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Jessie C. Porter 

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IM AUFTRAG DES VORSTANDES HEEAUSGEaEBEN 



Ol- KARL WIETH. 



ZWEITER JAHRGANG. 



AACHEN. 

K0BiIISSIONS-VEIU.A9 DEB Cbemee'sCHEN BuCHHA»SLI7110 (C. CaZIN). 

1889. 



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INHÄLT. 



Seite 

1. Der angebliche Aachener Stadtbrand 1146. Von R. Pick 1 

2. Die Aachener Stadtpläne. Von C. Rhoen (Mit Abbildung) .... 4 

3. Ein in Aachen entstandenes Schauspiel und Siegeslied zur Befreiung 
Wiens von den Türken im September 1683. Von E. Pauls. . . . 10 

4. Kleinere Mittheilungen: 

1. Zur Biographie des Pfarrers Heinrich Brewer. Von R. Pick . 12 

2. Domgraf und Schuz. VonW. Weitz 14 

3. Das Grundhaus bei Aachen. Von R. Pick 15 

5. Fragen 16 

6. Vereinsangelegenheiten 16 

7. Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. Von S. Planker 17 

8. Zur Granussage. Von E. Pauls 21 

9. Die Aachener Stadtpläne. Von C. Rhoen (Schluss) 26 

10. Kleinere Mittheilungen: 

1. Eine Aachener Silbermttnze von 1419. Von R. Pick 81 

2. DieBruderschaft der WoUenweber-Gesellen in Aachen. Von R.Pick 32 

11. Fragen 32 

12. Antworten 32 

13. Vereinsangelegenheiten 32 

14. Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. Von S. Planker (Fortsetzung) 33 

15. Zur Erklärung des Namens Marschierstrasse. Von K. Wieth . . . 37 

16. Kleinere Mittheilungen: 

1. Die Retheischen Fresken im Rathhaussaale zu Aachen. Von 

A. Curtius 43 

2. Heinrich Copzoo. Von R. Pick 44 

3. Eine Bescheinigung des Vorstandes der Aachener Bäckerzunft 1647. 
Von E. Pauls 44 

17. Fragen 45 

18. Antworten 46 

19. Chronik des Vereins 1888 47 

20. Bttcheranzeige 48 

21. Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. Von S. Planker (Schluss) . . 49 

22. Der Luftschiffer Franz Blanchard zu Aachen im Jahre 1 786. Von E. P au 1 s 53 

23. Kleinere Mittheilungen: 

1. Der erste Buchdrucker in Aachen. Von B. M. Lersch. . . . 61 

2. Meteorstein oder Hagelstein? Von B. M. Lersch 61 

3. Aachener Tuch. Von B. M. Lersch 61 

4. Karl der Grosse im Bade. Von B. M. Lersch 61 

5. Eine Aachener Wachtordnung aus dem Jahre 1 759. Von H. Schnock 61 

24. Fragen 62 

25. Antworten 62 

26. Vereinsangolegenheiten 64 

27. Bücheranzeige 64 



Seite 

28. Aquisgrani? Von B. M. Lorsch 66 

29. Ein Aachener Schaldrama des 18. Jahrhunderts. Von E. Pauls . . 75 

30. Kleinere Mittheilungen: 

1. Nachgrabungen in Comellmünster nach dem Grabe des heiligen^ 
Benedikt yon Aniane. Von H. Schnock 77 

2. Der Vogelfang bei Maxen, den 20. und 21. Novembris 1759. Von 

K. Wieth 80 

81. Vereinsangelegenheiten 80 

82. Zur Baugeschichte des Grashauses. Von C. Bhoen. . > , . . . 81 

83. Zur Geschichte der Aachener Patrizierhäuser. Von C. W. Menghius 89 

84. Kleinere Mittheilungen: 

1. Kompreise in Aachen in den Jahren 1560—1628 und 1708—1718. 
Von C. Böhmer 91 

2. Ausgrabungen auf dem Stephanshofe, der Prinzenhofkaseme und 

in der Komeliusstrasse. Von K. Wieth (Mit Skizze) .... 94 

85. Vereinsangelegenheiten 96 

86. Namen in Aachen. Von H. Kelleter 97 

37. Verhaltungsmassregeln in Pestzeiten. Von C. Böhmer 108 

38. Fragen 112 

39. Das Landschiff von Comelimünster im Jahre 1138. Von K. Wieth . 113 

40. Kleinere Mittheilungen: 

Der Rodensteiner. Von K. Wieth 123 

41. Verzeichniss der Vereinsmitglieder 124 






Vereinsangelegenheiten. 

1. Generalversammliing am Mittwoch den 9. Oktober 1889, 
Abends 7^2 Uhr> im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse). 
Tagesordnung : Jahresbericht. Vorträge : Aachens Thermen. 
Beitrag zur Glockenkunde Aachens. Zur Erklärung des Namens 
Lousberg. Miscellen. 

2. Monatsversammlang am Mittwoch den 6. November 1889, 
Abends 7^« Uhr, im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse). 

3. Monatsversammlang am Mittwoch den 11. Dezember 1889, 
Abends 7^2 Uhr, im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse). 



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)* 

JSbrlich 8 Numnicni KominiasionB -Verlag 

i\ 1 Ttogcu Royal Oktiiv. ^*"' 

('rciiier'HcljeiiBnclihniKlIiiiig 
Preis des JahrRatitrs ,j. |;„i„ 

4 Hiirk. in Ancken. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Anftrnge ili's Vereins heran Bgegebeii voii Dp. E. Wleth. 

Np. 1. Zweiter Jahrgang. 1888. 



Iniinlt: R. Pick, Der auKebliebc Aachener Stadtbrand 1146. — C, Rbwn, Die Äacbuner 
}<tadtplj[ne. — E. Paul», Eiti in Aacbco cutätaiidenes Schauspiel iini] Siegealied zur Feier 
iltr BufruiunK Wien^ von den Türken im Seiitumber läSS. — Kluiucrc Mittheilungen: Zur 
Biographie des Pfurrers Heinrich Brewer. — Domgraf und Schiiz. - Das Gruiidhaus bei 
Aachen. - Fragen. — Vercinsangelegenheitcn. 



Der angebliche Aachener Stadtbrand 1146. 

Von R. Pick. 

In den lokalgcschiclitlichen Schriften über Aachen begegnet man viel- 
fach der Angabe, dass im .Tahre IHG ein grosser Brand, der erste uns 
bekannt«, die Stadt verwüstet liabe, ja es wird sogar behauptet, dass 
Aachen bei diesem Brande fast völlig zerstört worden sei '. Mau stützt 
sicli hierbei, soweit ttborhaiipt auf eine Sltere Quelle Bezug genommen 
wird, auf die wahrscheinlich von Geistlichen des Marienstifts nieder- 
geschriebenen Aachener Annalen (Annales Aijuenses), die allerdings zum 
Jahre 1146 vou einer auch anderwärts- bezeugten Hungei'snoth und zugleich 
von einem Brande in Aachen berichten, von Ictztenu mit den knaiipen 



') Vgl. Meyer, Aachenschc Oesdiichten I, S. 249; U. P. Bock, Goscbiditlidie 
Darstellung des Aachener Rathhauses S. 79 ff.; Hangen, Gesubichte Ächens I, S. 122; 
Kessel und Ehoen in der Zeitschrift des Aachener Geschichtavercins III, 8. 75; Bbocn, 
Zur Aachener Befestigungsfrage S. 18. — Der Ktteste Geaehichtdchreiher Aachens, 
P. a Beeck (Aqui.tgrauum p. 115), sehliesst sich eng dii die Äaclieucr Annalen au: irre- 
uuperabili qnoque cladu iguis ihidein conflagrauit (nucli liat das Feuer daselbst unerüctx- 
lichen Schaden gcthan). 

') Vgl. z. B. Aniittles Branwilareiises mm Jahre I US bei Böhmer, Fimtes lU, 
p. 367; Aonales Rodenses bei ErnHt-Lavalleye, Hisluire du Liniliourg VIT, p. m. Die 
Chronica regia Coloniensis (besondere Ausgabe aus den Mein, flenn.) p. H2 setzt die 
ilaugeranoth ins Jahr 1147. 



Worten: „Aqiiis irrecuperabiliter concreniatum est." So lautet die Stelle 
in dem neuesten, von G. Waitz besorgten Abdruck der Annalen \ während 
sich in den frühern Ausgaben derselben^ zwischen Aquis und irrecupera- 
biliter noch das Wörtchen (hie) eingeschoben findet. 

Man kann nicht gerade sagen, dass der Sinn der Stelle auch ohne 
das völlig unverständliche hic^ ein besonders klarer sei, dass es sich aber 
hier nicht um einen grössern Stadtbrand handelt, dürfte doch aus den 
Worten selbst und mit mehr Gewissheit noch, wie mir scheint, aus ander- 
weitigen Nachrichten zu erweisen sein. 

Unterzieht man zunächst den Wortlaut einer kritischen Prüfung, so 
kann es nicht zweifelhaft sein, dass Aquis hier nicht als Nominativ, sondeni 
als Ablativ von Aquae gebraucht ist, also deutscli „zu Aachen" heisst. 
Hierfür spricht einmal die sächliche Form des Zeitworts, concrematum est, 
welche sich sonst in den Annalen nur bei unflektirbaren Namen kleiner 
Festen wie Lemborch (Limburg), Hemesberch (Hei«f>berg) u. s. w. ange- 
wandt findet, während bedeutendere Orte wie Köln, Jerusalem und 
andere in regelrechter Weise weiblich benannt sind, dann aber auch 
der Umstand, dass der lateinische Name für Aachen, mag nun Aquae 
oder Aquisgranum gewählt sein, in den Annalen stets flektirt wird 
und in richtiger grammatischer Anwendung vorkommt. So lieisst es, 
um nur zwei Beispiele anzuführen, zum Jahre 1107: Godefridus, dux 
Lovaniensis, Aquas invasit et ducem Heinricum expulit (Gottfried, Herzog 
von Löwen, drang in Aachen ein und vertrieb den Herzog Heinrich); 
zum Jahre 11 63: Domus milituni destructe sunt Aquis iussu imperatoris 
Friderici, quia leserant canonicos sancte Marie Amelium et Lambertum 
Curcum (Die Häuser der Ritter wurden zu Aaclien auf Befehl des Kaisers 
Friedrich zerstört*, weil sie die Kanonichen des Marienstifts Amelius und 
Lambert Curcus verwundet Iiatten). Ist aber Aquis die Ablativform, so 
kann das Zeitwort concrematum est nicht anders als unpersönlich auf- 
gefasst und deutsch durch „es hat gebrannt" übersetzt werden, man müsste 
denn annehmen, dass der Text der fraglichen Stelle verstümmelt und das 
Subjekt, etwa palatium oder ein sonstiges Neutrum, von dem Abschreiber 
übersehen worden sei, was zwar möglich, aber nicht gerade wahrscheinlich 
ist. Der unpersönliclie Gebrauch des Wortes concremare oder des gleich- 



') Mon. Germ. SS. XXIV, p. 37. 

2) Quix, Codex dipl. Aquensis no. 100, p. 71; Böhmer 1. c. III, p. 393; Erust- 
Lavallcye 1. c. VI, p. 79. 

») Vgl. Böhmer l. c. III, p. LIX, wo auch über den Mangel an „Sinn für die 
Wissenschaft und Verständniss derselben" in Aachen sehr beherzigcnswerthc Worte zu 
lesen sind. In dem frühem Abdruck der Annalen, Mon. Germ. SS. XVI, p. 686, vermuthet 
Pertz in dem (hie) bei Quix und Ernst-Lavalleye einen Druckfehler für (sie); die neue 
auf Grund der inzwischen wiederaufgefundenen Handschrift des 13. Jahrhunderts ver- 
anstaltete Ausgabe (s. Anm. 1) bemerkt darüber: „hie" inseruit apographura Ernstii; sed 
eiusmodi nihil codex. 

*) Die Zerstörung eines Hauses als Strafe findet sich im Mittelalter öfters, v^l. 
Quix 1. c. no. 209, p. 138; Loerseh, Achener Rechtsdenkmäler S. 37; Böhmer, Acta 
imperii selocta no. 140, p. 138. 



— a — 

bedeutenden comburere ist der mittelalterlichen Schreibweise nicht fremd. 
Tn der Ausgaberechnung der Stadt Aachen von 1376/77 findet sich z. B.: 
Item portantibus amarura, quando coniburebatur in Kurtscheil, 8V2 n^- * 
(Ferner den Ahmträgern, als es in der Strasse Queue de chaine brannte, 
8V2 Mark). 

Wird demnach in den Annalen berichtet, dass es 1146 in Aachen 
gebrannt habe, so zeigt das beigefügte irrecuperabiliter, unwiedererlangbar, 
dass von dieser Feuersbrunst nicht sowohl eine grössere Zahl von durch- 
gängig wohl aus Lehm und Fachwerk errichteten Wohngebäuden, die sicli 
wahrlich alle ersetzen Hessen, als vielmehr ein hervorragendes Bauwerk 
betroffen wurde, das nach seiner Zerstörung durch Brand in der frühern 
Weise nicht wiederherzustellen war. Was für ein Gebäude es war, lässt 
sich bei dem Mangel jeder weitern Nachricht mit Zuverlässigkeit nicht 
bestimmen. Man könnte an einen Theil der Pfalz oder der Pfalzkapelle 
oder auch beider denken, und in der That hat die lokale Forschung 
angenommen, dass es vornehmlich die nach Westen hin gelegenen Theile 
der Pfalz und das Münster waren, welche 1146 von dem Brandunglück 
heimgesucht wurden, freilich ohne überzeugende Gründe dafür, namentlich 
in Bezug auf das letztere Gebäude, beizubringen. Professor Bock, der 
Urheber dieser Meinung, gibt zugleich der Veimuthung Raum, der Brand 
habe in dem sich westlich an die Pfalz anschliessenden vicus seinen Anfang 
genommen und sich von dort auf die karolingischen Baudenkmale, die Pfalz 
und Pfalzkapelle, fortgepflanzt^, eine Vermuthung, die aus den Worten der 
Annalen nicht im Geringsten zu begründen ist. 

Aber noch ein weiteres gewichtiges Zeugniss steht der Annahme, 
dass im Jahre 1146 eine grössere Feuersbrunst die Stadt Aachen verheert 
habe, entgegen. Bekanntlich besuchte Anfangs 1147 der h. Bernhard auf 
seiner Rückreise von Speier nach Clairvaux die uiederrheinischen Lande. 
Von Köln, wo er am 9. Januar eintraf, kam er über Brauweiler und Jülich, 
wo er sich am 15. Januar aufhielt und mehrere Blinde heilte, nach Aachen^. 
Ueber die ganze Reise, speziell über Bernhards Anwesenheit in der Krönungs- 
stadt, gibt namentlich das Tagebuch, welches die Begleiter des gewaltigen 
Mannes, die Mönche Gerhard, Eberliard und Gaufried, sowie die Aebte 
Theoderich I. von ('amp und Eberwin von Steinfeld, führten, ziemlich genaue 
Nachricht. Und was wird hier berichtet? Gaufried erzählt: „Als der 
Mann Gottes in der Pfalzkapelle (in illa famosissima toto Romanorum orbe 



*) Laurent, Aachener Stadtrechnungen S. 256, Z. 11, wo aber, wie au zahlreichen 
andern Stehen, fiir das in der Vorlage abgekürzte quando irrig quum gedruckt ist. 

«) Vgl, C. P. Bock a. a. 0. S. 80. 

^) Merkwürdigerweise lassen einzelne hiesige Lokalforscher den h. Bernhard erst 
nach der Krönung Heinrichs, des Sohnes Kourads III., die am 30. März 1147 stattfand, 
iu Aachen erscheinen; vgl. Meyer, Aachenschc Geschichten I, S. 249; Quix, Geschichte 
der Stadt Aachen I, S. 63; A. von Reuraont, Aachener Lioderchronik S. 192. Seine 
Ankunft hierselbst wird am 15. oder 16. Januar 1147 erfolgt sein. Vgl. Annalen des bist. 
Vereins f. d. Niederrhein XVII, S. 143 f. (wo offenbar MOXLIII für MCXLVII verdruckt 
ist) und XX, S. 272. 



— 4 — 

capella) die h. Messe feierte, wurde ein Blinder und ein Lahmer geheilt, 
die Krücken hing man sofort zum Andenken auf." Gerhard bemerkt: 
„Nie auf der ganzen Reise ist Benihard so gedrückt und gedrängt worden, 
wie in jener Kapelle, denn der Ort war sehr enge und die Schaaren des 
Volkes drängten einander, wie im Meere die eine Woge die andere fort- 
wälzt/ Eberhard endlich schreibt: „Aachen ist ein hochberühmter und 
selu* angenehmer Ort (celeberrimus et amoenissiraus locus), jedoch angenehmer 
für die Sinne als für das Seelenheil (accomodatior corporura voluptati quam 
animarum saluti), das Wohlleben der Thoren gereicht ihnen zum Unter- 
gang, und wehe dem Hause, wo keine Zucht herrscht. Ich sage dies 
nicht aus Hass, sondern möchte nur Einer dies lesen, der es bessert, und 
gebe Gott, dass sich doch Einige von ihnen bekehren und lebend" Ins- 
besondere die letztere Aufzeichnung kommt für die Beurtheilung der Aus- 
dehnung des Brandes im Jahre 1146 in Betracht. Hätte der Mönch 
Eberhard, so darf man hier wohl fragen, Aachen so, wie er es thut, schildern 
können, wenn die Stadt kurz vorher vom Brand fast völlig zerstört worden 
und der Schutthaufen, wie es unter diesen Umständen nothwendig der 
Fall gewesen wäre, wenigstens zum Theil noch vor den Augen des 
Schreibenden da gelegen hätte? Sicherlich nicht. Würde aber auch, so 
muss man weiter fragen, der fronmie Mönch, den das unkirchliche Treiben 
der Aachener so tief ergriff, nicht in jedem Falle auf den kaum übcr- 
standenen Stadtbrand als ein Strafgericht Gottes hingewiesen haben, wenn 
ein solcher wirklich sich im Jahre vorher ereignet hätte? Ein kleinerer 
Brand, etwa der Pfalz, konnte ihm dazu keinen Anlass geben, um so 
weniger, als letztere nicht den Bewohnern der Stadt gehörte, sondern 
Eigenthum des Kaisers war. Das gänzliche Schweigen aber über den 
angeblichen Stadtbrand und die Scliilderung des üppigen Lebens in dem 
„überaus angenehmen Orte" scheinen mir im Zusammenhang mit der obigen 
Deutung der Worte der Annalen ein unumstössliches Zeugniss dafür abzu- 
legen, dass die Verwüstung oder gar fast völlige Zerstörung der Stadt 
durch Brand im Jahre 1146 nichts anders als ein Phantasiegebilde 
unkritischer Forschung ist. 



Die Aachener Stadtpläne. 

Von C. Rhoen. 

(Mit Abbildung.) 

Bis zum 16. Jahrhundert entbehrten die Reisebesclireibungen eines 
Reizes, ohne den wir sie uns heute kaum denken können, nämlich der 
bildlichen Darstellungen. Daher tragen auch die Schriften älterer Reise- 
beschreiber, wie des Marco Polo, des Ritters von Harff, des Johannes 
von Maundeville u. A. zum Theil den Charakter des Unbestimmten und 
Dunkeln, zuweilen des Phantastischen, da ihnen die Grundlage dei* 



') Vj^l. Annalen des bist. Vereins f. d. Niederrbein XLI, S. 154 flP. 



ca 



/ 

— 5 — 

Beschreibung-, die bildliche Darstellung-, fehlt. Als jedoch durch die 
Erfindung der Kupferstecherkunst die Möglichkeit gegeben war, solche 
Darstellungen zu vervielfältigen, erhielt die Literatur der Länder- und 
Völkerkunde durch den altern Holzschnitt bald einen rasclien Aufschwung. 
Es entstanden nicht bloss Beschreibungen entfernter Gegenden, sondern 
auch der Länder, Städte und Sehenswürdigkeiten unseres Erdtheils. 
Insbesondere boten die Städte einen günstigen Gegenstand sowohl für 
die Beschreibung als auch die bildliche Darstellung, und so entstanden 
bald die sog. Städtebücher, oft wahre Prachtwerke, geschmückt mit herr- 
lichen Initialen und Tafeln, welche vielfach von den besten Meistern der 
Kupferstecherkunst ausgeführt waren. Zu den Erstlingswerken dieser Art 
in Deutschland dürfte wohl das von Bruin (Braun) und Hogenberg zu zählen 
sein, welches zuerst im J. 1572 in Köln herausgegeben wurde. Schon 
früher, im J. 1544, war die erste Originalausgabe der Cosmographey 
von wSebastian Münster, jedoch ohne Holzschnitte und Illustrationen, 
erschienen, welcher ersten Ausgabe im J. 1550 andere mit Plänen 
folgten. Im 17. Jahrhundert, etwa von 1640 bis 1678, gab Merian sein 
grosses Werk in 31 Foliobänden und (xuicciardini das seinige lieraus. 
Andere kleinere Werke dieser Art wollen wir nicht erwähnen. 

Die diesen Beschreibungen beigefügten Ansichten sind in der sog. 
Kavalier- oder Vogelperspektive ausgeführt, einer Darstellung, die nicht 
bloss den Plan der Städte, sondern auch die Ansicht ihrer Gebäulichkeiten 
zeigt. Das gilt auch von den Plänen der Stadt Aachen, die in alle 
diese Werke aufgenommen sind. 

Der älteste mir bekannte Plan von Aaclien bestand wahrscheinlich 
aus 14 Blättern von je etwa 282 mm Breite und 348 mm Höhe, 
deren jedes einen Tlieil der Stadt darstellte. Unter jedem Blatt war in 
flacher, kräftiger Schrift der betreffende Stadttheil bezeichnet. Die Auf- 
nahme hatte von der Ostseite aus stattgefunden, und das Kölnthor zeigte 
sich in vorderster Reihe. Von diesem äusserst selten gewordenen Plan 
besitzt die Aachener Stadtbibliothek nur 4 Blätter, die augenblicklich in 
zwei Rahmen unter Glas eingefasst sind. Auf einem Blatt steht in dem 
grossen Bogen vom Wasserthurm in der Nähe der St. Adalbertskirche 
die Jahreszahl der Anfertigung des Plans 1566. Die Technik ist 
manierirt; die Striche in den Dachflächen laufen rund und bilden Kreis- 
theile, die Blätter der Bäume und des Strauchwerks tragen eine gewisse 
Oberflächlichkeit zur Schau. Die sämmtlichen Blätter des Plans werden 
wohl von einer und derselben Hand ausgeführt worden sein; es ist dies 
wenigstens bei den 4 vorhandenen der Fall. Der Name des Künstlers 
ist jedoch nicht bekannt. 

Der dem Werke „Civitates orbis terrarum" von Bruin und Hogen- 
berg beigefügte Plan der Stadt Aachen vom J. 1572 ist augenscheinlich 
eine verkleinerte Reproduktion der zusammengestellten 14 Blätter dieses 
ersten Plans der Stadt. Durch die Zusammenstellung derselben und 
zwar in einer Grösse von 363 mm Breite und 295 mm Höhe gewinnt 
man eine leichtere Uebersicht über die Gesammtheit der Blätter des 



- 6 — 

ersten Plans, und die vielen in denselben befindliclien Verzeichnungen 
fallen daher um so raelir ins Auge. Diese Verzeichnungen sind derart 
gross, dass, wenn nicht die öffentlichen Gebäude — die übrigens mit 
grosser Treue und Feinheit wiedergegeben sind — die Stadt erkennen 
Hessen, dies aus der Lage der Strassen völlig unmöglich wäre. Aber 
auch die Lage der öffentlichen Gebäude ist eine unrichtige. Eatlihaus, 
Münster und Foilanskirche sind so gestellt, als ob alle drei in der verlängerten 
Längsaxe ständen und ihre Langseiten statt nach Norden und Süden, 
vielmehr nach Osten und Westen gerichtet wären. Aehnlich verhält es 
sich auch mit den andern Kirchen. Durchaus fehlerhaft ist ferner die 
Lage des sog. langen Thurms wiedergegeben, welcher noch weit über 
das Jakobsthor nach Westen hinaus vorzurücken scheint. Auch das Bos- 
thor schiebt sich zu weit nach Süden vor die Rundung der Stadtmauer 
hinaus. Als Darstellung der Stadt hat dieser Plan keinen Werth, dagegen 
verdienen die eingezeichneten öffentlichen Gebäude wegen ihrer Genauigkeit 
Beachtung. 

Als heraldische Beigabe zeigt der Plan in Wappenschildern oben 
rechts den einfachen Adler als Wappen der Stadt und oben links Oester- 
reichs Doppeladler mit einem Schildchen auf der Brust als Wappen des 
Reichs. Mitten zwischen den beiden Adlern steht in Majuskeln das Wort 
„Aich**. In der untern linken Ecke befindet sich die Andeutung „Cum 
Privilegio**, und am Fusse des Plans ein Bild in den Trachten der damaligen 
Zeit, einen Mann und zwei Frauen darstellend, von denen die eine dem 
Beschauer den Rücken zuwendet. In der imtern rechten Ecke stellt in 
einem mit Renaissanceverzierungen umrahmten Tableau die Inschrift : 
„Aqvisgranvm, vrbs praeclarissima primvm inter qvatvor imperii civitates 
locvm obtinet." 

Von diesem Plan sind, soviel ich weiss, drei Ausgaben, zwei 
lateinische und eine deutsche, erschienen, die erste im J. 1572 in dem 
obengenannten Werke von Bruin und Hogenberg: „Civitates orbis terrarum.*' 
Der Text, welcher in Majuskeln die Ueberschrift „Aquisgranum" trägt, 
beginnt mit den Worten in Typendruck: „Aqvisgranvm, vrbs Imperialis in 
Menapiorum finibus", und endigt: „cum inter se, tum a suburbanis nonnihil 
discrepant.** 

In der Cosmographey von Sebastian Münster* ist eine reduzirte 
Kopie dieses Stadtplans wiedergegeben. Dieselbe ist in Holzschnitt aus- 
geführt, misst 155 mm in der Höhe und weist sämmtliche Fehler und 
Verzeichnungen des Originals auf. Um auf die Blätter des Werks die 
Darstellung der Stadt in möglichst grossem Massstab bringen zu können, 
ist die äussere Befestigungsmauer fast dicht bis an den aus einer einfachen 
Linie bestehenden Rand ausgedehnt, so dass von der Umgebung der Stadt 
nur wenig sichtbar ist. Der in der Ausgabe von 1592 unter Kap. 208 



*) Die erste Originalausgabc der Cosmographey datirt von 1544, dieselbe enthält 
jedoch weder Pläne noch lUustrationen. Dieser folgten weitere Ausgaben 1550, 15(50, 
1572, 1574, 1578, 1592, 1598, 1614. Die im J. 1550 erschienene Ausgabe cuthält die 
ersten und zugleich besten Pläne und lUustrationen. 



— 7 — 

mit der Ueberschrift „Aach" beigefügte Text beginnt S. 721 mit den 
Worten: „Diese Stadt Aach wird zu Latein Aquisgranum: Das ist Gran- 
wasser genannt", und schliesst S. 723 mit: „bis er sie begnadet." Da die 
in den beiden letzten Ausgaben befindlichen Pläne und Illustrationen sich in 
einem bessern Etat befinden, als die unmittelbar vorher erschienenen, so ist anzu- 
nehmen, dass die dazu gehörigen Holzstöcke nachgearbeitet worden sind. 

Die zweite Ausgabe erschien in der „Beschreibung und Contrafactur 
der vornembsten Stadt der Welt" von Bruin und Hogenberg, Cöln 1574. 
Der in deutschen Typen gesetzte Text mit der Ueberschrift „Aich" beginnt: 
„Aich, ein kayserliche Stadt zwischen Rhein und der Maasen" und schliesst 
mit den Worten: „an kraft und tugend des wassers underscheiden." 

Die dritte Ausgabe, wiederum in lateinischer Sprache, hat die Anfangs- 
worte: „Aqvisgranvm, vrbs Imperialis in Menapiorum finibus" und den 
Schluss: „cvm inter se, tum a suburbanis nonnihil discrepant." Die Initiale 
A des lateinischen Typendrucks ist von Erdbeerpflanzen umschlungen. In 
dieser Ausgabe ist die Platte neu aufgestochen und verändert, ausserdem 
sind an der untern linken Seite 35 Nuumiern Erklärimgen hinzugefügt. 

Kurz nachher, im J. 1576, wurde von Henrick van Steenwyck ein neuer 
Plan Aachens von der Nordseite aufgenommen, so dass das Pontthor im 
Vordergrund steht. Die Zeichnmig ist im (ranzen mit grosser Treue 
ausgeführt, wenn auch einzelne kleine Unrichtigkeiten sich eingeschlichen 
haben. So liegt die Trichtergasse fölschlich in der Verlängerung der 
Klappergasse, das Rosthor steht nicht quer, sondern schräg über dem 
Stadtgraben, auch der Graben am Jakobsthor ist unrichtig eingetragen. 
Die Ausführung des Stichs ist kräftig und deutlich. In der obern Ecke 
links steht auf einem mit verzierter Cartouche umfassten Schild der Doppel- 
adler des Reichs mit einem in drei Theile getheilten kleinern Schild auf 
der Bnist; rechts im gleichen Schild der einköpfige Adler. In der untern 
Ecke links steht eine bloss mit einem Perleustab umfasste Schrifttafel 
mit folgender Inschrift: „AQVISGRANVM, vulgo Aich, ad Menapionim 
fines, perantiqua Imperij vrbs, monumento Caroli Magni, Thermar. 
prestantia, et peregrinorum ob reliquias frcquentatione memorabilis. Anno 
partae salutis CTO.IO.LXXVT. Coloniae Agripp." Etwas oberhalb dieser 
Schrifttafel steht: „Cum priuilegio." In der untern Ecke rechts befindet 
sich das nämliche Trachtenbild wie auf dem vorerwähnten Plan und 
zwar auch in derselben Grösse. Dicht neben diesem Bild, in einem 
Weg eingravirt, steht der Name des Stechers Henrick van Steenwyck. 
Innerhalb des Bildrands sind in lateinischer Sprache die vier Himmels- 
gegenden angegeben. Die Bildgrösse beträgt 387 mm in der Breite und 
322 mm in der Höhe*. 

Dieser Stadtplan ist in mehrern Etats in dem Werk von Bruin 
und Hogenberg erschienen ^ Der älteste und beste bringt auf der Rück- 



*) Vgl. die Abbildung. 

*) Von diesem Werke sind ausserdem noch folgende Ausgaben erschienen: 1579, 
3 Bde.; 1581— «2, 3 Bde. mit französischem Text; 1612 und 1618, 3 Bde. mit 360 
Kupfern, vollstäudige Ausgabe. 



8 - 

seile unter der iu Majuskeln gedruckten Ueberschrift „Aquin^rauum" die 
Bescbreibuiig der Stadt in lateiniscber Sprache, beginnend mit den Worten : 
„AQVISGRANVM, vrbs imperialis" und endigend mit: „& Bartholomaeus a 
('liuolo Medicus Taurinensis libris quatuor.** Die Initiale A in „AQVTS- 
GRANVM" ist 31 mm breit und 30 mm hoch und stellt Adam und Kva 
dar; der Typendruck ist ziemlich gut. Der zweite Etat zeigt einen weniger 
guten Abdruck der Kupferplatte; der auf der Rückseite befindliche Text 
der spätem Ausgabe des Werks ist indessen von sauberer Ausfülirung, 
er beginnt und schliesst wie in der ersten Ausgabe. Die Initiale A, 53 mm 
breit, 55 mm hoch, ist mit Maskarons und kämpfenden Kindern verziert. 

Die weitem Etats in den folgenden Ausgaben zeigen die Platte neu 
aufgestochen, doch olme bemerkbaren Zusatz in Bezug auf die topographische 
Darstellung. Der Name des Stechers Henrick van Steenwyck ist von der 
frühem Stelle fortgeschabt, doch auf den ersten bessern Abdrücken leicht 
erkennbar. Dagegen ist etwas unterhalb des in der obern rechten Ecke 
stehenden Adlers ein fliegendes Spruchband mit der Inschrift: „Depingebat 
Henri(cus) Steenwichi(us)*' angebracht worden. 

Ein Abdruck der erneuten Platte ist der von Bruin und Hogenberg 
herausgegebenen andern Auflage der „Oivitates orbis terrarum** zugegeben 
worden. Der auf der Rückseite befindliche Text beginnt wieder mit den 
Worten: „AQ VISGRAN VM, urbs imperialis** und endigt mit: „tum a subur- 
banis nonniliil discrepant.** Die Initiale A, mit Blätterwerk verziert, jedoch 
oline Rand, ist 40 mm breit und 39 mm hoch; der Text nebst TJeber- 
schrift und Initiale ist von mittelmässigem Druck. Eine fernere Ausgabe 
der erneuten Platte, jedoch von weniger gutem Abdruck, liat auf der 
Rückseite den lateinischen Text, wieder beginnend mit den WorkMi: 
„AQVISGRANVM, urbs imperialis*' und endigend mit: „Bartholomaeus a 
(liuolo Medicus Taurinensis libris quatuor." Die Initiale A des Textes, 
mit einfachem, aber kräftigem Rand, 53 mm breit, 65 mm hoch, ist sehr 
schön geschnitten und zeigt die h. Dreifaltigkeit mit der dieselbe anbetenden 
h. Jungfrau und Engeln. Eine weitere Ausgabe hat deutschen Text, 
beginnend mit: „Aich, ein kaiserliche Stadt** und endigend mit: „an kraft 
und tugend des Wassers underscheiden." Die französische Ausgabe beginnt 
mit „Aix-la-chapelle" und endigt mit dem Worte „Fauxbourgs**. 

Die Kupferplatte dieses Plans ging mit den andern Hogenbergschen 
Platten in den Besitz von Janssonius über, der sie 1657 in seinem Städte- 
buch wieder verwandte. Hierbei wurde der Text umgeändert und nahm 
in vier Spalten die erste und vierte Seite des gefalteten Bogens ein. Der- 
selbe schliesst mit den Worten: „reliquls partibus illaesis." 

Schwerlich dürften von einem Städteplan aus dieser Zeit so viele 
Ausgaben erschienen sein wie von diesem. 

In dem Städtebuch des Guicciardini: „La description de tous les 
Pays-Bas**, das im J. 1582 in Antwerpen von Plantin herausgegeben wurde, 
befindet sich ebenfalls ein Plan von Aachen. Derselbe ist eine Kopie dt^s 
von Steenwyck gestochenen, in mlttelmässig guter Radirung, 315 mm breit 
und 232 mm hoch, und hat als Rand nur eine feine Linie. Oben links. 



8 



seii^. unt^.r d^v in Maj„.i.pin .rp,ir.u.btftn TTr>hAr^..i...;ff Annrirniiiiiii" (Im 



-- 9 - 

etwa 80 mm von der Ecke ab, befindet sich ein in einer Cartouche ein- 
gefasstes Schild mit dem Doppeladler, reclits an entsprechender Stelle, mit 
gleicher Verzierung, der einfache Aachener Adler. In der untern linken 
Ecke ist ein einfaches Schild angebracht mit der Aufschrift: ^Aquisgranum 
viilgo Aich, perantiqua Imperii urbs Monumento Caroli Magni Thermar. 
prestantia ... et Memorabilis". In der untern rechten Ecke erblickt man das 
Trachtenbild des Steenwyckschen Plans, nur verkleinert imd nicht so 
schiju. Der französische Text beginnt auf S. 488 mit den Worten: 
^Si nous croyons Munster (Sebastian Münster), la cite d'Aix appell6e en 
latin Aquisgranum", und endigt auf S. 495 mit: „ä tant que j'ai 
acheminö c'est oiuvre ä sa flu et perfection." (Die Beschreibung von 
Aachen bildet nämlich den Schluss des Guicciardinischen Werks.) Die 
Initiale S des Textes, ohne Rand, ist mit Blattverzierung und zwei 
springenden Pferden, deren hintere Hälfte in Blätterranken ausläuft, versehen. 
Ein anderer Plan der Stadt Aachen, welcher augenscheinlich nicht 
zu einem Städtebuch gehörte, und dessen einziges mir zu Gesicht 
gekommenes Exemplar sich im Besitz des Badeinspektors Herrn Dr. Lersch 
in Aachen befindet S ist von kleinerm Format, 268 mm breit und 208 mm 
hoch, mit einer einfachen Linie als Rand, von G. Keller im J. 1614 
gestochen. Es zeigt als Staft'age die Belagerung der Stadt Aachen durch 
Spinola im Jahre 1614, und wird bei dieser Veranlassung auch wohl 
angefertigt worden sein. Die Ueberschrift : „Belegerung und Einnehmung 
der Stadt Aach vom Spinola" ist in Majuskeln, von denen die Anfangs- 
buchstaben der Hauptwörter grösser sind als die andern, ^m obern Rande 
ist ein kleiner Theil Von Burtscheid dargestellt; in der obern.Ecke reclits 
befindet sich eine Windrose, enthaltend die Himmelsgegenden in lateinischer 
Sprache. Am untern Theil der linken Randlinie zeigt sich in ungenauer 
Zeichnung die St. Salvatorkirche mit dem sie umgebenden Terrain, auf diesem 
eine Batterie von vier Kanonen nebst Bedienungsmannschaft. Die untere 
Ecke rechts zeigt die Gegend vor Königsthor am sog. „Bäumchen"; eine 
Batterie mit fünf Kanonen ist daselbst aufgepflanzt. Spanische Truppen 
zeigen sich im Mittelgrund des Bildes, während die Wälle der Stadt mit 
Aachener Soldaten besetzt sind. Als Trachtenbild stehen in der untern 
i-echten Ecke zwei spanische Anführer. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass auch diesem Plan der Steen- 
i wycksche als Unterlage gedient hat. Die auf dem letztern gertigten Fehler 

, finden sich auf diesem ebenfalls vor. Die öff'entlichen Gebäude wie Münster, 

Rathhaus, die Befestigungswerke der Innern und äussern Umwallung u. s. w. 
sind im Verhältniss grösser, die Strassen und Wege breiter gezeichnet wie 
auf dem Steenwyckschen Plan. Die Namen der Strassen sind in deutscher 
Sprache eingetragen; der Name des Stechers G. Keller mit der Jahreszahl 
1614 befindet sich fast in der Mitte am untern Rand^. (Schluss folgt.) 



*) Sicherm Vernehmen nach hat Herr Dr. Lersch diesen Plan der Stadt Aachen 
geschenkt, und wird derselbe augenblicklich in der städtischen Bibliothek aufbewahrt. 

*) Der im Allgemeinen recht gut gestochene Plan ist durch J. La RueUe in Lithographie 
reproduzirt worden. 



— 10 ~ 

Ein in Aachen entstandenes Schauspiel und Siegeslied zur 
Feier der Befreiung Wiens von den Türken im September 1683. 

Von E. Pauls. 

Nur wenige Ereignisse des 17. Jahrhunderts haben ihrer Zeit ganz 
Deutschland mächtiger bewegt als die Belagerung Wiens durch die Türken 
im Jahre 1683. Nicht mit Unrecht erblickte nämlich das deutsche Volk 
im Türken den Todfeind aller christlichen p]inrichtungen, dessen siegreiches 
Vordringen gleichbedeutend mit dem Eintreten rohester Verwilderung 
gewesen wäre ^ Unbeschreiblicher Jubel herrschte deshalb in allen deut- 
schen Landen, als die Nachricht einlief, dass Wien entsetzt und das 
türkische Heer entscheidend gescldagen sei. Allenthalben wurden Dank- 
feste gefeiert, wobei auch Aachen nicht zurückblieb. Wie uns Meyer 
erzählt^, fand Ende September 1683 „unter Kanonendonner und dem 
Geläute aller Glocken der Stadt ein feierliches Dankopfer nebst einem 
grossen Umgang statt, an welchem sich die Regierung, die Geistlichkeit 
und die Zünfte andächtig betheiligten". 

Zur Feier dieses Jubelfestes verfasste der Pfarrer Brewer au der 
Aachener St. Jakobskirche ein Schauspiel mit Siegesgesängen, welclies 
gedruckt (4 SS. 4^) in der Aachener Stadtbibliothek vorhanden ist^ 
Schwerlich war das theils in lateuiischer, theils in deutscher Sprache 
geschriebene Stück zur Aufführung bestimmt, denn das Lateinische über- 
wiegt ganz bedeutend. Im nachfolgenden Auszug sind die lateinischen 
Stellen dem Hauptinhalt nach in deutscher Uebersetzung angedeutet; das 
deutsche Siegeslied dagegen, in welchem jede der 3 Strophen mit einem 
Bibelspruch in lateinischer Sprache schliesst, ist vollständig und wortgetreu 
wiedergegeben. Abgesehen von diesem Siegeslied kommt im Schauspiel 
die deutsche Sprache nur noch in wenigen Zeilen am Schluss zur Anwendung. 

Der Schutzgeist Deutschlands (Genius Gennaniae) erscheint und 
begrüsst herzlichst die anwesenden Vaterlandsfreunde, die er auf eine 
frohe Botscliaft vorbereitet. Ihm folgt die Fama mit einer Tuba, aus 
welcher das Triumphgeschrei Victoria, Victoria erschallt, dem das Echo 



Der kaiserliche Leibarzt N. W. Beckers, gebürtig aus Walhorn bei Aachen, war 
damals im Gefolge des Kaisers und schrieb von Passau aus unterm 25. Juli 1(583 nach 
Eynatten: Vincendura pro Christianitate aut raoriendum; Vienna enim deperdita periculose 
stabit tota Ohristiauitas ! (Vgl. Beckers' Lebensbeschreibung in der Kupencr Zeitung, 
April 1878.) Wie sich unschwer beweisen liisst, sprach damit Beckers eine in Deutschland 
aUgemein verbreitete Ansicht aus. 

*) Meyer, Aachensche Geschichten I, S. 674. 

•'') Der Titel fiült die ganze erste Seite. Gekürzt und im Wesentlichen lautet der- 
selbe: Drama et epinicion latino-germanicum quod in honorem imperatoris Leopoldi I. ob 
liberatam Turcarum obsidione Viennam composiiit, et dum D.D. Aquisgrancnses feste 
8. Michaelis in regali sua basilica .... et territorio epinicia agerent, postridieque ad 
aras preces et sacrificia offcrrent, cdidit: Henr. Brewer, Juliacensis, S. Theol. Licentiatus, 
ad S. Jacobum pastor. Aquisgrani, Typis Joannis Henrici CUemens, dictae urbis typo- 
graphi iurati. 



— n — 

mit E ia, E ia antwortet. Fama meldet, class die Belagerung Wiens auf- 
gehoben sei und dass jetzt dort die Adler ^ die Leiber der gefallenen Türken 
zerfleischten. Kurz und ernst bestätigt dies das christliche Heer (Exercitus 
Christianus), worauf die Fama zu einem allgemeinen Beifallklatschen und 
zu Lob- und Dankliedern gegen Gott auffordert. Es folgt folgendes, vom 
Schutzgeist der Christenheit (Genius orbis Christiani) gesungene Lied: 



1. iJrcm bic^ bu totxtijt ßl^riftcn^cit: 

i'fopolb f^at übcriouiibcn. 

2)ic fltofe ©cfa^r fo 2Bien erlcibt, 

3ft jc^unb gan^ ücrfc^tDunbcn. 

Die groffc d^xäjt, fo bir bereit, 

3ft nu^n metfteiis l^ingeleit. 

2)cr Xürcf ift gefdilagen. 

Dies ultionis est ; dies est et sortium. 

(L. Esther 8, vcrs. 12 et 9, vers. 26.) 



2. 3>cnn Sonn* unb siüölfft 7 brtö tag ^ 
S?ein ß^rift tan gnugfam Clären: 
®otteö, ber aUt ®ing oermag 
gob fott man brumb öcrmc^ren. 
3^r ©Triften nc^mt befe tageö nja^r, 
Unb ge^t all* gu emer 5ßfa^r, 
(Sott, beut ^crrn gu bancfcn. 

HjTimum cantate Domino, Deo 
cantate nostro. 

(L. Judith 16, vers. 15.) 



3. D füffefter §err 3(5fu G^rift, 
©<§ lobet btc^ mit Schalle, 
SKer beinc«J Meters begehren ift, 
2)aS feinb tüir ©Triften alle. 
SBir fingen atte, unb feinb fro^, 
SBir fingen unb Hingen alfo. 

Adonai Domine, magnus es, praeclarus in virtute. 

(L. Judith 16, vers. 16.) 

Nach dem Siegeslied fordert die Fama zu einem Hoch ^ auf den Kaiser 
und die Helden in Wien auf, welches mit voller Musik (Musica vocalis 
et Instrumentalis) ausgebracht wird. Noch einmal ergreift dann die 



^) Text : Aquiiae, wobei in einer Randbemerkung gesagt wird, dass hier ebensowohl 
eine Anspielung auf die Bibelstelien bei Mathäus 24, V. 28 und Lukas 17, V. 37, als 
auf die Wappen der Ueberwinder der Türken vor Wien vorliege. Als Probe des lateinischen 
Stils Brewers lasse ich hier 27 Zeilen des Textes folgen, die ich aber der Raumerspamiss 
wegen nur durch senkrechte Striche als Zeilen kennzeichne. Fama: Haec nova porto ab 
Istri plagis, | Vienna missa Austriac, | Soluta est obsidio: | Et | Corpus ibi Turcicum , Dila- 
cerarunt Aquilae. 1 Exercitus Christianus: Ecce, bimestrc jacet Corpus putre ante 
Viennam | Unguibus et rostro dissecat illud Avis. | Fama: Igitur | Plauditc, dicite Prin- 
cipcs I lo triuraphe. \ Plaudite, dielte Cives j lo triuraphe. | Plaudite, dicite millies | lo 
C'oloni. I Germani dicite cuncti | lo triumphe. | Recitcnt laetae carmina Musae, i Rc?^onent 
Fontes, reboent Montes, | Nemora, Valles, Avia Colles, | Turrcs, Campanae, vespere et mane, | 
Gaadia prodant. | Oppida, Vici, Hostcs, Amici \ Urbes et Arces: Plebs atque Patres: | Ore 
sercno, gutture pleno, | Gratias Deo canitc caeli; ] Canite laudes. || 

^) Die entscheidende Schlacht vor Wien fand am Sonntag den 12. September 1683 statt. 

*) Auf den Kaiser und den Polenköuig findet sich hierbei das (.'hronogramm : Vivant 
Lcopoldus Imperator et Joannes Rex Polonus. Von Starhemberg heisst es: 

Vivat, honoretur, vivat fortissimus Heros, 
Viennae Propugnator, Comes h Starreuberg. 



— 12 — 

Fama das Wort. Sie wendet sich an die Trompeten, Trommeln und Pauken, 
die so oft zum ernsten Waifentanz den tapfern Soldaten aufgespielt hätten, 
und fordert sie auf, lieute in den allgemeinen Siegesjubel miteinzustimmen. 
Mars tritt nach den Klängen der Militärmusik auf. Etwas verwundert 
fragt er, ob denn die Kriegsmaschinen gelegentlicli der heutigen hohen 
Festfreude schweigen sollten? Davon dürfe keine Rede sein, auch jetzt 
mtissten die Geschosse mitwirken K 

Doch nicht mit Musik und Kanonendonner endigt das Schauspiel, 
sondern nach echt deutscher Art mit einem fröhlichen Trinkgelage. Hierbei 
geben die Namen Wien, Vienna und Vindibona zu harmlosen Scherzen 
Anlass. Wien, so heisst es, ist gleich Wein, Vienna entspricht En vina; 
beseitigt man in Vindibona die Mitte, so liat man Vinum bonum oder bon 
Vin. Also: 

Vina, En Vina: bibite vitra trina! 

Brewers Schauspiel ist von den in Aachen wälirend des 17. Jahr- 
hunderts entstandenen Schauspielen vielleicht das einzige, welches uns 
erhalten geblieben ist. Augenscheinlich mangelte es dem Verfasser nicht 
an Geist; vergleicht man seine Leistung mit so mancher des 18. Jahr- 
hunderts rfiif ähnlichem Gebiet in Aachen, so gebührt ihm weitaus die Palme. 



Kleinere Mittheilungen. 

1. Zur Biographie des Pfarrers Heinrich Brewer. 

Der im 17. Jahrhundert lebende Pfarrer von St. ,Iak(»b in Aachen, Heinrich Brewer, 
erwarb sieh als (teschichtschrciber einen so bedeutenden Kuf, dass schon der Jesuit TIartzheim 
ihm in seiner 1747 zu Köln erschienenen „Bibliotheca Coloniensis" eine längere Darstellung; 
widmen konnte und noch neuerdings die Herausgeber der „Allgemeinen Deutschen Bio- 
graphie" ihn für würdig erachteten, in die Reihe der von ihnen behandelten Personen 
aufgenommen zu werden. Um so auifälliger muss es erscheinen, wenn in der jüngst über 
die St. Jakobskirche herausgegebenen Schrift 0. Dresemanns der historischen Studien dieses 
Mannes und überhaupt seiner Lebensschicksale bis zum Antritt der Pfarrstelle von St. 
Jakob mit keiner Silbe gedacht wird. Es mag daher gestattet sein, in diesen Blätterji 
vornehmlich an der Hand der beiden genannten Werke einen kurzen Rückblick auf Brewers 
Leben und Schriften zu werfen, auf letztere insbesondere, da sie zum Theil für die lokale 
Geschichte nicht ohne Bedeutung sind. 

Heinrich Brewer wurde zu Puffendorf, einem kleinen Kirchdorf im Kreise Geilen- 
kirchen, am 6. September 1640 geboren. Das Datum seiner Geburt ergibt sich aus einem 
seiner Werke, das er im Jahre 1674 mit den Worten schloss: „Manum iam nunc, Lector 
benevole de tabula tollo, hac Septembris die sexta, nativitatis meae anniversaria trigesima 
quarta." Nach seinem Geburtsort wird Brewer auch vielfach Heinrich von Puifendorf genannt. 
Er studirte an dem Jesuit-en-Gymnasium (Tricoronatum) in Köbi, damals einer Unterrichts- 
anstalt ersten Ranges, und erlangte, wahrscheinlich an der Universität derselben Stadt, die 
Würde eines Lizentiaten der Theologie. In den sechsziger Jahren, jedenfalls yor 166y, wurde 
er zum Vikar der Stiftskirche von St. Kassius in Bonn, sowie zum Kaplan an der Pfarr- 
kirche zum h. Remigius daselbst (vicarius collegiatae ecclesiae et parochialis saceUanus) 
ernannt; später, seit etwa 1670, versah er eine Zeitlang das Amt eines Rektors bei den 



*) Text: Nequaquam mutac sint | Sed fartae improbo | Nitrato pulvere | Toncnt per 
aera. || (Hie exploduntur tormenta.) 



— 13 — 

Augustinemonnen von Gross-Nazareth unter Sachsenhausen in Köln. Aus diesem Kloster 
(Ooloniae e suo Nazarethani Parthenouis rausaeo) sind die Vorreden zu seinen beiden 1672 
nnd 1675 erschienenen Hauptwerken datirt. In dem erstem Werke gedenkt er da, wo 
er auf die Einführung der Welschnonnen in Bonn (1664) zu sprechen kommt, auch seines 
dortigen Aufenthalts: „Huic Parthenoni, dum habitarem ibi, cum omnium et admiratione 
et aedlficatione aggregavit se Domini Cancellari (sie) Buschmanni Filia jamque praeest 
puellari gregi." Und an einer andern Stelle desselben Werkes berichtet er: „Interea 
( 1 668) nominat Nuncius Apostolicus apud Aquas Grani haerens, vigore rotalis commissionis 
Oeconomuin ac Sequestratorem seminarii Pontificii Fuldensis quondam alumnum ad sanctum 
Remigiura ßonnae Pastorem ; apud quem ego tunc & Sacellanum & Commensalem agebam.** 
Am 29. Dezember 1682 wurde Brewer als Pfarrer von St. Jakob in Aachen eingeführt. 
Hier starb er nach mehrjährigen Leiden, wie es scheint, inmitten des Streits, welcher 
um seine Vertretung bezw. nach seiner Resignation um die Neubesetzung der Pfarrstelle 
entstanden war. Sein Todesjahr ist unbekannt. 

Schon frühe wandte Brewer seine Neigung geschichtlichen Studien zu, die damals 
in Köln von dem 1652 in jugendlichem Alter verstorbenen Vikar an St. Kunibert, Johann 
Adolf Brahel, und dem Professor am Laurentianer-Gymnasium, Christian Adolf Thulden, 
aufs Eifrigste gepflegt wurden. Brahel hatte im Jahre 1650 bei dem Buchhändler 
Kiuckius in Köln eine Geschichte der Jahre 1618 bis 1649 in lateinischer Sprache erscheinen 
laAien, welche er selbst in einer zweiten Auflage bis 1652 imd dann Thulden bis zum 
Jahre 1660 fortführte. Das Ganze umfasste sechs Theile. Die weitere Fortsetzung bis 
zum Jahre 1672 besorgte Brewer, der im letztgenannten Jahre seine Arbeit als siebenten 
Theil unter dem Titel: „Historica rerum notabiliorum, quae ex anno MDCLXI in annum 
MDOLXXII in terris utriusque imperatoris, electorum, principum ac statuum utriusque 
Germaniae, acciderc, breviter ac succincte per Hcnricum Brewer Juliacensem, S. T. L. 
adoniata enarratio cum adjecta appendice describente praesentem regis Christianissimi 
adversus imitum Bclgium expeditionem. Sive Historiae Brachelio-Thuldenianae continuatae 
pars VII. Coloniae Agrippinae, Sumptibus Joannis Antonii Kinchii, Anno M. DG. LXXII" 
herausgab. Zur Erläuterung fügte er eine Anzahl Denkschriften, Briefe, Unterhandlungen, 
Verträge, Bündnisse u. s. w. bei. Der über 400 Seiten starke, mit 6 Porträts und 8 Tafeln 
ausgestattete Oktavband enthält manche wichtige lokale Nachrichten, von denen eine, über 
den Aufenthalt des päpstlichen Nimtius Agostino Franciotti in Aachen 1667—1670, hier eine 
Stelle finden mag, um so mehr, als sie die bezüglichen Angaben A. von Reumonts in 
B<1. V, S. 53 ff. der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins berichtigt und ergänzt. 
Brewer schreibt S. 334 über Franciotti: „consecravit anno eiusdem (sc. pacis) initae, 
23. Sept. Deiparae virgini de pace, in pereune, rei feliciter gestae, Aquisgrani monumentum, 
Ecclesiam Recollectinarum Virginum, tertiae, S. Francisci regulae, per Leonem X. resti- 
tutae: constituitque annuae celebrandae festivitati ipsam firmatac pacis, diem secundam 
Maji. Mortuus ibidem pientissime in Domino, tricesima Januarii 1670 apud Patres Soc. 
bonorificentissime appositus in crypta Comitum de Ambstenrath subsacello, per ipsos in 
S. Josephi honorem erecto .... Praevierat hanc in cryptam, eiusdem conditor ante non 
omnino sesqui annum, ultimus Stiqiis ac nominis Arnoldus Wolffgangus, Comes ab Huyn, 
Oleen & Ambstenrath etc. Caesari, ab Imperii, & Aulae consiliis: cui confracta, in sarco- 
phagum adiecta insignia, inspectantibus & ad has caercmonias, ab Illustrissima Vidua 
specialiter invitatis, Dominis Wylre, Maw & Nickel, Civitatis Aquisgranensis respective 
Consulibus, Scabino ac Majore. Annum vero praecucurrerat in hoc habitaculum Parentem 
Filia, Godefrida Maria, Anna, Agneta, Ignatia, nondum biennium nupta Carole Theodoro 
Ottoni Principi Salmensi, Comiti Sylvarum & Rheni &c. relicta Filiola. Princeps Viduus 
dnxit superiore proxime anno, in Galliis, Mariam Ludovicam Palatinalem.** (Ueber Fran- 
ciottis Todestag vgl. auch von Fürth, Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener 
Patrizier-Familien II, Anh. 2, S. 182, über die Einweihung der Kirche des Tertiarierinnen- 
Konvents in der Adalbertstrasse Neu, Zur Geschichte des Franziskanerklosters, der Kirche 
und Pfarre zum hl. Nikolaus in Aachen S. 106, über die Beisetzung des Grafen Arnold 
Wolfgang von Huyn, Geleen und Amstenrath, sowie seiner Tochter, der Fürstin Salm, 
ScheiuB, Geschichte der Jesuitenkirche zum hl. Michael in Aachen S. 33 f.) 



— 14 — 

Im Jahre 1675 erschien von Brewer eine Geschichte der ausserdeutschen christlichen 
Staaten in den Jahren 1661—1673. Sie wnrde ehenfalis von J. A. Kinckius verlegt nnd 
ist hetitelt: „Historica rerum notahiliorum, quae ex anno M.ÜC.LXI usque in annura 
M.DC.LXXIII in re^nis terrisque Christianis extra Germaniam, puta in Italia, Hispania, 
Gallia, Anglia, Suecia, Polonia, Lusitania, Dania & Moscovia contigßre, enarratio, brcviter 
ac succincte pro Historiae universalis Brachelio-Thuldenianae continuatione adomata per 
Henricura Brewer Jiüiacens. S. Theol. Licent. Cum scriptis ac tractatibus publicis huc 
facientibus usque ad Annum M.DC.LXXIV. Coloniae Agrippinae, Sumptibus Joannis Antonii 
Kinchii, Anno 1675" (203 SS. 8°). Beigegeben ist das Brustbild des Papstes Klcmens X. 
Dem Text gehen vorauf Epigramme von Johannes Flaum, Juliacens. SS. Theol. Licx»nt. 
Coloniae in Gymnasio Laurentiano p. t. Physices Professor, anno 1674, 24. Augusti, von 
Job. Arnoldus Kinchius Colon, iur. candidatus und von Henr. Rhoen, Cäsar, (sie) Poeta 
laureatus. Auch der 1672 erschienenen Geschichte Deutschlands von Brewer sind nach 
der Sitte der Zeit mehrere Epigramme vorgesetzt, darunter folgendes witzig auf den Namen 
Brewer (Brauer) anspielende, welches der Bonner Stiftsherr und Pfarrer Johann Bneckeii 
verfasste : 

Quid cöxti Brewere, boni? proba ais; probo, laudo: 
Non es cervisiae Coctor, at historiae. 

Hanc sanus Lector pitisset, & ante maligne 
Exspuere abstineat, quam meliora coquat. 

In Bonn versuchte sich Brewer auch in der Dichtkunst; 1668 veröflFentlichte er nämlich 
dort: „CrlnItVM poLI sIDVs" (1664), ein viele Chronogramme enthaltendes Schriftchen, 
das er dem Kölner Erzbischof Maximilian Heinrich von Bayern widmete. Im Jahre 1681 
folgte, bei Alstorff in Köln gedruckt, eine Biographie des Thomas von Kempen (79 SS. 8^), 
in welcher Brewer mit aller Entschiedenheit für die Annahme eintrat, dass Thomas der 
V^erfasser der Bücher von der Nachfolge Christi sei. Das sehr verdienstliche Werkchen 
ist Papst Innocenz XI. und Erzbischof Maximilian Heinrich gewidmet. Mooren (Nach- 
richten über Thomas a Kempis) citirt wiederholt eine Aachener Ausgabe desselben von 
1682 (Thoraae a Kempis Biographia. Aquisgrani 1682), die mit einem Kupferstich des 
Thomas geziert war, nennt dabei aber den Verfasser meist Jakob oder J., einmal auch 
Heinrich Brewer. Hiernach scheint es, dass letzterer neben Heinrich noch den Namen 
Jakob als Vornamen geführt hat. Ein leider defektes Exemplar der Aachener Ausgabe 
(131 SS. kl. 8^), in welchem Kupferstich und Titelblatt nebst den ersten 16 Seiten 
(Vorrede) fehlen, befindet sich im hiesigen Stadtarchiv. 

Auch als Pfarrer von St. Jakob in Aachen blieb Brewer trotz seiner körperlichen 
Leiden schriftstellerisch thätig. Hier schrieb er 1683 das oben (S. 10 ff.) von E. Pauls 
behandelte Schauspiel mit Siegesgesängen zur Feier der Befreiung Wiens von den Türken 
im September 1G83 (4 SS. 4°) und zwei Jahre später ein für Aachen besonders merk- 
würdiges Büchlein, wohl seine letzte Arbeit: „Der in der Reliquien Verehniug recht- 
schaffen Catholisch und wahrhafftig grosser Kayser Carl bey gewöhnlicher Eröffnung der 
Aachischen Schatz-Kammer Heiligthumbs durch Henricum Brewer, Ss. Theol. Licent. und 
Pastom zu St. Jacob hieselbsten. 1685 zu Aachen bey Johan Henrich Clemens gedruckt* 
(51 SS. 120). 

Sämmtliche hier aufgeführte Schriften Brewers, deren Zahl sich vielleicht noch 
vermehren lässt, sind äusserst selten und gesucht. Schon dieser Umstand allein stellt, so 
scheint mir, der Gelehrsamkeit und vor Allem der Glaubwürdigkeit ihres Verfassers in 
geschichtlichen Dingen ein glänzendes Zeugniss aus. 

Aachen. i?. PM, 

2. Domgraf nnd Schnz. 

Die in diesen Blättern (Bd. I, S. 95, Nr. 3) aufgeworfene Frage nach einer Erklärung 
der Aachener Schimpfnamen „Domgraf" und „Schuz" veranlasst mich zu folgender Mit- 
theilimg. Beide Ausdrücke sind von annähernd gleicher Bedeutung; sie bezeichnen einen 
zu losen, muthwilligeu oder übermüthigen Streichen aufgelegten jungen Menschen und 



— 15 — 

verhalten sich zu einander etwa wie der französische gamiu oder Strassenjunge zum 
polisson, qui fait ou dit des choses licencieuses. Der Domgraf gehört ausschliesslich der 
Aachener Mundart an, während der Schuz oder Schuts in der Form Schaute, Schote und 
Schott und in ähnlicher Bedeutung am ganzen Nieder- imd Mittel rhein vorkommt. Was 
nun den sprachlichen Ursprung oder die Etymologie heider Ausdrücke anlangt, so ist in 
dem vom verstorbenen Prof. Dr. .1. Müller und dem Unterzeichneten im Jahre 1836 heraus- 
gegebenen Idiotikon der Aachener Mundart bereits eine Erklärung des Wortes Domgraf 
(vulgo Dumgrof und abgekürzt Grof) durch Zusammenstellung desselben mit dem gleich- 
bedeutenden, heute schon fast ausser Gebrauch gekommenen Ausdruck Palzgrof (abgekürzt 
Falz) versucht worden, indem danach der ersten Worthälfte (Dom) das lateinische domus 
in der Bedeutung von palatium (Pallast, Pfalz) zu Grunde liegen würde. Unterstützt 
wird diese Annahme durch das mittellateinische, von domus abgeleitete domicellus, welches 
Wort auch in den Aachener Stadtrechnungen aus dem 14. Jahrhundert für Junker vor- 
kommt und aus dessen weiblicher Form domicella für Edelfräulein die französische 
demoiselle gebildet ist. Wenn nun Domgraf und Palzgraf als Spott- oder Schimpfnamen 
identisch sind, so braucht darum doch nicht, wie es im Idiotikon geschehen ist, angenommen 
zu werden, dass irgend ein Pfalzgraf als Schirmherr der Reichsstadt durch sein Verhalten 
zu dieser Herabsetzung seiner Würde Veranlassung gegeben habe. Beide Ausdrücke 
könnten auch wohl der im 13. und 14. Jahrhundert stattgefundenen Eintheilung der Stadt 
nach den verschiedenen Strassen in Grafschaften (comitia) ihr Entstehen verdanken. Wie 
es eine Adalberts-, eine Jakobs-Grafschaft u. s. w. gab, so mag man den um die Pfalz 
und Pfalzkapelle gelegenen Theil der Altstadt scherzweise Dom- oder Pfalzgrafschaft 
und die ausgelassene Jugend, die domicellos dieser sog. Immunität, Domgrafen oder Palzc 
genannt haben. Urkundlich lässt sich freilich weder die eine noch die andere Erklärung 
begründen. Was endlich den Ursprung des Wortes Schuz (Schuts) betrifft, so ist das- 
selbe wohl aus Schulze, holländisch schout, entstanden, indem der Dialekt das 1 vor s, t 
und z ausstösst und z. B. Hals und Holz in Ho's und Ho'z, alt und kalt in o't und ko't 
verwandelt. WVnn der ehrenwerthe Sihuldheiss oder Schult-e:^, dessen Amt ursprünglich 
darin bestanden haben mag, Schulden zu heischen oder einzufordern, im Volksmund zum 
Schuts geworden ist, so lässt sich dies bei der Neigung dos Volkes, dergleichen obrig- 
keitliche Personen zum Gegenstand des Scherzes oder Spottes zu machen, wohl leicht 
erklären. 

Bartscheld. W, Weitz. 



