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Full text of "Archiv für österreichische geschichte"

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PROM TIIK BEqUEST OF 



JOHN AMORY LOWELL. 

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(CUM of 1815). 

This fund is $30,000, and of its incomc threc quarters 

shall be spcnt for books and one quarter 

bc added to the principal. 



Archiv 



für 



Österreichische Geschichte. 



Herausgegeben 

Ton der 

zur Pflege vaterländischer Gesdiichte aufgestellten Commission 

der 

kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 



Zweiundneunzigster Band. 



Wien, 1903. 



In Commission bei Carl Gerold's Sohn 

eMMiiBdlM* dm kai«. AksdMsi« d«r WiMMnehaflra. 



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Druck von Adolf fiolzhaasen, 
k. nnd k. Hof« und UnircraiUti-BQchdnieker in Wien. 



Inhalt des zwelandneanzlgsten Bandes. 



Seite 
Die Grttodang des kaiserlichen and k()niglichen Haus-, Hof- und Staats- 

arcliivs. 1749—1762. Von Gustav Winter 1 

Die Sliesteo Statuten -von Trient und ihre Ueberlieferung. Von Dr. 

Hans von Voltelini 83 

Tirols Brbtheilung und Zwischenreich 1595 — 1602. Von J. Hirn . . 271 
Oesterreicb und Preussen. 1766—1768. Von Dr. Alfred H. Loebl . 363 
Die O^eschichte der direkten Staatssteuem im Ersstifte Salzburg bis zur 

Anfhebangr der Landschaft unter Wolf Dietrich. I. Die ordentlichen 

Steuern. Von Ludwig Bittner 488 







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Archiv 




für 



(\ österreichische Geschichte. 

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ron der zur Pflege vateriämiisclier Geseliiclue 
»uferest eilten (NiTHitiiNsiun 

der 

kaiöerlicheH Akademie der Wissenschaften» 



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ZwefimdfACiiiixIi^^t^r liittid* 

Erste Hälfte. 



In CoiiimisßioD bt;i CAHL GEEOLD'H 8UHN, Buchhändler der kafs. Ak-iflemie ^ 

ffer WläseEscbaftuii. 




Archiv 



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österreichische Geschichte. 



Herausgegeben 

Ton der 

zur Pflege vaterländischer Geschichte aufgestellten Commission 

der 

kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 



Zweiundneunzigster Band. 

Erste Hälfte. 



Wien, 1902. 



In Commission bei Carl Gerold's Sohn 



Druck von Adolf Holzhaasen, 
k. und k. Hof- und UnlTcrmUU-BaehdraekMr in Wien. 



Inhalt des zwelandnennzigsten Bandes. 

Erste Hälfte. 



Seite 
Die Oründang des kaiserlichen und königlichen Hans-, Hof- nnd Staats- 
archivs. 1749 — 1762. Von Gustav Winter 1 

Die mtesten Statuten von Trient und ihre Ueberlieferung. Von Dr. 

Hans von Voltelini 83 



DIE GRÜNDUNG 

DES 

KAISERLICHEN UND KÖNIGLICHEN 

HAUS-, HOF- UND STAATSARCHIVS. 

1749 — 1762. 

VON 

GUSTAV WINTER. 



ArcbiT. XCU. Band. I. HÄlfte. 






Mit der Vollendung des Baues, der in den Jahren 1899 
bis 1902 für das kaiserliche und königUche Haus-, Hof- und 
Staatsarchiv errichtet wurde, hat das aufsteigende Leben dieser 
Anstalt eine neue Höhe gewonnen. Sie ladet zur Rückschau 
ein nach der fernen Tiefe, wo sich des zurückgelegten Weges 
Anlauf birgt Den Umständen nachzuforschen, die die Gründung 
eines österreichischen Haus- und Staatsarchivs nahelegten; die 
Anschauungen der Vorväter über seine Aufgaben und Bedürf- 
nisse kennen zu lernen; Art und Umfang der Mittel festzustellen, 
die sie für sein Gedeihen nothwendig oder hinreichend erachteten: 
das ist ein Unternehmen, dem heute genug des Reizes inne- 
wohnt für Jeden der dem gross gewordenen Institute theil- 
nahmsvoU oder dankbar verbunden ist. Aus einer solchen, 
lebhaft empfundenen Beziehung ist die vorliegende kleine 
Arbeit entsprungen. 

Was sie bieten will ist hiemit gesagt. Weitläufige Ver- 
zeichnisse von Beständen und Zuwächsen schUesst sie aus und 
behält sie einer hoffentlich konmienden wissenschafUichen In- 
ventarpublication vor, zu der bereits manch gutes Vorbild 
Anregung und Muster gibt. 



!♦ 



Literatur. 

Die Geschichte des k. und k. Haus-, Hof- und Staats- 
archivs ist im Lauf des 19. Jahrhunderts dreimid der 
Gegenstand Uterarischer Arbeit gewesen. Zuerst beschäftigte 
sich damit im Jahre 1808 der damalige Director des Instituts, 
Freiherr Josef v. Hormayr. Ohne seinen Namen zu nennen, 
brachte der erste Band der ^Vaterländischen Blätter für den 
österreichischen Kaiserstaat, herausgegeben von mehreren Ge- 
schäftsmännern und Gelehrten' (Wien 1808, 4<>), Nr. 19—21, 
S. 157—161. 165—171. 173—178 einen Aufsatz aus seiner 
Feder unter dem Titel: ,Das geheime Staats-, Hof- und Haus- 
archiv in Wien. Ein Beitrag zur Geschichte des Archivwesens 
und historischen Quellenstudiums in Oesterreich überhaupt.' Die 
breiten Ausführungen verlassen vielfach das in dem ersten Theile 
dieses Titels bezeichnete Thema. Beruhen sie zumeist auf 
den Archivacten, so sind sie doch nicht überall zuverlässig. 
Mit mehreren Erweiterungen, die aber nicht der Geschichte 
des Archivs zugute kamen, da sie hauptsächHch der Geschichte 
der österreichischen Historiographie gelten, ist diese Ai'beit, 
abermals anonym, wiederholt in dem ,Archiv für Geographie, 
Historie, Staats- und Kriegskunst', 1. Jahrgang (Wien 1810, 4^), 
Nr. 95—99, S. 405—423. In wesentlich kürzerer Fassung hat 
sie dann Hormayr zum dritten Mal veröffentlicht in seinem 
Werke: ,Wien, seine Geschichte und seine Denkwürdigkeiten', 
2. Jahrgang, 2. Band, 2. und 3. Heft (Wien 1825), S. 57—75. 

Eine sehr kurze, aber actenmässige und meist zutreffende 
Uebersicht über die Geschichte des Archivs gab ein unge- 
nannter Verfasser (es ist der Archivar Friedrich Fimhaber)^ 
in dem ersten (und einzigen) Hefte des ,Oesterreichischen 
Volksbuches. National-Encyklopädie. Alphabetische Darstellung 



* lieber ihn der Almanach der kais. Akademie der Wissenscb. sa Wien, 
11 (1861), 127f. 



des Wissenswürdigsten aus dem Gebiete des . . . österreichischen 
Kaiserreichs', 2. Auflage (der yOesterreichischen National- 
Encyklopftdie' von Grftffer und Czikann), besorgt durch J. Neu- 
mann, A. Schmidl und M. v. Stubenrauch (Wien 1850, gr.-8*), 
S. 154 — 160. Dieser Artikel ist ein Auszug aus einer weit- 
läufigem Arbeit desselben Verfassers, die unveröffentlicht ge- 
blieben ist. Hur Manuscript wird im Haus-, Hof- und Staats- 
archive (ans Ernst v. Birks Nachlass) aufbewahrt 

Endlich widmete dem Gegenstande Gerson Wolf die 
SS. 25 — 102 und 2ia— 236 seiner ,Geschichte der k. k. Archive 
in Wien* (Wien 1871, 8*). Dieser Arbeit kann leider der 
Vorwurf nicht erspart werden, dass sie flüchtig, verworren und 
voD grober Irrthümer und Nachlässigkeiten ist Obwohl sie auf 
breiterer Aetengrundlage ruht als beide Aufsätze Pimhabers, 
verdienen diese doch bei weitem den Vorzug. 



Abkflrzungen. 

StA.: K. und k. Hhob-, Hof- und SUatsarchiv su Wien. 

VA.: Verwaltnnga- (sogenannte Cnirent-) Acten des StA. 

Ml: Archiv des k. k. Ministerinms des Innern, Abtheiluug II. B. 1 («er- 
fjülend in die Gmppen NiederOsterreich, Steiermark, Tirol, BQhmen). 

UKA. : K. und k. gemeinsames Finans- (ehemals Hofkammer-) Archiv sn Wien. 

Hop« 17S0: Eine von dem damaligen Archivar Adam Hops^ c. 17S0 (nach 
Maria Theresias Tode) der Staatskanilei überreichte Denkschrift, 
worin er den Einrichtnngsplan Rosenthals gogeu die ihn bedrohenden 
Absichten des Abb^ Schmidt vertheidigt VA. Fase. 16, 1779/6. 

Die drei Veröffentlichungen Hormayrs sind mit dem Namen des Verfassers 
citiert nnd dnrch Beisetzung der Jahreszahl des Erscheinens nnter- 
sebieden. 



' 1768 Amtsexpeditor im Uausarchiv, 1759 Archivadjunct (seit 1764 mit 
Ho^Becretärs-Charakter), 1779 (nach Rosenthals Tod) k. k. Rath und 
zweiter Hansarchivar; gestorben am 8. Mai 1782 (Wiener Zeitung vom 
25. Mai 1782, Nr. 42, in der Todtenliste). 



Der Gedanke, die Urkundenvorräthe der österreichischen 
LandesfUrsten aus dem habsburgischen Hause an Einern Orte, 
in äiner Hand zu vereinigen, ist älter als die Unternehmungen, 
die darauf abzielten aus den Ländern dieser Herrscher ein 
Ganzes zu schaffen und sie in ihren gemeinschaftlichen Ange- 
legenheiten centralistisch zu verwalten. Waren solche Unter- 
nehmungen zuerst von Maximilian I. ohne rechtes Gelingen, 
dann von seinem jungem Enkel mit dauerndem Elrfolg ins 
Werk gesetzt worden, so ist die Absicht wenigstens die das 
gesammte Erzhaus betreffenden Documente in öiner Hand, in 
der des Aeltesten gesammelt zu bewahren, schon in der Haus- 
ordnung vom 18. November 1364 angedeutet.^ In den zahl- 
reichen späteren Hausverträgen des Mittelalters^ ist sie nicht 
wieder ausgesprochen. Schon seit 1373 schwindet ja aus ihnen 
der Grundsatz der ,obersten Herrschaft und grössten Gewalt^ 
des Aeltesten, und der Neubei^er Vertrag von 1379 schuf eine 
Realtheilung der habsburgischen Lande, die mit kurzer Unter- 
brechung hundertzehn Jahre währte. Im 15. Jahrhundert lagen 
die Urkundenvorräthe des Erzhauses die sich in Wien ange- 
sammelt hatten, in dem obern der zwei an die Burgkapelle 



* Schwind und Dopsch, Ausgewählte Urkunden zur Verfasflungsgeschichte 
der deutsch-Österreichischen Erblande im Mittelalter, S. 234.9off. Vgl. 
Hauke, Die geschichtlichen Qrundlagen des Monarchenrechts (Wien 1894), 
S. 14 ff. 1368 spricht Herzog Albrecht UI. von nostra scrinea (!) secre- 
torum nostrorum, Lichnowsky 3, Reg. Nr. 1006. 

' Ueher Ähnliche Absichten unter Rudolf II. s. Jos. Fischer in der Zeit- 
schrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg, 3. Folge, Heft 41 
(1897), S. 23 ff. 44 (1Ö77/78). Lünig, Cod. Germ, dipl., 2, 634, Art 10 
(1602), dazu Bidermann, Greschichte der Osterreichischen Gesammtstaats- 
idee 1, 27. 83, Anm. 20. 



stossenden ,Sagrer^;* in dem darunter gelegenen war der Haus- 
schatz verwahrt.' 

In allem flmst und in bestimmter Absicht bat sich mit 
dem Gedanken ein Gesammtarchiv des Erzhauses zu gründen, 
erst Maximilian I. beschäftigt, in dessen Händen sich der seit 
1379 zersplitterte Länderbesitz wieder vereinigte: der ideen- 
reiche, rastlose Herrscher, dem die österreichische Länder- 
Verwaltung die Anfänge ihrer Centralisierung verdankt. Zu 
Innsbruck sollte es entstehen, in der Lieblingsresidenz des 
Königs, die den Arcbivbestand der altem tirolischen Linie 
des habsburgischen Hauses barg, die von ihm zu einer Central- 
stelle fftr die Verwaltung der £rbländer und des Reiches 
gemacht worden war und wo sich in den Registraturen der 
dort von ihm errichteten Behörden die Grundlagen von Archiven 
zu entwickeln begannen,' die nicht nur fbr die österreichische 
Länder- und Staats- sondern auch für die Reichsgeschichte 
von grOsster Wichtigkeit werden mussten. Am 10. Februar 1501 
beauftragte Maximilian I. seinen dortigen Hauskämmerer, in 
dem alten Hause hinten in der tirolischen Kanzlei ein schönes, 
grosses Gewölbe erbauen zu lassen und Soi^e zu tragen, dass 
es bis zum nächsten Sommer vollendet sei; es solle durchaus 
feuersicher sein, eine Decke aus geschlagenem Estrich und ein 
gutes Ziegeldach ,auf den neuen Form^ haben; darin wolle der 
König ,alle^ seine und seines Hauses Urkunden und Register 
und Anderes daran ihm viel gelegen, wohl versorgt aufbe- 
wahren.^ Wie so mancher andere Plan Maximilians ist 
auch dieser über die Anfänge der Ausführung nicht hinausge- 
diehen. Eben damals wandten sich ja die organisatorischen 
Unternehmungen des Königs, insofern sie der Schaffung von 
Centralbehörden galten, wieder der niederösterreichischen Gruppe 
seiner Länder zu.^ 



' Saenuriam, Sacristei. Vgl. die Urkunde von 1419 Mars 30, Liohoowsky 5, 

Beg. Nr. 1S89. 
^ Karajun Id den Berioliten und Mittheilun^n des Alterthumsvereins zu 

Wien, 6 (1863), 33. 34. 35. 116. 116. 140. 

* Adler, Die Organisation der Centralverwaltung unter K. Maximilian I., 
8. 431 ff. 

* HKA., Gedenkbfleher Maximilians I., Bd. 9, Bl. 22*>. Der entsprechende 
Auftrag an die Raitkammer zu Innsbruck (vom 12. Februar) ebend. 
Bd. 8, Bl. 30 ^ 

» Adler, 8. W3ff. 437, 



8 

Id der That besitzen wir einen allerdings um elf Jahre 
Jüngern Erlass des Kaisers/ der eine andere Archivgründung, 
und zwar im Centrum der niederösterreichischen Ländergruppe 
zum Ziel zu haben scheint. Eine Commission von sechs 
Käthen und Secretären* des Kaisers, unter ihnen — aber nicht 
an erster Stelle — Dr. Johann Cuspinian, wird beauftragt alle 
Satz- imd Pfandbriefe und alle anderen brieflichen Urkunden 
bei dem Regimente, der Kanzlei, der Raitkammer^ bei einigen 
namentlich angefllhrten land^sfUrstlichen Beamten und ander- 
wärts zu sammeln^ zu sichten, geordnet in Bücher einzutragen 
und in Laden, Truhen oder ,Scateln^ zu reihen. Alle Händel 
die den Kaiser oder sein Haus angehen und von Interesse oder 
Nutzen sein können, sind in ein besonderes Buch einzuschreiben. 
Das Ganze aber, Urkunden und Bücher, soll ,an ein gelegen 
Ort und Gemach zusammengelegt und gethan werdend Dieses 
ist von zwei Käthen der Wiener Raitkammer mit ihren Pet- 
schaften zu versecretieren und mit zwei Schlüsseln zu ver- 
sperren, deren einen der Vizthum in Niederösterreich, Laurenz 
Saurer, deren andern der kaiserUche Secretär Lucas Breit- 
schwert zu verwahren hat. 

Das ,gelegen Ort und Gemach' ftlr die landesftlrstlichen 
Urkundenvorräthe dürfte endUch in dem Schatzgewölbe des 
Widmerthurms* in der kaiserUchen Burg geftmden worden sein. 
Denn dieses, und nicht mehr der Sagrer neben der Burg- 
kapelle, wird seit dem 16. Jahrhundert als der Lagerort der 
österreichischen Haus- imd Staatsurkunden genannt.^ 



* Vom 9. Jänner 1512. Orig. im StA., Rep. I. Vgl. Adler, a. a. O., S. 296 f. 

* Ihre Namen bei Adler, a. a. O., Anm. 2. 

' ,In dem Thnrm worauf die Figur des Jägers mit dem Hirschen istS 
Ohnvorgreifliche Reflexiones (s. unten S. 12). Er stand an der westlichen 
Ecke des alten Burg- (jetzt Schweizer-) Hofes und wurde 1753 abge- 
tragen. Die Figuren sollen 1670 darauf angebracht worden sein zum 
Zeichen, dass hier vormals ein Wald gestanden hatte. Beschreibung der 
k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien, als der 3. Theil der Oesterreiehischen 
Topographie (von Weiskem), Wien 1770, S. 146. Vgl. Hormayr 1825, 
S. 20. Dagegen Geusau, Qeschichte von Wien, 4 (Wien 1793), S. 182 f., 
Anm. V. 

* Aber noch 1523 ist die Rede von landesfürstlichen Briefen, die in der 
Burg zu Wien in einem GewOlbe liegen, welches ,neben der Kapelle 
hernieden' ganz feucht ist. Act vom 9. Februar 1523 im HKA., Oesterr. 
Herrschaftsacten, Fase. W 17. 



9 

Die bedeutendste Persönlichkeit unter jenen sechs Beauf- 
lagten und die einzige von deren Namen und Thaten spätere 
Zeiten noch eine Kunde bewahrten, war der Staatsmann und 
öelehrte Cuspinian. So erklärt es sich, dass ihn endlich die 
Tradition als den Mann bezeichnete, den der Kaiser bestellt 
habe die zur Errichtung eines Hausarchivs nöthige Sammel- 
arbeit vorzunehmen,^ dass man ihn sogar den ersten Director 
des Archivs nannte. Dazu ist man ebensowenig berechtigt 
wie zu sagen, dass Maximilian I. der Gründer eines öster- 
reichischen Centralarchivs gewesen sei.' Von den Anläufen 
die er dazu 1501 und 1512 genommen hat, ist der erste 
weit vor dem Ziel erlahmt, der zweite diesem erst nach dem 
Tode des Kaisers einigermassen nahe gekommen. Was die 
Jahrhunderte den Landesfürsten an Archivstoff aufgehäuft 
hatten, blieb nach wie vor zerspUttert: es lag, wenig beachtet, 
in den Schatzgewölben der Burgen zu Wien, Wiener-Neustadt,' 

' Ohnvorgreifliche Reflexionefi (anten S. 12). Daraas Hormayr 1808, 
S. 161*; 1810, S. 408»; 1826, S. 67 u. 66; Firnhaber, 8. 154; Wolf, 
S. 3 u. 5; nach diesem Langer, Das k. u. k. Kriegsarchiv, 2. Aufl. (Wien 
1900), 8. 1. Am Ende des 18. Jahrhunderts (Hops 1780) galt Cuspinian 
sogar als der Verfasser des ältesten, vierbändigen Bepertorinms des 
Wiener Schatzg^wOlbes, das von dem unendlich fleissigen, archivalisch 
sehr tüchtigen, auch um das Innsbrucker Schatzarchiv hochverdienten 
Seeretär Wilhelm Putsch (dem Vater des Christoph Wilhelm Putsch, 
Sammlers für tirolisohe Geschichte und Topographie, vgl. Hirn, Eraherzog 
Ferdinand II. von Tirol, 1, 363 ff.) nach dem Tode Maximilians I. ange- 

, fertigt worden ist (Schweinhämbls ,Inventari* von 1548, StA., Oesterr. 
Acten, Staat, Fase. 6). Das StA. besitzt davon leider nur zwei Bände (I 
und m) und den Indexband. 

' Beides thut Hormayr an den a. O. Vgl. dagegen Haselbach, Job. Cuspinian 
als Staatsmann und Gelehrter (17. Jahresbericht über das k. k. Joseph- 
städter Obergymnasium [in Wien]), Wien 1867, S. 8. 26, Anm. 41. 
Aschbach, Geschichte der Wiener Universität, 2, 296. Welche Gestalten 
von Hausarchivdirectoren aus vortheresianischer Zeit dem Freiherrn 
V. Hormayr seine Phantasie sonst noch vorgaukelte, mag man in seinem 
Werk ttber Wien, a. a. O., S. 57 f., Anm., nachlesen. 

' ,Inventarizedl des so . . . in den zwain tmhen so man des Lanngn 
trüben nennet und zu der Neuenstatt in ainem gewelb in der burk steen, 
gefunden und . . . au^eschriben ist* am 7. Februar 1507, 28 Blätter Fol. 
MI., NÖ. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden die Neustädter Archi- 
valien grasstentheils nach Wien gebracht HKA., Archivdirection, Fase. 
1 A (1648) und Oesterr. Herrschaftsacten, Fase. H 14 (1674 u. 1677). Vgl. 
Gottlieb, Die Ambraser Handschriften, 1 (Leipzig 1900, S% 86 ff. llOff. 
— Schon zu 1429 ist ein (heute verschollenes) Inventar ttber ,de8 haus 



10 

Innsbruck/ Graz.* Das Wichtigste der österreichischen Haus- 
Sachen und, wenn man diesen Begriff eng fasst, auch ihr 
grösster Theil lag bis 1565 jedenfalls im Wiener Schatz- 
gewölbe. Aber infolge der Ländertheilung nach dem Tode 
Ferdinands I. zerfiel auch die Einheitlichkeit dieses Archivs. 
Dort blieben' nur zurück die ,Hauptbriefe' der Bersten von 
Oesterreich: Privilegien, Bündnisse, Verträge ihrer anrainenden 
Lande halber und andere ^Instrumenta communia^, dann was 
Oesterreich ob und unter der Ehins, Ungarn, Böhmen, Mähren 
und Schlesien betraf. Das Tirolische und Vorländische erhielt 
Erzherzog Ferdinand, das Innerösterreichische Erzherzog Karl.* 
Seit 1665 gab es wieder nur ^inen Herrscher über 
alle österreichischen Lande; aber noch vierzig Jahre länger 
dauerte die Dreitheilung der Verwaltung. Ihr machte erst 
Josef I. ein Ende. So bHeb auch die Frage der Wieder- 
vereinigung der 1565 zerstreuten Archivschätze — wenn man 
von einigen, ergebnislosen Versuchen aus dem Ende des 16. 
und dem Beginn des 17. Jahrhunderts^ absieht — noch lange 
unerörtert. Was nach Ferdinands I. Tode im Wiener Schatz- 
gewölbe zurückgelassen worden war,^ ermangelte aller Obsorge 
und Ergänzung und gerieth fast völlig in Vergessenheit. Erst 
nach vierzig Jahren, beim Regierungsantritt Josefs L, erhob sich 



Österreich schatzbrief so zu der Newenstat zu behalten gegeben nnd 
durch Petem KhOterer inventiert worden sein*, erwähnt (SchatzgewGlbe* 
repert B von c. 1647 im StA., 1, 1344/6). Vgl. Chmel, Materialien 1^, 
30, Nr. 10 u. 11 (von 1436). 2, 97. 98 (von 1465). 
> S. oben 8. 7. 

* Chmel, a.a. O., \\ 30, Nr. 11. 32, Nr. 13 (1436). In Innsbruck hatte 
Rosenthal 1761 ein Inventar von 1424 über die damals zu Wien, Neu- 
stadt, Graz und anderer Orten vorhandenen Urkunden gefunden. Auch 
dieses ist verschollen. 

* Gemäss der Bestimmung der Theilungsurkuude von 1664, dass dem 
Aeltesten der SOhne des Kaisers (nur) alle die Urkunden zuzuweisen 
seien ,die in gemein über unserer und unseres Hauses Oesterreich Land 
und Leute, Freiheiten und Begnadigungen sagen*. Vgl. Hauke, a. a. O., 
S. 62 ff., bes. 65. 

* Bericht der zur Abtheilung der Schatzbriefe verordneten Commission, 
April 1666. StA., Oesterr. Acten, Staat, Fase. 6 und HKA., Directions- 
acten, Fase. 1. Vgl. Schlager, Wiener Skizzen, 2, 221 ff., Nr. 23. 

^ 8. oben S. 6, Anm. 2. 

* Das Folgende bis gegen den Schluss des Absatzes nach den ,Ohnyor- 
greiflichen Reflexiones* (s. unten S. 12). 



11 

eine Stimme — es ist nicht bekannt wessen — ^ die auf die 
Nachtheile hinwies, welche der Mangel eines wohlgeordneten 
ArchiTS ftbr alle Staats-, Hof-, Provinz- und Camenügeschäfte, 
zomal bei Allianz- und Friedensverhandlnngen und bei der 
Entwerfung von Gtosandteninstructionen, im Gefolge gehabt 
hatte und noch weiterhin haben müsste; der Mangel eines 
,Haupt- und Hausarchivs ad latus summi principis', woraus 
dieser selbst ^täglich, ja gleichsam stündlich wie in einem ohn- 
betrOgUchen Spiegel sich und seine Kräfte zu kennen, auch 
seiner Lande Stand und Verm(^en auf Kriegs- und Friedens- 
sni&lle zu beurtheilen und seine Anträge darnach zu proportio- 
nieren vermöchtet ^ Auf Antrag des obersten böhmischen 
Kanzlers, des Gh^en Wratislaw, war ftür die böhmischen Erb- 
lande bei der böhmischen Hofkanzlei ein Staatsarchiv zu 
gründen versucht worden.' Diesem Beispiele folgend, hatte 
der österreichische (erste) Hofkanzler Freiherr v. Seilern die 
Errichtung eines österreichischen Archivs ins Auge gefasst:^ 
ein Plan von dem es später heisst,^ Seilern habe zwar ,sonders 
grossen Eifer darin bezeigt, wie weit aber avanciert worden 
stände zu erkundigend Es ist also jedenfalls nicht weit damit 
gediehen. Beide Archive aber waren nur für je einzelne 
Ländergruppen berechnet; dem Gedanken an ein Gesammt- 



' Nur nebenher sei eine zweite, etwa gleichseitige Anregung erwähnt. 
Die sogenannte Hüttnersehe Sammlung im k. k. Archiv fSr Nieder- 
(teterreieh enthält in Bd. 23, Bl. 644—647 ein undatiertes, etwa in den 
Anfang des 18. Jahrhunderts gehöriges Promemoria eines Unbekannten 
betreffend ,die Transferierung einiger in dem n.-0. Regierungs-, soge- 
nannten ScbatsgewGlb oder Kleinen Arohiv abgängigen InstrumentenS 
das den Vorschlag macht, dass die 1566 nach Gras und Innsbruck ge- 
brachten Urkunden ,durch eine abändernde Ck>mmis8ion übernommen, 
hieher tiberbracht und mithin dieses Archiv wieder ergänsf werde. 
(Ueber die Hüttnersehe Sammlung s. Chorinsky, Beitrage sur Erforschung 
Osterr. Rechtsquellen, Sonderabdruck aus dem 42. Jahrgang der Allg. (taterr. 
Gerichtsleitung, Wien 1896, 8. 26f.) 

' Vgl. die Instruction für die böhmische Hofkanslei vom 26. April 1719 
bei Wolf, 8. 16 f. Dasu Fellner in den Mitth. des Instituts für Osterr. 
Geschichtsforschung, 16, 628. 

' Vgl. die Instruction für den Registrator der Osterreichischen Hofkanslei 
vom 30. Juni 1727, Wolf, S. 16f. (unverständlicher Aussug). Beide 
Unternehmungen setat Hormayr 1826, S. 71, ins Jahr 1708. Damals 
aber waren weder Wratislaw noch Seilern schon Kanzler. 

* In den ,Ohnvorgreiflichen Reflexiones*. 



12 

Staatsarohiv präjudicierten sie mehr als sie ihn förderten^ mit 
dem Wesen eines Haus- oder Familienarchivs hatten sie keine 
unmittelbare Berührung. 

Die Gründung eines wirklichen Haus- und Staatsarchivs 
wurde übrigens noch in der Zeit Karls VI. nachdrücklich an- 
geregt. Bei den Acten liegt eine weitläufige Aeusserung über 
die Nothwendigkeit einer solchen Gründung und über die 
Grundztlge der Einrichtung des Archivs. Sie ist undatiert und 
anonym^ die Feststellung des Verfassers leider unmöglich.^ 

Das Schriftstück ist überschrieben: ,Ohnvorgreifliche 
Reflexiones de archivo domus augustae.^* Es b^nnt mit einer 
kurzen Darstellung der Versuche die seit Maximilian I. zur 
Gründung eines österreichischen Staatsarchivs gemacht worden 
waren, und findet damit schon die Quaestio an beantwortet, 
,wie höchst rathsam, nöthig und gedeihlich es wäre das von 
Maximilian I. bezielte allgemeine oder Universal-Staatsarchivum 
domus augustae zu errichtend Sich der Frage nach dem Ort 
der Unterbringimg zuwendend, spricht sich der Anonymus 
gegen die weitere Benutzung des Schatzgewölbes aus. Dieses 
befinde sich zwar ad latus principis, sei aber fast unzugänglich, 
da es finster sei, die Schlüssel immer erst an zwei oder drei 
verschiedenen Orten aufgesucht werden müssten und ein 
kundiger Verwalter fehle; ausserdem sei noch alles in Truhen 
verpackt und das Verzeichnis (die ,Registratur^ schlecht. Das 
Local des Hausarchivs, meint der Anonymus, muss drei Abtheilun- 
gen (Zimmer) umfassen: 1. das geheime oder Membranaceum 



^ Ist es der vielseitige Staatsmann, der c. 1720 dem Kaiser eine Denk- 
schrift: ,Parerga sive otia N. N.* überreichte, worin er sagt, dass er 
schon unter Leopold I. und Josef L sowie unter Karl VI. verschiedene 
Projecte theils den Monarchen, theils den Ministem vorgelegt habe? 
Jene Denkschrift enthält nämlich den Entwurf eines Patents, der grOssten- 
theils mit dem übereinstimmt welcher den ,Ohnvorgreiflichen Reflexiones' 
angehängt ist (unten S. 14). Bidermann, a. a. O., 2, S. 38 ff. mit Anm. 48 
auf S. 186 ff. 

* VA. Fase. 1», Nr. 22 A u. B. Der (böhmische) oberste Kansler Graf 
Wratislaw und der Hofkanzler Freiherr v. Seilern werden darin als ver- 
storben bezeichnet, was Wolf, S. 10, nicht hindert, die Denkschrift einen 
, Antrag* dieser beiden zu nennen. Sie ist nach 1 720 verfasst, da sie den 
Johann Anton Widmann als Hofrath (bei der böhmischen Uofkanzlei) 
bezeichnet, was er erst damals wurde (Wurzbach, Biograph. Lexikon des 
Kaiserthums Oesterreich, 55, 247^). 



13 

orignufui; 2. das Ckarti^Tlachim der Copeib&cfaer« Aato> und 
ApograplMnm; 3. das Csnale oder den Arbeitsrmiim. P&r jede 
dieser drei Abdieünngen wlren vier Cntertheihiiigeii erfbrdertich: 
ane för das Ardumm eccleaimsticiim ^Cencordafte^ BaDen, 
fromme Stiftungen etc.), die zweite filr das ArcIÜYiun poUticam 
(PrirSegien des Ershaoses, genealogische Docomente^ Familien- 
Tertrige, Lindererwerbnngen, öffendiche Acte mit fremden 
Stuten y GesandtBchaftsacten, Stinde- und Städtepririlegien, 
Kataster, Urbare, Geographie and Top<^^phie der Königreiche 
und Linda- etc.), die dritte Dir die Cameralia (Acten» Urkunden, 
urbare etc. der Herrschaften), endlich eine ftbr die ArchiT> 
bibHodiek (insbesondere Gesetzbücher and Statuten aller LinderV 

Die Frage nach dem Personal beantwortet der Anonymus 
firigendermass^i : 

,Directores perpetui sind eigenthch e competentia officii 
die H<rf'- oder Staatskanaler,^ ohne deren Wissen oder schrift- 
lichen Befehl weder eine Abschrift au ertheilen noch Einsicht 
zu gestatten ist; die auch wie der Kaiser selbst au dem 
einmal in Ordnung gebrachten secretiori archivo membranaceo' 
(oben 1) ,den ^eichformigen Schlüssel allein haben sollen, so 
dass ohne ihre^ (der Kanzler) ,Oegenwart kein Hauptoriginal 
herrorgenommen, recognosciert oder geö£Phet werden könne. 
Ein Archivarius, der penes archivurn assiduus sein und den 
Schlüssel zum Cartophylacium secretum autographorum' (oben 2) 
,haben, die Registratur dirigieren, alle ingrossierten Documente 
collationieren, zu jedem das Vidimus proprio pugno notieren, 
die Ordnung der Registratur und die Arbeiten der Subalternen 
beaufsichtigen soll. Er soll womöglich der gangbaren Haupt- 
sprachen kundig, auch in Qeschichte und Diplomatik erfahren, 
von dem Staat und den Rechten des Erzhauses und der König- 
reiche und Länder praxim rerum publicarum et cameralium 
haben, von gutem Comportament, experimentierter Treue, nicht 
geldgierig, auch dabei von massiger Lebensart sein, ohne Unter- 
schied der Tageszeiten seiner Function abzuwarten. Ihm zu 
adjungieren wären ein wohlerfahrener Registrator imd etwa 
drei der besten Ingrossisten^, die die dreierlei Copienbücher (je 
eines in jeder der drei obigen Abtheilungen) zu schreiben hätten. 



^ Aneh dies deutet auf Entstehung des SchriftotUckB nach 1780. S. Fellner, 
a. ». O., S. 628f. 



14 

Im Interesse der Sicherheit des Archivs wäre zu Vei*- 
ordneii; dass nie künstliches Licht hineingebracht und alle 
Vierteljahre eine Säuberung yorgenommen werde. Die Docu- 
mente sind in Umschlägen zu bergen und in die Repositorien 
nach Jahren, Classen und Materien einzutheilen. 

Zum Schluss gibt der VerfiEWser zu erwägen, ob der 
Zweck nicht am raschesten durch die Erlassung eines Patents 
zu erreichen wäre, dessen Entwurf er vorlegt Dieser enthält 
nach weitschweifigem Eingang die Berufung eines General- 
landtages nach Wien, der die Aufgabe hätte zu berathen, was 
etwa im geistlichen und weltlichen, im Justiz- und Polizeiwesen 
zu verbessern wäre, dem es auch obläge ,die iura regis et 
gregis auseinander zu scheiden' und ,8odann iuris publici zu 
machen, worin die landesfkirstlichen Rechte sowohl ab auch die 
Privilegien und ObUegenheiten geist- und weltlicher Stände 
Unserer Erblande bestehend Zur Vorbereitung dieses General- 
congresses, filhrt der Entwurf fort, ,um keinem Stand in seinen 
Rechten zu präjudicieren', sei es nöthig ein Staatsarchiv zu be- 
gründen, aus dem ,auch zu künftigen ewigen Zeiten was recht 
und biUig sei erholt werden könnet Solches zustande zu bringen 
wird schliesslich die Einsendung von beglaubigten Abschriften 
der Privilegien von Ständen, Communitäten und Einzelnen 
verlangt. In solchen Abschriften sind auch archivalia instru- 
menta und documenta pubUca vorzulegen, die sich bei irgend 
wem als Depositum oder ,in Feindesgefahren oder aus sonstigen 
Nothdurften geflüchtet' vorfinden. Betreffen aber solche Depo- 
sita ausgestorbene FamiUen oder säcularisierte geistliche oder 
weltliche Stiftungen, so sind die Originale (gegen Recognition) 
an das öffentliche Archiv des kaiserlichen Hofes abzu- 
liefern.^ 

Man sieht: was dem Verfasser dieses Gutachtens vor- 
schwebt ist weit mehr ab ein Hausarchiv, auch mehr als ein 
Haus- und Staatsarchiv im Sinne Maria Theresias: mehr ab 
eine Sammlung ,aller imd jeder Unser Erzhaus oder die ge- 
sammten Staaten imd die Monarchie angehenden Documente' 
(unten S. 16). Es ist ein Central^Reichsarchiv, das neben den 



^ Wolf, S. Idf , g^bt diesen Entwurf als ein von Karl VI. bald nach seinem 
Begierangsantiitt wirklich erlassenes Patent Vgl. dain Bidermanui 
a. a. 0., 2, 41. lS7f. 



15 

Haussachen den afctuvalisclien Niederschlag fast aller Zweige 
der öffentlichen Verwaltung in sich au&ehmen sollte. Noch in 
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Gedanke die 
Schöpfung der grossen Kaiserin zu einem solchen Centralarchiv 
auszugestalten^ bei einem und dem andern der leitenden Archiv- 
männer lebendig gewesen; aber er hat sich immer schon nach 
den ersten Versuchen zu seiner Verwirklichung als undurch- 
fllhrbar erwiesen. Auch von den übrigen Anregungen des 
Anonymus, von dem schwerfWigen Apparat den er in Be- 
wegung gesetzt wissen wollte, ist in dem schliesslich Geschaffenen 
nicht viel wiederzufinden. Ek braucht auch nicht gesagt zu 
werden, dass der Entwurf des Patentes Entwurf, die Idee des 
Oenerallandtages Idee gebUeben ist. Seit 1606 hat in Wien 
kein Generallandtag mehr stattgefunden.^ 

So war es, als Maria Theresia die Regierung antrat, und 
in ihren ersten Herrscherjahren immer noch an dem, dass der 
Kaiserin selbst, ,der doch am meisten anliegt aus einem solchen 
geheimen Hausarchiv täglich, ja ständlich semotis ambagibus 
ihre notitias zu erholen, am wenigsten Gelegenheit offen stand 
jemalen in ihrem Archive (daran doch dero höchst schätzbarstes 
Kleinod bewendet) selbst etwas ersehen und, wie die prudentia 
politica es öfters erfordert, ohnvermerksam, es sei zu eigener 
Curiosität oder Nothwendigkeit, sich in geheim, doch verlässlich 
informieren zu könnend' Und beim Ausbruch des österreichi- 
schen Elrbfolgekrieges hatte es sich ereignet, dass die zur 
Vertheidigung ihres Erbfolgerechtes dienlichen Documente nicht 
aufzufinden waren. ,Man hat leider,^ schrieb sie später, am 
13. September 1749, an den Oberstburggrafen in Prag,^ ,beim 
Hintritt K. Karls VT. und dem darauf ausgebrochenen schweren 
Krieg erfahren müssen, dass zur Vertheidigung Unserer Erb- 
folgsgereehtsamkeiten wider die sich verschiedentlich angebenden 
Prätendenten es an den hiezu benöthigten, hier und dort bei 
ehemaliger Residenzwohnung Unserer Vorfahren in den Ländern 
zurückgelassenen Haus- und anderen geheimen Schriften und 
Documenten gefehlt hat. Dir selbst ist bekannt, wie vieler 



* Bidemuum, a. a. O.» 2, 196, Anm. 54. 

* ,Obnma88geblicbe ReflezioneflS s. oben S. 12 (fttr die Zeit Karls VI.). 

* YA. Faac. 1% Nr. 6. Vgl. Wolf, 8. 26. Der ErUas ergieng wOrOicb nacb 
dem vom Directoriam der Kaiserin vorgelegten Entwurf s. Abtobnitt II. 



16 

Gefahr das in der St. Wenzelskapelle befindliche Kronarchiv 
bei den letzten bairischen und preussischen Eroberungen der 
k. Prager Städte ausgesetzt und nur zu bewundem gewesen^ 
dass solches ab exemplo der ehemaligen schwedischen Elinfälle 
allda nicht gänzlich hinweggeschleppt worden und also ein 
unersetzlicher Elronschatz verloren gegangen sei. Wir wollen 
zwar nicht hoffen, dass es auf derlei ge&hrliche Umstände 
jemals mehr ankommen werde. Die Vorsicht hingegen er- 
fordert, auch in unverhofften Fällen alle und jede Unser Erzhaus 
oder sonst die gesammten Staaten und Monarchie angehenden 
Documente und Schriften da wo die landesfbrstliche persön- 
liche Residenz aufgeschlagen, in einem Archive beisammen zu 
halten.' 

Noch bevor der Ek'bfolgekrieg durch den Frieden zu 
Aachen (13. October 1748) beendigt war, hatte der Gedanke 
greifbarere Formen gewonnen, durch Errichtung einer Sammel- 
stätte für die Haus- und Staatsurkunden die Wiederkehr von 
Verlegenheiten, wie sie dieser Erlass andeutet, unmöglich zu 
machen. 

Als im Jahre 1748 die kaiserUche Schatzkammer neu 
eingerichtet wurde, fand sich dort eine Sammlung von Haus- 
acten vor, hauptsächlich aus der Zeit von 1522 bis 1665 stammend.^ 
Noch lag die, wie es scheint ziemlich bedeutende, Masse in den 
Truhen in die man sie 1741 eilends verpackt hatte, ais von 
St. Polten her der Einbruch des bairisch-französischen Heeres 
drohte. Zweimal, im Juli und im October 1748, wurde sie 
von dem Ersten Obersthofineister, dem Hof- und Staatskanzler 
und dem Oberstkämmerer in Augenschein genommen. Man 
beschloss sie in neue, eigens zu diesem Zweck angefertigte 
Kasten einzulegen; es sollten Repertorien darüber verfasst, aber 
auch — - und dies ist von grösserer Bedeutung — Verzeichnisse 
der wichtigeren Hausschriften die anderwärts (,hin und wieder^ 
verwahrt waren, abgefordert werden. Van Swieten, der Präfect 
der HofbibUothek, wurde beauftragt die in der Manuscripten- 
sammlung der Palatina vorfindlichen Documente ,nebst dem 
was etwa daselbst sonst noch von allerlei zu des Erzhauses 
Sachen und Handlungen eigentlich gehörigen. Urkunden oder 
auch von Friedensschlüssen vorhanden sein möchte^, an den 



^ S. unten A)i)iolmiU II. 



11 

Arcliiyalienbestanct der Schatzkammer abzugeben.^ Die Sache 
wurde wohl darum nicht weiter verfolgt,* weil nicht lange 
darnach das unternehmen der SchaflFimg eines Gesammt- 
hausarchiYS auf eine viel breitere und sicherere Grundlage 
gestellt ward. 

Aus dem August des Jahres 1748 liegt noch eine andere 
Andeutung vor, dass man sich in Wien mit der Frage be- 
schäftigte, was den Inhalt eines solchen Instituts zu bilden 
hätte und woher dieser zu beschaffen sei. Damids schon wandte 
sich die Aufmerksamkeit der fernen Stätte im Westen zu, die, 
in grösserer Zahl vielleicht als die Residenz, Documente zur 
Geschichte des &zhauses und des Staates verwahrte.' Und in 
diesem Zusammenhang darf erwähnt werden, dass sich ein Jahr 
später der Wille der Kaiserin offenbarte auch das zu retten und 
zu sammeln, was sich überall an historischem Stoff im schwachen 
Schutz des Privatbesitzes barg. Zwei Mandate, das eine vom 4., 
das andere vom 12. August 1749,^ bekunden diesen Willen. 
Jenes verordnet, dass von nun an keinerlei Schriften, Manu- 
Scripte und sonstige geschriebene Collectionen, welcherlei Gattung 
oder Inhalts sie immer seien, aus Privatbesitz öffentlich versteigert 
werden dürfen; es muss vielmehr ein genaues Verzeichnis davon 
bei Hofe eingereicht, das was etwa in die Dikasterial-Registra- 
toren gehört, sogleich dahin abgegeben, anderes aber nach billiger 
Schätzung von dem Aerar bezahlt und nach Hof genommen 
werden. Diese Resolution wird am 12. August sämmtlichen Grund- 
büchern in Wien mitgetheilt, damit sie bei solchen Licitationen 
die dazu abzuordnenden Commissarien und Schätzleute ent- 



^ Hofprotokoll in Ceremoniali 1747/48 (im k. a. k. Oberathofmeisteramte), 
Bl. 874^ 418». 448«: Einträge vom 29. Juli, 23. October and 23. De- 
oember 1748. 

' Nicht einmal die Einlegnng in die neuen Schränke fand statt Denn 
in den Acten die die Uebergabe an das Hausarchiv (1754) betreffen, 
ist nur von dem Inhalt zweier grosser Kisten, fönf Truhen und eines 
geflochtenen Korbes sowie von einem Kästchen ,mit einigen alten Sigillen 
und Petschaften* die Rede. VA. Fase. 5, Nr. 23. 23^«. 

* Auftrag des Grafen Chotek (von der Osterreichischen Hofkanzlei) nach 
Innsbruck, Specificationen einzusenden der im dortigen Schatzarchiv und 
im oberOsterreichischen Hof kammer-SchatzgewOlbe liegenden, das Erzhaus 
betreffenden Documente, 22. August 1748. VA. Pasc. 1», Nr. 2 (vom 12. Oc- 
tober). Tgl. oben S. 7. Adler, S. 813. 

♦ YA. Fa«5. l%Nr. 4»/«. Vgl. Wolf, 8. 27. 

AiekiT. XCn. Band. I, Hilft«. 2 



18 

sprechend instruieren. Als Beweggrund zu solcher VerfbguHg 
wird die wiederholte Beobachtung angegeben^ ^dass theils bei 
den Verlassenschaften gelehrter oder sonst in officiis gestandener 
Männer^ theils aber in anderen Gelegenheiten allerhand Manu- 
scripta und öfters solche Originalschriften welche Unsem Staat 
angehen oder gar in Unsere Archiva oder Dikasterial-Registra- 
turen gehörig sind, licitando verkauft und sogestaltig in die 
Hände der Particularen^ ja wohl auch fremder Mächte, nicht 
ohne zu befahrende Benachtheiligung distrahiert werdend 

Eine richtige Anschauung über die Wichtigkeit handschrift- 
Hoher Privatsanimlungen; der gute Wille ihre Schätze vor Ver- 
schleuderung zu bewahren, ein geeignetes Mitte] diesen Willen 
ins Werk umzusetzen, sind in diesen Erlassen angedeutet. Es 
ist lebhaft zu beklagen, dass dies alles späterhin so wenig be- 
thätigt worden ist. ^ 

n. 

Sehr bald nach diesen Anordnungen, fiir die allerdings 
ein innerer Zusammenhang mit der Ghündung des Hausarchivs 
nicht nachgewiesen werden kann, ist diese Gründung erfolgt; 
gewiss nicht ganz und gar zufkllig in eben dem Zeitpunkt, wo 
die ersten grossen Verwaltungsreformen Maria Theresias ins 

^ Nur aus den n&chsten sechs Jahren finden sich einige Spnren solcher 
Bethätigung. 1763 wurden die Manuscripte des k. böhmischeu Cameral- 
rathes und k. k. Ministerialbancodeputations-Buchhaltereidirectors (!) Frans 
Mathias von Straka fOr das Archiv, die k. k. Bibliothek and die Central- 
stellen um 400 Speciesducaten (1666 fl. 40 kr.) angekauft (vgl. Wolf, 
S. 29, Anm. 1). Aus dieser Sammlung gewann das Archiv einen Band der 
Correspondenz Leopolds I. mit seinem (Gesandten in Spanien Grafen POtting 
und zwei dazu gehörige Gesandtschaftsdiarien (vgl. weiter Wolf, S. 67 f.). 
VA. Fase. 4, Nr. 48. — 1753 wurden aus der Verlassenschaft des Grafen 
Johann Christoph von Oedt (Präsidenten der niederOsterr. Repräsentation 
und Kammer, gest. 4. Februar 1750) auf Grund des Patents vom 12. Aug^ust 
1749 einige Manuscripte unentgeltlich für das Archiv erworben, darunter 
von dem SchatzgewOlbe-Repertorium des Wilhelm Putsch (s. oben S. 9, 
Anm. 1 a. E.) der dritte Band und ein jüngeres solches Bepertorium 
(vor 1714) in sieben Bänden. VA. Fase. 3, Nr. 24*. Was dem Dumont ans 
den k. k. Registraturen anvertraut worden war, hatte aus dessen Nachlass 
der gräflich Sinzendorfische Bibliothekar Leclerc angeblich um 10.000 fl. 
angekauft. Für die Ueberlassung dieser Sammlung gewährte ihm die 
Kaiserin eine Pension von 400 fl. YA. Fase. 6, Nr. 1. - 



19 

Leben traten und der mit Recht als der eigentliche Wendepunkt 
in der innem Geschichte Oesterreichs bezeichnet worden ist.* 

Kein Document gibt unmittelbare Kunde von jener Grün- 
dmig. Eine Stifhmgsurkunde ist nicht vorhanden; ist wohl auch 
nicht ausgefertigt worden; ein schriftlicher Befehl zur Errichtung 
des Archivs hat sich nicht gefanden.* 

Der Inhalt des Befehls^ der vielleicht nur mündlich er- 
theilt wurde^' ist angedeutet in der ersten Ausarbeitung des 
Mannes^ den Maria Theresia mit der Aufgabe betraut hatte^ ihr 
Hausarchiv einzurichten. Sie habC; erklärte sie^ beschlossen^ das 
geheime Archiv ihres Erzhauses ^in vollkommenen Stand und 
Ergänzung zu setzen' und die diesfällige Einrichtung und Ob- 
sicht dem provisorischen Hofsecretär des Directoriums Theodor 
Anton Taulow von Rosenthal^ au%etragen. Dies war auf 



* Von Fellner, a, a, O. (b. S. 11, Anm. 2), 8. 631. 

' Verwnnderlicherweise haben sich die Staatskanzlei und die Archivdirec- 
toren selbst fiber den Zeitpunkt der Gründung und die Person des Grün- 
ders lange im Unklaren befunden. Wiederholt findet man in den VA. 
der Jahre 180S— 1821 die Behauptung, das Hausarchiy sei 1762 zugleich 
mit der Staatskanzlei (!) von Kaunitz gegründet, ,neu zusammengesetzt* 
worden. Erst der Director Freiherr you Beinhart hat 1840 dem Jahre 
1749 zu seinem Becht verholfen. (VA. Fase. 40, 1840/6.) 

' Etwa im Juni oder Juli 1749, denn die oben sofort zu erwfthnende Denk- 
schrift Soeenthals hat am 14. August den C^egenstand der Berathung im 
Directorium gebildet (s. unten S. 24 f.). 

« Hormayr 1808, & 173«; 1810, S.418» gibt als seine Geburtsdaten Prag 1702 
an. Das Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Ejriegskunst, 1815, 
S. 428 bemerkt hiezu berichtigend und ergänzend, er sei zu Hildesheim 
am 12. Jänner 1702 geboren; dieser Angabe folgt Wurzbach 27, 82. Die 
Osterr. National-Encyklopädie (von Gräffer und Czikann), 4 (Wien 1836), 
416 nennt den 12. Juni. Das Jahr wird durch den am Schluss dieser 
Anm. citierten Nobüitationsact bestätigt; zweifelhaft bleiben Ort und Tag. 
Denn nach gütiger Mittheilung des Herrn Domcapitulars Dr. Bertram zu 
EUldesheim ist in den Taufbüchern der dortigen yier katholischen Pfarreien 
zu 1702 die Taufe eines Th. A. Taulow-Rosenthal nicht eingetragen. Sein 
Vater Johann Christoph T. zugenannt B. stand (nach Aussage jenes No- 
bilitationsactes) in Diensten des genannten Hochstifts, anfangs als Ge- 
heimer Staats- und Kriegssecretarius, dann als Oberster Kriegscommissarius 
bei den im Osterreichischen Successionskrieg in Osterreichischen Diensten 
nach Italien abgeschickten Hildesheimischen Truppen, endlich als Hof- 
und Begierungsrath. Dem eben genannten hochwürdigen Gelehrten ver- 
danke ich auch die ans den Acten des Gymnasium Josephinum zu Hil- 
deshelm geschöpfte Nachricht, dass dem Theodor Anton am 26. und 
27. September 1712 als Schüler der zweiten Classe in dem Schuldrama 

2* 



20 

Empfehlung des Böhmischen Obersten Kanzlers Grafen Friedrich 
Harrach geschehen^^ dem die Eignung seines Schützlings zu 
solchem Berufe aus dessen langjähriger Thätigkeit bei der Böhmi- 
schen Hofkanzlei bekannt war^ wo er eine Zeitlang das Amt 
eines Archivars bekleidet hatte. Er war ein Mann von gründ- 
licher historischer Bildung, an dem auch die grosse Leistung 
Mabillons und seiner deutschen und österreichischen Nachfolger 
nicht spurlos vorübergegangen war und der wenigstens auf dem 
Wege der Correspondenz mit geschichtsforschenden Zeitgenossen 
einiges von den Schätzen des ihm anvertrauten Archivs anderen 
nutzbar zu machen suchte, wenn auch von seinen zahlreichen 
eigenen Arbeiten nichts an die Oeffentlichkeit getreten ist.* 

Die erwähnte erste Ausarbeitung des neuen Hausarchivars 
führt den Titel: ,Ohnmassgebigste Reflexiones und unterthänigste 
Anfragen die Errichtung des kaiserlich-königUchen Geheimen 
Hausarchives betreffend^* Sie trägt kein Datum. Zu Papier 
gebracht ist sie wohl im Juli oder in der ersten Hälfte des 
August 1749. Aber die Sachkenntnis und der sichere Blick 
womit Rosenthal die Fülle der ihm gewordenen Aufgaben über- 

jSedecias' eine wichtige Rolle anvertraut war. In den sehr unvollständig 
erhaltenen SchUl erlisten wurde sein Name nicht gefunden. — 1727 trat 
er in die Böhmische Hofkanslei ein, zuerst ,ad manus' des Hofraths v. 
Astfeld, dann als Secret&r des Obersten Kanzlers Grafen Ferdinand 
Kinsky. Er rückte zum Concipisten, Archivar, Rathsprotokollisten und 
Secretär jener Hofstelle auf und wurde nach ihrer Aufhebung (Mai 1749) 
provisorischer Ho&ecretilr beim Directorium in publicis et cameralibus. 
Am 21. J&nner 1749 verlieh ihm die Kaiserin den böhmischen Adelstand 
mit dem von seinen Vorfahren fiberkommenen Geschlechtsnamen und 
Prädicat Taulow von Rosenthal und dem ererbten Wappen. Nachrichten 
Ober seine Familie und seinen Lebensgang bis 1748 enthält der Act 
,Ro8enthal' (1748/49, Gesuch und Diplomsconcept) des k. k. Adelsarchivs 
in Wien, der auch von Wurzbach 8. B3 benutzt ist. Vgl. Kratochvfl in 
der Allgemeinen deutschen Biographie, 37, 465 ff. 

^ So Hops 1780. 

' Kratochvfl, a. a. C, S. 466. Fiedler in der Slavischen Bibliothek, herausg. 
von Miklosich und Fiedler, 2 (Wien 1858), S. 2 ff. Ein bis c. 1762 
reichendes Verzeichnis dieser Ausarbeitungen findet sich am Schluss der 
,Kurzen Nachricht von der Errichtung des k. k. Universal-Haus- und 
Kronenarchivs', die im Anhang gedruckt ist. Vgl. Wol^ S. 86, Anm. 1. 
Nach dem Archiv fdr Geographie etc. a. a. O. und der Oesterreichischen 
National-Encyklopftdie a. a. O. (s. S. 19, Anm. 4) haben Rosenthals 
Sohne seine Manuscripte der Vereinigten Hof kanzlei geschenkt. 

• VA. Fase. 1«, Nr $•, Orig. und Cop. 



21 

schaate^ legen die Vermuthung nahe, dass er sich schon seit 
geraumer Zeit eingehend mit ihnen beschäftigt hatte. 

Was für Documente waren in dem neuen Archive zu ver- 
einigen^ und woher waren sie zu holen? War die erste dieser 
Fragen auf Grund rein theoretischer Erwägungen zu beant- 
worten, die dem Begriff eines österreichischen Hausarchivs 
zu gelten hatten, so erforderte die Lösung der zweiten eine 
genauere Kenntnis der staatsrechtlichen Wandlungen, durch die 
die Urkundenvorräthe des Erzhauses in die einzelnen Theile des 
Ländercomplexes zerstreut worden waren, sowie einige Vertraut- 
heit mit dem Organismus der öffentlichen Verwaltung und ihrer 
Geschichte. 

Nach dem Vorschlage Rosenthals, den die Kaiserin in dem 
an ihn gerichteten ,Decretum instructivum* vom 1 3. September ^ 
billigte, sollten den Inhalt des künftigen Archivs Documente 
folgender Art bilden: 

1. Eigentliche Haussachen: Privilegia domus augustae, 
documenta genealogica, pacta famiUae, Erbtheilungen und Ver- 
gleiche, Heiratscontracte, Verzichte, Testamente, Vormundschafts- 
bestellungen und andere acta domus singularia seu domestica; 

2. Urkunden die die gesammten Staaten oder die Mon- 
archie betreffen, als acquisitiones regnorum et provinciarum, 
sanctiones pragmaticae, pacta successoria, confratemitatum et 
confoederationum hereditariarum, compactata, foedera, conven- 
tiones cum exteris principibus et provinciis, acta et instrumenta 
pacificationum, armistitiorum und dei^leichen; 

3. die Particularländer betreffende Acten, als privilegia 
et constitutiones provinciarum particularium, privilegia statuum, 
oppignorationes et alienationes appertinentiarum, limitanea etc. 

Es war also die Schöpfung des Jahres 1749 als ein 
Haus- und Staatsarchiv gedacht, wenn ihr auch damals und 
noch lange nachher fast ausschliesslich der Name eines Haus- 
archivs gegeben wird.* Und dieser Gedanke ist lebendig ge- 



* Ebend., Nr. 6. Vgl. Wolf, 8. 26. Es ist adressiert an den »kaiserlich- 
kOnigUchen Rath* (s. unten S. 25) ,and Geheimen Hansarchivarias Theo- 
dor Anton Yon Bosenthal'. 

' Man findet in den Acten der ersten Zeit folgende Bezeichnungen: k. k. 
Geheimes Hausarchiv (die Kaiserin und Rosenthal), Geheimes Haupt- 
Staatsarchiy (Haugwitz 1760), General-Hausarchiv (Bartenstein), Haus- 
nnd Geheimes Archiv (Kaiserin eigenhändig), Geheimes Universal-Hans- 



22 

blieben bis zum heutigen Tage, wenn auch keineswegs durch* 
greifend wirksam. Die dritte der angefahrten Gruppen hat sich 
ihm je später desto weniger gefügt. 

Der Bereich aus dem der so abgegrenzte Stoff am Kaiserhof 
zusammengebracht werden soDte, ist in den ^Ohnmassgebigsten 
Reflexiones' mit grosser Sachkenntnis umschrieben. 

Zunächst ist von den schon vorhandenen, aber in den Erb- 
ländem zerstreuten Hausarchiven die Rede. Ihrer bestanden 
drei, in ihrer abgesonderten Existenz hauptsächlich durch die 
Ländertheilung Ferdinands I. begrilndet: zu Wien, zu Innsbruck 
und zu Graz. Im Centrum des Reiches war das ,kaiserliche 
Hausarchiv' in zwei ^Behältnisse' vertheilt: das Gewölbe in 
der Schatzkammer,* enthaltend neuere Urkunden aus der Zeit 
von 1622 (Brüsseler Vertrag) bis 1656 und vielleicht noch 
weiter herauf, und das ,alte Regierungsarchiv' im ,Schatzgewölbe' 
der Hofburg mit weit älterem, bis über die Zeit Rudolfe I. 
zurück-,* aber nicht über c. 1548 herabreichendem Inhalt. 
In Innsbruck lagen ,dem Vernehmen nach' nicht nur solche 
Documente die seit der Ländertheilung von 1564 dort erwachsen 
waren, sondern auch andere, das gesammte Erzhaus betreffende, 
sehr wichtige Urkunden von den ältesten Zeiten an.' Endlich 
das Hausarchiv in Graz, auch dieses seinen Ursprung auf die 
Ferdinandeische Ländertheilung zurückführend, aber ebenfalls 
ältere wichtige Hausurkunden* bergend. 

Archiv (Rosenthal und Freyssleben), Universal-Haus- tind Kronarchiv (Ro- 
sentbal). Hops 1780 sagt, die Benennung »Universal-Hausarchiv* sei 
gleich anfangs bestimmt gewesen, weil alle die ganxe Monarchie und 
den Staat in oomplexu angehenden Urkunden darin niedergelegt werden 
sollten. Der Archivdirector Abb^ Schmidt (1780 — 1794) gebraucht hie 
und da die Beseichnungen »Staatsarchiv*, ,Haus- und Staatsarchiv'. In den 
Staatshandbttohem erscheint das Arohiv erst seit 1806. In diesem Jahr- 
gang heisst es ,K., auch k. k. Geheimes Hof- und Hausarchiv*, 1807 bis 
18S9 ,K. k. Geheimes Staats-, Haus- und Hofarchiv', 1830—1848 ,K. k. 
Geheimes Haus-, Hof- und Staatsarchiv*. Das Beiwort ,Geheim' erscheint 
im Jahrgang 1848 sum letatenmal. 
1 S. oben S. 16. 

* Nach den alten SchatigewOlbe-Repertorien (s. oben S. 9, Anm. 1), die 
Rosenthal damals noch nicht kannte, bis 1002. 

• Vgl. oben S, 7, 

^ Deren mehrere dem P. Steyerer fUr seine Historia Alberti IL ducis mit- 
getheilt worden waren. — Vgl. A. Kapper, Mitth. aus dem k. k. Statt- 
haltereiarchlve lu Gras (Graa 1902), a 7 v^)ff. 



23 

In zweiter Reihe zieht Rosenthal die in den Erblanden 
befindlichen Landesar eh ive in Betracht^ da auch in ihnen 
Docomente liegen, ^woran der Landesftirst den grössten Antheil 
nimmt': solche die die privaten landesfiirstlichen Hausrechte 
and andere Hanssachen betreffen; dann UrkondcD die die iura 
coronae des Fürstenthnms und des ganzen Staates in complexu 
angehen; endlich die von den LandesfUrsten selbst den Ständen 
and Bewohnern verliehenen und bestätigten Privilegien^ ertheil- 
ten Reverse und andere den Ständen und Bewohnern geltende 
Urkunden. Was die zweite Kategorie betrifft^ so stellt es Rosen- 
thal dem allerhöchsten Ermessen^ anheim, ob nicht, ^zur Ver* 
meidung allen AuBsehens', die Originale bei den Ländern zu 
belassen und nur beglaubigte Abschriften zu erheben wären^ 
yweil der Landesfttrst die iura seiner Staaten und Länder^ so 
zugleich seine eigenen sind; vornehmlich zu vertheidigen hat^ 
mithin auch davon die genaueste Wissenschaft haben muss^ 
Hinsichtlich der dritten Gattung ist der Archivar der Meinung, 
dass die dahin gehörigen Originale den Ständen nicht aus den 
Händen genommen werden können; ^weil aber dem Landes- 
flbrsten hauptsächlich daran gelegen und nöthig ist zu wissen 
was für Privilegien und Freiheiten die Stände und Inwohner 
eigentlich haben oder nicht haben^, so könnten davon beglau- 
bigte Abschriften nach Wien gebracht werden. Im Einzelnen 
and ausführlicher wird auf das böhmische Kronarchiv ^ und das 
Archiv der böhmischen Landtafel zu Prag hingewiesen. 



^ Das Decretam instnictiviim Yom 13. September wünscht, dass auch die 
Originale der zweiten Kategorie nach Wien gebracht nnd daf&r, gleich- 
wie Yon der ersten, Abschriften zorftckgelassen werden. 

* Was Aber die einigermassen unsichere Geschichte dieses Archivs (vgl. 
Bretholz in seiner Besprechung von H. Jire^^eks Korunni Archiv 6esky 
[das böhmische Kronarchiv], Prag 1896, in der Zeitschrift f. d. Geschichte 
Mährens und Schlesiens, l^» [1897], 78 f.) in den VA. von 1760 (Fase. 1«, 
Nr. 22 G und E, Fase. 1^ Nr. 80) gesagt ist, sei hier zusammenfassend 
ndtgetheilt. Eb lag ursprfinglich in der Wenaelskapelle des Doms zu 
Prag. Karl IV. fibertrug es sammt den Beichsinsignien und Reliquien in 
das von ihm erbaute Schloss Karlstein, in ein ,tiefes GewOlbe' der im 
Thurm befindlichen Kreuzkapelle. Der Eingang dasu war am Fusse des 
Altan; vier Schlüssel Öffneten ihn, von denen jeder Stand des König- 
reichs einen verwahrte. 1611 wegen des Passauischen Einfalls und später 
wegen der Beligionsunruhen wurde es nebst den Insignien wieder nach 
Prag gebracht und bei der königlichen Landtafel niedergelegt 1719 end- 
lich kam der grOsste Theil des Archivs in ein neu eingerichtetes Ge* 



24 

Zuletzt regt Rosenthal an, anch aus den in Wien und 
in den Ländern befindlichen Registraturen der Central- 
und Mittelbehörden die dann vorhandenen wichtigen Original- 
urkunden in das Haupthausarchiv zu übertragen. Genannt 
werden in Wien: das Archiv (Registratura pubUcorum) der 
ehemaligen Böhmischen Hofkanzlei^ die frühere österreichische 
Hofkanzlei-Registratur^^ die Hofkriegsraths-Registratur^ (,weil 
seit Leopold I. die den Türken wieder entrissenen und neu 
eroberten Länder durch das Militare administriert worden'), 
die alte Kammerregistratur' im kaiserlichen Ho&pital^ und die 
k. k. Hof- und Staatskanzlei; in Prag: die alte Reichsregistratur ^ 
(, worin vielleicht von Karls IV. Zeiten her einige Original- 
documente, welche heute abgehen, zu finden sein dürften^, die 
alte statthalterische Registratur (,worin von der Hälfte des 
15. Jahrhunderts als von Anfang der weltUchen Obersten Kanzler 
bis zur Zeit der nach Wien verlegten Residenz die böhmischen 
Kanzlei-Acta und Documenta verwahrt liegen') und die alte 
Kammerregistratur. 

Ueber Rosenthals Vorschläge berieth das Directorium am 
14. August 1749.^ Es erkannte die Vereinigung der von dem 
Hausarchivar bezeichneten drei Classen von Documenten ftbr 
höchst nothwendig, nicht nur weil sie in ihrer Zerstreuung über 
die Kronländer bei feindlichen EinfWen gefährdet seien, sondern 
auch um sie gesammelt und bei der Hand zu haben, wenn es 
wieder einmal gälte gegnerischen Prätensionen entgegenzutreten. 

wOlbe neben der Wenzelskapelle; der Rest blieb bei der Landtafel. Von 
da an bis zum 12. Febmar 1760 (s. unten im III. Abschnitt) war jenes 
nur ein einzig^smal geöffnet worden. 

» Vgl. Wolf, S. 129 f. 

' Langer a. d. oben S. 9, Anm. 1 a. O. 

» Wolf, S. 108 ff. 117. 

* Auf dem heutigen Ballplatz (bis 1754). K. Weiss, Geschichte d. öffentl. 
Anstalten etc. fdr die Armenversorgung in Wien (Wien 1867), S. 101 ff. 

^ Beichshofkanzlei- und Reichshofrathsacten, die sich in Prag znr Zeit als 
Rudolf n. und der Reichsvicekanzler mit einem Theile der Reichskanzlei 
dort residierten, angesammelt hatten. Vgl. Kretschmayr im Archiv für 
österreichische Geschichte, 84, 421. 

* Protocollum Directorii in publ. et cam. sessionis extraordinariae pome- 
ridianae de dato 14. Augnsti 1749. Anwesend Haugwitz (Präsident), 
Summerau, Kannegiesser, Getto; Secretäre v. Eger, Thom. ML, Böhmen. 
Vgl. Wolf, S. 25, Anm. 1, wo dieses Protokoll als ,nicht vorhanden' be- 
zeichnet wird. 



25 

Bezüglich der Unterbringung des zu Sammelnden sehloss sich 
das Collegium einem Vorschlag an den der Hofbaudirector 
Graf Sylva-Tarouca der Kaiserin gemacht hatte und der dahin 
gieng, das Gebäude der ehemaligen Oesterreichischen Hof kanzlei 
durch einen neu zu errichtenden Tract mit der alten Eammer- 
registratur^ zu verbinden und diesen Mittelbau mit guten, feuer- 
sicheren Gewölben zu versehen. Dem Protokoll ist auch der 
Entwurf des kaiserlichen Beglaubigungsschreibens Air Rosenthal 
an den Oberstburggrafen von Prag^ einverleibt. Jenes schliesst 
mit dem Antrage der Bitte des Hausarchivars um Verleihung des 
k. k. Rathsütels zu willfahren, da er Archivar schon vor vielen 
Jahren bei der Böhmischen Hof kanzlei gewesen sei und ge- 
heissen habe. Diese Vorschläge und Anträge fanden die Ge- 
nehmigung der Kaiserin. 

Die Fragen nach dem Was und nach dem Woher, in der 
Denkschrift Rosenthals gründlich behandelt, waren damit — zu- 
nächst wenigstens insoweit Böhmen in Betracht kam — be- 
antwortet, und zwar durchaus im Sinne der Denkschrift. Eine 
Reihe von Fragen des Wie: wichtige Einzelheiten der Ein- 
richtung und Organisierung, bilden den Gegenstand der Er- 
örterungen eines zweiten, im Jahre 1750 niedergeschriebenen 
Gutachtens.^ Sein Verfasser ist nicht genannt; aber manches 
spricht daftlr, dass dies ebenfalls Rosenthal ist. Es liegt in zwei 
sauberen Abschrift;en vor, von denen jede eine Correctur von 
der Hand des Hausarchivars aufweist. Von eben dieser Hand 
ist ein roher Entwurf^ niedergeschrieben, aus dem einzelne 
Ideen — die Anlegung der Copialbücher betreffend — sich in 
nahe verwandter Form in dem Gutachten wiederfinden. Für 
Rosenthal spricht endlich auch das Interesse an böhmischer 
Diplomatik und die Vertrautheit damit, die in dem Gutachten 
zutage treten. Rührt es wirklich von ihm her, so ist es wohl 
in der Reisepause von Juni bis September 1750 (s. Abschnitt HI) 
zu Papier gebracht. 



* Jenes hinter der Reichskanzlei gegen die Schauflergasse zu, diese im 
kaiserlichen Hofspitai auf dem Ballplatze. 

> S. ohen 8. 16 f. 

* VA. Fase. 1% Nr. 22 C. Es ist undatiert, aher im Context ist von dem 
,gegenwirtigen Jahr 1750' die Rede. 

* ,General-Reflexiones und Notae zu Behuf der Archiv-Einrichtung*, VA. 
Fase. 1», Nr. 22 D. 



Dieses Elaborat führt den Titel: ,Unyorgreifliche kurze 
Gedanken die Errichtung' (1. Einrichtung?) ^des kais. kdn. 
Geheimen Hausarchivs betreffend^ Da die Quaestio an bereits 
bejaht ist, beschäftigt es sich, sie unbertLhrt lassend^ sofort mit 
den Archivräumen. Diese sollen frei und trocken gelegen^ von 
benachbarten Feuerstätten soweit wie nur immer möglich entfernt 
sein, genügendes Licht und gute Luft haben. Alle diese Eigen- 
schaften seien bei dem in Vorschlag gebrachten Ort (^gen 
der k. k. Bibliothek unter dem sogenannten Augustinergang^ 
anzutreffen, vorausgesetzt dass das im Wege stehende Kranken- 
haus^ verlegt wird; dieser biete noch ausserdem den Vortheil^ 
dass er einen weiten Platz vor sich habe, was bei einem Brand 
von ungemeiner Hülfe sei. Vier geräumige Gewölbe werden 
erforderlich sein, nebst einem Vorgewölbe, das zur Unterbringung 
voluminöser ArchivaUen und Karten, neu einlangender Schriften 
und der Geräthschaften zu dienen hätte. Ausserdem ein Amts- 
und Arbeitszimmer ftir den Archivar mit den Copialbüchem, 
Registern und wichtigeren Amtsacten; ein grösseres Zimmer 
für die übrigen Beamten und Schreiber; ein Registraturzimmer 
fllr die ,Current'- Acten des Archivs. Die vier Hauptgewölbe 
und das Vorgewölbe sollen mit vergitterten Fenstern, eisernen 
Thüren und Fensterladen wohl verwahrt sein. Zur Bergung 
der Archivalien seien Truhen wie sie sich in dem alten Schatz- 
gewölbe finden nicht zu empfehlen, da sie die Reihung, Nach- 
tragung und Aushebung der Documente allzusehr erschweren; 
auch offene Stellen seien weder geschickt noch rathsam. Es 
wären vielmehr Schränke mit Schubladen, verschUessbar durch 
Thüren mit Glasfenstem, herzustellen, wie sie sich auch in 
dem Kronarchiv neben der Wenzelskapelle in Prag trefflich 
bewährt hätten. 

Den Bestand des Archivs hätten sechs Classen von Do- 
cumenten zu bilden: Urkunden betreffend das Erzhaus, die 
gesammte österreichische Monarchie in complexu, die Krone 
Ungarn, die Krone Böhmen, die Länder Nieder- Ober- 
Vorder- und Innerösterreich und die spanischen Länder. Nach 
diesen sechs Classen ist der gesammte Archivbestand auch 

^ Zunächst der Augustinerkirche st&nd ein kleines Krankenhaus (»Kranken- 
haus von Hof, Weiskern, 3, 41, bei Nummer 764; ,Hofkraakenhaus bei 
den AugusünernS Hormayr 1S25, S. 14). E^ wurde »wischen 17(^8 und 
1756 abgetragen (Hormayr 1825, S. 21). 



27 

äusserlich (^quoad ordinem reponendi*) zu theilen und zu ordnen. 
Für die vier letzten Classen (Urkunden der Erbländer) werden 
Unterabtheilungen vorgeschlagen; dabei wird aber verständiger 
Weise vor der Bildung allzu vieler und ^allzu genauer* 
Abtheilungen gewarnt, die tiefer gehende innere Gliederung 
vielmehr dem Realindex überlassen. 

Als ^ordentliche und gewöhnliche' Archivarbeiten werden 
bezeichnet: 

1. Die Anfertigung von ,Copeibüchern': von genauen Ab- 
schriften aller Archivstücke und von Uebersetzungen der in 
wenig üblichen Sprachen abgefassten. Die Orthographie der 
Vorlagen ist beizubehalten, die Siegelörter sind zu bezeichnen^ 
^icht auszulassen was die Richtigkeit der Urkunden zweifelhaft 
machen könntet 

2. Die Anlegung von (sechs) Hauptregistern nach den 
sechs Classen (und deren Unterabtheilungen) der Bestände: 
Regesten in der Sprache des Originals wenn es sich um deutsche 
oder lateinische Urkunden handelt, sonst in deutscher Sprache. 

3. Zu jedem dieser sechs Hauptregister ist ein Index 
realis oder materiarum, über das gesammte Archiv ein Index 
universalis omnium materiarum zu verfassen. 

Elndlich 4. ein Index chronologicus, entweder ,generalis* 
oder nach den sechs Hauptgruppen getheilt. 

Sodann werden die archivalischen Nebenarbeiten aufge- 
zählt, die ^nicht allein zum bessern Gebrauch des Archivs und 
guten Unterricht der Nachkömmlinge dienlich sind^ sondern 
auch andere nützliche Kenntnisse und Nachrichten an Hand 
geben': 

1. Ausziehung aller Documente aus der gedruckten Lite- 
ratur^ die das Erzhaus und die Erbländer betreffen; 

2. Anlegung eines Glossarium diplomaticum aus den 
deutschen^ lateinischen und böhmischen Urkunden des Archivs 
(,vocabula Redensarten Namen Oerter Tage und dergleichen, 
auch besondere Schreibarten mit gehörigem Grund zu erläutern'); 

3. die Fortsetzung der bereits begonnenen ,Specialein- 
leitnng zur diplomatischen Wissenschaft von Böhmen', Aus- 
dehnung dieser Arbeit auch auf andere Erbländer. Die Noth- 
wendigkeit einer böhmischen Diplomatik wird mit dem Hinweis 
auf die Urkunden aus der Römischen Königszeit Wenzels be- 
gründet Viele von diesen sind verdächtigt worden^ da das 



28 

ExauctoratioDS-Instrument von 1400* den König u. a. auch be- 
schuldigte Pergamente mit angehängtem Königssiegel in bianco 
verkauft zu haben, so dass sie der Käufer mit beliebigem Text 
zu versehen vermocht hätte; andere hatte man angefochten, 
weil sie zu einer Zeit ausgestellt wären da der König noch ein 
Kind war; 

4. Fortsetzung der ,bereits mit einem ziemlichen Vorrath 
in Bohemicis angefangenen Sammlung Abzeichnung Unter- 
suchung und nützlichen Anwendung' der Siegel. Für die 
älteren Zeiten ist die Ergänzung aus den geistlichen Archiven 
zu beschaffen; 

5. Aufzeichnung und Erläuterung der in den Urkunden 
vorkommenden Irrthümer und Fehler, undeutlichen Ausdrücke, 
Stellen zweifelhaften Sinnes; von Urkunden die ,einer Quaestion 
oder Stritt unterworfen' oder die ,in vorherigen Umständen 
und Angelegenheiten desideriert worden; von gelegentUch vor- 
kommenden nützlichen Sachen und momentis, die eveniente casu 
dem Gedächtnis und der Nachsuchung entfliehen könnten'; 
von gewissen Materien und Nachrichten, deren künftigen Ge- 
brauch und Nutzen man vorsieht. 

Welchem der ,Staatsminister' das Archiv unterzuordnen 
und die Archivschlüssel in Verwahrung zu geben seien, wird 
der allerhöchsten Entschliessung anheimgestellt Ohne des vor- 
gesetzten Ministers Wissen und schriftlichen Auftrag oder 
sonstige Legitimierung wäre niemandem dem es nicht kraft 
Amtes zukäme, Zutritt zum Archiv und Einsicht in die Copei- 
bücher und Register zu gestatten noch eine Abschrift, ein 
Auszug oder eine Auskunft daraus zu ertheilen; die Aushebung 
einer Originalurkunde aber dürfe nur in Gegenwart des Mini- 
sters erfolgen. 

Das Amtspersonal hätte ausser dem Archivar aus einem 
wohlerfahrenen Registranten und etwa drei der besten Schreiber 
als Kanzlisten oder Ingrossisten zu bestehen. Der Archivar 
hat die gesammte Geschäft;sgebahrung zu leiten, die Arbeiten 
seiner Untergebenen einzutheilen und zu überwachen, alle Ab- 
schriften die für die Copeibücher und aus diesen gemacht 
werden zu collationieren, jene auch eigenhändig zu beglaubigen, 
die verlangten Auskünfte und Ausarbeitungen selbst zu verfassen. 



1 Deutsche Beichstagsacten unter Kg. Wensel, 3, 254 ff. Die Stelle S. 266, Art i. 



29 

t>er Registrant soll dem Archivar in allem an die Hand gehen 
und die Registratur der Amtsschriften besorgen. Die Eanz- 
Hsten sollen ^vollkommen schöne Handschriften von wohlge- 
setzten, reinen und gleichen Bachstaben ohne mindesten Mangel' 
haben und wenigstens des Lateinischen und Deutschen kundig, 
einer auch in der böhmischen Sprache erfahren sein. 

Zum Schluss bezeichnet sich das umfangreiche Elabo- 
rat als ^unvorgreifliche erste Gedanken^ Ist, wie oben wahr- 
scheinlich zu machen versucht wurde, Rosenthal wirklich der 
Verfasser, so darf darin wohl der £inrichtungsplan erblickt 
werden, den jener laut einer spätem Aufzeichnung^ dem Di- 
rectorinm übergeben hat. Nach derselben Quelle fand er den 
Beifall dieser Behörde. Der Hofrath Eannegiesser sagte in 
seinem schriftlichen Votum,* er wünsche nichts mehr als Zeit 
und Kräfte das Hausarchiv auf diesen Fuss einzurichten, dann 
könne sich das Haus Oesterreich rühmen eines der schönsten 
Archive zu haben. AUe Hofräthe äusserten den Wunsch, dass 
auch die Registraturen auf ähnliche Art, soweit dies eben auf 
sie anwendbar sei, hauptsächUch nach den Materien, einge- 
richtet würden. 

Einiges Wenige in diesen Ausführungen — insbesondere 
was von dem ,Minister' und dem Archivpersonal gesagt ist — 
scheint Bekanntschaft mit den ,Ohnmassgeblichen Reflexiones' 
aus der Zeit Karls VI.' zu verrathen. Und manche Einzelheit 
des Planes findet man, wie die folgenden Mittheilungen werden 
erkennen lassen, später in der innem Einrichtung des Archivs 
wieder; aber noch viel mehr davon ist niemals durchgeführt 
worden. Das musste das Schicksal von ,ersten Gedanken' sein, 
die einem noch gar nicht vorhandenen Archive galten. Erst 
aus der Wirklichkeit des endlich zusammengebrachten Archiv- 
stoffs konnte sich ein einigermassen befriedigender Einrichtungs- 
plan entwickeln. 

An dieser Stelle fesselt noch ein Blättchen kleinen Formats, 
dicht beschrieben und vielfach corrigiert,^ unsere Aufmerk- 
samkeit. Es enthält laut seiner üeberschrift ,Besondere Ge- 
danken zur Einrichtung' (des Archivs); Gedanken so eigener 

» Hopa 1780. 

' Es liegt in der Handschrift Kannegiessers der Denkschrift bei. 

* 8. oben 8. 12 ff. 

* VA. Pasc. l\ Nr. 22 ad D. 



30 

Art und so weitausgreifend^ dass eine nahezu vollständige 
Wiedergabe seines Inhalts gerechtfertigt sein dürfte. Die Auf- 
zeichnung stammt aus der Zeit zwischen dem GrUndungs- und 
dem Einrichtungsbefehl (1749—1753). 

,Wenn Männer^ schreibt der unbekannte Verfasser, ,in 
das Archiv ftlr beständig angestellt wUrden, um alle jetzt bei 
den Hofkanzleien liegenden Agenda, wovon die Beweise auch 
schon im Archive sind, auszuarbeiten, dadurch würden so viele 
Schreibereien mit Noten und Gegennoten aufgehoben, die Mühe 
Abschriften zu machen und zu communicieren von einer Stelle 
zur andern erspart, das Geheimnis weit besser im Archive als 
in den Registraturen, wo die ganze Verhandlung unter theils 
unverständigen theils xmbesonnenen Leuten niedergelegt werden 
muss, verschwiegen bleiben, die Sache selbst besser verhandelt 
werden, weil man die Prioren in einer ganz andern Ordnung 
[und] kürzer halten würde, indem diese sich bloss auf solche 
Ausarbeitungen verlegende Männer weit besser zu unterscheiden 
wissen würden, was unmittelbar von den Actenstücken aufzu- 
behalten imd was nur anzumerken oder gar zu cassieren ist. 
Dadurch würden die ungeheure Menge der Acten und die 
Arbeiten selbst bei den Kanzleiregistraturen sich jetzt schon 
mindern und für das Künftige nicht so vergrössern. Man würde 
noch dabei alle jetzt in den Acten hegenden OriginaUen hervor- 
ziehen, die man ausser dem auch bei den strengsten Befehlen 
niemals wird erhalten können. Dabei wäre noch der grosse 
Vortheil, dass man in einem Blick sozusagen die Sachen von 
Wichtigkeit, welche verhandelt werden und verhandelt worden 
sind, übersehen könnte. Wenn dergleichen bei dem Archive 
von mehreren gleiche Einsicht und Kenntnis habenden Männern 
abgehandelt würden, wäre es sicherer für den allerhöchsten Dienst 
als wenn, wie es leider geschehen ist, durch einen einzigen 
Referenten aus Mangel des hinlängUchen Unterrichts, Nach- 
lässigkeit oder sträflichem Eigennutz nicht wieder zu erholender 
Schaden angerichtet wird. Man würde bei den ELanzleien 
alsdann nicht eine solche Menge Hofräthe brauchen, und die 
wenigen welche bei denselben anzustellen wären, könnten von 
denen welche sich beim Archive hervorgethan, genommen werden, 
die als anfängUch schon ausgesuchte Talente, hernach aber in 
ihrem Fleiss und GeschickHchkeit geübte und geprüfte Männer 
dem Staate weit bessere Dienste thun würden als diese, die 



81 

Itiat! aus allerhand zuweilen auch strädichen Absichten vor- 
schlägt. Man könnte auch durch die jungen Leute Vorarbeitun- 
gen in dem Staatsrechte, in immer vorkommenden Grenz- 
streitigkeiten etc. nach den Materien machen lassen; diese 
könnten von anderen übersehen, verbessert und so bei einem 
voi^ommenden Falle schleunig und nützUch gebraucht werden/ 
Der Gedanke ein Staatsarchiv als Vorschule für den Ver- 
waltungsdienst zu benutzen, war damals nicht mehr neu, und 
er ist auch noch später wiederholt ausgesprochen worden.^ 
Neu und vereinzelt aber ist die merkwürdige Anschauung, 
dass durch geeignete Besetzung der Beamtenstellen im Archiv 
eine Anzahl von Oberbeamten bei den übrigen Verwaltungs- 
zweigen erspart werden könnte, und dass das Archiv auch die 
Aufgabe habe staatsrechtUche Deductionen in Vorrath, sozu- 
sagen auf Lager auszuarbeiten. Die ,Besonderen Gedanken' 
haben ausser dem Blättchen das sie überliefert, keine Spur 
zurückgelassen. 

m. 

Der formelle Auftrag nach Böhmen zu reisen und das in 
der St. Wenzelskapelle zu Prag niedergelegte Kronarchiv' sowie 
die bei der alten Kammerregistratur imd im Schlosse Karlstein 
vorhandenen geheimen Schriften und Documente zu untersuchen, 
wurde Rosenthal in dem bereits erwähnten Decrete vom 13. Sep- 
tember 1749 ertheilt:' an demselben Tag ergiengen an den 



> Vgl. Wolf, S. 37 f. In umgekehrter Form begegnet er 1766. Damals 
wurde Bosenthals Sohn Ignaz zum Hofconcipisten ernannt and ihm ge- 
stattet, dass er, ,am von auswärtigen StaatsgeschXften einen f&r seine 
kfinftige Bestimmung' (im Haosarchiy) ,diensamen Begriff zu überkommen', 
ein paar Jahre in dem Geheimen Hof- und Staatsdepartement prakti- 
ciere, ,damit er hernach in dem Haosarchiy unter der unmittelbaren 
Tftterlichen Anleitung einen desto ntttzlichera Qehülfen fElr den a. h. 
Dienst abgebe'. VA. Fase. 12, 1766/1. Er ist fibrigens nie in den Dienst 
des Hausarchiys getreten; ygl. Vortrag des Staatskanzlers yom 86. Mai 
1770, StA., Vortrage, (lieber Ignaz y. Bosenthal s. Notizenblatt der histo- 
risch-statistischen Section der k. k. mährisch-schlesischen Gesellschaft für 
Ackerban, Natur- und Landeskunde, 1872, S. 47.) 

* S. oben S. 23, Anm. 2. 

' In einem zweiten Decret werden ihm 6 fl. täglich an J^iefergeld' be- 
willigt und wird ihm freies Hofquartier im grifl. Bosenbergischen Hause 



32 

Oberstburggrafen* und den Repräsentations- und Kammerprä- 
sidenten zu Prag Erlasse, wie sie Rosenthal in den »R^flexiones^ 
erbeten hatte. 

Die Zeit vom Oetober 1749 bis zum Februar 1752 — bei- 
nahe zwei und ein halbes Jahr — ist fast ganz ausgefüllt von 
den Dnrehmusterungs- und Auslesearbeiten an den drei Haupt- 
sammelstÄtten des sachdienlichen Stoffes. Sie wurden von Rosen- 
thal mit unermüdlichem Fleiss und aller Schonung berechtigter 
Interessen geleistet; die Anerkennung der Herrscherin ist ihm 
nicht versagt geblieben.* 

Am 2. Oetober 1749 kam er in Prag an. Zur Berathung 
über die VoUfllhrung des Werkes, insoweit es das Krön- und 
Landesarchiv betraf, setzten die Stände aus ihrer Mitte eine 
siebengUedrige Commission nieder, deren Vorsitz der Oberstbui^- 
graf führte. Zunächst wurde dem kaiserlichen Beauftragten das 
weitläufige Hauptinventar über die zum Krön- und Landes- 
archiv gehörigen Documente mitgetheilt, die theils in dem^ ge- 
heimen Gewölbe neben der Wenzelskapelle, theils bei der 
königlichen Landtafel aufbewahrt waren. Daraus verfasste 
Rosenthal ein Verzeichnis der Stücke die er flir das Hausarchiv 
geeignet erachtete, nach den drei Rubriken seines Decretum 
instructivum (königliche Haus-, Krön- oder Königreichs-, stän- 
dische Sachen) und fUgte ein zweites bei über solche Acten 
und Urkunden die ihm verschiedenen Hofstellen zuzuweisen 
rathsam schien. Nach längeren Verhandlungen genehmigte die 
Commission diese Listen, nicht ohne einige Anstände und Be- 
denken erhoben zu haben, die jedoch Rosenthal zu beseitigen 
wusste, und es konnte die Erhebung der Documente beginnen. 
Mit einer gewissen Feierlichkeit, im Beisein einer stattUchen 
Versamccdung von Ijandeswürdenträgem fand am 12. Februar 
1750* die Eröfihung des Kronarchivgewölbes in der Wenzels- 
kapelle statt; der Erzbischof, der Domdechant und ein Kanonikus, 



an dem Prager Scbloss angewiesen. (Vgl. Wolf, S. 28, Anm. 1.) Aach 
ein Kanzlist (der spätere Archivar Hops) wurde ihm beigegeben, der für 
Reisegeld und andere Erfordernisse 500 fl. gegen Verrechnnng erhielt. 
VA. Pasc. 1*, Nr. 4. 7. 

^ S. oben S. 25. 

* Decret an Rosenthal vom 1. Jänner 1752, VA. Fase. 3, Nr. 8. 

' Vorher war es seit einnnddreissig Jahren ein einsigesmal betreten worden. 
S. oben S. 24, Anm. 2 Yon S. 23, a. £. 



33 

der Oberste Burggraf, Landmarsehall; Landkämmerer und Land- 
schreiber, der Landunterkämmerer und der Viceburggraf, der 
Altstädter Primator und vier Vertreter des BUrgerstandes waren 
zugegen. 

Die Forschungen Rosenthals erstreckten sich übrigens noch 
auf eine Anzahl anderer Archive. Er hielt Nachschau auf 
Schloss Karlstein,* er untersuchte in Prag die alte statthalterische 
und die Eammerregistratur sowie die sogenannte Reichskanzlei 
und arbeitete in den Archiven der Altstadt Prag, des Stiftes Wi- 
schehrad, des Malteserordens und des Stiftes Beraun ; ein Bruch- 
stück des Archivs derer von Lippa* fand er in Privathänden.' 

In der Prager ,Reichskanzlei^* lagen ziemlich viele Sachen 
die das Erzhaus betrafen, aber zum Theil gar nicht dorthin 
gehörten, sondern ,in vorigen Zeiten, theils wegen der ver- 
mischt gewesenen Expeditionen, ohne zu wissen wie dorthin 
gekommen' waren. Darunter gab es zahlreiche acta Hungarica 
tarn 'diaetalia quam alia publica et Status, Turcica, acta Polo- 
nica wegen der Wahl des Erzherzogs Maximilian^ zum König 
in Polen und anderer Negotiationen, acta Hispanica et Belgica, 
Austriaca in verschiedenen Streitigkeiten mit anderen Staaten, 
Fürsten und Particular-Ständen, Austriaca domestica in Matri- 
monial- und anderen Sachen, Gesandtschaftscorrespondenzen, Bo- 
hemica feudalia u. s. w.® Auf Anregung Rosenthals knüpfte das 



* Vgl. S. 23, Anm. 2. Hier war gar nichts mehr vorhanden, und es konnte nur 
erfragt werden, dasa die dortigen geheimen Schriften, worunter sehr alte, 
auf Pergament in Mönchsschrift geschriebene Documente, auf Befehl der 
Kaiserin- Witwe Elisabeth im Februar 1721 zu deren Händen nach Wien 
geschickt worden seien. Vgl. auch VA. Fase. 1*, Nr. 15, Fase. 1«, Nr. 87 
und Fase. 2, Nr. 1. 

* Diese Sammlung (mehr als 120 Original-Instrumente, darunter mehrere 
böhmische Krondocumente) war auf der gräflich Waldsteinischen Herr- 
schaft Trebitsch in Mähren in einem alten, ausser Gebrauch gesetzten 
Schrank von einem herrschaftlichen Beamten aufgefunden worden, der 
sie als derelinquierte Sache an sich genommen hatte. 

* Bericht Bosenthals an die Kaiserin» ohne Datum (vor dem 24. Juni 1750), 
VA, Fase l^ Nr. 30; an Haugwitz vom 29. October 1749, Fase. 1*, Nr. 11. 

^ S. oben 8. 24, Anm. 5. 

^ Bruders Kaiser Rudolfs H., zum KOnig von Polen gewählt 1587 (resi- 
gnierte 1689). 

* Bericht Rosenthals vom 7. März 1760 aus Prag, VA. Fase. 1*, Nr. 23 
und 31. 

AichiT. XCII. Band. I. H&lfte. 3 



u 

Directorium Verhandlungen mit der Reichskanzlei an wegen 
Uebersendung dieser Schriften nach Wien.^ 

Im Jani war Rosenthal aus Prag nach Wien zurückge- 
kehrt, und alsbald begann er sich für die Missionen nach Inns- 
bruck und Graz vorzubereiten. Zu diesem Zweck musste er 
sich mit dem Inhalt des Wiener Schatzgewölbes vertraut machen, 
der ihm bis dahin fremd geblieben war. Dort unterrichtete er 
sich über die Vertheilung der Archivalien, die im Jahre 1565 
stattgefunden hatte. Er entdeckte den Schlussbericht der zur 
Durchführung dieses Geschäftes ernannten Commission' und 
ausserdem das vierbändige Repertorium über das Wiener Schatz 
gewölbe,^ worin sich bei jeder Gruppe angemerkt fand welchem 
der Erzherzoge sie 1565 ausgefolgt worden war. Nach Innsbruck 
war damals nur wenig gekommen; jedoch war ihm bekannt, 
dass dort schon aus älteren und jüngeren Zeiten her viele 
wichtige Urkunden verwahrt lagen.* 

Am Allerheiligentage 1750 traf Rosenthal in Innsbruck 
ein und begann sofort seine Arbeiten. Das Ergebnis übertraf 
die Erwartungen. Er fand einen beträchtlichen Vorrath von 
,geheimen Schriften', das Erzhaus und die Erbländer insgemein 
wie auch die ober- und vorderösterreichischen Lande im besondem 
betreffend, die dem Wiener Hausarchiv eine ansehnliche Ver- 
mehrung und willkommene Ergänzung boten. Hier lag ,ganz un- 
verletzt' das ,Original* des Privilegiums Kaiser Friedrichs I. von 
1156 (des Majus) mit Goldbulle; hier lagen — ,so von ganz beson- 
derer Wichtigkeit ist' — eine grosse Anzahl Original-Reichsregi- 
straturbücher, dreissig bis vierzig (richtig 42) Hände, die Zeit 
von König Ruprecht bis Kaiser Maximilian I. umfassend.^ 



^ Ebend. Nr. 24. 26. Die Verhandlungen mit der Reichskanzlei nnd dem 
Erzkanzler im StA., Reichshofkanzlei, Verfassungsacten, Fa.sc. 43, Nr. 46. 
Die kaiserliche Resolution die die Uebertragnng der Prager Reichsacten 
nach Wien anordnete, ergieng erst am 16. September 1768. 

« S. oben S. 10» Anm. 4. 

■ Es ist dies das jüngere, von dem niederOsterreichischen Kammerregi- 
strator Hans Schweinhämbl im Verein mit dem alten Secretär Wilhelm 
Putsch (der das Xltere, oben S. 9, Anm. 1, verfasst hatte) im Jahre 1548 
vollendete. Act von 1548 im HKA., Directionsaoten, Pasc. lA. Es befindet 
sich vollständig im StA. 

* ,Nota' Rosenthals vom September 1 750, VA. Fase. 1 «, Nr. 47. Vgl. oben S. 7. 

* Rosenthal an Haugwitz aus Innsbruck, 10. December 1750, VA. Fase. K, 
Nr. 44. Auf diesen Schatz war Rosenthal durch den Reirlishofrathsprfisi- 



36 

Rosenthals Aufenthalt in Innsbruck dauerte^ mit einer Un- 
terbrechung im Frühsommer, bis in den Spätherbst des Jahres 
1751. Sein Schlussbericht,^ unmittelbar an die Kaiserin gerichtet^ 
lag am 17. December dem Directorium vor. 

Der Durchforschung wurde zunächst die Hof-Schatzregi- 
stratur* unterzogen. Sie verursachte viel Mühe; denn die vor- 
handenen Inventare stimmten nicht zu den Beständen, diese 
waren in Unordnung. Ein Theil der Schuld an diesem uner- 
freulichen Zustand fiel der Thatsache zur Last, dass zur Zeit 
des bairischen Einfalls in Tirol 1703 die Schatzschriften von 
Innsbruck in das innerste Gebirge geflüchtet worden waren. 
Dennoch war das Ergebnis ein reiches und zeitlich weit zurück- 
reichendes: bis in die Tage da Maximilian I. und sein jüngerer 



denten Qrafen Wannbrand aufmerksam gemacht worden, der ihm sagte, 
dass es zn des Kaisers grössten Diensten gereichen würde, wenn diese 
BQcher anfgefunden werden konnten; jedoch sei es nicht rathsam der 
Reichshof kanzlei davon Nachricht zn geben noch weniger sie dahin aus- 
zufolgen, sondern fürträglicher sie bei dem kaiserlichen Hause zu behalten. 
Die Innsbrucker Reichsregistraturbände waren schon 1622 nach Hof ver- 
langt worden; aber in Tirol erhob man, wie es scheint wirksame, Vor- 
stellungen gegen ihre Abgabe: propter interesse Austriacum, sonder- 
lich der vorderösterreichischen Lande wegen, hätten sie nothwendig zu 
Innsbruck zu verbleiben, für die kaiserliche Majestät konnten, soviel 
das Reich betreffe, Extracte gemacht werden; es sei bedenklich die zur 
Zeit des Bannes Herzog Friedrichs (mit der leeren Tasche) 1415— 141S 
darin enthaltenen Handlungen zur Reichsregistratur kommen zu lassen; 
man könne sie auch sonderlich wegen der Landvogteien in Schwaben, 
Hagenau und Ortenau nicht entbehren; ,daher sie allzeit in geheim und 
für einen sonderbaren Schatz gehalten worden wären*. — 1751 wurden die 
Bücher nach Wien gebracht Rosen thal widerräth sie der Reichshof- 
kanzlei zu übergeben, da viele davon nicht von der Reichs- sondern von 
der österreichischen Expedition sind und vorwiegend Austriaca enthalten 
und auch die übrigen reich an Nachrichten zur österreichischen Qe- 
schichte seien, die zum Theil schwerlich mehr anderswoher zu erholen 
sein dürften. VA. Fase. 1 % Nr. 45 und Fase. 2, Nr. 7. (lieber die Reichs- 
registratur Maximilians I. vgl. die unten Anm. 2 citierten Aufsätze Schön- 
herrs S. llOf. und Mich. Mayrs S. 156 f.) 

* Original ML, Tirol; Abschrift in VA. Fase. 2, Nr. 6. 

' Ueber die alten Registraturen (Archive) zu Innsbruck s. v. Schönherr in 
V. Löbers Archival. Zeitschrift, 11 (1887), S. 96 ff., und Michael Mayr in 
den Mittheilungen der 3. (Archiv-) Section der k. k. Centralcommission für 
Kunst- und historische Denkmale, 2 (1894), S. 148 u. ff. Rieger, Mitthei- 
Inngen aus den Acten des k. k. Ministeriums des Innern bezüglich einer 
Reorganisation des österreichischen Archivwesens (Wien 1881), S. 82 u. f. 

3* 



Enkel zu Innsbruck Hof gehalten hatten. Pur das Hausarchiv 
worden gewonnen Schriften die das Erzhaus^ seine Staatsange- 
legenheiten und seine Geschichte betrafen; ausserdem ober- und 
Yorländische Acten, Tridentina, Brixinensia, Curiensia, Hungarica 
und Bohemica.^ 

Von geringem, theilweise von gar keinem Erfolg war die 
Untersuchung der übrigen Innsbrucker Fonde: der Hofregi- 
stratur und der alten Ferdinandeischen oder sogenannten* Schle- 
gelschen Registratur, des Hofkammerhaus- und Schatzgewölbes, 
des Pestgewölbes • (, welches schon vor einigen Jahren ohne geftlhr- 
licher Folge eröflFhet worden*), des landschaftlichen Archivs und 
der Registratur der k. k. Regierung. Nur in der Schlegelschen 
Registratur fanden sich Reichstagsacten aus der Zeit von Ferdi- 
nand I. bis auf Leopold I.,* Berichte des von dem Innsbnicker 
Hofe zu den westfälischen Friedensverhandlungen abgesandten 



Besondere Aufmerksamkeit schenkte Rosenthal einer Handschrift des 
15. Jahrhunderts mit verschiedenen Privilegien des Hauses Oesterreich. 
Obwohl die Originale aller dieser Privilegien bereits nach Wien gesandt 
waren, schied erden Codex dennoch fUr das kaiserliche Hausarchiv aus, weil 
er darin eine »unrichtige* Copie des Hauptprivilegiums Kaiser Friedrichs I. 
von 1156 mit folgenden »falschen Formalia* fand: Inter duces Austriae qui 
senior fuerit dominium habeat dictae terrae, ad cuius etiam seniorem filiam 
(»anstatt filium*!) dominium iure hereditario deducatur. (Art. 10 des Watten- 
bachschen Druckes im Archiv für Kunde Österreichischer Geschichtsquellen, 
8, 112 ff. Die falsche Lesung findet sich in Cod. 66 des StA.» Bl. 7^ der aber 
nicht wie Rosenthal angibt eine Pergament- sondern eine Papierhandschrift 
ist.) Aus dieser Fassung hatte Kurbaiern bei der Geltendmachung seiner 
Ansprüche auf die österreichischen Erblftnder (vgl. Grttndliche Aus- 

fahmng .... derer dem .... Kurhause Bayern zustehenden Rechts- 

ansprächen » München 1741, Fol., S. 17» § 19 mit Anm. a und Beilagen 

S. 4, Nr. C; Vorlaufige Beantwortung der sog. Qründl. Ausf. : . . ., o.0. 1741, 
Fol.» S. 37; VollsUndige Beantwortung der sog. Gründl. Ausf.» Wien 1742, 
Fol., S. 17, § 18 und [zweite Paginierung] S. 102 ff.) nachtheilige Schlüsse 
gezogen. »Es hat mir daher zu Vermeidung alles weitem Anstosses sicherer 
zu sein geschienen solches unrichtige Copeibuch (da ohnedem noch ein 
anderes vollstlndigeres zurückgeblieben) dort aus dem Wege zu räumen und 
hieher in das Geheime Hausarchiv zu nehmen, bei dessen künftiger Einrich- 
tung dieses Irrthums halber das NOthige anzumerken unvergessen sein wird.' 

^ Nach einem Registrator des Namens Schlegel. 

' Ein Raum der Hofburg, der ehedem zur Aufnahme von Pestkranken 
gedient hatte. 

^ GrOsstentheils Correspondenzeu des Innsbrncker Hofes mit seinen Ge- 
sandten am Reichstage. Aeussernng Rosenthals de praes. 4. September 
1763, VA. Fase. 4, Nr. 33. 



37 

Hans Wilhelm Goll von 1645 bis 1649, Reichsfiirstenraths- 
protokolle von 1645 und 1646, endlich einige Relationen des 
kaiserlichen Commissärs Isaak Volmar an den Innsbracker Hof 
aus 1643 und 1647 sammt denConcepten der Antworten; ,welche 
vielleicht künftig ad complenda acta bei der kaiserlichen Hof- 
staatskanzlei dienen könnten^^ 

Um vieles dürftiger als die Ergebnisse der Archivreisen 
nach Böhmen und Tirol scheinen die der dritten und letzten 
Mission Rosenthals gewesen zu sein. Nach etwas mehr als halb- 
jähriger Pause, in den ersten Tagen des Februar 1752, wurde 
sie angetreten; ihr Ziel war Graz. Der Bericht den der Haus- 
archivar darüber erstattete,* ist undatiert. Er gibt weder über 
Umfang und Inhalt des Gewonnenen noch über die Dauer der 
Arbeit Kunde. Sie galt zuerst der wichtigsten Sammelstätte, 
dem Schatzgewölbe in der Burg, wo vornehmlich die Schriften 
lagerten die nach dem Tode Ferdinands I. dem Erzherzog Karl 
aus dem Wiener Schatzgewölbe waren zugewiesen worden. 
Die Durchmusterung bot Schwierigkeiten; denn die im 16. Jahr- 
hundert angelegten Register waren verloren, eine neue Ordnung 
und Verzeichnung war unter der Regierung Leopolds I. in 
Angriff genommen, aber in unzweckmässiger Weise, mit Zer- 
störung der alten Ordnung fortgeführt und nicht einmal vollendet 
worden. Das Register von 1565^ musste erst aufgesucht und, 
nachdem seine vier Bände endlich in der Regierungsregistratur 
gefunden waren, an ihrer Hand die alte gute Ordnung wieder 
bergesteUt werden. Ausser dem Schatzgewölbe untersuchte 
Rosenthal die Registratur der Repräsentation und Kammer, die 
der innerösterreichischen Regierung (ohne Erfolg), die Kunst- 



^ Uebersicht des von Rosenthal für Wien im October 1751 Ausgeschiedenen 
bei Schönherr S. 114 n. f., Mayr S. 160 u. f. Es befanden sich darunter 
ungemein wichtige Urkunden: die kaiserlichen Privilegien von 1166 bis 
1563, die Reichsbelehnungen von 1282 bis 1613, Hausverträge von 1374 bis 
1540, ein Exemplar der Goldenen Bulle (das kurböhmische, ,zwar schlecht 
conditioniert und conserviert, auch die goldene Bulle abgerissen, doch ist 
selbe noch dabei*; vgl. Harnack, Das KurfÜrstencollegium bis zur Mitte des 
14. Jahrhunderts, Giessen 1883, S. 159—161), u. s. w. Beilage zum Scfaluss- 
bericht (oben S. 35, Anm. 1). 

« VA. Fase. 3, Nr. 25. Vgl. Kapper a. a. O., S. 12 (74). 

' Kämlich die für Erzherzog Karl 1565 angefertigte Abschrift des Schatz- 
gewOlberepertorlnms von 1548, oben S. 9, Anm. 1. Auch diese ist im 
StA. vorhanden. 



38 

kammer in der Hofburg (hier wurden die Papiere der Erz- 
herzogin Marie, Gemahlin des Erzherzogs Karl, gefunden), die 
Hofbibliothek und endlich das landschaftliche Archiv, wo be- 
sonders die Georgenberger Handfeste und ihr ,Nachtrag^ seine 
Auimerksamkeit fesselten.^ 

In Wiener-Neustadt, wo sich einst ebenfalls ein öster- 
reichisches Schatzgewölbe befunden hatte,* unterbrach Rosenthal 
die Rückreise. Er erfuhr, dass zwar dieses Gewölbe noch be- 
kannt sei, Ton seinem einstigen Inhalt aber Niemand mehr 
etwas wisse als dass er zu Ferdinands I. Zeiten nach Wien 
gebracht worden war. Nur die alten Schubladen mit ihren 
Nummern und Aufschriften waren noch in grosser Zahl vor- 
handen. Rosenthal Hess sie ,wegen des ftihrenden Neubaus^ an 
einem andern Ort verwahren. 

Nicht weiter als die Centralisation der Verwaltung die die 
Theresianischen Reformen des Jahres 1749 anstrebten, reichte 
auch die archivalische Centralisation, wie sie die Kaiserin damals 
durchzuführen befohlen hatte. Gleich jener sollte sich auch 
diese nur auf die deutsch-österreichischen Länder und auf die 
Länder der böhmischen Krone erstrecken; keine von beiden 
zog die Niederlande, Mailand, Ungarn in ihren Bereich. Mit 
der Hebung der Archivschätze die in den alten Lagerstätten 
Niederösterreichs, Steiermarks, Tirols und Böhmens verborgen 
und ungenutzt geruht hatten, war die grundlegende Arbeit fiir 
die Schöpfung eines östen^eichischen Hausarchivs, wie die grosse 



^ Eosenthals kritische Aeasserung darüber sei hier wOrtlich mitgetheilt. 
Er habe wahrgenommen, sagt er, ,dass das Diplom nicht allein mangel- 
haft geschrieben und darin Ein und Anders an gehörigem Ort und Stelle 
ausgelassen, welches erst zum Ende durch Zeichen nachgetragen worden, 
sondern auch dass der im Original ganz zuletzt beigefügte Artikel 'Si 
dux idem sine filio decesserit . . . .' mit anders geformten Buchstaben 
und unterschiedener schwärzerer Tinte von einer etwas jilng^m Hand, 
muthmasslich erst nach dem a. 1246 sich ergebenden Abgang des Baben- 
berg^schen Osterreichischen Mannsstamms, in damaligen trüben Zeiten 
zugesetzt worden zu sein scheine; wie denn dieser bedenkliche Zusatz 
in dem von Kaiser Friedrich IL noch kurz vorher a. 1237 .... der 
Landschaft in Steier ertheilten Privilegio .... keineswegs begriffen 

ist ' Vgl. dazu die moderne Kritik der Urkunde, insbesondere v. 

Luschins in den Beiträgen zur Kunde steiermärkischer Qeschichtsquellen, 9, 
115—132. 136 f. 137. 140 f. 170—180. 

' S. oben S. 9, Anm. 3. 



39 

Herrscherin es sich dachte^ abgeschlossen« Unrichtig ist die 
Behauptung^^ dass Rosenthal 1762—1764 auch nach Ofen und 
Pressburg entsendet worden sei, um dort zu verfahren wie in 
Prag, Innsbruck, Graz. Von einer Reise nach Ofen wissen die 
Acten überhaupt nichts. Eine Entsendung des Hausarchivars 
and des Hof bibliothekars Adam Franz von Kollir nach Pressburg 
war 1762 allerdings geplant; aber sie hatte nur den Zweck die 
Mittel und Wege festzustellen, wie das in Unordnung gerathene 
und geßlhrdete ungarische Kammerarchiv wieder in gute Ver- 
fassung zu bringen wäre.* Die ungarische Abtheilung des Haus- 
archivs umfasste nur solche Stücke, die jene drei Hauptstädte 
und das Wiener SchatzgewOlbe dargeboten hatten. 



IV. 

So war nach fast dreijähriger mühevoller und weit aus- 
greifender Thätigkeit die Sammelarbeit vollendet, deren Früchte 
den Grundstock des heutigen kaiserlichen und königlichen Haus-, 
Hof- und Staatsarchivs bilden. 

Noch vor dem Ende des Jahres 1752 war Alles nach 
Wien gebracht, was Rosenthal in den drei Kronländern für das 
Hausarchiv ausgewählt hatte. Es bestand aus den Originalen der 
ersten und zweiten Gruppe, die das Decretum instructivum vom 
13. September 1749 im Wortlaut von Rosenthals Antrag um- 
schrieben hatte:' der eigentlichen Haus- und der Gesammtstaats- 
urkunden; von den Documenten der dritten Gruppe, den Länder- 
imd ständischen Sachen, sollten nur auf Pergament geschrie- 
bene Copien erhoben werden. Gewaltig war die Masse dieses 
Stoffs: 13.125 Urkimden (Actenfascikel nur 82, Manuscripte 32), 
und seine sachgemässe Unterbringung bildete die erste, wahr- 
lich nicht kleine Sorge der betheiligten Kreise in Wien. 

Ein vorläufiges Obdach hatte der Archivschatz, freilich in 
Kisten und ,Ver8chläge' verpackt, an zwei getrennten Orten ge- 
iunden. Die aus den Provinzen hereingebrachten Schriften lagen. 



» Hormayr 1808, 8. 174*; 1810, 8. 418^ Wolf, 8. 28, vgl. 26. Auch Archiv- 
director Freiherr von Reinhart im Jahre 1840, VA. Fase. 40, 1840/6. 

* VA. Fase. 9, Nr. 3. Es ist nicht bekannt, ob die Reise wirklich unter- 
nommen wurde. Vgl. auch unten im IV. Abschnitt, 8. 61. 

• 8. oben 8. 21. 



40 

durch RoseDthal in die allemothdUrftigste Ordnung gebracht, die 
Kisten übereinander gethürmt, in einem engen Raum der Regi- 
stratur des Directoriums, der kaum die Möglichkeit bot sich zu 
rühren, geschweige denn zu arbeiten ; * der Inhalt des Schatzge- 
wölbes in der Wiener Hofburg — es hatte im Sommer 1752 geräumt 
werden müssen, da die Abtragung des Thurmes ,mit dem Jäger 
und dem Hirschen' bevorstand * — war in der niederösterreichischen 
Klosterrathsregistratur im k. k. HofspitaP ,kümmerlich verwahrt^ 
Solange es an einem Archiv- und Amtsort fehlte, arbeitete 
Rosenthal in seiner Wohnung, soweit dies eben möglich war.* 
Er gieng an die Verfassung eines chronologischen Repertoriums, 
an die Anfertigung von Abschriften, an die ,Zusammenfassung 
der pro iure pubhco Austriaco' ihm aufgetragenen Arbeiten. 
Aber nur langsam und beschwerlich gedieh all dies bei dem 
Mangel einer geeigneten Arbeitsstätte.^ Im Jahre 1750 war er 
mit dem Vorschlag gekommen* zwischen der kaiserlichen Bi- 
bUothek und dem sogenannten Augustinergang ein eigenes Haus 
für das Archiv ,mit guten öewölben' zu erbauen. Da dies be- 
deutende Kosten verursacht hätte, sprach sich das Directorium 
dagegen aus und empfahl der Kaiserin die Sitzungszimmer des 
Directoriums in der Burg dem Archiv zu widmen (da die Be- 
rathungen dieses Collegiums künftig im Hause der Böhmischen 
Hofkanzlei^ abgehalten würden): Räume die einem andern 
Zwecke nicht wohl zuzuftlhren waren, da durch sie der einzige 
Zugang zu dem dahinter gelegenen Schatzgewölbe führte, wo 
damals noch die geheimen Hausschriften lagen. Hätte die Durch- 
führung dieses Antrages auch nur die Anschaffung einiger 



^ Vortrag Bartensteins vom 18. November 1753, s. unten S. 42, Anm. 3. 

* Sie erfolgte im April 1753. Weiskem 3, 146. 
» S. oben S. 24, Anm. 4. 

* Zur Hülfe waren ihm beigegeben der Kanzlist Hops (s.oben S. 31, Anm. 3) 
und ein junger Mann Namens Rauffer (,mit einer schönen Handschrift 
und der zum Archiv nOthigen Zeichnungswissenschaft begabt*), den er zum 
Dienste anzuleiten hatte. Bartenstein gibt in seinem Vortrag vom 18. No- 
vember (s. unten S. 42, Anm. 3) Rosenthal das Zeugnis, er habe trotz diesen 
ungünstigen Umständen das Menschenmögliche geleistet und zuhause 
mehr gearbeitet ,als nimmermehr ihm hätte au%ebürdet werden können*. 

^ Rosenthal an die Kaiserin exh. 18. Februar 1763, VA. Fase. 4, Nr. 28. 

* Vgl. oben S.26. 

' In der Wildwerker- (jetzt Wipplinger-) Strasse. Das jetzige Gebäude des 
Ministeriums des Innern. 



4t 

eiserner Fensterladen und daher einen geringen Geldaufwand 
erfordert, so musste doch davon abgestanden werden^ da die 
Kaiserin über jene Zimmer bereits anders verfügt hatte. ^ 

Von dem Vorschlag des Grafen Sylva-Tarouca, den doch 
Maria Theresia schon 1749 genehmigt hatte,* war nicht weiter 
die Rede. Vielmehr ertheilte sie selbst am Neujahrstage 1752 
ihrem Hausarchivar den Befehl Soi^e zu tragen, dass sämmt- 
liche Documente an einen vor Feuer und sonst sichern, auch 
der Feuchtigkeit nicht zugänglichen Ort gebracht würden.^ 

Bald nach seiner Rückkehr aus Graz entsprach Rosenthal 
diesem Auftrag. Er schlug die im Erdgeschoss des Reichs- 
kanzleigebäudes am Eingang in die k. k. Burg befindlichen Ge- 
wölbe vor, die das k. k. Kriegszahlamt damals inne hatte und die 
durch einige nicht sehr kostspielige Herrichtungen für die Archiv- 
zwecke tauglich gemacht werden konnten.* Das Hofbaudirec- 
torium fand kein Bedenken dagegen^ war sogar bereit auch die an 
das Militärzahlamt anstossende ,Inschlichtkammer' dem Archive 
einräumen und zurichten zu lassen.^ 

Eine kaiserliche Entschliesung hierüber ist nicht aufzu- 
finden gewesen. Die Antwort Maria Theresias auf Rosenthals 

' Vortrag des Directoriums vom 16. Februar 1751 mit der eigeubändigeu 
Resolntion der Kaiserin: ,Es kann nicht sein, dann schon davon dispo' 
niert; gedenkte aber in der Reichskanzlei andere GewOlber zu finden^ 
MI., B()hmen. Wolf, S. 29. 

« S. oben 8. 26. 

* VA. Fase. 3, Nr. 8. Später im Jahre war von der alten Stallburg die Rede; 
aber die Kaiserin widmete das dort Verfügbare anderen Zwecken. Ex- 
tractus protocolli Directorii in publ. et cam. vom 11. September 1752, 
VA. Fase. 3, Nr. 26 */j . Die ,Anatomiekammer* war dahin verlegt, freilich 
bald wieder entfernt worden. 

* Anbringung eines neuen Fenstergfitters in dem kleinen Zimmercheu bei 
der Einfahrt gegen den Burgplata; eiserne Fensterbalken, eiserne Thüren 
in neuen starken Steinrahmen; Ausbrechen eines Fensters in jenem 
Zimmerchen und einer ThUr; Kostenvoranschlag 1429 fl. 11 kr. Specification 
vom 20. Juli 1752. Weitere Forderungen wurden am 18. December 1752 
und am 14. Juni 1753 erhoben: über den eisernen Thttren Fensterchen zur 
Erzielung von Luftzug; Versicherung der vorhandenen Schneckenstiege; 
eisernes, versperrbares Gitter beim Eingang; kleine Luftlttcken in den 
eisernen Fensterladen ; Verlegung des Ausgusses aus der Batthyinyschen 
Kttche; Beseitigung aller Oefen, Versicherung der Heizungsöffnungen und 
der RauchiÜnge gegen Einsteigen ; Regelung des Auslanf brannens im sog. 
BnmnhOfel, neues Thor in dieses mit gutem Schloss etc. VA. Fase. 3, Nr. 26. 

^ 24. Sept 1762, ebend. Nr. 25 V2. 



42 

Anti'ag, den er einige Monate später mit noch grösserem Nach- 
druck wiederholte,' erwähnte nur, dass ihm wegen des interi- 
maliter benöthigten loci officii demnächst das Eigentliche zu 
seinem Verhalten werde bedeutet werden.* Es unterliegt jedoch 
keinem Zweifel, dass jene EntSchliessung bald darnach, und 
zwar im Sinne Rosenthals und der Hofbaudirection ergieng. 
Denn am 8. November spricht das Directorium bereits von dem 
Vorhandensein eines locus physicus flir die künftige Amts- 
führung des Archivs, und am 14. desselben Monats fand Bar- 
tenstein die bezeichneten Räume, wenn auch noch leer so doch 
,wohl abgetheilt, wohl verwahrt und für das Gegenwärtige zum 
Aufbehalt der dahin gehörigen Schriften zureichend', nachdem 
Rosenthal es an nichts hatte fehlen lassen ihre Herrichtung zu 
beschleunigen.^ Noch vor Jahresschluss konnte mit der Ueber- 
tragung der Archivalien in die Hofburg begonnen werden.* 
Im Laufe des Jahres 1754 wurden die innere Einrichtung der 
Gewölbe und die Aufstellung der Archivalien vollendet.* 

Die Räume die damals dem Hausarchiv angewiesen wurden, 
sind ihm anderthalb Jahrhunderte lang geblieben. Sie haben 
nicht lange darnach einige Umgestaltungen, ja trotz ihrer sehr 
geringen Ausdehnung Schmälerungen erfahren; aber das stetige, 
wenn auch langsame Wachsen der Sammlung forderte und fand 
sein Recht, noch einmal (1769) in der kaiserlichen Hofburg 
selbst, im 19. Jahrhundert in anderen, oft recht entlegenen Ge- 
bäuden, sogar in Privathäusern, bis (1895) der Ausbau der 
Hofburg die Möglichkeit bot den ehrwürdigen, so unwürdig 
zersplitterten Schatz wieder unter dem Dache der Kaiserburg 
zu vereinigen. Sie hat ihn beherbergt, bis er zu Beginn des 
zwanzigsten Jahrhunderts dieses stolze Heim vertauschte mit 
dem für ihn errichteten, seinen subtilen Bedürftiissen ange- 
passten Neubau auf dem Minoritenplatze. 

» 28. Februar 1763, VA. Fase. 4, Nr. 28. 

« 10. März, ebend. Nr. 29. 

■ Vorträge vom 8. und 18. November 1763, ebend. Nr. 36 und 37. 

* Allerunterthänigste Nota Rosenthals und Freysslebens ohne Datum; 
Weisungen an die Directorial- und an die Hofkammerregistratur vom 
18. December 1753, die bei ihnen vorläufig untergebrachten Bestände 
des Hausarchivs an dieses abzugeben. MI., NÖ. 

^ Erwähnt in einer ,Yorstellung über den gegenwärtigen Localzustand des 
k. k. HausarchivsS von Rosen thal im März 1764 an den Staatskanzler 
gerichtet, Beilage zu dessen Vortrag vom 29. März 1764, StA. 



43 

Eng genug waren die Räumlichkeiten, die die junge Ansialt 
am Ende des Jahres 1753 zu beziehen und einzurichten begann. 
Ihre Ausdehnung betrug nicht den zehnten Theil dessen was hun- 
dertfonfzig Jahre später noth wendig war; aber was darin unterge- 
bracht werden mnsste^ war gewiss um ein Ziemliches mehr als der 
zehnte Theil des Umfangs^ den die Bestände an der Scheide 
des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts gewonnen hatten. 

Im Erdgeschoss des Reichskanzleigebäudes^ unmittelbar 
an dem Thorweg der vom Michaelerplatz nach dem (innem) 
Bargplatz fUhrt, lagen die vier Zimmer^ die mit ihrem dicht- 
gedrängten Inhalt den Kern- und Eeimpunkt einer so bedeu- 
tenden Entfaltung bilden sollten. Sie waren mit Qittem^ eisernen 
Fensterladen und ebensolchen Thüren wohl verwahrt. Drei 
giengen nach dem (innem) Burgplatz^ das vierte rückwärts hinaus 
in einen kleinen Hof (das damalige ^i^^i^^^^lO- Zwei von 
jenen drei wurden zu Arbeits-^ das dritte und das Hofzimmer 
zu Lagerräumen bestimmt, üeber den Archivzimmem befand 
sich ein Theil der Wohnung des Grafen Batthyiny^ die Küche 
unmittelbar ober dem ^Hauptschriftengewölbe^ (dem Hofzimmer): 
eine beständige Gefahr für dieses, nicht nur des Feuers wegen 
sondern auch durch den Ausguss, dessen Feuchtigkeit in den 
Lagerraum unten Zutritt fand.^ 

War damit fiir die Unterbringung des Hausarchivs ge- 
sorgt,' wenn auch in einer kaum für den ersten Anfang ge- 
nügenden Weise, so ergab sich nunmehr die Nothwendigkeit den 
Verwaltungsdienst an der neuen Anstalt einzurichten. Nirgends 
war bisher bestimmt ausgesprochen, welcher der in Wien be- 
stehenden Centralstellen oder Hofbehörden sie untergeordnet 
sein sollte. Der Archivar empfieng seine Weisungen vom Direc- 
torium in publicis et cameralibus, seine Berichte erstattete er 
entweder an die Kaiserin oder an den Präsidenten des Direc- 
toriums, den Grafen Haugwitz. Von einer Beziehung zu der 

^ Vorstellung Rosen thals vom März 1764, s. oben S. 42, Anm. 5. Die 1753 
verlangte Beseitigung dieses argen Uebelstandes (s. oben S. 41, Anm. 4) 
war bis 1764 nicht durchsusetsen gewesen! 

' Ein undatiertes, 1758 oder nicht viel sp&ter verfasstes ,Promemoria^ (Rosen- 
thals?) bezeichnet es als für die Sicherheit des Archivs unumgänglich, dass 
wenigstens 6ine in Eid und Pflichten stehende Person in dessen nächster 
Nähe ihre Wohnung habe; es schlägt vor, zwei kleine Zimmer unter 
Dach ober dem Archiv die eben frei geworden waren, dem Heizer ein- 
zuräumen. Eine Erledigung hat es nicht gefänden. VA. Fase. 4, Nr. 45, 



44 

sieben Jahre vor dem Hausarchiv als selbständige UofsteÜe 
gegründeten Geheimen Hof- und Staatskanzlei findet sich noch 
keine Spur, obgleich diese bei ihrer Errichtung die Besorgung 
der Angelegenheiten des kaiserlichen Hauses überkommen hatte 
und schon in der Zeit Karls VI.* auf die Competenz de« Staats- 
kanzlers hingewiesen worden war (welche Stelle damak der 
eine der beiden Chefs der Hofkanzlei bekleidete). So war es 
denn auch Haugwitz, der sich schon früh mit dem Gedanken 
beschäftigte dem Archivar Hülfskräfte an die Seite zu stellen, 
die ihn bei der Erfüllung seiner weitaussehenden Au%abe unter- 
stützen sollten. Noch während Rosenthal in Innsbruck arbeitete, 
richtete Haugwitz einen Erlass^ an ihn, worin er ihm eröffnete, 
das Directorium habe in reife Erwägung gezogen, ,wie das 
Geheime Haupthausarchiv ein solches grosses und wichtiges 
Werk sei, dass er diesem nach Erfordernis allein vorzustehen 
nicht wohl vermögen werde, folglich zur Beförderung des aller- 
höchsten Dienstes eines in Archivsachen wohlgeübten Gehülfen 
unentbehrlich vonnöthen habe^ Als einen solchen nennt der 
Präsident den k. k. Bibliothekar und Hof-Schatzregistraturs- 
Adjuncten zu Innsbruck Lic. Anton Roschmann,^ der sich durch 
mehrere Abhandlungen besonders über mittelalterUche Geschichte 
vortheilhaft bekannt gemacht hatte. Da jedoch dieser ablehnte 
— theils wegen seines hohen Alters und ,armen Familienzu- 
Standes^, theils wegen mehrerer schriftstellerischer Arbeiten die 
er noch zu vollenden wünschte — ernannte die Kaiserin am 
6. October 1751 auf Rosenthals Vorschlag den bei der vene- 
tianischen Grenzcommission zu Roveredo als österreichischer 
Actuar verwendeten Josef von Sperges* zum Geheimen Haus- 
archivadjuncten. Uebrigens trat Sperges diese Stelle erst drei 
Jahre später an, da er früher in Roveredo nicht entbehrt 
werden konnte.*^ 

Im Spätherbst des Jahres 1753 legte Rosenthal dem Di- 
rectorium seine Anträge wegen Bestellung des Archivpersonals 
vor. Mit einigen Einschränkungen, durch die das Erfordernis 
von 10.800 fl. um 1375 fl. vermindert wurde, empfahl sie 

* S. oben 8. 13. 

* Am 6. December 1750. VA. 1«, Nr. 46*/,. 
» lieber ihn Wurzbach 26, 346 ff. 

* Ueber ihn Wurzbach 36, 138 ff. 

« VA. Fase. 2, Nr. ö»/? a. Faac. 3, Nr. 26»/». Fase. 4, Nr. 36. 



45 

das Directorium der Kaiserin zur Annahme^ und diese zögerte 
Dicht mit der Ertheilung ihres Placet.* Aber aus eigener Ini- 
tiative fügte sie bei: ^nnd mögte Bartenstein dieDirection darüber 
fibemehmen und Rosenthal an ihme weisen, die Arbeit be- 
schleunigend* 

Nichts gibt von der grossen Bedeutung die Maria Theresia 
ihrem Hausarehive beimass, eine so bestimmte Vorstellung wie 
die Thatsache, dass sie den Freiherm Johann Christoph von 
Bartenstein' an seine Spitze stellte: den Mann, der durch lange 
Jahre ihres Vaters und ihr eigener bevorzugter und einfluss- 
reichster Rathgeber vornehmlich auf dem Gebiete der äussern 
Politik gewesen war, ihn, von dem sie sagte, dass er ihr ,Vieles 
an die Hand gegeben und das wahre Licht angezündet^, dem 
sie die Erhaltung der Monarchie schuldig zu sein erklärte, ohne 
den nach ihrer Aeusserung Alles zugrunde gegangen wäre. 
Einem noch Grossem weichend, hatte er im Mai 1753, ein halbes 
Jahr vor seiner Ernennung zum Archivdirector, die führende 
Stellung in den auswärtigen Geschäften mit einer gleich mass- 
gebenden in der innem Verwaltung vertauscht: deren wichtigste 
Angelegenheiten lagen fortan in seiner, des Directorial-Vice- 
kanzlers Hand. Und auch ftir den Beruf eines Archivleiters war 
der vielseitige, mit einer Ungeheuern Arbeitskraft ausgerüstete 
Mann wohl vorbereitet. Geschichte und Recht waren allzeit sein 
Lieblingsstudium gewesen; selbst zu den damals noch ziemlich 
neuen historischen Hülfswissenschaften hatte er schon in jungen 
Jahren Beziehung gewonnen, als er in Frankreich mit den 
gelehrten Benedictinem von St. Maur enge Verbindungen ge- 
pflegt hatte; auch Vertrautheit mit alten Handschriften war 
ihm eigen. 

Unter diesem Dii*ector standen folgende Beamte: ein 
erster Archivar (Rosenthal) mit 3000 fl. Gehalt und 1000 fl. 



^ Vortrag des Directoriums vom 8. November 1753 mit der eigenhändigen 
kaiaerlichen Eesolation, Orig. MI., Nö. Vgl. VA. Fase. 4, Nr. 36. Wolf, S. 29. 

* Schon am 3. November hatte das Directorium einen Erlass an Rosenthal 
gerichtet, der ihm anzeigt, die Kaiserin hätte ihres Dienstes zu sein 
befanden, dass er die ihm bei Einrichtung des Archivs obliegenden 
Arbeiten nach Bartensteins Anleitung vorzunehmen habe. VA. Fase. 4, 
Nr. 89V«. 

' lieber ihn v.Arneth, J. Chr. Bartenstein und seine Zeit, im Archiv fUr Oster- 
reichische Geschichte, 46 (1871), 3—71. 



46 

Zulage, ein zweiter Archivar (Ferdinand von Frey ssleben)' mit 
2000 fl. Gehalt, ein Archivadjunetus (v. Sperges) mit 800 fl. 
Gehalt und 200 fl. Zulage, ein Amtsexpeditor (Hops) mit 300 fl. 
Gehalt und 500 fl. Zulage, zwei Kanzlisten mit 725 fl. (davon 
500 fl. Zulage) und 300 fl., zwei Accessisten mit je 200 fl.; 
ein Heizer mit 200 fl. Gehalt.* Die Geschäfte des Archivad- 
juncten und des Amtsregistrators werden besonders beschrieben. 
Jener hat an dem Haupteinrichtungswerk des Archivs Hülfe zu 
leisten, besonders bei der Anfertigung der Kataloge (repertoriorum 
extractivorum et chronologicorum) und der Realindices und in 
anderen wichtigen Nebenausarbeitungen. Der Registrator fbhrt 
die Aufsicht über die von den Archivaren den Kanzlisten täglich 
zugewiesenen Arbeiten ; er nimmt die erste und vorläufige Colla- 
tionierung (,litteratenus') der ,Macularabschriften' vor; er hat 
die Kanzleiregistratur des Archivs in Ordnung zu halten und 
darüber Protokoll zu führen sowie die Expeditionen auszufer- 
tigen. Der Bereich der Geschäfte die den beiden Archivaren 
zufallen, wird vom Directorium erst einige Wochen später 
abgegrenzt.* Der erste soll fortfahren den einzelnen Stücken 
beizuftlgen, was zur Erläuterung des Oi'ts- und Zeitdatums dienlich 
ist; er hat das begonnene Verzeichnis der in der Literatur 
erwähnten Urkunden fortzusetzen deren Originale noch nicht 
zustande gebracht sind; ihm obliegt die weitere Sammlung der 



Bis dahin in der Staatskanzlei bedienstet Er wurde (1779 September) 
Rosenthals Nachfolger, trat aber schon bei der Ernennung des Abb6 
Schmidt (1780, 8. October) in den Ruhestand über. 
Rosenthal hatte beantragt für den Archivadjuncten 400 fl. Zulage, für 
den Amtsexpeditor 1000 fl. Gehalt, statt der zwei Kanzlisten und zwei 
Accessisten: vier Kanzlisten mit 800, 600, 400 und 300 und einen ,Super- 
numerari-Eanzlisten* mit 200 fl. Gehalt. Von den vorgeschlagenen Kanz- 
listen wird bemerkt, dass der eine der böhmischen, ein anderer der 
französischen Sprache kundig sei; beide Accessisten bezeichnet das Di- 
rectorium als des Französischen und Italienischen mächtig. Einer der 
von Rosenthal verlangten Kanzlisten ,besitzt die Zeichnuugskunst, welche 
man beim Archiv (wo viele Sigilla und alte Schreibarten ex diplomati- 
bus zu zeichnen sind) unumgänglich nöthig hat*. Der Supemumerari- 
Kanzlist sollte Amanuensis des ersten Archivars bei ihm im Hause sein. 
Vgl. auch unten S. 48 f., Anm. 3 ff. 

24. December 1763, VA. Fase. 4, Nr. 40 und MI., NÖ. Wolf, S. 32. Dieser 
Erlass ergieng auf Grund und im Wortlaut eines von Bartenstein der 
Kaiserin am 19. December vorgelegten und von ihr genehmigten Ent- 
wurfs. 



47 

Materialien die zur Abfassung einer Osterreichischen und böhmi- 
schen Geschichte auf diplomatischer Grundlage nothwendig sind; 
er soll dem Freiherm von Bartenstein an die Hand geben was 
diesem zum Staatsunterricht des Erzherzogs Josef tauglich ist^ 
and endlich die genaue und rasche Anfertigung der noth wen- 
digen Abschriften überwachen. Dem zweiten Archivar aber, 
der in Allem nach den Anweisungen des ereten zu verfahren 
hat^ fiült die Repertorisierung und Indicierung der Archivbe- 
stilnde zu. Sie ist in deutscher Sprache zu führen. Was die 
Kanzlisten betrifft^ so ist bemerkenswerth^ dass bei den Vor- 
schlägen zu ihrer fhnennung und bei dieser selbst nicht nur 
Sprachkenntnisse sondern auch die Fertigkeit im Zeichnen die 
Einzelne besitzen^ empfehlend und begründend betont werden.^ 
Die Fertigkeit im Zeichnen war es auch; die dem Anton Wein- 
kopf zu der Archivkanzlistenstelle Rauffers im Hausarchive ver- 
halfy als dieser Ende 1754 schuldenhalber entwichen war. Ihm 
fehlte ^weiter nichts als die zur leichtem Vervielfältigung der .... 
benöthigten Zeichnungen, mithin zu Ersparung vieler Zeit und 
mehrf&ltiger Mühe sehr diensame Eupferstecherei- oder Aetz- 
kunst^ Bosenthal liess ihn darin von dem damals schon vor- 
theilhaft bekannten Jakob Schmutzer* unterweisen und erwirkte 
bei HaogwitZ; dass das von diesem Künstler beanspruchte Honorar 
von 100 fl. beim Universal-Cameral-Zahlamt angewiesen wurde.' 



' S. oben S. 46, Anm. 2 und unten S. 49, Anm. 1. In seinem Besetsungs- 
yorachlag f&r die durch Bauffers Flucht (s. o.) erledigte Stelle sagt Rosen- 
thal, die Zeichnungskunst sei ,beim Hausarchiv zur nOthigen Abzeich- 
nung der dienlichen Siegel, alten Schreibarten und Monogrammatum um 
so unentbehrlicher, als der Gebrauch derselben theils täglich vorkommt, 
theils aber, bevorab der Siegel, nicht allein in der überhaupt noch sehr 
unvollkommenen diplomatischen Wissenschaft, insonderheit von den un- 
garischen, böhmischen und Osterreichischen Reichen und Ländern ungemein 
gross und nützlich ist, sondern auch in der Heraldik und vornehmlich in 
den Geschichten und dem teutschen sowohl als erbländischen Staatsrecht 
zur Erläuterung vieler zweifelhaften Umstände, za Widerlegung mancher 
Irrthamer und zu Entacbeidnng verschiedener Controversen wie auch zu 
Unterstfltzung der allerhöchsten Gerechtsame sehr viele, bisher gänzlich 
unbekannte und vielleicht in keinen anderen Archiven befindliche Bei- 
spiele nnd3ewei8thtlmer an die Hand g^bf . VA. Fase. 5, Nr. 27 (von 1754). 

' Geboren 1783; 176S Director der Kupferstecher- und Zeichnungsakademie 
in Wien. 

" VA. Fase. 6, 1754/27 u. 29. Fase. 6, 1766/1. Fase. 8, 1757/8. Später heu^Kt 
es von Weinkopf, dass man ,zu solcher für ein Archiv nOthigen Arbeit 



48 

Eine verständige und wahrlich nicht kargende Fürsoi^e 
für die Bedürfnisse des jungen Institutes drückt sich in dieser 
ersten Organisierung seines Beamtenkörpers aus. Allerdings 
scheint die Zahl von fünf Kanzleibeamten zu der von drei fiir 
die archivistische Thätigkeit Berufenen in einem Missverhältnis 
zu stehen. Allein wenn dem Archiv damals eine Menge mecha- 
nischer Copierarbeit^ zugemuthet war, die man heute schwerlich 
zu den Aufgaben einer solchen Anstalt zählen dürfte; wenn 
der Anschauung die ihr gebührende Berechtigung zuerkannt 
wird, dass eine wohlbestellte Kanzlei ganz wesentlich zum Ge- 
deihen jeglicher Archiwerwaltung beiträgt: so wird jenes schein- 
bare Missverhältnis weniger Verwunderung erregen als das 
heute so häufig thatsächUch bestehende umgekehrte. 

Vom 21. November 1753 sind die Decrete datiert, mit 
denen das nicht ganz vierzehn Tage früher ausgesprochene Placet 
der Herrscherin durchgeführt wurde.* Das an Bartenstein sagt, 
die Kaiserin hätte sich bei Genehmigung des Personal- und 
Besoldungsstandes geäussert, dass er ,in gnädigster Rücksicht 
seines zu Aufnehm- und Beförderung des allerhöchsten Dienstes 
tragenden, bekanntrühmlichen Eifers die Direction der von dem 
Hausarchivar v. Rosenthal zu besorgenden Einrichtung des 
geheimen Hausarchivs und der dabei obliegenden Arbeiten 
übernehmen möchtet Rosenthal erhält die Mittheilung von der 
Genehmigung des Beamtenstandes mit einer Namens- und Be- 
soldungsliste desselben und den Befehl seine Arbeiten nach An- 
leitung Bartensteins zu beschleunigen. Ausserdem liegen noch die 
Decrete vor fUr den Amtsexpeditor Hops,' die Kanzlisten Strahl* 

eine andere ebenso geschickte und geübte Hand nicht leicht finden 
dürfte*. VA. Fase. 10, 1764/1. üeber Weinkopf vgl. Wurzbach 64, 48 \i. f. 

^ Wie sie betrieben wurde, zeigt ein späterer Archivbericht: manche Ur- 
kunden waren vier- bis fünfmal, andere gar nicht abgeschrieben worden. 
VA. Fase. 17, 1780/11. 

« VA. Fase. 4, Nr. 38. 39. 39»/». MI., NÖ. 

' ,In Betrachtung seiner mit dem . . . . v. Bosenthal bei Sammlung der 
Archivacten gemachten Reisen und in den Archivarbeiten bereits durch 
vier Jahre erworbenen Fähigkeit und Kenntnis.' 

* ,In Anbetracht seiner guten und fertigen Handschrift, auch dass erder böhmi- 
schen Sprache vollkommen kundig, dann schon a. 1749 und 1760 von 
.... Rosenthal zu Prag gebraucht, zur Kenntnis alter Schriften ange- 
leitet worden.* (Er war bisher Kanzlist bei der k. k. Repräsentation und 
Kammer in Böhmen.) 



4d 

and Rauffer,^ den Accessisten WenzeP und den Heizer. Die 
Decrete sind vom Directorium gezeichnet. 

Bartenstein^ der vielbeschäftigte^ unermüdliche, in Staats- 
sachen ebenso wie in der Historie wohlerfahme Diener Maria 
Theresias, nahm sich seines neuen Amtes mit grossem Eifer an. 
Von der Kaiserin beauftragt den geschichtlichen Unterricht des 
Erzherzogs Josef zu leiten,' diese Aufgabe mit dem tiefsten 
Ernst erfassend und bestrebt seinen Lehrstoff aus den unmittel- 
barsten und reinsten Quellen zu schöpfen, hatte er genug innere 
Beziehungen zu dem Beruf eines Archivmannes. Diese er- 
setzten ihm zum guten Theil, was ihm an archivalischer Schulung 
gebrach. 

Was er für seine neue Würde an Eignung mitbrachte, 
was ihm etwa fehlte, erkennt man aus dem umfassenden Vortrag,* 
worin er immittelbar nach seiner Ernennung und noch vor 
der Ausfertigung seines Decretes, am 18. November 1753, der 
Kaiserin seine Ideen darlegte über das zunächst ins Werk zu 
Setzende. Viererlei Arbeiten wünschte er in Angriff genommen 
zu sehen. Erstens die Verfassung eines Generalrepertoriums 
aller vorhandenen Urkunden, Beilagen und sonstigen Schriften. 
Wie dies im Einzelnen durchzuführen sei wird nicht gesagt, 
wird offenbar dem fachlichen Urtheil der Archivare anheim- 
gestellt Die Hauptgrundsätze und Fragen neuer Archivtechnik: 
die Scheidung von Urkunden und Acten,** die Wahrung der 
Provenienz,^ die Behandlung von Copial- und Registerbüchem 

' ^n Betrachtang seiner guten Handschrift und erlernten Zeichnungknnst, 
auch dass er yon .... Rosenthal in derlei Arbeiten gebraucht und 
angeleitet worden.' 

' ,In Betrachtung seiner guten Handschrift und erlernten französischen und 
wSUischen Sprache.* 

' Dabei leg^ er den Nachdruck darauf, dass man den Prinzen nicht so 
sehr mit der assyrischen und persischen Qeschichte als mit der seines 
eigenen Hauses und zukünftigen Reiches beschäftigen möge; viel wich- 
tiger sei es für ihn Oesterreichs Verträge mit den fremden Staaten zu 
kennen, als zu wissen wie oft Rom mit Karthago Frieden geschlossen 
habe. Ameth, Bartenstein, S. 56. 

* VA. Pasc 4, Nr. 37. Wolf, S. 30 f. 

' Jedenfalls waren Urkunden der weitaus zahlreichste Bestandtheil des 
ArchiTs. Noch 1780 (Hops) werden die Urkunden als ArchivstUcke den 
Acten als Registraturstücken entgegengesetzt. 

* Diese wird nur bezüglich der Wiener SchatzgewOlbesohriften berührt, 
8. unten 8. 51. 

iicUT. XCn. Bud. L Hilfte. 4 



werden kaum gestreift; sie haben die Archivare noch lange 
nicht beschäftigt. 

Der zweite, fUr uns bemerkenswertheste Theil des Vortrags 
betrifft die Ergänzung des Archivs: die Aufsuchung und Nach- 
tragung des Abgängigen.^ Wie unendlich viel hier noch zu thun 
blieb konnte Bartenstein ermessen, wenn er das bisher Zusanunen- 
gebrachte mit dem verglich was die ihm bekannten Wiener 
Registraturen enthielten, und besonders mit dem was ihm seine 
Vertrautheit mit der historischen und publicistischen Literatur 
an die EJAud gab. Acten über die westfälischen Friedens- 
handlungen des Erzhauses ^ waren erst kürzlich in Innsbruck 
zuf^g entdeckt worden; in der Hofkanzleiregistratur hatte er 
selbst eine Menge älterer Reichstagsacten gesehen; viele solcher 
wichtigen Schriften vermuthet er in den Händen adUcher Fa- 
milien,' und ein Schatz davon musste sich bei der kaiserlichen 
Reichshof kanzlei finden, da diese ,des Erzhauses wichtigste An- 
gelegenheiten mit fremden Höfen (ausser mit Spanien, Polen, 
Russland, der Türkei, Venedig, der Schweiz und Graubünden) 
über zwei Säcula besorgt^ hat: habe Eurmainz vorlängst die 
Billigkeit der Ausfolgung dieser Acten anerkannt, so wären 
nun die commissionellen Verhandlungen darüber wieder auf- 
zunehmen.* Femer soll den beiden Archivaren die Durchsicht 



^ ,Weil schon bei Absendong Rosenth&lB nach Böhmen, InnerOsterreich 
und Tirol die allerhöchste Willensmeinong dahin g^egangen, nach der 
schon bei Lebzeiten des hochseligen Kaisers (Karls VI.) mehrmals vor- 
geschlagenen Idee sämmtliche in ein Hansarchiv gehörige Schriften sn- 
sammenznbringen und einer besondem Obsorge anzuvertrauen^ mithin 
daraus ein ganzes und vollständiges Werk zu machenS 

' Die Originalprotokolle der kais. Botschaft waren auf dem Wiener TrOdel- 
(,Tandel'-) Markte verkauft und sodann von dem alten Qrafen Wacker- 
barth (1697, 1708, 1711 und 1717 kurfürstiich sächsischer Gesandter in 
Wien) nach Dresden gesandt worden, wo sie bei einem Brande zugrunde 
giengen. Vgl. Hormajr 1808, 8. 166, Anm.; 1810, S. 409, Anm. ♦. 

' Verschiedene handschriftliche Folianten hatte sich die gräflich Kinskyiche 
Familie aus ihrem Besitz abzutreten erboten. (Ihr Inhalt betraf den 
westfälischen und den Nimweger Frieden, Correspondenzen mit Schweden, 
römische G^esandtschaft, ungarische Landtage etc. Sie wurden 1756 dem 
Archiv übergeben. VA. Fase. 8, 1766/8.) 

* Die älteren Verhandlungen des Wiener Hofes mit Knrmainz wegen des 
Reichsarchi7s (1741/42) sind gedruckt im Wahldiarium Karls VII., S. 166 f. 
und Beilage 5 (S. 68—75; 1741, 9. Oct bis 1742, 27. Jan.) und im KrOnungs- 
diarium desselben, Beilage 10 (8.40—43; 1742, 19. Mai and o. D.). Im 



51 

ier Repertorien anderer Stellen: des Hofkriegsrathes^ des Di- 
rectoriums, der Geheimen Hof- und Staatskanzlei u. s. w., ge- 
stattet werden. Die Vereinigung der Docxunente des sogenannten 
SchatEgewölbes^ (in Wien) mit dem Hausarchiv wäre nützlich^ 
was nicht zu hindern hätte dass dessen Inhalt ^besonders und 
auf die eigene Art wie bisher aufbehalten^^ doch aber in dem 
General- und in dem Materien-Repertorium verzeichnet werde. 
Dass grössere Schwierigkeiten hinsichtlich der ungarischen^ 
siebenbürgischen, niederländischen und lombardischen Archi- 
valien bestehen, verkennt Bartenstein nicht; gerade sie aber 
seien in höherem Grade der Gefahr ausgesetzt in feindliche 
Hände zu gerathen. Wäre es unthunlich oder bedenklich sie 
ins Hausarchiv zu bringen, so könnten wenigstens die wichtig- 
sten gegen Zurücklassung von Abschriften den Registraturen 
der betreffenden Länderstellen einverleibt werden; jedoch wäre 
ein Verzeichnis davon dem Generalhausarchiv mitzutheilen, was 
,von wegen des natürlichen Zusammenhanges den mehrere eine 
Monarchie ausmachende Länder unter sich haben, nebst der 
Regel und Ordnung auch vorbesagter Länder selbsteigenem 
Interesse gemäss ist^ 

Als ,die nützlichste und wichtigste, zugleich aber auch 
die mühsamste Verrichtung' erschien Bartenstein die Verwirk- 
lichung seiner dritten Absicht: die Ausziehung aller in den 
Archivschriften vorkommenden Materien und deren Eintragung 
in ein besonderes Repertorium materiarum. Darin sollten die 
jedes Erbland insbesondere betreffenden Gegenstände kurz, 
doch mit Beziehung auf die Stücke woraus ,der vollständige 
Unterricht zu erhalten ist', verzeichnet werden. Mit vollem 
Recht erklärt es Bartenstein ftlr unmöglich dieses Repertorium 
in wenigen Jahren zustande zu bringen, da sich eine solche 

Sommer 1764 wurden sie wieder aufgenommen. Der Erzkansler zeigte 
ach entgegenkommend und am 2. Jänner 1755 begannen die Ausliefe- 
rungen der Osterreichischen Materialien aus dem Beichskanzleiarohiy. 
Die Acten darftber (bis 1764) im StA., Reichshof kanslei-Verfassungsacten, 
Fase. 43, Nr. 45. 47. 
^ Sie lagen damals noch, ,in einer fremden, engen Beh&ltnisS ^kümmer- 
lieh yerwahrtS bei der niederösterreichischen Elosterrathsregistratur im 
Hofiipital. S. oben S. 40 und VA. Fase. 4, Nr. 83. Die Vereinigung mit 
dem Hausarchiv scheint noch vor Schluss des Jahres 1753 stattgefunden 
zu haben, Note Bosenthals und Freysslebens o. D. (vor dem 18. December) 
im ML, NÖ. 

4* 



52 

Arbeit nicht allzusehr beschleunigen^ noch weniger übereilen 
lasse. ^ 

Die vierte Arbeit sollte nach dem Vorschlag des Vice- 
kanzlers in der Anfertigung sauberer Abschriften bestehen^ and 
zwar von beschädigten Stücken^ von solchen die anderen Stellen 
nothwendig sind oder die ftlr das Hausarchiv selbst ^mehrerer 
Bequemlichkeit oder Sicherheit halber^ zu copieren wünsohens- 
werth wäre.* 

Der fünfte und letzte Antrag hatte die Begründung einer 
Handbibliothek fbr das Archiv zum Ziel, indem er zunächst 
die Anschaffung der Werke von Dumont, Lünig, Londorp und 
Meyem empfahl. 

Zum Schluss erklärte Bartenstein die Absicht nicht nur 
wöchentlich von dem Portgang der Arbeiten Nachricht einzu- 
holen, sondern sich auch öfter persönKch im Archive einzufin- 
den ; nicht etwa aus Misstrauen in den Fleiss und die Geschick- 
lichkeit der Archivare, sondern um der Majestät verlässliche 
Auskunft über den Arbeitsfortschritt geben zu können und um 
die Archivbeamten in Dingen zu berathen die ihnen fem lägen. 

Bei den Acten findet sich ein nicht adressiertes eigen- 
händiges Billet der Kaiserin ohne Datum,^ das offenbar an 
Bartenstein gerichtet ist und ihre Entschliessung auf dessen Vor- 
trag vom 18. November enthält^ , Weilen an Archive/ sagt es, 



^ In Frankreich hatten, wie Bartenstein anführt, zur Zeit Ludwigs XIV. 
unter der Aufsicht des Staatssecretärs (Henri- Auguste de Lom^nie) 
Qrafen von Brienne mehrere eigens dafür ausgewählte, geschickte, an- 
sehnliche Mftnner viele Jahre an einem solchen Werke gearbeitet. 

' ,Mithin ist, um allda* (im Hansarchiv) ,einen g^ten Kanzlisteo abzugeben, 
,nicht genug einen schonen französischen und italienischen Buchstaben 
zu haben, sondern wird vornehmlich erfordert, dass man der alten 
lateinischen und deutschen, von der nunmehrigen sehr unterschiedenen 
Schreibart kundig sei/ Dem Abschreiben der eigenen Archivbestände für 
das eigene Archiv ist auch noch in späteren Instmetionen eine kaum 
verdiente Ausdehnung zugedacht. 

» VA. Fase. 8, 1759 (!)/4. 

* Hormayr 1808, 8. 174»; 1810, S. 419» (vgl. Wolf, 8. 31) erzählt ohne 
Quellenangabe, Maria Theresia habe Bartensteins Bericht wohlgefKlllg 
entgegengenommen und »eigenhändig darauf geschrieben*: ,Wer nicht 
ein lebendiges Archiv ist, wie der respectable Bartensteinische Kopf 
dafür zu halten, wird schwerlich einen dergleichen Vorschlag machen 
viel weniger etwas dabei ausstellen können.' Diese Aeusserung steht 
auf einem losen, dem Vortrag Bartensteins beiliegenden Blatt Sie ist 



63 

,an Beförderung des Repertorii materianun sehr Vieleö gelegen 
und hierzu die vorläufige Verfassung derer Extracten unent- 
behrlich ist, so befehle, dass nach Eurer Einleitung damit 
unausgesetzt fortgefahren und sowohl die bereits fertige als 
weiters zu verfassende von Euch selbst revidiert und deren 
ersteren Verzeichnis inner 14 Tagen, derer letzteren aber von 
Viertel- zu Vierteljahr Mir übergeben werde. Wonebst auch 
Mein Wille ist dass, was ihr wegen derer zum Unterricht Meines 
Sohnes benöthigte^ Urkunden verfügen werdet, schleunig be- 
folgt werde/ Der erste Theil dieses Befehls scheint auf dem 
Papier geblieben zu sein. 

Ein zweites Blatt, ebenfalls undatiert,^ enthält von der 
Hand Maria Theresias die Weisung: ,Obwohlen vorhin aus dem 
Schatzgewölb keine Schriften haben dürfen ausgefolgt werden 
ohne des Obristhofineisters und Obristkämmerers Gegenwart, 
künftighin solle keine .Schrift aus dem Haus- und Geheimen 
Archive hinausgegeben werden, wem es auch wäre, ausser 
Meiner eigenen Unterschrift und wo schon allemal Einen com- 
mittieren würde der es von Euch übemehmete/ 

Von den Unternehmungen die Bartenstein zur Ausgestaltung 
des Archivs vorschlug, hat also vornehmlich die Anlegung des 
Materien-Repertoriums den Beifall der Kaiserin gefunden, und 
selbständig traf sie eine Verfügung die den Charakter des In- 
stitutes als eines geheimen wahrte. Er ist ihm lange, wenn auch mit 
immer schwächerer Betonung, erhalten geblieben, zum Schaden 
der vaterländischen Geschichtswissenschaft und gewiss nicht zum 
Nutzen der Interessen die dadurch geschützt werden sollten. 

