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Full text of "Aus Aachens Vorzeit [microform]"

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S MCllIS TOl^llf. 

mmHÜNGl DES VEREINS FÜR ME DER AACHENER VORZEIT 

IM AUFTRAG DES VEREINS HERAUSGEGEBEN 

HEINRICH SCHNOCK. 

ACHTER JAHRGANG. 



AACHEN. 

Kommissions-Vbklag der ('kembb'schen Buchhandlung (C. Cazin). 
189.1. 



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INHÄLT. 



8«ite 

1. Baugeschichte des Hauses Friesheim. Von J. Bachkremer. . . . 1 

2. Kleinere Mittheilungen: 

1. Die Servielsburg als Eorrektionshatie. Von M. Schollen . . . 16 

2. Die Neubedachong des Marschierthores. Von H. Schnock. . . 16 

3. Reinard von Schönan, der erste Herr von Schönforst. Von H. J. Gross 17 

4. Der Reliqnienbehälter des hl. Anastasios im Aachener Dom. Von 

B. M. Lersch 76 

5. Abbrach der Hftuser des Josephinischen Instituts und des Waisenhauses 

in der Pontstrasse. Von J. Buchkremer 91 

6. Kleinere Mittheilungen: 

1. Freilegung des Chores der Nikolauskirche in Aachen. Von 

J. Buchkremer 92 

2. Spottgedicht auf die Franzosen aus dem Jahre 1793. Von C. Wacker 94 

7. Die Familie von Friesheim in Aachen im 17. und 18. Jahrhundert. Von 
Franz Oppenhoff 97 

8. Der ehemalige malerische und plastische Wandschmuck im karolingischen 
Theüe des Aachener Münsters. Von C. Rhoen 113 

9. Bericht über das Vereinsjahr 1894^95 124 

10. Mitgliederrerzcicliniss 126 



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Anm Äm@&im@ ¥@f;iili 



Jikhrtich 8 Niiramcrii Koinmissifms-Vei'Iaf; . 

II 1 Bngcu Rny.ll .Olilav. ''*'' 

( 'reuicr'sc'Uen ßuclihniKlluiig 
Trcis (ip^ .luhrsaiiss ,(, c„,„ 

4 Uark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit, 

Im Auftrage ien Vereins berausgegebeD tou H. Sohnook. 

Nr. 1. Achter Jahrgang. 1895. 



Inhalt: J. Bnclikremer, BauKesohicht« des Hanscs Friesheim. ~ K. Wacker, Ein merk- 
würdiger Fnnd. — Kleinere Mitllieilunfien: 1. Die Serriclsbiirg als Korruktiimsliaus. 
2. Die Neabedachaii^ des Marschiert liorc». 



Baugeschichte des Hauses Friesheim 

(seit 1717 Armenhaus). — Aachen, Bergdrisch Xr. 2. 
Von .1. Bochkremer. 

H<enii drei Blatt Alibildaugen. 

Im ,Tuni de-i vorigen Jahres hat Aachen wiedenim ein selir merk- 
würdiges altes Bauwerk verleren. In Folge von Strassenerweitening an 
der Stelle, wo sich Bergdrisch und Seilgraben vereinigen und zur Zeit 
nur die geringe Strassenbreite von 4—5 Meter bestand, musste das Haus ■ 
Bergdiisch Nr. 2, das sogen. Friesheimsche Haus mit seiner nächsten 
Umgehung abgetragen werden, üie neue Strassenflucht, deren Lage zu 
den alten Gebäulichkeiten au» der punktirten Linie im Grundrisse Fig. 2 
auf Blatt 1 zu erselien ist, liegt an der engsten Stelle 13 Meter weiter 
zurück als die frühere Flucht und schnitt dadurch fast zwei Drittel von der 
alten Baumasse weg, sodass eine sonst vielleicht ■ mögliche theihveise 
Erhaltung des interessanten Hauses und eine Wiedevanfrichtung der alten 
Fassade, der neuen Strassenflucht entsprechend, ganz ausgeschlossen war. 

Alle, die sich für Aachens Vergangenheit interessiren, werden den Ver- 
lust dieses Denkmals tief beklagt haben, ganz besonders aber diejenigen, 
die dieses Haua genauer gekannt und ausser der Strassenansicht auch die 
malerische Hofanlage und das Innere mit eignen Augen gesehen haben. 

Es ist aber dafür Sorge getragen worden, dass durch zeichnerische 
und photographische Aufnahmen das Bild des Friesheimscben Hauses unter 
uns fortleben wird. In Folge eines Beschlusses des städtischen Ausschusses 



9 — 

zur Erhaltung der liistorischen Bauwerke hat das hiesige Stadtbauanit 
die Grundrisse des Hauses aufgenommen und von der Strassenansicht eine 
Photographie anfertigen lassen'. Ausserdem hat der Verfasser vorliegender 
Arbeit die Hofansicht und einige Einzelheiten des Innern aufgezeichnet. 

In Folgendem ist eine Beschreibung des Friesheimschen Hauses und 
der mit ihm von 1717 an zusammenhängenden Bauten gegeben, die durch 
drei Tafeln erläutert wird. — 

Im Laufe der Zeiten hat das Haus mannigfache Umänderungen erfahren 
und neue Anbauten erhalten; seine Baugeschichte wird im 18. Jahrhundert 
noch dadurch besonders reichhaltig, dass das städtische Armenhaus hierhin 
verlegt wurde. Dadurch mussten nämlich mehrere nach dem Seilgraben 
zu liegende Bauten, die für das Armenhaus gebaut worden waren, mit dem 
Hause Friesheim verbunden werden. 

Bevor wir mit der Beschreibung beginnen, mögen einige kurze Mit- 
theilungen über die Familie von Friesheim (auch Freisheim), soweit solche für 
die Baugeschichte dieses Hauses von Werth sein können, hier Platz finden. 

Die Familie von Friesheim ^ kam um die Wende des 16. Jahrhunderts 
nach Aachen. Sie führte im Herzschilde ihres Wappens einen Adler; das 
Wappen selbst ist quadrirt und zeigt im 1. und 4. Felde einen Baum, im 
2. und 3. Felde eine Lilie. — 1683 wird der letzte von Friesheim geboren ^ — 

Die Tradition hat das Haus Bergdrisch Nr. 2 stets das Friesheimsche 
genannt; es geht aber auch aus dem Umstände, dass auf dem Kamine der 
Haupthalle dieses Hauses sich unter anderem das oben angegebene Wappen 
der Familie von Friesheim fand, unzweifelhaft hervor, dass genanntes 
Haus dieser Familie gehörte. Wenn es aber richtig ist, dass die Friesheim 
erst um die Wende des 16. Jahrhunderts nach Aachen gekommen sind, so 
haben sie das ursprüngliche Haus nicht selbst gebaut, da dasselbe in seinen 
ältesten Theilen aus dem frühesten Anfange des 16. Jahrhunderts stammt. 

Erste Bauperiode. Anfang des 16. Jahrhunderts. 

Wir gehen nun zu der eigentlichen Beschreibung und Baugeschichte 
über. Zunächst sei der noch in Aller Erinnerung stehenden schönen Fassade 
gedacht*. Es war dieses so ziemlich die letzte bedeutendere Fassade, die 
uns eine Vorstellung von der heimischen Bauweise des 15. und 16. Jahr- 
hunderts geben konnte. Mannigfachen Unbilden hat sie lange Zeit getrotzt 
und sich in ziemlich ursprünglicher Form und in noch verhältnissmässig 

^) Diese Originalaufnahmen und eine Phothograpbie befinden sich im hiesigen 
stÄdtischen Archiv. Ausserdem werden in dem Suermondtmuseum 4 Phothographien und 
einzelne Reste des Hauptgesimses der Fassade sowie Theile der Kamine aufbewahrt. 

*) Macco, Beiträge zur Genealogie rheinischer Adels- und Patrizierfamilien Bd. II, 
Aachen 1887, S. 35. 

^) Eine der nächsten Nummern dieses Jahrgangs wird eingehendere Mittheilungen 
ilber die Familie von Friesheim und ihre Beziehungen zu Aachen bringen. (Anmerkung 
der Redaktion.) 

*) Auf der Lichtdrucktafel Blatt Nr. 2 ist dieselbe dargesteUt, wie sie vor dem 
Abbruche noch bestand. Die Detailzeichnung eines Theiles der Vorderfassade ist auf 
Blatt Nr. 1 der Abbildungen unter Fig. 3 mitgetheilt. 



— 3 — 

gutem Zustande bis in unsere Tage hinübergerettet. — Sie war durchweg 
aus wohlbearbeiteten grossen Blausteinquadern aufgebaut, und wirkte 
dadurch trotz der einfachen Architekturformen sehr monumental. 

Die Fassade bildete im Gnmdrisse keine geradlinige Flucht, sondern 
bestand aus zwei Theilen, die dem Strassenlaufe folgend einen stumpfen 
Winkel unter sich bildeten. Der linke Theil hatte eine Länge von 11,5 Meter, 
der rechte eine solche von 10.8 Meter. Das Haus besass ausser dem Erd- 
geschosse und Dachboden nur noch ein Obergeschoss und war grössten- 
theils nicht unterkellert. Daher hatte die Fassade, die mit einem horizontalen 
Hauptgesimse abscliloss und nach der Strasse zu keine Giebel zeigte, 
nur die geringe Höhe von durchschnittlich 8,5 Meter. 

Sie erhielt ihre Haupttheilung durch die beiden Fensterreihen des 
Erdgeschosses und des obern Stockwerkes. Im Erdgeschosse hatte nur 
der linke Fassadentheil Fensteröfinungen, während der rechte in früherer 
Zeit nur das bis zum Abbruche vermauerte Thor enthielt, im obern Geschosse 
hatten dagegen beide Fassadentheile Fenster. Diese waren, je nach der 
Grösse der dahinter liegenden Zimmer bald zu zweien, bald zu dreien 
gruppenweise zusammengefasst. Die Fenster des obern Stockwerkes waren 
oben und unten durch zwei kleine gothische Gesimse, bestehend aus ein- 
facher Schräge mit Hohlkehle^ begrenzt, von denen das obere als Bekrönung 
und das untere als Fensterbank diente. Diese Gesimse setzten sich über 
die ganze Länge der Fassade fort. Bei den Fenstern des Erdgeschosses 
fehlte indessen das Fenstersockelbankgesimse ganz; statt dessen war dicht 
über der Strassenhöhe ein kleiner Sockel angeordnet, der mit einfacher 
Schräge abschloss und dem Gefälle der Strasse entsprechend bei dem 
rechten Fassadentheil um 60 Centimeter tiefer stand als bei dem linken Theile. 

Was die Ausbildung der Fensteröffnungen selbst anbelangt, so bildete 
jedes Fenster ein stehendes Rechteck, das durch ein miteingemauertes 
Steinkreuz in vier unter sich fast gleiche Theile zejfiel. Die Gewände 
(die die Fenster seitlich begrenzenden Steine) sowie der Mittelpfosten 
zeigten über den horizontalen Kreuzbalken als Profilirung nur eine kleine 
Abschrägung; an dem untern Theile der Fenster zeigten sie dagegen 
einen kleinen viereckigen Falz, worin sich die hölzernen Fensterläden legten, 
wenn diese geschlossen wurden. Auffallend ist hierbei, dass eben nur die 
untern Fenstertheile einer jeden Fenstergruppe solche Läden erhielten; 
eine Anordnung, die sich übrigens bei allen Fenstern dieser Art zeigte 

Die hölzernen Fensterläden des Friesheimschen Hauses hatten zierlich 
ornamentirten Eisenbeschlag, bestehend aus zwei sich verästelnden Stäben, 

^) Diese Anordnung findet man bei allen alten Aachener Häusern, und zwar an den 
Fenstern aller Stockwerke. Bei vielen Fenstern wurden im 18. Jahrhundert die Stein' 
kreuze herausgenommen, um dadurch grössere Fenster zu (erhalten. Bei diesen wird man 
noch jetzt durch den oben erwähnton Falz, der sich nur in dem untern Theil der (Tcwände 
zeigt, an das Vorhandcnseiu der ursprünglichen Kreuzforra und an jene oben erwähnte 
Eigeuthümlichkeit erinnert. Worin diese ihre Begründung findet, ist schwer zu sagen, es 
ist aber nicht unwahrscheinlich, dass die Schwierigkeit, die Fensterläden der oberen Fenster 
bequem erreichbar zu machen, zumal diese meistens nicht geöffnet werden konnten, 
allmählich es überall dahin brachte, dass nur die unteren Fenster solche Läden erhielten. 



— 4 — 

die an ihren Ausläufen Lilien zeigten. Einer dieser Fensterläden war 
noch mit seinem ursprünglichen Beschlag erhalten. 

Den Hauptschmuck der ganzen Ansicht bildete das schöne Haupt- 
gesimse. Die noch erhaltenen Theile desselben bildeten einen spätgothischeu 
auf Consolen ruhenden Bogenfries, der als Maasswerk mit stark ausgezogenen 
Nasen ausgebildet und ziemlich plastisch profilirt war. 

Die Anwendung und Ausbildung der Consolen lässt bereits den Ein- 
fluss der Renaissance erkennen und darauf schliessen, dass die Fassade 
gleich nach 1500 errichtet wurde. Der oberste Abschluss des Haupt- 
gesimses bestand zur Zeit nicht mehr, sondern war durch einige Schichten 
Ziegelsteinmauerwerk ersetzt worden. Wir haben uns denselben als ein- 
fache Gesimsleiste zu denken, aus Schräge und Hohlkehle bestehend, worauf 
dann unmittelbar das steile Dach ansetzte. Der linke Theil der Fassade 
zeigte 16 von den oben beschriebenen Maasswerkbögen im Hauptgesimse. 
Das ganze Gesimse des rechten Theiles dagegen, die Consolen mit ein- 
begriffen, bestand zur Zeit nicht mehr; es war nach dem Aachener Brande 
durch einfaches Ziegelmauerwerk ersetzt worden. 

Einen weiteren Schmuck erhielt die Fassade noch durch die schmiede- 
eisernen Anker, von denen in beiden Geschossen zusammen 20 Stück an- 
gebracht waren. Dieselben waren aus Rundeisen hergestellt; ihre Form sowie 
die der eben erwähnten Fensterlädenbeschläge ist aus der Darstellung eines 
Theiles der Fassade auf Blatt 1 der Abbildungen unter Fig. 3 zu ersehen. 
Diese Zeichnung zeigt auch die Form des Hauptgesimses, diejenige der 
Fenster und die Behandlung der Mauerflächen über diesen in Form von 
sogen, scheitrechten Bögen, die zur Entlastung der das Fenster ab- 
schliessenden Gesimsquader angeordnet waren ^ 

Bis zum Jahre 1859 waren an den Fenstern, die der grossen Halle 
(siehe Grundriss Fig. 1) des Erdgeschosses entsprachen, sechs kleine reich 
und sehr kunstvoll geschmiedete Korbgitter angebracht, die etwa 40 Centi- 
meter vorstanden, aber nicht wie gewöhnlich die ganze Höhe des Fensters 
einnahmen, sondern nur 80 Centimeter hoch und nach oben hin offen waren '^. 

Wie bereits oben erwähnt, befand sich in dem rechten Theile der 
Fassade, an der im Ginindrisse Fig. 1 zwischen 3 und 4 bezeichneten 
Stelle, ursprünglich das Eingangsthor ^ Dasselbe war 2,7 Meter breit und 

*) An jedem grösseren Steine bemerkte man in der Mitte ein rundes Loch, das 
nach früherer Bauweise zum Aufziehen der Steine gedient hat Im Kittelalter wurden 
die schweren Hausteine mit Hülfe eiserner Zangen aufgezogen. Zu dem Zwecke musste 
jeder Stein 2 Löcher erhalten, worin die Eisenspitzen eingreifen konnten. Diese Löcher 
brachte man nun nicht in den unsichtbaren vermauerten Seitenflächen, sondern in der 
bearbeiteten Vorderseite und Rückseite dos Steines an, damit der Stein, noch in der Zange 
hängend, leicht versetzt werden konnte. Daher zeigen die meisten alten Bauten in der 
Mitte der Quader durch Putz verstrichene Löcher. 

*) 1859 wurden diese Korbgitter auf Wunsch des Bewohners, dem allerhand Belästigung 
daraus entstand, entfernt und wahrscheinlich in das Grashaus gebracht. Ueber den 
Verbleib derselben ist nichts Weiteros bekannt geworden. 

') Bei der nun folgenden Beschreibung des Grundrisses sei auf die Grundriss- 
zeiehnungen auf Blatt 1 der Abbildungen hingewiesen. Fig. 1 enthält nur den Grund- 



— 5 — 

sclllo^5S in Form eines Halbkreises ab. In späterer Zeit ist dasselbe ver- 
mauert worden, und war daher nur dem Aufmerksamen noch sichtbar. Bei 
dieser Vermauerung sind nämlich auch die dasselbe einfassenden Gewände- 
steine sogar im Bogen entfernt worden; wahrscheinlich weil diese Gewände 
sehr plastisch pofilirt waren und dadurch bei der Vermauerung eine glatte 
Fläche sonst nicht hätte erzielt werden können. Dieses Portal haben wir 
uns in der formalen Ausbildung ähnlich demjenigen an dem etwas jüngeren 
Gebäude der Polizeidirektion in der Pontstrasse zu denken. 

Dieses ursprüngliche Thor führte in die Vorhalle A, der sich rechts 
ein kleiner Eaum B anschloss, der einzige des ganzen Hauses, der unter- 
kellert war. Aus dieser Vorhalle gelangte man nach Durchschreitung eines 
zweiten Thores (in der Mauer 7 — 8), das dem Hauptthore an Ausdehnung 
und Form entsprach und noch bis zum Abbruche des Hauses in der ursprüng- 
lichen Weise erhalten war, in den Hofraum. Gleich links in der Mauer 
8 — 9 befand sich die malerische Eingangsthür zum Innern des Hauses 
selbst. Die Mauern der Hoffassaden waren in der ersten Bauperiode wie 
die der Strassenfassade aus glatt bearbeiteten grossen Blausteinen her- 
gestellt. Die Profiliruug des eben erwähnten Hofthores und eines dicht 
daneben liegenden kleinen Fensters bestand aus einer kleinen Hohlkehle. 
Reicher war die zum Wohnhause führende Eingangsthür ausgebildet. Diese 
hatte ebenso wie das zuletzt erwähnte Fenster neben dem Hofthor keinen 
horizontalen Sturz, sondern einen oberen Abschluss in Form eines flachen 
Korbbogens. Das Gewändeprofil bestand hier aus zwei Hohlkehlen, die 
durch eine grade Fläche von einander getrennt waren. Diese Thür hatte 
ein Oberlicht in Form zweier kleiner Fenster, die denen der Strassenfassade 
entsprachen und eine einfache schmiedeeiserne Vergitterung zeigten. An 
dem Stürzquader dieser Fenster war ein kleiner 50 Centimeter vorstehender 
schmiedeeiserner Anker angebracht, der wahrscheinlich zum Anhängen 
einer Laterne diente. Die ganze Gruppirung der Hot'anlage, die in den 
Theilen des Erdgeschosses noch bis zum Abbruche ganz der ursprüng- 
lichen Anlage entsprach, wirkte ausserordentlich malerisch. In dem Licht- 
druckbilde auf Blatt H der Abbildungen ist die eben beschriebene alte Hof- 
anlage noch zu erkennen '. 

Trat man durch die zuletzt erwähnte Thür in das Innere ein, so 
gelangte man in die grosse Halle (- (siehe den Gi'undriss Fig. 1), die den 
Hauptwohnranm ursprünglich bildet-e. Die Wand 8 — 18 wurde später 
eingebaut. Diese Halle hatte in ihrer ehemaligen Grösse die Ausdehnung, 
die im Grundriss durch die Zahlen 3 — 9—10 — 2 begrenzt wird und war 
10,6 Meter lang und 0,2 Meter breit. In der Mitte der der Thür gegenüber- 
liegenden Längswand (2 — 10) befand sich ein grosser Kamin. (Schon aus 
der Lage dieses Kamines geiit hervor, dass die Wand 8 — 13 später ein- 
gebaut sein muss.) Zwei auf einfachen Oonsolen ruhende schwere Unter- 

riss des eigentlichen Kriesbeimselicn Hauses, während Fig. 2 auch die Umgebung des 
Hauses zeigt. Durch verschiedene Behandlung der Mauern sind die einzelnen Bauperiodeu 
kenntlich gemacht. 

*) Diese Hofansicht ist von dem Punkte Z (siehe Grundriss Fig. 2 Blatt 1) aufgenommen. 



— 6 — 

zugbalken trugen die kleinen Balken der Decke. In der Nähe der Fenster- 
wand lag in dieser Halle ein grosser Brunnen. 

Das Erdgeschoss der ersten Anlage hatte ausser diesem Hauptraum 
noch einen weiteren D, der 7 Meter lang und 5,2 Meter breit war, und 
von einem dritten Räume E aus zugänglich war. In dem letzten Räume 
wird wahrscheinlich auch früher schon die zur Zeit nicht mehr erhaltene 
alte Treppe gelegen haben. 

Wir hätten damit die alte ursprüngliche Grundrissanlage, die durch die 
Zahlen 1 — 12 umgrenzt wird, besprochen. Dass im Vergleich zu den noch 
sonst vorhandenen Wänden, die hierbei berücksichtigten als die ursprüng- 
lichen bezeichnet werden müssen, beweist sich durch die Materialien, 
woraus die einzelnen Mauern hergestellt waren, und aus dem Verband der 
verschiedenen Mauern miteinander. Die alten Mauern waren in Bruchstein 
aufgeführt, während die der spätem Bauten verschiedenartiges Ziegelstein- 
material zeigten. Nun ist aber grade die Wand 8 — 9 und 9—10 aus Bruch- 
steinen errichtet, während die an dieser Stelle zur Zeit des Abbruches 
vorhandenen andern Mauern aus Ziegelsteinen und ohne Verband an die 
alten Wände angesetzt waren. Es kann somit der ursprüngliche Grund- 
riss nur so gewesen sein, wie er oben besprochen wurdet 

Die Eintheilung des oberen Geschosses der ersten Anlage wird der- 
jenigen des unteren entsprochen haben; es kamen hier aber noch die beiden 
Zimmer über A und B hinzu. Diese waren von der über C gelegenen 
Halle durch einen ausgekragten und in Holzfachwerk gebildeten Gang F 
zugänglich gemacht, der die ganze Wandlänge von 6—8 einnahm und bei 
8 mit der oberen Halle in Verbindung stand. Dieser 1,30 Meter weite 
ausgekragte Gang ruhte auf drei schweren Balken, die frei, ohne Consol- 
unterstützung auskragten. (Die ursprüngliche Ausbildung war niclit mehr 
erhalten.) Diese Balken gingen bis zur Strassenfassade durch und waren 
hier mit den entsprechenden Zierankern verbunden. 

Die im Vorhergehenden beschriebene iVrm und Ausdehnung des 
Hauses ist diejenige der ersten Anlage. Die Strassenfassade, sowie die des 
Hofes geben uns den einzigen Anhalt für die Bestimmung der Entstehungs- 
zeit. Zieht man hierbei die formale Gestaltung des Hauptgesimses mit 
seinen bereits in Renaissanceformen gebildeten Consolen, sowie die Behand- 
lung der Hofthüre, die Anwendung der scheitrechten Bögen über den 
Fenstern und die Form der Anker in Betracht, so müssen wir die erste 
Bauzeit in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegen. 

Zweite Bauperiode. 

Im Anfange des 17. Jahrhunderts wurde das Haus Friesheim im 
Innern, dem Geschmacke der Zeit entsprechend in einfachen Renaissance- 
fonnen, neu eingerichtet. In den Räumen C und D des Erdgeschosses 
sowie in dem über D gelegenen Räume des oberen Geschosses befanden 

•) In dem vom Stadtbauamte gezeichneten Grundrisse ist irrthüralicb nur der Bau- 
theil 1--2--3— 4— 5— 7 -8—13-12 als alter Bau angegeben, indem die Mauer 8—13 als 
urspningliche angesehen wurde. 



— 7 — 

sich noch bis in unsere Tage drei ziemlich reich ausgebildete Kamine, 
die nicht aus der ersten Bauanlage stammten. Diese Kamine zeigten die 
Formen der entwickelten Renaissance und sind nach diesen zu urtheilen 
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausgeführt worden. Es ist 
nicht unwahrscheinlich, dass die Hei*stellung dieser Kamine und die gleich- 
zeitige Neueinrichtung des Hauses überhaupt mit der Erwerbung des 
Hauses durch die Familie von Friesheim zusammenfallt, oder vielleicht 
bei Gelegenheit der Vermählung des Freiherrn Gottfried von Friesheim 
mit Katharina Amya, die 1G29 stattfand, erfolgte, zumal da der Kamin in 
der Haupthalle C das Wappen der Familie von Friesheim zeigt. 

Der Kamin in der Halle (\ der grösste von allen ^, hatte als seitliche 
Begrenzung der Feuerstelle zwei nackte Figuren, eine männliche und eine 
weibliche, die je einen Wappenschild trugen. Wappenbilder waren hierauf 
ausser der Quadrirung nicht zu erkennen. Diese beiden Figuren trugen 
weit ausladende Steinconsolen, Avorauf der eigentliche, aus Ziegelstein auf- 
gemauerte Rauchfang ruhte. Dieser wurde an seinem unteren Rande durch 
ein Gesimse aus Haustein eingefasst, das aus einem schmalen Architrav, 
einem breiten Friese und einer weit ausladenden Gesimsleiste bestand. 
Dieser Fries enthielt in der Mitte eine zierliche Kartusche, in der Form 
des Schrifttäfelchens oben auf Blatt 1 der Abbildungen. Es befand sich 
darauffolgende Inschrift: 

Psalm 102. 

Darum!) o Herr hoere meyn Gebet und 

Laes mein Schreyen zu Dir komen. ^ 

Verbirg Dein Angesicht nicht fun 

Mir. Wen ich Dich anrufe so 

erhoere mir baldt. 

Seitlich von dieser Schrifttafel waren auf diesem Friese zwei Wappen 
angebracht. Links befand sich das Wappen der Familie vim Friesheim. 
Die Form des vSchildes war eine einfache Kartusche; sie ist auf Blatt 3 
neben dem Spruchbande angegeben. Das rechts von der Schrifttafel 
angebrachte Wappen zeigte einen Balken, über demselben zwei und unter 
demselben ein Hermelinschwänzchen. Dieses Wappen ist bis jetzt noch 
nicht entziffert worden: wenn die oben ausgesprochene Vermuthung zutrifft, 
würde es das Wappen der Familie Amya sein. 

Dieser Hauptkamin wirkte durch seine schönen Verhältnisse, durch 
das mächtige Rauchfanggesinise, worauf grosse Gegenstände zur Dekoration 
aufgestellt werden konnten luul besonders dadurch, dass die beiden Unter- 
zugbalken der Decke sich symmetrisch zu dem Kamine anordneten, überaus 
günstig und harmonisch mit dem Räume zusammen. 

Der zw^eite Kamin befand sich in dem Räume D des Erdgeschosses. 
Dieser zeigte an den beiden Seiten zwei Karyatiden, deren Gesammtform 
aus zwei übereinander stehenden Tonsolen bestand, von denen die obere 

Vergleiche hierzu die Abbildimg auf Blatt 3, welche dio Gesammtform dieses 
Kamines und die Details der beiden später besprochenen enthält. 



— 8 — 

den Kopf eines Kriegers trug und au dereu vordereu Seite i>ic!i eiu Akauthus- 
blatt befand; die untere Console war durch Fruchtgehänge geschmückt. 
Diese beiden Karyatideu schlössen durch jonische Kapitelle nach oben 
hin ab, worauf ohne Consolen der senkrecht ansteigende Rauchfang ansetzte. 
Eine flache Eisenschiene, die sich in entsprechende Vertiefungen dieser 
beiden Kapitelle legte, diente als Auflager für den aus Ziegelsteinen auf- 
gemauerten Rauchfang. Das Gesimse an dem unteren Rande desselben 
bestand bei diesem Kamine aus Holz, das sich um den steinernen Kern 
herumlegte. 

Sehr interessant hinsichtlich der formalen Ausbildung war der dritte 
Kamin im Obergeschoss, in dem über D gelegenen Räume. Die Seiten- 
stücke desselben zeigten hier zwei liegende schön modellirte Löweu^ die 
in den ausgestreckten Vordertatzen einen in Kar tuschenformen ausgebildeten 
Wappenschild hielten. Der untere Theil der Seitentheile wurde durch 
jonische Säulchen gebildet, die auf kleinen quadratischen mit Rosetten ver- 
zierten Postamenten standen. Auch bei diesem Kamine war das Rauchfang- 
gesimse bloss in Holz, ähnlich dem des zuletzt beschriebenen Kamines, aus- 
gebildet. Die über dem Gesimse verbleibende geputzte Fläche des Rauch- 
fanges enthielt einen viereckigen profilirten Rahmen, der wahrscheinlich 
für ein Bild bestimmt war. 

Dritte Bauperiode. 

Der grosse Aachener Stadtbrand vom Jahre 1656 hat auch das Fries- 
heimsche H^us zu einem grossen Theile zerstört. Von der Strassenfassade 
musste die oberste Gesimsleiste, sowie das ganze Hauptgesimse des rechten 
Theiles derselben in Folge des Brandschadens abgetragen werden. Diese 
Stücke wurden nicht mehr durch entsprechende neue ersetzt; es wurde 
vielmehr bei der Wiederherstellung des Hauses die fehlende Höhe durch 
Backsteinmauerwerk wieder ausgeglichen. Die oberen Theile der Mauern 
8 — 9 und 9 — 11 sind bei diesem Brande eingestürzt; der ausgekragte 
Gang des Obergeschosses bei F mit seiner hölzernen Fachwand wurde 
ebenfalls vernichtet. Aber auch das Innere und besonders die Kamine 
hatten grossen Schaden genommen. 

Der sofort in Angriff genommene Umbau beschränkte sich aber nicht 
auf die Wiederherstellung des Hauses in seinem früheren Umfange, sondern 
wurde auch zu einem Erweiterungsbau. Alle diese Arbeiten sind mit fast 
übertriebener Eile bewerkstelligt worden; bereits im folgenden Jahre waren 
dieselben erledigt. 

Der Grundriss wurde nunmehr vergrössert (siehe Blatt 1 Fig. 1) und 
erhielt statt der alten Grenze 9—10 — 11 nun noch die Erweiterung G, 
die durch die Zahlen 9—14 — 15 — 11 begrenzt wird. Im Uebrigen blieb 
wahrscheinlich die Anlage der Zimmer genau dieselbe; auch wurde der 
alte ausgekragte Gang mit seiner Fachwand, wenn auch in sehr einfacher, 
fast roher Weise, wieder neu aufgerichtet. Dieser Gang wurde nach dem 
Hofe zu als offene Laube ausgebildet und nicht durch Fenster geschlossen. 



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l>ie Gosanimtöffnung dieser Halle wurde von aussen durch zierliclio« Holz- 
werk eingerahmt: unten durch eine Brüstungsleiste, oben durch ein regel- 
rechtes Gesimse mit Architrav und Fries. Zwei Gruppen von je drei 
gedrehten Säulchen mit einfachem geschnitzten Kapitell theilten diese ganze 
Oeffnung in drei gleiche fast quadratische Theile. In späterer Zeit hat 
man diese Säulchen mit Brettern vernagelt und die dazwischen verbleibenden 
Oeffnungen durch Glasfenster geschlossen. Erst bei dem Abbruche dieses 
Theiles kam die oben beschriebene Anordnung der offenen Laube wieder 
zum Vorschein. 

Das sichtbare Fachwerk dieses ausgekragten Ganges war gut gezimmert, 
aber ganz ohne Kunstformen aus unbearbeiteten Holzstämmen hergestellt. 
Die Ausmauerung der einzelnen Gefache bestand aus unverputztem Ziegel- 
mauerwerk, dessen Steine durch kreuzweises Gegeneinanderstellen einfache 
geometrische Muster bildeten. 

Bei diesem Umbau im Jahre 1657 erhielt das ganze Haus auch den 
noch zur Zeit erhaltenen Dachstuhl. Da ein einheitliches Dach über dem 
alten Hause und dem neuen Querbau G zu hoch geworden wäre, so erhielt 
der neue Theil zwei kleine Dächer, die iu das grosse Dach des Hauses 
einschnitten. Es wurde daher die neue Fassade 14 — 15 durch zwei Giebel 
bekrönt, die jenen beiden kleinen Dächern entsprachen. Die damals getroffene 
Anordnung ist aus dem Lichtdruckbilde auf Blatt 3 der Abbildungen zu 
ersehen. Die neuen Mauern 9 — 14 und 14 — 15 etc., sowie die Ergänzung 
der alten beim Brand schadhaft gewH)rdenen Mauern fand in gutem Ziegel- 
steinmauerwerk statt. Die Eingangsthür zu der Haupthalle, die mit ihren 
beiden Oberlichtfenstern erhalten war, erhielt einen neuen korbbogenförmigen 
Entlastungsbogen und eine neue Holzthtire, die, in Rahmen und Füllung 
kleine Quadrate bildend, sich sehr gut ausnahm und noch bis zum Abbruche 
erhalten war. Die Fenster der neuen Hoffassaden wurden denen der 
Strassenansicht ähnlich ausgebildet, als Kreuzfenster, jedoch war, dem 
Geschmacke der Zeit entsprechend, der horizontale Kreuzbalken etwas 
höher gelegt, so dass der untere Fenstertheil erheblich grösser wurde als 
der obere. 

Die überstehenden Dächer der beiden eben erwähnten Giebel erhielten 
an der vorderen Giebelkante jene für diese Zeit in Aachen charakteristische 
Ausbildung in Form von zierlichen Freibindern, die auf den äussersten 
Sparren aufgenagelt wurden. Die reich geschnitzten Schrägbalken dieser 
Freibinder waren etwa zwei Meter unter der Spitze durch je einen horizon- 
talen Balken verbunden. Die Kanten dieser Hölzer waren nach einem 
rythmisch wiederkehrenden Muster ausgeschnitten, die verbleibende Fläche 
war vertieft und durch zahnschnittähnliche Verzierungen belebt. Auf den 
beiden horizontalen Querbalken stand, entsprecliend auf beiden vertheilt^, 

Anno — 1 05 7. 

') In der stuf dem stiidtischeu Archiv befindlichea Aufnahme vum Stadibauamte 
stellt 1637; der Irrthum wurde durch Vergleich mit dem nach dem Abbruche wieder auf- 
gefundeneu Original berichtigt. 



— 10 — 

An ihrem untern Ende ruhten diese Freibinder auf reich ausgeschnittenen 
Holzconsolen, wie wir solche noch oft in Aachen sehen können ^ 

Bei dem grossen Brande hatte natürlich auch das Innere des Hauses 
sehr stark gelitten, und musste daher wieder neu ausgebaut werden. Die 
Kamine und auch die Mauern worin sich dieselben befanden, müssen nicht 
mehr standfest gewesen sein; denn bei dieser Instandsetzung wurden an 
allen Kaminen seitlich von den Steinkonsolen Verstärkungen vorgemauert. 
Diese sind im Grundrisse Fig. 1 auf Blatt 1 zu erkennen. Sie verdeckten 
zum Theile die Ornamente und Figuren der seitlichen Theile, sodass der 
gesammte Aufbau der Kamine in der Wirkung dadurch sehr beeinträchtigt 
wurde. In diesen Mauervorlagen brachte man bei den beiden Kaminen im 
Räume D und darüber an jeder Seite des Kamines je zwei kleine, dicht 
übereinanderliegende, tiefe Wandschränkchen an, von denen das unterste 
etwas über Tischhöhe begann. Während die eben erwähnten Mauer- 
verstärkungen aus Ziegelstein bestanden, waren diese Schranknischen in 
denselben durch Blausteinquader eingefasst. Durch zierliche Holzthürchen 
waren diese Schränkchen abgeschlossen. ^ 

Die Decken in den einzelnen Zimmern wurden durch schwere schräg 
abgefaste Unterzugbalken, die auf einfachen Consolen ruhten, getragen. 
Auch bei den verbleibenden Theilen der Decke blieben die Balken in ihrer 
ganzen Stärke sichtbar, indem der Verputz um dieselben herumgeführt 
wurde. An den Enden wurden sie durcli den entsprechend aufgetragenen 
Putz halbkreisförmig mit einander verbunden. Diese malerische und sehr 
wirkungsvolle Anordnung ist auf dem einen Lichtdruckbilde auf Blatt 3 
zu erkennen. 

' Bei diesem neuen Ausbaue des Hauses wurden wahrscheinlich auch 
die vorher bei Beschreibung der Strassenfassade erwähnten schmiede- 
eisernen Korbgitter an den Fenstern der grossen Halle ausgeführt. — So 
blieb das Haus Friesheim bis zum Beginne des folgenden Jahrhunderts, 
Avo es von den von Friesheim, die in Aachen um diese Zeit ausstarben, 
verkauft wurde. 

') Es wäre sehr zu wünschen, dass für die Erhaltiinf? der noch bestehenden Giebel- 
vcrzierungen dieser Art allseitig gesorgt werde. Die hübschen stets wechselnden Ver- 
zierungen an diesen vStellen bieten viele schönen Motive. Wie bei dem oben beschriebeneu 
Beispiele, so ist fast immer auf dem horizontalen Querbalken dicht unter der Spitze die 
Jahreszahl der Ausführung angebracht. Ein weiteres für Aachen kennzeichnendes Motiv 
bei dieser Anordnung besteht darin, dass die meisten (Hebel dieser Art als oberste Bekrönung 
eine kleine runde Stange zeigen, die aus den verzierten Hölzern herauswächst und mit einer 
kleinen Kugel abschliesst; dicht unter dieser Kugel sind zwei kreuzweise zu einander 
stehende doppelköpHge Adler angeordnet. Diese Adler, aus zwei gleichen Hälften bestehend, 
sind aus diinnem flachen MetaUblech ausgeschnitten und sitzen wie die Blätter einer 
gothischen Kreuzblume an der eben erwähnten Stange. Die weitaus meisten Bekrönungen 
dieser Art sind verschwunden, auch da, wo der Giebel selbst noch erhalten ist. Zu sehen 
ist die originelle und schöne Anordnung noch an zwei Stellen: 1. an dem Hause Markt und 
Ecke Klost^rgasse, und 2. Romaneygasse 5 (Htthnermarktj. 



— u — 

Die Einriclitung des Friesheinisclien Hauses und seiner 

Umgebun^^ als Armenhaus. 

Im Jahre 1716 oder 1717 wurde das Friesheimsche Haus von der 
Armenverwaltung der Stadt Aachen aus den Erträgen einer für die Grün- 
dung eines Waisenhauses veranstalteten Lotterie angekauft. Es geht dieses 
aus der am 30. März 1718 gethätigten Dotationsurkunde hervor ^ 

Für das hierselbst am Bergdrisch zu errichtende Armenhaus wurden 
um das Friesheimsche Haus herum umfangreiche Neubauten gemacht, 
ausserdem erfuhr aber auch das Haus selbst im Innern einige Umänderungen. 

Aus dem auf Blatt 1 Fig. 2 mitgetheilten Grundrisse ist diese Bau- 
thätigkeit zu ersehen und in der angegebenen Weise durch verschiedene 
Schraffirung der einzelnen Mauern kenntlich gemacht. Es handelt sich 
zunächst um die Neubauten H, I, K und L. Der Bautheil H erstreckte 
sich bis an die Giebelmauer 5 — des alten Friesheimschen Hauses heran, 
und war von dem Bautheile I in dem Erdgeschosse durch eine Einfahrt, 
die den Haupteingang zum Armenhaus bildete, getrennt. Der Bautheil I 
enthielt die Kirche; das östliche Ende des 150 qm grossen Kirchen- 
raumes enthielt den quadratischen Chor und rechts und links von dem- 
selben kleine Sakristeiräume, von denen der eine direkt von der Strasse 
aus zugänglich war. 

Der Eingang zur Kirche fand nur von der Anstalt selbst aus statt 
und zwar vom Hofe aus, an der damals noch nicht bebauten Längswand 
bei R und S. 

Der ebenfalls um diese Zeit neuerbaute Theil K war zur Aufnahme 
der armen Mädchen, derjenige bei L für die Knaben bestimmt. Bei Q 
befand sich der ziemlich ausgedehnte (5 tuten des Armenhauses. 

Was die Umänderungen an dem früheren Friesheimschen Hause 
selbst betrifft, so wurde zunächst der alte Eingang in der Mauer 3—4 
in der oben beschriebenen Weise vermauert. Die neuen Zugänge zu der 
Anstalt befanden sich bei M und N. Ausserdem wurden die Wände 8 — 13, 
16 — 17, 10 — 17, 18—19 und 20 — 21 neu eingebaut, und damit eine Ver- 
bindung des alten Hauses mit dem neuen Bautheile K hergestellt. 

So blieb der bauliche Bestand bis zum Jahre 1771. Als 1768 in 
Folge eines Testamentes vom 23. März der verstorbenen Anna Herwartz- 
in dieses Waisenhaus auch Hausarme aufgenommen werden sollten, waren 
die bestehenden Räumlichkeiten nicht mehr gross genug. Es wurde eine 
Erweiterung durch den Neubau eines Querhauses pr(>jektirt und nach 
vielen Vorschlägen in der auf Grundriss Fig. 2 bei angegebenen Weise 
ausgeführt. Mit dieser Erweiterung wurde der damalige Stadtarchitekt 
und Sekretär Jakob ('ouven beauftragt. Couven arbeitete im Ganzen vier 

') Vgl. Salm, Histor. Darstenuiij; des Armciiwesens der Stadt Aachen, 1870, S. 55 und 
die Chronik des Aachener Notars Johann Adam Weinandts : Zeitschrift des Aachener (loschichts- 
vereius XVI, S. 164; hiernach wurde das Haus für ,,3000 spcc. Pattacons" anj^ekanft. 

*) Salm a. a. 0. S. 58 und 139. 



— 12 — 

verscliietUjiio rrojektc aiiji. Aus den dazu gemachten noch erhaltenen 
Zeichnungen lässt sich auch der bauliche Zustand der übrigen zum Armen- 
haus gehörigen Gebäude, wie sie seit 1717 entstanden, genau ersehen. 
Die ersten Projekte Couvens waren bedeutend umfangreicher, als die 
späteren. Anfangs sollte der ältere Bau L ganz fallen und der Neubau 
die ganze Länge von R bis L einnehmen und auch noch in der Richtung 
nach T bis zur Grenze seine Fortsetzung finden. Der schliesslich nach 
1771 zur Ausführung kommende und 1774 fertige Bau umfasste den durch 
bezeichneten Theil. Derselbe enthielt bei R den grossen Speisesaal, der 
direkt mit der daneben liegenden Kirche durch eine grosse Oeffnung in 
Verbindung stand. 

In Folge des stetigen Anwachsens der aufzunehmenden Zöglinge und 
durch die Verbindung des Waisen-Kinderhauses in der Wirichs- 
bongardstrasse mit dem in Rede stehenden Armenhause am Bergdrisch 
wurden nach 1807 von Neuem Erweiterungen und Umbauten nöthig. Diese 
erstreckten sich auf die Bautheile H, I und K. 

Die alte Kirche war zu klein geworden und wurde daher in fast 
doppelter Ausdehnung neu errichtet. Der Neubau nahm fast dieselbe Stelle 
wie die alte Kirche ein, und war begrenzt durch die Buchstaben U, V, 
W, X. Er erhielt eine halbkreisförmige Apsis (N) als Chor. 

Der Bautheil K wurde in der im Grundriss angegebenen Weise ver- 
grössert und dadurch mit L verbunden. 

Der Bautheil Hi wurde theilweise niedergelegt und nun hierhin der 
Haupteingang mit den Zimmern des Pförtners verlegt. Es war dieses das 
Thor, das noch zur Zeit bestand und den Zugang zu dem alten Fries- 
h^imschen Hause vermittelte. 

Die Zahl der Pflegebefohlenen vermehrte sich aber so sehr, dass in 
den vierziger Jahren an eine Verlegung des Armenhauses behufs mög- 
lichster Vergrösserung gedacht werden musste. 1844 kaufte daher die 
Armenverwajtung das alte Emundtsehe Haus in der Pontstrassc oberhalb 
des Josephinischen Instituts, und richtete dieses als Waisenhaus ein^ 

Das alte Waisenhaus am Bergdrisch mit seiner Umgebung wurde 
nun zu Schulzwecken für die Schulen der Pfarre St. Nikolaus umgebaut. 
Das alte eigentliche Friesheimsche Haus- und der 1774 gebaute Theil O 
wurden als Lehrervvohnung eingerichtet, während die übrigen Bauten, 
speziell auch die Kirche, durch Einbauen entsprechender Zwischenwände 
zu Schulräumen umgebaut wurden. 

Der alte Kirchenraum wurde bei diesem Umbau zweigeschossig, durch 
Einlage einer neuen Zwischendecke. Das neue Obergeschoss wurde durch 

') Im Monat August und September des vergangenen Jahres ist auch dieses inter- 
essante Haus gleichzeitig mit den anderen Häusern des Josephinischen Instituts, die nach 
der Strasse zu lagen, abgerissen worden. 

^) Der Kaum (' (2 -H— 8 13) blieb noch bis IS*)!) als ArmenkUche bestehen. Hier 
konnten die Armen gegen Karti'n Suppe erhalten, die ihnen durch ein in der Wand 3 8 
angebrachtes Fensterchen gereicht wurde. Mit dem Kamin in diesem Räume war bis zu 
diesei Zeit ein grosser Kessel fest vermauert. 



— 13 — 

eine Wendeltreppe, die man in die runde Chornische X verlebte, zn<ränff- 
lich gemacht. Die Anlage der früheren Kirche mit dieser runden Chor- 
apsis war noch bis zum Abbniche deutlich zu erkennen *. 

Heute ist der ganze Baukoraplex bereits dem Boden gleichgemacht. 
Wenn auch die zuletzt besprochenen Neubauten um das alte Friesheimsche 
Haus herum keinen kunstgeschichtlichen Werth besassen, indem dieselben 
in einfachster Weise in Ziegelsteinmauerwerk nur als Nutzbauten herge- 
richtet waren, so gilt dies doch nicht von dem Friesheimsclien Hause selbst. 
Dieses alte Patrizierhaus bot noch in unsern Tagen, trotz seiner vielfachen 
Verstünmielung durch unschöne Einbauten und trotz des eiufiirmigen 
Anstriches der Hoffassaden einen höchst malerischen und anheimelnden 
Gesammteindruck. 

War es schon die stattliche noch ziemlich gut erhaltene Strassen- 
fassade, die auch die Aufmerksamkeit des Laien noch auf sich zog. so 
steigerte sich die Freude und Ueberraschung des Beschauers, wenn er den 
malerischen Hof und das Innere des Hauses betrat. Hier boten sich ihm 
eine Menge schöner Eindrücke. Wer unseren Beschreibungen gefolgt ist, 
wird sich danach schon selbst ausgemalt haben, wie schön in früheren 
Zeiten dieses Haus gewesen ist, wer aber an Ort und Stelle das Haus 
gesehen hat und genauer zu sehen vermochte, wer die allenthalben ange- 
brachten modernen Zuthaten sich hinwegdachte und die allgemeine weisse 
Tünche der inneren Fassaden sich in Gedanken mit den lebhaften Farben 
der Materialien, des weisslichen Blausteins, der dunkelrothen Ziegelsteine 
und der saftig braunen Holztöne zu vertauschen verstand, dem entstand 
auch bei dem jetzigen Zustande des Hauses noch ein sehr malerisches 
stinmiungsvolles Bild, das wohl geeignet war, eine Vorstellung von der 
Bauweise längst vergangener Zeiten zu geben. 

Die auf dem Lichtdrnckbilde Blatt 3 mitgetheilte Hofansicht entspricht 
genau dem letzten Zustande. Dasselbe gilt von der darüber angebrachten 
Zimmeransicht, worin die grosse Halle C zur Darstellung gekommen ist. 
Und nicht zum wenigsten waren es eben diese Innenräume, die auch zuletzt 
noch einen sehr einladenden malerischen Eindruck machten. Die plastischen 
freilich stark verbauten Kamine mit ihren weit vorstehenden und zur Auf- 
stellung der verschiedensten Gegenständen einladenden Gesimsen, dann 
die durch die schweren Unterzugbalken getragenen Decken, deren sichtbar 
gelassene Balken einen lebhaften Wechsel zwischen Licht und Schatten 
hervorriefen, und schliesslich die malerischen Kreuzfenster mit ihren kleinen 
viereckigen grünlichen Scheiben, die ein stimmungsvolles Licht durch den 
ganzen Raum verbreiteten, — alles dies wirkte trotz der Einfachheit des 
Einzelnen zu einem sehr harmonischen Gesammtbilde zusammen, das wir 
in unsern modernen Wohnräumen bei allem Formenluxus so oft vermissen. 

Zum Schlüsse möchten wir noch einen Wunsch aussprechen. Mögen 
Alle für die Erhaltung der alten Baudenkmale mit ganzen Kräften zur 

^) Beim Abbruche dieser Bauten fanden sich in dem runden Treppenhause (dem 
früheren Chor) noch Reste von Malerei. 



— 14 — 

rechten Zeit eintreten. Auch die einfachsten, scheinbar werthlosen Werke 
müssen wir beachten. Nichts ist so verderblich, als die oft in solchen 
Fällen vertretene Ansicht, dass nur Werke von entschieden künstlerischem 
Werthe der Erhaltung und Beachtung würdig seien. Grade aus der Summe 
vieler, scheinbar nutzloser und einfacher Einzelgegenstände kann sich ein 
Gesanuntbild erzeugen, dessen Werth von Niemanden mehr bestritten 
werden wird. 

Wo aber die P^rhaltung selbst unthunlich oder unmöglich ist, da muss 
zeitig dafür gesorgt werden, dass durch eine eingehende alles umfassende 
Beschreibung und bildliche Darstellung wenigstens das Bild des betreffenden 
Denkmals der Nachwelt erhalten bleibe. 



Ein merkwürdiger Fund. 

(Briefe Davouts an Napoleon I.) 

Von K. Wacker. 

Ein seltsamer Zufall hat in Aachen zur Entdeckung von Schriften 
geführt, deren Inhalt für die Geschichte des Kriegsjahres 1813 nicht ohne 
Bedeutung ist. Herr Gewerbeschul-Direktor Spennrath hatte seit Jahren 
eine fast unbeachtet gelassene, in Berlin i. J. 1802 erschienene Duodez- 
Ausgabe der „Jungfrau von Orleans" in seiner Bibliothek. Wann und 
wo er dieselbe gekauft hat, weiss er nicht mehr anzugeben; soviel jedoch 
kann er feststellen, dass er sie erworben hat seit seiner i. J. 1875 erfolgten 
Niederlassung in Aachen. Das Büchlein war in Halbfranz gebunden und 
hatte ziemlich starke, aus Pappe gearbeitete Einbanddeckel. Als es eines 
Tages, auf der Fensterbank liegend, vom Regen durchnässt und darauf 
wieder getrocknet wurde, brach das der innern Seite einer Einbanddecke 
aufgeklebte weisse Papier auf und aus dem Riss traten eng. beschriebene 
Papierstücke zum Vorschein. Als man nun auch die andere noch nicht 
aufgerissene Einbanddecke aufbrach, fand man hier gleiche Schriftstücke: 
im ganzen waren es fünf Briefe, drei fast ganz chiffrierte, zwei in gewöhn- 
licher Cursivschrift. — Ihrem Inhalte nach enthalten die gefundenen Blätter 
einen Bericht Davouts, des Herzogs von Auerstaedt, Fürsten von Eckmülil, 
an Napoleon I. aus Hamburg vom 4. Dezember 1813, als Beilagen dazu 
die Duplikate zweier älterer Berichte vom 16. und 19. November 1813 
und eines undatierten Briefes, sowie die Abschrift eines Schreibens des 
französischen Gesandten in Copenhagen, des Barons d'Alquier, an Davout 
vom 30. November 1813. 

Der Marschall Davout wurde nach Ablauf des zehnwöcheutlichen 
Waffenstillstandes im August 1813 von seinem kaiserlichen Herrn beauf- 
tragt, die von der grossen Napoleonischen Armee gegen Berlin zu unter- 
nehmenden kriegerischen Operationen von Norden her auf das kräftigste 
zu unterstützen. Er brach am 17. August von Hamburg auf und rückte 
ins Mecklenburgische vor, wo ihm eine feindliche Heeresabteilung unter 
Wallmoden- Gimborn gegenüberstand. Zu grösseren Unternehmungen kam 



— 15 — 

es auf diesem Teile des Kriegsschauplatzes nicht. Oudinot unterlag bei 
Grossbeeren (22. August) seinen Gegnern und Davout begann am 2. Sep- 
tember den Rückzug auf die Stecknitz, wo er unthätig verharrte, bis ihn nach 
Zertrümmerung des französischen Hauptheeres bei Leipzig am 9. November 
ein Befehl seines kaiserlichen Herrn erreiclite, — es war der erste seit 
dem 18. August — demgemäss er sich auf Holland zurückziehen oder, 
wenn dies nicht mehr ausführbar sei, auf Hamburg zu manövrieren sollte. 
Ersteres schien ihm unmöglich. So rückte er denn unter Räumung der 
an der Stecknitz eingenommenen Stellung auf Hamburg los, wo er am 
3. Dezember nach fast viennonatlicher Abwesenheit wieder anlangte. 

Tags darauf berichtete er seinem Kaiser in einem längeren Schreiben 
über die jüngsten kriegerischen Ereignisse. Drei ältere Berichte, von denen 
zwei ausdrücklich als „Duplicata^ bezeichnet sind, fügte er bei und unter- 
zeichnete eigenhändig mit „Prince d'Eckmuhl'*. Diese Schriftstücke erhielten 
mit der Kopie eines Alquierschen Briefes ein klug erdachtes Versteck im 
Einband eines Buches. Dem Geschick der meisten früheren Brijofe Davouts 
sollten auch sie nicht entgehen — sie gelangten nicht ans Ziel. Achtzig Jahre 
in ihrem Versteck verborgen sind sie in Aachen wieder ans Licht gezogen. 

Der Inhalt der Briefe hat natürlich mit der Geschichte Aachens nichts 
zu thuen. Sie enthalten in ihren nicht chiffrierten Teilen N?ichrichten über 
Ereignisse auf dem nördlichen Kriegsschauplatze und die Operationen in 
und um Hamburg. Hieraus lässt sich der Inhalt der chiflFrierten Teile 
ungefähr vermuten. Ich habe die verschiedensten Wejge eingeschlagen, 
um zur EntziflFerung der Briefe zu gelangen — leider vergeblich. Das 
erste Heft des laufenden Jahrgangs der historischen Zeitschrift der Görres- 
Gesellschaft enthält einen aus meiner Feder stammenden Aufsatz über den 
Fund mit einem Abdruck der entdeckten Briefe und mit näherem Bericht 
über die von mir zum Zwecke der Entzifferung geth(inen Schritte. 

Das Schicksal des Überbringers sich auszumalon mag der Phantasie 
eines jeden überlassen sein. Ist Davouts Vertrauensmann erkannt, ver- 
haftet, durch die Feinde oder durch ein Unglück pms Leben gekommen? 
Ist er vor oder nach der Besetzung Aachens durch die Verbündeten dort 
angelangt? Hat er in letzterem Falle daran verzweifelt, durch die Kriegs- 
linie der Alliierten hindurchkommen zu können? Hat sich seine Reise in 
jenen kriegerischen Zeiten so sehr verzögert, dass er in Aachen von den 
Niederlagen Napoleons im Februar und März 1814 oder gar von seiner 
Absetzung hörte? War der Überbringer so wenig neugierig, dass er die 
Briefe nicht lesen wollte, als er den Entschluss gefasst hatte, seinen Weg 
nicht weiter zu verfolgen? Wusste er vielleicht selbst nicht, was das 
Buch enthielt? Letztere Annahmen sind nur wenig wahrscheinlich, und 
wenn es mir gestattet ist, eine Vermutimg auszusprechen, so ist es die 
dass der Überbringer in Aachen seinen Tod gefunden und das Geheimnis 
in sein Grab mitgenommen hat. 

Herr Direktor Spennrath hat die Briefe samt dem Buche, in dem 
sie so lange geborgen waren, dem Aachener Stadtarchiv geschenkt. 



— 16 — 

Kleinere Mittheilungen. 

Die Servielsburg als Korrektionshaus. 

Die Servielsburg, von der Nopp (Aaeher Chronick, Ausg. von 1643, S. 75) berichtet, 
(iass der Rath sie „jetzo zu Behafif deren, so mit der abschewlichen Kranckheit der Pesti- 
lentz behaiftet, auff gegenwärtige Form gebawet" \ wurde im Anfange des 18. Jahrhunderts 
als Korrektions haus zur Vollziehung solcher Disciplinarstrafen verwendet, welche gegen 
die im Armenhaus untergebrachten Personen verhängt wurden, die den Anordnungen des 
Raths nicht nachlebten. Dieses besagt eine Verordnung vom 24. April 1719, welche in den 
Beamten-Protokollen mitgetheilt wird und also lautet: „Dan sollen die armen, so eines 
ehrbaren raths Verordnungen zu geborgen unwillig, auf die also genante Seruilsburg auss 
ihrer im arraenhauß genießender gelt allmoß in Waßer und brod zur correction gebracht 
und alMa aufbehalten werden." 

Aftchen. Schollen. 



Die Neubedachnng des Marschierthores. 

Die vor wenigen Jahren seitens der Vorstände der beiden hierorts bestehenden 
Geschichtsvereiuc an die Stadtverwaltung gerichtete Bitte um Wiederherstellung der 
beiden mittelalterlichen Thorburgen Marschierthor und Pontthor in ihren ursprünglichen 
Zustand ist bezüglich der Aussen-Restauration des Marschierthores bereits erfüllt worden. 
Nachdem schon früher die gewaltigen Umfassungsmauern neu ausgefugt worden waren, 
hat man im vorigen Jahre die Neubedachung des Thores in Angriff genommen und nach 
den Plänen des Stadtbauamtes stilgerecht ausgeführt. Der aus massiven Etchenstämmen 
gezimmerte Dachstuhl, welcher den grossen Stadtbrand vom Jahre 1656 überdauert hatte, 
bedurfte nur einer verhältnissmässig geringen Reparatur; dagegen war die Bedachung 
selbst im Laufe der Zeit äusserst defekt geworden und zudem ihres ornamentalen Schmuckes 
gänzlich verlustig gegangen. Der zierliche Dachreiter und die Fensterlueken, welche uns 
auf alten Stadtansichten noch erhalten sind, waren völlig verschwunden. Glücklicherweise 
war in dem Dachstuhl der sechsseitige Ansatz des ehemaligen Thürrachens noch vor- 
handen und damit die primitive Wiederherstellung wesentlich erleichtert. Ferner fanden 
sich auf der Seite des Dachstuhls, welche der Stadt zugekehrt ist, noch Spuren einer ehe- 
dem dort angebrachten Hebevorrichtung, die ebenfalls rekonstruirt worden ist und leicht 
praktischen Zwecken dienstbar gemacht werden kann. Und so ist es uns heut^ wieder 
vergönnt, das Marschierthor wenigstens seinem Hauptbestandtheile nach in jener ursprüng- 
lichen imponirenden Gestalt zu schauen, welche ihm das ausgehende vierzehnte Jahrhundert 
gegeben und welche sich unversehrt erhalten hatte bis zu den Tagen des grossen Stadt- 
brandes um die Mitte des 17. Jahrhunderts. Möchte nun auch ])ald dor andere Zeuge der 
grossen Vergangenheit unserer Vaterstadt, das Pontthor, an die Reihe kommen und in 
seiner ursprünglichen Gestalt und Schönheit vor unsern Augen erstehen. 

Aachen. Schnöd'. 

>) Uober die Verweiiduug dfi* Servielsburj^ als Spital vgl. Qu ix, Histor.-topogr. BesclireiUun^ 
d. St. Aachen S. 71 ; H aagi' n , Geschieht«* Achon« J, S. 271, Anm. und Zeitschrift des Aachener Qcschichts- 
vereins I, S. 50. 

Verlag der Cremer'schen Bnchhandlung (C. Cazin) in Aachen. 

Leben und Werke des Aachener (Jescliiclitssetireibei^ (liristian (}ui.\. 

Von Dr. C. WACKEK. 

74 S. gr. 8^. Preis Jl 1.20. 

l>ltr< K VON iIcUMANN IVAAl/.KIC JN .A A« UKN. 



1 ii^m^U^UB ¥@f^i3 



Jährlich 8 Nummeni Kommissions -Verlag 

& I Bogen Royal Oktav. ^" 

Cremer'schcnBnchlinndhinK 
Preis des "JahrgauKS „_ ,„,,, 

4 Mark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins heransgegebea von H. Sohnoek. 

Nr. 2/4. Achter Jahrgang. 1895. 



'. J. OrosB, Reinard von Schünau, der erste Herr v 



Keinard von Schönau, der erste Herr von Schönforst. 

Von H. J. Gros«. 

Der Mann, dessen Lebensbild auf den folgenden Blättern gczeiclinet 
werden soll, ist eine der interessantesten Erscheinungen des 14. .Jahr- 
hunderts im Gebiete der Maas und des Niederrheins. 

Adel der Geburt vereinigt sich bei ihm mit wissenschaftlicher Bildung, 
ritterliche Tapferkeit mit kaufmännischer Gewandtheit, staatsmäniiische 
Klugheit mit beispiellosem Glücke. 

Scharfen Blickes die günstige Gelegenheit erspähend, kräftigen Griffes 
sie fassend, bringt Keinard sich vorwärts. Wenn er als Jüngling nicht genug 
besass um ein Pferd halten zu können, so verfügt er als Mann über reichen 
Besitz und vermag hohe Würden, ja selbst die Königskrone dem zu ver- 
schaffen, der die Leitung der Geschäfte in seine geschickten Hände legt. 

Nachdem Keinard Jahrzehnte lang eine grosse Rolle in der Welt 
gespielt, auf geistliche und weltliche Fürsten mächtigen Eiufluss ausgeübt, 
sich unter die Grossen des Reiches aufgeschwungen, ein ungeheueres Ver- 
mögen gesammelt und zu alledem reiches FamilienglUck genossen hat: da 
wendet das launische Glück auch ihm, dem verhätschelten Schosskinde, 
den Röcken. Was die Welt ihm geboten an Ehre und Macht zerrinnt 
seiner flüchtigen Natur nach in Reinards Händen; ^binc apicem rapax 
Fortuna cum Stridore acuto Sustulit." Aber die Religion reicht dem ge- 
stürzten Günstlinge so vieler Fürsten die rettende Rechte; der Glaube des 
Christen, vielleicht eine Zeit lang begraben unter dem AVuste zeitlicher 
Sorgen und Erfolge, ersteht in voller Stärke und wahrt Reinard vor Ver- 
zweiflung. Der weltmüde Greis flieht nach Rhodus um dort seine letzten 
Lebenstage dem höchsten Herrn zu weihen und „faire p^nitencc de ses 
pfichez", wie Hemricourt sehr schön sagt. 



— 18 — 

So ist Reinard von Schönau eine Persönlichkeit gewesen, welche die 
Aufmerksamkeit der Zeitgenossen in hohem Masse erregte; davon legt 
Hemricourts „Miroir des nobles de Hasbaye" ^ sprechendes Zeugniss ab. 

Lange war Reinard vergessen, die Neuzeit hat sich wieder mit ihm 
beschäftigt. Damberger erwähnt ihn, vermuthet aber in ihm einen gewöhn- 
lichen Wechsler ^ Dr. Hansen machte unter Hinweisung auf Lacomblet 
und andere Schriftsteller auf Reinard aufmerksam ^ Franquinet brachte 
in seinem Schriftchen „Les Schoonvorst** *, dessen grösster Theil Reinard 
gewidmet ist, sehr wichtige Urkunden über ihn. Aber dieser Schriftsteller 
und ebenso der neueste Biograph Reinards, Baron J. de Chestret de Haneflfe^, 
haben sich meines Erachtens zu sehr von Hemricourts leichtgläubiger Er- 
zählung beeinflussen lassen und darum den Charakter Reinards in zu 
ungünstiges Licht gestellt. Das ist der Hauptgrund, der mich bestimmte, 
der Persönlichkeit dieses Mannes, den ich sonst in der Geschichte Schönaus 
nur nebenher berührt haben würde, eine besondere Abhandlung zu widmen. 
Ich glaubte meinem quasi Landsmanne wenigstens den Versuch einer Ehren- 
rettung schuldig zu sein. 

Die Schrift des Herrn de Chestret, welche reiches Material enthält, 
sowie den Reinard betreffenden Bogen aus dem Werke des Herrn Chevalier 
de Borman „Les echövins de la sou veraine justice de Liöge** verdanke ich 
der freundlichen Vermittelung des Herrn Baron L6on de Pitteurs, Mitglied 
des belgischen Senats. 

Herr Stadtarchivar Dr. Hansen hat durch gütige Mittheilungen und 
Zusendungen aus dem Kölner Stadtarchive vorliegende Arbeit wesentlich 
unterstützt, Herr Geheimer Archivrath Dr. Harless die bezüglichen Urkunden 
und Litteralien des Düsseldorfer Staatsarchivs freundlichst zur Benutzung 
bereit gestellt. 

Diesen Herren sowie allen, welche mir irgendwie behülflich gewesen 
sind, spreche ich hiermit herzlichsten Dank aus. 

Andere Werke, welche ich benutzt habe, ergeben sich aus dem Texte. 

L Reinards Abstammung und Jugend. 

Reinard führt seinen Familiennamen von dem bei Richterich in der 
Nähe Aachens gelegenen uralten herrschaftlichen Sitze Schönau. Die Burg 
war, wie in der Geschichte derselben gezeigt werden soll, der Sal- oder 
Herrenhof des praedium Richterich, eines AUodialbesitzes der Aachener 
Pfalzgrafen. Während das praedium seinen allodialen Charakter mit dem 
Aussterben des pfalzgräflichen Geschlechtes bereits im Jahre 1140 verlor 
und nach mannigfachen Schicksalen schliesslich zur jülichschen Unter- 



*) Ich benutzte vor Jahren ein altes Exemplar der Aachener Stadtbibliothek; Ort 
und Jahr des Dioickes habe ich leider nicht yermerkt. 
*) Synchronist. Gesch. XIV, S. 840. 

') Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VI, S. 96, Anm. 2. 
*) Rurcmunde, J. J. Komen. 1874. 
*) Rcuard de Schönau, sire de Schooiivorst, Hruxelk's, F. Hnycz. 1802. 



— 19 — 

herrschaft Heiden wurde \ behauptete der Herrenhof seine Selbständigkeit 
mit einer Zähigkeit, die einer wichtigem Sache würdig gewesen wäre. 

Haus Schönau gab einer Familie den Namen, welche nach Hemricourt 
aus der Hazedalschen Linie der Limburger stammte und deren Ahnherr 
Heyneman d'Aix (um 1240) gewesen sein soll. Ob dem so ist und nament- 
lich ob dieser Heyneman dem Geschlechte jeuer d'Aix (Aquenses) angehört 
hat, welche im 12. und 13. Jahrliundert eine grosse Rolle als kaiserliche 
Beamte auch in Aachen gespielt haben 2, wage ich nicht zu entscheiden. 

Bis zur Aufhellung der durchaus unklaren ältesten Geschichte der 
Schönauer muss man sich mit dem begnügen, was heute als geschichtlich 
feststehend angenommen wird. Danach hatte der genannte Heyneman* 
mit seiner Frau, der Dame von Bretonbour-Warfus6e, drei Söhne: Heinrich, 
Easo I. und Arnold. Von Raso I. stammen Raso IL, Gerard, Johann und 
Adelheid. Der Erstgenannte war Herr zu Schönau und Uelpich; seine 
Frau, welche Hemricourt als eine Schwester Gerards du Jardin bezeichnet, 
stammte aus dem Geschlechte der Bongart, welche den Sparren im Wappen 
führen*. Der Ehe entsprossen sechs Söhne und zwei Töchter: Johann, 
später Herr von Uelpich, Amelius Mascereil, in der Folge Abt von St. Trond 



*) Vgl. Zeitscbrift des Aachener Geschichtsvereins V, S. 112. 

*) Loersch, Achener Rechts-Denkmälcr S. 273 f. 

') Hemricourt gibt demselben bereits den Zunamen „Schönforsf*. Das ist unrichtig. 
Heyneman kann sich gar nicht Schön for st sondern nur SchOnau genannt haben, denn 
erstere Herrschaft ist, wie wir sehen werden, erst unter unserm Reinard entstanden. 
Wahrscheinlich hat Hemricourt diesen Titel, den Reinard nach 1348 gewöhnlich führte, 
irrthilmlich schon auf dessen Urgrossvater über tragen. 

*) Diese Ansicht, welche schon v. Oidtman (Zeitschrift des Aachener Geschichts- 
vereins VIII, S. 210, Anm. 1) ausgesprochen hat, wird bewiesen durch die Thatsache, dass 
Reinard in seinem ersten Siegel (siehe die Wappentafel bei de Chestret) als Nebenabzeichen 
den Bongartschen Sparren ftlhrt. Dieses Siegel ist sehr bedeutsam. Dasselbe ist halbirt 
und zeigt rechts zwei übereinanderstchcnde, mit dem Kinn sich berührende bärtige Masken, 
deren obere ein Stirnband mit herabhängenden Enden trägt. Darunter steht in besonderem 
kleinen Schilde der Sparren der Bongart. Links stehen die Hazedalschen neun Kugeln, 
von denen aber wegen der Halbirung nur fünf (2, 2, 1) sichtbar sind. Dieses Wappen 
erklärt den sonderbaren Beinamen, den Reinard nach seinem Vater und Grossvater getragen 
hat. Derselbe kommt in zwei Urkunden, von Weihnachten 1343 und vom 13. März 1344 
(de Chestret S. 16), sowie in einer unten anzuführenden Stelle einer alten Chronik vor. 
Man nannte Rcinard und seine Vorfahren nach jenem auffälligen Abzeichen „Mashereit, 
Maskeret** — den Maskirtcn. Reinard liess Zeichen wie Namen später fallen, während 
die Herren von Winandsrade, welche von Arnold von Bretonbour, dem dritten Sohne 
Hejnemans abstammen, den Spitznamen noch bis ins 16. Jahrhundert hinein beibehielten. 
(Vgl. Heusch, Nomina Canonicorum Reg. Eccl. Beatae Mariae Virginis Aquisgranensis 
S. 12, Sp. 2; Annalen für die Geschichte des Niederrheins Heft 57, S. 252.) Reinard 
siegelte mit dem beschriebenen Wappen noch 1349. (Urk. im Kölner Stadtarchive Nr. 1946.) 
Später nahm er andere Abzeichen an. Als Herr von Schönforst führte er bald die neun 
Kugeln (3, 8, 2, 1, so in der Wappentafel bei de Chestret), bald den einfachen Reichs- 
adler (Kölner Stadtarchiv); als Herr von Falkcnburg den Reichsadler mit aufgelegten 
Kugeln (de Chestret), häufiger jedoch einen von zwei Blumen begleiteten Hehn, mit 
Blume oder Pfauenfederbusch als Helmzierde (Kölner Stadtarchiv). Hier findet sich auch 
das letztere Abzeichen ohne Blumen als Siegel Reinards II, der sich 1374 dominus in 
Schoenenvorst nennt, weil damals noch Reinard I. der rechtliche Herr dieser Herrschaft 

^ 



— 20 — 

(1330—1350), Gerard, Jan Ha^re, Raso Mascharel III., Herr vou Schünan, 
Reinard ^ Die Töchter lassen wir hier bei Seite. 

Der Menge der Kinder entsprach nicht der Besitz, den Raso Mascharel II. 
sein eigen nannte. Schönau und üelpich waren, wie eine Ucrsfelderin des 
17. Jahrhunderts in ähnlicher Lage sich kräftig ausdrückte, ein zu kleines 
Brotschrank für eine so zahlreidie Familie. Ein Glück für die Nach- 
kommen Rasos, dass der zweite Sohn, Amelius, sich dem geistlichen Stande 
widmete und Abt des bedeutenden Klosters St. Trond in Brabant wurde. 
Dieser, den Hemricourt als einen der tüchtigsten, angesehensten und einfluss- 
reichsten Geistlichen seiner Zeit l)ezeichnet% nahm sich der Erziehung 
seiner Brüder an. Zwei derselben folgten ihm in der Berufswahl: Gerard 
wurde Kanonikus an St. Lambert und an St. PauH in Lüttich sowie am 
Liebfrauenstifte zu Aachen^. In letzterer Kirche bekleidete er auch die 
Würde des Sängers, als welcher er 1338 '• vorkommt. Er machte Stiftungen 
zur Erhöhung kirchlicher Feierlichkeiten'^ und starb am 2. Juni^ Jan 
Hage erhielt ebenfalls ein Kanonikat am Aachener Münster; er starb im 
August und vermachte dem Kapitel 20 Mark**. 

Da nun der älteste Sohn Johann vom Vater Uelpich, der fünfte, 
Raso Mascharel III., Schönau erbte, so waren alle versorgt ausser unserm 
Reinard: aber was blieb ihm? Nicht viel oder gar nichts. Er hatte nach 
Hemricourt nicht so viel von seinen Eltern geerbt, dass er ein Pferd hätte 
halten können^, aber grade er wurde „der vom Glück am meisten be- 
günstigte Cavalier, der in hundert Jahren zwischen Maas und Rhein gelebt 
hat" ^^ Die Erziehung, welche der spätere Abt von St. Trond seinem 
jüngsten Bruder angedeihen liess, hat den Grund zu diesem Glücke gelegt; 
sie entwickelte die reichen körperlichen und geistigen Anlagen des Jüng- 
lings und befähigte denselben zu einer so vielseitigen Wirksamkeit, wie 
man sie nicht oft findet. 

n. Reinard und die Abteien von St. Servatius und St, Trond. 

Abt Amelius hatte nicht blos für die Ausbildung sondern auch für 
den Unterhalt seines mittellosen Bruders gesorgt. Er verschaffte ihm nämlich 
ein Kanonikat an der Stiftskirche von St. Servatius in Mast rieht, wozu 



*) Vgl. die Abstammungstafel bei de Chc.strct S. 8 und 9. 

') nly pl^ wailbans clers, qui il son temps portaist co rönne et de plus haultre 
honeur et de meilheur 6stat selont sa puissancc". 

3) Franquinet S. 3. 

*) Ob er auch jener Gerardus de Scbouauwe, dccanus ccclosio s. Scrvatii Trajectensis 
ist, den Johann XXII am 24. Jan. 1329 auf drei .Tabre von oineni Tbeil dor Rosidenz- 
pflicbt bezüglich aller Bcnefizien entband y V^l. Zeitschrift des Aachener (Jeschichts- 
vereins XIV, S. 222. 

8) Quix, Schönau S. U. 

*) „Eal. Jan. ... ex parte dni. Gerardi cantoris de Srlioiiiuwen VIII nir. IVstum 
triplex,** üngedrucktes Necrologium. 

^) Das. 

«) Das. 

•) „ilh n^aroit nul patrimoine de peirc vt de meine, dont üb ]»ou\vi>t on chcval nourir.** 

*^) „ly miez fortuneis chevalier, quy puis 100 ans fuist entro Mouze et le Kbins." 



— 21 — 

ja nach der I'iisitte jener Zeit eine höhere Weilie niclit gefordert wurde. 
Wahrscheinlicli ist die Verleihung der Pfründe während der Studienjahre 
Reinards erfolgt, wo noch Hoffnung vorhanden war, dass er sich nach 
dem Beispiele seiner drei altern Brüder dein Kirchendienste widmen werde. 
Als canonicus praebendatus, wie er sicli in einer Urkunde nennt, lebte 
Reiuard sparsam, denn er war imstande, dem von Schulden gedrückten 
Kapitel am 27. Juli 1338 die Summe von 32 Pfund turnoser Groschen vor- 
zuschiessen, wofür ihm eine Kente von jährlich 4 Pfund zugesichert wurde, 
die nach einem spätem Abkonnnen mit 80 kleinen Goldgulden sollte abgelöst 
werden können. Der Schuldtitel des Kapitels zeigt uns ßeinard als einen 
sehr vorsichtigen Geldmann; er Hess sich nämlich zur Sicherung seiner ßente 
nicht blos die Güter der Kirche verschreiben sondern übernahm auch die Rent- 
meisterstelle, damit er der Zahlung desto gewisser sei. Als solcher erhob 
er die Einkünfte des Stiftes und quittirte über dieselben ^ 

Wie lange Reinard das Kanonikat an St. Servatius behalten hat, 
lässt sich nicht genau bestimmen. Wahrscheinlich hat er dasselbe nieder- 
gelegt als er die Ritterwürde empfing und damit endgültig in den welt- 
lichen Stand zurücktrat. Die Verzichtleistung geschah zu gunsten seines 
Verwandten Johann von Schönau, der sich 1354 auch im Besitze der Kurie 
Reinards in Mastricht befindet^. Auf ihn übertrug Reinard am 15. Oktober 
1360 ebenfalls die Rente von 4 Pfund Turnosen, welche das Kapitel nun- 
mehr an Johann bis zu dessen Tode zahlen solltet Reinard bediente sich 
dieses Johann häufiger in (icschäften und schenkte ihm grosses Vertrauen. 
Das ergibt sich aus Folgendem. Nach dem Tode Reinards strengte sein 
Sohn Konrad eine Khige gegen das Kapitel von St. Servatius an und zwar 
auf Herausgabe einer Kiste voll Geld und Kleinodien von hohem Werthe, 
welche sein seliger Vater den Schatzmeistern des Stiftes zur Aufbewahrung 
übergeben liabe*. Die Untersuchung ergab, dass allerdings ein solcher 
Schrein durch den verstorbenen Johann dem Schatze anvertraut, aber auf 
dessen Befehl auch wieder herausgegeben worden sei\ 

Noch einmal trat Reinard im Jahre 1361 mit dem St. Servatiusstifte 
in Verbindung, als er nämlich den Herzog von Brabant als CoUator der 
Propstei bewog, diese reich dotirte Stelle seinem zweiten Sohne Johann, 
dem spätem Burggrafen von Jlontjoie, zu übertragend 

Was St. Trond betrifft, so leistete Reinard dieser Stadt, in welcher 
sein Bruder Amelius als Abt die halbe Herrschaft besass, einen wesent- 
lichen Dienst. Nach der Schlacht bei Tourinne, in welcher Bischof 
Engelbert von Lüttich mit Hülfe des Herzogs von Brabant den Lüttichern 
eine entscheidende Niederlage beigebracht hatte, ritt Reinard stracks vom 
Kauipfplatze weg nach St. Trond und meldete, dass der Herzog aus altem 

M Franqiiinct, aimexc I, 8. 63 f. 

-) de ehest rot S. 7. 

*) Franquinet, annexe IV, S. 70 f. 

*) Waren das etwa die Schätze, welche* Keiuard mit nach Khodus genommen hatV 

^) de (?h»^strot S. 7, Anm. 1. 

«) Das. S. 4»i. 



— 22 — 

Grolle die Stadt zerstören wolle. Die gewarnten Bürger ergriffen geeignete 
Massregeln um den Herrn zu versöhnen: sie erkannten den Herzog als 
Obervogt an und nalimen ihn in die Stadt auf^ 

Später waren die Beziehungen Reinards zur Abtei recht unerfreulich. 
Abt Amelius hatte ihm Besitzungen des Klosters, welche zu Helchteren 
in der Campine lagen auf Zeit übertragen: wahrscheinlich — da der Sühne- 
vertrag von einer Entschädigung für gemachte Auslagen redet — wegen 
empfangener Darlehen. Reinard hätte zwar lieber die Besitzung gegen 
einen jährlichen Zins auf Lebenszeit genommen, darauf Hessen sich aber 
die Mitglieder der Abtei nicht ein. Man mochte wohl bittere Erfahrungen 
mit solchen Gütern gemacht haben. Und weil er selbst nach dem Tode 
seines Bruders die Herausgabe verweigerte, betrachtete ihn die Kloster- 
gemeinde als unrechtmässigen Besitzer. Am 28. Dezember 1354 kam es 
dann zu einem Vergleiche, wonach Reinard zur Schadloshaltung noch vier 
Jahre im Besitze bleiben und dann das Gut gegen 1000 Florentiner Gulden 
abtreten sollte. Mittlerweile machte jedoch Walram von Born seine Ansprüche 
auf die Herrschaft Falkenburg, welche Reinard erworben hatte, mit Waffen- 
gewalt geltend. Die Gefahr lag nahe, dass derselbe sich auch an Helchteren 
vergreifen würde. Darum gab Reinard die Besitzung schon 1356 zurück 
und erhielt ausser der bedungenen Summe einen Ersatz von 120 Gulden 
für jedes der noch übrigen Vertragsjahre ^ 

Der Chronist von St. Trond klagt bitter über erlittenes Unrecht. 
Da uns nichts über die Gründe der Verpfändung von Helchteren oder über 
die Abmachungen zwischen Amelius und Reinard bekannt ist, so lässt sich 
nicht beurtheilen, ob wirklich ein solches vorlag. Es wäre aber jedenfalls 
edler gewesen, wenn Reinard schon mit Rücksicht auf den Abt Amelius, 
seinen Bruder und Wohlthäter, nicht so streng auf seinem Schein bestanden 
hätte. 

III. Reinard als Kriegsmann. 

Der Kanonikus von St. Servatius kam als Verwandter der Bongart 
in Gunst und Vertrauen bei Wilhelm V., Markgrafen von Jülich. Mit 
diesem Fürsten zog er auch ins Feld, als es galt dessen Schwager Eduard 
von England gegen Frankreich zu unterstützen. Reinard nahm Theil an 
der Belagerung von Cambrai (September 1339) sowie an der von Tournai 
(Juli — September 1340). Hier leistete er ein Reiterstückchen, welches 
Froissart der Nachwelt überliefert hat. 

Einige Herren aus dem Jülichschen und Geldrischen beriethen sich, 
wie sie mit den Franzosen etwas Scharmützeln und eine Schlappe der 
Hennegauer auswetzen könnten. In der Nacht brachen sie mit ihren 
Leuten auf und zogen bei Tagesanbruch, etwa 300 an der Zahl, über die 
Brücke von Tressin. Während der Herr (Ludwig) von Randerath und 
Arnold, sein Sohn^ mit ihren Reisigen vorrückten, blieb Reinard nebst 

») de Chrestet S. 21. 
«) Das. S. 36 f. 

^) Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins l, S. 199 f. Annalen, Heft 55, 
8. 146, 176. 



— 23 — 

den übrigen an der Brücke zurück, um jenen den Rücken und den Rück- 
zug zu decken. Randerath stürmte in daß französiclie Lager, hieb Seile 
und Pfiihle entzwei, warf Zelte und Pavillone nieder und richtete eine 
grosse Zerstörung an. Die Herren Karl von Montmorency * und von St. Sauf- 
lieu, welche grade die Wache hatten, hörten den Lärm und eilten herbei, 
worauf sich Randerath langsam zurückzog. Aber die stolzen Franzosen 
wollten den Schimpf nicht ungerächt lassen; sie stürmten nach und riefen: 
„Ha, ihr Herren, so werdet ihr hier nicht wegkommen!" Als sie jedoch 
an der Brücke den Haufen sahen, der zu ihrem Empfange bereit war, 
stutzten sie; der bedächtige Herr von St. Sauf-lieu wendete sein Banner 
und kehrte ins Lager zurück. Montmorency jedoch ritt vorwärts. Da 
ersah Reinard die Gelegenheit, er sprengte unter die Franzosen, drängte 
sich an die Seite ihres Anführers, ergriff mit der linken Hand dessen Ross 
am Zügel, spornte den eigenen Streithengst und riss so den Herrn aus 
den Reihen der Franzosen heraus. Mochte der Mann auch noch so kräftig 
drauf loshauen, Reinards Rüstung war gut und hielt die Hiebe aus. Er 
brachte Montmorency ins deutsche Lager, wo er wegen dieser That gar 
sehr gefeiert wurde. Natürlich mussten die Gefangenen, deren ausser dem 
Anführer wohl noch achtzig waren, ein hohes Lösegeld zahlen*. 

Reinard war aber auch ein kundiger Krieger, wie hätte ihn sonst 
Bischof Adolf von Lüttich zu seinem Marschall ernannt? Und als solcher 
unterschreibt der Schönauer, noch bevor er die Ritterwürde erlangt hatte, 
zwei Urkunden vom 13. März und 24. September 1344 ^. Auch dem Nachfolger 
Adolfs, Bischof Engelbert, leistete Reinard als Marschall gute Dienste gegen 
die Lütticher. Es handelte sich damals um die Grafschaft Looz, welche 
zum Fürstenthum Lüttich gehörte aber von Dietrich von Heinsberg — aus 
Jülicher Blut — in Besitz genommen war. Die Bürgerschaft wollte die- 
selbe zurück haben, die Bischöfe Adolf und Engelbert, beide Verwandte 
des Heinsbergers, wünschten sie diesem zu belassen. Darum empörte sich 
die Stadt gegen den Bischof, und es kam zu erbitterten Kämpfen. Vor 
der Schlacht bei Wothem (Vottem) am 19. Juli* 1346 wurde Reinard zum 
Ritter geschlagen und warf zugleich sein Banner auf, d. h. er zog gleich 
mit einer eigenen Schaar in den Kämpft Der Erfolg entschied gegen 
den Bischof; er wurde geschlagen und viele seiner Reisigen, Herren wie 
Knechte flohen selbst bis nach Aachen*'. Ln folgenden Jahre gelang es 
ihm besser. In der Schlacht bei Tourinne am 21. Juli 1347, in der 
Reinard ebenfalls mitfocht, erlitten die Lütticher eine so fürchterliche 
Niederlage, dass ihrer 10,000 das Schlachtfeld bedeckten. Wir dürfen 
unserm Reinard wohl einen entscheidenden Antheil am Siege zuschreiben. 

^) Der spätere MarschaU von Frankreich. Yg\. Feller, Dictionnaire HistoriqueIV,S.619. 

») de ehest ret S. 13. 

3) Das. S. 16. 

*) So de Chestret 8. 19. Andere setzen den Tag auf den 10. oder 20. Juli an. 
Vgl. Villenfagne, Rccherches sur Thistoire .... de Li^ge I, S. 175, und Anm. a. 

*) Dazu gehörten wenigstens 10 Ritter mit je zwei Knappen. Vgl. Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins IX, S. 63, Anm. 

'') Lau reut, Stadtrechnungen S. 181, Z. 35 ff. 



— 24 — 

Herr de Chestret^ theilt nämlich folgende Stelle aus einer alten Chronik 
mit. „Im Jahre 1347 ist nach dem Berichte des Herrn von Havelanges 
Herr Keinard von Dickenberg (!) genannt der Massureit^, welcher damals 
Feldmarschall des Bischofs Engelbert von Lüttich war und den Kriegsruf 
der Lütticher erfahren hatte, in deren Lager eingedrungen und hat das- 
selbe angezündet/ Hieraus erklärt sich auch die grosse Anzahl der 
Gebliebenen. Die geschlagenen Lütticher hatten keine Zuflucht mehr, 
wohin sie sich hätten zurückziehen können. Das schreckliche Ereigniss 
hatte übrigens dank der Mässigung des Bischofs dauernden Frieden zwischen 
ihm und der Stadt zur Folge*. 

Auch in kleinern kriegerischen Unternehmungen zeigte Reinard seine 
Tapferkeit. So schreibt man ihm einen Antheil an der Eroberung und 
Zerstörung des Eaubnestes Gripekoven zu, welche 1354 durch den Land- 
friedensbund erfolgte. Die Lage dieser Burg ist aus der Chronik von 
Erkelenz nachgewiesen. Letztere Stadt hatte grossen Schaden von der 
Gripekovener Raubritterbande erlitten, darum wurden ihr die Steine des 
zerstörten Schlosses geschenkt, um damit den Thurm des inneren Stadt- 
thores aufzubauen*. 

Im Jahre 1362 finden wir Reinard mit dem Herzoge von Jülich vor 
Merode. Dieses Schloss gehörte damals zwei Brüdern, von denen der 
jüngere, Konrad, den älteren, Richard, zu verdrängen suchte. Der Herzog 
kam seinem Vasallen zu Hülfe, eroberte die Burg und verkaufte Konrads 
Hälfte an der Herrschaft dem Richard für 6000 Goldschilde ^ 

Weit bedeutender und interessanter als diese kleinen Kriegszüge ist 
die Theilnahme Reinards an den Unternehmungen des Herzogs Wenzel von 
Brabant gegen Löwen. Hier eröffnen sich allgemeinere Gesichtspunkte, 
welche zugleich die Stellung des Schönauers zu den sozial-politischen 
Bestrebungen des 14. Jahrhunderts beleuchten. Zwar hat ein gewisses 
VorurtheiP gegen den Geldmann Reinard dazu geführt, dass man auch 
hier ihm Habsucht als Beweggrund seiner Handlungen unterschoben hat^; 
mit welchem Rechte, mag der Leser selbst beurtheilen. 

*) S. 21, Anm. 2. 

*) Vgl. oben S. 19, Anm. 4. 

8) Vgl. Villenfagne, a. a. 0. S. 176. 

*) Laurent, Stadtrechnungen S. 49. Annalen, Heft 45, S. 179, Anm. 2. 

*) Richardson, Gesch. der Merode I, S. 27. 

^ Woher dieses Vorurtheil kommt, soll unten gezeigt werden. 

^ „Renaud, toujours avide de pßcher en eau trouble encourageait secrftte- 
ment les mönees (de Pierre Cottrel) . . . II est ä supposer que Renaud, qui n'avait 
pas r^ussi jusqne lä k tirer un pro fit mat^^riel de cett« r^volntion communale, a en 
encore la main dans les agissements de Cottrel ..." So schreibt Franquinet (S. 17), von 
dem de Chestret (S. 30, Anm. 5) allerdings sagt „que ia Chronologie et les faits en 
g6n6ral ont 6t6 asscz maltrait^s par Phistorien des Schoonvorst**. Aber de Chestret spricht 
ebenfalls von Reinards „conseils probablement intöress^s** (S. 44) und lässt ihn sich 
mit dem Herzog und Coutereel in den Raub theilen, der den Patriziern abgenommen 
wurde. Er macht sich die Worte eines andern Schriftstellers zu eigen: „Rien ne peut 
justifier Wenceslas et Schoonvorst si, selon toutes les vraiscmblances, ils se fircnt 
paycr par Coutereel Icur connivence" (S. 45); also „probablement", „selon toutes les vraisem- 
'lances", — aber Gewissheit hat man nicht! 



— 25 — 

Das 14. Jahrhundert war bekanntlich eine Zeit der heftigsten sozialen 
Wirren. In den gewerbreichen Städten, wo Kunst, Handwerk, Handel 
gleichmässig blühten, erhoben sich die Zünfte, der dritte Stand, gegen die 
patrizischen Geschlechter, weil sie mit diesen nicht blos die Pflichten und 
Lasten des Gemeinwesens tragen, sondern auch die Eechte an der Kegierung 
und Verwaltung der Gemeinde theilen wollten. Die Landesherren haben 
wohl diesen Kämpfen mit gemischten Gefühlen zugeschaut: wenn es ihnen 
einerseits angenehm sein mochte, dass die Macht der stolzen Geschlechter 
geschwächt wurde, so duiften sie doch anderseits nicht zugeben, dass die 
Gemeine allzuviel Gewalt gewann. 

Zur Zeit, wo Reinard grossen, ja tiberwiegenden Einfluss im ßathe 
des Herzogs von Brabant hatte, kamen auch in der Stadt Löwen solche 
Unruhen vor. In diesen Kämpfen zwischen den Löwener Geschlechtern ' 
und der Gemeine oder den Zünften hatte sich Peter Coutereel ^, der Mayer 
oder oberste Beamte des Herzogs, auf die Seite der letzteren gestellt. Weil 
nun Reinard ebenfalls die Gemeine begünstigte, spricht man von einem 
geheimen Einverständnisse zwischen ihm und dem Mayer. Es ist aber 
doch wohl selbstverständlich, dass Coutereel zum Nutzen seines Herrn zu 
handeln meinte; warum soll er denn nicht im geheimen Einverständnisse 
mit dem Herzoge selbst seine Massregeln getroffen haben? Hierfür spricht 
auch das Verhalten Wenzels. Dass er nicht offen auf die Seite der Ge- 
meine treten durfte, wenn er nicht den Adel des Landes gegen sich haben 
wollte, ist ja klar; zu einem solchen Wagniss ist aber Wenzel nie mächtig 
genug gewesen. 

Eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Schöffen und dem Mayer 
über dessen Amtsbefugnisse führte dahin, dass jene diesen für unfähig 
erklärten, sein Amt zu verwalten; m. a. W.: die Schöffen setzten ihren 
Mayer ab. Coutereel begab sich sofort nach Tervueren, um Wenzel dieses 
Verfahren zu klagen, „welches trotz den Privilegien Löwens der herzog- 
lichen Würde zuwider zu sein scheinen konnte", sagt de Chestret^. So 
gewunden hat sich Reinard nicht ausgedrückt. Er war allein mit dem 
Herzoge, als Coutereel seine Beschwerde vorbrachte. Empört über die 
Anmassung der Geschlechter rief er aus: „Herr Herzog, Ihr werdet nie 
Herr in Löwen sein, wenn Ihr nicht ein Mittel findet das Volk zu erhöhen 
und diese hochmüthigen Patrizier zu beugen." So musste auch Wenzel 
denken, de Chestret sagt selbst '*, dass die unabhängige Handlungsweise 
der lignages dem Landesherrn unerträglich schien. Jetzt nun hatten die 
Patrizier sich sogar herausgenommen, den obersten fürstlichen Beamten in 
ihrer Stadt abzusetzen. Wenn ihre Privilegien wirklich so weit gingen, 
dann hatte ja Reinard den Nagel auf den Kopf getroffen, als er erklärte, 
die fürstliche Gewalt in Löwen sei bioser Schein, wenn die Macht der 

') Familles patricicnnes oa lignages nennt sie de Chestret. 

*) Die Coutereel gehörten zu den Löwener Schölfenfamilicn. Vgl. Annalcn, Heft 55, 
S. 80. 

«) de Chestret S. 44. 
♦) Das. 



— 26 — 

Geschleclitcr nicht beschnitten würde. Wäre Wenzel anderer Meinnnö: 
f^ewesen, so hätte er seinen Rath in Gegenwart Coutereels zurechtweisen 
müssen. Aber „er antwortete nicht, sondern sprach von andern Dingen". 
Nun ging Coutereel, „durch die Worte, die er gehört^, ermuthigt und der 
Straflosigkeit sicher", nach Löwen zurück, bemächtigte sich an der Spitze 
der Zünfte des Rathhauses, setzte viele Patrizier gefangen und änderte 
die Verfassung dahin, dass die obrigkeitliche Gewalt in der Stadt zwischen 
den Geschlechtem und den Zünften getheilt wurde. 

Reinard soll Wenzel den Rath gegeben haben, durch die Finger zu 
sehen, wenn man ihm, dem Herzoge, den Löwenantheil an der den ge- 
fangenen Patriziern abgepressten Lösungssumme lasse. Das sei geschehen, 
Reinard und Coutereel hätten dann den Rest getheilt. Freilich ein schmutziges 
Verfahren. Doch vergessen wir nicht: es liegt keiu Beweis vor, man 
schildert das so „selon toutes les vraisemblances". Auch wird nicht an- 
gegeben, wie viel Reinard erhalten habe. Ist sein „profit mat^riel" dies- 
mal nicht grösser gewesen als nachher, dann ist die Sache kaum der Rede 
werth. 

Die Dinge gingen in Löwen bald über die Grenze hinaus, in der 
Wenzel sie gehalten wünschte. Die Zünfte missbrauchten ihren Sieg; sie 
wollten die meisten Patrizier nicht einmal mehr in die Stadt aufnehmen. 
Da schritt der Herzog ein. Er belagerte die Stadt, welche jedoch keinen 
Widerstand entgegensetzte. Im herzoglichen Heerbanne befand sich auch 
Reinard; er unterzeichnete mit Herzog Wilhelm von Jülich, Robert von 
Namür, Graf Johann von Salm, mit Arnold von Rümmen und andern Räthen 
von Brabant den Friedensvertrag vom 19. Oktober 1861, der, wohlgemerkt, 
an den durch die Revolution zu gunsten der Gemeine getroifenen neuen 
städtischen Einrichtungen nichts änderte. Der Herzog war demnach mit 
\ der Schwächung der patrizischen Gewalt einverstanden. Nicht so natür- 
lich die Geschlechter: sie wollten sich nicht fügen. Andrerseits strebten 
die Zünfte nach Erringung noch grösserer Macht und nach gänzlicher Ver- 
drängung der lignages. Coutereel vertrieb denn auch die Patrizier zum 
zweiten Mal. Herzog Wenzel liess die Herren zappeln; erst als sie ihre 
Bereitwilligkeit erklärten, sich dem Oktobervertrage von 1361 zu unter- 
werfen, zog er trotz den Vorstellungen Reinards abermals vor die 
Stadt, die sich wiederum nicht vertheidigte. Man versprach, jene Satzungen 
allerseits getreu zu beobachten, gab die Geiseln heraus und zahlte an 
Wenzel 28000, an den Herzog von Jülich 3000, an den Herrn von Berge op 
Zoom 1000 und an Reinard — nach Franquinet 600, nach de Chestret 
gar nur 300 moutons d'or*. Da der Schönauer sich zweimal zum Kriege 
gegen Löwen hat rüsten müssen, da er jedenfalls dem Mayer für die 
Bewegung Vorschüsse geleistet hat, so wird er mit dieser und der oben 
erwähnten Entschädigung eben auf seine Kosten gekommen sein. Wo 
bleibt denn da der „profit materiel", nach dem Franquinet ihn jagen, wo 

») Öo de Chestret S. 45. Man könnte treffender sagen : ermuthigt durch das wohl 
verstandene Schweigen des Herzogs. 

^) So genannt nach dem aufgeprägten Agnus Dei. 



— 27 — 

sind die „conseils probablement int^ress^s", die de Cliestret ihn geben lässt? 
Was den Nutzen angeht, da sind der Herzog und die anderen Herren, ja 
selbst Coutereel weit besser gefahren, als Reinard ^ Der Mayer hatte 
nämlich schon 1362 „zur Belohnung für seine Dienste*' vom Herzoge die 
Herrschaft Asten erhalten ^, nach der zweiten Belagerung verliess er Löwen 
und zog sich auf seine Besitzung zurück. Man wittert allerdings auch 
hinter dieser Handlung Wenzels wiederum Reinard, obschon der Verlauf der 
Dinge klar zeigt, dass Coutereel nur im Interesse des Herzogs gearbeitet 
hat, eine Belohnung demnach von dem freien unbeeinflussten Entschlüsse 
seines Landesherrn wohl erwarten durfte. 

Ueber die Politik Reinards in der Löwener Angelegenheit darf ich 
mir kein Urtheil erlauben, weil dazu eine genaue Kenntniss der damaligen 
brabantischen und Löwener Verfassungsverhältnisse gehört. Aber ich 
nehme den Schönauer in Schutz gegen den Vorwurf gewissenloser Hab- 
sucht, die wegen einer elenden Summe Geldes Revolution und Krieg über 
Stadt und Land bringt. Will man jedoch Reinard einen Beweggrund zu 
seinem Verhalten in diesem Handel unterschieben, warum fasst man die 
Sache nicht höher? Warum bleibt man beim niedrigsten Motive stehen? 
Könnte nicht etwa Reinard ^sage et subtil" wie er nach Hemricourt war, 
weiter gesehen haben als der Herzog und seine Räthe, könnte er nicht 
erkannt haben, dass die einmal begonnene gewaltige Bewegung des dritten 
Standes nicht mehr aufzuhalten und dass es besser sei, dieselbe radikal 
durchzuführen ^ statt durch halbe Massregeln die Gesellschaft auf unbe- 
rechenbare Zeit hinaus in Gährung zu erhalten? Eine solche Auffassung 
würde wenigstens dem „g6nie diplomatique de cet homme extraordinaire** ^ 
besser entsprechen als jene, die überall nur Habsucht sieht. Wenn wir 
jedoch auch nicht so weit gehen, so sollte doch das anerkannt werden: 
Reinard hat bei der Löwener Frage im Interesse seines Fürsten, wie er 
es verstand und auffasste, nicht aber zum Nutzen des eigenen Geldbeutels 
gehandelt! 

In den Streit der beiden Brüder Reinald III. und Eduard um das 
Herzogthum Geldern war Reinard zwar auch verwickelt, aber ob er thätigen 
Antheil am Kriege genommen habe, lässt sich aus dem vorliegenden Material 
nicht ersehen. Seine sonstige Thätigkeit in diesem Lande wird unten im 
Abschnitt V berührt werden. 

Auf dem Schlachtfelde war Reinards Stern aufgegangen, auf dem 
Schlachtfelde sollte er untergehen. Nicht als wenn der Schönauer auf der 
Wahlstatt gefallen wäre: er verlor — was dem hochgestiegenen Manne härter 
war — Ehre und Ansehen. Das geschah in der berühmten Schlacht bei 

*) Eine hand:^chriftliche Aachener Chronik im B«'.Hitze dfH Herrn Dr. Adara Bock 
erzählt nach Haraeus, die Löwener hätten ihrem Oubemator Keinard von Schönfornt we^eu 
seiner trcaen Mühewaltung beim FriedcnaschlnsHe 3000 (ioldHtücke verehrt. Den 
Haraeus Anuales dacum . . . Brabuntiae galten für die be»te Oedchichte Brabants. Vgl. 
Feller, Dictionnaire III, S. 408. 

*) de Chestret 8. 46, Anm. 1. 

') Daher denn auch sein Widerstand gegen den zweiten Löweuer Zug den Herzogs. 

*) de Chcötret S. 42. 



— 28 — 

Baesweiler am 22. Ausfust 1371. Herzog Wenzel von Brabant war als 
Reichsvikar seines Bruders Karl IV. und als Haupt des Ijandfriedensbundes 
verpflichtet, für die Sicherheit der Strassen und der auf ihnen Fahrenden 
zu sorgen. Nun hatten einige Raubritter im Jülichschen brabantische 
Kaufleute geschätzt; Herzog Wilhelm aber weigerte sich, die Schuldigen 
zu bestrafen und Schadenersatz zu leisten. Da keinerlei Anmahnung 
fruchtete, grilY Wenzel gemäss den Satzungen des Landfriedens zum Schwerte. 
Wilhelm verbündete sich dagegen mit dem Herzoge Eduard von Geldern 
und deui Grafen von Berg. Die brabantische Armee zog von Mastricht 
über Falkenburg uud Herzogenrath ins Jülicherland; zwei bedeutende 
HeiTcn aus der nähern Umgebung Aachens kommandirten in ihren Reihen. 
Reinard befehligte die 48.^, Johann von Gronsfeld die 52. Rotte-; der 
erstere führte Brabanter, der andere Limburger. Bei Baesweiler trafen 
sich die Gegner. Da die Versuche einer friedli^'hen Tjiisung fehlschlugen, 
hielt der Herzog von Brabant Kriegsrath, was zu thuen sei. Einige riethen, 
man möge die französischen Hülfstruppen abwarten, welche unter Jakob 
von Bourbt)n heranrückten. Da soll Reinard ausgerufen haben, der Herzog 
würde sich mit Schmach bedecken, wenn er zögere; seine Macht sei stark 
genug zum Angriff"; die Ehre gebiete, den Kampf zu beginnen. Die Jlehr- 
heit stimmte zu und die Schlacht wurde auf den folgenden Morgen fest- 
gesetzt. Auch den Truppen waren diese Worte Reinards aus dem Herzen 
gesprochen. Als die Brabanter früh morgens iliren Herzog sahen, welcher 
der h. Messe beiwohnen wollte, riefen sie ihm zu: .,IIerr, da sind die Feinde, 
den Helm auf im Namen (?ottes und des h. Georg!"* Anfauirs war das Glück 
dem Herzog Wenzel günstig, die Jülicher wichen, Eduard von Geldern fiel 
und selbst Wilhelm soll sich einen Augenblick in der (Jewalt s(»iner Gegner 
befunden haben. Dann erfolgte der Gegenstoss und die Brabanter erlitten 
eine furchtbare Niederlage. Der Adel Brabants und Limburgs fiel entweder 
oder wurde mit seinem Herzoge gefangen; auch Reinards ältester Sohn 
verlor «lie Freiheit. Nur wenitre retteten sich durch die Flucht, unter 
diesen Reinard selbst: er entkam nach Mastricht. Hier harrte seiner ein 
böser Empfang. Die Mitflüchtigen werden nicht ermangelt haben, die 
ganze Verantwortung für des Herzogs und des Landes Unglück auf seinen 
unglücklichen Rath zu wälzen. Die blinde Volkswuth, immer froh, wenn 
sie einen Sündenbock findet, an dem sie sich auslassen kann, wendete sich 
gegen Reinard; man that ihm in Mastricht ^groete smaet, confusie ende 
schade'' an. Dass die Misshandlung keine ueringfüirige war, geht ans 
dem Umstände hervor, dass sich hieiaus eine Fehde zwi.srhen den Söhnen 
und Verwandten Reinards einer- und der Stadi Mastricht andrerseits ent- 
spann, welclie erst im Jahre 1405 gesühnt wurdet 

Auch seiner Fürsten Gunst verlor Reinard durch den Unglückstag 
von Baesweiler. Zwar that er was in seinen Kräften stand, um den Herzog 
Wenzel der harten (Tcfiingenschaft auf dem Schlosse Nideggeu zu ent- 

») de (Uicstret S. oS. 

^) Ernst, Tli.stoive du Liinbour«; V, S. i:rj. 

^) Frau quin et, anncxe XVHl, S. 04. 



— 29 — 

ledigen. Er übernahm mit Joliann von Saffenber»i: eine vSendun«^ des Kaisers 
an die Städte Lütticli, Huy, Tongern, üinant und St. Trond, um deren 
Hülfe in Anspruch zu nelimen K Die konnte jedoch der Hartnäckigkeit 
Wilhehns gegenüber nicht viel nutzen: es bedurfte des schärfsten Ein- 
greifens des Kaisers, der die Reichsacht gegen Wilhelm aussprach, weil 
er den Reichsvikar gefangen halte, um dem Herzoge im Juni 1372 die 
Freiheit zu verschaifen -. 

Wir finden Reinard noch auf dem Brabanter Ständetage von 1372 
und in einer Urkunde für Löwen von 1373^, jedoch nur mehr unter den 
Vasallen. 

Seine glänzende einflussreiche Stellung war dahin, seine Rolle unter 
den Grossen dieser Erde ausgespielt! 

IV. Reinard der Geldmann. Seine Besitzungen. 

Mit Recht darf der Leser fragen: Wie kam dieser Mann aus dem 
niedern Adel, der jüngste Sohn eines kleinen Grundbesitzers zu den Mitteln, 
um eine solche Stellung einzunehmen, eine solche Rolle durchzuführen? 
Hat er Einfluss und Macht bloss geistigen Eigenschaften zu verdanken: 
seiner Bildung, seiner ritterlichen Tapferkeit und kriegerischen Tüchtigkeit? 
Gewiss hat dieses und noch anderes Gute an ihm mitgeholfen, aber die 
eigentliche Grundlage seiner Erfolge war doch das Geld und sein grosser 
Besitz. Und wie er dazu gekommen, soll dieser Abschnitt zeigen. 

Hier müssen wir auf den englisch-französischen Krieg zurückgreifen. 
Nach der Aufhebung der Belagerung von Tournai im September 1340 
schlössen die kriegführenden Mächte Waffenstillstand. Der Markgraf von 
Jülich schickte den Herrn Gerard im Bart und unsern Reinard nach Eng- 
land, um die versprochenen Kriegsgelder zu erheben. Aber der königliche 
Schatz war leer und die Gesandten kehrten mit der Vertröstung auf bessere 
Zeit nach Hause zurück. Als die gestellte Frist abgelaufen war, ging 
Reinard allein nach London. König Eduard hatte auch jetzt kein Geld 
aber einen grossen Vorrath an Wolle, denn vom Parlamente war ihm die 
halbe Wollschur für die Kriegskosten zur Verfügung gestellt worden*. 
Reinard nahm mit der Waare vorlieb ; er Hess sich vom Könige einen 
Geleitsschein ausstellen, der freie Ausfuhr gewährte und brachte seine 
Ladung nach Brügge. Weil während des Krieges eine Einfuhr dieses 
Artikels in Flandern nicht hatte stattfinden können, gab es bei dem dort 
blühenden Tuchmachergcwcrbe grosse Nachfrage nach dem nöthigen Roh- 
stofte, und die Brügger Kaufherren mussten schon hohe Preise bewilligen. 
So gewann Reinard ein Drittel mehr, als der Markgraf von Eduard zu 

^) de Chestrot S. 59. 

*) Die Aussöhnung zwischen dem Kaiser und Ilorzo^ Wilhelm erfolgte auf dem 
Reichstage zu Aachen. Vgl. ileyer, Aach. Gesch. S. 342. 

^) de Cheatret S. 59. Die Erbitterun jr der Herzogin Johanna gegen Reinard ging 
anch auf dessen Kinder über. Vgl. Frau (xu inet, annexe XV und XVI. 

*) Weiss, Weltgeschichte VI, S. 400. 



— 30 — 

fordern hatte, und das betrug 6000 Königstlialer ^ Doch selbst mit diesem 
grossen Gewinne soll ßeinard noch nicht zufrieden gewesen sein. Er ging — 
so sagt man — zum Markgrafen, erzählte wie es ihm in London ergangen 
und fügte bei, die Brügger hätten ihm bedeutend weniger für die eng- 
lischen Wollen geboten, als König Eduard dieselben geschätzt habe. Er 
müsse es nun dem Markgrafen überlassen, ob er zu dem niedrigem An- 
gebote losschlagen wolle. Wilhelm, des Geldes höchst bedürftig, willigte 
wohl oder übel ein. Eeinard kelirte nach Brügge zurück, erhob die letzten 
Katen für die verkaufte Wolle und gewann auf diese Weise noch einmal 
2000 Königsthaler *. So erzählen Franquinet^ und de Chestret* getreu 
nach Hemricourt. Ich hebe nachdrücklich hervor, dass das Vorurtheil 
über Reinards Habsucht, dass uns schon aufgestossen ist, auf dieser Er- 
zählung beruht. 

Woher hat nun Hemricourt all diese Einzelheiten? Vom Knappen 
des Herrn Gerard im Barte! 

Bei aller Achtung vor dem alten Memoirenschreiber kommt mir der 
letzte Theil seiner Erzählung doch arg unglaublich vor, und ich wundere 
mich, wie man die Räubergeschichte so unbesehen hat nachschreiben können. 
Da wird einem Manne, den die trefflichsten Eigenschaften zieren, eine 
ganz gemeine Gaunerei vorgeworfen: er soll aus unersättlicher Habgier 
einen Fürsten betrügen, der sein Gönner ist, der ihn mit seinem unbe- 
schränkten Vertrauen beehrt, und diese abscheuliche Handlung soll er 
begehen in einem Zeitpunkte, wo sein Herr sich selbst in Noth und Geld- 
klemme befindet. Ein solches Verfahren setzt doch einen ganz verkommenen 
Charakter voraus. Wo hat sich denn Reinard als einen solchen gezeigt? 
Man weise nicht hin auf seine Geschäftsgewandtheit. Gewiss, Reinard 
war sage et subtil, klug und scharfsinnig: aber das ist doch weit entfernt 
von Betrug und Gaunerei. Diese hässlichen Dinge laufen rasch zu Ende, 
— Reinard hat sich während seines ganzen Lebens des Vertrauens seiner 
Fürsten wie seiner Standesgenossen auch in den wichtigsten Angelegen- 
heiten zu erfreuen gehabt. 

Sodann: welche Beweise bringt Hemricourt für diese schwere Be- 
schuldigung vor? Er hat allerdings einen Zeugen, aber auch nur einen, 
der zudem durchaus nicht einwandfrei ist. Hemricourt beruft sich auf 
den Knappen Gerards im Barte. Gerard war aber nicht mehr dabei, als 
Reinard den Wollhandel machte. Fehlte der Herr, so war wohl auch der 
Knappe nicht anwesend. Abgesehen davon, dass wir gar nichts von diesem 
Knappen wissen und keinerlei Beweis für seine Glaubwürdigkeit haben, 
macht schon der Umstand sein Zeugniss verdächtig, dass er nicht als 



*) de Chestret berechnet den Thaler auf H^j Franken (S. 14, Anm. 1) und den 
damaligen Geldwerth auf das Siebenfache des jetzigen (S. 15, Anm. 2). Danach sind 6000 
royaux = 69 000 bzw. 487 200 Reichsmark. 

') Der ganze Gewinn aus diesem einen Geschäfte hätte also 649 600 Mark nach 
dem heutigen Geldwerthe betragen. 

») S. 5. 

*) S. 14 f. 



— 31 — 

Augenzeuge berichten kann. Woher hatte er denn Kenntuiss von den 
Schlichen Reinards? Soll der ^kluge und geriebene** Schönauer seine 
Gaunereien einem fremden Knappen anvertraut haben? Beschleicht uns 
nicht das Gefühl, als handle es sich um ein Geschwätz aus der Bedienten- 
stube, wie es von Leuten geführt wird, die sich gerne den Anschein geben, 
als wüssten sie mehr denn andere Menschen, weil sie in der Umgebung 
grosser Herren sind? Vielleicht steckt auch nichts anderes hinter dem 
ganzen Gerede als der Neid der Klatschbasen des 14. Jahrhunderts gegen 
den Emporkömmling, der so rasch zu Geld und Macht gelangte. Was ist 
gewöhnlicher, als dass die Welt bei schnell erlangtem Reichthum an unred- 
liche Mittel denkt? 

Und endlich: das Benehmen Reinards gegen den Markgrafen, wie 
Hemricourt es darstellt, ist eine Gaunerei. Und die sollte sich dieser 
Fürst so ruhig haben gefallen lassen? Er hätte sich von einem Vertrauten 
um eine grosse Summe beschwindeln lassen, während er selbst sich in 
Verlegenheit befand? Das sieht den Herren von Jülich nicht ähnlich. — 
Aber der Markgraf hat von dem Betrüge nichts gewusst! Nun, was der 
Knappe des Herrn Gerard wusste, das war diesem Herrn doch auch niclit 
verborgen, das musste auch zur Kenntniss anderer Höflinge des Markgrafen 
kommen. Und die hätten eine solche Spitzbüberei des Emporkömmlings 
ihrem Herrn verschwiegen? Dann wären sie keine treuen Diener und erst 
recht keine — Höflinge gewesen. Jedenfalls musste dieses schmutzige 
Verfahren früher oder später an den Tag kommen, und dann wäre es 
sicher um Reinards Stellung am Jülicher Hofe geschehen gewesen. Wir 
werden aber sehen, dass der Schönauer noch lange Zeit der Vertraute 
dieses Fürstenhauses geblieben ist und dass er mit den Mitgliedern des- 
selben Geldgeschäfte gemacht hat, gegen welche der Wollhandel ganz 
unbedeutend erscheint. Aus diesen Gründen verwerfe ich die Erzählung 
jenes Knappen und behaupte, dass Reinard seinen ersten grossen Erfolg 
im Geldwesen, die Grundlage seines spätem kolossalen Reichthums, auf 
ehrliche Weise und im Einverständnisse mit seinem Herrn errungen hat. 

Und um keinen Einwand gegen diese Auffassung unberücksichtigt zu 
lassen, sei noch erwähnt, dass Herr de Chestret (S. 61 f.) eine Bestimmung 
des Reinardschen Testamentes, wonach dem Herzoge von Jülich bei der 
Einlösung Montjoies 10000 Goldschilde nachgelassen werden sollten, als 
eine Wiedererstattung für die beim Wollhandel abgeschwindelte Summe 
auffassen zu können glaubt. Warum nicht lieber als Restitution für Ueber- 
vortheilungen bei den späteren viel grossartigeren Käufen und Verkäufen ? 
Denn was den Wollhandel angeht, so würde auch der strengste Moralist 
einen Betrug, der zum Schadenersatz verpflichtet, nur dann feststellen 
können, wenn Reinard dem Markgrafen einen Theil von dessen Kriegs- 
entschädigung vorenthalten hätte. Für diese Annahme ist aber kein Grund 
vorhanden als das unglaubhafte Gerede des Knappen. Hat dagegen Reinard 
dem Jülicher die zwischen diesem und Eduard von England verabredete 
Summe voll ausbezahlt, dann hatte der Markgraf weiter nichts zu fordern. 
Was über diese Summe hinaus erzielt wurde, war rechtmässiges Eigen- 



— 32 — 

thum Reinards, weil er es durch kluge Benutzung der Umstände, durch 
eigene Arbeit und Bemühung erworben hatte. Die 6000 Thaler also, welche 
er an der Wolle verdiente, kann niemand dem Schönauer streitig machen. 
Wie ist es aber mit den andern 2000 Thalern, die Hemricourt als den 
eigentlichen Betrugsgegenstand anzusehen scheint? In dieser Summe mögen 
manche Posten enthalten sein, welche Eeinard ebenfalls rechtmässig zu- 
kamen. Zunächst die ersparten Zölle: die hatte er durch den königlichen 
Geleitsschein, der übrigens schwerlich umsonst ausgestellt worden ist, ehr- 
lich erworben. Dann sämmtliche Unkosten, besonders auch die Ausrüstung 
Reinards zum Kriege, die gewiss viel Geld gekostet hat. Und wenn noch 
etwas übrig war, so hindert nichts anzunehmen, dass der Markgraf seinen 
Dank für die glückliche Abwickelung des wichtigen Geldgeschäfts auch 
in klingender Münze abgestattet hat. 

Bei der Testamentsklausel braucht also durchaus nicht an eine Resti- 
tution aus dem Wollhandel gedacht zu werden. Aber wie soll man sie 
denn erklären? Reinard hat sich in seinem ganzen Leben als einen treuen 
und anhänglichen Diener seiner Fürsten erwiesen. Als er aus dem Lehens- 
verhältnisse zum Herzoge von Jülich ausgeschieden war und nur noch in 
engern Beziehungen zu Brabant stand, hat er allerdings sogar die Waffen 
gegen das Haus getragen, welches sein Glück begründet und ihm Gelegenheit 
gegeben hatte, sich aus der Dunkelheit herauszuarbeiten. Das war jedoch 
seinerseits nicht freie Wahl, sondern Erfüllung der Vasallenpflicht gegen 
Wenzel. Als er aber in Rhodus, frei von allen irdischen Verpflichtungen, 
sein Ende herannahen fühlte, da hat er sich dankbar jener Familie erinnert, 
und das Zeichen seiner Dankbarkeit war die erwähnte Bestimmung im 
Testament. Eine Restitution kann um so weniger hierin gefunden werden, 
als diese bei vorhandenen Mitteln — und die waren vorhanden — gleich 
geleistet werden muss, während Reinard als genauer Kenner der jtilich- 
schen Finanzen recht wohl wusste, dass noch viele Jahre verlaufen könnten, 
ehe Montjoie eingelöst würde. Thatsächlich quittirte erst die Wittwe 
Johanns 11. von Schönforst im Jahre 1439 über die Pfandgelder ^ 

Indessen, das ist eine Erklärung, die ich nur als Gegensatz zu der 
Meinung des Herrn de Chestret von der „Restitution" aufstelle. Es soll 
damit nur gesagt sein, dass der Erlass jener grossen Summe in einem 
Sinne gedeutet werden kann, der für Reinard durchaus unverfänglich ist. 
Wahrscheinlich liegt die Sache aber ganz anders. Fahne, auf den sich 
Herr de Chestret beruft, schreibt allerdings in der Geschichte der Köl- 
nischen, Jülichschen und Bergischen Geschlechter II, 133: „1393 bezeugt 
Statz von Bongart, dass gemäss dem Testamente des Herrn von Schönforst 
dem Herzog von Jülich, wenn er das Land Montjoie einlöse, 10000 Schilde 
erlassen seien.** Man sieht, das Testament lag nicht vor, sonst hätte 
es eines Zeugnisses des Herrn von Bongart gar nicht bedurft; Herr Statz 
hat demnach nach seiner Erinnerung ausgesagt. Nun kommt hier alles 
auf den Ausdruck „erlassen** an. Hat das wirklich so nude et crude im 
Testamente gestanden? Es liegen 17 Jahre zwischen der Zeit, wo der 



') Annalen, Heft 6, S. 17. 



— 33 — 

letzte Wille Reinards in Deutschland eintraf und dem Jahre, wo Statz 
von Bongart sein Zeugniss ablegte. Ob ihm da der Wortlaut noch klar 
und deutlich gegenwärtig war? Strange sagt in den Beiträgen zur Ge- 
schichte der adeligen Geschlechter (VI, 63), man müsse bei der Benutzung 
alter Zeugenverhöre sehr vorsichtig sein, da sie wenig hisirorischen Werth 
hätten und in der Regel ein grobes Lügengewebe seien. Es liegt mir 
fenie, Herrn Statz der bewussten Unwahrheit zu zeihen, aber ein Irrthum 
könnt« ihm bei der Länge der Zeit doch untergelaufen sein, er könnte 
einen unrichtigen Ausdruck gebraucht haben. Im Testamente Reinards 
wird wohl von jener Summe in Verbindung mit der Einlösung Montjoies 
durch den Herzog von Jülich Rede gewesen sein, aber in einem ganz 
andern Zusammenhange und Sinne, als der Wortlaut des Regests bei Fahne 
nahelegt. Wie nämlich aus der gleich folgenden Darstellung des Falken- 
burg-Montjoier Geschäftes erhellt, schuldete der Herzog von Jülich dem 
Schönauer zwei grössere Summen, eine von 46000, die andere von 10000 
Schilden. Für erstere bekam Reinard Montjoie, für die zweite Korneli- 
münster in Pfandschaft. Beide Geschäfte werden 1361 in Einer Urkunde 
besprochen und es ist leicht möglich, dass sich Reinard bei der Abwickelung 
seiner Geschäfte, bevor er nach Rhodus ging, über l>eide Summen einen 
Gesammtschuldschein hat ausstellen lassen. Dann hiesse die Test-jiments- 
bestimmung anders nichts als: Wenn der Herzog Montjoie einlöst, dann 
sind die 10000 Schilde für Kornelimünster in Abzug zu bringen. 

Endlich mag hier noch ein Punkt hervorgehoben werden, der ent- 
schieden für Reinards Ehrlichkeit spricht. Als derselbe im Jahre 1369, 
wo er selbst noch mitten im Geschäftsleben stand, seinen beiden ältesten 
Söhnen einen Theil seiner Besitzungen abtrat, legte er ihnen ausdrü(jklich 
die Verpflichtung auf, auch wenn sie Lust dazu verspürten, dennoch keine 
„vuere** und keine „commanschaft van der vuere" zu halten, (das hcisst 
wohl; weder selbst ein Handelsgeschäft zu betreiben noch sich an einem 
solchen zu betheiligen,) damit niemand durch sie betrogen werde. 
Man sollte doch meinen, ein Mann, der selbst durch unredliche Mittel ein 
grosses Vermögen erworben hätte, würde seinen Söhnen auch selbst die 
Möglichkeit eines Betruges nicht so gründlich abgeschnitten haben. 

Einen Theil des nach unserer Auffassung rechtmässig erworbenen 
Geldes legte Reinard in Grundbesitz an. Er hätte ja auch in der Schlacht 
bei Wothem * nicht als Bannerherr auftreten können, wenn ihm keine 
Vasallen gefolgt wären und dazu gehörten ausgedehnte Ländereien. Einige 
dieser Besitzungen lernen wir aus einer Urkunde vom 12. Juli 1347 kennen, 
in der sich Reinard gegen eine Summe von 10000 kleinen Florenzer Gold- 
gulden* als Vasall des Erzbischofs von Köln, Walrani aus dem Hause 
Jülich, erklärt und seinerseits der Kölner Kirche folgende Allode überträgt, 
die er als Lehen wieder zurückerhielt: Die Herrlichkeiten von Berge ^ und 

Vgl. oben S. 23. 
*) Etwa 96000 Reichsmark. 

•) Laurenzberg bei Jülich. Vgl. Höhl bäum, MittheUungeu aus dem Kölner Stadt- 
archiy XIV, S. 43, 44, 45. 



— 34 — 

Mertzene ^ zwei Höfe, den einen in Berg, den andern in Merz, die Mühle 
in Berg sowie einen Antheil an der Herrschaft Lanciaire ^. Ausser Reinard 
unterzeichneten die Urkunde sein Bruder Raso Mascherei und sein Ver- 
wandter Johann von Schönau, Herr von Fays^, beide Ritter. 

Ganz andere Früchte brachte dem klugen und scharfsinnigen Manne 
die Summe, welche er zu Geldgeschäften verwendete. Bei der unglaublich 
raschen Vermehrung des Goldes in den Händen Reinards dürfen wir nicht 
vergessen, wie rar damals das Geld und wie hoch die Zinsen waren ^. 

Zunächst verpflichtete sich Reinard den Bischof Adolf von Lüttich. 
In einer Urkunde von 1346 quittirt der Schönauer über alle Forderungen, 
welche er an Adolf zu stellen gehabt, mit Ausnahme einer Summe von 
1600 Königsthaler ^'^ und der Ansprüche, welche ihm auf die beweglichen 
Güter des damals bereits verstorbenen Bischofs zustanden". 

Nach dem Tode Adolfs (1344) spielte Reinard den Unterhändler um 
das Bisthum Lüttich für den Neffen des Verstorbenen, Engelbert von der 
Mark. Bei diesem Handel kamen für Reinard nicht blos finanzielle, sondern 
auch verwandtschaftliche Rücksichten in's Spiel. Bischof Adolf hatte näm- 
lich die Heirath zwischen seiner Nichte Catharina von Wildenberg, Wittwe 
des Herrn Otto von Born, und Reinard vermittelt. Catharina war die 
Base des Bischofs Engelbert^, somit Reinard dessen Vetter durch Schwäger- 
schaft. Aus dieser Ehe leitet sich auch wohl die Schwägerschaft Reinards 
mit dem Hause Jülich her. Nachdem Engelbert das Bisthum Lüttich 
erlangt hatte, trug er nicht blos Sorge, dass dem Vetter die Schulden 
des Oheims Adolf bezahlt wurden, er ernannte ihn auch zu seinem Mar- 
schall, wie es bereits der Vorgänger gethan® und verschaffte ihm die 
Stelle eines Lütticher Schöffen, einen damals sehr gesuchten Posten. Reinard 
hat denselben allerdings nicht lange bekleidet; er trat ihn noch im selben 
Jahre (1345) an den Ritter Arnold von Charneux ab^. 

*) Niedermerz. Vgl. Zeitschrift des Aacliener Geschieh ts -Vereins XIV, S. 284. 

*) Langweiler. Noch heute heisst dieser Ort im Volksmimde Lankler. (Die Urkunde 
bei Lacomblet, Urkundenbuch III, Nr. 443, S. 358.) 

*) Vielleicht ist dieser Johann der Vater der unehelichen Maria, Frau des Erkin 
Ingbrant von Montjoie, für welche Rcinard am 30. April 1870 sorgte, indem er ihr den 
Pachthof Opdenberg bei Montjoie und den Steinthurm am Roerthore der Stadt überwies 
anter der Bedingung, dass sie den Thurm bewohne, sorgfältig instandhaltc, das mit 
demselben verbundene Wachtrecht ausübe und die Liegenschaften als Afterleheu von 
Montjoie betrachte, (de Chestret S. 57.) 

*) Der Codex Moeno - Francof . von Böhmer enthält auf S. 553 Urkunden, aus 
denen hervorgeht, dass der Frankfurter Rath 1338 Zinsen bis zur Hohe von SS'/a— 43^8 
Prozent festsetzte. (Mittheilung des Herrn Archivar Dr. Han^^en.) Dass 10 Prozent der 
gewöhnliche Zinsfuss war, erhellt aus manchen in dieser Abhandlung vorkommenden That- 
sachen. Da begreift sich leicht der Widerspruch der Kirche gegen das Erheben solcher 
Zinsen. 

*) Etwa 18560 Mark, die nach dem heutigen Geldwerthe 129920 Mark ausmachen. 

*) de Chestret S. 18, Anm. 

') Siehe die Stammtafel bei de Chestret S. 17. 

8) Vgl. oben S. 23. 

•) de Borman S. 194 f. Vgl. für Arnold von Charneux Annalen Heft 55, 
8. 78, 98, 112. 



— 35 — 

Schwer verschuldet war dem Schönauer Walram von Jülich, Erss- 
bischof von Köln. Am 30. März 1345 schwor Reinard als Amtmann zu 
Bonn und Brühl mit seinen Kollegen im Erzstifte dem Domkapitel Gehorsam 
für den Fall, dass der Erzbischof sein Versprechen bezüglich des Zolles 
zu Rheinberg und der Einkünfte zu Köln, welche dem Kapitel verpfändet 
waren, nicht haltet AVie ist nun Reinard an diese Amtmannschaften 
gekommen? Offenbar zur Sicherung eines grossen Guthabens. Nun hören 
wir, dass Johann, König von Böhmen und Graf von Luxemburg, am 
15. Juni 1346 dem Erzbischof AValram die Zusicherung gibt, er werde 
dem Gläubiger desselben, Reinard von Schöuau, folgende Summen aus- 
zahlen, wenn Wali*am dem Sohne des Königs, dem spätem Kaiser Karl IV., 
seine Stimme bei der deutschen Königswahl gebe: zunächst 60000 Riolen 
in drei gleichen Raten, sodann 4000 Riolen für die Räthe des Erzbischofs, 
endlich 4500 Goldschilde wegen des Markgrafen von Jülich. Für die 
letzte Rate stellte Johann Burg, Stadt und Land Durbey (Durbuy) in 
Luxemburg mit sämmtlichem Zubehör zur Sicherheit. Ferner bekannte 
der König, dass er ausserdem noch dem Reinard und dessen Erben 11000 
Goldgulden schulde, die er am nächsten (Jhristtage zahlen werde. Die 
Verschreibung über diese Summen sollte dem Schönauer übergeben werden, 
sobald derselbe dem Propste von Soest, dem Kölner Kanonikus Wilhelm von 
der Schieiden und dem Herrn Johann von Reifersclieid eine Bescheinigung 
Walrams vorlege, dass er Karl zum römischen Könige gewählt habe oder 
wählen wolle. Der Stimraenkauf wird mit dem Hinweise begründet, dass 
den Kurfürsten durch die Walil grosse Kosten erwüchsen, besonders dein 
Kölner, der den Gewählten auch noch krönen müsse*. 

Was Johann von Böhmen hier an Reinard versclireibt, macht nach 
unserm Gelde 940800 Mark und nach dem heutigen Geldwertho (1585 600 
Mark aus. 

Ehe der König seinen Verpflichtnngen nachkommen konnte, veHor er 
sein Leben in der Schlacht von Crecy am 26. August 1346, und Keinard 
blieb im Besitze der Pfandschaften Durbuy und Laroche im Lnxenibnrgischen. 
Letztere Grafschaft nahm Balduin von Luxemburg, Erzbischof von Trier, 
an sich; dagegen bekannte sich Karl IV. selbst als Schuldner Ueinards 
für 10000 Königsthaler und gab ihm ausser Durbuy noch das Schhms 
Reuland sowie die Vogteien vcm Stablo und Malmc(ly als Unterpfand. 
Schliesslich löste der Erzbischof auch diese Pfandstücke ein, weil hIc Erb- 
gut seiner Familie waren ^ 

Wir kommen nun an dasjenige Geschäft Reinards, in welchem er sich 
als Geldmann ebenso kühn und klu^»* zeigt, wie bei Tournai als Soldat. 
Es handelt sich um die Erwerbung der Herrschaften Falkenbnrg nnd Montjoie. 

1352 starb Johann, der letzte Herr dieser Besitzungen. Er hinter- 
liess keine Kinder aber viele Schulden. Sein Eigenthum zu Montjoie und 



*> Lacomblet III, 8. 383, ürk. 422. 
*) Lacomblet III, S. 344. Urk. 4:»2. 
*) de Chidtret S. 23. Vgl. Dominif^UH, BalJewin von LUtzelburg S. 490. 



— 36 — 

Bütgenbach, zu Euskirchen und Rüdeslieim ^ war an verschiedene Gläubiger 
verpfändet. Fünf Schwestern Johanns waren erbberechtigt: Philippa, 
Beatrix, welche mit Dieterich von Brederode verheirathet war, Margaretha 
die Wittwe Hartrads von Schöneck, Maria Äbtissin von Maubeuge und 
eine unbenannte, welche als Kanonissin zu Reichenstein bei Montjoie lebte. 
Philippa setzte sich sofort nach dem Tode ihres Bruders in den Besitz 
beider Herrschaften ^ und heirathete noch in demselben Jahre Heinrich 
von Flandern, Herrn von Ninove. Diese Verbindung schaffte ihr jedoch 
nicht das nöthige Geld um die Gläubiger zu befriedigen und die verpfändeten 
Güter an sich zu bringen. Die Eheleute wendeten sich an Reinard, der 
ihnen zwar 15000 alte Goldschilde vorstreckte, dafür aber auch 6000 
Schilde, d. h. 40®/o an Zinsen und Kosten berechnetet Mit diesen Kosten 
war die Schuld auf 21000 Goldschilde, d. h. auf etwa 188000 Mark oder 
nach dem heutigen Geldwerthe auf 1 321 600 Mark angelaufen. Natürlich musste 
für die grosse Summe eine entsprechende Sicherheit geboten werden. Am 
4. Februar 1353 ertheilten denn auch Heinrich und Philippa dem Reinard 
Vollmacht, in ihrem Namen Bütgenbach, St. Vith und Euskirchen in Besitz 
zu nehmen, Amtmänner ein- und abzusetzen, die Schlösser bestens zu verwahren, 
die Einkünfte zu verwalten und mit ihren Schwestern, der Äbtissin von 
Maubeuge, der Frau von Brederode, der Frau von Schöneck und der Frau 
(Kanonissin) von Reichenstein ein Abkommen zu treffen *. Diese Verhand- 
lungen hatten insofern Erfolg, als die Wittwe von Schöneck ihr Drittel an der 
Erbschaft in Falkenburg, Montjoie, Bütgenbach, St. Vith und Euskirchen 
für 11000 alte Goldschilde verkaufte^. Die Zahlung wurde in der Art 
festgesetzt, dass man der Schöneck 3000 Schilde baar auszahlte, 6000 auf 
die Herrschaft Euskirchen anwies und für den Rest der 2000 eine jähr- 
liche Rente von 200 Goldschilden aus den Einkünften von St. Vith und 
Bütgenbach ihr gutschrieb^. Montjoie Hess Reinard demnach nicht belast.en. 
Die Gewähr, welche durch den Akt vom 4. Februar 1353 gegeben 
worden war, muss dem vorsichtigen Schönauer wohl nicht ausreichend 
erschienen sein. Am 14. April desselben Jahres liess er sich nämlich durch 
Heinrich als „Mombar*' (mamburnus) von Falkenburg, Euskirchen, St. Vith 
und Heerlen einsetzen und zwar auf so lange, bis die ganze Schuld bezahlt 

') bei Easkirchen. 

^) Die Belehnung datirt vom 24. Aug. 1852. de Chestret 8. 28, Anm. 1. 

") Das riecht aUerdings nach greulichem Wucher. Um aber gerecht zu urtheilen, 
vergesse man nicht, wie hoch damals die Zinsen waren (vgl. oben S. 34, Anm. 4), wie 
gewagt in diesem Falle das Qescbäft war und wie kostspielig in folge der Verhandlungen 
mit den vielen Gläubigem und Erbberechtigten. 

*) Lacomblet III, S. 419, Anm. 

') Lacomblet III, Nr. 519, S. 423 und Anm. Aus dem Drittel schliessen Franquinet 
(S. 11) und de Chestret (S. 28), dass nicht mehr alle Schwestern Johanus am Erbe berechtigt, 
gewesen seien. VieUeicht hat die Frau von Schöneck für die Äbtissin und die damals 
wohl schon geisteskranke Kanonissin mit abgeschlossen. Letztere, die Franquinet irrthilmlich 
nach Köln versetzt, geberderte sich als Herrin von Falkenburg und liess sich dort nieder. 
Man Hess sie bis zu ihrem Tode (1359) ruhig auf der Burg wohnen. Franquinet S. 12; 
de Chestret S. 31. 

•) Franquinet S. 11. 



— 37 — 

sein würdet Dadurch kam der Herr von Ninove in eine so abhängige 
Stellung zu Reinard, dass er ohne dessen Zustimmung keine rechtskräftige 
Handlung bezüglich dieser Besitzungen vollziehen konnte. Er musste sogar 
seinen Beitritt zum Landfriedensbunde für die genannten Gebiete durch 
Reinard bestätigen lassen*. Das war ein Zustand, den Heinrich auf die 
Dauer nicht ertragen konnte. Das einfachste und radikalste Mittel, dem- 
selben ein Ende zu machen, lag im Verkaufe der Herrschaften, die den 
Eheleuten von Ninove so viele Sorgen verursachten, an den geldmächtigen 
Gläubiger. Der Handel ist bald abgeschlossen worden. Am 11. März 1354 
erklärt Johann III. Herzog von Brabant: „dat here Reijnard, here van 
Monjouwe van Valkenburch ende van Scoinvoirst onse lieve man van ons 
ontfaen heeft te leeue ... die bourch te Monyouwe ende al dat dair toe 
behoirende es, die bourch te Butghenbach . . . den hof tot Rttdesheim . . . 
dat huys te Berghe . . . den hof tot Busslaer^ ... die stat tot Zittert . . . 
den toi tot Heistert ende tot Gülpen dat wilnere was ende biet dat gheleyde* 
van Gressenich, den hof tot Esde^ . . . dat vierdeel van Heerle* mitten 
gerichten ende mitten vieftenne mannen'', die heiecht* van Mechlen bi 
Gulpen ende den toi van Lynne ^, van welken . . . golden, die rurende syn 
van onsen hertochrike van Limborg her Reinart onse man worden is ..." 

Ausser diesen Limburger Lehen empfing Reinard zugleich noch ein 
brabantisches: „Item heeft die vurschreven her Reynart . . . van ons ont- 
faen te leene vyftich pont goits gelts ane den toi tot Trichte^^ ende van 
desen vyftich ponden es her Reynard . . . oec onse man worden, die rureüde 
sin van onsen hertochrike van Brabant. Dairom ontbeden wy . . . allen den 
ghenen, die Jioire leeue wirt (sie) van den heirschapen van Monyouwe ende 
van Valkenbourch haudende syn, dat sy die leene wirt van heren Reynard 
ontfangen ^K^ 

Da Falkenburg ein Reichslehen war, so erbat Reinard die Belehnung 
mit demselben von Karl IV.; sie wurde ihm am 4. April 1354 von Toul 
aus zn theil*^ 

Am 20. April (des neysten sundagis na paischen) desselben Jahres 
erklärt Heinrich von Flandern, er habe mit der Frau von Schöneck einen 

*) Lacomblet III, S. 423, Anm. 

*) Meyer, Aach. Gesch. S. 326. Meyer übersetzt den Ausdruck mambur (er schreibt 
mnmbur nach der Yolksaussprache momber) richtig mit Vormund; Heinrich war in bezng 
auf diese Besitzungen entmündigt. 

^) Vgl. Zeitschrift des Aachener Gcschichtsvereios II, S. 298. 

*) Das Schutzrecht auf den Strassen, wofftr eine Abgabe entrichtet wurde. 

*) Eysden. 

^) Heerlen im Limbnrgischen. 

^) Lehenlenten. 

*) Fahne, (Gesch. der Köln. Geschlechter) und nach ihm de Chcstret übersetzen 
,,Uälfte, moiti^^. Ich kann das Wort nicht finden, glaube aber, dass es ein Provinzialismus 
für helheit = das (ianze ist. 

*) Linnen auf dem rechten Maasufer oberhalb Ruremonde. 

«<») Mastricht. 

*') Staatsarchiv zu Düsseldorf A. I. 562. 

") de Chestret S. 30 und Anm. 5. 



— 38 — 

Vertrag geschlossen über den dritten Theil, der ihr nacli ihrer Meinung 
an der Erbschaft ihres Bruders Johann zustehe. Unterdessen habe er „die 
bürgen heirheyde van Monyou, van Valkenburch, van Butgenbach, van sent 
Vyt, van Euskirgen mit ihren z&belioerin" dem Herrn Keinard von Schön- 
forst verkauft und setze darum denselben in alle Rechte ein, die er von 
der Frau von Schöneck erworben, umsomehr weil dieser der Inhaber der 
Verkaufsurknnde seitens der Frau von Schöneck sei und das Kaufgeld 
theils bezahlt habe, theils noch bezahlen werde ^ An demselben Tage 
bekundet Heinrich „dem edelen vursten unsem beirren heren Weutzelyn 
dem herzogen van Lutzelenburch", dass er dem Herrn Keinard die Herr- 
schaften von Montjoie und Falkenburg mit ihrem Zubehör sowie alles, was 
er mit Frau Philippa „genomen", verkauft habe und bittet den Herzog, 
Reinard mit „der burch, stat inde ampte van sent Vyt, die wir van uch 
haldende waren", belehnen zu wollend 

Aber die Rose, welche Reinard sich da gepflückt hatte, war nicht ohne 
Dornen. Johann von Falkenburg, Herr von Born und Sittard, war im Besitz 
dieser Stadt, und wahrscheinlich hat Reinard dieselbe nie thatsächlich besessen ^ 
Eines andern Theiles der Falkenburger Errungenschaft entäusserte der 
Schönauer sich freiwillig: er vertauschte Euskirchen* und Rüdesheim, 
welche Besitzungen ihm zu entlegen waren, an den Markgrafen von Jülich 
gegen die Herrschaft Zetrud-Lumay oder Zittard, südlich von Tirleraont, 
die dem Markgrafen aus dem Erbe seiner Mutter Elisabeth von Brabant 
zugefallen war. Da aber Euskirchen grösseren Werth hatte als Zetrud, 
so übernahm Wilhelm auch die Zahlung der 8000 Goldschilde, welche der 
Frau von Schöneck im Vertrage von 1353 auf Euskirchen und St. Vith 
angewiesen worden waren. In der Abmachung zwischen Wilhelm und 
Reinard vom 12. März 1355 werden die Tauschgegenstände folgender- 
massen beschrieben: Wilhelm erhält „die veste ind stat zu Eustkirch mit 
der heerheid ind met den gerichtcn hoge ind neder, bennen ind buissen 
Eustkirch gelegin, die zu Eustkirch gehorint, vort mit den mannen, borch- 
mannen, dienstraannen, scheffenen, scheflfenstulen, mit den eigendom, mit 
allen reuten id si corengelde, penniggelt*, hoenre, capune, curmeden, mulen, 
erfgemal, benden, busche, velt, wasser, weide, vischereyen, opval, nederval, 
mit allen notz ind urber, die zu Eustkirch gehorint, . . . mit der kirchengicht ^, 
mit den clockenslage ind mit dem hove zu Rudesheim mit allen iren zubehorin". 



») Staatsarchiv zu Düsseldorf A. I. 574. Lacomblet III, S. 423. Urk. 519 und 
Anm. Es siegeln Heinrich in rothem Wachs: gekrönter Löwe mit Schrägbalken, Gerart 
van Reysecken, Ritter: derselbe Löwe ohne Balken, Arnold von Marken, Ritter: doppelt- 
geschwänzter Löwe, und Gerard Busch, Knappe: 3 Kugeln (2. 1.) 

*) Staatsarchiv zu Düsseldorf A. I. 575. Siegel wie oben; Arnolds und Gerards 
Siegel abgefallen. 

«) de Chestret S. 31, Anm. 2. 

*) Büsching, Erdbeschreibung VI. Theil S. 131, sagt: „37. Das Amt Euskirchen 
oder Vemich hat 112G Morgen, gibt von jedem 26 Albus, überhaupt 366 Thaler 70 Albus, 
wenn das Land 100000 Thaler erlegt". 

^) Korn- und Goldrenten. 

ö) Patronat. 



— 89 ~ 

Reinard erhielt ^Zyttart in Brabanl prelegin mit alle syme ziibehorin, 
mit der lieerlieid, mit den mannen, mit den scheifeuen, scheffenstulen, 
mit dem gericlite, mit allen renten, mit penniggelde, mit corengelde, 
mit einsen, mit hoenren, mit capunen, mit curmeden, mit mulen, mit erf- 
gemale, mit pechten, mit buschen, mit velden, mit wasser, mit weiden, 
mit benden, mit bruchgin \ mit vischereyen, mit opval, mit nederval, mit 
allen notz ind urber, die zu Zyttart ind zu der heerheid van Zyttart 
behorinde siin^". Zetrud war jedoch ein Lehen der Grafen von Namür 
und noch im Jahre 1358 hatte Reinard die Belehnung mit dieser Herrschaft 
nicht erlangt^. 

Wir hörten bereits*, dass Walram, der Sohn Johanns von Born, seine 
Ansprüche auf Falkenburg mit Waffengewalt geltend zu machen suchte. 
Das mag Reinard wohl veranlasst haben, sich ganz aus dem verdriesslichen 
Handel zu ziehen. In der letzten Hälfte des August 1356 verkaufte er 
Falkenburg und Montjoie an den Markgrafen von Jülich. Vom 30. dieses 
Monats datirt nämlich die Urkunde ^ worin Markgraf Wilhelm gelobt, er 
wolle die Schlösser beider Herrschaften nicht in Besitz nehmen, bevor er 
seinem Schwager^ Reinard von Schönau die Briefe überliefert, welche 
Heinrich von Flandern von demselben in Händen habe, ihm die Belehnung 
mit Zetrud verschafft und ihm alle Mundvorräthe an Wein, Korn und 
allen andern Dingen, seine Kriegsgeräthe an Armbrüsten, Nothstellen ^, 
Pfeilen sowie seinen Hausrath an Betten, Schlaflaken, überhaupt alles, 
was Reinard auf die Burgen geschafft hatte, auf das Haus zu Caster, 
in die Stadt Mastricht oder nach Aachen, wohin Reinard wolle, abge- 
liefert habe. Damals war also der Verkauf abgeschlossen und Caster als 
Pfandstück bereits abgetreten, jedoch verzögerte sich die Uebergabe der 
Burgen noch, weil der vorsichtige Reinard vorher alle Schriftstücke in 
Händen haben wollte, die ihn bezüglich jener Herrschaften belasteten. Auch 
sollte durch die Zögerung ein Druck auf den Markgrafen ausgeübt werden, 
damit er den Grafen von Namür bewege, Reinard endlich mit Zetrud zu 
belehnen. 

Eine Urkunde vom 25. Juni 1361 gibt weitere Aufschlüsse. Wilhelm, 
dieses Namens der zweite Herzog von Jülich, erklärt darin, zur Zeit seines 
Vaters habe Reinard den Ritter Heinrich von Barmen mit 6240 alten Gold- 
schilden abgefunden, ihm selbst dann eine Schuld von 3760 Schilden 
berechnet, so dass diese beiden Posten eine Summe von 10 000 Goldschilden 
ausmachten ®. Ausserdem stehe demselben Reinard nach einer Verschreibung 
vom Vater und Bruder des Herzogs noch eine Forderung von 46000 

*) Brucheil. 

*) Fr an q 11 inet, annexe II, 8. B5 ff. 
») de Cbestret S. 33. 
*) Siehe oben S. 22. 
*) Lacomblet III, 8. 469, Nr. 5H1. 
«) Vgl. oben S. 34. 

^) Wnrfinaschinon. Verl. Rboen, Refestigun^sworke S. 132 f. lieber ihre AnfortigUDg 
vgl. (He Amb'Utuntreii hn l.aurent, Sr:i*Urochnunu;en 8. 184 f. 

*) 128 000 Mark nach dem iunern oder 89« 000 Mark nach dem jetzigen Goldwerthe. 



— 40 — 

Goldschilden zu ^ Die Höhe dieser Ziffer beweist, dass Herzog Wilhelm I. 
von Reinard einen grössern Landbesitz erworben hat, und das kann nur 
Falkenburg-Montjoie gewesen sein. Wir kennen demnach auch den Preis, 
den Wilhelm für beide Herrschaften zahlte. Indessen hatte der Herzog die 
Summe nicht ausgezahlt, sondern dafür dem Reinard Burg, Stadt und Land 
von Caster * an der Erft als erbliches Eigenthum übergeben. Der Schönauer 
habe jedoch, so fährt Willielm II. in seiner Urkunde fort, zu des Herzogs 
gunsten auf die Erblichkeit verzichtet und ihm Caster wieder anheim- 
gestellt. Darum verpfände er, Wilhelm IL, nunmehr an Reinard Burg, 
Schloss und das ganze Land von Montjoie mit den dazu gehörenden Dörfern 
und Kirchspielen, nämlich: den Berg genannt- Höve^, Mechernich, Merode^, 
Kalterherberg, Mützenich, Lo verscheid ^, die beiden Menzerath, Imgenbroich, 
Conzen, Fronrath, Lamberscheid ^, Puistenbach ', Sementrot®, Nieder- und 
Oberrolsbroich ^, Kesternich und im Lande Ueberruhr: Wolfseifen, Kalten- 
born, Wardenberg, Morsberg ^®, Hetzingen und die Eschauel". 