3. Uas Grundhans bei Aachen. 

Nahe bei der Stadt Aachen, an der Lütticher Strasse, liegt das Landgut Grund- 
hauB, beim Volke Grutes genannt. Es wird hier und da in der Aachener Geschichte 
erwähnt, z. B. im Jahre 1776, als man am Grundhaus dem festlich eingeholten Mathias 
Joseph Wildt, der zu Löwen den ersten Preis in der Philosophie erlangt hatte, den 
Ehrenwein von Seiten der Stadt Aachen präsentirte. In den städtischen Kathsprotokolleu 
ist unterm 20. September 1672 von „sieben viertel lands beym Gruithauß uf dem Scherpen- 
bergh gelegen" und am 20. Oktober desselben Jahres von (Grundstücken „in der Aacher 
beiden alhie im Gruithauß gelegen" die Kede. Müller und Weitz (Die Aachener Mundart 
S. 76) sind der Ansicht, dass der Name eigentlich Gruden- oder Grudhaus laute, was nach 
Adelung ein Haus in einem Dorfe bezeichne, worin die Asche (niedersächsisch grude) auf- 
bewahrt wurde. Diese Deutung ist aber unrichtig. Allerdings ist Grutes aus Gruthaus 
entstanden, gerade so wie Kompes aus Komphaus, Gastes aus Gasthaus, . Schlonnes aus 
Schlachthaus, Kores aus Komhans u. s. w., allein das Bestimmungswort Grut hat mit 
Asche nichts zu thun. Darunter versteht man vielmehr am Niederrhein den Gagel, 
mirica gale, auch Heidebalsam genannt, eine niedrige Staude, welche gern in Sümpfen 
und Büschen wächst und die, bevor man bei uns im 15. Jahrhundert den Hopfen einführte, 
zum Bierbrauen verwandt wurde. Durch den Zusatz der Grut gab man dem Getränk 
einen bittem aromatischen Geschmack, doch bedurfte sie einer besondern Zubereitung, ehe 
Hie gemahlen und zum Brauen benutzt werden konnte. Der Gnitverkauf war durchgängig 



— IG — 

ein Regal des Landesherrn, der dasselbe als Lehn (örutlehn) oder sonstwie vergab. Ver- 
schieden hiervon ist das Braulehn in Aachen, welches Kaiser Ludwig der Bayer am 
29. Februar 1340 dem Ritter Arnold von Schiinau (Schönhoven) verlieh, aber noch am 
31. August des nämlichen Jahres auf die Vorstellung des Magistrats hin zurücknahm, 
weil die Belehnung erschlichen worden war. (Vgl. Qu ix, Codex dipl. Aquensis p. 228, 
no. 328 und 329.) Zur Bereitung der Grut, die als ein Geheimnlss behandelt wurde, und 
zu ihrer Aufbewahrung wurden häufig besondere Gebäude errichtet, welche den Namen 
Gruthaus erhielten. Solche Gruthäuser gab es z. B. in Köln, Xanten, Kempen, Dorsten und 
in zahlreichen andern Orten. Auch in Aachen, wo der Bierverzehr in älterer Zeit kein geringer 
war, wird es an einem Gruthaus nicht gemangelt haben. Als dieses kennzeichnet sich 
durch seinen Namen das jetzige Grundhaus. Auffallend ist freilich, dass in den städtischen 
Rechnungen des 14. Jahrhunderts nirgendwo, wie man wohl aus dem Fehlen des Worts 
im Glossar bei Laurent schliessen darf, der Grut Erwähnung geschieht. Eine sichere 
Erklärung hierfür vermag ich vorläufig nicht zu geben, doch wäre es nicht unmöglich, 
dass der (irutverkauf in Aachen vermöge kaiserlicher Verleihung dem Herzog von Jülich 
zustand, die Stadt also an dem Kauf und Verkauf dieses Krauts nicht betheiligt war. 
üebrigens scheint man hier schon im 14. Jahrhundert die Einführung des Hopfens ver- 
sucht zu haben, wenigstens findet sich in der Ausgaberechnung der Stadt von 1386/87 
die Eintragung: Item den weychteren, du sy die hoppe verboeden, 3 quart (vgl. Laurent, 
Aachener Stadtrechnungen aus dem 14. Jahrhundert S. 343, Z. 4). 

Aachen. R. Pick. 



Fragen. 



1. Wie ist der in der Gemeinde Brand vorkommende Flurname „Engeland" zu erklären? 

P. 

2. Wo finden sich Nachrichten über den vormaligen Prinzenhof in Aachen? 

P. 

3. In einer Aachener Urkunde vom 1. Februar 1567 ist von einem fünf Viertel grossen 

Bend „der Honnenwyer genant ind gelegen angen Teperdel niest Johan Hundertz erf 

up eine ind niest Jennis erf up den Poil up die ander syde** die Rede. Kann Jemand 

die Lage dieses Bends bestimmen? 

P. 

4. Wer kann den Aachener Strassennamen Mostardgasse deuten? 

P. 

5. Die Ausgaberechnung der Stadt Aachen von 1376/77 entliält die Eintragung: „Item 
familiaribus civitatis, quando sancti venenmt Aquis, 1 sext." (Laurent, Aachener Stadt- 
rechnungen S. 243, Z. 23). Wer ist mit den sancti genieint und um welche Begeben- 
heit handelt es sich? 

P. 



Vereinsangelegenheiten. 

Generalversammlung 

am Donnerstag, den 18. Oktober 1888| Abends 7^2 Ulir im Hotel zum Eleplianten 

(Ursulinerstrasse). 

Tagesordnung: Jahresbericht. Neuwahl des Vorstands. Vorträge: 
Die städtischen Beamten Aachens im 14. Jahrhundert. Eine Hauseinrich- 
tung aus dem 16. Jahrhundert. Miscellen. 

Die Einfühning von Nichtmitgliedern ist gestattet. 



Druck von HiratMAKN Kaat/.kr ik Aaciikn. 



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4 Mark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von Dr. £. Wleth. 

Ni'. 2. Zweiter Jahrgang. 1SS8. 



Inhalt: S. Plaiikcr, Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. ~ E. Pouls, Zur Graiiussagc, — 

C. Rboen. Die Aachener Stadtpläne. (Schluss.) — Kleinere Mittheilungen: Eine Aachenri' 

SilbermfuiKe von 1419. — Die Uruderschaft iler Wollcnweber-Gesellcn in Aachen. — 

Fragen. — Antworten. — VereinsangelegeiiUeitcn. 



Die Pfarrer von St, Peter in Aachen. 

Von S. Planker. 

Wer der erste Pfarrer von St, Peter war, lässt sich nicht bestimmen, 
lia eine unzweideutige Urkunde über die 7.eit der Erliebuny dieser Kirche 
zu einer selbständigen Pfarrei nicht vorliegt. Urkundlich steht bloss fest, 
dass es bis zum Jahre 1260 in Aachen nur eine Pfarrkirche (una tantuni 
inatrix ecclesia) g-ab, dass aber ausserhalb der Mauern drei von ihr abhängige 
Kapellen beatiiuden, in welchen die zu denselben Kingepfarrten (parochiani 
earum) dem Gebrauch gemäss alle Sakramente empfingen, mit Ausnahme 
der Taufe, der h. Oelung und der Osterkommunion '. 

Die erste Urkunde, welche unzweideutig von mehrern Pfarrkirchen 
Aachens spricht, ist ein Sendgerich tsstatut vom Jahre 1331, das unter 
Anderem bestinunt, dass der Sendgerichtstag in sämmtlichen Pfarrkirchen 
der Stadt (per universas ecciesias parrochiales) bekannt zu machen sei, 
und zugleich bestätigt, dass dieser Gebrauch seit unvordenklichen Zeiten 
(a tempore, a quo decidit memoria) bestehe. Der versitzende Erzpriester 
bezeugt in dieser Urkunde noch persönlich, dass unter seinem ^'orsitz 
seit mehr als 40 Jahren dieser Gebrauch unwidersprochen beobachtet worden 
sei*. Diese Urkunde ist denn auch besiegelt von den roctores ecclesiae 

') Quix, Geschichte der St. Peter-Pfarrkirclie S. 12.1 ff., V.rk. 7 und B. 
') gnix, a. a. (1. S. 128 ff,. Urk. 12. 



— 18 — 

s. Petri et Jacobi, durch welche Titel der Charakter dieser Kirchen als 
Pfarrkichen im Gegensatz zu ihrem frühem Charakter als Kapellen gekenn- 
zeichnet wird. Die Rektoren der Kapellen werden nämlich in den Send- 
urkunden entweder capellanus genannt oder höchstens rectores capellae, 
z. B. s. Juliani in den Urkunden von 1269 und 1446. 

Hiernach muss angenommen werden, dass schon vor mehr als 40 
Jahren vor 1331 St. Peter und St. Jakob zu Pfarrkirchen erhoben wurden. 
Die von Quix angezogene Ablassbulle vom Jahre 1295 vermag dagegen 
nichts zu beweisen, da inunerhin der ältesten und Hauptpfarrkirche einer 
Stadt, die mehrere Pfarrkirchen ausserdem besitzt, ein besonderer Ablass 
bewilligt w^erden kann. Ja ich bin geneigt anzunehmen, dass schon im 
Jahre 1269 die Erhebung der in der Urkunde von 1260 erwähnten drei 
Kapellen vor dem Thore, worunter keine andern als die Kirchen von 
St. Adalbert, St. Peter und St. Jacob verstanden werden können, zu Pfarr- 
kirchen erfolgt war; denn eine Sendurkunde von 1269 ist von einem 
rector s. Adalberti unterschrieben ^ Ist aber St. Adalbert in Folge der 
päpstlichen Bulle von 1260, welche den Archidiakon Marcoaldus von Lüttich 
beauftragt, die Beschwerden der Bürgerschaft bezüglich der den drei 
Kapellen vor dem Thore anhaftenden Beschränkungen zu untersuchen und 
im gegebenen Fall Abhilfe zu schaffen, im J. 1269 schon zur Pfarrkirche 
erhoben, so ist kein Grund vorhanden, dies nicht auch von St. Jacob und 
St. Peter anzunehmen. 

Sollte sich gegen vorstehende Schlussfolgerung kein urkundlicher 
Gegenbeweis liefern lassen, so kann der die Sendgerichtsurkunde von 1331 
unterzeichnende Joannes rector ecclesiae s. Petri nicht, wie Quix annimmt, 
der erste Pastor von St. Peter gewesen sein ; hätte er ja doch ^ sonst 
Avenigstens 61 Jahre dieses Amt verwaltet. 

1. Tndess ist dieser Joannes immerhin der erste, urkundlich nach- 
gewiesene Pfarrer von St. Peter. 

2. p]in Zinsbuch der Münsterkirche aus dem 15. Jahrhundert führt 
auf einen Herrn H. Friso als Pfarrer zu St. Peter, welcher Name zu 
demselben Zinsobjekte unter dem Jahre 1445 wiederkehrt^. 

3. Das Nekrologimii der Regulirherren (im Pfarrarchiv von St. Peter) 
führt unter II Nonas Junii einen Joannes Schirmer pastor s. Petri Aqu. 
auf und nemit denselben unmittelbar nach der Memoria eines andern Stifters, 
der 1451 gestorben war. 

4. Peter Bickelstein (1459 — 1464), der zugleich Kanonikus des hiesigen 
Münsterstifts war, unterzeichnet als rector ecclesiae s. Petri die Sendgerichts- 
urkunde vom 8. Januar 1459 und 16. Mai 1461 ^ In einem Zinsbuch 

*) Ich zitire nach einer durch Pfarrer Breuer von St. Peter i. J. 1638 angefertigten 
Kopie. Quix, a. a. 0. Urk. 9 sagt sogar „plcbani sti. Adalberti". Vgl. auch Drcse- 
maun, die Jakobskirche zu Aachen, S. 17 ff. 

^) Quix, Geschichte der 8. Peter-Pfarrkirche 8. 21: It. Her H. Fryso Pastoir zu 
S. Peter zerzyt van sinen Huse, dat Pili^eirmaghe was. l Ob. 1 (.^ap.; ebendas. Anniork.: 
Op die Sanckuil it. Friso Hoeifstat was. 

'^) Loersch, Achener Rechtsdenkmäler 8. 220, 223. 



— 19 — 

des Münsterstifts aus dem 15. Jahrli. wird zu einem Hause „bi dat Kump- 
huis** bemerkt; It. Dieselue Ka. alreneist da bi van Luters Sclioppeils 
Hüls II mr. Redemtum ao, XLI per dnum. Pet. Bickelsteijn ^ Es ist wahr- 
sclieinlich, dass es sich auch in dieser Stelle um dieselbe Person handelt 
wie in den angeführten Urkunden, aber nicht ersichtlich und unwahrschein- 
lich, dass dieser dominus P. Bickelsteijn auch schon im Jahre 1441 
Pfarrer war. 

Von den bisher genannten vier Pfarrern von St. Peter ist urkundlich 
nichts weiter bekannt. 

5. Wilhelm Lentz (1465 — 1504) wird zuerst als Pfarrer von St. Peter 
erwähnt in Urkunden des Pfarrarchivs von 1465 und 1469^; er lebte bis 
zum 5. August 1504. In seinem letzten Lebensjahre hatte er die Bruderschaft 
vom Leiden Jesu oder den h. 5 Wunden aufgerichtet, welche nachweislich 
bis 1722 bestanden hat. Er war ein besonderer Freund und Wohlthäter 
der im Pfarrbezirk von St. Peter wohnenden KegulirheiTen, in deren 
Kirche er auch auf dem Chore begraben wurde •^. Da sein Bruder Jakob 
Lentz mit ihm als Hausbesitzer zu Aachen in der Urkunde von 1465 erwähnt 
wird, so ist zu schliessen, dass Lentz ein geborner Aachener war. 

6. Gerlacus Rotarius oder Radermecher (1565 — 1576 oder 1577). Der 
Name des unmittelbaren Nachfolgers von Wilhelm Lentz ist nicht bekannt. 
In dem Bmderschaftsbuch von dem Leiden Christi wird erst wieder 1565 
ein Pastor von St. Peter als neuaufgenommenes Mitglied aufgeführt und 
zwdiY der genannte Gerlacus Rotarius, welcher bis zum Jahre 1576 ein- 
schliesslich als Pastor von St. Peter die Stuhltagsprotokolle besagter Bruder- 
schaft unterschrieb. Er scheint einer angesehenen Aachener Familie ange- 
hört zu haben; denn zum Jahre 1555 erwähnt Noppius eines doctor Gerlacus 
Radermacher, der des Raths Syndikus gewesen und zu den wichtigsten 
Sendungen an Kaiser Ferdinand verwandt worden war, welchen er durch 
sein Rednertalent in solche Verwunderung gesetzt, dass derselbe ihn seine 
Rede habe wiederholen lassen und alsdann, zu seinen Räthen gewandt, 
gesagt habe: „Ihr Oberländer! lernet reden von den Niederländern!^ 

In welchem Verwandtschaftsverhältnisse diese beiden gleichnamigen 
Männer zu einander gestanden, oder wer von beiden der ältere gewesen, 
darüber lässt sich keine sichere Nachricht beibringen; beide scheinen der- 
selben um 1676 — 79 hierselbst herrschenden Epidemie zum Opfer gefallen 
zu sein; denn, wie Noppius erzählt, war in den Jahren 1576 — 79 ein solch 
grosses Sterben in Aachen und namentlich unter den Rahtsherren, dass 
vom 23. Juni bis zum 8. Oktober 1579 der Rath viermal hat erneuert 
und ergänzt werden müssen. Um diese Zeit starb auch der Rathssyndikus 
„Doctor Gerlacus Radermacher . . . maximo catholicorum damno**. Der 
Pfarrer Gerlacus Rotarius starb Ende 1576 oder Anfangs 1577. 

7. Heinrich Beyer (1577 — 1578). Nach einer Notiz, welche der 
spätere Pfarrer Breuer aus einem alten Rechnungsbuche der Kirche abge- 

') Quix, a. a. 0. S. 22. 

-) Urkundliche Aufzeichnungen im Pfarrarchiv von St. Peter zu Aachen. 

^) Vj^l- Wacker, Mittheilungen d. Ver. f. K. d. Aach. Vorzeit 1. S. 14.'). 



— 20 — 

schrieben hat, ist im J. 1577 Heinrich Beyer als Pfarrer von St. Peter ange- 
stellt worden, hat aber schon auf Neujahrstag 1578 seine letzte Predigt 
daselbst gehalten „und ist casseert durch den herrn parochian, dieweil er 
die Communion sub utraque ausgetheilet. Fuit praedictus Henricus reli- 
giosus Carmelita^" 

8. Cono von Langendorf (1579 — 1604 oder 1608), vorher Kaplan an 
der St. Jakobskirche ^ wurde sein Nachfolger. Er liess sich schon im J. 1579 
in die Bruderschaft vom Leiden Christi eintragen und unterschrieb die 
Stuhltagsprotokolle derselben bis zum Jahre 1609, wird aber in dem Proto- 
kolle von 1604 als alter Pastor von St. Peter aufgeführt, was anzudeuten 
scheint, dass er resignirt, oder sich einen Koadjutor habe geben lassen. 
Zum Jahre 1605 geschieht seiner in einem Protokollbuch des Kollegiat- 
stiftes von St. Adalbert Erwähnung. Im Jahre 1609 wird er nochmals 
als Greve der obengenannten Bruderschaft erwählt. Unter ihm erhielt die 
Kirche die zweite Glocke: ^Anno 1582 ist die Mess Klock s. Peter von 
Mestr Joannes von Treyr ergossen und woget 2001 pfundt** -K 

9. Hermann Kinckes oder Kinckius (1608 — 1621) wird als Pfarrer 
von St. Peter zuerst im J. 1608 genannt. 1616 erhielt er die durch den 
Tod Lucae ßossii erledigte Präbende am Kollegiatstift von St. Adalbert 
auf kaiserliche Fürsprache (preces imperiales producendo), wie nach Mit- 
theilungen des verstorbenen Pastors Kreutzer aus dem betreifenden Proto- 
kolle des Stifts hervorgeht. Er starb am 16. Oktober 1621. 

Nach denselben Mittheilungen l)egehrte Kinckius im J. 1620 zur Residenz 
zugelassen zu werden, doch so, dass er dabei auch sein Amt als Pastor 
von St. Peter versehen könne, indem er auf die vom römischen Stuhle 
erhaltene Erlaubniss zum Besitze beider Pfründen hinwies. Ausnahmsweise 
wurde ihm die strenge Residenz nachgelassen. Er scheint aber von dieser 
Vergünstigung wenig Genuss gehabt zu haben ; denn gemäss den angeführten 
Protokollen des Stiftes starb er bei seiner ersten Residenz den 16. Oktober 
1621, „postquam viatico ss. corporis et sanguinis Christi Jesu munitus fuisset". 

Das Porträt dieses Pfarrers wird noch heute nebst noch 10 andern 
seiner Nachfolger in dem Pfarrhause von St. Peter aufbewahrt. Es zeigt 
einen sehr kräftig gebauten, bärtigen Mann im Rochette eines Kanonikus. 
Die Schrift lautet: „Adm. Rev. Dns. Hermannus Kinckius Canonicus ad 
s. Adalbertum et ex dispensatione apostolica pastor ad s. Petrum". 

Sein Wappen zeigt eine Hand, das Gelenk mit einer Spitzen-Man- 
chette geziert, welche kräftig eine Gabel umschliesst, die eine Wiege 
mit einem Männchen trägt. Der kleine Finger der Faust scheint etwas 
vorzustehn. — Bekanntlich wird der kleine Finger in der Aachener Mund- 
art Kinckes genannt. (Schluss folgt.) 



*) Vgl. Planker, Mittheilungcn d. Ver. f. K. d. Aach. Vorzeit I, S. 177 tt". 
^) Dresemaiin, Die Jakobskirche zu Aachen, S. 26, 64. 
^) Nach einem alten Rechnungsbuch im Pfarrarchiv. 



— 21 - 

Zur aranussage. 

Von E. Pauls. 

In (lern zweiten Heft des ersten Jahrgangs unserer Mittheilungen ist 
<lie (aranussage* in kurzen Zügen dargestellt und zugleich auf die Schwierig- 
keit ihrer richtigen Deutung hingewiesen worden. Wenn nun auch die 
mehrfach hier vorliegenden Räthsel vielleicht nie vollständig gelöst 
w^erden können, so lässt sich dennoch durch Zusammenfassung und Ver- 
gleichung verscliiedener Thatsachen aus römischer und mittelalterlicher 
Zeit das Dunkel in etwa lichten. Deshalb möge es gestattet sein, in Fol- 
gendem einigen Betrachtungen in Bezug auf Ursprung und Ausbildung 
dieser uralten Sage Platz zu geben. 

Bei der einenHälfte derGranussage befremden namentlich zwei Umstände. 
Wo immer nämlich Sagen über die Gründung von Städten auftreten, fast stets 
stossen wir auf das begreifliche, stolze Bestreben, den Ursprung der Stadt 
thunlichst weit zurückzuverlegen und denselben mit irgend einer geschicht- 
lich bedeutenden Persönliclikeit in Verbindung zu bringen-. Anders bei 
Aachen. Während viele uns nicht zu ferne Städte hinsichtlich ihrer Grün- 
dung sagenhaft auf die ältesten Zeiten der Römerherrschaft und die Jioch 
berühmten Namen eines ('äsar, Drusus u. s. w. verweisen^, ist Granus 
ungefähr ganz unbekannt, sein „Bruder*' Nero* sogar berüchtigt. 

Zunächst seien mehrere Thatsachen aus der ältesten Geschichte 
unserer Heimath erwähnt, um dann einige Folgerungen an dieselben knüpfen 
zu können. Plinius erzählt in seiner, etwa um 75 n. Chr. vollendeten* Natur- 
geschichte, dass man kürzlich in der Provinz Germanien Cadmia (Galmei) 
entdeckt habe ®. Es kann sich diese Angabe nur auf die Gegend zwischen 
Altenberg und Langerwehe beziehen ^, da andere Galmeilager in der links- 
rheinischen, ehemals römischen Provinz Germanien nicht vorkommen. Plinius 
hatte im 2. Drittel des 1. Jahrhunderts in Germanien unter Claudius gedient. 
Er widmet der Beschreibung des Wassers und seiner Eigenschaften fast 
ein ganzes Buch^; er sagt, das Wasser vermehre die Zahl der Götter mit 
verschiedenen Namen; er nennt mehrere Städte, welche dem Wasser ihre 

*) Bezüglich des GranusthurmB in Aachen sei hier bemerkt, dass die Sage, na<^h 
welcher dessen unterirdischer Theil an Grösse dem oberirdischen gleich ist, auch ander- 
wärts bei alten Denkmalen sich findet. (Bonner Jahrbücher XX, 8. 129). 

') Bekanntlich ist das Gleiche bei vielen Sagen über die Herkunft adeliger Geschlech- 
ter der Fall. 

^) JiUich und Cleve: Julius (Jäsar; Neuss: Drusus. Die Reihe lässt sich leicht 
vermehren. 

*) Ein Ritter aus dem Gefolge Neros gilt auch als der Gründer Utrechts. (P. a. 
Beeck Aquisgranum cap. 1). Die Utrechtcr Sage hängt mit der Aachener Gramissage 
zusammen, worauf hier nicht näher eingegangen werden kann. Erwähnt sei nur, dass 
viele Gründe dafür sprechen, dass Aachen und Utrecht ziemlich gleichzeitig in der römi- 
schen Geschichte hervortreten. 

^) Bonner Jahrbücher IX, S. 161. 

0) Plinius, bist. nat. XXXIV^ cap. 2. 

^) Gelegentlich werde ich hierauf ausführlicher zurückkommen. 

**) Plinius l. c. XXXT. 



- 22 — 

Gründung verdanken und erwälint auch die lieisseu (Quellen Wiesbadens. 
Wenn ein so kenntnissreicher, mit den linksrheinischen Verhältnissen durch 
persönliche Anschauung vertrauter Mann, wie Plinius es war, trotz seines 
Interesses für merkwürdige Mineralquellen Aachen kurz vor dem Jahre 75 
nicht nennt, seine Lage aber genau bezeichnet, so beweist dies, dass 
Aachen damals nur wenig bekaimt war^ Jedenfalls hat die Entdeckung 
der Galmeilager bei Aachen im Beginn des letzten Drittels des 1. Jahr- 
hunderts wesentlich mit zum Hervortreten Aachens in der Geschichte 
beigetragen. Dem Kern des einen Theils der Granussage, nach welchem 
Aachens geschichtliche Bedeutung ungefähr zu Neros Zeit beginnt, liegt 
also eine Thatsache zu Grunde, die sich auch anderweitig stützen lässt. 
Im Laufe des L Jahrhunderts füllte sich das ganze linke Rheinufer vom 
Bodensee bis zur Insel der Bataver mit den Anfangen städtischer Grün- 
dungen. Für unsere Heimath war damals Köln der Mittelpunkt römischen 
Wesens; von dort aus wirkten die Lockungen des römischen Handels- 
geistes, die Genüsse des verfeinerten Lebens ^ Sollten da Aachens heisse 
Quellen in öder Einsamkeit unbenutzt und vergessen geblieben sein? 
Zahlreiche zu Aachen in der Neuzeit gefundene Legionsziegel deuten auf 
Legionen, welche zu Ende des 1. oder zu Anfang des 2. Jahrhunderts 
n. Chr. im linksrheinischen Germanien standen ^ Es ist möglich, aber nicht 
wahrscheinlich, dass diese Ziegel erst lange nach der Zeit ihres Entstehens 
durch irgend welche Zufälligkeit nach Aachen gekommen sind. Viel wahr- 
scheinlicher verdankte die römische Aachener Wasserleitung, bei welcher 
viele Ziegel der 6. Legion sich eingemauert finden, einer in Aachen stationirt 
gewesenen Abtheilung dieser Legion ihr Dasein, stammt also ungefähr aus 
dem Ende des L Jahrhunderts unserer Zeitrechnung^. 

Weil es emen Granus genannten Bruder Neros nicht gegeben hat. 
versuchte man früher, andere Persönlichkeiten des Namens Granus, Granius, 
Granianus u. s. w., welche bei Tacitus genannt werden, mit der ältesten 
Gescliichte Aachens in Verbindung zu bringend Diese Versuche scheiterten, 
da selbst die geschraubtesten Erklärungen keine brauchbaren Anhaltspunkte 
lieferten. Nero selbst hat Gallien und Germanien nie besucht; über von 
ihm gegründete Städte weiss die Geschichte wenig zu berichten. Die von 
ihm in Roni gebauten sog. Neronischen Thermen waren der Glanzpunkt 
seiner gesammten baulichen Thätigkeit und erregten selbst in der Folge- 
zeit noch ungetheilte Bewimderung ^. Bei Nero darf man bestimmte Beziehungen 



') Dies schUesst uicht aus, dass Aachen vieUeicht damals bestand, wenn auch in 
einem so unbedeutenden Umfang, dass das Bestehen mit dem Nichtbestehen ziemlich gleich war. 

^) Vgl. Schiller, Geschichte des römischen Kaiserreichs unter Nero. S. 465. 

•'') Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII, S. 169 ü. 

*) Nach den Bonner Jahrbüchern LX, 8. 27 ist diese Wasserleitung zwischen 70 
und 120 n. Chr. entstanden. 

•'•) Wohl die vollständigste ZusammensteUung hierüber findet sich in Lerschs Auf- 
sätzen aus der Aachen-Burtscheider Kurliste des J. 1872, S. 4 ff. 

<^) Schiller a. a. O. S, 639. 



" 2:J ~ 

auf Apollo annehmen. Griechische Münzen zeigen die Aufschrift Nero 
Apollo, und schon Seneka vergleicht in Bezug auf Schönheit, Stimme und 
Gesang den Apollo mit Nero ^. Das Andenken Neros hat Jahrhunderte lang 
sowohl in der Liebe als im Hass fortgelebt. Bei den Römern waren die 
Ansichten getheilt; für das junge Christenthum aber gab es keine ver- 
rufenere Persönlichkeit als Nero. In ihm sah man den ersten und grimmig- 
sten aller Christenverfolger, er galt als das Vorbild des Antichrist ^. Wohl 
dämm erhielt sich selbst bis zu den Zeiten des h. Augustin der Aberglaube, 
Nero sei nicht todt, sondern lebe heimlich fort; wohl darum zitterten noch 
im 11. Jahrhundert manche Bewohner Roms vor seinem Schattend 

Bereits einige Jahrzehnte vor dem Sturz der Römerherrschaft war 
bei uns der Sieg des Kreuzes über das Heidenthum im wesentlichen ent- 
schieden, doch kostete die Beseitigung der letzten Reste heidnischen Un- 
wesens den christlichen Glaubensboten noch Jahrhunderte hindurch unsägliche 
Mühe. Die Verdrängung der Hausgötter*, die Beseitigung gewisser Götter- 
bildsäulen ^ besondei-s auch die Ausrottung des an Quellgottheiten geknüpften 
Aberglaubens stiess auf grosse Schwierigkeiten. Den Franken blieb der 
Rhein noch lange ein heiliger Strom; der h. Remaklus hielt es nocli i. J. 648 
für angemessen, bei der Gründung von Malmedy die durch heidnischen 
Aberglauben befleckten Quellen zu reinigen^; Konzilienbeschlüsse aus dem 
0. — 9. Jahrhundert, sowie Kapitularien der Karolinger eifern ernstlich gegen 
den bei den Quellen fortdauernden Götzendienste Dass auch in Aachen 
Quellgottheiten bekannt waren, beweist uns eben die (Tranussage. Es war 
heidnischer Götter Weise, Quellen durch den Stab eines Gottes oder durch 
den Hufschlag eines göttlichen Rosses der Erde zu entlocken ^ Nicht nur 
in Aachen, sondern auch anderwärts lässt die Sage nach dem Hufschlag 
eines fürstlichen Rosses Quellen hervorbrechend Karls d. G. Pferd und 
dessen Hufschlag in der Granussage sind also weiter nichts als ein Nach- 
klang aus den Zeiten, in welchen man auch in Aachen an Quellgottheiten 
glaubte *^ Dass unter diesen Apollo Granus obenan stand, kann nach den 

*) Ebendaselbst S. 311. 

*) Die berühmte, gcbeimuissvoUe Zahl 666 der geheimen Offen bar luig (XIIT, 18) 
wird bis zur Neuzeit vielfach mittelst des hebräischen Alphabets mit Neron Kosar zu 
deuten versucht. 

') Schiller a. a. 0. S. 290. 

*) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins II, 8. 151. 

^) Ueber die Zerstörung mehrerer Götterbildsäulen in der Nähe der Maas und bei 
Malmedy im 7. Jahrhundert vgl. Gregor von Tours VIII, 1.5 und Notger, Vita s. Remacli. 

®) Notger 1. c. 

^) Bonner Jahrbücher XXVI, S. 81. 

«) Simrock, Deutsche Mythologie 1878, S. 495 und Bonner Jahrbücher XXXIII, 8. 76. 

^) Lersch, Geschichte des Bades Aachen S. 19. 

"^) Dies dürfte unzweifelhaft richtig sein. Dagegen halte ich Simrocks Versuch, 
hieraiLs folgern zu wollen, dass in vorrömischer Zeit Odin und sein Ross Grani in Aachen 
verehrt worden seien, für einen zu gewagten. 



— 24 ~ 

^rüiidliclieu Untersuclmngeii von Müller*, Lersch- u. a. trotz des Maii^^els 
eines inscliriftlichen Beweises wohl nicht bezweifelt werden. Es fragt sich 
und steht mit der Granussage im Zusammenhang, ob im Namen Aquae Grani 
das Grani auf die Quellgottheit oder auf eine geschichtliche Persönlichkeit 
zurückgeführt werden muss. Nimmt man das letztere an, so läge der 
höchst seltsame, wohl niemals irgendwo vorgekommene Fall vor, dass eine 
Stadt zwar den Namen eines Gottes, Heiligen, Helden u. s. w. trägt, 
welcher zu ihr in Beziehungen stand, dass aber nicht der Gott oder Heilige 
u. s. w. der Stadt den Namen gab, sondern eine zufallig (!) gleichnamige, 
geschichtlich ganz unbekannte Persönlichkeit. Von einer solchen Häufung 
von UnWahrscheinlichkeiten sieht man besser ab; zur Granussage selbst 
sind ungeschraubtere Erklärungen möglich. 

Am Ende der Eömerherrschaft muss bei uns die Zeit des Hervor- 
tretens Aachens in der römischen Geschichte ziemlich genau bekannt 
gewesen sein. Inschriften, femer vielleicht die verschiedenen Karten und 
Nachweise (Meilensteine u. s. w.) über das allmählich entstandene Strassen- 
netz, wahrscheinlich auch die Ueberlieferung mögen auf das letzte Drittel 
des 1. Jahrhunderts n. Chr. gedeutet haben. Doch wohl keinesfalls hielt 
die Römerzeit irgend einen Granus für den Gründer Aachens: Eher hätte 
sie Nero als solchen ansehen können. Die Neronischen Thermen waren 
berühmt, auch liegt ein gewisser Zusammenhang zwischen Apollo Nero 
und Apollo Granus nahe. So lockend indes solche Vermuthungen sein 
mögen, sie haben doch nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit für sich. 
Es sind gar keine Beispiele bekannt, dass die Neronischen Thermen zu 
Sagen von Gründungen von Badeorten Anlass gegeben hätten; Neros Ver- 
gleich mit Apollo fiel mit dem Tod des Kaisers fast der Vergessenheit 
anheim, zudem hatte Nero zu rheinischen Gegenden nur sehr wenig in 
Beziehungen gestanden und auch dort kein fleckenloses Andenken hinter- 
lassen. Wohl mögen sehr bald nach ihrer Ansiedlung in Aachen die 
Römer den Ort Aquae Grani benannt haben ^, eine Gründungssage haben 
sie später schwerlich an Aachens Benennung oder an seine älteste 
Geschichte geknüpft*. Längst steht es fest, dass nur sehr wenige Orts- 



') Bonner Jahrbücher XXXIII S. 5<> if. Neben ApoHo Granus sind in Aai-hen 
vielleicht noch ApoUo Borvo und andere ApoUogötter verehrt worden. Dies ist nebensäch- 
lich. Duldsam, wie es aUe Anhänger der Vielgötterei sind, nahmen die Römer sowohl 
als die Gallier ihre beiderseitigen Götter als solche an und erwiesen ihnen gleichniässige 
Verehrung, wobei sie vielfach verwandte Gottheiten mit einander verschmolzen. Bonner 
Jahrbücher XIV, 95; Simrock a. a. 0. S. 245. 

*) Lersch a. a. 0. S. 3 ft. 

») Plinius (Hist. nat. XXXI, 2) bestätigt ausdrücklich, dass das Wasser die Zahl 
der Götter mit verschiedenen Namen vermehre und die Ursache der Gründung mehrerer 
Städte sei. Hierfür liegen zahlreiche Belege vor. 

*) Von viel bedeutendem Römer(>rten als Aachen sind Gründungssagen aus der 
römischen Zeit nicht nachweisbar. Die Zeit der Kömerherrschaft bei uns war nicht lang 
genug, um solche Sagen recht aufkommen zu lassen; vielfach auch mögen Sagen in der 
stürmischen Frankenzeit untergegangen sein. 



L 



— 25 — 

nainen und Ortssagen aus der Röuierzeit bis zur Neuzeit sich erhielten ^ 
Dem Mittelalter gehört die wunderliche Sucht an, Ortsbezeichnungen 
lateinisch umzuformen und durch Fabeln aller Art eine Brücke zum Alter- 
thum herzustellen. Die trojanische Sage der Franken, die Geschichten 
von Brutus unter den Kymriern, vom Ritter Antonius in Utrecht, von 
Trebela in Trier, von Marsilius in Köln ^ und zahlreiche ähnliche Märchen 
sind mittelalterlichen Ursprungs. So auch die Sage von der Gründung 
Aachens durch Granus. Wohl keinesfalls ist Granus, der Bruder Neros, 
eine Erfindung der fränkischen oder merovingischen Zeit. Allzu schwer 
mag es damals gehalten haben, im Kampf gegen den Quellgott Granus 
denselben seines Göttergewands zu entkleiden; stammte Neros Bruder 
aus dieser Zeit, so würden sich wohl in den bis ins Einzelne reichhaltigen 
Geschichtsquellen zur Karolingerzeit Andeutungen finden. Granus wurde 
erst dann unter die Sterblichen versetzt, als das Andenken an seine Ver- 
ehrung fast erstorben war, als der Volksglaube die Quellgottheiteu in 
Quelldämonen verwandelt hatte ^. An diese glaubten viele Christen; Aachens 
neuere Geschichte beginnt, so könnte man fast sagen, mit einem Kampf, 
den Pippin der Kleine gegen einen Quelldämon bestand^. 

Ob Granus bei uns als Quelldämon galt? Ob die Sagenbildung absicht- 
lich den Dämon Granus neben den „Dämon und Antichrist'' Nero setzte, 
bezw. ob der in der Erinnerung furchtbare Nero deshalb gewählt wurde, 
weil die heissen Quellen dem Volk furchtbar erschienen? Zur Erklärung 
des Umstands, dass Neros Name in die Gründung von Aachen herein- 
gezogen wird, bleibt kaum eine andere Annahme übrig. Namentlich hinsicht- 
lich der ältesten Zeit nimmt die Sagenbildung oder der poetische Sinn 
des Volks auf die Geschichte meist keine Rücksicht; statt auf Nero konnte 
deshalb die Sage ohne Weiteres auf die hochberühmten Namen und altern 
Zeiten eines Drusus, Augustus oder Cäsar zurückgreifen. Wollte aber die 
Sage, vielleicht in Uebereinstimmung mit den zur Zeit ihres Entstehens 
reichlicher als heute vorhandenen Beweisen, die Geschichte Aachens zur 
Römerzeit mit dem letzten Drittel des 1. Jahrhunderts beginnen lassen'', 
so waren Titus und Vespasian weit ansprechendere Erscheinungen. Die 
Wahl des Schreckbildes Nero hatte jedenfalls ihre besonderen Gründe. 

Es darf nicht auffallen, dass erst in den letzten 2—3 Jahrhunderten 
ortsgeschichtliche Forschungen sich der Erklärung des „Granum*' in Aquis- 
granum und der Granussage zuwandten. Nachdem der wahrscheinlich am 
Ende der Karolingerzeit geborene Bruder Neros im unächten Privilegium 



*) Bonner Jahrbücher XXVII, S. 19 ff. für Köln schlagend nachgewiesen. Düutzers 
Aosführungen gelten auch für andere Orte aus der Römerzeit. Der Name Aquae Grani 
stammt sicher aus der Römerzeit. 

*) Bonner Jahrbücher III, S. 190. 

') Lersch a. n. 0. S. 15. 

*) Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit I, S. 26 ff. 

^) Einen komischen Eindruck machen die Datirungsversuche alter Chroniken. Die 
von Prof. Loersch herausgegebene Aachener Chronik aus dem 15. Jahrhundert gibt das 
Jahr 70 n. Chr. als das Jahr der Gründung an; P. a Beeck wählt Neros Regierungszeit, 
also 54 -OS n. Chr., während Noppius sich für „70 und etliche Jahr" entscheidet. 



— 2() - 

Karls (1. G. für Aachen Aufiialiiiie gefunden liatte, hielt die ungeheuere 
Mehrheit der Aachener das Marcheu für wahr und durchaus unantastbar. 
Ein Angriff gegen dasselbe wäre ein hochverrätherisches Unternehmen 
gewesen, gleichbedeutend mit einem Zweifel an der Gültigkeit des hoch- 
angesehenen Privilegs, auf w^elchem der Ruhm Aachens wesentlich zu 
beruhen schien. Als im Jahre 1620 P. a Beeck sein Aquisgranum schrieb, 
berührte er in der Einleitung die Granussage in vorsichtigster Weise. 
„Ich will mir nicht", so etwa schreibt er, „den Vorwurf der Verwegenlieit 
zuziehen, indem ich Karls d. G. Privileg angreife und schwäche, welches 
im Laufe so vieler Jahre treu bewahrt und von so vielen erhabenen Kaisern 
für walir gehalten worden ist.** Hauptsächlich diese Scheu vor dem gen. 
Privileg hat es veranlasst, dass manche in mittelalterlicher Zeit wohl noch 
in Aachen zur Granussage vorhandenen Anhaltspunkte uns nicht erhalten 
geblieben sind. Nach K. Celtes, welcher im 15. Jahrhundert lebte, ist 
Aachens Name Aquisgranum von Apollo Granus herzuleiten. Mit liecht 
nennt P. a Beeck ^ diese Notiz ein Goldkorn ; denn sie beweist uns, dass 
die Erinnerung an den Quellgott, dem wahrscheinlich Aachen seinen 
Namen verdankt, auch in mittelalterlichen Zeiten nicht erloschen war, so 
sehr auch die in diesem Falle mächtig geschützte Sage an der Zerstörung 
des Götterbilds gearbeitet liatte. 



Die Aachener Stadtpläne. 

Von C. Rhoen. 

(Sclilnss.) 

Ein sehr schöner Plan von Aachen, ohne Angabe des Stechers, dessen 
klare und genaue Ausführung wohl dem Wenzel Hollar zuzuschreiben sein 
dürfte, ist in der Zeit zwischen den Jahren 1638 und 1650 erschienen. 
Diese Zeit ergibt sich aus der darauf befindlichen Bemerkung, dass der 
lange Thurm in dem erstgenannten Jahre durch Grana zerschossen wor- 
den sei, während die Bedachungen des Rathhauses und des Münsters 
noch die Formen aufweisen, die sie vor dem grossen Brand von 1656 
zeigten. Die Bildgrösse dieses Plans hat eine Breite v(m 522 mm und 
eine Höhe von 415 mm. Die Gebäulichkeiten sind mit grosser Feinheit 
und Genauigkeit dargestellt, auch ist die Anlage der Gärten der Stadt 
durchweg angegeben. Offenbar ist diesem Plan wieder der von Steenwyck 
zu Grunde gelegt worden, da er dessen Ungenauigkeiten aufweist und im 
\Vesentlichen von demselben nicht abweicht. Mehrfache Ergänzungen von 
seit dem J. 1574 errichteten Gebäulichkeiten sind in demselben nach- 
getragen worden, so unter andern das 1603 auf dem Karlsgraben erbaute 
Haus der Karlsschützen und die vor dem K(')ln- und Sandkaulthor erbauten 
Kavelins. Die St. Salvatorkirche ist unter der Bezeichnung „St. Silvester'' 
zu nahe an die Stadt gerückt, ebenso der Berg, auf welchem dieselbe 

^) P. a Beeck l. c. rap. I. 



-" 27 — 

steht, zu steil dargestellt. Die Namen der Strassen, sowie die 61 Nummern 
Erklärungen sind in holländischer, vielfach verderbter Sprache angegeben. 

In einem flachovalen verzierten Schilde oben in der Mitte stellt in 
grossem Buchstaben „Aquisgranum", darunter in kleinern „Gallis, Aix-la- 
chapellc. Germanis et Belgis Aken.** In der obern Ecke links befindet 
sich in einem mit Ornamenten umrahmten und mit einer Krone geschmückten 
Schild der Doppeladler mit kleinem Sclüld auf der Brust, rechts eben- 
falls in einem mit Ornamenten eingefassten Schild der einfache städtische 
Adler. In der untern Ecke rechts, verhältnissmässig zu nahe bei der Stadt, 
ist der Galgen mit der Bezeichnung „das Geright** angedeutete 

Der in holländischer Sprache geschriebene Text dieses Plans beginnt 
mit den Worten : „Gelyck Godts aenbiddelycke vorsienigheyt** und schliesst 
mit: „en eewige bontgenoot." Derselbe füllt in acht Spalten die erste und 
vierte Seite des gefalteten Bogens, sowie ein noch besonders zugegebenes 
FoUoblatt. 

• Das grosse und schöne Werk Merlans „Beschreibung der vurnembsten 
Statt und Platz," weist in dem Bande, in welchem der westphälische Kreis 
(um 1645) beschrieben ist, auch einen Plan von Aachen auf. Der Druck dieses 
Plans ist ein dem Auge angenehmer, erreicht jedoch nicht an Schönheit den 
vorher besprochenen. Auch er stellt sich als eine Nachbildung des Steenwyck- 
schen dar, wie die in beiden übereinstimmenden Irrthümer unwiderleglich 
nachweisen. Die Stich- oder Bildgrösse ist 301 mm breit und 271 mm hoch; 
der Band wird durch eine einfache Leiste gebildet. Die innerhalb des 
Randes stehende Ueberschrift „Aquisgranum. Achen** ist in Renaissance- 
Majuskeln; in der obern Ecke links ist in einem mit Barockverzierungen 
geschmückten Schilde der Doppeladler angebracht, auf dessen Brust sich 
ein kleines Schild mit horizontalem Balken befindet. Ueber dem Adler, 
jedoch noch innerhalb des Schilds, schwebt die Reichskrone. Oben in der 
Mitte, zwischen die Worte der Ueberschrift Aquisgranum und Achen hinauf- 
reichend, ist das Oberthor nebst einem Theile der Hauptstrasse von Burt- 
scheid angedeutet ; vom Oberthor aus zieht sich der Weg in der Richtung 
des heutigen Krugenofen weiter fort. In der obern rechten Ecke, ebenfalls 
in barockverziertem Schild, befindet sich der sehr unternehmend aussehende 
einköpfige Adler; unten fast in der linken Ecke ist die Windrose mit 
lateinischer Inschrift angebracht. 

Aus dem Merianschen Werke ist dieser Plan von Aachen auch in 
mehrere andere übergegangen. So in die zu Leiden bei Johann du Vivi^ 
im Jahre 1727 erschienene „Beschryving van de Stad Aken^, worin die 
29 in holländischer Sprache gegebenen Erklärungen unterhalb der untern 
Randleiste in Typenschrift beigedruckt sind. Ferner wurde derselbe dem 
1736 in Amsterdam bei Pierre Mortier erschienenen Werke „Amusemens 
des eaux d'Aix-la-C'hapelle*' beigegeben. Hierbei ist die Platte insofern um- 
gestochen worden, als an den Stellen, wo im ursprünglichen — Merianschen — 
Plan oben links und rechts sich die Adler befinden, in dieser Ausgabe je 



*) Dieser Plan ist in photographischem Druck iind verkleinert rcproduzirt, jedocli 
sind nur wenige Exemplare davon abgezogen worden. 



— 28 — 

ein Karton mit 46 Erklärungen, links in franziisisclier, reclits in holländischer 
Sprache angebracht ist. Im Allgemeinen sind die Abdrücke des Planes zu 
diesem Werke nicht sonderlich kräftig. 

Dem in lateinischer Spraclie geschriebenen Werke des berühmten 
Aachener Arztes Franz Blondel „Thermae Aquisgranenses et Force tanae**, in 
dritter Auflage erschienen in x\achen im J. IHHH bei Jos. Henr. Clemens, ist ein 
Plan von Aachen beigegeben. Die Stichgrösse desselben liat eine Höhe von 
225 mm und eine Breite von 233 mm, wobei jedoch an der rechten Seite 
ein Verzeichniss von Gebäulichkeiten von 39 mm Breite und der Höhe des 
Stiches sich befindet. Die Technik der Ausführung der Kupferplatte steht 
gegen die der vorher angefühlten Pläne zurück, auch weisen die angebrachten 
Schriften mehrfaclie ünschönheiten auf. Derselbe befindet sich auch in der 
deutschen Ausgabe des Blondelschen Werks vom Jahr 1G88. 

Dieser Plan ist gleichfalls dem Steenwyckschen nachgebildet, doch 
sind die Umänderungen, welche der grosse Brand von 1656 verursacht hatte, 
ziemlich deutlich eingetragen. Selbst mehrere Einzelnheiten, die in, dem 
Steenwyckschen ausgelassen sind, finden sich in diesem Plan vor. Dahin- 
gegen weist er auch eine Menge von Auslassungen den andern Plänen 
gegenüber auf. Auf einem durcli einfaclie Linien eingefassten Streifen steht 
als Ueberschrift der Anfang des Hymnus auf Karl den Grossen : „Urbs 
aquensis, urbs regalis, regni sedes principalis, prima regum curia". Rechts 
neben dem Plan befinden sich in dem erwähnten Verzeiclmiss 28 Nummern 
Erklärungen, worunter noch als Notiz die Worte: ^destructa adhuc fuit 
parochia S. Joannis, capella S. Servatii, capella S. Aldegundis*" stehen. 
Unter dieser Notiz befinden sich von a bis i wiederum Erklärungen, die 
ausser der unter a bezeichneten „curia** nur die Bäder betreff'en. Unterhalb 
des untern Druckrands steht in Majuskeln: „Aquisgranum thernmrum 
Prestantia et salubritate celeberrinuim". 

1685 liess Blondel in Maestricht bei Jac. du Preijs eine „Thermarum 
Aquisgraneusium et Porcetanarum descriptio" erscheinen. Der beigefügte 
Plan, 130 mm breit und 42 mm hoch, ist fein radirt, kann jedoch auf 
Richtigkeit wenig Anspruch machen, da durch die übermässige Breite der 
Strassen und Wege die Häuserinseln bis zur Unkenntlichkeit verzerrt 
worden sind. In der obern Ecke rechts befindet sich ein nur 24 mm 
langer und 7 mm hoher Streifen mit der Bezeichnung A(iuisgranum, unter 
diesem eine Gruppe, Flussgott nebst Nymphe und Amor darstellend. Die 
Nachbildung des Steenwycksclien Plans ist nicht zu verkennend 

Endlich sind noch die Amusemens des eaux d'Aix-la-Chapelle von 
V. PöUnitz zu erwähnen. Im J. 1737 erschien in Berlin bei Johann 
Andreas Rüdiger eine deutsche Uebersetzung unter dem Titel „Zeit- Vertreib 
bey den Wassern zu Achen^, welcher auch ein Plan der Stadt beigegeben 
wurde. Demselben ist augenscheinlich der Meriansche zu Grunde gelegt 
und hat man sich bestrebt, auch die Stechmanier desselben nachzuahmen, 
wobei derselbe jedoch an Grösse etwas eingebüsst hat, da er nur 290 mm 



') Das Werkchen erschicu schou 1G71 bei Metteniich in Aachen - ob mit Plan? 
Vgl. Lersch, Schriften über die Thunnen Ö. 5. 



— 20 — 

breit und 252 mm hoch ist. In den Einzelheiten hat sich der Stecher sehr 
ängstlich an das Vorbild gehalten, doch ohne dessen Feinheit in der Aus- 
führung zu erreiclien. Die oben in der Mitte innerhalb des Randes befind- 
liche Ueberschrift : „Die freye Keichs-Stadt Aaachen oder Aacken*' ist in 
kleiner, liegender Schrift ausgeführt. In der obern linken Ecke ist eine 
Tafel mit 23 Erklärungen, in der obeni rechten Ecke eine Draperie mit 
ebensoviel Nummern angebracht. Diese Erklärungen sind in deutscher 
Sprache gegeben. 

Dieser Plan ist, soviel mir bekannt, der letzte in Kavalierperspektive 
gezeichnete, auch der einzige im 18. Jahrhundert, welcher in Kupferstich 
ei-schien. 

Von jetzt ab treten an Stelle der in Kavalierperspektive gehaltenen 
Pläne solche in geometrischer Zeichnung, die den Vortheil besitzen, auf 
denselben Entfernungen messen zu können und daher in mancher Hinsicht 
den Vorzug verdienen. Wenn auch Pläne dieser Art vorerst nicht durch 
Kupferstich mechanisch verviellaltigt wurden, so entbehren wir doch solche 
in Handzeichnung nicht, und es gibt einige von Aachen, die mit ausser- 
ordentlicher Feinheit ausgeführt sind. Ein solcher Plan im Massstab 
von 1 zu 10000 gezeichnet, auf welchem nicht nur die Stadt allein, sondern 
auch umliegende Ortschaften und einzelne Häuser eingetragen sind, befindet 
sich in meinem Besitz. Derselbe ist von verschiedenen Händen gezeichnet, 
jedoch nicht ganz vollendet worden, da noch ein Theil der Gegend süd- 
lich von Burtscheid darauf fehlt. Derselbe scheint gegen das Jahr 1700 
gezeichnet worden zu sein. 

Im städtischen Archiv wird unter E ahmen gleichfalls ein in Hand- 
zeichnung ausgeführter Plan des Aachener Reiches aufbewahrt, der einer 
spätem Triangulationsaufnahme zu Grunde gelegen hat. Die Zeit der- 
selben ergibt sich aus der im Text befindlichen Jahreszahl 1710. 

Von der Hand des in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Aachen 
thätigen, talentvollen städtischen Baumeisters und spätem Stadtsekretärs 
Johann Joseph Couven befindet sich noch ein sehr schöner, im J. 1725 
gezeichneter Plan mit Ansicht der Stadt unter Glas und Rahmen auf dem 
Aachener Stadtbauamt. Die Zeichnung, im Ganzen 472 mm breit und 662 mm 
hoch, stellt im untern Theil den 315 mm breiten und 220 mm hohen geo- 
metrischen Plan der Stadt im Massstab von 1 zu 5000 dar, und war 
ursprünglich kolorirt, doch sind jetzt die Farben theilweise sehr verblichen. 
In der Zeichnung sind Buchstaben und Zahlen eingetragen, welche auf die 
in den an beiden Seiten befindlichen 78 mm breiten Randstreifen stehenden 
Erklärungen sich beziehen. In der linken obern Ecke dieses Theiles stehen 
die Worte „urbs aquensis**. überhalb dieses Plans, jedoch durch einen freien 
Raum von 315 mm Breite und 47 mm Höhe von demselben getrennt, befindet 
sich die Ansicht von Aachen, von der Südseite aus aufgenommen. Diese 
Ansicht hat 315 mm Breite und 132 mm Höhe und ist ebenfalls in jetzt 
freilich stark verblichenen Farben ausgeluhii. Der Plan, die Ansicht und 
der zwischen beiden befindliche Streifen sind von einem rahmenförmig das 
Ganze umschliessenden Randstreifen von 78 mm Breite eingefasst, in welchem 



30 - 

an den beiden Seiten und dem untern Tlieile die im Plane befindlichen 
Buchstaben und Zahlen ihre Erklärung finden. Im obern Theile des Eand- 
streifens jedoch ist die Ueberschrift angebracht: ^Accurata Delineatio sive 
Prospectus meridionalis. Planum Regiae sedis ac urbis regalis Aquis- 
granensis. 1725". In der rechten untern Ecke steht der Name des Zeich- 
ners: „Joannes Josephus Couven Aquensis fecit et delineavit**. Durch die 
Einrahmung unter Glas geschützt, ist dieser Plan ziemlich gut erhalten 
geblieben. 

In meinem Besitz befindet sich ein ebenfalls von Couven gezeichneter 
Plan von Aachen, welcher walirscheiulich als erläuternde Beilage zu einem 
Bericht gedient hat, da sich in demselben Buchstaben luid Zahlen befinden, 
die nur auf ein denselben begleitendes Schriftstück Bezug gehabt haben 
können. 

Ob im 17. Jahrhundert von Aachen und dem Aachener Reich Par- 
zellarkarten bestanden, scheint zweifelhaft zu sein\ da den Rathsproto- 
kollen zufolge am 14. Juü 1658 ein gewisser Weybrand sich erbot, eine 
neue Karte des Aachener Reiches anzufertigen. Es ist mir unbekannt, 
ob der Magistrat dies Anerbieten angenommen hat; zu vermuthen ist, 
dass derselbe wohl das Bedürfniss einer solchen, die als Basis der damals 
schon häufig geschehenen, wenn auch nur vorübergehenden Besteuerimg 
der Bodenfläche zu dienen hatte, erkannte, jedoch durch das grosse Brand- 
unglück, welches zwei Jahre vorher die Stadt betroffen, sich der bedeu- 
tenden Kosten wegen genöthigt gesehen, dies Anerbieten abzulehnen. 

Gegen das Jahr 1760 jedoch wurde von dem vor Pontthor auf dem 
Gute Süstern wohnenden Landmesser Scholl die Vermessung der Bürger- 
meisterei Aachen ausgeführt. Von den in Folge dieser Vermessung gefer- 
tigten Plänen befinden sich drei auf grosse Bogen gezeichnete zur Zeit im 
Aachener Stadtarchiv; wo sich der vierte Plan, der das Terrain innerhalb 
der Ringmauern der Stadt enthält, befindet, ist mir unbekannt. Einige 
Jahre später sehen wir wiederum einen andern städtischen Beamten mit 
einer neuen Aufiiahme beschäftigt. Es ist Heinrich Copzoo, von dem ein 
in sehr guter Durcharbeitung ausgeführter Plan aus dem Jahre 1777 auf 
dem städtischen Archiv sich vorfindet. Derselbe umfasst sowohl das 
gesammte Reich von Aachen als auch die Stadt selbst, letztere in einer 
Grösse von etwa 170 mm Höhe und Breite. 

Zählt man zu den oben aufgeführten Plänen noch einen von Harrewyn 
in Brüssel gestochenen Plan, von welchem ich mir jedoch eine Einsicht 
nicht habe verschaffen können, so dürfte wohl die Aufzählung der Aachener 
Stadtpläne aus der Zeit der Freien Reichsstadt abgeschlossen sein. Es 
ist in der That eine nicht unbedeutende Anzahl, und manche grössere 
Stadt dürfte eine solche nicht aufzuweisen haben. 

*) Quix, Gesch. d. S. Peter-Pfarrkirche S. 58, enthält die: „Lymiteu dero Bergh 
und Sanckel Graflfschafft wie weitt sich dieselbe an Landt und Benden baussen dero Statt 
und Reip^enoteu zu Ach under dem Klockenklangh ehrstrecken doutt zu folg getthanner 
abmessuug de anno 1H39". Üb die Ergebnisse dieser „getthanncr abmessung" auf Karten 
eingetnigeu wurden, nmss dahingestellt bleiben. 



— 31 — 

Kleinere Mittheilungen. 

1. Eine Aachener Silbermünze von 1419. 

Im Jahre 1887 wurde zu Mouheim, einem Dorfe im Kreise Solingen, bei einem kleinen 
Umbau, den man auf der Kesitzunjj des Herrn Quadflieg vornahm, etwa '/i ^ tief in der 
Erde ein Topf mit ungefähr 300 mittelalterlichen Münzen, goldenen und silbernen, gefun- 
den. Da die jüngsten von ihnen die Jahreszahl 1498 tragen, so wird die Vergrabung erst 
im 16. Jahrhundert geschehen sein. Aus welchem Anlass sie erfolgte, bleibt unermittelt. 
Mit Kriegsereignissen scheint sie kaum zusammengehangen zu haben, da für das Dorf 
Monheira nach Zerstörung seiner Festungswerke im 15. Jahrhundert eine lange Zeit der 
Ruhe eintrat, die auch durch die Reformation und die sich daran anknüpfenden Kämpfe 
nicht wesentlich gestört wurde (vgl. F. E. von Mering, Geschichte der Burgen, Ritter- 
güter, Abteien und Klöster in den Rheinlanden XT, S. 24). Zu den aufgefundenen Münzen, 
welche sich gegenwärtig im Besitze des Herrn Apotheker Quadflieg hierselbst befinden, 
gehört aueh eine Aachener Silbermünze von der Grösse eines Zweimarkstücks, aber erheb- 
lich dünner als dieses. Auf ihrer Hauptseite ist Karl d. Gr. mit der Münsterkirchc auf 
der Rechten uud dem Reichsapfel in der Linken dargestellt, darunter der Adlerschild der 
Stadt; Umschrift: 808 . KAROL . MAG\ IPERATOR. Die Rückseite zeigt in einem Kreise 
ein Kreuz mit Doppelumschrift, von welcher die iimere: f MONETA. VRB'. AQVS'., die 
äussere: f ANNO . DOMINI . MI LESl MO . CCUC . XIX. lautet. Die Münze ist zwar nicht 
besonders selten, dennoch erschien ihre Verzeichnung an dieser Stelle nicht überflüssig, 
zumal die bisher veröffentlichten Nachrichten über die Münzen der alten Kaiserstadt 
ausserordentlich dürftig sind. 

Aacheft. i?. Pick. 



2. Die Bruderschaft der Wollenweber-Gesellen in Aachen. 

Im Anfang des vorigen Jahrhunderts traten die Wollenweber-Geselleu in Aachen 
zu einer Bruderschaft zusammen, deren Hauptzweck die Unterstützung der Mitglieder in 
Krankheits- oder sonstigen Unglücksfällen bildete. Dass daneben auch die Pflege eines 
braven christlichen Lebenswandels unter den Gesellen ins Auge gefasst war, verstand sich 
zur damaligen Zeit von selbst. Bei der grossen Zahl von Wollenweber-Gesellen, welche 
es seit Alters in Aachen gab, komite es nicht fehlen, dass das Vermögen der Bruderschaft 
bald stark anwuchs, obgleich der Beitrag für den Einzelnen wöchentlich nur eine Aachener 
Mark betrug. Um eintretenden Falls die auf einen rheinischen Gulden für die Woche 
festgesetzte Unterstützung zu erhalten, musste man sechs Jahre der Bruderschaft angehört 
haben. Eine besondere Festlichkeit wurde für denjenigen veranstaltet, welcher fünfzig 
Jahre hindurch Mitglied der Genossenschaft gewesen war. Dieser Fall trat im Sommer 1765 
seltsamer Weise bei vier alten Gesellen ein. Der Bürgermeisterdiener Johann Janßen 
(t 1780), dessen handschriftlicher C-hronik der Stadt Aachen (8 Bände Fol. im hiesigen 
Stadtarchiv) die vorstehenden Nachrichten entnommen sind, beschreibt die Jubiläumsfeier 
(Bd. in, S. 199 f.) wie folgt: „Also seind dan 4 alte Gesellen gewesen, welche 50 Jahr 
in die^e Bruderschaft gewesen; diese haben ihr Jubiley gehalten mit solche ceremonien, als 
wans im geistlichen Stand gewesen war. Diese 4 haben sich hübsch gekleidt mit einen 
Urans umb den Kopf und seind in der Pfarkirch gangen mit alle ihre in der Bruderschaft 
gehörige Mitgesellen und haben ein hohes Ambt gehalten oder beygewohnt mit Haltung 
ihren Festag, bey Embfangung des h. Sacraments mit Abführung der Böller zu 3 Mal; 
nach dem Ambt aber aus der Kirch nach ihre Leuf oder Beisammeidiömst-Haus zur Mittag 
gespeiset; henuich die Mitlcuf oder Zunfthaus iluminirt mit artige Versen, auf die Jubilarij 
zielent, im Mitten aber war das große Portret Carli Magni, unser Stadtpatron, des Abens 
wider mit abfeurung der Böller den Schluß gemacht. Dieses Fest ist mit allerh^ind närrische 
Uermonien begangen und geendiget worden, welche alhier nicht habe notiren wollen, also 
daß sich alle verstandige Lcut darüber bald zu Puckel gcbicht." Ungewiss ist, ob mit 



— 32 — 

dem „großen Portret Carli Miigni'* ein der Bruderschaft gehöriges Bild Karls d. Gr. oder 
vielleicht das im Jahre 1730 von dem Maler Johann Chrysanth Bollenrath wahrscheinlich 
auf Bestellung der Werkmeister und Geschworenen angefertigte Oelbild dieses Kaisers, 
das noch jetzt in dem Sekretariat des Rathhauses (Bureau Nr. .^), dem frilhern Sitzungs- 
saal des Werkmeistergerichts, hängt, genieuit sei. Man könnte an letzteres denken, da 
in dem darauf angebrachten Doppelchronogramra : CaroLVs MagnVs hVIVs scDIs regaLTs 
et VrbTs granensis LaVDablLIs et De pannls Ibl statVentTs IVDICII patronVs (zu 
Deutsch: Karl der Grosse, dieses Königlichen Stuhls und der Stadt Aachen, sowie des hier 
tagenden Werkmeistergerichts löblicher Beschützer) ebenfalls von dem „Stadtpatron" die 
Rede ist. 

Aachen. IL Pick. 



Fragen. 



1. Wo lag in Aachen die im Todtenregister des Marienstifts (Qu ix, Nccrologium ecdesiae 
B. M. V. Aquensis p. 53, 1. 1) erwähnte platea Dodonis? Lässt sich dieselbe sonst noch 
urkundlich nachweisen? W. 

2. Wer kann den Aachener Bachnameu Pau erklärend S. 

3. Wann wurde in Aachen die Kunst, Ziegel zu bereiten, zuerst im Mittelalter geübt, 
und wo findet sich das älteste Zeugniss darüber? P. 

4. Woher stammt der Strassenname Rennbahn in Aachen? Ist die Ansicht von Quix begründet, 
dass das öfters, namentlich im Winter, eintretende üeberfliessen (Rennen = Laufen =: 
Fliessen) der Pau nach dem tiefer gelegenen Fischmarkt hin der Anlass zu dieser 
Namengebung gewesen sei? P. 

5. In einer ungedruckten Aachener Urkunde vom Jahre 1699 ist davon die Rede, dass ein 
Durchgang nebst dem „oifenen Platz", zu welchem er ftlhrte, nicht „zu einem Schlep- 
spill oder Luderwinkel" gebraucht werden dürfe. Was ist mit dem „Schlepspill" 
gemeint ? IF. 



Antworten. 

Zu S. IH, Frage 1 [Engeland J: Nach Quix, Gesch. d. Karmeliten-Klosters S. 50, Anm. 
ist der Flurname „Engeland" folgendermassen zu erklären: In den achtziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts bewohnte ein Engländer, Comte de Rice, den Neuenhof bei Brand; 
diesen liess er in Stand setzen und ausserdem noch auf urbar gemachtem Boden der 
Brander Heide mehrere Häuser errichten. Den ganzen Komplex nannte man seitdem 
Engeland. (Mitth(!ilung des Herrn Kaplan H. Schnock in Aachen.) 



Vereinsangelegenheiten. 

Monatsversammlungen im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse). 

1. Am Mittwoch, den 21. November 1888, Abends 7^1. Uhr. Vorträge: 
Prähistorische Funde in der Umgegend von Aachen. Zur frülieren 
Uhrenfiibrikation mit Beziehung auf Aachen. 

2. Am Mittwoch, den 19. Dezember 1888, Abends TVs IJhr. Vorträge: 
lieber ein registrum mortuorum d. a. 1622— 1G88. Ueber (Hiristian Quix. 



"Dritk von Hkrmasn Kaatxf.u IX AA(in:x. 



;ili 



Jiihrlieh 8 Nuramccn Kommiasiona -Verlag 

i 1 Boeen Royal OkUv. ^*'' 

Cremer'schen Buchhandlung 
Preis des JahrgaiiRs ,,,_ j„i„ 

4 Hark. in Aachen. 



Mittheüungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereina herausgegeben von Dr. E. Wieth. 

Nr. 3. Zweiter Jahrgang. 1889. 

Inhalt: S. Planker, Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. (Fortsetzung statt Schlnss.) — 
K. Wieth, Zur Erklfinmg des Namens Marsch ierstrasse. — Kleinere Hittheilungcn: Die 
Rethelschen Fresken im RatbUaussaale zu Aachen. — Heinrich Copzoo. — Eine Bescheinigung 
des Vorstands der Aachener Bäckerzunft 1647. — Fragen. — Antworten, — Vereins- 
angelegenheiten: Chronik des Vereins 1888. — Monatsvcrsanunlung. — Bttche ranzeige. 

Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. 

Von S. Planker. 

(Tortsetznng statt Schluss.) 

10. Gerardus Breuer (1621—1651). Am 16. Oktober war G. Kinckius 
gestorben, und nocli in demselben Monat ernanute der Erzpriester und 
Kanonikus des Münsterstiftes Herr Gosswin Schrick, sein Patronatsreciit 
wahrend, den bisherigen Pastor von Moresnet Gerardus Breuer zum NacL- 
folger, welcher sich, wie er es selbst notirt hat, den 4. November investiren 
Hess. Breuer war nach Noppius ein „guter Oeconomus." Er restaurirte 
Kirche und Pfarrwohnuug, der Thurm erhielt eine schöne Uhr nebst 
Schlagwerk, die Kirche selbst eine Orgel, einen neuen Altar und viele 
Stiftungen. Dabei Hess er es sich angelegen sein, die vorhandenen Stif- 
tungen sorgsam zu verwalten, die Urkunden zu sariimeln und zu registrireu, 
die vergänglich gewordenen wichtigen Manuskripte zu kopieren, und die 
Kirchenrechnungen selbst bis an seinen Tod zu führen. Aber er war auch 
ein ebenso eifriger Seelsorger. Er förderte das kirchliche Leben durch 
regelmässiges Predigen, Katechisiren und fieissigen Krankenbesuch; die 
Bruderschaft vom Leiden Christi hob er zu neuer Blütlie. Er schenkte 
der Kirche im Juni 1647 ein „Silber übergultes Ciborium", welches ihn 
über 100 thlr. gekostet, desgleichen stiftete er in seinem Testamente anno 
1651 eine Jahresrente auf sein Haus in der Hartmannstrasse „zu behoif 



— 34 — 

des Olichs iu der Lampen vor dem hochw. Sacrament", und für drei 
Lesemessen, am 2. April abzuhalten ^ Nach seinem Tode machten die hier 
lebenden Geschwister desselben der Kirche verschiedene Zuwendungen und 
stifteten eine Messe für ihren sei. Bruder. Hieraus ist zu schliessen, dass 
Breuer ein geborner Aachener war, wie denn auch Quix ihn Aquensis nennt. 
Die letzte von seiner Hand geschriebene Kirchenrechnung ist die 
von 1649/50. Die Rechnung von 1650/51 ist von anderer Hand, und zu 
Pfingsten 1651 wird der Kirchenvorstand ohne Beisein eines Pastors 
ergänzt. Die von Breuer gestiftete Rente für Oel wird zuerst den 6. April 
1652 der Kirche eingezahlt und so fort im April jedes Jahres. Da nun 
das damit verbundene Jahrgedächtniss stets am 2. April abgehalten wird, 
so darf man schliessen, dass Breuer den 2. April 1651 gestorben ist. Sein 
im Pfarrhause noch erhaltenes gutes Porträt stellt ihn dar in priesterlichem 
Gewände, betend und mit gefaltenen Händen. Das stark bärtige Gesicht 
drückt Ernst und Andacht aus. Sein Wappenschild trägt einen Kelch 
zwischen den Buchstaben G. B=^. 