Nur die Arbeiten an dem General- (chronologischen) Reper- 
torium scheinen einige Fortschritte gemacht zu haben. Mit dem 
Materienkatalog gab.es Schwierigkeiten, von denen bald die Rede 
sein wird; und zur Ausfüllung der Lücken in den Archivbeständen 
fanden in der nächsten Zeit nur schüchterne, wenig ergiebige Ver- 
suche statt. Es war ja auch nicht anders möghch, da die dem Haus- 
archiv angewiesenen Räumlichkeiten kaum zur Unterbringung des 
bisher Gesammelten zureichten. Einen regelmässigen Zuwachs an 



nicht unteneichnet, aber ganz bestimmt nicht von der Hand Maria 
Theresias niedergeschrieben. Es ist leider nicht gelangen den Schreiber 
festzustellen. Nach Form und Inhalt könnte sie immerhin von der Kaiserin 
herrühren. 
* VA. Fase. 8, 1769/6. Wolf, S. 32 (zu 1759). 



54 

österreichischen Acten lieferte nur die Reichshofkanzlei ;^ sonst 
ergab sich nnr Weniges und Zuftlliges. Von der gräflich Star- 
hembergischen (frtther NadAsdyschen ) Herrschaft Pottendorf 
brachte Rosenthal einige Hungarica und Transsilvanica nach 
WieU; nachdem bekannt geworden war^ dass aus dem dortigen 
Archive durch einen Wirthschaftsbeamten bedenkUche Schriften 
in unberufene Hände gelangt waren.* Eine gemeinsame Note 
der beiden Archivare* macht aufmerksam, dass bei der Gehei- 
men Hof- und Staatskanzlei Originale lägen, die theils des FjTz- 
hauses Domestica (Hausverträge, Testamente, Heirats vertrage, 
Abtheilungen, Erbverzichte u. s. w.) und Gerechtsame, theils Ver- 
träge, Friedensschlüsse und Bündnisse mit auswärtigen Höfen 
betreffen und deshalb im Hausarchiv ihre Stelle hätten; dagegen 
könnte dieses mancherlei zur Ergänzung der Acten der Staats- 
kanzlei abgeben. Als Frucht dieser Anregung findet sich zu- 
nächst nur, dass einige Manuscripte (Guillimans Chronicon Austria- 
cum, Burglehners Aquila Tirolensis I, Steyerers Collectanea, 
12 Bände) aus der Registratur der Staatskanzlei dem Archive 
zugewachsen sind.* Bei Haugwitz beantragte Rosenthal die Ab- 
sendung des Amtsexpeditors Hops nach einem ,gewissen in 
Ungarn unweit der österreichischen Grenze gelegenen Kloster'; 
dort sollten noch alte, Böhmen und Oesterreich betreffende Ur- 
kunden und Schriften liegen, die während der Fehde Ottokars 
mit Rudolf I. dorthin in Sicherheit gebracht worden, nach dem 
Untergange Ottokars aber in Vergessenheit gerathen seien.® 
Ende 1755 musste Rosenthal einen kaiserlichen Auftrag, die im 
k. k. Directorialgebäude damals verwahrten alten kaiserlichen 
Cabinetsacten in das Hausarchiv zu übertragen, mit der Erklärung 
erwidern, dass dies wegen gänzUchen Mangels an Raum völlig 
unmöglich sei, da schon die aus der Reichshofkanzlei von Zeit 
zu Zeit herüberkommenden Schriften kaum noch untergebracht 



^ S. oben S. 50, Anm. 4. 

■ 1763, December. VA. Fase. 4, Nr. 41. Die Pottendorfer Acten wurden 1754 
ans Directorium abgegeben. VA. Faso. 6, Nr. 7. 

' VA. Fase. 4, Nr. 48. Sie trägt weder Datam noch Adresse. 

* 1. Angust 1765. VA. Fase. 7, Nr. 29. Jetzt StA. Cod. 6 (vgl. 7, 114); 456 
und 456; 86 und 115. 

' VA. Fase. 4, Nr. 49, ohne Datum. Haugwitz fand, dam dies zur Beförde- 
rung des allerhC^chsten Dienstes gereichen würde, lieber den Erfolg liegt 
nichts vor. 



werden könnten.^ ' EinigeB Wenige gaben die HofbibKothek 
(1749 Manuscripte, 1754 ein paar Originalurkunden^ darunter 
die Reinfelder Hausordnung von 1283) und das Directorium 
(Documente die Pragmatische Sanction betreffend von 1720 und 
1721), bedeutend mehr gab die Schatzkammer (1754) ab.* — Eine 
Anregung Rosenthals, zur Ergänzung des spärlichen Archiv- 
stoffs aus der Zeit Karls V. die Sammlungen in Besannen, Brüssel, 
Mailand und Madrid untersuchen zu lassen, blieb ohne Er- 
ledigang.' 

Litt die Vervollständigung des Archivs unter der Ungunst 
äusserer Verhältnisse, so konnte die Arbeit die dem Director 
als die nach seiner Anschauung wichtigste so sehr am Herzen 
lag, wegen persönlicher Verstimmungen nicht gedeihen. Sie 
fand einen Gegner an dem Ersten Archivar.^ Aus dessen Munde 
vernahm die Kaiserin, dass die Einrichtung des Archivs, wenn 
sie nach Bartensteins Idee geschehen sollte, dreissig Jahre Zeit 
erfordern würde. Obwohl Bartenstein mit der Anerkennung 



' VA. Fase. 6, Nr. 19. Rosenthal versucht sich damit su trOsten, dass diese 
Gabinetsacten ,init den Acten und Materien des Achivs die allermindeste 
VerkBäpümg haben'; sie seien vielmehr, wie sattsam bekannt, ein wirk* 
lieber Theil der k. k. Cabinetsregistratur, aus den Zeiten weil, des Frei- 
herm v. Imsee und des jetzigen Cabinetssecretärs Freiherm v. Koch. Vor- 
dem in der Burg aufbewahrt, waren sie vor fünf oder sechs Jahren wegen 
baulicher Reparaturen in Abwesenheit Kochs und ohne dessen Wissen 
weggerftnmt und endlieh in das DirectorialgebKude in das hintere Oe- 
wGlbe der vormaligen Protc^ollsimmer übertragen worden. 

» VA. Fase. 1*, Nr. 19. Fase. 1«, Nr. 50. Faso. 6, Nr. 23. 28»/». 81. Wegen 
der Schatikammer s. oben S. 16 f. 

» VA. Fase. 8, 1767/1. 4. 6. Bezüglich Besan(fons vgl. Hormayr 1808, 
S. 166, Anm.; 1810, 8. 409, Anm. *; 1825, 8. 67 f. 

* 1754 beantragte Bartensteiu für ihn den Hofrathstitel. Allein die Kaiserin 
leimte ab: ,Keinen. HofVath mach Ich mehr als der wirklich bei einer* 
(Hof-, d. i. Central-) ,8telle eintritt; als königliche R&the seind doch ohne- 
dem selbe* (die Archivare) ,decoriert* (was ein Irrthum war, da es nur 
bei Bosenthal zutraf). Und auf eine Gegenvorstellung Bartensteins: ,Bleibt 
bei der vorigen Resolution, wegen Consequenz kann te nicht thun.' Freyss- 
leben erhielt damals den Rathstitel; StA., Normalienbuch 8. 278. Rosen- 
thal ward der Hofrathstitel 1759 zu theil: seit dem September dieses Jahres 
wird er als solcher in den Erlassen seiner OberbehOrde angesprochen. 
Das Verlaibungsdecret hat sich nicht gefunden. Nach Hormayrs Archiv, 
1815, S. 428 wäre er am 16. Januar 1759 zum ,wirklichen' Hofrath er- 
nannt worden. Freyssleben wurde (Titular-) Hofrath am 4. Februar 1774, 
VA Faac. 16, 1774/8, 



56 

der Leifittmgen Rosenthals nicht kai^te,^ obwohl er ihn in keiner 
Weise zur unbedingten Anbequemung an seine eigenen Ideen 
nöthigte und ihn bei allen Gelegenheiten mit Höflichkeiten über- 
häuftC; so zeigte sich Rosenthal doch von Anfang an unzufrieden, 
als er nicht mit allen seinen Vorschlägen durchdrang, beklagte 
sich über die — nach Bartensteins Versicherung nur wenigen — 
Arbeiten die ihm dieser auftrug, ja begegnete ihm sogar dann 
und wann nicht ganz glimpflich.' Kein Zweifel: dem alternden 
Hausarchivar gieng es nahe sich einen wenn auch noch so aus- 
gezeichneten Mann tibergeordnet zu sehen in einem Bereich, den 
er durch längere Zeit in grösserer Selbständigkeit beherrscht 
hatte und auch fernerhin so zu beherrschen wünschte. Barten- 
steins Haltung gegenüber dieser Widerwärtigkeit entbehrt nicht 
eines vornehmen Zuges. Da die Kaiserin nicht verlangen werde 
dass er derlei Unannehmlichkeiten noch weiterhin ausgesetzt 
bleibe, schlug er ihr vor Rosenthal dadurch zu ,consolierenS 
dass ihm gewährt werde, in dem Theile des Archivs den er 
lobwürdig und mühsam zusammengebracht, nach eigenem Gut- 
dünken zu schalten und zu walten; für sich selbst erbat er nur 
die Befiignis, von den Urkunden deren er für den Unterricht 
des Erzherzogs bedurfte, Abschriften zu begehren und alle 
Urkunden des Archivs, insbesondere die aus der Zeit seit Maxi- 
milian I., nach seinem Gutdünken extrahieren zu lassen. Damit 
aber diese Arbeit vollendet werden könne solange er noch 
dienstfähig sei, wäre es nothwendig dem zweiten Archivar von 
Freyssleben einen tüchtigen Mann beizugeben, der auch bereit 
wäre sich ihm (Bartenstein) zu fügen, wie dies Preyssleben 
stets gethan. Als solche Kraft nannte Bartenstein den Heraus- 
geber der Scriptores rerum Hungaricarum veteres ac genuini,* 
Johann Georg Schwandtner. Seine Berufung würde freilich die 
Kosten des Archivs um etwa 2000 fl. erhöhen; aber sie böte 



* Vgl. die vorige Anmerkang. 

',.... auch vielleicht wohl gar hin und wieder mich verunglimpft, 
wo doch .... auch jetzt noch unendlich weit entfernt hin ihm auch 
nur daa Allergeringste in den Weg legen zu wollen: massen über- 
haupt mich an die Richtschnur halte, dass besser sei wenn 
Andere sich an mir, als wann ich mich an Jemand andern 
versündige.* Bartenstein an die Kaiserin vom 25. Mai 1766, VA. 
Fase. 6, Nr. 10. 

* Wien 1746—48 (Fol.), neue Ausg. 1766—68 (4<'); 8 Bände. 



67 

die Aussicht die Ordnung und Repertorisierung in etwa sieben 
Jahren zu vollenden^ worauf ja wieder eine Verminderung des 
Personals eintreten könnte.^ 

Die Resolution der Kaiserin* übergeht die Differenzen 
zwischen dem Director und dem ersten Archivar mit Still- 
schweigen, verwirft aber die Bestellung eines neuen Beamten, 
yfanen Neuen mit 2000 fl./ sagt sie, ^wäre wohl hart jetzt zu 
nehmen. Bin gefallen auf den Breitenfeld,^ der bei Migazzi 
war, der sehr geschickt und ohnedem bei dem Directorio ist 
Man könnte ihm 300 fl. beilegen, damit er in allem löOO fl. 
hfttte.^ Schwandtner wurde Custos der Hofbibliothek, Breiten- 
feld aber Geheimer Secretär beim Directorium. 

In der Zeit des siebenjährigen Elrieges versiegen die Quellen 
fllr die Geschichte des Archivs fast gänzlich. Dass dieses einem 
Stillleben ver£Edlen war, lässt schon die SpärUchkeit der Ver- 
waltungsacten vermuthen die aus diesen Jahren vorUegen. Die 
Noth der Zeit wirkte lähmend, mehr vielleicht noch die Trü- 
bung des Verhältnisses zwischen dem Director und seinem 
Ersten Archivar. Der greise Bartenstein ' scheint sich nur noch 
wenig um das Archiv bemüht zu haben; auch Rosenthal hatte 
die Höhe des Lebens überschritten. Noch einmal wurden beide, 
mitten im Elriege, au%erüttelt, als dem Archive plötzUch die 
Gefahr drohte seines guten Obdachs beraubt zu werden. 

Gegen Ende 1759 war nämlich beschlossen worden das 
eine der platzseitigen Archivgewölbe, das unmittelbar an die 
Durchfahrt zum innem Burgplatz grenzte und nach diesem zu 
ein Fenster hatte, an den beiden Schmalseiten durch Nieder- 
legnng der Mauern zu einem Durchgang fUr Fussgänger um- 
zugestalten;^ das Archiv aber, das dadurch seines besten, luftig- 
sten und hellsten Lagerraums verlustig gieng, sollte auf Befehl 



^ An dem oben S. 56, Anm. 2 a. O. 

' Ebend. 

' Joseph Augustin von Br., vom September 1752 bis xnm October 1754 
Legationssecretär bei dem Grafen Bligazzi in Madrid. Vgl. Wolfsgruber, 
Card. Migazxi (Saalgau 1S90), S. 58, Anm. 1. 

* Der Durchgang hatte ursprünglich bestanden; aber durch Abmauerung 
war daraus ein Zimmer gewonnen worden, das zur Verwahrung der Gasse 
des MilitSrzahlamts gedient hatte bis 1753, wo es (nebst drei angrenzen- 
den Bäumen) dem Hausarchiv angewiesen worden war (oben S. il). 



58 

der Kaiserin^ aus der Reichskanzlei in den Augustinergang ,in 
ein neues Gebäu'* übertragen werden. Mit Bestürzung vernahm 
Rosenthal was den ihm anvertrauten Schätzen^ die er kaum erst 
geborgen wusste, zugemuthet ward. Mit der dringenden Bitte 
wandte er sich an seinen Director zu erwirken, dass dem Archiv, 
wenn schon die Uebersiedlung unvermeidlich wäre, doch wenig- 
stens die unmittelbar darüber gelegenen Räume angewiesen 
würden, wo nur die ,Kuchelmen8cher* des Grafen Batthjdny 
hausten. Bartenstein anerkannte zwar, dass an der sichern und 
schicklichen Unterbringung des Archivs Alles gelegen sei; aber 
er verhehlte dem Hausarchivar nicht, dass er wenig Hofinung 
habe mit jener Bitte durchzudringen. Und in der That be- 
schied ihn die Kaiserin, sie werde sofort ihren Hofbaudirector 
beauftragen Alles mit ihm ,concertieren und transportieren zu 
lassen, welches in künftiger Woche sein muss; das Archive 
werde allda sicherer und convenienter wegen allen sein; mit- 
hin wäre alles darnach einzuleitend' Von Rosenthal gedrängt 
wagte Bartenstein noch eine Gegenvorstellung. Aber sie fand 
kein Gehör, ja Maria Theresia Hess ihn sogar merken, dass ihr 
sein Vortrag unangenehm war. Da kam die Archivmüdigkeit 
Bartensteins unverkennbar zum Ausdruck. Er getraue sich 
nicht mehr, erwiderte er auf Rosenthals immer wiederholtes 
Andringen, darüber etwas vorzutragen; er wolle sich in die 
Sache nicht mehr mischen, wäre aber ganz zufrieden wenn jener 
sich an Andere hielte, die mehr als er selbst auszurichten ver- 
möchten; und da verwies er ihn bemerkenswerther Weise an den 
Grafen Kaunitz, ,umsomehr als einem jeweiHgen Hof- und Staats- 
kanzler noch weit mehr als mir obliegt für die anständige und 
sichere Unterbringung des Archivs zu sorgend Und er stand 
auch nicht an der Kaiserin zu sagen, dass er alle diese Aeusse- 
rungen gethan.* 

^ Vgl. folgende zwei undatierte Billete der Kaiserin: ,Wegen des Archive 
habe 5 GewC^lber resolviert, welche Baum genug haben. Mithin wäre 
selbes sobald als möglich dahin zu bringen/ — ,DieThttrundCommanication 
zum Batthy&ny muss bis Samstag in Stand sein. Wenn also das Archive nicht 
konnte versorgt sein, so sollte es allsogleich nach Meinem ersten Befehl 
in die neue Behältnis transportiert werden.' VA. Faso. 8, 1769/6 u. 8. 

» Vgl. Weiskem 8, 166. Hormayr 1825, S. 20. 

' Bartensteins Vortrag vom 28. September 1759, VA. Fase. 8, 1759/2. Rosen- 
thals Vorstellung vom März 1764, s. oben S. 42, Anm. 5. 

♦ Am 29. October 1769. VA, Fase. 8, 1769/8. 



59 

Mehr ist den Acten nicht zu entnehmen. Thatsache ist^ 
dass der Umzug des Archivs unterblieb; aber den Verlust des 
einen Lagergewölbes musste es sich gefallen lassen, der Durch- 
gang wurde eröffnet und er dient heute noch dem Verkehr 
der Fussgänger^ die vom Michaelerplatz auf der rechten Seite 
der mächtigen Kuppelhalle nach dem innem Burgplatz gelangen 
wollen. Die Schränke des dem Archiv entzogenen Zimmers 
mussten entleert und in einem ziemlich entfernten Gelass der 
^ten Burg^ (des Schweizerhofs) ober der Schatd^ammer weg* 
gestaut^ ihr Inhalt aber in den Winkeln des einzigen noch übri- 
gen Lagergewölbes über einander gehäuft werden.^ 



Es ist nicht bekannt, welche Umstände oder welcher persön- 
liche Einfluss von dem Hausarchiv die Gefahr abgewendet hatten 
die im Herbst 1759 so drohend gewesen war. Die Vermuthung 
liegt nahe, dass das Verdienst dieser Rettung dem Manne ge- 
bührt auf dessen nahe Beziehungen zum Archiv Bartenstein 
damals hingewiesen hatte: dem Hof- und Staatskanzler. 

Zwei Jahre später, am 23. December 1761, wurde das 
Directorium in pubUcis et cameralibus aufgehoben; an seine 
Stelle trat, mit eingeengter Competenz, die Vereinigte böhmisch- 
österreichische Hofkanzlei. Die Unterordnung des Hausarchivs 
unter die jetzt beseitigte Centralstelle oder ihren Präsidenten 
hatte seit Bartensteins Ernennung zum Archivdirector umsowe- 
niger aufgehört, als ja dieser Vicekanzler des Directoriums war; 



^ Bosenthalfl Vorstelliuig rom Märe 176i. Dort ist noch erzählt, dass 1761 
zur grOssten Gefährdung des Arehivs der innere, zu den GewOlben führende 
Gang gegen die Durchfahrt hin, und gleichzeitig auch die (bis dahin 
unten rermauerte) Schneckenstiege die vom obersten Stockwerk in jenen 
Gang hinabführt, geöffnet worden seien^ um den Bewohnern dieses Theils 
der Burg den Verkehr zur ,EomOdie* (zum Burgtheater) zu erleichtem. 
Welche Gefahr für das Archiv, wenn dieser Gking, in den zwei Haupt- 
thüren der GewOlbe münden und ,der seit der ErC^ffnung den Windan- 
£äUen beständig ausgesetzt ist, zum freien Durchzug yomehmer und 
minderer Personen und Hofleute, nebst Lakaien und Läufern mit Wind- 
lichtem oder anderen Vorleuchtungen' benutzt wurde! — Der Gang ist 
auch zur Durchfahrt hin offen geblieben ; die Schneckenstiege aber wurde 
wieder (1764: ,yor anderthalb Jahren') unzugänglich gemacht 



60 

die Aufträge an Rosenthal erliess auch nach 1753 das Direc- 
torialcollegium^ nicht Bartenstein. Die Verwaltungsreform vom 
Ende des Jahres 1761 musste ako auch die Frage nach der 
amtlichen Zuweisung des Archivs wieder zur Erwägung stellen. 
Der zweiundsiebzigjährige Bartenstein wird sie nach dem früher 
Erzählten nicht mehr für sich angestrebt, wird vielleicht mit 
verstärktem Nachdruck den Gedanken wieder zur Geltung ge- 
bracht haben, den er 1759 gelegentlich geäussert hatte und der 
im Wesentlichen darauf hinausgieng: das Hausarchiv gehöre 
zufolge seines Inhalts und seiner amtlichen Bestimmung zu der 
Centralbehörde in deren Competenz nebst der Leitung der 
auswärtigen Geschäfte auch die Besorgung der Angelegenheiten 
des Herrscherhauses fiel. Das war seit 1742 die Geheime Hof- 
und Staatskanzlei. 

Gleich nach der Aufhebung des Directoriums hatte die 
Kaiserin die Absicht gehegt und sie auch mündlich geäussert, 
das Archiv ihrem Obersthofineisteramte unterzuordnen. Aber 
bald kam sie zu einem andern Entschluss. Als der Böhmische 
Oberste und Oesterreichische Erste Kanzler Graf Rudolf Chotek 
im Verein mit seinem Bruder Johann Karl* am 15. Februar 
] 762 über die Zuweisung des Personals der aufgehobenen Cen- 
tralstelle Vortrag* erstattete, als sie dabei der von der Kaiserin 
in Aussicht genommenen Verfügung über das Archiv gedachten 
und den Wunsch andeuteten, dass dieses auch fernerhin von der 
(Hof-) Kanzlei Aufb*äge anzunehmen habe, rescribierte Maria 
Theresia: ,Das Archiv gehört zur Hof- und Staatskanzlei 
als Meiner Hauskanzlei, bei welcher sich also von all- 
anderen Stellen, somit auch von der Kanzlei, wenn daselbst 
Schriften oder Documenten auszuheben erforderlich ist, zu melden 
sein wird.^ Diese Entschliessung trägt kein Datum, ist aber vor 
dem 21. Juni geschöpft, da der Act zu diesem Tage in dem 
Protokoll der Hofkanzlei' als ,ausgefertigt' erscheint. 

In die Zeit zwischen dem 15. Februar und dem 21. Juni 
1762 f^lt denn auch das nachfolgende, gleichfalls undatierte 
Handschreiben Maria Theresias an Kaunitz, durch das dem 

^ Er hatte im Directoiium als Böhmischer und Oesterreichischer Kanzler die 

nächste Stelle hinter Haugwits bekleidet. 
* MI., Act 125 ex Junio 1762. Nooh am 18. Februar hatte die Hof kanzlei 

an Bosenthal rescribiert. VA. Fase. 9, 1762/5. 
^ 1762, Bl. 212^. 



61 

ArchiT seine neue Oberbehörde angewiesen wurde, welcher es 
noch hente untersteht. Fassen wir das ^ausgefertigt^ jenes Pro- 
tokoUeintrages richtig auf, so ist die Vollziehung des Hand- 
sclireibens wohl auf den letzten Tag der oben begrenzten Frist 
zu setzen. Es lautet:^ 

,Ich habe Meines Dienstes zu sein befunden Mein Haus- 
archiv, als woselbst die Arcana Meines Erzhauses und des 
Staats verwahrt werden, Ihme Hof- und Staatskanzlern als 
Meinem Hauskanzlem in der Oberaufsicht und Direction zu 
übergeben, und die Stellen welche allda Documenta oder Schriften 
zur Förderung Meines Dienstes auszuheben haben, anzuweisen 
jedesmalen sich hierumbe bei Ihme per notas anzumelden. Ich 
versehe Mich dahero zu seinem Mir in allen Qelegenheiten 
erprobten Diensteifer, dass er sich auch dieser Ihme hiemit 
anvertrauenden Direction unterziehen, den Stand dieses Archivs 
einnehmen und Mir seiner Zeit vorschlagen werde, auf was 
Weise durch die daselbst vorhandene Instrumenta die grössten 
Theils verschlafene Gerechtsamen Meines E^rzhauses erwürket, 
auch überhaupt sothanes Archiv in das vollkommene Qeschick 
eingeleitet werden möge, um davon den Zweck und Nutzen 
zu schöpfen welchen Ich mit Errichtung desselben zum Grund 
geleget habe.' 

In Zusammenhang mit dem wichtigen Wandel in der ober- 
sten Verwaltung des Hausarchivs der durch diesen Act der 
Herrscherin herbeigeführt wurde, dürfte die Entstehung einer 
Denkschrift stehen, worin sich Rosenthal bemühte seinem neuen 
Vorgesetzten eine Vorstellung von dem Wesen und der Ge- 
schichte dieses Institutes und von dem bisher darin Geleisteten 
zu geben. Das Wichtigere daraus wird im Anhange mitgetheilt, 
da es ein genaues Bild von dem Zustand des Archivs in dem 
Augenblicke darbietet da das Werk seiner Gründung als vollendet 
gelten kann, ein Bild das Manches von dem bisher Erzählten 
bestimmter und greifbarer vor Augen stellt. Sie ist nach dem 
6. April 1761 und vor dem 15. Februar 1763 verfasst; denn sie 
nennt den P. Bajtay bereits Bischof von Siebenbürgen und er- 
wähnt den noch währenden Krieg. 

In dieser Denkschrift hat die Arbeitsfreudigkeit die Ro- 
senthal so oft ftbp das Archiv bethätigt hatte, einen letzten 



» VA. Faac. 10, 1763/8. Wolf, S. 33 (ebenfalls zu 1763). 



63 

Aufschwung genommen. Noch 1763 äusserte sich der Staats- 
kanzler ^ über ihn in warmen Worten der Anerkennung. Er 
bezeichnete ihn als einen treuen und eifrigen Diener, voll treff- 
licher Erfahrung in böhmischen Eanzleisachen; an ihm habe 
das Archiv einen Mann der nicht zu ersetzen sei, was gründ- 
liche Einsicht in Dingen der Diplomatik und die vollständige 
Kenntnis der Geschichte und des Staatsrechts seines Vater- 
landes betreffe.' Schon da sagt der Staatskanzler von rüstiger 
Arbeit an der innern Archiveinrichtung kein Wort; und sechzehn 
Jahre später, nach Rosenthals Tode, fistnd er Anlass zu der 
herben Bemerkung,' die von ihm untersuchten Zustände des 
Archivs hätten seiner billigen Erwartung keineswegs ent- 
sprochen; es sei zwar ein guter Grund gelegt, das Meiste und 
Wichtigste aber noch zu thun, die Abschriften und Auszüge, 
die chronologischen imd die Realrepertorien, die Hauptindices 
seien noch erst zu verfassen. 

Die Energie die Rosenthal in der Leitung und Ausge- 
staltung des Archivs entwickelt hatte, scheint dem Einund- 
sechzigjährigen abhanden gekommen zu sein. Er ftihlte sich 
verkannt, seine Leistungen nicht gewürdigt. Oft klagte er 
seinem Adjuncten, traurige Erfahrung überzeuge ihn wie gering 
man sein Einrichtungswerk schätze, wie leichthin man es als 
eine mechanische Arbeit beurtheile, ohne das Nützliche und 
Mühsame davon einzusehen. Um sich hervorzuthun und eine 
Verbesserung seines Schicksals herbeizuführen, unternahm er 
nicht selten mit Beihülfe des ganzen Archivs Nebenausarbei- 
tungen, die, wie Hops meint, nicht alle ftir den Dienst noih- 
wendig oder nützlich waren und die den Fortgang der eigent- 
lichen Archivarbeiten hemmten.^ Dabei ist freilich die letzte 
Behauptung mit Vorsicht aufzunehmen. Bei den Acten der 
spätem Zeit liegen viele Elaborate Rosenthals: aber nur solche 
die er im Auftrag seiner vorgesetzten Behörde verfasst hat, 
die also allerdings des Dienstes und gewiss auch nützlich waren. 



^ 1760 hatte er das ^redliche, von allem EigeimutE oder Habbegierde ent- 
fernte Gemüth und die mit möglichster Mässigong eingeschränkte stille 
Aufführung* Bosenthals (dessen Chef er damals noch gar nicht war) der 
Kaiserin gegenüber gerühmt VA. Pasc. 8, 1760/9 (vom 2. October). 

• Vortrag vom 81. December 1768. VA. Fase. 10, 1764/1. 

» In dem Vortrag vom 9. September 1779. VA. Fase. 16, 1779/3. 

* Hops 1780, 



Ö3 

Eb fehlte aach nicht an Anerkennung. Für seinen Antheil an 
der Ausarbeitung der Deduction über das Anrecht der Krone 
Ungarn auf Rothrenssen und Podolien^ empfieng er von der 
Kaiserin glänzenden Liohn: die Wahl zwischen einem Honorar 
von 2000 fl. und einem Ring dieses Werthes.* Glaublich ist 
immerhin, dass die Menge solcher Aufträge dem Fortschritt der 
Repertorisierungsarbeiten hinderlich war. Noch gegen Knde 
seiner dienstlichen Lauf bahn, die zugleich mit seinem Leben 
abschlosSy ward ihm die G^nugthuung in einer damals erschie- 
nenen archivtheoretischen Schrift des brandenburgischen Vorder- 
sten Oeheimen Archivars zu Plassenburg PhiUpp Ernst Spiess' 
Vieles zu finden, das ,zur Bestätigung alles dessen was beim 
k. k. Hansarchiv vom Anfang her in Obacht zu ziehen fUr 
nöthig befunden worden^, dienen konnte/ Aber noch wenige 
Monate vor seinem Tode traf ihn das Missgeschick, dass eine 
Streitschrift die er im Auftrag der Kaiserin gegen den König 
von Preussen verfasst hatte, von jener wegen des leidenschaft- 
lichen Tones der darin herrschte, zurückgewiesen wurde.^ 

Am 10. Juni 1779,^ nicht ganz anderthalb Jahre vor seiner 
kaiserlichen Herrin, ist Rosenthal im achtundsiebzigsten Lebens- 
jahre gestorben. Von ihm konnte einer seiner Mitarbeiter^ mit 
gutem Grunde sagen, er habe den Ruhm und die Ehre erlebt keinen 
Archivar seinesgleichen in der Monarchie neben sich zu haben. 



Mit dem kaiserlichen Willensacte der der Schöpfung des 
Jahres 1749 ihre Stelle im Verwaltungsorganismus endgültig an- 
wies, ist der letzte Stein zu dem Fundament des Haus-, Hof- 
und Staatsarchivs gelegt. Damit schliesst die Geschichte seiner 



^ Seine Mitarbeiter waren der Bibliotheiksciutofl KoUkr nnd der Rath nnd 
Secretär der Staatskanzlei Spielmann. Jeder von diesen erhielt daffir 
2000 fl. 

■ VA. Pasc. 14, 1772/18. Die Dednction ist (unter dem Titel: Vorläufige 
Aosflihmng der Rechte des Königreichs Hungarn auf Klein- oder Roth- 
renssen und PodoHen ) in Wien 1772 gedruckt (auch in lateinischer 

und franaOsischer Sprache). 

■ Von Archiven. Halle 1777, kl.-S«. 

* VA. Pasc. 16, 1777/18. 

" Ameth, Maria Theresia, 10, 610. 

* Wienerisches Diarium rom 16. Juni 1779 (Nr. 4S} in der Todtenliste. 
' Hops 17S0. 



64 

Qrtindung. Nur ein Wort über die Art und Weise wie sich 
Kaunitz als oberster Chef des Archivs einftlhrte^ sei noch ge- 
stattet. Sie zeugt von grossem Wohlwollen für das Institut und 
dessen Beamte. 

Zunächst, noch vor Schluss des Jahres 1763,* erwirkte 
er bei der Kaiserin eine Gehaltserhöhung fUr Rosenthal und 
Freyssleben.* Doch galt jene nur für die Person des Bedachten, 
und die Stelle des zweiten Hausarchivars sollte nach Freyss- 
lebens Tod oder Rücktritt in zwei Stellen von Archivadjuncten 
umgewandelt werden, die im Rang den Secretären bei den 
Hofstellen gleichzuhalten wären. Der Vortrag bringt aber auch 
eine bemerkenswerthe principielle Anschauung des Staatskanzlers 
zum Ausdruck. ,Ueberhaupt, Allergnädigste Frau,* sagt Kaunitz, 
,wäre es in pflichtschuldigster Absicht auf die Sicherheit Eurer 
Majestät Dienstes niemalen zu rathen dass Leute, welchen man 
aus den Archiven die wichtigsten Stücke zum Abschreiben an- 
vertrauen muss, gleichsam der Noth und Kleinmüthigkeit über- 
lassen und nicht mit einem hinlänglichen Brod versorgt würden.* 
Aus demselben Vortrag lernt man die Anschauungen des Staats- 
kanzlers über die Erfordernisse zur erspriesslichen Ausübung 
des archivalischen Berufes kennen. Sie nähern sich sehr den 
heute geltenden. ,Zur guten Einrichtung und Besorgung eines 
solchen Archivs,* sagt er, ,gehören Leute die nebst den übrigen 
Eigenschaften eine nicht gemeine Kenntnis von dem studio 
diplomatico haben, welches an sich sehr schwer und bisher 
aHhier ziemlich vernachlässigt worden ist. Auch bei den Archiv- 
smbaltemen sind besondere Fähigkeiten, eine mühsame Uebung 
in den alten Schriften erforderlich.* 

Wenige Monate später setzte Kaunitz die Befriedigung 
eines der dringendsten Bedürfnisse des Archivs durch: die 
Erweiterung seiner Räumlichkeiten. Rosenthal hatte ihm die 
arge Noth geschildert die die völlige und sichere Unterbringung 
der Archivschätze bereitete, und gleich auch Abhülfe vorge- 
schlagen. Es hiess dass der Fürst Batthyäny, der seine Stelle als 
Obersthofmeister des Erzherzogs Josef 1763 niedergelegt hatte, 
im Begriff stehe seine Wohnung im ersten Stock und im Halb- 
stock des Reichskanzleigebäudes zu räumen und in sein eigenes 



» Vortrag rom 81. December 1768. VA. Pasc. 10, 1764/1. 
• Um 1000 und um 800 fl. 



65 

Haus in der Stadt zu ziehen. Geschab dies^ so konnten die 
Zimmer des Halbstocks mit der Küche, die ober dem Archiv 
lagen^ diesem eingeräumt werden; die drei Gewölbe im Erd- 
geschoss waren dann als Lagerräume, die darüber gelegenen als 
Arbeitsräume zu verwenden ; von dem Corridor aus bestand die 
Verbindung zwischen beiden durch die vorhandene Schnecken- 
stiege. ^ Kaunitz machte diesen Vorschlag zu dem seinigen 
und drang besonders auf die Verlegung der Küche, ,damit zu 
einem so schönen und nützlichen Institute wie ein wohlgeord- 
netes Staats- und Hausarchiv, dessen Verwahrung in der Hof- 
burg selbst ganz anständig ist, der benöthigte Raum gewonnen 
werdet Dem kaiserlichen Placet war die Bedingung beigefügt: 
,Wann Batthydny hinaus gehet; welches aber noch nicht in Sinn 
hat'* Und wirklich scheint Batthy4ny mit dem ,Hinausgehen' 
sehr gezögert zu haben; denn erst im October 1769 konnte sich 
das Archiv in jene Räumlichkeiten des Halbstocks ausdehnen.' 
Dies war imi so erwünschter, als ihm inzwischen (im October 
1765) auch das Lothringische Hausarchiv zugewachsen war.* 

Nach dem Tode des der Zeit und dem Range nach ersten 
Hausarchivars fanden die Beförderungsansprüche seines Hinter- 



^ 1780 schreibt Hops: ,Weil man die Urkunden als den vorzOglichsten 
Schatz und als ein Fideicommiss eines Hauses angesehen hat, hat man 
gleich bei der Erbauung einer jeden Burg oder Residenz .... für das 
Archiv ein eigenes Gewölbe ganz nahe an die landesfUrstliche Wohnung 
angelegt; wie ich denn hier selbst gesehen habe, dass nebst dem untern 
Haupteingang aus den obem kaiserlichen Zimmern ein eigener Eingang, 
wozu nur der Kaiser den Schlüssel hatte, mit einer schmalen Stiege für 
eine Person in das Archiv gemacht war, um dasselbe auf alle Zeit für 
sich' (den Kaiser) ,offen zu halten*. 

' Vortrag des Staatskanzlers vom 29. März 1764, mit Beilage: Vorstellung 
Rosenthals über den dermaligen Localzustand des Hausarchivs. Siehe 
oben S. 42, Anm. 5. 

■ Die Kosten ihrer Herrichtung (für Tischler-, Schlosser , Anstreicher- und 
Zimmermalerarbeit) betrugen 1858 fl. Vortrag des Staatskanzlers vom 
21. Juli 1770 (mit Beilage: ,Allerunterthänigste Nota' Rosenthals vom 
20. Juli), StA., Vorträge. — Die curiose Notiz Wolfs, S. 29 f., im Jahre 
1769 sei die Wohnung des Reichshofraths-Thürhttters (im Reichskanzlei- 
gebäude neben dem Amalienhofe) ,zum Archive benutzt' worden, ist un- 
richtig. Nor die aus Prag für die Reichskanzlei nach Wien gebrachten 
Reichsacten (vgl. oben S. 34, Anm. 1) sollten, da im Kanzleihause kein 
Raum dafür war, dort untergebracht werden. MI., Rühmen. StA., Reichs- 
hofkanzlei-Verfassungsacten, Fase. 43, Nr. 46. 

♦ VA Fase. 12, 1765/10. 11. 12. 

Archir. XCU. Band. I. H&lfte. 6 



66 

mannes bei dem Staatskanzler volle Berücksichtigung. Aber 
gleichzeitig sprach dieser eine Anschauung aus^ die ebenso 
bemerkenswerth wie vereinzelt ist in dem langen Zeitraum der 
dem Archiv das Recht zu wissenschaftlicher Bethätigung nur 
innerhalb der Grenzen nächster Staatszwecke zuerkannte. Nach 
dem künftigen Absterben von Rosenthals Nachfolger^ schreibt 
Kaunitz/ ,würde meines Erachtens die Ehre des Hofes und 
der wesentliche allerhöchste Dienst erfordern auf die Auswahl 
und die dereinstige Anstellung des gelehrtesten , in der Ge- 
schichte^ Diplomatik, iure publice etc. erfahrensten Mannes der 
nur irgendwo in Deutschland zu finden sein wird, fUrzudenken 
und ihn zu rechter Benutzung des Archivs und zu den 
von Zeit zu Zeit vorfallenden oder vorzubereitenden ausser- 
ordentlichen Ausarbeitungen, Deductionen oder sonstigen Staats- 
schriften zu gebrauchen, da die wenigen dermaligen Räthe und 
Diener Eurer Majestät welche zu solchen Arbeiten Fähigkeit 
besitzen, wegen ihrer sonstigen Beschäftigungen einen Mann 
allein erfordern, der durch sonst nichts distrahiert wird*. 

Auf den gelehrtesten Historiker und Publicisten das Augen- 
merk zu richten, auch wenn er nicht dem Vaterlande angehöre, 
war also Kaunitzens Rath. Dass jener nebstbei Erfahrung und 
Geschick in archivalischen Dingen besitzen müsse — was be- 
kanntlich nicht nothwendig eines jeden namhaften Historikers 
Sache ist — blieb unerwogen. So war es denn auch kein ganz 
glücklicher Griff, der nach v. Freysslebens baldigem Rücktritt 
über die Grenzen des Kaiserstaates hinaus gethan wurde. Der 
würzburgische Consistorialrath und Professor Abbö Michael Ignaz 
Schmidt, der damals berühmte Geschichtschreiber der Deutschen,* 



1 Am 9. September 1779. VA, Fase. 16, 1779/3. Wolf, S. 87. 

' Am 3. October 1780 zum Hofrath und Director des Staatsarchivs ernannt. 
VA. Fase. 17, 1780/7. Er starb unvermuthet am 1. November 1794. 
Ebend. Fase. 19, 1794/8. Ueber seine Berufung nach Wien s. die inter- 
essanten Mittheilnngen Dietrich Kerlers im Archiv des historischen Vereins 
für Unterfranken und Ascbaffenburg, 40 (1898), S. 75 ff. — 1801 schreibt 
der damalige Archivdirector Daiser über Schnudt^ er sei berufen worden, ^ 
weil man von ihm besonders nützliche, die österreichischen Gerechtsame 
vor der Welt ins Lieht stellende Ausarbeitungen erwartete. Der Erfolg 
habe aber dem Endzwecke nicht entsprochen; denn ausser der Fort- 
setzung der Geschichte der Deutschen, die bei der für Oeeterreich wich- 
tigsten Periode (mit dem Tode Ferdinands HI.) abbricht, sei er nicht in 
dem Falle gewesen weitere Dienste zu leisten, und weil es ihm an den 



67 

erblickte seine Aufgabe darin das Werk seiner Vorgänger von 
Grund aus umzugestalten. Er scheint in den vierzehn Jahren 
seiner Directionsfilhrung mehr zerstört als aufgebaut zu haben. 



ANHANG. 



Denkschrift des Ersten Hansarchivars von Kosenthai ttber 
die Einriehtang des k. k. Oeheimen Haasarchivs, e. 1762. 

(S. oben S. 61.) 

Kurze Nachricht von der Errichtung des Kays. Königl. 
Universal-Haus- und Kronen-Archives, dessen Ver- 
fassung^ Eintheilungen und den bisherigen auch 
weitern sowohl ordentlichen als ausserordentlichen 

Arbeiten. 

Das Kays. Eon. Universal-Haus- und Kronen-Archiv besteht aus 
vielen tausend bereits vorhandenen Original-Urkunden und Schnften, 
welche die Krouen HuDgarn und Böheim und die gesammten Erzherzoglich 
Österreichischen Länder betreffeu. Die Österreichischen Briefe fangen 
vom Jahre 1002/ die Böheimischen von a. 1157,' die Hungaiischen von 
a. 1202^ an. Sie sind also zusammen von mehr als achthalb hundert 
Jahren her; die aber grössten Theils seit zweyhundert Jahren bis auf 
unsere Zeiten gleichsam vergraben gelegen und hin und wieder zertheilet 
und zerstreuet gewesen sind. 

Nachdem endlich auf allerhöchsten Kays. Königl. Befehl 1. im 
Jahre 1749 — 50 das gesammte Königlich Böheimische Kronarchiv zu 
Prag, 2. a. 1751 die häufigen Archivschriften und Urkunden zu Inns- 
bruck, und 3. a. 1752 die zu Gratz durch den Hofrath und ersten Archi- 
varium v. Bosenthal mit Beyhülfe des ihm gleich anfangs zugegebenen 
damaligen Kanzellisten und jetzigen Archiv-Adjuncten Hops^ untersuchet, 



nOÜiigen archivalischen VorkenntnisBen mangelte, hätte die eigentlichen 
Archivarbeiten meistens Roschmann (d. J., erster Archivar) besorgt VA. 
Fase. 20, lSOl/1. 
^ Kg. Heinrich II. für Markgraf Heinrich von Oesterreich, Stnmpf Nr. 1328. 

* Richtig 1158, K. Friedrich I. für Hzg. Wladislaw 11. von Böhmen, Stumpf 
Nr. 3796. 

' Kg. £merich f&r den Woiwoden Benedict, Fej^r 2, 396 und 8% 3 18 f. 

* 8. oben S. 5, Anm. 1. 

6* 



68 

erhoben und nach Wienn überbracht worden, so wurden nachher auch 
die allhier in verschiedenen Behältnüssen, nämlich 4. dem vormaligen so 
genannten Schatzgewölbe in der Burg, 5. der Schatzkammer, 6. der 
Königlich Böheimischen Hofkanzley-Begistratur, 7. der Österreichischen 
Registratur, und 8. in der Kays. Königl. Bibliothek befindlich und so 
vielfältig zertrennet gewesenen Urkunden und Schriften zusammen ge- 
tragen und in das gegen Ende des Jahres .1753 vorläufig zubereitete 
jetzige, wiewohl gleich anfangs unzulängliche und seither durch die Ent- 
ziehung eines Gewölbes und Öffnung des Zuganges noch mehr einge- 
schränkte Local-Behäitnüss überbracht und niedergeleget. 

Da man nun hiedurch beym Eingange des Jahres 1754, nebst dem 
mittler Zeit zugegebenen nöthigen Personali, in den Stand gesetzet worden 
nicht nur zu der innerlichen Zurichtung und Eintheilung der anzuordnen 
gewesenen Schriften-S^ästen zu schreiten, sondern auch zugleich mit der 
ordentlichen Fortsetzung der schon von gedachtem v. Bosenthal seit 
a. 1752 nach dessen damals allerhöchst genehmigtem Entwürfe mit Hülfe 
des vorerwehnten Hops eingeleiteten Archivarbeiten vermöge des in 
Abschrift sub lit. A hiebeyliegenden clementissimi Decreti d. d. 24. De- 
cembris 1753 et accepto 1. Januarii 1754^ und der demselben beyge- 
fügten Freyherrl. Bartensteinischen Notae^ den vollen Anfang zu machen ; 
so hat man gleich nach Wahrnehmung des bey den Hungarischen und 
Österreichischen Urkunden sich geäusserten gänzlichen Abganges der 
erforderlichen Copionalien und der ünvollständigkeit der vorhandenen 
Böheimischen Copeybücher vor allen höchst nöthig befunden alle sowohl 
wichtigere als sonst einigen Wehrt und Nutzen habende Urkunden fortan 
nach einander abschreiben zu lassen, solche Abschriften alsdann aufs 
genaueste zu coUationiren und dieselben sowohl zum täglichen Gebrauche 
in den hernach anzuführenden Haupt-Archivarbeiten und andern be- 
ständigen Vorfallenheiten und Nothdurften (wozu die Originale jedesmal 
hervorzunehmen so unthunlich als verderblich und verzögerlich sein würde) 
an der Hand und bereit zu haben, als auch aus denselben die bey dem 
Archive unumgänglich erforderlichen Copeybücher, von derer Mangel man 
bey so vielen vorherigen Begebenheiten den grössten Nachtheil erfahren 
hat, nach und nach zusammen zu richten. 

Bey dieser mühsamen Abschreibung der alten Urkunden, worinn 
die zugleich in den nöthigsten Sprachen, als der lateinischen französischen 



^ Es wird hier nicht abgedruckt, da oben S. 46 f. ein genügender Auszug 

daraus mitgetheilt ist. 
' Der Vortrag Bartensteins vom 18. November 1768, oben S. 49 ff. 



69 

wälschen und böheimischen, erfahrDen Eanzellisten nunmehr wohl geübet 
sind, wird zur erforderlichen Beglaabigang die alte Orthographie, doch 
ohne Abkürzungen, anfs genaueste beobachtet; und mit gleicher Ge- 
nauigkeit wird die Collationirung der Abschriften durch die beyden Ai'chi- 
yarien und den A^juncten sowohl inspiciendo et corrigendo ad litteram 
als hernach anscultando vollzogen. Beydes ist seit dem Anfange bis jetz 
mit einer bereits zusammengebrachten unzählichen Menge solcher Ab- 
schriften neben den andern t&glichen Archivarbeiten beständig fortge- 
setzet worden; und es wird damit noch immer unablässlich fortge- 
&hren. 

In der Haupt-Einrichtung dieses Universal- Archives hat man zu- 
vörderst, gemäss der Unterscheidung der Kronen Hnngarn und Böheim 
und des Österreichischen Staats, die Haupt-Eintheilung 

P in das Königl. Hungarische Hans- und Kron-Archiv, 
IP das Königl. Böheimische Haus- und Kron-Archiv, und 
ni^ das Erzherzoglich Österreichische Haus-Archiv 
zu machen nöthig befunden. Jedes hat seine besondern Abtheilungen 
und Bubriken erfordert, welche hernach angeführet werden. 

Die Hungarischen Urkunden und Schriften hat man theils unter 
den eigentlichen Östen*eichischen gänzlich vermischt angetroffen, theils 
unter den einzigen Bubrikpn ,Hungarn' und ,Hungai*ische Gabbriefe' in 
solcher Verwirrung und Yermengung aller altern und jungem, die Öster- 
reichischen Forsten und Länder angehenden oder nicht angehenden Briefe 
und Materien gefunden, dass die geschehene Absonderung zur richtigem 
Übersehung and Kenntnüss und zum bessern Gebrauche unumgänglich 
erforderlich gewesen. 

Das Böheimische Kron-Archiv^ ist ohnedas jederzeit abgesondert 
und vormals zu Garlstein in Böheim, seit a. 1619 aber zu Prag unter 
gemeinsamer Königlicher und Ständischer Verwahrung gewesen. Jedoch 
hat sich unter den Österreichischen Schriften zu Innsbruck und Wienn 
eine Menge wichtiger Böheimischer Urkunden gefunden, welche König 
Sigismund zur Zeit des Hussitischen Unwesens in seinen Händen be- 
balten und auf seinen Eydam und Nachfolger Albrechten Herzog zu 
Osterreich übertragen hat, nach dessen Absterben dieselben in die Hände 
des nachmaligen Kaysers Friedrich als Voimunds des unmündigen 
Albrechtischen Prinzen, Königs Ladislai posthumi, gefallen und folglich 
in österreichischen Händen über 800 Jahre bis zur jetzigen Archiv- 
Einrichtung, zum grössten Nachtheile der Krone Böheim und ihrer Ge- 



Darflber oben S. 23, Anm. 2. 



70 

rechtsame, verborgen gelegen sind; welche also nnnmehr davon abge- 
sondert and in das Böheimische Kron-Archiv zorQckgestellet worden. 

Für jede dieser drey besondem Archiv-Abtheilnngen werden vor- 
nämlich folgende drey Bepertoria verfasset: 

l^no Ein Haupt-Bepertorinm oder Begisterbuch über die in dem 
N. N. Archive befindlichen Urkunden und Schriften; nach der Eintheilung 
und Ordnung der Handlangen, Materien und ihren Rubriken; wovon die 
Verzeichnüsse, wie sie in den bisherigen Arbeiten vorgekommen und 
förmlich abzutheilen nöthig befanden worden, wegen des Hangarischen 
Haus- und Kron-Archives sub lit. B, des Böheimischen sub C, und des 
Österreichischen sub D hiebeygeleget werden.^ In dieses Bepertorium 
werden alle Urkunden und Schriften auszugweise und mit ihrem wesent- 
lichen Innhalte der mehrern oder wenigem Punkten und Artikeln auf 
teutsch (jedoch mit beygefügter Anmerkung von welcher Spi-ache das 
Original sey,) eingetragen. Von den am wenigsten üblichen Sprachen, als 
der Spanischen Hungarischen Böheimischen Polnischen und Russischen, 
werden die Übersetzungen zu den Originalen geleget, auch in die vorher 
erwehnten und weiter unten vei*zeichneten Gopeybücher mit eingeschriben 
werden. Nach eben solchen Eintheilungen und Rubriken, folglich in 
Übereinstimmung dieses Haupt-Repertorii, wii*d auch die Local-Reponirung 
der Original-Urkunden und Schriften in die Behältnüssen der dazu ge- 
richteten und mit Litteris und Numeris versehenen Schriften-Kästen und 
Schubladen veranstaltet. 

2^^ Ein General-Repeiiiorium Chronologicum nach der blossen Zeit- 
ordnung der Tage und Jahre. In diesem Repertorio werden alle Urkunden 
und Schriften mit einem kurzen Innhalte oder sogenannten Argumentel in 
den üblichen lateinischen teutschen französischen und wälschen Original- 
Sprachen, in den andern aber auf teutsch verzeichnet. Hiebey wird der 
Bedacht dahin genommen zugleich gehörig anzumerken, in was für Ge- 
schichtbüchern und diplomatischen Sammlungen diejenigen Urkunden 
welche in des Georgisch Regestis Chronologico-Diplomaticis ausgelassen 
sind, gedruckt zu finden seyen. 

3^ Ein Repertorium Reale oder Haupt-Index aller Materien; dessen 
in der obigen Nota sub A . . . .^ umständlicher, wiewohl mit Vermischung 
des hieroben gemeldten und nach Ordnung der Materien eingerichteten 
l^n Haupt-Repertorii gedacht wii'd. Zu dem gegenwärtigen Indice 
werden zwar die von Zeit zu Zeit zusammen getragenen besondem Ma- 



» Unten S. 11 ß. 

« Vgl. oben S. 47. 61 f. 



71 

terien vorbereitet, zur beständigen Fortsetzung aber kann nicht wohl eher 
als bis mehr beysammen seyn wird geschritten werden. 

Ausser and neben vorerwehnten mühsamen und eine genaue hi- 
storische und genealogische Einsicht erfordernden Hauptarbeiten mit so 
yieien tausend Original-Urkunden werden zugleich folgende nöthige und 
allergnädigst Yorgeschriebene Verrichtungen wie bisher geschehen also 
noch täglich fortgesetzet: 

4^ Die Absonderung und Verzeichnung aller heryorkommenden 
Original-Duplicaten und Triplicaten sowohl als der alten Transsumpten 
oder Authenticorum. Viele dergleichen Original-Duplicata und alte Au- 
thentica sind dem allerhöchsten Befehle gemäss bereits bey Erhebung der 
Archivschriften in Böheim, Tirol und Steyer daselbst zurQckgelassen 
worden; und alle nun weiters allhier vorkommende Duplicata, Triplicata 
und alte Transsumpta werden gleichermassen abgesondert und in dieses 
besondere Verzeichntiss mit Beysetzung der gehörigen Anmerkungen 
gebracht, um dieselben nach der allergnädigsten Willensmeinung künftig 
an dritte Örter, als nach Prag Innsbruck und Gratz, wo ein- und das 
andere hingehöret oder wo es sonst am sichersten erachtet werden möchte, 
zu überschicken und dorten in Vei-wahrung niederzulegen, damit folglich 
bey etwan an einem Orte entstehenden Unglücksfalle nicht alles bey- 
sammen in Verlust und zu Grunde geben möge. Alle solche Duplicata, 
Triplicata und Transsumpta werden bey der Absonderung gleichfalls ab- 
geschrieben und genau collationiret, um diese Abschriften allhier zu 
behalten und von dem in ein und andern Schreibai*ten und Wöi*tem öfters 
vorkommenden Unterschiede die bey manchen Gelegenheiten nöthige 
Wissenschaft zu haben. 

5^ Die Verfertigung neuer und förmlicher Authenticorum deijenigen 
Urkunden von welchen keine Original-Duplicata oder alte Transsumpta zu 
finden sind, wie es vorhin allerhöchst anbefohlen worden ist 

6*** Ein Repei-torium oder Chronologisches Verzeicbnüss aller bey 
dem gesammten Archive sich äussernden Abgänge der Original-Urkunden, 
Schriften und Bücher. Die Erforschung solcher Abgänge, welche vermöge 
der obigen Notae sub A . . . .* vorgeschrieben worden, wird theils aus den 
hin und wieder zusammengebrachten alten Carlsteinischen Pragerischen 
Wiennerischen Neustädtischen Grätzischen und Baaden-Ergäuischen 
Schriflen-Inventariis, theils aus den Beziehungen oder Belatis in den 
vorhandenen Original-Urkunden, theils aus den alten blossen Abschriften, 
theils aus gedruckten (Geschichtsbüchern und diplomatischen Sammlungen 



* Vgl. oben S. 46. 50 f. 



72 

gezogen und gehörig verzeichnet auch mit den zur nöthigen Kenntnüss 
und weitern Nachspürung dienenden Anmerkungen und Nachrichten er- 
läutert; wobey vornehmlich auch der Bedacht auf dasjenige genommen 
wird was theils bekannter massen theils muthmasslich bey verschiedenen 
andern hiesigen Stellen annoch zu finden und zur nöthigen Ergänzung 
der Archives künftig zusammen zu tragen seyn wird. 

7^0 £JQ Gopeybuch oder Abschriften-Sammlung von solchen ab- 
gehenden Originalen; welche zum nöthigen Gebrauche aus gedachten 
Büchern und Sammlungen indessen ersetzet werden. 

8^** Ein Repertorium oder chronologisches Verzeichnüss derjenigen 
fremden und auswärtigen Urkunden welche das durchl. Erzhaus und 
dessen Erbkönigreiche und Länder verschiedentlich angehen und mit den 
Archivurkunden und Schriften einen genauen und unzertrennlichen Zu- 
sammenhang haben. Dieses Verzeichnüss wird aus gedruckten Geschicht- 
büchern, diplomatischen Sammlungen und allerhand andern Nachrichten 
gezogen. 

9°^ Ein Gopeybuch solcher benöthigten fremden und auswärtigen 
Urkunden; welche aus vorgedachten Büchern und Sammlungen abge- 
schrieben werden. Zu Behuf aller dieser allerhöchst und ausdrücklich 
vorgeschriebenen Arbeiten ist zwar in oftgedachter Nota sub A ... .^ auf 
die Versehung des Archives mit den hiei*zu benöthigten und unentbehr- 
lichen Büchern der Antrag gemachet, auch die Erkaufnng solcher in ein 
Verzeichnüss zusammengesetzten Bücher von Ihro May. allergnädigst 
verwilliget worden; weil aber, ausser etlichen wenigen aus der Kays. 
Königl. Bibliothek hergegebenen mangelhaften Doubletten, zu Erkaufung 
des übrigen grössten Abganges keine nachdiückliche Anschaffung noch 
weniger die Auszahlung der dazu benöthigten Gelder erfolget ist, so haben 
die beyden Archivarii, um nur den allerhöchsten Dienst und die au^- 
tragenen Arbeiten nicht ins Stecken^ kommen zu lassen, sich bemüssiget 
gesehen, aus ihren eigenen Mitteln der ohnedas bey den jetzigen theuren 
Zeiten unzureichenden Besoldungen, zum empfindlichen Abbruche ihres 
nothdürftigen Lebensunterhaltes, zumal bey den seit drey bis vier Jahren 
beyzutragen gehabten nahmhaften Kriegssteuren und Verlust an den 
Papieren, viele der kostbaresten Bücher selbst baai* anzuschaffen. 

10"** Ein Glossarium aller in den Archiv-Urkunden vorkommenden 
unbekannten Wörter und Bedensai-ten zum nöthigen besondern Gebrauche 
gedachtes Archives. In diesem Glossario werden alle diejenige in den 
Archiv-Urkunden vorkommende alte und nicht mehr gebräuchliche, nn- 



» Vgl. oben S. 62. 



73 

Terstandiiche nnd zweydeutige Wörter and Bedensarten verschiedener 
Sprachen, unbekannte Namen der Lander örter, Zeit- Jahr- und Tage- 
Bechnungen, besondere Abkürzungen und dergleichen, welche in den ge- 
druckten Glossariis gar nicht zu finden oder zweifelhaft sind, sowohl zur 
nothdürftigen Beförderung der gegenwärtigen und weitern Archivarbeiten 
nnd zum unanstössigen sichern Gebrauche der Urkunden als auch zum 
Behufe der diplomatischen Wissenschaft überhaupt und anderer Eennt- 
nüssen gründlich erörtert und erläutert. Die hierzu sowohl als zu allen 
andern Archiyarbeiten unentbehrlich nöthigen kostbaren Glossaria, als 
des DuCange Schilters Wächters Frischens und dergleichen, sind zwar 
unter andern ebenfalls von Ihro May. für das Archiv anzuschaffen alier- 
gnädigst verwilliget worden, haben aber wegen unterbliebener Her- 
schiessung des Geldes von dem ersten Archivai'io zur unverschieblichen 
Fortsetzung der Arbeiten mit seinen eigenen giossen Kosten haar erkaufet 
werden müssen. 

11^0 Yerzeichnüss oder Exti*ahirung der in gewissen durch den 
V. Bosenthal aus Tirol überbrachten und in etlich und viei-zig Yoluminibus 
in folio bestehenden Kayserlichen Beichs-Haus-Registraturbüchern^ ent- 
haltenen Kayserlichen Königl. Hungarischen Böheimischen und Öster- 
reichischen Urkunden, nebst Abschreibung der wichtigern und sonst ab- 
gängigen Stücke. 

12™® Abzeichnungen der Kayserlichen Königl. Hungaiischen Bö- 
heimischen und Österreichischen Siegel und der diensamen alten Ur- 
schriften; welche durch den dem Archive eigends zugegebenen voi-treflichen 
Zeichner und zweyten Kanzellisten Anton Weinkopf' bereits in grosser 
Menge verfertiget worden und beständig fortgesetzet, auch von Stück zu 
Stück jedesmal genau coUationiret und adjustiret werden. Vieles davon 
ist durch eben gedachten Weinkopf, welchen man mit allerhöchster 
Bewilligung die Kupferstecherey lernen lassen, bereits in Kupfer ge- 
stochen oder geätzet worden; wozu man das Materiale bisher aus dem 
Kays. Königl. Kupferverschleiss-Amte gratis empfangen und noch 
einen Yorrath hat. Der grosse und vielfältige Nutzen der Siegel in 
den Österreichischen Geschichten, Gerechtsamen, der Heraldik und 
Diplomatik kann und wird umständlich und einzeln gezeiget werden. 
Der Gebrauch davon ist bereits öfters nicht nur in den Archiv- 
relationen, Ausführungen und andern Nachrichten gemachet worden, 
sondern es hat auch schon der verstorbene Professor Collegii Theresiani 



^ Oben 8. 84, Anm. 5. 
< 8. oben 8. 47. 



74 

P. Fi'ölich^ und der Beichshofrath Freyherr von Senkenberg* in ver- 
schiedenen gedruckten Schriften nnd noch jüngst der Kays. Königi. Bi- 
bliothek erster Gastes Kollär in Historia diplomat. iuris patronatus Begum 
Hungariae,' pag. 41. seq. dei^leichen mit höchster Genehmhaltnng aus 
dem Archive mi%etheilte Siegelabzeichnungen zu verschiedenen wichtigen 
Proben gebrauchet. 

13^® Abgeforderte und erstattete häufige Archiv-Belationes, Aus- 
führungen und Nachrichten; nebst welchen für S. Königi. Hoheit den 
durchl. Kronprinzen und Erzherzog Joseph nicht nur die in dem oben- 
angezogenen Decreto sub A . . . .^ erwehnten und femers hernach auf 
das dem v. Bosenthal zugefei-tigte allergnädigste Handbillet vom 16. May 
1759^ verfassten Ausai'beitungen abgegeben, sondern auch dem P. Petey^ 
nunmehrigen Bischöfe von Siebenbürgen zu seiner Hungarischen Histone 
für eben höchstgedachte S. Königi. Hoheit viele Nachiichten mitgetheiiet 
worden sind. Zu diesen Belationen, Ausarbeitungen und Nachrichten 
sind zugleich nach der Erfordernüss der Sachen und den allerhöchsten 
Verordnungen gemäss etliche hundert benöthigto Urkunden in Abschriften 
abgegeben worden. 

1 4*® Die oben beym Eingange erwehnten Haupt-Copeybücher ; welche 
aus den bisherigen collationirten und corrigirten auch ferners zu ver- 
fertigenden Abschriften nach und nach zu mundiren sind. 

15^ Häufige Sammlungen abschriftlicher diensamer Urkunden, 
Nachrichten und Siegelabzeichnungen aus verschiedener Gommunitäten, 
Klöster und andern Privat- Archiven ; wozu man bisher durch freund- 
schaftliche Wege und ungespahi*te Doucenrs den Zutritt und sogar die 
Commnnication der Originale zum bequemern Gebrauche ad manus er- 
halten hat; derer auch schon öfters einige aus andern Landein anher 
geschicket worden sind; wie denn würklich ein ans Mähren zum Ab- 
schreiben und zu Abzeichnung des bey dem Archive abgehenden Siegels 
mitgetheiltes Original von König Wenzeln dem 11*^" zu Böheim von 
a. 1298 im Archive vorgezeiget werden kann. Durch solche Wege und 
Mittel hat man auch schon viele Original-Urkunden und Manuscripta 



* P. Erasmus F., S. J., Numismatiker und Historiker (gest. 7. Juli 1768). 

* Heinrich Christian Prh. v. Senokenberg, Jurist und Historiker. 
■ Libri 3. Viennae 1762. 8<». 

* Vgl. oben S. 47. 

* Es ist nicht mehr vorhanden. 

* Joseph II. Anton Bajtay, Bischof von Siebenbürgen (zu Karlsburg) 1761, 
6. April bis 1773, 15. Januar, aus dem Piaristenorden. S. Ameth, Barten- 
stein, S. 57; Maria Theresia, 4, 170. 



75 

aus Privat-Händen zn dem Archive herbeygebracht; und anf gleiche Art 
könnten noch mehrere, vielleicht eher als durch höhere Auctorität, ver- 
schaffet werden, indem diese schon öfters die widrige Würkung gehabt 
hat dass dergleichen Schriften vertuschet oder verschleppet oder gar ver- 
nichtet und verbrennet worden, wie davon etliche bekannte Beyspiele das 
Zeugnüss geben. 

16^ Viele andere bey den täglichen Arbeiten vorkommende und 
unter besondern Bubriken gesammelte diensame Nachrichten. 

l'jmo Ausarbeitungen und Nachrichten zu einer umständlichen 
Geschichtbeschreibung des Kays. Königl. Universal-Haus- und Kronen- 
Ai-chives; worunter unter vielen andern unbekannten Merkwürdigkeiten 
und nützlichsten Nachrichten insonderheit auch die Spuren und Anzeigen 
von den verlohmen und in fremden Händen, in auswärtigen Beichen und 
Ländern, in Schlesien in Teutschen Staaten Beichs- und Municipal- 
Städten auch Privat-Händen, versteckten Kayserlichen Eönigl. Hungari- 
schen Böheimischen und österreichischen Urkunden und Schriften ange- 
f&hret werden. 

Alle obverzeichnete gewöhnliche Archiv-Arbeiten werden daselbst 
nach der Ordnung gehorsamst vorgezeiget werden. Man wird auch mit 
der Zeit eine ausführlichere und genauere Nachricht von den, theils in 
dem obigen Decreto und der Nota sub A vorläufig erwehnten, theils hier 
einiger massen von sich selbst in die Augen fallenden Ursachen, dem 
Endzwecke der Methode dem Gebrauche und dem Nutzen aller solcher 
Arbeiten hauptsächlich zu dem Ende zusammenzusetzen bedacht seyn, 
um der Nachkommenschaft von der eigentlichen Verfassung und Mani- 
pulation zum leichtern Begriffe und zur fernem Bichtschnur, Nachfolge 
und Anwendung desto mehreres Licht hinterlassen zu können 

Die ausserordentlichen Arbeiten und theils förmliche Werke des 
V. Bosenthal sind (ausser den vorhin verschiedentlich abgegebenen be- 
sondern Ausführungen und Aufsätzen) hauptsächlich folgende: 

1® Eine Pragmatische und Diplomatische Geschichtbeschi-eibung des 
durchl. Erzhauses Osterreich, dessen Herkunft Erwerbungen Besitze 
Eechte Freyheiten und Vorzüge; mit vielen unbekannten wichtigen Nach- 
richten; von den ältesten bis auf unsere Zeiten. . 

2^ Eine Systematische Abhandlung des Böheimischen Staatsrechtes. 

3^ Versuch einer Osterreichischen Diplomatik, in einem Probestücke 
von Erzherzog Budolphen dem IV^" beygenannt dem Sinnreichen und 
Grossmfithigen; — nebst angehängter Abhandlung von dem wahren Ur- 
sprünge des von gedachtem Fürsten zuerst angenommenen Eraherzogen- 
Titels. 



76 

4® Abhandlung Ton dem österreichischen Yerleibungsrechte der 
Erbmarschalln-, Erbschenken- und Erbtmchsess- Amter bej dem Erzstifte 
Salzburg. 

5® Von dem jure amplissimo primariaiiim precum der antretenden 
Erzherzoge zu Osterreich und der Erzherzoglichen Gemahlinnen in allen 
Östen'eichischen Ländern. 

6® Von dem landesfürstlichen Verleihungsrechte der Layenpfründen 
oder Panis-Briefe bey geistlichen Stiftern und Klöstern. 

7® Besondere Erläuterung des österreichischen vollkommenen 
Privilegienbriefes Kayser Carls des V*®" von a. 1530 aus den sämmt- 
Uchen altern Freyheitsbnefen ; welche auch in der obigen Geschicht- 
beschreibung N® 1 jedes Orts vorkommen. 

8® Vollständige Genealogie des durchl. Ei*zhauses Östen*eich 
und deren Beweise aus bisher unbekannten Urkunden; von Eayser 
Eudolpho I. Habsburgico an bis auf gegenwärtige Zeiten; wovon 
auch in gedachter Geschichtbeschreibung N® 1 überall das nöthige bey- 
gebracht wird. 

9^ Dergleichen Geschichte und Genealogie des alten Herzoglichen 
und Königlichen Hauses Böheim bis auf Ferdinandum I. 

10® Untersuchung der annoch sehr unvollkommenen und fehler- 
haften österreichischen Heraldik oder der sämtlichen Königlichen und 
Erzherzoglich Österreichischen Haus- und Erbländer- Wapen. 

1 1® Vorschlag wegen der zur allerhöchsten Ehre und vorzüglichen 
Hoheit gereichenden Wiedereinführung des von Ihro May. Vorfahren 
Königen zu Hungarn und Königen zu Böheim ausgeübten Kechtes und 
Gebrauches der Sieglung mit der goldenen Bulle. 

12® Böheimische und Österreichische Diplomatik. 

13® Einleitung zur Böheimischen Münz Wissenschaft; aus einer mit 
eigenen Kosten zusammengebrachten Sammlung von mehr als dritthalb- 
hundei-t Böheimischen Münzverordnungen und etlichen hundert Münz- 
Auszügen aus andern Urkunden vom X*®" Jahrhunderte an. 

14® Besondere und zum Theile schon ausgearbeitete Nachrichten 
von der a. 1412 geschehenen Hungailschen Verpfandung des Zipser- 
landes an die Krone Polen; derer Mittheilung von dem obengedachten 
Kais. Königl. Bibliothek-Custode Kollär zu einer von demselben entworfenen 
Dissertation verlangt wird. 

15® Verschiedene andere Veimerke und Sammlungen, die Kays. 
Königl. Jura Ansprüche Anfallsrechte Anwai*tschaften und andere wichti- 
gere Gerechtsame betrefifend. 



77 

Von allen diesen ausserordentlichen Rosenthalischen Arbeiten 
werden die wirklichen Elaborata sowohl als die weiters zubereitete Nach- 
richten gehorsamst Yorgezeiget werden. 

Beilage A. 

S. oben S. 68, Anm. 1 und 2. 

Beilage B.^ 

Des Königl. Hungarischen Haus- und Eron-Archiyes beson- 
dere dermal ige Abtheilungen und Bubriken; bis zur künftigen 
genauem und Tollkommenern Ordnung. 

1. Erwerbung des Königreichs Hnngarn und dessen Zugehörungen, 
nebst den altern und Jüngern österreichischen Erbrechten und Gerecht- 
samen. — 2. Das Pürstenthum Siebenbürgen insbesondere betreffend. — 
3. Königlich Hungarische Hausordnungen und Verträge der Nachfolge 
und Regierung halber; Krönungssachen; Testamenten, Erbschaftssachen, 
Vormundschaften, Unterhaltung der Königlichen Kinder, genealogische 
und andere dergleichen Haussachen. — 4. Heyratssachen des Königlichen 
Hauses Hungarn; wittibliche Unterhaltungen und Abfertigungen. — 

5. Königliche Erwerbungen, Anfalle und Besitze allerhand einzelner 
Güter und örter; und deren Wiedervergebung und Veräusserung. — 

6. Königliche Pfandschaften und Wiederkäufsachen in Hungarn und 
zugehörigen Landen. — 7. Königliche Activ- und Passiv- Schulden- 
sachen. — 8. Königliche Jura circa Sacra; die Religion und andere 
geistliche Sachen betreffend. — 9. Königliche geistliche Stiftungen. — 
10. Bitterorden in Hungarn. — 11. Handlungen, Verträge und Bünd- 
nüsse mit den Päbsten und Kirchenvorsammlungen. — 12. Dergleichen 
mit den Römischen Kaysern und dem Reiche. — 13. Dergleichen mit 
Böheim, Mähren und Schlesien. — 14. Dergleichen mit Österreich. — 
15. Dergleichen mit Sachsen, Thüringen und Meissen. — 16. Dergleichen 
mit Polen. — 17. Dergleichen mit Venedig. — 18. Dergleichen mit den 
Türken. — 19. Ceremonialia. — 20. Die Stände und Innwohner in 
Hungarn und dessen Zugehörungen betreffend. — 21. Die Botzkayische 
Unruhe betreffend. — 22. Rebellionssachen des Bethlem Gabor und der 



' Die Beilagen B, C und D sind (mit vielen Fehlem) bereits bei Wolf, 
8. 213—216, gedruckt. 



78 

Uncatholischen Anhänger in Hungarn und andern Ländern. — 23. Die 
spätem Unruhen betreffend. — 24. DienstTerleihungen und Gegen- 
briefe oder Beverse. — 25. Verschiedene particular Parthey ensachen. — 
26. Miscella. 

Beilage C. 

Des Königl. Böheimischen Haus- und Kron-ArchiTes besondere 
dermalige Abtheilungen und Bubriken; bis zur künftigen ge- 
nauem und Yollkommenern Ordnung. 

1. Die Krone Böheim überhaupt, königliche Erwerbungstiteln und 
Haupt-Erbfolgerechte betreffend. — 2. Der Krone Böheim Lehen, Frey- 
heiten und Gerechtsame vom heil. Römischen Reiche. — 8. Königliche 
Hausordnungen und Vei-träge der Nachfolge, Regieiung und Theilungen 
halber; Krönungssachen ; Testamenten, Erbschaftssachen, Vormund- 
schaften, Unterhaltung der Königlichen Kinder, genealogische und andere 
Haussachen. — 4. Heyratssachen des Königlichen Hauses Böheim; wittib- 
liche Unterhaltungen und Abfertigungen. — 5. Der Könige zu Böheim 
persönliche und zeitliche Würden: vornehmlich die Römisch- Kayserliche 
und Königliche Wahlen betreffend. — 6. Der Römischen Kayser und 
Könige aus dem Königlichen Hause Böheim Reichshaussachen. — 7. Das 
der Krone Böheim von altersher einverleibte lehnbare Markgrafthum 
Mähren sammt dem Bissthume Olmütz betreffend. — 8. Den zur Krone 
Böheim erworbenen vormaligen Theil von Polen, nämlich das Herzogthum 
Ober- und Nieder-Schlesien ingesammt betreffend. — 9. Das Bissthum 
Bresslau und Fürstenthum Grotkau (oder Neiss) ins besondere betreffend. 

— 10. Das Herzogthum Bresslau ins besondere betreffend. — 11. Das 
Herzogthum Glogau und das davon nachmals abgesondei-te Fürstenthum 
Sagan betreffend, sammt dem ehemaligen besondern Herzogthume Steinau. 

— 12. Die Herzogthümer Liegnitz und Brieg sammt dem zugehörig ge- 
wesenen nachmaligen Fürstenthume Wohlau betreffend. — 13. Das 
Herzogthum Masovien und Plotzko betreffend. — 14. Das Fürstenthum 
Münsterberg betreffend. — 15. Das Füretenthum Öls betreffend. — 
16. Die Fürstenthümer Oppeln und Ratibor betreffend. — 17. Die Fürsten- 
thümer Schweidnitz und Jauer betreffend. — 18. Das Herzogthum Teschen 
und das davon entrissene vormalige Herzogthum Osswietz oder Auschwitz 
betreffend. — 19. Das Herzogthum Troppau und das davon nachmals 
abgesonderte Fürstenthum Jägerndorf betreffend. — 20. Die Abtretung 
des entrissenen grössten Theiles Schlesiens an Chur-Brandenburg be- 
treffend. — Not. Nach (Gott gebe) glücklichem Ausgang des gegen- 



79 

wärtigen Krieges werden nächst vorstehende Bnbriken der in dem Kron- 
archive zu Prag verborgen gebliebenen Schlesischen häufigen Urkunden 
den Umständen nach änderst eingerichtet werden. — 21. Die zum König- 
reiche Böheim von altersher einverleibte Grafschaft Glatz betreffend. — 

22. Die der Krone BOheim einverleibten und an Chur-Sachsen lehens- 
weise abgetretenen Grafschaften Ober- und Nieder-Lausitz betreffend. — 

23. Die an die Krone Böheim vormals gebrachte und gegen künftigen 
Bflckfall wieder veräusserte Mark Brandenburg betreffend. — 24. Das 
an die Krone Böheim gebi*achte und davon wieder getrennte Herzogthum 
Lntzemburg betreffend. — 25. Die an Böheim gediehene vormalige Beichs- 
pfandschaft Eger Stadt und Kreyss betreffend. — 26. Den zum König- 
reiche Böheim einverleibten Elbogner Kreyss betreffend. — 27. Die an 
die Krone Böheim gebrachten und derselben einverleibten Herrschaften 
und Güter in Bayern (oder Obern Pfalz) beti-effend. — 28. Dergleichen 
Herrschaften und Güter in Franken. — 29. Dergleichen in Sachsen, 
Thüringen, Meissen und dem Yogtlande. — 30. Die zur Krone Böheim 
gehörigen teutschen Lehen und Pfandschaften überhaupt und ins beson- 
dere betreffend. — 31. Die innländischen Böheimischen Lehen betreffend. 

— 32. Königliche Erwerbungen, Anfälle und Besitze allerhand einzelner 
Güter und Stücke; und derselben Wiederveräusserungen. — 33. König- 
liche Pfandschaften und Wiederkauf sachen in den Böheimischen Ländern. 

— 34. Königliche Activ- und Passiv-Schuldensachen. — 35. Königliche 
Jura circa Sacra; die Beligion und andere geistliche Sachen betreffend. — 
36. Königliche geistliche Stiftungen. — 37. Handlungen, Yerti^äge und 
Bündnüsse mit den Päbsten und Kirchenversammlungen. — 38. Hand- 
lungen, Verträge, Verbindungen und Vereinigungen mit den Bömischen 
Kaysern und dem Eeiche. — 39. Handlungen, Verträge, Bündnüsse und 
Einigungen mit Pfalz und Bayern. — 40. Dergleichen mit Sachsen, 
Thüringen und Meissen. — 41. Dergleichen mit Brandenburg. — 
42. Dergleichen mit Österreich. — 43. Dergleichen mit Salzburg. — 
44. Dergleichen mit Würzburg. — 45. Dergleichen mit Hessen. — 
46. Dergleichen mit den Burggrafen zu Nürnberg. — 47. Dergleichen 
mit den alten Herzogen in Kärnten und Grafen von Tirol. — 48. Der- 
gleichen mit den voimaligen Landgrafen zu Leuchtenberg. — 49. Der- 
gleichen mit Hungam. — 50. Dergleichen mit Prankreich. — 51. Der- 
gleichen mit Polen. — 52. Dergleichen mit den Türken. — 53. Cere- 
monialia. — 54. Die Stände und Innwohner in den Böheimischen Ländern 
betreffend, mit den gehörigen Eintheilungen. — 55. Privat- oder Par- 
theyensachen. — 56. Miscella. — 57. Alte Inventarien der Böheimischen 
Kronarchiv-Schriften und zugehörige Nachrichten. 



80 



Beilage D. 

Des Erzherzoglich österreichischen Haus-ArchiTes dermalige 

Abtheilungen und Bnbriken; bis zur künftigen genauem nnd 

vollkommenem Ordnung. 

1. Erwerbungen der österreichischen Lander und Besitze in gemein; 
und insonderheit des Erzherzogthums ÖsteiTeich unter und ob der Ens; 
von den ältesten Babenbergischen Zeiten her. Item Beichspfandschaften, 
Anwartschaften, Ansprüche und dergleichen Gerechtsame in gemein. — 
2. Erwerbung des Herzogthums Steyer; sammt den vorhergehenden altem 
Schriften. — 3. Erwerbung des Herzogthums Kärnten; sammt den altern 
Schiiften. — 4. Erwerbung des Herzogthums Erain, der Windischen 
Mark und Portenau etc. — 5. Erwerbung der Grafschaft Tirol etc. — 
6. Erwerbung der Grafschaft Görz etc. — 7. Ei-werbung der Grafschaft 
Gili etc. — 8. Erwerbungen, Besitze und Gerechtsame ia Schwaben. — 
9. Erwerbungen, vormalige Besitze und Gerechtsame im Elsasse und 
Sundgau. — 10. Erwerbungen, vormalige Besitze und Gerechtsame in 
der Schweiz. — 11. Erwerbungen, Besitze und Gerechtsame in Grau- 
bündten. — 12. Erwerbungen, Besitze und ältere Gerechtsame in 
Italien. — 13. Erwerbung der Burgundischen Länder; sammt den altern 
Schriften. — 14. Erwerbung des Herzogthums Würtemberg und Teck; 
und nunmehriges Rückfallsrecht. — 15. Erzherzoglich Österreichische 
Reichsbelehnungen und Lehensanwartschafben. — 16. Des Erzhauses 
Österreich Privilegien und Gerechtigkeiten vom Komischen Beiche. — 
17. Enhenoglich Österreichische Hausordnungen und Verträge der Nach- 
folge, L&ndertheilung und Regierung halber; Huldigungssachen; Testa- 
menten, Erbschaftssachen, Vormundschaften, Unterhaltung der Erz- 
herzoge; genealogische und andere Haussachen. — 18. Heyratssachen 
des Erxhauses Österreich ; wittibliche Unterhaltungen und Abfertigungen. 

— 19. Der Erzherzoge zu Österreich persönliche und zeitliche Würden: 
vornemlich die Röhmisch-Kayserliche und Königliche Wahlen betreffend. 

— 20. Der Römischen Kayser und Könige aus dem Erzhause Österreich 
Reichshaussachen betreffend. — 21. Der Erzherzoge zu Österreich andere 
persönliche Würden, als geistliche Dignitäten, fremde Ritterorden und 
dergleichen. — 22. Des Enhauses Österreich erworbene Herrschaften, 
Güter und Stücke, welche von geistlichen Fürsten und Stiftern zu Lehen 
gerühret haben oiier noch rühren; als: Österreichische Lehen von Agley; 

— 23. österreichische Lehen von Nieder- Altach; — 24. von Bamberg; 

— 25. von Chiemsee; — 26. von Freysingen; — 27. von Fulda; — 



81 

28. von Sanct Gallen; — 29. von Gurk; — 30. von Passau; — 31. von 
Sanct Paul; — 32. von ßegensburg; — 33. von Salzburg; — 34. von 
Strassbnrg. — 35. Landesfürstliche Lehenverleihungen und Gegenbriefe. 
Nach den Ländern eingetheilet. — 36. Landesfürstliche Erwerbungen, 
An&Uo und Besitze allerhand einzelner Güter und Stücke; und derselben 
Wiederveräusserungen. — 37. Landesfürstliche Pfandschaften und Wieder- 
kaufeachen in den Österreichischen Ländern. — 38. Erzherzoglich Öster- 
reichische Activ- und Passiv-Schuldensachen. — 39. Landesfürstliche 
Jura circa Sacra; die Religion und andere geistliche Sachen betreffend. — 
40. Österreichische geistliche Stiftungen. — 41. Bitterorden in Öster- 
reich. — 42. Handlungen, Verträge und Bündnüsse mit den Päbsten 
und Kirc^enversammlungen. — 43. Handlungen, Verträge und Ver- 
bindungen mit den Römischen Eaysern und dem Reiche. — 44. Der- 
gleichen mit Chur-Maynz. — 45. Dergleichen mit Chur-Trier. — 46. Der- 
gleichen mit Chur-Cöln. — 47. Dergleichen mit Böheim, Mähren und 
Schlesien. — 48. Dergleichen mit Pfalz und Bayern. — 49. Dergleichen 
mit Sachsen, Thüringen und Meissen. — 50. Dergleichen mit Branden- 
burg. — 51. Dergleichen mit Salzburg; — 52. mit Bamberg; — 53. mit 
Freysingen; — 54. mit Regensburg; — 55. mit Passau; — 56. mit 
Trient; — 57. mit Brixen; — 58. mit Münster; — 59. mit Chur; — 
60. mit Burgnnd; — 61. mit Braunschweig; — 62. mit Würtemberg; — 
63. mit Hessen; — 64. mit Baden; — 65. mit Mayland; — 66. mit 
den alten Herzogen in Kärnten und Grafen von Tirol; — 67. mit den 
Grafen von Görz; — 68. mit den Grafen von Cili; — 69. mit Hispanien; 
— 70. mit Hungam; — 71. mit Prankreich; — 72. mit Engelland; — 
73. mit Schweden; — 74. mit Dänemark; — 75. mit Polen; — 76. mit 
Bussland; — 77. mit Holland; — 78. mit Venedig; — 79. mit der 
Schweiz; — 80. mit den Graubündtnern ; — 81. mit Ragusa; — 82. mit 
dem Hause Carraria. — 83. Ceremonialia. — 84. Die Stände und 
Innwohner in den Österreichischen Ländern betreffend mit ihren Ein- 
theilungen. — 85. Dienstverleihungen und Gegenbriefe oder Reverse. — 
|86. Privat- oder Parthey ensachen. — 87. Miscella. — 88. Alte Inven- 
tarien der österreichischen Archiv-Schriften und andere dazu gehörige 
Nachrichten. 



ArclÜT. XCII. Band. T. Uilfte. 



Inhalt. 



SMte 
Vorbemerkung 3. — Literatur 4. — Abkürzungen 6. 

I. Aeltere Tersache. Vor 1749 6 

Mittelalter 6. — Maximilian I. 7. — LKndertheilnng von 

1664 10. — Josef I. 10. — Karl VI. 12. — Marja Theresia 16. 

II. OriBdanf. 1749 18 

OrÜndungsbefehl 18. — Rosenthal Hausarchirar 19. — 

Denkschriften über Art und Beschaffung der Bestftnde und die 

Einrichtung des Archivs 20. 

III. Sammelarbelt. 1749--1762 si 

Rosenthals Reisen: nach Prag 32, nach Innsbruck 34, nach 
Chraz 37, nach Wiener-Neustadt 38. 

IV. Elnriehtniig. 1763—1762 39 

Unterbringung 39. — BeamtenkOrper 43. — Bartensteins 
Einrichtnngsplan 49. — Ergänzungen der Bestftnde 63. — Barten- 
stein und Rosenthal 66. — Drohende Entziehung der Räume 67. 

V. Unterordnamg unter die Staatskanslei. 1762. 1763 .... 69 
Verwaltnngsreform 1761 69. — Kaunitz oberster Chef des 
Archivs 60. — Denkschrift Rosenthals 61. — Kaunitz über Ent- 
lohnung und Erfordernisse des Archivdienstes 64. — Erweitierung 
der Archivränme 64. — Rosenthals zweiter Nachfolger Abb6 
Schmidt 66. 
Anhang: Denkschrift Rosenthals über die Einrichtung des Archivs. 

e. 1762 67 



DIE ALTESTEN 

STATUTEN VON TRIENT 

UND 

IHRE ÜBERLIEFERUNG. 



VON 



D» HANS VON VOLTELINI. 



6* 



Einleitung. 



U nter den Statuten der italienischen Gebiete Österreichs 
nehmen die Trienter an Älter und Bedeutung den hervor- 
ragendsten Rang ein. Sie sind die Grundlage gewesen^ auf 
der sich die Rechtsentwicklung des italienischen Südtirols bis 
in die Zeit der österreichischen Compilationen des 18. Jahr- 
hunderts und bis zur Säcularisation des Hochstiftes Trient im 
Jahre 1803 fortgebaut hat.^ Sie liegen trotz mancher Ab- 
weichungen auch den jüngeren Statuten von Riva, aber auch 
den Statuten von Rovereto und Telvana, Ivano und Castellalto, 
also auch jener Theile Südtirob, die seit dem Ausgange 
des Mittelalters unmittelbar mit Tirol verbunden waren, zu 
Grunde.' Eine lange und lebhafte Discussion hat sich an diese 



* Naeh dem Statut des Bischofs Alexander tod 1425, Hb. 1, c. 88, gleich- 
lautend des, lib. 1, c. 144, hatten sie Geltung in allen bischöflichen Ge- 
richten des Hochstiftes. Sie kamen aber auch in vielen südtirolischen 
zu Tirol gehörigen Gerichten in Verwendung, vgl. Kapp, Beiträge zur 
Geschichte, Stetistik u. s. w. von Tirol 3, 124, 8. 8. 

^ Vgl. Sartori-Montecroce in Zeitschrift des Ferdinandeums III, Bd. 36, 29, 
44, wonach die Trienter Statuten subsidiär auch ip Fleims galten. 
Rapp, Beiträge, S. 67 über die Statuten von Ivano, Telvana und 
Castellalto, 70 Arco, 71 Penede, 72 Rovereto, 78 Pergine, 80 Vier Vi- 
cariate, 81 Ledro, 82 Riva und ihr Verhältnis zu den Trienter Statuten. 
Die civil- und criminalrechüichen Bestimmungen dieser Statuten sind 
fast durchgehends den Trientem entnommen; nur die Gemeindeange- 
legenheiten, dem Liber de Sindicis entsprechend, sind selbstständig 
geordnet Wenn diese Statuten den deutschen Gerichtsweisthümem 
entsprechen, sind die Statuten und Regole, die fast jedes Dorf besass, 
den Dorfweisthümem zu vergleichen. Sie enthalten Bestimmungen über 
Gemeinde- und markgenossenschaftliche Angelegenheiten (vgl. über die 
Regole Schupfer, Manuale di Storia del diritto Italiano 292, Rapp, Bei- 
träge, S. 8). Diese Regole und Statuten zeigen natürlich eine grosse 



86 

Statuten geknüpft^ seitdem Prof. Johann Adolf Tomaschek im Ar- 
chiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen 26 die ältesten 
Statuten der Stadt und des Bisthums Trient in einer deutschen 
Fassung nach dem Codex 468 (schwarz) des Wiener Haus-, 
Hof- und Staatsarchivs verö£fentlicht hat. Während seitdem 
von deutscher Seite wenig Neues beigebracht wurde, haben 
Trienter Gelehrte die Frage mit Energie aufgegriffen. Ins- 
besonders Bartolomeo Malfatti^ und Desiderio Reich' haben 
sie durch eine Reihe von Aufsätzen bedeutend gefördert. Die 
Resultate ihrer Forschungen sind trotzdem in weitere Kreise 
nicht igedrungen. Meinen Standpunkt habe ich schon mit 
kurzen Worten in dem Aufsatze: Zur Geschichte des ehelichen 
Güterrechtes in Tirol ' und in der Vorrede zum zweiten Bande 
der Acta Tirolensia^ angedeutet. Nun glaube ich zwar dort 
keineswegs in Räthseln gesprochen zu haben, wie Prof. Reich 
im Tridentum 2, 236^ n. 1 meint, aber doch fühle ich mich 
verpflichtet, für meine Ansicht endlich den Beweis anzn- 
treten. i 

Heute, wo die Frage nach der politischen Stellung des 
Trentino neuerdings in Diseussion gestellt ist, halte ich ea nicht 
für überflüssig, zu betonen, dass mich lediglich das wisseor 
schaftUche und rechtshistorische Interesse an diesem Probleme 
zu meiner Arbeit gereizt hat, da^s mir politische und nationale 
Motive und Tendenzen hier wie bei meinen firüheren Arbeiten 
vollkommen fern liegen, dass ich es aber allerdings für die 
Pflicht der Wissenschaft halte, die Resultate ehrlicher For- 



Buntheit in der Ordnung' der localen Verhältnisse gans wie die deutsch- 
tiroUschen Weisthümer. 

' In einem im Giornale di filologia romanaia Nr. 2 erschienenen Aufsatse: 
Degli Idtomi parlati anticamerite nel Trentino. Hier dttert nach einem 
l^eparatabdrucke. 

' Del pi(i antico Statuto della citta di Trento, Programm des Giunasio 
Superiore di l'reuto 1888 — 1889, Nuovi contributi per lo Statuto di 
Trento, Nozse Casagrande-Simonini, Trei^to 1893, und Ancora delP antico 
statuto di Trento in Zeitschrift Tridentum 2. An Reich schliesst sich 
auch Sartori an, Zeitschrift des Ferdinandeums III, Bd. H6^ 9. 

' S. 4, n. 8. Sonderabdruck aus Festgaben ,für Bttdinger. 

* XXXIII, u. ^. 



87 

Bchung rundweg zu bekennen^ mögen sfe auch sonst unange- 
nehm und bitter scheinen. 

Zum Schlüsse fühle ich mich verpflichtet^ allen jenen^ 
welche sich um das Zustandekommen dieser Arbeit Verdienste 
erworben haben, meinen wärmsten Dank auszusprechen^ vor 
allem der gräflichen Familie Thun und Hohenstein von Castell 
Thun-Belvesino für die hochherzige Zulassung zur Benützung 
der im Archive des Schlosses Thun-Belvesino erliegenden wert- 
vollen Statutenhandschriften, Herrn Prof. Desiderio Reich fiir 
die gütige VermitÜung bei der gräflichen Familie Thun, Herrn 
Hofrath und Director des k. und k. Haus-, Hof- und Staats- 
archivs in Wien Dr. Qustav Winter und den Herren Beamten 
des Haas-, Hof- und Staatsarchivs, namentlich meinen lieben 
Freunden Vaclav Eratochvil und Dr. Arthur Goldmann^ der 
Direction und den Herren Beamten des Innsbrucker Statt- 
haltereiarchivs, den Directionen der Innsbrucker Universitäts- 
bibliothek, der Münchner Hof- und Staatsbibliothek und der 
Stadtbibliothek in Verona und Herrn Custos Konrad Fischnaler. 

Innsbruck, December 1901. 



1. 

Die Statuten des 14. Jahrhunderts. 



jüie Handschrift 468 (schwarz) des Haus-^ Hof- und Staats- 
archivs, welche den von Tomaschek mitgetheilten Text der 
Statuten enthält,^ trägt am Ende den Vermerk des Schreibers, 
den Tomaschek auf S. 204 nicht ganz genau wiedergegeben 
hat. Schon Reich ^ hat festgestellt, dass der Auftraggeber des 
Heinrich Langenbach, Schreibers des Codex, Heinrich Stang 
dort nicht als capitaneus Castri Novi, sondern als Hauptmann 
des Schlosses Nomi bezeichnet wird. In der That ist die 
Lesung Nomi über allen Zweifel erhaben. Der Vermerk ist 
datiert anno etc. sexagesimo tercio, feria 2* post domine ne 
longe facias. Tomaschek ergänzte dieses Datum zu 1363 und 
kam damit zur Ansicht, dass die Handschrift noch dem 
14. Jahrhunderte angehöre. Und doch hätte schon die Art 
der Datierung zur Vorsicht mahnen sollen. Bekanntlich ist 
die sogenannte Datierung nach der minderen Zahl, welche nur 
die Zehner und Einer mit Auslassung des Jahrhunderts bietet, 
erst im 15. und 16. Jahrhundert zur allgemeinen Anwendung 
gelangt. Nur in Copialbüchem findet sie sich schon früher.' 
In Trienter Codices dieser Art ist nun allerdings diese Da- 
tierungsart schon im 14. Jahrhundert verwendet worden, aber 



* Ihre Beschreibung in der Ausgabe von Tomaschek, Archiv für Kunde 
österr. Geschichtsquellen 26, 92. 

' Im Archivio Trentino 11, 134, und zwar auf Grund einer durch Herrn 
Prof. Karl Äusserer in Wien vermittelten Auskunft des Verfassers dieses 
Aufsatzes, die sich auch auf das Alter der Handschrift bezog. 

' Grotefend, Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit 1, 
123, unter ,mindere zahl' n. 1. 



89 

doch nicht häufig vor Ende des 14. Jahrhunderts^' kaum aber 
bei vereinzelter Zeitangabe. 

Das Entscheidende ist aber der Charakter der Schrift. 
Tomaschek spricht^ von der im 14. Jahrhunderte übUchen 
Minuskel, jedoch mit Unrecht. Die Schrift unseres Codex 
weist keineswegs auf das 14., sondern auf das 15. Jahrhundert 
hin. Während im 14. Jahrhunderte der gotische Schrift- 
charakter auch in der Cursive mehr oder weniger erkenntlich 
ist,^ verräth unser Codex keinerlei gotische Reminiscenzen. 
Die Schrift ist nicht mehr eckig, sondern zeigt runde, schon 
unter dem Einflüsse der Humanistenschrift stehende Formen. 
Altere Schriftzeichen, wie das ftir das 14. Jahrhundert so cha- 
rakteristische a mit der Doppelschlinge, das sich im Lehen- 
register des Bischofs Albrecht gerade in Urkunden aus dem 
Jahre 1363 findet,^ fehlen in unserem Codex ganz, sowie auch 
in anderen Trienter Handschriften aus der zweiten Hälftie des 
15. Jahrhunderts.^ Für d ist die schlingenlose Form mit 
schiefem Oberschafte, jedoch ohne die Ecken der Gotik be- 
liebt, eine Form, die sich in Trienter und Tiroler Hand- 
schriften aus der Mitte des 15. Jahrhunderts findet.^ Ebenso 
entbehrt das / der oberen Schlinge, wie auch sonst in Trienter 



* So im Lehensbuche Bischof Alberts von Ortenburg, Capsa 22, Nr. 1, 
Innsbrucker Statthaltereiarcbiy, f. 75', wo drei Stücke eingetragen sind, 
das erste mit der vollen Jahreszahl 1368 (sie!), das zweite und dritte 
anno etc. LXX nono, während ein viertes wieder voll datiert ist. Eben- 
dort f. 119 beginnt ein Lehensregister des Bischofs Georg. Hier wird 
nun diese Datierungsform häufiger, f. 120: Datum anno etc. LXXXXI, 
die Xin. aprilis, namentlich bei Stücken, die sonst stark gekürzt sind, 
f. 124 und 125 ebenda von 1391, f. 126, 130, 133, 135 in Urkunden von 
1391 und 1392; aber doch überwiegt noch immer die volle Datierung. 

' a. a. O. 93. 

* Wie im Lehenregister des Bischofs Albrecht von Orteuburg, Capsa 22, 
Nr. 1, in denen des Bischofs Georg ebendort und Capsa 22, Nr. 3, beide 
Innsbrucker Statthaltereiarchiv. 

* Capsa 22, Nr. 1, f. 9, Innsbrucker Statthaltereiarchiv. 

* z. B. Capsa 22, Nr. 6 und 7, Register der Bischöfe Georg Hacke und 
Johann Hinderbach. 

* z. B. Capsa 22, Nr. 7, f. 23 (Hand des Wilhelm Kottaler), häufiger doch 
in älteren Codices des 15. Jahrhunderts: z. B. Capsa 27, Nr. 6, f. 242 
(1447), 229' (1456); Nr. 5, f. 126' (1440), f. 246 (1455); ebenso in den 
Lehensregittern des Erzherzog Sigismund (Nr. 3 und 4 der Tiroler 
Lehensregister des Innsbrucker Statthaltereiarchivs). . 



90 

Codices. ^ Auch die übrigen Buchstabenformen hissen sich 
sämmtlich in Trienter und Tiroler Handschrii^n aus der Mitte 
des 15. Jahrhunderts belegen. Erwähnt mag noch die eigen- 
thilmliche Form des k werden, die sich in den Lehensregistem 
Sigismunds wiederfindet. Für r wird das sogenannte runde 
r verwendet, wie sonst häufig in den Handschriften des 
15. Jahrhunderts.* Am nächsten stehen der Schrift unseres 
Codex die Trienter Lehensregister Capsa 27, Nr. 5 und 6, und 
die Hand des Wilhelm Rottaler in Capsa 22, Nr. 7, sowie 
das Lehensregister Sigismunds Nr. 4 mit Urkunden aus den 
Sechzigerjahren. Vorgeschrittener dagegen ist der grösste 
Theil von Capsa 22, Nr. 7, indem die cursiven Elemente, die 
in diesem Registerbuche auftreten, im Statutencodex noch eine 
recht bescheidene Rolle spielen. Man wird daher die Schrift 
unzweifelhaft dem 15. Jahrhundert zutheilen, dabei aber an 
einen bejahrteren oder conservativen Schreiber denken müssen. 
Ganz denselben Eindruck wie aus der Schrift gewinnen 
wir aus Orthographie und Sprache.* Nii^ends finden wir hier 
Spuren älterer Formen, wie sie uns in anderen tiroUschen 
'Sprachproben des 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts be- 
gegnen;^ beide machen durchaus einen sehr fortgeschrittenen 
Eindruck. Es treten zugleich Erscheinungen auf, die gerade 
ftir die Entwicklung des 15. Jahrhunderts bezeichnend sind, 
das Eintreten des ei ftir älteres ai, des 6 ftir lü, «cA (schlecht) 
ftir älteres s, o ftir a (bot), k ftir ch. Der Dialekt der Handschrift 
ist der bayrisch-tirolische der Zeit. Eigenthümlich berührt das 
häufige Eintreten von b und |^ ftir u? und die Form TVinf, die 
sonst in Tirol, so viel mir wissentlich, nicht gebräuchlich ist. 

> z. B. Capsa 22. Nr. 6, f. 300 (1457); Nr. 7, f. 24' (Hand RotUlers), »onüt 
hier schon meist mit Schlinge. 

> Capsa 22, Nr. 6, f. 200 (wahrscheinlich 1454), f. 314'— 315 (1462), ver- 
einzelt aach in Nr. 7, f. 11 (1469), f. 64 (1470). 

' Ich verdanke die folgenden anf die Sprache bezüglichen Bemerkungen 
meinem sehr geehrten Herrn CoUegen Dr. Josef Schatz, dem ich hiefQr 
meinen besten Dank ausspreche. 

^ Statt aller anderen verweise ich auf eine bald nachher verfasste Über- 
setzung des Friedens zwischen Herzog Friedrich von Österreich nnd 
Venedig von 1407 Juli 2, Liclinowsky 5, Reg. 908, die Formen bietet 
wie: heamanod, cze, ^wikgleich, gdtiw, merkleich, hersogleich, fründ- 
3chaft, euch, diuselbe, debain, arkchwan u. s. w. Wien, Staatsarchiv. 



91 

Somit weisen Schrift und Sprache unsere Handschrift Ins 
15. Jahrhundert, und zwar ins Jahr 1463. 

Aber auch die in der Unterschrift des Codex genannten 
Personen und ihre Umstftnde ergeben dasselbe Resultat. Zwar 
den Famulus Heinrich Langenbach nachzuweisen, ist noch 
nicht gelungen. Wohl aber findet sich sein Auftraggeber, der 
Hauptmann von Nomi Heinrich Stang. Tomaschek hat ihn 
mit der Familie der Herren von Stenico Zusammengebracht,^ 
mit Unrecht, wie schon Mal&tti' bemerkt hat. Inzwischen 
hat ihn Reich, und zwai* ak Hauptmann von Nomi, in einer 
Urkunde von 1449 October 35 nachgewiesen.^ Das Schloss 
Nomi,^ am rechten Ekschufer etwas unterhalb Calliano gelegen, 
gehörte im 14. Jahrhunderte den Herren von Castelbarco mit 
allem Zubehör und der hohen G^chtsbarkeit im Dorfe Nomi.^ 
Damals war, wie schon Reich richtig bemerkt, kein Platz fttr 
jeinen deutschen Hauptmann in Nomi.* Sehr verwickelt sind 
die Schicksale des Schlosses und der Herrschaft Nomi im 
15. Jahrhunderte gewesen. Seit 1416 befitnd es sich in der 
Hand Aldrighets von Castelbarco, aber nur als Pfttnd vom 
Herzog Friedrich von Österrisich, der es dem mit Venedig ver^ 
bttndeten Marcobrun von Castelbarco abgenommen hatte. ^ 



* Ä. a. O. 93, D. 2. 

* Degh Idiomi 22, n. 2. 

^ Arehivio Trentino 11, 118. 

* Vgl. die Notixen von Reich im Arohlvio Trentioo 11, 114, u. 1 und 2. 

' Lehensweisnng des Peter Anton, Sohn des Nicolau8 von Castelbarco: 
. . . Item dossum castri Nomit sitnatum in plebatu Lagari necnon omnes 
inrisdictiones deoimas honores exempciones et omnia alia quecumque 
fortalicia et bona fendalia, que tenebantur et possidebantur per oondam 
df- predeceesores feudatarios de ipso dosso et oastro Nomii et qne nunc 
per ipeos fendatarios modemos vel alium seu alios eornm in dictitf per- 
tinentiis et valle Lagaris tarn eitra quam ultra Athasim tenentur et 
posndentnr. Item omnes iurisdictiones civiles et oriminales mixtum et 
merum imperinm Tiilamm infrasoriptarum . . ., videlicet . . . ville Nomii. 
1376 Jänner 13. Capsa 22, Nr. 1, f. 60—60', Innsbrucker »tatthalterei- 
acchiv. 

^ Zotti, 8toria della valle Lagarina 1, 273; Jttger, Denkschriften der Aka- 
demie der Wissenschaften in Wien 9, 260; Ravanelli, Contribnti alla 
Storia del domtnio veneto nel Trentino, Archivio Trentino 11, 105. 
Schon 1415 ist Nomi in Friedrichs Händen. Unter diesem Jahre findet 
sich der Pfandrevers eines Caspar Oredner um 800 Ducaten vermerkt 
im Schatxarchiv-Repertorium 2, 206, Innsbrucker Statthaltereiarchiv, 



92 

Wenn schon diese Verpfändung von Nomi im ZuBammennange 
stand mit dem Verluste von Rovereto an die Venezianer^ den 
Adrighet zu tragen hatte^ so war Nomi in der Folge sicher 
auch durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen^ den die 
Venezianer gegen den Bischof Alexander von Trient und die 
Castelbarker führten, die mit dem Herzoge von Mailand Fi- 
lippo Maria verbündet waren.^ Dass es aber 1440 in vene- 
zianische Hände gefallen sei, wie Zotti annimmt,' ist nicht 
richtig. 

Aldrighet von Castelbarco, der in Folge des letzten Vene- 
zianer Krieges um fast alle seine Besitzungen gekommen war, 
überiiess den Pfandbesitz von Nomi sdnem Vetter Johannes 
Castelbarco von Castelnuovo, der ihm auf Intervention des 
Herzogs Sigismund daftlr eine Ablösungssumme von 4000 Du- 
caten zu zahlen gelobte.' Aber auch Trient wahrte sein 
Lehensrecht Wie Bischof Alexander im Jahre 1424 den 
Herzog Friedrich mit Nomi belehnt hatte/ so belehnte Bischof 
Georg den Marcobrun von Castelbarco-Beseno 1447 Novem- 
ber 12 mit den Schlössern Beseno und Nomi und allen zuge- 
hörenden Rechten und der hohen Gerichtsbarkeit in der Piarre 
Volano, in Terragnol, Castelbarco u. s. w.^ Sicher ist es, dass 
die Belehnung fUr Volano und Terragnol einer praktischen Be- 
deutung entbehrte, weil diese Orte damals in venezianischen 
Händen waren. Nicht anders scheint es mit Nomi gewesen 
zu sein. Denn während die Grenzen der Herrschaft Beseno 
genau angegeben werden, wird Nomi nur nebenher erwähnt. 



Die Darvtellung^ im Texte nach dem Regest im SchatBarchiv-Repertorium 
5, 1259 : Ain Instrument, wie her Aldriget von Castelbarck seinem vet- 
tern herr Uannsen übergibt die herrschaft Numi, so heraog Fridrich von 
Österreich herm Marcobrunn von Castelbarck und Pisein, umb das er 
mit Venedig pflndtnis angenommen het, abgewonnen und gemeltem herm 
Aldriget umb UU^ ducaten versecet 144S. Innsbrucker Statthalterei- 
archiv. Über die Haltung des Marcobrun von Beseno vgl. Ravanelli 
a. a. O. 93, 101. 
< Egger, Geschichte Tirols 1, 529, 535 f. 

* 1, 308; vgl. auch Ravanelli a. a. O. 242. 

* Schatiarchiv-Repertorium 5, 1259. Der Voi^gaug wird auch ersählt in 
. Urkunde von 1468 November 9, Capsa 22, Nr. 7, f. 231—232'. Inns- 

brucker Statthaltereiarchiv. 

* Schatiarchiv-Repertorium 3, 295. 

^ Lehenregister Bischofs Georg, Capsa 22, Nr. 6, f. 102—102'. 



9ä 

Um diese Zeit mag der Bischof in Nomi, das ja hart an der 
venezianischen Grenze lag^ Besatzung und einen Hauptmann 
besoldet haben, gerade wie es die Venezianer früher in Beseno 
gehalten hatten.^ Bald kam übrigens Nomi völlig in die Hände 
des Bischofs. Johannes von Castelbarco suchte sein Heil im 
Anschlüsse an die Republik des heiligen Marcus und unter- 
liess es, seine Lehen vom Bischöfe von Trient zu muthen. Des- 
halb wurden ihm die Lehen abgesprochen. Die Qrafen von 
Lodron vollf&hrten die Sentenz und nahmen die Schlösser des 
Johann ein. Castelnuovo und Castellazzo wurden den Grafen 
Georg und Peter von Lodron zu Lehen verliehen,* Nomi be- 
hielt Bischof Georg selber. Als im selben Jahre die Gradner 
Fehde entbrannte, gestattete zwar der Bischof dem Herzog 
Sigismund, Nomi in dem Falle einzulösen, wenn er ihm das 
Schloss Beseno nicht verieihen würde, sobald es den Gradnem 
abgenommen wäre.' Nachdem aber die Übergabe Besenos an 
Sigismund erfolgt war, verzichtete der Herzog auf alle An- 
sprüche auf Nomi und Zubehör.^ Zunächst blieb nun das 
Schloss unbestritten in den Händen der Kirche von Trient, zu 
deren Gunsten auch die Kinder Aldrighets im Jahre 1468 auf 
alle Rechte verzichteten.*^ Erst später erhob die Witwe Johanns 
von Castelbarco namens ihrer Kinder Ansprüche auf Nomi, und 
diese sind denn auch 1491 in der That durch König Maxi« 
miHan in den Besitz des Schlosses gelangt,^ das sie 1494 an 
König Maximilian verkauften.^ Aus alldem geht hervor, dass 
nur im 15. Jahrhunderte Platz für einen bischöflichen Haupt« 
mann in Nomi ist, dass dieser im Jahre 1463 sicher auch mit 

^ Ravanelli a. a. O. 93. 

' Lehenbnch Bischof Georgs, 1456 April 9, Capna 22, Nr. 6, f. 195, Inns- 

bracker Statthaltereiarchiv; Zotti a. a. O. 331. 
> Jiger a. a. O. 261. 

* 1460 M&rz 21, Lehenregister Sigismunds 3, f. 55', Innsbrucker Statt- 
haltereiarchiv. 

* Lehenregister Bischof Johanns von Hinderbach, Capsa 22, Nr. 7, f. 231 
bis 282'. 

' Sehatsarchiv-Repertorium 5, 1262. In venezianische Hände gefallen, 
wurde es von Venedig im Frieden von 14S7 an den Papst abgetreten, 
der darüber wie über die übrigen venezianischen Erobeningen erkennen 
sollte and es dem KOnig Maximilian zusprach. 

* Schatzarchiv-Repertorium 4, 120. Über die späteren Schicksale vgl. 
Bidermann, Die Italiäner im ttroUschen Provinsialverbande 97. 



94 

der Vei*waltuDg der hohen Gerichtsbarkeit, deren Ansübong in 
den bischöflichen Gerichten damals den Hanptleuten übertragen 
war, betraut war, und dass er daher Interesse haben konnte, 
sich einen ihm verständlichen Text der Statuten zu verschaffen. 
Nicht lange nach 1463 ist übrigens Heinrich Stang Hauptmann 
in Nomi geblieben. Während der Sedisvacanz des Trientaer 
Bisthums beantragten die herzoglichen Verwalter des Bisthums 
bei Herzog Sigismund einen Tausch, wonach Stang die Haupt 
mannschaft in Toblino und Nomi ein Hanns von Kitlycz erhalten 
hätte. 1 

Wenn nun auch Handschrift 468 des Staatsarchivs dem 
Jahre 1463 angehört, so kann ihr sehr wohl eine ältere zu 
Grunde liegen. Denn wie bereits Tomaschek* und Reich' 
bemerkt haben, gibt sich der Famulus Langenbach selber nur 
als Copist einer älteren Vorlage. Dies wird zur Gewissheit 
durch einen Vergleich mit der zweiten deutschen Handschrift 
der Statuten, die sich im Archive des Schlosses Thun-Belvesino 
im Nonsberge befindet Obwohl sie schon Gar in seinem Kata- 
loge dieses Archivs erwähnt,^ ist sie doch bisher unbeachtet 
geblieben. Ich muss mir daher gestatten, etwas näher auf 
diese Handschrift einzugehen.^ 

Th besteht aus 41 Papierfolien, 37 X ^6*5 cm., die in zwei 
Lagen gelegt und geheftet, aber nicht zusammengebunden sind.. 
Das Vorderdeckblatt und die zwei letzten Blätter sind leer ge- 
blieben. Jenes trägt nebst der Archivsignatur VH von einer 
Hand des 15. Jahrhunderts mit rother Tinte die Aufschrift: 
,Statuten des bistumbs / ze Trienndt.^ Eine spätere Hand 
(16. Jahrhundert) bemerkte: ,Statuto di Trento del vescovo 
Nicolo(?)*, eine Bemerkung, die eine Hand des 17. Jahr- 
hunderts durchstrichen und durch die völlig unrichtige Be- 



* Schatzarchiv-Repertorium 6, 709: Die Tconomi ku Trient bitten erzherzog 
Sigmunden, die pfleg zu Toblin Hainrichen Stanngen zn verleihen und 
Nami Hannsen von Kitlycz, 1465. 

« Archiv 26, 93. 

* Del piü antico statnto, 34. Später hat Reich den Langenbach als den 
Obersetzer betrachtet, Archivio Trentino 11, 115; Tridentum 2, 23S. 

* L* archivio del castello di Thun, Trento lSo7, 21. 

* Im Folgenden werde ich die von Tomaschek gedruckte Becension der 
alten Statuten mit T, der sogenannten neuen mit T, den Codex Thun 
mit Th und Th' bezeichnen. 



dr> 

%eic\inung: ,Üdalrico e Cristofbro^ ei*setzt hat. Die beschrie- 
benen Blätter sind von einer späteren Hand am Rande oben 
foliiert. Eine zweite^ ursprüngliche Folienzählung am unteren 
Rande ist nur zum Theile durchgefllhrt worden. Der Codex 
ist von Einer Hand geschrieben, die der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts angehört und entschieden jünger ist als die* 
jenige, welche T geschrieben hat. Die Schrift ist dick und 
ungeschlacht. Den Titelrubriken geht ein roth gemaltes C 
voran. Ein Verzeichnis der Capitel von anderer gleichzeitiger 
Hand auf 6 Papierfolien ist in demselben Archive vorhanden 
und trägt die Signatur YHI. Durchaus verweist es auf die 
Folien unserer Handschrift. 

Weder im Codex noch im Titelverzeichnis sind die Ca- 
pitel gezählt, ebensowenig in T und Ty indem die Zählung in 
der Ausgabe von Tomaschek herrührt. Folio 1 der Thun'schen 
Handschrift trägt die Überschrift: ,Die Statuten zu Trient und 
auf Nons etc.' Darauf folgt die eigentliche Rubrik der alten 
Statuten, gleichlautend wie in T.^ Auf f. 22 endigen die so- 
genannten alten Statuten mit der Bemerkung: ,£t hec de sta- 
tutis antiquis dicta suf&cient pro nunc' Eine andere Hand 
schrieb mit Rubrum darüber; ,Nova statuta sequutitur', während 
die Hand des Schreibers die Rubrik der neuen Statuten wie 
in T' bringt: ,Hie vahent an die newen statütt.' Vergleichen 
wir nun den Inhalt der beiden Handschriften, so ergibt sich, 
dass T und Th sich in der Zahl und Reihenfolge der einzelnen 
Capitel vollständig decken. Nur die am Schlüsse angefügte 
Bemerkung über die Münze T, c. 77, und die Unterschrift des 
Schreibers fehlen in Th. Was den Text betriflFl, so folgt Th^ 
wie nicht anders zu erwarten, einer durchaus veränderten und 
selbstständigen Orthographie,' die derjenigen völlig entspricht, 
der wir in anderen deutschen Tiroler Urkunden dieser Zeit 
begegnen; namentlich finden wir hier durchaus die gebräuch- 
liche Schreibung Trient. Wir dürfen daher unbedenklich auf 
einen Tiroler als Schreiber von Th schliessen. Der Text beider 
Handschriften enthält zahlreiche Varianten; Th bietet aber 
mehrfach ein Plus gegenüber T und T\ T' entbehrt der Ca- 
pitelrubriken von c. 66 bis 75 (ausser c. 78). TTi bringt diese 

' Abgedruckt neb«t dem ersten Cupitel in Beilage Nr. 4. 
' £ine Probe dea Textes von Th gibt Beilage Nr. 4. 



96 

Rubriken.* Doch hat auch TK ganz wie 7" zu c. 65 die 
irrige Rubrik: ,Von Sachen unter XXjaren* mit dem Zusätze: 
,nicht zu suchend Auch sonst stimmen die Rubriken nicht 
durchwegs überein. T c. 129 trägt den unpassenden Titel: 
,Von hinlassung zins^, Th sagt hier besser: ,Von ewigem zynns*; 
denn es ist nicht von einer Cession einer Zinsforderung, sondern 
von der Einklagung der flllligen Zinse bei einer ewigen Pacht 
die Rede. T c. 20 bietet den sinnlosen Titel: ,Daz man das 
recht sol vollenden', während im Contexte die Fälle des sum- 
marischen Verfahrens aufgezählt werden. Richtiger lautet daher 
der Titel in Thi ,Wie man das recht sol summen von den 
nachgeschryben Sachen.'* Th enthält aber auch mehrfach 
einen erweiterten Text, der nicht auf Interpolation beruht, 
sondern sich logisch dem Texte einfügt und auf Auslassungen 
in T schliessen lässt. Nur einige Stellen mögen hier erwlüint 
werden. T c. 14 spricht von Nothzucht an einer Frau und 
Jungfrau; die Strafe ist abgestuft, je nachdem der Verletzer 
Stthne gewinnt oder nicht. Hierauf folgt eine Strafbestimmung 
gegen den, welcher dasselbe Verbrechen an einer Frau, die 
nicht Jungfrau oder Ehefrau ist, begeht. Während T nicht 
weiter unterscheidet, lässt Th offenbar mit Recht auch hier die 
Strafe bei erlangter Sühne gemindert sein.^ Die Rechtslogik 
spricht dafür, dass Th hier das Richtige biete. Ein Zusatz, 
den Th' c. 3 gegen T' c. 3 bringt, macht die Stelle erst ver- 
ständlich,^ weil er erst das Verbum enthält, von dem der 

^ c. 66: )Die seit der venchreibang.' c. 67: «Von einer jei^Uchen, die ein 
person gegen des andern (sie! offenbar ist »klag* nach jeglichen* aus- 
gefallen), c. 68: ,Wie man in die aecht mffen.* c. 69: ,Von dem pan.* 
c. 70: ,Wie man die pan igen aus dem pan sol lassen und in welcherlai 
mass.* c. 71: ,Von geltschnld wegen.* c. 72: ,Von tadingen.^ c. 78: 
,Von geltschuld wegen, die vor besalt sein* (also abweichend von T 73). 
c. 74: ,Von der zerung wegen.* c. 75: «Von geltschnld zu suchen.* 

* Weniger bezeichnend sind folgende Varianten der Titelrubriken in Tk 
c. 102: ,Das %y sullen sollich gut wydergeben den, des es gewesen ist, 
oder dem capidtani.* c. 130: ,Von margkt zu halten zu Triendt* c. 131: 
«Von säumen und ander ladungen, die gen Trientt kommen etc.* Th' 
c. 8: ,Von geschryben Sachen, die furkomen.* 

' Indem auf To. 14 Z. 6 in CC libr. folgt: ,und doch ob er nitt frid hat^ 
Hat er aber frid, so sol er geben C libras Ver.* 

^ Th' c. 3 liest Z. 4 nach des junglings : ,offenlich und nit haimlich und 
von willen der negsten freindt, die das sagen, durch nutzparkalt willen 
des iunglings, das die empfremdnng der g^ter ist beschehen.* 



97 

Zwischensatz: ^das die empfremdung der guter ist beschehen^, 
abhängt. In demselben Capitel gibt TK noch eine Ergänzung 
einer in T' oflFenbar ausgefallenen Stelle.^ T c. 50 ist in dieser 
Fassang gänzlich sinnlos. Ein Zusatz, den TK hier bringt, er- 
möglicht erst, den Sinn zu errathen: Cancellierte Imbrevia- 
turen von Rechtsgeschäften über unbewegliche Sachen, die 
unter gewissen Cautelen in öffentliche Form gebracht werden, 
gelten so, als ob die Imbreviatur nicht cancelliert worden sei, 
ausser wenn dies mit Willen der Parteien geschehen ist.* Diese 
Fälle ergeben, dass Th auf eine bessere Vorlage zurückgeht 
oder sorgfUtiger copiert ist als T mit seinen Auslassungen, 
und sprechen schon von vornherein auch zu Gunsten der 
anderen Varianten von Th, über deren Wert wir erst später 
werden entscheiden können. Immerhin beweist das Gesagte 
die volle Selbständigkeit von T und TA, die wohl nicht direct, 
sondern erst durch Mittelglieder auf einen gemeinsamen Arche- 
typus zurückgehen. Aber auch dieser war keineswegs der ur- 
sprüngliche Codex. Der Schreiber des Archetypus muss näm- 
Uch bereits eine Vorlage vor sich gehabt haben, die an einigen 
Stellen nicht ganz vollständig war, und deren Mängel er be- 
merkte. Zu c. 55 fügen T und Th bei: ,Do gebort noch etwas 
mer zue, daz da nit ist gebesen in geschrift^, eine Bemerkung, 
die also auf den Archetypus zurückgehen muss, der sich damit 
als ein von älterer Vorlage abgeleiteter Codex verräth. 

Bevor auf die Frage nach der Entstehung und ältesten 
Form der Trienter Statuten eingegangen werden kann, muss 
die Originalität der Tomaschek'schen Recension und ihr Ver- 
hältnis zu anderen Stidtiroler Statuten erörtert werden. Toma- 
schek hat angenommen, dass die Handschrift Nr. 468 des Staats- 
archivs den Urtext der Statuten darbiete, dass diese mithin 
ursprünglich in deutscher Sprache verfasst worden wären. Er 
berief sich dafür auf eine Urkunde von 1275,^ in der er einen 
Hinweis auf unsere Statuten zu finden vermeinte. Hier wird 
nämlich erzählt, es sei vor dem Volke in Trient ein Capitulum 



^ Z. 6 nach Jnnglings': ,oder ander leit oder nit freyndt bat, die syllen 
erweit werden von dem yorgenannten% woran sich ganz natürlich der 
weitere Text von T': »richter oder von dem vicary* anschliesst. 

' Th' 50 vorletzte Zeile nach ,wohl als*: ,ob die inhreviatnr nicht getoet 
wer, nur allün die*. 

* Archiv 26, 108. 

ArcliiT. XCn. Band. I. Hilfto. 7 



98 

literaliter et vulgariter verlesen worden,^ in dem Tomascbek 
T C.2 wieder zu erkennen glaubte. , Vulgariter' übersetzt er 
,in deutscher Sprache', im Gegensätze zu ,literaUter', ,lateini8ch', 
und folgerte, dass die ältesten Statuten von Trient in deutscher 
Sprache verfasst gewesen seien. Diese Meinung, obwohl nicht 
von allen deutschen Gelehrten getheilt,* ist doch die herrschende 
geblieben.' Die Trentiner haben freilich diese Anschauung 
nie getheilt. Schon Gian Giacomo Cresseri hatte in seiner 
im Jahre 1776 verfassten Abhandlung über die Consuln in 
Trient* von T als einer rohen deutschen Übersetzung ge- 
sprochen, und Malfatti wies darauf hin,^ dass Tomaschek den 
Sinn von ,vulgariter' nicht getroffen habe. Bezeichnet es doch 
einfach die Vulgärsprache im Gegensatze zum Latein.® Wenn 
also jVulgariter* in deutschen Quellen und Gegenden wirklich 
die deutsche Sprache bedeutet,' so in itaUenischen die italie- 
nische. Es genügt, dafür auf die Schrift Dantes: ,De vulgari 
eloquio' hinzuweisen. Darüber nun, dass im 13. Jahrhunderte 
in Trient und in dem heutigen Trentino, ja selbst im Bozener 
Unterlande südhch von den Thoren Bozens angefangen die Volks- 



* Die Urkunde bei Hormayr, Sämmtliche Werke 2, Nr. 40. 

■ Jäger, Geschichte der landstÄndischen Verfassung Tirols 1, 698, n. 8, be- 
zweifelt wenigstens die Tomaschek'sche Deutung des »vulgariter*. Fflr 
lateinische Fassung auch die neueste übrigens unbedeutende Schrift über 
den Gegenstand von Rizzoli, Giulio, Contributp alla storia del diritto 
Statut nel Trentino, Feltre 1901. 

' Luschin, österreichische Reichsgeschichte 145, spricht von deutscher 
Ausfertigung der Statuten. Ebenso auch Pertile, Storia del diritto Ita- 
lUno», II, 2, 139. 

* Herausgegeben von Gar in der Biblioteca Trentina 2 — 6, 46. 
» a. a. O. 24. 

" In diesem Sinne wird ,vulgariter^ auch in der Replik der Consuln und 
Gemeinde von Trient gegen die Beschwerdeschrift der Deutschen ge- 
braucht: ,et oportet notarios esse peritos, cum instrumenta fiant in litte- 
rali sermone et non vulgari*. Patigler, Zeitschrift des Ferdinandeums 
m, 28, 92. 

^ z. B. bei Johann von Viktring 2, 2, Böhmer, Font. rer. Germ. 1, 303, 
bei seiner irrigen Angabe über die Einführung der deutschen Sprache 
als Sprache der königlichen Urkunden durch den Reichsabschied zu 
Nürnberg 1274: ,Statuit etiam ut fertur, quod propter comunem intelli- 
gentiam obscure latinitatis privilegia et litte re de cetero vulgariter con- 
scribantur; quod patet ex eo, quod ante sua tempora nulle littere vul- 
gariter Scripte reperiuntur de negotiis vel contractibus quibuscumque.* 



99 

spräche fast rein romanisch war, einzelne Colonien von Bauern 
nnd Bergleuten, namentlich in Valsugana und auf dem Berg- 
rücken zwischen dem Etschthale und Valsugana, sowie zwischen 
Etschthal und dem Nonsberge, Neu markt und die Umgegend 
von San Michele^ ausgenommen, kann kein Zweifel sein. Da- 
für liefern die Urkunden die unzweifelhaftesten Beweise.* Erst 
im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts hat sich dieses Ver- 
hältnis zu Gunsten der deutschen Sprache verschoben. Aber 
selbst damals, als die deutsche Sprache ihre grösste Verbreitung 
im Etschthale fand, war sie in der Stadt Trient niemals die 
überwiegende Volkssprache. Die Deutschen selber erklärten 
zu Ende des 15. Jahrhunderts, dass sie den vierten Theil der 
Stadtbevölkerung ausmachten.' Allerdings zeigt sich schon im 
13. Jahrhunderte eine deutsche Einwanderung in Trient. Die 
Bei^leute namentlich, welche die Bischöfe nach Trient be- 
riefen, um die Ausbeute des Silbererzes zu betreiben, gehörten 
zum grössten Theile der deutschen Nationalität an und spielen 
in der That durch Reichthum und Tüchtigkeit eine gewisse 
Rolle. Aber ihre Zahl war doch nur klein. Mit Recht hat 
schon Malfatti darauf hingewiesen, dass eigentliche Germa- 
nismen in Trienter Urkunden dieser Zeit nicht begegnen. In 
der That finden sich hier kaum mehr Ausdrücke germanischen 
Ursprungs als in den benachbarten italienischen Gebieten, und 
diese gehören zumeist der Rechtssprache an und sind durch 



* Von hier aus wurde Fenberg- und das Bozner Unterland germanisiert. 
Ebenso wurden in Neumarkt Deutsche angesiedelt. Auch zu Tramin 
finden sich früh deutsche Siedler. Eppan ist im Laufe des 13. Jahr- 
hunderts deutsch geworden. Kaltem noch Jahrhunderte lang wftlsch ge- 
blieben. Natürlich hat auch die tirolische Herrschaft, die seit der 
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hier bestand, der Verbreitung des 
Deutschtums Vorschub geleistet. Wenn Attlmayr, Zeitschr. des Ferdi- 
nandeums III, 12, 111, die deutsche Sprache schon im 12. und 13. Jahr- 
hunderte bis zum Avisio reichen lässt, ist dies entschieden unrichtig. 
Die Urkunden beweisen vielmehr, dass z. B. Auer noch zu Ende des 
13. Jahrhunderts eine überwiegend romanische Bevölkerung hatte. 

' Bischof Bartholomäus bedurfte bei Verhandlung mit deutschen Lehens- 
leuten eines Dolmetsches: Urkunde 1306 December 24. Jede von Roten- 
burg gibt seine Lehen an: ,et tanquam latinum nesciens ydioma per 
discretum virum d"» Oddoricnm de Coredo suum super infrascriptis inter- 
pretemS Orig. Wien 8t-A. 

• Pab'gler, Beschwerdeschrift der Deutschen zu Trient, Zeitschr. des Ferdi- 
nandeums III, 28, 66 f., 59 f., 65 f. 

7* 



100 

die langobardische Gesetzgebung und Jurisprudenz allgemein 
in Oberitalien eingebürgert worden.^ Anders nur die Urkunden, 
welche sich speciell mit der Ordnung des Bergwesens be- 
schäftigen, die freilich die Fachausdrücke in deutscher Sprache 
bieten.* Am deutlichsten wird der Unterschied der Nationalität 
bei einem Vergleiche der Imbreviaturen des Trienter Notars 
Obert und des Bozners Jakob Haas. Während bei jenem Ger- 
manismen mangeln, strotzt die Sprache des Bozners von solchen. 
Jakobs Latein spiegelt in Syntax und Grammatik deutsches 
Sprachgefühl wieder; Obert und mit ihm die meisten mir be- 
kannten Trienter Notare schreiben dagegen ein ziemlich glattes 
Latein,^ und wenn sie davon abweichen, wie namentlich die 
Landnotare, bieten sie nicht Germanismen, sondern Romanismen 
in Fülle.* Dass ,vulgariter' in Trient thatsächlich die italie- 
nische Sprache bedeutet, ergibt zum Überflüsse eine Urkunde 
des 15. Jahrhunderts. In einem Processe der Landgemeinden 
mit der Stadt wegen gewisser Beiträge zu gemeinsamen Lasten 
wird von den Landgemeinden die Antwort auf den Klaglibell 
schriftlich ,in scriptis vulgariter' vorgelegt und vollinhaltlich 
dem Processrotulus inseriert. Sie ist in einem zwar nicht cor- 
recten, aber unzweifelhaften Italienisch verfasst.^ 

Wenn daher Dante den Trientem das ,vere latinum' 
ebenso wie ^ den Turinem und den Bewohnern von Alessandria 
abspricht, wird sich dies nicht so sehr auf germanische 
Elemente ihrer Mundart, als auf ladinische beziehen.^ Wir 
dürfen also auch das ,vulgariter' der Urkunde von 



^ ^Ibergaria, allodiam, arimania, arimannns, bannire, bannnm, bnrgam, 
fodrum, francns (frei), frankitare (freien), gastaldia, gastaldio, gebuteli, 
marca, marchio, tnuda, redam, sanma, scarawaita, scaria, scarius, Bcnfinm, 
wadia, wadiare, waita, waitus, warda, warentare, warentatio, wercus, 
widhardonnm, nach Eink, Font. rer. Austr. 6, und Acta Tirol. 2 (Liber 
Oberti); vgl. damit das Qlossar bei Lattes, II diritto Oonsaetndinario 
delle cittli Lombarde. 

« Kink, Font. rer. Auetr. 6, Nr. 286 f. 

^ Vgl. anch die allerdings nicht immer einwandfreie Zusammenstellung 
von Malfatti, a. a. O. 10 f. Ein Beispiel von so verderbtem Latein ge- 
währen Beilage Nr. 1 und 2. 

* Urk. 1435 August 2, Capsa 4 Nr. 19, Innsbruck 8t.-A. Die betreffende 
Replik beginnt: ,Nobilli generossi honorevoli et savi. Questa si 6 la 
nostra domanda di nostri agravamenti' u. s. w. 

* Vgl. auch Ergänzungsband der Mitth. d. Inst. f. Osterr. Qeschichtsf. 6, 146. 



101 

1275 nicht anders als mit ^italienisch' übersetzen^ mag 
dieses ,vidgare* anch, wie Dante ^ bezeugt, kein reines, sondern 
ein verderbtes Patois, ein ,turpissimum vulgare' gewesen sein. 
Freilich werden wir ebensowenig annehmen, dass die Statuten 
in italienischer Sprache verfasst waren. Aus der Erzählung 
der Urkunde von 1276, dass ein Schriftstück ,Uteraliter et 
vulgariter' verlesen worden sei, lässt sich für die Sprache 
der Statuten nichts erschliessen; ja wir werden überhaupt 
sehen, dass die Beziehung unserer Urkunde auf die Statuten 
eine sehr fragliche ist. Die itaUenische Sprache ist fUr Rechts- 
aufzeichnungen in älterer Zeit nur höchst selten verwendet 
worden. Die Sprache der Gesetze und Urkunden ist in Italien 
bis ins 16. Jahrhundert, ja vielfach noch bis in spätere Zeit 
die lateinische geblieben. Wenn also die Statuten von Trient 
nicht in deutscher Sprache verfasst waren, so waren sie 
es sicher in keiner andern als der lateinischen. 

Eine eingehendere Betrachtung des deutschen Textes er- 
gibt nun unzweifelhaft, dass wir keine Originalaufzeichnung, 
sondern eine XJbersetzung vor uns haben. Die Sprache der 
Statuten ist nicht die einfache, klare deutscher Recbtsdenk- 
mäler. Allerdings waren da zum Theil Verhältnisse zu schildern, 
die, wie namentUch die Bestimmungen processrechtlichen Inhalts, 
dem deutschen Rechte gänzUch fremd waren. Deshalb ist auch 
das häufige Vorkommen von Fremdwörtern nicht, wie Malfatti 
meint,* als Beweis der Übersetzung anzusehen. Manche der 
von ihm beanständeten Worte, wie: ,napf, köpf,* eiste, um 
(Yhm), rumor, saltner*, sind allgemein recipiert oder wenigstens 
dem Tiroler Dialekte geläufig. Andere, wie: ,noder,* imbre- 
viatur*, Uessen sich kaum anders wiedergeben. Aber ein 
deutscher Gesetzgeber hätte sich freier und verständlicher aus- 
gedrückt, während unser Text schwerftQlig und oft genug bis 
zur Dunkelheit verworren ist. Schon Tomaschek hat dies ge- 
fehlt und zum besseren Verständnisse Parallelstellen aus dem 
lateinischen Udalricianischen Statut beigefügt. Meines Er- 
achtens hat bereits Malfatti zur Genüge den Beweis erbracht, 



^ De mlgari eloquio 1, c. 16. 
" Ä. a. O. 29. 

' Für jiiappa, coppa*. 

* Für ,notaria8'; ebenso in der Übersetzung des Friedens mit Venedig von 
1407 Juli 2. 



102 

dass der deutsche Text nur eine Ubersetziing aus dem Latei- 
nischen darstelle. Aber^^^v^eil seine Ausführungen in weiteren 
Kreisen bisher nicht beachtet wurden, mag es nicht überflüssig 
erscheinen, den Beweis zum Theile mit neuen Argumenten zu 
wiederholen. Nur werde ich nicht wie Malfatti das Statut von 
1528 zum Vergleiche heranziehen, sondern aus Gründen, die 
später zur Sprache kommen werden, das Roveretaner Statut 
von 1425.* 

An zahlreichen Stellen liegt es auf der Hand, dass der 
deutsche Text nur durch Missverständnis einer lateinischen 
Vorlage entstanden sein kann. In Tel erhebt Schwierigkeit 
das Wort ,burf in der Stelle: ,und ob daz war, daz jer einem 
gesagt wurd, daz da ein burf oder abczihung prächt dem pi- 
schof , so solle er das dem Bischöfe melden. Der Sinn dieser 
Clausel des Treueides ist oflFenbar der, dass jeder, der Kunde 
von einem dem Bischöfe drohenden Schaden erhält, die Anzeige 
zu erstatten hat. Das dunkle ,burf^, das höchstens an Anwurf 
oder Angriff denken liesse, erklärt sich vollends aus dem latei- 
nischen Texte von R g, 1.* Man sieht, ,iactura' ist wörtlich nach 
dem Verbum ,iacere^ mit Wurf übersetzt, ,detrimentum' mit Ab- 
ziehung, Worte, die sonst in diesem Sinne nicht gebraucht 
werden.* T c. 9 legt den Syndikern der Pfarren die Pflicht 
auf: ,pey der enpfang dez heiligen sacraments^ die in ihrer 
Gemeinde geschehenen Todtschläge und anderen Verbrechen 
anzuzeigen, gewiss sehr sonderbar. Das Factum klärt sich auf 
durch Vergleich mit dem Texte von Ä c. 9: ,vinculo sacramenti 
teneantur', also bei ihrem Amtseide sind sie verpflichtet. T c. 14 
und 15 handeln von Vergehen gegen Ehefrauen und Jungfrauen, 
und doch sind die Frauen bereits in c. 12 und 13 behandelt 
worden. Die Sühne hängt nach c. 12 bei der Elhefrau von 
der Zustimmung des Mannes ab, nach c. 14 von der Frau 



' Herausgegeben von Gar, Biblioteca Trentina 4. Die alten Statuten Ton 
Rovereto werden im Folgenden citiert werden mit 22, die neuen mit B\ 

* ,Et si ad anres eorum pervenerit qnidquam, qnod possit inferre damnum 
iacturam et detrimentum/ 

* Ebeudort Z. 10 ist sinnwidrig: ,an des bischofa hofstat*, da nicht einzu- 
sehen wäre, warum den Befehlen der Hanptleute nur am bischoflichen 
Ho£Btaate sollte gehorcht werden. Th aber liest hier nicht ,hofstat*, 
sondern ,8tat', und gibt damit den richtigen Sinn wieder; es ist ihnen 
zu gehorchen an des Bischofs statt. R sagt ,Tices'. 



103 



allein. Der Widerspruch löst sich durch Vergleichung mit dem 
lateinischen Texte, der in R c. 14 und 15 von ,muUer virgo', 
also Jungfrauen spricht. T c. 26 enthält Straf bestimmunge n 
gegen unrechtmässige Besitzentziehung. Zum Schlüsse trägt 
es dem unrechtmässig entwerten auf, seine Rechte von dem 
zu empfangen, der sein rechter Erbe ist. Derselbe Rechtssatz 
kehrt in T c. 135 nochmals wieder; diesmal bestimmt der 
Schlusssatz, dass die Strafbestimmung ausgeschlossen sein soll, 
wenn der Entwerer den rechtmässigen Besitzer um Überlassung 
des Besitzes bittet. Beides gewiss unmöglich. Noch ein drittes- 
mal findet sich die Besitzentwerung in T' c. 55. Der Nachsatz 
ist hier zwar nicht so gröblich missverstanden, doch auch nicht 
ganz richtig wiedergegeben. Ein Vergleich der drei Stellen mit 
dem lateinischen Texte lässt den wahren Sinn und zugleich die 
Entstehung der Missverständnisse deutlich erkennen. 



Tc. 26. 

Item ob ein per- 
son engt oder be- 
cbumert ein gewer 
• . ^ der sol gepnest 
werden in C eol. 
Ver. nnd yorleoBt 
sein arbeit, die er 
hat geleget auf daz 
batue oder acker, zn 
behalten dem seine 
recht, des die gewer 
ond possession ist^ 
^ai der dieselben 
enpliahe und pitt 
voD dem, der sein 
rechter erb ist 



Tc. ISö. 

Item ob ain per- 
son beknmert und 
siezt in ein g^wer 
einer andern person, 
der selben gewer 
rechter besitzer ist 
. . ., der sol geben 
C sol. Ver. und sol 
Verliesen alle arbait 
und verlaust auch 
die possession und 

besiczung, ausge- 
nommen das er pit- 
tent sey des rechten 
herren der posses- 
sion, daz er ym die- 
selben possession 
lass und vergunne. 



T' c. 56. 

Item wir seczen 
... ob ein person 
besiezt oder bechu- 
mert ein possession 
einer anderen per- 
son . . ., der sol ge- 
pueet berden um C 
sol. Ver. und auch 
mer nach dem willen 
des richters. Und 
alle sein arbait, die 
er daraufiP legt, sol 

er Verliesen und 
.auch die possession, 
also dass er werdt 
ein vordrer der pos- 
session. 



R c. 26. 

Item, si qua per- 
sona intrayerit seu 
occupaverit posses- 
sionem alicuius per- 
sonae, . . ., condem- 
netur in centum so- 
lidis Yen. par. et in 
amissione laborerii 

et possessionem 

amittat, salvo iure 

proprietatis, ita quod 

efficiatur de posses- 

sore petitor. 



Man sieht, der Übersetzer begriff den Satz nicht, dass 
dem unrechtmässigen Besitzstörer trotz der Strafe sein Eigen- 
thumsrecht verbleibe, welches er im Wege der Klage geltend 
machen kann. Er operiert ohne Verständnis mit den Worten 
,proprietas' und ,petitor', findet einmal in jenem einen rechten 
Erben, im ,petitor^ dann ein Bitten. In T c. 55 ist er dem 
wahren Sinne nahe gekommen, nur übersetzt er hier nicht er- 



104 

schöpfend.. Schon diese Stellen werfen auf die juristische Bil- 
dung des Übersetzers ein schlechtes Licht; sie zeigen aber 
auch, dass es der Übersetzung an Consequenz fehlt, dass sie ein 
und denselben Satz in der verschiedensten Weise wiedergibt. 
Widerspruch bietet ferner Tc. 31 mit c. 11 und c. 124. 
Jenes bestraft den, der Waffen ,fau8tet oder zucket^, mit 
2ö Pfiind; c. 11 den, der mit gewaffheter Hand zu einem 
,rumor' läuft, mit 10 Pfund; c. 124 den, der verbotene Waffen 
trägt, mit 60 SoUdi (3 Pfund). Die Höhe der Strafe in c. 31 
fällt in die Augen. R c. Sl löst die Schwierigkeit; nicht vom 
Waffenfausten ist da die Rede, sondern von dem der ,crida- 
verit heu foras vel ad arma sine causa legitima', also einen 
Tumult erregt. T c. 33 gebraucht den Ausdruck ,zu krieg 
thun* im Sinne von verkünden, er erklärt sich durch das ^crida- 
verit' der Vorlage R c. 33, das dem Übersetzer im Sinne von 
zu den Waffen rufen vorschwebte. Dasselbe Capitel scheint 
zum Inhalte zu haben, dass jemand Bäche oder Wasser über 
öffentliche Strassen und benachbarte Grundstücke leite, um sie 
zu schädigen. Dies widerspricht der Überschrift, welche vom 
Bekümmern gemeiner Wege und Wasser spricht. Eine Ver- 
gleichung mit R c. 33 gibt Aufschluss: 



Tc. 33. 

Item daz ein jeckUche per- 
son . . ., da er da wissen tUch 
bechumert biet gemain weg 
oder die daran stossen, mit 

wassern oder mit pachem 
u. s. w. 



B c. 33. 



Item quod quaelibet persona, 
. . . quae occupasset scienter 
aUquas vias comunes vel vici- 
nales, aquas vel rivulos u. s. w. 



Während also die Vorlage von gemeinen und nachbar- 
lichen Wegen spricht, hat der Übersetzer ,vicinales' als Nachbar- 
grundstücke genommen, und da er von gemeinen Wassern und 
Bächen keine Vorstellung hatte, beide als Mittel der Beschä- 
digung aufgefasst. Ebendort ist der Ausdruck: die Wasser 
rinnen lassen ,oder schicken^ seltsam. Er wird verständlich 
durch das entsprechende Wort ,expedire^ der Vorlage, gleich 
freimachen, freigeben, das der Übersetzer in der ihm ge- 
läufigeren Bedeutung von fortschicken übersetzt, ohne darauf 
zu achten, dass dies hier sinnlos ist. Solche durch allzu- 



105 



wörtliche Übersetzung oder Deutungen in falschem Sinne her- 
Yorgerufene Missverständnisse^ deren wir schon oben bei ^burf 
und ^abcziehung' gedachten, begegnen äusserst zahhreich. T c. 50 
ist ^ftbrgab^ nur als Übersetzung des ^processus' von i2 c. 50 
verständlich. Durch dieses rein mechanische^ an den Worten 
klebende Übersetzen ohne jedes Verständnis des Zusammen- 
hanges erklären sich sonst ganz sinnlose Stellen, wie T c. 51 
und 53. Schon die Überschrift von c. 51 ist auffiülig: ,Die . . . 
wider das palacium schreiben/ Man denkt an Majestätsbelei- 
digung durch auirührerische Schriften. Doch nichts von dem. 
Es handelt sich einfach um Notare, die ihre Acten ausserhalb, 
,extra dictum palatium', wie R c. 51 lautet, schreiben. Der 
dunkle Beginn des c. 51 ist entstanden durch gründliches Miss- 
Verständnis der lateinischen Vorlage : 



Tcbl. 

Item ob ein noder oder ofner 
Schreiber oder mer tätten wi- 
der das gesetzte^ was da ge- 
sehen oder geurtailt war in 
der stat Trint, daz er dawider 
schreibt, u. s. w. 



BcbL 

Item si aliquis vel aliqui no- 
tarius vel notarii contra dictum 
statutum acta iudicii vel sen- 
tencias extra palatium Roue- 
reti vel continentibus edificiis 
eiusdem scripserit, u. s. w. 



Man sieht, wie da ,statutum, acta, sentencias^ gründlich 
missverstanden wurden, wie ,acta' und ,sentencias^ ebenfalls 
irrig auf ,contra' bezogen wurden und als Attribute von ,8ta- 
tutum* fungieren, wie es also dem XJbersetzer ganz und gar 
nicht gelang, in den wahren Sinn der Stelle einzudringen, die 
doch ganz einfach und leicht verständlich ist. 

Auf ähnliche Weise erklärt sich auch das ganz unver- 
slÄndliche T c. 53.^ 



Tc. 68. 



Item wir seczen und orden, 
das chain Verpflichtung täding 
oder hindergeng sol geschehen 



E c. 68. 

Item statuimus et ordinamus, 
quod nullum compromissum seu 
arbitramentum fiat extra pala- 



' In der Babrica soll es heissen: 
Handschrift. 



,nit gemacht sol berden'; so in der 



106 



aasserthalb des palast oder der 
stat ze Trint weder mit recht, 
mit begreiffiing; mit sach oder 
urtail oder mit Sprechern; und 
ob daz einer nberfuer, daz 
vor dem rechten nit nücz brin- 
gen, noch alles daz darnach 
kumpt oder get, u. s. w. 



tium vel terram Roveredi ali- 
quo iure ingenio sive causa 
nee sententia vel laudum fe- 
ratur extra palatium vel civi- 
tatem ex compromisso seu ar- 
bitrio aliquo; et si contra fac- 
tum fiierit, ipso iure non valeat 
nee quidquid sequator ex eo 
nee ob eo, u. s. w. 



Hier sehen wir, dass jVerpflichtung' aus ,compromissam' 
entstanden ist,^ ,ingenio^ mit ,begreiffung', ,causa^ mit ,sach' 
(wahrscheinlich im Hinblicke auf das italienische ,cosa'), ,lau- 
dum' mit ,8prechem' wiedei^egeben ist und die ganze Satz- 
construction verschoben wird, indem ,sentencia' als Ablativ 
genommen ist. Auch im Nachsatze ist ,valere^ mit ,nficz- 
bringen', ,8equatur^ mit ,damach kumpt oder get^ übersetzt. 
Damit löst sich dieses verworrene und dunkle Capitel. 

In T c. 59 wird den Notaren ein Lohn bestimmt ,von 
einer gewer oder gruntfest', ganz unverständlich. ,Grundfe8t' 
aber kann nichts anderes sein als Übersetzung von ,terminu8^ 
wie in /2 c. 59 ,de tenutis et terminis', wobei der Übersetzer 
an Grenze oder Grenzstein gedacht haben muss. Ebendort 
soll der Notar, wenn er zu hohe Taxen nimmt: ,geben in daz 
breviatur XX solidi', offenbar sinnlos, als ob die Imbreviaturen 
eine Sammelbüchse wären. In R c. 59 aber heisst es: ,solvant 
XX sol. de imbreviatur', also flir jede Imbreviatur. Mag hier 
der Fehler vielleicht erst in der Folge durch Vertauschung 
eines ,von der' mit ,in die' veranlasst sein, so liegt wieder' 
irrige Übersetzung vor in T c. 62. 

Noch dunkler ist das offenbar zusammengehörige T' c. 66. 
Beide scheinen von der Pflicht des Notars zu handeln, Instru- 
mente binnen gewisser Zeit fertigzustellen. Sie würden dann 
nur r c. 61 wiederholen, das mit klaren Worten dasselbe ver- 
fügt, die Zeitfrist jedoch anders festsetzt. Aber ein Vergleich 



* In T' c. 64 wird »compromissam* übersetzt: ,80 zben mit einem willen 
verhaissen*. Unser Autor dachte an ,promittere* und ein ,cum*, ohne 
den speciellen Rechtsinhalt des Compromisses eu kennen, den er mit 
,Hintergang^* oder ähnlich hätte wiedergeben müssen. 



107 



mit £ c. 61 lehrt, dass es sich eigentlich um den entgegen- 
gesetzten Fall, die Pflicht der Parteien, binnen gewisser Frist 
ihre Urkunden abzuholen und zu bezahlen, handelt. 



Tc. 62. 

Item daz die, durch 
der willen und vor- 
drang oder pete man 
tading oder gericht 
thaet, dieselben tai- 
dung sollen verschri- 
ben werden von dem 
nader inner drei tagen, 
and ist schuldig, daz 
er all instrument bey se 
oder geczaigt werden 
von dem noder, und 
alle tayding und in- 
strument sollen ganz 
and gar volpracht und 
perait sein, u. s. w. 



T c. 66. 

Item wir seczen und 
orden, daz die durch bel- 
cher pet oder gehais das 
geschäft oder pflichtung 
werden gehabt und ge- 
schriben, inner dreien ta- 
gen darnach, und sie ge- 
nannt berden, von dem 
Schreiber oder noder sol- 
len geantwurt werden 
alles das, das vor gericht 
geschehen ist, und die in- 
strument, die geschriben 
sind von dem noder und 
volpracht, u. s. w. 



E c. 61. 

Item quod illi, ad 
quorum postulationem 

acta seu contractus 

fuerint celebrati et 
scripti, infra tres dies 

post admonitionem 
factam a tabellione de- 
beant et teneantur ex- 
igere acta et instru- 
menta per tabellionem 

scripta et completa, 
u. s. w. 



Man sieht, wie der Übersetzer sich über den Sinn des 
,exigere' nicht klar wird und, von anderen Schwerfälligkeiten 
abgesehen, fälschlich das ,acta' als Subject mit ,debeant' und 
,teneantur' und damit ,a tabellione' in Verbindung bringt und 
somit zu seinem Satze gelangt, der dem Notar eine Verpflich- 
tung auferlegt, was er um so leichteren Herzens thun mochte, 
als ja Tc. 61 in der That etwas Ahnliches enthält. 

Auf der Hand liegt es, dass das Verbot in jT c. 76, um 
Spielschulden Pfänder von Söhnen oder vom Gesinde der Haus- 
genossen zu nehmen, in dieser Fassung nicht richtig sein kann, 
da nicht einzusehen ist, weswegen die Angehörigen nur der 
Hausgenossen geschützt sein soUen. Das Richtige bietet 22. c. 65, 
welches die Pfandnahme: ^ab aliquo filio familias nee ab aliquo 
serviente alicuius* verbietet. Ahnlich wie hier ,filio familias' 
ist in einer Reihe von Stellen ,foren8is' (der Fremde) miss- 
verstanden. T c. 86 verbietet einem: ,der da gesessen ist in 



108 

einem markt^. Amter zu übernehmen;^ Tc. 124 untersagt das 
Wafifentragen ^ausserhalb oder ynerthalb der stat',' obwohl das- 
selbe Capitel dann das Waffentragen bei Gängen in die Stadt 
und von der Stadt erlaubt. T c. 152 verbietet jedem ,aus dem 
pistumb',' gewisse Amter zu bekleiden^ offenbar irrig. Überall 
ist in £ von den Fremden die Rede und daher lediglich ^fo- 
rensis' verkehrt übersetzt.^ Komisch klingt die Pflicht; welche 
T c. 97 jedem auferlegt, Feuer in fremden Häusern anzumachen. 
Offenbar muss hier ein Irrthum vorliegen, den die Vorlage auf- 
klärt: ,procurare ignem et lumina in domo sua vel aUena^, das 
ist bewachen. Ebenso ist das ^abtragen' in der Rubrik zu 
T c. 101: ,Die etwas geraubt oder abtragen heten in prunst', 
während der Context von Rauben und Stehlen spricht, nur 
eine zu wörtliche Übersetzung des ,abstulerint der Vorlage 
R c. 91. 

Nicht so am Tage liegt das Missverständnis in T c. 129, 
da der deutsche Text: ,das da zu nuczbarkait gehört ains haus 
ze Trint', zur Noth einen Sinn gibt, und an Pertinenzen ge- 
dacht werden könnte. Aber ein Vergleich mit der lateinischen 
Version in 12 c. 124 ergibt, dass auch hier ein Irrthum vorliegt: 
R spricht von Grundstücken, die jemand zu Zins ,ad usum 
domorum mercati Tridenti' innehat, das ist zu dem in Trient 
ftb- Erbleihen übUchen Rechte.^ Wenn nun der Übersetzer 
diesen Ausdruck missverstand, dürfen wir annehmen, dass er 
mit den Verhältnissen des Landes und der Stadt nicht bekannt 
war, eine Vermuthung, die sich uns später zur Gewissheit er- 
heben wird. 

Unklar ist femer Tc. 134, das eine Appellationsirist von 
zwei Monaten einführt und daran die Bemerkung knüpft:^ 

^ Nimmt yforensis* also im dentschrechtlichen Sinne als Marktbewohner, 
Kaufmann; vgl. Siegfried Rietschel, Markt und Stadt 148. 

' i2c. 118 verbietet es in der Stadt jedem, ,tam forensis quam civis*. 

' £ c. 142 ,quod aliquis forensis extra episcopatum^ 

^ Merkwürdigerweise daneben in demselben T c. 162 ganz richtig mit: 
»die äusseren oder gesteS ein Beweis, wie leichtfertig unser Biann zu 
Werke gieng. Ein Irrthum auch im Schlüsse dieses Capitels, welches 
wieder den Fremden nach Zahlung der Busse den Zutritt zu den Ämtern 
eröffnet, weil das »nullatenus* der Vorlage R c. 142 nicht wiedergegeben 
wird. 

^ Vgl. Acta Tirolensia 2, EinL 91. 

* Z. 4 liest Thi ,uber die sach die beilS wodurch der Sinn hergestellt wird. 



