vollkommen überzeugt bin, P. selbst wäre auf diesenGedanken nicht verfallen, 
wenn er nicht geglaubt hätte, im italienischen Wort volgare die richtige Ety- 
mologie für bugariti- bugarstice gefunden zu haben. Diese Etymologie steht 
wiederum auf so schwachen Füssen, dass sie kaum eine Widerlegung erheischt ; 
es genügt auf den Unterschied im Accent hinzuweisen [volgdre-bügariti). Einen 
Fortschritt in unserer bisherigen Auffassung bedeutet dagegen Kapitel VI 
ȟber die kroatische Dramatisirung des Lebens des St. Laurentius (S. 202 bis 
274)«. Doch auch hier hätte der ausführliche Vergleich der italienischen Rap- 
prese7itaziotie, welche uns als Original des dem Hektorovic zugeschriebeneu 
Prikazanje sv. Lovrinca schon bekannt war, mit deren lateinischen Quellen 
viel kürzer ausfallen sollen. Für uns wäre es genügend gewesen, wenn P. 
uns das Verhältniss des Prikazanje zur Rappresentazio7ie erklärt hätte. 
Nun, das hat er in der That auch gethan, und zwar wusste er die zuerst von 
Leskien ausgesprochene Ansicht, dass das Prikazanje nicht von Hektorovic 
übersetzt werden konnte, durch neue Argumente zu stützen, unter welchen 
meiner Ansicht nach der Umstand am meisten ins Gewicht fällt, dass der 
Uebersetzer italienisch mangelhaft kannte (S. 257), während Hektorovic des 
Italienischen vollkommen mächtig war (vergl. seinen italienischen Brief an 
V. Vanetti) , ferner dass der Uebersetzer auch solche Keime sich erlaubt, wie 
muci-odluci, vase-spase, was Hektorovic in den sicher ihm gehörenden Gedich- 
ten nie thut (S. 269). In Bezug auf dieses Prikazanje ist es ferner wichtig, 
dass P. in einer vom Herausgeber Zepic wenig beachteten Handschrift eine 
ältere, von der in Stari jnsci F7 abgedruckten selbständige und bessere Form 
des Prikazanje nachweist, die er aber auf Grund der in derselben ebenfalls 
vorkommenden Reime wie krvnice-dice dem Hektorovic abspricht (8. 271); es 
ist daher die von P. aufgestellte Hypothese gar nicht unwahrscheinlich, dass 
Hektorovic, der sich mit Musik beschäftigte (und uns auch die Melodien der 
von ihm aufgezeichneten Volkslieder erhalten hat), nur die Musik zum Texte 
des Prikazanje schrieb, woraus dann die Ueberlieferung sich gebildet hätte, 
dass er der Autor (d. h. der Uebersetzer) dieses Kirchendramas sei. Auf dieses 
Prikazanje bezieht sich auch ein Anhang (S. 291 — 313), wo P. auf Grund des 
itnlienischen Textes eine Reihe von fast immer richtigen Verbesserungen des 



Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, angez. von Resetar. 279 

in Stari pisci VI gebotenen Textes vorschlägt. In Kapitel VII (S. 275— 2S9) 
folgt dann eine kurze Besprechung der kleineren Werke des Hektorovic, welche 
P. mit einigen sehr treffenden Bemerkungen über die Bedeutung des Hekto- 
rovic in der Geschichte der serbokroatischen Literatur abschliesst, woraus 
ich folgende Worte anführen will: »Weder von seinen Zeitgenossen noch von 
seinen Nachfolgern verstanden, hatte Hektorovic in der Geschichte der kroati- 
schen Literatur keine Bedeutung ; doch das war nicht seine Schuld ; dies 
zeigt nur, dass er um volle 300 Jahre zu früh aufgetreten war« — gewiss ein 
für den sympathischen und talentvollen Dichter des Rihanje sehr zutreffen- 
der Ausspruch. Mit aufrichtiger Freude zeige ich daher das Werk P.'s an, 
in welchem endlich die wahre Bedeutung des Hektorovic erkannt und gewür- 
digt wird, wesswegen ich auch auf die Besprechung einiger im Werke, wie 
mir scheint, weniger richtig aufgefassten, streng grammatischen Fragen ver- 
zichte. M. Resetar. 



W. Creizenach, Geschichte des neueren Dramas. II. Band: Re- 
naissance und Reformation. Halle a. S. 1901, M. Niemeyer, gr. S**, 
XIV + 532 S. (M. 14.—)- 

Von diesem schönen Werke liegt nunmehr der zweite Band vor, der für 
manchen nichtslavisehen Leser mit seinem IV. Buch »Das serbo -kroatische 
Drama in Dalmatien« (S. 506—526) eine nicht geringe Ueberraschung bringen 
wird, um so mehr als in demselben die grösseren slavischen Literaturen fast 
gar nicht besprochen werden; die russische konnte natürlich überhaupt nicht 
in Betracht kommen, denn im XVI. Jahrb., mit welchem sich C.im vorliegen- 
den Bande beschäftigt, existirte janoch keine russische Nationalliteratur, aber 
auch die polnische und böhmische, für welche bekanntlich gerade dieses Jahr- 
hundert als das »goldene Zeitalter« gilt, werden nur bei der Besprechung des 
lateinischen Schuldramas (auf S. 8S) kurz erwähnt. Es ist nun allerdings 
wahr, dass weder die polnische noch die böhmische dramatische Literatur aus 
dieser Zeit solche Erzeugnisse aufzuweisen hat, welche würdig wären, in einem 
zunächst für das deutsch lesende weitere Publikum bestimmten Handbuch näher 
besprochen zu werden, nichtsdestoweniger wird schon durch die äussere auf- 
fallende Bevorzugung, welche im Werke C.'s dem serbokroatischen Drama 
zu Theil wird, letzteres gegenüber dem gleichzeitigen polnischen und böhmi- 
schen zu stark hervorgehoben. Augenscheinlich hat die Liebe des Ver- 
fassers für das von ihm für das »westeuropäische« Publikum, man kann wohl 
sagen, entdeckte serbokroatische Drama ihn dazu verleitet, diesen Gegenstand 
in einem selbstständigen (allerdings gegenüber den übrigen verschwindend 
kleinen) Buche zu behandeln, während in derThat das serbokroatische Drama 
im Grossen und Ganzen doch nur eine Nachahmung des gleichzeitigen oder 
etwas älteren italienischen ist: geistliche Spiele, Schäferdramen, Komödien 
und Tragödien — Alles wurde den Italienern nachgemacht, zum Theil direkt 
von ihnen übersetzt. Doch es soll daraus kein Vorwurf dem Verfasser 
gemacht werden, der, um das serbokroatische Drama in den Kreis seiner 



280 Kritischer Anzeiger. 

Betrachtung einbeziehen zu können, es nicht gescheut hat, das Serbokroati- 
sche speciell zu diesem Zwecke zu erlernen. Dafür hat er aber auch ein 
kleines, aber sehr lebendiges Bild dieser dramatischen Literatur gegeben; es 
thutEinem wohl, wenn mansiehtjdass der Verfasser die von ihm besprochenen 
Werke auch wirklich studirt hat. Wer also keiner slavischen Sprache mächtig 
ist, wird von nun an, um diese Partie der serbokroatischen Literatur kennen 
zu lernen, zum Buche C.'s greifen müssen, denn was er in der deutschen Ueber- 
setzung des Werkes Pypin's und Spasovic's findet, ist ungemein blass und in- 
haltslos; bezüglich des begabtesten Dichters dieser Periode, des M.Drzic, wer- 
den z. B. nur die Titeln von drei Dramen genannt ! Wenn man dagegen das- 
jenige liest, was C. über Drzid sagt, dann erst lernt man ihn schätzen und sieht 
man ein, dass er ein dramatisches Talent ist, das in der Geschichte des 
europäischen Dramas des XVI. Jahrb. mit vollem Rechte eine Stelle bean- 
spruchen darf. Vom slavistischen Standpunkte (von welchem allein das Werk 
C.'s hier besprochen wird) liegt also ein grosses Verdienst C.'s eben darin, 
dass er als Erster dem serbokroatischen Drama des XVI. Jahrb. die ihm ge- 
bührende Stellung in der Entwicklung des Dramas in Europa angewiesen hat. 
Nur in Bezug auf ein paar Stellen möchte ich die Darstellung C.'s berichtigen, 
bezw. vervollständigen: in der Suzana des Vetranic findet C. den Umstand 
auffallend, «dass Vetranic die Eigenschaft der beiden Alten als Priester so 
entschieden hervorhebt (S. 512)«; das steht damit im Zusammenhange, dass 
dieser Dichter überhaupt kein Freund der weltlichen Geistlichkeit war (vgl. 
die diesbezüglichen recht charakteristischen Stellen in <S^ari\pjsct III, 172, 
372); besonders gab er seinem Unwillen gegen den Erzbischof von Ragusa 
freien Ausdruck (ibid. 372 ; vgl. auch 450) , mit welchem er — wie Appendini 
erzählt — wegen der Reorganisation der Benediktinerklöster auf dem Gebiete 
Ragusas in Feindschaft lebte. Pastir in den Schäferdramen ist kein italieni- 
sches Wort (S. 517), wesswegen auch aus seinem Vorkommen kein Schluss in 
Bezug auf die Abhängigkeit vom italienischen Schäferdrama gezogen werden 
kann. Es ist auch nicht angezeigt, den acht- bezw. zwölfsilbigen Vers der 
älteren serbokroatischen Dichter als »achtsilbigen Trochaeus«, bezw. als 
»zwölfsilbigen Vers mit jambischem Tonfall (Alexandriner)« zu bezeichnen; 
der Accent (als Iktus aufgefasst) spielt in der slavischen, besonders aber in 
der serbokroatischen Metrik eine so unbedeutende Rolle, dass es entschieden 
am Besten ist, auch diese beiden Versarten in keinen näheren Zusammenhang 
mit der altklassischen Metrik zu bringen. 31. Resetar. 



B. B. CnnoBCKiH. IlymKHHeKafl loÖHjefiHaH .iiixepaTypa (1899 — 

1900 rr.). KpHTiiKO-ÖHÖJiiorpa'M^iecKiH oösopt. Cllön, 1901, S*', II. 

272 (SA. aus dem russ. ^KMHEp. 1900—1901). 

Das hundertjährige Jubiläum der Geburt A. S. Puskin's brachte eine so 
mächtige, über ganz Russland verbreitete, zum Theil auch Westeuropa um- 
fassende literarische Bewegung zu Stande, dass schon die knapp gehaltene 
Uebersicht Sipovskij's ein Buch von 272 Seiten liefert. Die Umschau ist sehr 



Sipovskij, Puskin'sche Jubiläumsliteratur, angez. von Speranskij. 281 

genau geführt, nur die in den Tagesblättern oder Wochenschriften erschie- 
nenen Artikel (deren Zusammenstellung ein anderer Verfasser, Herr Kallas, 
vorhat) wurden unberücksichtigt gelassen. Wegen der grösseren Uebersicht- 
lichkeit des gesammelten Materials vertheilte der Verfasser seinen Stoff nach 
gewissen Gesichtspunkten in Capitel, die sich aus dem Inhalt der Festschrif- 
ten und Beiträge ergaben. Das Buch, eine sehr erfreuliche Erscheinung in 
der bibliographischen Literatur, verfolgt den hübschen Zweck, aus der Be- 
trachtung des Gebotenen die Frage zu beantworten, welchen dauernden Ge- 
winn die russ. Literatur aus diesen Fublicationen ziehen könne und welche 
Bereicherung der Kenntnisse betreffs Puskin's sich daraus ergeben. Mit der 
allgemeinen Würdigung des Puskin'schen Jubiläums beginnt der Verfasser 
seine bibliographische Uebersicht. Während er im Allgemeinen mit dem Zu- 
stande der neuesten russischen Literatur wenig zufrieden ist, die sich nach 
seinen Worten in einem Uebergangsstadium befindet und neue Bahnen in der 
Kunst aufsucht, beurtheilt er das Puskinfest als eine helle, trostreiche Er- 
scheinung auf jenem grauen Grunde. Seine Bedeutung besteht nach den 
Worten des Verfassers darin, dass gerade bei diesem Anlass die Tendenz, 
Puskin auf Grund eines allseitigen Detailstudiums besser kennen zu lernen, 
sich geltend machte. Dabei habe sich herausgestellt, dass noch ganze Ge- 
biete der russischen Literatur, ohne die man Puskin geschichtlich nicht ver- 
stehen könne, unerforscht geblieben seien (S. '/ — 8). Im Vergleich zu dem im 
J. 1880 gefeierten Jubiläum Puskin's — gelegentlich der Enthüllung seines 
Denkmals in Moskau — kann die jetzige Feier als eine akademische be- 
zeichnet werden, während die erstere eher eine journalistische war. 
Denn im J. 1880 fiel die Hauptrolle den Literaten (Schriftstellern) zu (Turge- 
niev, Dostojevskij, Giljarov u. a. Man vergl. die Ausgabe: BiHOKi. na nanaT- 
HHKT. IlymKHHa. MocKBa 1880), jetzt dagegen spielten die Gelehrten und Puskin- 
Forscher die erste EoUe. Auch in dem Charakter der Festlichkeiten merkt 
man den Unterschied: damals concentrirte sich die Feier in den Hauptstädten, 
sie war eine Feier der Aristokratie der russischen Literatur; jetzt dagegen 
machte sich die Demokratie der russ. Literatur geltend: die Provinz, bis in 
die äussersten Winkel, lieferte eine Reihe von Festlichkeiten, von literari- 
schen Beiträgen (S. 13). Der demokratische Charakter gab sieh auch dadurch 
kund, dass dieses letzte Jubiläum, wenn man es auch noch nicht ganz als 
volksthümlich bezeichnen kann, dennoch bis in die Sphären des Volkes 
reichte, weil es auch bei den Massen ein Interesse für Puskin erweckte 
(S. 14). Endlich das letzte Jubiläum (1899) ist bemerkenswerth auch durch 
die internationale Ausdehnung desselben: an der Feier betheiligten sich 
nämlich auch ausländische Literaturen, zum Petersburger Fest langten 
massenhaft Begrüssuugen aus dem Ausland an. Es schien das prophetische 
Wort Zukovskij's in Erfüllung zu gehen: Puskin gehöre nicht bloss Russland, 
sondern ganz Europa an (das Citat wurde in dem Telegramme der deutschen 
Shakespeare- Gesellschaft an die kaiserliche Akademie der Wissenschaften 
hervorgehoben, S. 17). Endlich nach den Worten des Verfassers waren auch 
die Beziehungen der Slaven zur russischen Feier »eine glänzende Geltend- 
machung der russischen Cultur innerhalb der slavischen Welt« (S. 20). 



282 Kritischer Anzeiger. 

Nach der Aufzählung der Orte, wo die Puskinfeier stattfand, und unter 
Zurückweisung der pessimistischen Urtheile über die ganze Feier fS. 21 — 26), 
werden die Hauptpublicationen vorgeführt und einer Würdigung unterzogen, 
wobei freilich eine sehr ungleichmässige Vertheilung nach den Gegenden und 
noch mehr eine ungleiche Werthschätzung nach der Qualität des Geleisteten 
sich ergibt. So z. B. soweit es sich um neues Material zur Biographie und 
literar. Wirksamkeit Puskin's handelt — Cap. II — wurde sehr wenig ge- 
leistet, meistens anekdotenartige Kleinigkeiten oder Bestätigung der bisher 
schon bekannten Thatsachen (S. 35). Am werthvollsten sind in dieser Be- 
ziehung die Publicationen des verstorbenen L. N. Majkov (nyiuKiiHt), A. I. 
Kirpicnikov's (in PyccKaK ciapuna 1899) und Gastfrennd's (ÄOKyMeHxti 
ciyacöi UyiuKUHa Et 1831 — 1837 r. CXIört 1900). Auch zur eigentlichen Bio- 
graphie des Dichters wurden keine bedeutenden neuen Ergebnisse erzielt : 
eine vollständige Biographie geht uns noch immer ab und es wird noch lange 
dauern, bis wir sie erhalten, denn die ganze unmittelbare Vorzeit Puskin's ist 
noch ebensowenig erforscht, wie seine eigene Zeit (S.57). Dennoch verdienen 
in dieser Beziehung einige Arbeiten genannt zu werden, so dieKudrjav- 
cev's »r.iaBHtie MOMeHxti acusHu u ^lurepaTypHaro pasEHiia« (indem Sbornik 
der Kijever Univ^ersität, KIcb-l 1899) und unter den populär gehaltenen die 
von V. Charciev »^xeHie oöi. A. C. IlyiuKiiHi« (die Ausgabe der Charkover 
Commission für Volksvorträge). Am stärksten ist in der Puskiniana dieser 
Jahre die Zeichnung des Charakters des Dichters vertreten, wovon auch der 
VerfriSser am ausführlichsten handelt (S. 112 ff.). Als der Hauptmangel aller 
dieser Charakteristiken wird die Beschränkung der Verfasser auf die Werke 
des Dichters und die subjective Deutung derselben betont (S. 113). Am origi- 
nellsten und frischesten scheinen Herrn Sipovskij zu sein die Arbeiten : 
I. I. Ivanov's (ähu noKaaui/i, erschienen im Mip-b öoaciü 1899 V, S. 118 — 122); 
I. A. Linnicenko's (aCusHCHHaa apaisia IlyuiKUHa, erschienen im Sbornik der 
Odessaer Universität), A. Th. Koni 's (OömecTBeHHLie B3r.iHai>i n — a. Akade- 
mische Publication, S.J144 — 146), A. E. Nazimov's (im Sbornik der Odessaer 
Universität, S.146 — 147), V. Mj akotin's (»Hsx IlyinKUHCKoir anoxu« — no.iH- 
THiecKie BsrjiflÄti üyniKUHa in PyccKoe öoraxcrBO 1899, CöopHHKX I, S.148 — 152). 
Im Bereich der literarischen Würdigung (der Dichtungen Puskin's) gefielen 
Herrn Sipovskij am besten: Jul. Eichenwald (IlymKiiH'L KaKi. BocmixaxejB, 
erschienen im BicxHHKt Bocnaxania 1899 V, S. 157 — 158), A. P. Kadlubov- 
skij (ryMaHHBie moiubbi bt> iBop^ecxBi 11 — a, im Sbornik des Njeziner bist, 
philol. Institutes, S. 181 — 182). Unter den der Beleuchtung der Beziehungen 
Puskin's zu den ausländischen Literaturen gewidmeten Schriften stellt der 
Verfasser mit Recht die (leider unvollendete) Studie I. P. Daskiewic's (im 
Sbornik der Kijever Universität) an die Spitze (S. 197 — 200), dann jene Alexej 
N. Wesselofskij's (im Sbornik der Zeitschrift >Ku3hi., S. 200 — 202), ferner 
P. Cernj aj e v's (IlyuiKuiix KaKi. ÄK)6uTejih aHiuinaro aiipa, IvaaaHB 1899, 
S. 205). Die Beziehungen Puskin's zur russischen Literatur ergaben keine 
hervorragende Leistung. Ein eigenes Capitel ist den Studien, die Puskin als 
nationalen Dichter beleuchten, gewidmet (S 216 ff.). Darunter ragt selbstver- 
ständlich die Studie des Akademikers A. N. Wesselofskij (ITymKHHx KaKi. 



Nevefil, Die Erzdiöcese des heil. Methodiua, angez. von Pastrnek. 283 

HanioHajTBHbiü no3Ti>, in der akad. Ausgabe) vor allen hervor. Endlich in der 
Literatur der Ausgaben Puskin's (Cap. XI) steht natürlich die akademische 
Ausgabe des bis jetzt leider nur ersten Bandes unter der Redaction des (ver- 
storbenen) L. N. M a j k V an der Spitze. Sehr beachtenswer th sind aber auch 
N. Th. Sumcov's Jl3cjiiji.0Ba.nifi o noasiu üyiuKUHa (im Charkover Sbornik), 
eine Umarbeitung seiner früheren Etüden (erschienen in dem Warschauer 
PyccKiH $iijoj. BicTHHKx). Die Einwendungen des Verfassers gegen einzelne 
Mängel der Studie Sumcov's finden wir zu streng. Weiterhin hebt er hervor 
die Beiträge P. Cernjajev's (KpuTu^ecKia ciaiBU h saMiiKu o IlyuiKHHi, 
Charkov 1900, S. 243 — 248), P. V. Vladimir ov's (IlyiiiKiiHx h ero npeame- 
CTBCHHHKH, Im Kijever Sbornik, S. 248 — 250) und I. N. Zdanov's (Pyca^iKa 
CyuiKHHa H Donauweibchen, SPtbg. 1900, S. 281). Zu Ende des Werkes 
: S. 263 — 270) werden neue Ausgaben der Werke Puskin's aufgezählt : voll- 
ständige 5, im Auszug 18. Im Allgemeinen macht das Werk durch die Fülle 
des gebotenen bibliographischen Materials, durch das in scharfen Umrissen 
gezeichnete, wenn auch nicht überall gleich klare Bild der Puskin'schen 
Literatur einen sehr guten Eindruck. Hie und da vermisst man die Eben- 
mässigkeit, was bei dem grossen Quantum des Gebotenen nicht leicht zu 
vermeiden war. Dem Werke fehlt leider ein Namenindex, durch welchen das 
Nachschlagen wesentlich erleichtert wäre. Auch die Controlle in Bezug auf 
die Vollständigkeit wäre dadurch leichter möglich. Gewiss werden auch 
Lücken nachzuweisen sein, namentlich hinsichtlich der slavischen Literaturen. 
So z. B. fanden wir die Publication des Professors M. Srepel in Agram : 
»Puskin i hrvatska knjizevnost (in Ljetopis jugosi. akad. 1899) nicht erwähnt. 

3f. Speranskij. 



Die Gründung und Auflösung der Erzdiöcese des heil. Meiliodius^ 
des Glauhensapostels der Slaven. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Christianisirung Mährens von J. Neveril. Ung.-Hradisch 1900. 
68 SS. in 80. SA. des Gymn.-Progr. aus den J. 1896/7, 1898/9 und 
1899/900. Beendet 1. Juni 1900. 

Nach dem Titel könnte man vermuthen, dass sich die vorliegende Ab- 
handlung darauf beschränkt, dieThätigkeit des heil. Methodius als Erzbischof 
von Mähren und Pannonien zu erörtern. Indessen hat der Verf. weiter aus- 
geholt und schildert in kurzen Umrissen den ganzen Lebenslauf der beiden 
Slavenapostel, wobei natürlicherweise auf die mährisch-pannonische Periode, 
über welche die Quellen viel reichlicher zufliessen, der Löwenantheil entfällt. 
Die wechselvollen Schicksale Methods treten auf diese Weise in den Vorder- 
grund, und die Gründung und Auflösung seiner Erzdiöcese wird, zumal bei 
einem Verf., welcher auf dem historischen Boden des ehemaligen Velehrad 
wirkt, von selbst zum Hauptthema. Die so gestellte Aufgabe befriedigend zu 
lösen, ist nun eine äusserst schwierige Sache. Das erste Erforderniss ist die 
genaueste Kenntniss der Quellen und literarischen Arbeiten, welche diesem 



284 Kritischer Anzeiger. 

höchst interessanten Problem gewidmet sind. Ihre Zahl ist sehr gross. Eine 
erschöpfende Bibliographie der cyrillo-methodianischen Literatur dürfte ein 
stattliches Bändchen ausmachen. Freilich sind nicht alle Beiträge von gleichem 
Werthe. Allein noch heute gilt, was V. Jagic im J. 1879 niederschrieb (IV. 
Bd. dieser Zeitschr., S. 97) und der Verf. gleich in der Einleitung citirt, dass 
sich an der Lösung der vielen hiebei in Betracht kommenden Fragen die besten 
geistigen Kräfte der Slaven betheiligten. Einen glänzenden Beleg liefert 
dafür die von mir im XXIII. Bde. dieser Zeitschr., S. 242 — 258, besprochene 
umfangreiche Studie von V. Jagic «ZurEntatehungsgesch. der kslav. Sprache«, 
1900, welche der Verf. allerdings nicht benützen konnte. Diese Studie zeigt 
zugleich, wie unentbehrlich bei dieser eigenartigen Forschung eine eingehende 
Kenntniss der slavischen Philologie ist. Selbst ein so bedeutender Historiker 
wieE.Dümmler, gerieth ins Gedränge, als es sich darum handelte, die sprach- 
liche Seite der cyrillo-methodianischen Missionsthätigkeit in Mähren und Pan- 
nonien ins Treffen zu führen. Das ist nun ein Mangel, welcher sich auch bei 
dem Verf. der vorliegenden Abhandlung in höchst unliebsamer Weise bemerk- 
bar macht. Die historische Darstellung der Ereignisse bewegt sich in den 
Geleisen, welche durch die Namen B. Dudik, I. A.Ginzel und A. Lapotre wohl 
hinreichend charakterisirt sind. Der Verf. geht dabei recht vorsichtig zu 
Werke und trachtet seinen Gewährsmännern nur so viel zu entnehmen, als 
die den Ereignissen zunächst stehenden Quellen, deren Uebersicht er voraus- 
schickt, zu verbürgen scheinen. Das Bild, welches er von dem Leben und der 
Wirksamkeit der beiden Slavenapostel entwirft, ist daher im Allgemeinen 
richtig. Von der rein historischen Seite hat der Verf. seine Aufgabe ziemlich 
glücklich gelöst. Umsomehr sind die philologischen Verstösse zu bedauern. 
So lesen wir z. B. auf S. 31, Cyrill habe die neue Erfindung des slavischen 
Alphabets — natürlich noch in Constantinopel — auch gleich praktisch ver- 
werthet, »indem er sogleich an die Uebersetzung des neuen Testamentes und 
der zum Gottesdienste nöthigen Texte und Kirchengesänge schritt«. Eine 
solche Leistung ist an sich unwahrscheinlich und ausserdem historisch unbe- 
gründet. Die vom Verf. richtig angezogenen Quellen stimmen vielmehr darin 
überein, dass Konstantin nur das Evangelium — wohl nur die evangelischen 
Perikopen — in Constantinopel übersetzt und mit diesem Buche in der Hand 
die Missionsreise nach Mähren angetreten habe. An einer anderen Stelle (S. 
66) lesen wir, »die älteste Bibelübersetzung (sie!) in altslavischer Sprache 
gebe uns der Ostromirer Codex in Petersburg, geschrieben zwischen 1056 und 
1057«. Der Verf. weiss nicht, dass die berühmte Handschrift eben nichts als 
ein solches Perikopen-Evangelium enthält, welches dem Urbilde des ersten 
slavischen Buches sehr nahe kommt. Freilieh schöpfte der Verf. diese (un- 
richtige) Belehrung aus dem hiebei citirten Werke Dudik's. Es hätte auch 
sonst der vorliegenden Abhandlung zum Vortheil gereicht, wenn der Verf. sich 
von diesem Gewährsmanne etwas mehr freigemacht hätte. Nach den ange- 
führten Proben nimmt es uns nicht Wunder, wenn wir über die slavische 
Sprache, deren sich Cyrill und Method bedienten, lesen (S. 33), es sei die 
Sprache der mährisch-pannonischen Slaven gewesen, welche heute ausge- 
storben sei. Der Verf. wiederholt hier vertrauensvoll dieAnsichtE. Dümmler's, 



Kalousek, Apologie des heil. Wenzel, angez. von Pastrnek. 285 

ohne zu ahnen, dasa diese grosse Frage so weit klargelegt ist, dass an eine 
mährisch-pannonische Heimath der slavischen Kirchensprache wohl nicht 
mehr gedacht werden kann. Auch »die Ansicht, dass Cyrillus die lateinische 
Messliturgie ins Altslavische übersetzt habe und dass diese lateinisch-slavi- 
sche Liturgie vom P. Hadrian II. und später von Johann VIII. approbiert 
worden sei« (S. 40), lässt sich nicht ernstlich vertheidigen ; etwas derartiges 
hat auch V. Jagiö niemals behauptet. Die Anfänge der lat.-slav. Liturgie 
fallen in die Zeiten Method's und das wahrscheinlich gemacht zu haben, ist 
wohl ein Verdienst von V. Jagic. Fr. Pastrnek. 



Ohrana knizete Väclava svateJio proti smyslenkäm a krivym üsud- 
küm jeho povaze. Sepsal Dr. Josef Kalousek. Vydäni druhe, 
rozmnozenö. VPraze 1901, 8**, 144 (Apologie des Fürsten Wenzels 
des Heiligen gegen Erdichtungen und falsche Beurtheilung seines 

Charakters). 

Das Ziel der Schrift Prof. Kalousek's ist die wahrheitsgemässe , auf 
sorgfältiger Quellenkritik beruhende Darstellung der Geschichte und des 
Charakters des heil. Wenzel's (+ 935), sowie seiner Verehrung in Böhmen. 
Für die Geschichte dieses Fürsten erwies sich bekanntlich die auf Geheiss des 
Kaisers Otto II. (973 — 983) von dem Bischof Gumpold von Mantua — einem 
Fremdling, der niemals in Böhmen war — verfasste Vita als eine Quelle von 
sehr geringem historischen Werthe. Auch die zweite lateinische Legende, 
welche Laurentius, ein Mönch von Monte Cassino — also abermals ein ferner 
Fremdling — zu Ende des XL Jahrb., unabhängig von Gumpold und auch 
etwas nüchterner als dieser schrieb, bietet wenig verlässliche Nachrichten. 
Werthvoll ist dagegen die von Wattenbach im Stifte Heiligenkreuz (in Nieder- 
Oesterreich) entdeckte Ludmila-Legende, welche nach Inhalt und Form älter 
ist, als beide genannten Vitae. Höchst beachtenswerth und für die damaligen 
Strömungen auf kirchlichem Gebiete in Böhmen bezeichnend ist es nun, dass 
sich ein viel richtigeres und der Wahrheit entschieden am nächsten stehendes 
Lebensbild Wenzel's, den man in neuester Zeit beinahe zu einem Märtyrer 
seiner Zuneigung an das deutsche Reich gemacht hat, in einer ausführlichen 
altkirchenslavischen Legende findet, welcher ausserdem eine zweite kürzere 
Fassung, ferner eine Ludmila-Legende, ein Canon dieses Heiligen und andere 
Notizen in slavischen Quellen zur Seite stehen. Diese slavischen Quellen 
bilden die festen Grundlagen für die Geschichte St. Wenzels ; der Art und 
Weise, wie sie in der vorliegenden Schrift beurtheilt und verwerthet werden, 
wollen wir hier zunächst einige Aufmerksamkeit schenken. Was die Abfas- 
sungszeit der ausführlicheren, von Vostokov entdeckten altslavischen Legende 
vom heil. Wenzel anbetrifft, so stimmt der Verfasser der allgemeinen Ansicht 
zu, dass dieselbe bald nach dem Tode Wenzel's, jedenfalls aber vor das J. 96" 
anzusetzen sei, weil bekanntlich Widukind von Corvey, welcher um dieses 
Jahr seine Chronik zu schreiben begann, vom heil. Wenzel sagt, es werden 



286 Kritischer Anzeiger. 

einige Wunder von ihm berichtet (quaedam mirabilia praedicantes), welche 
er mit Stillschweigen übergehe, da er sie nicht prüfen könne. Die genannte 
slav. Legende kennt aber bekanntlich nur ein Wunder und erwartet ein grös- 
seres erst in der Zukunft. In diesem Punkte dürfte eine Meinungsverschieden- 
heit nicht bestehen. Nicht unwahrscheinlich ist die von J. Kolär (Font, rerum 
boh. I. 135) ausgesprochene und vom Verf. getheilte Vermuthung, dass diese 
Legende ursprünglich glagolitisch geschrieben war. Dafür spräche nicht nur 
der Umstand, dass dieselbe theilweise*) in einem kroatisch -glagolitischen 
Brevier (aus dem J. 1443) enthalten sei, sondern auch derZahlwerth des Buch- 
stabens r, welcher hier nach glagolitischer Weise = 4 sei. Die Ueberführung 
des heil. Wenzel's nach Prag fand eben nach alter Tradition am 4. März (938 
oder 939) statt. Die slavische St. Ludmiia-Legende hält dagegen der Verf. 
in Uebereinstimmung mit Vondräk (zur Würdigung u. s.w. 31) für jünger als 
die St. Wenzels-Legende. Prof. Kalousek thut dies deshalb, weil in der Lud- 
miia-Legende das Alter mehrerer Personen angegeben werde, was ihm die 
Art eines späteren Schriftstellers, der bereits als Forscher und Commentator 
auftrete, zu sein scheint. Doch muss der Verf. zugeben, dass diese Zahlen 
nicht unrichtig sind. Bofivoj dürfte in der That 36 Jahre, Ludmila 61 Jahre 
alt gestorben sein; gegen die 33 Regierungsjahre Vratislavs wäre nichts 
anderes einzuwenden, ausser dass sein Bruder Spytihnev, welcher von 895 
bis 905 regierte, nicht erwähnt werde, möglicherweise desshalb, weil Vratis- 
lav Mitregent war. Uebrigens bringt der Verf. diese slavische Legende mit 
der lateinischen, zuerst von Menken (Script. Germ. III, 1808) herausgegebenen 
Vita in Verbindung und vermuthet, dass diese die Jahreszahlen aus jener ent- 
lehnt, sie jedoch in Verwirrung gebracht hat. Auf die wichtige Frage, wo 
diese slavischen Legenden verfasst worden seien, lautet die Antwort des Verf. 
dahin, dass dieselben in Böhmen entstanden und von Einheimischen, die der 
kirchenslavischen Sprache mächtig waren, geschrieben wurden. Das sei zu 
einer Zeit geschehen, als noch die West- und Ost-Slaven zu einer gemein- 
samen Kirche gehörten, als die folgenschwere Spaltung der Kirchen noch 
nicht eingetreten wäre. Daraus erkläre sich auch, dass in der griechisch- 
slavischen Kirche zwar die heiL Wenzel und Ludmila, nicht aber die heil. 
Vojtech und Prokop verehrt werden. Der letztere sei im J. 1053 gestorben 
und ein Jahr darauf habe sich jeaes unheilbare Schisma zwischen Constanti- 
nopel und Rom ereignet. Diese Erwägungen sind gewiss im Allgemeinen 
richtig. Dennoch bleibt es auffallend, dass der heil. Prokop bei den Süd- und 
Ost-Slaven unbekannt ist, umsomehr als im Säzaver Kloster auch zwei russi- 
sche Heilige verehrt wurden, nämlich die fürstlichen Brüder Boris und Gleb, 
welche im J. 1015 getödtet und im J. 1072, bei der Uebertragung ihrer Gebeine, 
von der russischen Kirche als Heilige anerkannt wurden. Mit Rücksicht auf 



*) Ich erlaube mir eine vorläufige Mittheilung zu machen, dass in einem 
Laibacher glagolitischen Breviarium (geschrieben in Istrien zwischen 1400 — 
1440) die Wenzellegende in ihrem vollen Umfang sich erhalten hat. Näheres 
darüber an einem anderen Ort. V. J. 



Kalousek, Apologie des heil. Wenzel, angez. von Pastrnek. 287 

diesen Umstand hält der Verf. daran fest, dass die Säzaver slavischen Mönche 
bis zu ihrer Vertreibung mit den russischen Christen als Glieder einer Kirche 
in wechselseitigem Verkehr standen. Von dem Säzaver Kloster aus seien 
höchst wahrscheinlich auch die Lebensbeschreibungen der böhmischen Hei- 
ligen, des Fürsten Wenzel und seiner Grossmutter Ludmila, ungefähr in den 
Jahren 1033 — 1096, zu den Ost-Slaven gedrungen. Auch zu den Süd-Slaven 
hätte die Verehrung des heil. Wenzels aus Säzava dringen können, doch 
müsse angenommen werden, dass dies frühzeitig geschehen sei, weil der Kanon 
des Heiligen in altrussischen Menaeen vom J. 1096 enthalten sei, die auf süd- 
slavische Vorlage zurückgehen (herausgeg. von V. Jagic). Die Vermittelung 
von Säzava, welche der Verf. annimmt, scheint mir nun im höclisten Grade 
unwahrscheinlich zu sein, zunächst deshalb, weil die eben erwähnten Septem- 
ber-Menaeen, welche den Canon des heil Wenzels enthalten, aus bulgarischen 
Vorlagen stammen, die zu Ende des X. oder zu Anfang des XI. Jahrh., viel- 
leicht in einem Kloster des Athosberges, übersetzt wurden (cf. Jagic, Menaea 
p. XCVII). Der Verf. des Canons kennt bereits den Inhalt der slavischen 
Wenzelslegende (vergl.Vondräk, p. 27). Wenn ferner diese Legende ursprüng- 
lich mit glagolitischer Schrift niedergeschrieben war, so liegt es ebenfalls 
nahe, bei ihrer Verbreitung nach Russland an ein südslavisches (bulgarisches) 
Medium zu denken; auch dieser Umstand weist uns in eine ältere Zeit, als es 
die Existenz des Klosters Sävaza ist. Es darf ferner die Frage, welcher Ritus 
in diesem Kloster herrschte, nicht ausser Acht gelassen werden. Wir haben 
darüber wohl keine sicheren Nachrichten, allein viele Umstände sprechen doch 
dafür, dass die Benediktiner von Säzava den slavischen Gottesdienst nach 
lateinischem Ritus verrichteten, dessen integrirender Bestandtheil ohne 
Zweifel der verhängnissvolle Zusatz filioque war, während in den griechisch- 
slavischen Kirchen diese Formel wohl niemals Eingang fand. Endlich fehlt 
es an jeglichen Nachrichten, dass das Kloster von Säzava irgendwelche Ver- 
bindung mit dem slavischen Süden, dessen Vermittelung doch wohl nicht 
bezweifelt werden kann, unterhielt. Der Cultus des heil. Wenzel muss 
daher bei den Süd-Slaven noch im Laufe des X. Jahrhunderts Verbreitung 
gefunden haben, zu einer Zeit, in welcher noch die cyrillo-methodianische 
Tradition lebendig war und mittels der glagolitischen Schrift die Glieder 
der einzelnen, über die westlichen und südlichen Wohnsitze der Slaven 
weit zerstreuten und officiell durchaus nicht allgemein anerkannten und be- 
günstigten Kirchen und Klöster vereinigte. Zu jener Zeit gab es auch in 
Böhmen slavische Priester Popen), welche sich des Schutzes der Fürstin 
Ludmila erfreuten. Es dürfte wohl zu weit gegangen sein, wenn der Verf. 
meint, in Böhmen habe seit der Thronbesteigung Spytihnev's (895) beiderlei 
Ritus, sowohl der slavische als auch der neuerlich eingeführte lateinische, 
geblüht und Ludmila, die Gemahlin des ersten christlichen Fürsten, wäre dem 
grlechisch-slavischen Ritus, in dessen Form sie das Christenthum empfangen 
hatte, stets treu geblieben (p. 6 . Für solche Behauptungen fehlen uns sichere 
Anhaltspunkte; insbesondere lässt sich dieBlüthe eines griechisch-slavischen 
Ritus in Böhmen schwer voraussetzen. Zu einer Blüte hat es eben der slavi- 
sche Gottesdienst in Böhmen nie gebracht, er blieb immer auf einzelne Punkte 



288 Kritischer Anzeiger. 

und auf die Gunst einzelner Landesfürsten beschränkt. Höchst ansprechend 
ist nun die Vermuthung, welche V. Jagic jüngst (Zur Entstehungsgesch. d. 
ksl. Sp., I, 55) ausgesprochen hat, dass derselbe Pope, der bei Wenzel als 
Lehrer des Altkirchenslavischen fungirte, auch der Verfasser der einen oder 
der anderen slavischen Legende (vom heil. Wenzel und von der heil. Ludmila) 
war. Daraus erklärte sich dann seine Vertrautheit mit den Ereignissen, wäh- 
rend die schlichte und wahrheitsgemässe Darstellung ein vortheilhaftes Zeug- 
niss von seiner Bildung und seinem Charakter liefern. Auf Grund dieser 
slavischen Legenden erscheint der heil. Wenzel durchaus nicht als der Mönch 
im Fürstengewande, als eine Abstraktion von Engelstugenden, sondern als 
Mensch von Fleisch und Blut und als ein frommer und guter Landesfürst, der 
ohne Schuld den Tod von Brudershand erlitt und deshalb als eiu Heiliger 
vom Volke verehrt wurde. Diese Verehrung war ursprünglich sehr gross. Der 
heil. Wenzel galt den Böhmen nicht nur als erster Landespatron, sondern 
auch als eigentlicher Beschützer in Krieg und Frieden, was der Verf. des 
Näheren auseinandersetzt. Insbesondere verfolgt er die Geschichte des be- 
kannten Liedes: 1. Svaty Vaclave, vevodo Cesk6 zeme, kneze näs, pros za ny 
Boha, svateho Ducha. Kyrieleison. 2. Nebesket jest dvorstvo kräsne, blaze 
tomu, ktoz tarn pöjde: v zivot vecny, oben jasny, svateho Ducha. Kyrieleison. 
3. Pomoci tve zädämy, smiluj se nad nämi : utes smutne, otzefi vse zle, svaty 
Vaclave. Kyrieleison. So lautet nämlich das ganze (dreistrophige) Lied nach 
der ältesten handschriftlichen Ueberlieferung aus dem XIV. Jahrh. Bald 
darauf, um das J. 1500, hat das Lied bereits fünf Strophen. Die 4. Strophe 
hat folgenden charakteristischen Wortlaut: Tys näs dedic Ceske zeme, roz- 
pomen se na sve pl6mt-, nedaj zahynüti, näm i budücim, svaty Vaclave. Kriste 
eleison. Später kamen weitere Strophen hinzu. Endlich geschah es auch (der 
Verf. vermuthet im stürmischen Jahre 1848), dass die Worte der 3. Strophe: 
Utes smutne, otzen vse zle ersetzt wurden (natürlich nur im Volke, ausserhalb 
des Kirchengesanges) durch die Aufforderung: Vyzen Nemce, cizozemce! 
worauf P. A. Klar (Libusa 1858) und Ant. Springer (Gesch. Oesterr. seit dem 
Wiener Frieden 1809, Leipzig, 1865, II, 222 Anm.) hinweisen. So wurde aus 
dem Liede ein historisches Denkmal, welches die Spuren aller bedeutsamen 
Ereignisse von Böhmen an sich trägt. Entstanden, wie es scheint, in der 
zweiten Hälfte des XIII. Jahrb., vielleicht nach dem Tode Königs Pi-emysl II., 
wuchs es in der husitischen Epoche und dann in den schweren Zeiten nach 
der Schlacht am Weissen Berge zu der gegenwärtigen Ausdehnung, um als 
Ausdruck einer frommen Bitte an den vornehmsten Schutzpatron von Böhmen 
zu gelten. In der Neuzeit wurde auch dieser feierliche Choral zu nationalen 
Zwecken missbraucht. Aehnlich verfolgt der Verf. auch die mit dem Bildnisse 
des heil. Wenzels versehenen Münzen (seit dem XI. \ind XII. Jahrb.). Auch 
das ungefähr aus dem J. 1350 stammende und bis auf den heutigen Tag ge- 
brauchte Siegel der Prager Universität zeigt Kaiser Karl IV. knieend vor dem 
heil. Wenzel. So bietet die Schrift Prof. Kalousek's vielfache Belehrung und 
dürfte ihrem Zwecke, ein wahres Bild des heil. Wenzel's und seiner Vereh- 
rung zu bieten, vollauf entsprechen. Fr. Pastmek. 



Noväk, Komensky's Weisheit der alten Böhmen, angez. von Pastrnek. 289 

Jana Amosa Komenskeho Maudrost starych Cechü^ za zrcadlo vy- 
stavenä potomküm. Z rukopisu lesenskeho vydävä Jan V. Noväk. 
V Praze, näkladem ceske akademie, 1901, 8", XV + 113 Str. (Job. 
A. Comenius' Weisheit der alten Böhmen. Nach der Handschr. von 
Lissa herausgeg. von J. V. Noväk). 

Komensky's Adagiorum Bohemicorum farrago oder Moudrost starych 
Cechu, za zrcadlo vystavenä potomküm (Weisheit der alten Böhmen, als Spiegel 
der Nachwelt aufgestellt) gelangte zur Zeit des Verfassers nicht zur Veröffent- 
lichung, sondern hat sich nur handschriftlich erhalten. Zuerst benützte die 
Sammlung Fr. L. CelakovskjS indem er sie beinahe vollständig in sein Werk 
Mudroslovi ncirodu slovanskeho ve pHslovich (Die Philosophie des slavischen 
Volkes in Sprichwörtern, Prag, 1852) aufnahm. Dann wurde sie auch bei der 
Ausgabe der böhmischenDidaktik (1849, 1871) zwar vollständig, aber ungenau 
abgedruckt. Die vorliegende Ausgabe beruht auf der Handschrift selbst, 
welche sich im Archiv der Kirche zu St. Johannes in Lissa befindet. Die 
Sammlung umfasst, nach der Zählung des Herausgebers, 2214 Sätze, von den 
allerdings 136 Wiederholungen in Abzug zu bringen seien. Die Eintheilung 
geschieht nach den Gegenständen, welche zum Vergleiche herangezogen 
werden. Das sind 1. Gegenstände der Natur, von den Elementen bis zum 
Menschen, 2. Erzeugnisse des menschlichen Handwerkes, 3. Ereignisse, 4. 
Fabeln, welche kluge Menschen ersonnen haben. In dieser Ordnung werden 
die Sprichwörter vorgeführt. Es ist, wie der Herausgeber zeigt, dieselbe sach- 
liche Eintheilung, welche auch der Bräna (der böhm. Ausgabe der Janua lin- 
guarum) zu Grunde liegt. Was nun die Originalität der Sammlung betrifft, 
so ist es vor allem sicher, dass Komensky das ältere Werk des Mag. Jakob 
Srnec von Varvazov, herausgeg. in Prag im J. 1582 bei Georgius Nigrinus 
unter dem Titel Dicteria seu Proverbia Bohemica, vor sich hatte; denn von 
den 721 Sprüchen dieser Sammlung nahm Komensky nicht weniger als 606 
und zwar zumeist wörtlich in seine Handschrift auf. Weiter ist es wahrschein- 
lich, dass Komensky auch die Sammlung Cervenka's kannte und benützte; 
denn man findet bei ihm mehr als 350 ähnliche Sätze, deren Aenderungen 
vielleicht auf Blahoslav, der die Sammlung Cervenka's in seine Grammatik 
(1571) aufnahm, zurückgehen. Dagegen lässt sich mit Sicherhei'.- behaupten, 
dass Komensky die älteste Sammlung böhmischer Sprichwörter, die des Herrn 
Smil Flaska (+ 1403), nicht kannte. Man findet zwar bei Komensky ungefähr 
89 ähnliche Stellen, wie bei Flaska, allein der Wortlaut weicht stark ab und 
gerade die Pointe derselben fehlt. Der Herausgeber führt alle diese Ueber- 
einstimmungen Komensky's mit den älteren Sammlungen bei jedem einzelnen 
Sprichwort unter dem Striche an. Wie bei Blahoslav, so lässt sich auch bei 
Komensky zeigen, dass manche Sprichwörter aus Mähren, der engeren Hei- 
math beider Männer, stammen. Als solche führt der Herausgeber an: Nr. 31. 
Strach, by se nebe 7ieoborilo. — 138. Vodu v stüpe opichati (sc. inanis opera). 
— 141. Ricici yoAvi väziti. — 200. ZovireU drevo tezce se zprimi (t. zvyk za- 
staraly). — 213. Hluchy jako pen. — 229. Nebude z t6 rze mauka. — 509. Snedl 

Archiv für slavische Philologie. XXIV. 19 



290 Kritischer Anzeiger. 

to CO pes horky kohlih. — 761. Smeje inu se na to huhice (t. räd). — 921. Cot 
se na jeho ricici dostane, umi zopälaü (t. o klevetnem). — 1105. Ujeda mili, 
postüj koni chvili; ujeda tri, cela jim potfi; ujeda sest, dej ]\m jest. — 1251. 
§vec dokad jednoho hota neusije, druheho nezacinä. — 1330. Chtel udelati 
cbänek, a kdyz zatocil kruhem, udelala se perfiicka. (Rikä se o tech, jimz pi-ed- 
sevzeti, jinak nez chteli, a sme-sne nejak, vychäzi.) — 1357. K liceni (= bileni) 
trebe licidla. — 1388. Mysl jiz dävno v misi. Plaut. — 1770. Kdo chodi s kabelt, 
toho Pän Büh nadell. (Od zebräkü vzate.) — 1821 . Poki) chodim, potij se hodim. — 
1930. Hlediz, aby sobe ze mne gejd neudelal. Die durch verschiedenen Druck 
gekennzeichneten Worte sieht der Herausgeber mitRecht fiirMoravismen an. 
Bei einigen Sprichwörtern fügte schon Komensky lateinische oder deutsche 
Parallelen hinzu. Zum Beispiel: Nr. 55. Piijde cas, pi-ijde rada. (Komt Zeit, 
komt raht. Dies diem docet.) — 59. Dnem se leto neopozdi. (Parum pro nihilo 
habetur.) — 103. Svice lidem slauzic, sama se stravuje. (Aliis inserviendo 
consumor.) — 136. Spatnä zhoda, s ohnem voda. (Contraria nunquam coeunt.) 
— 139. Na vode psäti. In aqua scribere. — 148. Trefil z lauze do bläta. (In- 
cidit in prunas cupiens vitare patellam.) — 160. Jiz jsme vybredli (Res est 
in vado), t. z nebezpecenstvi. — 182. Nad propasti stäti. (Inter incudem 
et malleum versari.) — 531. Psu sädio sveriti: den hund mit bratt- 
wuersten feßlen. DieKatzen Vber das schmeer setzen. Den Bock zum gärtner 
machen. — 698. Mnoho rukau, mälo dila. Viel hirten, Übel gehütet. — Der- 
artige Parallelen kommen indess nicht besonders häufig vor. Immerhin be- 
weisen sie zur Genüge, dass Komensky die Gemeinsamkeit vieler Sprüche 
und Redensarten mit den zunächst betheiligten Culturkreisen wohl kannte. 
Aehnlich verfuhren Blahoslav, Srnec und auch Veleslavin (Dictionarium lin- 
guae latinae.) Eine Abhängigkeit von polnischen Sammlungen scheint nicht 
vorzuliegen. Der Herausgeber citirt nur ein Beispiel: Nr. 1794. Pänem vel- 
kym byt jest velkä nevole. In der Sammlung Knapski's v. J. 1632 lesen wir 
ebenfalls: Panem wielkim byc, wielka nieivola. Doch ist das hervorgehobene 
Wort durchaus kein Polonismus, sondern auch in slovakischen Dialekten 
wohl bekannt. Vielfach setzte Komensky eine Erklärung des citirten Sprich- 
wortes hinzu, z.B. Nr.ll4. Kam vitr, tam pläst'. (0 vrtkavem cloveku.) — 145. 
Tee vodo, kam Pän käze; (käze, t. strauhu udelaje). — 226. Rüze vije (o tom, 
kdo V dostatku sedi a pohodli uzivä). — Besonders beachtenswerth sind die 
Bemerkungen, wie bei Nr. 340. Räd by hauserem berana vylaudil. (Ad fabu- 
las referendum.) Desgleichen bei Nr. 401. Kazdä liska svüj ocas chväll. (To 
do fabuli.) Aehnlich bei anderen Sprüchen. Auch die Quelle führt zuweilen 
Komensky selbst bereits an, z.B. Nr. 493. Pes k vyvratku. Petr Apost. — 
611. Tvär zvrasklä, mnoheho povedomä. (S. Rehor.) — 626. Byli by oci vy- 
laupili (o Galadskych apostol). — 657. Treti jazyk rychlejsi nez ptäk. Eccles. 
10, 20. — 697. Polozim ruku na iista svä. Job. 39, 34. — 11 14. Neni vozu, neni 
koni, jedna psota druhau honi. §im. Lomn. — 2063. Tvrdot jest proti ostnuse 
zpecovati. Skut. 9. — Die Parallelen, Erklärungen und Quellenangaben Ko- 
mensky's legen den Gedanken nahe, wie wichtig es wäre, wenn der Schatz an 
Sprichwörtern, welchen das böhmische Volk besitzt, nach seinen Quellen hin 
untersucht würde. Der Herausgeber hat sich um die Vorarbeiten zu dieser 



Smetänka, Die Postille Chelcicky's, angez. von Pastrnek. 291 

Erforschung bereits vielfache Verdienste erworben, unter denen die vorlie- 
gende, äusserst genaue Wiedergabe der Sammlung Komensky's gewiss das 
grösste ist. Fr. Pastrnek. 