11. Winand Osteradius (1651 — 1663), geboren zu Hülchrad bei 
Wevelinghoven, wurde im 52. Jahre Pfarrer an St. Peter und war zugleich 
Vicarius in Neuhaus, wahrscheinlich Neuenhausen in der Nähe seiner Heimath. 
Auf dem Grabstein, der im J. 1836 noch vor dem Pfarrhause zu Brauweiler 
lag, wird er pastor vigilantissinuis genannt. Er ist in der Kapelle des h. 
Laureutius zu Brauweiler begraben. „Memoria anniversaria adm. Eevdi. 
Dni. Winandi Osterath, Pastoris ad s. Petrum Aquisgrani hie in Brauweiler 
pie in Domino defuncti anno 1663 in sacello s. Lauren tii sepulti'^**. In dem 
Rechnungsbuch der Kirche von St. Peter vom J. 1663 liest man: „und ist 
folgendts den 14. Juni in praesentia pastoris Winandi Osteradii und Michaelis 
Born als successoris . . . Rechenschaft gehalten worden". Demnach muss 
Osteradius, wahrscheinlich weil er schwächlich oder kränklich geworden, 
einen Koadjutor angenommen und sich nach Brauweiler zurückgezogen 
haben, wo er denn auch noch in demselben Jahre 1663 am 30. Oktober 
verschied. 

12. Michael Born (1663—1690) trat sein Amt im Juni 1663 an und 
verwaltete es bis zum 16. Dezember 1690, an welchem Tage er starb*. 

Er scheint im Geiste Breuers die Verwaltung geführt zu haben. 
Pfarrhaus und Kirche wurden wesentlich verschönert, in der Kirche neue 
Bänke aus freiwilligen Gaben beschafft; er selbst vermachte aus seiner 
„wenigen Hinterlassenschaft" der Kirche testamentarisch 100 rthlr. zu 
einem Anniversarium. 

Er war besonders befreundet mit dem schriftstellerisch bekannten 
Arzte Blondel, welcher das Aachener Thermalwasser als heilwirkendes 
Getränk in die ärztliche Praxis eingeführt hat. Er schrieb zu der latei- 



Urkundliche Aufzeichnungen im Pfarrarchiv. 
2) Vgl. üher ihn Wacker a. a. 0. S. 148 ff. 
^) Aus einem alten Kirchenbuch zu Brauweiler. 

*) Gemäss einem Anniversarienbuche, welches er 1672 selbst augelegt hat. Cod. II, 
2 im Pfarrarchiv von St. Peter. 



— 35 — 

nischen Ausgabe des betreffenden Werkes von Blondel von 1688 als Zeichen 

seiner Freundschaft einige Disticha und ein Chronicon, welche hier folgen 

mögen : 

Nobili et Expertissimo Viro Domino 

D. Franzisco Blondel 

Archiatro et Aquanim Mineralium Aquisgranensium 

Vindici solertissimo etc. 

Non satis ille sapit Medicus, sed ab arte recedit, 

Qui Medicos fontes, omnibus esse volet: 

Nee minus a solida hunc, dico ratione vagantem, 

NuUi qui medicas, esse negabit aquas: 

Qui bene (consilio Medici) thermalibus undis, 

ütitur, infirmis proficit usus aquae: 

Haec etenim toti sententia cognita mundo est; 

Quod sanus, Medici, nee Medicae artis, eget; 

Usus servetur, toUatur abusus aquarum: 

Usus si malus est, optima quaeque nocent. 

Ut bene vel fotu vel eures corpora potu; 

Optima Blondelii, regula Pandit iter. 

amicitiae ergo posuit 

Michael Born pastor. S. Petri Aquisgrani, ac senior Venerabilis 

ludicii Synodalis assessor. 
Chronicon. 

noWs therMaLIs aqVae VsVs, VInDICatVs. 

13. Christian Blees (1691 — 1692), canonicus regularis ordinis s. 
Augustini Congregationis Windesimensis aus dem Kloster von Werdt 
(warscheinlich von Werden?), wurde durch den Erzpriester Fibus zum 
Pastor von St. Peter im J. 1691 ernannt, aber diese Ernennung als rechts- 
widrig von den Kirchenvorstehern und Pfarrgenossen bestritten, da er eine 
Ordensperson sei. Derselbe musste gemäss Sentenz der sacra rota Romana, 
ergangen am 14. Januar 1692, weichen, und statt seiner wurde denominirt 
und „mit guten contracto*' den sämmtlichen Pfarrgenossen vorgestellt: 

14. Johannes Henricus Scholl (1692 — 1724), „pastor bene meritus, licen- 
tiatus s. theologiae** ^ Die gegen Scholls Ernennung durch Christian Blees 
erhobene Appellationsklage wurde erst endgültig erledigt durch römische 
Sentenz vom 29. Januar 1694. Dieser Henricus Scholl ist ein ebenso 
thatkräftiger als einsichtiger Pastor gewesen. Er nahm zunächst eine 
durchgreifende Erneuerung der Thurmspitze vor, dann wurde für die innere 
Ausschmückung der Kirche gesorgt, und endlich fand er Muth und Mittel, 
die für die Pfarre zu klein gewordene und baufällige Kirche durch den 
Neubau der jetzigen zu ersetzen. Dass Schlussblatt des im J. 1700 ange- 
legten Eechnungsbuches (Cod I, 4) sagt von ihm: „Es ist hiebei gedenk- 
würdig, dass indeme man 1707 auswendig der Kirch bemühet und das 



^) Nach einem alten Rechnungshuch im Pfarrarchiv von St. Peter, Cod. I, 2. 



— 36 — 

Dachwerk am Thurm ganz renovirt, hat der Ehrw\ Herr Pastor Hinricus 
Scholl mit seinem Fleiss auch nit ermangelt und hat das Haus Gottes ein- 
wendig mit die köstlichste Monstranz geziert, welche hat in Gewicht 11 
Pfundt und 14 Loth. Hiebei ist aus der Kirchen sieben Pfundt vSilber bei- 
geschossen, die übrigen vier Pfundt, welche seind beigelegt, wie auch den 
Machlohn, welcher accordirt bei Hr. Rüttgers vor 1200 Acher Gulden 
(= 100 Thlr.) seind ohne den geringsten Schaden der Kirchen von dem 
Ehrw. Hr. Pastor versorget; dangestalten der ein und ander guter freundt 
der Pfarrgenossen hierzu verehret, aber an ein so köstlich Werk nit hat 
können klecken, hat vorgemelter Herr Pastor was hiran gefeit aus seinen 
eigen Mittelen aus Liebe, so er gegen das Gottes Haus getragen, gar 
williglich und gern verehret." Diese Sonnen-Monstranz ist in ihrer Art 
ein wahres Prachtstück der Goldschmiedekunst und heute noch im Besitze 
der Kirche. Gleicher Weise liess Pastor Scholl, wahrscheinlich auch von 
demselben Künstler einen prächtigen Kelch in getriebener Arbeit für die 
Kirche anfertigen, sowie ein kleines Ciborium, welches zugleich zu Verseh- 
gängen benutzt werden konnte. Der Kelch ist 2 Pfund 1 Loth schwer, 
das Ciborium wiegt 1 Pfund 2 Loth. Von demselben Pfarrer wurde im J. 1722 
der Kirche eine grosse silbervergoldete Schüssel (22 Loth schwer) geschenkt, 
um die Messkännclien darauf zu stellen; die Inschrift derselben lautet: 
„D. 0. M.: B. M.V. et Patronis Henricus Scholl, s. Petri Pastor, dicabat 1722". 

Um die zum notliwendigen Neubau der Kirche erforderlichen Mittel 
zu beschaffen, erfand der muthige Pfarrer Scholl den Plan einer grossen 
Lotterie von 50 000 Thlr. in 25 000 Loosen, Wozu der Stadt-Magistrat die 
Erlaubniss ertheilte. Von dem Ertrag sollten 10 ^/o zum Kirchenbau dienen; 
und am 13. Juni 1714 konnte mit dem Baumeister Laurenz Mifferdatis 
der Kontrakt zum Abbruch der alten und zum Bau der neuen Kirche 
abgeschlossen werden. Ob Mifferdatis, dessen Name auf italienischen 
Ursprung zurückzuweisen scheint, bloss den Bau der Kirclie ausgeführt, 
oder auch den Plan dazu entworfen hat, ist aus den Akten nicht ersicht- 
lich; jedoch ist letzteres nicht unwahrscheinlich, da der Neubau ganz 
offenbar Anklänge an italienische Stilart an sich trägt, namentlich die mit 
der Kirche zugleich entstandenen Altäre, welche sanunt den dazu gehörigen 
Figuren in Marmorstuck ausgeführt sind. 

Im J. 1717 war der Bau vollendet, wie ein Chronicon im Gewölbe des 
Chors nachweist: „TabeniaCVLa Del MoLIUntVr". 

Scholl hat offenbar das möglichst Beste zur Ehre Gottes in seinem 
Baue schaffen wollen. Er trug sich mit dem Gedanken, über der Vierung 
des Transeptes eine Kuppel zu errichten, und er würde die Kirche wenig- 
stens um ein Feld länger gebaut haben, wenn nicht Raum und Geld gefehlt 
hätten. Statt der Kuppel wurde die Vierung mit einer glatten Holzdecke 
geschlossen und mit einem grossen Gemälde geschmückt^. 

Seinem Bedauern über die Hindernisse, welche seinen weiter gehenden 
Plänen entgegen gewesen waren, gab er Ausdruck in einigen interessanten 



') Vi?l. S. Plankcr, Mitthoilnngen des Ver. f. K. d. Aach. Vorzeit I, S. 112 ff. 



— 87 — 

Hexametern, die bis zu Anfang dieses Jahrhunderts über dem Eingang zum 
Thurm zu lesen waren: 

Tres qui scribebat solidos dum coepit habebat, 
Henricus templi fautor, promotor et auctor 
Longius ivisset, ni sors inimica fuisset 
Jussa per osores sacros tardare labores. 

Die feierliche Konsekration der Kirche konnte erst unter seinem 
Nachfolger am 9. October 1729 durch den Weihbischof von Lüttich Joh. 
Bapt. Gillis, episcopus Amyzonensis, vollzogen werden. 

Scholl starb im September 1724. Sein Porträt, gut gemalt, wird im 
Pfarrhause von St. Peter aufbewahrt und verräth ganz den intelligenten 
und energischen Mann, wie er sich in seiner Amtsführung bewährt hat. 
Als Wappen führte er zwei übereinanderliegende Fische (Schollen), womit 
auch die von ihm herrührenden hh. Gefässe geziert sind. 

15. Leonard Jennes (1724 — 1725 bezw. 1727). Nach dem Tode SchoUs 
wiederholte sich der Streit um die Besetzung der Pfarre, indem der Erzpriester 
den Leonard Jennes ernannte, der h. Stuhl dagegen im J. 1725 Bernardin 
Heyden für die erledigte Pfarrstelle bezeichnete. Auch dieser Zwiespalt 
wurde erst nach zweijährigem Prozessverfahren durch letzte Entscheidung 
der s. rota vom 9. Mai 1727 endgiltig beigelegt. 

16. Bemhardin Heyden (1725 bezw. 1727—1731). Jm J. 1726 
liess er in seinem 40. Lebensjahre sein Bildniss mit dem Ernennungsbrief 
in der Hand anfertigen; dieser Brief trägt die Aufschrift: „Provisio 
Apostolica ob mensem reservatum et neglectum concursum.** Seinen Kopf 
deckt nach damaliger Zeit eine stark gepuderte Perücke. Dies Bild 
befindet sich gleichfalls im Pfarrhause. Das darauf beigefügte Wappen 
zeigt im ersten Felde ein Kreuz, im zweiten einen Stern, im dritten einen 
Mohrenkopf und im vierten endlich einen Adler. Unter seiner Amtsführung 
wurde die Kirche am 9. Oktober 1729 durch Joh. Baptist Gillis, Weih- 
bischof von Lüttich, konsekriert. (Schluss folgt.) 



Zur Erklärung des Namens Marschierstrasse. 

Von K. Wieth. 

Drei Deutungen des Namens Marschierstrasse, Marschierthor und 
Marschiersteinweg sind in Umlauf. Seit das Kloster Marienthal in der 
Franzstrasse, der vormaligen Grossen Marschierstrasse, in eine Kaserne 
umgewandelt ist, bringt das Volk den Namen derselben mit dem Marschiren 
der Soldaten in Verbindung und sagt, weil die Soldaten dort marschirten, 
nenne man die Strasse Marschierstrasse. Es wird dabei angenommen, 
dass auch in frühem Zeiten, als die Strasse schon jenen Namen führte, 
vielleicht die Bürgerschaft der Stadt daselbst ihre kriegerischen Uebungen 
abgehalten habe. Durch geschichtliche Zeugnisse ist diese Ableitung in 
keiner Weise zu stützen, daher hinfallig. 

Wichtiger und von vielen geschulten Freunden der Ortsgeschichte 



— B8 — 

auch heute noch festgehalten, ist die Zurückführuug jenes Strassennaniens 
auf die französische Stadt M6ziöres, an der Maas unweit der belgischen 
Grenze gelegen. Laurent spricht sich darüber folgendermassen aus: ^Das 
Burtscheider Thor wird (wahrscheinlich nach der Stadt M6ziferes in Frank- 
reich) auf einem alten Stadtplan aus dem J. 1576 Miesirs-portz bezeichnet, 
Noppius spricht von Meschir-Grafschaft ; die Strasse hiess Meschir-Strasse, 
daraus machte sich das Volk Maschestross, was man heut (wohl um dem 
Hochdeutschen gerecht zu werden?) in Marschierstrasse veredelt hat" ^ 
Gemeint ist der Plan von Henrich van Steenwyck. Derselbe hat allen 
späteren von der Stadt aufgenommenen Plänen zu Grunde gelegen, und 
auch die einzelnen Ortsbezeichnungen sind aus diesem Grundplan in die 
Nachbildungen fast unverändert übergegangen. Er bildet demnach die 
einzige Quelle, auf welche sich die von Laurent angeführte Deutung stützt. 
In lautlicher Beziehung dürfte sich gegen diese Ableitung auch kaum 
etwas einwenden lassen. Nur das der Zeichner des angezogenen Planes, 
wahrscheinlich ein Niederländer, stark verdächtig erscheint, der Aachener 
Mundart nicht mächtig gewesen zu sein und seine Bezeichnungen fehlerhaft 
niedergeschrieben zu haben. Wenigstens zeigen keine gleichzeitigen Denk- 
mäler die Schreibung Coelder-, Roors-, Miesiers-, Bogharts-poortz *. Man 
sagt nun, wie es in Aachen eine uralte Kölnstrasse und eine Trichtergasse 
gebe, welche in der Richtung von Köln und Mastricht (Mosae Traiectum) 
liefen, so habe auch die Marschierstrasse ihren Namen davon erhalten, 
dass sie in ihrer Verlängerung nach der Stadt M6zi6res führte. Es stand 
aber Aachen in einem unimterbrochen regen Verkehr mit Köln und Mastricht, 
dagegen ist eine irgendwie erhebliche Verbindung mit M^ziferes in keiner 
Hinsicht nachzuweisen, abgesehen davon, dass letztere Stadt im Vergleich 
zu jenen mehr als durch die doppelte, bezw. vierfache Entfernung von 
Aachen getrennt ist. 

Schwerer noch als diese Erwägungen fallt in die Wagschale, was 
die geschriebenen Denkmäler Aachens uns darbieten. In den Urkunden 
der letzten sechs Jahrhunderte wird unsere Strasse und die dazu 
gehörigen Thore nicht selten genannt, um so öfter, je jünger die Quellen 
sind, anfangs in lateinischer, später immer allgemeiner in deutscher Sprache. 
Alle diese Bezeichnungen stellen eine innerlich zusammenhängende Ent- 
wicklungsreihe dar und zeigen die allmähliche Umwandlung eines einzigen 
Grundwortes im Munde des Volkes, und dieses Wort führt nicht auf die 
Stadt M^ziferes, sondern auf das benachbarte Burtscheid, lateinisch Porcetum, 
auch Porchetum (ch=sch) genannt. 

Das älteste Denkmal, in welchem meines Wissens luisere Strasse 
aufgeführt wird, ist das von Quix herausgegebene Neerologium B. M. V. 
Aquensis nebst angehängtem über censuum eiusdem ecclesiae. Es endet 
mit dem J. 1320, geht aber hoch in die frühern Jalirhunderte zurück. 
Daselbst findet sich: platea in pui'zen (i. e. porzetensi), de domo quadam 



') Aachener Stadtrechnuugen aus dem 14. Jahrb., S. 22. 
*) Vgl. Rhoen, aus Aachens Vorzeit II, S. 7 ff. 



— 39 — 

iu porcetensi platea, domum cum orto iu porcetensi via, de area in porche- 
tensi platea, in platea porzet (wohl porzetensi); Adam, qui dedit domum 
in porcetensi via, de domo in porcetensi platea, in platea porcetensi extra 
muros, census in platea porcetensi, infra portam porticensem (wohl porci- 
tensem) und in claustro porcitensi^ 

Die Schenkungsurkunde der Eheleute Jonatas und Hildegunde an 
die vS. Salvatorskirche . . .- vom J. 1215 verfügt zweimal über je ein 
Haus mit Garten „in platea porcetensi extra murum sitam**, über 12 Denare 
und drei Kapaune „de hereditate, que sita est extra portam porcetensem 
in loco, qui dicitur Schouemunt'', endlich über einen Garten „iacentem 
extra portam porcetensem iuxta fossatum'' ^. 

Ein Aachener Bürger Konrad, Sohn Heinrichs zubenannt des Schwarzen, 
vermacht im J. 1292 dem S. Adalbertsstift unter anderm „inter portam 
porcetensem et acutam portam super fossatis de fundo et domo ibidem 8 
solidos 4 denariis minus" ^. 

Nach einer Urkunde vom 4. April 1350 kaufte das Marienstift das 
Eckhaus „ex opposito cimiterii ecclesie beate Marie supra Conum platee 
purchetensis". (Gegenüber dem Kirchhof des Münsters an der Ecke der 
Marschierstrasse) ^. 

In den Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts wird wiederholt unserer 
Strasse und der dazu gehörigen Thore Erwähnung gethan: De reparatione 
porte Porchetensis inferioris 4^2 m., de ripa in platea Porchetensi tegenda, 
de Porcheto, zu Burschit, den van Porschierstrasse, zu den steynwege zu 
helpen in Porschierstrase, deme wechter byunen Porschierportz syn huys 
ewenich zu erfaselen ind stuppen 5^2 "i-? Winkin in Borschierstrasse van 
den schaff up der nuwer schriverkameren 12 m., in Borschierstraisse ^. 

In den Aachener Rechtsdenkmäleru wird zum J. 1338 eine „grayfschaf 
van Burschiderporze*" und zu dem J. 1395/99 eine „Portschierporze" 
aufgeführt ^. 

Eine im Aachener Stadtarchiv aufbewahrte Urkunde vom J. 1435 
handelt über die Gründung der „Capellae et hospitalis ad s. Jacobum 
minorem in platea Portzetensi" \ 

Zum J. 1422 kommt in einer städtischen Einnahme-Rechnung vor 
„an portzschirportz" ; aus derselben Zeit steht in dem Bruchstück einer 
Baurechnung „ynburtschiedersstrois''. Die „Bortscherderportze" ist 1437/38 
in einem Verzeichniss von der Stadt gemachter Anleihen, die „uisserste 
Burtschieder portze** in einer Urkunde von 1467 erwähnt®. 



') Quix, Necrologium ecel. B. M. V. Aquensis p. 4, 9, 17, 23, 45, 51, 61, 74, 75, 78. 

^ Qu ix, die Königl. Kapelle und das ehemal. adelige Nonnenkloster auf d. Sal- 
vators-Berge S. 86 ff. ürk. 7. 

') Quix, Codex dipl. Aquensis II no. 243, p. 164. 

*) Quix, a. a. 0. II no. 354, p. 248. 

*) Laurent, Aachener Stadtrechnungen aus dem 14. Jahrhundert S. 127,gg, 125,j4, 
243,j8, 273,35, 319,27, 317, gg, 310,3^, 386,g2 und an vielen andern Stellen. 

^ Loersch, Aachener Rechtsdenkmäler S. 57, 189. 

Quix, das ehem. Spital zum hl. Jakoh S. 48. 

*) Zeitschr. des Aach. Geschichtsvereins VIII, S. 233, no. 49. 



— 40 — 

Selir wichtig ist eiue im Archiv der S. Jakobspfarre beflndliclie 
Urkunde aus dem J. 1442, die von einem Hause handelt „alreneist des 
vaitz huyse van Burtscheit in Burtschierstrasse**. Auf der Rückseite hat 
ein Schreiber aus dem Ende des 16. Jahrhunderts die Bemerkung gemacht: 
„der gelisch d. eynner marck uflf Semmenraedt huss inn Morscheterstras** ^ 

Ein Kaufvertrag vom 19. Januar 1544 handelt über zwei Häuser, 
gelegen in der „Burtscheder oder Burscheder- Straissen" *. 

Des „Schefltenstuhls Klein geleit-protocoll ex anno 1583 bis im Jahi- 
1640** führt unsere Strasse in mannigfachen Abänderungen an: Bescheder- 
strays, Bortscheiderstr., Marscherenstr., Buirtschederstr., Burtschederstr., 
Buirtscheder mittelpfortz, Burtschirderstr., Burtschierderstr., Marschierstr ^. 

Ein Registrum mortuorum der S. Peterspfarre d. a. 1622 — 1687 
verzeichnet mehrfach eine „Marschier Mittelpfortz*'*. 

Bemerkenswerth sind auch die wiederholten Erwähnungen bei Xoppius ; 
er schreibt: „Der Marienthal auf Latein vallis Mariae in Bortschirder Strass 
gelegen ist gebawet Anno 1470 ... Es ist diss Klösterlein (der Klarissen) 
gelegen in Bortschirder Strass . . . und ist diss Kloster (St. Leonhard) 
gelegen in Bortschirder Strass schier bey der äussersten Pforten. ..." 
Weiter heisstes: „Zehen Pforten, mit Nahmen: . . . Bortschierder Mittel- 
pfort. . . . Die äusserste Stadt hat eilff Pforten . . . mit Nahmen. . . . 
Bortschierder Pfort, so an Gewölben die allerstärkste**. Unter den neun 
Grafschaften, welche er anführt, befindet sich auch die „Meschir- oder 
Bortschirder Grafschaft" *. 

Endlich seien noch verzeichnet „Borterstrass zum J. 1661 und 
Burtscheiderstrasse zum J. 1681" ^ Vom 18. Jahrhundert an überwiegen 
allmählich die mit m anlautenden Formen Meschir-, Marschier-Mosche- 
Strasse, während die mit b und p anfangenden schliesslich ganz verschwinden. 

Alle diese Belege, welche sich noch leicht vermehren Hessen, zeigen uns die 
innem Lautgesetzen streng folgende Abänderungsreihe eines einzigen Wortes : 
Porcetensis, Porchetensis, (via, platea, porta). — Porcheter-, Porscheter-, 
Burtschierder-, Burtscheder-, Morscheter-, Marscheren-Strasse. — Porscheer-, 
Porschier-, Borschier-, Marschier-, Maschier-, Meschir-, Maschestross. 

In diesen Rahmen würde sich auch die von Henrich van Steenwyck 
gebrauchte Bezeichnung Miesierspoortz unschwer einfügen lassen, wenn 
man annehmen könnte, dass das s im Inlaut wie seh ausgesprochen wurde. 
In solchem Falle müsste man aber die Schreibung mit ss voraussetzen, 
welche nicht selten den Laut seh vertritt, wie z. B. Monssauwen für 
Monjauwen = Montjoi, wo j wie weiches seh lautet^. 



*) Dresemann, die Jakobskirche zu Aachen 8. 89. 

^) Qnix, Gesch. d. Karmeliten-Klosters S. 115 Nr. 15. 

^) Papierhandschrift im Stadtarchiv zu Aachen. 

*) Im Besitz des Herrn GymnasiaUehrer Fr. Oppenhoff in Aachen. 

*) Aacher Chronik Th. I, S. 97 flf., S. 15, 127. 

^) Dresemann a. a. 0. S. 72. 

^) Zeitschr. des Aach. Geschichtsvereins VIII, S. 220, Anm. 2. 



— 41 — 

Schwierigkeiten bei der aufgezählten Folge von Uebergängen scheint 
auf den ersten Blick der Anlaut und die Betonung zu bieten. Denn weder 
der Wechsel der Vokale o, u, a, e, i in der ersten Silbe, noch auch die 
Zusammenziehung der letzten beiden Silben in ier, er, kann bei dem häu- 
figen Vorkommen dieses sprachlichen Vorganges irgendwie Bedenken erregen. 
Aber auch die Wandlung von p, b in m und luugekehrt ist, wenn sie auch 
nicht allzuhäufig vorkommt, den Gesetzen der Lautlehre keineswegs wider- 
sprechend. „Es darf nicht bezweifelt werden, dass m . . . wirklich nichts 
anderes sind, als genäselte b, p . . . Man halte sich die Nase mit den 
Fingern zu und suche m, n, ng zu sprechen; man wird unfehlbar b, d, g, 
bezw. p, t, k erhalten, allerdings .... von den in der Sprache vorkonmien- 
den darin verschieden, dass der Verschluss der Nase nicht an den innem, 
sondern in der Nähe der äussern Nasenlöcher stattfindet, und die, wie wir 
hinzusetzen wollen, etwas tieferen Klang haben. Umgekehrt: richtet man 
sich zur Aussprache b . . . ein, so kommen, wenn man das Gaumensegel 
von der Rachenwand vor Lösung des Verschlusses abzieht, m . . . heraus .... 
Leute mit verstopften Nasengängen verwandeln alle m, n, ng in b, p, d t, 
gk ^^ 

Aehnlich spricht sich auch Zupitza über denselben Vorgang im Eng- 
lischen aus und weist insbesondere auf Dickens Schriftstellernamen hin, 
dessen Ursprung vom Verfasser selbst folgendermassen erzählt wird: „Boz 
war der Beiname eines kleinen Kindes, eines jüngeren Bruders, den ich zu 
Ehren des Vikar of Wakefield als Moses zum Ritter geschlagen hatte. 
Wenn dies spasshaft mit geschlossener Nase gesprochen wurde, wurde es 
Böses und verkürzt Boz^ ^. 

Eine natürliche Veranlassung, ein b in m übergehen zu lassen, tritt 
da ein, wo dem b der Nasenlaut m oder n zur Seite steht. Dann findet 
eine Angleichung beider Laute derart statt, dass m -f- b = mm = m, 
n -|- b = m b = mm = m werden, also : Mombartz = Mommartz, Brombeere = 
Bromel, Weinbeere = Wimel, Karbonade = Karmenade. Hierher gehört wohl 
auch, was Gymnasialdirektor Dr. Pohl über die rheinischen Ortsnamen auf 
— mich äussert, dass nämlich diese Endung meist Korruption aus — bach 
sei, wie bei Falkemich aus Falkenbach ^. Aber auch ohne die Nachbarschaft 
eines Nasenlautes tritt in einigen Worten Wechsel von b zu m ein. Im Anlaut 
fireilich äusserst selten, öfters schon im Inlaute: 

Beschutt (biscuit) heisst im Mecklenburgischen Meschutteche *. Das 
griechische brotos (sterblich) wird lateinisch mortuus. In den Stadt- 
rechnungen des 14. Jahrhunderts kommt der Frauenname Jakomine 
statt Jakobine vor^. Müller -Weitz, Die Aachener Mundart, führen 
an : beschuppe = beschiunmelle, nibbele = nimele, Rubbelspott = Romels- 
pott (eine Art Waldteufel). Altfranzösisch soubresault = suprasaltus = 



•) Traut mann M., Die Sprachlaute . . . Lpzg. 1884—86, S. 97. 

*) GeföUige Mlttheilnng des Herrn Dr. £. Teich mann zu Aachen. 

^ Vgl. Mar Jan, Programm der Realschule erst. Ordn. zu Aachen 1880, S. 18, Anm. 

*) GknUlige Mittheilung des Herrn Prof. Andresen in Bonn. 

^) A. a. 0. S. 114,20- 



— 42 — 

somersault = somerset (Purzelbaum) ^ Für den Uebergaii^ von ni zu 
b zeugen Molbet aus Marmele (Spielstein der Kinder), Blothes für 
M'lothes = Melateuhaus an der Strasse nach Gangelt ^. In der Koblenzer 
Mundart sagt man Baul, Bäulche für Maul, Mäulche = Kuss, Küsschen. 
(„Gef dem Här e Bäulesche! und „Butterbaules")^. Die Präposition „mit*^ 
lautet „bit" in vielen Sprachdenkmälern des Mittelalters längst des ganzen 
Rheines bis nach Oberdeutschland hinauf*. 

Was endlich den Einwurf gegen die undeutsche Betonung der zweiten 
statt der ersten Silbe in Marschierstrasse anlangt, so trifft derselbe gerade 
so sehr die Ableitung des Strassennamens von Möziferes wie von Porcetura. 
Allerdings haben die meisten romanischen Ortsnamen in der deutschen 
Sprache ihre Betonung eingebüsst, und ist der Ton auf die erste Silbe 
gerückt, aber es gilt dies nicht ohne Ausnahmen'^. So ist auch in unserm 
Falle bei der Bildung des Eigenschaftswortes Porcheter - Porscheter - 
Borschier-Strasse die ursprüngliche Betonung beibehalten worden, während 
bei der Umwandlung von Porcetum zu Burtscheid der Ton allmählich auf 
die erste Silbe vorrückte, wahrscheinlich imter Einfluss deutscher Orts- 
namenbildungen auf — scheid, wie Kuhscheid, Vorscheid, Kohlscheid u. dgl ^. 

Auf Grund dieser durch urkundliche Zeugnisse gestützten Erwägungen 
wird man wohl die Herleitung unseres Strassennamens von der Stadt 
M6zi^res zurückweisen müssen, da dieselbe sich nur auf die einmalige, 
dabei aber orthographisch verderbte Bezeichnung Miesierspoortz gründet 
und durch sonstige geschichtliche Beziehungen zwischen beiden Städten 
nicht gestärkt wird. Dagegen wird die Ableitung der Marschierstrasse 
und des gleichnamigen Thores von der Stadt Burtscheid bezw. deren 
lateinischer Benennung Porcetum unzweideutig festgestellt. Und in der 
That ist dies nur natürlich, ja es wäre zu verwundern, wenn die Ver- 
bindungsstrasse zwischen Aachen und Burtscheid, einem Orte, der seit uralter 
Zeit eng mit der Kaiserstadt verbunden, durch seine Abtei und seine 
berühmten Heilquellen allen Vororten Aachens an Bedeutung weit über- 
legen war, der in Freud und Leid immer mit der mächtigen Nachbarstadt 
zusammenstand, wenn jene Strasse nicht nach diesem Orte benannt wäre, 
sondern nach einem andern von sehr massiger Bedeutung, aber um so 
grösserer Entfernimg, dessen geschichtliche Beziehungen zu Aachen die 
denkbar geringsten waren. 



*) GeßUlige Mittheilung des Herrn Dr. E. Teichmann zu Aachen. 

>) Weitz, Klänge der Heimath I, S. 110. 

') Wegeier, Coblenz in seiner Mundart, S. 7. 

*) Weinhold, Mittelhochdeutsche Grammatik, Paderborn 1877, S. 128 ff. 

*) Marjan, Rheinische Ortsnamen 4. Heft. Aachen 1884, S. 11. 

^) Eben das., Keltische und Lateinische Ortsnamen in der Rheinprovinz 3. Thcil. 
Aachen 1882, S. 12 ff. 



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Kleinere Mittheilungen. 

1. Die Retheischen Fresken im Rathhaussaale zu Aachen. 

Wie Cornelius, so hat auch sein Schüler Alfred Rethel die Meister der italieuischen 
Renaissance zum Gegenstand eingehenden Studiums gemacht. Dies beweisen die 1841 
bei der Preisbewerbung um die Ausmalung des Aachener Rathhaussaales angefertigten 
und gekrönten Entwürfe aus der Geschichte Karls des Grossen, welche endlich nach 
längeren Störungen 1847 — 49 zum Theil vom Meister selbst im Karton und in Fresko aus- 
geführt wurden. Dass auch die Studienreise, welche Rethel 1844—4.5 nach Italien machte, 
um sich auf die Ausführung jener Entwürfe vorzubereiten, nicht ohne Einfluss auf die 
Komposition und Ausführung der Bilder geblieben, ist um so wahrscheinlicher, als der 
Meister vor Ausführung eines so hochbedeutenden monumentalen Werkes die Vatikanischen 
Wandgemälde Raphaels zum grossen Yortheil für seine künstlerische Entwickelung zu 
Studiren Gelegenheit hatte. Ohne einer eingehenden und erschöpfenden Darstellung dieses 
italienischen Einflusses auf Rethels Entwürfe vorgreifen zu wollen, möchte ich nur kurz 
die Hauptpunkte zusammenstellen, in welchen sich der Einfluss der italienischen Meister- 
werke auf unsem grossen Aachener Künstler geäussert hat. Zunächst ist es die archäolo- 
gische Strenge und Genauigkeit in der Architektur und der Gewandung der Figuren, die 
er am besten in Rom und zwar an den Raphaelschen Stanzenbildern studiren konnte; 
ganz besonders ist es in den Retheischen Bildern die strengklassische einfache und würde- 
volle Gewandung mit ihrem grossartigen Faltenwurf, die an Vatikanische Vorbilder erinnert. 
Doch wird man hierbei im Einzelnen wohl schwerlich den Einfluss der Raphaelschen 
Stanzenbilder nachweisen können. £lher gelingt dies in einigen Figuren und Gruppen, die 
jenen ofifenbar entlehnt sind. Ich meine die zwei auf Zeltern heranreitenden Kardinäle, 
welche auf dem Bilde ^die Erbauung des Aachener Münsters** die vom Papst geschenkten 
Säulen und Marmorstücke überbringen. Diese sind nämlich dem Stanzenbild „Attila** 
entlehnt, mit der Abweichung, dass Rethel einen der Kardinäle mit der Gebärde des 
Segnens zeichnet, welche er von der Figur des Papstes in jenem Bilde entnahm. Femer 
erinnert auf dem Bilde „der Einzug Karls in Pavia** der alte Krieger links, der mit 
schmerzerfülltem Blick die Leiche eines Gefallenen mit Hülfe eines Genossen aufhebt, an 
die ähnliche Gruppe links auf dem grossen Bilde der Konstantinschlacht, wo ebenfalls ein 
alter Krieger sich bemüht, die Leiche eines gefallenen Jünglings aufzuheben. Endlich 
scheint auch der Krieger auf dem Retheischen Bilde der „Krönung Karls in Rom", welcher 
mit lebhafter Gebärde sich zur Krönungsgruppe hinbewegt und auf den Vorgang hindeutet, 
sein Vorbild in dem Bilde „Attila", und zwar in dem Krieger in der Mitte zu haben, 
der als Wegweiser dem Zuge des Hunnenkönigs voranschreitet und diesem das Nahen des 
Papstes anzeigt. Weiter zeigt sich die Beeinflussung Rethels durch die Raphaelschen Stanzen 
in der Oekonomie, mit welcher der Aachener Meister den für die Gemälde angewiesenen 
Raum ausfüllt, und in der Geschicklichkeit, mit welcher er die durch den Raum ver- 
ursachten Schwierigkeiten überwindet. Die Wand, auf welcher die Krönung Ludwigs des 
Frommen angebracht werden sollte, war von einer Thttr durchbrochen, deren oberer Theil 
noch in die Bildfläche hineinreichte. Hiermit musste die Komposition rechnen, und Rethel 
hat, indem er die Szene auf einer erhöhten Tribüne vor sich gehen lässt, auf deren 
Stufen zu beiden Seiten die Grossen des Reiches als knieende Zuschauer gruppiert sind, 
die Schwierigkeit, welche ihm die Wand bot, in ähnlicher Weise durch geschickte Kompo- 
sition gelöst, wie es Raphael in den Vatikanischen Bildern „der Pamass", „die Befreiung 
Petri" und „die Messe von Bolsena** thut. Es ist demnach mindestens wahrscheinlich, 
dass der Aachener Künstler diesen originellen Gedanken dem grossen Italiener abgelauscht 
hat. Auch die Taufe Widukinds zeigt in der Komposition Aehnlichkeit mit jenen Stanzenbildern, 
insofern auch hier die Szene auf einer Tribüne sich abspielt, zu welcher man auf Stufen 
hinaufsteigt, die von l^linistranten und Zuschauern besetzt sind. Endlich ist es die malerische 
liichtwirkung in dem Bilde „Auffindung der Leiche Karls durch Otto lU'*, welche lebhaft an 
das Raphaclsche Stanzenbild „die Befreiung Petri" erinnert. Wie hier der Widerstreit 
der verschiedenen Lichtquellen, des vom Engel ausgehenden Glanzes, der Fackel des Kriegers 



— 44 — 

und des Mondlichtes der 8cene einen wunderbaren äus.scrn Eindruck verleiht, so hat Kethel 
es verstanden, durch geschickte Nachahmung des Urbinaten in dem Bilde der „Auffindung 
der Leiche Karls" durch den Gegensatz des Fackellichts und des durch die gebrochene 
Oeffnung in die Gruft eindringenden Tageslichtes den Eindruck des Geheininissvollen 
und Erhabenen zu steigern. Auch das von der Abendröthe erhellte Halbdunkel auf dem 
freilich von Kehren ausgeführten Bilde „der Bau des Aachener Münsters" scheint sein 
Vorbild in dem „Burgbrand" Raphaels zu haben. Doch ist Rethel an dieser Lichtwirkung 
schwerlich schuld. Durch diesen Nach weis der Abhängigkeit eines grossen Künstlers 
von einem noch grösseren ist natürlich das Verdienst und der Ruhm des jüngeren 
Meisters nicht im Geringsten beeinträchtigt, wie denn überhaupt diese Zeilen nur den 
Zweck haben, das Entstehen eines grossen Kunstwerkes nach einer Seite hin zu beleuchten. 

Aachen. A, Curtius. 



2. Heinrich Copzoo. 

Das Aachener Stadtarchiv bewahrt eine in Handzeichnuug sehr sorgföltig ausgeführte 
Karte des Aachener Reichs, welche laut ihrer Aufschrift im Jahre 1777 von Heinrich 
Copzoo angefertigt wurde, lieber diesen sonst unbekannten Mann geben die Rathsproto- 
koUe der Stadt Aachen aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts einige Nach- 
richten, die ich hier mittheilen will. Am 14. November 1777 beschloss der Kleine Rath: 
„Der supplicans Henrich Copzoo wird auf Verlesung deßen unterdienstlicheu bittschrift 
auf dem vom löblichen magistrat selbst nun bearbeitenden callmey- und andere sonstige 
magistrats-bergwerken nicht allein, sondern weilen derselb in anderen vorfallenheiten 
nutzliche diensten praestiren mag, auch zum stadt-bau aufseher auf- und angenehmen, 
demselben auch ein jährlich gehalt von 100 rthlr. und zwarn quartaliter 25 rthlr. dafür 
angewiesen, worzu dan die sonst dem Henrichen Schiffgens für wiegung des callmey von 
der rentcammer per centner validirte, aber von nun an hierdurch eingezogene 3 bauschen 
verwendet werden können, dan hat ein ehrbarer rath über deßen eigentliche und zufallige 
Verrichtungen ein verhaltungs-reglement und ayd abzufaßen vorbehalten." Ein Raths- 
protokoU vom 7. Februar 1794 meldet sodann: „Auf vertrag herren burgermeisteren hat 
der hohe rath das durch absterben des herrn Kohl vacirende bauinspectors-amt seinem 
bergwerks-inspectorn herrn Cupso in rucksicht deßen bisheriger treuen und mit geschick- 
lichkeit bewiesenen diensten lebenslänglich mit einhelliger stimme dergestalt verliehen, 
dass derselbe solches bauinspectors-amt zugleich mit seinem bergwerks-aufsehers-amt ver- 
binden und zugleich versehen, sich aber für beyde mit dem dem bauinspectors-amt ankle- 
bigen gehalt und emolumenten allein und ohne weiteres begnügen solle." Dieser Beschluss 
wurde in der Sitzung des Raths vom 14. Februar des nämlichen Jahres „dahin abgeändert» 
dass Copzoo nicht die 200 rthlr., so durch tod des herrn Kohl vaciret, allein, sondern 
dabenebst sein voriges gehalt auch beybehalten solle". An demselben Tage „approbirte 
ein ehrbarer rath den von (^opzoo gemachten und einem ehrbaren rath präsentirten und 
vorgezeigten plan über den Luttiger weg und beorderte selben unverweilt vorzunehmen 
und zu voUstrecken". Näheres über diesen Plan und seine Ausführung ist aus den Raths- 
protokoUen nicht ersichtlich. 

Aachen, B. Pick. 



3. Eine Bescheinigung 
des Vorstands der Aachener Bäckerzunft 1647. 

Bekanntlich hatten die ursprünglich Gaffeln genannten Zünfte in der Reichsstadt 
Aachen eine ganz bedeutende Stellung und lag die gewerbliche Thätigkeit vorwiegend in 
ihren Händen. Während bei Entstehung des Gaffelbriefs von 1450 nur elf Zünfte bestanden, 
war bereits zu Noppius' Zeiten die Zahl um einige gestiegen. Ende des vorigen Jahr- 



— 45 — 

hnuderts zählte man mit den sog. Splissen oder Uuterabtbeilungen 27 Zünfte*, die sich 
mit ihren „Oräven** genannten Vorstehern jährlich am 23. Juni yersammelten. Durch 
Dekret vom 26. März 1798 wurden die Zttnfte aufgehoben. 

Für die Kultur-, Rechts- und Familiengeschichte unserer alten Kaiserstadt würde 
eine detaillirte Darstellung der Entwicklung und Wirksamkeit des Aachener Zunftwesens 
von ungemeinem Werth sein. Allein die Möglichkeit einer solchen Arbeit scheint dadurch 
arg geschmälert, dass im grossen Brand von 1656 höchst wahrscheinlich auch die Bücher 
und Briefschaften der Zünfte meistentheils untergegangen sind. Jedenfalls sind bis jetzt 
nur sehr wenige Auszflge aus alten Zunftbüchern veröffentlicht worden, weshalb ich die 
nachfolgende kurze Bescheinigung für mittheilensworth halte. Das in einer durch den Notar 
Stephan Axeri beglaubigten Abschrift vorliegende Schriftstück gibt Aufschluss über die 
bei der Ausstellung von G^esellenbriefen üblich gewesene Form; auch beweist die durch 
3 Meister erfolgte Beglaubigung der „treulich" zurückgelegten Lehrzeit, dass man auf 
gut geschulte, ordentliche Gesellen grossen Werth legte. Der Ort Oppem, das heutige 
Oppen, liegt in der Pfarre Würselen im ehemaligen Reich von Aachen. Zur Erklärung 
des Ausdrucks Marktmeister sei schliesslich hervorgehoben, dass nach dem Aachener 
Raths- und Staatskalender des Jahres 1788 nicht weniger als fünf Brodmarktmeister mit 
einem Diener und einem Fruchtmesser in Aachen angestellt waren. Die Bescheinigung 
lautet wörtlich: 

Wir Leönardt Schleicher und Simon von Ammei, vort ich Einrieb Maw zur zeit 
respective greven und meistern wie auch marckmäistre deß becker ambachts alhie in Aach 
thnen kund, zeugen und bekennen mit diesem öffentlichen schein, daß vorwäiser dieses, 
der ehrbar und frommer Dham Kratz von Oppem, auß dem reich Aach hieselbsten hurtiger, 
nach auß wiesung unsers vorbemelten ambachts oder handwerks lehrbuch, im jähr sechß- 
zehnhundert und neunzehn, den acht und zwanzigsten iunj durch seinen dhomäUigen 
meistern Anthonißen Brewer, kraft beschehener und verzeichneter bekentnuß Johanßen 
von Münster und Balthasaru Fibus, seine lehrjahren trewlich und wie einem redlichen 
ambachts gesellen gebühret, außgestanden, auch sich in allem unsers handwerks gebrauch 
nach quitirt habe. Dergestalt dass wir ihnen darfur jederzeit erkennen, auch an alle und 
jede unsers ambachts und zunftgenossen hiemit ganz fleissig ersuchen und requiriren 
thnen, denselben obbemelten Dhamen Kratz allenthalben darfur anzunehmen und zu 
erkennen, auch befurderlich zu erscheinen, ürkund unsers ambachts hierauf getruckten 
insiegels und aigenhändig^r unser vorermerlter greven underschrift. So geschehen Aach, 
den sechß und zwanzigsten ianuarij, anno sechßzehn hundert, sieben und vierzig. War 
underschrieben : Leönardt Schleicher und Simon von Ammei, imgleichen Hinrich Maw. 

Daß gegenwertige copey u. s. w. (folgt notarielle Beglaubigung). 

Stephanus Axeri, notarius m. p. 
Bedburg. E. Pauls. 



Fragen. 



1. Der obere Theil des Marschiersteinwegs führte in früheren Zeiten die Bezeichnung 
Schouemunt. Schon im J. 1215 verfügen die Eheleute Jonatas und Hildegunde „de 
hereditate que sita est extra portam porcetensem in loco, qui dicitur Schouemunt" (über 
ein Erbe, welches gelegen ist ausserhalb des Marschierthores an dem Ort, welcher 
Schouemunt genannt wird.) Wie ist dieser Name zu erklären? TT. 

2. Die untere Adalbertstrasse heisst im Volksmund Dunau. Dieselbe Benennung für einen 
Stadttheil findet sich auch in Linz am Rhein. Kommt sie sonst noch vor und wie ist 
sie zu deuten? B. 



*) So bei Haagen, G«sch. Achens II, S. 379. Dagegen führt Zimmermann im Aachener 
Kalender fttr 1890 achtundzwanzig Zllnftennmontl ich an. Vgl. auch den Artikel in Qnix. Hist. topogr. 
Besclireibnng von Aachen S. 147. 



— 46 — 

3. In dem Begräbuissregister der S. Peterspfarre aus d. J. 1622—87 kommen als Geworbe- 
treibende vor: Kaflfa Wirker, Kaffaienwirker, Kierfeienwirker. Wer kann eine Erklärung 

beibringen? 0. 

4. In demselben Register findet sich die Strassen- oder Hausbezeichnung plat alets vor. 
Wer kann sie erklären? O. 



Antworten. 

Zu S. 82, Frage 5 [Schlepspill]. Der erste Theil Schlep bedeutet Schürze. Neben 
Schlep finden sich auch die Formen Schlip, Slippe, Schlippe, (vgl. Fromann, die deutschen 
Mundarten V, 239 und VI, 479; Lacomblet, Archiv III, 336; Zeitschrift des Aachener 
Geschichtsvereins Vm, 188 No. 600; MüUer-Weitz, die Aachener Mundart S. 212.) Spill, 
spielen ist coire (vgl. Grimm, deutsche ßechtsalterthümer S. 592) namentlich von Thieren, 
(daher auch wohl die Spielart!) aber auch von Menschen gebraucht z. B. in dem Ausdruck 
Overspil, Averspil == Ehebruch (vgl. Teuthon des Gerhard von der Schüren.) Schlepspill 
ist also, glimpflich ausgedrückt, soviel als Schürzenabenteuer. Man sagt heut noch: Er 
läuft jeder Schürze nach. Die Bedeutung passt vortrefflich zu Luderwinkel, mit welchem 
Worte Schlepspill zusammengestellt ist. (Mittheilung des Herrn Gymnasiallehrer Fr. Oppen- 
hoff in Aachen.) 

Zu Heft 1, S. 95, Frage 4 [Beschluss vom 11. März 1658 betreffend den Ankauf 
einer Bibliothek]: Zwar litt Aachen zwischen 1658 und 1811 mehrfach durch Kriegsunruhen, 
neben welchen sich vereinzelt kleine Brände verzeichnet finden, aber es dürfte schwer 
halten zu beweisen, dass während der genannten Zeit eine der Stadt zugehörige einiger- 
massen bedeutende Bibliothek durch rohe Gewalt oder Feuer vernichtet worden wäre. Die 
im Ganzen nicht wesentliche Schädi^ng des Aachener Archivs im J. 1795, über welche 
Quix (Wochenblatt für Aachen und die Umgegend 1838, S. 89) berichtet, betraf fast nur 
Archivalien. Sicher ist, dass zu Aachen im Anfang dieses Jahrhunderts eine öffentliche 
Bibliothek nicht bestand. Dies bestätigt um 1808 Poissenot (Coup-D'Oeil sur la viUe 
d'Aix-la-ChapeUe S. 139), und noch deutlicher sagt Golberg (Consid6rations sur le d^par- 
tement de la Roer S. 489) um 1811: La pr^fecture, la municipalit^ et le College nc 
poss^dent aucune biblioth6que. Es können somit nur wenige "Möglichkeiten in Betracht 
kommen. Vielleicht hat sich der Ankauf der in Köln vorhandenen Bücher in letzter 
Stimde zerschlagen; doch ist dies unwahrscheinlich. Vermuthlich kam bald nach dem 
Beschluss vom 11. März 1658 eine ziemlich ansehnliche Büchersammlung — eine grosse 
Bibliothek war auch vor 200 Jahren für den Preis von ein paar Hundert Thalem nicht 
zu beschaffen — von Köln nach Aachen. Hätte Feuer oder rohe Gewalt dieselbe ver- 
nichtet, so würde sich dies jedenfalls mehrfach in Druckwerken verzeichnet finden. Das 
Fehlen jeder gedruckten Notiz und die Erwägung, dass im zweiten Jahre nach dem grossen 
Stadtbrand dem Magistrat sicherlich die Mittel mangelten, um andere als dringend noth- 
wendige Dinge zu beschaffen, legt den Gedanken nahe, dass die Büchersammlung über- 
wiegend aus Schriften bestand, welche als Hülfs- und Nachschlagebücher in der Verwal- 
tungsthätigkeit, beim Erlass von Verordnungen und dgl. unentbehrlich waren. Schriften 
dieser Art veralten bekanntlich zienriich rasch und sind meist nach ein paar Jahrzehnten 
so werthlos, dass schon der Raumgewinnung wegen die Beseitigung nöthig wird. So mag 
auch die hier in Rede stehende Büchersammlung grösstenthcils — vielleicht zu Beginn 
der neuen Zeit vor etwa 90 Jahren — in die Rumpelkammer gewandert oder verschleudert 
worden sein, ohne dass es nöthig war, dies besonders zu verzeichnen. Der werthvollere 
Theil scheint der Aachener Stadtbibliothek einverleibt worden zu sein; denn mehrere dort 
vorhandene ältere Bücher tragen den Vermerk: „Ex libris senatus populique Aquensis". 

Bedburg, E. Pauls. 



— 47 — 

Vereinsangelegenheiten. 

Chronik des Vereins 1888. 

In Befolgung des § 2a seiner Statuten hielt der Verein im J. 1888 wiederum eine 
Reihe Monatsversammlungen ab, in welchen unter reger Betheiligung der Mitglieder 
folgende Gegenstände aus der Geschichte Aachens und seiner Umgebung verhandelt wurden : 

15. Sitzung am 19. Januar: Gebräuche am Dreikönigstage (Staatsanwaltschafts-Sekretär 
Schollen); die Orgel und der Organistendienst Inder Pfarre von St. Peter zu Aachen 
(Oberpfarrer Planker); Aerztliche Vorschriften aus dem 17. Jahrhundert, „wie man 
sich in Pestzeiten zu verhalten habe" (Gymnasiallehrer Dr. Wieth); die Bezeichnung 
Schabau (Derselbe); Kompreise in Aachen aus den Jahren 1708 bis 1713, aufgestellt 
durch „Quirin Brewer Vereitter Marckmcister patron" (Derselbe). 

16. Sitzung am 30. April: Die äussere Umwallung Aachens (Architekt Rhoen); Sagen 
des Roergaues (Stadtarchivar Pick); Flurnamen aus Aachens Umgebung (Derselbe); 
Ueber Eilendorf (Derselbe); Ausgrabungen auf dem ehemaligen Stephanshofe (Gym- 
nasiallehrer Dr. Wieth); Musterstticke von Raerener Thongefässen des 16. und 17. 
Jahrhunderts (Kaufmann Müllenmeister). 

17. Sitzung am 1. Juni: Eine Horbacher Polizeiverordnung aus der Zeit der französischen 
Okkupation (Chefredakteur Abels); eine Apothekerrechnung aus dem 17. Jahrhundert 
(Derselbe); ein Kalender aus dem 30jährigen Kriege (Gymnasiallehrer Dr. Wieth); ein 
mittelalterlicher Münzfund (Derselbe). 

18. Sitzung am 27. Juni: Bericht über den Ausflug des Vereins nach Nideggen 
(Dr. Dresemann); das Elementarschulwesen in Aachen im 17. Jahrhundert (Derselbe); 
die alten Aachener Stadtsiegel (Stadtarchivar Pick); der alte Landgraben (Kaplan 
Schnock); J. J. Couvens Bericht über die Festlichkeiten in Aachen bei G^elegenheit 
der Krönung Karl VII. 1742 und Franz I. 1745 (Gymnasiallehrer Dr. Wieth). 

19. Sitzung am 3. August: Die Stellung König Ruprechts von der Pfalz zu Aachen 
(Dr. Dresemann); eine handschriftliche Chronik des Stadtsyndikus Melchior Klocker 
aus den Jahren 1602-1608 (Gymnasiallehrer Dr. Wieth). 

20. Sitzung am 18. Oktober: Bericht über die 600jährige Jubelfeier der Stadt Düsseldorf 
(Kaplan Schnock); eine Hauseinrichtung aus dem 16. Jahrhundert (Gymnasiallehrer 
Dr. Wieth). 

21. Sitzung am 21. November: Prähistorische Funde in Aachen und Umgebung (Gym- 
nasiallehrer Dr. Wieth); zur früheren Uhrenfabrikation in Aachen (Stadtverordneter 
Schafifrath); Ueber Sagen, welche sich an berühmte Uhrmachermeister der früheren 
Zeiten knüpfen (Herr Stadtarchivar Pick). 

22. Sitzung am 19. Dezember: Leben des Christian Quix (Gymnasiallehrer Dr. Wacker); 
die alten Wandmalereien im Hochmünster zu Aachen (Architekt Rhoen) ; ein Begräb- 
nissregister der St. Peterspfarre aus den Jahren 1622 — 1687 (Gymnasiallehrer 
Fr. Oppenhoflf). 

Gleichwie im Vorjahr wurden auch im Laufe dieses Sommers zwei Ausflüge 
unternommen : 
4. Ausflug am 10. Juni nach Nideggen. In prachtvollster Lage erhebt sich daselbst 
die Ruine der stolzen Burg Nideggen, lange Jahre hindurch der Sitz der mächtigen 
und prachtliebenden Herzöge von Jülich. Die baulichen Anlagen wurden vom Herrn 
Architekten Rhoen erläutert, während Herr Kaplan Schnock eine Uebersicht über 
Geschichte und Schicksale der Burg und des Städtchens gab. Zu dem Gefühle der 
Bewunderung gesellte sich ein tiefes Bedauern, dass diese Ruine, die ihrer reizenden 
Lage, ihrer baulichen Schönheit, ihrer geschichtlichen Bedeutsamkeit nach eine wahre 
Perle des Roerthales darstellt, schutzlos dem Verfall und der Zerstörung durch Frost 
und Wetter preisgegeben ist. Es drängte sich allen der Gedanke auf, dass es Ehren- 
pflicht der Umwohner, insbesondere der vermögenden Klassen sei, hier Wandel zu 
schaffen und die nicht allzugrossen Mittel zu beschaffen, welche nöthig sind, das noch 
Vorhandene zu retten und so der Landschaft eine ihrer schönsten Zierden zu erhalten. 



— 48 — 

5. Ausfluj2: am 1 2. August nach Falkenburg. Das überaus lieblich im Geulthale gelegene 
Städtchen wird überragt von den mächtigen Trümmern einer alten Burg, auf welcher 
die im Mittelalter sehr einflussreichen Grafen von Falkenburg hausten. An die ein- 
gehende Besichtigung der malerischen Ruine schloss sieh eine Wanderung durch die 
Höhle, die schon in römischer Zeit angelegt, in den späteren Jahrhunderten weiter 
ausgebaut wurde und das Material für die Bauten einer weiten Umgegend lieferte. 
Die Aachener Stadtrechuungcn des 14. Jahrhunderts bezeugen, dass auch die Aachener 
den Falkenburger Sandstein vielfach verwandten. 
In einer im Mai abgehaltenen Vorstandssitzung wurde beschlossen, die bisher jähr- 
lich nur einmal in einem 12 Druckbogen fassenden Hefte erscheinende Vereinszeitschrift 
entsprechend dem § 2b der Statut<jn vom 1. Oktober ab in regelmässiger Folge heraus- 
zugeben, derart, dass alle sechs Wochen ein Druckbogen in Royal-Oktav unter dem Titel 
„Aus Aachens Vorzeit" zur Ausgabe gelangen sollte. Da der bisherige Redakteur Herr 
Stadtarchivar Pick wegen üeberhäufung mit anderweitigen Arbeiten die Redaktion nicht 
mehr weiter führen konnte, wurde dieselbe dem ersten Schriftführer Herrn Gymnasial- 
lehrer Dr. Wieth übertragen, und in seine Stelle Herr Dr. Dresemann kooptirt. 

In der Generalversammlung vom 18. Oktober erstattete der Vorsitzende Herr 
Gymnasiallehrer Dr. Wacker eingehenden Bericht über die Lage und Wirksamkeit des 
Vereins im abgelaufenen Jahre. Es ergab sich eine stetige Zunahme der Mitglieder, 
deren Zahl gegenwärtig 215 beträgt. Der Schatzmeister Herr Buchhändler Kremer legte 
die Jahresrechnung vor, nach deren Prüfung ihm Decharge ertheilt wurde. Da in Gemäss- 
heit des § 6 der Statuten der Vorstand immer nur für eine Dauer von drei Jahren zu 
wählen ist, musste eine Neuwahl stattfinden. Dieselbe hatte folgendes Ergebniss: 

Erster Vorsitzende: Wacker, Dr. K., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Zweiter Vorsitzende: Schnock, H., Kaplan in Aachen. 

Erster Schriftführer: Oppenhoff, Fr., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Zweiter Schriftführer und Bibliothekar: Schollen, M., Staatsanwaltschafts-Sekretär 

in Aachen. 
Redakteur: Wieth, Dr. K., Gymnasiallehrer in Aachen. 
Schatzmeister: Kremer, F., Buchhändler in Aachen. 
Beisitzer: Abels, H., Chefredakteur in Aachen. 

Bott, Bürgermeister in Eilendorf. 

Menghius, W., Fabrikant in Aachen. 

Müllenmeister, Th., Fabrikant in Aachen. 

Schaf frath, J., Stadtverordneter in Aachen. 



Monatsversammlung im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse) 

am Mittwooli, den 30. Januar 1889, Abends 7Vs Uhr. 

Tagesordnung: Leben und Wirken des Christian Quix. 2. Theil. 
Kleinere Mittheilungen. 

In Kommission der F. Bagel'schen Bnchhandlnng in Düsseldorf ist erschienen und 
durch aUe Buchhandlungen zu beziehen: 

Professor Dr. J. Schneider: 

Die alten Heer- und Handelswege der Germanen, Römer und Franken 

im Deutschen Reiche. 

Sechstes Heft. — Düsseldorf 1888. — Preis 1 Mark. 



L 



Druck vox Ukrmaxx Kaatzer i.v Aaciikx. 



JüLrlich B Nummo-rD Kiimni Las ions -Verlag 

A I Bngeii Royal Oktav. '^^^ 

l 'rem er 'gehen BuchhatKllung 
Preis des JahrKwiRs ,[. dl,, 

4 Hark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins lieraysgegeben von Sr. E. Wletb> 

Nr. 4. Zweiter Jahrgang. 1889. 



Inlialt: S. Planker, Die Pfarrer von St. Peter in Aachen. (Schluss.) - E. Paula, Der 
Loftschiffcr Franz Blanchard zu Aachen im Jahre 17B6. ~ Kleinere Mittheilnngen: Der 
erste Bu(^h<1^lcker in Aachen. — MeteorKtein oder Hagelstein? — Aachener TucL. — 
Karl der Grosse im Bade. — Eine Aachener Wachtordnung- aus dem Jahre 1759. — Fragen, 
— Antworten. — Vereioaangetcgenheiten. — Büthcranzeige. 



Die Pfarrer von St. Peter in Aachen, 

Von S. Planker. 

(Schluss.) 

17. Rochus von Finkenberg (1731^175.'!). Kr führte in seinem 
Wappen drei Finken. Dieselben Finken finden sich auch in dem Mittel- 
stück der grossen durchbrochenen Kommunionbank und in den Kanzellen, 
welche das Presbyteriuni von dem Mittel- und den Seitenschiffen der Kirclie 
absperren, eingeschnitzt, sodass zu schliessen ist, diese seien ein Geschenk 
des genannten Pfarrers. Im J. 1739 liess er eine kleinere Monstranz 
anfertigen und weiterhin die Kirche mit präclitig:em Geräthe ausschmücken, 
so mit dem bewundernswerth geschnitzten Beichtstuhl, welcher in kupfernen 
Zeichen die Jahreszahl 1748 trägt. Als am 4. Oktober 1745 in Frankfurt 
die Krönung Franz I., des Gemalils Maria Theresias, zum Kaiser statt- 
fand, feierte auch Aachen dieses frohe Ereignis. Am 19, nnd 20. Dezember 
wurden seitens der Stadt und des Müusterstifts grossartige Festlichkeiten 
bei prachtvoller Illumination der öffentlichen und vieler Privatgebäude 
veranstaltet. Der damalige Stadtarchitekt Johann Joseph C'ouvon hat die 
meisten baulichen und künstlerischen Anordnungen selbst geleitet und 
darüber einen in mehrfacher Hinsicht interessanten Bericht abgefasst'. 



') Der weitBchwcifige Titel des Berichtes lautet; Allgemein Frohlocken und Freuden- 
Fest i Uher die lan^ erwünschte am 13. Septeuili. 1745_glürklich vollbrachte ] KavHcrliche 



— 50 — 

Von der Pfarrgeistlichkeit der Stadt betheiligte sich nur der Pfarrer 
von St. Peter an diesen wahrschemlich recht kostspieligen Veranstaltungen. 
Deshalb möge der ihn betreffende Bericht J. J. Couvens auszugsweise hier eine 
Stelle finden : „Herr Johann Rochus Finckenberg ^ Pastor S.ti Petri repraesen- 
tiite über die vordere Maur dess Eingangs seiner Pastoral-Behausung 
eine en Panneau vorgestellte illurainirte Gallerie, welche die gantze Länge 
dieser Maur bereichete. Ueber dieselbe waren funff Repraesentationes 
gestellet, nemblich ein Mittel-Haupt- Stück, und zwey Nebenstücker beyder- 
seits. Das mittlere Haupt-Stück stellete vor die fliegende Famam, so die 
beyde Portraiter des Kaysers und der Kayserin hielte, über welchen das 
Auge Gottes, so Sie bestrahlete. . . . Unter der Famae : 

ObWohL eüCh NelDeren es nit WILt gefaLLen, 
SoLL DoCh öffter "^TVant In euren Ohren sChaLLen. 

Das erste Nebenstück zur Rechten zeigte die Unterschrift: 

FranCIsCUs besteigt Dess Kaisers Thron; 
AUff Um soLL foLgen loseph sein Sohn. 
ALLes UnhelL Von Ihnen Weich, 
Gott gebe DarzU Seegen relCh, 

Das erste Nebenstück zur Linken hatte die Unterschrift: 

Grosser Kaiser In ZUfrleDenhelt Lang soLLest Leben, 

Theresia grosse Kaiserin Darneben, 

Grosser Hertzog zUgeLelCh, 

ALLes UnhelL Von eUCh WelCh ^ 

Unter dem Pastor von Finkenberg wurde auch 1746 die noch heute an 
St. Peter blühende Bruderschaft unter dem Titel: „Marianische Pilgerfahrt 
nach dem ^gnadenreichen Bild der allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes 
zu Kevelaer" errichtet. 

Eine im J. 1785 angefertigte Bruderschaftstafel enthielt folgende 
Notiz: „Confraternitas beatae Deiparae sacra, sub titulo processionis Keve- 
lariensis in parochiali hac ecclesia canonice erecta fuit et stabilita anno 1746." 

Gemäss einem notariellen Vertrag vom 24. Februar 1746, geschlossen 
zwischen dem Pastor von Finkenberg und den Kirchenmeistern von St. Peter 



Wahl I Und immediate druff, nemblich am 4. Octob. erfolgte | Crönung | Der Aller- 
Durchleuchtigster, Grossmächtigster, | und Unüberwindlichster Komisch — König- | und 
Kayserlicher Majestät | Francisci Primi | . . . . | Das ist : | Die umbstäudliche schrifftliche 
Verfassung der prächtigem | lUumination | und dess | Kunstreichen Feuerwercks, | Welche | 
über diese Glorreicheste Begebenheit | Ein Hochlöblicher, Hochweiser Magistrat | Dess 
Königlichen Stuhls, und H. Römischen Reichs | Freyer Stadt Aachen | An dasigem Rath- 
Hauss und Marck-Fontain | So wohl als | Die gantze Bürgerschafft an ihren Häusern | Vor- 
gesteUet | Und dardurch ihr allgemein Frohlocken und Freuden in aUertieffester | Devotion 
alleruntcrthänigst öffentlich bezeigen wollen | Am 19.ten respective 20.ten Decembris 1745. | 
Ansa besonderer | Von Hoch -Wohlgemclter Hochlöblicher Magistrat | Ertheilter Verord- 
nung 1 Entworffen und eingerichtet durch | Joannem Josephum Couven | Hiesiger Stadt 
Aachischen Architectum et Secretarium. Vgl. S. 44 ff. 