Für die obenerwähnte Schuld von 10000 Goldgulden erhielt Reinard 
als Unterpfand das Forstamt von Montjoie sowie die Dörfer und Gerichte 
von Comelimünster: Roleflf, Freund, Ki'authausen, Dorpe^^, Busbach, Breide- 
nich ^^, Haide ^^, Venwegen, Hahn, Friesenrath, Walheim, Pinsheim ^^ Net- 
heim ^*^, Schleckheim, Ober- und Niederforstbach, Gressenich, Mausbach, 
Krähwinkel, Eilendorf und die Haar*^ 

Endlich gewährleistete der Herzog dem Reinard und seinen Erben 
sowie seinem Bruder Mascherei und ihrer Schwägerin, der Frau von Uelpich, 
auf ihren Gütern im Kirchspiele Richterich das Recht mit ihren Laten zu 
richten und zu dingen, so lange die Pfandschaft dauere. Nur das Blut- 
gericht behielt der Herzog sich vor^®. 

Mit der Rückzalilung jener Summen hatte es indessen eben so gute 
Wege wie mit Erfüllung der andern Verpflichtungen, welche der Herzog 
Reinard gegenüber eingegangen war. Der Schönauer bestand jedoch nicht 
allzu hartnäckig auf den Bedingungen. Er trat wenigstens Falkenburg schon 
bald ab. Am 25. März 1357 bekundet Herzog Wilhelm, dass sein Schwager 
Reinard ihm dieses Schloss überliefert habe, und dass darum die wegen 
Falkenburg und Montjoie eingegangenen Verpflichtungen nur noch auf Mont- 
joie haften sollten ^^ 

Hemricourt erzählt den Hergang wie folgt. Reinard erwarb von 
Heinrich von Flandern Falkenburg. Als er merkte, dass er die Herrschaft 

») Mark 736 000 bzw. 4 233 600. 

*) Caster zählte später 9 Gerichte (Zeitschrift des Aachener Geschieh tsvercins ni, 
S. 305 und Anm.) und 60 Ortschaften (mündUche Mittheilung). Während die Burg seit 
der Zerstörung durch die Hessen im Jahre 1642 elend in Trümmern liegt, hat das Städtchen 
noch zwei Thore, einen Theil der Ringmauern, die Vogtei, Kellnerei (es war „die beste du 
pais**, Annalen, Heft 28, S. 305) nebst einigen alten Häusern bewahrt. 

^) Höven. *) Rütgen. '^) Lauscheid V 0) Lammersdorf. ^) Paustenbach. ^) Simmerath. 
•) Rollcsbroich in der Pfarre Simmerath. *®) Morsbach. '*) Eschweide? oder Eschanel in 
der Pfarre Schmidt? Vgl. über die Namen Annalen, Heft 6, S. 24. *«) Dorf. ") Breinich. 
») Breinicher Haide. '^) Verschwunden. »«) Nöthcira, Nutten. ") Die Haarhöfe? »«) Lacom- 
blet III, S. 521. Urk. 261. "») Das. S. 477. Urk. 570. 



— 41 — 

nicht werde halten können, vertauschte er dieselbe gegen Caster an den Her- 
zog von Jülich. Um baares Geld erwarb er dann von letztenn Montjoie. Weil 
nun diese Besitzung ganz von jülichschem Gebiete umgeben war und 
Reinard fürchtete, der Herzog möchte es ihn dort entgelten lassen, wenn 
es wegen Falkenburg Späne setze, bewog er denselben zu einem zweiten 
Tausche und nahm für Montjoie die Herrschaft Sichern bei Diest*. Das 
hört sich an, als wenn der Herzog eine Marionette in der Hand Reinards 
gewesen wäre. Die obige, auf Lacomblets Urkunden gegründete Darstellung 
zeigt deutlicli die Unrichtigkeit der Hemricourtschen Erzählung. Hier 
lässt sich an einem schlagenden Beispiele nachweisen, dass man Hemricourt 
doch nicht alles aufs Wort glauben darf. 

Auffallen mag es aber doch, dass Reinard das fruchtbare Land Caster 
gegen das rauhe Montjoie eingetauscht hat. Um den Beweggrund kennen 
zu lernen, müssen wir einige Jahre zurückgreifen. In einer Urkunde vom 
•6. Mai 1348 bezeichnet sich Reinard, der bis dahin stets den Titel von 
Schönau führte, zum erstenmal als Herr von Schönforst, eine Benennung, 
die er seitdem immer gebrauchte und die nach de Chestrets Bemerkung 
erst mit ihm in den Urkunden auftritt. Reinard hat also ein Gebiet erworben, 
dort eine Burg angelegt und derselben von ihrer Lage im Walde den 
Namen Schönforst gegeben, damit zugleich anspielend auf den Stammsitz 
seiner Familie Schönau. In der Urkunde, durch welche' Reinard II. am 
Andreastage 1387 die Hälfte von Schönforst an den Erzbischof Friedrich 
von Köln verpfändet, wird die Burg beschrieben als versehen mit „turnen, 
graven, muiren, vurburgen ind vesteningen" ; der Erzbischof soll sie mit 
Amtleuten, Thurmknechten, Pförtnern und Wächtern besetzen dürfen*. Es 
war demnach ein stattlicher, fester Sitz. Von wem aber hat Reinard 
jenen Bezirk erhalten? Jedenfalls von seinem Gönner Karl IV. Denn in 
der angeführten Verpßlndung erklärt Reinard IL, Schönforst sei Reichs- 
lehen, darum müsse er die Genehmigung des römischen Königs einholen. 

Nun ist wohl klar, warum Reinard I. sich grade Montjoie und Corneli- 
münster vom Herzoge von Jülich verpfänden Hess. Das waren ja die 
Herrschaften, welche seiner neugegründeten Stammburg zunächst lagen 
und in ihrem Zusammenhange ein schönes Gebiet bildeten. Ihr Werth 
erhöhte sich bedeutend durch die mitverpfSndete Waldgrafschaft. Reinard 
hat es genau so gemacht, wie später der Herr von Bongart, der sich im 
Jahre 1361 das rings um seine Burg Heiden liegende ehedem pfalzgräf- 
liche Allod Richterich von Herzog Wilhelm zur Sicherung seines Guthabens 
anweisen liess. Nach einem andern Beweggrunde zu suchen ist demnach 
überflüssig. Dass übrigens Reinard diesen Plan schon längere Zeit im 
Sinne führte, scheint mir daraus hervorzugehen, dass er bei den oben 
erwähnten Verhandlungen wegen der Falkenburger Güter jede Belastung 
Montjoies vermied und die Verpflichtungen auf diejenigen Gebietstheile 
ablud, welche er an den Herzog von Jülich verkaufte. 



^) Uebcr Sichern werden wir ^l<»ich das Richtige bringen. 

') Lehn- und Mannbuch des Erzstifts Köln I, Nr. 505. Staatsarchiv zu Düsseldorf. 



— 42 — 

Wie verhält es sich nun mit dem von Heniricourt erwähnten Besitze 
in Sichern? Reinard hat diese Herrschaft nicht durch Tausch sondern 
durcli Kauf erworben. Am 29. August 1358 überli essen ihm nämlich 
Herzog Wilhelm II. und dessen ältester Sohn Gerard zwei Besitzungen, 
welche wie Zetrud aus dem Nachlasse der Elisabeth von Brabant herkamen, 
nämlich Sichem bei Diest und St. Agathenrode (Achtenrode, südlich von 
Löwen) für 70 000 alte Goldschilde. Das machte 896 000 Mark aus, heute 
wären es 6272000 Mark. Vorsichtig wie immer begnügte sich Reinard 
nicht mit den Unterschriften Wilhelms und Gerards, auch des Herzogs 
zweiter Sohn Wilhelm musste seine Zustimmung zum Verkaufe geben und 
auf alle Anspräche verzichten (28. Aug. 1359)*. Reinard trat am 7. Mai 
1371 Sichem an seinen ältesten Sohn Reinard II. ab*; St. Agathenrode kam 
an den zweiten, Johann^. 

Nach Hemricourt hätte Reinard noch grosse Kosten und viele 
Mühen aufwenden müssen, um vom Herzog von Brabant die Belehnung 
mit diesen grossen Herrschaften zu erlangen, weil Wenzel einen Herzog 
von Jülich nicht mit einem Herrn von Schönforst als Lehnsmann 
vertauschen wollte. Dynter* gibt einen realem Grund an: der Jülicher 
wollte sich der Wiedervergeltung von Seiten des Brabanters wegen 
der Beraubungen entziehen, denen des Letzteren Unterthanen im Lande 
von Jülich ausgesetzt waren; da ist es begreiflich, dass Wenzel zögerte, 
sich die bequemste Gelegenheit zur Ahndung der Unbilden entreissen zu 
lassen. Wenn er trotzdem seine Einwilligung gab, so sehen wir hierin 
den besten Beweis für den Einfluss und die Werthschätzung, deren sich 
Reinard damals am Brabanter Hofe erfreute. Wir fügen gleich einen 
zweiten bei. 1364 März 16. erklären Herzog Wenzel und seine Gemahlin 
Johanna, sie hätten zwar die Rechte der Philippa von Falkenburg, des 
Herrn von Brederode und der Äbtissin von Maubeuge auf die Herrschaft 
Montjoie an sich gebracht, wollten aber doch den Reinard von Schönau, 
der ihr Rath, Ritter und Mann sei, so lange in ruhigem Besitze belassen, 
bis der Herzog von Jülich denselben bezahlt habe^. 

Gelegentlich des Ankaufs von Sichem und St. Agathenrode Hess 
sicli Reinard auch den Zoll zu Kaiserswerth bestätigen. Hiermit hatte es 
folgende Bewandtniss. Gerard, der älteste Sohn Wilhelms von Jülich, 
hatte Margarethe von Berg geheirathet und mit ihr 1346 die Grafschaft 
Ravensberg und 1348 die Grafschaft Berg geerbt. Der dem Hause Jülich 
gehörende ^ Rheinzoll zu Kaiserswerth wurde ihm jedoch streitig gemacht. 
Durch gesciiickte Verhandlungen erreichte Reinard, dass der Graf zum 



M de Chestret S. 41. 

2) Das. S. 57. 

8) Vgl. das. S. 61 und Anm. 2. 

*) Ohroniquc des ducs de Brabant III, S. 59. Dyntcr (f 1448) war Sekretär bei 
vier Herzogen von Burgund-Brabant (Feiler, Dlctionaire Historique II, 579), er ist also 
gewiss ein bcmfener Zcnge und glaubwürdiger als Hemriconrt. 

») Lac om biet III, S. 550. Urk. (552. 

•) Zeitscbrift des Aachener Geschichtsverein XllI, S. 141, 148. Annalen, Heft 9, S. 85. 



— 43 — 

rascheren Besitze desselben gelangte. Dafür gaben ihm Gerard und Marga- 
rethe einen Antheil am Zolle bis zum Ertiuge von 12000 alten Schilden (1358 
Aug. 16.). Dieser Antheil ist unter dem Zolle von Kaiserswerth in der Ur- 
kunde vom 29. August zu verstehen. Interessant sind die im Verleihungs- 
briefe angeführten Zollsätze. Vom Fuder Wein, vom Centner Hafer, von der 
Last Häringe, von drei Mühlsteinen und von drei Fass Stahl sollte Reinard 
je zwei, von der Last gesalzener Fische je einen, vom Centner Hartkorn 
je vier Turnoser Groschen erhalten, gleichviel ob die Schiffe zu Berg oder 
zu Thal fuhren K Mit diesem Zolle stattete Reinard seine Tochter Adelheid 
aus, als sie 1363 den Herrn Conrad zur Dyck heirathete^ 

Oben ^ haben wir bereits gehört, dass auch ein Antheil am Mastrichter 
Zolle Reinard gehörte, ausserdem war er noch an zwei anderen betheiligt: 
an dem zu Lobith zur Hälfte, an dem zu Nimwegen mit einem Ertrage 
von 4 Groschen (gros)'*. Letztern vererbte er auf seinen ältesten Sohn; 
der Zoll zu Lobith, wo Reinard den Städten Arnheim, Nimwegen. Ztitphen 
und Roermond Zollfreiheit bewilligte, war wohl eine Entschädigung für 
die dem Herzoge Eduard von Geldern geleisteten Vorschüsse. Als Johann 
von Mors die Schuld des Herzogs mit 8405 Brügger Thaler zurückgezahlt 
hatte, ging der Zoll auf ihn über^. (1363). 

Reinards Gemahlin hatte aus ihrer ersten Ehe mit Otto von Born 
einen gleichnamigen Sohn, der von seinem Vater die Herrschaft Elslo ererbt 
hatte und mit Johanna von Breidenbend verheirathet war. Da die Ehe 
kinderlos blieb, sicherte sich Reinard die Güter seines Stiefsohnes dadurch, 
dass er für 3000 alte Goldschilde eine jährliche Rente von 300 Schilden 
auf „burch, laut ind heerlichheid van Eilslo, van Bicht ^ ind van Catsop" ^ 
kaufte. Zu grösserer Sicherheit verschrieb Otto noch die „beede" und 
„schetzinge" ® von Bocholt und Brogel, zwei Enklaven in der Grafschaft 
Looz, welche vom Herzog von Jülich zu Lehen gingen. Auch versprachen 
Otto und seine Frau, dass letztere, wenn ihr Mann vor ihr stürbe, sich 
mit ihrer „liifzucht, medegave ind douarie" begnügen und dem Herrn von 
Sqhönforst die Burg von Elslo tibergeben werde; die Güter, welche sie 
selbst mit in die Ehe gebracht, sollten vom Versatz ausgesclilossen sein. 
Den Brief unterschrieben als Zeugen Bischof Engelbert, der Herzog von 
Jülich „want men dat vurburge van der burch mit den dorpe van Elslo 
ind dat dorpe van Bijclit van uns zu leen haldende is" ^, Everard von der 

*) Lacomblet III, S. 487. ürk. 582. 

«) do Chestret S. 41. 

») Siehe S. 37. 

*) Hier steht ein Theil für das Ganze. So heisst es auch in einer Urkunde bei 
Lacomblet III, Nr. 684, vom Jahre 1368, wo Herzog Wilhelm von Jülich nebst Frau, 
Mutter und Schwester den Kaiserswerther Zoll an Pfalzgraf Ruprecht von Baiern ver- 
pfändete, vom Antheile Reinards und Reiferscheids, dass „der van Ryfferscheit ind der van 
Schoenvorst in yren vier groissen an dem vurgen. zolle Werde bliven sitzen". 

*) de Chestret S. 43. 

®) Grevenbicht. 

') Weiler von Elslo. 

•) do Chestret übersetzt ^les aides** (Verbrauchssteuern) und „tailles** (Grundsteueni). 

•) Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvercins XIII, S. 138. 



— 44 — 

Mark, Herr von Arenberg* und Neuenburg, Werner von Breidenbend und 
Werner von Bruehhausen, Herr von Wickrath. 1361 K Im Oktober des- 
selben Jahres gab dann Otto aus Wohlwollen gegen seine Stiefbrüder, „die 
onse vrouwe ende müder nu ter tiet hebt van den* here van Scoenvorst 
of nomoels van horae mach verengen", die Zusicherung, dass nach seinem 
kinderlosen Absterben Burg, Land und Herrlichkeit von Elslo, Bicht und 
Gatsop jenen erblich anerfallen und gehören solle. In diesem Akte wird 
die Leibzucht und Nutzniessung (douarie) der Frau Johanna an Brogel 
und Kessenich (zwischen Maaseyck und Boermond)* vorbehalten. Zeugen 
sind der Bischof von Lüttich, der Herzog Eduard von Geldern und Zütphen, 
der Herzog von Jülich ^. Die Herrschaft Elslo kam hernach an den dritten 
Sohn Reinards, Conrad, der sich nach derselben nannte. Da Conrad in 
seinem Heirathsver trage* mit Catharina von Argenteau vom 10. September 
1372 nur von Schönforst genannt ist, so erhellt, dass er erst nach diesem 
Akt« in den Besitz von Elslo kam. Das Testament seines Vaters bedachte 
ihn noch mit den Dörfern Zetrud, Lümmen und Onderdenl)erg ^ In den 
Registern des Lehenhofes von Brabant erscheint Reinard als Besitzer 
folgender Lehen: des Hofes von Hartart (Hartert, Hartelstein, nördlich 
von Mastricht bei Borg-Haren, später im Besitze Engelberts von Schöuforst), 
mit Land, Benden, Büschen, mit der Fischerei und einer Insel in der 
Maas, mit dem Zinse und dem Korngelde in der Umgegend; des Gutes 
und der Herrlichkeit zu Heerlen mit Korngeld und Kapaunen „dat hi 
vercreech jegen Herman van Vervych*'; endlich der Herrlichkeit Kessenich^. 

Als Limburger Lehen Reinards verzeichnet de Chestref Burg und 
Dorf Walravensberg an der lüde, heute Nothberg. 

Nach einer gefalligen Mittheilung des Herrn Geheimen Archivraths 
Dr. Harless in Düsseldorf hat sich „über Lehen, welche Reinard von 
Schönau, Herr zu Schönforst, von dem Markgrafen bezw. Herzog von Jülich 
empfangen, weder in den Urkunden und Litteralien, noch in den Lehens- 
registem des Herzogthums Jülich etwas" ermitteln lassen. „Das älteste 
Jülichsche Lehnscopiar ist nicht mehr vorhanden, doch hat sich ein alpha- 
betischer Index (S. XVI.) der seitens der Landesherrn von 1288 erfolgten 
Belehnungen erhalten, in dem sich bezüglich jenes Reinard nur folgendes 
Regest findet: „Die Heid^ belangend hait Reynart von Schonauen . . . 
bekentniss von sich gegeven, das er ontfangen have von dem marggreven 
von Gulich einen . . . brief . . . das Goedert van der Heiden ritter bekent, 
das er syn huys zur Heiden mit sym vorborg und mit den graven, so wie 
sy beid gelegen syn bynnen irem cingell, mit alle den vestongen, die da 



*) Franquinet, annexe V, S. 72 flP. 
*) Vgl de Chestret S. 26, Anm. 3. 
') Franquinet, annexe VI, S. 78 f. 
*) Das. annexe VIII, S. 80 f. Vgl. unten XI: Conrad. 
*) Franquinet, annexe IX, S. 82. 
«) de Chestret, S. 51 und Anm. 1, S. 26. 

') Das. 8. 26. In Zeitschrift des Aachener Oeschichtsvereins VI, S. 115 wird Nothberg 
als JüHchcr Lehen aufgeführt. 

®) Das Haus zur Heiden. Vgl. oben 8. 41. 



— 45 — 

synt oder gemacht werden, entfangen und offenhuys gemacht haflf des marg- 
greven von Gulich . . . widder aller mallich on eynen bischofFen von 
Collen. Datum des bekentniss 1352". Hat etwa Reinard auch dem Bongart 
Geld geliehen und Heiden als Pfand erhalten? 

Eine Verfügung Reinards zu gunsten seiner beiden ältesten Söhne 
vom 2. August 1369, welche wir unten näher besprechen Verden, erwälint 
noch folgende Besitzungen des Herrn von Schönforst: den Hof auf dem 
Berlich zu Köln, den Hof zu Rehoven *, den Hof zu Richterich, den Hof 
in der St. Jakobstrasse zu Aaclien, die Herrlichkeit von Marchienne-au- 
Pont mit der Vogtei von Thuin, die herrschaftlichen Häuser in Brüssel, 
St. Trond und Lüttich. üeber die Besitzung auf dem Berlich berichten 
Zinsverzeichnisse der Johannitercommende zu St. Johann und St. Oordula*. 
Reinard besass ein Haus in der genannten Strasse, welches auf St. Clara 
zu gelegen war und früher dem Heinrich de varia penna (van der bonten 
vederen) gehört hatte. Am 11. März 1361 kaufte bezw. nahm er in Erb- 
pacht gegen einen jährlichen Zins von 6 Mark kölnisch eine den Johannitern 
gehörende, an sein Eigenthum anstossende und dem „Freudenthal" gegenüber- 
liegende Behausung (mansio)^ oflfenbar um seine ursprüngliche Wohnung zu 
vergrössern. Der Erbzins sollte dazu dienen, den Mitgliedern des Convent<< 
am Ostertage im Refektorium eine „pictantia", d. h. eine aussergewöhnliche 
Erfrischung zu bereiten. Das Original des Kaufaktes lag im Schrein 
Columba. Die Liegenschaft hiess noch im 17. Jahrhundert Schönforster 
Hof, curia Schoneforst. 

Reinards Aachener Besitzung, welche ebenso den Namen behalten 
hatte, ist erst in neuester Zeit verschwunden. Sie lag an der Stelle, wo 
jetzt die Paulusstrasse in die Jakobstrasse mündet und kam mit der Herr- 
schaft Schönforst in den Besitz der Herzoge von Jülich. Die Herrlichkeit 
Marchienne mit Thuin kam her von Heinrich VI., Graf von Salm in den 
Ardennen, dem Schwiegervater von Reinards Tochter Philippine. Wahrschein- 
lich war sie an Reinard verpfändet^. 

Das Haus in Lüttich kaufte Reinard vom Nachfolger seines Brudei*s 
in St. Trond, dem Abte Robert von Crenwick. Johann von Schönau liess 
den Kaufakt am 20. August 1367 in die Realisationsbücher in Lüttich ein- 
tragen*; auf ihn tibertrugen auch die Söhne Reinards ihre Antheile nach 
dem Tode des Vaters. Heute befindet sich dasselbe im Besitze des Lütticher 
Männer-Gesang- Vereins La Legia. 



*) de Chcstret, (S. 55, Anm. 2) denkt an Reckhoven in der Orafschaft Looz, der 
Hof lag aber in der Herrlichkeit Schönforst. Reinard II., sein Schwiegersohn Gerard von 
Endelsdorf und seine Tochter Catharina verkauften denselben 1395 an den Abt von 
Comelimünster, Pawijn Boyme von Merzenhausen, für 300 rhein. Gulden, wobei „wie 
gewöhnlich*^ dem Pfluge sein Recht gewahrt wurde. Endelsdorf siegelt mit Horizontal- 
balken, in der oberu Schildhälfte ein wachsender Löwe. Sonntag nach Lichtmesseu. (7. Febr.) 
Staatsarchiv zu Düsseldorf. Orig.-Urk.: Comelimünster. Für Gerard vgl. Strange, Bei- 
träge zur Genealogie ... I, S. 8, Anm. 1. 

*) Staatsarchiv zu Düsseldorf, Faszikel 53, Nr. 60. 

^ de Chestret S. 55 und Anm. 4. 

*) Das. S. 51 und Anm. 2. 



— 46 — 

V. Reinard der Diplomat. Seine Beziehungen zu den Fürsten. 
Seine Thätigkeit als Vermittler und in den Landfriedensbünden. 

Wir haben uns im Vorhergehenden mehrfach gegen die durch Hemricourt 
aufgebrachte, von Franquinet und de Chestret angenommene und weiter 
ausgeführte Ansicht wenden müssen, als sei Reinard ein besonders hab- 
süchtiger Mensch gewesen, der zur Befriedigung seines Eigennutzes selbst 
die verwei'flichsten Mittel nicht gescheut habe. Wen die bisherigen Aus- 
führungen noch nicht von der Falschheit dieser Auffassung überzeugten, 
dem werden hoffentlicli die nunmclir zu erzählenden Thatsachen auch den 
letzten Zweifel an Reinards Redlichkeit benehmen. In der That, wie 
verkommen hätten jene Bischöfe, Kurfürsten und Landesherren bis zum 
Kaiser hinauf sein müssen, um einen Wucherer und Gaunei- zu ihrem 
Rath, Geschäftsträger, ja zu ihrem Vertrauten in schwierigen Familien- 
angelegenheiten zu machen bezw. ihn selbst in ihre Familien aufzunehmen! 
Doch lassen wir die Urkunden reden und den Leser urtheilcn. 

Es ist schon erzählt worden, mit welchem Vertrauen Bischof Adolf von 
Lüttich — und zwar gleich nach dem verrufenen Wollgeschäft — Reinard 
beehrte, wie er ihn zu seinem Marschall machte und ihm gar die eigene 
Nichte zur Frau gab. Gleichen Zutrauens erfreut« sich der Schönauer 
bei Adolfs Neffen und Nachfolger, Engelbert von der Mark, der es haupt- 
sächlich der Gewandtheit desselben zu verdanken hatte, dass er Bischof 
von Lüttich wurde. Und Engelbert war ein tüchtiger Fürst, der Strenge 
und Milde wohl zu vereinen wusste. 

Dem Erzbischof von Köln, Walram, leistete Reinard grosse Vorschüsse 
und treue Dienste. Wir hörten auch, dass Walram eine bedeutende Summe 
aufwendete, um sich den Schönauer durch das Band der Vasallenschaft 
enger zu verbinden. Das geschah 1347, nachdem Reinard im Jahre vorher 
den grossen Handel mit König Johann von Böhmen abgeschlossen hatte, 
wonach der Böhme des Erzbischofs Schulden an Reinard abtragen, Walram 
dagegen dem Sohne Johanns, Karl IV., der sich wider Ludwig den Baier 
als Gegenkönig aufwarf, seine Stimme bei der Wahl geben sollte. Es ist 
wohl sicher, dass Walram das unwürdige aber nicht mehr ungewöhnliche ^ 
Geschäft nur mit Widerstreben, nur auf das Drängen des blinden Königs 
und getrieben durch die eigene Geldnoth abgeschlossen hat. jedoch geholfen 
hat es ihm nicht. Schon wenige Jahre nachher begab er sich, von Schulden 
fast erdrückt, nach Paris um dort zu sterben. Vor seiner Abreise gab 
er dem Herrn von Schönforst einen letzten Beweis seines Vertrauens: er 
ernannte ihn zu seinem „gemeinen vickeris in werblichen sachcn**, d. h. zu 
seinem Generalvikar oder Stellvertreter in der weltlichen Verwaltung des Erz- 
stiftes, und als solcher stellt Reinard am 3. März 1349 eine Urkunde aus 2. 

Walram starb zu Paris am 14. August desselben Jahres. Des Kaisers 
Kanzler, Propst Nikolaus von Prag, machte sich Hoffnung auf die Nach- 



*) Schon bei [der Wahl Friedrieh des Schönen war Aehnhches geschehen. Vgl. 
Weiss, Weltgesch. VI, S. 365. 

«) Lacomblet III, S. 381. Urk. 474. 



— 47 — 

folge. Vierzehn Tage nach dem Ableben Walrams traf er bereits eine 
Verabredung mit Graf Gerard von Berg: wenn er Erzbischof werde, wollten 
beide je zwei Herren ihres Rathes mit der Schlichtung aller Streitfragen 
betrauen; könnten diese sich nicht einigen, so sollten sie den Herrn von 
Schönforst zu einem „Obermeister" nehmen und sich nach dessen Ausspruch 
richtend Die Stellung, welche Reinard hier zugedacht wurde, erforderte 
gewiss einen nicht blos kundigen und klugen, sondern vor allen Dingen 
ehrlichen und unparteiischen Mann: welch ehrenvolles Zeugniss für Reinard, 
dass man grade ihn dazu ausersah. Nun könnte man etwa denken, 
Nikolaus und Gerard hätten den Schönauer durch diese Auszeichnung ver- 
anlassen wollen, seinen P^influss zu gunsten des Prager Propstes zu ver- 
wenden. Dann haben sich aber beide Herren getäuscht. Reinard soll 
zwar — nach Hemricourt — in dieser Angelegenheit gearbeitet haben, aber 
nicht für Nikolaus sondern für Wilhelm von Gennep ^ den Propst zu Soest, 
der ihn auch „reichlich belohnt*^ habe. Wenn wirklich Wilhelm den Herrn 
von Schönforst zu seinem Geschäftsträger gemacht, ihm die entstandenen 
Unkosten reichlich veigütet und vielleicht auch sonst noch seine Dankbar- 
keit bezeugt hat: so musste auch die Erzdiözese Reinard dankbar sein 
für seine Bemühungen, denn Wilhelm war wie Engelbert von Lüttich ein 
vortrefflicher Bischof. Er liebte und bewahrte den Frieden, soweit das 
in jenen aufgeregten Zeiten möglich war, befreite das Erzstift von seinen 
Schulden und sorgte gewissenhaft auch für das geistige Wohl der ihm 
anvertrauten Heerde. Wären etwa simonistische Umtriebe bei dieser Wahl 
vorgekommen, so müsste man diese auf das schärfste veiiirtheilen ; sonst 
aber lässt sich der Wunsch nicht unterdrücken, es möchten alle Bischofs- 
wahlen jener Zeit so gut ausgefallen sein wie die beiden, bei denen Reinard 
seine Hände im Spiele gehabt haben soll. 

Betrachten wir Reinards Stellung zu den weltlichen Fürsten, zunächst 
des Hauses Jülich, so haben wir zu dem bereits Gesagten nicht mehr 
viele aber für das in ihn gesetzte Vertrauen dieser Herren bedeutsame 
Thatsachen anzuführen. 

1347 vermittelte Ritter Reinard von Schönau in Gemeinschaft mit 
dem Markgrafen von Jülich einen Vergleich zwischen dem Erzbischof Walram 
und dem Grafen Engelbert von der Mark; 1849 erfolgte ein zweiter 
Spruch zwischen denselben Parteien ^ 

Böse Dinge waren um diese Zeit im Hause Jülich vor sich gegangen. 
Die Söhne Wilhelms hatten sich gegen den Vater empört und ihn sogar 
ins Geföngniss geworfen. Der Grund zum Frevel ist nicht aufgeklärt. 
Damberger schreibt*: „Der kriegerische Sinn des Markgrafen hatte Schulden 



M Lacomblct III, S. 389. Urk. 487. 

*) 1349 gibt „Reinher v. Scboinhovon, Herr zu Scbonenforst", neben drei andern 
Herren namens des Erzbischofs Wilhehn der Stadt Andernach gewisse Znsicherungen, 
wogegen die Stadt den Erzbischof günstlich empfangen und ihm willig dienen sone. 
Annalen . . . Heft 59, S. 79. 

«) Laconiblet III, S. 361. Urk. 450. 

*) Synchron. Gesch. XV, S. 92. 



— 48 — 

auf Schulden gehäuft und doch nichts ausgerichtet, worüber selbst die 
Söhne erbosten und vielleicht noch wegen anderer Sachen. Sie thürmten 
ihn sogar ein, doch wie scheint erst im Spätjahr 1349.** Da der Aachener 
Rath unmittelbar vor der Krönung Karls IV., die am 25. Juli stattfand, 
mehrfach Boten an den Markgrafen nach Düren und Vogelsang scliickte* 
und Wilhelm selbst der Krönung beiwohnte^, so dürfte die Zeitangabe 
stimmen. Die Aachener Stadtrechnung erwähnt das Ereigniss auch, gibt 
aber weder Zeit noch Grund an. Es heisst nur, dem Grafen von Berg seien 
100 Mark gegeben worden, als er zum erstenmal „post captivitatem" ^ 
seines Vaters nach Aachen kam. Bevor die Gewaltthat erfolgte, versuchten 
die Freunde des Hauses, darunter auch Reinard, eine Vermittelung. Letzterer 
verabredet am 1. Juli 1349 eine Zusammenkunft zur Sühnung des Mark- 
gi'afen mit seinen Söhnen*; leider waren die Bemühungen ohne Erfolg. 
Reinard blieb jedoch in seiner Verstrauensstellung. 

Am 7. Februar 1357 erscheint er neben Godart von der Heiden als 
Bürge des Herzogs für den Ehevertrag zwischen dessen Tochter Philippa 
mit dem Herrn von Heinsberg^, und 1367 vermittelt er zwischen dem 
Herzoge und dem Grafen von Wied wegen der Aussteuer der verstorbenen 
Gemahlin des letzteren, einer Schwester Wilhelms II. Es handelte sich 
um eine Geldrente von 1000 Schilden. Für den Betrag von 700 Schilden 
Rente erhielt der Graf die Amtmannschaft von Sinzig und Breisig, für 
die übrigen 300 das Haus Vernich^. 

Nun zu Brabant. Als Herzog Johann III. 1355 starb, gingen die 
beiden Herzogthümer Brabant und Limburg auf die Tochter Johanna über, 
welche mit Wenzel von Luxemburg, dem Bruder Karls IV., vermählt war. 
Reinard stand auch bei diesem Fürstenpaare in hohem Ansehen; die erste 
Gunstbezeugung war die Bestätigung aller Privilegien und Briefe, die er 
über Falkenburg und Montjoie von Johann III. und Heinrich von Flandern 
in Besitz hatte. Dieselbe erfolgte unter Berufung auf die Fürbitte des 
Kaisers selbst zum Danke für die Dienste, Liebe und Treue, welche Reiuard 
dem herzoglichen Paare, dem Bruder Kaiser Karl und dem verstorbenen 
Vater erwiesen habe, am 3. Mai 1356 ^ Reinard fand bald Gelegenheit, 
seine Treue zu beweisen. Graf Ludwig von Flandern, der Gemahl einer 
Schwester Johannas, machte namens seiner Frau Ansprüche auf die Stadt 
Mecheln. Man war im Begriffe zu den Waffen zu greifen, da schlug 
Reinard eine Konferenz von brabantischen und flämischen Bevollmächtigten 
vor, welche die Angelegenheit auf friedlichem Wege schlichten sollten. 
Die Fürsten gingen darauf ein. Die Kommissare Wenzels, <larunter auch 
Reinard, schienen nicht abgeneigt, dem Verlangen Ludwigs zu entsprechen; 

^) Laurent, Stadtrechnungen S. 204, Z. 5, 10, 13, 15, 37. 
') Das. S. 208, Z. 11. 

^) Heisst das nach der Gefangennahme oder nach der Gefangen schaff? Laurent 
a. a 0. S. 208, Z. 12 «f. 

*) Lacomblet HI, S. 885. ürk. 480. 

*) Bas. S. 474. IJrk. 567. 

«) Das. 

Staatsarchiv zu Düsseldorf A. I. Nr. 605. 



— 49 — 

die Bürger von Brüssel jedoch widersetzten sich und warfen einige der 
Herren ins Gelangniss. Daraulhin kam es zum Kampfe. Wenzel wurde 
geschlagen und ganz Brabant unterwarf sich in kurzer Zeit dem Sieger ^ 
Eeinard gehörte zu den wenigen Lehenträgern, welche dem unterlegenen 
Fürsten treu blieben und dem siegreichen Gegner absagten, de Chestret 
meint, der Absagebrief Reinards sei mehr im Tone des Diplomaten als 
des Soldaten gehalten, weil der Schreiber sich nicht für immer mit dem 
hochmächtigen Grafen von Flandern habe überwerfen wollen. Man könnte 
ebensogut sagen, das Schreiben sei freilich in einem anständigen, aber 
einem hohen Herrn gegenüber auffallend knappen Tone gehalten. Der 
Brief lautet: „An synen harde hooghen ende edelen, den greve van 
Vlanderen. Heirre, ir wist wie dat ein orloghe is tuschen mine beere 
van Lucemburch ende van Brabant, ende Uch, wellich mich mit herten 
leyt is, ende ic mus blieven bij minen beere van Brabant vourscreven ind 
dair mit will ich intghein uch verwaert zijn. Reynaert, here van Monoye, 
van Valkenburch ende van Scoinvorst^." 

Das ist die Form, in welcher man derartige Schreiben abzufassen 
pflegte, wenn man sich nicht gradezu einer rohen Sprache befleissigen 
wollte. Das Aachener Stadtarchiv bewahrt eine Menge Fehdebriefe aus 
dem 14. Jahrhundert ^\ welche ganz ähnlich lauten, obwohl die Absender 
derselben gewiss keine Diplomaten waren und wahrscheinlich auch nicht 
auf dem Bildungsstandpunkte Reinards standen. Haben andere Brabanter 
Edelleute bei dieser Gelegenheit sich dem Grafen gegenüber in roher Form^ 
ausgesprochen, so mag das eben* ihr Geschmack gewesen sein, man brauclit 
aber deswegen in dem einfachen, sachgemässen Schreiben Reinards keine 
selbstsüchtigen Hintergedanken zu suchen. 

Sonst finden wir bei de Chestret noch einige Regesten, in denen 
Reinard als Lehenmann oder Rath von Brabant erscheint. Am wichtigsten 
ist die Urkunde vom 6. November 1362, in welcher er und andere Räthe 
dafür gutstellen, dass Wenzel und Johanna deren Verzicht (auf weitere 
ausserordentliche Beihülfe von seiten der Brabanter) genehmigen werden ''. 

Wie in Lütt ich und Köln, in Jülich und Brabant, war Reinard in 
Geldern ein angesehener Herr. Er blieb auch hier dem Fürsten treu, dem 
er sich einmal angeschlossen hatte. Um Eduards willen widersagte er 
dem Grafen von Kleve und gab demselben sein Lehen zurück, wofür Eduard 
ihm allerdings Schadloshaltung versprach (1362, Juni 24.)*^. 

Die Erwähnung Gelderns leitet über zur Schilderung der Stellung, 
welche Reinard in den Verbänden zur Aufrechthaltung des Friedens und 
der Sicherheit des Verkehrs einnahm. Wir finden hier neue starke Beweise 
für das Vertrauen, welches der Herr von Schönforst überall genoss. 

') Vgl. Ernst, histoire du Limbourg V, S. 97 ff.; de CheHtret S. 34 f. 

*) de Chestret S. 35, Anm. 4. 

^) Siehe Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins IX, S. 03 ff. 

*) dans un mde langage, sagt de Chestret S. 35. 

») Das. S. 40 f. 

'^) Pranquinet, annexe Vil, S. 80. 



— 50 — 

Der Streit der Brüder Reinald und Eduard um den Besitz Gelderns 
hatte dieses Land in grosse Unsicherlieit gestürzt. Darum schlössen Adel 
und Städte von Geldern und Kleve am 25. Januar 1359 einen Landfriedens- 
bund. Zum Obmanne wählten sie unsern Reinard und zollten durch diese 
Wahl, wie de Chestret hervorhebt*, dem staatsmännischeu Geiste des 
aussergewöhnlichen Manlies glänzende Anerkennung. Aber auch, möchte ich 
hinzufügen, seiner Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit. 

Das Vorbild für diese Geldrisch-Klevische Vereinigung war der durch 
Herzog Johann IIL von Brabant am 13. Mai 1351 mit dem Erzbischofe 
von Köln sowie den Städten Aachen und Köln geschlossene Landfriedens- 
bund, dem nachher der Markgraf von Jülich und andere Herren beitraten. 
Vor zwölf Geschworenen des Bundes sollten alle Klagen wegen Strassen- 
schändung oder Friedensbruch verhandelt werden; einer der brabantischen 
Geschworenen war Reinard ^. Bei der Erneuerung des Bundes im Jahre 
1364 gibt ihm Herzog Wenzel die erste Stelle unter seinen Amtsgenossen ^. 
In dieser Eigenschaft wohnte Reinard der Ausschwörung der Urfehde 
durch Goswin von Here bei, den der Bund 1364 gefangen und eine Zeit- 
lang in Aachen festgehalten hatte; ob er sich an der Zerstörung der Burg 
Vurendahl betheiligt hat, welche dem Raubritter Johann von Hoen gehörte, 
lässt sich aus Meyers Erzählung nicht ersehen "*. 

Dass man dem lierrn von Schönforst auch in dieser seiner Tliätig- 
keit das ehrendste Vertrauen entgegenbrachte, beweist der Vorfall mit 
Zülpich. Der Erzbischof von Köln hatte dem Herzoge von Jülich diese 
Stadt um 5000 Mark verpfändet. Als die Pfandsumme ausgezahlt werden 
sollte, verweigerte der Herzog die Annahme, weil er Zülpich gerne behalten 
hätte. Es kam zu Reibereien, in folge derer der Landfriedensbund die 
Sache in die Hand nahm. Am 26. Oktober 1366 übergaben die Geschworenen 
die Stadt unserm Reinard mit der Weisung, dieselbe dem Erzbischof einzu- 
räumen, wenn die Pftmdgelder bis zum nächsten Lichtmesstage erlegt 
würden. Die Zahlung erfolgte denn auch am 2. Februar 1367 \ 

Auch bei geringern Anlässen sehen wir Reinard im Dienste des Bundes 
thätig. Am 7. Okiober des letztgenannten Jahres entschuldigte sich die Stadt 
Köln bei ihm, dass sie auf sein Schreiben noch nicht geantwortet, sie habe 
ihre Geschworenen zum Landfrieden von allem in Kenntuiss gesetzt, die 
ihm auf dem nächsten Bundestage „da sy by uch koment" genauen Bericht 
erstatten würden ^ Es handelte sich um den Ritter Emund Birkelin, der 
ohne Absage Kölns Feind geworden war. Die Stadt bat um Hülfe behn 
Herzoge von Brabant und beim Landfriedensbunde, beschwerte sich beim 
Aachener Rath, dass er den Birkelin unbehelligt habe ziehen lassen^. 



') Franquinet S. 42. 

*) Lacomblet III, S. 402. ürk. 49G. 

») Ernst a. a. 0. V, S. 124. 

*) Aach. Gesch. S. 334 £f. 

*) Lacomblet III, S. 571, Anm. 2. 

•) Hohl bäum, Mittbeilungrn u. s. w. I, S. 09. 

^) Das. 



— 51 — 

ersuchte 1368, Februar 1., denselben Ratli, sich für die Freilassung der 
von Emund gefangenen Kölner zu verwenden, gab unter dem 19. Juli 
1368 und 16. Juli 1369 dem Birkelin Sicherheit^ und sühnte sich endlich 
mit ihm am 24. Januar 1371 *. 

Seinen Standesgenossen half Keinard ebenfalls gerne in ihren Zwistig- 
keiten. So wählten 1367 Johann von Gronsfeld und Wilhelm von Goer 
ihn zum Obmann bei ihrem Streite mit der Familie von Husen'. 

Wir dürfen diesen Abschnitt nicht schliessen, ohne an Reinards Ver- 
hältniss zum Reichsoberhaupte zu erinnern. Auch Karl IV. schenkte dem 
Schönauer volles Zutrauen und verwendete ihn zu mancherlei Geschäften. 
Persönlich mag sich Reinard dem Kaiser, zu dessen Königswahl er ja 
entscheidend mitgewirkt hatte, bereits bei der ersten Krönung durch Erz- 
bischof Walram in Bonn am 26. November 1346 vorgestellt haben, sicher 
war er bei der zweiten Krönung, 25. Juli 1349, in Aachen anwesend. 
Karl übertrug Reinard das Reichslehen in der Nähe Aachens und bot ihm 
dadurch die Möglichkeit, sich eine eigene Herrschaft zu gründen, die freilich 
nicht lange bestanden liat. Selbst der Umstand, dass der Herr von Schön- 
forst dazu beitrug, den Plan des kaiserlichen Kanzlers in bezug auf Köln 
zu durchkreuzen, hat des Kaisers Wohlwollen nicht geschwächt. In 
geringem wie in sehr wichtigen Angelegenheiten wendet er sich an 
Reinard. Während er ihm z. B. im Jahre 1354 die Untersuchung in 
einem Prozesse überträgt, den Ritter Louis de Saive gegen die zwölf 
Geschlechter von Lüttich führte*, ernennt er ihn am 22. September 1357 
zu seinem Generalbevollmächtigten mit der Gewalt „alle Bündnisse, Ver- 
brüderungen, Verbindungen, Versprechen, Eide, Verpflichtungen und Ver- 
pfändungen*', welche Herzog Wenzel von Brabant mit dem Könige von 
England eingehen werde, im Namen von Kaiser und Reich zu bestätigen 
und zu beki äftigen *. In dieser Urkunde führt Reinard zum erstenmal 
den Titel eines kaiserlichen Marschalls; „nostre am6 mareshal*' nennt ihn 
Karl. Und 1359 ermächtigt Karl IV. den Erzbischof Wilhelm von Köln, 
den Grafen Ludwig mit Flandern und den übrigen Reichslehen zu belehnen, 
wenn er von dem edlen Reinard von Schönforst, dem Marschall des kaiser- 
lichen Hofes, nähern Bescheid erhalten habe*^. Marschall, Gesandter, 
Geschäftsträger des Kaisers — welche Stellung für einen Mann, der in 
seiner Jugend nicht soviel hatte, um ein Pferd halten zu können! 

Von einer ganz besondern Gunst des Kaisers Karl gegen Reinard 
meldet dieser selbst in einer Urkunde vom Blasiustage ' 1359. Er erklärt, 
der Kaiser habe ihm die Ermächtigung ertheilt, an einem beliebigen 



^) Höhl bau ra, Mittbtulungoii n. s. w. I, S. 72. 

«) Da?. S. 73. 

8) de Chestret S. 52. 

*) de Chestret S. 32. 

») Das. S. 39 f. 

•) Lacomblet III, S. 497. Urk. 572. 

') Also vom 3. nicht 8. Fobrufir, wio Frnnqninet sagt, der S. 111 f. die Urkundt« 
mittheilt. 



— r>2 — 

Punkte im Lande von Geldern einen neuen Zoll auf den Rhein zu legen; 
er seinerseits wolle den Bürgern von Roerniond aus besonderer Freund- 
schaft völlige Freiheit von allen Abgaben bei dieser neuen Zollstätte 
bewilligen, gleichviel wo er dieselbe jetzt oder später anlegen werde. 
Unmöglich ist die Sache nicht; aber Reinard würde schwerlich einen 
Landesherrn am Rhein gefunden haben, der mit dieser Zollanlage zufrieden 
und einverstanden gewesen wäre^ Er hat von der Erlaubniss auch nie 
Gebrauch gemacht. 

Dass der Kaiser noch 1371, nach der Schlacht von Baesweiler, 
Reinards Dienste für die Befreiung Wenzels aus der Jülicher Gefangen- 
schaft in Anspruch nahm, ist bereits oben S. 29 erzählt worden. 

VL Reinard in seinem Verhältnisse zu den Städten 

Aachen und Köln. 

Eine Schilderung des öffentlichen Lebens Reinards muss auch sein 
Verhältniss zu den Städten, den Mittelpunkten des Volkslebens, erwähnen, 
die ja im Mittelalter neben den Fürsten die bedeutendste Stellung einnahmen, 
in denen sich die grossen Gedanken, welche die Menschen jener Zeit 
bewegten, am nachdrücklichsten geltend machten, deren Zustände der 
sicherste Gradmesser für den Fortschritt oder Rückschritt der Kultur sind. 
In den vorhergehenden Abschnitten hat sich mehrfach Gelegenheit geboten, 
Reinards Beziehungen zu den braban tischen Städten darzulegen; besonders 
lehrreich war seine Stellung zu den Kämpfen in Löwen und die Förderung, 
welche er den Handelsstädten am Niederrhein durch die Bewilligung der 
Zollfreiheit zu Theil werden Hess. Es erübrigt nur noch mitzutheilen, 
was die Urkunden über seine Stellung zu den rheinischen Stüdten besonders 
zu Aachen und Köln berichten. 

In Aachen finden wir Reinard zuerst im Jahre 1338, als auch die 
Kaiserin Margarethe, Kaiser Ludwigs Gemahlin, mit ihren beiden Söhnen 
dort war. Den Schönauer hat wohl die Neugierde und der Wunsch, sich 
die Festlichkeiten anzusehen, welche die Stadt der Kaiserin zu Ehren 
veranstaltete, mit seinen Genossen nach Aachen getrieben; der Rath ehrte 
den Nachbarn und canonicus praebendatus von St. Servatius durch einen 
zweimaligen Ehrentrunk, den man ihm und seiner Gesellschaft das erste- 
mal mit 4 Sextaren = 24 Flaschen, das anderemal mit 2 Sextaren über- 
reichte*. Im Jahre 1344 verzeichnet die Rechnung wiederum einen zwei- 
maligen Ehrentnmk von je 2 Sextaren für ihn^; das letztemal war er mit 
seinem Bruder Mascherei zusammen. In beiden Jahren besuchte auch 
der Herr Gerard im Barte (cum barba) die Stadt ^; es ist aber nicht zu 
ersehen, ob seine Anwesenheit mit der Reinards, seines Genossen auf der 
ersten Londoner Reise, zusammenfallt. 

^) Ueber die Zölle, besonders auch zur Zeit Karls IV. vgl. Westdeutscho Zeit- 
schrift XI, S. 109 ff. 

*) Laurent, Stadtrechnungen S. 134, Z. 22 f. 
») Das. S. 161, Z. 29; S. 162, Z. 13, 14. 
*) S. 134, Z. 35; S. 162, Z. 18 f. 



— 53 — 

184(> niiiss sich Reinard läu*,^erc Zeit in Schünau oder in Aachen 
selbst aufgebalten haben, denn die Rechnung fuhrt — und zwar ziemlich 
kurz hintereinander — nicht weniger als neun Geschenke an Wein für 
ihn auf*. Zwar schreibt der Rentmeister in dieser Rechnung immer nur 
dnc). R. de Schoynawen — in den beiden früheren aus den Jahren 1338 
und 1344, wo Reinard noch nicht Ritter war, heisst es gar nur R. de 
Schoynawen — , dass aber unter diesem R. unser Reinard und nicht etwa 
sein Bruder Raso zu verstehen ist, geht daraus hervor, dass letzterer 
immer als Mascherei bezeichnet und besonders angeführt wird. Sehr 
wichtig ist diese Rechnung für die Geschichte Reinards deswegen, weil 
in derselben auch seine Frau angeführt ist. „Item*', Jieisst es „dno. R. 
de Schoynawen. 4 (sextaria). Item cidem dno. R. 4. Item uxori sue 2*.** 
Damit ist erwiesen, dass Reinard bereits 1346 verheirathet war. Offenbar 
hängt der damalige Aufenthalt der Eheleute mit der zweiten Anwesenheit 
der Kaiserin Margarethe und den politischen Wirren zusammen. Die 
Kaiserin ist nicht um des Vergnügens willen nach Aachen gekonunen. 
Von Lanzenstechen u. dergl., wie bei dem ersten Besuche der hohen Frau 
im Jahre 1338 ist denn auch in der Rechnung von 1346 keine Rede, ja 
nicht einmal von besondern Geschenken: man gab nur den herkömmlichen 
Wein. Die Sorge um ihren Gemahl, über dessen Haupt sich damals schwere 
Wolken zusammengezogen, hatte Margarethe nach Aachen geführt; sie 
wollte die Stadt in der Treue gegen den Kaiser erhalten. Die Haltung 
Aachens war ausschlaggebend, denn hier war die rechte Krönungsstätte: 
wer am Grabe des grossen Karl die Knme empfangen, wer auf seinem 
Throne gesessen hatte, war der rechtmässige König. Nun fallen grade 
ins Jahr 1346 die Unterhandlungen Johanns von Böhmen zu gunsten seines 
Sohnes Karl mit dem Erzbischofe von Köln, dem die Weihe des Königs 
oblag; der Blinde hatte Walram entweder bereits für den neuen Thron- 
bewerber gewonnen oder doch stark umgarnt: Grund genug für Ludwig, 
alles aufzubieten, um sich wenigstens die Krönungsstadt zu sichern. Andrer- 
seits war Reinard, dessen Vermögen ja auch zum Theile auf dem Spiele 
stand, der Hauptagent Karls am Niederrhein, und wir sehen ihn damals in 
Aachen, um die Kaiserin zu tiberwachen und ihr möglichst entgegenzuarbeiten. 
Margarethe hat übrigens ihren Zweck erreicht, Aachen setzte sich in 
Vertheidigungszustand und Karl hat auch nach seiner Wahl die Stadt nicht 
angegriffen. Erst als Ludwig gestorben war, verstand sich der Rath zu 
Unterhandlungen mit dem neuen Könige, welche hauptsächlich durch den 
Markgi'afeu von Jülich geführt wurden^. 

Auch in städtischen Angelegenheiten machte sich Reinard damals 
nützlich. Die Stadt war in einen misslichen Handel verwickelt wegen 
eines gewissen Golinus. Anscheinend war derselbe Mitglied einer Raub- 
ritterbande (etwa der in der Rechnung erwähnten vom Valenpferde *), in 



') Das. S. 193, Z. 17, 28, 29, 12, 18, 39; S. 194, Z. 16. 

») Das. S. 193, Z. 29, 30. 

^) Vgl. Laurent, Stadtrechnungen 8. 24 ff. 

*) d. h. vom Hengste. Das. S. 178, Z. 33 f. 



— 54 — 

seinem Gewerbe von den Aachenern aufgegritfen und in der Stadt enthauptet 
worden'. Das setzte dann Wirren mit den Genossen des Räubers ab, 
deren Anführer Herr Schinman gewesen zu sein scheint, denn von diesem 
ging das Gerücht, er stehe mit seinen Gesellen bei Freialdenhoven unter 
den Waffen ^ Der Rath hegte Besorgniss wegen der Aachener Kaufleute, 
die von Frankfurt kamen ^ und verhandelte in Bergheim, Sayn und Wester- 
burg wegen des Geleites derselben ^. Ueberhaupt gab die Sache zu vielem 
Schreiben, Hin- und Hersenden und Verhandeln Anlass. Auch an Reinard 
schickte der Rath zweimal einen Boten nach Köln^; wahrscheinlich hat 
man ihn ebenfalls um seine Vemiittelung angegangen. Die Kosten eines 
zweimaligen Aufenthaltes Reinards zu Aachen in derselben Angelegenheit 
bestritt der Rath mit 12 bezw. 9 Mark®. Da die Aachener Mark 
damals etwa 5^2 Reichsmark galt^, betrug die Gesammtsunmie 115,50 Mark, 
was heutzutage über 800 Mark ausmachen würde. 

Die Rechnung von 1349 meldet, ein Herr Snft. ^ habe für Herrn 
R. de Schoynforst 50 Mark erhoben^, gibt aber den Grund nicht an, 
warum die Zahlung erfolgte. In demselben Jahre schickte der Rath einen 
Boten an den Grafen von Berg und an Herrn R. de Schoinawen wegen 
eines Herman von Lievendal, der Gerard von Weienberg und andere 
Aachener Bürger gefangen hatte *^ Nachdem die Sühne mit Herman 
gelungen war, machte dessen Oheim Schellart noch Anstände. Der edle 
Ritter hatte einem Aachener Kaufmanne Mantelman Wolle geraubt. Darum 
ritten drei Rathsherrn, Goswin von Pont, Conrad von Eichhorn und Alexander 
nach Köln zum Grafen von Berg, und ein Diener des Herrn Reinard 
gab ihnen das Geleite, wofür er 18 Schillinge** erhielt*^. Hiernach zu 
urtheilen besass Reinard grössere Gewalt zur Sicherung der Heerstrassen, 
als die Reichsstadt Aachen, welche damals auf der Höhe ihrer Macht stand. 
Als ein andermal Heinrich Krügelchen nebst andern Aachenern in Limburg 
gefangen lag, schickte der Rath ebenfalls an den Schönforster *^. Endlich 
wendete sich die Stadt noch in diesem Jahre an Reinard wegen einer 
Kölner Jahrrente, d. h. wohl eine solche, welche man Kölner Bürgern 
schuldete. Die Sache muss wichtig und verwickelt gewesen sein, denn 
nicht weniger als fünf Gesandtschaften gingen von Aachen nach Köln um 
wegen dieser Rente zu verhandeln, und dreimal wanderten Boten an den 
Herrn Renardum de Schoynvorst **. Gehen wir mit, um uns über die 
Stellung Reinards zu dieser Stadt zu erkundigen. 

Bereits 1346 bedient<i sich Köln der Vermittelung des Herrn voi> 
Schönforst im Streite mit dem Grafen von Virnenburg und dessen Söhnen 
wegen des Gutes Keldenich; der Vergleich erfolgte am 31. Oktober des 
genannten Jahres *^ 

Seit 1347 stand Reinard mit Köln in einem sogenannten Bürgerschafts- 
vertrage (concivilitas) *^, d. h. „er erhielt von der Stadt eine jährliche Rente, 

M Das. S. 177, Z. 31 f. «) Das. S. 178, Z. 22 ff. ») Das. Z. 14 f. *) Das. Z. 20. 
*) Das. S. 178, Z. 33; S. 179, Z. 5. •) Das. S. 178, Z. 36 f. I>as- S. 2. «) Der Name 
ist abgekürzt. ») Das. S. 199, Z. 30. »°) Das. S. 209, Z. 12. ") Die Mark hatte zwölf 
Schillinge, '^j Das. 8. LMO, Z. 27, 29 ff. '») Das. S. 213, Z. 6. »<) Das. S. 214. ») Höhl- 
^ *^um, Mittheilungcu VI, S. 58. »«} Das. VI, S. 64 ff; VII, S. 6 ff. 



— ;),) 



welche Bürj^crlelH), Bürccerrente, Rontlelien, Jahrrente, Leibrente * hiess, 
wogegen er Bürger der Stadt mit folgenden Verpflichtungen wurde: 1. er 
musste die Kölner Bürger, welche seine Besitzungen passii'ten, schützen 
und 2. wenn die Stadt Köln angegriflen wurde, dorthin ziehen und entweder 
allein oder mit seinen Leuten der Stadt helfen. Letztere Verpflichtung 
regelte sich nach der Höhe der Rente. So musste ein Ritter, der 10 Mark 
Jahrrente bezog allein, einer der 50 Mark erhielt, mit 5 Rittern und 10 
Knappen, wer gar 100 Mark empfing, mit 10 Rittern und 15 Knappen der 
Stadt zu Hülfe kommen. Reinard bezog, wie sich aus seinen Quittungen 
ergibt, jährlich am 11. November 40 Mark, er wird demnach die Ver- 
pflichtung gehabt haben, mit 4 Rittern und etwa 8 Knappen zu erscheinen. 
Diese Verträge, welche seit etwa 1300 in Köln häufig werden, schloss 
man nicht auf eine bestimmte Zeit. Jeder Theil, die Stadt wie der Ritter, 
hatte ohne Zweifel Kündigungsrecht, wenn auch in den betreffenden Urkunden 
nichts davon gesagt wird.*' 

Ganz ungestört scheint das Bttrgerschaftsverhältniss auch bei Reinard 
nicht geblieben zu sein. Am 20. Juli 1360 stellte er die Quittung über 
die am 11. November 1359 verfallene Rente aus*. Dann muss wohl eine 
Irrung zwischen ihm und der Stadt vorgekommen sein, denn die Urkunden 
schweigen von ihm bis zum 26. September 1368, wo bekundet wird, dass 
er seinen Bürgerschaftsvertrag erneuert habe^ Am 31. Juli 1369 vollzog 
er dann eine Generalquittung über rückständige Jahrreuten im Betrage 
von 400 Mark ^; man hat also nach Erneuenmg des Vertrages die Lehen von 
1360 — 1369 nachträglich ausbezahlt und in der Generalquittung sind die 
Gelder von 1368 und 1369 eingeschlossen. 

Zweimal liess Reinard seine Rente durch Andere erheben: 1349 durch 
Johann von Achen und Johann von Starkenburg •'^, 1354 durch den Aachener 
Kanonikus Wilhelm de Aquis^ Am 21. September 1375 erhob Reinard 
seine kölnische Jahrrente zum letztenmal. 

• 
VII. Reinard als Familienvater. 

Nachdem wir die öfl'entliche Wirksamkeit des bedeutendsten Schönauers 
an der Hand der Urkunden dargestellt haben, erübrigt noch ein Blick auf 
sein Privatleben,. Hier hat Reinard allerdings der Verkommenheit seiner 
Zeit, von der Damberger in wenigen Zeilen ein abschreckendes Bild ent- 
wirft, wenig ehrenvollen Tribut gezollt. Jener Geschichtschreiber sagt: 
• 

') AUiJ diese Ausdrücke siud ua<'h Herrn Stadtarcbivar Dr. Hansen, dem ich diese 
AufklüruDgen verdanke, gleichbedeutend. 

") Höhl bäum, Mittheihingen VII, S. 28. 

•'•) Das. S. 48. 

*) Das. 8. 50. 

*) Das. S. H8. Jo'iann von Sturkenbnrj? war im Jahre 1370 Geschworener der 
Stadt Köln beim Landfriedensbunde an SteUe des Schöffen Gcrard von Benassys. Meyer, 
Aach. Gesch. S. 340. 

^) Höhlbuum a. a. 0. VII, 8. 14. Wilhelm kommt bei Heusch, nomina etc- 
unter den Kanonikern de.-^ LieMrauenstlltcs nicht vor; vielleicht war er Kanonikus an 
St. Adalbert. 



— 56 — 

„Den tiefsten Aerger erregte im Oliristentlium die schamlose Freschheit, 
dass es gleichsam Gesetz der Mode für jede Dame wurde, wenigstens einen 
erklärten Anbeter zu haben, während die Herren ganz imgescheut ihren 
ehebrecherischen Liebschaften nachgingen ^,"' Ein solches Verhältniss braucht 
man nun nicht grade bei Reinard anzunehmen; seine natürliche Tochter 
Elisabeth, welche 1867 bereits verheirathet war, kann auch einer Verirrung 
des Junggesellen ilir Dasein verdanken, aber dieser Flecken bleibt auf 
Reinard haften. Elisabeth hatte einen Herrn von Mondersdorp zur Ehe. 
Reinard sorgte für sie, indem er am 23. September 1367 durch Johann 
von Schönau zu ihren gunsten eine Rente von 200 Goldthaler auf des 
Herren von Rümmen Güter am Lehenhofe der Grafschaft Looz erheben 
Hess ^ 

Reinard heirathete im Jahre 1344 oder 1345 Katharina von Wilden- 
burg, eine Nichte des Bischofs Adolf und Base des Bischofs Engelbert von 
Lüttich ^: sie verband den Schönauer nicht blos mit der edlen Familie von 
der Mark sondern auch mit dem Hause Jülich, und hieraus erklärt sich 
der Titel Schwager- Verschwägerter, den Herzog Wilhelm unserm Reinard 
beilegt. Katharina war in erster Ehe dem Herrn Otto von Elslo angetraut 
gewesen, dessen gleichnamigen Sohn wir bereits kennen lernten^. Sonst 
sagen uns die Urkunden über sie nichts, als dass sie von der Stadt Löwen 
eine jährliche Rente von 400 Goldschilden bezogen habe, am 25. April 
1368 auf der Burg zu Montjoie gestorben und in der Abteikirche zu Burt- 
scheid begraben worden sei^ Herr de Chestret erklärt die Thatsache,^ 
dass die Urkunden des Jahres 1368 fast ganz von Reinard schweigen, aus 
der tiefen Trauer, in welche der Tod seiner Frau den Wittwer versenkt 
habe. Nach allem, was sich schliessen lässt, muss man allerdings annehmen, 
dass Katharina eine vortreifliche Frau war, auf welche die oben angefülirten 
Worte Dambergers keine Anwendung finden, dass sie ihre Kinder gut erzog 
und in der reich gesegneten Ehe ihren Mann recht glücklich gemacht hat. 

Schon die oben erwähnten Verfügungen Ottos von Elslo zu gunsten 
seiner Stiefbrüder beweisen, dass ein schönes Verhältniss im Hause Reinards 
geherrscht haben muss. Das war aber zimi weitaus grössten Tlieile das 
Verdienst der Mutter; der Vater war ja nach Ausweis der Urkunden die 
meiste Zeit draussen: wie sich das übrigens bei einem so vielbeschäftigten 
Manne auch von selbst versteht. Dass Reinards eigene Kinder ebenfalls 
Liebe und Hochachtung gegen den Vater hegten, werden wir gleich sehen, 
obwohl Hemricourt auch in dieser Beziehung allerlei zu erzählen weiss. 

Ungefähr Vj^ Jahr nach dem Tode Katharinens, am 2. August 1369, 
trat Reinard einen Theil seiner Besitzungen an seine beiden ältesten Söhne 
ab. Die Urkunde^ zeigt uns Reinard als einen Mann, der inmitten der 



») Synchron. Gesch. XV, 8. 53. 

*) de Chestret S. 57. 

^) Vgl. die Stammtafel bei de Chestret S. 17. 

*) Vgl. oben S. 43. 

») de Chestret S. 53, Anm. 1. 

ö) Lacorablet 111, S. 592. Crk. 690. 



— 57 — 

weltlichen Geschäfte das Seelenlieil nicht aus den Augen verliert sowie 
als umsichtigen Vater, der seinen Söhnen zwar Selbständigkeit, keineswegs 
aber zügellose Freiheit gestattet. 

Ritter Reinard (IE) und Johann, Propst zu Mastricht und Burggraf 
zu Montjoie, erklären, dass ihr lieber Herr und Vater Reinard, Hen* zu 
Schönforst, ihnen folgende Güter übergeben habe, die sie weder versetzen 
noch verkaufen dürfen^: Reinard dem ältesten die Burg und Herrlichkeit 
Schönforst mit den Dörfern Cornelimünster, Forst, Rötgen, Hitfeld. Eilen- 
dorf, Linter, Hamm (Mederhem), Brand, Haar, Roleff, Freund, Krauthausen, 
Breinig (Breidinch), Heiden, Venwegeu, Nöthen (Nutten), Ober- und Nieder- 
forstbach, Schleckheim, Pinsheim und Slusen (Schiuser Mühle). Hiervon 
behielt sich der Vater vor 15 Morgen Bend auf der Bever und das „Keris- 
gut, dat hew darinzulegen", ausserdem 6 Mud Roggen jährlich von der 
Mühle zu Burtscheid, welche er für sein und der Seinigen Seelenheil ver- 
wenden wollte. 

Johann erhält Burg, Stadt, Land und Herrlichkeit Montjoie mit den 
Dörfern Mützenich, Lou verscheid, Gross- und Klein -Menzerath, Imgen- 
broich, Luterbach, Fronrath, Meisenbroich, Rusenroth, Sementroth, Bicke- 
rath, Kesternich und Hetzingen; ausserdem den Hof auf dem Berlich zu 
Köln. Der Vater soll aus diesen Gütern die in der Vorburg zu Montjoie 
neu erbaute Kapelle beliebig berenten. 

Die Söhne erklären sich damit einverstanden, dass ihr Vater den 
Hof zu Rehoven, den Hof zu Richterich und den Hof in der Jakobstrasse 
zu Aachen 2 zur Ehre Gottes verwende. Die übertragenen Besitzungen 
werden als Lehen bezeichnet, um deretwillen die Söhne des Vaters Mannen 
sein und bleiben sollend 

Ueber die Güter jenseits der Maas in Brabant, namentlich über Schloss 
und Herrlichkeit Sichem, St. Agathenrode, Zetrüd, Marchienne-au-Pont 
nebst der HeiTlichkeit Thuwyn, über die Höfe und Wohnungen zu Brüssel, 
Lüttich und St. Trond kann der Vater nach Belieben verfügen. Noch 
legte Reinard seinen Söhnen folgende Verpflichtungen auf: sie durften sich 
über ihr Vermögen für niemand vergeiselen oder verbürgen, ohne des 
Vaters Rath und Znstimunmg keine öffentliche oder geheime Ehe eingehen, 
mit keinem Ritter, Geistlichen, Laien — gross oder klein — verkehren, auch 
keinen Diener bei sich behalten, der dem Vater nicht gefällt, kein Würfel- 
oder anderes Spiel treiben, bei dem sie mehr als 10 Gulden monatlich ver- 
lieren könnten, wenn immer es sie gelüstet zu „vueren**, so dürfen sie 

*) M. a. W.: Die Söhue erhielten nur ein beschränktes Nutzniessungsrecht, (las 
Eigenthumsrecht verblieb dem Vater. 

■^) Hier erbaute Rcinard eine Kapelle, welche 1370 eingeweiht wurde. Er dotirte 
sie mit einer Rente von 44 Mud halb Roggen halb Hafer, welche er für 740 (lüldgulden 
gekauft hatte. Qu ix, Karmelitcnkloster 8. 174. Urk. 43. 

*) Dass Reinard der eigentliche Herr blieb, geht auch daraus hervor, dass er noch 
1370 Lehen aus dem Ländchen (\)rnelimünster wie ans dem Gebiete von Montjoie verlieh, 
de Ohestret S, 56, Anm. 



— 58 — 

weder „vuere** noch „cominaiiscliaf van der vnoro** * haUeii, Mainit niemand 
durcli sie betrogen werde. Liegen sie irgendwo zu lange stille und glaubt 
der Vater, dass das für sie nicht ehrenhaft oder nützlich sei, so müssen 
sie auf sein Ersuchen sofort abreiten. Aus ihren Wäldern und Büschen 
dürfen sie ohne des Vaters Bewilligung keine Eichen weggeben; besonders 
soll Johann in den Montjoier Waldungen weder roden noch Kohlen brennen. 
Der Vater dagegen daif nach Belieben Bau- und Brandholz schlagen und 
holen lassen. Stirbt einer der Brüder kinderlos, so fallt sein Gut an den 
Vater zurück. 

Die Urkunde ist unterzeichnet von den „Verwandten und Freunden** 
Rembod von Vlodorp, Dechant zu Aachen und den Rittern Ooedert zur 
Heiden, Bernard zu Kinzweiler und Goedert von dem Bongart. 

VIII. Reinards Ende. 

Sonderbar: als wenn Reinard von Schönau, die merkwürdigste Er- 
scheinung zwischen Maas und Rhein im ganzen 14. Jahrhundert, eine 
sagenhafte Persönlichkeit wäre, verlassen uns vom 21. September 1375 ab 
alle sicheren Nachrichten über ihn und wir sind wieder auf Hemricoui't 
angewiesen, dem man doch nur soweit trauen darf, als die Urkunden seine 
Erzählungen bestätigend Er berichtet Folgendes: Nach dem Tode seiner 
ersten Frau wollte Reinard sein Glück nochmals in der Ehe versuchen 
und wählte wiederum eine junge Wittwe Elisabeth von Hamal, zur Lebens- 
gefährtin. — Elisabeth von Hanuil hatte schon zwei Männer gehabt: 
Engelbert den Jungen, Sohn des Grafen Everard von der Mark aus zweiter 
Ehe, dann Walter von Binckem. Ist dem so, dann war die Dame die 
Schwägerin des Bischofs Adolf, die Tante des Bischofs Engelbert^: es ist dann 
aber kaum zu begreifen, wie sie noch eine Junge" Wittwe sein konnte. 

Hcmricourt erzählt weiter, die Kinder Reinards seien ob dieser Heirath 
ausser sich gerathen, sie hätten ihren Vater verfolgt, für verrückt erklärt, 
seine Besitzungen geplündert und an sich gerissen; die Feinde Reinards, 
besonders der Herr von Brederode, hätten ihnen geholfen, sodass zuletzt 
der arme Mann nicht mehr wusste, wohin sich wenden. Da habe er 
denn alles, was er noch an Geld besessen, zusammengerafft und sei mit 
zwei Dienern nach Rhodus geflohen, um dort „faire p^nitence de ses pechez**. 
Dort sei er auch gestorben und höchst ehrenvoll begraben worden, während 
die Junge Wittwe" ihr Leben als Keklnse in Köln zugebraclit habe. 

Auch dieser Erzählung bringen wir Misstrau(Mi entgegen, habdn jedocli 
die Genugthuung, dass diesmal selbst diejenigen beitreten, welche Hemricourt 
sonst nur zu leicht glauben, Franquinet* und de ('hestret^ Letzterer 



') Uierübcr habe icli keinen Aufschluss fiuden köiiueü. 8oU es Hamlel, Kaut'manu- 
schaft, Aus- und Einfuhrgeschäft heissen? 

-) Um jedoch II. nicht zu nahe zu treten, sei bemerkt, dass wir sein Werk nur 
mehr veistümmelt vor uns haben. Vgl. Villen fagne, Uecherchos ... II, S. 452 ff. 

^) Vgl. die ;>tammtafcl bei de Chestret S. 17. 

*) S. 28. 

-') .S. 60. 



— 59 — 

macht darauf aufmerksam, dass die Söhne Reinards dem Testamente ihres 
verstorbenen Vaters in respektvollster Weise gehorchten, wofür Franquinct, 
der die Erzählung Hemricourts mit den Urkunden nicht in Einklang bringen 
kann, die Beweise liefert ^ Da sehen wir in der That, wie die Söhne 
auf grund des väterlichen Testamentes Güter abgeben, welche sie bereits 
in Besitz haben. Wenn sie den Vater wegen der zweiten Heirath für 
verrückt erklärt und sogar thätlich angegriffen hätten, wie in aller Welt 
würden sie den letzten Willen des Verrückten anerkannt und sich dadurch 
aus ihrem Besitze haben treiben lassen? Und wenn sie sich mit seinen 
Feinden verbündeten, wie kommt es, dass sie um des Vaters willen eine 
erbitterte Fehde mit Mastricht aufrecht halten, die erst im Jahre 1405 
gesühnt wird*? Es gibt demnach auch hier so viel Unwahrscheinliches, 
dass man gezwungen ist, andere Gründe für die Auswanderung Reinards 
zu suchen. Und der wahre Beweggrund, der Reinard zu seinem auffallenden 
Entschlüsse brachte, ist das Unglück bei Baesweiler. Er hatte den vor- 
schnellen Rath gegeben, sofort anzugreifen und denselben in einer Weise 
begründet, die den tapferen und stolzen Herzog moralisch nöthigte, zuzu- 
stimmend Mochte Reinard die Mehrheit des Kriegsraths, die Masse des 
Heeres, vielleicht den Herzog selbst für sich haben: nachdem der Erfolg 
gegen ihn entschieden hatte, musste er die ganze Verantwortung tragen. 
Die Folge war der Verlust seiner angesehenen Stellung am Hofe wie unter 
den Standesgenossen und die Erbitterung des Volkes, welche sich zu 
Mastricht in massloser Weise Luft machte. Das war gewiss hinreichend 
um einen bis dahin vom Glücke verhätschelten Mann zu dem Entschlüsse 
zu bringen, dem ganzen irdischen Treiben zu entsagen. Es lag ja auch im 
Charakter der Zeit, dass man am Abende eines sehr bewegten Lebens die 
Stille des Klosters aufsuchte, um sich auf den Tod vorzubereiten. Dass 
aber Reinard grade zu den Johannitern ging, mag darin seinen Grund 
haben, weil er mit diesen schon von Köln her in Verbindung stand*. Zu 
alle dem kommt dann noch das entscheidende Zeugniss des Sohnes und 
der Enkel Reinards in der Urkunde von 1405, welche ausdrücklich erklären, 
ihr Vater bezw. Gross vater sei „butenlendich" geworden wegen der „groete 
smaet confusie ende schade*", die man ihm in Folge der Schlacht bei 
Baesweiler zu Mastricht angethan habe. Wenn es immerhin noch vier 
Jahre gedauert hat. ehe Reinard sich zurückzog, so ist das nicht befremdend. 
Vielleicht hat er anfangs noch gehofft den Sturm zu beschwören und seinen 
verlorenen Einfluss wieder zu erringen, vielleicht hat er wirklicli daran 
gedacht in einer zweiten Ehe Trost und Ersatz für das entschwundene 
Weltglück am häuslichen Herde zu suchen, vielleicht hat ihn die Sorge 
für seine Kinder noch zurückgehalten: jedenfalls konnte ein Mann mit Reinards 
ausgedehnten imd vielseitigen Geschäftsverbindungen einen solchen Ent- 
schluss erst nach längerer Vorbereitung ausfüliren. 



*) Franqninet, annexe IX, S. 82. 

*) VgL das. annexe XVIII, S. 94. 

*> ,r>iv Ehre srobietet ilen soforti^ren Anirriff*. 



*} Vgl. oben ^5. 4j. 



— 60 — 

Von Hemriconrts Erzälihnjg bleibt meine^s P>achtens nur übrig", dass 
Reinard nach Rliodus g^egangeu ist. Dort machte er sein Testament, Hess 
es von anderen Ordensrittern bezeugen und besiegclen ^ und starb — hoffent- 
lich eines seligen Todes — im Jahre 1376. 

IX. Reinards Kindei. 

De (liestret*^ zählt 8 Kinder Reinards aus seiner Ehe mit der Dame 
von Wildenberg auf, vier Söhne und vier Töchter. Die Söhne hiessen: 
Reinard IL, Johann, Conrad, Engelbert; die Töchter: Alide, Philippine, 
welche bald Johanna, bald Adelheid genannt sein soll, Mechtilde — nicht 
Maria — und Elisabeth. Dazu kommt dann noch die uneheliche Tochter 
Elisabeth, welche bereits oben erwähnt worden ist. 

a. Reinard II. war verheirathet mit Johanna, Tochter Ottos von Arkel 
und der Isabella von Bar^. Er erscheint als Herr von Schönforst und 
Sichern, der grossen Waldungen von Meerdael, südlich von Löwen, und 
von Berquyt sowie der Herrschaft Archennes an der Dyle, welche in der 
Theilung der Reinard'schen Besitzungen von St. Agathenrode abgetrennt 
worden war^. Seine Töchter hiessen: Johanna und Catharina; Söhne hatte 

■ 

er nicht. 

Wie wir oben S. 28 hörten, war Reinard in der Schlacht von Baes- 
weiler 1371 gefangen worden, doch hat seine Gefangenschaft nicht lange 
gedauert. Schon im folgenden Jahre war er in einen Streit mit der Stadt 
Köln verwickelt, der am 11. September beigelegt war. An diesem Tage 
dankt der Rath „dem ältesten Sohne des Herrn Reinard von Schönforst", 
weil er die gefangenen Kölner Bürger frei gelassen habe und schwört ihm 
wegen des Vorgefallenen Urfehde, d. h. Verzicht auf alle Rachel 

Ausser seinem Antheilc an den väterlichen Liegenschaften hatte 
Reinard auch die Forderungen an Wenzel und Johanna von Brabant geerbt, 
die sich auf 2311 halbe Vilvorder Goldstücke beliefen. Zur Deckung dieser 
Schuld ernannten ihn die Fürsten am 7. Dezember 1376 zum Burggrafen 
von Schloss, Stadt und Land Dalhem (Dolhain) und sicherten ihm die 
Stelle bis zur Abzahlung jener Summe zu. Dagegen verpflichtete sich 
Reinard, den Bezirk auf eigene Kosten zu wahren, zu verwalten und zu 
vertheidigen, nur soviel Holz im Dalhemer Walde zu schlagen als zur 
Instandhaltung der Schlossgebäude nöthig war und aus den Einkünften 
jährlich am St. Andreastage 200 schwere Gulden an die herzogliche Kammer 
zu zahlen. Am 20. Mai 1377 erhielt er sodann diese Burggrafschaft auf 
Lebenszeit und quittirte dafür alle Ansprüche, die er vom Vater her an 

>) de Chestret S. 61. 

») S. 62 ff. 

^) Franquinet S. 45. 

*) de Chestret S. 62 und Anin. 5 und 7. 

*) Höhlbaum, MitthcUungen I, S. 74. Dass er den Vollbesitz der Herrschaft 
Schönforst angetreten, scheint Reinard dem Aachener Rathe durch besondern Boten 
angezeigt zu haben; die Septemberrechnnng des Jahres 1376 verzeichnet ein Ehrengeschenk 
von zwei Quart Wein an den „Schönforster Herold**. Laurent S. 261, Z. 22. 



— 61 — 

Johanna habe*. Reinard U. lieh aber auch selbst Geld an die Brabanter 
Fürsten. In der Urkunde vom 15. Februar 1386, durch welche Johanna 
verschiedene Gebiete an Karl den Kühnen von Burgund, den Gemahl ihrer 
Nichte Margarethe, abtrat, heisst es nämlich, Dolhain sei dem Herrn von 
Schönforst für 3000 moutons verpfändet^, und am 10. Mai 1382 erklärte 
Eeinard, er habe an Wenzel und Johanna 2000 alte Goldschilde geliehen, 
wofür ihm Burg und Land von Kerpen unter gewissen Bedingungen übergeben 
worden sei^ Diese Schuld war im Jahre 1386 auf 6000 alte Schilde* 
angewachsen, also hatten die Brabanter auf Kerpen neue Summen auf- 
genommen. 

Franquinet^ erzählt, Reinard IT. habe die Rente von vier alten 
Groschen am Zolle von Nimwegen, welche ihm aus dem Nachlasse seines 
Vaters ebenfalls zugefallen war, 1376 an Herman von Goch gegen eine 
jährliche Rente von 25 Gulden abgegeben, jedoch im folgenden Jahre 
andere Güter als Unterpfand gestellt, weil er auf den Zoll in folge eines 
Vertrages seines Bruders Johann mit dem Herzoge von Geldern habe ver- 
zichten müssen. Nach einem Regest in den Mittheilungen aus dem Kölner 
StadtÄrchiv *^ erhob Reinard am 7. März 1384 ein Leib-Mannlehen an 
diesem Zolle für den genannten Herman. — Hier möge erwähnt werden, 
dass Reinard IL, nicht sein Vater, wie Graf v. Mirbach meint, im Jahre 
1379 den Hof Boslar an Arnold von Randerath verpfändetet 

In der Fehde zwischen Erzbischof Friedrich ITI. von Köln und (4raf 
Engelbert von der Mark im Jahre 1384 hatte Reinard auf Seite des 
Letztern gestanden, wobei das (Tcbiet von Schönforst und Montjoie arg 
mitgenommen worden war^ Nach dem Friedensschlüsse stellten Friedrich 
und Engelbert am 29. Oktober ihm eine Frist von einem Monat, iimer- 
halb der er sich erklären sollte, ob er der Sühne beitrete oder nicht*. 
Reinard war bereit, aber er konnte einen seinen Helfer, Gerard von Blanken- 
heim, nicht zum Beitritte bewegen. Dieser gab die Gefangenen, die er 
gemacht hatte, nicht frei und deswegen verfiel Reinard dem Erzbischof 
in eine Busse von 4500 Gulden. Für diese Summe verpfändete er dem- 
selben am Andreastage 1387 die Hälfte seines Schlosses Schönforst, ver- 
sprach Oflfen Haltung der Burgen Montjoie und Kerpen und erklärte auch 
das Schloss Wachtendonk nicht eher an den Jungherrn, dessen Oheim und 
Vormund Reinard war, übergeben zu wollen, bis dem Erzbischofe wegen 
aller Verschreibungen Genüge geleistet sei, die letzterer darüber in Händen 
habe. Von dieser Sühne mit Friedrich sollte ausgeschlossen sein „der van 
Gronsfeld ind syne partye, mit der ich (Reinard) in veden sitze"; warum. 



') Ernst, histoire du Limbourg V, S. 119, Anm. 2. 

•) Das. S. 154, Anm. 1. 

3) Das. S. 119, Anm. 1. 

*) Das. S. 154, Aura. 1. 

^) S. 32. 

«) Vn, S. 35. 

') Zeitschrift des Aachener Oeschichtsvoreins II, S. 298. 

') Meyer, Aach. Gesch. S. 353. 

*) Lohn- und Mani.buch dos Erzstifta Köln I, Nr. 304. Staiitsaicbiv zu Düsseldorf. 



— 62 — 

werden wir noch hören K In einer andern Urkunde von demselben Tage 
wird Näheres darüber festgestellt, wie es mit Schönfort gehalten werden 
solle. Ausser den bereits oben S. 41 mitgetheilten Bestinimungen, dass 
die Burg mit „turnen, graven, miüren, vurburgen, ind vesteningen" tiber- 
geben werden und der Erzbischof dieselbe mit Amtleuten, Thurmknechten, 
Wächtern, Pförtnern solle besetzen dürfen, wurde noch abgemacht: Reinard 
müsse für den Unterhalt dieser erzbischöflichen Beamten und Reisigen 
jährlich 100 Gulden aus den Einkünften von Schönforst anweisen; der 
Erzbischof dürfe sich der Burg gegen jedermann, nur nicht gegen König 
Wenzel und die Herzogin Johanna bedienen. Endlich wird gesagt, dass 
Schönforst ein Reichslehen und einer Tochter Reinards als Mitgift gegeben 
worden sei: „Vort, want dat vurschreven sloss Schone vorst rurende is zu 
lehen van deme ryche ind ich Reynart . . dat selve sloss gegeven hain zu 
hilige deme . . . Bernard van Fleckenstein mit Johannen mynre dochter . . so 
hain ich ind . . . myn eidom . . . myme heren van Colne geloift . . . dat 
wir binnen jaire ind dage na datum dis briefs . . . werven solen an unsme 
gnedigen heren dem romschen kunyng, dat he synen willen ind consens 
zu der versetzinge ind pantschaft der . . halfscheit des slosses geve ind 
due . . / Es siegelten mit Reinard dessen Eidam, sodann Heinrich von 
Hüchelhoven, Schultheiss zu Eschweiler; Heinrich von Dadenberg; Statz 
von dem Bungard^ 

Wir hörten oben, dass Reinard sich auch verpflichtet habe, Burg 
Wachtendonk nicht eher an seinen damals noch minderjährigen Neffen 
abgeben zu wollen, bis des Erzbischofs Forderungen befriedigt seien. 
1391 (ohne Tag und Monat) quittirte Friedrich III. dem Reinard von 
Schönforst und Sichem über eine Summe von 2400 Gulden, welche Arnold 
von Wachtendonk für die Oeffnung dieses Schlosses erhalten solle und 
die an den 4500 Gulden, welche Reinard schuldete, abgezogen wurden ^ 
Ob Friedrich den Rest jemals erhalten hat? Wenige Jahre nachher verlor 
Reinard seine Stammburg für immer, doch erst am 31. Januar 1404 erklärte 
der Erzbischof, sein Rath Reinard von Schönforst und Sichem habe die 
Amtmannschaft von Zülpich und zu der Hart, die derselbe eine Zeit 
lang besessen, wieder an ihm abgetreten, wogegen er, der Erzbischof, auf alle 
Ansprüche an Reinard verzichte, dessen Lehenspflichten jedoch vorbehalten \ 
und an demselben Tage verzichtete Reinard seinerseits auf alle Forderungen, 
welche er, auch wegen der verpfändeten Hälfte von Schönforst, noch an 
Friedrich habe ^ Damit waren alle Schulden auf beiden Seiten getilgt. 
Wenige Jahre nachher hat Reinard wieder etwas zu fordern, nämlich eine 
jährliche Rente von 100 Gulden, die ihm auf den Zoll zu Bonn angewiesen 
war und die der Erzbischof 1408 mit 500 rheinischen Gulden ablöste. 
Jedoch machte Reinard einen Vorbehalt zu gunsten des Herrn Heinrich 



') Das. Nr. 504, Lacomblet III, S. 780. Urk. 885. 
*) Das. Nr. 505, Lacomblet III, S. 780, Anm. 2. 
») Das. Nr. 502. 
*) Das. Nr. 790. 
6) Das. Nr. 791. 



— C3 — 

von Diulenbcrtr wejren de^ Hauses und Gutes zu Mfinddiausen ,as \'u»e 
dat verschreven is* K Nach einer Anmerkung bei Lacorablet ITT, S. 262, 
war Munchhaasen dem Reinard 1404 auf Lebenszeit übertragen wonlen; 
wahrscheinlich ist das Gut von ihm an die Dadenberger gekommen. 

Obschon Gerard von Blankenheim durch seine Weigerung, die kölnischen 
Gefangenen loszugehen, Beinard in grosse Verlegenheit gebracht und selbst 
zur Verpfändung seiner Burg Schönforst genöthigt hatte, scheint das gute 
Verhältniss zwischen beiden dadurch nicht gestört worden zu sein. Als 
sich nämlich der Landfriedensbund 1385 aufmachte, um das Raubnest 
Reiferscheid bei Schieiden zu belagern, wo sich ^alle die boisewichter die 
vurziits oper stroisen plogen zu schedigeu" ^ versammelt hatten, schloss 
sich Reinai*d zwar dem Bunde an und versprach, gegen das Schloss und 
dessen Vertheidiger zu fechten, nahm jedoch seinen Oheim Gmf Arnold 
und den Heim Gerard von Blankenheim aus^ Im Lager vor Reiferscheid 
erschien Reinard wie die anderen grossen Herren mit seinen „pufferen***. 
Franquinet^ erzählt sogar, man habe ihn zum Befehlshaber über das 
Belagerungskorps gewählt; aber diese Angabe wird wohl ebenso irrig sein 
wie die anderen, die Einschliessung habe nur einige Tage gedauert und 
man habe die Burg mit stürmender Hand genommen. Die Verbündeten 
lagen vielmehr vom 11. August bis zum 11. Oktober vor Reiferscheid, an 
welch' letzterm Tage die Uebergabe der Burg durch Vertrag erfolgte ^ Im 
Sühnebriefe unterzeichnet Reinard allerdings gleich hinter dem Herzoge 
von Jülich'; er hat also immerhin eine angesehene Stellung im Bunde 
eingenommen. 

Als Reinard sich mit dem Erzbischofe Friedrich verständigte, schloss 
er ausdrücklich den Heinrich von Gronsfeld und dessen Partei aus der Sühne 
aus. Die Fehde zwischen Schönforst und Gronsfeld war duir.h ein nichts- 
würdiges Verbrechen hervorgerufen worden, an dem Reinard leider hervor- 
ragenden • Antlieil genommen hatte: durch die Ermordung des wackeren 
Johann von Gronsfeld, Heinrichs Bruder. Franquinet hat einen Brief 
Conrads von Elslo, des dritten Sohnes Reinards I, veröffentlicht ^ worin 
derselbe den Verlauf der Blutthat in lebendiger Weise schildert, ohne 
jedoch über die Beweggründe zu derselben Aufscliluss zu geben. In dieser 
Beziehung sind wir demnach auf Vermuthungcn angewiesen. Ich möchte 
jedoch hierin lieber Franquinet beistimmen, der den Mord auf pei^önliche 
Reibei*eien zurückführt, als dem Chronisten Froissart, welcher den Herzog 

') Das. Nr. 901. 

') Lauront, Stadt rccbimngon S. 57. 

••) Mt'yer, Aach. Gesch. S. 854. 

*•) Laurent. S. 290, Z. 12. Die Stadt schenkte denselben 2 Gulden. Die „puffere 
van Schoinvorst, van Wacht endunk und van der Dick" erhielten im Januar 1392 ein 
Geschenk von 6^4 Mark, die Schönfor.ster Pfeifer 1394 um dieselbe Zeit 5^/4 Mark. (Das. 
S. 377, Z. 13; S. 394, Z. 20). 

») S. 33. 

•) Laurent, Stadtrechnungen S. 62, 66. 

^ Hiihlbaum, Mittheilungen VIT, S. 41. 

«) Annexe XTTI, S. 86. 



— 64 — 

von Geldern der Urheberschaft bezichtigt ^ Auf persönliche Zwistigkeiten 
deutet auch Conrad selbst hin, wenn er seinen Bruder ßeinard den Herrn 
von Gronsfeld zu einer Zusammenkunft in Aachen einladen lässt, um dem- 
selben beweisen zu können, dass er weder mit Rath noch mit That zu 
der Feindschaft zwischen Johann Wilde und den Kindern des Füchschens ^ 
einer- und Gronsfeld andrerseits beigetragen habe. Von Misshelligkeiten 
zwischen ßeinard und Johann ist sonst nichts bekannt; wohl aber wissen 
wir, dass Statz von Bongart jahrelang in bitterer Feindscliaft mit dem 
Gronsfelder lebte. Johann beklagte sich, dass Statz ihn während seiner 
Kriegsgefangenschaft in folge der Schlacht bei Baesweiler auf das schmäh- 
lichste verleumdet habe und forderte seinen Gegner zum Zweikampf auf 
Leben und Tod. Dieser Statz ist wohl der Anstifter des Greuels gewesen, 
wie ihn auch Conrad der Ausführung des Mordes bezichtigt; Reinard hat 
jedoch seinem Freunde Statz die Gelegenheit geboten und das Opfer in 
die Falle gelockt. Man höre Conrad. 

Statz von Bongart und der Herr von Schönforst verhandelten eines 
Tages wegen der Gronsfelder Angelegenheit. In Folge davon ersuchten 
sie (/onrad^ er möge den Herrn von Gronsfeld nach Aachen einladen, da 
wolle Reinard seine völlige Unschuld ihm gegenüber darthun. Gronsfeld 
erschien. Statz von Bongart, Slabbart von Kinzweiler, Conrad selbst und 
Johann von Heimbach trugen ihm die Gründe für Reinards Schuldlosigkeit 
vor und verhandelten mit ihm über eine Zusammenkunft mit Reinard in 
einem Hause, welches letzterem zugehörte und von Johann von Necken 
(Ecken) bewohnt wurde. Gronsfeld war einverstanden. Dann begab sich 
der Herr von Schönforst in die Behausung des Herrn Arnold von Riismoelen, 
wo Conrad und Slabbart wohnten, weckte beide und ersuchte sie, den Grons- 
felder zu ihm in das genannte Haus zu führen. Jene suchten Johann in 
seiner Wohnung^ auf, wo auch er im Schlummer lag, und geleiteten ihn 
zu Reinard. Beide Herren grüssten sich höflich unter Abnehmen der 
Kopfbedeckung, wobei Gronsfeld noch scherzend spracli: „Gott helf, Herr 
V(m Schönforst, es ist mir lieb, dass Ihr eben so grau werdet, wie ich bin*'. 
Damit gingen sie Arm in Arm in ein Nebenzimmer und bespraclien die 
Sache wegen der Kinder des Füchscliens und Gerken Falkners. Unter- 
dessen erschien Statz von Bongart und nach ihm Engelbert von Schönforst, 
der jüngste Bruder Reinards, mit zwei Knechten. Statz trat in das 
Zimmer Reinards, der ihn mit den Worten empfing: „Warum kommt ihr 
jetzt?** Statz entschuldigte sich: „Ich meinte, Ihr hättet uns gerufen." In 
demselben Augenblicke drang auch Engelbert ein. Er hal)e lange genug 
gewartet, rief er und zog das Schwert. Nun merkte Conrad die Falle, 
in welche er unvorsichtigerweise den Gronsfelder geführt hatte. Er unter- 

Vgl. Franquinet S. 33; S. 34, Anm. 1; S. 35. 

*) Franquinet schreibt im Texte zwar Vaesken, in der Urkunde jedoch Vueskeu. 

^) Vgl. unten bei: Conrad. 

*) 1385, wo er fast jeden Monat in Aachen war, wohnte Johann einmal „in heren 
Johans huis" (Laurent S. 303, Z. 8), dann auch in „Luibsheren" oder „Luibshuis" (das. 
S. 830, Z. 2, S. 333, Z. 25). Letzterer Name wird wohl „heren Lupenhuis vur den sal" 
(das. S. 383, Z. 23) bedeuten. 



— 65 — 

lief den Degen Engelberts, umschlang den Bruder und schrie ihn an: 
^Mörder, was willst Du thun?** Dem Bruder Reinard rief er zu: ^Schön- 
forst, Du böser Verräther, wirst Du dulden, dass dieser Mann hier ermordet 
werde, den ich auf dein Wort hergebracht habe?" Aber Statz von Bongart 
griff den Herrn von Gronsfeld und that ihm den Tod an. Der Lärm rief 
noch andere herbei. Goedert von Schönau zftckte sein Messer und schrie 
Conrad zu: ^Ergib dich, oder ich steche dir den Hals ab**, und Arnold, 
der Rentmeister von Schönforst, rief: „Herr von Elslo, Ihr könnt nicht 
hinaus.** Gerard von der Dick, der Neflfe der Schönforster, Goedert von 
Bongart und sein gleichnamiger Sohn traten in die Kammer, sahen den 
Ermordeten imd gingen hinweg. Der Mord erfolgte am 25. August 1386. 

Conrad betheuerte seine Unschuld mit einem Eide und schwor, dass 
er sich an keiner Fehde betheiligen werde, welche aus dem Morde ent- 
stehen könne. 

Obwohl nach dem Berichte Conrads, der — wie Franquinet hervor- 
hebt — nur neun Tage nach der Blutthat, also noch unter dem ersten 
frischen Eindrucke derselben geschrieben wurde, Statz von Bongart als 
der eigentliche Mörder anzusehen ist, so scheint doch in der öffentlichen 
Meinung Reinard als der Hauptschuldige gegolten zu haben, sei es nun, 
weil es sich damals wirklich zunächst um seine Zwistigkeiten mit Grons- 
feld gehandelt hatte, oder weil er in der spätem Fehde als Hauptmann 
seiner Partei aufgetreten ist. Aus dem Eingange des vorliegenden Berichtes 
geht unzweifelhaft hervor, dass Reinard dieses Spiel mit Statz abgekartet 
hat. Die Zeitgenossen betrachteten, wie gesagt, den Schönforster als 
Hauptübelthäter. Die Herzogin Johanna gab ihrer Entrüstung über die 
Ermordung ihres treuen Dieners u. a. auch dadurch Ausdruck, dass sie 
am 6. Juli 1387 der Stadt Mastricht, welche schon längere Zeit wegen 
der daselbst Reinard I. wiederfahrenen Unbilden mit dem Hause Schönforst 
in Fehde lag, die Zusicherung gab, sie werde sich in dieser Sache von 
ihren Bürgern zu Mastricht nicht trennen, auch weder Genugthuung noch 
Sühne von den Schönforstern annehmen, bis die Stadt sich mit denselben 
verglichen habe^ Selbst diejenigen, welche den Herzog von Geldern als 
Anstifter des Mordes ausgeben, bezeichnen Reinard als das von ihm ge- 
wählte Werkzeug *, und die handschriftliche, im Besitze des Herrn Dr. Adam 
Bock befindliche Aachener Chronik sagt gradezu: „Zum Jahre 1386 be- 
richtet das Manuskript, dass der Herp von Schönforst im campus Marianus ^ 
zu Aachen den Herrn von Gronsfeld umgebracht habe.** 

Die Voraussicht Conrads, dass dem Morde eine Fehde folgen werde, 
ist in Erfüllung gegangen. Drei Jahre lang tobte ein erbitterter Kampf 
zwischen den beiden Parteien, an dem „fast alle Herren der Umgegend 
und viele Bewohner der Städte Mastricht und Aachen theilnahmen". Reinard 
verbrannte „die Dörfer Oupey, welches den Gronsfeld gehörte, Walhorn 



*) Franquinet, annexe XIV, S. 90. 
•) Vgl. Ernst a. a. 0. V, S. 158 f., Anm. 1. 

*) Nach der bei Qu ix, Karmcliterkloster S. 86, abgedruckton kleinen Chronik lag 
das Mordhaus „uf dem kloster'* d. h. dem Klosterplatz. 



— 66 — 

und andere liniburgische Ortschaften" ^; seinen eigenen Besitzungen wird 
es nicht besser ergangen sein. Endlich gelang es dem Erzbischof Friedrich 
von Köln dem unseligen Treiben ein Ende zu machen. Er verurtheilte 
1389 die Theilnehmer an dem Morde zur Stiftung von zwei Sühnealtären; 
Reinard und Statz errichteten einen in der Kapelle des Schönforster Hofes 
in Aachen^ Goedert von Bongart den anderen in der Kapelle zu Bocholz bei 
Simpelveld. Aber damit war die Blutschuld nicht gesühnt; seit dem Jahre 
1386 ist das Glück von Reinard gewichen: bald erstand dem ermordeten 
Gronsfeld ein scharfer Rächer in der Person des Herzogs von Jülich. 

1387 begannen die Verhandlungen zwischen Johanna von Brabant 
und dem Herzoge Karl dem Kühnen von Burgund, welche dahin führten, 
dass zunächst und zwar 1396 das Herzogthum Limburg mit seinen An- 
hängseln an Karl abgetreten wurde *^. Dazu gehörten auch die Burgen 
und Herrschaften von Dolhain und Kerpen, deren Pfandherr und Burggraf 
Reinard II. war. Höhlbaum ^ gibt den Inhalt einer Urkunde, wonach 
Reinard unter dem 22. Juli 1389 den Ritter Gerard von Widdenau auf 
ein Jahr zum Amtmann von Kerpen bestellte mit der Weisung, die Burg 
gegebenenfalls an Carsilius von Palant, den Schwager von Reinards Bruder 
Engelbert zu übergeben. 

Im Jahre 1392 finden wir Reinard als Helfer der Stadt Köln, welche 
wieder einmal im Streite mit ihrem Erzbischofe lag. Durch Urkunde vom 
23. Juli öffnete er der Stadt alle seine Schlösser, auch Kerpen, gegen 
Jedermann, den Herzog von Burgund, die Herzogin von Biubant und den 
Herzog von Jülich ausgenommen, dafür zahlte ihm die Stadt eine Summe 
von 2000 Gulden, worüber Reinard am 7. August quittirte*. Die oben 
erwähnte handschriftliche Aachener Chronik erzählt, die Herren von Schön- 
forst (Schoenvorstiani dynastae) hätten mit Hülfe des Herrn von Heinsberg 
und des Kölner Rathes die benachbarten Gegenden wie Räuber (latro- 
cinantium more) misshandelt. 

Am 19. Februar 1394 trat Reinard in ein Schutz- und Trutzbündniss 
mit dem Herzoge von Geldern. Wilhelm versprach, Reinard nebst seinen 
Besitzungen und Leuten zu beschützen und zu vertheidigen, öffnete ihm 
die festen Plätze in Geldern, Jülich und Zütphen, Reinard dagegen gelobte 
dem Herzoge und dessen Leuten Unterstützung und Hülfe in jeder Ange- 
legenheit und Offenhaltung seiner Burgen Schönforst, Montjoie und Kerpen 
— so lange er letzteres in Besitz habe — gegen jeden, den Herzog von 
Burgund und die Herzogin von Brabant ausgenommen ^. Es fällt auf, dass 
in dieser Urkunde ebensowenig wie in der von 1392 Rede von König 
Wenzel ist, den doch die Versclireibung von 1387 noch erwähnt; man 
scheint am Rheine wenig Rücksicht melir auf diese Majestät genommen 
zu haben. Schönforst war doch Reichslehen! Unklar ist auch Reinards 

') Franqninet S. 38; 39, Anin. 1. 
*) Ernst a. a. 0. V, S. 170. 
») Mittheilungen . . . VII, S. 57. 
*) Das. S. 74, 84. 
'') Franquiuet S. 40. 



— 67 — 

Stellung zu Montjoie. Franquinct denkt an eine Verpfändung; ich möchte 
eher glauben, dass der Schönforster als Vormund des Sohnes und Sach- 
walter der Wittwe seines damals bereits verstorbenen Bruders Johann die 
Verwahrung und Verwaltung dieser Herrschaft gehabt und bis zu seinem 
Lebensende behalten habe. (Vgl. de Chestret S. 63, Anm. 6.) 

Die enge Verbindung mit dem Hause Jülich hinderte nicht, dass 
Reinard noch in demselben Jahre* mit einem Mitgliede dieser Familie, 
Reinard von Jülich, dem Bruder des Grafen von Geldern, in heftige Fehde 
gerieth. Weil der Jtilicher nebst dem Grafen von Sayn Helfer des Johann 
von Reiferscheid war, mit dem der Zwist begonnen hatte, glaubt Franquinet 
die Ursache des Streites in der Belagerung Reiferscheids vom Jahre 1385 
suchen zu dürfen. Das wäre immerhin möglich, denn mit 1393 waren die 
acht Jahre abgelaufen, binnen welchen der Reiferscheider Ruhe zu halten 
versprochen hatte. Dann ist jedoch der Racheversuch arg missglückt. 
Der Schönforster, unterstützt durch den Herrn von Heinsberg und die 
Stadt Köln, behielt den Sieg, verwüstete das Jülicher Land und nahm 
selbst seine beiden Hauptgegner, den von Reiferscheid und Reinard von 
Jülich gefangen. Er erpresste ein grosses Lösegeld, welches der Herzog 
für seinen Verwandten erlegte. Da der Schönforster um eben diese Zeit die 
Herrschaften Tielt und Tielt-St. Martin ankaufte -, so liegt die Vermuthung 
nahe, dass der Kaufpreis aus diesen Lösegeldern bezahlt worden ist. 

Aber Reinard hat sich seines Erfolges nicht lange erfreut. Die 
Stunde der Vergeltung für die Gronsfelder Blutschuld und manch andere 
Gewaltthat war da. Die mehrfach erwähnte Aachener Chronik erzählt 
nach Pontanus: „Reinard von Schönforst, Herr in Montjoie, der mehr als 
einmal feindselig ins Jülichsche eingefallen war, hatte Reinald, den Bruder 
des Herzogs, sowie den Herrn von Reiferscheid gefangen und ein sehr 
grosses (ingens) Lösegeld von ihnen erpresst. Darum (unde) belagerte 
Herzog Wilhelm das Schloss Schönforst . . ." Bütkens meint, der Streit 
zwisclien dem Herzoge und Reinard schreibe sich noch von dem Verkaufe 
der Herrschaften Falkenburg und Montjoie durch Reinard I. her. Das ist 
unwahrscheinlich. Der Grund hätte doch auch schon 1394 bestanden, wo 
Reinard und Wilhelm Waffenbrüderschaft eingingen. Auch hätte in diesem 
Falle der Herzog nach der vollständigen Niederlage Reinards den Schön- 
forstem sicherlich Montjoie abgenommen und sich nicht mit Schönforst 
begnügt. Montjoie ist aber erst 1439 durch Jülich regelrecht eingelöst 
worden. 

Der Verlauf des Kampfes war für Reinard höchst traurig. Der 
Herzog, unterstützt durch die Herren von Kuilenburg, von Abcoude, von 
Vianen, von Asperen und besonders durch die Stadt Aachen^ mit ihren 

') Meyer, Aach. Gesch. S. 358, setzt die Fehde mit Berufung auf die Kölner 
Chronik in das Jahr 1392. Vgl. jedoch S. 66. 

*) Franquinet S. 41. 

*) Reinards Vcrhältniss zu Aachen ist nicht ganz klar. Er soll Vogt gewesen 
sein. Die Stadtrechnungen erwähnen ihn häufig; 1385 ist er fast jeden Monat in der Stadt 
gewesen nnd zwar mit dem Gronsfelder. 1387 im Mai schickt ihm der Rath einen Boten 
nach Luxemburg und Sichem (Laur, 8. 342, Z. 20) und schenkt ihm — wie schon 1383, 



— 68 — 

vorzüglichen Belaperungsniaschinen zog vor Schönforst und schloss die 
Burg ein. Zwar versuchte Reinard durch die Verwüstung Jülichschen 
Gebietes den Herzog von der Belagerung abzuziehen, zwar wehrten sich 
die Belagerten verzweifelt und .schlugen den Ansturm der Feinde mehr 
als einmal ab: als der Hauptthurm ^ unter den Geschossen zusammenbrach, 
musste die Besatzung nach einer Belagerung von sieben Wochen Schön- 
forst übergeben, 21. September 1396. Der Herzog fand dort nach dem 
Zeugnisse eines gleichzeitigen limburgischen Schriftstellers, auf den sich 
die mehrerwähnte Aachener Chronik beruft, grosse Mengen von Wein, 
Getreide und anderen Vorräthen; er stellte das Schloss her und behielt 
dasselbe. 

Von da ab bildete Schönforst unter dem Titel „Vogtei** einen Theil 
des Jülicher Gebiets. Büsching beschreibt es folgendermassen : „Die Vogtei 
Schönforst, in welcher das landesfürstliche Schloss desselben Namens ist, 
hat 1160 Morgen, gibt von jedem 26 Albus, also von allen 221 Thaler 
15 Albus, wenn das Land 100000 Thaler aufbringt** ». 

Reinard verlor aber nicht bloss seine Stammburg, auch Schloss 
Wilhelmstein mit der Amtmannschaft, das er bis dahin als Pfandstück 
inne gehabt, wurde ihm abgenommen. Der Herzog zog von Schönforst 
dorthin und vertrieb die Mannen Reinards nach Htägiger Belagerung. 
Wilhelmstein war viel bedeutender als Schönforst. Nach Büsching hatte 
dieses Amt „5941 Morgen, gibt von jedem 30 Albus, überhaupt 2227 Thaler 
70 Albus, wenn das Land 100000 Thaler erlegt**». 

Endlich büsste Reinard bei dieser Gelegenheit die Aachener Vogtei 
ein, welche ihm ebenso wie Wilhehnstein von Jülich in Pfandschaft ge- 
geben war. 

Welch starkes Selbstbewusstsein, welch verwegene Kampfeslust beseelte 
doch damals den deutschen Adel, als dessen Typus der blinde König 
Johann bei Crecy erscheint! Jener Herzog von Geldern fürchtete sich 
nicht, selbst dem Könige von Frankreich den Fehdehandschuh hinzuweifen 
und liess sich nur dadurch von der Aufnahme des ungleichen Kampfes abhalten, 
dass sein Vater ihm mit dem Ausschlüsse von der Erbfolge in Jülich 
drohte*, und ein kleiner Dynast wie der Schönforster nahm es mit dem 
Herrn von zwei mächtigen Herzogthümern auf! Welch gebietende Stellung 
würde das Reich eingenommen haben, wenn die Kaiser diese übersprudelnde 
Kraft nach aussen hätten verwenden können, wenn die Sonderbestrebungen 



das. S. 272, Z. 4 ~ ein Ohm Meth (das. S. 345, Z. 26). Ebenso 1890 (S. 372, Z. 18) und 
1392 (S. 381, Z. 7). 1386 und 1394 ist er Mann der Stadt, wofür er jährlich 100 
Gulden erhielt (das. S. 354, Z. 14; S. 399, Z. 32). 1391 kürzte man seinetwegen fast 
9 Mark an den städtischen Accisen (das. S. 371, Z. 22). 

*) Der letzte Rest des gewaltigen Donjons ist heuer — nach 500 Jahren — • 
zusammengestürzt. 

») Erdbeschreibnng VI. Theil, S. 130. 

') Das. S. 32. Zum Vergleiche geben wir auch die Ziffern für Montjoie. Dieses 
Amt hatte 7500 Morgen und gab in dem angeführten Land^chat« von jedem Morgen 27 Vj 
Albus, überhaupt 2587 Thaler 40 Albus. 

*) Ernst a. a. 0. V, S. 163. 



— 69 — 

der Fürsten und Herrn nicht damals schon des Kaisers Krone, Scepter 
und Schwert zu einem Puttenspiele herabgewürdigt hätten, wie die Kunst 
einer spätem Zeit in unbewusstem Spott durch die Stuckverzierungen des 
Frankfurter Römers zum Ausdruck gebracht hat! 

Schwer empfand der Schönforster den harten Schlag, welchen der 
Hei-zog von Jülich ihm versetzt hatte. Er griff zu verzweifelten Mitteln 
um sich zu rächen und die Niederlage wettzumachen. Bei der Spannung, 
welche zwischen Brabant und Geldern bestand, wird es ihm keine grosse 
Mühe gekostet haben, die Herzogin Johanna zum Kriege gegen Wilhelm 
zu reizen, aber um ihr Bundesgenossen zu werben, soll er sich nicht 
gescheut haben, selbst seine Ritterwürde bioszustellen. Er ging wie Meyer * 
nach Fisen erzählt, in die Stadt Lüttich, liess sich dort in die Fleischerzunft 
aufnehmen und verkaufte seine Waare auf offenem Markte. Dadurch gewann 
er die Zuneigung der Zünfte und bewog sie, sich dem Zuge der Brabanter 
gegen Geldern anzuschliessen. In diesem Kriege verwüsteten letztere 
unter Anführung des Grafen von St. Paul, bei dem Reinard sich als Unter- 
befehlshaber befunden haben soll, Linnich und Aldenhoven. Nach der 
handschriftlichen Aachener Chronik wäre St. Paul selbst vor Jülich gezogen, 
hätte viele flüchtigen Einwohner der Stadt gefangen und als Brandschatzung 
3000 Gulden erhoben. Auch Aachen wurde in Mitleidenschaft gezogen. 
Weil die Stadt den Brabantem keine Lebensmittel verkaufen wollte, wozu 
sie nach einem Vertrage von 1 360 verpflichtet war *, liess St. Paul mehrere 
Dörfer im Reich „bis an den Salvatorberg** in Brand stecken'. Vielleicht 
hat Reinard durch diese Brandstiftung den Aachenern die Quittung für 
die Beihülfe zui- Eroberung von Schönforst und Wilhelmstein ausgestellt. 
Nutzen hat dem Schönforster auch dieser Feldzug nicht gebracht, viel- 
mehr neuen Schaden. Ausser Schönforst, dass ihm bereits genommen 
war, hatte er von seinem Vater noch die schöne Herrschaft Sichern geerbt, 
nach der er sich ebenfalls nannte; nun ging auch diese verloren. Aus 
dem Umstände, dass er sich einmal in einer Urkunde vom 3. April 1378 
als Herr von Schönforst und Schöneck bezeichnet*, schliesst de Chestret^, 
Reinard habe Sichem für einige Zeit gegen Schöneck abgegeben. Jetzt 
aber versetzten ihn die grossen Unkosten der Umtriebe gegen den Herzog 
von Geldern in die Nothwendigkeit, Sichem gegen eine Rente von 1800 
Gulden an den Herrn von Diest zu verkaufen oder doch zu verptänden. 
Die Herzogin Johanna genehmigte die Uebertragung noch in demselben 

») Aach. Gesch. S. 358. 

■) Herzog Wilhelm erkannte später diese Verpflichtung selbst an. Vgl. Nopplus, 
Chronick III, Nr. XVII, S. 274. 

') Die Kölner Chronik fügt bei, er habe anch „die wyu** verheeren lassen, ein Aus- 
druck, den Meyer (Aach. Gesch. S. 359) mit „Weingewächs" wiedergibt Ich halte „die 
wyn** für das Dorf Weiden, welches im Volksmuude „Wije, eu der Wije" heisst, bemerke 
jedoch, das die handschriftliche Chronik daraus einen Aachener Wald Vinna macht. Der 
Aachener Wald dehnte sich allerdings noch im 14. Jahrhundert bis in die Gegend von 
Haaren ans. Vgl. Laurent, Stadtrechnnngen S. 137, Z. 16. 

*) Franquinet, annexe X, S. 83. 

») S. 62. 



— 70 — 

Jahre 1398. Auch dieses Geschäft gab wieder Anlass zu neuen Ver- 
wickelungen, die ebenfalls zu einer Fehde geführt hätten, wenn der Aus- 
bruch nicht durch Freunde Reinards verhindert worden wäre. Nach 
Franquinet ^, der sich auf Bütkens beruft, ist der Verkauf von Sichern erst 
1413 rechtskräftig geworden. Unsere oftbenutzte Chronik erzählt den 
Handel nach Haraeus^ wie folgt. „Zu derselben Zeit (1399) brach ein 
Sturm im Lande Overmaas zwischen Heinrich (Thomas) von Diest und 
Reinard von Schönforst und Sichern aus. Reinard war Befehlshaber der 
Burg von Löwen und drängte den Heinrich, der ihm viel Geld schuldig 
war, aber nicht zahlte, zur Stellung von Bürgen. Es ärgerte den Diester, 
dass Reinard ihn wie einen böswilligen Schuldner behandelte. Man griff 
beiderseits zu den Waffen, aber der Herzog von Geldern (! ?), der Graf 
von Blankenheim und der Abt von Prüm ^ schrieben an die Löwener, deren 
Mitbürger Heinrich war und die deswegen denselben leicht zur Erfüllung 
seiner Schuldigkeit anhalten konnten. Durch deren Vermittelung kam es 
zum Waffenstillstände und die Sache wurde bald freundschaftlich erledigt". 

Zu air diesem Missgeschick gesellte sich für Reinard noch grosses 
Unglück in der Familie. 1403 wurde sein Bruder Conrad zu Löwen 
meuchlings ermordert, in demselben Jahre gerieth sein Schwager Johann 
von Arkel in Streit mit Albert von Baiern, Graf von Holland. Zwar 
gelang es Reinard durch den Sohn des Grafen, der zum Bischof von 
Lüttich erwählt war, einen Frieden zustande zu bringen; aber schon im 
folgenden Jahre brach der Krieg wieder aus und endete diesmal mit der 
vollständigen Niederlage des Arkel. Johann verlor seine Besitzungen und 
selbst seine Freiheit; zehn Jahre lang schmachtete er in der Gefangenschaft*. 

Dr. Baersch scjireibt in den „Nachrichten über die Abteien Malmedy 
und Stablo**^ vom Abte Walram von Schieiden: „Die Regierung dieses 
Abtes war sehr unruhig. Er gerieth in Fehde mit dem kriegerischen 
Reinard IL von Schönforst, Herrn von Montjoie. Die Einwohner von 
Stablo fielen 1409 in das Gebiet von Montjoie ein, plünderten und brand- 
schatzten darin; da eilten die Einwohner von Contzen den von Montjoie 
zu Hülfe, schlugen die von Stablo und tödteten den grössten Theil der- 
selben. Zum Andenken an die Gefallenen wurde eine Kapelle neben der 
Kirche zu Contzen erbaut. Die Gefangenen musste der Abt mit der damals 
sehr bedeutenden Summe von 12000 (!) rheinischen Gulden einlösen und 
deshalb mehrere Klostergüter verpfönden.*' 

Tu den Urkunden jener Zeit bezeichnet sich stets Johann (TL) als 
Burggraf von Montjoie. Wenn also hier kein Irrthum im Namen vorliegt, 
so muss man annehmen, dass Reinard nach dem Tode seines Bruders 
Johann (L), d. h. nach dem Jahre 1381, als Chef des Hauses Schönforst 



') Franquinet S. 44. 

*) Aimales ducum Brabantiae . . 1623. Haraeus war Kanonikus in Löwen und 
starb 1632. Y^]. Fe 11 er, Dictionnaire Historiquc III, S. 407. 

^) Walrara von Schieiden. Wir finden ihn gleich in Fehde mit Reinard. 
*) Franquinet S. 45. 
^) Annalen, Heft 8, S. 53. 



— 71 — 

auch in Montjoie gewisse Rechte ausgeübt hat und nach aussen als Herr 
daselbst aufgetreten ist. 

ßeinard 11. beschloss im Jahre 1419 ein Leben, welches dem seines 
Vaters an ruheloser Thätigkeit nicht nachsteht. Aber diese Thätigkeit 
sammelte und erbaute nicht, sie zerstreute und zerstörte. Die Schönauer 
waren glänzende Meteore, die einen aussergewöhnlichen Anlauf nehmen, 
einen Augenblick Staunen oder gar Furcht erregen, dann aber bald zer- 
platzen. Ein ungleich ruhigeres Leben war Reinards Bruder 

b. Johann (L) beschieden. Als kaum elfjähriger Knabe erhielt er auf 
Vermittelung seines Vaters vom Herzog Wenzel die reiche Propstei von 
St. Servatius zu Mastricht (1361)^ und behielt dieselbe bis zum Jahre 
1370*. Da Johann 1369 die Burggrafschaft Montjoie antrat und sein 
Bruder Engelbert nach ihm als Propst von St. Servatius erscheint, so ist 
anzunehmen, dass er auf Wunsch Reinards I. oder bei der Verheirathung 
mit Margarethe Schelfert von Merode-Hemmersbach ^ auf jene Pfründe zu 
gunsten Engelberts verzichtet hat. Auch das Eanonikat an St. Lambert 
in Lüttich, welches Johann innehatte, befindet sich später im Besitze 
Engelberts*. Gott sei Dank, dass die Zeit dieser Pröpste und Kanoniker 
vorüber ist! Wahrscheinlich noch bei Lebzeiten des Vaters empfing Johann 
die Herrschaft St. Agathenrode, wodurch ihm der Verzicht auf die Propstei 
noch leichter gemacht wurde ^; ausserdem besass er die Herrschaften 
Clabbeke, Neerpoorten, Ottenburg und den Zoll zu Wavre^ Johann starb 
bereits 1381, also im Alter von etwa 31 Jahren. Er hinterliess zwei 
Kinder: Katharina, welche in erster Ehe den Grafen Wilhelm von Sayn 
(1392) und 1432 den Grafen von Linange und Dachsburg heirathete. Sie 
starb ohne Erben und ihre Mitgift St. Agathenrode kam an ihren Vetter 
Conrad IL von Elslo^ Johanns Sohn, Johann IL von Schönforst, Herr 
von Montjoie, wurde durch Heirath mit Johanna von Rochefort Besitzer 
von Walhain und Flamengerie, kaufte Cranendonk, Diepenbeck, Eindhoven 
und gründete in der Nähe der letztgenannten Besitzung das Kloster 
Haegen. Er starb kinderlos am 1. Februar 1433. Johann IL wird hier 
noch erwähnt, weil er den langandauernden Streit des Hauses Schönforst 
mit der Stadt Mastricht 1405 beilegte und 1411 das Ländchen Corneli- 
münster gegen die 10000 Goldschilde, für die es verpfändet war, an den 
Herzog Reinald von Geldern und Jülich zurückgab ^ Seine Frau, welche 
bis 1444 lebte, empfing am 13. Mai 1439 von Gerard, Herzog zu Jülich 



^) Franquinct S. 23. Johann wäre demnach um 1350 geboren. 

«) de Chcstret S. 63. 

*) 1376 war Johann mit Frau und Töchtern gelegentlich der Krönnng Wenzels in 
Aachen; 1385 traf die Frau von Montjoie am Fronleichnamstage mit ihren Schwägern 
Heinard, Engelbert und Conrad, sowie mit den Frauen der beiden erstgenannten in der 
Stadt zusammen. Laurent S. 243, Z. 23; 8. 255, Z. 23; S. 298, Z. 21, 32, 34; S. 299, Z. 7, 8. 

♦) de Chestrct S. 63, 64. 

») Vgl. oben S. 42. 

«) Franquinet S. 46, de Chestret S. 63. 

') Franquinet S. 47. 

«) Das. S. 47 ff. 



— 72 — 

und Berg, die Pfandsumme für Montjoie und trat die Herrschaft an 
diesen ab^ 

c. Conrad nannte sich nach der Herrschaft seines Stiefbruders Otto, 
die ihm zugefallen war, Herr von Elslo. Sein Heirathsvertrag mit Katharina 
von Argenteau datirt vom 10. September 1372. Katharina war die Tochter 
Johanns von Argenteau und der Katharina von Gronsfeld, diese hinwiederum 
eine Tochter Heinrichs und eine Nichte Johanns von Gronsfeld. Die Frau 
Conrads war demnach die Enkelin des Heinrich und die Grossnichte 
Johanns. Conrad trat also durch diese Heirath mit beiden in Affinität; daraus 
erklärt sich, warum man ihn wählte, um Johann nach Aachen und in das 
Haus Reinards zu locken, und warum Conrad sowohl den Erschlagenen wie 
Heinrich in dem Briefe an letzteren seinen „lieben Schwager* nennte 
Es ergibt sich ferner, dass um jene Zeit jeder durch Schwägerschaft 
Verwandte, ganz abgesehen vom Grade der Affinität, einfach „Schwager" 
genannt wurde. 

Weil der Vater der Braut verstorben und die Mutter in zweiter 
Ehe mit Dietrich von Welkenhusen lebte, wurde der Vertrag für Katharina 
von den Grosseltern Heinrich von Gronsfeld und Mechtild von der Heiden, 
von der Mutter und dem Stiefvater, von dem Grossoheim Johann von 
Gronsfeld und Frambach von Broich unterzeich uet. Katharina erhielt als 
Mitgift den Pfandhof zu Tengys, der jährlich 63 Mtid Spelz aufbrachte, 
und 50 Mtid Spelz aus den Renten und Einkünften, welche ihrem Vater 
in Harve^ und Umgegend zugestanden hatten. Diese 50 Mtid gab die 
Mutter, weil sie sich das Haus auf Walhorn ftir ihre Lebenszeit vor- 
behielt; erst nach ihrem Tode sollte dasselbe an Conrad und seine Frau 
kommen *. 

üeber andere Besitzungen Conrads haben wir S. 44, über seinen 
Streit mit dem Kapitel zu St. Servatius wegen der Schätze Reinards I. 
S. 21, über seine Verwickelung in die Ermordung des Gronsfelders S. 64 f. 
berichtete Conrad selbst starb ebenfalls eines gewaltsamen Todes. Er 
gerieth in Zwist mit zwei Löwener Patrizierfamilien, den Eveloge und 
Witteman. Drei Herren von Eveloge und zwei Herren von Witteman 
schlichen sich in der Nacht des 7. März 1403 in das Zimmer, welches 
Conrad im Hause des Schöffen und Rathsherrn Johann von HüflSe bewohnte 
und ermordeten ihn in seinem Bette. Einer der Mörder, Heinrich von 
Eveloge wurde in Löwen auf dem Markte hingerichtet, die anderen ent- 
kamen. Reinhard und Johann, die Brüder, sowie Heinrich von Viel-Salm, der 
Schwager Conrads, sammelten Reisige, um die Stadt Löwen wegen des 
Mordes zu befehden, es gelang aber dem Gesandten der Stadt und der 
Herzogin Johanna, sie zu besänftigend 

') Frauquinet und Annalen, Heft 6, S. 17. 
*) Franqninet, anuexe XIU, S. 86 ff. 

*) So steht in der Urkunde; im Texte hat Franquinet „WaUiom''. 
*) Franquinet, annexe VIII, S. 80. 

') Die Aachener Stadtrechnongen erwähnen Conrad häufig; 1394 im Mai empfängt 
sein Knecht 9 schwere Gulden für das Pferd eiuos Gefangenen. Laurent S. 396, Z. 34. 
«) Franquinet 8. 52 ff. 



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Jührlich 8 NumniiTD 

k 1 Bogen Itiiyfkt Oktiiv. 

I'n^is lies .rahr^iinn^ 

4 Mark. 



wmiaBions -Verlag 

der 
T'üclien Buclihandlim)} 
lt. e«iii 
in AocbeD. 



MittheiluDgen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrngc lU-s Vereins lierausgegeben von E. Schnock. 



Np. 5/6. 



Achter Jahrgang. 



1895. 



Inlinlt: H. -T. Ctiis», Keiniird vün Si;hünan, der rrste Herr von Si-hOufurst. (Schlaas.) — 
B. M. Lersch. Der Ruliqaiun- Behälter des hl. Anastusiiis im Aachener Dom. — J. Uuch- 
kreiner, Abbnicli der Häuser des Jusephinischcn Inatitnia und des Waisenhauses in der 
Pontstra^e. — Kleinere Mittbeilungen : Freilcgung des Chores der Nikolaiiskircbe su 
Aachen. — Spottgedicht auf die Franzosen aus dem Jahre 179ä. 



Reinard von Schönau, der erste Herr von Schönforst. 

Von H. J, (iroas. (Schhiss.) 

tl. Engelbert von Schönforst legte 1376 seine Wüiile als Propst von 
St. Servatiiis nieder. Als Herr von Hartelstein und Arken heiriitliete er 
1381 Agnes von Palivnt, Scliwester des Carueüs, Herrn zn Rreidenbend. 
Wegen einer Scliiild von 5000 (iolddcnaren imisste er 1385 einigen Löwener 
Bürgern erklären, dass alle seine Güter deren Eigenthum und er selbst 
nur ihr gemietlieter Diener znr treuen Verwaltung derselben sei'! Den 
Hof Batenberg, der zu Hartelstein* gehörte, löste Engelberts Schwester, 
EHsalieth von Wedergraet, mit 900 Gulden von ihrem Ncftcn Reinard von 
Berg, wieder ein^; die Herrschaft Arken, welche ein brabantisches Lehen 
war, entzog tlie Herzogin Johanna dem Engelbert wegen Felonie und gab 
sie dem Wilhelm von Sayn, den Gemahl seiner Nichte Katllarina^ Engelbert 
starb kinderlos. 

e, Alide von Schonforst heirathete im September 1363 zn Aachen 
Onrad von der Dyck, Nach dessen Tod ging sie eine zweite Ehe mit 
Arnold von Waclitendonk ein*. 



') Frtinqninet, anncxe Xll, H. 06. 




•) Vgl. (iWii 8. 41. 




■) Fraoquinet. anncxe XV, S. 91. 




*) Das. snnesc XVI, 3. 92. 




') dft Chestrol S. 84. Sic bcjiog 1.^73 c 


ne Jabrreute von 200 H.irk: von 


Stadt Linz; die Uvutv rllhrte von ihrer Muhm., 


vüu Wiulerbur^' her. Auualen 


Heft 59, S. 231. 





— 74 — 

f. Philippine von Schönforst, Gemahlin Heinrichs VII. Graf von Viel- 
Salm (1365) starb 1399. 

g. Mechtilde von Schönforst vermählte sich vor 1373 mit Peter von 
Dollendorf, Herrn von Cronenburg in der Eifel und Neuerburg. Sie starb 
um 1389. 

h. Elisabeth von Schönforst lebte um 1376 in erster Ehe mit Otto 
von Trazegnies, Herrn von Wedergraet oder Contrecoeur, nach 1387 in 
zweiter Ehe mit Johann von Diest. Sie starb nach 1393. 



Der Eeliquien-Behälter des hl. Anastasius im Aachener Dom. 

Von B. M. Lersch. 

(Mit einer Tafol.) 

Ehe das Heilige Land unter die Botmässigkeit der Sarazenen kam, 
wurde es von den Persern zu wiederholten Malen verwüstet. Im Juli des 
Jahres 614 zündeten sie die Grabeskirche des Herrn, die Konstautinisclie 
Basilika an, raubten unzählige heilige Gefässe und schleppten auch das 
heilige Kreuz mit sich, nachdem sie alle sonstigen christlichen Denkmale 
zerstört hatten. Die Zahl der Kleriker, Mönche und Nonnen, welche von 
ihnen damals getödtet wurden, ist fast unglaublich. Von den ermordeten 
14 Tausend Anachoreten sind noch viele Hundert Schädel im Wüstenkloster 
Mar Saba aufgeschichtet, unter ihnen drei, denen vorzugsweise Verehrung 
gezollt wird. Auch die Heiligen-Kammer unseres Aachener Domes bewahrt 
in einem Schnmckgefösse den Schädel eines berühmten Martyi-ers, der auf 
Befehl desselben Tyrannen den Tod erlitt, wie jene. Es ist dies das Haupt 
des hl. Anastasius. 

üeber das Leben dieses Heiligen haben wir zuverlässige Nachrichten ^ 
Als Sohn eines persischen Magiers Namens Hau wurde Anastasius, damals 
noch Magundat genannt, in den Künsten der Magie unterrichtet. Noch 
im Jahre 617 diente er mit seinem Bruder Sain als höherer Offizier beim 
persischen Heere und am Hofe Choroes kam ihm die Kunde von der Er- 
oberung Jerusalems und der Entführung des hl. Kreuzes. Dadurch auf 
das Christentum aufmerksam gemacht, trat er aus dem Heere aus und 
ging nach Hierapolis, wo er zu einem persischen christlichen Silberschnnede 
in die Lehre kam und die ersten Keime der christlichen Lehre in sich 
aufnahm. Besonders waren es die Gemälde, welche Märtyrer vorstellten, 
die sein Geraüth anregten. Entschlossen, Christ zu werden, ging er dann 



*) Am ausführlichsten und mit vielen gelehrten Bemerkungen versehen ist das Lehen 
des hl. Anastasius beschrieben in den Acta Sanctorum Bollaudi edit. Carnandet, Brux., 
vol. ni, 1863, 35—54, wobei die Verfasser Gladbacher und Trierer Manuskripte der akon 
Akten benutzten. Jüngst erschien: Herrn. Uscner, Acta martyris Anastasii Persae, graece 
primum edidit, 1894, Bonnae, F. Cohen, als Programm, nach zwei jetzt in Berlin befind- 
lichen Manuskiipteu, hinsichtlich der Wundergeschichten etwas vollständiger als die Ueber- 
setzungen bei Bollandus, nicht ohne einen hämischen Seitenhieb gegen die Dunkelmänner 
der Jetztzeit. 



— 75 — 

nach Jerusalem; hier führte ihn sein neuer christlicher Meister, ein Münz- 
präger, zu einem Geistlichen der Anastasis-Kirche, Elias genannt, welcher 
ihn aber zur fernem Unterweisung an Modestus verwies. Modestus ver- 
trat damals Patriarchenstelle. Von diesem getauft, kam er im Jahre 620 
zum Kloster des Abtes Justinus oder Anastasius, in der Nähe Jerusalems, 
wo er 7 Jahre dem Gebete und der klösterlichen Arbeit oblag. In der 
Ueberfülle seiner Frömmigkeit entschloss er sich, als Glaubensbote und 
Eiferer gegen das Treiben der Magier unter die Heiden zu gehen, in der 
sichern Aussicht, die sehnlichst gewünschte Martyrerkrone zu erreichen; 
aber auf der Reise wurde er von den Persern ergriffen und blieb dann 
längere Zeit gefangen. Er musste jetzt, an einen andern Gefangenen mit 
einer Kette zusammengeschmiedet, Steine brechen und tragen. Am Feste 
der Kreuzerhöhung, dem 14. September, wurde ihm die Begünstigung, eine 
christliche Kirche besuchen zu dürfen. Chosroe hätte viel darum gegeben, 
dass Anastasius dem Christentume abtrünnig geworden und schrieb in 
dieser Angelegenheit wiederholt an den Präfekten, liess dem Heiligen Geld 
und Ehrenstellen versprechen, wenn er wieder die Landesreligion annehmen 
wolle. Als dies nichts half, sandte er einen eigenen Richter, um ihm das 
Todesurtheil zu spiechen. Anastasius wurde dann mit 70 andern Christen 
erdrosselt. Nach dem griechischen Menologium beim 15. Januar wurde dem 
Heiligen vor der Enthauptung ein Strick um den Hals gelegt und dieser 
zugezogen bis zur Erstickung. Das abgeschlagene Haupt wurde an Chosroö 
geschickt ^ 

Anastasius wurde am 22. Januar 628 enthauptete 

Zwei der Mordscene Entronnene brachten die Kunde seines Todes 
nach Jerusalem. In ganz Palästina erregte diese Nachricht Trauer und 
Entsetzen, da er ungemein beliebt war. Hatten die Christen ihn schon auf 
der Reise zahlreich begleitet, und als er noch im Kerker gehalten wurde, 
seine Ketten geküsst und einen Wachsabdruck davon angefertigt, um ihn als 
Andenken an den Bekenner aufzubewahren, so musste sein Tod die Ver- 
ehrung, die sie für ihn hegten, noch steigern und den Wunsch erwecken, 
die Ueberbleibsel des Heiligen zu besitzen. Besonders strebten auch seine 
Klosterbrüder, wovon zwei ihm nach Persien nachgefolgt waren, nach 
diesen für sie so theueren Reliquien. Das Mönchskleid, welches der Heilige 
so schätzte, dass er davon sagte: „Dies Kleid ist mein Ruhm**, mochte 
leicht zu erlangen sein; ein Mönch brachte es nach Cäsarea. Den Körper 



*) Es scheint in damaligen Zeiten bei den Persern gebräuchlich gewesen zu sein, 
den Kopf eines vornehmen Getodteten dem Könige als Trophäe zuzusenden; z. B. lesen 
wir, dass Chosroe der Jüngere sich (Iber die Ankunft des Kopfes des Zadespra freute 
(Evagr. VI, 20), gleichwie ein anderes Mal die vom Perserkönige Eingekerkerten, die sich 
empört hatten, den Kopf des Merusa nach Konstantinopel schickten (Holland. 23. Jan. 
p. 508). Wahrscheinlich wurde in derartigen Fällen der Kopf mit Salz conservirt. (Vergl. 
Coustantini Or. c. 24.) 

^) An diesem Monatstage wird sowohl von den lateinischen als den griechischen 
Menologien sein Andenken gefeiert (Paghi). Hermannus contractus setzt mit Unrecht den 
Tod des Heiligen, den er Persa nobilis nennt, auf 613, Ado Vienn. auf 604, Marian. 
Scotus auf 617, Sigebert auf 620. 



— 76 — 

aber wollten die Kerkerwärter nicht folgen lassen, obwohl der Kerker- 
meister, selbst Christ, keine Schwierigkeit machte. Aber die Söline eines 
am Orte ansässigen Christen, die dem Heiligen schon in der Gefangen- 
schaft Dienste geleistet, erkauften den Leichnam mit schwerem Gelde, um 
ihn in ein benachbartes Kloster zu bringen, von wo er dann später (man 
weiss nicht wann) nach Konstantinopel, hernach aufGeheiss des Heraklius 
aber nach Rom gebracht wurde. Da nur Anastasius von jenen Siebenzig 
enthauptet worden, war es leicht, seinen Leichnam zu erkennen. Hatte 
man schon in der Gefangenschaft Anastasius mit zwei andern Gefangenen 
durch ein angehängtes Täfelchen kenntlich gemacht, so versäumte auch 
sein letzter Richter es nicht, auf den Kopf, den er Chosroe zusandte, ein 
Siegel zu setzen. 

Als wenige Wochen nachher Chosroe ermordet wurde, suchte sein 
Nachfolger mit Heraklius Frieden zu schliessen. Der schon gegen Pfingsten 
desselben Jahres abgeschlossene Frieden, wobei das von den Persern sorg- 
faltig aufbewahrte Kreuz Christi zurückgegeben wurde, bot wohl die 
Gelegenheit, sich auch das Haupt des vor wenigen Monaten getödteten 
Märtyrers zu erbittend Ehe am 14. September das Kreuz im Triumph- 
zuge zurückgeführt wurde, mag jenes schon in den Händen der Christen 
gewesen sein. Dass diese den Kopf eines Heiligen verehrungsvoll auf- 
bewahrten, sehen wir aus dem Berichte des Evagrius, in dem er das Aus- 
sehen des Kopfes des hl. Simon Stylites beschreibt. Fehlen uns freilich 
genaue Nachrichten über die Uebergabe des Kopfes, so verknüpft doch 
ein Name, der auf dem Reliquien-Behälter steht, worin das Haupt ruht, 
jene Uebergabe mit dem Friedensschlüsse, wie wir später sehen werden. 
Diejenigen, welche die Reliquien des Heiligen zurückführten, scheinen damit 
lange von Ort zu Ort gezogen zu sein; überall verehrte man diese ehr- 
würdigen Ueberbleibsel, besonders aber zollten die Einwohner von Cäsarea 
dem Märtyrer, der bei ihnen bleiben sollte, grosse Verehrung und zogen ihm 
prozessionsweise entgegen unter dem Klange der angeschlagenen Hölzer 
(sacra ligna percutientes), die damals, wie jetzt noch im Oriente, die Stelle 
unserer Glocken vertraten ^ Sie erbauten dafür ein Oratorium in Mitte der 
Stadt, wo sie auch das Bild des Heiligen hinbrachten. Der Ort, wo diese 
Kapelle stand, aber auch der Bau selbst, hiess Vierthor (Tetrapylon), 
sodass die Annahme nahe liegt, der Platz habe seinen Namen vom Gebäude 



*) Vielleicht kam bei dieser Golegcnheit aucb die im Schatze zu St. Denis aufbewahrte 
Sassaniden-Schüssel Chosroea I. (531 — 570) in den Besitz von Heraklius, von da später 
nach Rom und dann in Karls Hände. 

■) In Mingrelien, Georgien, sowie im ganzen Oriente bedient man sich noch des 
Tones des heiligen Brettes an Stelle der Glocken. Ora beschreibt es als ein dünnes Brett, 
etwa eine Hand breit, fünf Hand lang. Selbst wo es Glocken gibt, schlägt man vor dem 
Läuten mit dem Brette an und soll das Anschlagen des Holzes an das Kreuzesholz 
erinnern (Reise n. Pers. 1780). Die Griechen in der Türkei benutzen ein etwa vier 
Finger breites, zwei Finger dickes, etliche Schuh langes hölzernes zierlich gehauenes 
Instrument, das einen nicht unangenehmen Ton beim Anschlagen gibt, statt der Glocken. 
(Haug, Alterth. d. Christ. 209.) In armen Gegenden Russlands schlägt man noch mit 
hölzernen Hämmern auf ein hangendes Brett, um die Leute zur Kirche zu rufen. 



— 77 — 

erhalten ^ Damals war hier neben dem Bilde auch der Kopf des Heiligen 
ausgestellt -. 

Wie lange diese Reliquien in Cäsarea blieben, wissen wir nicht genau; 
wahrscheinlich nur einige Jahre. Vermuthlich hat das siegreiche Vordringen 
der Sarazenen im Jahre 686 die nächste Veranlassung gegeben, die Kirchen- 
schätze vor der Wuth der Araber zu sichern. Ein Theil der geschlagenen 
Eöraer nahm ja eben über Cäsarea ihren Rückzug; gewiss schloss sich 
ihnen eine grosse Zahl Christen aus den preisgegebenen Orten an. Mög- 
lich, dass sie die meisten Kirchenschätze nach Konstantinopel flüchteten. 
Denselben Weg dürften die Ueberbleibsel unseres Heiligen genommen haben. 

Von der Aufbewahrung dieser Reliquien in Konstantinopel finden sich 
einige Nachrichten in den Exuviae sacrae Coristant. II, Gen. 1878, p. 226: 
In ecclesia s. Lucae servatur truncus s. Anastasii, nam Caput furto ab- 
latum est; ferner p. 262: post 6. annum Heraclius cum victor Constan- 
tinopolin rediens detulit secum corpus Anastasii Perse (!) . . . sub Henrico 
Dandalo duce delatum est Venetiis . . . Auch p. 261 wird erwähnt, dass 
nach der Einnahme Konstantinopels durch die Venetianer der Körper nach 
Venedig gebracht worden sei. 

Die bald darauf entbrannten religiösen Streitigkeiten in der Haupt- 
stadt des oströmischeu Reiches über die Natur des Gottmenschen werden 
den Anlass gegeben haben, jene nach Italien zu flüchten. Man weiss näm- 
lich, dass griechische, von den Schismatikern aus dem Oriente vertriebene 
Mönche, kurz nach dem Einfalle der Araber in eben demjenigen Kloster 
eine neue Heiraath gründeten, wo nachweislich im Jahre 713 sich der Kopf 
des Heiligen und sein Bihl befanden^, und dessen Marienkirche wohl von 
jeuer Zeit an den hl. Anastasius als Nebenpatron hatte, in der spätem 
Basilika des hl. Anastasius ad aquas Salvias, einer Annexkirche von 
St. Paul*. Es dürfte diese Uebertragung der Ueberlieferung entsprechend 

') „Constructo venerabili Tetrapylo, uoinine sancti raartyris et jain perfecto, cum 
translatio fieret reliqiiiarum'* n.igt die Leejondo. 

"*) ^Serraoues, quos locuta ent adveröus caput siium; . . . adfert imaginem et ad caput 
ejus ooHocat." 

") „L'oa (cclfbia .sanctat; Dei j^enitricis Mariae, ubi sancti Anastasii reliquiae cum 
imagine ejus asservabatur, dens uuus scti. Anastasii . . . xVbbas scti. martyris caput et 
imaginem super alt^iro protVrt.'* L(»tztores goscliah bei einem Exoreismus. Das römische 
Martyrologium (22. Januar) sagt: „Romae ad Aquas Salvias . . . ejus caput liomam delatum 
est." Dasselbe bei Heda. Baronius bemerkt zum 22. Januar: „S. Anastasii Persae . . . 
Metaphrastes ejus ac sociorum acta descripsit; habet ea Lipoma t. V et 8ur. t. I. Habe- 
mus in nostra bibliotheca ejusdem res gestas a (Iregorio quodam clerico e Oraecis Latiuc 
redditiis . . . Habetur illic insupc^r elegaus historia de arreptia jjuella virtute martyris 
liberata Komae in ecclesia s. Mariae ad Aquas Salvias; eo nomine olim ea ecclesia dice- 
batur, quac postea ab illata illuc sanctornm piguora Viucentii et Anastasii illorum 
nomine dicta est.** 

*) ^Tunc tomporis plurimi tum ex Oriente tum ex Africa Monachi a Monothelitis 
vexatione in urbem conii'nigraverunt sibique assignatam a poutitice occupabant ecclesiam. 
Ab eo tempore :i nioiiacbis (iraccis incoli coepit basilica scti. Anastasii ad Aquas Salvias, 
quem locum (he^^'orius Magnus basilicae sancti PauH attribuerat.** Mabillon, Ann. I. 
Nach einem Hrieir ili s hl. ilernard (Litt. 11, 7) war zu Rom seit alter Zeit eine Kirche, 
deren Patron der hl. Anastasius war. 



— 78 — 

noch zu Lebzeiten von Heraklius (t 641) geschehen sein^ Nach Pancirol 
wurde nämlich auf Befehl des Kaisers der Rumpf und das Haupt zu 
diesem Kloster gebracht. Zur Zeit des Konzils von Nicäa (787) waren 
Kopf und Bild noch in der Kirche ad aquas Salvias. Dies lesen wir in 
den Akten jenes Konzils. Als dort nämlich die Verehrung der Heiligen- 
bilder zur Sprache kam und zur Bestätigung derselben der Legat des 
Papstes Hadrian einen Theil der Wundergeschichten, wie er noch wörtlich 
in der alten Lebensbeschreibung unseres Heiligen steht, vorlas, geschah 
auch Erwähnung des Ortes, wo jene aufbewahrt wurden. Die grosse Ver- 
ehrung, worin der Heilige stand, erklärt es, dass nach und nach mehrere 
Anastasius-Kirchen in Rom entstanden. In Ravenna war ehemals auch 
eine Kirche des hl. Anastasius. (Ughelli Ital. sacra II, 354, 859.) 

Eine griechische Lebensbeschreibung machte den Glaubenszeugen 
im Oriente bekannt und berühmt; vielleicht gab es davon lateinische Ueber- 
setzungen, ehe Beda eine solche für den Occident besorgte. Häufig mögen 
Reliquien des Heiligen begehrt und gegeben worden sein. Ein Herzog von 
Sachsen erhielt vom Papste Sergius Reliquien der Aebte Anastasius und 
Innocenz. (Mabill. III, 873.) Bereits im Anfange des 9. Jahrhunderts finden 
wir unter andern auch Reliquien des hl. Anastasius als zu Aachen vor- 
handen in der Angilbert'schen Urkunde kurz erwähnt; vermuthlich war 
dies schon das erwähnte Haupt. 

Die Uebertragung des Kopfes des Heiligen von Rom nach Aachen 
dürfte unter Karl dem Grossen geschehen sein. Dieser als unermüdlicher 
Sammler der Reliciuien der Heiligen^ bekannte fromme Kaiser hatte zur 
Erlangung dieses Kopfes im Jahre 801 die beste Gelegenheit. Wie ich 
nämlich fand, besteht eine Legende oder vielmehr ein Schriftstück, wonach 
Papst Leo und Karl (eben Diejenigen, welche der Tradition nach eine 
Anastasius-Kirche erbaut haben sollen) in der Belagerung von Ansidonia, 
einem Hafenorte im Toskanischen. Hülfe durch die Fürbitte des Heiligen 
erfuhren. Nachdem sie das Haupt des Heiligen hatten herbeiholen lassen, 
soll ein Erdbeben gekommen sein, welches die Mauern der Stadt nieder- 
warf und die Belagerten in ihre Hände gab. Sei es mit diesem wunder- 
baren p]rdbeben, wie es wolle, Thatsache ist, dass die genommene Stadt 
Eigentum des Klosters wurde, welches der Hüter dieser Reliquien war^. 

*) Marianus Scotus, der aber auch den Tod des Heiligen 11 Jahre zu früh an- 
gibt, setzt die Uobertraguiig schon auf 626, dem 15. Jahre des Kaisers Heraklius. In 
einer Chronik (Sigeberts?) wird die Uebertragunc: der Gebeine des Heiligen schon aufs 
Jahr 620 gesetzt: „S. Anastasii martyris ossa miraculis praefulgcntia Roraam delata sedera 
ad aquas Salvias tenueruut," Chronologisch genauer mag die weitere Bemerkung des 
Chronisten sein: „638 Johannes pontifex . . . reliquias sanctoriim martyrum Anastasii, 
Venantii et Mauri, ne a barbaris incumbentibus dissiparentur, e Dalmatia llomam traduxit, 
atque ad fontem Lateranensem aede condita collocavit." 

2) Weil dios in Deutschland wenig bekannt ist, erinnere ich hier in einer kleinen 
Abschweifung von unserm Gegenstande an den von Karl dem Orosscn dem Kloster von 
Argenteuil geschenkten „Heiligen Rock" (la sainto Tunique nach Guerin), den er durch 
die Kaiserin Irene erhalten hatte. (Mislin, Heil. Orte II, 286.) 