109 



,und auch das das geseczt ganz und unczerprochen peleibe 
von der XL tag wegen, daran man nicht recht hat, nichts 
ausgenomen'. In ganz ähnlicher Wendung kehrt dieselbe Be- 
stimmung wieder in T' c. 52, wo der zweimonatlichen Frist 
ebenfalls eine yierzigtägige in unklarer Weise angefügt er- 
scheint Auch hier ergibt sich der Sinn aus der lateinischen 
Vorlage R c. 129. Ein älteres Statut, welches die vierzigtägige 
Frist normierte, soU aufgehoben sein.^ Ein merkwürdiges Miss- 
verständnis zeigt T c. 140. Hier werden höhere Strafen ange- 
ordnet gegen denjenigen, der den Hauptmann und den Vicar 
des Bischofs bei Ausübung ihres Amtes thätlich angreift. Diesen 
Beamten wird vorangestellt: ,der da ist an der herschaft ge- 
walt*, während das verangehende T c. 139 flir Verletzung des 
bischöflichen Hofgesindes eine geringere Strafe normiert. Jeden- 
falls sehr auffallend. Auch hier bietet des Räthsels Lösung 
der lateinische Text von Ä c. 132: ,dominum potestatem, capi- 
taneum vel vicarium.' Der Podestä war unserem Übersetzer 
um so unbekannter, als es in Trient seit dem Jahre 1255 bis 
in die Mitte des 15. Jahrhunderts keine Podestaten gab. Wir 
werden auf diese Stelle nochmals zurückkommen müssen. 

Ganz unklar und irreflihrend ist T c. 148. Sollte noch 
ein Sinn daraus gezogen werden, so wäre es nur der, dass alle 
Verbrecher mit dem Banne belegt werden sollten. Auch To- 
maschek hat dies so gefasst. Nun ist aber der Bann in Trient, 
wie schon Ficker * gezeigt hat, nur Contumazialstrafe, und auch 
dieses Capitel vermag daran nichts zu ändern, wie ein Ver- 
gleich mit R c. 138 klar macht: 



Tc. 148. 



Item daz all urtail und puess, 
die geschehen umb suntlich 
sach, die leiplich sindt, und 
geschehent, alspald das urtail 



B c. 138. 

Item quod onmes condemna- 
tiones et sententiae criminales 
corporales et processus sine 
aliqua citatione in arengis pu- 



' ^tuto facto super ipsis appellatioiiibas de XL diebns non obstante; 
exceptis de dictis daobus mensibus feriis* n. 8. w. ,obstante' ist in T im 
Sinne von ,8tareS bestehen bleiben, missverstanden; ,non' zu ^exceptis* 
gesogen. 

' Untersuchungen zur Reichs- und Rechtsgeschichte Italiens 1, 97. Köhler^ 
Das Strafrecht der italienischen Statuten 57, ist durch T c. 148 irre- 
geführt worden. 



110 



geben wirt, an alles furladen 
so sol man in das lant ver- 
pieten, und sol verkündet wer- 
den; und sollen dieselben leip- 
lichen urtail nicht hindergen in 
chainerlay mös^ und man mag 
von denselben urtailen nicht 
dingen. 



blicis pronuncientur et termi- 
nentur; quae quidem senten- 
tiae corporales nullo modo vel 
ingenio dici possint nullae, nee 
ab ipsis nullatenus appellari. 



Was nun den Übersetzer zu seinem dem geltenden Rechte 
widersprechenden Satze veranlasste, ist schwer zu entscheiden, 
offenbar nur das völlige Missverstehen der Worte ,in arengis 
publicis pronuncientur', indem ihm die öffentliche Verkündung 
der Urtheile imbekannt war und er etwa daran dachte, dass 
die Verbrecher und ihre Habe ,pubhcentur', was ja beim Banne 
thatsächlich zutraf. Auch wurde der Bann öffentlich verkün- 
digt. Auf keinen Fall handelt das Capitel vom Banne. 

Eigenthümlich ist die Deutung, welche der Übersetzer in 
c. 154 dem Worte ,paisare^ (Vögel fangen, beizen) von R c. 144 
gibt. Er übersetzt es mit ,markstein seczen^ Fast wäre man 
versucht, an eine beabsichtigte Änderung zu denken oder den 
Zusammenhang zu leugnen. Aber eine Vergleichung zeigt, 
dass T c. 154 im übrigen Wort wörtlich R c. 144 entspricht; 
auch in der Busse von 60 SoKdi (3 Pfund), die fllr die Strafe 
des Marksteinverrückens ungewöhnlich klein,^ flir unbefugten 
Vogelfang auf fremdem Grunde angemessen erscheint. Ebenso 
wäre es auffällig, dass die Strafe auf das Setzen von Mark- 
steinen auf fremdem Grunde imd nicht auf das Ausgraben und 
Verrücken, wie sonst gewöhnhch, gelegt ist. Es Hegt also sicher 
auch hier nur eine Verwechslung vor, indem der Übersetzer 
,beizen' mit ,weisen', die Grenze weisen, zusammengebracht 
hat. Ein zweites Mal in T c. 162 hat er die ihm unverständ- 
lichen Worte ,paisator, paisare^ einfach mit ,payssen, paysser' 
wiedergegeben,* gerade so wie das ihm imbekannte ,panigium' 



* Das Weisthum zu Marling setzt darauf 62 Pfund (Tirol. Weisthümer 4, 
162); Stein am Ritten 60 Pfund, a. a. O. 219; Vilanders 10 Mark, a. a. 0. 
254; Kaltem 50 Pfund, a. a. O. 306 u. s. w.; die Cles'schen Statuten eine 
Strafe von 50 rheinischen Goldgulden oder Verlust der Hand und ewigre 
Verbannung 3, c. 46. 

* Statt den entsprechenden deutschen Ausdrücken: «beizen, beizaereS 



111 

(Getreideart) mit ,pan^ Ebendort verbietet er den Vogelftlngem, 
in solche Felder einzureiten, auch wenn sie in der Nähe sind. 
Hier ist unserem Autor wieder eine köstHche Verwechslung 
begegnet. R c. 156 liest: ,salvo semper, quod non habentes 
sparaveriom aliquem, non intrare praesumant, nisi fuerint in 
societate illius a sparaverio^; es darf darnach der Acker nur 
mit einem Falken betreten werden, also nur dann, wenn auf 
die Falkenjagd ausgezogen wird. Unser Autor verwechselte 
offenbar den ,sparaverius' mit einem ,paraferedus' und con- 
struierte sich ein Verbot des Einreitens. 

Sehr bezeichnend ist in dieser Beziehung auch T c, 164: 
Niemand darf Holz fUhren, das da genonmien wird: ,auf den 
rinnenden wassern ob Trint'. Man möchte daran denken, dass 
die Fuhr von getriftetem Holze verboten sein sollte, und könnte 
diesen Satz mit Tomaschek höchstens als ein ungeschickt ge- 
fasstes Verbot der Holztrift auf der Etsch oder Fersina fassen. 
Nun ist aber von Trift an der Etsch meines Wissens nichts 
bekannt.^ Die Etsch wurde vielmehr von Neuhaus bei Terlan 
angefangen mit Flössen und Schiffen befahren, und auf diesem 
Wege ist sicher auch das Holz nach Trient gekommen. T c. 164 
steht vielmehr in inniger Verbindung mit dem vorhergehenden 
Capitel, das die Ausfuhr von Holz, Fässern und anderen Holz- 
waren unterhalb Trient an die Erlaubnis des Bischofs knüpft. 
Während so flir die Versorgung der Stadt Trient mit Holz hin- 
reichend gesorgt war, musste das Lagerthal an Holz Mangel 
leiden, wenn nicht auch für dieses ähnliche Bestimmungen ge- 
troffen wurden. Und das geschah eben in unserem T c, 164. 
Das entsprechende Ä c. 158 verbietet, Holz zu ftlhren: ,quod 
recipiatur ab Aquaviva, superius versus Tridentum*. Aquaviva 
ist eine LocaUtät unterhalb Matarellos, ganz an der Grenze 
des engeren, zum Weichbilde der Stadt Trient gerechneten 
Bezirkes und des Gerichtes Beseno. Ahnlich hatte schon Bi- 
schof Egno im Jahre 1264* die Grenzen des Stadtbezirkes 
von Trient gezogen. Auch in späteren Statuten wird dieselbe 



^ Um der Erhaltung der Etschbrücke willen bedrohten wenigstens die 
Alezandrinischen Statuten den Eigenthümer von Holz und Schiffen, die 
an die Brücke stossen, mit Strafen, 2, c. 96. Um so weniger wird man 
eine Trift geduldet haben. 

' Beilage Nr. 1 und 2; genannt ist hier das weiter nördlich gelegene Ca- 
stelimm, Casteller. 



112 

Grenze fUr Ausfuhrverbote angegeben.^ Daraus ergibt sich, 
dass Ä c. 158 den richtigen Wortlaut des Gesetzes wiedergibt, 
wenn es ,AquaYiva' als Grenzort des Stadtbezirkes nennt. Die 
,rinnenden wasser ob Trient' verdanken ihre Entstehung nur 
einer wörtlichen Übersetzung von ,aqua viva^ mit lebendem, 
rinnendem Wasser. Unserem Übersetzer war somit die Loca- 
lität ,Aquaviva' fremd. Eine zu wörtliche Übersetzung findet 
sich dann noch am Ende von Tg. 166: Fremde können un- 
behindert in Trient verkehren, doch sollen sie: ,raitung thun' 
denen, welche Forderungen gegen sie erheben: ,wie wol das 
ist, das sy haben besunderen freihält eines markts oder einen 
ausczug^ Ohne Mühe wird man in ,raitung thun' fehlerhafte 
Übersetzung von ,rationem facere** entdecken, in der ,fr^ihiut 
des markts' von ,privilegium fori', im ,ausczug' von ,exceptio' 
erkennen nach dem Wortlaute von R c. 160: ,non obstante pri- 
vilegio fori vel aliqua exceptione'. 

Noch zahlreicher sind die Missverständnisse, wie schon 
Malfatti bemerkt hat,' in dem zweiten Theile der Statuten, 
den sogenannten neuen. Auf einige ist bereits oben hingewiesen 
worden. Die Übersetzung der in diesem Theile enthaltenen 
privat- und processrechtlichen Normen, die dem VerständniBse 
des Übersetzers noch mehr entrückt waren, bot ihm natur- 
gemäss die grössten Schwierigkeiten, da ihm die juristische 
Terminologie ganz fremd war. Nur auf einzelnes kann hier 
aufmerksam gemacht werden. Wenn in T' c. 2 von den Be- 
wohnern der Stadt Trient, ,in bürgen und unter den bürgen* 
die Rede ist, liegt es nahe, an Übersetzung von ,Tridenti et 
burgorum et subburgorum' zu denken.* Wenn von Ladung 
,mit seinem leib* oder ,leiplich* die Rede ist, ergibt sich dies 



^ So im Statut der Sindici des 15. Jahrhunderts die ,pertinentiae Mata- 
reli, Novaline*, zu denen Aquaviva g^ehOrte, Reich, II secondo statoto 
u. 8. w., Trientner Gymnasialprogramm 1891, 18, cd; daniit gleich- 
lautend in den Statuten von 1425, lib. 8, c. 3, und in den Cles'schen 
lib. 2, c. 3. 

* ,ratio' mit ,raitung' auch in T' c. 87 übersetzt 

• a. a. O. 31. 

^ Angefahrt schon von Malfatti 31. Es liegt auf der Hand, dass dieses 
Capitel alles, was für M&nner bestimmt ist, auch auf Frauen ausdehnt. 
In der That liest auch Tk statt Z. 18 ,nicht zu versten*: ^uoh zu 
versten*. 



113 

als Verdeutschung von ,corporaliter citari^ T" c. 3 spricht von 
der Verftusserung liegender Güter durch Minderjährige. Nach 
Zeile 3 sollen dabei ,recht und klag' vor dem Richter ,pe- 
schehen^ Gewiss unverständUch! Der lateinische Text bringt 
die Aufklärung. Er spricht: ^de bonis immobilibus^ in quibus 
etiam intelligantur iura et actiones', ein Verhältnis, das unserem 
Übersetzer unklar war. Ebendort ist die Rede Zeile 11 von: 
,end und empfelhung' im Sinne von ^finis et remissio^, Auf- 
lassung. Nur ein Übersetzer konnte auf so ungeschickte Aus- 
drücke verfallen. 

Ganz undeutsch ist dann der öfter wiederkehrende Aus- 
druck yhochzeit des rechten^ der auf ^sollemnitates iuris' einer 
lateinischen Vorlage hinweist. In T' c. 4, das von: ^gerhaben 
und procuratoren' handelt, ist in einem Athem neben dem 
,gerhab und versoger' vom ,anklager und amptmann'^ die 
Rede; offenbar nur Übersetzungen des lateinischen ,actor^ et 
8indicus^ Unverständlich ist der ,eltere parteimann', welcher 
einen Stellvertreter im Gegensatze zu einem, der das 25. Jahr 
überschritten hat, eidlich bestellen muss. Er ist nur eine 
höchst unglückUche Übersetzung von ,pubes' der Vorlage. T' c. 6 
ordnet die Bestellung eines ,hueter' (curator) an für Stumme, 
Taube, ,zornige' und Verschwender, gewiss eine merkwürdige 
Zusammenstellung. Aber die Zornigen sind nur die ,furiosi' 
der Vorlage, wobei unser Mann an das italienische ,furia' ge- 
dacht haben mag. Mit ,ascendentes et descendentes' weiss 
der Übersetzer nichts Rechtes anzufangen. In der Rubrik zu 
T c. 7 übersetzt er: ,Die im rechten auf und abgeseczt wer- 
den', in T' c. 9: ,die über sich und unter sich gefpe\mdt sein'. 
Wenn da weiter von Leuten die Rede ist: ,die da sindt in der 
lynie von der muter und dem vater, die freuntschaft zu ein- 
ander haben, uncz auf die anderen freunt verschlossenlich', 
wird Niemand sich denken können, wer darunter gemeint sei. 
ß* c. 8 sagt es uns : ,vel inter collaterales ex linea patema vel 
matema coniunctos usque ad secundos consanguineos inclu- 
sive'.* Der Zusammenhang ergibt, dass die unter Verwandten 

^ Schon von Afalfatti angeführt a. a. O. 31. T' c. 4, 6 n. §. w. 
' Statt ,amptmann* liest Th ,8chaffer*. 

• Über ,actor* vgl. Acta Tirol. 2, Einl. 141 f. 

* Über die Zählung nach Vetterschaften vgl. Ficker, Untersuchungen zur 
Erbenfolge der ostgermani sehen Rechte 1, 307 f. 

Archir. ICH. Band. I. H&lfte. 8 



114 

zu erwählenden Schiedsrichter ohne förmliches Verfahren zu 
entscheiden haben ,an krieg und recht^, wie sich unser Über- 
setzer ausdrückt.^ Um so auffallender ist nun die Bestimmung; 
dass das Urtheil nur in Gegenwart beider Theile gefeilt werden 
könne und Abwesende zu laden seien, nachdem im summa- 
rischen Verfahren gerade von diesen Ladungen abgesehen 
wurde.* Ein Vergleich mit if c. 8 ergibt denn auch, dass die 
gegentheilige Bestimmung von T' c. 9 nur auf einem Über- 
setzungsfehler beruhen kann: 



T' c. 9. 

. . . erwellen zben gemain 
freunt, die da suenent und 
schlechtlich an krieg und recht 
zu aller zeit und stat, es sei 
feiertag oder nit feiertag, daz 
pede tail gegenburtig sein, und 
welcher tail nicht da wer gegen- 
burtiglich, der sol gefordert und 
geladen werden, von allen hor- 
chen und Sachen durch das 
recht zu erchennen und fei- 
lenden des oder den krieg. 



Ä'cS. 

. . . eligere duos comunales 
amicos, qui summarie et de 
piano absque strepitu et figura 
iudicii quolibet loco et tempore 
feriato et non feriato, presen- 
tibus partibus et absentibus, 
citatis et non citatis, tam de 
facto quam de iure cognoscere 
et definire de quaestione prae- 
dicta [debent]. 



Da ist vom Übersetzer ,citatis' zu ,ab8entibus' gezogen 
und ,non citatis^ übersehen worden. Schon Malfatti' hat auf 
den sinnlosen Ausdruck hingewiesen, der Vicar soll den Spruch: 
,mit der arczney des rechten pieten, daz das gehalten werd', 
ein Ausdruck, den ein deutscher Gesetzgeber nie gebraucht 
hätte. Es heisst aber if c. 8: der Vicar solle ,totum illud cum 
iuris remediis executioni mandare', wobei ,remedia iuris' zur 
,arczney des rechten' geworden sind und ,mandare' im Sinne 
des italienischen ,commandare' mit ,befehlen' übersetzt ist. Sicher 
lässt sich die Übersetzung auch im Folgenden erkennen. Der 
Spruch soll ausgeführt werden: ,als ob von disen tailen, als* 



^ Die Vorlage sagt Jß'c. 8: »absque strepitu et figura iudiciiS 

* Acta Tirolensia 2, Einl. 176, n. 9, 184. 

» a. a, O. 

^ Pürfte zu streichen sein. 



115 

yn die erweken als in die^ den der krieg in die hent ist geben, 
und in gemain voreiner wer volkomenlieh verBprochen'; ganz 
unverständEch. ^ c. 8 lautet: ,ac si per dictas partes in dictos 
eleetoB tamqoam in arbitros et arbitratores et communales com- 
positores foisset plenissime eompromissom^ Hier wird ^arbiter' 
nicht ganz onrichtigy aber höchst ungeschickt mit: ,den der 
krieg in die hent ist geben', ^communalis compositor' mit ,ge- 
main voreiner' und yCompromissum' mit ,ver8prochen* wieder- 
gegeben. 

Auch in 7^ c. 10 ist die Übersetzung auf den ersten Blick 
SU erkennen. Wenn von einer Frist von zwanzig Tagen ,ym 
die^ nucz zu machen' die Rede ist, ist es klar, dass an ,dies 
utiles', wenn vom Schwören und ,niderlegen' der Zeugen, dass 
an ,deponere' zu denken ist Ebenso liegt der Fehler ofifen 
zu Tage in y c. 11: ,von trauen oder misstrauen', wo von der 
Bestellung eines Judex durch die Parteien zur Ertheilung des 
Rathes gehandelt wird, der wie R c. 10 bestimmt: ,ab8que 
confidentibus vel de confidentibus ipsarum partium', also aus 
jenen, welche die Parteien nicht als befangen ausscUiessen, zu 
entnehmen ist Heillos verwirrt ist dann der Schluss von T c. 14: 



T' c 14. 

und nicht dester minder sol 
der entwerer der gewer oder 
des pfants sol antwurten das 
guet und pfant, die er en- 
p£angen oder die ym gegeben 
sind, und die er mit frevel in 
halt, da sol er sweren umb 
die erchantnus der sum, daz 
er also vil sol haben von dem 
schuldiger, und sol jm machen 
ein glauben mit einem offen in- 
strument, u. s. w. 



R c. 12. 

et nihilominus teneatur vetitor 
tenutae vel pignoris praesen- 
tare dictas res et pignora via- 
tori et nuncio qui apprehen- 
derit dictam tenutam. £t ista 
intelligantur in tenuta accepta, 
data et apprehensa per contu- 
maciam, dato sacramento actori 
pro summaria cognitione, quod 
tantum debet habere a reo, vel 
facta fide per instrumentum pu- 
blicum. 



Die Rede ist vom Executionsverfahren und den Rechts- 
mitteln, welche dagegen dem Executen^ zustehen. Man sieht. 



» Th Hert ,Be* statt ,die«. 

* Dem Übenetser ist dies kaum klar geworden, er denkt eher an einen 
Dritten, der die Pfandgewere bricht. 

8» 



116 

der Übersetzer übersah die Worte ,viatori — tenutam'^ wenn sie 
nicht schon in seiner Vorlage fehlten. Er verband dann ,ac- 
cepta' u. 8. w. mit ,pignora', als ob der Execat die Pfllnder 
erhalten hätte, verstand unter ,pignora apprehensa per contu- 
maciam' solche: ,die er mit frevel in halt', legt den Eid über 
den Bestand der Forderung dem Executen auf, übersetzt die 
,8nnmiaria cognitio' mit ,die erchantnus der sum' und kam 
somit zu einem der WirkUchkeit geradezu entgegengesetzten, 
unmöglichen Resultate. 

Ahnliche Missverständnisse enthält dann auch 7" c. 15. 
Ungeschickt ist der Ausdruck ,durftig sein' im Sinne von 
,wagen'. Auch ,wegrei8er'^ ist nur wörtUche Übersetzimg von 
,viator', Gerichtsbote, ein Ausdruck, den ein deutscher Gesetz- 
geber nicht verwendet hätte. Auffallend ist es, wenn dem 
Executen verboten wird, vor dem exequierenden Gerichtsdiener 
neben Thür und Kammer auch den ,kamyn' zu versperren. 
R c. 13 nennt hier die ,canipa', den Keller oder Speicher, in 
dem allerdings der Gerichtsdiener mehr zu suchen hatte als 
im Kamin. Aber vielleicht Hegt hier nur ein späteres Ver- 
derbnis fllr ,keminat'* vor. Wenn nach dem Folgenden der 
Vicar seine Knechte ,mit ritterlicher haut' zur Beseitigung des 
Widerstandes senden soll, kann dies, wie schon Malfatti be- 
merkt hat, nur als Übersetzung von ,manu militari' erklärt 
werden. Ein Verderbnis der Handschrift liegt hingegen in 
T' c. 20 vor, wo unter den Fällen des summarischen Ver- 
fahrens auch der genannt wird, dass ein Herr von ,seinem 
amptmann' Zins fordert. Der lateinische Text in Ä' c. 18 liest 
,inquilino', Miethsmann. Das hatte der Übersetzer offenbar mit 
,innmann' wiedergegeben,* der von einem späteren Copisten 
zum Amtmanne gemacht wurde. Wenn die Rubrik dieses Ca- 
pitels lautet: ,Daz man das recht soll vollenden', so ist dies 
nur schlechte Übersetzung von ,cogno8ci summarie'. Der Aus- 
druck nun, dass das summarische Verfahren ,sine strepitu et 
figura iudicii' abzuwickeln sei, war unserem Übersetzer ganz 
unverständlich, er übersetzt ungeschickt genug: ,an geschrai 



• Nicht jbegreifer*, wie Tomaschek liest. 

• Schmeller, Bayrisches Wörterbuch •, 1, 1244. 

• Schmeller, a. a. O. 96. Auch in Tirol gebräuchlich. Tiroler Weisthümer 
1, 104 (Hopfgarten). 



117 

and an figur des rechten^, noch unsinniger aber in 7^ c. 45: 
^an geschrai oder zbilaof und als ein ebenpild^ ^ Ein Rechts- 
irrthum liegt dann noch in 7^ c. 20 vor, wenn hier dem einen 
Zeugen, der beim summarischen Verfahren genügt, der Eid 
erlassen wird, denn die Aussage des Zeugen muss immer, 
wenn sie beweiskräftig sein soll, unter Eid geschehen. Daher 
werden wir auch hier dem lateinischen Texte iJ' c. 18 den 
Vorzug geben, der, die Beweismittel aufzählend, den Beweis 
mit einem Zeugen und den Calumnieneid nennt.' Der Schluss 
dieses Capitek wirft die elenden Personen (personae miserabiles) 
in ungehöriger Weise mit den Fremden zusammen, weil dort 
in der Phrase ,et intelligendo forenses esse' dieses ,forenses' 
vom Übersetzer übersehen wurde. 

Nicht besser steht es mit den folgenden, vorwiegend 
Privatrecht betreffenden Capiteln. Da zeigt sich, dass nicht 
einmal die Termini des Schuldrechts unserm Autor bekannt 
waren. Der ,vordriste gelter' für Selbstschuldner in T' c. 29 und 
31 verdankt dem ,principaUs debitor' seine Entstehung. ,Creditor' 
ist bald der ,getrauer,* bald der ,porgeP,* bald der jglauber'.** 
Das ,ius cessum a creditore' erkennt man T' c. 30 wieder 
in dem Satze: ,der da hat ein gefallens recht von den ge- 
traueren*. Dass die Pfänder bei der Execution durch zwei 
Tage feilgeboten wurden, wie 7^ c. 35 angibt, widerspricht dem 
sonst bekannten Rechtsbrauche, wohl aber wurden sie zum 
Verkaufe ausgerufen,^ wie R c. 31 sagt (cridare venalia). Die 



^ Worauf schon Malfatti hingewiesen hat. 

* Ober den Beweis bei summarischem Yerfohren vgl. Wetzell, System des 
ordentlichen Civilprocesses ', 805 f. 

* 2" c. 30 und 87. 

* r'c. 33. 

^ T' c 39, diesmal richtig, vgl. Lerer, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, 
unter ,gelouber'. 

* In Acta Tirolensia 2, Einl. 190, hatte ich behauptet, dass der Ausruf 
der Pfänder im 13. Jahrhunderte nicht auch den Zweck gehabt habe, 
Kauflustige aneulocken, sondern nur dazu diente, die Gläubiger zur 
Wahrung ihrer Rechte zu veranlassen. Dagegen hat Alfred Schnitze 
in der Zeitschr. der Savignj- Stiftung 21, 329, germanist Abth., Be- 
denken erhoben und, wie ich gerne zugebe, mit Recht. Ich hatte eine 
Urkunde von 1289 August 9, Wien St-A. übersehen, die darüber keinen 
Zweifel lässt: Ein Gerichtsbote erklärt dem Notar, dass er einen ewigen 
Zins, der auf Ansuchen des Concelin gepfändet worden war, zum Ver- 



118 



Leiter des Palastes^ auf der das geschehen soll, ist die ^scala 
palatii^* T c. 36 hat bereits Tomaschek als unverständlich be- 
zeichnet. Schon die Rublik: ,Von der yerdampnus des veriehen' 
{R' c. 32: De praeceptis et condeninationibus factis in confessos) 
deutet darauf hin^ dass der Übersetzer in den Sinn dieses Ca- 
pitels nicht einzudringen vermochte, fbr behalf sich mit einer 
stümperhaften; an die einzelnen Worte sich klammernden Über- 
setzung; wobei er noch dazu in der eilfertigsten Weise vorging: 



2"c86. 

Item wir setzen und orden, 
das von gepoten und verdamp- 
nus wegen, die da geschehen 
von veriehen Sachen oder din- 
gen vor dem rechten^ daz man 
geben sol die gewer^ daz man 
gepiet ain haimlichs gepot, als 
bald daz die czeit der verdamp- 
nus u. s. w. 



B' c. 82. 

Item statuimus et ordinamus, 
quod de praeceptis et condemna- 
tionibus factis in confessos in 
iudicio dari debeat terminus, 
mandando sententiam et prae- 
ceptum executioni lapso ter- 
mino condemnationis u. s. w. 



Der Übersetzer hat hier statt ^terminus' ^tenuta' gelesen 
oder zu lesen vermeint und es mit ,gewer' wiedergegeben. Das 
heimliche Gebot hat er sich aus ^mandando sententiam et prae- 



kaufe auBgerofen habe, ,dicendo dictns yiator, quod oridaverat, qnod si 
aliqua persona plus volebat dare de dicto ficto, quod deberent comparere, 
alioqnin fieret vendicio ipsi Concelino, secandnm quod extimatum est 
dictum fictum*. Nur glaube ich, dass der Pfandzuschlag an den Glftu- 
biger die Regel gebildet habe. Dass der Ausruf beide Zwecke zugleich 
verfolgte, ergibt sich aus der Urkunde von Verona, 1202 October 16 
(Verona Capitelarchiv), in welcher der den Pfandrerkauf vornehmende 
Judex und Consul Diatricus erklärt, er habe das Grundstack: ,per suum 
preconem subastare fecisse et per eundem preconem dicere, si esset ali- 
qua persona vel personas (sie!), que vel quas in ea vendidone aliquam 
haberet racionem, quod esset ad certum termisum coram eo oonsole ad 
suas hostendendas raciones, et si non essent ad certum terminum, de cetero 
non essent audite; et si esset aliqua persona vel personas, que vel quas 
emere vellet suprascriptam peciam de terra cum casa et ortioello, simi- 
liter esset ad certum terminum coram eo et quod daret et venderet plus 
offerenti ... et quod terminum subastacionis diu erat,, quod erat trans- 
actum et aliqua persona non invenit, que in illa vendicione plus dare 
vellet* u. 8. w. 
^ Ebenso T c. 38. 



119 



ceptam execntioni' zusammengeklügelt. Auch im Folgenden 
ist er nicht glücklicher gewesen: 



. . . und die gewer soll gencz- 
lich wider in, so sol man ge- 
bieten, das das nrtail werde 
gegeben. 



et detor omnimode tenuta 
contra ipsum, mandando prae- 
ceptnm et sententiam execa- 
tioni. 



mid daher hat er aacfa das ,qaartnm dictae condemnationis', 
das der Schuldner bei verspätetem Einsprüche dem Gläubiger 
zu zahlen hat, ein&ch mit Schaden übersetzt. Ebenso unver- 
ständUch ist das folgende T' c. 37, das auch nur einer rein 
mechanischen Übersetzerthätigkeit seinen Ursprung verdankt. 
T' c. 38 und 39 sprechen von ,morgengab'. Nun war dieses 
Institut zwar in Deutschtirol eingebürgert, nicht aber im Tren- 
tino, oder ist hier wenigstens, wenn es auch in Adelsfamilien, 
die mit deutschen vielfach verschwägert waren und daher im 
Ausgange des Mittelalters zum Theil deutsche Rechtssitte, ja 
sogar deutsche Sprache annahmen, nicht unbekannt blieb, nicht 
eigentlich ein Institut des ehelichen Güterrechts geworden.* 
An deutschtirolisches Recht klingt es femer an, wenn unser 
Übersetzer der Frau das Recht geben will, die Morgengabe 
zu verkaufen,' wenn nicht einfach ein grobes Missverständnis 
des Übersetzers vorliegt. Capitel T" c. 38 handelt in Wahrheit, 
wie ein Vergleich mit Ä' c. 34 zeigt, von der Execution, welche 
die Frau zur Sicherstellung ihrer Dos gegen das Vermögen des 
Ehemannes ftLhren kann. 



T' c. 38. 

Item wir setzen und orden, 
daz chain weib mag noch sol, 
dieweil sy in der kanschaft, 
yer mag genemen gwalt zu 
verkaufen ein gwer von den 
guetern des maus, nur alain 



Ä'c. 84. 

Item statuimus et ordinamus, 
quod nulla mulier possit nee 
debeat constante matrimonio 
accipere venditionem nee te- 
nutam de bonis mariti, nisi 
citato marito personaliter, et 



^ Vgl. meinen Anfisatz in Festgaben für Büdinger 842 and Acta Tirol. 

2, Einl. 111, n. 8. 
' Nach Deatschtiroler Recht wird die Fran Eigenthamerin der Morgengabe, 

Festgaben fQr Büdinger 352. 



120 



probaverit legitime per testes, 
maritam male uti sabstantia 
sua vel casum dotis exigendae 
exstare. Et quod uxor ali- 
cniiis aliter non possit acci- 
pere yenditionem de bonis ma- 
riti occasione dotis suae vivente 
marito pro eo qnod dicatur esse 
dissipator bonorum suorum. 



er werd für recht geladen in 
seiner person, und das recht- 
lich beweise mit zeugen, daz 
er mer nuczen oder zeren 
welle sein aigen gut, es sei 
dan das gut, das der trauen zu- 
gehört von morgengab wegen, 
und daz das weib etlichs an- 
dres nit mag ir gewalt etwas 
ze verkaufen von den guteren 
des maus, die weil der man 
lebt, von der morgengab wegen, 
darumb das von im gesagt ist, 
er sei ein verzerer oder ver- 
tuer Seins guts, u. s. w.^ 



Noch klarer liegt das Missverständnis am Tage im folgen- 
den c. 39, das von derselben Klage der Frau und dem Rechte 
der Gläubiger, sie wegen der Dos abzufinden, handelt Auch 
hier ist wieder die Rede, dass: ,das weib wil ir morgengab 
Inhalten und wil die verkaufen von den guetern des mans^, 
wo 22' c. 35 davon spricht: ,postquam mulier ad conservatio- 
nem suae dotis acceperit venditionem de bonis maritim Ebenso 
erklärt sich der verwirrte folgende Satz sofort durch Ver- 
gleichung mit dem lateinischen Texte als verfehlte Übersetzung: 



r'c. 39. 

. . . und das vorgenant beib, 
wan sie die schuld hat pezalt, 
sol ir dan die morgengab ge- 
fallen mit allen rechten und 
nuczen dem porger oder por- 
gerin, die ir gnug haben ge- 
tan, u. 8. w. 



R' c. 86. 

... Et dicta mulier, facta sibi 
dicta solutione teneatur cedere 
iura et actiones illi creditori 
vel creditoribus, qui sibi satis- 
fecerint modo predicto dictam 
dotem, u. s. w. 



* Im Folgenden liest Z. 12 Th »gevorderf für »geordnet*, dem Sinne ent- 
sprechend, der Vicar soll nämlich die Klage gegen den Ehemann öffent- 
lich verkünden lassen, damit die Gläuhiger des Mannes ihre Rechte 
wahren können. In Z. 12 ist offenbar einiges ausgefallen, das den 
Worten von R* c. 34: ,et nti rationibns suis, ita quod nihil fiat in 
eorum fraudem et praeiudicium. Et aliter venditio facta' entsprach. 



121 

Unser Mann hat die Participalconstruction ,facta — solu- 
tione' auf die ,mulier' als Subject, ,dotem* zu ,cedere' oder 
vielmehr zu einem ihm vorschwebenden ,cadere', das er dann 
fbr »anfallen' nahm^ bezogen und ^iura et actiones' als coor- 
diniert mit ^dotem' angenommen. So ist er zu einem der 
Wahrheit geradezu entgegengesetzten Satze gekommen. 

Wenn dann ferner T c. 41 den fremden Notaren ver- 
bietet: ,werich oder thuen^ die geschehent vor dem rechten* 
zu schreiben, so hegt es auf der Hand, dass dabei an ;acta 
iudiciaUa' zu denken ist.^ Der Schlusssatz dieses Capitels 
widerspricht sich, indem er Acten, die ein fremder Notar 
schreibt, für ungiltig, aber doch wieder für beweiskräftig er- 
klärt. Die doppelte Verneinung ,nihilominus — non' ist wörtlich, 
aber damit auch sinnverändemd tibersetzt.* 

Schon Malfatti^ hat auf das Missverständnis hingewiesen, 
das in T' c. 48 vorliegt, wenn es hier heisst: ,das das geding 
des weibs und mans sol gehalten werdend Sicher ein etwas 
banaler Satz, sofern unter ,gedinge* , Vertrag'* zu verstehen sein 
sollte. Unser Mann gebraucht ^ ,geding' für ,appellatio'; er hat 
es auch hier gethan und übersehen, dass seine Vorlage IS' c. 42: 
,Quod in appellatione masculi etiam foeminae contineantur' dies- 
mal ,appellatio' einfach im wörtlichen Sinne ,Benennung' und 
nicht im juristischen gebraucht. Auch T c. 50 enthält Miss- 
verständnisse, die in einem Originaltexte nicht vorgekommen 
wären. Wenn zu Beginn von den ,urbarpucher^ eines oflFenen 
Schreibers die Rede ist, liegt es auf der Hand, dass an Im- 
breviaturbücher zu denken ist. Möglich auch, dass hier nur 
ein Verderbnis des Textes vorliegt, da im übrigen richtig von 
,inbreviaturen' die Rede ist. Wenn es weiter heisst, dass ,die 
rettung' der Schuldner gehört werden soll, so muss man an 
,defensio' denken. Mit der ,widerpringung^ der Instrumente 



^ Derselbe Ausdrack f&r ,acta' aach T' c. 60. 

* Wie der Obersetzer schlietslich 4i<^eDtia et commissio* zur Busse werden 
Uess, ist mir nicht klar. Vielleicht hieas es in der Vorlage : ,es werdt 
einem pas empfolhen* und ist ,pas' zu ,pus* verlesen worden. 

» a. a. O. 32. 

* Über diese Bedeutung vgl. Paul Puntschart, Schuldvertrag und'l^reu- 
gelObnis 51 f. 

^ Ausser in T' c. 64, wo er ,contractus venditionis* mit ^geding eins kaufls' 
übersetzt. 



122 



ist ^relevatio' gemeint. Auch der Schlusssatz ist unverständ- 
lich, da der tjbersetzer nach ,als woP in der vorletzten Zeile 
;Si non fiierit mortificata^ nicht wiedergegeben und ,cancellata' 
irrigerweise mit ^beschlossen' übersetzt hat. Zu Irrthümem 
gab dann femer das folgende Capitel T' c. 51 Anlass. Schon 
der Beginn: ,ob der vicarj aussetzt ein gepot oder potschaft 
oder ein wegfertigung' gibt sich als Übersetzung von: ,iniun- 
xerit aliquod praeceptum, ambaxiatam vel mandatum alicni 
viatori^, wobei der im Folgenden richtig mit ,pot' übersetzte 
jViator^ zur Wegfertigung wird. Im Folgenden ist der Satz: 
,oder daz er sei ein beschaider des kriegs als stät zu behalten 
und haben' unverständlich, da der Gerichtsbote natürlich nicht 
mit der Entscheidung von Streitsachen beauftragt ist. Die 
Vorlage spricht auch gar nicht davon, sondern von der Ver- 
hängung eines Sequesters: ,8ive pro sequestro fiendo vel salvo 
habendoS was unserem Autor unverständlich blieb. ^ 

Capitel T' c. 52 ist schon oben angezogen worden. Auch 
im Folgenden enthält es unverständliches genug.^ Der Schluss 
wird erst klar durch Vergleich ung mit dem lateinisdien Texte: 



T' c. 62. 

Und das alle ding, die in 
dem vorgenannten gesaczt ge- 
schriben sind von dem geding, 
wan das urtail gesprochen oder 
gegeben wirt, das es nichts sei, 
aber es mag albeg ain auszug 
peschehen, warumb es nit taug- 
lich sei, wider das urtail. 



B c. 129, n. 3. 

Et quod omnia, quae dicta 
sunt de appellationibus in prae- 
dicto statuto, locum non ha- 
beant, quum dicit ipsam sen- 
tentiam esse ipso iure nuUam; 
sed excipi possit de iure null!- 
tatis quolibet tempore contra 
sententiam. 



Auch hier eine sich mühsam an die Worte klammernde 
Übersetzung, die den Sinn nicht erfasst. 

Ganz sinnlos ist jT c. 54: ,Daz die richter rechte Ord- 
nung halten sullen ze siezen zu rechten.^ Schwerlich wird man 
errathen, um was es sich hier handelt, nämlich nach R' c. 46 : 



^ Auch in T' c. 57 wird ,8eqae8ter* mit ,be8chaider' wiedergegeben. 

* 8. 131, Z. 9 ist Tor ,wnrden voUendef ein ,mcht* zu ergänzen. Denn 
nur im Falle, dass die Appellation innerhalb der rechten Frist nicht 
erledigt wird, tritt das Urtheil erster Instant in Kraft. 



123 



^De ordine iudicioram servando in locis abi ins reditur ad lan- 
dam', also um die Gerichtsordnung und nicht um eine Ord- 
nung der Richter, wie unser Autor vermuthen lässt. Auch im 
Folgenden ist der Sinn kaum verständlich, denn unser Autor 
hatte von der Bedeutung des ,ad laudum^ des Umstandes ur- 
theilen keine Ahnung. 



T c. 64. 

Item daz wir aber seczen 
und Orden, daz all richter und 
ofBcial oder pfleger oder ain 
vicary oder der an ir stat in 
dem bistumb zu Trint sind ge- 
seczt oder die da siczent an 
einer stat, daz sy recht sullen 
thuen nach gebonhait und sol- 
len ein rechts recht thuen, daz 
gelobt oder behabt wirt und 
geurtailt vor in oder vor ir 
ainen, unter waz person das 
sei oder welcherlai sach das 
sei zu iglichem zil. Also pald 
vor gericht vor den, die bei 
dem rechtem Stent, mit irem 
aigem munt sollen si das ver- 
künden und sollen also spre- 
chen: ,als geurtailt ist durch 
di durch ^ gunst und behab- 
nus wegen, die pei dem rech- 
ten sind gewesen oder gestan- 
den, hab ich gefolget der ge- 
bonhait des gegenburtigen hofs. 
Also verkund ich es und peut 
es zu halten^, u. s. w. 



Ä' c. 46. 

Item statuimus et ordinamus, 
quod omnes iudices, officiales, 
gastaldiones vel vicarii sive qui 
in loco eorum vel eorum ali- 
quo in districtu Roveredi fue- 
rint constituti et sederint pro 
iustitia redenda secundum con- 
suetudinem et ius ad laudum, 
debeant sententias quae obten- 
tae fuerint coram eis vel eo- 
rum aliquo inter quascumque 
personas in quibuscumque cau- 
sis in quolibet termino, imme- 
diate in iudicio coram adstan- 
tibus proprio ore pronunciare 
sie dicendo: ,Sicut sententia- 
tum est per eos in favorem 
aut contra, sequutus consuetu- 
dinem praesentis curiae, sie 
pronuncio et mando obser- 
vari', u. s. w. 



Wenn in T' c. 56 von einem Amtmanne, der ein ,uber- 
sass' ist, gesprochen wird, so erkennt man darin eine sehr 



» ^ Th. 



124 

wörtliche Übersetzung von ^praesidens^ der Vorlage.* Im Wei- 
teren besagt dieses Capitel etwas unklar, dass von beschwe- 
renden Urtheilen: ,in fallen die verhengt sind', an den Bischof 
appelliert werden könne, sonst aber nicht. Nun ist dies selbst- 
verständlich. Die Vorlage R c. 47 bestimmt auch anderes, es 
dürfe die Appellation nur ,8uccessive*, also nicht sprungweise, 
sondern mit Verfolgung aller Instanzen erhoben werden. Un- 
verständlich ist es femer, wenn in T c. 58, das über Zu- 
weisung eines Processes an einen Judex behufs Ertheilung 
des Consiliums handelt, davon die Rede ist, dass eine Partei: 
,gebe alle richter verwant sein unrecht, die in der stat sint'. 
Die Vorlage handelt davon, dass die Partei ,daret iudices su- 
spectos de civitate*, woraus dann unsere Übersetzung durch 
irrige Wiedergabe des ,suspectos' entstanden ist. In T c. 63 
hegt es auf der Hand, dass der Notar nicht von ,geweren oder 
enden*, sondern von ,tenuti8 et terminis*, die er schreibt, eine 
Taxe bezieht. Im Folgenden sind die ,termini* gar zu ,acker 
oder garten* geworden, offenbar da unser Autor ,terminus* 
nur als Grenze kannte und die ,termini quantaecumque sint 
magnae quantitatis* der Vorlage* als Grundstücke fasste. Un- 
beholfen ist auch die Verdeutschung der in T' c. 64 aufge- 
zählten Rechtsgeschäfte ausgefallen. Schlimm ist es, wenn 
der Übersetzer ,permutatio* und ,mutuum* zusammenwirft und 
dieses mit ,80 zben wexelen* übersetzt, ohne zu merken, dass 
er sich dadurch mit dem Voranstehenden in Widerspruch setze. 
Nach diesen Proben seines juristischen Könnens werden 
wir nicht erstaunt sein, unseren Autor dem Institute der Klagen- 
verjährung rathlos gegenüber zu sehen. Zweimal hatte er da- 
von fast mit gleichen Worten zu sprechen, in T c. 89 und 
T' c. 67. Wie immer in solchen Fällen, ist keineswegs das 
zweitemal die vorangehende Übersetzung benützt, sondern 
hegen zwei verschiedene Versionen vor. Nach T c. 67 könnte 
es scheinen, dass da auch von Verjährung im Strafverfahren 
die Rede sein soll, wenn die Klagen aufgezählt werden: ,si 
sein umb gut oder bider seinen leib, si sein nücz oder wie 
die genant sind^ Tc. 89 drückt sich an dieser Stelle so aus: 



^ B' c. 47 liest ,re8identeS der ,übersa88* aber findet seine Stütze im ,pnie- 

sidente' des Alezandrinischen Statuts, lib. 1, c. 51. 
« R c. 69. 



125 

,welcherlai die sind^ si seind umb heuser oder umb acker oder 
nmb wen das sei oder nücz^ wie die genant sind'^ also nichts 
von Strafklagen. Die Vorlage R c. 79 spricht einfach von 
^actiones . . . reales sive personales^ utiles vel directas seu 
qaocnmque nomine censeantur'. Die ,actio personaiis^^ unserem 
Autor unverständlich^ ist in T c. 89 übergangen, in T' c. 67 
zur Ellage wider den Leib geworden. Im Folgenden ist wieder 
die Bede davon, dass der Kläger seine Ellage geltend zu 
machen habe nach T c. 89 gegen diejenigen: ,die in schuldig 
sind oder schedlich sind^, nach T' c. 67 gegen solche: ,die in 
schuldig sind oder die si gelaidiget habend Beide Stellen sind 
offenbar nur Übersetzung von ,contra dictas personas obligatas 
seu obnoxiatas^ Auch ,ertrich^ für ,terra' im Sinne von Land- 
schaft hätte ein deutscher Originaltext nicht gesagt.^ Vielleicht 
das merkwürdigste Missverständnis von allen ist unserem Autor 



^ Mit Unrecht meint Tomaschek, Sitsongsberichte der Wiener Akademie 
33, 362, im Folgenden eine Erinnerung an das System der persönlichen 
Rechte zu finden. Es ist nichts anderes als der landläufige Satz, dass 
die Klagveijährung nur unter ,prae8ente8' laufe, ein Satz, der ebenso 
wie die Bestimmung der ,prae8entia* als Anwesenheit in demselben Ge- 
richte der Lehre ron der Ersitzung entnommen wurde. VgL Pertile, 
Storia del diritto Italiano ', 4, 487, n. 64. Auch Pertile a. a. O. und 
Sartori, Zeitschrift des Ferdinandeums III, 36, 10, n. 1, folgen der 
Meinung Tomascheks. Die von Sartori behauptete Entwicklung erklärt 
sich einfach durch die Verschiedenheit der Übersetzung in den alten 
und neuen Statuten. Der betreffende Satz: ,gleich der porger und der 
entleicher, sindt die gesessen in einem landt, darin man einen jeglichen 
ein gleiohs recht thuf , ist nur ungeschickte Übersetzung von ^ c. 79 : 
»existentibus ipsis creditoribus et creditore et personis obligatis in eadem 
terra, in qua ins redditur utrique debitori et creditori*, ein Satz, der in 
7*' c 67 richtig wiedergegeben ist. Allerdings hatte es einmal an 
manchen Orten Codices Romanorum* und ,Langobardomm* nebenein- 
ander gegeben, aber diese Zeit war, als die Trientner Statuten und noch 
mehr ihre Übersetzung entstanden, längst dahin. Schon im 13. Jahr- 
hunderte gab es, wie der Über Oberti zur Genüge zeigt, nur mehr ein 
einheitliches Recht in Trient Die Bekenntnisse zum rl^mischen Rechte, 
die sich allerdings in Ehegedingen noch vereinzelt im 13. Jahrhunderte 
finden, hatten eine andere Bedeutung, vgl. Festgaben für Büdinger 347. 
Auch wäre ein Rechtssatz, wie ihn Tomaschek construieren will, ebenso 
aussergewOhnlich als unbegreiflich. Möglich allerdings, dass dem Über- 
setzer die Rechtsrerschiedenheit zwischen Deutsohtirol und dem Gebiete 
des Trienter Rechtes vorschwebte, deren man sich im 14. Jahrhunderte 
allerdings bewusst war. Dieser Rechtsunterschied fiel in diesem FaUe 
allerdings mit der Verschiedenheit der Gerichte zusammen. Die Vor- 



126 

am Schlüsse dieses Capitek untergelaufen, wenn er die Elag- 
verjährung bei Minderjährigen nach T' c. 67 ausschliesst: ^unter 
den gegenburtigen und den, die sich verheiraten, oder ire 
nachkomen', oder ytiq er T c. 89 sagt: ,Da8 hot sein stat und 
findet sich unter einer freuntschaft oder unter den fireunten, 
die mit heirat geschieht/ ^ Wie kommt unser AmUht auf den 
Gedanken, den Ausschluss der Elagverjährung an den E3ie- 
stand der Minderjährigen zu knüpfen? R c. 79 spricht davon, 
dass die Klagenveijährung die Minderjährigen nicht treffe^ 
auch wenn sie gegenwärtig sind und contrahieren, und ebenso 
ihre Rechtsnachfolger: ,Ab üs vero XX annis excipiantur mi- 
nores XXV annis, qui vindicant sibi locum inter praesentes et 
contrahentes, vel eorum successores/ Nun sieht man, dass sich 
T' c. 67 enge an den lateinischen Text anschliesst. Nur hat 
unser Autor bei ,contrahentes^ an ,matrimonium contrahere' ge- 
dacht und das Wort so zu eng genommen, eine Auflassung, 
in der ihn das folgende ,successores^, in dem er die Nach- 
kommen der ,contrahentes' sah, bestärkte. T c, 89 versucht, 
denselben Gedanken freier zu fassen. 

Damit können wir es genug sein lassen, obwohl noch 
viele andere Stellen zu nennen wären und die Übersetzung 
fast der ganzen neuen Statuten und eines guten Theiles der 
alten als eine verfehlte zu bezeichnen ist. Das, was sich aus 
dem Gesagten klar ergibt, ist meines Erachtens, dass dieser 
gewundene, unklare und vielfach undeutsche Text, der von 
Irrthümem und unmöglichen Sätzen strotzt, der so viele Wider- 
sprüche mit sich selbst und mit dem geltenden Rechte enthält, 
unmöglich die Originalfassung eines Gesetzes darstellen 
kann. Vielmehr weisen gerade der Stil, aber auch so viele 
der Irrthümer auf eine lateinische Vorlage hin. An der 
bischöflichen Curie in Trient hätte man gewiss Kräfte genug 
zur Verfügung gehabt, namentlich unter den canonistisch ge- 
bildeten Hofgeistlichen, welche eine correctere Übertragung 



läge dachte wohl an Gebannte, die kein Recht erlangen konnten; TgL 
Pertile a. a. O^ n. 65. 
^ Büt Unrecht zieht Tomaachek zu dieser Stelle in n. 4 die Olea'sohen nnd 
Ulrich*8chen Statuten heran, welche die Klagveij&hmng unter Leuten, 
die in Güterg^meinachaft stehen, namentlich auch zwischen der Witwe 
und den Erben des Mannes um die Dos ansschliessen, wenn sie zu- 
sammenleben. 



127 

und Bearbeitung der vielfach romanistischen Rechtssätze und 
Rechtsausdrücke in die deutsche Sprache zu liefern in der 
Lage gewesen wären. Daher ist keineswegs an eine authen- 
tische und officielle Übersetzung, sondern lediglich an eine 
Privatarbeit zu denken. Dass eine deutsche Übersetzung 
der Trienter Statuten entstand, kann nicht Wunder nehmen. 
Im 14. und 15. Jahrhunderte war die deutsche Sprache in 
raschem Vorrücken begriffen. Nicht nur wurde das Bozner 
Unterland jetzt deutsch, auch im Gerichte Königsberg, in Val- 
sugana, im Gebirge zwischen Etsch und Brenta, selbst im 
Nonsberg fand die deutsche Sprache vielfach Verbreitung.^ Die 
deutschen Bischöfe des 14. und 15. Jahrhunderts brachten 
deutsche Hauptleute und Beamte nach Trient, die, wohl zum 
Theile des Lateinischen nicht mächtig, eine deutsche Über- 
setzung mit Freuden begrüssen mochten.' Der Trienter Adel 
verschwägerte sich mit dem tirolischen und wurde vielfach 
zweisprachig, wie die Glos odlsr Madruzzo, deren hervor- 
ragendste Vertreter, die Cardinäle Bernhard von Cles, Christoph 
tmd Ludwig Madruzzo, beider Sprachen mächtig waren. Ja 
nach einer freilich nicht ganz klaren Nachricht aus der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts, Beilage Nr. 9, scheint hervorzu- 
gehen, dass die Statuten von Trient damals auch in Bozen 
Geltung hatten, also in rein deutschem Gebiete.' So konnte 
eine deutsche Übersetzung der Statuten ihre Verbreitung finden. 
Den Urheber der Übersetzung können wir nach dem Gesagten 
nur ftlr einen geistig wenig bedeutenden Mann erklären. Die 
vorangehende Zusammenstellung hat uns Beweise genug an 
die Hand gegeben, dass ihm eine tiefere Kenntnis sowohl des 
gemeinen, als auch des deutschen Rechtes gefehlt hat, dass sein 
lateinisches Wissen überaus bescheiden war, dass er aber zu- 
gleich auch mit grosser Leichtfertigkeit ans Werk gegangen 
ist In Trient war er sicher nicht bewandert, daher seine Un- 



^ Patigler, Zeitschrift des Ferdinandenms 3, 28, 74 f. 

* So schon Beich, Del pi& antico statato 36. 

' Malfatti yermuthet Ähnliches freilich ans nicht stichhaltigen Gründen, 
denn die Urkunde Karls IV. von 1347 Juli 21, BOhmer-Hnber, Nr. 328, 
hatte keine praktische Bedentang, nnd T c. 90, das er flir die deutschen 
Gebiete angefertigt glanbt, findet sich wieder als B c. 80. Ähnlich auch 
schon Bapp, Beiträge 8, 8. Das im Contezte erwähnte Actenstück ge^ 
druckt als Beilage, Nr. 9. 



128 

kenntnis der Ortlichkeit ,Aquaviva*, der Erbpacht ,ad usum 
domomm mercati Tridenti^ und anderer Dinge. Des Italie- 
nischen aber war er mächtig; vielfach hat er lateinischen 
Worten die modeiiie italienische Bedeutung untergeschoben. 
FreiUch dürften auch hierin seine Kenntnisse nicht sehr weit 
gereicht haben^ wie die Übersetzung von ,scala' mit ,Leiter' 
darthut. Manches weist auf tiroHsche Herkunft des Übersetzers 
hin^ wie die Ausdrücke ^kastraun^ (T c. 64)^ ^prenten, star, 
ürn' (Tc. 85), ,saltner' (Tc. 108), ,taufen' (Tc. 163), die dem 
tirolisch-bayrischen Dialecte entstammen. Daran Hess uns auch 
seine Verwechslung der ,dos' mit der ,Morgengabe' denken, 
welche im tirolischen Eherechte der späteren Zeit eine so grosse 
Rolle spielt. 

Welchen Wert hat nun die Übersetzung? Stellt sie eine 
ältere Entwicklungsstufe des Trienter Rechtes vor, oder ist sie 
auf Grund des ältesten erhaltenen lateinischen Statuts, des Ale- 
xandrinischen von 142Ö entstanden? Die Alteren: Cresseri, 
Gar, Malfatti sahen in T die Übersetzung eines Statuts, das 
älter als die ihnen bekannten Cles'schen und Udalricianischen 
Statuten sei, ja das sie dem 13. und 14. Jahrhunderte zu- 
schrieben. Reich, dem das Verdienst gebührt, zuerst mit 
grösserem Nachdrucke auf die Alexandrinischen Statuten von 
1425 hingewiesen zu haben, erklärt T für eine Compilation aus 
dem Alexandrinischen Statute, während ein älteres Trienter 
Statut, das von ihm so genannte ,Statuto nero', mit Ausnahme 
geringer Bruchstücke und des von Reich edierten ,Statuts der 
Sindici^ verloren gegangen sei.^ Wenn dies der Fall wäre, so 
hätte die Compilation, die uns T bietet, in der That nur ge- 
ringen Wert. 

Wir werden diese Frage theils aus T selbst, theils mit 
Heranziehung der Fragmente, die von den Statuten anderwärts 



^ Nachdem Reich in seinen früheren Arbeiten, Del piii antico statuto 26, 
und n secondo statuto 8, noch die ältere Ansicht g^etheilt hatte, wobei 
er allerdings schon in der erstgenannten Schrift 36 yon einer ,compi- 
lazione' und ,raccolta di capitoli tolti alla rinfosa dalle disposisioni 
criminali civili e da quelle del libro de sindici' g^esproehen hatte, führte 
er seine neuere Ansicht zuerst im Archivio Trentino 11, 115: ,una tra- 
duzione fatta neU* anno 1463 dal codice redatto in latino del p. ▼. Ales- 
sandro di Mazovia', und dann in der Zeitschrift Tridentnm 2, 233, hier 
allerdings nicht ohne Bedenken aus. 



129 

erhalten sind, und namentlich aber durch einen Vergleich mit 
verwandten Statuten zu lösen versuchen. 

Die späteren uns erhaltenen Trienter Statuten, die Ale- 
xandrinischen von 1425,^ die Udalricianischen von 1498* und 
die von Bischof Bernhard von Cles publicierten von 1527* 
zerfallen in drei Bücher, in denen die einzelnen Gesetze nach 
Materien geordnet sind, in einen ,hber de civiHbus, de crimi- 
nalibus' und ,de officio syndicorum^ Ganz anders ist die An- 
ordnung von T. Nach einer Überschrift folgen nach der 
Zählxmg Tomascheks 166 Capitel, welche Tomaschek als die 
alten bezeichnet/ Hierauf kündigt sich eine zweite Abtheilung 
von Capiteln mit der Überschrift an: ,Hie vahen sich an die 
neuen Statut/ Es folgt unmittelbar ein datiertes Gesetz des 
Bischofs Bartholomäus über die Zahlung der Steuern und Exe- 
cution von Steuerrückständen von 1307 April 10. Nun wird die 
Rubrik der neuen Statuten wiederholt: ,Hienach vahen sich 
an die neuen Statut des pistumbs und der stat Trient. Des 
ersten wie man ein jede person laden sol^ u. s. w. Somit trägt 
eine Reihe zusammengehöriger Capitel den Titel von neuen 
Statuten, nach der Zählung Tomaschek's ^ vierundsiebzig.^ Dar- 
auf folgt als jT' c. 76 die Pubhcationsformel ftlr die neuen Sta- 
tuten, die von Bischof Nicolaus (1338 — 1347) ausgestellt ist. Es 
schliesst sich daran als T' c. 77 eine Bemerkung über den 
Wert der im Statut genannten Münzen, die offenbar nur einen 
späteren Zusatz dai*stellt. Die Ordnung dieser Statuten ist also 
die historische. Jedermann weiss, dass diese in Gesetzen älter 
ist, als die systematische. Und in der That begegnet sie uns 
gerade in den ältesten Statutenredactionen, während jüngere 
die einzelnen Capitel nach Materien zusammenstellen.'' Wie 
wäre auch der Verfasser von T dazugekommen, die einzelnen 



* Im Folgenden mit A bezeichnet. 
' Im Folgenden mit U bezeichnet. 
' Im Folgenden mit C bezeichnet. 

^ Die gleiche Bezeichnung am Schlosse dieser Capitel schon in Th, vgl. 

oben S. 95. 
' Der angeschickter weise die Novelle des Bischofs Bartholomäus als c. 1 

der neuen Statuten zählt. 

* Sie enden mit Tomaschek c. 75. 

' Schupfer, Manuale di storia del diritto Italiano 1, 261; Pertile, Storia 
del diritto Italiano •, 2, 2, 138. 
ArehiT. ICH. Band. T. HUfte. 9 



130 

Capitel nach Willkür in ältere und jüngere zu scheiden?^ Aus 
manchen dieser sogenannten jüngeren Statuten ergibt sich mit 
Evidenz, dass sie in der That jünger sind als die ihnen entspre- 
chenden Capitel der alten Statuten, weil sie Zusätze und Ab- 
änderungen zu diesen darstellen. So entspricht T c. 89 dem 
Inhalte nach T' c. 67, doch enthält das letztgenannte am 
Schlüsse einen Zusatz, der die Verjährung ausschliesst, wenn 
irgend eine ,iusta causa^ die Erhebung der Klage unmöghch 
macht.* Ebenso wiederholt T' c. 52 die in T c. 134 aufgezählten 
Gerichtsferien, aber mit einigen Zusätzen.* Der Text von T 
ist ferner keineswegs aus A entnommen. Zum Theile stimmt 
wohl A mit T überein, aber an sehr vielen Stellen bietet A 
gegenüber T ein bedeutendes Mehr und ist dann C viel ver- 
wandter als T, Die Ausführungen im zweiten Abschnitte und 
die als Beilage Nr. 12 angefügte Vergleichstabelle werden den 
Beweis erbringen. Auch Ansätze der Bussen variieren vielfach 
in 2' und A. Das alles wäre undenkbar, wenn T von A ab- 
geleitet wäre. T ist vielmehr die Übersetzung einer 
selbständigen, von A unabhängigen älteren Recension. 

Um ihre Stellung des näheren zu ermitteln, werden wir 
die Roveretaner Statuten von 1425 und das älteste Statut der 
Sindici heranziehen müssen. Die Roveretaner Statuten, in dem- 
selben Jahre wie A entstanden, werden sich uns als eine Quelle 
ergeben, welche dem Trientner Statutarrechte des 14. Jahr- 
hunderts viel näher stand als A. 

Die Venezianer haben bekanntlich den Süden des Bis- 
thums Trient seit 1411 besetzt,* nachdem ihnen das Testament 
Azzos von Castelbarco den Zugriff im Lagerthale ermöglicht 

^ Dies erregt auch bei Reich Bedenken, Tridentam 2, 233. 

* ,und der da hat ein rechte sach, das er das recht besuch seiii kla^ ; 
deutlicher in dem entsprechenden Satze der Roveretaner Statuten, 
i2 c. 79: ,Et qui habuerint iustam causam non intemptandi actiones suas.* 

* In T' c. 62 werden die Tage der Kirchweihe genauer vom 18. bis 
20. November fixiert, ferner werden der Festtag des heil. VigUius und 
alle anderen in Trient gefeierten Festtage als Ferialtage erklärt, S. 197 
der Tomaschek'schen Ausgabe, Z. 1 bis Z. 6 ,item zu — aufgeseczt*. Am 
Schlüsse werden die Bestimmungen Qber die Appellation bei der Nichtig- 
keitsbeschwerde ausgeschlossen. 

* Egger, Geschichte Tirols 1, 471; Zotti a. a. O. 1, 271; Ravanelli, Con- 
tributi alla Storia del dominio Veneto nel Trentino, Archivio Trentino 
11, 89. 



191 

hatte. Im Jahre 1416 eroberten sie Rovereto. Den Einwohnern 
der oecupierten Gebiete wurden ihre Rechte, Statuten und 
Freiheiten bestätigt, so den Gemeinden Ala und Avio 1411 
September 19,^ den Leuten von Brentonico 1411 September 18,* 
der Stadt Rovereto 1417 November 17.^ Die Statuten nun, 
nach denen diese Leute lebten, waren die localen Gewohn- 
heiten und ,Regole' in Gemeindeangelegenheiten und im übrigen 
die Statuten von Trient, die für das ganze Bisthum galten, so- 
ferne sie nicht wie in Fleims durch locales Recht nach dem 
Grundsatze: Willkür bricht Landrecht zum Theile ausge- 
schlossen waren. Begreiflich, dass man für das venezianische 
Gebiet eine Neuredaction wünschte, die ohne Änderung des 
materiellen Rechtes den geänderten staatsrechtHchen Verhält- 
nissen Rechnung trug. Diese Umredaction ist nun wirklich im 
Jahre 1425 durch Jacobus de Persichello von Cremona, öffent- 
lichen Notar und Kanzler des Podesta von Beseno und Rove- 
reto Francesco Basadonna, vorgenommen worden. Jacobus ver- 
sichert, dass er seine Statuten: ,ab original! libro statutorum 
veterum' nur ,mutatis mutandis respectu dominii' copiert habe.* 
Wir müssen dieser Neuredaction vor allem das Vorwort und 
die Schlussunterschrift des Jacobus de Persichello, die uns 
über die Entstehung der Neuredaction Kunde geben, zu- 
schreiben. Im weiteren finden wir häufig, dass von ,Rovereto*, 
dem ,ducale dominium Venetiarum'^ und dem venezianischen Po- 
destk gesprochen wird, der mit der Pflege der Civil- und Cri- 
minaljurisdiction betraut war.^ Aber daneben sind Stellen genug 
vorhanden, die darthun, dass die Umredaction keine sorgfältige 
war, und die deutlich auf den Ursprung dieser Statuten hinweisen.' 
So wird in Ä c. 5 der Fall erwähnt, dass jemand einem anderen 



> Libri pactorum, Wien 8t.-A., Handschrift Nr. 669, Bd. 7, f. 56: ,Item 
depatetur eis unns offlcialis, qui reddat sibi ins in ciyilibns et crimina- 
libns, serraüs suis statutis et ordinamentis. Responsio: Fiat more solito/ 

* a. a. O., f. 57. Auszug bei Zotti 263 f.; ygl. auch Gar, Statuti di Rove- 
reto, Einl. 5, 18; Ravanelli a. a. 0. 101 f. 

' Zotti a. a. O. 276. 

* Gar, Statuti della cittk di Rovereto 87, herausg. in der Biblioteca Tren- 
tina 4. 

* Ä c. 1, 2, 46. 50, 69, 140, 141; B' c. 81, 40 u. s. w. 
« c 9, 16, 106, 140 u. 8. w. 

^ Darauf hat schon Gar aufmerksam gemacht a. a. O., Einl. 14. 

9* 



132 

einen Backenstreich versetzt, ,in paiatio episcopatus^, der als 
höher befriedet erscheint, eine Bestimmung, die nur für Trient 
Bedeutung hatte, nicht mehr fUr Rovereto. In c. 18 — 20 wird 
beim Verbrechen der FalschmUnzung ausdrücklich betont, dass 
es ,in civitate Tridenti vel eius diocesi' begangen sei. R c. 54 
nennt den ,vicarius curiae Tridentinae', c. 63 und 64 ,districtu8 
et episcopatus Tridentinus' ganz sinnlos in einem Statut ftir 
das nicht mehr zu Trient gehörige Rovereto. Dabei werden in 
c. 63 als Grenzen des Trienter Districts angegeben Crivelli in 
Gardolo, Casteller, Buco di Vela, Sancta Marina * an der Strasse 
gegen Nomi und Castelvedro an der Strasse nach Civezzano. 
Diese Orte begrenzen wohl das nähere Gebiet der Stadt Trient, 
stehen aber mit Rovereto in gar keiner Beziehung. Noch öfter 
ist die Rede von ,civitas, episcopatus, districtus Tridentinus^* 
Ein Verbot der Ausfuhr gewisser Waren ,a Tridento inferius', 
wie es c. 63 und c. 157 bieten, war für Rovereto ganz tiber- 
flüssig. Aus diesen Stellen ergibt sich unzweifelhaft, dass bei 
der Bearbeitung der Roveretaner Statuten ein für 
Trient erlassenes Statut die Vorlage gebildet haben 
muss. Ganz ausdrücklich ist dies gesagt in c. 6 der neuen 
Roveretaner Statuten, indem hier bei Erbschaftsklagen der Be- 
weis der Verwandtschaft ,secundum formam iuris et statutorum 
nostrorum civitatis Tridenti^ angeordnet wird. Der ,Hber origi- 
nalis Statutorum veterum comunitatis et hominum Roveredi', 
den Jacobus de Persichello bearbeitet hat, war nichts anderes 
als ein Trienter Statutencodex, und zwar muss die Redaction 
dieser Statuten eine ältere gewesen sein als die Alexandri- 
nischen Statuten, weil Rovereto im Jahre 1416 politisch von 
Trient getrennt wurde, und die späteren Änderungen der 
Trienter Statuten auf die Roveretaner Rechtsentwicklung nun- 
mehr keinen Einfluss üben konnte. Aus den eigenen Worten 
des Jacobus de Persichello und der oberflächlichen Art, mit 
der er die Neuredaction durchführte, können wir erwarten, 
dass uns in R die ältere Redaction der Trienter Statuten in 
wortgetreuer Form überliefert ist, natürlich abgesehen von den 
leicht erkennbaren Änderungen ,ratione dominum 

^ So ist offenbar zu lesen statt ,sancta Maria* des Druckes. ,Marina* auch 
im Statute der Sindici, c. 16, bei Reich, II piü vecchio Statnto 47. Ober 
diese Begrenzung vgl. auch Reich a. a. O. 18. 

« B c. 78, 79, 89, 165, 167. 



133 

Eine genaue und vollßtändige Vergleichung ^ von T und 
R ergibt nun, dass T mit geringen Ausnahmen^ auf die wir 
im Folgenden näher eingehen werden, Satz für Satz, ja 
fast Wort für Wort mit R übereinstimmt, natürlich aus- 
genommen die Änderungen ,ratione dominii', welche Jacobus 
de Persichello an seiner Vorlage vorgenommen hat. Da nun 
nicht daran zu denken ist, dass T eine Übersetzung von R 
sei, wie Reich vermuthet,* so bleibt nur die Annahme übrig, 
dass beide auf eine gemeinsame, uns verlorene Quelle zurück- 
gehen, mit anderen Worten, dass T eine zwar schlechte, 
aber im ganzen satzgetreue Übersetzung einer Sta- 
tatenredaction sei, die auch R als Vorlage gedient 
hat. Freilich gehen beide keineswegs auf denselben Arche- 
tjrpus zurück, man wird vielmehr eine Anzahl Mittelglieder 
annehmen müssen, durch deren Vermittlung endlich die uns 
noch vorliegende Überlieferung entsprungen ist. 

Wenn wir aber nun zwei unabhängig von dem ver- 
lorenen Archetypus X abgeleitete Quellen besitzen, so wird uns 
ein Vergleich beider über die Gestalt des Archetypus wichtige 
Aufschlüsse gewähren können.' Die Eintheilung der Statuten 
in ,Statuta vetera' und ,nova' ist in T und R dieselbe; wir 
dürfen sie daher umsomehr, als sie uns auch aus inneren Grün- 
den wahrscheinlich wurde, unbedenklich für alt und echt halten. 
Die Zahl der Capitel variiert in beiden Überlieferungen. Die 
alten Statuten umfassen in T nach der Zählung Tomaschek's 
166 Capitel, in R nach der Zählung Gar's 172, die neuen in 
T llj in R 48, wobei jedoch zu bemerken ist, dass Gar die 
neuen Statuten von Rovereto nicht vollständig zum Abdrucke 



' Die Yergleichstabelle Nr. 11 sucht die Übersicht zu erleichtern. 

' Tridentum 2, 233, n. 1. Wie hätte mau in Trient im 15. Jahrhunderte 
auf den Gedanken kommen sollen, die Statuten einer ausländischen Ge- 
meinde zu übersetzen und als Trienter auszugeben? Auch die Unter- 
schiede zwischen T und B schliessen die Annahme einer directen Ab- 
stammung aus. T weist auch nicht eine einzige der Änderungen, 
welche B ,ratione dominii' vorgenommen hat, auf. So kann nicht der 
leiseste Zweifel bestehen, dass T und B von einander gänzlich unab- 
hängig sind. 

• Namentlich, wenn auch der Text von Ä als eine dritte von X abge- 
leitete Quelle und das älteste Statut der Sindici zur Vergleichung her- 
angezogen werden. 



134 

gebracht^ sondern alle Capitel weggelassen hat, welche nur Be- 
stimmungen der alten wiederholen. 

Fassen wir nun die Verschiedenheiten in beiden Über- 
lieferungen ins Auge. Es ist schon oben bemerkt worden, 
dass das Vorwort von R der Neuredaction von 1425, über die 
es berichtet, angehört. Dagegen werden wir die kurze Über- 
schrift in T als Übersetzung der ursprünglichen ansehen 
dürfen. Wir werden auf die Bedeutung dieser Überschrift 
zurückkommen müssen, wenn wir das Alter der Statutencom- 
pilation zu bestinmien suchen werden. 

Manche DiflFerenzen heben sich allerdings beim Vergleiche 
mit Thy dessen Text, wie bereits erwähnt, der vollständigere 
ist, von selber. So ordnet R c. 10 an, dass die Landleute schwere 
Verbrechen den Sindikern ihrer Pfarrgemeinden anzuzeigen 
haben: ,8uo sindico vel eins domui vel familiae.' Tc. 10 lässt 
das Haus fallen, Th sagt ausführlich: ,iren kirchprobst oder 
seinem hause oder ingesinde'. Ebenso schlichten sich die DiflFe- 
renzen zwischen T c. 14 und Ä c. 14. Dieses knüpft die Sühne 
bei Nothzucht an die Zustimmung der geschädigten Frau und 
ihres nächsten Verwandten, während T nur von der Frau 
spricht. Th liest hier richtig: ,von der frauen, die er erkant 
hat, und den allernächsten freinden der frauen*. Ebenso wird 
der aus logischen Gründen oben* bereits als wahrscheinlich 
erkannte Zusatz: ,und doch ob er nit fnd hat* u. s. w., auch 
durch den Text von R c. 14 gestützt.* R c. 15 setzt den Fall 
des ausserehelichen Beischlafes mit einem Mädchen, das ausser 
dem Hause des Vaters wohnt, dem gleich, wenn das Mädchen 
keinen Vater hat. T berührt nur diesen letzten Fall, richtiger 
liest Th: ,und ob sy nit ain vater hat, besunders si wonet pei 
andern leiten, und ob si halt ainen vater hat' ^ u. s. w. T c. 1 11 
bietet einen mehrfach gekürzten Text gegenüber R c. 100. Es 
fehlt die Strafbestimmung ftlr das Ausheben fremder Thore 
und unter den Strafen, die dem Zahlungsunfähigen drohen, 
das Peitschen durch die Stadt. Auch hier entspricht Th voll- 



» S. 96, n. 3. 

^ ,et hoc 81 non habuit pacem; et si habuit pacem, condemnetur in cen- 

tum libras Ver.* 
" Dagegen ist T c. 30 vollständiger als der Text von Thj in dem Z. 5 

,XXV Üb.— geben' fehlt. 



135 

ständig dem lateinischen Texte von Ä,* der auch durch das 
alte Statut der Sindici c. 37 bestätigt wird. Ebenso finden die 
Ergänzungen, die Th zu T' c. 3 bietet,^ sämmtlich in R c. 3 
ihre Bestätigung.^ Wir sehen somit das Urtheil, welches wir 
schon aus inneren Gründen gewinnen konnten, dass Th viel- 
fach den besseren und correcteren Text bietet als die Wiener 
EUindschrift, durch den Vergleich mit R vollkommen bekräftigt. 
Eine bemerkenswerte Differenz bietet T c. 3 gegenüber 
R c. 3. W^enn T in der Rubrik übersetzt: ,keczer und ander 
solch leut*, während R nur von ,hereticos* spricht, erfllhrt die 
Lesung in T eine Bekräftigung durch A.^ Dass der Über- 
setzer mit den Namen der in diesem Capitel aufgezählten 
Ketzereien nicht viel anzufangen wusste, wird man entschul- 
digen können. Er hat diese Ketzereien zum Theile als mora- 
lische Defecte gefasst und daher auch die Aufnahme von: 
^speckloter, trunckenpolcz, hantspiler^ verboten. Hier ist kaum 
ein Abweichen von der Vorlage, sondern nur ein bei ihm so 
häufiges Missverstehen anzunehmen, dessen Entstehung sogar 
noch theilweise zu errathen ist. Wenn die Vorli^e ,gazaros' 
nannte, mag er an ,carcer' gedacht haben und zu seinen ,speck- 
lötem' gekommen sein.^ Die ,copinos' der Vorlage hat T mit 
,coppa^ (Becher) zusanmiengebracht und zu Trunkenbolden ge- 
macht. Die räthselhaften Handspieler sind sicher nicht von den 
Tesseranten abzuleiten, wie Tomaschek meint ^ Sollte er sie 
nicht einfach erfunden haben, so könnte man noch immer 
denken, dass es die ,di8enzani' mit dem ,disco', der Wurf- 
scheibe, in Zusammenhang brachte. Aber einen Zusatz hat T 



^ Th liest njieh ,XXi sol* in Z. 3:. ,uin das, das er das thor hat zeprochen, 
XXi sol. ; item aber daz er die tor oder schloss bintregt oder zerpricht 
und auch austregt, ist es pei tag, so sol er gelten X libr. und pei der 
nacht zwir sovil, und er sol dem, dem er den schaden hat gethon, sein 
schaden ablegen, und mag ers nicht bezaln, so sol man in durch die 
statt scblahen oder sol auf dem pranger sten.* 

' Siehe oben S. 96, n. 4. 

' Im Texte bei Tomaschek ist T' c. 7, Z. 5, ausgefallen nach ,ricbters* : 
,ob er es aber nit seczt in den willen des ricbters* (gütige Mittheil ung 
des Herrn Staatsarchivsconcipiaten Dr. Goldmann). 

^ Das ,]ieretico8 et similes* liest. 

^ Vgl. über dieses Wort Schmeller^ 2, 657, wohl zusammenhängend mit 
,8peckk&nimerleinS noch heute in Tirol für ,carcer* gebräuchlich. 

* In der Note zu c. 3. 



136 

unbestreitbar vor Ä, die ,nolharden^ Bekanntlicherweise tauchen 
die Lollarden im 14. Jahrhunderte in Belgien auf,* wo einzelne 
Begharden und Beguinen mit diesem Namen belegt wurden. 
Aber erst seitdem die Wiklifiten als Lollarden bezeichnet wur- 
den, erlangte dieser Eetzername weitere Verbreitung.* Eine 
Version, welche die Lollarden nannte, kann nicht wohl vor dem 
letzten Viertel des 14. Jahrhunderts entstanden sein. Aber auch 
nicht viel später werden wir die Fassung von Tc. 3 ansetzen 
dürfen. Denn es fehlen die Husiten, welche -4 2 c. 4 * an ent- 
sprechender Stelle anstatt der Lollarden nennt. R c, 3 gibt 
einen älteren Text, indem es die Ketzer mit Fra Dolcino, der 
im Bisthume Trient gewirkt und Anhänger gefunden hat, be- 
schliesst. * In c. 4 verdoppelt T die Bussen gegenüber R. 
A deckt sich im entsprechenden lib. 2 c. 5 mit T.^ Auch hier 
wird T einen jüngeren Text bieten als Ä, da eher eine Er- 
höhung dieser Bussen auf Lästerung Gottes und der HeiUgen 
im Laufe der Zeit wird angenommen werden können als eine 
Ermässigung. Auch macht der Zusatz zu T c. 4, der diese Ver- 
doppelung ausspricht, ganz den Eindruck eines späteren Nach- 
trages.* Tc. 7 bietet einen etwas gekürzten Text gegenüber 
R c. 7, der aber nur durch Auslassung entstanden sein kann. 
Es handelt sich hier um körperliche Verletzung durch Waffen. 
Dabei wird unterschieden, ob die Verletzung eine blutrünstige 



^ Hergenröther, Handbuch der Aligemeinen Kirchengeschichte 1, 92S. 
Wetzer und Weite, Kirchenlexikon', 8, 126; RealencyklopKdie für pro- 
testantische Theologie und Kirche 8, 735. 

' Hergenröther a. a. O. 2, 214; Wetzer und Weite a. a. O. Realencyklo- 
pädie a. a. O. 

' Gedruckt von Segarizzi, Contributo alla storia di Fra Dolcino, Triden- 
tum 3, 275. 

^ Segarizzi a. a. O. 278. Dolcino ist gestorben 1307. 

^ Nennt 10 Pfund und 5 Pfund, nach T freilich 6 Pfand. 

* Eine Differenz scheint auch zwischen T c. 5 und i? c. 5 zu walten. Doch 
liegt in T nur ein Missyerständnis der in R q. b erwähnten ,actio iniu- 
riarum* vor. Th liest hier statt des sinnlosen ,8tatntum*, Z. 5:- ,ge- 
schlagen ist worden, geschehe nach des Stattrichters willenS Damit er- 
klärt sich das Missyerständnis. Die Stelle lautet in Ri ,reseryata ac- 
tione civil! ordinario iure iniuriam passoS Der Obersetzer fasste ,ciyili 
ordinario' als Stadtrichter und sah im ,reservata actione* ein Recht des- 
selben, die Höhe der Strafe zu bestimmen, wozu ihn der rorangehende 
Satz, dass die Strafe nach dem Stande der Betheiligten und den Um- 
ständen der That abgestuft sein sollte, verleitete. 



137 

war oder nicht. Besonders ausgezeichnet wird dann der Fall, 
wenn die Verletzung an Haupt^ Antlitz oder Hals zugefügt 
worden ist. Nachdem dieser Fall erledigt ist, fllhrt T fort: 
,iind ob daz plut nit ausget von den schlegen' u. s. w. Das 
kann sich, obwohl es nicht gesagt wird, nur auf eine Ver- 
letzung beziehen, die einen andern Körpertheil als Kopf, Ant- 
litz oder Hals betroffen hat;^ dabei vermisst man aber eine 
Bestimmung für den Fall, dass diese Verletzung blutrünstig 
war. Beides findet sich in Ä, dessen Wortlaut aus logischen 
Gründen der echte sein muss. * Ein Mehr bietet dagegen 
r c. 35 gegenüber R c. 35, indem nach T bei Verwendung 
von falschem Maass der Weinschenke ausser der Busse auch 
den Wein verliert. Da aber auch das älteste Statut der Sin- 
dici, c. 3, und das spätere, c. 29, diese Verschärfung der Strafe 
nicht kennen, wird man den Zusatz streichen müssen. R c. 55 
bietet die Taxen der Judices vollständig, während T c. 55 nur 
den Anfang davon enthält mit der Bemerkung: ,Do gehört 
noch etwas mer zue, daz da nit ist gebesen in geschrift.' 

Von c. 59 an differiert die Zählung der Capitel. T 
scheidet dieses Capitel in zwei, indem es in c. 59 unter der 
Rubrik: ,Von dem Ion der noder und derselben Instrumenten' 
den ersten Absatz von R c. 59, und zwar in herzlich schlechter 
Übersetzung, bringt.' Darauf folgt als c. 60 mit der Titel- 
rubrik: ,Aber von nodem' dasselbe R c. 59 von dem ersten 
Absätze bis zu Ende, und zwar diesmal in aussergewöhnlich 
guter Übersetzung,^ die ihrem ganzen Charakter nach von 



^ Tk hat die Auslassung gefühlt; deshalb bemerkt es zum Schlüsse: 
,und das ist war, wau die wunden an ainem andern ort seind, wan an 
obgemelten.' 

' So auch im ganzen A lib. 2, c. 10, das freilich den Wortlaut sehr ver- 
ändert und durchaus mit (7 lib. 3, c. 11 tibereinstimmt. Das lücken- 
hafte B c. 18 dagegen wird ergänzt durch ^Tc. 18. 

» Vgl. oben S. 106. 

* Während T c. 69 ,terminus* mit «gpruntfest* wiedergibt, sagt c. 60 ,end- 
tag* oder »terminus*. Nur finden sich einige Auslassungen, die sicher 
den Copisten zur Last fallen. ,Locatio' ist freilich auch hier irrig als 
,tadig, do einer sein gut versetzt' wiedergegeben. Das ,mutuum* der 
Vorlage ist ausgefallen und damit der ganze Sinn geändert. Das sonst 
so oft missverstandene ,compromissum* wird hier richtig mit ,hinder- 
gank* verdeutscht, das ,contractum dotis', das sonst mit Morgengabe 
übersetzt wird, wird hier ganz vereinzelt übersetzt mit: ,haim8teur, die 



138 

dem Vorhergehenden derart absticht, dass dieses Capitel nicht von 
demselben Verfasser herrühren kann wie das Übrige und na- 
mentlich wie das vorangehende T c. 59. £s ist klar, dass hier 
nur Ä, nicht T die ursprüngliche Gestalt des Statuts wieder- 
gibt. Eine kleine DiflFerenz zwischen T c. 61 und 22 c. 60 wird 
ebenfalls für R zu entscheiden sein. T lässt als Entschul- 
digungsgrund für Notare Krankheit und: ,andern genötigen 
sach^ gelten. R nennt ,iusta absentia^, und A lib. 1 c. 62 stimmt 
damit überein. 

Eine bedeutendere Verschiebung der Capitel tritt ein mit 
T c. 64 — 73. Diese Capitel stehen in R am Schlüsse der alten 
Statuten hinter der Novelle des Bischofs Bartholomäus von 1307. 
Sie bilden ein zusammenhängendes Ganze, eine einheitliche 
Fleischhauerordnuug,* deren einzelne Bestimmungen in Capitel 
aufgelöst worden sind. Wenn R diese Ordnung am Schlüsse 
bringt, so wird es der ältesten Form der Statuten näher kommen 
als Ty das diese Ordnung mitten unter andere Bestimmungen 
hineinschiebt* Nur dürfte sie älter sein als die Novelle von 
1307 und daher vor dieser ihren Platz zu nehmen haben, denn 
während die Novelle Proto- und Eschatokoll bewahrt hat, ist 
beides in der Fleischhauerordnung fortgefallen. Eines dieser 
Capitel T c. 66 fehlt in R. Da es aber im Statute der Sindici 
als c. 7 erscheint, müssen wir es für echt halten und hier für 
R eine Lücke constatieren. Umgekehrt fehlt wieder R c. 166, 
mit dem c. 10 des Statuts der Sindici übereinstimmt, in T, 
wohl aber entspricht ihm ein Zusatz zu c. 67 und 68* in Th} 
In T c. 74 fehlt gegenüber R c. 63 die Angabe der Grenzen 
des Districts von Trient. Aber da c. 16 des Statuts der Sin- 



ain man seinem weib thut*, zwar nicht dem Begriffe der romanischen 
,do8' entsprechend, aber insofern richtig, als die Gabe, welche die Frau 
in Deutscbtirol in die Ehe mitbringt, eben die Heimsteuer war; vgl. 
Festgaben fßr Büdinger 348 f. 

^ Ausser dem Zusatzgesetz T^c. 71. 

' Doch haben die Exemplare von X, nach denen das Statut und die In- 
struction für die städtischen Sindici bearbeitet sind, die Fleischerordnung 
an derselben Stelle enthalten wie T. 

' In Th fehlt eine Rubrik für c. 68, das vielmehr mit dem vorangehenden 
c. 67 nur ein Capitel bildet. 

* f. 10: ,Item daz alle fleischhagker sillen den schwein tutten abschneiden 
und soll si nicht an der fleischpank verkaufen. Und wann dies ainer 
uberfert, ist er schuldig XX sol. Ver. par.* 



139 

dici mit R stimmt und dieser ganze Zusatz, wie schon oben^ 
bemerkt wurde, nur für Trient, nicht aber für Rovereto in Be- 
tracht kommt, so haben wir in R und nicht in T den ur- 
sprünglichen Text zu sehen. 22 c. 69 und 70 sind in T in 
eines, c. 80, zusammengezogen. Auch hier bietet R die ur- 
sprüngliche Fassung, denn R c. 70 erscheint als besonderes 
Capitel auch im alten Statute der Sindici als c. 19 und besitzt 
seine eigene vollkommen passende Rubrica. T c. 97 enthält 
gegen R c. 87 eine Straferhöhung für den Fall, wenn bei einem 
durch Fahrlässigkeit entstandenen Brande auch fremde Häuser 
abbrennen. Weil aber R c. 87 am Schlüsse doch auch diese 
höhere Pön kennt, muss der Text von R hier lückenhaft sein. 
R c. 91 wird in T in zwei selbständige Capitel, c. 101 und 102, 
zerlegt. In A ist nur T c, 101 als lib. 2, c. 50 übergegangen, 
daher wird auch die Vorlage von A bereits beide Capitel ge- 
trennt haben. T c. 112 enthält nicht nur eine andere Straf- 
bestimmung als R c. 101, sondern fasst auch den Fall ins 
Auge, dass derjenige, welcher im fremden Garten angetroflfen 
wird, dort Schaden angerichtet hat. Beide Varianten sind 
auch in das alte Statut der Sindici, c. 28, und in A lib. 3, 50 
übergegangen. Wir müssen daher hier T den Vorzug geben 
und eine Auslassung in R c. 101 annehmen, zumal auch hier die 
Strafbemessung als eine ungewöhnlich hohe zu bezeichnen ist.* 
Im Folgenden finden sich dann einige Auslassungen in T. 
Es fehlt R c. 104, das wir im alten Statute der Sindici als 
c. 31 und ebenso in A lib. 3, c. 53 wieder treflfen. Wir dürfen 
es daher unbedenklich für die Trienter Statuten in Beschlag 
nehmen. Auffallender als der Ausfall dieses unbedeutenden 
Statuts über Feldschaden ist das Fehlen von Ä c. 112—115, 
das ist jener Bestimmungen, welche über den Kriegs- und 
Wachdienst Aufsfchluss geben. Da auch die ländliche Bevöl- 
kerung zum Wachdienste verpflichtet war, kann an eine beab- 
sichtigte Auslassung etwa aus dem Grunde, dass T für den 
Gebrauch am Lande abgefasst war,^ nicht gedacht werden. 



» Vgl. 8. 132. 

^ Die Titelrubrik zu Tc. 119 deckt sich nicht mit. der von R c. 109, diese 

erhält aber ebenfalls durch das Statut der Sindici, c. 34, und die späteren 

Statuten ihre DeckuBg. 
' Wie Malfatti a. a. O. 24, n. 4, meint. Das dort beanständete 2*o. 142 

findet sich in E c. 134. 



140 

Alle vier Capitel finden wir wieder theils im Statute der Sin- 
dici, theils in A^ und damit sind diese wichtigen Capitel für 
die ältesten Trienter Statuten gerettet.* 

Nur verstellt ist Ä c. 123, das sich als Tc. 138 wieder- 
findet. Im Folgenden beginnen nun die Verdoppelungen, welche 
T eigenthümlich sind. Tc. 135 ist nur eine Wiederholung von 
T c. 26, T c. 136 eine solche von T c. 126. Beide Capitel 
finden sich in Ä nur einmal als c. 26 und 120. Ebenso steht 
es mit Tc. 146 und c. 30 und jTc. 147 und c. 40. Auch diese 
Capitel stehen nur einmal in i?. Schon oben ist darauf hin- 
gewiesen worden, dass diese verdoppelten Capitel sich zwar 
deuthch als Übersetzung desselben lateinischen Textes geben, 
aber unter einander durchaus selbständig sind. Wir werden 
auf diese Erscheinung zurückkommen müssen. Jedenfalls stan- 
den diese Capitel nur einmal, und zwar dort im Urtexte, wo 
sie R anführt. 

Die Rubriken von T c. 139 und 140 sind, wie der Inhalt 
ergibt, vertauscht; richtig stehen sie über den entsprechenden 
Äc. 131 und 132. Wenn in Tc. 142 gegenüber Ä c. 134 die 
Aufzählung der verbotenen Waffen gekürzt ist, so waren die 
Namen dieser Waffen dem Übersetzer zum Theile wohl nicht 
verständlich.* . T c. 159 umfasst drei Absätze, welche in R als 
selbständige Capitel, c. 149, 152 und 153, erscheinen. Dagegen 
fehlen i? c. 150 und 151 in 71 Doch bietet hier R die voll- 
ständigere und correctere Fassung, denn die Rubrik von 
T c. 149 passt nur zum ersten Absätze, und R c. 153 erscheint 
auch im Statute der Sindici als besonderes Capitel, c. 43, mit 
einer Rubrik, welche der der Roveretaner Statuten gleich 
ist. Auch c. 150 und 151 über den Lohn ländlicher Arbeiten 
werden wir filr den Urtext der Statuten in Anspruch nehmen 
dürfen, wenn uns auch dafür das Statut der Sindici und A im 



^ i? c. 112 entspricht A lib. 2, c. 84 und Clib. 3, c. 113. R o. 113 und 114 
finden sich wieder im Statute der Sindici, c. 37 und 38; £c. 113 ent- 
spricht dem Inhalte, wenn auch nicht ganz dem Wortlaute nach A 
lib. 3, c. 97; Äc. 114 ebenso A lib. 3, c. 98 und beide wieder Clib. 2, 
c. 103 und 104. i2 c. 115 entspricht fast ganz A lib. 2, c. 86. 

' T\ setzt nach ,C sol. Ver.S Z. 4: ,yom rangan, Ton der axt und andre 
verpotten were C sol. Ver.*. 



141 

Stiebe lassen.* Da sie ländliche Verhältnisse betrafen, fanden 
sie im Statute der Sindici keinen Platz. 

Den Beginn der neuen Statuten setzen T und R nicht 
gleich an. T zählt, wie schon erwähnt, die Novelle des Bi- 
schofs Bartholomäus von 1307 bereits zu den neuen Statuten,^ 
lässt aber dann hernach nochmal die neuen Statuten beginnen 
und bezeichnet T" c. 2 unzweifelhaft als das erste der neuen 
Statuten.* R bringt die Novelle, wie schon erwähnt, ohne 
Zweifel nicht mit Recht als c. 161 der alten Statuten vor der 
Fleischhauerordnung.* Es folgt nun in R diese und hierauf 
eine Novelle des Bischofs Heinrich von 1323, welche die Ces- 
sion von Forderungen verbietet. Diese Novelle ist in T nicht 
übergegangen,* wohl aber mit der Beschränkung der Cession 
an ,potentiores^, welche Gerichtsbarkeit ausüben, und an bi- 
schöfliche Hofgenossen in -4^ und C Da sie den Redactoren 
von A vorgelegen haben muss, so hat sie sich jedenfalls im 
Trienter Statutencodex vermuthlich nach der Novelle von 1307 
befinden. 

Die neuen Statuten lassen sich in beiden Recensionen 
nicht mehr vollständig vergleichen, weil Gar in seiner Aus- 
gabe jene Capitel weggelassen hat, welche nur wörtliche 



1 A enthält lib. 3, c. 73 Lohntaxen ähnlichen Inhalts (auch C 2, c. 82 
wiederholt), die aber nicht auf R c, 160 and 151 beruhen. 

' Tomaachek sShlt sie ungeschickterweise als erstes Capitel der neuen 
Statuten. 

* In der Rubrica: ,Des ersten wie man ein jede person laden sol' u. s. w. 
und im Texte: ,Item zum ersten seczen wir' u. s. w. 

^ Aus der Erwähnung dieser Novelle in den Urkunden von 1349 April 29 
und 1899 März 26, Bonelli, Monumenta ecclesiae Trid. 4, 103 und 119, 
lassen sich nicht die Folgerungen ziehen, die Tomaschek a. a. O. 91 dar- 
aus ableiten will. Es ergibt sich nur, dass beidemale verschiedene Hand- 
schriften mit verschiedenen Titelrubriken citiert werden. Die Rubrik 
in der Urkunde von 1399 ist dieselbe wie in den Roveretaner Statuten 
und doch ist hier noch das Capitel mit vollem Rahmen als Gesetz des 
Bischofis Bartholomäus mitgetheilt. 

^ Nur T' c. 72 enthält eine Beschränkung der Cession, indem Qericht- 
lichkeit verlangt wird. Diese Bestimmung ist in die späteren Statuten 
nicht ttbernommen worden. Dieselbe hatte offenbar den Zweck, die Novelle 
von 1323 aufzuheben. 

« lib. 1, c 66. 

' lib. 1, c. 91. 



142 

Wiederholungen solcher aus den alten Statuten darstellen.* 
Daraus erklärt sich, wie schon erwähnt, die beträchtliche Dif- 
ferenz in der Zählung der Capitel zwischen T' und R nach 
dem Drucke Gar's. Im übrigen finden wir auch hier zwischen 
beiden Recensionen mit wenigen Ausnahmen den engsten An- 
schluss. So hat T* c. 15, im übrigen R c. 13 entsprechend, 
einen kaum verständlichen Zusatz,* der wohl nur einem Irr- 
thume des Übersetzers seinen Ursprung verdankt. Die Fassung 
von Ä' c. 13 ist wörtlich von A lib. 1, c. 15, übernommen wor- 
den. Ebenso weist T' c. 25 am Schlüsse gegenüber R c. 23 
einen Zusatz auf.' Dieses Capitel schliesst mit Verweisung auf 
das vorhergehende Personalarrest wegen Schulden aus, ausser 
wenn sich ein Fremder einem Trienter dazu in der Schuld- 
urkunde verpflichtet hat, und der Fremde kein unbewegliches 
Vermögen im Bisthume besitzt, zugleich der Richter darauf 
erkennt. Das letzte führt nun T weiter aus, indem es den 
Eid des Arrestwerbers zu fordern scheint* Diese Bestimmung 
ist allerdings auch in A lib. 1, c. 40, und C lib. 1, c. 105, wieder- 



* Wie T c. 13, das Ä c. 137 = Tc. 146 wiederholt mit geringen Unter- 
schieden, die sich ans A 1, c. 13, ergeben. In 7c. 145 mnss die Bnsse für eine 
Frau ,XL sol.*, nicht wie nach dem Drucke von Tomaschek ,60 soL' be- 
tragen. T c. 31 nnd 32 wiederholen T c. 62 und 68 = i? c. 62 und 78 
(zu diesem druckt Gar die Varianten der neuen Statuten in den Noten), 
ebenso T' c. 40 = T und R c. 60, T c. 42 = Tund Ä c. 61, T' c. 62 = 
T c. 134 und R. c. 129 (mit Angabe der Varianten ron K in den Noten), 
T' c. 63 = r und 22 c 54 (mit ganz geringen Änderungen), 2" c. 65 = T 
und R c. 26, T' c. 68 = 7 und R c. 65. T' c. 69 entspricht dem letzten 
Absätze von R c. 65. T c. 60—64 wiederholen T und R c. 56—59 nur 
mit theilweise erhöhten Bussansätzen und Taxen. Dabei ist T' c. 63 
durchaus unvollständig. T c. 66 entspricht T c. 61 und R c 60, T 
c. 66 = r c. 62 = jB c. 61, T c. 69 = T c. 126 = Ä c. 120, T c. 70 
und 71 = Tc. 128 und 138 = Ä c. 122 und 123, T' c. 74 und 75 = T 
c. 133 und 87 = Ä c. 128 und 77. 

' Den Tomaschek a. a. O. 180, n. 1 mit Unrecht mit den späteren Rove- 
retaner Statuten in Zusammenhang bringt. Der Zusatz, S. 179, letzte 
Zeile: ,nur alein er were sei, oder er welle sei weren besunderlich oder 
gemaincklich die vor genanten gewer von den guteren oder von einem 
gut alain*. 

^ Tomaschek a. a. O. 184, Z. 7: ,in welchem* bis Schlftss. In Gar^s Druck 
von R c. 23 ist a. a. O. 76, Z. 16 statt ,ubi fuerint* ,nisi fuerint* zu lesen, 
was der Sinn fordert und sich aus dem ,nnr alain' von 7^ c. 25 ergibt. 

*' Über die vielfach geforderte Beeidigung des Arrestgrundes vgl. Wach, 
Der italienische Arrestprocess 150 f., 154, n. 37. 



143 

holt, aber diese Capitel gehen nicht auf die ältere in T und 
Ä' vorliegende Fassung zurück, sondern sind eine Neu- 
schöpfuBg der Redactoren von A, Es muss also dahin- 
gestellt bleiben, ob der Zusatz in Z" c. 25 alt und echt oder 
erst, wie es eher scheint, später hinzugefügt ist. 

Von T c. 60 an bis c. 64 sind die Rubriken derart ver- 
schoben, dass jede zum nächsten Capitel gehört. R wahrt den 
richtigen Zusammenhang. Die Rubrik von 7" c. 65 passt 
gar erst zu c. 67. T c. 68 findet sich weder in Ä, noch in i?', 
wo es vielleicht durch Zufall ausgefallen ist.^ Ebenso fehlt 
T" c. 73, enthaltend die Strafe dessen, der eine bezahlte Geld- 
schuld wieder fordert, in E und R, wir treflFen es aber wieder 
in A lib. 1, c. 66, und in Clib. 1, c. 67, und müssen es daher 
als echt ansehen. Begreiflicherweise fehlt in den Roveretaner 
Statuten T c. 76 mit der Publicationsformel des Bischofs Ni- 
colaus, welche bei der ümredaction weggelassen wurde. T' 
c. 77 ist nur eine Glosse, die von einem Abschreiber herrührt 
und auch, wie oben erwähnt, in Tk fehlt. 

Fassen wir nun das Resultat unserer Vergleichung zu- 
sammen, so finden wir, dass sich R und T ungemein nahe- 
stehen, dass die Differenzen nicht grösser sind als zwischen 
den Handschriftengruppen anderer Rechtsbücher. Im ganzen 
mussten wir erkennen, dass R vielfach dem verlorenen Ur- 
texte der Statuten näher steht als T; aber auch T bietet einige 
Ergänzungen und Varianten, die durch spätere Quellen als echt 
beglaubigt werden. Andererseits haben wir gesehen, dass 
wenigstens das 3. Capitel von T in seiner jetzigen Fassung 
erst dem Ausgange des 14. Jahrhunderts angehören kann. 
Daraus würde sich ergeben, dass die Übersetzung gegen Aus- 
gang des 14. oder zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstanden 
wäre, und diese Zeitgrenze würde auch mit den nationalen 
Verhältnissen stimmen.^ Jedenfalls werden wir die Übersetzung 
vor 1425, dem Jahre der Neuredaction der Statuten, anzusetzen 
haben. Es kann nicht Wunder nehmen, dass die Originalhand- 
schrift nicht erhalten blieb. Denn wie viele Statutenhand- 
schriften sind verloren, weil bei der Neuredaction als wertlos bei 

' Ebenso T' c. 72, Tgl. oben 8. 141, u. 5. 
* Vgl. oben S. 127. 



144 

Seite gelegt!^ Auch das kann nicht auffallen^ dass die deutsche 
Übersetzung neben dem Alexandrinischen Statute noch Beach- 
tung fand. So lange Qesetze nur handschriftlich verbreitet sind^ 
ist es begreiflich, wenn namentUch auf dem Lande ältere Re- 
censionen neben jüngeren im Qebrauche bleiben. Die deutsche 
Übersetzung bot zudem noch immer zum allergrössten Theile 
wenigstens wirkUch praktisches Recht und deutschen Beamten 
einen brauchbaren Behelf, sich über den Inhalt desselben zu 
unterrichten. 

Schon sind wir in T auf die merkwürdigen Verdoppe- 
lungen gestossen, welche in -ß durchaus fehlen. Wir haben 
bei einer dieser T c. 59 und c. 60 mit Sicherheit constatieren 
können, dass beide Capitel unmöglich von einem und dem- 
selben Übersetzer herrühren können. Auch bei den anderen 
ist dies wenig wahrscheinlich, weil die Übersetzung der ver- 
doppelten Capitel jedesmal eine andere ist, eine andere Auf- 
fassung, häufig auch andere Irrthümer zeigt. Will man nicht 
annehmen, dass der Text von T und Th eine Compilation aus 
mehreren einst vorhandenen Übersetzungen darstellt, so wird 
man unzweifelhaft die Mitwirkung mehrerer Übersetzer an- 
nehmen müssen. 

Wenn nun R wirklich mit Ausnahme geringer Verände- 
rungen den ursprünglichen Text bietet, so müssen damit jene 
vereinzelten Überbleibsel der Trienter Statuten stimmen, welche 
uns sonst noch im ältesten Statute der Sindici von Trient und 
in Urkunden erhalten sind. 

Das älteste Statut der Sindici liegt in einer Fassung des 
14. Jahrhunderts vor.* Um die Bedeutung dieses Statuts zu 
würdigen, müssen wir einen Blick auf die Entwicklung der 
Gemein de Verfassung in Trient werfen, die sich ganz eigen- 
thümlich gestaltet hat.' Es ist schon mehrfach darauf hinge- 
wiesen worden, dass sich im 12. Jahrhunderte die Consular- 
verfassung in Trient in ähnlicher Weise wie in den italienischen 



1 Pertile, Storia del diritto Ital. ', II, 2, 138. Ans Florenz liegen s. B. SU- 
taten erst aus dem 14. Jahrhunderte vor, obwohl solche schon in Ur- 
kunden des 12. Jahrhunderts citiert werden; Dayidsohn, Forschungen 
zur älteren Geschichte von Florenz 1, 187. 

' Herausgegeben von Reich, Del piü antico statnto della citt^ di Trento, 
Trienter Qjmnasialprogramm 1889. 

' Im allgemeinen Reich a. a. O. 



145 

Comunen ausgebildet hat. * Allerdings hat sich über die 
Thätigkeit dieser Consuln keine urkundliche Nachricht er- 
halten. Wohl aber lassen sich aus der Urkunde Kaiser Fried- 
richs I. von 1182 Februar 9 (Stumpf, 4335), mit der der 
Kaiser allen autonomen Bestrebungen ein Ende gemacht hat, 
Rückschlüsse ziehen.* Damach sollen die Consuln in Trient 
ftlr immer abgeschafft sein, die Stadt in allem dem Bischöfe 
untergeordnet bleiben. Ohne Erlaubnis des Bischofs darf nie- 
mand Befestigungen und Thürme bauen, Unadelige und Un- 
freie auch nicht ohne Zustimmung des Vogtes. Die vorhan- 
denen Befestigungen müssen niedergerissen werden. Die Bürger 
dürfen keine Bestimmungen über Maass und Gewicht treffen, 
dürfen keine Steuern erheben, über die Brücke, Schiffahrt, 
und Münze nicht verfUgen. Dies aUes bleibt vielmehr dem Bi- 
schöfe reserviert. Die Trienter dürfen femer keine Fremden 
zu Bürgern aufnehmen; wer gezwungen oder freiwillig sich 
den Trientera unterworfen hat, soll frei sein; wer sich in 
Trient eingebürgert hat, ist seiner Pflicht ledig. Wir erkennen 
daraus, dass die Consuln die Regalien des Bischofis zum Theile 
an sich gezogen hatten, dass sie Steuern erhoben, durch Auf- 
nahme von Ausbürgern die Macht der Stadt zu stärken suchten, 
dass sie das flache Land sich zu unterwerfen trachteten ganz 
in derselben Weise, wie dies in so vielen lombardischen Städten 
geschehen war,' wo die Rechte des bischöflichen Stadtherm 
von der Comune waren aufgesaugt worden. Das hatte nun 
ein Ende, aber die Urkunde Kaiser Friedrichs I. hat keines- 
wegs auch die Gemeinde vernichtet, sie nahm ihr nur ihre 
eigenthümlichen Organe. Die Gemeinde behielt ihr Vermögen, 
das gemeine Land und gewisse Einkünfte, die ihr von den 



^ Qioyanelli, Zecca di Trento 74; Gar, Einleitung enr Ansgabe der 
Clefl*8chen Stataten 14 f.; Cresaeri, Ricerche Btoriohe 11 f. Die Consuln 
von Trient werden das erstemal erwähnt in der bisher übersehenen Ur- 
kunde von 1145 November 19, Biancolini, Cbiese di Verona 5 b, 75. 

' Schwind und Dopsch, Ausgewählte Urkunden zur Verfassnng^geschichte, 
Nr. 11. Die Bestimmungen dieser Urkunde waren gewiss nicht so pla- 
tonischer Natur, wie Reich a. a. O. 10 meint. Doch wendet sich Reich 
mit Recht gegen die Ansicht der Älteren, als wäre Trient erst damals 
oder gar erst 1210 der bischöflichen Herrschaft unterworfen worden. 

• Pertile, StoHa del diritto Ital. ", II, 1, 18f., 58f. Ficker, Forschungen 
zur Reichs- und Rechtsgeschiehte Italiens 1, 282. Von neueren nament- 
lich Davidsohn, Geschichte von Florenz 1, 330 f. 

AnbiT. XCU. Bind. I. HilfU. 10 



146 

Bischöfen überlassen wurden. Organ der Q^meinde war jetzt, 
wie in jedem Dorfe, die volle Versammlung der Bürger. Zur 
Vertretung der Gemeinde bei Rechtsgeschäften standen ihr 
lediglich wie jeder Corporation nach dem um diese Zeit reci- 
pierten römischen Rechte dazu ernannte Stellvertreter (sindici) 
zu.^ Solche erscheinen in einer Urkunde von 1209 Juli 21,* 
in welcher Bischof Friedrich die Stadt mit dem Rechte, Holz- 
und Pechhandel in Trient zu betreiben, belehnte. Die Ver- 
waltung des Vermögens macht Qemeindebeamte nöthig; es 
werden hier zwei Einnehmer (caniparii) zur Entgegennahme 
der Einnahmen eingesetzt, von denen einer allerdings vom Bi- 
schöfe und nur der andere von der Gemeinde angestellt wird. 
Wie tief der Einfluss des Bischofs in die Qemeindeangelegen- 
heiten damals noch greift, ergibt sich daraus, dass die im 
13. Jahrhunderte errichtete ,canipa communis*, das städtische 
Lagerhaus, mehr von ihm als von den Bürgern abhängig ist,' 
und dass noch Bischof Egno die Verproviantierung und die 
Verhältnisse dieser ,canipa' durch eigene Gesetze ordnet.* Die 
Sindici waren anfangs sicher nur von Fall zu Fall ernannt^ 
Als der Gemeinde im Laufe der Zeit mehr Rechte zugestanden 
wurden, wuchs auch die Bedeutung der Sindiker. Sie besassen 
im 14. Jahrhunderte ^ neben der Verwaltung des Gemeindever- 
mögens gewisse markt- und sicherheitspolizeiliche Befugnisse; 
sie übten die Feuerpolizei, die Baupolizei, überwachten Zufuhr 
und Ausfuhr aus der Stadt, führten die Aufsicht über den 



^ Qierke, Das deutsche (Jenossenschaf tsrecht 3, 232. 

* Kink, Font. rer. Austr. 6, Nr. 79. Ferner erscheinen die ,sindici* in Ur- 
kunden von 1210, Kink a. a. O., Nr. 84, 1222; Bonelli, Notizie intomo al 
beato Adelprete 2, 666 n. f. u. s. w. 

• Vgl. Auvray, Les r^istres de Gr^gfoire IX, 1, Nr. 1899. Die ,canipa' er- 
scheint schon seit 1224, die ,caniparii^ sind ,d^ epiacopi et communitatisS 
Acta Tirol. 2, Nr. 612, 667, 674. 

^ Vgl. Beilage Nr. 2. Dagegen nehmen Sindici der Stadtgemeinde die 
Käufe zur Anlage des Campo Marco vor, 1224 Mai 8, 27, s. d., Juni 1, 
Wien St-A. 

* 1224 begegnet ein Zacheus ,8indicas* im Blai und Juni, der die An- 
käufe zur Anlage des ,Campo marzo* und die Verpachtung ron Fleisch- 
bänken (1224 Mai 27) vornimmt. Im Herbste 1224 November 26 
nehmen eine ähnliche Verpachtung vor ,Witoldu8 et Enricus de Bol^ano 
sindici*. Orig., Wien St-A. Für ein bestimmtes Geschäft ernannte 
Sindici 1264, Hormajr, Geschichte Tirols I, 2, Nr. 161. 

• Nach ihrer Instruction bei Reich a. a. O. 63. 



U1 

Fleisch- und Lebensmittelverkauf^ sie überprüften Maass and 
Gewicht, hatten für die Reinb'chkeit in der Stadt zu sorgen. 
Dabei obliegt ihnen in gewissen Fällen die Bestrafung der 
Übertretungen, häufiger haben sie solche einfach dem bischöf- 
lichen Richter anzuzeigen. Sie besitzen femer militärische Be- 
fugnisse und haben fbr Einhaltung des Wach- und Patrouillen- 
dienstes zu sorgen. Sie üben aber auch die Flur- und Grund- 
gerichtsbarkeit aus, die sich aus dem Charakter der Stadt als 
einer Markgemeinde ergab. Deshalb haben sie die Flur- 
wächter (Saltner), die Rinder- und Pferdehirten anzustellen 
und erkennen über Flurfrevel, Thierschaden, über Grenz- 
streitigkeiten, Wasserläufe, Canäle, Weggerechtigkeiten und 
städtische und ländliche Servituten. Schon im 14. Jahrhunderte 
sind die Sindici zu ständigen, auf gewisse Zeit von der Ge- 
meinde gewählten Beamten geworden.^ 

Die Statuten von Trient enthalten zerstreut eine Anzahl 
von Bestimmungen, welche die Amtsführung der Sindici be- 
treffen. Diese Bestimmungen sind noch im 14. Jahrhunderte 
zusammengestellt worden, um als besonderes Statut dem Ge- 
brauche dieser Beamten zu dienen.* Am Schlüsse ist eine 
Amtsinstruction für die Sindici angefügt. Eine genaue Ver- 
gleichung ergibt nun, dass sich sännntliche Capitel dieser Sta- 
tuten, die im Folgenden mit S bezeichnet sein sollen, in R, die 
meisten auch in T, und zwar in wörtlicher Übereinstimmung 
finden.' Fast überall gehen die Varianten nicht über das 
Maass dessen hinaus, was die Verschiedenheit der Hand- 
schriften naturgemäss mit sich bringt. Nur Sei, in den ersten 
fünf Zeilen R c. 130 und Tc. 137 entnommen, zeigt eine sehr 
erweiterte Form, die freilich materiell kein Mehr bedeutet; 
zum Nutzen und Frommen der Sindiker wird nämlich das 
summarische Verfahren, das in ihrem Gerichte zur Anwendung 
gelangen soll, des näheren beschrieben.* Eine solche Erläuterung 
konnte in den allgemeinen Statuten fehlen. Schon ihr Inhalt 

^ Vgl Beilage Nr. 6 von 1842 und Urkande 1340 Juli 16, Reich a. a. O. 87. 
' £8 ist daa Ton Reich a. a. O. nach einer Handschrift des 14. Jahrhunderts 

pnbliclerte Statut 
» Vgl Beilage Nr. 1. 

* Diese Recension des Capitels ist auch in A lib. 3, c. 1 und C Hb. 2, c. 1 
fibergegangen und entspricht dem Drucke von C lib. 2, c. 1 bei Qar 
a- a. O. 147 — 148, Z. 9 bis »nisi syndici'. 

10» 



148 

kennzeichnet sie als jüngeren Zusatz/ da hier ausser dem 
Klaglibell auch noch die Litiscontestatio erlassen wird. Die 
Bussen pflegen, wenn sie von R abweichen, mit T zu stimmen, 
wie in S c. 6 gleich T c, 65* oder Sc. 15 gleich Tc. 73 und 
A Üb. 3, c. 23b oder S c. 45 gleich T c. 47 (60 Solidi im 
Gegensätze zu R c. 47 40 Solidi). Auch S c. 28 deckt sich 
mit Tc. 112 gegen R c. 101 nicht nur in der Höhe der Busse, 
sondern auch in einem kleinen Zusätze, der in R vielleicht nur 
ausgefallen ist.^ An manchen Stellen aber kann der Text von 
S durch R verbessert werden.* 

Nicht uninteressant ist die Anordnung der Capitel in S. 
In c. 1 werden die Bestimmungen über die Jurisdiction um 
Wege und andere Servituten vorangestellt, wohl weil sie als 
die wichtigsten erschienen. Sie entsprechen R c. 130 und 
T c. 137. Dann folgt eine Reihe von Capiteln in der Anord- 
nung von T, namentlich werden die Bestimmungen der Fleisch- 
hauerordnung nicht wie in R am Schlüsse, sondern genau in 
der Stellung wie in T gebracht. Die Reihenfolge von T ist 
bis auf die letzten drei Capitel befolgt; dort werden als /S c. 45 
bis 47 ie c. 47 == Tc. 47, Ä c. 66 = Tc. 77 und Ä c. 75 = T 
c. 85 angehängt. Wir dürfen also annehmen, dass S aus einer 
Vorlage entnommen wurde, welche in der Reihenfolge der Ca- 
pitel sich näher mit T als mit R berührte. 

Die Frage, ob S die ältere Form der Statuten darstellt, 
ob seine Capitel in T und R mit anderen Gesetzen compiliert 
wurden oder ob S aus X ausgezogen worden ist, mit anderen 
Worten, ob schon die alten Statuten von Trient nach Materien 
in Bücher getheilt waren, deren eines uns im Statute der Sin- 



* Die Betonnng, welche in 8 c. 1 darauf gelegft wird, dass namentlich 
ohne Litiscontestatio com Urtheil geschritten werden kOnne, deutet auf 
das 14. Jahrhundert Im 13. Jahrhunderte wurde allerdings bereits der 
schriftliche Klaglibell erlassen, der Erlass der Litiscontestatio ist seltener, 
vgl. Briegleb, Einleitung in die Theorie der summarischen Processe 49 f. 
Über die italienischen Statuten ebendort 31 f. 

' Der Strafsatz von 10 Pfund in R c. 163 ist ein überraschend hoher und 
dürfte nur auf einem Irrthume der Vorlage oder des Druckes beruhen. 
» Vgl. oben 8. 189. 

* So in c. 36, wo in Z. 3 das sinnlose ,inyenerit* mit fiuverit* nach £ c. 111 
zu verbessern ist, das ist, wenn der gedungene Arbeiter die Arbeit nicht 
leistet, oder c. 32, wo nach Ec. 105 statt: ,et hie qui dampna intulit* eu 
lesen ist: ,illius qui dampna intulit*. 



149 

dici erhalten wäre/ oder ob sie ohne Eintheilung die chrono- 
logische Ordnung befolgten^ eine Frage, die oben aus inneren 
Gründen flir die zweite Annahme bejaht wurde, erhält ihre ur- 
kundliche . Entscheidung aus der am Schlüsse angefügten In- 
struction für die Sindici^ den ,limitationes sindicorum^ In ihr 
werden die Statuten wiederholt citiert, und zwar keineswegs 
nach Büchern und Rubriken, sondern nach der durchlaufenden 
Ordnungszahl der Capitel. Das Exemplar, nach dem da citiert 
wird, enthielt zum Unterschiede von den erhaltenen Hand- 
schriften von T und R eine durchlaufende Zählung der Ca- 
pitel, war aber nicht nach Büchern eingetheilt. Keich glaubte 
feststellen zu können, dass diese Citate mit T nicht stimmen, 
und schloss daraus, dass ein anderer Text vorgelegen haben 
müsse als T} Nun wissen wir, dass T nicht ganz vollständig 
ist, und dass manche Rubriken hier willkürlich zusammen- 
gezogen und umgestellt wurden, wie man in dieser Beziehung 
überhaupt bei Handschriften von Reohtsdenkmälem sich oft 
hat Ungenauigkeiten zu Schulden kommen lassen.' Wir dürfen 
uns also über solche Discrepanzen nicht wundem, umsomehr 
wenn man in Betracht zieht, wie häufig gerade lateinische 
Ziffern von späteren Copisten verschrieben wurden. 

Im einzelnen nun entspricht die in S c. 52 angezogene 
Rubrica 77 mit dem Gebote, die Lebensmittel auf dem Markte 
zu verkaufen, thatsächlich T c. 77. Die in S c. 50 citierte 
Rubrik 65 stimmt allerdings in der Busse nur mit T c. 66> 
Weil aber T c. 59, wie wir oben gesehen haben,^ zu streichen 
ist, ei^bt sich in Z flir jT c. 66 in der That die Capitel- 
nummer 65.^ In S c. 54 wird auf eine Rubrik 32 über den 
Verkauf von Fischen verwiesen. Sie entspricht thatsächlich 
T c. 82. Offenbar ist in S vor ,XXXII' ein ,L' ausgefallen. 

^ Wozu Reich zu neigen scheint. 

» a. Ä. O. 66, n. 1. 

' Man vergleiche nur z. B. die Handschriften des Sachsenspiegels in ihrer 

grossen Verschiedenheit, Uomeyer, Des Sachsenspiegels erster Theil, 

Einl. 26 f. 

* Wo ,V Hb.* für ,X* verlesen ist, ebenso ,X libras* im entsprechenden 
-^c. 7. 

» Siehe oben S. 137. 

• Weil R c. 166 in T ausgefallen ist, erreicht die Zählung in Z bei T 
c. 69 wieder die Capitelzahl in T* 



150 

Schwieriger sind die folgenden Fälle auszugleichen. 8. c. 55 
fuhrt die Rubrik 131 an, welche Tc. 115 entspricht, Ä c. 70 
die Rubrik 121 entsprechend Tc, 119, Sc. 77 die Rubrik 180 
in Wirklichkeit T c. 163. Aber auch ftlr diese wird sich eine 
Erklärung finden lassen. Wir sahen, dass T c. 80 die wahr- 
scheinlich selbständigen R c. 69 und 70 zusammengezogen hat, 
und dass -ß c. 104 in T ausgefallen ist, wo es hinter T c. 114 
seinen Platz finden sollte. Damach ergäbe sich ftlr Tc. 115 
im Archetypus die Capitelzahl 117. Aus ,XVIP kann durch 
Verschreibung leicht ein ,XXXI' geworden sein, und dies wird 
um so wahrscheinlicher, als unter denselben Voraussetzungen 
die Gleichstellung von Tc, 119 mit der in iSc. 70 angezogenen 
Rubrik 121 vollständig stimmt. Im Folgenden fehlen in T 
acht Capitel, dagegen sind vier als Verdoppelungen zu streichen. 
Dies ergibt fUr T c. 163 die Qleichsetzung mit einem X c. 169. 
Die Zahl 180 des 8 c, 71 kann mit Leichtigkeit aus dem 
Lesefehler ,LXXX^ statt ,LXIX' entstanden sein. Selbst wenn 
man diesen Emendationen nicht zustimmen würde, könnte man 
sich die Differenz der Zählung durch Umstellung, Verdoppe- 
lungen u. s. w. erklären. Dann aber ist die Handschrift, welche 
dem Verfasser der Instruction vorlag, eine jüngere und ver- 
mehrte gewesen. In iS c. 71 ist die Rede von einem jüngst 
erlassenen Statute, in welchem verboten war, Schweine in der 
Stadt herumlaufen zu lassen.^ Dieses Statut findet sich nicht 
in R und T, wohl aber in A Hb. 3, c. 108 und Clib. 2, c. 114. 
Wie leicht konnten solche Zusätze ins Statut aufgenommen 
und als selbständige Capitel gezählt werden. Ferner ist falsche 
Zählung der Capitel selbst in officiellen Handschriften nichts 
Seltenes. Die aus dem bischöflichen Archive stammende, jetzt 
in Innsbruck befindliche Handschrift von A wiederholt im 
dritten Buche die Nummern 23 bis 27 zweimal und überspringt 
dafür 76 bis 78, so dass das ganze Buch um zwei Capitel 
mehr besitzt, als die Zählung anzeigt. Das Entscheidende aber 
ist, dass weder das Statut noch die Instruction ftlr die Sin- 
diker irgend ein Gesetz anführt, das in -ß und T nicht ent- 
halten wäre. Wir können daher mit voller Sicherheit an- 



^ ,8ub pena in statuto contenta de novo facta (oder ,{acto*?), que est post 
statutnm rubrica, que pena est/ Die Stelle ist anvollständig, vielleicht 
auch verderbt. 



151 

nehmen, dass uns beide Recensionen den Inhalt der Statuten 
des 14. Jahrhunderts erschöpfend überliefert haben, und zwar 
R sogar zumeist in der Sprache und Fassung der Original- 
statuten. 

Auch was sonst von den Statuten in einzelnen Urkunden 
angeftlhrt wird, stimmt mit R auch im Wortlaute überein. Die 
erste sichere Erwähnung der Trienter Statuten findet sich, wie 
unten gezeigt werden wird, erst in dem bereits von Tomaschek 
angezogenen ,Liber inquisicionum' von 1313 und 1314,^ der 
eine Reihe von Untersuchungen über Verbrechen enthält, die 
in Judicarien begangen worden waren. Dabei wird in den die 
Klage enthaltenden Denunciationen häufig Bestrafung gemäss 
den Statuten von Trient verlangt, so beispielsweise in der De- 
nunciation eines Bonavida ser Nicolai von Preore gegen Fried- 
rich, Sohn des Meisters Albert aus demselben Orte von 1313 
April 25,* wegen Überfall mit bewaflFneter Hand in der ,regula' 
(Märkerding): ,secundum ordinem iuris et consuetudinem re- 
gionis et statuta communitatis Tridenti, tam de dicto excessu 
. . ., quam et de armis predictis per cos portatis', wobei an 
Ä c. 7 und 134 zu denken ist. Wenn sich dabei der Verletzte 
die ,actio iniuriarum' vorbehält, entspricht dies R c. 8. In ähn- 
licher Weise werden die Statuten angerufen bei einer Denun- 
ciation wegen Backenstreich,' Mord,* Verwundung mit tödt- 
lichem Ausgange,* körperlicher Verletzung durch Öteinwurf, ,ut 

^ Tomaschek a. a. O. 106. Der dort angegebene Titel ist falscb und lautet 
vielmehr: ,Liber inquisicionum factarum sab anno domini millesimo 
CCCXni'*, indictione XI*, die sabati XXI. aprilis et sub regimine nobilis 
militis d* Nicolay capitanei in Tridento et per nobiles viros d"" H(ain- 
ricom) de Boimonte et Federicum de Campo capitaneos in vallibus sive 
plebatibns Banalli, Blezii, Lomasii, Tyoni, Randene, Boni, Condini, 
Leudri, Tegnali et Tenni ac etiam per sapientem virum d"* lacobinum 
iudicem de Cremona eorum vicarium et facientem raoionem in curia 
Tridentina pro venerabile (sie!) fratre et d9 d? fratre H(ainrico) dei 
gratia episcopo Tridentino et imperialis aule cancellario.* Die Hand- 
schrift jetzt Codex des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, Supplement 
Nr. 1061 (roth). 

» f. 5. 

» 1313 October 13, f. 8, gedacht ist Ä c. 8 = Tc. 8. 
* 1318 Aprü 26, f. 8', R c. 138 = T c. 141. 

B 1818 October 23, f. 16', B c. 133 = Tc. 141. Dieser Fall gilt nach den 
Statuten als Mord. 



152 

ganguis exivitV Nothzucht.* Ausserdem findet sich diese Be- 
rufung auch einmal bei Brandlegung,' wegen der die Statuten 
lediglich auf das gemeine Recht verweisen/ und bei einer 
Klage gegen eine Mutter als Vormünderin wegen schlechter 
Verwaltung und Diebstahl.^ Die Statuten kennen wohl eine 
Strafe für Diebstahl, keine aber für den ungetreuen Vormund.^ 
Wie man sieht, sind diese Anführungen doch noch sehr 
formelhaft.' 

Viel eingehender ist die Erwähnung der Statuten in 
einem Gerichtsbuche von 1337,* welches die Acten der Amts- 
führung des Justinian von Gardolo, Vicars des Domcapitels^ 
in der Gastaldie Pergine,^® enthält. Dieses Gerichtsbuch zeigt 
in manchem einen vorgeschritteneren rechtshistorischen Cha- 
rakter als der um hundert Jahre ältere Über Oberti. Das 
summarische Verfahren, das hier nur im Keime vorhanden war, 
ist nunmehr ausgebildet, das UrtheilserfUUungsgelöbnis fortge- 
fallen. Es bedarf seiner nicht mehr, um zur Execution zu ge- 
langen. Einige Stücke dieses Gerichtsbuches nun schliessen sich 
enge an die Statuten an, so wenn in Nr. 19 und 76 nach i2 c. 60 
und T c. 61 Notaren ein Termin von drei Tagen zur Anfer- 
tigung von Instrumenten gesetzt wird, wobei freilich die Strafe 
jedesmal auf 60 Solidi verschärft, im zweitenmale sogar mit 
dem Ausschlüsse von der Verwendung als Gerichtsschreiber 
gedroht wird. Dreimal wird nun auf das ,statutum comunis 
Tridenti^ ausdrücklich Bezug genommen.** In allen drei Stücken 
wird Bürgen eine Frist von zehn Tagen gewährt, um dem 
Hauptschuldner ,litem' zu denuncieren und ihre Einreden vor- 



» 1314 Jänner 28, f. 27', H und Tc. 7. 
» 1314 Jänner 26, f. 31, R und T c. 14. 
s 1314 Jänner 24, f. 24. 

* 22 c. 88= Tc. 98. 

» 1314 Februar 7, f. 32'. 

« Eine solche Klagfe schon Acta Tirol. 2, Nr. 318. 

' Ebenso die in Urkunden von 1337 Juni 23 aus Deutschmetz, Reich, La 
lingua nel piano del Nos, Atti della r. Accademia degli Agiati III, 2, 282. 
» Capsa 24, Nr. 4, Wien St.-A. 

• Während der Sedisvacanz. 

*° Zu dieser gehörten: Pergine, Viarago, Costa Savina, Levico, Pin6, For- 

nace, Lases und Civezzano. 
" Nr. 77, 121 und 125. 



153 

zubringen.^ Es entspricht dies völlig den Vorschriften von R c. 62 
und T c. 63. Das ältere Recht hatte einen längeren Termin, 
nach dem liber Oberti einen vierzehntägen,* gewährt. 

Reich ist es gelungen, einige Urkunden zu finden, in 
welchen vollständige Capitel der Statuten transumiert werden. 
In einer Urkunde von 1340 November 4 aus Trient werden 
zwei Capitel: ,De cognoscendis causis appellacionum inira 
tempus^ und ,De questionibus viamm terminorum aquarum 
stilicidiorum terminandis per sindicos^ aus dem ,liber statutorum 
civitatis Tridenti^ vollinhaltlich aufgenommen.^ Das erste dieser 
Capitel wiederholt in Rubrik und Context wortgetreu R c. 129, 
das zweite Capitel R c. 130.^ Die Abweichungen sind unbe* 

' Nr. 77 : ,Pro Dominico . . . terininus ad denunciandum X dieratn secun- 
dum statufi formam comunis civitatis Tridenti ad denunciandam suo 
principali et oponendum et probandum omnes suas excepciones et de- 
fenflioDes.* 

« AcU Tirol. 2, Nr. 464. 

' Wenn Reich aus dem Wortlaute dieser Urkunde auf die Existens eines 
jStatutum nigrum' geschlossen hat, a. a. O. 41, beruht dies auf Miss- 
verst&ndnis. ,Nigniin* bedeutet in der mittelalterlichen Reohtssprache 
nichts anderes als den schwarzgeschriebenen Text im Gegensätze zum 
,nibrum' oder der ,rubrica*, der rothgescbriebenen Titelüberschrift. Vgl. 
Du Gange unter dem Worte ,Nigrum' ; Schulte, System des katholischen 
Kirchenrechtes 1, 359; derselbe, Die Geschichte der Quellen und Lite- 
ratur des c-anonischen Rechtes 2, 19. Eine Belegstelle mOge hier ge- 
nügen, die Glosse des Johannes Andreae zu Guilielmns Durandus Spe- 
culum iuris 2, part. 2, de disp. et alleg., §. 6, n. 15: ,Rubrica, cuius oratio 
non est perfecta et sie non habet aliquid diffinitive, sed solum nigri mate- 
riam demonstrat, per se non allegatur.* Dass auch in Trient dieser Sprach- 
gebrauch bekannt war, ergibt eine Glosse der Innsbrucker Handschrift 
Ton A, Diese Handschrift sieht im dritten Buche 2, c. 87 und 88 zu- 
sammen. Die Rubrik von C 2, c. 38 erhAlt nun aber irrthümlicherweise 
C2, c. 39. Dazu bemerkt am Rande eine Hand des 15. Jahrhunderts: 
,Rubrica non conveniens nigro.* Wenn es also in der Urkunde von 
1340 und sonst nach Anführung der Rubrik heisst: ,et cuius statuti 
nigri tenor sequitur per hunc modum*, so ist dies einfach zu übersetzen : 
,der Wortlaut des Statuts ist folgender*. Hätte das Statut das Attribut 
,nignim' geführt, dann müsste dieses vor allem in der Transumtsformel 
erscheinen; aber dort wie auch sonst, wo das ganze Statutenbuch er- 
wähnt wird, heisst es nur: ,ex autentico dicti libri statutorum comunis 
civitatis Tridenti sumptum fideliter exemplavi*. X trug somit nicht die Be- 
zeichnung ,Statato neroS sondern nur ,Statutum comunis civitatis Tridenti'. 

* Schon Reich erkannte an, dass beide Capitel sich übersetzt in T^c. 134 
nnd 187 wiederfinden. 



154 

deutende Varianten, wie sie verschiedene Handschriften natur- 
gemäss bieten. Reich fand eine zweite Urkunde von 1357 
September 7 aus Trient/ in der ebenfalls zwei Capitel des 
Statuts wörtlich transumiert sind: ,De cognoscendis causis appel- 
lationum infra tempus^ und ,De feriis et de quibus causis pos»t 
cognosci diebus feriatis vel non possit^ Beide stammen, wie 
schon Reich erkannt hat, aus den neuen Statuten. Das erste 
entspricht T' c. 52, ein Capitel, das Gar nicht abgedruckt hat, 
dessen Varianten er aber zu i2 c. 129 gibt. Mit ihnen stimmt 
nun dieses Capitel wörtlich überein mit Ausnahme des Schlusses, 
der in unserem Transumte heillos verderbt ist.* Das zweite 
Capitel entspricht, von den auch hier argen Verderbnissen des 
Textes abgesehen, wörtlich R c. 48 gleich T' c. 57. 

So zeigt sich wieder, dass im 14. Jahrhunderte kein 
anderer Text vorlag als der, den wir im wesent- 
lichen noch in den Statuten von Rovereto besitzen. 

Wenn nun so die Fassung von 22 und T als alt und 
echt erwiesen ist, so müssen wir auch an der Scheidung von 
alten und neuen Statuten festhalten. Diese sind nach der 
Publicationsformel von Bischof Nicolaus erlassen worden, jene 
gehen in frühere Zeit zurück. Dabei ist zu unterscheiden 
zwischen dem Alter der Statutencompilation und dem Alter ein- 
zelner Gesetze, die in die Compilation aufgenommen wurden. 
Der Ausdruck ,Statutum' kann beides bedeuten, daher ist sein 
Vorkommen in Urkunden nicht entscheidend. So werden Be- 
stimmungen für Bozen und Keller von 1190, Gemeindeland 
und Flurzwang betreffend, ,Statutum^ genannt,* so das vom 
Bischöfe Friedrich von Wanga 1210 erlassene Gesetz über die 
Schiffahrt auf der Etsch,* ferner ein bergrechtliches Gesetz 
von 1213,^ die Urkunde, welche die Rechtsverhältnisse der 
Bürger von Neumarkt regelt,® der Vertrag zwischen Trient 
und Feltre über die Entscheidung von Streitigkeiten zwischen 



* Tridentum 2, 236. 

* Gar^s Lesung in n. 1 ,a tertia die* ist offenbar unrichtig, es mnsa heissen 
,a tertia decima die*, weil die Kirchweihfeier nur eine Woche dauerte. 
So auch in 2" c. 62. 

8 Kink, Font. rer. Austr. 5, Nr. 39. 

* 1210 Februar 2, Orig., Wien St-A.; ebenso dasselbe Acta Tirol. 2, Nr. 403. 

* Kink, Font. rer. Austr. 6, Nr. 240. 
» A. a. O. Nr. X49. 



155 

Angehörigen beider Bisthttmer.^* In diesem Sinne spricht von 
Statuten jedenfalls auch die Bnlle Gregor IX. von 1237 April 8,^ 
in der Podestk und Rath von Trient au%efordert werden, die 
Clarissen in Trient nicht mit nngebUhrlichen Lasten zn be- 
schweren and durch Bannstrafen ,ad observandum civitatis 
vestre statuta' zu zwingen. Es werden namentlich Steuer- 
auflagen gewesen sein, wegen welcher sich die Ciarissen be- 
schwert fthlten. Denn wenn es im Jahre 1237 schon ein 
Statut gegeben hätte, würden wir sicher davon im Über Oberti 
von 1236 Spuren finden, der uns über die Rechtsverhältnisse 
in Trient zu seinen Zeiten weitgehenden Aufschluss gibt.' 

Als Terminus ad quem ergibt sich flir die Statuten- 
eompilation das Jahr 1307; denn die mit ihrem vollen Rahmen 
dem Statute angefügte Urkunde vom 10. April dieses Jahres 
war offenbar eine Novelle, und wenige Jahre nachher (1313) 
treffen wir die Statuten auch im praktischen Gebrauche.* 
Nicht so sicher lässt sich der Terminus a quo bezeichnen. 
Wir sahen vorhin, dass er vor 1236 nicht gesucht werden 
darf, aber sicher ist er erst viel später anzusetzen. Freilich 
wenn in der Vorrede zu A als erster Gesetzgeber der Bischof 
Bartholomäus genannt wird, der seit Ende 1306 die Regierung 
des Bisthums Trient übernahm,* so ist darauf kein Gewicht 
zu legen. Der Verfasser dieses Proemiums fand einfach den 
genannten Bischof in der Novelle von 1307 und keinen älteren 
in seiner Vorlage genannt. Wir müssen uns nach anderen In- 
dicien umsehen. Tomaschek glaubte die Frage damit zu lösen, 
dass er aus der oberwähnten Urkunde von 1275^ auf das Vor- 
handensein des Statuts schloss; sah er doch in ihr geradezu 
eine Berufung auf Tel und 2.' Diese Urkunde berichtet über 
die dem Bischöfe Heinrich 11. geleistete Huldigung. Nachdem 



» AcU Tirol. 2, Nr. 357. 

' Reich, Programm des Gymnasiums von Trient 1884, 6. Auch Reich ist 

geneigt, die Bulle in diesem Sinne aufeufassen, Del piä antico Statuto 18. 
' Koch weniger ist daran su denken, dass schon Friedrich von Wanga 

ein Statut erlassen habe, wie die Älteren meinen. 

* Vgl. 8. 161. 

^ Egger, Geschichte Tirols 1, 331. 

• Vgl. 8. 97. 

' Tomaschek a. a. O. 104 f. So vor ihm auch schon Rapp, Beitrüge 3, 48. 
Die Keueren, namentlich Malfatti und Reich folgen Tomaachek. 



156 

die Eidesformel verlesen worden war, folgte ihr eine Straf- 
sanction: ,Quod si aliqui contra predicta fecerint vel tracta- 
verint, cognoscant se ex nunc lege municipali et statuto civitatis 
ad capitis detruncationem et ad bonorum omnium publicationem 
dampnatos medietate bonoiiim deferentibus assignata, alia me- 
dietate bonorum in fiscum seu dominum reservata,' Die von 
Tomaschek angenommene Beziehung ist jedoch nicht richtig. 
Tomaschek hat die Worte ,ex nunc* übersehen. Nicht um den 
Hinweis auf ein bestehendes Gesetz handelt es sich, sondern 
um Erlass eines neuen. ^ Von nun an sollte den Hochverräther 
Enthauptung und Vermögensconfiscation treffen, und zwar eben 
nach dem jetzt erlassenen Statute oder der erlassenen ,lex muni- 
cipalis^ ,Statutum' bedeutet auch hier nicht das Gesetzbuch, 
sondern nm' das Einzelgesetz. Wäre die Compilation citiert 
worden, so hiesse es: ,ex statuto, cuius rubrica est: De iis, qui 
conspirationem^ u. s. w. oder ähnlich. Dazu kommt, dass sich 
die Urkunde und Tel und 2 nicht decken. Der Treueid ist 
anders gefasst, die Strafe des Hochverrathes nicht dieselbe. 
Wenn die Urkunde Vermögensconfiscation und Enthauptung 
verfligt, so kennt das Statut nur die Todesstrafe, nicht die 
Confiscation, und die Todesstrafe ist nach Stand und Ge- 
schlecht verschieden. Nur die Adeligen werden enthauptet, 
Unadelige gehängt, Frauen verbrannt. Dass aber 1275 eine 
Straf bestimmung gegen Hochverrath verkündet wurde, kann 
nicht Wunder nehmen. Damals zuerst kam es zu einer feier- 
lichen Huldigung flir den Bischof, und damit verknüpfte sich 
naturgemäss die Strafverkündigung. Die gleiche Bewandtnis 
hat es, wenn Statuten in einer Urkunde von 1272 December 24* 
erwähnt werden. Der Rath von Trient gibt den Augustiner- 
eremiten Erlaubnis zui* Niederlassung: ,non obstante aliquo 
statuto vel consilio facto^ Das Statut von Trient enthält keine 
Beschränkung für Erwerbungen der todten Hand ' oder klöster- 
liche Niederlassungen. Auch hier können nur einzelne Ver- 
ordnungen und Beschlüsse gemeint sein. 



* Wäre nur auf ein altes Statut verwiesen worden, die Formel hätte ge- 
lautet: ,ex nunc, prout ex tunc^ 

* Bonelli 2, 602. 

s Wie die Statuten von Kiva von 1274 c. 181, Qar 27 in Biblioteca 
Trentina. 



157 

Wenn in der Urknnde von 1275 ein Hinweis auf die 
Statuten vorliegen würde, so müssten diese in die Zeit vor 
H^rich II. zurückreichen, denn Heinrich^ war am 18. Jänner 
in Trient eingezogen, aber wenige Tage nachher vom Grafen 
Meinhard 11. von Tirol gelangen genommen worden und konnte 
erst zu Anfang December wieder in den Besitz der Stadt ge- 
langen.^ Ihm blieb zu gesetzgeberischer Thätigkeit keine Zeit. 
Sein Vorgänger Egno hat wohl einzelne Gesetze erlassen, deren 
Spuren noch in den Statuten vorliegen; aber gerade aus diesen 
Gesetzen ergibt sich, dass damals die Statuten nicht bestanden 
haben. Das wichtigste dieser Gesetze stammt von 1259 No- 
vember 25.* E^o versuchte damit das Gerichtswesen zu cen- 
tralisieren; alle Criminal- und Civilprocesse sollten nur in Trient 
entschieden werden, die Gastalden und Hauptleute, ausge- 
nommen nur die von Bozen und Riva, durften keine Gerichts- 
barkeit mehr ausüben.^ Auch Compromisse, wodurch Rechts- 
sachen der Trienter Curie entzogen würden, werden als un- 
giltig und verboten erklärt. Dieses Gesetz, das die bischöfliche 
Gerichtsbarkeit gegen die Anmassung der Hauptleute und Ga- 
stalden sichln soUte, ist theilweise in die Statuten über- 
g^angen, indem Ä c. 50 = T c. 50 anordnen, dass alle Rechts- 
händel in Trient entschieden werden sollen, ,nisi faerit de 
licentia episcopi^ Alle andere Gerichtsbarkeit sollte also 
wenigstens von der bischöflichen Gerichtsgewalt abgeleitet er- 
scheinen, und kein Notar durfte ausserhalb des Gerichtshauses 
Gerichtsacten schreiben, Ä c. 51 = Tc. 51. Aber Compromisse 
sind nicht mehr verboten. Sie waren zu sehr im Rechtsleben 
des Volkes festgewurzelt, um durch ein Gesetz beseitigt zu 
werden. Die Statuten fordern nur, dass sie innerhalb der Stadt 



* Nominiert vom Papste Gregor X. vor 21. September 1274. 
» Egger, Geschichte Tirols 1, 307. 

■ Erhalten im liber Zachei, f. 2', n. 3, wird zum Abdnicke gelangen in 
Acta Tirol., Die Sfidtiroler Notariatsimbreviatnren 2. 

* ,. . . ordinavit et volnit, quod omnes cause et questiones tarn civiles, 
malefleiomm, ininrianim, quam aliamm omninm racionam Ananie et 
Ynlaane, Indicarie et aliomm loconim episcopatns et districtns Tridenti 
debeant venire, ventilari et cogpdosoi et terminari ... in civitate et 
curia Tridenti per d™ episcopum Tridentinum vel per eins assessorem 
vel iudicem' n. s. w. Doch war die Gerichtsbarkeit der Gastalden zu- 
gelassen, ,sicnt antiquitus consueverant*. 



158 

Trient abgeschlossen und dass das schiedsrichterliche Ver- 
fahren dort dnrchgeflihrt werde.* 

Von den anderen Gesetzen Egnos richtet sich eines gegen 
den Unterschleif mautbarer Sachen;^ es ist nicht in die Sta- 
tuten übergegangen. Ein zweites' ordnet die Einlagerung von 
Getreide, Salz und anderen Lebensmitteln, welche von be- 
stimmten Orten der Umgebung nach Trient gebracht werden, 
in das Lagerhaus der Gemeinde an und verbietet allen, solche 
Waren in ihren Privathäusern zu verbergen. Dieses kann als 
Vorläufer von R c. 146 =T c. 156 gelten, nur ist hier nicht 
von der ,canipa comunis^ dem Gemeindespeicher, sondern vom 
Markte die Rede. Ein drittes Gesetz^ erliess zwei Jahre nach- 
her der Hauptmann des Grafen Meinhard von Tirol während 
der tirolischen Verwaltung des Fürstbisthums. Es ordnet die 
Verhältnisse der Etschschiffer, constituiert sie zu einer Zunft 
und befreit sie vom Patrouillen-, Wach- und Besatzungsdienst, 
wogegen sie ihre Schiffe dem Grafen und der Gemeinde zur 
Verfügung zu stellen haben. Diese Exemtion vom Wach- und 
Besatzungsdienst kennen die Statuten nicht, nach denen nicht 
einmal ein besoldetes Amt einen Befreiungsgrund bildet 

Was wir für die Geschichte unserer Statuten aus diesen 
Gesetzen entnehmen können, ist das, dass die Statuten jünger 
als die Gesetze sein müssen, weil sie dieselben theilweise ab- 
ändern. Einen deutlichen Fingerzeig gewährt namentlich die 
Ersetzung des Lagerhauses durch den Marktplatz in J9 c. 146 
= 7 c. 156. Die ,canipa comunis^ muss gegen Ende des 
13. Jahrhunderts eingegangen sein, das letztemid findet sie 
meines Wissens in einer Aufzeichnung von 1281 Mai 7 Elr- 
wähnung, nach welcher ein Dietrich vor dem Bischöfe Hein- 
rich über die Einkünfte aus Maut und ,canipa^ Rechnung 
legt. Darnach kann die Umarbeitung des Gesetzes von 1264 
erst nach 1281 erfolgt sein. 

Ein ähnliches Ergebnis erhalten wir aus den Titeln der 
bischöflichen Beamten. In der Stadt Trient kennen die Sta- 



^ Dabei wird auch im Statute auf das ältere (besetz verwiesen: ,quod 
quidem statutum antiquitus etiam est obtentumS E o. 58, yielleicht weil 
dieser Rechtssatz gegen die Rechtsgewohnheit verstiess. 

* Beilage Nr. 1. 
» Beilage Nr. 2. 

* Beilage Nr. 3. 



159 

tuten zwei Beamte in hervorragendster Stellung, den Haupt- 
mann (capitaneus) ^ und den Vicar. Der Hauptmann übt mili- 
tärische Befugnisse, er greift aber auch in die Verwaltung ein. 
Sein Amt erscheint seit Beginn der Regierung des Bischofs 
Egno,' der ed ofiPenbar für nöthig fand, die vom kaiserlichen 
Podestk geübte militärische Gewalt einem besonderen Beamten 
zu übertragen. Wichtiger ist für unsere Zwecke das Amt des 
Vicars. Der Bischof sowohl als die kaiserlichen und bischöf- 
lichen Podestaten^ Hessen die Gerichtsbarkeit ausser in den 
Fällen, welche sie ihrer eigenen Entscheidung vorbehalten 
hatten, durch stellvertretende Beamte ausüben. Diese führten 
im 12. Jahrhunderte meist nach italienischem Muster den Titel 
,a8sessor.^ Im Anfange des 13. Jahrhunderts verschwindet diese 
Bezeichnung, ohne durch eine andere feste ei*setzt zu werden. 
Vielleicht lag die Ursache darin, dass an Stelle des einen As- 
sessors mehrere solche Beamte traten. Man nannte diese 
richterlichen ünterbeamten ,vicegerentes^ ^ oder gewöhnlich 
einfach ,£Etc]entes rationem per (episcopum oder potestatem)^^ 
Aus dem liber Oberti von 1236 lässt sich diese Gerichtsver- 
fassung ziemlich klar erkennen.'' Wenige Jahre nachher 
machen die mehreren Beamten wieder einem einzelnen Platz, 
der den alten Titel ,asse8Sor^ führt.^ So bUeb es durch die 



* Ä und Tc 1, Ä c. 82 -^ Tc. 92, 5 c. 91 = Tc. 102 u. s. w. 

' Nachdem es schon früher ,capitanei* in den Schlössern gegeben hatte. 
1268 Jftnner 21, Horraayr, Sämmtliche Werke 2, Nr. 34 wird ein ,capi- 
taneus comunis* erwähnt. Als Hauptmann des Grafen Meinhard er- 
scheint dann 1259 Juni 26, Wien St.-A., ,Nicolaus de d* Comitissa*. 

' Als solcher erscheint Albrecht yon Tirol 1222, 1223 und 1236. 

^ Kink, Font rer. Austr. 5, Nr. 5 (1159), a. a. O. Nr. 9 (1163), a. a. O. 
Nr. 17 (1183) u. s. w.; vgl. Ficker, Forschungen zur Reichs- und 
Rechtsgeschichte Italiens 3, 321. Höher als der «assessor* steht der ,Tice- 
dominus*, neben ihm übt die Criminalgerichtsbarkeit über Unadelige 
der ,iudex curiae*. 

> 1206 Mai 27, Transumt, Wien St.-A. 

• 1221 Mftns 4, 1222 Witt 12, Orig., Wien St-A. 

' Wenn in den Oberschriften der Ausgabe in den Acta Tirol. 2 diese 
Beamten als Vieare bezeichnet wurden, geschah dies nur, weil dieser 
Titel ihrer Stellung am besten entspricht. Urkundlich ist nur ,faclenfl 
rationem per* oder ,vicem gerens* Nr. 40, vgl. auch Nr. 368. 

' ,Bartolomeu8 de Alba iudex et assessor* des Podesti^ Sodegher 1240 
Augast 29, Bonelli a. a. O. 2, 577; derselbe 1241 October 16, Kink, F'ont. 
rer. Austr. 5, Nr. 185 u. s. w. 



160 

ganze Regieningszeit des Bischöfe Egno sowohl während der 
bischöflichen als der tirolischen Verwaltung.* Dies änderte 
sich unter Bischof Heinrich IL Wohl weil jetzt das Amt eines 
Generalvicars ,in spiritualibusS veranlasst durch das lange Fern- 
sein des Bischöfe aus seiner Diöcese infolge der Streitigkeiten 
mit Grafen Meinhard IL, aufkam," wurde nun auch der Stell- 
vertreter des Bischofs im weltlichen Gericht und der Ver- 
waltung als jVicarius' (in temporalibus) bezeichnet,' und der 
Titel blieb nun ständig während des ganzen 14. und der 
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Trienter Statuten, 
welche den Richter des Bischofs nur als Vicar bezeichnen,^ 
können also frühestens erst in der Zeit Heinrichs IL entstan- 
den sein. 

Es wird sich aber die Zeit noch weiter einengen lassen. 
Die Statuten von Trient waren fiir das ganze Bisthum, soweit 
es der bischöflichen Herrschaft unterstand und liicht sein 
Sonderrecht behauptete, verpflichtend. Nun sind aber noch 
im 13. Jahrhunderte in Sttdtirol einige Sonderstatuten ent- 
standen. Es wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten die 
Trienter Statuten, welche sie später verdrängten, schon be- 
standen. Das Statut von Riva datiert von 1274.^ Da die 
späteren Statuten des 16. Jahrhunderts eine so weitgehende 
Verwandtschaft mit den Trientern zeigen, werden diese wohl 



' Der letzte bekannte Assessor ist Nicolans Spagnolns 1278 October 12, 
Wien St-A.; vgl. auch die Reihe der Assessoren, Vicare, Podestä und 
Prätoren von Trient (nach Tovazzi) bei Francesco Ambrosi, Commentari 
della Storia Trentina 2, 215, die freilich nicht ganz kritisch ist. Das- 
selbe Verzeichnis auch Archivio per Trieste, Istria ed il Trentino 3, 304 f. 

* Zeitschrift des Ferdinandeums III, 33, 128 f. 

" Zuerst Graziadeus 1279, Ambrosi a. a. O. 2, 215. 

* R und Tc, 9, 33, Ä c. 64 = T c. 85, Ä c. 82 = Tc. 92 u. s. w. 

' Gar keine Vermuthung lässt sich ttber den Inhalt des ,liber statntorum 
hominum vallium Ananie et Solis* äussern, da von ihm ausser den im 
Transumt von 1298 Mai 29 (Hormayr, Sämmtliche Werke 2, Nr. 55) er- 
haltenen Sätzen nichts bekannt ist. Über deren Inhalt Rapp, Beiträge 
3, 49; Inama, Gli antichi statuti e i Privileg! delle Valli di Non e di 
Sole, Atti della r. Accademia degli Agiati 1899, 178 f. Unbegründet ist 
die Annahme Inama*s, als ob diese Statuten unter Bischof Heinrich II. 
entstanden wären, indem das ,Henrici episcopi Tridentini* sich nur auf 
den Notar Dagnesius bezieht. Die späteren Statuten, welche zumeist 
die Gerichtsverfassung und den Processg^ng regeln, bei Inama a. a. O. 
200 f., 210 f. 



161 

auch einmal in Riva gegolten haben. Auch im Privileg des 
Bischof Johann von 1349 * wird die Novelle des Bischofs Bar- 
tholomäus als in Kiva geltendes Recht behandelt. FreiUch 
bleibt es dabei hingestellt, ob damit auch die Rechtskraft der 
übrigen Trienter Statuten fllr Riva erwiesen ist. Interessanter 
noch gestaltet sich die Sache in Judicarien. Im Jahre 1290^ 
verkündete Odorich von Corredo, Hauptmann des Herzogs 
Meinhard in Trient, und der Vicar* im Vereine mit den Sin- 
dikem von Judicarien ein Statut, das vorwiegend strafrecht- 
liche Bestimmungen entliält und zum Theil sich g^en die- 
selben Verbrechen wendet und dieselben Rechtsverhältnisse 
ordnet wie das Trienter. So berühren sich die ersten drei 
Absätze, welche das Waffentragen verbieten, mit R c. 134. An 
beiden Stellen wird das Tragen eines Messers zum Zwecke 
der Arbeit in Feld und Wald und das Tragen gewisser Waffen 
bei einer Reise ausserhalb der eigenen Pfarrgemeinde gestattet 
Aber die Strafen sind verschieden, und ein wörtlicher Anklang 
zwischen beiden Bestimmungen lässt sich, wie auch im Folgen- 
den, nirgends constatieren. Ebenso wird in Absatz 5 und R 
c. 141 die Beleidigung von Gemeindebeamten dem Ermessen 
des Richters überlassen. Auch die Anzeigepflicht für Ver- 
brechen, welche i2 c. 9 und 10 den Sindikern und den Be- 
wohnern der Gemeinden auferlegt, findet sich in Absatz 7 und 
8 zum Theile sogar mit denselben Strafbestimmungen. Doch 
variieren die Fristen und dehnt das Statut von 1290 die An- 
zeigepflicht auch auf die Anziani der Gemeinden und die Gerichts- 
boten aus. Die Strafbestimmungen gegen Theilnahme an einer 
Verschwörung erinnern an -ß c. 2, nur ist hier gerade wie im 
Gesetze von 1275* auch Vermögensconfiscation angeordnet. 
Anderes wieder, wie die wiederholt eingeschärfte Anzeige- 
pflicht bei Verschwörungen, ^ klingt an den in i? c. 1 enthaltenen 
Treueid an; Absatz 16 erinnert an i2c. 11 und c. 140. Die 
Strafe des durch Pferde verursachten Flurschadens in Ab- 
satz 17 ist eine höhere ab in iß c. 105, ebenso die des Saltners, 



* Bonelli a. a. O. 4, 103. 

* Papaleoni, Archivio Trentino 6, 160 f. 
' Dessen Name wohl ausgefallen ist. 

^ Siebe oben S. 156. 

* AbsaU 18 nnd 23. 