*) Das Wörtchen „von" vor dem Namen fehlt! 



— 51 — 

einerseits und dem Praeses, Praefekt und den Brudermeistern der Bruder- 
schaft andrerseits, sollte der jeweilige Pastor von St. Peter als „der 
geistliche Herr Vatter der ersteren allezeit gehalten werden, ohne dessen 
Bewilligung die Andacht und der Gottesdienst der Bruderschaft in Nichts 
dürfe geändert werden**. 

Der jedesmalige Kaplan von St. Peter sollte „als der Bmderschafts- 
Herr und Geistlicher, welcher alle deren kirchlichen Dienste zu verrichten 
habe, angenommen und als Praeses confraternitatis anerkannt werden, 
und — weil derselbe schlecht funderet sei — sollte ihm als Entgelt vor- 
läufig die Summe von jährlich 20 Reichsthaler, jeden zu 54 acher Merk 
zuerkannt werden". 

Auf den Antrag der Bruderschaftsvorsteher hat Papst Benedict XIV 
unter dem 12. März 1746 zu den Bruderschaftsfesten verschiedene voll- 
kommene und unvollkommene Ablässe bewilligt, welche später von Papst 
Pius Vn durch Breven vom J. 1801 und 1816 bestätigt und noch ver- 
mehrt wurden. 

Der erste Praeses der Bruderschaft war der Kaplan Wilhelm Hubert 
Houben. Ihm folgte 1753 Kaplan Johann Joseph Kloubert, diesem 1760 
Kaplan Johann Peter Forster, diesem 1769 Kaplan Knops, diesem Kaplan 
Voegels im J. 1773, der wenigstens bis 1783 im Amte blieb. 

Der erste Praefekt war Wilhelm Kremer, nach dessen Tode im J. 
1753 als Praefekt Nicolaus Loupen gewählt wurde, welcher 1770 resignirte. 

Ihm folgte Johann Schmitz bis zu seinem Tode, den 19. Januar 1788. 
Sein Nachfolger war ein gewisser Schleig. Durch Kollekten und testamen- 
tarische Messstiftungen erwarb die Bruderschaft einiges Vermögen, welches 
jedoch nach der französichen Okkupation in die Verwaltung der Kirche 
von St. Peter überging, aber von derselben genau nach den Bestimmungen 
der Testatoren zu den Bruderschaftszwecken verwandt wird^ 

18. Ludwig von Ottegraven (1753 — 1768). Er war der Sohn des 
„praenobilis eques subcenturio" des Kurfürsten von der Pfalz Heinrich 
Mathias von Ottegraven und der Maria Sophia Barbara de Voetz und wird 
in der Urkunde vom 18. Mai 1745, nach welcher ihm das von seinen Vor- 
fahren von Schörer gestiftete Beneficium an St. Peter ertheilt war, clericus 
Aquensis genannt. Damals war er 21 Jahre alt, hatte aber noch nicht 
die hohem Weihen erhalten. Dies Beneficium behielt er bis zu seiner 
Ernennung zum Pastor von St. Peter durch den röm. Stuhl 14. Kai. Julii 
1753, zu welcher Zeit er jedoch erst 29 Jahre alt war. Sein Porträt 
trägt die Schrift: „aetatis 30. ao. 1754", er wurde durch den Pastor Hennen 
von St. Foilan den 29. April 1754 eingeführt. Als Wappen führt er ein 
Kreuz, dessen vier Enden je in zwei Schlangenköpfe auslaufen ; vier Pfauen- 
federn krönen den Kopf des Wappenschildes. Im J. 1764 liess Pastor von 
Ottegraven das Innere der Kirche erneuem d. h. illuminiren, nicht kalken. 
Bei der vor einigen Jaliren vorgenommenen Polychromirung und vorherigen 
Säuberung der Kirchenwände fanden sich über der Innern Eingangsthtire 

') Nach einem Aktenheft der Marianisch-Kevelarischen Bruderschaft xmd Andacht 
im Archiv der Kirche von St. Peter in Aachen. 



— 52 — 

zum Kirchthurm Reste einer Schrift in einem Spruchband, welche hiervon 
Zeugniss geben: „Henricus fautor, Ludovicus nunc restaurator . . , ao 1764". 
Von Ottegraven scheint ein etwas heftiger Mann gewesen zu sein. Wenigstens 
klagen der Präsident und die übrigen Beisitzer des Sendgerichts ihn an, 
dass er den Vorsitzenden und das ganze Gericht „scandalose" beleidigt 
habe und verurtheilen ihn zu einer nicht unbedeutenden Geldbusse, gegen 
welches Urtheil er freilich bis zur höchsten Instanz appellirte. 

19. Johann Laurenz Ganser (1768 — 1812), wurde vom h. Stuhl ernannt 
am 20. August 1768. Er stammte aus Aachen, erhielt die niedeni Weihen 
zu Lüttich am 13. Februar 1761 und wurde am folgenden Tage auf den 
Titel des Vikariebeneficiums an St. Peter zu Aachen, welches ihm bereits 
am 8. Februar desselben Jahres durch Pastor von Ottegraven übertragen 
war, zum Subdiakon geweiht; diese von Pastor Winand Osteradius gestif- 
tete Stelle verwaltete Ganser bis zu seiner Ernennung als Pastor von 
St. Peter. Als solcher fungirte er bis zu seinem am 14. Mai 1812 erfolgten 
Tode, also volle 44 Jahre. Zu seiner Zeit erfolgte die französische 
Okkupation und die damit verbundene gewaltige Umwälzung in den kirch- 
lichen Verhältnissen. Viele Stiftungen gingen verloren, namentlich solche, 
die in Renten fuudirt waren, oder die mit Kapitalien der Armenverwaltung, 
welche von jener Zeit an bürgerlich wurde, verbunden waren. Die Re- 
klamationen nach dem Kongress unter der preussischen Verwaltung blieben 
zum grössten Theil erfolglos. Bei der neuen Pfarreintheilung unter dem 
ersten Bischof des neu errichteten Bisthums Aachen wurden St. Peter 
nebst St. Foilan und St. Nikolaus zu Kantonal- oder Oberpfarren erster 
Klasse erhoben, imd war Ganser also der erste Oberpfarrer von St. Peter; 
als solcher wurde derselbe diu*ch Bischof Marcus Antonius Berdolet ernannt 
am 19. Juni 1803, und eingeführt am 11. Juli desselben Jahres; er wurde 
ausserdem Ehrenkanonikus des hiesigen Münsterstiftes. Die Bevölkerung 
der Pfarre betrug damals 3251 Seelen. Gansers Porträt im Pfarrhause 
von St. Peter ist im J. 1807 von Maler J. P. Scheuren ^ aufgenommen 
und darunter notirt: „aet. a. 70"; demnach wäre Ganser 1737 geboren und 
im 24. Jahre zum Vikar, im 31. Lebensjahre zum Pastor von St. Peter 
ernannt worden. Als Wappenzeichen führt er eine Gans (Ganser). Sein 
Nachfolger wurde: 

20. Franz Xavier Lahaye (1812 — 1819). Er war schon Canoni- 
cus regularis des hiesigen Kreuzherrn-Klosters bevor er am 18. Septem- 
ber 1790 die höhern Weihen empfing. Zum Empfang der Priesterweihe 
am 18. Juni 1791 bedurfte er noch Altersdispens. Nach Aufhebung 
der Klöster scheint er in der Stadt als Privatgeistlicher und als Beich- 
tiger thätig gewesen zu sein. Im J. 1804 den 13. Februar wurde 
er zum ersten Pfarrer der zur Sukkursalkirche erhobenen ehemaligen 
Kreuzherrnkirche ad s. crucem ernannt, in welcher Stellung er verblieb, bis 
er am 24. August 1812 zum Oberpfarrer von St. Peter befördertwurde; am 
8. September desselben Jahres wurde er durch den Kanonikus und Dompfarrer 

^) Er ist der Vater des ausgezeichneten, am 21. August 1810 zu Aachen geborenen 
Landschaftsmalers Kaspar Scheuren (gest. zu Düsjseldorf am 12. Juni 1887). 



— 53 — 

Julianus Gerardy Moulan eingeführt. Er starb schon am 15. Dezember 1819. 

21. Stephan Lambert Vonderbank (1820—1832), war vor Auf- 
hebung der Klöster Mitglied „ordinis s. JYancisci recoll. in conventu Heidel- 
bergensi**, wurde später zum Pastor von St. Adalbert ernannt, und am 
15. Januar 1820 durch die Kapitels- und General- Vikare der Diözese 
Aachen, Fonk und Klinkenberg, zum Oberpfarrer von St. Peter erhoben, 
den 8. Februar desselben Jahres eingeführt und starb den 9. Juni 1832. 
Sein und seines Vorgängers Bildnisse (ohne Wappen) geben durch den 
Ornat Zeugniss, dass beide auch Ehrendomherrn des Münsterstiftes waren. 

22. Johann Wilhelm Dillschneider (1832—1872), war geboren 
zu Aachen und zwar in der Peterspfarre am 27. Dezember 1795 und war 
vor seiner Ernennung als Oberpfarrer von St. Peter, die am 16. Oktober 
1832 durch Erzbischof Ferdinand August Graf von Spiegel erfolgte, 
mehrere Jahre Domvikai* und Sekretär des erzbischöflichen General-Vikariats 
zu Köln. Er starb den 9. Oktober 1872, war also volle 40 Jahre hindurch 
Oberpfarrer von St. Peter. Während dieser langen Amtsperiode hat er 
sich grosse Verdienste um die Ordnung der Stiftungsverwaltung, um die 
Hebung des Kirchenvermögens, um die Verschönerung imd Restauration 
der Kirche im Innern wie im Aeussern, um die Errichtung von zwei neuen 
Vikariestellen, um den Neubau von vier Kaplaneien und um die Hebung 
des Gottesdienstes wie des kirchlichen Lebens erworben. Er verfasste 
ein Pfarrgebetbuch und hob den Kirchengesang, gründete einen Begräbniss- 
bund u. dgl. m. Dass seine Verdienste und sein Verwaltungstalent Aner- 
kennung gefunden, beweist seine Erhebimg zum Ehrenkanonikus am 
Münsterstift, zum Klosterkommissar und zum Stadtdechant. Zu seinem 
25jährigen Pfarrerjubiläum stiftete die Pfarre sechs grosse silberne Altar- 
leuchter und zu seinem 50jährigen Priesterjubiläum eine marmorne Altar- 
mensa und ein neues Tabernakel. Er vermachte der Peterskirche eine 
Summe von 200 Thlr. zu einem feierlichen Anniversarium für seine Seelen- 
ruhe und 400 Thlr., deren Zinsen zur Beschaffung von Handpostillen ver- 
wandt werden sollen, die durch den jeweiligen Pfarrer von St. Peter braven 
Brautleuten als Hausrath bei der Verehelichung geschenkt werden könnten. 

23. Sebastian Theodor Planker wurde zum Oberpfarrer ernannt 
den 8. November 1872, ist seit 1887 Stadtdechant und seit 1888 Ehren- 
kanonikus des Münsterstiftes in Aachen. 



Der Luftschiffer Franz Blanchard zu Aachen im Jahre 1786. 

Von E. Paals. 

Bald nach dem Bekanntwerden der Luftballons erregten in den acht- 
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Luftschiflfahrten des Franzosen 
Franz Blanchard* in ganz Europa ungemeines Aufsehen. Nach einer 



*) Geb. 1753, gest. 1809, nachdem er bis 1807 etwa 66 Luftreisen gemacht hatte. 
Seine Gattin, welche ebenfalls in der Luftschiffahrt ihren Erwerbszweig fand, kam gelegent- 
lich ihrer 67. AuflPahrt am 6. Juli 1819 in Paris ums Leben. 



, - 54 — 

berühmten Luftreise über den Kanal bis Calais * vereuchte sich Blanchard 
mit stets glücklichem Erfolg in vielen Städten Frankreichs, Englands und 
Deutschlands. Auch Aachen erhielt im Jahre 1786 seinen Besuch, und 
zwar unter so merkwürdigen umständen, dass eine nähere Darlegung wohl 
am Platze sein dürfte. Freilich muss hierbei in Ermanglung aller andern 
Berichte^ Blanchards eigene Erzählung die Hauptquelle bleiben'. Dies 
verschlägt indes wenig. Einestheils nämlich hält es nicht schwer, die 
Schwächen der Blanchardschen Mittheilungen herauszufinden, andererseits 
ist der wesentliche Theil des Berichts des Luftschiffers amtlich beglaubigt. 

Längere Zeit vor Blanchards Erscheinen war man bereits in Aachen 
dem Gedanken an das Aufgehenlassen eines Luftballons näher getreten. 
Im Dezember 1783 sammelte der Buchhändler St. Aubin in der Komphaus- 
badstrasse Einzeichnungen, aus deren Ertrag ein grosser Luftballon „für 
einige Reisende" hergestellt werden sollte*. Jede Einzelzeichnung kostete 
einen Kronenthaler (©^ 4,70). Bald nachher trat der Apotheker Weiden- 
bach in der Kölnstrasse in Mitbewerb * ; bei ihm kostete die Einzelzeichnung 
nur 4 Schillinge {o^ 1,50). Weidenbach hatte sich die zur Herstellung 
imd Füllung eines Luftballons nöthigen Sachen aus Paris kommen lassen ; 
er war gegen Ende Februar 1784 mit seinen Vorbereitungen fertig. Im 
April desselben Jahres langte der Mechanikus Berschitz aus Wien in Aachen 
an, welcher ebenfalls das Auflassen eines Luftballons beabsichtigte^. 
Welchen Erfolg St. Aubin, Weidenbach und Berschitz hatten, meldet die 
Aachener Zeitung nicht ^; gross war derselbe keinesfalls. 

Endlich brachte das Jahr 1786® zwei Luftschiffer nach Aachen: de la 
Touche-Foucroy und Franz Blanchard. De la Touches Ballon hatte angeblich 



*) Von Dover aus am 7. Januar 1785. Diese Reise brachte ihm das Bürgerrecht 
von Calais nebst einer marmornen Ehrensäule am Ort der Landung ein. Ausserdem schenkte 
ihm der König von Frankreich 12 000 Frs. nebst einer Kente von 1200 Frs. 

*) In ortsgeschichtlichen Werken finde ich nur die äusserst dürftige Notiz bei 
Haagen, Geschichte Achens IE, S. 890. 

') Ich benutze zwei in der Aachener Stadtbibliothek vorhandene kleine Druckschriften 
in französischer Sprache, in welchen Blanchard über seine 20. Luftreise in Hamburg und 
seine 21. Luftreise in Aachen berichtet. 

*) Stadt- Aachener Zeitung vom 31. Dezember 1783. 

') Stadt-Aachener Zeitung vom 21. Februar 1784. 

^) Stadt- Aachener Zeitung vom 24. April 1784. 

?) Andere QueUen fehlen. Tagesneuigkeiten aus Aachen brachte die damalige 
Aachener Zeitung nur in Ausnahmefällen. Die Censur war zu streng; es hiess einfach, 
dass solche Neuigkeiten ja sofort bekannt wären! 

*) Aus den Jahren 1786 und 1787 ist noch folgendes zu erwähnen. Ein grosser 
LuftbaUon von 75 Fuss im Umkreis, dessen Besitzer nicht genannt wird, ging um 7 Uhr 
Abends am 17. Juli 1786 zu Frankenberg bei Aachen auf. Derselbe nahm die Richtung 
Stolberg-Eschweiler und galt nach einer Anzeige in der Aachener Zeitung noch am 29. Juli 
als vermisst. VieUeicht war der BaUon unbesetzt, denn damals scheint es beliebt gewesen 
zu sein, grosse mit Wasserstoffgas oder erhitzter Luft gefüUte Körper von den ver- 
schiedensten Formen „ins Blaue" steigen zu lassen. So kam im J. 1787 bei Montjoie die 
10 Fuss hohe, nur 26 Unzen (780 Gramm) schwere Bildsäule eines geflügelten Pferds mit 
Eeiter zur Erde. Aehnliche Bildsäulen werden zuweilen in den damaligen Zeitungen erwähnt, 
ebenso Montgolfiersche Luftkugeln. 



— 55 — 

160 französische Fuss im Umfang und eine Höhe von 60 Fuss; er fasste 
65 400 Kubikfuss Gas und konnte 2000 Pfund in die Höhe ziehend Am 
1 6. August stieg de la Touche an der Bever vor Adalbertsthor 2, am 7. Oktober 
in Vaels auf, beide Male fast unbeachtet^. 

Etwas anders erging es Franz Blanchard. Dieser hatte Brüssel, wo 
er reiche Anerkennung gefunden, am 2. August verlassen und auf der 
Durchreise nach Hamburg in Aachen versprochen, anfangs September in 
die alte Kaiserstadt zurückzukehren, um seine 2 1 . Luftreise bei uns anzu- 
treten. Seine Aachener Freunde legten Einzeichnungslisten mit der 
Erklärung auf, dass 400 Louisdor (o^ 7550 — 7650) zu decken seien, ehe 
Blanchard „anfangen werde Anstalten zu machen" ; der Preis für eine 
Einzelzeichnung war auf einen Kronenthaler (o^ 4,70) festgesetzt. Blanchard 
hielt Wort. Er verliess Hamburg am 27. August und traf am 5. September 
in Aachen ein. Hier scheinen die Vorbereitungen zur Auffahrt längere 
Zeit in Anspruch genommen zu haben, denn frühestens am 1. Oktober 
sollte die Luftreise stattfinden. Ueber das Ganze giebt Blanchard zwei 
Berichte. Einer derselben ist amtlicher Art, weil er von mehreren Aachener 
Schöffen und Beamten unterschrieben ist*; den andern hat der Luftschiffer 
selbst verfasst. Folgendes ist in Kürze der Inhalt der amtlichen Darstellung: 

„Blanchard beabsichtigte zuerst am 1. Oktober aufzusteigen, verschob 
aber mit unserer obrigkeitlichen Bewilligung wegen allzu ungünstiger 
Witterung die Auffahrt auf den 8. Oktober, doch gestattete erst am 
9. Oktober das Wetter die Luftreise. Die städtische Mannschaft bezog 
ihre Posten, Kanonenschüsse verkündeten die bevorstehende Luftschiffahrt ^, 
Blanchards Ballon erhob sich genau um 2 Uhr vom Jesuitenkloster aus^ 

') Stadt- Aachener Zeitung vom 8. Juli 1786. Ueber die Grösse des Blanchardschcn 
BaUons fehlen alle Angaben. 

•) Stadt- Aachener Zeitung vom 16. August 1786. 

') An der Bever vor nur wenigen, in Vaels vor 22 (mit Einlasskarten versehenen) 
Zuschauern. Blanchard, welcher der Auffahrt in Vaels beiwohnte, schildert sie als eine 
ganz verfehlte. Er spricht von seinem Mitbewerber in den schärfsten Ausdrücken und 
nennt ihn einen den Brüsseler Gefängnissen entgangenen Charlatan, der auch aus Aachen 
nach kurzem Aufenthalt ausgewiesen worden sei. Ob Blanchard Becht hatte, braucht 
nicht erörtert zu werden. 

*) Anfang: Nous Magistrats et Echevins de la Ville d'Aix-la-ChapeUe certifions etc. . .; 
Datum: Fait et donn6 en notre Hotel de ViUe, le 11. Octobre 1786; Unterschriften: 

De Loneux, Echevin. De Garzweiler, Echevin. 
Baron de Witte, „ Baron de Fürth, „ 
J. de Brauman, „ 
J. Vossen, Docteur en Droit, Commissaire de Police. 
Henri Joseph Tilman, » » n ^^ fidem: 

Leonard Brammertz, „ » » F. H. Strauch, 

Nicolaus Cromm, „ » » Commissionis 

Joseph Heusch, „ n n actuarius. 

Aachens Bürgermeister konnten Blanchards Ernennung zum Ehrenbürger nicht unter- 
zeichnen, weil sie wegen der Wirren in Aachen abwesend waren. Vgl. Haagen a. a. 0. 
^) Text: La Troupe en grand tenue, selon nos ordres, prit ses postes; les canons 
annonc^rent la certitude du d6part. 

^ Haagen a. a. 0. nennt den Garten des Aachener Jesuitenkollegiums als Ort der 
Auffahrt, die jedenfalls in der Nähe der St. Michaelskirche stattfand. 



— 56 — 

unter dem Beifallsrufen der Zuschauer majestätisch in die Lüfte; von der 
Höhe herab grüsste der LuftschifiFer mit seiner Fahne, welche das Wappen 
Aachens zeigte. Es herrschte Südwestwind, der Ballon verschwand baUl 
in den Wolken, erschien aber nach einigen Minuten wieder und senkte 
sich zur Erde. Gegen 2 Uhr 30 Minuten landete Blanchard glücklich in 
einer Wiese mitten in den Waldungen bei Herzogenrath, zwei Meilen vom 
AuflFahrtspunkt entfernt. Selbigen Tags noch begab er sich zum Rathhaus, 
wo wir ihn erwarteten und dankend seine Fahne in Empfang nahmen. 
Wir legten ihm unsere Erkenntlichkeit an den Tag und veranlassten ausser- 
dem, dass ihm zum Zeichen unserer Hochachtung seines Talents das Bürger- 
recht in Aachen verliehen wurde ^^ Soweit der amtliche Bericht. Blanchards 
ausführlichere Erzählung kann hier nur, insoweit als sie nennenswerthe 
Ergänzungen des amtlichen Berichts bietet, kurz berührt werden. 

Bald nach seiner Ankunft in Aachen, im September 1786, so erzählt 
Blanchard, fand er sich enttäuscht. Die Einzeichnungen hatten ein sehr 
unbefriedigendes Ergebniss geliefert, denn weit weniger als ein Viertel 
der gewünschten Summe war gezeichnet worden. Weil Blanchard nicht 
unverrichteter Dinge abziehen, auch seinen Bekannten das Sammeln von 
Einzeichnungen nicht weiter zumuthen wollte, nahm er allein die Sache in 
die Hand. Die Folge war, dass die Mehrzald der wenigen Einzeichner 
nunmehr das Recht zu haben glaubte, die frühere Einzeichnung als unge- 
schehen zu betrachten, während neue Einzeichnungen kaum angemeldet 
wurden. So kam es, dass Blanchard, trotzdem durch ihn Geld in Hülle 
und Fülle nach Aachen strömte, weil seinetwegen die Stadt drei Mal mit 
Fremden gefüllt war*, vor ziemlich leeren Bänken arbeitete^ und nach 
einer Reise von 300 Stunden in Aachen 2000 Thaler einbüsste. (?) In 
Frankfurt hatte man nach Ausspannung der Pferde den Wagen des Luft- 
schifiFers zum Theater gezogen; die Aachener zogen Blanchard auch, aber 
— bei den Haaren ^. Um etwas zu sehen und doch ihre Kronen thaler zu 
sparen, wussten selbst sehr reiche Aachener Bürger vortreffliche Auskunfts- 
mittel. So fuhr ein Adeliger vor die Stadt und wartete draussen auf einer 
Anhöhe auf das Erscheinen des Ballons ; ein anderer nahm mit dem Kompass 
in der Hand mit seiner ganzen Familie auf dem Festungswall ^ auf herbei- 
geschafften Stühlen Platz. Noch klüger machten es zwei andere, deren 



*) Text: Nous avons d6cid6 qu*il lui seroit delivr6 aujourd'hui des Lettrcs de 
Citoyen de cetto Ville. 

*) Am 1., 8. und 9. Oktober, an denen die Luftreise erwartet wurde. An anderer 
Stelle prahlt Blanchard, es habe nach dem 1. Oktober in Aachen geheissen, die Ver- 
zögerung sei zwischen ihm und den Wirthen verabredet, um die Fremden in Aachen 
zurückzuhalten. 

*) Text : Jamals je n'ai tu moins de monde daus mon enceinte. Aus einer Stelle 
folgt, dass Blanchard auf mehrere Tausend Zuschauer gerechnet hatte, sich aber mit etwa 
200 Personen begnügen musste. 

*) Ein Aachener hatte Blanchard auf dieses hübsche, aber bittere Wortspiel auf- 
merksam gemacht Im Text lautet es: trainer la carosse imd trainer par les cheveux. 

^) Gemeint sind jedenfalls ein paar damals noch vorhandene Reste wallartiger alter 
Befestigungen in der Nähe des Jesuitenklosters. 



— 57 — 

Häuser am Jesuitenkloster lagen. Sie hoben einige Ziegel aus dem Dache 
und schauten so den Vorbereitungen für die Auffahrt zuK 

Zum Schaden gesellte sich der Spott. Am 9. Oktober warnten Unbe- 
kannte in den Aachener Strassen die Vorübergehenden vor dem Besuch 
des Blanchardschen Zelts unter dem Vorgeben, es sei dort so besetzt, dass 
man ersticke^. Eine Stunde vor der Auffahrt erschien der Herzog von 
Cumberland, welcher für 4 Personen Plätze belegt hatte, stiess die Thüre 
ein und verlangte sofortiges Auflassen des Luftballons. Die Leute des 
Herzogs folgten ihrem Herrn, ohne im Besitz einer Eintrittskarte zu sein. 
Blanchard mochte und durfte die festgesetzte Stunde nicht ändern, weshalb 
er dem barschen Ersuchen nicht entsprach. Zum Dank erklärte später in 
der Abendgesellschaft bei der Fürstin Gagarin in Blanchards Gegenwart 
der Herzog, dass er einen Mann von Talent nicht höher schätze als seinen 
Kutscher ^. 

lieber sein Aufsteigen und die spätere Landung schreibt Blanchard ^ : 
„Als ich mich erhob, standen nach den mittelst meiner Apparate ange- 
stellten Berechnungen die Wolken 1000 Toisen* hoch über der Stadt; eine 
halbe Meile südwärts dagegen hingen sie bedeutend tiefer, weil sie nach 
dieser Seite hin die Erde meinen Blicken entzogen, nachdem ich kaum die 
erste Höhenschicht erreicht hatte. Ich erblickte einen kleinen Ballon ^ 
welchen man nach dem meinigen aufgelassen hatte; er eilte in eine mir 
nahe Wolke, stieg dann mit grosser Schnelligkeit und verlor sich bald im 
unermesslichen Weltraum. Die Luft war ziemlich mild, die unbeweglichen 
Wolken gewährten in ihren mannigfaltigen Formen einen entzückenden 
Anblick; meist glichen sie den Felsenbergen, deren Farbenreichthum von 
so blendender Schönheit ist. Hingerissen von Bewunderung freute icli 
mich des mir immer neuen Schauspiels, aber ich setzte mit Beharrlichkeit 
meine Beobachtungen fort. Die zuletzt durcheilte Wolke war ungefähr 
150 Fuss dick; ich befand mich jetzt etwa 7500 Fuss über der Erde und 
öffnete die Klappe. Fast augenblicklich sah ich die Erde wieder, hatte aber 
beim Landen mit Schwierigkeiten zu kämpfen, weil der Ballon über Wal- 
dungen schwebte. Bald indes erblickte ich einen für die Landung günstigen 



*) Blanchard nennt die Namen, welche hier fortbleiben. Er hatte bei seinen Vor- 
steUungen eigens bezahlte Aufpasser, die ihm reiche, aus der Ferne umsonst zuschauende 
Personen namhaft machten. Später veröffentlichte dann Blanchard die Namen. 

^ Text : Gardez-vous bien d'entrer chez Mr. Blanchard, la foule est si grande qu*on 
y ^touffe. 

^) Erzählt Blanchard die Wahrheit, so war wohl der Bildungsgrad des Herzogs ein 
niedrigerer als der seines Kutschers. 

*) Wahrscheinlich aus Unwillen über die geringe Betheiligung verzichtete Blanchard 
in Aachen auf ein sonst häufig gezeigtes Kunststttck. Er führte nämlich meist auf seinen 
Luftreisen einen Fallschirm mit sich, in welchen er ein lebendes Thier (Kaninchen, Hammel 
u. 8. w.) legte, um es aus einer Höhe von mehrem Hundert Fuss zur Erde zu senden, wo 
es in der Regel unversehrt anlangte. 

*) Etwa 1950 Meter. 

*) JedenfaUs ein mit Menschen nicht besetzter BaUon; vgl. oben S. 54, An- 
merkung 8. 



— 58 — 

Obstgarten ^, auf welclien icli zuleukte, und wo sich sofort mehrere Land- 
leute* versammelten. Diese riefen mir zu: „Seien Sie unbesorgt, wir 
sprechen französisch, wissen Näheres aus den Zeitungen und werden alles 
thun, was Sie wünschen!" In der That halfen sie mir den Ballon leeren 
und zusammenfalten, was schnell erledigt war. Hierauf kamen die Herren 
von Bonn und Choreu, welche meinen Landungsplatz im Gehölz gefunden 
hatten. Ich stieg zu Pferde und traf bald meinen mir entgegen gesandten 
Wagen. Der Ballon wurde oben auf den Wagen gelegt •, worauf ich mit 
mehreren Reitern nach Aachen zurückkehrte.** In sehr anerkennender 
Weise spricht sich Blanchard über die Aufnahme aus, welche er nach seiner 
Luftreise im Aachener Bathhaus bei den Rathsherm fand. Die Ertheilung 
des Bürgerrechts hatte ihm grosse Freude gemacht, ebenso das Geschenk 
einer schönen Uhr nebst Kette, womit ihn der Rath beehrte. Angenehm 
auch berührte Blanchard die Versicherung, dass nur die ungünstige Geldlage 
der Stadt es dem Rath unmöglich mache, dem Luftscliiffer den ihm in 
Aachen erwachsenen Verlust zu ersetzen. Am Abend des 9. Oktober besuchte 
Blanchard mit mehrern Rathsherm den Schauspielsaal. Hier hatte man bis 
zu seinem Erscheinen mit dem Beginn der Vorstellung gewartet ; er wurde 
lebhaft beklascht und nahm in der mit Blumen und Laubgewinden geschmückten 
Loge der Fürstin Gagarin * Platz. Inmitten des Saals erhob sich Blanchards 
Büste, welche schliesslich, ähnlich wie in Frankfurt, gekrönt wurde. Dabei 
feierte eine Sängerin Blanchard als den König der Lüfte, dessen Talente 
ihm schon auf Erden den Rang der Götter sicherten. Den Schluss des Tages 
bildete ein grosses Abendessen, welches die Fürstin Gagarin zu Eliren des 
Luftschiflfers in einem Saal der alten Redoute gab. 

Hier bricht Blanchards Bericht mit der Bemerkung ab, dass die 
Fortsetzung^ in Lüttich erscheinen werde. Es lohnt nicht der Mühe nach 
derselben zu forschen, da aus dem Vorhandenen der wesentliche Theil 
des Sachverhalts genügend vollständig zu ersehen ist. 

Als Blanchard in Aachen auftrat, stand die Luftschiifahrt hoch in 
Ansehen, obschon sie «rst in den Windeln lag. Allenthalben stellte man 
Versuche an, meist aber mit so unglücklichem Erfolg, dass vielfach die 



*) Nach den Annalen des hist. Vereins für den Niederrhein (Bd. 43, S. 120) landete 
Blanchard in Klinkheide hei Kohlscheid und fuhr vierspännig nach Aachen zurück. 

*) Zwistigkeiten zwischen Landleuten und Luftschiffern sind oft unvermeidlich, da 
die Regelung der Entschädigung beim Landen in Fruchtfeldem oder Gärten meist schwierig 
ist. Zu Blanchards Zeiten rissen zuweilen zur Vermeidung von Weitläufigkeiten die 
Landleute die Anker aus, welche die Luftschiffer zum Zweck der Landung herabliessen. 
Blanchard selbst erzählt, dass die holländischen Bauern ihm die Lust verleidet hätten, je 
nochmals Holland zu besuchen. 

') Der Ballon dtlrfte also nicht allzu gross gewesen zu sein. 

*) Die Fürstin Gagarin -Troubetzkoye, augenscheinlich eine besondere Gönnerin 
Blanchards, besuchte vor 100—110 Jahren fast regelmässig jährlich die Aachener Bäder. 
Sie hatte eine eigene Wohnung in der Komphausbadstrasse ; ihr Gemahl scheint Haupt- 
mann in der russischen Garde gewesen sein. 

^) Der Aachener Setzer hatte deren Fertigstellung verweigert, weil Blanchard 
die Aachener Zustände zu heftig tadelte. 



— 59 — 

Luftreisen von den Behörden verboten wurden K Unbestritten war Blanchard 
der erste Luftschiffer seiner Zeit und viele Umstände trugen dazu bei, 
dass er, wo immer er auftrat, weit über Verdienst geehrt wurde. Der 
grossen Menge schien er die Aufgabe des Fliegens durch die Lüfte, an 
deren Lösung seit den ältesten Zeiten der Mensch sich so oft vergeblich 
versucht hatte, gelöst zu haben. Ferner verstand er es in recht geschick- 
ter Weise, den Glauben wach zu halten, dass er der Lenkbarkeit des 
Luftschiffs emsige Studien zuwende und dass seine Beobachtungen der Physik 
vortrefflich zu statten kommen würden^. Li der Wirklichkeit nahm er, 
wenigstens bis zum Jahre 1786, bei seinen Luftfahrten nicht einmal ein 
Thermometer oder Barometer mit^ und den mit den damaligen Hülfs- 
mitteln ganz aussichtslosen Versuch, den Ballon nach beliebigen Richtungen 
zu lenken, hat er ernstlich sicher niemals unternommen. Ehre und Ruhm * 
wurden ihm reichlicher zu Theil als Gold, denn um seine Einnahmen war 
es fast allenthalben schwach bestellt*. Seinen eigenen Angaben nach 
hatte Blanchard in Gravenhage über 6000 Frs. verloren. Auch in London, 
wo eine besondere Vorstellung vor den höchsten Beamten der Stadt ihm 
nur ein grosses Glas Branntwein eintrug, hatte er eine bedeutende Ein- 
busse zu verzeichnen. In Rotterdam wurden kaum die Unkosten gedeckt, 
in Lille war er geprellt worden, Gent, so schreibt er, hätte eigentlich 
einen Ballon von 6 Zoll Durchmesser verdient. Etwas günstiger spricht 
sich Blanchard über Douay, Frankfurt und Hamburg aus, aber über Aachen? 
Li beispiellos unsinniger Selbstüberschätzung erklärt er^, dass sein Miss- 
erfolg in Aachen in der Geschichte Epoche (!) machen werde, und dass noch 
in den fernsten Zeiten die Mehrzahl der Bewohner Aachens hierüber erröthen 
müsste! Allerdings war Blanchards Auftreten in Aachen für ihn mit 
Verlust verbunden ; fraglich dagegen ist es, ob dieser Verlust 2000 Tlialer 
betrug und noch fraglicher bleibt es, ob wirklich Blanchard die Stadt an 
drei Tagen mit Fremden gefüllt hat \ Der Misserfolg war das fast unaus- 
bleibliche Schlussergebniss einer Reihe von Fehlern, Verfehlt war die 



*) Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein a. a. 0. 
*) Folgt aus mehreren SteUen der mir vorliegenden Druckschriften. 

') In Hamburg wurde ihm dies vorgeworfen; auch in Aachen scheint er diese Instru- 
mente kaum benutzt zu haben. 

*) In manchen Städten aber auch scharfe Angriffe; denn vielfach hielt man vor 
100 Jahren die Luftschiffahrt für eine zwar schöne, aber nicht eben sehr bedeutende 
Erfindung. Witzig hiess es stellenweise, der Luftschiffer fülle seinen BaUon und leere 
die Taschen der Zuschauer. 

^) So auch in spätem Jahren. Blanchard besass schon im J. 1785 mindestens 20000 
Frs. Vermögen. Seine Ehe blieb kinderlos; nach vielen Dutzenden damals berühmter 
Lnftreisen in den ersten Städten der alten und neuen Welt betrug der Nachlass um 1819 
höchstens 60000 Frs. (Aachener Wahrheitsfreund 1819, Nr. 112). 

•) Text : En verit^ cette aventure presqu'incroyablc, qui fera öpoque dans l'histoire, 
devra faire rougir k jamais et jusqu'^ la post^rittS la plus recul^c la plüpart des habitants 
de cette ville. 

^ Der Tag des Aufsteigens war ja der Witterung wegen zu unbestimmt! 



— 60 — 

Wahl einer verhältiiissmjissig kleinen Stadt ', welche sich o^rosser Wohl- 
habenheit nicht erfreute; verfehlt war es, eben in demjenigen Jahr nach 
Aachen zu kommen, in welchem innerer Zwist und Aufruhr bei uns an 
der Tagesordnung waren *. Wurde trotzdem Aachen, vielleicht mit Rück- 
sicht auf seine vielen vornehmen Badegäste gew^ählt, so musste Blanchard 
nicht am Schluss der Kurzeit, sondern etwa im Juli oder August auftreten ; 
wahrscheinlich hätte sich dann das Ganze für ihn etwas günstiger gestaltet '. 

Nach dem 9. Oktober 1786 wird des Luftschiffers Blanchard in den 
Aachener Zeitungen nur noch an sehr vereinzelten Stellen gedacht. Auf- 
sehen erregte seine Landung im Walde bei Eupen zu Ende Dezember 
1786; er war damals in Lüttich aufgestiegen und hatte die grosse Strecke 
bis Eupen angeblich in kaum einer Viertelstunde zurückgelegt*. 

Mehrfach noch ist dagegen bis zum Schluss der Fremdherrschaft'^ 
von andern Luftschiffern und ihren Ballons die Rede. Hier nur zwei 
Beweise. Vor der auch für das Geschick Aachens so verhängnissvollen 
Schlacht bei Fleurus am 26. Juni 1794 hatten die Franzosen die feind- 
lichen Stellungen von der Hr)he eines an Stricken aufgelassenen Luft- 
ballons aus beobachtet. Bald nach der Einnahme Aachens durch die 
Franzosen im September desselben Jahres wurde dieser Ballon von Lüttich 
aus nach Aachen gebracht und lagerte, vielfach bewundert, in einer Wiese 
bei Burtscheid^ 

In friedlicherer Zeit als 1794 erhielt Aachen unter aufiSlligen Um- 
ständen den Besuch der Luftschifferin Garnerin aus Paris. Dieselbe stieg 
in Paris gegen 10 V» Uhr Abends am 19. August 1809 auf und landete um 
7V2 Uhr am Morgen des folgenden Tags in Vaels bei Aachen ^ Eine so 
schnelle Reise von der französischen Hauptstadt nach Aachen hat selbst 
das Zeitalter der Eisenbahnen wohl kaum aufzuweisen. 

*) Aachen hatte 25 000 Einwohner; der Geldwcrth war ein viel höherer als heut- 
zutage. Ein Vergleich mit den heutigen, viel grossartigeren Verhältnissen ergibt sofort, 
dass es damals fast unmöglich war, für Blanehards Vorstellung die gewünschten 400 
Louisdor durch Einzeichnungen aufzutreiben. 

*) Im J. 1786 waren die unter dem Namen Mäkelei bekannten Unruhen aufs höchst^j 
gestiegen; wie Haagen a. a. 0. erzählt, befürchtete man auch gelegentlich Blanehards 
Luftschiffahrt stürmische Auftritte. 

^) Zum grossen Theil mögen Blanehards Aachener Freunde den Älisserfolg verschulden ; 
sie mussten die Verhältnisse besser kennen als Blanchard, welcher Aachen fem stand. 

*) Stadt- Aachener Zeitung vom 30. Dezember 1786. 

*) Die spätere Zeit bleibt hier ganz unberücksichtigt 

^) Aachener Zuschauer, Nr. 119 vom 4. Oktober 1794: „Die Aerostaten-Compagnie 
hat den Ballon von Lüttich durch die Luft hieher gebracht." 

') Aachener Fremdenliste, Augustnummer 1809. 



L^ 



— ei 



Kleinere Mittheilungen. 



Der erste Buchdrucker in Aachen. Der Verfasser des Dictionnaire de G6ographie 
ancienne et moderne k Pusage du libraire etc. 1883 hat bei jedem Orte die ersten dort 
erschienenen Drucke verzeichnet. Für Aachen gibt er an: 

Jacobas Hovthusins Antverpianus : Exemplaria sive formulae scripturae omatioris 
XXXV. In quibus praeter diversa litterarum genera, varii earumdem ductus, stnicturae 
et connexiones traduntur. Aquisgrani, 1591. 4^. Es sind dies also Schriftproben. 

Einer der ersten Drucker zu Aachen ist nach seiner Angabe Johann Schwuartzenbach. 

Meteorstein oder Hagelstein? In einer holländischen Chronik, die ich jetzt nicht 
mehr namhaft machen kann, fand ich beim J. 1552 bemerkt: Te Sleusingen in Vrankryk 
regenden het Keizelstoenen . . . En te Aken viel een steen uit de lugt. 

Aachener Tuch. Zu Braunschweig erhielten 10 Personen, welche Pedellendienste 
thaten, fttr den Sommer jede 7 Ellen aachensches Tuch, für den Winter ebensoviel braun- 
schweigisches Grautuch. Dürr, Gesch. d. St. Braunschw. 1875, S. 337. 

Karl d. Gr. im Bade. Das Chronicon Balduini Ninoviensis erzählt folgendes 
Histörchen: Carole cum nuntiaretur de casu Leonis papae in balueo, sedens sub manu 
tonsoris nuntium audivit. Qui mox de balneo exiliens juravit tonsuram sibi nou perficien- 
dam, donec vindicta facta papam sedi suae restitueret, quod ita factum est etc. Nicht 
bloss wurden dem badenden Kaiser Gesandte vorgestellt, sondern dort Hess er sich auch 
philosophische Themata vortragen, wie uns Alkuin (ep. 205) erzählt: de cuius numeri 
mira significatione memoro olim me domino meo David dixisse calido caritatis corde in- 
fervente naturalis aquae balneo. 

Aachen, B. M. Lersch. 

Eine Aachener Wachtordnnng ans dem Jahre 1759. 

In frühem Zeiten haben in fast allen Städten von einiger Bedeutung die Bürger 
die Wachtdienste in der Stadt selbst und auch an den Stadtthoren bei Tag und bei Nacht 
geleistet. Mitglieder der Zünfte und sonstige Bürger wurden dazu herangezogen. Da aber 
deren Gewerbe darunter nothwendiger Weise leiden musste, so führte man später an vielen 
Orten eine Steuer ein, aus der man die Wachtmannschaften bezahlte. In jenen Städten 
aber, wo sich der persönliche Waehtdienst erhielt, fanden soviele Loskaufungen davon statt, 
dass er für die weniger Begüterten äusserst lästig und drückend wurde. Diese suchten 
sich denn auch an dem unangenehmen Amte vorbeizudrücken, wo sie nur konnten; was 
ihnen wesentlich dadurch erleichtert wurde, dass die Hauptleute selbst ihre Pflicht ver- 
säumten und die Wachen nicht revidirten. Dies gab in Aachen im Jahre 1759 Anlass zu 
einer Rathsverordnung, wodurch für jede Strasse fleissige und treue Wächter angestellt 
wurden, die aus einer monatlich zu erhebenden Steuer bezahlt wurden. Hier haben wir 
also einen amtlichen Nachtwachdienst bereits 80 Jahre früher, als die vor Kurzem in einer 
hiesigen Zeitung mitgetheilte Verordnung von 1836 feststeUt. Die Verordnung lautete 
folgendermassen : 

„Die bei Tag und Nacht verschafte Sicherheit ist in allen Staaten und Republiquen 
die starckste Mitprob einer löblich eingerichteten Policey: davor sonderlich zu sorgen, ist 
die schuldige Obliegenheit deren Regenten: gleichwie nun Ein Hoch weiser Rath aUzeit 
wohl darauf bedacht gewesen, und auch hat gewärtigen dörfen, dass (so fem ihren Ver- 
ordnungen jederzeit nachgelebet) in hiesiger Stadt darüber der mindeste Beschwer niemahlen 
erfolgen würde, so hat derselbe doch, leider I bittere Klagen vernehmen, und die unangenehme 
Erfahrung haben müssen, dass bei dermahligen gefährlichen Zeiten schon von Jahren her 
eine löbliche Bürgerschaft, und das ihrige bei nächtlicher Weil dem Raub- und Diebsgesindel 
blos gestellt gewesen, welches daher gekommen, dass die Bürgerliche Ober- und Unter- 
Officiers von denen Wachten abgeblieben, und dadurch veranlasst haben, dass die Wacht 
haltende wenige Bürger, weil selbst ohne Chef und folglichen ohne alle Direction waren, 
gleich nach 10 Uhren Abends von ihren Posten ab, und nach Haus gegangen seynd: wan 
aber aller Gefahr und Ucbel bei iSeiten muss vorgebogen werden, und dan zu beförchten 



- 62 — 

ist, dass bey herannabendem Winter das Hauben und Stehlen, oder doch das böse Unter- 
nehmen wiederum starcker werden dürfte, so hat Ein Hochweiser Rath nach reiflicher 
Erwegung, der Vorsicht und Nothdurft zu sein erachtet, dass in jeder Strass fleissig- und 
treue Wächtere, welche ihre geschärfte Instruction haben sollen, angestellet, und solche 
Maass-Kegulen genommen werden, damit die gantze Stadt gesichert seye: diese Yorsorg 
und weitere Einrichtung soll nach Vermuthen jederman um damehr gefallen, als niemand 
dabei beschweret wird, der Bey trag zum Unterhalt deren zu diesem heilsamen Werck 
nöthigen Leuten ist in dreyen Classen vertheüet, und solle jeden Monat eingefordert 
werden : die erste Classe gibt monatlich 3 Märck vom Haus, die zweyte vom Haus 6 Märck 
und die dritte 12 Märck Aix. Dagegen spricht Ein Hoch weiser BAth die gantze Bürger- 
schaft von deme los und frey, was sie sonsten denen Hauptleuten zur BesteUung der unter- 
lassenen Wachten zahlen müssen; selbe Wachten sollen den lOten des folgenden Monats 
Novembris (wiewohlen die Bürger-Compagnien in ihrem Esse bleiben) nachlassen, dargegen 
soll alsdann die neue Anordnung ihren Anfang nehmen. 

Also überkommen im Rath, und einem jeden durch die Druck bekennt zu machen 
verordnet, Aachen den 31 Octobris 1759**. 

Aachen. H, Schnock, 



Fragen. 

In den von Laurent herausgegebenen Aachener Stadtrechnungen werden folgende 
Ausgaben verzeichnet: 

It. den weichteren van den ballingen ind Lewcrken 3 qu. S. 379,26; 302,82^3; 
804,29. 

It, den weichtern van den oister hier zu verbieden 3. S. 300, 9,io. 

It. den weichteren van den hier ind van den lewerken ze verbieden 3. S. 306,i. 
Welche Bewandniss mag es mit diesen Bestimmungen haben? W. 

In dem Necrologium ecclesiae B. M. Y. Aquensis heisst es S. 52: 

Obiit Nicolaus pro quo habemus quartam partem domus supra riuulum merchul 
(Es starb Nikolaus, für welchen wir haben den vierten Theil eines Hauses über dem Bache 
Merchul). Dieselbe Oertlichkeit dürfte S. 62 verstanden sein: Obiit Steina que et maritus 
eins wikerus dederunt domum super merdenchul . . . (Es starb Steina, welche nebst 
ihrem Oemahl Wirikus ein Haus über Merdenchul schenkten.) Was ist unter merchul, 
merdenchul zu verstehen. üf. 

Ebendaselbst wird S. 66 zweimal eine platea foncellis ewähnt, eine Strasse, welche 
S. 60 funschel heisst. Wo lag dieselbe? B, 

Wer kann den Strassennamen Krakau erklären ? Es sei bemerkt, dass dieser Name 
mehrfach als Ortsbezeichnung vorkommt In den Kämpfen zwischen Spanien und den 
Generalstaaten im 16 .und 17. Jahrhunderte eroberte Spinola im Jahre 1605 am 27. Oktober 
Wachtendonk und am 5. November Cracau, während Moritz von Oranien vergeblich einen 
Anschlag auf Geldern versuchte. (Ygl. Wenzelburger, Gesch. d. Niederlande 11, S. 762.) 
Magdeburg gegenüber am rechten Eibufer besteht ebenfalls ein Krakau und Krakauer 
Werder. (Ygl. Droysen, Allgemeiner historischer Handatlas No. 43, Nebenkarte.) 

A. 

Antworten. 

Zu S. 46, Frage 3. [KafTawirker, Kaffaienwirker, Kirfeienwirker] : Ueber die 
Bedeutung des Wortes gibt Grimm, Deutsches Wörterbuch Y, Sp. 21,26 und 850 Aus- 
kunft. Kaffa oder caffa, caffar ist ein Seidenzeug, Sammet (Kaftsammet) und findet sich 
in dieser Bedeutung in Urkunden des 17. Jahrhunderts aus Leipzig, Hamburg, Minden. 
Zur Yergleichung dient franz. cafard und altengL cafifa. Jetzt bezeichnet das englische 
caffa ein ostindisches Baumwollenzeug. Kaffawirker, Kaffaienwirker sind denmach Arbeiter, 
welche bei der Herstellung dieses Sammets thätig sind. Hiervon zu trennen ist die 
Bezeichnung Kirseienwirker ; (denn so, nicht Kirfeienwirker ist zu lesen.) Kirsei, männlich 



— 63 — 

uud sächlich gebraucht, auch Kersei, Kirschei heisst ein geköpertes Wollenzeug, eine Art 
Flanell (engl, kersey, el. karssai, dän. kersei, schwed. kersing, franz. cariset, ital. span. 
carisea.) (Mittheilung des Herrn Gymnasiallehrer Fr. Oppenhoff in Aachen.) 

Zu S. 32, Frage 2 [Pan]: Eine nach vielen Seiten sehr ansprechende Deutung der 
Pau und Paunelle, zweier Bachnamen innerhalb der Stadt Aachen, gibt H. Marjan: 
Rheinische Ortsnamen, Heft 4, 1884, S. 9 und 10. Es heisst daselbst: 

Bei der Erklärung dieser offenbar dunkeln Formen werden wir am sichersten von 
„Pawnella** ausgehen. Dieses Wort, welches in seiner Endung — eil sichtlich ein Ver- 
kleinerungselement enthält, ist aus latein. pavonellus oder pavonella Junger Pfau' 
entstanden, welches Deminutiv unter derselben Bedeutung im heutigen Französischen noch 
als paonneau existirt. Demnach müsste ehemals das Stammwort pavea, die heutige Pau, 
die Bedeutung oder doch wenigstens denselben Laut wie das Wort Pfau gehabt haben. 
Der letztere Fall, der Gleichlaut, war in der That vorhanden ; denn das Thier ftthrte den 
Namen Paw in den beiden Sprachen, die hier in Betracht kommen können, im Wallonischen 
und Altniederdeutschen. Wallonisch lautet es pawon im Malmedier, pahon im Namürer, 
pawe im benachbarten Lütticher Dialekt, welch letzterer also das n der Grundform pavon 
(vom acc. pavonem) abgeworfen hat und nun eine mit altholländischem paaw „Pfau" 
gleichlautende Form aufweist. 

Aber was soll Pfau als Bachname? 

Die folgende Zusammenstellung wird hoffentlich das Räthscl lösen. 

Wallonisch: Althollandisch: 

Aus lat. potion(em) oder spätlat. pusion(em) 

wurdealtwallon.pouhon „ein aus Mineral- < > die paawhoen, gespr. pauhon 

quellen entstehender Bach**; = das Pfauhuhn 

pouhon lautet im lütticher Dialekt pawe < > paaw = Pfau 



■s/" 



l 



pavonella = junge Pfauin. 
vgl. frz. paonneau aus pavonellus. 

Ueber Pouhon schreibt ein Meister romanischer Etymologie (Grandgagnage, Dict. 
^tymol. de la Langue Wallonne, herausgegeben von A. Scheler. tom. II p. 260.): 

Le mot pouhon, de puits, a d^ag6 dans les Ardennes le sens „fontaine d'eau 
min^rale** et comme tel, le mot est une d^nomination g^n^rique appliqu6e k 
toutea les sources min6rales de ce pays et nullement restreinte ä la plus 
connue d'entr*elles, la fontaine de Pierre-le-Grand k Spa. Une ordonnance 
rendue par Erard de la Mark ä Curenge, en nov. 1519, mentionne d^jä les pouhons de 
Sart et ceux du Barissart.** 

Es hat nun eine Zeit gegeben — es wird gegen Ende der karolingischen Herrschaft 
(c. 900) gewesen sein, — in welcher in hiesiger Stadt, die seit Karl dem Grossen angefangen 
hatte^ zweisprachig zu werden, das Wallonische und das Altholländische nebeneinander 
existirten. Damals nannte man Paw, Pau sowohl den sich aus den Mineralquellen 
der Stadt bildenden, an der sog. Eetschenburg in die Wurm fliessenden Bach als 
auch den Pfau. Bei der Neigung des Volkes, die leblosen Gegenstände, namentlich Oert- 
lichkeiten, in der Sprache als lebende Wesen darzusteUen, musste die Vorstellung des 
Thieres die andere, jetzt mit dem allmählichen Verschwinden des waUonischen Idioms 
unverständlich werdende, verdrängen. Der „Pfau** hatte bald gesiegt. Was war nun 
natürlicher, als das man den Nebenbach „Pfauchen, kleine Pfau** nannte? Und wenn 
jemand an dem grammatischen Geschlechte der Bachnamen „die Pau, die PauneUe** 
Anstoss nehmen sollte, so sei hier bemerkt, dass im Aachener Dialekt das hochdeutsche 
Huhn von jeher weiblich war, man sagte und sagt: die Huhn: „de hon**, und da 
man auch das romanische Wort ponell als „junger Pfau** im Gebrauche hatte, so ging 
dieses allmählich auf den Nebenbach über. Andere alte Namen haben diese ehedem 
ganz ausserhalb des Stadtbezirks fliessenden Gewässer nicht gehabt, denn auch der Name 
des dritten Aachener Baches, des Johannisbaches, ist offenbar erst jüngeren Datums. 

Der älteste Name des Paubaches aber, pouhon, ist abzuleiten entweder vom Namen 
pusion des spätlat pusio = Bach oder von dem nach Form und Bedeutung fast iden- 
tischen lat. potio Trank. 



— 64 — 

Zu Seite 16, Frage 1 [Engeland oder Ingelanden]: In Holland nennt man Inge- 
landen Grundstücke, die eingedeicht oder mit einem Wall umgeben sind. (Mittheilung 
des Herrn Staatsarchivar J. Habets in Mastricht.) 

Zu S. 32, Frage 4 [Kennbahn]: Der Strassenname „Rennbahn" in Aachen erinnert 
an die so häufig vorkommende Bezeichnung „Rennweg", „Rennstrasse", „Rennsteig", welchen 
manche Rümerstrassen und auch vorrömische Wege führen; am bekanntesten ist der „Renn- 
steig" oder „Rennstieg", welcher in einer Erstreckung von 25 Meilen über den Thüringer- 
und Frankenwald führt. (S. meine Schrift: Die alten Heer- und Handels wege im deut- 
schen Reiche, Heft 3 und 6.) Hierbei ist zu bemerken, dass in der Umgegend von Aachen 
die Bezeichnung „Bahn" statt „Strasse", „Weg" nicht selten vorkommt; so erscheinen 
alte Wege, welche sonst „Heerstrasse", „Heerweg" heissen, dort unter dem Namen „Heer- 
bahn", und daher scheint es wohl nicht zweifelhaft, dass der in Aachen vorkommende 
Name „Rennbahn" identisch ist mit der anderwärts vorkommenden Bezeichnung „Rennweg" 
oder „Rennstrasse". (Mittheilung des Herrn Professor Dr. J. Schneider in Düsseldorf.) 

Zur Erklärung des Namens „Rennbahn" mache ich darauf aufmerksam, dass der- 
selbe auch als Bezeichnung eines Drieschs in der Aachener Gegend vorkommt. In einer 
Urkunde vom 24. Juli 1524 (gedruckt bei Quix, Geschichte der St Peter-Pfarrkirche 
S. 79 ff.) heisst es nämlich: item noch myt eynen driesch, genant die Renban, wie der 
sievendcn halven morgen myn of mee unbevangen haldende ind tuschen synen peelen ind 
reygenoesen gelegen is, tuschen den zwen wegen buyssen sent Jacobs portze beyde nae der 
Preusen gaynde . . . ; noch eynen driesch, euch genant die Renban, wie der seevenzien 
morgen myn of mee unbevangen haldende ind tuschen synen peelen ind reygenoesen gelegen 
is buyssen sent Jacobs portze lanx den wege nae der Preusen gaynde up eyne ind neest 
deme wege nae dat Hasselholtz gaynde. Sollte vielleicht einer der hier erwähnten Wege 
früher „Rennbahn" geheissen haben und der Name später auf die anschiessenden Grund- 
stücke übergegangen sein? (Mittheilung des Herrn Stadtarchivar R. Pick in Aachen.) 
Auch Dresemann, Die Jakobskirche zu Aachen S. 71 erwähnt einen Besitz „an der 
Renban boven die Koegass". Anm. d. Red. 



Vereinsangelegenheiten. 

Monats Versammlungen im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse). 

1. Am Mittwoch, den 27. Februar 1889, Abends 7^2 Ulir. Vorträge: 

Zur Geschichte Aachens aus dem Jahre 1823. 

Die Einwohnerzahl Aachens im Anfang des 19. Jahrhunderts. 

2. Am Mittwoch, den 27. März 1889, Abends 7V2 Uhr. Vorträge: 

Mittheilungen über die Radermacher-, Schmiede- und Kupfer- 
schmiedezunft in Aachen. 



In Kommission der F. Bagel'schen Buchhandlang in Düsseldorf ist erschienen und 
durch aUe Buchhandlungen zu beziehen: 

Professor Dr. J. Schneider: 

Die alten Heer- und Handelswege der Germanen, Römer und Franken 

im Deutschen Reiche. 

Sechstes Heft. — Düsseldorf 1888. - Preis 1 Mark. 



Drück von Hkrmakk Kaattkr in AAnncN. 



Jährlich S NammerD Komm issions -Verlag 

i. I Bogen Royal Oktav. **•■ 

Creme r'achen BuchhandlunK 
Preis dca Jahrgangs ,( |.,^l 

4 Hark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben vuti Sr. E, Wieth. 

Nr. 5. Zweiter Jahrgang. 1889. 



Inhalt; B. M. Lersch, Aquiagrani? — E. Pauls, Ein Aachener Schuldrama, des 18. Jahr- 

hnnderts. — Kleinere Mittheilungen: Nachgrabungen in CornelimUnster nach dem Grabe 

des heiligen Benedikt von Aniaue. — Der Vogelfang bei Maxen, den 20. nnd 21. Novem- 

bris 1759. — Vereinsangelcgenheiten. 



Aquisgrani? 

Von B. 91. Lersch. 

Veranlassung za den nachfolgenden Auaflihrungen bot die von E. Pauls 
in dieser Zeitschrift geraachte Bemerkung, dass zur Zeit des Naturforschers 
Plinius Galmei in Deutschland gefunden worden sei ', was der Verfasser 
auf unsere Gegend bezieht. Obwohl unser Landstrich mehr zum belgischen 
Gallien gehört haben mag, scheint der Ausdnick „germanische Provinz" 
doch kaum auf ein anderes Gebiet als auf die Eheinprovinz bezogen werden 
zu können. Ausser Aachens * Umgegend könnte er aber auch auf Gressenicli 
bezogen werden, wo die Römer ausgedehnten Bergbau betrieben haben; 
dort soll die Strasse mit Galmeierz gebaut worden sein^. Will man die 

>) Die SteUe in Flinü bist, natur. XXXIV, 1 lautet: Acs fit et e lapide aeroso, 
quem vocant cadmiam; celebritas in Asia et qnoiidam in Campania, nunc in Bcrgomatinm 
agro, extrema parte Italiae. Feruntque nuper ctiam in Germania provincia repertum. 
Cadmia ist der Beschreibang nach sicher ein Zinkerz gewesen. 

*) In der Uittc des IT. Jahrhunderts wurde im Gebiete von Verlautenhcide Galmei 
entdeckt und das Bergwerk Hetrenberg errichtet. 1858 liesa die Jülichsche Regierung 
des Beichawaldea die städtischen Arbeiter gefangen nehmen. Seit dem letzten Dezennium 
des IB. Jahrhunderts Hess die ätadt das Bergwerk nicht mehr bearbeiten und 1831 verkaufte 
sie es an John Cockerill. Es hatte damals 117345 Qu. Lachter Fläche. Es ist dies wohl 
das Oalmeibergwerk bei Nirm. 

") Zeitschrift dos Aachener Geschichts-Verciiis III, f*. \Mi. 



— 06 — 

Stelle, die übrigens nur vom Hörensagen spricht, auf Aachen beziehen, so 
niüsste man doch römische Funde in unserm Galmeibergwerke nachweisen 
können, was soviel ich weiss, noch nicht geschehen ist. Uebrigens war 
für Plinius das westliche Rheinland keine unbekannte Gegend; er zählt die 
Bewohner als zu Gallien gehörig auf ^ Ausser Köln nennt er dort keine 
Städte. Vielleicht hatte er in einem verloren gegangenen Werke, worin er 
zwanzig Kriege in Deutschland beschrieb und welches er zur Verherrlichung 
des Germanikus verfasste, weitere Angaben gemacht^. 

Aber hätte er in seiner Naturgeschichte nicht imserer Thermen Erwäh- 
nung thun müssen, wenn sie ihm bekannt gewesen? Dass er sie nicht erwähnt, 
ist jedenfalls kein Beweis, dass er sie nicht kannte. Auch Wiesbadens 
Quellen sind nur gelegentlich von ihm erwähnt, anders keine aus unseren 
Gegenden, wenn man von Tongern in Gallien absieht '. Wie viele Thermen 
anderer Länder übergeht er nicht mit Stillschweigen? Welcher Schriftsteller 
des Alterthums spricht von den mit weitläufigen Badegebäuden versehenen 
Thermen zu Bath in England*, den Aquae Sulis, wo man der Dea Sul 
d. h. der Minerva, kelt. Sol, gewidmete Altäre gefunden hat? Für Aachen 
fehlen selbst darauf bezügliche Steininschriften ^ Dennoch war Aachen 
unter römischer Herrschaft, wie die Nachgrabungen aus älterer^ und 
neuerer Zeit beweisen, ein von ihnen beachteter Badeplatz, wo sie ein 
grosses Badegebäude errichteten. Hier badeten nicht nur römische Sol- 
daten, sondern, wie die gi'osse Zahl von gefundenen Haarnadeln neben 
einem goldenen Ohrringe und zwei Gemmen, die wir fanden, zeigen, auch 
vornehme Damen. An anderer Stelle ^ habe ich zu beweisen versucht, dass 
etwa in den Jahren 70 — 90 n. Chr., theils vielleicht schon zwischen 58 — 68 
diese Gebäude entstanden sind. Die 30. Legion hat auch später (etwa 
101 — 107) daran gearbeitet, als sie mit der 1. und 6. in Untergermanien 
lag. Viel früher aber war schon die 1. Legion in unserer Gegend; mit vier 



*) Hist nat. IV, 17: Rhenum accolentes, Gennaniae gentium in eadem provincia 
Nemetes, Tribochi, Vangiones, hinc Ubii, Colonia Agrippinensis, Gugemi, Batavi et quos 
in insulis diximus Bheni. 

*) Plin. Caec. ep. III, 5: Inchoavit cum in Germania miiitaret, somnio monitus. 
Adstitit enim ei quiescenti Drusi Nerouis effigies, qui in Germania latissime victor ibi periit. 
Commendabat memoriam suam, orabatque ut se ab iniuria oblivionis assereret. 

") Hist. nat. XXIII, 3: Jenseits des Rheins am Meere lag eine süsse, aber den 
Zähnen schädliche QueUe. In Germania trans Rhenum castris a G^rmanico Caesare promotis. 

*) Aquae calidae, Sulis im Itin. Ant., Aquae cal. Belgarum transductorum nach 
Dict. de G6ogr. 

») Könnte eine Mainzer Inschrift TRO ? AQVIS (Jahrb. de Ver. f. Alt. XV, 95) 
sich auf Aachen beziehen? 

**) Bereits 1834 stiess man jenseits der Wilhelmstrasse auf die röm. Wasserleitung 
und Ziegel der 6. Legion. „Bei Anlage der Gärten hinter den in der Neustrasse Tor der 
Stadt links gelegenen Häusern fand man eine grosse Anzahl Bruchstücke solcher aus 
gebrannter Erde bestehender Backsteine." Lorsch, Gesch. d. St. Aachen S. 10. Vor einigen 
Monaten wurde eine grosse Strecke der von Burtscheid kommenden Leitung auf dem Terrain 
der ehemaligen Gasfabrik aufgedeckt. 

^ Lorsch, Römische Legionsziegel zu Aachen in der Zeitschr. d. Aach. Gesch. 
Vor. VIT, S. 159. 



— 67 — 

andern lag sie, wie Tacitus berichtet, im Sommer des J. 14 n. Chr. „an 
den Grenzen der Ubier in Müssiggang und leichter Beschäftigung" sich 
die Zeit vertreibend. 

Jene Legionen scheinen ihre als transrhenan bezeichneten Ziegel 
vorzugsweise jenseits Nymwegen angefertigt zu haben, aus welcher 
Gegend noch jetzt Ziegel verführt und wegen ihrer Güte gesucht werden. 
Jedenfalls war Aachen im 1. Jahrhundert nach Chr. schon „gegründet**. 
Ohne Zweifel bestand auch schon im 1. Jahrhundert vor Chr. und lange 
vorher eine Ansiedlung an unsern Thermen. Einzelne Funde aus der Stein- 
zeit und keltische Ortsnamen ^ weisen darauf hin. Einst waren die Eburonen 
in unseren Gegenden sesshaft. Cäsar vernichtete sie so völlig, dass sie 
von da an aus der Geschichte verschwinden. Bei den Kriegen, die Cäsar 
in oder doch nahe unserer Gegend führte, konnte ihm unser Thermalgebiet 
nicht verborgen bleiben; so hochgradige Thermen verrathen ihr Dasein 
durch den aufsteigenden Dampf und die Wärme des abfliessenden Baches. 
Marjan hat wahrscheinlich zu machen versucht, dass Aduatuka, wo die 
Römer überfallen wurden, das jetzige Vetschau sei*. Die Gelegenheit, 
unsere Gegenden kennen zu lernen, bot sich den Römern noch in höherm 
Grade, nachdem dieser Landstrich den Ubiern übergeben worden, die, ob- 
wohl Germanen, doch meistens den Römern treu blieben und an ihrer Seite 
kämpften. Um 38 vor Chr. bestand schon die Kolonie der Ubier (Köln), 
oder doch 19 v. Chr., wie Andere rechnen. Nach Sueton wurden 10000 
Deutsche nach Gallien an den Rhein verpflanzt, nach anderer Angabe 
unter Tiberius sogar 40000. Sehr wahrscheinlich ist es, dass diese Ein- 
wandrer auch unser Gebiet bevölkerten und vordrangen, bis sie auf die 
Tungrer stiessen. Genau lässt sich die Grenze zwischen beiden Stämmen 
nicht feststellen; sie fiel aber wohl eher westlich als östlich von Aachen. 
Die Tungrer zählt Tacitus noch zu den Germanen, wenn sie auch im bel- 
gischen Gallien wohnten. Zu Ammians Zeit war Tongern eine „civitas ampla 
et copiosa Germaniae secundae". 