Petra Chelciekeho Postilla. Dil I. K vydäni upravil Dr. Emil Sme- 
tänka. VPraze. Vydänira a nakl. Comenia, evang. Matice Komen- 
skeho. 1900, kl.-S», 438 SS. 

Der tiefsinnige südbühmische Landedelmann und Denker Peter Chel- 
cicky (f ca. 1460) verdient es wohl, dass seine Werke, welche vom edelsten 
sittlichen Ernst einer werkthätigen Nachfolge Christi erfüllt sind, immer 
wieder aufgelegt und verbreitet werden. Vor einigen Jahren (1893) gab be- 
kanntlich die St. Petersburger Akademie, unter der Redaktion von J. S. An- 
nenkov und nach dessen frühem Tode (f 1885) von V. Jagic, zwei Schriften 
Chelcicky's heraus: »Siet viery« (Das Glaubensnetz) und »Replika proti 
Mikuläsi Biskupci Täborskemu« (Replik gegen Nikolaus Biskupec 
aus Pilgrim). Diese vortreffliche Ausgabe, welche seinerzeit im Archiv nicht 
verzeichnet wurde, enthält in der Einleitung eine Würdigung des Lebens und 
besonders der Schriften Chelcicky's und ausserdem im Anhang den Inhalt der 
beiden abgedruckten Werke in russischer Sprache. Daselbst ist bereits eine 
neuere Ausgabe von Chelcicky's Hauptwerk, der Postille, L Theil, von Benj. 
Kosut, im J. 1890 (als Beilage der evang. Ztschr. »Cesky Bratr«) erwähnt. 
Da jedoch diese Ausgabe vielfache Mängel aufwies, so veranstaltete der 
evang. Verein »Comenium«, derselbe, welcher auch die kleineren Schriften 
Chelcicky's, in der Redaktion von Dr. J. Karäsek herausgegeben hatte (1891 
und 1892), eine neue Edition der Pos tili e, welche Dr. E. Smetänka besorgte. 
Dieselbe ist in erster Linie für Philologen bestimmt und bewahrt daher mög- 
lichst genau die Orthographie des ältesten Druckes vom J. 1522, aus dem der 
Text entnommen ist. In den Anmerkungen werden abweichende Lesarten des 
Druckes vom J. 1532 hinzugefügt. Die Aenderungen des Herausgebers be- 
schränken sich auf die Lösung der Abbreviaturen und eine sinngemässe Inter- 
punktion, was bei dem ungleichmässigen Satzbau und den häufigen Anako- 
luthen Chelcicky's zugleich eine Interpretation bedeutet. 

Ferner unterliess der Herausgeber die Unterscheidung des zweifachen t 
und /, und zwar aus dem Grunde, weil der alte Druck diese beiden Bezeich- 
nungen ganz regellos gebraucht, was auch Gobauer (Eist. ml. 1.357) constatirt. 
Die Ausgabe ist sehr sorgfältig veranstaltet: eine Collation mit dem Drucke 
vom J. 1522 lehrt, dass nur äusserst wenig Versehen untergelaufen sind und 
auch diese sind insgesammt belanglos. Eine Besprechung der Postille, sowie 
ein Wörterbuch zu derselben verspricht der Herausgeber bei dem Abdruck 
des zweiten Theiles zu bieten. So wurden in der letzten Zeit die wichtigsten 
und umfangreichsten Schriften Chelcicky's neu aufgelegt, allerdings nicht 
gleichmässig. »Siet viery« ist nach der gegenwärtigen Orthographie trans- 
scribirt, ohne dass die dabei befolgten Grundsätze dargelegt wären. Auch 
»die kleineren Schriften« gab Dr.Karäsek in neuböhm. Umschreibung heraus, 

19* 



292 . Kritischer Anzeiger. 

doch fügte er eine kurze Erklärung seines Vorganges hinzu. Ausserdem 
bietet der Abdruck der »Replika« ein genaues Bild der Olmützer Handschrift. 
Diese Schrift ist bisher die einzige, welche nach einer älteren handschrift- 
lichen Quelle mit sorgfältiger Bawahrung aller orthogr. Eigenthümlichkeiten 
abgedruckt ist. Die vorliegende Ausgabe des I. Th. der Postille ist nun ein 
weiterer Schritt zu einer Gesammtausgabe der Werke Chelcicky's, des gei- 
stigen Vaters der böhmischen Brüdergemeinde, nach der ältesten erreich- 
baren Gestalt. Fr. Pastrnek. 



Pavle Popovic: gorskom vijencu. Mostar 1901, Fächer & 

Kisic, kl. 80, 284 + V S. 

Wenn ein Staat verhältnissmässig spät in die Reihe der sogenannten 
Kulturländer eingetreten ist, darf man nicht z u grosse Ansprüche an seine 
moderne Literatur stellen, und es kann deshalb nicht überraschen, wenn die 
südslavischen Literaturen, wegen der schwierigen äusseren und inneren Ver- 
hältnisse in der wissenschaftlichen Forschung noch immer recht mangelhaft 
erscheinen. Immerhin bleibt diese Thatsache bedauerlich, und zwar um so 
mehr, als die Lücken schwer auszufüllen sind, theils weil das Material ver- 
schollen ist, theils weil die bibliographischen Quellen gar zu verstreut und 
schwer zu finden sind. Diesem Mangel an einer von Anfang an systemati- 
schen, literaturkritischen Schulung verdanken wir den jedenfalls glücklichen 
Umstand, dass die beste südslavische Literaturforschung (nuUa regula sine 
exceptione !) in die Hände solcher Gelehrter gelangt ist, denen eine moderne 
Literaturschreibung nebensächlich war, weil sie sich — mit aller Anerken- 
nung ihrer ästhetischen Kompetenz — hauptsächlich den sprachlichen und 
rein historischen Forschungen gewidmet haben. 

Daraus erklärt es sich, dass erst 43 Jahre nach dem ersten Erscheinen 
des herrlichen Heldengedichtes »Gorski Vijenac« des montenegrinischen 
Fürstbischofs Petar IL Petrovic Njegos eine modern geniessbare und dabei 
wissenschaftlich kritische Edition publicirt wurde (in Agram 1890, 2. Auflage 
Belgrad 1892), und zwar durch einen philologischen Fachmann, den Universi- 
tätsdocenten Dr. M. Resetar. Aber auf die eigentliche Textkritik be- 
schränkte sich diese grundlegende Edition nicht: Dr. Resetar versah sie mit 
einem umfangreichen Kommentar und verfasste ausserdem eine ästhetische 
Analyse des grossartigen Werkes. In der Vorrede drückt sich der Verfasser 
über diese literarische Leistung sehr bescheiden aus, indem er den Wunsch 
beifügt, sein Versuch möge zu weiteren Studien anregen. Diese Hoffnung 
hat sich endlich durch das hier zu besprechende Buch des Herrn Prof. Pavle 
Popovic in Belgrad erfüllt, und wenngleich dasselbe in mancher Hinsicht eine 
gegen die Ansichten Resetar's gerichtete Polemik ist, glaube ich doch, Dr. 
Resetar sei der Erste, der diese interessante Studie mit dankbarer Freude 
begrüssen wird, um so mehr, als es sich hier weniger um literarische That- 
sachen, als um ästhetische Anschauungen handelt. In Geschmacksachen kann 
man ja immer disputiren, und schliesslich können sich die Streitenden in der 



P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Jensen. 293 

Hauptsache doch einigen, obgleich der Eine das Gedicht als ein Epos, der 
Andere als ein Drama auffasst. Ganz anders stellt sich der literarische Streit, 
wenn z. B. Jemand es wagt, die zielbewusste imd thatsächliche Einheitlichkeit 
desGundulic'schen »Osman« ohne geschichtliche, sprachliche oder ästhetische 
Gründe zu leugnen. 

Resetar hat, wie die übrigen Literaturkenner i) , den dramatischen 
Charakter des »Gorski vijenac« in Abrede gestellt. Die istraga (d.h. die Ver- 
nichtung der Mohammedaner in Montenegro) ziehe sich allerdings wie ein 
rother Faden durch das Ganze vom Anfang bis zum Ende, aber sie sei mehr 
oder weniger sichtbar, und es bestehe kein eigentlicher Zusammenhang zwi- 
schen den verschiedenen Scenen, denn ganze Auftritte von mehreren Hundert 
Versen könnten herausgenommen werden, ohne dass der Stoff der istraga da- 
durch leiden würde. Deshalb habe auch der Dichter selbst sein Werk nicht 
ein Drama oder dramatische Scenen benannt, sondern einfach istoricesko 
sobitije, ein historisches Ereigniss mit verschiedenen Scenen aus dem mon- 
tenegrinischen Leben. Er wollte die serbischen »Hajduken« im wahren Lichte 
zeigen und habe sich deshalb einen interessanten Moment aus älteren Zeiten 
gewählt, der ausserdem geeignet sein konnte, durch Danilo, den Begründer 
der Njegos-Dynastie, das montenegrinische Fürstenhaus zu preisen. Und da 
der politisch-religiöse Freiheitskampf eine wesentliche Seite des montenegri- 
nischen Lebens bilde, müsse selbstverständlich die istraga dabei sein. 

Resetar hatte in seiner Einleitung weiter nachzuweisen versucht, wes- 
halb der »Gorski Vijenac« kein echtes Drama sein konnte: es fehle an dra- 
matischer Charakterzeichnung, Psychologie und innerer Konsequenz. Die 
erste Rathsversammlung sei als Expose aufzufassen, die zweite als Peripethie 
und die Scenen am Weihnachtsfest und zu Neujahr als die Katastrophe. Es 
seien höchstens Scenen in dramatischer Form, auf der istraga basirt, und 
dramatische Wirkung haben nur die Berathungen der Häuptlinge, das Auf- 
treten der Hexe und einigermassen die Erzählung des Drasko von seinen 
venetianischen Reiseeindrücken. Wenn man aber das Gedicht so auffassen 
wolle, seien die ästhetischen Bemerkungen gegen die dramatische Komposition 
nicht mehr stichhaltig. — Schliesslich kritisirt Resetar die geschichtliche 
Treue des Gedichtes: von dem Ereignisse kenne man eigentlich nur den Auf- 
stand der Brüder Martinovic in Cetinje; es geschah dies aber im J. 1702 oder 
1703, nicht »pri svrsetku XVII. vijeka«, wie der Dichter selbst angegeben 
hat. Der Bischof Danilo sei nicht historisch treu gezeichnet, sondern er 
spiegle mehr die subjektiven Stimmungen des Dichters wieder, und die übri- 
gen Personen des Gedichtes seien nicht geschichtlich erwiesene Individuen 
(ausser dem in dem historischen Drama »Scepan mali« ebenfalls erwähnten 
Vuk Mandusic, der von den Türken gemartert wurde), sondern montenegri- 



1} Ich führe nur zwei Citate an: Jagic: »Ein ethnographisches Ge- 
mälde mit geschichtlichem Hintergrund«. Svet. Vulovid: «Gorski Vijenac 
ist eine Sammlung lyrischer Stimmungen aus dem serbischen Leben in Mon- 
tenegro, in einen Blumenstrauss bunt vereinigt, und das in dem Werke be- 
sungene Ereigniss ist die Schnur, womit das Bouquet gebunden wird«. 



294 Kritischer Anzeiger. 

nische Heldentypen, welche — von einander sehr wenig verschieden — durch 
ihren antitiirkischenPatriotismus vereinigt sind und den serbischen National- 
charakter idealistisch wiedergeben. 

Gegen diese, von den meisten anderen Forschern getheilte Auffassung 
des G. V. tritt nun Popovid mit seinem eingehenden Essay auf, und wenn- 
gleich ich seine Argumentation nicht immer überzeugend finde (man beweist 
oft zu wenig, wenn man zu viel beweisen will!), konstatire ich mit grossem 
Vergnügen, dass seine Studie eine Frucht von tiefem Sachverständniss, feiner 
Beurtheilung und ästhetischem Geschmacke ist. Popovid, bisjetzt nur durch 
kleinere Schriften (»Francuski moralisti«, »Srpska knjizevna zadruga«, »Na- 
cionalni repertoar« etc.) literarisch bekannt, hat durch diesen Essay die süd- 
slavische Literaturgeschichte bereichert, ebenso wie seine, hoffentlich bald 
erscheinenden Studien über die ragusanische Literatur ihr gewiss noch mehr 
zur Zierde gereichen werden, während sein eleganter Stil von der Vertraut- 
heit des Verfassers mit der französischen Literatur zeugt. 

Gegen die Meinung Resetar's über den Mangel geschichtlicher Treue 
hebt der Verfasser hervor, dass die Quellen nicht nur in den Chroniken zu 
suchen sind, sondern auch in Volksliedern und mündlichen Ueberlieferungen, 
und erst mit Hülfe dieses gesammten Materials könne man das Thatsächliche 
von dem Fingirten unterscheiden. In dieser Hinsicht hat P. P. weltgehende 
Untersuchungen in der Literatur gemacht und folgert daraus, dass die her- 
vorragendsten Personen im Gorski vijenac der geschichtlichen Wirklichkeit 
entnommen sind und zwar nicht nur Danilo selbst, die Brüder Martinovid und 
Vuk Mandusid, sondern auch Vuk Borilovid, Vuk Micunovic, der Serdar 
Janko und sein Bruder Bogdan Gjuraskovid, Vuk Raslapcevic, der Vojvode 
Drasko, Vuk Tomanovic, Vukota Mrvaljevic, Vuk Markovic, Vuk Ljese- 
vostupac, Batrid Perovid, der Vojvode Milija und der Knez Rogan, welche 
alle in volkspoetischen Ueberlieferungen vorkommen. Wahrscheinlich sei 
weiter die geschichtliche Existenz des Knez Rade (eines Bruders des Bi- 
schofs), des Knez Nikoia, des Serdar Vukota, des Pop Scepan (nach Milutino- 
vid), des Knez Bajko und vielleicht auch des Serdar Radonja. Schliesslich 
seien auch die türkischen Namen nicht ganz ohne Grund gewählt. Wenn- 
gleich das Material des Volksliedes nicht immer als geschichtlicher Beweis 
gelten kann, hat P.P. gewiss darin Recht, dass »Gorski vijenac« auf einer 
soliden historischen Unterlage basirt ist; ja, er behauptet sogar, dass das 
Eieigniss im Grossen und Ganzen mehr mit der Chronik als mit den Volks- 
liedern übereinstimmt. Der Dichter hatte ja auch selbst den Stoff als ein ge- 
schichtliches Ereigniss bezeichnet, und ob die Katastrophe schon am Ende 
des XVIL oder gleich im Anfange des XVIIL Jahrh. geschehen sei, sei für 
uns ganz gleichgültig. Schliesslich macht P.P. auf einige Episoden aufmerk- 
sam, die volksepische Vorbilder verrathen, was wohl auch Niemand — am 
wenigsten Dr. Resetar — bezweifelt hat: die venetiauische Erzählung soll 
von einem Volksliede über Drasko herstammen, und das Klagelied der 
Schwester von Batrid ist ja dem echten Volksleben abgelauscht (Vuk Stef. 
Karadzid, der in solchen Sachen ein feines Gehör hatte, fand dieses Klagelied 
dem volkslyrischen Geiste so entsprechend, dass er es unter den zwölf echten 



P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Jensen. 295 

tuzaljke in seinem, erst nach seinem Tode publicirten »Zivot i obicaji naroda 
srpskoga« abdruckte!). Ausserdem bemerkt P. P., dass die verschiedenen 
Titel nur dort vorkommen, wo sie auch in Volksliedern gebraucht wurden, 
und er definirt dabei den Yojvoda als Häuptling einer nahija (Bezirk in Mon- 
tenegro) und den Knez als Vorsteher eines pleme (»Stamm«), kann aber für 
den Titel Serdar keine Erklärungen geben. Ich möchte dabei auf den kleinen 
Kalender »Griica« in Cetinje aus dem J. 1860 hinweisen, wo folgende Rang- 
liste angeführt wird: 1) vojvoda, 2) veliki barjaktar, 3) serdar, 4) kapetan i). 

Die sozusagen ästhetische Tendenz des »Gorski Vijenac« ist von P. P. 
sehr schön hervorgehoben. Das Verdienst des Dichters lag eben darin, dass 
Petar II. Petrovic Njegos der erste serbische Künstler war, der es verstand, 
eine nationale Epik nach und ausser dem Kosovo-Cyklus zu schaffen — eine 
Aufgabe, die von älteren serbischen Dichtern und von dem Zeitgenossen 
Branko Radicevic nur geahnt wurde. Zu diesem Zwecke suchte sich Njegos 
ein grosses Ereigniss aus der Geschichte Montenegros aus, und zwar in dem 
Zeitpunkte, wo die Staatsidee über den » Partikularismus «, die einheitliche 
Nationalität über die Engherzigkeit der persönlichen Parteien siegte. Denn 
erst durch die Ausrottung der Mohammedaner wurde Montenegro zu einem 
Volke. Es war das grosse Ereigniss par excellence in der Geschichte Monte- 
negros, eine nationale Bewegung und ein glückliches Omen für die politische 
Befreiung des ganzen Serbenthums, was auch durch die »der Asche des 
Vaters von Serbien« gewidmete Einleitung bestätigt wird. Ein solches 
Ereigniss wie diese innere Revolution bedeutet mehr als Siege auf dem 
Schlachtfelde, und auf Grund epischer Volkslieder wurde es in einen »Ge- 
birgskranzM poetisch zusammengeflochten. 

Wenn aber P. P. weiter behauptet, dass die Hauptperson des Gedichtes, 
der Bischof Danilo, gegen das Zeugniss der Geschichte, sich anfangs nur des- 
halb so wankelmüthig und energielos zeigt, weil der Aufstand dadurch als 
eine nationale Nothwendigkeit, einVolksbedürfniss erscheinen soll, kann ich 
ihm nicht beipflichten. Vielmehr stelle ich mich hier auf den Standpunkt 
Resetar's, der in diesem Charakter ein Abbild desjenigen des Dichters selbst 
erblickt. Der subjektive Ton, die reflektirende Gelehrtheit, der Pessimismus 
(ich verweise als Beispiel auf die Verse 33—38, 612—623, 644—645, 742— 
749, 763) stimmen weder mit der kampflustigen Energie des wenig gebildeten 
Bischofs Danilo, noch mit dem damaligen Zeitgeist überhaupt, um so mehr 
aber mit der eigenen Person des Dichters überein. Und nachdem Danilo 
endlich seinen Beschluss gefasst hat, tritt doch — wie dies Resetar ebenfalls 
bemerkt hat — die Subjektivität des Dichters in der Person des Iguman 
Stefan wieder deutlich hervor (V. 2.280—2.335 und 2.499—2.520). Ebenso wie 
der philosophirende Mönch war auch der Dichter mit der grossen Welt ver- 



1) Vergl. Ami Boue in »La Turquie d'Europe«, Paris 1840 (III, 315): 
»Dans le Montenegro, chaque nahie avait jadis son Serdar ou grand-pr6v6t, 
et chaque tribu son Voivoda, son Knes et son Bariaktar ou port-enseigne, 
dignites qui sont presque hereditaires dans certaines familles, quoique jadis 
elles fussent electives«. 



296 Kritischer Anzeiger, 

traut: jener hatte Jerusalem und Kijev besucht, dieser kannte Rom recht gut 
und war vielleicht auf der Reise nach oder von Petersburg auch in der heil. 
Stadt Kijev. Hier begegnet uns nicht nur die ideelle Weltanschauung, die 
nach Milton's Vorbilde 1) die »Luca mikrokozma« schuf, sondern auch ein 
ganz modernes Philosophiren über Natur und Geist, über Elektricität und 
sogar über »den Kampf ums Dasein«, was einen Gelehrten veranlasst hat, 
den Dichter der »Slobodijada« und des »Scepan mali« unter den Vorgängern 
des — Darwinismus (!) zu präsentiren (B. Sulek: »Predtece Darwina« im Rad 
Jugosl. Akad. B. LXXV, nach St. Nedeljkovic, »Javor« 1877, und J. Pasaric, 
Vienac 1884). 

Obgleich wir noch keine allseitige Njegos-Monographie besitzen 2), ist 
die interessante Persönlichkeit des edlen Dichters so gut bekannt, dass man 
diese Identität feststellen kann. Aus der Geschichte wissen wir, mit welchen 
politischen und materiellen Schwierigkeiten der Vladika Petar II. immer zu 
kämpfen hatte. Prof. Vuloviö bezeichnete ihn als »kalt und tapfer im Kampfe«, 
aber im persönlichen Verkehr als bescheiden, da er nie vergass, dass er ein 
Autodidakt war (wie der Iguman Teodosije im »äcepan mali«); bezeichnend 
ist auch sein Brief an Vuk vom 1. Nov. 1847: er verflucht darin »die Stunde, 
wo der Funke (des Freiheitsgefühls) von den Aschenhaufen des Dusan'schen 
Reiches zu unseren Gebirgen herüberflog. Weshalb ist auch er nicht dort 



1) Da der Dichter auch englisch konnte, hat er wohl das Original direkt 
studirt. Es mag doch hier erwähnt werden, dass »The Paradise lost« schon 
im J. 1780 russisch übersetzt wurde, und bis 1844 waren noch zwei russische 
Uebersetzungen vorhanden. Die cechische Uebersetzung von Jos. Jungmann 
erschien zum ersten Male 1811. 

2) Ich führe hier die Njegos-Literatur an, insofern sie mir bekannt ist : 
Ami Boue: »La Turquie d'Europe«, Paris 1840. — Franceschi: »La 

Dalmazia« 1847; soll auch in demselben Jahr slavisch übersetzt worden sein. 

— Jov. Subotiö: »Slovo Petru II. Petrovicu Njegosu«. Serbski Ijetopis 
1852: I. — J. Ignj atovic: »Tri srpskaspisatelja«. ,Danica' 1860. — N. Du- 
cic: «Crna Gora«. Glasn. srp. uc. drustva 1874. — M. Ban: »Podaci o Pe- 
tru II. Njegosu«. jPreodnica' Nr. 9. — Spirid. Gopcevic; »Montenegro und 
die Montenegriner«. Leipzig 1877. — Heinrich Stieglitz (?). — V. Vrce- 
vic: »Zivotopis Vladike Crnogorske Petra II.« Dubrovnik (Kalender) 1874. 

— Svet. Vulovic: »Petar Petrovic Njegos pesnik srpski«. Godisnjica N. 
Cupica I, Belgrad 1877, und von demselben Verfasser: »Jos po nesto za 
biografiju P. P.Njegosa«, Godisnj. Cup. B. VII, Belgrad 1885. — Medakovic: 
»P. P. Njegos, posljednji vladajuci vladika crnogorski". Novi Sad 1882. — 
P. A. Lavrov: »Petar II. Petrovic Njegos, vladyka cernogorskij i ego lite- 
raturnaja dejatelnost'«. Moskva 1887 (bespr. im »Archiv« XI von Bartol. In- 
hof). — P. A. Rovinskij: »Petar II. Petrovic Njegos, vladyka cernogor- 
skij«. Petersburg 1889. — L. Tomanovic: »Petar II. Petrovic Njegos«. 
Cetinje 1890, 91 (»Nova Zeta«). — Ljub. N.Nenadovic: »Celokupna dela«. 
Belgrad 1893/94 (»Pisma sa Cetinja i Pisma iz Italije«). — M. Gar: »Moje 
simpatije« I. Zara 1895. — Andra Gavrilovic: »Ka biografiji P. P. Nje- 
gosa«. Godisnj. N. fiupica. B. XIX (Belgrad 1889). Ausserdem die Editionen 
von Resetar u. A. 



P. Popovid, gorskom vijencu, angez. von Jensen. 297 

gestorben, wo der serbische Feuerherd erlosch?« Die geistreichen Briefe 
des Ljub.Nenadoviö aus Italien aus dem J. 1851 geben auch viele treue, wenn 
auch etwas idealisirte Aufklärungen über die zartfühlende Seele des Dich- 
ters. Einmal sagte ihm der Vladika: »Ich sehe vor mir einen Grabstein mit 
der Inschrift: Hier ruht der montenegrinische Vladika; er starb, ohne dass 
es ihm vergönnt gewesen wäre, die Befreiung seines Volkes zu erleben«. Er 
war auf England wegen dessen türkenfreundlicher Politik erbost, und als ein 
englischer Lord in Neapel sein Portrait erhielt, fügte der Spender hinzu: 
»Wenn Sie nach London zurückkehren und mein Bild zeigen, dürfen Sie 
nicht sagen: es ist der Herrscher eines glücklichen Volkes, sondern : es ist 
der Märtyrer eines für seine Freiheit gequälten Volkes«. Einem Serben in 
Florenz sagte er: »Mein armes Volk! Zerstreut bist du im Solde bei Fremden. 
Nirgends haben wir eine Heimath; sie verbrannte auf dem Kosovo-Felde«. 

Derartige Aeusserungen entsprechen ganz den ersten Monologen des 
Bischofs Danilo. Aber noch mehr! Bei den Beiden finden wir dieselbe Anti- 
pathie gegen A\q poturcenici , die slavischen Renegaten. Als Petar II. von 
dem Feldzuge Omar-Paschas in Bosnien erfuhr, sagte er von den moham- 
medanischen Slaven: »Gebe Gott, dass sie von der serbischen Milch, die sie 
ernährt hat, vergiftet würden, und dass sie am jüngsten Gericht vor den 
Obilic treten!« Und einem Türken in Livorno sagte er: »Die Türken haben 
nie vermocht, Montenegro zu zertreten, aber unsere eigenen Brüder haben 
uns oft gedrückt. Alle diese Paschas und Veziere, die Montenegro mit Blut 
begossen, haben serbische Muttermilch gesaugt, aber Hessen mich im Stich, 
um besseres Brod zu verdienen !« 

In dem ganzen Gedichte, dessen Anfang als eine Art Prolog zu betrach- 
ten sei, sieht Popovic die konsequent durchgeführte Idee des Befreiungs- 
dramas, und die scheinbar freistehenden Episoden seien nothwendige Glieder 
in dieser logischen Kette. So z. B. in der venetianischen komischen Erzäh- 
lung, denn während in dem betreffenden Volksliede es sich darum handelt, 
dass Drasko türkische Köpfe dem Dogen bringt, haben wir es hier mit einer 
politischen Mission zu thun, welche den Zweck hat, Kriegsvorrath und Ver- 
bündete zu suchen. Die Scene mit den betrunkenen Hochzeitsgästen sollte 
den Volkscharakter in wahrem, wenn auch unvortheilhaftem Lichte zeigen, 
und als scharfer Gegensatz folgt dann unmittelbar das Klagelied der 
Schwester des Ermordeten. In dem Volksliede wird nur die persönliche 
Rache betont; hier aber geben — wie P. P. treffend bemerkt — ihre persön- 
lichen Gefühle der nationalen Rache Raum (V. 1962 — 63) : 
»e se zemlja sva isturci — bog je kleo ! 
glavari se skamenili — kam im u dom ! « 

Auch das Auftreten der Hexe sei kein Zufall, etwa bloss wegen des 
volksthümlichen Kolorits. Sie ist ja von dem Vezier zum Spioniren gesandt, 
und durch ihr Bekenntniss wird die Verschwörung eine offene Thatsache. 
Die vielen Allegorien (Träume, Weissagungen, Naturphänomene etc.) zielen 
auch auf das grosse Ereigniss hin ; mit dem Aufstande in Cetinje beginnt die 
wirkliche Ausrottung, und den Brüdern Martinovici wird im Epiloge (wie in 
der Geschichte) eine Hauptrolle angewiesen. Die sechs Kolo-Gesänge stellen 



298 Kritischer Anzeiger. 

die montenegrinische Geschichte chronologisch dar, aber das letzte Glied in 
dieser Kette, die Befreiung des ganzen Serbenthumes, wird in die Widmung 
aufgenommen, weil es einer späteren Zeit gehört. Auch der Wechsel der 
Scenen von tiefer Nacht zum hellen Morgen, von Finsterniss zum neuen Jahre 
hat — nach P. P.'s feiner Ansicht — einen allegorischen Sinn. Er gibt doch 
selbst zu, dass viele Sachen eingeflochten sind, um das Titelbild völlig natio- 
nal zu machen. — Schliesslich ist doch das Lob des Dichters über die serb. 
Sitten und Spiele {gusle, badnjak, krsno ime, kumstvo etc.) auch eine »Aus- 
rottung der Renegaten«, und insofern können sowohl Resetar wie Popovic 
Recht haben. 

Abgesehen von der dramatischen Idee des Gedichtes, gibt P. P. doch 
selbst unbedingt zu, dass der »Gorski vijenac« kein Drama im modernen 
Sinne ist, denn es mangelt an dramatischer Motivirung, Intriguen etc., und 
der Hauptheld raisonnirt mehr als er handelt. Der Kampf selbst wird ja gar 
nicht dargestellt, sondern nur durch Boten, wie in der klassischen Tragödie, 
angedeutet. Es gibt keine »Spannung« oder Ueberraschung, und mehrere 
dankbare Motive (die vorige Gefangenschaft des Bischofs, die Liebe Mandu- 
sic's, der Tod des Batric, das Unglück der Ruza etc.) sind gar nicht drama- 
tisch verwerthet. Es sind nur Scenen, um das Hauptereigniss zu illustriren. 
Deshalb ist »Gorski vijenac« für die Bühne kaum brauchbar'). 

Ich gebe aber andererseits dem Verfasser darin Recht, dass gewöhnliche 
dramatische Effekte den Hauptstoff, den Njegoa selbst so hoch stellte, leicht 
hätten schädigen können. Es gelang dem Dichter zu zeigen, dass es hier etwas 
mehr als eine lokale Balkanfrage gab : es handelt sich um den Kampf zwi- 
schen zwei Welten, zwischen dem christlichen Licht und der barbarischen 
Finsterniss, der geistigen Vernunft und der rohen Naturgewalt (vergl. V. 614: 
»Je liinstinkt aV duhovni vogjal <*■), ähnlich dem Grundgedanken im »Osman« 
und in einigen Details in sublimer Grösse den Meisterwerken der Weltlitera- 
tur gleichgestellt. Schon die Anfangszeile : »vigji vi-aga«. deutet darauf 

hin. Es werden die bedeutungsvolle Schlacht bei Poitiers (V. 7) und die Be- 
lagerung von Wien (V. 1143 — 50) ausdrücklich erwähnt; der Mond und das 
Kreuz sind zwei mächtige Symbole (V. 631); Omar's Tempel erhebt sich über 
Salomo's heiligen Tempel (V.2277 — 78); es kommen die kräftigen Ausdrücke: 
»der Henker Europas« (V.624), »Asiens Altar« (V.625) und »Demon« (V. 1.145) 
vor, und schliesslich wird (V. 2.348 — 55) die politische Renaissance des ge- 



1) So viel ich weiss, soll das Stück in Karlovci 1897 aufgeführt worden 
sein. Ein Versuch wurde allerdings in Belgrad 1863 gemacht, scheiterte aber 
schon bei den Vorbereitungen. 

Sehr wirksam für die Bühne muss dagegen das poetisch und episch 
schwächere Stück » Balkmiska Caricau sein, denn sein Dichter, Fürst Nikolai, 
von Montenegro, hat die dramatischen Hülfsmittel (Liebe, Eifersucht, Ver- 
rath etc.) reichlich verwendet. Es möchte interessant sein zu erfahren, ob 
mit Wissen des hohen Verfassers ein gewisser Herr Hugo Marek durch seine 
flotten Reimereien von »der Balkankaiserin« (Berlin 1901) den Inhalt, den 
Ton und die Form des jedenfalls schönen Dramas so gänzlich verdorben hat ! 



P. Popovic, gorskom vijeneu, angez. von Jensen. 299 

sammten Serbenthumes feierlich prophezeit, durch die in der Widmung er- 
wähnten Napoleonischen Kriege näher bestimmt. 

In Bezug- auf die Charakterzeichnung im »Gorski vijenac« hat P. P. 
mehrere interessante Nuancen nachgewiesen, obgleich er die Ansicht Rese- 
tar's von der Schablonenmässigkeit dieser Typen schwerlich hat widerlegen 
können. Ausser den beiden klar ausgeprägten Personen, dem Bischof und 
dem Iguman, die sich in vielen Punkten komplettiren und die beiden Haupt- 
seiten des menschlichen Wesens verkörpern: einerseits die zweifelnde In- 
telligenz und den finsteren Pessimismus, andererseits die naive, kindliche 
Lebens- und Glaubensfreude, gibt es im »Gorski vijenac« verschiedene 
Schattirungen des montenegrinischen Nationalcharakters, die P. P. verständ- 
nissvoll bemerkt. Drasko z. B. ist ein naives, treuherziges Naturkind, ebenso 
wie der ungebildete, einfältig fromme Pop Mico, dessen originelle Persönlich- 
keit ich mit dem herrlichen Dorfpriester in der vorzüglichen Novelle »Skol- 
ska ikona« von Lazo Lazarevic vergleichen möchte. Ganz anderer Art ist die 
Komik der beiden, geistig recht beschränkten »Spassvögel«, Knez Janko und 
Knez Rogan, von welchen der Name des Letzteren sogar unfreiwillige Witze 
{rog = Hörn V. 1403 und 2.175) veranlasst. Vuk Micunovic ist der konventio- 
nelle Held ohne Furcht und Tadel. Wenn Rogan nach venetianischen Speisen 
fragt, will Vuk Micunovic Auskunft haben, ob man dort gusle spielt. Er ist 
ein wahrhafter »Gentleman«, so im Aeusseren (V. 1.685) wie in Ehrensachen 
(1.130) und hasst die abtrünnigen Landsleute noch mehr als die Türken selbst 
(1.900); dabei ist er ein »aufgeklärter« Mann, denn er verhöhnt den Aber- 
glauben seiner Kameraden (1.718—21 und 2.124 — 25). Ebenso konstruirt ist 
auch die Figur des Vuk Mandusic: er liebt den Krieg als solchen, träumt von 
Liebe (obgleich er sich natürlich schämt, dies zu verrathen, siehe V. 1.376), 
erkundigt sich um venetianische Helden (1.445) und kümmert sich mehr um 
den Verlust seiner prächtigen Flinte als um den Erfolg der ganzen nationalen 
Bewegung. Batric zeigt wiederum eine andere Auffassung der politischen 
Befreiung. Zu diesen Bemerkungen, welche die psychologische Analyse des 
Herrn P. hervorgerufen hat, möchte ich schliesslich hinzufügen, dass noch ein 
Paar Figuren individuelle Züge verrathen: Obrad hat immer trübe Ahnungen 
(179—80, 818, 1.330) und glaubt fest an Hexereien (1582—1614); der Serdar 
Vukota wiederum repräsentirt das friedlich zurückhaltende und weniger un- 
erschrockene Element (346—49, 663—67, 1.359—60 und 2.047—48) — alles 
doch nur mit wenigen Worten skizzirt. 

Ueberall findet P. P. also die Früchte von realen Studien, auch in der 
vorurtheilsfreien Zeichnung der schlauen, fanatischen, verfeinerten Türken, 
die der Dichter viel besser kannte als Branko Radicevid oder Mazuranic ; 
durch die komischen Typen hat aber Njegos eine grosse Bedeutung für die 
südslavische Literatur. Das Totalbild ist allerdings idealisirt, gar zu edel; 
aber abgesehen davon, dass diese Verschönerung dem episch-dramatischen 
Stile gehört, hebt P. P. mit Recht hervor, dasa Njegos dabei eine bestimmte 
Tendenz verfolgte: er wollte der civilisirten Welt zeigen, was ein echt 
epischer Hajduk sei, und deshalb kommen keine Strassenräuber (ausser Pe- 
cirep und Baleta) oder Verräther im »Gorski vijenac« vor; er wollte sagen, 



300 Kritischer Anzeiger. 

dass auch unter diesen armen, ungebildeten Gebirgsleuten ein Adel der Ge- 
sinnung existiren konnte, damit man nicht mehr wie der Doge von Venedig 
(V. 1640—45) halb scherzend frage, ob es in Montenegro Menschenfresser 
gebe. Sir Gardner Wilkinson, der berühmte Forschungsreisende, cltirt eine 
derartige Aeusserung des Vladika: »Unsere Nachbarn brandmarken die 
Montenegriner als Räuber und Mörder, aber ich habe beschlossen, diese 
falsche Meinung zu vertilgen und will zeigen, dass sie ebenso veredelungs- 
fähig wie irgend ein anderes Volk sind«. Und dem sterbenden Dichter legte 
Medakovic folgende Worte in den Mund: »Ich muss sterben und fürchte mich 
nicht vor dem Tod; aber ich hätte länger leben wollen, um zu zeigen, was 
ich aus euch thun wollte; denn obgleich ich mit euch gelebt, habt ihr mich 
doch nicht verstanden«. 

In dem Essay des Herrn Popovic habe ich eine Beurtheilung des un- 
zweifelhaft matten Schlusses vermisst. Die sonstige dramatische Steigerung 
der Weihnachtsscenen weicht hier plötzlich vor einer rein epischen Episode 
zurück, und gerade diese merkbare Erschlaffung macht mich in der endgültigen 
Bezeichnung der Art des Kunstwerkes schwankend; aber die Grenzen der poe- 
tischen Gattungen sind mitunter so schwebend, dass man den »Gorski vijenac« 
als Drama oder als Epos auffassen und dabei eine andere Meinung ruhig 
toleriren kann. — Was der Verfasser zuletzt von der Schönheit der Sprache 
sagt, kann ich nur mit dankbarer Zuversicht unterschreiben. Vielleicht hätten 
die wenigen, aber schönen Naturschilderungen im »Gorski vijenac« ein kräf- 
tigeres Lob verdient; ich erinnere an die Aussicht vom Lovcen (wo der 
Dichter seine erhabene Grabstätte gefunden hat), den Kampf der Elemente 
unter dem klaren ruhigen Gipfel, den Frühlingsmorgen in den Bocche di Cat- 
taro (V. T89 — 90) und das Erwachen des Tages am Goldenen Hörn, und viel- 
leicht wird mein verehrter Freund Pavle Popovic nicht ohne sehnsuchtsvolle 
Empfindung die schönen Verse gerne im Gedächtniss behalten: 

»Novi Grade I sjedis nakraj mora 

i valove brojis niz pucinu, 

kako starac na kamen sjedeci 

sto nabraje svoje brojanice«. 
Denn Petar II. Njegos, der — wie der Bischof Danilo im »Gorski Vije- 
nac« — nach einem Waffensieg über die blutigen Opfer weinen musste, war 
ein lyrischer Dichter von Gottes Gnaden, was P. P. auch betont. Die leiden- 
schaftliche Hinreissung der Schwester des Batric deutet auf verborgene 
Leidenschaften in der Brust des Dichters selbst; es wird behauptet, dass 
Njegos viele erotische Lieder unmittelbar vor seinem Tode verbrannte, und 
in der beinahe neidischen Klage des Vuk Mandusic über das schöne Loos 
des beweinten Andrija (1.294 — 1307) klingt etwas von der eigenen Klage des 
bischöflichen Dichters über sein Alleinsein. Ueberaus wichtig ist in dieser 
Hinsicht sein an Dr. Marinkovic im Aug. 1850 gerichteter Brief: »Einige 
haben mir den Rath gegeben, ich solle die Augen dem weiblichen Geschlechte 
nicht zuwenden, aber sogar auf dem Sterbelager kann der Mann nicht umhin, 
die Blicke dem schönen Geschöpfe zuzuwerfen« (mitgetheilt von Resetar im 
»Strazilovo« 1893, Nr. 14). Alfred Jensen. 



P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Resetar. 301 

Zusatz. Nachdem sich Herr A. Jensen bereit erklärt hatte, das Buch 
P.'s zur Kenntniss der Leser dieser Zeitschrift zu bringen, wurde ich der Ver- 
pflichtung überhoben, mich näher mit einem Werke zu befassen, dessen Aus- 
führungen zum grösseren Theil gegen die in der Einleitung zu meiner ersten 
Ausgabe des Gorski Vijenac (Agram 1890) enthaltene Darstellung gerichtet 
sind. Es ist gewiss für die Sache selbst vortheilhafter, wenn anstatt meiner 
ein ausgezeichneter Kenner der serbokroatischen Literatur, speciell des G.V., 
als vorurtheilsloser, objektiver Kritiker zu Worte kommt. Nichtsdestoweniger 
möchte ich von dem mir gemachten Antrag Gebrauch machen, um auch 
meinerseits einige Bemerkungen hinzuzufügen, welche mir geeignet erschei- 
nen, die Differenzpnnkte zwischen P. und mir genauer zu fixiren und — was 
für mich die Hauptsache ist — das richtige Verständniss des G.V. zu fördern. 
Dass P. in dem I. Kapitel seiner Abhandlung über den Stoff des G.V. (S. 6 — 
42), sowie in den beiden letzten Kapiteln, dem vierten über die Charaktere 
(S. 164—257) und dem fünften über die Diktion (S. 257—284) sehr werth- 
volle Beiträge zur Erklärung des G.V. geliefert hat, das ist eine unläugbare 
Thatsache, die dem jungen Verfasser zur Ehre und der serbokroatischen 
Literaturgeschichte zum grossen Nutzen gereicht. Weniger gelungen er- 
scheinen nach meiner Auffassung das zweite Kapitel über den Gegenstand 
des G.V. (S. 42 — 115), und das dritte über die Handlung desselben (S. 115 — 
164). Ich will vor Allem die Erklärung des Namens »Gorski Vijenac« zur 
Sprache bringen, denn im Titel eines jeden literarischen Werkes spiegelt 
sich doch mehr oder weniger auch die Auffassung des Dichters selbst wieder, 
ein Moment, das für die richtige Beurtbeilung der Tendenz eines literarischen 
Werkes gewiss von hoher Wichtigkeit ist. Ich hatte nun in der Einleitung 
zu meiner ersten Ausgabe des G.V. die Ansicht ausgesprochen, Gorski Vijenac, 
also der »Bergkranz« (wie auch Kirste bekanntlich den Titel übersetzte), sei 
»ein Kranz von Bergblumen, eine Reihe von Bildern aus dem Leben der 
Helden der Berge Montenegros (S.22)«. Allein später fand ich in der hiesigen 
Hofbibliothek den ersten Theil des Autographen des G.V., in welchem der 
Titel ursprünglich lautete HsBHJaae ucKpe, was dann in HsBuucKpa 
und HsBniaucKpa (also etwa »Entfachen des Funkens«) umgeändert wurde, 
um zuletzt durch FopcKu BiijcHau ersetzt zu werden (vergl. meinen Auf- 
satz im Neusatzer CTpayKu.!ioBo 1892, Nr. 17). Jener ursprünglichen Benen- 
nung entsprechend, sowie mit Rücksicht auf den Umstand, dass der Dichter 
selbst auf dem Titelblatte den G.V. als »ein historisches Ereigniss aus 
dem Ende des XVII. Jahrhunderts« bezeichnet hatte, gab ich in der Einlei- 
tung zur zweiten von mir besorgten Ausgabe des G.V. (Belgrad 1892) eine 
ganz andere Erklärung des Namens Gorski Vijenac: »Der Vladika . . . wollte 
die Ausrottung der Mohammedaner in Montenegro besingen ... Er hat dieses 
Ereigniss als den Anfang des serbischen Freiheitskampfes aufgefasst, und 

deswegen seinem Gedichte zuerst den Namen Izvijane iskre etc. gegeben 

Diesen Namen hat der Dichter später in den Namen Gorski Vijenac, d. i. 
»Montenegros Ruhm« geändert (S. IX)«. Ich glaube diese Bemerkung hier 
wiederholen zu müssen, weil die Worte Izvijane iskre etc. die beste und 
sicherste Erklärung des Namens Gorski Vijenac geben, und darin auch ein 



302 Kritischer Anzeiger. 

fester Anhaltspunkt gegeben wird, was der Vladika mit seinem Gedicht eigent- 
lich bezweckte. Trotzdem Herrn P. diese älteren Phasen in der Benennung 
des G. V. bekannt waren, will er doch den Namen »Gorski Vi jenac« noch 
immer als einen Kranz, d. i. Sammlung von Liedern über die Befreiung Mon- 
tenegros erklären; er sagt: »Wie Homer in der Ilias einen Cyklus von Volks- 
liedern über den trojanischen Krieg gegeben, so hat Negos im Vijenac einen 
Cyklus von Liedern über die Befreiung Montenegros gegeben. Negos hat 
diese Lieder auf künstlerische Weise gesammelt und vereinigt. Er hat sie 
zu einem Kranze geflochten, zu einem montenegrinischen Kranz, zu einem 
Kranze der Ueberlieferungen Montenegros, zu einem eigentlichen und wahr- 
haften Bergkranze (S. 41. 42)«. Ich überlasse es dem Urtheil der Kenner 
des Gedichtes, zu entscheiden, welche Deutung des Namens der Auffassung 
des Dichters selbst näher kommt. 