ArehiT. XCIT. Band. I. H&lfte. 11 



162 

der Flurschaden nicht anzeigt.^ Die Bestimmungen über die 
Gebannten entsprechen wohl dem Trienter Rechte, sind aber in 
den Statuten von Trient nicht wiederholt. Ebenso sind hier 
eigenthtlmlich die Rechtssätze, welche eine gewisse Haftung 
der Gemeinde festsetzen, wenn der Übelthäter nicht ans Ge- 
richt abgeliefert werden kann.' Eine Entlehnung lässt sich 
hiemit für die Statuten von 1290 gegenüber den Trientem 
nicht nachweisen, die Trienter haben bei ihrer Abfassung nicht 
vorgelegen. Die Übereinstimmung, die sich theilweise findet, 
erklärt sich nur daraus, dass das Statut von 1290 aus der- 
selben Quelle des Gewohnheitsrechtes geflossen ist wie die 
Trienter Statuten. Man kann aber auch jenes nicht als Er- 
gänzung der Trienter auffassen, denn das wäre im Statute von 
1290 wohl ausdrücklich bei den abweichenden Bestimmungen 
angemerkt worden. Wir sahen nun schon, dass nach dem 
Liber inquisitionum von 1313 in Judicarien das Trienter Statut 
galt. Somit bleibt nur die Annahme tlbrig, das Statut von 1290 
für ein Gesetz zu halten, das vor dem Trienter Statute ent- 
standen ist und vom Trienter Statute verdrängt wurde. Dar- 
nach also wäre die Compilation der alten Trienter Statuten erst 
nach 1290 zu setzen. Das stimmt nun wieder zur Ehrwähnung 
der ,Dulcini cum apostolis suis' unter den Ketzern, die uns 
gar erst in die ersten Jahre des 14. Jahrhunderts führen 
würde. ' FreiUch könnten sie auch ähnlich den Lollarden 
r c. 3 erst später ins Statut eingeschoben sein. Wie dem 
auch sein mag, so viele Indicien weisen die Statuten compi- 
lation sicher dem Ausgange des 13. oder Beginne des 14. Jahr- 
hunderts zu.* 



^ Absats 18 and R c. 97. 

* Absats 10 und 30. 

' Dolcino wirkte im Gebiete von Trient zu Anfangs des 14. Jahrhnndertflf 
Segarizzi, Tridentom 3, 278. 

^ Auch die Erwähnung des Morgen- und Abendläutens in £ c. 116 und 117 
-= Tc. 122 und 128 kOnnte fUr die Zeitbestimmung verwertet werden, 
wenn darunter das Aveläuten zu verstehen wäre, das im 14. Jahr- 
hunderte (bestimmt seit 1318) aufkam, vgl. Francesco Novati, Indagini 
e Postille Dantesche, Serie prima, 141 in Biblioteca Storico-critica della 
Letteratura Dantesca 9 — 10; Grotefend, Zeitrechnung 1, 191; Wetzer 
und Weite, Kirchenlexikon 1, 846. Gemeint sind jedoch die damals 
noch nicht religiösen Glockenzeichen, die morgens und abends in den 
italienischen Städten schon im 13. Jahrhunderte üblich waren, vgl. 



163 

Nun glaube ich aber^ dass man noch einen Schritt weiter 
gehen kann. Wenn das Statut in der Zeit der tirolischen 
Zwischenregierung entstand; so müsste es Spuren von diesen 
pohtischen Verhältnissen an sich tragen. Das ist aber keines- 
wegs der Fall. Nirgends spricht es vom Vogte und seinen 
Beamten^ immer nur vom Bischöfe und dem bischöflichen 
Hauptmann e und Vicare. Die Formel des Treueids, der dem 
Bischöfe zu leisten ist, steht an der Spitze des Statuts, Ver- 
schwörung gegen den Bischof wird vor allen anderen Ver- 
brechen abgehandelt. Und doch ist das Statut nicht von einem 
Bischöfe erlassen worden. Die Überschrift der Statuten lautet 
nach T\ ,Daz sein die Statut und ordenung beschehen durch 
den rat der kirchen Trint.' Der Rath von Trient entspricht 
in seinem Wesen und seinen Functionen dem landesfUrstlichen 
Rathe, den wir in so vielen deutschen Territorien dieser Zeit 
finden;^ er hat den Landesfürsten wohl zu berathen, kann 
manchem Acte desselben seine Genehmigung ertheilen, aber 
gesetzgebende Gewalt hat er nicht gettbt. Somit muss der 
Name des Gesetzgebers fehlen, und die Publicationsformel be- 
sagt nichts anderes, als dass der Rath die Compilation zu- 
sammengestellt, verfasst habe. Wäre der Gesetzgeber der tiro- 
lische Hauptmann gewesen, dann würde es allerdings begreif- 
lich sein, dass man nach der Wiederherstellung der bischöflichen 
Regierung seinen Namen aus der Publicationsformel gestrichen 
hätte.' Wir sahen ja in der That, dass einer dieser Haupt- 



Lattes, La campana serale nei secoli XIII e XIV secondo gli statnti 
delle citt4 Italiane, Biblioteca della Letteratara Dantesca 9 — 10, 164 f. 
(Ich verdanke die Benützung dieses Werkes meinem sehr geehrten Col- 
legen Herrn Prof. Dr. Artaro Farinelli, dem ich hiemit meinen besten 
Dank erstatte.) Auch in Trient, wie an vielen anderen italienischen 
Städten, war es nicht gestattet, von dem dritten Klang der Abendglocke 
bis zum Morgenläuten ohne Licht oder mit Waffen die Strassen zu be- 
treten, und durften die Wirte ausser an ihre Gäste keinen Wein ver- 
kaufen, Lattes a. a. O. 164, 167, 168. 

' Luschin, österreichische Reichsgeschichte 177; derselbe in Historische 
Zeitschrift 78, 441 f. 

' Die Verfügungen der tirolischen Beamten behielten auch nach Wieder- 
einsetzung der Bischöfe ihre Rechtskraft Im Vertrage von 1806 Juli 22 
zwischen Bischof Bartholomäus und den Herzogen von Kärnten wird 
von tirolischer Seite verlangt: ,quod d. episcopus confirmet et ratificet 
omnes sentencias latas per d^ duces aut per capitaneos vel vicarios seu 

11* 



164 

leuie ein Statut ffXv Judicarien erlassen hat. Aber der Inhalt 
des Trienter Statuts spricht, wie erwähnt, dagegen. Viel eher 
wird man annehmen können, dass die Statuten vom Rathe 
zu einer Zeit angefertigt wurden, als die Wiederein- 
setzung des Bischofs Philipp oder des Bischofs Bar- 
tholomäus Querini in die weltliche Regierung ihres Bis- 
thums in Aussicht genommen war, dass sie vielleicht gar 
auf ihre Veranlassung hin entstanden sind, dass sie von den 
Bischöfen zwar nicht förmlich approbiert wurden, aber doch 
durch Gewohnheit Rechtskraft erhielten. Damit kämen wir 
in die Jahre 1303 und 1306. Überblicken wir die übrigen 
Anhaltspunkte, so würde die Erwähnung der ,Dnlcini^ unter 
den Ketzern sich damit auf das beste vertragen, alle anderen 
Indicien würden zutreffen, keines dagegen sprechen. Und 
welcher Zeitpunkt hätte zur Abfassung von Statuten geeigneter 
sein können als jener, in dem nach langer Unterbrechung das 
bischöfliche Regiment wieder aufgerichtet wurde? ^ 



castAldiones eonini, sicat si per ipsum episcopnm vel eins vicarinin 
easent Ute, quia aliter maximam et detestabilissiinuin ftcandalnm ori* 
retor in episcopatu TridentiS und iRt vom Bischöfe zugestanden 
worden. 
' Ob nicht auch die Erwähnung des PodestÄ in Tc. 140 = i? c. 132 auf 
diese Zeit hinweist? Podestjui gab es in Trient keine mehr von dem 
Verzichte des Sodegher de Tito 1255 an bis in die Mitte des 15. Jahr- 
hunderts. Man konnte allerdings an die Podestaten von Riva denken, 
deren erster mir bekannter Wilielmus bereits 1241 erscheint (Kink, 
Font. rer. Austr. 5, Nr. 185). Gar nennt im Calendario Trentino 1854 
einen Carleto di Mercato Nuovo schon zu 1240, darnach auch bei Am- 
brosi, Commentari 2, 239. Diese Podestaten sind von den Bürgern von 
Riva gewählt und vom Bischöfe bestätigt worden. Bischof Egno be- 
stätigt ,electionem potestarie de Ripa per burgenses et cives et com- 
munitatem Ripe in d"* Aldrigetum de Madru<^o factam* 1272 April 8, liber 
Zachei, f. 23, Wien St.-A. Die vereinsolten Podestaten von Trient von 
1278 und 1279, welche Tovassi in seiner Reihenfolge der Assessoren, 
Vicare und Podestaten angibt, kann ich nicht nachweisen und m{k:hte 
sie in Zweifel sieben. Bischof Bartholomäus tibertrug seinem Bruder 
Andreas Querinus das in Trient bisher nicht fibliche Amt eines ,vice- 
comesS 1307 März 10, Wien St.-A. Sollte nicht dieser Titel an Stelle 
des beabsichtigten Podesti getreten sein und in den Statuten mit Rück- 
sieht auf die bekannte Absicht des Bischofs der PodestJi, iind swar an 
erster Stelle vor dem Hauptmanne und Vicare, unter den bischoflichen 
Beamten erscheinen? Die Podestaria wird auch in R c. 189 erwähnt, 
Tc. 149 gibt sie mit ,gewalt* wieder. 



16Ö 

Wenn wir somit die Compilation mit grosser Wahrschein- 
lichkeit in den Beginn des 14. Jahrhunderts versetzen müssen, 
8o beruht sie doch vielfach auf älteren Rechtsauf- 
zeichnungen und Gesetzen. Schon haben wir zwei Ver- 
ordnungen des Bischofs Egno kennen gelernt, welche auf die 
Fassung einiger Capitel von Einfluss gewesen sind. Solche 
selbständige Gesetze lassen sich noch mehrere herausschälen. 
Am ältesten sind sicher die strafrechtlichen Bestimmiingen, 
R und T c. 2 — 32. Am frühesten musste sich das Bedürfnis 
ftlhlbar machen, die Busssätze aufzuzeichnen, sobald die alten 
Volksrechte ihre praktische Anwendung verloren und das 
Recht sich nicht mehr nach der Abstammung schied, um der 
richterlichen Willkür Grenzen zu setzen. Daher finden sich 
solche Busssätze häufig in einzelnen Privilegien und Weis- 
thümem.^ Jeder, der die hohe Gerichtsbarkeit in Anspruch 
nahm, den ,comitatu8' oder, wie man sie später nannte, das 
,merum^ und ,mixtum Imperium^,* konnte die Bussansätze für 
sein Gericht ordnen. Daher sehen wir nicht nur den Bischof 
von Trient, der die hohe und auch die Blutgerichtsbarkeit 
theils selber,' theils durch ,iudices', welche die Verwaltung der 
Strafgerichtsbarkeit zu Lehen trugen,^ und später durch seine 
Hauptleute und Vicare ausübte,^ sondern auch andere, welche 
die hohe Gerichtsbarkeit besassen, wie den Erzpriester des 

1 Kapp, Beiträge d, 40 f. 

' Vgl. dardber Ficker, Forschungen zur Reichs- und Kechtsgeöchichte 

Italiens 1, 2.57; Zallinger, Mittheilungeu des Instituts für österreichische 

Geschichtsforschung 10, 238. 

• In Fällen von ,nobiles vasalliS und zwar in der ,curia vassallorum*, die 
nicht nur Lehenshof, sondern auch Adelsgericht wenigstens in Criniinal- 
Sachen war; statt allem vgl. Kink, Font rer. Austr. 5, Nr. 77, 85, und 
Durig, Mittheilungeu des Instituts Air österreichische Geschichtsforschung, 
Ergänzungsband 4, 438, Nr. 12. ^ 

* Kink, Font. rer. Austr. 6, Nr. 65 und 144. 

' Dem Grafen von Tirol kam als Vogt die Ausübung der Gerichtsbarkeit 
in der Grafschaft Trient nicht zu. Die Vogtei hatte hier einen anderen 
Inhalt und andere Bedeutung. Wenn der Bischof die Verwaltung fUhrt, 
hat der Vogt keine Gerichtsbarkeit, hält keine Gerichtstage u. s. w. 
Die Urkunden geben darüber genügend Zeugnis. Erst seit dem späteren 
Mittelalter konnte man gegen Verfügungen des Bischofs sich beim Tiroler 
Landesfflrsten beschweren. Der Rechtszug ging aber auch dann von 
dem biachöflichen Gerichte an die Keichsgerichte, Bidermann, Die Ita- 
liener im tirolischen Provinzialverbande 28. 



166 

Domcapiteis von Verona im Jahre 1209, nachdem das Dom- 
capitei die hohe Gerichtsbarkeit in den Dörfern Bondo, Bre- 
gozo, Bolbeno und Zucio beanspruchte, Statuten erkssen.^ 

Ausser diesen Strafgesetzen werden auch die Bestim- 
mungen über die Notare i? c. 56 bis 60 (T c. 56 bis 61), nament- 
lich die Taxordnung, einzelnen, früher selbständigen Oesetzen 
entnommen sein. Über die Fleischhauerordnung T c. 64 bb 
73 (R c. 162 bis 171) ist schon oben' gesprochen worden. 
Ebenso wird es sich mit den Verordnungen über die Müller 
R und r c. 40 und 41, über den Fischverkauf iJ c. 68 bis 74 
(T c. 79 bis 84), vielleicht auch den Bestimmungen über Flur- 
frevel R c. 95 bis 107 (Tc. 106 bis 117), über den Wach- und 
Kriegsdienst R c, 112 bis 115, das Tragen verbotener Waffen 
Ä c. 118 und 119 (T c. 124 und 125), über die gerichtlichen 
Fristen und Ferien Ä c. 129 {Tc. 134) und andere verhalten. 

Auch die alten Statuten sind höchst wahrscheinlich 
nicht in einem Gusse entstanden. Vielmehr ergibt R 
c. 108 (T'c. 118) einen deutlichen Abschnitt. Die Anordnung 
ist vor diesem Capitel zwar keineswegs eine systematische, 
aber sie entbehrt doch nicht einer erkennbaren Reihenfolge. 
Bis R und T c. 32 reichen strafrechtliche Bestimmungen. Ganz 
logisch schliesst hier c. 32 mit dem Satze, dass sowohl im 
Accusations- wie im Denunciationsprocesse der unterlegene 
Theil dem Sieger die Kosten des Verfahrens zu ersetzen hat. 
Es folgt im c. 33 eine Strafbestimmung gegen Occupation von 
gemeinen Wegen und Wasserläufen, also eine Verftigung dorf- 
rechtlichen Charakters. Daran reihen sich in c. 34 bis 41 markt- 
und gewerbepolizeiliche Bestimmungen. Dann werden drei 
Capitel über das Spiel c. 42 bis 45 eingeschoben. Nach einem 
strafrechtlichen Capitel über Missbrauch der Amtsgewalt c. 46 
und einigen Statuten über Beschädigung von öffentlichen Wegen 
und fremden Grundstücken c. 47 bis 49 folgen Bestimmungen, 
welche die Gerichtsordnung und das Notariatswesen betreffen, 
c. 50 bis 61. Daran schliesst sich vereinzelt Capitel R c. 62, 
welches die Privatpftlndung von Bürgen verbietet. Ihm folgt 
eine Reihe von Capiteln, Markt- und Gewerbepolizei betreffend, 

^ Urkande 1209 Mai 10, Verona Capitelarchiv. 

* S. 138. R o. 169 scheint späterer Znsats sn sein, wenn aach die 
Fassung in Teil eine missrerständlicbe ist 



1§7^ 

R c. 63 bis 75 (Tc. 64 bis 85), darunter in T die Fleischhauer- 
ordnung. Das vereinzelte K c. 76 (gleich T c. 86) spricht das 
Verbot aus, Fremde zu Amtern zuzulassen. Die nächsten 
Capitel R c. 77 bis SO (T c. 87 bis 90) enthalten privatrechtHche 
Normen, die folgenden strafrechtliche. Da sie über Kaub und 
Diebstahl handehi, so dürfen wir wohl in ihnen ein jene 
älteren strafrechtlichen Bestimmungen^ welche den Eingang 
des Statuts bilden, abänderndes Gesetz sbheu. Es folgen dann 
Bestimmungen, welche die Feuerpolizei betreffen, R c. 86 bis 92 
(T c. 96 bis 103), Straf bestimmungen gegen Flurfrevel R c. 93 
biß 107 (Tc. 104 bis 117) und endlich in R c. 108 (Tc. 118) 
der bekannte Satz des Accusationsprocesses^ dass der, welcher 
einen anderen fUlschlich anklagt, ^de aliquibus postis scriptis in 
hoc iibro', dieselbe Strafe erleiden soll, wie der Angeklagte, 
wenn er schuldig befunden worden wäre. Diese Bestimmung 
passt schon ihrer Natur nach ftir den Schluss des Gesetz- 
buches. 

Was aber noch mehr die Vermuthung nahelegt, dass. hier 
einmal die Statuten geendigt haben, ist der Umstand, dass die 
folgenden Capitel so recht den Charakter von planlos anein- 
ander gereihten Nachträgen und Ergänzungen an sich tragen, 
dass sie vielfach die vorangehenden Capitel berühren und ver- 
ändern, auch wohl in Widerspruch mit ihnen stehen. So stellt 
gleich R c. 109 (?'c. 119) einen Nachtrag zu den feuerpolizei- 
lichen Satzungen vor. Ä c. 118 und 119 (T c. 124 und 125) 
sind Nachträge zu Ä c. 11. Das frühere Gesetz verbot den 
Auflauf mit gewaffneter Hand, die späteren das Waffentragen 
in der Stadt, ein weiteres R c. 134 {T c. 142) das Waffentragen 
auf dem Lande. R c. 125 {T c. 130) ändert Ä und Tc. 42 ge- 
radezu ab. Dieses verbietet das Würfelspiel durchaus ausser 
an Markttagen, jenes gestattet es nur mehr auf dem Markt- 
platze zur Zeit des Monatsmarktes. R c. 128 (T c. 133) gibt 
sich als Entscheidung einer streitigen Rechtsfrage mit seiner 
Bestimmung, dass die Processkosten auch dann vom unter- 
legenen Theile zu tragen sind, wenn dieser den Calumnieneid 
geleistet hat. R c. 129 (T c. 134) ändert die in einem früheren, 
nicht erhaltenen Gesetze bestimmte Appellationsfrist ab. R c. 131 
(Tc. 139) gibt sich ausdrücklich als Novelle von R und Tc. 7, 
indem es im Falle der Verwundung eines Mitgliedes des bi- 
schöflichen Hofes eine Erhöhung der Strafe eintreten lässt. 



168 

Eine Novelle ist offenbar auch das Strafgesetz gegen Mord R 
c. 133 {Te. 141), das den Tod als Strafe feststellt Denn ge- 
wiss war auch hier wie nach anderen Zeognissen in Südtirol 
die Tödtung einst durch Qeldbusse gesühnt worden. Denn 
erst sehr langsam hat die Todesstrafe des römischen Rechtes 
nach dem Vorgange des Friedensgesetzes Kaiser Friedrichs I. 
von 1152^ das ältere germanische Compositionssystem ver- 
drängt» R c. 135 und 136 {T c. 143 und 144) enthalten Straf- 
verschärfungen bei Kirchen- und Strassenraub. R c. 142 (7* 
c. 152) ändert R c. 16 (T e, 86) insofern ab, als es Fremde 
nur vom Amte des Judex, Notars und Advocaten ausschliesst, 
während das frühere Gesetz ihnen alle Amter verschlossen 
hatte. Hier lassen sich vielleicht die beiden verschiedenen 
Rechtssätze sogar noch zeitlich fixieren. Die kaiserlichen Po- 
destaten waren alle Fremde gewesen. Unter ihnen dienten 
fremde Beamte. Ein Bartholomäus von Alba ^imperiaUs curie 
iudex^ fungiert als Assessor des Podestks Sodegher de Tito.' 
In der Zeit Egnos begegnen uns keine fremden Assessoren. 
Sollte man nicht gerade damals jenes erste Gesetz erlassen 
haben, um die Wiederkehr der früheren Zustände hintanzu- 
halten? Aber bald machte sich ein neuer Gesichtspunkt 
geltend. Es war fast allgemeiner Rechtsbrauch in den italie- 
nischen Städten, dass der Podestk kein Einheimischer sein 
durfle, damit er, nicht verflochten in die städtischen Par- 
teiungen, um so unbefangener sein Richteramt ausübe. Diese 
Anschauung machte sich auch in Trient hinsichtlich des Vicars 
geltend. Schon unter der tirolischen Verwaltung treffen wir 
einen, der sicher als Fremder gekennzeichnet ist, im Jahre 
1288: ,Bertoldus de Widotis ex Bergamo^* Häufiger ist dies 
dann nach der Wiederherstellung des bischöflichen Regiments 
unter Bischof Bartholomäus der Fall, unter dem gleich 1307 
zwei Fremde als Vicare nachzuweisen sind: ,Jacobinus iudex 
de Cremona' und ,Guido de Papia^ Damals, etwa bei der 
Compilation, wenn nicht schon unter der Verwaltung Mein- 
hards II., ist zweifelsohne dieses abändernde Gesetz erlassen 



1 MM. LI CoQBtit 1, 196. 

* Kohler, Das Strafrecht der italienischen Statuten 321. 

» 1240, Bonelli, Memori© 2, 577; 1241, Kink, Font rer. Austr. ö, Nr. 186, 
fälschlich ,de Ala*; 1244, Bonelli, Memorie 2, 683. 

* 1288 März 4 und 1288, Wien St-A. 



169 

worden. Wir sehen also, dass auch die Trienter Statuten wie 
die meisten älteren italienischen Stadtstatuten ^ nicht in einem 
GuBse entstanden, sondern nach und nach erwachsen sind, bis 
sie in einer Compilationy die das historische Werden noch recht 
gut erkennen lässt, zusammengefasst wurden. 

Einen ganz anderen Charakter trägt das zweite, das 
neue Statut Nach der Publicationsformel ist es vom Bi- 
schof Nicolaus erlassen worden, der von 1337 bis 1347 
regierte. Diese Angabe wird durch die Urkunden bestätigt. 
Wir werden sehen, dass in dem bereits oben erwähnten Ge- 
richtsbache von 1337 die Bestimmungen des neuen Statuts noch 
nicht befolgt wurden. In den beiden durch Reich an den Tag 
gebrachten Urkunden von 1340 und 1357^ wird das Capitel 
über die Appellationsfristen, das zugleich die Qerichtsferien 
aufzählt, transsumiert. Nun hatte gerade dieses Capitel eine 
bedeutende Erweiterung in den neuen Statuten erfahren. 
Während die Urkunde von 1340 noch das Capitel den alten 
Statuten entnimmt, folgt die von 1357 bereits den neuen. Eine 
auch sonst interessante Aufzeichnung des Wiener Staatsarchivs 
von 1355 März 3* über die von Ecelin, Notar von Campo, 
Vicar des Markgrafen Ludwig von Brandenburg, beobachteten 
Gerichtsferien nennt darunter den Vigiliustag und andere Hei- 
ligenfeste, die erst durch die neuen Statuten als Gerichtsferien 
eingeführt worden sind. Eine Urkunde von 1343 erwähnt 
zuerst die Ladung im Auftrage der Partei, welche die neuen 
Statuten eingeftlhrt haben. ^ Es muss also das neue Statut 
zwischen 1340 Juli 16 und 1343 October entstanden sein. 

Das neue Statut galt nur f\ir jene Theile des Bisthüms, 
in denen das römischrechtliche Processverfahren mit dem Ein- 
zelnrichter recipiert worden war, nicht dort, wo nach deutsch- 
rechtlichem Principe das Urtheil: ,geit nach der maisten volg'. 



^ Schupfer, Manuale di storia del diritto italiauo 1, 253, 261; Periile, 
Storia del diritto italiano ^ II, 2, 138. 

* Del pijk antico Statute 37 f. und Tridentum 2, 236. 

* Beilage Nr. 4. 

* 1343 October 29, Wien 8t.-A.: »Odoricus yiator . . . retulit . . ., quod 
die sabati nuper elapso . . . se ad petitionem et instantiam domini 
Bonehencontri . . . precepisset et denunciavit Viviano . . ., quod foret 
hodie . . . coram domino Conrado . . . faciens racionem de hominibus 
et personis Leuigi* u. s. w. 



170 

das ist das Urtheil nicht vom Richter, sondern von einem CoUeg 
oder auch von einem einzelnen mit Vollwort der Gerichtsge- 
meinde gefiinden wurde. ^ Das war der Fall in den deutschen 
Gerichten, so weit sie noch bischöflich waren, in Fleims, Königs- 
berg und anderen Orten.* Denn die Rechtssätze des neuen 
Statuts entstammen zum guten Theilc dem gemeinen italienischen 
Civilprocesse und waren an Orten mit deutscher Gerichtsver- 
fassung nicht anwendbar. 

Inhaltlich stellt sich das neue Statut als eine umfang- 
reiche Novelle dar, welche das Gerichtsverfahren und einige 
Theile des Privatrechtes regelt. Dabei werden wenigstens nach 
der Fassung von T" einzelne in den Zusammenhang passende 
Capitel der alten Statuten wiederholt. In vielen aber sind das 
alte Recht und die alten Statuten abgeändert. NamenÜich 
werden die Termine gekürzt, so z. B. die Frist, die zur Aus- 
lösung gepftlndeter Gegenstände besteht.* Ebenso wiederholen 
r c. 52 und 67, R c. 129 und 79 {T c. 134 und 89) nur mit Zu- 
Sätzen. In T' c. 63 und 64 sind gegenüber den alten Statuten* 
die Taxen der Notariatsurkunden bedeutend erhöht. Diese 
Taxen werden nun zum Theile in den damals gangbaren 
Kreuzern berechnet. 

Vom juristischen Standpunkte muss dieses Gesetz als 
ein vortreffliches bezeichnet werden. Indem der Civil- 
process hier zuerst für Trient in umfangreicher Weise ge- 
regelt wurde, war der Gesetzgeber mit Erfolg bemüht, die 
Fortschritte der Doctrin und Praxis zu verwerten. Kürzung 

* Mit Ausnahme von R' c 46 = T' c. 54, das sich gerade auf solche Ge- 
richte bezieht. 

' Sicher ist die Scheidung der Gerichte nach diesem Gesichtspunkte nicht 
durchzuführen. £in selbsturtheilender Richter 1289 Juni 24 im Gerichte 
Entiklar, Wien St.-A. In Salurn 1293 M&rz 14 vor dem GasUldeu 
deutsch rechtliches Verfahren, Wien St.-A. In Königsberg soll der Vicar 
nach dem Privileg von 1347 October 6 das Urtheil fällen ,de consilio 
duodecim proborum virorum*, für Fleims das Privileg von 1111 (?) 
Juli 14, Schwind und Dopsch, Ausgewählte Urkunden, Nr. 3; Sartori- 
Montecroce, Zeitschrift des Ferdinanden ms III, 86, 139 f. 

' Vgl. Acta Tirol. 2, Einl. 193. Noch im Gerichtsbuche von 1337 findet 
sich die längere Frist, wie im Über Oberti, f. 3', n. 23, eine vierzehn- 
tägige zur Auslösung gepfändeter Rinder, während nach T' c. 33 = 
R c. 29 bei beweglichen Sachen nur eine zehntägige Frist gewährt 
wird. 

« Ä c. ö9 = r c. 59 und 60. 



171 

und Vereinfachung des alten Verfahrens waren dabei die Ziele 
des Gresetzgebers. Das Gesetz beginnt in T g. 2 (/?' c. 1) mit 
den Ladungen. Während früher nach dem gemeinen Rechte 
drei, ja gewöhnlich vier die Regel waren, ^ wird jetzt eine per- 
sönliche oder zwei an die Wohnungsgenossen flir genügend er- 
klärt. Es wird die Ladung der Heimatlosen geregelt und na- 
mentlich die Neuerung eingeführt, dass die Ladung über directes 
Verlangen der klagenden Partei vom Qerichtsdiener vollzogen 
werden muss, ohne dass es eines richterlichen Auftrages be- 
dürfte.* Gegenüber dem Verfahren des 13. Jahrhunderts un- 
zweifelhaft Neuerung. Das zweite Capitel schreibt fUr gewisse 
Rechtsgeschäfte Minderjähriger die GerichtUchkeit und Anwesen- 
heit und Zustimmung der vier nächsten Verwandten vor. Die 
eidliche Bekräftigung solcher Rechtsgeschäftie ist ohne Wirkung. 
Damit wird die berüchtigte Autentioa ,Sacramenta puberum^ 
flir die Minderjährigen beseitigt. Auch das ist Neuerung gegen- 
über dem älteren Rechte, nach dem Minderjährige mit Zustim- 
mung ihres Curators und unter eidlicher Bekräftigung auch 
über Liegenschaften verftlgen können.' 

Die folgenden Capitel T* c. 4 bis 7 (Ä' c. 3 bis 6) handeln 
von den Stellvertretern. Sie bringen nichts wesentlich Neues. 
In Ä' c. 5 wird die Bestellung von Curatoren oder, wie das Ge- 
setz sagt, Tutoren flir Taube, Stumme, Wahnsinnige und Ver- 
schwender angeordnet. T c, 8 = 2? c. 7 gibt bei Contumaz 
des Beklagten dem Kläger die Wahl, die Pftlndung des unge- 
horsamen Theiles zu verlangen oder das Verfahren ,in ere- 
modicio' fortzuführen. Das ältere Recht kennt, wenn der Un- 
gehorsam vor der Litiscontestation eintritt, nur die Pfändung.* 
Dagegen haben schon frühzeitig manche Statuten das Ver- 
fahren ,in eremodicio' zugelassen ^ und die bekannte Clementine 
Saepe hat es allgemein angeordnet. Das nächste T' c. 9 (R' c. 8) 
ordnet bei Streitigkeiten unter nahen Verwandten und Ver- 
schwägerten Entscheidung durch Schiedsrichter mit Ausschluss 



» Acta Tirol. 2, Einl. 146. 

' Wie auch nach dem Statntarrecht von Verona, Lattes, 11 diritto consue- 

tadinario delle cittÄ Lombarde, 92. 
' Acta Tirol. 2, Nr. 60 b, 90 (hier allerdings mit richterlicher Aatorität), 

196 n. s. w. 
* Acta Tirol., Einl. 196. 
^ Darunter auch die Ton Verona; vgl. Wach, Arrestprocess 190 f. 



172 

der ordentlichen Gerichte an, eine Verfügung, die in lombar- 
dischen Statuten ebenfalls erst von der Mitte des 14. Jahr- 
hunderts an häufiger wird.^ T" c. 10 (Ä' c. 9) bezweckt wieder 
eine Beschleunigung des Verfahrens, in dem die Fristen fUr 
das Beweisverfahren und den Austausch der Erklärungen der 
Parteien festgestellt und gekürzt werden.* Z" c. 11 (if c. 10) 
ordnet das Verfahren bei Einholung von Rechtsgutachten, das 
nächste Capitel den Arrestprocess, der somit bereits in der ge- 
wöhnlichen Form im Falle der Contumaz des Beklagten zuge- 
lassen ist.^ Der Arrestwerber hat sein Recht durch öffentliches 
Instrument zu beweisen oder durch Eid zu bescheim'gen.^ Der 
Process ist auf dem Wege der Schrifüichkeit weiter entwickelt 
Während nach dem Liber Oberti das Verfahren noch im 
wesentlichen ein mündliches war, sind jetzt alle Erklärungen 
der Parteien nach T" c. 17 (Ä' c. 15), sowie die meisten richter- 
lichen Decrete schriftlich geworden J" c. 61 {R' c. 46). 

Eine wichtige Neuerung bringt T' c. 20 (Ä' c. 18) durch 
die Einführung des summarischen Verfahrens in einer Reihe 
von Fällen, nachdem es flir Arrestsachen bereits in 7" c. 14 
{R c. 12) angeordnet war,^ wozu sich allerdings schon im 
13. Jahrhunderte Ansätze ausgebildet hatten.^ In den Statuten 
Oberitaliens begegnet das summarische Verfahren erst seit der 
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts."^ Auch die Fälle, in denen 
summarische Cognition stattfinden soll, Lohnklagen, Mietzins- 
klagen, Käufe von Lebensmitteln, Marktgeschäfte, Sachen der 
Witwen und Waisen und Armen haben sich um diese Zeit in 
den italienischen Statuten festgesetzt.^ Nur die ebenfalls sum- 

' Lattea, II diritto consuetudinario 89, n. 52. Pertile a. a. O. 6, 182. 
' Ebenso wird die Zahl der an die Zeugen zu stellenden Fragen nach T' 
ü. 19 {R' c. 17) auf sechs fUr jedes FragstUck beschränkt 

• Wach, Arrestprocess 72 f. 

^ Der Calumuieneid genügt in gewissen Fällen als Beweismittel bereits 
der Glosse und findet sich als solches beim Arrestprocesse in jUngeren 
Statuten, Wach, Arrestprocess 133, 154, n. 37. 

^ Die Sindici haben schon nach T^c. 137 = 22 c. 130 in allen von ihnen 
zu entscheidenden Rechtssachen summarisch vorzugehen. 

• Acta Tirol. 2, Einl. 177 f. 

^ Ansätze dazu schon früher, Wach, Arrestprocess 184; Pertile, Storia 6, 
597; Lattes, II diritto consuetudinario 83; Briegleb^ Einleitung iu die 
Theorie der summarischen Processe 31 f. 

^ Pertile, Storia 6, 602. Dazu kommen noch alle Processe des Bistums 
namentlich um Recuperation bischöflicher Güter. Doch ist der Gegen- 



173 

mansch zu behandelnden Bagatellsachen sind zum Theile schon 
älteren Ursprungs.^ In diesem Summarverfahren genügt halber 
Beweis mit nur einem Zeugen oder Calnmnieneid.^ Aus dem 
Summarverfahren dringt manches in den ordentlichen Process 
ein. Die feierKche Litiscontestatio kann nach 7" c. 21 {R c. 19) 
ausfallen, indem ein zum Antritte des Beweises den Parteien er- 
theilter Termin die Litiscontestatio ei*setzt. Auch bedarf es 
nach T' c. 25 (R c. 23) keines Klaglibells, wenn über die ein- 
geklagte Schuld ein öffentliches Instrument vorliegt, und ebenso 
in gewissen anderen, den Bagatellsachen sich nähernden Fällen.^ 
Man hatte sich damit dem älteren Verfahren, wie es im liber 
Oberti erscheint, wieder genähert, in dem ein Elaglibell nur 
selten überreicht wurde.* Wenn in T' c. 24 {R' c. 22) die 
Schuldhaft auf den Fall eingeschränkt wurde, dass ein im Bis- 
thnme nicht begüterter Ausländer sich durch öffentliches In- 
strument zur Übernahme der Schuldhaft einem Trienter gegen- 
über ausdrückUeh verpflichtet hat, so lässt sich nicht bestimmen, 
inwieweit darin eine Änderung des Rechtes gelegen war. 

Die Capitel T c. 27 bis 35 {R c. 25 bis 31) ordnen das 
Executionsverfahren, das sie durch Kürzung der Fristen zu 
beschleunigen suchen.'^ Damit hängen Bestimmungen zusammen, 
welche die Gläubiger vor den Anforderungen der Ehefrauen 
der Schuldner wegen ihrer Dos und Wiederlage schützen sollen 
{T c. 37 und 39, R c. 33 und 35). Capitel T c. 36 {R c. 32) 
handelt von den Confessaten, ohne etwas wesentlich Neues an- 
zufügen. Eben weil diese Statuten auf einem der Rechtsent- 
wieklung der Zeit entsprechenden Standpunkte stehen, konnten 
sie den Grundstock für die späteren Redactionen abgeben in 
viel weitergehenderem Maasse als die strafrechtlichen Bestim- 
mungen der alten Statuten. 



partei dann von Amtswegen ein Advoeat zuzuweisen (T* c. 45 und 46, 

R' c. 89 und 40). Endlich die Executionsklage gegen den Bürgen, diese 

schon nach 12 c. 62 = T c. 63. 
' Wach, Arrestprocess 184. 
' Es ist dies sonst seltener im italienischen Statutarrecht, Pertile, Storia 

6, 600; Wach, Arrestprocess 187, n. 49, 193, n. 63. 
' Bei Klagen um Pachtzins, bei einer Schuldsumme unter 100 Solid! und 

jedesmal, wenn in der Sehuldurkunde auf Überreichung eines Libells 

verzichtet ist. 
« Acta Tirol. 2, Einl. 145. 
B Siehe oben S. 170. Vgl. Acta Tirol. 2, Einl. 198 f. 



174 

Schon von Rapp^ wurde auf den Zusammenhang der 
Trienter Statuten mit denen von Verona und anderen oberitalie- 
nischen Städten hingewiesen. Indess kann die BVage nach der 
Stellung der Trienter Statuten zu den norditalienischen hier 
nicht gelöst werden. Erst mtisste das Verhältnis der italie- 
nischen Statuten zu einander aufgehellt werden, das heute 
noch zum grössten Theile im Dunkel liegt; es müssten wichtige 
Zwischenglieder, wie die Veroneser Statuten von 1271 und 1328, 
die Vicentiner von 1313 erforscht werden, die wie so manche 
andere nur handschriftHch vorliegen, bis an die Lösung dieser 
Frage geschritten werden könnte, Studien, die den Rahmen 
dieser Arbeit weit überschreiten würden. Nur einige Bemer- 
kungen, welche sich dem Verfasser im Laufe seiner Studien 
aufgedrängt haben, mögen hier ihren Platz finden. 

Jene Bemerkung Rapp's ist jedenfalls insoweit gegründet, 
als in der That das Veroneser* und Vicentiner Recht 
dem Trienter nahe verwandt ist. Betrachten wir zuerst 
die alten Trienter Statuten, so zeigt sich eine gewisse Ähnlich- 
keit des Rechtes nicht so sehr in den alten Veroneser Statuten 
von 1228, sondern vielmehr in den Statuten von 1450, die im 
wesentlichen auf die Statuten Mastinos I. vor 1271 und auf 
die Neuredaction von 1328 zurückgehen dürften. Auch bei den 
Vicentiner Statuten treffen wir Anklänge nicht so sehr in den 
freilich dürftigen Statuten von 1264, als vielmehr in den jüngeren 
Satzungen. 

Am ehesten sind für die Bestimmung der Verwandtschaft 
von Rechten, wie schon Ficker dargethan hat,* ausser familien- 
und erbrechtUchen Sätzen, strafrechtliche Bestimmungen be- 
zeichnend. Dem Inhalte der Trienter Statuten gemäss kommen 



» Beiträge 8, 8. 

' Für Verona wurden zur Vergleichnng herangezogen die Statuten von 
1228, gedruckt von Campagnola, Liber iuris civilis urbis Veronae, Ve- 
rona 1728, dann die Statuten von 1450 in Statuta niagnifieae civitatis 
Veronae. Veronae 1688. Von den Statuten von 1271 und 1328 dürftige 
Auszüge bei Carli, Istoria della cittä di Verona 4, 258 f., und Spangen- 
berg, Cangrande I. della Scala 2, 87 f. Ober die Datierung dieser Sta- 
tuten Spangenberg a. a. O. 137 f. Für Vicenza Lampertieo, Statut! del 
Comune di Vicenza 1264, Venesia 1886 in Monumenti pubbl. dalla r. 
Deputazione Veneta di Storia Patria. Serie 2. Statuti 1 und die Sta- 
tuten von 1425 in Ins municipale Vicentinum, Venetiis 1567. 

° Untersuchungen zur Erbfolge der ostgermanischen Rechte 1, §. 11. 



175 

diese fast allein in Betracht. Und da treffen wir in der That 
eine weitgehende Ähnlichkeit bei der Qualification der ein- 
zelnen Verbrechen, der Bestrafung und ihrer Abstufung, eine 
Ähnlichkeit, welche sie oft in Gegensatz zu den lombardischen 
Stadtrechten bringt.^ Auf Mord setzen alle drei Rechte die 
Todesstrafe, und zwar unterscheiden die Trienter (T c. 141 = 
R c. 133) nnd die Veroneser von 1328 * hinsichtlich der Aus- 
führung der Strafe nach dem Geschlechte; Männer werden 
enthauptet, Frauen verbrannt.^ Darin scheiden sich Trient und 
Vicenza allerdings wieder, dass hier der Mörder auch sein 
Vermögen verliert, was in Trient nicht der Fall ist.* Dagegen 
Iftsst Trient bei Mord und vielen anderen Vergehen Sühne zu 
und straft nach erlangter Sühne nur mit Geld.^ Diese Be- 
günstigung der Sühne ist fUr das Trienter Recht charakteri- 
stisch. Sie mag wohl mit der geistlichen Herrschaft zusammen- 
hängen, denn gerade die Geistlichen haben dieses Institut aus 
christlichen Gesichtspunkten, aber nicht zum Vortheile der 
Volksmoral begünstigt. Alle drei Rechte endlich erklären die 
Tödtung aus Nothwehr für straflos. Qualificiert erscheint der 
Banditenmord, das ist die gegen Geldzahlung oder anderen 
Vermögensvortheil auf Anstiften eines Dritten vollbrachte Töd- 
tung. In Trient tritt dann Verschärftmg der Todesstrafe ein,^ 
ebenso in Vicenza;'' Verona bestraft schon den Versuch mit 
dem Tode.^ Alle drei Rechte endlich bestrafen in diesem Falle 
auch den Anstifter mit dem Tode. 

Ziemlich eingehend wird in Trient die körperliche Ver- 
letzung behandelt, welche hier mit den Realinjurien zusammen- 



' Fftr die Yergleiohung des Strafrechtes der italienisohen Statuten leistet 
^te Dienste das vortreffliehe Buch von J. Kohler, Strafrecht der italie- 
nischen Statuten, desselben Studien aus dem Strafrechte 2 — 6. 

' Spangenbei^ a. a. O. 2, 93. 

' Vicensa' (1425), 8, c. 16; Verona' (1450), 3, c. 39; ebenso das spAtere 
Trienter Recht Ä 2, c. 61, Cd, c. 97. 

* Vicenza» (1264), 117. 

* Sahne auch Vicenza \ 117, und Verona *, c. 84. Unrichtig Pertile a. a. O. *, 
5, 573, dass Vermög^nsconfiscation die einzige Strafe des Mörders nach 
diesem Rechte ist, vielmehr trifft ihn ewige Friedlosigkeit. 

* Vgl. Kohler a. a. O. 827. Tnnä Rc. 17, Schleifung des Mörders, ange- 
bunden an den Schweif eines Esels, auf den Richtplatz. 

' Verlust des Vermögens, Vicensa ", 3, c. 17. 

* Verona *, 3, 3, c. 39. 



176 

gefasst wird. Diese Verbrechen werden abgestuft nach der 
Wirkung. In Trient, wie in Vicenza und Verona wird unter- 
schieden, ob die Verletzung eine blutige war oder nicht* Ge- 
rade diese Qualification^ sonst in den italienischen Statuten 
häufig^ fehlt in den lombardischen Stadtrechten.' Weiter wird 
unterschieden nach dem Gegenstände^ mit dem die Verletzung 
beigebracht wurde. Damach wird verschieden beurtheilt der 
Backenstreich mit der flachen Hand/ der Schlag mit der 
Faust,* Angriff mit Waffen,^ wobei auch der Versuch bestraft 
wird.^ Den Backenstreich bestrafen alle drei Rechte höher, 
wenn diese Injurie im Palaste oder an besonders befriedigten 
Orten zugefbgt wurde.^ Auch die Person des Verletzten kommt 
bei der Strafbemessung in Betracht.* Trient und Vicenza unter- 
scheiden dann nach dem Körpertheile, dem die Verletzung zu- 
gefügt wurde.^ Auch diese Unterscheidung, die sich auch 
anderwärts in der alten Mark Verona findet,*^ ist in der Lom- 
bardei selten. Diese Verbrechen sind in allen drei Statuten, 
nur wenige Fälle ausgenommen mit Geldstrafe belegt.** Sogar 
die Höhe der Busse ist th eilweise dieselbe.*' Dagegen gehen 
die Bestimmungen über die Ehrenbeleidigung auseinander.*^ 
Während in Trient die weibliche Geschlechtsehre am höchsten 



' Diese Qualification geht wohl nicht, wie Tomaschek meint in n. zn 
T c. 6, auf salisches Recht, sondern auf den Landfrieden Friedrichs I. 
von 1152 Eurück MM. LI. Constit. 1, 196. 

' Vgl. die Zasammensteilnng bei Kohler a. a. O. 345. 

' ,aIapaS Tund Ä c. 5, Verona", 3, c. 30; Vicenza*, 3, c 15. 

* rund Äc. 8, Vicenza*, 3, c. 15. 

» rund Äc. 7, Vicenza*, 117, «, 3, c. 15; Verona«, 8, c. 34. 

• Tund Ä c. 6, Verona«, 3, c. 29; Vicenza«, 3, c. 84. 

' Verona «, 3, c. 35, auch die übrigen Fälle der körperlichen Beschädigung. 
" Tc. 139:=i?c. 131 und c. 140=132, Verletzung eines Mitgliedes des 

bischoflichen Hofes, des Podest&s oder eines anderen Beamten. Ähnlich 

Vicenza«, 3, c. 31. In Verona wird überhaupt der Stand des Verletzten 

in Betracht gezogen. 
» Tund Ä c. 7, Vicenza«, 3, c. 15. 
>® Conegliano, Treviso vgl. Kohler a. a. O. 849; Cadore vgl. Pertile a. a. O.«, 

5, 591, n. 115. 
" Tc. 140 = Ä c. 132, Ä und Tc 7. 
*« sk B. Ä und Te. 5 und Verona«, 3, c. .SO; R und 7*c. 7 uad Vicenza 

\ 117. 
" TundÄc. 28, 29, Geldstrafe; Verona«, 3, c. 27 und 46, und Vicenza«, 

3, c. 15, arbiträr. 



177 

geschützt ist^ und im übrigen die Strafe abgestoft wird nach 
dem Orte, wo die Beleidigung geschah, ist sie in Verona in 
das firmessen des Richters gestellt, der freilich Geschlecht, 
Ort und Stand beachten wird. Vicenza hebt aber wie Trient 
die Yor dem Richter zngefbgte Beleidigong besonders hervor. 
Nicht so viele Berührungspunkte bietet die Sachbeschä- 
digong.' Sie ist mit Geldbasse belegt. Dabei tritt in Verona 
and Vicemsa' wie in Trient im Falle der Nichtsahlang eine 
entehrende Körperstrafe ein> Weniger stimmt die Behandlang 
der Occnpation öffentlicher Wege and Wasserläafe,^ der Brand- 
stiftang a. s. w. Die fahriässige Brandstiftung wird in Trient 
und Vicenza gleichermassen mit Geld gestraft; ^ in beiden Orten 
ist sie nur strafbar, wenn das Feuer über das eigene Haus 
greifl Der Diebstahl fliesst in Trient mit der Sachbeschädigung 
und dem Raube zusammen, anders als in Vicenza,^ aber in 
Übereinstimmung mit Verona. Besonders qualificiert ist der 
bei einem Brande vorgefallene Diebstahl.^ Auf Raub steht 
nach dem Rechte von Vicenza die Todesstrafe auf dem Galgen,' 
welche auch die Trienter Statuten bei Kirchen- und Strassen- 
raub verhängen.^® Sehr ähnlich wird in Trient und Vicenza 
die Hehlerei bestraft. Sogar die Höhe der Geldbusse ist die- 
selbe.^^ Unrechtmässige Occupation fremder Liegenschaften 
wird in Trient und Verona wie an vielen anderen Orten mit 
Geldstrafe belegt** Ganz ebenso wird doppelter Verkauf der- 
selben Sache an verschiedene,*' also eine betrügerische Hand- 
lung, in Trient und Verona bestraft. 



• Nmch uraltem langobardischen Bechte, Botiuuri a. a. O., c. 19S. 
■ Tc. 109—114, 117, So. 98—108, 107. 

• Verona*, 6, c. 66; Vicenza \ 69. 

• In Trient Pranger, in Verona Eintauchen in den Brunnen auf Piazza 
d^Elrbe und Ausstellung, unter Umstftnden Qeisselung bei der Scband- 
sftule; in Vicenza Qeisselung durch die Stadt 

» rund B c. 83, Verona", 4, c. 17. Näher steht Trient Vicenza«, 8, 48. 

• Tc 97, 98 = 5c. 87,88; Vicenza*, 267; «, 3, c. 40. 
» Vicenza*, 8, c. 21. 

• Ä c. 91 =» r c 101, Vicenza*, 8, c. 40. 

• Vicenza *, 8, c. 21. 

>• Tc. 92, 143, 144 =» B c. 82, 185, 186. 
" T c. 98 = jB c. 88, Vicenza *, 8, c. 28. 
" Kobler a. a, O. 461 f., Tund R c. 26, Verona*, 3, c. 98. . 
» Txmä R c 80, Verona*, 8, c. 97. 
ArcUr. XCU. Bud. I. HUfte. 12 



178 

In der Behandlung der Sittlichkeitsdelicte ist keine 
nähere Übereinstimmung zu constatieren. Nur wird bei ge- 
waltsamer Entehrung einer Frau oder Jungfrau von allen drei 
Rechten die Todesstrafe verhängt^ Auch hier spielt in Trient 
die Sühne mit der Verletzten und ihren Verwandten eine grosse 
Rolle. Die Strafe der Ehebrecherin ist nach allen drei Rechten 
der Tod.« 

Die Urkundenfälschung wird nicht ganz gleichmäsaig be- 
handelt. In Trient und Verona wird die Fälschung durch den 
Notar besonders hervorgehoben, während Vicenza alle Fäl- 
schungen mit gleicher Strafe belegt.' In den Strafbestim- 
mungen kehrt in allen drei Orten der Verlust der Hand wie- 
der; Vicenza und Trient veriiängen im Wiederholungsfälle den 
Feuertod. Ebenso spielt in den drei Rechten beim falschen 
Zeugnisse das Ausschneiden der Zunge als Strafe eine Rolle, 
wobei freilich die Einzelnheiten verschieden sind.* Trient und 
Verona behandeln den Anstifter des falschen Zeugnisses gleich 
dem falschen Zeugen selber;^ beide belegen den Gerichtsboten 
mit besonderer Strafe, wenn er eine falsche Botschaft ausge- 
richtet hat;^ sogar die Höhe der Oeldbusse ist dieselbe, und 
erst die körperliche Strafe, die sie im Nichtzahlungsfalle er- 
setzt, ist verschieden. Ebenso setzen beide Rechte auf Falsch- 
münzerei den Feuertod ^ und scheiden sich erst bei Bestrafung 
der Verbreitung falscher Münzen.^ Auf Münzbeschneidung 
steht nach beiden Rechten Verlust der rechten Hand,^ die in 



* Tnnd Rc. 12, 14, Verona*, 3, c. 41; Vicenza S 120, nur subsidiär, Vi- 
cenza', 8, c. 19. 

' Der Zweifel Kohler^s a. a. O. 480 n. lOst sich natürlich nach der Lesung 
von R, das hier sicher den authentischen Text wiederg^ibt Verona', 3, 
c. 41 ; Vicenza ', 8, c. 19. 

' Tunä B c. 22, Verona', 8, c. 47; Vicenza*, 8, c. 25. Nicht unterscheidet 
auch Verona ^, c. 76. Verona 1328, Spangenberg a. a. O. 94. 

* Tund Äc. 24, Verona', 8, c. 39; Vicenza', 8, c. 26. 

* rund B c. 26, Verona', 8, c. 49; anders Verona S c. 76. 

* rund Ä c. 46, Verona', 8, c. 64. 

' 7 und 12 c. 18 und 19, Verona', 8, c. 66. Verona 1828, Spaugenberg 
a. a. O. 98. 

* T und B c. 20 stufen die Strafe ab nach der Quantität der Hansen ent- 
weder mit Verlust der rechten Hand oder Feuertod, Verona ', 3, e. 56, 
arbiträre Strafe. 

' r und Ä c. 21, Verona \ c 80, ', 3, c 57. 



179 

Trient mit Geld abgelöst werden kann and bei kleinen Quan- 
titäten immer gelöst wird. Die Verwendung von falschem 
Maass und Gewicht wird nach allen drei Rechten mit Geld 
bestraft.^ 

Wie in den meisten italienischen Statuten sind auch hier 
Hazardspiele bei einer Geldstrafe verboten.' Trient und Ve- 
rona bestrafen gleicherweise denjenigen ^ der einem Spieler 
ein Darlehen gibt^ während Vicenza die Strafe nur dann ein^ 
treten lässt, wenn der Spieler ein Haussohn ist.' Bestraft wird 
ferner an allen drei Orten derjenige^ welcher das Spiel hält 
oder in seinem Hause spielen lässt.^ In Trient und Verona 
verdoppeln sich die Strafen^ wenn bei Nacht gespielt wird. 
Trient und Vicenza^ gestatten endlich das Spiel an Markttagen. 

Auch die Bestrafung der Lästerung Gottes und der Hei- 
ligen ist in den drei Rechten verwandt. Überall ist darauf 
eine abgestufte Geldbusse gelegt.^ Im Falle der Nichtzahlung 
wird sie durch Wassertauche ersetzt, eine eigenthümliche Strafe, 
die sich auch in Treviso, Bassano, Conegliano, nicht aber in 
den lombardischen Statuten findet.^ 

Sehr verwandt sind dann die Bestimmungen, die sich 
gegen die Störung des öffentlichen Friedens wandten, in Trient 
imd Verona. An beiden Orten sind Zusammenrottungen mit 
gewaffneter Hand verboten,^ und wird derjenige bestraft, der 
durch Geschrei zu solchen Ansammlungen Ursache gibt^ Eben- 
so berühren sich nahe die Verbote, gewisse Waffen zu tragen.® 
Beiden Rechten gemeinsam ist auch die Verdoppelung der Strafe, 



^ TundRc 85—39, Verona», 4, c. 111; Vlcensa», 127; ■, 3, c. «7. 

« T und B c. 42, 43, Verona*, c. 185, ", 4, c. 12; Vioenza *, 126, «, 

3, e. 36. 
' In Trient T c. 76 = £ c. 65 ist es äbnlicherweise den Wirten verboten, 

einen Hanssohn oder Diener des Spiels wegen zu pfänden. 

* T und B e. 44, 45, Verona und Vicenza wie Note 2. 

* r und Ä c. 4, Verona», c 171, «, 3, c 28; Vicenza», 186, 267, \ 
8, c. 13. 

* Kohler a. a. O. 614; Lampdrtico in der Ausgabe der Vicentiner Statuten 
186, n. 1. Nur in Lugano, Belinsona und Bfantua ähnlich, Pertile 
a. a. O. >, 5, 437, n. 13. 

' TnndBc. 11, Verona", 3, c. 32. 

* ,heu foras, ad arma* Txmd £ c. 31, Verona', 8, c. 32 und 33. 

* Tc. 124, 125 = 5 c. 118, 119, Verona \ c. 104, \ 3, c. 30b. 

12* 



180 

wenn die WaflTen bei der Nacht getragen werden.* Nach beiden 
ist femer das Waffentragen bei der Reise von und zur Stadt 
und von einem Dorfe zum andern gestattet. Alle drei ver- 
pflichten den Gastfreund oder Gastwirt, den Fremden auf dieses 
Verbot aufmerksam zu machen.^ Hochverrath endlich wird 
überall mit dem Tode bestraft;' nur tritt dazu in Vicenza die 
Vermögensconfiscation, welche fUr Trient auch das Gesetz des 
Bischofs Heinrich von 1275 angeordnet hatte. 

Selbst die Vorschriften, welche die Verfolgung von Ver- 
brechern sicherten, indem sie die Vorsteher der Dörfer bei 
Strafe zur Anzeige von Verbrechen verhielten, kehren in 
allen drei Rechten wieder.* Sogar die Frist, innerhalb der die 
Anzeige erfolgen soll, wird übereinstimmend auf drei Tage be- 
stimmt. Weiters sind freilich die Dorfbewohner nach dem 
Rechte von Verona und Vicenza verpflichtet, die Verbrecher 
aufzuspüren und zu fangen, während sie in Trient nur zur 
Anzeige an die Dorfirorsteher verhalten werden.^ 

Auch die Polizeivorschriften zeigen vielfach eine weit- 
gehende Übereinstimmung. Freilich kehren diese Bestimmungen 
so häufig wieder, dass auf sie kein Gewicht zu legen ist^ wie 
das Verbot, nach dem Abendläuten ohne Licht auszugehen,^ 
oder das Verbot an die Wirte, darnach Wein auszuschenken,^ 
oder sie folgen derart aus der Natur der Sache und den An- 
schauungen der Zeit wie die Ausftihrverbote, dass ihre Wieder- 
kehr nicht verwundern kann. 

So viele Übereinstimmung aber lässt diese drei Rechte 
mit Fug als verwandt erscheinen. Möglich, dass sich ihnen 
auch die Rechte der übrigen Städte der ehemaligen Mark Ve- 
rona anschliessen. Aber bei aller Beziehung des Rechtes ist 
eine Uterarische Verwandtschaft der alten Trienter Statuten mit 



* Weniger imhe steht Vicensa \ 129, ', 3, c. 44. 

« Tc. 126 = Äc. 119, Verona», 8, c. 80b; Vicen«aS 180,266. 
» TxmäRo. 2, Vicenza«, 8, c 18. 

* rund Äc. 9, Verona«, 8, c 6; VicenwiS 164, «, 3, c. 10. 

» Tund Ä c. 10. Die Pflicht der ßpurfolge normiert allerdings auch T 
c. 94 = Ä c. 84. 

« Vgl. oben 8. 162, n. 4, T c. 122 = Ä c 116, Verona«, 8, c. 23; Vi- 
cenza S 177, «, 8, c 88. 

' Tc. 128 = Ä c. 117, Vicensa *, 194; Verona«, 4, a 112. 



181 

den Veronesem und Vicentinern wenigstens nach den mir vor- 
li^enden Drucken nicht zu constatieren. 

Anders verhält es sich mit den neuen Statuten. Da 
ej^bt sieh die Thatsache, dass sie an einigen Stellen wört- 
lich mit den Vicentinern von 1264, an viel mehreren 
mit den jüngeren Vicentiner Statuten von 1426 überein- 
stimmen. Und zwar weist der Text der Statuten von 1264 
in den Trientem Erweiterungen auf, und der Trienter Text ist 
wieder in der etwas breiten und redseligen Vicentiner Redaction 
von 1425 interpoUert und vermehrt worden. Es nehmen somit 
die neuen Trientiner Statuten eine Mittelstellung zwischen den 
Texten der Vicentiner von 1264 und 1425 ein. Ein Beispiel 
mag dies veranschaulichen: 



Vicenu 1264, 89. 

Qualiter uxor debeat 
accipere tenutam de 
bonis mariti. 

Item statuimus, quod 
nulla mulier possit vel 
debeat constante matri- 
monio accipere tenutam 
de bonis mariti, nisi ci- 
tato marito personaliter 
probaverit legiptime 
per testes, maritum 
male uti substantia sua 
vel causam dotis exi- 
gendae extare. Et re- 
trahatur ad preterita 
et futura. 



Rovereto, neu, c. 84 (7" c 88). 

Qualiter uxor debeat 
accipere de bonis mariti 
tenutam. 

Item statuimus et ordi- 
namus, quod nulla mulier 
possit nee debeat con- 
stante matrimonio acci- 
pere venditionem nee te- 
nutam de bonis mariti, 
nisi citato marito perso- 
naUter et probaverit le- 
gitime per testes, mari- 
tum male uti substantia 
sua vel casum dotis exi- 
gendae extare. Et quod 
uxor alicuius aliter non 
possit accipere venditio- 
nem de bonis mariti oc- 
casionis dotis suae viven- 
te marito, pro eo quod 
dicatur esse dissipator bo- 
norum suorum et male 
uti substantia sua, nisi 
primo iudex vel vicarius, 



Vicensa ■, 2, c. 13. 

Qualiter uxor con- 
stante matrimonio ac- 
cipere possit tenutam 
de bonis mariti. 

Statuimus et ordina- 
mus, quod nulla mu- 
Uer possit vel debeat 
constante matrimonio 
accipere tenutam de 
bonis mariti, nisi pro- 
baverit legitime per te- 
stes maritum labi facul- 
tatibus suis et male uti 
substantia sua vel ca- 
sum dotis exigendae 
extare, prius tamen et 
ante omnia citato ma- 
rito personaliter vel bis 
ad domum habitationis 
suae per duos diversos 
dies u. s. w. (folgen 
weitere Bestimmungen 
über die Citation des 
Ehemannes). Et quod 
uxor alicuius, aliter 



182 



coram quo quaestio ven- 
tilabitur, proclamari fece- 
rit in palatio et in scalis 
palatü et per loca con- 
sueta illud, quod mulier 
ab eo petit, ita quod cre- 
ditores mariti, si quos ha- 
bet^ possint certificari et 

uti rationibus suis, ita 
quod nihil fiat in eorum 
fraudem et praeiudicium. 



non possit accipere de 
bonis mariti tenutam 
occasione praedicta, 
videlicet dotis suae 
constante matrimonio, 
ex eo quod dicat esse 
dissipator bonorum 
Buorum et male uti 
substantia sua vel ver- 
göre ad inopiam, nisi 
primo iudex, coram 
quo quaestio talis trac- 
tabitur, denunciaverit 
vel denunciari fece- 
rit in maiori consilio 
civitatis Vicentiae vel 
proclamationem pu- 
blicam fieri fecerit 
in comuni palatio et 

super scalas palatii 
iuris et in aliis locis 
consuetis civitatis Vi- 
centiae de eo quod mu- 
lier ab eo petita ita quod 
creditores mariü si 
quos habety possint 
certiorari et uti ratio- 
nibus suis et adesse 
sive assistere causae, 

ne collusio fiat^ ita 
quod nil fiat in eorum 
fraudem et praeiudi- 
cium. u. s. w. 



Während in den Statuten von 1264 nur ganz kurz das 
Beweisthema und Verfahren bei der Belage der Frau auf Exe- 
cution gegen das Vermögen des Ehemannes wegen der Dos 
angegeben wird, fügen die Trienter Statuten nach einem wenig 
geschickten Übergange das Erfordernis einer richterlichen Pro- 
clamation an die Gläubiger des Ehemannes hinzu. Vicenca 1425 



183 

hat beides übernommen und gibt dazu noch weitläufige Vor- 
schriften über die CStation des Ehemannes. Dagegen hat Vi- 
cenza die weiteren Ausführungen von R c. 34, welche den 
Gang des E^ecntionsyerfahrens betrafen, weggelassen und da- 
ftr die Concurrenz der Frau mit anderen Gläubigem beim 
Concurse deß Ehemannes erörtert. 

Im ganzen ist das Vicentiner Statut von 1264 ftlnfmal in 
den neuen Trienter Statuten wörtlich benützt.* Dagegen findet 
sich in neunzehn Capiteln des Trienter Statuts eine mehr oder 
weniger weitgehende wörtliche Übereinstimmung mit den Vi- 
centiner Statuten von 1425.' Wie ist nun dieser Zusammen- 
hang zu erklären? Leider ist die Geschichte der Vicentiner 
Statuten wenig aufgeklärt. Lampertico erwähnt in der Ein- 
leitung zu seiner Ausgabe der Vicentiner Statuten von 1264 die 
Existenz neuer Redactionen von 1311 und von 1339.' Die 
Vermuthung liegt nahe, dass bei Abfassung der neuen Trienter 
Statuten diese oder eine folgende Redaction der Vicentiner aus- 
giebig, und zwar zum wenigsten in allen jenen Capiteln, die 
sich mit der Vicentiner Statutenredaction von 1426 berühren, 
benützt worden sei. Gewissheit könnte natürlich nur die Unter- 
suchung der Vicentiner Statuten von 1311 und 1339 bieten. 
Aber schon die Lage beider Städte spricht daftlr, dass Vicenza 
der gebende Theil war. Hier befand sich nicht nur selbst eine 
wenngleich wenig bedeutende Hochschule,* sondern auch bei 



* Und Bwar B^ c. 33, Vicenza, 89; ,De bonis emtis per uxorem*; R' 
c 34, Vicenza, 89: ,Qiialiter uxor debeat accipere*; R' c. 42, Vicenza, 
197: ,Qnod appellatione masculi;* Rf c. 43, Vicenza, 195: ,Ne quis 
probet' and 196: ,t>e probatione mortis* (hier der w($rUicbe Anklang 
gering bei völliger sachlicher Uebereinstimmung); 22 c. 44, Vicenza, 86, 
letzter Absatz des Capitels: ,De ratione reddenda*. 

* B* c. 1, Vicenza*, 2, c. 6; Ä' c. 2, Vicenza*, 2, c. 4, Absatz 14; R' c. 6, 
Vicenza*, 2, c. 4, Absatz 15; R' c. 8, Vicenza 2, c. 9; R' c. 9, Vicenza*, 
2, c 8, Absatz 11 f.; Ä' c. 10, Vicenza*, 2, c. 8, Absatz 30; Ä' c 11 eben- 
dort; R' c. 14, Vicenza*, 2, c. 8, Absatz 3; R' c. 16, Vicenza*, 2, c. 8, 
Absatz 12; JJ' c. 16, Vicenza*, 2, c. 2, Absatz 4; Ä' c. 18, Vicenza*, 2, 
c 7; jB' c. 21, Vicenza*, 2, c. 8, Absatz 21; R' c. 22, Vicenza*, 2, c. 10, 
Absatz 2; R' c. 27, Vicenza*, 2, c. 23; JB' c. 33, Vicenza*, 2, c. 19; R' 
c. 34, Vicenza*, 2, c. 13, erster Absatz; Ä' c. 34, Vicenza*, 2, c. 34, 
zweiter Absatz; R' c. 42, Vicenza*, 4, c. 103; R' c. 44, Vicenza*, 
2, c. 18. 

» a. a. O. 44, 57, 61. 

* Denifle, Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters 298 f. 



184 

der Nähe von Padua war man weit eher in der Lage^ so treff- 
liche, den Fortschritten der Wissenschaft entsprechende Ge- 
setze za verfassen, wie es viele Bestimmungen der neuen Sta- 
tuten in Trient waren. Wollte man die neuen Trienter Statuten 
in Trient entstanden sein lassen, dann wäre schwer zu be- 
greifen, warum die Verfasser dieser Statuten in einigen wenig 
bedeutenden Capiteln auf die alten Vicentiner Statuten von 
1264 zurückgegriffen hätten, und wieso man im Jahre 1425 in 
Vicenza gerade an die Trienter Statuten angeknüpft haben 
sollte. Das Entscheidende aber ist, dass die Vicentiner Sta- 
tuten von 1425 sich auch in den übrigen, in den neuen Trienter 
Statuten nicht enthaltenen Sätzen vielfach als eine sehr weit- 
gehende Umarbeitung der Statuten von 1264 erweisen.* Es 
muss also eine Zwischenform zwischen den Statuten von 1264 
und 1425 existiert haben, aus der auch die neuen Trienter 
schöpfen konnten. 

Mit den Veroneser Statuten zeigen die neuen Trienter 
zwar vielfach sachUche Berührung, ein literarischer Zusammen- 
hang aber lässt sich wenigstens nach dem Wortlaute der Sta- 
tuten von 1450 nur an einem einzigen, übrigens auch mit den 
Vicentiner Statuten verwandten Capitel constatieren.* 



^ 2. B. Vicenza \ 85: ,De racione reddenda', Absatz 13, ond ', 2, c. 17, 
Absatz 5; Vicenza ^ 86 a. a. 0., Absatz 14 und 16, und *, 2, c. 17, 
Absatz 1 und 2, und an vielen anderen Stellen. 

« 2" c. 8 {B' c. 9) und Verona», 2, c. 122. 



n. 



Die Alexandrinischen und Udalricianischen 
Statuten. 



Die Alexandrinischen Statuten nennen nach dem Bi- 
schöfe Nicolaus ab Bischöfe, die sich um die Weiterentwick- 
lung des Rechtes in Trient Verdienste erworben haben, Al- 
brecht von Ortenburg und Georg von Lichtenstein. Freilich 
bringen sie beide nur mit dem Liber de Sindicis in Zusammen- 
hang,* also mit den Verordnungen, welche den Wirkungskreis der 
Sindiker, die eigentliche Gemeindeverwaltung der Stadt, be- 
treffen. Es ist in der That eine Anzahl von Gesetzen solchen 
Inhalts während der Regierung dieser Bischöfe zustande ge- 
kommen. Unter Albrecht erflossen Verordnungen, die sich mit 
der Steuerfreiheit der Fremden, mit den Fleischhauern, der 
Etschbrücke, Salzverkauf, Marktangelegenheiten beschäftigen.^ 
Von Bischof Georg ist ein Preistarif für den Trienter Fisch- 
markt bestätigt worden, der von seinem Vicar mit Zustimmung 
der jsapientes' (des Stadtrathes) beschlossen worden war.^ Georg 
liesB diese Verordnung in den Statutencodex eintragen, was auch 
mit den früheren Gesetzen thatsächUch der Fall gewesen war. 
Ob diese Bischöfe auch Gesetze civilprocess- und criminal- 
rechtlichen Inhalts verkündet haben, bleibt dahingestellt. 

Wichtige Änderungen im Rechte brachte das Pri- 
irileg hervor, das Bischof Georg den Trientem nach einem 



^ Wie schon Rapp richtig hervorgehoben hat, Beiträge 8, 4. 

' Beich, n piü antico statnto 20. Erhalten sind diese Gesetze im Libro 

vecchio de statnto e designationi dei beni deUa cittk di Trento, Trient, 

StadtarchiT. 
' Reich a. a. O. 



186 

siegreichen Aufstände gegen seine Beamten am 28. Februar 
1407 ertheilen musste. Mit vollem Rechte kann man diese 
Urkunde als eine Magna carta libertatum der Stadt Trient be- 
zeichnen.^ Den Trientern werden vor allem wichtige politische 
Rechte zugestanden. Hier zuerst ist von der Wahl eines Stadt- 
rathes die Rede. Den Bürgern wird das Recht bestätigt, nach 
alter Gewohnheit in der Vollversammlung einen Ausschuss (sa- 
pientes) zu wählen. Dieser Stadtrath reicht ins 13. Jahrhundert 
zurück, häufig allerdings von dem bischöflichen Rathe und der 
Vollversammlung der Bürger nicht leicht zu scheiden.* Im 
14. Jahrhunderte treten dann die ,sapientes^ deutlicher hervor, 
die in unserem Privileg wie in anderen Urkunden als ,decu- 
riones', das ist als Rathsherren bezeichnet werden und bald 
nachher den Titel Consuln annahmen.' Der Bischof Geoi^ ver- 
sprach, alles zu bestätigen, was dieser Rath zum Nutzen der 
Stadt beschliessen werde. Somit erhielt der Rath freie Ver- 
fügung in allen städtischen Angelegenheiten und namentlich 
Einfluss auf die Gesetzgebung, zu der schon früher der bi- 
schöfliche Rath und, wenn es sich um städtische Angelegen- 
heiten handelte, die ,sapientes^ herangezogen wurden.^ Des 
weiteren gelobte der Bischof ohne Zustimmung des Stadtrathes 
keine Steuern zu erheben und niemanden zur Lieferung von 
Wein und Lebensmitteln, es sei denn gegen Ersatz, an den 
Bischof und seine Hauptleute zu nöthigen. Wichtig war dann, 
dass dem Rathe Einfluss auf die Ernennung des bischöflichen 
Vicars, also des Richters erster Instanz in Civil- und Criminal- 
sachen eingeräumt wurde. Der Bischof versprach, diesen Vicar 
nur mit Rath der ,sapientes^ einzusetzen. Aber noch mehr, 
die Bürger erlangen auch eine gewisse Controle über die Amts- 
führung des Vicars. Der Vicar wird nach Ablauf seines Amts- 
jahres einem Syndicatsverfahren unterworfen, wie dies in den 
meisten italienischen Städten in Bezug auf den Podestk der 
Fall war. Der Syndicus aber, der über die gegen den Vicar 



^ Es ist das Verdienst Reiches, diese Urkunde gefunden und in den Nuovi 
contributi per lo'statuto di Trento 33 publiciert und zuerst erläutert zu 
haben. Der Druck bei Brandis, Tirol unter Friedrich von Österreich 
263, ist unbrauchbar. 

' Der Rath z. B. ist erwähnt in Beilage Nr. 3 und 5. 

' Sicher im Jahre 1414, Reich, II piü antico statuto 31. 

« Reich, II piü antico Statuto 22 f. 



187 

und Beine Beamten vorgebrachten Beschwerden zu entscheiden 
haty wird von den Bürgern erwählt. Ja die Amtsftihrong des 
Vicars wird von Don an in gewisser Beziehung verfassungsrecht- 
lich festgestellt Er darf nur ein Jahr im Amte bleiben und 
ist ftlnf weitere Jahre von diesem Amte ausgeschlossen. Er 
darf femer während seiner Amtsdauer weder selber noch durch 
einen Dritten Handelsgeschäfte treiben, ja nach dem Wortlaute 
des Privilegs nicht einmal einen Vertrag schliessen. Annahme 
von Geschenken wird strengstens verpönt Alle anderen Beamten 
sollen Trienter sein, nur zum Vicar kann auch ein Ausländer 
bestellt sein. FtLr die Amtleute ausserhalb Trients wird eine 
Amtsdauer von drei Jahren bestimmt. 

Noch wertvoller war es^ dass die Btlrger und der Rath 
jetzt ein Haupt in dem ^magister civium, purgermaister' oder 
^ferendarius^ erhalten, der von der Gemeinde oder dem Rathe 
gewählt wird. Dieses Amt ist nach dem Privileg offenbar 
nicht klar gedacht. Das deutsche Institut des Bürgermeisters 
ist mit dem italienischen des ^capitano del popolo^ verbunden.^ 
Der Btbrgermeister ist das Haupt des Rathes, er steht der Stadt- 
verwaltung vor. Aber er übt auch militärische Functionen. Er 
ist zugleich ,capitaneus generalis dvium et populi Tridentini' 
und als solcher Anfiihrer des Aufgebots der Trienter Bürger- 
miliz. Er übernimmt dann als ,referendarius^ die Vermittelung 
zwischen den Bürgern und dem Bischöfe. Er hat alle Be- 
schwerden der Bürger an den Bischof zu leiten und ihre Ab- 
stellung zu veranlassen. Wenn er diese nicht erreicht: ,aliter 
teneatur et debeat providere^ Dieser unbestimmte Ausdruck 
gibt schliesslich dem Bürgermeister das Recht, auch mit Ge- 
walt Beschwerden durchzusetzen, und damit die Möglichkeit, 
dem Bischöfe mit den Waffen in der Hand den Willen der 
Bürger aufzudrängen. Der Bürgermeister und ,capitaneus po- 
puli^ ist der eigentliche Herr der Stadt geworden, das bischöf- 
liche Regiment konnte daneben nur mehr als Schattenbild gelten. 



^ Wenn aber der ,capitano del popolo* sonst an der Spitze der Zünfte 
stand und die Interessen der Zfinftler gegen den städtischen Adel zu 
vertreten hatte, Pertile, Storia del diritto ital. II, 1, 200, richtete sich 
dieses Amt in Trient lediglich gegen den Stadtherm. Von einem Gegen- 
sätze der Zünftler zu den Geschlechtern ist uns hier wenigstens nichts be- 
kannt. Der »referendarius* mag in den ,priori' oder ^abbati del popolo*, 
▼gl. Pertile a. a. O. 201, sein Vorbild gehabt haben. 



188 

Das Privileg vom 28. Februar 1407 sichert dann die 
Trienter gegen die Willkür des Stadtherrn auch durch eine 
Reihe civilrechtficher und processualer Garantien. Es schärft 
die schon in den Statuten enthaltene Bestimmung ein^ dass 
jeder Civil- und Criminalprocess auf Verlangen der Parteien 
nach dem Rechtsgutachten (consilium) eines Judex entschieden 
werden solle, dass jeder Partei auf ihr Verlangen ein Rechts- 
beistand zugewiesen werden solle, dass in einem Inquisitions- 
verfahren niemand zur Antwort verpflichtet sei, wenn er nicht 
über die Fragepunkte belehrt worden ist und ihm nicht Zeit 
zur Vorbereitung seiner Antwort gewährt wird, und zwar bei 
Strafe der Nichtigkeit des Verfahrens. Ferner soll die pein- 
liche Frage nur in Anwesenheit zweier, durch die Sapientes 
zu erwählenden Gastalden vorgenommen werden, ohne deren 
Zustimmung nicht zur Tortur geschritten werden darf; es sollte 
auf diese Weise willkürliche Tortur durch die bischöflichen 
Beamten ausgeschlossen und die Ausführung der peinlichen 
Frage überwacht werden. Niemand darf femer anderswo als 
im gewöhnlichen Kerker der Stadt gefangen gehalten werden. 
Civilrechtlich wird Kinderlosen das Recht, Testamente zu er- 
richten, bestätigt.* Weitere Bestimmungen schützen das Nutz- 
recht (utile dominium) der bischöflichen Erbpächter, nament- 
lich ihr Recht, unbedingt darüber unter Lebenden und von 
todeswegen zu verfügen. Gleicherweise wird den Erben aller 
Erbpächter ihr Erbrecht an dem Pachtrechte gewährleistet. 

Andere Bestimmimgen des Privilegs ertheilen den Trienter 
Bürgern das Recht, frei und unbehindert Handel zu treiben, 
namentlich auch Eisenwaren zu kaufen und zu verkaufen, 
sichern die Verproviantierung der Stadt mit Getreide, befreien 
die Bürger von der Verpflichtung, in Friedenszeiten Remonten 
zu halten, und ordnen den Wachdienst und die Pflicht zu 



^ Zweifelsohne handelt es sich hier nur um Einschärfung eines alther- 
gebrachten Rechtes der Bürger, wie auch bei der vorhergehenden Be- 
stimmung über die Einholung eines yconsilinms'. Sonst müsste man den 
Schlussats von R c. 80 und T c. 90 als einen erst nach Erlass des Pri- 
vilegs von 1407 in den Codices der Statuten eingefügten Nachtrag an- 
sehen, wobei es jedoch auffällig bliebe, warum nur dieser Bechtssatz, 
nicht auch andere Neuerungen aus dem Privileg in die Statuten auf- 
genommen worden wären. Übrigens finden sich Testamente Kinderloser 
aus dem Gebiete von Trient, z. B. 1323 Mai 17, Wien St.-A., schon früher. 



189 

steuern. AUe^ die unbewegliches Gut in der Stadt und im Be- 
zirke besitzen, Edle und Unedle, haben Wachdienst und Steuern 
zu leisten. Nur die Fuhrleute und Träger (carratores und por- 
tatores), die eine eigene Zunft bildeten,^ sollten vom Wachdienste 
befreit sein. Niemand ist zu Ej*ieg8diensten ausserhalb des 
Bisthums verhalten. Die Nobiles rurales^ haben nur durch 
drei Tage auf eigene Kosten, späterhin nur gegen Ersatz ins 
Feld zu ziehen. 

Auch die fänktinfte der Stadt werden vermehrt. Ihrem 
Säckel sollen alle Bussen zufallen, welche im Gterichte der Sin- 
dici verfallen und die bisher an den Bischof abgeliefert wurden. 
Um den Handel und den Verkehr zu heben, verzichtet der 
Bischof auf das ,officium buUetarum', in dem bisher die Frem- 
den fbr das gewährte Geleite Zahlung zu leisten hatten. 

Entsprechende Freiheiten gewährte der Bischof um die- 
selbe Zeit den Bewohnern von Judicarien ^ und des Nons- und 
Sulzberges.* 

Der Bischof fühlte bald den Arm des Bürgermeisters Ru- 
dolfo de Belenzanis, der die Seele der Bewegung war und 
sddiessUch den Herzog Friedrich von Österreich gegen den 
Bischof herbeirief. Herzog Friedrich bestätigte nach der 
Besitznahme der Stadt diese Privilegien'^ am 20. April 1407, 
ja er vermehrte sie noch. Das Amt des Bürgermeisters blieb 
nicht nur in seiner Machtfülle bestehen, sondern der Einfluss 
des Käthes und der Bürger wird jetzt über das ganze Bisthum 
ausgedehnt Der Vicar geräth in noch weitere Abhängigkeit 
von den Bürgern. Jetzt soll er von den Bürgern erwählt wer- 
den, allerdings mit dem Rathe des Herzogs und seines Haupt- 
mannes, also etwa auf deren Vorschlag. Ferner erhielt jetzt der 
Rath das Recht, alle anderen Beamten im ganzen Bisthume, 



^ Die Statuten der »carratores* inseriert in die Bestätigung des Bischofs 
Alexander 1426 December 14, Wien St.-A. Für die Befreiung vom Wach- 
dienste haben sie in Kriegszeiten ,cum suis bobus' dem Bischöfe zu 
dienen. 

' .Ober sie Äusserer, Der Adel des Nonsberges, Separatabdruck aus der 
Zeitschrift >Adler* 1899; Inama, Atti dell* t r. Acoademia dei Lincei 
in, 6, 182. 

' Pi^paleoni, Archivio Trentino 7, 191. 

* Inama a. a. O. 2iaf. 

» Reich a. a. O. 47; vgl aucji Beich a. ä. O. 191 



190 

auch den herzoglichen Hauptmann des Schlosses Buonconsil, 
zu wählen. Diese Beamten sollen dem Herzoge, aber auch 
der Stadtgemeinde vereidigt werden. Femer überwies der 
Herzog der Stadt alle bischöflichen Mauthen and Überant- 
wortete ihr das ^officium buUetaram^, das also noch bestand, 
und gestattete, dass dort die Trienter von den Fremden so viel 
erheben durften, als sie selber in deren Heimat zu zahlen ver- 
pflichtet waren. Eine andere Bestimmung Friedrichs suchte das 
Geldgeschäft zu beleben, indem der Zinswucher für straflos 
erklärt wird, und der Zinswucherer vor geistlichen und welt- 
lichen Strafen geschützt werden soll. 

Diese so weit gehenden Rechte, welche den Rath von 
Trient fast zum Herrn des Bisthums machten, mussten auf die 
Dauer zum Conflicte zwischen dem Bürgermeister und seiner 
Partei und dem Herzoge führen. Nach dem Sturze des Ru- 
dolfe de Belenzanis wurden sie wie auch das Amt des Bürger^ 
meisters wieder abgeschafft. Aber die übrigen Bestimmungen 
des Privilegs von 1407 Februar 28 blieben in Kraft, namentUch 
auch das Recht, den Vicar zu wählen. Gerade dieses wurde den 
Trientem von Herzog Ernst von Österreich 1415 October 24 von 
neuem bestätigt.^ Alle die erwähnten Veränderungen mussten 
den Gedanken einer Neuredaction der Statuten nahelegen, 
die sofort, als nach längerem Zwischenräume unter Alexander 
von Massovien das bischöfliche Regiment wiederhei^estellt wurde,^ 
in Angriff genommen wurde; denn man wollte sich zweifelsohne 



* Copie, Wien St.-A.: ,Sonder bestetten wür ihnen auch gnediglich solch 
ihr alte gewohnheit, das si gemainiglichen erwOhlen nnd nennen sollen 
und mOgen sn einem weltlichen yicaii derselben statt einen maister 
und lehrer in kaiserlichen rechten geboren anserhalb desselben bistnmbs 
Triendt, doch mit unser oder unsers haubtmans doselbst su Triendt 
wissen und willen. Derselbe vicari solle dan uns oder den obgenanten 
unserm haubtmann zu Triendt wer der je ist an unser stat schwehren 
leiblich lu den heiligen auf das heilig evangeli, uns gehorsamb und ge- 
wertig SU sein und recht su richten und darnach gewalt zu haben das 
recht EU thuen und zu Tolfihren nach derselben statt Triendt Statut, 
Ordnung und gewohnheiten und nach gemainen rechten den armen als 
den reichen ohne meniglichs irrung. . . . Und derselb vicari der also 
mit unseren oder des obgenannten unsers haubtmanns willen und wissen 
erwXhlt wirdet, soll niht lenger bleiben, dan ein jähr in seinem ambt 
und nach ausgang desselben jahrs solle man ihne sjndiciren.' 

' 1424 Juni 26, Egger, Geschichte Tirols 1, 510. 



191 

aach dem neuen Bischof gegenüber im Besitze dieser Rechte 
sichem. Sdion im Jahre 1425 erhielt die Neoredaction die 
bischöfliche Qenehmigong und wurde pabliciert Wir wissen 
mchts Näheres über die Geschichte dieser Redaction, ausser 
dem, was wir aus dem Gesetse selbst entnehmen können. Und 
da erfisduren wir aus der Vorrede der Statuten/ dass die Neu- 
redaction von den Consuln der Stadt entworfen und der 'Eni- 
Wurf nach jahrelanger Berathung mit in- und ausländischen 
Rechtsgelehrten dem Bischöfe zur Bestätigung vorgelegt wurde^ 
dass also dieses Gesetz im wesentlichen aus den Bürgerkreisen 
hervorgegangen ist 

Die Alexandrinischen Statuten liegen uns noch im Ori- 
ginaltexte vor in einer Handschrift des Innsbrucker Statt- 
haltereiarchivs (Handschrift Nr. 470^ Capsa 4, Nr. 52). Die 
Innsbrucker Handschrift' stammt der Schrift nach sicher aus 
der ersten Hälfte oder Mitte des 15. Jahrhunderts^ ist aber erst 
nach dem Jahre 1433, das in der Einleitung genannt wird, ent- 
standen. Sie ist ein Pergamentcodex (32'by(^24cm.)^ und be- 
steht ausser dem Deckblatte aus 8 Lagen^ jede zu 10 Blättern 
bis auf die letzte mit nur 4, zählt im ganzen also 74 Folien. 
Der Codex ist nicht gebunden, sondern besitzt noch sein altes 
Deckblatt von Pergament. Dieses trägt die alte und neue 
Archivsignatur und auf beiden Seiten eine erkleckliche Anzahl 
von Probationes pennae. Verschiedene Hände haben hier aller- 
hand Sprichwörter niedergeschrieben, die deutlich erweisen, 
dass der Codex im praktischen Gebrauche durch die Hände 
von Beamten lief ^ Unter anderem stehen hier von einer Hand 
des 15. Jahrhunderts zwei berühmte Terzinen aus der ,gött- 
lichen Komödie', die vielleicht ein Fremder in ähnlicher Lage 
and Stimmung wie der unsterbliche Dichter hieher gesetzt 



' Die im wesentlichen von den späteren Redactionen einfach fiberaommen 
wurde and namentlich auch in die Udalricianische wOrtlich überge- 
gangen ist, 

* Eine knrse Beschreibung bietet Beich, Tridentum 2. 

' Im Durchschnitte, die Breite der einzelnen Folien schwankt. 

* X. B.: ,JaB Omnibus. Koli in illum loqui, qui potest proscribere. Longe 
manns principnm sunt atque timende. Temeritas nichil tut! habet. 
Amids equitatem, inimicis iusticiam. Summum ins est summa iniuria. 
Appices summum ins continent.* u. s. w. 



192 

haben mag.^ Einige haben auch ihre Namen hieher geschrieben,' 
mit Daten, die auf die Wende des 15. Jahrhunderts weisen. 
Auch ein bischöfliches Wappen in roher Zeichnung ist vor- 
handen. 

Von innen zeigt der Codex Folürung mit rother Tinte, 
die beim zweiten Blatte beginnt, aber nur die beschriebenen 
Blätter zählt Bei f. 61 hört diese Zählung auf und ist dann 
nur mit Bleistift von modemer Hand zu Ende geführt Von 
f. 59 springt sie auf f. 57 zurtlck. Die einzelnen Seiten sind 
mit Tinte in horizontaler Richtung liniiert. Die Schrift rührt 
ganz von einer Hand her, die noch einen entschieden gothisohen 
Zug aufweist und überall sorgfältig und schön schreibt. Die 
Rubriken sind numeriert. Die Zahl und die Rubrik, sowie 
die Initialen jedes Capitels sind mit rother oder blauer Tinte 
ausgezogen. Einige Initialen, die der Einleitung und der ersten 
Rubrik, waren grösser beantragt, sind aber nicht ausgeführt 
worden. Dieselbe Hand, welche den Codex schrieb, legte 
auch den mit rother Tinte geschriebenen Index an. Ver- 
schiedene Hände haben am Rande und zwischen den Capiteln 
zahlreiche Glossen gefUgt, viele mit sehr flüchtiger und cur- 
siver Schrift. Meist sind es Verweise auf Parallelstellen, die 
da angemerkt werden,' oder Hinweise auf das gemeine Recht. 
Unter den Händen ist eine charakteristisch, welche spätere 
Änderungen nachträgt und namentlich angemerkt hat, wo die 
Zusätze des Udalricianischen Statuts einzufügen seien.^ Wir 

^ Ich gebe sie in der Orthographie der Handachriffc: 

,Ta provaray si como sa de salle 

Lo pan altmi e como el sia daro calle 

Lo ascender et lo sallir per altrui scalle.* (Paradiso 17, 68 — 60.) 

,Lo primo albeigo et aD[co] lo primo hostello 

Scia la cortesia del gran Lombardo 

Che SU la scalla porta*l sancto ucello/ (Paradiso 17, 70—72.) 
In der ersten Zeile nach ,an' kleine Lücke. Ergänzang nach freund- 
licher Angabe des Herrn Prof. Qartner. 

* So: ySebastianns Erman 149. die terda menais octobris, Johannes Kamer- 
lehner nona die octobris 1508S o. a. 

* 86 an 1, c. 7: ,Hoo non propter statatom positnm in 48 in fine 12. carte*. 
Zu c 8: ,Et sie regulariter libellns est dandus scilieet in easlbus in sta- 
tnto 84 exdpiendis; adiunge statutum 48 etc. et statutom 20*. Ws. w. 

^ So zu 1, c. 10: ,Et hie scribatur statutum noTum VIII. positum* sub 
mbrica: De ordine iudiciorum.* Zu c. 16: ,Delatur statutum noTum 



193 

begegnen derselben Hand in Actenstttcken, die sich auf die 
Udabicianischen Statuten beziehen. Die Statuten enden auf 
f. 66' der Handschrift.^ Auf f. 67 (65) folgt eine Eidesformel 
von einer Hand des 16. Jahrhunderts, wohl der des unter- 
zeichneten Antonius Quetta in italienischer Sprache. Auf der 
Rückseite des Blattes steht der Prolog des Johannes-Evan* 
geliums.^ Die beiden Stücke gehören zusammen. Der Eid, 
nach der Überschrift die Formel des Treueides, der dem neuen 
Bischöfe nach der Übernahme der Regierung zu schwören war, 
wurde eben unter Berührung der Evangelienstelle geleistet. 
Auf diese Formel, die nur dem ersten Capitel des zweiten 
Buches der Alexandrinischen Statuten entspricht, wurden auch 
alljährlich die Consuln vor dem Antritte ihres Amtes beeidigt.' 
Den Schluss des Codex bildet der Index, in dem die Zahl der 
Capitel, die Rubrik und die Zahl des Blattes, auf dem das 
einzelne Capitel geschrieben ist, angegeben werden. Am Ende 
scUiesst der Codex mit einem frommen: ,Laus deo, pax vivis 
et requies defunctis. Finito Ubro refferamus gratias Christo.^^ 
Es kann kein Zweifel sein, dass dieser Codex in prak- 
tischer Verwendung stand. Darauf weisen die Probationes 
pennae, die Glossen, die Eidesformel. Und zwar haben wir 
hier das Handexemplar der bischöflichen Kanzlei vor uns, wie 
sich schon aus der Herkunft vom bischöflichen Archive ergibt, 
und wie die Eidesformel darthut. Neben dieser Handschrift 
haben wir Kunde von einer zweiten, die in der Kanzlei des 
Podestks verwendet wurde. Sechzig Jahre später, im Jahre 
1484, war diese Handschrift derart mit Zusätzen, Tilgungen 
und Glossen versehen, dass sich Zweifel Über die Authenticität 



10 sab rubrica: De copiis videndis*. Za c. 28: ,Addatur statutnm con- 
trarinm c. III in novis.' 
^ f. 64' nacb der Numerierang des Codex. 

* Die Statatencodices enthalten diesen oder andere Bmchstacke der Eran- 
gelien häufig, weil der Eid unter Berührung des Evangelienteztes mit 
den Fingern abgelegt wurde. So enth&lt Evangelienfragmente der von 
Campagnola edierte Liber iuris civilis Yeronae. Es wurden diese Sta- 
tutencodices somit auch zur Beeidigung der Beamten, Zeugen u. s. w. 
verwendet. 

' Cresseri, Ricerche Storiche riguardanti il magistrato consolare ed. Gar. 62. 

* Eine Hand des 16. Jahrhunderts schreibt weiter: ,Iesu domino nostro 
regi celorum, qui est in coelis.* Eine zweite Hand: ,Secunda domine 
deus noster, quia non cesset merces condigna labore«.' 

Archiv. ICH. Band. I.Hftlfte. 13 



194 

des Textes erhoben, die vom Bischöfe Johann Hinderbach 
mehr in einem bnreankratisch-eameralistischen Sinne als in kri- 
tischer Weise erledigt wurden.* 

Die Alexandrinische Redaction bedeutet eine tiefgehende 
Umarbeitung und beträchtliche Erweiterung der bisherigen Sta- 
tuten. Wie sich aus dem Folgenden ergeben wird, ist auch 
diesmal, wenn auch in geringem Masse, das Vicentiner Statut 
von 1426 oder ein ihm verwandtes benutzt worden. Daneben 
tauchen jetzt aber Bestimmungen auf, die dem Veroneser und 
Vicentiner Rechte fremd sind und auf lombardtsche oder eher 
noch toscanische Rechte hinleiten, wobei mir allerdings der 
Nachweis einer bestimmten Quelle noch nicht gelingen wollte. 
Der Text der Alexandrinischen Statuten und ihre ganze Anlage 
gingen mit wenigen Veränderungen und Zusätzen in die Udal- 
ricianischen über und Hegen auch vielfach den allerdings sehr 
erweiterten Cles'schen zu Grunde. Auf ihnen beruhte daher 
zum guten Theile das Trienter Recht bis zur Säcularisation. 

Die Alexandrinischen Statuten führen zuerst die Anord- 
nung der einzelnen Gesetze in Büchern durch, wie sie in den 
italienischen Statuten schon seit dem 13. Jahrhunderte üblich 
geworden war. Gleich den meisten italienischen Statuten geht 
eine Vorrede voraus, welche, an die Justinianische Gesetz- 
gebung anknüpfend, die Nothwendigkeit besonderer städtischer 
Gesetze neben jener grossen Compilation vertheidigt, eine Ge- 
schichte der vorliegenden Redaction bietet und die bei der- 
selben massgebenden Gesichtspunkte hervorhebt, alles mehr in 
humanistisch-rhetorischer Weise als in nüchterner historisch- 
kritischer Darstellung. Zum Schlüsse wird der bischöflichen 
Sanction des Gesetzes gedacht, dem somit eine eigentliche 
Publicationsformel fehlt. 

Nach der Einleitung folgen die einzelnen Gesetze nach 
Materien in drei Bücher getheilt. Das erste Buch ,De civili- 
bus' umfasst Civil- und Civilprocessrecht, das zweite ,De crimi- 
nalibus' Criminalrecht und das dritte ,De sindicis' Vorschriften 
über jene Verhältnisse, die der Jurisdiction der städtischen Sin- 
dici unterlagen.' 



» Vgl. Beilage Nr. 7. 

' Ober Anordnung und Inhalt der Alexandrinischen Statuten sucht die 
Vergleichstabelle Beilage Nr. 12 ein wenigstens annäherndes Bild zu 



195 

Das erste Buch ,De civilibus' umfasst 91 Capitel, dabei 
ist Nummer 52 für zwei verschiedene Capitel verwendet, dafür 
ein Capitel wiederholt worden, c. 51 und 57. Wie schon die 
Vergleichongstabelle s&eigt, schliesst sich dieses Buch bis c. 68 
an die neuen Trienter Statuten an, indem es den Text von 
R zu Grunde legt, die Folge der Capitel nach T' beobachtet. 
Ausser einigen vereinzelten Capiteln sind namentUch T' c. 62 
und c. 63 weggeblieben, die Bestimmungen über die Notare ent- 
hielten. Neu ist vor allem c. 2: ,De electione vicarii' u. s. w. 
In diesem Capitel werden die Zugeständnisse festgelegt, welche 
die Trienter seit dem Jahre 1407 in Hinsicht auf dieses so 
wichtige Amt erlangt hatten, dem namentlich auch die richter- 
liche Gewalt in Civil- und Criminalsachen in erster Instanz in 
der Stadt und einem ausgedehnten Bezirke oblag. Im wesent- 
lichen wird dabei auf die Privilegien vom 28. Februar 1407 
und 1415 zurückgegriffen. Der Vicar wird wie nach dem Pri- 
vileg von 1407 eingesetzt vom Bischöfe mit Rath der Consuln ; 
er muss Doctor der Rechte und Ausländer sein.* Das Gehalt 
des Vicars wird auf 900 Pfund Bemer oder 9900 Groschen fest- 
gestellt, jedoch muss er auf seine Kosten ein Gesinde von acht 
Personen unterhalten. Der Eid des Vicars erinnert an die Ur- 
kunde von 1415, enthält aber einige Zusätze. Seine Amts- 
dauer beträgt ein Jahr. Nach Ablauf des Amtsjahres unter- 
liegt er dem Syndicatsverfahren und ist sieben Jahre lang nicht 
wieder wählbar. Dieses Gesetz trägt den Stempel eines Com- 
promisses an sich. Der Bischof erhält grösseren Einfluss auf 
die Besetzung des Amtes, bestätigt aber die verfassungsmässigen 
Schranken, die dem Amte gesetzt worden sind. 

Soweit der Text der neuen Statuten beibehalten ist, werden 
iJlerdings verschiedene Änderungen im einzelnen vorgenommen. 
Es werden Härten gemildert wie im c. 3, wo dem Vormunde 
die Möglichkeit gegeben wird, noch während der Minderjährig- 
keit des Mündels Absolution von seiner Geschäfteführung zu 



gewähren. Verändenuigen, Vermefarangen, Yerkürzangen des Textes 
sind dort graphisch dargestellt. Dasa sind die wesentlichen Abänderungen 
von A bei dem Texte angemerkt, dem A sonst am nächsten steht. 
Die Yergleichung ist nicht bei den Udalricianischen Statuten angegeben, 
weil diese fast durchaus mit den Alezandrinischen wOrtlich stimmen, und 
weil der Druck derselben selten ist. 

^ Wie nach dem Privilege von 1415. 

13* 



196 

erhalten^ indem man dem Mündel zn diesem Acte einen Cu- 
rator beigibt.* Ebenso kann der Vormund jetzt gegen dolose 
Verweigerung der Absolution von Seite des Curators und der 
Verwandten des Mündels durch richterlichen Bescheid geschützt 
werden. Dahin gehört femer, wenn die auf das Leugnen der 
Schuld oder unrechtmässige Erhebung der Klage durch einen 
Schuldner, der gerichtlich die Schuld bekannt hat, gesetzte 
Strafe auf den Schuldner beschränkt wird, und Erben und 
Singularsuccessoren deswegen straflos bleiben sollen (-4 1, c. 34 
gegen R c. 32). Ebenso wird jetzt der Ehefrau in -4 1, c. 35 
der Gegenbeweis gegen die in diesem Capitel aufgestellte Ver- 
muthung gestattet. 

Der Billigkeit entspricht es, wenn bei -4 1, c. 38 von der 
alten Vorschrift, dass alle Kechtsstreitigkeiten im Palaste von 
Trient verhandelt werden müssen, zu Gunsten der Bagatell- 
sachen eine Ausnahme gestattet wird. Aus demselben Grunde 
wird dem Bürgen die Frist zur Erbringung der Einrede gegen 
die Pftlndungsklage des Gläubigers verlängert (-4 1, c 29 gegen 
jT' c. 31 = ä c. 62); freilich sind die früheren ,dies utiles^ jetzt 
zu ,continui^ geworden. 

Manchmal werden die Bestimmungen der alten Statuten 
näher präcisiert und ergänzt. So wird in il 1, c. 9 * angeordnet, 
dass die zwischen Verwandten und Verschwägerten angeord- 
nete schiedsrichterUche Entscheidung auch nach dem Tode der 
Person, durch welche die Verschwägerung bewirkt wurde, 
wegen aller zu ihren Lebzeiten entstandenen Kechtsansprüche 
platzzugreifen habe. Ferner wird in demselben Gesetze den 
Schiedsrichtern eine Frist von drei Monaten für die Fällung 
des Spruches gesetzt, die sie bei einer Busse von 50 Pfund 
einzuhalten haben. Das führt schon zu einem dritten Ziele, 
das die Neuredaction verfolgt, die Fristen zu kürzen und das 
Verfahren zu beschleunigen. Daher wird die Grenze der dem 
Summarverfahren unterliegenden Bagatellsachen von 10 auf 
25 Pfund erhöht (^4 1, c. 20). Das ist weiters der Fall beim 
Executionsverfahren nach A c. 14. Femer setzt A c. 43 fUr 
jedes ordentliche Processverfahren eine Frist von sechzig ,die8 



^ Es war dies schon früher möglich gewesen, z. B. Acta Tirol. 2, n. 90. 

R' und jT' c. 2 hatten es aber verboten. 
* Gegen Ä' und T' c. 8. 



197 

utiles', binnen deren es bis zur Einholung des Rechtsgutachtens 
abgeschlossen sein muss bei Verlust der Instanz und der Kosten 
für den Kläger, der diese Frist verzettelt.^ Neu geordnet wer- 
den dann auch die Fristen für das Appellationsverfahren (A 1, 
c. 52 a). Wichtig war es, dass die Appellation von interlocuto- 
rischen Urtheilen verboten und damit der Weg endloser Ver- 
schleppungen verstopft wurde.* Weniger einschneidend war 
die Erhöhung der Appellationssumme von 20 auf 25 Pfund in 
c. 53. Dagegen ist gegen die Execution Nichtigkeitsbeschwerde 
wegen ^ioiquitas' oder ,dolus^ des Richters zulässig.' Dafür 
sind die Gerichtsferien in c. 52a durch Einschub der vom 11. Jimi 
bis 3. Juli währenden Emteferien ausgiebig vermehrt. Die Zahl 
der im Processe beim Zeugenbeweise zulässigen Fragepunkte 
ist nicht mehr beschränkt, dagegen unterliegt ihre Zulassung 
der richterlichen Begutachtung.^ Im Executionsverfahren tritt 
nunmehr bei beweglichen Pfkndem durchaus Versteigerung statt 
des früheren Zuschlages an Zahlungsstatt ein^ während es bei 
unbeweglichen noch beim Alten bleibt.* 

Merkwürdig ist die Wendung, welche das Trienter Recht 
nunmehr gegenüber der Schuldhaft nimmt Früher sehr be- 
schränkt und nur unter Umständen gegen Fremde zulässig, 
wird sie jetzt in breitem Umfange eingeführt.^ Sie kann jetzt 
wegen aller zugestandenen oder durch gerichtliches Urtheil 
zugesprochenen Schulden verhängt werden, ja bei Fluchtver- 
dacht unter Umständen auch noch vor der gerichtlichen Ver- 
urtheilung. Befreit von der Schuldhaft sind bis zu einer ge- 
wissen, allerdings geringen Schuldsumme nur diejenigen, welche 
an den Staatslasten theilnehmen.^ Was diese Änderung des 
Rechtes hervorrief, lässt sich nicht bestimmen, vielleicht das 



* Verwandt damit inhaltlich Yicenza *, 2, c. 7, Absatz 49, aber nicht lite- 
rarisch. 

' Wetzell, Sjrstem des ordentlichen Civilprocesses ', 660 f.; Pertile a. a. O. 
6, 799, n. 206. 

• ^ 1, c. 33 gegenüber B' c. 31. 

* Ä 1, e, 19 beisst es freilich nur; Jnterrogatoria, que producuntur, com- 
mittantnr legitimanda partibus non suspecto' im Gegensätze zu C 1, 
c. 22, das ausdrücklich vom Richter spricht. 

' AI, G. 14. 

• -4 1, c. 70 und 71. Daher auch die Kürzung von /J' c. 23 in A ly c. 24, 
während R' c. 22 in A nicht aufgenommen worden ist Siehe oben S. 173. 

' AI, c. 71. 



198 

Bestreben, den Credit zu heben. Verona und Vicenza kennen 
auch den Schuldarrest, jedoch nur dann, wenn der Schuldner 
die Pfllndung vereitelt oder vermögenslos ist.^ Sie haben daher 
auf das Trienter Recht, welches einen vorhergehenden Pfilndungs- 
versuch nicht verlangt, nicht eingewirkt Die gesetzlichen Pfand- 
rechte, welche das römische Recht dem Eigenthümer an den 
Früchten des Pachtgutes wegen des schuldigen Pachtzinses und 
anderer Forderungen aus dem Pachtverhältnisse und an den 
,invecta^ und ,illata^ des Miethers gab, erhalten jetzt auch in 
A 1, c. 69 ein Privileg, wonach sie allen anderen Pfandrechten 
vorausgehen. 

Wichtig war dann fftr die Gerichtsverfassung die Ver- 
iUgung A ly c. 54, welche verbot, Trienter vor auswärtige Ge- 
richte zu ziehen, ausser in den vom gemeinen Rechte gewähr- 
leisteten Fällen der Appellation an das Reich und in geistUchen 
Sachen an die geistlichen Instanzen. Nur im Lehensprocesse 
kann der ausser dem Lande weilende Bischof jemanden auch 
ausser Landes vorladen. Damit haben sich die Trienter nach 
dem Muster anderer italienischen Statuten das ,ius de non evo- 
cando^, das freiUch um diese Zeit schon fast allen Reichs- 
ständen zukam,' beigelegt, ohne dass von einer ausdrücklichen 
Verleihung etwas bekannt wäre. Mehr noch als gegen die 
Reichsgerichte und die päpstliche Curie richtete sich diese Be- 
stimmung gegen den Grafen von Tirol und den Bischof, wenn 
er vom Lande abwesend war; sie sicherte jedem Trienter die 
erste Instanz vor dem ordentlichen Richter in Trient, der nicht 
umgangen werden dui*fte. Somit bildete dieses Capitel eine 
wichtige Ergänzung zu den früher von den Bürgern erwor- 
benen Privilegien. 

Während im übrigen die Gerichtsverfassung wenig Ände- 
rungen aufweist, hatten sich inzwischen die Notare zu einer 
förmlichen Zunft zusammengethan. Jeder Notar, der dieser 
Zunft nicht angehört, der in der Zunftmatrikel nicht einge- 
tragen ist, gilt als Fremder und darf keine Urkunden schreiben.' 
Eine solche Bedeutung wird nunmehr den Statuten der Nota- 
riatszunft beigelegt, dass sie vollinhaltlich in die städtischen 



* Vicenza*, 2, c. 10; Verona*, 2, c. 64, 66, 61. 

* Schröder, Deutsche Rechts^eschichte ', 640. 
» il 1, c. 39. 



199 

Statuten aufgenommen werden und damit die Stellung eines 
Gesetzes erlangen.^ DafQr sind manche der früheren Bestim- 
mungen über die Notare und selbst die Taxordnung ausge- 
fallen,' und unbedeutend nur ist die neue Verordnung des Ca- 
pitels A ly c, 42, wonach Zahlangaben namentlich im Datum 
und bei Angabe der Quantität nicht mit Ziffern, sondern mit 
Buchstaben auszuschreiben waren. Man kann daher mit allem 
Grunde annehmen, dass Mitglieder des Collegs der Notare auf 
die Redaction einen wichtigen Einfluss geübt und manche den 
Notaren unbequemen Gesetze gestrichen haben. 

Dagegen sind die Taxen der Gerichtsdiener für ihre Amts- 
handlungen genau normiert.* Ebendort wird den Gerichts- 
dienem eine genaue Instruction für die Vornahme von Pfän- 
dungen gegeben, welche auf den Gang der Execution ein 
helles Licht wirft.* 

Im weiteren begegnen einige neue familieu- und erbrecht- 
Hche Satzungen. Zunächst wird in A 1, c. 88 die im Privileg 
von 1407 bestätigte Testierfreiheit neuerdings garantiert. Selbst 
todeswtirdige Verbrecher können testieren oder sonst über ihr 
Vermögen von todeswegen verfügen, nur die Majestätsver- 
brecher ausgenommen. Im übrigen wird in c. 72 und 73 der 
absolute Vorrang der männlichen, ehelichen und unehelichen 
Descendenz vor der weiblichen ausgesprochen, indem die 
weibliche Descendenz auf die Hälfte ihres gesetzlichen Erb- 
theils beschränkt wird, vorausgesetzt, dass die Frau nicht 
dotiert war. Hat sie eine Dos erhalten, dann ist sie von 
jeder Nachfolge in der Erbschaft desjenigen, der die Dos be- 
stellt hat, ausgeschlossen. Das folgende c. 74 verkümmert der 
Frau und ihrer Descendenz sogar den Pflichttheil, wenn ihr 
der Testator nur irgend etwas von todeswegen zugesprochen 
hat. In diesen Capiteln dürfen wir althergebrachtes Recht 
erkennen, das jetzt in gesetzliche Form gebracht wird. Ent- 
sprach doch die Zurücksetzung der Frauen hinter den Männern 
im Erbrechte und der gänzliche Ausschluss der dotierten Frau 
vom Erbe dem altlangobardischen Rechte,* und auch die Be- 

> ^ 1, c. 91. 

* Mit Aiisoahme von il 1, c. 39 — 42 und c. 60—63. 

* AI, c. 87. 

* AI, c. 86. 

» Pertile a. a. O.*, 4, 61; Rothari a. a. O., c. 181, 168—160. 



200 

Stimmung über die letziwillig bedachte Tochter wird auf Liut- 
prand c. 102 zurückzuführen sein. Erbverzichte zu Gunsten 
der männlichen Descendenz wenigstens mussten dotierte Frauen 
schon im 13. Jahrhunderte ausstellen/ und schon damals wird 
der Ausschluss der dotierten Tochter vom Erbe des Vaters als 
altes Gewohnheitsrecht bezeichnet.^ Diese Bestimmungen decken 
sich inhaltlich ganz mit den Statuten von Vicenza und Verona;' 
nur ist der Antheil der Frauen nicht gleich bemessen. Eine 
literarische Verwandtschaft liegt aber nicht vor. 

Ebenso gehören die Strafbestimmungen gegen die Tochter^ 
die ohne Einwilligung ihres Vaters oder ihres Bruders oder 
ihrer Mutter sich vermählt, A 1, c. 75, dem älteren Rechte an. 
Der Verlust des Erbrechtes fUr die Tochter entstammt dem 
römischen Rechte und ist vermuthlich aus der ,lex Romana 
Curiensis^* ins tirolische und Trienter Recht übergegangen.^ 
Schon in einer Urkunde von 1387 December 27* wird das 
Recht des mütterlichen Grossvaters zur Verehelichung seiner 
Enkelin bei Ermanglung näherer Verwandten von der Vater- 
seite energisch betont. 

In il 1, c. 76 erhält der Ehemann ein erweitertes Erb- 
recht an dem Vermögen der Frau, indem er die Elinderlose 
zur Hälfte oder, wenn die Frau Kinder aus früherer Ehe 
hinterlässt, zu einem Eindestheile beerbt. In der Ausdehnung 
des Erbrechtes des Mannes auf das Sondervermögen der Frau 
mag wohl eine Neuerung liegen, die älteren Ehecontracte 
wenigstens sprechen nur von der halben Dos.'' Indess hatte 
das langobardische Recht dem Ehemanne das ganze Frauen- 



^ Festgaben fOr Büdinger 341. 
« Acta Tirol. 2, Einl. 111. 

• Vicenza', 2, c. 24; Verona*, 2, c. 82. 

^ 9, 19 (1), MM. LI. 5, 371. Das langobardische Recht bedroht mit dem- 
selben VermOgensnachtheile die Braut eines anderen, die sich entführen 
ISsst, Lintprand, c. 119. 

'^ Maximilianische Halsgerich tsordnnng, Rapp, Beiträge zur Geschichte 
u. s. w. Tirols 5, 136. So schon in einer Bestätigung der Landesfreiheit 
durch Herzog Sigismund 1451 August 17, Brandis, Landeshauptleute 241. 
Sonst lassen in Italien die Statuten allerdings manchmal Verlust des 
Anspruches auf die Dos eintreten, Pertile a. a. O. *, 3, 278, n. 16. 

• Innsbruck St.-A. 

^ Festgaben für Büdinger 346; Acte Tirol. 2, Einl. Ulf. 



201 

Yenn(%en zugesprocheD,^ und daher kann in den Trienter Sta- 
tuten sehr wohl eine Ausgleichung zwischen dem Ansprüche 
des Ehemannes und den Ansprüchen der Verwandten der Frau 
Yorliegen. Die italienischen Statuten kennen diese Ausdehnung 
des Erbrechtes selten.* Auch Vicenza und Verona sprechen 
dem Ehemanne nur die halbe Dos zu,' ausser wenn die Frau 
keine Dos erhalten hat. Wenn dasselbe Capitel dem Ehe- 
manne den Genuss des Frauengutes während der Ehe ge- 
stattet^ entspricht dies nur im allgemeinen germanischem Rechts- 
brauche.* 

Was sonst im ersten Buche noch neu ist, beschäftigt sich 
zum Theile mit dem Steuerwesen. Ä 1, c. 77 gewährt allen 
Fremden, die sich in Trient niederlassen, dreijährige Befreiung 
Yon Steuern und anderen Lasten, vorausgesetzt, dass sie drei 
Jahre lang bleiben wollen.^ Das Gesetz bezweckt offenbar, 
die Niederlassung von Fremden in Trient zu fördern. .4 1, 85 
lässt ausserordentliche Steuern nicht nach ,foci descripti^, wie 
die ordentUchen Steuern, das heisst nach den in den Steuer- 
listen aufgezählten Höfen, sondern nach ,foci fumantes', nach 
den wirklich existierenden umgelegt werden, offenbar eine Con- 
cession an die Landbevölkerung, indem damit auch die för die 
ordentlichen Steuern Eximierten herangezogen werden konnten. 

Der Rest beschäftigt sich mit gewissen Gemeindebeamten. 
-4 1, 78 regelt den Lohn der Boten, welche die Stadt nach Deutsch- 
land und Italien zu senden hat; c. 79 ordnet ftb* die städtischen 
Sindici und Massari (Einnehmer) Rechnungslegung nach Ablauf 
ihres Amtes an. Die Massari verpflichtet c. 80 zur ordentHchen 
Buchftihrung ihrer fünnahmen und Ausgaben, die ,procuratores 
civitates* c. 81 zur Ausbesserung der Wege und Brücken und 
anderer Baulichkeiten. 

Schliesslich schärft c. 89 den schon früher bestehenden Satz 
ein, dass die Statuten in der Diöcese gelten sollen, wobei na- 
türlich nur die der weltlichen Gewalt des Bischofs unterstehen- 
den Gebiete in Frage kommen können. 



» Pertile &. a, O. *, 4, 96. 
» Pertile a. a. O. 98. 

» Verona', 2, c. 94, 96; Vicenea", 4, c. 31. 
^ Ebenso Vicenza', 4, c. 31. 

* Geht snrück auf ein Gesetz von 1379, ygl. Reich, Del piii antico Sta- 
tuto 20. 



202 

Das zweite strafrechtliche Buch zählt 91 Capitel, in Wahr- 
heit 90 Capitel,^ darunter fast ein Drittel neue. Die übrigen 
schliessen sich mehr oder weniger enge an den Wortlaut der 
alten Statuten an. Bis Ä 2, c. 61 hat die Reihenfolge der alten 
Statuten das Qerüst gegeben. Aber auch die herübergenom- 
menen Capitel haben manche Überarbeitungen erfahren^ welche 
den Fortschritten des Strafrechtes entsprachen. 

Ausdrücklich wird in c. 20 das gemeine Recht als sub- 
sidiäres erklärt, was sich ja eigentlich von selbst verstand; 
nur soll immer die höchste Strafe, die es für ein Verbrechen 
kennt, verhängt werden. 

Einen selbstverständlichen Satz enthält A 2, c. 3, welches 
alle todeswürdigen Verbrecher aus Trient und dem Gebiete bei 
der Strafe, die auf das Delict gesetzt ist, verbannt. Nur in- 
sofern hat es eine gewisse rechtliche Bedeutung, ab es jede 
Freiung für solche Verbrecher aufhebt. Damit hängt die Ver- 
ordnung von c. 67 zusammen, wonach der Vicar Vagabunden 
und anderes verdächtiges Gesindel ausforschen und aus der 
Stadt vertreiben sollte. Ahnliche Bestimmungen finden wir oft 
in itaUenischen Statuten. 

Auch einzelne Verbrechen erfahren neue Behandlung oder 
werden jetzt besonders hervorgehoben. So die Real- und Per- 
sonalinjurien. Früher wurde die Ehrenbeleidigung zusammen- 
geworfen mit dem besonderen Falle der Beschuldigung der 
Lüge.* Jetzt wird die Ehrenbeleidigung abgetrennt* Die 
Strafe ist besonders abgestuft nach dem Orte, wo die Belei- 
digung geschah. Bekenntnis verringert die Strafe, wie dies in 
vielen jüngeren Statuten der Fall war.* Wie früher bleibt da- 
neben noch besonders qualificiert die Beleidigung der Ge- 
schlechtsehre einer unbescholtenen Frau. Bei der Realinjurie 
werden jetzt mehr Qualificationen als früher unterschieden. 
Besonders gefasst ist zunächst der Schlag mit der flachen 
Hand, bei dem es nicht auf den getroffenen Körpertheil an- 



1 Ein Capitel 65 fehlt, indem die Zählung von 64 auf 66 springt. 

« Jf2und Tc. 29. 

' il c. 6 und entsprechende Änderung c. 41. 

* Kohler, Studien aus dem Strafrechte 3, 288 f. Ebenso wird die Strafe 
in Trient bei Ausgleich ermSssigt, während sie in dem sonst inhaltlich 
verwandten Vicensa \ 3, c 15, Absatz 1, in diesem Falle erlischt. Nicht 
verwandt Verona ', 3, c. 27. 



203 

kommt. ^ Dann der Schlag mit der Faust A 2^ c. 8^ der nach 
dem getroffenen Körpertheile specificiert wird;* weiter ver- 
schiedene andere Verletzungen: das Reissen bei den Haaren^ 
Ohrfeige (ficca), der leichte Stoss.* In all diesen Fällen wird 
unterschieden^ ob Blut geflossen ist oder nicht. Dagegen tritt 
nun in A 2y c. 11 ein diesem System ganz fremdes Moment 
ein. Beim Angriff mit einer Waffe oder einem anderen Gegen- 
stände wird, wenn die Verletzung das Haupt getroffen hat, nun- 
mehr unterschieden, ob eine Narbe geblieben ist oder nicht, 
eine Qualification, die in sehr vielen italienischen Statuten auf- 
taucht,^ dem bisherigen Trienter Kechte aber unbekannt war 
und sicher auf den Einfluss einer fremden Quelle zurttckzu- 
f&hfen ist. Ganz wie in anderen Rechten, welche die Narbe 
berücksichtigen, muss die Busse so oft geleistet werden, als 
Narben vorhanden sind. Leichte Verwundungen, selbst mit 
Stock und Waffen, unterliegen arbiträrer Strafe. Besonders 
hervorgehoben und mit doppelter Strafe gesühnt wird jetzt in 
A2, c. 11 die Verletzung, welche eine Lähmung zur Folge hat, 
die wie häufig sonst, auch in Verona und Vicenza ausgezeichnet 
war.^ Ist die Verletzung auf Anstiften eines Dritten erfolgt, 
80 werden nunmehr Anstifter und Thäter mit doppelter Strafe 
belegt,* während früher nur eine angestiftete Verwundung 
schwerer bestraft wurde.'' Offenes Geständnis mindert hier die 
Busse um ein Viertel,® ein Satz, der sich seit dem 14. Jahr- 
hunderte in sehr vielen Statuten findet,® dem Rechte von Vi- 
ceDza und Verona aber fremd ist, daher wieder auf anderen 
Einfluss deutet. Unmündige und Gassenjungen werden wegen 
leichter Verwundungen und geringer Verbrechen nicht gericht- 
lich verfolgt.*^ 

Ganz neu sind die Bestimmungen über Diebstahl A 2, 
c. 61. Früher war der Diebstahl mit der Sachbeschädigung 

^ A2, c7. 
» il 2, c. 8. 

• X 2, c. 9. Ober ,8pingere* vgl. Lamt)eriico, Statati di Vicenza 117 n. 

• Kohler a. a. O. 347, die im Grande zurückgehen anf Rothari, c. 55. 
" Verona*, 3, c. 88; Vicenza', 3, c. 16. 

• ^ 2, o. 12. 

' Äund Tc. 17. 

• ^ 2, c. 15. 

' Kohler a. a. O. 288. 
*• -4 2, c 14. Ähnlich auch Vicenza *, 3, c. 16. 



204 

zusammengeflossen, jetzt wird er als eigenes Verbrechen her- 
vorgehoben. Die Strafe ist abgestuft nach dem Werte des ge- 
stohlenen Objectes. Im Wiederholungsfalle tritt Verschärfung 
ein. Der schwere Diebstahl, wenn das gestohlene Gut 100 Pfund 
tibersteigt, wird mit dem Tode bestraft, bei Männern mit dem 
Galgen, bei Frauen dem Feuertode; wenn das gestohlene Ob- 
ject zwischen 25 und 100 Pfund bleibt, mit Geisselung und 
ewiger Verbannung; beim zweiten Diebstahle, gleichviel, welchen 
Wertes, Verlust des rechten Ohres und ewige Verbannung; beim 
dritten, wenn tiber 25 Pfund gestohlen werden, der Galgen. 
Wenn der Wert aber unter 25 Pfund bleibt, tritt beim ersten 
Falle arbiträre Strafe, das dritte Mal Verlust eines Gliedes ein. 
Der Verlust oder das Durchbohren des Ohres findet sich na- 
mentlich in lombardischen und romagnoUschen Statuten als 
Diebstahlsstrafe nicht selten.^ Ein neues Moment ist mit der 
Strafe der ewigen Verbannung in das Trienter Recht einge- 
führt. Bisher war der Bann in Trient nur Ungehorsamsstrafe,* 
jetzt tritt er zuerst als Strafe eines Verbrechens auf. 

Nunmehr wird die Urkundenftllschung gleich behandelt, 
ob der Fälscher Notar oder ein Privater war,^ wie dies schon 
früher in manchen Rechten, darunter auch in Vicenza, der 
Fall war. 

Bei vielen Verbrechen sind die Strafen verändert, so in 
A 2, c. 26 bei fleischlichem Vergehen mit der Ehefrau eines 
anderen im Einverständnisse mit der Frau, wo gegen R und 
r c. 13 die Geldstrafe für den Mann um die Hälfte verringert 
wird. In A 2, c. 33 wird bei Verbreitung falscher Münzen in 
kleiner Menge die Strafe der alten Statuten in R und T c. 20 
Verlust der Hand durch eine Geldstrafe ersetzt.* Der falsche 
Zeuge wird nach A 2, c. 37 zugleich mit Infamie belegt, die 
jetzt ins Trienter Recht eindringt.^ Bei Verwüstung von Frucht- 

» Kohler a. a. O. 140, 424 f. 

* Bezüglich T c. 148 siehe oben S. 109; vgl. Ficker, Forschungen zur 
Reichs- und Rechtsgeschichte Italiens 1, 97; Acta Tirol. 2, Einl. 200. 
Auch Vicenza ', 3, c. 21 setzt Bann auf den Diebstahl. Doch fehlt lite- 
rarische Verwandtschaft, Vicenza kennt nicht das Ohrabschneiden unter 
den Strafen, sondern das ebenfalls häufige Ausstechen des Auges. 

» il 2, c. 36. 

^ Ebenso A 2, c. 34, wo jetzt das Beschneiden der inzwischen häufiger 
gewordenen Goldmünzen unter besondere Strafe gesetzt wird. 

^ Im ganzen in Italien nicht häufig, vgl. Köhler a. a. 0. 157. 



205 

bftuiuen und Reben wird die zu leistende Geldstrafe auf 5 Pfund 
für den Fuss^ also nach dem Ausmasse festgestellt.^ Bei Mord 
werden nun beide Geschlechter gleich bestraft,^ das ist ent- 
hauptet Merkwürdig ist jetzt die Strafe der Sachhehlerei, 
insbesondere der Kauf gestohlener oder geraubter Sachen, 
geordnet.' Sie richtet sich nach der Evidenz des Beweises. 
Kann die Kenntnis dieser Eigenschaft der Sachen nachge- 
wiesen werden, dann büsst der Käufer mit dem doppelten 
Werte; wenn diese Kenntnis nur vermuthet wird, zahlt er 
eine niedrigere Geldstrafe. Die Vermuthung tritt immer ein, 
wenn der Kaufpreis der Sachen den halben wirklichen Wert 
nicht überstiegen hat. Damit ist zugleich der Kauf verdäch- 
tiger Sachen bestraft. Im Interesse der Bürger ist es, wenn 
die Vermögensconfiscation als Strafe in allen Fällen ausge- 
schlossen wird, in denen sie nicht durch das gemeine Kecht 
oder durch ausdrückliche Verfügung der Statuten normiert 
wird,* ein neuer Damm gegen die Willkür der Beamten. 
Demnach ist auch der Bann nur mehr ein ,bannum personae^ 
A 2, c. 16, nicht mehr zugleich ein solcher des Vermögens. 
Nur mehr die Person des ungehorsamen Verbrechers wird 
friedlos gelegt, nicht mehr sein Vermögen mit Beschlag gelegt, 
wie es früher der Fall war.* Andererseits wurde der Richter 
ermächtigt, Geldbussen, die wegen Armut des Verurtheilten 
nicht eingebracht werden konnten, in Leibesstrafen, nur nicht 
in den Verlust eines Gliedes, dann umzuwandeln, wenn die 
Statuten ein bestimmtes Surrogat nicht festgestellt hatten.^ 

Die Alexandrinischen Statuten ordnen auch die locale 
Competenz der Strafgerichte. Wenn das Verbrechen innerhalb 
des Bisthums begangen worden ist, dann ist jenes Gericht in 
der Sache competent, in dessen Gewahrsam sich der Ver- 
brecher befindet.' Das entsprach nur dem ursprünglichen 
Rechte,® bis sich endlich auch in Italien das ,forum delicti 
comissi' durchsetzte.® Wenn aber das Verbrechen auswärts 
begangen worden ist, bleibt der Thäter straflos nach dem Ge- 



^ il 2, c. 51. Bann schon in Constitution Friedrichs I. contra incendiarios 
MM. LI. Constit. I, 452, c. 22. 

• i4 2, c. 61. » il 2, c. 66. * ^ 2, c. 69. 
» Acta Tirol. 2, Einl. 202. • il 2, c. 21. 

• il 2, c. 68. * Pertile a. a. O. 6, 188. 

• Pertile a. a. O. 199, n. 97, 



206 

Sichtspunkte der Retorsion, weil auch gegen Trienter im Aus- 
lände wegen im Bisthume begangener Unthaten nicht einge- 
schritten wird. In der Bestimmung des c. 64 kommt das 
Gefühl des Zusammenhangs des Ftirstenthums zum Ausdrucke. 
Jeder Bann, der in einem Gerichte verhängt ist, gilt ftlr alle 
anderen. Nach T' c. 68 waren die Amtleute nur verpflichtet 
gewesen, den Geächteten binnen gewisser Frist in das Trienter 
Bannbuch eintragen zu lassen. 

Wichtige Neuerungen bieten die Gesetze, welche den 
Criminalprocess betreffen. Gerade hier finden wir einige Ver- 
fügungen, die sich als schätzbare Garantien der persönlichen 
Sicherheit zu erkennen geben. Dahin gehört vor allem c. 19, 
welches dem in Untersuchung Befindlicheji das Recht gewährt, 
bei Stellung einer Bürgschaft während des Strafverfahrens auf 
freiem Fusse belassen zu werden, wenn das Verbrechen nicht 
mit Leib und Leben gebüsst werden muss. Diese Entlassung 
gegen Caution ist schon früher vorgekommen;^ es entsprach 
dem geltenden italienischen Rechte insbesondere auch, wenn 
sie bei Verbrechen, welche körperliche Strafe nach sich ziehen, 
ausgeschlossen wird. Aber es war doch von grossem Werte, 
diese Vergünstigung in den Statuten mit gesetzlicher Kraft fest- 
zunageln. Wenn dasselbe Gesetz dem unschuldig Verhafteten 
den Ersatz des erlittenen Schadens durch den Ankläger oder 
den Fiscus zuspricht, zeigt es ein weit vorgeschrittenes ge- 
radezu modernes Gepräge. 

Aus dem Privileg von 1407 Februar 28* stammt dann 
c. 17, das bei jeder peinlichen Frage die Zuziehung zweier 
Gastalden der Consuln fordert, welche den Richter vor jeder 
Überschreitung in der Anwendung der Tortur zurückhalten 
sollen. Weniger bedeutend, wenn auch für den Gang der Straf- 
pflege wichtig, war c. 18, welches die Zulässigkeit strafproces- 
sualer Handlungen auch an Ferialtagen normiert. 

Ganz neu und interessant ist das Ungehorsamsverfahren 
geregelt. Früher traf den Ungehorsamen der Bann, wenn die 
Klage auf Leib und Leben ging. Wird er ergriflFen und dem 
Gerichte eingeliefert, so trifft ihn jene Strafe, welche das Statut 
auf das Verbrechen setzt, dessen er beschuldigt ist. Denn es 



1 Acta Tirol. 2, Einl. 98. Sontag, Die Entlassniig gegen Cantion 55 f. 
* Siehe oben S. 188. 



207 

galt der Satz: ^Contamax pro confesso habetur/* Jetzt kann 
nicht mehr ohneweiters zum Banne geschritten werden,* viel- 
mehr wird allemal nach einmaliger Ladung, wenn das Ver- 
brechen todeawUrdig war oder den Verlust eines Gliedes nach 
sich zog, ein förmliches Verfahren gegen den Abwesenden er- 
öfihet. Wenn durch Zeugen oder andere Beweismittel ein 
voller Beweis fiir die VoUflihrung seines Verbrechens erbracht 
werden kann, dann ergeht geg^n den Verbrecher trotz der 
Contumaz ein förmliches Urtheil. Darauf erst erfolgt die Ban- 
nung. Aber selbst wenn der Gebannte dem Gerichte einge- 
liefert wird^ bleibt ihm noch immer die Möglichkeit, den Beweis 
seiner Unschuld zu erbringen oder die gegen ihn geführten 
2^ugen fakcher Aussage zu überführen. Im Falle, dass kein 
voller Beweis gegen den Verbrecher erbracht werden konnte, 
wird der Flüchtige mit einer Geldstrafe belegt und ebenfalls 
gebannt. Auch ihm steht nach der Einbringung Gegenbeweis 
offen. Kann er diesen nicht erbringen, so muss er der pein- 
lichen Frage, und zwar dreimal unterworfen werden. Erst 
wenn er trotz der Tortur seine Unschuld standhaft behauptet 
hat, gilt der gegen ihn voi^ebrachte Verdacht für getilgt. Das 
entsprach nun völlig den Lehren der Doctrin,' die sich schon 
seit Albertus de Gandino gegen die starre Geltung des Formal- 
satzes: ,Contumax pro confesso habetur' aufgebäumt hatte. All- 
mählich hatte sich die Anschauung durchgebildet, dass der ßichter 
erst dann den Bann verhängen dürfe, wenn er von der Schuld 
des Gebannten überzeugt sei. Damit ergab sich die Noth- 
wendigkeit, ein Beweisverfahren gegen den Abwesenden zu 
eröfeen, obwohl dies nun auch dem römischen Rechte wider- 
sprach. Und schon im 14. Jahrhundert verlangte man, dass 
der eingelieferte Gebannte doch noch zum Unschuldsbeweise 
zugelassen werde, und dass in zweifelhaften Fällen zur Folter 
geschritten werde. Bereits seit dem 13. Jahrhundert be- 
quemten sich einzelne Statuten, wenn auch nur anfangs in 
kleiner Minderzahl, zur Annahme dieses milderen Standpunktes.^ 
Dass die Constitution Kaiser Heinrichs VII. gegen die Majestäts- 



^ Acta Tirol. Elnl. 203. 

* 1 2, c. 16. 

* Hugo Meyer, Das Strafverfabren gegen Abwesende 101 f. 

* Pertile 6, 637. 



208 



Verbrecher denselben Standpankt einnahm, war gewiss förder- 
lich.* Unser Trienter Capitel zeigt die engste Verwandtschaft 
mit Vicenza * 3, c. 7. Nur lässt Vicenza den ünschuldsbeweis 
nicht zu, sondern fordert auf alle Fälle Execution des Urtheils 
nach drei Tagen von der Vorführung des Gebannten vor das 
Gericht. Im übrigen aber stimmen beide in dem Inhalte, der 
Disposition, ja auch in mehrfachen wörtlichen Anklängen derart 
überein, dass ein literarischer Zusammenhang zwischen ihnen 
angenommen werden muss.* Die Verwandtschaft ist wohl eher 
durch eine gemeinsame Quelle hergestellt, die zu ermitteln mir 
vorläufig noch nicht gelingen wollte. 

Der Rest des zweiten Buches, sofern er neu ist, enthält 
Polizeivorschrifl^n. ' 

Das dritte Buch der Alexandrinischen Statuten: ,De sin- 
dicis' stellt sich als eine Fortentwicklung und zum Theil Über- 
arbeitung der Bestimmung der alten Statuten über die Sindici 
und die in den Bereich ihrer Competenz fallenden Angelegen- 
heiten heraus. Das von Beich edirte ältere Statut der Sindici 
liegt wohl dem Texte nach, wo er von den alten Statuten 
abwich,* aber keineswegs der Anordnung der Capitel zu Grunde. 



1 MM. LI. 2, 544 von 1813 April 2. 
« Z. B. Trient. 



si quidein per testes 

vel alias legitimas probationes con- 
stiterit, accusatum vel denanciatum 

delictum comisisse, tunc 

possit diffinitiva sententia proferri 
contra absentem. 



Vicenfla. 

Et si quidem per testes vel 

alias legitimas probationes 

constiterit, accusatum absentem de- 
nunciatum seu inqaisitum crimen 

comisisse, d. rector super 

crimine corporalem sentenciam ferat 
contra ipsnm accusatum absentem. 



Si vero non constiterit de crimine 
manifeste, dann Geldstrafe und Ban- 
nung. Et si quo tempore ipse banni- 
tus captus fuerit vel se sponte prae- 
sentaverit, tunc ponatur ad torturam. 



Si vero de crimine constare 

non poterit, dann Geldstrafe und 
Bannung. Et si quo tempore condem- 
natus ratione contumaciae pervenerit 

in fortiam comunis, d. rector 

possit ponere et poni facere ad tor- 
menta. 

^ A 2, c. 71 und 72 über die nnehrbaren Frauen, c. 77 Feuerpolizei, 
c. 80—83 und 86 Sanitätspolizei, c. 90 Einfuhrverbot firemder Weine, 
c. 91 Besuch der Messe an Sonn- und Feiertagen, eine Vorschrift, die 
später dem Buche der Sindiker einverleibt wurde. 
^ Namentlich in c. 1, vgl. oben S. 147. 



209 

Von diesem dritten Buche erliegt noch eine zweite Hand- 
schrift in dem städtischen Archive zu Trient, welche Reich als 
Secondo Statute dei Sindici herausgegeben hat.^ Diese Trienter 
Handschrift gibt sich als notarielle Copie von 1427. Aber sei 
es, dass die dabei verwendete Vorlage nicht vollständig war, 
oder dass der copierende Notar absichtlich kürzte, die Trienter 
Handschrift weist gegenüber A ein nicht unbedeutendes Weniger 
auf. Eis fehlen hier dreizehn Capitel. Bei anderen mangeln die 
Rubriken, so dass öfteir mehrere in A selbstständige Capitel 
hier unter einer dem Inhalte der folgenden durchaus nicht ent- 
sprechenden Rubrik zusammengezogen sind.* Auch der Text 
weicht nicht selten ab, er ist dann immer im Vergleiche zu A 
gekürzt* und nähert sich dem Texte der alten Statuten. Die 
spätere Cles'sche Redaction folgt in solchen Fällen fast aus- 
nahmslos dem Wortlaute von A^ der somit als der massgebende 
betrachtet wurde. Manches ist im Secondo Statute fortgelassen, 
weil es für den täghchen Gebrauch der Sindiker nicht in Frage 
kam, wie die Bestimmungen über die von den Urtheilen der 
Sindiker einzulegende Berufung und die Berufungsinstanzen 
selber. Bei anderem ist ein Grund fiir die Auslassung nicht 
zu erkennen. Fast durchaus sind die Kürzungen ohne Be- 
deutung für den Inhalt. 

Das Buch beginnt mit einer Überschrift, welche der in 
den Cles'schen Statuten* fast ganz entspricht. Darauf folgen 
die Statuten mit in Wahrheit 110, nach der Zählung der Hand- 
schrift 109 Capiteln, da die Ordnungszahlen von 23 bis 27 sich 
wiederholen,* 76 bis 79 aber ausgefallen sind. Von diesen ist 
beinahe ein Drittel im Vergleiche zu den alten Statuten neu. 
Die Neuerungen enthalten zumeist Vorschriften markt- und 
gewerbepolizeilicher Natur, auf die hier nicht im einzelnen ein- 
gegangen werden soll. Auch in diesem Theile zeigen sich die 
Folgen des Privilegs von 1407. Wir hörten, dass nach ihm 



^ Trienter Gjrmnasialprogramm 1891. 

' So in c. 46, 66, 67, 69 der Reich'schen Ausgabe. 

• So in c. 11, 15, 16, 42 des Secondo Statuto. 

* Ausgabe von Gar, 147, Z. 9, nach ,epi8copi*: ,et ducis comitis et mar- 
cbionifl, domini Tridenti'. Es fehlt Z. 10 ,8U0 tempore* bis Z. 12 ,auctor*. 

^ In der Tabelle ist hier wie sonst die Zählung der Innsbrucker Hand- 
schrift verwendet 
Aichiv. ICH. Band. I. Hüfte. 14 



210 

der Gemeinde alle Bussen zufallen ^ sollten^ weiche im Gerichte 
der Sindici verfielen. Dieses Recht der Gemeinde ist nun zum 
Theile anerkannt. In anderen Fällen allerdings sind die Bussen 
zwischen der bischöflichen Kammer^ der Gemeinde und dem 
Angeber zu theilen.* Später ist auch in diesen Fällen zumeist 
die bischöfliche Kammer fortgefallen, und eine jüngere Hand 
hat diese Änderungen im Codex nachgetragen. 

In A 3, c. 34 * entspricht es dem erhöhten Einflüsse der 
Consuln, wenn sie es nun sind, welche auf die Verprovian- 
tierung der Stadt Einfluss erhalten. Sie und nicht mehr der 
Bischof ertheilen die Erlaubnis zum Abschlüsse von Ankäufen 
von Geti'eide. Neu sind dann die Bestimmungen, welche einen 
Eechtsgang vom Urtheile der Sindiker feststellen. Jetzt geht 
die Berufung von den Sindikern an eigene Appellationsrichter 
(iudices appellationum); als dritte Instanz entscheiden die Con- 
suln.* In Bagatellsachen unter 15 Pfund ist die Berufung aus- 
geschlossen. Die Befugnisse der Sindiker sind dieselben ge- 
blieben wie früher. 

Interessant ist die Gesindeordnung A 3, c. 109, die im 
wesentKchen aus dem Gesetze stammt, das Nicolaus de Mechel, 
Vicar des Markgrafen Ludwig von Brandenburg, 1358 erliess.^ 
Auch ein guter Theil der anderen in diesem Buche neu auf- 
tretenden Capitel geht auf Verordnungen zurück,® die seit dem 
Abschluss der alten und neuen Statuten ergangen waren, so 
die Verfügungen über Fischkauf, Holzausfuhr, Fleischhauer, 
Salz verkauf u. s. w. 

Dieses Gesetz, von den Consuln der Stadt entworfen, 
zeigt uns, wie wir gesehen haben, den Einfluss der Bürger- 
schaft auf die Gesetzgebung auf voller Höhe. Dass sich das 
Notariatscolleg dabei nicht vergass, welches die Trienter Rechts- 
verständigen und somit den hervorragendsten und einfluss- 
reichsten Factor der Bürgerschaft in sich vereinigte, werden 



» Siehe oben S. 189. 

' iä 8, c. 2—5 o. 8. w. 

3 Entsprechend Reich, Secondo Statute, c. 39. 

* ^3, c. 1, 82-84. 

^ Reich, II piü antico Statute 20. Diese Verordnung mag veranlasst 
worden sein durch die Ordnung der Dienstlöhne in der Tiroler Landes- 
ordnung von 1352 Jänner 9, Schwind und Dopsch, Ausgewählte Ur- 
kunden zur Verfassungfsgeschichte, Nr. 100. 

• Siehe Reich a. a. 0. 



211 

wir begreiflich finden. Ganz anderen Ursprung und andere 
Tendenzen zeigt die folgende Redaction. 

Die Regierung der Stadt beruhte keineswegs auf demo- 
kratischer Grundlage. Obwohl eine Scheidung der Bürger- 
schaft in Erbbürger und Zünftler nicht bemerkbar ist^ muss 
sich doch factisch etwas AhnUches herausgebildet haben. Die 
Revolution gegen Bischof Georg ist in erster Linie den alten 
durch Vermögen und Ansehen hervorragenden Ge- 
schlechtern zugute gekommen. Die sieben oder acht Con- 
suln, in denen sich die Macht der Gemeinde verkörperte, 
wurden nicht frei von der Bürgerschaft gewählt; sie ergänzten 
sich und wählten ihre Nachfolger vielmehr selber. Da war es 
dann natürlich, dass gewisse Familien und Persönlichkeiten 
fast ständig im Besitze der Consulswürde erscheinen. Nach den 
nicht ganz vollständigen Consulnlisten von 1415^ bis 1491 be- 
merkt man eine grosse StabiUtät in den Namen der Consuln. 
Die meisten der Consuln haben dieses Amt wiederholt, ja drei 
und öftere Male bekleidet. Einer, Melchior ab Oleo, erscheint 
in einem Zeiträume von allerdings 51 Jahren elfmal als Consul, 
ein anderer, Melchior Facinis de Padua, in 25 Jahren sieben- 
mal; Antonius de Castro in 20 Jahren sechsmal. Nicht selten 
wurden Consuln des einen Jahres ftirs nächste wiederge- 
wählt. Einige Trienter Familien sind besonders häufig im 
Consulncolleg vertreten. Unter ihnen stellt die Familie der 
Calapini mit acht Mitgliedern Consuln in 23 von 59 Jahren, 
die Schrattenperger mit sechs Gliedern Consuln in 10 Jahren. 
Neben diesen Familien treten die Negri, die Fattis von Ter- 
lago, die Facini und andere hervor. Freilich wird auch die 
persönliche Fähigkeit bei den häufigen Wiederwahlen in Be- 
tracht gekommen sein, aber ein gewisses Cliquenwesen wird 
sich dabei sicher ftlhlbar gemacht haben, und das war noch 
am so schlimmer, weil die Consuln auch die übrigen städtischen 



* Ambrod, Commentari della Storia Trentina 2, 190 f. Es fehlen 1420, 
1459 und 1460, 1464 und 1465, 1468, 1479—1486, 1488—1491. Die 
Consuln von 1491 sind: Jacobns de Rochabruna, Thomas de Calapinis, 
Nicolaos Morzantns, Nicolaus Cibicbinns, Vigilius de Paho, Giroldus 
sta^nerios, Gabriel Gramer. Die Liste bei Ambrosi ist auch nicht ganz 
correct 1477 z. B. ist statt ,Petrus Ranzus' ,Petnis RaatherS und statt 
ySigismnndes Sarazenus* ,Sigismundus Strater' zu lesen (Urk. 1477, Conc, 
Innsbruck St.-A.). 

14* 



212 

Amter besetzten.^ Zwar nicht überwi^end, aber reichlich ge- 
nag vertreten finden wir in den Reihen der Consohi den 
Juristenstand und insbesondere die Notare, daneben Eanfleute 
und wohl auch einzelne Handwerker. Ein Mitglied wenigstens 
unter den Consuln war häufig den deutschen Familien ent- 
nommen.' Aber die unteren Schichten verlangten nach 
grösserer Antheilnahme an der Stadtverwaltung, und zu diesem 
socialen Gegensatze gesellte sich der nationale. Ge- 
rade die Handwerker bestanden zum guten Theile aus deutschen, 
häufig wechselnden Elementen. Diese Deutschen bewahrten 
die Erinnerung ihrer einheimischen Verfassungsverhältnisse. 
Ihnen schien der Rath in Trient zu klein, sie verlangten eine 
Vermehrung der Rathsherrenstellen und Wahl der Rathsherren 
und Gemeindebeamten durch die Bürger, damit die Herrschaft 
der Clique gebrochen werde und alle auf die Verwendung der 
städtischen Gelder Einfluss nehmen könnten.' Zugleich machten 
die Deutschen sich zu Anwälten der zum Gerichtsbezirke Trient 
zählenden Gemeinden, die zur Beisteuer zu gemeinsamen Lasten 
mit der Stadt herangezogen wurden, aber wegen dieser ihrer 
Beiträge in fast unimterbrochenem Hader mit den Consuln der 
Stadt lagen. Die Deutschen machten den Vorschlag, dass 
künftig von den wenigstens auf die Zahl von zwölf vermehrten 
Consuln ein Drittel von den ItaUenem, ein Drittel durch die 
Deutschen und das dritte Drittel von den Gemeinden des Be- 
zirkes gewählt werden sollte. Daneben brachten sie dann beson- 
dere Beschwerden vor gegen die Geschäftsordnung des Rathes, 
gegen ungehörige Begünstigung, welche der Rath bei Steuer- 
erhebung seinen Mitgliedern zukommen Uess, und anderes. Die 
Gemeinden haben dann besonders gegen die Steuerfreiheit zu 
klagen, welche die Trienter Bürger fiir ihre am Lande ge- 
legenen Besitzungen in Anspruch nahmen. 

Die herrschenden Kreise wehrten sich allerdings nach 
Kräften gegen diese Forderungen der Deutschen.* Wie jede 



* Ausdrücklich erwähnt in der Beschwerdeschrift der Deutschen bei Pa- 
tigler, Zeitschrift des Ferdinandeums III, 28, 81, Nr. 2. ,Qui quidem 
Septem vel novem consules hoc anno faciunt alios eorum filios, firatres, 
consan^ineos et similes.' 

* Vgl. die Liste bei Patigler, Zeitschrift des Ferdinandeums III, 28, 63 f. 
' Nach den Beschwerdeschriften bei Patigler a. a. O. 80 f. 

^ Replik der Italiener bei Patigler a. a. O. 86 f. 



213 

conservative und oligarchische Partei wollten sie in diesen 
Wünschen nnr unberechtigte Anmassung sehen und sprachen 
dann von oben herab Handwerkern jede Befiihigung und jedes 
Verständnis zur Stadtregierung ab.* Im übrigen beriefen sie 
sich auf das alte Herkommen. Es gelang ihnen wohl auch, 
den einen und anderen Vorwurf richtigzustellen. 

Aber auch von anderer Seite wurde der Anstoss zu 
Neuerungen gegeben. Hatten die Deutschen sich unter anderem 
über die Sachwalter, den schleppenden Geschäftsgang der Ge- 
richte und über die Notare und ihre Taxen beschwert, so 
waren ähnliche Klagen schon vor einigen Jahren von anderer 
Seite eingelaufen. Der Podestk des Jahres 1485, Giampietro 
Qandini aus Brescia,* ergieng sich in einem Gutachten in 
bitteren Beschwerden gegen die Notare, welche die Instru- 
mente nicht zur rechten Zeit fertigstellten, Originale und Pro- 
tokolle verloren, die Gerichtsacten nicht fertigbrachten, und 
gegen die Advocaten, die sich weigerten, Vertretungen zu 
übernehmen. Deshalb wurden Verschärfungen der Strafen in 
den Bestimmungen der alten Statuten über die Notare und 
einige neue Verordnungen in Vorschlag gebracht.* 

Bischof Ulrich HL von Freundsberg, der energische Bruder 
des bekannten Landsknechtführers Georg von Frundsberg, beab- 
sichtigte allen diesen Beschwerden unter einem durch Erlassung 
einer Anzahl von Zusätzen zum Alexandrinischen Statute ein 
Ende zu machen. Er legte sie daher einer Commission vor, deren 



' Darauf antworteten die Handwerker: »se non vereri de artibns suis, 
dummodo honeste vivant, pro ut debentS Pati^ler a. a. O. 96. Das 
geben die Consuln zu, aber: ,in hoc landabiliter non agunt ipsi Ale- 
mani, dum velint ipsis incognita aggredi et se immiscere et velint se 
adeqnare doctoribns medicis ioristis et litteratis viris et spectabilibns 
ezpertis et antiquissimis civibus contra eorom privilegia et antiquissimas 
consnetndines*. Patigler a. a. O. 100. Man sieht, der Gegensatz war 
nicht so sehr ein nationaler, als socialer. Die Datierung dieser Acten- 
stücke durch Patigler a. a. O. 57 erhält ihre Bestätigung dadurch, dass 
sie 1491 durch die Zusätze des Bischofs Udalrich IIL zum Statute er- 
ledigt worden sind. 

' Nach dem Verzeichnisse bei Ambrosi, Commentari 216. 

' Daneben noch einige Strafbeetimmungen gegen den Podest^, der die 
Statuten nicht beobachtet und an den Gerichtstagen nicht zu Gericht 
sitzt, ebenso YerfÜgungen, welche eine Beschleunigung des Rechtsganges 
bezweckten. Beilage Nr. 8. 



214 

ZasammensetzuDg nicht bekannt ist. Erhalten aber ist das 
Concept der bischöflichen Resolution, durch die beide Be- 
schwerden erledigt wurden.^ Um dieselbe Zeit, am 24. No- 
vember 1490, unterzog eine Commission, welcher der Decan, 
der Podestk und einige andere angehörten, die wohl zu den 
Käthen des Bischofs zählten, den Tarif der Taxen der Notare, 
über welche ja auch geklagt worden war, einer genauen Prü- 
fung.* Das Resultat aller dieser Berathungen wurde in eine 
Anzahl von Capiteln gefasst, welche theils als neue Capitel (im 
ganzen elf) an geeigneter Stelle in die Alexandrinischen ein- 
geschoben,' theils als Zusätze einzelnen Capiteln dieser Statuten 
angefügt wurden.* Ein paar geringfügige Änderungen wurden 
stillschweigend im Texte vorgenommen.* Einige Punkte der 
bischöflichen Entschliessung, die am bestehenden Rechte nichts 
änderten, fanden in die Statuten keine Aufnahme. Im ganzen 
zählen diese Udalricianischen Statuten 307 Capitel.^ 

Die Zusätze der Udalricianischen Redaction wurden am 
14. März 1491 publiciert. "^ Sie beruhen zum grossen Theile 
wörtlich auf den Eingaben der Deutschen und den Antworten 
der Italiener, sowie auf den Vorschlägen des Podestks Gandini 
von 1485. Der Bischof hat es nicht gewagt, im Sinne der 



^ Beilage Nr. 10. Ein zweites und drittes Schriftstück, Capsa 3, 94, Inns- 
bruck St.-A., enthält die Entschlüsse des Bischofs in die Fassung ge- 
kleidet, in der sie in die Statuten aufgenommen wurden. 

' Innsbruck St.-A., Capsa 3, 94, enthält eine ,Antiqua scriptura et taxatio 
communitatis' und eine ,Nova taza notariorum*. Diese letzte enthält den 
Vorschlag des neuen Tarifs. Am Rande sind die Beschlüsse der Com- 
mission angemerkt, z. B. zu §. 2 : ,Conclusio fuit de 4 g^rossis ut in an- 
tiqua dicitur scriptura.' Manchmal wird die Entscheidung dem Bischöfe 
vorbehalten: ,Coram domino decidatur.* 

* Die neuen Capitel geben sich auch als solche, wie c. 3 des ersten 
Buches mit der Rubrik: »Sequitur novum statutum episcopi Udalrici.* 

* Ähnlich die Zusätze, wie die neuen Capitel, z.B. zu Uly c. 11: ,Nos 
vero Udalricus* u. s. w. 

^ Z. B. CTl, c. 35: ,terminus octo dierum continuorum', statt ,dierum utt- 

lium* von il 1, c. 34. 
^ Es sind nämlich einige Capitel von Ä in U willkürlich getheilt und 

eines wiederholt worden. Der Text von U schliesst sich durchwegs an 

Ä an; nur die Rubriken zeigen einzelne Veränderungen. 
^ Auftrag zur Ladung der Consuln und Sindiker von Trient und der Sin- 

diker der Gemeinden des Districts von Trient und Liste der Geladenen, 

Innsbrnck St.-A.. C. 3, Nr. 76 und 94. 



215 

Eingabe der Deutschen die Zusammensetzung und Wahl der 
Consuln zu ändern. Er mag vor einem zu tiefen Eingriffe in 
die hergebrachte Stadtverfassung gescheut haben, durch den 
die demokratischen Elemente und ihr Einfluss gestärkt worden 
wären. Vielleicht glaubte er, mit dem alten Rathe besser aus- 
kommen zu können, als mit einem vom Volke gewählten, 
dessen Zusammensetzung unberechenbar war. Einem solchen 
gegenüber konnte der Bischof kaum sein Recht, die Raths- 
herren zu bestätigen, geltend machen. Schon hatten die 
Deutschen, zwar noch verblümt, an den Bürgermeister er- 
innert, der in deutschen Städten gewählt würde.^ In ihm 
konnte der Bischof nur ein neues Hemmnis seiner Macht sehen, 
das er sich um jeden Preis fernhalten musste. Daher beliess 
er die Zusammensetzung und Wahl der Consuln beim Alten. 
Ihre Zahl wurde auf sieben fixiert und diese Stellen wie alle 
anderen Qemeindebeamtungen den Italienern und Deutschen 
in gleicher Weise zugänglich gemacht, ohne dass den Deutschen 
nach ihrem Wunsche eine bestimmte Zahl vorbehalten worden 
wäre. Die Geschäftsordnung der Consuln wird dahin normiert, 
dass zu jedem Beschlüsse fünf, zu wichtigen die Anwesenheit 
aller erfordert wurde.* Wenig bedeutete es, wenn die aus- 
schliessliche Vertheilung der Amter unter gewisse Familien und 
die Notare und Rechtsgelehrten ausdrücklich verboten wurde, 
denn ein solches Verbot liess sich unter irgend einem Vorwande 
jederzeit umgehen. 

Dagegen glaubte der Bischof allerdings, die Controle, 
unter der die Verwaltung der Consuln stand, verschärfen zu 
müssen.' Bisher hatten die Consuln und Procuratoren ihren 
Nachfolgern im Amte Rechnung gelegt. Jetzt sollten den Con- 
suln bei diesem Acte acht Bürger zur Seite treten, die nach 
Quartieren gewählt wurden, und zwei von diesen sollten 
Deutsche sein. Damit wurde der Bürgerschaft ein, wenn auch 
kleiner Einfluss auf die Stadtverwaltung eingeräumt. Den Ge- 
meinden des Districts wird nur im allgemeinen Rechnungs- 
legung über alle sie berührenden Gelder zugesagt, wie diese 



* Patigler a. a. O. 84, §. 18 ist ,magistratum civium* offenbar vorschrieben 
für «magistrum*. 

* Ulricianische Statuten 1, c. 80 und 81. 
» Ul, c. 82. 



216 

schon in einem Urtheilsspruche des Bischofs Alexander von 
1427 festgestellt worden war.* 

Die Zahl der Notare zu verringern, wie die Deutschen 
gefordert hatten, wagte Bischof Ulrich nicht; nur sollte das 
CoUeg Deutschen und Italienem in gleicher Weise zugänglich 
sein, und konnte wegen Nichtzulassung Recurs an den Bischof 
ergriflfen werden. Sonst wird den Notaren allerdings die Aus- 
fertigung von Urkunden zur rechten Zeit unter verschärfter 
Strafe anbefohlen,* werden Strafen auf den Verlust von Instru- 
menten und Acten gesetzt, wird die Vorschrift erneuert, dass 
Imbreviaturen in Codices eingetragen werden mttssen und nicht 
auf einzelnen Blättern, wird den Notaren zur Pflicht gemacht, 
Imbreviaturen und Protokolle bei sich zu verwahren, Gerichts- 
acten vor Gericht wenigstens aufzusetzen.* Zugleich wird die 
revidierte Taxordnung dem Statute einverleibt.* Im übrigen 
werden Bestimmungen getroflfen, welche das Gerichtsverfahren 
im ordentlichen Processe beschleunigen sollen.* Die Bagatell- 
sachen werden von 25 auf 60 Pfund erhöht^ und alle Dotal- 
sachen dem summarischen Verfahren unterworfen.'' 