An den Kämpfen unter Germanikus nahmen wahrscheinlich die Ubier 
Theil. Als derselbe mit 8 Legionen im J. 15 den Rhein überschritt, war auch 
die Legio I Min. dabei, die im J. 14 mit der 5. und 20. bei den Ubiern 
lag. Köln ward mit dem Namen Colonia Agrippinensis beehrt, weil Agrippina 
dort zur Welt gekommen war. Dass zu Köln „civitas oder oppidum Ubiorum" 
auch die ara Ubiorum gewesen, scheint mir nicht streng bewiesen ; bei dieser 
fiberwinterten die 1. und 20. Legion unter Germanikus, hier treffen ihn 



') Vgl. Marjan, Keltische Ortsnamen in der Rheinprovinz. Der Name Wurm 
scheint „die Warme*^ zu bedeuten. Man hat im Bömerbad einen steinernen Krätzer, in der 
Adalbertstrasse einen Schlittschuh und ein WcberschifTchen, die man für keltisch hält, 
gefunden, andere Steingeräthe in Heinsberg, Imgenbroich, Schafhausen, Wenau, Eschweiler. 

*) Aduatica bei Cäsar (B. G. VI, 32), Aduaca in Antonin. Itin., Atuaca der Tab. 
Peuting. hat bekanntlich sehr verschiedene Deutungen veranlasst; nach Einigen ist es Duacum, 
jetzt Doway, nach d^Anvilliers war Falais sur la Mehaigne der Hauptort der Aduatici. 
Der Verf. des weiter unten angeftlhrten Di ct. de G^ogr. versetzt es bald nach Tongern, 
bald nach Namur. Vgl. Marjan a. a. 0. 



— 68 — 

die vom Senate Abgesandten; ebendort war Sigmund, des Segestes Sohn, 
als Priester angestellt, ehe der Aufstand ausbracht 

Es mag manche Orte diesseits des Rheins damals gegeben haben, die 
aber für die römischen Schriftsteller als nicht befestigte Lagerplätze keine 
Bedeutung hatten. Der gegen das Jahr 140 in Alexandrien lebende 
Ptolemäus erwähnt nur wenige aus Belgien und der Rheinprovinz ^ Von 
Aachen, das in späterer Zeit Knotenpunkt von Römerstrassen war, ist bei 
ihm keine Rede. 

Gehen wir jetzt näher auf die früheren Namen von Aachen ein. Der 
Verfasser des Dictionnaire de G6ogr. anc. et mod. ä Tusage du libraire 
gibt uns die Namen in folgender Folge: Aquisgranum (Itin. Anton.)? ürbs 
aquensis, Veterra (Ptol.), Aquae Grani in Tungris (Chr. Carlov.), Grania 
Villa (Chart. Car. Calv. a. 886), Aquisgranum Palatium (Capit. Car. 1.) 
Aquae, Aquis (Praecept. Car. III) en allemand Aachen. . . Fond6e par le 
Romain Granus Tan 123 de J. Chr. r61ev6e par Charlemagne *. Hagen in 
seiner Festgabe: Aachen oder Achen? hat die alten Formen des Namens 
sorgfältig gesammelt. In der ältesten Form erscheint die Benennung 
in der indeklinabeln Form Aquisgrani (i. J. 753 und 765), wie später 
meistens zu einem Wort verbunden. Bei Einhard zeigt die erste Hälfte 
des Wortes sich schon deklinabel, 1166 in Aquisgranum auch die zweite 
Hälfte; 804 heisst der Ort aquispalatium, 972 im Volksmunde ahha. Sehr 



*) Vgl. auch Schwann, Wo war das Lager der 1. und 20. Legion zur Zeit des 
Germanikus? Bonn 1881. Derselbe, Godesberg und die Ära Ubiorum 1880. 

*) Ptolem. lib. II p. 9. Von Westen anfangend nennt er nach den Baseler Aus- 
gaben: in der Gullia Belgica, regio quam circa renum fluvium inferior Germania appel- 
lata: BatAVodum (hier unrichtig als Aquisgranum, Aes, Ach erklärt), sub hac Vetera 
civitas, Leg. trigesima Ulpia, postea Agrippineasis, Bonna, Leg. pri. inde Trajana Legio 
(Koblenz), post Moniacum (Mainz). In den alten Ausgaben von 1508 Rom. und 1523 
Argent. (Aach. Stadtbibl. No. 5034 und 5033) sind die Namen sehr entstellt und auch 
vermehrt. Nach Tacitus bist. V, 14 müssen Batavodurum und vetera castra am Unter- 
rhein gesucht werden. Folgt man der tabula Peutingeriana und nimmt ihre Meile zu 2000 
Meter, so sind die angegebenen Entfernungen von Col. Agrippina, Novesio, Asciburgium, 
Vetera ziemlich entsprechend den Abständen von Köln, Neuss, Duisburg, Wesel oder 
Xanten. Trajana ist wohl die von Trajan erbaute und nach ihm benannte Feste oder die 
colonia Trajana in Antonius Itinerar. In der Einleitung, welche der Herausgeber der 
römischen Edition vorausschickt, finde ich folgende mir räthselhafte Stelle: „Grünes inter 
Coloniensem et Trajecensem urbes ultra Novesium oppidum reno adjacentem non memorat 
Caesar, sed Tacitus, qui ut adjectura assequi possumus, clivis est locus, unde Clivensis 
ducatus dicitur". Es sind dies wohl die von Tacitus (Hist. V, 20, 21) erwähnten, mit 
der 10. Legion den Rhein im Kriege überschreitenden Grinnes, welche der Verfasser aber 
verwechselte mit den auch von Plinius genannten Gugerni oder Cugemi unweit Novesium 
und Gelduba (Hist. IV, 26, V, 16, 18). Wegen der Namensähnlichkeit mit den Granenses, 
den Einwohnern Aachens, sind die Grinnes immerhin beachtenswerth. 

•) Eine Hinweisung auf Aachen glaubte Pighius (Hercul. prod. p. 15) in einer vor 
Constantin gehaltenen Hede zu finden: Rhetor suam patriam calidis fontibus, qulbus per- 
juria puniuntur et Apollinis sacro luco celebrem atque olim etiam fratemo populi Romani 
nomine gloriatam jactitat: cujus tarnen nomen non exprimit. Nisi fuerit Aquisgranum 
videant docti, apud quamnam urbcm Belgicae vetustam therraae eiusmodi medicae reperi- 
untur". Man könnte auf diese Meinung eingehen, wenn der Redner das Thermal wasser 
nicht als gesrhmack- und gcnichlos bezeichnet hätte. 



- 69 — 

häufig ist grani ausgelassen, selten als Eigenname behandelt. 975 bezeich- 
net Grani palatium'mehr die Pfalz selbst, ebenso bei Widukind: Aquae 
grani palatii, bei Liutprand : Therraae grani palatii, ferner aquense palatium, 
aqiiisgranense palatium. Die Annales Lauresh. haben zum J. 1188 und ' 
1189 Aquispalatium, in Ruotgeri vita Brunonis heisst es: „Ratherius ad 
aquis, quod dicitur Grani". AUmählig erhebt sich der vicus oder locus 
zur villa regia, regia sedes, zur civitas und urbs. Die Originalform ist 
demnach wohl Aquisgrani, was obwohl grammatisch richtig auf die Frage 
wo ?, doch ein ungewöhnlicher Gebrauch des Ablativs auf die Frage was ? 
ist. Sollte es nicht früher vielleicht castellum oder ara aquisgrani oder 
ähnlich geheissen haben? 

Ohne diese Verzeichnisse verbessern oder vermehren zu wollen, gehe 
ich auf die bekannte Sage über, nach welcher ein Granus „unus principum 
Romanorum, frater Neronis et Agrippae" Aachen gegründet habe. Eine 
menschliche Persönlichkeit Namens Granus als naher Verwandter Neros 
begegnet uns in der Geschichte nicht. Bei den vielfachen Nachrichten über 
die Familie der Neronen in Sueton, Tacitus und andern müsste ein solcher 
wohl genannt sein, wenn er eine hervorragende Stellung gehabt hätte. Es 
ist immerhin sonderbar, dass der östliche Thurm des Rathhauses seit Jahr- 
hunderten als Granusthurm bezeichnet wird ; aber für die Frage, ob Granus 
als eine menschliche Persönlichkeit zu nehmen, ist dies nicht entscheidend, 
wenn auch an dieser Stelle eine römische Veste gestanden haben sollte. 

Der Name Granus oder Granius kommt ziemlich häufig vor. Plinius 
(H. N. 284) nennt einen Arzt Granius. Zur Zeit des Tiberius war 
Granius Marcellus Prätor Bithyniens. Ein Senator Granius Marcellus wird 
35 n. Chr. erwähnt. Im J. 24 n. Chr. tritt Q. Granius als Ankläger auf. 
Dagegen scheint der als Granius Sylvanus für d. J. 65 angegebene Granius 
Sylvanus Gavius S. geheissen zu habend Im Bonner Museum ist der 
Weihestein des Tit. Granius Victorinus. Ein Granus Fortunatus ist in 
einer Stein inschrift von Spalato genannt*. Granius Lacinianus ist bei 
Macrobius (Sat. I, 16) genannt. Auf einen Serenius Granus s. Gratianus^, 
„Vorsteher Galliens unter Hadrian" hat der Verf. einer Dissertation 
des ehemaligen Jesuiten-Gymnasiums vom J. 1759 wieder aufmerksam 
gemacht*. Es ist dies der auch anderswo genannte Günstling Hadrians, 

*) Tacitus, Ann. I, 74; IV, 21; VI, 44, XV. Welcher Granus oder Granius Veran- 
lassong gegeben hat, dass Blondel die Herkunft eines solchen aufs Jahr 53 gesetzt hat, 
weiss ich nicht. Die Utrechtsche Chronik l&sst einen Ton Nero vertriebenen Eathsherrn 
Granus den Gründer Aachens sein. 

«) Jahrbuch d. Ver. f. Alt. im Rheinl. XII, 87. 

*) Der Name erscheint in dem gegen 1294 geschriebenen Chron. Bald. Ninov. als 
Gratianus : Tres fratres olim fuerunt, Agrippa, Gratianus et Nero, principes Romani, quorum 
primus Agrippa Agrippinam fccit, Gratianus vero Aquisgrani, sie dictas quia calidos 
fontes ibi elaboravit, de quibus post CCCC (wohl DCCC) fere annos Karolus Balnea fecit 
yalde atilia. 

*) Vgl. das Kur- und Badebl. v. Aachen 1. Mai 1872. Der Verf. des Aachener 
Baths- und Staatskalenders vom J. 1790 rechnete vom Ursprung der Stadt „durch Severus 
Granius anter der Regierung Adrians** damals das 1665. Jahr, was also auch aufs J. 125 
auskommt. » 



— 70 — 

Serenus Granius, welcher im J. 125 Aachen erbaut haben soll, dement- 
sprechend im Dict. de G6ogr. gesagt wird: „fondöe par le Romain Granus 
Tan 123 (sie) de J. Chr." Keiner dieser Granier kann als Gründer 
Aachens nachgewiesen werden. In dem verwickelten Geschlechtsregister 
der Neronen kommt kein Granius vor. Der berüchtigte Christenverfolger 
hatte überhaupt keinen Bruder; dies konnte im frühen Mittelalter nicht 
unbekannt sein. Wenn nun trotzdem die Sage eine Gleichzeitigkeit des 
Granus mit Agrippa und Nero festhielt und diese beiden Namen mit der 
Gründung Aachens in Verbindung brachte, so sollte man glauben, es läge 
doch etwas Wahres der Tradition zu Grunde. Wenn dabei aber der Kaiser 
Nero in die Zeit der Gründung Aachens versetzt wird, so dürfte die Sage 
in ihrer jetzt üblichen Deutung auf einen sonderbaren Irrweg gerathen sein. 

Nichts hindert uns, Agrippa, den Enkel Oktavians, in der Ueber- 
lieferung festzuhalten. Er war schon als Schwiegervater des Germanicus mit 
der Geographie Galliens, wozu Plinius unsere Gegend mit ihren deutschen 
Bewohnern, den Ubiern, zählt, wohl bekannt ; nach seiner Abschätzung gibt 
Plinius die Länge und Breite Galliens an. Zudem bewies Agrippa durch 
den Bau eines grossen Thermalgebäudes in Rom, welches er mit Gemälden 
schmückte, und durch den Vorschlag, alle Kunstdenkmäler an öffentlichen 
Orten aufzustellen, sein gemeinnütziges Streben. Wenn er Beziehung zur 
Kolonisation Aachens hatte, so war dies im 1. Jahrhundert vor Chr., da 
er schon im J. 13 oder 14 vor Chr. starb. Man könnte gar vermuthen, 
dass schon sein Name, welchen man von den griechischen Worten für Beute 
und Pferd ableitet, oder gar der Gleichklang seines Vornamens mit Marc, der 
keltischen Benennung für Pferd, ihn einem Ort, gewissermassen einer Hippo- 
krene, geneigt machte, in deren Name man den eines Sonnenrosses wieder- 
erkenen will. Sei dem, wie ihm wolle, so ist doch ein chronologisches 
Zusammentreffen der Gründung Aachens als römischer Kolonie mit der 
Zeit des Agrippa nicht unwahrscheinlich, weil es sonst unbegreiflich 
bleibt, wie eben die Sage zu seinem Namen gekommen wäre. 

Jedoch mit Agrippa's Namen möchte ich, anstatt des Kaisers Nero, 
lieber Nero Claudius Drusus (f 9 v. Chr.), Sohn von Tiberius Claudius 
Nero, Enkel des Livia Drusilla und Vater des Germanicus, verbinden, der 
in drei Namen mit dem Kaiser Nero übereinstimmte. Dieser Nero war 
mit Agrippa, weil ihre Grossmütter beide Gemahlinnen Oktavians gewesen, 
verwandt. Agrippa, Sohn der altem Julia, hatte Scribonia zur Mutter, 
Nero Claudius Drusus die Livia Drusilla. Agrippa, der Liebling von 
Augustus, von diesem zum Miterben seiner Söhne bestimmt, wurde von 
Augustus, wenn auch nur auf kurze Zeit, adoptirt; dieser hatte mehrere 
seiner Enkel, wie auch seinen Stiefsohn Tiberius Nero, adoptirt. Der Bruder 
des letztem wurde so gewissermassen auch Bruder des Augustus. Für 
denjenigen, dem diese künstliche Erklärung der Verwandtschaft nicht zu- 
spricht, bleibt freilich nur eine weitere, von Unkundigen zur Bruderschaft 
gesteigerte übrig. 

Was Nero Claudius Dmsus betrifft, dessen Zuname von einem Vor- 
fahren stammte, der einen Gallier Drausus getödtet hatte, so ist immerhin 



— 71 — 

eriniiernswerth, dass sich fast dieselbe gallische Form des Namens (Ninnius 
Drausonis) angeblich in einer Insctirift, die im Boden des Münsters ver- 
graben sein soll, vorfindet. Livia, die Mutter des altern Drusus, hatte 
einen Sklaven Crenäus, dessen Name, wie ein ähnlicher — Crane — wohl 
von Krene Quelle stammt. Ist es vielleicht em Aachener Junge gewesen, 
von den Aquis grani? Diesen Drusus, früher Decimus, dann Nero zubenannt, 
gebar Livia, als sie kaum Gemahlin des Augustus geworden. Er ist durch 
seine Kriegführung in der Schweiz und in Deutschland, sowie durch die 
Beschifiung der Nordsee und durch den grossartigen Kanalbau zur Ver- 
bindung des Rheins mit der Yssel (noch Drusus -Vaard genannt) berühmt 
geworden. Er starb in Deutschland im Sommerfeldlager im J. 9, drei Jahre 
nach Agrippas Tod. Es ist zu vermuthen, dass er auf seinen Kriegszügen 
mit unserm Orte mehrmals in Berührung kam; wie hätten die Aachen- 
Burtscheider Thermen seiner Aufmerksamkeit entgehen können? 

Die vorstehende Erörterung kann nicht als strenger Beweis dienen, 
dass schon zur Zeit von Agrippa und Drusus Aachen den Römern bekannt 
war, aber, indem sie von der Sage über die Gründung Aachens das Mögliche 
als ungefähr zutreffendes chronologisches Moment festhielt, bezweckte sie, 
eine gewisse Wahrscheinlichkeit für die Behauptung, Aachen sei bald nach 
der ersten Ankunft der Römer in unsere Gegend ihnen bekannt geworden, 
zu begründen. Damit soll die Entstehung der Wasserleitung, insofern die 
6. Legion daran betheiligt war (zwischen 70—91), nicht weiter zurückver- 
legt werden * ; doch bleibt eine frühere Betheiligung der 1 . Legion an der- 
selben schon bald nach der Niederlage des Varus denkbar. Damit ist aber 
nicht ausgeschlossen, dass noch eher eine Gründung stattfand, als welche 
jede römische Okkupation gelten konnte. Der Gründer Aachens wird nun 
nicht bloss als princeps, als Erfinder, überhaupt als der Erste, der etwas 
erfindet, bezeichnet, sondern als unus ex principibus Romanis, als ein hoch- 
gestellter Römer, ja als Prinz. Soll dieser hohe Herr Granus geheissen 
haben, so ist er nicht aufzufinden. Aachen würde damit das Loos einiger 
andern Orte der Rheinprovinz theilen, deren Name auf einen römischen 
Begründer hinweist, ohne dass dieser sicher gestellt werden kann. Bei 
Aachen gibt aber schon der Anfang der lateinischen Bezeichnung einen 
Hinweis auf eine andere Erklärung. Es ist dies die jetzt gebräuchliche, 
zuerst wohl von Celtes aufgebrachte mit den Worten: Aquis Graneo ab 
Apolline dictis. 

Diese Ableitung bezieht sich auf den bei den Römern viel verehrten 
Apollo Grannus, von dem sich in England und Deutschland, namentlich 
auch im Elsass, zunächst von hier bei Bonn, Denksteine gefunden haben. 
Es ist dies wahrscheinlich eine keltische Gottheit, die von den Römern 
als Apollo aufgefasst wurde. Der Name, immer Grannus geschrieben, 



*) Ein eigenes Zusammentreffen ist es, dass im J. 70 ein Julius Martialis, tribunus 
legionis, in Rom auftritt (Tac. H. I, 82), während der Töpferstempel der hier gefundenen 
Leitung einen JuL Martialis bei der 6. Legion nennt, und Votivsteine in Nieder-GaUien 
denselben Namen bringen. 



— 72 — 

erscheint häufig mit dem der Seirona ^ des Mondes, verbunden. Uer Kul- 
tus des Apollo war den Kelten nicht fremd. Selbst bis zum höchsten 
Norden reichte die Verehrung dieses Gottes; von dort gingen Geschenke 
nach Delphi, wie Plinius erzählt. Apollo war den Galliern Heilgott ; Apollo 
Grannus wurde vielfach als solcher von den Römern angerufen. Nicht 
selten war der Kultus des Apollo an Quellen gebräuchlich. Apollo ist 
vorzugsweise der Gott der Orakel. An den Quellen wurden Orakel gegeben. 
Man warf zu diesem Zwecke kleine Opfergaben, Münzen, Nadeln und dgl. 
liinein, um zu erfahren, ob der Quellgott sie annähme oder verweigerte. 
Zu einem derartigen Versuche eigneten sich von Gasen aufwallende Wässer, 
wie die unsem, am besten. Die Orakelstätten waren aber nach christlicher 
Auffassung Sitze von Dämonen. Ein solcher Dämon besuchte ja, wie die 
Sage geht, Pipin im Bade, wurde aber von ihm in recht derber Weise 
abgewiesen, so dass sein infernalisches Blut das Badewasser färbte. Leider 
war der Streich nicht tödtlich; wir vernehmen ja aus späterer Zeit, dass 
der böse Geselle Schuld an einem Unglücke im Kaiserbad war, weshalb 
man das Bad eine Zeit lang verschlossen hielt, sei es, um dem leibhaften 
Teufel oder den übermüthigen Badenden den Zutritt zu verwehren. Immer- 
hin erscheint diese Sage als Nachklang des Quell- und Dämonenkultus. 

Diese Ableitung des Namens Grani hat gewiss viele Wahrscheinlichkeit 
für sich, auf Gewissheit kann sie nicht Anspruch machen, bis ein glücklicher 
Fund auf heimischem Boden sie bestätigt. In Ermangelung einer bessern 
halten wir sie fest und suchen die Bedeutung des Beinamens zu erklären. 

Wiewohl Apollo meist imbärtig dargestellt wird, scheint Grannus der 
bärtige, strahlende Sonnengott gewesen zu sein, der „goldgelockte" Apollo 
Pindars. Im Irischen heisst grian Sonne, greane Bart, altnord. grön und 
dgl., im Spätlatein grani Barthaare, Schnauzbart, grano ein Haar am Maul 
der Katze. So ist auch grani (barbatus) Odhins Name, nach der Gau- 
treckssage: Hrossharsgrani. Merkwürdig ist auch der Name Granucomatae 
der bei Plinius erwähnten Tetrarchien in Cölesyrien, wobei man einen Ort 
„Haar des Granus" vermuthet hat. Für den Sonnengott ist eine Bezeich- 
nung, in welcher die Strahlen als Haare aufgefasst werden, wohl passend. 
Bei ihm ist aber zunächst an die Mähne der Sonnenrosse zu denken. 

Sonne und Ross sind in der Mythologie nahe verbundene Vorstellungen. 
Die Perser opferten dem Apollo, der Sonne das schnelle Ross. An der 
Spitze der Schaar reitet Wuotan seinen Schinmiel. Wuotan ist hier die 
Sonne, die allen Wesen Licht und Kraft verleiht. Auch den Quellen steht 
das Ross nicht fern; der Huf des Pferdes eröffnet sie: Hippokrene. Die 
Deutschen entnahmen dem Wiehern weisser Pferde ihre Orakel. Zudem 
ist das springende Pferd ein bei den Kelten gebräuchliches Symbol und 
ist in keltischen Ortsnamen (Marcodurum, Marcomagus) der Name des 
Pferdes nicht zu verkennen. 

Eben das Wort Grane ist nähere Bezeiclmung eines Pferdes. In der 
Nibelungen Noth erhält Siegfried das kaum zu bändigende Ross Grane. 



') Das Wort ist stammverwandt mit Sirius. 



— 73 — 

In der Edda reitet er durcli's Feuer zu Brunhilde. Nach H. Müller hiess 
Grane nach dem Griechischen erklärt Eeisig, Fackel. Auf Mithrassteinen 
ist öfters die Fackel abgebildet mit der Inschrift: Deo Soli. Sonne und 
Ross, Ross und Feuer! Alles zu Apollo passend. Mit dem verwandten 
Wort grant soll in England eine Art Dämon in Pferdegestalt bezeichnet 
werden. — Waren es vielleicht die mähnenformigen, in den Abflüssen der 
Schwefelthermen flottirenden, weissen Oscillarien-Fäden, die an das weisse 
Sonnenross erinnerten? War es die Blutfarbe solcher in Zersetzung 
begriffenen Organismen, die dem Helden Pipin das Badewasser rötheteP 

Uebrigens kann der Zuname Apolls, wie in andern Fällen, nicht 
schon von der griechischen Bezeichnung für Quelle, oder von einer gleich- 
namigen Quellnymphe abgeleitet werden? Es liegt dies nicht so weit ab, 
da berichtet wird, dass die Gallier sich griechischer Schriftzeichen bedienten. 
Der Zuname des anderswo verehrten Apollo Grynäus, von einer Amazone 
entnommen, der Name der Waldnymphe Grane oder Crane, die Sonnenquelle 
mit dem Araraons-Orakel bei Kyrene könnte man damit in Verbindung 
bringend Apollos Geliebte oder auch Phöbus Schwester hiess Grana*. 
Eine Handschrift des 13. Jahrhunderts leitet Grani ab von einem gi'anum 
auri, welches Karl im Munde einer Nymphe glänzen sah, als ein Sonnen- 
strahl hineinfiel ^. Nach H. Müller * wurden die auf Apollo sich beziehenden 
Mythen später auf Karl den Grossen übertragen. Der Name Karl = König, 
Herr, Gemahl ist ihm griechischer Herkunft und ist der Sonnengott, der 
Herr des Siebengestirns, des Heerwagens, in verschiedenen Ländern Karls- 
wagen genannt. Thorr, der nordische Zeus, lenkt, sieben Sterne in der 
Hand haltend, den Karlswagen. 

Das granum auri, nach Müllers Ansicht Quellnymphe, oder auch der 
gefoppte Teufel, welcher nach der Sage den Sandberg auf Aachen werfen 
wollte, bringt uns auf eine andere vernachlässigte Erklärung des viel 
erörteten Wortes, nämlich die von der sandigen Beschaffenheit des hiesigen 
Bodens, wofür man den ähnlichen Klang der Worte Grant, granum für 
Kom, das keltische Grian anführen könnte*. Die untern Thermen liegen 



*) Nach Kyreue in Libyen, von einer Kolonie aus Thera gegründet, wurde das 
Kameienfest des Apollo verpflanzt. „Von Sparta empfangen den Brauch, Karneyischer 
ApoU, vcrherrUchen an deinem Festmahle wir Kyrencs festgegründete Stadt". — Kyrene, 
die weissarmige Jungfrau, die nicht des Webstuhls hinundwiedergehende Wege liebte, 
sondern mit den ehernen Speeren und dem Schwerte kämpfend erlegte die wilden Thierc. 
Pindar, Pyth. V und IX. 

*) Ovid. Fast. VI, 107. 

') In Bezug auf dieses Goldkorn erinnere ich an einen Brief Petrarca's (De rcb. 
fam. ep. I, 3), worin sich folgende Stelle befindet: Vidi Aquense Caroli scdem et in 
tcmplo marmoreSf vcrcndum barbaris gentibus illius principis sepulchrum . . . (Dort zeigten 
ihm einige Geistliche) gemmam perexiguo annulo inclusam sub gcUda rigontique lingna 
repertanL Annulum in vicinae paludis praealtam voruginem demersit . . . Aquis nil sibi 
palude gratius . . . Aquis digrcssum, sed prius (undc ortum oppidl nomen putant) aquis 
Bajano more tcpentibus ablatum excepit Agrippina colonia. 

*) Aquae Grani, Apollo Granus und der mythische Carolus der trojanischen Franken, 
Jahrb. d. Ver. f. Alt. im Bheinl. Heft 33, 1863. 

*) Lersch, Geschichte des Bades Aachen S. 8. 



— 74 — 

ja am Fusse der Sandkaul (Saudgrube). A. Jahn bemerkt zum keltischen 
Worte grian mit der Bedeutung Sand, Kies, dass dies Wort mit gleicher 
Bedeutung sich in dem schweizerischen: Grien erhalten hat, z. B. Grien- 
grube = Kiesgrube. Grian erinnert wieder an die Nymphe Gryne und 
Apollo Gryneus^; grian hat man wieder in Verwandtschaft gezogen mit 
Gr. grenos, Cyrene mit Ki/ros, d. i. Sonne. 

Fassen wir nun das Ergebniss dieser weitläufigen Erörterungen zu- 
sammen, so möchte dies darin bestehen, dass unser Aquis deshalb Grani 
hiess, weil dort der Leuchtgott, Apollo der Goldlockige, Strahlende, sei 
es als Orakelspender oder Heilgott, unter dem Namen Grannus, vielleicht 
in Gestalt eines Bosses, verehrt wurde, womit aber nebenbei die Vor- 
stellung einer Nymphe Grane verbunden sein könnte. 

Eine beim Römerbade gefundene Gemme zeigt, ähnlich einer Münze 
des Sonnenpriesters Elegabalus (218 — 223), das Bild einer nackten männ- 
lichen Figur mit filnfstrahliger Krone, und mit einem Stabe (Peitsche? 
Fackel? auf der Gemme doppelt), unter dessen erhobener rechten Hand 
ein Stern steht, angeblich die Sonne. Im griechischen Name Mythras, 
abgeleitet vom pers. Mihr, Sonne, fanden Mystiker die Zahl der Tage 
des Jahres (360), richtiger ausgedrückt in der Abänderung Meithras (365)^. 
Auch das im ßömerbad gefundene Steinchen, zwei gegen einen Baum 
stehende Böcke (wohl arietes) darstellend, steht vielleicht in Beziehung 
zu einem römischen Aberglauben, der sich bis ins Mittelalter erhalten 
hatte. Cäsar von Heisterbach erzählt, dass zu Kirchhersten, als man 
um einen auf den Baum gestellten Widder getanzt habe, ein schlimmes 
Unwetter entstanden sei, und dass zu Aachen, wo man bei einer ähnlichen 
Belustigimg einen Kranz auf den Baum gehangen hatte, kurz nachher fast 
die ganze Stadt verbrannt sei (1224). — Heidnischen Ursprungs ist jeden- 
falls auch der von hier für's J. 1133 berichtete Gebrauch, ein Schiff von 
Cornelimünster abzuholen, nämlich das Isis-Schiff ^ Tacitus erwähnt, dass 
ein Theil der Sueven die Isis verehrte und zwar in Form eines Schiffes 
(Signum ipsum in formam liburnae figuratum), woraus er schliesst, dass 
ihnen dieser Kultus von auswärts überbracht worden. Wahrscheinlich bezog 
sich das Bringen des Schiffes bis zum Meere auf die Zeit, dass die See- 
Schifffahrt eröffnet wurde, die vom 11. November bis 10. März aufhörte; 
die Wiedereröffnung derselben, ihr „Geburtstag", wurde mit feierlichen 
Kampf- und Schauspielen von vielen Städten begangen. Im römischen 
Kalender steht Isidis navigium beim 5. März verzeichnet*. 

') Wir hätten dann im „ApoUo am Sande" ein Gegenstück zu dem Gott an dem 
vielbesprochenen Sonnenquell Hammonis, von Amun = leuchtend abgeleitet, von den Griechen 
auf amtnos Sand bezogen. 

*) Eine andere im hiesigen Römerbade gefundene Gemme zeigt ein auf dem 
Delphine reitendes Kindchen. Man hat Münzen mit ähnlichen Darstellungen; Strabo 
erwähnt solche. Die in Plinius Naturgeschichte (IX, 8) erzählten Sagen geben uns die 
Erklärung dazu. 

") L. Lersch, Isis und ihr h. Schiff in d. Jahrb. des Ver. für Alt. i. Rh. IX, 12 ff. 

*) Calcnd. Constant. M. in Petavs Doctr. temp., Jablonski im Panth. Aeg. II, 305. 



— 75 — 

Ein Aachener Schuldrama des 18. Jahrhunderts. 

Im Anfang des 17. Jahrhunderts eröffneten die Jesuiten in Aachen 
ein von ihnen geleitetes Gymnasium*, dessen segensreicher Wirksamkeit 
erst die grosse französische Staatsumwälzung ein Ziel setzte. Von Zeit 
zu Zeit führten die Zöglinge dieser Anstalt unter der Leitung ilirer Lehrer 
öffentliche Schauspiele auf. Wann die erste derartige Aufführung statt- 
fand, ist nicht ermittelt. Das älteste der bis jetzt bekannt gewordenen 
gedruckten Schuldramen des Aachener Jesuitengymnasiums gehört dem 
Jahr 1699 an*; 1685 wurde gespielt: Herkules, der Ueberwinder der 
Ungeheuer, Daniel der Besieger des Bösen; 1706^: Judith und Holofernes; 
1713: Aachen in Machabaea. Alle diese Jahre waren für Aachen Heilig- 
thumsfahrtsjahre, auch heisst es mehrfach, es sei zwischen dem 10. und 
dem 24. Juli gespielt worden. Dem Anscheine nach traten also die Schüler bis 
ins erste Viertel des 18. Jahrhimderts hinein nur alle 7 Jahre gelegentlich 
der Heiligthumsfahrt öffentlich auf; seit etwa 1725 sind jährliche Spiele 
nachweisbar*. Fast könnte man aus zwei sehr interessanten Notizen -"^ des 
noch ungedruckten Tagebuchs des Stadtsyndikus Melchior Klocker schliessen, 
dass schon in den Jahren 1602 und 1604 unter Mitwirkung der Jesuiten 
gewisse Schauspiele in Aachen zur Aufführung gelangt seien. Aber wenn 
in den Notizen von den „Patres Comoediantes von Naboth®" und der „Comedia 
mit Abraham und Jacob" die Rede ist, so folgt hieraus nicht, dass die 
Patres dem Jesuitenorden angehörten, oder dass die Darsteller Aachener 
Jesuitenschüler waren. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als damals 
das Aachener Jesuitengymnasium noch in den Windeln lag. Wahrscheinlich 
handelte es sich um ein paar in Aachen aufgeführte sog. geistliche Schau- 
spiele, deren Wesen und Bedeutung Johannes Janssen vor Kurzem so 
anziehend klar gelegt hat^. 



*) Es hiess Marieugymnasium und wurde bis 1773 ausschliesslich von Jesuiten 
geleitet Auch nach der Aufhebung des Jesuitenordens waren ehemalige Jesuiten als 
Lehrer an demselben thütig. Das Gebäude lag in der Nähe der St. Michaelskirche; die 
Franzosen verkauften es bald nach dem Beginn der Fremdherrschaft. Vgl. Quix, Histo- 
risch-topographische Beschreibung der Stadt Aachen, S. 57, und Haageu, Geschichte 
Achens II, S. 235. 

*) Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins X, S. 277. 

5) Irrig schreibt Haagen (a. a. 0. S. 309) 1708 statt 1706. 

*) Meist im September gelegentlich der Preisvertheilung. Vgl. Zeitschrift des 
Aachener Geschichts Vereins V, S. 265. 

*) Dieselben lauten nach gütiger Mittheilung des Herrn Dr. Wieth: 10. Juli 1602. 
„eodem die patres Comoediantes von Naboth auff dem marckt gespielet, und ist selbigen 
taghs Balthasar Kettenis hausfraw begraben, und hatt einer ihm mitten des Spiels mit 
einer kugelen nit weitt von dem volck geschossen". Ferner zum 13. Juli 1604: „seindt die 
Burg- und schier aUe amptrager uf der Comedia mit Abraham und Jacob gangen und 
haben folgenz unsere weiber uf dem rahthauss gefuhret und zimbliche gute Conversation 
gehapt". 

«) Vgl. Buch der Könige I, Kap. 21. 

^) Janssen Johannes, Geschichte des deutschen Volkes VI, 255 ff. 



— 76 — 

Melirere Aachener Schuldramen aus der Zeit zwischen 1716 — 1785 
sind von den Herren Gymnasial-Direktor Schwenger und Professor Bier- 
linger veröffentlicht worden K Ein kürzlich entdecktes noch älteres Schul- 
drama verdient vielleicht auch eine kurze Besprechung. Dasselbe stammt 
aus dem Jahr 1713 und findet sich (8 Druckseiten in 4^) in der Aachener 
Stadtbibliothek. Auf den beiden ersten Seiten steht der ungemein weit- 
läufige Titel * nebst einer unbedeutenden Notiz ; auf den 4 folgenden Seiten 
eine Uebersicht^ über den Inhalt des in 5 Abschnitte getheilten Dramas. 
Den Schluss bilden die Namen der 61 mitwirkenden Schüler. 

Nachstehend folgt in einer hinsichtlich der Schreibweise unwesentlich 
geänderten Fassung der Abdruck der in deutscher Sprache vorliegenden 
Inhaltsangabe. Da alle weiteren Einzelheiten in der Druckschrift fehlen, 
entzieht es sich der Beurtheilung, in wie weit die Ausarbeitung des Dramas 
eine gelungene war. Augenscheinlich hinkt der Vergleich zwischen Jeru- 
salem und Aachen in den 3 letzten Theilen des Stücks etwas auffällig. 
Vielleicht legte der Verfasser auf strenge Logik keinen besondern Werth. 

Bedburg. Pauls, 



yORSPIEL. 

Aachen und Jerusalem stellen ein Freudenspiel an, 
welches Krieg und Wütherei zerstören. 

Erster Theil. 

5 Auftritte. (1.) Den wegen eines in der Luft gesehenen Kriegs- 
lieers verstörten Bürgern (2.) wird die Ankunft des Königs Antiochi kund 
gethan, (3.) worüber Solyma^ sich betrübt. (4.) Antiochus unterdessen 
Gott lästernd, (5.) ruckt vor die Stadt Jerusalem. 

Gegenspiel. 

Lucifer entschliesst sich, die Stadt Aachen unter sein Joch zu bringen. 

Zweiter Theil. 

5 Auftritte. (1.) Da die Bürger Gott um Hülf anflehen, lauft Zei- 
tung ein, als seie Antiochus todt. (2.) Weswegen Solyma Gott in seinen 



Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins IV, S. 91 fL, V, S. 265 ff., IX, 
S. 218 ff. 

*) Gekürzt und im Wesentlichen lautet der Titel: Aachen in Machabaea. Den 
Herren regierenden Bürgermeistern W. Th. von Wilre und B. Feibus, femer den Herren 
Schöffen, Forstmeistern und Rathsmitglicdem dedicirt und durch deren Freigebigkeit 
gelegentlich der Heiligthumsfahrt auf offener Schaubtlhne aufgeführt von der Jugend des 
Gymnasiums Societatis Jesu zu Aachen, 1713 den 16. und 23. Heumonats. Coloniae 
Agrippinae, Typis Caspari Drimborn, in platea lata. Anno 1713. 

') Die üebersicht wird in lateinischer, deutscher und französischer Sprache gegeben. 

*) Solyma=Hierosolyma oder Jerusalem. Solyma und Genius Caroli Magni sind 
die einzigen vorkommenden Fremdwörter, was sehr beachtenswerth ist, da frtlher die 
Fremdwörter vielfach überwucherten. 



— 77 — 

Wunderthaten preist, (3.) und stellt über den berichteten Tod des Königs 
ein Freudenfest an. (4.) Selbiges wird verstört durch Zeitung, dass der 
König noch lebe und auf die Stadt anrucke. (5.) Machabaea muntert die 
Gemüther wiederum auf. 

Gegenspiel. 

Das verstörte Aachen wird von dem Genio Caroli Magni ermuntert. 

Dritter Theil. 

5 Auftritte. (1.) Antiochus, weil er von den Abgöttern guten Bescheid 
bekommen, (2.) droht der Stadt Jerusalem den Untergang. (3.) Die er 
auch mit stürmender Hand einbekommt, (4.) und darüber ein Sieggepräng 
anstellt. (5.) Trauer und Wehklag der Stadt. 

Gegenspiel. 

Lucifer beraubt die Stadt Aachen ihres Schatzes; selbige lässt sich 
doch nicht abschrecken. 

Vierter Theil. 

5 Auftritte. (1 .) Antiochus befiehlt auf Leib und Lebensstraf den Juden 
Schweinefleisch zu essen. (2.) Welchem sie sich widersetzen. (3). Eleazarus, 
den abfallenden Menelaum bestrafend, wird eingezogen, (4.) und weil er 
dem König nicht will gehorchen zum Tod verdammt. (5.) Die Mutter 
Machabaea frischt unterdessen ihre Söhne an zur Standhaftigkeit. 

Gegenspiel. 

Lucifer lockt die Stadt Aachen mit Schmeichlen, aber umsonst. 

Fünfter Theil. 

5 Auftritte. (1.) Die vier älteren Söhne werden zum Abfall ange- 
reizt. (2.) Um selbige darzu zu bewegen, (werden) die drei jüngeren zuge- 
führt; erwählen aber alle lieber zu sterben, als dem Gesetz zuwider 
leben. (3.) Werden darum zur Marter geführt, den kleinsten ausgenommen. 
(4.) Dem der König mit grossem Versprechen zusetzt, aber vergebens. 
(5.) Muss derohalben eines grausamen Tods sterben. Worüber die Mutter 
aus Freud ihren standhaftigen Geist aufgibt, 

Gegenspiel. 

Lucifer fällt die Stadt Aachen mit Gewalt an, muss aber unterliegen. 



Kleinere Mittheilungen. 

Nachgrabungen in Comelimfinster nach dem Grabe des heiligen 

Benedikt von Aniane. 

Die frühere Abtei und jetzige Pfarrkirche zu Comelimünster ist ebenso ehrwttrdig 
durch ihr hohes Alter als merkwürdig durch die vielen baulichen Veränderungen und Erwei- 
terungen, die sie im Laufe der Jahrhunderte erfahren, und die alle den Styl ihrer Ent- 
stehungszeit an sich tragen, so dass wir in derselben nicht einen einheitlichen Bau, sondern 



— 78 — 

eine Schichtung von Bauten aus der karolingischen, der romanischen, der früh- und spät- 
gothischen und auch der Zopfzeit vor uns haben. Naturgemäss mussten die Ausgrabungen» 
behufs Hebung der Gebeine des ersten Abts von ComelimÜnster, des hl. Benedikt v. Aniane, 
der 821 daselbst starb und nach Angabe seines Biographen und Ordensgeuosscn Ardo in 
einem steinernen Sarge beigesetzt wurde, ihren Anfang in jenem Theile der Kirche nehmen, 
welcher unzweifelhaft karolingischen Ursprungs ist. Diesen Ursprung weist ein am 
äussersten West ende der Kirche gelegener quadratischer Raum auf, der heute nicht 
mehr kirchlichen Zwecken dient, sondern als Rumpelkammer verwandt wird. Dieser 
Raum, den wir kurz als innere Vorhalle oder atrium bezeichnen wollen, ist in späterer 
Zeit mit einem gothischen Spitzbogengewölbe eingedeckt worden, in dessen Kappen 
nach Entfernung der Tünche gothische Omamentmalerei zum Vorschein kam. In Mitten 
dreier Wände derselben erheben sich ziemlich stark vortretende Mauerlisenen, die wohl 
als Widerlager der angrenzenden Bautheile oder als Substruktion einer ehemaligen 
Thurmanlage gedient haben. Der Boden des Atriums wie der ganzen Kirche hat in 
frtiherer Zeit viel tiefer gelegen; denn erst nach Wegräumuug einer Erdschicht von 
71 cm Dicke kam der ursprüngliche karolingische Fussboden zum Vorschein. Derselbe 
besteht aus einer mit römischen Ziegelstücken stark versetzten Betonlage nicht unähnlich 
der, die man bei Aufdeckung der römischen Wasserleitung auf dem Terrain der ehemaligen 
Gasanstalt zwischen den Wasserrinnen und der aus Bruchsteinen bestehenden Einfassungs- 
mauer fand. Es dürfte dies als eine Erhärtung der seiner Zeit von Herrn Kanonikus 
Dr. Kessel in den Beiträgen zur Geschichte von Eschweiler und Umgegend gemachten 
Behauptung erscheinen, dass Inda Ursprung und Namen den Römern verdanke, die hier 
ein castellum errichteten und dasselbe Indense nannten nach dem Trcvirer Julius Indus, 
dem Gründer und Befehlshaber der ala Indiana Pia Felix, einer Reiterabtheilung, die in 
der Gegend von Trier ausgehoben war und wahrscheinlich längere Zeit in der Gegend 
von ComelimÜnster ihr Standquartier hatte. Doch kehren wir nach dieser kurzen Abschwei- 
fung wieder zu unserm Atrium zurück. Um die West-, Nord- und Südseite der Umfassungs- 
mauern desselben laufen mit Steinplatten gedeckte Sitzbänke herum, die nach Entfernung 
einer etliche 20 cm dicken Lage angeschütteter Erde zum Vorschein kamen. Die Ost- 
wand des Atriums ist mit zwei Rundbogen geschlossen, die sich zu beiden Seiten der 
erwähnten Mauerlisene befinden und mit karolingischem Mauerwerk ausgefüllt sind. Dicht 
vor dieser Mauer im Innern des Atriums stiess man nach Wegschaufelung von einer ungefähr 
40 cm dicken Erdlage auf sechs Grabplatten aus Blaustein, die weder eine Verzierung noch 
eine Inschrift trugen ; die eine Platte hatte in der Mitte einen kreisrunden Einschnitt von 16 cm 
im Durchmesser, augenscheinlich herrührend von einem zum Heben angebrachten Eisenringe. 
Einige cm tiefer senkrecht unter diesen Platten kam man auf leichtere Decksteine, nach 
deren Entfernung vier sogenannte Kastengräber sichtbar wurden ; die Entfernung von der 
Sohle des tiefsten Grabes, welches an sich 40 cm Tiefe aufwies, bis zur heutigen Fuss- 
bodenhöhe beträgt 161 cm. Diese vier Gräber liegen in unbedeutenden Zwischenräumen 
nebeneinander; sie sind in der Weise hergestellt, das auf eine in den Boden eingelassene 
Platte aus schwarzem Schiefer vier andere Platten hochkantig im rechten Winkel gestellt 
sind; von ihrem kastenartigen Aussehen tragen sie den Namen Kastengräber. In jedem 
derselben liegt ein wohl erhaltenes Menschenskelett in gestreckter Lage, und ist augen- 
scheinlich jedes für den in ihm gebetteten Leichnam eigens hergestellt worden ; nach dem 
Fussende laufen die Kasten etwas spitz zu. Unter der Halsgegend befindet sich eine 
sichelförmige Erhöhung. Alle vier Leichen liegen mit dem Gesicht gegen Osten gewandt. 
Während die Hände der drei letztern gefaltet waren, hält die erstere den auf der Vorder- 
seite liegenden Schädel in der linken Hand des gestreckten Armes, und zwar muss dies 
nach der Lage der Sache die ursprüngliche Stellung sein, in der die Leiche begraben 
worden ist. An eine spätere Verschiebung des Schädels ist bei der geringen Tiefe dieses 
Grabes und bei der unmittelbaren Berührung der Leiche mit dem Decksteine nicht zu 
denken. Dies ist das Resultat der Nachforschungen im Atrium. Es liegt nun gewiss 
die Frage sehr nahe: Wer waren die Männer, deren Skelette wir hier vor uns haben? 
Waren es Mönche oder Aebte des alten monasterium Indense? Wie erklärt es sich, dass 
der Schädel der einen Leiche diese sonderbare Lasre hat? Ohne der demnächst statt- 



~ 79 — 

findenden osteologischen Untersuchung irgendwie vorgreifen oder eine bestimmte Ansieht 
aassprechen zu wollen, dürfte es doch nicht uninteressant sein, hier an einige die Geschichte 
der Abtei betreffende Thatsachen zu erinnern. Der Abt Regino von Prüm erzählt in 
seiner Chronik zum Jahre 881, dass die Normannen nach Zerstörung mehrerer Städte 
in Ripuarien wie Köln und Bonn die Pfalz zu Aachen, die Klöster Inda, Malmedy 
und Stablo in Asche gelegt haben. Und in den Annalen von Fulda heisst es: Nordmani 

va.staverunt totamque Ripuariam praecipue etiam in eis monasteria id est Prumiam, 

Indam, Stabulaus, Malmundarium et Aquense palatium. 892 ferner drangen die Normanen, 
nachdem sie im Jahre vorher von Arnulf bei Löwen waren geschlagen worden, wieder 
nach Ripuarien vor und zogen sengend, mordend und plündernd bis nach Bonn, wo sie 
von dem Frankenheere aufgehalten wurden. Darauf zogen sie sich in das Dickicht 
der angrenzenden Wälder zurück und gelangten durch dieselben mit unglaublicher Schnellig- 
keit bis nach Prüm, wo sie die Abtei verwüsteten und viele Menschen erschlugen. Auf 
diesem Zuge wurde der achte Abt von Comelimtinster Egilhardus mit Namen bei der 
Villa Bcrchheim ermordet. Quix gibt in seiner Geschichte der Stadt Aachen, sich stützend 
auf einen in einer Anmerkung genannten Gewährsmann, an, dass zum Gedächtnisse des 
Erschlagenen in dem nahen Walde bei Bohlendorf eine Kapelle errichtet worden sei, die 
insgemein St. £ulard genannt wurde. Im Jahre 1310 sodann zogen die Aachener gegen 
die Abtei Comelimünster, vermuthlich weil ihr Abt Arnold von Müllenark sich unbefugter 
Weise in ihre Angelegenheiten gemischt hatte, ersttlrmten dieselbe, beraubten Kirche und 
Kloster und steckten sie in Brand ; bei der Gelegenheit kamen mehrere Conventualen ums 
Leben; der Abt Arnold wurde bei Nerzheid, einem Hofe in der Nähe von Oberforstbach, 
erschlagen. Die Stadt musste zur Sühne 1000 Mark an die Verwandten der Umgekommenen 
bezahlen und ausserdem Jahre lang zu den Kosten des Wiederaufbaues der Abtei beitragen. 
Diese geschichtlichen Nachrichten sind wohl geeignet zu mancherlei Vermuthungen zu 
verleiten; sie geben der Möglichkeit Raum, in dem einen der aufgefundenen Skelette, 
dessen Schädel sich in der sonderbaren Lage befindet, den von den Normannen erschlagenen 
Abt Egilhardus wiederzuerkennen; sie lassen femer auch auf den ersten Blick einen 
Zusammenhang der Skelette mit den 1310 ums Leben gekommenen Mönchen vermuthen; 
gegen letztere Vermuthung wird freilich geltend gemacht, dass die näher bezeichnete 
sichelförmige Erhöhung in den Gräbern nur in der karolingischen Zeit vorkomme; die 
osteologische Untersuchung sachkundiger Fachleute wird wohl hoffentlich recht bald darüber 
die wünschenswerthe Auskunft ertheilen. Angesichts dieser historischen Thatsachen drängt 
sich uns femer die bange Befürchtung auf, die wilden Normanuenhorden möchten den die 
Leiche des Heiligen bergenden Steinsarg, der möglicher Weise offen auf Säulen oder einem 
sonstigen Postamente an irgend einem Orte der Kirche ruhte, oder der vielleicht in der 
Erde beigesetzt und durch einen Stein oder eine Metallplatte kenntlich gemacht war, zerstört 
haben. Zum allerwenigsten erscheint es äusserst seltsam, dass weder die Benediktiner 
von Aniane, die doch das Fest des im Rufe der Heiligkeit verstorbenen Abtes bald nach 
seinem Tode als festum duplex gefeiert haben, noch auch die Mönche von Comelimünster 
sich nicht sollten um die Hebung und Verehrung der Ueberreste ihres Ordensheiligen 
bekünmiert haben, wenn sie überhaupt noch vorhanden gewesen wären. Doch diese einst- 
weilen nur das Ansehen einer Vermuthung beanspruchende Ansicht dürfte erst an Gewiss- 
heit gewinnen, wenn die noch im vollen Gange befindlichen Nachgrabungen, was gewiss 
nicht zu wünschen ist, resultatlos verlaufen sollten. Dieselben sind bereits vom Atrium 
auf das Mittelschiff der heutigen Pfarrkirche ausgedehnt worden. An der westlichen 
Abschlussmauer der Kirche beginnend, wurde ein bis zum ersten Pfeiler unter der Kanzel 
reichender meterbreiter Laufgraben aufgeworfen. In einer Tiefe von 71 cm fand sich 
wieder der karolingische Betonboden; 30 cm höher ein der romanischen Zeit und noch 
29 cm weiter ein der gothischen Zeit angehöriger Fussboden. Bei dem bezeichneten Pfeiler 
setzte eine von Norden nach Süden laufende Mauer weitern Nachgrabungen ein Ziel. Die 
an der westlichen Abschlussmauer der Kirche entlang südlich und nördlich angestellten 
Untersuchungen haben nichts Neues zu Tage gefördert. Eine dort im karolingischen Boden 
sich zeigende Unterbrechung liess anfangs der Hoffnung auf neue Gräberfunde Raum, 
stellte «ich aber schliesslich als ein bedeckter Abzugskanal heraus, wie deren in der Kirche 



— 80 — 

bereits mehrere angetroffen wurdeu. Sic sind wohl angelegt worden, um das sich ansam- 
melnde Grundwasser abzuführen. Dieses füllt auch die beschriebenen Kastengräber augen- 
blicklich bis zum Rande und steigt oder fällt mit dem Wachsen oder Schwinden der Inde. 
So sind also bisheran die Nachforschungen noch nicht mit dem gewünschten und erhofften 
Erfolge gekrönt worden, haben aber nichtsdestoweniger in archäologischer Beziehung 
manches Interressante zu Tage gefördert; auch steht zu hoffen, dass die alte Kirche in 
ihren Grundmauern wird aufgedeckt werden, wodurch sich dann neue Anhaltspunkte für 
weitere Untersuchungen ergeben dürften. 

Aachen, U, Schnock. 



Der Vogelfang bei Maxen, den 20. und 21. Novembris 1759. 

Die nachfolgenden Strophen, auf ein fliegendes Blatt von einer Hand des vorigen 
Jahrhunderts niedergeschrieben, sind den Archivalien des Hauses Schönau bei Richterich 
entnommen. In Inhalt und Form geringwerthig, sind sie doch beachtenswerth für die 
Stimmung, mit welcher man in den hiesigen Kreisen die Erfolge der österreichischen 
Waffen begleitete. Am 21. November wurde bekanntlich ein preussisches Korps unter den 
Generälen Fink, Wunsch, Rebentisch, Gersdorf und Lock von den überlegenen Truppen 
des Marschall Dann und des Herzogs von Zweibrücken bei Maxen gefangen genommen, 
und diese Niederlage von den Gegnern in schadenfroher Weise als Finkenfang bezeichnet : 

Der Vinck mit seinem Lock ging Lerchen aus zu fangen 

Undt wolt aufifen Rebentische mit diesen Braten prangen; 

Doch Wunsch giengs nicht nach Wunsch, die Lerchen hielten Stich 

und nahmen Rebentisch, Wunsch, Vinck undt Lock mit sich. 

Nun sitzt im Garn der Vinck und muss die Lerche singen, 

£r schlagt: es stinckt, stinckt, stinckt, weils ihm nicht wolt gelingen. 

Hingegen schwingen sich die Lerchen mit Gesänger: 

Es lebe unser Nest, es lebe der Vinckenfänger. 

Ein anderes: 

Wo ist das beste Heerdt zum Vogelfang in Sachsen? 

Nicht weit von Falckenhayn beym Rittergut „Frisch Maxen^. 

Auff einen Zug fleugt Dann, wer solt es wohl vermeinen, 

Ja es wirdt aller Welt gantz lügenhafft doch scheinen. 

Ein Vinck acht Schwärmen gross mit 18000 Meissen, 

Zum Braten taugen sie, doch aber nicht zum Spcisson. 

Ein anderes: 

Willste lehrnen Fincken fangen, 
Geh beym Dann die Kunst erlangen. 
Achtzehn tausendt auff ein mahl, 
Ist fürwahr ein schöne Zahl, 
Fangt er mit Wunsch in das Netz, 
Gott starck seinen Muth und Hertz. 
Aachen, K, Wieth, 

Vereinsangelegenheiten. 

Mouatsversainmlung am Mittwoch, den 22. Mai 1889, Abends 

Vk Uhr, im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse). 



DkUCK von HrKMAKN KaATZKK in AAfHKN. 



■tiUiTtiuh 8 Nammem Komm itwions -Verlag; 

ä 1 Btigfn Royal Oktav. der 

. , Creme r'achen Buehhandlune 
Pruw des Juhi^uiigM („_ j„|,| 

4 Mark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von Dr. Z, Wlsth. 

Nr. 6, Zweiter Jahrgang. 1889. 



Inlialt: C. Rhoen, Zur BangeschicLt« des Orashanses. — C. W. Menghius, Zur Oeschichte 
der Aachener Patrizierhäuscr. — Kleinere Mittheilungcn : Kompreise in Aachen in den 
Jahren 1560— 1628 nnd 1708—1713. — Ausgrabungen auf dem Stephansbofe, der Prinzenbof- 
kaseme und in der Koroeliuiistrasse. — Vercinsangelegcnheiten: Ausflug nach Moutjoie. 



Zur Baugeachichte des Grashauses. 

Von C. Rhoen. 

Die Stadt Aachen ist in letzter Zeit durch die Wiederherstellung 
des sogenannten Grashanses und die Einrichtung desselben zum Stadt- 
archiv Hin ein Monumentalgebände bereichert worden, welches der gescliiclit- 
lich ehrwürdigen Altstadt zur Zierde gereicht und zugleich eine stete, leben- 
dige Erinnerung an den Beginn der thatkräftigsten Zeit der Aachener 
Bürgerschaft darstellt. Die Fa^;ade dieses Gebäudes ist noch die nämliche, 
welche Kaiser Kichard von Cornvallis in der Mitte des 13. Jahrhunderts 
zu dem damaligen Bürge'haus hat aufführen lassen. Die Bauleitung hat 
sich bestrebt, die alten vorgefundenen Formen genau und treu wieder- 
zugeben und nichts wesentlich Neues eigenmächtig beizufügen; bloss hat 
man, was jedoch nur anzuerkennen ist, sowohl die Standbilder der sieben 
Kurfürsten, als auch die übrigen Ornamente, welche fast alle aus dem 
weichen Falkenburger Sandstein gefertigt und deswegen bis zur Unkennt- 
lichkeit verwittert waren, in getreuer Nachahmung in besseren Steinsorten 
ersetzt. 

Bisher ist der Geschichte und Tradition nach angenommen worden, 
dass das jetzige Grashaus ein für sich selbstständiges und abgesclilossenes 
Gebäude gewesen sei und als sulclies seit der Zeit des Kaisers Richard 



— 82 — 

bis zum Ende des 14. Jahrhunderts als Bürgerhaus gedient habe. Bei dem 
Um- bezw. Neubau sind jedoch Momente aufgefunden worden, welche 
geeignet sind, diese Annahme erheblich umzugestalten, und welche die 
Vermuthung nahe legen, dass das jetzige Grashaus nur einen Theil des 
ehemaligen Bürgerhauses gebildet habe, dass aber der andere Theil im 
Laufe der Zeiten abgebrochen worden ist und Platz für andere Bauten 
gemacht hat. Diese Vermuthung des Nähern zu begründen, ist der Zweck 
nachstehender Zeilen. 

Das grosse und ausgedehnte Grundstück, auf welchem das Bürgerhaus 
errichtet wurde, erstreckte sich, soweit es ursprünglich der Stadt Aachen 
angehörte, von der Jesuiten- bis zur Annastrasse; nur mag der Theil 
desselben, auf welchem die an der Westseite der Kleinmarschierstrasse, 
von der Schmied- bis zur Jesuitenstrasse sich hinziehenden Häuser stehen, 
bereits früher davon abgetrennt worden sein. Auch wurden in späterer 
Zeit an der jetzigen Annastrasse, vom Fischmarkte ab, von der Stadt den 
Bürgern Bauplätze abgetreten, auf welchen theils vor theils nach der 
Errichtung des Bürgerhauses Wohnungen errichtet wurden. Die Grenzen 
zwischen dem abgetretenen Terrain und dem der Stadt verbleibenden, 
noch immer gross bemessenen Eigenthum sind regelmässig angelegte, lange 
Linien, welche zeigen, dass bei dem Verkauf der Grundstücke ein regel- 
rechtes System vorlag, nach welchem die einzelnen Bauplätze vergeben 
wurden. Auch die noch in jüngerer Zeit seitens der Stadt an Private 
abgetretenen Grundflächen zeigen in ihren Grenzlinien die Befolgung dieses 
Systems. Nur die Häuser Schmiedstrasse Nr. 5, 7 und 9 weichen davon 
ab; sie sind sozusagen aus dem städtischen Eigenthum ausgeschnitten, und 
die Grenzen derselben sind nicht mit der Regelmässigkeit angelegt worden, 
wie wir es an den andern Stellen sehen. Zudem zeigt das Haus Schmied- 
strasse Nr. 9, welches dicht neben dem Archivgebäude liegt, eine so 
geringe Breite, dass sich die Vermuthung aufdrängt, dass dasselbe nur 
einen kleineren Raumtheil eines grössern Bauwerks einnimmt, welcher in 
früherer Zeit an dieser Stelle gestanden hat, später aber abgebrochen 
worden ist. 

Obgleich Quix * sagt, dass die Treppe, welche zum obem Geschosse 
des Grasgebäudes, dem ehemaligen Rathssaal des Bürgerhauses, führte, auf 
dem Hofe des Grashauses gelegen habe, hat sich bei den mehrfachen 
Ausgrabungen, welche auf diesem Hofe behufs Ausführung des Neubaues 
gemacht worden sind, nirgend eine Spur eines Baues aus der Zeit Kaiser 
Richards, welcher auf eine Treppe hinweisen könnte, vorgefunden. Es 
kann daher die Treppe nicht, wie Quix aussagte, vom Hofe aus zum Saale 
geführt haben. Als ferner von der südöstlichen Seitenmauer des obem 
Geschosses die alte Pliesterung entfernt wurde, fand sich in der Mauer 
selbst eine jetzt zugemauerte Thür von 0,72 m lichter Breite und 1,80 m 
lichter Höhe mit hausteinerner Einfassung. Der in letzterer eingehauene 
Falz sowie die darin angebrachten Löcher für die Thürgehänge waren 



*) Gesch. d. Stadt Aachen II, S. 65. 



— 83 — 

dem Saale zugekehrt, woraus sich ergibt, dass der Thürflügel ehemals 
nach dieser Seite hin sich öffnete. Auf derselben Mauer wurde unter einer 
nachträglich aufgebrachten Pliesterungsschicht auf einer untern, ursprünglich 
aufgetragenen eine Zeichnung blossgelegt, welche mit einem Nagel oder 
einem ähnlichen spitzen Werkzeug in die Pliesterung eingekratzt war und 
zweifellos das ehemalige Bürgerhaus vorstellte. Die Darstellung zeigte in 
roher aber leicht erkennbarer Ausführung das jetzige Grasgebäude, an 
welches sich nach links hin ein schmaler thurmartiger Bau anschloss. Der- 
selbe war mit einem spitzen Dach abgedeckt und hatte im Erdgeschoss eine 
grosse rundbogig überdeckte Eingangsthür. Links neben diesem Thurm 
stand, in leichtem Umrissen angedeutet, ein weiteres Gebäude, welches 
fast ebenso hoch wie das jetzige Grasgebäude war und im Erdgeschoss 
vier Thüröfinungen zeigte, völlig übereinstimmend mit den zugemauerten 
Oeffnungen im Erdgeschoss des Grashauses. Wenn auch die Fenster des 
Obergeschosses dieses Gebäudes sich nicht vollständig gezeichnet vor- 
gefunden haben, so war doch das dem Thurme zunächst stehende durch 
seinen Bogen und das eine Seitengewände angedeutet, sodass man schliessen 
muss, dass in diesem Stockwerk sich ebenfalls Fenster befunden haben. 
Obgleich auf dem Bilde nicht völlig fertig gezeichnet, ist das Dach doch 
durch die sich schräg hinaufziehenden Walmstriche und einen Theil des 
Firstes ausreichend angedeutet. Wenn auch diese Darstellung auf ortho- 
graphische Richtigkeit keinen Anspruch machen kann, so erkannte man 
doch auf den ersten Blick, was der Zeichner gewollt. Eine ähnliche 
jedoch sehr fragmenterische Darstellung, welche mit einem Messer in eine 
halb vermoderte Wandbekleidung einer der Gefängnisszellen eingeschnitten 
war und gleichfalls aufgefunden wurde, zeigte die Reste von ähnlichen 
Formen wie die oben angedeuteten des Wandbildes. 

Diese beiden Darstellungen sind jedenfalls Arbeiten von Gefangenen, 
welche sich die Zeit damit vertrieben haben mögen, das Aeussere ihres 
unfreiwilligen Aufenthalts auf die Wand hinzuzeichnen. 

Es muss zunächst erwähnt werden, dass die in der südöstlichen Mauer 
befindliche, jetzt zugemauerte Thür die einzige war, die zum Saale führte; 
man gelangte zu dei'selben von einem südöstlich gelegenen Nebenbau aus, der 
sich an der Stelle des heutigen Hauses Schmiedstrasse Nr. 9 befunden haben 
muss, und welcher auf dem Wandbilde als Thurm angedeutet ist. Die 
Fagadenbreiten der Häuser Schmiedstrasse Nr. 9 und 7 stimmen mit den 
auf der Zeichnung angedeuteten Gebäuden völlig überein. Das dem Gras- 
haus zunächst anstehende Haus Schmiedstrasse Nr. 9 nimmt bei seiner 
geringen Breite nicht mehr Raum ein, als im Verhältniss auch die Zeich- 
nung für den Thurm angibt, während das Haus Nr. 7 dem neben dem 
Thurm angedeuteten Flügelgebäude entspricht. 

Offenbar diente der Thurm als Treppenr^um, da auf einen solchen 
auch die grosse von der Strasse aus hinführende Thür hinweist. Auch 
ergibt die Breite des Hauses Schmiedstrasse Nr. 9 nicht mehr Raum, als 
für eine Wendeltreppe zur Zeit der Erbauung des Bürgerhauses in Anspruch 
genommen wurde. Die Lage einer solchen passt überdies vorzüglich an diese 



— 84 — 

Stelle, da sie fast mitten im Gebäude gelegen, im obern Geschosse rechts 
zum Eathssaal und links zum Flügelanbau führen konnte. Letzterer Raum 
diente jedenfalls für die Verwaltung und die Schreibstuben. Dafür spricht 
auch folgender Umstand. Die von der alten Pliesterung entblössten Mauern 
des Obergeschosses des jetzigen Grashauses haben erkennen lassen, dass 
der ehemalige Rathssaal nach keiner Richtung hin von Mauern durchzogen 
war, mithin das ganze Obergeschoss in seiner vollen Ausdehnung als 
Sitzungssaal diente. Es ist aber einleuchend, dass auch noch andere 
Räume für Verwaltung der städtischen Angelegenheiten vorhanden gewesen 
sein mussten und da solche nirgendwo anders nachzuweisen sind, liegt es 
nahe, dieselben im südöstlichen Flügel zu suchen. 

Das jetzt noch stehende Untergeschoss des Grashauses ist übrigens 
älter als das aus Kaiser Richards Zeit herrührende Obergeschoss; es stammt 
aus der Zeit des frühromanischen Baustyls, also aus der ersten Hälfte des 
zwölften Jahrhunderts. Da nun die südöstliche Mauer im Erdgeschoss 
mit der Fagade in Verband gemauert ist, so datirt sie selbstredend eben- 
falls aus jener Zeit und bildete daher auch einen Theil des ursprünglichen 
Baues. Von der ursprünglichen Hinterfagade waren keine Reste mehr 
vorhanden. 