^) „Ad illud tempus quo res Italiae Carolus Augustus ordinabat, Cointius rofert 
victoriam, quam Leo et Carolus ad Ansidoniam urbem Tusciae de suis hostibus insigni 



— 79 — 

Diese Legende war ehemals in der Abtei der hh. Vincentius und 
Anastasius ad aquas Salvias (jetzt alle Tre Fontane) auch bildlich dar- 
gestellt. Die betreffenden jetzt verschwundenen Gemälde, welche wohl dem 
IL, wenn nicht einem frühern Jahrhunderte angehörten, waren im Portikus 
der Kirche; wir haben davon Zeichnungen aus dem Jahre 1630, welche 
Seroux d'Agincourt in seine Sammlung von Denkmälern (Malerei, Taf. 97 
u. 98) aufgenommen hat. Die im Gewölbe des Hauptthors befindlichen 
Bilder* in Halbkreisforra werden uns durch den obigen Bericht über die 
Belagerung Ansidonias verständlich. Auf einem dieser Bilder sieht man 
ein bemanntes Schifft und viele Zelte bei der belagerten Stadt. Karl mit 
Krone und Sonnenschirm sitzt zur Rechten des Papstes, zu welchem, unter 
Vortragung des Kreuzes, der Klerus hinkommt. Der Heilige steht bei 
einem Schlafenden, dem ein Engel zuflüstert, man möge das Haupt des 
hl. Anastasius von Rom kommen lassen. Der hier dem Kaiser eingegebene 
Rath wird an der andern Seite vom Engel dem Papste im Schlafe vor- 
gehalten. Die zugesetzten Worte sind in dieser Hinsicht deutlich genug; 
sie lauten : Karolus imperator. Exercitus eins. Ansidonia. Populus Romanus. 
Leo Pr (Pater?) IIL (R())mam cu(m) sur(re)xeris mitte. Porta. Roma ad aquam 
Salviam. Das zweite Rundgemälde zeigt eine Anzahl burgähnlicher benannter 
Gebäude (Umgebungen oder Besitztümer des Klosters? von Karl dem 
Kloster geschenkte Güter?); in der obern Abtheilung, worunter noch: rol 
imperator zu erkennen ist, die Figur Karls, vor ihm ein Engel mit dem 
auf einem Tuche ruhenden Kopfe des Heiligen; in der mittlem Abtheilung 
ausser Thorbogen, die den theils eingestürzten Ort vorstellen, und den 
Papst, der den Kopf des Heiligen trägt (es ist der Einzug der Sieger in 
die von der Landseite und von der See aus angegriffene Stadt); an der 
andern Seite ist die Uebergabe eines Diploms durch den Papst dargestellt. 
Die Unterschriften unter den Zeichnungen sind: Karolus imperator. acclia 
(ccclesia) s. Anaiistasii. abas. monachi conversi (d. i. Mönche). In der 
mittlem Abtheihing rechts ist die Uebergabe der Insel Giglio (Gilgo) und 
in der untern Abtheilung links die von Argentario und Orbello angedeutet, 
alle durch Wellenlinien als an der See gelegene Orte bezeichnet und jeden- 
falls vorher dem nahen Ansidonia gehörend. Die andern in der untern 
Abtheilung rechts gezeichneten Orte heissen: Altricoste, Asianus (Asciano 



miraculo reportanmt, et ex conim patet diplomate nee non ex alio quod in ejusdem postca 
conünnationem Alexander Papa IV emiisit, quod utramquo recitat Ughellus in Ostion- 
siiini episcopornni catalogo in epist. XI. Leo III et CaroluH Imp. in suo Diplomate sie 
loquuntur: Dominus nostcr .1. Chr. per angelum suum in visione nobis videri fccit, ut caput 
praedicti martyris [Anastasii sc.] ad ejus pngnam, quam nos ad pracfatam civitatem 
[Ansidoniam] habebamus, cum Dei laudibus advcniret; nostris vero inimicis dicebat, ut 
vincebamus. et nos ita talia fecimus; et nunc auxiliante Deo et isto praefato martyrc, 
advcniente ejus capite [quod ex Monasterio propc Ilomam ad Aquas Salvias sito delatum 
est] terrae motus vonit super nostris inimicis et tcrror apprebendit eos et parietes irru- 
emnt; inimici vero uostri in nostris manibns devencrunt" etc. Aus Pagbi Crltica in 
Aunales Baronii a. 801. 

') Sie sind iii »l r beiüigenden L i cb td ruck taf el reproducirt. 

*) Ansitlonia liegt au einem kleinen Meerbusen mit drei Inseln. 



— 80 — 

südöstlich von Siena), Aquila (nordöstlich von Rom?), Acapite, Serpena, 
Monsacutus (Montalto?). 

Von den andern Darstellungen, welche die Martern des hl. Vincentius 
und des hl. Anastasius vor Augen führen, ohne dass sich bei jeder fest- 
stellen Hesse, auf welchen von Beiden sich das Bild beziehe, übergehen 
wir zwei, auf unsern Heiligen wohl mit Unrecht bezogen, da sie nicht 
der Legende entsprechen K Zutreffender könnte ein drittes Bild erscheinen, 
wo von zwei Jünglingen ein Heiligen-Leib, dessen Seele in Kindesgestalt 
ein Engel aufwärts hebt, zu einem kapellenartigen, scheinbar sechseckigen 
Gebäude gebracht wird, dessen Dach einige Aehnlichkeit mit der Kuppel 
des Behälters zeigt, worin zu Aachen das Haupt des Heiligen liegt. Ein 
anderes Gemälde'^ stellt Leo mit einigen Kardinälen dar, daneben Karl 
mit den traditionellen edlen Gesichtszügen des Kaisers. 

Das bedeutsamste Bild für uns ist aber die Uebergabe des Hauptes 
des Heiligen durch den Abt und die Brüder des Klosters, mit den nicht 
zu verkennenden traurigen Gesichtszügen als Verlierende kenntlich, an die 
auf einem mit Kriegern besetzten Schiffe Befindlichen, von denen einer 
die Hände zum Annehmen ausstreckt. Das Haupt wird ohne Behälter auf 
einem Tuche ruhend getragen. Natürlich hatte es einen solchen, aber es 
lag dem Maler nahe, diesen der Deutlichkeit wegen fortzulassen. 

Damals besass dasselbe Kloster noch den Leib des Heiligen. Er soll 
erst gegen 841, nachdem er 200 Jahre dort geruht, zur Salvatorskirche 
ad scalas sanctas gekommen sein. Durfte der Papst den Brüdern zumuthen, 
dass sie den Kopf, dessen Wunderkraft eben erprobt worden, dem Kaiser 
für seinen neuen Dom schenkten? 

Ohne Zweifel hat Karl dem Kloster dafür bedeutende Gegengeschenke 
gemacht. Er hielt zu Aachen eine eigene Versammlung ab, bei welchei' 
er dem Kloster des hl. Paulus vor dem Ostiensischen Thore Kinns, dessen 
Bau und Ausstattung auf der Tagesordnung stand, und speziell der Kirche 
S. Vincenzo ed Anastasio bedeutende Besitzungen in den toskanischen 
Mareyinen anwies. (Annal. S. Amandi IL Pertz, Monum. I, 14; Reumont, 
Gesch. der Stadt Rom II, 267.) Nachweislich war Ansidonia ein Bcsitz- 
thum des Klosters, worüber Paghi weitere Auskunft gibt: „Alexander IV 
(1254 — 1261) in suis ad abbatem fratresque monasterii S. Anastasii literis 
confirmat ecclesiae eorum civitatem Ansidoniae cum omnibus ecclesiis et 
pertinentiis suis, olim ab infidelibus et iniquis honünibus possessis, sed 
praeterea a memorato (7arolo Imperatorc una cum pracfato Leone Praede- 
cessore nostri meritis et auxiliis B. Anastasii martyris eiusdemque capitis 
ostensione devictam et destructam, propter quam victoriam ecclesiae supra- 
dicti martyris praefatas possessiones donavit.*' 

Im Jahre 1138 gründete lunocenz an der Kirche S. Anastasii ad 



*) Auf einem derselben ist die Ertränkunjy eines Heilij^on dargestellt, was wohl auf 
einem Missverständiiiss der Akten beruht, in welchen von Erwürj^unpj Kede ist; doch 
erinnert der am Fasse hangende Stein an die mehrstündige Marter, welche Anastasius 
erlitt, als man ihn an der Hand aufhing und den Fuss mit einem schweren Stein beschwerte. 

*) Auf unserer Tafel links reproducirt. 



— 81 — 

aquas Salvias ein Kloster, dotirte es reichlich und setzte dahin einen 
Pisaner als Vorstand einiger von Claravallis erhaltenen Mönche. Die grösste 
unter den drei Kirchen, die heute noch im Hofe der Abtei delle Tre 
Fontane stehen, ist die Kirche S. Vincenzo ed Anastasio, sie ist von 
Honorius I. im Stile einer Pfeiler-Basilika erbaut worden. 

Die Anwesenlieit des Schädels des hl. Anastasius in Aachen in der 
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ist konstatirt. Man weiss nämlich, 
dass Heinrich IV. von da denselben im Jahre 1072 zur Harzburg ent- 
führte. Bei der Zerstörung, welche diese Feste im nächsten Jahre erlitt, 
wurde er aber vom Abte eines benachbarten Klosters gerettet und ver- 
muthlich alsbald wieder dem rechtmässigen Eigentümer zurückgegeben. 
Im Jahre 1192 war er wenigstens wieder in Aachen, wie nachgewiesen 
werden kann. Jetzt bezeichnet ihn eine beiliegende mittelalterliche Inschrift 
als Haupt des hl. Anastasius. 

Nach einer von Prof. Schaaffhausen im Jahre 1874 angestellten 
Untersuchung hat der Schädel folgende Verhältnisse. Länge 187, Breite 
141 Millimeter; Breitenindex also 70,5. Entfernung .der Stimhöcker 65. 
Stirnbreite am Ende des Wangenbeinfortsatzes 105, am tiefsten Ausschnitte 
der linea temporalis gemessen 98 (95?). Stirnbein lang 121, Scheitelbein 119, 
Hinterhauptschuppe mit dem Zwickelbein 72. Scheitelhöckerbreite 115. Den 
kommunizirenden Stirnhöhlen entspricht eine gleichlaufende Erhebung der 
Augenbrauenbogen, die aber nur massig entwickelt sind. Die Knochen der 
Schädeldecke sind massig dick. Alle Nähte sind offen, innen geschlossen. 
Die Nähte haben eine mittlere Länge der Zacken. Hinterhauptschuppe ein 
wenig abgesetzt. Die linea nuchae bildet eine Querleiste. „Der Schädel 
hat eine besonders schöne Stirnbildung und alle seine Merkmale deuten 
auf einen intelligenten Menschen kaukasischer Rasse ^*' 

Es ist kaum zu bezweifeln, dass wir noch das wahre Haupt des 
persischen Märtyrers besitzen. Der dunkle, rauhe, filzartige Stoff, womit 
der Kopf umhüllt ist, scheint in der Form mit der Kutte, die wir auf 
dem Bilde sehen, übereinzustimmen. Der hl. Maxinlus erwähnt die dunkel- 
farbigen Kleider (atras et subfuscas vestes) der damaligen Mönche. Auf- 
fallend könnte der beiliegende 44 Centimeter breite üeberrest von feinstem 
Byssusgewebe sein, welcher mit Goldstreifen und verschiedenen Farben 
gemustert ist. Die Kostbarkeit des Stoffes lässt vermuthen, dass ein reicher 
Orientale damit das verehrte Haupt umgab, gleichwie der Senator Astyrius 
den Leib eines andern Martyi'ers in ein magnificum et sumptuosum linteum 
hüllte. (Euseb. VII, 14.) An den Goldfäden nehme man keinen Anstoss. 
Ovid und Claudian sprechen schon von eingewebten Goldfäden. Vgl. auch 
Kreutzer: Paulus des Silentiariers Beschreibung der Hagia Sophia, 1874, 
65. Uebrigens ist schon in den Akten bemerkt, dass man den Leib, ehe 

') Wenn im Kloster ad aquas Salvias angeblich das Haupt des hl. Anastasius noch 
vorhanden sein soll, worüber ich trotz mehrfacher Bemühungen keine Auskunft erhalten 
konnte, so wird diese Nachricht sich nur auf den hier fehlenden untern Theil des Schädels 
beziehen. Da es aber mehrere HeilijL^e dieses Namens gibt, kann die Nachricht auch auf 
einer falschen Deutung des in Kum vorhandenen ^Köpfchens" beruhen. 



er im Kloster des hl, SergiHs beigesetzt wurde, mit kostbarer Leinwand 
umhüllte. 

Schon bei der Uebertragung der Reliquien des hl. Anastasius nach 
Jerasalem war ein Bild desselben vorhanden, das bei der Ueberbringung der 
Reliquien aus Persien nach Cäsarea und bei der Heilung einer Dämonisclien in 
Askalon erwähnt wird. (Usener, üSb 1, p. 27b 16.) Sehr früh ist ein solches 
ins Kloster ad aquas Salvias zu Rom gekommen. Auf dem zweiten Nicae- 
nischen Konzil (787) gegen die Ikonoklasten wird dieses mit dem Schädel 
des Heiligen zur damaligen Zeit dort aufbewahrte wunderthätige, bei 
Exorcismen zu Hülfe genommene Bild als Beweis für die Rechtmässigkeit 
und den Nutzen der Bilderverehrung erwähnt. Es gibt wohl 4 verschiedene 
kleine Kupferstiche, welche das Haupt des Märtyrers darstellen, deren 
Vorbild das römische Gemälde sein 
dürfte. Kin solches mir vorliegendes 
Blatt mit dem Namen des Würzburger 
Stechers Joh. Salver (1695—1724) 
trägt die Unterschrift: Vera cffigics 
S. Anastasii Mart. Ord. Carmclitarum, 
cujus aspectu fugari dacminies nior- 
bosque curari Acta 2.'' Ooncilii Nicaeni 
testantur. Die liier erwähnten Kar- 
meliter sind nicht die einzigen, die 
den hl. Anastasius als ihrem Orden 
angeliörig ansehen. Der Kopf ist licht- 
umstrahlt, was daran erinnert, dass 
nach der Lebensbeschreibung die 
Kerkergenüssen deu Heiligen von 
einem immensen Lichte umSosscn 
sahen. Die am Kopfe gezeichnete 
Wunde, wovon in den Akten sich 
keine Andeutung findet, ist wohl als 
irrtümüclie Auflassung des Siegels 
zn nehmen, welches dem Kopfe, ehe man ihn an Chnsroe sandte, aufge- 
drückt wurde. 

Dies Martyrerhaupt liegt wenigstens seit Jahrhunderten, wahrscheinlich, 
so lange es in Aachen ist, in einem silbernen, vergoldeten kunstreichen 
Behälter, dessen ganze Hohe (ohne die untergesetzten Füsschen) 27,2 Centi- 
meter beträgt, und welcher sich in einen mit Holz innen ausgekleideten 
kubischen Untersatz und eine von vierzehn nicdern Säulchen getragene 
Kuppel eintheilt. Der untere Theil ist jedoch nicht ganz so breit (20 Centi- 
meter), als er hoch ist (21,2), was weniger in der verschiedenen Breite der 
Bandverzierungen, als in der Ungleichheit der Seiten (15,1 : 16,8) der ein- 
gefügten Innern Wandplatten liegt. Der grösstc Raum dieser vier Recht- 
ecke wird auf drei Seiten von leicht zu öffnenden Doppelthüren und einer 
breiten verzierten Einfassung derselben eingenommen. Jede fast 8 Centi- 
meter breite Duppcltliüre trägt auf jedem ihrer Flügel zuerst zwei erhabene 



— 83 — 

Kreuze in der Form ih^s Andreaskreuzes (auf drei Tliüren also zwölf Kreuze), 
dann noch ein grosses in Doppellinieu eingegrabenes Kreuz von merk- 
würdiger Kolben-FoiTO seiner vier Aeste (sechs solche Kreuze auf den drei 
Thüren). Eine Seite des Kubus hat statt der Thüre einen auf fast halb- 
kreisförmiger Unterlage erkerartig vorspringenden Anbau (Breite 10 Cen- 
timeter, Radius 5Va Centimeter, Höhe 18 Centimeter), der einem Kapellchen 
ähnlich ist. Der Untertheil, dessen Boden etwas höher liegt, als der des 
Kubus, ist seitlich vorzugsweise durch drei nebeneinander stehende Bogen 
hergestellt. Die zwischen den Bogen liegenden jetzt spitzbogig aus- 
geschnittenen Fensterchen sollen der Tradition nach ursprünglich nicht 
vorhanden gewesen sein, sondern die Stelle von Silberplättchen, die mit 
einem Patriarchalkreuz verziert waren, einnehmen. Dem etwa 10,5 Centi- 
meter hohen Unterbau des KapellcJiens ist eine in sechs Felder abgetheilte 
Halbkuppel aufgesetzt. Auf dem Kubus ruht ein etwa 13,5 Centimeter 
breiter, 15 Centimeter etwa hoher Rundbau, getragen von vierzehn Rund- 
bogen. Die Decke dieses Rundbaus sowie der Halbkuppel und die Um- 
randung der Thüren sind mit schwarz eingelegten Arabesken in Niello 
verziert. 

Auf jeder der vier Seiten der Kuppel steht eine Inschrift in griechischen 
Kapital -Buchstilben. Drei dieser Inschriften sind Stellen aus den 
Psalmen 86 und 131, während die vierte die Herstellung und Widmung des 
Kunstwerkes betritft. Diese heisst in Uebersetzung: „Herr hilf Deinem 
Diener Eustathius, Prokonsul, Patrizier und Statthalter (Strategen, Ober- 
befehlshaber) von Antiochien und Likaidus.** Lassen wir die Frage un- 
erörtert, wo dieser Ort Likaidos (Lykandus?) lag. Vielleicht ist gar Likai 
dou (le), d. i. Lyke, Deine Dienerin, gemeint; nach anderer Meinung ist 
Lykaidos der Name des Künstlers. Wer ist aber Eustathius P Archivar 
Käntzeler (1853) erkannte darin Jenen wieder, den Heraklius an den 
Gesandten von Persien schickte, um den Frieden zu schliessen. Im kaiser- 
lichen Schreiben, das uns aufbewahrt ist, heisst dieser Eustathius der hoch- 
ansehnliche Tabularius; man hat dies mit Finanzminister oder Finanzrath 
übersetzt; vielleicht wäre Hof-Archivar richtiger. Es könnte aber derselbe 
sein, den Theophanes ad a. 620 einen Neapolitaner nennt, wobei Neapolis 
in Palästina (Sichern) gemeint ist, und in dessen Haus zu Tiberias der 
König einen Juden taufte. Möglichenfalls ist einer dieser beiden, wenn 
sie verschiedene Personen waren, Prokonsul und Statthalter gewesen und 
hat das Geld zu diesem Reliquiarium gegeben. In jedem Fall müsste dies 
dann vor dem Jahre 635 geschehen sein, ehe die griechische Statthalter- 
schaft mit dem Anfange der muhammedanischen Herrschaft erlosch. Ist es 
derjenige Eustathius, der den Frieden vermittelte, so liegt es nahe zu glauben, 
dass dieser aucli den Kopf des Heiligen aus Persien zurückerhielt und für 
denselben diesen kleinen Kunstschrein herstellen liess. Wann und wo soll 
es nachher einen Prokonsul von Antiochien gegeben haben, dem man die 
Verfertigung dieses Reliquiars verdanken könnte? Sollte es im spätem 
Mittelalter nacli Aachen gekommen sein, würden wir (larüber wohl eine 
Nachricht haben. Diese fehlt aber gänzlich. 



— 84 — 

Es bleibt daher wahrscheinlich, dass der Schrein kurz nach dem Tode 
des Heiligen im Oriente entstand, etwa unter den Händen eines in Kon- 
stantinopel oder in Persien gebildeten Künstlers. Wie verträgt sich aber, 
wirft man uns ein, mit dieser frühen Entstehungszeit die Art der Ver- 
zierung mit Arabesken? Die Form der fast in gothischer Weise spitz 
gewölbten Thüren? Die ganze Bauart des Gefässes? 

Die Entstehungszeit der Arabesken liegt viel weiter zurück, als die 
Zeit ihres Aufkommens im Occidente. Man sehe nur die Verzierungen des 
Schwertes, welches Karl der Grosse aus dem Oriente erhielt. Die an 
unserm Reliquiar vorkommende eingegrabene und dann mit anderm Stoff 
eingelegte Linienverzierung ist ihrer Form nach selbst antik zu nennen; 
eine ihr sehr ähnliche findet sich bereits an einem Kapital des Theseus- 
tempels. (Lübke, Kunstgesch. 1873, S. 91.) 

In Ritters Erdkunde (Thl. XI, 447) wird eine oktogonale uralte christ- 
liche Kapelle aus der Ruinenstadt Ani im Euphratsystem beschrieben, mit 
reich dekorirtem Aeussern, deren Fenster unter den Chornischen von tief 
eingegrabenen gewundenen und verzweigten Verzierungen umgeben sind. 
Daran stösst eine andere Kapelle, deren Wände das schönste Skulptur- 
werk in Arabesken zeigen, darin das lateinische Kreuz häufig als Ornament 
vorkonunt; das Dach wird von Rundbogen getragen. Hamilton meint, in 
diesen Ruinen von Ani sei sehr wahrscheinlich der Ursprung des reichen 
sarazenischen und gothischen Stiles am vollständigsten zu studiren, in all 
seinen Theilen, in Bogen, Kapitalen, Ornamenten aller Art von der ein- 
fachsten bis zur mannigfaltigsten Zusammensetzung. 

Die Kunst, Ornamente in Metall einzulegen, scheint der byzantinischen 
Technik keineswegs fremd gewesen zu sein. 

Gab es denn auch Spitzbogen in jener Zeit? Ja, auch der Spitzbogen 
findet sich, wenn auch nicht systematisch angewendet, im Oriente viel 
früher als im Abendlande. Das Thor von Masada, wovon Sepp eine Ab- 
bildung gibt (Jerus. I, 827), liefert den Beweis, dass bereits vor unserer 
Zeitrechnung in Palästina der Spitzbogen einheimisch war. Sepp fand ihn 
auch an den Herodesgi-äbern und am Thore von Samos und Thorikos. 
Uebrigens handelt es sich hier nicht um einen eigentlichen Spitzbogen, 
sondern nur um eine spitzbogenartig auslaufende Thürform, die zudem der 
Kuppel entsprechend geformt ist, ohne architektonische Grundlage. 

Die vielen Kreuze, welche unser Kunstwerk bedecken, werden für die 
Zeit passend erscheinen, in welcher Heraklius das Kreuz als Siegeszeichen 
auf die Münzen setzen liess. Die Form derselben kommt, abgesehen von 
der Breite, mit der Gestalt jenes Kreuzes überein, welche auf einer 
Münze der christlichen Kaiserzeit erscheint, deren eine Seite ein Christus- 
haupt, die andere die Abbildung der Anastasis-Kapelle vorstellt, und 
weicht nui' durch die knaufformigen Ansätze von der Form ab, wie ein 
Ravennatisches Kapital sie zeigt. (Lübke 1. c. p. 240.) J 

Die ganze Form des Kunstwerkes hat einen orientalischen Charakter. 
Offenbar haben wir hier das Bild einer kleinen Kirche vor uns, sei 
es als Nachbildung einer bestehenden Kirche oder einer nur in der Phantasie 



,; 



;,^ 



— 85 — 

des Künstlers vorhandenen. Es gleicht einem Wohnhause aus Jerusalem 
hinsichtlich der quadratischen Unterlage und in etwa auch der Kuppel- 
decke, wie wir sie noch jetzt in einem Theile des hl. Landes finden. Aus 
der Form des Wohnhauses, worin das Viereck den Wohnraum, die Kuppel 
das Himmelsgewölbe bezeichnet, ging die Form der Kirche hervor. Die 
kubusförmige Form, die ihr Vorbild im Oratorium des Salomonischen 
Tempels hatte, war auch in den ersten Jahrhunderten, als das Christen- 
tum in die Oeffentlichkeit trat, keine ungewöhnliche Bauweise fiir kleinere 
kirchliche Gebäude oder den Haupttheil grösserer Prachtbauten. Die dem 
hl. Anastasius zu Ehren zu Cäsarea erbaute Kapelle ist ja durch das 
Wort Tetrapylon bezeichnet und war wohl ein nach vier Seiten durch 
Thüren verschliessbarer Betplatz. Das Sanktuarium der schönen Kii'che 
in Tyrus war viereckig (locus sanctuarii in speciem quadrati sublimibus 
est u^dique circumseptus columnis), während die von Konstantin zu Anti- 
ochien errichtete Patriarchalkirche ein sanctuarium forma solii octangularis 
enthielt. (Euseb. de laud. Constant.) Das Oktogon ist eine Weiterbildung 
der Quadratform. Wir finden es an San Vitale (526 begonnen, 547 geweiht) 
zu Ravenna, dem Vorbilde unseres Aachener Doms, welchem wieder die 
Rotunde zu Ottmarshausen im Elsass fast genau nachgebildet wurde. Die 
Kirchen von Aachen und Ottmarshausen hatten eine viereckige Absis als 
Chörchen; bei keiner war diese ganz quadratisch. Die zu Aachen war im 
Längendurchmesser ausgedehnter, die von Ottmarshausen ist es mehr in 
der Breite. Seroug's Tafel 25 zeigt, dass jene mit zwei seitlichen Hemi- 
cyklen (als Sakristeien?) versehen war und an der hintern Wand einen 
Durchlass hatte, also auch gewissermassen ein Tetrapylon war. 

Das Anschreiben von passenden Inschriften auf christliche Kirchen 
dürfte nichts Ungewöhnliches gewesen sein, sodass auch in dieser Hin- 
sicht die Parallele bestehen bleiben kann. Eine Kirche in Etshmiadzin 
im Euphratsystem von quadratischer Form mit Kuppelbau, ein ehrwürdiges 
Denkmal des christlichen Altertums, trägt eine griechische Inschrift, welche 
in einem Gebete mit Namensunterschrift besteht. 

Es erübrigt uns, die drei noch nicht erwähnten Inschriften unseres 
Reliquiars zu besprechen. Vielleicht geben sie eine Andeutung, welche 
Kirche darin nachgebildet ist. 

Nehmen wir an, der Haupteingang liege, wie bei der Basilika des 
hl. Grabes und beim hl. Grabe selbst, an der Ostseite, die Absis an der 
Westseite, so stehen auf der Südseite die Worte: „Preiswürdiges wird 
von dir gesagt, Stadt unseres Gottes", auf der Nordseite aber: „Der Herr 
hat Sion erwäh ^at es sich zur Wohnung erkoren". Diese beiden Stellen 
deuten doch wohi hinlänglich an, dass wir hier eine Nachbildung einer 
Kirche zu Jerusalem vor uns haben. Dass sie nicht blos von der allgemeinen 
christlichen Kirche zu verstehen seien ^, dürfte die concrete Unterlage 



') Wie in einer Stelle bei Euscbius (X, 4): „In qua tandcm civitateP num quid in 
hac, quae nuper a Deo exstrueta et fabricata est, quae est ecclesia Dei vivcutis, columna 
et firmamcntura veritatis? de qua sie ctiam aliud divinum oraculum annuntiat: Gloriosa 
dicta sunt de te civitas Dei.** 



— 86 — 

eines kirchlichen Gebäudes beweisen, aber auch die Inschrift der dritten 
Seite: „Stehe auf Herr zu Deiner Ruhe, Du und die Lade Deines Heilig- 
tums". Dies deute ich auf die Auferstehungskirche. 

Ist es wahrscheinlich, dass unser ßeliquiar der ursprüngliche Be- 
hälter für den Kopf des hl. Anastasius war, und wissen wir, dass dieser 
mit einem Kleriker der Anastasiskirche Umgang hatte, dass er von Modestus, 
dem spätem Wiedererbauer dieser Kirche getauft wurde, und werden wir 
finden, dass eine Aehnlichkeit zwischen der Anastasiskirche und der Form 
unseres Reliquiars besteht, so kann diese Deutung des Wortes AvaaxrjS-r] ^ 
wohl nicht als zu kühn angesehen werden. Lag es nicht nahe, dass seine 
frühern Freunde, wovon einer Bischof war, im Vereine mit dem reichen 
Eustathius eine Nachbildung jener Kapelle zur Ruhestätte des Märtyrers 
erwählten, die ein sinnreiches Bild seiner glorreichen Auferstehung sein 
sollte? Wenigstens konnte von den Kirchen Jerusalems sich keine besser 
dazu eignen, als Schmuckkästchen nachgeformt zu werden, als sie, welche 
die Andacht der Gläubigen mit Schmuck überladen hatte % Nur diese 
niedrige Kapelle, bei welcher die Thüren zugleich Fenster waren, kann 
hier dargestellt sein. Auf keine andere passen die Worte des Psalmes: 
„Stehe auf Herr zu Deiner Ruhe^ (womit gleichzeitig die Auferstehung 
und die Grabesruhe angedeutet werden), „Du und die Lade Deines Heilig- 
tumes** besser als auf sie. 

Um diese Hypothese als sicher auszugeben, müsste man freilich die 
Form der Anastasis-Kapelle nach ihrer Wiederherstellung besser kennen, 
als dies der Fall ist. Wir kennen sie aber eher in ihrer ältesten klassischen 
Form, wovon die neue Kirche wohl nicht wesentlich abwich. Von der 
ältesten Gestalt der Grabkapelle aus den Tagen der hl. Helena haben 
wir nämlich höchst wahrscheinlich eine Nachbildung in einem Elfenbein- 
Relief, das aus dem Bamberger Domschatze stammt, von dem man mit 
Sepp glauben möchte, es selbst oder sein Original sei auf Befehl der hl. 
Helena gefertigt worden, obwohl der vollendete Kunststil eher dem Zeit- 
alter Justinians entspricht. „Es spiegelt sich darin der Bau in seiner 
Ursprünglichkeit. Die aedicula zeigt auffallend dieselbe Bogenform mit 
zwischengestellten Doppelsäulen, wie die Hinunelfahrtskirche am Oelberge. 
jenes Bauwerk der Helena. Zwölf Säulchen, je zwei sich fast berührend, 
wovon nur die Hälfte sichtbar, tragen sechs Halbkreisbogen im aufsteigen- 
den Tambour, wovon eines auf jeder Seite zum Fenster dient." Die um- 
gebenden Personen, welche die der Auferstehungsscene sind, zeigen an, 
dass hier die Auferstehungskapelle in ihrer klassischen Urform dargestellt 
ist. Sie war jedenfalls niedrig; wenn wir annehmen, dass die Statue Lebens- 
grösse hatte, dürfte sie etwa zwölf Fuss Höhe bei gleicher Breite gehabt 
haben. Der Patriarch nennt die Grabkapelle xtjßov, einen Würfelbau ^ 

*) Das Wort 'AvdoTa kommt auch öfters bei den Erscheinungen des Heiligen in den 
Akten vor. 

*) Antonin, der vor ihrer Zerstörung im Jahre 570 dort war, sagt, das Kirchlcin sei 
mit Süber bedeckt gewesen. 

^) Die eigentümliche Art, wie hior die PtTson dos Auferstandenen dargestellt ist, 
dürfte sehr beachtenswerth sein. Gleicht die Auferstehung nicht einer Himmelfahrt? „Der 



— 87 — 

Man braucht nur die Abbildung unseres Anastasius-Behälters damit 
zu vergleichen, um die Vermuthung zu rechtfertigen, er solle auch eine, 
wenngleich unvollkommene Nachbildung der Anastasis-Kapelle vorstellen. 
Freilich ist es nicht mehr die unversehrte klassische Form, die mit Stand- 
und Relief-Bildern der Kaiser versehene Schmuckkapelle, welche von den 
Persern und Juden zerstört worden, sondern gewissermassen eine degene- 
rirte, der damaligen Kunstrichtung entsprechende architektonische Bildung, 
Das klassische Gebäude hat rektanguläre, nicht quadratische Seiten, in- 
dem der unter die Thürschwelle fallende Fuss in den Boden versenkt 
erscheint. Der. Rundbau ist noch etwas höher als der quadratische Unter- 
bau im Gegensatze zur gedrückteren Form des vielfensterigen Neubaus. 
Eine Absis fehlt dem konstantinischen Gebäude oder liegt verborgen. Aber 
dennoch bleibt eine grosse Aehnlichkeit, die sich auch darin ausspricht, 
dass ein Theil der Fensterchen offen, ein anderer Theil blind erscheint. Es 
ist mir daher sehr wahrscheinlich, dass unser Reliquiar entweder eine 

Künstler ringt mit dem Gedanken, die Auferstehung bildlich zu fassen, wofilr damals noch 
kein bestimmter Typus bestand. Die Darstellung ist mithin auf den ersten Blick eine alt- 
christliche, ja im Geiste der Antike entworfen . . . Der Menschensohn schreitet in jugend- 
licher Gestalt, nicht kümmerlich wie in den Katakomben, mit wallendem Haar, übrigens 
bartlos ... die Felshöhle hinan, wo die Rechte des Vaters hinter Wolken oder einem 
Vorhänge . . . Ihn emporzieht, als g^lte es Uerständc und Auffahrt in einem Bilde zu 
vereinen . . . Das Motiv mit der aus den Wolken dargestreckten Hand Gottes erhält sich 
bis ins 12. Jahrhundert. Der Christuskopf ist noch nicht typisch ausgebildet und trägt 
. . . wie auf Katakombenbildern die Rolle des neuen Bundes . . . Christus trägt allein 
den Glorienreif . . . Dies erinnert zugleieh, dass 325 das Konzil von Nicäa die Gottheit 
Christi gegen die Arianor feststellte und der Bau der Auferstehungskirche diente eben 
zur Bekräftigung des unwiderruflichen Dogmas." Sepp. Diese Darstellungs weise wird noch 
verständlicher, wenn man sie zugleich als Apotheose Konstantins auffasst. Der Kaiser 
starb in der Pfingstzoit. Die sieben Wochen zwischen Ostern und Pfingsten fasste man, was 
auch in diplomatischer Hinsicht bekannt ist, als Einen Festtag auf, an welchem gewisser- 
massen die Auferstehung mit der Himmelfahrt zusammenfiel. „Haec consummata cele- 
britate pentecostes, quae 7 continuas hebdomadas omnibus houoribus decorata ad extremum 
unitatis numero consignata est, quo tempore . . . nostri Servatoris in coelos ascensum, et 
sancti ad homines spiritus descensum accidisse. Huius in celebritatis extreme fere die 
imperator ad Deum suum assumptus est*^ (Euseb. de vita Const. c. 64.) So lag es nahe, 
des Kaisers Himmelfahrt mit der Auferstehung des Erlösers zu verbinden; als zum Himmel 
fahrend zeigen den seligen Kaiser die nach seinem Tode geprägten Münzen „quadrigis 
instar aurigae insedentem, demissa Uli coelitus manu dextra exceptum^. (Eus. ib. 
c. 73.) Fehlt hier auch das Viergespann, so ist doch die rechte Hand, die ihn zum Himmel 
aufnimmt, sehr charakteristisch. Der Baum mit pickenden Vögeln ist nach Sepp ein 
Motiv der antiken Kunst, das hundertfältig au Sarkophagen wiederkehrt, um den Untergang 
der Leiblichkeit und die Aufnahme in einen höhern Organismus zu bezeichnen. Es ist hier wohl 
der dem Senfkörnlein entsprungene Baum, dessen Zweige zum Himmel reichen und in dessen 
Schatten die Vögel wohnen. Mau malte Konstantin auch, wie er in der Bläue des Himmels 
ruhte (cum coeli effigiem in tabella propriis coloribus expressissent, depingunt eum super 
coelestes orbes in aethereo coetu requiescentem. Eus. de vita 69). Der Kaiser trägt das 
Haar halblang, wie wir es auf den Münzen finden, was vorher weniger üblich war. Die 
Gesichtszüge sind verjüngt; es hält nicht schwer, in ihnen das Abbild seines Neffen 
Hannibalianus wiederzuerkennen, wie wir es auf Münzen finden. (Lee Roman. Imper. 
Profiles, 1874.) Dieser ward im Jahre 335 König von Pontus, Cappadocien und Armenien, 
fand aber 837 einen gewaltsamen frühen Tod. Mau pflegte, so scheiuts, den Kaiser in 



— 88 — 

nicht ganz getreue Abformung der konstantinischen Basilika ist (die 
Künstler erlauben sich ja in solchen Fällen häufig Abweichungen vom 
Originale), oder dass einst die Anastasis-Kapelle in dieser Form eine Zeit 
lang bestand. Könnte es die Form sein, wie Modestus die Kapelle wieder 
herstellte? Schon vor der Bekehrung des hl. Anastasius wurde Modestus 
vom Pa^triarchen von Jerusalem, Johann dem Almosengeber (605 — 616), 
an die heiligen Orte geschickt mit grossen Spenden von Geld und Frucht, 
angeblich auch mit zahlreichen Arbeitern zur Wiederherstellung des Ver- 
wüsteten, und schon nach der Gefangennehmung des Patriarchen, die gleich- 
zeitig mit der Zerstörung der Grabeskirche war, begab sich Modestus, 
damals Abt des Theodosiusklosters ostwärts von Bethlehem in Syrien und 
Aegypten auf die Sammlung, um die verwüsteten Kirchen wieder auf- 
bauen zu können. Wenn die Beschreibung eines Pilgers, der etwa 54 Jahre 
später die hl. Orte besuchte, massgebend ist, nahm die Kapelle jetzt eine 
andere Gestalt an. Der neue Patriarch baute in den Jahren 616 bis 626 



GeseUschaft seiner Söhne abzubilden. {Is ter bcatus per trium liberorum successionem, 
pro uno multiplex redditus est, ita ut in imaginibus et picturis apud omncs gentes, una 
cum liberis suis cundem honorem adeptus sit. Eus. IV, 72.) Umgeben hier nicht die drei 
Söhne trauernd das Grab, zwei in ihren Gesichtszügen den Schmerz verrathend, der dritte 
das Antlitz verbergend? Der Engel am Grabe scheint Porträt von Konstantins II. 
(ibid. Taf. 147 A.) Die Anführerin der Frauen hat, wie ich meine, durch die gebogene 
Nase und die Haartracht einige Aehnlichkeit mit der Helena. Schon Sepp vermuthete, 
dass hier das Porträt derselben gegeben sei. Dass das Gebäude selbst wohl zunächst 
die Auferstehungskirche darsteUen soll, dürfte nicht zu bezweifeln scän ; aber die Zuthaten 
erinnern an die Kirche, welche sich der Kaiser zu Konstantinopel zur (^rabcsstätte aus- 
ersehen hatte, die den Aposteln gewidmete Kathedrale, was hier durch eine Statue des 
Apostelfttrsten Petrus angedeutet ist. Zwölf Säulen sollten hier sein Grab umstehen (quare 
cappas illic duodecim quasi sacras quasdam columnas ad Apostolici collegii honorem 
memoriamque attoUens, medium inter ipsos condimentum suum locabat, quud utrinque 
seni claudebant Apostel i. Eus. IV, CO). Aehnlich umstanden zwölf Säulen die runde Grab- 
kapeUe in Jerusalem. Euseb. III, 37. Die dem Kubus aufgesetzte Kuppel erscheint darum 
von zwölf Säulchen getragen, wovon sechs sichtbar sind; obwohl rund, nähert sie sich 
dem Sechseck, obgleich mit der quadratischen Grundlage besser ein Achteck harmoniren 
würde. Die Säulchen der Kuppel, wenn wirklich nur zwölf statt sechszehn, sind vieüeicht 
nur die Wiederholung der untern zwölf Säulen. Die Medaillons der Kaiser passen zur 
Buhestätte des kaiserlichen Erbauers. In griechischen und lateinischen Kalendern steht 
das Fest Konstantins und der hl. Helena angemerkt meist unter dem Titel: Memoria 
sanctomm gloriosorum a Deo coronatorum atque Apostolis aequalium Imperatorum Constantini 
et Helenae; von Gott gekrönt werden sie genannt, wie überhaupt die Griechen ihre Kaiser 
O-eooTiTCxoug nannten, ein Ausdruck, dessen Analogon in Karolingische Diplome übergegangen 
ist; einem Apostel ähnlich hiess Konstantin in den Menäen der Griechen. Der Festtag 
Konstantins wurde selbst im Occidente am 21. Mai begangen und wird es auch heute 
noch an gewissen Orten von Russland, Böhmen, Flandern. Siehe AI. Aur. Pelliccia de 
ehr. eccl. politia 1829. 

Die Elfenbeintafel des Mnnchener Nationalmuseums ist nachgeahmt 
in einer aus Bamberg stammenden, ums Jahr 1000 geschnittenen Tafel 
des Museums zu Liverpool, abgebildet in Gesch. d. deutsch. Plast. 1885, 
19, und von dieser stammt die Bamberger Tafel eines Missales, die in 
Cahiers Melanges p. 4 und in Försters Denkmalen I, 1 zu S. 9 abgebildet 
ist. Das Tempelchen stimmt mit dem Siegel der Kanoniker am hl. Grabe 
vom Jahre 1125 überein, das hier photographisch reproducirt ist. 




— So- 
das Halbrund um die Anastasis durch griechische Architekten zur byzanti- 
nischen Rotunde mit zweifachem Umgange. Wo früher die Säulen im 
Halbkreise um die Anastasis-Kapelle standen, kamen jetzt Mauern. Eine 
dreifache Mauer in Kreisform, welche weite Gänge umgab, umschloss jetzt 
zur grössern Sicherheit gegen feindliche Einfälle den Ort der Auferstehung. 
Die Mitte bildete ein rundes Kirchlein (rotunda ecclesia, quae et anastasis. 
h. e. resurrectio vocitatur, quae in loco dominicae resurrectionis fabricata 
est). Die an zwei Stellen durchbrochene dreifache Mauer und Kirche 
hatte zweimal vier Durchgänge (gegen Nord- und Südost? quatuor ad 
eurum, quatuor ad vulturnum). Die eigentliche Kapelle war so niedrig, 
dass man mit der Hand an die Decke reichen konnte. Im Innern, wo nur 
neun Mann Platz zum Stehen hatten, stand das in den Felsen ausgehauene 
Grab mit dem Eingange von Osten. Es war etwa drei Palmen über den 
Boden erhaben. Zwölf Säulen trugen den Bau (die Kuppel? rotunda ecclesia 
a tribus aucta parietibus duodecim columnis sustentatur). Aussen war die 
(innere?) Kirche bis zur Spitze mit Marmor bedeckt, auf der vergoldeten 
Spitze aber stand ein grosses goldenes Kreuz. Rechts von der Kapelle 
lag die viereckige Muttergotteskirche. (Adamanni de loc. sanct., Bedae Opp.) 

Ein Elfenbein-Relief aus Mailand angeblich aus dem 8. Jahrhundert, 
zeigt auch die Anastasis-Kapelle rund, mit einem schmälern Aufbau, der 
noch an die klassische Form erinnert. 

Später hat die Grabeskirche sehr verschiedene Gestaltungen ange- 
nommen. Nach der Beschreibung des fränkischen Mönches Bernard, der 
gegen das Jahr 870 Jerusalem besucht hat, umstanden das Grab neun Säulen, 
deren Zwischenräume mit vorzüglichen Steinen ausgemauert waren. Von 
diesen neun Säulen standen, so heisst es, vier vor dem Gral)e und umschlossen 
mit ihnen den Grabesstein, was ich mir so vorstelle, dass eigentlich sieben 
in der Aussenmauer war^n, wovon zwei durch eine Quermauer mit zwei 
mittleren Säulen in Form einer Sehne verbunden waren; hinter dieser Mauer 
lag dann das Grab, hinter diesem waren zwei der sieben Säulen an der Mauer. 
(Tertia ecclesia ad occidentem, in cuius medio est sepulchrum Domini habens 
9 columnas in circiiitu sui, inter quas consistunt parietes ex optimis lapi- 
dibus, ex quibus 9 columnis 4 sunt ante fiiciem ipsius monumenti, quae 
cum suis parietibus claudunt lapidem coram sepulchro positum, quem angelus 
revolvit Bernardus ao. 870.) Vielleicht standen auch die vier Säulen nicht 
alle vor dem Grabesstein, sondern herum, mit den Mauerfüllungen ein Vier- 
eck bildend, sodass nur fünf Säuleu für die Aussenwand blieben. 

Es wäre von grossem Interesse, die Formen der alten hl. Grabkirchen, 
wie sie in verschiedenen Städten vom 5. — 9. Jahrhundert erbaut wurden, 
zu vergleichen. Die angeblich dem 5. Jahrhundert angehörende Heilig- 
grabkirche zu Bologna, eine weite ovale Rotunde, erinnert im Mittelschiffe 
mit den über zwölf Säulen gespannten Bogen an die zwölf Säulen, welche 
als Repräsentanten der Apostel um die Anastasis standen. 

lu den Oktogonkirchen von Aachen und Ottmarshausen stellt wohl 
die quadratische Absis die Auferstehungskapelle vor. Der obere der Auf- 
erstehung Christi geweihte Altar des alten Domes zu Aachen (superius 



— 90 — 

altare in eadem capella) dürfte in der obern Abtheiliing der Absis gesümden 
haben. Es ist auch merkwürdig, dass in der Zeichnung der Absis, die 
man Ciampini verdankt, hinter dem Hauptaltare drei unter einem grossem 
Bogen gestellte Bogen ersichtlich sind, sehr ähnlich denen auf dem Heilig- 
grab-Siegel der Tempelherren. Dies Siegel soll das Bild der Auferstehungs- 
kapelle im 12. Jahrhundert darstellen. Es erinnert noch immer an die 
klassische Form; quadratische Unterlage, hohe Eingangsthüren, Absis mit 
drei Fenstern, Kuppel mit sechs Fenstern, auf der Spitze das Kreuz. 

Es wäre ein interessantes Thema für einen Architekten, die Grabes- 
kirchen der früheren Jahrhunderte näher zu beschreiben. 

Das hl. Grab zu Görlitz, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
erbaut, hat IOV2 Elle in der Länge, 6^/3 Ellen in der Breite und ebenviel 
in der Höhe. In der Mitte des Daches erhebt sich eine 5 Ellen hohe 
Kuppel, die auf sechs Säulen ruhet. Von aussen soll das Gebäude läng- 
lich rund erscheinen, das Innere bildet aber ein in zwei Abtheilungen 
durch eine Wand gesondertes Viereck. Einer dieser Theile ist das Vor- 
gemach und wird durch zwei süd- und nordwärts angebrachte Fenster 
erleuchtet, während der Eingang gegen Osten sieht. In der Trennungs- 
wand ist links ein ^^/g Elle hohes Thürchen, das den Eingang zu der 
zweiten Abtheiluug gestattet, die vP/« Elle lang und breit und 6V4 Elle 
hocli ist. An diesem Eingange ist der Stein, welcher jenen Stein vorstellt, 
auf dem der Engel sass, von dem uns auch die Beschreibungen der alten 
Grabeskapelle berichten. 

Im Vorstehenden ist die Form des Anastasius-Kasten mit der Gestalt 
der ursprünglichen Grabeskirclie in nahe Vcri)indung gebracht worden. 
Eine andere Ansicht geht dahin, dass derselbe ein Gefäss gewesen, worin 
das heilige Brod aufbewahrt wurde, wie ein ähnlich gestaltetes in den 
russischen Kirchen vorkomme. Wenn dies richtig ist, so bleibt doch nicht 
ausgeschlossen, dass auch diese Gefässe ursprünglich Nachbildungen der 
Grabeskirche gewesen. Schliesslich sei bemerkt, dass die oben erwähnten 
griechischen Inschriften in Kessels (icschiclitliclien Mittlieihingen über die 
Heiligthümer vollständig mitgetheilt sind. 



Abbruch der Häuser des Josephinischen Instituts und des 

Waisenhauses in der Pontstrasse. 

Von Jos. Biichkremer. 

Mit einer AbbililuiiR;. 

Tn dem mittleren Theile der Pontsti-asse ist im Laufe des Jahres 
1894 durch den Abbrncli der obei'halb der Kirche des Josephinischen 
Instituts liegenden beiden Gebäude der Armenverwaltung ein altes aachener 
Städtebild wesentlich geändert worden. Hier reihten sich noch eine grosse 
Anzahl älterer Bauten dicht zusammen, sodass die Strasse, namentlich 
auch durch die frei geschwu^igenon Fluclitlinien und durch die Verengung 
derselben nach den beiden Enden zu ein zwar wenig modernes, aber 



— 91 — 

fiir den Liebhaber und Kenner alter Städtebilder sehr anziehendes male- 
risches Bild bot. 

Von der Neupforte kommend, erblickte man, gleich nachdem man an 
den weit in die Flucht vorspringenden Häusern des sogen. Beguinen- 
winkels vorüber ist, jene platzartige Erweiterung der Pontstrasse. 
Das Bild wird rechts begrenzt durch die malerischen Umrisse des aus 
dem 17. Jahrhundert stammenden Hauses Nr. 74 mit seinem mächtigen 
Consolhauptgesimse und der grossen Giebeldachlucke, während weiter 
hinauf der Rest eines gothischen Fensters uns an die alte Kirche des 
hl. Aegidius erinnert. Auf der andern linken Seite wird das Bild durch 
die grossen einfachen Linien der Kirche des Josephinischen Instituts ein- 
gerahmt und weiter hinauf erhoben sich hier früher die beiden Fassaden 
der diesem Institut zugehörenden Häuser, wozu auch das alte Haus des 
Bürgermeisters Emundts gehörte. Und auch das dann weiter hinauf 
folgende Haus, das zur Zeit als Gesellenhaus eingerichtet ist, passt in 
das alte Städtebild vorzüglich hinein. Denkt man sich in die Fenster 
desselben wieder die alten Kreuze hineingestellt, und die sonstigen mo- 
dernen Zuthaten hinweggenommen, so ist das alte Bild fertig, das würdig 
in dem nach oben nun folgenden Hause, dem ehemaligen Lombard seinen 
Schluss findet. 

Wenngleich auch die beiden eben erwähnten Fassaden der Häuser des 
Josephinischen Instituts für sich genommen, keinen hervorragenden Kunst- 
werth beanspruchen konnten, so wirkten sie dennoch als Theile des eben 
geschilderten Strassenbildes vorzüglich mit. Durch den nunmehr im 
September des Jahres 1894 erfolgten Abbruch dieser Häuser ist dieses 
schöne Bild verschwunden. Von den beiden in Rede stehenden Häusern 
hatte namentlich das obere, das frühere Emundtssche Haus eine eigen- 
artige Fassade. 

Dieselbe hatte eine Breite von ca. 15 Meter, war dreigeschossig und 
13 Meter hoch. Die Haupttheilung derselben bestand aus sechs Pfeilern, 
die mit Ausnahme der beiden über dem Portal stehenden die ganze Höhe 
der Fassade einnahmen. Der Sockel der ganzen Fassade und das Basis- 
profil der Pfeiler derselben bestand aus Blaustein, während die Schäfte 
der Pfeiler aus Ziegelsteinmauerwerk aufgerichtet waren. Die reichen 
Kapitelle * zeigten eine Verbindung der jonischen und korinthischen Ordnung, 
und waren merkwürdigerweise aus Eichenholz hergestellt. Ein einfaches 
aus einem Architrav und grosser Holzleiste bestehendes Hauptgesims schloss 
die Fassade nach oben hin ab. Das in guten architektonischen Verhält- 
nissen ausgeführte Portal war ganz aus Haustein gebaut, und bestand aus 
einer halbkreisförmig abschliessenden Oeffnung, die durch zwei Pilaster 
eingerahmt wurde. Das das Portal abschliessende Hauptgosims war über 
den Pilastern und dem verzierten Schlussstein verkröpft. — Die Fenster- 
öffnungen waren durch unverzierte Gewändesteine eingefasst, die sich dicht 
zwischen die grossen Pfeiler legten; während die Fenster des Erdgeschosses 

*) Diese Kapitelle suwie die weiter unten erwähnten lleliefs werden im hiesigen 
Museum aufbewahrt. 



— 92 — 

und des ersten Stockwerkes beträgliche Höhenverhältnisse zeigten, waren 
diejenigen des 2. Stockwerkes fast quadratisch. — Einen eigenthünilichen 
schönen Schmuck erhielt die Fassade noch durch neun Reliefs, die in 
den aus Ziegelsteinen bestehenden Flächen über den Fenstern des Erd- 
geschosses und des ersten Stockwerkes angebracht waren. Auch von 
diesen Reliefs war eines aus Holz geschnitzt. 

Diese Reliefs, deren Grundform viereckig war, enthielten in einer 
eiförmigen Vertiefung die Darstellung römischer Kaiserporträts. Die aussen 
verbleibenden Zwickel und die Umrahmung dieser Ellypse war durch kar- 
tuschenartige Ornamente oder durch Akanthusblätter und Masken verziert. 

Die Köpfe selbst waren alle neun verschieden, sehr decorativ auf- 
gefasst und derb plastisch behandelt. Durch den mannigfaltigen Schmuck 
dieser Figuren mit reich ornamentirten Helmen, mit einfachen Reifen- 
kronen, oder mit dem lorbeerdurchflochtenen Haar wirkten dieselben trotz 
der etwas schematischen Gesichtsformen sehr günstig auf den Beschauer ein. 

Die ursprünglich durch den Wechsel in der Farbe zwischen dem 
Blaustein- und dem Ziegclsteinmauerwerk sehr malerisch wirkende Fassade 
sah bei dem einförmigen Oelfarbenanstrich natürlich weniger günstig aus. 

Das Innere des Gebäudes, das nach den Formen der Fassade zu 
urtheilen aus dem Schlüsse des 17. Jahrhunderts oder dem Anfange des 
18. Jahrhunderts herrührte, enthielt, abgesehen von einem hübschen 
Treppenpfosten zur Zeit nichts mehr, was ein kunsthistorisches Interesse 
hätte in Anspruch nehmen können. 



Kleinere Mittheilungen. 

Freilegung des Chores der Nikolauskirche zu Aachen. 

Durch die im Anfange des Jahres 1804 ausgeführte Neuanlage einer Strasse zwischen 
der Grosskölnstrasse und dem Seilgraben, die den Namen Mi noriten Strasse fuhrt, ist der 
bis dahin verbaute Chor der St. Nikolauskirche freigelegt worden. Die dadurch in Weg- 
fall gekommenen Bauten waren 1. ein im vorigen Jahrhundert gebautes (leschäftshaus 
von keiner weiteren Bedeutung, 2. die Loretokapelle der eben genannten Kirche, die in 
der Breite des sitdlichen Seitenschiffes sich neben den Chor nach der Grosskölnstrasse zu 
legte und 8. ein weiteres kleines Haus, das zwischen den beiden genannten Bauten lag 
und um das in seiner Fassade stehende alte Kreuz herumgebaut war. 

Die im Jahre 1703 von dem damaligen Baumeister Mefferdatis erbaute Loretokapelle 
bot nur geringes kunsthistorisches Interesse. Sie musste wegen vollst Ȋndiger Baulallig- 
keit abgetragen werden. Ihr Grundriss war rechteckig, sie hatte eine Thür zur Strasse 
und zum Chor, wurde durch zwei rundbogige Fensler erleuchtet und durch ein Tonnen- 
gewölbe überdt^ckt. Das gänzlich schmucklose Aeussere wurde durch ein S-förmig gebogenes 
Walradach abgeschlossen und bekrönt durch einen aus Kupfer getriebenen profilirten 
Knauf, der eine länglichovale vertikale 3Ietallplatte trug, worauf ein Madonnenbild gemalt 
war. Das Innere der Kapelle schmückte ein prachtvoller Altar im reiclisten Kococcostil, 
der nach den Entwürfen des Architekten J. J. Couven in der Mitte des vorigen Jahr- 
hundert^s ausgeführt wurde. Ueber der einfachen Mensa erhob sich ein zierliches Tabcr- 

vT» 

nakel (nur Repositorium), zu dessen beiden Seiten, mit der Predella und den Leuchter- 
bänken verbunden, sich kleine Räume zur Aufnahme von Reliquien befanden. Der Altar 
war au beiden Seiten durch reich geschnitzte Thüreu architektonisch mit den Wänden 



— 93 — 

der Kapelle verbunden. Der Altar stand einen Meter vor der Rückwand. Dieser hintere 
Raum wurde durch die beiden Thüren zngÄnglich. An der Rückwand war eine sehr 
zierlich ausgebildete reich umrahmte Nische angebracht, worin sich ursprünglich eine 
Madonnenstatue befand. Diese ganze Nische war so hoch angebracht, dass man von der 
Kapelle aus, vor dem Altare stehend, auch den Sockel derselben noch sehen konnte. Die 
Wirkung des Ganzen war ausserordentlich schön und plastisch, da die eben erwähnte 
Nische einheitlich mit dem eigentlichen Altare zusammenwirk'te, obgleich sie räumlich 
nicht mit demselben verbunden war. 

Die farbige Behandlung des ganz in Holz hergestellten Altar werke« war sehr 
wirkungsvoll. Die ornameutirten Theile sowie die beiden Engelfigurcn, die die seitlichen 
Thüren bekrönten, und alle Profilleisten und (resimse waren vergoldet, während die ver- 
bleibenden Flächen als grüner Marmor behandelt und durch kleine goldene in regelmässigen 
Abstanden aufgemalte Flammen belebt waren ^ 

Das eben erwähnte Kreuz, gleich unterhalb der Loretokapelle, stand ursprünglich 
noch tiefer und bildete bis 1763 einen Theil der den Hof des damaligen Franziskaner- 
klosters nach der Grosskölnstrasse zu abschliessenden Mauer. 1763 erhielt es den Stand, 
den es beim Abbruche noch hatte, und wurde damals mit dem sogen. Minderbrüderpiefchen 
verbunden, das vordem vor dem Eckhause zwischen Gross- und Kleinkölns trasse, dem 
sogen. Gapstock, stiind. Die sehr barocken Figuren der durch eine architektonisch einfach 
ausgebildete Nische eingerahmten Kreuzgruppe waren keine bedeutenden Kunstleistungen; 
sie zeigten eine übertriebene realistische Darstellung und eine überaus theatralische Auf- 
fassung in ihrer Gruppiruug. Das hiesige Suermondt-Museum bewahrt eine Photographie, 
die die oben erwähnten nun abgerissenen Bauten und auch die Anlage dieser Kreuzgruppe 
darstellt. 

Im Anfange des laufenden Jahres musste auch die an der Nordseite des Chores 
gelegene Sakristei wegen Baufälligkeit niedergelegt werden. Dieselbe war nach dem 
Aachener Brande zum Theil mit Bauresten der bis dahin erhaltenen ursprünglichen 
Sakristei errichtet worden und würde schon längst wegen der mangelhaften Bauweise 
eingestürzt sein, wenn nicht schwere Eiseuanker die Mauern zusammengehalten hätten. 

Der jetzt niedergelegte Sakristeibau bot nur geringes architektonisches Interesse 
und war ganz unorganisch mit dem Chor der Kirche verbunden. Dennoch wirkte die 
gesaramte Gruppe der Sakristei mit ihren kleinen Anbauten von der neuen Minoritenstrasse 
aus gesehen, sehr malerisch. Auch von dieser Anlage bewahrt das Museum eine Photo- 
graphie auf. 

Das Innere der Sakristeibauten war nur hinsichtlich des Mobiliars von einiger 
Bedeutung. Die grossen Sakristeischränko zur Aufbewahrung der Paramente und der 
heiligen Gefässe waren einfache aber geschmackvolle Arbeiten; durch verzierte Lisenen 
und vielfach verkröpfte Rahmenproftle und die schön ornamentirteu Eisenbeschläge und 
Schlösser machten dieselben einen sehr gediegenen Eindruck. 

Durch den Abbruch dieser Sakristeibauten haben sich manc^he Anhaltspunkte für 
die Gestalt der vor dem aachener Brande bestehenden ursprünglichen Sakristei ergeben. 
Dieselbe stand an der gleichen Stelle, hatte dieselbe Länge wie die jetzt abgerissene 
Sakristei, aber nur eine Breite gleich der der Seitenschiffe, so dass die nördliche Seiten- 
schiffwand in ihrer Verlängerung mit der Sakristeimauer dieser Seite zusammenfiel. Das 
Innere war durch Kreuzgewölbe überspannt, deren Schildbögen an der nördlichen Chorwand 
noch sichtbar sind. Unter der Bauraasse der abgerissenen Sakristei fanden sich eine 
grosse Anzahl von (Tcwölberippen, Maasswerkstäben, Schlusssteinen, Thürgewänden etc. 
der ursprünglichen Sakristei auf. Besonders interessant sind die Gewölberippen und die 
sehr reich mit feinem Blattwerk verzierten Sehlusssteine. Die Ornamente an denselben 
sind von grosser Schönheit und merkwürdigerweise auch an den Stellen der Schlusssteine 
angebracht, die dem Beschauer gänzlich unsichtbar bleiben mussten. Diese Baureste sind 
f^r Aachen besonders beachtenswerth, weil sie die einzigen sind, die uns aus jener Zeit, dem 
Anfange des 13. Jahrhunderts, erhalten sind. Es ist Sorge dafür getragen, dass alle 

*j Vgl. die AhbiUlung. 



— 94 — 

anfgefandenen Bautheile an geeigucter Stelle in den unteren Räumen der neuen Sakristei 
aufbewahrt werden. 

Die an den erwähnten Fundstücken noch theil weise erhaltene Malerei stammt 
grösstentheils aus dem 15. Jahrhundert. Danach sind die Gewölberippen in Zonen getheilt, 
wovon die eine wechselseitig weiss und roth und die andere schachbrettförmig bemalt ist 
und zwar in den Farben weiss, gelb, blau und roth. Die Ornamente der Schlusssteine 
sind naturalistisch, die Blätter grün und die Rosen roth, bemalt. Die Wandflächen waren 
mit einem dunkelrothen Thon angestrichen. 

Im Bauschutte fanden sich ausserdem noch eine grosse Anzahl interessanter Boden- 
belegsteine aus gebranntem Thon, die ornamentale Verzierungen und Wappen enthalten. 
Diese Bodenfliesen gehören dem Schlüsse des 15. Jahrhunderts an. 

Durch den Abbruch der Sakristei ist auch die untere Endigung des Treppenthürm- 
chens, das den Zugang zum Dachboden der Kirche vermittelt und in der Ecke zwischen 
Chor und nördlichem Seitcnschifib liegt, frei geworden. Dieser Bautheil ist im Laufe der 
Zeit oft umgebaut worden und es ist daher schwierig, den ursprünglichen Zustand zu 
erkennen. Der Zugang zu diesem Treppen thürmchen wurde durch eine kleine Thür 
in der östlichen Abschlusswand des nördlichen Seitenschiffes vermittelt. Diese Thür 
begann erst in einer Höhe von 1 Meter über dem Fussboden der Sakristei, sodass ursprüng- 
lich noch eine Freitreppe davor angebracht sein musste um dieselbe zugänglich zu machen. 
Bei dem jetzigen Neubau der Sakristeiräume wird dieser Bautheil wieder in der vermuth- 
lich alten Weise hergestellt werden. Dasselbe gilt von dem kleinen kreisrunden Fenster, 
das oberhalb der vorhin erwähnten ThÜr aufgefunden wurde. Dieses Fenster wird im 
Innern der Kirche durch den Marienaltar verdeckt und bildete die Fortsetzung der Kreuz- 
gangfenster des nördlichen Seitenschiffes, die das obere Stockwerk des Kreuzganges mit 
der Kirche verbanden. 

Bei der nunmehr bereits theilweise erfolgten Wiederherstellung der äusseren 
Ghorfassaden hat es sich gezeigt, dass der Chor ursprünglich weniger lang als zur Zeit 
war. Der ursprüngliche, gleichzeitig mit der noch jetzt stehenden Kirche errichtete Chor, 
hatte ein ganzes Gewölbejoch weniger. Der erste 1327 consecrirte Bau ' wurde 1333 durch 
den Brand beschädigt. Bei der folgenden Wiederherstellung ist wahrscheinlich der Chor 
in dem jetzt bestehenden Umfange vergrössert worden ^ 1390 wurde derselbe fertig- 
gestellt. Dass der Chor ursprünglich um ein Gewölbejoch kleiner war, folgt aus dem 
Unterschied der architektonischen Verhältnisse und des Mauerwerks zwischen den altem 
und jungem Chortheilen. Die Fenster des neuem Thciles beginnen tiefer als die des 
altem Theiles; jene sind dreitheilig, diese zweitheilig; die Gewölbejoche des altern Theiles 
haben profilirteSchildbögcn, während die des jungem Theiles solche überhaupt nicht 
haben. Schliesslich stellte es sich bei der jetzigen Restauration auch heraus, dass die 
Strebepfeiler an der Stelle, wo die beiden Theile sich vereinigen, hier ohne Verband nach- 
träglich angesetzt worden waren. 

Aachen. J. Buchkremer. 

Spottgedicht auf die Franzosen aus dem Jahre 1793. 

[Nnch eiuem m der hiesigen Stadtbibliothek (Mise. tom. VI Nr. 27) vorhandenen Flngblutt.] 

Das nachstehende Gedicht vordankt seine Entstehung der grossen Freude der links- 
rheinischen Bevölkerung Über den Sieg der Ocstcrreicher unter dem Prinzen von Koburg 
über die Franzosen unter Dumouriez bei Aldenhoven. (1. März 1703.) Infolge dieser 
Niederlage mussteu bekanntlich die Franzosen das seit Dezember 17U2 besetzt gehaltene 
deutsche Gebiet räumen. Die tiefe Abneigung gegen die Franzosen und die von ihnen 
vertretenen Grundsätze, sowie die Freude über das Ende der Fremdherrschaft und die 

*) Dieser Altar wurde sorgfHltig abgebrochen und wird höchst wabi-scheinlich nn einer älin- 
lichen Stelle wieder sur Verwendung kommen. 

*) Neu, Zur Geschichte des Fransiskanerklosters etc., Aachen 1881, S. 14. 

») Cfr. Qu ix, Beiträge zur CJeschichte der Stadt Ajichen, II {lriH\, S. 13S: „Am 9. Mai 1390 wurde 
der nunmehr fertig gewordene neue Chor der Kirche v«»n dem WtihJiischof zu Lüttich, ArnoUl, 
Bischof von CapitoHaue mit 8 Altären geweiht." — Nou a. a. O. S. 17 nimmt hierbei nur eine 
Bestauration an. 



— 95 — 

Dankbarkeit gegenüber dem Sieger kommen in dem Gedichte in gleicher Weise zum Aus- 
druck. Jedenfalls ist das Gedicht, dessen Verfasser sich am Schlüsse selbst als „Schröders, 
Küster zu Puffendorf im Gülischen Amt Aldenhoven** bezeichnet, nicht lange nach der 
Schlacht entstanden. Wie einige im Gedicht (vgl. u. a. 6 und 8) befindliche Andeutungen 
schliessen lassen, ist dasselbe vor der am 4. April 1793 erfolgten Flucht des Generals 
Dumouriez zu den Oesterreiehem verfasst. 

Ludovicus XVI 
Innocens Mortuus 

den 21ten Januarii. 

Ludwig König der Franken, ist Mord- 

weis gestorben, Wem wundert's: wenn solcli' 
ganz Reich nunmehro verdorben? 



Wird in ein neu Liedchen entworfen, unter der Melodie: 

Wunderschön prächtig. 

I. Vers. 
Französisch' Nati(m! Wo ist dein Köuigsthronr* 
O du elendes Volk in Babilon! 

Du schändest deiner Krön, auch spürest jetzt dein Lohn, 
Merke, wir singen dir*s, aus frohem Thon; 
Du darfs zwar wagen, die wir's beklagen, 
Zu plündern die Länder, mit schändlicher 3Iacht, 
Bis dich der Kaiser zum Schinder jetzt jagt. 

2. 

National-Konvent! schrie auch dein Präsident! 

Werden wohl billig Blut-Igel genennt; 

Du sprachst ein Urtheil, dies bringt dir viel Unheil, 

Da du dein König bringst in Henkers Hand. 

Himmel schick Rache, donnere und krache, 

Segne den Säbel in Koburg sein Hand, 

Dass Er die Mörder würg im eignen Land. 

3. 
Gibt dir*s noch Wunder? Merk insbesonder. 
Wenn du zum Feind jetzt hast die ganze Welt; 
Ein Volk olm Gesetz, Freiheit ihr Geschwätz, 
Gleichheit und Bruderlieb, wie man es zählt. 
Keines von beiden wollen wir leiden. 
Wir glauben und halten die römische Lehr, 
Suchen und rächen des Kaisers sein Ehr. 

4. 
Wer hat die Welt gemacht? und dich darauf gebracht? 
Begreifs du dies Wunder, so meld* es nur bald, 
War's nicht der Himmel? Thörichter Lümmel! 
Erkenne die Wahrheit, sie ist gar zu alt; 
Ob dich empörest, doch nichts zerstörest. 
Würdest du rasend, ein Lucifer gleich, 
So bleibt das Wort gelten aus göttlichem Reich. 

5. 
Du pralllest dein(?r Macht, man dich darzu auslacht, 
Sehe ein David mit Goliath im Streit, 



— 96 — 

Wer auf Gott vertraut, der hat wohl gehaut. 
Gedeon mit wenigen schlagt weit und "breit, 
Du Volk der Franken, gehst aus den Schranken, 
Fluchest des Himmels und alles, was recht, 
Wie die Barbaren und solches CJcschlecht. 

6. 
Du prahlst dein 3Ieistcrstiick und grosses KriegesglUck, 
Seh, wie der Vogel dir jetzt fliegt aus der Hand, 
Komm auf das Kriegsfeld, wo Koburg jener Held, 
Mit hundert jagt tausendeu aus dem Land; 
Ohne die Leichen, die Todes verbleichen. 
Wir haben am Ruhrfluss viel tausend an Hand, 
Denen der Pulver von der Pfanne gcbranudt. 

7. 
Du bringst zwar schön Geschütz, uns aber ist es Nütz, 
Dir kocht man hier Suppen aus eigenem Döppcn, 
Du hast den Freiheitsbaum hier gepflanzet kaum, 
Du machest dein Gräber hier mit eigenen Schuppen; 
Und auch dein rothe Kapp, dummer Narrenlapp, 
Brauche in Zukunft zu ein' Ehrenkranz, 
Wenn dich noch lüstern soll dergleichen Tanz. 

8. 
Dein oberster Feldherr General Dumouriez 
Ein echter Würgengel, wie Holofer, 
Geister voller Hofart und von gar schlechter Art, 
Michael der Held stürzt solch' Lucifer; 
So faule Glieder plotzen jetzt nieder. 
Laufen als Mörder und Böß wicht ins Grab, 
Man würgt ihn' die Gurgel nicht schändlich gnug ab. 

9. 
Koburg du teurer Held, Heil sei dir in der Welt, 
Wir streuen dir Palmen zum Lorbeerkranz. 
Du hast uns Heil gebracht, die Franken fortgejagt, *• 
Unsterblicher Lohn sei ewig dein Glanz. 
Dies wenig Lieder, ich lege nieder, 
L;h singe mit Jubel und freudigen Thon, 
Gott reiche auf Ewig dem Helden sein Lohn. 

10. 
Sub umbra Alarum, Lux Musarum! 
Majestätischer Adler des Ocsterreicher Haus, 
Ich bin dein Unterthan und reich dir diesen Plan; 
So lang mein Blut weget, reiss ich nicht aus. 
Mein Leib, und Leben, will ich dran geben, 
Sehe, ich schreib dirs mit eigener Hand 
Schröders mit Namen, so bin ich genannt. 

Küster zu Puffendorf im Gülischen Amt Aldenhoven. 

Princeps Saxokoburg Generalissimus! 
Venit Vidit Vicit. 

Koburg unter göttlich-starkem Schutz, 
Ist den Patrioten jetzt zum Trutz. 

Äacheit. C. Wackev. 



Druck von UicKiiANN K.kki/.vm in /Vachkj». 



Mmm -Ea@li©xis ¥oxÄ0li 



Jshrljch S Numnicni Kummiiu<iiinii-Vi>rlim 

k I Bögen Rojiil Oktay. '''^' 

t 'rnuierVlii'n Itiii'liUnu'llniiK 
Preis des Jahrgang» ,5 j„,„ 

4 Hark. in Aniilji'ti. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereios lierauHKegi'ben von B. Bobnock. 



Achter JahrKanff. 1H05. 



Inhalt: Franz OpiieobofT, Die famiUc von FticBbcim in Ani-huti im IT. und IE). JobrhuDtliirt. 



Die Familie von Friesheim in Aachen im 17. und 18. Jahrhundert. 

Von Franx Oppenhoff. 

Die erste Nammer des laufenden Jahrgangs dieser Zeitschrift bra^'lite 
aus der Feder des Herrn J. Bachkremer die eingehende, durch H Tafeln 
erläuterte, hochinteressante Baugeschichte des Friesheimschen Hauses auf 
dem Bergdrisch. Ist der Name dieser Familie eben durch ihr prftchtigCB 
Heim den meisten Aachenern auch bekannt geblieben, so durfte doch kaum 
mehr als der Name der ehemaligen Besitzer des jetzt niedcrgelcf^n Kchönen 
Gebäudes sich in der lokalen Erinnerung erhalten haben. Und duch liegt 
die VermutDng nahe, dass diejenigen, die ein. besonders für jene Zeiten, 
80 ansehnliches Wohngebäude ihr eigen nannten, auch im öffcntlidien 
Leben Aachens hervorgetreten seien. 

Der Wunsch, fiber die ehemaligen Besitzer des Frie»^heimHche[l IfauMiii 
genauere Nachrichten zu erhalten, hat zu den nathütehcnden Audführungen 
den er-<ten Anst/j>ä gegeben. Dieselben machen cn hich ;<ur Auf^lM;, die 
Beziehr.r.gen der Familie von Frie»>heim zum öffentlichen Uiben Aaehcnii 
im 17. Jahrhundert und im Anfange des iH. unter Au^wJiIus^h de« min^ler 
Wich'.:;/i:n kurz darzulegen. Der Verfa-SKer hofft damit zur Kenntuih der 
GescLi.iite Aachen-^ io d<:r trüt^n Zeit, die i;n 17. Jahrhundert über Dculvib- 
U-d hereinbrach, einen klehien Beitrag zo li<;f':ni, wenn er -lich atich nicht 
TCTh^iiiL da-3 noch vieles der Aufklärung' ttezw. Krpänz'Jii:: Wlarf. 

AU Qnei:en kommen vor aüem in Be'.r-yJjt die Ilut-- und l'AmxuV-.h- 
pr>ju4.-:üe der ätadi Aachen: leMer reichen «ie wir b;-. ia da» Jahr det 
gnwiMD .Staii'.braiile! ilOö*!; L;:.ii/. AL-ierer r"^.!','-.':;i':.'j ArchiTaHer) wird 
■Lten Yj^kL-vWi g-^-Lehen. A'.f Gnid vo-'j .\:*-£.<,jt:u aj* A/i/:!-*;f.*;r 
EirtbeBll^Lera t^i Mao» ia IL BaL'le »*:;L*:r ,&:i'.ra:^e z^r 0':Lea^/g:e 



u 1 



— 98 — 

rheinischer Adels- und Patrizierfamilien" auch über die Familie von Friesheim 
genealogische Mitteilungen gegeben, die der nachstehenden Arbeit viel- 
fach sehr von Nutzen gewesen sind. 

Es bleibt noch aufzuklären, woher die Familie stammt. Mit der 
Uradelfamilie von Friesheim, welche die erbliche Vogtei im Dorfe Friesheim 
bei Euskirchen besass und bereits 1171 urkundlich vorkommt, hat die 
Aachener Familie nichts gemein. Das beweist die Verschiedenheit der 
Wappen ^ Der Name der Aachener Familie wird bald Friesheim, Friessheim, 
Vriessem, meist aber Freis(s)heim geschrieben. Sie gehörte der deutsch- 
reformirten Kirche an und ist vielleicht in Folge ihrer Verwandtschaft 
mit den Familien Amya, Blantsche u. a. nach Aachen gekommen. Nach 
Macco werden die Friesheim in den Aachener Kirchenbüchern nicht vor 
der Wende des 16. Jahrhunderts genannt^; allen Mitgliedern der Familie 
kommt im 17. Jahrhundert das Adelsprädikat zu, einige, so der Oberst 
Gottfried von Friesheim und seine Söhne, waren Freiherren. Gleichwohl 
finden sich in den meist benutzten Adelslexiken keine Nachrichten über 
die Familie von Friesheim, nur das Zedlersche Universallexikon ^ gedenkt 
derselben als eines freiherrlichen Geschlechtes, dem der General der Infanterie 
der Generalstaaten in Holland, Johann Theodor (f 1733) entsprossen sei*. 

Im 17. Jahrhundert gab es in Aachen zwei Linien der Familie von 
Friesheim, von denen die eine, deren Hauptvertreter Albrecht von Friesheim ^ 
war, das prächtige Haus auf dem Bergdrisch bewohnte, während die andere, 
welcher der schon genannte Oberst Gottfried, Freiherr von Friesheim ange- 
hörte, an der Ecke „des Duppengrabens** und „der Missierstrasse" ihr Heim 
hatte ^. Beide Zweige der Familie zählten, wie das auch die vornehme 

^) Gütige, Mitteilung des Herrn E. von Oidtman. Bezüglich der Wappen vgl. 
von Oidtman in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, Bd. VII, S. 315, Anm. 1, 
Hensch, ebenda S. 297, Anm. 1 und Macco, Bd. II, S. 35. 

*) Am 2. Februar 1677 bescheinigen Bürgermeister, Schöfifen und Rat der Stadt 
Aachen, „dass der wohlgeborener Godefridus von Friessheim freyherr und oberster in 
ihrer kayserlicher mayestätt dienst und dieser unserer statt eingeborener bürger und 
einwohner ist, wie auch seine voreitern selige bürger und einwohnere 
gewesen seyn**. (Amtliche Zeugnisse auf dem städtischen Archive.) Gottfried von 
Friesheim war geboren 1602 oder 1603. 

^) Bd. IX (aus dem Jahre 1735) unter Friesheim ; auch Macco führt die Familie als 
Freiherren von Friesheim auf. 

*) Ueber ihn s. unten S. 108 ff. 

^) Ein Sohn Albrechts, Hans Peter, war wahrscheinlich Inhaber einer Kupferfabrik; 
er wird 1677 unter denjenigen genannt, die aus dem städtischen „Kelmyn Berg" Galmei 
geliefert erhielten. (Verzeichniss von E. E. Kahts Kelmyn Bergs, 1676—1677, auf dem 
städtischen Archive). 

*) Das Eckhaus Alexianergraben-Franzstrasse, in dem Oberst Gottfried Freiherr 
von Friesheim wohnte, dürfte im Laufe der Zeit wohl manche Veränderungen erfahren 
haben; doch machen besonders die den Hof räum umgebenden Gebäudeteile — eine 
photographische Abbildung befindet sich im städtischen Museum — noch heute einen 
imposanten Eindruck. — Dass Gottfried von Friesheim in dem genannten Hause wohnte, 
ergiebt sich aus einem Erlasse des Kats vom 31. Juli 1663, der demjenigen eine Belohnung 
von 100 Keichsthalem zusichert, der den „leichtfertigen Bosswicht" namhaft machen könne, 
der am 27. Juli Nachts zwischen 10 und 11 Uhr in der „Wohnbehausung des Herrn 
Obristen von Freissheirab am Eck des Duppengrabens" nach der Seite „von Missierstrasse" 



— 99 — 

Einrichtung des Hauses auf dem Bergdrisch und die Beziehungen der von 
Friesheira zu anderen angesehenen und wohlhabenden Familien der Stadt 
(Amya, Römer, Hessel von Dinteren u. s. w. ^) wahrscheinlich machen, zu 
den reicheren Bärgerfamilien Aachens. Der Name Albrecht von Friesheims 
(Freisheims) erscheint überaus oft in den städtischen Rats- und Beamten- 
protokollen. Er war, wahrscheinlich seit dem 1. Februar 1651 ^ Gläubiger 
der Stadt, und eine lange Reihe von Jahren hindurch beschäftigen die 
„Freissheimschen Gelder" die städtischen Behörden; trotz wiederholter 
Umlagen (Schatz, Schätzung^) und strenger Eintreibung bezw. Bestrafung 
der „Hinderstendigen" wollte es Jahrzehnte hindurch nicht gelingen, die 
Schuld zurückzuzahlen. Nach der amtlichen Festsetzung durch den Magistrat 
betrug die Schuld am 6. März 1659 6451 Reichsthaler; die Interessen dieser 
Summe seien für die Zeit vom 1. September 1655 bis 6. März 1659 zuzurech- 
nen. Ausserdem sollten dem Gläubiger „wegen gehabter Mühe** 300 Tfialer 
zugelegt werden*. 1662 beträgt die Schuld noch 3284 Reichsthaler ^ und 
am 29. Januar 1665 beschliesst der Rat, „damit der Wittiben von Herrn 
Alberten von Freissheim ihrer hinderstendigen Capital und Interessen halber 
dermahleinst verholffen werden möge", solle „der bürger und einwohnender 
sowoU als der Auswendiger darahn pro quota bezahlen" und mit dem 
Empfange, der bereits begonnen hatte, fortgefahren werden*. 1669 beträgt die 
Friesheimsche Forderung noch 2846^4 Reichsthaler, wozu aber noch ungefähr 
700 Reichsthaler rückständige Zinsen kamen '. Noch im Jahre 1684 befassen 



dorch ein Glasfenstcr einen „Grobstein in ein Gemach geworfen", das die Herren Abgesandten 
der Generalstaaten der Vereinigten Niederlande innegehabt hätten, und in dem sie damals 
beisammen gewesen wären. Vgl. auch RatsprotokoU von Dienstag, 81. Juli 1663 (Eats- 
protokolle, Bd. IV, S. 153). Der bezügliche Erlass des Eats wurde „durch öffentlichen 
Trommelschlag" verkündigt. — In einer notariellen Urkunde vom 24. Juli 1659 (in den 
Prozessakten Freissheim/Sicss auf dem städtischen Archive) wird die Wohnung des 
Herrn Obristen Gottfried von Freissheim als auf der Marschierstrasse belegen angegeben, 
womit zweifellos ebenfalls das Eckhaus Marschierstrasse-Duppengraben gemeint ist. Dass 
der Oberst vor 1659 auf dem Bergdrisch gewohnt hat, ist wohl kaum anzunehmen. Somit 
dürfte die von J. Buchkremer in dem eingangs genannten Aufsatze (S. 7 des laufenden 
Jahrgangs dieser Zeitschrift) ausgesprochene Vermutung, dass das bisher noch nicht ent- 
zifferte Wappen auf dem prächtigen Kamine der Haupthalle des Hauses auf dem Berg- 
drisch dasjenige der Familie Amya sei, nicht zutreffen. 

*) Vgl.. die Namen der Taufpaten bei Macco a. a. 0., 11, S. 36. 

*) An diesem Tage wurden bei Albrecht von Friesheim seitens der Stadt „Friedens- 
oder Satisfaktionsgelder aufgehoben". — Aachen hatte zu der den Schweden nach den Be- 
stimmungen des Westfälischen Friedens zu zahlenden Kriegsentschädigung von 5 Millionen 
Thulern für seinen Anteil 27,234 Flor, beizusteuern. Vgl. Meyer, Aach. Gesch., Bd. I, 
S. 646 und Haagen, Gesch. Achens, Bd. II, S. 258. 

') Unter dem „Frei^sheimschen Schatze" ist eine Umlage zu verstehen, aus deren 
Ertrag die von der Stadt an Freissheim geschuldete Summe („die Freisshei raschen Gelder") 
bezahlt werden sollte. Ueber den Ausdruck Schatz, Schätzung vgl. man, was Haagen, 
Gesch. Achens, Bd. II, S. 250 über die Hatzfeldsche Schätzung sagt, und Gross, Zur 
Geschichte des Aachener Reichs, in dieser Zeitschrift, Jahrgang VI, 1893, S. 72. 

*) Beamtenprotokolle, Bd. XXXIX, S. 99. 

*) Ratsprotokolle, Bd. III, S. 48. 

•) Ratsprotokolle, Bd. VI, S. 10. 

^) Ratsprotokolle, Bd. X, S. 289. 



— 100 — 

sich Magistrat und Rat mit der alten Schuldforderung der Erben „weiland 
Alberten von Freissheira*', mit denen ein Vergleich geschlossen wird \ 
wodurch die Angelegenheit ihr Ende erreicht haben dürfte. 

Dass sich die Bezahlung einer verhältnismässig doch nicht grossen 
Summe so lange hinziehen konnte, dass die Stadtkasse häufig nicht in der 
Lage war, die fälligen Zinsen zu zahlen, erklärt sich aus der so überaus 
trostlosen finanziellen Lage der Stadt im 17. Jahrhundert. Schon in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war der allgemeine Wohlstand infolge 
der vielen Beunruhigungen durch Kriege sehr erschüttert worden^; vollends 
vernichtet wurde er im 17. Jahrhundert. Mehr als der grosse Stadtbrand 
des Jahres 1656 haben die unaufhörlichen Kriegsdrangsale die völlige Ver- 
armung des grössten Teils der Bürgerschaft herbeigeführt*. Die damalige 
Kriegführung ging nicht so sehr darauf aus, durch grosse Schlachten 
eine schnelle Entscheidung herbeizuführen, als den Gegner durch Hin- und 
Herzüge zu ermüden und durch Verheerungen des Landes der Mittel zur 
Kriegführung zu berauben. Nur in den Sommer- und Herbstmonaten stan- 
den die Truppen im Felde, im Winter fielen sie den unglücklichen Be- 
wohnern des Landes, das gerade den Kriegsschauplatz bildete, zur Last. 
Die Heerführer erhoben nicht selten die unerhörtesten Forderungen, für 
sich selbst wie für ihre Offiziere und Mannschaften, und wenn sie nicht 
befriedigt wurden, so plünderten und raubten sie, bis sie ihren Willen 
durchgesetzt hatten. Es machte dabei keinen Unterschied, ob das Reich 
bezw. die Stadt zu den kriegführenden Parteien gehörte oder nicht. Meist 
handelte es sich darum, die Stadt zu zwingen, entweder die Truppen in 
ihr Gebiet aufzunehmen und dort zu verpflegen oder aber für die Ver- 
schonung eine Abfindungssumme zu zahlen. Die Heere der eigenen Nation 
machten es kaum besser als die fremder, und ein kaiserlicher Schutzbrief 
nutzte in den seltensten Fällen, da er von den Generalen, sei es unter 
dem Drucke der Kriegsereignisse, sei es aus Habsucht, nicht geachtet 
wurde; ebensowenig halfen spätere Eeklamationen. 

Als Deputirter der Stadt und Vermittler fremden Heerführern gegen- 
über war während des Dreissigjährigen Krieges zu wiederholten Malen 
thätig der schon mehrfach genannte Freiherr Gottfried von Friesheim ; sein 
Sohn zwang 1702 während des spanischen Erbfolgekrieges, an der Spitze 
holländischer Truppen, die Stadt, seine Leute in ihre Mauern aufzunehmen 
und ihnen mehrere Monate lang Quartier zu geben! 

Freiherr Gottfried von Friesheim war seiner Zeit ohne Zweifel einer 
der wohlhabendsten und einflussreichsten Bürger Aachens. Er war Offizier 
im Dienste des Kaisers, in welchem er — nachweislich seit 1647 — den 
Rang eines Obersten bekleidete*. Er lebte wenigstens in späteren Jahren 

») EatsprotokoHe, Bd. XIV, S. 143. 

•) Vgl. Hansen, Kriegsdrangsale Aachens in der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts, in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, Bd. VII, S. 65 ff. 

•) Vgl. Haagen, Gesch. Achens, Bd. 11, S. 244 ff. (259), und Aus Aachens Vor- 
zeit, Jahrgang III, S. 113/14. 

*) In amtlichen Zeugnissen des Aachener Magistrats (im städtischen Archive) aus 
'en Jahren 1660 und 1675 wird er als sacrae Cacsareae maiestatis colonclus bezeichnet; 



— 101 — 

ständig in Aachen und war ein Geldmann mit den ausgedehntesten per- 
sönlichen und geschäftlichen Verbindungen. Wir lernen ihn kennen als 
Ankäufer mehrerer Häuser bezw. Höfe^ und als Inhaber einer „von der Stadt 
gekauften" Mühle*, besonders aber als einen in Zeiten der Not von der Stadt 
oft in Anspruch genommenen Vermittler in Geldangelegenheiten; an den 
mannigfachen Truppenwerbungen in jenen kiiegerischen Zeiten war er 
finanziell beteiligt, zu mehreren ausländischen Höfen hatte er die engsten 
Beziehungen. 

Gottfried von Friesheim wurde geboren zu Aachen 1602 oder 1603^ 
und vermählte sich am'29. November 1629 mit Katharina Amya, mit der er 
acht Kinder hatte. Im Jahre 1642 war er Eittmeister und hatte seinen 
Wohnsitz innerhalb des Aachener Reichs. Als nämlich nach dem Siege des 
französischen Marschalls de Gu^briand über den kaiserlichen General von 
Lamboy auf der Husener Heide bei Uerdingen am 17. Januar 1642 der Gene- 
ral ßeinhold von Rosen, der, einem livländischen Geschlechte entsprossen, 
mit Gustav Adolf nach Deutschland gekommen und nach Bernhard von 
Weimars Tode 1639 mit dessen Armee in französische Dienste getreten 
war, das Aachener Reich brandschatzte, kamen am 6. April 1642 Graf 
von Merode de Holfalize zu Frankenberg, der Rittmeister Gottfried von 
Friesheim und Arnoldus Schmitz, Pastor zu Haaren, einerseits und ßein- 
hold von Rosen andererseits zu Düren zusammen, um wegen einer an den 
letzteren zu zahlenden Summe zu verhandeln, wodurch der Plünderung 
und Verheerung des Aachener Reichs durch die Rosenschen Truppen ein 
Ende gemacht werden sollte. Die Stadt Aachen hatte sich nämlich zu 

in einem solchen yom 26. August 1675 heisst er sacrae Caesareae maiestatis quondam 
colonelhis, während er in einem Zeugnis vom 2. Februar 1677 „oberster in ihrer kayser- 
hrher mayestätt dienst und dieser unserer statt eingeborener bürger und einwohner" 
genannt wird (vgl. S. 98, Anm. 2). 

*) So kaufte er im Jahre 1637 (?) das bekannte Gut Oberfrohnrath bei Horbach, 
welches zu Anfang des 18. Jahrhunderts aus den Händen der Familie von Friesheim 
durch Kauf (für 25000 holländische Gulden) an den Bürgerhauptmann Johann von Thenen 
überging, bei dessen Familie es bis heute geblieben ist. S. Hon seh in der Zeitschrift 
des Aachener Geschichtsvereins, Bd. VIT, 8. 296/97. — Ueber die Erwerbung eines „auf 
der Paunelle** am Stadtwall gelegenen Hauses durch Gottfried von Friesheim berichtet 
eine Urkunde vom 27. Oktober 1635, die bei Pick, Aus Aachens Vergangenheit, Aachen 
1895, S. 481 mitgeteilt wird. 

^ Wo diese Mühle lag, konnte nicht genau festgestellt werden. Einen Anhaltspunkt 
bietet eine Notiz in dem Beamtenprotokoll vom 19. Juni 1668 (Bd. XXXX, S. 270): „Den 
Supplicirenden Lambert Lamberts, Jacob Moess und Consorten haben herm Bürger- 
meistere und beambten auf ihre gcthane praesentation, dass die bottergass uf ihre 
eigene Kosten bestendigh repariren und 12 ihar langh also unterhalten wollen mitt dieser 
condition daz von dess h. Vögten heyendalss erb ahn biss ahn dess h. obr. von 
freissheimbs Müll solches thun sollen, gegen einnehmungh dess Weggelts ahn St. 
Albertspfortz uf 12 ihar langh dergestalt wie in ihrer Supplication mitt mehreren Vermelt 
ihr begeren eingewilligt . . .** u. s. w. Die Buttergasse, in welcher demnach die Mühle 
lag, war eine Querstrasse des Adalbertsteinwegs und schnitt diesen auf der Strecke 
zwischen der heutigen Elsass- und Viktoriastrasse. 

*) Es heisst nämlich in einem vom Aachener Magistrat am 4. April 1675 aus- 
gestellten amtlichen Zeugnisse: ilhistris et generosus dominus Godefridus baro de Freisheim, 
aetatis septuaginta duorum annorum . . , 



— 102 — 

einem Vergleiche mit von Rosen d. h. zur Zahlung einer Abfindungssumme 
an diesen General nicht verstehen wollen, was zur nächsten Folge die 
Brandschatzung des Aachener Reichs gehabt hatte. Die oben genannten 
drei Abgesandten des Reichs, die „ohne Zuthun der Stadt" im Namen der 
Eingesessenen des Reichs die Verhandlungen führten, kamen mit von Rosen 
dahin äberein, „dass das Reich von allen Hostilitäten, als Raub, Plünde- 
rung, Morden und Brennen frei sein solle, wenn es ein für alle Mal diesen 
alhier logirenden Regimentern zum besten 4000 Reichsthaler innerhalb 8 
Tage zahlte**. Die Stadt Aachen wurde ausdrücklich von diesem Abkommen 
ausgeschlossen ^ In den Jahren 1647 und 1648 w&r der Oberst Gottfried 
Freiherr von Friesheim Kommandant zu Eschweiler ^. Als solcher hatte er 
den Auftrag, die von der Stadt Aachen, deren Waffenfabrikation vor dem 
Stadtbrande in hoher Blüte stand ^, zum Dienst der kaiserlichen Heere auf 
das Schloss zu Eschweiler gelieferten Waffen, inbesondere Pistolen, den 
einzelnen Truppenkörpern gegen Quittung auszuteilen*. 

Wie 1642, so hat Oberst von Friesheim im Laufe des 30jährigen 
Krieges mehrmals im Interesse Aachens mit den Führern der Aachen oder 
dessen Gebiet berührenden Armeen verhandelt, öfter auch das zur Befrie- 
digung der Generale nötige Geld vorgeschossen. Er selbst weist hin auf 
seine Bemühungen und Verdienste um die Stadt in einem Schreiben an 
diese vom Oktober 1660, in welchem es heisst: „Was nuhn anbelangt, das 
mit Hern Haubttman Boogardt vor diesem von E. E. Rahtt auff Euss- 
kirchen, Kessenich und der ents wegen Abwendung der 6 Lottringschen 
Regimenter deputirt gewesen, auff welcher reysen dan ich alle Zehrungs- 
und andere Unkosten verwandt und bezalldtt, und mir grosse obligationes 
von denselben Obristen und ihren nachgesetzten Officieren über den Halss 
gezogen, will mich ahn gemeltes Hern Haubttmans advis und raport refe- 
rirt haben, und stelle eins mit dem anderen zu meiner hooch- und villge- 
ehrter Heren Burgermeister und Heren Beambten grossgunstiger Discretion/ 
In demselben Briefe wird an einer anderen Stelle ausgeführt: (Die Herren 
Bürgermeister und Beamten mögen erwägen, dass) „mir derzeit in a° 1636 
wie ich auff einstendigh anhalten des Hern Burgermeister Berchems, Hern 
Doctor Nuttens und Hern Balthasaro Munstero als damohllen E. E. Rahtts 
abgesanten undt Deputirten, zu Dienst der ganzer Statt und gemeinem 
Besten innerhalb drey ad 4 dagen: Rixdl. 28 400 content formirte und dahr- 
schoss, und in a"* 1640 denovo, auff Begehren E. E. Rahtts, an Picolomini 
und General Commissario Boehmer, voor dem Burgermeister Buittbach baar 



*) Dass es bei der Zahlung von 4000 Reichsthalern nicht verblieb, geht aus dem 
unten S. 103 auszüglich mitgeteilten Briefe des Obersten Gottfried von Friesheim an 
die Stadt Aachen vom Oktober 1660, wo der Schreiber angibt, dass er „a* 1642 zu 
Manutinentz des Reichs an Generalmajor Koose 5000 Reichsthaler und dan 10 000 Reichs- 
thaler** bezahlt habe, klar hervor. — S. Anhang. 

») Seit dem 11. Mai 1648 erscheint Kapitänlieutenant Promb als Kommandant in 
Eschweiler. 

•) Vgl. Haagen, Gesch. Achens, Bd. IT, S. 250. 

*) Mehrere dieser Quittungen mit anderen diese Angelegenheit betr. Papieren be- 
finden sich auf dem städtischen Archive. 



— 103 — 

zahllete Rxdl. 12 000 und deu 24. May selbiges Jahrs 7000 ßxdl. und 
dan in a** 1642 zu Manutinentz des Reichs an den Generalmayor Roose 
5000 Rxdl. und dan 10 000 Rxdl. So van den ersten Rxdl. 28400 durch 
meine Dexteritiet, dem deuffel aus dem Rachen zu Collen gehoolt, davon 
ohne mich E. E. Rahtt woU nit eines Hellers Wehrt wurde becommen 
haben, versprochen wahrt axinsbefreyung und andere prävilegien mehr vor 
meine Lebzeitt ..." 

Bezüglich der erwähnten Kriegsdrangsale sei auf die Darstellung des 
betr. Zeitabschnittes bei Meyer und Haagen (II, S. 244 S.) verwiesen. 
Im Jahre 1636 quartierte der kaiserliche Oberst von Bredau seine 12 
Kompagnieen zu Pferd und 5 zu Fuss mit Gewalt in Aachen und der 
nächsten Umgebung ein und blieb dort vom 12. Februar bis zum 8. Juni 
(Meyer, I, S. 623/4); 1640 musste die Stadt die Befreiung von den Winter- 
quartieren, die der kaiserliche General von Hatzfeld in Aachen zu nehmen 
drohte, sehr teuer erkaufen (Haagen, II, S. 250); über die Plünderungen 
im Aachener Reich durch General Rosen 1642 s. oben S. 101/2 und Anhang 
zu S. 102. Im einzelnen lassen sich die Vorgänge, auf die der Schreiber 
des Briefes * hinweist, wohl kaum nachweisen. 

Es fehlte Gottfried von Friesheim nicht an mächtigen ausländischen 
Verbindungen, die wohl geeignet waren, seinen Einfluss in der Stadt zu 
stärken; von besonderer Bedeutung sind seine Beziehungen zum englischen 
Hofe und diejenigen zum Hause Oranien. Karl II., der Sohn und Nachfolger 
des unglücklichen, am 30. Januar 1649 hingerichteten Königs Karl I. von 
England, war nach der vollständigen Niederlage bei Worcester (1651) von 
Cromwell eifrigst verfolgt unter wunderbaren Abenteuern aus England 
geflohen und hatte seitdem auf dem Festlande in gezwungener Unthätig- 
keit abgewartet, bis die Zeiten sich der Wiederaufrichtung der Monarchie 
und seiner Wiedereinsetzung in die königlichen Rechte günstiger gestalteten. 
1660 beriefen ihn seine Unterthanen zurück, und ergriff er von dem an- 
gestammten Throne Besitz. Das tragische Geschick seines Hauses und 
die eigenen wechselvollen Erlebnisse Karls IL, der wie wenige die Ungunst 
und die Gunst des Schicksals erfahren hatte, erweckten diesem Fürsten 



^) Das Schreiben, dem die oben mitgeteilten Auszüge entnommen sind, betrifft eine 
dem Obersten von Friesheim von der Stadt zugegangene Rechnung von 11636 Mark, „die 
noch von Wein und Bier Accinssen restiren sollten". Diese Rechnung will der Oberst 
nicht anerkennen nuter Berufung darauf, dass ihm für seine der Stadt geleisteten Dienste 
Accinsbefreiung versprochen sei. Am Schlüsse des Briefes spricht er die Hoffnung aus, 
dass seine „villfaltige gethane treuwe diensten und Mühewaltungen noch in etwas werden 
consideriret werden und meine hoch- und villgeehrte Heren mir dahrin nit zu hartt fallen, 
angesehen ein gantze gemeinden besser etwas entrahten kann als ein particuller; sonderlich 
der es ohne Raum zu melten mit trewen Diensten meritirt hatf*. Die Bürgermeister 
und Beamten lehnten die Bitte des Obersten um Niederschlagung der genannten Forderung 
nicht völlig ab, sondern „machten diesen Durchschlag, dass dem Herrn Obersten in 
Absehlag und Quittirung aller und jeder seiner Praetensionen" die Hälfte der betr. 
Summe nachgelassen werden, dass er aber „den übrigen Rest entrichten und inskünftig 
gleich anderen damit gehalten werden solle**. (Beamtenprotokolle Bd. XXXIX, S. 177.) 
Das Schreiben des Obersten, welches kein Datum tiägt, war bei der städtischen Ver- 
waltung am 20. Oktober 1660 eingegangen. 



lU* — 



eine aussergewöhnliche Teilnahme auch ausserhalb Englands, namentlich 
an den Orten, an denen er während seiner Verbannung geweilt hatte. Zu 
diesen Städten gehörte auch Aachen ; auch Aachens Bürger hatten den nur 
allzu schwachen, aber mit der Gabe einer seltenen persönlichen Liebens- 
würdigkeit ausgestatteten Fürsten in seinem Unglücke im Jahre 1655 in 
den Mauern ihrer Stadt kennen gelernt; als er endlich auf den Thron 
seiner Väter zurückgeführt wurde, erweckte die Kunde hiervon auch in 
Aachen lebhaften Widerhall, der in einem herzlichen Glückwunschschreiben 
der Stadt seinen Ausdruck fand^ In demselben Jahre (1660), in dem Karl 
nach England zurückkehrte, ernannte er den Obersten Gottfried, Preiherrn 
von Friesheim zu seinem Residenten in Aachen. Die Ernennungsurkunde 
(aus Westminster vom 2. Dezember 1660^) rühmt seine reife Einsicht und 
seine Verdienste, sowie seine nicht gewöhnliche Ergebenheit für den König 
und seine Sache; „anderswo habe er hiervon öfters Proben abgelegt". 
Wahrscheinlich hatte der König während seines Aachener Aufenthalts den 
Obersten kennen gelernt und mit ihm Verkehr gepflogen. — Gottfried von 
Friesheim war als „Magnae Brittanniae et Hyberniae regis hac in urbe 
residens", wenn die Stadt Veranlassung hatte zur englischen Regierung 
oder diese zur Stadt in Beziehung zu treten, der Vermittler. Ein solcher 
Fall trat ein 1668, dem Jahre des Aachener Friedenskongresses. Der 
englische Gesandte zum Kongresse, Ritter Temple, kündete seine bevor- 
stehende Ankunft dem Obristen Gottfried von Friesheim an, damit dieser der 
Stadtverwaltung wegen des bei solchen Gelegenheiten üblichen Ceremoniells 
Mitteilung mache. Der Gesandte hatte dem Wunsche Ausdruck gegeben, 
„ab incognito einzukommen". In diesem Sinne benachrichtigte die Stadt 
den Meyer, den Pfalz-Neuburgischen Obristlieutnant, Freiherm von Kolff, 
dem als Vertreter seines Herrn das Recht zustand, den Gesandten das 
militärische Ehrengeleit zu geben. Nachträglich aber berichtete der Haupt- 
mann Bogardt, den die Stadt eigens zu dem Zwecke dem Ritter Temple 
entgegengeschickt hatte, um von ihm zu erfahren, ob er feierlich em- 
pfangen werden wolle, dass der Gesandte erklärt habe, „ex rationibus" 
wünsche er ebenso wie die anderen Gesandten eingeholt zu werden. Als 
nun dem Herrn von Kolff, der inzwischen „die fürstlichen Völker" hatte 
abziehen lassen, die Mitteilung von der Sinnesänderung des Gesandten 
gemacht wurde, „formalisirte er sich höchlichst darüber** in der Meinung, 
die Stadt Aachen habe ihn absichtlich getäuscht, um ihn in der Ausübung 
des Geleitsrechtes „zu retardieren". Er drohte, dass hierdurch der Ver- 
4xag zwischen seinem Herrn und der Stadt „interrumpirt" werden solle. 
In dieser Verlegenheit beschlossen Bürgermeister und Rat („zu Entfliehung 
aller Misshelligkeiten, so bei diesem Zustand zu befahren") die feierliche 
Einholung durch die Herren Bürgermeister für dieses Mal zu unterlassen, 
dem Herrn Gesandten aber die Herren Hauptmann Bogardt und Oberst 
von Friesheim entgegen zu schicken, die die Stadt „aufs beste excusiren" 



>) S. Meyer, Aach. Gesch., S. 663; Haagen, Geschichte Achens, Bd. n, S. 274. 
•) S. Anhang. 



— 105 — 

sollten, übrigens „wolbemelten herrn, wie anderen hcrren beschehen, mit 
kanon und kammerschuss zu verehren" ^ 

Wie zu dem königlichen Hause von England, so hatte Gottfried von 
Friesheira auch sehr nahe Beziehungen zum Hause Oranien, das durch 
Heiraten* mit dem Hause Stuart eng verknüpft war. Im September 1681 
erhielt Oberst von Friesheim in seiner Wohnung auf dem Alexianergraben 
den Besuch der Prinzessin von Oranien. Bürgermeister und Beamte be- 
schäftigen sich am 5. August 1681 mit den Empfangsfeierlichkeiten für 
den hohen Gast und beschlossen: ,,dass beym einziehen der Königlichen 
Princesse von Oranien die bürgerschaflft von Cölner-Pfortz ab bis ahn des 
herrn Obristen von freissheimb behausung in armis und parade stehen, 
der weg durch gross Cölnerstrass über Closter (so hiess früher Kloster- 
gasse und Klosterplatz; vgl. Pick, Aus Aachens Vergangenheit, S. 223) 
und Parfiss genohmen und ohne einich schiessen mit wehr beschehen, 
sondeni nur mitt Canon und Cammer dass salut geben werden solte*^. 

üeber den Besuch der Prinzessin von Oranien berichtet ganz kurz 
auch die kleine sogenannte Schricksche Chronik oder „Verzeichnuss Wass 
sich alhier Binnen dieser Stadt Aachen Innerhalb 23 Jahren Zugetragen 
hatt, als anfangent 1666 bis 1689 adi". Hier heisst es zum Jahre 1681: 
„5 Sept. Kam die Princess von Oranien hierin .... 12 dito Marschirte 
die Princessin von Oranien hinweg"*. Der Name der Prinzessin von 
Oranien ist weder in dem Beamtenprotokoll noch in der Schrickschen 
Chronik angegeben; man hat wohl an die Gemahlin Wilhelms in., Maria, 
die Tochter König Jakobs II. von England, welche nachmals Königin von 
England wurde, zu denken ^ 

Oberst Gottfried Freiherr von Friesheim starb in hohem Alter im 
Juli 1683, nachdem ihm seine Gemahlin im August 1682 im Tode vorauf- 



>) Beamtenprot. vom 27. April 1668 (Bd. XXXX, S. 261 ff.). — Eine Notiz in 
dem Beamtenprotokoll vom T.November 1668 (Bd. XXXX, S. 280) lautet: -Dem Herrn 
Obristen von freissheimb sollen wegen des Englischen Ambassadorn Tempels von gebrawenen 
weissen Bier guctgethan [werden] sechssig gl. aix. — Nach dem Beamtenprotokoll vom 
22. Februar 1691 (Bd. XXXXTTT, S. 287) wurde dem Syndikus Lipman aufgegeben „ein 
höffliches schreiben an Ihre Majestät König in Engellandt, wie weniger nit ahn h. Obristen 
von freisheim einzurichten gestalt derselbe sich gefallen lassen wolle ersagtes schreiben 
behorig orthss zu adressiren". Der hier genannte Oberst von Freisheim ist zweifelsohne 
der Sohn des Obersten Gottfried, Johann Theodor von Freisheim, welcher in den Dienst 
des Prinzen Wilhelm in. von Oranien, Erbstatthalters von Holland, der im Jahre 1668 
auf den königlichen Thron von England erhoben wurde, getreten war. üeber ihn s. unten 
S. 108 ff. 

*) Karls II. Schwester Maria war die Gemahlin Wilhelms n., Prinzen von Oranien, 
und der ans dieser Ehe hervorgegangene Sohn, Wilhelm III. von Oranien, heiratete 1677 
Maria, die älteste Tochter Jakobs II. von England, des Bruders und Nachfolgers Karls 11. 

*) Beamtenprot., Bd. XXXXII, S. 138. 

*) von Fürth, Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener Patrizierfamilien, 
Bd. U, 8. Abteilung, 2. Anhang, S. 181. 

*) Wenige Tage nach dem Besuch der Prinzessin von Oranien wurde dem Oberst 
Gottfried von Friesheim eine Enkelin geboren, zu deren Taufe als Patin geladen war 
und persönlich erschien: „Charlotte, Ihre Durchlaucht die Verwlttibte Frau ChurfUrstin 
zur Pfalz". S. Macco a. a. 0., Bd. n, S. 85, Anm. 2. 



— 106 — 

gegangen war^ Die Söhne wandten sich wie der Vater der militärischen 
Laufbahn zu und brachten es hier zu hohen Stellungen. Der älteste von 
ihnen, Johann, geboren 20. Dezember 1630, der im Jahre 1658 den Rang 
eines Obristwachtmeisters im Regimente des Obersten Georg Friedrich von 
Sparr^ im Dienste Kaiser Leopolds bekleidete, weilte im Mai genannten 
Jahres in Aachen, um Mannschaften für sein Regiment anzuwerben. Ob- 
gleich Leopold ihn mit einem Empfehlungsschreiben^ an Bürgermeister 
und Rat der Stadt Aachen ausgerüstet, und sein Minister von Lamboy 
in demselben Sinne an die Stadt geschrieben hatte, wurde die Werbung 
Anlass eines ernstlichen Konfliktes. Die Ursache ist nicht völlig aufgeklärt, 
doch scheint es, dass ein Aachener, Zander Cornelissen, seines Zeichens 
ein Zimmermann, unter Schmähreden gegen Leopold die in seinem Namen 
veranstaltete Werbung verächtlich zu machen suchte und dadurch den 
Zorn des Oberstwachtmeisters Johann von Friesheim so gewaltig reizte, 
dass er gegen ihn den Degen zog, den Fliehenden verfolgte und ihn in 
dem Hause „zur Maus" auf dem Münsterplatze niederstiess. Bürgermeister 
und Rat der Stadt wollten diese Rechtsverletzung nicht ungeahndet 
lassen, sondern thaten Schritte zur Ergreifung Johann von Friesheims und 
suchten zu hindern, dass er mit den bereits angeworbenen Truppen die 
Stadt verlasse. Der Vorfall hatte sich am 4. Mai zugetragen; am 6. Mai 
protestirte Oberst Gottfried von Friesheim Namens seines Sohnes in Gegen- 
wart dreier Offiziere des von Sparrschen Regiments auf dem Rathause gegen 
die Massnahmen der städtischen Behörde und verlangte freies Geleit für 
seinen Sohn zur Abführung der angeworbenen Truppen. An demselben Tage 
fassten die Bürgermeister und Beamten folgenden Beschluss: 

1658, Mai 6. Obwohl der Obrister Freissheimb sich heut dato vor 
herren Burgermeist^ren und Beambten angeben und namens seines sohus 



*) Nach den Begräbnisregistern der Alexianerbrüder, die auf dem Aachener Standes- 
amte aufbewahrt werden, wurde Oberst von Friesheim am 9. Juli 1683, seine Gemahlin 
am 1. September 1682 begraben. 

*) Georg Friedrich von Sparr gehörte einer angesehenen, wahrscheinlich aus 
Schweden stammenden Familie an, aus der im 17. Jahrhundert mehrere tüchtige Generale 
hervorgingen, so Ernst Georg, Graf von Sparr, Kaiserlicher General-Feldzeugraeister, der 
unter den verschiedensten Fahnen sich kriegerische Lorbeeren errungen hat, und inbesondere 
Otto Christoph, Freiherr von Sparr, Kurfürstlich-braudenburgischer Generalfeldmarschall, 
der als tüchtiger, zuverlässiger, namentlich im Geschützwesen erfahrener Führer von dem 
grossen Kurfürsten mit Recht sehr hochgeschätzt wurde. (S. Allgemeine Deutsche Biographie, 
unter Sparr.) — ücber Georg Friedrich von Sparr s. auch S. 108, Anm. 1. 

^) In diesem Schreiben, welches das Datum, Pilsen den 5. Februar 1658, trägt, heisst es: 
„Demnach wür zu mehrer Versterckhung unserer armada unseren under den sparischen 
Regiment Obristen Wachtmeisteren Johann von freissheimb eine gewisse Werbung zu 
fuess aufgetragen haben, Alss ersuchen wür Euch hiemit freund tgnediglich, Ihr wollet 
gedachten Obristwachtmeisteren Johann von freissheimb oder seine dessentwegen aus- 
schickenden officier nicht allein die freye Werbung verstatten, sondern auch darzue allen 
gueten Vorschub und hilifliche Handt biethen. . ." Die Unterschrift lautet: Leopold, König 
von Böhmen und Ungarn und Erzherzog zu Oesterreich. (Leopold I. wurde erst am 18. Juli 
1658 zum Kaiser erwählt und am 5. August gekrönt; König in Ungarn war er bereits seit 
1655.) Lamboys Brief ist aus Prag vom 12. Februar 1658 datirt. Beide Briefe be- 
finden sich auf dem städtischen Archive. 



— 107 — 

dess Obrii^ten Wachtmeisters Johanssen von Freissheimb (welclier vorgisteren 
nachmittags in der Mauss in eines Burgers hauss einen Zimmerman nieder- 
gestochen) frey gleidt zu abfuhrung seiner Volker zu Behuef Ihrer 
Konigen in Ungarn zu ertheilen begert, zugleich auch protestirt, dass man 
zu ergreiffung wohlgemeltes seines sohns die haxschalen (?) in seinem hauss 
geschicket hette. So haben herren Beambten, den Pralen punctum wegen 
des gleidts weilen dieser actus zumal exorbitant und der Statt und Bürger- 
lichen Privilegien zuwieder lauft, zu Einem Ehrbarn Raht verwiesen, 
sonsten sich erklert, dass sie erleiden mögten, dass die geworbene Volker 
durch den officiren stündlich abgefürt würden, welches dem Obristen Freiss- 
heim per Secretarium also angezeigt worden. Wie nun derselb mit dieser 
der herren Beambten Erklehrung nicht zufrieden sondern umb ferner per- 
sohnlich gleidt seines sohns angestanden, ist es bey vorigen antwort ver- 
plieben, wargegen bemelter Obrist protestirt und verlauten lassen, wan 
bey so beschaffen Sachen, einige fernere Soldaten verloren gehen werden, 
dass er und sein söhn den abgang an die Verursachere zu suchen bedacht 
were, dass er sonsten viele gehessige Leut dahie hette, solches wiesse der 
effectus auss^ 

Der Bat trat der Auffassung des Magistrats bei und beschloss am 
8. Mai 1658: „Ein Erbar Kahtt last es bey der hh. Bürgermeister und 
Beambten Schluss wegen des wieder den Obristen Wachtmeister Johann 
von freissheimb abgeschlagenen gleides, noch zur Zeitt bewenden*'*. Jetzt 
griff Oberst Georg Friedrich von Sparr zu Gunsten seines Oberstwacht- 
meisters ein; er eilte von Köln nach Aachen und richtete am 14. Mai ein 
Schreiben ^ an die Bürgermeister, in dem er kategorisch sowohl freien Ab- 
zug für seinen Oberstwachtmeister und seine Kompagnie samt Bagage und 
Zubehör als auch Bestrafung des oben genannten Zimmermanns verlangte. 
Am Schlüsse seines Briefes erklärt Oberst von Sparr, er erwarte schleu- 
nigste Antwort, da er im Begriffe stehe, „zu Pferde zu sitzen"; die Bürger- 
meister würden, indem sie seinen Wünschen Folge gäben, sich selbst 
und ihm „viele Weitläufigkeiten abschneiden". Diesem so bestimmt ausge- 
sprochenen Ersuchen hat der Magistrat wohl entsprechen müssen; war 
doch in jenen kriegerischen Zeiten bei den trostlosen Zuständen im deut- 
schen Reiche die bürgerliche Gewalt der militärischen gegenüber machtlos. 
Aber man verlangte doch eine Entschädigung des verwundeten Zimmer- 
manns, und zwar hielt man sich an den Vater des inzwischen abgezogenen 
Oberstwachtmeisters. — „In Sachen" — heisst es in dem Beamtenprotokoll 
vom 12. Juli 1658* — Zandern Cornelissen und den herrn Obristen God- 
darten von freisslieimb eines und andern Theilss haben hh. Bürgermeister 
und Beambten über vorigen ertheilten mündlichen Bescheideren | : dass 
Er nemblich den durch söhn h. Johannen von freissheimb verwundeten 
Cornellischen befriedigen solle: | die Execution erkandt und solle 



^) BeamtonprotokoUe Bd. XXXIX, S. 79. 

») Ratspro tükolle, Bd. I, S. 156. 

*) Dasselbe befindet sich im städtischen Archive. 

*) Beamtcnprotokolle Bd. XXXIX, S. 85. 



— 108 — 

Ein herr Ein lierr sein und den Ungehorsamen zum Gehorsam 
pringen". 

Zehn Jahre später nahm Johann von Friesheim, der inzwischen zum 
Generalwachtmeister aufgerückt war, im Dienste der Republik Venedig 
auf Kreta an den Kriegen gegen die Türken teil, in denen Angehörige 
aller Nationen auf das heldenmütigste, aber dennoch ohne Erfolg, für den 
christlichen Glauben und christliche Kultur und Gesittung kämpften. Zwei 
Brüder Johann von Friesheims, Wilhelm Heinrich und Johann Theodor, 
hatten Kompagnieen in dem Regimen te Johanns, doch hat Johann Theodor 
an dem Feldzuge wohl kaum teilgenommen ; an seiner Statt führte ein Haupt- 
mannsverwalter (Laurentio Bartholomaei) die Kompagnie ^ 20 Jahre lang 
hatten die Türken auf Kreta Krieg geführt, 4 Jahre lang dauerte die 
förmliche Belagerung Kandias, des am stärksten befestigten Platzes und 
letzten Stützpunktes der venetianischen Macht auf der Insel, bis endlich 
am 7. (17.) September 1669 nach hartnäckigster Verteidigung der Rest 
der christlichen Besatzung in ehienvoller üebergabe die Stadt räumen 
musste. Schon einige Monate vorher war in den heissen Kämpfen um das 
Fort St. Andreae Johann von Friesheim gefallen ^, 

Der jüngste Sohn Gottfried von Friesheims, Johann Theodor^, geb. 
7. Oktober 1642, dessen oben bereits mehrfach gedacht worden ist, trat in den 



*) Prozessakten Buirssgen/Freisheira (Stadt. Archiv). S. auch die folgende Anm. — 
Die „ausländischen Völker** im Dienste der Republik Venedig standen unter dem Befehle 
des früheren Obersten Johann v. Friesheims, des Generals Georg Friedrich von Sparr, der bei 
der Belagerung Kandias neunmal verwundet und späterhin zum Kaiserlichen General- 
Feldmarschall-Lieutenant erhoben wurde (S. Zedier, Universallexicon unter Sparr). 

^) Auf Ersuchen Gottfrieds von Friesheim, des Vaters Johanns und auf dienst- 
eidliche Versicherung des Schöffen Johann Wilhelm von Berchem und des städtischen 
Artilleriehauptmanns Jakob Savelsberg bescheinigen Bürgermeister, Schöffen und Rat 
am 6. April 1669, dass der „illustris et generosus dominus Joannes baro a Freisheim 
piae memoriae, quondam sacrae Caesareae majestatis colonellus et generalis vigiliarum, 
qui nuper in servitio serenissimae Venetorum reipublicae in praesidio 
Candiae contra hostem Christiani nomiuis militando occubuif, ein ehelicher 
Sohn des Gesuchstelle rs und seiner Frau Katharina Amia sei. Wenige Tage später (am 
13. April 1669) bescheinigen dieselben Behörden gleichfalls auf Ersuchen Gottfried von 
Friesheims, dass in Aachen und Umgegend keine ansteckende Krankheit herrsche. Dieser 
Bescheinigung bedurfte der Antragsteller, da er mit seinem Sohne Johann Theodor — 
offenbar aus Anlass des Todes Johann von Friesheims — nach Italien zu reisen beab- 
sichtigte. Gottfried von Friesheim selbst war bei den grossen Werbungen der Republik 
Venedig finanziell beteiligt (S. auch Prozessakten Bürssgen/Freisheim auf dem städtischen 
Archive) und hatte noch im Jahre 1675 einen Geschäftsführer in Venedig. Am 26. August 
dieses Jahres nämlich erklärte Gottfried von Friesheim vor den Bürgermeistern, Schöffen 
und Rat, dass sein Mandatar und Geschäftsführer zu Venedig, Abraham von Colin, 
jüngst verstorben, und damit das diesem am 9. Februar 1675 vor dem hiesigen Magistrat 
ausgestellte „mandatum ad recipiendum a serenissima republica Venetiana ipsi domino 
comparenti adhuc restantia debita" erloschen sei, und ernannte zugleich zu neuen Bevoll- 
mächtigten Laurenz und Simon Charles. 

^) Bei Macco a. a. 0. Johann Die der ich genannt; Taufpaten waren: Johann 
Diederich, Graf von Merode (S. Anhang zu S. 102), Daniel Amya, Johann von Bour, 
Baro de Frankenberg, Paulus Roemer doctor, die Edelgeborene Anna von Stein-Kallen- 
fels, Maria Seulain und Susanne de Beurre. 



— 109 — 

Heerdienst der Generalstaaten in Holland ein und bekleidete im Jahre 1680 
den Rang eines „capitains onder die guarde von syn hocheyt" K Im zweiten 
Jahre des spanischen Erbfolgekrieges, am 7. November 1702, zog er, der mitt- 
lerweile Generalmajor geworden war, an der Spitze holländischer Truppen 
in das Aachener Gebiet ein, um sehr gegen den Willen der Bürger und 
der derzeitigen städtischen Behörden in der Stadt Winterquartier zu nehmen. 
Wie in so vielen Fällen, weigerte sich die Stadt erfolglos, die holländischen 
Truppen, denen bald noch preussische folgten, aufzunehmen. Im Einzelnen 
berichtet über diese Vorgänge ausführlich die Chronik des Bürger- 
meisterei-Dieners Janssen, wo es zum Jahre 1702 heisst: „Den 7'®° 9^*^^* 
ist der general freissheim von die staeten mit 3000 man Reuter und fusser in 
reich von Aachen (eingerückt) und heilt sich 8 tag darein auff und thäte 
grossen schaden, und den 14 9"'^*'' komt dieses folck bis an pont Pfortz 
und wolte parfors in der statt sein, die h h™ hielten die thor verslossen 
konten aber dass accordt nitt einig werden, da bleib dass folck vor Pont 
pfortz liegen, des nachts und haben groossen Schaden in die benten, an 
Haagen, bäum alles abgehauwen und feur davon gemacht dai-auff dan des 
aben alle burgerschaft in gewähr und auff die wäll gute wacht gehalten, 
und diese habens halt nit besser gemacht, dan sie nahmen auch dass holtz 
und bonestecken auss die gartens und Machten auch feur davon, darüber 
komt der Kayserl. Commissarius von luttich in der Nacht durch dass Volck 
nach sandtkoul pfortz zu, so unterreden sich unsere h h*" mit ihm und seindt 
dess accordts einig worden, und das volck komt den 15. 9^^** zur statt 
hinein und blieben hier in winter garnisonn, dan sie hatten im Nahmen 
des Kaysers ihre function wohl gedahn" *. Es ist nur zu begreiflich, wenn 
die Stadt sich mit allen Mitteln sträubte, Trappen, auch wenn sie, wie in 
diesem Falle, einer befreundeten Macht angehörten, für den Winter in ihre 
Mauern aufzunehmen. Denn abgesehen davon, dass die Anwesenheit der 
Soldaten mannigfache Belästigungen für die Bürger mit sich bringen 
musste, so waren auch stets grosse Geldopfer für die Stadt mit den Ein- 
quartierungen verbunden. So auch im Winter 1702/3. Von manchen Miss- 
helligkeiten und Streitigkeiten über die beiderseitigen Verpflichtungen 
berichten die städtischen Beamtenprotokolle ^; Interesse dürfte auch folgende 
Notiz erwecken, die dem Protokoll vom 8. Januar 1703^ entnommen ist, 
„ferner sint h. Rhentmeister Heidtgens und h. Weinmeister von Eschweiler 
deputirt worden, gestalt dem h. Generalmaior freiherrn von freissheimb 
ahnstatt Eines neuen Jhars 100 Ducaten zu praesentiren, wie dan auch 
dem Maior de la place 2 souverainen zu verehren". Solche Ehren- 
gaben wurden nach Ausweis der Beamtenprotokolle in jenen Zeiten hoch- 
stehenden Persönlichkeiten sehr oft dargebracht; sie entsprangen in den 
weitaus meisten Fällen gewiss nicht dem freien, unbeeinflussten Willen des 



*) Nämlich des Prinzen von Oranien. (Amtliche Zeugnisse des Aachener Magistrats 
auf dem städtischen Archive; Macco a. a. 0., II, S. 35; vgl. auch oben S. 105, Aum. 1.) 
') y. Fürth, Beitr. und Material z. Gesch. der Aachener Patrizierfamilien, III, S. 26. 
«) Bd. XXXXV, S. 121, 126, 135, 137, 188, 146. 
*) Beamtenprotokolle, Bd. XXXXV, S. 182. 



— 110 — 

Gebers, sondern waren vielmehr eine Unsitte, eine drückende Verpflichtung, 
der die städtische Behörde, ohne Nachteile für die Stadt fürchten zu 
müssen, sich nicht entziehen konnte^. 

Im Frühjahr 1703 zog General Johann Theodor von Friesheim mit 
seinen Truppen gegen Bonn, die Residenz des mit Frankreich verbündeten 
Kurfürsten und Erzbischofs von Köln, Joseph Klemens, und nahm teil an 
der Belagening dieser Stadt, die am 14. Mai nach vorausgegangenen Ver- 
handlungen mit dem französischen Kommandanten Marquis d'Alegre von den 
Holländern besetzt wurde. 

Auch in den folgenden Jahren des spanischen Erbfolgekrieges nahmen 
vielfach Truppen der kriegführenden Mächte in Aachen Winterquartiere; 
wiederholt gingen zu Beginn des Winters Deputirte der Stadt zur Haupt- 
armee, um mit den Generalen persönlich zu verhandeln und Befreiung von 
der Last der Winterquartiere zu erlangen — meist vergeblich. In einigen 
Fällen wurde den Deputirten aufgegeben, sich u. a. auch an den General- 
major von Friesheim zu wendend ' 



*) Wie 1703 Herrn Generalmajor von Friesheim, so wurden 1704 dem Grafen von 
Dobna, dem Befehlshaber der in diesem Jahre in Aachen im Winterquartier liegenden 
Truppen, seitens der Stadt ein Neujahrsgeschenk von 100 Dukaten gemacht. Am 
5. Januar 1704 beschlossen Bürgermeister und Beamte, „dass hiesigem herm Comman- 
dant^n, dem Grafen von Dohna mit einer Recognition von 100 Ducaten in Golt als wie 
dem Herrn Generalmaior von Freissheimb beschehen ahn Handt gangen auch demselben 
sein hier frey zu brauen vcrstatlet werden solle". (Beamtenprotokolle, Bd. XXXXV, S. 190.) 
— Ein ebenfalls recht ansehnliches Geldgeschenk, 1000 Eeichsthaler, dazu noch ein Fuder 
Wein, erhielt 1689 von der Stadt der brandenburgische Generalmajor Friedrich von 
Heyden, der mit seinen Truppen am 10. November 1689 in Aachen Winterquartiere bezog. 
Zugleich beschloss der Magistrat, der Gemahlin desselben einen Spiegel oder ein Stück 
Silberwerks zu verehren. (Pick, Aus Aachens Vergangenheit, S. 589.) — Denn nicht nur 
bares Geld, sondern auch Waffen (Pistolen), Pokale, „Drankgeschirre", Geräte aus Kupfer 
(z. B. Kronleuchter) oder Silber (z. B. Lampetschüssel) und vor allem Wein wurden als 
Geschenke an hohe Personen gegeben. Die Wein Verehrungen aus den Jahren 1662—1779 
hat Pauls, Zur Geschichte des Weinbaues in der Aachener Gegend, (Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins, Bd. VII, S. 270 if.), auf Grund von Auszügen aus den 
Beamtenprotokollen zusammengestellt. Daselbst heisst es, dass am 30. Januar 1703, in 
demselben Jahre, in welchem dem General von Freisheim „anstatt eines neuen Jahrs" 100 
Dukaten verehrt wurden, die Herren Weinmeister deputirt wurden, dem „Brigadier Major 
von Zobell ein Vässgen Wein anstatt eines neuen Jahrs, Frantzen Wein auszusuchen", und 
4 Tage nachher, am 3. Februar 1703, wurde beschlossen, dass durch den Kapitän Bogart 
„hundert Bouteillen wissen, fünfzig Champagner und fünfzig Borgongsche Weins dem 
H. von Zobel praesentirt werden sollen". — Ein Älal hören wir auch von der Ablehnung eines 
angebotenen Geldgeschenks. Die betreffende Stelle in den Beamtenprotokollen (Bd. L) lautet: 
„Sambstag den 9**^" 7^*"'' 1758 (Kleins Raths) ist beschlossen, dass dem frantzosischen Commis- 
sario h. De la saal, welcher von seiner Excellence h. Marschall De Contades am 24***" jüngst 
(umb sich mit dem hannoverischen Commissario wegen sicheren Geschäften zu Unterreden) 
hiehin geschickt worden, sich dahier ettwan 6 wochen auifgehalten hatt, Undt übermorgen ab- 
reysen wirdt, wegen einigen den herm burgermeisteren Undt beambten insbesonders bekanten 
Ursachen, Ein hundert güldene Ducaten durch Regierenden h. burgermeistem von Oliva 
selbst zum present gemacht werden solln — non voluit acceptare — nur allein ein 
klein präsentgen von thee Undt Nehnadeln ahngenohmen. 

«) Beamtenprotokolle, Bd. XXXXV, S. 164, 230. 



— 111 — 

Johann Theodor von Friesheim scheint später seinen. Aufenthalt 
dauernd in Holland genommen zu haben; er starb als General der Infanterie 
der Generalstaaten, 91 Jahre alt, im Jahre 1733 ^ 



Anhang. 

Zu Seite 102. 

Der Dürener „Vergleich" lautet nach der auf dem städtischen Archive befindlichen 
Ausfertigung vollständig so: 

Demnach Sich die Statt Aachen wieder alle hoflfnung biss anhero nicht accomodiren, 
und zu einem Nachbarlichen Vergleich verstehen wollen, under dessen aber dem Landt 
und Reich von Aachen mit Blunderungh, Raub, Mordt und Brandt nicht geringer Schade 
zugefuegt worden. Dahero gedachtes Reichs von Aach Eingehorrige ohne Zuthucn der 
Statt ursach genohmen zu vcrhuetung ferneren und groesseren Ruins die hochwollgeborenen 
Edlen und Ehrwürdigen Graven und herren herm von Merode de Hoffalize herrn zu 
franckenburgh h. Gottfrid von freissheim, Rittmeistern und Johannes Schmidtz pastom 
in hären zu »mir anhero mit genügsamer Volmacht abzufertigen umb in ihren und dess 
reichs von Aach nahmen Einen gewissen vergleich, und zu erhalttung guter Nachbar- 
schaft mit mir zu treffen, Also und dergcstaltt dass die eingehorrigcn dess Reichs von 
Aach bey hauss und hoff auch ufifm feldt, und wo Sie sunsten zu verrichten haben 
wurden Jedesmahlss geruhigh und unperturbirt gelassen und aller orten und enden frey 
sicher und ungehindert passirt werden mögen, Massen dann Endtlich nach langer ünder- 
redungh dahin verglichen worden, da die herren Abgeordneten Crafft habender Volmacht 
in Nahmen dess Reichss von Aachen Eingehorrige (Warunder aber die Statt Aachen 
durchauss, noch dero Burgerschafft nit begriffen Sonderen aussgeschlossen und zu Ihr Excell. 
dess herm General Lieutnants Graven von Guebriants Respect mit derselben zu tractiren 
vorbehalttcn sein soll; zu erhalttungh gutter Nachbarschaft, Ein vor alle mahll diessen 
alhier logirenden Regimentern zum besten Vier Tausendt Reichssthaller Innerhalb acht 
Tagen gewiss und unfhelbar zu entrichten vcrwi lüget, Mitt diesser Gegenversicherung 
dass von Jetzt ahn, und hinführe keine ferneren ansprach oder forderungen an dass reich 
von Aachen gethan. Sonderen alles unheil, und biss anhero vergangene Hostilitäten Alss 
Blunderen, Rauben, Morden und Brennen, von den Eingehörigen abgeschaffet, und also 
in allem gute Nachbarschaft gepflogen werden solle, über dass weillen auch die Under- 
thanen in treibungh ihres gewerbs, So woll auss- alss Innerhalb dess Reichs zu schaffen 
haben, So soll dennen zu Wittem und Wilhelmstein liegenden officiren Ernstlich anbevohlenn 
werden, dass Sie alle und iede dess Reichss von Aachen Underthanen Jedesmahlss aller 
orten und enden frey, sicher und unangefochten passiren und repassiren. Auch alle 
freundtschaft mitt crtheilungh pass, und anderen dha Sie dessen von Noethen haben 
wurdenn, widderfahren lassen sollen. Und nachdeme vor diessem getroffenen vergleich von 
dem Reich Aachen underscheidtliche gefangene hinwegh gefuhrt worden; So Ist auch dess 
fhalss abgeredt und beschlossen, dass Solche, gegen eine Leidentliche Rantzion widerumb 
frey, ledig, und loss werden sollen Und Im fhall sich auch zutragen wurde, dass ahn 
Einen und anderen dess Reichs Aachen ortt, oder underthanen Ettwass gewalttsames 
verübet werden soltte. So Soll dasselbe Nicht allein reraedyrt: Sonderen auch die Thätter 
zu gebührender Straff getzogen werden, dass nun diesses wie obstehet desto besser und 
vester gehaltten werden möge, Ist diesser vergleich doppelt, und Eines lauts aussge- 
fertiget, und von beiden Theilen underschrieben worden, Signatum Deuren den 6. Aprilis 
a«» 1642. 

Unterschriften: Reinholdt von Rosen, v. Merode de Hoffalyze Frankenburg, Gode- 
frid von freisheim, Arnoldus Schmitz, Pastor in haaren. (Die drei Erstgenannten haben 
ihrer Unterschrift ihr Siegel hinzugefügt.) 



*) Zedlers Universallexikon, Bd. IX unter Friesheim. 



— 112 — 

Arnold n,s Schmitz war der dritte in der Reihe der Haarener Pfarrer und verwaltete 
die Pfarrstelle von 1635 bis 8. Dezember 1648. (Im Texte der Urkunde wird, abweichend 
von der Unterschrift, dem Haarener Pfarrer der Vorname Johannes gegeben. Die Haarener 
Bjrchenbücher kennen nur den Vornamen Arnold: Arnoldus Faber sive Schmitz.) Er war 
ein geborener Haarener. Als dritter unter den von seiten des Reichs mit dem General 
von Rosen zu Düren verhandelnden Notabein wird oben der „Graf und Herr von Me- 
rode de Hoifalize zu Franckenburg" genannt. Herr zu Frankenberg war seit dem 21. 
März 1633 Johann Diederich von Merode-Hoffalize, der im Jahre 1645 starb. Er begann 
im Jahre 1637 den Wiederaufbau des völlig verfallenen Schlosses. In demselben Jahre 
1642, wo zu Düren das Abkommen zwischen Rosen und den genannten Vertretern des 
Aachener Reichs getroffen wurde, wurde wahrscheinlich das herrschaftliche Gebäude 
zu Frankenberg fertiggestellt: oberhalb der Eingangsthüre ist das Familienwappen mit 
der Jahreszahl 1642 angebracht. (S. Quix, Die Frankenburg. . Aachen 1829, S. 4, 16 ff., 
75.) Johann Diederich von Merode de Hoifalize und Gottfried von Friesheim waren be- 
freundet; als in demselben Jahre 1642 dem letzteren ein Sohn geboren wurde, vrurde der 
erstere Pate, und nach ihm erhielt das Kind auch die Vornamen Johann DiedericL (S. 108, 
Anm. 3.) — Eine kurze Notiz über die Plünderungen der Rosenschen Truppen findet 
sich in dem Begräbnisregister der Alexianerbrüder, das auf dem Aachener Standesamte 
aufbewahrt wird, zum März 1642: „Anno 1642, den letzten Martii ist der Oberst Rosen 
mitt ctwau 15hundert Pferden in dit reich kommen und hatt den 1. Aprill in der nacht 
etzliche Meullen und heuser auff Collesteinwech in brandt gestochen, darunder S. Tomas 
(-hof: unleserlich) item Dennewartzmeull, den huntzkirchhoff, die Fellmeullen des Abends 
zwischen 7 und 8 Uhren". (Die Dennewaltsmühle lag „gegen das Elunckartshäuschen 
über" [Mühlenregister auf dem städtischen Archive] ; Hundskirchhof [„Die Hundtskirfßger 
Müll": Mühlenregister] ist noch heute der Name des gleichfalls auf dem Eölnsteinweg 
gelegenen Gutes.) 

Zu Seite 104. 

Die Urkunde, durch welche Karl II. von England den Obersten Gottfried Frei- 
herrn von Freisheim zu seinem Residenten in Aachen ernennt, hat folgenden Wortlaut: 

(L. S.) Carolus Del gratia Angliae, Scotiae, Franciae et Hybemiae Rex, Fidei 

Defensor etc. Omnibus ad quos praesentes iiterae venerint, Salutem. Cum Nos perpensis 

serio verum momentis aequum censuerimus, ut in malus Nostri commodum et utilitatem 

aliquis a Nobis constituatur, qui rebus Nostris prout vel occasio tulerit, vel Nostra exi- 

gerint Mandata, Aquisgrani sedulus invigilet: Sciatis quod Nos perspecta diu habent^s 

tum maturam Nobilis et dilecti Nobis viri Gothofredi Baronis de Freisheim prudentiam 

et merita, tum afifectum in Nos et Nostra non vulgarem [cujus utriusque saepius alibi 

in Nos edidit specimina] Eundem Baronem de Freisheim nominaverimus et constituerimus, 

et literis hisce Nostris nominamus et constituimus Ablegatum Nostrum Residentem in 

praedicta urbe Aquisgranensi. Eidemqne pleuam protestatem authoritatemquc facimus et 

concedimus praedicto Residentis munere fungendi, nee non privilegijs, honoribus et 

immunitatibus omnibus quae ad idem pertinent, quocunque nomine aut appellatione enun- 

cientnr, aequo plane iure cum alijs quibusque Residentibus fruendi. Volumusque insuper 

et edicimus omnibus Fidelibus subditis Nostris, Amicos vero et Confederatos quoscunque 

Nostros rogamus et pro Amicitiae iure exoramus, ut praedictum Baronem de Freisheim 

eo porro loco et honore dignentur, quam fas est sibi vendicare Nostrum Residentem. 

Datum in Palatio Nostro Westmonasteriensi die Decembris 2. A" Dni 1660 regnique 

nostri Duodecimo. 

Carolus R. 

Ad Mandatum Seren™* Dni Regis 

FA. Nicholas. 

Eine Abschrift der Urkunde befindet sich im städtischen Archive. 



DULCK VON IIkIUIANN KaATZKU in V^JMUlUi, 



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Jährlich 8 Nummern Kommissions -Verlag 

a 1 Bogun Royal Oktav. ''*'' 

Cremcr'^chcn Buch handhing 

Preis des Jahrgangs K j^jj^l 

4 Hark. iu Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins heraasgegcben von B. Sohnook. 



Ächter Jahrgang. 



Inhalt: C. Rbntti, Di^r liheinatigu malerische Wandschmuck im karuIingiäehcQ Tbeile des 
Aachener Münsters, — Bericht über das Vereinsjahr 1B94— 05. — Vorzeichniss der Mitglieder. 



Der ehemalige malerische und plastische Wandschmuck im 
karolingischen Theile des Aachener Münsters. 



Von Anfang ari hat die Kirche die Kunst, (He Dante so schön und 
wahr eine Enkelin Gottes nennt, in den Dienst ihres Kultus gestellt. Zeugen 
dessen sind die bis ins zweite, ja erste Jahrhundert nach Christus hinauf- 
reichenden Ueberrcste all christlicher Malerei und Skulptur in den Kata- 
komben. Doch zur vollen und reichen Entfaltung konnte die Kunstthätigkeit 
in der Kirche erst gelangen, als dieselbe durch das Toleranzedikt KoDstantiuä 
des Grossen im Jahre 313 aus der unwürdigen Lage einer rechtlosen 
Sklavin in die einer freigeborenen Himnielstorhtor gebührende Stellung 
erhoben wurde. Nun bedeckte sich gar bald der Boden der christlich ge- 
wordenen Welt mit herrlichen Basiliken, deren Altären und liturgischen 
Geräthen und Gewändern der Stempel der Kunst aufgedrückt war, deren 
Kuppeln, Wände und Fussböden in vielfarbigem niuaivischem Schmucke 
erglänzten. Dass auch das weithin berühmte Liebfrauenmünster iu Aachen 
einer solchen Mnsaikverzierung nicht entbehrt hat, ist wohl unter den 
obwaltenden Verhältnissen, auch wenn keine Kunde davon bis zu uns 
gedrungen wäre, anzunciimcn. Ob aber sclion Karl der Grosse oder erst 
sein Sohn und Nachfolger Ludwig der Fromme das Münster in dieser 
Weise ausgestattet hat, ist eine nicht völlig aufgeklärte Frage. Einliard, 
der begeisterte Biograph Karls, der in seiner vita Caroli, Alles aufzuzählen 
pflegt, was seinem kaiserlichen Herrn zum Ruhme gereicht, berichtet im 
26. Kapitel wohl, dass Karl seine Lieblingsschöpfung „auro et argento et 



— 114 — 

luminaribus atque ex aere solido cancellis et januis" geziert, und Säulen 
wie Marmor aus Rom und Ravenna habe kommen lassen, erwähnt aber 
nirgendwo einer musivischen Wandbekleidung. Wenn dann aber weiter in 
dem Briefe Hadrians^ an Karl, unter den aus dem Palast zu Ravenna 
geschenkten Gegenständen die „musiva" ausdrücklich genannt werden, so 
dürfte aus dem Schweigen Einhards hierüber geschlossen werden können, 
dass die „musiva" erst unter Ludwig dem Frommen an Ort und Stelle 
angebracht worden sind. Die üeberlieferung, dass ein italienischer Mönch 
die Mosaiken ausgeführt habe, gewinnt an Wahrscheinlichkeit bei der 
Erwägung, dass in Italien zu jener Zeit diese Kunst wenn auch bereits 
im Sinken begrilien, noch vielfach geübt wurde, und dass die unter Karl 
dem Grossen angeknüpfte Verbindung mit dem päpstlichen Hofe auch unter 
Ludwig dem Frommen noch rege fortbestand und die Ueberlassung italienischer 
Künstler erleichterte. 

Die Frage, welche nun zunächst der Lösung harrt, ist die nach den 
Theilen des Münsters, die im 9. Jahrhundert mit Mosaik verziert worden 
sind. Der ehemalige Kanonikus an der Münsterkirche und Geschichtsschreiber 
Aachens Peter & Beeck erzählt in seinem „Aquisgranum", dass zu seiner 
Zeit (1620) die Mosaiken noch dunkel an dem Gewölbe des Eingangs der 
Kirche an der Wolfsthür, deutlicher an einigen Fensternischen, am voll- 
kommensten aber an der Kuppel und dem Innern Hauptgewölbe des Central- 
baues, das über der Hängekrone in der Mitte der Kirche ist, zu sehen 
gewesen wären. Wir werden wohl nicht fehl greifen in der Annahme, dass 
auch in dem zu ä Beecks Zeiten längst verschwundenen karolingischen 
Chorbau die Mosaiken nicht gefehlt haben. Man hat zwar, gestützt auf 
die dehnbare Bemerkung k Beecks, „die Kirche sei im Innern mit Malereien 
von Mosaikarbeit in buntfarbigen Bildern, welche Geschichten aus dem 
alten und neuen Bunde darstellten, ehemals allenthalben bekleidet und 
bedeckt gewesen" * angenommen, dass die Innern Wände des Oktogons 
ebenfalls musivisch ausgestattet gewesen seien. 

Dagegen spricht der Umstand, dass man im Gegensatz zu den Fenster- 
laibungen auf den innem Wänden keine Spur von Mosaik entdeckt hat, 
während derselbe doch hier sich leichter und besser als dort erhalten haben 
würde. Ferner muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Innern 
Wandflächen beim Bau des Oktogons sofort ausgefugt worden sind, was 
wohl niclit geschehen wäre, wenn sie zur Aufnahme von Mosaiken bestimmt 
gewesen wären. In Italien war es Sitte die Mosaikbilder an besonders 
lichtvollen Stellen wie z. B. den Fensterlaibungen in Medaillonsform anzu- 
bringen; dasselbe düifte auch hier der Fall gewesen sein. Während wir 
über die bildlichon Darstellungen der Mosaiken im Gewölbe der Vorhalle, 
in den Fensterlaibungen und im alten karolingischen Cliore absolut keine 
Nachrichten haben, besitzen wir von dem Kuppelbild ausser der Beschreibung 
ä Beecks eine Zeiclinung Ciampinis, die von Aachen aus an ihn nach Rom 
gesandt wurde, und welche dieser Gelehrte in seinem grossen Werke über 

*) Epist. 36 apud Dom. Boquet et Baronius. 

*) Aqiiisicraiinin. Ucbersetzuug vou Käntzelcr S. 78. 



— 115 — 

Kirchen und Mosaiken, in Kupfer gestochen, veröffentlicht hat. Die Zeichnung 
stellt die auf dem Throne sitzende majestas Domini dar, der die Aeltesten, 
welche sich von ihren Stühlen erhoben haben, ihre Krone darreichen. 
Die Darstellung ist durchaus mangelhaft und fehlerhaft, was unschwer 
nachzuweisen ist. 

Ciampini, durch die Zeichnung irre geführt, nimmt an, dass in der 
Kuppel statt der 24 Aeltesten der Apocalypse nur 12 zur Darstellung gelangt 
seien, ja er beweist sogar in weitschweifiger Weise, dass dies in wahrer 
Würdigung der symbolischen Bedeutung der Zwölfzahl gar nicht anders 
hätte geschehen können. Und doch zeigt ein Blick auf das Bild, dass in 
Wirklichkeit nicht 12, sondern der hl. Schrift entsprechend 24 Aelteste 
angebracht waren. Hätte der Zeichner den Krcisbogentheil, welcher dem 
mittleren zunächst liegt, bis zum horizontalen unteren Randstrich der 
Zeichnung herabgezogen, so würde er auch in diesem Felde noch Raum für 
den dritten Aeltesten gefunden haben, da . er aber diesen Bogen in dem 
Seitenrandstrich der Zeichnung aufliören lässt, so wurde der Raum für den 
dritten Aeltesten abgeschnitten. Ciampini hat dies nicht gefunden, und 
da er in den beiden Nebenfeldern nur zwei Aelteste stehen sah, hat er 
daraus gefolgert, dass in der Kuppel nur 12 Aelteste sich vorgefunden 
haben, was unrichtig ist. ä Beeck sagt S. 51 deutlich, dass 24 Aelteste 
vorhanden waren, die sich von ihren Sitzen erhoben und dem auf dem 
Throne Sitzenden ihre Krone darboten ^ 

Eine fernere Abweichung in der Zeichnung des Ciampini von der 
traditionellen Darstellungsweise der Aeltesten ist darin zu erblicken, dass 
er die Aeltesten ihre Kronen mit unverhüllten Händen dem Heiland darbieten 
lässt. In Wirklichkeit aber ist das Aachener Bild von der überlieferten 
Form nicht abgewichen; denn die Zeichnung, welche sich 1873 nach Ent- 
fernung des Stucks aus dem Gewölbe des Oktogons unter den karolingischen 
Mosaikpasten vorfand, und welche jedenfalls als Vorlage für die Anbringung 
der Pasten gedient hatte, zeigte, so defekt sie auch sonst gewesen sein 
mag, deutlich genug, dass die Hände der Aeltesten, welche die Kronen 
darreichten, verhüllt dargestellt waren. Auch die Anbringung der Engel, 
am Throne der Majestas in der Ciampinischen Zeichnung muss auf einem 
Irrthum beruhen, da der Augenzeuge ä Beeck in üebereinstimmung mit 
den Traditionen der Ikonographie ausdrücklich hervorhebt, dass um den 
Thron die vier apocalyptischen Thiere gestanden hätten. 