Ein neues Capitel verpflichtet den Podestk in der von 
Gandini vorgeschlagenen Weise zur Befolgung der Statuten und 
Beobachtung der Gerichtstage.® Nichts darf, ganz wie die 
Deutschen verlangten, als Statut ausgegeben werden, was nicht 
in den Statuten ausdrücklich enthalten ist.* 

Bald zeigte sich, dass dieses Gesetz des Bischofs eine 
Halbheit war und wie jede Halbheit ein Fehler. Die Consuln 
und mit ihnen die Kreise, welche die Stadtverwaltung in ihren 
Händen hielten, versagten ihm die Anerkennung. Der Bischof 
hatte die Verordnungen mit dem Domcapitel und seinen Käthen 
durchberathen. Wir sahen, dass auch der Podestk an den 
Berathungen theilnahm. Nichts anderes hatte doch auch der 
Podestk Gandini in seiner Eingabe von 1485 mit Hinweis auf 
Thomas von Aquino und Bartolus gefordert. Die Consuln aber 
nahmen jetzt offenbar gestützt auf das Privileg vom 28. Fe- 
bruar 1407 das alleinige Recht der Gesetzgebung für Trient 



^ Gar in der Ausgabe der Cles^schen Statuten 239. 

» Zusatz U 1, c. 64. » ü" 1, c. 96. * ü" 1, c. 97. 

* Zusatz zu (7 1, c. 11. • Zusatz zu CTl, c. 21. 

' Zusatz zu U 1, c. 21. « ü^ 1, c. 3. • 1/ 1, c. 3. 



217 

und seinen District in Anspruch.* Es bedurfte langer Verhand- 
lungen und der Intervention kaiserlicher Commissäre^ bis es 
zur Annahme dieser Verordnungen kam und die von Ulrich DI. 
vermehrten Alexandrinischen Statuten im Jahre 1504 unter 
Bischof Ulrich IV. gedruckt wurden.* 

Auch sonst erwies sich die neu vermehrte Auflage bald 
als unzulänglich. Nur 24 Jahre nach dem Drucke der Udal- 
ricianischen Statuten wurden die Cles'schen publiciert, die 
unter ganz anderen Umständen entstanden sind. Man wird 
darunter wohl dem grossen Bauernkriege^ der ja auch das 
Bisthum Trient ei^riff, einen massgebenden Einfluss zu- 
schreiben müssen. Diese Neubearbeitung wurde wieder von 
den Consuln zusammengestellt. Nur darauf soll hier noch ver- 
wiesen werden, dass bei dieser Neuredaction die Veroneser 
Statuten von 1450 in ausgiebigem Masse benutzt wurden.' 

^ Cresseii, Ricerche storiche in der Ausgabe von Gar 48. 

* Es existieren zwei Dracke dieser Statuten, beide mit der Jahreszahl 
1504. Der eine häufigere Druck ist beschrieben bei Tomaschek 84 f. 
Ein zweiter befindet sich in der Bibliothek des Ferdinandenms in Inns- 
bruck, von dem er kürzlich erworben wurde. Dieser Druck umfasst 
60 Folien; die Folien sind grösser als in jenem, zählen 40 Zeilen. 
Der Text der beiden Drucke deckt sich, ebenso Schlussvers und Datum. 
Am EInde fehlt aber der im anderen Drucke befindliche Holzschnitt. 
Beide Drucke stimmen auch in einem Druckfehler überein, dass sie 
die Urkunde von 1427 März 29 (in der Gar'schen Ausgabe der Cles'schen 
Statuten 218 — 242) datieren ,Anno . . . millesimo quadringentesimo'. 
Man wird daher den einen Druck als blossen Nachdruck des anderen 
ansehen müssen. 

«(71, c. 43 = Verona«, 2, c. 106; (71, c. 44 = V. 2, c. 107; Cl, c. 48 
= V. 2, c. 120; C 1, c. 67 = V. 2, c. 60; C 1, c. 71 = V. 1, c. 108; 
Cl, c 85 = V. 2, c. 99; C 1, c. 104 = V. 2, c. 95; C 1, c. 120 = V. 2, 
c. 78; C 1, c. 119 = V. 2, c. 77; C 1, c. 121 = V. 2, c 79; C 1, c. 122 
= V. 2, c. 80; C 1, c. 124 = V. 2, c. 81; Q 1, c. 126 = V. 2, c. 160; 
(71, c. 130 =3 V. 2, c. 172 (hier ist sogar das Citat eines in den Trienter 
Statuten fehlenden Capitels herübergenommen worden); Cl, c. 131 = 
V. 2, c. 182; (7 2, c. 28 = V. 4, c. 126; (72, c. 29 (theilweise) = V. 4, 
c. 135; (7 2, c. 118 = V. 5, c. 120; C2, c. 119 = V. 5, c. 122; (7 3, c. 18 
(Anfang) = V. 8, c. 12; (7 3, c. 20 = V. 3, c. 9; (73, c. 32 = V. 3, 
c. 20; (7 3, c. 33 = V. 3, c. 24; (7 3, c. 85 = V. 3, c 26; (7 3, c 36 = 
V. 3, c 36; (7 3, c. 87 = V. 3, c. 37; (73, c. 38 = V. 3, c. 44; (73, 
c. 39 = V. 3, c. 51; (73, c. 40 = V. 3, c. 52; (73, c. 40 = V. 3, c. 52; 
03, c. 41 = V. 3, c. 53; Q 3, c. 42 = V. 3, c. 54; C 3, c. 43 = V. 3, 
c 67. Die Benützung ist durchaus eine wörtliche. Trient zeigt nur 
manchmal kleine Änderungen und Erweiterungen. 



BEILAGEN. 



1. 

Bischof Egno von Trient setzt Strafsatzungen gegen Schleich' 
handel und HM&rei von mauthpflichtigen Waaren. Trient, 1264 

October 13. 

Orig. Perg. am unteren Rande beschädigt; zosammengenäht mit Urkunde von 
1264 November 27. Wien, Staatsarchiv^ Rep. 7. Dominez, Begesto crono- 

logico 446. 

S. Anno domini millesimo CCLXIin, indictione Vn, die mercnri* 
XIII. intrante octubre/ in Tridento in palacio episcopatus, in presencia 
dominorum Oldonci archiaconi ^, fratris ^önarri de Petrachucha, Pan5erra 
de Archo, fordani de Garduno, Gotefredi de Porta, Aproyni filli^ condam 
domini Gelemie, Tridentini condam domini Gandi, Tridentini Rubei, Yuani 
filli ^ domini Gotefredi de Porta, Girardi Desoldi, ^^nini Ba9ane, Bertoldi 
de Gar9ano, Facini osteri Tridentini, Homedei de scanto* Benedicto, 
Olvrandini de eodem loche ^ et aliorum testium. Ibique in generali con- 
silio congregato morre^ solito dominus Egeno dei gracia yenerabilis epi- 
scopus Tridentinus de voluntate et consilio hominnm omninm consilli^ 
predicti omnes istas postas scriptae laudavit et confirmavit et eas precepit 
ita atendi ^ et observaii, nt in eis legitnr et continetur ; et constituit et pre- 
cepit Veryium yiatorem, qui debet exclamare pre* totam civitatem Tri- 
denti. Unde dictus Vercius viator venit in continenti in presencia supra- 
scripti ^ testium in palacio et dixit michi not^rio infi*ascripto, quod bene 
cridavit dictas postas per totam 9iYitatem Tridenti: 

In primis si aliquam^ presonam^ conduceret versus civitatem Tri- 
denti aliquam rem, de qua deberet presolvi^ mutam, infra istas confines, 
videlicet a Chasteliro citra et a Bocha de üella citra et ab eglesiam scanti ^ 
Nicolai citra et ab Pontauisio citra et ab Chastro veteri de ^i^^^^no citra, 
non eam rem conduceret in civitatem Tridenti et ostenderet et presentaret 
mutaris* qui erit* pro tenporibus^ ea die qua conduta^ fuerit infra dictas 



219 

confines yel in civitatem Tridenti tarn per aquam in navi yel in rato^ 
qaam pre bestias vel bobus ' et plaustra ac personas, eam rem predere ^ 
debeat cum nayi et ratnm^ seu 9ataram^ vel con^ bobis seu bestias,^ pre^ 
qüos Tel pre ^ quas condacta fnerit fraadalenter. Cuiüs rei medietas debet 
esse comonis Tridenti vel canipari^ et allia medietas illins acasatoris. 

Item si aliqoam^ presonam^ conduceret alliquam^ rem, de qua de- 
beret presolvi^ mntam, exstra^ dvitatem Tridenti iusta^ confines inferius 
Tel snprerioribas ^ et non solTerit mntam ad muttarri ^ qui eo tenpore erit, 
eas res amitat. Cuius rei medietas debet esse sicbuti^ snprascriptum 
dictum est. 

Item si aliquam^ personam^ tallis ciTes quallis folesterium^ de 
bargo Tel de Tilla, qui aciperet aliqnam rem in sua domo Tel in sua custo- 
dia, quid^ deberet presobi^ aliquam mutam ad comuni^ Tridenti Tel a 

mutans' eo tenpore [er]it,' eam rem sub9elaret, amitere debeat^ 

pro bando comuni Tridenti. 

[Ego Nascimbenus notarius sacri pal]^atii interfui [rogatns et 
scripsi].® 

^ A. * Zu ergänzen qui. ' Lücke im Perg, durch Wegreitsen de» 
tmieren Mcmdes von O'öcm, * Ebenso in Länge von 4 cm. * Ergänzt 
nach Urkunden von 1264 Nov, 27, Perg. weggerissen in Länge von circa 6 cm. 
* Ergänzt nach Urkunde von 1264 Nov. 27, Perg» weggerissen. 



Bischof Egno ordnet die Einlagerung von Getreide, Hülsenfrüchten 
und Sola im Lagerhaus der Gemeinde hei Strafe an. Trient, 1264 

November 27. 

Orig. Perg. am Rande rechts eingerissen ; zusammengenäht mit Urkunde von 

1264 October 13, in dorso alte Signatur: C. 3 Nr. 29, Wien, Staatsarchiv, 

Bep. 7, Regest bei Dominez, Regesto cronologico 446. 

S. Anno domini millesimo CCLXini, indictione VIT, die lune quarto 
exeunte noTembre, in palacio comunis Tridenti, in presentia domini Olde- 
rici arcbidiacboni et fi*atris ^enari de Peti*achucha et Pan9en'e de Archo 
et Jhacobini de Garduno et Gk)tefredi de Porta et Aprojni fiUi ^ condam 
domiui Gelemie, Tridentini condam domini Gandi et Tridentini Rubei, 
Yuani filli* domini Go[tef]redi,* Soldolini et Oldorici condam domine 

Gri* et Ropreti de Cognolle et Facini osteri et* i de Verona 

et Ri9ardi de Brisia et ^ani^ [ni] Ba9ane et Bertoldi de Gai*9ano et Rubei 
bechari de Lastis et Coi;!! de Merchato et Riprandi osti * et Armani taber- 



220 

narii et aliorum testmm. Ibiqne in generali consilio morre^ solito domi- 
nus Egeno dei gracia venerabilis episcopns Tridentinns de Toluntate et 
consilio hominnm consilii predicti omnes istas postas scriptas laudavit et 
confirmayit et eas precepit ita atendere et observari nt in eis legitar et 
continetur; et constituit E9elinnm yiatorem, qui deberet ezclamare pre^ 
totam civitatem Tridenti dictas postas, tenor cnis^ tallis est: 

In primis si aliqnam^ personam^ condnceret versus civitatem Tri- 
denti aliquam rem, que deberet Ire [in] ^ canipam comunis Tridenti, sili- 
cet bladium et [sa]'llis, lechnmis infra istas confines citram,^ videlicet 
a Chasteliro citram ^ et a Bocha de Yella citra et ab eglesiam^ sancti Nicolai 
citra et ab Pontauisio citra et ab Chastro vetere citram ^ de loco ^inefani, 
et non eam rem conduceret ad civitatem Tridenti ad canipam comnnis et 
ostenderet et presentaret caniparri^ de dictam^ canipam ^^ [qui fue]rit pro 
tenporibus,^ ea die qua conducta [fueri]t^ infra dictas confines vel in 
civitatem [Tride]nti* tam per aquam vel in navi^ vel in rato, quam per 
bestias vel con^bobus et plaustra ac personas,^ eam rem perdere debeat 
cum navi vel con ^ rato, in qua conducta fuerit. Cuius rei medietas debet 
esse comunis et ponere in canipam^ Tridenti et allia^ medietas acusato- 
ris. Et homnes^ sint acusatores.^ 

Item si aliquam* personam* tallis* cives qnalis folesterium* de 
burgo vel de villa, qui aciperet aliquam rem, de qua deberet irre* ad cani- 
pam comunis Tridenti, ab confinis citera* in sua* domum vel in sua 
custodia, silicet bladium et [ave]' nam et lechumis et sallem, eam rem 
amittere [debet] ' et XXV libi*as denarionim Veronensium pro bando co- 
munis Tridenti. Et eos,* qui acusaverit,* abeat meditatem et comuni* 
aliam medietatem. ünde dictus E9elinus viator venit et dixit michi no- 
tario die suprascripto, ante domum filiornm condam domini E^elli iudicis, 
in presencia domini Boni iudicis de Montorio et Cbajmi de Guuallo et 
domini Simoni de Dosso et Tuani filli * domini Gotefredi de Porta, quod 
ipse bene cridavit dictas postas per civitatem Tridenti altam* vivam* 



vocem 



1 



Ego Nasinbenus notarius sacri palacii interfui rogatus et scripsi. 

* A. ' Pergamentrcmd weggeriaten in Länge von O'ßem, • Ebenso 
in Länge von i cm. * in Länge von 2 cm, * in Länge von l'6cm, 
• A inavi. 



Nicolaus de Contessa, Hauptmann des Grafen Meinhard in IVient, 
befreit die Schiffer von Trient von Abgaben wnd Wachdienst und 



221 

säst Gastdlden ihrer Zunft. Der Bath von Trient bestätigt diese 
Anordnungen, Trient, 1266 Februar 27—28. 

Transnmt des Notars Bertolamäas von 1273 October 12, Perg.; in dorso: 

C. 3 Nr. 4; Wien, Staatsarchiv, Regest bei Dominez, Regesto cronologico 504, 

mit falschem Datum. 

Anno domini millesimo dncentessimo sexagessimo sezsto, indictione 
nona, die sabati secundo exeunte februario, in Tridento in curtivo palacii 
episcopatus, presentibns dominis Boninsigna filio condam domini Ajcheboni, 
Riprando condam domini Gnnselini, Gotofredo de Chirchemano, Nicoiao 
filio domini Ottonelli Strnpaconi, Riprandino notario et aliis rogatis testi- 
bns. Ibique dominus Nicolans de Contessa capitanens comunis Tridenti 
per dominum comitem M(einhardum) de Tyralo de voluntate conscilii 
bominum civitatis Tridenti et pro utilitate et melioramento hominum et 
comunis Tridenti absohit omnes nanterios de navibns de civitate Tridenti 
et omnes nanterios qui sunt in eorum societate ab omni scufio, a waitis et 
scaraguaitis et a custodibus castrorum et a custodibus portarum ad hoc, 
qnod ipsi nauterii non teneantur facere aliquid de predictis scufiis excepto 
de exercito comnnali, dando dicti nauterii naves secundum quod ipsi con- 
raeYerant facere in servicio comunis Tridenti et dicti domini comitis, con- 
stituendo Fauam filium condam Wa9afaue et Ottolinum qui Becla dicitur 
filinm domini Albeilini de Lafranco ancianos gastaldiones supra alios 
nanterios Tridenti, precipiendo dictus dominus Nicolaus capitaneus comu- 
nis Tridenti pro predicto domino comite cuilibet nauterio sub pena centum 
soldorum* Veronensium pro quolibet, quod ita debeant attendere et obe- 
dire dictis Fabe et Rede et seryare societatem, quam inter so fecerint et 
ordinabunt.' Et si quis eorum contrafecerint, quod ille qui contrafecerit 
▼el venerit, quod cadat a dicta pena, non faciendo dicti nauterii aliquam 
postam sine licencia dicti domini comitis et comunis Tridenti, eo salvo 
qnod ipsi nauterii non teneantur ire cum navibus ponderatis cum yino 
sine precio. 

Item die dominico ultimo ' exeunte februario, Tridenti in palacio su- 
periori episcopatus, presentibus domino Boninsigna filio condam domini 
Aychebonis, domino Odolrico de Ghirchemano^ domino Nicoiao filio condam 
domini Alberti Yastenati, domino Johanne iudice de Cauodeno, domino 
Bonauentura filio dicti domini Boninsigne, Arnolde notario et aliis testibus. 
Ibiqne in conscilio congregato more solito ad sonum campane supra- 
scriptus dominus Nicolaus capitaneus comunis Tridenti per predictum do- 
minum comitem de voluntate tocius conscilii Tridenti et homines dicti 



222 

conscilii landavenint confirmaverunt ratificaverunt omni^ et singula 
suprascripta, prout superius continetur. 

S. Ego Benedictus notarius sacri pallacii interfai et rogatus scnpsi. 

* C. ' C. ordinabut. ' C. tercio offenbar irrig. 



Ueberschriß und erstes Capitd der alten Statuten nach der Thun- 
sehen Handschrift. 

Thun'sche Handschrift, f. 1. 

Daz sint dio statutenn unnd ornungen beschehenn durch denn rat 
der kirchenn Trientt zu erenn des almechtigen gots und seyner gepererin 
und muter Marienn und des heyligen santYigilien materers ^ und bischoffs 
und hauptherr der kirchen Trientt unnd aller heyligen gotes und zu denn 
erenn zirdenn und Statuten ^ des vorgenannten gotzhauss. 

Von dem ayd der trw dem byschoff zu halttenn etc. 

Am ersten setzen wir und orden, daz all amptleitt und aynn yett- 
licher innsunder und alle rattleit, all burger der statt Trientt, all kirch- 
probst, all ander amptleitt aller pharren, aller dorfifer, aller bürg, aller 
vesten in dem bistumb und gepiett ze Trientt und all ander* gerichtz- 
leytt des bistumbs ze Trientt schuldig seind leipplich ze schweren zu den 
heiligen ewangelien zu helffen mit leib^ und mit gut dem bischoff ze 
Trientt in allen sein rechten, eren und rätten, und auch gehorsam ze sein 
seim hauptman und ire zaichen oder wappen mit dem leib und mit ross, 
mit harnasch, als oft und sein nott geschieht, ze dienen und ze thon all 
sein vermigen in allem dem, dass in gepotten wirt, mit gantzer andacht 
und untertanikeit und dinstparkeit an des bischoffs stat an alles ubl oder 
gver ire ampt treulich ze volfüren, und allweg ain rechten, warhafftigen 
und getreuen ratt geben dem bischoff oder seinem capitany. Und ob daz 
war, daz ir ainem gesagt wurd, daz da schaden, anwurff oder abziehung 
prächt dem bischoff oder seinen statten oder seinen vesten oder pui'gen 
oder seinen dorffern, wie pald er daz kan oder mag, sol er daz durch sich 
selbs oder seinen besundern poten kunt thon. Und ob daz wer, dass ym 
ichts haymlich auffgesetzt wurd oder empfolhen vom bischoff oder von 
seinen capitani oder von seinem amptman, daz sol er nieman offenparn. 
Und allweg sol er sich strayttparlicheun staellen wider des bischoffs veinde. 

* C. ' Folgt getilgt gotzleytt. • Am Rande nachgetragen. 



223 



Der Stadtrath von Trient erwählt Sindiker. Trient, 1342 No- 
vember 13. 

Orig. Perg. In dorso von H. d. 14. Jahrb.: processus inceptas per sindicos 

Tridenti contra illos de Flemis super lignamine ad pontem Atacis. Wien, 

Staatsarchiv, Rep. 7. Domines, Regesto cron. 865. 

S. Anno domini millesimo CCC qaadragesimo secnndo, indictione 
decima, die mercurii XIIP mensis novembris, Tridenti in palatio episco- 
patns, presenübus prndentibus et honorabilibus viris dominis Lan9aroto 
de Spagnolis, Jastiniano de Gardulis, Francisco de Borgonono, Barufaldo 
de Bamfaldis iüdicibus et civibns Tridentinis testibns et aliis. 

Ibiqne congregatis hominibus decnrionibns et consciliaiibus ^ civi- 
tatis Tridenti ad sonum campane more solito in palacio episcopatus Tri- 
denti, cnm ibi essent dae partes et ultra dictomm bominum et conscilia- 
riorom et decurionum dicte civitatis, ad sindicos et allios ^ officiales con- 
stituendos et creandos secnndnm morem et consnetudinem dicte civitatis 
de aactoritate et licentia nobilis et sapientis viri domini Brexani de Gal- 
caria inrisperiti vicarii et ins redentis in civitate et curia Tridentina pro 
venerabili in Christo patre et domino domino Nicoiao dey gracia cpiscopo 
Tridentino comuni concordia fecerunt constituerunt et ordinavenint suos 
et dicte civitatis et comunitatis Tridenti sindicos actores factores et nun- 
cios speciales providos et discretos vires dominos Franciscum quondam 
domini Porcai'di de Gardulis et Baldesarium quondam domini Gaspari cives 
Tridenti et utrunque eorum in solidum, ita quod preoccupantis condicio 
pocior non existat set quod per unum eorum incoptum fuerit per alium 
possit prosequi mediari et finiri, presentes et mandatum atque officium 
sponte siscipientes ^ in omnibus dicte comunitatis et civitatis causis et 
questionibus de controversiis tam in agendo quam in defendendo, ex- 
cipiendoy replicando, libellos dando, recipiendo terminos et dilaciones 
locari faciendo, testes cartas et iura producendo et dando, sentencias 
audiendo et proferendo opponendo respondendo et si necesse fuerit appel- 
lationes interponendo et eas prosequendo et generaliter omnia et singula 
faciendo, que ipsa comunitas et homines ipsius comunitatis seu universi- 
tatis civitatis Tridenti fiacero possent, dantes et concedentes eisdem et 
ntrique eorum in solidum iurisdiccionem ordinariam in hiis, que ex statutis 
et consuetudinibus civitatis Tridenti ad officium talium pertinent sindi- 
corum, promittentes pro se et dicta civitate et cx>munitate Tridenti se per- 
petuo firma rata et grata habituros, quicquid per dictos sindicos vel alterum 



224 

ipsorum actum fuorit sen gestum in premissis et circha premissa et in eis 
et circha ea, que ad officium talinm pertinent sindicomm snb obligacione 
omnium bonorum dicte comnnitatis et nniversitatis Tridenti, ita tamen 
quod dictomm sindicomm officium duret per quatnor menses tantum et 
in eomm fine desinat secnndnm formam statnti et consnetndinis civitatis 
Tridenti. Insnper dicti sindici delato sibi iuramento per dictum dominum 
vicai'ium in pleno conscilio iuraverunt corporaliter ad sancta dei evangelia 
omnia et singula diligenter et fideliter agere, que ad officium talium per- 
tinent sindicomm. 

Ego Christoforus filius domini Johannis de Dosso imperial! auctori- 
tate notarius hiis interfui et rogatus scripsi. 

» A. 

6. 

Verzeichnis der von Eselin von Campo, Vicar des Markgrafen 

Ludioig von Brandenbtirg, abgehaltenen Gerichtstage. Trient, 1355 

März 3 bis September 7. 

Orig. Perg. In dorso von H. d. 14. Jahrb.: Ferie Scripte per Desideratum 
notarium. Von anderer H.: Aufzaichnns der tag daran man nit recht helt 
zu Triend genant ferie 1366 und Signatar: C. 3 Nr. 33, Wien, Staatsarchiv, 
Regest Dominez, Regesto crunologico 902. Auszug Alberti, Annali del prin- 
cipato di Trento 248. 

S. In Christi nomine amen. Anno eiusdem nativitatis millesimo III® 
quinquagesimo quinto, indicione VIII% die martis tercio mensis marcii, 
Tridenti in episcopali palacio, presentibus discretis viris Yalariano notario 
condam domini Leonis^ Bonaventura notario condam domini Abriani, Ogna- 
beno notario condam ser Adelperii aurificis, Petro condam domini Fran- 
cisci de Clexio, Francisco notaiio filio magistri Martini de Avolano, et 
Tibaldo notario de Campo omnibus civibus Tridentinis et aliis testibus. 
Ibidem honorabilis et sapiens vir dominus Ecelinus notarius de Campo 
civis Tridentinus vicarius et ius redens in civitate et curia Tridentina 
pro illustri et magnifico principe domino Lodoyco Brandenburgensi mar- 
chione Karintie duce Tirollis et Goricie comite et ecclesie Tridentine 
defensore et advocato publice ad banchum redit ius. 

Item die mercurii Iin^^ marcii publice redit ius. 

Item die iovis V. marcii redit ins. 

Item die veneris VI. marcii redit ius. 

Item die sabati YII. marcii redit ius. 

Item die lune Villi, marcii redit ius. 



225 

Item die martis X. marcii redit las. 

Item die mercnrii XI. maicii redit ius. 

Item die ioYis XII. marcii redit ias. 

Item die veneris XUI. marcii redit ias. 

Item die sabati Xnil. marcii redit ias. 

Item die lone XYI. marcii redit ias. 

Item die martis XVII. marcii redit ius. 

Item die mercorii XVm. marcii redit ias. 

Item die ioyis XYIUI. marcii redit ias. 

Item die veneris XX. marcii redit ias. 

Item die sabati XXI. marcii redit ius. 

Item die lune XXIII. marcii redit ius. 

Item die martis XXIIII. marcii redit ius. 

Item die mercurii XXV. marcii non redit ius propter festum annun- 
ciacionis beate virginis Maiie. 

Item die iovis XXYI. maixii redit ius. 

Item die veneris XXVII. marcii redit ius. 

Item die sabati XXYIII. marcii redit ius et locavit terminos omnes 
et singulos hinc ad diem lune proxime ventui-am post octavam resurecio- 
nis domini nostri Jesu Christi. 

Item die lune Xni. aprilis redit ius. 

Item die martis Xim. aprilis redit ius. 

Item die mercurii XV. aprilis redit ius. 

Item die iovis XYI. aprilis non redit ius propter eo, quia ipse do- 
minus vicarius impeditus fuit cum domino capitanio de Castro. 

Item die veneris XYII. aprilis redit ius. 

Item die sabati XYIII. aprilis redit ius. 

Item die lune XX. aprilis redit ius. 

Item die maiüs XXI. aprilis redit ius. 

Item die mercurii XXII. aprilis redit ius. 

Item die iovis XXUI. aprilis non redit ius, quia celebratum fuit 
festum sancti Georgii. 

Item die veneris XXIIII. aprilis non redit ius, quia celebratum fuit 
festam sancti Georgii. 

Item die sabati XXY. aprilis non redit ius propter festum sancti 
Marchi evangeliste. 

Item die lune XXYII. aprilis redit ius. 

Item die martis XXYIII. aprilis redit ius et locavit terminos omnes 
hinc ad diem lune proxime venturam propter festum sancti Petri Mai'tiris, 
quod eiit cras, et propter kalendas madii. 

Archir. XCII. Band. I. H&lfto. 15 



226 

Item die lune IIII^ madii redit ins. 

Item die martis V. madii redit ius. 

Item die mercurii VI. madii non redit ius propter festum sancti 
Johannis ante portam Latinam. 

Item die iovis YII. madii redit iuB. 

Item die veneris VIII. madii redit ius. 

Item die sabati Villi, madii redit ius et locavit terminos omnes 
liinc ad diem veneris proxime propter procesionem crucium et festum 
asensionis^ domini nostri Jesu Christi« quod erit die iovis proxime. 

Item die veneris XV. madii redit ius. 

Item die sabati XVI. madii redit ius. 

Item die lune XVIII. madii redit ius. 

Item die martis XVIIII. madii redit ius. 

Item die mercurii XX. madii redit ius. 

Item die iovis XXI. madii redit ius. 

Item die veneris XXII. madii redit ius. 

Item die sabati XXIII. madii redit ius et locavit omnes terminos 
hinc ad diem mercurii proxime venturam propter pentecostens.^ 

Item die mercurii XXVII. madii redit ius. 

Item die iovis XXVIII. madii redit ius. 

Item die veneris XX Villi, madii non redit ius propter festum sancto- 
rum Sisini, Martirii et Alexandri. 

Item die sabati penultimo madii redit ius, et locavit terminos hinc 
ad diem mercurii propter kalendas mensis iunii. 

Item die mercurii tercio iunii redit ius et locavit terminos hinc ad 
diem lune proxime venturam ad octo dies. 

Item die lune XV. iunii non redit ius propter messem et locavit et 
reseiTavit terminos omnes eodem modo et forma ut nunc erant hinc ad 
diem lune proxime predicta de causa. 

Item die lune XXII. iunii non redit ius et locavit et reservavit ter- 
minos omnes hinc ad diem iovis proxime propter messem. 

Item die iovis XXV. iunii non redit ius propter mercatum sancti 
Johannis Baptiste. 

Item die veneris XXVI. iunii non redit ius propter festum sancti 
Vigilii. 

Item die sabati XXVII. iunii redit ius et locavit terminos hinc ad 
diem veneris proxime propter festum sanctorum Petri et PauUi, quod 
erit die lune proxime, et propter kalendas mensis iullii. 

Item die veneris III. iullii redit ius. 



227 

Item die sabati IIII. iullii non redit ius propter festnm sancti Odorici. 

Item die Inne VI. iullii redit ins. 

Item die martis Vn. iullii redit ius. 

Item die mercurii VIII. iullii redit ius. 

Item die iovis Vini. iullii redit ius. 

Item die veneris X. iullii non redit ius propter festum septem 
fratmm. 

Item die sabati XI. iullii redit ius et locavit terminos binc ad diem 
martis proxime propter festum sancte Margarite, quod erit die lune 
proxime. 

Item die martis Xmi. iullii redit ius. 

Item die mercurii XV. iullii redit ius. 

Item die iovis XVI. iullii redit ius. 

Item die veneris XVII. iullii redit ius. 

Item die sabati XVIII. iullii redit ius. 

Item die lune XX. iullii redit ius et locavit terminos binc ad diem 
iovis proxime propter festum sancti Danielis, quod erit cras, et festum 
sancte Marie Magdalene, quod erit die mercurii proxime. 

Item die iovis XXm. iullii redit ius. 

Item die veneris XXIIII. iullii redit ius. 

Item die sabati XXV. iullii non redit ius propter festum sanctorum 
Christofori et Jacobi. 

Item die lune XXVn. iullii redit ins. 

Item die martis XXVUI. iullii redit ius. 

Item die mercurii XXVIIII. iullii redit ius. 

Item die iovis penultimo iullii redit ius et locavit terminos hinc ad 
diem lune proxime propter kalendas Augnsti. 

Item die lune tercio augusti non redit ius et locavit terminos hinc 
ad diem iovis proxime propter procesionem crucium. 

Item die iovis VI. augusti redit ius. 

Item die veneris VII. augusti non redit ius propter festnm sancti 
Donati. 

Item die sabati VUI. augusti redit ius. 

Item die lune X. augusti non redit ius propter festum sancti 
Lanrencii. 

Item die martis XI. augusti non redit ins eo, quia Simonetus filius 
Johannis de Bosentino suspenssus^ fuit, et quia cives iverunt ad destruen- 
düm domum de Megnago. 

Item die mercurii XII. augusti non redit ius, quia cives steterunt 
ad destmendum domum de Megnago. 

16* 



228 

Item die iovis XIII. augnsti non redit ins predicta de causa. 

Item die veneris Xim. augusti non redit las predicta de causa. 

Item die sabati XY . augusti non redit ius propter festum beate Marie. 

Item die lune XVII. augusti redit ius. 

Item die martis XYIII. augusti redit ius. 

Item die mercurii XYIIII. augusti non redit ius propter festum 
sancti Lodoyci. 

Item die iovis XX. augusti redit ius. 

Item die veneris XXI. augusti redit ius. 

Item die sabati XXII. augusti redit ius. 

Item die lune XXIIII. augusti non redit ius propter festum sancti 
Bartholamei. 

Item die martis XXY. augusti redit ius. 

Item die mercurii XXYI. augusti redit ius. 

Item die iovis XXYII. augusti non redit ius propter eo, quia ipse 
dominus vicarius equitavit extra civitatem, et locavit terminos omnes hinc 
ad diem iovis proxime propter festum sancti Augustini, quod erit cras, et 
festum decolacionis sancti Johannis, quod erit die sabati proxime, et ka- 
lendas mensis septembris. 

Item die iovis in. septembris non redit ius eo, quia ipse dominus 
vicarius equitavit cum domino capitanio ^anibanam pro questione ilorum^ 
de Fayo et de Me9io. 

Item die veneris Uli. septembris redit ius. 

Item die sabati Y. septembris redit ius. 

Item die lune YII. septembris ante tercias redit ius et locavit ter- 
minos hinc ad octavam sancti Michaellis propter vindemias. 

Ego Desideratus condam ser Semperboni de AUa civis Tridentinus 
publicus imperialli auctoritate notaiius hiis omnibus interfui et rogatus 
scripsi et in hanc publicam formam redegi. 



7. 

Bischof Johann Hinderbach erlässt an Paul de Oriano von 

Brescia, Podestä von Trient, eine ErJdärung über die Geltung 

getilgter Capitel im Statutencodex, Trient, 1484 August 4, 

Lehensregister des Bischofs Johann, Capsa 22, Nr. 7, f. 386'. Innsbruck, 

Statthaltereiarchiv. 

Johannes dei gratia episcopus Tridentinus honorabili et egregio 
fideli nostro dilecto Paulo de Oriano de Brixia utriusque iuris doctori 



229 

potestati civitatis nostre Tridentine ac districtus eiasdem graciam nostmm 
et omne bonnm. iBtelleximns nonnulla statuta quondam predecessorum 
nostroram tarn in civilibüs quam criminalibns cansis in volamine statn- 
tomm abrasa et cancellata esse et nonnnllas addiciones et glosas in eisdem 
factas, prent ex dictoi*nm statutonim exhibicione evidenter vidimus atque 
cognoyimns. Cnm tarnen ignoretur, qnis hainsmodi cancellaciones fecerit 
aut si nostra predecessoromye nostrorum aactoritate facte sint yel ne, 
snper qnibns non immerito nos dnxisti consulendos, quid tibi agendnm 
sit in buinsmodi causis, in quibos dicta statuta cancellata aut abrasa 
reperiuntnr, an dictas cancellaciones aut abrasiones pro legittime factis 
habere et tenere debeas in iudicando, nos itaque participato consilio ca- 
pitanei nostri et aliorum fidelium nostrorum consultacioni tue satisfacere 
ac iurisdictioni et superioritati nostre in hoc providere volentes tenore 
presentium decernimus statuimus et declaramus, dictas cancellationes et 
rasoras, quas in dicto yolumine statntorum sive civilium sive criminalinm 
causam m factas compereris, easdem in concernentibus preiudicium iurium 
superioritatis et iurisdictionis nostre pro infectis cassis et invalidis habere 
et tenere debeas. In hiis quoque que tendunt ad delictorum punicionem 
Tel penaiiim incursarum condempnacionem aut iurisdictionis nostre tibi 
commisse fayorem et augmentum pro yalidis et non ^ cancellatis tenere et 
observare debeas perinde, ac si de nostro aut predecessorum nostrorum 
coDsensu yel mandato cancellari aut aboleri mandassemus, tibi mandantes 
nt hanc nostram declaracionem et decretum tu ac tui in officio successores 
inviolabiliter observetis ac firmiter observari faciatis presentemque de- 
clai-acionem nosti-am ac litteras nostras in libro statutorum per manus 
notariorum in officio nostro maleficiorum deserviencium atque iuratorum 
conscribi facias ac registrari cum signis ac subscripcione eorundem, ita 
Qt in futurum a nuUo in dubium de illorum yaliditate aut invaliditate 
possit reyocari, donec aliud a nobis aut successoribus nostris habueritis 
in mandatis ant in reformacione dictorum statutorum aliter duxerimus 
statuendum. Datum Tridenti in Castro nostro Boniconsilii, die quarta 
mensis augusti, anno domini millesimo quadringentesimo octoagesimo 
qnarto, nostro sub sigillo. 

^ üeber der Zeile nachgetragen. 



230 



8. 



Denkschrift des Griampietro Gandini von Brescia, Podestäs von 
Trienty über die Reform der Statuten. 1485, 

Orig. Drei Aufzeichnungen yon derselben Hand. Papier. In dorso der ersten: 

Reverendissimo domino suo etc. und ein Ringsiegel aufgedrückt. Innsbruck, 

Statthaltereiarchiv, Capsa 3, Nr. 94. 

Jesus. Memorialo eoiTim, quo refformanda sunt per reverendissi- 
mum dominum episcopum Tridentinum etc. 1485. 

Et primo, quod quo ad ordinem procedendi in causis serventur sta- 
tuta Trid entin a ad unguem nee possit dominus potestas illis contravenire 
nulla consuetudine obstante sub pena 4 Raynensium pro qualibet vice, 
qua contravenerit, et quam penam ipso iure incuri-at dominus potestas 
sibi rettinendam de suis salariis et camere reverendissimi domini appli- 
candam, et actus sit nullus etc. 

Item teneatur dominus potestas sedere quibuscumque diebus a Sta- 
tute prefixis, et si steterit per ipsum quod non sederit et ius non reddi- 
derit, pro qualibet vice multetur et punietur in Raynenses 4, quam penam 
incurrat ipso facto ut supra fuit dictum, applicandam ut supra. Exci- 
piatur tantum casus infirmitatis, absentie pro republica, pro ^ domino aut 
aliud iustum impedimentum et reppentinum pro bono publice, arbiti-io 
semper reverendissimi domini Tridentini. 

Item^ teneatur dominus potestas post publicatum processum inter 
ipsas partes infra XII dies super ipso processu publicato suam sentenciam 
ferro vel illico incui-rat penam Raynensium sex pro qualibet vice. Tenean- 
tur tamen domini procui*atores infra dictos Xu dies ipsum dominum po- 
testatem de processu cause ^ bene^ informare ad omne eius requisitum, 
alias pronuntiando et male non teneatur in syndicatu suo, cum ipsomm 
culpa procuratoi-um illud accidat. Nam causas coi-am ipso potestate in- 
formare nollunt et factum deducere, quod necessarium est ad veritatis 
prescutationem, igitur. 

Item provideatur et statuatur, quod dominus potestas possit cogere 
procuratores aut illum ex procuratoribus qni sibi videbitur, ut assummat 
offitium procurationis pro aliquo, qui procuratorem habere aut invenire 
non potest; et hoc sub pena 100 libraiTim, quam ipso iure incurrat talis 
procurator, qui onus procuratoris sine iusta causa recusaverit. Et de 
causa iusta vel iniusta stetur arbitrio domini potestatis nulla appelatione 
interposita. Que pena applicetur camere reverendissimi domini et illam 



231 

de facto dominns potestas teneatur exigere, alias de sno salario satisfacet 
ipsi reyerendissimo domino. 

Contra notarios. 

Teneantnr domini notarii et procni-atores acta et instrumenta 
extensa petentibns dare secnndum formam statntomm civitatis Tridenti 
et infra tempns ab ipso statato prefixum sub pena 2 libramm pro quali- 
bet rice, qna contrafactum faerit; caius pene dimidietas applicetur camere 
reverendissimi domini, alia pai-ti lese et petenti acta sen insti-umentum; 
et teneatur etiam ipse notarius aut procorator acta et instimmenta inlatio- 
nis exibere parti etc. Et casu quo pars incorrisset aliquam penam aut 
aliquod preinditium, quod excederet summam XXY librarum sibi per penam 
obventamm, teneatur prefatus notarius omne suum damnum et interesse 
parti resarcire in eo, quod excedat illarum XXY [summam]^ librarum. 

Item si notarius aut procurator perderet aliquod instrumentum 
testium yel aliquem actum iuditialem, pai-ti teneatur ipse notarius ad 
totale interesse et damnum ipsius partis et illud sibi de suo emendare et 
resarcire, arbiti*andum tamen ipsum damnum per duos bonos viros et ex- 
pertes, quos dominus potestas ellegerit et nominaverit, omni appelatione 
remota. 

Item si notarius vel procurator non produxerit acta duplicata vel 
instrumenta^ ad causam spectantia infra tempus a statuto prefixum, actus 
ille sit nullus et tamen dominus potestas prosequatur in causa et prefatus 
notarius aut procurator teneatur parti lese ad omne eius interesse et ex- 
pensas arbiti-andum et arbitrandas per duos probos viros, quos dominus 
potestas ellegerit aut nominaverit omni appelatione remota^ ab ipso no- 
tario aut procuratore, qui faerit a prefatis duobus viris® condemnatus. 

Et bene notet reverendissimus dominus, quod omnia ista tacite 
erant provisa per statutum, quo disponitur, quod nullus creari possit no- 
tarius, nisi tantum in bonis babeat, ad hoc, ut si alicui ex suo officio dam- 
num aliquod intulerit, illud sibi resarcire possit et teneatur etc. 

Yltimo reverendissimus dominus meus iustissimus faciat, quod sta- 
tuta Tridentina vendicent sibi locum. Tamen si aliqua ex bis iudigent 
declaratione aut suppletione, sua reverendissima dominatio sit illa, que 
declaret et supplerit, corrigat et emendet sola, habito tamen prius cum 
suis bonis consiliaiiis colloquio, et dominatio sua clementissima procuret 
et vigilet veram pacem et quietem subditorum suorum, que vero procura- 
tur absque dubio data iustitia. Et in boc differt rectus et verus dominus 
a tyranno, utputem dicere Bartolum in suo tractatu quem facit de tyranno,^ 
et in alio suo tractatu de regimine civium ^^ et sanctus Thomas de Acquino 
in secunda secunde, questione XLII, articulo n^ in fine,^^ quem pulcre 



232 

refert et sequitur lumen iuris civilis Bartolus in suo tractatu de Gelphis et 
Gibellinis in IIII colamna, in versa : pro hoc indnco Thomam de Acquino etc. ^* 

Supplebit tarnen reverendissimus dominns mens sna solita prüden tia. 
Cui me snmme commendo et qnem divina mayestas ad longnm et ad vota 
conservet. 

Potestas Tridentinns minimns etc. 

Jesus: ^^ Item reverendissime domine notarii non dent orriginalia 
matrices et prothocolla sua alicui nee extra domum eorum defferant, set 
extendant^^ instrumenta petentibus aut copiam matricnm dent cum eorum 
subscriptione. Et hoc ne perdantur ut chotidie fit, et si confecerint, qnod 
prothocolla et matrices concesserint aut portaverint extra domum eorum, 
cadant in penam 2 librarum^^ camere reverendissimi ipso iure appli- 
candarum. Et si illa perdiderint, ultra penam ipsam teneantur parti ad 
omne eins Interesse, ut supra fuit notatnm in aliis capitulis. 

Item pro expeditione cansamm in instantia appellationis declaretur, 
quod illi dies, qnibus iudex non sedet, tamen in causa appelationis pro- 
cedientis computentur intra illos LX dies a statuto prefixos in instantia 
appellationis, cuius contrarium servatur per quandam corraptellam non 
autem iurldicam consuetudinem, et finis consuetudinis est, ut res in longnm 
protrahatur. 

Potestas Tridentinus minimus subscripsi. 

Memoriale^^ contra notarios. 

Becusant accipere onus procuratoris pro oppressis etc. 

Nolunt rogitus instrumentorum extendere. 

Nolunt acta iudicialia exibere. 

Instrumenta et acta publica sibi data perdunt aut fingunt perdidisse. 

Item prothocolla et oiTiginalia et matrices exibent, que postea per- 
dunt, et pauperes omnia bona sua amittunt. 

Et omnes reverendissime domine sunt in istis erroribns nee nolunt 
corrigi et eis pluries aclamavi, attamen etc. 

Et ideo ego potestas pro honore vestre reverendissime dominationis 
et pro pauperibus civibus supplico, ut dominatio vestra reverendissima 
dignetur providere contra et adversus hos notarios et privare ipsos offitio 
notariatus, cum legaliter illud non exerceant, jmo cum omni tyeranide^^ 
et ininstitia et cum oppresione^^ civitatis et civium et rusticorum. 

Et reverendissime domine omnia ista sunt vera et in eorum faciem 
sepius per me adducta, igitur etc. 

^ pro domino am Rande nachgetragen, ' Dieser Absaiz tat getilgt und 
dazu am Rande bemerkt vacat (?). Die ursprüngliche Hand schrieb an den 
Rand: Nota hoc capitulum diligenter. ' Folgt gefügt ipsum ipsam. 



233 

* bene auf Haawr, " Zu ergänzen, fehlt A. • instrumenta — spectantia tan 
Bande naehgetnigen, ^ Folgt getilgt per. * Folgt getilgt damnato. ^Trac- 
tatu8 de tyrannia gedr. in Ausgabe: Bartolos super tribus libris codicis cum 
nonnullis apostlllis u. s, vj, Consilia questiones et tractatus Lugduni 1515. 
" De regimine civitatis § 4 — 6, a. a. O,, f. HS. ** Thomas von Aquino, 
Summa tbeologiae secunda pars secundae partis, quaestio 42, articulus II: 
Ad tercinm dicendum, quod reg^men tyrannicum non est iustum, quia non 
ordinatur ad bonum commune, set ad bonum privatum regentis .... et ideo 
perturbatio huius regiminis non habet rationem seditionis. ^' De gelphis 
et gibellinis § 10, a. a. O., f. 118\ " Zweite Auf Zeichnung. ** eztendant 
instrumenta nachgetragen Ober getilgtem extendant. ^^ corr. aut oppressores. 
" Dritte Aufzeichnung. " A. 

9. 

Beschwerde der Trienter Unterthanen über einzelne Bestimmungen 
der Statuten und Uehergriffe der Bürger. 1488 — 1491. 

Aufzeichnung von einer Hand aub dem Ende des 15. Jahrhunderts. Papier. 
Innsbruck, i^tatthaltereiarchiv, Capsa 3, Nr. 94. Die Datierung ergibt sich 
aas der Angabe des Bischofs Johann Hinderbach als Vorgänger des Bischofs, 
an den die Beschwerde gerichtet ist. Bischof Ulrich IH. wurde gewählt 
1486 September 30, nahm aber erst 1488 August 7 Besitz von seiner Kirche. 
Diese Beschwerde hängt zweifelsohne mit denen der deutschen zusammen. 
Die Beschwerdeführer sind die Bewohner des Districtes von Trient. Im ersten 
Absatz ist A 3, c. 41, im dritten A 3, c. 95 angezogen. 

Hochwierdiger fui'st gnadiger hen*. 

Wir armen e. f. g. nntertan ausser and inner seind warlicb pericht, 
wie die stattnt zu Botzen von Tryent alle ordong seie, in der aigendlich 
gefanden werde, was von auswendigen gerichten land stett oder gegendt 
in die stadt zu yerkauffen gefuert wirdt, sol kein purger im gericht oder 
insass kanffen, sunder an offen platz oder kauf haus komen lassen; und 
wer der ist, der am ersten den kauff macht, dem soll der messer messen 
als er gesworen hatt und * dergleich der weger wegen, und das erst ster, 
es sei traid saltz smaltz alle essend nai'ung, dem so den kauft hat geben, 
und wer zuekumpt von gesessen stadt und gerichtslaütten, soll er dar- 
nach jedem ob er sein tarf als vill in dem gelt geben; und hat der erst 
kauffer nit mer vorteill, dann das erst ster oder das erst pfund bei der 
pen V pfund und der hab. 

Item was aber ein gessessen oder gerichtsman kauft und bestelt 
ausser des' stat und des gericht, so zu der stadt diendt, warlich das mag 
man im in sein haus fueren und wol ausmessen. 



234 

Item kauft ein purger oder ander ein vass saltz nnd wierdt im in 
seinem haus nidergelegt, so maess ers offendlich den gerichtsfronpoten 
lassen messen, und wer zuekumpt, muess er mit lassen in obgeschriben 
mass pei der obgeschriben pen. Kompt aber niemant in der zeit, so wierdt 
im das alles. 

Item dergleich öll mit der gantzen halben und gelten 511 in dem 
obgeschriben meinung und kauf und der egenant pen. 

Darauf peswären sich gemeiner man, wann einer käs smaltz oder 
sölchs pei klein will haben zu schneiden den käs das smalz den ziger nnd 
dergleich, so ist das verpotten und sagen, das gehör ine nit zue, sunder 
den lädlern, das ein gemeiner schad und nur aygner nutz ist. 

Peswären sich auch, das ine soll verpotten sein wein und^ salcz 
körn und der gleich zu notturffc sein selbs haushaben und nit zu furkauf 
umb wein nemen oder andern wert. 

Weitter g. h. so ist ein mergtlich peswärd, das die meisten purger 
vill schaff und gais und ander vich haben und lassen das durch ir hirten 
in unser gemeinen zinsgüetter oder aigne ägkern glasuren gen und 
schaden thuen und ist vor auch solch peswär fürkomen für e. f. g. vordem 
hern Johans des loblichen gedachtnüs der ursach, das in kurtzen jaren 
durch ir hirten, so lantzen und partesän und ander weer getragen und 
einer sy in sein güetten fnnden und wellen weren oder pfentten, sind 
im todschleg durch ir hirtten peschehen, darauf e. f. g. vordrer ein sen- 
tentz geben, das chein petscher' oder hirt soll cheinerlei wer oder waffen 
änderst, dann einen hirtstab tragen. Wo aber das mer peschäch, soll die 
pen XXV denar sein. Würde aber einer leiblös und würde pegriffen, soll 
er gericht werden und sein guet verfallen. Gestatt im aber sein herr 
Waffen zu tragen und wiert nit pegriffen, so soll sein herr das püessen 
als ursacher und herr des knecht und verfallen sein ein mergklich summa, 
die e. f. g. wol erkunden mag in e. f. g. kantzlei, und das vich. 

Weitter g. h. so haben zu zeitten die hern in der pestelencz und 
anderer zeit hofstett und hütten paudt in den gemein veldern und nu die 
hinlassen umb zins und aignen ine die zue, das wyder alle pyliigkayt ist. 
Hoffen e. f. g. thue das abschaffen pei einer pen unablaslich zu nemen, 
der wierdt auch mit seiner verpott in der obgenannt sententzt gefunden, 
wann dadurch uns pei verspertten törn steghen holcz und nicht in unsem 
guettern pleibt. 

* und — wegen am Rande nacJigetragen. ' A. Für üdiienUch 

pescatore. 



235 



10. 



Bescheid Bischof Ulrichs HL auf die Beschwerden der Deutschen 
ur^ die Denkschrift des Podestäs Gandini, 1490, 

Concept mit vielen Correcturen. Papier. Innsbruck, Statthaltereiarchiv, 
Capsa 3, Nr. 94. Die Artikel, die hier angezogen werden, sind die der Bo- 
sch werdescbrift der Deutschen, Patigler, Zeitschr. d. Ferd. III, 28, 80 f. Die 
Datierung ergibt sich aus dem Hinweise auf die Entschliessung über die 
Notariatstaxen, über welche 1490 November 24 verhandelt wurde. 

Super ^ primo aiücullo de redditione racionum quaiiimcumque 
expensai'um factarom per ipsos procuratores seu alios quoscumque offi- 
tiales consules^ civitatis seu communitatis nomine ad hoc^ deputatos 
placet,^ quod isti tales ofßtiales quicumque aliquid nomine communitatis 
recipientes vel exponentes racionem facere teneantur et obligati sint atque 
cum efifectu faciant,^ quum ipsi deponuntui* seu mutantui* et alii in ipsonim 
locum deputantur, antequam isti sie de novo electi iurarunt et ipsi abso- 
luti sint, infra octo dies® in presentia consulum de novo electorum, qui- 
bus consulibus adiungantur octo ydonei de comunitate tempore ^ quo eli- 
guntur novi consules per quateria civitatis deputatos, ita quod ex qno- 
libet quarterio ellgantur duo sive sint Itali sive Germani, ita tamen quod 
ad minus inter prefatos octo sint duo Germani. Et hoc dumodo agitur de 
proventibus redditibus seu expensis civitatis dumtaxat seu de collecta im- 
ponenda ipsi civitati aut aliqno edifitio faciendo de novo vel reparando 
veteri. Si vero agitur etiam^ de interesse villarum plebium seu communi- 
tatum in districtu nostro Tridentino ultra et^ citra Athesim existentium, 
eligantur^^ quatuor^* et® duo sindici videlicet pro communitate,^* qui 
tandem etiam ad redditionem rationum sui^^ interesse cum aliis supra- 



* Vor€m, getagt: In Christi nomine amen. Anno etc. ind. die etc. pre- 
sentibus venerabilibus viris domino Georgio notario etc. et aliis. Ibidem coram 
reverendissimo etc. constitute fuerunt partes infrascripte videlicet. Quoniamvero 
inter ipsas partes iam diu versa sit lis etc. nt iam in exordio Alexandre etc. 
etc. Super — de am Bande von H. /*» ßir getilgtes Nos Vdalricus de primo 
super primo articulo de. ' Am Rande nachgetragen. ' Folgt getilgt per 
consules. * Nachgetragen anstatt getilgtem volumus arbitramur. • Folgt 
getilgt vel circha festum nativitatis Christi. ^ Folgt getilgt indiferenter. 
' tempore — consules am Rande nachgetragen. Folgt getilgt primo. " Ueber 
der ZeHe nachgetragen. • et citra am Bande nachgetragen. *° Nach- 
getragen über getilgtem illo iam est. ** Folgt getilgt eligantur. " Folgt 
getilgt sive sint Alemanni sive Itali. ^ sui — supradictis am Bande nach- 
getragen. 



236 

dictis Yocentur inxta formam sententie alias per predecessorem nostrum 
Alexandrum felicis recordationis late, quem libris statutomm civitatis 
nostre Tridenti^ inseri^ iubemus,^ prout etiam in ipsa^ expresse deman- 
dator. Et qui nno anno sie ut prefertur electi sunt, ipsum*^ annnm per- 
ficiant, alio vero^ anno alii deputentur. Qui si electi non erunt,' veteres 
illorum defectnm suppleant et iuxta predicta faciant,^ electores tarnen sen 
querteria^ arbitrio nostro aut successorum *^ nisi causa legittima cur hoc 
factum non sit aut^^ cur veteres non appröbaverint puniendi. Verum 
quo illud facilins manuteneri et stabile esse possit, volumus ^^ ut nomine 
superioritatis aliquis, qui nobis aut successoribus nostris adhuc gratus 
sive ydoneus videbitur, per nos deputetur et^^ adsit. Que" quidem ratio, 
si negligentia prefatorum consulum seu offitialum, qui eam reddere debent, 
facta non fuerit, sed culpabiles reperti ^^ penam quingentorum ducatorum 
camere episcopali irremissibiliter^^ aplicandorum incurrant de facto. 
Qui sie ut prefertur ad rationem aceptandam de^' proximo electi iurent 
offitii sui fidelem administrationem, ut de presentibus et preteritis qui- 
buscumque eam facere debentibus nomine excepto recipiant exigant et 
si necesse fuerit auctontate nostra compellant, a quibus quidem preteritis 
oficialibus si reddita non fuerit, eandem penam de qua supra facta est 
[mentio]' incurrant. Talis tarnen fiat ratio, ut nulla partium se gravatam 
vel deceptam iure dicere possint. 

Item^^ eligantur et electi iurent et deinde per quindecim debent 
reddere rationem aliqua sub poena. 

Super secundo articulo de eligendis consulibus est determinatum, 
ut^* consules civitatis ad quos ex forma statutorum ac longa consnetudine 
electio ipsorum pertinebat, illos iterum suo tempore consueto*^ eligant, 
videlicet Septem sive** sint Germani sive Itali idoneos tamen iuxta for- 
mam statutorum, quia non invenimus neque in statutis neque in privile- 



* Am Bande nachgetragen» ' Folgt getilgt volumus et presentibus 
mandamus. • Fehlt C. * Folgt getilgt ipsis. * ipsum annum unf^r illud 
nachgetragen, * vero anno unter der Zeile nachgetragen. Hand 2 schreibt 
darunter: Ratio describatur. ' Nachgetragen, aber getilgt seu antiqui apro- 
bati. ® Folgt getilgt et si tales admitti. • Folgt getügt pena arbitraria 
episcopi. ^^ Folgt getilgt puniendi. ** aut — approbayerint von derselben 

Hand am Rande nachgetragen. *' Folgt getilgt ut aliquis et s 

*' Folgt getilgt addatur. ** Am Bande von dertdben Hand quid si negli- 
gentia eonim qui eam recipere debenti ** Folgt getügt fuerint. " Folgt 
getilgt exigendorum. *^ de proximo am Bands von dersdben Hand nach- 
getragen. *• Item-poena von Hand 2 nachgetragen. *• consules civitatis 
von Hand 2 über getilgtem hü nachgetragen, '^ lieber der ZeHe nach- 

getragen. ** sive — Itali am Bands von Hand 1 nachgetragen. 



237 

giis taxatnm numeram Germanorum vel Italomm eligendomm in consules, 
sed sit liberrima electio consulum^ secundum formam prefatorum statn- 
toi-uiD priyilegionim^ [in] Germanos vel Italos nonobstantibus consuetudini- 
bus quibuscumque in contrarium facientibus,' sie tarnen nt isti hoc modo 
electi bona racione et antiqua consnetudine nobis anteqnam iurent, defe- 
rantur, quos probare vel reprobare prout* consuetum est huc usque intro- 
dnctnm, poterimus. Et ii officiales seu consoles postquam compleverint 
officium suum ad idem, nisi finito triennio non reassumentar. 

3. Consilium concladitur.^ Super tercio articnlo, ubi petitum fuit 
quatuor de consilio concludere quicquam non debere, consultum et deter- 
minatnm est, quod eligantur Septem ® ad consilinm, tunc si insta de causa, 
videlicet^ infirmitate yel alla, omnes interesse non possent,^ tunc^ quin- 
que ipsornm quicunque sint^^ interesse debent, ratum firmumque sit, 
quicquid per illos quinque vel Septem determinatum fuerit" aut conclu- 
sum et hoc in levioiibus. In gravioribus vero seu arduis causis voce et 
campana omnes convocentur ut moris est^' rei publice causa, ut'^ puta 
in gravioribus; congruum^^ est, tum quando expedit, ut habeatur et re- 
quiratur consilium nostimm aut sucessorum. 

4. Officiales. ^^ Super quarto articulo de eligendis sindicis procura- 
toribus et aliis officialibus civitatis concluditur, quod huiusmodi^^ officia- 
les eligendi sunt per ipsos consules prout observatum est, et quem ad- 
modum Germani assumuntur ^"^ ad consulatum et racionem accipiendam, 
ita eciam ad alia officia civitatis nostre, dummodo ydonei et sufficientes 
reperiuntur. Et fiat talis electio non solum de doctoribus et notariis, sed 



* Am Bande für getügtes civium nachgetragen. ' Am Rande von 
Hand 2 ßir getilgte» eligere nachgetragen, • Folgt getilgt: Quibus in hac 
parte iasta causa moti derogare volumus. ^ prout — reassumentur van 

anderer ff and nachgetragen ßir getügtes ac alios in locum reprobatorum 
mnmere ad nostri arbitrium posslmns. Yel quod hü de quibus supra tempore 
quo supra eligant in consules cives Tridentinos novem vel Septem, inter quos 
semper sint ad minus duo Germani sufficientes et ydonei tamen non obstanti- 
bus quibuscumque etc. ut supra. ^ Consilium concluditur v<m Hand 1 am 
Rande beigefügt. • Folgt getilgt vel novem. ^ Nachgetragen über puta. 
• Folgt getilgt licet omnes vocati sint. • Folgt getilgt si elignntur Septem. 

" Folgt getilgt si vero novem Septem. ** Am Rande von derselben Hand 
aut maior pars eorum. ^' Folgt getilgt nihil tamen agatur. ^' Nach- 

getragen über getilgtem maxime. " congregatum — successorum von Hand 2 
ßir getügtes nisi nostro aut successorum nostrorum habito et requisito con- 
silio, von Hand i" am Rande: consilium in ea re. ^ 4. Officiales von 
Hand /" am Rande nachgetragen, *' huiusmodi — est et von Hand 1 am 
Rande nachgetragen, *' Folgt getilgt seu assummi debent. 



238 

eciam de aliis civibns^ ydoneis ut supra. Preterea divisio huiusmodi 
officiomm üat non inter paucos, sed inter plures', ut unitas pax et 
benignitas inter cives nostros senretur. 

Quiütus articulns de multitudine notariomm et procüratornm occnr- 
ret de ordine iudiciorum et infra in nono articnlo. 

Super sexto et septimo articulis de collectis impositis non facta ra- 
cione et de huiusmodi collectis inutiliter expositis conclusum est, quod 
de expositis reddatur racio iuxta formam traditam supra in primo ai*ticulo. 
De inutiliter vero expositis,* si qua talis administracio facta est, penam 
illius tollimus et revocamus. 

Super octavo articnlo racione salis concluditur, ut istud maneat 
apud communitatem^ seu apud eos, quibus commnnitas annuatim locat, 
prout hodie est, quoniam in eo tractatnr utilitas non privata set publica, 
dummodo tarnen servetur iustum pondus quai'te, debita mensura et equitas 
precii, sicuti taxatum est statuto consulum, et hoc ne nostri nimium 
graventur.^ Et quicquit communitas ex eo perceperit, de eo ratio redda- 
tur ut supra in primo articulo.^ 

Super nono articulo de multitudine notarionim et procuratonim et 
qui ipsorum admittendi sunt aut non, determinatum est, quod omnes 
sint admittendi Germani et^Itali iuxta tarnen formam statutorum de hoc 
loquencium. Et si Alemanus vel Italus iuxta formam statuti ydoneus 
repertus admissus non fuerit, potest coram nobis conqueri, cui providebi- 
mus. Bacione yero salarii notariomm et procuratorum provisionem facie- 
mus quantocicius, ut certus ordo et taxa ponatur et servetur, prout alibi 
servatur.® 

Super declmo articulo de pignoribus et pignoracionibus, quoniam 
statutum in ea re et de salariis camere et officialium disponit, illud obser- 
vetur; quod si transgi-ediatur, id nobis deferri potest, cui providebimus. 



* üeher getilgtem personis ncLchgetragen. * Fdgt getilgt nulla habiU 
dicta jdonearum personarum. ^ Nachgetragen über getilgtem administratis. 
* Dafür am Rande von Hand i" civitatem. * Von derselben Hand €tm 
Bande: Consilinm fiat. ® Am Rande von Hand 1, aber getilgt: ita tarnen 
ut illud quod civitas ex sale habere solet pro opera utilitate seu necessitate 
totius communitatis civitatis et forensium exponatur, quia cum forenses com- 
muuitates in hoc onus sentiunt, ita et lucrum seu commodum. Folgt getilgt: 
Ex parte vero illorum de Leuigio de hoc conquerencium nihil in hoc inno- 
vatur, quoniam ipsis liberum est hie aut alibi sal emere aut per se habere 
venale. ' Folgt getilgt ill. ® Folgt getilgt: Interea tarnen, ne homines 
nimium per ipsos notarios et procuratores graventur, ut solebatur, potestas 
noster taxam faciat debitam. 



239 

Super niidecimo de nonnullis statntis allegatis non extantibus aut 
correctis sen cancellatis concluditur, quod si quis aliqaod statutum alle- 
gayerit, illnd eciam ostendat esse in libro statutorum ; statuta vero emen- 
data yel cancellata per nos videbuntur, emendabuntur et fiat provisio. 

Super duodecimo de collectis solvendis per consules, quoniam ipsi 
se dicunt esse obllgatos iuxta formam statutorum, illud observetur. Si 
qui yero non solverint, solvant aut racionem reddant. 

Super terciodecimo ^ articulo de bonis emptis per consules^ extra 
civitatem, de quibus collectam solvere nolunt, concluditur, quod cum extet 
statutum eins rei omnibus ciyibus nedum consullbus commune, illud 
observetur. Et si exteriores se in hoc gravatos senciunt, nihil ipsis civi- 
bus yendant, nisi prefato statuto renunctient. 

Super quartodecimo articulo de bannitis providebimus, cum tales 
nobis delati fuerint, ad quam quidem delacionem omnes indistincte tenen- 
tur pro sua fidelitate. 

Super quintodecimo articulo ex parte advenarum hie negociancium 
extat statutum, illud observetur. 

Super sextodecimo articulo de provisionatis providebimus ut supra 
in quartodecimo articulo. 

Super 17.^ articulo de yendicione rerum publicarum et de rebus 
publicis, quas nonnuUi sibi auctoritate propria yendicant, consultum, ut 
tales ^ denuncientur, et si tangit nostram superioritatem, id in futurum 
fieri non possit sine iusta causa et auctoritate et licentia nostra^ sub pena 
ementibus yendentibos seu alias alienantibus imponenda. 

Si qui yero ^ sunt, qui huiusmodi bona emerunt aut sibi propria auctori- 
tate yendicarunt, seu aliter quam fieri debet acquisiyerunt, huiusmodi bona 
sie empta edificata aut acquisita restituant relinquant aut destruant aut 
censum nobis solyant imponendum, nisi alind in contrarium ostendatur. 

Super ultimo articulo de ordine iudiciarie obseryando, ne partes 
nimium per dilationes yexentur, statuimus et ordinamus, quod incepto 
iuditio pai*tes^ habeant ad probandum intentionem suam in prima in- 
stantia^ XX dies utiles, et dicuntur utiles, quibus^ de iure municipali 
iudicis copia haberi possit, ut patet in statutis.^® Verum si pars altera 



* tercio nachgetmgen über getilgtem dno. * consules ncichgelragen 

über getilgtem cives. ' Ueber der Zeile Tiachgetrageru * tales — supe- 

rioritatem am Rande von Hand 1 nachgetragen. ^ Folgt getilgt ementibus. 

* Folgt getilgt sunt. Hand 1** bemerkt am Bande: Considerandum de ea re. 
' Nachgetragen Ober getilgtem partibns debeatur. * Folgt getilgt diem. 

• Folgt getilgt iudex. " Folgt getilgt Qoibus XX diebus utilibus ut prefer- 
tur elapsis dantur quatuor dies utiles ad publicandn. 



240 

ofert^ 86 velle reprobare ipsos testes prodactos per alios, tone si tales 
testes ad qoos se refert sint infra dioceslm nostram, habeat dies X con- 
tinnos ;' et dicnntur continm omnes dies carrentes, nisi sint ferie ad hono- 
rem dei sancionun vel atilitatem hominom introdncta, ut latins patet in 
statuto folio etc. qnaliter copia redatnr. Si vero hniasmodi testes sunt 
extra diocesim nostram Tridentinam, tone dabitor dies legalis, Yideiicet 
qnatuor miliaria Germanica aut 20 Italica pro die, qui dies etiam debent 
esse continui. Qoe' dilacio tarnen de plori committatur arbitrio domini 
potestatis. Et hoc sit in omnibns probationibus necessarüs. 

Qoibns diebns nt prefertnr elapsis dabuntur quatuor dies ntiles ad 
publicandum processom, deinde alii dies quatuor ntiles ad conclndendnm 
in causa. Qna conclusione ßusta potestas^ habeat XU dies continnos ad 
ferendam sentenciam,^ qui dies compntentnr a tempore presentationis 
processns, qni quidem processns^ presentetur potestati per partem ant 
eius procuratorem infra VI dies continuos arbitrio tarnen potestatis, si 
plures dandi essent, et si pars^ presentare^ potestati processum nt pre- 
fertur neglexerit, perempta sit instantia. Si vero presentaverit debito 
tempore nt prefertnr et^ steterit per potestatem quo minus ^^ s.ntencia 
sit lata infra tempns prefixum, tunc nisi potestas insta causa, puta infir- 
mitatis Tel alia per nos vel snccessores nostros arbitranda excusetnr, pena 
X Benensium irremisibiiiter exigendamm et camere nostre episcopali 
aplicandarum seu de salario suo retinendomm incnrrat ipso inre et^^ 
nihilominns ipse potestas teneatur ferro sentenciam requisitns sub eadem 
pena totiens quotiens negb'gens repertns fuerit. Si vero per partem in- 
stantia sit perempta, steterit. Et hoc in prima instantia causamm. In 
cansa vero appellationis ^^, nbi dicitnr in statuto, quod appellans habeat 
LX dies utiles a die prodncti libelli, sint dies continni, in aliis servetnr 
statutum. 

In causis vero in quibus proceditur summarie, de qnibus in statuto 
folio etc., nbi in statuto dicitnr de libris 25, ponantnr 50 et hoc in pro- 



' ofert se am Rande von Hand 1 nachgetragen. ' Von Hand 1 ad 
arbitrium. • Qae — necessarüs am Rande ntichgetragen, und zwar bis pote- 
statis von Hand 1, dann von Hand 2, * Nachgetragen über getilgtem index 
habere debet. ^ Von Hand 2 am Rande nachgetragen, aber neichher gelügt 

si eam pro de consilio. ^ Am Rande von Hand 1 nachgetragen, aher 

getagt cum informatione omni ad omnem eins requisitlonem, qoare alias 
potestas non teneatur in sindicatu de mala sentencia. ^ Folgt getügt in. 
• corr. aus presentando. • Folgt getügt spect. *° Folgt getügt dicta. 

** et — faerit am Rande von Hand 1 nachgetragen. ** Folgt getügt iudex 
illius habeat dies continuos 60 infra quos etc. ut in statuto. ubi — statutum 
am Rande von Hand 2 nachgetragen. 



241 

cedendo, appellare tarnen posse yolumns a 25 libris supra, infra vero mi- 
nime. Et dorn in statutis dicitnr de precepto in confessis foiio X capi- 
tolo 34, nbi fit mentio de diebns ntilibns, volamus, qnod isti dies sint 
continni modo qno snpra. Item dum in statutis ponitur de fideiussoribus 
conyeniendis folio etc., loco dierum utilium ponantur dies legales, videlicet 
20 miliaria Italica pro dieta. 

Item dum in statutis dicitur de copia duplicata tradenda folio 6 ru- 
brica 16, volnmus quod acta^ producantur in iuditio producantur* dupli- 
cata, prout ^ statutum disponit, ne nova oriatnr dilatio, prout in ipso Statute 
cayetnr expresse, alias ipse actus sit ipso iure nullus et tarnen potestas 
procedat in ipsa causa, ut illi finem imponat ut supra; et procurator 
teneatnr parti lese ad omne eins Interesse seu notarius arbitrandum 
ut supra. 

Item* Yolumus, quod quo ad ordinem procedendi in causis serrentur 
statuta Tridentina ad unguem nee posset potestas illis contravenire nuUa 
eonsuetndine tam^ preterita quam futura interveniente sub pena quatuor 
Benensinm pro qualibet vice qua contravenerit et quam penam ipso iure 
incurrat ipse potestas sibi retinendam de suis salariis et camere nostre 
episcopali applicandam et actus sit nullus, reservato^ nobis semper auc- 
toritate augendi et emendandi etc. 

Item Yolumus, quod potestas teneatur sedere quibuscumque diebus 
a statuto prefixis; et si steterit per ipsum, quod non sederit et ins non 
reddiderit, pro qualibet vice mulctetur et puniatur in Renenses quatuor, 
quam penam incurrat ipso facto aplicandam ut supra, nisi iusta causa, 
puta infirmitate absentia nostri intuitu aut rei publice causa seu alio iusto 
impedimento per nos arbitrando impediatur. 

De' procuratoribus. Item statuimus, quod potestas possit cogere 
procuratores aut illum ex procuratoribus qui sibi videbitur, ut assummat 
offitium procurationispro aliquo, qui procuratorem habere yel invenire non 
potest, et fiat talis coactio cum pena 25 florenorum ßenensium tociens® 
quociens neglexerit, quam ipso iure incurrat talis procurator, qui onus 
procurandi sine iusta causa recusayerit; et^ que sit^ iusta causa yel in- 
iusta stetur arbitrio potestatis nuUa appellatione interposita. Quam qui- 



^ acta prodacantor am Bande von Hand 2 nachgetragen, * K. ^ pront 
— disponit am Rande von Hand 2 nachgetragen, * Hand 1^ am Rande De 
potestate. ^ tarn — interveniente am Rande von Hand 2 nachgetragen, 
• reservato — emendandi etc. von Hand 1 am unteren Rande nachgetragen. 
' De procnratoribns von Hand Jf* am Rande nachgetragen. ■ tociens — ne- 
glexerit am Rande von Hand 1 Tmchgetragen. • Ueber der Zeüe nachgetragen. 
ArcluT. XCn. Bftnd. I. H&lfte. 16 



242 

dem penam^ illico potestas teneatur exigi facere per massarium nostram 
Tridenti. Quod si potestas non fecerit, resartiatur de suo salario, et que 
pena applicetur camere nostre episcopali. 

De notariis et extensa dare.' Item nbi in statuto dicitor, qood 
notarii teneantnr reqnisiti infra certum tempus instrumenta extendere 
folio 16 capitulo 62 et 63, addatur ad penam ibi positam X florenonun 
Benensium aplicandorum et exigendomm nt snpra et teneantnr parti lese 
ad interesse, quod quidem interesse potestas arbitrabitur et nihilominus 
exibere teneatur procurator parti. 

Item Yoiumus quod acta manualia^ yidelicet scribantur per nota- 
rios coram indice et^ non domi, set extensio domi fieri poterit poena de 
qua supra. 

Item Yolumus, quod notarius qui perdiderit aut^ fingit se perdidisse 
acta iuditiariatestamenta Velinstrumen ta seu alia acta publica sibi data aut 
de quibus fuerunt rogati, incnrrat^ penam 4 florenorum Benensium exi- 
gendomm et aplicandorum ut supra et teneatur parti ad totalem interesse 
et^ dampnum de facto emendandum et resarciendum, nisi casu, puta incen- 
dio ruina yel alio casu fortuito illa amisisset, quos casus tamen probare 
teneatur notarius. Et potestas ipse arbitretur interesse partis, si illud 
deducet pars, aut alios duos ydoneos^ et expertes ad arbitrandum deputet 
assertione remota. 

Item quod notarii tenentur scribere protocolla sua non in cedulis, 
set in libris deputatis ad hoc, ne ita de facili perdantur. Item in statutis 
folio 16 rubrica 61 addatur pena contrafacienti 14^ Benensium exigen- 
dorum et aplicandorum ut supra. 

Item Yolumus, quod notarii tenentur servare protocolla matrices seu 
originalia instrumentorum et aliorum actorum publicorum penes se nee 
illa dare pai-tibus vel aliis, preterquam iudici, cul originalia actorum exi- 
beantur, instrumentorum vero^^non, nisi dubitaretur de extenso, et hoc sub 
pena X Benensium pro qualibet vice, quam ipso iure incurrat notarius si 
contrafecerit exigendorum et aplicandorum ut supra. Set debet dare ex- 
tensa aut copias requisitus cum suis subscriptionibus. 



^ Folgt getUgt applicetur illico exigatnr. 'De — dare wm Hand 1* 
nachgetragen, ^ manualia yidelicet Über der ZeUe nachgetragen, ^ et — 
supra van Hand 2 nachgetragen für getilgtem seorsim sab pena. ^ aut — perdi- 
disse von Hand 1 Über der Zeile nachgetragen, • incurrat — ut supra et 
am Rande nachgetragen. ^ Folgt getilgt ad arbitrandum. * et — resar- 
ciendo am Rande nachgetragen. ' Nachgetrcigen über getilgtem 24. Am 
Rande bemerkt: De poenis notariorum videatur et consulatur. ^ yero non 
am Rande nachgetragen. 



243 



11. 



Vergleichungstabelle stoischen den alten und neuen Trienter Sta- 
tuten, den Statuten von Rovereto und den alten Statuten der 

Sindiker. 



Trienter Statuten. 


Boveretaner Statuten 


Alte 


1. 


Alte 


1. 




2. 


» 


2. 




3. 


n 


3. 




4. 


n 


4. 




5. 


n 


5. 




6. 


n 


6. 




7. 


n 


7. 




8. 


n 


8. 




9. 


n 


9. 




10. 


»» 


10. 




11. 


11 


11. 




12. 


n 


12. 




13. 


n 


13. 




14. 


n 


14. 




15. 


„ 


15. 




16. 


ffi 


16. 




17. 


n 


17. 




18. 


n 


18. 




19. 


n 


19. 




20. 


n 


20. 




21. 


n 


21. 




22. 


n 


22. 




23. 


n 


23. 




24. 


n 


24. 




25. 


n 


25. 




26. 


n 


26. 




27. 


n 


27. 




28. 


y» 


28. 




29. 


n 


29. 




30. 


n 


30. 




31. 


n 


31. 




32. 


1» 


32. 




33. 


n 


33. 



Statuten der Sindiker. 



16» 



244 



Trienter Statuten. 


Rove 


retaner Statuten. 


Alte 


34. 


Alte 


34. 


1» 


85. 


ff 


35. 


n 


36. 


ff 


36. 


n 


37. 


ff 


37. 


n 


38. 


ff 


38. 


n 


39. 


ff 


39. 


» 


40. 


ff 


40. 


n 


41. 


ff 


41. 


1» 


42. 


ff 


42. 


n 


43. 


ff 


43. 


n 


44. 


ff 


44. 


j) 


45. 


ff 


45. 


n 


46. 


ff 


46. 


n 


47. 


ff 


47. 


n 


48. 


ff 


48. 


n 


49. 


ff 


49. 


n 


50. 


ff 


50. 


n 


51. 


ff 


51. 


n 


52. 


ff 


52. 


») 


53. 


ff 


53. 


ff 


54. 


ff 


54. 


ff 


55. 


ff 


55. 


ff 


56. 


ff 


56. 


ff 


57. 


ff 


57. 


ff 


58. 


ff 


58. 


ff 


59. 


ff 


59 I.Absatz. 


ff 


60. 


ff 


59. 


ff 


61. 


ff 


60. 


ff 


62. 


ff 


61. 


ff 


63. 


ff 


62. 


ff 


64. 


ff 


162. 


ff 


65. 


ff 


163. 


ff 


66. 






ff 


67. 


ff 


164. 


ff 


68. 


ff 


165. 






ff 


166. 


ff 


69. 


ff 


167. 


ff 


70. 


ff 


168. 


ff 


71. 


ff 


169. 



2. 
3. 
4. 
5. 



45. 



6. 

7. 

8. 

9. 
10. 
11. 
12. 
13. 















245 


Trienter Statuten. 


Boyeretftner Statuten. 


Statuten der Sindiker. 


Alte 


72. 


Alte 


170. 






14. 




73. 


n 


171. 






15. 




74. 


» 


63. 






16. 




75. 


n 


64. 






17. 




76. 


n 


65. 










77. 


1» 


66. 






46. 




78. 


n 


67. 










79. 


n 


68. 






18. 




80. 


» 


69 


und 


70. 


19. 




81. 


n 


71. 






20. 




82. 


n 


72. 










83. 


n 


73. 






21. 




84. 


n 


74. 






22. 




85. 


n 


75. 






47. 




86. 


» 


76. 










87. 


n 


77. 










88. 


n 


78. 










89. 


rt 


79. 










90. 


r» 


80. 










91. 


n 


81. 










92. 


n 


82. 










93. 


» 


83. 










94. 


n 


84. 










95. 


n 


85. 










96. 


n 


86. 






23. 




97. 


n 


87. 










98. 


n 


88. 










99. 


» 


89. 










100. 


» 


90. 










101. 


n 


91 


1. 


Satz. 






102. 


n 


91 


2. 


ff 






103. 


n 


92. 






24. 




104. 


» 


93. 






25. 




105. 


ff 


94. 










106. 


ff 


95. 










107. 


ff 


96. 






25 b. 




108. 


ff 


97. 










109. 


ff 


98. 






25b. 




110. 


ff 


99. 






26. 



246 



Trienter Statuten. 


BoYeretaner Statuten. 


Statut 


Alte 


111. 


Alte 


100. 


27. 


n 


112. 


» 


101. 


28. 


n 


113. 


» 


102. 


29. 


n 


114. 


» 


103. 


30. 






n 


104. 


31. 


n 


115. 


n 


105. 


32. 


n 


116. 


n 


106. 




n 


117. 


n 


107. 


33. 


n 


118. 


1» 


108. 




n 


119. 


n 


109. 


34. 


1» 


120. 


n 


110. 


35. 


n 


121. 


n 
n 


111. 
112. 


36. 






n 


113. 


37. 






I» 


114. 


38. 






n 


115. 




n 


122. 


11 


116. 




n 


123. 


n 


117. 




n 


124. 


n 


118. 




n 


125. 


»» 


119. 




n 


126. 


» 


120. 




n 


127. 


n 


121. 




n 


128. 


n 


122. 




n 


129. 


» 


124. 




n 


130. 


n 


125. 




» 


131. 


>» 


126. 




»» 


132. 


1» 


127. 




n 


133. 


n 


128. 




j) 


134. 


n 


129. 




n 


135. 


n 


26. 




f) 


136. 


»» 


120. 




n 


137. 


n 


130. 


1 


n 


138. 


n 


123. 




n 


139. 


n 


131. 




n 


140. 


n 


132. 




n 


141. 


n 


133. 




») 


142. 


n 


134. 




n 


143. 
144. 


n 
n 


136. 
136. 





1 1. Absatz u. 89. 



347 



Trienter Statuten. 



Alte 



145. 
146. 
147. 
148. 
149. 
150. 
151. 
152. 
153. 
154. 
155. 
156. 
157. 
158. 
159. 



, 160. 

, 161. 

„ 162. 

« 163. 

. 164. 

, 165. 

, 166. 

Neue 1. 

2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

8. 

9. 
10. 
11. 
12. 
13. 
14. 



Boveretaner Statuten. Statuten der Sindiker 



Alte 


137. 




n 


30. 




n 


40. 




rt 


138. 




n 


139. 




I» 


140. 




n 


141. 




» 


142. 




n 


143. 




n 


144. 




j) 


145. 




» 


146. 


40 


n 


147. 


41 


» 


148. 


42 


» 


149, 152, 153. 


43 


n 


150. 




n 


151. 




r» 


154. 




n 


155. 




n 


156. 




n 


157. 


44 


n 


158. 




n 


159. 




» 


160. 




n 


161. 




n 


172. 




Nene 


1. 




1» 


2. 




n 


3. 




»» 


4. 




n 


5. 




n 


6. 




n 


7. 




» 


8. 




n 


9. 




1» 


10. 




n 


11. 




Alte 


137. 




Neue 


12. 





248 



Trienter Statuten. 


Rover 


etanei 


Neue 


15. 


Neue 


13. 


n 


16. 


r» 


14. 


»» 


17. 


n 


15. 


» 


18. 


r» 


16. 


n 


19. 


17 


17. 


T» 


20. 


n 


18. 


•n 


21. 


n 


19. 


n 


22. 


n 


20. 


» 


23. 


»7 


21. 


17 


24. 


n 


22. 


» 


25. 


n 


23. 


» 


26. 


n 


24. 


n 


27. 


n 


25. 


n 


28. 


17 


26. 


»» 


29. 


»» 


27. 


n 


30. 


77 


28. 


»> 


31. 


Alte 


62. 


n 


32. 


n 


78. 


»» 


33. 


Neue 


29. 


n 


34. 


77 


30. 


»» 


35. 


77 


31. 


n 


36. 


77 


32. 


1» 


37. 


77 


33. 


n 


38. 


» 


34. 


T» 


39. 


77 


35. 


>» 


40. 


Alte 


50. 


r» 


41. 


Neue 


36. 


V 


42. 


Alte 


51. 


n 


43. 


Neue 


37. 


n 


44. 


77 


38. 


n 


45. 


77 


39. 


„ 


46. 


77 


40. 


n 


47. 


77 


41. 


T) 


48. 


77 


42. 


n 


49. 


77 


43. 


n 


50. 


77 


44. 


n 


51. 


77 


45. 


n 


52. 


Alte 


129. 


n 


53. 


77 


54. 



Statuten der Sindiker. 









249 


Trienter Statuten. 


Boveretaner Statuten. 


Statuten der Sindiker. 


eue 54. 


Nene 


46. 




, 55. 


Alte 


26. 




, 56. 


Neue 


47. 




, 57. 


n 


48. 




, 58. 


Alte 


55. 




„ 59. 


1» 


55 letikr Aksati. 




60. 


»» 


56. 




n 61. 


n 


57. 




, 62. 


n 


58. 




63. 


n 


59. 




, 64. 


n 


59. 




65. 


n 


60. 




, 66. 


f 


61. 




, 67. 


» 


79. 




68. 








, 69. 


» 


120. 




, 70. 


" 


122. 




71. 


n 


123. 




72. 








, 73. 








74. 


n 


128. 




75. 


n 


77. 




76. 








77. 









12. 

VergleichungstabeUe gwischen den Älexandrinischen, den Rovere- 

tanern (1425), den Udalricianischen, den zweiten Statuten der 

Sindiker und den Cles'schen Statuten. 

Ein * nach der Zahl bedeutet, dass der Text von der älteren Redaction 

abweicht; zwei **, dass der Text erweitert, drei ***, dass er gekürzt ist. 

Die Cles^schen Statuten sind nach der Ausgabe von Gar citiert. 

Die Textvergleichung bezieht sich auf A. 



Alexan- 
drinische 
Statuten. 

I. 1.** 



Roveretaner 
Statuten. 

Neue 1. 



üdal- 
ricianische 
Statuten. 



I. 



1. 



Cles'sche Statuten. 

7.** bis S. 20, Z. 30 tem- 
poralibus. 



250 



Alexan- 
drinische 
Statuten. 



3»* 



10» 



11** 



12. 

13» 

14* 



15. 
16»* 



Boyeretaner 
Statuten. 



4. 


T» 


3. 


5. 


n 


4. 


6. 


n 


5. 


7. 


n 


6. 


8. 


T» 


7. 


9.*» 


n 


8. 



Neue 2 



9 bis S. 69, 
Z.15Ethaec 



10. 



Udal- 
ricianische 
Statuten. 



I. 



« 11. 
Alte 137. (T' c. 12.) 
Neue 12. 



13. 
14. 



5. 
6. 
7. 
8. 
9. 
10. 



11.»» 



12. 



13. 
14. 
15. 



16. 
17.»» 



Cles'sche Statuten. 



I. 1 .» nur der Schwur S. 9, 
Z. 2 in manibus — 
Z. 24 dndieetur. 

„ 5.»» bis S. 16, Z. 32 in- 
diota. Es fehlt S. 15, 
Z. 25 der Satz TU 
quod — Z. 30 tali 
contractu. 

« 12. 

r, 15. 

n 11. 

. 17. 

n 19. 

„ 6.** bis S. 18 De eodem. 
Es fehlt der Satz 
8. 18, Z. 10 et eo 
casu — Z. 13 nuUi- 
tate dici. 

„ 29.»» bis S. 31, Z. 28 Si 
vero. Es fehlt der 
Satz S. 31, Z. 1 qui 
tenninus — Z. 7 et 
non plures. 
42.* Kleine Yerändenmg 
S. 45, Z. 16 prout - 
decernentibus für: de 
Yoluntate et conoor- 
dlo partium. Et si 
partes fuerint discor- 
des tazando, quod 
index inspecta quali- 
tate cause et conditio- 
ne personarum possit 
taxare arbitrio suo. 
47. 



56.» 



60. 



vonS.60,Z.2quapig- 
noraüone bis Schloss, 
jedoch sehr verändert. 



23.»* Vermehrung von ü. 
wieder fortgefallen. 
Fehlt S. 29, Z.letiajn 
bisZ.4librisinfra. 



251 



Aleian- 






Udal- 




drinische 




Boveretaner 


ricianische 


Cles*sche Statuten. 


Stataten. 




Statuten. 


Statuten. 




I. 17. 


Neue 15. 


I. 18. 


I. 21. 


n 18. 


V 


16. 


n 19. 


„ 25. 1. Absatz. 


, 19. 






. 20. 


. 22* 


. 20.* 


n 


18. 


« 21.** 


„ 30.** I.Absatz. Es fehlt 
S. 33, Z. 10 nee de 
nullitate — Z. 26 pe- 
ti possit. Daf^r: Et 
a viginti quinque li- 
bris supra pars debeat 
probare de intentione 
sua legittime. Et quod 
in qualibet supra- 
scriptarum causarum 
a yiginti quinque 11- 
bris supra pars possit 
appellare, salyo quod 
in casu yiduarum 
u. s. w. wie R' c. 18. 


. 21. 


T» 


19. 


„ 22. 


n 20. 


n 22. 


n 


20. 


n 23. 


„ 26.** bis Z. 14 litisconte- 
statione etc. 


. 23.** 


n 


21. 


24. 


„ 27. 


, 24.*** 


" 


23. bis S. 75, 
Z.13salyo. 


25. 


„ 33.** Es fehlt S. 37, Z. 29 
sumptibus producen- 
tis — Z. 33 chyro- 
graphum. 


. 25. 


»» 


25. 


26. 




. 26.*»* 


T» 


26. 


« 27. 


„ 61. 


, 27.** 


« 


27. 


« 28. 


„ 69. 


« 28. 


n 


28. 


« 29. 


n 70. 


n 29. 


Alte 


62. (T' 31.) 


n 30. 


„ 72.** Es fehlt S. 75, Z. 4 
si fideiussio — - Z. 6 
utiüum. 


, 30.** 


» 


78. (T'32.) 


n 81. 


n 62. 


. 31. 


Neue 29. 


n 32. 


„ 63.** bis Z. 27 obstante. 


n 32. 


» 


30. 


n 33. 


« 64. 


. 33.** 


w 


31. 


« 34. 


„ 65.** Erst yon S. 70, Z. 27 
Quo termino elapso. 
Es fehlt S. 71, Z. 12 
etiam de — Z. 21 
cum expensis. 


.C.34.** 


T> 


32. 


. 35. 


„ 37.** EsfehltS.39,Z.19ad 
solvendum — Z. 21 
trium dierum. 



252 



Alezan- 




Udal- 




drinische 


Roveretener 


ricianisohe 


Oles'sche Stetuten. 


Stetuten. 


Stetuten. 


Stetuten. 




I. 35.** 


Neue 33. 


I. 36. 


I. 77.*» bisS.80, Z.10acqm- 






n 37. 


sitee. 


n 36.*» 


» 34. 




„ 78.»» Es fehlt S.81, Z.7 
iisdem — Schluss. 


n 37.** 


r, 35. 


n 38. 


„ 79.»» bis Z. 33 ius com- 
mune. Es fehlt Z. 13 
yel etiam — venditio. 


n 38.** 


Alte 50. (T'40.) 


. 39. 


. 38. 


n 39.» 


Neue 36. 


n 40. 


„ 146.» letzter Absatz. 


„ 40.** 


Alte 51. (r42.) 
S. 19, letzte Z. Et 
si — S. 20, Z. 2 
puniatur fehlt. 
AmEnde:eicep- 
tiscausis, quasa- 
libi in distructu 
committeremus 
yel mandaremus, 
generaliter et 
specialiter per- 
tractendis. 


« 41. 


„ 147.» 1. Absate. 


„ 41.»** 


Neue 37 bis Z. 25 
ipso iure. 


n 42. 




n 42.** 


n 38. Dazu am 
Ende: cameree- 
piscopali appli- 
canda. Et quod 
etiam de cetero 
nuUus noterius 
in suis instru- 
mentis siye im- 
breyiaturisdebe- 
at scribere mille- 
simumetdiemyel 
quantitatem ali- 
cuiusreiveldebi- 
ti per abreyiatu- 
ras, sed distincte 
etclare, itequod 
nuUafalsitasad- 
dici possit sub 
pena predicta. 


n 43. 




n 43. 




n 44. 




n 44. 


n 39. 


« 45. 


n 34. 



253 



Alezan- 
drinische 
Stataten. 

L 45. 

. 46. 

n 47. 

n 48. 

, 49. 

. 50. 

, 51. 

. 52.*» 



52b. 
53.* 
54. 
55. 



« 56. 



BoTeretaner 
Statuten 

Neue 40. 
» 41. 

n 42. 

. 43. 

. 44. 

n 45. 

» 47. 

Alte 129. (T' 52.) 



Alte 54. (T'53.) 

Neue 46. Für S. 86, 
Z.7 sequutus: et 
obtentum ab a- 
stantibus in iu- 
ditio secundum. 

Alte 26. (T' 55.) 



Udal- 

ricianische 

Statuten. 

46.** 

, 47. 

, 48. 
49. 

50. 
51. 

52. 



53. 
54. 
55. 
56. 



57. 



Cles'sche Statuten. 

I. 35. Ohne den Zusatz 
yon ü. 

„ 8.** Es fehlt Z. 7 quod 
tuno — Z. 8 coli' 
demnari. 

n 87. 

„ 88.*» bis S. 86, Z. 4 «t 
famam. 

. 9. 

„ 54.»» bis S. 56, Z. 22 per 
iudicem. Es fehlt 
S. 54, Z. 14 quem 
producere — Z. 15 
non citata. S. €5, 
Z. 24 concluso — 
Z. 32 cognoscend», 
S. 56, Z. 6 aut a coii* 
sulibus. Die Fristen 
sind theUweise an- 
dere. S. 55, Z. ]0 
für de quibus — feri- 
is wird eingeschaltet 
das Verzeichnis der 
Ferien aus R. I2i> 
mit den Zusätzen der 
neuen Statuten in il 
1 und 2, dazu noch i 
Item feriis messium, 
videlicet a die sancti 
Barnabe usque ad 
terciam diem meusls 
iulii inclusive. 

„ 52. bis Z. 25 deffinitiyae. 

„ 53. 

n 89. 



254 



Alexan- 




üdal- 




drinische 


Boveretaner 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Statuten. 


Statuten. 


SUtuten. 




I. 57.*»* 


Neue 47. Es feUt 
Z. 19 successiye 
bis Z. 23 quem- 
libetu.Z.26nisi 
bis Schluss. 


I. 58. 




, 58. 


, 48. (T' 57.) 


„ 59. 


I. 31. 


, 59.» 


Alte 55 bis Ende 


„ 60. 


„ 45.* Nur inhaltlich im 




des 2. Absatzes 




allgemeinen entspre- 




(T'58). 




chend. 


, 60. 


„ 56. (T' 60.) 


n 61. 




» 61. 


, 58. (T' 62.) 


, 62. 


„ 147.» 3. Absatz. 


n 62. 


, 60. (T' 65.) 


„ 63. 


„ 24.*» bis Z. 17 Et hoc. 


n 63. 


, 61 bis Z. 20 
completa. 


„ 64.*» 




, 64.» 


„ 79 (mit den 
Aendenmgen 
der neuen Sta- 
tuten, T' 67). 


„ 65. 


, 90. 


, 65.» 


, 172. (T' 72.) 


„ 66. 


, 91. 


» 66. 


r73. 


n 67. 


, 67. 


, 67. 


„ 128. (T' 74.) 


» 68. 


„ 89.*» 


. 68. 


, 77. (T' 75.) 


„ 69. 


„ 68.» 


n 69. 




„ 70. 


» 96. 


» 70. 




» 71. 


„ 105»* bis S. 95, Z. 14 con- 
ceptis. Es fehlt S. 94 
letzte Zeile et abs- 
que — S. 95, Z. 2 
obstante. Z. 14 nach 
conceptis folgt nisi 
ipse debitor sitdrö 
distriotualis et possi- 
dens immobilia Talo- 
ns dicti debiti Tel 
prestiterit fideiussio- 
nem de solTendo. 


» 71. 




72. 


„ 106. 


V 72. 




n 73. 


„ 109.** Es fehlt S. 98, Z. 19 
Et hoc — Z. 22 annis 
factis. 


n 73. 




„ 74. 


„ 111. 


n 74. 




n 75. 


, H2. 


, 75. 




, 76. 


„ 82. 


, 76. 

. 77. 




, 77. 
, 78. 


„ 80. bis Z. 14 eitts con- 

ditionem. 
, 129. 



255 



Aleian- 






üdal- 






drinische 


Boveretaner 


ridanische 


Cles'sche Statuten. 


SUtuten. 


Statuten. 




Statuten. 






L 78. 




I. 


79. 






, 79. 




n 


83. 






- 80. 




n 


84. 






, 81. 




j» 


85. 






. 82.» 


Alte 124. 


» 


86. 


I. 100. 




. 83.*» 


„ 125 bis Z. 16 
kalendas. Dar- 
auf folgt: sint 
et esse debeant 
ferie, quod uon 
reddaturius.ni- 
si secnndum 
quod redditur 
in aliis ferüs et 
merchatis ge- 
neralibus. 


n 


87. 






. 84.» 


n 161. 


n 


88. 


n 132. 




. 85. 




n 


89. 






, 86. 




n 


90. 


n 143.» 


Mit grossenVerschie- 
denheiten. 


. 87. 




n 


91. 


n 143.» 


S. 126, Absatz 2 u. f., 
doch mit grossen Ab- 
weichungen. 


, 88. 




n 


92. 


n 113. 




. 89. 




n 


93. 


n 144. 




. 90.*» 


, 53. 


» 


94. 


n 145.^» 


Es fehlt Z. 19 nee 
in — Z. 21 iudioaret. 


. 91. 




» 


95. 


n 146.* 


Die Busstaxen ver- 
schieden. 


n. 1.*» 


, 1. 


n. 


102. 


m. 1. 




. 2. 


n 2. 


» 


103. 


n 2. 




. 3. 




n 


104. 


n 8. 




. 4.*» 


n 3. 


» 


105. 


« 4. 




. 5.» 


, 4. 


n 


106. 


n 5. 


1. Absatz. 


. 6. 




n 


107. 


« 6. 




, 7. 




n 


108 u. 109. 


n ?.♦ 


Für S. 246. Z. 32 
reservata — Sohluss 
des ersten Absatzes: 
si facta fuerit in die- 
tis locis platee vel 
palatii vel ad domum 
iniuriati. Et si alibi 
quam in predictis 
locis, condempnetur 
in quadraginta soU- 
dos den. Ver. 



256 



Alexan- 
drinische 
Statuten. 

n. 8» 

n 9. 
n 10* 

n 11. 

n 12. 

n 13. 

r. 14. 

n 15. 

n 16. 

n 17. 

» 18. 



19. 

20. 
21. 
22. 



23. 



24. 
25.« 



26.* 
27.*» 



28. 



Alte 



Boveretaner 
Statuten. 

5. 
7. 



9. 
10. 



11. 
12. 



13. 
14. 



15. Für letzte 
Zeile centum bis 
Schlusslibrasyi- 

ginti quinque 
den. Etsisolyere 
non poterit, stet 
in carceribus ar- 
bitrio domini. 



Udal- 

ricianische 

Statuten. 

n. 110. 
n 111. 

n 112. 
n 113. 

„ 114. 
« 115. 

n 116. 
n 117. 

« 118. 

n 119. 

« 120. 



121. 

122. 
123. 
124. 

125. 



126. 
127. 



128. 
129. 



130. 



Cles'sche Statuten. 



bis S. 249, Z. 2 per- 
cussione. 



m. 8. 

. 9. 

n II.'* 

. 12. 
« 13. 

n 14. 

n 10. 

. 15. 

, 16.»» bis S. 251, Z. 12 

chordae. 
„ 17.*» bis S. 252, Z. 4 iuris. 
„ 19.** bis Z. 14 remota. Es 

fehlt Z. 5 exceptis — 

Z. 9 potest. 
„ 24.** bis S. 256, Z. 1 re- 

lazare. 
n 23. 
. 25. 

n 29.*» 



63.** 



64. 
65. 



66. 
68. 



Es fehlt Z. 12 et 
non — Z. 13 existant. 
S. 275, letzte Z. qui 
interfuerint —S. 276, 
1. Z. praemissis yod 
späterer Hand nach- 
getragen. 

Z. 20 für non exce- 
dat — Z. 21 ducenta- 
rum: inteligatur se- 
cundum ordinem le- 
gum, quando pena 
est arbitraria, in 
quautum debetpuni- 
ri delinquens. 

S. 278, Z. 30 für a 
tribus — Z.32anDis: 
et a proxiniiore pa- 
rente ipsius. 



257 



Alexan- 




üdal- 




drinische 


Roveretaner 


rioianische 


Cles^sche Statuten. 


Statuten. 


Statuten. 


Statuten. 




IL 29. 


Alte 16. 


n. 131. 


III. 69. 


« 30.* 


« 17. 

S. 9 vorletzte Zeile 
nachmoriatunex- 
cepto quod baniti 
iurisdictionis Tri- 
denti possint im- 
puneoffendietof- 
fendi facere, qua- 
litercumqueetoc- 
cidi et facere oc- 
cidi qualitercum- 
que sine pena. 
S. 10, Z. 11 Item 
bis Schluss fehlt. 


n 132. 




, 31. 


. 18. 


n 183. 


« 71. 


» 32. 


n 19. 


» 134. 


» 72. 


, 33.* 


. 20. 


n 135. 


« 73. 


. 34.»* 


n 21. 


« 136. 


. 74. 


, 35.»» 


n 22. 

Nach Z. 19 falsa- 
rius: Et si se in 
offitio ulterius in- 

tromiserit, sibi 
manusdexterade- 
beat amputari. Et 
predictaetiamlo- 
cum habeant in 
illo, qui falsum 
fierifeceritinstru- 
mentum, quod si- 
mili pena punia- 
tur. Quod si dic- 
tam penam dena- 
riorum tarn nota- 
rius, quam ille qui 
fierifeoerit falsum 

instmmentum 
solvere non po- 
tuerit, tunc u.s.w. 


n 137. 




» 36.* 


« C.23. 


n 138. 


n 75. 


. 37. 


n C.24. 

z.ll ducentis 11- 
bris Ver. par, et 
perpetuo sit in- 
famis. — Zum 
Schlüsse: et per- 
petuo sit infamis. 


n 139. 


„ 58.»u. 59». 


ArchiT. J 


[Cn. Band. I. Hütte. 




17 



258 



Alexan- 








Udal- 






drioische 




Roveretaner 


ricianische 




Cles'sche Statuten. 


Statuten. 




Statuten. 


Statuten. 






II. 38. 


Alte 


25. 


n. 


140. 






. 39. 


n 


27. 


J) 


141. 


m 


76.^^ 


, 40.** 


n 


28. 


n 


142. 


n 


78. 


n 41.»»» 


7) 


29. 


n 


143. 


n 


79. 


, 42.»** 


» 


30 bis Z. 27 
Ven. par. 


n 


144. 


n 


80.»* 


, 43. 


» 


31. 


n 


145. 


» 


81.*» 


, 44. 


n 


32. 


n 


146. 


1» 


82.** 


» 45. 


» 


81. 


n 


147. 


» 


44. 


» 46. 


n 


82. 


n 


148. 


j» 


83. 


» 47. 


n 


83. 


n 


149. 


» 


84. 


n 48. 


w 


84. 


n 


150. 


» 


85. 


, 49. 


» 


85. 


» 


151. 


1» 


86. 


. 50. 


» 


91. I.Absatz. 


n 


152. 


n 


87.** 


, 51. 


» 


93. Strafe U- 
bras quinque 
pro quolibet 
pede. 


» 


153. 


r» 


45.* 


» 52.« 


T7 


94. 


» 


154. 


» 


88.**bisS.287,Z.8eligatur. 


. 53.** 


» 


131. 


j» 


155. 


n 


89. bis Z. 20 vulneratio- 
nibus. 


, 54.** 


n 


132. 


n 


156. 


n 


90. 


1, 55. 


» 


135. 


n 


157. 


n 


91. 


, 56.** 


» 


136. 


n 


158. 


n 


92. 


n 57. 


» 


138. 


n 


159. 


ff 


93. 


„ 58. 


» 


139. 


n 


160. 


ff 


94. bis Z. 3 dominl 
Darauf folgt: exoep- 
to officio sindioorum 
Tridenti. 


n 59. 


» 


140. 


n 


161. 


ff 


95. Z. 23 nach capita- 
neum: yel eins Tice- 
coniitem. 


, 60.** 


» 


141. 


n 


162. 


ff 


96. 


, 61.» 


n 


133. 


» 


163. 


ff 


97. bis S. 291, Z. 1 arbi- 
trium iudicis. S.290, 
Z. 17 fehlt vel - 
forensis. 


» 62. 






» 


164. 


ff 


98. S. 291, letzte Z.quan- 
tumcumque — S. 292 
commissis fehlt. 


. 63. 






» 


165. 


ff 


99. 


, 64. 






n 


166. 


ff 


100. 


, 66. 






V 


167. 


ff 


101. 


, 67. 






rt 


168. 







259 



Alexan- 




Udal- 






drinische 


Boveretaner 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Statnten. 


Statuten. 


Statuten. 






n. 68. 


Alte 46 bis Z. 15 
amputetur; 
darauf folgt: 
Tel publice fu- 
stigetur. 


n. 169. 


m. 42.» 




, 69. 




„ 170. 


, 102.»« 


^ bisZ.24coDfiscaiida. 


. 70. 


„ 65. 


, 171. 


, 103. 




. 71. 




„ 172. 


„ 104. 




, 72. 




, 173. 


„ 105.»« 


bis Z. 14 tres dies. 


, 73. 


„ 87. 


, 174. 


, 106. 




, 74.»*» 


n 88. 


, 175. 


» 107.»« 


' bis letzte Zeile passis. 


, 75.* 


n 89. 


, 176. 


„ 108. Die Busse ist: solidos 










vigiuti den. Ver. 


, 76. 


„ 90. 


, 177. 


„ 109. 




. 77. 




, 178. 


» 110. 




. 78.» 


, 92. 


, 179. 


. 111. 


Strafbestimmung vi- 
ginti solidos den.Ver. 


, 79. 


, 109. 


, 180. 


. 112. 




. 80. 




, 181. 






, 81. 




, 182. 


» 118. 




. 82. 




, 188. 






, 83. 




» 184. 






, 84. 


„ 112. 


„ 185. 


, 113. 


Straf bestimmungen 
wie in R. 112. 


, 85. 




» 186. 






» 86.» 


, 115 bis Z. 22 
culpa; darauf 
folgt: libras Ti- 
ginti den. Ver. 
pro qualibet yi- 
ce et privetur 
offltioperquin- 
que annos. 


n 187. 






, 87.» 


» 118. 


, 188. 


» 114 


bis S. 297, Z. 30 
salario. 


. 88.»» 


n 116. 


n 189. 


« 115. 




, 89. 


„ 119. 


n 190. 


n 116. 




» 90.»» 


, 154. 


» 191. 


n 117. 


S. 300, Z. 12 ita 
tarnen — Z. 18 cou- 
duxisseut fehlt. 


. 91.») 




, 192. 
u. m., 240. 


2, c. 50» 


Busse wie im 2. Sta- 
tut der Sindici. 



') Findet sich im zweiten Statut der Sindici c. 46 als zweiter Absatz. 

17* 



260 



Alexan- 




Zweites Statut 


Udal- 




drinische 


Eoveretaner 


der 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Statuten. 


Statuten. 


Sindiker. 


Statuten. 




III. 1.** 


Altec. 130. 


!.♦»* 


m. 198. 


II.cl.^^ bis S. 148, Z.22 
iudicum. 


n 2.** 


„ 105. 


2.*** 


n 194. 


„ 2.»» bis S. 150, Z. 1 
communitati. Es 
fehlt S. 149, Z. 21 
inquibus — Z.22 
pasculari. Strafbe- 
stimmungen wie 
im neuen Statut 
der Sindici. 


n 3.»* 


„ 157. 


3.*** 


„ 195. 


„ 3.*» bis S.151, Z. 4 et 
faraae. DafSriEt 
quireperueritpre- 
dicta et denuntia- 
verit officio, ha- 
beat terciam par- 
tem. 


n 4.** 


, 158. 




r 196. 


„ 4. Für Z. 13 ut in 
— Z. 14 statuto: 
Et tercia pars pe- 
ne sit accusatoris, 
alia tercia pars sit 
sindicorum et alia 
tercia pars sit com- 
munis Tridenti. 


« 5. 




4.»*» 


n 197. 


. 5. 


• 6 




5.*** 


. 198. 


„ 6.** Es fehlt Z. 13 et 


» ^* 








salvo — 14 pascu- 
lare. Straf satz wie 
zweites Statut 5, 
für kleine Tbiere 
20 Denare. 


n 7. 




6.*** 


„ 199. 


„ 7.* Strafsätze hier u. 










im Folgenden wie 
im zweiten Sta- 
tut 6. 


, 8. 




7,*** 


„ 200. 


„ 8.* Z. 21 nach appli- 
cetur: camere e- 
piscopali et alia 
medietas comuni. 
Z. 22 fehlt et alia 
— accusatori. 


, 9. 




8*** 


n 201. 


„ 9.* Strafsatz wie im 
zweiten Statut. 



261 



Aleian- 






Zweites Statut 


üdal- 




drinische 


Roveretaner 
Statuten. 


der 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Statuten. 


Sindiker. 


Statuten. 




in.io. 






9. 


m. 


202. 


II. 10.» ebenso auch in 
den folgenden. 


. 11. 






10. 


» 


203. 


„ 11.» ebenso. 


. 12. 






11.*** 


n 


204. 


„ 12.» ebenso. 


, 13. 






12.*** 


rt 


205. 


. 13. 


. 14. 






13.*** 


n 


206. 


n 14. 


. 15. 






14.*** 


n 


207. 


„ 15.» ebenso. 


. 16. 






15.*** 


n 


208. 


„ 16.» ebenso. 


, 17.»» 


Alte 


37. 


16.*** 


w 


209. 


„ 17.* ebenso. 


« 18.» 


« 


163. 


17* 


n 


210. 


n 18. 


n 19. 






18. 


n 


211. 


« 19. 


r, 20.» 


T» 


164. 


19. 


n 


212. 


„ 20.** bis Z. 20 coutra- 
factum. Strafe 
ebenso. 


. 21.» 


» 


165. 


20. 


»» 


213. 




, 22. 


n 


166. 


21.*** 


» 


214. 


n 21.* 


. 28. 


« 


167. 


22.*** 


n 


215. 


„ 22* ebenso. 


. 24. 


» 


168. 


23. 


n 


216. 


n 23.» 


, 25.» 


n 


169. 


24. 


n 


217. 


„ 24.* ebenso. 


n 26.» 


T» 


162. 


25. 


r» 


218. 


„ 25.***bisS.159, Z.13ut 
supra. 


, 27.»» 


n 


39. 


26. 


n 


219. 


„ 26. 


• 23b. 


j» 


171. 


27. 


n 


220. 


„ 27.* ebenso. 


n 24b. 


»• 


34. 


28. 


» 


221. 


„ 32.* bisS.162,Z.6cre- 
daturoi ; ebenso. 


n 25b.»» 


« 


35. 


29.*** 


r> 


222. 


n 33. 


. 26b. 


n 


36. 


30. 


n 


223. 


„ 34.* ebenso. 


, 27b.*» 


n 


68. 


31. 


n 


224. 


„ 35.** bis S. 163, Z. 4 ut 
supra; ebenso. 


n 28. 


» 


70. 


32. 


n 


225. 


„ 36.* ebenso. 


. 29.** 


,71 


.U.73. 


33.*** 0.34. 


n 


226. 
u. 227. 


„ 37. u. 38. 


„ 30.»* 


n 


127. 


35.*** 


n 


228. 


„ 39.** mit Rubrum von 
C.3,c.38;bisZ.ll 
partem poenae. 


» 31** 


» 


74. 


36.**» 


n 


229. 


„ 40.** bis Z. 24 illos; 
ebenso. 


, 32.»* 


n 


69. 


37.**» 


n 


230. 


„ 41.* ebenso. 


« 33.* 


fl 


146. 


38. 


» 


231. 


„ 42.** ebenso. 


, 34.** 


»» 


147. 


39. 


n 


232. 


„ 43.* ebenso. 


r 35.* 


n 


148. 


40. 


» 


233. 


« 44.* 


, 36.** 


» 


153. 


41. 


» 


234. 


„ 45.* ebenso. 


. 37.*» 


« 


40. 


42.»»» 


n 


235. 


„ 46.** bis Z. 20 molito- 
rem; ebenso. 



262 



Aleian- 




._ 


Zweites Statut 


üdal- 




drinische 


Rovereüaner 
Statuten. 


der 


ricianische 


Cles'scbe Statuten. 


Statuten. 


Siudiker. 


Statuten. 




in.38. 






43.*** 


ni. 


236. 


n. 47.* ebenso. 


, 39. 






44.** 


n 


237. 




n 40. 






45. 


n 


238. 


„ 48.** ebenso. 


, 41.*» 


Alte 


66. 


46. I.Absatz. 


n 


239. 


„ 49.** bisS.168,Z.l?eii- 
diderit. 


„ 42.** 


» 


75. 


47. 


n 


241. 


„ 51.* ebenso. , 


» 43.*» 


n 


86. 


48. 


n 


242. 


„ 62.* ebenso. 


, 44.» 


ff 


95. 


49.»** 


n 


243. 


„ 53.»* bis S. 169 letzte 
Zeile se yidisse; 
ebenso. Es fehlt 
Z. 25 etiam - 
Z. 26 possit 


» 45.» 


n 


96. 


50.*** 


»» 


244. 


„ 54.** bis S. 170, Z. 13 
de palis; ebenso. 


n 4.6* 


» 


97. 


51.*** 


n 


245. 


„ 55.** Es fehlt S. 170, 
Z. 29 Sed si - 
Sohluss des I.Ab- 
satzes; ebenso. 


„ 47.« 


n 


98. 


52. 


n 


246. 


„ 56.* ebenso. 


. 48.»* 


» 


99. 


53.*** 


n 


247. 


„ 57.* ebenso. 


. 49. 


» 


100. 


54.*** 


n 


248. 


„ 58.***ebenso. 


, 50.** 


yi 


101. 


55.*** 


n 


249. 


„ 59.* ebenso. 


, 51.* 


f) 


102. 


56. 


n 


250. 


„ 60.** ebenso. 


, 52.*»* 


n 


103. 


57.*** 


n 


251. 


„ 61.* ebenso. 


n 53. 


n 


104. 


58.*** 


n 


252. 


„ 62.* ebenso. 


.54.- 


n 


106. 


59.»** 


» 


253. 


„ 68.** Letzte Zeile fehlt 
et nihilo minus — 
Schluss. 


» 55 .♦* 


n 


107. 


60.*** 


r 


254. 


„ 64.** ebenso. 


» 56. 


« 


108. 


61. 


n 


255. 


n 65. 


n 57.»^ 


» 


110. 


62. 


n 


266. 


„ 66.* ebenso. 


n 58. 






69. 7. Absatz. 


n 


257. 


„ 67.** ebenso. 


n 59 * 


n 


111. 


63. 


n 


258. 


„ 68.* ebenso. 


n 60** 


n 


145. 


64. 


n 


259. 


. 69.** 


n 61 »» 


1» 


47. 


65.*** 


« 


260. 


„ 70.* ebenso. 


n 62. 








n 


261. 


n 71. 


n 63. 






6ß. l.u. 2. Ab- 
satz.*** 


n 


262. 
U.263. 


„ 72.* ebenso. 


» 64. 






66. 3. Absatz. 


n 


264. 


„ 73.** bis Z. 8. obser- 
vatam. 


» 65. 






66. 4. Absatz. 


n 


265. 


„ 74.* ebenso. 


» 66. 






66. S.Absatz. 


n 


266. 


„ 75.** bis Z.26 circulos. 


n 67. 






66. 6. Absatz. 


» 


267. 


„ 76.** bis Z. 3 ad minus. 


n 68. 






66. 7. Absatz. 


1» 


268. 


„ 77.** bis Z. 9 pollicis. 



263 



Alexan- 




Zweites Statut 


Udal- 




drioische 


Boveretaner 


der 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Stataten. 


Statuten. 


Sindiker. 


Statuten. 




ni.69. 




66. 8.i.9.Abs. 


m. 


269. 


n. 78.* ebenso. 


„ 70. 




67**^ 1.-4. 
Absatz. 


n 


270. 


„ 79. mit den folgenden 
drei Absätzen bis 
S. 179, Z. 23 quam 
quatuor grossos 
(für charantanos). 
S. 178, vorletzte 
Zeüe fehlt vel — 
coctum. Die Preise 
u. Bussen wie im 
zweiten Statut 67. 


„ 71. 




67 letzter Abs. 


» 


271. 


r. 80.*» 


. 72. 




68.^^» 


f» 


272. 


„ 81.** Es fehlt S. 180, 
Z. 10 limitandis 
— Z. 13 tantum. 
Die Preise und 
Bussen wie im 
zweiten Statut 68. 


. 73.» 


Alte 150. 
u. 151. 


69. 1.— 4.Abß. 


n 


273. 


n 82.» 


. 74. 




69. 5. Absatz. 


n 


274. 


„ 83.»» bis Z. 18 sollici- 












tantium. 


•. 75. 




69. 6.Abs.^*» 


n 


275. 


„ 84.** bis Z. 27 oontra- 












facientibus. 


. 79. 






n 


276. 


r, 85. 


. 80. 




69. S.Absatz. 


fi 


277. 


„ 86.** bis Z. 16 expedire 
für expedieus. 


, 81. 






» 


278. 


„ 87.* S. 184, Z. 2 qua- 
rum penarum ter- 
cia pars applice- 
tur domino, tercia 
pars communitati 
et alia tercia pars 
inventori. 


, 82. 






n 


279. 


„ 88.* Z. 8 für quorum 
— iurisperitus : 
iurisperiti. 


. 83. 






n 


280. 


„ 89.** bis Z. 18 nuUa. 


» 84. 






n 


281. 


n 90. 


, 85.»* 


, 63. 




n 


282. 


„ 91.* Z. 18 für superius 
— eipressis: videlicet in 

nundinis palmarum, 
sancti JohannisBaptiste, 
sancti Michaelis et sa- 
crarum sancti Vigilii. 

Z. 20 für poenae — 
Schluss: applicetur do- 
mino alia medietas com- 
munitati. 



264 



Aleian- 




Zweites Statut 


Udal- 






drlnische 


Roveretaner 


der 


ricianiscbe 


CWsche Statuten. 


Statuten. 


Statuten. 


Sindiker. 


Statuten. 






m.86.» 


Alte 64. 




ni. 283. 


n. 92.* 


Z. 25 nach domi- 
ni:episcopi6tcon- 
sulum et proviso- 
rum civitatis. Z.32 
nachdenariorum: 
Tridenti domino, 
quarta pars cum- 
munitati et quarta 
pars accusatori. 


^ 87.* 


33. 




n 284. 


» 93. 


Z. 9 domino für 
communitati. 


n 88 * 


« 38. 




„ 285. 


n 94. 


Strafe quindecim 
libris. Z. 22 for 
communitati — 
Schluss: domino, 
quarta pars com- 
munitati et quarta 
accusatori. 


w 8». 


r, 170. 




n 286. 


r, 95. 




^ 90. 


n 76. 




„ 287. 


» 96. 




« ÖL 






„ 288. 


„ 97. 




n 92. 






„ 289. 


« 98. 


Z. 23 die Strafe 
quadraginta soli- 
dorum. 


« ua. 






„ 290. 


„ 99. 


Z. 5 und später 
fehlt butyrum. 
Z. 10 Strafbestim- 
mung viginti soli- 
dorum. Für Z. 10 
et charentanorum 
— Z. 12 butyri: 
et quinque soli- 
des pro quolibet 
caseo. 


r &4< 






« 291. 


nlOO. 


Z. 22 Strafbestim- 
mung vinginti so- 
lidorumden.Trid. 


ft D5 






„ 292. 






« &e. 






n 293. 


nl02. 


Z. 21 Strafbe- 
stimmungen soli- 
des viginti, soli- 
des decem. 



265 



Alexan- 




Zweites Statut 


üdal- 




drinisohe 


BoTeretaner 
Statuten. 


der 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Statuten. 


Sindlker. 


Stotuten. 




in. 97.* 


Alte 113. 




m. 294. 


n. 103. Z. 4 Strafe: quin- 
que solides den. 
Tridentinorum. 


« 98.* 


n 114. 




, 295. 


„ 104.* Z. 15 far pro qua- 
libet — Schluss: 
ut alii punientur 
secundum quod 
scriptum est. 


, 99. 






„ 296. 


„ 105.* Strafbestimmung: 
centumsolidorum 
Trid. 


.100. 






, 297. 


„ 106.* S. 191, Z. 3 Strafe: 
centum solidorum 
den. Ver. 


,101. 






n 298. 


„ 107.** bis Z. 14 fuerit. 
Z. 9 fehlt de — 
nee. Die Rubrik 
passt nicht hie- 
her, sondern zu 
A 3, c. 90. 


.102.* 


« 143. 




, 299. 


„ 108. bis Z. 26 annum. 
Z. 25 uach provi- 
soribus: et pro- 
curatoribus. 


„ 103.** 


n 155. 




, 300. 


n 109. 


. 104.** 


. 156. 




, 301. 


n HO. Z. 12 fehlt aucu- 
pes siye. Z. 13 
fehlt aucupari si- 
ve. Z. 14 Strafe: 
centumsolidorum 
den. Ver. Z. 19 
fehlt accipitrem 
sive. 


n 105.** 


« 159. 




n 302. 


„ lll.***Z. 26 nach licen- 
tia: domini epi- 
scopi vel eins ca- 
pitanei. Z. 29 nach 
applicetur: domi- 
no, quarta pars 
communitati et 
reliqua quarta in- 
ventori u. s. w. 



266 



drimscho J^^vöretaner 
Statuten. ' ^^^^*«"- 



ni,io6.* 



107. 



,108. 



, 109. 



Müller- 
ordnung 
Ton 1305, 



Alte 160. 



Zweites Statut 


üdal- 






der 


ricianische 


Cles'sche Statuten. 


Sindiker. 


Statuten. 








m. 303. 


n.ll2.***Z.15furaliqmd: 








aliquod matrimo- 








nium (sie!) eitra 








oiritatem et di- 








strictum Tridenti 








extrahere per se 








vel per alium, ex- 








cepto quam pecu- 








niam aurum vel 








ai^entum extrac- 








tumexvictualibus 








conductis et ven- 








ditis et exceptis 








aliis, que licite et 








impune exportari 








posaunt. 




n 304. 


„ 113.»* Z. 30 feWt ac fa- 








ciens — civitatis. 








S. 194. Z. 1 für 








communitati — 








Sohluss: domino 








et alia medietas 








communitati et 








accusatori. 




„ 305. 


n 114> 


Z. 10 Strafbestim- 
mung: domino 80- 
lidos sexaginta 
den. Ver. 




, 306. 


n 115.» 


S. 194, Z. 27 do- 
minorum — Z. 28 
Tridenti: arbitrio 
d^episcopiyeleias 
locum tenentis. 
S. 195, Z. 10 Strafe: 
sexaginta solido- 
rum den Ver. Z.16 
fürmen8em:quin- 
decim dies. 






Gar, Statuti della citta di 








Trento 208f. 



267 



Alexan- 
drinische 
Stataten, 

ürtheil 
Ton 1412 
Pebr, 25. 

Copia 
ststtatomm 



contra 
molendina- 
rios u. s. w. 



BoYeretaner 
Statuten 
Ton 1425. 



Zweites Statut 

der 

Sindiker. 



Udal- 
ricianische 
Statuten. 



m. 307. 



Cles'sche Statuten. 



n.215f. 



2, C.133, Z.25 Strafe: vi- 
gintl solidonun 
den. Trid. und so 
immer. S. 206, 
Absatz 7 folgt 
nach fannam : ad 
hoc, ut molendi- 
narii non oomit- 
tant fraudem in 
farinam, cum er- 
ror posterior peior 
esset priore, si 
possent bugatare 
post ponderatio- 
nem, quia leviter 
possent fraudem 
comittere oculte 
et impune. 



Inhaltsangabe. 



Seite 
Etnioitnng 85 

I. Bie Statuten des 14. Jahrhunderts 88 

Alter der Wiener Handschrift der Statuten S. 88 -— Schrift 
flee Codex S. 89 — Sprache S. 90 — Heinrich Stang von Nomi 
S. 91 — Der Thun'sche Codex der Statuten S. 94 — bietet 
hessere Lesungen S. 95 — Volkssprache in Trient S. 97 — Die 
Tomaschek'sche Recension eine Übersetzung S. 101 — Missver- 
ständnisse dieser Recension S. 102 — Die Übersetzung eine 
i'rlvatarbeit S. 126 — Anordnung der älteren Statuten S. 129 — 
Diu Roveretaner Statuten von 1425 8. 130 — Vergleichung der 
Trienter mit den Roveretaner Statuten S. 133 — Alter der Über- 
ftetzung S. 143 — Das Amt der Sindiker S. 144 — Das Statut 
fler Sindici S. 147 — Andere Bruchstücke der Statuten S. 151 — 
Alter der Statuten compilation S. 154 — Die Urkunde von 1275 
8. 165 — Gesetze Bischof Egnos S. 167 — Canipa comunis S. 158 

— Bischoflicher Vicar S. 159 — Die Sonderstatuten von Riva 
Eiiid Judicarien S. 160 — Entstehung der alten Statuten um 1306 
niier 1306 S. 163 — Bestandtheile und Entstehung der alten 
Statuten S. 165 — Die neuen Statuten S. 169 — Verwandtschaft 
iler alten Statuten mit dem Veroneser und Vicentiner Recht S. 174 

— Benützung der Vicentiner Statuten in den neuen Trienter 
B, 181. 

IL Die Alexandrinischen und Udalrieianlschen Statuten .... 185 

Verordnungen der Bischöfe Albrecht und Georg S. 185 — 
D^is Privileg von 1407 Febr. 28 und die Stadtverfassung S. 186 

— Spätere Privilegien S. 189 — Die Innsbrucker Handschrift 
der Alexandrinischen Statuten S. 191 — Inhalt der Alexandrini- 
schen Statuten S. 194 — Beschwerden der Deutschen gegen das 
ätadtregiment S. 211 — Udalricianische Statuten S. 213. 

B i 1 a g: ts a : 

1, ßUchof Egno setzt Strafsatzungen gegen Schleichhandel und 

Hehlerei mauthpflichtiger Waren. 1264 Oct. 13 218 

'J Bischof Egno ordnet die Einlagerung von Getreide, Hülsenfrüchten 

und Salz im Lagerhause an. 1264 Nov. 24 219 

^. Nicolaus de Contessa, Hauptmann des Grafen Meinhard in Trient, 
befreit die Schiffer von Trient von Abgaben und Wachdienst 
und setzt Gastalden ihrer Zunft. Der Rath von Trient be- 
stätigt diese Anordnungen. 1266 Febr. 27—28 221 



269 

4. Überschrift and erstes Capitel der alten Statuten nach der Thun- 

schen Handschrift 222 

5. Der Stadtrath von Trient erwählt Sindiker. 1342 Nov. 18 ... 223 

6. Verzeichnis der von Ezelin von Campo, Vicar des Markgrafen 

Ludwig von Brandenburg, abgehaltenen Gerichtstage. 1355 
März 3 — Sept. 7 224 

7. Bischof Johann Hinderbach erlässt an Paul de Oriano von Brescia, 

Podest^ von Trient, eine Erklärung über die Geltung getilgter 
Capitel im Statutencodex. 1484 Aug. 4 228 

8. Denkschrift des Giampietro Gandini von Brescia, Podest^ von 

Trient, über die Reform der Statuten. 1485 230 

9. Beschwerde der Trienter Unterthanen über einzelne Bestimmun- 

gen der Statuten und Übergriffe der Bürger. 1488—1491 . . 233 

10. Bescheid des Bischofs Ulrich lU. auf die Beschwerden der 

Deutschen und die Denkschrift des Podestiis Gandini 1490 . 23ö 

11. Yergleichungstabelle zwischen den alten und neuen Statuten, den 

Statuten von Rovereto und den alten Statuten der Sindiker . 244 

12. Yergleichungstabelle zwischen den Alexandrinischen, den Rovere- 

taner, den Udalricianischen, den zweiten Statuten der Sindiker 
und den Cles*8chen Statuten 250 



NachtrSge. 

Zu 8. 111. Holztrift auf der Etsch finde ich nachträglich in Urkunde 
von 1425 Oct. 11 Innsbruck St.-A., die einen Tarif der Mauth von San Mar- 
tine in Trient enthält: Item de qualibet rate lignaminis pro ripaticu per- 

cipinntur .... sex solidi , et si dictum lignamen nou conduceretur in 

ratibus et laberetur per aquam, paciscuntur cum illis a lignamine de dicto 
ripaticu. Dadurch wird das a. a. O. Ausgeführte nicht berührt. 

Zu S. 157. Über die Anfänge Bischof Heinrichs IL jetzt auch Wilhelm, 
Mitth. des Instituts für {$sterr. Geschichtsforschung 23, 435. Er nimmt als 
Tag des Einzugs in Trient den 17. Jänner an, ich möchte am 18. festhalten, 
um dem Bischof die nochmalige Reise nach Bozen zu ersparen, wo er noch 
am 18. Jänner urkundet (Dominez, Regesto chronologico N*» 510). Auch 
spricht das Actenstück deutlich von der Conversio sancti Pauli, von der es 
die acht Tage zurückzahlt. Das Actenstück, das Wilhelm heranzieht, ist ein 
Verzeichnis von Beweisartikeln in einem Processe der bischöflichen Mensa 
und ihres Anwalts und Verwalters Odorich von Bozen gegen den Krämer 
Bonom und Genossen um Herausgabe bischöflicher Güter. Odorich sucht 
einerseits eine Verleihung des Bischof Egno als rechtsungiltig zu erweisen, 
andererseits die Einrede der Verjährung oder Ersitzung durch den Hinweis 
auf die langdauernde Abwesenheit der Bischöfe, vgl. T S9 — R 79, aus- 
zuschliessen. 




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WIKN, 1»02. 

k. und h. H«!' u^d l||iiT«r*i'iAyk-Bufh4ru<iiar. 



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JÄZL- ' J ec 




Archiv 



für 






Österreichische Geschichte. 



HerAtis^efebea 



FOü der zur PÖege vaterländischer Geschichte 



angestellten Comuiission 



y kaiserlichen Akademie der WisseBSchaften, 



Jer 



Zweinntlneunxiirsler Banit. 

Zweite Hälfte. 



-^ hl ComiDiaaäOD bei CARL GEROLD S 80HN, Buchhändler der kais, Akademie ^ 

der Wissenschaften, 



Archiv 



fUr 



Österreichische Geschichte. 



Herausgegeben 

Ton der 

zur Pflege vaterländischer Geschichte aufgestellten Commission 

der 

kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 



Zweiundneunzigster Band. 

Zweite H&lfte. 



Wien, 1903. 



In Commission bei Carl Gerold's Sohn 

Baehhlndler der kais. Akmdtmle der WiaMtuchafteiL 



TIEOLS 
EFtBTHEILUNG 

UND 

ZWISCHENREICH 

1595-1602. 



?0N 



J. HIRN. 



AreblT. XCU. Bftnd, U. Hilfle. 18 



Vereinsamt und ohne den Trost, die Eigenlande einem 
erbberechtigten Sohne zu hinterlassen, schied Erzherzog Ferdi- 
nand von Tirol im ersten Monate des Jahres 1595 aus dem 
Leben. ^ Die beiden Söhne, stammend aus der ungleichen Ehe 
mit der schönen Welserin, besassen kein Successionsrecht. Sie 
waren den übrigen Verwandten wie Inventarstiicke, die ihnen 
unliebsame Verlegenheiten bereitend im Wege standen. Mit 
dem einen Satze aber, dass Cardinal Andreas und Markgraf 
Karl nicht nachzufolgen haben, war die Frage, wer nun Tirol 
und die Vorlande regieren sollte, noch nicht gelöst. Zunächst, 
ohne viel Umfrage zu halten, nahm Rudolf 11. das , Wesen* in 
die Hand; zum Zeichen dafUr hatte Regiment und Kammer bei 
den Ausfertigungen sich des kaiserlichen Secretsiegels zu be- 
dienen.* Der Kaiser stand damals schon in der Periode krank- 
hafter Abschliessung nach aussen. Das machte den Mangel 
eines gegenwärtigen Landesfürsten noch empfindlicher. Der 
gemeine Mann glaubte, es gäbe vorläufig keinen Herrn. Jene 
Bevölkerungstheile, die sich besonders gedrückt fUhlten, schickten 
sich an zur Selbsthilfe. Die Schwazer Knappen, unter denen 
es schon vor zwanzig Jahren Auflauf gab wegen der Neue- 
rungen im Scheidwerke mit dem Rebsieb,* rotteten sich zu- 
sammen und nahmen gegen die Factoren, die Vertreter der 
Gewerken, eine drohende Haltung an. Mit Mühe stellte man 
alhnälig die Ruhe her.* 

' Vgl. Hirn, Erzherzog FerdiDand IL, II. Bd., p. 518. Die dort gebrauchten 
Abkürzungen für die citierten Archivalien kommen auch in dieser Ab- 
handlung zur Verwendung. Das Hans-, Hof- und Staatsarchiv in Wien 
ist mit St.-A. bezeichnet. Herrn Sectionsrath Feigel schiflde ich beson- 
deren Dank. 

* Kaiserliche Weisung vom 22. Februar 1695. G. v. H., fol. 6. 
» Hirn 1. c. I, p. 562. 

* Ueber diese Enappenbewegung werde ich an anderem Orte ausführlicher 
bandeln. 

18» 



274 

Die Bauernschaft hatte eine andere Beschwerde. AehnÜch 
wie sein Grossvater Maximilian I. hatte der verstorbene Erz- 
herzog das Jagdregal ausgenützt. Manche Landestheile schienen 
vornehmlich nur zu Forsten bestimmt, zur Befriedigung der 
fürstlichen Waidmannslust. Hirsche und Schwarzwild verur- 
sachten grossen Schaden, ohne dass es dem Bauer gestattet 
war, sich dagegen zu schützen. Das Forstpersonal zeigte nicht 
selten empörende Härte und Willkür. Die auf den Landtagen 
vorgebrachten Beschwerden hatten keine Abhilfe gebracht. 
Nun lebten zwar nur ganz wenig Leute, welche noch die 
grosse Bauernerhebung in den Zwanzigerjahren dieses Jahr- 
hunderts mit angesehen hatten, aber die Erinnerung daran, 
durch die fortdauernden Misstände genährt, war noch nicht 
erloschen. Gerade vor einem Jahre hatte Ferdinand noch 
einen offenen Landtag gehalten, auf dem auch die Klage ob 
des zahllosen Wildes erneuert worden war. Man hatte Abhilfe 
in Aussicht gestellt, und in der Hoffnung, dass dies ernst ge- 
meint sei, hatten die Bauern Zäune angelegt, um sich ihre 
Saaten zu schützen. Alsbald aber waren die fürstlichen Jagd- 
leute zur Stelle und nöth igten zur Entfernung der Gehege, da- 
mit das Wild seinen freien Gang habe. Das erzeugte Erbit- 
terung. Wie man nun vom Tode des Erzherzogs erfuhr, 
machte sich der Unwille Luft. Es gab Worte zu hören wie 
nach dem Hinscheiden Maximilians: jetzt gäbe es keinen 
Landesfürsten mehr, weiss Gott, wann einer wieder ins Land 
komme; man wolle die Hirsche erwürgen und Alle, die da- 
wider redeten. Manche beriefen sich auf ein angebliches Recht, 
demzufolge sie von altersher befreit seien, nach dem Tode 
eines Landesherrn sich selbst des Wildes zu entledigen. In 
den ersten Tagen des Februar 1595 gab es in den Gerichten 
des Inn- und Wippthaies eine arge Razzia gegen alles Jagd- 
gethier, namentlich die Hirsche. Im Dorfe Mils ^ allein rotteten 
sich 300 Bauern. Als einige Jäger erschienen und sie mit 
groben Worten zurechtwiesen, wurden sie übel tractiert und 
ihrer Waffen beraubt.* Besonders arg ward im Reviere um 
den Ahensee gehaust. Dort stellte sich ein gefürchteter Wil- 
derer, das ,HirschmandP, gegen den schon Ferdinand eigene 



» Bei Hall. 

« A. K. M. 1695, fol. 16, 369, 410, C. D. 1596, fol. 368. 



276 

Mandate erlassen hatte, als ,rechter aufwiegler und principal 
wildbretschütz^ an die Spitze der erbosten Bauern. Eine Menge 
Wild wurde erlegt, sie haben es ,da8elbst und gar in der roten 
ftlrstsbehausungy die sie zu ihrem unterschleif gebraucht, ver- 
dampfet und verbrasset^ Es ward eine solche Niederlage an- 
gerichtet, dass Markgraf Karl von Burgau, als er nach Jahr 
und Tag die Ahenthaler Forste durchstreifte, nicht ein einziges 
Stück Wild zu sehen bekam.^ Zu kräftigen Qegenmassregeln 
fehlten der Regierung die Mittel, sie musste also subtile wählen. 
Es ergiengen Mahnschreiben, worin Abhilfe in Aussicht gestellt 
wurde. Den Leuten wurde erlaubt, Zäune zu bauen und Hunde 
zu halten. Der oberste Forstmeister Ipphofer wurde angewiesen, 
seine Leute zur Bescheidenheit zu verhalten. Indem die Räthe 
die peinlichen Vorgänge nach Prag berichteten, wiesen sie dar- 
auf hin, dass leider mehr Wild gehegt würde, als ,das enge 
gebirg ertragen^ kann.* Leider hätten ihre Rathschläge beim 
verstorbenen Erzherzog nichts gefruchtet; es sei zu bedenken, 
dass der grosse Bauernkrieg mit einem gleichartigen Rumor 
begonnen habe. Vom Kaiserhofe kamen beruhigende Wei- 
sungen: es möge Alles geschehen, was auf den letzten Land- 
tagen zugesagt wurde; mit Jägern und Forstmeistern sollen 
die Unterthanen möglichst verschont, ,mit dem überflüssigen 
geheg soll innegehalten' werden. Die besonnenen Elemente 
unter der Bauernschaft thaten sich zusammen, formulierten 
ihre Beschwerdeschriften gegen Alles, wodurch sie sich der 
Jagd halber beschwert fühlten, und leiteten sie an die Re- 
gierung.' Diese beeilte sich, dem kaiserlichen Auftrage nach- 
zukommen, verbot den Verkauf von Waffen und Schiessbedarf, 
stellte Verzeihung in Aussicht, wenn Ruhe einträte, und be- 
gnügte sich, ein paar Rädelsführer mit zeitweiliger Landesver- 
weisung zu bestrafen.* Dass im Frühjahre zahlreiche Truppen, 



^ Bericht Karls an die Kammer, 30. Juni 1698, Leop. A. 339. 

' Ein anderesmal sagt die Regierung, die Leute seien wirklich ,dnrch 

nnbilligen zwang und mutwillen* der Jäger arg geschädigt worden. 

A. K. M. 1595, fol. 367. 

* So die Gerichte Thanr, Sonnenburg und Steinach. In letzterem klagten 
die Leute auch namentlich darüber, dajss sie zum Treiben genOthigt 
wurden. 

* So wurde Blasi Haller in Mils (bei Hall) auf drei Jahre verbannt, ob- 
gleich er nur ein Stück Wild gefällt hatte; aber er hatte die Bauern 



276 

von Rom, Mailand und Mantua als Hilfsvölker gegen die Türken 
dem Kaiser gesendet^ durch das Land zogen^ hat sonder Zweifel 
zur Beruhigung der Bevölkerung beigetragen.^ So trat in der 
zweiten Jahreshälfte wieder allgemach Ruhe ein; doch Hessen 
sich die Wildschützen ,noch immer etwas merkend* Ungern 
vernahm die Regierung über noch fortdauernde Rottierungen 
von Wilderem in Leutasch und Ehrwald,' obgleich ^nichts 
sonders mehr an wildpret vorhanden war^ 

Diese Bewegung unter den Bauern und jene unter den 
Knappen war nicht das Einzige, was der Regierung Besorg- 
nisse erweckte. Die Lage der Vorlande hielt man nicht ftir 
ganz gefahrlos. Gar sehr hätte man gewünscht, dass der 
Kaiser den badischen Hausstreit endlich einmal beigelegt hätte. 
Dieses Gefühl der Unsicherheit bewog zur Transferierung eines 
grossen Theiles der Besatzung (mehr als 100 Mann) vom ex- 
ponierten Lüders nach Breisach. Dass Cardinal Andreas als 
vorländischer Statthalter ,ungleiche befehle* erUess, beklagte 
man in Prag wie in Innsbruck.* Württemberg machte bereits 
kein Hehl daraus, die österreichische Afterlehenschaft abzu- 
thun.^ Die Zuversicht der Innsbrucker regierenden Kreise e^ 
höhte es nicht, dass der Kaiser noch im März 20 der schwer- 
sten Geschütze aus dem landesfürstlichen Arsenal nach Wien 
abführen Hess. Das Land, so klagte man, sei dadurch gar ,ent- 
blösst', und vom Versprechen eines Ersatzes in Rohmetall hielt 
man nicht viel.* 

Man beschränkte sich nicht auf eine eifrige gegenseitige 
Correspondenz zwischen Böhmen und Tirol, sondern zwei der 
angesehensten MitgUeder des Regiments, Kiimmerpräsident Cy- 
riac Heidenreich und Regierungsrath Christoph Vintler giengen 
alsbald selbst an den Kaiserhof, um des Landes Lage und 
Bedürfnisse dort auseinanderzusetzen.^ Der Kaiser berief ein 



seines Ortes zusammengerufen und mit einer Ansprache ermuntert 

A. K. M. 1598—1599, fol. 622. 
» M. a. H. 1596, fol. 26, 84. 

' Christ. Vintler an seinen Vetter, 28. November 1595, A. S. A. IX, 48—53. 
» A. K. M. 1595, f. 417. 

* A. K. M. 1595, fol. 47 und 88; G. v. H. 1595, fol. 51. 
' Vgl. darüber den Schluss dieser Abhandlung. 
« M. a. H. 1595, fol. 12. 
^ Zuerst trat der Kaiser in directe Fühlung mit dem Regimente durch 

Entsendung des Adam Gall Popl v. Lobkowiz (anfangs Februar). 



277 

Mitglied des tirolischen Collegs, Eonrad Dezius, zu dauernder 
Dienstleistung Air Erledigung der tirolischen Sachen nach Prag. 
Es dauerte nicht lange und man sagte ihm nach, er treibe 
ykaufmannschafi; mit der tirolischen expedition^^ 

Des E^isers erste Willenserklärungen lauteten auf Ver- 
hinderung aller Neuerungen, Eröffnung des Testamentes des 
Verstorbenen, baldigste Vornahme der Erbhuldigung und Be- 
rufung der Stände, in deren Gegenwart die feierliche Bei- 
setzung Ferdinands yorzunehmen wäre.' Namentlich die Hul- 
digung sei nothwendig angesichts ,der schwierigen bauem, der 
unruhigen knappen und der iriedhässigen nachbarschaft^ Von 
diesen Punkten bereitete natürlich die Testamentseröffhung die 
wenigsten Schwierigkeiten. Die Urkunde nebst Codicill wurde 
von Graf Georg v. Nogarol, Karl Schürf, Heidenreich und 
Anton y. Brandis im Wappenthurm erhoben und eröffnet^ 
Ebenda lagen auch jene zwei Hauskleinode, Eingehttrn und 
Achatschale, die stets vom Aeltesten der Familie aufbewahrt 
werden mussten. Sie kamen jetzt in die Prager Schatzkammer.^ 
In Gegenwart einer ähnlichen Commission Hess der Kaiser den 
höchst ansehnlichen Barschatz des Erblassers (nahezu 100.000 fl. 
in yerschiedenen Sorten) erheben als hochwillkommenen Bei- 
trag, wie versichert wurde, zum Türkenkriege. Ein kaiser- 
licher Obligationsbrief erklärte den Erben, dass hiedurch Nie- 
mand in seinem Anrechte auf die Erbschaft verkürzt sein soll.^ 
Die anderen Theile der kaiserlichen Weisung waren nicht so 
glatt abzuthun. Die Regierung machte aufmerksam, die Stände 
dürfe man nicht früher zur f^bhuldigung berufen, bevor es 
genau feststehe, wem sie zu huldigen haben; eine Huldigxmg, 
lautend auf das Haus Oesterreich ,in gemein', würde verweigert 
werden.^ Seien ja schon 1622 vor der Ländertheilung zwischen 
Kbt\ und Ferdinand die Huldigungscommissäre unverrichteter 
Dinge aus dem Ebass abgezogen. Bis Lichtmess 1596, so 



^ St-A., Karl Schürf an Erzhersog^n Maria, 1. November 1697. 

' V. d. K. M. 1695, fol. IS. So auch Rudolf an Erzherzog Mathias, 14. No- 

Tember 1695. Leop. A., 839. 
' Diese Herren vertraten dabei die erbberechtigten Agnaten. 

* Das handschriftliche Original des ersten Theiles vom »Ehrenwerk' des 
Jakob Schrenk Hess der Kaiser gleichfalls nach Prag bringen. 

* ddo. 16. April 1596, Cop. im 8t.-A. 

* M. a, H. 1596, fol. 70. 



278 

meinte man in Innsbruck, könnte das bereinigt und der Land- 
tag berufen werden. Aber solche Rechnung war ohne den 
Wirt gemacht, eine Einigung unter den Erben war schwer zu 
erzielen. 

Als Erben traten nach Ferdinands Tode die beiden noch 
lebenden Hauptlinien auf: die Söhne Maximilians U. mit dem 
regierenden Kaiser als ältesten an der Spitze und die Nach- 
kommenschaft Karls von Innerösterreich. Es trug nicht zur 
Vereinfachung der Verhandlungen bei, dass alle Sprossen des 
Grazer Hauses in dem Augenblicke noch minderjährig waren. 
Ihr oberster Vormund, der Kaiser, war ja selbst Partei und 
sollte sich deshalb, wie dies alsbald auch ausdrücklich betont 
ward, in der tirolischen Erbschaftssache seiner Gerhabschaft 
nicht bedienen.* Abgesehen von Differenzen minderen Be- 
langes traten sich zwei Anschauungen schroff entgegen: die 
eine, welche den Antritt des ungetheilten Ländererbes, die 
andere, welche die Theilung verlangte. Erstere vertrat vor 
Allem der Kaiser, letztere die steirische Linie, insbesondere 
Erzherzogin Maria mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres 
Wesens. Was immer auch im Veriaufe der manchmal hitzig 
geführten Verhandlungen die Steiermärker an Gründen f)ir 
ihre Forderung anführten, so war doch nicht die innere Ueber- 
zeugung von der Zulässigkeit oder Trefflichkeit einer Theilung 
für sie das Massgebende, sondern nur das Misstrauen, es möchte 
im Falle der Untheilbarkeit der Kaiser allein die Früchte der 
Erbschaft einheimsen.' Von diesem Misstrauen erfüllt, tritt 
der Grazer Hof zu allem Anfang schon in die Behandlung der 
Erbfrage ein. Noch bei Lebzeiten Ferdinands von Tirol, da 
sich Maximilian, der Deutschmeister, zu Besuch in Innsbruck 
befand, meinte eine der Grazer Prinzessinnen: ob sich etwa 
Maximilian in das Erbe ,einflicken^ wolle und ihre Brüder das 
Nachsehen haben sollten; der Kaiser wolle am Ende ganz 
Tirol für sich allein nehmen.' 



^ So auoh ein ausführliches Gutachten (undatiert) im 8t-A. 

' War doch gerade Karl von Steiermark der erste gewesen, der gegen- 
über den seit Ferdinand I. wieder emporgekommenen Theilungstendenzen 
in seinem Testamente die Untheilbarkeit seines L&ndergebietes anbefahl. 

^ Hnrter, Geschichte K. Ferdinands II., 3. Bd., p. 280. Dass das Inter- 
esse Maximilians bei diesem Besuche auf andere Dinge gerichtet war, 
darüber s. Hirn 1. c. II, p. 301. 



279 

Kaum war die Nachricht vom Tode Ferdinands nach 
Oraz gekommen^ so setzte sich Erzherzogin Maria mit ihrem 
Berather, Graf Hans Ambros Thurn, in Verbindung über die 
Frage, was sie im Interesse ihrer Kinder der tirolischen Erb- 
schaft wegen an den Kaiser schreiben sollte. Der bedächtige 
Thom rieth, nichts zu überstürzen, lieber den Kaiser heran- 
kommen zu lassen, und zunächst einmal den Erzherzog Maxi- 
milian, damals noch Qubemator von Innerösterreich, ,au8zu- 
fischen^ Würde man beim Kaiser bedenkliche Absichten 
spüren, so sei flttr die Erzherzogin-Mutter Zeit, ,einzusprengen^ 
Freilich wäre als erster dazu der Gubernator Maximilian be- 
rufen; aber der sei ebenso wie der Kaiser einer der Mitinter- 
essenten,^ und so sei von vorneherein die Sache schon recht 
,baufkllig^ Soweit es auf den Prager Hof ankonmie, werde 
man eine Erledigung schwerlich erleben. In Graz hatte man 
schon eine Ländertheilung im Sinne; aber Thurn verwies auf 
das Testament des Kaisers Ferdinand I. und auf die Stimmung 
in Tirol, beides sei gegen eine Theilung. Der Graf gab vier 
Möglichkeiten zu bedenken: Bestellung eines ,ansehnlichen^ 
Statthalters, welcher die Einkünfte zur Abledigung der vielen 
,überflüssigen^ Schulden verwende; Verwaltung des Landes 
ohne Statthalter, nur durch die jetzige Regierung, welche die 
Landessteuem zur Schuldentilgung benützen, das Einkommen 
aus den übrigen Gefällen den beiden erbberechtigten Linien 
(der ,Maximiliamschen und Karlischen^) jährlich zu gleichen 
Theilen abführen sollte; Theilung Tirols und der Vorlande 
unter die beiden Linien, wobei jene, die den einträglicheren 
Theil übernimmt, der andern die Differenz zu zahlen hätte; 
Uebemahme des ganzen ober- und vorderösterreichischen Erbes 
von Seite der Grazer Linie, wogegen dieselbe auf Steiermark, 
Kärnten oder Krain verzichtet. 

Auch Erzherzog Maximilian erbat sich den Rath des- 
selben Grafen in der tirolischen Angelegenheit. Thurn, welcher 
das Interesse des Grazer Hofes fbrdem wollte, gab zur Ant- 
wort, die Bestellung eines Statthalters in Tirol halte er nicht 
fUr nothwendig, da auch unter Kaiser Ferdinand lange Zeit 



* Anch da heisst es wieder Ton Maximilian, wahrscheinlich möchte dieser 
selbst am liebsten in Tirol residieren. Thurn an Erzherzogin Maria, 
1. Februar 1695, St.-A. 



280 

dort keiner residiert habe. Der bairische Herzog Wilhelm, 
obgleich Mitvormund für die Kinder Marias, werde von den 
Verhandlangen fernbleiben müssen, da man ihn als einen 
Fremden in die Geheimnisse von Erblanden nicht werde ein- 
weihen wollen. Massgebend werden die Hausverträge und Te- 
stamente sein, aber bezüglich des Näheren ,stehe er an^; denn 
Ferdinand sei noch minderjährig, der Kaiser und seine Brüder 
seien in der Sache Partei, Maria aber werde schwerlich allein 
diesen wichtigen £rbtractationen sich unterziehen wollen. Möchte 
das Alles ein Grund zur Verzögerung sein, so dürfte es anderer- 
seits doch Anlass bieten, dem jungen Ferdinand bei Zeiten 
schon die eigenen Lande zur selbständigen Regentschaft zu 
übergeben.* 

Ihren Bruder, Herzog Wilhelm, hoffte Maria an ihrer 
Seite zu haben bei Verfechtung der steirischen Ansprüche auf 
Tirol. Er wurde aber bei Zeiten ausgeschaltet, nicht allein 
aus dem von Thurn angegebenen Grunde, sondern weil er in 
jenen Tagen von der Regierung sich zurückzuziehen begann 
und infolge eines Missverständnisses meinte, es bestehe zwischen 
seiner Schwester und dem Kaiser keine wesentliche Differenz 
in der Erbschaftsfrage.' Maximilian von Baiem aber stand 
diesen Dingen von Anfang an kühl gegenüber. So fand sich 
unter den Verwandten der Erzherzogin Maria Niemand, der 
energisch {\Xr ihren Theilungsplan eingetreten wäre. Einen sehr 
warmen Verfechter desselben fand sie in einem tirolischen Edel- 
herm, Karl Schürf. Er qualificierte sich zum eigentlichen Ver- 
trauensmanne des Grazer Hofes in Tirol. Seine Beziehungen 
zu diesem Hofe mögen schon weiter zurückreichen. 1590 über- 
bringt er im Namen des tiroUschen Schwagers der Erzherzogin 



^ Thurn an Erzherzog Max, 9. Februar 1595, St.-A. Thurn sandte eine Ab- 
schrift dieses Schreibens insgeheim an Erzherzogin Maria mit der Bitte, 
ihn nicht ,zu vermaren, damit ich nit in ungnad komm'. Er setzte bei, 
er hoffe, ,in der sachen nit zu wenig getan zu haben, sondern zu einem 
anfang meines jungen gnädigen herm erblichen anfall ziemlicher massen 
angedeutet zu haben'. 

' Schon am 11. März 1595 wendet sich Erzherzogin Maria Tirols wegen 
an Herzog Wilhelm. Stieve, Witt. Briefe, Nr. 57. Die in Nr. 65 (8. No- 
vember 1596) vorkommende Stelle über die Huldigung kann ich nicht 
wie Stieve auf Innerösterreich, sondern nur auf Tirol beziehen. S. auch 
Stieve, Die Politik Baiems I, 117. — lieber noch andere Motive des 
Herzogs Wilhelm s. unten. 



281 

Maria die Condolenz zum Verlust ihres Gemahls. Des öfteren 
rühmt er sich, in den beiden Schrattenbach so bewährte Männer 
in den steirischen Dienst empfohlen zu haben. In Personal- 
fragen hat Maria auch in späteren Jahren seinen Rath eingeholt, 
besonders wenn es galt, Männer aus dem tirolischen Beamten- 
dienste herüberzuziehen. In der Schreibseligkeit konnte sich 
Ritter Schürf ganz wohl mit seiner hochfürstlichen Gönnerin 
und Freundin messen. Es Uegen Briefe in der Stärke von 
einigen zwanzig Blättern vor, an denen er tagelang geschrieben. 
Sie athmen hingebungsvolle Vertraulichkeit. Wenn ich E. D. 
schreibe, so versichert er, ist mir gerade so, als ob ich meiner 
eigenen Mutter selig vertraulich schreiben oder mit ihr reden 
würde; habe ich etwas nicht recht gemacht, so sollen mir E. D. 
eine Busse auferlegen. Was Innsbruck an kleinen Hofge- 
schichten lieferte, berichtete er aus Kufstein, seinem gewöhn- 
Uchen Wohnsitze, getreulich. Mit den kräftigsten Worten be- 
stärkt er die Erzherzogin, den einmal gefassten Plan wegen 
Tirol festzuhalten: Ja gnädigste frau, dieselb lassen halt sich 
nux von der teilung kein weit und kein teufel nit schreckend 
Dieser Parteigänger war um so wertvoller, da er einer der an- 
gesehensten Landesedeln war und seine Gesinnung, um desto 
intensiver wirken können, so lange wie möglich zurückhielt. 
Er hat mit Maria die Tiroler Sache in Graz und München und 
dann wieder bei ihrer spanischen Reise durch Tirol besprochen.^ 
Aber trotz aller Heimlichkeit muss er nach einiger Zeit be- 
richten: ,Ich bin für gut grazerisch beschreit, dess ich auch, 
ob gott will, leben und also ersterben will;* sollte ich darob 
zur Rede gestellt werden, ,so wurd ich wie ein heid leugnen, 
und sollt ichs zehnmal beichten, und doch wurd ich des Ver- 
dachts nit entlaufend Möchte ich nur, so fleht er, ,soviel salz 
im hirn* haben, um E. D. und deren Kindern in diesem mit 
Nutzen zu dienen. Tag und Nacht deUberirt er, was im Inter- 
esse der Erzherzogin und ihrer Kinder zu thun und zu rathen 
wäre. Alles möchte er in Bewegung setzen, um eine Länder- 
theilung im Sinne des Grazer Hofes zu erzwingen; dagegen 

^ Das Heimlichthun ging* so weit, dass er in München der Erzherzogin 
dringend rieth, sie mOge keinen Act, Tirol betreffend, aus dieser Stadt 
datieren, weil man sonst hinter seine Rathschläge käme. Hurter 1. c. 
IV, 402, and darnach KhuU, Sechsundvierzig Briefe der Erzherzogin 
Maria, p. 22. Beide bezeichnen Scharf fälschlich als Kanzler. 