Viel wichtiger und verwickelter ist die mit einer richtigen Deutung des 
Namens »Gorski Vijenac« im engsten Zusammenhange stehende Frage über 
den eigentlichen Gegenstand und Zweck des Gedichtes, sowie diejenige über 
die Art und Weise, wie der Dichter sein Vorhaben ausgeführt hat. Was ich 
jetzt als den eigentlichen Gegenstand und Hauptzweck des G. V. ansehe, 
habe ich in der oben citirten Stelle aus der Ausgabe vom J. 1892 erwähnt; 
dort sagte ich ferner: »Seine Absicht hat der Dichter auf ungewöhnliche 
Weise ausgeführt: er hat weder ein episches Gedicht noch ein Drama ver- 
fasst, vielmehr das Ereigniss, welches den Gegenstand seines Gedichtes bil- 
den sollte, in mehreren Bildern dargestellt, welchem er die äussere drama- 
tische, d. i. die dialogische Form gab, dazwischen aber hat er noch andere 
Bilder eingeschoben, die mit der Haupthandlung in keinem inneren Zusam- 
menhange stehen, sondern verschiedene Momente aus dem Leben der Monte- 
negriner darstellen; diesem epischen Elemente in der äusseren dramatischen 
Form hat er zuletzt (in den Reden des Vladika Danilo und des Iguman 
Stefan) auch lyrische Partien hinzugefügt, in welchen er sein eigenes Denken 
und Fühlen zum Ausdrucke bringt«. Ich glaube, an dieser Auffassung des 
Gegenstandes und der Komposition des G.V. noch immer festhalten zu müs- 
sen, umsomehr als ich sehe, dass P. am Schlüsse seiner diesbezüglichen sehr 
umfangreichen Erörterung endlich und letztlich zu einem mit meiner Auf- 
fassung ziemlich übereinstimmenden Resultate gelangt. Allerdings wendet 
sich P. zuerst ganz entschieden gegen meine Auffassung, und zwar merk- 
würdigerweise nicht gegen meine neuere — und wie ich glaube bessere — 
Auffassung, die ich soeben nach der Ausgabe vom J. 1892 wiedergegeben 
habe, sondern gegen meine ältere in der Ausgabe vom J. 1890 niedergelegte. 
In dieser letzteren hatte ich wohl gesagt: »Mit Rücksicht auf den Inhalt des 
G.V. kann man nicht sagen, dass in demselben eine Einheitlichkeit vorhanden 
sei. Die Ausrottung der Mohammedaner zieht sich vom Anfange bis zum 
Ende des Gedichtes wie ein rother Faden, der bald mehr bald weniger zum 
Vorschein tritt .... Die Ausrottung der Mohammedaner hält zur Noth viele 
Sachen zusammen, die mit derselben in fast keinem oder nur geringem Zu- 
sammenhange stehen . . .«, worauf ich die schon erwähnte Ansicht vorbrachte, 
dass der G.V. eigentlich eine Reihe von Bildern aus dem Leben der Helden 



P. Popovic, gorskom vijencu, angez. von Resetar. 303 

aus den Bergen Montenegros sei. Diese nun von mir fallen gelassene Ansicht 
wurde von P. als Ausgangspunkt seiner Erörterung genommen. Hätte er dies 
nur deswegen gethan, um an meine ältere Auffassung von Gegenstand und 
Zweck des G.V. zu erinnern, so könnte man nichts dagegen einwenden ; aber er 
begnügt sich nicht damit, vielmehr tritt er auf vollen 57, sage siebenund- 
fünfzig Seiten (S. 42 — 99) seines Buches gegen diese (von mir fallen gelas- 
sene!!) Ansicht, wobei er mit dem Satz anfängt: »Dies (nämlich die Aus- 
rottung der Mohammedaner) ist der Haupt-, Grund- und einzige Gegenstand 
des Gedichtes. Alles, was in dem Gedichte enthalten ist, hat den Zweck, 
diesen Gegenstand hervorzukehren, in dem ganzen Gedicht wird die Ein- 
heitlichkeit des Gegenstandes bewahrt«, und mit den Worten schliesst: 
»Das Ganze zusammenfassend, haben wir also den ganzen Vijenac — Scenen, 
Episoden, Digressionen und Details — durchgenommen, und dabei gefunden, 
dass Negos überall denselben Gegenstand darstellt und dessen Einheitlich- 
keit bewahrt hat, nirgends aber, dass Herr Resetar Recht hat«. Ich will ganz 
davon absehen, dass es den Principien einer wissenschaftlichen Kritik gar 
nicht entspricht, eine von einem Forscher fallen gelassene und durch eine 
neuere ersetzte Ansicht in so ausführlicher Weise zu bekämpfen, doch könnte 
man dies specieil in diesem Falle insofern entschuldigen, als ich thatsächlich 
auch in meiner zweiten Ausgabe des G.V. daran festhalte, dass der Dichter 
neben der Ausrottung der Mohammedaner auch das Volksleben in Mon- 
tenegro darstellen wollte. Was aber schier unverständlich ist, ist der weitere 
Umstand, dass P. nach Abschluss dieser langen Erörterung noch einmal auf den 
Gegenstand mit den Worten zurückkommt: »Doch wir wollen die Sache auf 
ihr richtiges Mass zurückführen. Herr Resetar hat trotz Allem, was wir bis 
jetzt gesagt haben, in einer Beziehung Recht iS. 99)«, nämlich: »Alles dies .... 
zeigt uns, dass Negos im Vijenac zwei Tendenzen hatte. Er wollte sowohl das 
Ereigniss (d.h. die Ausrottung der Mohammedaner) als auch das Volk darstellen 
und hat Beides erreicht. Welcher von diesen beiden Zwecken sein Hauptzweck 
war; hatte er beide vor Augen, als er sich ans Werk setzte, oder verfolgte 
er gleich im Anfang nur einen, während der andere erst im Laufe der Aus- 
arbeitung hinzutrat, — das wissen wir nicht; aber was wir wissen und mit 
Zuversicht behaupten können, und zwar als das letzte Wort in dieser Frage, 
ist, dass Negos dadurch zwei Konceptionen von dem Inhalte und dem Zwecke 
seines Gedichtes an den Tag gelegt hat (S. 111)«. Also wenige Seiten nach- 
dem P. so ausführlich und so heiss die Einheitlichkeit in dem Gegenstande 
des G.V. vertheidigt hatte und den Beweis zu führen suchte, dass die Aus- 
rottung der Mohammedaner der einzige Gegenstand des G.V. sei und dass 
in allen Scenen, Episoden, Digressionen und Details nur dieser eine Haupt- 
und Grundgegenstand dargestellt werde, — wenige Seiten später weiss er 
nicht mehr, ob die Ausrottung der Mohammedaner oder die Darstellung des 
Volkslebens der eigentliche Hauptgegenstand sei, ja er weiss nicht einmal, 
ob die erstere nicht vielleicht erst Im Laufe der Ausarbeitung als zweiter 
Gegenstand hinzugetreten sei, er weiss nur, dass Negos im G.V. »zwei Kon- 
ceptionen vom Inhalt und Zwecke seines Gedichtes an den Tag gelegt habe« ! 
Ich glaube, es genügt diesen unlöslichen Widerspruch zu konstatiren: die 



304 Kritischer Anzeiger. 

nothwendigen Schlussfolgeiungen ergeben sich von selbst. Ich verzichte 
darauf, noch weitere Punkte aus dem Buche P.'s hervorzuheben, in Bezug 
auf welche ich mit ihm nicht übereinstimmen kann, da dann diese kurze 
Notiz nothwendigerweise den Charakter einer zum Theil auch subjektiven 
Polemik annehmen müsste; es genügt mir, gezeigt zu haben, dass P.'s mit 
feinem literarischen Geschmack und Verständniss geschriebenes Buch auch 
solche Partien enthält, die (vielleicht in Eile geschrieben) absolut nicht zu 
vertheidigen sind. M. Jtesetar. 



De Stephan! Despotae quae feruntur scriptis commentatio philolo- 
gica, quam in honorem viri maxime reverendi Vladislai Nehring . . 
.... scripsit Rudolphus Abicht .... Lipsiae apud Raimundum Ger- 
hard. A. A. MDCCCC">^ P. 34. 

Aus einem unsicheren Material ist es, selbst bei grösstem Scharfsinn, 
sehr schwer etwas Sicheres herauszubringen. Das zeigt sehr deutlich auch 
die vorliegende Abhandlung; denn die Prophezeiungen des Despoten 
Stefan Lazarevic sind solch ein unsicheres Material. Man kann unbedingt in 
dieser Schrift einen historischen Kern finden, man kann auch manche Allusion 
ganz richtig deuten und commentiren, aber es ist gerade so ohne Zweifel so 
manches darin, was man niemals in's wahre Licht wird bringen können. Sind 
wir doch ungenügend und oberflächlich unterrichtet selbst über die politi- 
schen Verhältnisse jener Zeit, die Kulturzustände aber sind noch viel weniger 
bekannt; so auch die Persönlichkeiten jener vielbewegten Zeit. Es war viel- 
leicht gerade deshalb für den Verfasser der vorliegenden Abhandlung ver- 
lockend, das dunkle und unerforschte Gebiet zu betreten. Die Abhandlung 
ist auch, trotz aller Mängel, ein werthvoller Beitrag zur alt-serbischen Lite- 
raturgeschichte. 

Der bekannte Biograph des Despoten Stefan Lazarevic, Konstantin der 
Philosoph, hebt in seinem Werke viele Tugenden seines Gönners hervor, 
spricht aber nicht, dass Stefan auch schriftstellerisch thätig gewesen wäre. 
Dennoch ist es ohne Zweifel, dass Stefan als Verfasser zweier Schriften an- 
zunehmen ist. Die eine ist Cjiobo jhdölbc, ein Lobgedicht an die Liebe, welches, 
nach der Meinung des Herrn Abicht, während Stefan's Abwesenheit aus 
Serbien im J. 1402 geschrieben und an Konstantin gerichtet sein soll, was 
sehr wahrscheinlich zu sein scheint. Der Verfasser hat das Gedicht in's La- 
teinische übersetzt und trefflich commentirt. 

Die zweite Schrift des Despoten ist das IIpopoiacTBHe, eine Art Prophe- 
zeiung, nach byzantinischem Muster verfasst. Dieses Werk Stefan's ist aus 
verschiedenen historischen Allusionen und Andeutungen zusammengestellt, 
aber das ganze ist so dunkel, dass es unmöglich ist, nur mit einer Wahr- 
scheinliclikeit etwas Sicheres herauszubringen. Herr Abicht hat in seiner 
Abhandlung den Versuch gemacht, in jedem Satze der Prophezeiung Stefan's 
einen historischen Kern zu suchen; das ist jedenfalls lobenswerth; wenn 
aber Herr Abicht übetzeugt ist, in jedem Satze der Schrift Stephan's einen 



Abieht, De Stephani despotae scriptis, angez. von Stanojevic. 305 

historischen Sinn und Kern gefunden zuhaben, so muss ich schon gestehen, 
dass er mich dabei von der Richtigkeit seiner Ausführungen nicht nur nicht 
überzeugt hat, sondern dass ich, gerade im Gegentheil, überzeugt bin, dass 
sein Unternehmen in dieser Hinsicht gescheitert ist. Nach seiner Auseinander- 
setzung wäre der Inhalt der ganzen Schrift folgender: Inscriptio, Praefatio; 
I: Elisabetha, Maria; II: Joannes Hus et Hieronymus; III: Bajazidus et 
Timur, Uros et Hadschi Ilbegi; IV: Prologus, Vukasin, Restauratio Serbiae, 
Lazarus et Stephanus, dies novissimi, Vulcus, Peroratio. 

Um das alles zu beweisen, hat der Verfasser seiner Uebersetzung einen 
ausführlichen Kommentar zugefügt. Es ist auch in diesem Kommentar so 
manches richtige und wahrscheinliche gesagt und augedeutet, aber auch 
vieles unrichtig und unkritisch auseinandergesetzt. Es mangelten vor allem 
dem Verfasser die eingehenden Kenntnisse der serbischen Geschichte. Dass 
der Verfasser den Fürsten Lazar Grebljanovid nennt, wäre kein unver- 
zeihlicher Fehler, aber dass er mit den neueren Resultaten der serbischen 
Geschichtsforschung so wenig vertraut ist, um behaupten zu können, »anno 
1367™o Urosus V. a Vukasino interfectus est, qui, per annos quinque (1367 — 
1372) Serborum dominium, facinore arreptum tenuit« (P. 24) — ist, zum 
mindesten, sehr sonderbar, da ja schon längst bekannt ist, und das müsste 
Jedem, der etwas über die serbische Geschichte schreibt, wohlbekannt sein, 
dass Uros eines natürlichen Todes, und zwar nach Vukasin (+ 26. Sept. 
1371) starb (2. Dec. 1371). Deswegen ist der Kommentar zu den Worten »u 
oyaaBHT ce BejiHKH acapeöaut. H no tom npouae niima lacTpeöB sa ccähtb aa ra 
ÖJKÄeTB . . . .« — »Equo magno i. e. Uroso V., interfecto, avis rapax, acci- 

piter, nimirum Vukasinus vineam sc. Serbiam tuetur« (P. 25) ganz 

falsch. Geradeso ist auch der Kommentar zu der angeblichen Andeutung 
an die nie stattgefundene Schlacht an der Marica im J. 1364, selbstverständ- 
lich ganz unnütz (P. 22). Der Verfasser scheint auch nicht im Klaren gewesen 
zu sein, dass sich die Worte: CaspraaioinToy ce .n.-inoy iHÄHKioy, h na^iHHaioinToy 
ce .e.-Moy . . . .« (Starine 4, 83) auf August — September 1385 (oder 1400 
oder 1415) beziehen. 

Zuletzt sei es noch erwähnt, dass der Verfasser meint, »vaticinium no- 
strum haut ita multo post annum 1410-mum scriptum esse« (P. 28). Nach 
meinem Dafürhalten ist das unrichtig. Wenn der »oyöoacaHmu Iwant«, der 
von sich sagt: »HeKorAa 6exi. noyaapt, ir npouÄOxi. jia, 6.iH)Äoy BHHorpaÄ .ji. u .s. 
jiGTh laKMo« wirklich Stefan selbst ist, wie es der Verfasser annimmt (S. 27), 
so hätten wir das Jahr 1425 (1389 + 36). Nach meinem Dafürhalten aber ist 
dennoch das Vaticinium i. J. 1415 verfasst, denn Stefan sagt am Ende 
seiner Schrift: «H xpicxTaHCKa «eija aa ne öame loraa öHJia Ba laa BpeueHa, sa 
BpeMe ace who cesMopu^Ho h ceaaMB THcymiHO, w rope seuji Toraa wtb CKpÖH 
ÖHBaeMHXB, erAa na^iHoyTB BpmnTH ce OHaa .n. h .ä- jeia HanoKOHHinnia (Sta- 
rine 4, 85), folglich: 7007—84 = 6923—5508 = 1416. 

B e 1 g r a d , 2. XII. 1901. St. Stanojevic. 



Archiv für slavische Pliilologie. XXIV. 20 



306 Kritischer Anzeiger. 

1. B.^.rpHHTieHKo. Hs^ ycT'L HapoAa. Ma;iopyecKie pascKasBi, CKasKH 
H np. ^epHHroB^ 1900, Ißo, VIIL 488. (Als Beilage zu Nr. 12 des 

3eMCKiä eöopHHKT)). 

2. E./^.rpHH^BHKO. JlHTepaTypayKpaHHeKaro*OJiLKJiopal777 — 1900. 
OnBiTt ÖHÖjriorpa^iraecKaro yKasaTejH. ^epHHroBi 1900, 16^, 1. 317. 1. 

(Als Beilage Nr. 5 zum BeMCKiS cöopHHKx). 

Die unter Nr. 1 angeführte Schrift des Herrn Grincenko (Hrincenko) ist 
ein unter besonderem Titel erschienenes Heft (viertes) seiner grossen Arbeit, 
die sich betitelt: »3THorpa*iiiecKie Maieplajn.!, coöpaHHtie bx ^epHuroBCKoä h 
cocianuxT. ex Heio ryöepHiflxrb«. Die ersten zwei Hefte wurden bereits im 
Archiv XXI. 263 u. 273 kurz besprochen und mit parallelen Nachweisen ver- 
sehen. Das neue Heft ist nach demselben Plane eingerichtet, es enthält 369 
Nummern von Erzählungen und anderen Aufzeichnungen (S. 1 — 420); An- 
merkungen oder Parallelen dazu auf S. 420 — 454, endlich ein Inhaltsverzeich- 
niss (S.455 — 488). Ich will nur kurz die vom Herausgeber beobachtete Grup- 
pirung seines Stoffes erwähnen : I. Vorstellungen und Erzählungen über die 
Naturerscheinungen und Erfindungen, IL Wahrsagungen und Aberglauben, 
III. Zauberei und Zaubersprüche u. s.w., IV. Von den übernatürlichen Wesen, 
V. Von den Todten, VI. Von den mit wunderbarer Kraft ausgestatteten Men- 
schen, VII. Von den vergrabenen Schätzen, VIIL Nr. 215 — 233 ohne Ueber- 
schrift, hier kommen u. a. Texte mit folgenden Titeln vor: Kain's Frau; 
Mensch bei Gott; Gott weiss besser, was wir brauchen; Mittwoch und Frei- 
tag; Ueber Jerusalem; Die Mönche und der Schatz; Wo gibt es mehr Fest- 
tage; Ein nichtschriftgelehrter Pope; Zwei Predigten ; Eine ungewöhnliche 
Hausfrau; Das jüngste Gericht, u. a., IX. Ueber die Erscheinungen aus dem 
Familien- und Gesellschaftsleben, X. üeberlieferungen über einzelne Per- 
sonen und politische Begebenheiten, XI. Üeberlieferungen betreffs einzelner 
Orte, XII— XIII. Phantastische Märchen, Wortspielerei, Witze (hier sind auch 
Sprüche enthalten). Folgen noch nachträgliche Zusätze zu den einzelnen 
Rubriken, endlich (S.402) »Geschichte von einem weisen Knaben« (nach einer 
Niederschrift aus dem Anfang des XIX. Jahrh.) und noch einige Texte aus 
derselben Handschrift (vom Kaiser Filimen, das Wunder des heil. Nicolaus, 
u. a.). Die Erzählung vom Filimen ist der aus den grossrussischen Märchen 
in die kleinrussischen herübergenommene Stoff, bekannt durch das Märchen 
vom hochmüthigen Kaiser Aggeus, das in der grossruss. Märchenliteratur 
weit verbreitet ist (vergl. Afanasjev CKasKH^ Nr. 214 c, 3xh. 06. XXII. 126 u. a.). 
Schon die Sprache macht diesen Uebergang aus dem Grossrussischen ins Klein- 
russische wahrscheinlich. Aehnlicher Ursprung ist anzunehmen auch beim 
Wunder vom heil. Nicolaus, bei der Erzählung vom Ritter und dem Tod, wo 
nur eine Variante zum Kaiser Anika und dem Tode (vergl. Zdanov, Kx .lUTep. 
HCTopiH öbiJieBoä no33iH. KieBX 1881, S. 211) vorliegt. 

Die vom Herausgeber aufgestellten Rubriken erschöpfen bei weitem 
nicht den ganzen Inhalt des von ihm gesammelten Materials an Erzählungen 
und Volksglauben. Auch die beigefügten Parallelen können nicht auf Voll- 



Hrincenko, zwei Werke des kleinruss. Folklors, angez. von Speranskij. 307 

ständigkeit Anspruch erheben. Augenscheinlich wollte er den Kreis der 
kleinrussischen üeberlieferungen nicht überschreiten, während doch viele 
von den von ihm gesammelten Erzählungen einen grossen Umfang an Pa- 
rallelen nicht nur innerhalb der russischen und slavischen, sondern auch der 
allgemeinen Volksliteratur aufweisen können. Doch auch die von dem Verf. 
beobachtete Einschränkung hat ihre Bedeutung, sie zeigt die Verbreitung 
einzelner Motive. Die darüber hinausgehenden Parallelen, die er hier und 
dort angibt, tragen den Charakter des Zufälligen an sich. Schade auch, dass 
auf die alte Literatur keine Rücksicht genommen wurde, die, wie bekannt, 
genug Material für die Vergleichung mit den modernen Volkserzählungen 
oder Legenden bietet. Erschöpfend hätte diese Seite allerdings noch nicht 
behandelt werden können, allein einzelne Hinweise auf die Motive, deren Ur- 
sprung schon feststeht, wären doch sehr willkommen gewesen. Z. B. in der 
Erzählung Nr. 215 (von der Frau Kain's) bietet sich bei der Erwähnung des 
Gottes Ba.ioctKo von selbst die Vergleichung mit der bekannten Stelle der 
russischen Chronik an; oder unter Nr. 225 (der Streit mit dem Juden über 
die Festtage) wird man an die populäre »Rede von dem jüdischen und christ- 
lichen Glauben« (vergl. Tichonravov's JliTonucu III, ot^. II, cxp. 70, 1861) 
erinnert. 

Die Sammlung Hrincenko's nimmt durch ihren Reichthum und ihre 
Mannichfaltigkeit in den neueren ethnographischen Publicationen eine her- 
vorragende Stelle ein. Diese wird noch dadurch erhöht, dass er nach dem 
Vorgange Rudcenko's, Nomis', Cubinskij's keinen Anstand nahm, für seine 
Publication aus den seltenen, nur Wenigen zugänglichen Büchern oder Aus- 
gaben, wie die ^epHiiroBCKia ryöepHCKia Bij,0M0CTu, das brauchbare Material 
wiederabzudrucken. 

Dem ukrainischen Folklor ist auch die unter 2 angeführte Schrift Hrin- 
cenko's gewidmet. Mag er auch selbst bescheiden auf die Unvollständigkeit 
seiner Zusammenstellung hinweisen — Ergänzungen sind in der That mög- 
lich, vergl. KicBCKaH ciapuHa 1902. III ein Beitrag Sugurovski's — wir müssen 
sein Werk als ein sehr schätzbares Hilfsmittel für jeden Ethnographen hin- 
stellen : es umfasst alles Wesentliche, mit dem ukrainischen Folklor in Zu- 
sammenhang Stehende: I. Aufzeichnungen des folkloristischen Materials, 
II. Producte der schönen Literatur, die sich mit der Bearbeitung der Stoffe 
des ukrainischen Folklors abgeben, III. Forschungen im Bereiche des 
Folklors, IV. Geschichte der Erforschung des ukrainischen Folklors. Inner- 
halb dieser Rubriken ist das Material chronologisch und unter demselben 
Jahre alphabetisch angeordnet, zum Schluss folgt ein gut gemachtes Ver- 
zeichniss. Auch hier , wie in der Ausgabe Nr. 1 , fehlen Hinweise auf die 
Werke, die die folkloristischen Fragen geschichtlich behandeln. Das hängt 
mit der Auffassung des Verfassers, beim Folklor als der modernen Volks- 
literatur zu verbleiben, zusammen. Darum werden z. B. nicht alle Werke 
Dr. I. Franko's citirt. M. Speranskij. 



20* 



308 Kritischer Anzeiger. 

a) E. CnpocTpaHOB'B. Onnct iia pÄKonncHTi bt. ÖHÖjrioxeKaTa npn ct. 
Chhoäi» Ha ExjrrapcKaxa i;T>pKBa Bt Co^hä. Co*Hii 1900, S^, 234. 

b) Äi. CxojaHOBHli. KaTajior pyKonnca h cxapnx inxaMnaHHx KH>Hra. 

SÖHpKa CpncKe Kpa&eBCKe aKaAeMHJe. Eeorpa^x 1901, 8*^,267. 

Die Publikation der Beschreibungen oder Kataloge handschriftlicher 
Schätze ist am weitesten vorgeschritten in Russland. Beschreibungen, mehr 
oder minder ausführliche, zuweilen erschöpfende, von slavischen Handschriften 
verschiedener Bibliotheken Russlands stehen uns jetzt schon in grosser Zahl 
zur Verfügung. Dieses für die Beschäftigung mit den Denkmälern des slavi- 
schen Schriftthums so unentbehrliche Hilfsmittel ging uns bis vor kurzem 
betreffs der ausserhalb Russlands befindlichen slavischen Handschriften bei- 
nahe gänzlich ab. Daraus entstanden nicht geringe Schwierigkeiten für die 
Gelehrten, einheimischen und zugereisten, deren Aufgaben auf die Benutzung 
jener Sammlungen angewiesen waren. Unsere ganze Kenntniss von den reichen 
Sammlungen slavischer Handschriften zu Wien, Agram, Belgrad, Sofia, Phi- 
lippopel, in den Athos-Klöstern u. s. w. bestand hauptsächlich in der Beschrei- 
bung oder Erforschung einzelner Handschriften, seltener in kurzen, nicht 
immer genauen Katalogen (solche gab es in handschriftlicher P^orm bei den 
Bibliotheken in Wien, Belgrad, Sofia). Dieser Mangel an ausreichenden Hilfs- 
mitteln, der alle Forschungen und Studien erschwerte, war für jeden Gelehrten, 
der sich dem Studium der altslavischen Literatur widmete, sehr fühlbar; mit 
grosser Mühe und viel Zeitverlust musste man sich Notizen über einzelne 
Handschriften aus weit zerstreuten, in allen möglichen slavischen und nicht- 
slavischen Sprachen gedruckten, schwer zugänglichen kleinen Zeitschriften 
zusammentragen. Die Unentbehrlichkeit, wenn auch kurzer, aber genauer, 
gedruckter Handschriftenkataloge steht ausser Frage. Bis zur letzten Zeit 
gab es nur wenige Beschreibungen west- und südslavischer Handschriften- 
sammlungen. Wir erwähnen P. Martynov's Beschreibung der slav. Hand- 
schriften in Paris (Les manuscrits slaves de la bibliotheque Imperiale de Paris 
1858), unsere eigene der slav. Handschriften Prags (PyKonuca ü. I. nia*apuKa 
MocKBa 1894), welcher eine kurze, ungenaue, Jos. Jirecek's vorausging (Cata- 
logus librorum — Pauli Jos. Safarik, Wien 1862, auf S. 108—113) i). Erst in 
allerletzter Zeit fängt man an diese Lücke auszufüllen, und es thut wohl, dar- 
auf hinweisen zu können, dass jetzt schon die einheimischen Gelehrten selbst 
sich anheischig machen, das Versäumte nachzuholen, d. h. die wissenschaft- 
liche Welt mit den Bücher- und Handschriftenschätzen ihrer Bibliotheken, 
Sammlungen u. s. w, bekannt zu machen. Unlängst erschien eine kurze Be- 
schreibung von dem Athos-Mönch (einem geborenen Böhmen) Sava Chi- 
landarec: Knihopisy a starotisky Chilandarske, Praha 1890 (vergl. BusaHx. 



1) Im Jahre 1882 gab Prof. Voskresenskij die Beschreibung einer Aus- 
wahl von slav. Handschriften der Bibliotheken in Berlin, Prag, Wien, Laibach, 
Agram und Belgrad heraus (im 31. Band des akad. CöopHUKt StPtbg.) für 
Athos war man neben Grigorovic auf die Beschreibung Petkovic's (1865 in 
StPtbg.) angewiesen. 



Sprostranov und Stojanovic, Bibliographien, angez. von Speranskij. 309 

BpeMeHHaK-B, 1897, IV. S. 296 eine Besprechung von P. A. Lavrov). Darauf 
folgte die Beschreibung der Handschriften der Natioualbibliothek von Sofia, 
verfasst vom verstorbenen Prof. Sv. Vulovid aus Belgrad (erschienen in Cao- 
MCHMK cpncKe Kpa.i. aKaÄeMHJe XXXVII, Äpym paspes 33). Hieher gehören auch 
die zwei oben angeführten Publikationen. Die erste betrifft eine nicht sehr 
grosse Sammlung — etwa 150 Handschriften und alte Drucke — der Bibliothek 
des heil. Synods in Sofia, in welcher die Schätze verschiedener Kirchen und 
Klöster Bulgariens, im Auftrag des heil. Synods concentrirt sind (vergl. die 
Vorrede, S. 3). Diese ganz vernünftige Vereinigung begann vor wenigen Jahren 
sich zu vollziehen und wird noch fortgesetzt (ib. S. 4) . Nicht ohne Interesse 
ist die Thatsache, dass unter der Gesammtzahl von 156 Handschriften und 
alten Drucken (eigentlich 136 Handschriften und alten Drucken und 20 Frag- 
menten) die grösste Mehrheit, nämlich 107, der serbischen Redaktion ange- 
hört, bulgarischer Redaktion sind 28, nicht gering im VerhältnisszurGesammt- 
heit ist die Zahl der russischen Handschriften — 19 ; endlich gibt es auch zwei 
in griech. Sprache. Diese Zahlen sind bezeichnend für die Veranschaulichung 
der einst bestandenen Beziehungen zwischen den drei Literaturen im Bereich 
Bulgariens. Die Handschriften sind, nach derBeschreibung und den Auszügen 
zu urtheilen, überhaupt nicht alt. Daraus erklärt sich auch die verhältniss- 
mässig bedeutende Anzahl von russischen Handschriften mitten unter den 
serbischen und bulgarischen. Das waren die Jahrhunderte XVI — XVIII, die 
Zeit der Beeinflussung des südslavischen Schriftthums, zumal des bulgarischen, 
seitens Russlands (vergl. H. ^. IIlHiuMaHOBi> in H. B. üfhil: A. C. IlyniKiiHi, 
Bt H);KHocjiaB. jiHTep., S. 4 — b]. Unter den bulgarischen Handschriften lenken 
Nr. 131 — 134 die Aufmerksamkeit auf sich, die sogenannten »Damascenen«, 
typisch für die Anfänge der neubulgarischen Literatur. Der Herausgeber gab 
eine genaue Beschreibung derselben, vervollständigend und ergänzend das, 
was schon vor ihm andere zur Charakteristik dieser Denkmäler als Quellen 
der neubulgarischen Sprache beigetragen haben (vergl. Lavrov's Abhandlung 
»^aMacKHHT. CryaHT-B h cöopHHKU ero hmchh ilaMacKHHH bt. »rocjias. nuctMCH- 
HOCTU, erschienen in JliTonHCi. HCTop. *HjI0.3. o6m. ups HOBopocc. yEHBepcHieii 
VII, 306 — 8). Einer von diesen Damascenen (Nr. 134) ist serbischer, die übrigen 
bulgarischer Redaction. In der Beschreibung der Handschriften befolgt der 
Verfasser, in einem Punkt wenigstens, nicht die üblichen Grundsätze. Denn 
während er das Format, die Zahl der Blätter und Zeilen, die Grösse des Blat- 
tes, derColumne und der Buchstaben, die Qualität der Schrift und die Redac- 
tion des Textes immer angibt, übersieht er das Alter der Handschrift, das aus 
der Angabe der Schrift (Uncial, Halbcursiv u. s. w.) noch nicht mit Sicherheit 
abzuleiten ist. Sonst ist er in seinen Beschreibungen, wie es den Anschein 
hat, sehr genau, erwähnt alle zufälligen Zusätze, wenn sie zur Bestimmung 
der Handschriften etwas beitragen, gibt hie und da kleine Textproben (vergl. 
bei Nr. 15, 19, 35, 38, 40, HO, 123, 126 u. s.w.). Unter Nr. 15, 19, 35, 38 sind 
Evangelientexte, unter Nr. 43 Psalmentexte, unter Nr. 110 eine Erzählung aus 
dem Lesemenäum für November, unter Nr. 123 apokryphe Namen der Mutter 
Gottes, unter Nr. 126 apokryphe Gebete enthaltend. Diese Beiträge erhöhen 
wesentlich den Werth dieser Publikation für jeden Forscher der altkirchen- 



310 Kritischer Anzeiger. 

slav. Literatur. Man vermisst nur einen Index. Die Hinweise auf die ein- 
schlägige wiss. Literatur scheinen nicht beabsichtigt gewesen zu sein (vergl. 
P. A. Lavrov's Recension dieses Buches im russ. Journ. der Ministerien der 
Aufklärung für 1901. VIII. 476 flf.). 

Prof. Stojanovic liefert sub b) die Beschreibung der Handschriften der 
serb. Akademie der Wissenschaften zu Belgrad. Dieser Beschreibung gehen 
Indices aller Art nicht ab, vielmehr ist sie reichlich mit ihnen versehen, ge- 
rade so wie die Hinweise auf die Parallelen anderer wiss. Publikationen mit 
Sachkenntniss gegeben sind, die Bestimmung der Zeit oder des Jahrb. fehlt 
auch nicht. Der Verfasser, der selbst im Bereich der Handschriftenliteratur 
grosse Erfahrungen hat, liefert überall eine gedrängte, wissenschaftlich be- 
gründete Beschreibung, von Textproben nimmt er bis auf wenige älteste Evan- 
gelientexte (vergl. S. 5, 6, 7, 10, 12) Abstand. Seine Beschreibung beweist, 
dass die akademische llandschriftensammlung in Belgrad reich genug ist: 312 
Handschriften und alte Drucke, darunter 290 slavische (darunter 2 böhmische, 
15 russischslavische, 10 bulgarische, die übrigen alle serbisch). Auch dem 
Alter nach gilt dieser Sammlung vor jener von Sofia der Vorzug: die ältesten 
Handschriften der serb. Akademie reichen bis ins XIII. Jalirh. zurück (Nr. 2. 
102). Wir hätten eine kurze Entstehungsgeschichte dieser Sammlung sehr 
gewünscht. 

Man hat also jetzt schon einige Inventare der südslavischen Bibliotheken, 
in Bezug auf ihre Handschriften und alte Drucke. Hoffentlich werden die 
übrigen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Vor allem dürfen wir viel- 
leicht von Prof. Stojanoviö selbst eine Beschreibung der reichsten Sammlung 
bei den Südslaven, derjenigen der Belgrader Nationalbibliothek, erwarten. 
Weiter wäre die Beschreibung der Handschriften der südslavischen Akademie 
in Agram, der Gesellschaft Khhjkobho ÄpyjKecxBO in Sofia, der Bibliothek in 
Plovdiv an der Reihe. Auch eine nochmalige Umschau über die Handschriften 
der Klöster in Athos und Fruska Gora, über die Schätze der Karlowitzer Bib- 
liothek, des Klosters von Ryla u. s. w. erwartet man mit Sehnsucht *). 

M. Speranskij. 

1) Ich mache noch auf die von M. Vukiöevid in dem Sarajever »Glasnik 
zemaljskog muzeja« 1901, B.XIII, S.31 — 70,289—350 gegebene Beschreibung 
einiger in Bosnien befindlichen Handschriften (Hs cxapiix cpöy.i.a) aufmerksam 
(aus Sarajevo, Zitomisljiö, Dreifaltigkeits-Kloster bei Plevlje an derBreznica 
mit 63 Handschriften, Cajnice,Gorazde,Fojnica); ferner erschien im Belgrader 
akademischen »CnoMciiiiK« XXXVIII (EeorpaÄ 1901) vom Bischof Nikanor 
Ruzici<5 eine kurze, nicht erschöpfende Beschreibung: »Crapu cpncKu pyKo- 
HHCH y Kibii^iiimu jyrocjOBCHCKe aKaÄeaiiijc y Sarpeöy« S. 129 — 147. V. J. 



Kleine Mittheilungen. 



Zur Wiederherstellung einiger unleserlicher Stellen in der 
Handschrift »Sbornik Svjatoslav'a« vom Jahre 1076. 

Der drittälteste russische Codex vom Jahre 1076 wurde von Herrn Si- 
manovskij als Beilage zu seiner Dissertation »Kx HciopiM ÄpeBHe-pyccKHXt 
roBopoBT.« (Warschau 1887) herausgegeben. Doch war diese Ausgabe nach 
allen Seiten hin höchst unbefriedigend. Ihre verschiedenartigen Mängel und 
Fehler sind in mehreren Recensionen von Proflf. Sobolevskij, Smirnov, Jagic- 
Simoni aufgedeckt worden. Die Polemik, die daraufhin entbrannte, ist von 
mir geschildert in meinem neuen Buche »HcTopia uayvianiii CBHiocaaBona Cöop- 
HHKa 1076 r.« Kazan 1902. Wie man aus der ausführlichsten und vollständig- 
sten von allen diesen Recensionen, nämlich derjenigen von Jagic-Simoni 
(Archiv für slavische Philologie 1888, Bd. XI) sehen kann, hat Simanovskij 
nicht bloss die deutlichen Stellen im Codex falsch gelesen, sondern auch 
manche Columnen nicht einmal zu entziffern vermocht. Solche Stellen hatte 
er ganz ausgelassen und nur durch Punkte angedeutet. In diesen Fällen kam 
ihm gewöhnlich Ilr. Simoni in seiner Recension zur Hilfe. Trotzdem dass die 
Correcturen Simoni's sich als richtig und stichhaltig erweisen, hat sie Sima- 
novskij leider nicht alle in seine zweite Ausgabe des Codex (Warschau 1894) 
aufgenommen. Einige Stellen, die bei -Siraanovskij ganz fehlen, hat Simoni 
glücklich wiederhergestellt, doch nicht alle. So z. B. auf S. 157 b hat Simoni 
nur Zeilen 8 und 11, theilweise Z. 12 und ein Wort von Z. 4 entziffert. Die 
Seiten 163a, 163b, 164b, 166a u. a. sind nicht ganz ausgefüllt worden. 

Bei meinem mehrjährigen Studium des Codex 1076 gelang es mir auch 
für diese wirklich schwer lesbaren Seiten etwas herauszubringen. Meine 
Lesarten theile ich im Folgenden mit. Ich citire die zweite Ausgabe von 
äimanovskij. Die Lesarten von Simanovskij und Simoni sind gesperrt. 
Alles üebrige gehört mir. 

157b: 

1. K> nplinpoBa^KAH- h habko 

3. J\,(lUti- 

4. KoAk BfAHK'k (l6CH?) .... 



312 Kleine Mittheilungen. 

5. (tOAHKO CMHp<fiH C/Ä H np« ?) 

6. js^i%, r,\,iiiii OKp/S\(ip«mH KAa?) 

7. roA'tTk 

8. Gut MbTH ra H K'KSA'i 
9 

10 

11. BfAHH/ÄiaH CA CßOtM» 31». 

12. A0B0;R CkCRE 

13. ... /Ä 

163a: 

1. /i,AaH. 

2. He cKapH CA (ck?) coya^Ii^)»* no 

3. (paCC>Y>KA6HIK>?) KO CO\'AATk I€M8- 

4. 3BaHHH CHAkHklHYT».- 

5. IGr^a TA npH30ß«Th. (chak?) 

6. HWH TO (Hf?) (il)cTOY?)naH 

7. (h?) ler^A naMf npH30 

8. BfTk TA TO H6 (HanaA<iH ?) 

9. Ji,A [HC iÜpHHOBEH'K K01f;i,£ ?]UJH 

10. H H( CTaHH AaAtMf ^a 

11. Hf 3aB'KK«H'K KOYA^UJH 

12. Ht HAA(7KH paBkH'KIHMH 

13. CK HHMk H HC B'kpC\'H Mls. 

163b: 

1. HorkiMT». cACBfCknin». lero. 

2. MT».HC>(rOIO EO Keclv?)A<?i<> (hc?)kS 

3. CHTk TA (H raKO C)lUI't(A CAj H 

4. Cn'klTai€Tk TA .... CA BAK»/l,H H 

5. BI^HHMaH BtAklUIH »KO Cli 

6. (naAEHitlUI'K TBOHMT»,?] ^0 

7. ^HUJH :• ~ 

8. BioraT'kiH KO koa'Rkaa ca 

9. oyTBkpjKaieTk CA Apoyrki 

10. 0\-KOrklH 7K( Ckna^T»^ CA. 

11. ROpHnOBtHli KOYA^'Tk AP^ 

12. rki i€ro- 

13. BoraToy B'ksrAarOAaK'küj;*^. 



Kleine Mittheilungen. 3 13 

In der Collation*Simoni's war eine Lücke, die sich gerade von Bl. 161 
bis 188 erstreckte. Eine Sammlung meiner eigenen paläographischen Be- 
richtigungen zum Text der II. Ausgabe des Codex erscheint nächstens im 
»PyccKifi ^H.io.iorii'iecKiä BtcTHHKt«. 

Zum Schluss sei noch angeführt, wie ich mir die unbegreiflichen Formen 
B^3AK>KH C_^TBOpb {maaro (S. 160a, Z. 11 — 12) erkläre. Ursprüng- 
lich stand in dieser 11-ten Zeile ganz richtig ßT%3AK»BH CT^TBOPh .... 
Aber beim Zusammendrücken der Handschrift haben sich die entsprechenden 
Zeilen aufeinander liegender Seiten gegenseitig beschmiert, wobei der An- 
fang der Zeilen der linken Seite des Buches auf den Schluss der Zeilen der 
rechten Seite und der Schluss der Zeilen der linken Seite auf den Anfang 
der Zeilen der rechten Seite fielen. Diese Erscheinung kann man auf mehreren 
Seiten des Codex besonders zwischen den Zeilen beobachten. So ist, meiner 
Meinung nach, diese Zeile 11 der Seite 160a durch die Z. 11 der S. 159b be- 
schmiert worden und zwar der VI. Buchstabe T*. in CKTBOpK Z. 11, S. 160a 
nach dem gedruckten Exemplar (von Schluss der Zeile gerechnet) durch den 
VII. Buchstaben >K im Worte }K(HA Z. 11, S. 159 b (von Anfang der Zeile ge- 
rechnet) und Tjk in B^KSAIOBH (XIII. Buchstabe) durch B in ^UJEBkHa 
(XIV. Buchstabe). Die Richtigkeit dieser Voraussetzung wird auf das beste 
durch die Congruenz der beiden Seiten im Codex selbst bestätigt. Die durch 
Beschmierung entstandenen Ligaturen ('k4~^ = '*») 1^4-3 = ;^) machen 
wirklich den Eindruck von nasalem ä. 

K a z a n. Vladimir Bohrov, 



Weitere Spuren der glagolitischen Buchstaben in den 
cyrillischen Handschriften. 

In neuerer Zeit sind in verschiedenen cyrillischen Handschriften süd- 
slavischer (bulgarischer und serbischer) Provenienz an einzelnen Stellen gla- 
golitische Buchstaben gefunden worden. Die Tragweite dieser kleinen Funde 
lässt sich gegenwärtig noch nicht näher bestimmen. Gewiss wäre es übereilt, 
immer gleich an eine ganze glagolitische Vorlage des betreffenden cyrillischen 
Textes zu denken. Aber so viel steht immerhin fest, dass noch imXIV. Jahrh. 
bei den Bulgaren und Serben die glagolitische Schrift nicht ganz unbekannt 
war. Es wäre möglich und liegt so nahe zu glauben, dass diese Bekannt- 
schaft mit der glagolitischen Schrift aus dem kroatisch-dalmatinischen Küsten- 
lande sich in das Innere der Balkanhalbinsel verbreitete. Und doch ist aus 
paläographischen Gründen eine solche Vermuthung so gut wie ausgeschlossen. 
Man weiss ja, dass im XIII. und XIV. Jahrh. die kroatische Glagoliea ihren 
scharf ausgeprägten eckigen Charakter hatte. Dagegen sind die in cyrill. 
Handschriften auffindbaren glagolitischen Einmengsei durchaus gerundet und 
oval, weisen also auf die Vorbilder solcher glagolitischen Texte hin, wie wir 
sie aus dem XI. — XII. Jahrh. kennen. Man muss also zugeben, dass die 
Ueberlieferung jener glagolitischen Schriftzüge bis ins XIV. Jahrh. fort- 
dauerte. Einen solchen Beleg kann ich aus einer mittelbulgarischen Hand- 



314 Kleine Mittheilungen, 

schrift anführen, die im J. 1337(6845) für den bulgarischen Car Joann Alexan- 
der geschrieben wurde. Das ist jener commentirte Psalter, »HicHUBeu-B« ge- 
nannt, den schon im Jahre 1887 V. D. Stojanov in »Periodicesko spisanije« 
(B. XXI— XXII, S. 267—279) und im J. 1897 Prof. A. S. Archangelskij im 
IL Band der Petersburger akademischen HsBiciia S. 786 — 794 kurz beschrie- 
ben haben. Keiner von ihnen bemerkte jedoch, dass in diesem Codex bei der 
Psalmenzählung, die bald roth bald blau mit cyrillischen Buchstaben gegeben 
ist, zu Psalm 123 die an der sonst üblichen Stelle beigefügte Zahl so aussieht: 
pKV (also zwei Buchstaben cyrillisch, der dritte glagolitisch), zu dem nächst- 
folgenden Psalm 124 steht ausschliesslich glagolitisch die Zahl bS9b, zuPs. 125 
fehlt die Zahlbezeichnung, und zu Ps. 126 steht wieder nur glagolitisch bS3, 
zu Ps. 127 bsas und zu Ps. 128 bs*. Damit hört aber auch die glagolitische 
Zahlenbezeichnung auf, denn schon der nächste Psalm führt die cyrillische Zahl 
pK* U.S.W. An der Gleichzeitigkeit dieser glagolitischen Zahlenbezeich- 
nungen mit dem ganzen übrigen cyrillischen Text und an der Eintragung 
derselben von der Hand des Schreibers des cyrillischen Textes ist kein 
Zweifel möglich. Was aber den Schreiber veranlasst haben mag, bei den oben 
angegebenen fünf Psalmen von der üblichen cyrillischen Zählung abzustehen 
— ist schwer zu sagen. Die glagolitischen Buchstaben scheinen ihm ganz 
geläufig gewesen zu sein bis auf &, den er nicht gut wiederzugeben verstand. 
Der paläographische Charakter der Buchstaben hat mit der kroatischen Gla- 
golica nichts zu thun, er ist rund. V. Jagic. 



Zur orthographischen Frage in Russland. 

Ein offenes Schreiben Roman Brandt's (Professors in Moskau) 
an den Herausgeber dieser Zeitschrift.*) 

Infolge Ihrer Besprechung (im Archiv XXIII, S. 576) meines öffentlichen 
Vortrags beehre ich mich dieses Schreiben an Sie, hochverehrter Herr Collega, 
zu richten. Für mich ist es sehr tröstlich, dass auch Sie für die Vereinfachung 
der russ. Orthographie eintreten (von der Beseitigung des t> sprachen Sie 
schon früher). Sie werden wahrscheinlich bald in die Lage kommen auch als 
russischer Akademiker dieser Frage näher zu treten. Denn aus Anlass meines 
Vortrages, der nachher in der bei der Universität bestehenden »Paedagogi- 
schen Gesellschaft« in ihrer russischen Abtheilung wiederholt wurde, erin- 
nerte sich die letztere eines ähnlichen Vorschlags ihres einstigen, verdienst- 
vollen, jetzt schon verstorbenen Mitgliedes, Vlad. Petr. äeremetskij, unter 
dessen Präsidium sie eine »Orthographische Commission« ernannt hatte, 
deren Mitglieder die Herren Sakulin (Pavel Nikitic), Kazanskij (Ivan Pavlovio) 
und Smirnov (Sergej Grigorievic) waren, in welche in der Eigenschaft eines 



*) Das Originalschreiben ist russisch, ich gebe es in sinngetreuer Ueber- 
setzung, mit einigen Kürzungen. V. J. 



Kleine Mittheilungen. 315 

Rathgebers auch Prof. F. Th. Fortnnatov eingeladen war. Ueber diese Frage 
verhandelte zu gleicher Zeit auch eine andere Abtheilung derselben Gesell- 
schaft, — die Abtheilung für den Elementarunterricht, unter hauptsächlicher 
Mitwirkung des Herrn Semenov (Mich. Sem.). Die Vorschläge dieser Abthei- 
lung, die grösstentheils mit jenen unserer übereinstimmend lauteten, wurden 
nachher in den Sitzungen der Abtheilung für die russische Sprache, dann in 
den gemeinsamen Sitzungen beider Abtheilungen, zuletzt in den Sitzungen 
der ganzen Gesellschaft geprüft. Das mit geringfügigen Aenderungen ange- 
nommene Projekt wird nun unserem Ministerium der Volksauf klärung unter- 
breitet, an das wir uns mit der Bitte wenden, beim Ministerium eine ortho- 
graphische Commission zu ernennen. Das Projekt, welchem eine Reihe er- 
gänzender Privatgutachten beigegeben ist (sie rühren zumeist von mir her), 
ist bedeutend massiger gehalten als meine persönlichen Vorschläge. Uebri- 
gens auch ich trete im Vortrage, im Vergleich zu dem phonetischen, Karadzic'- 
schen Ideal, mit sehr massigen Forderungen auf. So concedire ich, dem Ge- 
brauche nachgebend, die Schreibung des o (in unbetonten Silben statt a], von 
der Unterscheidung zwischen e und i, die in den tieftönigen Silben zusammen- 
fallen, gar nicht zu reden; ebenso gestatte ich die unphonetische Schreibung 
der Lautgruppen s-d, v-k u. ä. {sdelatb, lovko). Allein ich glaube, die Männer 
der Wissenschaft sollen kein zu grosses Gewicht der Macht der Gewohnheit 
beilegen : von dieser sprechen so wie so alle, auch ohne uns, unsere Aufgabe 
besteht hauptsächlich darin, die Frage zu stellen, ob die Vereinfachung der 
Orthographie, deren Schwierigkeiten fast niemand in Abrede stellt, nicht den 
Eigenheiten der russischen Sprache zuwiderläuft, ob sie nicht für die Wissen- 
schaft verletzend ist. Darauf kann man mit der Antwort kommen, dass ja die 
Karadzid'sche Reform den Eigenheiten der serbischen Sprache keinen Ab- 
bruch gethan, ja sie sogar noch in helleres Licht gestellt hat. Bezüglich des 
Vortheils der etymologischen Schreibweise für die Wissenschaft kann man 
sagen, dass man ihre, nicht immer sicheren, Angaben ohnehin nicht gut be- 
folgen kann, bezüglich des praktischen Werthes aber muss darauf hinge- 
wiesen werden, dass dort wo ein lebendiges Band vorhanden ist, dieses von 
allen, selbst des Lesens Unkundigen, lebhaft gefühlt wird, dass jeder weiss, 
dass vos denselben Gegenstand bezeichnet wie vozä, nur in einem anderen 
Wortumfange, dass lövik und lafkä dasselbe sei, nur das eine masculin, das 
andere feminin. Dieses wirkliche Band wird beim Lese- und Schreibunter- 
richt zerrissen, indem man die Schreibungen wie vozo den Lernenden ange- 
wöhnt und dadurch ein neues künstliches Band hervorruft. Gegen diese nie- 
drige Scholastik, die auf die Verhüllung der wirklichen Eigenheiten der 
Sprache stolz ist, lehne ich mich auf, ja wahrscheinlich ist sie auch Ihnen nicht 
sympathisch, obschon die unwissenden Apologeten der heutigen Tradition 
aus Ihrer Anzeige das Gegentheil ableiten könnten. 