Fragen wir nun, wie lange diese ursprünglichen Gebäudetheile, nämlich 
der Treppenthurm mit dem daran stehenden Flügelgebäude, bestanden 
haben, so müssen wir zunächst darauf hinweisen, dass dieselben jedenfalls 
noch zur Zeit, als im Grashaus Gefangnisse eingerichtet worden sind, vor- 
handen gewesen sein müssen, da sie sonst nicht auf die Mauer hätten 
gezeichnet werden können. Es ist jedoch anzunehmen, dass, nachdem das 
Rathhaus auf dem Markte fertig gestellt worden war, man das ältere 
Gebäude allmählig aufgab und Theile davon veräusserte. Einen Hinweis 
hierauf scheinen uns zwei aachener Urkunden zu bieten, wovon die eine 
vom 12. Dezember 1398 und die andere vom 31. März 1457 datirt ist, 
und welche Professor Loersch veröffentlicht hat^ In der erstem dieser 
Urkunden wird dem Bürger Grientz seitens der Stadt die Vergünstigung 
verliehen, dass die Balken seines neuerbauten Hauses in der Mauer des 
Bürgerhauses „in deir steide mure an der Burgerhuis vur't Pervisch 
geleigen" belassen bleiben konnten. In der zweiten bekennt der Johann 
Pastoir van Haeren, Bürger von Aachen, dass die Stadt ihm erlaubt habe, 
auf der Mauer des Grashauses „up irre stede muren ... zu der stede 
Grase" einen von ihm ausgeflihrten Bau zu stützen. Da es nun unwahr- 
scheinlich ist, dass das von Grientz erbaute Haus nach 59 Jahren schon 
so baufällig geworden sei, dass die Balken desselben erneuert werden 
mussten, so dürfte anzunehmen sein, dass Pastoir sein Haus an der andern 
Seite des Grashauses, möglichei-weise auf dem Terrain des jetzigen Hauses 
Schmiedstrasse Nr. 7, erbaut habe, was den Abbruch des südöstlichen 
Flügelgebäudes voraussetzen würde. Die in den angeführten Jahren in 
städtischen Urkimden dem Gebäude gegebenen verschiedenen Benennungen 



*) Zeitschr. d. Aach. Gesch.- Ver. I, S. 162, 168. 



— 85 — 

dürften wohl auf den Zeitpunkt hinweisen, wann die bis dahin übliche 
Bezeichnung „Bürgerhaus" aufhörte und die Benennung „Gras** begann. 
Doch finden wir bereits im Jahre 1447 dasselbe in einer Urkunde Friedr. DI. 
als „Gras" erwähnte 

Unter Kaiser Richard ist demnach nicht der Neubau eines Bürger- 
hauses aufgefiihrt worden, sondern ein bereits bestehendes Gebäude wurde 
zum städtischen Bürgerhause umgebaut, und dieser Umbau beschränkte 
sich wesentlich auf die Anlage eines Rathssaales mit dem entsprechenden 
Fagadentheil. 

Wegen des schlechten Baugrundes mussten die Fundamente tief gelegt 
werden und beginnen 2,50 m unterhalb der jetzigen Strassenoberfläche. 
Es ist jedoch in Betracht zu ziehen, dass die Schwellen der beiden zu- 
gemauerten Eingänge zum Erdgeschoss am Fischmarkte in Folge allmählicher 
Anschüttung jetzt um etwa 0,50 m unter dem Strassenpflaster liegen, die 
ursprüngliche Fundamenttiefe mithin 2 m betrug. Trotz dieser tiefen Grund- 
legung waren noch unter verschiedenen Hauptstützpunkten des Gebäudes 
starke Pfahle aus Eichenholz eingerammt, auf welchen das Mauerwerk an- 
gesetzt worden ist. Die Verblendsteine der Faijade bestehen meistentheils aus 
Grauwacke, das Innere der Mauer jedoch aus Steinen verschiedener Arten, 
welche zwar unregelmässig vermauert sind, jedoch mit dem Mörtel eine 
ziendich feste Masse bilden. Die Mauerung des Erdgeschosses der Fagade 
ist unregelmässig, die Schichten sind nicht geradlinig gearbeitet, doch 
laufen die Fugen der vorhandenen Thürbogen zentral. Trotz der Unregel- 
mässigkeiten in der Ausführung kann man dem Mauerwerk eine tüchtige 
Technik nicht absprechen. 

Bei der Aufführung des unter Kaiser Richard errichteten Theiles des 
Bürgerhauses sind jedenfalls die bisherigen Einrichtungen im Erdgeschoss 
desselben zerstört worden. In der südöstlichen Seitenmauer wurden im 
untern noch ursprünglichen Mauerwerk Löcher eingebrochen und in diese 
die Kragsteine eingemauert, auf welchen die Balken zur Bretterbedielung 
des obem Geschosses ruhten. An der Innenseite der Fa^adenmauer waren 
zwei grössere Kragsteine angebracht, welche, tiefer gelegen als die übrigen, 
die Unterzüge der Balken trugen; bei der grossen Tiefe des Gebäudes 
darf angenommen werden, dass die Unterzüge stellenweise von Pfeilern 
unterstützt wurden. Die Kragsteine in der südöstlichen Mauer, von welchen 
noch etwa 23 Stück aufgefunden worden sind, waren alle nach einem 
bestimmten Profil gehauen ; bei ihrer Auffindung zeigten sie sich sämmtlich 
von dem Mauerwerk der Gefangnisse umschlossen. Sie sind an ihren alten 
Stellen verblieben und von dem neuen Mauerwerk, welches man wider das 
alte angesetzt hat, eingeschlossen. 

Das obere Geschoss, der Rathssaal, rührt ganz aus der Zeit Richards 
her. Dasselbe muss eine nicht unbedeutende Höhe aufgewiesen haben, 
was sowohl aus der undurchbrochenen Fläche oberhalb der Fenster in der 



*) Ebendas. VI, 40. Augenscheinlich ist die Bezeichnung „Gras" von dem hinter- 
liegenden städtischen Terrain, welches „Der bürger Grass" (Laurent, Stadtrechn. 386, 37 
u. A.) genannt wurde, auf das Gebäude selbst übergegangen. 



— 86 — 

Faijade, als auch daraus hervorgeht, dass der jetzt noch vorhandene, aus 
jener Zeit herrührende Theil der südöstlichen Seitenmauer nicht mehr bis 
zur ehemaligen Decke des Saales reicht. Die Umfassungsmauern dieses 
Stockwerks wurden neu aufgeführt. Dies ergibt sich aus dem Umstand, 
dass die Seitenmauem mit der Fa^ade in Verband gemauert worden sind. 
Das Mauerwerk ist dem des Erdgeschosses gegenüber besser und richtiger; 
besonders gut und regelmässig sind die Pfeiler und Bogen am Innern der 
Fenster. Obgleich keine Andeutung darüber erhalten geblieben ist, in 
welcher Art die Decke des Rathssaales hergestellt war, kann man doch 
nur annehmen, dass dieselbe aus Balken und Brettern gefertigt gewesen, 
da für eine gewölbte Decke die Mauern als Widerlagen nicht stark genug 
waren. Die Fenster der vordem Fa^ade sind uns durch die Restauration 
in ihrer ursprtlnglichen Form und Grösse erhalten geblieben; von denen 
der Hinterfagade wissen wir nichts, da sich keine Spur derselben mehr 
aufgefunden hat. 

Zu welcher Zeit der obere Raum aufhörte als Sitzungssaal für den 
Rath zu dienen, ist nicht genau festgestellt. In den Stadtrechnungen des 
14. Jahrhunderts wird derselbe im J. 1349 zuletzt als Rathssaal — domus 
consilii — und durch den Rath benutzt erwähnt*. Von da ab kommt er 
als Rathssaal in den Stadtrechnungen nicht mehr vor; es muss jedoch 
bemerkt werden, dass vom J. 1349 ab, mit Ausnahme kleiner Bruchstücke 
aus den Jahren 1353 — 1373, diese Rechnungen bis zum Jahre 1376 sämmt- 
lich fehlen. 

Erst im J. 1391* wird das Bürgerhaus gelegentlich einer baulichen 
Reparatur wieder erwähnt, desgleichen im J. 1394' bei Erbauung des 
„duyster loich in der burger huys**. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, 
dass man im letztgenannten Jahre mit der Errichtung der Gefängnisse 
daselbst beschäftigt war. Durch die Anlage der Gewölbe über den Gefang- 
nissen musste die Bretterdielung des Rathssaales wegfallen, da die Krag- 
steine, auf welchen ehemals die Balken geruht haben, in dem Gewölbe ver- 
mauert aufgefunden worden sind. Indem somit die Benutzung des Saales durch 
die Fortnahme des Fussbodens unmöglich gemacht wurde, ist anzunehmen, 
dass im J. 1393 das Bürgerhaus aufgehört habe als solches zu dienen, 
und die Rathssitzungen nunmehr im neuen Rathhause auf dem Markte 
stattfanden. Der bekannte Vertrag, den die Stadt Aachen im J. 1370 mit 
dem Bildhauer Peter van der Capellen abschloss, dürfte diesen Zeitpunkt 
näher feststellen*. 

Das neue Rathhaus war damals im Aeussem bis auf den Bilder- 
schmuck der Fa^ade, im Innern wahrscheinlich ganz vollendet. Im J. 1376 
werden 2 M. „nuncio portanti litteram de celebracione misse super domum 
consilii*' erwähnt, und es scheint von dieser Zeit ab bei gewissen Raths- 



1) Laurent, Aachener Stadtrechnungen S. 225, 5 ff. 

*) Ebendas. S. 373, 32—34. 

^ Ebendas. S. 398, 31. 

*) Qu ix, Biographie des Ritters Chorus, S. 55. 



— 87 — 

• 

Sitzungen in dem mit einem Chörchen versehenen neuen Saal Messe gelesen 
worden zu sein. Es hat demnach das Bürgerhaus mehr als ein Jahrhundert 
der Stadt als Rathhaus gedient. 

Bei der Anlage der Gefängnisse wurden sechs Zellen hergerichtet, 
zwei an der Fagade, die vier andern hinter diesen. Eine siebente besonders 
starke Zelle wurde im Anschluss an die vorherigen an der südöstlichen 
Mauer aufgeführt. Es war dies das sogenannte „Hanseloch", in welchem 
gewöhnlich die zum Tode verurtheilten Verbrecher bis zu ihrer Hinrichtung 
verwahrt wurden. Neben den vier vordem Zellen lag an der Nordwest- 
seite eine Thordurchfahrt, von welcher aus man vermittelst eines Ganges 
zu jenen vier Zellen gelangen konnte; die drei übrigen hatten ihren Zugang 
vom Hofe aus. Auf dem obern Geschosse, den Raum des alten Rathssaals 
einnehmend, wurden nebeneinander drei Räume abgetheilt, von denen nur 
der mittlere kleinere als Zelle diente. Von den beiden andern grössern 
scheint der eine als Detentionslokal für die Bürger, welche das Grasgebot 
einhalten mussten, benutzt worden zu sein, und hier hat sich die Eingangs 
erwähnte Zeichnung vorgefunden, das andere dürfte für den Gefangenwärter 
bestimmt gewesen sein. Von demselben führte eine Thür zu einem kleinen 
an der Hinterfagade gelegenen Vorraum, von welchem aus man zu den 
beiden andern Räumen des Geschosses gelangte. 

Man muss wohl befürchtet haben, dass die allerdings aus nicht sehr 
hartem Material gefertigten Mauern des ursprünglichen Baues dem Aus- 
brechen der Gefangenen nicht Widerstand genug bieten könnten, und setzte 
daher im Innern wider die Umfassungsmauern eine neue Mauer aus behauenen 
Blausteinen von 0,65 m Stärke an. Auch die Zwischenmauern, welche die 
Gefangnisszellen von einander trennten, waren aus diesem Material in 
verschiedenen, doch bedeutenden Stärken angelegt; die Gewölbe waren 
ebenfalls aus Blausteinen ausgeführt. Die Bausteine waren so dicht 
zusammen gefügt, dass ein Ausbrechen derselben selbst mit starken Brech- 
werkzeugen ausserordentlich erschwert war. Die Zellenthüren, nur IV2 ^ 
hoch und ^/4 m breit, bestanden aus 8 bis 10 cm dickem Eichenholz, 
waren an der Innern Seite mit starken Eisenplatten versehen und an der 
äussern derart mit Eisen beschlagen, dass ein Zerbrechen derselben unmög- 
lich wurde; auch waren sie durch schwere Riegel und Vorhängeschlösser 
versichert. Besonders fest war das Hanseloch angelegt; ausser dass die 
Thür ganz besonders kräftig hergestellt war, befand sich mitten in der 
Zelle ein grosser schwerer Stein in den Boden eingelassen, an welchem eine 
eiserne Kette, deren Glieder Fingerdicke und etwa 10 cm Länge hatten, befestigt 
war; an diese Kette wurde der Gefangene angeschlossen. Ein ähnlicher Stein 
mit Kette befand sich in der mittlem Gefangnisszelle an der südöstlichen Mauer. 
Von den sieben im Erdgeschoss befindlichen Zellen hatten nur das Hanse- 
loch und die beiden am Fischmarkt gelegenen etwas Licht, die übrigen 
waren durchaus dunkel. Bei den am Fischmarkt gelegenen Zellen hatte man 
in das innere neue Mauerwerk Lichtöflfnungen eingefügt, in die Fagaden- 
mauer aber ohne Rücksicht auf deren Architektur diesen Lichtöffnungen 
entsprechende unregelmässige Löcher eingebrochen und mit einem Eisengitter 



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— 88 — 

versehen. Durch diese Oeflfuungen konnte jedoch nur wenig und bloss zer- 
streutes Licht einfallen. In den vier Zellen zunächst dem Fischmarkt befanden 
sich steinerne Abtritte, welche ihren Ablauf in einen Kanal fanden. 

Die sämmtlichen sieben Zellen des Erdgeschosses waren enge, kalte, 
feuchte und dunkle Löcher und boten das trostloseste Bild menschlichen 
Aufenthalts ; in denselben musste auf die Dauer auch der stärkste mensch- 
liche Körper zu Grunde gehen. 

Die Räume des obem Geschosses waren nicht so schauerlich wie die 
des untern. Wenn auch der mittlere, kleinere Raum den Charakter einer 
Zelle für schwere Verbrecher trug, so hatte derselbe doch direktes Licht 
von der Strasse her und gestaltete sich dadurch in etwa freundlicher. Die 
beiden neben anliegenden Räume waren gross und wohl beleuchtet, der 
über dem Thorweg gelegene sogar gedielt. 

Einen weitem Umban erhielt das Grasgebäude etwa gegen Anfang 
des 17. Jahrhunderts. Zu den um diese Zeit geschehenen Umänderungen 
und Erneuerungen gehörte die Hinterfa^ade, der im Thorweg befindliche 
Bogen, welcher noch bis zum jüngsten Abbruch stehen geblieben war und 
das in die Fa^ade gebrochene Thor. Aus dieser Zeit rührt auch das 
Abdeckungsgesims der vordem Fagade, welches bereits ausgebildete 
Renaissanceformen zeigt, her. Die Hinterfagade, in der Bauweise der 
damaligen Zeit ausgeführt, zeigte abwechselnd Schichten von Bmch- und 
Hausteinen, aber derart, dass die letztem nur als Verblendungen nach 
Aussen sich zeigten, während die Mauer selbst so wie die innenseitige 
Fläche aus mittelmässig grossen Bmchsteinen hergestellt war. Im Erd- 
geschosse befanden sich gekuppelte Fenster von je 0,55 m Breite und 
1,18 m Höhe, welche durch einen Steinpfeiler von einander getrennt waren. 
Ueber diesen Fenstern, und zwar einen Meter höher, standen ähnliche, 
deren Höhe bei gleicher Breite jedoch nur 0,95 m betnig. Ln obern 
Geschosse war genau über dem des Erdgeschosses ein grosses Kreuzfenster 
angebracht, dessen vier Lichtöffnungen je etwa 0,55 m breit und 1,25 m 
hoch waren. In dem Raum hinter diesem Fenster, welcher sich auch 
über das sogenannte Hanseloch erstreckte, befand sich ein hübsch gemauerter 
Kamin. Von der Abdeckung der Hinterfa?ade so wie auch der Ueber- 
deckung des anstossenden Raumes ist uns nichts bekannt. 

Nach dem grossen Brande vom J. 1656, durch welchen das Grashaus 
eingeäschert wurde, blieben die Trümmer bis zum J. 1663 liegen*, dann 
wurde eine Erneuerung vorgenommen, aber nur in nothdürftiger Weise; 
insbesondere scheint das Dach äusserst dürftig hergestellt gewesen zu sein, 
sonst würde es sich wohl bis in unsere Zeit erhalten haben. Nur die vordere 
Fagade erliielt eine regelmässige Abdeckung, aber auch da liess man die 
Innenseite der Mauer unbeschützt. 

So blieben die schauerlichen Geföngnisse bestehen, bis nach Vertreibung 
der Franzosen aus Aachen durch die preussische Regierung ein neues 
Gefängniss auf dem Terrain des ehemaligen Franziskanerklosters in der 



») Quix, Wochenblatt yom 17. Februar 1838. 



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— 89 — 

Grosskölnstrasse erbaut wurde. Von da ab blieben die Geföngnisse des 
Grashauses verödet und wurden nur für altes Gerumpel verwendet. Vor 
etwa dreissig Jahren wurde der Abtrag des obem Geschosses begonnen, 
aber nicht durchgeführt, sodass die Gefängnissräume und ein Theil der 
hintern Fagade noch stehen blieben. Ein kurz nachher über die vordem 
Zellen gelegtes Nothdach verhinderte nicht, dass der Regen durch dasselbe 
hinab bis auf und durch die untern Gewölbe rann. Im J. 1887 endlich, 
als der Neubau des städtischen Archivs begonnen werden sollte, wurde mit 
Ausnahme der vordem Fagade und der beiden Seitengiebel alles nieder- 
gelegt, und keine Spur der alten Gefängnissmauern ist mehr bestehengeblieben. 
Die Ausgrabungen von Erde, welche zur Anlage des Kellergeschosses 
des Seitengebäudes gemacht worden sind, haben nichts hervorgebracht, 
was archäologisch oder architektonisch bemerkenswerth wäre. Von römischem 
Mauerwerk, welches man daselbst zu finden gedachte, war keine Spur vor- 
handen; die wenigen Scherben von römischen Töpfen, welche man aus- 
gegraben, bewiesen nur, dass sie von andern Stellen herrührten. Nur fand 
sich die oben beschriebene Zeichnung des Grashauses, welche zwar roh 
in der Form, um so interessanter in Bezug auf den Inhalt, die wiclitigsten 
Fingerzeige bot, um die ursprüngliche Gestalt und Bestimmung dieses alt- 
ehrwürdigen Baues wieder erkennen zu lassen. 



Zur Geschichte der Aachener Patrizierhäuser. 

Von C. W. Menghius. 

Manchem Aachener dürfte es wohl von Interesse sein, etwas über 
die Geschichte der alten Patrizierhäuser seiner Vaterstadt zu erfahren. 
Es mögen daher hier einige Nachrichten folgen, welche sich auf das Haus 
Peterstrasse Nr. 50, jetzt der Frau Wittwe Joseph* Menghius gehörig, 
beziehen. Vielleicht geben sie Anlass, dass auch Andere in ihren Haus- 
akten Umschau halten und das geschichtlich Merkwürdige daraus den 
Lesern dieser Zeitschrift mittheilen. 

Das genannte Haus, nur aus einem Stockwerk bestehend, wurde im 
Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut. Schon seine ernste schlichte Faijade 
und die einen fast quadratisch angelegten Hof umgebenden inneren Flügel 
lassen vermuthen, dass es die Wohnung einer vornehmen Familie war. 
Auch das breite, die Höhe des Gebäudes bis zum Dachfirst einnehmende 
Treppenhaus weist darauf hin. In den vorliegenden Akten wird es zuerst 
am 14. Juli 1759 erwähnt, als die Eigenthümerin des Hauses, die ver- 
wittwete Freifrau Maria Regina von Merode zu Frentz, geb. Gräfin von 
Waldbott-Bassenheim, dasselbe an Theodor Körschgens auf zwölf Jahre 
gegen Zahlung einer Versatz- oder Belehnungssumnle von 1450 Rthlr. 
überliess. Nach dem Tode der Freifrau von Merode fiel das Haus an 
deren Neffen Balduin Franz Karl Freiherra von Merode zu Frentz, der es 
durch Akt vor Notar Xaver Schwartz vom 18. Juni 1771 dem bisherigen 



— 90 — 

Pächter Theodor Körschgens nach Ablauf der zwölQährigen Pachtzeit 
wiederum zu ^vollem Eigenthum, Nutzen und Gebrauch** überlässt „anders 
aber nicht als wie selbiges dermahlen separirt sich befindet und von ihm mieth- 
weiss bewohnt und occupirt wird." Die vortrefflich erhaltene Pergament- 
urkunde trägt in doppelter Reihe je vier durchaus unverletzte Siegel folgender 
Zeugen : Richter Rudolf Freiherr von Geyr zu Schweppenburg, Theodor Joseph 
von Speckheuer, Johannes Jacobus von Wylre zu Hegem, Casparus Aloysius 
Limpens, Joan Jacob Wilh. Car. Deod. von Fürth, Johann Martin von Oliva, 
Friedrich Leonard von Pelser, Schoefen, Philip Maria Vincent de Witte 
von Limminghe. 

Etwa drei Jahre später den 7. März 1774 nach dem Tode Theodor 
Körschgens geht das Haus in neue Hände über. Freiherr Balduin 
Franz Karl von Merode zu Frentz verkauft es an den Freiherrn Damian 
von Pallandt und seine Gemahlin Amalia von Hagen für die Summe von 
2337 „cordonirter, wichtiger Dukaten, welche der freyherrliche Ankäufer 
anfangs März dem Herrn Verkäufer Freiherr von Merode oder hochdessen 
Bevollmächtigten in eine unzertheilte Summe allhier in Aachen jedoch 
ohne Interessen richtig und baar zu erlegen versprochen.** Armengelder 
und sonstige Kosten trägt der Käufer. Endlich soll noch bis zum 15. Septem- 
ber des laufenden Jahres 1774 dem jüngeren Freiherm von CoUenbach als 
wirklichem Einwohner erlaubt sein, im Hause zu wolinen gegen „pro rata 
verfugender Zahlung des accorderten Pachtschillings." Die gut erhaltene 
Pergamenturkunde ist unterschrieben von: Joann Arnold Joseph Hoebell, 
Freyherrlich von Merode'scher Sekretarius als Bevollmächtigter des Frei- 
herm von Merode (derselbe wird im Akt Fürstlich Hildesheimischer Hof- 
kammerrath genannt), Damian Baron von Pallandt, Johannes de Graaflf 
und Willem Matar als Zeugen, Laur. Jos. Schwartz und Carolus Longröe 
als Notaren. Dass Herr Damian von Pallandt . . die in vorstehendem 
Verkauf angegebenen „allingen Kaufschillingeu in die in actu bestimmte 
Zeitfrist Kraft darüber ertheilter Quittungen gezahlt habe"*, wird in einer 
Nachschrift vom 20. Juni 1782 bescheinigt und den 22. Juni durch die 
beigedrttckten Siegel nachstehender Zeugen beglaubigt : Majorei-Stadthalter 
Jan Friederich Wilhelm von Schulz, Joannes Jacobus von Wylre zu Hegem, 
Jos. Franc. Xav. von Richterich, Joa. Wilm God. Franc. Maria von 
Lommessem, Joan Jacob Wilh. Car. Deod. von Fürth, Johann Martin von 
Oliva, Godfried Joseph B. von Broich zu Durwis, Martinus Franc, von 
Loneux. 

Die Gemahlin Damians von Pallandt Am61ie de Hagen vermacht 
durch notariellen Akt vom 16. Dezember 1783 „ein Viertel der Hälfte**, 
die ihr an dem besagten Hause Peterstrasse Nr. 595 (jetzt Nr. 50) gehört, 
ihrem Gatten und die drei übrigen Viertel den drei Kindern ihres Gatten 
aus erster Ehe Georg, Wilhelm und Maria Theresia, welch letztere an 
einen Herrn de Lapalifere vermählt war. 

Damian von Pallandt, welcher jetzt ^/g des Hauses besass, verkauft 
diese seinem Sohne Georg am 21. Germinal des Jahres 11 vor Notar 
Le Febvre in Mastricht, sodass dieser also ^/g oder ^^l^i des Hauses besitzt. 



— 91 — 

Der Enkel Damians von Pallandt von seinem zweiten Sohne Wilhelm, 
der ebenfalls den Namen Wilhelm führte, verkauft am 15. Brumaire XII 
vor Notar Winkens in Aachen „son tiers de sa huitifeme part" (= Vji) an 
seinen Oheim Georg von Pallandt. Die Schwester des letztgenannten 
Wilhelms von Pallandt, Therese, also die Enkelin Damians von Pallandt, 
war vermählt mit Andr6 Amould van Velthoven, Drossard zu Cranendonck 
und Btidel in Holland. Sie verkauft vor Notar Dautzenberg den 4. Juni 1806 
ihr V24 ebenfalls an ihren Onkel Georg, von Pallandt für den Preis von 
50 Louisd'or (=1185,15 fr.), sodass dieser *®/24 des Hauses sein eigen nannte. 

Diese ^**/24 tiberträgt Georg von Pallandt kurz darauf, nämlich am 
29. September 1807, in Folge eines Tauschvertrages an- Karolina von 
Bentinck, Wittwe Hugos von Leerodt, und ihre beiden Söhne Maximilian 
und Franz von Leerodt. Desgleichen erwirbt dieselbe für 4000 fr. auch 
die ^/24 Antheile, welche bis dahin im Besitze des Herrn Marin de Gu6roult 
de Lapalifere, „G6n6ral de Brigade, pensionnaire de TEmpire frangais", 
und seines unmündigen Sohnes von der verstorbenen Maria Therese von 
Pallandt, Louis Charles de Gu6roult de Lapalifere, sich befanden. Nach 
diesem Kauf verfügte Karolina von Leerodt demnach über "^/^i Antheile 
des in Rede stehenden Hauses. Den letzten V24 Antheil besass Georg 
von Pallandt, als Rentner in Stolberg wohnend. Es muss dies ein Enkel 
des oben genannten Damians von Pallandt von seinem zweiten Sohne 
Wilhelm sein und ein Neffe des Georg von Pallandt, der in seiner Hand 
*®/24 Antheile vereinigte. Diese beiden Inhaber nun, von denen die eine 
über **/24, der andere über V24 Antheile verfügen, verkaufen am 6. December 
1808 vor dem Notar Jean Dautzenberg ihren bezüglichen Theilbesitz an 
den Tuchfabrikanten Guillaume Gaspard Pohlen, „wohnhaft in Wirichs- 
bongardt** und seine Ehefrau Maria Josepha geb. Ibels zum Preise von 
14000 Reichsthalern, jeder zu 54 Mark berechnet, und einer Leibrente 
von 294,35 fr. für Frau Karoline von Leerodt. 

Am 21. September 1821 erstand Wilhelm Zurhelle das Haus von 
den Kuratoren der Fallitmasse Pohlen, und im Jahre 1849 endlich ging 
es in die Hände des Sammetfabrikanten Conrad Joseph Mengbius aus 
Viersen über, dessen Wittwe noch heute in Besitz desselben sich befindet. 



Kleinere Mittheilungen. 

Kornpreise in Aachen in den Jahren 1560—1628 und 1708— 1713, 

Unter den Archivalien von Schönau, welche gegenwärtig im Besitz unseres Vereins 
sind, befinden sich die nachfolgenden drei Verzeichnisse der Kornpreise, die vom Jahr 
1560—1611, von 1612—1628 und von 1708—1713 „zu Aach auff freyen Marckt" mass- 
gebend waren. Sie bieten in ihrer auf und ab schwankenden Bewegung beachtenswerthe 
Fingerzeige ftlr die Beurtheilmg des sozialen Lebens der damaligen, durch so mannigfache 
innere und äussere ErschÄtterungen tief aufgeregten Bürgerschaft. 

Das erste und umfassendste dieser Verzeichnisse besteht aus zwei zusammengehefteten 
Bogen Papier in Folio. Das deutlich erkennbare Wasserzeichen stellt zwei mit Zinnen 
gekrönte und mit je einem Fenster versehene Kundthürme dar, die einen rundbogigen, 



~ 92 — 

spitz überdachten Thoreingang flanklien. Das Gotreidemass, welches in diesem Verzeichnisse 
der Berechnung zn Grunde gelegt wird, ist ein Mudt. Ein Mudt wird bald als Scheffel 
bald als Malter erklärt; hier dürfte die letztere Deutung auf Grund folgender Erwägung 
anzunehmen sein. 

Im Jahre 1587 wird ein Mudt Roggen mit dem höchsten Preis von 108 Gulden 
bezahlt. Zu demselben Jahre berichtet E. F. Meyer: „und beym Anfang des folgenden 
Jahres riss in Aachen eine so grosse Theurung ein, daß ein Faß Roggen 13 gülden, und 
ein Brod 13 Mark kostete; hierauf erfolgte aber ein so merklicher und schleuniger Abschlag, 
daß der Brod-Preis um Ostern auf 4 Mark und um Weihnachten auf 13 Aachensche 
Bauschen zurückgieng'* *. Ein Faß Roggen wäre demnach der 8^/i, Theil eines Mudt, 
oder ein Mudt hatte 8^/j, = 8V8 Faß*. Dies stimmt auch zu den Massen von Neus, wo 
ungefähr zur selben Zeit 1 Malter 8 Fass betrugt 

Anno sechszehenhondert und funffzehenn, denn achten Dag deß Monats Augusti, 
ist nachfolgende Fractie außer der Herrn Marcktmeister Buch deß Kon: Stuels und 
Heiligen Reichsstatt Aach durch mich zu Endtbenenten Kay: Notarien cxtrahirt und auß- 
gezogen worden in vorgemeltter Herrn Marcktmeistere personlicher gegenwertigkeit, 
nemblich Johannen von Eyß, Amoldten von Sauelßberg, Johannen Heugen, Claeßen 
Klunckardt und Johannen von Schwertten, warauß zu ersehen, was ein Mudt Roggen von 
dem Jahr 60 biß ins Jahr 1611 inclusive von Jahr zu Jahr auff freyen Marckt gegoltten hatt: 



















höchst. 


Preyß 


mittelster Pr. 


geringster Pr. 


Anno 


1560 


galtt 


ein 


Mudt 


Roggen 


zu 


Aachen 


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1561 


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1563 


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1565 


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1566 


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13 








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1567 


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1570 


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1576 


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1577 


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1578 


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1579 


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1580 


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22 







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» 


1582 


n 


1) 


n 


n 


n 


n 


22 






20 „ - 


16 „ — 



1) ÄAchensche Geschichten S. 491, § 29. 

*) Ein Malfcer hatte 12 Scheffel, 1 Scheffel war demnach noch kleiner als ein Fass und kann 
also keines&lls ein Mudt gewesen sein. Laurent erklärt in seinem Glossar zu den Stadtrechnungen : 
Mudde, Mud . . Ein G«treidemass von Modius; in Eupen war noch unlängst das Wort Mod gebräuchlich 
und bedeutete ungefähr 4 Scheffel. 

*) Unvergreifflicher Status über das Hauss und die Reichssfreye Herrschaft Mylendunck. . . . 
„Die Früchten Maass ist besonder dieser orths, komt doch bald mit der Neusser übereinander, ist doch 
etwass starcker, gehet mit Maldem, ein Malter hatt 8 Fass 4 Stimmern, 1 Stimmer 2 Faß, das YaA 
2 Viertel, das Viertel 2 Finten." (Manuskript des 17. Jahrh. im Vereinsarchiv.) 

*) Im Original finden sich die 3 Preisangaben untereinander. Der Baumerspamiss wegen wurden 
sie hier neben einander gesetzt. Neben Preyss ist auch das Wort Kauff angewandt, oder beides 
weggelassen. 

*) Muss wohl 27 gL heissen. 



- Ö3 — 



















höchst. 


Preyß 


mittelster Pr. 


geringster Pr. 


mo 


1583 


galtt 


ein 


Mndt 


Boggen 


ZU 


Aachen 


21 gl. 


3 mr. 


20 gL 


— 


19 gl. - 


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1584 


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1590 


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1593 


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1594 


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1595 


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1596 


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1597 


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1601 


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1603 


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1604 


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1605 


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1606 


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1607 


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1608 


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1609 


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1610 


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ff 


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30 „ 


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25 „ — 


» 


1611 


ff 


ff 


ff 


ff 


ff 


ff 


41 n 


— 


28 „ 




24 „ — 



Joannes Köning sacra Aptia (apostolica) et imperiali authoritatibus Notarius pnblicus 
ad praemissa reqnisitus in fidem subsript. 

ünnd dweill unsere vorgemeltte Marcktmeistere und Btlrgermeisteren, Scheffen unnd 
Rath Torß. Königlichen Stuels unnd Stadt Aach nntertheniglich zu erkennen geben, daß 
diese effractie oder Auszugh in vim probationis tanquam Documentum validum yilleicht 
ahn Kays. Cammergerichtt oder sunst ihm recht gepraucht und ingeben werden muesse, 
so haben dieselbige in Nahmen der Partheien, so solche efifractie von Ihnnen ersuchtt 
unnd begert, unß gebetten dieses mit unserer Stadt auffgedruckten gemeinen Insiegell zu 
bekrefiFtigen, so wir Innen der warheit zu Steuer nit verwigeren wollen. 

Signatum. Aach, am achtzehenden Augusti A^. tausend sechshondert unnd funffzehen 

Nikolaus von Münster*, 



«) Wahrscheinlich 41 gl. 



*) Das Original war früher mit einem Siegel versehen, heute sind nur noch Spuren grtlneu 
Wachses zu sehen. 



— Ö4 — 

Das zweite Preisverzeichnisse die Jahre 1612—28 umfassend, ist nur in einer Ab- 
schrift ans dem 18. Jahrhundert erhalten, als Getreidemass ist das Fass der Berechnung 
zu Grunde gelegt: Effiractio Generalis pro anno 1600, so die hh. Capitularen von unser 
lieber frawen Kirchen sich haben jarlichs laeßen bezahlen: 



1612 1 Vaß 


^ogg. 


20 


m. 




b. 


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1618 




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22 






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1628 




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88 




— 


11 




11 



Das dritte Verzeichniss fQr die Jahre 1708—13 liegt im Originale vor und ist 
von dem vereideten Marktmeister Qnirin Brewer ausgestellt. Es lautet: Es wirt hiemit 
bescheinigt, daß befonden worden seyn in die protoeolla der hh. Marckmeistem dieser 
freyer Reichsstadt achen, dass die freuchten gegolden haben als folgt: 

Anno 1708 den 25 november hat ein Faß Korn gegolden 38 mr. 84 mr. 85 mr. 

n 1709 „ „ „ « » » « r, 64 „ 66 „ 68 „ 

n niO „ „ „ „ n « „ „ 28V, n 29 „ 30 „ 

n 1711 „ „ „ n r, V r. n 28«/, r, 29'/, r, 30 „ 

» 1712 n n n n n n n n 25„25/, „26„ 

1» 1713 y, n « w n n n n ^i»41/t»»^2„ 

Quirin Brewer vereitter Marckmeister patron. 
Diese fracksie kost 24 merck. 
Aachen, C, Boehmer. 



Ausgrabungen auf dem Stephanshofe, der Prinzenhofkaserne und 

in der Konieliusstrasse. (Mit Skizze.) 

Im J. 1887 wurden auf dem früheren Stephanshofe, einer ehemaligen Beguinen- 
anstalt, welche zwischen der Hartmannstrasse und dem Heppion sich erstreckte, die auf- 
stehenden, zum Theil baufälligen Gebäude sowie die ehemalige Kapelle abgebrochen, um 
für die Anlage einer Strasse und moderner Bauten Platz zu machen. Im verflossenen 
Jahre 1888 wurde die neue Strasse angelegt, desgleichen auch die Bebauung der an die 
Hartmannstrasse stossenden Grundstücke in Angriff genommen. Bei den Erdarbeiten nun, 
welche zum Zweck der Kanalisirung der Strasse und der Fundamentirung der Neubauten 
vorgenommen wurden, legte man eine Anzahl eigenartiger, mit Holz ausgeschlagener vier- 
seitiger Gruben bloss, deren Alter und Zweck sich bisher mit Sicherheit noch nicht hat 
bestimmen lassen. Die Erde wurde bis zu einer Tiefe von etwa 4 m ausgeschachtet. 
Die obere 1 bis 1,50 m hohe Schicht stellte sich als aufgeschütteter Boden dar, unter 
welchem der gewachsene, feste, etwas rostbraun gefärbte Letteboden sich zeigte. Aus 
diesem festen und undurchlässigem Muttergrund waren die Gruben ausgehoben, deren 
bisher 16 aufgedeckt worden sind. Auf der beiliegenden Skizze sind dieselben mit punktirten, 



— 95 — 

die Umfassnngsinaueru der aufstehenden Gebäude mit durchgeführten Linien gekennzeichnet. 
Die fortlaufende Nummerirung gibt zugleich die Zeitfolge an, in welcher sie freigelegt 
wurden. Nr. 1—13 liegen unter den neu errichteten Häusern Hartmannstrasse 28, 80, 32, 
84, 36; Nr. 14, 15 und 16 unter der Axe der neu angelegten Elisabeth-Strasse. Nr. 1 
misst 2:2», Nr. 2 2,75:3,15«, Nr. 3 und 4 1,50: 1,50 ">, Nr. 5, 6 und 7 zusammen 4:4". 
Die übrigen konnten nicht genau vermessen werden und sind nur abschätzungsweise 
luigegeben, halten sich aber innerhalb derselben Masse. Während demnach die Grösse 
schwankt, war die Tiefe überall dieselbe, die Sohle reichte bis 4 m unter die Oberfläche. 

Die einzelnen Wandungen waren senkrecht abgestochen. Damit aber die Erdmassen 
nicht in das Innere stürzen konnten, wurden sie mit Holz verkleidet In die vier Ecken 
rammte man starke Pfosten, welche 4 m lang, am Kopf 0,33 m dick und unten zugespitzt 
waren, ein, während man die Zwischenräume mit gleich langen, aber nur 4 — 15 cm starken 
Planken ausfüllte. Einige derselben stellten sich als Fassdauben dar. Durch je einen 
Querbalken, welcher an der Innenseite von einem Eckpfosten zum andern reichte, wurden 
diese Planken gegen die Aussenwände angedrückt und verhindert, nach Innen zu stürzen. 
Ausserdem waren dieselben, um dem von Aussen wirkenden Drucke noch besser wider- 
stehen zu können, in der Mitte durch Versteifungen gestützt, welche man schräg in die 
§ohle eingetrieben hatte. 

Sämmtliche Gruben waren in ziemlich gleicher Weise mit einer dunkelgrauen, 
vielfach schwarzen und fettglänzenden Dungerde angefüllt, in welcher stellenweise das 
verfaulte Stroh noch zu erkennen war. Ueberall war die Füllerde mit zahlreichen Eirsch- 
kömem durchsetzt, femer wurde eine Anzahl ganzer und zerbrochener Thongefässe ver- 
schiedener Gestalt und ungleichen Alters zu Tage gefördert. Neben einem kleinen römischen 
Trinkbecher fand man etwa 12 bauchige, nicht glasirte Henkelkrüge von roher Arbeit aus 
grauer, grober Masse, die Herr Staatsarchivar Habets in Mastricht auf Grund ähnlicher 
datirter Funde in Holland als dem 10.— 14. Jahrhundert angehörig bezeichnete. Ob die- 
selben aus Holland eingeführt, oder in Aachen nach holländischen Vorbildern hergestellt 
wurden, muss vorläufig dahin gestellt bleiben. Auch Scherben Raerener Gefässe waren 
nicht selten. Auf der Sohle der mit Nr. 2 bezeichneten Grube stiess man auf eine kupferne, 
einst vergoldete Schüssel romanischer Arbeit etwa aus dem 12. Jahrhundert, welche aber 
in jüngster Zeit von fachmännischer Seite für getischt erklärt wird. Neben einigen ganz 
oxydirten Kupfermünzen von anscheinend nicht sehr hohem Alter, zeigten sich noch die 
Kiefern und Knochen eines Schweines, ein kunstloser verrosteter Eisenschlüssel, ein kupferner 
Krahn und 5 Gnssformen aus grauweisser Masse, von denen die grösste zerbrochen war 
und starke Spuren einstigen Gebrauches zeigte. Aus dem Boden unter der Kapelle hob 
man eine Masse Menschenknochen, welche dort bestatteten Leichen angehörten. An der auf 
der beiliegenden Skizze mit einem Kreuz und der Zahl 17 bezeichneten Stelle brachte 
man aus dem Mauerwerk eines Kellergewölbes ein gekuppeltes romanisches Kapital aus 
Kalkstein zu Tage, welches möglicherweise dem einst hier errichteten Gotteshanse angehört 
hat und einen Schluss auf den Baustil desselben gestattet. Ein Stück geschmolzenen 
Kupfers in der Nähe könnte von der Bedachung dieses durch einen Brand zerstörten 
Gebäudes herrühren. 

An der Jesuitenstrasse, schräg gegenüber der Michaelskirche, erstreckt sich das 
Grundstück der ehemaligen Prinzenhofkaserne. Im verflossenen Sommer wurden daselbst 
die Fundamente für das neue Realgymnasium gelegt. Hierbei deckte man 5 mit Holz ein- 
gefaaste Senkgruben von ganz ähnlicher Grösse und Beschaffenheit und mit nahezu gleich- 
artiger Füllung auf, wie die auf dem Stephanshofe beschriebenen. Zur selben Zeit 
wurde die Komeliusstrasse kanalisirt und auch bei dieser Gelegenheit eine solche Grube 
aufgedeckt, in welcher neben Thonscherben und Kirschkömem sich auch eine Steinkugel 
von etwa 30 cm Durchmesser, eine sogenannte Bleidenkugel, vorfand. Als man in derselben 
Strasse zu dem neuen, neben dem Eckhause gelegenen Gebäude den Kanal legte, stiess 
man in der Tiefe von 2 m auf einen Eichenbohlen von 3 m Länge, welcher quer unter 
der Strasse lag; derselbe ruhte auf drei Balken von derselben Dicke, welche zu beiden 
Seiten des aufgeworfenen Grabens in die Erde verliefen und durchgesägt werden mussten. 
Darunter lag dunkle Humuserde, spärliche Knochen und Hornreste enthaltend, und unter 



— 96 — 

dieser in einer Tiefe von 3,60 m wiederum ein Balken, genau unter dem ersten und in 
derselben Lage; ob dieser abermals auf Querhölzern ruhte, war nicht festzustellen. Bei 
denselben Erdarbeiten brachte man in dieser Strasse eine römische Mtlnze aus Mittelerz 
zu Tage, welche das Brustbild Hadrians mit der Mauerkrone darstellte. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass nach einer mündlichen Mittheilung auf dem 
Grundstück des Klüppels, einer Weinhandlung an der Ecke der Ursulinerstrasse und des 
Holzgrabens, vor mehreren Jahrzehnten ganz ähnliche Gruben aufgedeckt worden sind 
und sich darin soviele Kirschkömer vorgefunden haben, dass man auf die Vcrmuthung 
kam, es wäre an dieser »teile einst Kirschwasser hergestellt worden. 

Wann und in welcher Absicht diese Vorrichtungen angelegt worden seien, licss sich 
noch nicht bestimmen. Soviel darf aber als sehr wahrscheinlich gelten, dass sie in der 
letzten Zeit, ehe sie ganz überdeckt wurden, als Düngergruben zur Aufnahme der Abfälle 
menschlicher Wohnungen und vielleicht auch als Aborte gedient haben. Es liegt nahe, 
besonders an die Zeiten der alle 7 Jahre wiederkehrenden Heiligthumsfahrteu zu denken, 
wo Hunderttausende von Menschen in der nicht sehr umfangreichen Stadt Unterkommen 
finden mussten. Wir wissen, dass die Pilgerzüge aus den östlichen Ländeni, die als 
Ungarn bezeichnet werden, von der Stadt auf dem Mathiashofe verpflegt werden mussten. 
Es geschah dies mit andern Pilgern auf andern Plätzen. Die Masse der Kirschkörner 
wäre dann leicht aus dem Umstände erklärlich, dass diese Wallfahrten im Juni gerade in 
die Kirschenzeit fielen, und diese Frucht damals wie heute viel gegessen wurde, wie man 
es in dem verflossenei^ Heiligthumsjahr 1888 deutlich sehen konnte. Nicht unpassend 
dürfte es sein, zur Beleuchtung des Treibens bei solcher Gelegenheit die Aufzeichnungen 
des Buches Weinsberg aus dem Jahre 1524, einem Heiligthumsjahr, anzuführen, welche 
freilich auf Köln sich beziehen, aber nicht weniger auch für Aachen zutreffen: „A. 1524 im 
somer war die hiltumsfart, die man zu 7 jaren plach zu halten, und zouch grois folk 
zu Trier, Aich und Collen, und es waren diss fart mehe dann 2 ader 3 tausent Ungaren, 
Behemer, Oistericher und anderer fremden zu Coln, die das hillichtumb besuchten. Man 
gaff groiss gut den armen pilgeren umb gottes willen. Sei lagen die Bach uff und ab 
in allen heusem, auch lagen sei mit heufen zu Weinsberch in meines fatters haus im 
stall jamerlich, aissen kirssen, prumen und obsts, sei hatten auch mit züchten uff den 
hindersten hoff ir noittorft gemagt, das kirsboum da uissclogen wie ein walt und pliben 
lang stain unabgehauwen. Dissc pilgeren drogen auch in den dorn, zu s. Marien, zu Weissen- 
frauwen groisse sware wasskerzen, darin sei vil geltz staichen, und offerden dieselben, auch 
brachten sei ungars gelt, kleine silbere penninkger, die lange zit gankpar waren. Etlich 
Ungarn brachten dissmail groisse berren von pertzlengden mit, die im haus Weinsberch und 
in andern winhusem und uff der gassen sich uffrichten und danzten nach dem spil, das 
die Ungaren hatten, peifer und bongelger (Paukenschläger), und bliben disse berren nach 
der hiltumsfart lange zit in Coln und umb die stat in andern landen, bis dass sei uff 
das lest mit den berren ire morderei im lande antriben und also vertilliget worden.** 

Aachen, K. Wieth. 

Vereinsangelegenheiten. 

Sonntag, den 16. Juni, Ausflug der Herrn Mitglieder und ihrer 
Damen nach Montjoie. Abfahrt 7i£ am Rlieinischen Bahnhof. 92£ Ankunft 
in Kalterherberg. Fusswanderung über die Burg Reichenstehi nach Montjoie 
und Besichtigung der dortigen Burg. Mittagessen im Hotel Hembach 
(Gedeck 2 Mark). Abfahrt von Montjoie 61£. 

Anmeldungen nimmt Herr Buchhändler Kremer, Pontstrasse, bis 
Samstag, den 15. Juni, entgegen. 

Dbuck vom Hkiuiamn Kaatzkk in Aachen. 



Jährlich B Nummern Komtnissions -Verlag 

i 1 Bogen Royal Okta». **"' 

Cremer'scheo Bnchhandlung 
Preis lies Jahrgangs lil. fliiii) 

4 Hark. in Aachen. 



Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von Dp. K. WIetli, 

Nr. 7. Zweiter Jahrgang. 1889. 

Inhalt; E. Keüeter, Namen in Aachen. — C. Boehmer, Verhaltungsmassregeln in Fest- 
zeiten. — Fragen. 

Namen in Aachen. 

Von H. Kelleter. 
Einleitung. 

In den nachfolgenden Zeilen soll an der Hand urkundlicher Formen 
und einschlägiger Belege der Versuch gemacht werden, eine Auswahl 
alter und neuer Aachener Vor- und Familiennamen sowie der etwa damit 
in Yerbindung: zu bringenden Ortsbezeichnungen im alten Eeicbe von 
Aachen mit Erklärung ihrer Herkunft, Entwicklung und Bedeutung vor- 
zultihren. Die einzelnen Namensformen sind folgenden Quellen entnommen : 

Quix Chr., Necrologium Eccl. B. M. V. Aquensis mit Lib. Censnum 
d. A. 1320. Aachen und Leipzig 1820. 

Laurent J., Aachener Stadtrechnungeu aus dem 14. Jahrhundert. 
Aachen 1866. 

Loersch H., Aachener Kechtsdenkmäler aus dem 13., 14. und 15. 
Jahrhundert. Bonn 1871. 

Pick R., Aus dem Aachener Stadtarchiv. 2. Heft. Fehdebriefe. 
Bonn 1888. 

Die genannten Werke umfassen einen Zeitraum von 600 Jahren, 
während dessen Aachen aus einer kaiserlichen Pfalz sich allmählich zum 
städtischen Gemeinwesen und schliesslich zur mächtigen, gewerb- und 
haudelbläheudcn Reichsstadt entfaltet, hierbei unterstützt von dem ganz 
besonderen Vorzuge, die „prima reguro curia", die Krönungsstadt deutscher 
Könige zu sein. Da bethätigte sich eine rege kirchliche und bürgerliche 



— 98 — 

Gesinnung. Das Nekrologiura des Mtinsterstiftes überliefert uns eine grosse 
Anzahl Namen von Personen nicht bloss aus dem Stande der reichen 
Grundherrn und Adelsgeschlechter sondern auch aus den Reihen der 
Gewerbetreibenden und kleinen Besitzer, welche Schenkungen und Stiftun- 
gen an die Kaiserin Muttergottes machten. Die Stadtrechnungen und Rechts- 
denkmäler gewähren uns genauen Einblick in das innerste Getriebe der 
städtischen Verwaltung. 

Bei allen diesen Gelegenheiten treten manche noch heute lebende 
Namen hervor. Ihre Träger erscheinen bald im schwerfälligen Gewände 
des Reisigen, des Geistlichen oder des Raths, bald in dem einfachen Anzug 
des bürgerlichen Handwerkers, oder gar in dem PfeflFertuch des städtischen 
Trommlers, Pfeifers oder Läufers. Aber die Namen wechseln auch ihre 
Träger. Ein ehemals hochtönender Name von ftirchtgebietender Bedeutung 
wird der Zuname oder gar Spottname eines Wächters, während der Name 
eines Obermeisters im Pferdestall zu den vornehmsten des Landes von 
Aachen steigt. Nichts bezeichnet mehr den Wechsel der Dinge und 
Zeiten als das Steigen und Fallen der Namen und ihrer Bedeutung. 

Zu ihnen selbst übergehend, kann man sie in zwei Hauptklasseu 
unterbringen. Die einen bezeichnen das christianisirte Römerthum, die 
andern das heidnische Germanenthum. Gegen das Ende des ersten 
Jahrtausends nach Christus ist dieser Unterschied nicht mehr feindlich und 
trennend — Karl der Grosse hat da mit gewaltiger Hand der Bonifatius- 
arbeit geholfen — jedoch ist der Gegensatz noch nicht so ausgemerzt, dass 
man ihn wenigstens als Form in einer Besprechung nicht beibehalten dürfte. 

Da Quix in dem Rufe steht, zuweilen dem Beispiel des Vater Homerus 
(quandoque dormitat pater Homerus) zu folgen, so sind ihm seine Formen nicht 
auf den Buchstaben zu glauben. Er erhält aber durch das überreiche 
Aachener Namenmaterial bei Laurent und Loersch eine so grosse Unter- 
stützung, dass man an vielen Stellen ganz fest auf ihn bauen kann. 
Dazu kann durch Heranziehung der Lacomblet'schen Sammlungen, beson- 
ders der Nekrologe und Hebe-Register in Band 11 und III des Archivs 
für die Geschichte des Niederrheins eine willkommene Vergleichung zu 
manchen dunkeln Formen der Aachener Quellen gefunden werden, was denn 
auch in besondern Fällen hier geschehen ist. 

Beim Aufsuchen der Herkunft und Bedeutung dunkler Wörter vergegen- 
wärtige man sich, wie das Volk stets bereit gewesen ist, die vollen Wort- 
bauten zu zertrümmern. In den meisten Fällen wird nur die betonte Silbe 
als Seele des Wortes d. h. als Träger der Bedeutung zurückgelassen. 
Thaten dies die Italiener und Spanier mit beinahe sämmtlichen Wörtern 
ihres Sprachschatzes, so unterliessen sie es auch nicht, dem gebliebenen 
Rest („Restform") als Trost- und Heilmittel ein neues liebevolles, zärtliches 
Endsilbchen anzuflicken: Da entstand die „Koseform." Schon sehr früh 
hatten unsre Vorfahren dasselbe — und das ist für ihren gemüthvoUen 
Charakter besonders sprechend — mit den Namen ihrer Verwandten und 
Stammesgenossen gethan. Weil gewöhnlich nur ein Ton, ein Treff, in 
einem Worte sich findet, so konnte in den meisten Fällen bei der Verkürzung 



— 99 — 

nur eine Restforra eines und desselben Wortes sich ergeben. Zwei 
Restformen konnten entstehen, wenn das zu kürzende Wort zwei Treffe 
d. h. einen Haupt- und einen Nebentreff hatte, z. B. Bärtholomäeus. 
Die Zahl der Koseformen, die sich aus einer und derselben Restform 
ergaben, konnte unbeschränkt sein, da die Flickwörtchen — ko, ka, zo, 
za, lo, la etc. und die Anhängung des diminutiven — lin, ferner die Latinisirung 
derselben eine grosse Auswahl boten. 

Dazu vermochten die Endungen — win — frid — man — her — 
hart — bode (poto) u. a. m. selbst untereinander zu wechseln und sich 
an alle möglichen Stämme zu fügen z. B. Harduin = Hartmann, so dass der 
Wechsel der alten Harduin- zur neuen Hartmannstrasse also auch ohne Heran- 
ziehung einer bestimmten Person erklärlich ist. 

Ein Schema mag die Bildung der Rest- bezw. Koseformen veran- 
schaulichen : 

Aus R^ginhart wurden als Restformen: R6gin und Re(g)in, Rein. 
Daraus konnten dann entstehen als Koseformen: Reginzo, Reinzo, Renzo, 
Renneko, Renneken, Renchin, latinisirt Renkinus u. s. w. und dazu alle weib- 
lichen Bildungen. In unsern Quellen sind besonders — elo, — ela ; — zo, — za 
und — ko, — ka als Endungen, die an die Restform anzufügen sind, bemerkbar. 
Die Urkunden, ausser dem Nekrolog, reden zu einer Zeit, wo alle Wandlungen 
möglich geworden, als man die Bedeutung der Stämme nicht mehr so genau 
nahm und stellenweise auch sogar durchaus nicht mehr kannte. Da ist 
denn auch der Fall eingetreten, dass man den verkürzten und nicht mehr 
gekannten Stamm mit ähnlich oder gleichlautenden Wörtern verwechselte. 
So entstanden die „Wechselformen", hauptsächlich verursacht durch Latein- 
schreiber. Wir werden Gelegenheit haben, auf solche Formen zu verweisen 
und gehen nun zu den Namensformen des alten Testaments über. 

I. Christlich-römische Namen. 

Es entstand aus Adam eine Restform Däm. Die Urkunden 
schreiben Daem, etwa zu sprechen Daa'm. Reine Form bei Pick Fehde- 
briefe S. 52 : ich Dame van Palant ; S. 54 dialektische Färbung im Selbst- 
lauter: ich Daem van Pallant. Echt altaachensche Form musste sein: 
Doem oder Doim, wie S. 58: Doem Hunt van dem Busch. Im Genitiv 
gab es Daemen und Doemen. Seit uralten Zeiten bezeichnet der Genitiv 
die Sohnschaft; dasselbe gilt bei uns: des Doemen Johann oder Johann 
Doemen. Eine zweite Genitivbildung durch Anhängung von — s lässt 
Daemens, Doemens entstehen ^ Die Stadtrechnungen S. 378 nennen einen 
Doemen van Berge (Laurensberg) und S. 385 einen Du(o)ymchiins. Bei 
letzterer Form ist es aber unentschieden, ob man da nicht eine Verwechslung 
mit Diunen (lat. „pollex") begeht. 

Eva ist für die Bildung von Rest- und Koseformen nicht ergiebig 
gewesen. 

Dagegen hat Noä hier in Aachen schon frühe Namensverwandte 



') Dieser Vorgang kommt schon 1398 vor, z. B. Goessens bei Pick a. a. 0. S. 37. 



— 100 — 

gehabt. Im Liber Censuum bei Quix S. 76 ist zu lesen: „Planka quondam 
joh. filius noy. Ist de zu ergänzen, so heisst dies: Von wegen der Planke 
des weiland Johannes Sohn (!) Noy oder Noy Sohn. Jedenfalls ist gerade 
an dieser Stelle ein Irrthum des Schreibers oder des Herausgebers der 
Urkunde mituntergelaufen. Wenn die Lesart noy richtig ist, so ist hier 
ein Nowi, wie heute noch das Volk sagt, genannt, der in den Planken als 
camifex, als „vley'sch — euwer" (Fleischhauer) 1320 thätig war. Der in 
unsrer Zeit in der hiesigen Königstrasse sesshaft gewesene und vor noch 
nicht 25 Jahren allda verstorbene Herr Noä, der ebenfalls „vley scheu wer" 
war, ist vielleicht in gerader Descendenz nach Namen, Blut und Erwerbs- 
zweig von jenem auch schon alten Noö herzuleiten. Hat sich bemeltes 
Geschlecht so treu bei Namen und Stand erhalten, so ist dies gewiss ein 
löbliches Beispiel von Ausdauer und Liebe am angestammten Erwerbszweig 
und kann unsern jungen Zünften als leuchtendes Muster vorgehalten werden. 

Elias (auch Hellas) kommt vor, lässt aber seine Form unverändert. 
Ebenso Anna und Elyzabeth, welch letzteres schon sehr früh die 
Kürzung in Lysa eingeht. 

Der hl. Erzengel Michael hat seinen schönen Namen manchen Wand- 
lungen ausgesetzt gesehen. Am -wunderlichsten klingt wohl Choila für 
Michaela ^ Die Bildung selbst ist aber streng regelmässig und ist deshalb, 
sofern Quix sein Original richtig gelesen und der Drucker das Richtige 
gedruckt hat, nichts gegen eine Restform chaöl einzuwenden. Wie aus Ad&m 
und Ysäac die Restformen Dam und Sac, so wird aus Michael Chäel. Nach 
dem Aachener Lautgesetz geht dann ae in oi vor liquiden über. Siehe bei 
Loersch^ zum Jahre 1380: zemoyl statt zemael. Vorher ist die Trennung 
aö gefallen, nach demselben Vorgang wie bei Regln = Rein, Egin = 
Ein, Hufnagel = Hufnayl* u. a. m. Aus Chael konnte, wie Hufnayl 
zeigt, auch Chayl, und wie Neil (Nagel = Instrument) bei Laurent S. 318 
beweist, auch cheil und daraus Gheil entstehen, da ch und gh sich oft ersetzen. 

Schon Quix, Necrol. S. 70 hat Geila: „Obiit Geila pro qua habemus 
mr.** „Es starb Micheila, für die wir 1 Mark haben." Daher mit Geil in 
Verbindung zu bringen wie Ludowicus deGeylroyde = von Michaelsrott*, 
Gu(o)yde de Geyllenhusen = der Jutta von Geyllenhausen ^. Deshalb dürfte 
auch Geilenkirchen, dessen erste Form nach Lacomblet Gelenkirchen*', 
30 Jahre später aber schon Geilenkirchen lautet, hier unterzubringen sein, 
d. i. die Michael geweihte, oder von einem Michael erbaute Kirche, analog 
einem Odenkirchen (Otto), Euskirchen (Eustachius). Allerdings ist es nicht 
zu bestreiten, dass auch Gelb, die Farbe, liierbei mitspielen konnte^. 
Eine volle Form findet sich schon 1338 bei Laurent S. 131 : „Migheyltzberg", 

') Quix, Necrol. S. 71. 

*) Aach. Rechtsdenkm. S. 79 „of breyt hce vee aygter der zljt int rieb, dat sal cme 
der reygter zemoyl (allesammt) nemen'*. 

^) Stadtrechnungen S. 157. 

*) Stadtrechnungen S. 191. '^) Ebcndas. 174, «) Lacombl. ÜB. I, No. 436. 

') Eine Erklärung aus »geU** findet aber an der Klangfarbe des darin vorkommenden 
kurzen § mehr Schwierigkeit als dies bei der Dehnung in der Form Cheil der FaU ist. — 
Hei = gel ist auch nicht ausgeschlossen. 



— 101 — 

deren interessante Schreibung manchen Zweifel lösen kann. Von dem Stamm 
Gheil, Geil, Geel, Giel sind die genitivischen: Geilen, Geelen und Gielen 
zu Familiennamen geworden. 

In Maria ist die Zerdehnung von i wichtig: Quix S. 55 hat mareia 
und 1320 schon mareye. 

Der heute in Aachen erdrückend vertretene Name Joseph ist in den 
alten Quellen unbekannt. Es gibt zwar einzelne Formen, die auf den 
ersten Blick verführerisch genug aussehen, dass sie mit einem Joseph in 
Verbindung stehend sich denken liessen. Vor allem könnte man Goswinus 
als Vater von Josefinus in Wechselform annehmen und von der Eestform 
„Gos* und „Jos* dabei ausgehen. Jedoch gibt, wie sich leicht nachweisen 
lässt, Goswin nur Goesen und Goessens, die heutigen Formen der Familien- 
namen. Merkwürdig allerdings bleibt es, dass Josepha bezw. Josephina 
im heutigen Dialekt Jys oder Ghys gibt. Das alte Gyse ist aber Eest- 
form von Giselbert, verkürzt Giso. Daher der Familienname Giesen. 
Betonte man nach alter Weise Jos6ph, so ergibt sich Seph oder Sepp als 
Restform. Bei Laurent findet sich nun vielfach Syepchin, das man als — seph 
verdächtigen könnte. Doch ist dieses Syepchin wahrscheinlicher die Kosefonn 
von Sibo männl., Siba weibl. Die längere Form findet sich ebenfalls im Nekrolog : 
Sibodo aus Sigipoto „Bote des Sieges", also ein wahrhaft urgermanischer 
Name^ Das auf S. 168 der Stadtrechnungen vorkommende Joyst kann 
hier, da es nur einmal sich findet, wenig in Betracht kommen, zumal 
da es ebensowohl als von Goswin kommend angesehen werden könnte. Ausser- 
dem müsste das t erklärt werden. Es ist deshalb richtiger Joyst, wie 
es auch allgemein geschieht, als von Jodocus = Jo(d)oc = Joe herstammend 
auszugeben. Joes, Jops und Joyst sind zu Jodocus berechtigt. Weiter 
finden sich keine mit Joseph in Verbindung zu bringenden Formen, und muss 
man bei dem grossen Reichthum aller sonst gebräuchlichen Namen schliessen, 
dass Joseph in den Zeiten bis 1500 in unserer Gegend als Name von Per- 
sonen wenig bekannt war. 

Zum Kalendarium des neuen Testaments gehören vor allem die Apostel. 
Ausser Petrus und Jakobus, deren Namen wenig Veränderung erleiden, 
— Cop ist auch Wechselform; ein Petchiin kommt bei der Belagerung 
von Schloss zur Dick (1383) vor^ — ist vorzüglich Bartholomaeus, in 
alter Schreibung Bartolomeus, ein sehr beliebter Name. Da er zwei 
Treffe hat, nämlich auf der ersten und vorletzten Silbe: Bartolomeus, so 
ergibt er einmal Bartel, hier Bertel und das anderemal Mens als Rest- 
formen. Bertel ist bekanntlich jetziger Familienname. Die Restformen 
der neutestamentlichen Heiligen wie Meus, Thiis von Mathias, Dries auch 
Dres von Andreas, Tewis oder Zewis von Matheus und viele andere mehr 
haben unter Beibehaltung des lateinischen Endungs s in genitivischer 
Form die Familiennamen: Meissen^, Meessen, Miessen, Drehsen, Driessen, 
Thyssen, Zeus, Thiwissen etc. etc. gebildet. Andere als Apostelnamen 



') Qüix, Necrol. S. 16: Sibodo prepositus 8. Adalberti. 

«) Stadtr. S. 282. 

*) Mcissen, entstanden aus einer Form Meis, die mit Meus leicht wechselte. 



— 102 — 

sind: Cornelius (Nellis), Marsilius oder auch von Garsilius (Zillis), 
Aegidius (Gillis), Dionysius (Niis, Nys); sie haben die Familien- 
namen Nellissen, Zillissen, Guussen, Niessen zur Folge gehabt. Lacomblet 
erwähnt um 1554 einen „Neliss uff dem Driesch Bürgerbinnen Aichen^" 
Der Name Ciaessen ist in seiner Ableitung von Nikolaus bekannter. Maassen 
jedoch kann von Thomas und dem Fluss Maas herkommen. Die Stadt- 
rechnungen S. 288 nennen einen in städtischen Diensten stehenden „Dummois 
(Thomas) van Oepen, de den swingel vurt" imd 305 einen „heren** Moysse. 
Martin gibt M6rtens und Thienes als Familiennamen. 

Die Wechselformen, welche die aus Servatius kommende Restform 
(Vats, Vaz) Vais oder Vaes ansprechen könnten, sind die jetzigen Vaessen, 
Vossen, Vussen auch Füssen. Vaes verhält sich zu Claes wie das modernere 
Föss zu gleichem Clöss. Daher ist der Familienname Vaessen nur von 
Servatius abzuleiten. Ein altes Voeschin in der Koseform, wo ae = oe, 
gehört dazu *. So leiten sich auch die heutigen Namen Voessen und Vosen 
(Vössen) von Servatius, Vössen dagegen besser von Vuhs oder Vuss (Fuchs) 
ab. Zur Klasse der Füchse gehören demnach: Werner Vu(o)ysgin^, ein 
Vu(o)ys de Schonenberg^ und Vos, der „umb beringe*' 9 M. erhält ^ 
Der auf S. 107 angeführte Jo. Leytfuys ist der moderne „Leichtfuss" und 
entspricht einem Tzartfoiss der Verpflichtungsurkunden ^ In hiesiger Stadt 
kommen im Dialekt Voesse = Vaessen und Fusse = Vossen noch zur 
Unterscheidung. Das missbräuchliche Vossen ist ein hochdeutscher Ein- 
dringling. 

Frines und Krines sind Zusammenziehungen aus Severinus bezw. 
Quirinus ^ Diese Formen sind auch dadurch merkwüi'dig, dass sie die Konso- 
nanten der Urform so ängstlich wahren. Der Vokal ist nur in der betonten 
Silbe voll geblieben. Das S. 78 der Stadtrechnungen erscheinende Flips ist 
nach demselben Princip aus Philippus hervorgegangen. Frines und Krines 
haben die Familiennamen Frings und Krings verursacht. Die Nasalirung 
des n zu n , die sich dabei ereignet, ist im Dialekt schon alt. Dies ist 
ersichtlich aus der Form rengmeister =: Rentmeister® und aus dem im 
Glossar irrthümlich erklärten Wort „bancklocke", welches als Bann-Klocke 
aber nicht als „Bange Glocke** zu verstehen ist. 