282 

will er von einer Gebietsabtretung an die beiden Söhne des 
verstorbenen Ferdinand durchaus nichts wissen. Selbst wenn 
es ohne starke Belastung der Kammer möglich wäre, die im 
väterlichen Testamente bestimmte Ländertiberweisung an An- 
dreas und Karl vorzunehmen, so ist nach Ritter Schürf doch 
derjenige ein ,heimlicher und schädlicher^ Feind des Hauses 
Oesterreich, welcher ,dazu rat und tat gibt', denn solch ,herr- 
liche stücke' dürfen nicht in ,fremde' Hände kommen.* 

Dass in Tirol und den Vorlanden baldigst der Huldigungs- 
act vorzunehmen sei, darin begegneten sich der Kaiser und die 
Innsbrucker Regierung. Aber es musste doch genau festge- 
stellt werden, wem zu huldigen sei. Darüber musste eine Aus- 
sprache unter den Erbberechtigten erfolgen, specieU zwischen 
Prag und Graz. Der Kaiser eröffnete die Debatte mit einer 
Anfrage an den noch nicht volljährig erklärten Ferdinand von 
Steiermark, wie man es mit Tirol halten soll. Zweimal, im 
August und September 1595, ergiengen kaiserliche Briefe an 
den Erzherzog, der aber die Beantwortung seiner Mutter über- 
liess. Maria hatte es nicht sehr eilig. Erst im November be- 
sorgte sie die Erwiderung: die Angelegenheit ins Reine zu 
bringen, empfehle sich schon zur Vermeidung neuer Unkosten, 
beim Begräbnisse des tirolischen Erzherzogs dürfe ja nicht des 
württembergischen Wappens vergessen werden, weil Württem- 
berg sonst neue Hoffnung schöpfen würde; über Huldigung und 
Landesverwaltung könne sich ihr Sohn erst äussern nach er- 
langter Mündigkeit; damit man aber schon jetzt darüber an 
ein Ziel komme, so sollten sich alle Erben über einen Guber- 
nator vergleichen, der in wichtigeren Sachen die Meinung der 
Erbbetheiligten einzuholen hätte.* Die Erzherzogin hielt noch, 
wie man sieht, zurück und nöthigte den Kaiser, deutlicher zu 
sprechen. Aus Prag kam die Antwort: Einzelnes in Marias 
Schreiben sei ,was dunkel^, in Bezug auf Württemberg habe 
sie recht, die Huldigung aber sei bei den gefährlichen Zeiten 
nicht länger aufzuschieben, nach altem Landesbrauch sei sie 
nur einem Herrn zu leisten, und der könne nur der Kaiser 
sein, welcher jedoch bereit sei, den Miterben einen ihre Rechte 
wahrenden Revers auszustellen.* Damit hatte der Kaiser die 



^ Schürf an Erzherzogin Maria, 2. November 1595. St.-A. 

' Erzherzogin Maria an Rudolf, 2. November 1595. St.-A., Cop. 

^ Rudolf an Erzherzogin Maria, 14. November 1595. St.-A., Cop. 



283 

Correspondenz über Tirol mit Maria eröffnet, noch immer hätte 
er sieh lieber unmittelbar mit ihrem Sohne darin auseinander- 
gesetzt. Er richtete deshalb gleichzeitig auch an Ferdinand 
ein Schreiben, worin er vorwurfsvoll bemerkte, dass derselbe 
nie geantwortet, obgleich man gerade auf seine Aeusserung 
Wert lege.^ Ferdinand verharrte auch darauf noch in seinem 
Schweigen, desto schneller war seine Mutter mit einer Er- 
widerung zur Hand. Es befremde sie, so gab sie zurück, 
dass man in ihrem Briefe Manches dunkel finde; sie habe 
doch deutlich genug gesagt, wie das tirolische Gubernament 
anzustellen wäre. Ohne opponieren zu wollen, wolle sie sich 
nun eingehender darüber vernehmen lassen. Alle Interessenten 
zusammen sollen den verwaisten Ländern Jemanden benennen, 
dem sie zu huldigen hätten, und der also Präsentierte habe in 
wichtigeren Sachen der Landesverwaltung alle Erben zu be- 
fragen. Den Tirolern wird dies um so weniger zuwider sein, 
als auch die innerösterreichischen Länder sich dasselbe ge- 
fallen lassen. E^ sei nicht wahrscheinlich, dass ,die Tiroler vom 
gubernament eines eigenen hen*n die andern agnaten ihres 
erbguts priviren würden^ Die Einsetzung eines Dritten bis zu 
einer allgemeinen Vergleichung entspräche den Verfügungen, 
die schon Ferdinand I. getroffen. Als einstens vor der Theilung 
KätI und Ferdinand in Spanien weilten, waren die Länder 
auch jahrelang ohne bestimmten Herrn, warum sollten sie jetzt 
nicht einem Gubernator huldigen, ohne dass sich die Erben 
schon endgiltig vergUchen hätten? Es könnte ja auch der 
Fall sein, dass alle Erben minderjährig wären; da müsste doch 
auch für einen Gubernator gesorgt werden. Wie vieler Statt- 
halter bedient sich nicht der spanische König! Auch Steier- 
mark sei bisher mit einem Gubernator gerade so gut gefahren, 
als wenn es einen eigenen Regenten hätte. Tirol könne das 
um so leichter, da dieses Land kein äusserer Feind bedroht 
und in demselben keine Religionsstreitigkeiten herrschen. Würde 
aber das Land dem Kaiser allein huldigen, so würde, so lange 
derselbe lebe, die Huldigung keinem anderen mehr geleistet 
werden, und so würde der steirische Zweig ,gleichsam tacite^ 
von der Erbschaft ausgeschlossen. Bis zur Volljährigkeit Fer- 
dinands sei also ein Gubernator nothwendig. Sollte der Kaiser 



Vom selben Datum. St-A., Orig. 



284 

durchaus nicht auf einen solchen eingehen, so müsste er sich 
reversieren, dass er den künftigen Vergleich möglichst be- 
fördern und mit seiner eigenen Landesverwaltung die Rechte 
der Erben nicht beeinträchtigen wolle, dass er keines der tiro- 
lischen Gefälle versetzen, keine neuen Landesschulden machen 
und das Einkommen des Landes nur zur Schuldentilgung ver- 
wenden werde. Sollten die Stände eine Grenzhilfe bewilligen, 
so falle die Hälfte davon den Steiermärkem zu. Man erwarte 
die Vorlage einer Huldigungs- und Reversformel, deren Prüfung 
man sich vorbehalte.^ 

Aus dem Kreise ihrer Kinder erntete Maria für dieses 
Eintreten zu Gunsten ihrer Interessen die Versicherung leb- 
haften Dankes: so ein gutes Land wie Tirol finde man nicht 
alle Tage; besser sei, dem Kaiser Widerstand zu leisten, als 
mit Schweigen Alles zu verlieren. Auch der Markgraf Karl 
von Burgau, erfüllt von Misstrauen gegen den Kaiser, bestärkte 
Maria^ die eingeschlagene Richtung festzuhalten.* Ohne dem 
steirischen Theilungsprojecte das Wort zu reden, betrieb auch 
Erzherzog Maximilian die endliche Erledigung der Frage in 
Prag, da er nach Uebemahme des Oberbefehls gegen die 
Türken stark in Schulden gerathen war imd als Miterbe nach 
dem tiroUschen Ferdinand wie nach seinem im gleichen Jahre 
verstorbenen Bruder Ernst (in Belgien) wissen wollte, was 
seines Einkommens wäre.^ Der Kaiser aber war zu keinem 
rascheren Tempo zu bewegen; der Erzherzogin Maria that er 
zu wissen, ihre Anregungen seien nicht so bald zu beantworten, 
denn sie seien weitläufig und so beschaffen, dass man erst der 
Ueberlegung pflegen müsse.* Ihn erfüllte zimächst nur der 
Gedanke, die Erbhuldigung baldigst vornehmen zu lassen. Da 
er hiezu seinen Bruder Mathias in Aussicht genommen, so 



^ Erzherzogin Maria an Rudolf, 27. November 1595. St.-A., Cop. — Maria 
folgt hier dem Gedankengang^e eines undatierten Qutachtens, wo es 
heisst: Es ist nicht richtig, dass dem Kaiser als Aeltesten die Regierung 
Tirols und der Verlande zustehe. Das wäre nur mOglich bei unyer- 
theilten Ländern und ungetheilten Linien. Aber bei getheilten Linien 
höre das Privilegium aetatis auf. 

• Hurter 1. c. m, 282. 

• Vorstellung von Maximilians Gesandten Johann Eustach v. Westemach 
an den Kaiser, Prag, 31. December 1595. A. C. 

^ Rudolf an Erzherzogin Maria, 13. December 1595. St.-A., Cop. 



285 

forderte er denselben auf, die Eidesformel zu verfassen.* Ma- 
thias zog den jüngeren Bruder Maximilian, den Rudolf gleich- 
falls um seine Meinung befragte, zu Rathe; beide sprachen 
sich deshalb in Wien.* Sie beschlossen, ,in der tirolischen 
Sache' gemeinsam vorzugehen.* Als Resultat ihrer gemein- 
samen Aussprache legten Beide dem Kaiser die Formel zu 
einer HuldigungsvoUmacht vor, worin die Ansprüche aller Erz- 
herzoge als gleichberechtigter Erben vollauf gewahrt wurden. 
Die Stände sollten dem kaiserlichen Vertreter huldigen mit 
Vorbehalt des allen Erzherzogen gebührenden Gehorsams und 
anter Anerkennung derselben als ihre Landesftirsten.* Rudolf 
dagegen hätte einen Revers auszustellen, worin er baldigste Er- 
ledigung des Hauptvergleiches versprach. 

Maximilians Agent Samtein in Prag, selbst ein Tiroler, 
erschrak über diese an den Kaiser gestellten Bedingungen. 
Rudolf, also berichtete er sofort, werde Bedenken tragen, der- 
artige Vollmacht anzunehmen. Man werde eine andere Form 
finden müssen, wenn man der tirolischen Landschaft nicht 
Ursache geben wolle, die Huldigung noch länger zu ver- 
schieben, der gemeine Mann in Tirol wie in den Vorlanden 



20. Jftnner 1596. A. Jäger, Beiträge zur Geschichte der Verhandlungen 
über die erbfällig gewordene Qrafschaffc Tirol nach dem Tode des Erz- 
herzogs Ferdinand, 1595—1597, im Archiv für Osterreichische Geschichte, 
50. Bd., p. 5 (109). 

Maximilian schreibt an Mathias, er wolle in der ,bewassten sache* mit 
ihm am 24. Jänner in Wien sprechen. A. M. 

Maximilian schreibt am 10. Februar 1596 seinem Agenten Samtein in 
Prag: Jn tirolischen Sachen lassen wir uns nit irren, was andre von 
unserer Zustimmung mit unserem bruder urteilen, da wir in unserm 
Österreichischen erbdeputat dermassen gewitzigt, dass, wenn wir damals 
bessere vorsieht gebraucht hätten, nit, wie ein zeit hero mit schaden 
und spott geschehen, teils raten zu gnaden gehen durften. Wir setzen 
in den Kaiser kein mistrauen, aber wir wollen nit länger von den mi- 
nistris dependiren, welche nach ihrem gefallen die kaiserlichen befehle 
ausführen oder einstellen.* A. C. 
^ A. Jäger 1. c. 8 (112). Mathias und Maximilian schreiben gesondert an 
den Kaiser. Maximilian verwahrte sich dagegen, dass die tirolische 
Sache so wie sein Erbdeputat ,zu einer kammersache' gemacht werde. 
Er beschwerte sich auch darüber, dass wegen der Erbeinsetzung des 
Andreas und Karl wohl Mathias, nicht aber auch er vom Kaiser gefragt 
worden war; das werde hoffentlich künftig nicht mehr vorkommen. Erz- 
herzog Maximilian an Rudolf, 26. Jänner 1596. St.-A., Cop. 



286 

könne leicht schwierig werden.^ Ganz befriedigt über die Hal- 
tung der beiden Erzherzoge war man in Graz. Sie hatten 
dorthin gemeldet, was sie vom Kaiser verlangten. Erzherzogin 
Maria liess sie ihrer Freude versichern, dass sie ,fein deutsch^ 
ihre Meinung nach Prag zu verstehen gegeben, das werde 
sich der Kaiser wohl zu Gemüth führen. Sie Beide hätten 
gegen die anderen Erben so recht als Brüder gehandelt, auf 
diese Art werde niemandem etwas vom Seinen entzogen. Die 
Vollmacht sei dermassen ,restringiert, dass man wenig vergessen 
und ausgelassen^ Ist aber auch Gewaltbrief und Revers ,ge- 
schickt genügt, so wären doch noch zwei Punkte aufzunehmen: 
1. Der Kaiser hätte nach Abschluss des Hauptvergleiches sich 
keinerlei aus der Huldigung fUr ihn ergebender Rechte zu be- 
helfen, und 2. die Stände wären ungeachtet des dem Kaiser 
zu leistenden Eides zum Gehorsam gegen die Erben insgemein 
zu verpflichten.* In ähnlichem Sinne erklärte sich die Erz- 
herzogin auch gegenüber dem Kaiser.' Rudolf war weder mit 
seinen Brüdern noch mit seiner Base Maria zufrieden; diese 
ahnte schon, er werde darüber ,gewaltig launig^ sein.* Ma- 
thias erhielt die Antwort, der vorgelegte Gewaltbrief sei nicht 
zu brauchen, weil die Tiroler einem Fürsten mit so beschränkter 
Vollmacht nicht werden huldigen wollen; dieselben würden 
es auch dahin auslegen, dass sie ebensoviele Regenten als 
Erben haben müssten. Was die Miterben da vom Kaiser 
verlangen, zeige ein schimpfliches Misstrauen, das, an die 
Oeffentlichkeit gelangt, in diesen schwierigen Zeiten um so 
bedauerlicher wäre.^ Dass Mathias unter die zur Huldigung 
einzuberufenden Stände auch den Markgrafen von Burgau auf- 
nehmen wollte, fand Rudolf ungehörig, da derselbe nicht tiro- 
lischer Landstand, sondern nur Inhaber von Pfandherrschaften 
sei, Burgau selbst aber nicht zur Grafschaft Tirol zähle. Den 
Hauptvergleich wollte der Kaiser nach Thunlichkeit fördern, 
aber jedenfalls erst nach der Volljährigkeitserklärung des 
steirischen Ferdinand. Aehnliche Antwort bekam natürlich 



^ Sarntein an Erzherzoge Maximilian, 3. Febraar 1596. A. M. 
' P. Casal an Erzherzog Maximilian, 8. Februar 1696. ▲. M. 

* 16. Jänner 1596. 

* Stieve, Witteisbacher Briefe II, Nr. 69. 
» A.Jäger 1. c.p. 6 (HO). 



287 

auch Maximilian.^ Unter dem gleichen Datum ergieng auch 
eine an Maria. Wäre nur Alles in Tirol so gefahrlos, entgegnet 
Rudolf^ als ,ring es E. L. machen oder wie es E. L. von andern 
falsch eingebildet wird^ Aber die Gefahr mit der Knappen- 
schaft sei noch nicht beseitigt, in ihrem Streit mit den Ge- 
werken habe man sie, um Aufruhr zu verhindern, auf die 
künftige Huldigung vertrösten müssen, also sei mit dieser nicht 
länger zu zögern. Auch in den Vorlanden erleide sie keinen 
Aufschub, wo die Städte Hagenau, Eolmar, Schlettstadt und 
Oberehnheim den Unterlandvogt nicht mehr anerkennen wollen, 
da es seit Erzherzog Ferdinands Tode keinen Obervogt mehr 
gebe. Venedig und Bündner seien eine geftlhrliche Nachbar- 
schaft; es sei von Glück zu reden, dass die Ruhe unter den 
jetzigen Verhältnissen erhalten blieb. ,Hätten wir das unsrige 
nit treulich getan, welches doch wie wir sehen, nit überall er- 
kennt werden will, so würde man schon mit schaden erfahren 
haben, was ein so unnötig verursachter langer verzug ge- 
fruchtet^ Zur Beruhigung der Erzherzogin war Rudolf bereit, 
noch eine besondere ,assecuranz^ auszustellen, wo er versichert, 
die Huldung würde nicht in seinem speciellen Interesse vorge- 
nommen. Dafür erwartete er die Annahme seiner Vollmacht- 
form. Sollte Maria noch weiter zögern, so würde er, wie er 
drohte, thun, wozu ihn das Beste des gemeinen Wesens 
zwinge; er erwarte ,unabschlägige* Antwort.* 

Der kaiserliche Brief machte in Graz einigen Eindruck. 
Marias Räthe fanden, man werde dem Kaiser nicht entgegen 
sein können, da er sich zu Vielem erbiete.' Die Erzherzogin 
fUrchtete ,unrat', wenn sie sich der Vollmacht weigerte; es 
könnte dies den Kaiser ,zu etwas verursachen, das er sonst 
nit tät^ Aber ohne Correctur sollte der Prager Vorschlag 
doch nicht bleiben.^ Auch Maximilian erfuhr alsbald aus 



^ Die Antwort an Maximilian liegt nicht vor. Dass er eine erhielt, zeigt 
sein Becepiss vom 24. Februar (A. C), wo er weiter nachzudenken ver- 
spricht. 

' Rudolf an Erzherzogin Maria, 16. Februar 1596 (mit der unrichtigen 
Jahrzahl 1696). 8t.-A., Cop. 

' In diesem Sinne sind auch Qraf H. Ambr. Thurns Rathschläge aus dieser 
Zeit an Erzherzogin Maria gehalten. 

* Stieve, Witt. Briefe II, Nr. 71. Ich deute das hier vorkommende Wort 
,Correctur* etwas anders als Stieve. 

ArehiT. XCII. Bd. II. B&lft«. 19 



288 

Graz^ man meine dort, dass man sich der ^gwaltserteilung^ 
kaum werde erwehren können. Träte das aber ein, schrieb 
er seinem Bruder Mathias, so würden auch sie beide schwer- 
lich ,fürüber können^ da wäre es besser, sie kämen den 
Grazem zuvor. ^ Er wünschte, gemeinsam mit Mathias vor- 
zugehen, aber eine baldige Entschliessung, damit sie von den 
Steirem nicht ,übereilt' würden.* Diese nachgiebigere Stim- 
mung Maximilians wurde auch von anderer Seite noch 
genährt. Karl von Samtein blieb dabei, dass die von den 
Brüdern vorgeschlagene Vollmachtsform ,nichts nutz' und 
dem Kaiser nicht ,annehmUch^ sei; auch andere ,gute leut^ 
seien der gleichen Ansicht und gäben den Rath, Maximilian 
möge nicht gemeinsam* mit Mathias seine Sache vor dem 
Kaiser betreiben und sich nicht solcher ,consilien^ theilhaftig 
machen, die dem Kaiser ,su8pect und widerwärtig vorkommen*. 
Durch denselben Vertrauensmann Hess der tirolische Kammer- 
rath Ulrich Hohenhauser, der in Amtsgeschäften in Prag weilte, 
dem Erzherzog nahe legen, er möge doch dem Kaiser zu 
Willen sein, es stecke hinter dem kaiserlichen Verlangen ge- 
wiss kein Präjudiz.* Auch Mathias kamen Stimmen aus Tirol 
zu, welche sich über die von ihm und Maximilian vorge- 
schlagene Huldigungsform ungünstig aussprachen, da in der- 
selben der Gehorsam gegen alle Erben und ein LandesfÜrsten- 
thum aller Erzherzoge betont war.* Mathias erblickte darin 
einen Ausweg, dass man die Huldigung an den Kaiser allein 
gewähre mit der Beschränkung ,auf diesmal' und mit Hinweg- 
lassung der Worte ,inmassen von alters herkommen*, damit 



^ Erzherzog Maximilian an Erzherzog Mathias, 24. Februar 1596. A. C. 

' Erzherzog Maximilian an Unverzagt, 1. Februar 1596. A. C. 

' ,durch gesammte schreiben*. 

* Sarntein an Erzherzog Maximilian, 10. Februar 1596. A. M. 

^ Ä. Jäger 1. c. p. 8 (112). Man kann aber nicht wie J&ger von ,den 
Ständen* sprechen, die sich also geäussert hätten, da kein Landtag ge- 
halten wurde. Es waren eben einzelne Persönlichkeiten, welche ihrer 
Meinung Ausdruck gaben. So schreibt auch gegen Ende 1595 Christof 
Yintler: Möchten sich doch die Erzherzoge bald mit dem Kaiser ver- 
gleichen, ,Andrergestalt, glaub ich, wird es sich nit verrichten lassen.' 
Ich glaube, der junge Erzherzog Ferdinand hat auch ,ein stark aug da- 
her und seine mutter wird auch nit feiern*. Unterdessen ,steckt die 
sepultur und erbhuldigung, daran doch merklich viel gelegen*. 



289 

den Ständen die Untheilbarkeit nicht von vornherein wie ein 
Privilegium eingeräumt würde. 

Eingeschüchtert wie aUe drei: Mathias, Maximilian und 
Maria nun wohl waren, wollten sie, wenn auch zu einem ge- 
wissen Entgegenkommen bereit, wenigstens noch gemeinsam 
vorgehen. Maximihan fand es begreiflich, dass ,denen in 
Prag unsre brüderliche Vereinbarung und sammtUches proce- 
diren* nicht gefällt, aber Absonderung hielt er nach seinen Er- 
fahrungen für schadenbringend. ^ Erzherzogin Maria schickte 
wie an den Herzog Wilhelm so auch an den Deutschmeister 
den mit ihren Correcturen versehenen Entwurf des Kaisers 
über Vollmacht und Revers und meinte dabei: obgleich wir 
,hart dazu kommen^, so ist doch schier dafür zu halten, dass 
Rudolf auch diesen Gewaltbrief wegen ,der starken correctur 
mid dazu gesetzten clausein* wieder nicht annehmen werde; 
aber sie drei unter sich sollten einig und vertraulich handeln.^ 
Aber diese Einigkeit sollte nicht lange währen. Maximilian 
sah sich bald isoliert, die beiden anderen verhandelten geson- 
dert mit dem Kaiserhofe. Maria sandte ihren corrigierten Ent- 
wurf an Rudolf und setzte beschwichtigend bei, ihre Aende- 
mngen beträfen ja nicht die Substanz, sondern dienten nur 
zur Erläuterung. Weitere Schwierigkeiten wolle sie nicht mehr 
machen, aber die Rechte ihrer Kinder müsse sie wahren. Am 
liebsten wäre ihr freilich, wenn ihr Ferdinand, volljährig er- 
klärt, seine Sache selbst vertreten könnte. Dabei kam sie 
noch einmal darauf zurück, dass ein Dritter die Huldigung in 
Tirol vornehmen sollte, imd dass die Hälfte einer vom Landtag 
zu bewilligenden Türkenhilfe für Steiermark gehöre.^ Auch 
Mathias unterbreitete selbständig in Prag einen neuen Vor- 
schlag. Am Hofe Rudolfs rühmte man sogleich die von beiden 
bezeugte, Willfährigkeit^ und zeigte sich unangenehm berührt, dass 
Maximilian zurückgeblieben. Sarntein entschuldigte seinen 
Herrn mit einer Reise desselben nach Linz, aber bekümmert 



^ Erzherzog Maximilian an Westemach, 10. Februar 1596. A. C. Immer 
wieder kam Maximilian darauf zurück, dass das getrennte Vorgehen 
der Brüder in ihrer Deputatsache ihnen schädlich war, und so würde es 
auch in der tirolischen Sache sein. 

' Casal an Erzherzog Maximilian, 8. März 1596. A. M. 

' Erzherzogin Maria an Rudolf, 17. März 1596. St.-A., Cop. 

19* 



290 

schrieb er ihm: jeder von den Mitinteressenten will sich dem 
Kaiser ,schön machen* und den Verdacht ,de8 unglimpfens und 
des mistrauens* von sich abwälzen; es sei leicht zu erkennen^ 
worauf dies Alles angestellt sei.^ In seiner Ueberraschung 
fragte sich Maximilian in Graz an^ ob man dort wirklich nach- 
gegeben; in diesem Falle würde ja ihm allein die ganze Schuld 
beigemessen werden.* Ohne die Antwort abzuwarten, unter- 
nahm der Deutschmeister einen Schritt, um die gefürchtete 
IsoHerung zu vermeiden.^ Er unterbreitete dem Kaiser das 
Versprechen: sobald er Kunde habe von der Erklärung der 
Mitinteressenten, wolle er sich so erzeigen, dass von seiner 
Seite kein Hindernis obwalte. Damit hoffte er, den über sein 
ungarisches Generalat noch schwebenden Verhandlungen einen 
günstigen Abschluss zu verschaffen. Die kaiserlichen Minister 
Paul Sixt Trautson und Wolfgang Rumpf beeilten sich, dem 
Erzherzog ihre Befriedigung auszudrücken und ihn zu trösten, 
dass er nicht zu spät gekommen; übrigens sei man auch mit 
Graz fast im Reinen.* Mit diesem letzteren war zu viel be- 
hauptet, denn nur Mathias hat sich in diesen Tagen dem Kaiser 
,ganz accomodirt* und die von demselben proponierte Vollmacht 
unterschrieben.^ Aus Graz bekam Maximilian auf seine An- 



^ Samtein an Erzherzog Maximilian, 18. März 1596. Man wasste also in 
Prag von dem Qrazer Entschlüsse, hevor noch das citierte Schreiben 
Marias dahin kam. 

' Erzherzog Maximilian an Casal, 28. März 1596. A. C. 

' Maximilian erhielt erst Mitte April von Graz Antwort Er bekennt (an 
Oasal) ganz offen, er habe dieses Stillschweigen dahin verstanden, ,dass 
die Sachen dem ausgeben gemäss in Graz allerdings richtig*. 1. Mai. 

* Trantson an Erzherzog Maximilian, 3. April 1596, Rumpf an denselben, 
8. April. A. M. — Erzherzog Maximilian an Rudolf, Trautson und Rumpf, 
T.April. A.C. 

^ Samtein an Erzherzog Maximilian, 22. April 1596. A. M. — A. JSger, 
1. c. p. 9 (113), sag^ am 10. April haben Mathias, Maximilian, Albrecht 
und Herzog Wilhelm die Vollmacht ausgestellt. In Bezug auf Maxi- 
milian stimmt dies nicht. Ausser Mathias mag Herzog Wilhelm 
von Baiem schon im April zugestimmt haben (vgl. Stieve, Witt. 
Briefe II, Nr. 81 und 82). Von Erzherzog Albrecht scheint es mir 
zweifelhaft, da ihm Maximilian erst am 12. Juni auf einen Brief ant- 
wortet, worin Albrecht die Fertigung des Gewaltbriefes meldete. Wenn 
die Vollmacht das Datum des 10. April trägt, so ist dasselbe ohne 
Zweifel vom Tage der Zustimmung des Mathias übernommen. Auch 
Hurter, 1. c. HI, 282, nennt den 10. April. 



291 

frage einen Bericht, woraus er sehen konnte, dass er in seiner 
Zurückhaltung nicht allein dastehe. Weil dort auf die Cor- 
rectur mit den ^starken klauseln^ bis Mitte April keine Ant- 
wort von Prag eingetroffen war, so schloss man, dass der 
Kaiser nicht nachgeben werde. Wir sind aber, so wurde dem 
Deutschmeister versichert, entschlossen, gegenüber einer kaiser- 
lichen Replik auf der ,geschehenen corrigirung^ zu verharren; 
man scheue, wenn es die Wahrung eigener Rechte gilt, auch 
nicht den kaiserlichen Unwillen.^ Thatsächlich erhielt Erz- 
herzogin Maria aus Prag verneinenden Bescheid. Namentlich 
eine ihrer Correcturen, dass nämlich die Huldigung nur für 
das laufende Jahr gelten und, wenn während desselben der 
Hauptvergleich nicht zu Stande käme, unkräftig sein sollte, war 
dem Kaiser unannehmbar. Er verwies darauf, dass der Ver- 
gleich nicht von ihm allein abhänge, und auf den Eindruck, 
den solch eine Huldigung auf die Stände machen würde. Da 
wäre es, so schreibt er, doch schade um die Kosten für den 
Landtag. Die Huldigung sei nicht länger zu verschieben, da 
einige der vornehmsten tirolischen Räthe vom Dienste scheiden 
wollen und in den Vorlanden es der Religion halber bedenk- 
lich sei. Maria möge sich doch damit begnügen, dass die 
Vollmacht von der öiltigkeit bis zum Vergleichsschlusse spricht.* 
Die kaiserliche Replik machte auf die Erzherzogin keinen 
Eindruck. Wenn ihr Vorschlag nicht genehm, antwortete sie, 
so gebe es drei Auswege: Uebergabe Tirols an einen Dritten, 
Volljährigkeitserklärung ihres Sohnes oder Ländertheilung. Sie 
verwahre sich dagegen, dass man ihr die meiste Schuld an 
der verzögerten Erbhuldigung zumesse; im Bewusstsein der 
Pflicht gegen ihre Bander denke sie an das Sprichwort: 
,viel besser ein sach zwier messen als einmal vergessen*.* 
Als Maria diese ihre neuerliche Weigerung vor dem Kaiser 
wiederholte, durfte sie annehmen, dass, bis zu einem gewissen 
Orade wenigstens, Maximilian noch auf ihrer Seite stehe. Nun 



^ Casal an Erzherzog Maximilian, 15. April 1596. A. M. 

' Rndolf an Erzherzogin Maria, 18. April 1596. St.-A. 

* Erzherzogin Maria an Rudolf, 28. April 1596. St.-A. — Casal schickte 
Abschrift hievon an Maximilian, um neuerdings zu beweisen, wie ,un- 
gleich* man von der Nachgiebigkeit der Grazer geredet habe. Erz- 
herzogin Maria setzt eigenhändig bei: ,ich kann meinen kindem nix 
begeben, als nit mein ist.* SO. April. A. M. 



292 

begab sich derselbe in der ersten Maiwoche nach Prag, um 
seine Bestellung in Ungarn richtig zu machen. Hiebei wurde 
der Erzherzog auch Tirols wegen angesprochen. In Bezug 
auf den Vollmachtsbrief hatte er keine wesentlichen Einwen- 
dungen mehr zu machen. Aber die Form des gleichzeitig vom 
Kaiser auszustellenden Reverses (der ,assecuration^ wollte ihm 
noch nicht ganz gefallen. Darin erschien der Satz: der Kaiser 
habe sich* der Landesadministration zu unterziehen gnädig be- 
willigt. Das, so erklärte er, entspreche nicht der Wirklich- 
keit. Denn es sei doch wissentlich, dass, sowenig ,die ver- 
gleichung von den miterben jemals begehrt* wurde, ebenso- 
wenig der Kaiser um die Uebernahme des Landes ersucht 
worden sei. Rudolf habe vielmehr den Hauptvergleich aufge- 
halten und zur Bewilligung der Länderverwaltung die andern 
jgleichsam genötet'. Ein Verschweigen oder Verdrehen dieser 
Thatsache könnte zu ,gefährlicher consequenz oder disputat* 
führen. Desgleichen beanständete Maximilian eine andere 
Stelle. Nach derselben übernehme Rudolf die Administration 
nicht blos als Aeltester des Hauses und als oberster Vormund 
der Steiermärker, sondern auch als Kaiser. Käme nun, so fol- 
gert der Erzherzog, vor der Errichtung des Hauptvergleiches 
die römische Krone auf einen andern,^ so würde auch der 
so lang im Besitze Tirols verbleiben, bis sich die Erben ver- 
glichen hätten.^ Die Minister legten ihm hierauf die von Ma- 
thias und Herzog Wilhelm bereits gefertigte Vollmacht vor, 
haben die grosse Gefahr bei längerem Verzuge ,stark ange- 
zogen' und über den einen und anderen Punkt ,soviel er- 
läuterung* gegeben, dass Maximilian der Einwilligung sich ,nit 
femer erwehren' konnte. Er unterschrieb vielleicht in dem 
Augenblick, da ihm noch aus Graz die Mahnung zugieng, er 
möge an seinen Bedenken ebenso festhalten wie die Steirer 
an den ihrigen, dann sei ,an erhaltung des felds nit zu 
zweifeln'. ^ 



^ Gegenfiber Albrecht sagt Maximilian: an einen anderen Stamm. 

* Diese Bedenken erörtert Maximilian in dem Schreiben an P. Casal, 
1. Mai (A. C), und an Erzherzog Albrecht, 12. Juni 1596. St-A. — 
Aehnlich auch Erzherzog Maximilian an Erzherzogin Maria, 21. Mai 
1596. A. M. 

^ Casal an Erzherzog Maximilian, 4. Mai 1596. A. M. 



293 

Also verharrte Maria allein noch im Widerspruch. Als 
sie von Maximilians Capitulation erfuhr, schrieb sie ihm: hab 
ich mir doch gleich gedacht, als E. L. nach Prag giengen, dass 
E. L. nicht bei dero Meinung beharren werden. Nicht ohne 
Schnippigkeit setzte sie bei, möge es ihm mit dem ungarischen 
Commando besser gehen als im vergangenen Jahre. ^ Und ein 
paar Tage später: sie könne dem Kaiser nicht weichen, ihre 
Kinder giengen ihr ,zu nahend', die Vollmacht für den Kaiser 
zu unterzeichnen schiene ihr unverantwortlich.* Rudolf er- 
müdete nicht im Versuch, die Base umzustimmen. Ueber ihre 
Hartnäckigkeit, schrieb er ihr, sei er hoch erstaunt. Es hänge 
nicht Alles von ihm allein ab, und ein Gewaltbrief, wie man 
ihn in Graz vorschlage, könnte bei den Ständen nur grossen 
Disput erwecken. Der angebotene Revers sichere die Rechte 
von Marias Kindern vollkommen. Nachdem alle Anderen dem 
Kaiser zu Willen gewesen, so möge doch auch sie sich nicht 
weiter trennen.' 

Aber in Graz wehte noch immer ein anderer Wind. 
Auch Graf Thum redete jetzt fortgesetzter Unnachgiebigkeit 
das Wort. Wohl habe, so meinte er, der bairische Herzog in 
seiner Sinnesänderung (da er die Vollmacht unterschrieb) ein 
böses Spiel getrieben, aber die Erzherzogin möge sich ihre 
bisherige Haltung nicht gereuen lassen. Die tirolischen Stände 
werde man nicht zur Huldigung bringen, wenn nicht ein be- 
dingungsloser Gewaltbrief aller Interessenten vorliege. Sollten 
sie dennoch huldigen und der Kaiser dann zum Schaden der 
anderen Erben im Lande hausen, so sei Maria ausser Schuld 
und könne um so energischer auf dem Hauptvergleich be- 
stehen. Maria möge nur keinen Wankelmuth zeigen, damit 
es nicht scheine, sie ,dependire' von Baiern. Komme der 
Kaiser in den völligen Besitz des Landes, so werde ihn kein 
Mensch mehr daraus bringen. Auch hier gelte der Grundsatz: 
besser der erste als der letzte Zorn.* 



' Erzheraogin Maria an Erzherzog Maximilian, 10. Mai 1696. A. M. 

' Dieselbe an denselben, 14. Mai. A. M. 

' Rudolf an Erzherzogin Maria, 9. Mai 1696. St.-A., Cop. 

* H. Ambr. Thum an Erzherzogin Maria, 18. Mai 1596. St-A. Die Nach- 
giebigkeit Baiems schreibt hier Thum dessen Absicht auf das Passauor 
Hochstift zu. Bei der Sinnesändemng Wilhelms dürfte wohl an den 
Einfluss des tirolischen Kammerpräsidenten Cyriac Heidenreich auf den 



294 

Die Antwort der Erzherzogin an den Kaiser steht ganz 
auf den Rathschlägen Thums. Maria beruft sich auf ihre Ver- 
antwortlichkeit als Mutter und bringt wieder die von ihr vor- 
geschlagenen drei Auswege in Erinnerung. Warum wolle Ru- 
dolf, der doch nicht selbst in Tirol wohnen werde, nicht durch 
einen Dritten im Namen Aller das Land verwalten lassen? 
Bestehe der Kaiser auf der Huldigung, so möge er sie vor- 
nehmen ohne ihre Zustimmung. Schon allzulange währe der 
Disput, in so langer Zeit hätte man auch über den Hauptver- 
gleich schlüssig werden können. Der Kaiser habe wenig vor- 
gesorgt für den Grenzschutz gegen die Türken, um so wichtiger 
sei es, den Pupillen ihr Anrecht auf Tirol zu wahren. Schreite 
Rudolf trotz allem zur Huldigung, so seien die tirolischen 
Kammergüter derart zu theilen, dass die eine Hälfte den 
Grazern zufalle, welche dann ihre Gefälle durch eigene ge- 
schwome Rentmeister, die auch Mitglieder der tirolischen 
Kammer werden müssen, einheben lassen.^ 

Unterdessen hatte sich der Kaiser zu einem Schritte ent- 
schlossen, welcher trotz der zuversichtlichen Sprache Thurns 
und der Erzherzogin in Graz nicht ohne Eindinick blieb: er 
hatte den Tiroler Landtag ausgeschrieben und die Vornahme 
der Erbhuldigung seinem Bruder Mathias übertragen. Indem 
Rudolf dies der Erzherzogin kundgab, berief er sich auf das 
,freiwillige heimstellen* seiner Brüder und auf das Gesuch und 
den Rath von Leuten, die es mit dem Gesammthause gut meinten. 
Aus den Einkünften Tirols, so versicherte er, nehme er keinen 
Pfennig, wohl aber habe er bisher mit Hin- und Hersendungen 
und anderen Mühen ein schönes Stück Geld ausgegeben. Bei 
der tirolischen Kammer werde nicht viel Ueberschuss zu finden 
sein, und wenn die Stände nicht bald etwas bewilligen, so 
werde dieselbe Kammer nicht einmal mehr die laufenden Aus- 
lagen bestreiten können. Sein Interesse gelte ihm nicht mehr 
als das von Marias Kindern. Die Erzherzogin möge doch 
endlich die Vollmacht fertigen und mit dem gleichzeitig über- 
schickten Revers sich begnügen.* 



Hersog zu denken sein. Heidenreich trat noch im selben Jahre in 

den förmlichen Dienst des Witteisbachers. 
^ Erzherzogin Maria an Rudolf, 14. Mai 1596. St-A., Cop. 
' Budolf an Erzherzogin Maria, 21. Mai 1596. St.-A., Cop. 



295 

Nun begann das Eis zu schmelzen. Kur noch eine Woche 
überlegte man in Graz, dann erwiderte die Erzherzogin dem 
Kaiser: sie hätte zwar allen Grund zu abschlägiger Antwort; 
aber da der Landtag schon berufen ist und nach ihrem Wissen 
die Tiroler ohne ihre Vollmacht nicht huldigen würden, so 
wolle sie zur Vermeidung des Vorwurfes der Halsstarrigkeit 
den Gewaltbrief ausstellen. Dagegen soll noch in diesem Jahre 
in Wien die Verhandlung über den Hauptvergleich eröffnet 
werden, wobei auch zu berathen wäre, ob denn die Erben alle 
auf dem Erbtheil lastenden Schulden übernehmen müssten.^ 
Den Revers, wo der Kaiser versprach, die Verwaltung nur bis 
zum Hauptvergleich zu führen und diesen noch womöglich im 
laufenden Jahre zu Stande zu bringen, erklärte Maria anzu- 
nehmen. An MaximiUan meldete sie: es ist nun geschehen, 
,es schlag aus zum besten oder ärgsten^^ Jetzt, so meinte 
man in Graz, nachdem der Kaiser sein ,intent' erreicht, werde 
,femer an dem fUrnehmlich erwunden sein, damit man auf den 
fUrderlichen vergleich dringe und auf taugliche commissarien 
gedenke*.^ Der Deutschmeister fand diesen letzten Punkt so 
beachtenswert, dass er noch im selben Monat nach geschickten 
Rechtsgelehrten zu den Vergleichsverhandlungen Umschau 
halten liess.^ 

Die Vollmacht, welche so nach monatelangem Verhandeln 
vereinbart wurde, übertrug dem Kaiser die Gewalt, Tirol und 
die Vorlande ftir sich und die anderen Erben zur Huldigung 
zu verhalten und zu regieren bis zu dem nächstens vorzu- 
nehmenden Vergleich, wobei der Anspruch jedes Einzelnen auf 
den ihm gebührenden Theil unverrückt bleibe. ^ Ein dem ent- 
sprechender Gewaltbrief wurde dem Erzherzog Mathias nach 
Tirol mitgegeben. 

Die Entsendung dieses Bruders nach Tirol hatte der 
Kaiser schon zu Anfang April ins Auge gefasst. Dass Maxi- 
milian Oberstcommandierender in Ungarn werden sollte, ver- 
nahm Mathias sehr ungern; er fürchtete davon schädliche 



^ Erzherzogin Maria an Rudolf, 31. Mai 1596. St.-A., Cop. Ebenda auch 

Ck)pie des Reverses. 
' Erzherzogin Maria an Erzherzog Maximilian^ 23. Juni 1696. A. M. 
' Casal an Erzherzog Maximilian, 12. Juni 1596. A. M. 
* EIrzherzog Maximilian an Zach. Qeizkofler, 26. Juni 1596. A. G. 
^ A. Jäger, 1. c. p. 10 (114). 



296 

Folgen fUr seine Nachfolge nach Rudolf in der Kaiserwürde.^ 
Durch die Entsendung nach Tirol sollte Mathias begütigt 
werden. Einige Wochen sträubte er sich; erst als Maximilian 
endgiltig mit dem Befehle in Ungarn betraut war, nahm er an.^ 
Ausgestattet mit dem Beglaubigungsschreiben Rudolfe 
und mit einer kaiserlichen Instruction trat Mathias seine Reise 
nach Innsbruck an, wo er am 24. Juli eintraf. ' Vier Tage be- 
reits vor der officiellen Eröffnung des Landtages begrüssten 
den Erzherzog zahlreiche Stände unter Führung des Landes- 
hauptmannes Hanns Jakob Khuen, versicherten bei Ueber- 
reichung eines ansehnlichen Ehrengeschenkes ihre Ergebenheit 
und gaben der Erwartung Ausdruck, dass des Landes Wünsche 
gehört, seinen Beschwerden abgeholfen und seine Freiheiten 
geschützt werden. Die Zwischenzeit bis zum Eröffnungstage 
benützten die tirolischen Räthe, um dem Erzherzog Rathschläge 
zu ertheilen. Sie waren nicht ohne Besorgnis, da die Land- 
schaft vor dem ungewohnten Falle stand, wo sie nicht einem 
bestimmten einzelnen LandesfÜrsten, sondern einer Gruppe von 
Erben huldigen sollte. Wenn aber der Rath laut wurde, Ma- 
thias möge diesem Landtage ja keine neuen Bewilligungen zu- 



Sarntein an Erzherzog Maximilian, 18. April 1596. A. M. 
Der Kaiser verhandelte mit seinen Brüdern pers^^nlich, Mathias weilte 
im April, Maximilian im Mai in Prag. Am 30. April meldet Samtein: 
Mathias verzögert seinen Abschied von Prag and betreibt seine Be- 
stellung für Ungarn. Dabei hofft er, Maximilian werde ungeduldig 
werden und sich verdrossen nach Mergentheim zurückziehen. Das mOge 
Maximilian ja nicht thun, sonst hätte Mathias und sein Anhang gewon- 
nen. Der päpstliche Nuntius gibt sich alle Mühe, um einen Weg zur 
Befriedigung des Mathias zu finden. Da derselbe von Tirol nichts 
wissen will, denkt man an das ,gülchische matrimonium', das ihm nicht 
übel gefallen dürfte. ,Mathias praetendirt halt in summa propter prae- 
rogativam aetatis alle anwartschaften, welche seinem vermeinen nach 
E. Ernst zu suchen befugt war tanquam secundogenitus.' A. M. Am 
30. Mai erfolgte des Mathias Ernennung zum Huldigungscommissär unter 
Anweisung von 8000 fl. Mathias verlangte 5. Juni Erhöhung auf 12.000 fl. 
St.-A. Der Kaiser bewilligte 10.000 fl., welche die tirolische Kammer 
zu zahlen hatte. 0. v. H. 1596, fol. 156. 

Die Beglaubigung ist ausgestellt vom Kaiser in Uebereinstimmung mit 
Maximilian, Albrecht, Maria und Herzog Wilhelm, ddo. Prag, 27. Juni 
1696. Auf die Einsetzung der Unterschrift Marias in den so lange ver- 
handelten Gewaltbrief scheint man verzichtet zu haben. Den Inhalt 
der Instruction siehe bei Jäger 1. c. p. 11 (115). 



297 

mathen, so deckte sieh das theilweise doch schon mit seiner 
Instraction^ welche ihn bereits anwies, vor der Huldigung 
wenigstens den Ständen mit keinen neuen Anforderungen zu 
kommen. 

In der achten Morgenstunde des 2. August versammelten 
sich die MitgUeder des Landtages in der Pfarrkirche zum 
Officium de s. spiritu, von wo sie sich in den grossen Saal der 
landesfUrstlichen Burg begaben, wo ihnen in Gegenwart des 
Erzherzogs die Proposition und die Form des zu leistenden 
Eides verlesen wurde. Mathias knüpfte daran begrüssende 
Worte. Der Landeshauptmann dankte für das ,gnädige er- 
bieten* und bat um Abschrift der Proposition und der Voll- 
macht der Interessenten. Aber schon gab es eine Verlegen- 
heit. Einer von den Abgeordneten meldete sich noch zum 
Wort und fragte, ob der Erzherzog neben der von allen Erben 
ausgestellten Gewalt nicht auch noch eine besondere des Kaisers 
besitze ; wenn ja, so möge er auch diese vorlegen. Damit war 
gemeint die Beglaubigung vom 27. Juni. In den vorausge- 
gangenen Besprechungen hatte die Regierung dem Erzherzog 
widerraten, dieses Actenstück zu producieren, da es von einer 
ungewohnten Form der Huldigung sprach, und namentlich auch 
deshalb, weil es, abweichend vom gemeinsamen Gewaltbrief, 
nur eine Huldigung im Namen des Kaisers allein verlangte. 
Ob solcher Duplicität fürchteten die Räthe unangenehme Er- 
örterungen. Nur im äussersten Falle wollte man mit diesem 
Stücke hervorrücken. Dieser Fall trat schnell ein. In der 
Vormittagssitzung hatte Mathias dem Ansinnen nicht willfahrt. 
Aber schon am Nachmittag meldete sich der Landmarschall 
Balthasar Trautson im Namen der Landschaft und hat auch 
diesen ,gewalt hoch begehrt^ Mathias wagte daraufhin nicht, 
ihn weiterhin noch vorzuenthalten.^ 

Am dritten Tage (5. August) gaben die Stände ihre Ant- 
wort. Sie erklärten sich zur Huldigung bereit unter folgenden 
Bedingungen: Der Eid wird den Erben geleistet nur als Grafen 
von Tirol, diese Eidesleistung darf keiner der bisherigen Ver- 
schreib ungen (an die Pfandherren) und Gerechtigkeiten ab- 
träglich sein, die Landesfreiheiten sind von allen, denen ge- 
huldigt wird, zu confirmieren, der Hauptvergleich soll ehestens 



^ Erzherzog Mathias an Rudolf, 2. August 1596. St.-A., Conc 



298 

vorgenommen und dabei jegliche Ländertheilung vermieden 
werden, dabei möge man auf die Erschöpfang der Kammer 
und die Armuth des Landes die nöthige Rücksicht nehmen. 
Ausserdem wurde ein ergiebiges Verzeichnis von Landes- 
beschwerden vorgelegt.^ Mathias zeigte sich möglichst ent- 
gegenkommend. Einzelnes sagte er sogleich zu, in anderem 
gab er gute Vertröstung.* Den Ständen gestand er die Hul- 
digung in der hergebrachten Form zu, und so wurde sie ohne 
weiteren Widerspruch am 8. August feierlichst geleistet. Nach 
einigen Schwierigkeiten Hess sich der Landtag auch noch her- 
bei, den Rest der dem Erzherzog Ferdinand bewilligten GFeld- 
hilfe (60.000 fl.) und dazu noch 25.000 fl. zu erlegen, damit 
die Begräbniskosten und das zu entlassende Hofgesinde bezahlt 
werden könnten. Man trennte sich am 12. August, aber nicht 
in sehr gehobener Stimmung. Einer der Landtagsbesucher, Anton 
Trautson, widmet der ersten Hälfte der ständischen Verhandlungen 
die Worte: ,man ist hier ziemlich unschlindig gewest und noch, 
es lasst sich nit schreiben.' Und einer der angesehensten tiro- 
lischen Landherren gab dem Erzherzog auf dessen Befragen 
den Rath, man möge ja nicht so bald wieder einen Landtag be- 



^ Ausser den bei Jäger, 1. c. p. 20 (124) erwähnten Beschwerdepnnkten 
seien noch folgende angeführt: Exspectanzen sollen nie den Landes- 
freiheiten widersprechen. In die Landtafel werde niemand ohne Zu- 
stimmung der Landschaft aufgenommen. Reiche Erhen sollen nicht sn 
Ehen genöthigt werden. Brixens Eingriffe gegen den im Stift ätzenden 
Adel sind abzuweisen, die katholische Religion zu erhalten, geistliche 
Stellen sind mit würdigen Männern zu besetzen. Rechtssachen dürfen 
nur vor den ordentlichen Gerichten entschieden werden, keine Revision 
gehört vor das Hofrecht. Die Kammer übe keine Jurisdiction. Die 
Grafen von Arco verhalte man zu ihrer Schuldigkeit, das Stift Trient 
zur Einhaltung der Verträge. Es sei darauf zu achten, dass das 
deutsche Wesen in Trient ,nit gar zu abgang* komme, sondern er- 
halten und erweitert werde. Leop. B, 27, I. 

^ Mathias wartete nicht auf neue Weisungen von Prag. Bis die kaber- 
liche Antwort (9. August) auf seinen Bericht vom 2. August eintraf, war 
der Landtag schon geschlossen. Der Kaiser antwortete übrigens: seine 
dem Mathias ausgestellte Beglaubigung besage nichts Anderes, als dass 
der Erzherzog vom Kaiser zu einem Acte delegiert sei, den der Kaiser 
selbst auf Grund des Abkommens mit den Erben vornehmen könnte. 
Wenn die Beglaubigung eine in Tirol nicht gebräuchliche Huldigfungs- 
formel enthalte, so sei dies der Yorlande wegen, in Tirol möge man 
bei der Gewohnheit bleiben. St.-A. 



rufen^ wenigsteDS so lange mchtj bis sich die Erben über den 
Hauptvergleich geeinigt hätten.* 

Während der Anwesenheit des Mathias in Innsbruck (am 
29. Juli) ward endlich auch die Leiche Ferdinands in der 
Ruhelust erhoben und in feierlicher Procession, an welcher 
der Erzherzog, Cardinal Andreas, die Witwe mit ihren zwei 
Töchtern und viele Adelige theilnahmen, in die silberne Ka- 
pelle der Hofkirche, den Ort ihrer dauernden Bestattung, über- 
tragen.' Ein Theil des Hofpersonals wurde nun entlassen; zu 
seiner Bezahlung wollte das vom Landtag bewilligte Geld kaum 
reichen.* Des verstorbenen Erzherzogs ^cantorei und instru- 
mentalisten' wurden zur Besorgung der Kirchenmusik noch im 
Dienste behalten, ebenso eine Anzahl Trabanten und Leib- 
schützen nach dem Wunsche der Erzherzogin- Witwe. * Die 
Erhaltung des weibUchen Hofstaates fiel der Kammer noch 
immer schwer genug.** 

Am 26. August verliess Mathias die Hauptstadt Tirols, 
um auch der Reihe nach die vorländischen Huldigungsland- 
tage in Freiburg, Constanz und Bregenz zu besuchen. 

Die Eidesleistung vollzog sich in den meisten Districten 
anstandslos. Wohl gestand man sich in Regierungskreisen, 
dass die Sache diesmal etwas heikel sei. Ein bestimmter 
Landesfürst war den Leuten nicht namhaft zu machen, und 
die sonst vorausgehende gnädige Bestätigung der Landesprivi- 
legien war auch noch nicht erfolgt. Man wollte daher um so 
sorgfältiger sein in der Auswahl der Huldigimgscommissarien 
für die einzelnen Gerichte und Männer von besonderem An- 



^ Erzhersog Mathias an Rudolf, 30. August 1596. Leop. A., 339. Anton 
Trautson beklagt am 27. September, dass die Stftnde noch immer nicht 
wissen, wer ihr Landesfürst würde; gienge es nach ihrem Wunsch, so 
würde ,das loos auf E. D. (Erzherzog Maximilian) springend A. M. 

' Eine Beschreibung des Zuges in A. Mem. I, 152 — 167. 

' Schon Ende 1595 schuldete man den Hofpersonen 60.000 fl. Unter den 
Verabschiedeten waren der Oberstkämmerer Graf Georg v. Nogarol, der 
Hofmarschall Karl Schürf und der Oberststallmeister Job. v. Kolowrat. 

* Erzherzog Mathias an Budolf, 20. August 1596. St-A. 

^ Die Kammer meinte gegen Erzherzog Mathias: Man sollte es halten 
wie in Kaiser Ferdinands Tagen, wo für dessen Töchter ein Gesammt- 
deputat ausgesetzt wurde, davon habe dann seit 1569 Tirol ein Viertel, 
ebensoviel Karl von Steiermark und die Hälfte Kaiser Maximilian II. 
getragen. M. a. H. 1596, fol. 359. 



300 

sehen dazu bestellen. Altem Brauch gemäss hatten die miter- 
innthalischen Bergorte als die ersten den Huldigungseid zu 
leisten^ nach ihrem Beispiele ^regulirten' sich die anderen. Hier 
gährte es seit Langem^ neuestens noch mehr als früher. Die 
ersten Amtspersonen, der Präsident des Regiments Karl von 
Wolkenstein, der der Kammer Heidenreich und Christof Vintler^ 
wurden mit der Aufgabe betraut. Etwas beklommen mögen 
die drei der Sammlung einiger tausend Knappen entgegenge- 
blickt haben, welche zum Huldigungsact in Schwaz sich ein- 
fanden. Sie konnten aber dann berichten, der Act sei gott- 
lob ruhig vor sich gegangen.^ Auch aus den anderen Theilen 
Tirols kamen keine ,ungleichen^ Meldungen. Dagegen gab es 
Anstände in den Vorlanden. Die Truchsessen von Waldburg 
bekannten sich zu keiner Huldigungspflicht, und Graf Karl 
von Zollem untersagte den Unterthanen in Sigmaringen den 
Besuch des Constanzer Landtages und die Leistung des Eides.' 
Während Mathias Vorderösterreich bereiste, wurde ihm 
noch eine andere peinh'che Angelegenheit vorgelegt. Auf allen 
diesen Landtagen, insbesondere auf dem in Freiburg, begrüssten 
ihn die Stände mit der mündlichen wie schriftlichen Bitte, es 
möge doch einer der erzherzogUchen Miterben die R^erung 
übernehmen und, wenn das nicht sein könnte, so sollte ihnen 
ein Landvogt gesetzt werden. Denn seit Ferdinands Tagen 
waltete hier als Statthalter dessen Sohn, Cardinal Andreas, der 
sich nach keiner Seite hin irgend welcher Beliebtheit erfreute. 
Ganz oflFen erklärten die Stände dem Erzherzog, den Cardinal 

' Vintler warde nach dem Abgang Heidenreichs Kammerpräsident 

« A. D. 1696, fol. 367, Leop. A, 339. 

' lieber den Conflict mit den Tmchsessen gedenke ich noch an anderer 
Stelle zu handeln. Der Graf v. Zollem wollte nur die von Veringen, 
aber nicht auch die von Sigmaringen schw($ren lassen. Er berief sich 
auf ein reichskammergerichtliches Urtbeil vom 3. September 1588 und 
darauf, dass der letzte Regensburger Reichstag ihm die Lebenspflicht 
von reichswegen deferiert habe. Der tirolische Kammerprocurator klagte 
den Grafen auf Verlust des Lehens vor der Innsbrucker Reg^erung^. 
Aber Zollern erwirkte in Prag, dass die Sache vor den kaiserlichen 
Reichshofrath kam, freilich mit dem Beisatz, dass Ute pendente die 
Rechte Oesterreichs gewahrt bleiben sollen. Die tirolische Regierung' 
bat den Erzherzog Mathias um seine Verwendung, dass der Process an 
das Innsbrucker Forum zurückgeleitet werde. Zollem an Erzherzog 
Mathias, 4. October 1596, Regierung an Erzherzog Mathias, 8. November 
1596, Erzherzog Mathias an Rudolf, 31. December 1596. Leop. B, 27, I. 



301 

könnten sie ^zu einem gubernator durchaus nit weiter gedulden 
wegen allerlei inconvenienzien^ Ebenso eifrig klagte die Re- 
gierung. Andreas sei selten anwesend^ Alles aber müsse man 
ihm zur Ratification zusenden. Die Beschlüsse der Regierung 
würden vom Statthalter gewöhnlich ^umgekehrt', so entstünden 
viele ,con£usionen' und leide der Respect gegen die Obrigkeit. 
Dagegen stellte sich der Cardinal mit der Forderung ein: die 
vorländische Statthalterschaft sei ihm, wie schon sein Vater 
gethan, nebst dem ausgesetzten Gehalt von 10.000 fl. lebens- 
länglich zu verschreiben, Bestellung der Beamten und Refor- 
mierung der Aemter sei ihm zu überlassen, er brauche nicht 
ständig zu residieren und könne einen Stellvertreter bestellen. 
Mit solchen einander ganz widersprechenden Wünschen wurde 
Mathias bestürmt. Das Verlangen des Cardinais zu unter- 
stützen war der Erzherzog am wenigsten geneigt, schon des- 
halb nicht^ weil er in ihm ein ,praejudicium der rechten erben^ 
sah. Weit lieber hätte er die Stände befriedigt. Aber den 
Andreas der Gubematorstelle entkleiden wollte man dann doch 
wieder nicht, weil man sich nicht zur Immission, d. h. zur Ein- 
setzung in die vom väterlichen Testament bestimmten Herr- 
schaften und Bezüge entschliessen konnte.^ 

Seine Huldigungsrundreise beschloss Mathias mit einem 
nochmaligen Besuche von Innsbruck. Diese seine Anwesen- 
heit benützte die Regierung, um ihm ihre eigene Nothlage zu 
schildern. Einige von den Rathsstellen waren schon gei*aume 
Zeit unbesetzt, da Erzherzog Ferdinand in seinen letzten Jahren 
sich zu keiner Ernennung mehr entschliessen konnte. Mehrere 
Räthe und Secretäre standen im Greisenalter und waren nicht 
mehr leistungsfähig; gleichwohl wollte man sie wegen ihrer 
Erfahrung nicht missen. Seit Jahr und Tag war den Beamten 
kein Salar mehr ausgezahlt worden, so dass sie auf Borg leben 
mussten. Nicht weniger dringlich lauteten die Klagen der erz- 
herzoglichen Witwe über säumige Entrichtung ihres Deputats. 
All diesen Vorstellungen entzog sich Mathias durch baldige 
Abreise, dem Kaiser konnte er kein erfreuliches Bild von dem 
entwerfen, was ihm bei seiner Mission begegnet war.* 

^ Erzherzog Albrecht an Rudolf, 11. April 1697, Erzherzog Mathias an 
Radolf, 26. März 1698. Leop. A, 839. Hirn 1. c. II, 406. 

' Während des Erzherzogs Anwesenheit in Innsbruck trieben Hofleute und 
anderes Volk argen Unfug in der Stadt. Wiederholt verletzten frevel- 



302 

In Prag wollte man vor allem der finanziellen Nothlage 
steuern und wusste dazu kein anderes Mittel, als die Stände 
fUr eine neue Steuerbewilligung zu gewinnen. Trotz mancher 
abrathender Stimmen entscbloss sich daher Rudolf im Jänner 
1597 zur Wiederberufung eines Landtages. Nach dem, was 
uns bereits von Cardinal Andreas bekannt ist, muss es als ein 
schwerer Missgriff bezeichnet werden, dass ihn der Kaiser 
diesmal mit der Abhaltung des Landtages betraute.^ Andere 
Verstimmungen kamen noch hinzu. Vergebens hatte man bis- 
her auf die Privilegienbestätigung geharrt, die diesmaUge Ein- 
berufung der Stände war in ungewohnter Form erfolgt, und 
der Hauptvergleich stand noch immer in weiter Feme.* Unter 
dem Zeichen eines recht üblen Humors erfolgte die Eröffnung 
dieses Landtags (25. Februar 1597). Die Forderung des Kaisers, 
5000 Mann auf drei Jahre gegen die Ttlrken, ward nicht blos 
abgewiesen, sondern die Bewilligung der bisher laufenden 
Steuer an die Bedingung geknüpft, dass vorher die Landes- 
freiheiten erneuert würden. Obwohl noch nicht zwei Wochen 
versammelt, murrten die Verordneten schon über ungebührUche 
Dauer des Landtages. Manch unzufriedenes und verdriessliches 
Wort über das frühere wie jetzige Regiment war zu vernehmen, 
Andreas war ohnmächtig. Und was bisher noch selten bei einem 
Landtage vorgekommen : ohne einen Vergleich zwischen kaiser- 
lichem Antrag und ständischem Angebot, also den Abschied, 
abzuwarten, lösten sich die Versammelten auf, und die wenigen, 
die zurückblieben, entschuldigten sich mit der Unmöglichkeit 
einer Beschlussfassung. Dieser Landtag hat sich also zerschlagen.' 

hafte Hände auch die Brannenleitungen derart, dass die Stadt Wasser- 
noth litt. C. D. 1596, fol. 123; V. d. f. D. 1596, fol. 139. 

^ Andreas kannte wohl selbst die Stimmung. Deshalb erbat er sich vom 
Kaiser Briefe an eine g^anse Anzahl von Herren, worin sie ersucht 
wurden, dem Cardinal beizustehen. G. v. H. 1597, fol. 29. 

' Die Tiroler Regierung hatte dem Kaiser dringend gerathen, vor dem 
Hauptvergleich keinen Landtag zu berufen. Rudolf aber erklarte 
weiteres Verschieben für unmöglich, da er der Türkenhilfe bedürfe, und 
weil er von anderen Erbländern nichts bekommen würde, wenn Tirol 
verschont werde. G. v. H. 1597, fol. 4. Aehnlichen Rath wie die Re- 
gierung ertheilte auch Erzherzog Mathias dem Kaiser durch Ernst ▼. 
Mollart noch am 30. Jänner 1597. St.-A. 

» A. Jäger 1. c, p. 26 (130); Egger, Geschichte Tirols II, 272. Einige 
charakteristische Züge von diesem Landtag bringt Sartori, Beiträge zur 
Osterr. Reichs- und Rechtsgeschichte II, p. 163. 



303 

Zu der Zeit, da die Landboten unwillig auseinander- 
giengen^ waren wenigstens einleitende Schritte schon zum 
Hauptvergleiche gethan. Noch im November 1596 hatte Erz- 
herzogin Maria^ damit man etwa nicht ihr ^das saamsal zumesse^, 
ihre Vertreter dazu ernannt: Bischof Martin von Seckau, den 
Landeshauptmann Friedrich v. Herberstein, ^ den Vicedom von 
Krain Josef v. Rabatta und den Dr. Hieronymus Manincor. Sie 
meinte gegenüber dem Kaiser, man könnte wohl noch in diesem 
Jahre fertig werden.* War auch die Hoffnung auf so kurzen 
Termin nichtig, so wurde in Prag doch der Tag von Pauli 
Bekehrung zur Eröfihung der Verhandlungen in Wien ins 
Auge gefasst. Noch vor Jahresschluss ernannte der Kaiser 
Commissarien^ die ihn, und solche, welche die Tiroler Re- 
gierung vertreten sollten. Die erstere Gruppe war gebildet 
aus Reichard Strein, Wolf Unverzagt, Ruprecht von Stotzing 
und Ludwig v. Hoyos,' die letztere aus C. Heidenreich, Karl 
Frölich und Ulrich Hohenhauser.* Auch Mathias und Maxi- 
milian bestellten ihre besonderen Gesandten, obschon sie bei 
der Gleichartigkeit ihres Interesses fanden, dass der eine sich 
nach dem andern ,reguliren^ sollte. Jener bestimmte den Frei- 
herm Ernst v. Mollart und Dr. Seemann, dieser den Innsbrucker 
Regimentsrath Hildbrand v. Wanga, Karl v. Samtein und Dr. 
Pölsterle. Auch Herzog Wilhelm von Baiem that noch so, als 
ob ihn die Sache etwas berührte, obgleich Ferdinand von 
Steiermark als volljähriger Fürst bereits die Huldigung seiner 
Länder entgegengenommen hatte. ^ Wilhelm erklärte. Nieman- 
den abzuordnen, da er von tirolischen Dingen zu wenig ver- 



^ Herberstein scheint sich selten oder nie au den Verhandlungen dann 
betheiligt zu haben. 

' Erzherzogin Maria an Rudolf, 24. November 1696. Leop. B, 27, I. 

' Die kaiserlichen Commissäre hatten auch den Erzherzog Albrecht zu 
vertreten. 

* G. V. H. 1596, fol. 127. Heidenreich, der sich jetzt bereits in bairischen 
Diensten befand, suchte sich der Bestellung unter Berufung auf sein 
,blOde8 gedächtnis' zu entziehen, musste aber endlich doch dem kaiser- 
lichen Rufe folgen. Anfangs war auch Khlesl unter die kaiserlichen 
Commissäre aufgenommen, aber in der späteren Instruction für dieselben 
erscheint sein Name nicht mehr, und so interveniert er auch nie bei 
den Verhandlungen. 

^ Wilhelm glaubte sich offenbar dazu berechtigt als Mitvormund über die 
jüngeren SOhne des Erzherzogs Karl. 
ArehiT. ICH. B«nd, H. HUffee. 20 



304 

stehe, jedenfalls komme Alles an auf die alten Verträge und 
Dispositionen; seine Vollmacht übertrage er auf seine Schwester 
und deren Sohn; den nun bei ihm bediensteten Heidenreich 
wolle er zu den Verhandlungen beurlauben. ^ Zur Beschickung 
lud Rudolf auch den Cardinal Andreas ein, wenn er seine und 
seines Bruders Karl Prätensionen und ,oft gesuchte immission' 
geltend machen wolle. Aber bald folgte eine Terminerstreckung 
auf den Februar, da Mathias und einige Commissäre durch 
den Landtag in Ungarn noch festgehalten wurden. 

In Prag glaubte man, mit Einberufung jener Parteien, 
die als Erben auftreten konnten, genug gethan zu haben. Als- 
bald meldete sich noch ein Theilnehmer. Der Ausschuss der 
Tiroler Landschaft richtete an Rudolf die Beschwerde, dass 
die Stände von diesen Verhandlungen ausgeschlossen würden. 
In wichtigen Landesfragen habe man bisher doch immer die 
Landschaft gehört, und das sei diesmal um so wichtiger, da es 
den unversehrten Fortbestand des Länderganzen unter einem 
einzigen Regenten gelte. Auch bei dieser Gelegenheit wurde 
dem Kaiser nahegelegt, auf die Berufung des Landtages zu 
verzichten bis zu einer das Land beruhigenden Austragung 
des Hauptvergleiches. Auf dieses letztere gieng Rudolf zwar 
nicht ein, aber er stellte es in seiner Rückantwort den Ständen 
frei, die Vergleichsverhandlungen zu beschicken, wenn auch, 
wie er beifügte, bei denselben eigentlich nur die Erben 
interessiert seien, da es sich um die Bestellung eines Landes- 
fürsten handle. Von der hierdurch eingeräumten Freiheit 
machte der bald darauf zusammentretende Landtag Gebrauch 
und ernannte seine Verordneten: Karl Schürf, Mathias v. Annen- 
berg und den Meraner Bürger Hans Egen. * Wie gebräuchlich, 
wurde für diese Vertrauensmänner auch sogleich eine In- 
struction entworfen. Sie ist breitspurig und geht über das 
Wesentliche so weit hinaus, dass sie sich wie eine der zahl- 



* Herzog Wilhelm an Rudolf, 24. Jänner 1597.— Vielleicht hätte auch Era- 
herssogin Anna Katharina Lust gehabt, die Verhandlungen zu beschicken. 
Es mag damit zusammenhängen, dass Rudolf plötzlich, im Jänner 1597, 
mit Daraufgabe einer jährlichen ,Zubus8e' sich mit ihr über ihre Be- 
züge verglich. 

' Die einschlägigen Acten bei A. Jäger 1. c. p. 37 (141) ff. Dass unter 
den Erwählten auch Schürf, der Parteigänger der Steiermärker Linie 
war, zeigt, dass er diese seine Gesinnung bisher zu verbergen verstand. 



305 

reichen Beschwerdeschriften der damaligen Landtage liest 
Gleich der erste Punkt, der die Aufrechterhaltung der katho- 
lischen Religion verlangt, hatte mit dem Hauptvergleich nichts 
zu thun, da in dieser Hinsicht keiner der interessierten Erben 
irgend einen Anlass zum Argwohn bot. Wichtig dagegen war 
der EUnweis auf die Nothwendigkeit, dass Tirol ungetheilt 
bleibe und die Vorlande nicht abgetrennt werden. Aber auch 
an eine Theilung der Gefälle möge man nicht denken bei der 
finanziellen Passivität des Landes, die nun eine weitläufige 
Beleuchtung erfährt, damit man sehe, ,wo, gemeinem Sprich- 
wort nach, der putzen steckt^ Denn gerade beim Hauptver- 
gleich, so meinten die Stände irrthümlich, wäre Gelegenheit zu 
einer finanziellen Reform. Erfolge dieselbe da nicht, so sei ,herz 
und hoflFnung' verloren. Mögen sich die Erben entscheiden 
wie immer, so sollen sie sich jedenfalls auf ein einziges Haupt 
einigen, damit nur einer im Land zu gebieten habe. Bei diesem 
Punkte erlaubte sich die Landschaft eine Art Exclusive. Die 
Bestellung des Cardinais Andreas zum Lahdtagscommissär 
hatte das Gerücht entstehen lassen, es sei ihm auch die Statt- 
halterschaft über Tirol zugedacht. Li höflicher, aber sehr 
entschiedener Form wird dagegen protestiert. Andreas, im 
Besitze vieler ansehnlicher Stifter und Prälaturen, würde sich 
dem Gubernament nicht widmen können; ausserdem habe er 
als Bischof von Brixen seit geraumer Zeit schon sich EingriflFe 
in die landesherrlichen Rechte des Grafen von Tirol erlaubt 
und würde die Stelle eines Landes Verwesers zur Erweiterung 
der stiftischen Macht auf Kosten der landesfUrstlichen benützen. 
Schon dass der schlecht berathene Erzherzog Ferdinand seinem 
Sohne Andreas die lebenslängliche Statthalterschaft in den Vor- 
landen verschrieben haben soll, sei eine unerträgUche Last. 
Ebenso energisch legt die Landschaft dagegen Verwahrung 
ein, dass des Cardinais Bruder, der Markgraf Karl, auf seinen 
Gütern in Tirol etwa eine exempte Stellung einnähme, oder 
dass die den beiden Brüdern im väterlichen Testament ange- 
wiesenen Herrschaften mit tirolischem Steuergelde schuldenfrei 
gestellt würden. Ueberhaupt möge man sich hüten, vorländi- 
sche Herrschaftsgebiete den beiden Brüdern anzuweisen und 
diese Gebiete dadurch von den österreichischen Landen abzu- 
sondern. Endlich folgte noch die lange Kette von Beschwerden 
über Landesverwaltung und Justizwesen, über Maut und Zoll, 

20* 



306 

Steigerung des Salzpreises und schlechte Waldwirtschaft, über 
Cameralschulden und Verschreibung der Pfandschaften, über 
des Landes Beziehung zu den Grafen in Welschtirol und zu 
den Bündnerlanden. Ein mitgegebener Ausweis sollte den Ver- 
trauensmännern zum Behelfe dienen, um bei den Verhand- 
lungen zu zeigen, wie sehr unter Erzherzog Ferdinand die 
Steuerkraft Tirols in Anspruch genommen worden sei.^ 

Mit der Wiener Reise brauchten sich die Verordneten 
der Landschaft nicht sehr zu beeilen. Dieselbe Ursache, welche 
zur Terminverschiebung auf den Februar genöthigt hatte, 
zwang, die Eröffnung auf Ende März anzusetzen, obgleich der 
Bischof von Seckau und seine Genossen rechtzeitig in Wien 
eingetroffen waren. Die Steiermärker giengen wieder nach 
Hause und harrten dort des Beginnes. Selbst die Einhaltung 
des neuen Termines schien bald fraglich, da einer der kaiser- 
lichen Commissäre, Stotzing, erkrankte, und der erste von 
ihnen, Strein, durch den österreichischen Bauernaufstand in 
Anspruch genommen wurde. Aber der Kaiser scheute nun 
doch eine noch weitere Erstreckung, das würde die Grazer 
Linie ,sehr empfinden^; könnten zum 31. März auch noch nicht 
alle Gesandten gegenwärtig sein, so sollte doch an diesem 
Tage mit der ,praeparation^ begonnen werden.* So geschah 
es auch. Man trat aber zusammen im Geftihl, dass es schwere 
Arbeit geben werde. Sarntein meldet seinem Herrn: ,so viel 
ich aus der Grazerischen intention vermerke, wird es viel 
glück brauchen.'^ Die Intentionen giengen thatsächlich weit 
auseinander. Während die Grazer Gesandten die Weisung 
hatten, auf Ländertheilung zu bestehen, mussten die Abgeord- 
neten des Kaisers und seines Bruders Mathias für das Gegen- 
theil eintreten.* Jene des Erzherzogs Maximilian waren zu 
Anfang April noch nicht im Besitz einer Instruction. 



^ Besondere Credenzschroiben wurden den Abgeordneten mitgegeben, da- 
mit sie den Erzherzog Maximilian und die Vertreter der tirolischen 
Regierung, Heidenreich und Genossen, ansprechen könnten. 

* Rudolf an Erzherzog Mathias, 14. März 1697. St.-A. 

' Sarntein an Erzherzog Maximilian, 25. März 1697. A. M. 

^ Am entschiedensten lautete die Instruction des Erzherzogs Mathias: 
Theilung ist abzulehnen, sie widerspricht dem Testament Kaiser Fer- 
dinands I. und dem Wunsche des Landes. Da der verstorbene Erz- 
herzog viele Schulden hinterliess und bei Lebzeiten an seine SOhne 



307 

Nach dem Zusammentritte nahmen die kaiserlichen Com- 
niissäre als erste das Wort: Nach mannigfachen Verhinderungen 
könne endlich die Verhandlung eröffnet werden. Es handle 
sich darum, den Ländern ,ein beständiges haupt^ zu geben, 
denn der Kaiser und seine Brüder seien der Meinung, dass 
keine Theilung stattfinden dürfe. Da übrigens eine grosse 
Schuldenlast erscheine und für die Hinterbliebenen sowie fUr 
einen regierenden Landesherrn aufzukommen sei, so werde 
auch für eine Theilung des Landeserträgnisses nicht viel übrig 
bleiben. Es müsse auch gleichzeitig der Stand der Landes- 
finanzen genau festgestellt werden, wobei man auch über Mittel 
zur Besserung schlüssig werden könne. Der Kaiser lege also 
folgende Fragen vor: 1. Wem ist die Regierung zu übergeben? 
2. Wie ist Regiment und Kammer zu ordnen? 3. Wie ist eine 
gute Wirtschaft anzustellen? 4. Wie kann das Einkommen aus 
Zöllen und Holz vermehrt werden? 5. Kann man aus Salz und 



Vieles yerschenkte, so ist zu ,moviren*, ob er überhaupt noch ein Te- 
stament machen konnte. Ja es ist auch zweifelhaft, ob die Verga- 
bungen bei dessen Lebzeiten giltig sind, und ob sein Codiciii in allen 
Punkten zu ratificieren ist. Mit seinen Söhnen kann erst verhandelt 
werden, wenn die Erzherzoge sich verglichen haben. Die beiden Söhne 
sollen sich übrigens mit dem angesetzten Deputat von 30.000 fl. und 
dem Markgrafentitel begnügen. Die Unterthanen werden sich nicht 
vom Hause Oesterreich trennen lassen, besonders nicht die treuen Wal- 
geuer^ welche selbst erklärten, dass sie 10.000 Mann stellen könnten. 
Eine so g^te Gesinnung wie bei diesen wird man kaum in einem Erb- 
lande finden. Die schwäbischen und arlbergischen Stände würden einen 
guten Theil des Deputats auf ihre Steuer nehmen, damit sie nur nicht 
unter die beiden Söhne kommen. — In Bezug auf die Hauptfrage der 
Theilung zeigt sich Mathias das Jahr vorher noch schwankend. Am 
4. Juli 1596 nimmt er noch in einem Schreiben an den Kaiser die 
Möglichkeit einer Theilung an und legt dem Kaiser sogar schon nahe, 
er möge, wie es nach Ferdinands I. Tode geschah, Theillibelle anfertigen 
lassen. Dagegen verwahrt er sich am 8. Juli vor dem Kaiser gegen 
jede Theilung, da sie dem Ferdinandeischen Testament und den öster- 
reichischen Freiheitsbriefen widerspreche. Bei den Ländertheilungen des 
14. Jahrhunderts habe man willkürlich das Recht gebrochen. Erzherzog 
Mathias an Rudolf, 8. Juli 1596. St.-A., Cop. In einer Weisung des 
Kaisers an seine Commissäre vom 21. Februar 1597 wird auch von der 
Möglichkeit einer Theilung gesprochen, dabei seien aber dann für die 
kaiserliche Linie fünf (da auch der verstorbene Erzherzog Ernst mitzu- 
zählen ist) und für die Grazer Linie vier Theile in Anschlag zu bringen. 
Leop. B, 27, I. 



308 

Münze grösseren Gewinn erzielen? 6. Ist ein Schenkpfennig i 

einznfllhren? 7. Wäre es mit einer Vermögenssteuer zu ver- • 
suchen? 8. Sind die Länder um Hilfe anzugehen? 

Es macht den Eindruck^ als hätte Rudolf durch das Auf- 
werfen einer ganzen Reihe innerer Regierungs- und Ver- 
waltungsfragen von der unangenehmen Erörterung der Theilungs- 
frage ablenken wollen. Aber die Grazer Abgeordneten waren 
nicht so leicht zu beugen. Sie hörten aus der kaiserHchen 
Proposition nur das eine heraus^ es handle sich um die Be- 
stellung eines einheitlichen Hauptes, und zwar ^nit auf zeit 
sondern indeterminate^ Diese Bestellung, so meinten sie, würde 
auf Mathias fallen, weil Maximilian, der sonst auch noch in 
Frage kommen konnte, ,dem kriegswesen ergeben' sei. Und 
wollte man auch mit einer Theilung des Ländereinkom- 
mens ,die Sachen etwas bescheinen', so werde es durch die 
vom Kaiser absichtlich mit einberufenen Commissäre der Ti- 
roler Regierung illusorisch gemacht werden, da nach deren 
Rechnungsausweise nichts zum Theilen übrig bleibe, sondern 
noch einige Tausende daraufzuzahlen wären. So würden also 
Tirol und die Vorlande bei der kaiserlichen Linie bleiben, 
so lange dieselbe nicht erlischt, und Erzherzog Ferdinand hätte 
das Nachsehen, wenn er nicht gar noch etwas hinzuzahlen 
müsste. ^ 

Von diesen Erwägungen ausgehend, gab am folgenden 
Tage (1. April) der Bischof von Seckau den Versammelten 
Antwort. Wenn der Kaiser, sagte er, einstweilen die Re- 
gierung übernommen und die Huldigung habe leisten lassen, 
so habe er sich damit gewiss nichts anmassen wollen. Allseits 
sei man ja entschlossen zu friedlicher Tractation, um ,allerlei 
diesorts gemeiniglich entstandene weitleufigkeiten' zu verhüten. 
Auszugehen sei von der Ferdinandeischen Disposition (1554), 
vermöge welcher Theilung und Auszeigung zu erfolgen habe. 
Die gegen die Theilung vorgebrachten Gründe seien nicht er- 
heblich. Im Hause Oesterreich sei es stets der Brauch ge- 
wesen, dass, wenn Jemand nicht ,in communione' bleiben wollte, 
er seinen Antheil herausbekam. Jetzt gebe es zwei, unter sich 
allerdings ungetheilte Linien; was diese zusammen bekommen, 
sei unter sie zu theilen. Ist auch zu Zeiten die Untheilbarkeit 



^ Manincor an Erzherzogin Maria, 4. April 1597. 8t-A. 



309 

ausgesprochen worden, so würde doch damit nachfolgenden 
Theilungen nicht derogiert. Tirol und die Vorlande hätten 
wenig Gemeinschaft, und mit den Privilegien dieser Länder 
habe die Frage der Theilung überhaupt nichts zu thun. Die 
Theilung empfehle sich schon nach dem Spruche ,eigen herd 
ist goldes wert*. Hier habe man nur über die Theilung zu 
handeln, und deshalb habe man sich mit den anderen vom Kaiser 
aufgeworfenen Fragen nicht zu beschäftigen. Denn jeder werde 
schon wissen, wie er den ihm zufallenden Ländei*theil zu nutzen 
und zu bessern hat. 

Die Grazer CoUegen des Bischofs fanden solche Rede gar 
,stattlich^ gesprochen. Hätten dieselbe, so meinten sie, nur 
der Kaiser und seine Brüder selbst gehört, so würden sie von 
ihrer ,gefassten mainung^ gewiss etwas ablassen und würden 
bekehrt sein ,wie andere zuhörer^^ Denn wenn auch das 
gleichzeitig übergebene schriftliche ,Summarium^* Alles ent- 
halte, so habe doch ,die lebendige stimm viel ein mehrer kraft 
als die blosse schrift^ Befriedigt vom Eindruck, den die 
Worte des Bischofs hinterliessen, gaben die Gesandten nach 
Graz den Rath, fest zu bleiben und auf der Theilung zu be- 
harren. Dabei mussten sie aber doch bekennen, sie stünden 
mit ihrer Forderung ganz allein, auch die Brüder des Kaisers 
seien nicht mehr wie im vergangenen Jahre dafür und die 
Tiroler seien so heftig dagegen, dass man fürchten müsse, 
selbst Schürf könne nicht so thun, wie er gern wollte, sondern 
müsse sich an die Instruction der Stände halten. Gleichwohl 
hege Alles an der eigenen Beständigkeit, und habe man bisher 
leider schon zu viel vergeben, so könne man jetzt, wenn man 
fest bleibe. Alles ,recuperieren^ 

Nach diesem ersten Gedankenaustausch trat einer der 
kaiserlichen Commissäre, Unverzagt, an die Steiermärker heran 
und lud zur gegenseitigen Mittheilung der Instructionen ein. 
Die Angesprochenen zögerten. Da aber Unverzagt die seinige 
sogleich producierte, so konnten die anderen nicht spröde 



^ Zu diesen ZuhOrem gehörten etwa die Gesandten des Cardinais Andreas, 
denn diese entschuldigten nach der Rede des Bischofs ihren Herrn bei 
den Grazem, dass er den Tiroler Landtag eröffnete, ohne die Genehmi- 
gung in Graz dazu eingeholt zu haben. 

' Dasselbe bei A. Jäger 1. c. p. 77 (181). 



310 

bleiben und sagten auch ihrerseits die Vorlage zu^ aber erst 
nach einigen Tagen. Denn die Grazer Herren sahen sich zu 
einem kleinen Humbug genöthigt. In ihrer Originalinstruction 
war unter anderem der Satz aufgenommen: wenn eine Theilung 
durchaus nicht zu erreichen sei, so möge man ihnen andere 
Vorschläge machen. Da sie nun aber unbedingt fär Länder- 
theilung eintraten^ so hielten sie diese versöhnUcher klingende 
Stelle nicht geeignet zur Mittheilung und setzten dafUr in die 
Abschrift, sie seien zu nichts anderem als zu einem Theilungs- 
vertrage ermächtigt. Erst diese also corrigierte Abschrift 
lieferten sie aus.^ 

Ausser diesem Zwischenfalle war es auch die Osterzeit, 
welche in die Verhandlungen einen Stillstand brachte, so dass 
dieselben erst im Mai wieder in Fluss kamen. Aber auch im 
privaten Verkehr suchten die Steirer für ihre Ansicht den 
Weg zu ebnen. Keiner von den anderen Herren, so berichteten 
sie nach Hause, kann gegen unsere Ausfuhrungen etwas ein- 
wenden, jeder muss unsere Motive anerkennen. Von einem 
der angesehensten, dem Kammerpräsidenten Unverzagt, hatten 
sie die Worte aufgefangen: wenn auch jetzt noch keine Thei- 
lung zu erzielen sei, so falle auch kein Baum auf den ersten 
Streich; sie sollten nur fest bleiben, dann werde sich wohl 
auch der ,humor' des Kaisers ändern.* Auch einer der tiro- 
lischen Regierungsleute soll sich geäussert haben, eine Theilung 
werde möglich sein; und nach längerem Zusprechen habe der- 
selbe — es war Hohenhauser — zugegeben, dass die Tiroler 
kein Privileg auf Untheilbarkeit besässen und nur das Recht 
der Bitte hätten, ,es sei kein ding so schwer, dass man es nit 
richten kunt, wenn man nur wilP. Dagegen erwies sich Heiden- 
reich weniger ,lind^' 



^ In Graz zögerte man nicht mit der Genehmigung. 

' Manincor an Erzherzogin Maria, 12. April 1597. St.-A. 

■ Sonst zeigten die drei Tiroler, Heidenreich, Frölich und Hohenhauser, 
bemerkenswerte Zurückhaltung. Als ihnen Unverzagt das Verlangen 
der Grazer mittheilte, antworteten sie: sie könnten sich darüber nicht 
äussern, weil sie dafür keine Instruction hätten. Denn sie seien nur 
gesendet, um über die tirolischen Finanzen Aufschluss zu geben. Sollte 
nur über Ländertheilung verhandelt werden, so bäten sie, nach Hanse 
zurückreisen zu dürfen. In solchem Falle wollten sie nur die Bitte 
zurücklassen, der Nothlage des Landes nicht zu vergessen. 



311 

Die Osterpause benutzten die Kaiserlichen zur Ausarbei- 
tung ihrer Duplik auf die erste steirische Antwort, die 
Qrazer wieder, um solche ,fundamenta* zu sammeln, dass man 
bei allen künftigen Discussionen leicht darauf bauen könne. ^ 
Gegen Ende April wurde den steirischen Herren die Zeit lang 
und sie begannen zu fragen, wie lang man sie denn noch ,auf- 
ziehen' wolle. Sie fürchteten, dass unter dem Verwände der 
ykriegsleuP die Verhandlungen abgebrochen werden könnten. 
Aber sie mussten sich noch etwas gedulden. Beim ersten Zu- 
sammentritt nach Ostern wurden die Gesandten des Cardinais 
Andreas und des Markgrafen Karl sowie des Grafen Karl von 
Zollem angehört.* Erstere forderten die Einsetzung in die 
vom väterlichen Testament bezeichneten Herrschaften, Zollem 
verlangte die Anerkennung der ihm einst von Erzherzog Fer- 
dinand ausgestellten Lehensexspectanzen. Alle Vertreter der 
Erben erklärten jedoch, darauf erst nach Entscheidung der 
Hauptfrage eingehen zu wollen.' Eine gewisse Abwechslung 
in das zuwartende Stilleben brachte das Erscheinen der Ab- 
geordneten der Tiroler Landschaft, die nach einer fünftägigen 
Wasserfahrt am 8. Mai in Wien anlangten. Sie besuchten so- 
gleich die Vertreter des Kaisers und seiner Brüder, mit denen 
sie sich ja einig wussten in Bezug auf das wichtigste Anliegen 
der Stände. Bevor sie noch die Grazer Herren aufsuchten, 
eilte Manincor, um ihnen die Begrüssungsvisite zu machen. 
Dass es diesen namentlich zu vertraulicher Conversation mit 
Schürf drängte, wird uns nach dem, was wir von diesem be- 
reits wissen, nicht verwundem. Vorwurfsvoll klagte Manincor 
dem Freunde, dass gerade die. Tiroler am meisten den An- 
sprüchen seines Herrn entgegentreten, während es ihnen doch 
nicht zustehe, den Fürsten in der Frage der Ländertheilung 
etwas vorzuschreiben. Man verlange nichts Neues, es gelte 

' Manincor an Erzherzogin Maria, 19. April 1597. St.-A. Trotz Hohen- 
haasers Bemerkungen fürchteten die Grazer, die drei Tiroler würden 
gegen sie sein. AU »contramina^ dagegen breiteten die Steirer allent- 
halben ans, dass bei den Tirolern ,ein particularinteresse und privat- 
affect mitlauft*, sie sähen mehr auf sich selbst als auf das Interesse des 
Fürstenhauses, und deshalb sei auf ihre Meinung nicht stark ,zu fussen^ 
Derselbe an dieselbe, 26. April 1597. 

' Im Namen der beiden Brüder sprach Paul Zehentner, im Namen des 
Grafen Melchior Geur, der spätere tirolische Kanzler. 

' Manincor an Erzherzogin Maria, 3. Mai 1697. St.-A. 



312 

nur, dem Erzherzog Ferdinand und seinen Brüdern zum Ihrigen 
zu verhelfen. Die Tiroler würden doch nicht die Hand leihen, 
einen des Seinigen zu ,priviren^ Diese Worte waren nicht 
gesprochen; um etwa Schürf erst zu bekehren, sondern um 
ihm Argumente im Verkehre mit seinen Landsleuten an die 
Hand zu geben. Und so entgegnete denn der Ritter: sie 
hätten freilich den Auftrag, die Theilung zu hintertreiben, aber 
die Privilegien des Landes erstreckten sich darauf gar nicht, 
die Steirer sollten nur fest bleiben. Dabei betheuerte Schürf, 
dass alle tirolischen Stände, nur wenige, welche an Einfluss 
zu verlieren fürchten, ausgenommen, den Grazer Erzherzog 
am liebsten zu ihrem Herrn hätten.^ Die Tiroler machten 
übrigens auch dem Bischof von Seckau und dessen Begleitern 
ihren Besuch. Was man ihnen bei dieser Gelegenheit sagte, 
hatte wohl den Zweck, sie etwas einzuschüchtern bei Ver- 
fechtung der Untheil barkeit: Erzherzog Ferdinand wolle, wenn 
er zu seinem Erbtheil gelangt sei, stets der Landschaft gnä- 
digster Herr bleiben und habe seine Gesandten beauftragt, den 
Tiroler Verordneten ,allen annehmlichen willen, ehre und freund- 
schaft^ zu erweisen.* 

Am 16. Mai übergaben die kaiseriichen und erzherzog- 
lichen Vertreter ihre Duplik, worin sie unter Berufung auf 
Kaiser Ferdinands Testament, auf die Hausprivilegien, auf die 
Geschichte der Dynastie, den Wunsch der Unterthanen und 
auf das allgemeine Wohl, dem das Sonderinteresse nachstehen 
müsse, sich versahen, dass die Grazer die prätendierte Thei- 
lung fallen lassen und mit den anderen auf ein einheitliches 
Haupt sich vereinigen werden.* 

* Manincor an Erzherzogin Maria, 10. Mai 1697. Von diesem Verkehr mit 
Manincor wird natürlich in der Relation an den Landeshauptmann von 
Tirol (Jäger, 1. c. p. 68 [172]) nichts erwähnt. 

' In diesen Tagen gah es unter den Steiermärkem selbst einigen internen 
Verdruss. Der Bischof und Manincor beschwerten sich (13. Mai), dass 
Babatta nicht aufhöre, mit einem ,sonderbaren negotium' die Nachbar- 
Schaft zu behelligen, so dass die Sache vor die Obrigkeit zu kommen 
drohe. Er, als Säckelmeister der Gesandtschaft, wirthschafte auch 
schlecht mit seinem ,8pendiren propria autoritate* und lasse sich nichts 
dareinreden. Man möge ihn doch schnell abberufen, ein Ersatz für ihn 
sei nicht nöthig. Näheres ergeben die Acten nicht. 

' Am 1. Juni sprach ihnen der Kaiser seine Zufriedenheit mit ihrer Ant- 
wort aus; sollten die Grazer noch weitere Einwendungen machen, so 
würden sie ihnen zu widersprechen wissen. Leop. B, 27, I. 



313 

Schon am folgenden Tage setzten sich die Steiermärker 
zusammen^ um eine TripUk zu Faden zu schlagen^ mit welcher 
sie hofften^ genügend ,ablainung* zu thun. Ihrem Vermuthen 
nach hatte Heidenreich einen guten Theil der ,behelfe* in der 
gegnerischen Replik ,geschmiedet^ Mit scheelem Auge ver- 
folgten sie, wie derselbe Heidenreich mit den tirolischen Land- 
schaftsboten ,ad partem conversirte*. Ihre Hoflftiung stand auf 
Schürf, welcher die Sachen schon noch ,zam rechten dirigiren' 
werde. Schürf Hess es nicht an vertraulicher Bestärkung im 
Festbleiben ermangeln, um so wichtiger erschien den Steirem 
,des herrn Schürfen und anderer Sachen heimlichkeit'. Da- 
neben wollten sie vernehmen, ,e8 sei bereits bei den kaiser- 
lichen die glocken gegossen^, dass Mathias regierendes Haupt 
in Tirol, Maximilian Gubemator in Oesterreich werden sollte. 
Somit wäre Ferdinand ,per indirectum excludirt; aber diese 
rechnung sollen sie ohne den wirt gemacht habend ^ 

Schürf wusste seine Doppelrolle: Führer der Tiroler Stände- 
deputation und entschiedenster Grazer Parteigänger, nicht ohne 
Geschick zu spielen. Während er die Instruction der Tiroler 
Landschaft insgeheim nach Graz mittheilte und mit den steiri- 
schen Gesandten an einem Tische sass, um gemeinsam mit 
ihnen ihre Triplik auszuarbeiten, lehnte er ostentativ die Ein- 
ladung des Bischofs von Seckau ftir sich und seine Mitge- 
sandten zu einer Mahlzeit ab, um alle ,suspition' zu vermeiden. 
Wo immer die Verordneten des Landtages zusammen auf- 
traten, machte Schürf den Sprecher. So machten sie nicht 
blos allen in Wien anwesenden Commissarien ihre Aufwartung, 
sondern auch dem Erzherzog Mathias. Ritter Schürf, der 
Sprecher, hielt eine recht vorsichtig gefasste Anrede. Wörtlich 
nahm er dabei die erzählende Arenga der Landtagsinstruction 
herüber, wornach der Kaiser den Ständen die Absendung einer 
Deputation freigestellt hatte, und knüpfte daran die Bitte, der 
Erzherzog möge sorgen, dass sie, die Verordneten, gehört 
würden, dass das geschehe, ,was des werks notdurft erfordern 
möchte^, und dass Alles ,in bester still und geheim^ bleibe. 
Auf solche Begrüssung konnte des Erzherzogs Antwort kaum 
anders als rein formaler Natur sein; immerhin setzte er der 
allgemein gehaltenen Antwort die bezeichnenden Worte bei, er 



^ Manincor an Erzherzogin Maria, 17. Mai 1597. St.-A. 



314 

wolle einer ehrsamen tirolischen Landschaft gern seinen gnä- 
digen Willen erweisen. Nicht von wärmerem Hauch erfttllt 
war dann auch die Ansprache Schurfs, als die Tiroler am 
23. Mai im jgesammten rat' empfangen wurden. Wieder reci- 
tierte er die wenig sagenden Einleitungssätze der Instruction^ 
verwies hierauf^ um ,nicht lange aufzuhalten'^ auf diese selbst 
und bat, sie ,zu ehister gelegenheit flirzunehmen' und Alles ,in 
vertrauter geheim' zu halten. Schwerlich auf diese trocke- 
nen Formalien, sondern auf die deutlich sprechende Instruction 
der Landschaft bezog sich das Wort des hierauf entgegnenden 
Herrn von Sti'ein, man habe das Anbringen der Tiroler ,zu 
gutem angenehmen gefallen' verstanden. Dieses Gefallen 
war nattlrlich auf Seiten der Kaiserlichen. Die Steiermärker 
hatten insgeheim eine andere Meinung: die Tiroler hätten 
es in ihrer Instruction gar ,zu grob gemacht' und besser 
gethan, zu Hause zu bleiben, ,sich nit in ihrer landsfürsten 
handlungen vor der zeit einzumischen' und so dem Erzherzog 
Ferdinand das Wasser zu trüben. Was wird, so lamentiert 
Manincor, die gute Affection des Schürf ,gegen solche ge- 
messne instruction' nützen 1 In dieser Instruction, die auch 
Schürf trotz aller seiner abschwächenden Redekünste nicht 
ungeschrieben machen konnte, erblickten die Grazer ,eine 
angeordnete sach', der auch die vom Kaiser einberufenen 
Regierungscommissäre, Heidenreich und Consorten, dienen 
sollten^ deren Berichtgebung sicher darauf berechnet sei, um 
Ferdinands Sache zu verderben.^ 

Nach acht Tagen wurde den Tiroler Gesandten schrift- 
licher Bescheid. Da derselbe im Namen aller Commissäre 
gegeben wurde, blieb die Berührung des springenden Punktes, 
der von der Landschaft erbetenen Untheilbarkeit, völlig ver- 
mieden. Ihr Anbringen, so wurden sie verabschiedet, sei zum 
Erbvergleiche ,gehörig und dienstlich', ihre Sorgftlltigkeit werde 
man gnädigst vermerken und auf Nutzen und Sicherheit von 
Land und Leuten, sowie auf vertrauliche Behandlung der 
ganzen Angelegenheit bedacht sein. Schürf und seine Be- 
gleiter fanden darauf nichts weiter zu erwidern und rüsteten 
sich zur Abreise. Schürf hatte bei den Abschiedsaudienzen 



^ Manincor an Erzherzo^n Maria, 24. Mai 1597. Am 31. Mai schreibt 
Manincor: Schürf ist gewiss ein treuer Diener, ihm ist keine Schuld zu 
geben. 



315 

wieder ein paar allgemeine Höflichkeitsphrasen. Auf seine 
Frage an Mathias, ob er etwas zu befehlen habe, antwortete 
derselbe, dessen wtisste er nichts, er aber wolle, was dem 
Lande augenehm, willig und gern thun. Da Maximilian des 
Frohnleichnamsfestes wegen in Wien weilte, sprachen auch bei 
ihm die Tiroler noch vor. Sie wurden mit den Worten verab- 
schiedet, der Erzherzog sähe gern, wenn man beiderseits zu 
einem guten Ende käme, aber wie sich die Sache ansehen 
lasse, möchte es noch gute Zeit brauchen; er aber wolle des 
landschaftlichen Anbringens gern gedenken und ihrer Aller 
gnädiger Fürst und Herr bleiben. Heimgekehrt, erstattete 
Schürf dem Landeshauptmann ausführlichen Bericht, den er 
mit der Mittheilung schloss, die Grazer seien mit ihrer Triplik, 
welche auf die sechzig Blätter stark sein wird, im Werk, er 
werde sie, wenn vollendet, dem Landeshauptmann in Abschrift 
unterbreiten »allgemeinem wesen zu gutem und künftiger erin- 
nerung und nachrichtung^ Welchen Dank die Landschaft dem 
Ritter, diesem sonderbaren Vertreter und Interpreten ihres 
Anliegens, ausgesprochen, darüber melden die Acten nichts. 

Zur selben Zeit schlug auch ftir die tirolischen Re- 
gierungscommissäre die Stunde der Abreise. Zwei Monate 
waren sie in Wien gesessen und nicht zu Worte gekommen. 
Die Steiermärker, welche in ihnen absichtlich bestellte Zeugen 
gegen ihre Ansprüche sahen, erklärten rundweg, sie nicht 
hören zu wollen. Die Kaiserlichen wagten daher nicht, sie 
officiell zu vernehmen. Da wurde Herzog Wilhelm ungedul- 
dig, er verlangte seinen Hofmeister Heidenreich zurück. Dieser 
selbst und seine beiden CoUegen beschwerten sich in Prag 
über das vergebliche Harren. Nun kam der kaiserliche Befehl, 
die Herren der Tiroler Regierung zu hören ohne Rücksichtnahme 
auf die Grazer. Ende Mai erstatteten sie ihren detaillierten 
Bericht über Tirols Finanzlage oder, besser gesagt, Finanznoth. 
Mit ihren Ausweisen belegten sie die starke Schuldenlast, den 
Rückgang der Bergwerke. Auf die Frage, wie eine Besserung 
zu erzielen wäre, wussten sie keine rechte Antwort. Den Grazern 
übergaben die Kaiserlichen Abschrift des vorgelegten Exposö 
und ertheilten den Dreien die Erlaubnis zur Heimfahrt.^ 

^ Rudolf an seine Commissäre, 27. Mai 1597; Erzherzog Mathias an Her- 
zog Wilhelm, 27. Mai, St.-A.; die Commissäre an Rndolf, 30. Mai. 
Leop. B, 27, I. 



316 

Beiläufig einen Monat dauerte es — die Schlussredaction 
erfolgte in Graz selbst — bis die Steiermärker ihre Antwort 
tibergaben (13. Juni). Neue Argumente vermochten sie nicht 
aufzubieten, aber die schon ins TreflFen geschickten erfahren 
weitere Ausführung. Vor Allem verwahren sie sich, dass eine 
Ländertheilung die Hausinteressen schädige. Man möge sich 
nicht auf das Fridericianum berufen, das nur fllr das Herzog- 
thum Oesterreich gelte. Und sollte sich dasselbe auch weiter 
erstrecken, so sei es durch die späteren Theilungen doch längst 
aboUert. Rudolf I. habe die Theilung schon nicht ,expre88e' 
untersagt (1283), und Friedrich der Schöne habe nicht alle 
Hauslande innegehabt. Auch die Hausordnung Rudolfs des 
Stifters könne nichts beweisen, da seinen Brüdern in derselben 
vorbehalten bleibt, sie zu ändern oder zu bessern. Nun wird 
die ganze Geschichte der Theilungen im Habsburgischen Hause 
seit 1373 abgewandelt. Hinsich tUch Tirols wird darauf ver- 
wiesen, dass es einmal zu Kärnten, dann wieder einmal zu 
Baiem gehörte. Die Furcht, dass bei einer Trennung von 
Tirol die Vorlande um so leichter in fremde Hand gerathen 
könnten, sei unbegründet, denn, zum grössten Theil katho- 
lisch, wollen sie bei Oesterreich bleiben, und für den vor- 
ländischen Adel gebe es gegen die vielen ihn bedrohenden 
Gefahren nur Schutz bei Oesterreich. Wird auch getheilt, so 
seien doch alle Mitglieder zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet. 
Hat schon der verstorbene Erzherzog allein seine Lande ge- 
schirmt, so werde das der kaiserhchen und steirischen Linie 
noch leichter sein. Abermals werden Spiilche und Sentenzen 
als Belege citiert: , communis res negligi solet, communio 
plerumque discordiam parit, das kind wird von niemand 
besser als von seiner mueter gepuzt^ Hat jeder Theil seinen 
eigenen Herrn, so wird er ihm mehr leisten, als wenn die 
Länder eigentlich nicht recht wissen, wer ihr Regent ist 
Von einem ,perpetuus dominus^ haben die Lande mehr 
Beistand zu erwarten als von einem ,temporaneus^ Beweis 
dessen der verstorbene Ferdinand. Denn als derselbe einmal 
wusste, dass ihm seine Söhne nicht folgen, habe er begonnen, 
die Länder ,auszusaigern^ Uebrigens hängen Tirol und die 
Vorlande ohnehin örtlich nicht zusammen und haben ihre eige- 
nen Landtage, sind auch zu verschiedenen Zeiten erworben. 
Selbst in Tirol lassen sich schon drei Theile unterscheiden: 



317 

das Land am Inn, das an der Etsch und Pusterthal, von denen 
letzteres erst spät hinzukam. Auch die drei unterinnthalischen 
Städte haben in der Buehsage ihr eigenes Recht, und Ro- 
veredo ist auch vor nicht so langer Zeit erst hinzugewon- 
nen worden.^ Die grosse Verschuldung der zu theilenden 
Lande^ so lehren die Qrazer, kann kein Hindernis gegen die 
Theilung sein; man kann ja die Schulden theilen. Ebenso- 
wenig relevant ist es, wenn die Länder jetzt viel grössere 
Schulden aufweisen als bei der Theilung im Jahre 1564, denn 
100.000 fl. Schulden sind ebenso leicht zu halbieren als 10.000 fl. 
Es ist nicht anders, als wenn zwei Brüder ein Haus zu theilen 
haben. Es kann dabei wohl für den einen und den andern 
üngelegenheiten geben mit Thüren und Fenstern; all das ist, 
wenn auch schwer zu vermeiden, doch gewiss nicht wesentlich. 
Der Kaiser wird also, damit schliesst die Triplik, hoffentlich 
noch in diesem Jahre die Ländertheilung vollziehen. 

Wieder boten sich den Grazem nach Uebergabe dieser 
Einrede Anzeichen, von denen sie guten Erfolg prophezeien 
zu können vermeinten. Diesmal war es einer der Verordneten 
Maximilians, Wanga, welcher ihnen das Compliment machte, 
nach Durchsicht ihrer Schrift müsse er ,lutherisch werden, 
nämlich von seiner meinung auf die unsere fallen^; er habe in 
diesem Sinne schon seinem Herrn referiert, denn er könne 
,einem zu gefallen nit anders sagen, als was recht und billig 
ist'. Auch das gereichte den Steirern zum Tröste, dass zwei 
Jesuiten, denen sie ihre Beweisführung vorlegten, dieselbe so 
fundiert fanden, dass Niemand würde widerstehen können. Das 
gleiche Judicium' entdeckten sie bei Karl von Burgau.* 

Die Kaiserlichen nahmen, so wie ihre Gegner, wieder 
vier Wochen zur Ausarbeitung ihrer Quadruplik in Anspruch. 



^ In diesen Argumenten wird man wohl Material zu sehen haben, das 
speciell Scharf geliefert hat. Uebrigens war auch Manincor ein ge- 
bomer Tiroler aus dem Nonsberg. Äusserer, Der Adel des Nonsbergs, 
Jahrb. der herald. Gesellsch. Adler, 1899, p. 84. 

' Manincor an Erzherzogin Maria, 28. Juni 1597. St.-A. Zur Beleuchtung 
der Doppelzüngigkeit einzelner Commissarien genügt es, gegenüber den 
oben angeführten Worten Wanga^s auf einen Brief desselben vom 
30. Juni (bei A. Jfiger 1. o. p. 98 [202]) zu verweisen, worin genau 
das Qegentheil von dem gesagt ist, was ihm Manincor in den Mund 
legt 



318 

Den Herren von Graz wollte das nicht gefallen^ sie witterten 
dahinter die Absicht, die Verhandlungen abzubrechen und sie 
,über den Semmering zu schickend Damit thaten sie aber den 
anderen Unrecht. Diese sassen vielmehr fleissig ob ihrer Auf- 
gabe, nur mit dem Unterschiede gegen früher, dass sie sich 
dabei in eine gewisse Hitze hineinredeten. Der erste Ent- 
wurf, über den sich die Vertrauensmänner des Kaisers und 
seiner Brüder einigten, ist geradezu leidenschaftlich gehalten: 
Man muss sich nur wundem über die ,grammatika]ische^ Aus- 
legung, die ,sophistisch gezwungenen* Deutungen und über die 
vielen missbrauchten Justizischen ausführungen vel potius ca- 
villis* der Steiermärker, womit sie ihre unrechtmässige, schäd- 
liche und ,in ewigkeit unverantwortliche intention* vertheidigen 
wollen. Es ist eigentlich nicht der Mühe werth. Alles zu 
widerlegen; denn jeder Unparteiische sieht, dass solche 
Albernheiten für ernste Männer sich nicht schicken.* Der 
Einwurf mit dem Privileg von 1156 gilt nicht, da gewiss auch 
alle späteren Erwerbungen darin gemeint sind ; sonst hätte ja 
der privilegierende Kaiser mit der einen Hand genommen, 
was er mit der anderen gegeben. Dasselbe gilt für die Haus- 
ordnung Rudolfs rV. Dass das genannte Privileg auch Tirol 
umfasst, bezeugt Herzog Sigmund, der sich von Kaiser Fried- 
rich in. für die Reichsanlagen einen Schadlosbrief ertheilen 
Hess. Spätere Theilungen geschahen unrechtmässig, und die 
Disposition des Kaisers Ferdinand ist demselben gegen seinen 
Willen abgerungen worden. Wohl hat einst Herzog Al- 
brecht (HL) getheilt, aber nur gezwungen, und dann hat ,error 
errorem erzeugt^ Die Herzoge Ernst und Friedrich sagen 
selbst im Vertrage von 1417, dass sie von einer Theilung ab- 
stehen, weil sie ,scheuchUch und den ländem zuwider' gewesen. 
Kaiser Friedrich hat sich nach dem Tode des Posthumus 
gegen jede Theilung gewehrt. Auch Kaiser Karl V. wäre am 
liebsten ungetheilt geblieben. Dass Maximilian H. die Theilung 
seines Vaters je begehrt hätte, ist bisher nicht erwiesen. ,Wie 
es sonst mit der 54jährigen teilung (Disposition) beschaffen, ist 
auch an seinem ort.'* Wenn jede Ländertheilung so löbUch 



^ tales ineptias non decere viros g^aves (Leo X. ad cardin. J. Sadoletnm). 

' An einer anderen Stelle heisst es von Ferdinands Disposition: Dass 

dieselbe erzwungen war. ist gewiss, wenn auch die Urkunde nichts da- 



319 

ist, warum theilt Erzherzog Ferdinand nicht mit seinen Brü- 
dern? Was du nicht willst, dass dir geschehe, das füge auch 
keinem andern zu. Was übrigens Karl V. mit seinem Bruder 
abmachte, ist keine Theilung, sondern eine cessio juris. Auch 
die Ottokar'sche Landhandfeste flir Steiermark spricht gegen 
die Theilung. Den Ländern wird, wenn man sie nicht theilt, 
kein neues Recht zugeschrieben, aber für ihren Schutz am 
besten gesorgt. ,Dass die Ungleichheit der vordem lande mit 
einem stuk Tirol kunne compensirt werden, darum sein die 
Tiroler zu fragen*, und diese werden es gewiss nicht zugeben.^ 
Im Rathe der Kaiserlichen allein fand man diese Satzschrift 
doch zu sehr mit ,starken aufzügen* gemischt, und nachdem 
man sie einigermassen ,limitirt* hatte, ^ wurde sie als Quaduplik 



yon meldet. Denn ,dle kanzlei hat sich mit der feder darnach richten 
mfissen nnd der sach ein solchen colorirten schein geben*. 

^ Mit Gerard Ton Roo, anf den sich die Grazer Öfter bezogen, gehen 
dafür die Kaiserlichen scharf ins Gericht: ,Bei dem von herzog Hansen 
ans Gerardo de Roo wider (den s. g.) Albertum Argentinensem allegirten 
testimonio mag mit gntem fug gefragt werden, ntri par sit credere Al- 
berto Argentinensi aequali fere illomm tempomm an tanto post inter- 
yallo Gtorardo et quidem ei, qni in snis annalibns, nt hoc loci sie alias, 
ignorantia remm, nominum, personamm mnltifarie peccavit, id quidem 
ex fnndamentis remm Anstriacamm atqne literanim aatenticarum certo 
certius demonstrari potest'. Dagegen berufen sie sich auch auf die 
,Annales Dominicanorum Columbariensium, qui in re praesenti consti- 
tnti, yidentes et scientes*. Auch bezüglich der späteren Theilungen 
schreibe Boo ,den brieflichen Urkunden zuwider*. 

' Unter anderem erscheint im ersten Entwurf die Stelle: et cum hoc (die 
Untheilbarkeit) juri et aequitati, quae justitiae mazime est propria, con- 
sentaneum sit, ii (cum venia dictum sit) plane idiotae et deliri sunt, 
qui contrariam sophisticis argumentis et cavillationibus defendere co- 
nantur. Oder: ipsum autorem et corpore et cerebro esse male dispo- 
situm. Immerhin blieben Stellen wie die folgende stehen: Die Aus- 
führungen der Steiermärker machten den Schein erwecken, als kannte 
man mit Becht auf der Theilung bestehen; sieht man aber auf den 
Grund, so sind es mehr ,speciosa und als unter yergebenlichem schein 
zusammenklaubte argumenta, als dass sie den stich halten könnten*. 
Erzherzog Maximilian hatte eine andere Ausstellung noch zu machen. Im 
Entwurf geschah auch Meldung der »aetatis praerogativa*. Wir wollen 
annehmen, so erklärte er, dass sich damit der Kaiser kein besonderes 
Becht zulege, sondern dass die Stelle nur den Zweck hat, die Grazer 
von der Theilung abzubringen; wenn das so gemeint ist, haben wir 
nichts dagegen, aber der Ausdruck muss so gemildert werden, dass kein 
Präjudiz daraus entsteht. Die Uebergabe erfolgte am 12. Juli. 
inOÜT. XCII. Band, IL H&ift«. 21 



320 

den Qrazem eingehändigt. Gleich nach dem ersten Durch- 
lesen fanden dieselben, ihre Gründe seien nicht widerlegt, das 
Angeführte sei nicht stichhältig, das Ganze wohl nur ein Ver- 
such, ihre ,be8tändigkeit zu tentiren^ Wieder vemahm Ma- 
nincor im privaten Gespräch auftnuntemde Worte. So soll 
ihm einer der kaiserlichen Commissäre vertraidich gestanden 
haben, wenn er die Gerechtigkeit bedenke, so müsste er ,grä- 
zerisch^ werden, nur ,die ungelegenheit lieg ihm im wege^ Als 
darauf Manincor erwiderte, die Gerechtigkeit gehe doch Allem 
vor und da sei keine Ungelegenheit zu flirchten, fieng der 
andere ,de modo dividendi zu discurriren' an. Daraus sieht 
man, so ward zuversichtlich nach Graz gemeldet, dass schliess- 
lich doch die Gerechtigkeit siegen und die Theilung vorge- 
nommen werden wird.^ Diese Zuversicht scheint übrigens im 
Kreise der Grazer Gesandten grösser gewesen zu sein als hei 
ihren flirstlichen Auftraggebern. Denn ein Ohrenzeuge, welcher 
einem Gespräche Maximilians mit Erzherzogin Maria in Graz 
und gleich darauf einem solchen des Mathias mit Ferdinand in 
Wiener-Neustadt beiwohnte, hatte dabei den Eindruck ge- 
wonnen, dass sich die Grazer Fürstlichkeiten ,wegen der teilung 
wol würden weisen lassen', wenn nur die Prager weniger 
schroff wären und Wege zeigen wollten, wie jeder zum Ge- 
nuss seiner Portion gelangen könnte. Weil aber die Prager 
damit gar nicht ,heraus wollen' und nur die Theilung ,dispu- 
tiren', so ,halten ihnen die Grazer dies zum stichblatt'.* 

Dass sich solch eine versöhnUchere Stimmung auch auf 
die in Wien weilenden Abgeordneten mittheilte, lässt sich nicht 
erkennen. Aber dieselben bekamen plötzlich Ferialgelüste. 
Mitten im Deliberieren über eine neue Entgegnung schrieben 
sie nach Hause, man möge sie in dieser heissen Jahreszeit, da 
sie doch nichts ausrichten könnten, heimrufen. Und Ferdinand 
willfahrte. ,Nit zwar zu zerstossung dieser commission', so schrieb 
er den Kaiserlichen, sondern anderer Geschäfte wegen und 
nur auf kurze Zeit berufe er die Seinen zurück, dieselben 
seien auf weitere Verhandlung ,gefasst' und werden auf kur- 



^ Manincor an Erzherzogin Maria, 12. Juli 1597. St-A. 
' Maximilians Secretär Job. Ducker an Wanga, 16. Juli 1597. A. Hem. I, 
162—167. 



321 

zes ,aTi8ir8chreibeD^ hin sich wieder in Wien einfinden. * Ihren 
Urlaab aber traten die Steiermärker doch nicht früher an, 
bevor sie mit ihrer Quintuplik fertig waren. Sie beharren in 
derselben auf allen ihren bisherigen Forderungen und Beweis- 
sätzen, nehmen sich auch warm der Autorität ihres Gewährs- 
mannes Roo an und erklären sich als ,durch die baufälligen 
und undienstlichen argumenta^ des Gegentheils nicht besiegt.' 
Damit waren die gegenseitigen Besprechungen vorläufig 
abgebrochen. Hätte man in Graz Kenntnis gehabt von dem 
Abkommen, das genau in diesen Tagen zwischen dem Kaiser 
und seinem Bruder Albrecht vereinbart wurde, so hätte man 
es schwerlich unbesprochen gelassen. Albrecht tiberliess darin 
an Rudolf seinen Antheil an Tirol und Vorderösterreich auf 
Widerruf mit dem Beifügen, dass dieser Antheil, wenn er testa- 
mentarisch nicht besonders verfüge, nach seinem Tode dem 
Kaiser zu vollem Eigen gehören soll.' Zu einer gemeinsamen 
Berathung der letzten Antwort der Steirer von Seite der kaiser- 
lichen und erzherzoglichen Commissäre kam es nicht mehr. 
Nur die kaiserlichen allein traten noch einmal im September 
zusammen. Zunächst constatierten sie, dass die Grazer nicht 
aUein ,instanter^^ sondern auch ,etwas injuriose* auf der Thei- 
lung verharrten. Aus dem Studium der einstmaligen Länder- 
theilungen wollten sie die Modalität ergründen, unter welcher 
dem leidigen Streit ein Ende gemacht werden könnte. Sie 
kamen zum Ergebnis, dass die Entscheidung einem Schieds- 
gericht vorzulegen wäre, in welches die kaiserliche und die 
steirische Linie je zwölf Landsleute entsende. In Prag schenkte 
man dieser Anregung begreiflicherweise keine Beachtung. Die- 
selben Commissäre machten übrigens noch auf einen ,heiklen* 
Punkt aufmerksam: in Graz verlange man, dass Rudolf die 
Administration zurücklege, da während derselben die Erben 
nicht zum Genuss der ihnen vorbehaltenen Landeseinkünfte 
gekommen seien. Von der tirolischen Kammer werde zum 



^ Manincor an Erxherzogin Maria, 27. Jali 1597; das Schreiben des Erz- 
herzogs Ferdinand vom 7. August St.-A. 

' Die Quintuplik wurde am 10. August übergeben. Eine Abschrift der- 
selben auch in Cod. 864. 

• Cession yom 1. August 1697. Orig. im St.-A. Der Kaiser hatte sich zur 
Ausstellung eines Reverses erboten. Albrecht konnte denselben trotz 
wiederholter Betreibung nicht erlangen. 

21» 



322 

Schaden der Interessenten viel entwendet; das sei vielleicbt 
das stärkste Argument für die Theilang, und dem könnten am 
Ende aach des Kaisers eigene Brüder zugänglich sein.^ 

In Graz hatte man thatsächlich ein wachsames Auge auf 
die Gebahrung der kaiserlichen Verwaltung, firzherzogin Maria 
stellte den Kaiser zur Rede wegen leichtfertiger Bestätigung von 
Privilegien für tirolische Städte und Orte; selbst solche Frei- 
heiten würden confirmiert, die der verstorbene Landesfiirst an- 
zuerkennen Bedenken getragen^ vermuthlich seien da Privat- 
vortheile im Spiele. Ueberhaupt möge der Kaiser seines Re- 
verses besser gedenken und nichts zum Schaden der Erben 
vornehmen.* Der Kaiser fand diese Anwürfe hoch befremd- 
lich und ,eben anzügig^ Die ertheilten Bestätigungen seien 
schon bei der Huldigung zugesagt worden und würden nur 
ertheilt nach sorgfältiger Ueberprüfiing. • Auch über die 
Landesfinanzen holte man in Graz selbständig Erkundigungen 
ein, obgleich man im Besitze jenes Exposö war, das die Re- 
gierungsvertreter aus Tirol bei den Wiener Verhandlungen 
vorgelegt hatten.* Ritter Schürf scheint für diesen Zweck 
nicht genügt zu haben ; es wurden Männer des activen Dienstes, 
Kammerpräsident Vintler und der Kammerrath Hohenhauser, 
um Mittheilungen angegangen. Man merkt es namentlich dem 
Kammerpräsidenten an, wie peinlich ihm dieser Verkehr mit Graz 
war, aber er wagte nicht, einem der Miterben ungehorsam zu 
sein. Er sandte also an Erzherzog Ferdinand auf dessen Ver- 
langen alle Auszüge über Einnahmen, Ausgaben und Schulden- 
stand Tirols und der Vorlande, setzte aber auch bei, er könne 
nicht mehr bieten, als schon in Wien mitgetheilt worden. An- 
gelegentlich bat er dabei, man möge ihn nicht ,vermahren*. 
Befragt, ob er für oder gegen die Theilung sei, antwortete 
Vintler ausweichend, aus den mitgetheilten Belegen könne des 
Erzherzogs erleuchteter Verstand selbst abnehmen, was das 
Bessere wäre; nur eines müsse er rathen: vor jeglichem Haupt- 
vergleiche sollte die Sache des Cardinais Andreas und seines 



^ Bericht der kaiseriichen Commissäre, 28. September 1597. St.-A. and 

Leop. B, 27, I. 
' Ersherzogrin Maria an Rudolf, 17. März 1598. A. M. 
' Rudolf an Erzherzogrin Maria, 21. April 1598. St.-A. 
* S. oben p. 45. 



323 

Bruders ausgetragen sein.^ Von solcher Austragung war man 
noch weit entfernt; dafllr drängte der Cardinal auf Anerken- 
nung seiner lebenslänglichen Statthalterschaft in den Vorlanden. 
Der Kaiser hätte sich vielleicht dazu bequemt; wenn der hie- 
^T angesetzte Gehalt (10.000 fl.) durch geistliche Präbenden 
hätte compensiert werden können. Das bezeichnete jedoch 
Albrecht als unschicklich, und die Erzherzoge Mathias^ Maxi- 
milian und Ferdinand sprachen sich — und da waren sie ein- 
mal einig — gegen eine solche Anerkennung aus, weil man auch 
den Schein einer Erbberechtigung auf diese Würde vermeiden 
müsse^ und weil die Vorlande von diesem Gubemator nichts 
wissen wollten. Ebensowenig wollten die vorländischen Stände, 
wie sie im August 1597 erklärten^ von einer Trennung etwas 
wissen.* 

Es hat den Anschein, dass man am Kaiserhofe der 
Taktik des Verzögerns huldigen wollte. Von Wiederaufnahme 
der Wiener Verhandlungen war dort keine Rede. Aber in 
Graz beruhigte man sich nicht. Erzherzogin Maria und ihr 
Sohn liessen wiederholt im Laufe des Jahres 1598 den Kaiser 
mahnen; sie bekamen nur allgemein beschwichtigende Ant- 
wort Da Maria in diesem Jahre auf ihrer spanischen Reise 
Tirol berührte, besprach sie mit Schürf die Angelegenheit und 
erfuhr von ihm von einer angeblichen Geneigtheit in Prag, ihre 
Linie mit den Vorlanden abzufinden. Schürf rieth davon ab 
und empfahl wie immer Beständigkeit.' Auch Mathias und 



^ Christof Vintler an Erzherzog Ferdinand, 17. Jali 1598. Hohenhanser 
schreibt einmal: Visitation nnd Reformation des Kammerwesens beim 
Kaiser za betreiben, sei sehr gut. ,Son8t ist alles in vorigen terminis, 
der kaiser als regierer des landes geht in allem in der expedition fort/ 
Er kOnne aber versichem, dass seit einiger Zeit kein Geld aufgeliehen 
wird, ansser zur Abledigung alter Hauptgüter und angewachsener Zinsen 
(16. August). Ein andermal (8. Februar 1599) klagt er, wie der Kaiser 
eine Kammeroperation zur Bückzahlung einer Schuld an die Fugger 
durchkreuzt habe (es handelte sich um die Pfandschaft Biberbach und 
Smihen). 8t.-A. 

* Hurter 1. c. III, p. 285. 

' Hurter 1. c. IV, p. 402. Schürf achtete mit Argusaugen auf Alles. Er 
hOrt von der Ankunft Heidenreichs, der bekanntlich dem Theilungsplan 
nicht hold war, und berichtet (24. April 1598) an Maria: ,man erwartet 
aliein des erkannten heiligen geists ans Baiem, . . . hinter desselben 
mannes hereinkunft steckt ein sonderbare pratica des tirolischen erb- 



324 

Maximilian verloren den Qegenstand nicht aus dem Auge. Sie 
waren geneigt, die Haltung des Kaisers zu verurtheilen, der 
sich immer nur für die ,unteilung' ausspreche, ohne positive 
Vorschläge zu machen, was denn eigentlich stabilisiert werden 
und ,wie jeder part zur niessung seines teils dabei kommen^ 
sollte.* Auch die Wirtschaft in Tirol wollte ihnen nicht ge- 
fallen.' Sie Hessen daher dem Kaiser zu Beginn 1599 durch 
Unverzagt vorstellen, es sei denn doch an der Zeit, des tiroli- 
schen Hauptvergleichs zu gedenken, und Max Uess fttr seine 
Person beifügen, er möchte nicht mit so grossen Schulden ins 
Grab steigen wie der jüngst verschiedene Bruder Ernst* Das 
Interesse an Tirol wurde beim Deutschmeister von verschiede- 
nen Seiten her rege gemacht und erhalten. Jakob Schrenk, 
der Verfasser des ,österreichischen Ehrenwerkes', versichert 
den Erzherzog, dass in Tirol seiner ,mennighch mit grossem 
verlangen erwartet'.* Und der sächsische Gesandte Gödelmann 
in Prag Hess Maximilian den Rathschlag seines Herrn, des 
Administrators, zukommen, derselbe sollte Tirol sammt den 
Vorlanden an sich zu bringen suchen, ,denn solches sollte E. M.^ 
bei der deutschen nation und im römischen reich viel fUrder- 
samer und fürträglicher sein' (als die Thätigkeit in Sieben- 
bürgen). ^ 

Man darf wohl zweifeln, ob das Drängen der verschiede- 
nen Erbparteien den Kaiser so bald zu einem Schritt veran- 
lasst hätte. Aber die Geldnoth der kaiserlichen Kammer Hess 
den Wunsch nach einer Steuerbewilligung des Tiroler Land- 
tages entstehen. Die Erinnerung an den erfolglosen Landtag 
von 1597 war noch frisch, man wollte nicht blindlings eine 
Einberufung wagen. Deshalb lud man sechs der angesehensten 
tirolischen Landherren nach Prag; es waren ausser dem Landes- 



falls halber, darauf ich gut acht geben will, dann derselb vogel, wie ich 
wol weiss, allzeit darwider gesungen und andre ort auch pfeifen macht' 
St.-A. 

^ Erzherzog Maximilian an Erzherzog Mathias, 18. Juli 1698. A. G. 

' Erzherzog Mathias an Erzherzog Maximilian, 7. Februar 1598. A. M. 

* Erzherzog Maximilian an Unverzagt, 8. Jänner 1599. A. C. 

* Schrenk an Erzherzog Maximilian, 10. Februar ld99. A. M. 

^ Eurer Majestät: so Hess sich Maximilian gern ansprechen, da er den 

Verzicht auf die polnische KOnigswürde noch nicht geleistet hatte. 
' Samtein an Erzherzog Maximilian, 7. Februar lö98. A. M. 



325 

hanptmann die Herren Christof v. Wolkenstein der Aeltere, 
Sigmund v. Welsberg, Christof Vintler, Karl Schürf und Peter 
V. MoUart Es wurden ihnen die Fragen vorgelegt : wie von 
Tirol eine ergiebige Türkenhilfe zu bekommen, wie die Erb- 
theilung vorzunehmen, ob ein einziges Haupt und wer als 
solches einzusetzen wäre. Dass über die letzteren Fragen 
nicht alle sechs Herren gleichen Sinnes waren, ist schon aus 
dem einen Umstand ersichtlich, dass neben einem Schürf auch 
Wolkenstein zu Rathe sass, der nicht lange zuvor gegen einen 
Freund sich äusserte: man muss zu Qott beten, dass er Oester- 
reichs Hoheit und Reputation erhalten helfe; jedenfalls wird 
,des Wesens bestand mehr ex conjunctione als aliqua separa- 
tione' erfolgen.* Aber wie sich einstmals Schürf zum Ver- 
treter der der seinigen widersprechenden landschaftlichen Mei- 
nung brauchen liess, so hat er diesmal ohne ersichtlichen Wider- 
stand dem Qutachten der Anderen sich angeschlossen, welches 
lautete: die laufenden Steuern könne Rudolf weiter erheben, 
zu einer Mehrleistung wäre ein Landtag nothwendig, der aber 
schwerlich etwas bewilligen würde; von einer Theilung des 
Landes sei dringend abzurathen, wenn auch kein Privileg sie 
verbiete, im Falle einer Theilung würden die Stände gar keine 
Lasten mehr übernehmen wollen; dem Lande werde jeder 
Regent, auf den sich die Erzherzoge einigen, willkommen sein, 
wenn es nur kein Fremder ist; dem aber werde die Aus- 
einandersetzung mit Andreas und Karl vorausgehen müssen.' 
So hatte also wieder eine Berathung über die Erbtheilung 
stattgefunden, ein praktisches Ergebnis hatte sie nicht. Rudolf 
beherzigte nur insofern die Wohlmeinung der an seinen Hof 
berufenen Herren aus Tirol, als er für jedes der beiden fol- 
genden Jahre die Zustimmung des landschaftlichen Ausschusses 
zur Einhebung der bisherigen Steuer einholte. Maximilians 
Agent in Prag, welcher von der dortigen Anwesenheit der 
Tiroler meldete, gab die bündige Versicherung, mit der Erb- 
theilung sei es dermalen ,nichts^ Trotzdem ist es von nun an 



* Chr. .Wolkenstein an Wang», 19. Juli 1597. — Wanga besorgte während 
seines Wiener Aufenthaltes die Erwerbung einer böhmischen ,cronica*, 
die Wolkenstein in seiner Bibliothek zu Rodenegg aufstellen liess. 
A. Mem. I, 162-167. 

« Hofconc. und Ber. 27. und 29. April 1699; G. v. H. 1699, fol. 26; T. 1697 
bU 1602, fol. 213. 



326 

gerade dieser Erzherzog^ welcher die Prager Kreise wegen 
der Tiroler Frage in Athem hielt. Noch im April gab er sei- 
nem Vertrauensmann Wanga den Auftrag: wenn sich auch die 
tirolische Erbvergleichung ,auf die lange bank^ ziehen wolle, 
so sei er doch entschlossen, sie beim Kaiser zu urgieren; zu 
diesem Zwecke solle ihm Wanga alle bisher darüber gewech- 
selten Schriften übersenden.^ Bevor der Deutschmeister zur 
Ausführung dieser Absicht schritt, überraschte ihn der Land- 
graf Georg Ludwig von Leuchtenberg mit der Bitte, ihm zur 
Erlangung der Statthalterschaft in Tirol behilflich zu sein. In 
höflicher Form lehnte MaximiUan ab.^ Dieses Auftauchen des 
Landgrafen zeigte dem Erzherzog aus der Ferne die Möglich- 
keit, dass sich ein Fremder in Tirol festsetzen könnte. Er 
sandte un verweilt einen seiner Agenten, Christof Strauss, 
nach Prag, um durch Paul Sixt Trautson, den kaiserlichen 
Minister, der selbst aus Tirol stammte, dem Kaiser einen Plan 
vorlegen zu lassen: Maximilian wollte sich selbst bei Rudolf 
um das Qubemament Tirols bewerben und zugleich diesem 
seinen Erbantheil abtreten. 

Gleich in der ersten Unterredung mit Strauss begrüsste 
Trautson den Gedanken einer Erbüberlassung an den Kaiser, 
wobei er auf die schon erfolgte Cession Albrechts verwies; 
aber wegen der tirolischen Statthalterschaft glaubte er keine 
Hoffnung machen zu können, da die tirolischen Stände selbst 
wegen der schwierigen Finanzlage keinen residierenden Für- 
sten verlangten.'^ Dieser Mittheilung entsprechend eröffnete 
Trautson nach wenigen Tagen dem Erzherzog, der Kaiser sei 



* Erzherzog Maximilian an Wanga, 17. April 1599. A. C. 

' Erzherzog Maximilian an Leuchtenherg, 31. Mai 1599. A. C. Er schreibt: 
Was der Kaiser beabsichtige, sei ihm ganz unbekannt, aber der Kaiser 
könne auch nicht verfügen ohne Zastimmnng der Miterben. Würde er, 
Max, jetzt mit einer solchen ,commendation einsprengen', so wQrde er 
sich selbst einen Riegel gegen die eigenen Rechte vorschieben. Sollten 
aber der Kaiser und die Anderen nichts gegen Leuchtenberg haben, so 
werde auch er seiner gedenken ,wie wir dann das gubemament E. L. 
am liebsten vor andern gunnen^ — Ueber Leuchtenbergs Armuth siehe 
Stieve, Briefe und Acten V, p. 726, 910. 

* Von den Ständen lässt sich eine solche Aeusserung nicht belegen. Aber 
Vintler betont allerdings in seinem Gutachten (an Erzherzog Ferdinand), 
dass die Finanzen die Auslagen für einen regierenden Fürsten nicht 
ertragen. 



327 

bereit^ dessen Erbtheil abzulösen^ und sei des Antrages auf 
eine Recompens gewärtige welche freilich nicht gross ausfallen 
werde, da das verschuldete Land kein Erträgnis abwerfe. * 
War nun damit der erste Theil von Maximilians Anbringen 
übergangen, so wollte er doch am zweiten festhalten. Das 
Erbieten wegen ,der tirolischen erbportion', so schrieb er dem 
Minister zurück, sei erfolgt wegen der schweren Schulden, in 
denen er bis über die Ohren stecke; er wolle sich aber im 
Punkte der Entschädigung also moderieren, dass die Ablösung 
dem Kaiser nicht allzuschwer, ihm selbst doch nicht zu nach- 
theilig wäre. Im Uebrigen sei ihm nicht unbekannt, dass, 
wie schwer auch Tirol mit Schulden belastet sei, auf jeden 
Erben eine ,ansehnliche quota' treffe; über die Höhe der 
Recompens wolle er sich ein anderes Mal aussprechen.' Die 
letzte Behauptung des Erzherzogs wollte Trautson nicht gelten 
lassen, er wies sie zurück mit der Versicherung, der Kaiser 
habe von Tirol bisher nichts genossen ausser der Türkenhilfe, 
zu welcher das Land unter allen Umständen verpflichtet sei. ' 
In solchen Worten lag auch die Abweisung des zweiten Theiles 
von Maximilians Antrag. Aber der Deutschmeister, welcher 
sich nach seinem missglückten Versuch, in Siebenbürgen die 
Statthalterschaft anzutreten, auf seinen Ordenssitz Mergentheim 
zurückgezogen hatte, wollte sich nicht mit dem beschaulichen 
Stilleben daselbst abfinden und hielt an seinem Doppelplan: 
tirolische Statthalterschaft und Tilgung seiner Schulden durch 
irgend eine Finanzoperation, fest. Er war entschlossen, ,seine 
Sachen auf ein gewisses ort zu richten und einmal des weit- 
leufigen, umschwebenden, irrsamen wesens abzukommen'; sein 
Gewissen und sein guter Name sollte durch die in den un- 
garischen Feldzügen angewachsenen Schulden nicht länger be- 
onruhigt werden. Rudolf sollte ihm deshalb seinen tirolischen 
Antheil um 300.000 fl. ablösen oder, wenn dazu nicht geneigt, 
ihm die Regentschaft über Tirol verleihen und ihm sein De- 



^ StransB an Erzherzog Maximilian, 12. Juni 1599; Trantson an Erzherzog 
Maximilian, 16. Jnni. A. M. 

' Erzherzog Maximilian an Trautson, 27. Juni 1599. A. C. Gleichzeitig 
berief Maximilian seinen Prager Agenten Tobias Vischer zu sich nach 
Mergentheim, um über die Ablösungsfrage mit ihm zu conferieren. 

' Trautson an Erzherzog Maximilian, 8. Juli. A. M. 



328 

putat auf tirolische Gefälle anweisen. Habe doch auch Ma- 
thias ein Gubernament, ohne welches es in Tirol nicht mehr 
lange gehen werde, und einem Fremden sollte dasselbe doch 
nicht zutheil werden.^ Vischer, des Erzherzogs diplomatischer 
Agent, masste mit diesen Vorschlägen wieder an Trautson 
herantreten. Von den 300.000 fl. verlangte Maximilian ein. 
Drittel bar gezahlt, für die anderen 200.000 fl. proponierte 
er die Ueberweisung der österreichischen Herrschaften Eisen- 
stadt und Forchenstein in sein Eigenthum.* Trautson fand 
das Angebot zu hoch, dagegen seien die beiden Herrschaften 
um die Hälfte zu niedrig angeschlagen. Zugleich eröffnete er, 
dass Albrecht ohne jede Entschädigung auf seinen Antheil 
verzichtet habe.' Das Anliegen wegen des tirolischen Qxiber- 
naments ttbergieng der Minister mit Stillschweigen, aber Maxi- 
milian sorgte, dass es ihm nicht aus dem Gedächtnis schwand.^ 
Trautson machte nun einen Gegenvorschlag: der Erzherzog 
möge die tirolische Regentschaft als Recompens fUr seine son- 
stigen Ansprüche annehmen. Das schlug Maximilian wieder 
ab mit der zutreffenden Bemerkung : wenn der Kaiser oder er 
selbst einmal eine Aenderung vornähme, d. h. wenn er zur 
Zurücklegung des Gubemaments veranlasst würde, so müsste 
er ,mit leeren bänden* dastehen. Trautson möge, so forderte 
nun der Deutschmeister kategorisch, sein gesammtes Anbringen 
an den Kaiser gelangen lassen und eine baldige Entscheidung 
erwirken. Da griff der Minister, der, wie man schon aus dem 
Bisherigen sieht, mit keinem der erzherzoglichen Vorschläge 



^ Erzherzogliches Memorial, durch Ducker an Christof von Paecheim 
überbracht, der darüber Rath geben soll. 23. Juli 1599. 

• Memorial für Tobias Vischer, 7. August 1599. A. C. 
' Vischer an Erzherzog Maximilian, 28. August. A. M. 

* Maximilian sandte dem Kaiser einen Bericht über seine Reise, die 
er damals an verschiedene deutsche Fürstenhofe machte. Im Concept 
dieses Berichtes war auch folgende Stelle enthalten: Wir sprachen 
mit dem Herzog von Württenberg viel vom gefährlichen Zustand 
der Osterreich ischen Vorlande, worauf der Herzog meinte, Euere Majestät 
sollte ein regierendes Haupt einsetzen, welches ,den raten etwas 
besser auf den brief sehet*. In der Reinschrift ward diese Stelle ,um 
Verdachts willen' ausgelassen, aber Vischer musste das darin Enthaltene 
bei Trautson anbringen und beisetzen, auch der Graf Ton Tübingen 
meine, dass den Vorlanden ein Haupt noththue. Concept des Briefes 
an Rudolf und Weisung an Vischer, 17. September 1699. A. C. 



329 

Bich befreunden wollte, zu einem wenig loyalen Mittel. Er 
beredete den Agenten Vischer, in der fiir den Kaiser be- 
stimmten Vorlage die von Maximilian angesetzte Entschädi- 
gungssumme auf 400.000 fl. zu erhöhen, setzte aber bei, eine 
EntSchliessung werde vor Abschluss des Hauptvergleiches 
sicher nicht erfolgen.* Vischer scheint darin nichts Bedenk- 
liches gefunden zu haben. 

War man am Eaiserhofe in der Annahme des Maxi- 
milianischen Theiles von Tirol zurückhaltend, so zeigte man 
um so grössere Begehrlichkeit nach der Erbportion des Ma- 
thias, da man dieselbe kostenlos zu erwerben hoffte. Im Auf- 
trage des Kaisers musste Unverzagt die Beredung bei Mathias 
einleiten. Mit einem allgemeinen EUnweis auf das schon er- 
folgte Angebot des Deutschmeisters und mit der Begründung, 
dass Rudolf im Besitz aller Erbtheile seiner Linie den Theilungs- 
absichten der Qrazer leichter widerstehen würde, hatte Unver- 
zagt den Erzherzog Mathias um Ueberlassung des Seinigen 
anzusprechen und ihm dafür die Geneigtheit des kaiserlichen 
Bruders zuzusichern, ihn bei Ordnung der Succession, ,dass 
dieselbe auf ihn gerichtet würde, zu favorisiren^ ^ Mathias 
schien nicht abgeneigt, bat aber noch um Bedenkzeit, da er 
mit seinem Vertrauten Strein die Angelegenheit besprechen 
wollte. * Nach kaum zwei Wochen erklärte sich der Erzherzog 
ganz bereit zur Ueberlassung Tirols und hoch erfreut über 
Rudolfs Erklärung wegen der Nachfolgeordnung. Würde diese 
im angedeuteten Sinne bald geordnet, so brauche es keiner 



^ Erzherzog Maximilian an Rudolf und an Trautson, 28. September 1599, 
Vischer an Erzherzog Maximilian, 6. November. — Gleichzeitig fragte 
Maximilian bei Mathias an, ob es wahr sei, dass auch er dem Kaiser 
seinen Theil angetragen habe. Maximilians Agent Strauss in Wien schreibt 
im October: Die vom Erzherzog vorgeschlagenen zwei Herrschaften er- 
tragen der kaiserlichen Kammer jährlich 80.000 fl.; es sei nicht glaub- 
lich, dass die Kammer dieses ,gewis8e^ gegen die unsicheren tirolischen 
Einnahmen vertauschen wolle. — Die hier geschilderten Verhandlungen 
blieben nicht geheim; man sprach damals in Prag viel davon, dass 
Maximilian nach Tirol gehen werde (Rabus an Erzherzog Maximilian, 
10. JuU). 

« Rudolf an Unverzagt, 20. Jänner 1600. St.-A. 

' Unverzagt an Rudolf, 27. Jänner. Er setzt bei: Strein werde gewiss 
nicht widerrathen, er habe ihm aber zu noch grosserer Sicherheit einen 
vertraulichen Brief gesendet. 



330 

weiteren Recompens; die Bestimmung einer solchen ftir den 
Fall^ dass der Kaiser noch Leibeserben bekomme^ stelle er dem- 
selben anheim. So lautete des Mathias Antwort an Unverzagt.^ 
Den Kaiser, den er seiner Bereitwilligkeit versicherte, ersuchte 
er um Schickung eines vertrauten Rathes, dem er sich offen 
erklären könne; das werde Rudolf ^hoffentlich nit fremd ftlr- 
kommen^* Für dieses Entgegenkommen, ,obwol mit condi- 
tionen^, sprach der Kaiser dem Bruder seinen Dank aus und 
versprach ihm, wenn er selbst noch heiraten und Mathias 
nicht sein Nachfolger würde, ihm flir Tirol Ersatz zu leisten in 
einem gleichwertigen Theil von Oesterreich, oder, wenn das 
nicht angienge, das Abgetretene zu restituieren. Nur müssten 
bei der Feststellung des Wertes die auf dem cedierten Theil 
haftenden Schulden mit in Berechnung gezogen werden, wor- 
über unparteiische Commissäre zu entscheiden hätten. Das 
Ganze sei geheim zu halten, bis sich der Kaiser mit Maxi- 
milian und den Qrazem verglichen. Mathias möge versichert 
sein, dass der Kaiser ,der succession im reich zum besten und 
der notdurft nach eingedenk sein wird'.' Ein halbes Jahr 
später entwarf Unverzagt eine Urkunde, womach Mathias 
gegen die Zusage der Nachfolge dem Kaiser seinen tirolischen 
Antheil überlässt. Da die Zusage nicht erfüllt wurde, blieb 
es beim blossen Entwurf.* 



^ Unverzagt an Bndolf, 10. Februar 1600. 

' Erzhersog Mathias an Rudolf, 15. März, ohne Jahr (das Stück liegt im 
St.-A. in den Acten des Jahres 1600 und wird wohl auch diesem Jahre 
angehören). Mathias bezieht sich da auf einen (nicht erhaltenen) Brief 
Unverzagts vom 17. Februar. Dann folgt eine Stelle, welche zeigt, 
dass die Verhandlungen mit Mathias schon ein paar Jahre zurückreichen. 
Der Erzherzog schreibt nämlich, er habe sich in dieser Sache hoffentlich 
zu des Kaisers Zufriedenheit noch vor dem Reichstage (da kann doch 
nur der von 1698 gemeint sein, der Ende 1697 begann) resolviert. Weil 
aber noch mündliche Verhandlung mit dem Kaiser nOthig war, so habe 
er seine Erklärung verschoben bis zur persönlichen Anwesenheit In 
Prag. Dann jedoch hätten ihn jene verhindert, welche ihn, da er in 
Prag weilte, informierten, er wtlrde den Kaiser disgustieren, wenn er 
ausser den Reichstagssachen noch Anderes vorbrächte. — Hurter (HE, 
287), der die anderen hier einschlägigen Acten des St.-A. citiert, nimmt 
auf dieses Schreiben nicht Bezug. 
Rudolf an Erzherzog Mathias, 17. April 1600. 

l^ach Stieve, Die Verhandlungen über die Nachfolge Kaiser Rudolfe, 
p. d9f, hat sich Rudolf seinem Bruder Mathias mit dem Antrage ge> 



331 

Nach diesen erfolglosen Verhandlungen mit Mathias trat 
derselbe Unverzagt an Maximilian heran^ diesmal ohne kaiser- 
liche Mission. Der Dentschmeister sollte an Rudolf seinen 
Theil überlassen gegen Einräumung der oberitalischen Mark- 
grafschaft Finale. Auf diese Art käme das strittige Qebiet 
den Spaniern ,aus den augen^;^ diese würden es am liebsten 
Maximilian gönnen^ während sie jeden anderen Besitzer stetig 
,anfechten* würden. Der Erzherzog war nicht abgeneigt, 
vorausgesetzt, dass der Kaiser die Herrschaft frei verleihen 
kann und die ,welschen^ damit nichts zu schaffen haben.' 

Nebenher erörterte man auch noch immer die Frage der 
tirolischen Statthalterschaft. Nicht Maximilian selbst brauchte 
sie wieder aufzuwerfen: es geschah von Mathias, aber ganz in 
Maximilians Sinn. Unverzagt hatte auch hieflir den Vermittler 
zu machen. Bei seinen Unterredungen mit dem von tiefer 
Melancholie geplagten Kaiser vernahm er von dessen Absicht, 
den Deutschmeister nochmals wegen der Statthalterschaft in 
Siebenbürgen anzugehen. Im Namen seines Herrn, des Erz- 
herzogs Mathias, entgegnete Kanzler Unverzagt, Maximilian 
würde sich schwerlich dazu bereit finden, diesen möge der 
Kaiser lieber als ,residenzhaupt' flir Tirol bestellen. Auf die 
Frage Rudolfs, ob denn nicht Cardinal Andreas dahin tauglich 
wäre, überreichte Unverzagt ein schriftliches Qutachten des 
Mathias, worin Maximilian als der Beste geschildert war, den 



D&hert, da er die Bewerbung Albrechts tun die Nachfolge fürchtete. Im 
October, da Mathias selbst in Prag weilte, schlug die Stimmung des 
Kaisers um zu dessen Ungunsten. 

* Schon seit 1597 bahnte Philipp II. durch KaufvertrSge mit dem letzten 
Markgrafen Andreas v. Caretto zum Verdruss des Kaisers die Erwerbung 
dieses Gebietes an. Die spanische Occupation erfolgte 1602. Senken- 
berg, Versuch einer Geschichte des deutschen Reiches I, 38. 

* Unverzagt an Erzherzog Maximilian, 21. NoTember 1600 (Schottwien); 
dieser an Unverzagt, 11. December. üeber Finale siehe Stieve, Ver- 
handlungen etc., p. 112. Der Brief Unverzagts aus Schottwien trägt 
ausser dem Tagesdatum noch den Vermerk ,11 Uhr NachtsS Unverzagt 
schreibt darin: Wohl konnte man mit Finale auch Andreas und Karl 
abfinden, aber damit würden sie mehr bekommen, als ihnen nach 
dem Testament gebührt, auch würde dies Spanien nicht zulassen 
und ebensowenig die Grazer Linie. Der Vorschlag mit Finale wird 
auch den Entschluss des Kaisers über das tirolische Gubernament be- 
schleunigen. Jedenfalls wäre es dem Kaiser recht. Finale dem Hause 
zu sichern. 



332 

der Kaiser für Tirol wählen könnte.^ Mathias suchte auch 
durch directe Vorstellungen beim Kaiser nachzuhelfen: in Tirol 
fehle es nicht an Leuten, welche ,prakticiren', dass gegen den 
Willen des Kaisers und seiner Brüder ein Gubemator sich ein- 
dränge, und da könnte ,sich was erheben^ das man jetzo nicht 
vermeint*. Die steirische Linie dürfe den anderen nicht vorgreifen, 
Gienge der Deutschmeister nach Siebenbürgen, so wäre zu fürchten, 
dass die Qrazer ,ihren MaximiliaDum* (Max Ernst, einen jüngeren 
Bruder Ferdinands) mit allerlei Mitteln nach Tirol beförderten, 
wozu Baiern und Salzburg helfen würden. Dabei würde man 
vorwenden, die Qrazer Linie sei auch mit erbberechtigt und, 
wenn der Deutschmeister in Siebenbürgen, stehe sonst Nie- 
mand mehr fiir das tirolische Qubemament zur Verfligung. * 
Die Nachricht, dass ihm sein Vetter Maximilian Ernst 
Tirols halber in die Quere kommen sollte, war dem Deutsch- 
meister neu und verursachte ihm merkliches Unbehagen. 
Siebenbürgen hätte er ihm gegönnt, vorausgesetzt, dass er der 
Stelle auch gewachsen war.' Ob es Erzherzog Maximilian 
für nöthig hielt, durch unmittelbare Vorstellung beim Kaiser 
der Mitbewerbung seines jungen steiermärkischen Vetters ent- 
gegenzutreten, lässt sich nicht sagen. Wohl aber sehen wir 
den Deutschmeister bei seiner Anwesenheit in Prag zu Anfang 



^ Unverzagt an Erzherzog Maximilian, 11. October 1600. A. M. 

' Erzherzog Mathiaa an Rudolf, 17. November. Mathias legt hier dem 
Kaiser direct nahe, er möge den Maximilian Ernst f&r Siebenbürgen 
ansersehen. — Dass an eine Bestellung dieses Steierm&rkers für Tirol 
gedacht wurde, bestätigt ein Brief von Karl Schürf an Erzherzogin 
Maria, 27. Februar 1601, wo er schreibt: Den Vorlanden thut ein eige- 
ner Statthalter (Cardinal Andreas starb am 12. November 1600) wegen 
der unruhigen Nachbarschaft der Schweizer und Franzosen noth, dazu 
eignet sich Maximilian, der mit seinem ,meistertam den vorlanden ge- 
legenlich gesessen^ dagegen möge ,der andere Maximilianus' (Max Ernst) 
nach Tirol kommen. ,E. D. wollen mir verzeihen, ich gehe fürwahr 
mit diesen Sachen schlafen und stehe damit auf, so treuherzig ist es mir 
angelegen.* 

' Erzherzog Maximilian an Erzherzog Mathias, 11. December 1600. Ma- 
ximilian schreibt: Ich lasse mir E. L. Gutbedünken sonst wohl gefallen 
und hat E. L. meine Meinung errathen, ,allein dass wir uns der Gräzeri- 
schen nit versehen, wiewohl es uns von der unmuessigen alten (Erzher- 
zogin Maria) nit fremd fÜrkommtS Wenn es aber diesen Weg erreichen 
sollte, ,würden andere auch aufwachen und auf ihre schanzen achtung 
geben müssen, welches dann eine seltsame Weiterung verursachen möcht*. 



333 

1601 dem Kaiser eifrig zureden^ derselbe möge ihm seinen 
tirolischen Antheil ablösen. Er setzte dafUr die Summe von 
400.000 fl. an. Rudolf fand die Forderung mit Rücksicht auf 
das verschuldete Land zu stark und wollte dem Abschluss des 
Geschäftes den Hauptvergleich vorausgehen lassen. Maximilian 
Hess sich nicht einschüchtern. Schon vor Jahren^ erwiderte 
er, habe er gehört, dass sich das Einkommen aus Tirol und 
den Vorlanden auf 800.000 fl. belaufe; wollte aber man nur 
die Hälfte davon annehmen^ so würden auf ihn 50.000 fl. 
treffen. Mit dieser Summe, durch acht Jahre bezogen, könnte 
er seine Schulden decken. Wenn auch die Lande stark ver- 
schuldet sind, so könnten doch dem Inhaber derselben die 
Mittel zur Bezahlung nicht fehlen, ,8intemal die landschaften 
aUweg das schwerste übertragen helfend ^ Der Kaiser möge 
ihn in seinen Schulden nicht stecken lassen; bis zur Haupt- 
verhandlung könne er nicht warten, da die Steiermärker viel 
zu viel ydisputirens machend Unterdessen drängen die eigenen 
Gläubiger. Der Kaiser werde mit den Grazem leichter fertig, 
wenn er die Theile seiner Brüder an sich gebracht. Gehe 
Rudolf nicht darauf ein, so werde er seine Gelegenheit in 
anderem Wege suchen, wo er es zum Besten wisse. Der 
Kaiser verharrte auf der Ablehnung. Nach drei Monaten hörte 
Maximilian, Rudolf sei in den Besitz einer hohen Barsumme ge- 
kommen. * Sogleich erneuerte er sein Angebot, aber mit dem- 
selben Misserfolge. Nun gieng es wie bei vielen Handelsge- 
schäften. Maximilian, der Verkäufer, gieng mit dem Preise 



^ Maximilian hllt dem Kaiser auch vor, dass derselbe bei Ablösung der 
württenbergiichen Afterlehenschaft and durch Steigerung von Pfandschaften 
Geld aus Tirol gezogen habe; ausserdem berechnet er seine Auslagen 
in Ungarn auf 120.000 fl. Andere Obersten, welche keinen Heller zu- 
gesetzt und ihre gewisse Besoldung bekommen, dabei aber Soldaten wie 
Uuterthanen ,geschunden und ausgezogen' haben, seien noch mit Re- 
munerationen und Exspectanzen belohnt worden; er aber habe das 
Seinige im kaiserlichen Dienste verloren. Erzherzog Maximilian an 
Rudolf, 4. Februar 1601. A. C; Leop. B, 27, II. 