Die von mir angegebenen Missgriflfe unserer Rechtschreibung bestehen 
nicht aus vereinzelten Fällen, die man auch bei Karadzic nachweisen kann, 
sie sind typische Beispiele eines durchgängigen Kampfes zweier entgegen- 
gesetzter Principe, von denen das etymologische Princip einen künstlichen, 
falschen Grundgedanken veranschaulicht, weswegen es nothwendig erscheint 



316 Kleine Mittheilungen. 

wenigstens in der Theorie — und wir sind ja Männer der Theorie — die pho- 
netische Schreibweise nach der literarischen (oder wenn man dialektisch 
schreibt, »ach der Local-) Aussprache, wo nicht ausschliesslich als Regel auf- 
zustellen, so doch wenigstens in allen zweifelhaften Fällen als ausschlag- 
gebend gelten zu lassen. Das Vorhandensein einiger schon derzeit mit dem 
herrschenden System nicht im Einklang stehenden phonetischen Schreibungen 
hat eine principielle Bedeutung: es beweist die Möglichkeit phonetischer 
Schreibweise, wie z. B. in Me^iKift, ceMta u. s. w. der Sinn durch die Anwen- 
dung des e für § nicht verdunkelt worden ist. In gleicher Weise würde auch 
der Sinn anderer Worte, wo noch heute i geschrieben wird, durch die Ein- 
führung des Schreibens mit e, nicht verdunkelt werden. Ich halte es überhaupt 
für eine Pflicht des Philologen, der OeflFentlichkeit gegenüber zu erklären, 
dass die Sprachgeschichte in ganz ungehöriger Weise mit der Frage von der 
Literatur-Orthographie verquickt wird, und die Worte Miklosich's zu wieder- 
holen: »das kommt daher, wenn man, um seine Muttersprache zu schreiben, 
an gelehrte Forschung gewiesen wird«. 

Was die allmähliche Angewöhnung des Publikums an die neue Schreib- 
weise anbelangt, diese Aufgabe könnte die Akademie oder irgend ein ein- 
flussreiches herausgeberisches Unternehmen oder ein bedeutender Schrift- 
steller übernehmen. Sie befürchten, wie es scheint, die Einwendungen seitens 
der Censur. In der That wollte unlängst ein gewisser Kazarinov in Moskau 
ein Buch ohne t und b und ohne i drucken, aber die Censur machte Einwen- 
dungen. Noch mehr : A. I. Smirnov wollte meinen Vorschlag weder mit der 
von mir vorgeschlagenen vereinfachten Orthographie, noch überhaupt zum 
Abdruck bringen. Angesichts dieser Sachlage wäre es äusserst wünschens- 
werth, die Bewilligung zur Vornahme einer wenn auch sehr massigen Reform, 
wie sie von unserer pädagogischen Gesellschaft geplant wird, von der com- 
petenten Behörde zu erlangen. 

Die Vorschläge der Gesellschaft bestehen im Folgenden: 1) es sollen 
beseitigt werden die Buchstaben i, t, v, i und e; 2) b soll nur dort geschrie- 
ben werden, wo es wegen der Aussprache nothwendig ist, also: rHaTi, HAHtKa, 
BecLMa, KpecTBflHHu, sonst ohne b : rHaxca, hoi, Mom, Jie-^. Nach Beseitigung 
von t würde als Trennungszeichen immer b gebraucht werden : oöbcm, cBeciB ; 
3) nach tk und ni soll nicht u, sondern bi geschrieben werden: acBip, 2cbitb, 
cyiuBiTB, und nach ihnen auch kein b folgen, also : poac, thui ; 4) nach u soll 
überall bi durchgeführt werden, also nicht bloss utiraH, nBinoBKa u. s. w., son- 
dern auch HBiKopHÖ, UBiraÄdB, craHutiH, jicKutia; 5) nach den Zischlauten und 
V. soll das betonte o immer auch in der Schrift so ausgedrückt werden: acop- 
HOB, ino-i, TeqoT, npe.iBii];oH ; 6) die Präfixe bos, us, hii3, paa, ähnlich öea, qpes 
(qepea) und anderen Präfixen behalten immer ihr 3, ohne es in c zu ändern 
(dieser Punkt wurde bekämpft). 7) Statt der Endungen -oro, -aro und -ero 
soll -OBO und -GBO eingeführt werden: s-iobo, ÄoßpoBo, chhcbo, tobo, eso (vor 
diesem Punkt stand ein anderer von der Gesellschaft zurückgewiesener, be- 
treffend die Endungen -oii und -eii statt -biö und -ifi : Äoöpoä, cuhcü, bcihkoü, 
neroö, thxoü oder -KBift, -rBifi, -XBiii statt -kIm, -riö, -xifi: BCJiHKBiii, nerBift, 
THXBiii). 8) Statt der Pluralendungen -Bie, -üb, -ie, -in soll überall nur -bih, -ua 



Kleine Mittheilungen. 3J7 

für alle Genera verwendet werden (die Mitglieder der Commission vertreten 
hier den Standpunkt, im Falle der Vereibt'achung der Endung sollte überall 
-e geschrieben werden). 9) Die Pronominalform eü soll so, und nicht anders, 
statt eH, auch als Genitiv geschrieben werden. 10) Immer sei zu schreiben 
OHu und OÄHu (die Commission war hier für die Endung -e [i] , doch ohne 
Beschränkung auf das Femininum). 11) Im Local der Substantiva auf -iä, -in, 
-ie und im Dativ der Substantiva auf -ia sei die Endung -e(i) zuzulassen : 
Bacujiiiu, Ha jiuhuii, k äuuuii, b 3tom saanuu oder aber: o BaciwHe, na jiiiHue, 
K jiunue, B 3T0M saaHue. Es wurde ausgesprochen, dass die Uebertragungs- 
regeln keine obligatorische Bedeutung haben, nur die Uebertragung nach 
den Silben sei zu empfehlen unter Berücksichtigung der Regel, dass der 
Consonant zum nächsfolgenden Vocal gehört, bei der Anhäufung von Con- 
sonanten aber entweder alle zum nachfolgenden Vocal zu nehmen oder einige 
beim vorausgehenden zu belassen seien. 

Diese Vorschläge der Pädagogischen Gesellschaft sind ungeachtet ihrer 
Mässigung eigentlich hauptsächlich gegen das Palladium der russischen Gra- 
phik, gegen das i gerichtet, dabei erhob sich in der Gesellschaft nicht eine 
Stimme zu Gunsten des i. Nicht möglich, dass Sie für i sich einsetzen wer- 
den? Mir scheint es, Sie haben für i dasselbe Gefühl, von welchem auch ich 
in meinem Vortrag (auf S. 48 unten) spreche, doch das bedeutet nicht, dass 
man von dem Nutzen des Buchstaben überzeugt sei. Bei der Anwendung des 
i drückt sich eine Art Achtung vorUeberlieferung aus, gepaart mit der Miss- 
achtung der Geschichte: im XX. Jahrh. einen Buchstaben anwenden, welcher 
vielleicht im XII. Jahrh. am Platze war — ist ein grober Anachronismus. 
Uebrigens ist unsere Orthographie nicht ein bis auf unsere Zeiten überkom- 
menes alterthümliches Gebäude. Wäre dem so, ich würde zuerst die Ar- 
chäologische Gesellschaft auf die Beine bringen und selbst die Mithilfe der 
Polizei in Anspruch nehmen, um das interessante Denkmal vor den barbari- 
schen Händen der unvernünftig eifrigen Neuerer zu retten. Nein, die Ortho- 
graphie das ist der Plan, nach welchem alle Schreibenden verpflichtet sind, 
neue Gebäude aufzuführen, und ein solcher Plan muss, wenn er veraltet ist, 
umgearbeitet und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Wir 
Philologen mögen vielleicht für die Mühe der Erlernung des i auch belohnt 
sein, wenn uns in der Form >KeH§ eine ganze Kette lautlicher üebergänge in 
Erinnerung gebracht wird ; ist aber diese einem Handvoll von Philologen ge- 
botene Entschädigung ein ausreichender Ersatz für die Mühe der Millionen 
anderer Menschen? Nach der Entfernung des i würden die zukünftigen Ge- 
lehrten dieselben historisch-comparativen Erinnerungen mit dem Buchstaben 
e verknüpfen. Die wissenschaftliche Bearbeitung der vergleichenden Gram- 
matik der glavischen Sprachen würde schon gar nicht von der Beseitigung 
des neurussischen i zu leiden haben. Oder ist i vielleicht für die Stu- 
denten-Philologen nützlich? Nein, nicht nützlich, sondern schädlich. Wie 
oft musste ich in den Referaten unserer Studenten die gegen die ehrwürdigen 
Mönche erhobene Beschuldigung lesen, dass sie angeblich nicht wussten, i 
richtig anzuwenden, da sie k-bäc mit e und o6ut§.k. mit i schrieben! So sehen 
die Früchte des Halbwissens aus, ärger als die Unwissenheit ! Um so weniger 



318 Kleine Mittheilungen. 

nützlieh erweist sich i für die gewöhnlichen Sterblichen. Sie tragen aus der 
Schule ungefähr folgende Begriffe von i: »es gebe in dem russ. Alphabet 
einen Buchstaben i, den man sehr schwer von e unterscheiden kann, was ich 
glücklich erreicht (oder auch nicht) habe«. Wahrlich ein schönes und nütz- 
liches Wissen ! Wie viel kostbare Zeit geht auf die Aneignung desselben 
verloren ! Mir scheint ausserdem, dass das in der Gesellschaft gegen unsere 
arme Philologie herrschende Vorurtheil, das NichtgeltenlassenwoUen der 
Sprachforschung, hauptsächlich dem Umstände zuzuschreiben ist, dass die 
Schulgrammatik vor allem als die Lehre vom Gebrauch des Buchstabens i 
und anderer scholastischen Spitzfindigkeiten aufgefasst wird. 

Was die Frage, ob die Eröffnung einer orthographischen Campagne 
gerade jetzt zeitgemäss war anbelangt, so hege ich selbst leise Zweifel be- 
treffs der Empfänglichkeit des russischen Publicums (S. 29). Allein ich konnte 
nicht länger warten: denn es ist fraglich, ob ich selbst auf ein grösseres per- 
sönliches Ansehen, als ich es derzeit geniesse, rechnen könnte und das Leben 
neigt vielleicht seinem Ende zu. Allerdings hatte ich im J. 1899 einen be- 
sonderen Anlass: ich wollte einen kleinen Beitrag für das »Volkshaus« in 
Bautzen sammeln, und da man Bedenken hatte, mir einen Vortrag über 
Mickiewicz zu gestatten, so entschloss ich mich, meinem seit Jahren gesam- 
melten Material zur orthographischen Frage freien Lauf zu geben (über 
Mickiewicz hielt ich nachher einen öffentlichen Vortrag in der Gesellschaft 
der Literaturfreunde und dieser Vortrag wird in der zu Ehren Professors 
Nikolaj Ujic Storozenko herauszugebenden Festschrift erscheinen). Mir 
scheint es, dass ich im richtigen Moment damit auftrat, da gerade jetzt die 
Reform der Mittelschule mit der Abänderung und Erweiterung des Lehrplans 
im Zuge ist. Der Umstand, dass wir neben dem jugendlichen Kaiser einen 
Unterrichtsminister aus dem Militär haben, scheint mir dem gegen die Scho- 
lastik gerichteten Feldzug günstig zu sein. Auch die wissenschaftliche Auf- 
fassung der russischen Sprache ist jetzt wenigstens bei der Mehrzahl der 
Lehrer bedeutend gestiegen — nicht vergebens wurden den Studenten in den 
letzten Decennien die wirklichen Eigenschaften und Beziehungen der slavi- 
schen Sprachen untereinander zum Bewusstsein geführt. Schon der Erfolg 
in unserer pädagogischen Gesellschaft, auf den ich selbst nicht rechnete, zeugt 
von dem Fortschritt: in den 60er Jahren erzielten die orthographischen Be- 
rathungen in Petersburg nicht das gleiche Ergebniss wie jetzt: eine Petition 
ans Ministerium. Diesem Gesuch gedenken auch mehrere pädagogische Pro- 
vinzial-Gesellschaften (vielleicht mit einigen Abweichungen im Detail) sich 
anzuschliessen. In der Akademie dürfen wir neben Fortunatov auf Korsch 
und Schachmatov rechnen, gegen uns könnte Sobolevskij sein ... Sie erhoben 
zwar ihre Stimme für i in den Fällen, wo es nach der Etymologie und nach 
der Aussprache (d.h. wie «) berechtigt ist, aber Sie werden wohl nicht auf der 
Anwendung des Buchstaben im täglichen Leben in heutiger Weise, quer und 
drüber, und noch weniger nach anderen ganz willkürlichen Regeln bestehen. 

Ich lese Ihre Aufsätze im »Archiv« immer mit grosser Aufmerksamkeit 
und Ihre Bemerkung »Zur Transscription « (XX. 432 — 33) ist mir nicht ent- 
gangen. Allein das Aufwerfen einer solchen Frage vor dem mit der lateini- 



Kleine Mittheilungen. 319 

sehen Schrift der Westslaven nicht vertrauten Publicum schien mir nicht an- 
gebracht. 

Zur orthographischen Frage hat auch Ihre Deutung des Infinitivs uttu 
(XXIII. 586) eine Beziehung. Ich halte mich an die Erklärung Buslajev's, 
dass tl (natürlich nicht als solches, sondern nur als Verdoppelung des t) aus 
dem Präsens in den Infinitiv kam (S. 49, Anm. 53, vergl. Morphol. S. 462, 
Anm. 3). Die Form hti. kommt nicht vor (das altpolnische ic bleibt natürlich 
ausser Betracht) und es würde sich erhalten haben wie in hhtb, biitb, äetb ; 
da^, alte utbtu zeigt l, glaub' ich, als Erweichungszeichen und ausserdem 
darum, weil die Consonantendoppelung der alten Orthographie fremd war. 

Was das Wort ))cpij;a« (Archiv XXIII. 537) anbelangt, so stimme ich 
bei, dass kein Grund vorhanden sei, vom deutschen Einfluss zu reden, mir 
erscheint jedoch noch immer am wahrscheinlichsten meine im Warschauer 
P. $.B. XXIV. 150 gegebene Erklärung, d. h. auch die Slaven begannen die 
Zählung mit Sonntag, daher noHe/i,i.iBHHK, btophuk, leiBepr, naiHuua, so schon 
bei Dobrovsky (Glagolitica, S. 78), der zuerst den Gedanken von dem Einfluss 
des deutschen »Mittwoch« aufgebracht zu haben scheint. Anton nahm den 
umgekehrten Gang an (S. 160). 

In der Hoffnung, dass Sie uns durch Ihre Betheiligung die uns aufgeladene 
Bürde erleichtern werden, bleibe ich in aufrichtiger Verehrung 

Ihr Roman Brandt. 

Zu diesem offenen Schreiben lagen Proben der ganzphonetischen und 
halbphonetischen Schreibweise (der letzteren in doppelter Gestalt: nach den 
Vorschlägen Brandt's und jenen der orthographischen Commission) bei, die 
wir leider aus Mangel an Eaum nicht mittheilen können. Mein Standpunkt 
zur ganzen Frage ist schon durch die gegebene Besprechung a. a. 0. gekenn- 
zeichnet. Die Berechtigung zu allen möglichen Vereinfachungsversuchen auf 
dem Gebiete der Orthographie und des Elementarunterrichtes kann theoretisch 
selbstverständlich nicht in Abrede gestellt werden. Gelingt es den kleinen 
rührigen Kreisen, die diese Frage in Anregung brachten, die grosse intelli- 
gente russische Gesellschaft für sich zu gewinnen, wobei ich die freie Agitation 
pro und contra, ungehindert von jedem Verbot, stillschweigend voraussetze, 
dann wird natürlich auch die Schule dieser veränderten Geschmacksrichtung 
des Publikums sich nicht entziehen können. Aber jede Regierung, nicht bloss 
die russische, hat die Verpflichtung in solchen Fragen conservativ vorzugehen 
und nicht sich und die unter ihrer ControUe stehenden Schulen an die Spitze 
der Bewegung zu stellen. Darin scheint mir Prof Brandt mit seinen Anhängern 
fehl zu gehen. Er möchte vor allem durch die pädagogischen Kreise auf das 
Ministerium denDruck ausüben, dass es mit derSchule den Anfang mache. Wo 
hat aber die Schulbehörde die Bürgschaft dafür, dass ihre für die Schulen 
herausgegebenen Verordnungen nicht an dem Widerwillen der grossen Kreise 
russischer Intelligenz scheitern würden? Die russische Orthographie ist, das 
lässt sich doch nicht in Abrede stellen, ein historisches Gebäude, ganz so, wie 
die französische oder englische oder deutsche, oder unter den slavlschen die 
cechische und noch mehr die polnische. Jahrhunderte arbeiten an solchen 
Gebäuden, manches wird abgetragen, einiges umgeändert, anderes zugebaut, 



320 Kleine Mittheilungen. 

dann und wann nicht ganz » stilgerecht« — und doch der Grundcharakter de3 
Ganzen verbleibt. Selbst Prof. Brandt kann nicht umhin mit diesem Factor 
zu rechnen, er muss seinen orthographischen Wünschen Halt befehlen, also 
auch er steht auf dem Standpunkte des Opportunismus, und das ist wenigstens 
in orthographischen Fragen der beste Standpunkt. Je weniger man auf ein- 
mal anstrebt, desto mehr Aussicht auf Erfolg ist vorhanden. Z. B. wenn man 
die Auslassung des auslautenden i. bei einigen einflussreichen, weit verbrei- 
teten politischen und literarischen Zeitschriften durchsetzen könnte, so würde 
bald auch die Schule diesem Fait accompli Rechnung tragen müssen. So lange 
man aber nicht einmal das erreicht hat, halte ich die Verfolgung des armen 
i für ungerechtfertigt. Man könnte vielleicht seinen Gebrauch noch besser 
regeln, als es derzeit (nach Grot) der Fall ist, aber dass es so schwer fallen 
sollte, sich die Anwendung dieses Buchstabens ins Gedächtniss einzuprägen, 
das glaube ich nicht. Für so begriffsstutzig halteich das russische Volk nicht. 
Die eingebildeten Schwierigkeiten mit 4 scheinen mir eine arge Uebertreibung 
zu sein. Was müssten dann die Engländer, Franzosen und Deutschen zu ihrer 
Orthographie sagen? Doch — wer wird es behaupten wollen, dass die russi- 
sche Sprache nicht auch ohne i existiren könnte? Nur scheint mir seine Be- 
seitigung nicht so nahe liegend zu sein wie die von v, e, i, -b. 

Nur noch eins. Die lateinische Transcription der russischen Wörter und 
Namen scheint mir doch nicht so ganz den Interessen des russischen Publikums 
fern zu liegen. Die Beziehungen Russlands mit Europa werden doch mit jedem 
Tage und Jahre grösser, inniger. Jetzt geht dieser Verkehr in französischer 
äusserer Form vor sich. Nun ist es für das correspondirende und telegraphi- 
rende Publikum gewiss nicht gleichgiltig, ob man Joukovski oder Shukovski 
oder Zukovskij, ob man Tchitcherine oder Tschitscherin oder Cicerin, ob man 
Sapojnikoflf oder Ssaposhnikoflf oder Sapoznikov schreibt. Die westslavische 
(sagen wir böhmisch-slovenisch-kroatische) Bezeichnung ist gewiss die kür- 
zeste und rationellste. Sie kann bei den Telegrammen zu nicht unbedeutenden 
Ersparnissen führen. V. J. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sogenannte 

»Becfejta TpexTi CBaTHTejieii« 

(Gespräcli dreier Heiligen). *j 



Nachdem wir alle zugänglichen Texte, die ihrer Verwandtschaft 
oder ihres Charakters halber zu Syn. AI — (Syn. A II ist der im grie- 
chischen Originale bekannte, von Syn. A I völlig zu trennende Theil) — 
in Beziehung stehen, herangezogen haben, gehen wir nun daran, auf 
Grund der einschlägigen Texte, deren wir leider so wenige besitzen : in 
erster Linie natürlich des Syn. (XVI. Jahrb.), Prim. u (?Jahrh.), Star. VI 
(XVIII. Jahrh.) und zu ganz geringem Theile : Tich. Ale (wegen der 
Kürze des Textes) [XV. Jahrb.] und Moc. Nr. 2G (wegen seiner Unzu- 
gänglichkeit) [XVII. Jahrb.], das aus den genannten Texten sich mit 
mehr oder minder Gewissheit ergebende Bild der durch sie dargestell- 
ten Redaction der sogen. »Fragen, aus wie viel Theilen Adam erschaffen 
worden ist«, zu skizziren. Ich schicke vor Allem eine Tabelle der iden- 
tischen und nach den vorhergegangenen Auseinandersetzungen hierher 
gehörigen Fragen in einer auf Grund der Texte sich empfehlenden 
Reihenfolge voraus: 

Tabelle der Adamfragen erster Redaction. 



Syn. A 1 = 


Prim. 


U 1 : 


= Star. 


VI0 = 


: Moo. Nr. 26, 1 


2 


= 


2 


= 





= 6 


3 


= 





= 


[1] 




4 


= 





= 


2 [3] 




5 


= 





= 







6 


= 





= 


[1] 




7 


= 





= 


8—13 


= Tich. A I c 1 


8 


= 





= 





= 


9 


= 





:= 





== 


10» 

11 / 


= 





= 


11 


= 3 



*) Vergl. Archiv XXIII, S. 1—95. 

Archiv für slavisehe Philologie. XXIV. 21 



322 Rajko Nachtigall, 



Syn. A [0 = 


Prim. 


aß = 


Star. VI 15] 


121) 


= 


3 


= 





13 2) 


= 


4 






14 


= 


5 


= 


} 23 


15 


= 


6 


= 


16 


= 


7 


= 


24 


17 


= 


8 


== 


25 


18 


= 


9 


= 


30 


19 


= 


10 



= 


31 





= 


= 


32 


20 
21 


= 


11 
12. 


= 


33 


= 


= 


34 


22 


= 


13 


= 


55 


23 


= 


14 


= 


56 


24 


= 


15 


= 





25 ■ 


= 


16 • 


= 





0] 


= 


17 


= 








= 


18 


= 


57 


31 


= 





= 


59 


[0 


= 





= 


60 



1) Nach Syn. A 1 1 könnte id. 62 am besten stehen, wenn es hierher ge- 
hört. S. unten S. 326. 

-) Diese Frage: Syn. A 13 kojhko kctb po^a nTH^Hiera? .pM. pwäobl 
passt zwischen Syn. A 12: kojhko mchtb asaivi na 3eM.M'? .u.i. jiiT und Syn. A 14: 
KTO cBTBopH .a. wöpoK 6ory? aBeji, arHua saKJia etc. nicht recht hinein. Sie mit 
Star. VI 15: B. kojhko ca po^OBC i^iOBeiBCKH ? 0. .b. AsaMt h Esa gleichzu- 
stellen, geht nicht, da nur sie im Lat. belegbar ist, z. B. Schlettst. IX 25 -. 
Quot genera sunt volucrum. R. Quinquaginta et IV. (Hier im Lat. auch an- 
dere gleiche Fragen, so Schlettst. IX 24: Quot genera sunt pisciura? Slav. 
dasselbe Thema noch Syn.C 14.) Die Frage auszumerzen, wäre ein zu leichtes 
und wegen mancher anderen lat. Vertretungen gerade der hier vorkommenden 
Fragen nicht statthaftes Beginnen. Ob sie nach Star. VI 15, das ja auch un- 
sicher ist, oder nach ähnlichen Fragen wie Agr. (Moc. Nr. 21, cf. Knjizevnik 
III, S. 130): KOJiHKO poÄa wtb xaMa? kojhko poaa a*eTOBa? ko^ihko xjianhCKa, 
poÄa? (cf. Syn. A 26: kto 3aMi>ie.M xjiana? hoir, npBBO xaaia öpaioMa CBOiiMa 
paöoxaTu), falls das alles ursprünglich ist, zu setzen ist, lasse ich unentschie- 
den. Es möge aber dieser kurze Excurs ein Beispiel darthun, wie weniges 
uns fürs nähere Detail trotz der Fülle der Texte im Ganzen bekannt ist. 

3) Star. VI 58, eine allegor. Frage, entfällt (siehe Archiv XXIII, S. 77, 
Anm. 2). Syn. A 31, offenbar auf seiner Stelle socundiir, ist hier .im besten 
einzuschalten. Cf. 1. c. S. 70—71. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciAa Tpcxt CBüTHTejefi. 323 
Syn. A0 = Prim. /? = Star.VI61]i) 



26 


= 


19 


= 









27 


= 


20 


= 












= 





= 


73 


= 


Syn. B. 6 





== 





= 


74 


= 


7 


28 


= 


21 


= 


75 


= 


8 





= 


22 


= 





= 


9 


29 


= 





= 


76 


= 


10 





= 





= 


77 


= 


11 





= 





= 


78 


= 


12 





= 





= 


79 


= 


13 


32 


= 





= 









33 


= 




= 









34 


= 




= 


35 






36 


= 




= 









37 


r= 




= 


36 









= 




= 


37 









= 




= 


38 






35 2) 


= 




= 


65 3) 







In solcher Darstellung zeigt sich uns nach unseren Texten ein ur- 
sprünglicheres Syn. A I, wobei selbstverständlich nicht die Verantwor- 
tung für jede Einzelheit übernommen werden kann — der älteste Typus 
war ja vielleicht viel kürzer — ; wohl aber ist zu betonen, dass nach 
dieser im ganzen und grossen natürlichen Zusammenstellung ein Grund- 
text zu Stande kommt, der nicht im Mindesten gegen die Annahme einer 
systematischen Aufeinanderfolge verstösst. Es dürfte nicht überflüssig 
erscheinen, wenn wir die todten Zahlen in lebendige Worte umsetzen 
und den Text nach den besten Lesarten ^) und mit der Beigabe charak- 
teristischer Varianten abdrucken : 



1) Star. 60 u. 61 fügen sich gut zwischen Prim. « 18 n. 19 etc. ein. 
-) Diese Frage an letzter Stelle infolge bessererAnordnung des Stoffes, 
die in Star. VI eine Stütze findet. S. Achiv XXIII, S. 78. 

3) Eine weitere Frage als diese: B. Koi e rpait HacpcTt scmjh? 0. Ta 
peqe: lepscajiHMi. ist als Schlussfrage nicht mehr zu finden. 

4) Dabei zeigt die zuerst citirte Stelle, woher der Text der einzelnen 
Fragen entnommen wurde, daher auch die ungleiche Graphik im Texte, welche 
irgendwie zu corrigiren bei der bekannten Fahrlässigkeit unserer Codices zu 

21* 



324 Rajko Nachtigall, 

Text der Adamfragen erster Redaction. 

1. "^^TO nptBO H3LIAe H3b SCTb 6oaB:iHXI>? CjIOBO, GUÜh 6o3kTh. 

2. ^Ito npLBO cLTßopH 6oThi ueöo H SBMJiio, H AO .3. Maro AHB 

CbBptUIH Ä^JIO CBOe. 

3. Wtl ^leca ßticTt neöo? wt bo^h. 

4. KojcHKO KCTb neöecL? .3. [5. B. KaKO hmb ca HMena? 0. .a. 
HBÖo cHTt; .B. asapb; .r. enoBb; .ä. hob; .e. aBpaiwb ; .s. HcaKb; 

.3. HHKOBb.] 

6. Wxb ^eca öbiexb cjibHi];B h joyna h 3b^3äh? wTb CBHXb 6oMvixh. 

7. Wxb ^BCa ÖblCTb SBMJIH? WTb THHbl BOAHIK. 

8. ^TO Apt^HTb 3BMJII0? BO^a. a BOAS ^ITO Api^KHTb ? KaMBHb BB- 

1. Syn. A 1 ; Prim. « 1; Moc. Nr. 26, 1 : bloss »cjiobo«. Lat. Par. 7: Qiiis 
primus ex Deo processit? Verbum. 

2. Syn. A 2; Prim. « 2; Moc. Nr. 26, 2: das von seuÄio an fehlt. 

3. Syn. A 3 ; Star. VI 1 : B. Otb 'ito caiBopu FocnoÄt ue6o h aeinjiM? 0. Btae 
CMeiaHa Boaiia ii cscHpa ca, u coiBopii ueöo u 3eM.iH) (cf dazu das Archiv XXIII. 
S. 84 u. 75 Bemerkte). 

4. Syn. A4; Star. VI 2. — 5. Star. VI 3. Cf. gr. Krasnos. 1898, I 5: '£(). 
TivEs slalv Ol ovnavol, oii eItiev o nQofprjzrig »ol ovqavol dirjyovvxai do^ay 
0Eov<t; ün. ^Ema. yaq siffiy ovqavol, utv nqSnos liyerai' 2^0-', o ß'Evui/, b y 
^Eviis, b d' SaixovTj'K (Moc. griech.Text I b 7: iVüia), o e ^ßqScju, b g "^laanx, bg 
laxiöß. Davon haben wir sogar eine nahe slav. Uebersetzung in Archang. 48, 
B. Kto coyT Höca HcnoBiÄOyiOTi. cjaBoy öoaciio. W. .3. höcb aace ucnoBiAaiOTB 
cjiaBoy 6o3kTk): .a. chmx, .b. enocx, .r. choxx, .«. Hoe, .e. aBpaaMt, .s.HcaKt, .3. ia- 
KOBx. Ueber das gegenseitige Verhältniss der beiden slav. Stellen lässt sich 
jedoch vorläufig nichts sagen. 

6. Syn. A 5. Cf Moc. AuajHsi., Fr. 3 u. 6 des Textes cojhuc vi; cBiT.infl, 
jryna w xeMHti« pnati rocnoÄHH (doch stand Moc. auch unter starkem Einflüsse 
von Texten der Art ib. S. 237 ff., wo dies auch ähnlich steht). Cf. übrigens 
noch Porf II 7—8 u. Pyp. I 6—7. 

7. Syn. A 6 ; Star. VI 1 (s. Fr. 3). 

8. Syn. A 7. Tich. A I c 1 und Star. VI 8 — 13: Anf ^a CKaaui mh, mo 
ÄptacHTB — Ha uiTO CTOH ; BOÄa BHCOKa — BOÄa TBBpÄc rojCMa ; KaMent n.ioceHB 

BCJIMH KaMCHB nJIOUlTaTB ; .a. KHTOBG 3.!iaTbI — .Ä- KUTOBC 3JiaTHH ; p^Ka WTHB- 



weit führen würde. Die unter der Zeile angeführten Varianten mögen still- 
schweigend darthun, in welcher verschiedenen Art die Texte ihren Wortlaut 
änderten, berichtigten, verdarben u. s. w. Bemerkt muss jedoch werden, dass 
hier so manche Variante auch gerade das älteste bietet, wie ja Altes neben 
Neuem in unseren Texten nebeneinander vorkommt. Die Beurtheilung aller 
angeführten Momente ergibt sich ohne Schwierigkeit von seibat. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciAa Tpext cBflTiiTe.ieÄ. 325 

JIHKLl. a KaMGHb ^TO ÄPL3KHTL ? ÖpaBH TieTBOpOKpHJaTH, a ÖpaBH 'IGTHpe 

yxo flpfcKHTfc ? wrHB, wTHoy^oyjKe öanie HcxeyiOTt. a wriih qTO Apt- 
acHTt? flpoyrBi wrnb ropqaHiuH Toro .bi. Kpax. a xb wnib ^ixo noAflpb- 
acHXb ? Aoyöb npbBO Bcixb noeaatAeHb, a Kopeiiiie Asöa xoro cxoHXb na 
cnÄi 6oMh. rocnoAb ate h cHjia öoatia sayejia h KOHu;a ne HMaxb. 

9. KOJIHKO leCX BLICOKO HeÖO ? KOJIHKO TOpe XOJIHKO H Bb KIMpOXS. 

10. KOJIHKO lecx Äeöe;ia seMjiH, kojihko jih BO^a? BO^a lecxb .3. 
cxa^HOBb, a seMjiM (?). 

11. wxKoyAoy öbicxb y joBiK ? wxb seMjiie. 12, KaKo cbXBopenb 
öbicTb? wä .h. qecxH, .a. ujxb seMjiK, .b. wxb Mopa, .r. wxb cjbima, .;i;. 
ujxb ujöJiaKa, .e. wxb Bixpa, .s. wxb KaMene, .3. wxb csexoro Asxa, .h. 
wxb cero CBixa. xaKO cbXBopn öorb wxb .h. qeexH Bb K;i;HHa, pe^ie ame 
HSbiAexb ceMe ^MOBi^e h ame ös^exb ceMe lero luxb Mopa, xo ösAexb 
jiaKOM; ame äu ös^exb wxb e,iibHu,a, xo 68;i;exb MSApt h no'^ixeHb ii cb- 
MbicjibHb ; aiii;e jih ujxb wÖJiaKa ösAexb, xo npijibcxHBb, aii];e jih luxb Bixpa, 
xo CHJibHb H cpbAHXb, aii];e jih wx KaMene öoyAexb, xo MHjioexHBb h xBpb^b, 
aiii,e JIH wxb CBexaro ^sxa öoyAex, xo CMipenb h AOÖpoBOJibHb Kb BciMb. 



H'Haa — peKa orHena (wi HoyÄoyKe öanie HcieiioTi. fehlt in beiden); ÄoyÖB ace- 
Jiiauhi — ace^ieseHi. «auB; rocnoÄB etc. fehlt beiderseits. In dem lat. Dialog 
zwischen Adrian und Epictet (Archiv f. slav. Philol. I, S. 335): Quid sustinet 
celum? Terra. Quid sustinet terram? Aqua. Cuid sustinet aquam? Petra. 
Quid sustinet petrarn ? Quatuor animalia. Quae sunt illa quatuor animalia ? 
Lucas, Marcus, Mattheus, Johannes. Quid sustinet illa quatuor animalia? 
Ignis. Quid sustinet ignem? Abissus. Quid sustinet abissum? Arbor, quae ab 
iniiio posita est, ipse est Dominus Jesus Christus (also secundärer als das 
slavischel). 

9. Syn. A 8. — 10. Syn. A 9. 

11. Syn. A 10 (die Trennung dieser Frage von ib. 11 vielleicht secundär). 
— 12. Syn. A 11. Tich. A I c 3: ro ito cbtboph 6b aflaivia? Star. VI 14: B. Otb 
KOJIHKO ÄejiOBe coTBopH EoFB AftaMa? Otb .3. äcjicbo (cf. Nac. und oben Archiv 
XXIII, S. 81 f.). Bei .a. fügt Tich. Ale tqjio (Star. VI äcjio) hinzu, bei .b. Star. 
Kpo*B; ganz gleich bieten Tich. und Star, (in Star, ist dabei die falsche Inter- 
punction zu ändern) für 3 .s., für 4 .e. (Star, fügt h otb öoacie «hxb hinzu), für 
5 .Ä- (Star, dazu passMB), für 6 .r. (dazu Tich. h w pocH, Star, ciu . . und 
auch H otb poca), für 7: Tich. .3. icctb w noMLicjia w 6pB30CTii ar- 
rejiBCKBixB, Star. .3. noMuuiJieiiie ero otb 6pB30CTU arrejiCKii u JiaiB 
otb cmcxb und schliesslich Tich. für 8 .3. mit der Fortsetzung w xoro CBöpa 
6orB, während Star, beides vereint: h otb losa chiko äsxb cbctu coöpa ro ; nach 
MSÄpB hat Tich. oyMCHB, Star, h passMeHB h noieienB ; chjtbhb fehlt beiderorts, 
ebenso in Tich. tbpb«b und in Star, der ganze Satz : ame jih wtb KaMene 6oy- 
acTB, To mhjiocthbb h TBpBÄBj cndHch schreibt Star, für ame jih wtb CBCTaro 



326 Rajko Nachtigall, 

[13. Ha KOJiHKO qecTii pas^iJ!« 6ort ^oöpoTs a^awoBs? iia .3. 
'lecTH; nptBOK anpaaMs rocTOJioöcTBO, .b. hwbs öoraxtcxBO, .r. ^aBii- 

AOy KpOTOCTb, .A- CWJI0M0H5> MS^pWCTL, .6. IWCH*» JlinOTS, .8. CaMCOHJä 

HKOCTfc, .3. aBecajioMs Koce.] 

14. B. KojiHKO ca pa^oBe ^i.iOBeTiLCKH ? 0. .b. A^aMt h Esa. 

15. B. KojiHKO KGTt poAa nxH^Hiera? .pM. pwAOBb. 

16. KojiHKo KHTB a^taML Ha seMjiH? .JS,Ä. jiirh. 

17. Kto ctTBopn .a. wöpoK 6ors? oßejih, arHn;a 3aKJia. 

18. KTO ÖBicTb npbBiH nacTHpB wBi];aMb'? ÄBejib. 

19. Kto öbiCTb npbB'm paTan? Kannb, h naieT wpaTH. 

20. WTKoy;i,oy Bbse rmieimii;« '? MnxaHJib lo H3Hece h3 paH h no- 
Bpbate Ha seMJiio. 

Äsxa öoyÄeTB — aKo jik e otb 6pL30CTii anrejCKH (was ja .3. vertritt). Im ersten 
Theil gehen die Abweichungen, wie a. a. 0. gezeigt wurde, auf die Redaction 
derselben Frage zurück, wie sie uns in Nac. 3, Nom. a 8 und Tich. A III a 2 
vorliegt. Betreffs des Lat. u. Griech. cf. oben Archiv XXIII, S. 83. — Nach 
dieser Frage stand vielleicht einst Tich. A I c 4 : B, Kto oöpexe HMCHiH ero 
(AflaMa)? W. .«. anrejin: apxaHre-ii> MHxaHJii. hshäc na bbctoki, h bhä§ SBisÄs, 
HMe eH aHaiojiH u BtseMi. cjiobo ro niee c^iobo asB h npuaece npiÄB rocnoaa ; apxaii- 
rejiB raBpiHJiB nsBiae etc. Cf. Schlettst. IX, 39: Die mihi nomina quattuor 
Stellarum, unde ortus est nomen Adam? — Anatolem, dysis, arctus, misim- 
bria. Es hat aber auch Syn. C 12 die gleiche Frage (in einer dem Lat. ent- 
sprechenden Kürze). S. dazu noch oben Archiv XXIII, S. 87. 

13. Syn. A62; wo sonst diese Frage vorkommt, deutet sie nicht nur 
durch ihre Folge als auch durch die gleich geformte Abweichung gegenüber 
Syn. A auf eine andere Vorlage. In Nac. 12, Nom. a 9, Tich. A III a 3 reihen 
sich die Theile ganz gleich folgendermassen an: .v. .s. .b. .e .«. .r. (Nac.. ä-) 
.Ä. (Nac. .r.) .£. — Star. VI 28 stimmt theilweise auch überein: .a. .s. .e. .r. 
.3. .Ä. .B.; mit Nac. wird es durch die Reihenfolge der Fragen verknüpft. Im 
Griech. kommt diese Frage in verschiedenen Abweichungen vor an mit den 
unsrigen direct nicht zu verbindenden Stellen: Krasnos. 1898. VI 15, VII 22, 
VIII 13 und Eme 6. Ihre Stelle nimmt die Frage oben nach dem Vorbilde ein- 
[zelner Texte der zweiten Redaction der Adamfragen ein. 

14. Star. VI 15. [Quot genera sunt volucrum? LIV. 

15. Syn. A 13; Prim. a 4. Lat. Schlettst. IX, 25; Par. 29; Münch. 15: 

16. Syn. A 12 (besser nach ib. 13 wegen ib. 14) ; Prim.« 3. Lat. Schlettst. 
IX, 4; Par. 4: Quantos annos vixit Adam? 930. 

17. Syn. A 14; Prim. « 5; Star. VI 23. Schlettst. IX, 6: Qui primus ob- 
tulit holocaustum deo. R. Abel. 

18. Syn. A 15 ; Prim. a 6 ; Star. VI 23. 

19. Syn. A 16; Prim. a 7; Star. VI 24: Kou uayqH opaie «a ope? KauHB. 

20. Syn. An : Prim.« 8 fügt zur Frage u uaia ciMena hinzu; Star. VI 25: 
neben MaxaHJiB steht noch raBpH.aB. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Ecciaa ipexx cB/iTHxe^eii. 327 

21. Kto nptBO Ha^e 6ora mojehth? Ehwx. 

22. Kto npLBO Has^ni KHHrs? Meeacoyjr. 

23. B. KoH iiaHAe jiaxuHCKH KHnrH? 0. ^a s^ih OyiaaMt Höe- 
pexspt. 

24. Kto nptBO HSwöpiTe KHtirs rptqcKs? MepKspiie. 

25. A CJOBeHCKS KHHFS kto IBtOÖpiTe? KVpHJII>. 

26. Kora njaHHHa Braua wtl Bcixt njramiHfc? aji*ewBa, ii Ta 
ÖLiCTb BL noTone ne noKpLBeHa, a iie norpisjia kctl. 

27. 3a KOJHKO HSAijia noie KOBTOrt? 3a .p. ji^tl. 

28. KojiHKO 6e bb a-itots? .t. jiaKTt. 29. A bb uinpoTs? .ii. 

30. A BL BHCOT« ? .jI. 

31. B. KoH AtHfc wTBpLse Hoe KOBL^erL H nocjia Bpana ? 0. .m. 
AHH 6eme h3hui.io. 

32. B. A KOHO SBepie HeMame bo Kopaöe"? 0. Peqe: Pnöa. 

33. B. KojiKO KauiTH HMaine bb Kopaöe? 0. .r. KauiTH rojreMH, 
Äa To dexa SBepie h AOÖHTaKL, a Apsra, ag to öexa hthi^h h ap^fh ra- 
AHHH <i>paKaTH, H Apsra, a© to öexa CHHOBe ero. 34. B. Koh ce naceMe 
öaiuTH CH. 0. Peye: XaML. 

21. Syn. A 18; Prim. «9; Star. VI 30: EHoxB.npaBesHH. 

22. Syn. A 19; Prim. « 10: Maisca^t; Star. VI 31 : B. Kon 6u ymmi .pe. 
jtexa, II mieine na, uAe ii Äa hhc UÄasqiiKHiira. 0. MaxscaHjB. 

23. Star. VI 32; Agr. (Knjizevnik I, S. 130): pun mh, kto ro6pi jaiHHCKoy 
KHHroy ? pe^e : MaioycaJB. 

24. Syn.A 20; Prim.« 11 ; Star. VI 33; Lat. Schlettst. IX, 44 (allgemein): 
Int. Qui primus dicit litteras? R. Mercurius gigans. 

25. Syn. A 21 ; Prim. « 12; Star. VI 34: 6.3BrapcKii. 

26. Syn. A 22: Prim.« 13: tb öuctb BBKsni wiKpuBena aiajo ; Star. VI 55: 
0. A.aH'te, onaHH thh ca bhäc cjictb hotoiib, h noxanajia öeiue y KpB*B. 

27. Syn. A 23 ; Prim. « 14; Star. VI 56. Lat. Schlettst. VII, 8; IX, 46 : 
Int. Quantos annos fabricavit (Noe) arcam? R. C; Moc. gr. Nr. 5, Fr. 15: 'Eq. 
Uoffa 'izrj (iVcSe) 'ixriae xrjv xißcjToy. Hn. Xqövovg .q'. (Ebenso Krasnos. 1898, 
IV 14.) 

28. Syn.A 24; Prim. «15. — 29. Syn.A 25; Prim.« 16. — 30. Prim. «17. 
Cf. zu den letzten drei Fragen 28 — 28 Krasnos. 1898, IV 21 : 'jEq. Iloaov firixos 
slxsf Tj xißü}x6s ; Mn. Th fxrjxos nrj^eis rqiaxoaias. To nXccrog^ TQidxoyta. Kai 
TO vxpos TQiccxovxa. 

31. Prim.« 18; Star. VI 57: H bb kou äbhb oiBopH spaia? 0. Peqe: .m.-tii 
ÄBHB nscxH rapBaHa. 

32. Star. VI 59; Syn. A 31 fügt hinzu: zur Frage — h acHBH 6iinie, zur 
Antwort: h «iaBOJ. Cf. noch Nom. b 17. 

33. Star. VI 60. — 34. Star. VI 61 . 



328 Rajko Nachtigall, 

35. Kto saMHCJiu xjana? iioie, iipbBO xawa öpaxoMa CBOHwa pa- 
ßoTaTH. 

36. Kto pasA^JH Btcs seMJiio iia .a- ^lecxn? 0. Hoe yeTtipewt 
cuHOBOML cBOHMb: Chms , XaM« H A-texs H Mnsrb-, Hase po^Hce eMs 
no noTone. 

37. Kto öora bha^? ABpaaML. 

38. ^a KTO et [mlckoml] öece^OBa? npopoKb aBBaKSMt. 

39. Kto cl öoroML öece^OBa Jini^iMt kj. .ihi],s? Mujvch iia rope 
cHHanci^eH. 

40. Kto paa^^JH atbSjroMt Mwpe h npoiiAe Kpose iire no coyxoy? 
CtiHOBe icpaiueBH h mujvch. 

4 1 . ^H rpoöb He wöp^Te ce ? MOMBHHOBb [wohl MwvcewBb] . 

42. Jlß, KTO BHA^ öora Hara? cBexbi MapTHHb. 

43. Kto csesa 3Mea ? CBeTaa Mapnna. 

44. /I|a KTO Bb w6pa3b öece^OBa cb arre-ibi? epeiMia npopoKb. 

45. Kto saTBopn neöo .r. ji^Tb h .s. Mieeii,b? Hjiia. 

46. Kto ena .^s. .ii'feTb? aBHMOJiixb. 

47. Kto nocTaBH npbBO i],pbKOBb öors? cojiOMOHb, 

35. Syn. A26; Prim. « 19: npoKJie. Schlettst. IX, 27 etc.: Int. Servi 
quomodo vel quo ordine facti sunt? R. De Cham, qui de Noe patri suo risit. 

36. Prim. « 20; Syn. A 27 : kto pasÄi^n scmjIio na .n. -qecTn? Hob .r. cti- 
HOBOMB cuMs, xaMoy u a-i-eTs. Schlettst. VII, 12: Quantos filios habuit Noe. 
III. Sem, Cham et Japhet, qui inter se diviserunt terram. 

37. Syn. B 6; Star. VI 73: MpaMi. 

38. Syn.B7; Star.VI74: B. Kon cact MH.ie HsMauie. 0. IIpopoKL AsaKSMi. 

39. Syn. B 8; Star. VI 75; Syn. A 28 und Prim. a 21 : nur mwvch. 

40. Syn. B 9; Prim. «22 (viell. besser): B. Kto pa3ai.iu Mope u npoBeae 
Äwm no CSX8? 0. Movcu. 

41. Syn.B 10; Star. VI 76: Mouce«,, ebenso Syn. A 29: kto sMpi u rpo6b 
lero He wöpcTe ce? MwvcewBB. Lat. Schlettst. IX, 81 : Int. Cujus sepiüchrum 
quaesitum et non inventum. R. Moysi, quia dixit ei deus etc. 

42. Syn. B 11; Star. VI 77. 

43. Syn. B 12; Star. VI 78: ÄaMEO.ia. 

44. Syn. B 13; Star. VI 79: o6paci. öohch. 

45. Syn. A 32: .t. statt .r. ist wohl Druckfehler, cf. gr. Krasnos. 1898, 
XII, 91 u. Moc. griech. Text II 29: 'Eq. Tig xov ovQavhv taTTjae tov ^r, ß^iiat 
inl xrjs yrjg htj y, fxrjvas cJ" ; .'/tt. 'O ccyiog 'FlXiag (Moc. hr] tqiu x(d /LiTifccg .?'.). 

T 

46. Syn. A 33; Sreck. 75: B. Kto cni .o. .s. .Tiri.. W. AuuMe.^iexi. (doch 
hier in anderem Zusammenhange zu erklären). 

47. Syn. A 34; Star. VI 35. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa •rpex'L cBamTejefi. 329 

48. KoH öfcicTL nptBa lüpLKOBb xpHCTiaHCKa ? CßeTLi IleTpb Bb 
Phmg. 

49. KoH 6bicTb npbBiH eraicKsnb? MKOBb Bb KpKcaJiHMe. 

50. B. Amh KOH 6h apxH^HHKOHb? 0. Eeme CBexH Cxe^anb. 

51. B. Amh koii 6h MejixHceAeKb ? 0, CbiHb nasBaHb 6HCTb npea- 

BHXepb. 

52. KoH KCTb rpaAb ep§Ä^ 3eMJiK? lepscajHMb. 

48. Syn. A 36. 

49. Syn. 37; Star. VI 36: naTpuxapt so lepscaJUML? Mkoel. 

50. Star. VI 37. 

51. Star. VI 38. 

52. Syn. A 35; Star. VI 65. 



Unter diesen 52 Fragen sind gewiss nicht alle ursprünglich — so 
besonders von denjenigen, die bloss aus einem Texte zu belegen sind 
und durch die gleiche Idee oder ein gleiches äusseres Moment hervor- 
gerufen werden konnten; doch gestatten uns die Texte keine nähere 
Bestimmung. Mein Trachten war, keine Frage entgehen zu lassen, die 
aus irgend einem ansprechenden Grunde in den Bereich des hier Be- 
handelten aufgenommen werden könnte. Der Text, wie er hier wieder- 
gegeben wurde, erlaubt von gar keinem Chaos zu sprechen. Sein Sinn 
zeichnet sich durch stetigen guten, wenn auch vielfach nur äusserlichen 
Uebergang von einem zum andern Thema aus. Das Charakteristische 
der Auslegung ist (selbst nicht ausgenommen die Auslegung der Frage 
über die 8 Theile Adams) die lapidare Kürze der gestellten Fragen und 
der darauf ertheilten Antworten. Deren Inhalt ist zunächst ein kosmo- 
gonischer, die Genesis der Natur und des ersten Menschen umfassender, 
worauf mit Adam der Uebergang auf Merkwürdigkeiten, Personen und 
Begebenheiten des Alten Testamentes stattfindet, womit, veranlasst 
durch die Idee des Ursprunges und der Priorität gewisser Dinge, auch 
anderes in- und ausserhalb des Neuen Testamentes Liegende verknüpft 
wird. Im Griech. können wir bisjetzt nur einzelne Fragen belegen — 
und dies nur aus dem nicht kosmogonischen Theile des Textes. Fast 
zahlreicher noch fliessen dafür im Lat. die einstigen Quellen. Da jedoch 
im Lat. neben den hierher gehörigen Fragen ganz vermischt auch solche 
davon zu trennende aus der echten Beseda des Slav. vorkommen, sind 
wir über die Natur des ursprünglichsten Prototypons für den hier be- 
handelten slav. Text so lange nicht aufgeklärt, bis uns nicht eine um- 



330 Rajko Nachtigall, 

fassende Studie der lat. loca und der damit verwandten Literatur- 
erzeiignisse diese klarlegt. Natürlich steht für das Slav. noch mehr im 
Vordergrunde seines Interesses die Auffindung directer griechischer 
Originale desselben. Andererseits musa man erwarten, dass noch con- 
servativere slav. Texte selbst ans Tageslicht kommen und weitere Klar- 
heit über die Schicksale unseres Themas bringen. 