Die Sterne, welche sich in dem Mosaikbilde der Kuppel befanden, 
scheinen aus Metall hergestellt gewesen zu sein. Als die Stuckaturen der 
Kuppel abgehauen wurden, fanden sich, in den Stein des Gewölbes ein- 
gehauen, kreisrunde Vertiefungen von etwa 30 cm Durchmesser und 3 cm 
Tiefe vor, welche unregelmässig über die Kuppelfläche in der Art vertheilt 
waren, dass dieselben immer auf der Stelle angebracht waren, wo nach dem 
Bilde der Himmel dargestellt war. Für die Mosaiken selbst hatten diese 



*) Vgl. H. Barbier de Montault, Die Mosaiken im Münster zu Aachen; au3 dem 
Französischen übersetzt von Andr. Hub. Körner S. 9. 



— 116 — 

Vertiefungen keinen Zweck, vielleicht haben sie dazu gedient, Platten auf- 
zunehen, auf welchen die Sterne im Hochrelief angebracht waren. 

Die karolingischen Mosaikbilder nahmen bedeutende Flächen ein. 
So cntliielten: 

die Kuppel 282,00 qm 

die Vorhalle 70,00 „ 

die Fenster 59,00 „ 

und das Chor 39,00 „ 

mithin eine Gesammtfläche von rot 550,00 qm. 

Es ist nicht anzunehmen, dass diese grosse Bildfläche, wie die 
Aachener Tradition sagt, durch einen einzigen Mann ausgeführt worden 
ist. Angenommen, dass bei der Sorgfalt, mit welcher in jener Zeit die 
Mosaiken ausgeführt wurden, ein Mann durchschnittlich 15 Tage bedurfte 
um 1 qm Mosaik fertig zu stellen, so ergeben sich 8250 Tage oder — das 
Jahr, bei den vielen Feiertagen, die in jener Zeit beobachtet wurden, zu 
250 Tage gerechnet, — 33 Jahre Arbeitszeit. Es ist wahrscheinlicher, dass 
die Bilder durch mehrere Künstler, die unter der Leitung eines Mönchs 
standen, ausgeführt worden sind. Dass damals hinreichend Leute vorhanden 
waren, welche mit den musivischen Arbeiten vertraut waren, bezeugen 
die zur Zeit Karls des Grossen und Ludwigs des Frommen in Rom erbauten 
Kirchen, in welchen Mosaikbilder sich befanden; so das durch Leo IIL 
im Lateran erbaute Triclinium, Sta. Praxede, St. Nereus et Achilleus und 
viele andere. (Vgl. Platner und Bunsen, Rom). Wir können daher mit 
einer gewissen Sicherheit annehmen, dass mehrere Mosaikkünstler bei der 
Ausführung der Aachener Mosaiken beschäftigt waren. 

Die Ausführung der Mosaikarbeiten vollzog sich in folgender 
Weise: Zunächst wurde ein in Farben gemaltes Vorbild hergestellt, 
von welchem eine Zeichnung auf die Mauer aufgetragen wurde. So- 
dann wurde mit einem hackmesserähnlichen Instrumente den farbigen 
Pasten die der Zeichnung entsprechende Form gegeben. Die Pasten wurden 
hierauf zu kleinen, vielleicht handgrossen Flächen zwecks Beurtheilung der 
Richtigkeit der Farben und Zeichnung provisorisch zusanunengestellt, deren 
Rückseite mit Mastik oder Mörtel belegt und jede Paste an die für sie 
bestimmte Stelle der präparirten Wand eingedrückt. Der Mastik bestand 
aus einer Mischung gebrannten Kalks und pulverisirten Marmors, mit 
Olivenöl zu einer teigartigen Masse angemengt, die in wenigen Monaten 
steinhart wurde. Eine Bekleidung der Wände des Oktogons mit Marraor- 
tafeln ist zwar vielfach angenommen worden, aber ohne alle Ursache; denn 
auch nicht eine Spur von Eisenhaken, mit denen dieselben in der Mauer 
hätten befestigt werden müssen, hat sich vorgefunden. 

Weitere Nachrichten über die polychrome Ausstattung des Münstei*s 
erhalten wir erst nach fast 200 Jahren durch den anonymen Biographen 
des um 1018 verstorbenen Lütticher Bischofs Balderich 11.^ Dessen Mit- 
theilung lautet in der von Käntzeler besorgten Uebersetzung des Aquis- 

') Vitn Baldcrici Eimsc. Anonym. 1053. Pcrtz, Mouuin. S. IV, 794. 



— 117 — 

granum von ä Beeck (S. 143): „Mit Recht liat auch Kaiser Otto III., als 
er einst im königlichen Palaste, dem königlichen Sitze und dem Staats- 
Wohnsitze seinen Aufenthalt hatte und dabei bemerkte, dass die dortige 
Kapelle noch nicht mit Malerei genug geschmückt sei, aus Eifer für des 
Gotteshauses Zier den ehrenwerthen Mann Johannes, von Geburt und 
Sprache Italiener, einen überaus geschickten Maler aus Italien zu sich 
gerufen und ihm aufgetragen, an dieses Geschäft seine geschickte Hand 
zu legen. Er folgte seinem Befehle und hat ein besonderes Kunstwerk 
in Aachen zu Stande gebracht, obgleich es durch die Länge der Zeit, wie 
alle Dinge, vergangen ist." Ueberall, wo diese Mittheiluug verwerthet 
w^rd, wird sie auf die Restauration der karoüngischen Mosaiken bezogen; 
allein in derselben ist ausdrücklich die Rede von einer weitern maleri- 
schen Ausschmückung des nicht hinreichend mit Malerei versehenen Münsters 
und dementsprechend haben sich denn auch in jüngerer Zeit anlässlich der 
im Münster vorgenommenen Restaurationsarbeiten Reste der Malereien des 
italienischen Meisters unter der Pliesterung des Gewölbes im Glockenthurm 
auf dem Hochmünster, auf den Wänden des letztern, in dem zugemauerten 
Fenster oberhalb der vom Hochmünster zur Gallerie der Kreuzkapelle 
führenden Thüre und in der Treppe im nördlichen Treppenthurme vor- 
gefunden. 

Dieselben zeigen durchweg einen ornamentalen Charakter, was jedoch 
nicht ausschliesst, dass auch Figurenmalereien vorhanden gewesen sind. 
Wir wollen versuchen, eine kurze Beschreibung der Malereien zu geben, 
wenngleich dieselbe ohne Beigabe von Abbildungen mangelhaft bleiben muss. 

Der grössere Theil der üeberreste dieser Malerei befindet sich im 
Glockenthurm auf dem Hochmünster. An der Unterfläche des Gewölbes 
erkennt man noch jetzt die Reste von zwei grösseren Kreisen, welche 
durch einen rothen und einen weissen Streifen umrahmt sind. Allem An- 
scheine nach befanden sich an diesem Gewölbe sechs solcher Kreise, welche 
durch ein etwa 0,70 m breites Band eingefasst waren. Dieses Band wies 
drei Reihen in rother Farbe dargestellter Quadrate auf, und befanden sich 
an den Enden wieder in rother Farbe hergestellte Kreise. Das Innere der 
sämmtlichen Kreise war weiss. Ob dasselbe zur Ausfüllung mit figürlichen 
Darstellungen bestimmt war, Hess sich nicht mehr feststellen. Auch die 
das Glockenhaus gegen AVesten abscliliessende Mauer enthält noch Reste 
von Malereien, deren Gegenstand jedoch nicht mehr zu erkennen ist. Besser 
erkennbar ist die Malerei der Unteransicht der Gurtbogen im Glockenthurm. 
Die Malerei des an der Westmauer anliegenden Gurtbogens besteht aus 
drei Reihen von aneinanderliegenden Quadraten, welche durch rothe Streifen 
gebildet sind, und deren Fond zwischen Leichtroth und Gelb abwechselt. 
Im Innern dieser Quadrate befindet sich ein kleiner rother Kreis. Der 
gegen Osten befindliche Bogen des Glockenthurmes zeigt an seiner Unter- 
ansicht ein aus vier geraden, kurzen Linien gebildetes Zickzackrauster, 
welches sich in weisser Farbe von gelbem Grunde abhebt. Dieses Zickzack- 
muster wird durcli einen rothen Streifen am Rande des Bogens eingefasst; 
der Streifen zieht sich auch der Stirnseite des Bogens entlang. Die Unter- 



— 118 — 

ansieht der Reste der drei kleinen Bogen, welche ehemals von den daselbst 
stehenden Marmorsäulen, die zwischen dem Glockenthurm und dem Hoch- 
münster sich befanden, getragen wurden, zeigt einen gelben Fond von 
einem inneren weissen und äusseren rothen Streifen eingefasst; der letztere 
läuft wiederum der Stirnseite des Bogens entlang und setzt sich fort da- 
selbst am Anfange des Bogens, sowie an der Stelle, wo das Mauerwerk 
des Bogens an die Mauer anstösst. Diesem rothen Streifen zunächst be- 
findet sich im Bogenzwickel ein gelber, welchem sich ein grauer anschliesst, 
der den gelben Fond unifasst. 

Entlang der Gewölberundung, welche sich über das westliche Quadrat 
des RundschiflFes spannt, befand sich eine fortlaufende geometrische Ver- 
zierung dicht an der Stelle, wo dies Gewölbe an die Säulenstellung, welche 
das Glockenhaus vom RundschiflF trennt, anstösst. Die Zeichnung war 
braun auf gelbem Fond, welcher an der Seite durch braune Linien ein- 
gefasst war. Neben diesem geometrischen Muster, dem Oktogon zu, befand 
sich eine weitere in rother Farbe ausgeführte Verzierung, deren geringe 
Ueberbleibsel jedoch die ursprüngliche Darstellung nicht mehr erkennen 
lassen. Reste eines breiten Streifens in schwarzer, gelber und rother Farbe 
befinden sich am westlichen Bogen des Oktogons, an der Seite des Krönungs- 
stuhles. 

Die Grundform der Verzierung in der Laibung des Fensters über der 
Thür, welche vom Hochmünster zur Gallerie der Kreuzkapelle führt, bildet 
ein Quadrat, in welches ein Kreis in gelber Farbe eingezeichnet ist, dessen 
Peripherie die Seiten des Quadrats berührt. Die liierdurch gebildeten vier 
Zwickel sind in grauer Farbe gehalten. Die vier Seiten des Quadrats 
bilden die Durchmesser von ebensovielen Halbkreisen, von welchen der 
obere in schwarzer, der untere in brauner und die beiden an den Seiten 
in weisser Farbe hergestellt sind. Durch diese Zeichnung wird die Form 
eines griechischen Kreuzes mit abgerundeten Kreuzbalken hervorgebracht, 
welche sich berührend übereinander stehen und sich wiederholend das ein- 
fassende Band bilden. Dicht an die Querbalken des Kreuzes anschliessend 
läuft an der ehemals der Verglasung des Fensters zugekehrten Seite ein 
schwarzer Streifen, neben welchem sich ein gelber befindet, der, dem Glase 
zu, durch einen Perlstab begrenzt ist. An der anderen Seite sind die 
Kreuze ebenfalls durch einen schwarzen Streifen berührt, welcher die Kante, 
die das Mauerwerk zwischen der Fensterlaibung und der Stirnmauer bildet, 
einfasst, und in der letzteren den Bogen entlang sich fortzieht. Der Fond 
zwischen den Kreuzen und den dieselben einfassenden Streifen ist ein leichtes 
Rosaroth. 

In der Laibung der im Rundbogen überwölbten, jetzt durch ein Gitter 
verschlossenen Thür, die sich in der nördlichen Wendeltreppe vorfindet, 
sind ebenfalls noch Reste von Malereien aus der ottonischen Zeit vorhanden, 
jedoch auch in sehr defektem Zustande. Erkennbar ist nur noch eine der 
Wölbung des Bogens entlang laufende, auf gelbem Fond in rothen Linien 
ausgeführte Reihe vierblätteriger Blumen, die, etwa zehn Centimeter von 
einander entfernt, sich wiederholen. Die einzelnen Blumen sind durch rothe 



— 110 — 

striche zu einem fortlaufenden Ornament verbunden, welches an der einen 
Seite durch einen dunkelgrünen, an der anderen Seite durch einen rothen 
Streifen eingefasst war. Neben dem letzteren Streifen, nach aussen hin, 
war die Unteransicht des Thürbogens noch mit Malereien bedeckt, die sich 
aber in so schlechtem Zustande befinden, dass schwerlich mehr das ursprüng- 
liche Bild zu enträthseln sein wird. 

Es ist dies Alles, was von jenen Malereien bis jetzt aufgefunden 
worden ist. 

Die teclinische Ausführung dieser Malerei scheint in einer Art al 
fresco geschelien zu sein, wobei die Farben in die noch feuchte oder 
angefeuchtete Pliesterung mit dem Pinsel etwas eingedrückt wurden. Für 
das hohe Alter von fast 900 Jahren sind die Farben noch gut erhalten, 
und dürfte ein grosser Theil der jetzigen Abblassung derselben darauf 
zurück zu führen sein, dass später, doch nach dem Ende des 15. Jahr- 
hunderts, über der Malerei eine neue Pliesterung angebracht worden ist, 
wodurch die Farben nothwendig schwer leiden mussten. Die Farben in der 
Fensterlaibung über der Thür zur Kreuzkapelle, welche nicht überpliestert 
worden sind, haben sich viel besser erhalten als die überpliesterten im 
Glockenhause. Es ist anzunehmen, dass zur Zeit als dieses Fenster zuge- 
mauert wurde, die Malerei des Hochmünsters im Allgemeinen noch die 
Erhaltung zeigte wie die dieses Fensters. 

Der Gepflogenheit der mittelalterlichen Künstler, ihren Namen der 

Nachwelt zu erhalten, ist auch der Maler Johannes treu geblieben. Nur 

zwei Verse sind von der Zeit und Werth seines Werkes in nicht gerade 

bescheiden zu nennender Weise verewigenden Inschrift übrig geblieben. 

Sie lauten: 

A patriae nido rapuit me tertius Otto 

Ciaret Aquis, sane tua qua valeat manus arte^ 

Zum Lohne für diese Arbeit beschenkte derselbe Otto den Johannes 
mit der bischöflichen Würde in Italien; doch durcli den Herzog der Provinz, 
worin der Bischofssitz lag, abgehalten, weil dieser den an Sitten und 
Frömmigkeit ausgezeichneten Mann lieber durch die Heirath mit seiner 
Tochter erheben wollte als durch die bischöfliche Würde, verliess Johannes 
aus Liebe zur Keuschheit Italien und stellte sich bei dem Kaiser wieder 
ein. Endlich ist er zu Lüttich zur Zeit Bischofs Balderich den Weg alles 
Fleisches gegangen und ruhet dort in der Kirche des hl. Jakobus in der 
Nähe des Altars des hl. Märtyrers Lambertus^ 

Man setzte ihm folgende Grabschrift: 

Sta, lege, quod spectas, in me pia viscera flectas. 
Quod sum, fert tumulus, quod fuerim titulus 

Italiae natus — 

Qua probat arte nuinum, dat Aquis, dat cemere planum 
Picta domus Caroli, rara sub axe poli^ 

') Vita Balderici Episoopi, Anonym. 1053, in Pertz, Monuin. S. IV, 724. 
"^) Aquisgranum. Deutsche Uebersetzung von Käutzelcr S. 144. 
*) Chapeavillo, Gesta pontif. Leod. Tom. I, p. 230. 



— 120 — 

Wir wissen nicht, wie lange die Schöpfung des Malers Johannes intakt 
geblieben ist, doch steht fest, dass sie gegen Ende des 15. Jahrhundeils 
auf dem Hochmünster noch vorhanden war. 

Zu Anfang des 18. Jahrhunderts wurden die letzten Mosaiken in der 
Kuppel des Münsters, wahrscheinlich weil sie schadhaft geworden waren, 
abgenommen. Das Stiftskapitel beschloss, die Wände und die Kuppel dem 
Zeitgeist entsprechend, mit plastischen Darstellungen in Gyps zu schmücken. 
Mit dieser Aufgabe betraute dasselbe nach den Angaben von Quix und 
Käntzeler den italienischen Künstler Altari. Er begann seine Arbeit im 
Jahre 1719. Hierauf dürfte sich auch das Chronogramm: 

saLVe o pla, o DVLCIs VIrgo Maria 
beziehen, welches an der westlichen Stirnseite des Bogens stand, der das 
Chor vom RundschiflF treimt. 

Die Arbeiten Altaris sollen nach Käntzeler' sich bis zum Jahre 1730 
hingezogen haben. Es mag dies richtig sein, da zu einer soleheu umfassenden 
Arbeit ein Zeitraum von 10 bis 11 Jahren nicht zu lang erscheint. Die 
weitere Nachricht Käntzelers, dass 1729 die Kuppel des Münsters ein- 
gestürzt sei, muss auf einem Irrthum beruhen, da die ursprüngliche karo- 
lingische Kuppel heute noch unversehrt besteht. Wenn auch die stilwidrige 
Stuckverzierung vom Standpunkte der Kunst aufs tiefste beklagt werden 
muss, so lässt sich doch nicht verkennen, dass Altari in seinem Fache ein 
hervorragender Meister war. Der konstruktive Anfang der Kuppel liegt 
in der Höhe des Bogenansatzes der Fenster des Oktogons; der dekorative 
Anfang der Altarischen Stuckarbeit ging höher hinauf, er setzte erst 0,76 m 
über den Fenstern des Oktogons an. 

Nach der Darstellung Altaris schien die Kuppel von 16 Engelu 
getragen, welche zu je zwei auf den Ausläufern der acht Pfeiler des Oktogons 
standen. Die Kuppel war in Ai*t einer leichten Calottc behandelt, deren 
acht Felder durch nach oben sich verjüngenden Medaillons mit Blatt- 
umrahmung belebt waren. Das Innere der Medaillons war in blauem mit 
Gold durchsetzten Tone gehalten. Da, wo die Galotte die acht Mauer- 
flächen berührte, befanden sich halbrunde Ausschnitte, unter denen auf 
schwerem Gesimse Moses und sieben andere Propheten sassen, auf besonderen 
Spruch tafeln die entsprechenden, von ihnen gemachten messianischen Weis- 
sagungen tragend. Sowohl die Engel wie die Propheten waren in mehr 
als Lebensgrösse, als Vollfiguren, letztere in sitzender Stellung ausgeführt. 
Die Figuren wurden durch im Innern derselben angebiaclite Eisenstangen 
zusammengehalten. 

Die Fenster sowie deren Laibungen erhielten ebenfolls Verzierung. 
An die einfassende Umrahmung schloss sich die Verzierung der Laibung 
an, in welcher, als Reminiscenz ihres früheren Schmuckes, Mosaikpasten 
auf Blumenblättern angebracht waren. In dem Fenster des Oktogons, welches 
die Durchsicht zum Chor bietet, war ein gekrönter Doppeladler angebracht, 
unter welchem Nachbildungen von Türkentrophäen, Fahnen, Rossschweife 
u. s. w. sich befanden. 



') ti Beeck, Aquisgranum ; Deutsche Uebersetzung S. 358. 



— 121 — 

Auf (1. r Höhe des Anfanges der drei von den Marmorsäulen getragenen 
kleinen Bogen lag ein durchgehender Kämpfer, welcher in den einspringenden 
Ecken Konsolen bildete, die durch je einen geflügelten Engelskopf getragen 
wurden. Auf jeder dieser Konsolen stand eine lebensgrosse Statue, und 
zwar gegen Osten Jesus mit dem Kreuz und Maria mit dem Jesuskinde; 
gegen Süden Johannes mit dem Lamm und Paulus mit dem Schwert; gegen 
Westen Leo IIL mit dem Kreuz und Karl d. Gr. in voller Rüstung und 
Kaisermantel, mit dem Scepter in der Rechten, und gegen Norden der 
hl. Joseph und die hl. Anna, die letztere ein Kind, die hl. Jungfrau, auf 
dem Arm tragend. Diese Statuen waren von vorzüglicher Arbeit; nur die 
Leos IIL und Karls d. Gr. waren äusserst mangelhaft. Dieselben rührten 
auch nicht von Altari her, sondern waren im Jahre 1825 von einem hiesigen 
Bildhauer gefertigt worden. 

Unterhalb des durchgehenden Kämpfers und der von Engelsköpfen 
getragenen Konsolen befanden sich auf jedem Pfeiler zwei dicht neben- 
einander stehende Paneele, welche bis zur Höhe des Fussbodens des Ober- 
geschosses hinabreichten und auf dem grossen Gesims, welches in dieser 
Höhe ringsum im Innern des Oktogons sich hinzog, standen. In jedem 
dieser Paneele hing von oben herab ein Bandstreifen, an welchem in ver- 
schiedenen Bindungen die sämmtlichen in der Kirche gebräuchlichen Geräthe, 
wie Kelche, Leuchter, Weihwasserwedel, Schlüssel, Bischofsstäbe, musi- 
kalische Instrumente, dann Kirchenpararaente, wie Kasel, Stolen, Alben, 
auch Weihrauchlasser, ja sogar ein Blasebalg um das Feuer in letzteren 
anzublasen, Vortrag- und andere Kreuze etc etc. hingen. Etwa in der 
Mitte eines jeden Paneels befand sich, ebenfalls durch den Bandstreifen 
getragen, ein ovales Medaillon, in welchem die hauptsächlichsten Reliquien- 
behälter des Münsters dargestellt waren. Diese Medaillons waren oben mit 
einer aus demselben Band kunstreich geschlungenen Schleife geschmückte 
Diese Art der Belebung der Pfeiler machte jedoch einen eigenthümlichen 
Eindruck. 

Von ganz besonderer Schönheit war die Ausschmückung der Wände 
im Erdgeschoss. Hier waren die Rundbogen mit Archivolten versehen, 
welche sich auf dem Kämpfer zu einer nach einwärts gehenden spiralförmigen 
Rundung verliefen. Ueber dem Schlussstein des Bogens hielten zwei kleine 
Engel ein Medaillon, von welchem zwei Blumenguirlanden herabhingen, 
welche mit ihrem unteren Ende an der Archivolte befestigt waren. In 
diesen Medaillons waren kleine Szenen aus der heiligen Geschichte dargestellt. 
In den acht Zwickeln der Bogen, an den Pfeilern waren die vier Evange- 
listen und vier Kirchenväter, in vollendet schöner Arbeit, dargestellt. Die 
Evangelisten befanden sich in der östlichen Hälfte des Oktogons und zwar 
links Lukas, dann Johannes, dann Mathäus und rechts Markus. Die an der 
Westseite befindlichen Kirchenväter waren, an der Südseite beginnend. Am- 

• 

broüius, dann Hieronymus, hierauf Augustinus und an der Nordseite Gregorius 
der Grosse, alle in Hochrelief gearbeitet. Der Fond der Mauern, an welcher 
sie befestigt waren, war abwechselnd in verschiedenen Mustern gaufriert. 

*) In San Vittorino in Mailand habe ich eine völlig ähnliche Verzierung gesehen. 



— 122 — 

Auch die Boorcnsoffittcn waren verziert. In einem in jedem derseU»en 
angebrachten Paneele waren verschiedene Abtheilungen, welche durch 
Kreise, ovale, längliche Sechs- oder Achtecke getrennt waren. In diesen 
Abtheilungen waren entweder Rankenwerk, oder Blumenornaraente oder 
sonstige Verzierungen angebracht, während die trennenden Kreise n. s. w. 
meist mit Blumen oder Sonnen gefüllt waren. Alle Arbeiten waren plastisch 
hoch erhaben und von schöner kräftiger Ausführung. 

Den Arbeiten im Oktogon, welche lediglich in der Dekoration des 
Gewölbes bestanden, schlössen sich die des Rundschiffes würdig an. 

Die säramtlichen Arbeiten, welche Altari im hiesigen Münster aus- 
führte, waren aus freier Hand gefertigt. Keine gegossene Verzierung ist 
verwandt worden. Zu den ausgeführten Arbeiten wurde zuerst das zu 
Fertigende im Rohen aufgetragen, und dann der Gyps in noch halb feuchtem 
Zustande in derselben Weise wie Bildhauerarbeit ausgearbeitet. Es war 
dieses eine zwar mühsame, aber auch künstlerische Arbeit. Jeder einzelne 
Theil war originell, keiner gleich dem anderen. 

Im Hochmünster traten an Stelle des plastischen Schmuckes Gemälde, 
welche^ durch Bemardini — wohl auch ein Italiener — seit dem Jahre 
1730 ausgeführt wurden. Sie befanden sich in der Unteransicht der sechs 
schrägen Gewölbe, welche über die drei nördlichen und drei südlichen 
Quadrate des Rundschiffes gespannt sind, und stellten meist Szenen aus 
der biblischen Geschichte vor. Die Figuren, mehr als lebensgross, waren 
in Oelmalerei ausgeführt. 

Es w^aren gute Bilder, w^elche Bernardini gemalt hatte, und besonders 
in der Zeichnung waren sie vorzüglich. Bernardini war Meister in der 
Zeichnung der perspektivischen Verkürzung, nell'arte del sotto in su, wie 
der Italiener es nennt, und hier hatte er an den Gewölben des Münsters 
vollauf Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, was er auch redlich gethan 
hat. Im Kolorit war er weniger glücklich; es mag aber auch sein, dass 
seine Farben späterhin durch äusseren Einfluss ihre ursprüngliche Kraft 
verloren haben. 

Die von Bernardini gemalten Bilder wurden in den Jahren 1824 — 25 
durch den Aachener Maler Ferdinand Jansen - restaurirt. Auch malte der- 
selbe in dem westlichen, dem Glockenthurm anliegenden Quadrate die Ein- 
weihung des Münsters durch Leo III. im Jahre 805. In der unteren Ecke 
hatte er in bescheidener Weise sein eigenes Bild angebrachte 

Durch die Freigebigkeit des Königs Friedrich Wilhelm IV. wurden 
im Jahre 1845 die von den Franzosen im Jahre 1794 geraubten Marmor-, 
Granit- und Porphyrsäulen, welche Aachen im Jahre 1815 zurück erhielt, 



1 



*) Quix, Münsterkircbe S. 14. 

') Jansen war auch ein sehr geschätzter Dichter, der mehrere Bändchen Gedichte 
in Aachener Mundart herausgegeben hat, welche von 1815—1821 bei C. A. MüUer in 
Aachen erschienen sind. Er wohnte in dem Hause der Grosskölnstrasse, welches heute 
mit Nr. 51 bezeichnet ist. 

*) Dieses einzige Bild Jansens ist bei der Zerstörung der Bilder des Hochmünsters 
initzerstört worden, ohne dass von demselben eine Kopie genommen worden wäre. 



— 123 — 

wieder anfg-os^ellt. Im Jahre 1850 begann der schon 1843 gegründete 
Karlsverein zur Restauration des Aachener Münsters seine praktische 
Thätigkeit durch den Angriff der Wiederherstellungsarbeiten am Chor. 
Das Stiftskapitel beschloss, in der Kuppel des Oktogons das Bild der Majestas 
Domini, umgeben von den vierundzwanzig Aeltesten, in der Weise wie es 
früher gewesen, in Mosaik ausgeführt, anbringen zu lassen. Es schickte 
auf seine Kosten einen Zeichner nach Italien, der an dort vorhandenen 
Mosaiken aus karolingischer Zeit die nöthigen Vorstudien machen und 
einen Entwurf herstellen sollte; dieser Entwurf war bestimmt, dem nun 
folgenden Konkurrenzausschreiben als Grundlage zu dienen. Bei diesem 
Wettbewerb gingen nur zwei Zeichnungen ein, eine von Staatskonservator 
von Quast und die andere von Professor Schneider in Cassel. Als Preis- 
richter fungirten die Herren von Salzenberg, Schmidt, Viskonti, Parker, 
de Surigni und Bethune. Die Verhandlungen dieser Herren über die ein- 
gelaufenen beiden Pläne führten zu keinem Result>ate. Baron v. Bethune 
in Gent erhielt den Auftrag, eine neue Zeichnung für das anzufertigende 
Mosaikbild zu entwerfen. Diese wurde am 1. Juli 1871 per majora an- 
genommen. Mit der Ausführung der Mosaiken wurde Salviati in Venedig 
betraut, welcher nicht lange vorher eine Werkstätte auf der Insel Murano 
eingerichtet hatte. 

Man begnügte sich nicht damit, vorerst nur Raum für das Mosaik- 
bild in der Kuppel des Oktogons zu schaffen, sondern entfernte auch sofort 
die übrigen Werke von Altari und Bernardini mit einer unheimlichen Gründ- 
lichkeit. Nicht einmal im Bilde wurden dieselben erhalten, obwohl es da- 
mals an warnenden Stimmen nicht fehlte*. 

Zum Anbringen der von Salviati angefertigten Mosaikpasten musste 
die innere Fläche der Kuppel, die bei der karolingischen Arbeit glatt 
geblieben war, besonders hergerichtet werden. Hierzu wurden über die 
ganze Fläche derselben Rinnen von etwa 5 cm Breite und 3 cm Tiefe 
dicht nebeneinander eingehauen, damit der Untergrund für die Mosaik- 
pasten besser halten sollte. Auf diesen wurden die Mosaiken angebracht, 
doch nicht in der Weise, wie es beinahe 1000 Jahre früher der italienische 
Mönch gethan hatte, sondern in einer von Salviati erfundenen Art, die 
sich vor der ersteren wohl durch Billigkeit aber nicht durch Exactheit 
und Haltbarkeit auszeichnete. Salviatis Verfahren war folgendes: Das 
rausivisch darzustellende Bild wurde umgekehrt (negativ) auf weichem 
Papier gezeichnet und dann die Pasten, mit ihrer Aussenfläche der Zeich- 
nung und den aufzubringenden Farben entsprechend, auf das gezeichnete 
Bild geklebt. Hierbei stand selbstverständlich der von der Mörtelmasse 

*) Der nachbcrige Stadtarchivar Käntzelcr schreibt im Feuilleton des „Echo der 
Gegenwart** vom 12. Februar 1866: „Ich habe mehrmals Herrn Kanonikus N. N. darauf 
aufmerksam gemacht, wie sich im Oktogon au den Wänden das ganze ehemalige Inventar 
des Aachener Schatzes, vom Anfange des 18. Jahrhunderts, wohl auffinden lasse, so dass 
man daraus ersehen könne, was jetzt noch vorhanden sei und was mangele von Keliquien- 
gefässen, gottosdienstlichen Utensilien, Paramenten u. s. w. Bevor es zum Abschlagen 
dieser Gypsoruamente im Oktogon kommen wird, wäre gewiss eine genaue Abzeichnung 
dieser Gegenstände im Interesse der Alterthuinswissenschaft angezeigt,* 



— 124 — 

aufzunehmende Theil der Pasten aufrecht, und wurde dann das so her- 
gestellte Bild an der ihm zukommenden Stelle mit den Pasten in die auf- 
getragene Mörtelmasse eingedrückt und blieb so haften bis der Mörtel 
erhärtet war. Hierauf wurde dann das das Bild noch immer bedeckende 
Papier mit Wasser abgewaschen und jetzt erst trat das Mosaikbild in die 
Erscheinung. Dieses Verfahren hatte den Uebelstand, dass es bei dem- 
selben unmöglich war, während der Anfertigung des Bildes Fehler in dem- 
selben sehen und verbessern zu können; jeder Fehler in der Ausführung, 
jede Disharmonie in den Farben und andere Ungehörigkelten treten viel- 
mehr erst dann zu Tage, wenn das Bild für immer an seiner Stelle ange- 
bracht ist. Diese Mängel zeigten sich denn auch bei dem hiesigen Mosaik- 
bilde; die musivische Fläche wies Unebenheiten auf und Lücken zwischen 
den einzelnen Pasten, welche stellenweise 5 Millimeter betrugen. Der 
hierdurch sichtbar werdende Mörtel wurde — mirabilc dictu — mit ent- 
sprechender Farbe angestrichen und so dem uubewatfneten Auge des arg- 
losen Zuschauers entzogen. 

Die in solcher Weise angefertigten Mosaiken sind von der Abnahme- 
Kommission angenommen worden, und erhielt dafür Salviati die Summe 

von 58400 Mark. 

Rechnet man hierzu die Kosten der Vorarbeiten mit . . 23 250 



so stellen sich die Gesammtkosten der Mosaiken auf . . 81650 Mark^ 
Gegen Ende Juni 1881 wurde das Werk vollendet. 



Vereinsangelegenheiten. 

Bericht über das Vereinsjahr 1894—1895. 

Auch in dem abgelaufenen Jahre hat der Verein sich wieder redlich bemüht, der 
Aufgabe, die er sich bei seiner Gründung gestellt, einerseits durch Abhaltung von wissen- 
schaftlichen Sitzungen und Ausflügen und andererseits durch Herausgabe und Vervoll- 
kommnung des Vercinsorgans nach Möglichkeit gerecht zu werden. Die verschiedenen 
Monatsversammlungen waren gut besucht und verliefen, Dank dem unermüdlichen Eifer 
einzelner Vereinsmitglieder in Beschaffung interessanten lokalgeschichtlichen Materials, sehr 
anregend. Wegen der in den Sommer des abgelaufenen Jahres fallenden Heiligthumsfahrt, 
die naturgemäss mancherlei Behinderung der Vereiusraitglicder im Gefolge hatte, fand nur 
ein wissenschaftlicher Ausflug statt. Derselbe hatte zum Zielpunkt das geschichtlich 
merkwürdige Städtchen Aldenhoven bei Jülich. Herr Pfarrer Schnock verbreitete sich 
in einem eingehenden Vortrage über die Geschichte dos Ortes, während Herr Direktor 
Dr. Wacker über die Schlacht bei Aldenhoven sprach. An die Vorträge schloss sich eine 
Besichtigung der Pfarrkirche und sonstiger sehcnswerther ßautcu an. Die satzungs- 
gemässe Generalversammlung fand am 7. Dezember 1895 statt; in derselben erstattete 
der Vorsitzende, Herr Dr. Wacker, Bericht über die Lage und Wirksamkeit des Ver- 
eins in dem Jahre 1894—95. Demselben entnehmen wir, dass die Mitgliedcrzahl leider 
nicht unerheblich zurückgegangen ist; bange Befürchtungen brauchen aber darob doch 
nicht Platz zu greifen; „denn wir haben, so führte der Vorsitzende aus, in unserm Vereine 
einen festen Stamm einheimischer Mitglieder, deren Festhalten am Verein uns gesichert 



«) Vgl. Kölnische Volkszeitung vom 1. Juli 1881, Nr. 179, vom 11. Juli 1881, Nr. 189 
und vom 23. September 1881, Nr. 2G3. 



— 125 — 

ist, deren berechtigter Lokalpatriotisiuus ein festes Fundament ist, auf dem »ich das 
Interesse für die vaterstädtische Geschichte aufbant. An der Peripherie jedes Vereines 
können wir eine fluotuirende Masse bemerken, auf deren Festhalten nicht zn rechnen 
ist. Aus Gefälligkeit gegenüber einem Freunde oder Bekannten eingetreten, warten manche 
nur auf eine passende Gelegenheit abzuschwenken. Alle wissenschaftliche Vereine der 
Stadt klagen über Abnahme der Theilnehmer. Lassen wir uns deshalb nicht irre machen 
in der weitem Verfolgung unserer idealen Bestrebungen; vor allem wollen wir die alte 
Mitgliederzahl durch energische Agitation wieder zu erreichen suchen. Mit 250 Mitgliedern 
können wir voll und ganz die Aufgabe erfüllen und materiell ermöglichen, die wir uns 
mit unserer Zeitschrift gesetzt haben. '^ Sodann legte der Schatzmeister des Vereins, Herr 
Stadtverordneter F. Kremer die Jahresrechuung vor, die von zwei Mitgliedern geprüft 
und für richtig befunden wurde. Dem Schatzmeister wurde Entlastung gewährt und der 
verdiente Dank für die sorgfältige Kassenverwaltung seitens der Generalversammlung 
ausgesprochen. Die Einnahmen und Ausgaben stellten sich wie folgt: 

Einnahmen: 

An Kassen bestand aus dem Vorjahre M. 724.15 

211 Jahresbeiträge für 1894 „ 633.— 

2 rückständige Jahresbeiträge für 1893 „ 6.— 

Zinsen der Sparkasse „ 13.98 

M. 1377.13 
Ausgaben: 

Dmckkosten der Vereinsschrift und Anderes M. 933.15 

Inserate „ 18.10 

Porto-Auslagen „ 23.60 

Verschiedenes „ 24.— 

Kassenbestand w „ 378.28 

M. 1377.13 

Nach Erledigung des geschäftlichen Theiles der Generalversammlung folgte noch eine 
Beihe interessanter geschichtlicher Mittheilungen; u. a. berichtete der Vorsitzende über 
das weitere Schicksal der chiffrirten Briefe des französischen Generals Davoüts an Napoleon, 
deren Entzifferung endlich gelungen ist. Das Nähere darüber hat Herr Dr. Wacker in 
der Zeitschrift des Görresvereins veröffentlicht. 



— 126 — 



Verzeichniss der Mitglieder. 



L Vorstand. 

Erster Vorsitzender: Wacker, Dr. K., Direktor der Lehrerinnen-Bildungs- 
anstalt in Aachen. 

Zweiter Vorsitzender und Redakteur: Schnouk, H., Strafanstalts-Pfarrer 
in Aachen. 

Schriftführer: Oppenhoff, F., Gyranasial-Oberlehrer in Aachen. 

Bibliothekar: Schollen, M., Staatsanwaltschafts-Sekretär in Aachen. 

Kassirer: Kremer, F., Buchhändler und Stadtverordneter in Aachen. 

Beisitzer: Rhoen, C, Architekt 

Menghius, C. W., Stadtverordneter. 
Spoeigen, Dr. J., Oberlehrer. 
Jardon, Dr. A., Gymnasiallehrer. 
Schaf frath, J., Stadtverordneter. 
Glas Ben, J., Kaufmann. 

IL Mitglieder. 



Adams, Hub., Kgl. Notar in Aachen. 
A Isters, Dr., Professor in Aachen. 
Barth, Apotheker in Aachen. 
Baurmann, Dr. L., in Aachen. 
Becker, J., Pfarrer in Weidesheim. 
B eissei. Mar. Wilh., Rentnerin in Aachen. 
Bertaut, L. Fabrikbesitzer in Aachen. 
Bibliothek des Landkreises Aachen. 
Biesing, Fritz, Rentner in Aachen. 
Bock, Dr. Frz., Rentner in Aachen. 
Bock, P., Nadelfabrikant in Aachen. 
Bock, 0., jr., Kaufmann in Aachen. 
Böcke 1er, H., Direktor in Aachen. 
Bott, Bürgermeister in Forst. 
Brückner, Dr., Arzt in Aachen. 
Brnns, Fritz, in Werden a. d. Ruhr. 
Buchholz, Jos., Kaufmann in Aachen. 
Buchkremer, Jos., Privatdozent in Aachen. 
Bücken, Win., Uhrmacher in Aachen. 
Gapellmann, R., Geometer in Aachen. 
Gazin, Frz., Ingenieur in Denver, Co. 

Amerika. 
Ghantraine, Dr. "W., Arzt in Aachen. 
Gharlier, A., Restaurateur in Forst. 
Glar, Dr., Gymnasial-Oberlehrer in Aachen. 
G lassen, J. J., Pfarrer in Verlautenheide. 
G lassen, J., Kaufmann in Aachen. 
G lassen, Dr. J., Arzt in Aachen. 
G lassen, Jak., Kaufmann in Aachen. 
Glassen, M., Kaufmann in Aachen. 
Gornely, Bürgermeister a.D. in Elchenrath. 
Gossmann, Th., Möbelfabrikant in Aachen. 
Gremer, £., Hauptlehrer in Aachen. 
Cremer, Jos., Bauunternehmer in Aachen. 



Gremer, M., Lehrer an der Lehrerinnen- 
Bildungsanstalt in Aachen. 

Greutier, A., Buchhändler in Aachen. 

D ahmen, Frz., Kaufmann in Aachen. 

Daverkosen, Jos., Kaufmann in Aachen. 

Demeuse, Henri, Rentner in Aachen. 

Deterre, Jos., Buchd rucke reibesitzer in 
Aachen. 

Dicker, Otto, Rentner in Aachen. 

Dodenhöft, Em., Lehrer a. d. Viktoria- 
schule in Burtscheid. 

Drosemann, Dr. 0., Redakteur in Köln. 

Dujardin, P., Architekt in Aachen.* 

Eibern, M., Baumeister in Aachen. 

Ernstes, Rieh., Kratzenfabrikant in Burt- 
scheid. 

Eschweiler, Pfarrer in Gürzenich. 

Feld mann, Fritz, Kaufmann in Strassburg 
im Elsass. 

Fey, Job., Landgerichts-Sekretär in Aachen. 

Fey, Jos., Rentner in Aachen. 

Firmanns, Jak., Juwelier in Aachen. 

Firmanns, Apotheker in Aachen. 

Flamm, G. J., Kaufmann in Aachen. 

Forckenbeck, von, Rentner in Aachen. 

Förster, Jos., Kaufmann in Aachen. 

Fraiquin, Lehrer in Aachen. 

Pranzen, Deservitor in Eller. 

Geschwandner, Dr., Direktor an der 
Viktoriaschule in Burtscheid. 

Genien, Peter, Kaufmann in Burtscheid. 

Geyer, Dr. H., Gymnasiallehrer in Wesel. 

G Uli am, AI., Brunnenmeister in Aachen. 

Göbbels, J., Stadtrath in Aachen. 



— 127 -- 



Gobi et, Aus:., Seifeufabrikaiit in Aachen. 

Goeckc, Dr., Professor in Aachen. 

Greve, Dr. Th., Professor in Aachen. 

Grimmendahl, Dr. P., Gyiunasial-Ober- 
lebrer in Aachen. 

Gross, H. J., Pfarrer in Osterath. 

Hammels, Jos., Kaufmann in Aachen. 

Ha mm er 3, H., Photolithograph in Aachen. 

Hammers, Job., Rentner in Aachen. 

Hansen, Dr. Jos., Stadtarchivar in Köln. 

Keinen, Dr. L., Arzt in Aachen. 

Heller, Geometer in Aachen. 

Hentrich, Gerichts- Aktuar in Aachen. 

Hermann, Maschinenfabrikant in Bnrt- 
scheid. 

Her mens, Jos., Stadtrath in Aachen. 

Herren, L., Kaufmann in Aachen. 

Hess, Job., Kaplan in Köln. 

Heucken, Jos., Kaufmann in Aachen. 

Heasch, A., Cand. jur. in Aachen. 

Hoesch, Otto, Kaufmann in Aachen. 

Hoff, von den, H., Justizrath in Aachen. 

Hon ne feller, P., Photolithograph in 
Aachen. 

Hube, M., Geschäftsbücher-Fabrikant in 
Aachen. 

Hüffer,Rüb., Maschinenfabrikant in Aachen. 

Hüntemann, Jul., Schneidermeister in 
Aachen. 

Jardon, Dr. A., Gymnasiallehrer in Esch- 
weiler. 

Jaalns, Dr. H., Rabbiner in Aachen. 

Jörissen, Alb., 8tud. jur. in Aachen. 

Kaatzer, Herm., Wtw., Buchdruckerei- 
besitzerin in Aachen. 

Kaentzeler, Jos., Privatgeistlicher in Bonn. 

Kahlau, H. J., Kaufmann in Aachen. 

Kaltenbach, J., Kaufmann in Aachen. 

Kelleter, Dr. F., Gymuasial-Oberlehrer in 
Aachen. 

Kelleter, Dr. H., Stadtarchiv-Assistentin 
Köln. 

Kickartz, J., Gasraeister in Aachen. 

Klausener, Bürgermeister in Burtscheid. 

Klevisch, Greg., Kaufmann in Aachen. 

Klinkenberg, Dr., (iyranasial-Oberlehrer 
in Köln. 

Klinkenberg, P. H., Conditur in Aachen. 

Koch, H. H., Dr. theol., Militär-Oborpfarrer 
und Division-^pfurrcr in Frankfurt a. M. 

Koehn, Gymnasial-Oberlehrer in Aachen. 

Körfer, Herrn., Breunereibesitzer in Roth o 
Erde. 

Kremer, Ferd., Stadtrath in Aachen. 

Krichel, J. 31., Rcndant in Aachen. 



K r u s z e w s k i , Dr. A., Gymnasial-Oberlehrer 

in Aachen. 
Kuetgens, P., Stadtrath in Aachen. 
Lambertz, H., Pianofortefabrikant in 

Aachen. 
Lamberz, Emil, Ingenieur in Aachen. 
Lauffs, Fr., Rektor in Satzvey. 
Lennartz, W., Hof-Uhrmacher in Aachen. 
Lentzen, P. A., Fabrikdirektor in Aachen. 
Lorsch, Dr., Arzt in Aachen. 
Lessenich, M., Kaufmann in Aachen. 
Linnartz, Direktor der Pro vinzial -Taub- 
stummenanstalt in Aachen. 
Lippmann, Otto, Fabrikant in Aachen. 
Lob, R., Fabrikant in Burtscheid. 
Lörkens, Dr. J., Professor der Rechte in 

Freiburg i. d. Schweiz. 
Loersch, Dr. H., Geheim. Justizrath, Pro- 
fessor der Rechte in Bonn. 
Lovens, Jakob, Pianoforte-Fabrikant in 

Aachen. 
Lücke rat h, W., Pfarrer in Waldfeucht. 
Maassen, Arthur, Dachdeckermeister in 

Aachen. 
Mac CO, H. F., Kaufmann in Aachen. 
Mahr, Gerb., Heizungsfabrikant in Aachen. 
Maus, Heinr., Kunstgärtner in Aachen. 
Med er, Dr. J., Gymnasial-Oberlehrer in 

Aachen. 
Menghius, 0. W., Stadtrath in Aachen. 
Messe w. Frz. G., Rentner in Aachen. 
Meurer, Dr. A., Realgymnasial-Obcrlehrer 

in Aachen. 
Michels, Jos., Hotelbesitzer in Aachen. 
Möhlich, Job., Königl. Aratsanwalt in 

Aachen. 
Mülle nmeister, J., Tuch-Fabrikant in 

Aachen. 
Nelson, Dr. J., Professor in Burtscheid. 
Neu, Frz., Rektor in Aachen. 
Nenfforge, Th. von, Kaufmann in Aachen. 
Ncujean, Eg., Maler in Aachen. 
Niederau, W., Agent in Burtscheid. 
Niessen, Jos., Kaufmann in Aachen. 
Noethlichs, Gottfr., Lehrer in Aachen. 
Ochs, Pfarrer in Steinfeld. 
Oidtmann, Dr. Heinr., Glasmalerei in 

Linnich. 
Oppenhoff, F., Gymnasial-Oberlehrer in 

Aachen. 
Otten, Heinrich, Cigarren-Fabrikant in 

Aachen. 
Pauls, E., Rentner in Düsseldorf. 
Paulssen, Frz., Stadtrath in Aachen. 
Peelcn, Ferd., Pliestcnucister in Aachen. 



— 128 — 



Peltzer, Gast., Kaufmann in Aachen. 
Peppermülier, Oberbibliothekar in Aachen. 
Pier, von, Hrch., Nadelfabrikant in Aachen. 
Pier, von, Louis, Nadelfabrikant in Aachen. 
Pohl, Wilh., Bildhauer in Aachen. 
Polis, Peter, Fabrikant in Aachen. 
Polis, Pierre, Fabrikant in Aachen. 
Pschmadt, Realgymnasial - Vorschullehrer 

in Aachen. 
POtz, Jak., Kaufmann in Aachen. 
Quadt, Max, Rektor in Aachen. 
Qu ad flieg, Lehrer in Aachen. 
Reinartz, Job., Architekt in Bnrtscheid. 
Rey, van, A., Kaufmann in Aachen. 
Rhoen, C, Architekt in Aachen. 
Roo rings, Aug., jr., Kaufmann in Aachen. 
Rossum, Rud., Kaufmann in Aachen. 
Rüben, J., Bauunternehmer in Aachen. 
Rtttgers, F. J., Juwelier in Aachen. 
Saedler, H., Pfarrer in Derendorf. 
Savelsberg, Dr. H., Gymnasial-Oberlehrer 

in Aachen. 
Senden, Major im 2. Bad. Feld- Artillerie- 
Regiment Nr. 30 in Rastatt. 
Sommer, Dr., Professor in Aachen. 
Schaf frath, J., Stadtrath in Aachen. 
Schervier, Aug., Fabrikant in Aachen. 
Schiffers,Hnb.,Steinmetzmoi8terinRaeren. 
Schillings, Jos., Kaufmann in Aachen. 
Schlesinger, M., Redakteur in Aachen. 
Schmitz, H., Realgymnasial-Oberlehrer in 

Aachen. 
Schmitz, C, Stadtrath in Aachen. 
Schmitz, P., Havanna-Import-Geschäft in 

Aachen. 
Schneider, Frz., Apotheker in Aachen. 
Schnock, H., Strafanstultspfarrer in Aachen. 
Schnütgen, Gymnasial-Oberlehrer in 

Aachen. 
Schollen, M., StaatsanwaltHchafts-Sekretär 

in Aachen. 
Schulze, Job., Gymnasial-Vorschullehrer in 

Aachen. 
Schumacher, Wilh., Zeichner in Aachen. 



Schwartzcnber^, von, Fr., Steinmetz- 

meister in Aachen. 
Schweitzer, J., Buchhändler in A&chen. 
S p e l g e n , Dr. J., Realgymnasial-Oberlehrer 

in Aachen. 
Springsfeld, Dr., Arzt in Aachen. 
Stanislaus, Aug., Flaschenbiergeschäft in 

Aachen. 
Steinraeister, Carl, Cigarrenfabrikant in 

Aachen. 
Strom, Frz., Kaufmann in Aachen. 
Talbot, Hugo, Rentner in Aachen. 
Theissen, Job. Pet., Reg.-Sekretär in 

Aachen. 
Theissen, Hrch., Hotelbesitzer in Aachen. 
Thoma, Dr., Arzt in Aachen. 
Thom6, Ferd., Buchhalter in Aachen. 
Thyssen, Edm., Architekt in Aachen. 
Tönissen, Wilh., Pfarrer in Borbeck, 
ürlichs, Barth., Buchdruckereibesitzer in 

Aachen. 
Vaassen, Dr. B., Rechtsanwalt in A&dien. 
Valtmann, H., Kaufmann in Aachen. 
Vi gier, Louis, Schirmfabrikant in Aachen. 
V i n c k e n , Mich., Oberpostdirektions-Sekret&r 

in Aachen. 
Vogelgesang, C, Kaufmann in Aachen. 
Wacker, Dr. C, Direktor a. d. Lehrerinnen- 

bildungsanst^lt in Aachen. 
Wangemannn, Dr. P., Zahnarzt in Aachen. 
Weber, Arthur, Kaufmann in Aachen. 
Weber, Alex, Lehrer a. d. Webeschule in 

Aachen. 
Weidenhaupt, P., Lehrer in Aachen. 
Welter, H., Rechtsanwalt in Aachen. 
Wen dl and, L., Pfarrer in Rheinbach. 
Weyers, Rodr., Buchhändler in Aachen. 
Wieth, Dr. H., Gymnasial-Oberlehrer in 

Colmar. 
Wings, Fr., Kaufmann in Aachen. 
Wirtz, P., Reg.-Sekretär in Aachen. 
Zimmermann, Bürgermeister a. D. in 

Aachen. 



Verlag der Cremer'schen Buclihandlung (C. Caziii) in Aachen. 

Die Aachener Geschichtsforschung. 

Entgegnung auf die „Kritische Studie" des Herrn Dr. LuIyös 

über 

„Die gegenwärtigen Geschicbtsbestrebnngen in Aaclien**. 

Mit UntcrstUUuüg Aachener Üeschicbtsfreundc herausgegeben von Dr. C. WSiCker. 

96 S. gr. 8*». Preis JL 1.80. 



DkICK \(»N UkKMANN KAAl/.hU IN AA( hun. 



rs f 011111 

MinElLÜNGEN DES VEREINS FÜR KIDE DER AACHENER VORZEIT 

IM AUFTRAG DES VEREINS HERAUSGEGEBEN 

TOS 

HEINRICH SCHNOCK. 

NEUNTER JAHRGAN6. 



AACHEN. 

Kommissions-Vbbi.40 dkr Obemkkschen Büchhandldno (C. Cäzin). 
1S96. 



INHÄLT. 



Seite 

1. Schönau. Von H. J. Gross 1 

2. Christliche Auslegung einer bösen Karlssage. Von B. M. Lersch . . 88 

3. Über das Zusammenleben der Stiftsgeistlichkeit zur Zeit der Karolinger. 
Von H. Schnock 85 

4. Kleinere Mitteilungen: 

1. Handschriftliche Aufzeichnungen (1758—1785) im Stadtarchiv zu 
Aachen. Von M. Schollen 41 

2. Theodor Zimmers. Von J. Fey 44 

8. Die Anwesenheit einer hanseatischen Gesandtschaft an König 

Philipp ni. von Spanien in Aachen im Dezember 1006. Von 

F. Oppenhoff 47 

4. Ein merkwürdiger Fund. (Briefe Davouts an Napoleon I.) Von 
C. Wacker 48 

5. Schönau. (Fortsetzung.) Von H. J. Gross 49 

6. Kleinere Mitteilungen: 

1. Aktenstücke aus dem Aachener Stadtarchiv (1795—1805). Von 

W. Brüning. . 92 

2. Veranstaltung von Maskenbällen bei festlichen Gelegenheiten im 
vorigen Jahrhundert Von M. Schollen. 95 

8. Zur Geschichte des Kreuzherrenklosters. . . „ „ „ 96 

4. Anordnung einer Prozession durch den Bat . „ „ „ 96 

5. Fleischverkauf in der Fastenzeit n n n ^^ 

7. Schönau. (Fortsetzung.) Von H. J. Gross 97 

8. Der Maler Johann Adam Eberle. Von J. Fey 119 

9. Bericht über das Vereinsjahr 1895—1896 128 



•}-*®4-^- 



Jährlich 8 Nummcni EommiBsiona -Verlag 

I 1 Bogen Royal OkUv. ^^"^ 

Cremer'schen BnchhaDdlung 
Preis des Jahrgangs ^f ,^^„ 

4 Mark. in Aachen. 



Mitteilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage dea Vereins herausgegeben Ton E. Sehnaek. 



Nr. 1/3. Nennter Jahrgang. 1896. 



Inhalt: E. J. Qross, SchQnan. ^ B. H. Lcrsch, Christliche Auslegang einer bäsen Karlssage. 
— H. Schnock, Über das Zusammenleben (rita communis) der Stiftsgeistlicbkeit zur Zeit 
der Karolinger. — Kleinere Mitteiinngen : 1. Hand schriftliche Aufzeichnungen (1753—1785) 
im Stadtarchiv za Aachen. — 2. Theodor Zimmers. — 3. Die Anwesenheit einer hanseatischen 
Gesandtschaft an Künig Philipp II. von Spanien in Aachen im Dezemher 1606. — 
4. Ein merkwürdiger Fund. 

Schönau. 

Von H. J. GroBS. 

Unter den vielen Burgen, welche in reichem Kranze die Kaiserstadt 

Aachen umgeben, dürfte kaum eine andere eine so wechselvolle und lUr die 

Sittenkunde so interessante Geschichte haben, wie Schönau bei ßichtericli. 

Wir wollen versuchen, auf den folgenden Blättern dem Leser eine nur aus 

urkundlichen und andern bewähiten Quellen geschöpfte Darstellung der 

Schicksale Schönaus und seiner Besitzer zu geben, wobei wir bemerken, 

dass alle Nachrichten, deren Herkunft nicht besonders angegeben ist, aus 

dem ehemaligen Schönauer Archiv gezogen sind. 

I. 

Herrschaft und Schloss Schönau. 

I. Schönau ein „Sonnenlelien", d. h. eine freie Herrschaft. 

Schönan ist nie so bedeutend gewesen, dass seine Besitzer eine Rolle 
im Weltdrama hätten spielen können, aber trotzdem ist es jedem, der sich 
mit deutscher Eechtsgeschichte befasst hat, dadurch bekannt, dass es zu 
den wenigen sogenannten Sonnenlehen zählt. Grimm' gibt deren fünf an: 
Hennegau, Bicholt an der Maas, Nyel bei Ltitticli, Scliünau bei Aachen, 
Warberg zwischen Helmstett und Wolfenbüttel. Biesen fügt Hansen^ noch 
folgende bei: Oldenburg, Hassleben, Elelienrode, Heyenrode, Bellstädt, 

■) Deutsche RechtsaltcrthUmcr I, S. 278. 

') Zeitschrift des Aachener Qesebicbts -Vereins VI, S. B4, N. 2, 



— 2 — 

UifterungeD, Schniiedehausen, Reckershauseii. Auffallend muss es uns mit 
Hansen erscheinen, „dass der Ausdruck Sonnenlehen nur so selten erscheint, 
während noch im vorigen Jahrhundert eine grosse Anzahl allodialer Be- 
sitzungen vorhanden war, auf welche diese Bezeichnung nicht angewendet 
wurde." Weniger auffällig erscheint uns der „Umstand, dass das Mittel- 
alter in der Uebertragung der Lehnsidee so weit gegangen ist, sich sogar 
den direkten Gegensatz des Lehns, denn das war ja doch eben das Allod, 
im Lehnsnexus zu denken". Jene Zeit betrachtete sogar das Recht auf 
Arbeit, das doch — wenn man so sagen darf — eines jeden Menschen 
eigenstes Eigen ist, als ein von Gott und der Obrigkeit verliehenes, und 
bezeichnete die Arbeit selbst als ein zum Nutzen des Gemeinwesens von 
Gott und der Obrigkeit gegebenes Amt^ also ebenfalls als Lehen: da 
lässt sich doch leicht begreifen, dass sie alle äusseren Güter nur als Lehen 
ansah, die man von einem Menschen oder, wo das nicht der Fall war, 
direkt von Gott erhalten hatte. 

Aus dem Vorstehenden ist schon klar, was wir unter Sonnenlehen 
verstehen. Das waren allodiale Besitzungen des Adels — wie Hansen 
ausdrücklich hervorhebt* — , welche zu keinerlei Dienstleistungen ver- 
pflichteten, weil sie eben des Besitzers erbliches Eigen waren, das ihm 
nicht von einem andern Menschen gegen irgend welche Verpflichtung über- 
tragen worden war. Diese Güter hatten sich frei und unabhängig erhalten, 
sie waren dem allgemeinen Zuge der Zeit nach Verlehenung — man ge- 
statte den Ausdruck — nicht gefolgt. Ihre Besitzer waren darum auch 
selbst unabhängig, keinem andern Herrn unterworfen, sie waren frei von 
einem jeden Dienste eines Höheren: ausgenommen natürlich, dass sie als 
Angehölige des Deutschen Reiches ihre Pflicht gegen Kaiser und Reich 
erfüllen mussten. 

Dass die Herren von Schönau die Bedeutung des Ausdruckes Sonnen- 
lehen im wesentlichen ebenso auffassten, erhellt aus ihren eigenen Erklärungen 
in gerichtlichen Aktenstücken. So sagt Baltasar von Mylendunck: „1) dass 
die herlichkeit Schonaw mit ihren pertinentiis von unvordenklichen zeiten 
her in alle weg anders nicht dan von der lieben sonne Gottes zu lehen 
ist empfangen und getragen worden; 2) dass bemelte herlichkeit iederzeit 
als eine freie herlichkeit dem heiligen römischen reich ohne mittel^ under- 
worfen gewesen und iederzeit dafür gehalten und verthediget worden." 
Dieselbe Anschauung gibt sich auch kund in folgenden Sätzen, welche der 
Herr von Blanche in seinen Prozessen häufig anführt: „Wie Könige und 
Fürsten ihre Reiche, so haben die Herren von Schönau ihr Schloss mit 
allem Zubehör nur von Gott allein . . ." und: „Wie im longobardischen 
Gesetze die Allode Güter ohne Dienstleistung (sine hominio) genannt werden, 
die man von niera<and als von Gott allein empfängt, so auch jene Burgen 



*) Vgl. Janssen, Geschichte des deutschen Volkes I, S. 315. 
^ Zeitschrift des Aachener Geschichts-Vcreins VI, S. 84, N. 1. 
^) unmittelbar. 



— 3 — 

und Gerichtsbarkeiten, die man Sonnenleheu nennt/ Er beruft sich dabei 
auf Trithius und a Sande. 

Nach der Auffassung der Herren selbst war also das Sonnenlehen ^ 
nichts anderes als eine freie reichsunmittelbare Herrschaft, und als eine 
solche wird Schönau auch von andern anerkannt und bezeichnet. „Gedachte 
herlichkeit ist in negster gülischer vehenden * für eine solche reichsunmittelbar 
freie herlichkeit verthediget worden," sagt Baltasar von Mylendunck. Eine 
andere Aufzeichnung nennt Carl V. selbst als diesen „verthediger" und 
fügt bei: „Das hat Dieterich von Mylendunck mit eigener band schriftlich 
hinterlassen.** 

Als Walter von Blisia den Maternusaltar in der Nikolauskapelle des 
Aachener Münsterstiftes, dessen Sänger er war, mit vier Malter Roggen 
jälirlichen Erbpacht ausstattete, bezeichnete er die Grundstücke, welche 
mit der Kornlieferung belastet wurden, als gelegen „im Gebiete oder in 
der Herrschaft Schönau am Hirsch" ^ und im Jahre 1668 bezeugte Herr 
Gothard von Keverberg genannt Meven, der in der Nähe von Schönau auf 
dem Schlosse Rah in der Sörs seine „adelige residenz" hatte, dass die 
Herren von Schönau stets die Jagd in ihrem Bezirke ausgeübt, dass er 
selbst oft mitgejagt habe, ohne dass ihm darüber vom Herrn zur Heiden* 
irgend ein Wort gesagt worden sei, dass er von seinem Vater habe sagen 
hören, Schönau sei Herrlichkeit gewesen, ehe das Haus Heiden dazu gelangte. 

Die Herren zur Heiden wollten die Reichsunmittelbarkeit Schönaus 
nicht anerkennen und bestritten dieselbe auch aus dem Grunde, weil die 
Besitzer nicht zu den Reichstagen zugezogen würden. Darauf antworteten 
aber die Herren von Schönau, es sei ein unterschied zwischen Reichs- 
unmittelbaren und Reichsständen. Nur letztere hätten Sitz und Stimme 
im Reichstage, erstere dagegen seien solche, die ausser dem Kaiser keinen 
Herrn über sich erkennen. Der Reichsstand sei darum auch reichsunmittel- 
bar, nicht aber umgekehrt der Reichsunmittelbare auch Reichsstand. 

Wir ersehen auch hieraus, dass die Herren von Schönau aus der 
Eigenschaft ihres Besitzes als Sonnenlehen keine andern Rechte herleiteten 
und beanspruchten, als die den Reichsunmittelbaren überhaupt zustanden. 

Woher aber diese Reichsunmittelbarkeit der kleinen Herrschaft? Wir 
antworten: Schönau liegt in dem alten praedium Richterich. Dieser Gross- 
grundbesitz war nach dem Zeugnisse der Jahrbücher von Klosterrath^ ein 
Allod der Aachener Pfalzgrafen, die aber schon im 12. Jahrhundert manche 
Teile desselben an ihre Verwandten oder Diener vergabt hatten. Aus 

üeber die Bedeutung und Erklärung der sinnbildlichen Bezciclinung siehe unten 
Nr. 5. 

*) Im geldrischcn Kriege 1542—43. 

^) „in territoris sive dominio de Schonawen**. Quix, Müusterkirche, S. 139. AValter 
war Kanonikus seit 1452, Säuger seit 1505, f 1512. Vgl. A. Heu seh, Nomina Domino rum 
Canonicorum Reg. Eccl. B. M. V. Aquisgranensis S. 10, Sp. 1*. 

*) der das Jagdrecht der Schönauer leugnete. 

^) Annales Eodenses S. 25 u. oft. 



— 4 — 

diesen Absplissen sind die Rittergüter im nachmaligen Ländchen von der 
Heiden entstanden. Da dessen Geschichte anderwärts eingehend dargestellt 
werden soll, erinnere ich hier nur daran, dass dasselbe als praedium 
Richterich zuerst AUod der Pfalzgrafen, dann Besitzung der Heinsberger, 
hierauf königliches Eigenthum, danach Reichslehen der Kölner Erzbischöfe 
und endlich Gebiet der Herzoge von Jülich war, welch letztere eine ünter- 
herrschaft daraus bildeten, die von der Burg ihres ersten Herrn den Namen 
zur Heiden bekam. 

Trotz den Vergabungen jedoch blieb vom praedium Richterich noch 
ein stattlicher Rest übrig, den ein Verzeichniss der Einkünfte des Aachener 
Münsterstifts aus dem 11. Jahrhundert^ als Herrengut des Grafen Hezelo 
bezeichnet. Dieser Rest ist eben Schönau*. Nahe bei der Stelle, wo das 
jetzige Schloss liegt, befand sich ehedem der Haupthof des ganzen AUods, 
an welchem Verwaltung und Gerichtsbarkeit des praedium hing. Ein An- 
zeichen dafür findet sich noch in einem Vergleiche aus dem 17. Jahr- 
hundert, durch den die Parteien Mylendunck und Hillensberg sich ver- 
pflichteten, nichts von den zu Schönau gehörigen Besitzungen zu verkaufen, 
zu versetzen oder zu vertauschen, auch nicht „den pesch' sammt den 
kamerhof, in welcher besirk das Haus Schonaw gelegen ist.** Das Schloss 
liegt demnach auf dem Grund und Boden eines alten Hofes, dessen Sohl- 
stätte noch im 17. Jahrhundert den Namen Kammerhof führte. Dieser 
Ausdruck ist nach der Analogie von Kammerforst u. a. gleichbedeutend 
mit Herrenhof; das Haus Schönau ist demnach an die Stelle des pfalzgräf- 
lichen Kanuner- oder Herrenhofes getreten. Der Besitzer dieses Kammer- 
hofes nun war im Anfange des 11. Jahrhunderts nach dem Zeugnisse der 
oben erwähnten Urkunde Graf Hezelo, der zweite Sohn des Aachener Pfalz- 
grafen Herman*; das praedium Richterich gehörte demnach zur Aus- 
stattung der jüngeren oder hezelinischen Linie des pfalzgräflichen Hauses, 
welche 1045 auch in den Besitz der Pfalzgrafen würde gelangte ^ Die vom 
Salhofe abgetrennten Güter verloren natürlich ihren allodialen Charakter, 
verblieben aber unter der Grundherrlichkeit des Besitzers des ursprüng- 
lichen Haupthofes. Den Beweis liefern die Jahrbücher von Klosterrath. 
Dieselben verzeichnen manche Schenkungen an Ländereien, welche von 
Besitzern der im praedium Richterich gelegenen Gütern an die Abtei gemacht 
wurden, melden aber auch jedesmal, dass die üeberweisung der Grundstücke 
durch den Pfalzgrafen erfolgt sei ^. Nachdem das pfalzgi'äfliche Haus 1 1 40 
ausgestorben, und der alte Kammerhof an ein minder mächtiges und an- 
gesehenes Geschlecht gekommen war, verlor dieser auch die Lehensherrlich- 



>) Qu ix, Cod. dipl. aquen. Nr. 42. 

«) Vgl. Hansen a. a. 0. S. 88. 

*) Wiese. 

*) Groll ins, Erläuterte Reihe der Pfalzgrafen zu Aachen, S. 22. 

*) G fror er, Papst Gregor VIT., Band I, S. 81 fif. 

") Anoales Kodenses S. lö, 19, 20. 



— 5 — 

keit über die abgetrennten Güter. Diese kam an die verschiedenen Herren, 
denen das praedium Richterich zuteil wurde, bis sie zuletzt den Kölner 
Erzbischöfen verblieb, die sich das Oberlehensrecht bei der Abtretung 
Eichterichs an die Grafen von Jülich vorbehalten haben mögen. 

Der alte pfalzgräfliche Kammerhof aber behielt trotz aller Verluste 
seinen allodialen Charakter; seinem Besitzer standen über die bei diesem 
Hofe verbliebenen Ländereien und deren Bewohner dieselben Eechte zu, 
welche einst die Pfalzgrafen über das ganze Gebiet gehabt hatten: also 
alle Eechte des Grundherren. 

Wann und von wem der Kammerhof den Namen Schönau erhielt, ist 
unbekannt, indessen lag die Benennung nahe. Wie man später Schönforst 
nach seiner Lage im Walde benannte, so hat man dem Kammerhof nach 
seiner Lage in der wasserreichen, fruchtbaren Niederung die Bezeichnung 
Schönau beigelegt. 

2. Das Gebiet der Herrschaft Schönau. 

Die älteste der mir vorliegenden Grenzbestimmungen datiert vom 
23. Dezember 1523; dieselbe findet sich in dem folgenden Vergleiche 
zwischen Dieterich von Mylendunck, Herrn zu Schönau und Werner von 
Schönrode, Herrn zur Heiden. 

„Wir Diederich herr zo Mylendunck ind zo Schönawen unde Werner 
von Schoenrode, herr zo der Heiden inde zor Blyt etc. doen kund allen 
lüden und bekennen hiemit offenbarlich: so ein herr zo Schönawe Gott 
allmächtig ind seinere kaiserlichen majestät unde dem hilligen ryche ind 
niemand anders vor overheuft kenne inde die hoeuftvart^ von des herren 
kamer zo Schönawe an das kaiserliche kamergericht gaet ind sulchs von 
alders herbracht ist, inde oich myn Dederichs ohme, wilne here Kraft von 
Mylendunck ritter, here zo Meiderich ind zo Schönawe, mynre Werners 
moder Maria von Merode, frawe zo der Heiden, den beiden Gott benaede, 
vur reede * ind hoeuftgericht seinre fürstliche genade zo Guiliche beklaigt 
hait over die ingriffe, dieselve frawe zo der Heiden in der hirlicheit von 
Schönawe möge gedaen liain, inde darup ein ordeil gesprochen ist op 
freidag des hilligen creuz abends' exaltationis in dem jare uns herren 1510, 
dat here Kraft vorschreven by seinen regalien, laessen ind gerichten zo 
Schönawen ruwlich ind vredlich blyven solde, wie syn alderen ind he sulche 
zuvorens gehait ind gebruicht hain, so sein wir, der herr zo Mylendunck 
ind zo Schönawe unde der herr zo der Heiden vorschreven, heude dag 
datum unser gebiete halven bysamen getreten ind haven dieselve regulirt 
ind gesatz: so dat der distrikt unde gebiet der herlicheit Schönawe gaen 
sal längs dat ryche von Ache von Vetzsen* und Houf* an uns® up Bers- 
berger ' gut, ind dar längs durch dat velt over Oirsvelder * klyf und längs 
Oirsvelder gut und hinder dat huis Oirsvelt längs den meistweg^ ind längs 



') AppeUation. *) Käthe. ') 13. September. *) Vetschau. ') Huff bei Vetschau. •) bis. 
^) Bcrensberg. *) Uersfeld. ') Mistweg. 



— 6 — 

Vilsberger hof, vort durch Dtistergatz^ und Roderstrass^ uns an den scheifen 
graf, item durch dat Richterger'' velt um dat eitergut* längs künegatz ind 
vorsterheiden * durch den vieweg uns do an dat eitergut, ind davon längs 
den flutgraf uns wider op dat ryche van Ache, so dat der here zo Schönawe 
op gen Houf, in den Groenendal, an gen haut, zen Hirtz ind op Meven- 
heide, inde oich zo Richtergen in den distrikt of gebiet der herlicheit 
Schönawe gelegen unde over die laessen, leinlude* ind samentliche under- 
saessen darinen wohnende zo gebieden, unde ein here von der Heiden sich 
derselben guder, huiser, hotten ind wohnungen noch der laessen, leinlude 
ind undersaessen zo Schönawe gehoerende, in geinerlei raanieren under- 
nehmen en sal nu noch zen ewigen dagen. Ydoch die guder zo Richtergen 
in den Richtergen distrikt betreflfend, so einige under die herlicheit von 
der Heiden gehören, over dieselve guder ind sonst niet aneinhangende sal 
man so genge^ als mogelich na unse augenschein of vurbringen unsre 
diener beiderseitig gebiet in dem Richterger distrikt vorschreven ouch 
aneinklevende ferner zo goeder vruntschaft ind naburschaft regelieren ind 
setzen sonder aller argelist. Des zo warer urkund syn dieser verdregen 
zwei glychs inhalts ufgericht ind haven unsere siegelen wissentlich hie an 
doen hangen, der yder parteie einen na ime® genomen hait. Gescheit in 
dem jaren uns herrn 1523 den 23 tag im dezember. Dederich her zo 
Mylendonck ind zo Schönawe. Werner von Schoenrade, her zor Heiden inde 
zor Blyt^** 

Die Festsetzung der Grenze in Richterich hat nie stattgefunden. 
Quix^® druckt jedoch einen Brief Werners von 1524 ab, in welchem der- 
selbe seine Zustimmung zu einer Grenzbegehung ertheilt, welche das 
Heidener Gericht gemeinschaftlich mit dem Schönauer abgehalten hatte 
und welche die oben angegebenen Grenzen etwas näher bestimmt. Das 
Schreiben lautet: „Myne vrüntliche grütz — So myne vogt ind geschworene 
mir vorbracht haven, dat ür scholtis ind geschworen die limiten der herlig- 
keit Schönawe mit hün begangen, zo wissen von dem dürrenbaum" längs 
dat ryche von Aichen bis up Berensberg gut, item durch den kohlweg 
bis up die elf trappen, item durch den byrweg''^, vort durch den rein an 
den Scheit ^\ item durch den veeweg, borgass ind kuegass *^ over die vorster- 
heid ind durch den weiweg bis up den dürrenbaum vorschreven, so bin 
ich darmit zo vrede ind en sal mich der guten inde lüden binnen den vür- 
gemelten limiten der herlichkeit Schönawe volgens sigel, breve ind ordel 
der herzogen zu Guilich seliger gedechtnis niet annehmen; hirintgen*^ ir 
uch der guten inde lüden in der herlichkeit van der Heiden baussen die 
limiten der herlichkeit Schönawe vorschreven oich nit annehmen en solt; 
ydoch die beide herlichkeiten Schonawen und Heiden sullen ein wy die 



*) Dttstergasse. ') Strasse nach Herzogenrath. *) Richterich. *) Altirgnt. ') Vorderste 
Heide. •) Lehenleute. ^) bald. •) an sich. •) Nach einer späteren Abschrift. '®) Geschichte 
des Schlosses Schönaii S. 9. ") Zwischen Vetschau und Horbach. '-) alias: leer- oder Herweg. 
^') Kohlscheid. '*) Vgl. oben: künegatz. '*) wohingegen. 



— 7 — 

andere berechtigt sein inde bliven up den gemeinen busch .... 1524. 
Werner von Schoinrode her zor Heiden inde zor Blydt.** 

Im Jahre 1754 Hess der Herr von Blanche die Grenzen seines Ge- 
bietes gegen Aachen durch Statthalter und Schöffen begehen und lud alter 
Gewohnheit gemäss die Herren von Aachen, d. h. Bürgermeister und Rath, 
als Grenznachbaren zum Begange ein. Weil von selten des Magistrats 
niemand erschien, nahm Blanche den Leutenant des Quartiers Laurensberg 
und einen Einwohner des Aachener Reichs mit. Da im Protokolle die 
bezüglichen Grenzen ganz genau bezeichnet sind, teilen wir dasselbe im 
Wortlaute mit. Man ging „von Berensberg an längs dem Achener land- 
graben bis am liirsch, sodan dieserseits^ längs dem wachtthürmgen daselbst 
bis auf den hirscherweg und durch diesen hirscherweg bis auf den Berger- 
creuzweg onweit unser lieber frauen rast^, hiervondannen aber durch den 
Gronenthaler weg und durch die Herlenter- ^ oder Hufferstrass, item durch 
den graberweg bis an Vetschen und hiervondannen durch den Herlenter- 
weg bis an den dürrenbaum." 

Es sind noch einige Verzeichnisse aus dem vorigen Jahrhundert er- 
halten, welche die zum Schönauer Distrikte gehörigen Ortschaften, Höfe 
und Häuser angeben. Alle zusammen liefern folgendes Ergebniss. Zur 
Herrschaft gehörten: 

1. Schloss Schönau mit dem Burghofe; das im Vorgeburg liegende 
Pannhaus „an die Kreuzer**; 9 Häuser und Höfe mit ihrem Zubehör an 
Graswuchs und Länderei ; 2. der Küppershof, welcher dem Aachener Lieb- 
frauenstifte gehörte; 3. am Hasenwald: 14 Häuser; 4. auf die Huff: 3 Häuser 
mit Weide und Land; 5. im Grünen thal: 6 Häuser mit Weide und Land; 
6. an die Hand: 5 Häuser u. s. w.*; 7. zum Hirsch: 5 Häuser u. s. w.'*; 
8. Lind-Hofgut; 9. Richterich: die Kirche, die daran anstossende Schule, 
der Zehnthof des Aachener Kapitels und darum liegende 80 Häuser; dies- 
seits der Borgasse, Künnegasse und Forsterheide 11 Häuser u. s. w.^; 
10. Wilsberg: 9 Wohnungen; 11. Mevenheide, die sich bis auf den Vieh- 
weg erstreckt: 11 Häuser und Höfe u. s. w.*; 12. Haus und Hof Uersfeld 
samt dessen Abspliss Mittelürsfeld und 6 nunmehro (1758) erbauten Häus- 
chen; 13. Forsterheid: 8 Wohnungen; 14. diesseits der Bank am Kreuz: 
3 Häuser; 15. Viehweg: 10 Wohnungen; 16. Steinweg oder Kreuzstrass 
diesseits am Scheid: 59 Wohnungen; 17. auf Bley: 2 Wohnungen. 

Der weitaus grösste Theil dieses Gebietes wurde trotz der Abmachungen 
von 1523 und 1524 den Besitzern von Schönau durch die Herren von Heiden 
streitig gemacht. 



*) auf der Schönauer Seite. 

*) Vgl. meine Beiträge zur Geschichte des Aachener Reichs, „Aus Aachens Vorzeit**, 
Jahrg. V, S. 102, Aum. 4. 

') Heerlen. 

*) wie bei Nr. 4 und 5. 



— 8 — 

3. Die Rechte der Herren vou Schönau. 

Im Jahre 1302 bestätigte und verbriefte Kaiser Albert im Lager 
vor Köln dem Ritter Gerard von Schönau alle Gerechtsame, welche letzterer 
als Besitzer der Herrschaft Schönau auszuüben berechtigt war. 

Die Urkunde selbst ist nicht mehr vorhanden, aber es gibt eine von 
Bürgermeister und Rat der Stadt Aachen beglaubigte Abschrift. In einem 
Prozesse wird erzählt, Balthasar von Mylendunck habe die Urkunde ihrer 
Wichtigkeit wegen auf dem Aachener Rathause hinterlegt, und dort sei 
sie bei dem Brande von 1656 zu Grunde gegangen. Nachdem berufene 
Gelehrte erklärt haben, dass Inhalt und Form dieser für die Geschichte 
Schönaus allerdings sehr wichtigen Urkunde keinen Anlass zu Bedenken 
bieten^, wird man sich wohl auf dieselbe berufen dürfen. Sie lautet mit 
der Erklärung des Aachener Magistrats also: 

„Wir bürgermeister, scheffen und rath des königlichen stuels und 
reichsstatt Aach thuen kund hiemit öffentlich bezeugend, dass der wohl- 
geborener herr, herr Baltasar freiherr von Mylendonck, herr zu Schönaw 
und Warden etc. uns einen brief uf pergameut geschrieben und mit ihre 
röm. königl. majestät Alberti anhangenden Siegel zustellen und einhändigen 
lassen, folgenden wörtlichen inhalts: 

^Albert von Gottes Gnaden Römischer König, allezeit Mehrer des 
Reichs, entbietet allen des H. Reichs Getreuen seinen Gruss. Ihr möget 
wissen, dass Wir — da Uns der tapfere Mann Gerard von Schönau klar 
dargethan hat, wie er und seine Vorfahren Burg und Herrschaft Schönau 
bei Aachen mit ihrem Zubehör: den Höfen, Weilern, Häusern, Ländereien, 
Weiden und Büschen, mit den Laten und übrigen Einwohnern und Unter- 
gebenen, mit der hohen und niedern Gerichtsbarkeit, sowie andern Rechten 
und Regalien, nämlich der Erhebung von Auflagen und Steuern^, der Prägung 
von Münzen, der Ausübung der Jagd, bisher inne gehabt und ungestört 
besessen hätten, und er zugleich demütig und unterthänig bat. Wir möchten 
ihn, sowie seine Burg und Herrschaft Schönau mit ihrem Zubehör in Unsern 
und des H. Reichs Schutz nehmen und die genannten Rechte und Regalien 
bestätigen, — dieser unterthänigen Bitte willfahrend, den Gerard, seine 
Burg und Herrschaft Schönau mit ihrem Zubehör in Unsern und des H. Reichs 
besondem Schutz nehmen, alle und jede vorgenannten Rechte und Regalien, 
deren Gerard und seine Vorfahren in der Herrschaft Schönau genossen und 
sich erfreuten, aus der Fülle Unserer Königlichen Macht bestätigen, indem 
Wir wollen, dass Gerard sowie seine Erben und Nachfolger in besagter 
Herrschaft Schönau dieser vorbezeichneten Rechte und Regalien freien 
Gebrauch und ungehinderten Genuss für immer haben sollen. Zur Urkund 
und Bekräftigung haben Wir genanntem Gerard diesen offenen und mit 

*) Vgl. Hansen, Zeitschrift des Aachener Geschichts-Vereins, VI, S. 86, N. 1. 
*) Ich gebe die Urkunde zur Bequemlichkeit der Leser in genauer deutscher üeber- 
setzung. 

') assissias et voctigalia. 



— 9 — 

üneerm Königlichen Siegel bestätigten Brief ausgestellt. Gegeben im Lager 
bei Köln im Jahre des Herrn 1302, am Tage der h. h. Märtyrer Crlspinus 
und Crispinianus ^ in der 1. Indiction und im 5. Jahre Unserer Regierung. 

Und hat demnach wohlgedachter herr bei uns fleissig ansuchen lassen, 
dass wir denselbigen königlichen brief vidimiren und transumiren und ihm 
davon ein glaubwürdiges vidiraus und transumpt mitteilen wollten. Daruf 
wir den Originalbrief mit allem fleiss examinirt und gegen dies unser vidi- 
mus und transumpt collationirt, und da wir denselbigen königlichen brief 
von wort zu wort gleichen Inhalts, wie selbiger vor inserirt ist, und an 
Siegel, Pergament und Schriften unversehrt, unradirt und unverletzt und 
ganz richtig ohn allen argwöhn befunden, so haben wir ihm dies unser 
vidimus und transumpt — dem in- und ausserhalb gericht gleich dem ori- 
ginalbrief vollkommener glaub gegeben werden soll, mitgeteilt. Urkund der 
Wahrheit haben wir unserer statt gemeinen insiegel hierauf drucken und 
durch unseren secretarium dies vidimus und transumpt unterschreiben lassen. 
Geschehen Aach am 22. augusti 1615. Niclaus von Münster.** 

Kaiser Albert bestätigte demnach dem Ritter Gerard als Herrn von 
Schönau folgende Rechte: Derselbe durfte die hohe und niedere Gerichtsbar- 
keit sowie das Jagdrecht ausüben, sodann Umlagen und Steuern erheben, 
endlich Geld prägen. Sehen wir nun zu, ob die Herren von Schönau diese 
Rechte auch thatsächlich geübt haben. 

a. Nichts ist mit grösserer Heftigkeit angegriffen und mit so aus- 
dauernder Zähigkeit vertheidigt worden, als die Schönauer Gerichtsbar- 
keit. Bei allen Kämpfen um die Selbständigkeit der kleinen Herrschaft 
handelte es sich zunächst um die Berechtigung ihres Gerichts. 

Es fragt sich nun: auf welcher Seite stand das Recht? Greifen wir 
auf das zurück, was wir oben über die Stellung Schönaus zum praedium 
Richterich gesagt haben, so dürfte sich die Frage leicht entscheiden lassen. 
Schönau war der Haupthof des ganzen praedium, hier war der Mittelpunkt 
für die Verwaltung und Rechtsprechung des Gesammtallods *. Diese Stellung 
konnte Schönau nicht mehr behaupten, als der bei weitem grösste Theil 
des praedium Richterich in den Besitz mächtiger Fürsten kam, als Herren 
wie die Heinsberger, die Erzbischöfe von Köln, die Grafen von Jülich 
Grundherren des Gebietes wurden und die Oberherrlichkeit über die ehedem 
zu Schönau gehörigen Güter in Anspruch nahmen. Darum liess sich Gerard 
von Schönau vorsichtigerweise von Kaiser Albert die Gerechtsame über 
das dem alten Haupthofe noch verbliebene territorium oder dominium 
verbriefen, damit nicht auch diese im Kampfe des Schwächeren gegen den 
Mächtigeren verloren gingen. Ueber dieses Gebiet und dessen Bewohner 
besass demnach der Herr von Schönau die hohe und niedere Gerichtsbar- 
keit; über andere Güter des ehemaligen praedium Richterich, soweit sie 



») 25. Oktober. 

*) Vgl. hierzu meine Beiträge zur Geschichte des Aachener Reichs, „Aus Aachens 
Vo^zeit^ Jahrg. VIII, S. 17 ff. 



— 10 — 

nämlich an Schönau lehenrtthrig, kurmedig oder zinspflichtig waren, stand 
ihm nur noch eine Latengerichtsbarkeit zu; über diejenigen Güter aber, 
welche in eine andere Grund- und Lehensherrlichkeit übergegangen waren, 
hatte der Schönauer gar nichts mehr zu sagen. 

Mit einem Worte: dem pfalzgräflichen Haupthofe Schönau ist es in 
bezug auf die ihm unterstehenden Güter ähnlich ergangen, wie der kaiser- 
lichen Pfalz Aachen mit ihren Nebenhöfen. 

Dass diese Auffassung richtig ist, ergibt sich auch daraus, dass Hansen ^ 
aus der Erwägung einer Urkunde des Herzogs Wilhelm von Jülich zu dem- 
selben Ergebnisse gelangt. Im Jahre 1361 verpfändete nämlich besagter 
Herzog das ehemalige praedium Eichterich mit all seinen Gerechtsamen 
an Goedert von Bongart, schloss aber ausdrücklich die dem Herrn von 
Schönau auf dessen, wie auf den Gütern seines Bruders Maschereil und 
deren Tante, der Frau von üelpich, zustehende Gerichtsbarkeit von der 
Verpßlndung aus. Diese Güter lagen im Kirchspiele Richterich, sowie in 
den andern^ Dörfern und Feldern, die zu Richterich gehörten. Der Vor- 
behalt zu gunsten des Schönauers sollte jedoch nur so lange dauern, als 
dieser' die Länder Montjoie und Cornelimünster vom Herzoge in Pfandschaft 
besass. Den Blutbann auf diesen Schönauer Gütern behielt der Fürst zwar 
sich selbst vor, denn er sagt: „Treife dat gerichte an lyf, dat solen sy 
(die Schönauer) oeverleveren uns herzogen ind unsen amtluden"; jedoch 
auch in solchen Fällen erfolgte die Verhandlung und die Findung des 
Urteils durch das Schönauer Gericht: „ind danaf sal man alsdan richten, 
also yre (der Schönauer) laisen dat wysen solen**. 

Hier ist — und darauf hat Hansen mit Recht aufmerksam gemacht 
— von Schönau selbst gar nicht, sondern nur von denjenigen Gütern die 
Rede, welche die Familie von Schönau damals noch gemeinschaftlich im 
Kirchspiele Richterich bezw. Eigelshoven besass; die Rechte des Herrn 
von Schönau in der ihm verbliebenen „Burg und Herrschaft" werden also 
durch diese Abmachung gar nicht berührt. 

Es muss aber auch noch auf den Umstand hingewiesen werden, dass 
der Herzog selbst beide Beschränkungen, sowohl die, welche die Dauer 
des Vorbehalts zu gunsten der Schönauer bis zur Einlösung von Montjoie 
und Cornelimünster festsetzte, als auch die, welche sich auf den Blutbann 
bezog, in der erneuerten Belehnung Bongarts von 1370 fallen liess. Es 
heisst nämlich da nur noch : „ [nd behalden ouch heren Reinarde, dem heren 
van Schoenvorst op deme goede van Schoenawe ind wilne heren Maschriels 
sins broders ind der vrouwen van Uelpich ire moinen irene goede zo Schoenawe, 



') A. a. 0. S. 89 f. 

') Hiermit sind die im Kirchspiele Eigelshoven liegenden Güter gemeint. Sie ge- 
hörten demnach zum praedium, nicht aber zur Pfarre Bichtcrich. 

^) Reinard, der jüngste aber bedeutendste der damaligen Schönauer. Vgl. über diese 
Verhältnisse meine Abhandlung über Keinard von Schönau, ^Aus Aachens Vorzeit", 
Jahrg. VIII, S. 17 ff. 



— 11 — 

dat zo Richtergin binnen deme kirspel inde in den anderen vorschreven 
dorperen ind kirspelen mag gelegen syn, ire laessen ind leluden, wie sie 
die alda hant, op wilchen irem goede van Schoenawe her Reinard, her van 
Schoenvorst, die gerichte haven ind halden sal, ind die vorschreven heren 
Goedert (von Bongart) noch die sine sich der niet annemen en solen". 

Hieraus schliesse ich, dass der Herzog sich entweder selbst überzeugt 
hat, er sei nicht berechtigt, die Gerichtsbarkeit der Herren von Schönau 
zu beschränken, oder durch den damals noch sehr einflussreichen Reinard 
zum Aufgeben der Beschränkungen veranlasst worden ist. 

üebrigens hatte Goedert von der Heiden bereits im Jahre 1361 für 
sich und seine Erben auf jeden Eingriff in die SchÖnauer Rechte schrift- 
lichen Verzicht geleistete In einer andern Urkunde erklärte er sogar, 
sich selbst und seine Untergebenen der Gerichtsbarkeit seines Nachbars 
unterwerfen zu wollen, wenn er oder die Seinigen Güter erwürben, 
welche im Gebiete der Herrschaft von Schönau lägen: „. . . mar wer et 
Sachen, dat wir of unse undersassen einige lehen of loesgut kregen mit 
recht . . . under der vorschreven heren Mascherei und seinen broder God- 
dart van Schonawen und Ulpich, die sullen mit mehrder recht staen end 
gefordert werden vor dem gericht ind herlichkeit ind goeder van Schonawe 
und Ulpich" ^ 

Endlich gab derselbe Goedert im Jahre 1373 folgende Erklärung ab: 
„Wir Goddart herr zur Heiden thun kund . . . dat wir . . . unsen magen 
und broderen herrn Johannen Mascherei und Goddarten von Schonaw ge- 
broderen geloft han und globen . . . ihnen und ihren lüden, laessen und 
gerichten ind goederen van Schonaw und Ulpich geine noth, hindernus noch 
achter theil nimmer mehr zu doen . . /' 

Die Herren von Schönau versahen sich wohl von ihren neuen Nach- 
barn in Heiden nicht viel Gutes, sonst hätten sie sich alle diese Ver- 
sicherungen nicht ausstellen lassen. Indessen haben wir auch Reinard 
von Schönau als einen sehr vorsichtigen Geschäftsmann kennen gelernt. 

Uebereinstimmend mit dem, was uns die angeführten Urkunden über 
die Gerechtsame der Herren von Schönau sagen, erklärt Kraft von Mylen- 
dunck im Jahre 1566: „. . . Die freie herschaft Schonaw mit aller hohen und 
niederen oberkeit, Jurisdiction, gepot, verpot, huldigung, Schätzung, politische 
Ordnungen zu machen und was denselben weiters anhengig sein mag, in 
und über den zugehörigen dorferen, eingesessenen underthanen, walden, 
feldern, ackeren und anderen güteren, sowohl in criminal- als bürgerlichen 
Sachen", wie seine Voreltern seit mehr als hundert Jahren und weit über 
Menschengedenken ruhig und friedlich besessen zu haben. 

Wie die Herren die Strafgerichtsbarkeit geübt, werden wir in der 



M Qu ix, Schönau S. 13. 
») Abschrift. 

') Abschrift aus dem 18. Jahrhuudert. Daher die Verschiedenheit der Schreibweise. 
Das Original beider Stellen legte Max von Mylendunk 1079 dem Gerichte zur Heiden vor. 



— 12 ~ 

Geschichte der einzelnen Besitzer darthun; hier beschäftige uns zunächst 
das sogenannte Latengericht, welches den Schönauern nie streitig gemacht 
worden ist. — Dasselbe war ein Fronhofgericht, wie sie von Maurer^ be- 
schreibt. Der Herr konnte selbst oder durch einen Stellvertreter zu Gericht 
sitzen. Das war in Schönau der Schultheiss, der wiederum häufig durch 
den Statthalter, einen der Schöffen, vertreten wurde. Bei Berufungen sollte 
der Herr selbst Eecht sprechen. Zur Zuständigkeit der Fronhofgerichte 
gehörte die Aufnahme von Fremden in den Hofverband, die Leistung des 
Huldigungseides, die Veräusserung, Vertauschung und Freilassung der hof- 
hörigen Leute, die Veräusserung und Zersplitterung von hofhörigen Gütern, 
die Wieder Verleihung heimgefallener Hofgüter, die Konstatierung des her- 
gebrachten Hofrechtes und die Erlassung neuer Verordnungen; ausser- 
dem alle Vergehen der Hörigen, welche nicht zum Blutbanne gehört haben. 
Aus dieser letzten Zuständigkeit lässt es sich auch erklären, dass sich- 
eln dem grossen thurn des Schlosses Schönau ein mit eisernen banden und 
schlossern versehener gefangenen-stock** befand, „worin die in der reichs- 
herrschaft daselbst betroffenen missethäter zu gebürender abstrafung in- 
carcerirt werden", obwohl die Herren von Schönau jederzeit den Stock und 
die in der Herrschaft vorhandene „criminalgerichtsstatt** als Beweise für 
eine vollständige Kriminalgerichtsbarkeit betrachteten. 

Das Gericht war, wie Baltasar von Mylendunck sagt, besetzt mit 
Schultheiss, (sieben) Scheffen oder Laten und andern Gerichtsdienern; der 
Instanzenzug ging vom Gericht an den Herrn, vom Herrn an das kaiser- 
liche ßeichskammergericht. Eine schriftliche Feststellung der Satzungen 
und Gebräuche des Gerichts war nicht vorhanden; der alte Late lehrte es 
die jungen — die neu eintretenden Schöffen — , wie das ältere Weistum 
an einigen Stellen sagt. Jedoch erwähnt ein Gerichtsakt von 1610 folgende 
Gewohnheit: „In dieser herrschaft Schönau ist herbracht und allezeit un- 
verbrüchlich und ernstlich darob gehalten, wan etwo von auslendischen 
gerichten requisitoriales oder subsidiales ertheilt, dass gleichwol darauf 
nichts exequirt oder fuirgestellt; es were dan, dass die ganze volkomene 
acta, darauf solche requisition beschehen, mitedirt und daraus ersehen, ob 
auch richtig prozedirt oder aber einige nullitates committirt." 

Als Hofgericht hatte die Schönauer Bank keine grösseren Befugnisse 
als die andern Latengerichte ; es war ihre Aufgabe, die Eechte des Herrn 
über die Lehengüter zu wahren, Uebertragungen der ihr unterstehenden 
Ländereien vorzunehmen, die Berechtigten in dieselben einzusetzen und die 
bezüglichen Akte in das Gerichtsbuch einzutragen. Beim Absterben eines 
Lehenträgers mussten die Erben binnen sechs Wochen und drei Tagen sich 
beim Gerichte angeben, das Lehen mit einem doppelten Pachte erheben 
und einen Lehenträger stellen, widrigenfalls das Lehen verwirkt war. Auch 
durfte kein Leheninhaber ohne Brief und Siegel des Herrn sein Gut be- 
schweren. Wurde ein Gut geteilt, so mussten die einzelnen Absplisse 

') Geschichte der Fronhöfe IV, S. 86, 140, 151. 



— 13 - 

erhoben werden. Ueber die Erhebungsgebühren wird in den Protokollen 
nichts gesagt; es heisst stets: „hat seine gewöhnlichen iura gegeben **. Nur 
von der Kurmede ist angegeben, dass sie mit zehn Reichsthaler „verthediget* 
worden sei. Bei Verkäufen wird „Lickop** *, Gottesheller und Verzichts- 
pfennig erwähnt; der Verzicht geschah „mit mund und halm**. Zuweilen 
werden auch Kohlenlieferungen ausbedungen. 

Den Protokollen der mir zu Gesicht gekommenen Gerichtsbücher von 
1606 — 1666 entnehme ich die folgenden Angaben über Gerichtspersonen, 
Kurmeden, Güterpreise, Flurnamen und Renten. 

1606. Stefan von Richterich, Schultheiss; Egidius Pelser, Huprecht 
Schröders, Thies Nacken, Johan Savelsberg, Peter und Johan Ortman, 
Kerst von der Bank, Scheffen. 

1631. Emund Merkelbach, Statthalter; Johan Savelsberg, Johan Nacken, 
Werner und Johan Ortman, Kerst von der Bank, Johan Rempkens, Gerichts- 
personen. 

Peter Reuland verkauft ein Wohnhaus „in den bär genant, gelegen 
am stegbendchen**, den halben Mistpfuhl und Bongart, sowie andere 
Erbgüter (Immobilien) im Aachener Reich für 2100 Thaler ^, Lickop 
ländlich, Gottesheller V» Reichsthaler. Eine Abschüttung der Güter 
soll ohne die im Reich gelegenen nicht zulässig sein. 

iVa Morgen Land „an den baumsweg" kostet 294 V2 Thaler, 
Gottesheller ein Blaumeuser. 

Der Verwalter von Schönau, Jakob Ernau, lässt eine Kuhkur für 
10 Reichsthaler „verthedigen**. — Ein Gut in Richterich „an gen end** 
zahlt an Schönau jährlich vier Kapaune und vier Schillinge ^ — Ein 
Morgen Land „boven die Mevenheide** wird verkauft für 150 Thaler 
und zwei Karren Kohlen; Gottesheller drei Mark. — Ein Gut in 
Richterich „an dat weinhaus** zahlt ein Drittel von zwei Kapaunen. 
— Auf Grundstücken „an der Hirtz** und „am Taubenberg" lasten 
zwei Renten von „ein müd roggen und zwo mark pfenningsgelt" bezw. 
„zwei müd roggen und ein capaun". Beide Renten werden „gegeben 
jetzunder an junker Hoflfaliss erbgenamen binnen Achen". — Die Rute 
„kurmediges land boven die Mevenheide" kostet sechs (Aachener) 
Gulden weniger eine Mark. — Catharina Vrohn überträgt alle Güter 
ihren Kindern unter dem Vorbehalt, dass diese sie „mit kost, drank, 
kleidung unterhalten". 

1632. Leonard Heidenthal, Schultheiss; Werner Ortmans und Emund 
Merkelbach, Gerichtspersonen. 

Panhaus und viertehalb Viertel Hofreide „auf die Houff" zahlte an 
Schönau jährlich neun Bauschen. — „Ein halbes haus nämlich die 
küche mit dem vorhaus, die scheuer, kuhestall, backhaus, anderthalb 



') Weinkanf; stets mit dem Zusatz: ländlich. 

*) Hienmter sind Aachener Thaler & 26 Mark — 130 alten Pfennigen zu verstehen. 

') Für die Beuten vergleiche das folgende Register. 



— 14 — 

viertel hofreide, die platz, da das haus aufstehet, wird verkauft für 
150 Thaler. Das Haus gibt an Schönau jährlich Vj^ Fass Roggen 
und 3V4 Kapaun, an Heiden 7 Bauschen und einen Heller, „den grund- 
schatz genant**. — „An den baumsweg, die kehr genant". — „Ein ort^ 
hauses oder stallung mit scheur, mistpfuhl, gerechtigkeit des putzes* 
und hinterhabeudem kohlhof im Grönendal gelegen nechst dem bär" 
kostet 270 Aachener Thaler und einen Wagen Kohlen. — Ein Morgen 
Graswachs „in den cardian" zahlt jährlich sechs Heller. — Land 
„boven das hilligen häusgen" kostet per Ruthe einen Aachener Thaler. 
— Clara von Elzauen empfangt Güter „an die gass". — Graswachs 
„den kockelholz genant unter dem hirtz". — Ein Haus in Richterich 
wird verkauft für 55 Thaler und einen Thaler Verzichtspfennig. — 
Die Ruthe pferdskurmedigen Landes am Baumsweg kostete sechs Gulden 
eine Mark. — Der Bau „am hirtzer poeP** nämlich „kuchen, kamer 
und keller** wurde für 57 Thaler verkauft. Anderthalb Morgen Land 
daselbst kostete 131 Aachener Thaler, die Rute Graswachs imCardians- 
bend wurde mit einem Thaler aix bezahlt. — Haus und Hof im 
Grünenthal verkaufte der Besitzer für 210 Thaler. Die Hausfrau 
erhielt einen Rosenobel, ausserdem lieferte der Käufer einen Wagen 
und eine Karre Kohlen frei nach Aachen. Die Kosten des Notbaues 
an dem baufälligen Häuschen ersetzte der Verkäufer. — Die Witwe 
des Frambach Lonix „hat dem herrn mit doppeldem pfacht und gold 
und Silber ihre belehnung entricht wegen unterschiedliche guter, und 
fort den gerichtspersonen ihre iura" (1654). 

1656. „Vor uns Adolf Hillensberg als possessor des Hauses Schönau, 
fort Emont Merkelbach schultheiss und Peter Theilen gerichtspersonen". 

Am 7. Februar dieses Jahres verzeichnet das Gericht den Verkauf 
von sieben Viertel und 30 Ruthen Graswachs „gelegen in den Grönen- 
dahl . . . mit dem vorheuft ausscheissend auf die Schönauer und Cardians- 
bende ... an den wolerwürdigen herren Gerardus Schonebrot*, canonicus 
U. L. F. Stift zu Achen, jede ruth zu acht gülden aich, und haben 
verkeufer los frei gut verkauft, sonder allein der kirchen zu Richterich 
undergüldig sein und pleiben 15 merk, und solle diese 15 merk an 
die kaufpfennigen gekürzt und abgezogen werden". 

Schönbrod vermachte das Land an die Ciarissen zu Aachen. Nach 
seinem Tode wurde Herr Engelbert Quirini als „volmechtiger und 
geistlicher vater der hochwürdigen frauen und dero conventualen des 
Clarissenklosters zu Achen" damit belehnt; 1661 verkauften letztere 



») Viertel. 

^) Braunen. 

^) Pfuhl, jetzt zugeschüttet und zu Garten gemacht. 

*) Bei Heusch, Nomina ... ist der Name Schurebraedt (S. 22 *) und Schurebroedt 
(S. 29 ') geschrieben. Er trat sein Kanouikat am 19. März 1594 an und starb als Jubiiarins 
am 7. November 1656. 



— 15 — 

das Grundstück an Privatleute. — 1657 verkauft „die ehr- und teug- 
same Agnes von Richterieb, wittib herren Goedtfreidt von Weisswiller 
seliger oberrichter Mn gegenwart . . . ihres sohnes Adames Baltheiweins ^ 
. . . haus und hof gelegen zu Richterich " . . . für 400 Thaler und 
20 Obstbäume. Das Haus ist „los frei gut**. Sollte ein „Bescheudt** 
erfolgen, so wird dem Ankäufer alles erstattet, was er an den Bau 
gelegt hat. — 1657 belehnt Amandus von Mylendunck, (der recht- 
mässige) Herr zu Schönau, den Johan Heundt mit einem Gute, gelegen 
zu Richterich „auf die gass". — 1660 . . . „etliche ruthen landts 
ä 29 mark aix in den kaufbenden in den 15 morgen ... ist los, 
leiber, frei gut". — 1662 . . . „haus und hof an das ürsfelder kleif 
gelegen". — 1664. „Erb und gut, haus und hof, wie es zu Richterich 
an das end gelegen negst den herren vom capitel zu Achen . . . 
5 morgen lands, ein viertel graswachs, so schönauer guter sind, und 
noch einige erbschaft, so theils Cortenbacher theils Uersf eider lehengut". 
Ausser den mitgetheilten Flurnamen kommen noch vor: am Germich, 
Altarfeldchen, am Hander Weg, am Hirzer Weg, auf die Fröschmisten, 
auf die Fröschwei, auf dem Scheiben (scheifen) graf ^, auf die bach, in der 
vasseinen (fasszeinen), in der Weinstrasse, das Bärenlebgen, im Bossbart. 
1710 bekundet J. Cornets, abgestandener Schultheiss zu Schönau, vom 
Herrn von Blanche sechs species Pattakons, womit alle seine Forderungen 
befriedigt seien, gegen Herausgabe der Protokolle, Register und anderer 
Briefschaften erhalten zu haben. 

Wie wir schon sahen, hatten manche der lehenrührigen Güter ausser 
den Lehenlasten noch andere jährliche Abgaben an „Erbpachten, Renten, 
Capaunen und Geldzinsen" zu erlegen, welche alle auf Andreastag verfielen. 
Ein Verzeichniss derselben vom Jahre 1596 enthält die folgenden: 

„Peter an gen hirtz 4 müd V2 ^^^ss roggen, 1 capuin, 8 mark 
pfeuningsgelt. 

Krein^ zum hirtz 2 müd roggen, 4 mark pienningsgelt. 

Jan up den thiendhof* 7 vass roggen, 11 capuin, 10 Schilling, 

9 Pfenning. 

Wilhelm Froen 12 capuin, 12 Schilling. — Goddart Nacken 1 capuin, 
13 Schilling. 

Druid^ im weinhaus' 1 capuin, 1 Schilling. — Heintgens kinder 

10 vass roggen. — Gilles up Mevenheid 9 capuin, 15 Schilling. — 
Der halfman up dem thiendhof 9 capuin, 9 Schilling. Item von einem 
timmerplatz beneben seinem hause jarlichs 2 daler. — Meyen Thomas 
1 hoen®. — Der Weingartzberg 7 capuin, 1 Schilling. — Thomas 
hausfrau vor dem thiendhof 4 capuin, 5V« Schilling. — Gilles Peltzer 
7 capuin, 2V2 Schilling, 9 penning, 2 kurmud. — Jan Kemmerling 
1 müd roggen. — Gört Nacken 3 capuin, 3 Schilling, 1 malter roggen. 

^) Vogtmajor. *) Baldoin. Welch eine Rechtsehreibung! ^) Graben. *) Quirin. 
&) Zehnthof. «) Gertrud. ^) Ein Häuserkomplex in Richterich. ») Huhn. 



— 16 — 

— Merten Blomen 1 malter 1 cop roggen. — Gilles Pelzer 4 vass 
roggen. — Carsillis van Merkelbach 1 malter roggen, 7 capuin, 7 
Schilling. — Arnold Nacken 1 müd roggen. — Johan Froeschs gut 

6 capuin, 3 Schilling, 9 vass V2 cop roggen. — Gerard von Schonawen 
van dat erf van Oi^sfeld 2 capuin, 2 Schillinge. — Larabert von Urs- 
feld und Theis von Steinstrassen 4 vass roggen. — Wilhelm int Wein- 
baus, Thoenes auf dem Bremenberg 2 vass roggen. — Wilhelm Fredericlis 
und Palliers kindern 16 capuin, 15 Schillinge. — Jan in die aide schewr 
13 capuin, 13 Schillinge. — Goisen gut 7 vass roggen, 10 capuin, 10 
Schillinge. — Nacken in dat weinhaus 3 vass roggen, 3 capuin, 3 
Schillinge. — Johan uf den thiendhof 6 mark. — Gielis* Krops 7 capuin, 

7 Schilling. — Der beer im Grönendal 3 mark. — Meister Lenz * söhn 
in dem beer 1 hoen. — Poirtgens kinder 1 malter roggen. — Leonard 
Jordens zu Vetschen öVs mark 1 Schilling. — Peter von SchirtzeF 
4 mark, 1 mass even*. — Eeinart im panhaus IV2 mark. — Hern 
Everharts kinder van Haren aus der teschen zu Aich 8 capuin. — 
Segraz muUen op den graef 2 müd roggen, abgebest bei den here. 

— Der halfen^ zu Berrenberg, Boendts parteien^. — Johan Broicher 
1 mttd haver. — In den roemer der halfen betaelt 1 vass haberen. 
Thiesken Roemers 2 vass haberen; lassen kurzen tegen einen brandiser, 
staende in't salet' zu Schoenaw. 

Pettr (sie) Milles zu Orsbach 2 vass roggen, 2 capuin. — Der 
kleine hof zu Orsbach 2 capuin, — Der Schultheiss 2 capuin, 1 chur- 
mud. Die churmud betalen die mitgedelingen van den schultheiss auf 
der Mevenheiden. 

Funk auf die Mevenheid 1 churmud. — Buetter* von Ach nunc 
Schanternell 1 churmud. — Nellis im gronenschild 1 churmud. — Der 
hof zu Neuland * gibt jarlichs 8 müd roggen, 12 gülden, 8 capuin. — 
Jan Doetsmans 1 mud haber, 4 capuin, 4 acher merk, 1 churmud. — 
Huegen gut IV2 mud roggen, 1 churmud. — Henrich Laven gut 2 
mud roggen, 1 churmud. — Offens gut 3 vass even, 2 capuin, 2 hennen, 
1 ziehnthoen, 10 V» Schilling, 19 pfenning, 1 paeschbrot ^^, 1 churmud. 

— Die cluiss. Clas Neuland 1 vass haberen, 1 churmud. — Peters 
gut an den putz zu Neuland 2 hennen, 1 ziehnthoen, 19 pfenning, 1 
paeschbrot, 1 churmud. — Philips gut von Neuland 2 cupuin, 2 Schilling, 
1 paeschbrot, 1 churmud, 1 capuin, 1 thienthoen, 3 Schilling, 1 paesch- 
brot, 1 churmud. — Die OUichsraüllen ^^ zu Neuland 4 acher merk". 

Eine Uebersicht der Einnahmen liefern die Rentmeisterrechnungen, 
aus denen wir zunächst die Erträge von den Lehengütern ausheben. 

1567 heisst es in den Einnahmen: „Item von den schönauischen 
underthanen an roggen 21 müd, 1 vass, 3 ferdeP^. — Item von den under- 

*) Egidius. *) Lorenz. ^) Schurzelt. *) Hafer. *) Halbwinner. •) Der Zins ist 
nicht angegeben. ') Im kleinen Saal. ®) Bttttcrshaus in der Soers. *) Uebcr diesen Hof 
siehe unten. >ö) Osterbrot. ") Oelmühle. ") Viertel. 



— 17 — 

thaüen 3 müd haber, 1 vass. — Item geben die underthanen zu Schonawen 
jahrlichs 158^/4 capuin, 9 honer, 3 paischbrot und 5 gülden 16 bauschen 
penuinksgelt". 

Dass die Kapaune und Hühner aber nicht in natura abgeliefert, 
sondern in Geld gezahlt wurden, zeigen die Rechnungen von 1571 und 
1584, in denen der Posten so angegeben ist: „169 capuin und III ferdel 
capuin, geben vur jeden 6 albus, facit 42 gülden, 10 albus und 2 heller", 
und „169 capuin und HE ferdel capuin, jedes stück ad 8 albus ^= 56 gülden 
14 albus, 9 honer vor jedes 3 albus"! Man scheint also die Tiere nach 
dem Marktpreise bezahlt zu haben, während nach dem ältesten Laten- 
weistum ein Paar Kapaune mit neun Schillingen bezahlt wurden „und wat 
sy (die Pflichtigen) un me geven, dat en soulde niet syn ind werden darby 
verunrecht". 

Von den Geldzinsen sagen die Rechnungen: „Item geben die underthanen 
jarlichs 76 pennink . . .". Die Zahl der bestehenden Kurmeden wird über- 
einstimmend mit dem Verzeichnisse auf 15 angegeben; eine verfallene Kuh- 
kurmede ist mit 6 Thaler — 13 Gulden berechnet. Im 17. Jahrhundert 
wurden dafür, wie oben angegeben, 10 Reichsthaler erhoben. 

Nach der Gefangennahme der Brüder von Blanche im Jahre 1760 
verkündete der Kommissar Schlösser ein kuifürstliches Dekret folgenden 
Inhalts: Da der Kurflirst vorhabe, das von den Brü^lern Blanche aus einem 
blosen Latengericht zu formirende oder bereits formirte unmittelbare iudicium 
zu kassiren, so interponire er zum voraus ein Dekret, dass gegen alle 
diejenigen, welche von den Blanche sich zum Statthalter, Scheflfen, Fiskus, 
Appellationskommissar anstellen liessen, die rechtsbehörige Ahndung vor- 
gekehrt werden solle; dass es aber keineswegs in der kurfürstlichen Meinung 
liege, der Schoenauer Laetbank als solcher etwas zu entziehen, so dass 
die dahin gehörigen Sachen, als wegen Zins, Pacht, Ein- und Ausgang 
der Kurmöden u. dgl. auch fernerhin dort verhandelt werden sollen. Es 
dürfe sich aber niemand mehr unterstehen Sachen, die zum gewöhnlichen 
Landgerichte gehören, bei der Schoenauer Laetbank einzuführen. Vogt und 
Scheflfen der Unterherrschaft Heiden werden beauftragt, jede Zuwiderhand- 
lung sofort zur Anzeige zu bringen. Vogt Coomans, Gerichtsschreiber Hoen 
und die Schöffen versprachen, am Gehorsam nichts fehlen zu lassen „mit 
hinzugefügter fast gemeinsamer ansprach, dass sie dieses reglements und 
Unterscheidung des gewöhnlichen gerichts und der laetbank ganz wol zu- 
frieden wären, weilen sie bis anhero fast nicht gewusst, wohin sich zu 
wenden haben". 

Die Genannten waren eben die Heidener Gerichtspersonen; von den 
Schönauern, die zur Anhörung des Dekrets durch Läutung der Pfarrglocke 
zusammengerufen waren, wird eine solche Aeusserung nicht berichtet. Oder 
soll etwa durch das sehr bezeichnende „fast** zait angedeutet werden, 
dass diese keineswegs „wohl zufrieden" waren? 

b. Herr Kraft spricht in der oben angezogenen Stelle von „Schätzungen", 



— 18 — 

d. h. vom Rechte des Herrn von Schönau, seine Unterthanen mit Steuern 
zu belegen. Auch diese Berechtigung spricht Kaiser Albert dem Ritter 
Gerard zu. Ueber die Art, wie die Steuern veranlagt wurden, ist nichts 
bekannt; wahrscheinlich geschah es aber wie im benachbarten Heiden durch 
das Gericht. Die Erhebung der Steuern, die auch „Schatz" hiessen, erfolgte 
durch den Rentmeister, der dieselben vor dem Herrn verrechnete. Aus 
den wenigen vorhandenen Bruchstücken dieser Rechnungen lässt sich er- 
sehen, dass der Schatz in den Jahren 1554 — 1560 im ganzen 2164 Gulden 
14 Albus, und von 1609 — 1613 rund 1546 Gulden einbrachte; das macht 
jährlich in runder Summe 310 Gulden. 

Accisen^ wurden in Schönau hauptsächlich vom Bier erhoben. „Der 
herr zu Schonaw**, sagt Kraft von Mylendunck, „hat von onvurdenklichen 
Jahren seine kuirmeister gehabt wie noch, welche in dem schonawischen 
gebiet hier und wein geprüft und auch die Übertreter und Verbrecher mit 
gebürender emenda bestrafet haben." Die Herren zur Heiden bestritten 
den Schönauern dieses Recht ebenfalls und erlaubten sich thatsächliche 
EingriflFe in dasselbe. So forderte zur Zeit des Baltasar von Mylendunck 
die Frau zur Heiden die Bieraccise von den Schönauer Brauern und liess 
durch den Feldschütz einem Zapfer des herrschaftlichen Brauhauses an die 
Kreuzer Geld mit Beschlag belegen, woraus derselbe 28 Aachener Gulden 
wegen der geforderten Abgabe bezahlen musste. Der Brauer beschwerte 
sich darüber bei seinem Herrn, indem er angab, das sei niemals geschehen, 
die Schönauer Kürmeister hätten vielmehr „het hier nach die werdy auf- 
und abgesetzt"*, und stets hätte „ein zeitlicher her zu Schonaw auf 
schonawer grond die axis genossen und in gebrauch gehabt". 

Es fehlte natürlich nicht an Brauern und Bierzapfern, welche sich 
der Steuer zu entziehen suchten. Um diesen entgegenzutreten, erliess 
Amandus von Mylendunck folgende Verordnung, aus der wir die Thätigkeit 
der Kürmeister noch genauer kennen lernen: „Demnach berichtet werde, 
ob solten die bierbrawers und zäpfern dieser meiner freiherrligkeit Schonaw 
sich gelüsten lassen, der polizeiordnung zuwider, meiner angestellter kür- 
meister unerfordert, das hier ungekürt und ungekerft ausfahren zu lassen 
und zu verzapfen: damit aber hinfort solche Unordnung und verschlag der 
accinsen verhütet werden möge, wird allen und jeden braweren bei pfeeii 
2 goltgulden anbefohlen, kein hier ausführen zu lassen, es sei denn zu- 
vorderst der angestellter kürmeister einer darzu gefordert, gekürt und 
gekerft; den zäpferen aber so auswendig hier einlageren, dessen bei pfeen 
eines goltguldene kein anzustechen, es sei dan dazu der kürmeister erfordert 
und geküret. Diewelches der bot^ der gebühr^ anzukündigen um ihres 
Schadens vor zu kommen. So geben Schonaw unter meiner handunterschrift 
und pittschaft am 22. junii 1652. A. v. Mylendunck." 



*) Assisiae, Abgaben von Lebensmittelu uud Waren, also indirekte Steuern. 
') (1. h. je uacli dem Werte auf höhern oder geringern Preis gesetzt. 
*) Gerichtsbote. *) wie es sich gebürt. 



— 19 — 

Brauereien gab es fünf ia der Herrschaft: das herrschaftliche Pann- 
baus an die Kreuzer, zwei im Grünenthal, wovon eine zum Bär hiess, eine 
an der Huff und eine am Hirtz. 

Das Pannhaus „an die Kreuzer, prope cruces** lag „im vorgeburg des 
Schlosses"; es gehörten dazu „haus, hof und 15 morgen land**. Dasselbe 
brachte im Jahre 1567 dem Hen-n 65 Gulden 20 Albus ein; es wird aber 
nicht gesagt, ob das Geld aus dem Pachte oder aus der Bieraccise herrührte. 

Im Jahre 1611 verpachtete Baltasar von Mylendunck das „panhaus 
zu Schonaw nebst anklebendem bongart und kohlhof" an die Eheleute von 
der Bank, welche ihm in seinen „noeten und anliegen** 437^2 Thaler ä 26 
Mark aix vorgestreckt hatten, für 70 Thaler auf so lange, bis das Dar- 
lehen verwohnt wäre. Er behielt sich jedoch das Recht vor, durch gänz- 
liche oder teilweise Abzahlung der Schuld die Pachtzeit zu kürzen oder 
auch die Gläubiger anderweitig zu befriedigen. Dieser Fall trat aber nicht 
ein, denn Baltasar verfügt erst 1618 wieder über das Brauhaus. Damals 
heiratete seine Tochter Agnes den Johann von Kessel. Während der 
Bräutigam alles in die Ehe brachte, was er von seiner ersten Frau Helene 
von Spee ererbt, das, was er bereits von seinem Vater Mathias erhalten 
„als nemlich under anderen den hof zu Loe under Kessel gelegen und den 
hof zu Pütt**, sowie das, was er nach seines Vaters Tode noch zu erwarten 
hatte, gelobte Baltasar „obgedachter juffer Agnes als seiner leiblichen 
dochter** eine Mitgift von 4000 Gulden Venloer Währung und bis zur 
Auszahlung dieser Summe sechsprozentige Zinsen. Auch gestattete er den 
Eheleuten, dass sie zur Befreiung ihrer anderen Güter im ersten Jahre 
tausend Gulden auf seine Besitzungen aufnehmen dürften; fünf Jahre nach 
seinem Tode könnten sie sich den Rest auszahlen lassen. Als Zeugen unter- 
schrieben Goedart von Beeck, G. Kipshoven, Herman Quadt. Zur Sicherung 
der Zinsen räumte dann Baltasar dem Schwiegersohne das Pannhaus an 
die Kreuzer ein, und Johann von Kessel sowohl wie dessen Sohn Baltasar 
bezogen stets die Pachtgelder. Baltasar von Kessel war verheiratet mit 
Margarethe von Broich. Nach seinem Tode ehelichte die Witwe den Herrn 
Melchior von Dammerscheid. Beide verpachteten 1697 „das panhaus an 
die kreuzer mit dazii gehörigem gehöcht, scheuer und stall** für jährlich 
140 Thaler ä 26 Mark aix. Isaak Lambert von Blanche, der Isabella von 
Kessel, eine Tochter der Witwe, geheiratet hatte, nnterschrieb als Zeuge. 
Am 7. November 1703 schenkte dann Margarethe von Broich, Witwe 
Kessel und Dammerscheid, zu Anrath ihrem Sohne Johann Wilhelm von 
Kessel eine Gerechtigkeit am Hoenger Busch sowie die Forderung, wegen 
welcher sie das Pannhaus an die Kreuzer in Pfandschaft hatte. Als 
Johann Wilhelm hörte, dass seine beiden Schwäger von Blanche und 
Hammes, der die Anna Maria von Kessel zur Frau hatte, die Schenkung 
angreifen wollten, Hess er sich durch den Kurfürsten in Düsseldorf manu- 
teniren. Aber das nutzte ihm nichts; 1712 beauftragte Hammes den Notar 
Schmitz sich für ihn, seine Frau und seine Erben in den Besitz des Pann- 



— 20 — 

hauses zu setzen. Es geschah mit den üblichen Formalitäten. Nach dem 
Tode des Harames wurde dessen Witwe von der Witwe Tornako zu Aachen 
wegen Schulden vor dem Gerichte des Ländchens zur Heiden belangt. Die 
beiden Frauen einigten sich dahin, dass die Hammes der Tornako das 
Pannhaus einräume, und dej* Akt wurde 1721 von dem Heidener Gerichte 
approbirt, realisirt und dem Protokolle einverleibt. Nun erhob aber Nikolaus 
Paffen, der Schwiegersohn der Witwe Hammes, den die Heidener einen 
Köhlerknecht nennen, Einspruch. Er wollte sein Recht auf das Pannliaus 
vor dem Gerichte zu Schönau darthun, während die Tornako an der 
Zuständigkeit der Heidener Bank festhielt. Schliesslich erkannte letztere 
auf Räumung des Pannhauses und Übergabe desselben an die Witwe 
Tornako. Der Gerichtsdiener Deutschen wurde mit der Ausführung des 
Beschlusses beauftragt. Als derselbe sich mit Heidener Schützen am Pann- 
haus befand, um die Immission vorzunehmen, erschien plötzlich der Herr 
von Schönau, Johann Gottfried von Blanche, den Melchior Hammes, der 
Sohn der Witwe „schier in allen wirtsheuseren der Stadt Aachen auf- 
gesucht und herauszukommen gebeten hatte". Wegen dieser „Verletzung 
der schönauischen Jurisdiktion** erschoss der junge Mensch den armen 
Boten, der nur seine Schuldigkeit gethan. Als gerechte Strafe für die 
scheussliche Ueberschreitung seines Rechts, die er freilich nachher als 
einen Akt der Notwelir darzustellen suchte, traf den Blanche das Geschick, 
dass er selber die ganze Schönauer Selbstherrlichkeit' begraben und sich 
zum Vasallen des Kurfürsten schwören musste. Das Pannhaus blieb aber 
im Besitze der Witwe Tornako. 

Als von Blanche aus der Haft zu Jülich losgekommen war, nahm er 
beim Freiherrn von Geyr, der im letzten Jahre der Gefangenschaft Schönau 
verwaltet hatte, 1100 Reichsthaler auf, um das Pannhaus vom General- 
feldzeugmeister Tornako, dem Sohne der Pfandinhaberin, einzulösen. Ob- 
schon dieser die Kreuzer bereits seinem Schwiegersohne für dessen Ältesten 
übertragen hatte, versprach er doch dem von Blanche dafür sorgen zu 
wollen, dass ihm das Gut für 1000 Reichsthaler überlassen werde. So kam 
das herrschaftliche Brauhaus nach fast löOjähriger Entfremdung wieder 
an Schönau, blieb aber dem Herrn von Geyr zur Hypothek gestellt. 

Von den beiden Brauereien im Grünenthal wurde die neben dem 
Pannhause zum Bär liegende von den Brüdern Gabrielis am 19. März 1699 
für 600 Aachener Thaler ä 26 Mark verkauft. Der Verzichtspfennig betrug 
17 Reichsthaler ä 56 Mark. Das Haus lag einerseits neben dem Bär, 
anderseits neben von Ottegraven. 

Viel bedeutender war der Ertrag für die Brauerei am Hirtz. Man 
verkaufte dieselbe mit Haus, Hof, angehöriger Braugerätschaft nebst zu- 
gehörigem Garten und Graswachs im Jahre 1744 für 1400 Reichsthaler. 
Das Protokoll verzeichnet ihre Lage „neben des aachischen wachtthurms 
erbschaft** sowie den auf derselben lastenden Schönauer Erbpacht von 
4^2 Fass Roggen, 1 Kapaun und 8 Mark. 



- 21 - 

Die Bieraccise wurde, wie wir oben schon hörten, von jedem Gebräu 
gezahlt, denn der Kürmeister musste ja jedesmal gerufen werden um durch 
Probe des Bieres den Wert festzustellen und zu „kerfen**, d. h. den 
Betrag der Accise auf dem Kerbholz anzuzeichnen. 1596 hat „Jan in gen 
Groenendal gebrowen 24 gebrowe, bis Andreae gerekent en betaelt; Gilles 
in gen beer 23 gebrowe; Huprecht an gen hirtz 14 gebrowe. Dartegen 
V, ton biers vor einen daler, der rest ist verriebt." 

Die Biersteuer brachte ein in den Jahren 1554 bis 1560: 452 Gulden, 
1567: 14 Gulden, 1568: 13 Gulden, 1569 und 1570: je 18 Gulden 12 
Albus, 1571: 16 Gulden, 1584: 7 Gulden. In einer Rechnung ohne Datum 
ist dieselbe mit 4 Thaler 10 Mark verzeichnet. 

c. Dem Herrn von Schönau stand es auch zu, von den die Herr- 
schaft Durchziehenden für die Benutzung der Wege eine Abgabe zu er- 
heben. Dieses „Wegegeld" ergab in den Jahren 1554 — 1560 die Summe 
von 240 Gulden. Der Schlagbaum hing an die Kreuzer und wurde „von 
Schönau geschlossen und geöffnet**. 

d. „Ein Herr von Schönau**, sagt Kraft von Mylendunck weiter, „hat 
Juden unter seinem gebiet und herrschaft zu vergleiten gehabt, welche 
jehrlichen tribut bezahlt und die erde zu ihrer begrebnuss von einem herrn 
zu Schonaw kaufen müssen, wie solches mit brieflichem schein zu belegen.** 

Das Recht Juden zu geleiten, d. h. ihnen den Aufenthalt in der 
Herrschaft zu gestatten, lässt sich ebenfalls aus den Rechnungen nach- 
weisen. In den Jahren 1554 — 1560 zahlten drei Juden für den Aufenthalt 
in Richterich zusammen 257 Gulden; ein Jude Alexander gab für seinen 
Aufenthalt im Weiler an der Hand 36 Gulden jährlich. In betreff dieses 
letzteren wendete sich der Aachener Rat am 11. Januar 1553 an Herrn 
Kraft von Mylendunck in einem Schreiben, welches klar zeigt, dass auch 
Aachen Schönau als eine selbständige Herrschaft anerkannte. Der Jude 
hatte nämlich von einem Frauenzimmer für ein Spottgeld Tuch gekauft, 
das zwei armen Webern in der Christnacht vom Rahmen abgeschnitten 
worden war. Der Rat forderte Herrn Kraft auf, da Alexander „unter 
seinem Gerichtszwang und Gebiet gesessen** sei, den armen Leuten zu 
ihrem Tuch oder zu ihrem Geld zu verhelfen. — Im Jahre 1666 erklärte 
eine 80jährige Frau vor Notar und Zeugen, dass die Juden in Richterich 
im Weinhaus auf Schönauer Gebiet wohnten, woher die Strasse den Namen 
Judenstrasse führe, und dass dieselben in der Vorheide oder auch in 
„Lysgens grab^** begraben würden. 

e. Wir haben oben schon ein Zeugnis aus dem 17. Jahrhundert mit- 
geteilt, wonach die Herren von Schönau stets die Jagd auf ihrem Gebiet 
ausübten und auch die benachbarten Edelleute an derselben teilnehmen 
Hessen. 1599 gestattete Baltasar von Mylendunck dem Junker Wilhelm 
von Streithagen auf Ürsfeld ebenfalls die Mitjagd, aber nur auf Lebens- 



') So hiess die Schönauer Richtstätte. 



— 22 — 

zeit und ohne Nachteil für die schönauische Hoheit. Isaak Lambert de 
Blanche, der in kaiserlichen Diensten kreuzweis durch einen Fuss geschossen 
worden war, liess in den Jahren 1709 und 1710, „da er selbst Ziemlicher- 
massen impotent gewesen", die Jagd durch einen Aachener ausüben. 

Mit grosser Strenge hielten die Herren darauf, dass ihr Jagdrecht 
nicht verletzt werde. Es fehlt nicht an Verordnungen besonders gegen 
die Hunde, die knüppellos im Felde umherschweiften; auch wird als Akt 
der Landeshoheit angemerkt, wenn so ein armer Köter vom gestrengen 
Herrn erschossen worden war. Natürlich verfuhr man auch gegen zwei- 
beinige Jagdfrevler nicht gerade gnädig. 1607 wurde ein Schönauer „wegen 
violirter schonawischer Jagdgerechtigkeit" auf dem Schlosse in Haft gebracht 
und erst „auf vorpitt verschiedener benachbarten edelleuten nach aus- 
geschworener Urfehde aus gnaden relaxirt". Ein Aachener wurde 1687 
dieses Verbrechens wegen sogar in Eisen gelegt und musste seine Flinte 
mit 3 Thaler auslösen. Und gerade wegen der Jagdgerechtigkeit führte 
der Streit zwischen Heiden und Schönau zu Auftritten von unglaublicher 
Roheit. Ein Herr von Leerode beorderte als Mitherr zur Heiden einen 
Haufen Gesindel, darunter „einen salva venia Schweineschneider und einen, 
der sich für einen Tiroler ausgibt", um den jagenden Herrn von Blanche 
mit seinen Vettern und einem Landleutenant aus dem Amte Brüggen zu 
überfallen. Die Herren Hessen sich wirklich von den Kerlen entwaffnen, 
schlagen und verwunden. Dafür forderten sie aber auch als Schadenersatz 
10000 bezw. 5000 und 4000 Dukaten und der Landleutenant, dem ein 
Arm lahm geschlagen worden war, ausserdem eine jährliche Rente von 
100 Dukaten. Das Gericht in Düsseldorf nahm freilich die Sache nicht 
so hoch; es verurteilte Leerode zu 50 Thaler fiskalische Bruch t, 100 Thaler 
Civilentschädigung für die vier Verwundeten, zur Tragung aller Kur- und 
Prozesskosten, sowie zur Erstattung der Flinten und Jagdtaschen. 

f. Das Münzrecht, welches Kaiser Albert dem Ritter Gerard verbriefte, 
hat — soviel bekannt — nur einer der Herren von Schönau ausgeübt, nämlich 
Dietrich von Mylendunck, welcher 1522 in den Besitz Schönaus gelangte. 
Kräftig bemüht, alle seine Rechte wie auch sein Gebiet zu wahren und 
gegen die Eingriffe der Heidener zu schützen, hat er wohl auch seine 
Münzen nur zu dem Zweck schlagen lassen, damit dieses Recht nicht ver- 
gessen werde. In den spätem Latenweistümern ist denn auch häufig Rede 
von den durch Dieterich geprägten Geldstücken, welche ältere Laten gesehen 
zu haben versichern. Ob Kraft von Mylendunck nicht wenigstens den 
Versuch gemacht hat, Schönauer Münze anfertigen zu lassen? Das lässt 
sich zwar nicht beweisen aber doch vermuten aus einem der vielen Klage- 
punkte, welche Wilhelm von dem Bongart vor dem Herzog von Jülich 
gegen ihn vorbrachte. Es heisst nämlich in der Beschwerdeschrift, Kraft 
habe sich auch durch „vergleitung und aufhaltung von falschmünzern" 
gegen seiner Fürstlichen Gnaden und des H. R. Reichs Ordnungen vergangen. 
Der Mylenduncker weist freilicli diese Anschuldigung entschieden zurück 



— 23 — 

und sagt, er habe nur einigen Handwerksgesellen die Erlaubnis gegeben, 
ihr Handwerk auszuüben und sich dadurch ehrlich zu ernähren. 

Sicher aber ist, dass Johann Gottfried von Blanche allen Ernstes 
daran dachte, das Schönauer Mtinzrecht wiederum zur Geltung zu bringen. 
Er teilte dem Kurfürsten von Köln als einem der Direktoren des Nieder- 
rheinisch Westphälischen Kreises unter dem 7. Januar 1756 mit, dass er 
sich zur Aufrechthaltung des regalis cudendae monetae ' habe entschliessen 
müssen, einige Münzsorten nach des H. R. Reichs Ordnung und der benach- 
barten Mtinzherren Fuss prägen zu lassen. Aber bereits am 22. Januar 
machte Herr von Reuschenberg, der diese Angelegenheit in Bonn betreiben 
sollte, dem Herrn von Blanche die Mitteilung, einer der Bonner Herren 
habe ihm gesagt: „es wäre für ewr. hochwohlgeboren zu wünschen, dass 
sie solches ius monetandi ^ in jüngeren zeiten ausgeübt hätten, als dass sie 
solches erst nach einem so langen zeitverlauf durch alte dokumenten sich 
anmassen wollen; ich besorge allein, dass ewr. hochwohlgeboren dabei 
contradiktion und verdruss leiden**. Herr von Blanche ging nun zwar 
ungesäumt mit der Ausgabe der von ihm neugeprägten Vierhellerstücke 
vor, aber sofort zeigte sich auch die „contradiktion**. Der Aachener Rat 
verbot die „schonawische bauschen** unter Strafe von 3 Goldgulden toties 
quoties'^ und liess das Verbot sowohl an den Stadtthoren anschlagen, als 
auch durch die Pfortenwächter in den Häusern verkündigen. Damit war 
der Versuch gescheitert. 

4. Sonstige Rechte und Güter der Herren von Schönau. 

a. Es versteht sich von selbst, dass Schönau als ehemaliger Haupthof 
seinen Anteil an der Almende des pfalzgräflichen AUods Richterich hatte. 
Die Lehenleute und Laten erklärten denn auch im Jahre 1491 auf die 
Frage ihres Schultheissen, „ob sie einige gerechtigkeit auf dem walde* 
hätten, wann echer^ wüchsen, und ob sie auch einige seh wein daraufschlagen 
mögen P: dass sie von ihrem gedenken alle zeit, wann echer wüchsen, nach 
gelegenheit ihre schweine aufm walde haben mögen schlagen ohne etwas 
davon zu geben, und ihrer keinem ist kundig, dass sie jemals gehöret oder 
von ihren eiteren vernomen noch in ihrem leben gesehen oder gehöret haben, 
dass jemand von alsolchen Schweinen gelt oder Schätzung erfordert geheischen 
oder gegeben hat, dan sie allezeit von menschen gedenken hcro die freiheit 
besessen haben davon nichts zu geben; wiewohl nun in drei oder vier jähren 
die juffer von der Heiden^ jedes schwein geschätzet und in gelt gesetzet 
und die alte gute gewonheit herkomen und unverbrüchliche uralte gehabte 



^) des Rechtes Geld zu schlagen. 
*) Hecht der Münzpräge. 
*) für jeden einzelnen Fall. 
*) dem Gemeindcbusch. 
*) Eicheln und Buchecker. 
*) Maria von Merode. 




— 24 — 

freiheit der lehenleuten und laten von Schonaweu aufgehoben und gebüret^ 
hat.** Wie seine Lehenleute, so klagte auch Kraft von Mylendunck selbst 
1508 gegen die Frau zur Heiden vor dem Herzog von Jülich, dass sie 
„nach inne willen in den gemeinen busch handele wider recht ind alle 
billigheit**. Der Sohn und Nachfolger der Maria, Werner von Schönrode, 
scheint diese Klageu abgestellt zu haben; sein Schreiben vom Jahre 1524 
sagt ja ausdrücklich, dass „die byde herlichkeiten Schonawen und Heiden 
suUen ein wie die andere berechtigt syn inde bliven up den gemeinen busch** ^. 
Dass insbesondere der Hof zu Schönau noch in späterer Zeit an der ganzen 
Almende beteiligt war, zeigt eine Erklärung der Halbwinnerin vom Jahre 
1567: Wilhelm von dem Bongart als Herr zur Heiden habe ihr geboten, 
„so hoch der her zu gebeden^**, sich der Hofgüter mit samt der Gemeinde^ 
zu enthalten, bis sie ihm die Türkensteuer erlegt habe. Obwohl nun bisher 
der Herr von Schönau diese Steuer immer erhoben „und in seinen ver- 
ordneten legstellen gebürt** hatte, gab die Pächterin, „um aller bedrangung 
auszuweichen", dem Vogte zu Horbach drei bescheidene Goldgulden, jedoch 
unter der Erklärung, dass sie dadurch der Gerichtsbarkeit ihres Herrn 
nichts vergeben wolle. 

Die Schönauer hielten ihre Berechtigung an der Gemeinde stets auf- 
recht. Noch im Jahre 1758 Hess von Blanche in das Begangprotokoll die 
Bemerkung aufnehmen, „der gemeinsame busch sei von den Heidenern arg 
devastirt, fast ruinirt**. 

b. Inbezug auf den Zehnten, welcher im Ländchen von der Heiden 
dem Aachener Münsterstifte gehörte, behauptete von Blanche, gestützt auf 
die Aussage der Pächterin, dass ein Teil der Länderei im Schönauer Felde, 
sowie zwei Stücke, „der Lahn** genannt, zehntfrei seien, dass von dem 
übrigen Lande die elfte Garbe* gezehntet werde, dass 10 Garben Winter- 
frucht und 10 Garben Hafer den Schönauer Bedienten überlassen, Zehnt- 
stroh und Kave aber dem Hofe zurückgegeben werden müssten, während 
von gelben und weissen Rüben, von Klee, Kappus, Hanf, Flachs, Heu, 
sowie von andern grün abgeschnittenen und verfütterten Kräutern dem 
Kapitel nicht der geringste Zehnte verabreicht werde. 

c. Im Jahre 1737 vermass der Landmesser Spiertz folgende zum Hause 
Schönau gehörige Stücke: 1. den Hausweier, der rings um das Schloss und 
den Vorhof gelegen ist; 2. den Mevendrischweier (600 Ruten); 3. den 
Leimweier (80 R.); 4. den Broichweier (400 R.); 5. den Baltusenweier 
(17 R.), das Langweierchen (IIV2 RO1 das runde Pfühlchen (2 R.), das 
Pfützweierchen (5 R. 4 Fuss), den Pfützpfuhl (12 R.); 6. das Feld, der 
Lahn genannt, und die Wiese, Pesch genannt (16 Morgen 50 R.); 7. den 



*) an sich gezogen. 

2) Qu ix, Schönau S. 9. 

^) bei der höchsten Strafe, die er verhängen konnte. 

*) Almende. 

*) Der Herrenhof des Grafen Hezelo gab dagegen sogar doppelten Zehnten. 



— 25 — 

Plattenbend (8V4 M.); 8. den Kahlingsbend (5 M. weniger 1 R.), das 
Kesselsbendchen (177 R.); 9. den Jungenbusch vor dem Schlosse gelegen, 
in dem Eichen und Buchen standen. Die Mylenduncker sollen die Bäume 
abgehauen und verkauft haben; der alte Blanche Hess die letzten fällen 
und für den Aufbau des Hauses Schönau zurechtmachen, jedoch wurde das 
Holz von brandenburgischen Volontärs verbrannt. Darauf bepflanzte man 
den Boden — 6 Morgen 61 Ruten — mit 961 Bäumen: es kam also auf 
eine Rut^ ein Baum. 

d. Der in der Vorburg gelegene Hof von Schönau war nach den 
vorliegenden Nachrichten stets verpachtet und zwar lange Zeit an die 
Rentmeister bezw. Schultheissen. Es wird nicht ohne Interesse sein, das 
Urteil zu hören, welches ein Mylendunck, der Herr von Goer und Fronen- 
broch, gelegentlich einer Erbteilung im Jahre 1579 über den Wert der 
Besitzung fällte. „Item zu Schonawen ist kalk und stein ganz wolfeiP, 
und hette mein broder herr zu Meiderich bei seinen lebzeiten mit 4000 
daler an den zweien orteren so schone heuser bauwen kunnen, als ich zu 
Goer und Fronenbroch mit 14000 daler. Item zo Schonawen kan man 
um 4 daler so viel kalen * kaufen, als einer von uns zu seiner haushaltung 
soll bedürfen. Item die 15 morgen lants, so mein broder seliger der 
schultessinen zu Schonawen verkauft, jeder for 50 Daler, welches mir halb 
zukomt. Zu gedenken, Schonawen hat ungeferlich anderthalb hondert 
morgen lants und mag ein morgen von den besten 75 daler gelden: so 
hoch kan das lant zu Fronenbroch nit angeschlagen werden, dan das ist 
lehen, Schonawen aber allodial. Noch zu gedenken, die fischerei zu Schonawen 
ist nit gerechnet. Item den bungart hinder des Schultessen haus, welchen 
meine neflfen selbst 20 daler werden schetzen jarlichs. Item der acker 
zu Schonawen mus auch angezogen werden**. 

Die Rechnung von 1567 verzeichnet in den Einnahmen: „von dem 
hove zu Schonawen au roggen 60 müd, 1 müd weiss, 6 müd haberen"; die 
Rechnung von 1571 fügt noch hinzu: „. . . item an schrimpkorn 1 malter 
roggen". Wahrscheinlich ist hiermit der damalige Pachtbetrag in Frucht 
angegeben. Im Jahre 1584 heisst es: „Item gab ich von dem hof zu 
Schonawen geltpacht 50 daler, jeden ad 52 albus facit 108 gülden 8 albus". 

Im folgenden gebe ich die noch vorhandenen Pachtverträge der 
Zeitfolge nach. — 1596 April 18. verpachteten die Brüder Kraft und 
Baitasar von Mylendunck den Hof an Paulus Breera und Idgen, dessen 
Hausfrau, auf 12 Jahre (mit beiderseitigem halbjährigen Kündigungsrecht 
nach 6 Jahren) für 48 Müd Koggen oder 40 Müd Roggen und 16 Müd 
Hafer 3, 4 Müd Weizen ^ 8 Müd Hafer, V2 Müd Erbsen; diese Frucht ist 



') Ganz in der Nähe, auf dem Vetscheter Berge, wurden Steine gebrochen und Kalk 
gebrannt. 

*) Kohlen. 

') Hafer galt also nur die Hälfte des Koggens. 

*) Es wurde also viel weniger Weizen als Roggen und Hafer gezogen. 



~ 26 — 

in guter, reiner, trockener „marktgever" Ware in Aachen abzuliefern. 
Ferner zahlen die Pächter 50 Thaler vom Graswachs und 20 Thaler „von 
dem breiden, vor dem haus verlandten weier" und geben „vor lieffenis" 
jährlich 6 Pfund Zucker, 1 Pfund Pfeffer, 1 Pfund „genffers" ^ 6 Kapaune, 
2 gute fette Gänse, 2 Verken „ausser der stuppelen oder ein fettes dafür 
zu der heiTen chuir"*, einen fetten Hammel, ein Lamm, „hondert markt- 
oder grosse" Pfund Butter — die im Mai geliefert werden mussten — 30 
gute harte getrocknete Käse, 10 Quart Rttböl, 100 Eier, auch Milch und 
Rüben nach Bedarf der Küche. Ausserdem liefert der Pächter Häcksel 
und Stroh für die Pferde der Herren, ßlhrt die nötigen Kohlen zu, wofür 
er von jeder Fracht ein Fass Hafer für die Pferde erhält, und holt das 
Heu aus dem Cardiansbend. Auf das gepachtete Land muss er jährlich 
20 Wagen Mergel und 7 Karren Kalk fahren; das beaufsichtigen der Herren 
Diener. „Item es soll der halfen schuldig sein, dero hern kalkuitschen 
hönern^ die weide zu vergennen, noch keine douben der halfen zu halten 
macht haben." Bei Hagelschlag und Misswaclis wird der Pächter gehalten 
wie andere Halfen; geschieht Schade „durch hernkraft*", so wird das 
abgeschätzt und trifft die Herren zu zwei, die Pächter zu einem Drittel. 
Als Zeugen unterzeichneten Goddart von Keverberg genannt Meven und 
Johan von Utwich. 

Als Adolf von Hillensberg und seine Frau Anna Maria von Mylen- 
dunck 1663 den Hof wiederum auf 12 Jahre verpachteten, gaben sie den- 
selben auf Halbgewinn nicht bloss von den Fruchtarten, sondern auch von 
den Kühen, Schweinen und Schafen. Ausserdem forderten sie 145 Thaler 
„vihezugt", 40 Thaler als trockenen^ Weinkauf, für mefrau einen Rosenobel 
und zu Neujahr 6 Pfund Zucker, 8 Pfund Zinn, 1 Pfund Pfeffer, 1 Pfund 
„imber*^" und V2 Pfund NägeF. Vermutlich haben die Verpächter dem 
Halbwinner eine Anzahl Vieh in die Wirtschaft gegeben, daher der Halb- 
gewinn auch am Vieh. 

Ein ähnlicher Vertrag wurde 1712 zwischen dem alten Herrn von 
Blanche und dem Freiherrn von Reuschenberg zu Berensberg geschlossen, 
aber da lauten die Bedingungen ganz anders. Reuschenberg sollte gegen 
Vorgabe von drei Morgen die Schönauer Länderei bebauen und besäen und 
dann mit Blanche die Frucht teilen. Weil Blanche bereits im folgenden 
Jahre durch einen Mylendunck aus dem Besitze von Schönau gesetzt wurde, 
konnte der Vertrag nicht gehalten werden, und Reuschenberg erlitt einen 
Schaden von 160 Thaler. Zum Ersatz überliess man dem Sohne und Erben 
Reuschenbergs die Gegenstände, welche Blanche beim Abzüge dem Berens- 
berger übergeben hatte : Kalesche, Wagen, Karren, Gewehr und mehrere Geräte. 
1726 August 7. verpachtete Johan Gottfried von Blanche „das kaiserlich 
freie reichshaus Schönau samt gebucht, schewr und stallung wie auch die 



') Ingwer. *) Wahl. ^) Truthühner. *) Krieg, Fehde. *) Dessen Betrag nicht 
von den Parteien verzehrt, sondern vom Verpächter hezw. Verkäufer zum eigenen Nutzen 
verwendet wird. •) Ingwer. ^) Gewürznelken. 



— 27 — 

weide, den pätzdriesch genant, den newen bend, den Jungenbusch, kalber> 
weid and die halbscbeid der weide, den pesch genant, sodan den kalings- 
weier mit umliegenden dämen, item das schönauer feld, jedoch die länderei, 
so Carl ' und Johan Hecker hieraus oben negst der richtericher beiden jezo 
einhaben ausgeschieden, und ungleichen drei theil des gartens vor Schonauer- 
pforten gelegen und endlich die um den schönauer weiern liegende däme* 
für 550 Thaler a 26 Mark aix. Blanche behielt sich vor den Sal, den 
neuen Bau, den Platz samt daselbst stehendem Gefach, den hintersten 
Keller, den vierten Teil des Gartens, das halbe Obst, die Ausfütterung 
von jährlich drei Kühen und sechs Schafen, drei Kohlenfuhren nach Aachen 
und drei nach Schönau. 