' Maximilian hatte erfahren, der Kaiser habe das Vermögen des jüngst 
yerstorbenen reichen Prager Juden, Namens Meisl, im Betrage von 
700.000 fl. an sich gezogen. Unverzagt, darüber befragt, meinte, wenn 
der Kaiser etwas in die Hand bekomme, ,80 lass ers nit gern heraus'. 
Chr. Strauss an Erzherzog Maximilian, 4. Mai 1601; Karl v. Liechten- 
stein an denselben, 5. Mai. A. M. 



334 

herunter. Der Kaiser sollte ihm zur Schuldenzahlung 300.000 fl. 
leihen^ sich einstweilen für die Verzinsung aus Maximilians 
eigenem und dem ihm nach Emsts Tode noch zugewachsenen 
Erbdeputat bezahlt machen und nach erfolgtem Hauptvergleich 
Maximilians tirolischen Antheil an Bezahlungsstatt nehmen. 
Darauf folgte das kaiserliche Gegenanbot: der Deutschmeister 
möge gegen 200.000 fl. und üebertragung des tirolischen Guber- 
naments dem Kaiser seine Portion überlassen. Maximilian 
willigte endlich ein, Rudolf richtete deshalb an ihn am 6. October 
1601 ein ^dankbriefl^ ^ Vom 2. December datiert Maximilians 
urkundliche Cession, versehen mit seiner Handschrift und ,ring- 
petschaft*. Dabei setzte der Erzherzog als selbstverständlich 
voraus^ dass seine Abtretung erst dann in Rechtskraft trete, 
wenn die Bezahlung bei Heller und Pfennig erfolgt wäre.* 
Diese Bedingung wurde nicht erftillt. Denn schon die kaiser- 
lichen Assignationen (auf tirolische Steuerposten) erreichten 
nicht die Höhe der ausbedungenen Summe, und Maximilian 
berechnete einen Münzverlust von circa 30.000 fl., so dass nach 
seiner Berechnung nicht viel mehr als die Hälfte des Ablösungs- 
preises wirklich entrichtet wurde. Nach Jahren, da sich das 
Verhältnis zwischen dem Deutschmeister und Rudolf immer 
unfreundlicher gestaltete, gab dieser Punkt den Anlass zu 
peinlichen Erörterungen. • 

Bei allen diesen Verhandlungen war die Frage der Theil- 
barkeit oder Untheilbarkeit der Ferdinandeischen Lande direct 
nicht berührt worden. Sie ruhte, seitdem sich die in Wien 



^ Dieser kaiserliche Brief ist nicht erhalten, auf ihn wird in spftteren 
Verhandlungen wiederholt Besng genommen. — Die Verhandlungen 
fahrte in Maximilians Namen dessen Secret&r Dncker. Vgl. darüber 
noch unten. 

' Erzherzog Maximilian an Rudolf, 19. Mai 1601; derselbe an Liechten- 
stein, 1. November 1601; derselbe an Rudolf, 2. und 17. December 1601, 
24. Juni 1602; Rudolf an Erzherzog Maximilian, 3. August 1602. 

* Hirn, Die ersten Versuche Kaiser Rudolfs, um in den Alleinbesitz der 
Grafschaft Tirol zu gelangen. Archiv für österr. Geschichte, 86. Bd., 
auch Sep. p. 283 (31). Mit der Renunciation Maximilians auf Polen 
hängt, wie die Stelle bei Khevenhiller, Ann. Ferd. V, 1874, anzu- 
deuten scheint, die tirolische Statthalterschaft nicht zusammen. Die 
Renunciation erfolgte schon 1598. Vgl. Hirn, Die Renunciation des 
Deutschmeisters etc. 4. Ergänzungsband der Mitth. des Instituts für 
österr. Geschichte, p. 266. 



335 

tagende Commission aufgelöst hatte. Als 1599 die Rede gieng^ 
dass der Kaiser die österreichischen Hausprivilegien wieder 
bestätigen sollte, gab die tirolische Regierung nach Prag den 
Rath, bei solcher Gelegenheit sollte eine kaiserliche Declaration 
erfolgen, vermöge welcher die Disposition des Kaisers Ferdi- 
nand den Freiheitsbriefen, soweit dieselben die Untheilbarkeit 
des Hausbesitzes feststellen, nicht widerspreche.^ Die kostbaren 
Hobilien in der Hinterlassenschaft Ferdinands suchte die Re- 
gierung beisammenzuhalten, das Silbergeschirr wollte sie nicht 
den beiden Söhnen, ein selten schönes Brautbett ,von brauner 
arbeit mit köstlichem gestick' der Erzherzogin -Witwe aus- 
liefern.* Solche Stücke sollten in der fürstlichen Burg in 
Innsbruck erhalten bleiben zum Empfang und zur Bedienung 
durchreisender ftlrsüicher Personen. • Eine Commission, welche 
den verschiedenen Parteien die von ihnen reclamierten Kleino- 
dien zusprechen sollte, hatte sich, da man sich nicht einigen 
konnte, zerschlagen. Nur leihweise wurden einzelne Objecto 
herausgegeben: so zur Hochzeit des Erzherzogs Ferdinand in 
Graz und für Erzherzog Mathias auf dem Reichstag in Regens- 
burg.* 

Ohne dass sich sagen Hesse, wer den Kaiser dazu ver- 
anlasste, lud er nach mehr als dreijähriger Pause die Ver- 
wandten zur Wiederauftiahme der Wiener Tractationen am 
1. December 1600 nach Prag auf den Sonntag Invocavit des 
folgenden Jahres (11. März). Erzherzog Ferdinand begrüsste 
die Einladung als eine seinen Brüdern erwiesene ,merkliche 
goad'; auch deshalb, weil man damit der unaufhörlichen Be- 
helligung durch Karl von Burgau aus dem Wege komme. ^ 
Mathias aber deutete die Freude der Grazer über die Einbe- 
rufung dahin, dass sie nunmehr Hoffnung schöpften auf das 
tirolische Gubernament. * 



> A. K. M. 1699, fol. 482. 
» A. K.M. 1699, fol. 631. 

* G. V. H. 1600, fol. 3. 

* M. a. H. 1600, fol. 73; Hofconc. 1699. Ausser Tafelgeschirr wnrden nach 
Graz und Regenshnrg kostbare Tapeten abgegeben : ,6 stuck vita Christi, 
6 stuck David, 8 stuck alte historien, 10 stuck Tobias, 3 stuck MosesS 

^ Ershersog Ferdinand an Rudolf, 19. December 1600. Leop. B, 27, II. 

* Erzherzog Mathias an Erzherzog Maximilian, 4. Jänner 1601. A. M. 
ArcbiT. ICH. Band, II. H&lffce. 22 



336 

Man würde in Graz solche Erwartungen nicht gar hoch 
gespannt haben^ hätte man gewusst^ dass der Kaiser um die- 
selbe Zeit bereits seinen Bruder Maximilian zum Commissär 
ftlr den im Jahre 1601 zu haltenden Tiroler Landtag in Aus- 
sicht genommen habe. Rudolf machte dabei dem Deutsch- 
meister das CompUment^ er brauche dazu einen Mann 
von Autorität^ welcher sich grosser Beliebtheit beim Volke 
erfreue.* 

Weniger erfreut über die kaiserliche Einberufung nach 
Prag zeigte sich Karl Schürf. Man wusste in Graz seinen 
Eifer zu würdigen und hatte, ihm im Sommer 1600 die Aner- 
kennung hiefür in Form seiner Erhebung in den Freiherren- 
stand gespendet.^ Das machte ihn womöglich noch dienst- 
beflissener. Trotz des festgesetzten Termines^ so meinte der 
neue Freiherr, werden die Kaiserlichen zum Hauptvergleiche 
keine Eile haben, denn die tirolischen Kanzleisachen, wie 
Lehensbriefe, Privilegienbestätigungen u. dgl. seien ,faiste 
schmirben^, welche sich ,diese kauzen^ nicht entgehen lassen 
wollen.' Und sollte man merken, dass man mit dem tirolischen 
Gubernament ,an das bewusste ort (Erzherzog Maximilian) 
lenden' wollte, so möge man um so nachdrücklicher auf Thei- 
lung bestehen.* Dass dies letztere der Fall sein werde, darauf 
war die kaiserliche Linie von vornherein gefasst. Daher 
wünschte Mathias auch die abermalige Beiziehung ständischer 
Vertreter, weil diese ,die nitteilung der lande, darauf die stei- 
rische linie so stark dringt, am besten erleutern^, ebenso auch 
tirolischer Beamten, welche über die Finanzlage die nothwen- 



' Rudolf an Erzherzog Maximilian, 19. Februar 1601. Unverzagt ani- 
mierte den Erzherzog, das Gubernament anzustreben zur Verhütung^ 
,anderer anschlug' (5. Jänner). 

' Die tirolische Regierung beglückwünscht ihn dazu, 9. August 1600. 
T. 1597—1602, fol. 363. 

' Damit ist zu vergleichen die Klage der Stände (1601), dass so viele 
Adelsbriefe vom Kaiser ausgestellt würden. 

* Schürf empfahl, bei den neuen Verhandlungen sich des Dietrichstein zu 
bedienen und sich durch dessen Religion nicht irren zu lassen, denn 
Religion habe mit dieser Sache nichts zu schaffen. Auch der Kaiser 
habe früher den Reichard Strein dabei gebraucht, weil er ,ein geschwinder 
und vernünftiger köpf war. Man würde ihn sicher auch jetzt wieder 
wählen, wenn er noch lebte. Vgl. Hurter 1. c. HI, 288. 



337 

digen Auskünfte zu geben hätten.^ Von den kaiserlichen und 
erzherzoglichen Commissarien^ welche 1597 in Wien getagt 
hatten^ war die Mehrzahl in der Zwischenzeit gestorben, so 
Strein, Hoyos, Stotzing, Wanga und Samtein. Unverzagt war 
in Ungarn unentbehrlich. Mathias und Maximilian erklärten, 
sie wollten ^beisammen stehen^, d. h. gemeinsame Verordnete 
wählen, und bestimmten als solche Ernst v. Mollart, Wilhelm 
Seemann, den Burgvogt von Eons und Mauthausen, und den 
Dr. Pölsterle. Der Kaiser hatte es, wie Schürf richtig geahnt 
hatte, nicht so eilig. Er erklärte, seine Räthe zum angesetzten 
Termine nicht entbehren zu können, und weil auch ,die prae- 
paratoria^ zu den Verhandlungen nicht rechtzeitig fertig ge- 
worden seien, wurde der Beginn auf Sonntag Quasimodo 
(29. April) angesetzt. Aber bald besann man sich in Prag 
nochmals eines anderen. Rudolf wollte in seiner Geldnoth den 
Tiroler Landtag nicht länger verschieben, während dessen Ta- 
gung jedoch nicht den Hauptvergleich verhandeln lassen. Da- 
her wurde den Betheiligten der Termin Jakobi (25. Juli) an- 
gesagt mit dem Versprechen, es solle sicher dabei bleiben.* 
Die Steiermärker erfuhren diese Prolongierung, da sie schon 
auf der Reise nach Prag begriffen waren. Bis zu dem also 
erstreckten Zeitpunkte sollten die Landtage von Tirol und den 
Vorlanden gehalten werden. 

Die Uebergabe Kanizsas an die Türken im October 1600 
hatte die Höfe von Prag und von Qraz in grossen Schrecken 
versetzt. Man musste an Rüstungen gegen den vordringenden 
Feind denken. Beim Ausblick nach möglichen Hilfsquellen 
verfiel der Kaiser auch auf den Oedanken, Tirol um eine 
ausserordentliche Beisteuer anzugehen. Wir sahen, wie er schon 
im Februar 1601 deshalb seinen Bruder Maximilian ansprach. 
Kaum hatte man in Graz von dieser Absicht Rudolfs erfahren, 
80 war man entschlossen, für sich selbst die tirolische Land- 
tagsbewilligung zu erlangen. Dass die steirische Grenze die 
zunächst bedrohte war, konnte ja auch ein solches Verlangen 
um so berechtigter erscheinen lassen. Der Deutschmeister er- 



' Erzherzog Mathias an Rudolf, 12. März 1601. In diesem Sinne hat der 
Kaiser schon zwei Wochen vorher (28. Febrnar) Aufträge an die Inns- 
braeker Regierung gegeben. 

* Kaiserliches Ausschreiben Tom 11. April 1601. Leop. 27, B, IL 

22* 



338 

fuhr alsbald^ dass sich beim Landtag auch ein steirischer Ge- 
sandter einstellen werde ,gewiss nit mit leerem begehren*, und 
daher seine Frage au den Kaiser, wie sich in solchem FaDe 
ein kaiserlicher Vollmachtsträger und Landtagscommissär zn 
verhalten hätte. ^ Wie man begreift, fand Rudolf an solcher 
Concurrenz wenig Gefallen. Er selbst wollte von den Ständen 
4000 Mann auf sieben Monate bewilligt erhalten, und da ver- 
nahm er, wie Erzherzog Ferdinand mittels eines eigenen Ge- 
sandten sich um eine ,eilende' Hilfe zu bewerben Willens sei. 
Der Kaiser konnte es sich nicht versagen, in Graz darauf hin- 
zuweisen, wie sehr solches seinem eigenen Vorhaben hinderlich 
wäre und ,dem ganzen wesen nachteil gebären möchtet Er 
ersuchte Ferdinand, davon abzustehen und ,das gemeine nit 
mit dem privato stecken zu lassen*, da ihm kaiserliche Unter- 
stützung ohnehin sicher sei.* Aber in Graz wich man nicht 
zurück. Man rechnete dem Kaiser nach, was er während der 
fünf Jahre von den verwaisten Ländern genossen, man stellte 
die eigene Noth und Gefahr in beweglichen Worten vor. und 
Rudolf gab nach. Er überliess an Ferdinand, was die tiroli- 
öchen Stände am kommenden Landtag bewilligen würden. 
Dieser ward auf Sonntag Misericordia (6. Mai) einberufen.* 
Maximilian zögerte, die Bestellung zum Landtag anzunehmen, 
noch im April suchte ihn Mathias mit dem Hinweis auf die 
Erspriesslichkeit dieser Mission zu bereden.* Endlich erklärte 
er sich bereit und gab der Regierung Befehl, für Wohnung 
und ,futterei* in Innsbruck zu sorgen. Gar stattlich wollte er 
aufziehen, er präsentierte einen Fourierzettel, lautend auf 
127 Pferde. Die tirolische Kammer 'war entsetzt ob solcher 
Bescherung. Sogleich wurde sie beim Deutschmeister vor- 
steUig: jetzt sei die allerschlimmste Zeit, Heu und Stroh selbst 



^ Erzherzog Maximilian an Radolf, 24. Febraar 1601. 

' Rudolf an Erzherzog Maximilian, 21. März. A. M. Ferdinand hatte, als 
zu Beginn 1601 der ständische Ausschuss der Tiroler Landschaft ver- 
sammelt war, ohne Wissen des Kaisers und der Innsbrucker Regierung 
Hilfe begehrt. Der Ausschuss sagte zu, wenn die Landschaft ,dereat- 
halben der hilf halber vom Kaiser frei gesprochen werde*. Bericht des 
Ludwig y. Mollart, Innsbruck, 1. April 1601. 

• Der Termin wurde dann noch über acht Tage erstreckt. 

^ Erzherzog Mathias an Erzherzog Maximilian, 6. April; Rudolf an Erz- 
herzog Maximilian, 16. April. 



339 

nm gates Geld nicht zu bekommen^ Geld sei überhaupt nicht 
yorhanden, und so wolle man für das Fehlende von vornherein 
entschuldigt sein.^ Klagend wandten sich die Herren deshalb 
auch an den Kaiser. Rudolf schrieb seinem Bruder, er höre 
von allen Seiten, dass in Tirol grosser Mangel herrsche; der- 
selbe möge, damit die Leute durch ein so starkes Gefolge ,nit 
etwa zu andern gedanken als verhoffter freigebigkeit bewegt 
werden' und weil ,unsers erachtens sonderlich in dieser zeit 
ihnen etwas mitleidig sich zu erzeigen von nöten ist', seine 
Reise ,einziehen' und blos ,einen postritt tun'.* Erzherzog Fer- 
dinand wieder redete Maximilian zu, er möge ihm etwas Er- 
klekliches bei der Landschaft erwirken. Als seinen Special- 
gesandten, das Hess er sich nicht nehmen, schickte er den 
Malteserritter Rudolf v. Paar.* Erst durch dieses Ersuch- 
schreiben aus Graz erfuhr Maximilian, dass die Steuer, die er 
erwirke, für Ferdinand bestimmt sei. Wie der Kaiser, so ant- 
wortete er, mit dem Gelde disponiere, gelte ihm gleich, wenn 
es nur zum besten angewendet sei; er wolle das Seinige thun, 
obgleich ihm die steirische Forderung fast unerschwinglich vor- 
komme.* 

Abgesehen von der Mahnung zu sparsamem Hofhalt in 
Tirol hat der Kaiser seinem Bruder keine besondere Weisung 
zum Landtag mitgegeben. Auf eine Anfrage Maximilians, wie 
er sich verhalten sollte, wenn die Stände ,privatklagen' und 
Beschwerden vorbrächten, wurde ihm aus Prag der Rath zu- 
theil, er möge schnell den Landtag eröffnen, ,mit demselben 
forteilen' und sich nicht lange aufhalten, dann werde er auch 



^ Regierung an Erzherzog Maximilian, 23. April. 

' Rudolf an Erzherzog Maximilian, 30. April. 

' Erzherzog Ferdinand an Erzherzog Maximilian, 19. April. (So auch Erz- 
herzogin Maria.) 

^ Erzherzog Maximilian an Erzherzog Ferdinand, 9. 'Mai. (So auch an 
Erzherzogin Maria.) Erzherzogin Maria antwortete: sie sei erstaunt, 
dass der Kaiser an Maximilian von der Ueberlassung der tirolischen Be- 
willigung nichts gemeldet habe. Sie wisse nicht, dass der Kaiser ,yolk 
wollt werben lassen, dadurch auch meinem Ferdinand gar nit geholfen*. 
— Erst am 23. Mai schreibt Rudolf an Maximilian: Was man in Graz 
von der tirolischen Bewilligung behaupte, sei richtig; ob Ferdinand 
Geld oder Truppen haben wolle, sei gleichgiltig, wenn nur die Stände 
viel bewilligen. (Dieser Brief ward am selben Tage geschrieben, an dem 
schon der Landtagsschluss erfolgte.) 



340 

von den Unterthanen ^desto weniger anlaufens habend Sollte 
aber doch vom Beschwerderecht Gebrauch gemacht werden, 
so möge er ,in generalibns und gemeinen Sachen' Bescheid 
gebeU; in anderen Dingen jedoch an den Kaiser verweisen ,zn 
mehrer information^ * 

Von seiner Ordensresidenz Mergentheim reiste Maximilian 
über Donauwörth und Landsberg nach Innsbruck.* Als nicht 
gern gesehener Nebencommissär begrüsste ihn bei seiner An- 
kunft Rudolf V. Paar. Im Gegensatz zur haiserlichen Propo- 
sition, die auf Truppenstellung (,volkshilfe') lautete, präsentierte 
Paar ein Gesuch seines Herrn um Geldhilfe. Der Deutsch- 
meister besorgte mit Recht, dass dies ,grosse Verwirrung und 
unwilligkeit' bei der Landschaft stiften werde. 

Unwillig nahm er wahr, wie der Grazer Gesandte ,heim- 
lich bei den raten vorbaut^ Unter solchen Verhältnissen, so 
lautete seine Klage nach Prag, wisse er nicht, ,worauf zu be- 
harrend' Aber auf eine Antwort vom schweigsamen Kaiser, 
der doch selbst rascheste Abwicklung empfohlen hatte, konnte 
Maximilian nicht warten. Er hatte das richtige Geflihl, dass 
die kaiserliche Forderung vor der steirischen zurücktreten 
müsse. Auf diese letztere, eine Geldhilfe blos, giengen die 
Stände ohnehin lieber ein; es handelte sich nur, eine möglichst 
ansehnliche Summe herauszuschlagen. Die Bewilligung lautete 
auf 110.000 fl. in zwei Jahresfristen. Dem gern gesehenen 
Erzherzog votierte man ein Ehrengeschenk, dagegen wurde 
eine vom Kaiser angeregte Steuerreform abgelehnt.* Schon 



^ Rudolf an Erzherzog Maximilian, 25. April. 

* Trotz der Einschränkung war es noch immer ein stattliches Gefolge, 
das den Erzherzog begleitete: Oberstkämmerer Marquard v. Eck, Oberst- 
stallmeister Erasmus y. Landau, Oberstsilberkämmerer Hans Trapp, die 
Kämmerer POtting, Ursenbeck und Schrattenbach und noch 55 Dienst- 
leute, zu deren Beförderung 116 Pferde gebraucht wurden. G. v. H. 1601, 
fol. 218. An der Landesgrenze in Ehrenberg begrüssten den Deutsch- 
meister Regimentspräsident Karl v. Wolkenstein und Christof Vintler. 
M. a. H. 1601, fol. 70. 

' Erzherzog Maximilian an Rudolf, 13. Mai. 

^ Die erste Forderung des Kaisers auf 4000 Knechte beantworteten die 
Stände mit dem Angebote von 100.000 fl. Als Maximilian auf 3000 
Knechte heruntergieng, entschloss sich die Landschaft zu 1 10.000 fl. Er 
hatte ihnen zugeredet, sie mOchten sich so halten, dass man sehe, er 
sei nicht umsonst nach Tirol gegangen. Der Landtag war übrigens 



341 

nach acht Tagen wurden die Stände verabschiedet. Gleich- 
zeitig tagten anch die vorderösterreichischen Landtage: der 
vor dem Arlberg genehmigte 20.000 fl. auf vier Jahre, der 
elsässische 120.000 fl. auf drei Jahre, der schwäbische 65.000 fl. 
auf vier Jahre. Diese Summen kamen dem Kaiser zugute. Im 
Vergleich zu dem, was Elsass leistete, wurde die Bewilligung 
der Tiroler als ,etwas rings angesehen^ Dagegen meinte 
Kammerpräsident Vintler, der Commissär auf diesen Landtagen, 
zu Ehren seines lieben Vaterlandes müsse er doch daran er- 
innern, dass Elsass ,seit Johanni 1599 als letzter Frist voriger 
bewilUgung^ nichts mehr geleistet, Tirol dagegen inzwischen 
100.000 fl. gesteuert habe, und erfahrungsgemäss werde Tirol, 
bis die dreijährige Frist für Elsass vorüber, wohl wieder eine 
Pflicht übernommen haben. ^ Auch der Deutschmeister fand, 
abweichend von der Meinung des Kaisers, dass Tirol sich hin- 
reichend angestrengt habe. Deshalb bemühte er sich, einen 
flir Steiennark bestimmten Zuzug von 6000 Mann spanischer 
Hilfsvölker von Tirol abzulenken, und forderte fllr den Fall, 
dass sie wirklich das Land passierten, die Deckung der Aus- 
lagen aus der soeben für Ferdinand bewilligten Steuer.* 

Mit der Abhaltung dieser Landtage war der letzte Vor- 
wand für den Kaiser behoben, die Verhandlung über den 
Hauptvergleich noch femer hinauszuschieben. Es blieb also 
beim Jakobitermin. Zeitlich, schon im Mai, leitete Rudolf eine 
Discussion darüber mit seinen Brüdern, der tirolischen und 
vorländischen Regierung ein. Die Frage stand auf zwei Punkten: 
sollte getheilt werden, und, wenn nicht, wer sollte fiirder die 
Administration versehen? Natürlich war der erste Punkt zuerst 
zu entscheiden. Der Kaiser fragte an, wie man die Steier- 
märker, wenn sie wieder mit der alten Forderung hervorrückten, 
abweisen könnte, ,und was auf solches in rechten (im Process- 
wege) zu erwartend Er legte nahe, ob es, wenn der Sieg im 
Rechtsgange unsicher ist, nicht besser wäre, gleich die Theilung 
zuzugeben, als sie später ,mit schimpf und Unwillen^ zuzulassen. 



spärlich besucht. Der Bischof von Trient hatte keinen Vertreter ge- 
schickt mit der Begründung, dass er noch nicht mit den Temporalien 
begabt sei. 

* Vintler an Erzherzog Maximilian, 2. Juli 1601. 

' Erzherzog Maximilian an Erzherzog Ferdinand, 22. Mai. 



342 

Aber nun weiter: wer sollte Richter sein? Alle möglichen 
Combinationen zog Rudolf in Betracht: Entscheidung durch 
die Stände^ durch ausgewählte Landsleute^ durch das Reichs- 
oberhaupt, durch Compromiss auf andere oder durch Schied- 
spruch eines Fürsten, wie er in Kaiser Ferdinands Disposition 
vorgesehen war. Alles fand der Kaiser bedenklich; ,auch mit 
Baiem lasst es sich nit tun', ebensowenig mit dem jetzigen 
spanischen König, ,der bewissten neuen befreundung wegen'.* 
Kurz: ,da stehen wir gleichsam ganz an/ Sie alle, die be- 
fragten, sollten ihr Gutachten geben.* 

Erzherzog Mathias befliss sich, dem Wunsche des Kaisers 
gründlich nachzukommen. Zunächst mahnte er Rudolf, doch 
endlich einmal seine Commissäre zur Vergleichshandlung zu 
ernennen, weil sonst auch der Termin Jakobi versäumt würde. 
Da die Steiermärker unter ihren Vertretern einen Geistlichen, 
den Bischof von Seckau, hatten, so meinte Mathias, der ELaiser 
sollte etwa auch ein Mitglied des geistlichen Standes, und zwar 
den Abt Caspar von Melk, in die Commission aufnehmen; auch 
der Landuntermarschall Georg Bernhard Ursenbeck schien ihm 
tauglich.* Jedenfalls wäre einer tirolischen Ständevertretung 
nicht zu vergessen. Und weil die Grazer als Argument ftbr 
die Theilung in einemfort anführen, dass das Gubernament 
noch nie besetzt sei, gerade deshalb immer mehr Landes- 
schulden gemacht werden ,und von denselben landen ein ab- 
sonderlicher genüess genommen worden sein solP, so möge man 
durch tirolische Amtleute genaue Rechnung über die bisherige 
Verwaltung legen lassen.* Hatte sich Mathias bei diesen Win- 
ken nur auf Formalien eingelassen, so wollte er doch auch für 
eine Beleuchtung der rechtlichen Seite sorgen. Dazu setzte 
er ein förmliches Conseil zusammen. Ausser seinen und Maxi- 
mihans designierten Vertretern gehörten demselben an der viel 



^ Gemeint ist die Verschwägerang mit der Grazer Linie durch die Heirat 
Philipps m. mit Erzherzogin Margaretha. 

* Schreiben Rudolfs, 23. Mai. Auch ein ausgefertigtes Stück an Erzherzog 
Albrecht liegt vor; auf dem Concept aber ist bemerkt: ,ist nit ab- 
gangen*. 

' Früher einmal hatte Mathias zu Commissären empfohlen: Wolfv.Eyzing, 
Sigmund v. Landau, Hans v. Heimb, Seifried Christ. Brenner, Hans Christ. 
V. Homstein und Cyriac Heidenreich. 

* Erzherzog Mathias an Rudolf, 12. Juni 1601. 



343 

beschäftigte und unentbehrliche Unverzagt^ welcher schon in 
Wien (1597) ,neben Streins beisprung die Schriften gestellt', 
die niederösterreichischen HerrenstandsmitgUeder Adam v. 
Pnecheim, Max v. Mamming und Wilhelm Bernhard v. Friedes- 
heimb, endlich auch die Professoren der Universität Dr. Schwarzen- 
thaler und Adam y. Altensteig. Sie alle einigten sich auf eine 
Deductionsschrift, welche ausführte: ein Rechtsanspruch auf 
Ländertheilung besteht nicht, das Ländereinkommen ist nicht 
nach Linien, sondern nach Köpfen zu theilen (also auf die 
kaiserUche Linie fünf, auf die steirische vier Theile), die Erb- 
berechtigten sind mit ihrer Portion nicht auf einzelne Aemter 
zu verweisen, weil dies wieder eine ewige Quelle des Streites 
wäre, sondern haben sich in das jeweilige effective Oesammt- 
einkommen zu theilen. Mathias war mit der Arbeit zufrieden. 
Dieselbe war so fundiert, dass er zuversichtlich annahm, die 
Steiermärker ,werden und sollen sich der nitteilung und dann 
der erblichen portion halber ad capita (nicht ad stirpes) mit 
uns der billigkeit nach vergleichend* 

Auch die tirolische und vorländische Regierung kam dem 
kaiserlichen Auftrage nach. Die erstere lehnte ein Schieds- 
gericht aus Fürsten ab, weil dies den Anschein gäbe, als wollte 
man Fürsten über österreichische Privilegien entscheiden lassen. 
Nach ihrem Geschmack war ein Schiedsgericht aus Lands- 
leaten: der Kaiser wähle fUnf aus den steirischen, Ferdinand 
ebenso viele aus den kaiserlichen Landen ; diese zehn ergänzen 
sich durch drei von ihnen gewählte Tiroler und zwei Vorder- 
österreicher, alle zusammen geben sich einen Obmann aus dem 
Prälaten- oder Herrenstand. Sie hätten über die Theilungs- 
frage zu entscheiden und im Bejahungsfalle die Theile zu 
machen. Der besseren Information wegen sollte das Schieds- 
gericht in Linsbruck tagen. 

Ausführlicher äusserte sich die Regierung in Ensisheim.' 
An die Spitze ihres Referates stellte sie den lebhaften Wunsch, 
es möchten die Vorlande im Interesse ihrer eigenen Sicherheit 
mit Tirol vereinigt bleiben. Ob sich aber diese Vereinigung 
im Processfalle behaupten lasse, glaubten die Herren im Hin- 



^ Erzherzog Mathias an Rudolf, 17. Juli 1601, Leop. B, 27, 11; derselbe 

an Erzherzog Maximilian, 30. Juli. St.-A. 
* Gutachten vom 17. Juli. 



344 

blick auf die im Hause Oesterreich wiederholt vorgekommeneD 
Theilungen bezweifeln zu müssen. Wohl fiel ihnen ein Argu- 
ment bei, von dem sie sich einige Wirkung versprachen. Nach 
der Doctrin der Rechtsgelehrten seien alle Feuda theilbar mit 
Ausnahme der Königswürde imd dieser äquipariere die erz- 
herzogliche. Aber, so setzten sie gleich bei, besser als der 
Rechtsgang ist ein Schiedsgericht. Sie dachten sich dasselbe 
bestehend aus je drei Vertretern der beiden Linien nebst je 
drei Mitgliedern aus den tirolischen und vorländischen Ständen 
und Regierungsgremien, denen Bischof Julius Echter von Würz- 
burg, als hiezu besonders geeignete Persönlichkeit, präsidieren 
sollte. Beide Parteien hätten nur eine Satzschrift zu stellen; 
denn je mehr Schriften gewechselt werden, desto leichter ent- 
steht, wie man schon in Wien gesehen, Erbitterung. Oder 
ein anderer Weg: der Kaiser behält Tirol und die Vorlande 
noch auf acht Jahre, gibt ihnen aber einen Qubernator aus 
der Grazer Linie; dabei wird für den Kaiser ein gewisses 
Deputat ausgesetzt und ein halb so grosses flir den Statt- 
halter. Nach acht Jahren übernimmt die Grazer Linie das 
Ganze und bestellt unter den gleichen Bedingungen von der 
kaiserlichen einen zum Gubemator. ^ Endlich erwogen die 
Regierungsräthe auch noch die Möglichkeit, dass eine der bei- 
den Linien der anderen einen Theil ihres gegenwärtigen Be- 
sitzes überlässt und dafUr Tirol mit den Vorlanden als Eigen 
übernimmt. * 

Mit diesen Behelfen ausgestattet, hätte der Kaiser die 
Verhandlungen in Prag zum festgesetzten Termin beginnen 
lassen können. Nun entschloss man sich noch, die heissen 
Wochen der Sommerferien vorübergehen zu lassen, so dass 
die Verordneten erst um Mitte September am Kaiserhofe sich 
trafen. Von Graz erschien Bischof Martin, Manincor und Al- 
ban V. Moosheim. Im Namen der Tiroler Regierung fand sich 
Dr. Friedrich Altstetter ein, auf eine Vertretung der Landschaft 
wurde verzichtet.' Zu kaiserlichen Commissären, welche auch 



^ In Prag hatte man früher einen ähnlichen Gedanken. Scharf meinte 
darüber: das hiesse dem Kaiser den Weizenschnitt, Ferdinand die 
Stoppeln überlassen. Harter III, 288. 

* Einen ähnlichen Vorschlag des Grafen Tham siehe oben p. 279. 

' Ob die verhandelnden Parteien oder die Landschaft verzichtete, ist nicht 
genau ersichtlich. Aaf dem Mai-Landtage warde darüber nicht Ter- 



345 

die Stimine ftir Erzherzog Albrecht führten^ waren Karl y. 
Liechtenstein, Homstein und der Reichshofyicekanzler Rndolf 
Coradnz bestellt. Von einer gegenseitigen Schriftenstellung 
wurde Umgang genommen, man beschränkte sich auf ^münd- 
liehen ftbrtrag^ Zur Abkürzung des Geschäftes hat dies, wie 
sich zeigte, wenig beigetragen. Vor Eröflfnung der Conferenzen 
traten die Repräsentanten der Erzherzoge Mathias und Maxi- 
milian mit den kaiserUchen geheimen Räthen zusammen und 
vereinbarten mit ihnen, dass man gemeinsam auf Untheilbar- 
keit bestehen wolle; die letzteren erklärten, lieber, als in 
eine Theilung willigen, wollten sie noch das von der Tiroler 
Regierung vorgeschlagene Schiedsgericht annehmen. Am 
22. September wurden die Steiermärker von den Anderen be- 
grOsst und wurden ihnen neuerlich die Gründe, die gegen die 
Theilung sprachen, auseinandergesetzt. Die Anrede schloss 
mit der Hoffnung, die Grazer würden nun die Stichhaltigkeit 
einsehen; im Uebrigen sei der Kaiser geneigt, ihnen alle mög- 
liche Satisfaction zu gewähren. Aber der Bischof und seine 
CoUegen erwiderten, sie müssten auf Theilung bestehen; könne 
man ihnen jedoch Mittel vorschlagen, wie man sich ohne eine 
solche einigen könnte, so wollten sie gern mithelfen. Die 
Kaiserlichen wollten darauf Propositionen von den Steiermärkern 
hören, diese lehnten rundweg ab. Damit endete die erste Be- 
sprechung. * 

Liechtenstein und seine beiden Genossen fanden die Lage 
sehr misslich und wandten sich an die Erzherzoglichen um 
Rath. Diese ergriffen darauf das Wort und rückten im Namen 
des einen ihrer Auftraggeber, des Erzherzogs Mathias, mit 
dem Vorschlage heraus: unter Aufrechthaltung des Grund- 
satzes der Untheilbarkeit seien die Lande dem Deutschmeister 
als Gubemator anzuvertrauen, aber so, dass sich derselbe mit 
einem von beiden Linien bestellten Rathe zu umgeben hätte. 
Darin sollte das gleiche Recht der Erbparteien zum Ausdruck 



handelt. Schorf berichtet in einem Briefe nach Qraz: von der Land- 
schaft wegen ist Niemand geschickt, ,eut8chtildigt sich, hab nit last da- 
Eu*. Daraus wäre doch auf eine an den ständischen Ansschnss ergangene 
Einladung zn schliessen, welche dieser abgelehnt hätte. Ob vielleicht 
nnter dem Einflasse Scharfs? 
' Bericht der drei geheimen Räthe an Radolf vom 19. and 28. September 
1601. 



346 

gelangen. Das erlösende Wort war der Hauptsache nach da- 
mit gesprochen. Der Erste, welcher einwilligte, war der Kaiser.^ 
Aber die Steiermärker? Ihnen wurde in einer zweiten Sitzung 
(9. October) der neue Vermittlungsantrag vorgelegt. Mit der 
Versicherung, nichts Präjudicierliches von ihnen verlangen zu 
wollen, wurde Maximilian als der am meisten Geeignete zum 
Statthalter empfohlen, da er schon ähnliche Stellungen bekleidet 
Jede Linie gebe ihm zwei Räthe bei, mit deren Assistenz er 
die Landesschulden festzustellen, ihre Tilgung einzuleiten, die 
Ausgaben möglichst zu beschränken habe. Jeder von den 
Erben sollte in den gemeinsamen Landen sich eine Residenz 
wählen können, auf die er sich im Nothfalle zurückzöge. Gre- 
meinsam wolle man eine Instruction für den Landesverweser 
ausarbeiten, wobei auf das Landesprivileg Rücksicht zu nehmen 
sei, dass Appellationen nicht ausser Land gehen. Die auf jeden 
Theil entfallende Quote vom Ländererträgnis wäre festzustellen. 
Die Steiermärker wurden eingeladen, dieser Ordnung zuzu- 
stimmen. 

In Graz hatte man noch immer der Hoffnung gelebt, man 
werde bei unbeugsamer Verfechtung des Theilungsplanes schliess- 
lich an den Brüdern des Kaisers noch eine Stütze finden. Die 
neueste Wendung zerstörte solche Erwartungen. Isoliert, wie 
man sich sah, begann man den Rückzug, so schmerzlich er 
auch fallen mochte.* Ferdinands Gesandte antworteten: Aus 
Freundschaft zum Kaiser wolle ihr Herr nicht auf der Theilung 
beharren, aber es dürfe daraus für ihn kein Präjudiz entstehen. 



^ Auf dem Bericht der Commissäre steht: placuit caesari, 4. October 160t. 
Vgl. damit das oben citierte ,Dankbriefl' des Kaisers vom 6. October. 

* Karl Scharf an Erzherzogin Maria, 8. October (St.-A.): Ich hOre tod 
einer vertrauten Person, es sei E. D. bekannt, dass die Erzherzog« Ma- 
thias und Maximilian bereits ,Yon der teilung und dass es nit geschehen 
soll, gefallen, anch sich dessen erklärte Ich bin darüber sehr erschrocken, 
denn ich habe bei den Erzherzogen einen anderen Ausschlag erhofft. 
E. D. haben daher vor dero Entschliessung Ursache ,yiele vernünftige, 
auch deroselben verpflichtete köpf und diener* zu vernehmen. Wird 
jetzt etwas übersehen, so ist's geschehen für immer. Wenn man auch 
die neueste Absicht ,mit dem illuminiren* wollte, dass Max Ernst vor 
andern zum Gubernament gelangen sollte, so ist doch wohl in acht zu 
nehmen, wie ,dieses gubernament in der administration und Unterhaltung 
dirigirt werden boW. Erst wenn dies bestimmt ist, wird zu ,colligiren' 
sein, was auf E. D. Seite ,fürträglich und nit praejudicirlich' sein wird. 



347 

Da aber der Deutschmeister schon mit dem Ordensgute wohl 
versehen, so möge man Maximilian Ernst mit der Verweser- 
schaft betrauen. Wohl sei er noch jung, aber es können ihm 
Räthe zur Seite stehen. Sollte man sich gleichwohl für den 
äheren Maximilian entscheiden, so müsse doch künftig stets 
alterniert werden, wobei vorauszusetzen, dass stets der 
Gubemator katholisch sei. Auf die Quote aus dem Erträgnis 
der bisherigen siebenjährigen kaiserlichen Verwaltung wird 
nicht verzichtet, also weder auf die Landsteuern, noch auf die 
aus Pfandschaften gelösten Summen, auch nicht auf das Geld 
,aus begebner wirtenbergischer afterlehenschaft^ Auf Ver- 
langen einer Partei muss stets an die Ländertheilung geschritten 
werden. * 

Nun hatten sich die Vertreter der kaiserlichen Linie 
wieder zu äussern. Deshalb hielten sie unter sich Rath. Die 
Vertrauensmänner der beiden Erzherzoge bezeichneten die 
Grazer Forderung, dass jederzeit Theilung möglich sein soll, 
ab unannehmbar; das Verlangen wegen der Quote erschien 
ihnen gerecht, und sie dehnten es aus auch auf die Brüder des 
Kaisers. Als die Sprache kam auf das Gubernament, erklärten 
sie im Namen des Erzherzogs Mathias, dafür sei nur der 
Deutschmeister als erfahrener Mann geeignet. Als Ergebnis 
dieser Besprechungen wurde den Steiermärkem mitgetheilt, 
man bestehe auf dem Grundsatz der Untheilbarkeit und der 
Einsetzung des Deutschmeisters in die Statthalterschaft. Es 
dauerte einige Wochen, bis die Grazer antworteten, der Bi- 
schof von Seckau erbat sich erst vom Erzherzog neue Wei- 
sungen. Am Kaiserhof war man darüber nicht beunruhigt, 
höchstens in der ,alternativen succession des gubernaments' 
fürchtete man noch einige Schwierigkeiten. Der Kaiser freute 
sich, dass nun doch ,wahrscheinlich das ganze wesen in einem 
corpore beisammen bleibt^ Schon im October hatte er, wie 
wir wissen, Maximilian das Gubernament zugesagt, um dessen 
Erbantheil an Tirol zu erhandeln. Jetzt trug er ihm in aller 
Form die Würde eines Statthalters an. * Maximilian war weniger 



^ Instniction des Erzhersogs Ferdinand flir seine Vertreter, 6. November 

1601. 8t.-A. 
* Rndolf an Erzherzog Maximilian, 4. November. 



348 

heissbliltig : ohne sich bestimmt zu erklären, dankte er fOir den 
Antrag. ^ 

Als Freiherr von Schürf hörte, dass der Widerstand gegen 
Maximilians Verweserschaft aufgegeben sei, meinte er: ,das 
heisst*bei mir die raitung ohne den wirt gemacht, o weit 
o welt^' Aber solche Stimmen hinderten Ferdinand nicht 
mehr, noch weiter entgegenzukommen. Seine Gesandten hatten 
auch den Punkt einer Eventualtheilung fallen zu lassen' und 
nur noch festzuhalten an einer deutlich ausgesprochenen Alter- 
nierung im Qubemament, an der Theilung der LandesgefUle 
nach den Linien und an der Ueberlassung der Hälfte der 
jeweilig bewilligten Türkenhilfe. Damit war man sich schon 
so nahe gekommen, dass der Kaiser den Grazern seine Zu- 
friedenheit mit ihrer letzten Antwort ausdrücken lassen konnte. 
Im Wechsel der Statthalterschaft, so erklärte Rudolf, wolle er 
ihnen zu Willen sein,* die Forderung nach der Theilung der 
Einkünfte (ob in capita oder stirpes) möge bis auf Weiteres 
ausgesetzt bleiben, da vorläufig nicht davon zu reden sei, bis 
man die Höhe derselben genau kenne; die Türkenhilfen m^ 



^ Erzherzog Maximilian an Rudolf, 17. December. Maximilian war es bei 
der Abmacbang mit dem Kaiser mehr um die Ablösungssumme zu thnn 
(seiner Schulden wegen) als um das Gubernament. So schreibt er am 
16. October an Ducker: Mit der kaiserlichen Entscheidung (vom 2. Octo- 
ber) bin ich zufrieden, so ist endlich ,nach langer geduld eine sach zur 
endschaft gebracht; wegen des tirolischen gubemaments bin ich in eben- 
massiger expedition^ Seinen Prager Gommissären schreibt er am 8. Oc- 
tober: ,ich bin mit allem einverstanden, aber ich hoffe, man wird mir 
die burd und ungelegenheit mit (Karl ▼.) Burgau nit allein auftragen, 
sondern zugleich mit gesammtem zutun der mitinteressenten aus dem 
weg räumen'. Und dann wieder an Ducker am 24. October: Am lieb- 
sten wftre mir gewesen, wenn der Kaiser anstatt der Zahlungsleistung 
meine Schulden übernommen und mich so davon befreit h&tte. Nun 
sollst du den Geizkofler ersuchen, dass er meine Schuld ,gegen tiroli- 
sche assecurazionen ablege*. Sonst steht es mit der tirolischen Hand- 
lung bei dem, was Ferdinand antworten wird. Das wird wohl noch 
einige Zeit brauchen. 

' Schürf an Erzherzogen Maria, 12. November. 

' Bezüglich dieses Punktes begnügte man sich in Graz mit der harmlosen 
Textierung: die Lande bleiben so lange ungetheilt, bis sich alle Par- 
teien über eine Theilung einigen. 

* In diesem Punkte gab der Kaiser nach, weil er da nicht seine Brfider 
auf seiner Seite hatte. 



349 

man ihm^ der doch in erster Linie den Krieg zu führen und 
Steiermark stets seine Unterstützung gewährt habe^ überlassen 
und fUr die siebenjährige Verwaltung keine Rückzahlung von 
ihm verlangen.^ 

Im Jänner 1602 weilte Ferdinand mit seinem Bruder 
Maximilian Ernst selbst in Prag und mochte hoffen^ in un- 
mittelbarer Aussprache mit dem Kaiser Einiges von seinen 
bisher aufrecht erhaltenen finanziellen Ansprüchen noch zu 
retten. Aber Rudolf in seiner schweigsamen, menschenscheuen 
Weise vermied mündliche Auseinandersetzung und liess auch 
diese Angelegenheit im Schoosse der noch immer in Prag an- 
wesenden Vertreter austragen.' Die Steiermärker erklärten 
zunächst, sich dem kaiserUchen Wunsche zu fügen, womach 
die Differenz über Theilung des Einkommens einer späteren 
Vergleichung vorbehalten bleibe, dagegen sollte Ferdinand an 
den künftigen Türkenhilfen participieren und als Abschlags- 
zahlung für die sieben Jahre dasjenige zugesprochen erhalten^ 
was dem Kaiser von den tirolischen und vorländischen Land- 
tagsbewilligungen des abgelaufenen Jahres zugefallen wäre. 
Darauf erwiderten Liechtenstein und Coraduz im Namen des 
Kaisers : ihrem Herrn komme ein solches Verlangen unerwartet, 
da er Alles, was er bisher aus den Ländern gezogen, zum 
Kriegswesen verwendet habe. Mathias und Maximilian hätten 
dasselbe Anrecht, aber sie hätten Verzicht geleistet. Würden 
die Steiermärker darauf beharren, so könnte auch diesen bei- 
den f^herzogen das Ihrige nicht verweigert werden. Auf 
künftige Landtagsbewilligungen sei wenig Hoffnung zu setzen, 
weil die Lande an dem bisher Bewilligten noch genug zu 
tragen haben. Der Kaiser hoffe, man werde ihm hierin nicht 
weitere Schwierigkeiten machen, er sei ohnehin im Falle der 
Noth zu jeder Hilfe bereit.* Und diese Hoffnimg erfüllte sich. 
Nach wenigen Tagen eröffnete der Bischof von Seckau: sein 
Erzherzog wolle auch in diesem letzten Punkte noch nach- 



^ Antwort der KaiserUchen an die Steiermärker, 11. December. 

* Ein Gutachten des geheimen Käthes vom 20. Jänner 1602 trägt den 
Dorsalvermerk: ,Ihre Kais. Maj. haben mit Ihr. F. D. (Ferdinand) des- 
wegen selbst zu reden bedenken gehabt, sondern solches durch herrn 
y. Liechtenstein zu tun befolhen.' 

' Erklämngen von Liechtenstein und Coraduz, 21. Jänner 1602. 



350 

geben, jedoch erwarte er fiir die sieben Jahre ,eine ergötzlich- 
keit' und die freiwillige Ueberlassung der halben Türkenhilfe, 
der Ausfertigung des Vergleiches (Recesses) stehe nichts mehr 
im Wege. Er trägt das Datum des 5. Februar und enthält 
auf Grund der langwierigen vorausgegangenen Tractationen 
folgende Bestimmungen. Tirol und die Vorlande bleiben un- 
getheilt, bis alle Berechtigten sich über eine Theilung einigen. 
Maximilian wird Gubernator, nach seinem Abgang ein Mi^ 
glied der steirischen Linie und so fort alternierend. Jede Linie 
bestellt zwei Assistenzräthe, und jeder Erbe hat das Recht, 
einen Residenzort in Tirol zugewiesen zu bekommen, jedoch 
soll das in specie erst künftig vereinbart werden. Der Ver 
weser hat auf sparsame Wirtschaft zu sehen und das, was 
erübrigt wird, nur mit Wissen und Willen aller Erben zu ver- 
wenden. Die Türkenhilfen bleiben dem Kaiser. Li Bezog 
auf die Theilung nach Köpfen oder Linien soll der Guber- 
nator mit seinen Räthen begutachen, ob deshalb gütliche Hand- 
lung oder ,schneller compromisslicher austragt zu pflegen ist 
Die Schatzgewölbe in Wien, Graz und Innsbruck sind einer 
Visitation und besseren Ordnung zu unterziehen, wobei die Ur- 
kunden für jene Orte abgesondert werden, wohin sie gehören. 
Der Gubernator soll handeln als Regent und fUr Erhaltung 
des katholischen Glaubens sorgen. Ohne kaiserliche Genehmi- 
gung darf er keinen Landtag berufen. Verleihung und Ent- 
fremdung von Lehen, Gnadensachen, Confiscationen, neue Pfand- 
verschreibungen oder Verlängerung von alten, Besetzung hoher 
Aemter, hohe Strafsachen: alle diese Gegenstände hat er im 
Einverständnis mit den Interessenten zu erledigen. Er hat sich 
auch der Austragung mit dem Markgrafen von Burgau zu 
unterziehen. Alle Betheiligten versprechen, wegen der sieben- 
jährigen Verwaltung des Kaisers keine Ansprüche an ihn zu 
erheben, was dieser mit Dank entgegennimmt* 



^ Ein Auszug des Recesses bei Harter m, 288. Gleichseitig^ Ausferti- 
gung und Cop. in Leop. B, II, 27; B, 166; C, 208; Eink. Sehr. 1607. — 
Am 23. Februar tiberschickt der Kaiser den Recess an Maximilian «ur 
Unterschrift. — Der Schiasspassus im Recess über den Verzicht auf die 
siebenjährigen Einkünfte erfährt eine eigenthümliche Beleuchtung in 
der Correspondenz des Kaisers mit Erzherzog Mathias. Rudolf schreibt: 
wenn Mathias auf seiner jüngst erhobenen Forderung bestehe, so werde 
wahrscheinlich ,alles zerstossen and zurückgetrieben*, der Kaiser habe 



351 

Damit war das schwierige Werk vollendet. Hätte man 
in Qraz auf zwanzig Jahre in die Zukunft blicken können, so 
hätte man sich wohl gehütet, die Ländertheilung zu verfechten. 
Hatte man sie jetzt nicht erreicht, so war wenigstens etwaigen 
allzu eigennützigen Absichten des Kaisers ein Riegel vorge- 
schoben. Damit mochte man sich am Hofe Ferdinands darüber 
trösten, dass man Schritt für Schritt zurückgewichen war. Ganz 
untröstlich war Karl Schürf. Die Mittheilung der Erzherzogin 
Maria über den abgeschlossenen Recess hat er ,mit schweren 
Seufzern gelesen^ Nun muss ich halt, ruft er aus, dem Wesen 
den Lauf lassen. Noch immer hatte er gehoflFt, der Erzherzo- 
gin und ihren Söhnen auf Tiroler Boden ,mit treuen diensten 
beizustehend Da es aber nun ,umgeschlagen', so blieb ihm 
nichts übrig, als die Sache Gott zu befehlen. Schon liess man 
ihn merken, er werde für seine ,grazerische' Gesinnung büssen 
müssen. Da man in Prag keine Entschuldigung annehmen 
werde, meinte er, so werde wohl das Beste sein, wenn er sich 
in einen Winkel vor allen Weltgeschäften zurückziehe. Der 
geschlagene Mann brauchte flir Stichreden nicht zu sorgen. 
Er hörte raunen, es sei ein Same vorhanden, den man aus- 
reuten müsse; und er fügt bei: ich weiss gut, auf wen das 
gemeint ist. Schürf kann dieses sein Schreiben nicht weiter 
fortsetzen ,voller miseria halber^ * Aber da es in dieser Materie 
für ihn nichts mehr weiter zu thun gibt, ertheilt er der Erz- 
herzogin doch noch einmal einen Rath, wie sie und die Ihrigen 
nach Tirol festen Fuss setzen könnten, ohne dass man es 
merkt. Maria sollte ihre Tochter Eleonore in das Haller Damen- 
stift eintreten lassen, wohin sicherlich auch eine der beiden 
Töchter des verstorbenen Ferdinand von Tirol kommen werde. 
Da hätte dann die Mutter stets ,zusprung unter dem schein 

während der sieben Jahre nicht seinen Privatvortheil gesacht, und die 
anderen Interessenten hätten ihre Forderung zurückgestellt (23. Februar). 
Darauf antwortet Mathias: er sei während der Verhandlungen nicht ge- 
fragt worden, man habe ihn ,gleich8am so gering geschätzt, als wann 
an meiner person nit viel gelegen'; er unterschreibe zwar den Recess, 
halte aber seine ,reservation' aufrecht (10. März). Darauf der Kaiser: 
Mathias brauche nicht so empfindlich zu sein, der Antheil am Ernesti- 
nischen Deputat solle ihm sogleich ausgefolgt werden, dafür gebe es 
hoffentlich wegen Tirol kein weiteres Keplicieren (23. April). Damit 
scheint das gereizte Nachspiel ein Ende genommen zu haben. 
^ Schürf an Erzherzogin Maria, 15. Februar. 
ArchiT. ICH. Band, II. H&lfte. 23 



352 

der heimsuchung'. Der Gedanke fand später Verwirklichung, 
aber ohne den politischen Hintergrund, den ihm Schürf hatte 
geben wollen. 

Jetzt war noch im Einzelnen über Maximilians Bestellung 
zum Gubemator zu handeln. Ducker gieng deshalb wieder 
nach Prag. ^ Dieser sollte ftlr seinen Herrn einen Gehalt von 
36.000 fl. erwirken. Wenn dagegen eingewendet wurde, dass 
Cardinal Andreas es vor Jahren viel billiger gethan hätte, so 
hatte Ducker zu entgegnen: dem Cardinal sei es nur darum 
zu thun gewesen, ,einen fiiss ins land zu setzen'; man würde 
dann schon seine Erfahrungen mit ihm gemacht haben. Auch 
der Religionspunkt kam zur Sprache. Maximilian liess ver- 
sichern:' wenn man von ihm verlange, dass er keine protestan- 
tischen Diener mitbringe, so möge man wissen, dass er nicht 
die Absicht habe, Aergemis zu geben. Der Kaiser genehmigte 
ausser 6000 fl. Aufzugsgeld einen Jahresgehalt von 30.000 fl., 
der aber nicht von der geldarmen Kammer, sondern von der 
Landschaft zu zahlen war.' Maximilian hatte eine Amtsin- 
struction verlangt. Rudolf bezeichnete eine solche für unnöthig, 
da sein Bruder schon andere Länder löblich regiert habe und 
dies auch jetzt thun werde. Statt einer solchen sandte er ihm 
einen schon bei den Vergleichsverhandlungen vereinbarten Qe- 
waltbrief, wo jene Fälle aufgezählt waren, in denen der Landes- 
verweser die Willensmeinung der Miterben einzuholen hatte. 
Nachdem dann der Kaiser noch einige minder wichtige Punkte 
erledigt,* forderte er Maximilian auf zum Antritt seines Amtes 
,in Gottes Namen^ 



* Instmetion för Ducker, 15. Februar. 

' Der Kaiser hatte Maximilian in einem Schreiben vom 6. Februar auf- 
merksam gemacht, dass in Tirol nur Katholiken wohnen und deshalb 
nur katholische Hofleute zu bestellen seien. 

' Den Gehalt bestimmte der Kaiser im Einyernehmen mit Mathias und 
Ferdinand. Letzterer wollte anfangs nur 24.000 fl. bewilligen. Aber 
Ducker meinte schon am 30. März, er werde sich nachgiebig zeigen, 
weil man es ja auch in Graz künftig werde zu geniessen haben. 

* Diese Punkte waren folgende: 1. Mit den durchreisenden Forsten soll 
es in Innsbruck gehalten werden wie in Wien. 2. Eine neue Erbhuldi- 
gung braucht es nicht, es genügen die Gehorsamsbefehle, welche Maxi- 
milian mitbekommt. 3. Die tirolische Münze soll auf der einen 8eite 
(Avers) das Bild des Kaisers mit der Umschrift ,Rudolfu8 II. Rom. Imp. 
Semp. Aug. Ac. Germ. Hung. Boemiaeque BexS auf der anderen (Revers) 



353 

Eine Verzögerung erfuhr die im Recess vorgesehene Be- 
stellung der Assistenzräthe. Der Kaiser hatte fUr seine Linie 
Friedrich Altstetter und Heidenreich in Aussicht genommen. 
Letssteren wollte aber Herzog Wilhelm von Baiem nicht aus 
seinem Dienste lassen. Statt seiner entschied sich Rudolf auf 
den Deutschordenscomthur Marquard v. Eck; von dem er 
wusste^ dass er Maximilian sonderlich genehm sei. Ferdinands 
Wahl fiel auf jene zwei Männer^ welche während der ganzen 
Erbschaftsverhandlung den grössten Feuereifer für das steiri- 
sche Interesse bewiesen hatten: die beiden Tiroler Manincor 
und Karl Schürf. Von Schürf heisst es, er habe selbst den 
Kaiser ersucht, ihn von dieser Stellung zu befreien, und statt 
des andern hätte man in Prag die Bestellung eines ,fnedlieben- 
den' gewünscht.^ Thatsächlich forderte der Kaiser von Fer- 
dinand einen anderen Vorschlag. Da aber der Deutschmeister 
versicherte, gegen keinen von beiden ein Bedenken zu haben, 
so liess schliesslich auch der Kaiser seinen Widerstand fallen. 
Mit dem Directorium unter den vier Räthen ward Altstetter, 
der Hofkanzler, betraut.* Ueber die Bezahlung dieser vier 



die Länderwappen mit der Umschrift ,Neo non Archiduces Aastriae, 
Dacea Burgundiae, Comites Tirolis^ tragen, und die der Ensisheimer 
Münzstätte anstatt Comites Tirolis die Bezeichnung Lantgravii Alsatiae 
et Comites Ferreti. 4. Die Verhandlung über Karl von Burgau ruht bis 
Bur Ankunft Maximilians. 6. Ueber die von Maximilian angesuchte Ex- 
spectanz auf die PoUweiler'schen Lehen und Pfandschaften muss erst 
die Regierung gehört werden. 6. Die Regierung ist angewiesen, für die 
Yictualien zu Maximilians Hofhalt zu sorgen. 7. Maximilian soll näch- 
stens eine Visitation aller Aemter anstellen. Rudolf an Erzherzog Maxi- 
milian, 23. Mai 1602. A. M. 

^ Konrad Dietz an Erzherzog Maximilian, 15. Juni 1602. Schürf zeigt 
jetzt ein anderes Gesicht. Schon am 1. März schreibt er dem Kaiser: 
Erzherzog Ferdinand wollte mich zum Assistenzräthe ernennen, aber 
ich schlug aus, weil ich nicht qualificiert dazu bin, und weil ich mich 
gegen E M. verpflichtet habe, ohne dero Erlaubnis keinen anderen 
Dienst anzunehmen. — Ducker, welchen Maximilian nach Innsbruck 
vorausgeschickt hatte, schreibt von dort 20. Mai: Ich vernehme, dass die 
CoUegen mit der Ernennung Manincors nicht zufrieden sind und ,wenig 
last zu ihm haben'; er aber schreibt mir, dass er sich befleissen wolle, 
zu Eurer F. D. ZuMedenheit zu dienen. Ducker setzt bei: Wie freue 
ich mich auf Eurer P. D. Ankunft, ,der ich unterdess wie fremd und 
verlassen dahier bin^ — Rudolf an Erzherzog Maximilian, S.Juli 1602. 

' Neben Altstetter und Eck hatte man noch in Betracht gezogen Christof 
V. Wolkenstein, Dietrich v. Kuen und Jakob Andrä v. Brandis. 

23» 



354 

Herren wurde viel hin- und hergeschrieben. Der Kaiser wollte 
jedem nur 600 fl. zulegen, während sie selbst das Doppelte, 
gleich den niederösterreichischen Käthen des Erzherzogs Ma- 
thias, verlangten. Mit Mühe brachte man den Kaiser zu einer 
Erhöhung auf 800 fl., wobei er bemerkte, Eck habe als Oberst- 
kämmerer des Deutschmeisters ohnehin den Tisch bei Hof^ 
Altstetter als Kanzler noch seinen besonderen Gehalt, Schürf 
habe seine Güter nicht weit von Innsbruck, und Manincor 
möge zufrieden sein, dass man ihn hält wie einen Adeligen.^ 
Auch die Verwendung Maximilians und Ferdinands in Prag 
brachte ihnen keine weitere Erhöhung. 

Diese Sparsamkeit schien allerdings sehr geboten, wenn 
man die trostlose Lage der tiroUschen Kammer in Betracht 
zog. Die sieben Jahre kaiserUcher Administration bedeuteten 
fllr die Finanzlage eine Zeit zunehmender Verschlechterung. 
Die Hofhaltung der Erzherzogin -Witwe und Karls von Burgau 
kosteten erhebliche Summen, dem Kaiser wurden trotz seiner 
gegentheiligen Versicherung sehr bedeutende Beträge geliefert,* 
und für die Sanierung der Kammernoth war gar nichts ge- 
schehen. Sobald die Kammer erfuhr, dass nun wieder ein 
Erzherzog im Lande residieren werde, erklärte sie sich un- 
fähig zu jeglichem Beitrag für seinen Hofhalt. In überstarken 
Farben schilderte sie die Armuth des Landes. Für Lebens- 
mittel sei nicht aufzukommen, Wein, Getreide und Futter sei 
aufgekauft, Heu und Stroh um hohen Preis nicht zu bekom- 
men, so dass schon ,alles fuhrwerk stecken blieben'. An 
Schmalz sei solcher Abgang, dass sich die Leute mit gesund- 
heitschädlichem Unschlitt behelfen müssen. Gleicher Mangel 
sei an Fleisch, da die Einfuhr aus Ungarn gesperrt ist. Geld 
sei weder vorräthig, noch welches aufzuleihen. ^ WeidHch 
ärgerte sich der Kaiser über solches Lamento. Es ist, so 
replicierte er, nicht allein beschwerlich, sondern auch ,anderer 
orten, da es hinkommt', fast schimpflich zu hören, dass 
man ,bei diesen dennoch nit schlechten fürstentumen und 



^ Rudolf an Erzherzog Maximilian, 1. October 1602. 

' Ein Extract (Leop. B, 202) berechnet das dem Kaiser von 1695—1602 

abgelieferte Geld aus Tirol und den Vorlanden auf 664.316 fl. 
3 Die Kammer an Rudolf, 18. Februar 1602. Buch an Hof 1602, fbl 45; 

M. a. H. 1602, fol. 10. 



355 

landen nit anders hausgehalten^, so dass für einen Gubemator 
selbst beim eingezogensten Hofwesen nichts erübrigt. Da er 
ebensowenig wie die steirische Linie wegen der Kriegsauslagen 
etwas leisten könne, so ertheile er der Kammer Vollmacht, 
25.000 fl. auf Borg zu nehmen, damit für Maximilian das Noth- 
wendigste beschafft werden könne. ^ 

So waren noch die letzten Erörterungen zwischen der 
Kammer und dem bisherigen Administrator, dem Kaiser, recht 
unerfreulicher Natur. Eben während derselben rüstete sich 
der Deutschmeiser zum Antritt seiner neuen Stellung. Im 
letzten Augenblicke drohte noch ein unangenehmer Zwischenfall, 
der in jener Zeit, wo man auf Formen so viel gab, nicht be- 
deutungslos gewesen wäre. Um die Regierung in die Hand 
zu nehmen, genügte es selbst für einen Erzherzog nicht, dass 
er in gedruckten kaiserlichen Mandaten als Landesflirst pro- 
clamiert wurde, sondern er musste kaiserliche Gewaltbriefe 
vorweisen. Mit diesen war schon Mitte Juni ein Hofcourier von 
Prag nach Innsbruck abgefertigt worden. Als man in Inns- 
bruck sein Felleisen öffnete, zeigte es sich, dass die Stücke so 
schlecht verwahrt waren, dass ,die kapsen vom wachskasten 
abgefallen und die sigel sich einander zerstossen^ Der Bote 
musste sogleich zurückeilen, um neue Exemplare schnellstens 
ausstellen zu lassen, damit sie noch rechtzeitig mit dem Deutsch- 
meister einträfen.* Die Innsbrucker Bürger trafen ihre Vor- 
bereitungen, um ihren Landesherrn gebührend zu begrüssen. 
Sie wollten bei ihm ,ehre einlegen^, indem sie ihm mit fliegen- 
den Fahnen gerüstet entgegenzogen. Die Regierung gewährte 
hiezu Pulver und Waffen aus dem Zeughause. Der Landes- 
hauptmann entbot den Adel nicht nur des Innthales, sondern 
auch von der Etsch.' Vom bairischen Mitte waJd her traf Ma- 
ximilian am 8. Juli zum Frühmahl in Seefeld mit seinem statt- 
lichen Gefolge, das namentlich aus Würdenträgem des Ordens 
gebildet war, ein.* Hier empfiengen ihn die Herren der Re- 



* G. y. H. 1602, fol. 42. 

* Coradaz an Erzherzog Mathias, 19. Juni. 

* T. 1602, fol. 60, 66, 99. Der Bergrichter von Schwaz musste »vier der 
besten Schwazer singer, worunter ein knab* zum Empfang nach Inns- 
bruck senden. G. M. 1602, fol. 1030. 

* Oberstkämmerer Eck (8 Pferde, 10 Diener), Oberststallmeister Freiherr 
Andreas Doczi (6 Pferde, 6 Diener), Ordensstatthai ter von Fulda Ulrich 



356 

gierang und die Adeligen. Nach kurzer Rast ritt man auf der 
Landstrasse der Hauptstadt zu. Vor Innsbruck, draussen auf 
der Ulfiswiese beim Thiergarten (jetzt Pulverthurm), standen 
500 Mann von der Innsbrucker Bürgerschaft, welche beim 
Erscheinen des Fürsten ihre Feuerrohre lösten, indessen die 
am Innrain aufgestellten 25 Geschütze die Willkommschüsse 
abgaben. Die Stadt hatte sich mit zwei Ehrenpforten, an der 
Innbrücke und beim goldenen Dach, geschmückt, unter denen 
der Weg den Erzherzog in seine jetzige Residenz ftihite. 

MaximiUan nahm es gleich im Anfange mit seiner Auf- 
gabe sehr ernst. Noch aus den JuUtagen datiert eine ganze 
Reihe von Erlässen, welche das bezeugen. Die vorländische 
Regierung erhielt eine strenge Weisung, mit aller Treue und 
Gewissenhaftigkeit ihres Amtes zu walten, die Innsbrucker 
Behörden den Befehl, ftlr alle ihnen unterstehenden Aemter 
neue, zeitgemässe Instructionen zu entwerfen. Die Kammer 
musste genaue Verzeichnisse anlegen, welche die Lage der Fi- 
nanzen und die Gebahrung mit denselben klar beleuchteten. 
Sogleich war ein Summarium aller Landesbeschwerden zu ver- 
fassen, damit ihnen rasche Abhilfe zutheil werde. * Es ver- 
giengen wenige Wochen, und Maximilian hatte den Eindruck 
gewonnen, dass es viel aufzuräumen und zu verbessern gebe. 
Er fand ,das gubemamentwesen also beschaffen, wie es zu sein 
pflegt, wenn der hausvater lang nit bei haus gewest^* Ich 



▼. Stotzing (5 Pferde, 4 Diener), Kämmerer Christof Ursenbeck (3 Pferde, 
4 Diener), Kämmerer Ludwig y. Mollart (6 Pferde, 6 Diener), Käm- 
merer Ortlieb v. Pötting (6 Pferde, 4 Diener), Kämmerer Gottfried v. 
Schrattenbach (5 Pferde, 5 Diener), Kämmerer nnd Comthar von 
Mergentheim Melchior Keller v. Schotten (4 Pferde, 6 Diener), Oberst- 
silberkämmerer Hans Trapp (2 Pferde, 8 Diener), Job. Konrad SchClzpor, 
genannt Mulchling, Comthar zu Blumenthal (4 Pferde, 4 Diener), Wilh. 
▼. Bubenhofen, Comthar zu Ettingen (4 Pferde, 4 Diener), Konrad v. d. 
Thann, Amtmann zu Bruckenau (4 Pferde, 4 Diener), Karl ▼. Wolken- 
stein, Comthar zu Hornegg (4 Pferde, 4 Diener), Ferdinand Freiherr v. 
Döring, Comthur zu Fümsperg (4 Pferde, 4 Diener), Marschall Christof 
T. Dachreden (6 Pferde, 6 Diener), 4 Kammerdiener und noch 83 Ge- 
folgsleate (darunter Erhart Rupertus, Künstler mit seinen G^esellen, ein 
Capellmeister mit 7 Sängern). Für den Erzherzog wurden 88 Leib- 
pferde und 25 Kutschenrosse mitgeführt. G. v. H. 1602, fol. 60 ; A. A. E^ 
97-108. 

^ Conc. in Kamm. 1602, fol. 8, 8, 11, 184. 

' Erzherzog Maximilian an Erzherzogin Margaretha, 28. September 1602. A.C. 



357 

bin erst kurze Zeit anwesend, so schrieb er dem Kaiser, und 
schon sehe ich, wie sehr dieses Land zu Grunde gerichtet ist. 
Daher sein löblicher Vorsatz: die ihm anvertrauten Lande 
sollten nicht ferner der Gegenstand willkürHcher Ausbeutung 
sein. Jedem, der den Prager Recess unterschrieben, rief er 
ins Gedächtnis, dass man sich einseitiger Verfligungen über 
LandesgefUle begeben habe, dass also der Kaiser wie jeder 
von den Erzherzogen sich hüte vor ,filreilender bewilligung' 
auf die tirolische Ejtmmer; denn nur bei äusserster Sparsam- 
keit könne man sich ,aus diesem obschwebenden Schuldenlast 
ausarbeiten*.^ Alsbald drohte dieser Politik eingezogener Wirt- 
schaftlichkeit arge Durchkreuzung, da der Kaiser Miene machte, 
dem Siebenbürger Fürsten Sigmund Bathory, der neuerdings 
resigniert hatte, sein ihm ausgesetztes Deputat von 60.000 fl. 
nebst einer Residenzherrschaft in Tirol anzuweisen. Maximilian, 
deshalb angegangen, fand solch ein Begehren hoch verwunder- 
lich. Da die Kammer ohnehin aller Mittel bar sei und eine 
derartige Verfügung den schlechtesten Eindruck auf die Stände 
machen würde, so bat der Deutschmeister den Kaiser, ihn und 
das Land mit solch ,unerschwinglicher Zumutung^ verschonen 
zu wollen.* Die kräftige Einsprache half, und Bathory wurde 
mit einer böhmischen Besitzung abgeftinden. Kaum weniger 
beunruhigend war ftlr Maximilian ein Gerücht, demzufolge man 
in Graz beabsichtigte, ihm den jungen Erzherzog Maximilian 
Ernst an die Seite zu geben. Marquard v. Eck musste des- 
halb nach Graz gehen, um auszuforschen und vorzubeugen. 
Ferdinand und besonders seine gesprächige Mutter pflegten mit 
ihm Conversation über allerlei. Ueber den Plan mit Maxi- 
milian Ernst liessen sie sich nicht heraus, aber Maria drückte 
den Wunsch aus, es möchten die Schulden der tirolischen 
Kammer verringert werden, damit ihre Kinder doch auch ein- 
mal etwas von Tirol zu geniessen hätten. Das benützte Eck, 
um den Fürstlichkeiten ein etwaiges Project aus dem Sinne zu 
reden. Er führte ihnen zu Gemüth ,alle ungelegenheit und 
schlechten lust*, dessen nach Maximilians Erfahrung ein resi- 
dierender Herr ,oben* zu gewärtigen, und er schied mit der 



^ Erzherzog Mazimilijui an Rudolf, Bl.Aagust 1602. So auch an Mathias 

and Ferdinand. Conc. in Reg. 1602, fol. 66. 
* Conc. in Reg. 1602, fol. 218; M. a. H. 1602, fol. 294; G. v. H. 1602, fol. 181. 



358 

tröstlichen Zuversicht, dass man dies in Graz wohl in Acht 
nehmen werde. ^ 

Von wichtigen Vorkommnissen in den Landen selbst aus 
den Jahren des Zwischenreiches ist kaum etwas zu berichten. 
Der Kaiser liess das Räderwerk in dem Tempo, welches es 
unter dem verstorbenen Erzherzog genommen, weitergehen 
und war es zufrieden, wenn etwas Erklekliches an Einnahmen 
flir ihn abfiel. Nur wenn darin eine Stockung eintrat, gieng 
ein beflügelnder Erlass nach Innsbruck ab. Da die tirolischen 
Stände die verzögerte Bestätigung der Landesfreiheiten zum 
Vorwand nehmen wollten, die Bezahlung der bewilligten Ttirken- 
hilfe zu sistieren, und dabei auf Erledigung ihrer Beschwerden 
drangen, gieng ein Sturzbad kaiserlicher Vorwürfe über die 
Innsbrucker Regierung nieder ob ihrer Saumseligkeit.* Wenn 
die Kammer über die schweren Auslagen bei Gelegenheit einer 
die Strassen und Brücken arg schädigenden Ueberschwenmiung 
Klagen erhob, meinte der Kaiser, sie möge sich gedulden bis 
zum Hauptvergleiche, bei welchem auch über das Kammer- 
wesen werde gehandelt werden. Vereinzelt finden sich schüch- 
terne Versuche der Kammer, um Persönlichkeiten, die einstmals 
von Erzherzog Ferdinand mit der Verwendung ärarischen Gel- 
des betraut waren, zur Rechnungslegung zu veranlassen. Ob 
mit Erfolg, ist nicht ersichtlich.* Gegen Verletzungen landes- 
herrlicher Prärogativen zeigte man sich am Kaiserhofe, mit- 
unter wenigstens, sehr empfindlich. Einen solchen Fall er- 
zählen uns die Acten vom Jahre 1599. Der Erzbischof von 
Salzburg verfolgte einen welschen Priester, Domenico Ghivar- 
dini, welcher sich unter die Jurisdiction der Herrschaft Kitz- 
bühel geflüchtet hatte. Der Gerichts- und Pfandherr Herrand 
V. Wolkenstein lieferte den Flüchtling dem Kirchenflirsten auf 
dessen Ansuchen aus. Der Kaiser betrachtete dies als eine 
Beeinträchtigung landesfürstlicher Hoheit, liess die Güter des 



* Eck an Erzherzog Maximilian, Graz, 18. October 1602. A. M. 

» V. d. K. M. 1697, fol. 267; T. 1597, fol. 91. 

' So sollte sich Freiherr v. Sprinzenstein (Hirn, Erzherzog Ferdinand II, 
86 f.) über die Yerwendang von 6800 fl. ausweisen, die ihm Erzherzog 
Ferdinand zu Missionen übergeben. G. M. 1597, fol. 1819. Erzherzog 
Mathias interessierte sich 1596 um das Gusshaus in Mühlau. Aber die 
Kammer musste ihm sagen, dass dasselbe unter Erzherzog Ferdinand an 
Sprinzenstein geschenkt worden sei. M. a. H. 1596, fol. 413. 



359 

Wolkensteiners in Sequester nehmen und wollte schon dessen 
ganzen auf der Herrschaft liegenden Pfandschilling als verfallen 
erklären. Erst die Ausstellung einer Recognition von Seite des 
Erzbischofs, Wolkensteins Abbitte und Erlegung einer Straf- 
samme besänftigte den kaiserlichen Zom.^ Von friedstörenden 
Bewegungen im Innern der Lande verlautet, seitdem die Un- 
ruhen mit den Wildschützen und den Knappen nach dem Tode 
Ferdinands gestillt waren, während der sieben Jahre eigentlich 
nichts. Nur von den Unterthanen in Kastelberg und Schwarzen- 
berg wird gemeldet, dass sie im Streit mit der Herrschaft über 
die geforderten Frohndienste sich förmlich weigerten, die ge- 
bräuchlichen Martins- und Emtehühner zu zinsen, wobei sie 
mancherlei Frevel begangen haben sollen. Aber sie kehrten 
bald zum Gehorsam zurück.* Aeussere Gefahren drohten 
nicht. Für das jetzt nicht mehr durch eine Besatzung ge- 
sicherte Lüders fürchtete die Regierung einen Ueberfall des 
französischen Edelmannes Erhard v. Chastelet, deshalb wünschte 
sie die Wiederemeuerung des dortigen belanglosen Schirm- 
vereines. * Schon seit Ferdinands Tagen war es ein Grundsatz 
der Regierung, namentlich auf der vorländischen Seite, Alles 
ängstlich zu vermeiden, was zu einer Verwicklung führen 
könnte. Da hätte der Kaiser seltsamer Weise einmal grössere 
Unternehmungslust verspürt. Der eifrige Convertit Dr. Johann 
Pistorius hatte im Verein fiit dem Grafen Friedrich v. Fürsten- 
berg in Prag einen Discursus unterbreitet, wo er darauf hin- 
wies, wie sehr die katholischen Schweizer Cantone der An- 
Bchluss der elsässischen Stadt Mülhausen an die protestanti- 
schen verdriesse. Ein entschiedenes Einschreiten, so ward 
ausgeführt, würde die Stadt dem Hause Oesterreich unter- 
werfen und den dort ausgetilgten Katholicismus wieder auf- 
leben lassen. Einer der katholischen Mülhausener Exulanten, 
Mathias Finninger, unterstützte in Prag solche Vorschläge und 
schilderte die Noth der Vertriebenen. Der Kaiser schien nicht 
abgeneigt, darauf einzugehen, und forderte von der Innsbrucker 
Regierung ein Gutachten. Diese schwieg lange und, zur 
Aeusserung aufgemahnt, verwies sie auf die Regierung in 



» V. d. K. M. 1699, fol. 610. 
> E. u. B. 1601, fol. 1. 
» Hofconc. 1699. 



360 

Ensisheim, welche zu befragen wäre. Der Kaiser war über 
diese Schweigsamkeit sehr ungehalten und indem er sie wegen 
des mangelnden Eifers bitter tadelte^ meinte er: soll es viel- 
leicht so weit kommen; dass wir etwa bei Kurpfalz uns um 
die nöthigen Aufklärungen bewerben müssen? Wieder forderte 
er, dass die Regierung eingehend referiere.^ Es findet sich 
nicht; dass sie dem Befehle nachgekommen wäre. 

Am Schlüsse dieser Abhandlung möge noch einer Ange- 
legenheit kurze Erwähnung geschehen, welche während der 
Theilungsverhandlungen wiederholt berührt wurde. Nach dem 
Tode Ferdinands von Tirol nahm Herzog Friedrich von Württen- 
berg seinen Versuch sogleich wieder auf, um für sein Land 
den Charakter der Afterlehenschaft zu tilgen. Er bot dem 
Kaiser eine Geldsumme, und dieser war geneigt, den Wunsch 
zu erfüllen. Mathias und Maximilian erklärten sich einver- 
standen, wenn jedem von ihnen der auf ihn entfallende Theil 
der Entschädigung bezahlt würde. Ohne auf diese Bedingung 
einzugehen, verlangte Rudolf von beiden die Zustimmung. 
Allein der eine wie der andere hielt damit zurück, weil, wenn die 
Sicherung ihres Antheiles nicht vor der Ratification erfolgte, nicht 
zu hofi^en war, dass sie von Rudolf etwas herausbekämen. Der 
Kaiser drängte wiederholt, mit freundlichen, auch mit weniger 
ft'eundlichen Worten.* Albrecht machte keinerlei Vorbehalt, 
doch wollte er nicht ohne die andtren unterzeichnen. Völlig 
ablehnend hatte man sich durch geraume Zeit in Graz ver- 
halten. Württenberg benützte diese weigernde oder zurück- 
haltende Stellung der Agnaten, die Auszahlung eines Theiles' 
der bedungenen Summe zu sistieren. Nun erklärte sich Ru- 
dolf bereit, diesen Theil dem Erzherzog Ferdinand unter dem 
Titel einer Türkenhilfe zu überlassen, und brach damit seinen 
Widerstand. Mathias ärgerte sich über dieses einseitige Vor- 
gehen des Qrazer Vetters und lud Maximilian ein, es beim 
Kaiser zu ,ahnden', dass gerade sie zwei ohne Recompens 
bleiben sollten. Aber der Deutschmeister mahnte zum Nach- 



» V. d. K. M. 1699, fol. 680, 684. 

' So schreibt Radolf am 16. Jali 1600: Maximilian mOge endlich seinen 

Consens geben, wenn auch Württenberg nicht viel darum fragen werde, 

aber doch ,wegen nnsers respectsS 
• 26.000 fl. 



361 

geben^ und so erfolgte Ende 1601 die allseitige Bestätigung. Als 
zwei Jahre später sich Württenberg der Opposition gegen den 
Kaiser auf dem Reichstage anschloss, ^ meinte Maximilian ver- 
drossen; ihn wundere das nicht, weil sich gewöhnlich die- 
jenigen, welche die grössten Wohlthaten empfangen, am ,wider- 
wärtigsten^ zeigen.* 



^ Senkenberg 1. c. I, 65. 

* Erzherzog Maximilian an Paul Sizt TrantBon, 28. April 160S. 



ÖSTERREICH UND PREÜSSEN. 



1766-1768. 



VON 



D* ALFRED H. LOEBL, 



K. K. WIBSUCHIB RBAL8CHULLBHBIR. 



Vorwort. 



Um die politischen Projecte des Jahres 1768 zu erklären^ 
gilt es in zwei Abhandlungen die Haltung der Mächte in den 
zwei vorangehenden Jahren zu ermitteln. 

Stehen wir doch in einer Zeit der entwickeltesten gegen- 
seitigen Beeinflussung der Staaten untereinander. 

Man erwarte aber nicht etwa eine Geschichte derselben. 
Nur die diplomatischen Fäden dieser Uebergangszeit sind zu 
entwirren und dabei die Hauptschauplätze fremdstaatlicher 
Beeinflussung; Polen^ das deutsche Reich, Schweden, die Türkei; 
Dänemark und die Schweiz in den Bereich der Darstellung der 
Weltverhältnisse zu ziehen, welche von zwei sich bildenden 
Bünden, einem nordischen und einem südlichen, bestimmt und 
geleitet wurden. 

Der öähmngszustand, in welchem sich diese Staaten 
damals befanden und der in den Jahren 1771 — 1774 zu so 
vielfachen Katastrophen führte (Straensees Fall, der Aufstand 
in Christianiastadt, die grosse schwedische Revolution, die 
Theilung Polens, die Umwälzung in Constantinopel, die vielen 
Eruptionen in der Schweiz), zeitigte Ereignisse, welche wie die 
Vögel vor dem Sturme, gleichsam als Vorboten dem gewaltigen 
üngewitter voranflogen, das von Frankreich heraufzog. 

Mit einigen Worten soll auch das Etiquettewesen gestreift 
werden, das zu einer wahren Macht immer höher anwuchs, 
je mehr sich die Politik zwischen den Cabinetten und nicht 
zwischen den Völkern abspielte. Titulatur- und Rangstreitig- 
keiten (wie über die Sitzordnung im russischen Caroussel, 
Lobkowitz, vom 13. Juli 1766) wurden so zu Lebensfragen in 
der Politik. Um die ihnen zukommenden Titulaturen kämpften 
Polens König und Polens Primas weit energischer als um 
Polens echte Freiheit. Auf diesem Plane gab es kein Zurück- 



366 

weichen, auch wenn darüber Polens Thron zugrunde gieng. 
Neben dem Etiquettewesen muss die Sucht nach fremden 
Titebi und Ordenszeichen als zeitgemäss betont werden. Das 
Capitulations-, Pensions- und Verehrtengelder-Unwesen war znr 
höchsten Blüte gediehen und hatte das politische Abenteurer- 
thum gezüchtet. Es war damals keineswegs etwas Ausser- 
gewöhnliches, in fremde Staatsdienste, ja in die des feindlichen 
Staates zu treten. Bezahlte Franzosen leisteten Friedrich dem 
Grossen Spionagedienste in Frankreich, und die Barberin^ 
Meny, Moderach haben ebenso den verschiedensten Höfen 
gedient wie die Grafen von Lynar, wie die von Wense, 
von Bohlen, von Rantzau-Aschberg, ein Johann Eustach 
von Goertz, die Barone von der Asseburg, Chasot,^ 
Fürstenstein, v. Gleichen. Ja der Scharfsinn der Diplo- 
maten wird zum Aufspüren solcher vielseitiger, namentlich 
kleinstaatischer deutscher Kosmopoliten aufgewendet. 

Wie reichhaltig auch die historische Literatur über die 
letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts orientiert, weder über den 
Nordbund, noch über den habsburgisch-bourbonischen Familien- 
bund, über die Entwicklung der österreichisch-preussischen und 
der preussisch-französischen Annäherung, über den Zusammen- 
kunftsversuch von 1766, die verworrenen Verhältnisse im Reiche 
und in der Schweiz existieren in der deutschen oder ausser- 
deutschen Literatur halbwegs erschöpfende Darstellungen.* Und 
doch liegen hier die Keime für die politische Constellation 
unserer heutigen Zeit und wahrscheinUch der nächsten Jahr- 
hunderte. 

Von den zahlreichen Gesandtschaftsberichten hat Raumer 
in seinen Beiträgen zur neueren Geschichte 1839 die englischen 
und französischen Berichte der Mitchell, Stormont, Shirley, 
Durand, Rossignol, Chatelet u. a. gesammelt und die wichtigsten 
auch verwertet, Hermann in seiner Geschichte Russlands, V. Bd., 
Berichte Essens benützt. Mit diesen an sich ganz respectablen 
Leistungen darf man nicht zu scharf ins Gericht gehen, wenn 
auch die oberflächliche Arbeitsweise besonders des letzten zu 
bemängeln bleibt. Schlimmer steht es mit der Edition der 

* lieber diesen vgl. Kurt v. Schlözer: Chasot, Berlin 1808. 

' Selbst Ranke hat merkwürdigerweise gerade diese Epoche aus dem 
18. Jahrhundert gänzlich aus seinen verschiedenen Schriften ausge- 
schieden. 



367 

Berichte Zegelins (die auch Reimann verwertet hat) aus dem 
Berliner geheimen Staatsarchive von Necula Jorga/ da sie 
selbst; was die mmänischen Dinge angeht, unzulänglich genannt 
werden muss. Mit ihrer Detailkritik wird sich unsere Arbeit 
mehrfach zu befassen haben. 

Viel sorgßlltiger sind Ameth und Hurmuzaki zu Werke 
^[egangen. Der Erstgenannte hat Reniers Berichte mit feinem 
diplomatischen und historischen Verständnisse in den F. R. A. 
Dipl. XXn, Hurmuzaki die Correspondenzen zwischen Ver- 
genneSy Tott, Brognard und Kaunitz, die mit der rumänischen 
(jeschichte zusammenhängen; sorgfältig ediert. Die wenigen 
Stücke im Anhange des II. Bandes der Correspondenzen 
Eannitz-Mercj-Starhemberg, die Ameth-Flammermont heraus- 
g^eben haben, sind ftlr unsere Hauptfragen ziemlich belanglos. 
Die wertvollen Berichte* des dänischen Gesandten von der 
Asseburg sind in der gediegenen Literatur (bei Arneth^ Beer, 
Bilbassoff, Brückner, Duncker, Reimann, Ssolowjoff 
a. a.), die (zum Theil wenigstens) die Berichte des Thomer 
Residenten Qeret (von Prowe ediert) verwerten, gänzlich un- - 
beachtet geblieben.' Von den neuen Quellenpublicationen kann 
ich ein allgemeines ürtheil über die verschieden gearbeiteten 
Bände des Magazins der kaiserlich russischen historischen Gesell- 



^ Necula Jorga: Acte si fragmente cu privire la istoria Romünilor, 2 Bde., 
Bukarest 1895/96. W. Milkowicz aus Czeraowitz hat im 2. Hefte des 
XXI. Bd. der Mitth. des Instituts für österr. QeschichtsforschuDg über diese 
höchst mangelhafte Publication äusserst lobend referiert. Er weiss an ihr 
nichts auszusetzen als die Einreihung in die Sammlung der Documente 
des Hurmuzaki. 

' Der Wert der Gesandtschaftsberichte ist natfirlich ungemein verschieden. 
Ueber eine und dieselbe Unterredung habe ich häufig zwei sich völlig 
widersprechende Berichte gefunden, und die Phantasie spielt oft eine 
zum mindesten gleich wichtige Rolle wie die Eitelkeit, der Ehrgeiz und 
Mangel an Wahrheitsliebe der Berichterstatter. Person und Inhalt 
kommen für den Wert in Betracht; es g^lt keineswegs, dass man immer 
am besten und richtigsten aus dem Inhalte auf den Wert schliessen 
konnte, wie Raumer HI, S. XII, meint. 

' Doch ist die Correspondenz dieses Diplomaten (mit Bemstorff, So! ms, 
Panin, Saldern u. a.) nur für Zwecke einer Biographie Asseburgs, nicht 
so sehr mit Rücksicht auf die politischen Umstände ausgewählt und 
gedruckt worden. Diese Arbeit bleibt ans dem Nachlasse (im Archive 
der Grafen von der Asseburg, Besitzer von Falkenstein und Meissdorf) 
noch zu thun. 
AreliiT. XCII. Band. U. H&lfto. 24 



368 

Schaft nicht fUlleo. Benützt wurden in der vorliegenden Arbeit 
die Bände X, XX, XXII, XXXVH, LXVH, LXXXVH. Die 
dickleibigen und schön ausgestatteten inhaltsarmen Lieferungen, 
welche die Commission des archives diplomatiques unter dem 
Titel: Recueil des instructions, donn^es aux ambassadeurs u. s.w. 
herausgibt, stehen nicht auf der Höhe der historischen Edi- 
tionswissenschaft. * Anders die neue politische Correspondenz 
Friedrichs des Grossen! Die genaue Copierung, das sorgfWtige 
Register, besonders aber die verständnisvolle Wiedergabe und 
achtsame Sichtung an der Hand der bezüglichen Hauptwerke 
der Literatur stellen diese Quellensammlung auch in formeller 
Beziehung höher als die genannten. 

Aber die mangelhafte Verwertung, ja ein vornehmes 
Ignorieren anderer einschlägiger Quellenpublicationen * sind 
ganz empfindliche Schwächen auch dieser Edition. So wäre 
es statt der zu zahlreichen Verweise auf die eigene Arbeit, 
der mit Nummern aus der Politischen Correspondenz gespickten 
Fussnoten, wichtiger gewesen, zu erwähnen, wo die einzelnen 
Berichte oder auch die Weisungen bereits gedruckt sind. Noch 
eigenartiger berührt der Umstand, dass der Herausgeber auf 
dem Boden der preussischen, ja einseitig preussischer Auffassung 
steht und von diesem Standpunkte aus die Wichtigkeit der Be- 
richte bemisst und sie darnach mehr oder weniger unvollständig 
wiedergibt. Nur wenige Fascikel im Berliner Staatsarchive habe 
ich zum Jahre 1766 benützt, und schon in diesen Rep. XI, Nr.275d 
und Rep. 88, Nr. 8 sind mir der Versäumnisse etc. genug unter- 
gekommen. Der Bericht Zegelins vom 23. August 1766, als 
Antwort auf die ihm am 16. Juni ertheilte Weisung, gehört dem 
Sinne nach nothwendig zu Nr. 16082, ebenso fehlt das Postscript 
von Benoits Bericht vom 24. September 1766 zu Nr. 16261, 
das besagt, dass ihm (Benoit) der König auf die Avertissements, 



Boutaric hat Ludwigs XV. Correspondance seeröte, Vedel die Bernstorffs 
ediert. Auch war es mir dank der freundlichen Bereitwilligkeit des 
Herrn Archivrathes Dr. W. Lippert in Dresden mOglich, die von 
der sächsischen Commission demnächst herauszugebende Conrespondens 
zwischen Maria Theresia und Maria Antonia im Manuscripte einzusehen. 
Andere Briefsammlungen von Thevenot und die Acten bei Brunner 
werden unten besprochen werden. 

Die doch wenigstens ebenso gut berücksichtigt werden müssen wie die 
Oeuvres posthumes. 



369 

die er (Benoit) ihm gemacht habe^ recht sensible geschienen 
habe. Mehr Gewicht jedoch als auf diese Mängel dürfte auf 
das Fehlen des Rescripts Friedrichs vom 15. Februar 1766 an 
Benoit, der äusserst wichtigen Antwort Benoits vom 26. Februar, 
Nr. 14, Rep. 275 und darauf, dass die Berichte von Solms vom 
4. März und 18. Februar ganz und gar ungenügend wieder- 
gegeben sind, zu legen sein. Endlich hören wir kein Wort 
von der Weisung an Zegelin vom 26. Juni 1766, auf 
welche mehrfach hingewiesen wird imd in der ihm Friedrich 
streng aufträgt bei der Pforte nichts von der vereitelten Zu- 
sammenkunft zu erwähnen. Auch das Schreiben Friedrichs 
an Karl Emanuel von Sardinien, betreflFs der Reise des 
Erbprinzen von Braunschweig, sowie die Antwort des Savoyer- 
königs vom 10. Mai 1766 (im Rep. 88, Nr. 8) sind ebenso 
gänzlich übersehen wie Rexins wichtiger Bericht vom 20. Februar. 
Daneben wird man das üebersehen sehr wichtiger politischer 
Correspondenzen Friedrichs in fremden Archiven, Friedrichs 
Handschreiben an den Kurfürsten von Bayern vom 
October 1767 (im Münchner Staatsarchive, s. unten) nicht 
zu sehr verurtheilen dürfen, denn es handelt sich hier 
wenigstens um ein Stück eines auswärtigen Archivs. Wohl 
aber stand das Berliner gänzlich zur Verfügung. Und noch 
eines: ob die Weisung an Solms vom 18. Juli 1767 (siehe 
Forschungen IX, 193) eine Ministerialnote war, oder aber zu 
Friedrichs Correspondenz gehörte, jedenfalls durfte eine so 
hochwichtige Mittheilung über den türkischen Ministerrath und 
die Stellung der Pforte zur polnischen Frage nicht übergangen 
werden. Ebenso steht es mit Friedrichs Weisung an Solms 
vom 12. December 1767 (im Sbornik 37). 

Die im Bde. XXIV, Nr. 15505, Anm. 2 als nicht vor- 
handen bezeichnete Correspondenz Oheguertys vom 28. März 
und 29. August 1765 habe ich im Rep. XI, Conv. 85, D, 
Frankreich gefunden. Detailfehler wie Raskolshiki statt ,Raskol- 
niki' (Bd. XXV, S. 138), S. 242, ,actuellement' ftir ,teUement' 
sind mir wenige begegnet. 

Hier gleich aber ist ein- für allemal zu betonen, dass den 
Worten Friedrichs des Grossen, auf denen leider oft allein die 
Beweisführung ruht, ein höchst problematischer Wert zukommt. 
Es gilt vielmehr bei jeder Belegstelle aus Friedrichs Schriften 
vorauszuschicken : Vorausgesetzt, dass sie nicht geschrieben ist, 

24* 



370 

um andere Gedanken zu verbergen. Man kann diesen Briefen 
und Weisungen nicht skeptisch genug gegenüberstehen. Sie 
sind so vielsagende und so unverlässliche Quellen, dass man 
sich in delicaten Fragen eigentlich von ihnen soviel als möglich 
emancipieren sollte. Oft auch sind sie, wie Friedrichs historische 
Schriften über die eigene Regierung, nur zu dem Zwecke ge- 
schrieben, um seine Pläne der Nachwelt im günstigsten Sinne 
zu übermitteln. 

Von ungedruckten Quellen, von denen die Verzeichnisse 
in der von Flammermont geleiteten Publication: ,Nouvelle8 
archives des missions scientifiques^ besonders nach dem Haag, 
nach Paris, Simancas und ins britische Publice Record Office 
weisen, habe ich die Dresdner und zum Theile die Berliner, 
weiter die noch nie benutzten Gesandtschaftsberichte im Münchner 
geheimen Staatsarchive verwertet. Lobkowitz' Berichte im Wiener 
Staatsarchive enthalten viel zu wenig aufk:lärende Momente flir 
die verworrenen Fäden der diplomatischen Geschichte. Sie be- 
kunden bei weitem nicht das ürtheil, welches dem Leiter des 
so verantwortungsvollen Postens am Petersburger Hofe zustehen 
sollte, orientieren fast gar nicht und unter dem Wüste des 
Nebensächlichen verschwinden die geringen wichtigen Brocken. 
In den Berichten der kleinstaatischen Geschäftsträger und 
Agenten triffl; man oft schärfere, eindringendere Beobachtung 
und weit bessere Information. 

Wer aber wird je die gewaltigen Actenbestände, das 
ganze Material zu behen'schen imstande sein, welches aus 
diesem schreibseligen Jahrhundert in den Archiven aufge- 
speichert liegt? Die ungemein reiche, über alle Länder 
Europas vertheilte Literatur habe ich, so weit sie mir zu- 
gänglich und ihr Idiom verständlich war, der Arbeit dienstbar 
gemacht und auch das Zuständliche so weit beiücksichtigt, als 
es zum Verständnisse unbedingt erforderlich erscheint 

Der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, 
Kunst und Literatur in Böhmen sei hier der geziemende Dank 
abgestattet. 



Der Wiener Hof und die polnisclie Frage. 

Wohl betrachtete der Wiener Hof Polen als die sichere 
Bente Russlands,^ hielt jedoch diese Umklammerung solange 
für nngefährlich^ als sich Friedrich von Preussen nicht ein- 
mische. Deshalb forderte man zur Zeit der letzten Königswahl 
nur von diesem die Erklärung, dass er nur dann Truppen in 
Polen einmarschieren lassen dürfe, wenn dies Oesterreich thue.* 

Seit jener Wahl waren aber über das Nachbarreich Stürme 
verheerendster Art heraufgezogen, denen man in Wien nicht 
gleichgiltig gegenüberstehen konnte. Ganz besonders den 
Fürsten Kaunitz' schmerzte jetzt der Verlust der früheren 
Position Oesterreichs in Polen und damit die Störung des 
europäischen Gleichgewichtes. Hatte er schon im Jahre 1763 
durch einen groben diplomatischen Fehler seinen Mangel an 
Interesse flir die polnische Königswahl, seine Furcht vor einer 
entscheidenden Action gegen eine, wie er grundlos argwöhnte, 
preussisch-russisch-türkische Coalition verrathen und damit mit 
einemmale der schlauen Katharina bewiesen, dass sie von 
Oesterreich nichts zu fürchten habe, dass dortseits die Bahn 
frei sei, hatte er weiterhin die russischen Qewaltschritte bei 
Eröffnung des Litthauer Tribunals (als Katharina den König 
August ni. auflForderte, ihr von seiner Regierung Rechenschaft 
abzulegen, als ein russisches Heer in Litthauen einrückte) in 
Kurland und bei der letzten Königswahl ruhig mit angesehen, 
ohne Gegenmassregeln zu ergreifen, so wog seine Unthätigkeit 
nach dem Gefechte von Slonim im Juni 1764 noch viel schwerer.* 



^ Bericht des engflischen Qesaodten Tom 10. October 1763 bei Räumer, 
UI. Bd., 8. 329, Anm. 1. 

* Ebend. II, 456. Bericht Stormonts vom 20. Mai 1766. 

* Ueber ihn vgl. das Ebb&j Alfred Doves in seinen aasgewfthlten Schriften, 
Leipzig 1898, 8. 94 nnd 100—110. 

^ Eis ist derselbe Ort an der 8chara, bei welchem die polnischen Heer- 
führer Sapieha und Tschamecky den Fürsten Chowansky im Jahre 1660 
geschlagen hatten. 



372 

Damals^ als sich der polnische Reichstag unter rassischer Mili- 
tärgewalt constituierte, 35 Senatoren und 140 Landboten sich 
confbderierten, Branicki, der Schwager Stanislaus Poniatowskis 
(er hatte dessen Schwester Isabella zur Frau) seines Amtes als 
Grosskronfeldherr entsetzt und Michael Czartoryski an seine 
Stelle erhoben wurde, war ein Einschreiten auch flir den neu- 
tralsten Nachbarstaat geboten, und es wundert uns durchaus 
nicht, wenn Essen (freilich etwas später, aber mit Bezug auf 
die österreichische Politik überhaupt) schreibt: ,E8 ist unbe- 
greiflich, wie Frankreich und Oesterreich die polnischen Ange- 
legenheiten mit solcher Gleichgiltigkeit ansehen, als beträfen 
sie China.^ Wenn später Katharina IL am 16. Jänner 1769, 
als bereits der Türkenkrieg ausgebrochen war, über die strenge 
Neutralität Oesterreichs zweideutig an Friedrich schrieb : , J'avoue, 
que la neutraUt^ de la cour de Vienne me parait Strange,** so 
war die österreichische Neutralitätspolitik schon längst betreflfs der 
russischen Uebergriflfe in Polen noch befremdlicher. Kaunitzens 
Politik würde ihre rechtfertigende Erklärung nur dann finden, 
wenn er damals (1763) bereits an eine friedliche Annexion 
polnischer Gebietstheile gedacht und demgemäss seine ganze 
Politik auf diese Eventualität hinaus abzielend eingerichtet 
hätte.* Dass man thatsächHch wohl schon im Jahre 1765 an 
die Zips dachte, beweist die Meldung, die der Generalwacht- 
meister Burrmann (Agent des Fürstbischofs von Würzburg) am 
5. October aus Linz an seinen Herrn erstattete: ,Mit Polen 
werden wir eine vertraute Allianz treflfen; diese Krone soll 
dem Herzog von Kurland, nembUch des Prinzen Karl könig- 
lichen Hoheit, die Zipser Städte oder sogenannte Zipser Ländel 
abtretten. ** Man ist auf diesen Gedanken oflFenbar verfallen, um den 
Prinzen Karl als nominellen Besitzer der Zips zu unterschieben 
und den thatsächlichen Besitz am Wiener Hofe anzustreben. 
Doch darf man nicht übersehen, dass Oesterreichs Stand- 
punkt durch die vorhergegangenen Kriege gegeben war. Seit 
dem Jahre 1766 aber richtete der österreichische Steuer- 



^ Hermann, V, 394. 

« Sbornik XX, 254. 

' Arneths Versuch, die österreichische Politik als gana der Stellang des 
Kaiserstaates und einer Nachbarroacht Polens entsprechend zu seigen 
(s. bes. Bd. VIII, 8. 81 ff.), muss man als verfehlt bezeichnen. 

* Königl. bair. Kreisarchiv zu Würzburg (Reichssachen). 



373 

mann sein Augenmerk angestrengter auf die polnischen Vor- 
gänge. Dass er bereits in diesem Jahre von Russlands Allianz- 
plänen mit Polen wusste, ersehen wir aus dem Berichte Ehren- 
schilds vom 26. Februar 1766 an seinen Hof: , Selon les lettres 
de Vienne^ ralliance entre la Russie et la Pologne doit ^tre 
faite.'^ Auch die langwierigen Unterhandlungen über Stanislaus' 
Anerkennung (n^ociation de la reconnaissance) waren endlich 
zu Beginn des Jahres beigelegt und Graf Colloredo (Instruction 
vom 9. Jänner 1766, im Anhange I) nach Warschau gesandt 
worden, nachdem Stanislaus Poniatowski die Forderung Frank- 
reichs, Air die Beleidigung seines Gesandten de Paulmy Satis- 
faction zu geben, erfUllt hatte.* Wie aber waren die Ver- 
säumnisse und Fehler wieder gutzumachen, Russland der 
Vorsprung abzugewinnen? Nun war der Bruder des Polen- 
königs (Graf Andreas Poniatowski) General in der österreichi- 
schen Armee und hatte im Jahre 1766 das Regiment Harsch 
erhalten. Auch Stanislaus August selbst soll von Kaunitz zum 
Widerstände gegen Russland angespornt und in der kritischen 



* Dresdner Archiv, loc. 2889. 

* Ameth, VII, 8. 91. Ueber diese Angelegenheit heisst es im Dresdner 
Archive, loc. 3020, fol. 43: ,Lor8que la France s'^tait stipulö en retour 
de sa reconnaissance, que le Roi de Pologne devoit faire faire ses excuses 
snr ce qui s*^toit arrivö k TAmbass. de France pendant Tinterrögne chez 
Mons. le Primat, on avait destinä pour cette commission Mrs. le Prince 
Sulkowski et Poninski. Schon waren sie zar Abreise bereit, da begab 
sich der letztgenannte plötzlich, eine Krankheit vorschützend, auf seine 
Güter. Aber man bemerkte, dass dieser Entschluss von Rassland an« 
geregt worden war, weil es nicht wollte, dass in Polen vor der ,Qrenz- 
regnliemng* ein französischer Minister accreditiert sei. Indessen hatte 
der französische Gesandte in Wien, unterstützt von dem General Ponia- 
towski, erkl&rt, dass sich die beiden verbündeten Höfe veranlasst sehen 
müssten, ,de declarer la reconnaissance nnlle^, wenn der Polenkünig 
nicht vollkommen entsprechend den vereinbarten Punkten Genugthuung 
gewähre. Der General hat diese Erklärung seinem königlichen Bruder, 
dieser sie dem Fürsten Repnin übermittelt, unter Vorstellungen über die 
mauvaises affaires, anxquels Ton exposait, en le genant dans Tarrange- 
ment de ses interets avec la France; er bat den Fürsten, seine (des 
Königs) Bitten zu unterstützen, damit die Kaiserin in die Abreise Po- 
ninskis einwillige. Der Petersburger Hof willigte ein. An Stelle des 
Fürsten Sulkowski ist der Kämmerer Loyko mit der Mission betraut 
worden. Es steht zu erwarten, dass sich nun die verbündeten Höfe zu- 
frieden geben.' So Essen aus Warschau am 29. Jänner 1766 an Sacken, 
den sächsischen Vertreter in Petersburg. 



374 

Zeit dieses Jahres auf dem besten Wege gewesen sein, sich 
Oesterreich in die Arme zu werfen, umso mehr, als er auch 
mit Friedrich in Zollsachen übereinander gerathen und ander- 
seits in die österreichische Erzherzogin Elisabeth, eine der 
schönsten Prinzessinnen ihrer Zeit, stark verliebt war. Es 
hiess auch, dass der Wiener Hof die eheliche Verbindung 
ernstlich plante.^ ThatsächHch war Maria Theresia im October 
1765 der Ansicht, dass dadurch, dass man jetzt den PoIcd- 
könig ,in den Stand setze, die russischen Ketten abzuschütteb*, 
die Gefahren beseitigt werden könnten, ,welche aus dem Zu- 
sammentreffen der beiden bösen Genien (Friedrichs und Katha- 
rinas) für die Ruhe Europas und Oesterreichs entsprangen'.* 
Da aber siegte das Mutterherz über politische Vortheile.' Zwei 
Berichte, die trotz ihrer zeitlichen Divergenz sicher auf eine 
mündliche, wahrscheinlich eine russische Quelle zurückgehen/ 
besagen, dass sich der Polenkönig gegen die Vorschläge des 
Wiener Hofes, die Abhängigkeit von Russland mit Oesterreich» 
Freundschaft zu vertauschen, trotzdem sein fürstlicher Bruder 
leidenschaftlich für Oesterreichs Erbieten eintrat, anfangs heftig 
sträubte, ,dann aber sich gemässigter und weniger abgeneigt 
zeigte, jedoch zu keinem Beschlüsse kam^ 

Die Berichte des Engländers Stormont wissen von diesen 
Gerüchten nichts und doch sind vor allen sie in dieser Frage 
heranzuziehen, da der englische Botschafter am Wiener Hofe 
es war, der die Wünsche des Polenkönigs dem Wiener Hofe 
vermittelte. Auch Reniers Bericht ist dem Petersburger (Ma- 
cartney) entschieden vorzuziehen. Er meldet, dass Katharinas 
energischer Protest gegen die geplante Heirat diese zunichte 
gemacht hatte. Dass Stanislaus lange hin und her schwankte 
und in dem Kampfe zwischen Neigung, ja heisser Liebe und 
der eisernen Nothwendigkeit zu keinem Entschlüsse kam, dürfen 
wir nach den Berichten mit Sicherheit annehmen. Ob aber 
Katharinas Machtwort oder Maria Theresias Weigerung, die 



^ Ameth, VII, 271 a. 272. Rohds Bericht yom 6. December 1766 und 
Friedrichs Antwort vom 16. December 1766. P. C. XXV, 330. 

* Raaroer, Beiträge IV, 49 (da Chatelets Bericht aus Wien yom 8. Oc- 
tober 1766). 

» Ameth, VII, 272, Anm. 882. 

* Macartney an Mitchel, am 27. Februar 1766 (bei Räumer, II, 548) und 
12. November 1766 (ebenda IV, 73). 



375 

Tochter dem unebenbürtigen, schwer bedrängten König zu 
geben, diesen Herzensbund — denn auch die Prinzessin war 
ftlr den schönen Poniatowski entflammt — zerriss, ist schwer zu 
entscheiden. Jedenfalls vergrösserte diese Angelegenheit die 
Spannung zwischen dem Könige und seiner ehemaligen Gönnerin. 
Er selbst schrieb ja am 26. September 1766 an seinen Vertreter 
in Petersburg, den Grafen Rzewuski: entweder müsse er auf 
ihre Freundschaft verzichten oder zum Verräther an seinem 
Vaterlande werden, ein Schreiben, das wie kein zweites die 
Kenntnis seiner bedrängten Lage des Stanislaus und den bitteren 
Groll gegen diejenige verräth, die ihm das Nessuskleid anlegte, 
um ihn darin zu verderben.^ Und ähnlich äusserte er sich 
einen Monat später zum englischen Gesandten: .Ich sehe mich 
am Rande der ernstesten Gefahr, bin aber entschlossen, lieber 
alles zu leiden, als mein Vaterland zu verrathen, oder wie ein 
unredlicher Mann zu handeln. Die Kaiserin widersetzt sich 
allem, was hier die Gründung einer guten Regierung bezweckt, 
deshalb kann ich niemals in herzHcher Freundschaft mit ihr 
leben.'* Ein ausgezeichneter Beobachter, der dänische Ge- 
sandte Freiherr von der Asseburg* in Petersburg, der dort die 
Sache des Polenkönigs verfechten, die Spannung beheben und 
das alte Verhältnis wieder herstellen sollte, berichtet am 7. Sep- 
tember 1766, dass ihn viele Gründe davon abhalten, seinen 
Einfluss auf Panin in einem Augenblicke geltend zu machen, 
oü Tamiti^ de la cour d'ici (Petersburg) pour celle de Var- 
sovie, est plus que refroidie, et oü les personnes charg^es du 
soin de rapprocher les esprits, se croyent engag^es dans une 
commission au-dessus de leurs forces et de leurs esperances. 
In jener kritischen Zeit wussten die Gesandten der miss- 
trauischen Höfe von Berlin und Petersburg aber auch über- 
reichlich von Bemühungen des Wiener Hofes zu berichten, das 
Terrain in Polen durch Intriguen zu unterwühlen, sich Russ- 
land zu nähern oder doch die Orlow und den General Tschemi- 
schew zu gewinnen. Treffend bemerkte Friedrich selbst am 



* ,P6rir n'est rien, mais p^rir de U main qu*on ch^rit, est aflfreux.* 
Sbornik 67, S. 138 ff. 

' Bericht vom 29. October 1766 bei Räumer, IV, 67—68. 

• In seinen (des Freiberm Acbatz von der Assebarg) Denkwürdigkeiten, 
die Yamhagen y. Ense in Berlin 1842 herausgegeben hat, S. 147 ff. 



376 

7. September zu diesen Verdächtigungen/ dass sie alle d'insignes 
de faussetöe et des choses controuvöes an sich tragen, und dass 
an ihnen nichts Wahres sei. Denn flirs erste verfüge Oeste^ 
reich nicht über überflüssige Geldmittel, um die Orlow, wie es 
hiess, zu bestechen,* zweitens nehme Russland von Oesterreich 
keine, und drittens sei Oesterreich mit Frankreich alliiert, und 
dessen feindselige Haltung gegen Russland sei bekannt.^ Doch 
selbst in der Correspondenz des Fürsten der Moldau mit dem 
Khan der Krimtataren spuken Nachrichten über die Sendung 
dreier österreichischer Emissäre mit bedeutenden Geschenken 
(Geldsummen etc.) nach Petersburg, um das alte 1746er Bündnis 
wieder zu erneuem.* 

Thatsächlich war der Kaiserhof damals bestrebt, die 
preussisch-polnischen Zoll- und Handelsdifferenzen auszunützen, 
und Graf Chotek, der Präsident des Hofcommerzienrathes, ve^ 
suchte einen Handelsvertrag mit Polen zustande zu bringen. 
In den Pactis conventis des Krönungsreichstages von 1764 
waren nämlich hohe Einfuhrzölle (bis 12*/^ vom Warenwerte) 
auf fremde Waren gelegt worden, welche Massregel dem Lande 

» In Benoits Bericht vom 10. September 1766. P. C. XXV, S. 26 nnd 
Solms Bericht vom 7. October 1766, Sbornik XXII, Nr. 262, 8. 4S8ff. 

' Man vergleiche Friedrichs Ansichten Über Oesterreichs Finanzlage in 
P. C. XXV, S. 356 und über die ganze Angelegenheit: Benoit im April 
1766, Forschungen IX, 42, am 10. September 1766, ebenda 45, und 
P. C. XXV, 226. Solms Bericht vom 21. Jänner 1766, P. C. XXV, S. 33. 
Katharina an Stanislaus vom 28. März und 8. April 1766, Sbornik 57, 
Nr. 1328, S. 492 flf. Vgl. Arneth, VIII, 124—126. Zu untersuchen bleibt, 
was an Edelsheims Bericht vom 19. November 1766, Wahres ist. Auf 
diesen Bericht nämlich stützen sich Friedrichs Verdächtigungen und 
Vermuthungen bei Solms vom 27. November 1766, P. C. XXV, Nr. 16362. 
Rohd aber berichtet am 26. November 1766 (P. C. XXV, S. 320, Anin.l), 
dass er schon deshalb nicht daran glaube, dass Stanislaus mit dem Wiener 
Hofe Über die Aenderung der polnischen Verfassung verhandle, weil er 
keine Mittelsperson habe. Wo bleibt aber der General Poniatowski, 
muss man sich da fragen? 

' Um volle Klarheit zu erhalten, wird man die Weisungen an die Oster- 
reichischen Vertreter in Warschau, Petersburg, Versailles im Wiener 
Archive heranziehen müssen. Arneth lässt uns gerade betreffs der Oster- 
reichischen Politik in Polen und zu Russland im Stiche. 

* Vgl. Vergennes an Choiseul aus Constantinopel vom 2. Juni 1766 und 
Fornetti an Vergennes am 15. October 1766 bei Hurmuzaki, Docnmente 
priv. la storia Romftnilor, Vol. 1, Suppl. 1, Bukarest 1886, Nr. MXLVII 
und MXLIX, S. 740-741. 



377 

neue Einnahmsquellen zuf\ihrte und die einheimische Industrie 
von den Fesseln zu befreien, ja eine Blüte derselben versprach. 
Friedrich der Grosse, welcher nun Pferde aus Polen nicht 
mehr zollfrei unter dem Titel ,Fllrstengut' beziehen konnte 
und auch seinen Ausfuhrhandel beeinträchtigt sah, unterstützte 
daraufhin die Danziger in ihrem Kampfe gegen die neuen 
ZoUverordnungen und errichtete, als Polen seine energischen 
Drohungen^ als Eingriff in seine eigenen Angelegenheiten zu- 
rückwies, einen Repressahenzoll in Marienwerder, nach welchem 
10 bis 15*/q vom Werte aller Waren, die stromauf- und abwärts 
diesen Ort passierten, gezahlt werden musste — wer aber seine 
Waren nach dem preussischen Marienwerder führte oder sie 
dort einkaufte, war vom Zolle befreit — welcher besonders Danzig 
empfindlich schädigte.^ Diese Massregeln und mit grosser Er- 
bitterung geführten Kämpfe boten den Anlass ftlr den Plan 
Choteks, dahin zu wirken, dass die von Leipzig und Frankfurt 
nach Polen gehenden Waren, um dem hohen Transitzolle von 
30% zu entgehen, nicht durch Friedrichs II. Staaten, sondern 
durch Böhmen und Oesterreichisch-Schlesien geführt werden 
sollten. Der Wiener Hof versprach zu diesem Zwecke die 
Hauptstrassen zu verbessern, auch Lagerplätze, Stationen und 
Posten anlegen zu lassen. 

Doch gelang es russischer Vermittlung, indem eine ge- 
mischte Commission zur Beilegung des Streites eingesetzt wurde, 
zu bewirken, dass die Zollerhebung in Marienwerder (am 
15. Juni 1765) eingestellt wurde,^ und (am 12. April 1766) über 
Einflussnahme des Grosskanzlers Polens den König Stanislaus 
zu veranlassen, die Zollordnungen von 1764 zu suspendieren.* 



^ Ygl. das Memoire, das Benoit am 14. Jänner 1765 abgab. Forschungen 
IX, 26. 

' ,Der Zoll in Marienwerder bat bier ein starkes Fieber in cellnlis cere- 
brinis verursacht,* schreibt der Danziger Agent, Christ. Giller, an Wahl 
am 6. Mai 1766 bei Damus: Die Stadt Danzig gegenüber der Politik 
Friedrichs des Grossen und Friedrich Wilhelms II. Zeitschrift des west- 
preossischen Geschieh tsvereines V, 14. lieber den Schaden dieser Re- 
pressalien Tgl. Hermann, V, 383. 

' Kach Sknbowskios* Brief vom 1. Juli 1765 bei Damns, S. 16, Anm. 3. 
Man ziehe die geschriebenen Gazettes de la Haje von 1765 heran (im 
WOrzburger Kreisarchive, Militärsachen 2296), besondere die vom 21 . Mai 
and 24. December. 

* P. C. XXV, S. 92, Anm. 2. 



378 

Friedrich der Grosse hatte es dabei nicht bei AbmachungCE 
und Vorstellungen bewenden lassen^ dass das österreichische 
Project infolge des grossen Umweges, der bedeutenderen Fahr- 
kosten und des Zeitverlustes undurchführbar und fftr Polen 
nachtheilig sei/ sondern er erniedrigte auch bereits im April 1766 
den Transittarif von SO^*/^ auf 8®/^,, somit auf den früheren 
Stand.« 

Trotz all dieser nicht zu beschönigenden Niederlagen, die 
den Versuch, Kaunitzens Politik zu verhimmeln, als gänzUch 
gescheitert erscheinen lassen, trachtete der österreichische 
Staatskanzler seit dem Jahre 1766 besonders, das infolge weit- 
gehender Theilnahmslosigkeit — seit 1762 hatte Oesterreich 
nicht einmal einen ständigen Residenten in Warschau — und 
anderer Fehler, verlorene Terrain in Polen auf friedlichem Wege 
wieder zu gewinnen. Dafiir gab es nur ein rasch wirkendes 
und sicheres Mittel: wenn Friedrich 11. die Hand zur Ver- 
ständigung mit Oesterreich bot. 

Und das that er wirklich. 

A. V. Ameth und Adolf Beer haben — und das mußs 
gegenüber der tendenziösen Färbung der Pol. Corr. betont 
werden — unwiderleglich nachgewiesen, dass Friedrich der 
Grosse bereits im Jänner 1766 durch unzweideutige wieder- 
holte Anträge seines Vertrauten, des Generals Hordt, an Nugent 
,mit dem Hause Oesterreich die engste Verbindnis einzugehen' 
den Anfang gemacht hat^ Dies steht fest, auch wenn wir 
Graf Nugents bestimmten Bericht vom 18. Jänner, dass ihm 
(Nugent) der Preussenkönig aussergewöhnlich freundlich und 



» An Benoit vom 19. März 1766. P. C. XXV, Nr. 16962. 

' Heransuzieben ist noch der Aufsatz von Boas: Die preossische Handels- 
politik gegenüber Polen in den Jabren 1764—1776. Jahrbuch der 
historischen Gesellschaft für den Netzedistrict zu Bromberg 1891, 
Abschn. I, Cap. IV und die allgemein instruierenden Werke von 
6. Jastrow: lieber Welthandelsstrassen zur Qeschichte des Abendlandes, 
Berlin 1887. A. Beer: Geschichte des Welthandels 1864 und 1884. 
C. Huber: Die geschichtliche Entwicklung des modernen Verkehrs, 
Tübingen 1893, besonders 218 ff. Goetz: Die Verkehrswege im Dienste 
des Welthandels, Stuttgart 1888, S. 669—734. 

• Nugents Berichte vom 8. Februar und 8. März bei Ameth, VIH, Anm. 162 
und 163. Vgl. A. Beer, Zusammenkünfte im Archiv fttr Gaterr. Ge- 
schichte 47, 390 ff. 



379 

,ganz ausnehmend^ entgegenkomme^ für snbjectives Empfinden 
annehmen und daher nicht so hoch anschlagen wollen.^ 

Der Antrag Friedrichs IL entsprang durchaus nicht dem 
Gefühle der Schwäche, und es muss abgewiesen werden, wenn 
die Pol. Corr. nicht nur von diesem ersten Schritte Friedrichs 
nichts wissen will, sondern die ganze Annäherung im Jahre 1766 
von Oesterreich ausgehen lässt und Friedrich als den armen, 
vom Wiener Hofe Düpierten hinstellt. Es tritt hier eine Tendenz 
zu Tage, die man freilich auch sonst im Register, wie in der 
ganzen Anordnung und oft mangelhaften und höchst eigen- 
artigen Wiedergabe der Berichte verfolgen kann, und der 
selbstverständlich auch die Referenten in den ,Forschungen zur 
brandenburgischen Geschichte' gefolgt sind. 

Aber ein unüberwindliches Misstrauen, auch seit dem 
Hubertsburger Frieden, genährt durch die ewigen Recrutierungs- 
a£fairen und Zoll- und Handelskriege, waltete seit den ersten Ge- 
waltschritten Friedrichs II. zwischen Oesterreich und Preussen. 
Friedrich war so sehr von der moralischen Haltlosigkeit seiner 
Handlungsweise Oesterreich gegenüber überzeugt, so durch- 
drungen von dem Gefühle, dieses Land ungerechterweise an- 
g^riffen und eine hilflose, von Feinden umlageiie Frau in 
den Stunden äusserster Gefahr überfallen zu haben,* dass er 
an ein Entgegenkommen Oesterreichs kaum glaubte, und Maria 
Theresia konnte nie den Ingrimm abwehren und das Misstrauen 
verbergen, wenn sie daran dachte, von ihrem Nachbar wieder 
überrumpelt zu werden. ,Könnte man diesem Fürsten nur 
vertrauen,' soll sie zum englischen Gesandten gesagt haben, 
,aber es ist schwer zu wissen, wie man mit ihm unterhandeln 
soll. Ich fürchte, er ist der Aufrichtigkeit nicht fUhig und 
glaubt auch bei anderen nicht daran. Wenn man ihm etwas 
sagt und in freundlicher Weise, nimmt er es als ein Compliment 
auf, beantwortet es in diesem Sinne und setzt immer voraus, 
es entspringe einer geheimen eigennützigen Absicht.'® Freilich 



* Arneth, Vm, Anm. 161. 

' yJamais la raison d*]fetat n'ayait M oppos^e avec plns dUmpudence aux 

lois, les plus ^l^mentaires de l^honnenr et de la justice/ sagft Albert 

Sorel: L*Earope et la r^Tolution fran^aise, 8. 26 ff. 
' Dessen Bericht yom 2. November 1768 bei Raumer, lY, 207. Eine 

zutreffendere Charakteristik könnte selbst der beste Kenner Friedrichs 

heute nicht bieten. Wer seine Correspondenz kennt, muss zugeben, 



380 

wnsste sie dieses Misstranen als kluge Politikerin manchmal 
dem Staatsinteresse unterzuordnen; aber als Privatperson hasste 
sie Friedrich bis in die innersten Tiefen ihres zartftihlenden 
grossen Herzens. 

Bei der jetzigen politischen Lage konnte Oesterreich in- 
solange nicht daran denken, etwas Positives zu unternehmen, 
als entweder Preussen nicht neutralisiert war, sich also Oester- 
reich näherte, oder aber Oesterreich eine Coalition der Nord- 
mächte zustande brachte, welche Russland vom Norden her im 
Schach hielten, während die Pforte im Vereine mit Polen dies 
im Süden that. Oesterreich und Frankreich hätten Preussen 
und England zu zügeln. 

Umsomehr war der Wiener Hof erregt, als sich der 
Preussenkönig näherte. Die Actionslust jenes Hofes in Polen 
traf mit Friedrichs scheinbarem Verlangen nach einem inni- 
geren Zusammengehen mit Oesterreich zusammen; dazu kam 
der Wunsch Josefs und Friedrichs, sich persönlich kennen zu 
lernen.^ Josefs Sendung von Florentiner Wein im März 1766 
ist damit zu erklären. Friedrichs Anregung zu einer Zusammen- 
kunft mit Josef aber darf man mit der ganz auffallenden Er- 
kaltung in dem preussisch-russischen Bundesverhältnisse in Ver 
bindung bringen. 

Lockerung des prenssisch-rnssischen Bflndnisses. 

Russlands Liebäugeln mit Sachsen, die Anknüpfung inniger 
Handelsbeziehungen,* die Sendung des Fürsten von Beloselsky 



dass ihm (Friedrich) an Misstrauen wenige Staatsmänner seiner Zeit 
nahe kommen. Hinter allem suchte er bei den besten, edelsten Menschen 
niedrige Nebenabsichten. Dies geht selbst in der Politik zu weit Man 
nehme eine beliebige Weisung an Rohd, z. B. vom IS. Februar 1767 
(P. C. XXVI, Nr. 16508), als Antwort auf den Bericht vom 11. Februar 
oder vom 22. April (ebend. Nr. 16611). Trotz der beruhigendsten Zu- 
sicherungen und Berichte wittert er immer geheime, viel weitergehende 
,intentions* und stets neue Intriguen. 

^ lieber den Plan eines englisch-preussisch-österreichischen Bdndnisses 
wird im II. Theile des Näheren gehandelt werden. Vgl. Beer: Zu- 
sammenkünfte. Archiv, 47, S. 392 ff. 

' Vgl. darüber die Acte des Commerciums zwischen hiesigen sScbdschen 
und den russischen Landen und die Errichtung eines Commercientractstes 
mit dortigem Hofe betreffend. Dresdner Archiv, loc. 3018. 



381 

als rassischen envoy^ extraordinaire nach Dresden Mm Jahre 1766 
trotz Friedrichs Abmahnens und Drohens^ all das erzürnte den 
Prenssenkönig gewaltig. ^Ich sage Ihnen ein- für allemal, dass 
man infolge dieser Umstände nicht die geringste complaisance 
meinerseits in der Annäherung an Sachsen fordern darf, je ne 
saurais aucunement entrer dans quelqne affaire, que ce soit, 
que les ministres de Russie voudraient arranger avec les Saxons.* 
Deutlich ersieht man gerade aus dieser Frage, wie über- 
legen die russische Politik der preussischen gegenüber operierte. 
Russlajid gelang es spielend, dadurch dass es Sachsen, den 
einzigen vom Polenkönige als natürlichen Feind bekämpften 
Gegner,' gegen diesen unterstützte und die aus der Königswahl 
von 1764 von selbst entstandene Kluft stets zu erweitem wusste, 
Sachsen von Oesterreich und Frankreich mehr und mehr zu 
trennen, es an sich zu fesseln und gleichzeitig dessen Einfluss 
in Polen eben mit infolge jenes Gegensatzes lahmzulegen, wobei 
man den Dresdner Hof mit seiner Hauptforderung, der Be- 
willigung der Apanagen fiir die sächsischen Prinzen seit 1765 
immer mit Versprechungen auf baldige Erfüllung hinhielt.* 



^ Wie entsäckt Essen von dieser Freundschaft war, beweist folgendes 
Schreiben an Sacken, vom 12. Mai 17H6 (im Dresdner Archiv, loc. 3020): 
,P]üt an ciel, que Ton commence k profiter la bonne disposition, que 
rimpöratrice de la Bossle commence k nous temoigner^; und Sacken 
antwortet am 1. August 1766: ,11 en r^sultera la tftche agr^able de 
prouver, par des faits non ^quivoques, la röconnaissance sinc^re, dont 
notre cour sera p^n^tr^e des marques de faveur et de protection, accord^e 
de la part de S. M. Timpäratrice k nos Priuces.' 

« An Solms vom 15. Juni und 17. Juli 1766. P. C. XXV, S. 134 u. 165. 

* Auch das Verhältnis Sachsens zu Polen entbehrt jeder Bearbeitung. 
Essens Berichte im Dresdner Archiv in den loc. 3560 — 3562 sind nahezu 
gänzlich unverwertet. Hermann hat sie nur der Darstellung der inneren 
polnischen Wirren zugrunde gelegt, während ihr eigentlicher Wert in 
genauer Beobachtung der diplomatischen Beziehungen Sachsens zu Buss- 
land und zu Polen liegt 

* Man vergleiche Sackeus Berichte vom 7. Jänner, 28. Februar, 23. Mai, 
14. November 1766, im Dresdner Archiv, loc. 3038, bis zu Klingenaus 
Berichten vom 28. October 1768 im loc. 3042, weiter Essens Berichte 
im loc. 3562, Vol. V*, besonders die von Hermann nicht verwerteten 
Berichte vom 6. und 9. Jänner, fol. 34—35 und fol. 40, vom 13. Jänner, 
fol. 53, vom 15. Jänner, fol. 59 und 64, ebenso fol. 111 ff. Gerade die 
Apanagenfrage zeigt so recht das Verhältnis zwischen den H^Jfen von 
Dresden und Warschau. 



382 

Preussen stellte sich in seiner schroflFen und eifersüchtigen 
Haltung gegen alle Mächte, die sich Russland auch nur an- 
scheinend näherten, arg bloss. Graf Sacken, der Vertreter 
Sachsens in Petersburg, berichtet am 14. November 1766 über 
eine Unterredung mit Solms, aus welcher die ganze Eifersucht 
Preussens grell zum Vorschein kommt. ,Sie beginnen von 
neuem recht befreundet mit Russland zu werden,^ begann Sohns. 
Sacken erwiderte: ,Wir glauben, dass Russland uns beiden 
stets eiae gemeinsame Freundin gewesen ist.^ Solms: ,l6t es 
Ihr Bestreben, Russland auf Ihrer Seite gegen uns zu haben?* 
Darauf entgegnete Sacken: ,Ich halte Sie für einen viel zu 
geschickten und am Petersburger Hofe viel zu versierten Ge- 
sandten, als dass Sie übersähen, was sich hier ereignete.^ Darauf 
Solms: ,Die beiden Höfe Preussen und Sachsen sollten sich 
auf ihren Wegen ja nicht kreuzen. Sie könnten sich gegen- 
seitig sehr nützlich sein, sich jedoch auch vieles Böse zufiigen.' 
,Sein Hof besitze,' erwiderte Sacken, ,gegen Preussen weder 
rancune noch animositä, noch hege er irgendwelche Verdachts- 
gründe.'* 

Auch hielt sich Russland an Sachsen, um für Preussens 
Stellung im deutschen Reiche ein Gegengewicht zu schaffen 
und dort selbst die Rolle besser spielen zu können, die Frank- 
reich seit dem westphälischen Frieden mit Qlück durchgeführt 
hatte.* Daher kamen Russlands Anträge, der Dresdner Hof 
möge den Herrn v. Ponickau anweisen, mit Simolin (dem russi- 
schen Agenten in Regensburg) Hand in Hand zu gehen.* 

Die sächsische Politik aber gipfelte deshalb im engen An- 
schlüsse an Russland, weil Sachsen richtig calculierte, nur durch 
dieses seine Ziele, die Apanagen und vielleicht die Königskrone 



* Dresdner Archiv, loc. 8038. Die Unterredung ist zu Beginn des No- 
vembers vor sich gegangen. Es ist anzunehmen, dass Solms sich nicht 
ohne Weisung zu solchen Bemerkungen hat bewegen lassen. In 
der Pol. Corr. finden wir weder eine derartige Weisung noch einen 
ähnlichen Bericht. 

' Diese und viele andere Gründe fUr Busslands thatsächliche faborables 
intentions pour la Saxe entwickelte Repnins Geheimsecretär (vielleicht 
beauftragt) dem Grafen v. Essen, dessen Bericht vom 27. Februar 1768 
(von Hermann nicht verwertet) im Dresdner Archiv, loc. 3562, Vol. V'. 

■ Vgl. Essens Bericht vom 9. und 23. März und vom 6. April 1768, fol. 198, 
238, 249 u. fol. 326 ff. Dresdner Archiv, loc. 3562, Vol. V*. 



383 

yon Polen erhalten zn können.^ Daher berichten aUe auswärtigen 
Vertreter von dem überaus frenndschaftlichen Verkehre zwischen 
sächsischen und rassischen Geschäftsträgem. Selbst von Kopen- 
hagen weiss der österreichische Bevollmächtigte nicht genug 
das Aussergewöhnliche des ^ungemein vertrauten Umgangs' 
zwischen dem sächsischen Gesandten und dem russischen (erst 
mit Philosophow und dann mit Saldem) hervorzuheben.* 

Und in der That^ die Apanagen erlangten auch die sächsi- 
schen Prinzen, trotzdem der König, mit Recht einer der eifrigsten 
Widersacher dieser Einmengung fremder Mächte in Polens 
Finanzen, sich mit dem letzten Aufgebote seiner gesunkenen 
Autorität gegen Repnin und Essen eingesetzt hatte. Mussten 
diese Apanagen doch vom Kronschatze bezahlt und musste zu 
ihrer Bedeckung eine neue Auflage, und zwar eine recht 
drückende Biersteuer erhoben werden (sie wurde auf Repnins 
Drängen im Jänner 1768 im Reichstage bewilligt).' Kaum war 
aber diese Forderung durchgesetzt, als der Dresdner Hof auch 
ftbr die Prinzessinnen Elisabeth und Kunigunde solche Apanagen 
zu erlangen wünschte.^ Erst die Revolution hat dann selbst- 
verständlich die Ausführung dieser Reichstagsbeschlüsse ver- 
hindert.* 



^ Z. B. an Essen vom 12. und Tom 30. M&rs 1768, ebend. Nr. 18, fol. 185 
und 283. 

• Bericht des Grafen v. Welsberg vom 12. Mai 1767. (In Chiffren) im 
k. k. Staatsarchive Wien, D&nemark 5. ,Da aber auch der spanische 
Gesandte in eben diesem engen EÜnverst&ndnisse mit den Oberw&hnten 
sn stehen scheint, so würde ich solches eher einer persönlichen Freund- 
schaft zugeschrieben und nicht fELr würdig erachtet haben, E. f. Gn. 
etwas davon anzuführen, wenn ich nicht dabei bemerkt hätte, dass sie 
sich nicht nur allein beständig Geheimnisse beizubringen haben, sondern 
auch zum Oftem Briefe und Schriften communicieren.* 

* ,Der sächsische lünister Baron Sacken hat mir eröffnet,* berichtet Lobko« 
witz am 3. Februar 1768, ,dass bei dem nun bevorstehenden Reichstage 
in Polen die Republik in Ansehung des vom hiesigen Hofe eingelegten 
Fürworts nicht nur alle Anforderungen an das kursächs. Haus fahren 
lässt, sondern auch den kursächs. Prinzen jedem zu 14 m. Ducaten be- 
willigen wolle. Sacken fügte hinzu, dass diese begnttgliche Beschaffenheit 
der Sachen hauptsächlich seinen Bemühungen zuzuschreiben sei* (k. k. 
Staatsarchiv Wien). 

^ An Essen vom 27. Jänner 1768, fol. 84 des oben citirten Vol. V* im 

loc. 3562. 
' Essens Berichte vom 3. und 17. Februar 1768, fol. 114—116 u. fol. 136, 

und Weisung an Essen vom 13. Februar, fol. 117, loc. 3562, Vol. V*. 
ArebiT. ICH. Band. n. HUfte. 25 



OOrt 

Und Friedrich wiederum war bemüht^ den Russen Miss- 
trauen gegen sächsische Intriguen in Polen (gegen Russland) 
einzuflössen. Doch bietet vor der Barer Conföderation weder 
die (Korrespondenz des Kurfürsten mit Männern wie Fürst Karl 
Radziwil, Graf Gabriel Potocki, den Grafen Mniszek, v. Hülsen, 
Ossolinski; Starosten von Sendomir^ Krasinski^ dem Castellan 
von LenczyC; Thadd. Lipski, Branicki u. a.^ irgend einen An- 
haltspunkt für die Vorwürfe von Machinationen der Sachsen, 
noch lassen vereinzelte Kundgebungen des Administrators von 
Sachsen ftlr einzelne, Sachsen ergebene Männer, wie die Ghrafen 
Poninski, Woydwozyi' solche Deductionen zu. Ja als der in 
sächsischen Diensten stehende Fürst Lubomirski in einer Bitt- 
schrift (vom 30. December 1767) um Sachsens Interposition 
beim russischen Hofe fbr den legitimen Erben ,de TOrdinaf 
gebeten hatte, welches von den Czartoryskis ungerechtfertigt 
im Besitze gehalten wurde und als diese ihrerseits mit 
Anträgen und Insinuationen beim Dresdner Hofe drängten, 
bot Essen seine Hand nicht, und der sächsische Hof billigte 
sein Misstrauen beiden Parteien gegenüber vollkommen.' ,Le8 
Ministres de Prusse et de Danemarc k la cour de Rossie 
se sont donn^s beaucoup de peines pour faire changer le 
Comte Ossolinski de sentiments k notre ögard. Quoiqu'il ne 
paroisse[nt] pas, que leurs persuasions ayent produit üne 
grande impression sur son esprit, vous ferez cependant toujours 
bien sans faire semblant de rien, de le suivre de pr^. S'il a 
conservö son ancien attachement pour notre cour, il ne vous 
fera pas mist&re des insinuations des dits Ministres/ heisst es 
in der Weisung vom 16. März 1768 an Essen.* 

In dem Masse, als sich die Anträge polnischer Magnaten 
beim Dresdner Hofe mehren, als die wertvollen Geschenke an 
solche Adelige den Schluss gestatten, dass Sachsen ihnen in 
dieser kritischen Zeit nach der Barer Confbderation geneigtes 
Ohr geliehen habe, als der festliche Empfang des Bischöfe von 
Kaminiec in Dresden auch an katholischen Höfen Erstaunen 
hervoiTief, da siegten auch am Petersburger Hofe die preussischen 



^ Dresdner ArchiTi loc. S683. 

• An Essen vom 8. Februar 1768, loc. 3662, Vol. V*, fol. 96. 

* An Essen vom 2. März 1768, fol. 152ff. 
« Ebend. fol. 19öff. 



386 

Einflttsterangen und es gelang der Fürsprache Repnins nur mit 
Mühe, Russlands Argwohn gegen Sachsen wenigstens einiger- 
massen zu dämpfen.^ 

Und Russlands Stellung und Verhalten zu Sachsen war 
aber nur ein Ausfluss seiner grossen nordischen Politik, mit der 
im ganzen Friedrich durchaus nicht sympathisierte. Schon der 
anglo-russische BVeundschafts- und Handekvertrag vom 1. Juli 
1766, noch mehr aber Panins Versuche, den scheidenden 
englischen Vertreter (Macartney) zum Abschlüsse eines Allianz- 
Vertrages zu bewegen,' irritierten den Preussenkönig. 

Friedrich hielt die habsburg-bourbonische Familienver- 
bindung durchaus nicht f)lr ,formidable' und sein Zusammen- 
gehen mit Russland fUr genug imponierend, um dieser Union 
Schach zu bieten. Weg mit dem Nordbund, fort mit den 
,mi8erablen^ Engländern, deren König, der schwächste Mann 
der Welt^ seine Minister wie seine Hemden wechselt. Auch 
ftirchtet das gebrannte Kind das Feuer. ,Quiconque s'est vu 
tromp^ une fois, se m^fie d'entrer l^^irement en quelque chose 
an risque, d'en dtre la dupe encore une fois.' Fort auch 
mit Sachsen, das mit Oesterreich-Frankreich alliiert sei. Die 
deutschen Reichsfürsten seien machtlos (point d'argent, point 
d'AUemand), Frankreich und Oesterreich tief verschuldet. Ein 
Lieblingswort ,Gueux' gebraucht er von ihnen (bekanntlich soll 
er auch sich mit Bezug auf seine bauemfreundUche Regierung 
,roi des gueux' genannt haben). Und endlich sei der Plan des 
Nordbundes viel zu compliciert* 

^ Repnin selbst Uess anf directem Wege an Bissen die Aufforderang er- 
gehen, er solle eine ähnliche Erklärung, wie Repnin sie im Namen 
Rnsslands am 8. Mai 1768 gegen die Conföderierten abg^egeben hatte, 
auch namens des sächsischen Hofes abgeben, am den Conföderierten 
jede Aussicht auf Unterstützung von Sachsen zu rauben. Aus dem 
ganzen Verhalten Sachsens, das seine Brücken zu Polen zu festigen 
bemfiht war, gieng ganz klar hervor, dass es thatsächlich zu Gunsten 
der Conföderierten eingegriffen hätte, wenn deren Aussichten bald nicht 
so klägliche gewesen wären. 

* Lobkowits* Bericht vom 26. September 1766, im k. k. Staatsarchive Wien. 

' Diese Ansichten hat er in den Unterredungen vom 19. und 24. Mai 1766 
mit Saldem entwickelt P. C. XXV, S. 850—864. Auch in dem 
Schreiben Friedrichs an Katharina vom 24. Mai 1766 (antwortlich des 
Brie£ichreibens für Saldem vom 12. April) prägte sich seine ablehnende 
Haltung gegen die Nordallianz aus (Sbomik XX, S. 230—233). Vgl. 
dazu auch an Solms vom 19. October 1766 ebend. Nr. 16229 und besonders 

26» 



386 

Dazu kamen einige Zwischenfalle an der preossisch- 
russischen Grenze: russische Werber zwangen beispielsweise 
preussische Unterthanen mit Gewalt^ ausser Land zu ziehen, 
und Uessen sich zu ^groben und unerträglichen Ausschreitungen' 
hinreissen.* Handelspolitische Differenzen, Friedrichs neue Zoll- 
und Posttarife (s. w. u.), Russlands Wühlen in Asien^ die Unter- 
stützung, die es den gegen die Pforte aufgestandenen Georgiern 
mit Munition etc. angedeihen Hess,* all' das vertiefte den Zwie- 
spalt. Die hochmüthige Art, mit der oft Solms in Petersburg 
behandelt wurde,' hat jedenfalls auch das Ihrige beigetragen. 

Ganz besonders aber über die Fragen der Dissidenten- 
gleichstellung und Polens Verfassungsreform war zwischra 
Berlin und Petersburg eine solche Missstimmung eingetreten, 
dass eine Coalition zwischen Oesterreich, Preussen, yielleicht 
auch England und dem Polenkönige, der damals, wie die 
Czartoi*yski, stark zu Oesterreich hinneigte, gegen Russland 
mögUch schien, um es noch aus Polen zu werfen. Namenthch 
im Sommer und Herbst 1766 traten die Differenzen hervor. 
Friedrich war es zufrieden, wenn von dem damals erG£fneten 
ersten ordentlichen Reichstage die freie ReUgionsausübung und 
bürgerliche Gleichberechtigung der Dissidenten durchgesetzt 
wurde, ohne den Zutritt zu allen Staatsämtem und zu den 
Vertretungskörpem ftlr die Dissidenten zu wünschen. Gerade 
das aber bezweckte Katharina. Sie wollte eine ihr ergebene 
russische Partei im Reichstage. Daflir wäre sie nicht abgeneigt 
gewesen, durch den Wegfall des freien Vetorechtes oder wenig- 
stens des liberum rumpo bei den Wahlen ins Tribunal oder 
zum Reichstage, sowie durch die Feststellung des Mehrheits- 



Mitchells Bericht vom 4. September 1766 bei Raamer, IV, 90. Salderns 
Bericht über die Unterredungen mit dem KOnige sind bei 
Solowjoff (rassische Geschichte), Bd. XXVII, S. 191— 199, ge- 
druckt und seither schon oft verwertet worden. 

» Vgl. vom 18. Juni 1766 P. C. XXV, Nr. 16078. Vgl. Panin an Simolin 
am 7. Juni 1766 (Sbomik LVU, Nr. 1365, 8. 546). SimoIln wird hier 
aufgefordert, seinen Eifer in der Anwerbung lu sfigeln. 

» An Solms am 27. März 1766, P. C. XXV. 

* Von den englischen Geschäftsträgern nicht zu reden, wenn wir auch den 
Bericht des englischen Gesandten vom 5. August 1766 bei Raumer, IV, 
S. 46— -47, als Ausfluss erregter Stimmung und momentaner Aufwallung 
auffassen. 



387 

Totoms fbr die Vermehrung der Steuern und des Heeres ge- 
ordnetere Zustände herbeizuführen, während sich Friedrich 
sträubte, auch nur die geringste Aenderung im Systeme der 
Verfassung zuzugestehen. Dass er Katharinas Plan durch- 
schaute, beweisen seine Worte, dass sie in Polen dadurch 
despotisch einzuschreiten beginne, qu'en soutenant les Dissidents, 
ses Yues vont h se former un parti indäpendant en 
Pologne, qui appuie et qui soutienne toutes les propositions, 
qu'elle youdra y faire.* 

Immerhin war der Preussenkönig, der damals auch 
Katharinas Wunsch ablehnte, eine gemeinsame Erklärung der 
beiderseitigen Vertreter an die schwedische Regierung anlässlich 
der schwedischen Baueinunruhen abzugeben,' in der pohlischen 
Frage so weit gegangen, dass er im September heimlich die 
gegen Russland arbeitenden ,Patrioten' in der Dissidentenfrage 
ontersttttzte.' Ob er der russischen Aufforderung, Ende 1766 
seine Truppen in Polen einmarschieren zu lassen, aus Furcht 
vor den damaligen Rüstungen Oesterreichs,^ oder aus Abneigung 
gegen Russlands Gewaltschritte und Aufreizungen auf der Balkan- 



^ Als Antwort anf Sohns Bericht Tom 6. August 1766. Vons yojez la 
n^essit^ d'agir avec circonspection, avec ces gens on nons sonbirons 
leur joug, sans savoir comment nous nons Tavons lalss^ imposer. Eanm 
iwei Wochen später heisst es an Solms yom 6. September 1766, 
P.C. XXV, Nr. 16210, S. 211: Ich bin fest entschlossen, alle meine 
Verpflichtungen aufs peinlichste zu erfüllen. Wenn jedoch der russische 
Hof reste intentionn^e de faire faire des döclarations k T^ard des dissi- 
dents de la Pologne, aceompagn^es des menaces, je ne saurais j con- 
courir antrement, qu'en faisant faire des reprSsentations aus Polonais, 
en termes doux et amiables. ,Am meisten frappiert der despotische Ton, 
welchen sie allen Nachbarmftcbten gegenüber anschlägt,* schreibt er an 
Finckenatein am 25. August 1766. ,Pour moi, je suis k la y^rit^ dans 
Tintention de m^nager son amiti4 autant, que cela sera possible, mais 
je ne suis pas intentionn^ du tont de forger des fers ayec lesquels je me 
yerrais enehatn^ moi-mdme.' (P. C. XXV, Nr. 16196.) 

• An Solms yom 16. Juni 1766, P. C. XXV, Nr. 16086. 

'An Solms yom 24. Juli 1766, ebenda S. 173 und yom 4. August, S. 186; 
ygl. an Benoit yom 11. September 1766, ebend. Nr. 16216, S. 214 als 
Antwort anf Benoits Bericht yom 3. September; s. Forschungen IX, S. 44: 
Dans le fond de Taffaire il serait bien bon et conyenable, que yous 
^usiez trayailler des gens contre sa röussite, si cela pourra se faire de 
yotre part par main tieroe ou quatriime. 

^ Edelheims Berieht yom 25. October 1766. 



388 

halbinsel und in Qeorgien^ und wegen seines eigenmächtig 
despotischen Vorgehens in Polen nicht entsprach^ ist ohne Be- 
lang; aber bezeichnend ist die Begrilndong seiner Ablehnung 
von Panins Anerbieten, er mttsste sich ftlr die Kosten der 
Mobilisierung des Truppenmarsches in Polen entschädigen und 
könnte dies nur durch eine Plünderung bewerkstelligen, was 
wohl einem Kosakenhäuptling gezieme, nicht aber ihm.' 

Ein Hauptgrund von Friedrichs Abneigung, ja Erbitterung 
gegen den Alliierten aber lag weiter in handelspolitischen Differen- 
zen. Zwar hatte er noch im Jahre 1765 seine Meinung dahin aas- 
gesprochen, dass handelspolitische Differenzen die guten Be- 
ziehungen zwischen Staaten niemals zerstören können, und dabei 
auf Sachsen und Oesterreich hingewiesen.' Aber man kann nicht 
yerkennen, dass die Dinge jetzt anders lagen als im Jahre 1765, 
und dass sich in dieser Beziehung keine Norm fixieren lasse. 
Hatte der König den Repressivzoll, welchen er als Revanche 
gegen den neuen polnischen Zolltarif in Marienwerder im 
Jahre 1765 eingeführt hatte,^ auf Einsprache Russlands auf- 
gelassen (purement par un motif de complaisance pour la coor 
de Russie, heisst es in dem Schreiben an Solms vom 12. Februar 
1767)^ und seinen Residenten Rexin ebenfalls auf Russlands 
Drängen aus Constantinopel abberufen,^ so verlangte die russische 



Vgl. P. C. XXV, Nr. 16058. Wachtendonc schreibt an Haalang tm 
12. Juni 1766: on n^apprent rien de particaUer des tronbles en Georgie 
et du Prince HeraclioB dnqael pass^ 3 semaines on faisoit retentir las 
exploits miUtaires. (Geheimes bairisches StaatsarchiT München.) 
' An Solms vom 8. November 1766. P. C. XXV, Nr. 16326, 8. 286. 
P. C. XXIV, 8. 424. 

Vgl. Forschungen IX, 8. 35 (Correspondenz mit Benoit in der Zollsache): 
Le baron de Saldem a fini k Varsovie Taffaire de la douane de Marien- 
werder, berichtet Sacken, der sächsische Vertreter in Petersburg, an seinen 
Hof vom 2. Mai 1766 (Dresdner Archiv, loc. 8038), und Essen theiltdem 
Grafen Sacken am 12. Mai 1766 mit, dass der Ftlrst Adam Csartoryski 
unter dem Vorwande, der ,Revue* beizuwohnen, nach Berlin reist, in 
Wahilieit aber um ,de porter au Roi de Prusse des assurances positives 
sur la Cassation de la douane gön^rale*. Dresdner Archiv, loc. 3020. 
Sbomik XXXVH, Nr. 806, S. 81. 

Vgl. Rexins Antwort auf die sieben Punkte der russischen Beschuldigong. 
P. C. XXV, S. 247. VgL P. C. X. Vgl. auch die Correspondenz Katha- 
rinas mit Friedrich: Sbomik XXXVU, 8. 218—288. Sie ist unterbrochen 
bis zum 12. Mai 1767. Ebenso Katharinas Urtheile über Friedrichs 



389 

Regierung jetzt (Solms Bericht vom 29. Juli 1766) umsonst 
die Aufhebung des neuen erhöhten Post- und Portotarifes 
und drang vergeblich auf Beseitigung der von Friedrich ge- 
planten Zollerhöhung im Handel mit russischen Waren in 
Preussen für das Bankhaus Schweigger, weil damit Art. XII 
des Allianzvertrages verletzt sei.^ Scharfe Noten wurden hier- 
über gewechselt, da Friedrich dieses Ansinnen mit Recht als 
Eingriff in seine inneren Landesangelegenheiten auffasste^ und 
zurückwies. Seine Aufwallung aber wurde noch gesteigert 
bei dena Gedanken, dass Katharina ebenso wie in Schweden 
und Polen, gleichzeitig auch in seinen Staaten sich anmasse, 
die Herrin zu spielen: ,La Russie s'ingörerait dans mes moin- 
dres affaires, eile voudrait döcider de tout et me traiter comme 
les Turcs traitent le despote de Valachie, wenn ich in der 

geistreiche Correspondenz in ihren Briefen an die Bfadame y. (}eoffrin 
bei S^gur: Le royanme de Saint-Honor^, S. 444 ff. 

^ Die Note der russischen Regierung (Peterhof, 24. Juli/ 4. Angust 1766) 
im Shomik LXVH, Nr. 1369, S. 32, P. C. XXV, Nr. 15989 und 16990. 
Man vergleiche über das Meritorische des Zwistes Solms Bericht vom 
16. Angust 1766 und Friedrichs Antwort Tom 8. September 1766 (P. C. 
XXV, Nr. 16205). Lobkowitz meldet am 25. September 1766, dass das 
mit dem Courier Mohrenheim geziemend eingesandte preussische Com- 
merceproject vom russischen Hofe g&nzlich verworfen und dem Grafen 
Y. Solms hierüber eine in nachdrücklichen Ausdrückungen verfasste Note 
zugestellt worden sei, die ich auf eine sichere Art zu Euer Liebden hohen 
Einsieht zu befördern mir vorbehalte. Der Inhalt dieser Note gibt die 
Denkensart dieses Hofes sattsam zu erkennen, als welcher auch in den 
mit seinen Bundesgenossen vorhabenden Handlungen von seinen einmal 
gefassten Grundsätzen keineswegs abzuweichen geneigt ist ,Trotzdem 
aber,' meint Lobkowitz in seinem Berichte vom 6. December 1766, ,dürfte 
dieses Project noch hiesigerseits gleichwohl noch beangenehmet werden.* 
(K. k. Staatsarchiv Wien, Relationen.) 