Manches von dem eben Gesagten Hesse sich auch betreffs der zwei- 
ten Reihe der Adamfragen wiederholen. War es bei der ersten noch 
leicht, das sich darbietende Material nachwinken der Texte zu ordnen, 
so haben wir es hier zwar ebenso mit einem ziemlich abgerundeten In- 
halte bestimmten Charakters zu thun, können jedoch nicht mehr in dem 
Masse Auskunft über die Reihenfolge der Fragen in den zwar zwei Fa- 
milien vorstellenden, aber deutlich verschobenen, secundären und theils 
geringfügigen Texten selbst vorfinden, wie vordem. Die Texte, die in 
Betracht zu ziehen wären, sind: in erster Linie Nac. (XVII. Jahrb.), 
Star. VI (XVm. Jahrb.), Tich. A III a u. b (XVI. Jahrb.), Nom. a (XV. 
Jahrh.) und Agr. (XVI. Jahrb.). Dazu kommt für 3 Fragen auch Tich. 
A I c in Betracht. Eine Tabelle der zusammengehörenden Fragen stellt 
sich folgendermassen dar : 

Tabelle der Adamfragen zweiter Redaction. 

Tich. A III a 1 : Agr. : Nom. a 7 : Tich. A I c 2 

5 = 0=20 bis 22 (+24: Ende V.Star. VI 5) 

= 2=0 = 8= [3] 



5 
45 = = 



Nac. 1 : 


Star. VI 


a\ : 


2 + 14 


= a 


2 u. 


3 


= 


14 


4 


= 


16 


5 


= 


17 


6 


= 


18 a 


7 


= 


18b 


8 


= 


19 


9 









= 


45 


19 


= 


46 


20 


= 


47 


10 


= 


26 


11 


=: 


27 


12 


= 


28 


vor 13 


= 


44 


13 





48 



= 9 



= 6 



3=0 = 
7 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa Tpext CBÄiHiejieH. 331 

Nac.35 : Star. Via 40a : Tich. A III a : Agr. : Nom. a : Tich. A I c 

36 = 40b = 10[11] = = = 5 

Tich. A III b 1 = Prim. /? 1 4 b Drin. XVI, 1 

(Moc.Nr.17, S.56) 

23 = = 2 =0=15 ib. 2(8.69) 

15 = 6 = 9bis 11 =5bis7 

[7 = Agr. Moc. Nr.21] 

16 = = 6,5 U.3 

17 = = 4 

18 = =7 + 8 = 4 

21 =0 =12 =8 = = 6 

13 [14] = 1 
[15 = 2] 

24 = =46 = = 10 

25 =0 =47 

26 = =48 

27 =0 =19 =11 
28. = 42 b = 

29 = 43 = 20 + 21 = 12 

22 = = [22] 23 = [13] 14 
33 =0 =27 =0 

30 =49 =16 =3 

31 =50 = =23 

39 = 51 
38 = 52 

37 = 53 

32 = 54 

40 = 62 

41 = 63 : Tich.AIUa[12] 

42 = 64. 



Wie man aus den Zahlen ersieht, sehen diese Texte schon viel 
bunter ans als die früheren. Am vollständigsten hat das hierher ge- 
hörige Material Nac. enthalten, doch mit deutlichen Spuren der Ver- 
derbtheit in dessen Anordnung, was auch durch die übrigen Texte nicht 
vollständig sanirt werden kann. Gewiss, schon äusserlich kenntlich ist 
eine spätere Verstellung, wenn es z. B. nach Nac. 1 3 : E. .laMiex KaKO 
6h cjrhnh h KaKo scTpijiH KanHa? — in Nac. 14: B. SBis^H ü; n;a cb- 



332 Rajko Nachtigall, 

TBopii 6t? (cf. Nac. 2: B. W ma cBXBopH 6b ejiHi^e h mi^l) heisst, oder 
wenn nach Nac. 1 8 : B. KaKo 3axo;i;HT CÄnvsß hjth KaKO hcxoaht "? in 
Nac. 1 9 : B. KaKO iie blcmpah ce hjih KaKO iie eBrnnce ? steht, das nur 
durch ein ausgefallenes: Star. VI 45 (Tich. A lU A a 9): B. Kojiko 
jieyKQ, Abbjil HenorpeöeHL ? erklärlich ist und mit Nac. 9 : B. Kto öuct 
npbBH MpLTBi>u,L Ha 3eM.iH? Verknüpft werden muss. Ein weiterer se- 
cundärer Fall ist offenbar auch Nac. 33 : B. mo ropn ctxBopH 6i>? — 
was zwischen Nac. 32: B. Kto :ssaiBh bb rpoöb Btjiese und Nac. 34: 
^To KCTB JiOTh AßpaMoy, eyme tojihko h öojihti. sa Hera seinen Platz 
hat. Die letzte Frage, neben Nac. 9 die einzige, welche man in den 
übrigen Texten nicht belegen kann, scheint ebenfalls späterer Abkunft 
zu sein, da wir sie nirgends recht gut einreihen können. 

Wie ich es betreffs Syn. A etc. gethan habe, gebe ich auch hier 
den Text umsomehr wieder, da daraufhin einige Bemerkungen anzu- 
knüpfen sind. 

Text der Adamfragen zweiter Redaction. 

1. Bb He^ijroy CBTBopn 6b hböo h seMjrio. Bb hohjIkb cjini^e h mu;b 

c' Ä 

H Bca H6Haa. Bbtophhk Haca^H pan. Bb cpi BBcxaBH bo^h bb Mopi. 
Bb ^tkb noBijie h cBSAamece bbch ckoth h ra^H. Bb nexB CBS^a aAaMa. 
Bb csßoTs BB^a^e KMoy ^moy. 

2. B. W ma CBTBopH 6b cjini^e h mi][b? W. ler^a cBTBopn 6b He6o 
H 3eMjK) H ler^a homhcjih KaKO ^a cbtbophtb Ti.!iBKa h KaKO ^a ce po^HT 
u) Hero. H KaKO xoxe pacnexHce h CMp'xH npi^axH ce. H ler^a w 



1. Nac. I. Star. VI « 1 : Bi Heaejno noseje rocnosB u cTsopu; 3eM.!iia otb 
neuÄ MopcKa (cf. Star. VI /S 1 et Syn. C 6 : u nose^i rocnoas CBriiaxii nens Mwp- 
CKsH) H CBTBopu seMJiio) ; H Bca Hönaa fehlt, dafür: cJihum cctb .lonaia öoacHM ; 
raÄU H nxHUH. Tich. A III a 1 : 3eM.aK), äbub h hoiiib h bcio Bce.3eH8io ; ra^u, 
HTUua nepHaTBiia ; a^aiia pyKoio CBoeio ; «aposa statt BBsaae ; Äinio aaaiwoy u 
W3KHBH ero. Nom. a 7: (mit einer Frage begleitet:) Bb kou äi>hb cbtboph 6orB 

c' a 

He6o H scMjiH)? Bca HÖnaa fehlt; cbctbh boäbuhic CBTsapu; ckotu fehlt. Tich. A 

I c 2: von Dienstag an: aiope statt Boau bb Mopi; saÄc ms äxb acHBOiHBiu. 

2 — 3. Nac. 2. Star. VI « 1 : Antw. fängt mit lerfla noMHcau an; na KpBcxB 

npcaaae ce, TorAa cjiasa naÄCXB u3B oko rocnoÄHe, h caxBopii cibhiic neroBO. Star. 

VI /S 5 : H KaKO Äa ce poÄUT w Hero fehlt ; Schluss heisst : MiceuL otb npecTO.!iB 

rocnoÄCHB u sBesaaTC co otb tcjo öojkIc, a arrcie ca otb asxa öojkh h otb ofuhb 

(cf. Syn. C 8: Bac. p. : wt tt» coyi arrdbi coxBopeHH? iwaHB p. : wx Äsxa rocno- 



Ein Beitrug zu den Forschungen über die sog. Beciaa ipexx CBSTHTe^ieH. 333 

CMp'xH noMHCJiH Tb, TOFAa cjiLsa HcnaA^ H3i> wKa rna. to do cjLse na- 
pe^ie rb cjHiiie. Mi^b w nexpaxHJia rna k. 

5. B. Sb^sah üj ma cbXBopH 6b. W. (& noxa rna xaKOjK^e h 
arr-iH cbXBopn. 

T t-, T T »-. 

4. B. W Koro cbXBopH 6b a^aaia. W. W .3. qecxH: .a. xejio rero fl; 
aeMJiK, .B. Kocxb lero iD KaMena, .r. KpbBb lero ^ pocH h i& ejHiiia, .a. 
AHxaHiK Kro vj B'Ixpa. Ainoy lero ü; Ana öojkhh, .e. pasoyMb lero ö; wÖJiaKa, 

c 

,s. üjim Kro ü) MopH, .3. noMHCJib üj 6pb30CXH lero arrjiKHH. 

5. B. KaKO AHMBOJia cbXBopa 6h. W. lerAa cbXBopn 6h neöo h 
seMJiio BHA^ ceHb CBOKt Bb BOA^ H peqe 6paxe hbhah h öoyAH cb mhok). 
H3HA^ ^JiBKb H Hapeie HMe KMoy caxanaHjib. 

6. B. KaKO HcnaA^. W. lerAa caAH rb pan. xorAa noBijieBame 
caAHXH. caxanaHJb KpaA^me w BCbro. h uibAb npocnna na cp'^A© xaniio 
öj ra. rb peue* xh KpaAemn w Mene. Aa 6sAexb xeöi na nporHamie. 
H3HAe eaxaiiaHJib h pe^ie* ra öjibh kjihko nacaAHXOM. rbpe^ie* öjibho 

Aa K, xoy KCMb asb nocpn rero. caxaHaHJLb hab Aa BHAHXb ap^bo leate 
sKpaAe H nocaAH. KrAa bha^ ap^bo lero, xorAa oaxananjib no^pbHi. 
HSbrna ra AptBO lero hs paM. xorAa rb nape^ie hmg kms AHMBOJib. 

ahm). Agr. 20: B, noBiatSB mu wqe KaKO cjiHue saqeice; poÄiixce ro aiBti rt h 

- — - "c 

KaKO CBMptTB npHeM.ieTB : TO sa^ece cjHue; Agr. 21 : B. Jioyaa üj Koro k. 

T C T c' 

W. w pecB neipaxiijia thh. Agr. 22 : B. SBisaa w Koro coyi. W. ilibt thh coyxB. 
Agr. 24 : B. W iio tb arrjiM CBoe CBiBopH. W. ro niTpaxu.iM. 

4. Nac. 3. Star. VI 14: B. Ot kojihko aejose coTBopH 6orB ÄÄaMa? 0. Otb 
.3. Äe.50Be. IlepBO jiejio otb 3eM.iH, .b. j^ejih Kpo<(>B otb Mope, .r. otb KaMCHB, .^. 
Änioy lero fehlt, .s. w^h ms Äaae otb cjibhuc h otb poca, .3. arreJiCKH u jiaiB otb 
CMexB. H otb TOBa chiko äsxb cseTii co6pa ro etc., cf. ohen S. 325. Tich. A III a 2 : 

T 

W KOJHKa iiacTH CTBopH öoFB ajiaMa? für .r. steht .8., f. .ä- — -3.; in .«. f. .e. 
fehlt ro Äxa öoacHH. Nom. a 8: W K0.111KO qecTii cbtboph öofb aÄaaia'? für .e. 
steht .8. (wT BOÄH MopcKHie), f. .F. — .B. ; .«. ist i Ä8IU8 wT BCTBpa; für .e. — .3. 
(nur sMB statt homhcjib], f. .8. — .e. ; .3. ist kpbb wt poce seaiJiBHHie. Tich. A I 
c 3: .H. qecTH; .e. ^le ro Mope, .r. q. ro KOMCHia, .ä. 1. ro BiTpa, .e. n. w rooJiaK, 
.8. q. w cJiHua H ffi pocH, .3. 1. w noMBicaa ro öpBsocTH arrjBCKBix, .u. 1. xCj ctfo 
Äxa. © Toro CT>6pa 6orB etc. (cf. S. 40 u. Arch. XXIII, S. 81—83). 

5. Nac. 4. Star. VI 16: bb boä^ fehlt; comsujib. 

6. Nac. 5. Star. VI 17: B. KaKB OTuaÄe otb öora? a CaMSHJB KpaÄCiue ae 
TO noBe.;ie Ta ce/iexa, otb chikutc OBouiTie no spBuo u sauece aa ro caau c KpuuioMB 



334 Rajko Nachtigall, 

7. B. Kto ci^e Ha iipicTOJii BHUie ra. W. Ap,sMh rer^a BhsjußviTRe 
lero rt na CBOie pawo h BtAa^e KMoy fljuoj. 

T 'S' 

8. B. Kok p'iyn npiacAe nporoBopH a^aM. W. ajinÄOjnu to re ch- 

c . — . 

Phkh: xBajiHxe ra. 

T 

9. B. TA'fe Geß,i a^aitt hslui'ai» hs paH. W. Bt K^ewi npi^ ab'^p'mh 

paHCKHMH. 

T 

10. B. Kto ölict npLBH mp'tb'u;i> na 3eM.TH. W. Abg^b öltcti. 
npLBH mp'tb'i^b. 

11. B. Kojiko jesKa Asejit HenorpeöeHL? 0. .u,ä. jexa, AOHAe 
norpeöoBa A^aina, oi],a ero. 

12. B. KaKO He bl CMpAeee hjih KaKO ne CBrnnee. W. He öeuie 

p'^enO HH MSXaML HH ^ipLBWM Aa KflOyTL. 

T 

13. B. KaKO BBSABHacoyTce ch.zihh B^xpH. W. Kr^a KaHHi. njia- 

^IGT, TOr^a BBS^BHJKOyTCe CHJHH BiXpH. 

T TT 

14. B. W Koro saqeee säo. W. W Kanna 3Jio, Jitata h KJ^Bexa, 
pasÖOH H ÄUiersÖHK. 

T 

15. B. KXO CtXBOpH .3. 3I>JII> BeJTHKHX. W. KaHHB CLXBOpH .3. 3hÄ 

BBJiHKHx, ler^a Hsrnöi .3. TiecxB cb^t .a. Auiersöiie, .b. aAa usic^ij^n, 



OTB Eora; hshäc caMSHJii.; vor Toy kcml (laivio caMi.) fehlt «a le; caivianJiB othäc; 
Torasa caMaHJioBo-To no^pine Hcnaaeno OHO-Ba Äpeso (weiter fehlt). Diese zwei 
Fragen (5 + 6) sind wahrscheinlich aus der Kreuzlegende hierher gerathen 
(cf. oben Arch. XXIII, S. 56). _ 

7. Nac. 6. Star. VI 18 a. Tich. AlllaS: Antw. nur AAaM, BÄase gm» äiüio. 

8. Nac. 7. Star. VI 18 b: XBaJiHTe Eora cb He6ecB. Tich. AIIIa45: B. ^to 
ecTB ajiCÄma hkojkg vjitt,. W. aji. eBpiücKHM'B hbbikomx : XBaJHTC ra. Nom. a 6: 
'^To KOT aJiJisH? xBajiUTe rocno/üa. 

9. Nac. 8. Star. VI 19: Bb mm^i fehlt. 

10. Nac. 9. 

11. Star. VI 45: die Zahl .m. cf Syn. A 12; Tich. A III a 9: W. ÄesiTt 
COT (.i;.) jiiTx; ÄOUÄcace oyaipe aÄaMt xorÄa norpeöoiua aBCJM npu a^aivie h CBBoy 
npn eÄCMC. 

12. Nac. 19; Star. VI 46. 

13. Nac. 20; Star. VI 47. 

14. Nac. 10. Star. VI 26: f. paaöou — xaiwsTCTBO. Tich. A III a 6: Antw. 
Ji'aca H K.3eBeTa, eoynB saBiicxB h HCHaBHCTB, Tai'ßa, HacujocaHHe .... er^a oycxpejH 
cro .jaiviex lorÄa pe^e cms' 3jimh 3Äe nornöHCTt h oyMp'T-B (offenbar verdorben). 

15. Nac. 11. Star. VI 27: B. Koh coctboph .3. paöoTH bcjukh KorAa noru- 
Haxa .3. Ä(j.!i0Be otb CBCTa? 0. KaüHB .a. Asuiy norsöu, .b. afla Haiviepii; .r. (wie 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa ipex-L cBflTHTc;ieä. 335 

.r. seM^is wcMpaAH, -a- i^i^a wne^a^iH, .e. Maxepb wöesB^eTH, .s. ra 
ö;Bpba:ece, .3. 3 öpaTOML pacxa ce. 

16. Ha KOJiHKO ^ecTH pas^ejEH öorb ÄOÖpoTs a^aMOBs"? na .3. 
tocth; .a. qecTt pßCTh aspaMs rocTOJiioÖHe, .b. caMcoHs cnars, .r. 

ÖOraTCTtBO IWBS, .fl. JenOTS IWCH*«, .e. KpOTOCTb AaSH^S, .S. MSApOCXL 

cojIGmohs, .3. Koee aBecajrsMs clihs AaBHAOBs, 

17. B. 3a inTo ocTaBH Bort Kanna na Micei];a ^a rjieÄa? 0. Otb 
KaKBO e Aoöpo HcnaAHajB, h naKt ^a rje^a KaKBO ce 3.10 gt-l nero sage. 

T 

18. B. JlaMiex KaKO 6h cjiini. h KaKO scTpejiH Kanna. W. Kto 6i 
rH^BB 6yK.hi Ha Kanni, cbüi^k ce xoatAame r^asa KMoy npn Horoy. ko- 
ji'Söame TptcTiie. BoatAi» -laMexoBB MHen^H SB^pt le^ h HanpaBH psKs 

JiaMeXS H CTpijIHTt. 

. — . T 

19. Kto nannpisiAe ctTBopH acp'xBs öoy. W. Hok Kr^a hshä^ 
HC KOBqera. 

T 

[20. r^e ce^HT a^aM. W. na .a- neöoy iipoBaatAaKT npaB^AHire 
Bt paH, a rpiniHiK bb MoyKoy.] 

oben); .«• ouaorpemii; .e. Maiept cbom oöect^eÄii; .s. otb öora oipe^e ca etc. 
Im Griech. entspricht dieser Art der Auslegung der oft begegnenden Frage 
noch am meisten Krasn. 1898, VII 30 gegenüber z. B. V 7 oder XI 70. 

16. Nom. a 9. Nac. 12: na .3. lecm fehlt; die Antwort ist lückenhaft, 
doch erkennbar: .s. steht vor .e. ; .3. fehlt, da hier (zu Ende) das Blatt abge- 
rissen ist. Star. VI 28: die Eeihenfolge ist: .a. .b. .ä. .e. (uaps ^asuÄs) .3. 
(sJiaTHii koch) .8. .r. Tich. A III a 3: Ha .3. geciH fehlt; in .e. ist KpoBi. f. d. 

zu erwartende kpotoctl unverständlich; .s. fügt cHoy ero aaBBs hinzu; .3. 
fehlt (s. übrigens oben S. 326). 

17. Star. VI 44. Nac. vor 13: wegen des abgerissenen Blattes nur er- 
halten : lejiHKo ro Hcro 3aqeHsce. Tich. A III a 7 : ßori. u. «a vjiexa fehlt ; w. aa 
3piiT b'cm s'jiaH Ha CBCTe KOJHKO 3Jia uj Hero 3a^ama'S". u naKH rsl apHT bcm ö^raM 

e.IHKO CA eCTB HX JÜHHIIIjI. 

18. Nac. 13. Star. VI 48: Ta ce srBpqu; uTpeneparae Kaio ipecTUKa; 11 

T 

sxaKMH cipda-ia üaiviexs. Tich. A III a 8 : oyÖH; W, Eoatauie ero [wipoia] u 
erÄa bhäht 3Bipi. h HanpaB.;iHHie eivioy poyKs a wwh ne rpemeuia «a mko 6e 
rniBt 6acHu na Kanne h xo>Kaui§ CKop^acM peie npnKJiOHUCM rjiaBa 
CMcy npH Hors CKOse usctlih» ko jeöjEMme c lepHne ^jtKi. HanpaEJume 
JiaMexoy poyKs mhmuih h sBipB e^ h mko oycipiJiH e. Die Zusätze 
scheinen auf einen Apokryph der Art wie Tich. XlaMax. I S. 24 f. (Jaiiext) 
zurückzugehen. 

19. Nac. 35. Star. VI 40a: Die Frage: Koh cotboph Kopaö ? scheint unter 
dem Einflüsse von Star. VI 23 : B. H koh coTBopa HaanpBo Kspöani. Ha scmjh ? 
Abcji. (=Syn. A14) differencirt und als Frage zu Star. VI 40 b gesetzt worden 
zu sein. 



336 Rajko Nachtigall, 

T 

21. B. Pi];h mh KaKO eext seMJiM. W. Ha ^leTBipe tocth öort pas- 
^eJiHJi 3eMjiio : e^Hns ^acxt coTBopn pan. ApHrsio iiacTL coxBopH jiio- 
fleM'B eeAaüHme . (Cyi;eJiH öorx ce^Msio qacxL ^ paH ^a^i jno^eMx atnxH. 

22. B, Be;iHKa jih e^ seinjia, W. Ejhko i3j seMJie ao neöa xo.ihko 
e*^ seMJia Aeöeja. 

23. B. FojiiMO JH K^ ejiHii;e hjih mij;l hjh sbgsah. W. CjiHi],e k'^ 
rojiiMeie w Bce 3eM.ie .^. nbnpnm. mi],i. k*^ s nojiOBHHa seMJie. Ss'^s^a 
.ei. AHe xo^a. 

^ CT 'S 

24. B. /liajreiie jih e*= cjiniiie ^ Mi^a. W. Ejihko ^ seMjre ^o Mi];a 



20. Nac. 36. Star. VI 40 b. Tich. A III a 10: W. na BI,ICO^e npecTOJi 
CMOTpMioinu EeaKs Äuiio npoBoacaiomu c n-üaiejix rpeinns a npase^iHs c paaocTiio. 

T 

Darauf folgt : Tich. A III a 11 : B. T^i ccähtt. cbihx ero aseju.. W. ccäht ctiHt 
cro OB enoxoMi. niiraoymH rjjexH bccm h npoBoacaiomH nj)aBeÄHBiM b pau, a 
rpeuiHMu b MHKoy. Tich. A I c 5 = Nac. 36. lieber die Stellung und Ur- 
sprünglichkeit der 20. Frage bieten die Texte zu wenig Anhaltspunkte. 

21. Tich. A III b 1. Prim. /? 14 b (resp. Nom. a) : II na lempu qecxH pas- 
acju Bon seMBJiro, .a.-io hcctb CBTBopu paii, .b.-io ^ecxt Mopc u Bo^e, .r.-io qecii. 
nscTO MicTO, .Ä. lecTB JioaeMB ceÄaJiniTe u wx.is'iu Eort v: para. .3.-10 qecTB 
niniTe JiioaeMB, Drin. XVI (Moc. Nr. 17, 1 ; S. 56): B. Pluu mh w seMjiH. KaKO 

T C 

deui. W. Ha .«. gei pasÄiJieHa seujii lieber diese und die folgenden 

Fragen vgl. noch später. 

22. Nac. 23. Prim. ß \b (resp. Nom. a): Kojhko gctl seiviJiH aeöe^ia? Tich. 
A III b 2 : Ko.iHKa cctb rjoyÖHHa BCMHaa? W. K0.iHKa ec BBicoia HöaaM. Drin. 

T ^ 

XVI (Fr. 2, S. 69 f.): BdHKa Jiu e rjisÖHHa seaiu. W. cjhko le^ ro scma na h6o. to- 

JHKO U rJIAÖHHa 3eMH. 

23. Nac. 15. Star. VI 6 : Kojuko jiu e etc. 0. catHiie-xo e ro.ieMo .^. no- 
rjieÄe, a MiceuB e Ha ciiiKaxa zquäu no^OBuna-ia. Star. VI 7 : B. K0.IK0 .iHiia 
HMa cJiBHHe TD HJiH Miccua? 0. Oöpase ^.a. uMa c^bhixc-to, a aiiceHB HMa .tm. 
oöpase. Agr. (Moc. Cji^äbi S. 57) Piiu mh kojihko w6pa3B HMax cjiHHe. peie. xh- 
coymoy mag viell. auch hierher gehören. Agr. 5 : B. BejiHKo jih kc ciuue. 
HJ. EBce 3eM.ie HBnpuuiB lucoymoy no Ei.iUKO ecxB ; 6: B. jrsHa BejiUKa äu k'^. 

T 

no.30BHHa BCi scMjie; 7. B. SBisabi BijHKC Jiu coyx. W. .ji. ähu xoaa, xo.iuhu 

. . T 

cojn-. Tich. A III b 9: B. Ko.ihko ccxb cjimo BCiHiecxBO. W. .^. nonpuiuB; 10: 

T 

B. KojHKO ecTB Jioyna. W. no.ioBHHa ecxB Bceia sgmjia; 11. B. 3Be3/iBi kojukh 

CSTb. W. KOJIHKO eCXB .JI. ÄHCH HSTH XO-IUKa CCXB SBCSSa. 

24. Nac. 16. Tich. A III b 6: AaJieiuH ecrt w Mua h6o? Zur Antwort 
(=Nac.) wird noneace cüue cctb na hoch hinzugeschrieben ; ib. 3 : KaKo sbcsäh 
Ha iCM-B CTOUTx; ib. Sj JIoyHa h ane ächbhuhu KaKO ckxb? üoyua na uöcn lecii. 
a ÄBe etc. — 25. Nac. 17: Die Antwort fehlt, da das Blatt hier abgerissen ist. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eecifla xpexi. c-anTUTeÄen. 337 
TOjiHKO iD Mi],a AO ejiHii;a h fl,o 33^3^^. 3b'63ah na hoch STBphSKAeuH csth. 

C T 

Mu,b H AB'6 Ai'HHi^H IIa Hiepex njaoaiOTb. 25. KaKO 3b§3ah xo^eTb. W. 

T 

20. KaKO 3axoAHT CjiHi;e hjih KaKO hcxo^ht. W. Er^a 3aHAe 
cjiime, noHMoyT ra arr.JH h Hecoyxb ra iia iipicTOJiL rnb. nojiaraiOTb 
ra Ha Kpnjio rne. h noiOTb n^iciib HeMjiLqiioyio h na .s. m,*^ vDßpbseTb'^ 
np'icTOJi H noHMoyT cjHi;e h iiecoyT na BbcxoK. h nocxaßeT iia np'i- 
cTOJi, Toro pa^H na roüei«' flß.h BbcxOAHT, 

27. B. KaKO niTJiH Bb hoii],h noiOTb. W. Kr^a noHMoyx arr.jH 
c.iHii,e cb npicTOja rna h noiiecoyT na BbCTOKb, oy^apeT xepsBHMH 
KpioH, Tor^a Ha somäh BcaKa nTnu,a noTpenemexb. Tor^a pa^n nixjH 

nponOBi^OyiOTb MHpOBH. 

«• T 

[28. B. ^xo csxb rpoM h mxo csxb mojHIhm ö-iHcxaioma. W. FpoM-B 
eexb wpsatie aHr.icKoe. aHr.i% rHb ^töBOJia tohhx a mojhhh coyxb 
WAeat^a apxanrjia iiaeaHanjia h er^a AoatAi» H^ex xor^a AtHBOji'b cxa- 
HexT. npe^ fl.oyKji,eMT> ^a ne rpaAexx na seuÄio xoro pa^H anr./i'b rnb 
roHHX xoro. - — 29. B. ^xo xaKO mojihhm ceKb'Xu,a. W. To 6o ecxb xor^a 
apxaHrjix co rniBOM spnxx iia AtHBOja. — 30. Kojihko eexb na AtMB0.)ia 
cKopocxb anrjibcKaM. W. Kojihko ecxb oyMt mjikhh.] 

Ebenso fehlt sie aber auch merkwürdigerweise in Tich. A III b 4 : B. KaKo 
aaxoÄHT'i. 

26. Nac. 18. Agr. 4 (verdorben) : — Ha ro.;iiM ähb blcxoähtb — B. KaKo 

Hoiu,L BLCXOÄHT. W. Er^a cjiuue BBSuAeTB, MH03KCTB0 arrjiB BB3MoyTB ero u npUHe- 

c c" 

coyTB ero iia npicTOje nie noiome n§ iieMoyuHoy u na .3. nicHU uBpBsaiOT npi- 

CTO.T THB II nouMoyiB arr^iii cjiHue u noHecoyi ua bbctok. Tich. A III b 7 : B. KaKO 

CjiHue Ha ro.!ieM ähb ucxoaut? (Antw. fehlt); ib. 8: KaKo bt. Homii saxoÄUTx u 

T 

rje ecTB ? W. Er^a aa.uAex'h aiHue, TorAa MHoacecTEo etc. wie Agr. ; vor nouMoyrt 
wird noioT aHrjiii ni^ hcmojI'bihkh) wiederholt. Die Zahl ist ausgeschrieben : 
Ha ceÄMOu nicHu (wie Agr., Nac. hat .».]. 

27. Nac. 21. Tich. A I c 6. Agr. 8: Antw. kurz . . arrjiH rnti ii usHecoyx 
cjiHue Ha 3eM.iH). Tich. A III b 12 : von noHccoyT bis xorAa neuti fehlt. 

28. Tich. A III b 13. Agr. 1 : M^iBHia le'^ [rHe]BB (?) caTaHaii.ia tohhtb erAa 
6o Ä03KÄB; statt Toro paa« etc.: Toraa cb rncBOMB tohutb ero. — 29. Tich. A III 
b 14. — 30. Tich. A III b 15. Agr. 2: ua ÄBMBOJia fehlt; statt cyM-t — noMuciB 
Etwas dieser letzten Frage Entsprechendes kommt auch in Tich. A III a 18 
ungefähr vor: B. Koropsio cu.;ik i.3ks uorx awg u- aurjia. W. iT- 6op30CTH aHrjiii- 
CKHM AacTB qjiKs oyM-B (-|- ein Zusatz). Es steht dies in dem Theile, der Prim.,? 
entspricht fPrim.3 — Tich. IG, Prim.4 — Tich.17, Prim.5 — Tich. 18:. Prim.,'?5 

Arohiv für slavische Philologie. XXIV. 22 



338 Rajko Nachtigall, 

31. B. ^To K'^ seMJia ^a le*^ njiMia boab. W. Mko tgjio njiLHO 
KpLBH, TaKO H 3eMja BO^e. 

T 

32. B. KaMO Mope ^eBaieTt bo^h, K»:e hast bl Mope. W. MKoate 
3B^ps xpaiia K^ Mptma xaKO Mops boah. 

33. B. ^To K*^ cojit Mops. W. MKoa:e xejis tskb, xaKO Mops cojib. 

34. B. r^e BL3HMJISTB WÖJiai^H BOAH, Kate TO.IHKO MHOFO H3H0CeT. 

W. BcaKOie AHxaHire Toy HeeeTB r^e le^ Ta BO^a noneate Bt 6e3AHe k^. 

T 

35. B. KaKo sMHoataieTce BO^a Ata^ÄeßHa. W. M&jlo BtSHMaiox 
ojöJiai^H Kr^a bhabt cb^tb ^Miioatexce. Peye 6o npopoKt Bt kocm§ psHO 
pac^euis. 

T ... 

36. B. KaKO ÖHsaieT eoyuia hjih ß,hmji.eBO. W. Eext i];pt BOAenn 
H csuiHH. Aa lerAa noHAexB bb rjifcÖHHOy, noHAyT Bce boah no hgm xoro 

heisst: B. Koio ch^b AacTB Eon. q.ioBiKs? 0. Wtb öpBsocTH arre^rcKHe smb ^.Ä0- 
BiKs ecTB. Man vergl. dazu noch inTich. A Illa 2: ^eTseproe mmcib cmb nane 
w cKopocTH aHr^HCKiiM. Wcder für die Adamfragen noch für das sogen. Cjobo 
OB. E-fpiaia sind die beiden citirten Fassungen der Frage genügend beglau- 
bigt. Das Gleiche gilt viell. auch betreffs 28 u. 29. 

31. Nac. 24. Nom. a 10 (später verändert, da es in anderem Zusammen- 
hange steht): KojiHKo kct iqjio gjioBiiBCKO n.5BHo kpbbh? laKo m 3eM.3a kct njiHa 
BOÄ^. Tich. A III a 46: w. mko h kpobb b le^ie TaKO u seMJiii BO^a. 

V TT 

32. Nac. 25. Tich. A III a47: B. IIomo KaMO iiaen. bxoäu. W. bcakhh 3BipB 
KpOEHio xpaHHTi?a, laKo H Mopio ccxpaHCHie Boaa. 

33. Nac. 26. Tich. A III a 48: B. KaKO gctb Mopio ciano«-". W. KaKO cctb 

TOyKOCTU BBepCM'B U CKOTOy, TaKO eCTB H Mopio cjraHo'^. 

34. Nac. 27. Agr. 11, mit anderer Stilisation: B. r^i BBsiiMaiOTB wöjtauu 
EOÄoy ÄtacÄeBHoy. W. hhkom stnima snaeiB Kora m^ 'xasii BOÄa bb öis^ne ^iiBiit 
II BB öisflHe BBSHMacT cc. Tich. A III b 19 (lehnt sich an Agr. an). Die Antwort 

T 

heisst : W. Hu Kaci siiHima hh wko Toro bhäux hh sHacTi. toh boäbi noue/Ke b 
öisaae B3HMaeTKa. 

35. Nac. 28. In Star. VI 42 finden wir nur: kocgho ccho nwiacTCHo, a tu ro 
pac^eiueTB, la ciaHCT Miioro (cf. darüber schon oben, Arch. XXIII, S. 76). 

36. Nac. 29. Star. VI 43: h csuihh fehlt, bei ÄJiBöiiiia steht beidemal Boana; 
mehr ist: h3 3eMe «a ii3Bnpa und zum Schlüsse h nsiuTaxB poca no 3eMjriiTa. 

T 

Agr. 12: B. KaKO ÖHBaexB coyina, KaKO jh ÖHBaeiB ÄBacÄOBHO. W. erÄa öuBacTB 
coyuia wxoaiiTB boäum upB bb r.;[B6iiHoy h noHÄoyTB no hcmb bcc CToyxTe boäkic 

. . T 

noHCHJC upB Toro paAii coyraa ÖHBaexB. W. ersa öHBacTB Ooypa BBSÄBHrHexce iipL 
EOÄUii H3B rjiBöium noHÄoyTB no hcmb bbcc cioyxTc BOÄHie npia humb Toro paau 
BB3BpaTHT BOfla HC KaMCH H3 spcEa Toio paflH HOHMoyx wÖJiami BOÄoy. Tich. A III { 
b 20 lehnt sich an Agr. an; die Antw. heisst: Ectb cxsxuij npB boähbi craa j 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa rpexx cBjixHTe^ieK. 339 
pa^H ÖHBaieT coyma. Er^a naKH i];pL BOAeHH AEHrneTce h3 TÄhönae bck 

BOAH nOHÄyT np'^A HHM. TOr^a HSBpHT BO^a H3 AP'^BHH H HC KaiVieHlM. H 

ujöjraij;!! roTOBO blshmjiiotb k>. 

37. B. KaKO w HCTOTiHHKt 3HMie HCxOÄHTfc Tonja Bo;i;a a jieTie 
cTs^ena npeMencyeTce. jrexie np^AXOAHTt cTsAeHO Bt MHpt, a Tonjio 
Bb rjEBÖHHoy. TSiKoyKß^e h 3HMie CToyAeiio bb rjibÖHiioy a TonjiOTa nh 
MHpB, Toro paAH re^ BO^a Tonjia. 

38. B. (rA'i&) öane (nsBapexL H3t seMjre h) [?] tojihko lurHLHe 

T 

HcxcAex. W. 3eMJiM na BO^e ctoht h BO/i;a na wrHH, iD tsas 
BO^e no atHJiaML H;i;eTi,. w6aye ain,e ne öh tojihko TJtcToxy 3eM.iibHS 
npoxoAHJia, He 6h Morjii> w ropuHiie hh rje^aTH lo ^jckb. 

39. B. IIIto ropH cLTBopn 6h. W. ropaMH 6h 3eM.M0 htbpbah ^a 
CTOHTt a He KOJiöteTce na Bo;i;ax. 

T T c' 

40. B. W 111,0 vjTHh sa^iece. W. w 3eHHH,e rne BtKeate 6o aHr.ib 
rHB. H cHece aAaMs. 

41. B. 111,0 He CtTBOpH TL 5KeH0y ÖJ 3eMJie MKO H ^MBKa HB (D 

peöpa cLTBopH K). W. BBnpocHuie arrjH w tom tb peye teko cbtbo- 
pHTB Aa öojiHT apsrB 3a Apsra. 

WHÄGT BO rJtSÖHHS H nOHÄSX BCU CIUXUM BOÄHaM nO HGMt nOHCKe UpB eCTB Toro 

T 

paÄH C8X0 ötiBaex-B. Ib. 21 gibt zu Agr. zweitem W. auch die Frage: B. Er^a 

T 

öspa 6i.iBaeii> KaKO npnxoffHTx soja. W. Bo3ÄBnrHema ijpL boähliu hst. tjisühhI)! 
u noHÄST BCM BOCJiiaoyiomau eaiK u houäst Bnpea, loro pam BOSBpuT h3 apeBa Bo^a 

HC KaMCHU WBCK)Ä8. 

37. Agr. 13. Tich. A III b 22 (anders stilisirt): B. Kano ecxt seujia ust. 

T 

ropi. BOÄH xen^iLi laKOJiu cstb boäbi ctsächh. W. Ectb äbc ciHxiie esHHa Ten.ia 
a ÄpoyraM CTSÄena npeivieHMma hko Ha hhoks noHe juexe npnxOÄHT cisaeHL bo 
rjsÖHHs a ropMme sepxs npes SHMoy npeötiBaeix ropame bo r.iioy6HHe loro pa^u 
H 3HMi Ten.!ia ecxB Bosa w hs ropt. 

38. Nac.22 mit beschädigtem Texte der Frage: Kxo öaHe h. . . . Agr. 14: 

T 

B. Tai HSBHpeiB Boaa bb öanax. W. seMJiM na BO^ax cioutb. Boja na uthh u 
BOÄHTce no acHJiaxB. xoro pa^H wrHti coyx. Tich. A III b 23: ß. Tä^ BsuMaema 

T 

BOfta xen.aa h3 3eM.a:H h tojiu wrueHeuo ucxcanx; W. Agr. entsprechend. 

39. Nac. 33. Tich. A III b 27: cxchit. bb Mups. 

V T . — . 

40. Nac. 30. Star. VI 49. Agr. 3 : B. KaKo wruB saqeiB. W. apxarr^iB mu- 

T 

xau.TB BBaceace ^' 3euHHe. Tich. A III b 16 = Agr. 3, nur heisst in Tich. VJ. 
Apxanrj'B MHxaHJX saace uthb w 3SHiua rua u cnlce na denJiDO. 

41. Nac. 31. Star. VI 50. Agr. 23: B. IIohio CBXBopu 6b acenoy u- peöpa 

T - — . 

aftaMOBa a ne cBXBopu w 3eM.ie. W. er^a CBiBopu 6b yKCHoy xaKoacAe BBnpamaxoy 

22* 



340 Rajko Nachtigall, 

T 

42. B. KojiHKO Äir öbict a^aiiL bb pan AOHAeate ctrpiiira. W. 

.Ä. Jlf,T. 

. .-. T 

43. B. Kto iiape^ie 6oy HJie leaioy 6b. W. JI^nuBOÄh iiapeue ier,T,a 
peqe KB3t : mo pe^ie 6h hcth h.ih iie mcth. 

^ T 

44. B. ^H raac 6w*= iiyTb w etcTOKa ao sana^a? W. (Eß'acHHi.] 
rjac ler^a wcs^h io SB^pt roproHH. Tor^a njia^ieuie BejiHKO. 

T 

45. B. Kto 2chbl bi> rpoöt BhJiese. W. Ha<i>api> rer^a Hse^e .r. 
nemH xjieöa. ii o^^ataceHt 6hi'^ [AaBHAt h] ctTBopH MjITbs ki> 6s h shhs 
seMjia H nojKpeTL acnnia H'i'apa. 

46. B. Kto 6ixoy ciioBi ^jiByci^H nate BLsexoy aceim ceö^. ne 

T . . 

njiLTiH) njro^exoy ce Hoy noMHCJiivM. W. Chob^ chmobh Btaexoy cecTpH 
CBOK H iie np^KOCHoyine ce k hhml. 

47. B. IIoyTO TL KpmeHiie ctTBopH Bt Hop^aiiH. W. r^i A^aML 
noKaa ce ts rt KpcTHce. 

48. B. Kto npo^a^'S ^i'^cTt 3a6ecyeeTiK. W. HaaBt npo^a^'S ^i'^cti. 
3a ö'^yTie HKOBoy öpaTs CBOKMoy. 

6a arrjiH h peie ri. TaKO ctTBopoy aa öojihtb sa Moyaca csoero (mit einem Zusatz:) 
Äa er^a Kapaeii na Hie na ceöi Kapaext a wna oynoEaHure Hani. UMaxt. 

42. Nac. 39. Star. VI 51. Cf. griech. Krasn. 1898, VIII 9 [IX 13] : 'Eq. 
nöau ITT] Inoirjaeu o yidü/,i eis' rov naouSeiaou] jln.ETf] ixcaöv: das nächste, 
das aber auch nichts direct mit unserer Stelle zu thun hat. 

43. Nac. 38. Star. VI 52. Siehe über diese Fragen bereits oben Archiv 
XXIII, S. 8.5, sowie betreffs Fr. 42 u. 44. 

44. Nac. 37 : W. öoküii. Star. VI 53. 

45. Nac. 32. Star. VI 54: ii oyöoM ca ^aEUÄt u coTBopir. Cf. griech. in 
Krasn. 1898, I 17 : 'Eq. Ti lariy ai irpotaeis xov (-Jeov tu tio kÜQvyyi ainüt^ xui 
^ojuqialai d'lßTOfxoi iy Talg ^SQalv avxüv; j4n. ^Enl Miiiä&u^' ore eneii'aaey 
ztaßlS y.al eisrjXd-ev eis tov vaov xal tovs «^tovs ti]5 TiQo&iaeoJS tcpceyey nvxos 
xal ot fiel' avTov. Die Frage oben setzt natürlich eine andere griech. Vorlage 
voraus. 

46. Nac. 40. Star. VI 63: CuHOBe Hocbu h A^ctobu (über die griech. Pa- 
rallele dieser Frage s. oben Arch. XXIII, S. 77). 

47. Nac. 41. Star. VI 62: Hcoycx XpucToct für rt. Tich. A III a 12: 
B. IIa KoeMx Meere 6ti Kpiuenie nie r^e u KaKO? mit einer langen Antwort 
(8 gedruckte Zeilen), deren Urgrund (= Nac.) noch ganz darin enthalten ist. 

48. Nac. 42. Star. VI 64 (kürzer ausgedrückt). 



Der vorangehenden Zusammenstellung könnte man den einiger- 
massen berechtigten Vorwurf machen, warum nicht vor allem z. B. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eecisa -rpex-i. CBHTirre.3efi. 341 

Frage 23 nach Fr. 3 eingefügt wird; ebenso dürfte Fr. 22 nach Fr. 38, 
wie da8 Nac. hat, ganz gut folgen. Gewiss hätte es viel für sich, alles 
Kosmogonische zusammenzuthun, worauf entsprechend dem Syn. A I die 
weiteren an Adam anknüpfenden, dem Alten Testamente angehörenden 
Fragen anzuschlicssen wären. Doch konnte ich mich nicht dazu eut- 
schliessen, da so die Frage über die 7 Theile Adams viel zu tief ge- 
stellt sein würde, mehr als es die Texte erlauben. Es wäre in diesem 
Falle ein starkes Abweichen von den Handschriften vonnöthen, das 
manche Bedenken erregen könnte; darum scheint es besser, es bei 
einem Compromisse zwischen den Texten, die zwei Familien vorstellen, 
bewenden zu lassen. Bin ich betreffs der Trennung der kosmogonischen 
Fragen der durch Drin. XVI, Tich. A III, Agr., ja gewiss auch durch 
Nom. a repräsentirten gefolgt, so tritt neben allgemeinen Erwägungen, 
namentlich deren höheres Alter nicht unbedeutend in die Wagschale. 
Nac.I und damit der entsprechende Theil von Star. VI stellen die zweite 
Familie dieser Adamfragen vor. Die Zusammengehörigkeit einerseits 
der der ersten Gruppe angehörenden Texte und anderseits von Nac. und 
Star. VI beruht theils auf dem Wortlaute, theils auf identischen, nur in 
gewissen Texten belegbaren Fragen (von denen manche, wie die ganz 
allein stehenden, ohne Zweifel secundär sein werden; man müsste sich 
um ihre directen Quellen umschauen, dabei aber noch mehr Texte 
haben) ; hauptsächlich entscheidend ist jedoch die Anordnung des ge- 
meinsamen Inhaltes, hinsichtlich dessen man in der früheren Darstellung 
der Tabelle nachschauen möge. Die Differenzen im Texte der beiden 
Familien betreffen zumeist eine verschiedene Stilisation — ein Star. VI 
ist ja auch völlig bulgarisirt — , doch finden sich auch weitere Abwei- 
chungen, die aber — wie man sich aus den in Gänze angeführten der- 
artigen Varianten tiberzeugen kann — an sich kaum ein verschiedenes 
Original für den Ausgangspunkt vorauszusetzen geeignet sind. Man 
muss sich nur an die Thatsache erinnera, wie derartige Literaturerzeug- 
nisse dialogischer Form und einem breiteren Interesse zugänglich — 
ganz selbstverständlich leicht ihr Kleid und Putz ändern, wofür uns das 
Griech. und auch Lat. treffende Analogien geben. Im Grlech. ist bis- 
jetzt, wie für die Redaction von Syn. A I, so auch für die von Nac. I — 
benennen wir so kurz die beiden Typen der Adamfragen — nichts 
Näheres bekannt. So können wir z. B. die Frage über die 7, resp. 8 
Theile Adams nirgends belegen. Wir haben Tractate ähnlicher Natur, 
wie z. B. den von Moculjskij herausgegebenen griech. Text: IIsqI y,xi- 



342 Rajko Nachtigall, 

(Jetog AÖOf-iov. Kai rör^fia ovQäviov inl Trjg yijg (JliTomicb HCTop.- 
ctHJO.i. oöin. OACcca VI, S. 358 ff.) oder gar den sogen, kosmogonischen 
Liber Johaunis (Thilo I, 885 ff.); doch können wir, wie schon oben 
(Arch. XXIII, S. 53ff.) dargethan wurde, unter diesen genannten Texten 
keine directen Beziehungen herstellen. Ein Liber Johannis hat sogar 
eine ganz andere Richtung — mit einer echt bogomilischen Aus- 
schmückung, während das betreffs der slavischen Texte gar nicht der 
Fall ist. Selbst die in dieser Hinsicht am meisten hervorstechenden zwei 
Fragen 5 u. 6 sind nicht so böse und wahrscheinlich nicht einmal im 
Bereiche der Adamfragen heimatsberechtigt. Uebrigens muss ich die 
Beurtheilung der stofflichen Seite unseres Denkmals, ihrer kosmogoni- 
schen und anderen Anschauungen Fachleuten überlassen. 

In der zweiten Redaction der Adamfragen ist das Charakteristi- 
scheste das starke Obwalten des kosmogonischen und kosmographischen 
Elementes. Ist der Anfang mit seinem kosmogonischen Inhalte und 
dessen fernerem Uebergange auf die Capitel der ältesten biblischen Ge- 
schichte einigermassen conform mit der äusseren Natur von Syn. A I, 
so ist das Kosmographische eine Eigenheit der eben behandelten Re- 
daction. Eine gemeinschaftliche identische Frage und Antwort gibt es 
zwischen den beiden Redactionen nicht. Wohl werden erklärlicherweise 
zur Genesis ähnliche Fragen gestellt — man vergleiche aber ihre Deu- 
tung! Vergleiche will ich nicht anführen, sondern nur auf die beiden 
Zusammenstellungen hinweisen : Redaction I Fr. 2 und Red. II Fr. 1 ; 
6 — 2-f-3;8 — 38;9-fl0 — 22;il — 4; 13—16; 16 — 42; 
17— 19; 36 — 21. 