§ 14 des Vertrages lautet: „Solle pfachter bei exemplarischer straf, 
so sich der hen* zu Schönau vorbehaltet, keine fruchten in der heidnischen 
mühl mahlen lassen, auch dem haus Heiden in keine wege gehorsam leisten/ 

Diese Bedingung fehlt selbstverständlich in der Verpachtung vom 
13. März 1760, welche die beiden Brüder von Blanche während ihrer Haft zu 
Jülich thätigten. Als Gegenstand der Verpachtung sind genannt: der Pfütz- 
driesch (Punderichs), die Kälberwiese, der oberste und unterste Pesch, der 
Kahlingsbend und Weier, der Plattebend, der Kessels-, Bischofs- und 
Pflaumenbend zusammen etwa 50 V» Morgen; sodann das Schönauer Feld 
und das Feld im Lahn. Der Pachtpreis betrug 350 Thaler ä 9 Gulden 
aix. Wenn die Brüder wieder auf Schönau wohnen, muss der Pächter den 
halben Garten, die neue Weide, den Morgen im Busch abtreten, das halbe 
Obst geben, Mist und Brand fahren, zwei Kühe und ein Rind ausfüttern, 
drei Fass Wintersamen, ein fettes Kalb, ein Lamm und ein Faselschwein 
liefern, zahlt dann aber nur 310 Thaler. Am folgenden Tage übernahm 
der Pächter noch 7 Morgen im Kaliugsbend, 7 Morgen im Richtericher 
Feld an der Harburger Dell, 7 Morgen am Heiligenhäuschen (zwischen 
Richterich und Horbach) und 7 Morgen im Hotzerfeld für einen jährlichen 
Pacht von 133 Thaler ä 26 Mark aix oder 64 Reichsthaler und 2 Mark. 
Diesen Vertrag unterschrieb auch der Vogtmajor Hauzeur, der in den 
Jahren 1760 — 1762 kurfürstlicher Verwalter von Schönau war. 

Der Pächter hat keine guten Geschäfte gemacht. 1768 war er den 
Blanche 164 Thaler 28 Mark 2 Bauschen Pacht schuldig und musste dafür 
dem Herrn vier Kühe im Gesamtwert von 80 Thaler, ein Pferd ad 31 Thaler, 
einen Branntweinskessel ad 35 Thaler 28 Mark 2 Bauschen und eine Sau 
ad 18 Thaler überlassen. 

e. üeber den Hof Neulant, welcher ebenfalls zu Schönau gehörte, 
muss ich mich wegen mangelnder Nachrichten kürzer fassen. Derselbe lag 
in der Bank Kirch rath, Landes Herzogenrath, und war ein Lathof mit 
einer Latenbank. Die Gerechtsame desselben bestanden in 12 Müd Roggen, 
3 Müd Hafer, 17 Kapaunen, 12 Aachener Gulden, 4 Hühnern, 3 Zehnt- 



') ('arl Hecker hatte ciuc von Blauche zur Frau. 



— 28 — 

hühnern, 3 Osterbroten und 8 Kurmeden. von Blanche berechnete den 
Ertrag desselben auf 84 Thaler. Auch sagt er, es gehöre zu dem Hofe 
noch ein Latdistrikt, „Schönauer gut" genannt, der zehntfrei sei und dessen 
umliegende Güter mit 10 Schilling species vor dem Latherm bezw. Statt- 
halter und zwei Latschöffen erhoben werden mtissten. 

Im Jahre 1600 gaben die Brüder Kraft und Baltasar von Mylendunck 
diesen Hof auf ewige Wiederlöse dem Leonard Kanen für 1200 Reichsthaler 
und bevollmächtigten den Goedart von Keverberg genannt Meven auf Rath \ 
das Gut dem Kanen vor dem Manngerichte zu Herzogenrath zu übertragen. 
Schon zwei Jahre nachher gab Baltasar Neulant an Andreas Vroen auf 
ewige Wiederlöse für 1600 Reichsthaler, von welcher Summe ihm selbst 400, 
dem Kamen aber 1200 Reichsthaler ausgezahlt wurden. 

5. Die üebernahme der Herrschaft. 

Die Besitzergreifung der Herrschaft Schönau durch einen neuen Herrn 
erfolgte unter einer Reihe von sinnbildlichen Handlungen. Manche derselben 
sind allgemein üblich gewesen und wurden auch beim Antreten bürgerlicher 
Immobilien angewendet. Dahin gehören „aufnehmung der erd vom acker 
die lahn genant, ausstechung der watzen in dem bungart der pützdriesch 
genant, abbrechung der zweig im grossen garten der vorm haus gelegen, 
Schöpfung des wassers aus dem hausweier, fassung des klöppeis der vordersten, 
auch der ersten, zweiten, dritten pforte des vorhofs und des hauses Schönau 
und stochung des feuers auf salert", wozu bei einer andern Gelegenheit 
noch „aufschürzung und niederlasung des heels^in der küche" erwähnt wird. 
Alle diese Handlungen sollten nur andeuten, dass der, welcher sie vornahm, 
der wirkliche Herr des Hauses und Hofes war. 

Einige andere Gebräuche, welche der neue Besitzer beobachtete, hatten 
dagegen den Zweck, die Eigenschaft Schönaus als eines Sonnenlehens, als 
einer ganz freien und unabhängigen Herrschaft darzuthun. Dazu gehört 
das Auswerfen von Gold- und Silbermünzen gegen die Sonne, wobei die 
linke Hand auf das Seitengewehr gelegt wurde. 

Die Lehen, besonders auch die im Ländchen von der Heiden gelegenen, 
wurden vor dem Lehenhofe mit Gold und Silber empfangen: wenn nun der 
neue Herr von Schönau Gold und Silber gegen die Sonne wirft, so drückt 
er durch diese Handlung den Gedanken aus, welchen das älteste Schönauer 
Latenweistum mit den Worten ausspricht: „man en held die guede van 
niemande, dan van onsen heren Gode ind siner liever moder**. Gott der 
Herr hat ja nach den Worten des 18. Psalms „in der Sonne sein Zelt auf- 
geschlagen" und die Gottesmutter Maria kannte das Mittelalter aus dem 
12. Kapitel der Geheimen Offenbarung als das „mit der Sonne bekleidete 
Weib". Und wenn der Besitzergreifende dabei die Hand in die linke Seite 



*) Rahe in der Soers. 

^) Kesselhaken über dem Herdfeuer. 



- 29 - 

legt, wo er seine WaflFe trug, so heisst das nichts anderes, als das« er 
bereit sei, den ihm von Gott gewordenen Besitz gegen jeden Angriflf zu 
verteidigen. 

Sodann wurde den Unterthanen der Eid vorgelesen. „Ihr X. X. sollt 
globen und schwören zu Gott, dem hoch wohlgebor neu herm X. N. als herm 
hierselbst zu Schonaw trew holt und gewärtig zu sein, ärgstes zu warnen 
uud bestes zu fordern.*' Der Schwörende erhob die Hand und sprach: 
„Was mir anitzo ist vorgelesen worden und ich wohl verstanden habe, 
solchem will ich also nachkommen, so wahr mir Gott helfe und sein 
h. evangelium." 

Die Feier fand gewöhnlich zu Schönau auf der grossen Brücke statt. 
So befiehlt Dietrich von Mylendunck 1521 seinem Schultheissen, dem Gerichte 
„zo gebeiden der huldonge ind eide na, sy mir als urem heren zu Schoenauen 
gedain hont op die groise bruiche . . .". 

Als Gothard von Mylendunck am 8. August 1574 die Huldigung ent- 
gegennahm, gab er den Unterthanen ein Ohm Bier und „etlich brod und 
keis darzo, kost zusamen 4^2 gülden **. Bier, Brot und Käse wai' das 
Gericht, welches der Herr zu Schönau den Unterthanen geben musste, so 
oft sie Frondienste für ihn leisteten. Das älteste Weistum sagt dartiber: 
„Item of dat herrschaf zo Schonowen vyant hedde, so moisseu die loessen, 
alle avents zween, zo Schonowen wachen, ein yegelich solde man geven 
ein pott biers, ein par micken* ind ein stück kees darup. It^m wer't sach, 
dat men ouch um vyenschaf dat ys* houwen muss, so soulde men ouch den 
laessen kees brot ind hier geven.** 

Die Rechnung von 1590/91 sagt: „Item bei Gillissen im beer verzert 
worden als mynher zu Schönaw gehult worden ... 22 gülden.** Verglichen 
mit der Huldigung von 1574, die nur 4^» Gulden kostete, muss das eine 
grossartige Feier gewesen sein; man hat sie wohl im Bär gehalten, um 
den Heidenem durch die That zu zeigen, dass Grünen thal, wo der Bär 
lag, zum Schönauer Gebiet gehöre. 

6. Das Schloss »Schönau. Kin Inventar. 

Über die baulichen Verhältnisse des pfalzgrilHichen Herrenhofes wissen 
wir aus Urkunden nichts, wir können nur vermuten, dass derselbe nach 
den Vorschriften des Gesetzes über die Königshöle eingerichtet gewesen ist. 

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es Hvluni eine Burg Schönau; 
im Jahre 1280 wurde ja da.selbst der bekannte Friede zwischen der Gräfin 
von Jülich und der Stadt Aachen abgeschlossen. Diese Burg haben wir 
uns dann ähnlich vorzustellen, wie sich jetzt noch die in Trümmer liegenden 
Burgen von Heiden, Wilhelmstein und Schöiifurst zeigen; auch können die 
ältesten Teile des Soerserhauses zum V^irgleiche herangezogen werden. 
Da war ein mächtiger Turm, der Bergfried oder Donjon, welcher als 

*) Wcbabrole. 
») Eb. 



— 30 — 

Wohnung für die herrschaftliche Familie diente und au den sich die 
Wohnungen für die Diener und die Wirtschaftsräume anschlössen. Das 
Ganze umgaben breite Wassergräben und hohe Mauern, an deren Ecken 
runde oder eckige Türme die Verteidigungsfähigkeit erhöhten. 

Im Jahre 1488 schloss Kraft von Mylendunck einen Vertrag mit dem 
Ziramermeister Johan Poeghen, laut welchem letzterer auf den Turm von 
Schönau eine neue, 60 Fuss holie Kappe setzen sollte nebst Erkern an den 
Ecken mit drei oder vier Fenstern. Auch wurde die Scheune auf dem 
Hofe wiederhergestellt. Kraft lieferte das Holz und die Geräte, gab dem 
Meister und dessen Knechten die Kost beim Halbwinner und zahlte, wenn 
alles fertig war, 80 rheinische Gulden ä 6 Aachener Mark, 3 Müd Roggen 
und 3 Tonnen Bier. Beim Abschlüsse des Vertrages waren zugegen Wolter 
von Bilsen, Kanonikus und Vizedom der Liebfrauenkirche zu Aachen'; 
^Tohan von Palant, Herr zu Wildenburg und Drost zu Herzogenrath und 
Wilhelmstein; Johan von Hambach, Vogt von Wilhelmstein. 

Die Wohnung im Donjon mit ihren in drei oder vier Stockwerken 
liegenden Räumen, zu denen man nur auf engen und steilen Wendeltreppen 
gelangen konnte, wurde den spätem Geschlechtern zu unbequem. Die 
Schönauer des 16. Jahrhunderts erbauten sich ein neues Herrenhaus. Eine 
Rentmeisterrechnung aus dem Jahre 1566 zeigt den Posten: „Zu Schonaw 
auf das new haus ein dachdeck er gestuppt 2 dag. jeden dags VIII albus.* 
Und im folgenden Jahre heisst es: „Item als sich das new haus zu Schonaw 
ein wenig ersezt, hab ich ime zu steur legen lassen vier ankeren, jeden 
XI albus." 

Der Wachtturm des Hauses wurde von den Wächtern „Savels Jan 
thurm" genannt; warum, ist nicht gesagt. 

Aus einem Briefe des Baltasar von Mylendunck vom Jahre 1624 erhellt, 
dass damals wieder Reparaturen am Hause nötig waren. Er schreibt seiner 
Tochter, die Mutter solle auf dem Vetscher Berg drei Wagen Giundsteine 
bestellen, um die Fundamente am Burghause auszubessern, und einen 
Pliesterer nehmen, um den Saal zu pliesteren, „dan das stehet gar zu 
schimpflich und zu hesslich" ; auch müsste seine Kammer wohl wieder geweisst 
werden. Zuerst aber solle man den Schieferdecker das Dach nachsehen 
lassen, sonst werde das Pliestern nicht viel nutzen. Das neue „gemechsgen** 
solle man nicht eher weissen lassen, bis er da sei, weil noch ein neuer 
Söller darüber müsse gemacht werden. Glänzend ist es demnach mit dem 
Hause Schönau damals nicht bestellt gewesen. 

Bei den vielen Streitigkeiten über den Besitz der Herrschaft, welche 
mehrmals eine gewaltsame Einnahme des Hauses zur Folge hatten, mussten 
auch die Gebäude viel leiden. Als Isaak Lambert von Blanche sich 1696 
in den Besitz des Gutes setzte, fand er das Haus verwüstet, „fast zerbrochen, 
und über einen häufen gerissen''. Kaum hatte er dasselbe durch Zimmerer 

^) Es ist der oben in I. 1 erwähnte Walter de Blisia; davon, dass er Vizepropst 
gewesen sei, findet sich bei Heasch nichts. 



— 81 — 

uod Dachdecker instand setzen lassen, so musste er wieder riumen und 
konnte nachher mit den HersteUnngsarbeiten von neuem beginnen. Er hat 
sich aber jedesmal auf das Xutwendigste beschrinkt. Deshalb be^iiunn sein 
Sohn und Nachfolger im Jahre 1782 mit einem vollstiindigen Neubau, wie 
er sich denn auch rühmt, das Haus von gmnd auf herrlich aufgebaut zu 
haben. Sein Werk steht noch heute: der Baumeister hat mit dem alteu 
Gemäuer gründlich aufgeräumt, den Donjon zum Treppenhaus umgewandelt 
und die Wohnräume zu beiden Seiten desselben angelegt. 

Es ist mir nur ein Vei-zeichnis Schönauer Mobilien zu Gesicht gekommen, 
welches zudem aus einer Zeit stammt, in der es mit dem Hause am traurigsten 
aussah« Das mag die übergrosse Dürftigkeit erklären. Bedauerlich ist, 
dass der Notar über die vorgefundenen Urkunden und Bücher so kurz hinweg- 
geht: jedenfalls hatten diese mehr ,uf sich*, als die Würste und allen 
Lappen, die er gewissenhaft verzeichnet. Das Inventar lautet: 

..Anno 1696 den 11. mai uf requisition herrn Goddart Kraft, ft\Mlienn 
von Mylendunck, herrn zu Fronenbroch etc. hab ich endsunterschriebeuer 
kais. offenbarer uotarius ... die ufin haus zu Schonaw nach ergriffener 
possession gefundene mobilia et moventia folgender gestalt trewlich invenUag^i- 
sirt und verzeichnet. 

Nemlich. Zween füllen von ungefehr ein jähr, drei ackerpfent so 
ziemlich alt und zwei fünf ad sechsjährige pferd ; 28 stück hornvieh, worunter 
10 kühe klein und gross, das übrige aber rinder und erwachsene kälber, 
wovon einige fremden leuten zugehörig sein sollen, nemlich 5 küh und 
2 rinder, item 7 kälber klein und gross; 4 säw und 2 beren samt 14 kleine 
verklein, 7 vaselverken, ein erwachsene und ein junge geiss und ein bock, 
und einig federvieh von schrauten, hüner und tauben; 

item 10 viertel speck, 10 haramen und hespen samt einigen bolster- 
wurst ad 10 stück, 15 stück geräuchert rindfleisch; 

an roggen 21 malder 5 vass, an hanfsamen 4 vaas, weizen 1 malder 
5 vass, flachssam 1 vass, wickea 1 vass, rübsam ^/g vass; 

Better und pullen. Ein gestreift federn bett, ein haubtpull, 2 küssen 
und 2 decken. 

Item ein bettstatt mit gelb behengsel; im saal ein bett mit haubtpull 
und 2 küssen und 2 alte decken. Ein bettstatt mit alt grün bohengsol, 
ein alt federn bett und ein korb mit federn; 8 altfränkische eontrefait 
schildereien. 

Gewehr. Vier gezogene bnxen, vorab 2 mit flintenschlössern, 10 flinten 
und musquetten durcheinander, 2 alte stücker von flinten mit anhabenden 
Schlösser, ein Jagdhorn und ein halb tönngen bnxcnpulver. 

Ein tabaxdoes, dieses ist in einem taiellaken samt untcrscheidliciicn 
briefschaften, so in einem pulpito gefunden, eingebunden und zupitschirt 
worden mit mein notarii pitschaft. Ein klein rund mit eisen beschlagenes 
kistgen, worin unterscheidliche briefen, so gleichfals zupitschirt worden. 



— 32 — 

Leinwat. 20 tafellaken gross und klein durcheinander, 12 feine 
Servietten, 4 kleine servietten, 12 handtücher, 8 schlechte korbkleider, ein 
klein stück bettzieg von 1^2 eilen, 3 stück grob ungebleicht servietten- 
gebild, 3 stein flachs, 2 par grobe laken, noch 2 grosse gebilde tischtücher 
und 2 gebilde handtücher; in einem mit rauhem kalbfeil überzogenem korb 
2 hemden und ein kinderwindel, 40 stück klein leinwat, 5 lange hals- 
tücher, 13 hemden, 12 bündel werken garn, eine quantiteit boddelen garn, 
11 stein hanf. Noch 5 servietten und ein tischkleid in der küche gelegen. 

Einige nicht viel werthe hölzerne dosen und item alte buicher, so 
nit viel uf sich haben; item ein missiven buch von Mylendonkh. 

Holzen werk. Ein altes pultbrett, 2 spinrader, einen vierkantigen 
tisch, noch einen vierkantigen austreckenden tisch samt einer gelb und 
roten tapet, 6 hülzene steul, ein Spiegel, 2 ledige kiste und eine so zu- 
gesiegelt und hern von Blanche Schwester Antonetta zukommen soll ; noch" 
ein klein kistgen so auch ledig. 

Uf der capellkammer ein klein vierkantig tischgen, noch ein vier- 
kantiger tisch, ein kantenküssen, ein mit eisen beschlagene kist, ein alte 
kist mit allerhand alte brief uf dem söUer stehend." (Nun folgen Töpfe 
und Fässer.) 

„61 milchnäpf oder plateelen und ein milchfass und andere melkerei- 
gereitschaft. Ein kochbank in der kuchen, ein sietzsiedel, ein vierkantiger 
tisch, 2 bänk, 2 stuhl.** (Dann Tonnen und Melkzeug.) 

„Noch eine alte bettstatt samt altem bett und schlechter decken für 
die mägd. Ein holzene kornmühle. 

Kleider. Ein brauner leibrock von pay mit henskot gefüttert, ein 
greis graw kleid, nemlich rock und kamisol. 

Eisenwerk. 6 eiserne kessel und topfe, 4 lange bratspiesse, löffel, 
röster, pfannen und einen hengel. 

Kupfer. Ein kleiner mörser mit eisernem stösser, 4 gegossene kupferne 
leuchter, ein kleiner kupferner kessel und sieb. 

Zinnenwerk. 6 englisch Zinnteller, 3 grosse und 3 kleine schüsselen, 
13 churzinne teller.** 

Auf einem Zimmer, die Stube genannt: „ein bett, haubtpull und 2 
küssen samt 2 wullen und ein leinen decke, ein bettstatt ohne gardinen" 
und einige Frauenkleider nebst Wäsche; „ein hoch schaff mit 2 thüren 
und 2 Schlosser, worin ein weissen frawen sommerrock, ein alte fontange, 
ein tabbert, 2 alte frawen tabberts, noch 2 zinne kümpgens, 10 ziuner 
leffeln, ein kupfern lichtputz, ein ronde mit leder überzogene kist, ein klein 
vierkantig tischgen mit bontem tischkleid. 

In der oberkuchen: ein moult, ein stuhl, drei zeinen oder waschkübel. 
Ein par alte pistolen, ein degen mit portep^e, noch drei schnaphanen und 
ein feuerrohr, ein holzen wag mit schalen, ein alten rostigen degen mit 
bajonett. Und ist dieses, was sich an mobilien uf besagtem haus zu 

SchonaW gefunden." (Fortsetzung folgt.) 



— 33 — 

GhrisUiche Anslegong einer bösen Earlssage. 

Von B. M. Leneh. 

Die inhaltreiche Abhandlung von Ang. Pauls: ,Der Bing der Fastrada*^ 
mit ihrem gelehrten Apparate im 17. Bande der Zeitschrift des Aachener 
Geschichis-Vereins S. 1 — 73 ist besonders deshalb beachtenswert, weil ae 
den Kern der Sage, wie er sich in den 5 ältesten Formen dersdben ans 
dem 13. and 14. Jahrhundert darstellt, von den spätem Zuthaten ksschält, 
insbesondere auch von der Tor nicht langer Zeit aufg^ommenen Beziehung 
zur Fastrada. Ohne Zweifel mit Recht wird ein Teil dieser Answüchse 
anf abergläabische Vorstellungen zurückgeführt, deren Entstehen weit ror 
der kandingisch^i Zeit liegt ; es sind dies namentlich die Tiden altso-Sagen 
über einen Liebeszauber, der auch nach dem Tode der Geliebten nicht 
erlischt. Interessant ist ferner die Herkunft eines Zaubersteines Ton der 
Schlange, welcher der Kaiser, als sie mit der Kröte in Streit lag, Becht 
gesprochen hatte, eine schon bei Theodosius Toricommende Sage, die dort 
mit d^ Wiederkehr der Sehkraft des erblindeten Monarchen in Verbindung 
gebracht wird, wogegen nach der aas Zürich stammenden Erzählung der 
kostbare Stein, den ein grosser Wurm aus Dankbarkeit Karl überliess, 
Ursache eines schlimmen Zaubers ward. So lange er nämlich im Besitze 
einer Gemahlin des Königs war, erwies er sich als ein böses Philtrum, und 
im Munde der Gestorbenen ruhend, fesselte er das Herz des Gemahls 
derart, dass er die einbalsamierte Leiche IS Jahre mit sich herumführte, 
bis ein Ritter den Stein aus dem Munde entfernte und zu Aachen in einen 
Sumpf bei einer warmen Quelle warf: .in locum [quendam uligunosum ad 
fontem calidum*, woraul dann die Liebe des Königs auf die Aachener Gegend 
überging und Veraula5>uD? zur Gründung der Stadt und zur Erbauung 
des Munsters wurde, wie der ähnliche Vorgang früher zur Erbauung einer 
Kirche in Zürich. 

Enelkens Weltbuch bringt die Sage, ohoe der Herkunft und der 
Beschaffenheit des im Munde der Leiche vom Bisch*'fe gefundenen 21auber- 
mittels zu eedenken: ebtfüs-»weüiir thut dies die Levdeaer Handschrift, nach 
welcher Karl in eine Zauberin oder Nymphe, die nur bei Anwesoiheit 
des Königs Leben zeigte, verliebt war, bis ein Sonnenstrahl ihm das der 
Zunge angewachseoe Goldkorn, granom auri offenbarte, nach dessen Ent- 
fernung sie nicht mehr erwachte '. Nach dem Gedichte Karl Meinet war 
es aber ein im Haare verb«jrgenes Bin ^'eichen ivingeryn), was Karl nicht 
von der Leiche weg^lies^. Ms es eLtfemt wurde: als dassell« in ein tiefes Broch 
bei der einsamen G^anu^burg gewurten wcrJ-n war, gin^ seine Neigung auf 
Aachen über, wu er dann das Münster zu U. L. Frauen Ehre baute. 
Ahnlich lautet die Erzähluc^. welche Petrarca zu Aachen schrifllich ver- 



M Amck ukdere Zaab^rrtcine £?i:^ea. n^x^r die Zos^ ^Icgt, ikre Kraft, ^jvemue 
ex oealk hTa^nac;. si «rr^iiiL:;*. lir^Tiie hairii- sabiüu« ftticn pn«-lieer« dkaamr.* Plinii 
Eist. SAt. 37. e. lo. 



— 34 — 

zeichnet fand; hier war es eine Gemme ^ in einem kleinen Ringelchen 
unter der Zunge der einbalsamierten Leiche eines Weibsbildes, weches ein 
Kölner Bischof entdeckte und in den Schlund eines naheliegenden Sumpfes 
warf, inmitten dessen darauf der vom Liebeszauber befreite Herrscher auf 
mächtigen Steinmassen mit grossen Kosten den Palast und den Tempel 
erbaute, da Aachen jetzt der Lieblingssitz des Königs wurde. Auch die 
Kölner Chronik weiss von dem „rinck mit eyme kostel gesteyn dair lach 
in syne puyll", welchem Aachen sein Rathaus und sein Münster zu ver- 
danken hat. 

Wahrscheinlich hat eine ähnliche Sage schon zu Zeiten der Römer 
bestanden. Ich will damit nicht sagen, dass der Römer, der zum ersten 
Male Aquis granum ausrief, Kunde von einem dort ruhenden Zauberkorn 
hatte; auch möchte ich nicht mit Klinkenberg (Zeitschr. des Aach. Geschieh ts- 
Vereins, Bd. XIV, S. 1 u. ff.) in der Grana eine Erdgöttin Sirona wiederfinden, 
da diese doch wohl den Mond vorstellte, oder mit Seybert im Edelstein einen 
in Indien sprichwörtlichen Schlangenstein, den die Gewitterschlange im 
Kopfe trägt und dann mit Pauls vom Donnergotte Thor und dessen Blitzen 
die Sage ableiten, wobei der Edelstein, von dessen Glanz kein Wort spricht, 
die nach dem Gewitter strahlende Sonne und zugleich das spärlich leuchtende 
verborgene Goldkorn den goldenen Erntesegen bedeuten soll. Immerhin 
deutet die Schlange auf römisch-heidnischen Ursprung der Sage. Die von 
Epidauros herübergebrachte Schlange wurde, wie wir bei Plinius lesen, als 
Haustier gepflegt, und eine im Süden vorkommende Schlange wurde an 
rheinische Thermen verpflanzt*. Es ist zudem die Schlange nicht ohne 
Beziehung zum Quellgotte Apollo, der sie mit seinen Pfeilen verfolgt ^ 
Selbst die Basilisken-Schlange der Pyrenäischen Provinz, in welcher der 
Sonnenquell* war, könnte für diese Beziehung angeführt werden. 

Wenn nun auch die heidnische Grundlage in unserer Sage nicht zu 
verkennen ist, so liegt in derselben doch auch eine christliche Idee aus- 
gesprochen. Zunächst kehi't in den schriftlichen Aufzeichnungen aus dem 
13. und 14. Jahrhundert der Gedanke beständig wieder, dass vor der 
Erbauung des Münsters ein unerklärlicher Zauber den Sinn des HeiTschers 
gefangen hielt, der sich in der unsinnigsten Weise, ja in höchst sündhafter 
Art der Liebesbeweise kund that. Die Legende von einer Sünde, die Karl 
nicht beichten wollte, die ihm aber durch einen vom Himmel wunderbar 
gekommenen Gnadenbrief erlassen wurde, hat man im Mittelalter selbst 
in einem Relief des Karlsschreines zu verewigen nicht gescheut. Jeden- 
falls war diese Sünde keine andere, als die von der Sage ausgesponnene, 
für den Frommsinn Karls unbegreifliche und nach den wirklichen Ver- 



^) Diese erinnert an die Sonueugemmen der Magier. (Plin. H. n. 37, c. 10.) 
') Ehemals hatte man Öfters auch hier Gelegenheit, am Abflüsse des mit Thermal- 
Wasser vermischten Warmbaches Schlangen zu sehen. 
') Plinius, Hist. nat. 34, c. 8. 
*) Plinius, Hist. nat. 8, c. 21. 



— 35 — 

hihiiksäcn miflMglkhe. Die Liebe K^ris galt eiBer Per^nüekkeiU oiiler 
welciier man sich keine andere als Aachen TorzosteUen hat, das nur bei 
sefBo* Anvesenheit Leben zeigrte, von ihoi Teiia;ssen« wie tot dalag^: sie galt 
einer Xympbe, selbst nach ihrem Ti>de nnd trotz des Fäulnisgeruches, als 
welche man nur die Nymphe der warmen Wasser nehmen Inuuu deren obschon 
u^ngenehm riechende Dämpfe ihn ergötzten. Die Thermen lagen damals 
Terödet, die Bäder in Ruinen. Wie zu Kpins Zeiten, hauste ein bOser 
Dämon dario. Ton dessen Treiben auch noch eine Tiel spätere Nachricht 
etwas zu «wählen weiss. Die ganze heidnische Anlage musste in den 
Augen eines Christen, bevor sie in christicher Weise geweiht worden, nicht 
unbedenklich sein. Wenn^nun aber Karl diese Bäder erneuerte und ihnen 
seine ganze Neigung zuwandte^ so mochte ihm und Andern diese Anhäng- 
lichkeit an die von Heiden rielgebrauchten Quellen zeitweise als ein Ver- 
gehen, ja als grosse Sunde erscheinen, worüber dann eine himmlische 
Erleuchtung (der Sonnenstrahl) Aufklärung und wovon der Bischof ihm 
Befreiung brachte. In dieser Beziehung wird die Legende, die meist mit 
der Nachricht von der Erbauung des Münsters, wodurch Aachen der Mutter- 
gottes gewidmet wurde, schliesst, bedeutungsvoll. Es war dies ein Sühne- Akt, 
aus dessen Grossartigkeit die Nachwelt auf eine vorhergegangene grosse 
Sünde schloss. 



Über das Zusammenleben (vita conmiunis) der Stiftsgeistlich- 
keit zur Zeit der Karolinger. 

Von H. Schnock. 

Das Streben Einzelner nach einer höhern, als der unbedingt not- 
wendigen christlichen Vollkommenheit reicht bis in die ersten Anfänge der 
Kirche zurück. Es ist begründet in dem Wesen der christlichen Keligion, 
die neben den strikten Geboten auch der Freiheit überlassene Räte ihren 
Bekennern vorlegt. Unter den ersten, welche sich in Befolgung der 
evangelischen Räte versuchten, nennt uns die Kirchengeschichte die Asceten, 
deren Entstehung in das zweite Jahrhundert fällt. Mitten in der Familie 
und bürgerlichen Gemeinde, ohne mit den Sitten und Gebräuchen des Alltags- 
lebens zu brechen, übten sie ihre strenge, ascetische Lebensweise. Aus 
jenen Christen sodann, die sich zur Zeit der blutigen Verfolgung imter 
dem römischen Kaiser Decius (249 — 251) gezwungen siihen, in die Wüste 
zu fliehen, gingen die sogenannten Anachoreten oder Einsiedler hervor; 
denn auch als der Sturm der Verfolgung sich wieder gelegt, verblieben 
sie in der einmal lieb gewonnenen Einsamkeit, in heroischer Weltentsagung 
und treuer Befolgung der evangelischen Räte ihrem Gotte vollkommener als die 
übrigen Menschen dienend. Der hl. Antonius (f 356) übernahm die geist- 



— 36 — 

liehe Leitung der in einzelnen Zellen oder Höhlen wohnenden Anachoreten 
und schuf unter ihnen eine gewisse Verbrüderung. Einen Schritt weiter 
ging um dieselbe Zeit Pachomius; er errichtete auf der Nilinsel Tabenna 
ein Haus oder Kloster, in welches er eine Anzahl Anachoreten aufnahm, 
die nunmehr zusammen wohnten und nach einer bestimmten Regel lebten. 
Er ist also recht eigentlich der Gründer der nachmals so zahlreich gewordenen 
Coenobiten, Um die Ausbreitung des Klosterlebens in Kleinasien und im 
ganzen Oriente machte sich hoch verdient der gelehrte und beredte Kirchen- 
fehrer Basilius der Grosse, Erzbischof von Cäsarea. Die von ihm her- 
rührende Basilianerregel, welche 368 Satzungen enthält, von denen 55 die 
grosse und 313 die kleine Regel bilden, gelangte gar bald zu hohem An- 
sehen und wurde in fast allen Klöstern des Morgenlandes beobachtet. Als 
Patriarch der abendländischen Mönche wird mit Recht der hl. Benedikt 
von Nursia angesehen, dessen Klosterregel das Ideal und die Grundlage 
fast aller nachfolgenden klösterlichen Satzungen im Occidente wurde. Die 
seit dem vierten Jahrhundert in stetem Steigen begriffene Begeisterung 
für das Klosterleben konnte ihre Rückwirkung auf den Weltklerus nicht 
verfehlen. Sie machte sich selbstredend nur da geltend, wo an einer Kirche 
mehrere Geistliche gleichzeitig wirkten. Das war nun aber in erster Linie 
der Fall an den Bischofskirchen, wo eine mehr oder minder grosse Anzahl 
von Presbytern unter dem Archipresbyter und die Diakonen — gewöhnlich 
sieben — sowie die andern niederen Kirchendiener unter der Leitung des 
Archidiakons ihre geistlichen Funktionen verrichteten. Der Begi*ünder des 
Zusammenlebens solcher Geistlichen, welche in den Kanon (daher der Name 
Kanoniker) oder in die Matrikel derselben Kathedralkirche eingetragen 
waren, ist der hl. Augustinus, der, wie er schon früher mit einigen Freunden 
zu Tagaste ein gemeinsames Leben geführt hatte, so nach seiner Erhebung zum 
Bischof von Hippo mit seinem Klerus zusammenwohnte und lebte. Das 
Beispiel des berühmten Bischofs fand bald allerwärts eifrige Nachahmung. 
Im Frankenlande fand diese vita canonica, welche eine Ablegung der 
Gelübde, wie es in den Klöstern zu geschehen pflegte, nicht bedingte, seit 
dem achten Jahrhundert die weiteste Verbreitung. Bischof Chrodegang 
von Metz schrieb um diese Zeit eine Regel, die zunächst für die Kanoniker 
seiner Kathedrale bestimmt war, aber auch von Klerikern anderer Bischofs- 
kirchen angenommen und beobachtet wurde. Zu allgemeiner Geltung ist 
dieselbe aber nicht gelangt, sei es, weil sie für zu nahe verwandt galt mit 
der Regel der Benediktiner, deren Mitglied der Metzer Bischof war, sei 
es, weil sie überhaupt für ungenügend und nicht zweckentsprechend gehalten 
wurde. Ein neues allen gerechten Anforderungen entsprechendes, einheit- 
liches Normalstatut für die Kanoniker aufzustellen, war die Aufgabe der 
von Ludwig dem Frommen im Jahre 816 in Verbindung mit dem Reichstag 
nach Aachen berufenen Synode. Diese entledigte sich ihrer Aufgabe in 
der Weise, dass sie das ganze vorliegende Material auf 2 Bücher verteilte, 
v(m denen das erste „de institutione canonicorum** und das zweite „de insti- 



— 37 — 

tutione sanctimonialium" betitelt wurdet Das erste Buch umfasst 145 
Kapitel, von denen 113 das Quellenmaterial aus den Konzilien, den päpst- 
lichen Dekreten und aus den Schriften der Kirchenväter zusammenstellen. 
Als deren Bearbeiter wird der gelehrte Metzer Diakon Amalarius angesehen. 
Die übrigen 32 Kapitel stellen das unter Zugrundelegung des Werkes Chrode- 
gangs gewonnene Ergebnis der synodalen Beratung dar. Das zweite Buch 
hat 28 Kapitel; die sechs ersten sind Auszüge aus den Schriften einzelner 
hl. Väter, die 22 folgenden Kapitel enthalten spezielle Regeln für die Kloster- 
frauen. Dass übrigens nicht erst mit der Promulgierung dieser Synodalverord- 
nungen die vita canonica eingeführt wurde, sondern in praxi bereits lange 
vorher geübt worden war, geht klar und deutlich aus beifolgender Stelle 
der Praefatio zur Synode hervor: „. . . . licet plerique, auxiliante Christo, 
devote ac religiöse cum sibi subjectis canonicam servent institutionem, et 
in plerisque locis idem ordo plenissime servetur ....*' Die Verordnungen 
der Aachener Synode verpflichteten nicht nur die Geistlichen der Kathedral-, 
sondern auch die der Kollegiatkirchen. Einige der Bestimmungen mögen 
hier Erwähnung finden. Kapitel 117 ordnet das gemeinschaftliche Wohnen, 
Schlafen und Essen der Kanoniker in einem von einer Art Befestigungs- 
raauer umgebenen Hause an: „Necesse est tamen, ut claustra, in quibus 
clero sibi commisso canonice vivendum est, firmis undique circumdent 
munitionibus, ut nulli omnino intrandi aut exeundi, nisi per portam pateat 
aditus. Sint etiam int^rius dormitoria, refectoria, cellaria et ceterae habi- 
tationes, usibus fratrum in una societate viventium necessariae". Kapitel 
115 gestattet den Kanonikern im Gegensatze zu den Mönchen Leinen zu 
tragen. Fleisch zu essen, Eigentum zu besitzen, spricht letztern aber ein 
grösseres Anrecht auf Unterstützung seitens der Kirche zu, als erstem, 
welche neben den kirchlichen Einkünften auch ihr Privateigentum haben. 
„. . . . Canonicis liceat linum induere, carnibus vesci, dare et accipere, 
proprias res et ecclesiae cum humilitate et justitia habere . . . ." Während 
in Kapitel 126 die Beobachtung des kanonischen Stundengebetes überhaupt 
und in den folgenden Kapiteln die der einzelnen Hören eingeschärft wird, 
warnt Kapitel 131 vor verschiedenen mitunter recht groben Verstössen 
beim Gebet. Kapitel 134 erklärt im Eingange, dass nicht nur dem Bischöfe 
das Strafrecht über die Domgeistlichkeit, sondern auch den Pröpsten über 
die Stiftsgeistlichkeit zustehe, womit die oben bereits erwähnte Ausdehnung 
der Verordnungen über die vita canonica auf die Kollegiatkirchen aus- 
gesprochen ist: „Quamquam contemptores canonicarum institutionum epis- 
copali praecipue judicio plectendi sint, qua poena, ut ait beatus Augustinus, 
in ecclesia nuUa major esse potest, demonstrandum tamen est, qualem ceteri 
praelati, qui illis dignitate inferiores esse noscuntur, in locis sibi 
commissis, in quibus canonice vivitur, erga subjectos quosque delinquentes 
. . . . adhibere debeant correptionis modum.** Wer sich gegen die Regel 
vergangen hat, soll mehrere Male ermahnt und wenn das nicht hilft, öffent- 

Hartzheim, Conc. Germ. tom. I, p. 430 ff. 



— 38 — 

lieh zurechtgewiesen werden. „Quod si et his renisus fuerit, ceteris ali- 
mentis interdictis, pane tantum usque ad dignam satisfactionem utatur et 
aqua." Macht auch dieses unfreiwillige Fasten auf den Delinquenten noch 
keinen Eindruck, so muss er in der Kirche einen Strafplatz einnehmen. 
„Dein si his modis correptus incorrigibilis extiterit et aetas permiserit, quia 
juxta Salomonen! „Stultus verbis non corrigitur*' congrua ei verberum adhi- 
beatur castigatio/ Wenn auch die körperliche Züchtigung keine bessernde 
Einwirkung ausübt, so soll er wie ein räudiges Schaf von der übrigen 
Herde getrennt und dem Bischöfe überwiesen werden, damit dieser das 
Weitere veranlasse. 

Das letzte Kapitel fasst die Tugenden noch einmal zusammen, deren 
ein frommer Geistlicher sich befleissigen soll. 

Das Schicksal fast jeder menschlichen Einrichtung teilte auch die 
des gemeinschaftlichen Lebens der Weltgeistlichen. Bei ihrem ersten Ent- 
stehen freudig begrüsst, entwickelte sie sich nach und nach unter dem 
Schutze und Segen der Kirche zu hoher Blüte und grosser Ausdehnung, 
um aber alsdann wieder ebenso allmählich, wie sie gekommen, infolge der Un- 
gunst der Zeit und der Veränderlichkeit der Menschen, von der Bildfläche 
zu verschwinden oder höchstens noch das eine oder andere Mal hie und 
da vorübergehend aufzutauchen. — Der Kaiser hatte auf das Ergebnis der 
grossen Aachener Synode, auch soweit es die Regelung der vita canonica 
betraf, den allergrössten Wert gelegt. Das Original der Verhandlungen 
liess er im Hofarchir hinterlegen und den Erzbischöfen, gleichviel ob sie 
der Synode beigewohnt hatten oder nicht, je eine Abschrift durch seinen 
Gesandten Notho zustellen. Doch nicht einmal ein halbes Jahrhundert war 
seitdem verflossen, als auch schon und zwar — merkwürdig genug — von 
bischöflicher Seite der erste Vorstoss gegen das Werk unternommen wurde. 
Der Erzbischof Guntar von Köln, berüchtigt durch seine Auflehnung gegen den 
päpstlichen Stuhl und durch seine perfide Mitwirkung in der Ehescheidungs- 
angelegenheit Lothars, wollte sich, vom Papste exkommuniziert und vom 
Kaiser im Stiche gelassen, wenigstens die Anhänglichkeit des Klerus seiner 
Residenz sichern. Zu dem Ende machte er demselben weitgehende Zu- 
geständnisse; er vereinbarte mit den Kanonikern der Domkirche und denen 
der Stifte innerhalb und ausserhalb Kölns, nämlich St, Gereons, St. Severins, 
St. Kuniberts, des Klosters zu den hl. Jungfrauen, des Klosters der Märtyrer 
Cassius und Florentius, des Klosters St. Viktor, der Kirche St. Pantaleon 
und des Spitals bei derselben, dass letztere alle fortan unabhängig von 
Bischof und Domstift, die ihnen aus dem gemeinsamen Kirchenfond zuzu- 
weisenden Güter selbständig verwalten sollten. Ferner wurde jedem Kanoniker 
seine eigene Wohnung und Pfründe, über die er auch zu Gunsten seiner 
Brüder testamentarisch verfügen konnte, zugeteilt. Desgleichen wurde 
ihnen freie Wahl ihres Präpositus, dem im Verein mit einigen andern 
besonders hierzu befähigten Brüdern die unbedingte Leitung aller Innern 
und äussern Angelegenheiten obliegen sollte, bewilligt. Die Frage, ob 



— 39 — 

diese Vergünstigungen damals nur den Nebenstiften, nicht aber dem Dom- 
stifte zuteil geworden sind, wird von den Einen bejaht, von den Andern 
verneint. Diese erste Durchbrechung des Grundgedankens der vita canonica 
wurde von der grossen Synode, welche im Jahre 873 zu Köln unter dem 
Vorsitz des Kölner Erzbischofs Willibert abgehalten wurde, bestätigt. 
Nachdem so einmal der Grund- und Eckstein aus dem Gebäude ausgebrochen, 
war der völlige Zusammenbruch nur mehr eine Frage der Zeit. Dieser 
vollzog sich freilich nicht über Nacht und auch nicht tiberall zu gleicher 
Zeit. Während in dem einen Bistum oder an der einen Kirche die vita 
communis schon bald der Vergessenheit anheimfiel, dauerte sie an andern 
noch ungeschwächt fort; ja es kam sogar vor, dass sie in verhältnismässig 
später Zeit noch in einzelnen Kirchen neu eingeführt wurde. Doch die 
Geschichte des gemeinsamen Lebens in den Stiftern weiter zu verfolgen, 
liegt ausserhalb des Rahmens unserer Aufgabe. Es sei hier nur noch der 
Ausführungen Hüffers^ gedacht, in denen die Art und Weise, wie die in 
Frage stehende Einrichtung allhiählich immer mehr verschwand, sehr treffend 
dargelegt wird. „Zunächst richtete man für die Kanoniker eigene Wohnungen 
ein, meistens in der Umgebung der Domkirche, dann beschränkte man auch 
den gemeinschaftlichen Tisch auf die Festtage, hob ihn später ganz auf 
und schied endlich sogar aus dem Stifts vermögen einzelne Anteile oder 
Präbende für die Kanoniker aus. Der grösste Teil der Güter blieb jedoch 
noch unter der Verwaltung des Propstes, der davon den Stiftsherren die 
festgesetzten Einkünfte zahlen und gemeinschaftliche Ausgaben bestreiten 
sollte. Aber nur zu oft wurde diese Verwaltung nachlässig, eigennützig 
und willkürlich geführt, woraus dann heftige Streitigkeiten sich entwickeln, 
bis man durch eine Teilung des Vermögens zwischen Propst und Kapitel 
die entgegenstehenden Ansprüche auszugleichen sucht.** 

Eine Frage, die sich im Anschluss an die vorangegangenen Er- 
örterungen jedem Freunde der heimischen Geschichte von selbst aufdrängt, 
ist die nach dem Stande der bezüglichen Einrichtung am Aachener Münster 
in den Tagen der Karolinger. Da müssen wir gleich von vorneherein gestehen, 
dass es» im grossen Ganzen nur spärliche Nachrichten sind, welche uns die 
gedruckten Quellen hierüber vermitteln. Es ist zunächst selbstverständlich, 
dass Karl der Grosse eine Anzahl Geistliche zur Abhaltung des Gottes- 
dienstes an die Aachener Pfalzkapelle berufen hat. Ausserdem bezeugt 
uns aber auch noch diese Thatsache eine von Karl dem Kahlen im Jahre 
876 ausgestellte Urkunde, in welcher es heisst: Proinde quia .... avus 
noster Carolus in palatio Aquisgrani capellam in honorem beatae dei geni- 
tricis et Virginis Mariae construxisse, ac clericos inibi Domino ob suae 
animae remedium atque peccaminura absolutionem pariterquo ob dignitatem 
apicis imperialis deservisse constituisse .... dignoscitur^ Die Nachricht, 



*) Hü ff er, Forschungen auf dem Gebiete des französischen und rheinischen Kirchen- 
rechts S. 274. 



— 40 — 

dass Karl die Geistlichen, und zwar zwanzig an der Zahl, aus Sinzig am 
Ehein nach Aachen verpflanzt habe, ist nicht verbürgt. Schon Quix, der 
in seiner im Jahre 1829 erschienenen Schrift: „Historisch-topographische 
Beschreibung der Stadt Aachen ^^ ebenfalls diese Mitteilung bringt, nennt 
sie in seiner im Jahre 1840 erschienenen „Geschichte der Stadt Aachen^" 
eine unhaltbare Sage. Gleichwohl begegnen wir in manchen nach dieser 
Zeit herausgekommenen Schriften lokalgeschichtlichen Inhalts dieser Sage 
noch als einer feststehenden historischen Thatsache. Ebenso unverbürgt 
wie die Herkunft und die Zahl ist der Charakter der Geistlichkeit am 
hiesigen Münster in der Zeit der Karolinger. Wir wissen nur, dass die- 
selben eine vita communis in ihrem „claustrum** oder „monasteriura" führte; 
(die noch heute gebräuchlichen Bezeichnungen Klosterplatz und Kloster- 
gasse erinnern an jene Zeit) ob dabei aber die Regel des hl. Augustinus 
oder die des Metzer Bischofs Chrodegang befolgt worden ist, steht nicht 
fest. Wenn man erwägt, dass die Wirksamkeit Chrodegangs und die Er- 
richtung des Aachener Münsters zeitlich nur etwa 50 Jahre auseinander 
liegen, so liegt die Annahme nahe, dass man auch hier, wie an vielen andern 
Kirchen jener Zeit, die Metzer Regel befolgt habe. Damit Hesse sich dann 
auch leicht in Einklang bringen die Nachricht einzelner Lokalhistoriker, 
dass die hiesigen Geistlichen dem Orden des hl. Benedikt von Nursia an- 
gehört hätten. Chrodegang war nämlich selbst Benediktiner und seine 
Regel ist der der Benediktiner nahe verwandt. Es wird uns ferner auch 
nichts darüber berichtet, dass die Aachener Stiftsgeistlichen die von der 
Aachener Synode im Jahre 816 beschlossenen Satzungen angenommen haben. 
Und doch dürfte man nicht fehlgehen in der Annahme, dass dies in Wirklich- 
keit geschehen ist. Denn es wäre gar zu sonderbar, dass diese Regel, auf 
deren allgemeine Befolgung, wie wir früher auseinandergesetzt haben, der 
Kaiser den grössten Wert legte, hier am Orte ihrer Entstehung nicht 
recipiert worden sein sollte. Wie lange das Zusammenleben der Stifts- 
geistlichkeit hierselbst gedauert hat, steht ebenfalls nicht unzweifelhaft 
fest. Aus der urkundlich überlieferten Thatsache, das Otto I. im Jahre 966 
den Kanonikern am hiesigen Münster das Recht einräumte, sich frei und 
selbständig aus ihrer Mitte einen Abt zu wählen, der hinfüro den Namen 
Propst führen sollte (qui modo praepositus dicitur)*, hat man geschlossen, 
dass um diese Zeit die vita canonica an der Pfalzkapelle aufgehört habe. 
Jedenfalls hat dieselbe in beschränktem Masse noch Jahrhunderte fort- 
gedauert. 



») D'Achery Spicileg, cd. Paris, tom. III, S. 352. 

«) S. 30. 

«) S. 7, Anm. 3. 

*) Quix, Codex Diplomaticus, tom. I, pars I, p. 10. 



— 41 — 

Eleinere Mitteilungen. 

1. Handschriftliche Aufzeichnungen (1753—1785) 

im Stadtarchiv zu Aachen. 

Die Urschrift der nachstehenden Aufzeichnungen über Ereignisse aus den Jahren 
1753 bis 1785 war ursprünglich einer Ausgabe der Aacher Chronick des Noppius von 1774 
am Schlüsse einverleibt, später wurde sie hiervon abgetrennt und beruht nunmehr im 
hiesigen Stadtarchiv. Sie rührt von unbekannter Hand her und hat einen der Sprache 
wenig kundigen Schreiber zum Verfasser. Nichtsdestoweniger erschien der Abdruck dieser 
Aufzeichnungen wünschenswert, weil sie manches Unbekannte bringen und die in den- 
selben enthaltenen Angaben, soweit sie auch sonst vorkommen, sich als durchaus zuverlässig 
erwiesen haben. 

„1755 auf Stephanustag, des Nachmittag zwischen 4 Uhren, haben wir hier ein 
kleine Erdbebung erfahren, im Jahr 1756 aber den 18. Febr. haben wir eine starke und 
entsehetzliche Erd-bebung gehabt ungefehr um 8 Uhren morgens, und hat den ganzen 
Morgen die Erd nit still gestanden, und hat noch lange Zeit gedauret^ 

Die im Jahr ungefehr 1753 oder 54 da die heilige Tag seind abgesetzt worden mit 
dem Beding, daß man eine heilige Meß hat hören müßen, seind den 27^*" Septembris 1778 
auf denen Canzelen abgelesen worden, daß man keine Meß brauchet zu hören, sonderen 
Ostermontag, Pfingstmontag und den Tag nach Christag als nemblich Stephanytag gebotten 
zu iieren gleich den Sontag benebst auch die 4 Wochen in Advent zu fasten als Mit- 
woch. Freytag und Sambstag, und das Fest des heiligen Lamberti zu feyren gleich den 
Sontag *. 

Anno 1770 den 9*"" Junij hat Gott uns mit eine starke Erdbebung heimgesucht 
und den 11**" selbigen Monat mit einen grausamen Hagclschlag, daß die Früchten im 
Feld zerschlagen. Von selbigen Zeit an hat die theure Zeit angefangen und hat sich so 
und so verfolgt, das das Brod 14 Merk gekostet hat und die Butter 17 Merk, Rindfleisch 
7 Merk per Pfund, und das hat gedauret mit das Brod bis anno 1771 den 1**"* August: 
da ist es 1 Merk abgeschlagen und den b^*^ dito da ist es 3 Merk abgeschlagen und den 
10. August wider 10 Bauschen aufgeschlagen. 

Anno 1771 den 27**" August ist der kay serliche Coramissarius in Achen angelangt, 
Lodowicy' war sein Nam, und den 8**" Septembris ist der prüßiche Gesante in Achen 
angelangt Sein jNam war Immikhanßen ^, und den 12'"" Septembris soll der erste Sitz 
gehalten worden, worauf Einhalt geschehen ist, so ist doch der erste Sitz gehalten worden 
den 29. Octobrisjbey Herrn Longe' in CoUestraß im wilden Mann, den 13. Decembris hat ein 
jeder Commissarius das Schild ihres Principales ausgestalt. 1773 den 15. Decembris ist 
der kayserlichen Commissarius nach Haus marschirt. 

1773 den 10*'° Septembris des Morgens umb halber 9 Uhr haben der WeihbischofF von 
Lüttig und zwey Deputirten von Nuntius von Collen und Hr. Proffion Tewis denen Herrn 
Jesuiten die ^ Bulla von ihre Heiligkeit vorgelesen worden, daß ihre GesäUschaft auff- 
gehoben, und von die Zeit an die Kirch zugeblieben und müsten sich ein weltgeistlichen 



>) Zur (Hsohichte der Erdbeben de« 17. und IH. Jahrhunderts in der Aachener Oegend a. den 
Auftat« von E. Pauls in Hoa 56, 8. 91 if. der Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. 

Die Erdbeben in den Jahren 1756 und 1756 waren die Veranlassung, dass in der Pfarrkirche St. Foillan 
mit bischöflicher Genehmigung „unter dem Titel der allerseligsten vom Engel verkündigten Jungfrau 
Maria und dos heiligen Karoli Magni als sonderbaren dieser Stadt Patronen zu Ehren" eine Bruder- 
schaft errichtet wurde, die heute noch besteht. 

«) Der fortschreitenden Entwiokelung des wirtschaftlichen Lebens standen die 87 Feiertage, wie 
sie die Baths-Yerordnung vom 7. September 162H festgesetzt hatte, hindernd in dem Weg. 

*) Ludovici d'Orley, Herzoglich Luxemburgisoher Bat. 

*) Gemeint ist Heinrich Theodor Emminghaus, Direktorialrat und Gesandter beim nieder- 
rhcinisch-westfUlischen Kreise. 

*) Lognay. 



— 42 — 

Eleyder tragen, nemlich Sontag darauf hat Pater Sunder die Predig im Münster gehalten 
als in weltgeistlich Eleyder und doch nicht ehender dorffen halten, bis von Bischoff von 
Lüttig die Erlaubnüß gab'. 

Die im Jahr 1773 den 10^'** Septembris die Bulla gegen dessen Geschellschaft Jesu 
aufgehoben worden, hat so mit der Zelt langsam wider so hervorgethan, daß bald diese 
Ablaß balde jene wider in die Kirch gehalten ist worden, bis entlich im Jahr 1778 
haben die Herrn Burger Bruderschaft und Jungesellen Bruderschaft von Eom erhalten, 
die Todangst Bruderschaft zu halten. Die erste ist gehalten worden den 1*"" Novembris 
1778 und ist die Kirch von Zeit an offen geblieben, und haben auch die 10 freitagie 
Andacht und die 6 sondige von h. Aloisij auch gehalten und die Bettäg in die 8 letzte 
Tagen Weinachten, und den letzte Sontag von h. Aloisij ist eine Prosession gehalten worden 
mit das höchste Gut über den Marck, und der Profion Dewis hat das höchste Gut getragen. 
Und haben sich viele Fackclen bei der Procession befunden bey 500, wo nicht mehr*. 

1774 den 25*«" Aprill ist der Hr. Werkmeister Dauven nach Wien gerist, um die 
Streitsach von Churfaltz mit die Stadt Aachen auszumachen, und ist den 22. Aprill 1777 
wider ein Achen angelangt und hat alles rechtschaffen vor der Stadt ausgemacht. Wie 
er aber widerkam von Wien, war er schon rigerede Burgermeister ^ 

Den 24*"* Octobris selbigen Jahr ist der Herr Sindicus Denys nach Wetzlar gereiset, 
umb die Eeichsvisitation beyzuwohnen. 

1775 den 27. Aprill des Nachmittags umb halber zwey ist der großen und kleinen 
Rath zusammen bescheiden worden um halber fünf selbigen Dags wegen den newen Weg 
von Bortscheit auf den Forst zu, worauf ein ehrbarer Rath beschlossen, den Weg mit Gewalt 
zu verdilliegcn. Des selbigen Nacht seind 70 Grenadier und ungefehr 30 Werkleut aus- 
gerückt und haben den Weg wider verdorben, die Grenadier seind aber stehen blieben 
bis in Septembris. Den 20'*" selbigen Monat des Morgens zwischen 4 ad 5 Uhren seind 
80 Man Soldaten nach Bordscheit marschirt wegen das Yerbott, daß der ehrbarer Rath von 
Aachen gothan, sich des Weggelds zu enthalten; wo nicht, so soll man sie mit Execution 
belegen, welches auch gleich geschehen ist, ein Jeder Weggeld Man mit 2 Mann belegt 
worden ist, die haben sie essen und drinken und der Mann ein Kopfstück per Tag, einer 
heist Rumpen, der ander Beckers; die Schöffen seind hernachher auch mit Mann belegt- 

1776 den 2Ö**'* August haben wir hier in Aachen dem primus von Löwen ingeführet. 
— seinen Namen war Mathias Joseph us Wild, in aachener Sohn — mit allen Pom und 
Pracht: erstens mit die fünf klein Schulen mit ihre Fahnen und grüne Palmen an ihre 
Hut; zweitens viele Bürger zu Pferd und die sechste und siebente und neunte Schul! zu 
Pferd; viertens schier alle Kaufleut zu Pferd, sowohl catholische als uncatholische, auch 
etliche mit ihren Wagen; fünftens den ehrwürdigen Hr. Prelat von Closterath mit einen 



') Bezüglich der Ausweisung der Jesuiten s. auch Janssen (bei von Fürth, Beitrüge und 
Material zur Qeschiohte der Aachener Patrizier-Faniilien, Band III, S. 370); er beklagt sich, dass sie 
gehen „wie fremden, die kein Heimath haben". Dann fHhrt er fort: „Der König von Preußen aber will 
sie absolut schützen und in seinem reich hegen". Wir wissen, dass, wie E. Reimann, Neuere Ge- 
schichte des Freussischen Staates vom Hubertsburgor Frieden bis zum Wiener Kongress, Band II 
(Abschnitt Friedrichs Stellung zur katholischen Kirche) bemerkt, „Friedrichs allumspannender Geist 
auch das Schulwesen nicht vemachlAssigto, obgleich hier der Mangel an Mitteln und der Widerstand 
derer, welche grössere Aufwendungen daf^ machen sollten, durchgreifende Reformen schliesslich un- 
möglich machten. So sehr er sonst praktischen Zwecken den Vorrang einräumte, von den höhereu 
Schulen forderte er nicht allein die Überlieferung von Kenntnissen, sondern hauptsächlich Entwickelung 
des Verstandes und Ausbildung der Urteilsfähigkeit. Eben weil es für alle Zweige des Unterrichts au 
tüchtigen Lehrern fehlte, erhielt er in seinem Lande die Jesuiten. Die in Breslau wurden „Priester 
des königlichen Schulinstituts", unmittelbar dem Stallte unterstellt." 

') Die im Jahre 1767 gedruckte „Sammlung dreyer Andachten, welche in der Kirch der Sooietät 
Jesu EU Aachen gehalten werden", zählt folgende auf: „die erste von der Tod-Angst unseres sterbenden 
Heilands, die zweyte zu Ehren des heil. Franoisci Xaverii, die dritte zu Ehren des heil. Aloysii Gon- 
zagtt, so alle von der katholischen Kirch mit Ablaß bestAttiget sind". 

Die Versammlungen der Tod-Angst-Bruderschafl fanden monatlich, die zu Ehren des h. Franziskus 
Xaverius an 10 Freitagen im Jahre und die Andachten zum h. Aloysius an 6 Sonntagen statt. 

*) Der Bürgermeister Kahr starb plötzlich am 29. Juni 1776 auf Petri und Pauli Abend. 



— 43 — 

secbsspannige Wagen und schier alle Herrschaften mit ihren Wagens haben ihm mit- 
eingeführet; sobald als sie mit ihm bald an die Stadt kamen, da wurden die Cammeren 
abgefenrt, und sobald als sie mit ihm an die Stadtpfort waren, da wurden die Canons 
gelöset; siebentens kam Alles voraus, was vorhin gemeld ist worden, und ftüirteu ihm 
mit seine Lövonisten und Professoren nach dero Thumkirch hinein. Da wurde dem ambrosia- 
nischen Lobgesang gesungen mit Pauken und Trompetten, mit Läuten alle Elocken in der 
Stadt. Nach geendigtem Gesang wurd er aus die Kirch zum Rathhaus geftlhrt. Wie 
er da anlanget, wurden die Canons wider gelöst unter Paucken und Trompetten und wurde 
empfangen von zwey Sindicy von Rathhaus. Nemliche Abend habe sie mit die Hr. Bürger- 
meister und Hr. Beambten das Suppe gehalten, und den Abend schier alle Häuser mit 
Lampen und Kerzen beleuchtet worden. Den 26*^ ist das Mittagmahl gehalten worden 
bey denen Exjesuiten. Er hat ein Präsent von Hr. Burgermeister bekomen, eine große 
silberne Lampetschtlssel ^ 

1778 den 24**" Jnnij ist der Hr. Doctor Dauven als regierenden Burgermeister zum 
Major von Burtscheit mit Mehrheit der Stimmen erwählet worden und ist den 6*'" Julij 
von hier nach Burtscheit gefUhret, umb alda seinen Aid abzulegen mit alle Beambten und 
Neun Männer und 3 Hrn. Secretarius und die Hrn., so die Cammer bedeinen, als Ardenaw und 
Vanscheuren, und die Carlschützen mit ihre Fahn mit unten und oben Gewehr bekleydet, 
und haben den Vorzug gehabt. Billig war es gewesen, daß die rot, alwo der Hr. Burger- 
meister ingewohnt, daß die Bttrger ihm aus begleit betten. Es waren im allen 11 
Wagen alwo 2 mit 4 Ferd, die 4 Burgermeister Deiner mit Stegens auf ihre Seit. Des 
Nachmittag zwischen 6 und 7 Uhren ist er wider nach die Statt gebracht worden, und 
ist große Unruh erstanden zwischen die Bürger auf einander geschossen etc. etc. 

1779 den 11*'" August haben wir des Nachmittag zwischen 4 ad 5 Uhren einen 
erschröcklichen Regen gehabt, daß die große Wasserath das Wasser nicht hat verschlingen 
können, und in die Straße das Wasser so briet gelaufen von ein Haus bis an das andere 
und hat ein die Straße die Bafaye aufgeworffen, und das hat auf ein Stund gedauret 
und hat erschrecklich darbey gedonnert und gewetterleuchtet. 

1781 den 17**^° Julij haben wir hier in dieser kayserliche freye Reichsstadt Aachen 
die Ehre gehabt, unseren kayserliche Magistät abends ungefehr um U Uhr in unsere 
Ringmauren inmarschiret und von alle anwesende Bürger und fremde Herrschaften die 
Ehre gehabt, im zu sehen, und den 18**" dito nachmittag um halb fünf Uhren ist ihre 
kayserliche Magistät Joseph der 2** römische Kayser wider unter viele Rufen deren Bürger: 
Vivat Joseph unseren Kayser soll leben, abmarschiret nach Brüssel, um die Huldiung seyne 
Schwester als Herzogin von Braband beizuwonnen. Gott bewahren ihm auf alle Wegen. 
Amen*. 

1783 anfangs Decembris hat es angefangen zu fristen und etliche Zeit darnach 
fingt es an zu schneyen, und einen oder 2 Tag fing es an zu regnen, und darauf fing es 
wider an zu fristen und es hat gefroren bis den 20**" Febr. 1784, dan fing es an etwas 
lind zu werden, und ist so kalt gewesen, daß die alte Leut und auch aus Paris ge- 
schrieben ist worden, daß es viel kalter gewesen wäre als anno 1709 et 1740, daß diese 
Kalt viel hoher gesteigen als die vorige Jahrzahlen. 

1784 den 25**" May war es wie Donnerwetter des Nachmittag und es fing an zu 
hagelen, doch nicht gedonnert nnd es fiUen Hagelstcin so dick wie ein Mansdaum, und schlug 
auf etliche Platz die Fenstern zu Stücken. Gott Lob es war noch keinen Wind darbey. 
Etliche Stein sind gewigt worden, man sagt, 3 bis 4 Loth schwär. 

1785 den 30. May ist zu Bortscheit Einen mit das Schwert hingereicht worden. 
Sein Nam ist Wilhelm, sein Zunam weiß ich nicht. Er ist aus die Pfar Siubelfeld 
gebürtig. 



*) Übor dieseu Empfang berichtet aasflihrlioh Meyer, Aaobensche Geschichten S. 769; vgl. 
femer Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins Bd. I, S. 2l(>. 

*) Über ^Kaiser Joseph II. in Aachen 17bl" baudolt eingehend Pick, Aus Aachens Vergangen- 
heit 8. 552 ff. 



— 44 — 

Von Jahr 1784 bis 1785 ist eine große Kälte gewesen, daß man sich bald (nicht) erhalten 
hat können, und den darauf folgende Frühling und Sommerzeit hindurch mehr k&lt als 
warm und nicht viel Regen gehabt, daß die Butter den Sommer ist eingestochen worden 
vor 100 ^ 20 et 21 bis 22 Cronenstücker und auf den Marck gegolden hat per Pfand 
22 Merk (und) 23 Merk, das Bindfleisch 7 Merk per ^ in so fort in allem, außerhalb das 
liebe Brod hat 8 Merk und letzton July hat es 7 Merk 2 Bauschen gegolten. Gott gebe 
uns, was uns selig ist. Amen.^ 

Aachen, M, SchoUefh 



2. Theodor Zimmerst 

In der Musikgeschichte Aachens wird der Domorganist Theodor Zimmers für immer 
einen ehrenvollen Platz einnehmen. Theodor Nikolaus Zimmers wurde am 6. Dezember 
1781 * in Aachen in dem jetzt mit Nr. 106 bezeichneten Hause der Alexanderstrasse geboren. 
Die Eltern gehörten dem kleinen Bürgerstande an. Der Vater Balthasar Zimmers, ein aus 
Ubagsberg im Limburgischen stammender Handelsmann, hatte sich in Aachen ansässig 
gemacht und am 11. April 1774 mit Gertrud Maassen vermählt. So wuchs der Knabe in 
bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen heran, bald aber entwickelte sich in ihm die 
Neigung und Liebe zur Musik. Mit dem musikalischen Unterrichte sah es zu jener Zeit 
in Aachen nicht besonders aus; die stürmische, allem künstlerischen Streben abgeneigte 
Zeit Hess weder Lehrer noch Lernende aufkommen. So war Zimmers für sein Fortkommen 
in der musikalischen Kunst auf sich selbst angewiesen, und man kann ihn nicht mit 
Unrecht, sowohl in Bezug auf Komposition als auf Klavierspiel, einen Autodidakten nennen. 
Als er es dahin gebracht hatte, dass er am Klavier geläufig und mit Sicherheit den Gesang 
begleiten konnte, zog ihn der damalige musikalische Mäcen Aachens, der auch iu weiteren 
Kreisen bekannt gewordene Arzt und beigeordnete Bürgermeister Dr. Solders' zu seinen 
häuslichen musikalischen Aufführungen heran, und hier war es, wo das aufstrebende Talent 
des jungen Mannes Nahrung und Entwickeluug fand. Bei Solders wurde viele und gute 
Musik gemacht; hier war der Zcntralpunkt, wo sich einheimische und fremde Künstler 
versammelten, und so wie Zimmers hierdurch das Beste jener Zeit zu hören bekam und 
selbst thätig mit eingriff, so bot ihm auf der anderen Seite die reichhaltige musikalische 
Bibliothek seines Gönners Gelegenheit zu lernen, die Meisterwerke der bedeutendsten Zeit- 
genossen zu studieren und seine Kenntnisse der musikalischen Komposition zu vermehren. 
Der öffentlichen Aufführungen waren damals wenige. Das Vereinswesen war so gut wie gar 
nicht ausgebildet; nur zuweilen versammelten sich die zerstreuten Kräfte zu einer musi- 
kalischen Gesamt-Produktion. Solche Konzerte dirigierte damals Dr. Solders, und Zimmers 
war am Klavier. Allein nicht immer blieb er am Klavier; in der Folge vertauschte er 
diesen Platz mit dem Dirigentenpulte. So hat er vielfach Konzerte dirigiert, welche zu 
wohlthätigen Zwecken stattfanden, wie er ein Freund der Armen bis an sein Lebensende 
geblieben ist. Bei solchen Gelegenheiten gelangten dann auch wohl von ihm komponierte 
Lieder zur Aufführung ; mehrere derselben hat er später veröffentlicht. Auch während 
des Aachener Kongresses im lahre 1818 hatte Zimmers die Vorbereitung und Leitung der 
Konzerte in Händen, die zu Ehren und in Gegenwart der anwesenden Fürstlichkeiten statt- 
fanden. In den Konzerten, welche von der Sängerin Catalani, die aus Veranlassung des 
Monarchen-Kongresses nach Aachen gekommen war, veranstaltet wurden, übernahm Zimmers 
die Begleitung der berühmten Virtuosin*. 



>) Dem nachfolgenden Artikel ist der von Chr. Felix Aokens verfasste Nekrolog (Echo der 
Gegenwart vom 5. September 1861, Nr. 244) zu Grunde gelegt. 

•) Nicht IT88, wie Ackens, wahracheinlich nach dem Toteuzottel, angibt. 

*) Siehe ttber denselben Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins Bd. I, S. &2. 

*) Über den Aufenthalt der Catalani in Aachen: Meyer. Aachen, der Monarchen-Kongress im 
Jahr 1818, §§ 23, 29, 38, 99, 52. Der Kuriosität halber sei hier Meyers Urteil ttber die Sängerin bei- 
gefügt: n^hwingt sich die Lerche trillernd aus des Frühlings Saaten zum Himmel hin, so ist das 
freilich schön in der Natur; aber sie bleibt nur monoton; singt und steigt Catalani, so entzücken 



— 45 — 

Vergebens aber machte sie ihrem Accompagnisten glänzende Vorschläge, vergebens 
versachte sie ihn mit nach Italien zu nehmen. Zinmiers blieb seiner Vaterstadt tren, 
er hat sie nie verlassen, was er allerdings später, und vielleicht nicht mit Unrecht, als 
ein Unglück für seine musikalische Entwickelung: bezeichnet hat. Auch mochte ihm das 
unstäte, herumschweifende Xünstlerleben wenig zusagen; gegen das Theater hatte er eine 
derartige Antipathie, dass er nie einen Fuss hinein gesetzt hat^ 

Inzwischen hatte Zimmers im Jahre 1802 die Stelle des Organisten an der St. Peters- 
pfarrkirche hierselbst erhalten '. Dies veranlasste ihn, sich eingehender mit Kirchenmusik 
zu beschäftigen, als es bis dahin der Fall gewesen war. Zunächst wurde ihm die neue 
Stelle ein Anfenerungsmittel, sich mit den Kompositionen für die Orgel, wie die grossen 
Meister seit Sebastian Bach sie für dieses Instrument aller Instrumente geschaffen haben, 
näher bekannt zu machen. Dann veranlasste ihn aber auch sein Amt, die kirchlichen 
Oesangwerke eifriger zu studieren. Denn er hatte von vornherein deu Plan gefasst, an 
St Peter einen tüchtigen Gesangchor zu schaffen und heranzubilden. Diesen Plan hielt 
er fest, wie er auch der Kirchenmusik bis an sein Ende treu blieb, ihr hat er fast alle 
seine zahlreichen Kompositionen gewidmet. 

Zunächst für seinen heranwachsenden, aus Damen und Herren zusammengesetzten 
Kirehenchor schuf er eine Menge vom leichteren zum schwerereu fortschreitender drei- und 
vierstimmiger Messen, Kautaten, Motetten, Te Deums u. s. w., die er nachher zum Teil im 
Druck herausgab, und die vermöge ihrer im Ganzen leichten Ausführbarkeit, vermöge ihrer 
schönen rhythmischen und melodischen Gestaltung bald Gemeingut aller hiesigen Kirchenchöre 
wurden, auch weite Verbreitung in Belgien, Frankreich und England fanden. Diese Werke 
schrieb er meist mit Orgelbegleitung, manche instrumentierte er jedoch sowohl zur Be- 
nutzung in seiner Pfarrkirche, wo an den Festtagen das Hochamt unter Orchesterbegleitung 
gesungen wurdet als auch zum Gebrauche in unserer Domkirche, wo bis in die sechsziger 
Jahre hinein an allen Sonntagen eine musikalische Messe mit ganzem Orchester zum 
Vortrag gelangte. In der Domkirche kam auch während des Monarchen-Kongresses ein 
grosses, von Zimmers komponiertes Te Deum für gemischten Chor und Orchester zur 
Aufführung*. „Alle diese Werke charakterisiert der Stempel inniger Frömmigkeit, starken 
Glaubens und freudiger Hoffnung; sie sind der Spiegel eines anspruchslosen, opferfreudigen 
und liebevollen Wesens. Vom Standpunkte der Kunst aber begegnen wir in denselben 
einem frischen, produktiven Geiste, abgerundeten künstlerischen Formen, schönen, wenn 
auch nicht immer neuen Melodien, vielem Fluss und Schwung und mitunter wertvollen 
kontrapunk tischen Gestaltungen*.** 

Zimmers beschäftigte indessen den Kirchenchor von St. Peter nicht blos mit 
seinen Werken, er benutzte diese eigentlich nur als Übungsstufen zu den schwierigeren 
Messen und Kantaten von Haydn, Mozart, Beethoven, Cherubini u. s. w., die später in 
dem Eepertorium seines Chores vorherrschten. Der Chor wuchs nach und nach so an, 
dass die Räumlichkeiten zu enge wurden. Die Übung, welche Sänger und Sängerinnen 
hier genossen, kam anderen musikalischen Bestrebungen unserer Stadt, sowie auch den 
damals entstehenden rheinischen Musikfesten zu gut. 

Zu Anfang des Jahres 1826 ward in unserer Domkirche, an welcher am 28. Januar 

das Ohr die lioblichston Töne der Natur und Kunst in tausendfachen unnennbaren Trillern. Sie 
ist ein unttbersohbares Feld, auf welchem die Kunstliebhaber eine reiche Erndte des Anmuths, und 
die Virtoosinn Tausende der Goldblüten einscheuem. " (§ JJB.) Über andere TonkUnstler, "welche der 
Monarchon-Kongress nach Aachen führte, s. Meyer a. a. Ü., § 24. 

*) Qefl. Mitteilung des Hrn. Prof. Potliast in Rolduc. 

«) Flank er, Die Kirchen-Orgeln in St. Peter, Jahrgang VH, S. 20 u. 2t dieser Zeitschrift. Das 
Jahresgehalt betrug damals 144 gl., dazu lUr Begleitung der deutschen Messe an Sonntagen 15 gl. 
und ftlr das Hochamt am Donnerstag 20 gl. 

») Siehe Planker a. a. O. S. 22. 

*) Die einxige kirchliche Feier während des Kongresses, von welcher Meyer berichtet, war ein 
Hochamt ftm 4. Oktober 1818, dem Namenstage des Kaisers Franz. A. a. O. § 22. Vermutlich war im 
Anschlüsse an dieses Hochamt Te Deum. 

^) So urteilt Aokeus a. a. O. 



— 46 — 

genauiiten Jabrcs an Stelle des Kathedralkapitels ein Stiftskapitel installiert worden war, 
die Organistenstellc frei. In der ersten Sitzung des neuen Stiftskapitels vom 4. Februar 
1826 wurde Zimmers zum Domorj^anisten gewählte Nicht leicht hätte aber auch ein 
Würdigerer für diese Stelle gefunden werden können. Denn in der Behandlung der Orgel 
war Zimmers Meister, und seine Improvisationen auf derselben waren derart interessant, 
dass viele Musikfreunde die Domkirche vorzugsweise besuchten, um Zimmers prä- und inter- 
ludiereu zu hören. Zimmers hat mehrere Folgen Versetten in Druck erscheinen lassen. 

Dass Zimmers neben seinen amtlichen Funktionen die übrigen vaterstädtischen Musik- 
unternehmungen nicht aus den Augen verlor, geht aus dem bereits Angeführten zur Q^nüge 
hervor. Als man im Jahre 1819 zur Bildung eines städtischen Vereins für Gesangmusik 
schritt, war er es, der die Übungen am Flügel zu leiten übernahm, und seinem Eifer ist 
es zum Teil zu verdanken, dass Aachen mit seinen Nachbarstädten gleichen Schritt hielt und 
gleich bei den ersten zu Aachen gegebenen rheinischen Musikfesten (1825, 1829 und 1834) 
Beweise einer tüchtigen Vorbildung im Chor ablegen konnte. 

Hervorragend sind Zimmers Verdienste als Musiklehrer. Als solcher war er viele 
Jahre am früheren St. Leouhards-Institut hierselbst und später auch eine Zeit lang an 
dem Pensionats-Institut zu Blumenthal bei VaeLs thätig, bis ihm endlich das Alter Ruhe 
gebot. Zum Gebrauche für seine Musikschüler gab er Vorübungen für Klavierschüler und 
mehrere Hefte Singübungen heraus '. 

In der zweiten Hälfte seines Lebens wohnte Zimmers, der nicht verheiratet war, 
bei seinem Schwager, dem Kratzenfabrikanten Classen in der Peterstrasse Nr. 64. Wohl 
machten sich in den letzten Lebensjahren die Lasten des Alters bemerkbar, aber bis an 
sein Lebensende bewahrte er seine geistige Frische und Schaffensfreudigkeit. Noch kurz 
vor seinem Tode vollendete er eine grosse vierstimmige Messe. Am 24. August 1861 ver- 
schied Theodor Zimmers, fast 80 Jahre alt, nach nur viertägigem Krankenlager an einem 
Herzübel. Am 26. August fand die Beerdigung statt, bei welcher die Concordia, deren 
Ehrenmitglied der Verstorbene gewesen, das musikalische Ehrengeleite gab. 

„Aufrichtiges, anspruchsloses, sittenreines, opferfreudiges und liebevolles Wesen** 
— rühmte Zimmers Freund, der Stadtdechant Dilschneider ' — „veredelt durch eine innige 
christliche Herzensfrömmigkeit, zeichnete Zimmers während seines ganzen Lebens aus; 
in seinem späten Alter aber war vor Allem stets das Gotteshaus sein liebster Aufenthaltsort, 
der Tisch des Herrn seine vorzüglichste Erquickung und das Gebet seine Hauptbeschäftigung. 
Und so ist er denn auch, der in Wahrheit und Gerechtigkeit seinen Pfarrgenossen und 
Mitchristen zum Muster und zur Auferbauuug gelebt, den vom hl. Geist so überaus ge- 
priesenen seligen Tod der Gerechten gestorben." 

„Seine Wirksamkeit", schlicsst Ackens seinen Nekrolog, „bildet eine Epoche in der 
Geschichte der musikalischen Zustände Aachens. Er war ein von Allen, die ihn kannten, 
geachteter und geliebter Mann, dabei anspruchslos und bescheiden. Er war ein tüchtiger 
Ktlnstler und ein edler Mensch.** 

Die Kompositionen Zimmers werden heutzutage nicht mehr aufgeführt. Fast alles, 
was er geschrieben, hat einem anderen Kunstgeschmacke den Platz räumen müssen und 
ist vergessen. Nur seine Melodien zu Kirchenliedern leben auch heute noch im Munde des 
Volkes, insbesondere die Melodie zu dem violgesungenen schönen Woihnacbtsliede „Menschen, 
die ihr wart verloren". Möge der Refrain dieses Liedes noch lange Jahre in Aachens 
Kirchen verkünden, was Zimmers bei all seinem Schaffen vorschwebte : „Ehre sei Gott in 
der Höhe!" 

Aachett, J. Fey, 



») Goß. Mittoilung ilcs Hrn. StillsarchivArs Kanonikus Vitboff. Das Jahresgehalt betrug damals 

löO Tlialer. 

*) Die Zimmersschon Kompositionen erschienen bei Arnold in Elberfeld, bei N. Simrock in 
Bonn, bei Henson in Aachen, teilweise Hucb im Selbstverluge. Von den verachiedenen „Te Deume" ist 
keines zum Druck gelangt. 

^) Auf dem Totenxettel. 



— 47 — 

3. Die Anweseuheit einer hanseatischen Gesandtschaft an König 
Philipp nr. von Spanien in Aachen im Dezember 1606. 

Das in dieser Zeitschrift veröffentlichte Tagebacb des Aachener Stadtsyndikus 
Melchior Klocker, das die Jahre 1602—1608 umfasst, enthält zom 26. Dezember 1606 
folgende Notiz: ^Ahm 26. Decembris seindt der Anzer (V) statt gesandten ufm rahthauss 
gewesen und haben sich hochlich erbotten und einen zirablichen trunck gethain*.* 

Unter „Anzer statt gesandten** sind die Gesandten der Hansastädte zu verstehen. 
Infolge eines Beschlusses des Hansatages zu Lübeck vom 16. Juni 1606 ordneten die 
Städte Hamburg, Lübeck und Danzig gemeinschaftlich eine Gesandtschaft an König Philipp IIL 
von Spanien ab mit dem Auftrage, wegen der apanischen Handelsprivilegien, der Forderungen 
hanseatischer Kaulleute an die dortige Regierung u. s. f. in Madrid Beschwerde zu führen. 
Der lübeckische Gesandte, der Ratsmann Henrich Brockes hat in seinen Tagebüchern auch 
über die Reise der Gesandten von Lübeck nach Madrid eingehende Mitteilungen gemacht, 
die wegen des grossen Interesses, das sie erregen, schon 1 774 auszugsweise veröffentlicht 
und späterhin von der Geschichtsforschung vielfach benutzt und verwertet worden sind*. 
Es dürfte manchem Leser dieser Zeitschrift nicht unwillkommen sein, zu erfahren, was 
die Aufzeichnungen Henrich Brockes' über den Aufenthalt der Gesandtschaft in Aachen 
berichten. 

Der Bedeutung und dem Wohlstande der Hansastädte entsprach die Ausrüstung 
und die Bedienung eines jeden der Gesandten, abgesehen davon, dass die lange Dauer der 
Reise und die mit ihr verbundenen mannigfachen Beschwerden grössere Zurüstungen 
nötig machten. Brockes hatte 6 Personen zu seinem Dienste, zu deren Fortschaffung 
eine Kutsche und vier schön braune Pferde sowie ein brauner Gaul (Not- und Reit- 
pferd) dienten. Ausserdem befand sich in seiner Begleitung der Konsul zu Lissabon, 
Hans Kempferbeck, mit einem berittenen Diener. Die anderen Gesandten, der „gemeine 
Hansesche Syndikus", Johann Domann, der Hamburger Ratsmann Jeronymus Vogcler 
und der Danziger Ratsmann Arnold von Holten waren ähnlich ausgerüstet. Die Reise 
ging durch Westfalen nach Köln und von da über Aachen nach Brüssel, da die 
Deputierten angewiesen waren, zunächst den Erzherzog Albrecht „Herrn der hispanischen 
Niederlande" zu begrüssen. Wegen der kriegerischen Unruhen jener Zeiten, die das 
Reisen unsicher und gefährlich machten, war es häufig nötig, dass sich die Gesandten von 
einer Stadt zur andern durch eine militärische Bedeckung (convoy) begleiten Hessen. 

So hatte auch der Kölner Rat „30 gute Soldaten** der Gesandtschaft beigegeben, 
die von Aachen aus wieder zurückkehrten; am 13. Dezember (alten Stils) Mittags zogen 
die Deputierten aus Köln, nahmen ihren Weg über Bergheim und Jülich und langten am 
15. Dezember 2 Uhr in Aachen an. 

Wir lassen nun folgen, was Brockes über die Aufnahme sagt, die er und seine 
Kollegen in Aachen fanden. Waren die hanseatischen Abgeordneten überall in deutschen 
Landen höchst ehrenvoll empfangen und freigebig beschenkt worden, so namentlich in 
Aachen. 

„Den 16. December blieben wir zu Aach stille, versuchten die warmen Bäder und 
besahen die Thumkirchen darein viell Rcliquiae von Carolo magno, sahen caput, gladium, 
Coronam, novum testamentum etc., wie auch sein sepulchrum, und den Kunniglichen Stuell, 
davon sich die Stadt rhümet und schreibet. Die Bürgermeister und etliche des Raths 
kamen zu uns in unse Losameuter, gratulirten und verehrten uns mit Weinen und hielten 
uns auff dem Rathhause den anderen Tag in den Weinachten ein Banket, dabei sie sich 
mit uns frölich machten bis in den späten Abcnt. 

Den 17. December, wie wir das Frühstück assen und aus Aach ziehen wollten auf 



>) Aus Aachens Vorzeit, Jahrg. IV, S. 126. 

') S. besonders Pauli in der Zeitschrift des Vereins fUr LUbeckische Qescbiohte und Alter- 
thumskunde, I. S. 79 ff., S. ITA ff., S. 2«1 ff.; auch Heibertz, Quellen dor WestlUliHchen aeschichte, 
II, S. 421 ff. 



— 48 — 

Mastriebt, kam der älteste Bürgermeister in Stiefeln und Sporen zu uns und erbot sich 
mit uns zu reiten nnd uns zu geleiten so weit der Stadt Jurisdiction sieb streckede. Wir 
wollten solches nicht zulassen und bedankten uns der Ehre. Aber er wollte von seiner 
Meinung nicht weichen. Also mussten wir es geschehen lassen, schiedeten um 8 Uhr aus 
Aach mit einem guten Convoy von 30 Soldaten. Der Bürgermeister ritt mit drei Dienern 
und anderen Bürgern durch die Stadt vor uuserm Wagen her. Aber sobald wir aus der 
Stadt kamen, setzte ich mich auch zu Pferde, der von Danzig that solches auch, und 
nahmen also den Herrn Bürgermeister zwischen uns, bis dass er wieder umkehrte, welches 
geschah eine kleine Meile von der Stadt." 

Aachen. F. Oppenhoff. 

4. Ein merkwärdiger Fund. 

(Briefe Davouts an Napoleon I.) 

Im 1. Heft des vorigen Jahrganges unserer Zeitschrift, S. 14—15, berichtete ich 
über einen seltenen in Aachen gemachten Fund, bestehend aus 5, zum teil chiffrierten 
Briefen des Marschalls Davout an Napoleon I. Wenn ich damals nur vou einem Miss- 
erfolg der zahlreichen Versuche, das Geheimnis der Briefe zu lichten, erzählen konnte, 
so ist es mir jetzt vergönnt mitteilen zu können, dass sie entziffert sind. Es war ein 
merkwürdiger Zufall, der die Lösung des BUtsels herbeigeführt hat. Herr Oberlehrer 
Dr. Holzhausen in Bonn, ein mit dem hier gemachten Funde bekannter und mit der 
Geschichte Napoleons und seiner Zeit sehr vertrauter Herr, traf auf einer Reise in Italien 
einen französischen, in Stockholm thätigen Geistlichen und erzählte diesem von den in 
Aachen gefundenen Briefen. Dieser Herr nun interessierte sich sehr für die Entzifferung 
der Briefe und war so glücklich, bei seinen Nachforschungen im Kriegsarchiv zu Stock- 
holm Briefe zu finden, die mit den unsrigea in den ausgeschriebenen Teilen fast gleich- 
lautend waren, hingegen Chiffreschrift zeigten an einigen Stellen, die bei uusern Briefen 
nicht chiffriert waren und umgekehrt. Das Verhältnis der Briefe zu einander war so, 
dass ein gewandter D^chiffreur eine Lösung finden konnte. Ich sandte die Schriftstücke 
an das Chiffrier-Bureau des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dem Direktor jenes Bureaus, 
Herrn Geh. Hofrath Willisch, gelang es nach und nach, alle Briefe zu entziffern. 

Sie stehen inhaltlich natürlich zur Geschichte Aachens nicht in Beziehung und sind 
deshalb von mir auch nicht in einer Aachener Zeitschrift, sondern im 1. Heft des laufenden 
Jahrgangs der Historischen Zeitschrift der Görres-Gesellschaft veröffentlicht worden. Sie 
geben einige nähere Nachrichten zur Geschichte des Krieges im Jahre 1813, soweit er 
sich auf dem nördlichen Schau platze abspielte, und namentlich zur Geschichte Hamburgs 
unter Davout. Manche Nachrichten sind sehr kleinlich und minderwertig. Im allgemeinen 
steht der für die Geschichtsschreibung resultierende Gewinn kaum im Verhältnis zu den 
um jene Briefe aufgewandten Mühen. 

Aachen, C. Wacker, 

Verlag der Cremer'sehen Bnehhandlnng in Aachen, Kleinmarsehierstr. 3. 

P. Giemen, Die Porträtdarstelliingen Karls des Grossen. VIII, 

234 S. ; mit siebzehn Abbildungen Mk. 6. — 

Dr. 0. Dresemann, Die Jakobskirebe zu Aachen. Gescliiclitliche 

Nachrichten und Urkunden. 124 S Mk. 2. — 

C. Rhoen, Die ältere Topographie der Stadt Aachen. 11, 142 S. 

mit 4 Plänen Mk. 2.— 



DkUCK von HeIIMAKN KaATZKR Di AACUtilN. 



Mmm J^m@&i3%s T@3?^ili 



Jährlich 6 Nummera Kommission s -Verlag 

A I Bogen Royal Oktav. ^" 

Cremer"sRheii Bnehhnndliing 
Preis des Jahrgangs ,5 („,„ 

4 Mark. in Anehen. 

Mitteilungen des "Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage dca Vereiaa beraasgegeben von H. Schnook. 



Nr. 4/8. Neunter Jahrgang. 1896. 



Inhalt: H. J. Gross, Scbonna (Fortsetzung). — Kleinere Mitteilungen: 1. Aktenstücke 

ans dem Aachener Stadtarchiv. - - 2. Veraostultung von Maskenbällen hei festlichen üclegcn- 

heitän im vorigen Jahrhundert. — 3. Zur Geschichte des KretiEherren -Klosters. — 4. Ao- 

ordnuDg einer ProKOBaion durch den Bat. — 5. Fleisch verkauf in der Fastenzeit. 

Schönau. 

Von H. J. Gross. 
IL 

Die Herren von Schönau. 
1. Die Pfalzgrafeii. 
Die ersten Besitzer Sfhönaus, von denen wir Nachrichten haben, gehören 
zur Familie der Aachener Pfalzf^rafen. Sie beaasaen das ganze praediuin 
Richterich als Allod. Was über dieselben zu sagen ist, wird in einer Ab- 
handlung über das Ländclien zur Heiden zusammengestellt werden, darum 
begnügen wir uns hier mit der Anführung der Namen. 

a) Hezelo (um das Jahr 1000), zweiter Sohn des Pfalzgrafen Hcrman. 

b) Heinrich der Wahnsinnige, Sohn Hezelos und Pfalzgraf seit 
1045, in welchem Jahre der bisherige Pfalzgi'af, Heinrichs Bruder Ezzo, 
das Herzogtum Alemannien erhielt. 

c) Heinrichll., Pfalzpraf und Stifter der Abtei Laach, gestorben 1095. 

d) Siegfried von Ballenstädt, Stiefsohn Heinrichs II. und Pfalzgraf, 
fiel in der EmpÖning gegen Heinrich V. am 11. Febrnar 1113. 

e) Wilhelm, Sohn Siegfrieds und Pfalzgraf, starb kinderlos 1140. 
Nach dem Tode Wilhelms begann der rasche Wechsel im Besitze des 

praedium Richterich, den wir schon im ersten Teile unserer Abhandlung 
kurz berührt haben. Während wir nun über die Schicksale des praedium 



— 50 — 

ziemlich genau unterrichtet sind, lassen uns die geschiclitlichen Nachrichten 
in bezug auf den Haupthof Schönau vollständig im Stiche. Erst von 
Hemricourt vernehmen wir, dass derselbe sich beim Beginne des 13. Jahr- 
hunderts im Besitze des Herrn Heineman von Aachen (d'Aix), genannt 
Schön forst, befunden habe. 

Wie schon anderwärts hervorgehoben wurdet beruht die Beifügung 
des Titels von Schönforst zum Namen Heinemans auf einem Irrtum Hemri- 
courts. Aber wie ist es mit dem Zunamen d'Aix? Wer waren diese Herren 
von Aachen? Standen sie vielleicht in verwandtschaftlicher Beziehung zu 
den Pfalzgrafen und sind sie dadurch in den Besitz von Schönau gekommen? 
Bekannt ist, dass eine Familie gleichen Namens sich schon im ersten Viertel 
des 12. Jahrhunderts in einflussreichen Stellungen am kaiserlichen Hofe 
befand und fast 150 Jahre lang die Vogtei in Aachen bekleidetet Ob 
aber die Schönauer diesem Geschlechte angehört haben ^, ist mir schon 
deshalb zweifelhaft, weil sich bei letzterem meist der Vorname Wilhelm 
findet, der bei den Schönauern gar nicht vorkommt. Übrigens schreibt 
Hemricourt den Heineman der Familie Limburg-Haesdal zu. 

Gegen Anfang des 13. Jahrhunderts, so erzählt derselbe im Mhx)ir 
des nobles de Hasbaye, lebte Heineman von Aachen genannt Schönforst, 
der ein tapferer Bannerherr aus dem Geschlechte derer von Limburg-Haesdal 
war und auch das limburgische Wappen, nämlich einen roten mit drei 
silbernen Ballen (besans) belegten Löwen, führte. Er heiratete eine Tochter 
des Herrn von Warfüs^e, die Dame von Burtonbur, und hatte drei Söhne: 
Heinrich von Fexhe, Raso* Mascharel^ und Arnold von Burtonbur 
(Bretonbour). Aus Verdruss darüber, dass infolge der Schlacht von 
Worringen (1288) das Herzogtum Limburg an Brabant kam, legten die 
Brüder das Limburger Wappen ab und behielten blos die Kugeln (tortelets) 
bei; Heinrich nahm ein rotes Feld mit silbernen, Raso ein silbernes Feld 
mit roten und Arnold ein silbernes Feld mit blauen Ballen an. Letzterer 
belegte ausserdem, weil er der jüngste war, sein Schild mit einem Turnier- 
kragen. Danach ist klar, dass die Schönauer, welche Silber mit Rot im 
Wappen führen, Rasos Nachkommen sind, während die Herren von Winands- 
rade, die den Kragen zeigen, von Arnold abstammen. 

Einstweilen ist es selbst für Fachmänner^, geschweige für mich, 
unmöglich, eine Geschlechtsreihe der Herren von Schönau aus der Familie 
d'Aix herzustellen, in welcher jedem Mitgliede die richtige Stelle angewiesen 
wäre. Ich muss mich darum ebenfalls bescheiden, die Namen anzugeben, 

^) Vgl. meine Abhandlung über Reinard von Schönau, „Aus Aachens Vorzeit"* 
Jahrg. Vin, S. 19, Anm. 3. 

*) Vgl. Loersch, Achener Rechtsdenkmäler S. 274 if. 

®) Vgl. Hansen, Zeitschrift des Aachener Geschichts- Vereins IV, S. 93. 

*) Erasmus. 

*) Über diesen Namen vgl. Reinard von Schönau 1. c. Jahrg. VIII, S. 19, Anm. 4. 

•) Vgl. Hansen, Zeitschrift dos Aachener Geschichts- Vereins VI, S. 92. von 
Oidtman, das. VIII, S. 209. 



— 51 — 

wie 8ie in den Urkunden vorkommen, berichtete Thatsachen mitzuteilen 
und diejenigen Persönlichkeiten hervorzuheben, welche nachweislich 
„regierende Landesherren** waren, wie sich ein Mylendunck in seinen Prozess- 
akten ausdrückt. 

2. Die Herren von Schönau aus der Familie d'Aix. 

Lange bevor die von Heniricourt berichtete Wappenänderung vor sich 
gegangen ist und zwar in den Jahren 1252 und 1254 lebte Gerard von 
Schönau ^ Er wird als Ritter bezeichnet, aber da die Urkunden ihn nur 
als Zeugen anführen, lässt sich weiteres über ihn nicht angeben. Quix 
betrachtet ihn als Herrn zu Schönau. (^Heichzeitig mit Gerard lebte 

Ritter Simon von Schönau. Derselbe besass in Aachen zwei Häuser, 
welche der Amtswohnung des Sängers Conrad vom Münsterstifte gegenüber 
lagen, sowie eine Mühle auf der Pau. Diese Liegenschaften veräusserte 
Simon vor dem Jahre 1261 an den genannten Sänger 2. Auch 

Heineman d'Aix, den Hemricourt anführt, war ein Zeitgenosse 
dieser beiden Schönauer, denn er lebte noch um 1240^. Heinemans Söhne 
haben wir oben aus Hemricourt angeführt. Der zweite derselben 

a) Raso Mascharel I, der bis 1290 nachgewiesen werden kann^, 
war Herr zu Schönau. Den Namen Raso führte er wohl nach seinem Gross- 
vater Raes von Warfüs6e, den Spitznamen Mascharel nach dem Wappen. 
Im genannten Jahre unterzeichnete er mit seinem Sohne Johann und 
besiegelte einen Vertrag zwischen dem Aachener Münsterstifte und Macharins 
von Mühlenbach. Damals war Johann schon grossjährig aber noch nicht 
Ritter; diesen Titel führt er in einer Urkunde von 1314 •\ Wir finden ihn 
noch 1324 als Zeugen in der Erklärung des Cuno von Molenark über den 
Verkauf der Güter in Obermerz an die Abtei in Burtscheid. In diesen 
Urkunden nennt er sich Johann von Schönau; Besitzer der Herrschaft ist 
er nicht gewesen. Johann scheint nur eine Tochter gehabt zu haben, 
welche den Ritter von Brouck (Broich bei Aachen) heiratete, der aus dem 
edlen Geschlechte der Gimmenich stammte. So Hemricourt. Nach Raso 
Mascharel I erscheint als Herr zu Schönau 

b) Gerard von Schönau, der sich, wie wir oben sahen, im Jahre 
1302 die Herrschaft Schönau mit ihren Gerechtsamen von Kaiser Albert 
bestätigen liess. Mit diesem Gerard beginnen zwei Schönauer „Deduktionen" 
die Reihenfolge der Herren dieser Herrschaft. Aber wer war dieser GemvA? 
Weder Hansen* noch von Oidtman^ noch de Chestret* erwähnen ihn in 
ihren Geschlechtstafeln. Zwar führt letzterer — freilich mit Fragezeichen — 
einen Gerard von Schönau als zweiten Sohn Rasos I an, der jedoch 
bereits 1306 Kanonikus und seit 1319 Dochant des Servatiusstiftes in 
Mastricht war: sollte dieser unser Gerard sein? Dann müsste man annehmen. 



*) Qnix, Frankenburi? S. 128. Reichsabtoi IJnrtschcid H. 240. ») Quix, Scbönaa 
S. 83 f. ») Hansen a. a. O. 8. 2r}. <) Qnix, ncrcuKbrrtf S. 108. *) Qnix, Hchftnau S. 41. 
•)Han8enLc. Bd. VI,3. 9»J. »)Oi(ltman I.e. Bd. VIII, 8.212. •) Uenard de Scbönan S. 8, 9. 



— 52 — 

derselbe habe nach 1302 Waffen und Herrschaft abgelegt und sei in den 
geistlichen Stand getreten. Doch erwähnt Heraricourt unter den Söhnen 
Easos II einen Gerard, den er „on tres wailhans hommes d'anne" 
einen sehr tapfern Kriegsmann nennt. Aber auch Rasos II Sohn Gerard 
war Geistlicher, Sänger am Münsterstifte in Aachen sowie Kanonikus der 
Stifter St. Paul und St. Lambert in Lüttich. Die Bezeichnung als tapferer 
Kriegsmann passt dagegen trefflich auf unsern Gerard, den Herrn von 
Schönau, den ja auch Kaiser Albert „vir strenuus** nennt. Sollte nun wohl 
Hemricourt beide Grerarde verwechselt und dem Neffen zugeschrieben haben, 
was dem Oheim zukam? Das halte ich für wahrscheinlich und nehme 
darum an, unser Gerard sei der älteste Sohn Rasos I gewesen und kinder- 
los gestorben, worauf dann Schönau auf den zweiten Sohn, Raso II überging. 

Gegen diese Auffassung spricht allerdings der Umstand, dass dann 
zwei Söhne Rasos I denselben Vornamen geführt hätten. Das kommt jedoch 
auch bei Reinard I vor, von dessen Töchtern zwei Elisabeth hiessen, doch 
war eine derselben ein uneheliches Kind]*; von Reinards Brüdern hiessen 
ebenfalls zwei Johann. 

Zur Zeit Gerards lebte auch ein Ritter Arnold von Schönau, der 
nebst andern Edelleuten im Jahre 1301 mit dem Abte von Steinfeld einen 
Vertrag über den Mönchsbusch abschloss'^; am 15. September 1307^ starb 
Heinrich von Schönau, Sänger der Liebfrauenkirche in Aachen, welcher 
dem Kapitel eine Mark, den Kirchendienern sechs Schillinge vermachte. 

c)RasoMascharelII, der von Hemricourt als der älteste Sohn 
Rasos I angeführt wird, war Herr zu Schönau und Ülpich*. 1319 unter- 
zeichnet er als Herr Raso, Ritter von Schönau, die Urkunde, durch welche 
Arnold von Gimmenich der Alte die Schenkung eines im Limburgischen 
gelegenen Waldes an die Abtei Burtscheid verbrieft ^ Seiner Ehe mit der 
Schwester Gerards von Bongart entsprossen sechs Söhne ^ und wenigstens 
eine Tochter Adelheid, die wahrscheinlich Winand von Rode heiratetet 
Die Söhne hiessen: Johann Mascharel, Herr von Ülpich, der nach Hemri- 
court eine Tochter Thiebauts de la Vaux zur Ehe genommen haben soll; 
Amelius, Abt von St. Trond; Gerard, der Sänger des Aachener Münster- 
stiftes; Johann Hage, Kanonikus an derselben Kirche; Raso Mascharel, 
Herr zu Schönau und Reinard von Schönforst. Für letztern, welcher der 
bedeutendste Schönauer und Stifter der Linie Schönforst ist, verweise ich 
auf meine mehrfach erwähnte Abhandlung, in der auch die Nachrichten 
über seine Kinder und Brüder zusammengestellt sind. Wir beschäftigen 
uns darum hier nur mit 

d) Raso Mascharel III, Herrn zu Schönau. Er hatte aus seiner 
ersten Ehe mit Adille von Esneux eine Tochter Elisabeth, welche den 



*) Vgl. meine Abhandlung Rcinard von Schönau, „Ans Aachens Vorzeit •*, Jahrg. VIH, 
S. 60. *) Quix, Schönau, S. 36 ff. ') üngedruckter Nekrolog der Münsterkirche. Vgl. 
Hansen a. a. 0. S. 95. *) Hansen a. a. 0. S. 96; de Chestret a. a. 0. S. 8. *) Quix, 
Keichsabtei Burtscheid S. 817. <) de Chestret a. a. 0. 8. 8, 9. ') y on Oidtman a. a.0. S. 212. 



— 63 - 

Winand von Rode heiratete, der nach Hemricuurt ein Sohn «Ion llorrn 
von Argenteau und ^on bon Chevalier wailhans * ot hanly* war. Von 
ihm führt Winandsrat den Namen. 

In zweiter Ehe vermählte sich Raso mit AfjnoH von MIIihwoM, I)Io 
Gatten stifteten 1344 den Katharinaaltar in der Kirrho m Klchlorlch iiimI 
statteten denselben aus „mit gewissen Krb^ütorn und KlnkUnllcMi, wnli'hn 
sie in stehender Ehe gekauft, erworben, boschaft't und hlnr/n boHllninit 
hatten," wobei sich Raso das Patronat über don AlUr fllr nlch Howin fllr 
den zeitlichen Herrn, Erben, Nutzniesser oder Vorwal((»r (nminbiu'niiiii) dt»M 
Hauses und Schlosses Schönau vorbehielt*. Auh dorn WorMaut« y^^hl liorvor^ 
dass Raso und Agnes nur solche Grundstücke und Uontnti m dor Hlirtnni^ 
verwendeten, welche nicht zu Schönau gehörten Hondcun V(»n Ihnon H«*lbxt 
erworben worden waren; hieraus lässt sich HchlioHHon, diiHH «lo nhlit 
berechtigt waren schönauisches Gut zu veräUHHem, 

Rasos Tochter, Elisabeth von WinandHrode, rnrnJite um 24. Nov^mmImm' 
1359 ihr Testamente Sie ernannte zu VollHtrecki^n Ihrijn VuUt, I/hIh 
Maschreil, Jobann von Schönau, Kanonikus an Ht, H^rvaHtm in Mii*<irl/'hl 
und Johann den Mönch van den Vclde, ihre V(?rKrhw/Jp:*^rf^!M, jw^dann dii» 
Frauen Adelheid von Schönau, Frau von Ii>vle, Ad*flh*'id von i'lifhU 
beide ihre ,Möbnen* — und Oda von Hrurnlill^^n. Von Kindern ^rwhUui 
sie nur ihre Tochter Adelheid, von and<;m V^frwandfirn ^Hrnd^ff ifoimutt 
von Schönao*, ihr , Brüderchen* und Ad^dh^rid, ihr ^HtUw^MUrtfUf^u*^ *. 

Die an erster Stelle genannte Ad^dli'rid war wohl (Uh 'l'tHhUt f^^^// 
Maächerels L die Gr/r^^tante i\f.T YA\f\n^^<'yuh HUt UhUm tUu \U*tfu Arnold 
von Jülem»üt 2'eh»;::^t^t *: \\^iW',('u^, var -\h in z^utnU-r y,hn tt ,1 ^'\hnu 
Herrn von K'>le venr.'i:.]**, V.V.*^.'A'/h li'x ihr d»^, V/;jhI /xr;^/-.'/, 4,./,/, 
^diamaot vhu'er^;:,* *,:. 1 r. '.►:'.'- ^v^/.y'i r,:,)c*\ d.j< yor* r. t r,;.';,* /f r. •/, 
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— 54 ~ 

dass weder er noch seine Angehörigen irgendwie mit den Gerichten, den 
Lassen und den Lehenleuten auf diesen Gütern zu schaffen oder über die- 
selben zu gebieten haben sollten. Von den Gütern in Richterich können 
wir zwei nachweisen: den Hof, welchen Keinard I daselbst besass und 
den er nach der Erklärung seiner Söhne zu Gottes Ehre verwenden wollte, 
sodann den dortigen Zehuthof, der dem Raso gehörte und der später — 
wahrscheinlich durch den gleich zu nennenden Godart von Rode — an das 
Aachener Münsterstift verkauft wurde. Letztere Besitzung wurde immer 
als zum Schönauer Gebiete gehörig aufgeführt. 

Raso Mascharel III ist um 1370 und zwar vor seiner zweiten Frau 
gestorben. In der aus diesem Jahre datirten Urkunde heisst es nämlich 
im Vorbehalt zu gunsten der Schönauer Gerichtsbarkeit: „ind behalden 
heren Reinarde . . . op deme goede van Schoenawe ind wilne heren 
Meschriels sins broders ind der vrouwen van Ulpich ire moinen op irene 
goede ..." Damals war also Raso schon tot. Dass seine Frau ihn über- 
lebt hat, erhellt aus folgender Aufzeichnung eines ungedruckten Toten- 
buches des Münsterstiftes: „IUI Id. (Decembris) obiit Agnes dfia. de Bylre- 
velt ac relicta diii. Marchareyls de Schonawen. Com. (memoratio) dni. 
Masschereyls de Schonawen militis^" Beide hatten dem Stifte je vier 
Mark vermacht. 

Nach dem Tode Raso Maschereis III hatten dessen beide Enkel, die 
Söhne der Elisabeth von Rode, mit Namen Johann Mascherei und Godart 
bis zur endgültigen Teilung Schönau in gemeinsamem Besitz. Beide be- 
erbten auch die Mohne von Ulpich. Das erhellt aus der bereits erwähnten 
Urkunde Godarts von der Heiden vom Jahre 1373, worin er den Genannten, 
seinen „magen ind broderen", verspricht, „ihnen, ihren Leuten, Lassen, 
Gerichten und Gütern von Schönau und Ulpich niemals Not, Hindernis und 
Nachteil" zufügen zu wollen. Auch die „Deduktion" im Schönauer Archiv 
bezeichnet die Brüder ausdrücklich als Erben Maschereis und der Frau 
von Ulpich. Bei der Erbteilung erhielt dann Johann Winandsrode, Godart 
Schönau. 

3. Godart von Rode, Herr zu Schönau, 

war ein streitbarer Ritter. Er beteiligte sich 1386 an der Ermordung 
Johanns von Gronsfeld, worüber in „Reinard von Schönau" eingehend 
berichtet worden ist. Wie es scheint, hat Godart selbst nicht zugeschlagen; 
während Reinard II von Schönau und Statz von Bongart Sühnealtäre 
errichten mussten, wurde ihm nur die Stiftung eines ewigen Lichtes auf- 
erlegt. Er entledigte sich der Verpflichtung in der von seinem Grossonkel 
Reinard I erbauten Schönforster Kapelle zu Aachen ^ 

*) „Am 10. Dezember starb Agnes, Frau von Bylrevelt und Witwe des Herrn 
Marchareil von Schönau. Gedächtnis des Herrn Masschcreii von Schönau, Ritter.** Hiernach 
ist de Chestret zu berichtigen, der (nach Lefort) den Tod der Agnes auf den 12. Dezember 
1349 setzt. (Renard de Schönau, S. 9.) 

=*) Hansen a. a. 0. S. 97, Aum. 3. 



— 55 — 

Dieser Mord, welcher durch die begleitenden Umstände jeden ritter- 
lichen Sinn tief verletzen musste, erweckte den Schuldigen viele Feinde 
und erzeugte eine wilde Fehde. Auf diese Verhältnisse spielt der Aachener 
Rat in einem Schreiben vom 22. Mai 1389 an. Godart hatte die Stadt 
aufgefordert ihm Schadenersatz und Genugthuung zu leisten, weil Aachener 
Bürger in seinem Brauhause am Hirz Bier getrunken aber nicht bezahlt 
und bei dieser Gelegenheit Fässer, Wimpel und selbst das Brauhaus ver- 
brannt hätten; weil ein gewisser Stimpel oder dessen Knecht ihm einen 
Hengst gestohlen; weil die Stadt ihm ihr Recht versagt habe. In der 
Antwort wies der Rat darauf hin, es sei Sache Godarts die Schuldigen 
ausfindig zu machen, für deren Bestrafung man dann schon sorgen werde; 
es gehe die Stadt nichts an, wenn Godarts Feinde ihm das Brauhaus ver- 
brannt oder sonstigen Schaden zugefügt hätten; man habe ihm auch 
das Recht nicht versagt, sondern nur wegen der „Todfehde**, in der er 
sich befinde, den Aufenthalt nicht gestattet. Das habe aber geschehen 
müssen um die Aachener und andere Leute vor Schaden durch Totschlag, 
Raub und Brand zu bewahren. Godart gab sich denn auch zufrieden und 
erklärte sich mit der Stadt, ihren Bürgern und Untersassen „genzlich 
gesaist und früntlich verglichen". (1389. Juli 6.0 Er starb am 20. September 
1389 oder 1390^ 

Godart hatte aus seiner Ehe. mit der Tochter des Ritters Egidius 
von dem Weier nur zwei Töchter, von denen die ältere, Elisabeth, den 
Ritter Gerard von Vlodorp heiratete, dem sie Schönau zubrachtet 

4. Gerard von Vlodorp, Herr zu Schönau, 

Sohn Godarts, des Erbvogts von Roermond und der Sophie von Neustadt. 
Im Heiratsvertrage vom 24. November 1391 erhielt er „Schloss und Herr- 
lichkeit Schönau mit allem Zubehör an Land, Leuten, Höfen, Dörfern, 
Gebuchtem, Häusern, Gütern, sowie die mit all ihren Rechten, Regalien, 
Gerichten bei Aachen gelegen sind, ausgenommen den Zehnthof, der von 
Schönau verkauft ist, darauf Gerard auch von seines Weibes wegen rechten 
Verzicht leisten soll mit Vorbehalt seiner und seiner Erben Hoheit und 
Rechts." Aus dieser Klausel geht hervor, dass der Verkauf erst kurze 
Zeit vor der Heiratsverschreibung, also jedenfalls durch den Vater der 
Braut erfolgt war. Ausserdem brachte Elisabeth in die Ehe: den Hof zu 
Modersdorf mit dem halben Gericht in der Warden, den Hof von Neuland 
mit dem Gute von Kalkhoven, das Burglehen von Moufart (Montfort) mit 
Zinsen, Kurmeden und 36 Kapaunen, die zu Echt erhoben wurden. Auch 
sollten die Eheleute den Wingart, welchen Godart von Schönau an Eustach 
von dem Bongart versetzt hatte, für sich einlösen dürfen sowie die Forderung, 
welche dem Herrn von Winandsrode (Johann Mascherei) und seinem Bruder 
(Godart) gegen die Herzogin von Brabant zustand, allein erheben. 

») Quix, Schönau S. 17 ff. *) Das. S. 16. 

') Zeitschrift des Aachener Geschlchts -Vereins Bd. VIII, S. H4, 213. 



— 56 — 

Gerard seinerseits hatte den Hof von Assel mit dem Zehnten von 
Graet, mit den Laten, Kurmeden, Fischereien, dem Zolle und dem Rechte 
des „lynpertz^" in der Maas und auf dem Lande. Vom Eitrage des Zolles 
waren jedoch 50 Gulden jährlich und ausserdem 15 Bunder Benden für 
die Schwester Gerards, welche Nonne zu Heinsberg war, für deren Lebens- 
zeit vorbehalten. Blieb die Ehe kinderlos, so sollte Elisabeth ihre „duarie" 
imd Leibzucht an dem Hofe von Assel haben, der ein Freigut war. 

Der Herr von Schönau wurde 1409 auch mit der Erbvogtei von Roerraond 
belehnt und wird noch 1418 erwähnte Das älteste Latenweistum von 
Schönau^ erzählt von ihm, dass er die Rechte der HeiTschaft gegen die 
Eingriffe der Heidener entschieden gewahrt habe. „Noch is geleeft** ^ so 
heisst es, „dat die van der Heiden einen zo dem Hirze gevangen hadden, 
int wart zer Heiden gevoert. Do her Gerard von Ruermunde dat vernam, 
hei underweis den her van der Heiden, dat der gevangen weder gelevert 
wart zen Hirz losledich, in voegen: misdeden syne lüde of jemantz anders 
op synen gude, dat seulde hei uisrichten als sich dat gebürde. Item noch 
hat men geleeft, dat op dem hove, die nu joncher Wynants van Korten- 
bach is, dry man gevangen worden op des hofs gueden ind worden ouch 
zo der Heiden gevoert, ind der loes* doe zerzyt hilt dat, dat gein amtman 
op den gueden vangen noch penden ^ en seulde, dan der bode zo Schonouwen. 
Her Gerart underwies den her van der Heiden, dat die dry man wider 
losledich op die stede gelevert worden, da sy gevangen worden sind; ind 
die zween here worden des eins, dat des nit me geschien en soulde. Mis- 
dede jemantz op die guede to Schonouwen, her Gerart soulde ein richter 
darvan syn, ind den hof ' soulde man untfangen to Schonouwen ind nirgent 
anders. Ind wart ouch do geuissert, of zween loessen van Schonouwen sich 
sloegen op der straissen, her Gerart ind syne vurfaren hielten die darzo, 
dat sy dat dem lanthern richten aver® des lanthern bode. Die en kroede 
sich der loessen nit zo vangen um der stück (?) wille." 

Gerards Kinder waren Wilhelm, der seinem Vater in der Erbvogtei 
von Roermond folgte, und Odilia, die Erbin von Schönau. Sie brachte durch 
ihre Heirat mit Johann von Mirlar die Herrschaft an das Geschlecht der 
Herren von Mylendunck. Werfen wir einen Blick auf die Herrlichkeit 
Mylendunck und ihre Besitzer, bevor wir die Erzählung der Geschichte 
Schönaus unter diesen Herren weiterführen. 



*) Das Recht, den Schilfern auf der Maas gQgen Entgelt die Pferde zu stcUen, 
welche auf dem Leinpfade die Fahrzeuge stromaufwärts zogen. 

*) Zeitschrift des Aachener Geschichts -Vereins VIII,- S. 129. *) Quix, Schönau 
8. 3 ft'. *) erleht worden. *) Das Latcngericht. ^) pfänden. 

^) Kortenbach. Später machten die Heidener ein Lehen daraus, was die Schönauer 
aber nicht anerkannten. 

•) statt avermitz, overmitz = mittels. 



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— 57 — 

Mylendunck 

war im 12. Jahrhundert eine bedeutende Herrschaft, welche jedoch durch 
einen Vertrag Gerlachs I mit Engelbert II, Erzbischof von Köln, eine 
grosse Einbusse erlitt. Im Jahre 1274 verkaufte nämlich Gerlach zwölf 
Ortschaften mit ihren Einkünften, Dienstmannen und Lehnsleuten sowie 
viele Lehen diesseits und jenseits des Kheins an den Erzbischof, verzichtete 
auf alle Lehengüter, welche er von der Kölnischen Kirche in Händen 
hatte und nahm selbst einen Teil von Mylendunck als Kölnisches Lehen an K 

Nach einem „Syllabus defunctorum dominorum in Mylendonck** im 
Archive daselbst* trennte Gerlach auch die Herrlichkeit Pesch-Weinsack 
von der Herrschaft und trat dieselbe an Herman von Imelhausen für 
geleistete treue Dienste ab. 

Ein „Unvorgreiflicher Status über das haus und die reichsfreie herr- 
schaft Mylendunck** im Schönauer Archiv, den ich wegen seiner inter- 
essanten Einzelheiten hier vollständig folgen lasset gibt über Besitzungen 
und Einkünfte eingehende Nachricht: 

„Erstlich zu beobachten, dass im leichten geld Neusser wehrung die 
geringste sort ein heller; deren 12 machen einen album oder weisspfenning, 
24 albus einen gülden und 25 einen daler, alles Neusser wehnmg; ein 
reichsthaler aber hat 100 albus. 

Die früchtenmass ist besonder dieses orts, komt doch bald mit der 
Neusser mass übereinander, ist doch etwas starker, gehet mit malderen. 
Ein malder hat 8 fass oder^ 4 sümmeren, ein sümmcr 2 fass, das fass 2 
viertel. Das viertel 2 pinten. 

Der morgen lands hat 150 ruthen, jede nithe 16 fuss vierkantig. 
Das schloss und herrschaft Mylendonck ist ein Geldrisch-Ztitphanisch Ichen, 
gelegen auf des h. römischen reichs boden, zwischen das Gülische und 
Kölnische land inclavirt, 3 stund von Neuss. Bestehet in drei unter- 
schiedenen gebauten quartieren, im ober- mittel und Unterhaus oder bauhof. 
Das Oberhaus samt dem mittelsten haben ihre dreifache, im haus einen 
breiten sonsten zwei schmale wassor^rral^en, der unterste bau al)er allein 
den breiten gralien umher. So ist auch auf etwa ungefelir 100 schritt 
dabei ein weitläufiger schöner garten, so in allem bezirk samt dem banm- 
garten und darum gehenden wasseri^rahen zu dreien selten dem ruf muh 
8 morgen anhaltet \ mit lustparken, hecken und lusthäuseni durchher 
gezieret. So seind aurh vor dem hans viele ftchöne und wollK'setzte, 



') Lacomblet, rrknnd»mbu«h II, H. ;{s7. 

*) Ich Tcnianke »inen Aüh/ah^ der Frcnmllirhkf'it. df^ Herrn }UxTon von Wftllen- 
webcr auf Mjlendnnck. 

*) In der Ab?*«*hrir*t ^ind dio fUMtrflrHrtitfcn Pfjpp^lkon^^onant^n im In- nnd An-Uat 
weggelassen, die r und w dnrr h u, die y dnrrh i fT<fl7J. 

*} oder fehlt in der Vorlas:«^ 

*) In der Vorlage; anhalU;nd. 



— 58 — 

bepflanzte dämmen und gemeinden^ und annebens um dem schloss eine 
weide und bleichplatz. Für dem haus fliesset eine rivier, die Neers 
genannt, zweimal vorüber. Item ist^ (dasselbe) neben dem baumgarten 
(und dabeneben mit schönen weieren, welche mehrentheils alle mit fliesseu- 
dem Wasser unterhalten werden), versehen mit einem hopfengarten. 

Specificatio der jährlichen geföllen und reuten. Stätige geldrenten. 
Erstlich zwei drittentheil eines fahrzins von 26 albus 4 heller und 4 hüner, 
das stück ad 8 albus, facit 33 albus 5^3 heller. 

Der erbschatz, erbrent und waggeld tragt aus nach abzug des 
gerichts gerechtigkeit, so selbig jährlichs empfängt, und andere darauf 
haftende reallasten, facit 164 daler 41 albus 3V2 heller ^ 

Das Schützengeld nach abzug des heblohns facit 181 rth. 99 albus ^ 
Item seind es elf schwäre fuhren, wovon jede bezahlt wird mit 5 rth. 
facit 55 rth. 

Folgen übrige jedoch unbeständige geldrenten. 

1. Die Wasserschmitt gibt jährlichs mit dem zoll 50 rth., wan der 
einwöhner aber am haus* arbeitet, gibt er 40 rth. 

2. Die wein- bier- und brandeweinsaccise ist verpfachtet für 60 rth. 

3. Das haus hat 36 lehn an und wan ein lehnman stirbt, bekomt der 
herr bei Vorstellung des neuen vasallen 7 rheinische goldgulden oder species 
reichsthaler dafür und einen sammeten beutel oder V2 species reichsthaler, 
und werden auf jedes jähr durcheinander zwei gerechnet, facit 21 rth. 

4. Wan ein erb verkauft wird, gebührt dem herrn davon der zehnte 
Pfenning, so mit jähren auf 40 rth. verpfacht worden. 

5. Der brüchten werden jährlichs durcheinander gesetzt 50 rth. 

6. Das weinhaus hat gethan 60 rth. 

7. Drei in der herrschaft gelegene herrhöfe an küchengeld'^ und 
neujahr 43 rth. 

8. Wan Juden, geben 8 rth. zum tribut; jetzo ist nur einer. Auch 
gibt der jud alle zungen von geschlachten beesten und 2 feiste gänse. 

9. Die oel- und lohemühle gibt 150 rth. 

10. Die kornmühl 10 rth." 

11. — 19. Acht Posten Land, Benden, Graserei in den Britchen, zu- 
sammen 328 rth. 50 alb. ^ 

„20. Heiderhof küchengeld 20 rth. 

21. Die abnutzung der garten und baumgarten, so dan 3 weieren 
und auf den dämmen stehendes holzge wachs wird gesetzt ad 100 rtli. 



») Vgl. imten 22. 

^) In der Vorlage: hat. „dasselbe" fehlt. 

^) Hier sind also Reichsthaler gemeint. 

*) Am Herrenhaus. 

*) Betrag der Lieferungen dieser Höfe für die Herrenkttchc an Gewürz u. s. w. 

*) Hier sind also Reichsthaler gemeint. 



— 59 — 

22. Item das hans anhaltend einen husch 86' , morjron, wolohor nun- 
mehro ziemlich verhauen vom herm mit eichen wiotler In^postot wenlcn 
kan, sonsten der Heekbi-oicher und Harinjrsoppcr hinidschatt »u wussor 
und wiede offen liegt. Noch ein stuck buschgens, so ^UMchfulls vti^huuon 
und gleicher natur ist, 5^,4 morgen anhaltetul. Item hat es noch ein 
klein eichenbüschlein vorm haus, 10 moi*gen gross, so mit grilblohi ringsum 
versehen, worin die gemeinde kein la\ib und gras hat, 

23. Item hat das haus an stockbnüchcr, wolcho einmal ullo \iouu 
jähr umgehauen werden, 145 morgen; hieraus können jahrliehs ilureh- 
gehends 16 morgen gehauen werden und setze jeden morgen, wie selbige 
vorhin verpfachtet gewesen ad 12 rth., facit U)2 rth. 

24. Das feld vorm haus, das hausfeld genant, hat an morgeu/aihl 
67 morgen, ist verpfachtet ad 7 rth. Neusser wehning; hat vorhiu gethan 
ein malder korns und ein malder ein sümmer haberen ad 24J1 rth. 

25. Noch ein feld, das cranenfeld genant, ungefilhr 44 niiH'geii, der 
morgen hat gethan ein malder korns und ein malder habereii, tliut Ji'lya» i\ 
Neusser daler, facit 135 rth. 28 albus. 

26. Noch ein feld, das rührenfeld genant, hat an morgen/ahl 21 niorMeUi 
der morgen hat gethan ein malder körn und ein malder haberen, thnt 
jetzo 72 rth. ^ 

27. Noch einig land an der capellen genant, 20 morgen, der nuHgen 
zu 6 Neusser daler ad 53 rth. 40 albus '. 

28. Noch ein stück land haltend an der musH 1) morgen, der morgen 
thut an pfacht 6 daler, facit 32 rth. 76 albus. 

29. Die kommtihl ist eine zwangmülile'' und gebet in zwei lilnfen, 
thut an kom 97^2 malder, das malder per 2 rth,, facit 105 rOi, 

30. An weizen 4 malder per 3 rth. fa<:it 12 rth. 

31. An malz 24 malder per I V^« rth, fueit 36 rth, 

32. 300 U frisch schweinenfleihch, daw il a^l H albus, fiuM 24 rth, 

33. Einen feilten hammel faeit 3 rth. 

34. Hegerhof 24 malder körn per 2 rth, facit 48 rth,, 24 nmlder 
haberen per 1 rth. fa<it 24 rth, 

35. 50 a butter, da^ U H albuh, fnät 4 rth, Nb, 15 malder körn, 
15 malder haber<^n, ein kalb, 

36. Scliöjjraderh'^f 30 inaMer koio per 2 rth, fa<jt <M) rth,, 30 niabb^r 
haberen jw^r 1 rth. fa' it 30 rth. 

37. Hei-IttTlj'.f 2ii inald«-r körn . , , r>>- r\U,^ 2J^ üiuM^-r Ij^^lx-ren . , , 
29 rth, 250 ej^n (:\u k>Jh , . , fa^ j1 2 iWi. 

3^. TriettenV'roir'iK.'r z« i'<^Ji'J h.it <-i.-t fiii'Ll/'rjptar'ljt ;/<'than. 1>A üun- 
mehru verj^fa -ht'^t i'ur ]2*> rih.. \* i i;^hi'f)i\n>t yj-la-ufi t'nr JW rih.. Kjj;/- 
brückerzeiiC'i'i vr 1:^'» r^i .. J<;.'1<m''»'-;< !■<•! /« h<'ji'l Uiy ]<*h ri!j.. Jj</ Js>'''r<>i«'lier 






— 60 — 

zehend für 110 rth., Pescher zehend ftir 90 rth. Diese zehenden seind 
alle vorhin in fruchten jetzo aber in geld und also ohne nachlass ; mögten 
doch noch wohl höher verpfachtet werdend 

39. Der flachszehend bringt circiter jährlichs aus 200 stein flachs 
ad 100 rth. 

40. Am erbpfacht und holz, haber bei unterscheidlichen parteien 109 
malder ... 109 rth. 

41. Erbpfachtkorn 89 malder ... 178 rth. 

42. An wachs 24 ?l ... ad 30 albus ... 7 rth. 20 albus. 

43. An rtiböl 47 quart, jede ad 25 albus, facit 11 rth. 75 albus. 

44. Erbpfachthüner 176 stück, mit den rauchhünern, deren 278 stück 
seind, facit zusamen 454 stück ... 36 rth. 32 albus. 

45. Capaunen 12 stück ad I2V3 albus, facit 1 rth. 50 albus. 

46. Erbpfachtsgänse 24 stück ad 20 albus facit 4 rth. 80 albus. 

47. Der truckner weinkauf wird von obigen drei höfen mit dem wein- 
haus vor jedes jähr gesetzt 48 rth. 25 albus. 

48. Hieneben dienet zu wissen, dass in der herrschaft 35 diensthöf 
seind, welche wegen sicherer, davor inhabender herrschaft (?)* erblich 
schuldig seind alles holz und heu für die herrschaft einzuführen, das heu 
zu machen, das eis zu hauen. 

49. Ferner seind die unterthanen obligirt alle nöthige band- und 
Spanndiensten zu thun, so dan auch, wan selbige mit kriegs oder andern 
lasten nicht beschwärt werden, können jährlichs dem herrn wol 1000 rth. 
geben, setze also 1000 rth. 

50. So hat der herr auch die ins patronatus über eine personal, 
die pastorat, drei vikarien, über die capellonat aufm schloss. 

51. Grobe und kleine jagd und fischerei, fort alle regalien, so einer 
immediat freier reichsherrschaft gebühren, und wird die abnutzung davon 
angeschlagen werth zu sein 100 rth. 

Belauft sich also summa summarum alles aufs gelindeste angeschlagen, 
ausserhalb dem schlossgarten, buschen, diensten und anderen posten 4820 
rth. 57 albus 8V2 heller.*' 

Bei Gelegenheit der Heirat Dieterichs (IV. 1549 — 1575) mit Theodora 
von Bronckhorst erhalten wir über die andern Besitzungen der Mylenduncker, 
welche sie teils erheiratet teils ererbt hatten, folgende Auskunft. 

Dietrich erhielt „für sein Patrimonium und kindsgedeil" : 

1. die Häuser Mylendunck und Drachenfels mit ihren anklebenden 
Hoheiten, Herrlichkeiten, Mühlen, Pachten, Zinsen, Zehnten, Höfen, Gülten, 
und Renten; 

*) Dagegen lautet eine beigeschriebene Bemerkung; „ad dimidium reduci debet** 
= muss um die Hälfte gekürzt werden. 

*) Soll wohl heissen: erbschaft = Grundbesitz. 

') „Personatus ist allmählig im Gegensatze zur dignitiis für jene Präbenden ge- 
braucht worden, mit denen ein Ehren Vorrang ohne Jurisdiction .... verbunden ist.** 
Schulte, Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts S. 218. 



— 61 — 

2. den Hof zu Camphausen im Lande von Jülich mit den Kornren ton 
zu Jüchen sowie die Geldrenten zu lasten der Stadt Neuss; 

3. das halbe Haus und Herrschaft Kulant (Reuland) im Lande von 
Luxemburg mit allen Renten und Nutzbarkeiten. 

Die beiden andern Brüder Gothard und Craft hatten sieh damals über 
die folgenden Besitzungen noch nicht verglichen; sie blieben also zu gleichen 
Teilen daran berechtigt, den Vorteil ausgenommen, welcher gemäss dem 
Lehenrechte Gothard als dem ältesten zukam. Die in Klammern beigefttgten 
Bemerkungen sind teils emer Verhandlung von 1579 teils andern Akten- 
stücken entnommen. 

1. Das Haus Goer mit seinen Höfen, Renten, Zinsen, Pachten, Mühlen, 
Büschen und Benden; mit der Latbank zu Neor samt der Mühle daselbst; 
mit seinen Hoheiten und Herrlichkeiten zu Meiel, Poll und Panheil, 
derer Mühlen- und andere einkommenden Renten, mit seinen Kirchen- und 
Altargiften*, Schatz und Diensten. [„Auch forzugeben, wie ich grossen 
abbruch van Goerer wert und Aldewater geleden, darvon wol 7 bonre* 
ungeferlich abgetrieben". Vom Hause Goer existirt noch ein genaues 
Inventar aus derselben Zeit, leider nur als Bruchstück. Die Güter zu 
Goer, Meil, Hörstgen, Fronenbroch u. a. waren 1541 im Besitze der Frau 
von Drachenfels-Mylendunck.] 

2. Haus und Herrlichkeit zum Hörstgen mit seinen Mühlen, Zinsen, 
Gülten, Pachten, Zehnten, Buschen, Benden und „liffgenis"*- Gütern 
sowie mit dem Gut „in gen hoessen", gelegen im Land von (Heve; „die 
plei" samt dem Gut zu „Kuilen beneden Toil" mit seiner „eltergift**. [„Die 
plei . . . den abbruch auf den Rhein und Issel und die sandbesturzung 
muss abschlag an pacht thun . . .** „Das haus Fronenbroich und herrlich- 
keit Hörstgen ist dem h. röm. reich immediate unterworfen; jedoch ist erst- 
genantes haus ein geldrisches lehen, so beim lehenhof zu Ruremonde 
relevirt wird.** „Hörstgen ist ein fendum von Mors*.] 

3. Die zwei Rubbmcker Höfe im Amt von Wachtendonk mit ihrem 
Artlande, mit den Zehnten, Zinsen, Renten, Benden, Holzwuchs und Fiwihereien 
auf der Nerschen. [„Die Rubbmcker hof mögen in der erbschaft nit so 
hoch ästimirt werden, derweil es ein behandsgut ist, da die hand bald 
ansterben und alsdan schwerlichen mus gewunneu werden.** Auch stehen 
in nassen Sommern die Benden unter Wasser.] 

4. Der Swalmer Hof zu Wanlo mit seinem Artlande und Zehnt<*n 
und allen zustehenden Gerechtigkeit^'n. [„Von diesem hof mu» man meinen 
gnedigen hem herz<^»gen zu Guilich mit pferd und hämisch zu deinst kome», 
gilt auch zehenden halber aus.*"] 

5. Die Hoheit und Herrlichkeit Meiderich im T^ande von Cleve l>ei 
Duisburg gelegen, mit ihren Mühlen. Zinsen, Gülten, Renten. Paschten, 
»und handgewinnsgoederen*' *, mit dem Hofe vor dem Hause im „vurgebrucht** ^ 

M Pmtronate über Eirehea und Altäre. •) Buuder. *i Leibzudit. 
*> Die XM Dieiu^tleitftaiiges Terpfliclitet siBd. <^) V<^ftNUX' 



— 62 — 

und dem Hofe ten Eiken mit Weiden, Büschen, Fischereien und Gerechtig- 
keiten. [Im Jahre 1582 verglich sich Herzog Wilhelm von Jülich, Cleve 
und Berg mit „ Johan hern to Milendunck etc. wegen der hoheit, Schätzung, 
klockenschlag; diensten, huldigung, gericht, anfang, toll ver, glaidt (sic)^, 
axeisen, flschereye in der herlicheit Meiderich*' ^] 

7. Der Hof zu Hesingen im Stifte Werden gelegen mit seinen Zinsen 
und Pachten, mit „scholtferken** und anderen „lefenis*', welche die „haus- 
leute* geben; noch 125 Goldgulden „auf der grafschaft Moers fallend, 
wilchs alles in Meiderich gebrucht wird". 

8. Haus und Herrlichkeit Soron (Soiron) im Lande von Limburg mit 
Höfen, Büschen, Schlagholz, Renten, Pachten, Zinsen, Zehnten, Benden, 
„penninksgeld**, Kurmeden; ferner andere Latbanken und Güter zu Gross- 
und Klein-Kechain, Clermont, Visinirs^, Herve und darum gelegen. 

9. Haus und Herrlichkeit Schönau, mit den Höfen in der Vorburg 
und zu Neuland, ferner Büschen, Schlagholz, Benden, Beuten, Gülten, 
Kurmeden, Schatz. Darneben 87 Malter Roggen Jahrrenten zu Meersen, 
Holzgewalten auf dem Welldorfer und Jülicher Busch sowie Benden „vur 
der Stadt gelegen". 

10. Die „halfherrlichkeit zu der Warden" mit ihren Renten, Zinsen, 
Pachten, Kurmeden und den Gerechtigkeiten „uf Hoeniger bosch"; mit dem 
Hofe zu Merz „darinnen gehörig mit seinem artlande und gerechtigkeit 
up der pastoreien zu Aldenhoven". Noch 17 Malter jährliche Rente an dem 
Hause auf HarflF. Noch 7 Malter an dem Hofe auf Hohenholz. [„Wardcn 
ist eine im herzogthum Gülich zwischen Höngen und Kinzweiler gelegene 
mit der Biauen anschiessende untcrherrschaft, welche von unerdenklichen 
Jahren her zweiherrig gewesen und eine halbscheid von der Dahlen- 
broichische, die andere von der Milledonckische familie besessen worden'*." 
Die Berechtigung am Hoengener Busch kam durch die Heirat der Agnes 
von Mylendunck mit Johann von Kessel an diese Familie.] 

11. Der Hof „uf gen Schluffert" im Amte Montfort mit seinem Art- 
lande, den gebrochenen Heiden und den zugehörigen Benden. 

12. Die Forderung des Wagengeldes im Amte Montfort, „wilchs uf 
ein goetlich verdrag steit". 

Es folgen noch verschiedene Forderungen, deren bedeutendste sich 
auf 3500 Karolusgulden beläuft, und zum Schlüsse heisst es: „Was ferner 
von goederen sind, hat man in der il nit können bedenken." 

Eines der vergessenen Güter war der Hof Hastenbaur, von dem 
bemerkt wird, er müsse „zum höchsten inwendig sechs jaren gcmirgelt 
sein: dazo schätz und zehenden gilt". 

Der Syllabus verzeichnet folgende Herren von Mylendunck: 



*) Es wird wohl vcrglaidt = Geleit zu losen sein. 

') F. Schrocdcr, Die ChroDik des Johannes Turck, Annalen, Heft 58, S. 154. 

») Vis^V 

*) von Fürth, Beiträge II, 2, S. 93. 



— 63 — 

Theodor (Tidericus, Dieterich) I, (1168—1220) ist der erste urkund- 
lich genannte ^ 

Theodor II (1220—1566), ein Verwandter Conrads von Hochstaden 
und ein treuer Helfer dieses Erzbiscliofs in allen Fehden. Auch streckte 
er demselben eine Summe Geldes im Betrage von 1000 Mark vor*. Im 
Jahre 1222 übertrug er das Patronat der Kirche zu Elsen dem Regulier- 
herrenkloster zu Neuss, verzichtete in demselben Jahre mit seiner Gemahlin 
Hadewig im Namen ihrer Kinder auf Güter und Allode in Elsen zu 
gunsten des Deutschordenshauses in Gürath (Judenrode), und überlässt 
1266 demselben Hause seinen Zinsmann Gerard in Elsen. Die Söhne Gerlach, 
Adolf und Walram bestätigen noch 1290 die Schenkung ihrer Eltern ^ 

Von Gerlach I ist bereits oben Rede gewesen. Vielleicht ist Adolf 
jener Rudolf von Reifferscheid, Herr von Mylendonk, der 1310 die Güter, 
welche das Kloster zu Grevenbroich in Allrath besass, von der Lehns- 
pflicht entband und mit Friedrich von Malberg andere Besitzungen daselbst 
demselben Kloster schenkte. 1311 befreite er den deutschen Orden in 
Gürath von der Pflicht, auf den Gerichtstagen zu Hülchrath (Helkenrode) 
zu erscheinen und verglich sich 1321 mit den Ordensrittern über seine 
Ansprüche an den Grevenforst *. 

Gerlach II (1308 — 1350) hinterliess vier Töchter, von denen die 
älteste den Jacob von Mirlar heiratete und Mylendunck an dieses Geschlecht 
übertrug. Der Sohn Johann I vermählte sich mit Sibille von Merode zu 
Bornheim, aus welcher Ehe ein Sohn und vier Töchter hervorgingen. 



5. Die Herren von Schönau aus der Familie Mirlar-Mylendunck. 

a) Johann II, Sohn Johanns I und der Sibilla von Merode, kam 
durch seine Heirat mit Odilie von Vlodorp in den Besitz von Schönau. 
Wann die Ehe geschlossen wurde, kann ich nicht angeben; der Syllabus 
sagt, Johann sei 1423 vermählt gewesen. Im Jahre 1455 stifteten die 
Eheleute Messen zu Maria im Kapitol, zu St. Georg, bei den Karm eilten 
und Augustinern in Köln^ Nach einer Abschrift im Schönauer Archiv 
gaben sie in demselben Jahre 150 Morgen und 13V2 Morgen in Erbpacht, 
jeden für IV2 Summer Roggen oder im Ganzen für 49 Malter, sodann 
12 Morgen weniger ein Viertel Bend ä 5 Mark kölnisch, das machte zu- 
sammen 59 Mark weniger 3 Stüber. Der P>bpacht verteilte sich auf sechs 
Ehepaare; vom Roggenpacht wurden gleich 12 Malter „afgelacht, gelöst 
und gequit". Das Land gehörte zur Aussteuer der Odilia, nämlich „zo 



*) Ropertz, Quellen und Beiträge S. 195. 

*) Eckertz-Noever, die Benedictiner- Abtei. M. -Gladbach S. 267. 

') Giersberg, Dekanat Grevenbroich S. 74. 

*) Giersberg a. a. 0. S. 186, 147. 

^) Zeitschrift des Aachener Geschieh ts -Vereins Bd. VIII, S. 213. 



— 64 — 

dem guede ind aiiseel zu Moesdorp, dat uns (den Eheleuten) alda zu- 
gehörende is". Odiliens Mutter, Elisabeth von Schönau, hatte die Besitzung 
dem Gerard von Vlodorp zugebracht. Als Zeugen des Erbpachtvertrages 
untersiegelten „her Arnold von Hürnen" und „Pitter, borchgref zu Oden- 
kirchen". 

Diese 175^2 Morgen Land bildeten das Areal des Hofes Moders- oder 
Moesdorp. Die Gebäude, nämlich Haus, Hof und Ansiedel mit Graben, 
Weiern und der anhaftenden Gerechtigkeit am Höngener Wald, gaben 
Johann und Odilia ebenfalls 1455 dem Heinrich von Baesweiler und Heinrich 
von Nothberg für sieben oberländische Gulden in Erbpacht, unter der Be- 
dingung jedoch, dass sie abstehen müssten, wenn der Herr zur Warden 
die zum Hofe gehörigen, in Erbpacht gegebenen Ländereien einlösen würde *. 

Der Syllabus lässt Johann 1478 zu Köln sterben und bei den Domini- 
kanern daselbst begraben werden. Sein ältester gleichnamiger Sohn war 
schon früher aus dem Leben geschieden. Derselbe war zweimal verhei- 
ratet. Seine erste Frau hiess Kunigunde von Birgel. Sie hatte die Güter 
Opei, Mach, Macheren und Avenues in die Ehe gebracht, welche nach 
Johanns Tode in den Besitz des Johann Hurt von Schöneck übergehen 
sollten. So setzte der Schwiegervater Engelbert Nyt von Birgel am 
12. Februar 1472 fest; damals waren also nicht bloss die beiden Kinder 
aus dieser Ehe sondern auch die Mutter schon gestorben. Die zweite 
Frau Johanns war Sibilla Steckt Mit dieser hatte er ebenfalls zwei 
Söhne, die bei seinem Tode als Unmündige zurückblieben: Johann von 
Mirlar, Herr zu Mylendunck und Graft von Mylendunck. Bis zur Mündig- 
keitserkläning wurden die Besitzungen gemeinschaftlich verwaltet. Nach 
der „Deduktion" nahmen die Brüder vom Stifte U. L. F. in Aachen ein 
Kapital auf und verpfändeten bis zur Abtragung desselben „haus und herr- 
schaft Schönau samt zugehörigen gutem und höfen zu Schönau und 
Richterich, wie auch anklebenden land und leuten, hoheit und herrlich- 
keiten*'. (1488.) In demselben Jahre wurde zur Teilung geschritten, bei 
der Johann Mylendunck, Graft Schönau erhielt. 

b) Graft von Mylendunck, Herr zu Meiderich und Schönau, Amtmann 
zu Blankenstein, Drost zu Orsoy (1488 — 1519) ^ Er hiess Graft (Gratho) 
nach seinem Grossvater Graft Stecke von Meiderich. Während seiner 
Minderjährigkeit hatte die Mutter die Verwaltung in Schönau geführt, Vor- 
mund war der Burggraf zu Odenkircheu gewesen. 1491 war die Mutter 
tot. Das besagen folgende Stellen aus dem in letzterm Jahre aufgezeichneten 
Schönauer Latenweistume. 

„Item haben ferner diese vorgeschriebenen lehenleutcn und lassen 
sämtlich gesprochen, wie dass ihnen kündig und wol indenklich ist, dass 
die frau von Milendonck Wilhelmen OfFermans gut in der herrlichkeit 



M von Fürth, Beiträge I, 2, S. 94. 

') Beiträge zur Geschichte von Eschweiler I, S. 382. 

^) Zeitschrift des Aachener Geschieh ts- Vereins VIII, S. 214. 



— 65 — 

Schönauen gelegen inner diesen nechst zehen jähren fürnahm um grossen 
briichten willen, so erfallen waren, so dass die jouffer von der Heiden auch 
darin griffe und meinte, solches solte der frauen von Milendonck seliger 
nicht gebüren, und forderte auch dieselbigen brächten, vermeinend, dass 
solche brüchten ihr zustehen und an sie gebessert werden solten; und da 
ist der burggrave von Odekirchen als Vormünder der frauen von Milen- 
donck kinder kommen und unterwiese Jolian von Schönraed, herru zur 
Heiden, der Sachen halber, welcher Johan . . ihm darauf antwortete, was 
darinnen geschehen, wäre ausser seinem wissen, man solt das wieder in 
die statt stellen, da es aus genomen wäre, welches da zur band geschähe. 
Und Johan von Himbach, Peter Nack schultheiss, Laurens von Richtergen, 
Andries up den zehenhof und Palm von Richtergen oflfenbarlich bekent und 
gesprochen haben, dass ihnen kundig und wissend wäre und darüber und 
angewesen seien und ihre gewöhnliche Urkunde gebür und reclit empfangen 
liaben. Und haben mitgesprochen dieselbige letztgenänte, dass Johan von 
Schönraede seliger ein gelach geschenket hat diesen Johan von HimbacJi. 
Peter Nack, Johan von Steinhausen und Dederich Kemmerlink, dass sie 
ihrer frauen von Milendonck wollen anbringen, dass sie ihm die brüchten, 
so da gefallen, wolle schenken; er wolt das an sie und ihre kinder ver- 
dienen und sich so freundlich fort mit ihr halten, dass solcher zweitracht 
nicht mehr not sein solle. Item diese sämtliche lehenleuten und lassen 
haben auch bekant und, ermahnt, gesprochen: dass sie wissen kündig und 
wahr sein und sie gesehen haben, dass einer genant Johan Mutzschen seine 
brüchten gebessert hat an die frau zu Milendonck seliger, des herrn Graft 
ihres herrn mutter. Item ist ihnen auch kundig, dass nach der vorgesetzten 
zeit einer genant Nellis, der auch gebrüchtet hatte, seine brüchten abge- 
tragen hat mit einem gelach an der frauen von Milendonck diener; welche 
diese, Nellis und Johan Mutzschen, dieses wahr zu sein und also an die 
frauen von Milendonck gethan, beide zusammen mündlich bekant und 
gesprochen haben." 

Nachdem Graft Herr zu Schönau geworden war, bemühte er sich 
zunächst um die Instandsetzung des Hauses, dessen Turm er im Jahre 
1488 herstellen und verzieren Hess. Dann suchte er seine Herrenrechte 
festzustellen und gegen die Eingriffe der Heidener zu sichern. Zu diesem 
Zwecke liess er 1491 die Herrschaft „begleiten**, d. h. die Grenzen der- 
selben feststellen und zugleich die Laten über seine Rechte befragen. Er 
hatte dazu auch die Frau zur Heiden, Maria von Merode, Witwe des eben 
erwähnten Johann von Schönrat, einladen lassen, war jedoch abschlägig 
beschieden worden. Das Weistum, aus dem auch die damals zwischen 
Heiden und Schönau schwebenden Fragen sich ergeben, hat folgenden 
Wortlaut \ 



*) leb gebe dasselbe unter Ausschluss der Stellen, welche frilher bereits verwertet 
worden sind und füge die entsprechenden Aussagen des älteren, bei Qu ix, Schönuu S. 3 ff. 
abgedruckten Weistums in Klammer bei. 



— 66 — 

„Im namen des Herrn. Amen. Übermitz dieses offenbaren Instruments 
füge ... zu wissen, dass in dem . . 1491 . . auf samstag den 19. martii . . 
in meines offenbaren notarii und hierunter beschriebener . . zeugen gegen- 
wart und beiwesen der strenge und fromme herr Graft von Milendonck, 
herr zu Meiderich etc. in seiner eigenen person erschienen und gestalten 
in dem gewöhnlichen gerichtshaus zu Schönauen bei Aachen gelegen 
Itttticher Stifts hat lassen rufen und durch seinen schultheiss von Schönauen 
alle und jegliche seine lehenleuten und lassen zu der herrlichkeit von 
Schönauen gehörend — diese untenbeschriebenen dingen zu vollbringen — 
versamlen, und als sie versamlet und alsämtlich erschienen waren zwei 
mit namen Johan Nack und Bartholomäs Heufts besonders lassen ab- 
fragen und auf ihre eiden ermahnen die aufrichtige Wahrheit zu sagen, 
wie sie ihre botschaft verrichtet, so ihn^ an die jouffer zur Heiden zu 
thuen und deroselben ihre antwort zu bringen befohlen. Als haben 
dieselbe letztgenänte zwei gesprochen und geantwortet: Wir sind zur 
Heiden kommen und haben zu der jouffer von der Heiden aldo gesprochen 
durch mund eines genant Everhard Düycker also: Liebe jouffer, unser herr 
von Milendonck herr Graft hat uns zu euch gesant und lassen sagen, er 
wolle morgen zwischen zwei und drei uhren nachmittag mit seinen lehen- 
leuten und lassen die gerechtigkeit zu Schönauen begleiten, obs euch beliebt, 
dass ihr alsdan dabei kommt oder jemanden schicket von euretwegen? So 
hat dieselbe jouffer uns zur antwort geben: das beizukommen oder zu 
schicken ist mir nit vonnöten; will herr Graft da ichtwas lassen begleiten, 
das mag er thuen. Und dass wir also unsere botschaft gethan und der- 
selben jouffer antwort gehört haben, behalten und nehmen wir bei unseren 
eiden so wir gethan haben, und bezeugen das mit den ehrbai'en und frommen 
männern Henrich van Schlickum und Meuter, die darüber und angewesen 
sind und das gesehen und gehört haben. Welches dieselbige letztbenänte 
zwei männer auf statt und in versamlung der lehenleuten und lassen . . . 
bekänt und ausgesprochen . . . wahrhaftig, wie jetzt erzählt wird, geschehen 
zu sein. 