Eine Erinnerung an die weltberülunte Kapelle San Vitale von Ravenna 
klingt aus dem Namen Fittayl. Derselbe, nach Art der alten Restformen 
gebildet, ist in den Stadtrechnungen ^ häufig unter den verschiedenen 
Schreibungen: Fittoyl, Ficcoyl und Fittayl vorfindlich. 



^) A. a. 0. m, Nr. 340. 
2) Aachener Stadtrechnungcn, S. 309. 
8) Ebendas. S. 258. 
*) Ebendas. S. 269. 
») Ebendas. S. 276. 

ß) Zeitschr. d. Aach. Gesch.-Ver. VIII, S. 251, 

^) Uebrigens entspricht die volle hiesige Dialektform: Kurines dem altlateinischen 
Kurinas. 

») Aachen. Stadtr., S. 392. 

0) Ebendas. S. 104, 105, 111, 117, 124, 138. 



— 103 — 

Es erübrigt noch, zwei Namen anzuführen, die schon früh in den 
Rechtsdenkmälern und Stadtrechnungen angegeben werden. Es sind 
dies die Namen Statz und Colin. Beide sind aus den Heiligennamen 
Eustachius bezw. Jolinus entstanden. Als Vornamen hat Eustachius oder 
Eustathius drei Formen erzeugt : Euskin(us) \ Staz und Estas ^. Estas ist 
der heutige Familienname Istas, während der Vorname Statz in seiner 
alten Form zum Familiennamen geworden ist. Ein Heinrich Stach von 
Reifferscheid gewährt 1431 der Stadt Aachen einen sechswöchentlichen 
Waffenstillstand*. Statz von Segroede ist 1412 Schöffe in Aachen ^ Dass 
Statz Familiennamen geworden, beweist folgende Stelle der Stadtrechnungen, 
S. 386: „It. junffer Tulen Statz mu(o)nen eyn dirdeil gul." Starz hat 
mit Staz nichts zu thun, da ersteres nach Dr. Steubb „Oberdeutsche 
Familiennamen" S. 41 von dem altdeutschen Starkolf (= Starkwolf) abzu- 
leiten ist. 

Der Name Colin ist durch die Formen Jolinus, Golinus, Kolinus vom 
Vor- zum Familiennamen gegangen ^ Jolinus war dem Altaachener ein 
leicht zu wählender Taufname, da die jetzige Kreuzkirche Sint Joline hiess ^. 

Auch die lateinischen Genitive der vorerwähnten christlichen Namen 
konnten, in dieser Form erstarrt, als Familiennamen auf uns kommen, 
z. B. schon im Nekrolog : Andreae = Andree, Lamberti, im Bussenregister 
Winandi; vollständig schon in den Stadtrechnungen. S. 125: Jo. Christiani. 

IL Namen von lateinischen Bezeichnungen für Stand, Gewerbe, 

Herkunft. 

Die lateinischen Bezeichnungen für Gewerbe und Stand sind insofern 
beachtenswerth, als sie ein Bild der hiesigen sozialen und kulturellen 
Erscheinungen in älterer Zeit ergeben. Es ist jedoch nicht angehend, 
denselben hier erschöpfend Raum zu geben, deshalb genüge auch für sie 
eine Auswahl hervorstechender und gebräuchlicherer Formen: 

Advocatus, Fürsprech, Vogt. Allutarius (Necr.), Feinlederbereiter. 

Apothecarius, Apotheker. Aureus textor, Goldwirker. 

Braxator, Brauer. Cambitor, Wechsler. 

Campanator, Glöckner. Candelator, Kerzenbäckeri 

Capellanus, Kaplan. Carbenarius (= Carbonarius), Köhler. 

Carnifex, Fleischer. Carpentarius, Zimmermann. 

Caupo, Schenkwirth. Cerdo, Handwerker, Schuhflicker. 

Cervisicator, Biervorkäufer. Cocus, Koch. 
C^lerator (= Colorator), Färber. Colonus, Landwirth. 

Comestabuli, Stallgraf. Cultellator, Messerschmied. 

Dimicator, Kämpfer. Domicellus, Jimker. 

') Ebendaselbst S. 198. 

*) Fehdebriefe, S. 28 wird ein Estis und Estas von Vurde erwähnt. 
•) Ebendas. S. 54. 

*) Aach. Stadtr., S. 263, zum Jahre 1376: Eustacius Segroede. Loersch, Rechts- 
denkmäler, S. 80. 

*) Aachen. Stadtr., S. 302, 842, 262, 122. «) Ebendas. S. 802. 



— 104 — 

Factor vitrorum, Glasmacher. Fusor pottorum, Kannengiesser. 

Herbarius, Kräutermann, (v. Apotheker.) 

Institor, Krämer. Lapicida, Steinhauer. 

Ligator vasonim, Fassbinder. Luminatrix (in foro), Leuchter (in). 

Major, Oberer, Meyer. Mercator, Kaufmann. 

Monetarius, Münzermann. 

Parator anfrarum, Eimermacher, Küfer. 

Pellifex, Fellbereiter, Pelzer. Pistor, Bäcker. 

Pugillator, Faustkämpfer. Rubeator, Rothfarber. 

Saccifer (= Saxifer), Sackträger. Sartor, Schneider. 

Scabinus, Schöffe. Scultetus, Schultheiss. 

Sutor, Schuster. Textor, Weber. 

Venator, Jäger. Villicus, Meier. 

Vinitor, Winzer. Wambasiator, Wammsstricker. 

Aus der Zahl vorstehender Gewerbenamen sind in alter Zeit nur 
wenige in ihrer lateinischen Form gebraucht worden. Es war erst der 
Humanistenperiode vorbehalten, unsere ehrlichen deutschen Familiennamen 
zu latinisiren. Von den oben angegebenen „deutschen" Ausdrücken 
sind bereits in alter Zeit einige zu stehenden Familiennamen geworden. 
So in den Stadtrechnungen: Klocker (Glöckner), Kremer, Schroeder 
(Schneider), Boeder (Rothfarber), Beckergin (Bäcker), Pelzergin (Pelzer) 
u. s. w. Interessant ist es, dass Seite 213 sich auch schon ein Familien- 
name Kapployn (= Kaplan) befindet. Dazu fügt sich passend der Familien- 
name Klausener, der als clusenarius schon im Nekrolog, S. 43 auftaucht. 
Geradezu überraschend ist aber die Angabe Necr. S. 18: 0. Gerardus 
sacerdos dictus Kempo pro quo habemus dim. m. „Es starb der Geistliche 
Gerard Kämpfer, für den wir V2 M« erhalten**. Ein Geistlicher kann doch 
nicht gut Kämpfer sein, wenn er auch im Mittelalter lebte. Er kann 
aber wohl von Kämpfern abstammen. Kempo ist wörtlich das oben 
angeführte lat. dimicator. Diese dimicatores bildeten das hiesige städtische 
Institut der Klüppel- und Faustfechter, welche in den Stadtr. erwähnt 
sind. Das Haus „Klüppel" in neuer, und „Hermann Cluppel" (Stdtr. 310) 
in alter Form deuten auf jene Stockfechterliebhaberei hin, die noch heute in 
Holland an manchen Orten in Schwung erhalten wird. Die Pugillatores sind 
wohl eine Art Boxer gewesen ; sie verewigte der Familienname „Fausten" ^ 

Den alten hiesigen Beamten sind ihre lateinischen Bezeichnungen 
vielfach erhalten geblieben, allerdings sind die betr. Formen entsprechend 
dem Genius unsres Dialekts umgebildet worden. Aus Advocatus 
wurde Vaigt heute Voyt; Major gab Mayer, Maier, Meyer und Meier. 
Villicus ist anscheinend verschwunden, jedoch ist der noch blühende 
Familienname Vlix bezw. Vliex leicht an ihn anzuknüpfen. Villicus bildet 
Vlix, genau wie Philippus = FUps. Wurde, ehe dieser Vorgang eintrat, 
die lat. Endung — us abgeworfen, so entstand Vlic mit der hiesigen 
Verdumpfung Vlec, genau wieder wie aus Philipp Fiep. Vlec (Flec) bildete 



') Necrol., S. 58. „filia pugilis = des Faustkämpfers Tochter". 



— 105 — 

den Stamm zu modernem Vleccen, Vleggen, Flecken. Die Ortsbezeichnung 
Flecken = kleiner offener Ort, gewöhnlich mit Amtssitz, kann von einem 
ehemaligen Villicat oder einer Villicatio ihren Ursprung herleiten. Pick^ 
nennt einen Heinrich Vlecke von der Mulen; es liegt nahe anzunehmen, 
dass dieser Zuname Vlecke hier im Sinne von „Meier eines Mühlhofes" 
gebraucht ist, entsprechend dem Vaigt auf Seite 64: „Junker Heinrich 
Vaigt, herre zo Honoulsteyne". Der Ortsname Fleggendale oder 'VHeggen- 
dale hat von der örtlichen „flachen" (Viech) Beschaffenheit seinen Namen. 
Jedenfalls ist keine Fliege dabei im Spiel. Ebensowenig wie bei dem 
Johann Tzartfoiss genannt Koevliege ^, letzterer Ausdruck bezeichnet nicht 
etwa eine böse Fliege, sondern einen bösen Villicus. Koevliege ist das heutige 
Quadflieg. Koe ist eben Mittelform zum neudialektischen Kue, entstanden 
aus dem alten quad „böse" *. Unsern starknervigen Vorfahren war eine 
böse Fliege nicht so lästig als dies ein böser Villicus unter Umständen 
ganz sicher sein musste. Man nennt noch heute eine heikle Angelegenheit 
„verflixt" = Dat esn verflixde Jeschichte! Quadflieg ist ein eminentes 
Beispiel einer durch Gleichlautung verursachten Wechselform. In Analogie 
entstanden zu Quadflieg = quad villicus Hesse sich hier noch anfügen: 
Heynrich Qua(o)ytaff* = quad afecayt (advocatus) = böser Vogt. . * . . . 
Quoduytz S. 294 der Stadtrechnungen könnte einem quadvitz d. h. bösen 
vicedominus entsprechen ^ 

Die Herabwürdigung des Scultetus (als Familienname Scholtus und 
Scholtis) zu Schouits als Spottnamen ist bekannt; Schouits ist aber auch 
Familienname wie Quadflieg. 

Praepositus = Propst hat die Abkürzung nach der Art von Philipp 
= Flip erfahren und änderte vielmals Proifst, Proist, und Proift! Aus 
letzterer Verwandlung entpuppte sich auch Prent, der Aachener Familien- 
name, unter vollständiger Diphthongirung des alten Halbdiphthongen. 

Als Beisitzer im Synodalgericht von Aachen wurde der Parochian 
berufen. Der Name dieses Würdenträgers ging durch Zusammenziehung 
und Schleifung des ch in ff in den Namen eines städtischen Zimmermeisters 
Proffia(o)n über. Der Wandel von ch zu ff ist unserm Dialekt durchaus 
nicht fremd (vgl. kriechen, kruyffe). 

Die alten städtischen Schutzleute hatten den Namen ihres Chefs 
Casta(o)vel, aus Comestabuli abzuleiten. In England heissen bekanntlich 
noch jetzt die Schutzleute mit ihren unmittelbaren Vorgesetzten the con- 
stablery. Unser casta(o)vel entwickelte a durch das explosive k (Knaller), 
und die Silbe ta(o)vel geht denselben Gang wie das stärker dialektische 
toffel = Tisch aus lat. tabula ^ Casta(o)vel trat zu Christoffel (Christophorus) 
in Wechsel und so ergaben sich Kerstoffel und im vorigen Jahrhundert 



») Fehdebriefe S. 70 

') Pick, Verpflichtunggurkunden . . in Zeitschr. d. Aach. Gesch.- Ver. VIII, S, 257. 
*) Stufe: qnad, kod, koe, kue. 

*) Loersch a. a. 0. S. 189. *) Quademeier ist noch heute Familienname. 
•) Noch heute lautet Tafelmesser = Toffelmetz. In den Fabriken heisst Tuch auf 
glattes Brett wickeln „Doich toflfele**. 



— 106 — 

sogar Kurstoflfel. In Kerstoflfel ist Umstellung wie in Kerstioen (Christian). 
Durch das an den Stamm Kyrie (Kerich) anklingende Ker verleitet, bildete 
das Volk durch Uebertragen des Begriffs der Sache (Kirche) auf die den- 
selben vertretende Person (papa niederl. pape) den Spottnamen Papstoffel. 

Im Nekrolog sind ludeus und Paganus als Familiennamen aufgeführt, 
ludeus erklärt sich durch die Abstammung von einem luden wie Paganus 
durch solche von einem Heiden. Das bei Quix Necrol. p. 32 angeführte 
Wolterus Paganus ist also aufzufassen. Paginus vir, welches S. 34 vor- 
kommt, bezeichnet einen Mann aus dem Gau. Paginus ist wieder zu 
trennen von Goudingus S. 50, ein zum Gauding d. h. Gaugericht Gehörender. 
Von der Form Paganus ist unser neudialektischer payaan = „tölpelhafter 
Vierschröter" abzuleiten. Die Verachtung, welche man gegen den Unge- 
tauften hegte, endete in Spott. Paganus, der im Gau draussen auf der 
Heide Lebende, stand unter denselben Kriterien der Dummheit wie der 
von der Stadt entfernt lebende „Bauer** unserer Tage. In den romanischen 
Ländern leitet sich daher „Bauer und Heide** z. B. frz. paysan, und 
paien aus dem gemeinschaftlichen lateinischen Namen paganus her^ Es 
ist nur natürlich, dass an der Grenze zu den Romanen dieselbe Vorstellung 
Platz griff. Uebrigens entstand der Name Heide bei den Deutschen eben- 
falls auf demselben Wege (haithi = Feld)*. 

Unter die von Oertlichkeiten herrührende lateinische bezw. latini- 
sirte Namengebung fallen hier nur wenige Formen. Die gewöhnlichen 
Bezeichnungen sind ja nur Uebersetzungen aus dem Deutschen. Einige 
Aufmerksamkeit verdient der Name Juncheit, weil von unzweifelhaft 
lateinischem Stamm imd in der ersten Form der Urkunde bis heute 
geblieben. Juncheit ist entstanden aus juncetum^ = Ort, wo Binsen 
wachsen. Die Beschaffung der Binsen für Bestreuung der Strassen bei 
feierlichen Prozessionen und für die Gemächer der Vornehmen und 
Klostergeistlichen ist vielfach bezeugt. Die Binsen wurden auf den 
Boden gestreut und ersetzten den Teppich. Es konnte sein, dass bei 
Reichsstädten wie Aachen sich manchmal ein grosses Bedürfniss für diesen 
Artikel zeigte und dass die Sorge für seine Beschaffung einem besondern 
Beamten anvertraut wurde. Bei den eigenthümlichen Verhältnissen des 
Mittelalters konnte es eintreten, dass ein derartiger „Hoflieferant** auch 
Junker, in diesem Falle vollendeter „Krautjunker** war. Seltsam ist es 
entschieden, dass man sehr oft die Juncheit mit Junkerthum verwechselt 
hat. Die Aachener Juncheit liegt vor Vaelserthor, ist aber jetzt eine in solch 
prosaischem Zustand befindliche Mühle, dass man schwer sie als Sitz eines 
darnach benannten alten Geschlechtes, welches sogar Münzrecht besass, 
ansehen würde. Im Bering des alten Reichswaldes findet sich auch ein 
Junggenwinkel erwähnt*. Man kann nicht daran denken, die bei Quix 
Necr. S. 23 erwähnte Jutta de junccis, noch die S. 33 angeführte Ida, 



») Diez, Etym. Wörterbuch I. 282. 

') Ebendaselbst. 

^) Mar Jan, Keltische und lateinische Ortsnamen in der Rheinprovinz III S. 14. 

*) Lacomblet, Archiv XU 226. 



— 107 — 

Tochter des Simons von Juncheit, in dem nacli Montjoie zu gelegenen 
fernen Jiinggenwinkel aufzusuchen. Auch die Stadtrechnungen erwähnen 
die von Junchheit, aber in der Form de junccis, ebenso wie Quix. Ist das 
etwa ein Lesefehler? Die richtige Schreibung ist de junceis: „De Junceis ^ ... 
Et custodi dormitorii dantur VI ligaturae, quas projiciunt in dormitorium 
et in ambitum". „BetreflFs der Binsen .... Und zwar werden dem Auf- 
seher des Schlafsaals sechs Gebund gegeben, die man in den Schlafsaal 
und in den Umgang streut**. Ist junceus richtig und c Zischer, so ist 
es für den Aachener Dialekt schwierig, aus juncetum = Juncheit mit 
explosivem k zu bilden. Porcetum = Burtscheid hat ja auch c zu tsch 
gebildet. Diese Schwierigkeit löst aber der Altmeister romanischer Sprach- 
forschung Diez*, da er gerade für die Form juncetum den sonderbaren 
Charakter des c feststellt. Danach lautet schon im Italienischen die 
Bezeichnung für eine Art Narcissen Giunchiglia, im Spanischen junquillo, 
im Französichen jonquille. In allen drei Sprachen ist also c nicht Zischer = 
tsch sondern Knaller = K. „Dass man nicht giunciglia bildete," (also mit 
Zischlaut) fahrt Diez fort, „zeigt eine spätere Entstehung des Wortes an, 
aber (und das ist hier sehr wichtig) man behandelte juncetum auf dieselbe 
Weise, indem man giuncheto sprach.** Hieraus folgt klar, dass Laurent 
und Quix durchaus keine Lesefehler gemacht haben, als sie de junccis 
schrieben. Die oben angeführte Kölner Quelle bei Lacomblet hat zwar die 
lateinische Schreibung junceis wiedergegeben, ist aber für die Sprechung 
nicht anzuziehen. Richtiger ist da unser Aachener Junccis und Junggen- 
winkel mit k haltigem cc und gg. Wir sehen, dass unser richtig dialektisches 
Jonkeit genau dem richtigen lat. juncetum entspricht, die Verwechslung 
mit Junker fällt auch deshalb nicht dem Dialekt sondern der Verhoch- 
deutschungssucht zur Last. 

Es ist nur gerechtfertigt, dass, wenn der grosse Diez den gordischen 
Knoten in dem Junket durchhauen hat, die Leuchte seiner Wissenschaft 
auch einmal auf den hiesigen Namen „Venu**, bekanntlich eine Strassen- 
bezeichnung, gerichtet werde. Man kann unser Venu nicht wohl zu dem 
grossen „hohen Venu** in Beziehung stellen. Während man das hohe 
Venu nach seiner ganzen Beschaffenheit dui'ch das noch heute im Eng- 
lischen gebräuchliche „fen**^ als eine gedehnte und hoch gelegene, 
in ehemaliger Zeit ganz und heute noch stellenweise überschwemmte 
Gras- oder Riedfläche, als ein Moor erklären und mit Grund dafür 
halten kann, ist dieselbe Erklärung nicht auf unser kaum wenige Schritte 
langes Venn, welches zwischen zwei uralten Strassen liegt, anzuwenden. 
Es mtisste denn vorige Bezeichnung von einer grossen Fläche auf diesen 
engen Raum übertragen worden sein. Das ist aber unmöglich, da das 
Venn auf einem vom Aachener Walde aus nach dem Markt zu fort- 



Ebendas. a. a. 0. II, S. 42. 

«) Etym. Wörterbuch I, S. 167, 

') Webster, Dict. S. 399; fen = low land overflowed, or covered whoUy or partiaUj 
witb water, but producing sedge, coarse grass, or other aquatic plants; boggy Land; a 
moor or marsh. 



— 108 — 

während sich senkenden Höhenzug, nicht auf einer ebenen Fläche liegt. 
Venn bedeutet einfach Mühlenschleuse. Auch war noch bis vor 
Kurzem und ist vielleicht noch heute ein altes Mühlrad in dem anstossen- 
den kleinen Fabrikgebäude zu sehen. Sicher aber ist, dass in früherer 
Zeit eine Mühle daselbst gestanden hat. Die von Diez zu venna = 
Mühlschleuse gegebene Erklärung ist ihrem ganzen Inhalte nach für 
unsern Ort und die ganze Gegend so zutreffend, dass sie hier voll- 
ständig wiedergegeben werden möge^ Er sagt: „Vanne fr. kleine schleuse 
in mühlgräben u. dgl. Venna in fränkischen und andern Urkunden bedeutet 
eine verzäunung in Aussen oder teichen, um die Fische abzusperren, z. b. 
unter einem König Childebert : Cum piscatoria (Fischfang), quae appellatur 
venna, cum piscatoriis omnibus, quae sunt in alveo Sequanae. Unter Chil- 
derich: Aviaco, ubi Gara lacus vennam habuit. In einer späteren aus 
Deutschland : concessit . . . unam vennam pro capiendis salmonibus .... 
quas ipse testis reparavit cum perticis et virgultis. Daher der name eines 
ortes an der Seine Carolivenna, jetzt Chalevanne. S. DC (Ducange) und 
Graff m. 126. Das Wort ist noch ungelösten Ursprungs und scheint 
weder der celtischen noch der deutschen Sprache zu entstammen. Graff, 
der es für einen Korb zum Fischen hält, was es offenbar nicht ist, ver- 
weist auf benna oder gar, wie auch Ducange, auf fenna sumpf. Aber der 
franz. anlaut v lässt sich aus keinem andern labial ableiten, er weist ent- 
schieden auf den gleichen lat. anlaut. Hier scheint einige ansprüche zu 
haben viminea (etwas geflochtenes), denn diese absperrungen bestanden 
gewöhnlich aus flechtwerk, welches dem Wasser den durchgang erlaubte. 
Da der Franzose das suffix eus nicht anerkennt, so zog er viminea in 
vimna zusammen, wie er z. b. auch faginea in fägina (faine), der Proven- 
zale femineus in feme zusammenzog, indem der accent auf die Stammsilbe 
zurückwich. Auch vinne begegnet im Mittelalter." 

Danach wäre der künstliche Lauf der Pau, welche die Venne bedingt, 
schon in fränkischer Zeit vorhanden gewesen, und da sie Fische führte, 
auch das frühe Vorkommen des Namens Fischer (Vischer) erklärlich. 

(Fortsetzung folgt.) 



Verhaltiiiigsniassregeln in Pestzeiten. 

Von C Boehmer. 

Auf vier Papierblättern in Quartformat (Wasserzeichen eine Wein- 
traube und ein Blattornament mit den Buchstaben A imd M ?), welche 
der Handschrift nach zu urtheilen, aus dem ersten Drittel des 17. Jahr- 
hunderts herrühren, und in den Archivalien von Schönau sich vorgefunden 
haben, sind eine Reihe von Vorschriften mitgetheilt, welche die gesammte 
Lebensführung der Menschen während einer Pest zu regeln bezwecken. 
Dieselben sind wahrscheinlich in den Jahren 1622—36 verfasst und vielleicht 
mehrfach abgeschrieben worden, als die Pest in Aachen mit Unterbrechungen 

a. a. 0. n, S. 695. 



~ 109 — 

wüthete. (Vgl. Lersch, kleine Pest-Clironik, Aachen 1880 und das hand- 
schriftliche Begräbnissregister der St. Peterspfarre von 1622 — 1688.) Die 
Schreibweise des Originals ist beibehalten, nur das vokalische v ist in u 
verwandelt, 11 und tt im Auslaut in 1 und t vereinfacht worden. Das 
Gleiche gilt von nn im Inlaut des unbestimmten Artikels. 

Wie man sich ihn Pestzeiten zu verhalten habe. 

Daß vomembste ist die praeservation. 

Undt weils per contagium wirt vortgepflantzet, alß solle man sich 
huetten viel unter leuht zue konunen undt alle grosse versamblungh deß 
volcks meiden. 

Sich voirsehen in kleider, tuech, leihnwadt etc. zue kauffen. 

Hunde undt katzen gäntzligh abschaffen. 

Alle grosse bewegungh deß leibß undt gemtihts meiden. 

Die wohnungh soll sauber sein, wie auch die kleidungh, 

Der Lufft gereiniget durch fewer auß gifft vertreibendem holtz. 
durch reucheren so wohl mit feuchten alß mit truckenen Sachen, item durch 
bestrewungh der gemacher mit gewissen kreutteren etc. 

Die fenster sollen nit offen gehalten werden sunderligh ahn trüben 
tagen, wanß schon wetter ist, solle man sie doch nit ehe eröfhen, biß 
die sonne eine stundt oder zwo geschienen undt gegen abendt voir der 
sonnen niedergangh geschlossen, die gemacher gegen morgen undt mitter- 
nacht seint die bequemste. 

Der leib soll rein sein ihnwendigh. dan wan der leib stettigh offen 
natura vel arte durch zäpflein, klistier, pillen, kuchlein, morseilen ^, confectiones 
syrop etc. und weiln die purgirende artzeneien nach Constitution und 
gelegenheit des gewitters, complexion und alters, auch andere umbstände 
müssen geordtnet werden, ist rahtsamb dass man sulge nit ohne raht 
eines medici einnehme, welges auch zu verstehen von dem aderlassen. 

Ihn essen undt trincken soll man mässigh sein, meiden obst, grobe 
fisch, stinckendt fleisch undt alles, wahs zu faulungh und bösen feuchtig- 
keitten uhrsach gibt, die speisen offt bereitten mit saurampffer, essigh undt 
anderen Sachen, die der faulungh wiederstehen alß citronen, pomerantzen etc. 

Viel wein und andere hitzige Sachen uberflüssigh gebraucht semt 
nit nützligh. Ein trunck warmuht, cardenbenedeitten wein under der 
mahllzeit ist guet. man kan auch ordenen lassen ettlighe species zum 
tranck. 

Artzeneien zur praeservation semt pulffer, ktichlein, morsellen, lat- 
wergen*, gifftessigh etc. alles morgens zue gebrauchen. NB. man mueß 
aber offt umbwexelen mit den artzeneien undt halt dieses halt ienes 
gebrauchen, damit die natur derselben nit gäntzligh gewöhne. 

Die kleider sollen sauber sein, die hembter offt vernewert, die kleider 
bereuchert. Daß ahngesicht, halß, unter den armen, die schäm etc. offt 
mit wohlrichenden wässeren und wohlrichender seiff gewaschen etc. 

Zackortäf eichen, denen man in geschmolzenem Zustand Arzneimittel zusetzt. 
*) Musartige Arzneiform. 



— 110 — 

Man soll nit nüchteren auß dem hauß gehen, sonderen erstligh die 
obgesachte artzeneien brauchen entweder allein oder uf einem bissen brodt 
mit butter undt rautten etc. 

Item man soll haben ein knöpflein, darihn ein schwämlein mit rosen 
oder hardienessigh genetzet und selbiges auff den gassen voir die nase 
halten. Man macht auch underscheidtlighe baisam ahn die naßlöcher zue 
streichen. Item amuleta oder gifftschildtlein um ahn den halß zue hencken. 

Zeichen, ob einer mit disser krankheit begriffen sei, wan er sich 
beklagt über plötzlighe mattigkeit deß hertzens undt aller glieder, fehlt 
ihn schewr oder frost undt balt darauf grosse hitze, bißweilen haben 
sey ihnwendigh grosse hitze und eusserligh frieren ihnen die glieder, klagen 
über hefftigen kopfwehe undt Schwindel deß haupts, seint ungewohnligh 
schwermüttigh und trewrigh, haben einen uberauß grosse Zueneigungh zum 
schlaff, verwandelen ihre natürlighe färbe ihm ahngesicht undt werden 
grewligh. fahllen zue zeitten ihn ohnmacht, bekommen einen eckel über 
die speise undt verliehren den appetit, empfinden dürre ihm mundt undt 
bißweilen durst, bekommen einen kurtzen athem, hertzklopfen, drücken umb 
die brüst undt dergleichen zuefäll, brechen undt übergeben sich auch offt- 
mahlß undt schwitzen einen kalten ubelrüchenden schwitz auß, haben 
schnellen undt ungleichen puls. Audi wo die natur. stark, schiessen blätteren 
und beulen auff hinder den obren, ahn den knien, untter den armen, ihm 
geschöß undt anderen örteren deß leibß, welge auffschiessungh bei den 
meisten erst ahm anderen oder dritten tagh zue geschehen pflegt, dero- 
wegen man mit der cur nit allzeit daß zeichen erwarten soll. 

Wan nuhn ihn sterbenßzeitten sich bey iemandt ietzgemelte zeichen 
finden oder der melirertheil, (dan bey iedem menschen sey sich nit all- 
zeit alle finden) soll man nit erstligh nach dem medico senden, sonderen 
ohne verzugh ein alexipharmacum ^ oder eine artzeney wieder den gifft ein- 
nehmen, die man dan nit erst auß den apotecken holen soll, sunderen 
tagh undt nacht bey sich bereit haben soll: dann die krankheit leidet 
keinen verzugh, sunderen sey eihlet alßbalt zum hertzen undt wo 8 oder 
12 stunden verflossen, wirt man ihr wenigh abbruch thuen künnen, auch under 
hundert kaum einen aufil}ringhen künnen, da nembligh die natur starcker 
alß daß gifft, welges doch selten geschieht. 

Solge antidota seint Thiriack^, Mithridat, Diascondium etc. ein 
quintlein oder zwey eingenohmen, zertriben ihn einem gifftessigh etc., sich 
alßbalt ihnß bebt gelegt undt wohl geschwitzt; aber ia acht geben, daß 
er nit schlaffe den ersten tagh undt sunderligh nit ihm schwitzen. 
Darmnb er ettwaß essigh voir die nase soll halten, wan er die artzeney 
veleicht wieder alßbalt von sich gebe, soll er nach außspülungh deß 
mundts alßbalt eine andere nehmen biß zum dritten undt vierten mahl, 
biß er sey endtligh behalte. 

Wan er nit schwitzen kuntte, soll man ihm warme Ziegelstein ihn 
ein genetztes leinen tugh gewicklet oder eine flesche mitt heissem wasser 

*) Giftaustreibende Mittel wie Kampfer, Moschus, etc. 

') Ein altes ünivcrsalmittel von sehr verwickelter Zusammensetzung. 



— 111 — 

ahn die fuesse setzen undt darneben wohl zuedecken, oder lege ihni ein 
warm brodt ihn beide seitten; oder schneide die untere rinde vom brodt 
ab einer gutten handt breidt, giesse darein brandtwein oder sunsten spanischen 
wein mit Thiriack vermischt, legs ihm warm auff den nabel undt laß 
ihnen so schwitzen; daß brodt muß man hernach tief ihn die erde begraben. 

Den gifft vom hertzen zue ziehen, binde ihrae ilmi wehrenden schweiß 
gestossen rättigh ahn die fueßsolen, ziehet giflft undt hitze herunter; oder 
lege ihme ein vesicatorium auff den pultz, ahn die handt, oder ahn den 
grosse zehe auff den fueß, biß eß einen zimblighe blase auffzeugt, durch 
welge hernach ein wulner faden gezogen, daß eß stättigh außfliesse. 

Damit er aber ihm schwitzen nit krafftloß werde, halte ihm weiß- 
brodt ihn malveser granaten wein, citronen safft etc. geweichet voir die 
nase; oder ein schwämlein genezt ihn gifft essigh und rosenwasser, darihn 
thiriack zertriben, oder halte ihme eine frische citron voir die nase. Inner- 
ligh zue erquickungh gib ihme einen leffel citronen oder granaten wein, 
johansbeersafft, rosenzueker, confect de hermes ihn einem bequemen 
wasser zerlassen. 

Wan er geschwitzt, huette er sich voir die lufft undt wan man ihme 
den schweis mit warmen tucheren abgetrucknet undt ein weisses hembt 
ahngelegt, bringhe man ihnen ihn ein gantz neu zugerichtes frisch bebt, 
ia wo mögligh ihn eine andere kammer. 

NB. Wan sichs zuetrüge, daß einer alßbalt nach dem essen mit 
der krankheit wurde begriffen, soll er trachten, daß er durch hulff eines 
voraitory die speise alßpalt wider von sich gebe; undt hinfort sich alßbalt 
zum schwitzen schicken, wie ietzt gesagt. 

Deß kranken speisen sollen wohl dewligh sein zuegerustet mit citronen 
undt granaten safft, johansbeersafft etc. gerstengranen, hünner suppen, 
iunghe hüner, gestossene mandelen, darunter man hirschorn undt bereittete 
perlen mag vermischen. 

Der tranck seye ein geringhes hier oder ein gersten wasser, man kan 
allzeit ein wenigh gifftessigh darunter mengen. 

Wan der patient nuhn einmahl außgeschwitzet, auch ettwas speise 
zue sich genohraen, soll man nit gedencken, daß nuhn alles geschehen sey. 
Sunder über ettlighe stunden ihm wieder ein Antidotum eingeben (alterius 
generis), ihn lassen schwitzen undt machen wie obengesagt. Dan ihn den 
ersten zweyen oder dreyen tagen ist nöttigh, fast alle stunden entweder 
durch artzeneyen, speis undt tranck dem gifft zue wiederstehen undt offt 
continuiren, dan die pest ist tuckigsch. 

Zum durst brauche man mandelmilch undt mische allzeit ettwas 
giffttreibendes daruntter alß gebrandt hirschorn etc. Item gebrauche kühlende 
latwergen undt dieses alles continuire biß zue augenscheinligher besserungh, 
da man dan allgemagh die Antidota minuiren kan ohne darauf zue schwitzen \ 
undt wan er gantz genesen, pleibe er noch . . . ^ zue hauß, damit ettwas 
anders gecansirt werde. 



*) unleserlich. 



— 112 — 

Wan die natur daß gifft ahn einigem ort, nembligh hinder den obren, 
under den knien, under den acbselen undt ibm geschös [erzeugt], sulges kan man 
merken, so man huestet oder reuspert, dan also findet man scbmertzen 
ahn den örtberen, da die blätteren oder beulen willen aufiahren, so soll 
man den ortb warm balten undt einen laßkopf oder vesicatorium, wöbe die 
natur zue scbwacb wäre, von sieb selbsten außzuetreiben, darauff setzen, 
ytem ein biacbylonpflaster oder ein cataplasma von gebratenen Zwiebelen, 
Tbiriack, venedigscber seiflfen, rettigb etc. So palt aber die blätteren 
abnfangben sebwartz zue werden, so müssen sey mit einer flinten eröfnet 
werden. 

Zu den flecken ist guet scbrepfen under den armen undt neben der 
scbäm, docb nitt ihm ahnfangb alßpalt, sundern nach dem schwitzen. 

Welge den patienten auffwarten, sollen wochentligh zweymahl ein 

quintlein pestilens pulver nehmen, abends undt morgens den mundt wohl 

spülen mit gifftessigh, daß Zahnfleisch reiben mit Mithridat, die nase 

ofil beschmiren mit einem nasensälblein, ihm mundt 

1 

Wan der kranken^ nöhten, soll man . . . .K voller wasser bey ihnen 
setzen, auch ein warmes . . . ^ von einander gebrochen dan sulges zeugts 
gifft ahn sich. 

Den tödten soll man innerhalb 24 stunden nit begraben, dan offt 
erfahren, daß sey nuhr ihn eine ohnmacht gefallen undt darnach wider 
zue ihnen selber kommen. 

Wegen anderen zueföllen kan man sich durch eine discrete person 
bey dem medico rahts erholen. 

NB. so palt einem eine drüsen außschiesset lege er alßpalt einen 
eyer dotter darauf mit einem wenigh saltz (oder aber öhl) undt verendere 
die eyer dötter off't. 



') unleserlich. 



Fragen. 

1. Wer kann den Namen Lousberg erklären? Derselbe wird in einer Urkunde vom 
Jahre 997, 27. Oktober dreimal genannt „in monticulo Luouesberg dicto", „monticulum 
luouesberc nominatum**, „in monticulo luouesberc". Im Jahre 1005, 7. Juli heisst er 
„luuesberc*^. 1059,4. März „nominatim autem capellam in monte luouesberchpositam^. 
1226, Juli. „CapeUam in monte Luiesberch positam**. (Vgl. Lacomblet, ürkunden- 
buch Bd. I, II.) In der Grafschaft Altena liegt ein ehemals zur Abtei Siegburg gehörender 
Berg fast gleichen Namens. Derselbe heisst zum Jahre 1096, 13. Dezember „Louesberc," 
1109, 28. November „Luuesberch", 1116 „Lüuisberg", 1181, 18. November „Luues- 
berg". (Ebendaselbst.) A. 

2. Der Thiergartcn, in welchem Karl der Grosse öfters zu jagen pflegte, erstreckte sich 
in südöstlicher Richtung von Aachen. Die gleichzeitigen Urkunden nennen ihn „bro- 
gilus** = Brühl. Sind in dieser Gegend vielleicht noch Flurnamen vorhanden, in welchen 
eine Erinnerung an diesen Park fortleben möchte? B. 



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Preis des Jah^Mgs „ ,^„ 

i Hark. in Aachen. 



Mittheilungen des Vereins für Eunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von Dr. E. Wletli> 



Zweiter Jahrgang. 



Inhalt: K. Wieth, Das Landschiff von Comelimfinster im Jahre 1133. — Kleinere 
Mittheilungen: Der Bodensteiner. — Verzeichnias der Mitglieder. 



Das Landschiff von Oomelimünster im Jahre 1133. 

Von K. WIeth. 

Rudolf, ein Abt des Klosters St. Trond in Belgien, verfasste in der 
ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine Geschichte seines Klosters und 
der Aebte desselben. Im 12. Buche seiner Chronik berichtet er nun eine 
merkwürdige Geschichte, die auch Aachen in besonderem Masse angeht 
und deshalb hier kurz mitgetheilt werden möge. Er schreibt*: 

„Gott erweckte — ich weiss nicht zum wievielten Malel — über 
uns den Engel des Satans, damit er unsere Sttndeu strafte. Und bis heut 
noch ist seine Hand über uns ausgestreckt, und sein Zorn noch nicht 
abgewandt. 

Es gibt eine Klasse von Handwerkern, deren Thätigkeit es ist, ans 
Flachs and Wolle Gewebe herzustellen. Sie stehen allgemein in dem 



*) Q«sta abbatom Tmdonenaiom üb. SU ad annum 11 SS in Mon. Qerm. SS. X p. 809 

■eqn „CninqDe ad hanc abhaa et sollicitaret offlclatos et sollicitaretnr a £ratribas, 

■oaeitarit Dena, en neacio qaota vice! super nos angeliun satauae, nt et operis impedimento 
noB contristaret, et mibstantiae detrimento peceata nostra pnniiet. Adhuc enim manns 
dos extensa anper nos, et ira non erat aversa. Provenit autem anb hao occasione. 

Est genns hominnin mercennariornin, quorutn offlcinm est ex Uno et laoa texere 
telas, hoc procax et snperbam snper alios merccnnarios valgo repatator. Ad quonim 
procadtatem et snperbiam hamiliandam et propriam iniuriam de eis nlciseendam pauper 
qnidam nuticus ex rilla nomine Inda (ComelimUnater) hanc diabolicam excogitavit tegnam 
(dolum). Accepta a indjcibos flducia et a levibna hominibus anxilio, qni gaudent iocia et 



— 114 — 

Rufe, gegen andere Handwerker anmassend und hochmüthig zu sein. Um 
nun diesen ihren Ueberrauth zu demüthigen und persönlich erlittenes Unrecht 
an ihnen zu rächen, ersann ein armer Landmann aus dem Dorfe luden (jetzt 
Cornelimünster) folgenden teuflischen Plan. Mit Erlaubniss der Richter 
und mit Hilfe leichtfertiger Menschen, die an Spässen und neuen 
Einfällen Freude haben, zimmerte er im benachbarten Walde ein Schifi' 
und befestigte es auf untergelegte Räder, sodass es über Land gefahren 
werden konnte. Er erwirkte auch von der Obrigkeit, dass die Weber 
genöthigt wurden, dasselbe mittelst über die Schultern geworfener Stricke 
von luden nach Aachen zu ziehen. Obgleich es in Aachen unter grosser 
Prozession von Menschen beiderlei Geschlechts eingeholt worden war, 
Avnrde es nichtsdestoweniger von den Webern nach Mastricht gefahren, 
dort ausgebessert und mit Mast und Segel versehen, darauf nach Tongern, 
von da nach Los gebracht. Als der Abt Rudolf von der Annäherung 
des in sündhafter Absicht erbauten Schiffes hörte, warnte er die Mitbürger 
eindringlich, sich doch ja der Aufnahme desselben zu enthalten; denn 
unter diesem possenhaften Aufzuge würden Teufelsgeister verschleppt und 
durch sie in kurzer Zeit Empörung, Mord, Brand und Raub erregt und 
Menschenblut in Menge vergossen werden. Aber trotzdem er in dieser Weise 
unausgesetzt abmahnte, so lange als der Satanstempel in Los verweilte, 
so wollten unsere Bürger doch nicht hören, sondern sie nahmen denselben 
mit gleicher Begeisterung auf, wie einst die Trojaner das verhängniss- 
volle Pferd, durch welches sie sich selbst zu Grunde richten sollten. 
Feierlich wurde es mitten auf dem Markte aufgestellt. Sogleich erhalten 
die Weber des Ortes die Weisung, den gottlosen Wachtdienst bei dem 
Götzengebild zu übernehmen, so sehr sie sich sträubten. 

heiliger Vater! Wer hat jemals eine solche thierische Rohheit 
bei vernünftigen Wesen wahrgenommen, wer eine solche Gesinnung bei 

novitatibos, in proxima sUva navim composuit et oam rotis sappositis affigens vehibilem 
super terram effecit. 

Obtinuit quoque a potestatibus, ut iniectis fonibus textorum humeris de Inda 
Aquisgrani traheretur. Aquis suscepta cum grandi hominum utriusque sexus processioue, 
nihilominus a textoribus Traiectum est pervecta, ibi emendata et malo veloque insignata, 
Tungris est inducta, de Tungris Los. Audiens abbas Rudolf us navim illam infausto com- 
pactam omine, maloque solutam alite com huiusmodi gentilitatis studio nostro oppido 
adventare, presago spiritu hominibus prcdicabat, ut eins susceptione abstinerent, quia 
maligni spiritus sub hac ludificationc in ca traherentur, in proximoque seditio per eam 
moveretur, unde cedes, ineendia rapinaeque fierent, et humanus sanguis multus funderetur. 
Quem ista declamantem omnibus diebus, quibus malignorum spirituum iUud simulachrum 
Los morabatur, oppidani nostri audire nolucrunt, sed eo studio et gaudio excipientes, quo 
perituri Troiani fatalem equum in medio fori sui dedicaverunt. Statim proscriptionis 
sententiam accipinnt villae textores, qui ad profanas huius simnlachri exeubias venirent 
tardiores. Papel Quis hominum vidit unquam tantam -- ut ita liceat latinizare — in 
rationalibus animalibus bmtuitatcm? quis tantam in renatis in Christo gentilitatemP Cogo- 
bant sententia proscriptionis textores nocte et die navim stipare omni armaturae genere, 
soUicitasque exeubias nocte et die continuare. Mirumque fuit, quod non cogebant eos 
ante navim Neptuno hostias immolare, de cuius naves esse solent regione; sed Neptunus 
eas Marti reservabat, cui de humanis camibus fieri volobat. Quod postea multipliciter 
factum est 



— 115 — 

den in Christo Wiedergeborenen?! Sie zwangen die Weber, Tag und 
Nacht den beschwerlichen Wachtdienst fortzusetzen. Und zu verwundem 
war es noch, dass sie dieselben nicht nöthigten, vor dem Schiffe dem 
Neptun Opfer zu schlachten, dessen Bereich die Schifife zugehören sollen; 
aber Neptun sparte sie für Mars auf, welchem nach seinem Willen 
Menschenopfer gebühren, was auch später wirklich geschah. Indessen 
riefen die Weber heimlich und mit inbrünstigem Seufzen Gott, den gerechten 
Richter, zum Rächer über Diejenigen an, welche sie zu dieser Schmach 
herabgestossen ; da sie ja doch nach dem Beispiel der alten Christen und 
apostolischen Männer von der Arbeit ihrer Hände lebten, Tag und Nacht 
arbeitend, um sich und ihre Kinder zu ernähren und zu kleiden. Sie 
beklagten sich gegenseitig unter Thränen, warum gerade ihnen mehr als 
andern Handwerkern diese Schmach und schandbare Vergewaltigung angethan 
würde, da doch unter den Christen noch mehr andere Geschäfte und 
verächtlichere als die ihren wären, wiewohl sie keines für schimpflich 
halten könnten, womit em Christenmensch ohne Sünde sein Fortkommen 
finden möchte, und dass nur das allein meidenswerth und niedrig wäre, 
was eine Befleckung der Seele herbeiführe, und dass ein bäurischer und 
armer Weber besser sei als ein städtischer und vornehmer Reicher, der 
Waisen und Wittwen bedrückte. Während sie so jammerten, ertönte von 
jenem abscheulichen Sitze, ich weiss nicht welches Götzen, ob des Bachus 
oder der Venus, Neptuns oder des Mars, wahrscheinlich aber aller bösen 
Geister, die verschiedenartigste Musik und schändliche, der christlichen 
Religion unwürdige Lieder, welche im Chore gesungen wurden. Es war 
auch von der Obrigkeit bestimmt worden, dass mit Ausnahme der Weber 
Jedermann, der das Schiflf berührte, ein Pfand von seinem Halse den 
Webern zurücklassen musste, wenn er sich nicht nach Belieben loskaufte. 
Soll ich weiter sprechen oder schweigen? 0, dass doch der Geist 
der Lüge von meinen Lippen tröpfelte! Beim Schwinden des Tages, als 



Textores interim occulto sed precordiali gemita Denm iuBtam indicem super eos 
vindicem inyocabant, qiu ad banc ignominiam eos detrudebant, cum iuxta rectam vitam 
antiqnorom cbristianorum et apostolicorum virorum manuum suarum laboribus viverent, 
nocte ac die operantes unde alerentnr et yestirentur liberisque suis id ipsum proyiderent. 
Querebant etiam et conquerebantur ad inyicem lacrimabiliter, unde illis magis quam aliis 
meicennariis haec ignominia et vis contumeHosa, cum inter christianos plura alia essent officia 
suo multum aspemabiliora, cum tamen nuUum ducerent aspernabile, de quo cbristianus 
posset se sine peccato conducere, mudque solum esset vitabile et ignobile quod immun- 
dieiam peceati contraheret animae, meliorque sit rusticus textor et pauper, quam exactor 
orphanorum et spoliator yiduarum urbanus et nobilis iudex. Cumque haec et horum similia 
secum, ut dixi, lacrimabiliter conquererentur, concrepabant ante iUud, nescio cuius potius 
dicam, Bacchi an Yeneris, Neptuni siye Martis, sed ut verius dicam, ante omnium mali- 
gnonun spintuum execrabile domiciÜum genera diversorum musicorum, turpia cantica et 
religioni christianae indigna concinentium. Sanccitum quoque erat a iudicibus, ut preter 
textoces quicunque usque ad tactum navis appropinquarent, pignus de coUo eorum ereptum 
textoribus relinquerent, nisi se ad libitum redimerent. Sed quid faciam? Loquarne an 
sileamf ütinam spiritus mendacii stiUaret de labiis meisl Sub fugitiva adbuc luce diei, 
imminente iam luna, matronarum catervae, abiecto femineo pudore, audientes strepitum 
huius yanitatis, passis capülis de stratis suis exiliebant, aliae seminudae, aliae simplici 



— 116 — 

schon der Mond am Himmel stand, kamen Schaaren verheiratheter Frauen, 
als sie den Lärm dieses unsinnigen Treibens vernahmen, unter Hint- 
ansetzung aller weiblichen Scham, mit aufgelösten Haaren aus ihren Gassen 
hervorgesprungen, die einen halbnackt, die andern nur in einfachem Unter- 
rock, und mischten sich, schamlos vordringend, unter die Leute, welche 
um das Schiff herum Chortänze auffuhrtep. Da konnte man zeitweilig an 
1000 Menschen beiderlei Geschlechtes sehen, wie sie bis Mittemacht die 
ungeheuerlichste und abscheulichste Abgötterei trieben. Endlich brach 
man die verwünschten Tänze unter wüstem Geschrei ab, und Männlein 
und Weiblein verloren sich in wildem Sinnentaumel dahin und dorthin. 
Was nun geschah, das mögen jene erzählen, denen es gefiel zuzusehen 
und mitzumachen, an uns ist es, zu schweigen und zu trauern, die wir 
dafür büssen müssen. 

Nachdem man solchen Götzendienst mehr als 12 Tage auf obengenannte 
Weise gefeiert hatte, hielten die Bürger Rath, was zu thun sei, um das 
Schiff schnell wieder hinwegzubringen. Die Vernünftigeren nun, denen es 
leid war, dass man das Schiff aufgenommen hatte, da sie für das Geschehene 
die Strafe Gottes fürchteten und schon das künftige Unheil ahnten, mahnten, 
das Schiff zu verbrennen oder es sonst auf irgend eine Weise aus der Welt 
zu schaffen. Aber die thörichte Blindheit Einiger sträubte sich schändlich 
gegen diesen heilsamen Vorschlag ; denn die bösen Geister darin hatten 
im Volke den Glauben verbreitet, dass der Ort sammt seiner Bevölkerung 
für alle Zeiten verrufen sein würde, in welchem das Schiff zurückgehalten 
worden wäre. Daher beschlossen sie, es zur Nachbarstadt Leew weiter 
zu fahren. 

Unterdessen hatte der Herr von Löwen von dem gotteslästerlichen 
Wesen jenes Schiffes Kunde erhalten. Von religionseifrigen Männern ermahnt. 



tantom clamide circumdatae, chorosqne ducentibus circa naviiu impudcnter irrumpendo 
se ammiscebant. Yideres ibi allquando mülo hominom animas sexus utriusque prodigiosnm 
et infanstum celeuma usque ad noctis medium celebrare. Qaando vero execrabilis iUa 
Chorea mmpebatar, emisso ingenti clamore vocnm inconditaram sexns uterque hac illacqne 
bacbando ferebatur. Qnae tunc ilUc agebantur, iUomm sit dicere, quibus libuit videre 
et agere, nostmm est tacere et deflere quibus modo contingit graviter lucre. 

Istis tam nefandis sacris plus quam duodecim diebus supradicto ritu cclebratis, con- 
ferebant simul oppidani, quid agerent amodo de deducenda a se navi. Qui sanioris erant 
consilii et qui eam susceptam fuisse dolebant, timentes Deum pro bis quae facta viderant 
et audierant et sibi pro bis quae futura conitiebant, hortabantur, ut combureretur, aut isto 
vel illo modo de medio toUeretur. Sed stulta quorundam cecitas huic salubri cousilio con- 
tumeliose renitebatur, nam maUgni Spiritus qui in ea ferebantur disseminaverant in populo, 
quod locus ille et inhabitantes probroso nomine amplius notarentur, apud quos remansisse 
inveniretur. Deducendam igitur eam ad villam quae iuxta nos est Leugues decreverunt. 

Interea Lovaniensis dominus audiens de demonioso navis illius ridiculo, instructusque 
a religiosis yiris terrae suae de iUo vitando et terrae suae arcendo monstro, gratiam suam 
et amicitiam mandat oppidanis nostris, commonefaciens eos humiliter, ut pacem iUam, quae 
inter ipsos et se erat reformata et sacramentis firmata, non infringerent et inde precipuc, 
si iUud diaboli ludlbrium viciniae suae inferrent. Quod si ludum esse dicerent, quererent 
alium cum quo inde luderent, quia si ultra hoc mandatum committerent, pacem predictam 
in eum effiringerent, et ipse vindictam in eos ferro et igne exequoretur. Id ipsum manda- 
verat Duracbiensibus dominis, qui et bomines eins fuerant manuatim et interpositis sacra- 



— 117 — 

das Götzengebild von seinem Gebiete fern zu halten, entbietet er unsern 
Städtern Gross und Freundschaft und bittet sie inständig, den zwischen 
ihm und ihnen feierlich geschlossenen Frieden nicht dadurch zu brechen, 
dass sie jenes Teufelswerk seinem Gebiete zuführten. Wenn sie meinten, 
es sei nur ein Spiel, so möchten sie sich einen andern suchen, mit dem sie 
ihren Spass trieben; denn er würde, falls sie diesem seinem Verlangen nicht 
nachkämen, den Frieden für gebrochen ansehen und mit Feuer und Schwert 
Rache an ihnen nehmen. Das Gleiche begehrte er von den Herren von 
Durach, seinen Lehnsleuten. Aber obschon er dreimal diese Forderung 
stellte, wurde er dennoch sowohl von den unsrigen als auch von den Herren 
von Durach abgewiesen. Denn wegen der Sünden der Einwohner wollte 
der Herr über unsern Ort das Feuer und die Waffen der Lovanienser 
herabsenden. Auch Graf Gyselbert schloss sich entgegen dem Adel seines 
Geschlechtes dem verblendeten Volke an und liess das Schiff bis nach 
Leew, jenseits der Stadt Durachium, überführen, begleitet von allen 
unsern Städtern und ungeheuerem Jubelgeschrei der rasenden Menge. Die 
Bürger von Leew jedoch, klüger als unsere, gehorchten dem Willen des 
Herrn von Löwen, schlössen die Thore und Hessen das unselige Gebild in 
ihre Stadt nicht eintreten. Der Herr von Löwen aber wollte die Nicht- 
beachtung seiner Bitten und Befehle nicht ungestraft lassen Er 

führte also ein grosses Heer gegen uns, und alle unsere Besitzungen wurden 
niedergebrannt und geplündert .... alles wegen des unseligen Erscheinens 
jenes Landschiffes. ** 

In diesem Berichte fällt zunächst der irreligiöse Charakter auf, 
welcher dem Aufzuge beigelegt wird. Abt Rudolf kann nicht Worte 
genug finden, seinem Abscheu gegen das Schiff und seine Verehrung Aus- 
druck zu geben. Er nennt das Unternehmen des Erbauers eine teuflische 
List „diabolicam technam**, und dass es in unseliger Absicht gezimmert 
„infausto compactam omine**, der Sitz aller bösen Geister und 
heidnischer Götzen sei ^„simulacrum malignorum spirituum", „execrabile 
dpmicilium Bachi, Veneris, Neptuni, Martis", sed, ut verius dicam, omnium 
malignorum spiritüum". Unerhört ist ihm eine solche thierische Rohheit 



mentis et datis obsidibus sibi confocderati. Hoc com iam tercio fecissct, sprctus est tarn 
ab oppidanis uostris quam a Dorachiensibus dominis. Nam propter peccata inhabitantium 
Yolebat dominus immittere super locum nostrum ignem et arma Loyaniensium. Ad banc 
igitur plebeiam fatuitatem adiunxit se comes Gyslebertus contra gener is sui nobilitatem, 
trahendamque decreyit navün illam terream usque Leugues ultra Durachium villam. Quod 
et fecit malo nostro omine cum omni oppidanorum .nostrorum multitudine et ingenti deba- 
chantiom vociferatione. Leuguenses oppidani, nostris prudentiores et Lovauiensis domini 
mandatis obsequentes, portas suas clauserunt, et infausti ominis monstrum villam suam 
iütrare non permisemnt. Lovaniensis vero dominus precum suarum et mandatorum con- 
temptum nolens esse inultum, diem constituit comitibns tanquam suis hominibus, qui neque 
ad primum neque ad secundum sed nee etiam ad tertium venire voluerunt. Eduxit ergo 
contra eos et contra nos multae multitudinis exercitum armatorum tam peditum quam 

militum pedites et milites per omnia nostra circuadiacentia se diffudcrunt, viUas 

nostras, aecclesias, molendina et quaecunque occurebant combustioni et perditioni tradentes 
propter terrostris navis maügnum advontum.— " 



— 118 — 

(brutuitas), ein solch heidnisches Gebahren (gentilitas) bei Christen. Scham- 
los und sündhaft nennt er das T^reiben der Männer und Frauen, ihre 
Gesänge, ihre Tänze. Er lässt die Weber die Rache Gottes herabbeschwören 
über diejenigen, die sie zu solch verabscheuungswürdigem Götzendienst 
gezwungen hätten. 

Ganz das entgegengesetzte Benehmen zeigen die weltlichen Behörden. 
Nicht nur geben sie die Erlaubniss zur Erbauung des Schiffes, sondern 
unterstützen auch durch ihre Autorität die Forderung, dass die Weber die 
Beförderung und den Dienst desselben übernehmen müssten, und dies in 
den meisten Ortschaften, durch welche der Aufzug seinen Weg nimmt! 

Dabei bewegt sich der ganze Kult in festen, sicheren Formen. „Wie 
wäre der Bauer im Walde zu luden, fem von aller Schiffifahrt, sagt Jakob 
Grimm, darauf verfallen, ein Schiff zu bauen, wenn ihm nicht Erinnerungen 
an frühere Prozessionen, vielleicht auch in benachbarten Gegenden vor- 
geschwebt hätten?" Wie hätte er sonst sofort die Zustimmung und freudige 
Unterstützung anderer finden können, wenn es wirklich blos ein zufalliger 
Einfall „locus et novitas" eines Emzelnen gewesen wäre? Das Schiff zieht 
von Ortschaft zu Ortschaft. Ueberall wissen die Weber, welche Art von 
Dienstleistungen sie auszuführen haben; Männer und Weiber singen Chor- 
lieder, die seit längst bekannt und gesungen sein mussten, führen Tänze 
auf, erkennen ohne Widerstreben den Webern das Recht zu, für die 
Berührung ein Pfand, einen Loskaufpreis zu erheben. Und gar die Art 
des nächtlichen Treibens ! Das unehrbare Auftreten der Weiber aus sonst 
achtbarem Bürgerstande! Wäre es bei einem plötzlichen Einfall, einem 
schlechten Scherze eines unbekannten Bauers erklärlich? Schlechter- 
dings nicht. Der gesammten Aufführung muss ein altes Herkommen, 
eine gewohnte und allen bekannte Sitte zu Grunde gelegen haben, 
deren von der Geistlichkeit so stark getadelter Charakter vermuthen 
lässt, dass sie vielleicht bis in die heidnische Vorzeit zurückreicht. 
Dafür erklären sich auch die besten Kenner heidnisch-germanischen Alter- 
thums wie Jakob Grinun, Simrock u. a. Und in der That lässt sich eine 
Reihe von Berichten herbeiziehen, aus denen man erkennt, dass unsere 
heidnischen Ahnen religiöse Umzüge ähnlicher Beschaffenheit geübt und 
auch noch in die christliche Zeit vererbt haben. Jakob Grimm sagt: 
„Wahrscheinlich lebten unter dem gemeinen Volk jener Gegend damals 
noch Erinnerungen an einen uralten heidnischen Kultus, der Jahrhunderte 
lang gehindert und eingeschränkt, nicht vollends hatte ausgerottet werden 
können. Ich halte dieses im Land umziehende, von der zuströmenden 
Menschenmenge empfangene, durch festlichen Gesang und Tanz gefeierte 
Schiff für den Wagen des Gottes oder lieber jener Göttin, welche Tazitus, 
der Isis vergleicht, die den Sterblichen gleich Nerthus Friede und Frucht- 
barkeit zuführte. Wie der Wagen verhüllt war, so mochte auch der Eingang 
in das innere Schiff den Menschen verwehrt sein, ein Bild der Gottheit 
brauchte nicht darin zu stehn, ihren Namen hatte das Volk längst ver- 
gessen, nur die gelehrten Mönche ahnten noch etwas von Neptun oder 
Mars, Bacchus oder Venus ; auf das Aeusserliche der alten Feier kam die 



— 119 — 

Lust des Volkes von Zeit zu Zeit wieder zurück ^". Grimm beruft sich auf 
Tazitus. Dieser römische Schriftsteller aus der Wende des ersten zum zweiten 
Jahrhundert unserer Zeitrechnung berichtet über die Verehrung einer 
weiblichen Gottheit, Nerthus, der mütterlichen Göttin der Erde, bei den 
germanischen Stämmen, welche der Ostsee anwohnten, den Longobarden, 
Keudignern, Avionen, Angeln, Varinen, Eudosen, Suardonen und Vuithonen : 
^Das einzig bemerkenswerthe bei diesen einzelnen Stämmen, sagt er, ist ihre 
Verehrung der Erdmutter Nerthus. Sie glauben, dass die Göttin unter den 
Menschen erscheine und bei den einzelnen Völkern umherfahre. Auf 
einer Insel des Ozeans befindet sich ein heiliger Hain und in demselben 
ein geweihter, mit einer Decke verhüllter Wagen. Nur dem Priester allein 
ist die Berührung gestattet. Dieser lebt der Ueberzeugung, dass in dem 
Innern des Wagens die Göttin wohne, und er begleitet sie mit vieler Ver- 
ehrung, wenn sie in demselben, von Kühen gezogen, einherfährt. Dann 
sind glückliche Tage und Feste in allen Orten, welche die Göttin ihres 
Erscheinens und Verweilens würdigt. Gebannt ist aller Kriegslärm, keine 
Waffe wird berührt; alles Eisen bleibt verschlossen, Friede und Ruhe 
sind nur dann bekannt, nur während dieser Zeit geliebt, bis die Göttin, 
an dem Umgang mit Menschen gesättigt, von demselben Priester in ihi^en 
Tempel zurückgeführt wird. Alsbald wird der Wagen und die Decke und 
— wenn man es glauben wiU — auch die Göttin selbst in dem Terborgenen 
See gereinigt, die dabei beschäftigten Sklaven sogleich im See ertränkt. 
Daher eine geheime Scheu und heilige Unwissenheit in Betreff jenes Wesens, 
dessen Anblick nur mit dem Tode erkauft werden kann***. Soweit über 
die östlichen Stämmen Germaniens. Für die westlichen Völkerschaften, 
besonders die suevischen Stämme, berichtet derselbe Gewährsmann von 
einem ähnlichen Göttinnendienst, bei welchem statt des Wagens ein Schiff 
imihergeführt wird: „Ein Theil der Sueven opfert der Isis. Woher dieser 
fremde Dienst Grund und Ursprung herleitet, habe ich zur Genüge nicht 
erfahren können. Nur der Umstand, dass das Heiligthum der Göttin nach 
Art eines kleinen Schiffes gebildet ist (in modum libumae figuratum), legt 
die Vermuthung nahe, dass dieser Kult aus der Fremde eingeführt sei^**. 
Dieses Fremde liegt aber nicht in dem Namen Isis; denn die suevische 
Göttin führte gar nicht diesen Namen. Derselbe ist, wie auch die Namen 
Herkules, Merkur, Mars von den römischen Berichterstattern den ger- 
manischen Göttern beigelegt worden und zwar deswegen, weil sie mit den 
entsprechenden römischen Gottheiten Aehnlichkeit hatten und also dem 
Verständniss des römischen Lesers näher gerückt wurden. Der Isiskult 
stammte aus Aegypten, war aber bei den Griechen und Römern der 
KaiserzeiJt weit verbreitet und eifrig geübt. Schriftsteller wie Plutarch, 
Apulejus u. a. berichten ausführlich darüber. 

Beim Anbruch des Frühlings, wenn das im Winter unbefahrene Meer 
wieder schiffbar wurde, pflegte man in feierlichem Umzüge der Isis ein 



*) Grimm, J. Deutsche Mythologie S. 162. 

*) Tacitus, Germania Cap. 40. ^) Ehendaselbst Cap. 9. 



— 120 — 

Schiff darzubringen. Es geschah dies am 5. März, und dieser Tag wird 
im Kalendarium rusticum durch Isidis navigium „Schifffahrt der Isis** 
bezeichnet. Apulejus schildert uns den Vorgang also : 

„Nachdem der Göttin glorreiche Erscheinung aus den Wogen des 
Meeres verschwunden ist, der Himmel in reinster Klarheit strahlt, beginnt 
der Zug mit einer Art Fastnachtsvermummungen. Einer hat sich als 
Soldaten, der andere als Jäger, der dritte als Mädchen verkleidet. Hin- 
wiederum ein anderer als Gladiator, einer als Konsul, einer als Philosophen, 
als Vogelfänger, Fischer. Es erscheint ausserdem ein zahmer Bär in 
Frauenkleidung, ein Affe mit Ganymed, ein geflügelter Esel mit Bellero- 
phon. Diesen Vortrab, der mit unsem Fastnachtszügen eine überraschende 
Aehnlichkeit hat, nennt Apulejus XI, 9 „oblectationes ludicras popula- 
rium". Hierauf der eigentliche Zug: weissgekleidete, bekränzte Frauen, 
die den Weg der Göttin mit Blumen bestreuen, andere mit Spiegeln auf 
dem Rücken, mit elfenbeinernen Kämmen, mit denen sie das königliche 
Haar (der Göttin?) ordnen und flechten, andere, die duftende Salben und 
Balsam auf die Strassen spritzen. Hierauf ein Zug beiderlei Geschlechts 
mit Laternen, Kerzen und Fackeln. Dann sanfte Flötenmusik: „sympho- 
niae dehinc suaves, fistulae tibiaeque modulis dulcissimis personabant." 
Femer ein Sängerchor im weissen Gewände, und die tibicines des grossen 
Serapis, die den heiligen Tempelmarsch blasen. Sodann der Zug der Ein- 
geweihten in weissen linnenen Kleidern, eherne, silberne und goldene Sistra 
schlagend. Hierauf erscheinen die Oberpriester, einer mit einer Laterne, 
der zweite s. g. auxilia, eine Art von Altären tragend, der dritte mit 
Palme und Schlangenstab, der vierte eine linke Hand, derselbe ein goldenes 
Gefäss in Form einer weiblichen Brust, der fünfte eine goldene Wanne, 

der sechste eine Amphora tragend Dann die mystische Kiste der 

Isis und das heilige geheinmissvoUe Bild der Göttin, von einem andern 
Diener getragen, das ich für ein Schiff halten würde, sowie Tazitus von 
den Sueven sagt, sie verehrten die Isis in Form eines Nachens, wenn nicht 
Apulejus ... es weiterhin nur zu klar als eine gehenkelte Vase beschriebe. 
Aber auch hier fehlt der Göttin heiliges Schiff keineswegs. Nachdem 
die Verwandlung des Esels in einen Menschen vor sich gegangen, eilt 
der ganze Zug ans Meer und der höchste Priester weiht nach mannig- 
fachen Reinigungen und Gebeten der Göttin das heilige mit wundersamen 
ägyptischen Gemälden geschmückte Schiff. Mit Aromen wird dann das 
h. Schiff von allen Anwesenden überschüttet, und, sobald die Anker gelöst 
worden, dem weiten Meere anvertraut. . ." ^ 



*) Apulejus, Metamorphoseon XI 7 ff. Vgl. L er seh L. Bonner Jahrbücher IX 
111 ff. Herr Dr. M. Lersch theilt die nachfolgende SteUe aus der Schrift de mensibus 
des Johannes Lydus mit, eines Schriftstellers, der um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. 
in Byzanz blühte; aus derselben geht hervor, dass diese Feier noch in sehr später Zeit 
lebendig war und jährlich am 5. März begangen wurde: „Ante diem 3. nonas Martias 
Isidis navigium agebatur, quod etiam nunc agentes „ploiaphesia^ (Schiffisentlassung) 
vocant. Isis autem Aegyptiorum lingua idem quod antiqua valet, i. e. luna et merito eam 
colunt ingredientes itinera marina, propterea quod iUa aquarum naturae praeest.** Herr 



— 121 — 

In ähnlicher Weise, wie Apulejus hier schildert, müssen die westlichen 
Germanen ihre Göttin gefeiert haben, sodass Tazitus den Eindruck erhalten 
konnte, es sei der ihm aus Rom bekannte Isiskult dorthin eingeführt 
worden. Nun ist allerdings nicht zu leugnen, dass die römischen Ein- 
dringlinge ihre religiösen Gebräuche mit an den Ehein gebracht und 
daselbst eifrig geübt haben, und zahlreiche Denkmäler bezeugen uns die 
Verehrung des Mithras, der Isis und anderer Gottheiten daselbst. Es ist 
deshalb nicht ausgeschlossen, dass die alten Deutschen manches aus dem 
römischen Ritual für ihren heimathlichen Gottesdienst übernommen und 
ihrer Eigenart angepasst haben, sodass allmählich in den Gegenden starker 
römischer Bevölkerung eine Mischung germanisch-römischer Kulte sich 
vollzogen haben mag. 