Zu glauben, dass sich Syn. AI und Nac.I aus einem ursprünglichen 
Eins entwickelt hätten, geht nicht an, da ja dem die Texte selbst wider- 
sprechen. Die in der That bestehenden alten Berührungen zwischen 
beiden (Tich. Ale!) beweisen gerade nur das letztere. Wie nun diese 
ältesten Beziehungen, die über ein Star. VI mit dem genannten Tich. A 
I c ins Serb.-Bulg. und in das XV. Jahrh. hineinreichen, zu erklären 
sind, wie sie sich ausgestalteten, dafür haben wir bis jetzt noch zu wenig 
Daten, um es verfolgen zu können 'j. Ich glaube überhaupt, dass man 
sich auf Schritt und Tritt in der Untersuchung überzeugen konnte, dass 



1) Dass beide Arten von Adamfragen in einem Codex zusamraenstossen 
konnten, zeigt viell. Agr., wo wir nach Knjizevnik III, S. 130 Fragen, wie sie 
in Syn. A I vorkommen, antreffen, wo jedoch auch in dem von uns benutzten 
Theil ohne Zweifel die Redaction von Nac. I wiederkehrt. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Becifla xpcxi. cBaTurejieii. 343 

wir noch bei Weitem nicht ein kritisch zusammengesuchtes, bestes, 
sondern mehr nur gelegentliches Textmaterial zur Verfügung haben, 
was schliesslich nicht zu verargen ist, da man es neben Wichtigerem 
leicht übersieht — mag dies üppig hervorgeschossene »Unkraut« auf 
dem Felde alter Literatur infolge seines demokratischen Charakters 
auch Mehr umgarnt und tiefere Spuren gelassen haben, als man ge- 
wöhnlich denkt. 

III. IIcnpaßjieHie und Cjobo cb. E*piMa (Syn. B, Prim. /i). 

Wir wiesen auf die Berührungen zwischen Syn. A I und Nac. I 
hin, die sich in Tich. Ale oder Star. VI etc. äussern. Ein weiterer 
interessanter Fall derselben ist, dass wir einerseits in Nac. unter dem 
Titel: IIcnpaBjeme w iiOB-feM saB^Te craro Hwa w snpoce (Nac II), 
anderseits aber auch im Syn.* unter: IlenpaBJieHie w hobwm saBBTe 
(Syn.B) an 20 Fragen angehängt haben, von denen 13 bei beiden völlig 
identisch sind (darunter sogar eine nur in ihnen vorhanden: Syn. B 3 = 
Nac. 52). Dieselbe Folge sehen wir natürlich auch in Star. VI; es ver- 
mittelt überdies, da es mit beiden 10, mit Nac. II allein 5, mit Syn. B 
8 Fragen gemeinschaftlich hat. In der Reihenfolge folgt es Syn. B, im 
Wortlaute aber gewöhnlich Nac. II. Dieselbe, wenn auch etwas ver- 
schobene Verquickung des gleichen Materials von Nac. I -f- Nac. II, 
resp. Syn. B sehen wir schliesslich in Tich. A III, wo, von einigen 
Schlussfragen von Tich. A III b abgesehen, inmitten von Tich. A III a 
ganz Prim. ß : Cjiobo cb. vjTUß. E<i>peMa (Anfang des XVIII. Jahrh. ; cf . 
Moc. Cjii^u S. 58), resp. Nom. a (XV. Jahrb.): Cjtobo cb. E*peMa ent- 
halten ist, was auch im Titel von Tich. A III seine Spur zurückgelassen 
hat: Bonpoc cb. E*piMa w cb. sacHJiHH w bcbm HcnpaBjrsHHH, und 
wo ebenfalls dieselben charakteristischen Fragen (in Prim. ß 7, in Tich. 
AIII 1 4), wie in dem HcnpaB.ieimre vorkommen. In der letzteren Gruppe 
von Texten kommt überdies noch ein ebenfalls hierher gehöriges Plus 
vor. Endlich bietet auch Agr. neben seinen Adamfragen 7 in Nac. II 
und Syn. B vorkommende Fragen, ausserdem noch solche, die es mit 
dem erwähnten Plus Prim. ß, resp. Nom. a und dem betreffenden Theile 
von Tich. A III gemeinsam hat. 

In diesen Anhängseln an die Adamfragen haben wir eine eigene 
selbständige Reihe von Fragen zu erblicken, die sich in den Texten 
folgendermassen vorstellt: 



344 Rajko Nachtigall, 

Tabelle der Fragen des KcnpaB-ienie. 
Syü. B 1 = Nac. 43 == Star. VI 68 = Prim. ß = Agr. 1 6 (42) = Tich. A 













(resp.Nom.a) 




Illa, b26 






44 


= 




69 = = 


34 


= 


20 






45 


= 




70 = = 





= 









46 


z= 


1 


71 ^ ^ = 





= 


21 






47 


= 





= 


22 






4S 


(Ende v.) 71 








2 


= 


50 


= 




72 = = 


15 


= 


25 


3 


= 


52 














4 


= 


51 


= 




0=0 = 


26 


= 





5^) 


= 


49 


= 




0=0 = 


40 


= 


24 





= 


59 


= 




= Nom. a 1 = 


38 


= 


43 





= 





= 




= Nom. a 2 = 


39 


= 


44 


14 


= 


61 


= 




SO = = 





= 


49 


15 


= 


56 


= 




81 = Prim./?2 = 





= 


14 [+15] 


16 


= 


58 


= 




82 = 1 = 






13 




_ J 


f 53 


= 




83 = 10 = 






25 


17 




l 54 


= 




84 = = 






26 


IS 


= 


60 


= 




S5 = 3 + 42) = 






16+ 17 


19 


= 


57 


= 




86 = = 









20 


= 


55 


= 




87 = = 






37 


21 


= 





= 


88 


(—95. 









») Ueber Syn. B 6—13 cf. oben Arcb. XXIII, S. 70 f., 74. 
2) Die Tabelle des hierher gohörigen Plus in Prim. ^, resp.Nom.a, Agr. 
und Tich. A III a (Cjobo cb. E*piMa) : 

Prim. ß 5 = Agr. = Tich. A III a 18 



8 


= 


35 


= 


2;{ 


9 


= 





= 


24 


11 


^-^ 





^: 


27 


12 


= 





= 


29 + 28 
[30—31 ist ein Zusatz] 


13 


^ 





= 


32 
[33 — 36 auch ein Zusatz] 


14 


= 


36 


r= 


38—39 


15( 


= Nac. 23, Adamfr. II 22) 




16 


= 


37 


= 


40 


17 


= 





= 


41 


18 


= 





= 


42. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa xpexi, cnnTHTCJicii. 345 

In der Anordnung der vorausgehenden Fragen möchte mau sich 
vor allem auf Syn. B als den bestgeordneten Text halten. Ausser ihm 
können in grösserem Masse noch Nac. II und Prim. ß in Betracht 
kommen. Nac. II interessirt uns besonders anfangs, wo er zwei Fragen 
enthält, die Syn. B nicht mit ihm theilt. Es hat den Anschein, als ob 
die beiden Fragen über Jesus Nave (Nac. 44 — 45) nur eine Fortsetzung 
der alttestamentlichen vor 43 wären. Die weiteren über Judas Nac. 46 — 
4S knüpfen dann leicht an Nac. 43 an, welches, wie auch Nac. 50, über 
Judas handeln und in Syn. B durch Fr. 1 und 2 vertreten sind. Im 
weiteren Verlaufe ist Nac. II gewiss unursprünglich, wo z. B. Fragen 
in solcherweise nacheinanderfolgen : 54: B. Korero rpixa HanßeK'Ma 
oiacHTB arr.iL; 55: B. 3aii];o ctTBopn öt ahbhk ap^bik; 56: B. Ilace 
npiDiHieTb IV ce6i noext, kok ^oöpo HMaxt; 57: B. Kto atHBi. BtSHAe 
Ha HÖca; 58: B. Kok Aodpo HMax ^jiBKh koh no^mxaKxt cxhx; 59: B. 
3au;o iiasHBaexce mkobl öpaxt rnb und 60: B. KaKO npHxo^nxb arrjit 
Kb npaBCAHHKoy iia cMpxb hjih Kb rp'JuiHHKoy. In einer viel besseren 
Ordnung kommt dies in Syn. B vor. 

Einige nähere Bemerkungen erheischt Prim. ß, aus dem sogar 1 1 
Fragen von 18 in der Haupttabelle nicht verzeichnet sind, und doch stellt 
es so zu sagen xar' ^^oxrjv einen Text vor, der mit seinem Charakter 
hierher gehört. Das beweisen schon seine 7 (im Nom. a 9) mit Syn. B 
und Nac. 11 gemeinsamen Fragen (nehmen wir die ganze Gruppe solcher 
Texte: nebst Prim. ß und Nom. a noch Tich. A III und Agr. her, so 
zählen wir deren 16). Dasselbe beweist auch der Titel von Tich. A III. 
Was bedeuten demnach die übrigen, das Plus ausmachenden Fragen, 
die die genannte Gruppe zusammen verknüpfen ? Vor allem steht es 
fest, dass einzelne Fragen secundären Ursprunges sind, wie z. B. 
Prim. ß 15 und der 2. Theil von 14, welche wir als Adamfragen fest- 
stellen mussten (Redaction II, Fr. 22 u. 21). Wenn im Vergleiche zu 
einem Syn.B und anderen Texten noch eine offenbar bedenkliche Folge 
von Fragen hinzukommt, wie z.B. : Prim. ß 4. KaKO arre-ib npiExo^uxb 
Kb rpimHHKs Ha cbMpbXH? 5. Koio chjs ^acxb Eorb ^iJiOBiKs ? 6. Kxo 
cjibra H cnaeexb ce? 8. Kxo HCKame .a.-ro n pa^OBame ee h u'öpixe 

.r. H WCKpbÖe? 9. KoHMH ^JIOBiUß. BbCb MHpb CXOHXb? 10. BeKHXb ÄW. 

arrejib wxb xe.necHaro cnipa^a ? 11. II HeBinbyane ^iJtoBi&Ks KaKO ecxb ? 
etc. — so muss erklärlicherweise das Vertrauen auf die Güte der durch 
Prim. ß und seinesgleichen dargestellten, mit Cjiobo cb. E^-pejia tiber- 
schriebenen Familie von Texten erschüttert werden. Dass der Text von 



346 



Rajko Nachtigall, 



Prira. (i erst aus dem Anfange des XVIII. Jahrh. (Moculskij, Ci^äh S. 58) 
stammt, hat weniger zu besagen, da ja durch Notn. a, sowie Tich. A III 
das XV. — XVI. Jahrh. für die Hauptsache feststeht. Trotz des poste- 
rioren Aussehens von Prim. ß etc. gegenüber Syn. B will ich jedoch 
nicht behaupten, dass alles, was nicht Syn. B und Nac. II bieten, secun- 
där ist und eliminirt werden muss. So ist ja Nom. a 2 mit ib. 1 höchst 
wahrscheinlich zu verbinden und Nom. a 1 ist Nac. 59. Es scheinen 
auch besonders jene Fragen einen festeren Halt zu haben, die neben 
Tich. A III auch in Agr. zu belegen sind. Dafür spricht ausserdem die 
Natur und eigenartige Stilisation einzelner Fragen, woraus ich Prim. ß 8 
(Agr. 35 und Tich. A III a 23) hervorheben will. Dasselbe Thema be- 
handelt auch die echte Beseda, wie Archang. Fr. 55 (griech.nahe Krasn. 
1898, 1 23 und Moc. I b 9), aber in ganz verschiedener Weise. Man ver- 
gleiche nur die Fragen : 

Archang. 55: Kto e 
GÄHHoro HCKaxb' a xpn 
oöpiT-L H eroate HCKa- 
xoy HC Moacaxoy oö.ih- 
iHTH, 111. noKasa hmt, 
MpTBaa ABU,a. 

(Antw. 5 gedr. ZZ. 



Prim. ß 8: Kto hc- 
Kauie . a.-ro ii paAOBame 
ce, II u'öpeTc .r. h 
wcKpile ? 

(Antw. 2 gedruckte 
Zeilen; Prim, ß 8 glei- 
chen Tich. A III a 23 
und Agr. 35.) 



Moc. 169: "Eva eCrj- 
TEL y.cu TQia eVQBV. 
•/mI OTtSQ eite^vf.iovv 
ovÖEig (.lOL edvvr]d-r] 
dsl^cci r) f.i6vov rj ve- 
y.Qa nöqi] ; 

(Antw. 8 ZZ.) 



Ein ähnliches Verhältniss des HcnpanjieHie zur Beseda zeigt Syn. 
B 5 und Archang. 56, Nac. 46 -f 47 (Prim /i 6 + 7) und Archang. 24 ; 
ganz auseinandergehen Syn. B 4 und Archang. 6, Syn. B 19 und 
Archang. 28, Prim. ß 17 und Syn. C 15 (Nom. b 2). 

Noch mehr Texte werden auch die Stellung des Plus von Prim. ß 
etc. zu Syn. B und Nac. H klarlegen. Zu beachten ist, dass dieses Plus 
ein Kennzeichen der zweiten Familie der zweiten Redaction der Adam- 
fragen ist ; denn die hier behandelte Reihe von Fragen folgt überall nach 
dem Adamapokryphe. An die Möglichkeit einer eigenen griech. Vorlage 
für die genannte Familie von Texten zu denken, dazu haben wir vor- 
läufig noch zu wenig Anhaltspunkte. Bei der Wiedergabe des Textes 
des sog. HcnpaBJieHie will ich dieses aus Vorsicht nicht mit jenem (Cjiobo 
CB. E*piMa) vereinigen, sondern das für sich Stehende, wie bei der 
Tabelle, an geeigneter Stelle unter der Zeile zusammen anführen. 

Der Text des HcnpaBjieiiie ist folgender: 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa rpexi. cBHTHTe.iefi. 3 17 

l. Koro HaraiHwro rocno^B noata-iOBa? Iio;i;k. 

[2. B. Kto He w 3.10 cpAH ce iia CBixs. W. Icb iiaBHii. 3. B. Kto 

ABbCTtBHHKb ÖH Ha CBixi. W. ICB HaBHHb.] 

. . T 

4. B. Kto cjibrBa cnce ee. W. IleTpb. 5. B. Kto hcthhs peqe 
H noTHÖi. HiOAa. 6. B. Kto bha^ Aoöpo h öjBpbJKe ce w nero. 

T 

W. IIiOAa H apiH öessMHH, 

* 3 a 

7. WxKoyAoy oixs cpiopbHnuiH , reate /tarne iiOAe na npo^aniK? 

.iiOAie Ha:e BipoBaxs Bb aP'^bo, iea:e noca^H jioTb, .r. rjiaBHK, h npH- 

■fe 
KOBame Kb ap^bs h no^ame noAeie. 

8. üo^To peye rocnoAb: npuMeTc n ußflTe, niHTe wt hkc Bbce, 
ce lecT KpbBb «MOH? er^a npi.ioMH x.iiöb h ^acTb sieHHKOMb CBOHJib, 
Tor^a iiOAa ne M^e, Toro pa^H h3bo.3h peqb öuth. 

9. ILo'iTO npHHecome xpHCxoy B-ibCBbi Aapw? B-iaTO h jHBan mko 

iloroy, H3MHpH8 (h) mko MpbTBblljS. 

1. Syn. B 1. Nac. 43: W. Mko lOÄoy laKo u apiiio. Star. VI 68 = Nac. 
Agr. 16 : B. Ha Koro noata.iii xt, hko na iiOÄoy lano h na öeaoyMHaro apiio; ib. 42 : 
B. Koro Ha bckk noaca^ra ob. W. iiOÄOy i öesoyMHaro pasöoHHHKa n apnio. Tich. A 
III b 26: B. Koro xb no/Kajn. W. Hioaoy. 

2. Nac. 44. Star. VI 69. Agr. 34: B. Kxo uc ocKpLöu ce bb acHBOTe cbocmb, 
DU. IC HaBHHB. Tich. A III a 20: Kxo ue KOTopaBwcH etc. (= Agr.). 

3. Nac. 45. Star. VI 70: Kohöh eprcHB Ha cbcto? Im Griech. cf. über 
Jesus Nave Krasnos. 1898, IV 29, V 27, XI 40, XII 54 und Moc. lall. Ueber 
Frage 2 u. 3 s. überdies oben S. 345. 

4. Nac. 46. Prim. ß 6. Tich. A III a 21. — 5. Nac. 47. Prim. ß 7. Tich. A 
in a 22. — 6. Nac. 48. Star. VI (Ende v.) 71, wo auch 4 n. 5 enthalten sind : 
B. Amh koh cjiara h cnace ce, a kou peie HCTHna a noruHa ? 0. Peqe : Xleipa 
CJara ce u cnace ce, a Isaa peqe HCTHna u noruHa. Kora to EspeeTO csesaxa XpH- 
CTa, pe^e Isaa: Koro ase ua^rsBaiiB u Bue Hero Äptuixe, a IlexpB pe^e : Äse XpHcxa 
Ha 3HaeMB ^.lOBeKa xoro, HKora ms Buje ÄOöpana xa, a ioh ce oxB*pB.iH otb Espe- 
exo, IsÄa, öesBKMeHB ApHM He noKaw ce. Tana u norHHaxa (offenbar eine spätere 
Zusammenrückung u. Ausschmückung!). 

7. Syn. B 2. Nac. 50: npHKOBame MHoro rpHBBHB. Star. VI 72: npüKosaxa 
MHoro rpHBHH cpeöpaHH. Agr. 15: Wxksä öhiuc cpiöptHHUH eace Äame hoack iioac 
eraa npeaa« ra. W. iioaeH sepoyiome ra na ÄpiBO W/KHAaxoy pasnexTe xbo h npu- 
TBoacjaxoy rpHBHti kb ÄpiBoy mhofh h xaKO aatixoy cMoy (demnach secundär, 
aber auf Nac. zurückgehend). Tich. A III b 25 lehnt sich an Agr. an. 

8. Syn. B 3. Nac. 52 : xoro pasH aaciB naxH. h peie nme ox hkc bbch. 

V '■' 

9. Syn.B 4. Nac. 51 : statt ÄapBi — s.iaxo h .iHBaHB a bmp'hu. W. 3.!iaxo mko 

— c" 

ups; H3MiipH0 MKO. AgT. 26: B. /"Iio npHHecouie xoy asMipHs h sjiaiy h jiHBua. 



348 Rajko Nachtigall, 

10. 3aiu;o peye: CaMapaimne, .e. Msacn HMejia kch? CaMapaHHHa 
iiMaiue Bijüm Hoy^pocx h xpaHHuie ^'^BtcTBO, h .e. npopoKb Hiviame. 
npopoybCTBO bb cpfc^u^H cbokm: npopoKa ;i;aBHAa, Hcane h eaeKtiJiM h 
aBBaKsMa h Hasna, t^x npopo^ifeCTco Äpi>»^auie Bt cpÄU,H ch, a Msaca 
CBoero, eroace HMauie, nenpHivieiuauie ce Kb hkms, iias^iauie ero 6o5Kb- 

CTBS, H BHA^ ÖOrL ^IHCTOTS Ke, H npH;i;i Kfc IIKH Ha HCTO^IHtlKt H MBH 

nio;i;eca cboh. 

C T T 

1 1 . B. 3am,o nasHBaexce mkobl öpaxt rnt. W. WpiKoxs ce iX 
xa cHOse hwch*obh. h piuie Hi^ namt öpaxb, ne a^ml leMoy ^ecxt lu 
iDyHHXBa. mkobl (rb) peye öpaxb moh lecxb asb Heins ^lecxb mok) 
pasAijno. 

12. Iloyxo pi^e Hwans: ce MaxH xboh h 6oropo;iiHu;H ptye: ce 
cbiHb XBOH? IwaHb 6o öime, eroace jiioöbjiauie i'coycb, 6iaroBenj,eHHeM 
poAHJb ce Kcx wx cBCXoro ^sxa. 

W. npHiiecorae s^iaTO wko upoy u .ihbhi. mko 6oy Äaseii ero usmhpho wko xomeii, 
MpTBUB fiHTH (secuudär !). Anders Mich. 86. 

10. Syn. B 5. Nac. 49: peqe ri.; lex npopoKL (bei bb cpAUu cu wiederholt 
Nac. eine Druckzeile; wohl ein Druckversehen?!. Agr.40 (wieder secundär) : 

■ T 

B. Heco paÄH i^e^e rt caMapaHHHti neu. MoyjKn HMCJia eca. W. camapaHuiia ctivia- 
xpauie .e. nppKB rjiii ro xe nppKa Monceia h asÄa h apoHa h ncamo h rieÄewHa. 
TCXB peiH BB cpBÄUH wHCHaaiue rHM Moy/Ka lerosKC UMauie, oy^auie ero öaciBs hc 
npHMf.uiame 6o h aiBCxBo CBoe xpanaiue n bhä^ 6b yiiCTOToy cpBÄua kk h npHÄc 
KB Heu. Tich. A III b 24 lehnt sich wiederum an Agr. an. Zu dieser slav. Frage 
vergl. man die griech. Krasnos. 1898, VII 2: 'Eq. Jiu xi 'Kiyzxai ort ntvxE av- 
(Tpßs- iax^s ^^i' vvVj ou 'i)(Bis ovx taxiv aov avrjQ] j4n. 'Unei&r] nivxs avÖQtcs 
vofxifjLovs änriQBv xal xe^f^xüXTi xal &tcc xo fxt] vnofieveiv XQVcpiMS knÖQVEvaev, 
(agxe firj nagaxojQeli' o vo/xog kceßsiu 'ixeQov avSqa. 

11. Nac. 59. Nom.al: Antw. eraa öbict poataacTBO rocnoÄUie Toraa cbi- 
UOBH irocH<fOBiH urrpeKOuie ce rocnoaa. mkobb peqc : ce öpaxB mou cbihb wTBiia 
MOiero H asB moh) lecxB pasjejiK) cb humb. Toro pa/iu napiqe ce wkobb öpaxB roc- 
noÄBHB. Damit vergleiche man Agr. 38 : B. ^eco paau nape^e ce laKOBB fipaTB 

(J T ^ . . 

THB. W. eraa 6bic po/Käbctbo rnie Toraa cubc iwch-i-obu ii'pcKouie ce xa hkobb acc 

"c T . . 

pcue ce Iß 6pa mou h clihb OTua Moero h asB icctb ÄOMoy Moero pasaiJuo cb humb. 
Toro pa^H napeie ce mkobb öpaiB tht.. Tich. A III a 43 gleicht Agr. u. Nora. a. 
Vielleicht ist diese Fassung die ältere. 

12. Nom. a 2. Agr. 39: B. nouxo peue tb iwBauuoy ce mth tboij. kb 6mi ace 
ce CHB xboh. W. iwBaHHB 6iiue öJiroBemeuiCMB poHCACiiB. Tich. A III a 44 gleicht 
Nom. a 2. Die Stellung dieser Frage sammt der vorhergehenden ist nicht 
sicher zu bestimmen. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Bec^Äa rpexT. cBOTurejieii. 349 

13. KaKO Aa H3ÖaBHT ce yjOB^Kb XiaßO-^af nocTOM h MHJocTHHieK) 

H MOJIHTBOIO. 

14. KoM nojisa ^iJiOBiKb' nace w ceöi nocxb nocxen? TaKOBiH 
w<Dpiii];eT ce iia esAHiu,« xpHCTBOBi, noA KpoBOM cBextie 6oropoAHij,e. 

15. Koe ^oöpo oöpexaeTB ^uroBiKt öjiaroAeTL h MHjrocTmiio tbo- 
peinxe. xo ecxt BejiiKO npeAt EoroMb, noneate nj)ixo;i,HXL ^o caMaro 
npicxoja öoatHM. 

16. Kok» nojrss HMax tijiob'Skii, hjkc no^raxaexb cBexLiHx? ^.lo- 
B^Kb noyaxarexb CBexbinx, CBexbTH ace AecexKsiox kms rpixbi np^A öo- 
roMb Ha cxpaiuHeMb npHinbcxBiH. 

17 a. Ee»:HX jih arrejib wx xeJiicHaro CMpa^a? ne öeatHXb wx 
xejiicHaro, Hb wx ^suieBHaro rpixa öeacHXb ne BHAHMb arrejib; — 
17 b. (Koero rpixa naHBeKMa öeacHXb arr^b?) wx yioatAaro 6js/i,a .r. 
nbnpHiu,e öejKHXb arreJb njiainou;H ce. 

13. Syn. B 14. Nac. 61: mimocthiikio fehlt; nach moj[htboio steht 1136a- 
EiiTce 1JIBKB OTB ÄHMBOJia. Star. VI 80. Tich. A III a 49 weicht etwas ab: 

. . C T ? , . 

B. KaKO ecTB qjiBKs BcerÄa coxpaHiiTU w ABiasoja bo bcku. W. er^a 6ü e iijibki. 

nOCHIIKt ÄBMBOjni CMOy He HMait HHITOate CTBOpHT. 

14. Syn. B 15. Nac. 56: Hate npHMHiei ce6§ nocxt Koie ^oöpo UMait? 
W. iiace npHMHiieTi. ceöi nocTB tlh ijibkb oöpimeiB co Ha coyÄHmii hoäb Kpo- 
BOMB CTbiK 6ue. Star. VI 81. Prim./S2: B. Koe ÄOÖpo oöpeuiTaexB ^.aoBiKB u»;e 

npHMUlCTB KB HOCTS ? W. ErAa CiSCTB ToCnOÄB COyÄHTH Mups, TOr^a nOCTBHUKB 

I roHTB noitB KpoBOMB npecBCTHe BoropoÄUUii. Tich. A III a 14 = Prim. ß 2 (nur 
U/Ke npHTeiCTB kb nony). 

15. Prim. /i 2 (falsch mit der vorhergehenden zusammengedruckt). Tich. 
A III a 15: V. noHCjKe weiter fehlt. 

16. Syn. B 16. Nac.: öopomb u wupocex ra. Star. VI 82: u npoiuiaBa ms ro. 
Prim. ß 1 (mehr an Nac. herantretend): B. Koe «oöpo imarB ^.lOBf.KB no^iTraTu 
CBCiuxB? tu. Koero CBeiaro uapeieiB q.iOBiKi> noiiTaxu, Tau cBexu A''ceTKseTB 
rpixu iiJioBiKs, u U3M0.3HTB HXB Hp^AB EoroMB. Tich. A III a 13 (lehnt sich an 
Prim. /San). 

17. Syn. B 17: wahrscheinlich aus 2 Fragen zusammengefallen. Vgl. 

V T 

Nac. 53 + 54 : 53. B. EijKuxB jih arre.!iB w xejiecHaro civipa^a. W. He öiacux <& 
TCiecHaro CMpa^auB wÄuicBHaro; 54. B. Koiero rpixa HauBeKMaöejKux arre.jB. W. 
iioHc^era 6.!iH)/i,a .r. uBnpuma CijKux arrjB n.aay8U];u ce. Star. VI 83 + 84 = Nac. 
Prim. /S 10 = Nac. 53. Tich. A III 25 = Nac. 53. Tich. A III 26 weicht ab : 
B. eraa qjiBK'B c ^iioacoio acenoio 6-isä cxBopHXT>, ko.3uko öcjkht aurju. w Hcro. u 
aHrjT. öeacuxT. wx uero mu.!iu mccxo w nero 11 uc npu6.iu5Kaxua k xoms cu i.;ibks 
(wohl secundär). In Agr. ist dazu wohl nicht 33 heranzuziehen: B. Er^a aceua 
w Moyaca CBoero CBrpiuiu e äü Moyacoy rpix ujiu ai. Bicu, öpax, er^a esBa cb- 



350 Rajko Nachtigall, 

18. KaKO npHxoAHT arre^iL kl npaBe^HnKs vläk vh rpiuiHHKs na 
cLiwpbTL ? ArrejiL npHXOAUTt la rpiüUHHKs jfcBOBeM oöpaaoM, ^ipLHL 
oriiK3paiitiiL, a Kt npaBeAiiHics thxl, tojisöhhlim oöpaaoM, cl b'£.?ihkoio 

JI^nOTOK). 

rpiuiH, aaaMa HSBrnauie h3 paM. Dazu vergleiche man in Sreck. zu Anfang der 
Handschrift Bl. 7 a : B. ÜMaxi. äti rpixL MoyacL ame accHa rero et hh§mb ÖJioyÄB 

T 

CTBopiiTL. W. ^IcÄO BejHKt rpixB recTi MKoace h a^aivia leoyra HSBeÄC h3 paia etc. ; 
s. ausserdem Soph. 26. 

18. Syn. B18. Nac. 60: -^ptHoapauHHMi. oöpasoM, thxojiioöhhm. Star. VI 85 
= Syn. B. Prim. /? 3 -f- 4 : 3. B. Kohmb oöpasoMb npHxoÄHTi, arrejTB kb npases- 

HHK8 Ua CBMpXH ? 0. üpUXOÄHTB CB BCIHKOIO KpaCOTOK) H CB MBH03UMB BecejIieMB ; 

ib. 4: KaKO arrejiB npaxoÄHTB rpiniHüKs na cbmpbth? 0. IIphxoähtb CTpauijrH- 
BUMB o6pa30MB, ^ipHHMB, orBHe3paiiHiiMB. Tich. A III a 16 + 17 stimmt zu Prim. 
,'J 3 + 4 *). 



*) Hier möchten wir die Fragen von Prim. ß etc., die in die Zusammen- 
stellung nicht aufgenommen worden sind, einfügen: 

Prim./? 5: B. Koio chjis aacTB Eofb i.ioBiKK? 0. Wtb 6pB30CTH arrcacKHe 
8MB qjioB§K8 ecTB [Tich. A III a 18 lehnt sich daran an]. 

Prim. B 8: B. Kto acKaiue .a. ro h paAOBame ce h oöpiie .r. h ocKpBöe? 
0. Cseiaa EjieHa HCKame ^bctbhh kpbctb rocnoÄBHB h wöpiTC .r. h ocKpBöe, no- 
Hcace He BBSBMoace noanaTH KHSBHOÄaBaqB KpcTB. [Agr. 35 : B. Kto acKa cähho h 

T ■ — . ^ C" 

w6pi .r. H BBcn.!iaKa ce Be.3UK0. W. ciaa dOHa noHCKa Kpi^Ta riiB h oöpiie .r. 
KpcTe .B. pasöoHHHqa h cähhb HtHsiiOÄaBiB H BBcn.jaKa ce bcjihko noHoace ue no3Ha 
Kp^xa THu. — Tich. A III a 23 lehnt sich an Agr. an.] 

Prim. /9 9 : B. Kohmh ^.lOBiuH bbcb mhpb ctohtb ? 0. IIonoMB ii paTareMB h 
bouuhkomb. IIonB mo.3Htb Bora sa sacB MipB, a paiapB xpaHH h nona h BOiniuKa, a 
BOHHHKB öpauuTB H nona u paxapa. Tcmh ipcMa i.iOBiun bbcb ivmpB cxoutb. [Tich. 
A III a 24]. Hier also ein Stück der alten, Platonischen Philosophie ! 

Prim./3 11 : B. H iieB^HBiaHs q.aoBiKs KaKo cctb? 0. Ejiiiko «oÖBpa cbtbo- 
piiTB q.joB§KB, nieflHaro BorB iie npHeM.s[eTB cms. [Tich. A III a 27 : Frage aus- 

T 

gelassen; Antw. : W. Kojhko aoöpo cxBopux ne npiiMcx-B]. 

Prim. ;5 12 : B. ^eco paaH öoutb ce scmjim er/i;a norpeöaiOTB qjOBiKa? 0. 3aHe 
BorB BB i.30BiqB o6pa3B BBw6pa3u ce. [Tich. A III a bietet das viell. besser : 
28. B. 3a 1X0 saBHatix anr.m ijikm'b. W. Sane oöjieqe tb b i.iiiB o6pa3B und 29. B. 
3a iTO MOJiHTa deujiu eraa norpcösT-B hjikh. W. fehlt.] 

Prim. /3 13: ErB^a BB3eMJicxB ujioBiKB Ka.ioyrepBCTBO, leco paAH npeiBa- 
paiOTB HMe eM8? 0. Ejthko bb 6i.30iacTBBe rpixa cctb CBXBopujiB, to arre.!iB ne 
noMeiiserB mk, hb etc. [Gleich Tich. A III a 32]. 

Prim. ß 14: Koumb or)pa30MB xouixeTB BorB csahti Mups? 0. 06pa30MB ii jic- 
noxoio npcKpacBiiaro HwcH*a, a csikomb chphmubckiimb xouitctb Eofb coyÄHXH 
MHps, noHeate cumb csbkomb r.aaro.aauie A^aMB ii EßBEa. [Agr. 36: B. Koumb 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeci^a Tpext cBiiTmejieii. 351 

19. Kto cl njiBTiH) BL3tiA'6 iia Heöo/ Hjia na orHtiHXh ko- 
jecHHi],axL. 

20. IIoyTG ctTBopii öorL AP'l&Beea AHB'ia? Aa nHTOMO le mh;io luo- 

B^KOMt. 

21. Peie pHTopt *HJ0C0*L, ^ito ce soBeTL eAHHO? peMe^pBru: 
H KAHH ÖorL na neöec^xL. /i;a ^to .b. ? Aß'S CB^TUJi'fe na HeöecSxL. ^a 
^iTO coyTL .r. ■? wTBi^t H CLiHb H Ä^xb CBeTLi. Aa yTo peMG .A- ■? BexpH. 
^a ^To KCTi. .e.? .e. np'fecTOjt rociiOAtHt. /I,a ^ixo ecxt .s,? xepsBHM 
H cepa*HM. /I|a ^xo leexL .3. ? .3. neöecL, na ceAMen oxbu;t ne bhahmh. 
^a Mxo lecxL .h. ? oxb hckohh npiÖBiBaiext bl b^kli. Amhhl. 

19. Syn. B 19. Nac. 57 : Kto 2Ciibb. Star. VI 86 = Nac. 57. 

20. Syn. B 20. Nac. 55. Star. 87 geht wohl auch darauf zurück: B. 3a 

KOM paöoTa 6orB coTBopii ähbh sBepu ? 0. Äa e mh.!i aoöniaK. Tich. A III a 37 

■ — ■ T r^ 

etwas abweichend: B. 3a ito rt coTBopu äpcebg. W. ^aexi. i.iJi'^T-i, h toms 

OBOmUH). 

21. Syn. B 21. Star. VI 88 — 95. B. Ja .jK/ieTe, peie pnxopi, etc. ; npicT0.3B 
orHeH-B; Ha ceaMeaiB otbub He bhähmh fehlt. Diese und die beiden vorletzten 
Fragen sollten zu ihrem besseren Verständniss noch mehr belegt sein. 



oöpasoMB xomexB coyAHTH 6rB MHpoy. W. OöpaaoMB JienoTOH) npiKpacBHaro iiocu^a 
BB cupurjHBCKBiMB esHKOMB . — Tich. A III a in zwei Fragen: 38. koumt. o6pa- 
30MX und 39. kohmx hshkomt,.] Diese Frage könnte an Prim. ß 2 oder aber ib. 
17 anknüpfen. 

Prim. ß IG: B. IIo ito gctb BejuKH neiaKB norojieMB ä^hb? 0. Er/üa pac- 
nenie rocnoaa, Toraa bhäg ciBHiie h ctoh .r. laca Ha cähhomb Micxe. TaKOSKÄe u 
BHHs bcjhkh nexaKB ctohtb. Toro paRH ecTt no ojeMB ä^hb wtb hhhxb ä^hh. 
[Agr. 37 : B. ^eco pa^u öbi« neiBK b§jihkii uhcxb neiLKB crapen. w. er^a pac- 
neuie ra Hmro ivc xa Tor^a Buae cjinne u ctom .r. la'c laKOKÄe BBceraa ctohtb 
BB BijiiiKBi nii'KB. — Tich. A III a 40 = Prim.]. 

Prim. |3 17 : B. IIo qTo jikäTk KjraHMiOTB ce Ha BacBioKB h norpeöaiOTB ce? 
0. IIoHOKc EorB WTB BBCTOKa npHTH xoHiTeTB csÄHTH Miips. [Glclch Tich. A III a41]. 

Prim. /? 18: Kor^a ecxB u.ioBiKs pasocTB? 0. Korsa Opara CBoero'BHÄUTB. 
[Gleich Tich. A III a 42]. 

Wie diese angeführten Fragen aus Prim. ß etc. zu den übrigen von 
Syn. B u. s. w. gestellt werden müssen, entzieht sich unserer Bestimmung, 
ebenso aber auch die nähere Beziehung zwischen ihnen und dem Sinne der 
Ueberschrift : Cjiobo cb. E^piiaa. Vielleicht werden sich hiefür irgend welche 
Anhaltspunkte ergeben, wenn man sich nach Quellen dafür umschauen wird. 
Der Name Ephraims wird auch sonst in unseren Texten citirt, cf. oben Arch. 
XXIII, S. 89. 



352 Rajko Nachtigall, 

Auf den ersten Blick sieht man, dass die über der Zeile vorge- 
führte Reihe von Fragen des sogen. IIcnpaB-ieide aus zwei Theilen be- 
steht. Fr. 1 — 12 sind neutestamentlich und überwiegend exegetischen 
Charakters. Hierauf folgen Fragen hauptsächlich allgemeiner moral- 
exegetischer Natur, die zum Schlüsse von einigen andern (drei) abgelöst 
werden. Für diese Reihe von Fragen finden wir in den Texten die 
gut passende Benennung: IIcnpaBJieHie o iioboml saBexe. Dieser Titel 
ist die Uebersetzung eines griechischen. Bei der zweiten Gruppe von 
Texten (Prim. ß, Nom. a, Tich. A III), die sich noch durch das unter 
der Zeile vorgeführte Plus zur genannten Reihe auszeichnen, erscheint 
als Ueberschrift, wie gesagt: Cjiobo cb. E^pima. Den Grund dafür in 
dem Plus des Inhaltes zu suchen, geht wohl nicht, da dieses Plus zwar 
eine gemeinsame Familie von Texten (das ist jener, die auch bei der 
II. Redactiou der Adamfragen eine zusammengehörige Gruppe bilden) 
darthut, sich aber weder als einheitlich, noch derartig erweist, dass 
uoth wendig an Ephraim gedacht werden müsste. Das konnte eben so 
gut der zweite Theil des HcnpasjreHHK sein. Dabei ist bemerkenswerth, 
dass ein Prim. ß hauptsächlich mit diesem zweiten Theil Berfibrungeu 
aufweist. Wirklich bietet auch Tich. A III a, falls das uiclit anders 
zu erklären ist, die interessante Vereinigung beider Benennungen: 
Bonpocb CB. E*p'£Ma . . . o BceMx HcnpaBJieimH. 

IV. Die echte EeeiAa xpexi. CBHTiiTejieil. 

Der Gang der bisherigen Untersuchung zeigte uns, was wir uns 
unter den beiden Theilen von Syn. A, unter Syn. B und an sie an- 
knüpfend unter den Texten Avie: Stojau., Prim. «, Tich. Ale, dem 
ersten Theile von Star. VI, Nai-., Nom. a mit Prim. ß, Agr. u. Tich. A III 
vorzustellen haben. Nun erübrigt uns Syn. C mit den ihm entsprechen- 
den Texten. Mit Syn. C kommen wir erst in das Gebiet der echten 
EecfeAa TpexTi CBaxHTejieS. Das äussere Zeichen davon liegt schon im 
Titel : CKa3aHiie o np1iMs;i;pocTH rpiiropnM, BaciiJiHM, lu aniia öorociOBa 
und in der Benennung der Fragen durch einen der drei HH. Wie 
schauen nun die gegenseitigen Beziehungen der hierhergehörigen Texte 
aus und wie steht die Beseda den übrigen bereits behandelten Reihen 
von Fragen gegenüber ? 

Abgesehen vom zweiten Theil in Star. VI (96 bis Ende), dessen Zu- 
sammenfallen mit Syn. C schon oben (Archiv XXIII, S. 72 f.) dargethau 
wurde, haben wir noch G hierhergehörige südslav. Texte : Sreuk., Mich., 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beciaa Tpexi. CBflTHiejieH. 353 

Milc., Ark., Nom. b und Prim. /. Von diesen geht der letzte in der ersten 
Hälfte von Syn.C (Fragen bis 20) fast völlig auf, während der vorletzte 
namentlich dessen zweiter Hälfte entspricht. Bevor wir jedoch näher 
darauf eingehen, schicken wir voraus, dass für Syn. C 1 u. 3 bereits 
oben, Arch. XXHI, S. 73, als der richtige Platz die Stellung nach der 
28. Frage erkannt wurde. Gar nicht in den Text gehört Syn. C 2 : 
KoM .iH KCTL nocjiiAHH ^suia '? das selbst ohne Antwort und ohne die 
Namen der drei Heiligen dasteht. So erhalten wir ebenso wie in Prim. y 1 
als erste Frage Syn. C 4 : 

Prim. / 1 = Syn. C 4, 2 = 5 [cf. Nom. b 2 1], 3 = 6, 4 = 12, 
5 = 13, 6 = 14 [cf. Porf. Hiß], 7, 8 = [cf. Star. VI 29; Porf. U 
18, 19], 9 = 15 [cf. Nom. b 1% Porf. U 25], 10 = 16, 11 = 17, 
12 = 18, 132) = 19. 

Syn. C 21 = Nom. b 3 [cf. Archang. 22], = 4 [cf. Archang. 
23 + 24], 23 = 5 [cf. Archang. 26], 24 = 6, 25 = 7, 26 = 8, 
= 9 [cf. Archang. 35], 29 = 10 [cf. Archang. 36], 30 = 11, 32 = 
12, 33 = 13, 34 = 14, 35 = 15, 39 = 163), 40 = 18, 41 = 19, 
= 20 (cf. Archang. 12], 47 = 21 [siehe Syn. C 5], = 22 [cf. 
Archang. 58], = 23 [cf. Sreck. 65 u. Tich. AIb4], = 24 [siehe 
Star. VI 58; cf. darüber Archiv XXHI, S. 77] 3), 

Den ersten Theil von Syn. C (1 — 20) finden wir auch in den russ. 
Texten des Typus Porf. H (Pyp. I, Tich. B U) völlig enthalten. Durch 
ihn sind auch diese Texte charakterisirt, denn die zerstreuten 15"^) 
Fragen, die der Art des zweiten Theiles von Syn. C entsprechen, er- 
lauben uns nicht den Schluss, die genannten russ. Texte auf eine süd- 
slav. Vorlage gleich dem ganzen Syn. C zurückzuführen. Es scheint 
darin eine spätere Zuthat zu liegen, wie wir ja über 25 Fragen noch zu 



1) Norn.b 1 = Syn.C 1. 

2) Novak. druckte von 17 nur 13 Fragen ab (Moc. Ciiati S. 58]. Der Text 
selbst ist aus dem XVII. Jahrh. (cf. ib. Nr. 25, S. 57}. 

3) Nom. b 17: B. Koero ssipa ne ömctb cb hocai bb KOB^ese? 0. Puoli cf. 
Adamfragen Eed. I 32. Zusätze hat und verdorben ist der Text in Nom. b 
noch zu Ende. 

4) Porf. II 13 = Archang. 35, Syn. C 0; ib. 14 = Archang. 50, Syn. C 0; 
ib. 29 = mehr Arch. 21 + 22, als Syn. C 21 ; ib. 30 = Arch. 23 + 24, Syn. C 0; 
ib. 31 = Arch. 31, Syn. C 28; ib. 33 = Arch. 33, Syn. C 3 ; ib. 34 = Arch. 16, 
Syn. C 46; ib. 37 = Arch. 14, Syn. C ; ib. 38 + 39 = Arch. 36 + 37, Syn. C 
29 + 30; ib. 42 = Arch. 25, Syn. C 22; ib. 43 = Arch. 32, Syn. C 1; ib. 48 = 
Arch. 57, Syn. C 0; ib. 54 = Arch. 56, Syn. C 0; ib. 56 = Arch. 39, Syn. C 32. 

ArcMv für slavische Philologie. XXTV. 23 



354 Rajko Nachtigall, 

verzeichnen haben, die diesen russ. Texten gemeinsam sind, den süd- 
slavischen abei* und der russ. Gruppe des Archang. abgeben, demnach 
secundär und verschiedenerorts zu belegen sind (so z.B. Porf. II 12 u. 23 
in den Adamfragen, ib. 21 u. 22 in Stojan. 8 u. 11, ib. 27 in Tich. A I 
b 8, ib. 59 u. 60 im Kaa*i. [s. Archang. TsopemH S. 164] etc. ^). 

Wohl folgen aberSyn. 4 — 20 ganz correct in gleicher Reihenfolge : 

Syn. C 4 = Porf. II 1 = Pyp. I 1 = Busl. 1 i) 

= 2 = Tich. B II 38 

= = »39 

= 3 

= 4 

= 5 = Busl. 2 

= 6 = »3 

= 7 = »5 

= 8 

= 9 

= 10 

= 

= 14 = Tich. B II 4 





5 


= 


2 




6 


= 


3 




7 


= 


c 




8 




6 

7 
8 




9 


= 







10 


= 


9 




11 


= 


10 




12 


= 


11 




13 


= 


15 


Prim. y 6 .. 


. 14 


= 


16 
17 


7 .. 

8.. 


• — |(St 


ar.VI29)^^ 
19 


9.. 


. 15 


= 


25 




16 


= 


26 




17 


= 


28 




18 


= 


35 




19 


= 


40 




20 


= 


45 



= 151 
= 16/ = 



5 



6 

7 

32 = )) 13 

33 = » 14 


25 

36 = (» 45) 

42 = » 26. 



^j Busl. ist die Fortsetzung von Tich. B II (im HBiTHUKt v. 1665). Darin 
finden sich zerstreut auch die übrigen Fragen, die in Tich. B II gegenüber 
Syn. C und auch Porf. II et Pyp. I nicht belegbar sind (z. B. Syn. C 11 = Busl. 
37 etc.). Tich. B II mit Busl. stellt einen ziemlich zerschlagenen Text vor, voll 
von späteren Zuthaten und verschiedenartigen Aenderungen. Es ist eine ein- 
gehende Compilation von allem möglichen (selbst mit Wiederholungen: so 
Syn. C 14 = Tich. B II 5 u. Busl. 67). Wir treffen da Adamfragen, Fragen aus 
Texten wie Archang. etc.). Es liegt ausserhalb meines jetzigen Interesses, die 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beci/ta xpcxi. CBfiTaxejieik. 355 

Beachtenswerth ist, dass man, so viel zu ersehen ist, nur bei 
diesem Typus der russ. Beseda (wie Porf. II) im Titel: Eec^Aa ctlixt. 
TpexT) CT.ieS BaeiLiia Be.iHKaro KecapiiHCKaro h TpiiropHa EorocjOBa 
H HsaHHa SaaToscTaro noch den Zusatz : cb TOjiKOBameMi, ot-b naxe- 
pnKa pHMCKaro findet. Man vergleiche neben Porf. II u. Pyp. H) — 
z.B. bei Archangelskij, TfiopeniÄ S. 130 einen Text Chludov's (Nr. lOS, 
Ende des XVII. Jahrb.) und ib. S. 132 einen aus der Petersburger k. öflf. 
Bibl. (Nr. LXXXVII, XVII. Jahrb.). Betreffs der Angaben Moculskij's 
ist man nicht sicher, ob der besagte Zusatz bei der sonst, wie es allen 
Anschein hat und wie Moculskij selbst angibt, völligen Entsprechung 
der von ihm angeführten Texte, worunter sich einige aus dem XVI. Jh. 
vorfinden, wirklich nicht vorkommt oder vielleicht doch (cf. Cji^ah 
S. 121, Nr. 14 u. 15; S. 128, Nr. 31 etc.). Dass er bei Nr. 38 (S. 131) 
zu lesen ist, kann leicht auf Archangelskij zurückgehen, da dieser Text 
jener Chludov's ist. Die ganze Sache würde verdienen wegen der Be- 
deutung des genannten Zusatzes von den russ. Literaturhistorikern näher 
in Augenschein genommen zu werden. 

Der Text dieses ersten Typus der slav. Beseda repräsentirt 
sich folgendermassen : 

1. TpHropiie peiie: kto npLBO öora Hapere? BacH.iii€ peye: caxa- 
HaMB npLBiH arre.iB, ctBpBateHt et Heöect, u^iyK^e cts^ania a^aaiOBa 
•A- AHH, a sa rpt^ocTL nape^ie ce hmb hms eaTanaiurt. 

2. Bae. p. : yxo kct BHcora Heöecnaa h mHpoxa 3eM.iLHa h r.iL- 
ÖHHa aiwpcKa? [Iwanb p. : Wti>u;l h clihb h cBextiH asxl]. 

1. Syn. C 4. Prim. y 1 : nptBo fehlt, zugegeben Ha zemjiu; caxaHa; npBBin 
fehlt, ebenso a 3a rpt^ocxt etc. Porf. II: uapeue iia seji^iu; carana; .a- ähh fehlt ; 
caxana u äbmeo.!!.; ropsociL steht vor CBepaceHt. Die übrigen russ. Texte will 
ich nur insofern erwähnen, falls sie eine dem südslav. näher stehende Variante 
bieten. Hier Pyp. I: csbT&ua.uji'h; sa .a. steht. Cf. zu demselben Thema 
Stojan. 3, Adamfragen Eed. II 43, Arch. 52 u. s. w. 