Und zuletzt hat derselb herr Graft, da er diese botschaft und antwort 
änderst nicht vernomen, ferner begehret und geheischen, dieselbige lehen- 
leuten und lassen alsämtlich durch seinen schultheiss befragt und ermahnt 
zu werden auf ihren eiden ... die Wahrheit zu sagen und von allen . . . 
punkten und geschichten der aufrichtigen Wahrheit zeugnus von sich 
zu geben. 

Item so hat derselb schultheiss . . . diese lehenleuten und lassen 
besonders die ältesten als Servas Biermans, Gerhart Maergoitz, Laurens 
van ßichtergen, Andries op den zehenhof, Gotard Nack, Palm van Richtergen, 
Simon Schubbe und fort die sämtliche lehenleute . . . auf ihre eiden ermahnt 
und gefragt, zu sagen und zeugnus zu geben, was ihnen kundig von dem 



*) Lies: ihnen. 



— 67 — 

Grönendal: wozu lehengehörig sei und wer die zu strafen hat, welche 
auf den lehengütem brüchten? Und alda haben diese . . . geantwortet, 
dass der Grönendal von ihren gedenken her und auch so sie von ihren eiteren 
haben sagen hören allezeit zu Schönauen lehengehörig gewesen, und ferner 
ihnen änderst nicht kundig ist . . . dan dass der herr von Schönauen die 
soll angreifen und strafen, welclie auf den lehengüteren von dem Grönendal 
gebrüchtet hatten. Und haben auch gesprochen, dass ihnen nicht gedenkt 
noch kundig ist, dass jemand anders einige, so alda mögten gebrüchtet 
haben, hat angegriffen oder gestraft, noch auch nie haben sagen hören, 
dass jemand anders dan der herr von Schönau alda einige gerechtigkeit 
geübt hat. Und haben ferner gesagt, dass sie . . . gesehen und gehört 
haben, dass Eeinard Büdden und Arnold Kücks offenbarlich gesprochen 
haben, dass sie gesehen haben und wissen wahr zu sein, dass ein man 
genant Godart Wolhart, so um schuld willen nirgens bleiben durfte, darum 
dass er unbeschwert und unbekümmert bliebe', geführt ward auf den 
Grönendal und blieb alda wohnen und starb alda. 

Item hat auch dieser schultheiss dieselbige . . . gefragt . . . was 
ihnen darob kundig sei: wan ein lehnman oder lass des herrn von Schönauen 
oder sonsten jemand fremdes missethete binnen der herrlichkeit oder lehen- 
gütem zu Schönauen gehörend, wem die besseren ^ solten und wer die 
anzugreifen oder zu strafen hätte? Haben dieselbige . . . geantwortet . . . 
dass sie von ihren eiteren nicht haben hören sagen noch ihnen in ihrem 
gedenken fürkomen noch kundig ist, dan dass der herr von Schönauen 
alsolche missetheter angreifen und strafen solle und die, welche verbrüchtet 
hätten, dem herrn von Schönauen ihre brüchten bessern und demselben 
die abtragen sollen und änderst nirgend.*' 

[Das ältere Weistum weist die Bestrafung vcm Verbrechen dem 
„lantheren**, d. i. dem Herzog von Jülich zu. „Item ouch helt men dat 
toe Schonouwen ind is ouch geleeft, dat ein misdedich man zo den hirz 
gevangen wart, hadde einen kelk gestoelen ind wart zo Schonouwen geleit, 
die gebürde deme hogerichte zo; die dief wart dem lanthern van den 
gueden zo ScJionouwen gelevert op des hern straess ind liess dem lanthern 
mit ime vort gewerden.*'] 

Der folgende Abschnitt unseres Weistums erzählt die oben aus der 
älteren Urkunde bereits mitgeteilte Geschichte von dem am Hirz durch 
die Heidener abgefangenen aber auf das Verlangen Gerards von Roermond 
wieder freigegebenen Manne mit dem Zusätze: „und darnacher derselb 
herr Gerard den zeitlichen vogt zur Heiden, Otto von Vorst, ergriffen und 
finge in der herrlichkeit von Schönauen und wolt ihn darum, dass er 
diesen man aus der herrlichkeit von Schönauen zur Heiden geführt und 
seine gerechtigkeit merklich geletzet ^ hatte, am leib gestrafet haben, wan 

') d. b. damit weder seine Person noch seine Habe gericbtlich angegriffen werde. 
•) genugthiien. 
') verletzt 



— 68 ~ 

er der freunde nicht genossen". Das kräftige Vorgehen Gerards hat auch 
wohl zu dem im älteren Weistume erwähnten Vergleiche der beiden Herren 
über die Gerechtsame des Schönauers geführt. 

„Und dieselbige . . . haben ihr lebenlang nie gesehen noch vernommen 
dass ein lehenman oder lass zu Schönauen von einigen^ herren von der 
Heiden gefangen, noch von ihren eiteren gehört dass solches geschehen 
sei; die von der Heiden haben solchen gefangenen frei los ledig müssen 
erlassen und wiederum lieberen, da sie ihn gefangen hatten.** 

Nun folgt die Erzählung von den drei Männern, welche die Heidener 
auf dem Cortenbacher Hofe ergriffen hatten. Dann fährt das Weistum fort: 

„Und hat ferner der schultheiss dieselbige . . . gefragt . . ., wie solches 
von alters gehalten ist, als ob ein missetheter gefunden oder bekomen 
würde auf den lehengüteren von Schönauen, wer die zu strafen gehabt hat 
bis auf diese zeit zu? Haben diese lehenleute und lassen geantwortet und 
gesprochen, wie dass sie von ihren voreiteren haben hören sagen und ihnen 
auch kundig ist, wie dass ein missethetisch weib zu Schönauen im thorn 
gefönglich gesessen hat und von dannen ist ausgeführt und gerichtet und 
begraben worden auf statt und end, noch heutiges tags Leisgens ^ grab 
genant. Und in ihrem gedenken gesehen haben . . ., wie dass einer genant 
Nikolas von dem Hirsch feur angestochen und das haus zum hirsch ein- 
gebrant, ward darum gefangen und in den thorn zu Schönauen geworfen, 
und starb daselbst und ward von dannen ausgeführt und in einer seeg- 
kuhlen^ begraben; und davon wurde niemalen betröhung klag noch wider- 
sprechung gehört noch vernomen; mithin haben dieselbigen . . . gesprochen, 
dass ihnen nicht kundig ist, dass solche missethetern zu bestrafen anderen 
gehört hat oder haben soll." [Das ältere Weistum sagt: „Item wer't ouch 
Sache, dat ein misdedich man of wyf gevangen wurde op die guede zo 
Schonouen, die under die erde geburde zo richten, die sal der her van 
Schonouen op syne erde doin graven ind richten."] 

Es folgen die drei auf die Frau von Mylendunck sich beziehenden, 
oben bereits abgedruckten Abschnitte. Danach heisst es: 

„Ferner haben auch . . . Servas Biermans und eine sichere frau 
genant Catharina Leisten, darum berufen, gefragt und ermahnt, gesprochen 
und ihnen kundig und wahr zu sein gezeigt, wie dass auf eine zeit ungefehr 
vier, fünf oder sechs und vierzig jähre* dieser vorgeschriebenen frauen 
mutter, auch Catharina Leisten genant, für den alten Godart Nack zur 
selbiger zeit schultheiss zu Schönauen gesetzt, vom junker von Mylendonck 
. . . beklagt und mit recht '^ angesprochen ward, um willen sie ihrem 
bruder genant Schuive etliche Sachen enttragen hatte, und an selbigen 

^) irgend einem. 

*) Lieschen. 

^ Sägegrube. 

*) Also zur Zeit Jobanns von Scbönau. 

*) vor Gericht. 



— 69 — 

schultheiss solches abtragen und besseren musste mit 15 marken, da dieser 
Servas Biermans über und an war von gerichts wegen." 

Der nächste Absatz handelt von der uns schon bekannten Berechtigung 
der Schönauer zur Schweinemast im Gemeindebusch. Daran schliesst sich 
die Frage über die Zwangmühle. 

„Item Servas Biermans, Laurens van Richtergen und Andries up dem 
zehenhof haben auch bekant und gesprochen, dass sie gehört haben, dass 
Johan Vrösch, auch lehenman und lass zu Schönauen offenbarlich gesprochen 
hat . . . dass er gesehen hat und weiss wahr zu sein, wie dass einem 
lehenman und lass von Schönauen auf eine zeit^ ein pferd ist genomen 
gewesen vom müUer von der Heiden um des gemahls willen, und doch 
derselbe müller das pferd hat müssen dem lass wieder lieberen und besseren. 
Item diese lehenleuten und lassen . . . darüber . . . ermahnt und befragt, 
haben geantwortet und gesprochen, dass sie nicht getrungen sind mit dem 
gemahl zu einer besonderen mühl; dann sie ihr körn mögen mahlen lassen, 
wo ihnen das am allerbest gelegen ist; doch haben sie gesagt, wie dass 
sie gehört haben von dem junker von Mylendonck seliger, dass er sprach: 
Es wäre wohl freundlich und gefueglich, dass sie bei den nach baren ^ zur 
mühle führen, sofern man ihnen da thete als auf anderen enden, denn sie 
wären sonst nirgends verbündet^ noch schuldig zu mahlen. ** [Das ältere 
Weistum sagt: „Item ouch en plag der loess vurzyden nit zo der Heiden 
zo malen um einche gedwange wille van den lanthern, dan hei selfs doin 
wolde*, wen dar gein mullener der loessen nialderen holen of der heren 
stroess* ind werden gedrongen zo der Heiden.**] 

„Ferner hat dieser schultheiss alle diese lehenleuten . . . ermahnt und 
. . . gefragt, wenn und ob sie jemands schätz gegeben oder sonsten dienst- 
pflichtig jemals gewesen oder zu gebot oder verbot ermahnt, ersucht oder 
gefolgt oder gestanden seien? Haben dieselbe . . . geantwortet und gesprochen, 
dass sie von ihren voreiteren niemalen vernomen noch sie selbsten in ihrem 
leben gesehen noch gehört haben, dass sie der" lanther jemals getrungen 
habe mit dienst, wachen oder andersten als ^ mit anderen desselbigen herrn 
untersassen, oder sonsten jemand anders dan ihr herr von Schönauen sie 
zu dienst gebot verbot oder von alsolchen lehengüteren zu Schönauen 
gehörend schätz zu geben getrungen hat, wie ihnen das von ihren voreiteren 
gelehrt ist und sie dessen unterrichtet gesprochen haben, und nicht änderst 
seie bis zu diesen tag zu, ausgenomen das gesprochene, davon nun Zwie- 
tracht ist entstanden, antreffend das gelt von den seh weinen wie obgemelt." 
[Das ältere Weistum klagt jedoch über Dienstforderungen seitens des Herrn 



*) einmal. 

*) Den Pfarrgenossen. Heiden sowohl wie Schönau gehörten zum Kirchspiel Kiehtericb. 

') verbunden, verpflichtet. 

*) Der Landherr zwang ihn nicht, wenn der Latc es nicht freiwülig that. 

^) So Qnix. Ich möchte lesen: nu darf . . . op der heren stroess. 

*) wie. 



— 70 — 

von der Heiden. „Item noch hat der lanther die loessen zo Schonouen in 
der breden (?) doin gebyden zo Horbach zo wachen ob lyf ind guet, dat 
nit me geleeft en wart. Item oiich hat der lanther die loessen gedrongen 
zo graven gelich synen verbonden lüden, ind die van deine gebode nit 
gehalden en hedden, die hedde hei willen penden ind un^ verbieden, dat 
sie der gemeinden nit gemessen en sulden, des en is den loessen nit me 
vurgelacht, ind hat an Godart* gesonnen, dat hei ime penden geve van 
den, die des gebots nit gehorsam geweist en waren; of ime das nit en 
geschege^, he solde die op die stons* doin penden.**] 

Die beiden folgenden Abschnitte handeln von den Frondiensten auf 
Schönau. Der erste ist fast wörtlich dem älteren Weistume entnommen 
und bereits oben mitgeteilt; der andere lautet: „Ferner auch schuldig sind, 
die ausbenänte benden zu mähen, wan ihre herrschaft selbe gemähet will 
haben, und ihnen von jedem morgen nicht mehr dan eine halbe mark 
aachisch gelts gebühret und den frauen die kost; wan die herrschaft das 
nicht geben wolte, so soll jede arbeiterin oder Wärterin nicht mehr haben, 
dan 2 buschen vorgeschriebenen gelts.** Das ältere Weistum setzt — nach 
Quix — eine ganze Mark Mähelohn für den Morgen fest und macht das 
Verabreichen der Kost davon abhängig, ob die Heri'schaft auf Schönau 
wohnt, sonst bekommt jede „wirkersse** ^ IV2 Schilling. 

„Und wan ihrer — lehenleuten oder lassen — einige verunrechtet würde 
ist er's schuldig an seine herrschaft zu Schönauen zu bringen, die ihn als- 
dan verantworten durch schrift oder änderst.** [„Item ouch en haven die 
lassen nie gesien, of ire einich verunrecht wurde, das soulden sy an ire 
herschaf bringen, ind ire herschaf S(mlde sy verantwerden ind darom schriven 
ind iren properen^ bode Ionen ind darom senden; so haven die vurfaren 
allewege gedain, ind of men das nit en dede, dat wer unrecht.*'] 

Folgende Vroegen des älteren Weistums (aus dem Anfange des 15. Jahr- 
hunderts) finden sich in dem von 1491 nicht mehr. 

1. „In dem irsten haven zween knecht zo Schonouen op dem hove 
sich geslagen ; so hat joncher Werner ' synen bode dar gesant op den 
hof ind die knecht haven joncher Werner dat moissen richten, das nie me 
da geschiet^ en is.** 

6. „Item ouch of Schonouen verkocht^ wüi'de, des of Got will nit en 



*) ihnen. 

') Wahrscheinlich Godart von Rode, Herr von Schönau. 

^) wenn das nicht geschehe. 

*) von stund an = sofort. 

*) Quix liest offenbar unrichtig „wyrdersse". 

®) eigenen. Die Stelle besagt, dass die Verteidigung des Hörigen ganz auf kosten 
des Herrn erfolgt und gründet auf dem uralten deutschen Rechtsgruudsatz, dass der 
Herr seines Dieners „Mundwart" sein soll. 

') von Schönrade zur Heiden. 

•) geschehen. 

®) verkauft. 



— 71 — 

sali, ind als man dat goet guedinge ind genoech doiii soulde, dat soiildc 
meii tegen die heilige soone doin, ind nien Iielt die guede van niemandc, 
dan van onsen herrn Gode ind syner liever moder." 

8. Aassage des alten SOjfthrigen Mewe, dass der Meveiidrisch zu 
Scliönau empfangen werden müsse. Amtmann war Gerard der Schmied, 
einer der Laten war Godart Nacken. Die Kinder des Mewe verkauften 
ihr Erbe an Thys Unbescheiden und an Hermaii Suyre. Letzterer übertrug 
seinen Anteil an seinen Bruder Rosa, ßoss Hess sich nun nicht vor dem 
Latenhofe in Schönau sondern in Wilhelmstein mit dem Grundstöcke belehnen, 
vielleicht weil Retnard II von Schönau, der älteste Sohn Reinards I, dort Amt- 
mann war. Nachher verkaufte Ross das Land an seinen Schwager Mathias, 
den Snhn des Schmieds. Da aber meldete sich der erste Verkäufer Herman 
Suyre und forderte das Gnindstück zurück, weil Ross dasselbe nicht in Scliönau 
empfangen habe, und es „wart yme mit recht zo gewiesen ind der This, Smids 
son die moiss dat guet noch eins gelden vor XXXIIII gülden". 

9. „Ouch des Vantz beind hat men over hondert ind hundert jair 
gehalden van den heirschaf van Sctiononen zo Schonouen zo guede zo 
untgueden, zo dienst zo geboede, zo wachen zo brachen gelich eimchen 
loesguet zo Schonouen, ind die alderen dat gelert haven, dat op dat guet 
gein boede en seulde gain dan der boede van Schonouen'." 

10. „Item ouch des Rouwen guet, dat Johan van Roede nu hat, dat 
gebeert ouch zo Schonouen zo gueden zo untgueden, zo wachen zo brachen, 
zo geboede ind zo dienst, ind ouch plach der aide Rouwe, woenden zo 
Aiche, zo Schonouen moissen komen als da gedinge was; des* en wilt dis^ 
Jannis des dienst vUrschreven egein doin, mer hei hat dat guet unt- 
fangen zo Schonouen; als die stat van Aiche vyant hadde, die op die 
guede woenden waren vry vür die vyant^." 

14. „Jtem ouch die beide vür den Hirz* hat allezyt over hondert 
jair ein alt herkomen geweist, dat der hof zo Schonouen ind die laessen 
zer Heiden mit^ haben gebruicht und sy' uns gemeinden weder um, ind 
um des wille dat iren graven zo is gegraven", so halden sy uns us der 
beiden ind Gruwell sint sync schafe darbiunen genumen." 

15. „Item noch haven die alderen ons jongeii gelert, dat in Ixi 
jaren nie vemomen is en wart, dat men vür ein par capuine ine bezailt 
hat gebät dan IX Schillinge, ind wat sy nu me geven, dat en soulde uit 
syn ind werden darby veninrecht." 

■) d, h. uar der Herr vod Scbönan hat Gerichtsbarkeit Über dieses GuL 
') indeasen. 
') dieser f 

') Wohl weil der Herr von Scbünuu sich ncntral verhielt oder iiuf selten jener 
Feinde der Stadt stand. 

'') die Bcrgcrhelde im Aachener Bcich. 

*) Quis bat onrichtig: njt. 

') die Bewohner der Bei^erbeide. 

') noch Anlage dea Landgrabensf 



— 72 — 

17. ^Item ouch vroegt der lantscheffeo, dat egein herschafsguede 
kümmeren aoch gedinge haven en süllea dau um des herschafs zins ind 
pecht. Der aide loess hat den jongen gelert, dat men op den guede zo 
Schonouen kümmeren vastinnen ordel wyseir solen, dat hat van alts alle 
wege gedan, wil't dat herschaf over lassen gan, so en kan's der laes nit 
gekennen.** 

Als Zeugen bei der Aufnahme des Weistums von 1491 dienten 
„Arnold Leyendecker capellan ü. L. P. kirchen, priester zu Achen ; 
Theis von Limburg, Johan Hessbach, Everard Duycker von Werden." Die 
ganze Verhandlung ist oifenbar nur zu dem Zwecke vorgenommen worden, 
um dem Graft als Grundlage bei der Beweisführung gegen die Eiugriflfe 
der Heidener zu dienen. 

1508 reichte Graft bei den Räten des Herzogs von Jülich eine 
Klage gegen die Frau von der Heiden ein, worin er dieselbe beschuldigte, 
dass sie Brüchten von seinen Untertanen nehme, dieselben gefangen halt«, 
mit dem Gemeindebusche nach ihrem Belieben verfahre: was alles gegen 
seine von den Voreltern ererbten Gerechtsame in der reichsfreien Herrschaft 
Schönau Verstösse, zu welcher Huflf, Grünenthal, Hand, Hirz, Richterich, 
Mevenheide und die Einwohner dieser Ortschaften gehörten. Die Klage lautet: 

„Veste ind froeme rede ind frunde etc. Dit sint alsulche clage ich 
Graft van Myllendonck ritter doin ind legen an juffrauen Marien vamme 
Roide, nagelassen widewen wilne Johans van Schoenroide heren zo der 
Heiden. Dat dieselve juflfrau Marie in myne hierlicheit Schönawe gedragen 
hat mit brüchen van mynen undersaissen zo nemen ind dieselve gefenklich 
zo der Heiden zo fueren ind na irme willen in den gemeinen busch zo 
handeln wider recht ind alle billigheit. Want ich myne alderen ind furvaderen, 
so lange als minschen gedenken is ind langer alzyt alle regalien laissen 
und gerichten in der hierlicheit Schönawe, Gott almechtich ind heiligen 
ryche underworfen, ind in zobehoeren zo Schönawe up gen Hoiflf, den Gronen- 
dal, Hand, Hirtz, Richtergen, Mewenheide ind over die undersaissen darinnen 
gehat ind gebruicht haven. Ich hoffen darum ganz ungezwyfelt, myn 
gnediger herre ind synre gnaden rede euer liebden willen die juffrauen 
Marien um sulchen yre unbillige onerbarenheit darzo halden, dat sy mich 
by mynen regalien laissen ind gerichten zo Schonawen wie vursclireven 
unverhindert laisse, mit erdeilungen kosten ind schaden, wie billig ind 
reicht is, Gegeven den 29. dach januari 1508." 

Genau zwei Jahre nachher erhob Graft Klage, dass dieselbe Frau 
zur Heiden sich die Gerichtsbarkeit über Grünenthal anmasse und in der 
ganzen Herrlichkeit Schönau Brüchten einziehe. Maria von Merode berief 
sich für ihr Recht auf das Zeugnis des Heidener Gerichts und suchte die 
Erklärungen der Schönauer Lateu durch Berufung auf anders lautende 
Aussagen derselben zu entkräften. So Hess sie Geständnisse gerichtlich 
bezeugen, welche Schönauer Laten, deren Namen jedoch nicht genannt 
werden, vor dem Gerichte zur Bank gemacht haben sollten. Eine Auf- 



— 73 — 

Zeichnung dieser Aussagen befindet sich im Richtericher Gemeinde- Archiv. 
Dieselbe lautet: 

„Dit hy na beschreven is alsulche vroege, als wir scheffen ind gericht 
von der Bank halden hueden ind van unsen vurvaren alzyt gehoirt haven, 
dat sy se ouch also gelialden haven als hy na beschreven volgt. 

Item halden wir in unser vroegen, dat die vroege aven lands ind 
den Gronendal geit ind dat der Groenendal binnen unser vroegen licht. 

Item haven gezuigt die laissen von Schoenauen, dat sy mynen heren 
van Guilich als eren lantheren ind ere juffrauen van der Heiden ind 
ere erven als pantheren hulde ind eide gedain haven, als undersaissen eren 
lantheren schuldig sint zo doin. 

Item die laissen van Schoenauen haven gezuigt, dat sy heren Graft 
van Mylendonck hulde ind eide gedain haven, syn ärgst zo warnen ind 
best vurkeren, als gude leenluide ind laissen schuldich syn zo doin. 

Item desselven geliehen haven sy ouch gezuigt, dat sy den vaegt 
van Valkenburg ^ ouch also gedain ind geloft haut, den einen als den anderen. 

Item noch haven die^elven gezuigt, dat sy neit gesyn en haven in 
hoire leiven dagen noch ouch neit en haven hoeren sagen van hoiren 
vurfaren, dat einig minsch, fraue of man, van leiven zo doit gewyst sy 
zo Schoenauen mit ordel. Dit hat der vaegt vur gericht mit . . .^ 
verbonden. 

Item haven die laissen vurschreven gezuigt, dat sy haven hoeren 
sagen, dat ein mau zo Schoenauen sich doit gefallen hat ind dat der halfen 
den up die straisse le verde ind laicht eme synen loin op syn lyf, ind dat 
do dat gericht van der Bank dar quam ind besach den man, ind do gaf 
der her orlof, dat men den man do begroef. 

Item Nelis van den Hirz hat gezuigt dat syn vader eins gebruicht 
hat ind dat he den heren van der Heiden vur die bruiche gaf 13 Schillinge; 
ind zuigten vort, dat der her van Mylendonck den heren van der Heiden 
darum schreif, ind dat he den brief in dat fuir warp. 

Item hat die aide Kathryn van Schoenauen, Lenart Vroesch ind syn 
raoder in desen jaren noch begert ein gebot van des lantheren boede in 
der kuchen' zo doin, um schaden wille hon^ geschah van den näheren 
an honen "^ leingrunde." 

Indessen fruchtete das alles der Frau von Heiden nichts; Graft 
erlangte im Jahre 1510 ein obsiegendes Urteil. 



^) Wie der Vogt von Falkenburg in diese Vroege kommt, ist mir unklar. Vielleicht 
ist einmal ein Mitherr von Schönau Vogt von Falkcnburg gewesen, das sich eine Zeitlang 
im Besitze Iteinards I bcfimden hatte. 

2) Ein Wort unleserlich. 

') So im Original, es wird aber wohl „kirchen" zu lesen sein. 

*) ihnen. 

*) ihrem. 



— 74 — 

Dieser Herr von Scliönau nahm am Hofe des Herzogs von Jülich 
eine angesehene Stellung ein. Er war herzoglicher Rat und gehörte 1510 
zu denjenigen, die den Abten von Deutz und Brauweiler, welche die Burs- 
felder Reformation in den Benediktinerklöstern des Herzogtums einführen 
sollten, von Seiten des Herzogs beigegeben waren ^ 

Graft starb unverehelicht. Die Besitzungen kamen an die Söhne 
seines Bruders Johann, von denen der älteste, ebenfalls Johann genannt, 
bereits 1514 gestorben war. Dadurch kam die Herrschaft Mylendunck an 
den ZAveiten, Dieterich, der bei der Teilung des Nachlasses seines Oheims 
Craft auch in den Besitz von Schönau gelangte, während Meiderich an den 
dritten Bnider, Heinrich fiel. Als auch dieser 1525 kinderlos starb, vereinigte 
Dieterich die drei Herrschaften in seiner Hand. Ausserdem war er Amt- 
mann von Orsoy, Herr von Pley^ und durch die Heirat mit Agnes (1526) 
Burggraf von Drachenfels. 

c) Dieterich von Mirlar, Herr zu Schönau (1521 — 1553), hielt 
am 13. Januar 1522 feierlichen Gerichtstag daselbst. Er „verurkundete 
und verband sich mit goldenen und silbernen Pfenningen an dem gerichte 
und sämtlichen umstehenden laessen, lehenleuten und untersassen in gegen- 
wart des würdigen und hochgelehrten doctor und herrn Johan Suderman 
canonicus und oantor^, herrn Dieterieh von der Reck, canonicus und 
proffian U. L. F. kirchen zu Achen*; dan ouch noch her Dieterich 
von Segerode, her Wolter von Wylre und her Johan von Edelborn* alle 
drei scheffen des königlichen stuls und Stadt Aohen**, endlich Peter 
Schrivert, der zu Gladbach Schultheiss war. 

Hier Hess Dieterich die Gerechtsame der Herren von Schönau fest- 
stellen. Der Eingang des Aktenstückes lautet: ^Kund und offenbar sei 
allen . . . wie dass heut . . . in| selbsteigener person komen und erschienen 
seie binnen Schönau der ehrenfest und fromme Dieterich von Mirlair, Herr 
zu Milendunck als nun der rechte herr alda zu Schönauen vor dem gehegten 
gericht und gespannener bank, besitzende von seiner liebden wegen das 
gericht der ehrbar Wilhelm von Richtergen als der schultheiss und richter, 
foi't die ehrsame und fromme Peter von Schönau, Arnold Koicks, Johan 
Naggen, Johan auf dem zehenhof, Peter Schmit vom Hirsch, Simon Palmen, 
Gerard Kockelkorn und Heinrich Engels als die geschworen und verord- 



*)Ropertz, QueUen und Beiträge S. 294. 

*) Zeitschrift des Aachener Geschichts-Vereins Bd. VIII, S. 214. 

^ Johann Suderman erhielt am 7. April 1496 durch das Kapitel das Kanonikat Reinaids 
von Schönrat; am 7. Dezember 1537 wurde Heinrich von 3Iilendonk sein Nachfolger. 
Als Sänger war Suderman der Nachfolger des uns bereits bekannten Walters von Blisia, 
der 1512 starb. Craft I verpachtete dem Kanonikus Suderman die Schönauer Weior 
1502 auf 6 Jahre für 45 Gulden ä 6 Mark aix jährlich. 

» 

*) Theodoricns de Reck wurde Kanonikus am 19. October 1512 an Stelle des ver- 
storbenen Theodorich von Milendonk, Erzpriester am 4. Juli 1521. Heu seh a. a. 0. 
S. 14, 13 '- »• 

*) Eilerborn. 



— 75 — 

nete lassen desselben gerichts um jederman recht und urtel zu geben 
wie vor alters. Und hat sofort der Herr von Milendunck als herr von 
Schönau durch denselben seinen schultheiss Wilhelm das gericht zusamen 
und besonders lassen fragen und niainen auf ihren hulden und eiden, so 
sie ihm gethan haben, auch in gleicher weise die lehenleute mit denen 
untersassen um von aller hoheit herrliclikeit und gerechtigkeit des herrn 
und hauses Schönau, daran in- und zubehörungen, wie sie solches von ihren 
eiteren behalten, gesehen und gehöret haben, niemand zu lieb oder zu leid 
deswegen anzusehen, die rechte Wahrheit allenthalben zu offenbaren und 
solches von sich zu geben. Und begehre te dieses in dieser massen so zu 
geschehen, weilen er, der herr vim Milendunck, mit seinem bruder Heudricheu 
herren zu Meiderich nun kürzlich geschieden und sie sich zusamen darüber 
vertragen hätten, dass er . . . das haus und herrlichkeit Schönau mit allen zuge- 
hörigen gerechtigkeiten für sich und seine nachkömlingen erblich behalten 
solle. Dahero dass er als der herr nun wüste und mit allem unterschied 
als recht belehret würde, wie er und seine nachkomelingen jederman, 
grossen kleinen reichen und armen nach altem herkomen thun solte oder 
auch zu recht thun schuldig wäre, wie imgleichen auch das gericht, 
lassen, lehenleute und untersassen alda ihm und seinen erben hinwiderum 
von rechts- und alten herkomens wegen zu thun ptlichtig und schuldig seind, 
dabei niemand in seiner zeit oder nach ihm durch seine erben in einigen 
theil verkürzet oder über manier deren rechten vor genomen werden 
mögte: und darum dessen nichts verhalten bei denen eiden, so sie ihm 
als ihrem herrn gethan hätten und er hinwiderum ihnen als seinen unter- 
sassen, sie dabei zu beschirmen und hanthaben." 

Nun fragte und mahnte der Schultheiss „in statt des herrn als 
richter" die Laten als Gerichtsbeisitzer zuerst, dann die Lehenleute und 
sämtliche Untersassen ^ Dieselben baten um eine gemeinschaftliche Beratung, 
traten ab und erklärten nach ihrem Wiedereintreten: Der selige Graft 
habe in vergangenen Jahren ein Instrument über die Schönauer Gerecht- 
same anfertigen lassen ; man möge ihnen dieses vorlesen : was sie dann 
noch wüssten, würden sie sagen. Als Grundlage diente demnach das 
Weistum von 1491 ; dasselbe wurde von Artikel zu Artikel verlesen und 
anerkannt, dann das Folgende hinzugesetzt. 

Peter von Schönau erklärte, zur Zeit wo er Schultheiss gewesen, 
habe der Herr den Jakob Büschgen ergriffen „weilen er getrohet habe 
und auch von anderer böser fama war". Derselbe wurde zu Schönau 
in den Stock gelegt und blieb darin „wol 28 wochen lang und solte darum 
alda gerichtet worden sein, dan durch bitt sein Peters und anderer freunde 
wurde er begnadigt und gukle sich ab und thätigte die briichten an der 
trauen von Mylendunck und diente ihr darzu eine Zeitlang dafür". 



*) Die Fragen waren natürlich vorher entworfen und festgestellt „Pro memoria 
actum uf mandach octava cpiphanie 1522.** 



— 76 -- 

Ferner berichtete Peter über zwei Frauen, die sich geschlagen hatten. 
Er führte sie vor „seine frau von Mylendunck seliger" und beide bezahlten 
ihre Bussen „als der herr von Schönau da war". In diese Sache mischte 
sich die Frau von der Heiden; sie liets den Mann des einen Weibes greifen, 
ins Gefängnis werfen und forderte von ihm 15 Gulden „solte er loskomen, 
ausser die gelacher" \ 

Endlich erklärte Peter, er und sechs seiner „Stuhlbiüder" ^ hätten 
den Inhalt des Dokuments von 1491 vor dem Hauptgerichte zu Jülich — 
in dem Prozesse Grafts gegen Maria von Merode — jn allen Artikeln 
wahrgehalten; der Herr möge dasselbe nur gut verwahren. 

„Danacher hat der schultheiss die lassen gemahnt, wannehe jemand 
inländisch oder ausländisch, zu Schönauen an rechten zu thuen hatte, wie 
der das eusseren und wie demselben da zu recht geholfen werden solle? 
Nach bedenken der lassen haben sie geantwortet: dieselben sollen dem 
alten herkomen nach mit recht bei ihnen verfahren; was das gericht weis 
ist, mögen sie lehren, was sie nicht weis sind, sollen sie derer parteien 
ansprachen und antworten scliriftlich mit zugehörenden rechten annehmen, 
sodan selbige in des herren kamer zu Schönauen fortbringen, darauf recht 
und urtel da gesinnen, die urtel da einholen und solche dan den parteien 
auf deren begehren auf einem gerichtlichen tag bei ihrem gericht eröffnen 
lassen, also dass ihnen sofort von dem herrn zu rechten geholfen werde." 
Die Laten beriefen sich darauf, dass sie eben am selben Tage noch zwei 
Urteile vom Herrn „vorgeholt" und den Parteien eröffnet hätten. 

Für die Laten und das Gericht, die kein eigenes Siegel hatten, siegelte 
der Vogt zu Mylendunck, Laurenz Beik, zur ferneren Bekräftigung noch 
der Sänger und der ProflBan^ „auf bitten und begehren unseres lieben 
besonderen und verwanten, des herren von Mylendunck". 

Im folgenden Jahre schloss Dieterich den oben mitgeteilten Vertrag 
über die Grenzen der Herrschaft und die Gerechtsame der Herren von 
Schönau mit Werner von Schönrat zur Heiden. 

Dieterich hatte jedoch schon vor dem 13. Januar 1522 seine Joyeuse 
entree in Schönau gehalten und den Eid der Unterthanen entgegengenommen. 
Im Schönauer Archive findet sich die gleichzeitige Abschrift eines Briefes 
aus dem Jahre 1521 vom Tage nach Judica, d. i. Palmsonntag, in welchem 
Dieterich das Gericht bei dem „op die groise bruiche" geleisteten Eide 
zum genauen Gehorsam gegen seine Befehle mahnt. Das Schreiben gibt uns 
auch wünschenswerten Aufschluss über die Weise der Gerichtsverhandlungen, 
denn es handelt von einer sogenannten Hauptfahrt, d. i. von einer Befragung 
des Jülicher Hauptgerichts zum Zwecke der Belehrung der Schönauer 
Laten, welche der Herr zur Heiden verboten hatte. Dieterich schreibt: 



^) Gerichtsgebührcn. 

*) Die Gerichtsschöffen. 

') Erzpriester, der Pfarrer vou Öt. Foilan in Aachen. 



— 77 — 

^Myne groiss, lief schoultis ind getruwe. So ir mir geschriven hat, 
wie etzliche parthien an mynen rechten zo Schönauen zo doin hont etzlichen 
gebrechen halven, des denn myn gerichte alda by sich selfs davannen recht 
ind oirdel zo geven niet wis en sye, darum sie nae uitgewisdom des gerichts 
ind herkomst sich beroefen hant um vurder geleert zo werden, daby den 
parthien alles diels recht wederfaren moicht. Da ouch beide parthien um 
recht zo erlangen bylage gedain hont, darop ir ind dat gerichte neist 
zokomende donersdach zo Guilich erschynen sould, so ich ouch alsdan op 
vurgerorte zyt da syn werde, daby ir geleert moicht werden um den 
parthien zo rechte zo helfen: So verstau ich, wie der van der Heiden 
durch synen vaet ind gerichte raynem gerichte hat lassen bevelen gein 
houft oirdel lassen zo holen. Wilch mich ganz ser befremt, so ich dem- 
selven heren van der Heiden naberschaft halven alda ändert niet geneicht 
sye dan mit fruntschaft ind ouch demselven (in) geinerlei manier onder- 
worfen bin." Dieterich befiehlt dann dem Gerichte und den Parteien am 
bezeichneten Tage in Jülich zu erscheinen, damit er sie nicht wegen Un- 
gehorsams zu bestrafen brauche. Gemäss seinem Eide werde er ihnen 
allen Schaden ersetzen, den der Herr von Heiden ihnen deswegen zufügen 
möchte. 

Nach dem Weistum von 1522 gingen diese Hauptfahrten nicht mehr 
wie früher nach Jülich ans Hauptgericht sondern an den Herrn von Schönau. 
So schrieben die „gemein laten des gereicht zo Schönau" 1523 an Dieterich: 
„Wisset leve jonker, so euer liebden am lesten ein ordel zo Schönauen 
mit den vait geschit hat, antreffende Dederich van Reichtergen ^ und syne 
mitgedelingen eindeils und Arnold Duitsen anderteils, so dan Dierich van 
Reichtergen und syne mitgedelingen in den verluss sind vonden und na 
ansprach ordel erkant is worden, so haven Dederich . . . up dat ordel 
appellirt in kamergericht^ und hoffen, sie sullen da ein geneitlichcs und 
besser ordel erlangen unde begeren von uns gerichten, der halfen besonder, 
eine afschrift des ordel zo haven." Das Gericht glaubte jedoch dazu erst 
verpflichtet zu sein „wenn gebeidong us deme kamergericht komen over- 
mitz des kamerrichters boeden mit dem roden segel"^ Die Appellanten 
klagten dagegen über Verzögerung und machten die Schöffen verantwort- 
lich für allen Schaden, der ihnen hieraus erwüchse. Darum wendeten sich 
die Laten an den Herrn. „Und begeren wir fruntlich von euer liebden 
as uns heuft underrichtung zo haven und geleirt zo sein, wat wir hierin 
schuldig zo doin weren, of wir in* die afschrift zo eren gesinnen leveren 
sulden of wir sie langer an uns behalten sullen." 



*) Die von Richterich waren im 16. Jahrhundert Halfen des Zehenthofs und lilngere 
Zeit Schnltheissen und Reutmeister von Schönau. Sie beaassen in der Kirche zu Richterich 
ein Erbbegräbnis, woran ihre Nachkommen noch im 18. Jahrhundert berechtigt waren. 

*) Die Berufungen gingen vom Gericht an den Herrn, von diesem an das Reichs- 
kammergericht. 

*) Siegel *) ihnen. 



— 78 — 

Die „Deduktion" nennt unsern Dieterich als denjenigen, deni Karl V. 
in der jüliclischen Fehde die Regalien und die Gerichtsbarkeit Schönaus 
bestätigt habe. Infolge dieser Bestätigung hat Dieterich auch wohl das 
Münzrecht ausgeübt. Quix^ beschreibt eine dieser Münzen. Sie war von 
Silber, 2^2 Lot scliwer und zeigte auf der Vorderseite Dieterichs Brust- 
bild mit der lateinischen Umschrift: Theoderich, Herr zu Mylendunck und 
Schönau, auf der Kehrseite sein Wappen und die Worte: Neue Münze der 
Herrschaft Schönau 1542. 

Aber die neue Münze verhinderte nicht, dass Geldnot sich auch im 
Hause Dieterichs einstellte. Am 2. des Brachmonats 1553 schrieb der 
Schultheiss Wilhelm von Richtergen an die Frau von Mylendunck-Drachen- 
fels: er könne kein Geld schicken, weil ihm weder der Hälfe Winand noch 
der Wirt im Pannhaus ihre Schuld entrichtet hätten „dan sie beklagen 
sich alle der theuren zeit und dass keine nahrung ist**. Wenn die Frau 
keinen Ausstand geben sondern Pfandschaft für die Beträge oder Umschlag 
gethan haben wolle, dann möge sie schreiben. Er mahnt sie selbst aber 
auch. „Ferner liebe juflfer, ich schicke euer liebden von dem singer von 
Aachen* und noch eine hantschrift von seiner wirden diener, fordert die 
renten des altars hart und sehr und lasst den dienst des altars ungethan, 
nemlich die sontagsmess, die vor 80 jähren geschehen ist in Zeiten herreu 
Wolters von Bilsen sei. und in zeiten D. Sudermans sei., die den altar beide 
gehabt haben und allezeit der dienst geschehen und vollbracht ist.** 

Dieterich war um diese Zeit schon tot; im genannten Jahre folgte 
ihm seine Frau. Ihre Kinder waren: Dieterich II, Herr zu Mylendunck, 
Drachenfels und Reuland. Er heiratete 1548 Theodora von Bronckhorst- 
Batenburg, Witwe des Franz von Schönrath, Herrn zur Heiden. Infolge 
dieser Heirat nahm Dieterich auch letzteren Titel an. 1557, Januar 28. 
wird er als Mitglied der Aachener Sternzunft angeführte Als Theodora 
1564 starb, suchte Dieterich sich im Besitze der Herrschaft Heiden zu 
erhalten. Das gelang ihm aber nicht, der Herzog von Jülich belehnte 
vielmehr am 8. Mai genannten Jahres die Brüder Werner und Wilhelm 
von dem Bongart mit derselben. Dieterich Hess sich dadurch nicht ab- 
schrecken; er brachte die Sache an das Reichskammergericht. Das ergibt 
sich aus einem Proteste, den er am 19. Juni 1567 gegen ein Edikt des 
Aachener Schöffenstuhles einlegte. Wilhelm von dem Bongart hatte ihn dort 
wegen eines in der Stadt gelegenen „aber in alle weg ohne einig mittel 
zu und an das haus und herrlichkeit zur Heiden zugeeignet und gehörigen 
hauses*** verklagt und das Gericht sich auf die Klage eingelassen. Dieterich 



') Schönau S. 20. 

*) Damals war Kantor am Münster Johann von Cortenbach, der anfangs September 
1655 starb. Hcusch a. a. 0. S. 18 *. 

^) Zeitschrift des Aachener Geschichts-Vercins XV, S. 292. 

*) Es handelte sich um das in der Bendelstrasse j^elejjene „Haus zur Heiden'*. Das- 
selbe befand sich noch 1571 im Besitze der Mylendunck, wie aus folgendem Posten der 



— 79 — 

erklärte „diese causa emergens sei eine pertinenz und zugehörig stück der 
hauptsachen, so an dem hochlöbl. kaiserl. kammergericht noch unerörtert 
rechthengig schwebt**. 

Der zweite Sohn Dieterichs I war Gothard von Mylendunck, Herr zu 
Goer, Fronenbroich und Meil, gestorben 1576. Seine Frau hiess Maria 
von Brederode. Er ist mit Dieterich II nach dem Tode des dritten Bruders, 
Craft II, Herr zu Schönau gewesen. Von den beiden Töchtern Dieterichs I 
heiratete Aluert den Philipp Dieterich von Braunsberg, Herrn zu Burgbrol, 
Merxheim und Alken; Elisabeth den Adolf von Wilich, Herrn zu Disfort. 

d) Craft II von Mylendunck, Herr zu Meiderich, Soron, Schönau 
und Warden (1552 — 1574). Seine Ehe mit Margarethe von Merode zu 
Petersheim, welche am 25. Oktober 1575 ihr Testament machte, war 
kinderlos; doch hatte Craft zwei uneheliche Kinder: eine Tochter, deren 
Aussteuer „heiligspfenningen*' die Neffen Craft III und Baltasar laut dem 
Teilungs vertrage von 1591 übernehmen sollten, und einen Sohn, ebenfalls 
Graft genannt, dem Margarethe in ihrem letzten Willen eine neue Kleidung 
und 25 Thaler vermachte und dessen Kostgeld der Schultheiss zur Warden 
halbjährlich mit 8 Philippsthalern bezahlte ^ 

Am 11. Januar 1553 bezeichnet der Aachener Rat den Craft und 
dessen Mutter als Herren zu Schönau, indem er von ihnen fordert, sie 
sollten den durch den Juden Alexander geschädigten Webern zu ihrem 
Rechte verhelfen. Damals war demnach die Erbteilung zwischen den Brüdern 
bereits vollzogen, aber die Mutter führte in Schönau noch die Verwaltung. 

1558 am 13. März stellte Craft von Duisburg aus den ehrbaren Clemens 
Schmal aus Langenberg als Schulmeister in Richterich an und befahl den 
Unterthanen in der ganzen Herrschaft, denselben als solchen anzuerkennen. 
Die Berechtigung hierzu hat Craft jedenfalls in dem Umstände gefunden, 
dass die Schule im schönauischen Teile Richterichs lag. Leider enthält 
die Bestallungsurkunde keinen Hinweis auf die Konfession des Schmal; 
mutmasslich gehörte derselbe der calvinischen Richtung an wie die Mylen- 
dunck. Wann letztere vom katholischen Glauben abgefallen sind, kann ich 
nicht feststellen, wahrscheinlich schon früh. Denn da die Gemeinde zu 
Duisburg, wo die Familie wohnte, bereits 1538 sich dem Calvinismus zu- 
wandte, darf man annehmen, dass auch die Mylendunck um jene Zeit dem 
Glauben ihrer Väter untreu geworden sind. Jedenfalls ist der Abfall der 
Gemeinde zu Meiderich im Jahre 1547 nicht ohne Zuthuen der Mylen- 
dunck als Herren daselbst erfolgte Dass Crafts Witwe calvinisch war, 

Schünancr Rcclmung aus jenem Jahre hervorgeht: „Item hab ich einigemal von meinem 
gnädigen herm Schreibens ontfangon, um das kom zu Schönauen zu verkaufen und das einen 
kaufman zo verlassen. Hab ich sulch nit zu wegen können brengen, und obgemelte kom 
in das kaufhaus gefort und in die 3 wochon alda gelegen. Hab ich das körn nemlich 
39 mttd wider uf sacken und in das haus zu dor Heiden ausscbüdden lassen." Das Lager- 
geld betrug pro Müd 8 Heller. 

Rechnung von 1579/80. 

*) Ennen, Gesch. der Reformation u. s. w. S. 104. 



— 80 — 

steht fest; denn nacli ihrem Testamente sollte „herr Johan, der prädikant, 
eine ehrliche belohnung" erhalten. Und da sie zu Duisburg an der Seite 
ihres Mannes begraben sein wollte^, so ist zu vermuten, dass Graft dem- 
selben Bekenntnisse angehörte. 

Mit seinen Vermögensverhältnissen hat es nicht gut gestanden. Vom 
Kloster St. Maximin in Köln hatte Graft 600 Goldgulden geliehen und da- 
gegen 28 Goldgulden sowie 28 Thaler jährliche Rente auf sein Gut Münster- 
hausen verschrieben. Er blieb aber die Zinsen schuldig, sodass das Kloster 
sich in den Besitz des Pfandes setzen wollte, welches ein Lehen der Abtei 
Essen war. Von einem andern Gläubiger hatte er 300 Goldgulden, die nach 
seinem Tode auf Anweisung Dieterichs durch den Schultheissen in drei 
Jahren bezahlt werden sollten. 1559 „hat Gracht von Milledonk . . . Petro 
Brewer zu Sierstorf 12 malter roggen ausm wardenischen erbpfacht auf 
ewige widerlös für 200 goltgulden" und „anno 1566 hat selbiger Gracht 
.... dem Franken Severins zu Lürrenzich abermalen aus seinen erb- 
renten zur Warden auf ewige widerlöse verkauft für 200 Joachimsthaler 
5 malter roggen und 5 Joachims-Thaler^*'. 

1560 April 1. kauften die Testamentsvollstrecker des Dechanten 
ü. L. F. Kirche zu Aachen, Johan PoUart^, für ein Legat desselben zu 
gunsten der Hausarmen, welches 392 Goldgulden und 400 Joachimsthaler 
betrug, von Graft einen Erbpacht von 14 Aachener Müd Roggen und eine 
Erbrente von 20 Thaler. Graft legte Pacht und Rente auf Hof und Gut 
zu Schönau mit der Weisung an den Pächter, beides vor allem anderen aus 
den Erträgen zu berichtigen. Die Ablösung war vorbehalten. 

1563, Mai 3. gestattete Graft „aus sonderlicher gunst und freund- 
schaft** seinem Schultheissen Wilhelm von Richtergen, „eine löse und wider- 
kauf** der genannten Renten, wobei er sich wiederum die Einlösung vor- 
behielt. Das führte später unter Baltasar zum Prozess. 

1572 am 12. Juli beorderte Graft den Rentmeister Keinen nach 
Petersheim — und zwar sollte er gleich gehen, bevor das Kriegsvolk die 
Wege dorthin verlegt habe — um die Rückstände zu erheben, deren er 
jetzt „aus ehehaften gründen" bedürfe, und ihm das Geld nach Duisburg 
zu schicken. Über die Einkünfte aus Schönau berichtet eine Rechnung 
des Rentmeisters Wilhelm von Richtergen. Graft hatte in den Jahren 
1554—1560 von Schatz 2164 Gulden 14 Albus, von Geleitgeld der Juden 
in Richterich 257 Gulden, vom Juden Alexander 36 Gulden, von Weggeld 
240 Gulden und von Accisen 452 Gulden erhalten. Die Ausgabe des 
Jahres 1566 betrug 472 Gulden 18 Albus 9 Heller; die Einnahme von 
1568: 415 Gulden 10 Heller; im Jahre 1569 belief sich die Einnahme auf 



*) Richardson, Gesch. der Merode I, S. 158. 

«) von Fürth, Beiträge u. s. w. II, 2, S. 94. 

^) Johan PüUart der Jüngere wurde Kanonikus am 3. Oktober 1527, Gehülfe des 
Dechanten mit dem Rechte der Nachfolge am 29. März 1537 und Dechant am 6. Mai 1541. 
Er starb 1554. Heusch a. a. 0. 15*, 17*. 



— Sl — 

584 Oiüden II Albus, die Aasgabe dtgef^ii naf tlKl ihildnii 'J'i ADhih 
2 Heller. Ans der Rechnung des letztgenannten .TAlirt'N liolm icli fiilKomlo 
Posten ans. welche von allgemeinerem Tntvrosfo soin ilflrUiMi, 

„Folgents tags ist mein g. hon- auf Schnnanon gi^Htlcn inul >l<>n 
abent nncb zu Aich gangen, (laaelb»t in die 4 ditg M dein oiiKllH>'lii>n 
heim verblieben, niitlerweil verzert 80 guldon I iilb. 

Item bat dasmal mein g. berr eine nnclit in Kriiiolmd ' h-kwomkii mitl 
zweimal gebad, vor das bad auf befetcb im gnaden K(<tivbi>n 1 iliilt'i- 
2 gülden 4 alb. 

Item an wein und Unkosten ins bad IH alb. 
Item den badknechten und megdon 12 alb. 

Item ist mein g. herr mit dem cngÜHchon xo Hortiirlinl. dio lijid»t' 
zo besehen verritten und im CJlntz aliffostamlcn und i'uthlMiiriri* iirnl vnit 
dannen 1 äesch weins mit auf Aich genoinon'. Davor lii>/iihll: II (>ii1ilt'ii 
20 alb." 

Wie wenig hanshälteriRch man verfuhr, i>rt(\\it. Dich aim riilc»iii|i>rii 
Zuge. Der Bote Kirdekatz wnrdo cigtiiiM von McIiOmiiii iiitt'li DiiIhIjhk* 
geschickt, um dem Herrn zwei Pfujul hlii^lihi'ii|iiilvt<r niid „irii<liii>r (r>"«llt{"ii 
frau VII loth klein» gamK" zu briiigitiil 

Graft hielt sich zwar me'rüt in DuiHlmrg nut, t\\u>r <>r vi>rtini'UUinHi\rU' 
Schdnau nicht. Um 1566 baute er datf'llml «In nniKiit IfniH; aii<')i lltili- i-r 
seine Herrenrechte. 1572 ßllte er ei» Urteil /weiter liiRtiiii/ In Hm-itfii 
Peter Haupts gegen Peter von Mnulnu^h, woj^'-irn» der l^l/li'n' im' h "■'■iinii-r 
appellierte. Eine andere IMhätiirung tu-.'iiu-.r Hi;T\i:hiH\thrV*'U. \ninUti Hm iti 
einen Prozess mit Wilhelm v^n Ii'((i;f.irl., Murr» mr II<'i'l''(i, 

Craft hatte ein'rn nui!'').'ir-nui':u H'li'irouJ'T ihinU miii-u tiiih't, ilniut 
Hattingen. gr*ilen nnd a'if di" '-<i'f/j'lj'ri * flilir'-ti In-"»», Wdt»' Im 'f/nff 

seinenwils den David, v^rt Um »'it ili-m itmif. Hi ni'ii i<i in !-■/-.' n* 

Turm, hielt si.n xr:J7.\.^.-' :. l'-u M-wi.iU „],»•■/'■ v {■■<■'.'• i' ,• t\.:i.i,*> m. . 
an einem S-rr.v.'i; ?--,•:. :, .:. I-r Vi.r- fn- \i'.r* thit /.'in, ■•■y>'if u i.u- ttiw ■ 
and zrn:^ i\: •-.:. }'. :■■ .- '/■;,',',• cm KI.i;/' ■/'/'■• '•• •> iUtt: r,-, 
.■^r-hrtrau »■-' !'■»> *"?,.,/, .■•. -- M',- -,' ;.'..tz p-v 
einzolej^ii. I'i- ■"i* '. -• .■' ! i'. ■■ ■ / /■ *. ' t,.f •'.-■ 
verBpn^ ■■---. ii'"*- '-.r *".- * ■ •'-.., ■" .-. •/ . »' 






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— 82 — 

Jülich. Graft, sagt er, habe nui* einen Lathof oder eine Latengerichtsbarkeit, 
er werde auf dem (Seidener) Vogtgediiig von seinen eigenen Leuten gevrogt, 
dass ihm weiter nichts gebüre, als für seine Latgüter Erbung und Gütung 
zu thuen, für Ausgang und Eingang, Erbzinsen und Erbpächte mit seinen 
Leuten zu dingen, und nun schädige er die Heidener Gerichtsbarkeit, indem 
er deren Untergebene greife und in Eisen schlage, Juden und andere 
Sektirer geleite, die Schönauer verhetze, dass sie nicht auf der Heidener 
Zwangmühle mahlen liessen, ja selbst Falschmünzern Aufenthalt gewähre. 

Der Herzog forderte Graft zur Verantwortung auf, der Schönauer 
antwortete jedoch nicht sofort und entschuldigte nachher die Verzögerung 
damit, dass er sich in ehehaften Geschäften auf Reisen befunden, auch 
mit seinen Brüdern die Sache habe besprechen müssen. Dann erklärte er 
die Anschuldigung wegen der Bedrückung der Heidener, die Aufhaltung 
der Sektirer und Falschmünzer sowie die Behauptung von der Aussage 
seiner Laten für unwahr, die Geleitung der Juden und den Schutz der 
Schönauer gegen den Heidener Mühlenzwang für sein gutes Eecht. Und 
indem er den Spiess umdrehte, warf er seinerseits dem Herrn von Bongart 
Bedrückung der Schönauer und Verletzung der schönauischen Gerechtsame vor. 

Der Herzog sandte eine Untersuchungskommission, deren Kosten für 
Graft der Rentmeister in folgenden Posten verzeichnet: 

„Item in februario mein g. herr mit den commissarien und iren dienern 
IX tag alhie stille gelegen, gehalten 154 malzeiten, jede ad 4 alb. facit 
31 gülden 4 alb. 

Item 46 soppen jede ad 2 alb. facit 3 gl. 20 alb. 

Item als die commissarien von hinnen geritten, bin ich mit denselben 
uf Gtilich geritten und inen daselbst ir geld uberliebert; haben M. Martin 
und ich dasmal verzert 11 gl. 10 alb. 

Item M. Martin von mir dasmal vor zergelt gefordert 2 gl. 18 alb. 

Item dasmal in der commission sach an wein gehabt 35 flaschen, 
jeder quart 6 alb., facit 35 gl. 

Item dem commissario Reutlin und secretario Pottgiesser vor ire 
belonung gegeben 36 goltgulden facit 90 gülden. 

Item dem licentiato Reutlin vor Verehrung 20 thaler, facit 43 gl. 8 alb. 

Item dem secretario Pottgiesser 10 thaler, facit 21 gl. 13 alb. 

Item haben dieselbigen, ehe sie zu Richtergen kamen, auf der reisen 
verzert ... 17 thaler 7 alb., facit 38 gl. 8 alb. 

Item Kumpstoff gegeben 5 thaler, facit 10 gl. 20 alb." 

Aber in Jülich wehte für Graft kein günstiger Wind. Darum reichte 
derselbe im Juni 1566 eine Klage gegen von Bongart beim Reichskammer- 
gericht ein und verwickelte in dieselbe auch den Herzog, indem er behauptete. 
Bongart habe sowohl für sich „als auch von wegen austrücklicher ratifikatiou 
und befelch des hochgebornen Wilhelmen, herzog zu Gülch neulicher zeit** 
angefangen, sowohl in der Herrschaft Schönau wie auf den umligenden 
Gütern „neue unerhörte gebot und verbot zu thun, arresta anzulegen, die 



— 83 — ' 

aDterthanen von seinen, Gräften ires angebomen herrn gehorsam abzutringen, 
auch abtrag zu heischen** u. s. w. Unterm 7. Juni bestellte er von Duisburg 
aus zu seinen Anwälten in Speier die Advokaten und Prokuratoren Georg 
Berlingen und Ludwig Stahel. Wegen dieses Prozesses liess sich Kraft 
im Jahre 1569 mehrere Zeugnisse über die Rechte eines Herni von Schönau 
durch das Gericht ausstellen, die aber nichts enthalten, was nicht schon 
aus den früher besprochenen Weistümem bekannt wäre. 

Interessanter ist ein Brief des Schultheissen vom 7. Oktober 1568. 
Derselbe berichtet über die Brandschatzung der Stadt Aachen durch den 
Prinzen von Uranien und gibt Einzelheiten an, von denen sich sonst nichts 
findet; auch spricht er von den Verlusten, die Schönau bei dieser Gelegen- 
heit erlitt. Er teilt Graft mit „wie die underthanen zu Schönauen grossen 
schaden von dem kriegsfolgh erleden haben, aber die halfwinnersch hat 
oberaus grossen schaden erleden an ire beisten *, und alles, was sie im 
haus gehat iss ir abgenommen worden . . . Vergangen sondag haben vor 
der stat Aichen gehalten tussen * zwei und drei dusent von meines g. f. 1. 
reuteren und die geistliche geflode* goder daraus gefordert oder 
die perschonen . . . . Iro f. g. haben sich sedigen* lassen mit 40000 
goltgulden und darzu weiten sie* iro f. g. geschenkt haben 300 müd roggen/ 

Nach der Niedei'werfung der niederländischen Aufrührer durch Alba 
waren viele derselben in die Aachener Gegend geflohen. Einer, Jacob 
Kalf von Mastricht, Bürger von Antwerpen, hatte sich im Grünen thal 
niedergelassen und dort länger als ein Jahr bei Dieterich dem Wirten zur 
Herberge gelegen, als er am 26. Februar 1571 morgens um 4 Uhr durch 
die Befehlshaber des Herrn von der Heiden: Vogt, Gerichtsbote und Burg- 
graf aufgehoben und nach Heiden geführt wurde. Bei dieser Gelegenheit 
wurden etliche seiner Kisten geplündert, der Stall erbrochen, zwei gute 
Hengste mit Sattel und Zeug sowie fünf gute Büchsen weggenommen. Der 
Bruder des Schultheissen, Edmund von Kichterich, setzte Graft sofort von 
dieser „unerhörten und schädlichen handlung** in Kenntnis. Der Gefangene, 
berichtet er, solle durch einige, welche in jüngster Zeit justizirt und hin- 
gerichtet worden, wegen verübter unredlicher Stücke verklagt sein. Da 
beide, der Mann wie die Frau, guten Geschlechts und wohlbefreundet seien, 
werde letztere wohl alle Mittel aufbieten, um ihren Mann zu befreien. „Darauf 
sie vielleicht auch wol alsbald (dan Bungart sich allerlei indmcht von euer 
gnaden befurchten wird) solle gehört werden. Dan so gelt vorhanden, mocht 
er wol, ob er schon anders verdient, im beutel gehenkt werden.*' Eine 
böse Bemerkung aus der Feder eines Mannes, dessen Bruder Schultheiss 
war! Zum Schlüsse fordert Edmund den Graft auf, diesem Eingriffe des 

') Vieh. 

•) zwischen. 

«) geflüchtete. 

*) sättigen = befriodicrcn. 

•) Der Aachener Rat. 



— 84 — 

Heideners entgegenzutreten: „want so ime dis nachgelassen und zu gut bleiben 
würde, wird unser* und aller euer gnaden armer underthanen alhie, so 
sich ime jemals im geringsten widersetzet haben, ubele gew . . .* werden,** 

Am 1. Februar 1572 ernannte Graft von Duisburg aus den Stefan 
von Richterich, der ihm ebenso wie sein Vater und Ahnherr treu gedient, 
zum Schultheissen in Schönau mit 50 Thaler Gehalt, den Qerichtseinkünften, 
den Erträgen des Schultheissenamtes und dem zehnten Pfennig aus den 
fallenden Brüchten. 

Nach dem Tode Craft's gingen die beiden überlebenden Brüder mit 
dessen Witwe einen Vertrag ein. Sie hielten denselben jedocli nicht, noch 
zahlten sie das festgesetzte Wittum. Dafür schloss Margarethe beide von 
ihrem Testamente aus, gab aber den Kindern derselben wie auch denen 
ihrer Schwägerin Elisabeth von Wylich je einen goldenen Ring mit einem 
Totenkopf als Andenken ^. 

e) Dieterich von Mylendunck, Herr zu Mylendunck, Drachenfels, 
Reuland, und Gothard von Mylendunck, Herr zu Goer, Fronenbroich 
und Meil werden als die Erben der „Meidericher Güter", d. h. der Besitzungen 
Grafts II bezeichnet. Am 8. August 1574 empfing Gothard den Eid der 
Schönauer, jedenfalls auch für seinen Bruder, denn in den folgenden Jahren 
treten beide als Herren von Schönau auf. Eine Rechnung verzeichnet die 
Kosten der Huldigungsfeier: 4^» Gulden! Dafür erhielten die Unterthanen 
ein Ohm Bier „und etlich brot und keis darzo**. 

Während der Monate Juni, Juli und September war Gothard im Gornelius- 
bade zu Aachen mit der „ Taghaltung ** seiner Schwägerin von Meiderich 
beschäftigt; die Kosten bezahlte der Schultheiss mit 60 Thaler ad 52 alb. 
und 6 alb. So viel kostete ein Vertrag, der wie die Witwe klagt, doch 
nicht gehalten wurde. 

In demselben Jahre beauftragte Dieterich den Richter zu Meiderich, 
Herman Krain, von den Stiftern Essen und Werden die Höfe Münster- 
hausen und Hesingen zu erheben, so wie „bruder Graft und weiland her 
vater Dieterich sie inne gehabt**. Zur Erhebung Münsterhausens ist es 
damals noch nicht gekommen, denn am 3. Dezember 1575 forderte die 
erwählte Äbtissin von Essen, Elisabeth Gräfin von Manderscheid-Blanken- 
heim Dieterich auf, das Gut durch Rückzahlung des Kapitals nebst Zinsen 
zu befreien und es in gehöriger Form durch Empfang des Lehenbriefs und 
Ausstellung der Reversale zu Lehen zu nehmen, damit sie nicht genötigt 
werde, auf grund des Lehnrechts gegen ihn vorzugehen. Das Reversal 
Dieterichs datirt denn auch von 1575. Nachdem er gestorben war, richtete 
dieselbe eine gleiche Aufforderung am 22. Mai 1576 an seinen Sohn Johann. 

Die Brüder leisteten auch Zahlungen an das Kloster St. Maxirain 
„uf die resterende Pensionen**. Eine solche von hundert Thaler findet sich 
in der Schultheissenrechnung von Warden. 

*) Der Richterich. *) Das Wort ist zerstört. •) Richardson, Geschichte der 
Merode I, S. 158. 



— 85 — 

Der Streit mit dem Herrn von Heiden, den die Brüder von Graft 
geerbt hatten, wurde unter ihnen nicht nur nicht beigelegt, sondern ent- 
brannte noch ärger. Die Heftigkeit, mit welcher Wilhelm von Bongart 
gegen die Mylendunck vorging, ist gewiss grösstenteils hervorgerufen 
worden durch die Bemühungen Dieterichs die Herrschaft Heiden an sich 
zu reissen; Bemühungen, die Wilhelm trotz seinem unbestreitbaren Recht 
einen Prozess am Reichskammergericht aufhalsten. Doch ist es sehr zu 
bedauern, dass er sich durch Bestreben, auch seinerseits Thatsachen für 
seine Gerichtsbarkeit in Schönau aufweisen zu können, zu Grausamkeiten 
gegen die wirklich „armen** Unterthanen hinreissen liess, die doch am 
Streite der Herren keine Schuld trugen. Es war eben die alte Geschichte: 
plectuntur Achivi! Ein Beispiel zur Erläuterung der damaligen Zustände. 
Zwei Weiber gerieten in Streit und zerzausten sich „tapfer**. Als einige 
Zeit nachher der Mann der einen im Wirtshause sitzt, tritt die andere 
herein, beschimpft ihn und sticht dann den auf sie eindringenden mit einem 
Messer in Brust und Beine. Die Messerheldin war übrigens schon wegen 
ihrer Frevelthaten aus dem Reich Aachen verkürt, d. h. verbannt. Der 
Schultheiss verhaftete sie und brachte sie auf das Haus Schönau, wo sie 
gefangen blieb, obwohl ihr Bruder sich zur Stellung einer Sicherheit erbot 
und die Jüiicher Räte die Brüder Mylendunck mehrfach aufforderten, sie 
gegen eine solche zu entlassen. Nun liess Wilhelm den Halfen von Schönau, 
der mit der Sache gar nichts zu thun hatte, eines Sonntags nach der 
Messe festnehmen und hielt ihn in Heiden gefangen. Dieterich schickte 
den Edmund von Richterich, der ihm die Kunde brachte, nach Köln zum 
Licentiaten Salzfas, um sich dort Rat zu holen. Dann gab es ein endloses 
Hin- und Herschreiben zwischen Jülich, Schönau und Heiden, Befehle der 
Jülicher Räte, ja des Herzogs selbst zu gunsten der Gefangenen, aber die 
Herren kümmerten sich nicht darum. Bongart liess dem Notar, der ihm 
ein solches herzogliches Edikt überbrachte, durch den Burggrafen sagen, 
er werde es mit dem Halfen genau so machen wie die Mylendunck mit der 
Nes^; komme diese los, sei es mit oder ohne Sicherheit, dann auch jener. 
Am 25. August 1575 beauftragte der Herzog seinen Vogt in Eschweiler, 
die Cautionen in Empfang zu nehmen, welche Wilhelm von Bongart einer- 
seits, die Brüder von Mylendunck andrerseits wegen der Gefangenen „ausser- 
halb irem gebeide^ zu thun geneigt**. Aber die Freilassung erfolgte 
trotzdem nicht. Noch im folgenden Jahre erging ein neuer Befehl des 
Herzogs an Dieterich, und weil derselbe „dem ungeachtet bei seinem unbilligen 
furnemen** beharrte, die Aufforderung an Bougart „des Mylendunck auf- 
kümsten, gulten, zins, pensioneu, renten, pechten und andere guter**, soweit 
er daran kommen könne, mit Beschlag zu belegen. 

Bald darauf ist Dieterich gestorben, und Gothard war alleiniger Herr 
zu Schönau. Es finden sich noch einige Briefe von ihm vor, die nicht ohne 

*) Agnes. 
«) Gebiet. 



— 86 — 

Interesse sind. Am 2. Juli 1570 verbürgte er sich dem Erzbischofe 
Salentin von Köln fiir eine Summe von tausend Goldgulden zu gunsten des 
aus der Haft entlassenen Mtinzmeisters Peter Bossenhofen. „Nachdem der 
hochwirdig fürst und her, her Salentin erweite zu erzbischofen zu Coeln 
und churfürsten, herzogen zu Westphalen und Engeren, myn gnedigster her, 
Peteren Bossenhofen raünzmeisteren zu Thoirn seiner eingezogener haftong 
alhie zom Bruel on einige verletzong seiner ehren und guten leumden 
gnedigst erledigt, so haben dessen fruntschaft^ aus eigener freimuetiger 
beweguug zu underthenigster dankperlicher erkentlichkeit irer churfürstUchen 
gnaden tausend goltgulden oder der wert darvon zu schenken zugesagt 
und verheischen, welche obberürte summe gelts ich Goedthart, her von 
Millendunck und zu Goer als rechter und warer selbstprinzipal uf und 
über mich genomen gleich meine eigene erkentliche schult uf von heut 
dri gahr ihrer cf. g. on einige exception, hinderung oder mangel onfelbarlich 
zu erlegen . . . Geben zom Bruel den zweiten tag julii anno 1570/ 

1572, April 9. meldet er von Fronenbroch aus der „durchlauchtigsten 
hochgeporenen fürstin und frauen Amelia, pfalzgräfin bei Bhein und chur- 
fürstin herzogin in Bayern, geb. gräfln zu Neuenahr und Lymburg", er 
habe von ihrem Abgesandten, Herrn Wilhelm von Schonnenperg die Briefe, 
ein „vessgen gesalzten wilbräts** und die Anweisung auf 200 Thaler für 
den Schönenberg empfangen. Der Herr erhielt das Geld aber nicht; in 
spätem Briefen klagt er, er habe die 200 Thaler sehr gut zum Ankauf 
von Zeltern für seine gnädige Frau vei-wonden können, wenn er sie gehabt 
hätte. Auch beschwert er sich darüber, dass Gothard im Trunk ihn mit aller- 
lei Schmähreden übel angefahren habe. Gegen diese Anschuldigung verteidigt 
sich Mylendunck mit der boshaften Bemerkung, er habe dem Herrn nur aus 
Freundschaft die Wahrheit gesagt. 

Einen Blick in sein Familienleben gewährt ein Brief an seine Frau 
in Fronenbroch ohne Datum, aber jedenfalls nach dem Tode Grafts n 
geschrieben, da es sich um dessen Gut Soiron handelt. „Ich mag eur liebden 
gute zeitong nit unangezeigt lassen, wie unser Hergot mir einen bequemen* 
man zugeschickt hat, alle dinge zu Soron glimpflich zu erforschen. Er 
ist erwünscht herzo und ein man, der dem evangelio ganz ergeben. 
Er hat schon vernomen, wie der zehend zo Soron dem hern halb zukumt 
und zom geringsten sexich malter spelzen ausbringt, davon nit ein körn 
in den rechen Schäften befunden. Ob nun mein swager von Willich mitler- 
weil zu euer liebden queme, so wult ime hie von nichts sagen.** Das Ver- 
hältnis zu seiner Frau scheint recht gut gewesen zu sein. Er spricht 
mehrere Male sein Verlangen nach ihr aus und beteuert, er wäre gern herüber- 
gekommen um sie zu begrüssen, wenn er auch gleich wieder aus folgender 
Ursache nach Meil hätte gehen müssen. „Dan der pastor daselbsten dem 
cüster ein kind nach altem herkomen getauft und unbedechtlich on einigen 

*) Freunde. 

*) tüchtig, brauchbar. 



— 87 — 

argwon, wie mir angelangt', gesprochen: ich teufe das kind in nomine 
pater et Alias et spiritus sanctus, wuchs nit am sinn und Wirklichkeit 
sonder in der latinischer Ordnung gefeit, wilch versprechong * der pastor 
nit gestendig. Also ist das lam peflfgen her Lambert zo dem cüster komen 
und gesagt: euer kind ist ein heid in der kirchen gebracht und widerom 
herausgetragen, dan der pastor hat es nit getauft. Do hat der cüster 
begert, deweil es noch heidnisch und nit christisch were, das er her 
Lambeit es taufen wul, wuchs dat peflfgen ungiltig gethon, dan es ime 
gezimt het, den cüster in dem zo ermanen und abzohalten, ich gesweige, 
das er die widertaufung getan haben sol. Wilchs ein sulch geschrei 
allenthalben gemacht, das ich ein mirkliches darum geben wul, das es nit 
geschehen were, dan ich in sulchen feilen alzeit mer ... ^ als ein anderer 
sal leiden müssen.** Gothard sendete mit dem Briefe seiner Frau eine 
Dose Ingwer und „appelen von arany enschalen " ^, gegen Pfingstabend wrd 
Vestgen nach Fronenbroch kommen und ein Kalb, einen Hammel und ein 
Lamm bringen. „Ich werde alle möglichkeit thun um jonge hoener zo 
bekomen**. Auch bittet er die Gräfin Isenburg und seine Schwägerin gut 
zu bewirten. „Ich hab dem jeger zwelf daler gethon um euer liebden zo 
befriedigen**, doch mit dem Bedeuten, er habe dero geschrieben „wohin 
sie dieselben von meinetwegen keren sol**. 

Gothard ist vor 1579 gestorben, denn in diesem Jahre findet eine 
erste Erbteilung unter seinen Kindern statt. Diese hiessen : Agnes, Elisabeth, 
Herman Dieterich, Gothard, Graft, Baltasar. 

Agnes heiratete am 15. Juni 1590* den Grafen von Hörn. Sie erhielt 
zur Aussteuer u. a. auch den „An wachs zu Poll**, worauf später die von 
Blanche Anspruch erhoben. Im Jahre 1592 schreibt sie an den Bruder 
Herman Dietrich, ihr Mann wünsche, Dierich solle so lange bei Meister 
Philips bleiben, bis er (Herman) wieder ins Feld rücke; sie wolle, dass 
der Magister den Dierich alles lehre, was er kann, und 1596 teilt sie dem- 
selben mit, sie habe schwer an Stein gelitten und werde mit Hermans Frau 
nach Spa gehen. Es sei nicht wahr, dass sie ihrßn Schwager mit Hermans 
Gütern bereichern wolle, sie und ihr Mann dächten nicht daran. Man rede 
davon, dass der Gouverneur von Limburg Viliar (eine Besitzung des 
Herman) kaufen wolle. 

Gothard erhielt bei der Teilung von 1579 die Herrschaft Soiron; er 
starb ohne Erben. Ob der eben genannte Dierich sein unehelicher Sohn 
war? Am 13. Juni 1587 dankt Herman Dieterich seiner Mohn von Goer 
für ihr Beileid beim Tode des Bruders Gothard. Der mehrfach erwähnte 



^) mitgeteilt. 

*) Irrtum, lapsus linguae. 

^) Die Stelle ist unleserlich. Die Verantwortung für den unwissenden Pfarrer fiel 
auf den Patron zurück, der als Calviner in besonders unangenehmer Lage war. 
*) Orangenschalen. 
*) Datum der Heiratsverschreibung. 



/ 



— 88 — 

Erbvergleich wurde am 6. Juli 1579 geschlossen. Derselbe ist unterzeichnet 
von Herraan Dieterich, Wilhelm von Braunsberg, Dieterich von Wylich 
und Dieterich von Mylendunck^, dann noch von Agnes und Elisabeth von 
Mylendunck. Nach einem notariellen Auszug vom 11. August 1611 bestimmte 
der Vertrag: Da genannte Herren als nächste Verwandte und Freunde 
aus erheblichen Ursachen nicht für ratsam befinden, dass die Brüder in 
gemeinsamem Besitze der elterlichen Güter bleiben, so haben sie mit Ein- 
willigung des ältesten Sohnes Herman Dieterich zwischen ihm und seinen 
Brüdern also geteilt. 

Herman Dieterich erhält das Haus Goer mit der hohen und niedern 
Gerichtsbarkeit, mit Büschen, Wäldern, Feldern, Heiden, Fischteichen, 
Mühlen, Ackerland, Höfen, Benden, Weiden, Baumgärten, Zinsen, Pachten; 
sodann Neer, Eoggel, Buggenheim; die Herrlichkeit PoU und Panhedell 
mit Mühlen und allen Gütern; den Hof Hastenbaur im Amt Montfort 
gelegen; die Hoheit und Herrschaft Meil samt der Pleien und das Gut zu 
Suillen mit allen Einkünften, Abnutzungen und Pertinentien. 

Dagegen erhalten die drei anderen Brüder Gothard, Graft und Baltasar 
die vier Herrschaften Fronenbroch, Soiron, Schönau und die halbe Ward 
mit dem Hofe Niedermerz, die Rupperger Höfe mit allem Ackerland unter 
Wachtendunk gelegen, die Schwalmer Höfe zu Wanlo, alle den Herrlich- 
keiten und Gütern anklebende Gerechtigkeiten, Holzwachs, Wälder, Felder 
Heiden, Ackerländereien, Baumgärten, Weiden, Benden und alle anderen 
Pertinentien. 

Gothard starb 1587 und Baltasar, der jüngste der Brüder, wurde 
1590 münüg. Nun schlössen die drei überlebenden einen neuen Vertrag 
über des Verstorbenen Erbschaft, aus dem wir noch einige Punkte des 
früheren Vergleiches kennen lernen, die im vorstehenden Auszuge nicht 
enthalten sind. 

„Als und nachdem vor etlichen verflossenen jaren zwischen denen 
edlen und wolgeporen herren Wilhelmen von Braunsperg, hern zu Borg- 
brol . . ., Dederichen hern zu Milenduuck und Drachenfels gotsieliger gedacht 
und Dederich von Wylich, hern zu Dysfort als negst gesipten angeporn 
verwanten und vormundern dero auch edlen und wolgeporen hern Gräften, 
Godharten gotsaliger und Baltazam geprüderen heren von Mylendunck, 
herrn zo Fronenbroch, Zouron, Schonawen und zur Warden eines- und des- 
gleichen edlen und wolgeporen herrn Herman Diederichen hern von Mylen- 
dunck, hern zu Goer und *Meil anderteils eine erbliche immerwerende 
fruntliche bruderliche erbscheidung und vergleichung dero elterlicher nach- 
verlassenschaft halber beramt aufgericht inge williget auf- und angenomen 
worden, darinnen under anderen deutlich begrifl'en und vermeldet, dass 
obgemelter her zu Goer und seine erben gesagten dreien hern geprüderen 



^) Ältester des oben besprochenen Dieterich von Mylendunck-Drachenfels. Er starb 
1584; sein Bruder Jobann folgte ihm in der Herrschaft Mylendunck. (Syllabus.) 



— 89 — 

zu Fronenbroch, Zooron und Schonauen und ire erben alle und jeglichs 
jars aus seinem zugeteilten erbpatrimonial kindsgeteils eine namhaftige 
somma von pfennongen erstatten und zalbar machen solle: und dan volgents 
darnacher angedeuter Goddart her zu Zouron, der zweiten broder, in den 
Hern mit dot abgescheiden, dohin sein anererbet erbpatrimonial kindgeteils 
auf seine vurschreven . , . drei geprüdern ... in der proprietet ererbet 
und gleichwol er, Herman Diederich, vorgesetzte somma von pfennongen 
... zu verrichten schuldig geplieben ... so haben sich desfals heute 
oftgemelte drei hern fruntlich lieblich und bruderlich under einanderen 
vereinbaret vergleichen und verdragen, dass vorbestimte . . . somma von 
pfennongen . . . soll vor zalbar gemacht abgeschaft und hiemit gedodet 
und gedempt sein und pleiben. Dagegen sich dickgemelter her von Goer 
vor sich, seine erben und nachkomen . . . aller und jeglicher zum dritten 
teil an der herschaft Zouron anererbter und zugefalner gerechtigkeit ganz 
und zumal hiemit begeben und entschlagen und dieselbe auf beide seine 
geliepten brodern transportirt übergeben und uberdragen hat . . . Was 
aber durch die drei vorbenente hern . . . allenthalben beiderseits bis anhero 
genossen und empfangen, soll imgleichen hiemit abgeschaft gedodet und 
gedempt sein und pleiben. Des sollen mehrgedachte zwei hern Graft und 
Baltazar gehalten und verbonden sein, die naturliche dochter des abgestorben 
hern oheimen Gräften heren zo Meiderich . . . ires zugedingten und ver- 
sprochen heiligs pfennong halber allein zu contentiren und zu befredigen; 
dagegen soll denen vurschreven zweien hern geprüderen auch allein die 
bis anhero in der herschaft Zouron erfallen . . . gülden, Zinsen, renten, 
pachten . . allein competiren . . . Actum auf dem schlos Milendunck am 
26 julii stilo reformato . . . 1591. 

H' Dether von Milendonck h. z. G. mpp. Krafft her von Milendonck. 
Balthasar her von Milendonck. Johans her zo Milendonck.** 

Die „somma von pfennongen**, welche Herman Dieterich seinen Brüdern 
hätte auszahlen sollen, bestand aus 262 Thaler 18 Stüber jährliche Zinsen 
oder 5252 Thaler Kapital; aus einer jährlichen Rente von 100 Goldgulden 
wegen dt^r Pleyen, und aus einer einmaligen Zahlung von 400 Thaler wegen 
der Mobilien des Hauses Goer. Weil Herman seinen beiden Brüdern die 
Herrschaft Soiron ganz überliess, verzichteten diese auf das bare Geld und 
übernahmen noch die Aussteuer ihrer unehelichen Base. 

Die Vormundschaft hatten die Herren von Braunsborg und von Wylich 
geführt. Letzterer lag im Oktober 1584 acht Tage im Aachener Gornelius- 
bade zur Herberge um mit dem Maier von Soiron sowie den Schultheissen 
von Schönau und zur W'arden Rechnung zu halten. Er „verzehrte** 25 
Aachener Thaler ad 26 Mark und 10 Albus und „vertrank** 19 Gulden 
10 Albus. Für die Pferde, die in der Herberge zum Klotz standen, wurden 
3 Gulden 12 Albus bezahlt. Den ganzen Betrag sollte der Schultheiss 
von Schönau in die nächste Rechnung bringen. 



— 90 — 

Im August desselben Jahres hatte Gothard bei Paulus Garzweiler in 
Aachen 31 Aachener Thaler 12 Albus verzehrt, die ebenfalls aus den 
Schönauer Einkünften bezahlt werden mussten. 

Der Herr von Braunsberg bezog aus Meiderich Jahrgelder, wahr- 
scheinlich als Mitgift seiner Frau. In den Rechnungen des Wardener Schult- 
heissen, Simon Nobis von Linnich, aus den TO®*" und 80®*" Jahren, welche 
teilweise noch von Gothard unterschrieben sind, findet sich der Posten: 
„Zu zalung der Pensionen, so dem hern zu Burgbroel zu maii aus den ver- 
lassenen güteren des hern zo Meiderich selig gefallen, laut der quitanz 
geliebert 100 bescheiden goltgulden ad 9 gl. 2 alb. Noch 20 aide engeletten 
ad 6 gl. 4 alb., darzu 8 aide richsdaler ad 11 m." Herman Dieterich, 
gewöhnlich Herman Dieter genannt, Herr zu Goer, Pesch, Meil, Poll, 
Panhedel, Viliar, Andrimont und Brunau hat zwar mit Schönau weiter 
nichts zu thun, aber seine Geschicke sind der Aufzeichnung wohl wert. 
Um jedoch die Geschichte Schönaus nicht zu lange zu unterbrechen, ver- 
Aveisen wir die Darstellung seines bewegten Lebens in den Anhang. Bei 
der Erbteilung zwischen seinen beiden jungem Brüdern wurde 

f) Baltasar von Mylendunck Herr zu Hüls, Warden und Schönau 
(1590 — 1629). Er empfing die Huldigung in letzterer Herrschaft „ad instar 
maiorum" im Jahre 1590. Die Rentraeisterrechnung sagt: Item bei Gillissen 
im beer verzert worden, als min her zu Schönau gehult worden: 22 gl.** 
Sein Bruder Graft, der 1617 starb, ist jedoch Mitherr gewesen, wie aus 
manchen Thatsachen hervorgeht. 

1589 befand sich Baltasar im Corneliusbade zu Aachen. Die Rechnung 
bietet einiges Interessante. „Den 4. februarii iss mein her Baltasar von 
Milendonk sein edel leifden heir ankomen des soterdach zo morgen und 
strack gebat und in't bat ein kan wins und ein pot beers. Noch 1 molzit 
vor min her und 2 molzit vor die knecht. Des noemidachs, do der Schröder * 
hei was, des heren van Fronenbroch sein koller zo schneiden 5 pot beers. 
In't bat vor mein her 3 pot beers, in't bat vor Hansen und die zwei anderen 
9 pot beers. Des sondachs zo midach 2 molziten vor menher und 1 molzit 
vor Hansen. Dinstach als mein her van Sorron quam, strack gebat und 
2 pot beers gehat. In't bat 2 pot beers und Hansen 3 pot beers. Goes- 
tach zo morgen 1 kann wins in't bat vor mein her und die zop vor 
Hansen 4 stüber. Noch des nomidachs 3 pot beers. Des ofens * 2 molziten 
vor mein her und 2 kannen wins die kann 7V2 nierk." Mit Ausschluss des 
Hafers für die Pferde, den der Schönauer Schultheiss lieferte, betrug die 
Wochenzeche 13 Thaler IV2 M. 

1594 hatte Baltasar mit seinem Bruder Craft das „putzbat** bei dem- 
selben Wirte 80 Tage lang inne; das kostete täglich einen Thaler. In 
dieser Zeit nahmen die Brüder mit ihrem Rentmeister Vietwigh und mehreren 



*) Schneider. 
') abends. 



— 91 — 

adligen Herren 341 Herrenmalzeiten 4 10, die Knechte 230 Dienennahlzeiten 
i 6 Buschen ein. Auch ein Soldat, Derich van Ham, badete daselbst auf 
Kosten Baltasars. 

Der in der ersten Rechnung genannte Herr von Soiron war Graft III. 
Die Herrschaft wai- ihm nach dem Tode des älteren Bruders Gothard 
zugefallen; er verkaufte dieselbe bereits im Jahre 1591 an den kölnischen 
Hofrat Carl Billeus und bevollmächtigte Baltasar, das Gut dem Käufer 
vor dem Limburger Lehenhofe zu übertragen. 

Beide Brüder waren stetig in Geldnot. 1591 lieh Baltasar von dem 
Wirte im Comeliusbad, Simon Hausen, 100 Thaler; bis zum Jahre 1604 
war er demselben an geliehenem Gelde, Logis, Kost, Wein und Badegeld 
988 Thaler 24 Mark 8 Buschen schuldig; 1605 versetzte er der Witwe 
desselben, der er noch 483 Thaler schuldete, eine Jahrrente von 19 Fass 
oder Summer Roggen, 7 Kapaunen und 7 Schillingen, wodurch die Zinsen 
von 250 Thaler gedeckt werden sollten. Den Rest versprach er zu zahlen 
oder in ähnlicher Weise zu sichern. 

1612 hatte Baltasar dem Peter Startz, Wirt in der Windmühle früher 
Zum Goldenen Verken in Aachen 2 Morgen Ackerland ^von den elf morgen 
in der delle im Richterger feld" für 145 Aachener Thaler k 26 Mark ver- 
setzt; aber schon 1615 war er demselben 1027« Thaler für Fleisch und 
122 Taler für 348 Quart Wein schuldig, den Graft für sich und eine Juffer 
Peil hatte holen lassen. Der Wein von dem das Quart 9 Mark kostete, 
war in fünf Monaten verbraucht worden. Folgen dieser Misswirtschaft waren 
fortwährende Verpfändungen und Verkäufe von Renten und Ländereien, 
deren sich aus dem Schönauer Archive allein fast ein Dutzend für die 
Jahre 1605 — 1619 nachweisen lassen. Auch die Schwalmer Höfe sind 
damals an einen Junker Bruin verkauft worden. 

Das edle Haus Mylendunck war in argem Niedergange. Darunter 
litten auch die armen Unterthanen. Um die drängenden Gläubiger zu 
befriedigen und an Geld zu kommen, missbrauchte Baltasar seine Gewalt 
selbst in unmenschlicher Weise. Einige Beispiele: 

1593 schlugen sich im Wirtshause an die Kreuzer Erk Nacken und 
Clas von der Wehe aus dem Aachener Reich. Dabei nannte des Nacken 
Weib den Clas einen Dieb, der ihr eine Kuh gestohlen habe, worauf Clas 
mit einer gemeinen Beschimpfung antwortete. Der anwesende Schultheiss 
Hess „um seines gepietenden herrn interesse willen** die Sreitenden bis zum 
Austrag der Sache in Eisen legen. Er fand, dass der Vorwurf des Dieb- 
stahls unbegründet sei, und da beide Parteien für ihr Erscheinen vor 
Gericht Bürgen stellten, entliess er die Gefangenen. Drei Monate nachher 
erschien Dries Ortmans, der Wirt an die Kreuzer, vor den Schöffen und 
erklärte, es seien bei Verhandlung dieser Sache in seinem Hause vor und nach 
33 Thaler 21 Albus verzehrt worden, wovon die Compromissarien dem Clas 
ein Drittel, der Ehefrau Nacken zwei Drittel auferlegt hätten. Weil aber 



— 92 — 

Nacken nur 10 Thaler bezahlt habe, fordere er Exekution für den Rest. 
Das Gericlit sprach dieselbe zugleich für die entstehenden Kosten aus. 
Man pfändete darauf dem Nacken acht alte Tonnen, zwei Brandröster, 
einen hölzernen Trichter, ein Spannbrett, eine Braugaflfel, eine Pinte Heu 
„die doch gemessen werden soll** und dergleichen mehr; alles zusammen 
wurde auf 26^2 Thaler angeschlagen. „Darauf die exekution beschehen. 
Und seind dieses tages uncösten mit den gerichtskösten gerechnet ad 
8 thaler 20^4 mark**. Die Ohrfeige kostete demnach dem Nacken fast 
45 Thaler. Man denke sich diese Summe bei dem damaligen Geldwerte: 
das war nicht mehr Justiz sondern Schinderei. (Forteeteang folgt.) 



Kleinere Mitteilungen. 

1. Aktenstücke ans dem Aachener Stadtarchiv. 

(1795—1805.) 

Im 3. Jahrgang S. 65 ff. dieser MitteiluDgen hat 0. Wacker eme Abhandlong 
über „Die Bevölkerung Aachens seit dem Ausgange des vorigen Jahrhunderts*^ veröffent- 
licht. Er hat darin durch Feststellung des Verhältnisses der Gesamtbevölkerung zur Geburten- 
zahl, die uns überliefert ist, erstere für das Jahr 1781 auf 21 000 Einwohner berechnet. 
Die erste amtliche Volkszählung bringt er für das Jahr 1799. Sie wurde von der fran- 
zösischen Zentralverwaltung vorgenommen und ergab 28 699 Einwohner. Nachfolgende 
Statistik, die nicht nur über die Bevölkerung der Stadt, sondern auch des Reiches Aachen, 
sowie über den Viehbestand in beiden, Aufschluss giebt, stammt aus dem März des Jahres 
1 795 und liefert einen schätzenswerten Beitrag zur Bevölkerungs- und Wirtschaftsgeschichte 
dieser Stadt und ihres ehemaligen Gebietes. 



Stadt Aachen . . 
Würseler Quartier 
Weidener „ 

Haarener „ 

Berger „ 

Sörser „ 

Vaolscr „ 

Orsbachcr „ 

Glockenklang „ 
AachenerHeide - 



Menschen 

23418 

2684 

1719 

1203 



} 



913 

474 
303 
393 
402 



31504 



Pferde 


Kühe 


152 


372 


192 


397 


82 


349 


86 


290 


171 


513 


91 


202 


58 


123 


74 


280 


68 


195 


974 


2 721 



Rinder 

6 

46 

89 

66 

193 

32 
23 
15 
54 

524 



Nicht uninteressant dürfte vielleicht nachfolgende Probe des amtlichen Schrift- 
wechsels aus der Zeit der Fremdherrschaft sein. In der Heftigkeit und Schärfe ihrer 
Ausdrucksweise spiegelt sie so recht den erregten Charakter der damaligen, durch 
Tbikanen aller Art gequälten und durch beständige Anspannung aller Kräfte bis zur 
Erschöpfung in Anspruch genommenen Beamtenwelt wieder. 

Freiheit. Gleichheit. Verbrüderung. 

Aachen, den 11. Prairial 3. Jahr der Republik. (30. Mai 1795.) 
Die Gülich-Aachensche Bezirksverwaltung an die Munizipalität zu Aachen. 

Mitbürger! 
Unterm 7. dieses ist euch eine Requisition zugegangen, vermög welcher ihr auf 
der Stelle acht doppelspännige Karrigen aufl>ieten und unfehlbar unter Straf militärischer 



— 93 — 

Exekution bieher einschicken solltet; dieser unserer Aufforderung seid ihr mit sträflicher 
Verachtung begegnet, massen bis heute nur eine erschienen ist. — Wenn wir nun der- 
gleichen Saumseligkeit, wodurch der Dienst der Bepublik nicht allein, sondern auch alle 
gute Einwohner, die noch etwas Fourage haben, leiden müssen, nicht zusehen wollen 
noch können, so fordern wir euch nochmals, und zwar zum letzten Mal hiemit auf, die 
annoch rückständige Karrigen inner 24 Stunden nach Erhalt dieses um so gewisser bic- 
hin zu stellen, als gar keine Entschuldigungen angenommen, und ihr im Ausbleibungsfalle 
gefänglich eingezogen und auf Wasser und Brod, bis dahin diese Bequisition befolget 
sein wird, eingefordert werden sollet. 

Heil und Verbrüderung. 

Jungbluth, Präsident. 
Merckelbach, Secretarius. 

Darauf erfolgte nachstehende, abschriftlich erhaltene Antwort: 

Aachen, den IS. Prairial 3. Jahr der französischen Bepublik. (1. Juni 1795.) 

Da wir den Ausdruck oder vielmehr die Drohung von Einkerkerung auf Wasser 
und Brod ersahen, glaubten wir uns auf einen Augenblick in den Zeiten des Despotismus 
zurück, wo zufolg Erzählung unserer Nachbaren im Julicher Lande der despostische 
Vogt seine Unterthanen nach seinen Gefallen, wenn sie seine Küche nicht sattsam spickten, 
drohete und drückte, denn wir als freie Bürger kannten und ertrugen solches nicht und 
wollen es auch jetzt nicht ertragen. Kerker auf Wasser und Brot ist Dieben und fraude- 
leusen Banqueroutieren, nicht aber Munizipalen, die ihre Pflichten erfüllen, geeignet. 
Übrigens scheint Eure Drohung nicht aus dem schätzbaren Werke les droits de Thomme, 
noch aus den Qesäzen der französischen Bepublik, sondern aus der Geschichte eines 
türkischen Bassa, oder welches auch der Fall sein dörfte, eines Bobespierres en mignature 
hergeleitet zu sein« 

Da nun das Begimeut Bobespierres en grand ein Ende genomen, so leben wir der 
Hoffnung, auch jenes des Bobespierres en mignature erlöschen und nur das Gesäz einer 
aufgeklärten und Despotism verabscheuenden Nation herschen zu sehen. Auf dieses 
Gesäz berufen wir uns, nach diesem wollen wir behandelt und gestraft sein, wenn wir 
nota bene gefehlt haben und mutwilliger Saumseligkeit oder Nichtbefolgung Eurer uns 
im Namen des Gesäzes aufgetragenen Bequisitionen überführt sein werden; weilen wir 
aber überzeugt sind, in betref der zu stellenden fraglichen Karren mehr als unsere 
Schuldigkeit . . . gethan zu haben ... so werden wir nicht ermangeln, uns über diese 
niederträchtige Behandlung gehörigen Orts zu beklagen. Wir wollen uns indessen der- 
gleichen Drohungen wohl ausdrücklich verbeten und glauben, dass sich jede konstituirte 
Gewalt durch arbitraire und despotische Behandlung selbst entehrt, ebenso steht selbige 
unter der Zentralverwaltung. Wir vermuten aber, dass solche sich deswegen nicht von 
dieser als Schlaven behandeln und bedrohen lassen wird, besonders wenn sie ihrer Pflicht 
Genüge geleistet zu haben glaubt, und wir als Munizipalität von Aachen sind in Bück- 
sicht der Distriktsverwaltung völlig gleicher Meinung. 

Heil und Verbrüderung. 

J. C. Bock, Präsident. Startz, Mpal. Vietoris, Mpal. 

J. P. Kolb, Mpal. (Munizipal). Pelser, Mpal. Houbben, Mpal. 

Dauzenberg, Commissaire de Baumhauer, Mpal. 

Police et Mpal. Burenkoven, Mpal. 

Decker, Mpal. Pcuschgens, Mpal. 



Das von Quix herausgegebene „Wochenblatt für Aachen und Umgegend** berichtet 

nach den Notizen eines Augenzeugen in Nr. 137 vom 12. Dezember 1837: „Am 80. Dezem- 
ber (1794) fand hier das Fest über die Eroberung Hollands statt . . . (Folgt Beschrei- 
bung.) Als die Musik zur Strophe kam Porissent les tyrans, perisse leor memoire stieg 



— 94 — 

der Präsident (der Zentralverwaltung) von dem Altar mit einer brennenden Fackel in 
der Rechten und zündete einen von der Munizipalität angerichteten Scheiterhaufen von 
aus den öffentlichen Gebäuden und den Hänsern der Emigrirteu genommenen Feudalzeichen, 
pergamentnen Denkmälern, Adelsdiplomen und Urkunden an . . .*'^) 

In Nr. 22 vom 20. Februar 1839 desselben Wochenblattes lesen wir: „Am 28. Februar 
1795 wurde hier ein grosses Btirgerfest gefeiert über die Fortschritte der französischen 
Armee, bei welcher Feierlichkeit wieder ein Scheiterhaufen angezündet wurde, auf welchem 
Zeichen der vormaligen Feodalität, Pergaraente-Adelsurkunden und dergl. gehäuft lagen, 
die mitverbrannten . . .*'^ Nach diesen dem Geist der Revolution dargebrachten Brand- 
opfem beschloss die Zentralverwaltung der Länder zwischen Maas und Rhein, die in Aachen 
ihren Sitz hatte, am 5. April 1795 die Aufhebung aller Vorrechte des Adels und der 
Geistlichkeit; diese beiden Stände sollten fortan alle Staatslasten tragen wie der dritte 
Stand. Über die Art und Weise, wie man der Adels- und Lehnbriefe habhaft geworden 
war, belehrt uns folgendes Aktenstück vom 9. Februar 1795. 

Liberty, £lgalitd, Fratemitä. 

Administration-centrale du pays d'entre Meuse et Rhin. Extrait du procös- verbal 
des deliberations de l'administration-centrale du pays d^entre la Meuse et le Rhin, cn la 
seance publique du 21 pluviose 8. ann6e republicaine, ä laquelle ont assist^s les citoyens 
Simeon vice-president, Goldbek, Vossen, Petitbois, Schmit, Kempis, Jacobi, Clermont, Huberty 
et Decamp, Substitut de Tagent national. 

L^administration-centrale sur la proposition d*uu de ses membres oui le Substitut 
de Tagent national a arret^ et arrete. 

Art. 1. 

La mnnicipalit^ d^Aix fera faire des visites domiciliares receuillir tous les signes 
feodeaux ou parchemins et letres de noblesse qui pourraient encore exister dans la 
commune d'Aix et les fera trausporter au comit^ de surveillance. 

Art. 2. 

A ce sujet eile s'ajoindra 2 membres du comitö de surveillance. 

Art. 8. 

Elle rendra compte sous trois jours a Padministration-centrale du resultat de ses 

recherches. 

Art. 4. 

Copic de la presente sera envoy('*e a la municipaliU^ d*Aix et au comitö de sur- 
veillance. 

Sign6 au registre Simeon vice-president etc. et scell<5 du scelle de Padministration- 
centrale. 

,a' I . o u j 1 ^ Sinsteden, secretaire, 

(Siegel in Schwarzdruck.) ^ . ,. . 

General-adjomt. 



*) Clemens Theodor Porthoa, Politiacho Zustünde and Personen in Dontachland zur Zeit 
der französischen Ilorrschafb S. 142. 

*) Vergl. 3. Jahrgiuifi; S. ßl ff. dieser Mitteilungen: ^Eln ropublikanisohes Siegesfest in Aachen." 
(C. Wacker.) — Eine handschriftliche Chronik des hiesigen Archivs, die die Jahre 1776—17^7 umfasst, 
aber leider nur lückenhaft erhalten ist, bringt tiber die Vorgüng« am 2H. Februar 1795 folgende Xotie: 
„Februar 28, ist in den eroberten Län<ler zwisohen Maas und Rhein ein BUrgerfest gehalten worden, 
welches hier auf folgende Art gehalten wurde. Morgens 1> Ubr begaben sich alle flewalt*»n mit ihren 
Fahnen nach dem RtMlontcnsaal, der Sitz der Zentralverwaltung, allwo von dem Präsident eine Rede 
von den Fortachritten der republikanischen Wnlfen, von den Siegen in Holland, von den Nutzen und 
Vorteil, den wir davon hoffen könnton, gehalten worden; alsdann ging der Zug unter Lautung aller 
Glocken über den Kapuzinergraben, durch Kleinmarschierstrass nach dem Markt, wo der Vaterlands- 
altar errichtet war. Die Knaben von 8 bis 12 Jahren trugen eine Fahne mit der Inschrift „Hoffnung 
des Vaterlandes", die Jünglinge eine Fahne mit der Inschrift „Stütze der Freiheit", die Ackerslente 
mit der Inschritt. „NUhrvater des Staates", die Bürger und Burtscheider mit der Inschrift „alle Menschen 
sind frei gelmren." Damach folgten die Stadt musikanten, verschiedene Departements, die militairiBohe 
Musik, di«' Zentral Verwaltung und dor Stnb. .\ls der Zug allda ankamon, erstieg Bürger Vossen die 
Bühne, hielt eine lange Rede von Vertilgung der Tyrannen, von Süssigkeit der Freilieit, von Nach- 



— 95 — 

Durch Dekret rom 5. Oktober 1793 fahrte der franzSsische NationalkonTent den 
Beyolntioiis-Kalender ein, der wohl deshalb, weil er auf , philosophischen Prinxipien* 
beruhte, so Tortrefflich ereeignet war, in Tielen Köpfen eine gründliche Verwiming anzu- 
richten, flin Ton Napoleon erwirktes Senatsdekret vom 9. September 1805 schaffte die.$es 
Monstrum Ton Zeitrechnung aus der Welt. Er verdiente sich dadurch besonders den 
Dank aller Historiker, die auf dem Gebiet der Chronologie durch ganz merkwürdige 
Leistungen des menschlichen Scharfsinns ohnehin mehr als nötig geplagt werden. Das 
freudige Ereignis der Wiedereinführung des altgewohnten Gregorianischen Kalenders 
wurde den Aachenern am 19. Dezember 1805 durch folgendes ^AtIs* bekannt gegeben. 

Pour r^gulariser le passage du calendrier actuel a celui gr§gorien, qui doit ^tre 
suiTi k dater du premier janrier 1806, correspondant au 11 niTöse an 14, les registres, 
jotumaux, sommiers, livres de recette et de depense, au lieu d'^tre arr^t<^s le 30 de co 
mois, ne le seront qu'au 10 nivöse; de mani^re que les ^tats du mois de frimaire courant 
eomprendront 40 jours d*exercice. Tous les bordercaux et objets de eomptabilit^ seront 
6ta.blis d*apr^ cette base. 

Aix-Ia-Chapelle, le 28 frimaire an 14. 

Le conseiller dVut, p«^fet du d<^partement de la Roor. 

Laumond. 

Aachen, W, BntmM^. 



2. Veranstaltiuig von Maskenbällen bei festlichen (xelegenheiten 

im vorigen Jahrhundert 

unter den festlichen Veranstaltungen im Jahre 1748 zu Ehren der aus Anlass des 
Friedenskongresses versammelten Gesandten erw&hnt der Chronist Janssen (bei von Fürth, 
Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener Patrizier-Familien Band III, S. 161) 
auch eines Maskenballes mit den Worten ,Am 16^"" 7^^ wirdt aufin Stadthaus ball masqu6 
gehalten**. Es scheint hiemach, dass Maskenbälle bei ausserge wohnlichen Gelegenheiten 
einen Teil der festlichen Veranstaltungen bildeten, denn auch bei Anwesenheit des Prinzen 
und der Prinzessin von Oranien hierselbst im Jahre 1776 wurde dem Robert Brammertz 
erlaubt, seinen Saal zu diesem Zwecke herzugeben. Es ergiebt sich dieses aus einer 
Niederschrift in dem auf dem Stadtarchiv beruhenden „ProtokoUum Maioriae extraordi- 
narium 1748—1785", die also lautet: Jovis, 27. Junii 1776. Referirte wohlregierender 
herr burgermeister freyherr von Wylre, daß gestern gegen abend der majoriae secretarius 
Schultz von wegen hcrm vogtmajom freyhcrm von Geyr zu ihm gekommen und, nach 
geschehener vertragmäßiger Verkündigung, daß auf heut zum ehrengeleit der dahior 
eintreffenden prinz und prinzessin von Oranien durchlauchten eine pfälzische corapagnie 
grenadier zur Stadt einrücken würde, das ansuchen getban hatte, daß die herren burger- 
meister dem Robert Brammertz dahier erlauben möchten, wegen solcher eintreffung morgen 
den 28. dieses abends auf seinem saal einen bal masqu^ zu halten: worauf dann 
folgende erlaubniß ertbeilet worden : Auf durch den majoriae sceretarium Schultz nahmena 
des herm vogtmajom freyherm von Geyr bey woblregicreuden hcrm burgcnneistcrn 
geschehenes belangen, gestalten morgen den 28. dieses am abend auf des Robert Brammertz 
saal einen masquirten bal zu halten, als wird dem besagten Brammertz hiemit erlaubt, 
darzu seinen saal herzuleihen. 

Signatunu Ex mandato 

J. Couven, secrotarius. 



lasa ein Teil der Kontribution, und darnach warde vom Präsident der Zentralverwaltung ein Sobeiter- 
hänfen angezündet, worauf etliche Adols-Urkundeu verbrandt wnnlen, und so wurden diese Narrheiten 
beschloiiseu. Die umliogüuden Ortoru mussten hieher boriohteu, aufweiche Art sie dieses gehalten htttten." 



— 96 — 
3. Zur Geschichte des Kreuzherren-Klosters. 

In der Zeitschrift „De Maasgouw'' finden wir in Nr. 3, Jahrg. XVIII, in einem 
Aufsatze von Dr. Doppler über das vormalige Krenzherreu- Kloster zu Maastricht auf 
zwei Mitglieder der hiesigen Kreuzherren bezügliche Notizen, die hier folgen, weil die 
Zeitschrift weniger bekannt sein dürfte und unsere Kenntnis bezüglich der hiesigen 
Kanonie der Kreuzherren eine geringe ist. „Michael van Testelt (van Thestel) was de 
eerste prior van het klooster; zijn eerste medehelpers waren: Servatius van Hasselt, 
Martinus van Leyden, Hendrik van Alost; deze laatste ging later uaar het klooster te Aken. 

Johannes Clocker, geboren te Aken, trad aldaar in het klooster zijner orde; hij 
werd prior te Maastricht; deze waardlgheid legde hlj na eenige jaren neder, verstigde 
zieh daarua wederom in het klooster te Aken, alwaar hij nog lange jaren supprior was. 



4. Anordnung einer Prozession durch den Rat. 

Die nachstehende „Verkundung einer gemeiner proceßion nfif st. Bochi * tagh anno 
löaS*^, die „am sondach den 7 dag Augusti** erfolgte, und deren Urschrift sich im hiesigen 
Stadtarchiv in den Akten „Prozessionen" befindet, ist von besonderem Interesse um des- 
willen, als die weltliche Behörde, der Rat, die Veranlassung zu derselben gab. 

Her pastoir wilt dem gemeinen folk verkundigen und ansagen, wie ein ersam rath 
dieser stat zu Ehren des Almechtigen, auch zu aifwendung Gottes zoms für rathsam und 
gut bedacht, dat mau nechst künftig dinxtag oever acht dag, nemlich uff sanct Rochi 
dag eine gemeine prozession mit innerlichen treuweu hertzen und demuttiger furbit mit 
der gantzer cleriseien halten sali, dar zo einen jgligen fleissig ermanen, gegen gemelt«n 
dag mit bichten und untfangung des hogwerttigen heiligen sacramentz sich zu bereitten 
und innichen für zu nemmen und zu dein. 



•) Vgl. auch über die Prozession am St. Rochi Tag, Nopp, Aacher Chronick, Ausg. von 1Ö43, S. 8b. 



5. Fleischverkauf in der Fastenzeit 

Die „Revidirte Ordnung über Haltung der Sonn- und reyer-Tägen** vom 18. Juni 
1731 bestimmte in Nr. 6 bezüglich des Fleischverkaufs: Die fleischheuer, wie imgleichen 
die tripiers oder penserien verkäuffer, sollen auff allen geraeinen sonn- und feyer-tägen 
allein biß 8 uhreu vormittags, absolute aber länger nicht in denen öffentlichen fleisch- 
hallen feyl haben mögen, in ihren privat häußeren jedoch das fleisch zu vcrdebitircn, solle 
ihnen nicht benommen seyn, sondern freystehen; als viel aber die hohe festtägen und vor- 
nembste festivitäten betrifft, als nemblich Ostern, Pfingsten, Heilig-Sacraments-Dag, Mariä- 
Himmelfahrts-Dag, Allerheiligen, Christag und Liechtmeß-Tag sollen die fleischheuere und 
tripiers auff diesen tagen ganz und gar nicht, sondern nur allein auff dieser festivitäten 
abeuden oder vigilien öffentlich feyl haben und verkauffen mögen; inmassen dan auch 
auff denen fasttägen und wan man sich deß fleischspeisens enthaltet, wie weniger nicht 
in der viertzig tägiger fastenzeit, ihnen ein solches allerdings verbotten seyn solle. Diese, 
das Gewerbe der Fleischer schwer schädigende Bestimmung veranlasste die Greven und Vor- 
steher ihrer Zunft dieserhalb vorstellig zu werden, worauf die Herren Beamten am 
11. Februar 1750 (Beamten-Protokolle Bd. L) beschl(>ssen : Auf anstehung hiesiger Griefen 
und Vorstehern der fleischheuerzunft haben herren Burgermeistern und Beambten zu- 
gestanden, daß wehrender dieser faste nszeit die beyde fleischhallen des Montags, Diens- 
tags, Donnerstags und Samstags morgens bis 11 Uhren sollen eröffnet und das fleisch 
öffentlich verkauft werden mögen, übrigen tagen aber nicht. 

Aachen. M, Schollen, 



Dbixk von Hkumann Kaatxek in Aachek. 



Jährlich 8 Nnminern Ko mm issiona -Verlag 

i. 1 Bogeu Royal Oktav. ^" 

„ . , , , Cremer'schen Buchhftndlnntr 

Preis des Jahrgangs ^^ ,„1,^ 

4 Hark. in Aachen. 

Mitteilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von H. SobSOOk. 

Nr. 7/8. Neunter Jahrgang. 1896. 



Inhalt; H. J. Gross, Sehänan (Fortsetzung). — J. Fey, Der Maler Johann Adam Ebcrle. -- 

Bericht über das Vereinsjabr 1895—1896. 



Schönau. 

Von H. J. Gross. (Fortsetzung,) 

Die „gepietenden herren" entblödeten sich nicht grade heraus zu sagen, 
wozQ ihr ^Interesse" verwendet werde. Man lese folgenden Fall, Dam 
von Souren aus Laurensberg im Aachener Reich heiratete ein Heidener 
Mädchen und Hess sich in Kichterich nieder. Unter dem Vorgeben, er 
habe seine Schwägerin geschlagen, einen Schöffen gestochen und Klagen, 
die nach Scliönau geliörten, vor das Heidener Oericht gebracht, Hess 
Baltasar den Dam am 20. April 1598 „abends zwischen tag und nacht" 
durch drei Diener „Conrad der ein röhr, Tilman der einen halben spiess 
und Apfeldorn der ein röhr und einen dolch trug", in seinem Hause greifen, 
nach Schönau bringen und dort in den Turm werfen. Als der Verhaftete 
nach Zeugen rief, wurde er mit Schlägen bedroht. Andern Tags ging die 
Frau mit einigen Verwandten aufs Schloss um die Ursache zu erfragen. 
Baltasar brachte die obigen Anklagen mit der Erklärung vor, sein Gericht 
werde sich mit der Sache befassen. Für die sofortige Freilassung forderte 
er 126 Goldgulden, eine Summe, welche die Familie weder aufbringen 
konnte noch wollte. Nun liess Baltasar den Dam in den Stock legen und 
zwar, obwohl derselbe auf die Arme gestellt war, mit den Beinen, so dass 
der Unglückliche mit dem Haupte zur Erde hing und wegen der Enge 
der Löcher vor Schmerzen jämmerlich schrie. Das vermochte die Frau 
nicht anzuhören, sie unterhandelte mit dem edlen Herrn bis auf 64 Thaler, 
welche nächsten August an den yimon im Corneliusbad gezahlt werden 



— 98 — 

mussten! Mit dem, was sie den „armen Unterthanen*' höchst unedlerweise 
auspressten, berichtigten diese edle Herren ihre Wirtshausschulden! Dam 
erhielt jedoch die Freiheit nicht eher, bis sein Bruder sich für die 64 Thaler 
vor dem Aachener Schöffengerichte verbürgt hatte. Bezeichnend für die 
Stimmung des Volkes ist folgender Zwischenfall. Die Schönauer Laten 
weigerten sich über die Angelegenheit des Dam zu erkennen, weil es sich 
um die Rechte des Herrn zur Heiden handle. Wenn sie dem an seine 
Gerechtigkeit tasteten, sagten sie, so werde er sie verderben. Baltasar 
liess sie durch seinen Fiskal Stückger fragen, ob er sie denn nicht auch 
verderben könne? Auf die frivole Frage gaben die Laten die verzweifelte 
Antwort: wenn sie durchaus zu gründe gerichtet werden sollten, wäre es 
gleichgültig, durch wen. 

Das Verhältnis zwischen dem Herrn zur Heiden und den Mylendunck 
war demnach noch immer sehr gespannt. Bongart fand bald Gelegenheit 
gegen die Brüder aufzutreten. Wir wissen, dass Graft 11 eine Rente von 
14 Müdd Roggen und 20 Joachimsthaler auf das Schönauer Hofgut gelegt, 
dann aber dem Schultheissen Wilhelm von Richterich gestattet hatte, die- 
selbe zu eigenen gunsten anzukaufen. Vom Jahre 1586 würde nun die 
Geld- und vom Jahre 1589 ab auch die Kornrente nicht mehr gezahlt, 
weil Richterich so viel eingenommen habej dass damit das Kapital bereits 
abgetragen sei. Edmund von Richterich, der Rechtsnachfolger des Wilhelm, 
schloss mit Baltasar über die Zahlung einen Vertrag ab, den jedoch Graft III 
als Mitherr nicht anerkannte, und nun belangte Edmund die Brüder vor 
dem Schönauer Gericht. Dieses schloss sich der Auffassung seiner Herren 
an, dass die Erben Richterich nach der Reichsordnung „über haben 
und also hauptsomma und pension sich selber quitirt habend" Edmund 
brachte nun die Sache vor das Hauptgericht zu Jülich. Hier mischte sich 
Bongart ein. Er bezeichnete den Baltasar als einen Anstifter von Neuerungen 
und Turbirungen, gegen welche selbst dessen eigener Schultheiss mit den 
Schöffen protestire. Baltasar erkenne des Herzogs von Jülich Oberhoheit 
nicht an, er bedrohe Vogt und Gericht des Ländchens zur Heiden u. s. w. 
Dagegen erklärte Mylendunck, er handle nur wie seine Vorfahren, er habe 
Schönau von der Sonne empfangen, die Schöffen nicht eingesetzt sondern 
vorgefunden „als aus ihren scheffencompen und kisten erhellt" ; des Fürsten 
zu Jülich Steuer lasse er fleissig einsammeln und an ihren Ort abführen; 
er betrachte sich auch als Unterthan des Fürsten „in erwegung bei mir 
Selbsten, ich nit unerweislich verschiedene guter in fürstlicher gnaden 
fürstentum Jülich liegen habe, deren ich mich um Schönaus willen ungerne 
entblösen solte". Das Gericht zu Jülich hat jedoch den Herrn von Schönau 
am 27. Oktober 1604 „ad barbam condemnirt", und als Baltasar nach 
Düsseldorf appellirte, geschah ihm dasselbe. Nun ging die Sache an das 
Reichskammergericht und dort erkannte man die Reichsunmittelbarkeit 

*) Die Reichsordnung: g^estattete nur 5®/o Zinsen ; was darüber hinaus eingenommen 
wurde, sollte als Amortisation des Kapitals gelten. 



— 99 — 

Scbönaus trotz allen Einreden des Herrn von Bongart und des Heraogs 
an (1609). Die Folge war, dass Riehterich im folgenden Jahre seine 
Klage gegen Baltasar in Speier erhob. 1596 hatten Oaft und Baltasar 
gemeinschaftlieh den Hof zu SchöDan verpachtet. Der Prozess mit Kiehterich, 
den Graft veranlasste weil er dem Vertrage seines Bruders mit Edmund 
nicht beistimmte und der durch die Wendung, welche er in folge der Ein- 
mischung Bongarts und des Herzogs nahm, sich zu einer Lebensfrage ffir 
den Besitzer von Schönau gestaltete, scheint Baltasar auf den Gedanken 
gebracht zu haben es sei billig, dass Graft die Suppe, die er eingebrockt, 
allein ausesse. Es ist ein Vertrag zwischen den Brüdern aus dem Jahre 
1606 vorhanden, wonach Baltasar Fronenbroch und Graft Schönau haben 
solle mit Ausnahme jedoch der Krimioalgerichtsbarkeit, welche sich jeder 
in seiner frühem Herrschaft vorbehielt. Dieses Abkommen ist jedoch nicht 
zur Ausfuhrung gelangt. 

Ahnlich wie in Schönau erging es dem Baltasar in seiner Halbherr- 
schaft zur Warden. Hier hatte sein Oheim Graft II dem Wilhelm Keinen 
die Rentmeisterstelle auf so lange zugesagt, bis dieser oder seine Erben 
wegen aller ihnen zustehenden Forderungen befriedigt seien. Infolge dessen 
wurde der Schwiegersohn des Keinen, Simon Nobis, danach dessen Sohn 
Wilhelm mit seinem Schwager Lersmacher Rentmeister. Wahrscheinlich ist 
auch in diesem Falle Baltasar der Ansicht gewesen, die Erben , hätten 
über, demnach hauptsomma und pension sich selber quitirt**, denn er ent- 
setzte 1609 den Nobis der Rentraeisterei. Darauf klagten die Erben Keinen 
in Jülich ^weil ihnen in administration des schultheissenamtes zur Warden 
ohne befugte ursach und bevor ihnen ihrer schadloshaltung halber genüg- 
same Satisfaktion beschehen indracht gethan werden wolle**. Die jülichschen 
Kommissare verfugten, dass Kläger in dem Stande, in dem sie vor diesem 
gewesen, zu lassen und zu handhaben seien, und das Gericht entschied in 
erster und zweiter Instanz zu gunsten der Nobis (1614). Baltasar appellirte 
zwar nach Speier, die Nobis störten sich nicht daran und Hessen die ErbpÄchte 
zu Warden und Höngen mit Gewalt abführen. Noch einige Jahre später 
schrieb der Verwalter an Baltasar, die Nobis Erben spielten den Meister, 
weil sie den Schultheissen hinter sich hätten; wenn Mylendunck und Graf 
Schwarzenberg — der andere Halbherr — nichts dagegen thäten, würde 
die Jurisdiktion hoch geschmälert werden. 

Derselbe Brief enthält die Hinweisung auf eine Exekution, die von 
Jülich aus in der Warden zu gunsten eines Lambert von Volkershoven 
befohlen worden war. Zur Zeit des jülichschen Erbfolgekrieges hatte eine 
der streitenden Parteien den Wardenern eine Brandschatzung auferlegt. 
Lambert war damals Statthalter der Herrlichkeit Berg^ Er hatte den 
Hausleuten den Brandbrief erst einen Tag vor Ablauf der festgesetzten 
Frist vorgelegt. Während nun der Bote nach Jülich ging um die Schätzung 
zu erlegen, geschah der Brand, der gerade die Besitzung des nachlässigen 

*) Laurenzberg bei Aldenhoven. 



— 100 — 

Statthalters traf. Weil Lambert demnach durch eigene Schuld ins Unglück 
gekommen war, wollten die Einwohner ihn nicht entschädigen und protestierten 
gegen die angedrohte Exekution. Auch wendeten sie ein, Volkershoven 
sei exemt, wenn ein anderes Hausmannsgut in Flammen aufgegangen wäre, 
hätte dieser Hof auch nichts gegeben. 

Noch ein anderes Schreiben, Wardener Verhältnisse betreffend, liegt 
vor. Absender ist Henricus Vichenius, einer der mylendunckschen Sach- 
walter. Er schreibt: „Wegen reparation des Kackschen^ zu Warden wird 
der Palander rentmeister den greven zu Schwarzenberg um beilage 
ansprechen . . . Der rentmeister hojBft, ire gnaden werden gelt oder holz 
darzu bewilligen . . . Der Palander schultheiss Petrus Palant hat die vroege 
I von der Warden hinter sich und ist im jair nicht eins überkommen *', des- 
halb das herrengeding ad conservandam iurisdictionem bis dahin hat müssen 
anstehen bleiben . . . Habe von Leuffgens verstanden, dass euer gnaden 
etliche sumberen korns erblich zu verlassen gemeint; wan dan e. g. auf 
jederen morgen nur ein oder zwei albus pfenningsgelt sich vorbehalten, so 
pliebe die Jurisdiktion ungeschwecht*." 

In der Herrschaft Hüls* sah es nicht besser aus. 1603 bekundete 
Baltasar, er habe „in unsern sonderbaren anliegen" aufgenommen 1. von 
Heinrich von Brück 600 Thaler Mörsischer oder Crefelder Währung, wofür 
das Pachtgeld von 12 Morgen — 2. von Burkart Kreins 300 Thaler, wofür 
der Pacht von 6 Morgen — 3. von Wilhelm Müller „unserm gewesenen 
diener** 300 Thaler, wofür der Pacht von 5^4 Morgen Land verschrieben 
worden sei. Alle diese Forderungen brachte der Schultheiss Arnold Strumig 
an sich und da Baltasar nicht, wie er versprochen, das Kapital im Jahre 
1608 abtragen konnte, gab Arnold noch 800 Thaler dazu und erhielt 28 
Morgen Hülser Erbland in Pfandschaft und Erbpacht. Das Land war in 
ganzen, halben und viertel Morgen an Einwohner von Hüls verpachtet (1614). 

1622 klagt eine Frau, dass Baltasar ihr 500 Thaler an Zinsen schulde; 
sie beantragte Beschlagnahme aller Hülser Einkünfte. Einem Lenzen waren 
für 650 Thaler 5V2 Morgen Ackerland verpfändet, die er weiter vergeben 
oder gerichtlich verkaufen lassen wollte, wenn Mylendunck das Geld nicht 
zurückzahle. Baltasar konnte sich mit Recht in einem Briefe an den 
Gubernator, worin er um Aufschub einer Exekution bat, einen „armen** 
Verwandten des Hauses Mors nennen. 

Dazu litt er häufig an Gicht und Wechselfieber. 1616 und 1625 
haben ihn diese Krankheiten arg mitgenommen. In letzterm Jahre schreibt 
er an seine Tochter Marie: „ich fahe an in dem gemach mit einem stecken 
zu gehen," und vom Wechselfieber: „der allmechtige getreue Gott wolle 

*) Kax = Pranger. 

') nicht einmal hergekommen. 

*) Nicht ohne Salz ist die Begründung dieses Rates: „Cavendum est a rusticis, 
quaemnt quae sua sunt ut a subiectione des markgelts et aliis consuetis ac debitis oneribus, 
quae pluris successu teraporis aestimanda quam prctium, exiraantnr. 

*) Hüls bei Crefeld. 



— 101 — 

mich davon erledigen, wan es sein göttlicher willo und mich sftlig ist»" 
Baltasar führte gern erbauliche Reden. Als ihm der Bote Drischgcu mit- 
teilte, dass auf Ostertag die Mauer an der Tränke in Schönau eingestUrRt 
sei, schrieb er: „Ich hette wol mehr glucks bedurft; aber man muss allos 
mit geduld von Gottes hand annehmen/ Weniger erbaulich war sein 
Lebenswandel, 

Nach einem Schönauer Stammbaum war Baltasar mit einer von Ilornt 
verheiratet gewesen. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter, Agnes, wohrho 
den Johann von Kessel, Witwer von Helene Speo, ehelichte. Den HelraiH- 
vertrag, der vom 27. März 1618 datirt, haben wir bereits mitgeteilt. Im 
folgenden Jahre bestellte Baltasar seinen Schwiegersohn als Vortreter, um 
alle im Lande von Kessel aus der Neuenarer Erbschaft fallenden (4ebUren 
zum dritten Teile zu erheben, da er selbst wegen „loibsHchwachfieit, 
weitentsessenheit und anderer ungelegenheit** das nicht könne. Die Kinder 
des Johann und der Agnes waren Baltasar und Adolf v(m KcHseJ. 

Nach dem Tode seiner Frau Hess sich Baltasar von Mylendunck mit 
der Tochter des Rentmeisters von Fronenbrocli, Helene Brauhoff', ein. Hie 
gebar ihm drei Kinder: Amandus, den spatem Herrn von Hchönau, Anna 
Maria, welche am 21. Oktober liS'M in Hörstgen mit Adolf von HillenH- 
berg getraut wurde, und Agnes. 

1629 war Baltasar zum Tode erkrankt Auf dem Htxjrbebett^^ hei- 
ratete er, jedenfalls um die Kinder zu legitimieren, die Brauhoff, ^Auf 
Begehren Amandi von Mylendunck" ernchienen am 6. März „neuen kalen- 
ders* vor dem Notar Pin Herman vom Hirtz genant von der Landwkron, 
Johan Jakob und I*>ak von Streithagen zu Ursfeld*, Mathia?* Brtill, Handel»- 
mann der Stadt Aa^rhen, Quirin Becker, Johan und l>;mmen OrtinAfw, 
Untersass»^n der Herrlichkeit S^honau und erklarten: heut/* vorrnittÄg» 
habe der Herr Balta>ar von Myl^r.dunck die „f^hr- und tutreridreiche* Krao 
Hilleken Brauh'^ff zu »einer eh^-li^hen Hi'j-ifrau getra'jt und zwar nf'U^n 
sie, «la beide der ref-niiierten KfV.in j^. ar.:.'^J,">r^^:n. dur^rh ein^rn I'r4dikant>rn 
zusanin^en ge^o'^on w<^r«jf:n. Die Ze.^'-^a l-;k;r.den ^V-r Har,'J!jr*g */ei' 
gew' L^t z\ L-i'-er;. r.^'h denn \V'.K:'\.rr./j: \W.*'^.-^r ^*/h \mi ^r^'J*H a*if- 
richte:- d. z:^:://, '].-:-> **^.k-" l^S- ^ \:A -j v-i v(;r-*;i'.!^ **',<rr,':e. '\m f]*-;/^ 
nectes r.l: •] irr-:'?. .:./ *'%*.vr r-- :/^:. :,.: : l. :,/.':. '.:A fr-: ^'/-f./i/ ;, v^ri,' h 
bf^ii.-- s.* ' 't ! ■^"--r *-' ^ **-' *■'■• \ > • - ! '^ " ->. ► '. •' ' '•• 'i'-'f^'' *'; '.^ti 
jedv-e:>r^;- :, i :. -v. -'--•; -" -- -:--:..• - .* "^:*-.: , /-:'. *,.%:;, .'/: *,f,u 
ilari -f -•.:.' z r r<:. '■ /: -: . :.'.*\-:.' 






— 102 — 

gesetzt, die beiden Töchter sollten je 6000 Gulden erhalten. Ein Codizill 
bestimmte noch, dass Schönau an eine der Töchter fallen solle, wenn 
Amandas ohne eheliche Nachkommen sterbe. 

Nach dem Tode des Vaters ging Agnes zu ihrem Vetter Baltasar 
Brauhoflf, dessen „rechte möhn" ihre Mutter war und heiratete denselben 
1630. Bevor sie nach Rees kam, wo Brauhoff in Garnison lag, hatte sie 
sich eine Zeitlang zu Neukirchen in der Grafschaft Mors aufgehalten, von 
wo sie folgenden Losschein mitnahm. 

„Ehmwürdige wolgelehrte herren und vielgeliebte brüder in Christo. 
Demnach vorweiserin dieses, Jungfrau Agnes von Mylendonck, aus geheimen 
sonderbaren Ursachen, inmassen e. e. von erstgedachter person münd- und 
gründlich zu vernehmen, eine Zeitlang sich bei uns aufgehalten, auch für- 
habens gewesen, mit ihrem cognato Baltasar Brauhoff genant, so jetzo in 
der herren staden diensten zu Rees liegt, assentientibus parentibus ehelich 
copuliren zu lassen, worinnen nechst reifer rathschlagung mit schrift- und 
rechtsverständigen leuteu rebus sie stantibus dis orts were wilfahrt worden ; 
dieweil aber Unsicherheit halben anhero zu kommen sponsus unrathsam zu 
sein erachtet: so wird gemelte Jungfrau verursachet ihren weg nach Rees 
zu nehmen und daselbst nuptiarum consummationem gebürlichen zu gesinnen, 
wie auch um deswillen gegenwertige attestatio von mir begeret, so ich 
dergestalt nicht weigeren können. Zuversichtlich mich verlassend, e. e. 
werden diesem allem glauben zustellen und in diesem casu matrimonial! 
also prozediren, damit laesa conscientia befriediget, ärgernus abgethan und 
grösser übel verhütet werde. Hiermit e. e. samtlich und sonders in den 
schütz des Allmächtigen empfolen. Actum Neukirchen in der grafschaft 
Morsch den 25. junii 1630. E. E. dienstwilliger mitbruder Fridericus 
Casimirus Sohnius minister verb. div. mp." 

Agnes starb bald nach ihrem Manne. Sie hinterliess zwei Kinder, 
deren sich ihr Schwager Adolf von Hillensberg annahm. Der Knabe starb 
und wurde zu Warden begraben, die Tochter Anna Maria Brauhoff heiratete 
den Wilhelm de Blanche. 

g) Amandus von Mylendunck, Herr zu Schönau, Hüls und Warden 
(1629 — 1674), ein wahrer „Johann ohne Land". Noch am Sterbetage seines 
Vaters nalun Amandus unter Beobachtung aller Förmlichkeiten Besitz von 
Schönau, wobei ihm die Herren Johann von Keverberg-Meven, Herman 
von Hirtz und Baltasar von Streithagen als Zeugen dienten. Aber während 
er sich in Fronenbroch befand, wohin er die Leiche seines Vaters zu 
Grabe geleitet hatte, nahm sein Vetter Adolf, ein Sohn Herman Dieterichs, 
der Präsident des Reichskammergerichts, der von Baltasar zum Testaments- 
exekutor ernannt worden war, Schönau mit bewaffneter Hand ein und 
zwang selbst die Mutter sowie die Schwestern des Amandus ihm den Treu- 
eid zu leisten. Den Grund, mit welchem der „president**, wie er gewöhn- 
lich in den Akten genannt wird, die Gewaltthat rechtfertigte, kann man 
sich leicht denken: er bestritt die Ehe des Baltasar mit der Brauhoff und 



— 103 — 

damit die Legitimität und Rechtsfolge ihrer Kinder. Es kam natürlich 
zum Prozesse zwischen ihm und Amandus, aber der Präsident hielt sich 
his zum Jahre 1634 im Besitze von Warden nebst dem Hofe und Zehnten von 
Niedermerz und bis zu seinem 1642 erfolgten Tode im Besitze von Schönau. 

1635 verpachteten Amandus und Anna Maria den Hof zu Niedermerz 
für einen trockenen Weinkauf von 50 Thaler und einen jährlichen Pacht 
von 55 Malter Roggen, 5 Malter Weizen und Spelz, 12 Malter Hafer, 
2 Verken, einen fetten Hammel, endlich 12 Pfund Zucker, ein Pfund Ingwer 
und ein Pfund Pfeffer zum Neujahr. Wegen der Benden und Weiden 
sollte der Pächter 17 Goldgulden, dem Domkapitel in Köln musste er jähr- 
lich 12 Gulden zahlen. Die Gerechtigkeit auf dem Propsteier Wald 
genossen Herrschaft und Pächter je zur Hälfte; dafür pflanzte letzterer 
iährlich zwei Apfel- und zwei Birnbäume in den Baumgarten. 

1636 heiratete Anna Maria von Mylendunck den Adolf von Hillens- 
berg^ Nun hatte Amandus einen Schwager aber auch einen Dränger 
mehr. Nach dem Testamente des Vaters hätte er den Schwestern je 6000 
Gulden auszahlen müssen, und beide sprachen ihn „durch gute leute*' oft 
um diese Sunmie an. Aber woher sollte Amandus „der immer im elend 
lebte**, das Geld nehmen? Er vertröstete die Schwestern auf den Zeit- 
punkt, wo er im Besitze von Schönau sein werde. Damit waren die Damen 
jedoch nicht zufrieden. Wenn er ihnen kein Geld geben könne, Hessen 
sie ihm durch den Vetter von Fronenbroch sagen, so möge er die Güter 
mit ihnen teilen. Sie setzten auch wirklich am Hauptgericht zu Jülich 
durch, dass ihnen Warden zugesprochen wurde. Weil jedoch „ter Warden 
nu nit als de hoigheit in resto was", nahmen Hillensberg und seine Frau 
nach dem Tode des Präsidenten Schönau ein, und Amandus hatte abermals 
das Nachsehen. Als die Hillensberg auf das Haus kamen — am 20. Aug. 
1642 — fanden sie „zur weit Gottes keinen beweis alda und wussten 
selber auch nichts von schönauer recht und gerechtigkeit**, so dass sie 
sich mit Zeugenaussagen behelfen mussten. Erst 1659 erfuhren sie, dass 
der Präsident sämtliche Briefe und Urkunden, die Schönau betrafen, in 
das Aachener Kapuzinerkloster hatte schaffen lassen. Das war ihnen um 
so härter, als sie sich vielen Bedrängungen von selten des Herrn zur 
Heiden ausgesetzt sahen. Otto von dem Bongart, der 1632 auf Wilhelm 
gefolgt war, dachte, weil der Präsident und die Mylendunck zu Speier 
prozedierten „were es zu rechter zeit alle schönauer gerechtigkeit an sich 
zu zeighen*, die wiel ihm bewust, dass der President nichts darin thete 
und ihm Schönau wolte verkaufen". In die Fussstapfen Ottos trat dessen 
Witwe. „Die wiel nu aber die jetzige witwe von der Heiden mit alle ge- 
walt boussen einiges recht mit gewerter band keine attentaten, so grob 
sie sein, understehet * . . . und sobald als sie von der Heiden etwas ver- 

') Die Hillensberg, deren Wappen zwei senkrechte Pfähle mit aufgelegtem Tumier- 
kragen zeigt, waren Bürger der Stadt Eees. Daher mag es kommen, dass ein Zeuge aus- 
sagt, dieselben seien gar keine adelige, sondern eine einfache bürgerliche Familie jener 
Stadt. *) Ziehen. ') unterlässt. 



— 104 — 

nehmen kunnen, dass einige uf schonauer underthanen zu pretendiren 
haben, zeichen sie dieselben an sich und fallen mit gewalt uf schonauer 
gut und doen die exekution . . . und alle schonauer underthanen wieders 
bedreuet, mich in keinerlei manieren zo obedeiren ^ oder sie wolte dieselbe 
im thorn werfen und dapfer briichten geben lassen, also dass nicht ein 
einziger underthan alhier darf komen, welcher mich kundschaft darf geben 
von allen die attentaten, die sie geübt hat. . . . Noch zu gedenken, dass 
die von der Heiden mit gewalt die schonauer underthanen in hessische 
und lotaringische beschwerlichen kriegszeiten nacher der Heiden gezwungen 
zu "vyachen und das Haus Schonau desolat gelassen, und wir uns mit 
fremde leut haben müssen verdedigen mit Unkosten und uns in das userste * 
ruin zu bringen . . . Und so halt als es ihr ins haupt komt und einiche 
attentaten anfangt, als dan doet sie es mit ein par hondert baurn mit ge- 
wapfenter haut/ So klagt Hillensberg. 

Amandus machte schliesslich gute Miene zum bösen Spiel. Er er- 
klärte sich damit einverstanden, dass die Schwestern Schönau und Warden 
so lange abnutzen sollten, bis sie ihr Kapital und die Zinsen von 1629 
ab erhalten hätten und dass auch die Mutter ihren Unterhalt von dort 
beziehe. Er hielt sich auch selbst einige Jahre, „in fried und einigkeit** 
zu Schönau auf. Da spielte Max, der Sohn Grafts III, Herr zu Pronen- 
broch und Hörstgen, den Störenfried. Er beredete den Amandus zu dem- 
selben Tausche, der einst zwischen ihren Vätern geplant gewesen aber 
nicht zur Ausführung gekommen war. Amandus sollte Fronenbroch, Max 
Schönau haben. Der Vertrag wurde 1663 unter Vermittelung des Predigers 
ter Herbrüggen auf 6 Jahre „und so fort" abgeschlossen; Zeugen waren 
die Prediger Petrus Taschenmacher, pastor de Vierlinxbeck und Arnoldus 
Loitink, ecclesiae repellentis in comitate Morsensi pastor. In demselben 
Jahre hatten die Eheleute Hillensberg den Hof zu Schönau von neuem 
auf zwölf Jahre verpachtet. 

Amandus, der eine Zeitlang Gast des Fronenbrochers gewesen war, 
erschien 1664 auf Schönau, erklärte sich für den alleinigen Herrn, ver- 
kaufte und versetzte Ländereien und Pachte. Das setzte wiederum einen 
Prozess mit Hillensberg ab. Das Verfahren des Amandus stand in Wider- 
spruch mit einer Vereinbarung zwischen ihm und Adolf, wonach keiner 
von beiden das Recht haben solle „haus und gerech tigkeit, garden, weieren, 
benden den putzdriesch genant, jungenbusch plattenweier genant, weid den 
pesch samt den camerhof in welcher besirk das haus Schönau gelegen 
ist, capuin und erbpfachten zu verkaufen, versetzen, vertauschen in keiner- 
lei manieren, wie es namen haben möchte oder kunte, sondern sal nun bis 
zu ewigen dagen blieben an denjenigen, die von hern Baltasars von 
Mylendunck lief gesprossen sein". 

Mit Berufung auf diesen Vertrag und das Testament Baltasars hielt 
Hillensberg am Besitze Schönaus fest. Da versuchte Max stärkere 

*) gehorchen. *) äusserste. 



— 105 — 

Mittel. Im Dezember 1664 erschien er mit einem Haufen Reiter vor dem 
Schlosse und begehrte Einlass. Als ihm derselbe verweigert wurde, drohte 
er, er werde bald wiederkommen, die Trompete im Dorfe blasen und den 
Hillensberg, wenn er ihn erwische so traktieren, dass der Rücken dem 
Bauche gleich und gemäss wäre und das Gehirn an den Wänden kleben bleibe. 

Auch die Heidener beteiligten sich an der Hetze. Als Philipp Adolf 
von Kessel mit den Windhunden auf den Schönauer Acker ging, begegnete 
ihm der Sekretär von der Heiden. Derselbe schoss auf die Windhunde 
und rief seinen Leuten zu „selten den schelmen greifen". Andein Tags 
zog er mit dem ganzen Heidener Jagdtrosse und einem Haufen bewaffneter 
Schützen vor Schönau, jagte ringsum, liess „dem herrn zum speit" * das 
Hörn blasen und schrie: „Wo bleiben nun die fauligen vom haus Schönau? 
Ich will sie noch ehender kriegen als der teufel, dan sie sind nicht alle- 
zeit auf dem haus." 

Aber auch durch diese Roheiten, welche für den Verfall der guten 
Sitten unseres edlen deutschen Volkes in der Zeit nach dem dreissigjährigen 
Kriege bezeichnend sind, liess sich Hillensberg nicht einschüchtern. Er 
wahrte die Rechte Schönaus gegen die Heidener, versetzte auch wohl 
Schönauer Ländereien, wenn er Geld nötig hatte, — so 1659 drei Morgen 
aus dem Hirzerfeld an die Laurensberger Kirchmeister für 200 Thaler, — 
bemühte sich aber auch redlich die Verhältnisse und zwar zunächst die 
Wardener zu ordnen. 1641 legte er die 1000 Thaler an Peter Herl ab. 
Die Erben Heinen hatten nun noch 300 Thaler, 50 Doppeldukaten und 
250 schwere Thaler zu fordern. Ihr Recht auf die entsprechenden Renten 
erwarb Hillensberg ebenfalls, und die fürstlichen Kommissare Johann von 
luden und Peter Ritz erklärten 1648, dass er dabei zu raanuteniren sei. 
Die Kommissionskosten in der Wardener Angelegenheit beliefen sich auf 
nicht weniger als 1220 Thaler 3 Schillinge. 

Am 2. September 1667 erlöste ihn der Tod von aller Sorge. Er 
wurde in Warden begraben. Seine Witwe setzte den Kampf gegen die 
Frau zur Heiden wacker fort, unterstützt durch Baltasar von Kessel, der 
als Statthalter des Gerichts die Geschäfte führte. 

Mittlerweile kam Araandus zur Einsicht, dass sein Vetter Max ihn 
arg hintergangen habe. Es stellte sich heraus, dass dessen Güter Fronen- 
broch und Hörstgen derart überschuldet waren, dass allein der Abt von 
Kamp 20000 Thaler daran zu fordern hatte. Dann aber liess Max den 
armen Amandus in einer schweren Krankheit trotz allen Bitten ohne jede 
Unterstützung. Darum widerrief Amandus am 29. Oktober 1670 vor dem 
Notar Collen in Aachen den Vertrag von 1663. Am 7. Juli 1671 erstritt 
er sodann ein obsiegendes Urteil gegen die Eheleute Hillensberg; sie 
wurden angewiesen dem Amandus Haus und Herrlichkeit Schönau abzu- 
treten. Warden und Merz waren demselben schon 1668 zugesprochen 
worden. Aber auch dieser Sieg hatte für Amandus keine Bedeutung. 

*) Spott, Verdruss, Aerger. 



— 106 — 

Max hielt am Vertrage von 1663 fest und betrachtete das Urteil als zu 
seinen Gunsten gesprochen. Am 14. August 1671 rückte er mit Heidener 
Schützen vor Schönau und nahm das Haus ein. Die Witwe Hillensberg- 
rief zwar während des Einbruchs „sie wolle ihren bruder, herrn Amandus 
von Mylendunck, gutwillig einlassen, der Max hette alda nichts zu 
schaffen", aber die Einsicht kam zu spät. Die Einbrecher hausten wüst. 
Vieles wurde zerschlagen und verbrannt, den Rest behielt Max. Er Hess 
das Haus zerfallen, hieb das Gebüsch, selbst die Obstbäume nieder und 
verbrannte oder verkaufte das Holz. Die Witwe Hillensberg schrieb an 
den Bruder des Max — Dezember 1. ohne Jahr — : „Es gehet alhier 
wunderlich zu; das land bleibt ungebaut, und als sie haben angefangen 
zu dreschen hab ich von den fruchten und auch biesten protestirt, und 
stossen sich nit an protest und faren immer fort mastbiesten abzuthun; 
meinen vorrath ist vorerst gessen, das dienstvolk laufet mir alle tag an 
die Ohren und ich kann sie leider Gott nit helfen; es werden kein kohlen 
geholt; es wird hier viel ding vertestuiret ^, welches am Haus wieder 
aufzurichten sehr schedlich^ ist.** 

Amandus verpföndete am 22. August 1671 Haus und Herrlichkeit 
Schönau durch Akt des Notars Johann von Trier an den Gubernator der 
Festung Rheinberg und dessen Frau Gertrud von Bronckhorst für 6000 
Reichsthaler, die er nach seinem Ausdruck „zur abstattung meiner Schuldig- 
keit, vornehmlich meiner Schwester sodan den nichten Blanche^ und nötige 
eigene Verpflegung" * geliehen hatte. Wir sehen, dass er sich der Schwester 
wieder näherte. Die völlige Aussöhnung ergiebt sich aus dem Testaments- 
konzept von 1673, worin Amandus „zu ziemlichem alter gekommen" zu- 
nächst alle Verträge widerruft, die er mit seinem Vetter Max gemacht hatte, 
dann seine Schwester Anna Maria zur Universalerbin einsetzt, endlich die 
Enkel seiner Schwester Agnes der Witwe Hillensberg substituiert. Das 
Testament, welches er „krank zwar an leib aber an verstand ganz unge- 
schwächt" 1674 in Aachen vor Notar und Zeugen verfasste, gibt ausser- 
dem den Grund des Widerrufes jenes Vertrages an: „weil seine vetteren 
Goddart und Max ihn mit glatten worten dazu gebracht** aber ihrerseits 
die Bedingungen nicht gehalten hätten. 

Aus demselben Jahre, Juli 2., stammt eine Urkunde, worin Amandus 
den Jesuiten zu Jülich den Ueberrest des Hofes und den Zehnten zu 
Niedermerz gerichtlich verschreibt „zu erhebung 400 pattakons". Er ver- 
spricht seine Nichte Anna Maria de Blanche, welche vor einigen Jahren 
durch das Düsseldorfer Hofgericht in den Zehnten eingesetzt worden war, 
aus andern Gütern zu entschädigen. 



*) mutwilUg verdorben. *) kostspielig. 

^) den Rechtsnachfolgern seiner Schwester Agnes. 

*) lieber des Amandus Verhältnisse und die der Witwe HiUensberg schreibt der 
Ltitticher Kanonikus Gerard von Kessel am 24. Februar 1673: „der goeder her Amandus 
is binnen Aakon in siechte kleider en siecht onderhalt, syn snster is op Ursveit uyt mit- 
leiden angenomen, so lang als dat sal duyren.*^ 



— 107 — 

Endlich gab dem Violgeplagten das Eeichskammergericht auch gegen 
den Max Recht. Am 7./ 17. Juli 1674 erfolgte der Spruch, dass es Max 
„nicht geziemet noch geburt habe haus und herrlichkeit Schönau einzuneh- 
men sondern daran zu viel und unrecht gethan**. Auf dieses Urteil hin ver- 
pfändete Andreas von Hillensberg zu Ürsfeld, der Bruder des verstorbenen 
Adolf, für 200 Thaler „gewisses silberwerk und klenodien'' bei der Witwe 
Puissont zu Aachen und übergab das Geld dem Amandus und der Anna 
Maria gegen Verpföndung des Neuen Bends zu Schönau. Sollte sich die 
Einräumung des Hauses Schönau verzögern, so dürfe Andreas die Pfand- 
schillinge einlösen, welche Buirette auf Warden vorgeschossen hatte und 
an dessen Stelle treten. Warden war also auch verpfändet. 

Auch vom Siege über Max hatte Amandus keinen Vorteil; er starb 
noch in demselben Jahre. 

Andreas hatte klug gehandelt, als er sich für seine 200 Thaler eine 
zweite Sicherheit stellen liess. Kaum hatte Amandus die Augen ge- 
schlossen, da „erschien 

h. Maximilian, Freiherr von Mylendunck, Schönau, Pronenbroch, 
Hörstgen, Herr zu Hüls und zur Warden etc. nach absterben des herrn 
Amandi . . . und ergriff besitz von dem hause und der herrschaft Schönau 
ubermitz deroselben unterthanen von Gott dem allmächtigen und dem h. 
element der sonnen, wie sich gebürt". Mit Auflegung der linken Hand 
in die Seite warf er einen goldenen und einen silbernen Pfennig unter die 
Unterthanen und empfing dann deren Eid. „So geschehen Schönau vor 
der brügge in gegenwart des pastors zu Berg, Johan Baptista Bex und 
Thomas Kütgens sazellan^" 

Die Witwe Hillensberg flüchtete wieder nach Ürsfeld zu ihrem 
Schwager. Sie konnte ihr Recht am Reichskaramergericht nicht mehr 
geltend machen „weil inzwischen die verhergung der Stadt Speyer durch 
französische truppen und die verstörung des reichskammergerichts vor- 
gefallen ist". In ihrem Testamente, datiert Ürsfeld 15. Juni 1676, setzte 
sie den Sohn ihrer Nichte, Isak Lambert von Blanche, zum Universalerben 
der ganzen Hinterlassenschaft mit Einschluss von Schönau unter der Be- 
dingung ein, dass dessen Mutter, Anna Maria von Brauhoff, Witwe de 
Blanche, die Nutzniessung auf Lebenszeit habe und jede seiner Schwestern 
1600 Reichsthaler erhalte, wenn sie standesgemäss heirate. 