' ,Je ne d6sire, ni ne souhaite rieu autant, si non, que la cour de Bussie 
voudrait ne pas plus songer k se mdler des affaires, qui me sont propres 
et priv^.* Dieses Vorgehen würde nur Anlass zu ,m^ontentement* 
geben und ,der Freundschaft und dem guten Einvernehmen schaden, 
welches bis jetzt so glücklich zwischen uns geherrscht hatS schrieb 
Friedrich an Solms vom 31. August 1766, P. C. XXV, S. 203, Anm. 1. 
,Ces gens veulent impiöter un pas aprös Tautre; il est temps de les 
arrdter tout court, ou nous devenons leurs esclaves,* heisst es an Fincken- 
stein vom 28. Angust 1766, P. C. XXV, S. 204, und ähnlich an Solms 
wenige Tage nachher (am 3. September 1766, ebenda S. 207), dass es 
ihm fast seheine, als ob ihn das russische Ministerium seit kurzer Zeit 
,ohicaniere* und Lust habe, das gute Einvernehmen zu brechen. ^ 



390 

ZoUangelegenheit nachgäbe,' schreibt Friedrich an Sohns vom 
25. September 1766. Ein andermal am 13. October 1766: ,Vobs 
devez savoir, qne les dits ministres de Russie n'aient nul droit 
d'ßtre censeurs de mes actions.'* Nur die Furcht Friedrichs, 
dass der Wiener Hof, welcher die Spannung bemerkt hatte, 
sich Russland nähern könnte,' weiter eine gewisse Nachgiebig- 
keit in den russischen Forderungen im September 1766, 
vielleicht auch die neu auftauchenden Schwierigkeiten mit der 
Pforte,' haben Friedrich bewogen, gegen Ende des Jahres 
freundschaftUcher aufzutreten. Gerade Solms musste in jenem 
eigenhändigen Schreiben Friedrichs vom 30. October 1766,* 
das uns wie kein zweites die Spannung zwischen den beiden 
Alliierten aufhellt, seinen ganzen Groll erfahren. Hier entrollt 
er grimmig die Widersprüche der russischen Elaiserin, die in 
seine Rechte eingreifen wolle und sich in seine inneren An- 
ordnungen einmenge. Während sie doch erklärt habe, dass es 
ihr nicht gleichgiltig sein kOnne, wenn Friedrich sich in die 
polnischen Angelegenheiten einmische, fordere sie jetzt, dass er 
Truppen einmarschieren lasse. Habe sie die Ueberreichung 
ihrer gemeinsamen Declaration am Warschauer Reichstage be- 
trieben, so nehme sie doch die Verantwortlichkeit alles Uebrigen 
auf sich. ,Qu'elle s'en charge donc et qu'on me laisse en 
repos!^ ruft er zornig aus. ,Wenn ich Truppen einmarschieren 
Hesse, würden die Polen schreien und in Petersburg würde man 
gleich finden, ,que j'en ai trop fait. Ces tracasseries me devien- 
dront k la fin insupportables.^^ 

^ yL'inBolence,' heisst es am 26. September 1766 an denselben, ,ayec laqaelle 
ces gens (die Bossen) me venlent pr^crire des lois dans mon gonverne- 
ment, et je tous d^lare fermement, qne teile est ma Tolontö constante 
et irr^vocable, qne je ne souffrirai Jamals, qne ees gens fsssent ce premier 
cas, dat-il en arrirer tont oe qn^il plaira k Dien. Primo yous vojei 
oomme ils traitent la Suide et la Pologne et moi, n6 souyerain, et 
Tajant M jnsqnHci, je ploierai sons le joug d*nne pnissanee avec li- 
quelle j'ai fait allianoe, mais k laqnelle je n'ai pas rendn hommage? 
Non jamais cela n^arrivera, tant qne j*anrai les jenz onyerts, je soa- 
tiendrai mon ind^pendance.* 

« Vgl. P. C. XXV, Nr. 16269, S. 262. 

* Finckensteins Bericht vom 14. October 1766, P. C. XXV, Nr. 162S0. 

* P. C. XXV, Nr. 16318, S. 281 ff. 

'^ Dieses Mnsserst wichtige Schreiben wird im Sbomik XXXVII, Nr. 344, 
S. 104, fehlerhafterweise mit dem Datnm von 1767 mitten unter der 
67 er Correspondens abgedmckt, wiewohl doch schon der Ton, der Ton 



391 

Schliesslich liess er doch ^ die obgenannte russische Decla- 
ration vom 24. August/ 4. September 1766* unterstützen^ welche, 
wie bekannt, auf die Befreiung der griechischen und lutherischen 
Dissidenten von der katholischen Clerisei abzielte, trotzdem er, 
wie er am selben Tage an Solms schrieb, weder mit dem einer 
freien und unabhängigen Nation gegenüber angeschlagenen 
Tone derselben, noch mit gewissen Artikeln (wie z. B., dass 
die Protestanten auch Kirchen an Orten bauen dürften, wo sie 
solche niemals gehabt hatten) übereinstimmte. Und als Friedrich 
in der Dissidentenfrage nachgegeben hatte, da ti*at auch Katha- 
rina in der Frage der Verfassungsreform einen Schritt zurück, 
und am 11. November 1766 gaben Benoit und Repnin die be- 
zügliche Erklärung gemeinsam ab.' Aber die von Russland 
geforderte Aufhebung der Porto- und Posttarife gewährte er 
nicht. Jene Wandlung in Friedrichs Verhalten zu Russland 
hängt mit den Rüstungen des Wiener Hofes zusammen. Sie 
erst haben ihn wieder in Katharinas Arme getrieben, zumal 
sich eben Russland damals stark um Oesterreichs Freundschaft 
bemühte. 

Der erste ZnsammeiikniiftsTersnch nnd das Zeitbild. 

In der Krisis des preussisch-russischen Bündnisses näherten 
sich Russland und Preussen an Oesterreich, welches bemüht 
war, eine vermittelnde Haltung auch gegenüber dem Norden 
zu bewahren, so zwar, dass sich selbst Schweden an den Wiener 



dem freundschaftlichen des vorangehenden Schreibens auffällig abstOsst, 
weiter die Beschwerden über die Einmengung Katharinas in Prenssens 
innerstaatliche Angelegenheiten u. a. m. den Bearbeiter hätten aufmerksam 
machen müssen, ganz abgesehen von den sonstigen historischen Daten, 
die nur auf das Jahr 1766 passen. 

* Weisung an Benoit vom 13. September 1766, Nr. 16223. 

• Sbomlk LXVU, Nr. 1892, S. 84. 

' Gedruckt bei Jonbert : Geschichte der Staatsveränderungen Polens, Bd. I., 
Anhang Nr. 13, S. 272. Noch auf eine Bemerkung Friedrichs aus seinem 
Schreiben an Voltaire vom 16. Jänner 1767 (Oeuvres posth. XX) sei hin- 
gewiesen. »Vielleicht macht man im Süden Glossen über die für die 
Dissidenten geforderte Gewissensfreiheit. Ich habe mich in die Comparsa 
versteckt und bei diesem Aufzuge keine Hauptrolle spielen wollen. Die 
Könige von England und die nordischen Herrscher haben denselben 
BeechlnsB gefasst.* 



392 

Hof wandte.' Panin gab dem österreichischen Gesandten zu 
erkennen, dass es Katharina mit besonderer Freude nnd 
Dankbarkeit begrüsst habe, in welch freundschaftlicher Weise 
der Wiener Hof dem russischen Gesandten auf sein Er- 
suchen ^wegen der aus den kaiserl. königl. Landen nach 
Russland etwa ziehen mügenden Colonisten^ geantwortet habe. 
Dass der Wiener Hof von dem Gegensatze zwischen Berlin 
und Petersburg unterrichtet war, ist sicher anzunehmen^ inwie- 
weit aber, das wird und muss das ausschlaggebende Kriterium 
fUr eine richtige Beurtheilung der Politik Kaunitzens in der 
wichtigen Frage abgeben, welche aus der Annäherung Preussens 
an Oesterreich für dieses erwachsen war. ,Die denkens Art 
der russ. Kaiserin für den König von Preussen scheinet 
nicht mit dem nämlichen Eifer, wie vorhin auch der- 
mahlen noch Bestand zu haben,' berichtet Lobkowitz 
am 7. September 1766. ,Diese Monarchin ist über 
mehrere haubtsächlich aber über einige die pohlni- 
sehen Geschäfte betreffende Fürgänge mit benantem 
Könige sehr unzufrieden und weiss ich verlässig, dass 
sie in verschiedenen Gelegenheiten Ihrer disfelsigen 
Empfindlichkeit in ziemlich heftigen Ausdruckungen 
geäussert habe. Die gegen unseren allerhöchsten Hof 
von ihr anfänglich bezeigte Entfernung und Kalt- 
sinnigkeit scheinet nach und nach sich einigermassen 
zu vermindern.'* 

Weit mehr als diese Zeichen überraschten den Wiener 
Hof Friedrichs Annäherungsversuche angenehm. Gespannt 
lauschte er auf Nugents Berichte, und er gab auch dem 
preussischen Vertreter rückhaltslos seine Geneigtheit zu er- 
kennen, die Aera des gegenseitigen Misstrauens mit einem 
freundschaftlichen Nebeneinander zu vertauschen. Doch wurde 
Nugent angewiesen, sorgf^tig alles zu vermeiden, was Oester- 
reichs dermaligem Alliierten zu einem gegründeten Vorwurfe 
Anlass geben dürfte, als ob der Wiener Hof nicht ,bundes- 
mässig' zu Werke gehe.^ Diese Note war durch Hords Be- 



^ Um weitere Sabsidien^lder von Frankreich za erhidten. (Das NShere 

im n. Theil.) 
* Im k. k. Staatsarchive Wien (Relationen, Bassland). 
' An Nugent vom 8. März 1766. Weisungen im Wiener StaatsarchiT. 



393 

merkung veranlasst^ dass Mr. Mitschell von London in kurzem 
eintreffen und über diesen Gegenstand unfehlbar mit Nugent 
sprechen werde. Nun waren gerade damals die geheimen 
Unterhandlungen mit dem Erbprinzen von Braunschiw^eig ange- 
sponnen und Kaunitz argwöhnte bald^ dass der erste ^Anwurf^ 
ftLr Hords Anträge von England geschehen sei^ dessen Mini- 
sterium sich noch mit der Hoffnung schmeichle, den Wiener 
Hof vom Pariser zu trennen und jenem ein neues Perspectiv 
von Vortheilen vor Augen zu führen. Nachdem Friedrich un- 
möglich die trtlgerische Hoffnung nähren könne, dass man auf 
die ,General- und Privatäusserungen^ Hords hin leichterdings 
,bei Ergreifung eines Staatssystems wankelmüthigen Ent- 
schliessnngen^ Raum geben und in eine solche Allianz ein- 
willigen würde, ,welche uns der englischen und preussischen 
Willkür unterwerfen und in die äusserste Verlegenheit setzen 
könnte^ so ist viel Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass der 
ganze Antrag ein uns gelegter Fallstrick und künstUches Werk 
sei, um sich selbst verdienstUch, unseren Hof aber bei England 
und Frankreich verdächtig und gehässig zu machend Habe 
doch Friedrich erst unlängst wieder die gehässigsten Insinua- 
tionen an die Pforte gelangen lassen, um sie gegen den Wiener 
Hof in Harnisch zu bringen, ein Betragen, welches kaum in 
Eriegszeiten zu rechtfertigen sei.^ 

Die Bedenken gegen eine Frontveränderung steigerten 
sich noch, ab man in Wien von der Ankunft des Barons 
V. Saldem erfuhr, eines der Hauptverfechter des Nordbund- 
planes, dessen Reise bereits am 10. März von Petersburg aus* 
über Warschau und Kopenhagen gegangen war. Dass Mitschell 
täglich erwartet wurde, wusste man. Was lag näher als die 
Vermuthung, dass hier in Berlin nicht nur die russisch-engli- 
schen Unterhandlungen zum Abschlüsse des Handelsvertrages 
f&hren sollten (er wurde auch am 1. Juli auf 20 Jahre ge- 
schlossen), sondern auch Friedrich mit England in die nor- 
dische Allianz aufgenommen werde, umsomehr, als auch Lobko- 
witz damals von dem besonders vertrauten Verkehre des 
Grafen v. Sohns mit dem Chev. Macartney berichtet' und der 
König in Salzthal mit dem Erbstatthalter von Holland zusammen- 

^ An denselben vom 22. April 1766, ebenda. 

* Lobkowitz* Bericht ans Petersburg yom 18. Mftrs 1766. 

> Vom 4. und 22. Februar 1766. 



394 

treffen sollte, von dem man wusste, dass er mit jenem Plane 
sympathisierte. 

Wohl kommt der König gerade dem österreichischen 
Gesandten damals mit der ausgesuchtesten Auimerksamkeit 
entgegen. Er unterhält sich nicht nur während der ganzen 
Truppenrevue vom 22. Mai allein mit diesem, lässt sich auch von 
diesem vom Manöverfeld durch die ganze Stadt ,unter stetem 
Gespräch bis zu dem Palaste begleiten — eine Ehre, die bis 
jetzt nun zu noch keinem fremden Gesandten widerfahren 
war'. Wohl mehren sich die vertraulichen Unterredungen Hords 
und des zweiten Vertrauten des Königs, des Generals v. Krokow 
mit Nugent, und schwirren andererseits immer mehr Gerüchte 
von scharfen Auseinandersetzungen des Königs mit Saldem, 
der, wie am Hofe sehr übel vermerkt wurde, nicht einmal zur 
Truppenrevue erschienen war, an das Ohr des österreichischen 
Geschäftsträgers. Saldern selbst soll ihm in einer Unterredung 
beim Fürsten Dolgorucki am 24. Mai vom Könige ohne Um- 
schritte gesagt haben: ,praesentia diminuit famam^ Dieser 
Herr möchte sich unserer, der russischen Allianz gleich eines 
Schildes bedienen, um hinter solchem ohne eigene Gefahren 
seinen Nachbarn derbe Streiche zu versetzen. Russland sehe 
es höchst ungern, dass sich Friedrich in die polnischen Ange- 
legenheiten einmischen wolle, und dass zwischen Preussen und 
Sachsen so übertriebene Zollerhöhung den Handel lahmlege. 
Und Krokow wiederum theilte dem Grafen Nugent über diesen 
russischen Minister mit, dass ihm Friedrich arg mitgespielt hat 
,Saldem habe auf hohen Stelzen gehen und aus einem grossen 
Home blasen wollen.^ 

Trotzdem aber der Wiener Hof so unmittelbar von dem 
russisch-preussischen Zwiste vielleicht nicht unabsichtlich untei^ 
richtet wurde, liess sich der Eindruck am Wiener Hofe nicht 
verwischen, dass Friedrich eine Entrevue mit Josef IL nur 
zu dem Zwecke wünschte, um sie für seine russische Politik 
zu verwerten. Gerade sein Wühlen gegen Frankreich, dessen 
militärische und finanzielle Lage er dem Grafen Nugent mit 
den allergrellsten Farben schilderte und dessen Wert als Bundes- 
macht er ebenso herabsetzte,^ wie er es mit Sachsen bei Buss- 
land am Petersburger Hofe that, hat in dem Staatskanzler die 



^ Nugent vom 24. Mai 1766. 



395 

Meinung gefestigt, dass es Friedrich mit seiner Entrevue auf 
die Durchbrechung dieses Bundesverhältnisses abgesehen habe. 
Und in dieser Ansicht wurde Eaunitz nur bestärkt, als Nugent 
am 14. und 20. Juni von den Ueberredungsversuchen Mitschells 
berichtete, Oesterreich von der französischen Allianz abzuziehen 
und zum Abschlüsse eines englischen Bündnisses zu bewegen. 
Anderseits verktLndigte aber die bevorstehende Ablösung des 
Freiherrn v. Rohd vom Wiener Gesandtschaftsposten und dessen 
Ersetzung durch den Freiherm v. Edelsheim, einen Vertrauten 
und Liebling des Königs,^ einen Wechsel des Systems. Also 
ein Anzeichen, dass mit diesem neuen Manne der Träger einer 
neuen, vielleicht freundschaftlichen Mission an der Donau ein- 
ziehen sollte, und dass es dem Könige mit der Zusammenkunft 
vielleicht ernst war. 

Und doch kam die ursprünglich zur Zeit der Sommer- 
manöver,* später flir den 26.-28. Juni 1766 geplante Zu- 
sammenkunft Friedrichs mit Josef in Torgau (oder in dem 
Schlosse Lichtenberg bei Pretin) nicht zustande.' Aber 
man war nahe darangewesen. Als Josef auf der Rückfahrt von 
Dresden — trotz des strengsten Licognito, das er in seinem 
dreitägigen Aufenthalte als Graf v. Burgau bewahrte, hatten die 
Sachsen den Kaiser mit Jubel und Begeisterung empfangen^ — 

^ Am 10. Joni schreibt Nugent über diesen: Er habe dem KOnige alles, 
was sich täglich in Berlin ereignete, stets zugetragen und sei auch Ton 
Friedrich Tor iwei Jahren heimlich nach Paris entsendet worden. Musste 
sich jedoch Ton dannen bei Nacht und zu Fuss flüchten. 

' Die preussischen Truppenübungen fanden vom 13. August bis 7. Sep- 
tember in Schlesien statt. Vgl. Roedenbecks Tagebuch oder Geschichts- 
kalender, S. 277 ff. lieber die Sache s. Nugents Berichte bis zu dem 
vom 9. Juni 1766. A. Beer, Archiv 47, 892. 

» VgL P. C. XXV, S. 126—128, dazu Arneth, VIII, 110—114 und Anm. 161 ff. 
Beer, im Archiv für Osterr. Geschichte 47, S. 390—895 und 433—438 
und Beimann, Geschichte Ton Preussen II, 171 — 177. 

^ lieber die seit Mftrz d. J. bereits vorbereitete Reise vgl. die Acta im 
Dresdner Archiv, loc. 3062, wo die Stationen der Boute, das Personal 
und die Verhandlungen mit dem sächsischen Hofe, die darauf hinaus- 
liefen, dass jeder irgendwie officielle Empfang etc. in Dresden unter- 
bleiben müsse u. a. m. angeführt sind (zu vergleichen wftre damit 
Arneth, VII, 219). Trotzdem hatte sich die Nachricht rasch verbreitet 
und jenes Gedicht vom 25. Juni 1766 zu £hren der Anwesenheit des 
Kaisers (vgl. Dresdner Archiv, loc. 80662, dann abgedruckt in den 
Dresdner Merkwürdigkeiten von 1766, S. 50 und im Dresdner Anzeiger 
von 1892, Nr. 150. Dazu Acten des Hofmarschallamtes, P. 30 und 



396 

am 27. Juni in Torgau eintraf, um das Schlachtfeld zu be- 
sichtigen, da war Friedrich II. im tiefsten Geheimnisse mit 
seinem Bruder Heinrich im Kloster Zinna, unweit von Torgau, 
angelangt. ,Sobald der Kaiser allhier angekommen war/ so 
lautet der zuverlässige Bericht des beigegebenen sächsischen 
Generaladjutanten GM. Baron Riedesel aus Torgau vom 27. Juni 
um 2 Uhr nach Mitternacht, ,erschien der kgL preuss. Minister 
Kampke (soll heissen Kameke) in allerhöchst desselben Quartier 
und wurde sogleich zur Audienz eingeflihrt. Nach Verlauf 
einer guten Viertelstunde hatte die Conferenz ein Ende und 
der Kaiser verfügte sich zur Tafel, der Minister nach seinem 
Logis. An Ihrer kaiserliche Majestät aber habe ich diesen 
Abend bei der Tafel weit mehr TranquiUitä als unterwegs 
verspürt.^ ^ Das Dunkel jener Audienz ist bis jetzt noch nicht 



Steatskalender 1766, 8. 45, es ist zugleich ein Pasquill auf den Prinz- 
Administrator Xaver), rühmt die Liehe des Volkes sn Josef nnd wie er 
damals bereits als Vater seiner Unterthanen gepriesen wurde. ,£r lebe 
zn Europens Glück.' ,Xayer Regent der Sachsen höre. Nimm diesen 
Zuruf dir zur Lehre, Ein solcher Nachruhm wird dir nie.* Josefs Suite 
bestand aus dem Grafen Dietrichstein, Oberststallmeister, dem Grafen 
Johann CoUoredo und den Generalen Lacj, Wiedt und Miltitz. Ueber 
den Aufenthalt in Dresden vgl. das Schreiben der Kurfttrstin Marie 
Antonie an Friedrich den Grossen vom 6. Juli in den Oeuvres posth. XXIV, 
Nr. 66, S. 116 und ihr Urtheil über Josef in den Briefen vom 4. August, 
26. September 1766, ebend. Nr. 68 und 70, S. 118—121. 
,Die meprise eines preuss. FeldjXgers, den der preuss. Minister bei sich 
hat und mich vor einen kais. kOn. Officier ansah, machte ich mir Eonutse 
und erfuhr von selbigem, dass der König in Preussen wirklich in Zinne 
sich befanden und es von des kais. Maj. Antwort lediglich abhingen 
dürfte, ob der KOnig anhero kommen oder wieder zurückgehen würde. 
Und wie ich alleweile vemehme, so ist eben gedachtem Feldjlger durch 
einen kaiserlichen Unterofficier, dass Ihro Maj. der Kaiser morgen früh 
um 6^ von hier abgehen wurden, auch die Namen derer in des Kaisers 
Maj. Suite befindlichen Personen und was derselbe sonst noch zu wissen 
verlangt, in die Schreibtafel dictiert worden. Auch erfahre ich den 
Augenblick, dass der preussische Minister vor sich und den bei sich 
habenden Feldjäger morgen 4^ die Postpferde zur Abreise bestellt habe.' 
Dresdner Archiv, loc. 3062. Merkwürdigerweise erwähnt die Pol 
Corr. auch hier wieder kein Wort über den heimlichen Aufenthalt in 
Zinna. Interessant sind die Briefe, die Xaver mit seiner Schwester, der 
Dauphine Marie Josepha, hierüber gewechselt hat, im Dresdner Archiv, 
Nachlässe 8, Nr. 8 K: ,Je ne vous dit point Teffet, que cette visite 
fait sur moi, pour plus d^une raison, vous me connoiss^s, par cons^uent 
est, il ne vous sera difficil d'en juger (Nr. 85, vom 4. Juni 1766). Am 



397 

erbellt worden ^ ganz besonders desbalb^ weil der wicbtige 
Briefwecbsel Josefs mit seiner Matter noeb nicbt gefunden 
worden ist^ Unser Gewährsmann sagt in einem zweiten Be- 
richte^ dass der Auftrag des preussischen Ministers (v. Eameke) 
^nichts weiters als ein blosses Compliment zum Gegenstande 
gehabt habe, wie er von dem Grafen v. Dietrichstein ver-^ 
nommen habe^ 

Aus Josefs Briefen an seine Mutter vom 30. Juni wissen 
wir, dass er auch nicht ein Wort über die Zusammenkunft in 
dieser Audienz fallen Hess, trotzdem Eameke es sehnstlchtig 
erwartete. Aus Josefs Unruhe unterwegs wird man gerade 
seine Unentschlossenheit^ gegen den Willen der Mutter die 
Verantwortung allein zu tragen^ nicht aber, wie er schreibt, 
seine Festigkeit ersehen: ,mais entStä et fermä dans mes propos, 
surtout quand il s'agit d'obliger le seul objet, que je respecte 
et adore, j'ai persistä jusqu'k la fin dans mon syst&me et ai 
manquä Tunique occasion/' Auch dürfte man mit der Annahme 
nicht fehlgehen, dass die Kaiserin sich nicht so sehr gegen eine 
Zusammenkunft als solche, als gegen ein ostentatives Entgegen- 
kommen Josefs aussprach. Nugent war beauftragt, jede positive 
Erklärung zu vermeiden, da der Kaiser weder den König durch 
eine Zurückweisung verletzen, noch vor der Welt den Schein 
auf sich laden wollte, als habe er die Zusammenkunft gewünscht. 
Auf eine Anfrage sollte Nugent den Tag nennen, an dem Josef 



6. Jnli (Nr. 29) schreibt er ihr, dass er mit Josefs Condnite ihm (Xaver) 
gegenüber sehr loMeden war: certaine personne, dont tous me paroiss^ 
gtre cnriense d*dtre inform^ eile a M on ne pent pas pIns sage sans 
faire paroitre le moindre embarras, qn*on remarquoit tr^ bien en loi 
et tout le monde l'a admir^. Wie neugierig die Daaphine dem Besuche 
Josefe zusah, beweist ihr Schreiben an Xaver vom 6. Juli 1766 (Nach- 
lässe 3, Nr. S, G. ebend.): j*attends avec impatience d'apprendre, 
comment se sera pass^e la fameuse visite que tous avez eu, on m*a 
dijk parl^ de certaines choses, qui en ont choqu^ et impatient^ 
d*ici, j*en ai pas la moindre petite nouvelle k tous donner; je ne s^ais, 
si c'eet quUI n^j en a pas ou bien que pen curieuse de mon natu- 
relle, je suis encore moins k port^ d'en apprendre dans ma chöre 
retraitte, qui me devient plus chöre k mesure, que le moment de la 
quitter approche, et il n*est helas que trop prochain. 

* Auf diese Lücke hat Adolf Beer im Archiv für österr. Geschichte 47, 
aufmerksam gemacht. Aufzeichnungen von Kameke sind unbekannt. 

< Ameth, Briefwechsel I, S. 180, Nr. LXXVn. 



39« 

in Torgau eintreffen würde,* und genau diesen Auftrag hatte 
der Qesandte in seinem entscheidenden Schreiben an Fincken- 
stein am 24. Juni 1766 ausgeftOirt.* Mit Unrecht folgerte 
Friedrich aus dieser ,trockenen Antwort*, dass man die Zu- 
sammenkunft ,d^cliner* wolle.® Der Wiener Hof plante eben 
eine ,8urprise', Friedrich eine ,entrevue^ Friedrich überliess 
es daher Oesterreich, respective Josef, einen weiteren directen 
Schritt zu thun, hielt sich aber zur Zusammenkunft bereit 

Bereits am 24. Juni waren die sächsischen Postmeister 
auf der Strecke Zinna, Jüterbogk und Annaberg durch das 
Oberpostamt in Potsdam aufgefordert worden, 32 Zug- und 
7 Reitpferde bereit zu halten, und ausserdem wurden nach 
den Weisungen des königl. Oberjägers Schmiel bis Rosenfeld 
unweit Torgau die ganze Zeit hindurch Relais unterhalten. 
Zwei Tage später — in der Nacht vom 26. auf den 27. Juni 
— ist die Mehrzahl dieser Pferde wieder abbestellt worden, 
nur 12 wurden dem Grafen Kameke zur Verfllgung gehalten, 
der sie auch noch am 27. Juni zur Reise über Jüterbogk und 
Annaberg nach Torgau benutzte.^ Fast gleichzeitig — am 
Abend des 26. Jimi — war der König mit dem Prinzen Heinrich 
von Preussen und Ferdinand von Braunschweig in Zinna an- 
gelangt, begab sich jedoch bereits am Nachmittage des nächsten 
Tages nach Potsdam, wohin auch der königliche Haushalt, der 
schon seit 15 Tagen in Zinna untergebracht war, zurückgeschickt 
wurde. Eameke hatte sogleich nach seiner Ankunft in Torgaa 
zwei Feldjäger zum König nach Zinna gesendet. Dass sich 
Friedrich absichtlich in der Nähe Josefs aufgehalten hat, geht 
wohl auch daraus hervor, dass nicht nur ein preussischer Feld- 
jäger, sondern auch der Fitigeladjutant des Königs, Major 
V. Kleist, eiligst in der Richtung nach Zwoede aus der Stadt 
sprengte, als der Kaiser am Morgen des 28. Juni Torgau verliess. 
Auch Kameke hat sich nicht um 4 Uhr morgens, sondern erst 
nach der Abreise des Kaisers aus Torgau entfernt.* 



' An Nugent yom 16. Jani 1766 antwortlich des Berichtes yom 9. Juni 

bei Arneth, YIU, S. 114 und Reimann, U, 173. 
' Bei Reimann, II, 176. 
' An Finckenstein vom 26. Juni 1766. 
* Wo er um 8 Uhr anlangte. 
^ Nach dem zuyerlJissigen Berichte eines von Torgan nach Kloster Zinna 

abgeschickten Expressen, der mit der Relation Riedesels so fiberein- 



399 

Wohl war es dem Kaiser ursprünglich um die Ver- 
wirklichung der Zusammenkunft zu thun; das beweisen die 
wochenlang vorher bereits erfolgten Aenderungen im Qefolge 
und die sorgfältige Zusammenstellung des Reisepersonals. Aber 
sie sollte sich ungezwungen ^ anscheinend zufällig ergeben. 
Gerade das au£flühge^ vom kaiserlichen Hofe strict gefor- 
derte Vermeiden jedes Aufsehens in Dresden^ das strengste 
peinlich beobachtete Incognito^ ganz besonders Friedrichs heim* 
Hche Reise nach Kloster 2jinna^ bei Nacht und Nebel möchte 
man sagen^ deuten auf den beiderseitigen Entschluss einer Zu- 
sammenkunft hin, die von Europa möglichst unbeachtet bleiben 
sollte. Wenn sie unterblieben ist, so haben eben Josefs Unent- 
schlossenheit und die Furcht seinerseits^ über den Wunsch der 
Mutter herauszugehen^ den Sieg über seine Begierde davon- 
getragen. Die Vorsicht des Wiener HofeS; welchem es ausser 
Friedrich (in den Oeuvres V^ 28 und in den Briefen in der 
P. C.) auch der französische Gesandte aus Wien in seinem 
Berichte vom 25. Juni 1766 (bei Raumer, IV, 40) zuschreiben, 
dass er die Begegnung im letzten AugenbUcke zu vereiteln 
gewusst habe, ist wohl zu begreifen. In Erwägung des jugend- 
lichen Eifers, mit welchem Josef dieselbe betrieb, fllrchtete 
Maria Theresia^ er könnte dem alten geriebenen Preussen- 
könige Blossen enthüllen,^ oder seine Abneigung gegen 
Frankreich verrathen, von welcher man ohnehin ganz offen 
in Paris* sprach, so zwar, dass der österreichische Lega* 
tionssecretär Barrä berichtete, es sei ganz unglaubUch, wie 
tiefe Wurzeln dieses Vorurtheil bei Jedermann gefasst habe. 
,£s ist dies umsomehr zu bewundeiii, da übrigens die Nation die 
ausnehmenden Qemüths- und Geisteseigenschaften des Kaisers 



stimmt, cUm ein Zweifel aosgesohlossen erscheint. Beide Berichte im 
Dresdner Archiv, loc 8062. Halten wir endlich Josefs Schreiben an 
seine Hntter Tom 30. Juni neben diese sächsischen Quellen: ,Der 
preussische Generaladjutant des Königs, yon Kleist, war abgeschickt 
worden, k äpier touB mes pas. Ich habe ihn gesehen, wie er zu Pferde 
uns auf der gansen Tournee am Torgauer Schlacbtfelde gefolgt ist, bis 
jenseits der Elbe, und als wir in die Carosse stiegen, sprengte er in 
aUer Eile davon (partit k toutes jambes). Das ist kein Märchen, sondern 
wir alle haben ihn mehreremals gesehen.' Ameth, Briefwechsel I, S. 180, 
Nr. LXXVIL 

' Friedrich an den Prinzen Heinrich von Preussen vom 24. Juli 1766, 
P. C. XXV, Nr. 16149. 

AicUt. ich. Band. U. HUfto. 26 



400 

mit wahrer Verehrung erkennt und gleichsam klagend von 
dieser eingebildeten Entfernung spricht. Der Ursprung einer 
so allgemeinen Empfindung wäre schwer zu bestimmen; doch 
dürften diejenigen Franzosen; welche im Vorjahre aus aller- 
höchsten Diensten entlassen worden; und die in ihr Vaterland 
zurückgekommen sind; vieles dazu beigetragen haben. Die 
Sache ist indes so gewiss, dass ich sie dem Duc de Choisenl 
nicht in Abrede stellen dörfte. Ich begnügte mich; ihm meine 
Verwunderung über die Möglichkeit einer so ungegründeten 
und doch so durchgängigen Empfindung zu äussern, worauf 
er erwiderte; dass ihm dies ebenso wundersam als mir vor- 
komme. Er seinerseits sei gänzlich des Qegentheils versichert^ 
obwohlen kein einziger auswärtiger Minister hier vorhanden sei; 
der nicht bei allen Gelegenheiten diese Entfernung in wieder- 
holte Erwähnung bringe.'^ 

Dass Eaunitz aus ähnUchen Gründen oder weil du Chatelet 
einen Bruch mit Frankreich drohend in Aussicht stellte,' die 
Kaiserin-Mutter unterstützte; auch Lacj; sonst ein Gegner des 
Staatskanzlers; sich gegen eine Zusammenkunft aussprach' 
und sogar der Gesandte Graf Nugent seine Urlaubsreise nach 
Karlsbad früher; als festgesetzt war; antrat und öfter vor dem 
Fürsten ohne Treu und Glauben wamtC;* war nicht ohne Eindruck 
auf Josefs Begierde geblieben. Das französische System war 
bedroht. Gerade in diesen Tagen erfolgt die Ablösung Starhem- 
bergs in Paris durch den Grafen v. Mercy-Argenteau und der 
Gesandtschaftsposten in Paris ist; vielleicht nicht unabsichtUch, 

^ Am 24. Juli 1766 aus Paris, im k. k. Staatsarchiv Wien. 

> In seinem Schreiben an Edelsheim vom 6. Juli 1766 (P. C. XXV, Nr. 16119) 
sagt Friedrich, dass er sich nicht vom Verdachte beüreien kOnne, daas 
es Eaunitz doch gewesen sei, welcher die Zusammenkunft adroitement 
contrecarr^ hätte ,ponr que la France n*en düt pas prendre ombrage*. 

' Angeblich weil sein Regiment nur aus Preussen bestanden habe und 
Friedrich der Grosse diese vielleicht zurückgefordert hätte (Edelsheims 
Bericht vom 26. Juli 1 766) ; nach einer anderen gleichwertigen Nachricht, 
weil er nicht an dem für ihn so unglücklichen Orte (Torgau) die Za* 
sammenkunft vor sich gehen lassen wollte (P. C. XXV, Nr. 16130), 
Versionen, die nur allzu deutlich ihre Urheber und deren Absichten 
verrathen. Solche Berichte druckt die Pol. Corr. in extenso ab. 

* Ameth, VIII, S. llö Anm. Ein Fürst, dem es nicht verschlägt, die 
heiligsten Versprechen zu geben, um sie sofort hierauf zu brechen, wenn 
er nur damit zum Ziele gelangt. Nugent vom 80. Juni 1766, bei Beer« 
Zusammenkünfte, im Archiv, Bd. 47, Beil. IV, S. 487. 



401 

jetzt vacant. Es liegt wohl die Vermiithung nahe^ dass sich der 
Wiener Hof der lästigen Interpellationen so lange entziehen 
wollte^ bis die Frage an ihrer Actualität eingebüsst hatte. In 
der That lauschte die französische Regierung gespannt den 
Vorgängen in Sachsen, und die wenigen Worte, welche der 
Osterreichische Legationssecretär Barr4 über seine diesbezüg- 
lichen Unterredungen mit dem Herzog von Choiseul am 10. und 
am 34. Juli mittheilt, imponieren nur durch ihre inhaltsschwere 
Kürze. ,Der E^aiser habe zuerst gegen den Freiherm v. Rohd 
das Verlangen geäusserst, den König zu sehen,^ meinte der 
Herzog vorwurfsvoll. ,Friedrich sei listig, verschlagen und fein; 
zudem könne man schwerlich in einer kurzen Unterredung 
einander kennen lernen, wohingegen es möglich sei, in der- 
gleichen Gelegenheiten solche Vorurtheile zu schöpfen, welche 
man nach der Hand schwerUch und zuweilen niemalen wieder 
ablegen könne.'* Hält man diese Sätze zu den in der vorigen 
Audienz ausgeftlhrten (s. oben) von der bekannten Abneigung 
Josefs gegen das französische System überhaupt, so wird inan 
leicht ermessen, wie beklommenen Herzens der Träger dieses 
Systems in Oesterreich der Reise entgegensah, und dass er sich 
wohl mit seiner ganzen Autorität gegen eine Zusammenkunft 
eingesetzt hat Nun hatte man ihn, den eitlen Kanzler, zehn 
Tage vorher mit knapper Noth von seinem Entschlüsse, zu 
demissionieren, abgebracht. Ihn wollte Josef nicht neuerdings 
▼erletzen. Hatte ja Kaunitz nur deshalb sein Entlassungsgesuch 
(vom 4. Juni 1766) eingereicht, weil er das Missbehagen deutlich 
fllhlte, welches Maria Theresia über seine langsame Qeschäfts- 
führung bezeigte, und die Berufung Starhembergs vom Ge- 
sandtschaftsposten aus Versailles zum Vicekanzler neben ihn, 
ebenso wie die Gunstbezeigungen, welche Josef seinem Liebling 
Lacy bewies, als ihm angethane Kränkungen empfand. Es war 
nur mehr Vorwand, wenn er auf die Qeschäftslast hinwies, da 
kurz nacheinander seine Stützen, die Referendare ftir die nieder- 
ländischen und welschen Angelegenheiten, Johann Jakob Dom 
imd Abbate Ludovico Giusti, gestorben waren und auch Biqders 
Gesundheitszustand Besorgnis erregte.' 

' Berichte in Ziffern im k. k. Staatsarchiv Wien. 

' Das Gesuch gedrockt bei Beer, Briefwechsel swischen Josef IL mit 

Katinitz. Anhang, 8. 4S9— 500. Vgl. dazu die Correctaren hei Ameth, 

VII, 296—800 nnd Anm. 417. 

26* 



402 

Doch neben allen diesen jedenfalls zusammenwirkenden 
Umständen und mehr als die Abneigung der Kaiserin scheinen 
noch immer das gegenseitige Misstrauen ^ und besonders Fragen 
und Schwierigkeiten in der Etiquette mitgewirkt zu haben, 
obzwar gerade Josef U. bei jeder Gelegenheit diese beengenden 
Fesseln abstreifte' und alles that, um die Bedeutung dieser 
politischen Mächte^ der Etiquette und des Ceremoniels, die 80 
oft im Vordergründe des politischen Interesses standen, ja oft 
die Geschicke ganzer Systeme bestimmten^* auf ein natürUches 



Wir haben Ähnliche Beispiele in der vereitelten Zusammenkunft von 
Amiens vom M&rz 1392, als Richard von England in Dover blieb, auch 
in der geplanten Entrevne yon Rheims Tom Mftrs 1398 zwischen 
Wenzel IV. und Karl IV. von Frankreich. 

,Avec mille plaisir je me depoaillerai de tonte Etiquette/ schreibt er am 
8. Febmar 1767 an den Infanten Don Ferdinand t. Parma. (Atti e 
memorie delle depntazioni dl storia patria per le Prov. Moden, et 
Parmes. IV, 1868, S. 123.) Man denke nur an seine Incognitordaeo. 
,Ma fa^on de penser bien peu port^ k tont C^r^monlel et qoi pröf^ le 
langage de Tamitiä k tont autre,* ist Schuld daran, dass ich so Yertranlich 
schreibe, heisst es in seinem Briefe vom 27. Jitnner 1767 an seine 
Schwägerin Maria Antonia von Sachsen. (Noch ungedruckter Brief, im 
Dresdner Archiv, NachlSsse 1, Nr. 10.) 

Vom Ceremoniel handelt Bielefeld, Freiherr v., I^ehrbegriff der Staats- 
knnst, II. Theil, S. 426 ff. Ganze Locale sind angefüllt mit Acten darüber, 
so im Dresdner Archiv, loc. 3242. ,Etiqnette und Pricedenzfftlle,' loc. 2626 
in den Acten des geheimen Rathes von Riaucourt aus Mannheim 1767. 
Z. B. Detail de la discussion, que le Comte de Podstazkj a eu & la com 
de Baviire, par rapport au C^r^moniel vom 28. November 1767, ebenso 
die Berichte vom 10. Jänner, 22. Februar, 27. October, 3. December, 
16. December, 17. December 1767. Ungers Berichte aus München, 
loc 2660 ebend., bieten weitere wertvolle zeitgeschichtliche AufiMshl&sse. 
Diese verschiedenen Arten des ,Empfangens, Nledersfttzens, Begleiten«, 
Aufwartens, Einhohlens' waren wichtiger für den echten Diplomaten als 
ein guter Verstand. Dass man aufs Reichslehens-Ceremonial streng 
achtete, Gesetze aufstellte, wie es mit dem Niederknieen bei Ablegnng 
des Lehenseides, dem Küssen des Schwertkopfes oder dem Anrühren des 
Schwertes zu halten sei, sollte über die Nichtigkeit und Bedeutungs- 
losigkeit dieser Institutionen hinwegtäuschen. Sebastian Brunner druckt 
in seinem Werke: Der Humor in der Diplomatie und Regierungskunde für 
das 18. Jahrhundert, Bd. I, S. 31, eine am 81. December 1773 abgefasste 
Handschrift ab: ^Unterricht und zusammengetragene Verfassung für jene, 
welche sich seinerzeit für Gesandtschaften tauglich machen wollen.' Ebenda. 
S. 148— 149 ff. Die Begriffe Hofetiquetteordnung von 1766, Bd. II, S. 266 ff. 
,Das Ceremoniell bei der Wahl eines Fürsten und Bischofii von Passan, 
1761. Aus unseren Jahren notieren wir Vitzthums Bericht aus Wien 



403 

Mass von Geltung einzuschränken. Unser Gewährsmann^ der 
Baron Riedesel; ftlgt seinem Berichte aus Eönigsbrück die 
charakteristischen Worte hinzu: ,Ich meines Orts aber halte 



Tom 9. Jftnner 1768, ,wie die Bangstreitigkeiten zwischen den Fürsten 
Ton Schwarzenberg und dem Prinzen Ton Zweibrttcken bei einer Schlitten- 
fahrt betreffendS im Dresdner Archiv, loo. 2938. Pergen*B Gedanken über 
den Rangstreit zu Trier an Colloredo Tom 20. Mai 1766 bei Bmnner 
(s. oben), II, 417, ganz besonders Pergen an Kaonitz aus Mainz am 
26. Februar 1766: ,Ein langwieriger, höchst wichtiger Ceremonienstreit, 
das Gelüste der Churfürstin von der Pfalz nach dem Handküsse von 
Seite der Gesandten-Frauen/ Ebend. S. 427. Eben diese Frage des 
Handkusses spielt auch in der Correspondenz zwischen Meroy— Kaunitz 
seit 1762 (s. Sbomik XLVI, Nr. 94, S. 116 ff.) eine grosse Kolle. Der 
geheime Streit um den Vorrang zwischen den englischen und den fran- 
zösischen Gesandten am Wiener nnd Münchner Hofe (vgl. Recneil des 
instractions etc. Vm, par Sorel Alb., 8. 427/8 ff.) verschärft die feind« 
seligen Beziehungen. Infolge eines Etiquettestreites hat bekanntlich 
Friedrich der Grosse seinen Gesandten v. Buch im Jänner 1766 von 
Dresden abberufen und durch einen Legationssecretftr ersetzt. Ueber 
den Titel- und Rangstreit Bayerns mit Frankreich bei den Verlobungs- 
feierlichkeiten Josefs 11. mit der bayrischen Maria Josefa in Wien liegen 
im Münchner allgemeinen Reichsarchiv (Fase. 186 der Reichstagsacten 
von 1766) wichtige ungedruckte französische Actenstücke. Aber all diese 
Irrungen, auch nicht die alten Rangkftmpfe zwischen Chur-Bühmen und 
Bayern, zwischen den Städten Nürnberg und Regensburg am Regens- 
burger Reichstage, haben so nachhaltig politisch hochbedeutsame Folgen 
gehabt wie die Verweigerung des Titels kais. Majestät seitens Frankreichs 
an Katharina von Russland. Sie erst hat das Verhältnis dieser beiden 
Mächte zu einer Feindseligkeit angefacht, wie sie nur eine so persönliche 
Angelegenheit, Weibereitelkeit und Stolz in dem Zeitalter der ausge- 
bildeten Herrschersouveränität erzeugen kOnnen. Endlich sei noch auf 
die Verhandlungen hingewiesen, welche lange der Vermählung des Oster- 
reichischen Erzherzogs Ferdinand mit Beatrix von Modena vorangiengen. 
Vgl. Ameth, VU, 478. Aus der grossen Literatur sei auf die Schrift des 
Freiherm Franz v. Bechtolsheim im 40. Jahrg. des ,ArohiveB des bist. 
Vereines für Unter franken und Aschaffenburg*, S. 101 ff., verwiesen, in 
welcher die Ceremoniel Vorschriften abgedruckt werden (aus dem Jahre 1767), 
so bei ,Aufnehmung und AufiichwOhrung einer neuen Stifftsdame zu Würtz- 
burg dermahlen gehalten und beobachtet werden, beschrieben von Franz 
Paulus Greisling'. Wer kennt nicht das Bild von Louis de Silvestre in 
der Dresdner Gemäldegalerie ,Eine Begegnung zwischen Karl August III., 
seiner Gemahlin und deren Mutter?* In Vehses Geschichte der deutschen 
Hofe begegnet man weiteren zahlreichen Beiträgen zu diesem Excurse, 
welcher Anspruch auf Vollständigkeit an Beispielen- auch für unsere 
Jahre durchaus nicht erhebt, sondern nur skizzieren soll. Vgl. auch 
die P. C. XXVI, S. 273. 



404 

dafür, dass man wegen der Arth und Weis, wie diese 
Zusammenkunft, ohne der kais. Majestät etwas zu ver- 
geben, anzustellen, nicht habe übereinkommen können, 
wie ich solches aus einem, von Ihro kais. Majest mit 
mir über die Ankunft des Königs geführten Discours 
einigermassen habe schliessen können/^ Bekanntlich hat 
auch die Kaiserin ähnlich an die Gräfin von Enzenberg ge- 
schrieben.* In seinem Briefe an seine Mutter vom 8. Juli 1766 
meint er, dass es nur politische Wirkungen sein konnten, die 
Friedrich mit der Zusammenkunft bezweckte.' Keinesfalls ist 
das Scheitern des Planes, wie Kaunitz angab, auf Missverständ- 
nisse oder Zufälle zurückzuführen.^ 

Im Grunde waren die Absichten beider Fürsten total ver- 
schieden. Den Kaiser beseelte der ehrliche Wunsch und nur 
dieser, den grossen König und Schlachtenmeister kennen zu 
lernen. Die nächsten Kreise sollten von der Zusammenkunft 
nichts erfahren. Friedrich aber wollte sie an die grosse Glocke 
hängen. Ihm, dem praktischen König, kam alles darauf an, 
sie für seine russische Politik auszubeuten.^ Die Bekanntschaft 



* Im Dresdner Archiv, loc. 8062. 

* Am 11. Juli 1766, bei Ameth, VUI, S. 116 Anm. 182. 

' k. rentrevue manqn^ loin qne le Roi poorrait plaindre, je retournerais 
Toffense de mon cdtö, puis qne dös, que j'ai dtö toute apparence, de 
concert mutuel, m^me dans les yenz da public k cette entrevue, le Roi 
n*a pas trouvö, que ma connaissance personnelle seule merit&t, qu*il aille 
courir si loin. Ce n*ätaient donc que certains effets politiques, 
dont je devaifl dtre r^pouTantail, de non ma personne, que le lui avait 
tant fait desirer. Arneth, Briefwechsel zwischen Josef und Maria The- 
resia I, S. 187, Nr. LXXVm. 

^ Edelheims Bericht vom 23. Juli und Rohds Bericht vom 21. Juni 1766 
(P. C. XXV, 8. 150), trotzdem Lang an Nugent bei Beer, Archiv 47, 
Beil. y (undat.) schreibt, dass Josef ebenso entfernt ist, ,de d^bliger, 
ou de refuser une entrevue avec le Koi, si le hasard et la surprise 
la lui prooureS 

^ ,Friedrich Toudrait montrer k la Bussie que leur alliance ne Lui 4tait 
pas si nöcessaire,' meinte Graf Flemming zu Nugent (dessen Bericht vom 
SO. Juni 1766 an Kaunitz bei Beer, Archiv 47, Beil. IV, 8. 436 ff.). Nugent 
selbst berichtet am 21. Juni: ,£s dürfte kein anderer Beweggrund fOr 
Friedrich verborgen sein, als durch diese Entrevue dem Petersburger 
Hofe zu erkennen zu geben, dass er desselben in Ansehung der mit dem 
Oesterreich pflegenden guten Einverständnisses, eben nicht so sehr nOthig 
hätte, wie es solcher sich etwa vorstellen mOchte.* (Wiener Staatsarchiv 
in Chiffem.) 



405 

des jugendlichen Kaisers war nur Mittel für diesen Zweck. 
So verhÄlt es sich mit dem ,armen, vom Wiener Hofe hinter- 
gangenen Preussenköm'g'.^ Und weil Friedrich diesen Gegen- 
satz genau kannte^ selbstverständlich wusste^ dass er mit diesem 
Beginnen die Vereinbarungen der Begegnung geradezu brach 
— eine ,8urprise' sollte sie bekanntlich sein — hat er dem 
Eaiserhofe nach dem vereitelten Versuche keine Verstimmung^ 
keinen Groll merken lassen.* Aber tief im Inneren der Be- 
ziehungen beider Staaten hat der verfehlte Versuch einen herben 
Nachgeschmack hinterlassen, über welchen weder die gegen- 
seitigen Höflichkeiten.^ zu denen noch Kaunitzens Geschenke 
an Friedrich (der bekannte selbstgebaute Ofen,* später Trüffeln),^ 
noch sonstige Bemühungen, den äusseren freundschaftlichen Ton 
zu erhalten, hinwegtäuschen konnten.^ ,Nou8 en sommes aux 
compliments, aux attentions et aux politesses,' schreibt Friedrich 
an den Erbprinzen von Braunschweig am 27. Juli 1766, ,mais 
le Diablo n'y perdra rien, car il est dit dans le livre des 
destins, que Rome et Carthage ne peuvent subsister en- 
semble/' 



^ Als den ihn die Pol. Corr. hinstellt, wenn wir auch Arneths schön- 
ßrbeiische, jedoch weit beweiskräftigere Darstellong als zn einseitig be- 
zeichnen dürfen. 

« Vgl. Nugente Bericht vom 28. Juli 1767 bei Arneth, VUI, 117—118. 

» Ameth, Vm, S. 119—120. 

* Dass andere Fürsten damals das Kunstgewerbe pflegten, ist bekannt. 
Auch Yom Kurfürsten Max Josef von Bayern existiert noch ein selbst- 
▼erfertigter Hangeleuchter aus Elfenbein mit 16 Armen. 

* P. C. XXV, 8. 216. 

* ,Je vons avoue, Madame,* schrieb er an die Kurfürstin von Sachsen am 
4. October 1766, ,que j'ai ät6 un peu f&chä, que Tentrevue n'ait pas Heu* 
(Oeuvres posth. XXIV, S. 122). Diese Mittheilung dürfen wir als wirklich 
aus Friedrichs Gefühlen entsprungen annehmen. Was auf Friedrichs 
sonstige brieflichen Zuschriften zu geben ist, wird man auch aus jenem 
Schreiben an Marie Antonie entnehmen vom 15. Juli 1766, in welchem 
er fälschlich angibt, dass ihn der Wiener Hof zu einer Zusammenkunft 
angefordert (nebenbei gesagt, muss es im Abdrucke dieses Schreibens in 
der P. C. XXV, statt ,mettre frein* ,mettre fin* heissen). Ebenso 
lässt das Schreiben Friedrichs an Heinrich vom 22. Juni 1766, auf Grund 
dessen Duncker, S. 170 Anm. 1, Beers Auffassung bemängelte, gar keine 
weitergehenden Schlüsse zu. 

' Der König revanchierte sich mit der Übersendung seines Bildes an 
Kaunitz (s. P. C. XXV, 890, XXVI, S. 66 Anm. 4, S. 67, Nr. 1660?»). 



406 

Die preussischen Berichte aber, welche im Zusammenhang 
mit dem verfehlten Versuche mittheilen, dass sich Josef, der 
sich zu weit vorgewagt habe, tief gekränkt mit seiner Matter 
und besonders mit Kaunitz tiberwarf, ebenso wie die Qe- 
rtlchte vom neuerlichen Rücktritte Kaunitzens oder gar Yon 
der Abdankung Maria Theresias^ darf man durchaus nicht, 
wie es die Pol. Corr. thut, auf den missglückten Plan der 
Zusammenkunft zurückführen. Sie sind vielmehr, wenn auch 
in viel tieferen politischen Gegensätzen, doch jetzt im Sep- 
tember 1766 augenfällig in der Angelegenheit von San Kemo 
begründet. Mit Rücksicht auf sie hören wir den Kaiser Josef IL 
,vom Comidäts Willen hiesiger*, von ,leeren Furchten, 
weit ausgesponnen Qrillen*, ,von dem lettre du verbiage', 
der ,peur puerile d'une mauveuse humeur, trto eloignäe et cer 
tainement infimctueuse'* sprechen. 

Sie, die uns eigentlich hier nicht näher interessiert, bot 
den Anlass zu jener vernichtenden Kritik der ganzen Kaunitz- 
schen Politik durch Josef: ,Erkänntnis beyderseitigen Nutzens 
macht nach meinem Begriffe Staats Systemate und Allianzen, 
dessen Fortdauer und beider Theile gutes Betragen erhält sie. 
wie schwachen Qrund hätte eine Allianz, wann persönlicher 
Unwillen, oder ungegründete Erzählungen ihr schon einen Stoff 
gäben.* ,Dass Ihro Maj. die Kaiserin mit mir in eine CoUision 
zu bringen gesuchet wird, ihr geheiligtes Wort in einer Sache 
gegeben wird, was sie nicht versprechen und ich nicht halten 
kann, in der Sache selbst keine Gerechtigkeit geschähe und 
ich vor einem rechten Fantom, den man gar wolte zu glauben 
machen, dass er etwas anderes gedacht, als die Wörter ge- 
heissen, die er gesagt, bey denen fremden Höfen und vor ein 
wahres Ministres Spiel passieren müsste* u. s. w.® Eher wird 
man die Gerüchte von der AbberuAing des Generals Nugent 
und dessen Ersetzung durch den GM. Jaquelmin mit dem Za- 
sammenkunftsversuch in Verbindung bringen können.* 

' Diese Gerüchte drangen auch an den russischen Hof. Solms Bericht 
vom 12. Septemher 1766 im Sbomik XXH, Nr. 266, S. 477. Vgl. P. C. 
XX, 264. 

* Josef am 10. September 1766 an seine Mutter bei Ameth, Briefwechsel, I. Bd. 

* Ebend. I, 8. 194 Anm. Erst zu Beginn des nilchsten Jahres wurde die 
Affaire San Bemo beigelegt, s. Kaunitz an Choiseul vom 21. Jänner 1767 
bei Ameth-Flammermont, S. 826 Anm. 1. 

* P. C. XXV, 268 Anm. Ameth, Bd. VH, 814—816. 



407 

Bei der Frage über die ÖBterreichisch-preussischen Be- 
ziehungen spielen auch die handelspolitischen Verhältnisse eine 
Rolle; ja man möchte mit Rücksicht auf den seit den Breslauer 
Verträgen bestehenden Zwist und den alten^ seit 1766 ge- 
steigerten Kampf um den böhmischen Handel mit Schlesien 
versucht sein^ die Mitursache des resultatlosen Zusammenkunft- 
versuches in neuen Handels- oder Zollstreitigkeiten zu finden. 
Jener Zwist war durch den unklaren Wortiaut der Friedens- 
orkunde hervorgerufen^ dass der Status quo ante in den handels- 
politischen Beziehungen wieder hergestellt werden und so lange 
in Kraft bleiben solle, bis eine neue definitive Vereinbarung 
zustande gekommen wäre. Friedrichs Repressalien und Zoll- 
erhöhungen auf alle von den Erbländem nach Schlesien und 
Preussen geführten Waren knapp vor Ausbruch des dritten 
schlesischen Kri^es hatten den vollständigen Bruch beschleunigt. 
Und wenn auch der Hubertsburger Friede den Interimsver- 
ordnungen ein Ende machte und alle Staaten jedes Contrahenten 
wie alle anderen fremden Staaten behandelt werden sollten, so 
hatten seitdem Friedrichs Einfuhrverbote aufzahlreiche böhmische 
Artikel (vom 9. Mai bis 25. Juni 1765) die Beziehungen zwischen 
Oesterreich und Preussen auch in dieser Hinsicht wieder ver- 
schlimmert. Erst im folgenden Jahre minderten sich die 
Schwierigkeiten. Mancherlei entgegenkommende Massregeln 
seitens des Wiener Hofes — man denke an die Erlaubnis, das 
Porzellangeschenk Friedrichs des Grossen an den Fürsten von 
Liechtenstein zoll- und kostenfrei aus Preussen nach Oesterreich 
senden zu dürfen (März 1766) u. a. m. — hatten dazu beigetragen 
und es hatte den Anschein, dass es in derselben Zeit, in welcher 
die im Mai 1765^ unterbrochenen Handelsbeziehungen zwischen 
Friedrich und Sachsen wieder aufgenommen wurden,' auch mit 
Oesterreich zu einem Vertrage kommen werde.* 



^ Das preoMisehe Edict Tom 7. Mai 1765 bei Hylius: Novum corpus con- 
stitotionom, Bd. III, 723. 

' Am IS. Juni 1766 wurde in Halle die Commerzconvention über den 
Messehandel abgescblofisen, gedruckt bei Wenck : Cod. jur. gentium III, 
669 ff. Vgl. P. C. XXV vom 7. JJtnner 1766, Nr. 16861 u. s. w. 

' Vgl. Falke, Gesebichte des deutseben Zollwesens, Leipsig 1869, 11. Abscbn., 
8. 269 ff., 806—810, 820—322, 326—827; H. v. Bequelin: Hist-krit Dar- 
stellung der Accise und Zollverfassung in den preussiscben Staaten; Her- 
mann y. Festenberg-Packiscb: Gescbicbte des Zollrereines, Leipiig 1869, 



408 

Damals beheiTSchten Handelsverträge ein gut Theil des 
gesammten politischen Interesses. Mit Spanien hatten Rossland/ 
Oesterreich; Frankreich und Preussen' Unterhandlungen ange- 
knüpft, mit Marokko unterhandelten Oesterreich* und Frankreich, 
und in diesem Jahre wurden die ersten Handelsabmachungen 
zwischen Preussen und Frankreich gepflogen.^ Sie f&hrten 
bekanntlich zwei Jahre später zur Wiederaufnahme der seit 



S. 3 — 68; Zimmermann, Geschichte der prenssischen Handelspolitik; 
Adolf Beer in den Mitth. des Instituts f&r Osterr. Geschichtsfoischnzig 
XIV, 287 ff. 

^ Lobkowitz berichtet am 12. Harz 1767: ,Da sich der spanische Minister 
schon seit einiger Zeit bemüht hat, zwischen Kussland und Spanien 
einiges Commercium anzubinden, so hat er es indes dahin gebracht, dass 
ein spanisches Schiff mit Ladung in Petersburg eingelaufen und in korzem 
von dort mit hiesigen Producten wieder abgehen wird. Es ist demsdben 
vom Zollamt aller freundschaftlicher Vorschub geschehen, wie denn auch 
vermöge dem hiesigen neuen Tarife die spanisch-portugiesischen und italieni- 
schen Producte gegen die mit ungeheuer hohen Abgaben belegten fran- 
zösischen sehr glimpflich angesetzt worden sind, woraus sich ergibt, dass 
ungfeachtet des russisch-englischen Handelsrertrages man gleichwohl mit 
anderen Nationen in nähere Verbindung zu kommen wtüaschte' (k. k. 
Staatsarchiv Wien). Am 17. Juni 1768 berichtet derselbe: Vom spani- 
schen Hofe ist ein kgl. Provisionn&r namens Schone anhergekonunen, 
wird hingegen dessen beim hiesigen Zollamte in Dienst stehenden Bruder 
nach Spanien abgehen um vorläufige Kenntnis beiderseits einzuziehen, 
was art zwischen dieser und der hiesigen Krone ein gemeine comerce am 
füglichsten zu veranstalten wäre. Ebenda. 

' Den von Friedrich dem Grossen im Juni 1766 eingesandten Vertrags- 
entwurf, P. C. XXV, Nr. 16073, lehnte jedoch Karl Ol. ab. (Thulemeier, 
am 11. November 1766, ebend. 16345.) Ueber die weiteren Erfolge dieser 
Unterhandlungen im Jahre 1767 s. P. C. XXVI, S. 39. Im Jahre 1767 
wurde auch mit Portugal angeknüpft (an Thulemeier vom 13. April 1767, 
P. C. XXVI, S. 127). Dessen Bericht vom 30. Juni, P. C. XXVI, 8. 196 
Anm. 4 und Nr. 16717. 

' Josef schreibt an Leopold am 25. Jänner 1766 (bei Ameth, Briefwechsel 
I, Nr. LXXIII, S. 177): Je vous prie, de me marquer vos id^es snr la 
paix, k ^riger avec les Barbares, que des raisons pour et contre de 
Tespörance, qu^on peut se faire de sa dur^e des d^penses, qu^eUe ezige 
et si le Roi de Bfaroc j doit 6tre compris ou non. 

* Wohl entnehme ich den geschriebenen Gazettes de la Haje im WArs- 
burger Kreisarchive (Militftrsachen 2296) vom 10. September 1765 eine 
angeblich vollzogene preussisch-franzOsische Annäherung und eine nahe 
bevorstehende Beschickung. Doch schwirren solche Zeitungsgerüchte 
schon seit langer Zeit herum. Im zweiten Theile der Arbeit werden sie 
näher untersucht werden. 



409 

dem siebenjährigen Ejriege unterbrochenen diplomatischen Ver- 
bindung. Russland setzte alles daran^ um den Handel auf dem 
Schwarzen Meere an sich zu reissen ^ und um mit Dänemark den 
günstigen Handelsvertrag durchzusetzen^ damit den russischen 
Schiffen das Sundrecht^ welches den meistbegünstigten see- 
fahrenden Staaten zugestanden war, auch eingeräumt werde.* 
^Der russische Hof hat viel Hoffnung mit den Chinesem die 
flirwährende Uneinigkeiten beizulegen; zu diesem Zwecke wird 
der schon vor einigen Jahren in Pecking geweste Oberst Chropo- 
tow ehestens an die Qrenze wieder abgehen, in der Hoffnung, 
wiederum freien Zutritt in die chinesischen Staaten zu er- 
halten,* berichtet Lobkowitz.* Und Dänemark stand wiederum 
mit Portugal in Verhandlungen über einen Commerztractat, 
welcher die freie Einfuhr portugiesischer Weine bezweckte.* 
Hatte die französisch-indische Compagnie im Vorjahre Handels- 
verträge mit dem Nabob von Carrate und dem Rajah von 
Tanjaour geschlossen,^ so gelang der französischen Regierung 
am 20. Mai 1766 der Handelsvertrag mit Marokko^ und am • 
2. Jänner 1768 eine Convention mit Spanien.'' Und so könnten 
wir der Reihe nach fast sämmtliche europäische Staaten Revue 
passieren lassen, bis zum Vertrage Bayerns mit Salzburg über 
den Salzhandel von Ende 1767.® Nirgends jedoch ist ein so 
reger Wetteifer um die Segnungen des Friedens im Inneren 
und Aeusseren, im Wirthschaftlichen und Politischen, eine solch 
eifersüchtige Concurrenz wahrzunehmen wie zwischen Preussen 



^ Reecript Paoins an Galitzin in Wien, Nr. 4, vom 30. Jnni/U. Juli 1766, 
im Sbomik LXVn, Nr. 1364 (rassisch). 

' Der provisorische Tractat vom 22. April 1767, abgedruckt bei Wenck, 
lll, 592—618, 8. zweiter Theil der Arbeit. Vgl. auch Weisungen an 
Philosophow-Saldem im Sbomik LXVU, Nr. 1466—1466, S. 211—216. 

* Am 23. Jänner 1767, k. k. Staatsarchiv Wien. 

* Bericht des Grafen von Welsberg aus Kopenhagen vom 24. Februar 1767, 
ebenda. (Dänemark). 

^ Vgl. Härtens, Beoueil des Trait^s etc., tom. II; M. de Flassan, Histoire 
gön^rale de la Diplomatie fran^aise, Bd. VI, livre IV, 646 ff. Die unten 
Anm. 3, 8. 377 genannten ungedruckten Gazetten liefern reiches Material 
zur Geschichte des Handels und der Colonien in unserer Zeit 

* Bei Koch, Becueil des Trait^, tom. II. 
» Bei Härtens, a. a. 0. tom. VI. 

* Ungers Bericht an den sächsischen Hof vom 3. Jänner 1768, im Dresdner 
Archiv, loc. 8462. 



410 

und Oesterreich. Es gieng fast keine Weisung Friedrichs an 
seinen Wiener Vertreter ab ohne die stereotype Wendung, er 
habe jeder Regung im Organismus der Verwaltung der Finanzen, 
des Krieges u. s. w. die gespannteste Aufmerksamkeit zuzu- 
wenden. Fast parallel liefen auch die Massregeln beider Höfe, 
um möglichst ausgedehnte Absatzgebiete in der Levante (neben 
der ostindischen war 1765 auch eine eigene Levantecompagnie 
in Preussen^ und eine ostasiatische geplant), in Polen und in 
der Türkei ihrem Handel zu eröffiien. Lenkten die öster- 
reichischen Staatsmanner ihr Hauptaugenmerk auf Triest 
(zwischen Triest und Cadiz sollte eine Schiffsverbindung ge- 
schaffen, Triest zum Ausgangspunkte der grossen Handels- 
strasse Triest — Hamburg werden), so Hess Friedrich seine Für- 
sorge der Hebung von Stettin und der Oderstrasse angedeihen, 
die Swine vertiefen, Swinemttnde gründen. Die Flussschiffahrt 
auf der Oder verdankt ihm ihre Entstehung. Stettin an Ham- 
burgs Stelle zum Stapelplatze für den schlesischen Leinenexport 
zu erheben (Hamburg war durch die holländische Handelskrisis 
des Jahres 1763 stark in Mitleidenschaft gezogen worden),* 
dahin giengen Friedrichs Wünsche. Ebenso hatte er Bromberg 
und Kulm mit allen Mitteln sauberer und schmutzigster Con- 
currenz gegen Thorn gefördert und dieses gänzlich herunter- 
gebracht und war schon lange vorher Emden zum Freihafen 
erklärt worden. Neue Strassen wurden wie allenthalben in 
Europa angelegt,* und um die Convention über die Schiffbar- 
machung der Lippe mit dem Kölner Kurfürsten zustande zu 

^ Vgl. Ring, Asiatische Handelscompagnien Friedrichs des Grossen. Berlin 
1890, und Berg er, Ueberseeische Handelsbeziehungen und Pl&ne unter 
Friedrich dem Grossen. Leipzig 1898—1899. Baldaufs Hallenser Dissert 
vom 1898 : Beitrftge zur Geschichte der Handels- und Zollpolitik Oester* 
reichs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit äusserst wenigen 
nicht schon bekannten Ergebnissen, sei eben genannt. 

' Vgl. Christern, Geschichte der Stadt Hamburg. Soetbeer, Hamburgs 
Handel, 3 Bde., 1840—1846. Busch, Versuch einer Geschichte der 
hamburgischen Handlung. E. Baasch, Geschichte der Handelsbeziehan- 
gen zwischen Hamburg und Amerika 1892. Eb enders., Zur Geschichte der 
Berlin-Hamburger Reisefahrt in der Zeitschrift des Vereines für Hamburger 
Geschichte IX, 182—201. Toeche-Mittler, Der Friedrich Wilhelms- 
Canal und die Berliner und Hamburger Flussschiffahrt, Leipzig 1891. 

' So berichtet der sächsische Gesandte am kurpfälzischen Hofe, Geheim- 
rath y. Biaucourt, von dem Memoire sur un plan prcj^t^e, k former an 
grand chemin pour la commodit^ du transport des marchandises de France, 



411 

bringen, hatte Friedrich bewirkt, dass die ihm in diesem Jahre 
(1766) vom Reiche angetragene Execution gegen die Stadt 
Kaiserswert auf zwei Jahre hinausgeschoben wurde. Ebenso 
wandte er der RheinschiflFahrt und dem Handel mit den Qeneral- 
staaten seine Aufmerksamkeit zu. Und wie in Oesterreich und 
Preussen in der Zeit, in welcher in Frankreich und England 
bereits die physiokratischen Richtungen Oberwasser errangen, 
ganz gleichmässig und parallel die radicalsten Formen des Mercan- 
tilsystems an Geltung gewannen, so wurde in beiden Staaten fast 
nothwendig auch das Prohibitivsystem in all seinen Vortheilen 
und noch grösseren Mängeln durchgekostet.^ Gegenseitig trac- 
tierten sie sich mit Einfuhrverboten fremder Industrieerzeug- 
nisse nnd selbst Rohproducte, wandten der Gründung von 
Fabriken, der Erzeugung von Manufacturen und anderen Fabri- 
caten die denkbar grösste Sorgfalt zu und steigerten die Pro- 
ductionskraft und -fthigkeit ihrer Länder.* Tiroler Seiden- 
industrie, Linzer Baumwolle, die Leinen- und Tuchindustrie in 
den Sudetenländem, die steirisch-oberösterreichische Eisenindu« 
strie, Kupfer- und Messing Warenerzeugungen, die Zucker- 
raffinerien, die Sammtfabrication in Ala, erfreuten sich in 
Oesterreich besonderer staatlicher Fürsorge und genossen Im- 
munitäten der verschiedensten Art. Aber trotz der Prämien 



de Suisse et de Strasbourg k Leipzig. Dresdner Archir, loc. 2626. 
Am 2. Juli 1768 meldet Dnbois aus Versailles au den Dresdner Hof: 
,Par des demiöres lettres de Paris' erfahren wir von einem neuen Pro- 
jecte yde joindre TOc^n k la Mediterranöe par le centre du Rojaume 
au mojen d*un canal k former entre la Seine et la Sadne, pour ötablir 
une navigation r^l^e de Marseille k Ronen en passant par Lion et 
Paris et traversant les Provinces, les plus fertiles du Bojaume*. Dresd- 
ner Archiv, loc. 2862. Zur Ausführung dieses Planes schlägt der Prinz 
Ton Condö die Errichtung von Lotterien vor. Diese wenigen Bemer- 
kungen nur zur Ergänzung der Aufstellungen de Serionnes : Les int^rdts 
des nations de TEurope relativement au commerce. 

^ (Vgl. auch P. C. XXV, 16966, 1766, auch 16961 u. s. w.) Man ver- 
gleiche seine Denkschrift an Thulemeier vom 6. Jänner 1767, P. C. 
XXVI, 16486. 

' Friedrich verbot den Tabak aus Oesterreich einzufahren. Die Waren- 
einfuhrverbote von 1764 bis 1767 bei Fechner, Handelspolitische Be- 
ziehungen Preussens zu Oesterreich, Berlin 1888, ein Buch, das seinen 
preussischen Standpunkt streng bewahrt und mit Beers Ausfahrungen 
im Archiv fKr österr. Geschichte 79, S. 408 ff., in den Mitth. des Instituts 
für österr. Geschichte, XV. zu vergleichen sind. 



412 

auf gute Erzeugnisse, trotz der Commisöionen, welche durch En- 
queten die Schäden der Industrie zu ergründen suchten, hlieb 
die Qualität der Producte immer mangelhafter. Die Folge war 
ein Schmugglerunwesen, dem auch die strengste Qrenzbewachung 
nicht zu steuern vermochte. 

Der Ruf nach Arbeitern erscholl tiberall und lockte zahl- 
reiche Colonisten herbei. Wie die spanische Regierung in den 
Jahren 1764 — 1769 die grössten Anstrengungen machte, um 
die Sierra Morena mit deutschen Colonisten zu bevölkern und 
so die unklugen Austreibungen des 15. und 16. Jahrhunderts 
bis zum Jahre 1609 wieder gutzumachen,^ wie Simolin, Beau- 
regard und Generalmajor Btilau fiir die russische Regierung 
in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz Werbungen 
im gi-ossen Stile betrieben (s. Näheres im zweiten Theil), so zog 
Friedrich der Grosse Engländer heran, um seiner Landwirth- 
schaft aufzuhelfen,* berief besonders nach Schlesien Gewerbe- 
treibende (in den Jahren 1763—1777 sollen 30.000 dorthin ein- 
gewandert sein)' und suchte man in Oesterreich hauptsächlich 
die südöstlichen Länder durch walachische Ansiedler in Oester- 
reich zu bevölkern (was zu einem erregten Notenwechsel zwischen 
dem Fürsten Alex. Ghika und der Pforte mit der österreichi- 
schen Regierung Anlass gab).* 



^ Karl Theodor von der Pfalz an Ernst Lossau, kurpfälzisclien Residenten 
in Hamburg, vom 1. October 1768. (Original im Münchner Staatsarchiv. 
K. bl. 67./4.) «Unserer gnädigsten Willensmeinung ist allerdings genehm, 
dass ihr in Fällen, wo die dort (in Hamburg) angestellte kgl. spanische 
Werbung von Unseren Unterthanen einige aus dem Reiche führen wolte, 
in Qemässheit der gegen solche Emigrationen ergangener kaiserlicher 
Verordnung, dieselbe zur stelle reclamieren, und desfalls dasigen Magistrat 
umb assistenz belangen sollet, welches euch zum gnädigsten bescheid 
euerer unterthänigen berichtlicher anfrag vom 24^*'* Kurtzhin in gnädigster 
antwort bemerken und übrigens in gnaden gewogen bleiben.* Unterschrift, 
Schwetzingen, den 1. October 1768. Von den vielen Auswandemngs- 
verboten sei hier nur ein Verbot des ,Hollandgehens' der osnabi-ückischen 
Unterthanen erwähnt, gegen welche Unsitte Justns M($ser in den Pa- 
triotischen Phantasien I, S. 168, Cap. XIV, aufgetreten ist. Ueber Josefs 
Auswanderungsverbote vgl. Schl($zer, Staatsanzeigen XXII. 

' Rudolf Stadelmann, Friedrich der Grosse und seine Thätigkeit für den 
Landban Preussens, Berlin 1876. 

' Behaim-Schwarzbach , Hohenzollemsche Colonisationen , Leipzig 1874, 
S. 266—411. 

* S. darüber Hurmuzaki, Docum. V, S. 241fr., 1886. 



413 

Friedrich 11. grftndete im Jahre 1766 die Gesellschaft fiir 
Schiffsversicherang, gleichzeitig mit einer Berliner Bank (eine 
Oirobank; verbunden mit einer Disconto- und Leihbank^ wurde 
am 20. Juli 1765 eröffnet). In Triest wurde in demselben Jahre 
die erste österreichische Assecuranzgesellschaft ins Leben ge- 
rufen^ auf den Vorschlag des Italieners Caratto eine Depositen- 
bank errichtet und der Hofcommerzienrath umgeschaffen. Beide 
Regierungen aber wussten durch Ersparnisse im Hofhalte ^ den 
Staatscredit zu heben. Wohl wurden Hatzfelds Vorschläge für 
ein Priedenscreditsystem und seine zwei Arbeiten (erstes und 
zweites Kriegscreditsystem vom 6. Juni 1768) zur Tilgung der 
Staatsschidden^ und zur Ordnung im Staatshaushalte im August 
im Staatsrathe verworfen, aber im Jahre darauf, als über die 
Errichtung einer Länderbank und einer Börse verhandelt wurde, 
wurden auch Hatzfelds Vorschläge angenommen.^ 

Friedrichs des Grossen Accisesystem, die Ergebnisse der 
Verpachtungen an die französischen Regiebeamten Le Grand 
de Cressy, de Candy und hierauf an de Launay, Briire, de Per- 
netty, de Lattre, mit denen er eine besondere Behörde gründete, 
an der alles fremd war, die Beamten, die Grundsätze und sogar 
der Name,^ zeigen wohl überall den originellen schaffenden 
Geist, konnten sich aber ebenso wie die Inlandsaccisen und 
die Transittarif-Zollpolitik erst nach vielen Schwankungen und 
durchaus nicht einwandfrei bewähren. Dazu kam die Unzu- 
friedenheit der Unterthanen mit den fremden Ausbeutern, mit 
der verhassten Regie,^ über die Herabsetzung der Münze, über 
die drückenden Abgaben, Veruntreuung öffentUcher Gelder.® 

^ S. Arneth, VII, 201. AaflOsang der Seh weiser Garde; vgl. Reniero Bericht 

Tom 1. Februar 1766, ebend. S. 626, Anm. '291. 
■ S. P. C. XXVI, 8. 856 Anm. 8. Vgl. Rohds Bericht vom 14. J&nner und 

die Weisung an ihn vom 21. J&nner, S. 19. 
' Der um diese Zeit sehr verdiente Osterreichische Forscher Adolf Beer hat 

in zahlreichen rerwaltungs-, zoll? und finanzgeschichtlichen Abhandlungen 

(Mitth. des Instituts für Osten, Gleschichte XIV, XV, Archiv für ()sterr. 

Geschichte 79, 81, 82, S. 49—61) auch die Aemterorganisation der 

Centralstellen, die Gründung der Wirthschaftsdeputation in unserer 

Zeit untersucht. 

* Manso, Geschichte des preussischen Staates von 1768 — 1797, I, 8. 11 
Anm. t. 

^ Vgl. Berieht vom 4. Juni 1768 bei Raumer, II, 532 u. 538. 

• Ftlr die Fredericianischen Reformen vgl. Ad. Fried. Riedel, lieber Fried- 
richs Finanzpolitik und Finanzeinrichtungen nach dem siebenjährigen 



414 

Auch in Oesterreich gab es in dieser Zeit aus ähnlichen 
Ursachen Störungen. In Tirol lehnten sich die Bauern gegen 
die angesiedelten Fabriksarbeiter (Seidenspinner und Weber) 
auf.^ Unter den Bauern gährte es besonders in Ungarn^ während 
auf geistigem Gebiete der Sturm und Drang sich ankündigte 
und die Freimaurerbewegung immer weitere Ki*eise zog.^ Hastig 



Kriege. (Sitzungsberichte der kgl. Akademie der Wissenschaften in Berlin 
1886, S. 90—185. K. H. S. BOdenbecks Tagebach oder Qesohichtskalender 
ans Friedrichs des Grossen Begentenleben« Berlin, Bd. II, S. 270—280. 
Ebenders., Friedrichs des Grossen Finanzsystem, Berlin 1838. Mansos Ge- 
schichte stützt sich auf Zimmermanns Fragmente. Dohms Miscellanien 
im Deutschen Museum I, 185 ff. lieber die französischen Begiebeamten 
vgl. Biedermann, zweiter Theil, IV. Aufl., 8. 207 (1880). Vom preussischen 
Volksleben in jener Zeit gewinnt man ein anschauliches Bild aus dem 
Büchlein: Der prenssische Zuschauer aus dem Französischen des Herrn 
de la Croiz, Frankfurt und Leipzig 1770. 

Vgl. Ameth, VII, Anm. 355 und Bericht des Durand vom 11. Juni 1766 
bei Raumer, lY, 38. Der sächsische Gesandte Vitzthum berichtet am 
21. Juni 1766: ,Die schon seit einiger Zeit in Ungarn yorgefallenen 
Misshelligkeiten zwischen Bauern und ihren Herren haben seit kurzem 
so überhand genommen, dass der Hof von seinem anfänglichen Vorsatiei 
der Noblesse, welche ohnedem wenig oder nichts von Abgaben zu er- 
tragen hat, nicht hilflich Hand leisten zu wollen, abzugehen sich ge- 
nOthigt gesehen. In allen Comitaten sind die Bauern aufist&ndig geworden 
und haben sich verbunden, ,ihren Herren weder die Abgaben in Geld 
und Getreide, noch auch die schuldigen Dienste zu entrichten. Wie mir 
der ungarische Kanzler Tor einigen Tagen zu erkennen gegeben, sind 
an den verschiedenen Comitaten über 30.000 Bauern aufrührerisch ge- 
worden. Der Anfang ist auf den Batth janischen Gütern gemacht worden. 
Der Adel besteht auf dem System, dass die Bauern Sclaven wären. Um 
aber den Adel gefügig zu machen, hat man nur zwei Commlssäre ge- 
schickt.' Dresdner Archiv» loc. 2938, Conv. 1% fol. 264ff. lieber die 
Bauernbefreiung sind ausser Sugenheims preisgekrönter Akademieschrift 
von 1861 die Arbeiten von Darmstädter, Tocqueville, G. Haussen, Kraai, 
Adamek, Knapp, Grünberg u. a. heranzuziehen. Am 20. Jänner 1762 
hatte Karl Emanuel lU. von Sardinien sein berühmtes Edict von Cham- 
böry ,pour Taffranchissement de la taülabilit^ personnelle en Savoye, la 
remission du Tot-Quot et dölögation des Intendans respectifs* erlassen. 
Im Mai 1766 wüthete ein Bauernaufstand in WestgoÜand (Arnheim in 
der Deutschen Zeitschrift für Geschichte V, 358), von welchem die Be- 
richte des üsterreichischen Vertreters aus Stockholm im Wiener Archiv 
erfüllt sind. 

S. darüber Acta Latomorum, ou Thistoire de la Franche-Ma^onnerie. 
Paris, Durfort 1875. Bruimer, Mysterien der Aufklärung in Oesterreich 
1770—1800. Mainz 1869. 



415 

drängten einander gesetzliche und wissenschaftliche Reformen, 
Wohlfahrtseinrichtangen und Verfassungsänderungen. Friedrichs 
militärische Organisationen wurden bewunderte Vorbilder für 
Lacy,^ für Raghib Pascha, für Russland, Frankreich* und 
Schweden. Spanien sandte den Generalinspector seiner Infan- 
terie und Commandanten der wallonischen Garde in Madrid^ 
den Grafen O'Reilly, denselben, der die Expedition nach Algier 
im Jahre 1775 später glücklich durchführte,* Neapel den Ar- 
tillerieof&cier Gribeauval, Karl Emanuel III. von Sardinien den 
Capitän V. RivaroH nach Berlin, um preussische Heereseinrich- 
tongen zu studieren, und in Frankreich organisierte man eben 
zu Beginn des Jahres 1766 eine neue Landmiliz nach preussi- 
schem Vorbilde.^ 

Aendernng der Systeme bis zum rnsslseh-prenssi sehen 
Aprilvertrage 1767. 

Abgesehen von solchen Bewegungen, bot Europa jeden 
Monat ein anderes Bild. ,Une sc&ne mouvante dont la vicissi- 
tude est la seule loi irr^vocable,' wie Friedrich treflfend an 
seinen Bruder Heinrich schreibt. ,L'Europe va toujours hurlu- 
berlu, s'entend qu'il y a des mouvements partout, mais pas de 
cons^quence.'*^ Und während Frankreich und Russland in 
steigerndem Gegensatze durch Allianzen mächtige Bünde zu 
schaffen bemüht waren, ganz Europa gespannt des Eintrittes 

' ,11 est actif et je crois, que TEmpereur ne se r^pentisse jamais de son 
cboix,' sagte Friedrich su Nag^ent (dessen Bericht vom 6. Mai 1766 bei 
Ämeth, VIII, Anm. 166). lieber Oesterreichs Militärreformen s. Reniers 
Relation in den F. R. A. Diplom. XXII, S. 316. 

' Wie Friedrich selbst in Paris bewundert wurde, lesen wir bei Sorel, 
L'Europe et la Revolution fran^aise I, S. 294 u. Anm. 8. 

■ S. Morel-Fatio, Etudes sur TEspagrne, Paris 1890, Bd. II, S. 36. 

* Geheimes 8taatsarchiv Berlin, Rep. 88, Nr. H. Mit Sardinien war 
Friedrich seit jeher befreundet (P. C. XXV, Nr. 16994 u. 16164). 

^ ,Die8e Aufrichtung hat in ihrer Ausführung verschiedene Hindemussen 
vorgefunden', berichtet Starb emberg ans Paris am 13. April 1766, ,und 
sogar in einigen Provintsien und zumahlen in der Guienne zu kleinen 
EmpObrungen anlass gegeben*. K. k. Staatsarchiv Wien. 

* jLes Francis ont leurs querelles interminables entre leur Parlement et le 
clergö. Les Portugals ont saisi des galions anglais, et ces demiers s'entre- 
d^chirent par leurs factions parlementaires au grand dötriment du bien 
de leur gouvemement,* am 25. April 1767 in der P. C. XXVI, Nr. 16618. 

ArcbiT. XCII. Band. H. Q&lfte. 97 



416 

Pitts ins englische Ministerium harrte und wähnte^ dass durch 
diesen Staatsmann die grosse nordische Liga zum Abschlüsse 
gebracht werden würde, der Streit zwischen Spanien und Eng- 
land um Manilla täglich kritischer wurde und auch die öster- 
reichisch-französische Verbindung durch die St Remenser An- 
gelegenheit theilweise getrübt,^ ja infolge der niederländischen 
Grenzstreitigkeiten oft harten Proben ausgesetzt wurde, England 
aber seine Bündnisse im Norden immer stärker festigte und 
erweiterte,* bahnten sich zwischen den beiden deutschen Vor- 
mächten neue Verhältnisse an oder lenkten sie theilweise in 
ältere Q-eleise ein. 

Trotz der vereitelten Zusammenkunft der Fürsten hatten 
die Oesterreicher die Zuschauerrolle in Polen aufgegeben. 
Elaunitz machte zu Beginn des Jahres 1767 endlich Miene, in 
der Dissidenten&age — ftlr Oesterreich eine Religionssache, 
was sie ftlr Friedrich gewiss nicht war — auch seinerseits 
schneidig einzugreifen. Ob er mit den deutschen Fürstenhöfen 
über die Unterstützung der Dissidenten unterhandelte, wie 
Friedrich erfahren haben wollte,' muss freilich dahingestellt 
bleiben.* Die Action kam wiederum zu spät und war ein 
Fehler; denn kurz zuvor war ja Friedrich durch die vereitelte 
Zusammenkunft abwendig, durch einen Abrüstungsvorscblag,^ 
den er nothwendig als Ablenkungs- und Einschläferungsmittel 
ansehen musste, misstrauischer als je zuvor geworden; die auf 
jenen Vorschlag sofort folgenden umfassenden Rüstungen in 
Ungarn und Mähren® hatten ihn dann ganz in Russlands Arme 

^ Ueber all diese Fragen wird ein zweiter Theil ,Frankreich and Eossland 

1766— 1768< Aufschluss geben. 
' Auch mit Schweden scbloss es im Jahre 1767 eine Defensivallians. 

• Vom 1. Februar 1767 im Sbomik XXXVII, S. 24, Nr. 803. 

• Mir sind diesbezüglich keine Acten untergekommen. Möglich ist es aber 
immerhin und die Nachforschungen werden sich auf diesen Punkt er- 
strecken müssen. 

» Vgl. Dohm, IV, 320. 

• Friedrich an Rhod am 24. December 1766, P. C. XXV, 16712, S. 889 bis 
340, Anm. 1, s. besonders Bohds Bericht vom 17. und Schlabrendorffs 
Bericht vom 21. Jänner, beide abgedruckt in der P. C. XXVI, 8. 20—23. 
G. M. Burrmann berichtete aber schon am 12. August 1766 an den 
Fürstbischof von Würzburg, es werden alle erdenklichen Anstalten ge- 
troffen, das Königreich Ungarn in besten Vertheidigungszustand zu setzen. 
,Die Militz in diesen Landen belaufet sich auf 250.000 Mann' (WOrs- 
buiger Kreisarchiv). 



417 

getrieben. Musste er ja^ als er von der AofttelloDg eines 
Truppencordons auch an Polens Grenze hörte, argwöhnen, 
dass Kaunitz, der sich jetzt ganz offen gegen die rassisch- 
preussische Macht in Eampfesposition stellte, mit Frankreich 
und Spanien offensiv alliiert sei, omsomehr als er auch von dortigen 
RttiBtongen erfuhr.^ Auch erregte die Berofiing Laudons nach Wien, 
namentlich in Potsdam, gewaltiges Aufsehen,* und die bereits er- 
wähnten Gerüchte von des Kaisers Neutralitätsverhandlnngen 
mit deutschen Reichsfllrsten wurden natürlich vom misstrauischen 
Preussenkönige nach dieser Richtung hin gedeutet,' die Reise 
des Fürsten Kasimir Poniatowski mit 100.000 fl. nach Lemberg 
wurde mit der Erhebung und militärischen Unterstützung der 
Zips seitens Oesterreichs in Zusammenhang gebracht^ und diese 
Gerüchte über Rüstungen und Magazinsanlagen, ungeheuer auf- 



^ Friedrich an Solms am 26. J&nner 1767, Sbornik XXXVII, 18. Er be- 
zeiclinete wohl diese Nachrichten als »Fanfaronaden* (an Rohd yom 
18. Jftnner 1767, P. C. XXVI, 8 14), trag jedoch Thnlemeier am 2. und 
5. Febraar 1767 (P. C. XXVI, S. 89) recht angelegentlich anf, bestrebt 
zu sein, diesen Meldungen und Qerüchten von Truppenreformierun- 
gen etc. auf den Grund zu kommen. 

' Reniers Bericht vom 31. Jänner 1767. Rohds äusserst wichtiger, zudem 
noch ungedruckter und bisher unverwerteter Bericht vom 3. Jänner 
wird gerade in der F. C. XXVI, S. 9, Anm. 2 mit wenigen Worten ab- 
gethan, trotzdem auch dort mehrmals auf ihn verwiesen wird; auch 
Rohds Bericht vom 24. Jänner ist ganz fibersehen, trotzdem eine Er- 
läuterung der gemeldeten Absicht des Wiener Hofes, eine ,neutralit6' 
anzubahnen, dringend erforderlich scheint Dagegen rangiert der be- 
kannte Bericht Nugents (vgl. Arneth, VIII, 190) über eine ganz for- 
melle Unterredung mit dem K($nig vom 26. Juli 1767 mitten unter 
Friedrichs Weisungen (P. C. XXVI, Nr. 16741), obzwar man den Zweck 
dieser Einreihung nicht einsieht Oder wollte der Editor zeigen, dass 
er fUr diesen Band der P. C. auch Wiener Archivalien herangezogen 
hat, was er wohl eher im vorigen hätte thun sollen? Ebenso hätte die 
Erklärang, dass nach der goldenen Bulle bei Verweilen des Kaisers 
ausserhalb des Reiches ein Verweser eingesetzt werden musste (S. 243), 
ffiglich wegbleiben können. 

' Ob freilich Rohds Bericht vom 24. Jänner 1767 eine derartige Deutung 
zulässt, muss dahingestellt bleiben, nachdem sich die P. C. auch hier, 
wie betont, gründlich ausschweigt, aber mit Verweisen auf Friedrichs 
Weisung an Rhod vom 31. Jänner nicht spart. 

« An Benoit vom 11. Februar 1767, P. C. XXVI, Nr. 16489 und dessen 
Bericht vom 28. Jänner ebend. 8. 41, 

27* 



418 

gebauscht^ ^ verbreiteten sich ebenso rasch wie die von dem 
damals in Görz auftretenden Pestfalle.' Wir kennen Friedrichs 
damalige Meinung über Josef, den er mit Karl Xu. ver^eicht, 
einen Hitzkopf nennt, welchen man nie ,dichiffrer' könne.' Er 
war auch überzeugt, dass die Wendung in Polen die Kaiserin 
in ihren religiösen Gefühlen schmerze; kurz der nüsstrauische 
Preussenkönig war wieder gänzlich gegnerisch gesinnt und der 
Zweck der Rüstungen damit wenigstens jetzt verfehlt, selbst 
wenn die Truppenbewegungen, von denen Friedrich noch am 
12. und 15. Februar an Solms schrieb, nur Demonstrationen 
waren, wie Panin richtig vermuthete* und wie selbst Friedrich 
hie und da kundgab.^ 

Schreibt der Preussenkönig doch am 26. Jänner 1767, 
wenn Russland im Februar 15.000 Mann in Polen einmar- 
schieren lassen wolle, so wäre es angezeigt, 50.000 — 60.000 
Mann an den Grenzen bereit zu halten, und auch er werde 



^ Wie dies Friedrich selbst aus ScbUbrendorffis Bericht aus Breslau Tom 
11. Jäuner 1767 erfuhr (S. an Rhod yom U. Jänner 1767, P. C. XXYI, 
8. 12). «Die Qerüchte sind erfunden, dass in Wahrheit les commis des 
vivres avaient mis saisie sur quelques moulins par-ci par-liL, mais que 
c'ötait uniquement dans la vne de foumir le pain de munition aux troupes 
pendant la g^rande disette de farines, qui j (in Schlesien) r^gnait' Die 
Qetreideabfuhr aus den Sudetenländern diene zur Deckung des Bedarfes 
in den innerösterreichischen Gebieten, welche von der vorjährigen Mias- 
ernte heimgesucht worden sind. 

' ,Les lettres de la Silesie marquent des pröparatifs pour une guerre, tont 
marche vers Glogow. II [se] forme[nt] deux R^iments d'Hussars, avance 
de Pargent aux officiers pour se mettre en Equipage, Ton assure ce qa*il 
roarche en Pologne/ berichtet der sächsische Agent Oberst Ehrenscbild 
aus Prag vom 13. März 1767. Dresdner Archiv, loc. 2889. Vgl. auch 
P. C. XXVI, Nr. 16496. Die fehlenden wichtigen Berichte Schlabren- 
dorffs (P. C. XXVI, S. 50—69) dürften in einem gemeinsamen noch 
zu suchenden Fascikel liegen. Interessant sind die Nachrichten, die 
dem Könige von der mährischen, böhmischen und schlesischen Grenze 
vom 5., 9. und 15. Februar und 24. April 1767 überschickt worden sind 
(P. C. XXVI, S. 67—69, s. ebenso S. 144). 

' An die KurfUrstin Maria Antonie von Sachsen am 12. Februar 1767. 
Oeuvres posthumes XXIV, Nr. 69, 8. 120. 

* Solms Berichte vom 16. und 20. Jänner 1767. Sbomik XXXVII, S. 22 
u. 29, Nr. 301 u. 304. 

•* An Rhod vom 11. Februar 1767. ,Ce que j*en pr^ume, c'est qu'ik 
veulent faire des ostentations relativement aux affaires pr^entes de 
Polo^e.* P. C. XXVI, ?fr. 1644^. 



419 

seine ganze Cavallerie beritten machen und seine Armee zu 
mobilisieren suchen^ doch seien 25.000 Mann Russen genügend^ 
um über die Republik zu verfügen, nur wenn sich Oesterreich 
einmenge, müsse man ihm mindestens 60.000 Mann, und zwar 
auf der ungarischen Seite entgegenstellen.^ Am 15. Februar 
meint er, dass dies in Wien seine Wirkung gewiss nicht ver- 
fehlen dürfte. Wirklich traf der König schleunigst kriegerische 
Massregeln; er berief die ostpreussischen Qeneralinspectoren 
der Armee, Alt-Stutterheim und Bülow, am 27. Jänner zu einer 
Besprechung, Hess Pferde ankaufen, seine Cavallerie vervoll- 
ständigen und sorgte auch fUr die erwünschte Verbreitung 
solcher Mobilisirungsmassregeln. 

Die ganze Correspondenz Friedrichs in dieser Zeit ist von 
Truppenrüstungen beherrscht.* Panin möchte Sorge tragen, 
einige NichtrRussen nach Ungarn zu schicken, um dort und 
an ähnlichen Orten Beobachtungen anzustellen, ,car ordi- 
nairement de pareilles choses s'^bruitent plus tot dans les pro^ 
vinces, que dans la capitale mßme', heisst es in dem mehrfach 
citierten Schreiben vom 15. Februar, und thatsächlich schürten 
damals (im Februar 1767) russische Emissäre die religiöse Be- 
wegung, die unter der griechisch-katholischen Bevölkerung 
Ungarns ausgebrochen war.* So forderte er selbst Russland 
auf, die Sachlage auszunützen, und diese verstand solches vor- 
trefflich. Auch Panin machte dem Preussenkönig Mittheilung 
von seinem Plane, die Czartoryskis zu sich herüber zu ziehen,^ 
die Dissidenten zu confbderieren, ihre Erhebung durch russische 

» Sbomik XXXVII, S. 17. 

' fL» roj de Prasse ne respire que la gaerre,* schreibt v. Thiereck (Secret&r 
der bayr. Answ&rtigen Angelegenheiten) an den karbayr. Gesandten in 
London, Freiherm t. Haslang. ,11 fait avancer vers Dantzig an corps 
de 36 miUe hommes, et on assure, qae le printems prochain 11 va former 
ane armöe de 80 m. hommes sur TOder. La Bassie fait aossi de farieux 
moavements, qui doivent faire trembler la pauvre Pologne. Je puis 
assurer Votre £., qae la dömarche da Boi de Prasse et celle de Tlm- 
peratrice de Rassle donne an champ bien large k des röflexions les 
nnes plas embarrassantes qae les aatres, on ne scaarait encore k 8*y 
fixer, paisqa^on perd de vae Tobjet qai les fait naitre*. München, den 
26. März 1767. Münchner Staatsarchiv, K. gr. 117/362. 

' Ehrenschildfl Bericht vom 13. April 1767. Dresdner Arohiv, loc. 28S9. 

^ Panins Schreiben an sie vom 20. December 1766. Sbomik XXXVI, S. 6 
bis 16. Ebenso vom 5. J&nner and die Antwort der Czartoiyski vom 
23. Jänner 1767 bei Beimann, II, 208. 



420 

Truppen zu unterstützen, und bat den König um Unterstützung 
der Erklärung Repnins in Warschau.^ Friedrich sagte zu und 
Hess sogar, als er aufgefordert wurde, seinen Einfluss in 
Polnisch-Preussen geltend zu machen, ,k engager les villes et 
la noblesse de ce province, k s'y joindre et k hire cause com- 
mune avec leurs confr^res',^ seinen Agenten Junk in Danzig 
anweisen, sein Möglichstes zu thun, um die Danziger zum 
Beitritte zur Thomer Dissidentenconföderation zu vermögen.' 
Und Panin wusste diese Verständigung Preussens mit 
Russland in der Dissidentenangelegenheit dem österreichischen 
Gesandten vertraulich, aber wirksam mitzutheilen.^ Gleichzeitig 
verlangte er Aufklärung über Oesterreichs Verhalten — ,denn 
auch hierorts erweckt das Gerücht von Kriegsanstalten unseres 
allerhöchsten Hofes ein grosses Aufsehen', meldet Lobkowitz, 
,und haben mich verschiedene Vornehme der hiesigen Nation 
nicht minder auch der Fürst GaUtzin darüber sondiert'* — 
und liess im März durch den Fürsten Galitzin in Wien die 
preussische Forderung nach Auswechslung der Kriegsgefangenen 
durch eine gemeinsame Erklärung der alliierten Mächte am 
Wiener Hofe nachdrücklich unterstützen.® 



^ Abdruckt in Solms Berichten Tom 29. December 1766. Sbornik XXXVH, 
8. 1-6. 

* Solms Bericht Tom 12. Febmar 1767, ebenda. 

* An Finckenstein vom 22. Februar 1767. Sbornik XXX VII, Nr. 810, S. 39. 
^ Lobkowits berichtet ohnehin in dieser Zeit von den zahlreichen ver- 

traulichen Unterredungen Panins mit Solms, so namentlich am 10. and 
19. März 1767, am 22. April im k. k. Staatsarchive Wien. ,Zu diesen 
Unterredungen wird auch der dänische Minister in Petersburg (Graf von 
der Assebnrg, in dem Lobkowitz mit Recht einen Hauptförderer des 
„nordischen Systems* sah) zugezogen. Ob diese vielen Conferenzen die 
alleinige DissidentenunterstQtznng betreffen mögen, wird E. Liebden wohl 
am besten zu beurtheilen vermögen. ,Diese Unterhandlungen werden so 
hftnfig gepflogen, dass ich dahingestellt sein lassen muss, ob solche einsig 
die Bepnblik Polen betreffen,* heisst es am 19. MXrz. 

* Am 19. März 1767, im k. k. Staatsarchiv Wien: ,und hat dieser mir sn 
erkennen gegeben, wie er den Endzweck dieser Zurtlstungen nicht wohl 
einsehen konnte, gestalten ihm des Königs in Preussen friedfertige Ge- 
sinnungen gegen unsem allerhöchsten Hof allzu wohl bekannt wäre*. 

* P. C. XXVI, Nr. 16689. Dagegen wird Rohds Bericht vom 28. MSrs 
(bisher nicht verwertet), der diese Declarationsangelegenheit und Eaunitsens 
Stellung zu ihr behandelt, in der P. C. flbeigangen. Man vergleiche 
Solms Bericht vom 23. April 1767 im Sbornik XXXVII, welcher die 
Antwort des österreichischen Staatskanzlers bringt 



421 

Und dieser wich auf die drohende Stellungnahme Fried- 
richs von seiner aggressiven Politik zurück. Wohl ergieng noch 
am 29. April 1767 die scharfe Weisung an Lobkowitz: ,Im 
Falle aber eine Ministerialanfrage erfolgen sollte und sich an- 
gemasst werden wolte, unseren Hof in gewisser Mass zur Rede 
zu stellen^ so erforderte das allerhöchste Ansehen eine nach- 
drückliche Antwort zu geben, daher auch E. L. in diesem 
Falle blosserdings die Ungewissheit vorzuschützen und die 
Ministerialanfrage ad referendum zu nehmen belieben wollen, 
worauf ich sodann die nähere Anweisung zu ertheilen ohner- 
mangeln werde^* — aber sie bemäntelte kaum den Rückzug. 
Hatte Maria Theresia noch Ende 1766 dem englischen Ge- 
sandten gegenüber die oft citierten Worte gebraucht: ,Ich kann 
nicht mit gekreuzten Armen dasitzen und dulden, dass ein Fürst, 
mit welchem ich in Freundschaft lebe, muthwillig unterdrückt 
werde, bloss weil er nicht alles that, was man von ihm ver- 
langte,^* so erklärte sie schon wenige Wochen nachher, dass 
der ganze Zustand Europas und ihre eigene Lage derart be- 
schaffen seien, dass es jetzt für sie unpassend und unmöglich 
sei, sich einzumischen, obgleich sie durch das Benehmen der 
Czarin (hurt) verletzt sei.* 

Der Preussenkönig aber, misstrauischer denn je, Uess sich 
jetzt trotz der beruhigendsten Nachrichten von Wien, trotz der 
Dementis, welche Nugent, von seinem Hofe beauftragt,* den 
(Jerüchten von Oesterreichs Mobilisierungsplänen gegenüber 
officiell abgegeben hatte, nicht überzeugen. 

Wenn er auch selbst bereits am 28. Februar und in einer 
Reihe von Briefen im März und April seine Zuversicht aus- 
gedrückt hatte, dass Oesterreich sich in die polnischen Wirren 
nicht einmengen werde, allarmierte er doch auf Rohds Bericht 
Yom 15. April 1767 hin^ am 22. und 23. April wiederum seine 
Vertreter in Wien, Warschau und Petersburg mit österreichi- 
schen Truppendislocationen, Garnisonswechseln, mit Gerüchten 



* Im k. k. Staatsarchiv Wien, Weisungen . 

' Bericht des englischen Gesandten vom 8. Jänner 1767 bei Räumer, II, 83. 

* Ebenda. IV, 104. 

* Dass sich der Wiener Hof dazu entschloss, ist nach dem Gesagten selbst- 
yerstftudlich und verdient durchaus nicht jene breite Erörterung, welche 
ihr der mitfühlende Editor der P. C. widmet. 

' In d^r P. C. gänzlich übergangen. 



422 

über Heranziehung italienischer Regimenter,^ über die Kaiser- 
reise nach Ungarn zu Lagerübungen und mit den Plänen der 
Neuarmierung der österreichischen Infanterie.* Fielen doch 
diese Nachrichten merkwürdig der Zeit nach genau mit der 
Eröffnung des ausserordentlichen polnischen Reichstages zu- 
sammen. Und als Rohd in seiner Depesche vom 6. Mai 1767' 
auch diese Qerüchte als Erfindungen bezeichnete, fand EVied- 
richs Misstrauen frische Nahrung in der Reise des Grafen 
Rzewuski nach Wien, ,ohne Zweifel, um dort zu intrigoieren', 
und weiter darin, dass zufolge von Nachrichten 12.000 Transport- 
wagen mit Proviant von der österreichischen Heeresverwaltung 
an die polnische Grenze geschickt würden oder worden seien.* 
Und wenige Tage darauf allarmierte ihn die Meldung von der 
Bildung eines Cordons durch österreichische Infanterie und 
Cavallerie.^ Aber da sidi viele solche Nachrichten als Ueber- 
treibungen, ja als absichtliche Allarmschüsse herausstellten — 
ob Russland seine Hand im Spiele hatte, mag dahingestellt 
sein — und da sie endlich ganz ausblieben, ward auch Friedrich 
ruhiger. ,Ich zweifle jetzt nicht mehr/ schrieb er am 2. Juni 
1767 an Solms,^ ,vielmehr glaube ich eine fast vöUige Ge- 
wissheit darüber zu besitzen, dass sich der Wiener Hof keines- 
wegs in die polnischen Angelegenheiten einmengen werde. Die 
Kaiserin-Königin hat jüngst in einer Unterredung dem Ge- 
sandten Freiherm v. Rohd gesagt, sie sei fest entschlossen, 
keinesfalls in der Dissidenten Sache einzugreifen, sie sei es 
zufrieden, wenn das liberum veto aufrecht erhalten werde, and 
sie würde sich gegenwärtig weder en blanc noch en noir des 
dissensions intestines Polens einmischen.'' 



> Vgl. beßonders an Rhod vom 18. Mai 1767 in der P. C. XXVI, Nr. 16649. 
Was Maria Theresia Aber dieses Gerücht zam preussischen Gesandten 
sagte (s. dessen Bericht vom 23. Mai 1767 in der P. C. XXVI, S. 169, 
der bei Reimann, II, 213, bereits verwertet ist), klärt es völlig an£ 

« P. C. XXVI, 8. 134—137 u. 141. 

' Zum Theil abgedruckt bei Reimann, II, 212, Anm. 4. 

* An Solms vom 13. Mai 1767. P. C. XXVI, Nr. 16660. Daas Friedrich« 
Verdacht über Rzewuskis Reise gänzlich unbegründet war, beweist Bobds 
Bericht vom 27. Mai 1767, P. C. XXVI, S. 171, Anm. 5. 

^ An Solms vom 18. Mai 1767, ebenda Nr. 16656. 

• Sbomik XXXVU, Nr. 2326, S. 78. Vgl. dazu Forschungen IX, 193. 
' Rohds Bericht vom 23. Mai, P. C. XXVI, S. 169. 



423 

Rnssland hatte dieses Spiel gewonnen, seinen Plan auch 
dorchgeftihrt. Unter seinem militärischen Schatze und mit 
russischem Gelde waren nach den Dissidentenconföderationen 
von Thom vom 19. März 1767 (Marschall war Graf Georg 
Wilhehn von der Goltz) und von Sluck (Marschall, General 
V. Grabowsky) nicht weniger als 24 antirojalistische oder besser 
anticzartoryskische Confbderationen im Juni 1767 gebildet 
worden, an deren Spitze Mitglieder und Parteifreunde der 
Radziwils und Mniszeck standen, frUher Russlands grimmigste 
Feinde. Sie alle vereinigte Fürst Karl Radziwil in der General- 
conföderation von Radom am 23. Juni 1767.^ 

Beziehungen Oesterrelehs zn Prenssen bis zum Ansbrueh 
des Tfirkenkrleges. 

Inzwischen hat die preussische Annäherung an Russland 
zum Aprilvertrage von 1767 geftlhrt.* Friedrich hatte am 
19. Februar 1767 den Entwurf eines geheimen Vertrages mit 
Russland eingesandt,' bereits am 13. März war der Moskauer 
Gegen entwurf abgegangen,* und am 23. April 1767 schon wurde 
die geheime Convention abgeschlossen. Der Preussenkönig, 
der noch Ende 1766 jede militärische Unterstützung an 
Russland versagt hatte, verpflichtete sich nun sogar zu einer 
Diversion gegen Oesterreich, wofür ihm Katharina angemessene 

' Auch ttber deren Schicksale bis sum ewigen Vertrag fehlt jede Dar- 
stellang, sowohl in Hermanns ,Qe8chichte RussIandsS als in Prowes 
,PolenS oder in den fStaatsveränderungen yon Jonbert*. Nur die englischen 
Berichte vom 15. October 1767 bei Ranmer, IV, 118, weiter die vom 
14., 17., 21. October ebend. 8. 128, 126 n. 128, sowie Essens Berichte 
im Dresdner Archiy, loc. 8560 — 8562, besonders im letatgenannten locate 
VoL IV, a~c und die Correspondensen zwischen Repnin und Panin bei 
Ssolowjoff, bringen Material. Die polnischen Familienarchive sind noch 
EU wenig ansgebeutet. 

* So nnrermittelt auf Rohds Bericht vom 17. Jänner 1767 dachte ich mir 
den Plan der Geheimconvention nicht entstanden. Nach der P. C. 
XXVI, S. 82, müssen wir annehmen, dass Friedrich sofort nachher 
mündlich den Grafen yon Finckenstein mit der Ausarbeitung beauftragt 
hat, ,denn ein schriftlicher Befehl liegt nicht vor*, heisst es ebenda. Anm. 4. 
Die Entstehungsgeschichte dieser Convention beginnt bei ihr mit einem 
,Nicht Torhanden!' Der Entwurf und die Unterhandlungen selbst aber 
aind schon Hingst gedruckt und verwertet 

* S. Sbomik XXXVII, 8. 60ff. und P. C. XXVI, S. 38-85 u. S. 62—64. 

* S. Sbomik XXXVII, Nr. 822, S. 68-72. 



424 

Entschädigung versprach/ eigentlich nichts anderes, als was sie 
schon 1763 und 1764 fUr diesen Fall zugesagt hatte.* Um die 
Frage der Entschädigung drehten sich die gesammten Ver- 
handlungen vom Februar bis April, und das Wort d^dommage- 
ment beherrscht die politische Correspondenz auch dieses Jahres. 
Friedrich forderte am 22. Februar, dass im Kriegsfalle die 
Waffen nicht eher niedergelegt werden dürfen, als bis die 
stipulierte Entschädigung ,sera effectuä en ma faveur^' Panin 
wünschte nur, dass sich der König hierüber klarer ausgedrftckt 
hätte, und vermuthet (in der Unterredung mit Solms), dass 
dieser diesbezügliche Instructionen reserviert hätte. Solms ant- 
wortete, dass die Mässigung des Königs es ihm nicht erlaube, 
schon jetzt daran zu denken, über dieses noch so ferne Object, 
das übrigens nur in einem eigens mit Russland zu nehmenden 
,concert' geregelt werden wird, sich speciell zu äussern/ 

Nicht blos Preussen, auch der Wiener Hof bewarb sich 
im Frühsommer um die Gunst der Czarin;* auch die Pforte 
hatte eingelenkt und war aus ihrer aggressiven Stellung zum 
früheren freundschaftlichen Einvernehmen mit Russland zurück- 
gekehrt.^ Der sächsische Gesandte in Petersburg, Graf Sacken, 



* Doch hat die Frage der Urheberschaft der TheiluDg Polens, welche die 
Forscher aas dieser EntschSdigungsangelegenheit abgeleitet haben, mit 
der russisch-preossischen Ann&herang nichts su thon. Weil sie aber hier 
berührt ist, sei auf die Action aar Regelang der russisch-polnischen 
Grenze verwiesen, wo rassische Ingenieure das Gebiet von Witebsk bis 
Mohilew und sogar einen Theil der Minsker Wojwodschaft bereisten, und 
Rassland die Absicht hatte, die Grenzregulierung (bekanntlich eine harte 
NusB in den russisch-polnischen Verhandlungen) so zu treffen, dass die 
Grenze sich, wie Kaunitz an Brognard vom 6. October 1767 schreibt, in 
dem Gebiet von Kiew und dem Dnjepr längs der Dwina hinziehen sollte, 
,damit sich Russland für die der Republik geleisteten Dienste and 
Hilfen und die darauf verwendeten Unkosten entschädige* (bei Hurmnsaki, 
VII, S. 45). Doch steckt der Ursprung der Entschädigungsfrage schon in 
dem Versprechen, das Katharina dem PolenkeJnig August III. 1768 gegeben 
hatte, dass sie für den Verzicht Kurlands die Räumung Sachsens bewirken 
wolle. Für diese Räumung aber hatte Friedrich eine Entschädigung ver- 
langt und die hatte Katharina bis jetzt nicht geleistet. 

* Vgl. Solms Berichte vom SO. December 1763 und 31. December 1764. 
» Sbomik XXXVU, S. 68, Nr. 818. 

« Solms Bericht vom 12. März 1767 ebenda. Nr. 821, S. 66. 

^ Berichte des englischen Gesandten vom 18. Juni and 6. Juli 1767 bei 

Raumer, IV, 104. 
' An Solms vom 18. Juli 1767. Forschungen IX, 198. 



425 

hatte sich — welch klägliche Rolle! — hilfesnchend an Katha- 
rina um Unterstützung gewandt^ damit Sachsen in einem öster- 
reichisch-preossischen Kriege volle Neutralität beobachten könne^ 
und hatte daf&r versprochen, seinen ganzen Einfluss aufzu- 
wenden, um die sächsische Partei Polens zum Anschlüsse an 
die russische zu bringen.^ Wie verstand Elatharina jetzt den 
preussischen Gesandten an sich zu fesseln und den österreichi- 
schen Vertreter während ihres mehrmonatlichen Aufenthaltes 
in Jaroslau zu bestricken!* Selbst als man den Einmarsch von 
40.000 Russen und 30.000 Preussen in Polen von Marienwerder 
her erftihr, rührte sich nichts. Nichts nützten mehr die Vor- 
stellungen der päpstlichen Curie und der polnischen Bischöfe, 
wenn sie auch an der frommen Kaiserin nicht eindruckslos 
vorübergegangen sind/ noch weniger wurde denen Frankreichs 
Gehör geschenkt.^ Jch schaudere, wenn ich bedenke, wie viel 
Blut während meiner Regierung geflossen ist,' sagte Maria 
Theresia zum päpstlichen Nuntius, Cardinal Borromeo; ,nichts 
als die äusserste Nothwendigkeit kann mich dahin bringen, 
Ursache zu sein, dass noch ein Tropfen vergossen wird.' 



» P. C. XXVI, 8. 121. 

* Wie wir aos Lobkowitz* und Solms* Berichten aas Jaroslan, so vom 
24. Mai, ersehen: ,La maniöre dont S. M. I. a bien voula nous recevoir 
et traiter, ressemble k la politesse naturelle et ais^, d'one particaliöre 
plutöt, qu*aax t^moignages ordinalres de bienveillance, dont une anssi 
grande souveraine pourrait youloir distingner qnelqa'an de notre ^tat, et 
ne difföre en rien de celle, dont peuvent se flatter ceox de sa cour, qu'elle 
distingae le plns par Tacc^ libre, qu^elle leur aocorde joumellement 
anpr^ de sa personne.' Und Friedrich antwortet: ,Je suis charmd 
d'apprendre d'abord les t^moignages gracieux et les dbtinctions parti- 
cuUöres, dont Tlmp^ratrice a accueilli vous* u. s. w., P. C. XXVI, S. 1S7. 
Aehnlich wie Solms meldet auch Lobkowitz vom 24. Mai aus Jaroslau. 

' Vgl. an Rhod vom 29. Bfftrz, P. C. XXVI, Nr. 16571 und 16733. Duncker, 
8. 162. 8bomik XXXVU, 8. 7S. Die Depesche Finckenstein-Hertzberg 
an Solms vom 2. Juni 1767, Sbomik XXXVU, Nr. 326, in welcher es 
heiast, dass Maria Theresia zu Rhod gesagt habe, sie habe dem Bischof 
von Krakau geantwortet, dass ein pftpstliches Breve auf sie keinen Einfluss 
mehr ausüben werde und kOnne, trägt den Stempel der gesandtschaft- 
lichen Zuthaten. Man vergleiche hiezu Rohds Bericht vom 23. Mai bei 
Beimann, II, 218 und die interessante Weisung an Benoit vom 16. April 
1767. P. C. XXVI, Nr. 16601. 

* Berieht des englischen Gesandten vom 13. October 1767 bei Eaumer 
IV, 108. 



426 

Freilich kam sie auch der russischen Bitte um Intervention 
beim Papste fUr den neuemannten Primas in Polen nicht nach.^ 
;Unser Hof findet eine solche Vorstellung schon deshalb f&r 
bedenklich/ schreibt Kaunitz an Lobkowitz (am 22. Angost 
1767)^ yUnd seinerseits fbr unthunlich^ weil er sich überhaupt 
aus der Sache halten, und zwar sich nicht gegen die Dissi- 
denten am Laden legen, aber auch den Vorwurf gänzlich ver 
meiden wolle, dass er seinen eigenen Glaubensgenossen ent 
gegengestanden sei/* 

Russland aber schritt unaufhaltsam dem Garantievertrage zu, 
der, wie wir aus der Correspondenz Panins mit den Czartoryskis 
(im Sbomik LXVII) ersehen, schon seit 1766 vorbereitet war.' 



' »Letzthin hat mich Panin bei Hof bei Seite genommen, um mir ein and 
anderes über den jetsigen Stand der Sachen in Polen in betreff des neu 
ernannten Primas za er()ffnen. Er sagte, es wäre zu bedauern, dass der 
päpstliche Nuntius dessen Ernennung nicht billigen wollte und zu er 
kennen gebe, dass auch von Rom die hiezu nöthige Bulle nicht erfolgen 
würde, weil man mit seinen Gesinnungen betreffs der Dissidenten unzu- 
frieden wäre. Seine Aeusserung gieng endlich dahin, dass von 
unserer Seite einige Insinuation zum Besten des neu er- 
nannten Primas in Rom geschehen möge, worauf ich mich be- 
schränkte, dass ich zwar dasjenige, was er mir eröffnet, meinem Hofe 
behOrig einberichten würde, soviel mir jedoch von allerhöchst dessen 
Denkungsart inzwischen bekannt wäre, sei ich der Meinung, dass der 
selbe von der in gegenwärtigen polnischen Unruhen überhaupt einge- 
nommenen Mässigung nicht leicht abgehen und folglich auch in dieser 
Angelegenheit beharren dürfte.* Lobkowitz* Bericht vom 15. Juli 
1767 in Chiffren im k. k. Staatsarchive Wien, Relationen 
Russland. Schon am 10. März 1768 berichtet Lobkowitz, dass unter 
anderen Massnehmungen Russlands in Polen auch die gänzliche Aufbebung 
der päpstlichen Nuntiatur erfolgen werde und dass es keinem Zweifsl 
unterworfen sei, dass künftig kein päpstlicher Nuntius in diesem König- 
reiche sich aufhalten werde. Ebenda. Doch erfolgte diese Massregel nicht 

' Ebenda in Ziffern (Weisungen). 

' ,Le seul d^vouement dont V. A. ont totgours fait profession k Pigard de 
la Russie aurait du un motif süffisant, pour emplojer toute votre dex- 
t&nt6 et votre credit, k resserrer les liens des deuz nations par 
un trait^ d*alliance, disposer les moyens, les plus sürs, pour terminer 
le diff^rend des limites et contribuer au succ^ de Taf faire des 
dissidents, qui Interesse si fort ma souveraine et ses alli^s . . .' heisst 
es in dem Schreiben Panins vom 4./15. Juli 1766. Sbomik LXVII. Nr. 1365, 
S. 14. — S. 10 fasst er die Ziele seiner Politik in die Worte 
zusammen: ,rMablir la r^publique, sur son propre pivot, savoir uae al- 
liance avec la Russie, la lib^ration des dissidents de leur oppression et le 



427 

Die Bildung der ConföderatioDen/ die GründüDg einer Gegenpartei 
gegen die Czartoryskis^ die Geheimconvention vom April 1767 mit 
BViedrichy die militärische Besetzung Polens, die Gewinnung des 
Fürsten Adam Czartoryski, all das waren ja nur Etappen auf 
dieser Bahn. Im Spätsommer wurde Stanislaus August bewogen, 
den Briefwechsel mit Katharina wieder anzuknüpfen, trotzdem sie 
in dem gefährlichen Streitfalle zwischen Polen und Preussen über 
das Werbungsverbot des Polenkönigs ^ auf Preussens Seite ge- 
treten war und Stanislaus zu einem Erlasse gezwungen hatte, in 
welchem er sein Edict als auf die preussisehen Werbungen 
nicht anwendbar erklärte;' aber mit diesem Schritte — infolge 



r^glement des frontiöres. Wie getreu hat er besonders den letzten 
Programmpnnkt ausgefQhrt! Vgl. ebenso Nr. 1466, 8. 229 n. a. m. (lieber 
die Grenzregnlierung s. Essens Beriebt vom 1. Febmar 1766 bei Hermann: 
Geschichte Rasslands V, 884, Anm. 218.) Doch erst jetzt nach den Er- 
folgen des Jahres 1767 trat Russland mit den bestimmten Forderungen 
nach der Bürgschaft für alle Gesetze in Polen hervor; s. den Bericht des 
englischen Gesandten vom 7. Ootober 1767 bei Räumer, IV, 106. Dem 
preussisehen Bundesgenossen Hess es erst im Deoember 1767 (Solms 
Bericht vom 14. December 1767, Sbomik XXXVII, 8. 125) officiell von 
dem Plane des Freundschaftsvertrages eine Mittheilung zugehen. 

^ FQr die Geschichte derselben sind die Berichte im 8bomik XXXVII, Nr. 320, 
882 und 848, Kaunitz an Brognard vom 6. October 1767 bei Hurmuzaki, 
Doc. VII, Nr. 88, 8. 48 — 47, die Berichte des englischen Gesandten vom 
15. October 1767 bei Raumer, IV, 111, und die grundlegenden Dar- 
stellungen von Prowe (8. 29), Duncker (8. 152), Hermann (8. 885—428), 
Rulhi^re, Jouberts, 8taatsverändemDgen von Polen 1768—1775, ganz 
besonders aber Essens Berichte im loc. 8562, Vol. IV*—« des Dresdner 
Archivs, heranzuziehen. 

' 8tanislau8 hatte durch das Edict vom 15. April 1767 fremde Werbungen 
auf polnischem Gebiete verboten. An dieses Verbot hatten sich jedoch 
die preussisehen Werber nicht gekehrt und der schon genannte preussische 
Resident und Legationsrath Junk hatte durch sein schroffes, heraus- 
forderndes Benehmen den Danziger Behörden gegenüber nahezu den 
Bruch herbeigeführt, während Friedrich die Werbungen fortsetzen liess 
und sogar die Danziger Garnison zu ganz ausgedehnten Desertionen 
,verleitete*. Damus, 8. 25— 27 ff. Vgl. P. C. XXVI, 8. 186, 189, Anm. 6, 
Nr. 16706 und 8olms Bericht über Junks Auftreten vom 29. Juni 1767 
in P. C. XXVI, 8. 209, Anm. 1. 

* Essen berichtet am 6. J&nner 1768 (Dresdner Archiv, loc. 8562, vgl. V», 
fol. 81): ,11 a la haine et la vengeance dans le ccsur contre la Russie, 
il se demöne comme nn homme hors de foi et dit que rien au monde 
le fera revenir de son plan et de ses projets, puisque son charact^re ne 
lui permettoit point d*agir diff^remment* Am 10. Februar (fol. 126) und 



428 

der kräftigen Unterstützung^ die er nothwendig allen ihren 
Forderungen geben musste — hat er das Vertrauen der untere 
tbanen gänzlich verloren.* Durch die Weigerung, die Sache 
der Dissidenten auf sich zu nehmen, verior er zuerst das Ver- 
trauen Russlands; daraus erwuchsen die unbeschränkten Voll- 
machten Repnins, welche dem königlichen Ansehen so viel 
Abbruch thaten. Später trat er dem russischen Plane bei und 
verlor die Herzen seiner Unterthanen, ohne das Vertrauen der 
Kaiserin wieder zu gewinnen.^ Nur eines gelang ihm jetzt 
wenigstens, die Ernennung des Grafen von Potocki, eines per- 
sönlichen Hauptfeindes, zum polnischen Gesandten in Petersburg 
zu hintertreiben, was Repnin und von der Asseburg durchzu- 
setzen bemüht waren.' 

Kaunitzens Wort: ,Der König (von Preussen) kann 
überzeugt sein, dass ich die Pforte des Janustempeb, die er 
verschlossen hält, nicht öffnen werdet gehört hierher.^ Die 

am 8. Man (fol. 177) berichtet Esaeny dass ihn seine (des KOnigs) besten 
Freunde als charakterlosen, inoonseqnenten SchwftchUng^ ansehen. Benoits 
Berichte, so vom 21. Jänner 1767, P. C. XXYI, 8. SS n. a. m., bestSti^n 
diese Charakterisierang^. 

^ Bericht aus Warschan rom 14. October 1767 bei Ranmer, IV, 123. 

' Am 11. Mai 1768 hatte der englische Gesandte aus Petersbnrg yon einer 
Unterredung mit dem PolenkOnig berichtet, in welcher dieser Aehnliches 
selbst sagte. 8. bei Ranmer, IV, 188. Der Bericht des englischen Ge- 
sandten vom 12. November 1768 ebenda. 8. 199. 

* ,Um die polnische Gesandtsehaftsstelle an dem nissischen Hofe in er- 
halten, bat Graf Potocki bei Panin soviel bewirkt, dass dem Ffiisten 
Repnin anbefohlen worden ist, beim König von Polen desfalls den Antrag 
zu machen; es soll aber der KOnig sich geäussert haben, wie Graf Potocki 
seine abgeneigte Gesinnungen gegen ihn bei allen Gelegenheiten allzu 
überzeugend an den Tag gelegt hätte, als dass ihm Panin zumuthen 
könnte, einen dergleich widrig gesinnten Mann zu seinem Minister hier 
anzustellen.' Bericht Lobkowitz* am 27. Jänner 1768. Einen Monat 
später (am 26. Februar) berichtet derselbe, dass sich namentlich von 
der Asseburg für die Ernennung Potockis eingesetzt habe, ,dass aber seine 
desfälsigen Bemühungen fruchtlos abgeloffen seien, gestalten der KOnig 
in Polen aus dem Grunde der Abneigung dieses Mannes für seine Person 
sothanes Ansuchen immer abgelehnt hatS Im k. k. Staatsarchive Wien. 
Dagegen hat der KOnig dem Grafen Ossinski, einem der polnischen Con- 
fMerierten, dessen gegen den Künig abgeneigte Gesinnungen bekannt 
waren, den weissen Adlerorden verliehen. Lobkowitz vom 12. Februar 
1768, ebenda. 

* Rohds Bericht vom 16. März 1767. P. C. XXVI, 8. 100-101. Beimann, 
II, 208, besonders aber Bohds Bericht vom 28, Mai 1767, über seine Usge 



429 

Ejiegspartei am Wiener Hofe, an ihrer Seite Kaiser Josef Jl.y 
war der persönlichen Initiative der Kaiserin unterlegen. Ehren- 
schilds Bericht, er habe von einem Wiener Freunde erfahren, 
dass die Unzufriedenheit des Kaisers daher rühre, dass die 
Kaiserin ,veut absolument äviter les occasions, d'entrer dans 
une guerre, et ceci fait endever TEmpereur, et jamais le fils 
et la m&re ont iti si mal ensemble, qu'ils sont actuellement^/ be- 
leuchtet den ganzen tiefgehenden Unterschied in ihren poUtischen 
Ansichten. Der Gegensatz bricht hier ebenso elementar hervor 
— auch aus dem Gemüths- und Gefühlsleben der beiden höchsten 
Personen — wie in der Zeit des Zusammen kunfts Versuches; 
Maria Theresia und Josef blieben eben immer die alten. Doch 
war Josefs Politik jetzt sicher die einzig richtige. Hatte es 
doch Kaunitz noch im März fUr unglaublich gehalten, dass 
Katharina gegen den von ihr eingesetzten König die Waffen 
ergreifen könnte.^ Im engen ehrlichen Anschlüsse an Preussen 
allein, freilich mit der nöthigen Vorsicht, entschlossen, wenn 
nöthig auch auf das äusserte Mittel nicht zu verzichten, so 
hätte sich das polnische Unheil wohl noch vermeiden lassen. 
So aber holte sich Oesterreich nur eine neuerliche Niederlage. 
Auch Josefs Verhältnis zu seiner Mutter war getrübt. Erst 
die schwere Blattemkrankheit, welche die edle Kaiserin im 
Frühjahre 1767 nahezu an den Rand des Grabes brachte, hat 
die gänzliche Aussöhnung herbeigeführt. Die kleineren Staaten 
aber konnten sich Oesterreichs Verhalten nur durch die An- 
nahme eines geheimen Abkommens zwischen Warschau, Peters- 
bui^ und Berlin erklären.' 



Audienz bei der Kaiserin (bei Reimann, II, 213) kennzeichnet ihre Offen- 
heit und Friedensliebe, was schliesslich auch Friedrich zugibt (an Sohns 
Tom 16. Juli 1767. P. C. XXVI, Nr. 16733). 
^ Dresdner Archiv, loc. 2889. 

• Vgl. Kaunitz an Mercy vom 9. März 1767 bei Arneth, VIII, 126. 

* ,0a chacun trourera son profit, pent dtre anssi une qnatriöme puissance,' 
schreibt Wachtendonc an den bayrischen Vertreter in London, an den 
Freiherrn von Haslang am 26. M&rz 1767. ,Le calme est indifferent, 
qu'on garde ä Vienne sur cet objet, ou TEmpereur est tont pr^parä au 
Premier coup de sifOet faire aller 150 m. hommes en campagne, cause 
beaucoup des' r^flexions; toutefois, ou ne sauroit faire que des oonjec- 
tures jusqu'ik pr^ent.* Dass die Tbeilnngsgerüchte auch in Wien und 
Potsdam herumspukten, ersehen wir aus den Berichten Eohds vom 6. Mai 
1767 bei Reimann, II, S. 212, Anm. 4 und aus Friedrichs Weisung an 



430 

Das einzige positive Ergebnis der österreichischen Politik 
blieb eine schärfere, aufmerksamere Haltung in der pobischen 
Frage, die natürlich dem Preussenkönige^ und den allwissenden 
Diplomaten reichlich Gelegenheit zu Gerüchten über Oester- 
reichs Minierarbeit in Polen, bei der Pforte und in Russland 
bot; ganz so wie im Vorjahre. Als nämlich nach der preossisch- 
russischen Aprilconvention in den Beziehungen Friedrichs zur 
Czarin wieder eine Ernüchterung eintrat,^ auf die Radomer 
Generalconftderation, nach dem Gesetze, Druck erzeugt Gegen- 
druck, eine mächtige, täglich anschwellende Gegenbewegung 
folgte und nach der berüchtigten Verhaftung der Bischöfe von 
Krakau und Kiew (14. October 1767) in Polen ,die nationale 
Verzweiflung so emporloderte', dass die kleinste Aussicht auf 
Hilfe hinreichte,' im Lande eine allgemeine Flamme zu ent- 
zünden, hatte auch Kaunitz (im Sommer und Herbst 1767) 
wieder versucht, die zu Oesterreich hinneigenden Oheime des 
Polenkönigs, die Fürsten Alexander und Michael Czartoryski, 



Robd vom 26. April. P. C. XXVI, 8. 141. Bel^ojoso, der Osterreichiscbe 
Gesandte in Kopenhagen, berichtet am 20. Mai 1766: ,Nar von wenigen 
Leuten allhier bewnsstes Gerücht, kann ich hier nicht ftbergehen, dm 
nämlich Russland mit seinen auf Polen abzielenden Plänen, durch welchen 
sie sich die Abtretung einer weiten Strecke Landes yon Seiten Ukniniens 
und zugleich die Ueberlassung des polnischen Preussens mit Inbegriff 
der Städte Danzig und Elbing an den KOnig in Preussen zu yerscbaffen 
gedenkt, nunmehr hervorzubrechen und solchen ins Werk zu setzen ent- 
schlossen sein solle. Der französische Botschafter scheint solchem ver- 
möge seiner hievon habenden Nachrichten fast vollkommenen Glauben 
beizumessen.* (K. k. Staatsarchiv Wien, Dänemark, Belationen.) 

^ Bereits am 12. Jänner 1767 an Solms, s. P. C. XXVI, S. 9. 

' Man halte die Weisung an Solms vom 24. Juni zu der vom 6. Jnli, 
P. C. XXVI, S. 200: ,au surplus, il est bon, que je von» fisse 
observer, que vouz ne devez pas vous laisser imposer partout ce qne 
Ton vous dit de Tavantage, que je tirais de mon alliance avec la Ruesie. 
Personne n^en est mieuz instruit que vous, qne jusqu^i pr^nt je n'ai 
eu ni perte, ni profit de cette alliance, et qu'il rCj a eu aucun antre 
avantage pour moi. Jusqu'ii ce temps-ci tous les avantages de notre 
traitd ont 6t6 solitaires du cötA de la cour de Russie, parce qu'elle a pn 
effectuer d'autant plus facilement ses r^olutions en Pologne. ,8eit ndir 
als 6 Monaten höre ich von diesem Monarchen Friedrich gar nicht 
reden,* sagt Choiseul zum englischen Gesandten (dessen Berieht Tom 
25. November 1767 bei Raumer, IV, 181). 

• Wie der englische Vertreter ans Warschau vom 21. October bei Raumer, 
IV, 130. 



431 

vielleicht aucb den Bischof Theodor von Posen dauernd an 
Oesterreich zu fesseln. Er war auch deshalb zu diesem Ver- 
suche geleitet worden, weil Panin noch vor der Qeneralconföde- 
ration gegen jene Czartoryski'schen Bohrer, von denen er wusste, 
dass sie für die Aufhebung des liberum veto eintraten, eine 
Gegenpartei ins Leben gerufen hatte, ^ und weil man am Wiener 
Hofe wähnte, dass Friedrichs Verhältnis zu Russland wieder 
erkalte. So meldet der englische Gesandte aus Wien am 
19. September 1767: Es herrscht ein starker Verdacht in Polen, 
dass Benoit von seinem Hofe geheime Befehle habe und, während 
er mit dem russischen Gesandten in Harmonie zu leben scheine, 
ihm unter der Hand entgegenwirke und Hindemisse in den 
Weg werfe,* ohne gewahren zu lassen, von welcher Seite sie 
kommen. Seine grosse Thätigkeit, lange Erfahrung und voll- 
kommene Kenntnis dieses Landes machen ihn ohne Zweifel 
geschickt für eine solche Aufgabe; ich weiss nicht, auf welche 
Thatsachen dieser Verdacht gegründet ist, habe aber Grund zu 
glauben, dass er nicht blos in Polen herrscht, sondern auch 
Moskau erreicht hat.' Wie unwillkürUch schrieb Friedrich an 



^ Vgl. Panin an den Fürsten Radziwil vom 7. April nnd 22. August 1767, 
SbomikL.Xyn,S.369,Kr. 1530 nnd S. 434, Nr. 1664, an den Grafen Mnissek 
vom 27. Juni, ebenda S. 392, Nr. 1642 ; Elatharina an den Erstgenannten 
am 31. Juli, S. 403, Nr. 1549 und Solms Berichte vom 21. und 27. Oc- 
tober 1767 im Sbomik XXII, S. 503, Nr. 261 und S. 543. Dem Fürsten 
Repnin war es bereits Ende 1766 gelungen, aucb den Fürsten Adam 
Czartoryski zu gewinnen und damit eine Bresche auch in diese Partei 
zu schlagen. Vgl. Panin an Repnin am 23. December 1766/3. Jänner 
1767, Sbomik LXVII, S. 247, Nr. 1471. Man vergleiche auch die Correspon- 
denz zwischen Panin und Repnin bei Ssolowjeff, 8. 51 — 76. 

' Dass dieser Verdacht begründet war, ersehen wir aus der Weisung an 
Benoit vom 4. Februar 1767, P. C. XXVI, Nr. 16479. 

' Zu den früheren Bemerkungen über Friedrichs Abneigung gegen Russ- 
land, s. oben S. 3S7ff., sei an das Schreiben an d'Alembert vom 24. März 
1765, an Voltaire vom 24. März 1768 und fQr unsere Zeit auf das 
Schreiben an Solms vom 5. Februar 1767 verwiesen (also knapp vor den 
Conventionsverhandlungen), in welchem es heisst: Mit welchem Rechte 
darf sich die russische Kaiserin in die inneren Angelegenheiten Polens 
einmischen? Ihr Betragen kann sehr schwer gerechtfertigt werden. Nur 
aus Gefälligkeit (dieselben Worte gebraucht er am 29. October an Solms 
P. C. XXVI, S. 283) unterstütze ich ihre Schritte, nicht aber weil ich sie 
billige — und der hinkende Bote — aber auch nicht aus Schwäche 
(Sbomik XXXVII, Nr. 305, S. 30). Man vergleiche Friedrichs Weisungen 

Archiv. XCU. Band. U. H&lfte. 28 



432 

Rohd auf eine Meldung von den österreichisch -mssiscben 
Gegenactionen in Polen: ,Ihre Nachrichten aus Wien zeigen 
mir, dass die Oesterreicher 8'aper9oivent assez tard, qu'ils ont 
pr^tä autrefois trop d'occasions k la Russie de gagner une aussi 
grande influence qu'ils ont, dans les affaires de TEurope. A pre- 
sent je crois, que peut-ßtre cela causera une grande animositi 
entre ces deux cours, et si, k la suite du temps, les Rosses 
ötendront plus loin leurs grands projets, il ne sera pas im- 
possible, que ce füt un motif, pourquoi ma cour et celle 
de Vienne seraient oblig^es de s'unir pour arrdtercon- 
jointement les projets trop vastes de la Russie/^ Aber 
vorderhand erschien dem Preussenkönig die Idee Panins, eine 
Gegenpartei gegen die Czartoryski zu bilden, um mit seinen 
Worten zu sprechen,* ,plu8 convenable que toute autre*, denn 
sie kam seinen Plänen auf Polen entgegen. Für diesen Zweck 
mussten Gerüchte über Oesterreichs Intriguen in Polen aus- 
gestreut und breitgetreten werden. Galt es ja, auch in Peters- 
burg schön zu thun und die zum Theile ablehnende Haltung 
gegen die russische Politik in Polen in Fragen der Heran- 
ziehung Sachsens zum Nordbund zu bemänteln. Charakteri- 
stisch für diese Art preussischer Politik ist die Depesche der 
preussischen Minister an Solms vom 12. December 1767.* 
,Eine der letzten Nachrichten aus Wien^ — heisst es hier 
ganz entrüstet — ,beweist, wie sehr dieser Hof geneigt ist, 
k donner un faux jour aux dömarches de celle [cour] de 
Pötersbourg. II porte en substance que Ton parlait d'une al- 
liance offensive et defensive entre la r^publique de Pologne et 



an Benoit vom 24. und 25. October 1767, Forschungen IX, 194 und Reimtnn, 
II, 224. Hier nennt er die russischen Massregeln ,ilI6gaax'. 

* Vgl. Rohds Bericht vom 26. November 1767, P. C. XXVI, S. 323, Anm. 1. 

• An Solms vom 6. November 1767, Sbornik XXXVII, 8. 109, Nr. 346. 

' An demselben Tage schrieb auch der KOnig an Solms eine Weisung 
ähnlichen Inhalts: ,La cour de Vienne est tr^ attentive, 4 ce qui ce 
passe en Pologue, et eile ne demanderait sürement pas mieux, que d*tToir 
une occassion d*animer la Porte contre la Russie.' Dass diese Ver- 
muthung Friedrichs nicht eines KOrnchens entbehrte, ersehen irir am 
Kaunitz* Schreiben an Brognard vom 6. October 1767 bei Hurmnzaki, 
Doc. VII. Schreibt doch Kaunitz auch an Lobkowitz am 20. Mai 1767 
ausdrücklich: dass er fortan seine gespannteste Aufmerksamkeit auf die 
dermahligen Vorfallenheiten in Polen und auf die hieraus zu besorgeoden 
Verwicklungen richten werde. 



433 

Fempire de Rassie, laquelle devait faire partie de nouvelles 
constitutions fondamentales, qui sont rödig^es par forme de 
trait^y et qu'en vertu de cette alliance, ainsi que de la garantie 
de la forme du gouvernement la Russie foumirait un corps de 
ses troupes, qui seraient k la solde du roi, de maniire qu'i] 
serait pourru k leur entretien par des contributions en vivres 
et en fourages. On voit par cette insinuation malicieuse*, 
schreiben die Minister 2^2 Monate vor dem wirklichen Ab- 
schlüsse des Garantievertrages^ ,qu'il est du plus grand interdt 
de la cour de Russie de ne point donner trop de prise, k une 
cour, aossi mal inten tionn^e k son egard^; ^dieser^, heisst es an 
einer anderen Stelle, ,wünschte sicher nichts lieber herbeizu- 
ftOiren^ als eine Gelegenheit zur Aufreizung der Pforte gegen 
Russland zu habend Nun heute wissen wir, dass diese Meldung 
durchaus nicht die malignitö des kaiserlichen Hofes erfunden 
hat, um die Türken zum Kriege aufzureizen, sondern dass sie 
wohl begründet war. Man hat dem Wiener Hofe nicht einmal 
nachweisen können, dass er bei der Bildung der Generalcon- 
föderation zur Abschaffung des liberum veto seine Hand im 
Spiele hatte, trotzdem die preussischen Historiker ebenso ihren 
ganzen Scharfsinn aufwandten, um einen solchen Beweis er- 
bringen zu können, wie schon Friedrich seinen Spürsinn dazu 
vergeblich angestrengt hat. Nicht einmal eine Audienz ge- 
währte Maria Theresia dem nach Dresden und Wien abge- 
sandten Confbderationsabgeordneten, dem Grafen Potocki,^ und 
als Choiseul dem österreichischen Gesandten^ dem Grafen von 
Mercy-Argenteau, den Antrag stellte, Oesterreich möchte eine 
von Frankreich in Petersburg angezettelte Revolution unter- 
stützen, lehnte dieser rundweg ab, ,nicht nur weil dergleichen 
Unternehmungen, wenn der innerliche Zunder dazu nicht vor- 

^ Unter dem Vorwande, ,weil er mit keinem Becommandationsschreiben 
versehen seiS wie Fürst Galitzin nach Petersburg meldete. Lobkowitz 
aber klärte den Qrund der Abweisung auf, ,dass nämlich dieser Depu- 
tierte am eine förmliche Audienz angehalten, solche aber darum nicht 
erhalten habe, weil sein allerhöchster Hof in die gegenwärtigen polnischen 
Händel auf keine Art sich einzumischen gedenke*. Bericht vom 29. Juli 
1768. Ein solch weitgehendes Entgegenkommen, eine so dienstwillige 
Zuvorkommenheit verdiente der russische Hof thatsächlich nicht. Und 
wir finden es ganz begreiflich, wenn Kaunitz ,iiber den von Lobkowitz 
begangenen Fehltritt sehr ungehalten war*. Weisung an Lobkowitz vom 
31. August 1768. Beides im k. k. Staatsarchive Wien. 

28» 



434 

handen ist^ gemeiniglich sehr ttbel auszuschlagen pflegten, 
sondern weil sich solche Pläne zur österreichischen Politik nicht 
schickten^^ Jch habe zuverlässig erfahren/ schreibt Eaunitz an 
Lobkowitz,^,dass der Qraf Finckenstein dem zu Berlin beglaubigten 
russischen Minister geflissentUch zu verstehen gegeben habe, 
als ob der Wiener Hof die Pforte gegen den russischen aufzu- 
hetzen äusserst beflissen sei und sein König dieserwegen der 
Czarin rathe, zur Erhaltung der Ruhe in Polen sowohl das 
polnische Preussen, als die Städte Posen und Thom mit 12.000 
Mann besetzt zu halten. Da nun der russische Minister dies 
zweifelsohne einberichtet haben wird^ so werden E. L. nicht 
nur über den Qrad des Glaubens, so man dieser Aeussening 
dorten beimisst, und über die nach demselben gerichtet werdende 
Massregeln ein wachsames Auge haben, sondern auch falls 
Derartiges zur Sprache käme, schicklich zu erkennen geben, 
dass dergleichen gehässige und mit der Denkungsart des 
k. k. Hofes nicht vereinbarliche Anzettelungen nur von listigen 
Privatabsichten herrühren könnten, und eher einen Argwohn 
als Glauben verdienten/ 

Solche und viele andere Verdächtigungen, mit denen 
Friedrich selbst bei der Pforte schürte, jede Kaiserreise mit Kriegs- 
plänen des Wiener Hofes gegen die Pforte in Zusammenhang brachte 
und durch Zegelin aufbauschen Uess, werden aber noch wide^ 
Wärtiger und befremdender, wenn man sein Intriguenspiel in 
Polen gegen und mit Russland, mit seinem Vorgehen Oesterreich 
gegenüber in Petersburg auch in Polen in Zusammenhang bringt 

Dort concentrierte sich die Aufmerksamkeit der euro- 
päischen Staatsmänner, von dort aus suchte man vor allem 
Friedrichs Haltung zu enträthseln, welche eben damals (Ende 
1767) Anlass zu den überspanntesten Combinationen bot. So 
erwog Choiseul in der vorgenannten Unterredung mit dem 
österreichischen Gesandten in Paris, dem Grafen von Mercy- 
Argenteau, den Plan, ein Einverständnis zwischen Oesterreich, 
Preussen und Frankreich in der polnischen Frage zu stiften 
und dadurch Russland aus seiner Position zu werfen, und Mercy 
antwortete mit dem Gegenantrag, das Generalstabshauptquartier 

* Mercys Bericht vom 10. November 1767 aus Paris (k. k. Staatsarchiv 
Wien). 

• Wien, am 30. April 1768 (Antwort auf den Bericht LobkowitÄ' vom 
1. April im k. k. Staatsarchiv Wien. Weisungen). 



435 

einer Gegenaction gegen Rassland nicht nach Berlin, sondern 
wohl mit Friedrichs Unterstützung nach London zu verlegen.^ 
Und doch übersahen alle diese und viele ähnliche Projecte, 
dass Friedrichs Politik in Bezug auf Polen sich vielfach mit 
der russischen deckte, ja diese bisweilen noch an Härte überti*af. 
Wenn er auch selbst vom principiellen Standpunkte die 
russischen Gewaltmassregeln missbüligte,^ so war er doch mit 
Katharina einig, Polen zu schwächen und in seinen staatlichen 
Organismus die Keime der Zerrüttung zu vermehren.® Was 
preussische Historiker behaupten, er habe Russlands Gewalt- 
schritte aus Furcht vor einstmaliger Consolidierung Polens nicht nur 
unterstützt, sondern sogar verschärft,* und sei aus diesem Grunde 
selbst gegen den von Russland vorgeschlagenen Conseil perma- 
nent rücksichtslos vorgegangen, muss richtig genannt werden. 
Aber über den Grad der Schwächung giengen die Ziele der beiden 
Verbündeten auseinander^ denn die Interessen waren vollständig 
verschieden. Auch dass sich ihre Ziele in der Dissidentenfrage 
deckten (wie Duncker sagt), ist grundfalsch,^ ebenso falsch 
Hermanns Behauptung, dass der Hauptzweck der russisch- 
preussischen Allianz bereits 1764 Polens Zerkleinerung war. 



^ Mercjs Bericht an Kaanitz vom 10. November 1767 aus Paris (im k. k. 
Staatsarchiv Wien. Berichte ans Frankreich). 

* Man lese die Weisungen an Solms vom 4. Angust und 14. September 1767, 
besonders aber die vom 19. Jänner 1767. P. C. XXVI, S. 16. 

' In seinen Memoires gebraucht er selbst diese Worte: ,1a semence de 
tous les troubles et des guerres qui s^en suivirent*. 

* Dnncker, S. 159— 160 ff. ,Fordete Preussens Interesse, Polens Schwache 
zu erhalten, wenn Sachsen dort herrschte, um wie viel stärker war dies 
G^bot, wenn Russlands zunehmende Macht dort regierte.' Die Furcht 
vor der Verbindung eines erstarkten Polens gegen ihn selbst hat Friedrich 
selbst nach der Zusammenkunft von Neisse in einem Schreiben an 
Finckenstein vom September 1769 ausgedrückt. Doch gilt auch hier, 
dass man seine Aussagen nicht ,skeptisch genug aufoehmen darf. Ebenso 
Reimann, 11, 238 ff. 

* S. oben S. 386. Man braucht sich doch nur Friedrichs Weisung an Solms 
vom 19. Jänner, 6. und 12. Februar 1767, P. C. XXVI, S. 17 und Nr. 16481 
bei Reimann, I, 206 und 207 und Forschungen IX, 190 und 191, also 
in einer Zeit vorzuführen, in welcher sich Friedrich zum Abschlüsse einer 
neuen Convention mit Russland bereit erklärte (Duncker, 151). Ja an 
Finckenstein schreibt er am 31. October 1767 direct: ,quoique je vive 
actuellement en amiti^ avec la cour de Russie, il est n^anmoins sür que 
positivement mes int^rdts ne sont en toute occurrence les mdmes que les 
aiens'. 



436 

Während Katharina nur Polens Selbständigkeit vernichtet wissen 
wollte, um ein mittelstarkes Reich gegen die Türken verwenden 
zu können/ Polen, wie Kaunitz sich ausdrückte, in demselben 
Zustand der Nichtigkeit zu erhalten wünschte, in dem es sich 
befunden hatte,* erstrebte Friedrich Polens gänzliche Ver- 
nichtung, wollte sie jedoch nicht auf aggressivem Wege her- 
beiführen.' 

Doch nicht nur die Furcht vor Polens Erstarkung, 
auch die volkswirthschafitlichen Interessen, das Bestreben 
Friedrichs, Polen von sich wirthschafüich abhängig zu machen, 
haben den Preussenkönig bewogen, Polen nicht blos in seiner 
Schwäche zu erhalten, sondern auch die geringen Reste auto- 
nomer Verwaltung, die der russische Despotismus übrig gelassen 
hatte, auszumerzen : deshalb hat er sich gegen die vollständige 
Gleichberechtigung, die Wählbarkeit in den Reichstag und die 
Zugänglichkeit zu allen Staatsämtem für die Dissidenten (was 
Katharina forderte),* gesträubt Wir wissen jetzt, dass eine 
solche Schwäche Polens nicht im Interesse Preussens lag, dass 
Friedrich schon aus den Unterredungen mit Saldem wissen 
musste, dass Katharinas Intentionen ganz andere waren als der 
Bund mit Preussen, dass ein mittelstarkes Polen dem immer 
wachsenden russischen Reiche stets zu schaffen geben konnte. 
Es war dieselbe fehlerhafte Politik, welche den auf Schweden 
bezüglichen Nebenartikel vom 31. März 1764 (er geht dem 
Bundesvei-trage vom 11. April 1764 voran) geschaffen hat, 
der für Schweden ähnliche Beschränkungen eintreten Hess, 
welche die Wohlfahrt, die Kräftigung dieses Staates nur zn 



^ ,Wenn Sie beabsichtigen/ schrieb Repnin an Panin am 11./ 22. December 
1767, ,Polen irgend eine, wenn auch die geringste Consistenz zu geben, 
um dasselbe bisweilen gegen die Türken zu gebrauchen, so ist 
es erforderlich, diese innere Reform (Beschränkung des liberum veto) ra 
gestatten, denn ohne diese werden wir keinen, auch nicht den geringsten 
Vortheil oder Nutzen von Polen haben, da der Wirrwarr und die Anarchie 
in allen Zweigen der Verwaltung einen Grad erreicht haben, dass es 
ärger nicht mehr werden kann (Ssolowjoff, Geschichte des Falles tod 
Polen, S. 73—76). 

' Raumer, IV, 110. Bericht des englischen Gesandten vom 11. November 1767. 

' ,J*ai conclu mon alliance avec la Russie, pour conserver la paix, mais 
non pas pour la rompre,* an Solms vom 6. November 1767, Sbomik 
XXX Vn, S. 112. 

* S. oben 8. 386 und Duncker, 8. 143. 



437 

Onnsten Rasslands ausschloss; oder will jemand behaupten^ 
dass auch von Schweden dem preussischen Staate irgend eine 
Gefahr drohte^ und dass Friedrich hier deshalb so die Schwächung 
beü-ieb? 

Alle Interessengegensätze vom Jahre 1766 zwischen Preussen 
imd Russland (im Nordbund, in den polnischen Fragen, in den 
Handelsbeziehungen mit Sachsen)^ traten nach und nach hervor. 
Und wenn sie auch zeitweise von Männern wie von der Asse- 
bui^ überbrückt und die nordische Solidarität ins Treffen geführt 
wurde,' wurden sie vermehrt, als Benoit am 24. Jänner 1768* 
dem Primas ein Memoire übergeben hatte, in dem er die Macht- 
sphäre der Commissionen des Schatzes und Krieges eingeengt 
wissen wollte.* Wohl war Repnin von diesem Schritte Preussens 
unterrichtet und hatte infolge dessen das Arrangement darüber 
verschoben, bis die anderen Angelegenheiten geordnet wären; 
auch setzte Friedrich der Apanagenregelung der sächsischen 
Prinzen keinen Widerstand entgegen. Trugen sie ja zu Polens 
finanzieller Schwächung bei. Aber die genannten Commissionen 
galten mit Recht als der ,Angelpunkt, um den sich die ganze 



^ Zwischenßllle in den Acten yom 2. Jänner 1768 im G. St. Arch. Berlin, 
R. 96, Vol. L. Cabinetsministeriams-Immediatberiehte. 

* Lobkowitz berichtet am 27. Jänner 1768, dass es dem Freiherrn von der 
Assebnrg gelangen ist, dass der Petersburger und der Berliner Hof 
wieder in besserem Einverständnisse stehen, wie denn auch Solms, welcher 
vorher, den Umständen geachtet, ziemlich kaltsinnig angesehen worden, 
seit einiger Zeit von der Kaiserin sehr freundschaftlich begegnet wird. 

' Bericht Essens nach Dresden vom 27. Jänner 1768, Dresdner Archiv. 

* Auch das ein Beweis für die Richtigkeit der Ansicht Reimanns, dass 
Benoit nur deshalb zu den Berathungen zugezogen wurde, um jeden Auf- 
schwang der polnischen Republik zu hemmen, und dass Friedrich nur dann 
eine Bürgschaft für die Bestimmungen des ausserordentlichen Reichstages 
1767 übernehmen wollte, wenn er in diesem Stücke befriedigt würde. 
Am 26. November entschied er sich dafür, sich gemeinsam mit Russland 
mit der Garantie zu beladen, und im Jänner 1768 hatte Repnin den 
letzten Anker geordneter Verhältnisse in Polen, ,den ständigen Rath^ auf 
Befehl des Petersburger Hofes fallen lassen müssen, lieber den Weg zu 
diesem Entschlüsse orientieren die Weisungen an Solms vom 17., 20., 
29. October 1767 (sich auch gegen die Fortdauer der Conföderation zu 
widersetzen) und die vom 6. November 1767, in welchen sich Friedrich 
scharf gegen das politische Project des Pluralitätsvotums an Stelle des 
einstimmigen aasspricht, im Sbomik XXXVU, Nr. 338, 339, 845 und 346 
und dessen Berichte vom 12. October ebenda. Nr. 342, S. lOOff. 



438 

Autorität des Königs dreheV und eine ganze Reihe von Briefen 
beweisen auch, dass das russisch-preussische Bündnis sich zu- 
sehends lockerte.* So die Weisung an Finckenstein vom 
10. Jänner.' ,Au8 der letzten Depesche Solms vom 17. De- 
cember* werden Sie ersehen haben, auf welche Art und 
Weise sich Panin bezüglich der Zuziehung meines Vertreters 
in Warschau zu den Conferenzen geäussert hat; ,et quoi je 
veux bien vous dire, que pourvu, que la cour de Russie veuille 
prendre ces affaires sur ce pied-lk, je ne me chargerai alors 
aussi (pus) d'aucun garante, de tout, qu'on y aura r^le. £n 
quoy il y aura d'autant gagnä, dass, wenn in der Folge ein 
Krieg ausbrechen wird, je ne m'en m^lerai aucunement' 
Und darauf die Ministerialdepesche an Solms vom 12. Jänner 
1768.* ,Sie werden dem Grafen Panin sagen, dass ich nach 
seinem Versprechen (Benoit zu den Conferenzen zuzuziehen) 
bestimmt erwarte, dass der Fürst Repnin im vollkommenen 
^concert^ mit Benoit verhandeln und ihm alles mittheilen 
werde, derart, dass nichts fixiert werde, wovon ich nicht 
vollkommen informiert bin und zu dem ich nicht meine Zu- 
stimmung und Einwilligung gegeben habe/ 

KUngt diese Sprache nicht ganz so wie die im Jahre 1766? 
Dazu kommen noch die Ausbrüche des Unwillens über die 
überaus freundschaftlichen Beziehungen Russlands zu Sachsen, 
über die zahlreichen Gunstbeweise, mit denen Katharina in der 
feinsten Weise Sachsen an sich zu ziehen wusste — wie Ge- 



* ,Le pivot sur lequel toute Taatorit^ du Roi roüle.* Essens Bericht, 
Dresdner Archiv, l