2. Syn.Cö: Die Frage ist oben nach ib. 47, nur stehen da Fpur. u. Bac; in 



Analyse desselben näher zu verfolgen. Es genügt die Constatirung der That- 
sache, dass auch Tich. B II mit Porf. II u. Pyp. I in eine Reihe zu stellen ist, was 
ja ein Vergleich mit den genannten unzweifelhaft darthut. Cf. Porf. II 12 = 
Pyp. 111= Tich. B II 1, Porf. II 13 = Pyp. 1 12 = Tich. B II 2, Porf. II 14 = 
Pyp. 113 = Tich. B II 3 u. s. w. Zwischen Tich. B II + Busl. und Pyp. I + 
II + III ergibt sich ein weiterer Parallelismus darin, dass Pyp. II + III ähn- 
liche Anhängsel zu Pyp. I sind, wie Busl. zu Tich. B II. 

1) Tich. B II ist schon eine Weiterbildung einer Beseda, wie Porf. II. 

23* 



356 Rajko Nachtigall, 

3. Iwan peye: iito kct kahhb npnxeKL h bha^ pnati ie;i;HHH zeace- 
meie H coy^apL nace 6e iia rjiaBe lero, iie et pnaaMH Ji']&2teiii,t, hb njcodt 
CBBiTt H Ha HHOMb M^cTe .lijKe '? rpHropiK p. i coy^apt WCS njMTna 
CJoyatLÖHaro na ö-HO^e, a Aapn rero BptxoBHO neöo ;i;o npiHcno;i;HH 
6e3^HW, H Toy kct öesAHa mko pnsa, a cTHxapt kct .3. neöect a noHCb 
recTfc CTjitmie atejisHOie wko BejiHKaro Mwpa, na HKMJKe scmjih njin- 
BaKTt. nexpaxHJib kct blxwa h hcxui^i;, a cck noA noHCOM seMjiK toh 
TJiLCTOTa CH, ejiHKO WT BiCTOKa ^0 sana^a h noBCjLi rocno^B CLrnaTH 

neHS MWpCKSK) H CLTBOpH SeMJH) Ha TfCTHpix KHT^X BejIHKtlHXL, Ha .T. 

^tesexH Ma;rHx wt kohli];^ saJioatHT, a AHuieBHHHx Tp^Tia ticctb, pan- 
CKtiHx BÖHM, HAc pHÖa'''^ TS BOHK), rjiLötiHa JKB Toro Mwpa BijIHKa 

.1 

ejiHKo ecT WT BBCTOKa CHij;a ao sanaAa, h aho kct Toro Mwpa npHTHm,eTb 

Ce KB atejiSHOMS CTJBns. TJIBCTOTa KCTB TOrO MWpa, HKO MOpe BB rjIB- 

ÖHHe KCT, Toroace aho kct ctohtb na ccamhx CTjiBnfe, h ts kctb 
aAOBO atHJiHU],e, h xoy aHTHxpncTB jcjkhtb CB^san h aMHB. h arrejiB no 

OyTBpBatAaKTB KTO. a TOJKAC CTJIBmK CTOHTB Ha WFHBI HeraCHMCMB, 

H no TOM Heöo H AtHHD;a CBiTjiaa. mjkg npiacAe cjrHu;a cBTsopenna, 
Toy>Ke coyTB jioak, .n^Taion^e mbicjiiio, hko nas^HHa h hgctb hmb cb- 

MpBTB HH SeMJIK, CJKe H§CT TOy H CTOHH, HHO ^ITO 6o TOy KCT ÖtSAHa 

MKO pHsa. 

ib. 5 ist rjii>6iiHa MwpcKa an erster Stelle; die Antw. fehlt, sie steht oben nach 
Prim. y 2, wo in der Frage nur rjtöHHa MoptCKa und BBicoxa neöecna vorkom- 
men. Star. VI 22 (ohne Namen) = Syn. C 5; Antw.; 0. Ormi. h cmhb h jmxh. 
Nora, b (ohne Namen) hat zur Antw. wie Syn. C 47: cHJia (Syn. C 47: caMt) 

II MsapocTB H passMi., TpoHua CBCTaa. Porf. II 2: Tpiia etc. + cb^tt. cctb u apsniu 
CBiTx orHB ecTt. Pyp. I 2 wie oben; ebenso Tich. A II 38 (nur ohne Namen). 
3. Syn. C 6. Prim. y 3 : IleTpi. statt kähhl; .leaceinere u. ne ob piisaMii etc. 
in der Frage fehlt; statt wcs steht kctb .b. n.aaTa; pnsa statt /lapn; neöo a» 
npicjiiÄHHXB seMJiH cnoÄHHXB öesÄHH; Bceraa statt a cere; seujie fehlt; na ipexB 
KHiixB, a .r. seBerii MajiiixB koh sajeace .Ji, okhbub, a asiua bb hiixb xpeiia ^ecit 
paiicKiie BWHK. A häb pnöii na ts bwhio h t5mb nHTaiomB ce (weiter fehlt — 
nicht gedruckt?). Porf. 113: ITiTpi. hphhhk'b; Ha r^iase lero fehlt, ebenso 
jreyKeuiB und .3e»ce; Antw.: CoyÄapB 6i /(Ba njtaia cjiyaceÖHaii; pHSbi statt aapH ; 
Bx npeHcnOÄHeu öesÄHe ctohtb mko pHsa; a noiacoM'B aeM-ia; na Tpcx'B khtcx'B- 

BCJHKHXX H Ha TpHÄeCHTH MaJtBIX-B KHTGXX. 3a.iaraiOTX TpiIÄeCHTH MOpCKHX-B OKO- 

Heiii. a aymn hxT) ipexBaa ■qacTB pancKan bohh h hästt. na tk bohm h tc ptiöBi bt» 
ciTH i!b;i3hst'b. rjTsöHna Toro Mop^ Be.iHKaro. BTpoe toto TOJiCTOia, Kanx seMjra 
lOJicia. ano noax t^mx MopeMX bojiiikhmx paBHO aceJiisHOMs CTOJinaio, loro ace 
Mopa ÄHO CTOHTx Ha .3. CTOJinixx etc. ; u ösaexx (statt jeacuxx) CBasanx. a Mu- 
xaHJX apxarrcjx; vor wruBi: BOSBBimeHO fiKO to Mope. to CTO.inue ctoutx. IIoäI' 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EcciAa ipext cBflxuTCJieH. 357 

4. Bac. p. : Tjii öeuie npix;i;e 6ori>, er^a ne öeme csixa. Iwanb 
p. : ecTb .r. Kaiviape na neöecixb, h ts öeme Bt xix Kaiviapax anm^M, 
Toy H lero coyT ^ap«, cb'Sts 3Ke lero h'^ct KOHu;a. Iwans p. : bi, t4x 
KaMapax WTLi^b h clihl h CBexti Asxt, arrejit lecx. 

5. Bac. p. : wt yxa coyx arrejrti ctTBopenH ? IwanL p. : wt ^sxa 
rocnoAHM. [6. IßaHH'B pe^ie: OT^iero co.iHii;e coTBopeno ecTb? Bac. p. : 
OT'B pacHM pnsLi Tahh, 7. FpHr. p. w^iero Jijna coTBopena ecxb? 
(I. p. oTTi aepa h oxt B03Ayxa h oti. npecxojia roenoAna).] 

8. Iwant p. : wx yxa kcx rpoM, wx ^ixa jih M.ibHie'? Bac. p. : ^Baa 
arre-ia lecxa rpoMnaa h Aßa MjbHHna. 

9. FpHr. p. : kojihko kcx B§xpb? IwaHiiL p. .bi. 

[10. Bap. p. : IIporjiLKSH mh yexnpH ropti. TpHr. p. : joyKa na 
BBcxoi];$ TiJiOBiTiBCKBiM wöpa30M, MaexcH na lose xe.iqHM uJÖpaaoMt, 
MapKO iia sana^i ujpjiwBeM roöpaaoM, iwaHHt na c^Bipe jibBOBeji wöpa- 
3WMt, BtCH KpHjraxH coyxL. 

11. IwaHHb p, : KaKO ce nasBa hmc a^ans? Bac. p. : nocjia 6ori> 

xewh orn&wh cctl ^HLHUAa uace; jikäu RpH^iam äko nasiHHa mbicjihio; nach cb- 
MpBTB : la Hce hhofo HHiero, ho sei bosäsxi, Eschh tb Äepacanb. To th ecTB öesaHa 
aKO pH3a. Tich. B II 39 hat: na r.iaBi lero und jroKame. (Die Antw.ist gekürzt.) 

4. Syn. C 7. Star. VI 96 (ohne Namen) : Tag öeme BorB Ha npecTO.;iB etc. ; 

0. Peie: .r. KaiB puca Ha neöeca u na lexe 611.1B BorB na thh Äpara araHixa, 11 

TaMO ca öujra m cbcxb. TaMo HCMa Kpaa. Porf. II 4: HsaHHi. p. ■ — Bac. p. ; «apu 

fehlt; vor dem zweiten iwam. steht eine Frage in Porf. II 5: FpHr.p.: npoTo.a;KSH 


MH Tpus; statt arrejiB kct: arre.i'B CBin. cctb, a spsrHH CBiii. ofhb cctb. 

5. Syn. C 8. Star. VI 97 + 98 (ohne Namen): rocnoÄHia fehlt, dafür: B. 
A CBeTB? 0. Otb orHB. Porf. II 6, Antw. Fpnr. p. : ott. axa Tahk i oTt csixa 
Tmn. Pyp- 1 5 setzt noch u oi-b orna hinzu. Cf. Porf. II 5 zu Ende. 

6. Porf. II 7. Pyp. I 6: BBicnpenHBia pHsti. — 7. Porf. II 8: Antw. fehlt, 
diese hat Pyp. I 7. Busl. 5 (ohne Namen) Antw. : W. Or epeaia npTO.!ia tähh. 

8. SyD.C9. Star. VI 99. Pyp. 18: Antw. weicht ab: F^iacB TocnoÄeHT. 
B'B KMecHHui orHeHHOH yTBcpaceHi> u aHrejia rpoMHaa npucTaB.!ieHa. 

9. Syn. CIO. Star. VI 100. Porf. II 9: Bac. p. — ÜBaHH-B p. : s7. Pyp. 19: 

r. p. I. p. 12 BixpOBX. 

10. Syn. C 11. Porf. II 10: Fpar. p. ^to cstb qeTtipe po3H Ha acMJiu? 
Bac. p.: BOCTOK-B, sana^x, lor-B, ciBcp-B. Fpnr. p. npoxojiKsu mu wB§ie. Bac. p. 
etc. — Cf. zu demselben Thema Archang. 19 etc. 

11. Syn. C 12. Prim. y 4. Porf. II 11 secundär: Bac. p. oxyero Asain. 
cosAaHX. I. p.: nocia etc. Diese und die vorhergehende Frage kommen hier 
wahrscheinlich auf Grund ihrer eigenartigen Auseinandersetzung der vier 



358 Kajko Nachtigall, 

arrejia CBoero h blsbt .a- cjiob^ : ast na Bi>CTOi],i, ^oöpo na sana^ife, 
Mbicj^Te iia K)3i, epfc iia c^Bepe, ii nape^ie hmg reMs a^aniL.] 

12. Eac. p. : koühko kct bhcokbihx ropL ii Mwpt Bcix, h b'Sjihkhhx 
peKb? rpnr.p. : Mopi> ('?wohl: ropt) lecTt .bi. h Mwpt .bi., H^sTt cKpo3 

BC« SeMjlIO, H BeJHKtlHX peKt .Ä. e^HHa H3L paM HCTH^eX H paSA^JIMKT 

ce Ha yexiqiH peKLi. 

13. laaHHB p.: koühko kct wcxpoBt MwpcKLinx? Bac. p. : .Ji. 

BCfe H BB Tix WCXpOBiX HO .0, KSLIK paSJEMqHHHX, HO XOJHKOatAe H 

nxHUB, no xojiHKOSKAe h ptiöt, no xojiHKoatAe h aP'^bl blc^x. 

[14. IIb. p. : kojiko Kocxeä Bt qj[i];e. TpHr. p. : .pne. a cycxaBOB'B 
xojiKO yme.] 

15. Bac. p.: Koms Eon. ctcja rpaMa^s? I. p. i Cnes clihs A^a- 
MOB^'. — 16. Fp. p.: ^xo MS cBCjra? B. p. : .i. cjobl: hckohbi 6i 
cjroBO, H CJioBO 6i wxL Eora. A napeMiio nape^e : hckohh cBXBopn 
Eorb Heöo h seMJio. Wxxojre ace H^exL koji^ho IlepaHjiieBO. 

17. I. p. : Kxo Ha^s^iH KjaHMXH ce jiki^^mb na bbcxokb? B. p. : 
MwvcH Ha rope cHHaHeu;^H. 

18. r. p. : KOH npopoKB ne norpiöenL öticx? I. p.: mwvch na 
ropi CHHaHCu;iH, h BtSHecoine lero arrejH bb pan. 

Himmelsgegenden zu stehen. Das gleiche Thema sonst s. Arch. XXIII. S. 87, 
über Sreck. und Mich, übrigens noch unten S. 367 f. 

12. Syn. C 13. Star. VI 101 : in einer Frage: B. Ko.iko ca ujia.nunn ro- 
jieMH? Syn. C 13 u. 14 enthalten. Prim. / 5: BejinKtix ropL h Mopt h Bcixt 
ropB BejHKMHXL? (Verdorben wie auch in der Antw.): .bi. ropt apaBHTCKBiHXB 
a MopiH .BI. H rpe^sTB — a Bej:HKLiiixt ropt .ji. E^Ha hbb pau Teieii. Ha .a. piKU. 
Porf. II 15: Frage nur: B. p. Ko.aHKO bcjhkhxx Mopi. ii piKX BejtHKHxi.? Dar- 
nach richtet sich auch die Antwort; darunter steht: piKi Be.jiiKHxi. esHHa. 
Pyp. I 14: B. p. kojihko ropi> BbicoKnxT> h Mopeft ii piKt bcjukhxx? 

13. Syn. C 14. Star. VI 101 (cf. unter 12). Prim. y 6: .oe.; no -o. esbiKB, 

a HMCHB pa3.IH^HUXB .HF. HO TOJIIIKOy aCC SBipiIHUXB, IIO T0JIIIK8 »6 nTHUB CtC. 

Zum Schlüsse noch: a bbc^xb hmchb h cbbikb .co3. Porf. II 16: Antw. .ob. a et. 

T§X1. OSTpOBiXT) .OB. H3BIKH paBHOJmHHBIXX HMÄHT.. 

14. Porf. II 17. Pyp. I 16 u. Tich. B II 5 (zu Ende der Antw. von 5). 
15—16. Prim. 7 7 — S. Star. VI 29 (mit unwichtigen späteren Aenderungen). 

Porf. II 18 — 19. Tich. B II 6 — 7. Ganz anders werden erwähnt die >>.i. cjosa« 
Arch. 18, Mich, l etc. 

17. Syn. C 15. Prim.;' 9: Antw. B. p. : ua ropi CBCTin. Star. VI 102 = 
Syn. C. Nom. b 2 (ohne Namen): arapHHCuiii. Porf. II 25: na rope AraiJife. 
Tich. B II 1 3 : apaBHTCTefi. 

18. Syn. C 16. Prim. ;/ 10: zur Frage bbhccb 6o arre.iB n.iBTB ero bb pafi? 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciAa ipext CBHTUTejeM. 359 

19. B. p. : ujT Tixa 6lict npoc*spa? I. p.: er^a mwvch npose^e 
jrio^H cKpose ^tMHoe Mope, Tor^a qecTL nojaraxs BejiMaxHCL na 
TÄSLBi cBoeH H neiame ee wt cjHua, a öors jKpLXBs npHHomaxs h to 
6hct Ha rjiaBi npoc*opa. 

20. I. p. : Wt KoyAoy blsbt ee ampo? Bac. p.: er^a Ksname 
MvpoHOCHu;e roenoAa, xor^a Mapia Btsex bl KynejiH xoh h noMasa 
6paxa cBoero cHMona, jreataji öo 6e Mieei];i> .s. 6ojiiin,iH. 

21. r. p.: KoM MaxH A^-nß ccixt? I. p. : Mwpe piKLi ceexL. 

22. r. p.: Kto npBBiie cBiHa öoM'a Ha seMJiH Hapere ? I. p, :Icaia 
WT ^ipiBa Maxepe cBOiee, h BLsex öwcx arrejti h necen ao ceAMaro ne- 
öecBi. H cLHHA^x peq BL sxpoös A^BBie. Hcaia ate 6i bb ^rp^Bi Maxepe 
CBOiee BB joacecHax. 

dann Hjiia. Star. VI 103: na ropa lÜTasra. Porf. II 26 et Tich. B IT 14 = 
Syn. C. 

19. Syn. C 17. Star. VI 104 (ohne Namen). Prim. 7 11: I. p.: Wit geca 
öbiCTt nocKspa u rsMLHme? ron.ziaTHKii f. BeJiMaTHCt; .... GJihnna, 3a cjioyacös, h 
npoTarj non.iaTHKOMi. njiiinB; a who nocKspa. Porf. II 28 (= Prim. y 11): I. p. : 
OTiero nptCBupa 11 rsMenito? B. p. : er^a MoHcen npoBeAe jhoäh cbom CKBOsi '^ep- 
MHoe Mope, H Toraa no^araa onpecHOKH neiiH 0x1. co.!iHiiia Ha rüasi, tbh cbocms 
Ha cjsacöy. 

20. Syn. C 18. Star. VI 105 (0. NN.). Prim. 7 12: ErÄa Ksnanie CajtoMiH 
rocnoAa npu KKnijH, ^Tor/ia Mapia Ksnijin loe etc. [6oJiivXivi fehlt). Porf. 11 35 
lehnt sich an Prim. 7 12 an, ebenso Pyp. I 25. Ganz anders wird das behan- 
delt Stojan. 20, aber auch Mich. 57, Arch. 59, Sreök. 20 etc. 

21. Syn. C 19. Star. VI 106 (ohne Namen). Prim. 7 13. Porf. II 40 et 
Pyp. I 36. 

22. Syn. C 20. Star. VI 107 (0. Namen der drei Heiligen). Porf. II 45 et 
Pyp. I 42, Tich. B II 26. Vgl. Frage 1. 



Diese soeben zur Darstellung gebracbte Reihe von Fragen und 
Antworten, in denen das stärkere Hervortreten des kosmologischen 
Elementes zu betonen ist, wird im üebrigen durch die von der Gruppe 
Stojan. etc., mit der sie einzelne Themata gleich hat, völlig abweichende 
Lösung derselben charakterisirt. Man vergleiche dazu 1 : rpnr. p. : 
KTO npfcBO öora napege? und Stojan. 3: B. Kxo npi&acAe Bcixt HMCHOBa 
Eora Ha senurn, ausserdem 20: I. p. : WxKoyAoy BLsex ee MHpo? und 
Stojan. 18: B. OxRoy^t öime M\-po leate noMaaa Mapia Hosi HeoyeoBt 
etc. (die Antw. wolle man an den betreffenden Stellen nachsehen). 
Dureli die Benennung der Fragen und Antworten mit den Namen der 



360 



Rajko Nachtigall, 



drei Heiligen Basilius, Gregorius und Johannes, von welchen der letzte 
jedoch die wichtigste Rolle zu spielen scheint (er kommt an 19 Stellen 
vor^), während er sonst stark zurücktritt, erweist sich die genannte 
Reihe als eine echte sogenannte Bee'£ji;a xpex-L CBaTHTe^reii, der wir im 
Griechischen leider fast gar nicht auf die Spur kommen können. Nur 
für die 3. Frage können wir einen griech. Beleg liefern, der bloss zum 
Theil mit dem slav. zusammenfällt (die Antworten gehen auseinander). 
Es dürfte aber doch schon dieser Umstand, nebst Anzeichen einer aus 
dem griech. Original geflossenen Uebersetzung im slav. Texte 2), zur 
Genüge beweisen, dass wir auch dafür, wie für Stojan. etc., ein griech. 
Original voraussetzen müssen. Die besagte Entsprechung in der 3. Frage 
ist folgende : 



Krasnos. 1898, XI 77 : 'Eq. Jia 
tL to aovddcQLOV, o yjv enl tfjs 
y.ecpa?,7jg avrov^ ov f.iera tCov 
ö-9-oviiov y.eif.ievov ä?^lcc yj^Qi^S ^*^- 
TETvXtyfisrov elg eva xöitov ; 

(cf. das gleiche ib. VIII 16). 



Eec. 13: I. p. : ^ixo kctl le^Hut 

npHTBKt H BHA^ pH3LI re;i,HHH JS- 

a:em,eK n coy^apt, nate 6e na 
rjraBe lero, ne et pnsaMH Jii- 

2KeU],t, Hb WCOÖL CBtITt H Iia 

HHOMB Mi exe JliKe'/ 



Die Texte, die uns noch übrig bleiben, berühren sich nur mit dem 
zweiten Theil von Syn. C: Syn. C2 (die Fragen 21—46). 
dies zunächst eine Tabelle: 

Syn. C 2 1 = Star. VI 1 08 = Nom. b 3 = Mich. 1 9 (20) = Arch. 





22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 





109 
110 
111 
112 
113 
114 
115 



4 


= 


21 + 22 





= 


23 


5 


= 


24 


6 


= 


25 


7 


= 


26 


8 


= 


27 





= 


28 





= 


29 



Es zeige 


(21)22 3) 


23 + 24 


25 


26 


27 


28 


29 


30 


31 



1) Basilius 15 mal, Gregorius 11 mal. 

2) Vgl. z.B. Frage 19: wenn nicht schon mit ihrem »npoc^spa«, so doch 
»BejiMariiCL« u. s. f. 

3) Sreck. und die beiden kroat.-glagolitischen Texte lasse ich der Ein- 
fachheit wegen noch bei Seite und nehme dafür den ältesten russ. Text dieser 
Gruppe: Archang. (XV. Jahrh.). 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa xpext cBHTuxeJieH. 361 
Syn.C 1 = Star. VI 20 = Nom.bl = Mich. 30 = Archang. 32 



3 


= 


21 


= 





= 


31 


= 


33 





= 





= 


9 


= 


33 


= 


35 


29 


= 


116 


= 


10 


= 


34 


= 


36 


30 


= 


117 


= 


11 


= 


35 


= 


37 


31 


::^ 


US 


= 





= 


36 


= 


38 


32 


= 


119 


= 


12 


= 


37 


= 


39 


33 


= 


120 


= 


13 


= 


40 


= 


42 


34 


= 


121 


= 


14 


= 


41 


= 


43 


35 
36 


== 


123/ 
124 


H 


15 



= 


42 
43 


z 


44 
45 


37 


= 





= 





= 


45 


= 


47 


38 


= 





= 





= 


47 


= 


49 


39 


== 


125 


= 


16 


= 


49 


= 


51 


40 


= 


— 


= 


IS 


= 


53 


= 


55 





= 


— 


= 


22 


= 


54 


= 


56 


41 


= 


— 


= 


19 


= 


56 


= 


58 


42 


= 


— 


= 





= 





= 


65 


43 


= 


— 


= 





= 


8 


= 


9 


44 


= 


— 


= 





= 


13 


= 


11 





= 


— 


= 


20 


= 





= 


12 


45 


= 


— 


= 





= 


14 


= 


13 


46 


= 


— 


= 





= 


17 


= 


16 



Aus dieser Tabelle ersieht man, dass der zweite Theil von Syn. C, 
sammt Nom. b gänzlich in den Texten, wie sie durch Mich. u. Archang., 
in weiterer Linie Sreck. dargestellt werden, aufgeht. Bevor wir jedoch 
daraus weitere Schlüsse ziehen und uns besonders die Frage betreffs 
des Mehr der genannten Texte gegenüber Syn. C vorlegen, müssen wir 
diese eine innig verwandte Gruppe bildenden Texte, und zwar: Sreck. 
(Anfang des XIV. Jahrb.), Mich. (Mitte des XIV. Jahrb.), Archang. 
(XV. Jahrb.; damit identisch sind Ticb. B 1 aus dem XV. Jahrh. und 
Porf. III aus dem XVII. Jahrb.), ferner Milc. (Ende des XIV. Jahrh.) und 
Ark. (XV. Jahrh.) an und für sich einer näheren Betrachtung unter- 
ziehen. Diese Gruppe von Texten weist die ältesten handschriftlichen 
Belege für die slav. Beseda überhaupt auf, unter denen wiederum der 
Codex Sreck. seinem Alter nach die erste Stelle einnimmt. Gar nicht das 
Gleiche kann mau von der Güte der Sreck. Textüberlieferung behaupten. 



362 Rajko Nachtigall, 

wie sich ja auch der ganze Codex keineswegs durch Correctheit auszeich- 
net (s. Archiv XXIII, S. 45). DerTextderBesedaumfasst 90 Fragen. Von 
diesen sind mehrere mit mehr oder minder grossen Zusätzen ausgestattet, 
die in erzählender Form ihnen augehängt sind : ÜKasaHHie nennt es der 

T 

Text selbst nach der 67. Frage (B. KoxopLi hociitb aipLTfcBt acHBa? W. 

T 

T^jio Aoymio); sie kommen ausserdem vor bei 59 (W. kok seivijre kctb 
a;i;aMB'?), bei 68 (B. ^to kctb .3. MLmeHH KaHHOBt?), bei 69 (B. Kto 
po^H rnraHTLi?) und bei 71 (B. Kor^a ce blcl MHpL BtapaAOBa?) und 
betreffen die Geschichte Adams und seiner Nachkommen bis zum Auf- 
baue des babylonischen Thurmes. Es versteht sich von selbst, dass sie 
mit der Beseda in keiner Beziehung stehen. Was aber das reine Fragen- 
material anbetrifft, so scheint die Annahme einer Art neuerer Systema- 
tisation des Inhaltes unabweisbar zu sein. Das beweisen einerseits die 
übrigen besser erhaltenen Texte der Beseda; andererseits hat sich die 
Spur davon auch in Sreck. selbst in dem reihenweisen Vor- oder Nicht- 
Vorkommen der Namen der drei Heiligen zu Anfang der Fragen und 
Antworten, die wir fast nur da antreffen, wo wir es mit einer Stelle der 
echten Beseda zu thun haben, erhalten. So ist Sreck. 1, bloss mit B. u. 

T 

W. eingeleitet, nach dem Ausweis der übrigen Texte secundär und nur 
in Archang. zu belegen, aber auch da erst mit der namenlosen 63. Frage 
— also ganz gegen Ende des Textes. Es handelt von der Krippe. 
Sreck. 2 mit Bas. und Job. ausgestattet über die drei Weisen ist schon 
eine Frage der echten Beseda und entspricht wörtlich gleich Archang. 6 
(Mich. 8) . Sreck. 3, wieder bloss mit B. und W. eingeleitet, über die 
Hebamme Salome, kommt in anderen slav. Texten überhaupt nicht vor. 
Sreck. 4 u. 5, hinwiederum mit Greg. -Bas. und Joh.-Greg. versehen, 
über den Aufenthalt Christi in Aegypten, entsprechen ganz genau 
Archang. 7 u. 8 (Mich. 9 u. 10), also ein Beweis, dass Sreck. 3 später 
und zwar infolge einer Systematisation des Inhaltes eingeschoben 
wurde 1). Nach Sreck. 6 über Herodes' Kindermord folgt eine ganze 
Reihe titelloser Fragen und Antworten, die sich mit der Taufe, Christus 
etc. befassen, so dass wir (mit einer einzigen Ausnahme: 15, einer alle- 
gorischen Erklärung einer evangelischen Parabel) auf die Namen der 
drei Heiligen in regelrechter Fortsetzung zu Archang. 6 — 8 etc. erst 
bei Sreck. 23 stossen : 



1) Cf. Krasnos. 1898, XI 10 = Sreck. 2; XI 17 = Sreck. 4. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa Tpexi, CEHTUTe^ieä. 363 



Sreck. 23 


= Archang. 


10 


= 


Mich. 12 


24 


■:= 


23-1- 


■24 


= 


21 + 22 


25 


= 




n 


= 


13 


26 


= 




9 


= 


11 


27 


= 




13 


= 


14 


28 


= 




14 


= 


15 


29 


= 




15 


= 


16 


30 


^r: 




16 


— 


17. 



Sreck. 32 — 37 (und auch 31 in der Form), mit B. u. W. eingeleitet, 
hat Archang. nicht. Zwei weitere neuerdings benannte Fragen ent- 
sprechen wieder Sreck. 38 = Archang. 25 (Mich. 23) und Sreck, 39 = 
Archang. 30 (Mich. 28) , während die unbenannten: 40 — 49 ausser 
dreien, die aber gegen Ende Archang. gestellt sind, in Archang. ganz 
ausstehen ; hingegen gleicht von den ferneren benannten Fragen : 

Sreck. 50 = Archang. 32 = Mich. 30 
(51 — 75 sind unbenannt) 

76 = 29 = 27 
(77 dtto) 

78 = 18 = 1 

79—81 = 20—22 = 3, 19—29 

82 = 26 = 24 

83 = 27 = 25 

84 = 33 = 31 
(die weiteren: Frage 85 — 90 unbenannt). 

Das Dargethane dürfte das Factum einer Ineinander-Schachtelung 
des der Beseda angehörenden und ausser ihr stehenden Materials in 
Sreck. genügend beleuchten. Daraus erklärt sich aber auch, warum 
man in Sreck. gegenüber einem Archang., Mich., Syn. C etc. in der 
Reihenfolge der Fragen nur für gewisse Gruppen derselben ein Zusam- 
menfallen, sonst aber ein buntes Durcheinander constatiren muss ; im 
üebrigen setzen die z. B. mit Arch. i) an 50 gemeinsamen Fragen des 
Sreck. dieselbe Uebersetzung für beide Texte ausser allem Zweifel, was 
ja bei der vorausgehenden Auseinandersetzung vorausgesetzt wurde. 
Wie die Annahme des Seeundären auf Seite Sreck.'s auch an anderen, 



Dieser hat im Ganzen 67 Fragen. 



364 



Eajko Nachtigall, 



von selbst oder auf Grund der übrigen Texte sich ergebenden Unur- 
sprünglichkeiten, verdorbenen Stellen etc. eine Sttitze findet, das über- 
gehen wir, da einiges davon ohnehin im weiteren Verlaufe zur Sprache 
kommt. Zu betonen ist aber, dass der Text des Sreck., was den Wort- 
laut anbetrifft, noch vielfach primär, das ist recht gut erhalten ist. 

Wenn nun die Reihenfolge der Fragen auf Grund der Texte wie 
Mich., Archang., Syn. C einerseits ziemlich feststeht, andererseits die 
Zusammensetzung von Sreck. selbst nur erst mit Hilfe dieser erklärlich 
wird, so sind wir in vollem Rechte, nach den eigenen Winken Sreck. 's 
das sonst nicht in die Beseda einfügbare Material in Sreck. auszuschei- 
den und für ihn einen Erklärungsgrund zu suchen. Da leistet uns gute 
Dienste Mich., ein südslav.-serb. Text des XIV. Jahrh. der Wiener 
Hofbibliothek, der in seinem ersten Theil mit Archang. fast völlig iden- 
tisch ist. So gleicht: 

Mich. 1—3 = Archang. 18—20, 4—6 = 1—3, 7—13 = 5—11, 
14—18 = 13—17, 19—59 = 21—61. 

Von der 60. Frage an bietet er wie Sreck. noch einen Zusatz von 
ca. 30 Fragen und wir finden darin eine ganze Reihe jener unbenannten 
und sonst unbelegbaren des Sreck. : 

Mich. 60 = Sredk. 65, 61 = 7 + 8, 63 = 67, 64 = 66, 65 = 
41, 66 = 74, 69 = 40, 74 = 70, 75—76 = 34—35, 77 — 79 = 
17—19, 80—81 = 36—37, 84 = 57, 89 = 45, 90 = 44. 

Nach 90 hat Mich. (91) das CKasaHnK von Sreck. (bei der 67. Frage), 
worauf allsogleich in kürzerer Fassung auch die Zusätze bei Sreck. 68, 
69 u. 71 folgen. Daran lehnt sich (Bl. 165a — b) ein besonderer Ab- 
schnitt: W a^aMi (Mich. 92) an, der mit einigen Verschiebungen im 
Texte die umfangreichen Antworten auf die 58. u. 59. Frage bei Sreck. ^) 



') Fragen über Adam (über die 8 Theile u. anderes) hat in ähnlicher Art 
auch der Berliner Codex, der vielfach mit dem Sreckovic's verwandt ist (cf. 
Starine V,.S. 70). — Die gegenseitige Entsprechung der erwähnten Zusätze zur 
Beseda in Sreck. u. Mich, ersehe man aus folgender Nebeneinanderstellung: 



Sreck. (nach 67): 

^-^ T 

ÜKas*. . . xio .Ji. Jii, us'THaHUM aÄa- 
Moua U3 paiti 3ai*HBUiii KB^ra h poau 
KaHHa H ÄBinept KajaManoy. h noTOu'x.e 
naKB .Ji. jify cxBopii u posu ascia ii ce- 



Mich. (91): 

'S" 
EmpO. KOJHKO JI^TB CTBopu ajaMt. 

T •_. T 

POAII Katl. W. .Jl. Jli CTBOpiI UIUBAB 113 

paM H poÄU Kau u cecips KMoy rajiiia- 
iioy. noxoMB jkc naKLi ..i. Jii cxBopB 
poÄU Si^üJia. II cecxpoy KMoy acBops. mu- 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeci^a ipexi, CEjiTUTC^aeii. 365 



wiedergibt. Zu Ende von Mich, kommen neuerdings Fragen, sieben an 
der Zahl (die erste Mich. 93 ist in den Anfang der Frage Sreck. 59 



Sreck. 

cxpoy KMoy aeBopoy. ii MHnoyTJtuiHMt 

T T 

CTO Jti oyßu KaKHi, aBMa 6pa CBOiero. 

Da fügt Sreck. ein : h npHKTt ö) 6a 
.3. MBCTHi. Btnpo (68). ■^'to kctb .3. 

T T ■ 

MBmcHH KaiiHOBB. Wßt. a. 6a nporH^Ba, 
B. roiia wcKpLÖH u. s. w. die bekannten 
kma fxi^ixovfj.ep'a xov Kcc'iy (s. Archiv 
XXIII, S. 64). Hierauf folgt beiderorts : 
IIoTOMB ace npoBoauBB aAaML .c. Jii a. .t. 
cui BB neqajiHsa aBeJia cHa cbokfo [vergl. 
Krasn. 1898, VI 13] h poÄH CHia. h leraa 
6ime aaaMB hc npicjioyina.!iB iBopua cbo- 
lero, atHBiiue bl paa u.s.w. (7 Zeilen) . . . 

T 

H To 2CHTL ajaM Ä. Ä. Ji'k II oyMpiTB 
u. s. w. (10 Zeilen). 

c 
[BBnpo (69). K TO po3,n raraH tbi. 

T T 

Wb4. OyHoyK' asaMOBB.] th 6o i^ibuh 
pasrHiBame 6a 6e3aKOHHKMB HaBOfte Ha 
seMJH) noTont. w SÄana ace (.^b.) c.m.b. 

1f T 

jii. HOKBa acHBoxa x. Äi, h CTBopa Boaa 
Ha seMJu .1. MixB. (cf. griech. Krasn. 
1898, IV 20 u. 15, ad IV 16 u. 12, XII 
40 u. 41, resp. 11, schliesslich Moc. I a 
3u.4). 

c" 

[BBnpo (71). Korsa ce bbcb mhpb bb- 

T T 

spaÄOBa. WEi. lerÄa hok usJiise h3b kob- 

T 

qera.] oyMpixB ace hob ^cheb .ä.h. Äi n 
CHOBe lero Haieme sAaTH ctjibhb na hcöo 
BB seMJiH ceBapB. h Toy pasÄ^JH kslikbi 
6b. no jiHHoy Bcea BBcejieHLire. no noToni 
. . .K. e. cxjiBna ate CTBopCHHie 6bi bb 

T C' 

jiixB .X. Cj.i. THCoyme. cBs^aHB ace öbi 

T 

BaBHJiOHB rpa^B bcjihkii bl jti .V^.Cj- 
TperHK xHcoyme h BBupu ce bb hcmb h 
HC oyMpexB. npBBBi © irjüCMeHe CHMOBa. 



Mich. 

•-. T 

HoyBBuiHMa ace .p. .ni s6bi KanHB aBe.ia 



noTOMB 2ce BpoBOJKÄB a^aiviB .r. a Tpu 

1 ~K 

CTa Jii CH BB ue'^a.Jivi sa aBCJia cna cbo- 

Kro H pOAH CHTa. 



H 6bi BcixB JiixB asaMB .i/'.Cj. J^^- 
[= Mich. Frage 38.] 



noTOMB ace MHHoyBBUieMa .;irB.M.B. JiiMa 
6bi noxoHB. 



[= Mich. Frage 40.] 



CTJBnt TBopcHHie 2ce 6bi bb Jiixo .x.c. 
xpeTHie Tucoyme. CB3ÄaHB ate 6bi saBH- 

JIOHB rpaÄ BCJIHKBI BB .IjJ.Ci. Äi TpCTHIf 
THCOyme H BBUpH Cc'bB H6MB HespCTB. 

a w K0.3iHa CHMOBa. 



366 



Kajko Nachtigall, 



hineingeschoben) vor, die mit einer allegorischen (100: Noe's Arche 
betrefiend) abbrechen. 



Sreck. 

H KBpOTL ÖtlCTI. HCe npBBBl Upi. H aaöMJIH 

u. s. w. (4 Zeilen). 

c 
Empo (58). wKoyAoy CTBopcHB ölictb 

T T 

ajaMB. Wb4. ÜOÄOÖaieTB ace BifliTii, mko 

WIIB H BCCMOrU 6b CB3Äa pOyKOH) CBOKK) 

a^aina, bbsbmb npBCXB bb 3eM.aH mam- 
hmbcb;§h nocpis seMjte. 

(59) w KOK 3eM.ie kctb aaaMB. ro rpa- 

rOTB H rUÖUÖHB H XD KpaKHHB II w Te- 
CaHTB. W TiXB 3eM.IB a^aMB H TaKO 

CTBOpH Tijo lero. 



W WC MH ■«eCTII. qeTBipeXB CBCTaBB, 

qecTB npBBa w sAh sgmjIbhlik. to kctb 

XOyjKÄBUIH BCiXB qeCTH .B. W MOpa. TO 

KCTB KpBBB H MoyÄpocTB .F. w cioyn'iia. 
TO KCTB KpacoTa u wqH KMoy .Ä. ro 

w6.iaKB HCÖeCHBIXB. TO KCTB MBICJB H 

ji(L)xBKOTa .e. w Biipa khcc kctb BBsAxa. 

TO KCTB ÄBIXaHHK H SaBHCTB .8. W KaMC- 
HHM, «TKe KCTB OyTBpB2CÄeHIIK .3. W 

CBiTa cero MHpa. aace CTBopcHB n^iBTino. 

TO KCTB OyMH.ieHHK U KpOTOCTB .II. 

qecTB w Ax:a ctfo. nocTaBjeHUK bb 

qjmiXB Ha BCaKOMB ÖvirOCTB. UCnJIBHB 

Hte cnccHiiw. lo kctb npBBaa ioctb. 



Mich. 



BBn.iBmeHHK ate xbo 6bi Jii ./re. *. 

T 'c 

W aÄaMi. (92) WKoyai CTEopoHB 6bi 
aflaMB. Ctb wub BCCMorti tb h 6b CBSÄa. 

[cf. da auch Mich. 47 : B. r^i bbscmb 
6b npBCTB CB3Äa i.jOBKa. W. bb seivuiH 

MaAHHMCTi.] 

^ T 

[BBnpo (93). W KOK 3eM./ie CBs^iauB 
6bi a^aMB. W. w 3eM.ae KrpiiwnB h w 
3eM.ie KnaBaBHHB u w 3eMjre (K)pa- 
(khub) h w soAiwie 'KTUcawnB. ii hIctb 
npiiK.iOHBi KMoy BB BCOMB Mupi, passi 
KÄHHoro cjioyHiia. Kr^a ace 6oyÄeTB 
no.3oyÄHe bb BpiMe, ^a to kctb aflaiviB. 

H BB HMC XBO 3aieTB.J 

w .11. lecTH. npBBa ^icctb wb sah scm- 
JBHLiK .B. ro MopM .T, w CJOyHiia .3;. üJ 
w6.iaKB .e. w BiTpa .s. w KaMene tbm- 
Haro .3. ro Äxa ctfo h ro csiTa Mupa 
cero. a. Ba ace qeciB laace wäb säbi scm- 
jiBHBiK, Äa TO kctb t^äo [kfo. a Kate ro 

MOpa TO TO KpBBB KFO. a Kacc W CJIOyH- 

iia Toro KCTa roin Kro. a Kace w ro6jaKB 

HÖ^HBIXB, Äa TO COyTB MB1C.IH ÖJiartlK II 

TBMHBiK. (a Kace) ü; Biipa, to kctb (äbi- 
xaH)He. 8. a Kace (w KaneHe 3eMJii>- 
Haro, aa (to kctb oyTBpjtacaeHHK Kro. a 
reace w Äxa (ctfo, to kctb) nocTaB.ie(HHK 
BB ijmixB) . a Kace csiia (cero Mupa, 
iiace CTBopeHB n.iBTiiio). ce Hape . . . axB 

. . qjOBKB KCTL W T0.3IIKe qCCTlI CTBO- 

peHB II nopoacÄCHB hc ÄpoysiMB aa tb 
KCTB npaBBi. sa Kace wb säbi scmjibhbik 
npiiHeceno, Toro kctb xoyaciu bc^xb 
'lecTH, a Kace ffi Mopti, to kctb Moy- 
ÄpocTB Kro, a Kace w ciHiia Toro kctb 
KpacoTa lero 11 ÄOÖpoxa. a Kace w wöJiaKB 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Eeciaa Tpexi. CBaTiiTe.!ieH. 367 



Die Form des in Russland in manchen Exemplaren vorkommenden 
Textes der Art des Archang., verglichen mit Mich., zeigt, dass man für 



Sreck. 



H MKO CTBopu ÖB aflaMa u ne 6i mvieHH 
KMoy. H npH3Ba anrjiti leibipe k' ce6i : 
Muxaujia, raBpu.ia, oypn.3a, panauJEa. ii 
pe UMB . UÄiie u HsiimHTe umc KMoy. 

MIIXaH.3B TRQ HÄB Ha BBCTOKB H BHÄ^ 

SEisÄoy. HMe KH anaeocB. h bbsc ro ne 
cioEO asB u npHHece npi^B 6a. raBpH.5L 
2ce HÄC Ha sanaflB h BH^iBB 3Bi3Ä0y m- 

CUCB. HMe KH. H BB3e ff HG C.ÜOBO JOÖpO 

u npHHcce np^ÄB 6a. pa*aHJiB ace H/je na 
noJoyHomne h BHSi 3Bi3Äoy hmg kh apa- 
ToycB. H BBse w He cjiOBO asB. H npHHece 
npiÄB 6a. Oypu.iB >Ke häc Ha nojroysB- 

HUK H BH3,§ SBiSÄOy HMe KH CCMBÖpHl. H 

BBse w ne ciobo mbicihtg h npHHece 
npiÄB 6a. h noBejii 6b oypujoy ^i'xh h. 
oypHJiB jKe peqe leMoy aaaMB napeie ce. 



Mich. 

HÖCHBIXB, TO JltrOTa H b'MH MexejKHH. a 

K3ce w BeipB jiiOTOCTB H 3aBHCTB. a Kace 
w Äxa ciaro, to to kctb na bc§komb ÖJia- 
rocTB u icn.iBHeHHie aapoBB ctxb. a leace 
w CBixa MHpa cero, to to kctb KpoTOCTB 
H SMHJieHHK. H HKO CTBOpH 6b aflaMa. He 

6ime HMene KMoy h npHSBaBB täb apx- 
aHrjiti KB ce6i. HMe hmb chhI: MHxa- 

q 
HJiB, raypHJiB, spHJiB, pa*aHJiB. u pe 

hmb. HÄ^Te HiHHie HMeHe KMoy. apxaHrjiB 
3Ce MHXaHJIB Hse Ha bbctokb h BHSi 

3B§3aOy (HMe kh) aHaiO^IH CH H BB3eTB 
CJIOBO W HeK. HMe CIOBeCH TOMOy a3B. H 

npHHece npiÄB 6a a3B. raBpnjiB ace häc 
Ha sanaÄB h BHSi 3B§3Äoy, Knace HMe 

HapanaKTB ce aOlCB. H BB3eTB cjiobo w 

HeK. HMe cjiOBecH TOMoy aoöpo. npHHece 
np§ÄB 6a Äoöpo. aHr.iB ace pa<i>aH.aB uae 

Ha n0.!IOyHOmH H BHÄ^ TOMB MiCT§ 3Bi3- 

Äoy HMe KH apaToy. ii BBseTB ffi nere 
caoBO. HMe cioBecH TOMoy a3B, h npH- 
Hece npiflB 6a asB. anr-iB ace spHJiB häc 
Ha no.a[oyÄHe h bhä^ 3Bi3Äoy hmc kh 

MeCOBpnW H BB3eTB W HGK C.30B0. HMC 

cjioBecH TOMoy MBicjiHTe. H npuHece 
npiflB 6a MBiCjinie. u pe tb kb spnjioy : 
qio spH.ffe HMe KMoy kctb. aaaMB nape^e 

H pe TB BB npasacy pe. 

Man sieht, dass die oben S. 362 f. auf andere Weise dargethane Behaup- 
tung von der Ineinanderschachtelung des in die Beseda gehörenden und 
ausser ihr gelegenen Materials (in unserem Falle eines von der Beseda zu 
trennenden, urspr. wahrscheinlich nicht dialogischen Adamapokryphes, auch 
hier ihre Bestätigung findet. 

Die vorgeführten Stellen werden trotz ihrer Abweichungen, wobei bald 
Sreök., bald Mich, mehr hat und breiter ausführt, aus ursprünglich gleicher 
Quelle herstammen. Der Absatz über die 8 Theile Adams enthält auch das, 
was die II. Redaction der Adamfragen bietet. Man wird ungefähr an Tich. 
Ale und Star. VI erinnert, mag auch viell. beides davon zu trennen sein. 
Es war dies eben ein sehr populärer Stoff. S. übrigens Archiv XXIII, S. 81 f. 



368 Rajko Nachtigall, 

das Mehr des Sreck. u. Mich, gegenüber Archang. die Frage nach der 
Zusammengehörigkeit desselben mit der echten Beseda verneinen muss. 
Betreffs des Tractates über Adam ist das leicht erklärlich i). — Für die 
übrigen Fragen ist das ebenfalls sicher, aber nicht so leicht ersichtlich. 
Wir begegnen ihnen jetzt schon auch in griech. Texten. Bevor wir 
jedoch darauf, sowie auf die Analyse des durch Archang. dargebotenen 
Materials übergehen, wollen wir ein Paar Worte über die beiden kroat.- 
glagolitischen Texte: Milc. und Ark. einschieben. Die beiden Texte 
stellen trotz einiger Abweichungen ein Zwillingspaar vor und gehen 
endlich und letztlich auf einen Text wie Sreck. zurück. Die Milc. und 
Ark. gemeinsamen Fragen sind (dabei erläutern sie sich an mancher 
verdorbenen Stelle gegenseitig) : 

Milc. 1—2 = Ark. 1, 3—6 = 2—5, 7—8 = 6, 9 = 7, 13 = 8, 
14—15 = 9, 16=10, 18—20 = 11—13, 21—22=16—17, 
24—26 = 18—20, 27 = 15, 28—32 = 21—25, 34—35 = 26—27, 
36 = 29, 38—43 = 30—35, 44 = 38, 46—47 = 37—36, 48—52 = 
39—42, 54—56 = 44—46, 57 = 48, 70—14. 

In anderen unseren Texten überhaupt nicht belegbar sind die 
Fragen Milc. 10—12 (alle drei defect), (17), 33, 58, 60, 62, 66, 68— 
69 und Ark. 47, 50—60 (Schluss). 

Die Anfangsfragen Milc. 1 — 20 (3a^it ^mobhkl o6' Homxt poAH ce h 
o6' HoniTt norHÖe? etc.), Ark. 1 — 13 (A no ^ito yjiOBiKL o6' hoiu,' po^HB 
ce, o6 H0ii],B H yMpex'? etc.) gehen grösstentheils auf sogenannte Fragen 
Johannes' Theologus an Abraham am Berge Eleou zurück, wie ja solche 
auch im Codex Sreckovic's vor der Beseda stehen. Ein Beispiel ist be- 
reits Arch. XXIII, S. 68 angeführt worden. In dem Theile der Beseda 
begegnen nur in Milc. u. Arkiv folgende Fragen : 

Milc. 28: A r^o e oÖJiaiiiTeHa 0B'i];a? A^aML; Ark. 21: A kto 
ecTB odiia^ana 0Bu;a? A^am'. — Milc. 48: A kh cxapt po^n ce? Kh ce 
noKai rpnxa; Ark. 39 : A kto cxap' po^n ce? kh noKaex ce rpexa. — 
Milc. 54: Ka seM-ia ne bh;i;h eJiH'i],a? Ka e no^' MopeaiL; Ark. 44 : A 



Tich. Ale könnte übrigens unter dem Einflüsse eines ähnlichen Adamapo- 
kryphes, wie ihn Mich, und Sreck. bieten, gestanden haben, worauf auch ib. 
S. 87 verwiesen wurde. 

1) Es ist also nicht ganz richtig, wenn in Jagic's Slavischen Beiträgen 
zu den biblischen Apokryphen (I. Die akslav. Texte des Adambuches S. 59f.) 
die betreffenden Fragen in Sreck. aus dem Gespräche der drei Heiligen her- 
geleitet werden. 