Max von Mylendunck behielt unterdessen bis zu seinem Tode, der 
im Jahre 1692 erfolgte, die Herrschaft Schönau. Er war zwar ein 
Usurpator wie Adolf, aber er verteidigte die Gerechtsame Schönaus mit 
grösserer Entschiedenheit gegen die Uebergriffe der Heidener. Im Jahre 
1679 legte er dem Horbacher Gerichte drei Originalurkunden vor: Die 
Anerkennung der Schönauer Gerichtsbarkeit* durch Godart von der Heiden 
von 1373, das Urteil des Jülicher Hauptgerichtes von 1510 und die Ver- 
einbarung zwischen Dieterich von Mylendunck und Werner von Schönrade 

*) Qu ix, Schönau S. 1, Anm. 



— 108 — 

von 1523. Das Gericht erkannte dieselben als echt und richtig an und 
versprach, daraufhin zwischen der Frau von Heiden und Max behufs fried- 
licher Beilegung aller Streitigkeiten vermitteln zu wollen. 

Durch den Tod seines Bruders Gothard war Max 1683 in den vollen 
Besitz von Fronenbroch und Hörstgen gelangt. Ausser diesen beiden 
waren noch andere und zwar uneheliche Kinder von Graft HI vorhanden. 
Baltasar erklärte 1616, dass seine Vormünder den Rindsbrucker Hof in 
das Grundbuch des Scholasters vom Stifte Essen auf seinen Namen hätten 
eintragen lassen. Da aber der Hof bei der Teilung seinem Bruder Graft 
zugefallen sei und dieser ihn gebeten habe, denselben auf den Namen 
eines der mit Margarethe von Eitelbeck gezeugten Kinder eintragen zu 
lassen, so wolle er, dass sein (Baltasars) Name im Buche gestrichen und 
an dessen Stelle Adolf, der natürliche Sohn des Graft, angeschrieben werde. 

Das Leben des Max war auch nicht ohne Tadel. Er lebte lange 
Zeit in wilder Ehe mit einer „adeligen juflFer Tegelen vom Bungart nechst 
Issum". Seine beiden Töchter waren schon „zu mannbaren jähren" ge- 
kommen, als Max die Tegelen vor einem „statischen prediger" zu Vaels 
heiratete. Bevor es zu dieser Eheschliessung kam, war eine andere ver- 
sucht worden, die nach einer im Jahre 1737 abgegebenen Erklärung der 
Antoinette von Blanche folgenden Verlauf genommen haben soll. Max 
liebte es nach der Gewohnheit des damaligen Landadels jener Gegend in 
den Kneipen herumzusitzen und mit Leuten des niedrigsten Standes Bier 
und Branntwein zu trinken. Zur Zeit als seine Tochter Margarethe 
Elisabeth etwa 24, die andere, Anna Maria 20 Jahre alt war, kam Max 
eines Tages ganz betrunken nach Hause und stürzte auf der Fallbrücke 
zusammen. Man trug ihn für tot ins Haus und legte ihn auf ein Bett im 
Saale. Die Töchter schickten den Diener Marschall sofort nach Aachen 
zu dem reformierten Prediger Wenninger, damit dieser noch die Trauung 
vornehme. Als der Bote mit der Nachricht zurückkehrte, der Prediger sei 
abwesend, warf sich die älteste Tochter auf ein Pferd und holte den 
katholischen Pfarrer von Laurensberg. Der legte die Hand des Max in 
die Hand der Tegelen und fragte ihn wiederholt, ob er die Margarethe 
Tegelen zu seiner Hausfrau nehme. Es erfolgte jedoch von selten des 
bewusstlosen Max keine Antwort „weder mit zeichen weder mit drücken 
w^eniger mit werten". Als Max wieder zu Kräften und Gesundheit ge- 
kommen war und von dieser sonderbaren Trauung hörte, beteuerte er 
öflFentlich, er wisse von keiner Heirat und drohte, er werde dem Pfarrer 
von Berg „denselben weil er rothe hären hatte rothkopf nennend" tot- 
schiessen, wenn er sich unterstehe, diese Eheschliessung in seine Bücher 
einzutragen. Die Zeugin wusste das alles so genau, weil sie damals mit 
ihrer Mutter auf dem Vorhofe zu Schönau gewohnt und dem geschilderten 
Auftritte neben Philipp Gentis, Fettmenger, Bemelman und zwei mylen- 
dunckschen Advokaten, Richterich und Defoure, im Säle zugesehen hatte. 

Der damalige Herr zu Crsfeld, Charles de St. Remy, belangte die 



— 109 — 

Töchter des Max wegen Verleumdung. Nachher geriet er mit dem Vater 
in Streit über einen Schönauer Bend. Während Max 1687 sich in Frohnen- 
broch befand, kam St. Remy nach Schonau um sein Recht geltend zu 
machen, wurde aber dort von den Mädchen „mit harten Scheltwörtern 
affrontirt", dann auf deren Anstiften von den Leuten und Bedienten der- 
selben „mit schlagen übel traktirt, gestossen, geschossen, verwunt, endlich 
in den weier geworfen**. Mitleidige zogen ihn heraus und trugen ihn in 
das Haus an die Kreuzer, wo er „erlabt und wieder zu recht gebracht" 
wurde. Hierauf machten sich die Mädchen mit Sack und Pack nach 
Fronenbroch, auch der Pächter zog ab und das Gut blieb öde liegen. Die 
Witwe von Blanche, „welche dermalen zu Schönau aufm vorhof und im thurm 
sich elendiglich aufgehalten", Hess die Ländereien 1689 bauen; als aber 
die Frucht reif war, erschien St. Remy und nahm auf grund eines Erkennt- 
nisses des Heidener Gerichts die Hälfte der Ernte weg als Entschädigung 
für die erlittenen Beleidigungen, die andere Hälfte holte Max. Im 
folgenden Jahre versuchte Frau von Blanche noch einmal ihr Glück. 
Aber nun kam Max mit holländischen Reitern, trieb sie vom Hause ab 
und nahm alles Getreide an sich. Anfangs Dezember starb der Usurpator 
zu Schönau ; gleich nach seinem Tode zog Isak Lambert von Blanche, der 
Sohn der Witwe, dort ein. 

4. Die Herren von Schönau aus der Familie von Blanche. 

Die älteste Nachricht, welche sich über dieses Geschlecht im Schönauer 
Archive vorfindet, stammt aus dem Jahre 1545. Am 3. Juni gab Karl V. 
seinem lieben Getreuen, Ritter Stefan von Blanche, ein Schreiben, welches 
den Lehenhof von Brabant aufforderte, demselben in seiner Angelegenheit 
zu helfen. 

Stefans Sohn Johann (I) heiratete Maria von Radelo, die in einem 
andern Stammbaume von Renesse genannt wird; nach ihr nannten sich 
später die Schönauer de Blanche de Radelo. Beide sollen in der Kirche 
zu Limburg begraben sein. Von ihnen stammte Johann (II), Kapitän in 
kaiserlichen Diensten, verheiratet mit Anna von Hillensberg von Driesch. 
Ihre Söhne waren Wilhelm, Gatte der Anna Maria (von) Brauhoff, der 
Stammvater der Linie Blanche-Schönau und Johann (III), vermählt mit 
A. M. von Hirtz-Landskron ^ 

Anna Maria (von) Brauhoff war nach dem frühen Tode ihrer Eltern 
bei den Eheleuten Adolf von Hillensberg erzogen worden. Dieselben 
scheinen ihr auch bei ihrer Verheiratung den Niedermerzer Zehnten an- 
gewiesen zu haben. Nachdem Amandus von Mylendunck den Prozess 
gegen Hillensberg gewonnen hatte, zog er auch diesen Zehnten wieder an 
sich. Da er jedoch der Anna Maria die Aussteuer ihrer Mutter mit 6000 
Gulden nicht auszahlen konnte, liess sich ihr Gatte Wilhelm von Blanche 
vom Düsseldorfer Hofgericht in denselben einsetzen. Durch das Testament 

*) üeber ihn und die Töchter siehe unten Beilage II. 



- 110 — 

der Hillensberg, welche die Patin der Frau von Blanche gewesen zu sein 
scheint, erhielt letztere das Nutzniessungs- und ihr Sohn Isak Lambert 
das Eigentumsrecht auf Scliönau, wo die Blanche in Erwartung besserer 
Zeiten wenn auch in grosser Not wohnen blieb. Ihr Häuschen war so 
gebrechlich, dass es trotz seinen Stützen zusammenstürzte und von Max 
dem Eindringling verbrannt wurde, worauf die Witwe sich in einen Turm 
zurückzog. Auch von hier durch Max vertrieben, ging sie nach Hase- 
wald. Ausser Isak Lambert (geb. zu Warden am 13. Januar 1660) hatten 
die Eheleute Wilhelm de Blanche noch folgende Kinder: Antoinette, geb. am 
15. März 1661, Anna Maria, Sibilla Agnes, um 1690 verheiratet mit Adolf 
Schardinell, Helene Eebekka, Christine. Christine und Anna Maria werden 
in einem Briefe von 1694 der Antoinette als abschreckende Beispiele vor- 
gehalten. „Euer masseur Christina hat sich also mit dem Rösgen ver- 
gangen und ihrer adlicher familien ein solche schand angethan.* Sie 
hatte nämlich den Rösgen oder Rosen, einen Nadel macher in Aachen ge- 
heiratet. Von ihrem Sohn Heinrich, „von" Rosen heisst es, er habe in 
äusserster Armut gelebt und in der kaiserlichen Miliz Kadetsdienste an- 
nehmen müssen. Von den 1600 Thalern, welche die Witwe Hillensberg 
seiner Mutter im Testamente ausgesetzt hatte, erhielt Heinrich trotz allen 
Bemühungen nichts, weil die Ehe nicht standesgemäss war. Von der 
Anna Maria schreibt der Briefsteller: „Spigelt euch an euer masseur 
Marie**. Sie war mit einem gewissen Karl Hecker in die Ehe getreten; 
ihren Söhnen Karl und Johann waren wenigstens einige Morgen Land im 
Schönauer Feld eingeräumt worden. 

Nach dem Tode des Max Hess die älteste Tochter durch Wolter 
Engelbert von Wyenhorst unter den gewöhnlichen Formalitäten von Schönau 
Besitz ergreifen. Aber in der darauf folgenden Nacht (13. Dezember 
1692) rückte 

a. Isak Lambert de Blanche von Hasewald her, wo er sich bei 
seiner Mutter aufgehalten hatte, mit seinem Schwager Caille und einem 
Haufen Bewaffneter in Schönau ein, trieb den jungen Herrn Gentis aus 
Aachen, der die Leiche des Max nach Fronenbroch bringen sollte, mit 
Ohrfeigen aus dem Hause, jagte die Diener und den Fuhrmann vom Hofe, 
liess den Sarg in den Vorhof bringen und dort im Regen stehen, und 
nahm am 15. Dezember „morgens 9 uhr mit allen solemni täten und 
und ceremonien** Besitz von Haus und Herrlichkeit. Er fand das Haus 
verfallen und alles in übelem Zustande. Die Einziehenden brachten auch 
nichts mit um dem Elende steuern zu können, die Familie befand sich in 
trostlosen Verhältnissen. Aus dem Jahre 1690 findet sich eine Ver- 
schreibung über 200 Thaler, welche die Witwe Blanche dem Dietrich 
Holz in Aachen schuldete, der sie ihr „in ihren höchsten nöthen*' vorge- 
streckt hatte. Als Sicherheit war dem Holz das Manngut auf dem Prop- 
steier Wald gestellt worden. Ausserdem hatte Holz in den Jahren 1685 
bis 1688 für 141 Aachener Gulden Roggen geliefert. Isak Lambert be- 



— 111 — 

kennt, dass der Herr Georg Ulrich Wenning ihm „für rechnung des ehr- 
würdigen consistorii der refprmirten gemeinde von Vaels** fünf Reichsthaler 
gegeben habe. 

Trotz der Ungunst der Umstände trat von Blanche in die Ehe. Er 
heiratete am 22. April 1694 Isabella von Kessel, Tochter Baltasars und 
der Margarethe von Broch, Enkelin Johanns und der Agnes von Mylen- 
dunck. Isabella hatte noch drei Geschwister: Johann Wilhelm, Anna 
Maria, verheiratet mit Bemard Hammes und Elisabeth, welche am 
15. Februar 1751 zur Äbtissin von St. Jörisbusch gewählt wurde. 

Die Braut war katholisch und im dritten Grade mit Isak Lambert 
blutsverwandt, die Ehe demnach ungültig. Am 7. Juli 1695 dispensierte 
der Fürstbischof von Lüttich von den Ehehindernissen und erteilte die 
Erlaubnis ohne Aufrufe zu contrahieren — unter gewissen Bedingungen, 
welche dem Pfarrer mitgeteilt waren. Eine derselben ist jedenfalls die 
katholische Kindererziehung gewesen, denn alle Kinder Isak Lamberts, 
der selbst ein ziemlich zorniger Kalvinist war, gehörten der katholischen 
Religion an. Wahrscheinlich ist damals auch Isaks Schwester Antoinette 
zur Kirche zurückgekehrt. 

Die jungen Eheleute erfreuten sich nicht lange des ungestörten Be- 
sitzes von Schönau. Die älteste Tochter des Max, Elisabeth Margarethe 
hatte den Gothard Graft von Mylendunck, brandenburgischen Offizier, 
zur Ehe genommen. Im Mai 1696 zog Graft mit einem Haufen Branden- 
burger, deren Regiment damals unter dem General von Heiden zum 
Schutze der Stadt gegen die Franzosen in Aachen lag, in Schönau ein, 
sperrte Isak Lambert mit Mutter, Frau, Schwester und einem Söhnchen 
in eine kleine Kammer, führte alles Vieh und Getreide, sämtliche Geräte 
und Möbel fort, untersuchte die Gefangenen „bis auf ihre leiberen", stiess 
sie dann vor das Thor und blieb bis halben August auf Schönau. Als 
von Blanche sich in diesem Monat „mit hülf und beistand etlicher seiner 
verwanten, guten freunden und herren" wieder in Besitz setzte, fand er 
das Haus „verwüstet, fast zerbrochen und über einen Haufen gerissen", 
auch nur mit 2 alten Pferden, 4 schlechten Kühen und 3 Faselschweinen 
versehen. Weil er gewarnt worden war, Mylendunck würde ihn abermals 
tiberfallen, nahm er einen Pförtner an und hielt anfangs 20, dann 12, zu- 
letzt 6 Wächter. Unter letzteren befanden sich ein von Ottegraven, von 
Richterich, M. Hammes. Dieser Hammes war ein Verwandter des Bernard, 
des Schwagers von Blanche. Bernard äussert sich in einem Briefe aus 
Gent höchst erbittert über die Gewaltthat und die Urheberin derselben. 
Mit Leid habe er vernommen, so schreibt er, dass die H. . . . von Mylen- 
dunck^ auf Schönau gekommen sei, wenn er da wäre, wollte er sie abjagen 
und totschlagen sowie alle „die euer edel liebden frau mutter und süster 
gallig getraktert" *. Blanche müsse eine andere Manier anfangen, es sei 

') Elisabeth Margarethe ist gemeüit. 
«) Behandelt. 



— 112 — 

ja doch kein Eecht mehr auf der Welt. Wenn Blanche ihn ^van dann" ' 
habe, wolle er sein Leben für ihn lassen; das thue er aber nur um dem 
Schwager zu dienen, nicht um „fressen und saufen* wie viele Leute 
meinen. Er sei eben von einem achttägigen Streifzuge zurückgekommen, 
aber er habe keine Euhe, könne nicht mehr schlafen. — Es war dem 
rauhen Kriegsmanne ernst mit seinen Reden; noch viel später rühmt Isak 
Lambert bei einer Teilung, dass Schwager Hammes ihm sehr gut sei. 

Die „andere Manier" hatte Blanche angewendet, aber die Mylendunck, 
welche mit Gewalt nicht durchgedrungen waren, suchten ihrerseits nun 
auch auf andere Manier zum Ziele zu gelangen. Sie bestritten das Recht 
der Blanche auf Schönau, indem sie die Ehe seines Grossvaters Baltasar 
Brauhoff mit der Agnes von Mylendunck angriffen und somit dessen Nach- 
kommen als erbunfähige Bastarde darstellten. Der hierüber sich ent- 
spinnende Prozess dauerte bis 1720, wo das Endurteil zu gunsten Isak 
Lamberts gesprochen wurde. Das kostete dem armen Blanche wiederum 
viel Geld, er suchte es sich zu verschaffen so gut es ging auf glimpfliche 
und unglimpfliche Weise. 1702 borgte er von Adolf von Ottegraven und 
dessen Frau Anna Nestelinx 75 Reichsthaler; 1704 hinderte er die Zehnt- 
gänger des Aachener Kapitels an der Erhebung des Zehnten im Schönauer 
Felde, wobei er sich der Aeusserung bediente, man müsse es den „mort- 
gens^ pfaffen wie dem pastor von Würselen" machen, den die Holländer 
nach Mastricht abgeführt hatten und sie ins Gefängnis werfen. Das 
Kapitel meinte in seiner Klageschrift an den Kurfürsten, das Vorgehen 
und Schimpfen des Blanche entspringe einem „unkatholischen eifer". 

1714 befand sich Isak in einer „dispeterliche deilung". Hammes 
zahlte damals auf das den Blanche zustehende Drittel vom Hause an die 
Kreuzer, das sich auf 750 Pattakons belief, 495 Pattakons^ ab. Das 
waren jedoch alles Tropfen auf einen heissen Stein; die Familie befand 
sich immer in gedrückten Verhältnissen und häufig in bitterster Not. 

Blanche hatte sechs Kinder: vier Söhne und zwei Töchter. Die 
Mutter starb 1711, als das jüngste Kind 3 Jahre alt war. Die älteste 
Tochter Anna Maria Elisabeth war im Kloster zu Lankwarden erzogen 
worden; von dort schreibt sie am 13. Juni 1712: „papa wollet doch so 
gütig sein und helfen mir, dass alles mag bekommen, was von nöthen hab, 
dan ich bin ietzund ganz resolvirt, den geistlichen stand anzutreten." 
Laut Zeugnis der Buschgreven aus demselben Jahr erhielt sie pro dote 
eine Belehnung auf dem Höngener Busch „ad sieben hau"; sie legte am 
14. Oktober 1714 Profess ab. 

Von den beiden jüngsten Kindern sagt Blanche in einem Briefe an 
den Freiherrn von Reuschenberg zu Berensberg, er habe durch einen 
Expressen vernehmen müssen, dass sein Töchterchen gestorben und sein 
Söhnchen Wilhelm sehr krank sei (1714). Wilhelm blieb aber am Leben. 

») nötig. 

*) mort dien, die bekannte Verwtlnschunj!^. 

•) Der Pattakon war etwas mehr als 4 Gulden. 



— 113 — 

Der älteste Sohn Johann Gottfried studierte 1709 in Aachen. Er 
schrieb an den Vater: „Habe auch viele Sachen zum studieren notwendich, 
viele bücher so ich am notwendigsten müsse haben. Es mangelt mir auch 
an schuh, hossen^ und hemden, durch die schuh hangen mir die zähen, 
durch die hossen die verssen u. s. w.*' Gottfried wurde 1717 für gross- 
jährig erklärt und ging nach Wetzlar um den Prozess gegen die Mylen- 
dunck energischer zu betreiben. 

Der zweite Sohn, Adolf Werner, welcher die Schule bei den Patres 
in Kempen besuchte, „lief dort so nackig herum, dass eure masseur sich 
seiner hat müssen schämen" schreibt Antoiuette an den Johann Gottfried. 

Der jüngste Sohn, Gerard Wilhelm, lebte mit der Grossmutter und 
der Tante in Aachen. Er „könnte die zweite Schule besuchen, wenn er 
Kleider hätte **. Sein Entlassungszeugnis aus der Schule „im Umgang** ^ 
lautet: „Pax Christi. Memoriale. Dass der söhn des wohledlen herrn de 
Blanche vom jähr 1717 und zwar von monat januario bishero bei mich 
ensunterschreibenen zur schulle gegangen und von selbiger zeit das schull- 
geld annoch hinderständig und bishero unbezahlt verblieben, solches wird 
hiermit bescheiniget. Aachen den 20. 7bris ao. 1720. Joannes Holzapfel, 
rector scholae in ambitu." Und am Rande: „Monatlich 12 merk.*' 

Antoiuette forderte ihren ältesten Neffen auf für seine Brüder zu 
sorgen. „Papa helft euch nit, der sorget für nemant als für sigh.** Un- 
recht hat die alte Dame ihrem Bruder mit diesem Urteile nicht zugefügt. 
Isak Lambert verbrauchte von 1708 — 1712 allein beim Wirte am Hirtz 
nicht weniger als 425 Aachener Thaler an Bier und Branntwein. Er Hess 
die Getränke teils nach Schönau bringen, teils verzehrte er dieselben in 
der Schenke. Dort stand die Rechnung des „gepietenden herrn** an der 
Thüre und am Mantelbrett angeschrieben. 

1720 liess sich Blanche von Bürgermeister, Schöffen und Rat der 
Stadt Aachen bescheinigen, dass er „mit seiner verwitibten frau mutter, 
Schwester und mutterlosen kinderen nunmehro vor vielen jähren aus ihrem 
haus Schonau ausgesetzet worden und sich also in der statt Aachen mit 
hinterlassung aller lebensmitteln retiriren müssen, alwo er sich mit seiner 
familie in einem gemietheten hinterbauchen ^ in aller suchen höchster be- 
dürftigkeit aufgehalten und in einem so miserabeln stand ist, dass woferne 
ihnen die liebe deren mitleidenden freunden oder eine baldige abführung 
seiner bei dem allerhöchsten kaiserlichen kammergericht obschwebenden 
Sache nicht alsobald zu hülfe komme, er mit den seinigen in kurzer frist 
den bettelstab von thür zu thtir zu führen unvermeidlich gezwungen ist**. 

Noch im selben Jahre erfolgte der erbetene Spruch gegen die Mylen- 
duncker. Die Hoffnung Isaks, dass seine Mutter ihn und ihre Enkel noch 
auf Schönau sehen werde, ging in Erfüllung. Aber in welchem Zustande 



') Strümpfe. 

■) Domschule. 

") kleiner Hinterbau. 



— 114 — 

war das Haus! Ein Gutachten gibt Auskunft. „Am grossen Laienturra 
sind acht neue schild höchst nötig, die zwei seitentürrachen haben auch 
höchst nötig mit neuen laien in etwa versehen zu werden. Das gebühn^ 
im türm ist an vielen stellen durchfaulet, baussen dem türm und oben die 
saalkammer ist der kandel* zerbrochen, die gebühner ausgefaulet; das 
tach oberhalb der saalkammer zu repariren, die andere seit des tachs der 
neue bau zu repariren ; das pflasterwerk ^ der obern turnkammer schier all 
abgefallen; der gang zum süller oberhalb die saalkammer muss gebühnt 
werden; auf der saalkammer sind drei trofen ausgefallen; das pflasterwerk 
von der saalkammer in stand zu setzen; . . . das zimmer auf dem neuen 
bau, alwo das gepflaster teils los teils abgefallen ist; noch auf dem saal 
müssen sein sieben glasvensteren, so der wind hat ausgeworfen, jede 3^2 
fuss lang ^/4 breit" u. s. w. Die Werkverständigen schlugen die Kosten 
der notwendigsten Reparaturen auf 6366 Gulden oder 707 Reichsthaler an. 

Isak Lambert erlebte die Wiederherstellung nicht mehr. Er war 
„in kaiserlichen diensten kreuzweis dufch einen fuss geschossen** und da- 
her „ziemlich impotent**. In der letzten Woche des Dezember 1722 führte 
ihn der Tod in das Land, wo er die Füsse nicht mehr nötig hatte. 

b. Johann Gottfried, Werner Adolf, Gerard Wilhelm von 
Blanche de Radelo, Herren zu Schönau. 

Der bedeutendste aber auch selbstbewussteste * unter den drei Söhnen 
Isak Lamberts war der erstgenannte, der auch seine Brüder lange über- 
lebte. Jedoch die Geldverlegenheit, welche bei den Besitzern der Herr- 
schaft seit geraumer Zeit chronisch geworden war, konnte er trotz aller 
Gewandtheit nicht beseitigen. Um Geld zu beschaffen und Schulden zn 
bezahlen, wendeten die Brüder zunächst das gewöhnliche Hausmittel an: 
sie versetzten Ländereien. 1725 erhielt Leonard Lörs aus Aachen 4 
Morgen im Hirtzerfeld wegen einer Schuld von 360 Thaler ad 80 Kölner 
Albus ^, welche von versessener Hausmiete, Bier, Kost und vorgestrecktem 
Gelde herrührte und von der Frau Grossmutter, dem Vater und der Tante 
gemacht war. Im folgenden Jahre erhielt derselbe einen Morgen für 90 
Reichsthaler, welche die Brüder zur Fortsetzung ihrer Rechtshändel ver- 
wendeten; 1728 zwei Morgen für 150, 1739 fünf Morgen für 450 Reichs- 
thaler, wovon 280 Thaler für die Ausrüstung des Gerard Wilhelm ver- 
wendet wurden, der in kaiserlichen Kriegsdiensten als Fähnrich angenommen 
worden war, während der Rest zur Deckung einer Schuld an geliehenem 
Gelde und Verzehr diente. 1759 löste Johann Gottfried das Land ein. 



') Dielung. 

■) Dachrinne. 

*) Phesterwerk. 

*) Er liess sich 1720, zur Zeit wo die Familie in grosser Not war, bei dem 
Aachener Goldschmied Johan von Hauselt ein Siegel schneiden, das 30 ftulden aix kostete. 

*) 80 Kölner Albus sind gleich 54 Aachener Mark ; es handelt sich also um Reichs- 
thaler. 



— 115 — 

1727 nahmen die Blanche von den Erben von Schrick im Morkhoff^ 
100 Louisdor zu 4^/o auf, wofür sie Schönau und alle ihre Güter als 
Unterpfand stellen mussten. Zum Neubau des Hauses liehen sie sodann 
1731 durch den Lütticher Advokaten Jamar de Libois von einem Herrn 
de Wampe tausend und im folgenden Jahre noch 1500 Thaler unter der 
Bedingung, dass die Verschreibungen vor dem Schönauer Gericht auf 
Haus und Herrlichkeit eingetragen wurden. Das geschah aber nicht, 
wenigstens konnte Jamar keinen Einblick in die Protokollbücher erlangen. 
Darüber sprach sich der heissblütige Wallone in der ehrenrührigsten Weise 
aus; aber Gottfried liess ihn durch sein Gericht „propter atrocissimas 
iniurias** zu einer Ehrenentschädigung sowie zu einer entsprechenden Geld- 
strafe verurteilen. Eine Berufung an den Kaiser hatte für Jamar keinen 
Erfolg. 

Auch Johann Gottfried wendete sich an das Oberhaupt des Reiches 
und zwar mit derselben Bitte wie sein Vorfahr Gerard von Schönau. Er 
setzte die Rechts- und Gerichtsverhältnisse der Herrschaft auseinander, 
wies darauf hin, dass dieselbe erst 1720 seinem Vater wieder zugesprochen 
worden sei und ersuchte schliesslich den Kaiser: ihn den Bittsteller „samt 
weib, kindern, brüdern, erben, nachkömlingen, anverwanten, dienern, zu- 
getanen, hausgesind und brodgenossen mit aller ihrer leib, hab und 
güteren, wie auch das immediat haus herrschaft und sonnenlehen Schönau 
samt zugehörigen dorfschaften, weilern, höfen, Wohnungen, häusern und so 
geist — allodial — als lehengütern, eingesessenen, leheuleuten, larssen, 
erbpächteren und fort sämtlichen unterthanen, auch Statthalter, schultheiss, 
scheffen, gerichtschreiber, prokuratoren und boten, imgleichen aller hoheit 
und herrlichkeit, ober- und niedergerichten, regalien, herren- und lehen- 
kammer, Jagdgerechtigkeit, gebot und verbot, geleit, accinsen und weg- 
geldern, erbhuldigung, Schätzung, frohnen, wachten und diensten, Privilegien, 
freiheiten, benefizien, immunitäten, exemtionen, gewohnheiten, recht und 
gerech tigkeiten, renten, erbpfächten, Zinsen und einkommen hinfürter ewig- 
lich in dero kaiserlicher und des heiligen römischen reichs sonderbaren 
vorspruch, schütz, schirm und protektion und allerhöchst deroselben und 
des heiligen reichs adlers salvam guerdiam auf und anzunehmen" auch 
ihm, Gottfried von Blanche, zu gestatten, die von Schönau veräusserten 
Parzellen, Renten und Erbzinsen gegen Erlegung des empfangenen quanti 
an sich zu ziehen und den betreifenden die Appellation von Schönau zu 
verbieten. 

Zur Wiedererlangung der Parzellen, Renten und Erbziusen bediente 
sich Gottfried mit Vorliebe der sogenannten Reduktionsrechnung. Er sah 
die alten Verschreibungen sorgfältig nach, berechnete die Einkünfte der 
Gläubiger und klagte auf Ersatz alles dessen, was über die reichsgesetz- 
lich erlaubten 5 ^/o hinausging. Von den Rechtsnachfolgern eines Gläubigers, 

') Der Morkhof-Mohrenkopf lag in der Pontstrasse zu Aachen an der nördlichen 
Ecke der jetzigen Friesenstrasse. 



— 116 - 

dem Baltasar von Mylendunck 1601 einen Erbpacht von 13^2 Fass Roggen 
und 5^2 Kapaun für 200 Thaler versetzt hatte, forderte Blanche 1743 
nicht weniger als 1552V2 Fass und 632V2 Kapaun als ,,zu viel genossen^ 
zurück; der Kirche zu Laurensberg rechnete er vor, dass sie ihm 700 
Thaler zu erstatten habe und so in zahlreichen Fällen. Wenn er dann 
auch diese Summen nicht erhielt, so nahm er doch wenigstens das Land, 
die Renten und Erbpächte wieder an sich. 

Uebrigens besass dieser Herr von Blanche ein solches Bewusstsein 
von seiner Herrlichkeit, dass selbst ein grosser Potentat damit hätte aus- 
kommen können. Zunächst gaben ihm die Herren von Heiden, von Bongart 
und besonders von Leerode, überreiche Gelegenheit zu Protesten gegen die 
„Violation schönauischer Jurisdiktion**. Coomans, den von Leerode zu 
seinem Vogteiverwalter ernannt hatte, erliess viele „libellen" gegen- die 
Schönauer, worunter Dekrete, Vorladungen und sonstige Schriftstücke des 
Heidener Gerichts zu verstehen sind. Johann Gottfried Hess seinerseits 
ein Dekret an die Kirche zu Richterich, die er im Selbstgefühle auch 
wohl die „Unsere** nennt, anheften worin er solche „libellen" schimpflich 
zu verbrennen befiehlt. Das störte aber Coomans nicht; mehrere Jahre 
nachher noch meinte Werner Adolf, dessen Insinuationen verdienten, „per 
camificem^ verbrannt zu werdend 

Die Hahnenkämpfe um die Jurisdiktion zwischen diesen Centimeter- 
Landesherren könnten Lachen erregen, wenn nicht die armen Leute so 
schwer darunter hätten leiden müssen. In den fünfziger Jahren erhob 
Coomans mehrere Schätzungen, die er durch kurfürstliche Soldaten ein- 
treiben liess; er belegte die Schönauer mit Einquartierungen, die es stellen- 
weise so wüst trieben, dass ein Pächter mit Weib und Kind davon lief 
und die Soldaten „wegen begangenen insolentien und exzessen** zu ihrem 
Regimente zurückberufen wurden. Und jeder dieser Soldaten durfte von 
den Gequälten täglich ein Kopfstück fordern. Hiergegen hatte von Blanche 
keine andere Hülfe für seine Leute, als dass er den Kurfürsten bat, er 
möge doch seinen Unterherren „die raubungen und spolien in der unmittel- 
baren herrschaft Schönau'' verbieten und nicht dulden, dass kurfüi-stliche 
Soldaten dazu missbraucht würden; oder dass er beim Kammergerichte 
über die „immerwährenden Verfolgungen, thätlichkeiten, ehrenschändungen 
wie auch grausamsten Unterdrückungen der unterthanen" vorstellig wurde. 

Sonst aber besass von Blanche ein „landesväterliches Herz". Ein 
Schönauer führte vor dem Horbacher Gerichte einen Erbschaftsstreit, der 
schon 12 Jahre dauerte. Da gebot Johann Gottfried seinem Fiskal ein- 
zuschreiten, weil der Kläger als schönauischer Unterthan durch die 
Führung des Prozesses vor einem fremden Gerichte die Jurisdiktion des 
Herrn violiere, durch den langwierigen Rechtsstreit ausgemergelt werde 
und „unser gnädiger landsherr als ein vater seiner unterthanen solcher 

*) durch Henkershand. 



— 117 — 

unVerantwortlichkeit vorgebogen wissen wilP. Wer denkt da nicht an 
des ehrlichen Fluellen Aeusserung: ,er gab so brave Worte zu vernehmen, 
wie man sie nur an einem Festtage sehen kannP" Die ärgste Ueber- 
treibung dieses „landesherrlichen*' Bewusstseins findet sich im Konzepte 
eines Briefes, worin von Blanche um die Hand einer kalvinischen Dame 
wirbt. Da legt er sich sogar das Recht des berüchtigten Satzes bei: 
Wem das Land dem gehört auch die Religion. Man lese: „Outre cela j'ai 
l'honneur de vous dire, qu'etant. immediat de l'empire . . . j'ai le droit et 
le pouvoir chez moi de faire precher a la volonte de ma future chere 
epouse ! " 

Und nun zum Schlüsse eine Verhandlung wegen „Majestätsbeleidigung** 
vor dem Schönauer Gericht. Der Halbwinner von Mittel-Üersfeld hatte 
im Wirtshause am Hirtz in öffentlicher Gesellschaft dem Gerichtsboten 
von Schönau zugerufen: „Du bist ein schelm!" und dann „zu öfterenmalen 
der herr und das ganze gericht zu Schönau seind Schelmen!" Statt den 
Mann mit einigen handgreiflichen Dankbezeugungen für seine Offenherzig- 
keit zu entlassen, nahm der Bote zwei Zeugen, verfasste ein Protokoll 
und übergab es dem fiskalischen Anwalt zur weiteren Veranlassung. 
Der Anwalt lud den Verbrecher zum ersten — andern — drittenmale. 
Als derselbe nicht erschien, wurden die Zeugen verhört und die Sache 
dem Gerichte überwiesen. Der Anwalt beantragte „condignam poenam" *. 
Die Schöffen, welche nicht blos des Herrn sondern auch die eigene Ehre 
zu rächen hatten, konnten dem Antrage nicht sofort entsprechen, weil sie 
nicht wussten, welche Strafe denn eigentlich einem so schrecklichen Ver- 
brechen angemessen sei. So wurden die Akten dem Lizentiaten beider 
Rechte Schlebusch als unparteiischem Rechtsgelehrten übergeben und der 
orakelte für zwei Reichsthaler folgendermassen. Die Thatsache der höchst 
beleidigenden Reden sei festgestellt und nicht zu leugnen; es handle sich 
nur um das Strafmass. Da gingen nun die Rechtsgelehrten auseinander. 
Die einen erachteten eine poenam incarcerationis cum pane et aqua*, 
andere hingegen poenam relegationis ^, auch sogar einige poenam fustiga- 
tionis* der meiste Teil aber praeter publicam recantationem * eine poenam 
pecuniariam^ für eine entsprechende Strafe. Letztere dürfte auch hier 
Platz greifen. „Weilen aber gleichwolen die vom beklagten im öffentlichen 
wirtshause ausgegossene injurie derart ist, wodurch nicht blos der obrig- 
keitliche respekt und landesherrliche autorität vilipendirt sondern auch 
das gemeine Wohlsein hn höchsten grade lädirt wird, folglich dem injurianten 
zu dessen bestmöglichster reuiediirung, andern aber zum abschröckenden 
exempel eine zweifache strafe zu injungiren steht", so soll derselbe nach 

*) eine angemessene Strafe. 

*) Gefängnis bei Wasser und Brot. 

') Verbannung. 

♦) Prügelstrafe. 

*) öffentUcher Widerruf. 

•) Geldstrafe. 



— 118 — 

Mävius, Gailius, Oldendorpius u. m. a. ötfeutlichen Widerruf leisten und 
25 Goldgulden bezahlen. 

Den Umstand, dass Johann Gottfried in Verteidigung der vielberufenen 
schönauischen Jurisdiktion sich am 20. Mai 1722 zu einer Gewaltthat 
gegen den Heidener Gerichtsboten hinreissen liess, die er selbst zwar als 
Notwehr, die Heidener aber und andere Leute als schnöden Mord bezeich- 
neten, haben wir schon erzählt. Es scheint, dass man der Darstellung 
Johann Gottfrieds Glauben beimass, denn sowohl der Kaiser wie der Kur- 
fürst gaben ihm, letzterer im Jahre 1724, das erbetene freie Geleit. Viel 
ruhiger ist er durch den Greuel nicht geworden. 

Das Kapitel des Aachener Liebfrauenstifts hatte in Richterich das 
Gütchen Tönismist angekauft, welches von Schönau lehenrührig sein sollte, 
ohne dasselbe am dortigen Lehenhofe zu erheben. Das war wiederum 
eine „violation**. Ausserdem behauptete von Blanche, von dem Zehnten 
der Schönauer Länderei gehöre dem Kapitel nur der „knopp" \ Stroh und 
Kave dagegen seinem Hofe. Als sich die Herren auf seine Ausführungen 
nicht einliessen, nahm er ihnen die Zehntgarben nicht blos von seinem 
Acker sondern auch von denjenigen Parzellen weg, die von Schönau ver- 
äussert, verpfändet oder in Erbpacht gegeben waren. Das Kapitel kenn- 
zeichnet in seiner Beschwerdeschrift an den Kaiser die von Blanche 
folgendermassen : „Diese verwegene leute, gegen die sich gewalt mit ge- 
walt nicht wohl abwehren lasset, weil sie immerhin mit ihren flinten be- 
waffnet und mit argen bösen hunden begleitet umhergehen, der eltester 
bruder auch vor einigen jähren den gerichtsboten der gülischer unterherr- 
schaft Heiden sogar in seiner amtsverrichtung totgeschossen hat, der- 
gestalten dass sie von dasigen bauersleuten um so mehr gescheut und ge- 
fürchtet werden, als wegen obangeregter erschiessung die wohlverdiente 
straf bis dahin ausgeblieben." Daraufhin erliess Karl VI. am 23. Dezember 
1732 einen Befehl an die von Blanche, die in den Jahren 1730 — 1732 
geraubten Zehntgarben zu erstatten sowie Schaden und Kosten zu vergüten. 

Die Ermordung ihres Gerichtsdieners musste die Herren zur Heiden 
zu dem Versuche reizen, Johann Gottfried um seine Gerichtsbarkeit zu 
bringen, auf die er wie seine Vorfahren sein Vorgehen stützte. Aber der 
Prozess, den sie zu diesem Zwecke anstrengten, endete 1751 mit dem 
Spruche des Reichskammergerichts, dass der Vertrag von 1523 massgebend 
bleiben solle, wobei den Herren von Blanche freigestellt wurde, den da- 
mals nicht näher bezeichneten Schönauer Bezirk im Dorfe Richterich ge- 
nauer nachzuweisen ^ (Schiuss tbigt.) 



Das Korn. Eine Behauptung, die auch sonst vorkommt und im Interesse der 
Landwirtschaft begründet erscheint. 

^) Vgl. Hansen, Zeitschrift des Aachener Geschieh ts-Vereins VI, S. 91. 



— 119 — 

Der Maler Johann Adam Eberle. 

Von J. Fey. 

Der Maler Johann Adam Eberle wurde in Aachen zur Zeit der Fremd- 
herrschaft am 27. März 1804 (6. Germinal XU) geboren ^ Der Familien- 
name, jetzt hier erloschen, klingt süddeutsch, kam aber in der ersten 
Hälfte dieses Jahrhunderts auch sonst in Aachen vor. Als Eltern nennt 
die Geburtsurkunde den Messerschmied Philipp Eberle und dessen Ehe- 
frau Elisabeth Franzin. Die elterliche Wohnung befand sich rue de Bor- 
cette, also in der heutigen Kleinmarschierstrasse oder in der Franzstrasse *. 
Schon in früher Jugend zog Eberle mit seinem Vater nach Düsseldorf. 
Nagler^ teilt anderen Angaben gegenüber mit, dass Eberle hier nicht zu- 
nächst das Gewerbe seines Vaters betrieben habe, sondern weil der Hang 
zur Malerei in ihm immer mehr gewachsen, noch vor Cornelius Ankunft 
in Düsseldorf von seinem Vater auf die dortige Akademie gebracht worden sei. 

Di^ Düsseldorfer Akademie bedurfte damals dringend einer Reform, 
und mit ihrer Neu-Organisation war bereits seit dem 1. Oktober 1819 
Peter Cornelius beauftragt, der jeSoch durch seine Arbeiten in München 
festgehalten wurde und erst im Oktober 1821 nach Düsseldorf kam. Durch 
sein Wort und Vorbild begeistert, schloss sich ihm hier sofort eine kleine 
Schar von Kunstjüngern an, mit dem Meister fast nur eine Familie bildend. 
Unter ihnen befand sich auch Eberle, der, seinem Meister mit inniger 
Verehrung ergeben, sich bald als einer der Begabtesten und Tüchtigsten 
von ihnen erwies. Aus dieser Zeit stammt sein erstes Gemälde, eine „schön 
componirte*** Grablegung Christi, worin sich ein ernstes, tiefes Gemüt und 
ein reiches künstlerisches Talent offenbartet 

Cornelius verbrachte den Sommer 1822 und 1823 in München. In 
den dazwischen liegenden Wintern verweilte er in Düsseldorf, wo das 
frühere gemütliche Verhältnis zwischen Meister und Schülern seine Fort- 
setzung fand. In dieser Zeit malte Eberle für eine Kirche in Westfalen 
ein Altarbild, die hl. Helena mit zwei Passionsengeln ^. Abends wurde 
unter des Meisters Leitung nach dem Akt (dem nackten Modell) gezeichnet, 
übrigens waren die Verhältnisse der Schüler des Cornelius nicht eben 
glänzende. Manchmal hatten die edlen Kunstjünger bei einer Arbeit nur 
Wasser und Butterbrod, aber doch waren sie zufrieden und glücklich^. 

*) Das Geburtsdatum ist hier zum erstenmale nach der offiziellen Geburtsurkunde 
richtig gestellt. 

*) Als Zeugen sind in der Geburtsurkunde aufgeführt: Christoph Jansen, Tuch- 
fabrikarbeiter, Gerhard Noppeney, ohne Gewerbe. Beide wohnten ebenfalls rue de Borcettc 
und waren vermutlich Nachbaren, was zur Ermittelung des Geburtshauses dienen mag. 

') Neues allgemeines Künstler-Lexikon Bd. IV, S. 63. 

*) Urteil Ton Pecht, Allgemeine deutsche Biographie Bd. V, S. 573. 

*) Nag 1er a. a. 0. 

•) Förster, Peter von Cornelius. Ein Gedenkbuch. Berlin 1874, Bd. I, S. 296 
und Nagle r a. a. 0. 

^) Historisch-politische Blätter Bd. LX, S. 19. 



— 120 — 

Cornelius fülilte bald die Unmöglichkeit, der Düsseldorfer Akademie 
vorzustehen und gleichzeitig seine grossartigen Unternehmungen in München 
zu einem glücklichen Ende zu führen. Er legte daher mit Ablauf des 
Winterseraesters 1824/25 sein Düsseldorfer Amt nieder und siedelte im 
Laufe des Sommers 1825 mit seinen besten Schülern endgültig nach 
München über, wo er zugleich das gerade damals erledigte wichtige Amt 
des Direktors der Kunstakademie erhielt. 

Auch Eberle war mit nach München gezogen und half seinem Meister 
zunächst an den Arbeiten in der Glyptothek, wo er nach den Kartons 
desselben malte. Bald fand er aber auch durch Cornelius Gelegenheit zu 
selbständigem Schaffen. 

Cornelius war stets bereit, seinen Schülern mit Rat und That zu 
helfen; bei vielen von ihnen vertrat er, wie Eberle das immer von seinem 
Verhältnis zu ihm sagte, die Stelle des sorgenden Vaters ^ Als solchen 
bewährte er sich auch jetzt im Bestreben, seinen Schülern Aufträge zu 
verschaffen. König Ludwig kam ihm hierbei bereitwillig entgegen. 

„An der Westseite des königlichen Hofgartens war ein neues Gebäude 
(der Bazar) aufgeführt und durch einen halboffenen Bogengang mit der 
königlichen Residenz in Verbindung gebracht worden. Fortgeführt um 
zwei Seiten des königlichen Hofgartens bildeten diese Arkaden einen öffent- 
lichen Spaziergang, wie er sich ganz besonders für einen dem öffentlichen 
Leben gewidmeten Kunstschmuck eignete. Für die der königlichen Resi- 
denz nächsten Arkaden wurden von Cornelius Bilder aus der bayerischen 
Geschichte dem König vorgeschlagen, was dieser genehmigtet" Es ent- 
standen so neben einer Reihe allegorischer Darstellungen von Regeuten- 
tugenden sechzehn grosse historische Freskogemälde, deren eines, die 
Erhebung des Herzogs Maximilians I. zum Kurfürsten (25. Februar 1623), 
von Eberle entworfen und ausgeführt ist. Dieses Bild gilt als eines der 
besten unter den Freskogemälden in den Arkaden ^ 

Noch vorher vollendete Eberle im Sommer 1827 ein anderes Fresko- 
gemälde. Cornelius hatte für seine Schule die Ausschmückung der Decke 
des Odeousaales übernommen und mit der Ausführung der drei anzubringenden 
Kolossalgemälde (Apollo und die Musen, Apollo unter den Hirten, das 
Urteil des Midas) seine Schüler Wilhelm Kaulbach, Eberle und Hermann 
Anschütz beauftragt. Eberle hat das zweite dieser Bilder geschaffen. 
Die Arbeit war keine leichte. Abgesehen von den grossen Schwierigkeiten, 
welche das Bemalen einer Decke mit sich bringt, lag dem Könige die 
rasche Beendigung der Arbeit mehr am Herzen, als es die Künstler 
wünschen konnten. Häufig erstieg der König die hohen Gerüste im Odeon, 
um den Fortgang der begonnenen Werke zu betrachten; auf alle Fälle 



>) Historisch-pohtisehe Blätter Bd. LX, S. 43. 
*) Förster a. a. 0. S. 393. 

^) Die üg^ renreiche Komposition ist abgebildet bei Raczynski, Geschichte der 
neueren Deutschen Kunst, Deutsche Ausgabe Bd. n, S. 224. 



— 121 — 

wollte er den Saal für den Winter in Benutzung nehmen und erklärte 
schliesslich, trotzdem Cornelius dringend vor Überstürzung warnte, die 
Fresken, wie leid es ihm auch wäre, abschlagen zu lassen, wenn sie 
nicht vollendet werden könnten ^ Mit Anstrengung aller Kräfte und unter 
dem Beistande von Freunden und Genossen gelang es dann, dem Wunsche 
des Königs vollkommen Genüge zu leisten*. 

Kaczynski zieht das von Eberle im Odeon gemalte Bild dem daselbst 
befindlichen Kaulbachschen Gemälde vor, ohne indessen beide Bilder als 
Massstab für das Talent ihrer Schöpfer gelten zu lassend 

Zwischen den Tagen angestrengter Arbeit waren unsern Künstlern 
Stunden der Erholung und heiterer Lust wohl zu gönnen. So feierten 
die Müuchener Akademiker am 3. September 1827 zur Bewillkommnung 
der neuangestellten Professoren Schnorr und Hess in Ebenhausen a. d. Isar 
ein ländliches Fest. In einem bei diesem Feste gesungenen Liede „Zum 
blauen Montag" heisst es unter Anspielung auf die Arbeiten in den Arkaden, 
im Odeon und in der Glyptothek: 

Ein Freskoleben führen wir 
Auch ohne Kalk und Mauer. 
In Ebenhausen malen wir 
Den blauen Montag blauer! 
Fern harrt Apoll und Witteisbach, 
Sehnsüchtig sehn die Musen nach, 
ülyss' steht auf der Lauer ^. 

Ein Fest von höchster Bedeutung brachte das kommende Frühjahr. 
Am 6. April 1828, dem 300jährigen Todestage Albrecht Dürers, sollte in 
Nürnberg der Grundstein zu dessen Denkmal feierlich gelegt werden. Mit 
Cornelius Einwilligung erging von seinen Schülern ein öffentlicher Aufruf 
an alle deutschen Künstler, das Fest in Nürnberg zu einem allgemeinen 
deutschen Künstlerfest zu gestalten. Der Aufruf hatte Erfolg, und von 
allen Seiten strömten die deutschen Künstler nach Nürnberg. Die münchener 
Künstler entschlossen sich, zur Verherrlichung des Tages in einer Reihe 
von Transparentbildern das Leben Albrecht Dürers zu schildern und zu dem 
Ende acht Tage vor dem Feste nach Nürnberg zu kommen. Von diesen 
Transparentbildern, sieben an der Zahl, welche in den Spitzbogenfenstern 
an der Ostseite des alten Rathaussaales angebracht wurden, malte Eberle 
das mittelste. Das Bild stellte, und zwar auf Grund einer Anregung von 
Cornelius, welcher auch Raphael bei dem Feste nicht unberücksichtigt 
lassen wollte, Albrecht Dürer und Raphael voi*, die sich vor dem Throne 
der Kunst die Hand reichen. Hinter Dürer war Kaiser Maximilian, 



») Brief an Cornelius vom 30. Juni 1827 bei Förster a. a. 0. S. 398. 

«) Daselbst S. 397 ff. 

») a. a. 0. S. 224. 

*) Förster a. a. 0. S. 391. 



— 122 — 

Luther, Pirkheiiner und Wohlgemuth, hinter Raphael die Päpste Julius IL 
und Leo X., Bramante und Perugino darstellt. 

Das Fest verlief in gleich erhebender wie gemütlicher Weise, mit 
ernsten Mahnungen und heiteren Wendungen, auch mit EntSchliessungen 
zu fernerem Zusammenwirken. Am 10. April — als freilich schon manche 
Festgäste, so auch Cornelius, abgereist waren — fand unter dem Vorsitz 
von J. D. Passavant eine Versammlung statt, in welcher die Gründung 
eines x\llgemeinen deutschen Künstlervereins beraten und beschlossen wurde. 
Eberle nahm an dieser Versammlung teil; die Statuten unterschrieb er: 
„Ad. Eberle aus Düsseldorf, Maler in München" ^ 

Im August 1827 machte Eberle die Bekanntschaft seines zwei Monate 
älteren, nachmals berühmt gewordenen Kunstgenossen Moritz von Schwind, 
welcher aus Wien auf zehn oder zwölf Tage nach München gekommen 
war, um die Arbeiten des Cornelius zu besichtigen. Am 27. August war 
von Schwind bei Cornelius zum Abendessen eingeladen. „Abends um 
8 Uhr*' erzählt von Schwind in einem Briefe an seinen Freund Franz von 
Schober „ging ich hin. Er selbst war noch nicht zu Haus. Eberle aber, sein 
Schüler, führte mich zu seiner Frau, wo Schnorr, der den Tag vorher 
angekommen war, Heinrich Hess, Cornelius Schwester und zwey kleine 

Töchter sassen" Nach dem Essen wurden dann verschiedene 

Gesundheiten „lebhaft getrunken, ausserdem musste ich mit Eberle Bruder- 
schaft trinken, so dass ich einen Schwips hatte und sehr lustig war*'^ 

Ein fernerer intimer Verkehr zwischen den beiden Malern scheint 
trotzdem, auch nachdem von Schwind im Herbst 1828 nach München über- 
gesiedelt war, nicht stattgefunden zu haben. 

Während des Aufenthalts in München graphierte Eberle auch neun 
Umrisszeichnungen in Stein nach den von Cornelius entworfenen und teil- 
weise in Deckfarben ausgeführten Zeichnungen zu den (nicht ausgeführten) 
Dante-Fresken für die Villa Massimi in Rom. Diese Lithographien zu 
Dantes Paradies erschienen 1831 bei Börner in Leipzig mit scharfsinnigen 
theologisch-historischen Erklärungen von J. J. J. Döllinger^ 

Im Sommer 1829 erkaltete das Verhältnis zwischen Cornelius und 
König Ludwig. Die von Cornelius gebildete Schule löste sich auf, und 
jeder Schüler schlug seinen eigenen Weg ein. Wie auch andere von Cornelius 
Schülern wandte Eberle sich nach Rom — er sollte in der ewigen Stadt 
ein frühes Grab finden. Die Abreise von München erfolgte wahrscheinlich 
am 5. September 1829. Mit Eberle reisten Frau Cornelius und ihre jüngste 
Tochter Maria, deren Schutz Cornelius seinem von ihm innig geliebten 
Schüler anvertraut hatte; zur Reisegesellschaft gehörte auch die mit der 
Familie Cornelius sowohl als mit Eberle befreundete Malerin Emilie Linder 



») über das Vorstehende siehe Förster a. a. 0. S. 404 ff., 489 f. 
») H. Holland, Moritz von Schwind S. 33 f., 39. 

^) Zwei dieser ümrisszeichnungen bei Eaczynski a. a. 0. S. 170 und 171. Die 
Corneliusschen Originale erwarb König Johann von Sachsen. 



— 123 — 

ans Basel. Die ßeise ging über Venedig, Florenz und Assisi^ In Rom 
schloss Eberle sich an Overbeck an. Zunächst beschäftigte er sich nun 
mit dem Karton zu der dem Leben Michelangelos gewidmeten Loge in der 
Münchener Pinakothek, wozu Cornelius die Zeichnung geliefert hatte. Bei 
dieser Arbeit kam eine Eberle schon seit langem drückende Schweimut, 
der Schmerz darüber, dass das Hervorgebrachte so wenig mit dem Gewollten 
übereinstimmen wollte, zum Ausbruch. Unzufrieden mit dem Geleisteten 
zerstörte er oft die Arbeit vieler Wochen, damit aber auch sich selbst ^ 

Aber auch ein anderer schlimmer Gast hielt Einkehr bei unserem 
Künstler, die Not. Eberles Verhältnisse scheinen nie besonders glänzende 
gewesen zu sein — in Rom wäre die Lage eine verzweifelte geworden, 
hätte nicht seine Reisegefährtin Emilie Linder, eine reiche Patriziertochter, 
helfend eingegriflfen. 

Emilie Linder^ war eine jener edlen Frauengestalten, deren Nähe 
schon beglückend wirkt. Von hoher Bildung, ausgestattet mit reichen 
künstlerischen Anlagen, besass sie einen edlen uneigennützigen Charakter, 
ein Gemüt von seltener Reinheit und Innigkeit. Auch auf sie hätte man 
die Worte einer deutschen Dichterin anwenden können: 

Und wer sie mag gewahren, 
Dem ist ein Glücke nah; 
Schon ist ihm widerfahren 
Ein Glück, weil er sie sah. 

Als sie nach zweijährigem Aufenthalte im Juli 1831 Rom verliess, 
ward ihr Scheiden von den deutschen Künstlern schwer empfunden. Der 
alte Maler Koch Hess ihr durch Eberle schreiben, wie sehr er bedauere 
„die Winterabende nicht wieder wie früher bei ihr zubringen zu können**. 
Ein gesegnetes Andenken hinterliess die Künstlerin aber in der deutschen 
Künstlerkolonie dadurch, dass sie jüngere Talente unterstützte und durch 
Aufträge ermutigte. Auch Eberle kam sie auf solche Weise zu Hülfe, und 
man darf wohl sagen, dass durch ihre Güte auf seine letzten Lebensjahre 
ein letzter Sonnenschein gefallen ist. Die Briefe, die sie von dem Früh- 
vollendeten aufbewahrte — teils während ihrer Anwesenheit in Rom, teils 
nach ihrer Abreise aus Italien an sie gerichtet — geben darüber reich- 
lichen Aufschluss. Kaum hatte Fräulein Linder Eberles Lage kennen 
gelernt, so bestellte sie bei ihm ein Ölgemälde, und voll Rührung 
dankte er der freundlichen Dame für „das Vertrauen, das sie einem 
Namenlosen durch den ehrenvollen Auftrag** geschenkt habe. Später 
erwarb sie auch mehrere Zeichnungen von Eberle gleich dem bestellten 



Über das Vorstehende Förster a. a. 0. Bd. II, S. 5 und 43. 

*) Nagler a. a. 0. 

') Über Emilie Linder siehe die beiden Artikel Historisch -politische Blätter 
Bd. LIX, S. 718 ff. und 836 flf. Diesen Artikeln ist das Nachstehende teilweise wörtlich 
entnommen. 



— 124 — 

Ölgemälde^ fast ausschliesslich religiöse Gegenstände, darunter auch die 
von ihm besonders hochgehaltene und auf ihre Veranlassung in Kupfer 
gestochene Zeichnung: Petrus und Paulus auf der Fahrt nach Rom. 

Als ihr Eberle diese und eine andere dem alten Testamente entnommene 
Zeichnung als „Ertrag seiner Muse seit ihrer Abreise" nach Basel zu- 
sandte, begleitete er die Sendung mit den Worten: „Was mich hauptsächlich 
zu diesen Gegenständen hinzieht, ist die gesunde Sprache, die ich bemüht 
bin in meine Kunst zu übertragen. Deshalb sehen Sie diese Arbeit bloss 
als Studium an, die ich für meinen Geschmack noth wendig halte; was 
daran noch fehlt, weiss ich sehr gut, ohne aber dem Mangel abhelfen zu 
können. Nehmen Sie es deshalb wie es ist, ganz schlecht ist es nicht 
und ist in sehr trüber Zeit entstanden und hängt manche Thräne dran, 
die wie eine Ader edlen Metalls siebenmal bewährt im irdenen Tiegel 
durchhinfliesst. Auch hab ich schon hier einigen Trost, dass ich nicht 
ganz vergeblich gearbeitet habe, in dem Urtheil Overbecks, der sie bei 
Bunsen sah, was mich nicht wenig freute." Ihre freigebige Fürsorge hörte 
nicht auf, ihn der drückendsten Sorgen zu entheben, und Eberle ergeht 
sich in Worten voll Dankbarkeit für die fortlaufenden Beweise ihrer Güte, 
noch mehr aber für die zarte Weise und die aufrichtigen Worte, womit 
sie das alles that. 

Auch auf seine religiöse Gesinnung scheint ihr persönlicher Umgang 
zu Eom wohlthuend gewirkt zu haben. Die Neigung für mystische Schriften, 
die sie durch Baader angeregt in jener Periode nährte, gewann auch bei 
ihm Boden, und als kurz nach ihrer Abreise Ernst von Lasaulx nach Eom 
kam, freute dies Eberle besonders auch deshalb, weil er mit diesem die 
liebgewordene gemüterhebende Beschäftigung wieder fortpflegen konnte. 
Er schrieb ihr darüber am 25. September 1831 nach Basel: „Ein alter 
Jugendfreund und Landsmann von mir, E. Lasaulx, ist jetzt mein beinahe 
ausschliesslicher und täglicher Umgang ... Er wird wohl den Winter 
hier zubringen und meine Wohnung mit mir theilen. Er ist, wie Sie 
wissen, ein eifriger Anhänger des Schelling und mit der neuern Philosophie, 
und was für mich noch mehr Werth hat, mit der Mystik des Mittelalters 
sehr vertraut; ich freue mich einigen Ersatz Ihrer Gesellschaft an ihm 
gefunden zu haben, wenn ich auch nicht die Hoffnungen, die er auf die 
neuere Philosophie setzt, theilen kann ; wenn mich auch die Bekanntschaft 
mit derselbigen über manches Vorurtheil aufklärt, so finde ich mich doch 
nur mehr und mehr zu dem Einen was Noth ist hingezogen, in der festen 
Überzeugung dass nur an der alleinigen Lebensquelle Jesus Christus unser 
Durst gestillt werden kann." Über seinen Freund fügt er indess gleich 
hinzu: „Lasaulx hat übrigens eine sehr tüchtige christliche Unterlage, 
und wenn einmal sein Können mit seinem Wollen und sein Wollen mit 



*) Dieses Ölgemälde, von welchem auch Förster (a. a. 0. Bd. II, S. 46) berichtet, 
scheint nicht über die ersten Anfänge hinausgekommen zu sein. 



— 125 — 

seinem Können Hand in Hand geht, dürfen wir gewiss etwas sehr Tüchtiges 
von ihm erwarten.** 

Lasaulx war es dann auch, welcher der gemeinsamen Freundin die 
Trauerpost von dem unerwarteten Hinscheiden Eberles nach Deutschland 
berichtete. Eberles Plan war gewesen, noch ein Jahr in Rom zu ver- 
bringen, dann wieder nach München und unter die Fittige seines Meisters 
Cornelius zurückzukehren und seiner Kunstwanderfahrt ein Ziel zu setzen. 
So schrieb er noch selber in einem Briefe vom 7. März 1832 ^ Aber 
schon einen Monat später hatte er seine irdische Pilgerfahrt vollendet. 
Er erlag einem Magenleiden. Fräulein Linder hatte den Kranken kurz 
zuvor noch durch die Zusendung eines Vorschusses erfreut. Unter dem 
24. April 1832 meldete nun Lasaulx aus Rom: „Unser Freund Adam Eberle 
genas am 15. April* Nachmittags fünf Uhr nach hartem Todeskampf von 
der Krankheit dieses Lebens; Charfreitag Morgens haben wir ihn heim- 
getragen . . . Drei Tage vor seinem Tode ward ihm noch die grosse 
Freude, Ihren letzten Brief und was Ihre Liebe diesem Brief beigelegt, 
zu erhalten. Er war Einer der wenigen, die ihre Seele reingewaschen 
im Blute des Lammes, welches von der Welt Anfang geopfert worden . . . 
Die Lamentationen und das Miserere der göttlichen alten Meister Palestrina 
und AUegri, welche Sie unsern Freund gebeten für Sie mitzuhören — 
habe ich für Sie beide mitgehört.** 

So ruht auch dieser deutsche Maler fern von Vaterstadt und Vater- 
land im ewigen Rom auf dem Kirchhof an der Pyramide des Cestius. Unge- 
schwächt aber lebte sein Andenken fort in der Erinnerung seiner Freunde. 

Hier ist zunächst Eberles Meister Peter von Cornelius zu nennen. 
Raczynski, mit Cornelius wohl bekannt, teilt mit, dass dieser Eberle für 
einen seiner besten Schüler gehalten und besondere Vorliebe und Sorgfalt 
für ihn gehabt habe^ Förster, Eberles Mitschüler bei Cornelius und des 
letzteren vertrauter Freund, berichtet wie das Jahr 1832 für Cornelius 
sowohl durch den Tod seiner ältesten Tochter, als auch durch das Hin- 
scheiden Eberles, der einer seiner liebsten und begabtesten Schüler gewesen, 
ein Trauerjahr geworden sei *. Wie sehr aber Cornelius die künstlerische 
Begabung Eberles schätzte, zeigt eine Stelle aus einem ein Jahr nach 
dessen Tod an König Ludwig gerichteten Briefe, in welchem er diesem 
einen jungen Künstler empfahl. „Euer Majestät" schrieb er, „erziehen 
jetzt, da er noch jung, genügsam und empfänglich ist, mit wenig Aufwand 
von Mitteln einen so bedeutenden Künstler, der sich einst an Kaulbach, 
Eberle etc. wird anschliessen dürfen** *. 



Kurz vorher am 12. Februar 1832 schrieb Cornelius an Emilie Linder: „Von 
Kom haben wir fi;ute Nachrichten". Förster a. a. 0. Bd. II, S. 70. 

') Hiernach ist die Zeitangabe bei Förster a. a. 0. S. 76 zu berichtigen. 

«) a. a. 0. S. 222. 

*) a. a. 0. Bd. H, S. 76 f. 

») Brief vom 24. April 1883 bei Förster a. a. 0. S. 89. 



— 126 — 

über das Verhältnis Kaulbachs zu Eberle äussert Raczynski sich 
ausführlicher: „Das Andenken Eberles ist auch für Kaulbach ein Gegen- 
stand der Verehrung. Dieser ehrenvoll bekannte junge Mann lebte mit 
Kaulbach in naher Freundschaft. Beide waren zu gleicher Zeit Cornelius 
Schüler gewesen, beide folgten ihm nach München, und der Austausch der 
Gedanken und Ratschläge, der zwischen ihnen Statt fand, hat nicht wenig 
zur Entwickelung von Kaulbachs Talent beigetragen. Eberles Werke 
erregen fortwährend seine Bewunderung und seine Lobsprüche, und der 
Tod dieses bedeutenden jungen Mannes ist für ihn ein steter Gegenstand 
der Trauert" 

Auch Lasaulx hat seinem Jugendfreunde ein immerwährendes Angedenken 
bewahrt. Als er im Jahre 1859 fast am Ende seines Lebens seiner Freundin 
Emilie Linder sein letztes grösseres Werk „Philosophie der schönen 
Künste" widmete, „die gedankenvolle Arbeit vieler Jahre und ein stilistisches 
Meisterwerk" ^ unterliess er es nicht in der Zueignung auch des gemein- 
samen Freundes Eberle zu gedenken. „Dass ich gerade Ihnen das Buch 
zueigne", schreibt er, „werden Sie bei einiger Selbsterforschung natürlich 
finden. Ich begegnete Ihnen zum erstenmale vor dreissig Jahren in 
München, in einem schönen Kreise befreundeter Männer und Frauen . . . 
Der Tod unseres frühreifen Freundes Adam Eberle veranlasste mich dann 
Ihnen brieflich näher zu treten; und seitdem waren Sie mir und meiner 
Frau und Tochter in frohen und trüben Tagen eine so liebe und wahre 
Freundin, dass es mir ein Bedürfniss ist, Ihnen meine Dankbarkeit auch 
dadurch zu bezeugen, dass ich gerade dieses Buch dessen Inhalt Ihren 
eigenen Studien so nahe liegt, und bei dessen Ausarbeitung ich Ihrer und 
unserer andern Freunde, der lebenden und der todten oft gedachte, am 
liebsten Ihnen darbringe'." 

Eberles (Selbst- ?) Bildnis ist in Raczynskis Geschichte der neueren 
deutschen Kunst enthalten*. Es zeigt einen jungen Mann zu Anfang 
der zwanziger Jahre, von edlen ernsten Zügen, mit schwachem Bart- 
wuchs. Auf den glatten, dichten und lang bis auf den Hals fallenden 
Haaren sitzt ein Künstlerbarett. 

Über die künstlerische Bedeutung Eberles urteilt ein bekannter Kri- 
tiker, der Maler und Kunsthistoriker Fried. Pecht^ dass die Freskogemälde 
bei manchen Schönheiten der Komposition wegen der bunten und haltungs- 
losen Malerei nicht zu Geltung kommen, dass aber die Kartons und die 
mit der Feder gezeichneten Kompositionen als wirklich wertvolle Arbeiten 
zu achten sind, welche mit Recht grosse Erwartungen erregten, die 
Eberle jedoch bei dem Mangel jeder Technik im Malen und wegen seiner 



a. a. 0. S. 276 f. 

3) Historisch-poUtische Blätter Bd. LIX, S. 739. 

') Philosophie der schönen Künste S. 4. 

*) Bd. n, S. 223. 

*) Allgemeine deutsche Biographie Bd. V, S. 573. 



— 12? — 

vollkommenen Unkenntnis der Gesetze des Kolorits nie zu erfüllen im 
Stande war. 

Dass Eberle diese Mängel nur zu sehr selbst empfand, wurde bereits 
im Verlaufe der Darstellung angedeutet. Immerhin bleibt bei der Beurteilung 
der Eberleschen Fresken zu berücksichtigen, dass es sich um die Arbeiten 
eines Dreiundzwanzigjährigen handelt, dann auch, dass seine Mängel der 
Schule im allgemeinen anhafteten, welche über Komposition und Form- 
gebung das Kolorit oft allzusehr vernachlässigte. 

Die von Eberle geschaflFenen Gemälde sind im Vorstehenden aufgeführt 
worden. Ihr Verbleib liess sich, soweit sie nicht in Monumentalmalereien 
bestehen, nicht ermitteln. Von Eberles Zeichnungen sind sieben durch 
Emilie Linder dem Museum ihrer Vaterstadt Basel vermacht worden. Es 
sind dies^ folgende Blätter: 

1. Landschaft. Links grosse Baumgruppe mit Ausblick auf eine 
Kuppelkirche; rechts junger Mann in italienischer Tracht, der ein Eselchen 
führt, auf welchem eine Frau und ein nacktes Kind sitzen; zu äusserst 
rechts ein junges Mädchen mit einem Korb auf dem Kopf. (Bisterzeichnung; 
einzelne Partien erst mit Bleistift angelegt. Jugendarbeit. Von Fräulein 
Linder bezeichnet: „Eberle".) 

2. Job von seinen Freunden verspottet. (Pause in Bleistift.) 

3. Derselbe Gegenstand; Komposition reicher. Oben Gott Vater; zur 
Linken der Satan entfliehend ; rechts Engel. (Flotte Bleistiftskizze, bezeichnet 
unten links „Ad. Eberle".) 

4. Das trauernde Jerusalem. Grosse nicht ganz vollendete Kompo- 
sition. (Bleistiftzeichnung, rechte Seite nicht ausgeführt. Bezeichnet: 
„Das traurende (sie) Jerusalem — Eberle". Im Bilderatlas zu Raczynskis 
Geschichte der neueren deutschen Kunst befindet sich eine Lithographie 
dieser Zeichnung von Strixner.) 

5. Jesus beruft zwei Jünger. (Sorgfältig ausgeführte Kreidezeichnung.) 

6. Die trauernden Juden an den Wassern zu Babylon. Grosse Kompo- 
sition. (Kreidezeichnung. Bezeichnet „Eberle". Abgebildet bei Förster, 
Denkmale deutscher Kunst*.) 

7. Petrus und Paulus auf der Fahrt nach Rom. Die Apostel sitzen 
nebeneinander in der Mitte einer dem Ufer zufahrenden Barke. Ein Engel 
(der Glaube), welcher den kreuzförmigen Mast umfasst hält, steuert das 
Schifflein; ein zweiter am Schnabel sitzender Engel spielt auf der Harfe. 
Vorauf schwebt ein Engel, der einen Schild und eine Posaune trägt, über 
deren SchallöflFnung ein Stern strahlt — wohl ein Hinweis auf den Glaubens- 
mut der Apostel, die im BegriflFe sind, den Heiden das Licht des Evangeliums 



*) Nach einer gefälligen Mitteilung des Herrn Konservators Dr. Daniel Burckhardt 
in Basel. 

*) Der bei Raczynski befindliche Hinweis auf das den gleichen Gegenstand 
behandelnde Gemälde Bendemanns im Kölner Museum wurde durch Cornelius veranlasst. 
Siehe Riegel, Peter Cornelius, Berlin 1888, S. 335—386. 



— 128 — 

zu verkünden. Ein dem Nachen folgender Engel mit umgekehrtem Kreuz 
und gezücktem Schwert deutet den den Aposteln bevorstehenden Marter- 
tod an. Auf dem gebirgigen Ufer ein antiker Tempel. (Sorgsam levirte 
Bisterzeichnung, bezeichnet unten rechts: „Eberle". Abgebildet bei Raczynski 
a. a. 0. S. 226.) 

Die unter 2, 5 und 6 aufgeführten Zeichnungen sind im Saal neuerer 
Handzeichnungen ausgestellt und tragen die Nummern 57, 56 und 55. 



Vereins angelegenheiten. 

Bericht über das Vereinsjahr 1895—1896. 

Auch in dem abgelaufeüeu Jahre ist der Verein wieder redlich bemüht gewesen, 
der Aufgabe, die er sich bei seiner Gründung gesteUt, nach allen Seiten hin gerecht zu 
werden. Zu dem Ende hat er einerseits eine Reihe von wissenschaftUchen Sitzungen und 
Ausflügen veranstaltet und anderseits den neunten Jahrgang der Vereinszeitschrift heraus- 
gegeben, welcher eine reiche FüUe lokalgeschichtlichen Stoffes in grossem Abhandlungen 
und kleinern Mitteilungen den Mitgliedern bietet. Der erste Ausflug, am 4. August 1896, 
hatte zum Zielpunkt die im Geulthale gelegene mittelalterliche, heute in arg zerfallenem 
Zustande befindliche Burg Schimper. Da die Besichtigung derselben nicht die ganze für den 
Ausflug in Aussicht genommene -Zeit in Anspruch nahm, so konnte noch eine lohnende 
Pusswanderung nach dem drei Viertel Standen entfernten Altenberg unternommen werden. 
In der Gartenveranda des Altenberger Casino hielt Herr Pfarrer Schnock einen längeren 
Vortrag über das neutrale Gebiet von Moresnet. Am 4. Oktober veranstaltete der Verein 
einen zweiten Ausflug nach der Burgruine Wilhelmstein. Die Innern Bäumlichkeiten wie auch 
die äussern Befestigungswerke wurden unter Führung des Herrn Rhoen eingehend besichtigt 
In Bardenberg, wo noch eine" kurze Nachsitzung stattfand, hielten Herr Pfarrer Schnock 
und Herr Referendar Schollen zu der Geschichte Bardenborgs und der Burg Wilhelmstein 
in Beziehung stehende Vorträge. Mit hoher Befriedigung gedenken die Teilnehmer beider 
Ausflüge. Die satzungsmässige Hauptversammlung wurde am 11. November im Vereins- 
lokal „König von Spanien** unter sehr reger Beteiligung abgehalten. In derselben erstattete 
der Vorsitzende, Herr Direktor Dr. Wacker den Jahresbericht, aus dem wir entnehmen, 
dass die verhältnissmässig hohe Summe von nahezu 7000 Mark bisher auf die Drucklegung 
und Ausstattung des Vereinsorgans — die Autoren haben in dankenswerter Weise ihre 
Arbeiten gratis zur Verfügung gestellt — verwandt worden ist, sowie ferner, dass die 
Mitgliederzahl sich in der Höhe von 220—230 erhalten hat. Der Schatzmeister des Vereins, 
Herr Stadtverordneter Ferdinand Kremer, gab sodann einen Ueberblick über die finanzienen 
Verhältnisse und wurde ihm, nachdem die Kasse auf ihre Richtigkeit durch die Herren 
Fey und Pschmadt geprüft worden, Entlastung erteilt und der wärmste Dank ausgesprochen. 
Es hielten sodann noch längere, höchst anziehende und lehrreiche Vorträge die Herren 
Referendar Schollen und Archivar Dr. Brüning. Ersterer hatte sich zum Thema gewählt : 
„Die Strafrechtspflege in Aachen zu reichsstädtischer Zeit", letzterer sprach über die 
Beziehungen des Prinzen Eugenius zu Aachen. Beide Vorträge fanden die verdiente 
Anerkennung und reichen Beifall. 

Verlag der Cremer'schen Bnchhandlniig (C. Caziii) in Aachen. 



Die Fabel von der ßeslallung Karls des Grossen. 



Von TH. LINDNER. 

m, 82 S. gr. 80. Preis -4t 1.60. 



Dbuck von Hekman.n Kaat)UsR in Aacukm. 



ms ¥011 



IM AUFTRAG DES VEREINS HERAUSaEQEBEN 



HEINRICH SCHNOCK. 



ZEHNTER JAHRGANa. 



AACHEN. 

KoMMissioNS -Verlag dkk (■humhhschhn Buchhandlung (0. Oazin). 
1897. 



INHÄLT. 



Seite 

1. Schönau. (Fortsetzung.) Von H. J. Gross 1 

2. Schönau. (Schluss.) Von H. J. Gross 17 

3. Zum Rastattcr Gesandtenmord. Von W. Brüning •. . 21 

4. Ein „Gemeiner Bescheide* des Aachener Schöffenstuhls. Von Franz 
Schollen 25 

5. Kleinere Mitteilungen: 

1. Aus dem Aachener Stadtarchiv. Von W. Brüning 29 

2. Eine alte Aachener Geleitstafel. Von FranzSchollen . . . 30 

6. Aufzeichnungen eines Haarener Kirchenbuches aus den Kriegsjahren 
1792—1795. Von H. Schnock 33 

7. Kleinere Mitteilung: 

Der Aachener Stadibrand im Jahre 1656. Von H. Schnock. . . 50 

8. Zur Geschichte Aachener Maler des 19. Jahrhunderts. Von J. Fej . 53 

9. Max von Schenkendorf am Rhein und in Aachen. Von K. Wacker . 92 

10. Zur Geschichte des Ortes Schevenhütte. Von A.Bommes . . . . 101 

11. Kleinere Mitteilungen: 

1. Reihenfolge der Pfarrer in der Gemeinde Haaren bei Aachen. 
Von H. Schnock 111 

2. Ein Brief E. M. Arndts an den Maler Salm. Von J. Fey . . 112 

3. Ein Agent in Aachener Diensten während des Pfälzischen Krieges. 
Von M. Schollen 113 

4. Lühnungsliste der Soldaten der Reichsstadt Aachen vom 26. April 
1657. Von Demselben 113 

.'3. Kosten eines Festessens in Aachen im Jahre 1700. Von Demselben. 116 

12. Vereinsangelegcnheiteu: 

1. Bericht über das Vereinsjahr 1897. Vom Herausgeber. . . 117 

2. Verzeichnis der Mitglieder 120 



. *•- ^:»^ - ', 



Jäbrlich S Numinorn Komm issions -Verlag 

A 1 Bogen Royal Oktav. ^^' 

Creme r'gcheo Buc.hhandinne 
Prei» des Jahrgangs (C.C«iil 

4 Uark. in Aaclien. 

Mitteilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Anftragc Jca Vereins herausgegeben vun H. Schnook. 



Zehnter Jahrgang. 



Inhalt; H. J. Qross, ScbSoan. (Fortgetziing statt Schloss.) 



Schönau. 

Von H. J. Gross. ( Fortsetz ung statt Sehlnss.) 

Ebenso glücklich waren die Brüder in dem Rechtsstreite gewesen, 
den seinerzeit Adolf von Hillensberg gegen den Eindringling Max eiiige- 
■ leitet und der 1735 sein Ende erreicht hatte. Die Myleudunck waren zum 
Ersätze der Mobilien mit 1000 Gulden, der genossenen Einkünfte mit 390 
Thaler fürs Jahr und zur Herausgabe sämtlicher Briefschaften verurteilt 
worden. Nun gab es noch eine Möglichkeit die Blanche von Schönau zu 
entfernen, wenn nämlich der Rechtshandel, der zwischen Margarethe 
Elisabeth von Myleiidnnck und Isak Lambert von Blanche sich entsponnen 
hatte, zu Ungunsten der Brüder entschieden würde. Aber auch hier 
blieben die Blanche 1759 Sieger. Nun liess sich Johann Gottfried auf 
grund eines Exekutionsdekrets an den Kurfürsten von Köln in Fronenbroch 
als Herr einsetzen. Die Kosten waren nicht unbedeutend. Die beiden 
Kommissare erhielten sofort 300 Tbaler Reisegeld, je acht Thaler Tage- 
gelder, der Sekretär vier Thaler, der Prokurator der Blanche ebenfalls 
vier Thaler, sodann die Kommissare für Wagen und Diener noch sechs 
Thaler täglich. „Kost und drank so über reis als in loco wird sich eben 
so viel betragen haben," Hundert Schützen aus Rheinberg, welche die 
Kommissare hatten kommen lassen, erhielten vier Louisdor für Bier und 
Branntwein. Die Kosten wurden gedeckt aus „des gegners effekten", die 
für 1500 Thaler verkauft worden waren. 



— 2 — 

So hatten die Herren von Blanche alle ihre Widersacher überwunden. — 
Da erlitten sie mitten im Siege die entschiedenste Niederlage. Ein Gegner 
stand gegen sie auf, dem sie nicht gewachsen waren. Der Kurfürst von 
der Pfalz, jedenfalls gereizt durch die Herren zur Heiden, wohl auch 
von dem Wunsche beseelt den ewigen Reibereien ein Ende zu machen, 
brauchte Gewalt. Er liess die Brüder Johann Gottfried und Adolf Werner 
in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 1760 in Schönau aufheben und 
nach Jülich bringen, wo sie vier Jahre lang in den Kassematten gefangen 
gehalten wurden ^ Schönau soll dabei vollständig ausgeplündert worden 
sein; die Brüder schlagen den erlittenen Schaden mit arger Uebertreibung 
auf 20000 Thaler an. Anfangs wurden beide in enger Haft gehalten, so 
dass sie mit niemand schriftlich oder mündlich verkehren durften, obwohl 
das Kammergericht der kurfürstlichen Regierung den Befehl hatte zugehen 
lassen die Gefangenen frei zu geben, ihnen Schönau auszuliefern und allen 
Schaden zu ersetzen. 

Gegen dieses Mandat wendete der Jülich-Bergische Geheime Rat 
folgendes ein: die von Blanche hätten sich schon 1731 an den Kaiser um 
Schutz ihrer vermeintlichen Reichsfreiheit gewandt^, der Kaiser habe 
darauf die ausschreibenden Fürsten des niederrheinisch-westfälischen Kreises 
befragt, der Kurfürst eine Beschwerde eingereicht und von Blanche die 
Sache ruhen lassen. Die Gefangennahme habe stattfinden müssen, weil 
die von Blanche „mit ihrem aus lüderlichem gesindel bestehenden anhange 
sich vieler thätlichkeiten, Unordnungen und betrügereien unterzogen haben, 
deren einige nach in der peinlichen halsordnung vorgeschriebenen grund- 
sätzen zu beurteilen sind** und „einem jeden in dortigen gegenden zur 
furcht und schröcken gewesen". Sie hätten sich ferner zu schulden 
kommen lassen: 1. Ermordung des Heidener Gerichtsboten durch den 
älteren von Blanche; Notwehr sei nicht nachgewiesen; 2. Gefährdung des 
Heidener Gebietes, thätliche Misshandlung der Einwohner besondei-s der- 
jenigen, die den landesherrlichen Befehlen nachkamen; 3. Bedrohung und 
Misshandlung der Heidener Beamten; 4. Erhebung des Schönauer Laten- 
gerichts zu einem ordentlichen durch den älteren von Blanche 1751, Be- 
schädigung der Leute durch dasselbe; 5. weil das Gericht aus lauter un- 
erfahrenen Leuten bestand, habe von Blanche oft genug Richter, Partei, 
Anwalt und Gerichtsschreiber gespielt; 6. es sollen dort mehrere falsa 
vorgekommen sein; 7. Verhöhnung und Verachtung landesfürstlicher Dekrete; 
8. Falschmünzerei durch Ausprägung minderwertiger Vierhellerstücke. 

In einem Memoire concernant Temprisonnement des deux fröres barons 
de Blanche seigneurs de Schönau sucht Johann Gottfried diese Anschuldi- 
gungen zu entkräften. Der Totschlag sei in Notwehr und in Verteidigung 
„landesherrlicher Rechte" geschehen; das Recht Münzen zu prägen habe 



*) Was Isak Lambert den „mortgens pfaffen" gewünscht hatte, geschah so seinen 
Söhnen. 

*) Das bezieht sich auf das oben wiedergegebene Schreiben des Johann Gottfried. 



— 3 — 

der Herr von Schönau laut kaiserlichen Privilegs und nach dem Beispiele 
seiner Vorfahren; das kurfürstliche Plakat sei abgenommen worden, weil 
unbefugte es angeschlagen hatten; er habe ohne Verletzung der Ehrfurcht 
gegen den hohen Fürsten nur sein Recht gegen ihn wie gegen alle anderen 
verteidigt. Dann fragt das memoire, warum man, da blos der ältere 
Bruder in betracht komme, auch den jüngeren, der mit all diesen Sachen 
nichts zu thun habe, in so strenger Haft halte? Das sei nicht Ausübung 
der Gerechtigkeit sondern persönliche Rache. 

Es handelte sich dem Kurfürsten wirklich um etwas ganz anderes 
als um Ausübung der Gerechtigkeit. Er wollte die Unabhängigkeit 
Schönaus unterdrücken und darum forderte er als Preis für die Freilassung 
Anerkennung seiner Landeshoheit und Leistung des Homagialeides durch 
beide Brüder. Das durchschauten auch andere Leute. Bereits 1757 
schrieb Graf Waldbot-Bassenheim an von Blanche: man glaube in Wetzlar 
„wie ich schon vor vielen jähren gemeldet habe, dass euer hoch wohlgeboren 
sich in churschutz ergeben mit vorbehält unterschiedlicher bedingungen''. 
Man betrachtete denn auch allgemein die Gefangennahme als Gewaltthat. 
Der Prinz von Croy verwendete sich in einem Schreiben aus Aachen, 
27. Oktober 1761, bei einem Herrn aus der Umgebung des Kurfürsten für 
die Brüder und bemerkt, die Sache mache „beaucoup de bruit**; der 
Vogtmajor und die Jülicher seien sehr erbittert über die Gebrüder von 
Blanche. 

Im Vertrauen auf ihr Recht und auf die Vermittelung ihrer Freunde 
hielten die Herren vier Jahre aus; dann unterwarfen sie sich. Am 2. Mai 
1764 machte der Kurfürst den Herren zur Heiden Mitteilung davon und 
gab beiden Parteien auf sich freundnachbarlich zu vertragen. Aber weder 
die Frau des Gerichtsschreibers noch der Pächter auf Haus Heiden wollten 
das Mandat annehmen; der mit der Ueberreichung betraute Notar musste 
dasselbe am Riegel des Hofthores festbinden. 

Am 29. Mai desselben Jahres erliess der Kurfürst den beiden Brüdern 
die Kosten des Verfahrens „aus ledigen gnaden", sprach aber auch die 
Erwartung aus, dass sie mit Ablegung dos Homagialeides nicht länger 
mehr zögern würden. So musste der selbstbewussteste Vertreter der 
Reichsfreiheit Schönaus die Selbständigkeit des uralten Allods zu Grabe 
tragen! Es war eben ein stärkerer über ihn gekommen, der freilich 
dreissig Jahre später von einem noch stärkeren ebenfalls verschlungen 
wurde. 

Die Feindseligkeit der Herren zur Heiden war durch die Demütigung 
der Schönauer noch nicht gedämpft. Wir haben bereits erzählt wie der 
Herr von Leerode dieselben auf der Jagd überfallen und misshandeln 
Hess. Diese Roheit gab den Brüdern Veranlassung, sich mit der Bitte an 
den Kaiser zu wenden, er möge doch das Urteil gegen dieselben zur 
Exekution gelangen lassen. In demselben Schreiben klagen sie auch über 
die harte Gefangenschaft, aus der sie ganz lahm, steif, kontrakt und mit 



— 4 — 

ausgefrornen Nägeln an Händen und Füssen entlassen worden seien. So 
schlimm war es nun doch nicht. Am 4. Februar 1764 schrieb nämlich 
Kanonikus Emonts aus Xanten, er habe sich während des harten Arrestes 
nach seinen schwachen Kräften als treuen Freund gezeigt, müsse darum 
auch jetzt bei der Entlassung seine Freude über die „annoch ziemlich 
frische gesundheit" der Brüder aussprechen. Bei dem üeberfall hatte die 
Schwester des Kanonikus Briefschaften „mit glimpf erdapt"; Emonts liess 
dieselben zu grösserer Sicherheit auf die Immunität bringen. Auch hatte 
dieselbe „mobilien beim verkauf" für Herrn von Blanche reklamiert und 
zwar „ein stück ungebleich tuch, sechs pfund flachs, ein spul mit haspel, 
ein Spieltisch, acht schildereien, ein menager samt aufhabenden porcelaine, 
item sechs porcelaine tellem, das gemalte feuerschirmgen". 

Für „die annoch ziemlich frische gesundheit" Johann Gottfrieds 
spricht es auch, dass sich derselbe 1765 mit Veronika von Broch zu 
Dürwiss verlobte. Zwar bekam die Braut, wie sie sagt durch anonyme 
Briefe, einen Widerwillen gegen den Bräutigam. Aber so leicht liess von 
Blanche sich nicht abschrecken und am 18. Oktober 1767 führte er nach 
Erlangung der Dispens wegen Verwandtschaft seine Erkorene heim. 

Die Vergangenheit Johann Gottfrieds bot allerdings Lästerzungen 
reichen Stoff. Während er noch in Wetzlar war, hörte Tante Antoinette 
von ihm, er habe sich mit einer „kale perschon" verlobt, aber die Tante 
glaubte das nicht, denn „her fetter hat allezeit nacher ein riche perschon 
getraght". Der Witwe Tornako war dagegen erzählt worden, er habe 
eine Gräfin geheiratet; sie hofft er werde nicht so jung in den Ehestand 
getreten sein. In späteren Jahren konnte der Freiherr von Reuschenberg 
über Gottfrieds Liebesabenteuer „mit den damen zu hurt viel lachen", ein 
gnädiges Fräulein Tserclaes kannte und erzählte eines derselben ganz 
genau. Und die französischen Lieder, Tingeltangelpoesie der schlimmsten 
Sorte, welche von Blanche des Abschreibens für wert hielt, zeigen auch, 
dass er in seiner Jugend recht leichtfertig war. 

Jedoch gestaltete sich das Verhältnis zu seiner Frau und deren 
Familie sehr gut. Gottfrieds Schwiegermutter, Anna Maria geb. von Hor- 
rich, hätte ihre letzten Lebenstage gern in einem Frauenkloster zuge- 
bracht, doch war der geforderte Preis von 200 Thaler jährlich ihr zu 
hoch, von Blanche erbot sich sie für 60 Thaler auf Schönau gut zu ver- 
pflegen und er hielt Wort. Auch bei der Dürwisser Teilung ging es ganz 
friedlich her. Gottfried erhielt als Anteil 23 Morgen, die zu 2413 Thaler 
abgeschätzt wurden. Das Land war kurkölnisches Lehen; von Blanche 
erbat unter Zustimmung der Agnaten vom Kurfürsten die Erlaubnis zum 
Verkaufe. 

Bereits im Jahre 1757 trug sich Gottfried mit dem Gedanken, einen 
Schlosskaplan auf Schönau anzustellen. Aber Adolf Werner meinte, dass 
es „dermalen nicht convenient seie einen castralcapellan anzunehmen, 
massen derselb charaktermässig nicht zu verpflegen wäre, wo wir nur ein 



— 5 — 

einziges zimmer haben, anbei mit keinem altar und zubehör aufm haus 
versehen seind". Den fehlenden Altar beschaffte Gottfried 1768, er Hess 
einen solchen anfertigen „der wie eine commode aussieht". Das sonder- 
bare Kunstwerk kostete 118 Aachener Gulden. Auch beteiligte er sich 
„als Landesherr" öflFentlich an kirchlichen Feierlichkeiten, an Missionen 
und Prozessionen. So forderte er seine Unterthanen zur Begleitung der 
Laurensberger Gottestracht an Grünenthal und Hand auf: er werde mit 
seinem „hoch wohlgeborenen herrn bruder und sonstigen verwanten" auch 
mitgehen. Johann Gottfried behielt völlige Geistesfrische bis in seine 
letzten Lebensjahre. Ein Aachener Jurist schreibt 1780 an ihn: ich habe 
„in ihrer arbeit nur ein par juristische Zusätze gemacht, übrigens alles 
unverbesserlich gefunden. Gott gebe mir ein so hohes alter und in dem- 
selben so vortreffliche geisteskräfte, als er hochdenselben gibt". Der Lob- 
spruch schliesst mit einer sehr prosaischen Bemerkung: „Meine arbeit ist 
ein geschäft von zwei stunden, die stunde k sechs gülden, macht 12 gülden 
aix." Nach den Resten seiner Schriftstücke im Schönauer Archive zu ur- 
teilen war Gottfried der juristische Ratgeber der adeligen Familien der 
ganzen Umgegend. 

Er behielt aber auch seine Heftigkeit. Werner Adolf spricht einmal 
von „schändlichsten reprimandes", denen er sich aussetzen müsse, und 
noch 1785 wurde Gottfried in einem Prozesse gegen Graf Proli und Kon- 
sorten vom Düsseldorfer Hofrate in eine Brücht von sechs Reichsthaler 
genommen „wegen ungeziemenden Schreibens". 

Endlich bändigte auch ihn der Tod: er starb am 14. Juni 1789, im 
92. Jahre seines Alters an einem Schlaganfalle und wurde in der Pfarr- 
kirche zu Laurensberg begraben. 

Von seinen Brüdern ist nicht viel zu sagen. Gerard Wilhelm fiel 
in Liebe zu einer Magd, mit der er sich beim Pfarrer von Berg zu den 
Aufrufen meldete. Darob grosse Entrüstung bei Johann Gottfried. Das 
Mädchen musste die Erklärung abgeben, dass sie „die proclaraationes im- 
probire, über alle in der weit formiren könnende ansprüchen sich abge- 
funden habe, auch auf die person des Gerard Wilhelm von Blanche 
renuntiire". Im folgenden Jahre 1739 wurde der unglückliche Liebhaber 
in der kaiserlichen Armee untergebracht, weitere Nachrichten über ihn 
fand ich nicht. 

Werner Adolf scheint um 1767 gestorben zu sein. Er war nach 
dem Ausdrucke des memoire „ebenso schwach an Geist wie entfernt von 
Bosheit". Auf Schönau spielte er den Hausmeister und Verwalter, während 
Gottfried sich meist in Aachen aufhielt. Da ging es denn nicht ab ohne 
Verdruss mit den Knechten, von denen in einem Jahre drei „den schelm 
abgaben", aber auch nicht ohne Zwist mit Johann Gottfried, der manchmal 
mehr Geld forderte, als der „hoch wohlgeborene, hochgeehrteste und viel- 
geliebteste herr bruder" beschaflfen konnte und Ausgaben machte, welche 
den Beifall Werners nicht fanden. Wurde es ihm zu toll; dann konnte 



— 6 — 

„der von Bosheit entfernte** auch böse werden. „Wan es immerwährend 
also ergehen soll**, schreibt er an Gottfried im Jahre 1759; „wirds wol 
am besten sein, dass ein jeder seine halbscheid des pfachts zu sich nehme, 
davon ehrlich lebet und fort seine notdurft anschaffet." Dem Vogte Coo- 
mans auf Heiden, der ihm durch seine Insinuationen viel Aerger machte 
droht er: „Gott gnade seiner haut in flne flnali"; und von der Pächterin 
auf Schönau heisst es: „diese unrechtfertigen leute meritiren gar keine 
barmherzigkeit". 

Das Memoire sagt noch von Werner Adolf, er habe sich nie mit amt- 
lichen Sachen befasst. Das Protokollbucli erwähnt ihn auch nur einmal. 
Er wurde am 14. Dezember 1730 „in gefolg der in sachen freiherrn von 
Blanche contra erbgenamen weiland herrn Mathias Gerard Clotz . . publi- 
zirten urteil . . durch die zwei hiezu committirten schöffen in die . . im 
Richteriger feld liegende elf morgen vulgo die elf morgen mit umwerfung 
des grunds und abschneidung darauf obhandenen kappes würklich . . 
morgens zwischen 9 und 10 uhren immittirt". 

Johann Gottfried vermachte Schönau seiner Frau Veronika von Broch, 
welche nach 1820 starb. Sie hatte die Besitzung an ihren Bruder Karl 
Wilhelm, dieser an seinen Verwandten Arnold Carl Maria von Broich ver- 
kauft', dessen jüngstem Sohne Karl Freiherrn von Broich, Bürgermeister 
von Richterich, der ehemalige Haupthof des pfalzgräflichen AUods Riterca 
heute gehört. 



Beilage L 

Herman Dieter von Mylendunck. 

Wir hörten, dass Herman Dieters Vater mit der Pfalzgräfin bei Rhein, 
Amalie geborenen Gräfin von Neuenar, in Briefwechsel stand. Die Familien 
waren durch die Heirat der Tochter einer Gräfin von Neuenar mit einem 
Mylendunck verschwägert; darum erhoben letztere Anspruch auf die Erb- 
schaft, als Walburg, Tochter und Erbin des Grafen Wilhelm von Neuenar 
kinderlos starb. Graft und seine Brüder wendeten sich damals an den 
Kurfürsten Ernst von Köln mit der Bitte, sie als nächste Erben die Erb- 
schaft antreten zu lassen und mit den Lehen zu bekleiden. Der Erz- 
bischof zögerte indessen, weil der Graf von Sohns auf Grund eines Testa- 
mentes der Gräfin Walburg sich ebenfalls als Erbe gemeldet hatte. Da 
gingen die Brüder via facti vor und ergriffen im Jahre 1600 realiter et 
corporaliter Besitz von dem Neuenarer Zehnten zu Bracht, den der Kur- 
fürst hatte mit Beschlag belegen lassen, bis sich herausstellte, wem derselbe 
zukomme. 1601 machte der Graf es ebenso. Die Mylendunck bestritten 
das Recht desselben zunächst, weil das Testament nicht rechtskräftig 



*) von Fürth, Beiträge u. s. w. II, S. 5. 4. 



— 7 — 

errichtet sei und weil die beiden Abschriften, von denen eine die Herren 

Staaten, die andere Prinz Moritz ausgestellt hatten, nicht übereinstimmten, 

auch die Erblasserin ohne octroi' über die Güter nicht habe verfügen 

können; sodann weil das Testament die Kölner und Jülicher Güter, zu 

denen Bracht und Breiel gehörten, dem Grafen Bentheim, nicht aber Sohns 

zuwies. So besagt eine Schrift im Schönauer Archiv. Es gab natürlich 

wieder Prozess, der noch 1605 zwischen den Brüdern und der Witwe 

Solms, geborenen Gräfin Egmont, geführt wurde. 

Auch hatte die Rose noch andere Dornen. Die Grafen Wilhelm und 

Herman von Neuenar, Vater und Bruder der Walburg, hatten 1551 von 

einem Dr. Omphalius 3000 Goldgulden geliehen und demselben die Mörser 

Pfandschaft in den Amtern Kessel und Krekenbeck zur Sicherheit gestellt. 

Nun griff der Enkel des Omphalius die Brüder Mylendunck an, in deren 

Besitz sich die Pfandschaft befinde, und verlangte vor Statthalter, Kanzler 

und Vogt des Fürstentums Geldern sein Geld. Und zu guterletzt gerieten 
die Brüder selbst in Streit. Der Anwalt Heinrich Sassenfeld schreibt am 

24. September 1616 dem Baltasar: „Auch dunkt mich hoghnoedigh zu 

sein, dass euer gnaden mein her canzler wolle besuchen und dem gueden 

bericht und kleglich zuschreiben den groben missverstand e. g. herren 

gebröderen, dass sie e. g. missgunnen dasjenige, etwelk heunen* nicht en 

schad, und dass lieber sehen weiten, dass es ein fremder haben solt als 

e. g., dieweil Heuls* durchaus keine gemeinschap mit der pantschap en 

hat und ein stück von die grafschap van Moers ist, und dass e. g. dasselbe 

haben ingehabt bei lebzeiten der gräflne von Moers und er* der sterbfall 

gefallen ist, und nach der zeit aus gnad und gunst seiner exzellenz prinz 

Moritz, der sich die hogheit und gericht Schwaneck vorbehalten hat . . / 

Ein anderes Stück aus der Neuenarer Erbschaft wurde den Brüdern 
1612 zu teil. Die Infanten Albert und Isabella erklärten am 4. Juni jenes 
Jahres, dass ihre „lieben und getreuen vetteren" Hennan Dieter, Graft und 
Baltasar von Mylendunck als nächste Erben weiland ihrer lieben und 
getreuen Base Frau Walburg, Gräfin zu Neuenar, Mors etc. vor dem 
souveränen Lehenhofe von Brabant empfangen haben „den zoll auf unserm 
rivier der Masen zu Adickhoven, Meersen, zu Kathingen über die Brücke, 
zu Stocken!, zu Heppenart, zu Foel, zu Geil, zu Buggenem, zu Kessel 
und in denen gegenden . . .*^ Bis zur Scheidung und Teilung zwischen 
den Brüderen solle Herman Dieter als „Sterbman** im Buche stehen. 

Prozesse kosten Geld, darum ist es nicht verwunderlich, dass Her- 
man Dieter im Jahre 1600 dem „erenfesten und hochgelehrten Jakob van 
Beek, lizentiat der rechten und rathsherr seiner majestät im herzogtum 
Geldern" die Summe von 224 Thaler i 30 Stüber Roermonder Währung 



*) Bewilligung des Lehnsherren. 
*) üinen. 
») Hüls. 
*) ehe. 



— 8 — 

schuldete. Wir werden ihn noch über seine zahlreichen Gläubiger klagen 
hören. Früher war er freilich in der Lage gewesen, andern Geld leihen 
zu können. Am 2. Juni 1585 schrieb Araelia „von Gottes gnaden pfalz- 
gräfin bei Rheiil, curfürstin witwe, herzogin in Bayern" an ihren „edlen 
und besonders lieben vetter" Herinan Dieter von Vianen aus, sie denke 
nicht daran dieses Land zu verlassen, besonders da der Hohe Eat ihr die 
Verwaltung des Landes Vianen zugewiesen habe, aber wegen der Brede- 
rodischen Geschäfte wolle sie nach Harlem gehen und ihn ihrem Versprechen 
gemäss aus der Vianischen Leibzucht oder sonst wegen seiner Voi'schtisse 
entschädigen. 

Auch mit Ernst von Baiern, Kurfürst von Köln und Fürstbischof von 
Lüttich, stand Herman Dieter in Verbindung. In einem Briefe von 1598 
dankt der Kurfürst ihm für die Mühe, die er in des Erzbischofs Angelegen- 
heiten angewendet habe; er will seinen Bestrebungen, die er zu vergelten 
gedenkt, den guten Ausgang zuschreiben. Aus diesem Briefe lernen wir 
jedoch auch die traurigen Familienverhältnisse Herman Dieters kennen. 
Er lebte nämlich in bitterm Zerwürfnisse mit seiner Frau. Herman Dieter 
hatte um 1587 Franziska, Tocliter Heinrichs von Goir, Freiherrn von 
Pesch, Herrn zu Bruin, Viliar, Andrimont etc. geheiratet. Heinrich hatte 
drei Kinder: Claudius, Herman und Franziska. Noch vor der Heirat war 
Claudius, während der Ehe Herman gestorben, sodass alle Güter des Vaters 
an Dieters Frau fielen. Sie gebar vier Kinder: Hans Craft, Adolf, Maria 
und Walburg. Woher der Streit zwischen den Eheleuten seinen Ursprung 
genommen, geht aus den mir vorliegenden Nachrichten nicht hervor, aus 
Andeutungen erhellt jedoch, dass die Charaktere nicht zu einander passten. 
Dem Dieter wirft der Kurfürst vor, dass er sich sogar in des Fürstbischofs 
Gegenwart zu leidenschaftlicher Aufregung habe hinreissen lassen, was 
wohl geschehe, wenn der Respekt vor seinem Fürsten ihn nicht zähme? 
Damals bestand der Zwiespalt schon längere Zeit, denn Ernst verweist 
den Freiherrn auf seine frühem Ermahnungen, bittet ihn abermals um 
seiner Kinder und der Wohlfahrt seines Hauses willen sich mit der Frau 
doch zu vereinigen, droht aber auch, es würde ihm leid sein, wenn er als 
Landesherr gegen Herman einschreiten müsse. 

Dieter wies die Ermahnung ziemlich kurz ab. Er sei wegen der 
„Übertretung" seiner Fran und weil sie ihn durch ihr böses Geschwätz 
in aller Leute Mund gebracht, zum Zorne befugt gewesen; sie wolle sich 
scheiden lassen, wenn das mit Gott und Ehre geschehen könne, sei es 
auch ihm am liebsten. Er ist der Gereclite, über den der Böse triumphirt; 
nur sein Gottvertrauen lasse ihn nicht schwermütig und lebensüberdrüssig 
werden — dazu citirt er Ps. 37 — ; er könne nicht nach Lüttich gehen, 
wo seine Frau ihr böses Gesinde und „clapperei** um sich habe, er sei 
von Natur ein Waidmann und an grosse Arbeit gewöhnt; Gesundheit und 
Finanzen erlaubten ihm den Aufenthalt in Städten nicht. 

Herman Dieter hat sich in diesen Worten hinreichend gekennzeichnet. 



— 9 — 

Er erscheint auch nicht liebenswürdiger im Lichte eines Briefes seiner 
Schwiegermutter vom 18. Oktober 1595, worin sich diese bitter beklagt, 
weil Dieter ihr nicht einmal das gebe, was ihr nach dem Testamente ihres 
seligen Mannes zukomme, während sie doch immer Liebe und Güte gegen 
ihn gehabt und geübt habe. 

Die Heftigkeit Dieters äusserte sich auch in Gewalthandlungen gegen 
andere Personen. Im Bruchstücke eines Schreibens warnt ihn jemand vor 
seinem Rentmeister, der ihn mit schweren Prozessen bedrohe, weil Dieter 
ihn acht Tage lang zu Goer gefangen und ihm Briefschaften weggenommen 
habe, die der Rentmeister nicht um 3500 Thaler missen wolle. 

Es wäre auffallend, wenn ein Mann wie Herman sich nicht an Fehden 
beteiligt hätte. Wir finden ihn denn auch in den Kampf um die Grafschaft 
Hörn verwickelt. Hörn war ein Lehen der Grafen von Looz, und nach- 
dem diese Grafschaft unter Johann von Arkel an die Lütticher Kirche 
gekommen war, ein Lehen des Fürstbischofs von Ltittich. Philipp von 
Montmorency, der letzte Lehensträger war 1568 ohne Erben gestorben, 
somit Hörn an den Lehensherrn zurückgefallen ^ Reinard von Cercler 
behauptete später, er habe die Grafschaft Hörn gekauft und sei vom Kur- 
fürsten Ernst als Fürstbischof von Lttttich mit derselben belehnt worden. 
Er hatte auch Besitz ergriffen und die Huldigung der Unterthanen ent- 
gegengenommen. Das Lütticher Domkapitel verweigerte jedoch seine Zu- 
stimmung, es verband sich mit den Herren von der Lipp, Heinrich von 
Rauschenberg, Herman Dieter und Graft von Mylendunck, man fiel in die 
Grafschaft ein, beraubte die Unterthanen, berannte, beschoss, erstieg das 
Schloss, bemächtigte sich aller fahrenden Habe und der Briefschaften und 
setzte den Herrn von Rauschenberg als Verwalter ein. Fürstbischof Ernst 
vermittelte und Reinard erklärte sich zu einer Verhandlung bereit. Als 
er sich zu diesem Zwecke nach Hörn begeben wollte, Hess ihn Rauschen- 
berg „wider löblichen teutschen brauch" aufheben, hielt ihn ei'st sechs 
Monate auf dem Schlosse Hörn gefangen und brachte ihn dann nach Lüttich, 
wo er trotz mehrfachen kurfürstlichen Befehlen erst freigelassen wurde, 
nachdem er auf Hörn verzichtet und die Beamten und Unterthanen von 
ihrem Eide entbunden hatte, ('ercler klagte darauf in Speier. 

Herman Dieters Frau Franziska hatte auch ihre grossen Fehler. Als 
einziges Töchterchen einer vornehmen und reichen Familie wohl verzärtelt 
und verzogen, mangelte es ihr nicht an Eigensinn und Unvernunft. Herman 
erhebt gegen sie Anklage wegen Uebertretung (Ungehorsam) und Verleum- 
dung. Die Klage ist begründet. P'ranziska war kränklicii. Zur Wieder- 
herstellung ihrer Gesundheit iiatte sie sich in die Behandlung eines Arztes 
begeben, der nach Herman ein Landläufer, ohne besondere Kenntnis und 
Frömmigkeit, vielmehr nach dem allgemeinen Geschrei und der Frau von 
Goer — Hermans Schwiegermutter — eigenem Geständnis ein „Teufels- 



*) Villen fagne, Kccherchcs sur la ci-dcvant principautö de LitJge 1, S. 188 ff. 



— 10 — 

bruder** und ötFeiitlicher Fraueuscliänder war, der eine Juffrau von gutem 
Hause durch Schelmerei oder Teufelei verführt hatte, vor dessen Pei'son 
und Arznei sich jedes ehrbare Weib mehr als vor der Pest hüten müsse. 
Von dem wollte sie nicht ablassen, obwohl Herman ihr freigestellt hatte, 
sich den Arzt von Aachen oder sonstwoher kommen zu lassen, wenn ihr 
die Lütticher Aerzte nicht genügten, und keine Kosten zu scheuen. Diese 
„Widersetzlichkeit** tadelt aucli Kurfürst Ernst, sucht jedoch in der pflicht- 
mässigen Sorge um die Gesundheit eine Entschuldigung für dieselbe. Was 
das böse Gerede betriflFt, so hatte Franziska allerdings geäussert, sie glaube 
mit ihrem Sohne Hans Graft vergiftet zu sein, wisse aber nicht durch 
wen. Nachher spitzte sich das Gerücht dahin zu, die Vergiftung sei mittelst 
eingemachter Nüsse geschehen, welche ihr Mann ihr nach Lüttich geschickt 
hatte. Dieter Hess 1597 darüber ein Zeugenverhör aufnehmen. 

Allzu grosse Sorge um die Kinder scheinen beide Eltern nicht etragen 
zu haben. Hans Graft ^ schreibt 1597 „de nostre escholle" an seine Mutter 
nach Spa und bittet dringend um Antwort auf die vielen Briefe, die er 
schon an sie geschrieben. Er empfiehlt sich, seinen Lehrer und dessen 
Schwester Marie ihrem Wohlwollen. 

Der zweite Sohn Adolf besuchte die Schule des Rektor Brantius in 
Wesel und war demselben 59 Thaler und 6 Malter Roggen & 4 Thaler 
schuldig geblieben. Von der ganzen Summe berechnete der Rektor Zinsen 
bis 1617. Als Brantius im hohen Alter keinen Lebensunterhalt hatte, wies 
ihm der Rat zu Wesel 213 Thaler 13 Stüber aus einer Summe an, welche 
ein Oheim des Adolf dort hinterlegt hatte, in der Holfnung, dass Adolf 
dem Oheim das Geld dankbar erstatten werde. 

Franziska war 1605 gestorben, aber mit ihrem Tode hatte das häus- 
liche Elend sein Ende nicht erreicht. Hatte Herman Dieter gegen seine 
Frau und Schwiegermutter gefehlt, so musste er jetzt bitter durch seine 
Kinder büssen. 

Die Güter der Mutter vererbten sich auf die Kinder; Herman Dieter, 
der nach dem Tode seines Schwagers Herman bereits mit Pesch belehnt 
worden war, beanspruchte jedoch, wie es im Lande Lüttich von altersher 
üblich war, auch die Nutzniessung aller übrigen Besitzungen. Dagegen 
protestirte der älteste Sohn Hans Graft; er verlangte die Herrschaft Pesch 
und hetzte auch die Scliwestern auf, dass sie den Vater verlassen sollten. 
Am 26. April 1606 erwirkte er sogar von den Lütticher Räten des Kur- 
fürsten ein Edikt, wonacli ihm, weil der Vater die Verwaltung schlecht 
führe, andere Vormünder in den Herren Graft von Mylendunck, von Bocholt, 
Propst zu Hildesheim, und Gerard von Horion zu Glemster gegeben wurden. 
Gegen dieses Dekret appellirte Herman Dieter nach Speier. 

Nicht weniger machten dem Vater die Töchter zu schaffen, besondei's 
Maria, die ältere, welche das heftige und gewaltthätige Wesen des Vaters 



^) Er nennt sich „Hansgraue'^. 



— 11 — 

mit dem Eigensinne der Mutter vereinigte. In einem eigenhändigen „Bericht 
und anzeig von der moetwilligen falschen und ungehorsamen Maria, die 
sich unwürdig von Mylendunck nennen lest**, beklagt sich Herman Dieter 
ganz ergreifend über dieselbe. Maria hielt sich mit ihrer Zofe Henrikast 
in Viliar auf, „wo man weder Brücken aufziehen noch Tore bei Nacht 
schliessen" konnte und lebte doit „in unziemlicher freiheit und wildem 
regimente". Sie lockte ihre Schwester Walburg ebenfalls dorthin. Als 
diese sich aber mit dem ungebundenen Leben unzufrieden zeigte, behan- 
delte Maria sie auf das schlechteste, „gönnte ihr nicht mehr Essen und 
Trinken, weder das Licht der Kerze noch die Hitze des Feuers**, trieb 
sie endlich gar aus dem Hause, sodass Walburg bei dem Rentmeister und 
Müller sich aufhalten musste, bis der Vater sie nach Goer abholen Hess. 
Zwischen den Schwestern war es zu bittern Reden gekommen; sie hatten 
sich so gottlose Dinge vorgeworfen, dass Herman Gott bittet, es möge 
alles nicht wahr sein, denn das blosse Andenken daran mache sein Herz 
trauern und verdorren. 

Eine alte Magd Mettel, welche zur Verpflegung der angeblich kranken 
Maria nach Viliar geschickt worden war, wurde ebenfalls misshandelt und 
mit dem Tode bedroht, bis sie nach Goer zurückkehrte. Das Verbot Her- 
man Dieters an den Rentmeister, die Halbwinner, Müller und Pächter, 
nicht das geringste an Maria zu liefern oder zu zahlen, brachte das 
Mädchen auch nicht zur Vernunft; sie trieb es nur toller und gewalt- 
thätiger. Knechten, welche der Vater geschickt, um Briefschaften von 
Viliar abzuholen, lauerte sie mit geladener Büchse auf, die Leute zu Viliar 
drangsalierte sie auf jegliche Art und machte sie „desparat**. Sie verdarb 
das Holz und die Fischweier und schmälerte das Einkommen des Vaters, 
welches derselbe so nöthig hatte „um die leider so zahlreichen Gläubiger 
zu befriedigen". Ob Herman Dieter bei diesen Klagen auch wohl daran 
gedacht hat, dass er selbst durch sein unseliges Beispiel ein gut Teil 
Schuld an dieser schlimmen Entwickelung seines Kindes trug? 

Hans Graft, der älteste Sohn, war mit Margarethe von Joyeuse ver- 
heiratet. 1613 w^urde ihm ein Sohn, Herman Claudius geboren; er selbst 
1616 zu Lüttich erschlagen. Der Hauptmörder entkam, wie Craft von 
Mylendunck sagt, mit Hülfe der Geistlichkeit; am 27. September sprach 
das Lütticher Schöftengericht einen von Sölre in dieser Angelegenheit frei, 
wogegen die Mylendunck Berufung einlegten. 

Von Adolf, dem zweiten Sohne, dem Präsidenten des Reichskammer- 
gerichts und seinen Beziehungen zu Schönau haben wir oben gesprochen. 

Nach einer Anmerkung in einer Mylenduncker Geschlechtstafel im 
Schönauer Archiv soll Herman Dietrich nach dem Tode seiner ersten Frau 
mit Anna von Hemmerich, einer Nonne aus dem Prämonstratenserkloster 
Kaisersbusch, zwei Kinder gezeugt und die Anna 1618 vor dem Prädi- 
kanten zu Süsteren geheiratet haben. Dieter war „reformirter oder cal- 
vinischer religion". 



— 12 — 

Im September 1619 schreibt Dieter an einen seiner ßentmeister: weil 
der Achrokat monsieur de Richterich vorige Woche wegen des Kriegsvolks 
nicht habe nach Achen gehen können, werde er diese Woche dorthin 
reisen. Man solle zu seiner Notdurft abschicken einen feisten Hammel, 12 
oder bei bedarf 24 schöne Karpfen, zwei schöne grosse Käse und des 
Herrn jährlichen Unterhalt. Richterich wird auch sonst als Mylendunkscher 
Advokat bezeichnet. Die Familie scheint um jene Zeit zwei Sachwalter in 
ihrem Solde gehabt zu haben. 

1620 war Herman Dieter in Huy gefangen und schwer krank. Seine 
Schwiegertochter de Joyeuse, selbst kaum von schwerer Krankheit genesen, 
schrieb ihm ins Gefängnis, sie wolle alles für ihn thuen, selbst auf kosten 
ihrer Gesundheit. Das ist doch wenigstens ein erfreulicher Zug in Dieters 
traurigen Familienverhältnissen. Aber Dieter starb am 19. November 1620 
im Kerker und wurde zu Fronenbroch begraben. 



Beilage II. 

Die Herren von Blanche-Landscron. 

Johann II von Blanche, Kapitän in kaiserlichen Diensten, starb 1644 
am 25. Dezember im Alter von 52 Jahren und wurde in Rees begraben. 
Seine Frau Anna von Hillensberg von Driesch lebte bis zum 4. Oktober 1664. 
Sie wurde 64 Jahre alt und fand ihre letzte Ruhestätte zu Friemersheim 
in der Grafschaft Moers. Ihre Kinder waren: 

1. Johann III, vermählt mit Anna Maria von Hirtz, genannt von der 
Landskron. 

2. Wilhelm, der Mann der Anna Maria Brauhoff. 

3. Maria, sie heiratete den Theodor von Hirtz. 

4. Gertrud, ehelichte einen Herrn von Streithagen (Wilhelm von Schaes- 
bergP). 

5. Rebekka, gestorben am 29. Juli 1667, dreissig Jahre alt. 

6. Margarethe, gestorben am 1. September 1668, im Alter von 28 Jahren. 

Johann III war ebenfalls Hauptmann und zwar „des löblichen Sparrischen 
Regiments ihro römisch-kaiserlichen majestät". Der Grossvater seiner Frau, 
Isak von Hirtz, der am 1. September 1623 starb, hatte mit Anna von 
Schaesberg (gest. 1627, Oktober 20.) drei Söhne: Herman, Johann (gest. 
vor 1659) und Isak (gest. 1624, Oktober 26. im Alter von 24 V2 Jahren). 
Ausserdem fünf Töchter: Katharina, verheiratet mit Wilhelm von der Lewen 
zum Neuenlmus; Anna, vermählt mit Bernar<i von Randerath; Sibilla, gest. 
1646, Juli 7.; Christine und Maria. Als Isak von Hirtz im Jahre 1600 
sein Testament machte, waren die drei letzteren noch unverheiratet; die 
beiden Söhne Johann und Isak starben ohne Leibeserben, 



— 13 — 

Herman heiratete Johanna von Eys, genannt Beusdal, die Witwe 
Wilhelms von Streithagen auf Ürsfeld, welche am 12. März 1660 starb 
und in der Kirche zu Richterich begraben wurde. Sie hatten zwei Kinder: 
Anna Maria und Theodor. Die Geschwister heirateten wiederum Geschwister: 
Anna Maria unsern Johann IIT, Theodor dessen Schwester Maria de Blanche, 
genannt Radelo (1648, Juni 4. zuEees). Theodor starb bereits am 18. März 
1649, erst 24 Jahre alt, und wurde in Kommein beerdigt; seine Witwe 
gebar am 4. Juli einen Sohn, der Theodor Herman Johann hiess. 

Als Johann III ins Feld rücken sollte, übergab er seiner Schwieger- 
mutter den oben erwähnten Brief Karls V, worin sein ürgrossvater Stefan 
Ritter genannt wird, zur sichern Aufbewahrung; sie sollte denselben ihm 
oder seinem Bruder Wilhelm auf Verlangen jederzeit aushändigen. Johanns 
Frau „Vorhabens mit ihrem eheherrn in kriegsdiensten mitzuverreisen", 
machte am 12. Juli 1659 vor Schultheiss und Schöffen zu Comelimünster 
ihr Testament Wenn sie ohne Kinder stirbt, soll ihr Mann 4000 Reichs- 
thaler haben „aus deme von ihrem hen*en öhmen sei. Junker von der Lands- 
krön zu Biessen ihr vortestamentirten im land von Falkenberg und Ubach 
gelegenen sterbfall**, ferner 2000 Thaler „auf die im land von Limburg 
gelegenen und von ihrem vater herkomene erbguiter". Wenn jedoch Blanche 
eine zweite Ehe mit einer unadeligen Person eingehe, solle ihm nur die 
lebenslängliche Nutzniessung zustehen. Der Juffer Antonetta de Blanche ver- 
machte sie 1000 Reichsthaler, dem Küchenmeister von Crtimmel die Zinsen 
von 1000 Thaler „vor ein par hentschen*', den Rest ihrer Schwägerin, 
Witwe von der Landskron, und deren Sohn Hans Herman, wenn er, der 
damals 10 Jahre alt war, „mit consent, gutfinden und bewilligung der 
mutter und der übrigen verwanten** heiratet. Sterben Mutter und Sohn 
ohne Erben, so fällt deren Erbschaft „ihre hochwürden herrn prälaten . . . .^ 
herren broderen" zur freien Verfügung anheim. Die Kinder der Mohn 
Katharina, der Mohn von Randerath, der Mohn Christine Löwens, des 
Wilhelm von Schaesberg zu Streithagen erhalten je 25 Gulden; auf dem 
Gute Biessen soll jährlich den Armen ein Malter Korn gespendet werden. 

Dieses Testament ist nicht zur Ausflihrung gelangt, denn die Testatrix 
überlebte ihren Mann und wohl noch manchen der von ihr bedachten. 
Wegen der Erbschaft des Johann von Hirtz kam es zum Prozesse zwischen 
Johann von Blanche und dessen Schwester Maria als Vertreterin ihres 
Sohnes Hans Herman. 

1764 nahm Blanche vom Grafen von Berg 2000 Pattakons auf, wofür er 
seinen adeligen Hof Biesen im Amte Milien Landes Jülich, sowie seinen 
adeligen Hof Klein-Breidenrot im Lande Falkenberg Herrlichkeit Schinnen 
zum ünterpfande stellte. Beide Güter gehörten, wie wir gleich sehen 
werden, zum Besitze der Landskron. Das Recht der Eheleute Blanche 
auf dieselben war damals noch nicht unbestritten, denn der Graf begnügte 

*) Die Stelle ist im Original zerfressen. Gemeint ist jedenfaHs der Bruder der Tes- 
tirenden, Abt Isak von Hirtz zu Comelimünster. 



— 14 — 

sich nicht mit dieser Sicherheit für sein Darlehen; Andreas von Hillens- 
berg, der Oheim Jolianns, musste mit seinem Hofe Winterberg in der Bank 
Milien als Bürge eintreten. Dass die Blanche im thatsächlichen Besitze 
waren, geht auch aus dem Umstände hervor, dass Johann im folgenden 
Jahre die Zinsen eines Kapitals von 200 Thaler von Biesen aus an Nikolaus 
Voetz in Düren zahlt. 

Der Zweifel, ob die Blanche Biesen rechtmässig besassen, entsprang 
aus dem Testamente des Grossvaters der Anna Maria. Isak von Hirtz 
hatte nämlich seinen Töchtern nur eine Aussteuer in Geld gegeben, sämt- 
liche Liegenschaften den Söhnen zugewendet und letztere verpflichtet, den 
drei damals (1600) noch unverehelichten Schwestern bei einer Standes- 
gemässen Heirat soviel auszuzahlen, wie er seinen beiden zu jener Zeit 
bereits in den Ehestand getretenen Töchtern zugewiesen hatte. Heirateten 
sie aber gegen „ihren adelichen stamm und herkomen", so sollten sie nur 
3000 Gulden ä 20 Sttiber brab. erhalten. 1669 lebten von der ganzen 
Nachkommenschaft Isaks nur noch Herraan, dessen Tochter Anna Maria 
und der Enkel Hans Herman, Dieterich. Es fragte sich nun: ist der Enkel 
Hermans der alleinige Erbe der liegenden Güter oder hat Anna Maria 
auch ihren Anteil daran? Die Juristenfakultäten zu Köln und Duisburg 
entschieden 1669 gegen das Erbrecht der Tochter, sie müsse sich mit dem 
ausgesetzten Heiratsgute begnügen, denn Isak habe durch das Testament 
eine Erbfolgeordnung in seiner Familie eingesetzt, was den ritterbürtigen 
jülichschen Geschlechtern nach cap. 93 der dortigen Landordnung zustehe. 
Die Gerichte scheinen anderer Ansicht gewesen zu sein. 1664 gewann 
Johann vor dem souveränen Rate von Brabant ein Provisionaldekret aus, 
wodurch er „by provisie is geadmitteert totte possessio en gebruyck van 
die hellicht der goederen ten processe geruirt*'. Infolge dessen wurde 
am 5. Februar 1665 zwischen ihm und seiner Schwester folgender vor- 
läufige Vergleich geschlossen. 1. Das Haus und Gut von Weimbs^ mit 
seinem Zubehör wird zur Hälfte geteilt, ein Landmesser maclit zwei gleiche 
Teile daraus, die Parteien ziehen das Los darüber und jede mag ihre 
Hälfte nach Belieben selbst bauen oder verpachten; Renten und andere 
Lasten tragen beide zur Hälfte. 2. Gut und Mühle zu Astenet, der Pacht 
zu Bombay, in der Gereonstrasse, die Rente von 100 Philippsthaler, der 
Pachthof von Klein -Breedenraed werden in den Einkünften zur Hälfte 
geteilt, die Lasten zur Hälfte getragen. Der Vertrag gilt aber nuf per 
provisie, ohne Präjudiz gegen den noch schwebenden Rechtsstreit. Das 
Original trägt die Unterschriften: Maria de Blanche, Witwe von Lands- 
kron, Frau zu Weimbs. Johan de Blans zu Biessen. Adolf von Hillens- 
berg, Herr zu Schoenhoven und zu Wai-den. Andries von Hillensberg, Herr 
zu Crsfeld als . . . Ohmen der Parteien. 

Auch im Besitze von Biesen erhielt sich Johann. Am 28. November 



*) lü der Pfarre Kettenis bei Eapen. 



— 15 - 

empfing er vor dem Lehnhofe Milien die Belehnung mit dem adeligen Hause 
zum Biesen, dem Hofe Sevenaken nebst der grossen Gansweide und dem 
Hofe hinter der Kirche. 

Die Höfe Biesen, Weimbs und Bredenrode bildeten den bedeutenderen 
Teil der Heiratsgüter Isaks von Hirtz und Annas von Scliaesberg. Der 
Heiratsvertrag dieser beiden, datirt Ubich den 26. Juni 1576, enthält 
folgende Bestimmungen: Der Bräutigam, Sohn der Witwe Landskron Elisa- 
beth (Catharina) geb. von Kleingedank genannt Mommersloch, nimmt Anna 
von Schaesberg zu Streithagen, Tochter Wilhelms, dessen Schwiegermutter 
Catharina von Panhaus, Witwe des Junkers Peter Spee noch lebt, zur 
Ehe. Die Mutter gibt dem Isak eine Jahrrente von 300 Thaler, das Haus 
Weimbs im Lande von Limburg gelegen, welches sie noch von allen Lasten 
befreien und dessen „widerteilung" sie einkaufen wird, ausserdem Betten, 
Ptillen und Hausrat zur Notdurft. Als Sicherheit für die Rente von 300 
Thaler erhält der Bräutigam Rentbriefe, welche er so lange behalten darf, 
bis die Mutter dieselben mit einem Kapital von 6000 Thaler einlöst, näm- 
lich einen Erbrentbrief gegen den Pfalzgraf bei Rhein, lautend auf 200 
Goldgulden jährlicher Pension von 4000 Goldgulden, und einen gegen den 
Erzbischof von Trier, lautend auf 50 Goldgulden jähi-licher Pension von 
1000 Goldgulden. Nach der Mutter Tode ist der Bräutigam einziger Erbe. 

Die Braut erhält neben „gebürlicher junferlicher kleidung, ketten und 
zierrat, wie iren adelichen stand gepüret**, so lange die Grossmutter lebt 
jährlich 100 Thaler. Stirbt letztere, so soll die Braut haben die beiden 
Höfe Biesen und Astenet mit den Mühlen, Renten, Zinsen, Gefällen und 
Einkünften; den Pacht zu Baisbeck, nämlich 26 Müd Spelz, 25 Kapaune 
und das Pfenningsgeld ; den Pacht zu Hoengen; den Zehnten zu Vucht^ 
und 2^2 Malter Korn auf Hammersteins Zehnten daselbst, alles frei und 
ledig mit Ausnahme von vier Paar Korn 2, die der Hof zu Biesen unten- 
gilt. Erhält sie diese Güter nicht, so darf sie sich an allen väterlichen 
und mütterlichen Erbgütern schadlos halten; tritt sie in den Besitz, so 
sind die 100 Thaler Pension getötet und die Braut hat keinerlei Ansprüche 
an ihren Bruder Michael. Als Zeugen unterschrieben auf Seiten des Bräu- 
tigams: Caspar von Kleingedank genant Mommersloch, Johan Gülicher zu 
Eylen, Balduin von Bergh, genant Duiflfendal; auf Seiten der Braut: ihr 
Vater Wilhelm von Schaesberg, Junker Eberhard und Friedrich Rhoe, 
Junker Diederich von Streithagen, Junker Heinrich von Zeuel. 

Johann von Blanche stellte am 6. August 1676 im Lager vor Mastricht 
für den Dr. iuris Tobias Wittich eine Vollmacht aus, wodurch er den- 
selben zu seinem Sachwalter in seinen manchfachen Angelegenheiten und 
Prozessen, besonders gegen den Hofrat Haack ernannte. Wie lange Johann 
noch nachher gelebt hat, findet sich nicht angegeben. 1684 jvar er tot. 



') Waldfeucht. 

') Ein Paar = ein Malter Roggen und ein Malter Weizen. 



— le- 
in diesem Jahre erklärte seine Witwe vor Notar und Zeugen, dass sie 
mit ihrem Schönbruder Andreas von Hillensberg, Herrn zu Ürsfeld, dem 
Manne ilirer Stiefschwester Angela von Streithagen, einen Schein vertrag 
gemacht, als habe er ihr 7000—8000 Thaler gegeben. Aus Furcht, es 
möge daraus Irrsal und Nachteil für die Verwandten entstehen, erklärt sie 
den Akt für null und nichtig. Auch „contradicirt, dissolvirt und vernichtet*' 
sie einige cartes blanches, die sie ihren Verwandten ausgestellt hatte. 

Nach einer Erklärung, welche Anna von Hillensberg, die Witwe 
Johanns II von Blanche, Mutter Johanns III und der Maria Hirtz am 
2. Mai 1664 vor Notar Belven und Zeugen in Baelen ausgestellt hat, war 
es damals mit dem Vermögen der Landskron schlecht bestellt. Junker 
Herman hatte seiner Schwiegertochter schriftlich und mündlich vorgerückt, 
sie habe keinen Sttiber von ihrem Erbteile erhalten. Das weist die Mutter 
entschieden zurück. Wenn sie (Anna) „an wylen ^ haere schoensoone en haere 
oudste dochter egeine penningen en hadde gegeven en voorgestreckt, soude 
sy (die Tochter) by aventueren hebben moten den beddelsack an die hand 
nemmen". Das Geld der Maria sei dazu verwendet worden, die Güter der 
Landskron in Ordnung zu bringen, die so corrumpirt, ruinirt, verwüstet 
und verschuldet waren, dass sie hätten vergehen müssen; ja wenn sie — 
die Mutter — ihre Tochter nicht so kräftig und stetig unterstützt hätte, 
würden alle, die den Namen Landskron tragen, keine Ruthe Erbe mehr 
besitzen. Das sei landkundig wie auch ihre Bemühungen, die Güter des 
Hauses Weimbs wieder zusammenzubringen. Auch könne sie sich nicht 
genug über ihren Sohn, den Kapitän de Blanche wundern, der die Be- 
sitzungen an Fremde zu bringen und seine Schwester mit ihrem unmündigen 
Kinde zu vertreiben und zu verjagen suche. Sie werde derselben aber bei- 
stehen, so lange Gott ihr das Leben gönne und zwar um des unmündigen 
Kindes willen, das seinen Vater nicht gekannt habe, und weil der Knabe 
(Hans Herman) der letzte dös Namens Landskron sei. (Schinss mgt.) 

weiland. 

Verlag der Cremer'sehen Baehhandlang in Aaehen, Kleinmarsehierstr. 3. 

Die Aachener Geschichtsforschung. 

Entgegnung anf die „Kritische Studie" des Herrn Dr. Lulvös 

übor 

„Die gegenwärtigen Geschichtsbestrebungen In Aachen". 

Mit Unterstützung Aachener Geschieb tsfreunde herausgegeben von Dr. C. Wacker. 

96 S. gr. 8". Preis Ji 1.80. 



Leben und Werke des Aachener (lescfeteclireibers Cliristian ftuix. 



Von Dr. C. WACKER. 

74 S. gr. 8^ Preis UK 1.20. 



Dklck vun HKimANN Kaatzku in Aacukn. 



Mmm Mm^h^uM T@3r^ili 



Tührlich 8 Nummern K am mianioQx -Verlag 

Cremer'whenBiiehliftndliuig 



A l BoKt'ii Royal Oktav. 
Preis dos JaLrKanfEs 

4 Jlark. in Aachen, 



U". 



^:S-.^ 



Mitteilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage (Ich YeTeinn herausgegeben vun E. Sclinock. 



Zehnter Jahrgang. 



ohalt: H. J. Oros^, Sehflnau (Sohlnss). — W. BfüLiii),', Zum RastattiT Oesniidtenuiora. — 

r. Scbolli-n, Ein „Gemeiner Bescliridt" <tes Aachener SehiüTi'Ustuhlri. — Kleinere MiU 

teilnng^a: 1. Aus dem Aaehcner Stadtarchiv. — 2. Eine alte Aaeheuer Qeleitstafel. 



Scbönau. 

Von H. J. fiross. (Schluasi.) 

Das Gut Weimbs, von liem mehrfach die Rede war, musste vor der 
Maniikamraer der Aachener Propstei erhoben werden. Vizedoni ■ und Lehen- 
leute hatten den Bürgermeister der Stadt Aachen, Josef Bertram von 
Wylre, zu gunsten dessen eine Hypothek auf dein Gute lastete, „bis zu 
dessen völliger satisfactie" nach den Gebräuchen der Mannkanimer „met 
porten, schall ende holtbranden ende andere soleniniteiteii dartoe noodigh" 
in den Besitz von Weimbs gesetzt. Maria von Hirtz erschien am 12. De-' 
zember 1667 vor dem Leheiihüfe und erklärte, sie habe ihrerseits den 
Herrn von Wylre berriedigt und verlange deshalb in den Besitz ihres 
Anteils gesetzt zu werden. Auf die Bemerkung des Vizedom, von Wylre 
beabsichtige Weimbs zu verkaufen, erwiderte Maria, das möge sie wohl 
leiden, sie werde dann das Gut an sich bringen. 

Noch liegt eine Urkunde über einen Verkauf vor, den Maria als Vor- 
munderin ihres Sohnes in Gegenwart des Isak von Landskron, Abt von 
Comelimiinster, als Ohm von väterlicher, und des Christof von Hillensberg 
als Vetter von mütterlicher Seite abschloss. Sie tiberliess ,das vom Vater, 
Grossvater und Grossnuitter auch herrn Ohmen Johan Hirtz von der Lands- 

') Der Stellvertreter des Propstes. 



- 18 — 

krön gebürendes Müllengeteil" fiir 700 Thaler und 50 Thaler Verzichts- 
pfennig an Franz Brassert und den Aachener Bürgermeibter Johann Wilhelm 
von Siegen. 

Gertrud, die andere Tochter Johanns II von Blanche, hatte einen 
Herrn von Streithagen geheiratet. Sie starb zu Welten im Jahre 1693. 
Ihre Güter fielen an ihren Schwiegersohn Lamolye, der in französischen 
Diensten stand. Am 3. März genannten Jalires forderte der Hoogh Officier 
van Outshora zu Falkenburg den Schöffen der Bank von Heerlen, Boger- 
mans, auf, alle in dieser Bank gelegenen Güter des Lamolye mit Beschlag 
zu belegen, da „volgens placaet van haer Hoogh Mogenden" die Besitzungen 
der in französischen Diensten stehenden einzuziehen seien. 



Beilage III. 

Bruchstück eines Inventars vom Hause Goer. 

Dasselbe stammt wahrscheinlich aas dem Ende des 16. Jahrhunderts. Die mit 
Punkten bezeichneten Stellen sind in der Vorlage zerstört. 

„Auf heut dato den 9. ju . . . tegenwordichen meiner openbaren not . . . is das haus 
Ghoir belangende die mo . . . guderen gevisitirt und inventrisirt in folgenden manieren. 
In dem ersten op die kramkamer ein Icrikant mit ein voUbett mit alden groneu siden 
gardinen und rabatten onden und boven, darby twe bedden, twe pulven^ vier plumkussen * 
mit sardoik* overtogen, ein spanse' decken, ein beddekleid van tirtey*, twe groen decken, 
ein aide van ingels* doek, ein siechte. Noch ein groen kleid vur het bedde to spreien*. 
Ein groen kleid op't trisor, ein groin kleid op ein tafel, sess küssen ten beiden syden van 
groenen doek, dry sluitende (?) stoel mit groen doek bekleid. Ein trisor mit ein taferei. 
Ein tafel gruen geverft. Ein korfstoel. Twe aide lang kisten. Twe kopercn brantroisteu, 
einer gebrochen; ein schup, ein tang, ein afgesetten blasbalk. 

Op die salkamer. Ein lerikant mit ein voUbed mit vranien netwerk' behangen 
und mit rabatten onden und boven, mit saien gardinen half geschlossen. Twe bedde, twe 
pulven, dry sardoekskussen, ein spansche decken van den motten durchfreden, dry roede 
sarzen, ein nuwe. Ein aide blau syen decken mit Witten loufwerk, twe groin kleiden, ein 
op't büffet, dat ander op die tafel. Ein alden kleiderkast, twe brantroesten, einer gebrochen, 
ein tang, ein schup, ein blasbalk, ein holtern stoel onbeklcid. 

Op die drie bedde kamer. Ein jeden lerikant mit ein vollbett, mit wit netwerk 
und rabatten onden und boven, mit alden witten linen gardinen, twe bedden, twe pulven, 
dry kusseu mit sardoek overtogen und ein küssen mit ein driltiek, ein bedkleid van tirtey, 
ein spansche decken mit groenen stripen^ ein büffet, ein tafel mit ein groen kleid, twe 
koperen brantroesten, ein tang ein schup, ein heiteren onbekleiden stoel. 

Op't garderobe. Ein liedekant* mit siechten linen behangsei, dat rabat mit 
stripen overwirkt, twe küssen van driltieken, dat bed beert Lisken *®; ein rode decken mit 
groenen stripen, ein tafel mit ein groen decken. Ein heimelike stoel. . . . 

Die kuekenkamer . . . liedekant mit einen bed und twe witte sarzen, ein mit 
grauen stripen . . . bed mit ein klein betgen, ein tafelken, twe yseren brantroisteu, ein 
schup, ein tang. 

») Federkissen. •) Sartuch. ■) spanisch. ■*) grobes Tuch. ») englisch. «) ausbroiten. ^ Posamentir- 
arbeit. *) Strcilcu. *; Dasselbe wie lerikuut — Bettstatt. •<>) Elise. 



— 19 — 

Op den thoeren kameren^ Ein liedekant mit ein vollbed, ein bed, ein hoift- 
pnlven, twe kussens mit doek overtogen, ein aide bankwerksdecken. Ein witte gestripte 
kolt mit wollen gevoirt*, ein büffet, ein tafelken, twe aide rode seel . . ., twe ysere 
brantroisten, ein blasbalk. 

In den stoeven. Ein nittreckende tafel* mit ein alt groen kleid. Ein klein 
schinktafelken, twe yscren brantroisten, ein schup, ein tang. Ein koperen yysell mit ein 
yseren stoeter*. 

In den sael. Einen kleiderkast. Ein büffet, twe nittreckende tafeln. Einen 
kleiderkast, darin bevonden twe groen tafelkleider mit twe groen dagelix kleider op die 
tafelen, das ein verschlissen, das andere ziemlich goet, ein groen kleid op^t büffet. Ein 
ganz groen doek, VI neuer kuesbladen und ein stuck um einen stoel to bekleiden, twe 
aide groen seien behangsei um einen schorstein^ Ein leder koler mit flnwel^ besät, ein 
wit gestript kennifas' wambis®, ein par witte hoesen mit etzlichen alden verschlissen 
wambissen und overtuich tot haesen. Noch ein swarte decken, ein tafel kleid swart und 
ein swart tresor kleid, ein alt ysem, dair man kolen in staekt^ twe kopern brantroisten, 
twe taugen, ein schnp. Einen stoel mit linen bekleit. Ein dosyn'° scabellen**. 

In die groete kamer. Ein liedekant mit ein vollbed mit alden syen behangsei, 
half roid half gel *' die gardinen desglichen, twe bedden, twe pulven, twe plumkussen mit 
sardoek overtogen, ein roiden nuwcn decken und ein rode decken mit groenen stripen, 
noch ein witte versseten, ein trisor, ein tafel mit ein roid kleid. Ein groet rontspiegel, 
twe brantroister. 

Die stoefkamer. Ein ledekant mit einem vollbed mit alden s warten linen behengscl 
und swarten gardinen. Twe bedde goet van vedereu aver die tiekeu ^\ nit to goet, noch 
twe hoiftpulven, ein aide spanische decken, blau sarz, twe küssen mit sardoek overtogen. 

In't kamerken beneben die stoefkamer. Ein tafeigen mit ein bufetgen. . . . 

In die thoerkamer . . . mit ein vollbed mit groenen en . . . dinen" und mit net- 
wcrk behangen alt und versleten, twe bedden und twe pulven, einen mit einen linen tiek, 
twe küssen tesamen niet van den besten, und ein küssen op^t vollbed. Ein roide sarz 
op't bed, euch ein roid op't vollbed. Ein trisser mit ein tafclken. Ein korfstoel, twe 
yseren brantroister, ein tang. 

Die kamer boven die stoef. Ein ledikant mit ein vollbed. Twe bedden niet 
van den besten mit einem pulven, noch ein geplayde " heutzpulve, twe küssen, ein bank- 
werk und ein roide decken, beide versleten und gaterlch. Ein boeffet mit twe aide sitten. 
Ein overhemelt tresorken. , 

Op des keisers kamer. Ein klein bed mit ein sardoex küssen mit ein kale 
gruen decken. Ein klein tAfelken, twe ysere brantroister. 

Op de mechd** kamer. Ein bedstat mit ein vollbed. Ein sardoeks bed mit 
noch ein driltiekenbed mit einem pulve. Noch twe klein linen bedgens um in tumel- 
kisten" to legen. 

Op des smieds kamer. Ein bedstat mit ein bed mit wenich federen, ein hoift- 
pulve mit vloicken*' mit ein aide witte sarz mit roiden stripen. 

Op de capelle kamer. Ein ledekentgen mit ein vollbed. Ein klein bed, ein 
pulve, ein küssen mit ein roide dünne sarz. Ein tafelken mit twe schrägen. 

Thenenwerk** die kueken angaende. V aide groetsten schottelen mit die 
mylendoncse wapen, 12 naest die groetste schottelen, beteikent mit dieselfste wapen, 10 
schottelen ein wenig kleiner, beteikent mit denselfsten wapen, van denwelken vier af 
geloufen syn; sess schottelen wat kleiner, beteikend als boven, darvan twe afgeloupen, 

») Tbunnkammer. ') gefüttert. *) Ausziehtisch. *) kupferner Mörser mit eisernem Stösser. 
*) Kamin. •) Sammt. ') ein graues besseres Leinen. •; Wams. •; steckt oder stocht? •*) Dutüend. 
") Sehern«»!. Fussbnnk? **) gelb. ^^) Überzog. ^*) wolil: mit grünen und rotben Gardinen. '*) g*«flifkt. 
»•) Magdekammer. ") Grosse Kisten, die am Tage als Bänke, in der Nacht als Betten benntJtt wurden. 
"> Wollabmile, Flocken. •») Zinngeräte. 



— 20 — 

die anderen vier dnen versleten, 9 schottelen wat kleiner \ van den weilken drie afgeloupen, 
en die anderen duen gesleten. 10 groite banketschottelen * darvan ein afgeloupen, 9 banket 
schottelen ein wenig kleiner \ 7 banketschottelen ein wenig kleiner als die vurgenanten \ 
noch 6 banket schottelen derselver groeteu^; noch 2 klein banket schottelen sonder wapen. 
Drie groete mostarzschottelen ^ eilf mostarzschottelen ' ; noch 4 mostarzschottelen*; twelf 
goede telluiren*, 16 telluiren ^ 18 telluiren niet geteikent, darvan ein afgelopen en die 
anderen duen. Noch 14 telluiren^, gehecl* versleten. 6 oirkompkens ^ darvan drie afge- 
loupen. Noch 5 oirkompkens niet van den beisten, somniige mit den brederodse, ouch mit 
onbekante wapenen geteikent sommige niet geteikent. 

Theinewerk* angaende die kameren en botteleie. Sess lampetten mit 
beckens, onder welken drie ganz goet syn, ende die anderen zementlich, daronder twe 
geteikent. Ein wynpypken geteikent mit mylendoncse en brederodse wapen. Drie half 
pypkannen, vae den weilken ein geteikent. Twe siechte wynkannen, geteikent mit die 
mylendoncse wapen. Ein slechfc halfkan mit die brederodse wapen. Ein halfkan mit 
ruiten. Ein groite bierkruick, sonder derselven ein mit noch ein, die kleiner ist. Dry 
bierpotten sonders derselven vur die dinars, die twe afgeloupen. . . . saltvater, 3 gebrokenen 
saltvater. Eine mostarzpot, vier groiter pispotten, eilf klein pispotten, daronder twe, die 
nit doegen, 13 kopcren leuchters groct und klein, under weilke vier nit en doegen. Ein 
koperen kuelvat® gaterich. Twe koperen kafhoekens. Twe koperen lampetten mit beckens. 

Belangend die kueken en't kuehuis^ V groite ketelen, daronder einen goet, 
4 kleinen ketelen gelayt und gaterich. Einen goeden schinkenketel. Einen doirslach 
versleten, twe koperen degcls® ondugend*. Twe versleten bratpanen. Twe bratspieten. 
Einen appelroester. Einen hangenden roester mit twe anderen gebroken ruestei^s. Twe 
brantisers, twe brantroesters. Ein tang, twe quaede *® pannen, twe kuwe ketels ", der eine 
goet, der andere oudugend. Ein beiketelken. Einen dnvoet. 

Angaende den linenw . . ,** Dagelix linenwerk tot den huis . . . twe par 
slaplaken van twe bauen breit, flassendoek duen versleten. Noch twe par ein wenig fyner 
niet so breit, ouch versleten, wilche twe pair in die beiste cedel geschreven syn. Noch 
drie par van flössen doek und twe doex breide, semelich duen. Noch ein par van sulker 
breiden gaterich *^. Noch 10 par van finen flessen doek gestülpte slaplaken zemtlich goet. 
Noch 4^2 par van bastarts doek gestülpt redelik goet. Noch 2^» par nuwe van bastarts 
doek ouch gestülpt. Noch teendehalf par flessen doek geheel gesleten und ouch mit 
gaterich. Noch 4 par kloeten van bastarts doek gesleten und ouch mit gaterich. 7 
breide oirkussen tieken van flessen doek, onder die welken drie gaterich, die anderen guet. 
Noch eilf gesoumte kleine oirkussen tieken van smalen doek ganz und goet. Noch drie 
oirkussen tieken duen und boven getent. Noch twe oirkussen tieken van flessen doek 
geheel gesleten. 

Tafelwerk. Ein lanc tafellaken gebilt mit den staeP^ van den rosenkranz ganz 
und goet, welches in die beiste cedel geschreven ist. Noch ein . . . laken van denselven 
stael und grauer**. Noch ein wat'® korter und geheel gesleten, ouch mit den stael van 
den rosenkranz gebilt. Noch drie tafellaken ein blant korter duen gesleten, ouch mit den 
stael van den rosenkranz. Noch twe tafellaken breider und korter duen — mit demselben 
Muster — . Noch twe goede tafellaken mit den stael van dobbel venetsch. Noch vier 
tafellaken wat grauer aver semtlich goet, gebilt mit den stael van den stricken mit dem 
kraus darum. Noch 4 gesleten und lockerige dagelixste tafellaken mit den stael van 
paveien ", noch drie desgelichen van dobbel veuetien. Noch V trisorlaken van verschiedenen 



») Zusatz; betelkent mit die Mylondoncse und Brederodse wapen. *) Zusatz: beteikent mit die 
Brederodse wapen. ') Zusatz: geteikent mit die mylendoncse wapen. *) gänzlich. *•) Zinngeräte, 
*) KUlilfass. ') Kuhstall. *) Tiegel. ») untauglich. '<>^ schlecht. Das oben gebrauchte Wort ^sloht* 
ist in der alten Bedeutung von schlicht, einfach zu lassen. **) Kuhkessel. ") Leiueruseug. ") durch- 
löchert. ") Muster. *») gröber. »^) etwas. ") Pavia, vielleicht eine Darstellung der berühmten Schlacht 
zwischen Karl V. und Franz I. 