Eiu Beitrag zu den Forschungen über die sog. EcciAa ipcxi cBaTUTe^ieÄ. 369 



KOTepa 3eMJia cjrHii;a ne bhah? Ka e no^ Mop'feM'. — Milc. 55: ^'to 
cyxL o6jh KpycH? ]Ipopoii,H; Ark. 45: A ^ito cy o6äk KpycH? to 
npopoii,H. — Milc. 56: A tao ey cTJinH i^pHKBeHH? AnocTo.;iH; Ark. 
46 : A ^iTO cy y^H XpHCTOBH? To anocxojiH, 

Sonst erweisen sich die beiden Texte als Abkömmlinge eines Textes 
wie Sreck. Das zeigen die nur mit diesem gemeinsamen Fragen: 

7; Ark. 10] 



:. 9 = 


Milc. 38— 39; 


Ark. 


3 0—3 1 (cf. auch Mik\ 16 + 17 


10 = 


57 




48 


15 = 


59 + 61+64 







33 = 


51 




41 


43 = 


63 







49 = 


31 




24 [Sreck. 50 = Milc. 30 ; 


56 = 


3 




2 


59 = 


27 + 26 




15 + 20 1) 


61 = 


40 




32 



Ark. 231 



69 (die Zeitbestimmung im Zusatz) = 70; 14 
75 = 65. 

Zum Vergleiche führe ich folgende zwei charakteristische Fragen 
aus den drei Texten an : 



Milc. 57: A yiiM' ce 
en'pen Kp'exe? 06p§- 
saHHBM' OT aBpaana 
no^iaHuie ao mohcM. 

31 : Ar^o 'e rpoa'Ai» 
ropecTH ? Eyra 6o 
npijacTH ce ox ^'pHß'- 
Hora njiG^a. 



Ark. 48 : A mim' ce 
Ebp^h KpcxHme? xo 
oöpisaHHCM' ox Anpa- 
aivia saiaiuuH, 

24: A mo ecxi.' 
rpo3Ai» acic^H H rposAb 
ropicxH HXL ? Eyry 6o 
npejiacxH smh^ rpo3- 
äom'. 



Sreck. 1 : B. ^hml ce 

T 

hioa'£h Kp'cxexL. W. 
OöpiaaHHeMt \Sj aspaMa 
Ha^i'HLuie. 

49. B. Koie fl,ijio na 
aejLiH ÖLicxL npbBO iio- 

T 

Bo2). W. rp03AB, HÖO 

3o6a rpos^ii h leeroy 
3MHM npijitexH rpo3- 

ÄOMt 3) . 



*) Die Fragen über die 8 Theile Adams und seinen Namen; auch sie 
haben nichts mit den Adamfragen der I. oder II. Redaction zu thun. Das 
sieht man aus ihrer Auslegung, indem die Zahl der Theile = Syn. A I, die 
Form der Antwort aber = Nac. I ist; überhaupt bieten sie nur ein Excerpt 
aus Sreök. (s. oben S. 366 f.). 

') Frage der 50. gleichgebildet: Tjiar. p. Koti xuipocxB uptBie na 3eM.m 
ÖHCTL? Milc.30: A ko ^ijio 'e HaHnpBO HascMJiH? Ark. 23: A ko a^äo 6i Hannpso 
Ha seMJiH? 3) Cf. zu dieser Frage Jagic 1. c. S. 59; Sokolov, 

Archiv für slaviache Philologie. XXIV. 24 



370 Eajko Nachtigall, 

Die Fragen in Milc. u. Ark. machen den Eindruck eines Excerptes, 
wie das besonders die auf umfangreichere zurückzuführenden darthun, 
z.B. Milc. 26: A r^o mh hmb Hapeue (scill. A;taMoy)? (Ark. 20: A kto 
A^aHoy HMB Hapeye?) oder Milc. 37 : A ti'to 'e epe eAHora HCKaxoy 
a xpn HaH;i;ome oder Ark. 49 : A b kh oöpaa' HanHcame ce 4 eBanhe- 
jiHCTH? U.S.W. Die theilweise abweichende Reihenfolge der im Ganzen 
und Grossen nicht zahlreichen Fragen ist natürlich secundär. 

Kehren wir nun zur Analyse des uns durch Archang. und die Er- 
weiterungen in Sreck. u. Mich, dargebotenen Materials zurück. Voraus- 
schicken wollen wir eine Tabelle der sich entsprechenden Fragen und 
zwar auf Grund des Textes Archang. : 



Archang. 1 = 


= Mic 


h. 4 


= Sreök. 










2 


= 


5 


= 


= 


= Milc. 


21; 


Ark. 


16 1) 


3 


= 


6 


= 











[Stojan. 16] 


4 


= 





= 













5 


= 


7 


= 













6 


= 


8 


= 


2 










7 


= 


9 


= 


4 










8 


= 


10 


= 


5 










9*2 


) = 


11 


= 


26 










10 


= 


12 


= 


23 










11* 


= 


13 


r=; 


25 


= 


47; 


36 




12* 


= 





= 


(45) 










13* 


= 


14 


= 


27 


= 


46; 


37 




14 


= 


15 


= 


28 


= 


44; 


38 




15 


= 


16 


= 


29 










16* 


= 


17 


= 


30 


= 


43; 


35 




17 


= 


18 


= 





^ 


22; 


17 




18 


= 


1 


= 


78 










19 


= 


2 


= 





= 


0; 


49 




20 


= 


3 


= 


79 










21 


= 


19 


= 


80 


= 


67; 








MaTepia.iti S. 132 ff. — Sie gehört jedoch nicht der Beseda an, ist auch sonst 
nicht belegbar. 

1) Eigentlich 1 : da die vorhergehenden Fragen nichts mit der Beseda 
zu thun haben (s. oben S. 368). 

'-') Die in der ersten Reihe mit Sternchen bezeichneten Fragen kommen 
auch in Syn. C etc. vor (cf. die betreffende Tabelle S. 360 f.). 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EeciÄa ipexi cBflXHxe.ieM. 37 \ 



Arch 


. 22*: 


= Mich. 20 = 


= Sre6k.81 








23* 
24* 


= 


21 
22 


z 


l 24 ■" 


Milc. 41 
= 42 


; Ark. 34 
; 33 




25* 


= 


23 


= 


38 


= 


; 28 




2G* 


= 


24 


= 


82 








27* 


= 


25 


= 


83 








28* 


= 


26 


= 











29* 


= 


27 


= 


76 








30* 


= 


28 


= 


39 








31* 


= 


29 


= 


0| 








32* 


= 


30 


= 


50 


= 30 


23 




33* 


= 


31 


= 


^ 84 


= 34 


26 




34 


= 


32 


= 


/ 


= 35 


27 = 


Ötojan. 81 


35* 


:=r 


33 


= 


63 


= 32 


, 25 => 


[2] ^ 


3G* 
37* 


=rz: 


34 
35 


= 


l 77 


= 25 
= 24 


19 = 

18 = 


[4] 
[5] 


38* 


= 


36 


= 


in 69 1) 


= 


= 


[9] 


39* 


= 


37 


= 


85 


= [49]. 


i0;40 




40 


= 


38 


= 


69 








41 


= 


39 


= 


86 








42* 


= 


40 


= 


71 


= 36; 


29 = 


[11] 




43* 


= 


41 


= 





= 


= 


[12] 


< 


44* 

45* 


= 


42 
43 









"^152; 


42|"^ 


[15] 
[14] 




46 


= 


44 


= 





= 53; 


= 







47* 


= 


45 


= 





=z 


= 





48 


= 


46 


= 


72 








49* 


= 


47 


= 


58 








50 


= 


48 


= 


64 








51* 


= 


49 


= 


62 


= 23 


=> 


[1] 


52 


= 


50 


= 


544-55 


= 29; 


22 = 


[3] 


53 


= 


51 


= 











54 


= 


52 


= 


52 + 53 








55* 


= 


53 


= 


46 


= 37 







56* 


=: 


54 


= 


88 









») Sreck. 68 ist die gleiche Frage, wie Stojan. 7; cf. dazu Porf.I, S. 384. 
Siehe unten S. 377. 

24* 



372 



Rajko Nachtigall, 



Arch. 57 

58^ 



Mich. 55 = Sredk. 89 



56 



90 [13] 



59 


= 


57 


= 20 


60 


= 


58 


= 21 


61 


= 


59 


= 73 


62 


= 





= 48 


63 


= 





= 1 


64 


= 





= 


65* 


= 





= [31] : 


66 
67 


= 






[22 



= 



[Stojan. 18] 



= Milc.45; Ark. 

= 0; 43 = [Stojau. 20] 



Aus der Tabelle ersieht man, dass die Gruppe Archang. allein und 
mit der von Syn. C 2 zusammen gewisse Fragen mit Stojan. und den 
dazu gehörigen slav.-grieeh. Texten, so Syn. A II theilt. So drängen 
sich uns vor allem 3 Fragen zur Beantwortung auf: 1) Sind die in 
Syn. C 2 und Syn. A II sich entsprechende Fragen aus gemeinsamer 
Quelle geflossen? 2) Wie steht es in gleicher Hinsicht mit den Berüh- 
rungen von Archang. und Syn. A II (Stojan. etc.)? und 3) Ist die Vor- 
lage der Gruppe Syn. C ^ und der von Archang. dieselbe gewesen? 

Auf die erste Frage müssen wir mit Nein antworten. Völlig ver- 
schieden werden ja gelöst die Fragen, wie: 



Stojan. 1 (Syn. A 40) : B. KorAa 
eL3;i;a Eort A^aMa ? 0. Mko c.tobo 
etsAauia bl mecTtin ji,huh cB3;i;aBa- 
BTB A^aMa. [Griech. cf. oben 

Archiv XXIII, S. 63]. 



Syn. C 39: Tpar. p. : Koero m§- 
eei],a CBS^a öort A;i;aMa? Bac. p. : 
Mapxa .Ke. äbhb bb yac .s. 

[Griech. Krasnos. 189S, XII 39: 
'Eq. JIÖTe tTtXaoEV o Gebg tov 
J4ÖUI.I, STti Tiolov (■it]vbg y.al sig 
vag ncöaag; J^tt. 3Ir]vbg Blaq- 
xiov, "/£', fji.ieQq £xrj]] ')• 



1) Slav. = Star. VI 125; Nom. b 16; Archang. 51: B. Kor^a 6^ ctSÄa 

C' T (? •-» . ? 

aaaMa. u Koero Mua. W. Mapia Mua kc. a b-l äbhb .s. Mich. 49: BBnpo. Korsa 
CB3Äa 6b a^aiMa. Koicro ama h bb kbi ähb Mna. W. napia .Ke. ^a .8. ähb penoMBi 
ncTKB. Srcck. lässt Koero Mua etc. aus, hat aber bb ahb pgkombi nex'KB. oy qac 
.7. ÄHG. Milc. 23 hat auch b' neiaKB. Griech. = ib. VII 28; X4; X 64 — 66; 
Moc. I a 1. Krasnos. 1898, IV 5: 'Fq. ITöxe InXaadi] o MSäix; ün. Mrjvl Maq- 
tUo eis ta^ eixoaTfi nif^nir], r^/Ltig^t naQaaxavii beweist, dass für Mich. u. s. w. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. EcoiAa ipexi. cuHXiirejieii. 373 



Stojan. 2: B. Kcihko jii&Tb cb- 
TBopH A;^aMfc Bt paH? 0. M^ac .s. 
Ka Beyepoy 60 chKpn ce, mko ate 
imiueT ce etc. (auch griech. cf. 
Archiv XXIII, S. 63]. 



Nom. b 9: B. Ko.ihko iiokhti, 
A^aM Bb paH? W. ujT uiecTaro 
^laca äo .ö.ro M. 



Stojan. 3 gegenüber Syn. C * 4 (wie Stojan. 18 gegenüber Syn.C 1 18) 
ist bei anderer Gelegenheit (oben S. 359) zur Sprache gekommen. 

Selbst in der Fragestellung ist ein Auseinandergehen sichtbar bei : 



Stojan. 9 : B. Kojrau.inib .lixoMb 
6iuie Hoe Kr;i,a cbTBopn ce no- 

TOnb '? 0. IIsTHMb CTOMb JI^TOMb . 

[Griech. siehe Archiv XXIII, S. 64]. 



Syn. 31: Tpur. p. : kojihko Air 
3CHT Höre no noToni? Bac. p. 
uiecTb .lixb^). 



Im Griech. scheint eine Syn. C 31 entsprechende Frage nicht vor- 

, 'C T 

zukommen. Die Frage in Mich. 36: Bbnpo. Ko.inKO Äi 6i nore rer^a 
iiOTonb 6hl. W. .X. Äi. (Archang. 38: B. Ko-raKOjiTeHt 6i Hoe, Kr;i,a 
noTont 6hl. W. .x.)3] entspricht näher Stojan. 

Etwas schwieriger gestaltet sich die Sache hinsichtlich jeuer Fragen, 
die in Syn. C^ und Stojan. resp. Syn. All fast identisch sind. Doch 
bestimmen uns auch hier nähere Betrachtungen, auch diese betreffs ihrer 
griech. Vorlage von einander zu trennen. In erster Linie kommen da 
die Fragen in Betracht, die an den Auszug der Israeliten aus Aegypten 
anknüpfen : 



eine nähere Variante im Griech. als Krasn. 1898, XII 39 anzunehmen ist. 
Arch. u. s. w. kann hierin nur secundär sein. 

1) Slav. = Mich. 33, Sreck. 63, Archang. 35; Milc. 32, Arh. 25. — Griech. 
haben wir ausser dem Original für Stojan. auf diese Frage noch folgende 
Antworten: 7?oßs- c' [Krasnos. 1898, VII 25, XII 6, ad IV 34] und: '-Erri txcn6v 
[ib. VIII 9 u. IX 13] ; man vergl. jedoch die auf die beiden letzteren Stellen 
folgende Frage (ib. VIII 10 u. IX 14): 'Eo. Kul ano ir^s na^aßaaEiog noaa 

-) Slav. hat das noch Star. VI 118, nur mit: .x. .aexa. 
3) In Sreck. ist die Antwort in 69 enthalten : HOKBa acHBOxa .x. .aix (scill. 
1JIBIXU . . . na^ROje Ha seM.TK) noxont;. 



374 Rajko Nachtigall, 

Syn. C2 34 = Mich. 41 = Archang. 43 = Stojan. 12 

35 = 42 = 44 = 15 

36 = 43 = 45 = 14 1) 
= 44 = 46 = 

37 = 45 = 47 = 0. 

Schon der Umstand, dass einerseits das griech. Original für Stojan. 
etc. bis aufs Wort feststeht, anderseits für das Mehr in Syn. C^ und 
Archang. ein griech. Beleg gefunden werden kann, unterstützt die aus- 
gesprochene Behauptung. Man vergl. : Archang. 46 : B. Kojihko ji^t^ 
c^TBopHuia Hi.aBTH B'L noycTBiHH ? W. .M.2) = Moc.Ib 5: Eq. UÖGa 
etrj eTtolrjaav ol vtol ^loqai^X eig Ttjv eQr][,iov', J^Tt. .fi . und Archang. 
47: B. Kojihko hxb irpoHAe iropÄanx? W, .y. THcoymb 3) = Moc. ib. 6 : 
^Eq. TIÖGOi eTtsQaaai/ rov 'loQÖävrjV 7tora(.iöv\ ^rc. T€TQay.6aiai, 
l-ivQKxdss'^)- Ausserdem bemerken wir in Moc. I b 3 — 4 die gleiche 
Reihenfolge wie in Archang.44 — 45 u. Mich. 42 — 43 (Stojan. 15 — 14). 
Ja nach Moc. I b 6 folgt 7: ^Eq. TL eijtev b Ttqocprirrig' oi ovqavol 
dci^yovvTaL dö^ap Qeov] = Archang. 48: B. Kto coyx HÖca Hcnoni- 
ÄoyiOTfc cJiaBoy öatiio? Mich. 46: BLnpo. Kto coyTb h6% hko^kb pe 
npopoKt: HÖ^a HcnoBiAaioTt cjiaBoy öatmo? mit gleichen Antworten^). 

Vor den behandelten Fragen steht bei Stojan. (11) und Archang. 
(42), Mich. (40), resp. Syn. C^ (33) in gleicherweise die Frage: Wann 
freute sich die ganze Welt? Stojan. hat gegenüber den übrigen in der 
Frage und Antwort einen Zusatz, der im Griech. feststeht. Ebenso finden 
wir aber auch für die Fassung in Archang. etc. den griech. Beleg (cf. 
Moc. I a 5 ; Krasnos. 1898, XI 52, XII 42, VII 4, I 9). 

Gegenüber Stojan. 4 u. 5 bieten Syn. C ^ und Archang., resp. Mich, 



Stojan. 13 fehlt in den drei übrigen Texten. 

CT ~ T ... 

-) Mich. 44: Btnpo. Kojihko Jii cxBopHiue H3JiHTiHe bb noycTLiHH. W. .äi. 

T 

Jii (Antw. seeundär). 

3) Ib. 45: KOJIHKO HXL npoHÄe iwpÄaHB. W. .iä. (dtto). 

*) Von »eQT^f^o^a spricht noch Krasnos. 1898, XI 60 und von »Ioq&kuijs« 
ib. X 20. In denselben griech. Texten ist ein dem Arch. etc. näherer Text 
auch für die übrigen mit Stojan. gemeinsamen Fragen zu finden. Cf.i b. X 20, 
XI 61 u. Moc. I h 4. 

5) Moc. I b 8 entspricht Archang. 54, Mich. 52; ib. 9 — 55, 53; ib. 10 — 
56, 54; ib. 11 — 58,56. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Beciaa xpexi. cBaxHxejieir. 375 

folgende Abweichungen : Syn. C 29 : TpHr. p. : Kto hg poatAeHB wt mr- 
Tepe? ') — Archang. 36: B. Kto iie poateiii. sMpxL? Mich. 34: BLnpo. 

T 

Kto Hepoac;i;eHL sMpiTt? [W. A^aMt] (Stojan. 4 u. Syn, A 43: Kto iie- 
po^üHBL ce oyMpiTL); Syn. C 30: Kto HepoacAeHL ctcTapesh ce (viell, 
nach 29) und Archang. 37: Kto no patcTsi cicTapiBCA, Mich. 35: 
Bbnpo. Kto no poatAtcTBt ctcTap^Bt ce f. Kto ctcTap^BUiH ce des 
Stojan. 5 (Syn. A 44 : Kto cltbophbl ce). Ausserdem lassen in dieser 
letzteren Frage Archang., sowie Mich. u. Syn. C gegenüber Stojan. u. 
Syn. A den Zusatz zur Antwort: OTt in€K:Ke BLeTB öticTb aus. Im 
Griech. finden wir nur in Krasnos. 1898, I 1 durch das: Tig /^lera to 
yevvrjd-fjvai v.al yrjQäaai und den gleichen Mangel des genannten Zu- 
satzes eine nähere Entsprechung für die Gruppe Archang. Die übrigen 
hierher gehörenden griech. Fragen lehnen sich an die Stojan.' an. Es 
scheint, dass wir doch auch die letzten zwei Fragen schon der Vorlage 
von Syn. C 2 etc. zuschreiben müssen. 

Auf die zweite Frage, die wir stellten, — betreffs der Berührungen 
von Archang. allein und Stojan. müssen wir uns ebenfalls für die 
Annahme von zwei verschiedenen griechischen Originalen für die beiden 
Gruppen entscheiden. Unter den da zu behandelnden Fragen sticht am 
meisten Stojan. 18 = Archang. 59, Mich. 57, über das Chrisma, mit 
dem Maria die Füsse des Herrn salbte, hervor. Wir finden nun in dem 
schon in dieser Richtung herangezogenen griech. Texte Moc. I b 1 1 
einen (leider nicht vollständigen) Text der genannten Frage, der in 
seinen Varianten zu Krasnos. 1898, V 18 etc. (also auch Stojan. und 
Syn. A II) eine interessante Annäherung an Archang., Mich. u. Sreck. 
zeigt, so dass für diese letztgenannten Texte eine von der Stojan.' u. s. w. 
verschiedene griech. Vorlage vorausgesetzt werden muss. Die Varianten 
der beiden griech. Texte, die uns interessiren, sind: Moc. I b: roifg 
Tiödag Tov Kvqiov (Archang., Mich., Sreck.: Hosi thh) — Krasn. 
1898, V: rovg rcödag tov ^IrjOov (Stojan., Syn. A II: iiosi Hcoycoiii) ; 
Krasn.: xat kTtXrjU^rj b oinog e% rfjg dG(.ifjg tov i^ivqov, Stojan., Syn. 
A II: H HcnjLHH ce aoml otl bohk Mvpa (in der Frage) fehlt in Moc., 
Arch., Mich. u. Sreck,; Moc.: eXaßev ^ ^lala to ano tov Iovtqov 
(Arch,, Mich., Sreck. : ^ noKoynaHHM leate BLBLMfcmn öaöa) — Krasn. : 
•/.al eXovasp avvbv (andere Variante kXovoccTo) i] (.lala laß ovo a to 
aTtölovai-ia (Stojan,, Syn. A II: h omh ce öaöa BBsaMiUH noMHBeiiie): 

ij Star. VI 118: oxt aiaHKa (bulgarisch). 



376 Rajko Nachtigall, 

Mo5. : Iv rcp y.acarQvßf^vaL rov töicov (Arch., Mich., Sreck. : Bt cKpt- 
BeHbH^Mfc^) MicTi) — Krasn. : ccjtEO'AETtao&n] 6 roTtog (Stojan., Syn. 
A II: wTKpH ce Miexo). 

Das Weitere der Frage, das Moc. nicht mehr hat, gebe ich ganz 
wieder : 



Archang. : . . . hbhcä cToe h iC- 

KpH CA. H HCnJI'BHHCÄ M^CTO TO ÜJ 

BOHA MHpcKia MKO ;;hbhth ce na- 
CT^xoMTi^j H HCKaBinn ero Mapia 
oöpixe HBBiAoyuiie '^to ecxL. ^a 
er/i;a BtHn^te rt bx aomb CHMona 
iipoKajKBHaro noMasa iioai^) ero ö) 
ToroM. 



Syn. A: mbh ce cbcoyAfc iicnjih- 

HH ce MiCTO WT BOHK MHpa, HKO 

qiOÄHTH ce nacTHps, h noHCKaBt 
lüöpexe ciie, Hsex wx seM-ire, h ne- 
pasHMe Tixo KcxL, no npHKJisyeHiH 
ace w6p'£xmii ce Mapia. na^ie öjia- 
roBOjiieHieMt öokikm blscxh cie h 
CBxpaHH ÄOHÄe wHoro, h er^a bb- 

HH^e ICSCB Bb AOMS CHMOHa npoKU- 

aieiiaaro . 

Auch die Gegenüberstellung dieses Theiles der Frage deutet durch 
das Frühere gestützt unzweifelhaft auf zwei verschiedene griech. Quellen 
hin. Wie nur in Stojan. und dessen Gruppe vor 1 S eine dazu gehörige 
Frage über Salome, die das Chrisma verborgen hatte, steht, so haben 
auch nur Arch., Mich, und Sreck. gleich darauf eine über Maria, die 
den Herrn mit dem Chrisma gesalbt hat. 

Sreck. (22) fügt auch gleich die Frage über die Zahl der MiipoHOCHi];e 
dazu (Stojan, 20), welche in Arch. erst nach andern 7 Fragen ganz zu 
Ende des Textes und etwas abweichend steht, in Mich, sogar fehlt, aber 
ihre Spur, wie es allen Anschein hat, in der 5 8. Frage (s. unten im Text- 
abdruck) zurückgelassen hat. Das Aelteste betreffs beider Fragen über 
Maria und die MHpoHOCHri;e wird da wahrscheinlich Sreck. erhalten haben. 

Auf jeden Fall aber stellt sich für die Frage über die f.iVQOcp6qoi 
gegenüber Stojan. eine andere Redaction heraus. Stojan. und dessen 
Gruppe weiss nichts von 6jio"yAHHii,a (oder wap'xa, Sredk. ; Krasn. 1898, 



1) Mich., wie es scheint: bl cK(pi.)BeuHre bb MicTi (die Stelle ist schlecht 
erhalten). 

-) Sreck. bc^m. 

3) Sreck. u. Mich, rjiasoy. 

*) Mich.: raBH ce ctok h wKpH cc. h ucn.iBHU ce wicio xo w bohk MvptCKbire, 
iJKO auBHTH ce nacxoyxoML. h HCKaBiun ro MapHia wöpixe hc BiÄoyiUH ^xo 
lecxB. Äa icrAa BtHiise fb bb äomb chmoiiobb npOKaacOHaro, noMasa r.iaBoy roy 
«5 loro. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa Tpexi. cBuxuxejieyi. 377 

VII 10:-^ 7v6()vrj), ebenso nichts von dem Mehr bei Sreck. : h ApoyrHK 
cb HHMH (Arch.: h Apoyrtia 60 noMasaxii HAoyx). 

Eine in den griecb. Texten stark verbreitete Frage ist: Wann 
starb der vierte Theil der Welt? Sie kommt vor: Krasn. 1898, II 4; 

IV 12, V 8 u. 35, VII 29, IX 11, X 5, XI 53, XII 51 u. Moc. I a (>. 

Auf Grund des slav. Textes in Stojan. u. Syn. A ist charakteristisch 
der Zusatz kp a7ta§ (Krasn. 1898, V 8 u. 1890, 8; nicht mehr 1898, 

V 35, IV 12 u. s. w.) = KAHiioK) (in der Frage). Das entbehren nun 
nebst der Mehrzahl der griechischen Teste auch Arch. 34, Mich. 32 
(Sreck. hat diese Frage an die 84. angehängt), Milc. 35 und Ark. 27. 

Für Arch. 3 : Fpiir. p. B^n-iomeuie rne b kob npeMA 6w h b kob 

T . f *$ 

.liTo. W. npH aBrscTi i];pi; Mich. 6: Ppn pB. BLnjtm,BHHK rne Bb 
KOK BpiMB 6hl H Bb KOK jii. W. npH aBroycxi iipi. ABKBÖpa .KB. — 
Stojan. 16 (Syn. A 55) : B. BtqjroBeyeme 6oaciB Bb kobh oöJiacTH öbicxb? 
0. TEpH AnroycTi KBcapn finden wir im Griech. nur das Stojan. ent- 
sprechende : "Eq. 'H evavd-QWJtijaig roü Kvqiov T^^mv ^Irjaov Xqiütov 
Iv TioLa VTtüTeia yeyorep; J^n. ^Ercl Avyovoxov KaioaQog. Auch 
da ist nicht nur eine doppelte Uebersetzung fllr's Slav., sondern auch 
eine doppelte Quelle dafür im Griech. herauszulesen. 

Auch Sre(5k. 68: B. ^Ixo lecxb .3. MbmBHH KaHHOBb? divergirt 
einigermassen gegen Stojan. 7, ganz abgesehen, dass es nicht in die 
Beseda gehört und in Sreck. auf eine leicht ersichtliche Weise hinein- 
gerathen ist (cf. S. 365). Es fehlt in Sreck. die Hälfte der Frage und 
statt a^a oöhobm hat er a^a Haci^AOBa (cf. Nac. 11: a^a nacjiiAH). 
Mehr stimmt zu Stojan. Porf. I, S. 384, ein später Text, der endlich und 
letztlich auf eine Vorlage der Art des Arch. zurückgehen mag. Doch 
auch er zeigt Varianten: pßye statt peys Eorx, oyöiiBb statt oöp^xaBH 
H oyÖHBaB und h nojiüja^H BMy sHaMBHiB, als Mehr in der Frage. Im 
Griech. ist diese Frage auch stark und zwar nicht nur in Texten, die 
der Beseda, hier im weitesten bisherigen Sinne des Wortes genommen, 
entsprechen würden, verbreitet (z. B. in den '^PrjasLg -/.al iQurjvelat 
jtaqaßolCüv^ s. Archangelskij, Tnopema S. 174 — 75). Bei Krasnos. 
1898 kommt die Frage vor: IV 54, V 7, VII 30, X 6, XI 70, XU 56, 
bei Moc. I a 7. Darunter nähern sich Krasnos. XI 70, sowie Moc. I a 7 
hinsichtlich ihrer Auslegung noch am meisten dem Sreck., was jedoch 
vermuthlich dem Zufall zugeschrieben werden muss, wofür das »a^a 
Hacji^AOsa« gegenüber dem »adqv up€/.aiviaev« (a^a oöiiobh) spricht. 



378 



Rajko Nachtigall, 



Es ist schwer zu sagen, ob diese Frage zu denjenigen in Archang. und 
Stojan. gemeinsam vorkommenden, aber auf verschiedene griech. Vor- 
lagen zurückgehenden zu rechnen ist. Wir haben sie im Slav. wieder 
in anderer Form auch in den Adamfragen II. Redaction und können sie 
auch in alttestamentlichen erzählenden Apokryphen belegen (vergl. 
CöopiiHKi. der Petersburger Akademie XVII, S. 104 ; Franko I, S. 9 etc.). 
Sie ist wohl, da sie in Archang. und Mich, übereinstimmend fehlt, aus- 
zuscheiden und den übrigen secundären Zuthaten in Sreck. zuzuzählen. 

Trotzdem nun, was das Slavische anbetrifft, Texte wie Stojan., 
resp. Syn. A II einerseits und Archang. und seine Gruppe anderseits 
hinsichtlich ihrer gemeinsamen Fragen nichts miteinander zu thun 
haben, so muss doch für die griech. Vorlage der Gruppe Archang. eine 
Verbindung einer, sagen wir, echten Beseda mit Fragen der Art Stojan. 
(Krasn. 1890) angenommen werden. Dies ersah richtig bereits Kras- 
noselcev (s. Archiv XXIII, S. 34 — 35). Man merkt es auch, wenn man 
die Tabelle auf S. 371 durchgeht, wo wir im zweiten jTheil solcher 
Texte, wie Mich. u. Arch., fast reihenweise die im Vorausgehenden be- 
sprochenen Berührungen derselben mit Stojan.' Gruppe von Texten an- 
treffen. Das kann keinem Zweifel unterliegen. Doch gehört die Er- 
örterung davon ins Gebiet der griech. Beseda. 

Zu beantworten erübrigt uns noch die dritte oben gestellte Frage, 
ob für Archang. und Syn. C^ eine gemeinsame Vorlage vorauszusetzen 
ist. Sie zu stellen, verlangen vor Allem ein Paar sonst ganz regelrecht 
vorkommende Fragen, die durch ihre abweichende Fassung auf ver- 
schiedene Quellen hinweisen könnten. In dieser Beziehung wären 
hauptsächlich folgende drei anzuführen : 



Syn. C 22: TpHr. p. : koh häo- 
BiKfc .p. jiir He ölibb na aeMJiH 
ce^i H HBÖeca hb bhä^, h neöeceM 
noB§Aa AO -A-ro JiiTa? Bac. p. : 
Hjiia npi BBLsaBCJiL. er^a i^apcTBO- 
Bame h hb iuai>»^äh no sbmjih jiixa 
xpH H Micei^b .s. 1). 



Archang. 25: TpHr. p. : klih 
iJiKb nDjit^ieTBepTa CTJxna no- 
craBH na sbm^ih? Bac. p.: Hjia 
npH esaBBJH. .r. jiiTa h ,s. Mu;b 
HB OAoatAH^), 



1) Star. VI 109: .p. Jiixa na scmjiu a hcöoto; napHua. 

2) Mich. 23: Fpa pe. Kii ijibkb noJiB .a. 'xa cxjiLna nocxaBU Ha 3eMJH. 
Ba./iH pe. Hjiiiia npn re3aBe.iii .r. .it h .s. mub ae wäbhcäu 6l iia scmjh) (Sredk. 38 
wörtlich gleich) . Diese Redaction bieten auch die russ. Texte, die Syn. C ' 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. BeciÄa ipexi, cBHiHTejieü. 379 

[Im Griech. ist nur die betreffs ihrer Form wieder für sich stehende 
und mit den slav. Adamfragen I.Redaction (Frage 45) übereinstimmende 
Fassung belegbar, wie sie Krasnos. 1898, XII 91 (Moc. II 29) bietet: 
'Eq. Tig rbv ovqavov eoTi]ae tov ^rj ßqi^ai eTtl rfjg yfjg errj y', (.if]- 
vag ö'', uirc. '0 ayiog^Hliag; slav.: Kto saxBopH hböo .r. ji^xa ii .s. 
Miceii;!.? Hjia.l 



Syn. C 24 : Tpur. p. : KOiero npa- 

BBÄHBIKa Öorb HSÖaBH WT CLMptTH? 

Bac. p.: JIoTa, er^a iisöiaca wt 

CtMpbTH ^). 



Archang. 27:? Fpiir. p. : Koero 
npaseAHaro rpa^ cnace ca w cMpTu. 
Bac. p. : CHTopTb rpa^'B h jioti., er- 
Aa3Ke HBÖiata hc co;ioml. h ehhäc 
Bt evropx^). 



[Griech. haben wir vermittelnd: Krasnos. 1898, V 28: ^Eq. Tig 
eQQvad^i] Ix ^avarov, otav // TtöXig aTtwlsTO ; J^tv. '0 ^tor, brav 
erpvyep ex 2od6i.io)v y.ai eiafjk&ev aig 2iycoQ.] 

Syn. C 31: Tpnr.p.: kojihko ji^t I Archang. 38: KOjHKOJiiTeHb 6i 

^HT Höre no noToni? Bac. p. : Hoe, er^a noxon'B 6hc. W. .x. 
mecxL jiixt 3). 



Es entsteht die Frage, ob wir derartige Abweichungen des Syn. C ^ 
gegenüber Archang. etc. einer slav. Redaction des Textes oder zwei be- 
sonderen griechischen Originalen zuschreiben wollen. Die Sache hat 
ihre Schwierigkeit, da wir im Griech. nichts Charakteristisches, mit 
Syn. C^ und gegen Archang. Stimmendes herausfinden können. Wenn 
z. B. Nom. b22 (das ja mit Syn. C^ in eine Linie zu stellen ist) in seiner 
Kürzung einer bei Sreck. 88, Mich. 54 und Archang. 56 ziemlich lang 
vorkommenden Frage eine Analogie in Krasnos. IX 16 findet, so 
möchte man vorläufig diesem Umstände doch nicht zu viel Wichtigkeit 
beilegen : 



enthalten (cf. Porf. II 42), ein Beweis, woher sie geschöpft habe (s. oben 
S. 353 f. 

1) Star. VI 111 : 6era otb cssoml. ,Nom. b 6: aatöeace wr coÄOMa. 

2) Mich. 25: Fpn pe. Korero npaBGÄHHKa rpaat cnce ce ffi CMptiH. BaJH pe. 
CHropB rpaÄB ii jioti., nace H36i>Ka ro coÄOMa h ebhuäg bb ciiropB rpa/iB. Sredk. 83: 
Koiero pa^H, h jiotb fehlt, wraa f. Hsce, jiotb f. w, rpa^B am Schlüsse fehlt. 

3) Siehe über diese Frage bereits oben S. 373. 



380 



Rajko Nachtigall, 



Nom. b 22 : B. ^Ito 
recT .s. H cTOHine, ab^ 
r.iarojiacTa , nexiix ce 
oÖJiHqame, .bi. ^HBJca- 
me ce*/ HJ.: ^laci. .s. 
Öiuie, er^a xpHCToct 
cb caMapHHHHOK) ate- 
iioK) rjiarojiaine, .e. ms- 
aciH HBJiMme eii .bi. 
anocTOjib jijiBÄUuie ce. 



Griech.: ^Eq. Tb g' 
'latato, rb ovo klaXet 
ytal iß' li)-avi.itt'Qov\ 
M-Tt. Tb g fjoav ÜQa, 
rb dlg b XQiarbg mal 
^aauQelvig ; oi iß' 
aTtÖGToloi Id-avf-ia- 
tov, Oll fiera yvrai'/.a 
iXä).ei. 



Sreck. : ^xo lecxt .s. 
exoHine. a ^Ba rjiacxa 
.e. 06 Äl^^l ame .bi. 

;i;HBjiacxa ce. W. Ft 
w6p§xe caMapiHHHoy 
Ha cxoyAeH'i],H. h npo- 

CH HHXH BO^H W HCK. 

"y[ae a:e cxom .s. a ejKe 
.B.rjacxa tl et jKeHoio. 
a leate .e. wÖJiHyaxo^'-, 
oöJiHiii 60 K rjie rb. ao- 
6pi pe^ie HKO He HMaMb 
Moyaca .e. 60 MoysKH 
HM'J.ia recH a lero ate 
HManra h^^ xh MoyjKb. 
a Kate .bi. an.3u (ah- 
BJiMxoy ce) ^). 

Dass Syn. C^ auf jeden Fall schon hie und da ein secundäres Bild 
darstellt, beweist der Ausfall der in Nom. b an 4., 9., 20. u. 22. Stelle 
vorkommenden Fragen, viell. auch der in Archang. 46, welche auch 
Nom. b und Star. VI nicht haben, falls das nicht einer eigenen griech. 
Vorlage zuzuschreiben ist. Ausserdem bemerken wir in Syn. C ^ schon 
ein jüngeres Gepräge des Textes, z. B. : 

Syn. 44: TpHr. p.: ap^bo iia Archang. 11: Bae. p.: /tpeso 
HKM 2te wöecH ce HsAa, ^ixo ce na iieMb'^ cä loyAa oöicH, ^ixo cä 
30Bex? Bae. p.: EpeKbiHM. c.ibima. TpHr. p.: mhphmxh 

(Mich. 13: umpiiixH, Sreck. 25: 
MHpiHHXH , beide auch : u'xo ce 
! c-ibima) . 



1) Damit stimmen Mich. 54 u. Arch. 56 überein. Im Griech. steht diese 
Fassung in Krasnos. 1898, 1 24 und Moc. I b 10. Die letztere Stelle heisst: 
'EqoiT. To 'ixTou 'iataxo, xa Svo Hätriaav^ dcödexcc k^uvfxal^ov, to nifimov 
eniXeye. Mnix. Kvqios evQUjy xr^v Zccfj.aQiTTjf Inl xov cpqiaxog xal ^rjxrjaas 
vS(aq xov nislv wqu St äxxt] 'laiaxo. xa 6i &vo ilälrjOaV o Kvqiog IXüXet 
xai T] yvrr]. xh cTwcTex« i9-avfxuCov 01 iSiääexa /ncc&Tjxfu Id-etvf^aCof, oxi /uexcc 
yvvcaxos HüIbi. xo öi nifxnxov uvxos t'kEyir /jXeySey yuQ ccvx?]y elnan^ • nivxe 
yaQ (ip&ons^ 'ioxes' xcci vvv ov f^^tf, ovx iaxi aov avrjq. 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Ecciaa ipcx-B CBaxiiTejieM. 381 

Erwägen wir das im Vorstehenden angeführte Füi;' und Wieder, 
ob wir denn Syn. C ^ einer besonderen Uebersetzung aus dem Griech. 
zuzuweisen haben, so müssen wir entschieden geneigt sein, dies zu be- 
jahen, und Syn. C ^ wirklich von der Gruppe Arch. trennen. Die drei 
citirten Fragen, herausgenommen aus einer grösseren Anzahl anderer 
mehr oder minder abweichender Fragen, schauen schwerlich so aus, als 
ob sie ihre Gestalt nur und erst einem slav. Redigiren des ursprüngl. 
Besedatextes zu verdanken hätten. Man erinnere sich, wie wir so nahe- 
stehende Fragen, wie die über das Chrisma in Arch. u. Stojan. (s. oben 
S. 375 f.) von einander zu trennen gezwungen waren, weil sich das 
griechische Original für beides erweisen Hess. Vielleicht dürfte mit 
Rücksicht darauf die Nähe von Nom. b 22 und Krasn.IX, 16 gegenüber 
Sreck. 88 und Moc.Ib 10 dennoch von Wichtigkeit sein. Der secundäre 
Ausfall einzelner Fragen in Syn. C ^ kann mit allem andern eventuell als 
secundär Anzuführenden nicht zur Rechtfertigung von dessen Abwei- 
chungen hinreichen. Die ausgefallenen Fragen kommen ja in Nom. b 
vor, und dieser theilt die an zweiter Stelle angegebene Frage mit Syn.C 2, 
wie er überhaupt damit eng zusammenhängt, was neben dem, gegenüber 
Arch. und dessen Gruppe unregelmässigen Anfang noch andere Dinge 
beweisen. So fehlen beiden sehr viele und zwar besonders charakte- 
ristische Fragen des Arch. und seiner Genossen. Ich erwähne z. B. 
Mich. 1—3, Arch. 18—20. Es fehlt da sonst: Arch. 1—8, 10, 14— 
15, 17—21, 34, 40—41, 46, 48, 50, 52—54, 57, 59—64, 66—67; 
Mich. 4—10, 12, 15—16, 18—19, 32, 38—39, 44, 46, 48, 50—52, 
55, 57 — 59. Der Mangel dieser Fragen zeigt sich in einer für Syn. C^ 
und Nom. b regelmässigen Weise, so ist z. B. Arch. 40 — 41, Mich. 38 — 
39 zwischen Syn. C 32, Nom. b 12 und Syn. C 33, Nom. b 13; Arch. 
52—54, Mich. 50—52 zwischen Syn. C 39, Nom. b 16 und Syn. C 40, 
Nom. b 18 [Nom. b 17 ist eine Adamfrage, s. oben S. 353] u. s. w. 
ausgefallen. In gleicher Art reihen sich Anfangsfragen des Arch. 
und Mich, in Syn. C^ und Nom. b an deren Ende. Wohl aber geht 
das vom Syn. C^ und Nom. b gebotene Material in Arch. sammt den 
Brudertexten in ziemlich entsprechender Reihenfolge auf, wobei je- 
doch die schon erwähnten Abweichungen nicht zu übersehen sind, 
während die Trias Mich., Sreck. und Arch. bis in Kleinigkeiten über- 
einstimmend, von einander völlig untrennbar dasteht. Nach Allem 
dürfte daher, glaube ich, der Schluss gar nicht gewagt sein, in Syn. C^ 
und den dazu gehörigen Texten, wie Nom. b und Star. VI B ^ eine neue. 



382 Rajko Nachtigall, 

selb. Ueberselzung zu sehen, welche Annahme, wie bekannt, nicht ver- 
einzelt dasteht, da wir ja um das XIV. Jahrh. in Altserbien solche neuer- 
liche Uebersetzungen zu constatiren haben, um als Beispiel auf die Er- 
zählung des Aphroditianus Persa über den Stern der Weisen (s. Nova- 
kovid, Starine IX 14 ff. und Tichonr. II 1 ff.) hinzuweisen. Die im 
Sreck.' und dem Berliner Codex befindliche Prophezeiung über das Ende 
der Welt traf ebenfalls das Loos einer zweiten, im XIII. — XIV. Jahrh. 
wahrscheinlich in Bulgarien geschehenen üebersetzung (cf. V. Istrin, 
OTKpoBeHie Me^oXia üaTapcKaro, MocKna 1897, S. 174). Oben wurde 
das jüngere Gepräge des Textes in Syn. C ^ betont, welches gegen die, 
nennen wir sie macedonisch-bulgar. Classe der echten Bes&da, die mit 
Rücksicht auf die weitgehende Umarbeitung des ursprüngl. Textes im 
Sre6k.' Codex, die schon im XIV. Jahrh. in die kroatisch-glagolitische 
Literatur Eingang gefunden hatte, sodann mit Bezugnahme auf das 
Alter der übrigen Bestandtheile des genannten Codex ohne Zweifel ins 
XU. Jahrh. hinaufreicht, grell absticht. Auf welchem Wege Syn. C'^ 
mit Syn. C \ sowie Syn. A II, Syn. A I und Syn. B zusammentraf, ent- 
zieht sich unserer Einsicht. Da aber Nom. b mit nur undeutlichen 
Spuren des Syn. C \ anderseits dieser in Prim. y und den russischen 
Texten, wie Porf. II, für sich selbständig existirt, so musste Syn. C^ in 
dem für ihn vorgelegenen griech. Original von den mitvorkommenden 
und zugleich übersetzten Stücken des Synaxar irgendwie abgesondert 
und trennbar gestanden haben. Wir denken da selbstverständlich an 
Syn. C 1, der sich aber trotz des Gesagten immerhin in einer Beziehung 
zu Syn. C^ befunden haben musste, mag auch diese bei weitem nicht 
der in dem griech. Original von Arch.-Mich.-Sreck. angetroffenen Ver- 
schmelzung der zweiten Redaction der Beseda mit den ^EgioTtjOsig ^al 
ctTtoxQiaeig ötäcpo^ot (Krasn. 1890) gleichgekommen sein. Auffallend 
ist doch, dass die Fragen in Syn. C ^ fast mit denselben Zahlen, wie die 
Arch.', anzugeben sind, so dass es förmlich den Anschein hat, als ob 
Syn. C 1 anstatt der Anfangsfragen in Arch. u. Mich, hineingeschoben 
worden wäre, denn Syn. C^ l ist Syn. C 21 und dies Arch. (21 — )22, 
Mich. (19 — )20. Hoffen wir jedoch, dass weitere Funde diese Schwierig- 
keiten, ja vielleicht Widersprüche, besser lösen werden. 

Als Repräsentant des Typus der Besedatexte, die eben behandelt 
werden, kann von den gedruckten Texten am besten Archang. gelten, 
der ja so schön seine südslav. Vorlage bewahrt hatte, wie das Mich, be- 
weist. Da man im Ganzen und Grossen keine Anhaltspunkte hat, an 



Ein Beitrag zu den Forschungen über die sog. Becifla ipext cBaTHTejefi. 383 

ihm in der Reihenfolge der Fragen viel auszusetzen, resp. aus- oder ein- 
zuschalten, so könnte man kurzweg auf ihn hinweisen. Um jedoch mit 
den übrigen Theilen unserer Auseinandersetzung Schritt zu halten und 
auch diese Reihe von Fragen ins beste Licht zu stellen, indem man sie 
den übrigen gegenüberstellt, will ich weiter unten den von seinen offen- 
baren Zuthaten (cf. oben S. 364 ff. u. gleich unten) geklärten Text Mich, 
sammt den hierher gehörigen Varianten ') und den griechischen Belegen 
abdrucken. 

Somit erheischen einige Bemerkungen zunächst noch die das Plus 
ausmachenden Fragen bei Sre6k. und im Zusammenhange damit Mich. 
Sie sind folgende : 

3. B. Köre ^iio^o CTBopn Xt nptBO na seivun? Griech. Moc. I a 9 : 
Eq. TL &av^ia tiqütov £7roii]aev b XQiarög', (ebenso Krasnos. 1898, 
II 6, XII 43; cf. noch XI 32, wo auch STti Tfjg yfjg in der Frage vor- 
kommt]. 

6. B. KojHKO Ä^TH h36h npoA'? Krasnos. XII S9 et MoL II 27 : 
'Eq. nöaa vrjTtia sq)a^EV b 'HQioörjg ; 

7. B. K'TO Ü5 MOpM ciH MHpL? W. WrHb reSBIKBI. 8. ^TO K*^ ci- 

T 

HHHK. W. Kpiu,eHHre HwpÄana. Wörtlich gleich in Mich. 61. Im Griech. 
steht da mehr. Cf. Krasn. // 7 : 'Eq. Tig knl ^aXaaaar eoiceiQev xa/ 
VTto rov nvQog kd-EQLOsv '/.al eig Ttorafibv earrjoev tov ocoqöv] ^tc. 
Tig fj 9-dlaaaa; s^i^rj. rlg ib 7tvQ\ b XQiarög. rig b O(j0QÖg\ to 
ßaTttiGf^ia, ßaTvriod^ivTog rov Xqlotov Iv zio 'loQdavi]. (Ebenso ib. 
VII13U.XII48). 

9. B. ^HM ce Kp'cTH seMJii H a^aMt? Zu: h bl iwpÄaHi& h Bb 
Mopn H KpoBHK) x'^BGio in der Antwort vergl. man die Kreuzlegende 
(Sokolov, MaTepiaJiH, S. 95): noBejii .... KpLCTHTH ce KOCTeMt rero 
(sein, a^awa) npLBore lu/pAanoMt, BtTopo MopeML, .r. rjasa rero KptBHio 
ra Hamero ic xa. Eine nähere Quelle ist unbekannt. S. Frage 61. 

10. B. ^MUh ce HspaHjrt Kp'cTBTb? 

11. B. KoK3HaMeHHK BL jiobu;hxb cTBopn icfc? 12. B. Ko.raKO üjt 
puöapt anjiB. Krasn. XII 85: 'Eq. IJöool siaiv aXieig ccTtoGxökwv., 
ib. 86 : 'Eq. Tlov ecpaviod^ri tcqCotov b KvQiog rolg aXiSVOL^ 87: Eq. 
Kai Ti orifxelov VTtedsi^ev b KvQiog rolg alievai; S8: Kai Tig b le- 
TtQÖg; (ebenso: Moc. II 23—2^; Krasn. VII 45—47 u. X 30—31). 

1) Da wird auch Syn. C 2 zur Sprache kommen, da er ja von Arch. etc. 
nicht getrennt werden kann, wenn er auch wahrscheinlich einer anderen 
Uebersetzung aus dem Griech. entstammt als diese. 



384 ßajko Nachtigall, 

14. Bac. p. : ^ito k ^mkb iraa .i. poyKOBeTH, h K;;Ha w hhxl no- 
THÖe. BbKerb ace cb'£ii];k) h iröpixe lo. Cf. die Erklärung der evangel. 
Parabel im Cod. Sreck.' selbst (Bl. 41a