— 21 — 

staelgen, dat eiu korter als das andere, auch vcrslcten und lockerich. Eiu dosin * servettcn 
mit drie schietdwelen* mit den stael van stricken, tamelik guct. Vort X serveten korter 
und dueu gesleten, geweven mit den stael van dobbel venetscb. Noch drie dosinen ser- 
veten sementlich goet, het stael van stricken, welke Itgen van Fronenbroick mitgebracht 
. . . grover werken slaplaken vor het gesin* sementlich goet. . . . Desgelichen aver sehr 
gesleten ... 4 par grover kloet. Dar sin noch gehoel versleten tafellaken und euch 
versleten linwat, wilches hier nit bygesat aver um der verwarnessen willen pro 
memoriali angeteikent. 

Van den somerkameren. . . .^ (Ende des Bruchstücks.) 

Ende. 



Zum Eastatter Gesandtenmord. 

Von W. Brtining. 

Obwohl man Ende des vorigen Jahrhunderts durch die französische 
Revolution an Blutthaten gewöhnt war, so hat doch die Ermordung zweier 
französischen Gesandten nach Auflösung des Kongresses in Rastatt (1799) 
unmittelbar vor den Thoren dieser Stadt in den weitesten Kreisen Ent- 
setzen und Aufsehen erregt. Die völkerrechtliche Bedeutung dieses Ereig- 
nisses und das über ihm schwebende Geheimnis lassen auch heute noch 
nicht die Forschung zur Ruhe kommen, und die Streitfrage, wem die Schuld 
an dem Morde zugewiesen werden muss, entfacht den Kampf der Meinungen 
immer von neuem. Sie hat besonders in den lezten Jahrzenten zu viel- 
fachen Erörterungen und seltsamen Kombinationen Anlass gegeben. 

Der Wiener Historiker J. A. Freiherr von Helfert versuchte, die 
österreichische Regierung sowie die kaiserliche Armee von jeder Mitschuld 
an dem Attentat des 28. April 1799 zu reinigen und die Urheberschaft 
auf französische Schultern zu schieben. (Der Rastadter Gesandtenmord. 
Wien 1874.) Er fand in Sybel einen entschiedenen Gegner. (Historische 
Zeitschrift, Bd. 32, S. 298 flF.) Nach einer andern, wenig beachteten, 
Hypothese soll die That ein Racheakt der Königin Karoline Marie von 
Sizilien sein. Als völlig haltlos wird allgemein die von Professor Böhtlingk 
in Karlsruhe mit ebenso grosser Ausdauer wie Heftigkeit verfochtene 
Behauptung bezeichnet, dass Bonaparte das Verbrechen angestiftet habe. 

Die Untersuchungen haben nunmehr durch H. Hüffer einen gewissen 
Abschluss gefunden. Nachdem er bereits 1878 und 1879 in dem umfang- 
reichen Werk: „Der rastatter Kongress und die zweite Koalition" das 
Geheimnis etwas entschleiert hatte, ist er in seiner kürzlich veröffentlichten 
kleinen Schrift: „Der Rastatter Gesandtenmord mit bisher ungedruckten 
Archivalien etc." nach den beiden bei dem Ereignis in Betracht kommenden 
Richtungen zu sicherern Ergebnissen gelangt. 

Französische Diplomaten hatten während der Kongressverhandlungen 



*) Dutzend. •) twele = Handtuoh. ■) Gesinde. 



— 22 — 

an süddeutschen Höfen eine aufreizende und an Spionage grenzende Thätig- 
keit ausgeübt. Das Offizierkorps im Heere des Erzherzogs Karl, das in 
der Nähe von Rastatt stand, war deshalb aufs heftigste gegen sie erbittert. 
Noch bevor die Kongressgesandten, in deren Händen die Fäden der ver- 
schiedenen Kundschafter zusammenliefen, Rastatt verliessen, war der Krieg 
zwischen Osterreich und der Republik wieder ausgebrochen. Im öster- 
reichischen Heere erkannte man deshalb Rastatt nicht mehr als neutralen 
Ort an. Während einer Krankheit des Erzherzogs Karl schrieb sein Quartier- 
meister, General Schmidt, an den Führer der Vorhut einen nicht amt- 
lichen Brief, aus dem dieser den Wunsch herauslesen musste, die fran- 
zösischen Gesandten bei ihrer Abreise aus Rastatt anzuhalten und ihre 
Papiere in Beschlag zu nehmen, um darin die Beweise für unerlaubtes 
Spionieren zu suchen. Übereifrige Offiziere legten den Wunsch des 
Generals als Befehl aus, ihr Hass gegen die Franzosen verschärfte ihr 
Vorgehen, und ihre Leute, Szeklerhusaren, wandelten die Beschlagnahme 
des gesandtschaftlichen Archives in eine Ermordung der Gesandten um. 
Bonnier und Roberjeot blieben auf der Stelle tot, der dritte, Debry, entkam, 
obwohl schwer verletzt, wie durch ein Wunder. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei der Urheberschaft und Ausübung 
des Mordes noch andere Elemente thätig gewesen sind. Der nächste Ver- 
dacht richtet sich gegen die Emigranten, die damals in grosser Anzahl in 
den Ortschaften bei Rastatt sassen und durch ihr Wesen allgemeinen Anstoss 
erregten. Von blinder Rachsucht gegen die französische Regierung erfüllt 
und mehr oder weniger über alle sittlichen Bedenken hinaus, waren sie zu 
allem fähig. So hatte noch im Jahre 1798 einer von ihnen, der General 
Danican, in einer berüchtigten Flugschrift „Cassandra" zum Morde der 
französischen Direktoren aufgefordert. Sie nahmen jede Gelegenheit wahr, 
die österreichischen Offiziere und Soldaten gegen die „Königsmörder* auf- 
zureizen, und an Mitteln, durch Bestechung gefügige Werkzeuge sich zu 
verschaffen, fehlte es ihnen nicht. Sie konnten sich österreichische Uniformen 
verschaffen, ja sie waren sogar berechtigt, solche zu tragen, denn eine 
beträchtliche Anzahl von ihnen hatte in den kaiserlichen Reiterregimentern 
Aufnahme gefunden. Es ist leicht möglich, dass Emigranten in Szekler- 
husarenuniform an dem Morde mitgewirkt haben. 

Bezüglich der völkerrechtlichen Bedeutung des Mordes stellt Hüffer 
fest, dass die österreichische Regierung an der That völlig unschuldig war. 
Dadurch erhält sie sofort einen andern Charakter, als man ihr bisher zu- 
geschrieben hat. 

Der Brief des Generals Schmidt ist ein unvorsichtig abgefasstes Privat- 
schreiben, für das die österreichischen Militärbehörden nicht verantwortlich 
gemacht werden können. Dem General selbst lag jeder Gedanke an einen 
Mord fem und die Behörden haben keinen Befehl dazu erteilt. 

Der Mord ist mithin zweifellos das Ergebnis einer Privatrache, eines 
fanatischen persönlichen Hasses, in dem sich österreichische Militärs und 



— 23 — 

Emigranten zusammenfanden, und er gehört als solches nicht dem Gebiet 
des Völkerrechtes, sondern des Strafrechtes an. 

Dieses Resultat der Hüfferschen Untersuchung ist für die Beurteilung 
des Ereignisses ausschlaggebend! 

Welche Wut und welchen Kachedurst dasselbe in den französischen 
Eegierungskreisen hervorrief, ersieht man aus dem nachfolgenden Zirkular 
des Kommissars des vollziehenden Direktoriums der Zentralverwaltung im 
Roerdepartement, Dorsch. Da die ein zelnen Vorgänge bei der That nicht 
bekannt waren, musste sie allgemein als das gröbste, zu allen Zeiten am 
meisten verabscheute Verbrechen gegen den völkerrechtlichen Verkehr 
erscheinen. Die öffentliche Meinung war empört, und das französische 
Direktorium nützte diese Stimmung gründlich aus. So brachte der 
„Gesandtenmord**, der noch mehr ein politischer Fehler als ein Ver- 
brechen war, der französischen Regierung einen grossen Vorteil und 
führte tausende von Kämpfern unter die Fahnen der „grossen Nation", 
die sich wieder einmal als Rächerin des verletzten Menschen- und Völker- 
rechtes gerieren durfte. 

Libertö. ifcgalitö. 

Bureau du commissaire Aix-la-Chapelle, le 21 flor^al 

du pouvoir ex6cutif. an 7 de la r6publique frangaise une et indivisible. 
Circulaire. (10. Mai 1799). 

Le commissaire du directoire ex^cutif, prfes Tadministration centrale 
du d6partement de la Roer, aux commissaii'es du directoire ex^cutif prfes 
les administrations cantonales. 

Un crime sans exemple daus les fastes sanglantes des peuples les plus 
feroces a 6t6 commis sur des agens sacr^s aux yeux de toutes les nations. 

Les ministres plönipotentiaires de la r^publique frangaise au congrfes 
de Rastadt sont tombös sous le fer homicide de ceux-lä mfeme qui devaient 
les prot6ger; sous le fer d'un d6tachement de bourreaux autrichiens. 

Les cadavres palpitans de Bonnier et de Roberjeot sont restös 
d6pouill6s sur le chemin, thöätre de ce massacre; Jean Debry, couvert de 
blessures, a öchappe par une espöce de prodige dont il ne peut se rendre" 
compte. 

Si cet horrible attentat n'avait TEurope entifere pour tömoin la 
post6rit6, la race präsente mftme le rel^gueraient au nombre de ces flctions, 
invent^es pour 6pouvanter le genre humain. Mais les habitants de Rastadt 
ont entendu les cris de victimes; mais ses environs fument encore de leur 
sang; mais leurs cadavres, jettös ä la voirie, ont 6t6 vus par de milliers 
de citoyens qui ont fait retentir les cieux de leurs cris d'indignation: le 
congrfes de Rastadt a tömoignö la sienne, en rendant responsable de ce 
massacre, le capitaine qui a eu Tinfömie de s'y prÄter. (Ce monstre se 
nomme Barbaczi.) 



— 24 — 

Quel est le frangais, quel est rhoiiime qui, au recit de cette horreur, 
n'en frissonne, ne se sent transport^ de fureur et ne brüle de dösir de la 
venger! 

. Quelle nation pourrait d^sormais rester unie et traiter avec une horde 
de monstres, sortis des for^ts du nord, qui a rompu le pacte des nations ? 
elles ne sont plus liöes envers eile: il est de leur intöret, de leur devoir, 
de leur honneur de la mettre hors la loi. 

L'opinion publique qui s'apuie sur les circonstances qui ont pr6c6d6, 
accompagn6 et suivi ce forfait, en attribue Patroce conception et la direction 
ä la maison d'Autriche. 

Si les nations indign^es langaient sur eile toutes leurs foudres, la 
puniraient elles ass6s de cette horrible attentat? c'est dans son sang inipur 
quMl doit etre lav^.! 

D6jä eile commence ä porter la peine de son crime: le poids de 
rindignation de l'Europe pöse sur eile. 

D6jä rignominie est imprim^e, incrustr^e sur les fronts de Frangois II, 
de Charles son sicaire; — leurs nonis sont gravis, en traits de sang, sur le 
poteau de Topinion publique, expos6 aux regards de tous les sifecles! . . . 

A Texemple du l^gislateur d'Athfenes qui n'avait point prononc6 de 
peine contre le parricide, parce qu'il ne croiait pas qu'il put exister, les 
nations dans le code du droit des gens naturel et meme arbitraire non 
point pr6vu un crime qu'elles n'ont pas seulement os6 soupgonner. 

Quelle en eut dont 6t6 la peine, si elles avaient pu prövoir q'un 
jour, au XVin. si^cle, leur attente aurait ete tromp6e .... 

On cite comme un attentat au droit des gens, les traitements ä la 
turque; .... l'Autriche les a fait oublier! 

Citoyens collfegues! Exciter contr'elle les cris d'une juste vengeance, 
precurseur de sa destruction! .... 

Prociamez dans toute T^tendue de votre canton ce crime atroce; que 
l'habitant le raconte ä son voisin, le pere ä ses enfants! .... 

Mais ce n'est pas assez que de le publier. Conform^ment aux intentions 
de Tadministration centrale qui vient de faire une adresse ä tous les 
administr^s de ce d^partement, faites un appel ä la sensibilit6 de tous vos 
concitoyens; enflämez le courage des uns; provoquez la genörositö des 
autres; rappellez ä tous Tobligation sacr6e, de venger les droits des nations 
viol6s. Ce n'est que par ce moyen qu'ils pourront eflfacer la tache d'avoir 
jadis 6t6 sous l'influence de cette ex^crable maison dont les projets 
d'agrandissement, de spoliation, de pillage, d'assassinats ne sont plus un 
Probleme. 

OflFrez ä notre bouillante jeunesse Taspect brillant de la carriere des 
armes; des avantages de servir sous les drapeaux de la republique, qui 
combat pour les droits de Thomme et des nations: eile les admet ä Thonneur 
de partager ses lauriers et sa gloire. Rappellez a cet effet Tarrötfe de 



— 25 — 

radmiuistration centrale qui trace la marche ä suivre pour les euvulements 
volontaires. 

Invitez toutes les classes des citoyens ä porter leur oflfrande sur 
Tautel de la patrie. La plupart des cautons ont 6t6 sensibles ä la voix 
de Phonneur, lorsqu'on a fait un appel au peuple frangais, de contribuer 
ä punir l'Angleterre; le seraient ils moins, lorsqu'il s'agit de la punition 
du crime le plus effroyable. Le canton d'Odenkirchen s'est tout receranient 
distingu^ par ses dons patriotiques; que son exemple trouve partout des 
iraitateurs! .... 

C'est ä vous surtout, citoyens coUegues, qui reprösentez le gouvernement, 
si atrocement outrag6 dans les personnes de ses ambassadeurs ; c'est ä 
vous, coramissaires du directoire ex6cutif de la grande natiou, ä seconder 
de tous vos efforts, ceux des adrainistrations municipales, pour armer les 
bras vengeurs qui doivent pulv^riser cet infame gouvernement et offrir 
ses ruines, en holocauste, aux manes des Roberjeot et des Bonnier. 

Salut et fraternit^, 
Dorsch. 



Ein „Gemeiner Bescheidt" des Aachener Schöffenstuhls. 

Von F. Schollen. 

Für die Geschichte des gemeinrechtlichen Civilprozesses ist ein 
„Gemeiner Bescheidt" des Aachener SchöflPenstuhls vom 2. Januar 1697, 
der im wesentlichen am 2. April 1761 erneuert wurde, nicht ohne Interesse. 
Auf der Grundlage des njittelalterlich-kanonischen Prozesses hatte sich der 
sogenannte gemeine Prozess seit dem 17. Jahrhundert, insbesondere seit 
dem Jüngsten Reichsabschied von 1654 zu einem völlig schriftlichen aus- 
gebildet. Der Kläger reiclite dem Gericht schriftlich seine Klage mit den 
Klagebehauptungen ein, der Beklagte ebenso seine Klagebeantwortung. 
Auf Grund des schriftlichen Materials, der Akten, entschied das Gericht. 
Dieser Zeit gehört das Rechtssprichwort an: „Quod non est in actis, non 
est in mundo." 

Einen Durchbruch durch dieses Princip stellt der genannte Bescheid 
dar. Der schriftliche Prozess war für das rechtsuchende Publikum bei 
geringfügigem Streitobjekt sehr misslich wegen der langen Dauer und 
wegen der Kosten. Nachdem nun schon der Schöffenstuhl am 25. August 1685 
für vermögensrechtliche Streitigkeiten unter 50 Thaler eine Vereinfachung 
getroffen hatte, bestimmte er am 2. Januar 1697, Sachen unter 20 Thaler 
könnten durch mündliche Verhandlung erledigt werden, entweder amicabi- 
liter d. h. durch Vergleich, oder, falls es zu diesem nicht komme, durch 
Bescheid. Leider fehlt das thatsächliche Material, um einen Vergleich an- 
zustellen über die Dauer und den Kostenpunkt dieser Prozesse vor und 



— 26 — 

nach 1697. Die Hauptgrundsätze jener Anordnung, die wir unten in Abdruck 
bringen \ sind folgende: 

In geringen Personal-Schuldforderungen und ,,modicis causis, so über 
20. dahler aix capitaliter sich nit ertragen" können die Parteien, wenn sie 
den schriftlichen Prozess nicht vorziehen, mündlich verhandeln. Sitzungen 
sind hierzu anberaumt auf Dienstag und Freitag nachmittags 2 Uhr. 
Das Gericht (bestehend aus zwei Mitgliedern des Schöffenstuhls mit dem 
Syndikus und dem Gerichtsschreiber) entscheidet auf Grund der mündlichen 
Verhandlung (Art. 1). Die Ladung der Partei zur Verhandlung erfolgt 
drei Tage vor derselben durch den Gerichtsdiener (Art. 4). Aus ander- 
weitigen Nachrichten 2 geht hervor, dass dem Gericht für die Ladungen 
zwei Klassen von Personen zur Verfügung standen, die Diener für die 
Stadt und die Schultheissen für das Reich Aachen. Dies trägt zum Ver- 
ständnis der Anordnung in Art. 5 bei, wonach die jura citationis in 
der Stadt 2 Mark, „ausswendig aber 4 raarck" betragen. Die Verhand- 
lung selbst findet durch Anwälte statt; mit der Erklärung des Anwalts 
des Beklagten auf die Klage wird letztere rechtshängig (Art. 6). Über 
die Verhandlung wird ein Protokoll aufgenommen (Art. 7). Erscheint 
der Beklagte im Termin zur mündlichen Verhandlung nicht, so ergeht in 
diesem Termin ein Eventual-Bescheid; es erfolgt dann eine neue Ladung 
und in dem folgenden Termin ergeht, wenn Beklagter wiederum ausbleibt, 
das Läuterungsurteil (Art 8)'. Ist eine Partei mit dem ergangenen Urteil 
nicht zufrieden, so muss sie, wenn das Urteil nicht rechtskräftig werden 
soll, in der nächsten Sitzung sich darüber zu Protokoll erklären (Art. 9); 
nach acht Tagen muss sodann ein Beschwerdeschriftsatz beim Schöffenstuhl 
eingereicht sein (Art. 10). Dieser wird der Gegenpartei mitgeteilt, die 
ihre Einreden ebenfalls innerhalb acht Tagen an derselben Stelle vorbringen 
muss, dies alles sub poena rei judicatae (Art. 11). Am Schöffenstuhl wird 
die Sache mit Zuziehung wenigstens dreier neuer Richter zu den beiden 
erstinstanziellen Richtern entschieden (Art. 12). Eine Appellation an das 
Kammergericht in Speier war in diesem Falle deswegen nicht möglich, weil 
diese nur bei einem Streitobjekt nicht unter 300 Reichsgulden gegeben war*. 

Diese Bestimmungen sind in gewissem Sinne als Vorläufer des heutigen 
Prozesses anzusehen. Auf dem Wege, ein dem deutschen Empfinden ver- 
ständliches Gerichtsverfahren zu schaffen, ist die neuere Gesetzgebung 
dazu gekommen, nacli dem Vorbild des Code civil an Stelle der Schrift- 

*) Dieselbe wurde in der Form der Ratsedikte durch den Druck bekannt gemacht. 
Ihr Abdruck rechtfertigt sich dadurch^ dass sie selten geworden zu sein scheint. 

*) Vgl. Noppius, Aachener Chronik I, S. 120. 

^) Sonst galt nach gemeinem Prozess der Grundsatz, dass sich nur der an seinem 
Rechte versäumte, der auf die dritte Vorladung nicht erschien. Vgl. Hillebrand, Deutsche 
Rechtssprüchwörter S. 220 ff. 

♦) Vgl. Noppius a. a. 0. S. 120. Auch heute ist die Zulässigkeit der Revision 
an das Reichsgericht durch einen den Betrag von 1500 Mark übersteigenden Wert des 
Streitgegenstandes bedingt. Civilprozessordnung § 508. 



— 27 — 

lichkeit und der damit Terbaudenen Heimlichkeit die Mündlichkeit und 
Öffentlichkeit des Verfahrens einzuführen. Der heutige Prozess ist dem- 
entsprechend nicht mehr nach Wahl der Parteien, sondern immer mündlich ^ 
Das amtsgerichtliche Verfahren, in dem heute die im Gemeinen Bescheid 
erwähnten Sachen zu erledigen wären, beruht zudem auf dem Prinzip 
möglichster Einfachheit; das Gericht ist nur mit einem Richter besetzt*; 
es herrscht kein Anwaltszwang'. Die Einlassungsfrist beim Amtsgericht 
beträgt jedoch heute mindestens drei Tage, acht, wenn die Zustellung nicht 
im Bezirke des Prozessgerichtes erfolgt^. Ferner treten alle Wirkungen 
der Rechtshängigkeit in jedem Prozess mit der Erhebung der Klage ein, 
ohne dass es einer Erklärung des Beklagten bedürfte *. Ein Versäumnisurteil 
kann heute schon im ersten Termin, zu dem der nicht erschienene Beklagte 
orduungsmässig geladen ist, ergehen^. Gegen dasselbe ist aber der Ein- 
spruch innerhalb einer Frist von zwei Wochen zulässig ^ Auf ganz anderen 
Gesichtspunkten, als denen des Gemeinen Bescheids beruhen die heutigen 
Bestimmungen über Berufung und Revision. Doch mag erwähnt werden, 
dass auch gegen die amtsgerichtlichen Urteile nur ein Rechtsmittel gegeben 
ist, die Berufung an#das Landgericht®. 

Gemeiner Bescheidt. 

Demnach einem wol-adlichen scheflfen-stuhl verscheidentlich vorgetragen worden, 
obwol derselb unterm 25. augusti 1685. zu erspahning grösseren kosten, in personal- 
schald-fordcmngs-sachen so über 50. dabl. sich nicht ertragen, zum besten der parthoyen, 
und deren proccss schleuniger abhülff, dahin beliebig geschlossen hätte, dass in gemeltcn 
Sachen künfiftig de triduo in triduum, und zwarn welters nicht, dann ad dnplicam inclu- 
sive gehandlot werden solle, dass damit aber denen paitheyen, so modicum, und weniger 
als obgemelte summ der 50. dahler an anderen zu forderen haben, nicht geholffen, billigcrs 
aber nichts wäre, dann dass darin besonders, bey diesen beschwärlichen zeiten, und dahe 
kleine fordernngen durch mündliches verhör de piano, et sine strepitu iudicij, leicht ab- 
gemacht werden könteu, auch versehen würde; als hat ein wol-adliches collegium auss 
obgemelten, und anderen erheblichen reden beschlossen, dass künfiftig zweymahl in der 
Wochen, benentlich dienstags luid freytags dess nachmittags umb die 2.te stund für zwcycn 
herren auss mittel dess collegij, über geringe Sachen, so nicht über 20. dahler aix capi- 
taliter sich ertragen, ein mündliches verhör gehalten, und von denenselben die partheyeu 
hinc inde, über ihres anbringen, und excipijren so viel nöthig gehört, und amicabiliter, oder 
sonst durch bescheidt voneinander gesetzt, auch über solches aUes förmliches prothocoUum 
gehalten werden solle, und da nun sich zutragen würde, dass durch solchen bescheidt 
ein- oder andere parthey sich beschwerdt zu scyn erachten mögte, solchen fals solle der 
beschwerdter partheyeu bevorstehen, in proxima audientia reauditioncm sub poena rei 
judicatae zu begehren, und ihre gravamina schrififtlich intra octiduum, dem triumphanti 



Civilprozessordnung § 119. 
*) Gerichts- Verfassungsgesetz § 22. 
') Civilprozessordnung § 74. 
*) Civilprozessordnung § 459. 
*) Civilprozessordnung § 239. 
•) Civilprozessordnung § 296. 
') Civilprozessordnung §§ 303, 304. 
■) Civilprozessordnung §§ 472, 507. 



— 28 — 

aber darauff seine exceptioucs iutra similem octidui terminum, ad ordioarium judlciale 
prothocoUum zu bringen; weichem nechst, et conclusione sie facta, die sach wenigst mit 
Zuziehung dreyer anderer herren, so über der Sachen vorhin nit gesessen, noch votirt, 
nebenst obgemelten zweyen herren, so den beseheidt ertheilt, con- vel reformatorie erörtert, 
und ordentlich publicirt werden solle; ita expediri jussum hac 2. ianuar. 1697. Gab. Messen Dr. 

Ordnung, welcher gestalt wöchentlich dess dingstags und freytags das mündliches verhör 
in cansis modicis, und personal-schuld-forderungen geschehen solle: 

1. Es sollen alle dingst- und freytags dess nachmittags, umb die 2.te stund (diebus 
festis exceptis) zwey herren ex collegio cum syndico, et secretario, auff der kammer, vel 
alio determinando loco sitzen, gestalt in geringen personal-schuld-forderungen, et modicis 
causis, so über 20. dahler aix capitaliter sich nit ertragen, und warin partheyen schrifftlichon 
process zu führen nit gemeynt seyn mögten, itztgemelte partheyen mündlich gegeneinander 
zu hören, und zu entscheiden; 

2. Solle jedem der herren scheffen ein gülden, dann syndico, et secretario pro 
prothocollatione auch ein gülden, und zwam von jeder partheyen, si compareant, zur halb- 
scheid, änderst dahe beklagter nit erscheinen, und in contumaciam die sach abgehandlct 
würde, von dem klägeren abgestattet, dessgleichen procuratori cuilibet pro comparitione 
ein gülden, und dem klagenden procuratori für den zettcl, warin die causa dcbendi, und 
warumb die citatio beschicht, exprimirt stehen, und dem citirten in copia hinterlassen 
werden solle, 3. marck entrichtet, und pro juribus dess bescheidtfe dd. gleichfals ein gülden 
nebenst der copeyen vergüthet werden. 

3. Procuratores sollen solche iura, wie in ordinarijs causis auch geschieht, versorgen, 
und dieselbe wie bräuchlich, cum Substitut© berechnet werden; 

4. Sollen partes, so beklagt werden wollen, ad comparendum vor denen beym ver- 
hör sitzenden herren drey tag vor dem verhör per ministrum iudicij peremptorie citirt» 

5. Vnd den dieneren pro iuribus citationis 2. marck entrichtet werden, wie bräuch- 
lich in der Stadt, ausswendig aber 4. marck. 

6. Solle kläger in termino erscheinen, und seine klag kurtz-mündlich per procura- 
torem vorbringen, der beklagter ebenfals darauff mündlich durch seinen anwalden con- 
testeren et causa oretenus^ instructa, beyde herren was rechtens ausssprechen; 

7. Was nun geklagt, und excipijrt, solle per dom. syndicum, et secretarium, aut 
ejus substitutum mit dem beseheidt prothocoUirt werden; 

8. Dahe beklagter aber contumaciter aussbleiben würde, solle in prima audientia 
eventualiter bescheidet, und derselb beseheidt praevia insinuatioue in proxima secunda 
audientia purificirt werden; 

9. Wann partibus auditis beseheidt ergangen, und ein- oder ander theil sich beschwerdt 
zu seyn erachten würde, solle dem gravirten theil sich ad prothocoUum darüber zu 
erklähren, idque in proxima audientia, sub poena rei judicatae, und reauditionem zu begehren 
gestattet seyn; 

10. Vnd da nun solches also geschehen, solle gravata pars intra octiduum peremp- 
torie, sub poena, wie oben gemelt, seine gravamiua schrifftlich in aller kürtzc gerichtlich 
bey allhiesigem wol-adlichen scheifen-stuhl, ad prothocoUum ordinarium; 

11. Der ander theil aber post eommunicationem, ebenfals seine cxceptiones, intra 
octiduum peremptorie, ad idem prothocoUum vorbringen; 

12. Gestalt causa sie instructa fürderlich, und zwarn nebenst denen vorhin ttber- 
und angewesenen herren, wenigst durch drey andere herren abgemacht, und erörtert 
werde; ita expeditum hac 2. ianuarij 1697. 

Gabr. Messen Dr. syndicus et secretar. m. p. 

») gleich „nach dem mündlichou Vorbringen". 



— 29 — 



Kleinere Mitteilungen. 

1. Aus dem Aachener Stadtarchiv. 

Nachstehende Aktenstücke aus der Zeit der Fremdherrschaft liefern einen weitern 
Beitrag zur Bevölkerungsstatistik Aachens und der benachbarten Gebiete (vgl. Nr. 4/6 
dieser Mitteilungen, S. 92). 

Conscription de 1811. 
Extrait du registre des arrßt^s du 8ous-pr6fet de Tarrondissement d'AJx-la-Chapelle. 

Du 10 Juillet 1811. 

Vü Tarr^t^ de monsieur le prüfet du d6partement, Chevalier de la l^gion d'honneur, 
baron de Pempire, en date du jour d'hier, portant r^partition, entre les quatre arron- 
dissements du d^partement, des 427 hommes que la Roer doit foumir en conformit6 du 
decret du l**" du courant pour son contingent de la reserve de la lev6e de 1811, laquelle 
r^partition fixe k cent trente-quatre hommes le contingent de Parrondissement d'Aix-la- 
Chapelle. 

Vü le tableau g6n6ral de la population de Parrondissement, nous auditeur au con- 
seil d'6tat, 80U8-pr6fet de Parrondissement d'Aix-la-Chapelle, arrßtons ce qui suit: 

Articie I". 

Les cent trente-quatre hommes que Parrondissement doit foumir, en conformit^ de 
Parr6t6 de monsieur le pr6fet en date du jour d'hier pour son contingent de la reserve 
de la lev^e de 1811, sont repartis entre les cantons, ainsi qu^il est fixe par le tableau 
ci-apr6s : 



Noms des cantons 




Population 


Contingent 


Aix-la-Chapelle * .... 


27,294 


18 


Borcette .... 








21,728 


15 


Düren .... 










20,529 


14 


Eschweiler . 










21,097 


14 


Froizheim . . 










9,748 


7 


Gemund . . . 










11,525 


8 


Geylenkirchen 










15,864 


11 


Heinsberg . 










22,776 


15 


Linnich . . 










16,913 


11 


Montjoie . . 










15,747 


11 


Sittard . . . 










14,814 


10 


ToUu 


x . 






198,035 


134 








A 


irtic 


le IL 





Le präsent sera imprim6 en placard, pour etre transmis A mm. les maires de 
Parrondissement, charg^s de le publier et de le faire afficher dans toutes les communes 
de leur ressort. 

Ampliation en sera adressöe k monsieur le prüfet du d^partement. 

Donn^ ä Aix-la-Chapelle en Phötel de la 8ou8-pr6fecture le jour, mois et an 

que dessus. 

De Lommessem. 

Aix-la-Chapelle, imprim^ chez T. Vileckx grand'rue de Cologne Nr. 1005. 



•) In dem Protokoll einer Sitzung des Stadtrates vom 17. Juni 1819 wird die Bevölkerung 
Aachens in diesem Jahr auf 82000 Seelen angegeben, eine Zahl, die Uaagen, Geschichte Aohens U, 
S. 486, schon flir das Jahr 1815 annimmt. 



- 30 - 

Conscription de 1814. 

Extrait da registre des arret^s du prüfet du d^partement de la Roer. 

Aix-la-Chapelle, le 27 fövrier 1813. 

Vq le s6natas-consulte du 11 janvier 1813, en ce qui concerne la conscription de 
la classe de 1814; 

Vu le d6crct imperial dtf 20 dn meme mois, qui ordonne la mise en activitö de 
140431 conscrits sur les 150 000, dont Pappel a 6t6 autoris6 par le s^natus-consulte; 

Vu le chapitre I*"" du titre 1**^ de rinstruction g6n6rale sur ia conscription militaire; 

Vu la lettre du 14 f6vrier 1813, par laquelle raonsieur le directeur g^nöral de la 
conscription nous annonce que le contingent du d^partement de la Roer pour la lev6e de 
1814 est fix6 A deux raille quatre cent un horames; 

Vu le tableau de la population g6n6rale du d6partement; ensemble T^tat nnm^rique, 
divisö par canton, des conscrits de la classe de 1818, admis k Texception comme attach^ 
au Service de terre et de mer, et au nombre desquels on doit avoir 6gard, en proc6dant 
ä la r^partition du contingent de la classe actuellement appell^e; 

Nous prüfet du döpartement de la Roer, membro de la l^gion d'honneur, baron 
de Tempire, 

Avons arr6t6 et arrfetons ce qui suit: 

Art. I**'. La r6partition entre les quatres arrondissements du d^partement, des deux 
mille quatre cent un conscrits, que la Roer doit fonrnir pour son contingent de la lev^e 
de 1814, est fix6 couform<^ment au tableau ci-apr6s: 



Arrondissements 

1. _ 

Aix-la^CbapcUe . 
Cologne . . . 
Cr6veld . . . 
Cl6ves .... 



Popu- 
lation 
g6n6rale 



Nombre des conscrits 
qoi ont ^t^ except^s 

lors de la lev^e de 
1818 comme attach^s 
au Service des arm^es 

de terre ou de mer. 

8. 



Population r^duite 

d*apr^8 les nombres de 

conscrits port^s dans 

la 8e colonne et qui 

doit tervir de base & 

la r^partition du 

conting^ent. 

4. 



Observations 



6. 



198035 
163558 
158433 
111068 



47 

60 

6 

12 



184499 
146278 
156 705 
107612 




Totaux . . 



631094 



125 



595094 



2401 



Un oonscrit appel^ pour 
le contingent de la classe 
de 1818 a repr^sentö dans 
la population i^n^rale du 
d^partement deux cent 
quatre-Yingt-huit indivi- 
dus: o*est ce rapport qui 
a H6 pris pour base de 
r^tablissements des nom- 
bres qui flgurent k la co- 
lonne n** 4. 



II. Les sous-pr6fets ^tabliront sans d^lai et feront publier par voie d^impression et 
d'ftffiehes la r6partition entre les cantons de leur arrondissement du contingent qui leur 
est as8ign6 par Particle pr6c6dent. 

III. Le präsent sera imprim^ en placard pour 6tre transmis a mm. les sous-pr^fets 
et les maires, A Puffet d^ötre public et affiche dans toutes les communes du d^partement. 

II sera en outre ins^rö au recueil des actes de la prölecture. 
Donn6 en Phötel de la pr^fecture. les jours, mois et an que dessus. 

Ladoucette. 

Aix-la-CLapelle, de Pimprimerie de J.-G. Beaufort, imprimeur de la pr6fecture, 
rue Saint-Pierre, No. 596. 

Aachen. }V, Brüning, 



2. Eine alte Aachener Geleitstafel. 

Die mittelalterlichen Märkte waren nicht nur Absatzstätten für die Waren der 
Kauflt'Ute, sondern Centralstellen für den gesamten kaufmännischen Verkehr. Auf ihnen 



— 31 - 

wurden namentlich auch die Geschäfte der Kanfleute unter einander geregelt, und die Aus: 
gestaltung und Vervollkommnung des Wechsels und Wechselrechts vollzog sich gerade auf 
den Märkten. 

Lenkt man jedoch seinen Blick auf die grosse Unsicherheit der Strassen im Mittel- 
alter, so drängt sich die Frage auf, wie war es möglich, dass die Kanfleute ihre Waren, 
die sie, wenn ihnen die Wasserstrassen nicht zur Verfügung standen, alle mittels Axe 
transportieren mussten, sicher zu den Märkten hinbrachten? Nicht alle Kaufleute konnten 
bewaffnete Knechte zum Schutz ihrer Person und ihrer Waren mit nehmen; viele waren 
wehr- und schutzlos. Diesen kam das sichere Geleit zu statten. 

Die Erteilung des sicheren Geleits stand ursprünglich nur dem König zu und 
bestand in nichts anderem, als in der Zusicherung des Königsschntzes und des damit 
verbundenen Friedens für die Zeit der Hin- und Herreise zum bezw. vom Marktorte *. 
Das sichere Geleit war mithin zunächst auf die Kaufleute beschränkt und wurde ihnen 
persönlich erteilt; später wurde es auf alle Besucher eines Marktes ausgedehnt. Die 
bekannte Urkunde von 1166, in der Friedrich I. Aachen zwei Märkte verlieh, bestimmt aus- 
drücklich: „omnes quoque ad has nundinas venientes vel inde redeuntes ... in rebus et 
personis firmam pacem habeanf* *. 

Der Schutz, den der Vergeleitete erhielt, wurde anfangs nur durch die Erteilung 
eines Geleitsbriefes ausgedrückt. Als Wahrzeichen führte der Geleitete eine Fahne oder ein 
Kreuz oder einen grünen Zweig, wie in der frtlheren Zeit einen geweihten Stab'. Die 
Unsicherheit der Strassen führte aber dazu, dass bewaffnete Geleite eingeführt wurden, für die 
man gewisse Gebühren entrichtete. Wer Geleitsgeld entrichtete, dem war der Geleitsherr 
verantwortlich für einen entstandenen Schaden. So drückt es schon der Sachsenspiegel 
aus II, 27 § 2.: „Sveme aver he geleidc gift, die sal in scaden bewaren bynnen sime geleide, 
oder he sal ne yme gelden.** Der Missbrauch, der durch Erpressung von Geleitsgelderu 
getrieben wurde, führte die erstarkten Städte dazu, das Geleitsrecht an sich zu ziehen; 
sie erteilen Geleit und erheben Geleitsgebühr im späteren Mittelalter*. Die Städte stellen 
jetzt auch die Grundsätze auf, nach denen Geleit erteilt werden soll. Ausgeschlossen vom 
Geleit blieben grundsätzlich alle Verbrecher. 

Wann Aachen das Geleitsrecht erworben hat, steht nicht fest. Das Geleit betrefl'ende 
Briefe des 14. Jahrhunderts im hiesigen Stadtarchiv beweisen, dass es in dieser Zeit bereits 
gehandhabt wurde. Die Grundsätze, nach denen es gehandhabt wurde, stellt die uns 
erhaltene Geleitstafel vom 1. Juli 1400 auf, die in Abschrift aus dem Jahre 1658 erhalten ist. 

hie nulla fit distinctio 

inter peregrinos et Gelaits-taf fei, 

subditos '. ' 

Welcher maissen die bürgermeistcre zer zeit jedermenniglichen geleyde geven sullen, 
anno 1400, des ersten dags Julij eyn ersamer raith verdragcn. 

Item sali man nyemantz gleidc geven, so die straissen geschint, den kouff- 
man off pylgerom gefangen off geschedigt betten sunder des herren off dejhenigs 
wülen, des vyant der oder die weren. 

Item so die stadt off dat reich van Aioh gebraut, bereufft, die bürger off 
underdaenen gefangen off geschediget, und noch nicht gesoent weren, off die der 
Stadt und rych van Aich verwyst, saill gein geleide geven werden. Glichfals die 
den bürgeren off unterthanen van Aich schuldig, dairaff scheffen oder gebeden 



>) Maurer, Geschieht« der Städteverfassang in Deutgchland, Erlangen 1869, T. Bd. S. 884. 

■) Qnix, cod. dipl. I, 87; Maurer a. a. O. S. 337, 338. 

s) Schröder, Deutsche Reohtsgeschiohte 2. Aufl. Leipzig 1894, S. 577, a. 29. 

«) Maurer a. a. O. S. 346 ff. 

*) Die Bandnotiz entspringt dem Zweck, zu dem diese Absclirift angefertigt wurde. In den 
Streitigkeiten zwischen Aachen und Jülich im 17. und 18. Jahrhundert wurde ein Unterschied in der 
Erteilung des Geleits an Fremde und Bürger gemacht. Vgl. Hauptvertrag zwischen Jülich und Aachen 
von 1660 Ai-tikel 1, bei von Fürth, Aach. Patr.- Familien Bd, I, S. 216. 



— 32 — 

ilings bricvc off sunst gnugsam bowys vurgestalt wurden, sali geloid«* (it en werc dan mit 
willen des clegers) geweigert werden, beheltlich alzyt der lande und stede van Aich 
gewohnheiten, so von alther gehalden. 

Item so yemantz gemort, gestolen, off buyssen vietschafft geroufft 
oder geschediget hett, dem sali seheffen urtheil und der stede recht van Aich wider- 
faren, glichfals den fridbrechern, nachtsberuern ', vcrredern, und frauwen 
krechtern etc. 

Item off yemants sonder geleyts gesynnen zu Aich queme und beclagt off zuge- 
sprochen wurde, dem oder denen sali seheffen urtheil und der stede recht van Aichen 
widerfaren. 

Dass gegenwertige copey mit deme in sachen der statt Aachen wider herm 
herzogen zu Gülch etc. turbatae possessionis anno 1559 den 24. maij und 1562 den 
6. maij am kais. camraergericht zu Speyr re- und producirten rotulo coUatiuniret, 
und wie solche in desselbigen prima parte lit. A folio 904 befindlich, gleichlautend 
übereinstimme, bezeuge mit dieser underschrift. Actum Speyr den 25. octobris 

anno 1658. 

Johann Adam Niderer not. 

imp. cameree lector. 
Auf der Rückseite vorstehender Abschrift befindet sich die Notiz: 

Gelaits-taffel 
welche vor etzlicho hundert jähren bis auf dem jüngsten brand zu auf der herren bürger- 

me ister lewen gehangen hat. 

Eine nähere Entwickelung des Gelcitsrechts in Aachen zu geben, insbesondere auch 
auf die weitere Gestaltung desselben in den langwierigen Streitigkeiten mit Jülich ein- 
zugehen, muss einer späteren Darstellung vorbehalten bleiben. 



') beruem wohl gleich bemeni = Brennern. 

Aachen, F. Schollen. 

Verlag der Creraer'schen Buchhandlung (C. Cazin) in Aachen. 



BeitPäpe iiod Material m Gescliiclite der üactieoer Patriziep-Familieo. 

Von 

FREIHERRN HERMANN ARIOVIST VON FÜRTH. 

Erster Band. XXIV, 561; Anh. XVI, 81 und 42 S. gr. S^ mit 6 Tafeln. Preis 17 JH 
Zweiter Band. IX, 226, 88, 99 und 215 S. gr. 8** mit eiugedr. Wappen und 13 

Steintafeln. Preis 14 Ji 

Dritter Band. XVI und 645 S. gr. 8« mit 1 Steintafel, Preis 14 Jt 

Der erste und dritte Band wurde nach dem Tode des Verfassers im Auftrag der 

Stadt Aachen von Geh. Justizrath Professor Dr. H. Loersch in Bonn herausgegeben. 

Die Jakobskifclie zu Aachen. 

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Die Fundstellen rijmisclicr Altertliümer im Regierungsbezirk Aaelien. 

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Prei;* des Jahrgangs ^^^ ,„,„ 

i Hark. in Aachen. 

Mitteilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereina herausgegeben von H. SchDOOk. 



Zehnter Jahrgang. 



Inhalt: H. Schnock, Aufzeichnungen eines Haare uer Kirche ubncbes aus den Kricgsjahre 
1792—1795. — Kleinere Mitteilung: Der Aachener Siadtbrand im Jahre 1656. 



Aufzeichnungen eines Haarener Eirchenhuches aus den 
Kriegsjahren 1792-1795. 

, Von H. Schnock. 

Alte Kirchenbücher haben schon häutiger neben dem ihnen eig:entüni- 
liehen, urkundlich-genealogisclien Inhalt, inelir nebenbei und zufAllig, wichtige 
und interessante Mitteilungen besonders ortsgeschichtlicber Natur der Nach- 
welt autbewahrt. Irgend ein fleissiger and kundiger Pfarrherr Jiat die- 
selben dem Buche, das ihm in Ertilllung seiner Amtspflichten fast Tag 
für Tag unter die Augen kam, in seinen Mussestunden anvertraut. Solcher 
Bücher besitzt auch unsere Nachbargemeinde Haaren zwei, deren Einsicht 
und Benutzung Herr Bürgermeister Philippy in der bereitwilligsten Weise 
gestattet hat, wofür ihm auch an dieser Stelle der gebührende Dank aus- 
gesprochen sei. Das älteste Kirchenbuch beginnt seine Aufzeichnungen 
über Taufen. Heiraten und Todesfälle mit dem Jahre 1649 und setzt sie 
fort bis zum Jahre 1722; hier nimmt das zweite sie auf uod führt sie 
weiter bis zum Jahre 1798. Gleich auf der Rückseit« des Titelblattes 
des frühestender Kirchenbücher finden sich einige Notizen über die Errichtung 
der Pfarre Haaren im Jahre 162;( — Haaren gehörte vordem in kirchlicher 
Beziehung zu dem benachbarten Würselen — und über die 6 ersten Pfarrer, 
welche dort amtiert haben ; diese Nachrichten dürften von besonderer Wichtig- 
keit sein für einen demnächsligen Bearbeiter der Geschichte des Dekanates 



— 34 — 

Burtscheid^ Von einigem Interesse sind auch einzelne gelegentlich ein- 
gestreute Aufzeichnungen über Schenkungen bezw. Anschaffung von metallenen 
kirchlichen Gefässen, deren Gewicht und Preis beigefügt ist. Ferner 
enthält das Buch drei kurze Berichte, je einen unter den drei Kolonnen 
der Taufen, Heiraten und TodesföUe des Jahres 1656 über den grossen 
Stadtbrand ^ in Aachen, die, wenn sie auch nichts wesentlich Neues enthalten, 
dennoch des Interesses nicht entbehren, weil sie herrühren von dem Pfarrer 
Heinrich Brewer aus Haaren, der, ein gebildeter Mann, mit eigenen Augen 
diese verheerende Feuersbrunst angesehen hatte. Demselben Pfarrer ver- 
danken wir auch ein nach Strassen geordnetes Verzeichnis sämtlicher Häuser, 
Familien und Einwohner Haarens und des dazu gehörigen Ortes Verlautenheide 
aus dem Jahre 1669. Ursache und Veranlassung zur Herstellung des 
Verzeichnisses giebt er selbst in folgenden Worten an: „Anno Christi 1669 
die 15 Aprilis auff montag vor osteren habe ich Henricus Brewer Pastor 
S. Germani in Haaren die Häuser, familias und sämtliche einwohner meiner 
parochien von hauss zu hauss visitirt, notirt und admonirt zu österlicher 
Communion in unserer pfarrkirchen". Nach dieser Aufschreibung hatte 
Haaren damals 106 und Verlautenheide 40 Häuser, Da die Häuser fast 
durchgehends nur von einer Familie bewohnt wurden, so ergiebt sich bei 
der Annahme von 6 — 7 Personen in jeder Familie, dass Haaren im Jahre 
1669 ungefähr 700 Einwohner hatte, womit auch eine anderwärts ver- 
bürgte Nachricht übereinstimmt ^ Die letzten Aufzeichnungen des ältesten 
Kirchenbuches datieren vom 1. Februar des Jahres 1722. Eine ganze 
Reihe in dem Buche noch vorhandener leerer Blätter hat ein späterer 
Pfarrer benutzt um darauf „einige merkwürdige Begebenheiten im fran- 
zösischen Revolutionskrieg in annis 1792 — 93 — 94" oder wie er sich an* 
einer anderen Stelle ausdrückt „Irruptiones et eflfraenationes Gallorum in 
nostris partibus, eorumque probrosa ad lares gallicanos eipulsio**. Ausser 
einer mehr der Weltgeschichte angehörenden,, mitunter recht drastischen 
Schilderung der Verurteilung und Hinrichtung des unglücklichen fran- 
zösischen Königspaares und der weiteren Schicksale des Dauphins von Frank- 
reich enthalten die „merkwürdigen Begebenheiten" interessante Einzel- 
heiten über alles das, was der Verfasser und seine Pfarrgemeinde Haaren 
in jenen Jahren durch Einquartierung, Plünderung und sonstige Kriegs- 
drangsale gelitten haben und bilden so, wenn auch nur bezüglich eines ver- 
hältnismässig kleinen Distriktes, eine bescheidene Ergänzung dessen, was 
über denselben Gegenstand für die Reichsstadt Aachen Milz in den Pro- 
grammen des Königlichen Gymnasiums in Aachen für die Jahre 1870/71 
und 1871/72 und Pauls in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, 
Band X veröffentlicht haben. Der Verfasser hat es nicht für der Mühe wert 



*) Die vervoUständigte Reihenfolge der Haarener Pfarrer wird in einer der n&chsten 
Nummern folgen. 

*) Die drei Berichte siehe unter „Kleinere Mitteilungen'* S. 00. 

*) Siehe: Gross, Das Aachener Reich. Aus Aachens Vorzeit, Jahrg. VII, S. 28. 



— 35 — 

erachtet, seinen Namen der Nachwelt zu tiberlieiTern. Auch ist derselbe 
nicht aus dem Totenregister der Pfarre zu ersehen. Vorderhand steht 
nur so viel fest, dass er vom Jahre 1772 — 1797 Pfarrer in Haaren ge- 
wesen ist. Dies ergiebt sich aus einem Vergleich der Handschrift dieser 
Aufzeichnungen mit der seiner Eintragungen in die Tauf-, Heirats- und 
Sterberegister der Pfarre. Wir geben dieselben nunmehr in der originellen, 
nicht selten von glühendem Patriotismus und starker Entrüstung über das 
Gebahren der „Franzmänner" zeugenden Sprach- und Schreibweise wieder: 

1792 im November 

wurden in Mens * die wenige Kaiserliche Truppen unter dem General Clairfait 
von der Volksmenge deren sich nennenden französichen Patrioten überfallen, 
und mussten nach tapfere Gegenwehr aus dieser Stadt und aus ganz Braband 
Retairiren. 

Am 25^" 9**' kamen in Aachen, hier und in diesen gegend an die 
üsterichische Husaren, und so nach und nach reuter und füsser. 

Am 4*®° December wurde wegen Vielheit der Manschaft bei mir 
einquartiret ein Oberliutenant mit einem Knecht vom Jäger Corp: blieb 
bis den 6**" dito. 

Den 6^**" käme auf dessen platz der obrist von la Tour mit seinem 
Adjudant und Knecht, blieb nur bis den 7**"; eodem käme auf dessen stelle 
ein ober-prevot mit einem Knecht, blieben bis den 13'*"; am 9**"" 

käme zu diesen ein Hauptman mit seinem Knecht, blieben auch bis 
zum 13'*'° X»'«'. 

Keiner hat mir etwas bezahlt, und so eben haben alle andere von 
denen oflBciren und Soldaten nichts oder wenig bekommen für speis und 
trank der menschen und fourage deren pferden, denn die flüchtlinge waren 
an allerti leer, abgemattet, hüngrich und elendig, nahmen für sich und ihre 
pferde, was sie nur bekommen konten. 

NB. itz gemelter obrist von la Tour, nah mens von Pfortzheim, ein 
generöser soldat ist bei Hoengen, da er zuerst die battereien be- 
i-^Merz« stiegen, von einem Rotzbub erschossen und zu Aldenhoven be- 
graben worden zum grössten lerdwesen seiner heldenmühtigen 
Soldaten, sane et mihi mors ejus dolori est. 

Den 13**" december, da die franzmänner näher kamen, reterirten die 
Kaiserlichen alle bis über die Ruhr und machten jenseits dieses flusses Halt. 

*) In der Schlacht bei dem Dorfe Jemappes in der Nähe der Stadt Mons am 
6. November 1792 wurden die Oesterreicher von der Revolutionsarmee geschlagen und 
mussten infolge dessen die österreichischen Niederlande an Frankreich abtreten. 

*) Die hier berührte Begebenheit hat sich im Anschluss an das am 1. März 1793 
stattgefundene Gefecht bei Aldenhoven zugetragen. Siehe Annalen Heft XVI, p. 129, 
Amn. 2 wo es heisst: Bei der Verfolgung der Franzosen auf Höngen zu fiel unfern 
Schieiden (Dörfchen zwischen Aldenhoven und Höngen) der Oberst von den Latour- 
Dragonern, der Graf von Pforzenheira. Ein Carmagnole erschoss ihn aus seinem V^ersteck 
hinter einem Baume. Ein Lieutenant Rudolph ward schwer verwundet und starb bald 
nachher. Beide wurden zu Aldenhoven begraben. 



— 36 — 

Den 15*®" X^^*" mitten in der nacht kamen zum allgemeinen schrecken 
haufenweiss die franzmänner, sub specie Amicitiae, qui erant in cute lupi 
rapaces. 

Bei mir wurden einquartirt 6 zerlumpte Jäger, wie sie sich nannten, 
homines nequissimi. sodan ein Obrist mit einem Knecht item ein Ritmeister 
mit einem Knecht, und noch 3 OflScier mit zwei jungen, sive spitzbub. 
Diese blieben zweij Tage, bey den ersten und letzteren herrschte die fran- 
zösische libert^ et egalitö im höchsten grad. alles im Haus ging über und 
drüber, was sie wolten haben, muste gar zur Verschwendung in überfluss 
gegeben werden; sie waren Herr und meister im Hause: Tohr und Thür 
musten angelweit oifen stehen. Viele hier nicht einquartirte kamen sturm- 
weiss hineingefallen, frassen, soffen, spotteten meiner, zückten auf mich die 
Palässe, wolten geschaft haben, was ich nicht hatte, sie brachten es dahin, 
dass ich kein bier, kein wein und kein brod im Hause hatte. Was bei 
diesem greulich Verfahren bei mir und den meinigen für forcht, angst, 
Hunger und Kummer gewesen, mach Einjeder, der in seiner seele ein 
teutsches gefühle hat, erachten, nebst dies was diese ungeheure raubeten, 
zog diese lasterhorde ohne einige Bezahlung ins gülicher Land. 

Nach diesen kamen zu mir 3 serganten mit mehreren, blieben eine 
nacht, und zwei Tage; sie waren auch nicht gut, doch nicht so böss, wie 
die Vorige, gleichwohlen muste ihnen ohnentgeldlich alles geschaffet werden, 
was sie verlangten. 

Vor dem H. Christfest bliebe ich ein paar tage von einquartirung 
frei, indessen entrüstete mich das tag und nacht an der thür anhaltende 
Klopfen, Tumultuiren, pulsteren, bedrohen, schelt etc. nach und nach der- 
massen, dass in Festo S. Stephani mir eine schwere Krankheit gählings 
über den halss käme. Ich bliebe sodan ohne einquartirung deren Soldaten, 
aber Doctor, Chyrurgus, apotecker, pastoral und Kirchen-Diensten waren 
mir nicht weniger kostspielig. 

1793. 

Am 20**" Januarius läse ich zuerst die H. mess, so kamen alsobald zu 
mir zweij oflScire d'artillerie, und nebst dies wurde die mauer oben der 
Thür aufm Kirchhof überstiegen, kamen darzu mit aller gewalt 3 serganten, 
blieben bis den 24***° Januar. Vom 28*®" Januar bis den 6*®" Februar wäre 
bei mir im Hause ein honneter Canonier officier. 
* Niemand von allen hat mir, wie anderen, einen Heller bezahlet. 

Ich übergehe die oftermalige zwischenzeitige mir dan und wan zu- 
gestossene lästige, schädliche, schröckbahre anfalle und zufalle, auch ist 
es zu weitschichtig anzuführen, wie und welcher gestalt diese freigeister 
die leute, besonders in denen abgelegen häuseren tribuliret, geplündert, 
misshandelet, an freitag und samstag zum fleisch mitessen gezwungen haben : 
wie sie Gott, die allerseeligste Jungfrau Maria und liebe Heiligen gelästeret, 
die Geistlichkeit geschändet, die kirchen-diensten und alle Christliche an- 
dachtsübungen beschimpfet, und gestöret haben. Sie waren fast alle menschen, 



— 37 — 

ich sage, Unmenschen sine Fide, sine Religione, sine Lege et disciplina, 
sine Luce, et Cruce. Durchgehens wäre die lasterrede dieser schand- 
Buben; Non est Dens: Si non est Dens, exsibilabant hi Tenebriones, Im- 
peratorem, Reges, et Principes auxiliatrices per Universum subjugabiraus, 
non erit Papa, neque Ecclesia. si vero Dens est, non triumphabimus. 

Prima fronte vociferabantur hi Thrasones unanimiter: 

Nous marchir ä cologne, nous jagt die keiserlick Tyran üf dat Rhin. 

Mais halt la! an der Ruhr, welchen kleinen fluss die Kaiserliche allent- 
halben besezt hielten, hiesse es zu jedermans erstaunen. Non plus ultra patriota! 

Hern ohe! arrigite aures, Buccinate gaudium, et gratias, Accolae caris- 
simi! vere est Dens verus, atque Mirabilis, qui liberavit nos ab insectis 
gallicanis. 

Ad intercessionera B*"** Virginis Matris Mariae Dens misericors exaudi- 
vit intensissiraas preces populi, longe lateque incessanter clamantis et de- 
precantis. 

en Blespheme! ecce Athee! vere est Dens verus, deus noster 
in Coelo et in Terra. 

Kaum wäre Prinz Sachsen Koburg, Kaiserlicher Generalissimus, der 
Held, so ewigen Ruhm verdient, bei der Ruhr ankommen, so beorderete er 
seine Truppen, über den fluss zu setzen. Glück zu! Vom letzten April in 
der Nacht zum ersten merz (?) passirten diese muthvoU die Ruhr, fielen 
beherzt über die franzosen her in der gegend Jülich, Düren, und der orten, 
Tödteten viele, in specie bei Coslar, und so an mehreren stellen im bezirk 
bis Hoengen, alda zogen sich die flüchtige franzmänner zusammen in ihrer 
Verschanzung, die Kaiserliche stürmten wie die löwen auf sie loss, be- 
stiegen die battereien, hieben viele nieder, und brachten sie zur flucht. 

Gegen halb fünf ühr sähe ich diese flüchtlinge theils zu fuss theils 
zu pferde in gröster Unordnung, einige ohne schuhe oder strumpfe, andere 
ohne rock, oder kamisol, einige ohne Hudt, Viele mit bluetigen köpfen, 
oder sonsten verwundet, beij der pastorath vorbeilaufen in solchen mengen 
und so zusammen gedrungen, dass die stras selbige schier nicht fassen 
konte, sie liefen alle erblasst und sprachloss auf Aachen zu. Dieses währte 
also ununterbrochen bis halb neun uhr in der nacht, keinem im dorf wurde 
von ihnen etwas genommen, noch einiges leijd zugefügt, aus forcht und 
angst, sonderlich wenn die reuhter zwischen denen füsseren einjagten, 
burtzelten öfters in gedränge diese über jene her; einjeder trachtete andern 
vorzukommen. 

Fröhlig und lächerlich wäre dieses anzusehen. Die nun in der spätem 
nacht dem Verlofifen schwärm nachkamen, davon drängten sich incirca 
400 dahier in die Häuser ein, abgemattet, hüngrich, dürstig, zitternd, und 
bebende begehrten sie demütig labung, und nachts-quartier; augenblicklich 
waren sie mit sack und pack zum laufen fertig, so ginge die nacht vorbei, 
es wäre aber was seltsames, dass in dieser nacht die pastorath von allem 
anfall frei belassen wurde. 



— 38 — 

Änderten morgens, 2^®" Merz gegen 4 Uhr kamen nur wenige Kaiser- 
liche scharf-schützen bis an den Knings-berg, alda stelleten sich einige 
franzosen zum gegenwehr, machten mit trommelen lärmen; es wurde beider- 
seits gegeneinander gefeuret, bald machten die franzmänner den garaus 
und lieffen alle auf Aachen zu. am gasthaus wurde Einer erschossen, und 
von denen nachbahren in ein garten begraben, annoch wurde einer beijm 
stein weg gegen den hundskirchhoff^ erschossen: kurzum: die wenige Scharf- 
schützen jagten alle bis in Aachen. Haaren wäre von franzosen ganz leer. 

Hier wäre freud undjubel; ich und ei n jeder Track tirte die ermüdete 
scharfschtizen nach Vermögen auf das beste. 

Diese freud und jubel wurde nun desto grösser, als wir höreten, dass 
ebenen morgens um acht uhr von denen hierdurch geloflfenen franzosen kein 
mann mehr in der statt wäre; alle wären durch Junckers thor über den 
aachener Busch fort und so ferner sporenstreich geloffen. Diese Botschaft 
verursachte eine vollkommene freude. allein 

diese freude daurte nicht lange, sondern veränderte sich an selbigen 
morgen in äusserste gefahr, angst und schröcken. Zwischen 9 und 10 uhr 
wäre ein Trup franzosen (man weiss die Zahl deren nicht zu bestimmen, 
etliche Tausend waren ihrer, so aus der gegend Geilenkirshen flüchteten) 
vor Pont-thor, die verschlossene pfort wurde durch kanonen und sonstige 
gewalt eröffenet: die Horde trunge muthvoll zur statt hinein, in meinung, 
die übrigen fortgeloffene noch anzutreffen, und so .Vereiniget die statt für 
sich zu behaupten. Sie pflanzten ihre stücke auf die wälle, fürnehmlich 
an Kölner-thor, um die ankommende Kaiserliche abzuhalten, gegen neun uhr 
ritten alhier 15 oder 18 ulanen vorbei, als diese hörten, dass die franzosen 
in der statt wären, marschierten diese wenige mit den wenigen scharf- 
schütz unerschrocken zur statt, ihnen wurde von den bürgeren S. Adalberts- 
Tohr eröffnet, sie marschierten hinein; da sie aber die Strassen Von den 
vielen franzosen besetzet fanden, tahten sie einige Schüsse, und macht-en 
sich zum Tohr hinaus. Die franzmänner kanonirten mit stück und muss- 
queten, sie stolzirten, als wären und blieben sie von aach und dem Reiche 
Herr und meister. Wie bei dieser unverrauhten Katastrophe uns und allen 
in und ausser der statt ums Herz gewesen, ist leicht zu denken, unsere 
wünsche und Hofnung wäre, dass die Kaiserliche kämen, und uns von 
dem Ungeziefer befreieten. 

Endlich gegen halb ein uhr käme die Kaiserl. arme zu fuss und zu 
pferde. es wäre eine lust die unerschrockene, wohlgeordnete, schönste Völker 
zu sehen, sie marschierten durch gute anweisung durch den Pass, stellten 
sich auf den wingardsberg. Da wäre aber die Stellung nicht vortheilhaftig. 
gute weg-erfahrene weiser führten sie hinterwerts auf den Laues-berg: 
alda ranchirten sie sich und stürmten den berg hinab zu Pont-thor hinein, 
fielen auf low art, die franzosen an, diese widersetzten sich, die Canonen 



^) So wurde ein vor Kölnthor an der Wurm gelegenes Landgut genannt. 



— 39 — 

brauseten, die Musketten donnerten gegeneinander, als wäre der jüngste 
tag und unser allen Untergang vorhanden. Die franzosen, zu par getrieben, 
postirten sich auf den grossen mark, löseten ihre kanonen alda, wie vorhin 
ahn Kölner-tohr, umsonst pur in den wind und reterirten sonach bis an 
Jacobs-mittel-pfort; hie fasten sie wieder Posto, wurden aber auch von 
dannen vertrieben mit hinterlassung zweien Kanonen, welche denen Aachener 
wegen ihrer treugeleisten beihülf zum andenken geschenket werden. Beij 
dieser action wurden getödtet 51 franzosen nnd eine französische Dame, 
und nur 4 Kaiserliche, die Viere wurden auf dem mtinster-kirchhof be- 
graben, nicht aber die franzosen. diese unchristen. 

An Jacobsmittelpfort entschiedete sich die streit-scene; die franzosen 
tanzten den Kehr-aus, die Ftisser Helfen über hals und köpf, die Reuther 
gallopirteu über Holz und stein zur Junkers pfort hinaus bis in den aacher 
busch, alda machten sie front, kaum aber kamen ihnen die Kaiserlichen nach, 
erschossen auch alda noch einige, alsdan reterirten die franzosen in die 
weite fort und die Kaiserliche kamen in triumph zurück. 

Nunc erat in pleno Gloria in excelsis. 

Bürger-Marchal-de-Camp Dampierre (vulpes sub pelle ovina, et pseudo 
Commendant ä aix) wäre schon morgens denen ersten flüchtlingen nachge- 
flüchtet und so die barbarische konvents-Komraissarien Camus, Delacroix, 
Gossuin, danton, Feres, enarchant, Michel etc., deren einige die schon vor- 
hin inventarisirte Kirchen und Klöster-effecten zweij Tage vor der flucht 
de novo inventarisiret, und eingepackt zum wegfahren bereit gesetzt hatten, 
sed nihil horum: die laster-horde wurde eilfertig und so stark zum flüchten 
genöhtiget, dass sie in der statt, wie draussen im reich gegen ihr Vor- 
haben ans rauben und plündern nicht gedachten. 

SanCtVs DeVs fortls erIpVIt nos De LaqVels 
VenantIbVs & a LlngVIs DoLosIs. 

Ima et Ilda Martii. 

Am 2'®" und 3**" Merz marchierte die Kaiserliche Generalität: Prinz 
Coburg, Karl, dermaliger Gouverneur in Braband etc. Clarfait, Würten- 
berg etc. über Aldenhoven, Closterode und so ferner auf Mastrich zu, 
dahin die derseitige armee im Marsch wäre, alda ankommende, war kein 
franzoss mehr vor Mastrich anzutreffen, nach 10 ad 11 Tägigen belägerung 
und bombardirung der statt hatte die pansche forcht deren anrückenden 
Kaiserlichen sie schon zum Voraus in flucht getrieben: Die Kaiserliche 
folgten ihnen, die franzosen rückten über Tongern, postirten sich furtheil- 
haftig bei Tongerlau am eisenberg; Hier kam es zur blutigsten schlacht, 
dabei die Kaisei-liche den herrlichsten Siege erfochteten. 

Es wurden andere seits, nach einer harten gegenwähr, diefranz- 
männer aus Lüttig getrieben; sie räumten sohin das Lütticher land, Hol- 
land, und die Niederlande, flohen bis auf ihren französischen boden. Durch 
Gottes beihülf wäre in Zeit vom ersten- bis den zehnd Merz das antheil 



— 40 — 

des gülicher Lands, unser aacher Reich, das lüttiger Land, Holland und 
Brabant von denen, Heil und Glück, freiheit und gleichheit ausposaunen- 
den, Erzfeinden befreiet. 

DeVs ter-BonVs, 
eXorante B. Maria, 
ConserVes Lares nostros ab his Infensis athels et exosis InseCtIs. 

1794. 

Nachdem der Kayser (welcher in selbst eigen hohen Person die 
alliirte ruhmlich kommandiret hatte) die arme verlassen, haben die fran- 
zosen die festungen Maintz, Cond6, Valenciennes, Quesnoy wieder erobert 
und nach Einnahme der Rhein-festung Fortlouis sind die alliirte per halsum 
et Collum bis über die Maas reteriret, haben sich alda verschanzet und 
Posto gehalten: Endlich setzten die franzmänner mit Übermacht zwischen 
Lüttig über die Maas, und die Kaiserlichen rückten näher und näher auf 
unsere gegend zu. Sodann nahm Prinz Coburg in ein rührenden beij seiner 
Armee kundgemachten schreiben von seinen Waffenbrüdern abscheid, und 
am 28'®° August tibernahm Graf Clarfait den Oberbefehl der Kaiserlichen 
Hauptarmee im Hauptquartier zu Fouron le Comte und general Beaulieu 
wurde als Generalquartiermeister beij der Armee bekannt gemacht. Am 
jten Yber passirte durch Aachen und Haaren mit dem Erzherzogen Carl 
Prinz Coburg auf Wien. 

Demnach kamen die Kaiserliche näher und näher bis in Aachen, 
setzten sich aufm aacher Busch, die franzosen folgten ihnen bis dahin 
nach, es wurde gegeneinander kauniret; am 21*®" September flohen die 
Kaiserliche ; daher entstünde hier im Dorf wegen ankommenden aus forcht 
von aach bis hiehin laufenden Menschen nachmittags gegen 4 Uhr ein 
lärm, Heulen, und schröcken bei mir und einenjeden so grässlich als wäre 
der jüngste Tag vorhanden. Diese angst wurde aber bald gestillet, weil 
noch keine franzosen, wie gesagt wurde, in aachen eingerückt waren. 

Am 22*^" T^^** flohen durch unser Dorf die letzte Kaiserliche zu fuss 
und zu pferd, nahmen und plünderten alles, was sie bei Tag und nacht 
nur aus und in den Hauseren, scheuren, stallen etc. erwischen konnten unter 
der aussag: si nos non rapiamus, rapient galli insequentes. 

Das Magazin von waserley montur- und Kleyderstück, flinten, säbel, 
patrons-taschen etc. von den Kaiserlichen bei mir in saal und sonst im 
Haus ad 6 Wochen gewesen, und wodurch ich der Zeit von Einquartirung 
ziemlich frei bliebe, war kurz vor obigem auf köln transportiret. 

Am 23**" 7^"* kamen die franzmänner in Aachen, den 24**^" zu jeder- 
mans grössten schröcken in Haaren und in die gegend, ut Lupi rapaces, 
rapiebant plurima et exspoliabant fere omnes, perpaucis in hoc pago, ut et 
alibi exceptis. 

Am 25'®" fiele eine gantze rotte in meine Pastorath ein, setzten mir 
2 Bajonett zum leibe, fielen in Keller und Zimmeren, nur unten zu erde, 



— 41 — 

hinein, eröffneten und durchwühlten alles, was ihnen zu Händen käme, 
nahmen geld, Mobilen, Kleider und sonstiges, was nur zu erhaschen wäre. 
Zum grösten glück und zu Verhütung ferner gänzlichen Plünderung rieffe 
unser Organist zweij eben vor der Thür anwesende französische officier 
in die Pastorath, welche die raubhorde abtrieben, sohin wäre der Verlust 
und schade leidentlich. 

Gleich darauf polterten ganz ungestüm 4 Tröhende rasende raub- 
vögel, welche mit Hülfschreien von der Kirchofs-Thür wurden abgetrieben. 
Eben darauf bekäme ich zwei salve-guardes ins hauss, welche auf einem 
tag bis zum achten mahl die an der Pastorath raub-wollende Soldaten ab- 
hielten und so forthin mein Hauss von oftermaligen anfall treulichst be- 
schützten, was diese mir gekostet, haben sie mir vielföltig profitiret, denn 
ohne selbe wäre ich gänzlich ausgeplündert worden, am 28*^" 7**'"' musten 
diese zweij gute beschützer ungern mich verlassen und zur statt gehen, 
allwo sie nicht hoffen kouten das, was sie bei mir bekommen thaten. 

An eben diesem 28'^" 7*"®' wurde von Burtscheid das Hauptquartier auf 
Haaren verleget mit dem General jourdan noch 7 Generälen, vielen offi- 
cieren, vielen Truppen und 400 pferden zum unsäglichen last und schaden 
unseres dorfs, denn was hier muste hergegeben und beigeschaffet werden, 
dieses kann ich nicht schreiben. Solutio Nulla. Es käme 

Zum grösten last und unsäglich unruhe zu mir le primier Represen- 
tent de Peuple Gillet mit einem kommissaire, ein secretaire und 5 ad 6 
knechten, die occupirten die ganze Pastorath, nur mein Schlafzimmer 
bliebe frei, stochen und kochen für Herr und Knecht währete von morgens 
bis gantz spät in die nacht, und dieses alles muste meine Haushälterin 
thun, dann es wäre bei ihnen kein Koch, wie bei denen anderen Generälen, 
dahero konte für mich nichts zur speiss und trank bereitet werden : meine 
Köchinn wäre eine schlavin und ich muste oft hunger und durst leiden, 
da andere gut assen und tranken, ohne meiner im mindesten zu gedenken — 
überdies wäre die Pastorath einer Wachtstub den ganzen tag hindurch 
gleich; zum Representant kamen anhaltend officier, kurier, Soldaten, ge- 
raeinds-deputirten und supplicanten von allen orten, Städten und Dorfschaften ; 
der Hausessteinweg war immer von menschen angefüllet, und dieses con- 
tinuirte vom sonn tag den 28^° 7*'®*" bis freitag 3^®" October, da der Re- 
presentant mit dem kommissaire zur Armee auf gülich ritten, und eben 
diese nacht gegen 12 uhr wäre mein Hauss leer und das Hauptquartier 
folgte nach auf Aldenhoven. Von Zahlung geschähe keine meidung, kein 
sous wurde mir präsentiret, nichts gar nichts wurde mir bezahlet. Blictri 
wäre mein lohn und die befreiung von dem greulichen kostspielig last mein 
trost und ein ebener trost meinen parochianen, denn wenn das Haupt- 
quartier noch einmal so lang hier verharret hätte, so wäre Haaren auf 
einmal ganz erschöpfet werden und nichts mehr für menschen und Viehe 
übrig geblieben. 

Bei an- und einrückung dieses gewaltigen Hauptquartiers wäre im 



— 42 — 

Dorf timor et tremor, raera perturbatio et aborainationis desolatio, omuia 
susque deque vertebatur. ast ecce! alia ex alia perturbatio: turaultus ex 
tumultu: eadem Dominica 28 7^"^*^, finito jam tum primo sacro, komt zu 
mir ein französischer unterofficier geloffen, ansagend: eilens sollte die 
Kirche geräumt werde, denn gleich kämen die arrestanten hinein. Wir 
reterirten, und retteten, was immer möglichst zu retten war. Indessen 
war auf einmal die Kirch ganz voll von Gefangenen cujuscunque nationis 
et Status; ich im eifer wollte nochmal zur Kirche hinein, da kamen beij 
Eröffnung der thür die arrestanten haufenweiss auf mich gestürmt unter 
einem greulichen geschreij, dahero muste ich mit schi'ocken abweichen. 
Hauss und Kirche waren sonach aus meiner Gewalt, eine unruhe folgte 
der andern so ununtterbrochen, dass ich keine H. Mess an diesem sonntag 
halten konte, ja auch darzu nicht wusste, ob ich, wenn ich an der Kapeil ' 
hätte lesen können, hätte lesen dörffen. 

Montags expiscirte ich, dass Mess halten gestattet wäre, ich läse 
also die H. Mess von montags bis samstags in der Kapel; nach der H. Mess 
schenkte mir den Caffe Vetter Johan Boeven, darzu asse ich eine gute 
Portion butteramen 2, stärkte mich für den ganzen Tag, um nicht für hunger 
und elend niederzufallen, huic obligatus maneo et grates refero. 

Nunc revertor ad capitvos in Ecclesiam, quae cum coemiterio speluuca . . . 
erat, hi inordinati cujuscunque generis homines mox cantabant, vocifera- 
bantur, et ululabant, mox pulsabant Organum, mox campanas. Interim haec 
et similia patienter, sane dolenter ferenda erant. aber, ach aber! am sams- 
tag den 4**"° S^^*" läuteten diese Horden die Glocken und marschierten nach 
Aldenhoven, nun wäre die Kirche leer, aber öd und wüste; und der Kirch- 
hof so besudelt, das vast nicht drüber zu gehen wäre. Es wurde ausser 
und in der Kirche so viel gereiniget, dass man in die Kirche konte hin- 
eingehen. Man fände die Bänke und einen umgeworfen Beichtstuhl merk- 
lich zerbrochen und beschädiget, den opferstock eröffnet, und ausgeplündert, 
die stragulas altarium" Theils verdorben und zerschnitten, theils mit 
einigen Kirchen-büchern und scabellen^ hinweggenommen: Dabei wäre 
über dieses der grösste schad: es wäre ein merklicher Vorrath an gelben 
und weisen wachs-kerzen (welche wegen unvermuthet schleunigsten Über- 
fall keinesw^egs aus der auswendig hangenden Kaste konte salviret werden). 
Dieser Kerzen wäre keine einzige mehr vorhanden zum grossen nachtheil 
der Kirch, um die mehr, da der Wachs sehr Theuer und ein pfund weissen 
wachs 9 gülden^ kostet, am samstag reinigten die Nachbahren die Kirche 
in so weit, dass ich am sonntag den 5**"" S^^"" den Gottesdienst darin halten 
konte: Hernechst wurde in der Kirche das zerbrochene von Zimmerleuten 



*) Gemeint ist die am Eingang des Dorfes gelegene Kapelle zum hl. Valentin. 

^) Noch heute im Volksmund für „Butterbrod** gebräuchlich. 

^) Altartücher. 

*) Lesepult. 

*) 2 Mark 25 Pfennig. 



— 43 — 

repariret, das Verdorbene thunlichst ausgebesseret, die Kirche und der 
Kirchhof nach und nach so gereiniget, dass die Kirche einem Gottes-hauss, 
und der Kirch-Hof einen Gottes-Acker wieder ähnlich wurde. 

Nachsatz. 1794 im August und anfangs September waren die Tag 
und nacht hier passirende geist- und weltliche, Herrschaften und andere 
flüchtlinge unzehlbar, ja so überhäufet, dass gantze Haushaltungen mit 
sack, pack und Hausgereid in Aachen und dahier über naclit zu logiren 
keinen platz fanden und auf der strass übernachten musten, aus frankreich, 
Braband, dem lüttiger Land, und der gegend waren durchgehens die be^r 
trübte, beänstigte flüchtlinge. Das laufen, rennen, fahren mit karossen, 
kahren und wagen waren so anhaltend, dass bei deren hören und ansehen 
Herz und Muth sinken musste und man vor forcht, angst, wehrauth und mit- 
leijden vast ausser sich selbst versetzet wurde. Inzwischen rückten die 
franzosen näher und näher, die Kaiserliche reterirten mehr und mehr, da 
nahmen die flucht viele, sonderbahr die wohlhabende aus Aachen, Burt- 
scheid und dieser gegend und zware zu ihrem doppelten Schaden, dan in 
der fremde musten sie verzehren, und zu Haus wurde ihnen vieles ent- 
nohmen und zu gründe gerichtet. Aus meiner pfarr flohen 15 Personen, 
worunter zwei ganze Haushaltungen Theils in's Bergische, theils ins West- 
phälische; davon ist einer in der fremde gestorben; sechs sind noch zu- 
rück und 8 sind im Junius 1795 nach Hause kommen frisch und gesund, 
ja die fuhrleute so dabei waren, sehr glücklich, indeme sie pferde und 
Karrigen unbeschädiget anheim gebracht. 

Francorum Progressus, Molitiones, Dispositiones, Centralia, 
Tribunalia et alia quaedam hinc inde extracta et 

1794 conscripta. 1795. 

Als denen franzosen nach fünf ad sechstägigen erstaunlichen Kanon- 
nirung Mastrich übergeben, kamen sie am 23^®" 7*'^'^ nach Aachen. Ei- 
oberten am 3**" October gülich ohne Bombardement, rückten am 6*^** in 
Köln ein, sonach in Bonn, Koblenz, und besetzten dieserseits den Rhein, 
darüber die Kaiserliche geflohen waren. 

Gleich nach dem Einzug in Aachen ergehet unter ander dieser Befehl 
aus dem am 14*®" August 1794 von denen Volksrepräsentanten abgefassten 
in 34 articulen bestehenden beschluss. 

Die Einwohner der eroberten Länder sollen ihre Waffen innerhalb 
24 stunden von bekanntmachung der desfalsigen Verordnung an, in die 
Hände des militär kommendanten ablieferen. Wer überwiesen werden 
würde, selbige zurückgehalten zu haben, soll der militär-kommission über- 
geben und mit dem todt bestraft werden. 

Dies scharfe befehl brachte hier und allen orten angst und forcht, 
man gäbe die flinten, ich auch die meinige, ab. sonach wurde dahier zum 
repräsentant Gillet eine grosse breite Kasse mit degen, pistolen und säbelen 
angefüllet, und im saal eröffnet, welche von solcher Kunst und Kostbarkeit, 



— 44 — 

(lass deren werth vast nicht zu schätzen. Diese, sagte man, wären alle 
in Aachen eingeliefert worden; nachhero fuhren, nebst denen diesortigen. 
Viele mit Flinten etc. beladene Kahren aus dem jülicher land hierdurch 
auf aachen ... ad orcum. 

Der hleij vom Tach des Münsters wurde abgenommen, die köstlichen 
Pilasteren aufm Hochmünster niedergehauen, die messingen stanquetten und 
thüren daselbst niedergerissen und der bleij sambt sieben pilaren ^ und denen 
pfeifen des übergrossen ausgebrochenen Orgels auf Paris transportiret. 
Diesen folgte bald der vor dem Stadthaus abgenommener Adler, der nieder- 
gerissener, kurz vorher neu aufgesezter memorialstein samb der uralten 
Postür Caroli Magni nach Paris, unter der Krön im Münster wurde das 
Grab eröffnet, nichts aber darin erhaschet. 

15*^° October wurde der freiheitsbaum vor dem stadthauss mit grosser 
solemnität, vocal und instrumentalmusick, mit jubel. Tanzen und springen 
errichtet. 

Nach diesem wurde die Central- Verwaltung des Distrikts von Aachen 
angeordnet. 

Diese aachener generalcentral-verwaltung bestünde aus 12 gliedern, 
für die Lande von Aachen. Die Banken Vaels, Holset, Vyllen. Wyttem, 
Heyden, Wijlre, für Gülich bis Geilenkirchen, Linnich, Düren, Nideggen, 
Haimbach, Monjoye, Kornelimünster und Burtscheid. 

Diese Lande wurden in 6 Kantons getheilet nähmlich 1. Aachen samt 
dessen Gebiete und Burtscheid; 2. .die Bank Vaels und das Land Heyden, 
Wittern, Wijlre; 3. Linnich, Geilenkirchen; 4. Gülich, Düren; 5. Stolberg, 
Eöchweiler, Weisweiler; 6. Monjoye und Cornelimünster. 

Die Glieder dieser Centralverwaltung seijen folgende : die Bürger 
Lambrichs von Cornelimünster, Clermont von Vaels, Wiedenfeld von Burt- 
scheid, Adolf Schleicher von Stolberg, Herman Pelzer von Eschweiler, 
Crahe von Linnich, Kamphausen von Geilenkirchen, Rudolph Michels von 
Gülich, Moeglings alt. von Düren, Orth von Monjoye, Cromm und Vossen 
von Aachen. In jedem Kanton soll ein mitglied der Verwaltung residiren^ 
die übrigen 6 aber zu Aachen ihren sitz haben, wo sie das Verwaltungs- 
Direktorium ausmachen. In jeder gemeinde ist ein unter- Verwaltung nieder- 
gesetzt, welche aus einem Maire und einer gewissen anzahl beijgeordneten 
besteht nach wenig oder viel Bevölkerung derenselben. 

National-Domaine d'Aix. 

Aachen, Burtscheid, Land Heyden, Cornelimünster, Monjoije, Amter 
Eschweiler, Wilhelmstein und schönforst. 

Tribunalia zu Aachen. 



*) Nicht 7, sondern 39 überaus wertvolle marmorene Säulen haben die Franzosen 
auf dem Hochmünster ausbrechen und nebst vielen andern geraubten Kunstgegenständen 
nach Paris schaffen lassen. 28 Säulen und 10 Kapitale wurden 1815 nach Aachen 
zurückgebracht. 



— 45 — 

1. Obhuts-Ausschiiss, 2.. Handels-Tribunal. Dabei klaget man die 
Wechselsach. 3. Friedensgerichte von Burtscheid und Aachen. Dabei 
klaget der, welcher von denen emigrirten, oder auch sonsten zu fordern 
hat. 4. Ober-Appellations-Tribunal. 6. Municipalität von Burtscheid und 
Aachen. 6. Bezirks-Verwaltung. 7. Central-Verwaltung. 8. Revolutions- 
Tribunal: Dieses cessiret. 

Die Centraladministratoren niusten in sämtlichen gemeinden einen 
general und besondern Etat des sämtlich sich daselbst befindlichen ge- 
dreides, der fouragen, des Viehes, der victualien, bergwerke, fabriken, 
ui'stoffe und waaren entwerfen. Diese und alles ohne ausnähme wurde 
sonach in requisition gesetztet und von allem und allem muste und muss 
immerfort beigeschafft geliefert werden gegen Zahlung, ast pro! in per- 
paucis Assignatis i. e. Moneta papyracea quae est nullius valoris, est causa 
principalis penuriae, caritatis, inopiae, famis, paupertatis et communis ruinae. 

Sie musten den Verkauf der Mobilien und Effekten der Emigrirten 
bewerkstelligen, die der Republik verfallenen forderungen, welche von 
denen schtildneren, deren vormahlig regenten, oder Emigrirten herrühren, 
samd den gemeinen Abgaben eintreiben. 

sämtliche Pächter der P^migrirten, des Kapitels zu Aachen und anderer 
ausgewichenen sint gehalten, unter strafe militärischer Exekution, ihre 
pachtbriefe einzubringen, hiehin zu zahlen, und die rückständigen Zehenden 
alsogleichan das hiesige stadt-Kornhauss abzuliefern. 

Allen Bürgern wird empfohlen, ohne scheu diejenigen zu denunziren, 
welche vorgemelte gegenstände, oder auch sonstige Sachen, die den Emi- 
grirten zugehöret, verborgen halten, jeder Denuntiant soll ein Drittel des 
werths des denunzirten gegenständes zu belohnung erhalten, und in an- 
sehung seines namens soll die genaueste Verschwiegenheit beobachtet 
werden, in hisce latet anguis proditionis. 

In dem Lande von der Maas bis an den Rhein werden fünf und 
zwanzig Millionen Kontribution gefordert, die aber hernach durch den Re- 
presentant Gillet auf 8 Millionen Livres sint reduciret worden. 

Gehalt der glieder von general Verwaltung 

ist monatlich 250 liv., und jener der secundair Verwaltungen 200 livres. 
Der gehalt der Richter von dem obertribunal ebenfalls 250 liv. und der 
Richter von den unter-Tribunälen 200 Livres. Die gehalte der secretäre, 
gerichtschreiber, Gummis und anderer bedienten der Verwaltungen und 
Tribunale, item die Kanzlei-Auslagen werden von der general Verwaltung 
nach ihrem gutachten auszahlt. 

Neeuia. 

Mars; Libitina; Farnes multiplicat undique Clades 
Auxietas, Luctus, Tristitia et clamor inanis. 

Vacant opifices, cessant Artifices; otiatur Fabrica cum officina. Com- 
mercia tabescunt, Negotia labescunt. 



— 46 — 

Galli dorainantur; Aurigae vexantur, Latrones furantur. Domus et 
horrea, Fora et Granaria, Agri et Prata periclitantur, evacuantur, spoliantur. 

Pueri voriferantur, Matres lamentantur, Patres querelantur. 

pecora avocantur, pecudes mactantur; pecuniae exiguntur, assignati 
distribuuDtur, Capitalia papyro redimuntur. 

Divites tremescunt. Mediocres gemescunt Pauperes horrescunt. 

Emigratorum Habitacula destruuntur, abscondita produntur, Mobilia 
venduntur, cibaria consuniuntur. Vina e cellis extrahuntur; orania susque 
deque vertuntur. 

Omnes cujuscunque Status et conditionis panera anhelantes, panem 
quaerunt, et vix aut ne vix quidem saepe saepius inveniunt. 

tempora durissima! vivaria rarissima! victualia carissiraa! o cala- 
mitas pene extrema! ah! nou ultra manus doraini flagellat Nos precamur: 
Deus benigne, juste et niisericorsl exaudi nos, salva nos, sine Te peribimus. 

Ora pro nobis dulcissima Virgo Maria! 

Nullus finis Miseriae, Materiae flnis nullus: arabae singulis diebus 
invalescunt; hinc scribendo huc illuc concursavi et concurso. 



An das greisliche Elend, so sich ex septembri 1794 ereignet hat, 
kan niemand, der mit mir gelebet, und in diesem elend-vollen 1795 fort- 
lebet, ohne schauderen gedenken. Die Nachwelt muss darüber starren und 
erstaunen. 

Greuliche Todes-ängsten, höchste Theurungen, schwäreste Krieges- 
lasten, äusserste Armuth, schwarzer Hunger sind Zeugen, welche solche 
Epoche unseren nachkömlingen in den jahr-bücheren zum beileijd und mit- 
leijden werden auszeichnen. 

Über 2 monat ex december 1794 in febr. = 95 anhaltende, nie- 
mals so heftig anhaltende Kälte, strengste froste, grimmige winde und 
ausserordentlich auf einander backendes Eis bereitete die Werkzeug zu 
Vergrösserung des schon überaus hartdrückenden Jammers und Elends bei 
denen unnachlassenden, erschröcklich-verderblichen Krieges-trubelen. 

Diese Witterung, das menschen, Viehe und geschütz tragendes Eis 
eröffnete und bahnte den weg und zugang zu denen sonst wegen denen 
wasser-schleussen vast nicht zu erreichenden und schier unüberwindlichen 
festungen, dass sie dieselbige, und mit diesen im Februar 1795 Holland 
und Seeland einnahmen und eroberten. 

Die Abteij Closterode, woraus alle Herren emigriret, ist beinahe tota- 
liter ausser stand gesetztet, viele bücher aus ihrer Bibliothek sind in dieser 
gegend von denen franzmännern feil gebotten und spotfeil veraliiniret 
worden. 

Die Abtei Bourtscheid, woraus alle, ausgenommen die alte fr. Priorin, 
emigriret, ist durcheinander geschlagen, zum Lazareth gebrauchet, annebst 
die schöne Kirche mit dem neuen prächtigen x\ltar und sonstig zu schänden 



— 47 — 

gemacht worden, die fräulein so um st. Peter und Paul zurück kommen, 
haben beijra Herr Pastor einkehren müssen. Die Kanonie deren ßegulir- 
herrn* ist ebenfalls inwendig durcheinander geschlagen von kranken, ge- 
sunden und waseleij bagase(?) besetztet: in die Kirche sind die Pferde 
einstalliret worden; hieraus last sich denken, wie selbe zugerüstet worden. 
Die Herren waren eraigriret ausser dem H. Prior Tuves und H. Ollers, 
diese musten zum Closter hinaus und halten sich in der Dechani auf: ends 
Junius sint die Herren wiederkommen und beij ihren freunden eingekehret. 

Auch ist das Kloster deren P. P. Karmeliteren ^ durch einander ge- 
schlagen, darin in der Kirchen ein Lazareth. Vier Patres haben ihren 
aufenthalt in einem Haus gegen ihrem Kloster über und halten H. Mess 
im Kloster S. Leonard. 

In der St. Michaelskirche ist das Magazin, im Collegio die Backereij 
und mehreres. 

Die H. Mess für die Studenten und sonstige Gottes-Dienst wirt in 
S. Annae Kirch gehalten. Das wohnhauss und die schuUen sind ganz ver- 
wüstet. 

Im Marienthal und S. Leonard siehts über die schranken wüste aus. 
Die Nonnen sind theils emigriret, theils in der Stadt logiret, in beiden 
Klöstern ist das Lazareth. 

Augustiner und Dominicaner haben von waserleij belastungen Vieles 
erlitten, Vieles, ausser denen Kirchen verdorben. Die Kranke haben in 
den Klösteren und die pferde in denen Kreuzgängen vielen unrath gemacht. 
Dreij Patres und Brüder sind im Prediger kloster geblieben, die übrigen 
sind emigriret und im Junius retournirt, so eben die geflüchtete Patres 
Augustiner. 

Die Patres Franciscaner haben wegen dem Lazareth mehr gelitten 
als die pp. kapuziner* bei jenen ist mehreres verwüstet, als bei diesen, 
in beiden klösteren waren mehrere denn die Hälfte emigrirt; sind auch 
beiderseits im junius zurückkommen. Ein merklicher Nebenschaden ist 
diesen beiden klöstern zugefügt worden: aus dem Hohen Altar deren 
pp. kapuzinern haben die franzosen gleich anfangs die schildereij, welche 
tausenden werth wäre, hinweggenommen und so eine schilderey aus der 
Kirche der pp. Franziskaneren *. Diese beide kostbahrste stücke haben sie 
zusammen gerollet und auf Paris geschicket, ad quid perditio haec? 

Die übrigen Klöster haben ohne ausnähme ihre lastung, schaden und 
beschwärden ertragen, aber nicht so hart und drückend, als die vorge- 
melte; diese nach der Ordnung einzuführen, wäre gar zu weitschichtig. 

*) Das Regulirherrenkloster befand sich auf der heutigen Alexanderstrasse zwischen 
Sandkaul- und Heinzenstrasse. Siehe Greving, Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 
Bd. XIII, S. 1 ff. 

') Das Kloster der Karmeliter lag am linken Ufer des die Franzstrasse kreuzenden 
Ponellbaches,s. Wacker, Leben und Wirkendes Aachener Geschichtsschreibers Chr. Quix. S.6. 

') Siehe Quix, historisch-topogr. Beschreibung der Stadt Aachen. S. 85 ff. 

*) Siehe Neu, Zur Geschichte des Franziskanerklosters etc. S. 120. 



— 46 — 

Galli dominantur; Aurigae vexantur, LatroDes furantur. Domus et 
horrea, Fora et Granaria, Agri et Prata periclitantur, evacuantur, spoliantur. 

Pueri voriferantur, Matres lamentantur, Patres querelantur. 

pecora avocantur, pecudes mactantur; pecuniae exiguntur, assignati 
distribuuntur, Capitalia papyro redimuntur. 

Divites tremescunt. Mediocres gemescunt. Pauperes horrescunt. 

Emigratorum Habitacula destruuntur, abscondita produntur, Mobilia 
venduntur, cibaria consumuntur. Vina e cellis extrahuntur; omnia susque 
deque vertuntur. 

Omnes cujuscunque Status et conditionis panera anhelantes, panem 
quaerunt, et vix aut ne vix quidem saepe saepius inveniunt. 

tempora durissima! vivaria rarissiraa! victualia carissiraa! o cala- 
mitas peue extrema! ah! nou ultra manus doraini flagellat Nos precamur: 
Deus benigne, juste et niisericors! exaudi nos, salva nos, sine Te peribimus. 

Ora pro nobis dulcissima Virgo Maria! 

Nullus finis Miseriae, Materiae iluis nuUus: ambae singulis diebus 
invalescunt; hinc scribendo huc illuc concursavi et concurso. 



An das greisliche Elend, so sich ex septembri 1794 ereignet hat, 
kan niemand, der mit mir gelebet, und in diesem elend-vollen 1795 fort- 
lebet, ohne schauderen gedenken. Die Nachwelt muss darüber starren und 
erstaunen. 

Greuliche Todes-ängsten, höchste Theurungen, schwäreste Krieges- 
lasten, äusserste Amiuth, schwarzer Hunger sind Zeugen, welche solche 
Epoche unseren nachkömlingen in den jahr-bücheren zum beileijd und mit- 
leijden werden auszeichnen. 

über 2 monat ex december 1794 in febr. = 95 anhaltende, nie- 
mals so heftig anhaltende Kälte, strengste froste, grimmige winde und 
ausserordentlich auf einander backendes Eis bereitete die Werkzeug zu 
Vergrösserung des schon überaus hartdrückenden Jammers und Elends bei 
denen unnachlassenden, erschröcklich-verderblichen Krieges-trubelen. 

Diese Witterung, das menschen, Viehe und geschütz tragendes Eis 
eröffnete und bahnte den weg und zugang zu denen sonst wegen denen 
wasser-schleussen vast nicht zu erreichenden und schier unüberwindlichen 
festungen, dass sie dieselbige, und mit diesen im Februar 1795 Holland 
und Seeland einnahmen und eroberten. 

Die Abteij Closterode, woraus alle Herren emigriret, ist beinahe tota- 
liter ausser stand gesetztet, viele bücher aus ihrer Bibliothek sind in dieser 
gegend von denen franzmännern feil gebotten und spotfeil veraliiniret 
worden. 

Die Abtei Bourtscheid, woraus alle, ausgenommen die alte fr. Priorin, 
emigriret, ist durcheinander geschlagen, zum Lazareth gebrauchet, annebst 
die schöne Kirche mit dem neuen prächtigen Altar und sonstig zu schänden 



— 47 — 

gemacht worden, die fräulein so um st. Peter und Paul zurück kommen, 
haben beijm Herr Pastor einkehren müssen. Die Kanonie deren Regulir- 
herrn* ist ebenfalls inwendig durcheinander geschlagen von kranken, ge- 
sunden und waseleij bagase(?) besetztet: in die Kirche sind die Pferde 
einstalliret worden; hieraus last sich denken, wie selbe zugerttstet worden. 
Die Herren waren emigriret ausser dem H. Prior Tuves und H. Ollers, 
diese musten zum Closter hinaus und halten sich in der Dechani auf: ends 
Junius sint die Herren wiederkommen und beij ihren freunden eingekehret. 

Auch ist das Kloster deren P. P. Karmeliteren * durch einander ge- 
schlagen, darin in der Kirchen ein Lazareth. Vier Patres haben ihren 
aufenthalt in einem Haus gegen ihrem Kloster über und halten H. Mess 
im Kloster S. Leonard. 

In der St. Michaelskirche ist das Magazin, im Collegio die Backereij 
und mehreres. 

Die H. Mess für die Studenten und sonstige Gottes-Dienst wirt in 
S. Annae Kirch gehalten. Das wohnhauss und die schullen sind ganz ver- 
wüstet. 

Im Marien thal und S. Leonard siehts über die schranken wüste aus. 
Die Nonnen sind theils emigriret, theils in der Stadt logiret, in beiden 
Klöstern ist das Lazareth. 

Augustiner und Dominicaner haben von waserleij belastungen Vieles 
erlitten, Vieles, ausser denen Kirchen verdorben. Die Kranke haben in 
den Klösteren und die pferde in denen Kreuzgängen vielen unrath gemacht. 
Dreij Patres und Brüder sind im Prediger kloster geblieben, die übrigen 
sind emigriret und im Junius retournirt, so eben die geflüchtete Patres 
Augustiner. 

Die Patres Franciscaner haben wegen dem Lazareth mehr gelitten 
als die pp. kapuziner' bei jenen ist mehreres verwüstet, als bei diesen, 
in beiden klösteren waren mehrere denn die Hälfte emigrirt; sind auch 
beiderseits im junius zurückkommen. Ein merklicher Nebenschaden ist 
diesen beiden klöstern zugefügt worden: aus dem Hohen Altar deren 
pp. kapuzinern haben die franzosen gleich anfangs die schildereij, welche 
tausenden werth wäre, hinweggenommen und so eine schilderey aus der 
Kirche der pp. Franziskaneren ^ Diese beide kostbahrste stücke haben sie 
zusammen gerollet und auf Paris geschicket, ad quid perditio haec? 

Die übrigen Klöster haben ohne ausnähme ihre lastung, schaden und 
beschwärden ertragen, aber nicht so hart und drückend, als die vorge- 
melte; diese nach der Ordnung einzuführen, wäre gar zu weitschichtig. 

*) Das RcKulirherrcnkloster befand sich auf der heutigen Alexaiiderstrasse zwischeu 
Sandkaul- und Heinzenstrasse. Siehe Greving, Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 
Bd. XIII, S. l ff. 

•) Das Kloster der Karmeliter lag am linken Ufer des die Franzstrasse kreuzenden 
Ponellbaches,s. Wacker, Lebenund Wirkendes Aachener Geschichtsschreibers Ohr. Quix. S.6. 

*) Siehe Quix, historisch-topogr. Beschreibung der Stadt Aachen. S. 85 ff. 

*) Siehe Neu, Zur Geschichte des Franziskanerklosters etc. S. 120. 



— 48 — 

Aus dem Sept. 1794 bis Junius 1795 sint unzählbahre kranke und 
blessirte vast alltäglich hierdurch auf Aachen gefahren, auch viele zu fuss 
dahin gegangen, denn es waren in Aachen sieben Lazareten. 

Was unsäglich viele Truppen zu fuss und zu pferde, wägen, kuppel- 
pferde, pulver- wägen, bomben, feurschlünde und waserleij kriegserforder- 
nissen derzeit hier von Tag zu Tag auf und ab theils passiret, theils ein- 
quartiret gewesen, bin ich nicht bestand anzuführen. 

Ganze Heerden schaaf und hornvieh sint öfters und vielmals hierdurch 
bald auf Aachen, bald ins gülicher Land getrieben worden. Diese Re- 
quisition und lieferung continuiret noch immerfort. 

Am 4^^" Junius 1795 ist die festung Luxemburg durch kapitulation 
an die franzosen übergegangen; von der besatzung auf dem glacis incirca 
ad 12000 das Gewähr gestrecket. 

Im Junius et Julius passiren und pernoctiren allhier Viele ausge- 
wechselte Hessen und Kaiserliche, sagende ihre gefangenschaft seije ihnen 
in kummer und elend überaus sauer und hart gefallen. Man siehts an 
ihren gesichteren, kleijdungen etc. 

In festo S. Johannis Baptistae morgens gegen acht uhr käme hier ein 
ungeheuer grosser bei Burtscheid verfertigter, mit gelber Seide überzogener 
Luft-Ball, welcher wegen seiner grosse, runde, länge und breite zwischen 
der Pastorath und dem gegenüber Hause nicht konte durchbracht werden, 
dahero selbiger von sechszehn persohnen, deren jeder ihn mit seileren zogen, 
in die Höhe gelassen wurde so lang, bis er wiederum spatium fände, in 
der niedern fortbracht zu werden bis zum Rhein und zwar an vielen orten 
geradezu durchs feld nicht ohne geringe beschädigung deren lieben ge- 
segneten Früchten. 

1795 in Junio obiit Ludovicus Carolus, natus 1795 27"* Martii ex 
ulcere in poplite febri accedente, Filius unicus Regis 16*^ 

1795 den 17^*"" May hat Preussen mit der französischen Republik 
einen Neutralisations-Traktat geschlossen. 

Stetshin werden Heerden re(iuirirter Kühe, Rinder und schaafe ohne 
Zahl dahier vorbei getrieben, im Juli 6 Heerden Hornviehe in einer woclie 
quod videre summo est dolori, auch fahren hierdurch viele Pontons auf 
den Rhein zu. 

Den 22'®" Julius hat der König von Spanien mit der französischen 
Republique einen friedens-tractat geschlossen: alles kommt ad statum quo, 
ausser dem antheil der Insel st. Domingo, so der könig der republik ab- 
tritt und überlässt, also hat Spanien an dieser Insel in den Antillen kein 
theil mehr. 

Anfangs August sint die 7 im October 1794 aufm Hochmunster ab- 
gebrochene köstliche Pilaren auf 7 Wagen nach Paris gefahren worden, 
ah Coelites! 

Am 5 ad 6'*'" 7^'" ist der französische linke Flügel über den Rhein 
übergangen und hat am dito 6'®" general Championnet morgens in Dussel- 



- 49 — 

dorf sein Hauptquartier genommen. Der Uebergang wäre bei Urdingen, 
bei Eichelkamp und bey Neus. 

Sonach passirten hierdurch innerhalb 4 tagen zeit bei die 600 von 
den hartistgepressten fuhrleuten requirirte pferd von jenseit Aachen und 
dieser gegend auf den Rhein zu gegen Düsseldorf. 

Parochiam meam praeterire nequeo: 

Haec, civitati Aquensi proximior, est Lapis utrimque generalis et 
augularis primae ac universalis offensionis. 

Quaedam, meraoratu digna, et praeter cetera summopere dolenda com- 
raiseranter refero. 

Vom 23**" September 1794 ist meine Pfarr kein einzig Tag noch 
nacht von kriegslasten frei gewesen; bald sint hier ein nacht bald zwo 
nacht und einen auch zu Zeit mehrere Tage, jetz füsser, jetz füsser und 
reuther, wagenknechte, und waserleij beigehörige, dass zuweilen 20 ad 
25 in einem Hause zusammen sint, und sogar nun und dann die Armen 
nicht mögen frei bleiben. 

Die füsser haben öfter kein fleisch noch brod, dieses muss ihnen 
nebst sonstig unentgeldlich gegeben werden. Den reuthern und wagen- 
knechten fehlet es oft nebst vorigen zwei Theilen an fourage: allons heist 
es beigeschafft. Dies dauert so immerfort bis in den Julius 1795 und ist 
davon noch keine befrej^ung zu ersehen. 

Bey den requirirten Lieferungen ist Haaren, unangesehen deren Re- 
monstration und Suppliquen in keinem Theile verschönet worden: von an- 
beginn der Haupt-Central-Verwaltung in Aachen müssen 25 glafteren Holz 
wöchentlich von unser dreij Quartiren im Busch auf gßmeinds-kösten verfertiget 
und von den gemeinds-fuhrleuten zur statt erga Blictri gefahren werden. 

Haaren hat bis Juli 1795 würklich 41 theils Kühe, theils Rinder 
einliefern müssen, darzu von wenige schaafe, weilen wenige in der pfaiTe, 
also nur achtzehn Stücke gelieferet: iten im Juli achtzehn, also sechs und 
dreissig stücke aus nur 8 kleinen Heerden. 

Extremum Calamitatis est pluvia super pluviam in junio, julio. 

Anna (?) novercavit cuncta inundavit, domos, hortos, prata atque 
agros vastavit per fluviam, diluvium, numquam visum ab ullo hie viventium. 

Die Bach hat im Julio unten im Dorf, und so circa circum alles und 
alles überschwemmt bis zum vierten mul praesertim a 25** ad 27™*"* erat 
horrenda eluvies; repetita 2*** Augusti. 

Im October habe ich und alle ohne ausnähme schwere Kontribution 
per morgen quasi servis 12 gülden zahlen müssen. 

Aus unserm Busch werden täglich 18 Kahre brandholz nach aachen via 
forti gefoderet. nebst diesem sind aus dem hintersten Busch zu Dürwis 
200 Reichsthlr. Kontribution bezahlt, lieverungen werden immerfort er- 
zwungen, einquartirungen continuiren von Tag zu Tag ohnunterbrochen, 
Jammer und elend, rauben stehlen — führen allenthalben das rüder. 
abominanda libertas! 



— 50 — 

1796. 

Annus novus, nova miseria, ruinae novae! 

Aus dem vodersten sind Januar 500 Reichsthlr. Kontribution sub 
nomine eines gezwungenen Aolehens gefoderet und sonach in Aachen bezahlt 
worden ohn Nachlass einer busclien. 

Im februar hat Haaren (und andere Orten) 1400 pfund Kühe- und rind- 
fleisch in natura lieferen oder mit münz Tlieuer bezahlen müssen. Darzu wird 
das von dreien Jahren her nicht gefodertes Mehlgeld erpresset, dadurch 
alles gänzlich erschöpft und ausgemergelt wird, noch nicht genug: gewinn 
und gewerb muss ein merkliches kontribuiren auf dem land und in der 
statt, anbei einjeder in der statt von seinem Hauss und Häusern. 

Die Nadelfabrique florirte in vorig Jahr nicht, aber die Tuchfabrigs 
diese waren vast allenthalben ganz müssig: nun floriret einzig die Tücher- 
arbeit, nicht aber die nadelmacherei. 

Nicht wenige in meiner pfarr, wie auch anderwerts gehen bettelen, 
die vorhin das liebe Brod und noch was darzu zu geniessen hatten. O 
kummer, o noth! 

Regem Reginam detruncavere Tyranni 
Omnem Conventum par quoque poena premet. 

In einem sehr alten Buch zu Aachen, die Brüssler Chronik ^ genannt, 
stehet folgendes: 

Anno millesimo, bis ter Centeno, 

Ter quadraginta, et quinquageno. 

Bis ter, bis nono, finem tibi Gallia pono. 

Wan man wird schreiben die Zahl: 

Ein Tausend 1000 

Zwei mal dreihundert 600 

Drei mahl vierzig 120 

Einmal fünfzig 50 

Zweimahl drei und zweimahl neun 24 

1794 
wird Frankreichs Ende sein. 

Lary: Fary. 



Kleinere Mitteilung. 

Der Aachener Stadtbrand im Jahre 1656. 

In dem alten Haarener Kirchenbuche, welches die Nachweise über die vom 
Jahre 1649 bis zum Jahre 1722 in der dortigen Pfarre vorgekommenen Taufen, Kopulationen 
und Sterbe fillle enthält, befinden sich drei kurze Berichte über den grossen Stadtbrand 
in Aachen, die, wenn sie auch nichts wesentlich Neues bieten, doch aus mehrfachen 



') Ueber dieses Buch habe ich Näheres nicht erfahren küunen. 



— 51 — 

Gründen der Veröffentlichung wert zu sein scheinen. Dieselben rühren sämtlich von der 
Hand des Pfarrers Heinrich Brewer her, der am 14. Februar 1649 in der Nachbargemeinde 
Haaren in sein geistliches Amt eingeführt wurde. Derselbe stammt seinen eigenen Angaben 
gemäss aus „pauffendorp'*, also aus Puffendorf, einem Pfarrorte im Kreise Geilenkirchen, 
war eine Zeitlang Schulrektor und Kaplan in Walhorn und wurde in dem angegebenen Jahre 
Pfarrer in Haaren, wo er am 2. Juli 1679 gestorben ist. Der im 11. Jahrgang dieser 
Zeitschrift S. 12 und folgende erwähnte, als Geschichtsschreiber und Dichter rühmlichst 
bekannte Pfarrer Heinrich Brewer von St. Jakob in Aachen, dürfte wohl ein Neffe des 
Haarener Pfarrers gewesen sein, da er mit ihm gleichen Geburtsort, Vor- und Familien- 
namen teilte. Ob die beiden auch mit dem um dieselbe Zeit als Pfarrer von St. Peter 
in Aachen wirkenden Gerardus Brewer, den Planker* im Anschluss an Quix für einen 
geborenen Aachener hält, verwandt gewesen ist, steht nicht fest. Die Mitteilungen des 
Pfarrers Brewer von Haaren über den Stadtbrand in Aachen sind schon um deswillen 
interessant und bemerkenswert, weil er jedes Mal ausdrücklich hervorhebt, dass er mit 
eigenen Augen der verheerenden Feuersbrunst zugeschaut habe. Dieselben bestätigen 
bezüglich des Namens des Mannes, bei dem das Feuer ausgebrochen und bezüglich der 
Lage seines Hauses die Angaben jener andern gleichzeitigen Chronisten, die vermöge ihrer 
gesellschaftlichen Stellung und Bildung das meiste Vertrauen beanspruchen können. Was 
zunächst den Namen des Mannes anbelangt, in dessen Hause der Herd des Feuers zu 
suchen ist, so war derselbe bekanntlich in den Ratsprotokollen der freien Reichsstadt 
Aachen verzeichnet, ist aber nachher durchgestrichen worden. Ob dies geschehen ist, 
weil man andeuten wollte, dass der Name des Menschen, der mindestens durch Fahrlässig- 
keit so unsägliches Unglück über seine Vaterstadt und seine Mitbürger gebracht, nur 
wert sei ewiger Vergessenheit anheimzufallen, oder aber, weil man dadurch einen Unschuldigen 
vor Verdächtigungen der Nachwelt möglichst schützen wollte, möge dahin gestellt bleiben; 
genug, er ist in den amtlichen Schriftstücken nicht mehr vorhanden. Der zur Zeit des 
Brandes in dem unweit entfernten Dominikanerkloster lebende Laienbruder Abraham 
Erven* berichtet, dass der Mann „Peter Maw** geheissen habe. In einer handschriftUchen 
Aufzeichnung' eines Augenzeugen, die sich auf einem leeren Blatte eines Exemplars 
der Chronik von Noppius befindet, wird er ebenfalls „Maw" genannt. Und gleichfalls 
nach unserm Chronist Heinrich Brewer führte er den Zunamen „Maw". Demgegenüber 
können die Angaben des Meyer*, in seinen um 1751 erschienenen „Achensche Geschichten", 
dass er „Johann Mous" geheissen habe um so weniger in die Wagschale fallen, als 
denselben ohne Zweifel ein leicht erklärlicher Schreibfehler zu Grunde liegt. Die Nachrichten 
der Chronisten über die Lage des verhänguissvollen Hauses in der Jakobstrasse sind fast 
alle derart gehalten, dass mau zu der Annahme verleitet werden könnte, es hätten sich 
unterhalb der alten St. Jakobs pfarrkirche etwa an das Chor angebaut, noch ein oder 
mehrere Häuser befunden. Der Dominikanerbruder Abraham Erven lässt das betreffende 
Haus neben der Pfarrkirche St. Jakob, ein Franziskanerchronist '^ in der Nähe 
der Jakobskirche; eine Dürener Chronik des dortigen Annuntiatenordens * gegen St. 
Jakobs-pfarrkirche über nächst an der Jnnkers pforten, Heinrich Brewer an 
St. Jakobs kirchen,^8tracks unter der Kirche und prope templum sancti 
Jacobi gelegen sein. Allein wer die Lage der alten St. Jakobskirche noch aus eigener 
Anschauung gekannt, weiss, dass dieselbe von allen Seiten frei lag, vom Pfarrkirchhof 
umgeben war und für weitere Gebäulichkeiten in ihrer unmittelbaren Nähe keinen Raum 
übrig Hess. Es bleibt demnach nichts anderes übrig als die bezüglichen Ausdrücke der 
Chronisten etwas weiter aufzufassen und die von Rhoen beigebrachten Belege für die 

*) Aoii Aachens Vorzoit Jahrgang II, 8. 3B und 84. 
*) Qaix, Das ehemalige Dominikanerkloster etc. S. 39 ff. 
*) Rhoen, Der grosse Brand zn Aachen am 2. Mai 1656 S. 11. 
*) Meyer, Aohensche Geschichten etc. 8. 652. 
■) Neu Pra., Zar Geschichte des Franziskanerklosters etc. 8. 48. 

*) Schollen Frz., Zur Geschichte der Annuntiuten in Aa<'lien. Aus Aachens Vorzeit Jahr- 
gang yn, 8. 64. ^ 



— 52 — 

Annahme, dass die Feuersbrunst in dem der alten Pfarrkirche südöstlich gegenüber gelegenen 
Hause entstanden ist, dessen Stelle das heute mit der Nummer 141 bezeichnete Haus 
einnimmt, anzuerkennen. 

Die von Pfarrer Heinrich Brewer aus Haaren verfassten Berichte haben folgenden 
Wortlaut : 

I. Anno Christi 1656 den 2 tag Meij des morgens zwischen acht und 9 uhren ist 
in der statt Aach in St. Jakobsstrass an St. Jakobs Kirchen in eines Beckershaass 
ein brandt entstanden, welcher innerhalb 20 uhren mehr als derij tausend häusser hat 
eingeeschert auch das schone Munster, Rathauss viele Kirchen und closteren. Gott will 
sich unserer erbarmen Amen. Ego Henricns Brewer quartus pastor in Haaren incendium 
hoc praesens multis horis vidi qui et haec scripsi die 10 May. 

II. Anno Christi 1656 den 2 tag Maij in feste S. Athanasii juxta Breviarinm Rom. 
seu juxta Colon: Kaleudarium in feste S. Sigismundij ist die Statt Aach abgebrant, der 
aufang des feners ist gewest in St. Jakobstrass stracks unter der Kirchen in eines 
beckershauss des zunahmens Maw und hatt gewehret biss 4 uhren dess anderen Tags. 
Quod vidimus praesentes nostris oculis testamur. deus miserere nostri. 

Henricus Brewer von pauffendorp, pastor in Haren mp. 
ni. Anno 1656 die secunda May ipso feste sancti Athanasij mane intra horam 
octavam es nonam in urbe Aquensi in platea Sancti Jacobi prope templum sancti 
Jacobi in domo pistoris cujusdam exortum incendium, combussit spatium viginti horarum 
circiter tria milia domorum et amplius: damnum irreparabile est aliqui etiam homines 
combusti Inter extinguendam in cellis multa fuerunt adhuc conseniata. Dominus deus 
illuminet vultum suum super nos et misereatur nostri. Ego Henricus von pauffendorp 
pastor Harensis hoc: incendium praesens aspcxi. Et haec scripsi mp. 

Aachen. H. Schnock, 

Verlag der Cremersehen Bnehhandinng in Aachen, Kleinmarsehierstr. 3. 

Die Fabel von der Bestattung Karls des Grossen. 

Von TH. LINDNER. 

III. 82 S. gr. 8». Preis uK 1.60. 



Kunstdenkmale des Mittelalters im Gebiete der Maas vom Xil.-XVI. Jahrh. 

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Die Porträtdarstellungen Karls des Grossen. 

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Die ältere Topographie der Stadt Aachen. 

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Druck von HkRMVNK Kaatzek in Aachen. 



Jährlich S Nummern Kommisa ions- Verlag 

ik 1 Bogen Eoyal Oktav. **'" 

Cremer'scheu Buchliandliing 
Preis des Jahrgangs ,„ („,„ 

4 Hark. in Aachen. 

Mitteilimgen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins heraosgegeben von &. Sobnook. 



Xr. 4/8. Zehnter Jahr^an^. 



Inhalt: J. Fey, Zur Geschichte Aachener Maler des 19. Jahrhunderts. — K. Wacker, 
Hax von Schenkendorf am Bheio nnd in Aachen. — A. Bnmmea, Zur Geschichte des Ortes 
Schevenhütte im Landkreise Aachen. — Kleinere Mitteilungen: 1. Keiheofotge der Pfarrer 
in der Gemeinde Haaren bei Aachen. — 2. Sin Brief Ernst Horitz Arndts an den Maler 
Salm. — 3. Ein Agent in Aachener Diensten während des Pfälzischen Krieges. — 4. Löhnungs- 
liste der Soldaten der Beichsetadt Aachen vom 26. April 1657. — 5. Kosten eines Festessens 
im Jahre 1700. — Bericht über das Vereinsjahr 1897. — Verzeichnis der Mitglieder. 



Zur Geschichte Aachener Maier des 19. Jahrhunderts. 

Von J. Foy. 

Im Spätsommer 1837 fand in Aachen eine grosse Gemfllde-Aasatellung: 
zeitgenÖBßischer Meister statt. Mehr als 200 Bilder waren zur Besichtigung 
dargeboten ; die hervorragendsten Düsseldorfer Maler damaliger Zeit, HUbner, 
Lessing, Schirmer, Acheobach n. s. w. zählten zu den Ausstellern. 

„Wahre Freude muss es erregen", schrieben die hier erscheinenden 
Westlichen Blätter für Unterhaltung, Kunst, Litteratur und Leben*, „dass 
unter so ausgezeichneten Künstlern sich eine nicht geringe Anzahl von 
Aachnern befinden und zwar solche, die der Ausstellung Ehre machen. 
Die Gemälde von Rethel, namentlich seine Justiz, zeugen von einer hoch- 
poetischen Auffassung und von der grössten Fertigkeit in der Behandlung. 
Scheuren hat eine liübsche Flussansicht beigesteuert. Schmid hatte treff- 
liche Portraits geliefert. Von Thomas, Baätinä, Chauvin, Götting, Scheins, 
Venth ist vieles Gelungene da. Aachen ist demnach, 'nie man sieht, nicht 
am schliramsten bei dieser Ausstellung beteiligt, was ein Reiz mehr ist, 
ihr recht viele Teilnahme zu verschaffen. Im Ganzen ist des Schönen 
so viel versammelt, dass eine vierwöchige Anschauung nicht zu viel 
ist, um sich mit demselben genauer bekannt zu machen und alle Einzel- 

') Erster Jahrgang Nt. SS vom t. September 1637. 



— 54 — 

heiten gehörig zu sondern und zu einem recht reinen, bewussten Genüsse 
zu gelangen/ 

In der That wurde im laufenden Jahrhundert eine ganze Reihe hervor- 
ragender Maler in Aachen geboren. Neben diesen auch in den weitesten 
Kreisen bekannt gewordenen Meistern lebte und wirkte in unserer Vater- 
stadt auch eine grosse Anzahl von Künstlern, die, wenn ihren Namen und 
ihren Werken auch keine weite Verbreitung ausserhalb der Mauern Aachens 
zu teil wurde, dennoch Beachtungswertes geleistet haben. Ihr Angedenken 
der Nachwelt zu bewahren, Angaben über ihr Leben und die Art ihres 
Schaffens zu geben, dürfte daher an der Neige des Jahrhunderts um so 
mehr angebracht sein, als manche der Anzuführenden bescheidenen Sinnes 
wenig Sorge um ihre Verewigung getragen haben, und so die Gefahr 
droht, dass ihre Namen unverdienter Vergessenheit anheimfallen. 

Solchen Erwägungen verdanken die nachfolgenden Zeilen ihr Entstehen. 
Es ist in ihnen der Versuch gemacht, auf Grund zuverlässiger, zum Teil 
seit Jahren gesammelter Materialien Nachrichten zu geben über alle Maler 
und Zeichner unseres Jahrhunderts, welche entweder in Aachen geboren 
wurden, oder unsere Vaterstadt zum Sitze ihrer künstlerischen Thätigkeit 
gewählt haben. Dass hierbei auch die Mittelmässigkeit nicht übergangen 
werden durfte, braucht bei einer lokalgeschichtlichen Arbeit nicht gerecht- 
fertigt zu werden. Aus naheliegenden Gründen haben jedoch nur die Künstler 
Berücksichtigung gefunden, die nicht mehr unter den Lebenden weilen. Eine 
vollständige Aufzählung der Werke der behandelten Maler lag ausserhalb des 
Rahmens dieser Arbeit. Es sind jedoch namentlich bei weniger bekannten 
Meistern einige Arbeiten zur Kennzeichnung der Kunstrichtung, dann ferner 
diejenigen Bilder angegeben, welche sich soweit bekannt in öffentlichen Samm- 
lungen und Gebäulichkeiten befinden. Den Daten, welche auf Grund amtlicher 
Urkunden festgestellt werden konnten, ist der Vermerk „(off)" beigefügt. 

Der Verfasser ist davon überzeugt, dass seine Arbeit der Ergänzung 
nicht allein fähig ist, sondern derselben in jeder Hinsicht bedarf; alle dahin- 
gehenden Mitteilungen und Belehrungen wird er daher mit Dank annehmend 



An die Spitze der in Betracht kommenden Künstler gehört ein Maler, 
dessen Schaffen zum Teil noch dem vorigen Jahrhundert angehört und der als 
mundartlicher Dichter auch heute noch mit Ehren genannt wird. Es ist dies 

1. Johann Ferdinand Jansen. 

Jansen wurde am 3. April 1758 (off) in der Pfarrkirche seines Geburts- 
orts Weisweiler im Kreise Düren getaufte Nachdem er in seinem Heimatsorte 
den ersten Unterricht erhalten, siedelte er mit seinem Vater Heinrich Jansen 

>) AUen, die mich bei dieser Arbeit mit Rat und That unterstützt haben, sage ich 
auch an dieser SteUe herzlichsten Dank. 

') Da es katholische Sitte ist, die Kinder spätestens am dritten Tage nach der 
Geburt taufen zu lassen, werden der Geburts- und Tauftag nahe zusammenliegen. 



— So- 
nach Aachen über, wo er das Jesuiten-Gymnasium absolvirte und sich dann 
dem Berufe seines Vaters, der Malerei, widmete. In Aachen heiratete Jansen 
die daselbst geborene Theresia Pickenkamp, mit welcher er 25 Jahre in glück- 
licher Ehe lebte. Nach ihrem Tode lebte er noch 26 Jahre im Witwerstande 
und starb am 6. Januar 1834 (oflf). 

Jansen war Geschichts- und Landschaftsmaler. Insbesondere hat er 
vielfach nach damaliger Sitte ganze Zimmer mit Landschaften bemalt. Ich 
kenne auch vier von ihm im Jahre 1796 in Aquarell gemalte Ansichten von 
Aachen und Burtscheid. In unserem Liebfrauenmtinster renovirte er 1824 
und 1 825 die aus den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammen- 
den Bemardinischen Deckengemälde im Oktogon des Hochmünsters und 
malte selbständig in dem westlichen Gewölbe über dem Krönungsstuhl die 
Einweihung des Münsters durch Papst Leo III. im Jahre 805. In der 
unteren Ecke dieses Gemäldes hatte Jansen in bescheidener Weise sein 
eigenes Bild angebracht. Als in der ersten Hälfte der siebziger Jahre 
die ganze Innendekoration unseres Münsters „mit einer unheimlichen Gründ- 
lichkeit" vernichtet wurde, ohne dass man vorher auch nur Photographien 
der zerstörten Gemalte und Ornamente hätte anfertigen lassen, fand auch 
dieses Gemälde und damit das einzige Bildnis Jansens den Untergang^. 

Nach Franz Neu^ wäre auch das Gemälde im Franziskus-Altar der 
hiesigen Nikolauskirche, welches den hl. Franziskus in Verzückung, gestärkt 
von einem Engel, darstellt, von Jansen gemalt worden. Wie jedoch Alfred 
von Wolzogen^ und Ernst Förster* angeben, ist dieses Bild ein Werk von 
Aloys Cornelius, dem Vater Peters von Cornelius. 

Ferdinand Jansen war ein feingebildeter Mann, der, wie sein Enkel, 
der verstorbene Limburger Domkapitular Thissen, in einem 1871 in Aachen 
gehaltenen Vortrage rühmte, „unseren Aachener Dialekt zur Schriftsprache 
erhoben, ohne den in keiner angesehenen Aachener Familie ein Fest gefeiert 
wurde, ein echter Volksmann". Bei seinem Tode bekleidete er das Ehren- 
amt eines Kirchmeisters der Nikolauspfarre. 

Leider beherrschte Jansen den Aachener Dialekt nicht völlig; man 
merkt es seinen Gedichten an, dass ihr Verfasser kein geborener Aachener war, 
für mundartliche Studien haben dieselben daher so gut wie keinen Wert \ 



*) C. Rhoen, Jahrgang VIII, S. 122 dieser Zeitschrift. Wie mir die Kinder des Malers 
Billotte mitgeteilt haben, hat dieser Tor langen Jahren für einen hohen französischen 
Geistlichen, der hier im Bade weilte, Zeichnungen der Deckengemälde des Hochmünsters 
angefertigt. Wo dieselben sich befinden, falls sie noch existiren, ist unbekannt. 

^ Zur Geschichte des Franziskanerklosters ... in Aachen. Daselbst ISSl, S. 121. 

*) Peter von Cornelius. Berlin 1867, S. 7. 

*) Peter von Cornelius. Ein Gedenkbuch. Berlin 1874, Bd. I, S. 1. 

*) Sammlung verschiedener Gedichte in der Aachener Volkssprache zum Nutzen 
des hiesigen Armen Inatitutes herausgegeben von Ferd. Jansen, Maler. 2 Teile. 1815 
und 1821. — X. Brammertz, Poetische Muster-Sammlung aus unsern altern und neuern 
Dichtern in Aachener und hochdeutscher Mundart. 2. Heft, Aachen 1881, 3. Heft, daselbst 
1882. — H. Freimuth, Aachens Dichter und Prosaisten. Aachen 1882, ßd.I, S. 39 und 184. 



— 56 — 

In das 18. Jahrhundert zurück reicht auch noch das Wirken von 

2. Aegidius Johann Peter Joseph Schenren. 

Er war in Aachen am 27. März 1774 (off) geboren, verheiratete sich 
am 2. Oktober 1805 (off) mit Maria Magdalena Schavoir aus Aachen und 
starb daselbst am 7. Juni 1844 (off). Scheuren war Zeichenlehrer der 
höheren Töchterschule an St. Leonhard hierselbst und hat sein Andenken 
in Aachen durch eine Anzahl teils aquarellirter teils lithographisch ver- 
vielfältigter Veduten aus der Stadt und Umgegend gerettet. 

Eine von ihm im ersten Bande der „Rheinischen Flora** (Aachen 1825) 
wiederholt veröffentlichte Ankündigung hat mehrfaches Interesse und möge 
daher hier einen Platz finden. 

Im Vertrauen auf die Liebe der Bewohner Aachens für ihre Vaterstadt, wagt 
es Unterzeichneter zu unternehmen: Ansichten von den Hauptgebäuden der Stadt, 
in getreuen, sauber iUuminirten Lithographien, von welchen die Münster-Kirche 
schon fertig ist^, zu einem biUigen Subscriptions-Preis ; das Stück zu 18 Sgr., seinen 
Mitbürgern anzubieten: 1) Die Münsterkirche. 2) Das Rathhaus. 3) Das neue 
Schauspielhaus. 4) Der neue Mineralbrunnen. 5) Die Feierlichkeit der Monarchen 
am 18. Okt. 1818 vor St. Adalbertsthor. Vom Erfolge dieses Unternehmens wird 
es abhangen, ob die in jeder Hinsicht reitzenden Umgebungen der Stadt folgen 
werden. J. P. Scheuren, Maler, Franzstrasse Nro. 466. 

Scheuren war auch Portraitmaler. Ein von ihm 1810 gemaltes Bildnis 
des ersten Bischofs. von Aachen, Markus Antonius Berdolet (f 1809), be- 
findet sich in unserem Suermondt-Museum. Von Scheuren stammt auch die 
Zeichnung zu dem Bilde des Dichters Wilhelm Smets, welches dessen im 
Jahre 1824 hier erschienenen Gedichten als Titelbild beigegeben ist und 
nach dem Urteile von Leuten, die noch mit Smets verkehrt haben, trotz 
seiner frühen Entstehungszeit die Züge auch des gealterten Dichters besser 
wiedergibt, als das Relief auf dem Grabdenkmal und die hiemach ange- 
fertigten Zeichnungen, in denen Smets kaum zu erkennen sein soll. 



Während die beiden vorhergehenden Maler in ihrem stillen, bescheidenen 
Schaffen noch an die letzten Zeiten der alten Reichsstadt erinnern, tritt uns 

3. Johann Baptist Joseph Bastin6 

als Mann einer neuen Zeit und einer neuen Kunstrichtung entgegen, wie 
sie sich in Frankreich allerdings schon vor der gi'ossen Revolution, aber 
auch während derselben entwickelt hatte. 

Bastin6 war ein Brabanter und am 19. März 1783 zu Löwen geboren, 
wo sein Vater als Polizei-Kommissar angestellt war. Schon als Kind verriet 
er Anlagen zum Zeichnen. Der sonst muntere und rührige Knabe war 
ruhig und still geschäftig, wenn er Bleifeder und Papier zur Hand hatte. 

^) Ein Exemplar dieser Lithographie befindet sich dahier im Suermondt-MuseunL 



— 57 — 

Der Vater erkannte die Veranlagung des Sohnes und brachte ihn frühzeitig 
auf die von Gitz geleitete Löwener Akademie der schönen Künste, wo er 
sich bald durch Fleiss und Leistungen unter seinen Mitschülern auszeichnete. 
Im Jahre 1802 erhielt er den ersten Preis im Zeichnen nach Antiken und 
im folgenden Jahre den gleichen Preis im Zeichnen nach der Natur. 1804 
ging Bastin6 zu seiner weiteren Ausbildung nach Paris zu dem Maler 
David, der damals das ganze europäische Kunstleben beeinflusste. Zu 
seinen ausgezeichnetsten Mitschülern gehörten hier Gerard und Girodet, 
mit welchen er bis zu ihrem Lebensende in enger Freundschaft ver- 
bunden blieb. 

Nach der Rückkehr in sein Vaterland vermählte Bastin6 sich mit 
Theresia van Vlasselaer und zog 1811 nach Aachen, wo er eine Zeichen- 
schule gründete. Er hat hierdurch nicht wenig zur Wiederbelebung künst- 
lerischer Bestrebungen in unserer Vaterstadt beigetragen, in welcher in 
Folge fast zwanzigjähriger Kriegsunruhen das Kunstleben arg damiederlag. 
Sein Wirkungskreis erweiterte sich noch, als er 1815 die Stelle des Zeichen- 
lehrers am Gymnasium tibernahm, welche er bis zu seinem Lebensende 
bekleidet hat. Eine ganze Reihe Maler, auf welche wir noch zurückkommen 
müssen, so Götting, Billotte, Schieiden, Venth, Thomas, Chauvin und Kühnen 
verdanken Bastin6 die erste Anleitung für ihren Beruf. 

Insbesondere hat Bastin6 das grosse Verdienst, das hervorragende 
Talent Alfred Rethels, mit dessen Eltern er wohl befreundet war, entdeckt 
und dahin gewirkt zu haben, dass derselbe der Düsseldorfer Akademie 
anvertraut wurde ^ Wie Raczynski mitteilt, besass Bastin6 eines der ersten 
Werke Rethels, eine halbe Figur etwas unter Lebensgrösse, deren Stellung 
und Kopf an die Werke Salvator Rosas erinnerten. 

Bastinö starb in Aachen am 14. Januar 1844 (oflF). Der Verlust 
seiner älteren Tochter und seines Sohnes, eines talentvollen Malers, welche 
ihm in der Blüte der Jahre entrissen wurden, hatten in den letzten Lebens- 
jahren den Mut des sonst heiteren und lebensfrohen Mannes gebrochen. 
Er scheint sich auch mit Todesahnungen getragen zu haben. Zwei Tage 
vor seinem Hinscheiden zeichnete er drei Vorlegblätter, wovon das erste 
einen entblätterten Baum darstellte, unter welchem auf einer Ruhebank 
ein Reisebündel und ein Stab lagen. Auf dem zweiten Blatte befand sich 
ein Grabgewölbe mit zerstreuten Gebeinen. Das letzte Blatt stellte ein 
bemoostes Kreuz unter einem alten, morschen, entlaubten Baume dar*. 

Bastin6 war Geschichts- und Portraitmaler, in den letzten Lebens- 
jahren beschäftigte er sich auch mit der Landschaftsmalerei. Noch ein 
anderes Talent besass Bastin^: er war auch ein tüchtiger Modellirer und 
leistete als solcher nicht Unerhebliches. Sein Portrait ist erhalten auf 



^) Baczynski, Geschichte der neueren deutschen Kunst Bd. I, S. 191. Vgl. dazu 
Wolfgang Müller, Alfred Bethel S. 4. 

') Der für das Vorstehende benutzte Nekrolog von dem GymnasiaUehrer Dr. Joseph 
Müller in Nr. 21 der Stadt- Aachener-Zeitung vom 21. Januar 1844 liefert den Beweis, 



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eiüera Selbstbildnisse Billottes aus dessen jttngeren Jahren, wo er sich dar- 
gestellt hat mit einem offenen Skizzenbuche in der Hand, in welches 
Bastin^s Bildnis eingezeichnet ist. 

In unserem Suermondt-Museum befindet sich von Bastin6 ein grosses 
Ölgemälde: die Heimkehr des jungen Tobias (Saal IV, Nr. 329). Leider 
hängt dasselbe in einer dunkelen Ecke über einem Schrank, so dass von 
einer Besichtigung keine Eede sein kann. 

Das hiesige Alexianerkloster besitzt von Bastln^ das nach dem Leben 
gemalte Portrait des Kaisers Franz I. von Österreich, ein Geschenk des 
Dargestellten ^ Eine kleinere Landschaft und zwei kleine Ölskizzen zu 
Geschichtsbildern besitzen die Kinder des Malers Billotte hierselbst. 



In den Tagen der tiefsten Erniedrigung Deutschlands, als unsere 
alte Kaiserstadt französische Departementsstadt geworden war, ward in 
dem ebenfalls von den Franzosen besetzten Rom der deutsche Kunstgeist 
neu geboren. Das Neuaufleben der deutschen Malerei ist mit den Namen 
Cornelius und Overbeck unzertrennlich verbunden. Der erstere übernahm 
im Jahre 1821 die Leitung der Düsseldorfer Kunstakademie, die unter ihm 
und später, allerdings mit veränderter Richtung, unter Schadow zu frischem 
Leben erblüte. 

Der einzige Schüler des Cornelius, der in den Rahmen unserer Ab- 
handlung gehört, ist meines Wissens 

4. Johann Adam Eberle, 

geboren zu Aachen am 27. März 1804 (oflf), gestorben zu Rom am 15. April 
1832. Über ihn habe ich ausführlicher im 9. Jahrgange dieser Zeitschrift 
gehandelt, es mögen hier einige Nachträge Platz finden. 

Ernst Förster, Eberles Mitschüler bei Cornelius, schildert in anschau- 
licher Weise den Eindruck, den Eberles Persönlichkeit auf seine Dussel- 



welch hoher Achtung Bastinö sich bei dem Lehrkörper des Gymnasiums erfreute. Der 
Nekrolog schliesst mit den folgenden auf Bastin^s letzte Zeichnungen bezüglichen Strophen: 

Seine Bürde legt er nieder, 
Nieder legt er seinen Stab; 
Müde sind des Wandrers Glieder, 
und ihm öffnet sich ein Grab. 

Traurig sah sein Geist die Eichen 
Von dem Winterfrost entlaubt, 
Doch getrost auch jenes Zeichen, 
Das dem Tod die Macht geraubt. 

Ahnend schwang schon über Sterne 
Sich sein Geist ins Heimatland, 
Doch noch einmal führt' er gerne 
Ihm die kunstgeübte Hand. 

^) Qu ix, Hist.-topogr. Beschreibung der Stadt Aachen. Köln und Aachen 1829, S. 61. 



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dorfer Studieugenossen machte: „Unvergesslich ist mir der Augenblick, 
als wir unter den sogen, jungen Leuten' der Akademie zwei — ich möchte 
fast sagen — Knaben sahen, die durch ihre blosse Erscheinung wie durch 
ihr liebevolles Arbeiten einen unwiderstehlichen Zauber auf uns ausübten, 
und mit denen, wie sie unter sich innig verbunden waren, rasch eine ewige 
Freundschaft geschlossen war: Adam Eberle und Wilhelm Kaulbach. Der 
erstere, damals mit einer Darstellung der Grablegung Christi in lebens- 
grossen Figuren und hierauf mit einer kleineren vom Abschied des Tobias 
beschäftigt, ist nach kaum erfolgter Reife seines schönen und edlen Talentes 
in ein frühes Grab an der Pyramide des Cestius gelegt worden; der andere 
verfolgt noch immer seine glänzende Laufbahn, auf welcher er die höchsten 
Ehren neben dem Meister erlangt hat^** 

„Eberle**, schliesst Förster den diesem gewidmeten Abschnitt, „war 
ein köstlicher Mensch, der ursprünglich hinter einem frischen, unerschöpf- 
lichen Humor, stets bereitem Witz und immer heiterer Laune einen heiligen 
Ernst verbarg, der sich vornehmlich in seiner Kunstthätigkeit ablagerte. 
Liebevoll im Gemüt, rein in seinen Anschauungen war er treu und un- 
wandelbar in der Freundschaft und darum von Allen, die ihn kannten, 
fest ins Herz geschlossen*.** 

Das von Eberle in der Glypthotek nach Cornelius' Karton ausgeführte 
Freskogemälde stellt nach Wolzogen' die Geschichte des Oedipus und 
seiner Söhne dar. 



Cornelius hatte das Amt eines Direktors der Düsseldorfer Kunst- 
akademie zu Ostern 1825 niedergelegt und war nach München übergesiedelt. 
Bis zur Ankunft des zu seinem Nachfolger ernannten Malers W. von Schadow 
stand Professor Mosler der Akademie vor. Unter ihm wurde sie von 

6. Friedrich Thomas 

besucht. Thomas wurde am 7. März 1806 (off) in Aachen geboren. Sein 
Vater war Metzger, und für seinen Beruf war auch der Sohn bestimmt. 
Dieser aber hegte den heissen Wunsch ein Maler zu werden. So oft der 
Metzgerlehrling Waren austragen musste und dabei an dem „unter den 
Bogen** des Kurhauses befindlichen Laden des Kunsthändlers Buffa vorbei- 
kam, vergass er Kunden und Geschäft, um stundenlang die ausgelegten 
Stiche und Drucke zu besehen. Die Mutter sah nicht ungern die Neigung 
ihres Sohnes und sie setzte es durch, dass er die Zeichenschule Bastin6s 
besuchen durfte. 

1826 finden wir Thomas auf der Akademie in Düsseldorf. Er ver- 
wahrte aus diesem Jahre unter Glas und Eahmen eine Zeichnung seines 

') Geschichte der deutschen Kunst. Leipzig 1860, 5. Teil, S. 19. 
2) A. a. 0. S. 79. 
•) A. a, 0. S. 144. 



- 60 — 

Studiengenossen Sonderland, welche ein Picknick darstellt, an dem unter 
Anderen die Professoren Mosler, Wintergerst, Kolbe, Thelott und Schäfer 
mit ihren Damen, ferner ausser Thomas von Aachener Malern Jungblut 
und der damals bereits nach Düsseldorf verzogene, gleich zu erwähnende 
Götting teilnahmen. 

Von Düsseldorf ging Thomas nach Italien, wo er drei Jahre blieb 
und namentlich längere Zeit in Florenz und Eom verweilte. Die Zeit, in 
welche diese Studienreise fiel, lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Aus 
noch vorhandenen Resten seines Skizzenbuches geht hervor, dass Thomas 
sich am 30. Juli 1829 in Foligno und vom 1. bis 3. Oktober 1829 in 
Montefalco aufhielt. Das Fragment (36 Blätter) enthält ausser Zeichnungen 
nach Fiesole und Raphael (Gruppen aus der „Schule von Athen** und dem 
„Burgbrand**) u. s. w. auch landschaftliche und architektonische Skizzen 
aus Rom, Ariccia, Foligno und Montefalco, sowie Volkstypen aus Rom etc. 

Aus Italien hat Thomas ausser historischen und landschaftlichen Ge- 
mälden auch die Kopien der beiden Raphaelschen Bilder mitgebracht, 
welche sich jetzt in unserem Suermondt-Museum befinden, es sind dies die 
Madonnen del Granduca und della Sedia, beide zu Florenz im Palazzo 
Pitti befindlich. Das letztere Bild hat Thomas später noch wiederholt 
gemalt. 

Nach der Rückkehr aus Italien liess Thomas sich in Aachen nieder, 
wo er am 5. Mai 1832 mit Gertrud Körfer die Ehe schloss. Er hat dann 
in Aachen eine vielseitige Thätigkeit als Portraitist, Historienmaler und 
Landschafter entfaltet. Als Werke von ihm können hier noch erwähnt 
werden ein Portrait des Direktors Dr. Kribben im Konferenzzimmer der 
Oberrealschule und ein Bild des hl. Alfons im Redemptoristen-Kloster hier- 
selbst. Auch hat er die im Münsterchor befindlichen Apostelstatuen und 
das in der Mitte des Chores hängende doppelseitige Marienbild polychro- 
mirt. Thomas war auch als Nachfolger Scheurens 30 Jahre lang Zeichen- 
lehrer an der von Ursuli nerinnen geleiteten höheren Töchterschule von 
St. Leonhard in Aachen. 

Um ein Bild von seinem gesamten künstlerischen Wirken zu geben, 
muss noch angeführt werden, dass Thomas auch radirt hat. Mir sind von 
ihm die folgenden Radirungen bekannt. 

1. Portrait seines Vaters. 

2. Portrait des P. Hasslacher S. J. 

3. Portrait des Regierungs-Präsidenten von Reimann zu Aachen. 

4." Abbildung des im Münsterchore hängenden Muttergottesbildes 

(Vorderseite) ^ 
5. Der Heiland klopft um Einlass an (Oflfenb. Joh. 3, 20), ein in 

gleicher Weise auch von anderen Maleren behandelter Vorwurf. 

^) Diese Badirnng ist in Naglers Künstler-Lexikon (XYIII, S. 862) nach Weigels 
Kunstkatalog Nr. 14458 b angeführt als „Die unbefleckte Maria auf Wolken und der von 
der Schlange umstrickten Mondsichel '^. 



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6. Pieta (sehr kleines Bildchen). 

7. Das Pontthor in Aachen. 

8. Das Kloster St. Leonhard in Aachen. 

Von den beiden letzten Radirungen sind Exemplare in Saal II des 
Suermondt-Museums ausgestellt. 

Selbst Besitzer einer grossen Kupferstich-Sammlung galt Thomas auf 
diesem Gebiete als tüchtiger Kenner, dessen Rat von Kunstliebhabern häufig 
erbeten und immer gern erteilt wurde. 

Friedrich Thomas starb zu Aachen am 7. Juni 1879 (off). „Ein 
Mann ohne Falsch", schrieb sein vertrauter Freund, der Rektor Andreas 
Fey „lebte er schlicht und recht, treu seiner Familie, seiner Kunst und 
seinen vielen Freunden; — Feinde hatte er nicht." 



Schadow tibernahm die Leitung der Düsseldorfer Akademie im Herbste 
des Jahres 1826. Zu seinen ältesten Rheinischen Akademie-Schülern zählt 

6. Johann Peter GöttingS 

getauft zu Aachen am 9. August 1797 (oflF)? gestorben zu Düsseldorf am 
3. Oktober 1855 (off). In Aachen hatte er von Bastine Unterricht im 
Zeichnen und Malen und wahrscheinlich auch im Modelliren erhalten. Wenn 
Raczynski ^ und nach ihm wohl Nagler ' angeben, Götting habe seine ersten 
Künstlerversuche in der Bildhauerei gemacht, so ist diese Angabe nicht 
genau. Götting war ursprünglich seinem Hauptberufe nach Maler, wie er 
sich in der Urkunde über seine erste am 27. Oktober 1820 (off) zu Aachen 
stattgefundene Heirat nennt. Damals wohnte auch Götting noch in Aachen. 
Später in der am 22. Februar 1830 (off) in Düsseldorf gethätigten Urkunde 
über die Geburt seines Sohnes Gottfried hat er sich Bildhauer genannt. 
In dem bei Raczynski* abgedruckten Verzeichnisse der Schüler der Kunst- 
akademie im ersten Halbjahr 1834 ist Götting bei denjenigen aufgeführt, 
welche sich unter der unmittelbaren Leitung Schadows ausbildeten und 
zwar in der Gescliichtsmalerei. Er war Historienmaler religiöser Richtung, 
es ist daher fast selbstverständlich, dass wir ihn in dem Kreise finden, dem 
auch Deger, die Gebrüder Müller, Ittenbach und Andere mehr angehörten \ 
Götting hat in den beiden Kunstarten der Malerei und Bildhauerei wenn 
auch nicht Hervorragendes, so doch Erfreuliches geleistet. 

Sein erstes grosses Gemälde „Christus und Petrus wandeln auf dem 



*) Göttings aus AldeDhoven stammeuder Vater schrieb seinen Namen: Godding. 
«) A. a. 0. S. 194. 

^) Neues aUgemeines Künstler-Lexikon Bd. V, S. 259. Götting wird hier irrtümlich 
Johann Peter yon Goetting genannt. 
*) A. a. 0. S. 114. 
*) H. Finkc, Karl Müller, sein Leben und künstlerisches Schaffen. Köln 1896, S. 17. 



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Meere", mit welchem er 1834 die Berliner Kunstausstellung beschickte *, 
wurde vom Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen angekauft und 
erhielt seinen Platz in der St. Moritzkirche zu Halberstadt. „In demselben 
Jahre brachte Götting auch eine Veronika mit dem Schweisstuche zur 
Ausstellung, ebenfalls ein schönes Bild, wie das Obige in strengem Ernste 
und im grossen Kirchenstil behandelt. Im Jahre 1836 malte er den Abschied 
Mariens von der Leiche Christi*." 

* 

Die Ehre, vom vorgenannten Kunstverein erworben zu werden, ward 
auch dem Bilde „Der heilige Martinus als Bischof" zu teil, welches als 
Altargemälde in die Pfarrkirche zu Treis an der Mosel gestiftet wurde. 

Götting war dreimal verheiratet. Sein Sohn zweiter Ehe, Peter Hubert 
Gottfried, geboren zu Düsseldorf am 20. Februar 1830 (oflf), gestorben zu 
Aachen am 27. Mai 1879 (oflf), war ein tüchtiger Bildhauer, der Schöpfer 
der vielen das Äussere unserer Münsterkirche zierenden Statuen und anderer 
hervorragender Bildwerke in unserer Vaterstadt. 

An Götting lässt sich eine Reihe von Malern anschliessen, die eben- 
falls auf der Düsseldorfer Akademie zur Zeit des Direktors Schadow ihre 
künstlerische Ausbildung erhielten. 

7. J. Jnn^blnt. 

Über diesen Maler, der schon als Studiengenosse des Malers Thomas 
auf der Düsseldorfer Akademie in der Zeit vor Ankunft des Direktors 
Schadow angeführt wurde, berichtet Nagler^: „Jungblut J., Maler aus 
Aachen, der sich um 1828 zu Düsseldorf in Schadows Schule bildete. Er 
widmete sich dem historischen Fache und auch Bildnisse malt der Künstler.** 

Erwähnt finde ich Jungblut noch bei einer Aufzählung Düsseldorfer 
Künstler als Geschichtsmaler aus Aachen in dem Werke von C. A. Menzel 
„Die Kunstwerke vom Altertum bis auf die Gegenwart"*. Weitere An- 
gaben sind hier nicht mitgeteilt. 

Ich habe mich vergeblich bemüht, Geburts- und Sterbetag dieses 
Künstlers zu ermitteln. Er kann vielleicht mit dem am 28. Oktober 1801 
(6. Brumaire X) in Aachen geborenen Peter Cornel Joseph Jungbluth (Sohn 
des Knopfmachers Franz Joseph Jun