Noch Jahrhundei1;e später, als die irischen Missionare das Heidenthum 
in Germanien auszurotten bemüht waren, beriefen sich die Franken und 
Allemanen, um ihre heidnischen Umzüge gegen die Vorwürfe des Bonifazius 
zu vertheidigen, auf ganz ähnliche Vorgänge im christlichen Rom, wo sie 
ja unter den Augen des obersten Hirten der Christenheit stattfänden! 
Der berühmte Apostel der Deutschen beklagt sich darüber ernst in einem 
Briefe an den Papst Zacharias^ wie man ihm von Seiten der Germanen 
entgegenhalte, dass am Neujahrstage jedes Jahr in Rom dicht neben der 
Peterskirche nach heidnischem Gebrauch bei Tag und Nacht Chortänze 
und Gesänge und allerlei anderes heidnisches Wesen aufgeführt würden, 
und dass die Frauen nach Heidensitte Amulette und Schutzbinden um 
Arme und Beine trügen und solche auch zum Verkaufe feil böten. „Wenn 
Ihr, heiliger Vater, so schliesst er, solch heidnisches Treiben in Rom 
verhindern möchtet, würdet Ihr Euch damit ein Verdienst erwerben, uns 
aber den grössten Vorschub leisten für die Verbreitung der kirchlichen 
Lehre. ^ Der Papst kann in seinem Antwortschreiben dies nur bestätigen 
und erklären, dass er wie alle Christen dies heidnische Unwesen von 
ganzem Herzen verabscheue und für verderblich halte. 

In den Verordnungen der Karolinger, den sogenannten Kapitularien, 
wiederholen sich immer wieder die strengsten Verbote dieser unchristlichen 
Gebräuche, wie in dem Karlmanns zum Jahre 742, dem Verzeichniss aber- 
gläubischer und heidnischer Glaubensmeinungen „indiculus superstitionum 
et paginiarum", in welch letzterem ausdrücklich der Aufzüge im Februar, 
„de spurcalibus in Februario" Erwähnung geschieht. 

Auch von Freyr, dem germanischen Frühlingsgott, und seiner Schwester 
Freya, wie auch seiner Gemahlin Holda oder Gerdr wissen wir, dass sie 
im Frühjahr auf Wagen durch's Land zogen, günstiges Wetter und ein 



Dr. Lerscb drückt die Ansicht aus, dass die Aehulichkeit der Mondsichel hier im Spiele 
sei. VieUeicht biete die Beziehung der Isis zur Unterwelt für das Herumziehen mit dem 
Schiffe einen Anhaltspunkt. In Aegypten wurde bei Leichenzügen Arche oder Schiff herum- 
getragen; ähnlich gestalteten sich die Prozessionen der Phönikier. Clair traf in Syrien 
selbst bootförmig gestaltete Grabdenkmäler. Auch Charons Kahn lässt die Reise in die 
Unterwelt als Schifffahrt erscheinen. 

*) Vgl. Ideler, Leben und Wandel Karls des Grossen, 11 S. 46. 



— 122 — 

fruchtbares Jahr erhoffen Hessen. Das ganze Mittelalter blieb diese 
Anschauung- und der damit verbundenen Gebrauch lebendig. Ein Ulmer 
RathsprotokoU vom Nikolausabend 1530 enthält das Verbot: „item es sol 
sich nieman mer weder tags noch nachts verbuzen, verkleiden, noch einig 
fassnachtkleider anziehen, ouch sich des herumfarens des pflugs und mit 
den schifen enthalten, bei straf 1 gülden . .^**. Sebastian Brant's Narren- 
schiff spiegelt die gleiche Auffassung wieder und zwar mit bewusster 
Anspielung an das Umfahren des Schiffes in Aachen: 

„Dem Narrenschiff laufen sie nach, 
Sie finden es hie zwischen Aach^*'. 

Nach des Abtes von St. Trond Bericht erscheint die Betheiligung 
der Weber und Weiber an dem Aufzuge wesentlich. Es deutet dieser 
Umstand gleichfalls auf uralten Götterdienst. „Die Priesterschaft der 
Weber erscheint schon bei der römischen, ja bei der ägyptischen Isis; 
auch bei andern deutschen Festen finden wir sie neben den Metzgern, die 
wahrscheinlich die Opferung zu vollbringen hatten, betheiligt. So bei dem 
Trier'schen Frühlingsfest, auch zu Münstereifel Hessen die Weber das 
flammende Rad von dem sogenannten Radberge laufen. Neben den Webern 
sind es Frauen, die an dem Kultus Theil nehmen, und sie thun es ohne 
Widerstreben, mit sichtbarer Vorliebe, im unerloschenen Gefühl ihrer alten 
Priesterschaft ^". 

Der tiefste Grund für diese geheimnissvollen Beziehungen von 
Webern und Weibern zu der verborgenen Gottheit ist wohl darin zu 
suchen, dass die alten Deutschen ähnUch wie die Griechen und Aegypter 
des Glaubens lebten, die für das Leben so wichtige Kunst des Spinnens 
und Webens sei ihnen einst von einer Gottheit gelehrt worden. Die 
germanische Göttin, welche zur Zeit des Krieges als Wallküre an dem 
blutigen Streite der Männer wirksam Theil nahm, vertauschte nach 
Beendigung des Krieges den Speer mit der Spindel. Sie lag derselben 
Beschäftigung ob, welche in den ältesten Zeiten eine der Hauptpflichten 
der Frauen des germanischen Hauses, auch der Herrin des Königs- 
palastes, ausmachte. „Bei dem Zwölf tenumzug sieht sie (die Göttin) 
nach, ob das Ackergeräth an gehöriger Stelle sich befinde, und wehe 
dem Knechte, der nachlässig war. Am aufmerksamsten ist sie für den 
Flachsbau und das Spinnen. Sie tritt in die Spinnstuben oder schaut 
durch das Fenster und wirft eine Zahl Spulen hinein, die bei Strafe 
abgesponnen werden sollen. Zu Weihnachten imd wieder zu Fastnacht 
muss alles abgesponnen sein*". Später, als allmähHch die Lebensverhältnisse 
ausgebildeter und verwickelter wurden, und Arbeitstheilung eintrat, fiel 
die Herstellung der Gewebe berufsmässigen Handwerkern, den Webern, 
anheim. Im Bewusstsein des Volkes aber blieb das ursprüngliche Verhältniss, 



») Grimm J. a. a. 0. S. 163. 

^) Simrock, K. Handbuch der deutschen Mythologie S. 355. 

3) Ebendaselbst S. 356. 

*) Ebendaselbst S. 365. 



— 123 — 

wenn auch dunkel, haften und man legte sowolil den Webern wie den 
Frauen jene religiösen Beziehungen zu dem geheimnissvollen, verborgenen 
Wesen bei, die ihnen eine Art priesterlichen Charakters mit allen Pflichten 
und Rechten aufdrückten. 

Was einst in grauer Vorzeit Ausfluss ernster, naiv gläubiger Stimmung 
war, wurde später unter dem Einfluss des Christenthums, durch den an- 
dauernden Kampf der kirchlichen Autoritäten zurückgedrängt und fristete 
nur noch als possenhafter Aufzug ein nicht mehr verstandenes Dasein. 
Geistreich und wahrscheinlich ist die Vermuthung deutscher Forscher, 
die in den noch heute üblichen Fastnachtsgebräuchen, insbesondere 
den Aufzügen mit ihrem Mummenschanz den Rest jener ursprünglich 
heidnisch religiösen Feierlichkeiten erblicken. Die Bezeichnung Fastnacht 
wird mit Fasten ebensowenig zu thun haben, wie der Name Karneval mit 
„0 Fleisch, lebe wohl!*' zu übersetzen ist. Die alten Formen Fassnacht 
und Vastelovent (Faselabend) weisen auf des Zeitwort faseln hin, welches 
in alter Zeit Possenreissen, Tollheiten treiben bezeichnete. Desgleichen lässt 
sich das Wort Karneval richtiger auf car navale „Schiffswagen" zurück- 
führen, welcher ja den Mittel- und Glanzpunkt der Fastnachtszüge bildet. 

Der von dem Abt von St. Trond geschilderte Vorgang würde sich 
denmach als ein Fastnachts- oder Frühlingsumzug darstellen, der aus 
germanischer Urzeit herüberreichend, von Zeit zu Zeit wieder lebendig 
wurde. Ob jedes Jahr, ist zu bezweifeln, wenigstens in Hinsicht auf so 
allgemeine Betheiligung und weite Verbreitung. Möglich, dass gerade 
damals eine starke, kirchenfeindliche Stimmung im Volke Platz gegriffen 
hatte und diese Erregtheit Behörde und Volk veranlasste, die der Geist- 
lichkeit verhasste Feier aus Opposition möglichst geräuschvoll zu begehen. 
Wenigstens berichten uns die Annalen des benachbarten Klosterrath zum 
Jahre 1135, dass im nahe gelegenen Lüttich, zu dessen Diözese Aachen 
gehörte, Ketzer aufgetreten seien, welche in heftiger Weise gegen Ehe, 
Kindertaufe und andere kirchliche Einrichtungen angingen und durch ihre 
Predigten grossen Aufruhr erregten. 



Kleinere Mittheilungen. 

Der Rodensteiner. 

Der germanisch-heidnische Kriegsgott Wodan trat nach dem Glauben der alten 
Deutschen nicht erst im heissen Kampfgettimmcl der Wahlstatt mitwirkend auf, sondern 
auch schon vor einem Kriege machte er sich an der Spitze seiner Scharen, „des wüthenden 
Heeres**, bemerkbar und deutete damit das Ausbrechen des Streites an. In späterer Zeit 
jedoch wird er nicht mehr selbst genannt, sondern das Volk setzt einen seiner Lieblings- 
helden an seine SteUe, der unsterblich durch seine Ruhmesthaten, nicht verschieden 
war, vielmehr in einen Berg entrückt, seine Stunde erwartete. Von diesen Heldengeistern 
ist neben Barbarossa der Rodensteiner am bekanntesten, der im SchneUert, einem Bergschloss des 
Odenwaldes verborgen ruht. Sein Erwachen und Umherspuken galt der Bevölkerung bis 
in die jüngste Zeit als unfehlbare Anzeige bevorstehender Kriegsunruhen. Simrock schreibt 
darüber in seiner deutschen Mythologie also: „Wenn ein Krieg bevorsteht, zieht der 
Eodensteiner von seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort SchucUerts bei grauender Nacht aus, 



— 124 — 

begleitet von seinem Hausgesind und schmetternden Trompeten. Er fährt durch Hecken 

und Gesträuche, durch die Hofraithe und Scheune Simon Daums zu Oberkainsbach bis 

nach dem Rodenstein, flüchtet gleichsam als wolle er das Seinige in Sicherheit bringen. Man 

hat das Knarren der Wagen und ein Hohoschreien, die Pferde anzutreiben, ja selbst die 

einzelnen Worte gehört, die einherziehendem Kriegsvolk vom Anführer zugerufen werden 

und womit ihm befohlen wird. Zeigen sich Hoffnungen zum Frieden, dann kehrt er in 

gleichem Zuge vom Rodenstein nach dem Schnellerts zurück, doch in ruhiger Stille, und 

man kann dann gewiss sein, dass der Friede wirklich abgeschlossen wird. . ." 

Es scheint nun, dass man auch in der Umgegend von Aachen dem Erscheinen des 

Rodensteiners eine Bedeutung beilegte. Es findet sich nämlich in den Papieren der 

Herren von Schönau bei Aachen eine amtliche, darauf bezügliche Mittheilung, welche 

wahrscheinlich erbeten worden ist in der Absicht, danach die nöthigen Maßregeln zu 

treffen. Das unter diesem Gesichtspunkte nicht unbedeutsame Schriftstück möge in seinem 

Wortlaute folgen: 

Pro Nota: 

Von einem abermahligen Heers-Zug des Rodensteinischcn Kriegs-Geistes ist hiesiger 
Gegendt noch nichts bekant ; derselbe ist nach geendigtem Kriege in das Friedens-Schloss 
Schneller t eingezogen und ist zur Zeit der Römischen Königs- Wahl nach Aus weiß des 
anliegenden Protocolli wiederum herauß und den Weg in das Kriegs-Schloss Rodenstein 
marchiret, worinnen er noch würcklich seinen Aufenthalt hat. Der Aufenthalt in diesem 
Schloss ist nach denen gleichmässigen Beobachtungen eine jedesmahlige Anzeige eines 
bevorstehenden und höchstens binnen 3 Jahren erfolgenden Kriegs. Wenn aber der Krieg 
sehr nahe komt, und die Gegenden des Rhein oder Mayn-Strohms betrifft, so erfolgt ein 
abermahliger Heerszug durch den Orth Fränkisch Krumbach, allwo der Geist vor einer, 
vormahligen Huf-Schmiede einen Halt macht und das Beschlagen seiner Pferde deutlich 
hören läßt, demnächst seinen Marche, ohne zu wissen wohin, mit einem Getösse fortsetzet 

Heidenfelß, den 16*eB Septembris 1765. in fidem . . . 

(Ort und Datum sind zur Hälfte abgerissen und nicht sicher lesbar, die Unterschrift 
fehlt ganz.) 

Aachen, K. Wieth, 

Verzeichniss der Mitglieder. 

I. Vorstand. 

Erster Vorsitzender: Wacker, Dr. K., Gymnasiallehrer in Aachen. 
Zweiter Vorsitzender: Schnock, H., Kaplan in Aachen. 
Schriftführer: Oppenhoff, F., Gymnasiallehrer in Aachen. 
Bibliothekar: Schollen, M., Staatsanwaltschafts-Sekretär in Aachen. 
Kassirer: Kremer, F., Buchhändler in Aachen. 
Redakteur: Wieth, Dr. K., Gynmasiallehrer in Aachen. 
Beisitzer: Abels, H., Chefredakteur in Aachen. 

Bott, P., Bürgermeister in Eilendorf. 

Menghius, C. W., Fabrikant in Aachen. 

Müllenmeister, Th., Fabrikant in Aachen. 

Schaffrath, J., Stadtverordneter in Aachen. 

n. Mitglieder: 

Abels, H., Chefredakteur in Aachen. 

Alsters, Professor Dr. N., Gymnasial-Oberlehrer in Aachen. 

Appelrath, F., Kaufmann in Lindenthal. 

Barth, Gymnasiallehrer in Aachen. 

Becker, J., Pfarrer in Hallschlag. 

Bock, P., Nadelfabrikant in Aachen. 



— 125 — 

Bock, C. jun., Kaufmann in Aachen. 

Böckeier, H., Stiftsvikar und Domchordirigent in Aachen. 

Böhmer, C, stud. ehem. in Aachen. 

Bohlen, J., Bechtsanwalt in Aachen. 

Bott, P., Bürgermeister in Eilendorf. 

Bruch, R., Fabrikant in Burtscheid. 

Buchholz, Jos., Kaufmann in Aachen. 

Brückner, Dr., Arzt in Aachen. 

Bücken, W., Uhrmacher in Aachen. 

Capelimann, E., Geometer in Aachen. 

Chantraine, Dr. W., Arzt in Aachen. 

Clar, M., Gymnasiallehrer in Aachen. 

C lassen, Pfarrer in Verlautenheide. 

Comp es, J. G., Pfarrer und Ehrenstiftsherr in Aachen. 

Oornely, Bürgermeister a. D. in Elchenrath. 

CoBsmann, Th., Möbelfabrikant in Aachen. 

Crem er, E., Lehrer in Aachen. 

Cremer, Chr. Jos., Architekt in Aachen. 

Creutzer, A., Buchhändler in Aachen. 

Curtius, Dr. A., Gymnasiallehrer in Aachen. 

D ahmen, F., Kaufmann in Aachen. 

Daverkosen, J., Kaufmann in Aachen. 

Demeuse, H., Fabrikant in Aachen. 

Dohmen, H., Gymnasiallehrer in Saarbrücken. 

Dresemann, Dr. 0., Bedakteur in Köln. 

Driessen, J. L., Bektor in Essen a. d. Buhr. 

Dujardin, Jos., Rektor in Aachen. 

Eisenhuth, Dr. Jos., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Eibern, M., Architekt in Aachen. 

Engels, C, Realgymnasiallehrer in Aachen. 

Er Yens, P., Kaufmann in Aachen. 

E seh w eiler, J. J., Religionslehrer in Aachen. 

Feldmann, J., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Ferbeck, J., Fabrikant in Aachen. 

Fey, Joh., Gerichtsassistent in Aachen. 

Firmanns, Apotheker in Aachen. 

Firmanns, Jak., Juwelier in Aachen. 

Flamm, Vikar in Immendorf. 

Flamm, J. J., Kaufmann in Aachen. 

Fl e seh, W. S., Priester in Aachen. 

Forcke, A., Lehrer in Aachen. 

Forkenbeck, von, Rentner in Aachen. 

Förster, Jos., Kaufinann in Aachen. 

Fraiquin, Lehrer in Aachen. 

Gers tun g, Joh., Kaufmann in Krefeld. 

Geyer, H., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Goblet, Aug., Seifenfabrikant in Aachen. 

Göbbels, Jak., Architekt in Aachen. 

Göbbels, Jos., Architekt in Aachen. 

Goecke, Dr. W., Realschul-Oberlehrer in Aachen. 

Greve, Dr. Th., Realgymnasiallehrer in Aachen. 

Grimmendahl, Dr. P., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Groeninger, K., Fabrikdirektor in Aachen. 

Gross, H. J., Pfarrer in Kalk. 

Hagelücken, F., Realschullehrer in Aachen. 



— 126 — 

Hammels, J., Kaufmann in Aachen. 

Hammers, H., Photolithograph in Aachen. 

Hammers, Joh., Rentner in Aachen. 

Hansen, Dr. Jos., Kgl. Archivassistent in Münster. 

Heine, £., Maler in Bartscheid. 

Heinemann, 0., Privatlehrer in Aachen. 

Heinen, Dr. L., Arzt in Aachen. 

Heller, W., Oeometer in Aachen. 

Hennes, F., Rentner in Aachen. 

Hentrich, Aktuar in Aachen. 

Her man, A., Maschinenfabrikant in Burtscheid. 

Herme ns, Jos., Spediteur in Aachen. 

Herren, L., Kaufmann in Aachen. 

Heucken, Jos., Kaufmann in Aachen. 

Heu seh, A., stud. iur. in Aachen. 

Hilgers, Dr., Priester iu Aachen. 

Hoff, H. von den, Rechtsanwalt in Aachen. 

Hube, M., Gesch&ftsbttcherfabrikant in Aachen. 

Janssen, P., Kaufmann in Aachen. 

Jardon, Gymnasiallehrer in Aachen. 

Jaulus, Dr. H., Rabbiner in Aachen. 

Jonas, Dr. Chr. J., Religionslehrer in Kemperhof b. Coblenz. 

Jörissen, A., stud. iur. in Aachen. 

Jörissen, H., Kaufmann in Aachen. 

Kaatzer, H., Buchdruckereibesitzer in Aachen. 

Kaentzeler, Vikar in Montzen-Moresnet. 

Kahl au, H. J., Kaufmann in Aachen. 

Kaltenbach, J., Fabrikant in Aachen. 

Keller, H., Ingenieur in Aachen. 

Keller, L., Kaufmann in Krefeld. 

Kelleter H., cand. phil. in Aachen. 

Kelleter, Dr., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Kesselkaul, £., Fabrikant in Hamburg. 

Kessels, Rektor in Heerlen. 

Kickartz, J., Gasmeister in Aachen. 

Klausener, Btlrgermeister in Burtscheid. 

Klein, Dr., Gymnasiallehrer in Bonn. 

Klinkenberg, Dr., Gymnasiallehrer in Köln. 

Kloth, J., Konditoreibesitzer in Aachen. 

Knapp, F., Kaufmann in Aachen. 

Krem er, F., Buchhändler in Aachen. 

Krichel, J. M., Rendant in Aachen. 

Kricker, E., Apotheker in Aachen. 

Kruszewski, Dr. A., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Küper, W., Rektor in Aachen. 

Kuetgens, P., Stadtrath in Aachen. 

Lambertz, H., Pianofortefabrikant in Aachen. 

L amber z, Ingenieur in Aachen. 

Langebeck, J., Kaufmann in Aachen. 

Lauffs, W., Kaufmann in Aachen. 

Lennartz, W., Hof-Uhrmacher in Aachen. 

Lersch, Dr., Arzt und Bade-Inspektor in Aachen. 

Lessenich, M., Kaufmann in Aachen. 

Leven, Th., Kaplan in Aachen. 

Leyen, E. von der, Rittergutsbesitzer in Bonn. 



— 127 — 

Linnartz, W., Direktor der Taubstummenanstalt in Aachen. 

Lob, E.., Tuchfabrikant in Burtscheid. 

Loerckens, Dr. J., Rechtsanwalt in Bonn. 

Loersch, Dr. H., Geh. Justizrath und ordcntl. Professor der Rechte in Bonn. 

Lovcns, J., Pianofortefabrikant in Aachen. 

Lückerath, W., Kaplan und Lehrer an der höheren Schule in Heinsberg. 

Lussem, J., Kaplan in Aachen. 

Maastricht, Staatsarchiv. 

Macco, H. F., Kanfmann in Aachen. 

Magdeburg, G., cand. ehem. in Aachen. 

Marjan, H., Oberlehrer in Aachen. 

Meder, Dr. J., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Meessen, Bauunternehmer in Forst. 

Menghius, W., Fabrikant in Aachen. 

Mensing, A., Kaufmann in Aachen. 

Mertens, F., Möbelfabrikant in Aachen. 

M eurer, Dr. A., Realgymnasiallehrer in Aachen. 

Meyer, Ed., Fabrikant in Aachen. 

Müllenmeister, J., Tuchfabrikant in Aachen. 

Müllenmeister, Th., Tuchfabrikant in Aachen. 

Nelson, Dr., J., Oberlehrer in Aachen. 

Neu, F., Rektor in Aachen. 

Neufforge, Th. von, Kaufmann in Aachen. 

Neujean, E., Maler in Aachen. 

Ochs, Kaplan in Aachen. 

Op penhoff, F., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Ortmanns, P., Tuchfabrikant in Aachen. 

Otten, H., Cigarrenfabrikant in Aachen. 

Palm, F. N., Buchdmckereibesitzer in Aachen. 

Pauls, E., Apotheker in Bedburg. 

Pauls, Dr. 0., Realschullehrer in Aachen. 

Paulssen, F., Bierbrauereibesitzer in Aachen. 

Peerenboom, Realgymnasiallehrer in Aachen. 

Peetz, P., Kaufmann in Aachen. 

Pelser-Berensberg, 0. von, Bergwerksinspektor in Kirchrath. 

PeppermüUer, H., Bibliothekar der technischen Hochschule in Aachen. 

Peveling, J., Realschullehrer in Aachen. 

Pick, R., Stadtarchivar in Aachen. 

Pier, H. von, Nadelfabrikant in Aachen. 

Pier, L. von, Nadelfabrikant in Aachen. 

Plancker, S., Stadtdechant und Ehrenstiftsherr in Aachen. 

Pohl, W., Bildhauer in Aachen. 

Prinz, Dr., Seminarlehrer in Comelimünster, 

Pschmadt, J., Realgymnasial -Vorschullehrer in Aachen. 

Pütz, J., Kaufmann in Aachen. 

Qu ad flieg, A., Kaufmann in Aachen. 

Reinartz, P., Kaplan in Aachen. 

Reinartz, J., Architekt in Aachen. 

Rey, A. van, Kaufmann in Aachen. 

Rhoen, C, Architekt in Aachen. 

Rottmann, Fr. W., Kaufmann in Aachen. 

S aedler, H., Pfarrer in Derendorf-Düsseldorf. 

Saget, P., Schriftsteller in Aachen. 

Schaffrath, J., Stadtverordneter in Aachen. 

Scheen, Dr., Arzt in Comelimünster. 



— 128 — 

Schervier, A., Fabrikant in Aachen. 

Schiffers, H., Steinmetzmeister in Raeren. 

Schlenter, H., Gerichtssekretär in Aachen. 

Schmitz, Pastor in Walheim. 

Schmitz, Direktor in Aachen. 

Schmitz, J. Dr., Arzt in Aachen. 

Schmitz, C, Baumeister und Stadtrath in Aachen. 

Schmitz, P., Import-Geschäft in Aachen. 

Schneider, Dr., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Schneider, Dr., Professor in Düsseldorf. 

Schnock, H., Kaplan in Aachen. 

Schnütgen, M. Dr., Beligionslehrer in Aachen. 

Schöddrey, Regierungs-Baumeister in Saarbrücken. 

Schollen, M., Staatsanwaltschaf ts-Sekret&r in Aachen. 

Schrieyer, C, Gerichtsassisteut in Aachen. 

Schulze, J., Gymnasial -Vorschullehrer in Aachen. 

Schuster, L. Dr., Arzt in Aachen. 

Schwartzenberg, F. von, Steinmetzmeister in Aachen. 

Schweitzer, J., Buchhändler in Aachen. 

Sommer, J. Dr., Gymnasial-Oberlehrer in Aachen. 

Spelz, F., Kaufmann in Aachen. 

Stein, F. Dr., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Sterzenbach, Gymnasial -Vorschullehrer in Aachen. 

Strom, F., Kaufinann in Aachen. 

Spölgen, Dr., Realgymnasial-Oberlehrer in Aachen. 

Teus, W. A., Kaplan in Aachen. 

Theissen, H., Hotelbesitzer in Aachen. 

Theissen, Dr., Gymnasiallehrer in Emmerich. 

Timmermann s, Kaufinann in Aachen. 

Thissen, F., Kanzleirath in Aachen. 

Tönnissen, W., Kaplan in Stolberg. 

Urlichs, B., Buchdruckereibesitzer in Aachen. 

Vaassen, Dr. B., Rechtsanwalt in Aachen. 

Vecqueray, Kaufmann in Aachen. 

Veith, von, Generalmajor in Bonn. 

Vigier, A., Schirmfabrikant in Aachen. 

Vi gier, L., Schirmfabrikant in Aachen. 

Vogelgesang, C, Kaufmann in Aachen. 

Wacker, C. Dr., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Wangemann, A. Dr., Zahnarzt in Köln. 

Wangemann, P. Dr., Zahnarzt in Aachen. 

Wattendorf, Dr., Gymnasiallehrer in Emmerich. 

Weerth, Dr. E., aus'm, Professor in Kessenich. 

Weidenhaupt, P., Lehrer in Aachen. 

Welt er, H., Rechtsanwalt in Aachen. 

Wendlandt, L., Pfarrer in Rheinbach. 

Wergifosse, R., Rektor in Ehrenfeld. 

Weyers, R., Buchhändler in Aachen. 

Wiertz, P., Bierbrauereibesitzer in Aachen. 

Wieth, Dr. K., Gymnasiallehrer in Aachen. 

Wirtz, Gymnasiallehrer in Aachen. 

Zander, A., Gymnasiallehrer in Kempen. 

Zimmermann, H., Btü*germeister in Aachen. 



Druck vor Hkümasn Kaatzkk n? Aachkn. 



ins 44CilIS foiziif. 



IM AUFTRAG DES VEREINS HERAUSQEOEREX 



HEINRICH SCHNÜCK. 



DRITTER JAHRGANG. 



AACHEN. 

KoMUDKioNS- Verlag ukr ( 'bemer'schen Buchhandlung (C. Oazim). 
189«. 



INHÄLT. 



Seite 

1. Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikns M. Klockcr von 1602—1608. 
Von K. Wieth 1 

2. Kleinere Mittheilaugen: 

1. Qrani und die Granier. Von B. M. Lersch 11 

2. Porcetum Forseti*» Eultusstätte. Von B. M. Lersch 13 

3. Schatzbrief des General-Feldmarschalls Johann Ton Werth für das 
Gut Schönau bei Richterich. Von K. Wieth 13 

4. Eine Chirurgen rechnung aus dem Jahre 1764. Von K. Wieth 14 

5. Die römischen Bäder zu Bath in England. Von B. M. Lersch. . 14 

6. Schiffer in Aachen. Von B. M. Lersch 14 

7. Das Badekalb. Von B. M. Lersch 15 

8. Die Grabschrift des Gerhard Chorus. Von B. M. Lersch . . . 15 

3. Fragen 15 

4. Chronik des Vereins im Jahre 1889 15 

5. Vereinsangelegenheiten K; 

f». Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus M. Klocker. Von K. Wieth 

(Fortsetzung) 17 

7. Namen in Aachen. Von H. Kelleter 25 

8. Kleinere Mittheilungen : 

Die Belagerung von Lille. Von K. Wieth 31 

9. Vereinsangelegenheiten 32 

10. Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus M. Klocker. Von K. Wieth 
(Fortsetzung) 33 

11. Namen in Aachen. Von H. Kelleter (Fortsetzung) 41 

12. Kleinere Mittheilungen: 

1. Arnold Merkator. Von H. Kelleter 47 

2. Buschordnung von Broich bei Jülich. Von K. Wieth ib 

3. Aachener Raths-Edikt. Von H. Schnock 48 

13. Vereinsangelegenheiten 48 

14. Der Beguinenconvent Stefanshof. Von H. Schnock 49 

15. Zur Geschichte der Stadt Aachen im Jahre 1793. Von C. Wacker . . 54 

16. Kleinere Mittheilungen: 

1. Ein republikanisches Siegesfest in Aachen. Von C. Wacker . .61 

2. Kockerellstrasse, Komphausbadstrasse, Druffnas. Von B. M. Lersch 63 

3. Bendelstrasse. Von B. M. Lersch 64 

4. Zur Erklärung einer Ausgabe-Position in der Aachener Stadtrech- 
nung vom Jahre 1385. Von M. Schollen 64 

17. Vereinsangelegenheiten 64 






Seite 

18. Die Bevölkerung Aachens seit dem Ausgange des vorigen Jahrhunderts. 

Von C. Wacker i>5 

10. Eine Rechnung der Aachener Kupferschläger-Zunft für das Jahr 1770. 

Von M. Schollen «8 

20. Namen in Aachen. Von H. Kelle ter (Fortsetzung) 71 

21. Kleinere Mittheilungen: 

1. Nachgrabungen in OorneUmünst^r nach dem Grabe des hi. Benedikt 

von Aniane. Von H. Schnock (Schluss) 79 

2. Fund auf dem Dahmengraben. Von H. Schnock 80 

22. Beitrag zur Baugeschichte Aachens im 1 7. Jahrhundert. Von C. Rhoen 81 

23. Kleinere Mittheilungen: 

Römischer Inschriftenstein. Von H. Schnock or> 

24. Frage 96 

25. Beitrag zur Baugeschichte Aachens im 17. Jahrhundert. Von C. Rhoen 
(Fortsetzung und Schluss) 97 

26. Woher erhielt der ehemalige Marelenthurm seinen Namen y Von R. Pick HHi 

27. Zur Geschichte des Aufenthalts des kaiserlichen Generals Grana in 
Aachen. Von C. Opponhoff 113 

28. Kleinere Mittheilungen: 

1. Römische Inschriftsteine. Von R. Pick 115 

2. Promotionsurkunde des Aachener Bürgers Mathias von Thenen. 

Von 0. W. Menghius 116 

3. Aus der Zeit der Fremdherrschaft. Von H. Schnock . . . . 117 

29. Vereins-Chronik 118 






JUhrlich B Nuinmeni Kommissions -Verlag 

A 1 Bogen Royal Oktav. ^^^ 

Cremer'Bchen Buchhandlnng 
Preis des Jahrgangs „,_ j^,, 

4 Mark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Anftragc des Vereins herausgegeben Ton Dr. S. Wl«th. 

Nr. 1. Dritter Jahrgang. 1890. 

Inhalt: K. Wieth, Das Tagebnch des Aachener Stadtsjndikns Melchior Klecker Ton 
1602—1608. — Kleinere Mitthcilangen: Orani und die Qranier. — Porcetnm Forseti's 
RuItussUltte ? ~ Schntzhrief des Ocncral-Fcldmarschalls Johann Ton Werth für das Qat 
Schönaa bei Richterlch. — Eine Chirurgenrechnung ans dem Jahre 1TG4, — Die römischen 
Bäder zu Bath in England. — Schiffer in Aachen. — Das Badekalb. — Die Qrabschrift 
des Gerhard Choms. — Fragen. — Vcreinsangelegenhciten: Chronik des Vereins im Jahre 
1889, — Monatarersammlnngen. 



Das Tagebucli des Aachener Stadtsyndikus Melchior Elocker 
von 1602-1608. 

Von K. Wieth. 

Dieses Tagebuch bildet ein Heft in Schmalfolio, 324 mm : 105 mm 
und besteht aus 40 Blättern ohne Wasserzeichen, von denen Blatt 1 und 2 
abgerissen und nur in geringen Resten vorhanden; die letzten 3 Blätter 
sind ganz leer, das viertletzte nur etwa zu einem Drittel beschrieben. 
Durch Mäusefrass und Wasserflecken ist besonders der obere Theil beschä- 
digt, sodass die Anfänge der einzelnen Seiten lückenhaft und vielfach 
unleserlich smd. Mit Rücksicht auf den beschränkten, verfügbaren Raum 
soll der Abdruck derart erfolgen, dass in jedem Heft je ein Jahrgang 
erscheint, und in einem 8. Schlussheft die nothwendigen Erläuterungen 
zusammengefässt werden. Bei der Wiedergabe sind die Abbreviaturen 
von n, m, mm im Inlaut, en im Auslaut, von contra, pro, prae ausgeführt, 
ebenso die abgekürzten Worte d.{dominu8), burg,(ermeister) u, s. w. in 
Klammem ergänzt, die Doppelkonsonanten II, tt, dd im Auslaut nach einem h 
oder Doppelvokal vereinfacht, fehlende oder unleserliche Worte durch 
Punkte angedeutet worden. 



\ 



— 2 — 

1602. 

Auf dem Rest von Blatt 1, Seite 1 steht: . . . den . . . plie . . . nich . . . 
Seite 2 : . . . aussen . . . deß . . . eben . . der b(urgemieister) . . . gen . . 
c(ontra) . . . utirtte . . . vor . . Sachen . . sie alle . . . als . . . Auf dem 
Rest von Blatt 2, Seite 1 : . . . Ahm 23 A(pril kay(serliche) 8ubdel(egirte) 
. . . der weiden . . . über die soe . . . und den . . . gestatten . . . subdele- 
girtte . . . hueten . . . Seite 2 : . . . Gulich . . . communicirten . . . nichts 
. . . ungh . . . deß . . . nit welche . . . Sachen beruheten . . . gewesen welcher 
. . . landtach gethane . . . antwort . . . ungelesen . . . Blatt 3, Seite 1 : 
Gulisch gla . . . wercks consulirt ... bei den hern nuntium apostolicum . . . 
gewesen, welcher für nit undienlich erachtet, daz ihre pabstliche h(eiligkeit) 
etwae ein praebend(arium) oder in ecclesia B. Virginis guten gelehrtten 
einen conferiren solle, welche zugleich pastores und canonici sein sollen, 
darzu ehr auch befurderungh zu laisten sich erbotten. 

Ahm 10. Maij ausser Coln nach hauß gezogen und mit gutem gluck 
zu Birckenstorff, und folgenz taghs morgens zu 9 uhren zu Ach ankommen. 

Ahm 14. Maij meine relation der Werbung zu Coln gethain, und 
wiewoll alles pro voto verrichtet und die so langh verwaigertte munz- 
busch erhalten, so ist mir dannoch nit einmahl danck gesagt worden. 

Ahm 15. Maij haben wir ein anfangh der vergleichungh zwischen 
h(em) Radermecher und Weilers wittib gemachet. 

Ahm 16. Maij bey d(ominum) Aldenhoven zu gast gewesen und die 
lezt gedruncken. Eod(em) mit der procession gangen. 

Ahm 20. Maij die vergleichungh zwischen Weilers wittib, deren 
kinder und h(ern) Radermecher getroffen. Eod(em) bei den Carl schuzen 
zu gast gewesen. 

Ahm 22. Maij d(ominu8) Aldenhoven wegh gezogen und selbigen 
morgens mit ihme allerhandt geredt. Eod. Unsere Soldaten ermeltten 
d(omino) daz glaidt geben, welchen die Gulische Soldaten begegnet ihm 
widderkommen, und als einer von den Guiischen von den unsern von den 
brettem zur Weiden abgestossen, hette sich da schier ein handel begeben, 
jedoch weiln die Gulische zu schwach, seindt sie durch gute wortt und 
starke underhandlungh irer obrigkeit davon kommen. Eod. mit den hern 
burg(ermeistem) den landtgraben vom Kalckhoven biß Burtscheidt visitirt, 
ihm closter eingekehrt und gute zier gemacht. 

Ahm 24. Maij der hoff von Brabandt brieffen von cassatien hiehin 
under poen anhaltungh der guter und personen und Suspension aller vrei- 
heiten geschicket wegen angelegten arrest per mayerum auff den Kelmis 
und restierender Pfennigen. 

Ahm 25. Maij die neue burg(ermeister) beaidet und ob solches man- 
dati und anderen Ursachen mehr nach Brüssel zu reisen verordnet. Eod. 
burg(meister) Widderadt ein 

Blatt 3, Seite 2. 

Ahm 26. Maij (. . . . heurpferdtP) genehmen und . . . abendz zu 
Lutigh ankommen . . . enden 27. zu schiff nach (HuyP) . . selbsten um 
die 5 stunde ankommen, zu nacht gessen und widderumb zu schiff gangen, 



— 3 — 

die ganze nacht gel[ahren und ahm 28. morgens zu vier uhren zu Nahmen 
angelangt, daselbsten zu morgen gessen, heurpferdt genohmen und selbigen 
taghs mit gutem gluck zu Bruissel einkommen. 

Ahm ersten Junij bin ich von Bruissel ghen Antorflf geraisett, und 
hab daselbsten den 2. den umbgangh und die gülden ihn ihren wapffen 
gesehen. 

Ahm 6. Junij zu Bruissel die procession gesehen. 

Ahm 14. Junij von Bruissel ufgezogen und biß ghen Nahmen kommen. 

Ahm 16. Junij bei den hern offlcialn zu Lutigh zu gast gewesen, 
und abendz hatt Berchem sich . . . gemacht. 

Ahm 17. Junij bei Strauio zu Luttigh discuriert und haben die hern 
daselbsten uns den wein verehret. Eod. zu Aach ankommen, und hatt 
Wemerum uf den wegh der narr gestochen. 

Ahm 35. Junij bei hern Framot und Constantinum zu gast gewesen 
und gute discursus gehapt. 

Ahm 26. Junij bei hern Darmondt zu gast gewesen und folgenz bei 
h(em) Holtrop kommen, daselbsten deß h(em) abtten zu St. Cornelimunster 
bruder gewesen, welcher begert, daz man wegen der Irrigkeiten zur 
communication tretten wolle. 

Ahm 27. Junij hab ich per famulam dem burg(ermeister) Widderadt 
29 rthlr geschickt, welche Merten von der Schieiden mir zu Coln vor- 
gestreckt. 

Ahm 1. Julij seindt wir, Deckens und die wittib Bex zu vergleichen, 
beisamen gewesen, und hatt sich Deckens unhöflich genugh gehaltten und 
mich der partheiligkeit beschuldiget, welches ich, daz ehr darahn die war- 
heit sparete, abgelehnet. 

Ahm 4. Julij haben her Berchem und ich den jungen Zinck mit seiner 
Schwägermutter verglichen und seindt wir selbigen abendt bei Wemerum 
zu essen plieben. 

Ahm 5. Julij hat mons(ieur) Tylli kriegsvolck irer zusagh und 
verschi'eibungh zuwidder Weiden verlassen und seindt zu Vetschau ein- 
gefallen und unchristlich gehauset, dagegen als sie Hochkirchen eingenohmen 
und von unserm volck widder abgetrieben, und unser volck die kirch zu 
Bergh eingenohmen, haben sie die kirch mit gwaltt angefallen, als aber 
irer etlich dafür plieben, seindt sie widder abgewichen, und haben wir 
die ... . und geschworen schuzen dahin geschicket . . . auch die bauren 
auflgebotten, also daz zimblich .... worden und etliche haecken und 
andere .... 

Blatt 4, Seite 1. 

. . . lassen, und .... etlich verwundet, . . . capitein oflferirt, umb 
ver . . . sich als geisseler, daz sie den ahnderen tagh am 6. morgens 
frühe auffziehen wollten, dargestellt, welche also die nacht bei den unsern 
verplieben, folgenz taghs seindt sie auffgezogen und haben sich zu Höhe 
Mechelen niddergelegt. 

Ahm 7. Julij haben sich etliche befelchaber dieses regimenz angeben, 
deß vorigen verlauffs beklaget, und widderumb umb quatier vor 2 oder 3 



— 4 — 

tagli angeLaltten, welches wir dem raht zu referieren angenolimen. Eod. 
bei burg(ermeister) Ellerborn zu gast gewesen. 

Ahm 8. ist der obrister Tylli ankommen und hat sich des verlauffs 
vast beschweret und seindt selbigen taghs Reuschenbergh, Ansteradt und 
amptman zu Wilhelstein Spiess alhie zu Ach ankommen und mit dem 
obristen wegen dess quatiers tractiert und dasselbigh ihm ampt Monioye 
gegeben. Eod. ihm bädt gewesen. 

Ahm 10. Julij seindt morgens frühe die . . . knecht auflfgezogen, 
aber daz reich Aach nit angetroffen und haben obgemelte Gulische, welchen 
der wein bei h(ern) Holtropff praesentirt, nit dank gesagt. Eod. die patres 
comoediantes von Naboth auff dem marckt gespielet, und ist selbigen taghs 
Balthasar Kettenis haussfrau begraben und hatt einer ihm mitten deß 
Spiels mit einer kugelen nit weit von dem volck geschossen. 

Ahm 14. Julij bei moen Ellerborn auff dem brautessen gewesen und 
allerhandt doch gute conversation gehapt. 

Ahm 18. Julij bei die gouvernantine von Limburgh gewesen und 
uns, daz man daz beglaiten zu verbieten understehen solle, da sie es doch 
taglich theten, beschweret, darauff sie geantworttet, daz ein gouvernement 
dem andern solch convoyen nit verstattet, also konte sie es ouch nit thun, 
dan es innen von irer alteren verbotten, dan wolten wir außziehen, sie 
sollte uns 30, 40 ja mehr Soldaten uf unser begem zuschicken, darauff als 
wir replicirt, daz einer und ander theil solchs von alters ohne gewinnungh 
einigen rechtens und sine . praeiudicio zu thun pflege, also begerten wir 
daz es noch also gehaltten werde, dan soltte es nit geschehen, so trugen 
wir die vorsorgh, das ein raht ihre convoyen, so taglich biß gar ihn die 
statt geschegen, nit verstatten wurde, warauff sie gesagt, sie hette iren 
söhn alhie, welchen sie ohne convoy nit besuchen konte, wollte man den 
nit haben, so wehre sie resolvirt innen hinwegh zu nehmen, was hergegen 
nun eingeredt, hatt sie doch priora repetirt, mit dem zusaz „nous prae- 
decesseurs Tont permis avecque conditions que je lessray. Vous .... 
apres et vous les trouveres", und damit seindt wir wegh gangen. 

Blatt 4, Seite 2. 

. . . haben die scheffen . . . . uf den Calmin gelegt er . . . der 
meier den scheffen prae . . . essen. Und haben die scheffen ime das 
ge(sagt und dem gouverne)mento geantwortt. Eod. der ambtman den 
kaufleuthen daz arrest widderumb abgekundiget. 

Ahm 22. Julij seindt wir zu Berennßbergh gewesen und haben mir 
domaln vatter und mutter daß hauß ihn St. Albrechtstraß geben. 

Ahm 23. Julij ihm kleinen raht Gerardt Ellerborn ihn einer Sachen, 
als ich meine meinungh gesagt, so den scheffen, als sie mainten, etwas zu 
Widder was, mir gesagt, es stunde mich nit zu reden, dan als ich von 
den burgermeistern gefragt wurde, und da wehren die altten ihm raht, 
daz man die fragen sollte, ich proponirte und thete schier alles, was die 
burgermeister thun sollten, darauf ich geantwortt, ich verantworttet deß 
rahz Sachen und thete, was ich crafft gelaisten aidz zu thun schuldigh 
wehre, ehr sollte seine stim geben, und damit hette ehr daz seinigh 



— 5 — 

gethain. Dieses ist ihn saclien deß Augustinerclosters wegen der adolit 
gescliehen. 

Ahm 25. Julij hatt mein mutter mir daz hauß sampt den zweyen 
kleynen hausergen respective ihn St. Albrechtstraß und auff den graben 
liggende geben dergestallt, daz ich dieselbige meines gefallens bauen solle, 
vatter aber hatt wegen der 2 kleinen heusergen noch etwas difficultirt. 

Ahm 24. Julij haben die schefifen mich auff irer leuben gute schier zu 
machen berufen, bin aber nit gangen. 

Ahm 26. Julij Kayser Caroli abendt gute schier auflf dem hauß gemacht. 

Ahm 31. Julij vor dem raht ein pferdt vom vaegten zu Caster ad 
68 rthlr kaufft. 

Ahm 28. Julij hat vatter nochmaln wegen der kleiner heusergen sich 
beschwert, sonderlich daz ime wee thun sollte, die arme leuht zu vertreiben, 
also hab ich eins noch keines begert, dan mit dem Juden Alexander wegen 
des bischoffstab tractirt und dasselb ihn heur angenehmen iahrs vor 45 thlr. 

Ahm 2. August dem raht zu wissen komen, daz die Colnische alle 
Oecher guter, welche biß uf gegenwerttige stundt frey gewesen, unfrey 
gemachet, und ist derwegen pro impetrandis mandatis contra her Berchen 
ghen Speyer verordnet. 

Ahm 4. August. Don Gastons hausfrau mit irem söhn uf dem rahthauß 
gewest, gute schier gemacht und hatt Widderradt dem sohngen auß 
anstiflftungh der Jesuiter ein ubergollt bechergen geben. 
Blatt 5, Seite 1. 

. . . Eilerborn zu kirmeß gewesen . . . funden die altt Ellerbomin . . . 
von dem Bongart und ihn ... . 

Ahm 6. August die Gronsfeldische underth(anen) benentlich Jan Meeß 
bei mir gewesen ihn ihren sachen consultirt, und verehret 2 philipsthaler. 
Eod. der her zu Beusdall dem rent(meister) Bleienheufft die weisse mullen 
cum appertinentiis wegen Ecluis verkauflPt. 

Ahm 8. August bin ich benebens Gerardten EUerbom ghen Coln 
abgeordnet. Eod. der munzmeisteir Gerlach Radermacher mir ein dubbelen 
rthlr verehret. Eod. hatt schwager Jacob Amerongen seine rechnungh 
gethain, was ehr zu Utricht von meinentwegen empfangen nehmlich ein 
hundert achzig brab(antische) gülden, davon ehr mir eine Obligation fertigen 
und herauß geben solle. Eod. mein schweger mutter Francisca von 
Diepholtt ihrem Gaetgen Maricken wegen der tauffgaben geschickt ein par 
gülden brasseletten wiggende 15 woue. 

Ahm 10. August morgens zu drey uhren zu pferdt gesessen und seindt 
Ellerbom und ego selbigen taghs umb 5 uhren zu Coln glucklich ankommen. 

Ahm 1 1 . mittaghs bei den hem Mars(chalck) Schenken zu gast gewesen 
und gute conversation gehapt, wie insgleichen den abendt in convictü bei 
den patribus societatis zu nacht gessen und frolich gewesen. 

Ahm 18. August von Coln widderumb ghen Ach gereiset und seindt 
uns selbigen taghs vor MuinerstorflF 6 reuter zugesezet, welche uns biß 
ghen Brauweiler nachgeeilet, aber uns zulezt wegen unser stark anreiten 
verlassen müssen. 



— 6 — 

Ahm 19. zu Ach mit gutem gluck gott lob und danck ankommen, 
und bm ich selbigen taghs ins bädt gangen, alda gefolget beide hern 
burgermeister, rentmeister Bleienhaubt und weinmeister Moll, und haben 
gute schier gemacht und die hern den wein und badt bezalet. 

Ahm 22. August die herzoginne zu Gulich frau Antonetta zu Burt- 
scheidt ankommen und ihm kloster logirt, ihn mainungh ghen Spae zu 
ziehen. 

Ahm 23. August hochg. ihre f(urstliche) g(naden) auflfgezogen ghen 
Spae, und als wir audiens begeret, ist dieselbige, biß man, wie die wortt 
gelauttet, gehorsamb gelaistet, verwaigert, idemque per Anstenradium. 

Blatt 5, Seite 2. 

Ahm 25. August ist zu . . . gewesen und hab ich domaln . . . 
(freun)dt zu gast gehapt, und die . . . angezogen. 

Ahm 29. August Gilliss Boss, daz ehr den pabst einen antichrist 
gescholden, der statt verwiesen. 

Ahm 4. Septembris ist die herzogin von Gulich widderumb von 
Limburgh alhie zu Burtscheidt kommen und denach sie die herzoginne 
ahn Don Gaston und in absentia ahn seinen Ueutenampt schreiben lassen, 
hatt solches der gouvemantinne also sehr verdrossen, daz sie alspaldt 
ufgesessen und alhiehin ghen Ach kommen, ist also irer f. g. das schloss 
und vornembste herbergen versperret. 

Ahm 30. August hatt her Hans Gerardt von Holtorp seine praebendt 
in favorem . . . sohns resignirt und ist derselbige installirt und ange- 
nehmen worden. 

Ahm 5. Septembris die herzoginne von Gulich alhie langhs die statt 
gezogen, sonder daz irer f. g. einige ehr erwiesen. 

Ahm 6. her Hamerstein bei mich komen und seindt des nachmittaghs 
mit den h(em) burgermeistern ihm badt gewesen, und haben sie daz bädt 
ufgesprochen. 

Ahm 9. Septembris Hamerstein weghgezogen und ist selbigen taghs 
die iahrrechnungh gehaltten. 

Am 10. Septembris, als ich daz loch uf dem archivo aus der neunmans 
cameren brechen lassen, hatt Widderadt lachendt gesagt, die neunman 
durflFten sich nit beschweren, ich giengh so oflFt spacieren, daz sie dess- 
wegen kein ungemach haben wui'den. 

Ahm 11. Septembris hab ich dem burgermeister Widderadt meinen 
receß und eingezeichnete designation originaliter übergeben, welche sich 
ertragen ad 366 goltgulden ungefehr, und hab ich ihme, wan die bezah- 
lungh erfolget, den 20. pfennig verhaischen. 

Am 15 Septembris mit den hern burg(ermeister) Widd(eradt) bei den 
probst Bockholz ze gast gewesen und gute discursus gehapt. 

Ahm 17. Septembris zu nacht etliche Statische zu roß und fuß zu 
Haren eingefallen, alles geraubt und 18 pferdt hingenohmen und darzu 
6 der vornembste hausleuth gefenglich hingefuhret. Eod. Paulus Bedän 
alhie faillyrt, hatt doch gerichtlich versprochen und seine guter obligirt, 
innerhalb halben iahrstfrist zu bezallen. 



— 7 — 

Am 20, Septembris hatt Gerardt Linzenich banquerottirt. 

Blatt 6, S. 1. 

. . . Septembris hab ich mit hern zu Alstorffs .... Achischen 

wesen allerhandt gere(det) . . . emainet ehr, daz die sach etlich ahm 
Galischen hove sehr verbittert wehre, und daz taglichs eines zu dem 
anderen queme, so wolle ehr doch verhoffen, daz die Sachen einsmals uf 
ein interim gerichtet werden mochten, und als ich von der ablöss zu reden 
angefangen, supervenit dominus de Alstorff, sagt doch ehr brevibus, daz 
ehr wüste, wer solches geschrieben. Und durch daz mittel konte man 
einmahl endtlich darauß kommen, doch zu besser gelegenheit wollen wir 
hievon weiters reden. 

Ahm 24. Septembris ist zeitungh kommen, daz Jaquis Freportten 
und N. Vreithoven banquerottieret. 

Ahm 25. Septembris abends ufm rahthauß burg(ermeister) Widderrädt 
und rentmeister Bleienhaubt wortt gethailet, und hatt Widderadt gewollt, 
daz Bleienhaupt sich bei den Jesuitern beichten solle. 

Ahm 27. Septembris bei Caspar le Grandt den mittagh gewesen und 
zimbliche gute discursus gehapt. 

Ahm 29. Septembris bei Meven zu gast gewesen, welcher uns zimblich 
woU tractieret. 

Ahm 30. Septembris hab ich weilandt Mr. (meister) Franzen Bockholz 
ihm Weingardzbongartbehausunghgeheuretmit der moenen, jahrs vor 50 thlr 
und seindt sie, vermiedere, den abendt bei mir zu gast plieben, imd hab 
ich alles zahlt. 

Ahm 1. Octobris den mittagh bei vattem gewesen und haben den 
nachmittagh die Stemgesellen eine refection gehapt, bin doch dorthin nit 
gegangen. 

Ahm 2. Octobris die Amutinirtte von Hochstraten auß Peer hiehin 
und ahn die benachtbartte geschrieben und geltt und abtragh under conmi- 
nation des brandz begeret. 

Ahm 3. Octobris der raht beschlossen, daß man etlich Soldaten 
annehmen und dabenebens die burger mit der trumel auff die wacht ziehen 
sollen, und daz man solches den samptlichen zunfften, sich darnach zu 
verhalten, anzaigen solle, inmassen ich den nachmittagh neben andern hern 
uf 6 zunfften gangen, innen solches der lengde nach angezaigt und sie 
allzumahl wilfärigh befunden. Eod. dem rentmeister Bleyenhaupt einen 
uf den raht sprechenden brieff von 400 goltgulden, welcher den Mars(chalck) 

Schenckhern ahn bezalungh geben, umb denselben vermugh der hern 

bewilligungh mit 400 rthlr. abzuloesen. 

Blatt 6, S. 2. 

. . . Octobris bin ich uf verordnungh . . , (des b)urg(ermeisters) Widder- 
rädt ghen Ma(stricht) . . . gen Albrechten zu congratulieren . . . darselbsten 
glücklich ankommen. 

Ahm 6. Octobris ist der erzherzogh neben . . . Admirante und andere 
fursten zu Mastricht ihn grosser pompa einkonunen. 



— 8 — 

Ahm 7. Octobris haben wir bei ihro f(urstlichen) d(urchlaucht) 
audiens gehapt und haben sie sich alles gnedigen nachparlichen willens 
und darzu erbotten, daz sie dess gepieths Ach mit einlägerungen und Über- 
zügen sovill immer muglich verschonen wollten, imd von uns begert und 
frey gegeben, daz amutinierte Kriegsvolck nidder zu schlagen und umb- 
zubringen. 

Ahm 8. seindt 4 compagnien d'ordonance, darunder capitein Charlon 
gewesen, nicht weit von Tungem von den Staten nachz umb zwolfiF uhren 
überfallen und zerstreuet. 

Ahm 9. haben wir bei Don Gkiston audienz gehapt, hatt uns über allen 
puncten gar gute wortt gegeben, Eod. ist daz Hyspanische läger mehren- 
theil durch Mastricht gezogen und haben sich dabey vill ansehnlicher 
Soldaten, sonderlich under daß fuißvolck befunden und seindt wir selbighen 
taghs zu Ach widder glucklich ankommen. 

Ahm 13. Octobris hab ich den jungen Don Gaston sampt Rouelli 
und andern guten freunden zu gast gehapt und gute schier gemacht. 

Ahm 14. Octobris mit dem meier wegen deß behaflften tödtschlagers 
deß altten nachrichters söhn, weme derselb hinzurichten zustehen solle, 
underredungh gepflogen, und hatt derselb allen Unwillen von sich auffdie 
scheffen gelehnet, imd ist genanter meier also unbestendigh ihn seinen 
reden gewesen, daz sich menniglich, so auf der leuben gewesen, darab 
verwunderen müssen. Eod. den abendt parentes et uxoris materteram zu 
gast gehapt. 

Ahm 15. E. Meusenbrouck und Amerod hiehin komen und bei des- 
selbigen abendz zu innen beruffen, und folgendz taghs hab ich sie ufs 
rahthauß gefuhret, alles durchsehen und folgenz gute schier machen lassen. 

Ahm 16. Octobris ist deß altten nachrichters Mr. (meisters) Hensgens 
söhn Gilliß der Jungh gnent wegen eines nidderschlaghs ihm graßhauß 
mit dem schwerdt hingericht worden und hatt derselb sich keines sins 
zum todt begeben wollen. 

Ahm 17. Octobris hatt uns burg(ermeister) Ellerbom ins badt ge- 
nötiget, und da em jeder die speyß selber nit beybracht, hetten wir von 
ihme imd seiner mutter nichz funden. 

Blatt 7, Seite 1. 

. . . Octobris den mittagh bey .... zu gast gewesen und hatt . . . 
domaln nit uf gesundtheit des .... capituls, dan daz man dessen ruine 
suche, drincken wollen. 

Ahm 21. Octobris hab ich dem h(ern) Mar8(chalck) Schenckhem ein 
weschelbrieff von 400 rthlr, damitt der raht s(einer) l(iebden) einen brieff 
von 400 goldgulden abgeloset, uberschicket per Weinandten den botten. 

Ahm 28. Octobris mittaghs bey Rouellen zu gast gewesen, und seindt 
wir folgenz ihn St. Annencloster gangen. 

Ahm 29. bei den jungen Don Gaston den mittagh zu gast gewesen, 
und seindt Rouilly und ego folgenz ihn die Weisse Frawen divisieren 
gegangen. 



— 9 — 

Ahm 2. Novembris hab ich erstmahl ihn dem hauß ihm Weingarz 
bongart geschlaffen und eingefahren. 

Ahm 5. Novembris der her coadiutor der stifft Coln, Lutigh etc. 
von Lutigh hiehien kommen und bin ich s(einer) d(urchlaucht) neben den 
hem burg(ermeistern) entgegen geritten, und uf den busch empfangen, und 
hab ich daz wortt gethain, ihre f. d. aber, daz hieran zu vill geschehen, 
sich hochlich bedancket, und seindt also zugleich ihn die statt geritten, 
alda die artelerey etlich geschuz mit zimblicher guter ordnungh abgehen 
lassen, und haben wir mit der statt Soldaten ihro f. d. biß vor die 
dechaney verglaitet. 

Ahm 6. Novembris bey hochg(eboren) irer f. d. audiens gehapt und 
alles in meliore forma vorpracht und darauff gnedigste antwortt bekommen, 
und seindt wir folgenz mit ihro f. d. biß ghen Haren geritten und 
daselbsten unsern abscheidt genommen, die Soldaten aber seindt so gar 
biß ghen Deuren mitgangen und ihro f. d. beglaittet. 

Ahm 7. bin ich von den kupferschlagern, den frieden zwischen sie 
und Rouelle zu machen, requirirt worden, und haben sie auff ihrer leuben 
entschlossen, mir ein par kupffern brandtrichten zu verehren. 

Ahm 8. Novembris bey hern Meynradt kuchenmeister von St. Comeli 
Munster, zusampt den burg(ermeister) Widderadt ihn Comeli badt gewesen, 
und ihme den wein verehret, und hatt ehr sich alles guten erbotten und 
deß abts geschwindigkeit und hohen ubermuht beklaget. 

Blatt 7, S. 2. 

. . . Novembris hatte man die neue angefangen. 

Ahm 10. uf den buchel zu gast gewesen .... 

Ahm 11. Novembris seindt die uf ghen buchel und ... bei mir 
schencken kommen und haben gute schier gemacht. 

Ahm 12. Novembris bin ich vom raht zum reichstagh ghen Regens- 
purgh deputirt und verordnet, Eod. hab ich die vergleichungh ihn crafft 
von beiden theiln mir gethaner veranlassung zwischen Carolo Eouelly und 
greven und meister deß kupperschlagerhandwercks gemachet. 

Ahm 14. Novembris 2 vercken kaufft ad 23 thlr 1 ortt, welche ich 
ahm 15. mit reichs- imd philipsthlr zahlt. 

Ahm 15. Novembris ist des meiers Johan von Thenen haußfrau 
zusampt dem kindt begraben. Eod. haben h(ern) burg(ermeister) und 
ampttrager zu hilff der kleidungen wegen deß reichstaghs mir zugelegt 
funffzich Aacher thlr. 

Ahm 17. Novembris rentmeister Bleienhaubt und Michael Amia cum 
uxoribus bei mir schencken gewesen. 

Ahm 21, Novembris haben unsere Soldaten den Guiischen das convoy 
gleich herendz vor der Weyden abgenohmen und bis ihn die statt beglaitet. 

Ahm 22. Novembris seindt burg(ermeister) et ego mit dem kay(serlichen) 
commissario Nurzel ghen Burtscheidt ins bädt gefahren und den mittagh 
bey ihme gute schier gemacht. 

Den 23. Novembris ist der her commissarius Nurzel verreiset, und 
haben unsere Soldaten innen biß über den busch bei St. Joris verglaitet. 



— 10 — 

Eod. hab ich befunden, daz meine kisten visitirt und 31 rthlr abhendigh 
gemacht. 

Ahm 26. Novembris haben her burg(ermeistcr) Wedderaedt et ego 
graff Henrich von den Bergh, welcher mit 8(einer) g(naden) schwesteren 
etlich tagh alhie ihm bädt gelegen, morgens vor dem abzugh besuchet und 
congratuliert und benebens gepetten, bei dern underhabendt kriegsvolck 
die verfiiegungh zu thun, daz diese statt, dem underthanen und guter 
unbeschwerdt verpleiben mochten, darauff iliro gnaden sich hochlich be- 
dancket, und die Ursachen, warumb sie alhie unbekent verharret, angezaigt 
und sich ufs hoehist erbotten. Eod. mit etlichen hern ins badt gewesen 
und gute schier gemacht. 

Ahm 27. Novembris her Christian Meessen söhn daz halbscheidt deß 
oschen (ochsen) zahlt ad 20 thlr 1 ortt per bui'g(ermei8ter) Meess uf der 
canzley. 

Ahm 6. Decembris seindt die Amutinirtte ungefehr 700 pferdt bei 
Wesel gewesen, in mainungh herendz zu komen, haben aber auß mangel 
der schiff über die Maaß nit kommen können, seindt also zurugkgezogen. 

Blatt 8, S. 1. 

.... haben die Amutinirtte brandtbrieff ahn die statt Ach 

g(eschick)et. Eod. bey Balduin den Lutiger mittaghs zu gast gewesen 
und gute schier gemacht. 

Ahm 9. Decembris hab ich dem hern burg(ermeister) Widderadt ein 
besiegelten brieff uf den raht sprechendt, welcher dem herrn Mars(chalck) 
Schenckhern zustendigh von 750 goltgulden, und ehrzeits von Lenardt Amia 
belegt, dergestallt zugestellt, daz ehr entweder daz geltt darvor ver- 
schaffen, oder mir den brieff widder lieberen sollte, und ist solches uf der 
rentcamem beiseins hern Christian Meeß und Gilliß Bleienheufft geschehen, 
restituirt 16. Decembris. 

Ahm 12. Decembris der her Mars(chalck) Schenckhern mir zugeschrieben, 
daz s(einer) l(iebden) mir die pensiones von den renthbrieffen^ auff den 
raht sprechendt in recompensam gehapter bemuhungen schencke. 

Ahm 13. Decembris haben Herman Klockers und mein moen Elysabeht 
Beulers uf ihr antheil dess Garzweilers lehen zu behoeff meines vettern 
d(omini) Pauli Garzweilers verziegen. 

Ahm 1 5. hab ich Bartholomaeum von Cöln den mittagh uf die portion 
bei mich gehapt, und der zeit allerhandt wegen der vergleichungh mit 
den kupperschlagem contra den raht geredt, darihn ehr daz best zu thun 
angelobt. 

Ahm 18. Decembris haben die hern deputirtte den alhie gewesenen 
Guiischen abgesandten den bescheid geben, daz sie vor Christfest die dis- 
tribution und außtheilungh der echterguter machen und ihrer f(urstlichen) 
g(naden) ihro antheil verweisen wollen. 

Ahm 21. Decembris abermahlige scharpffe dröheschreiben von den 
Amutinirtten von Hochstraten ahn den raht gelanget. 

Ahm 23. Decembris hatt der gemeinen raht wegen der Amutinirtten 
die sach ahn die gaffelen glangen lassen. Eod. nachmittaghs die gaffelen 



— 11 — 

per maiora beschlossen, paßport bey gesagten Amutinirtten umb die not- 
torfFt zu handeln, gesinnen zu lassen. 

Ahm 24. ist dem raht daz entführtes pferdt von Falckenburgh 
Widder konunen. 

Ahm 26. bey Groningen den mittagh zu gast gewesen. 

Ahm 28. ins badt gewesen. 

Ahm 27. bey burg(ermeister) Eilerborn seindt die hern ampttrager 
schencken gewesen und haben ein guten zugh gethain. 

Ahm 29. den mittagh bei Simon von Hausen zu gast gewest, und 
hatt domalen mein neff Pastor und her Brecht starck von deß capituls 
Sachen, und daz der raht innen unrecht thete, discurrirt, darauff ich innen 
doch gar gute antwortt geben, und hatt Pastor sein haubt und alles gutt 
ufzusezen verschworen, daz ehr deß capituls Sachen außführen wolle. 

(Fortsetzung folgt.) 



Kleinere Mittheilimgen. 

Grani und die Granier^ 

-Waotans Boss hiess Grani, ebenso das übernatürliche furchtlose graue Eoss, 
welches die nordischen Denkmäler dem Signr Fafnisbani zuschreiben und häufig erwähnen, 
der Hengste bester, von Odins achtbeinigem Bosse abstammend, grösser als andere Bosse, 
sein Schweif viele EUen lang. Wenn Sigur es reitet, sprüht Feuer aus seinem Gebiss. 
Von der Mähne des Skinfaxi, so hiess das Boss des Tagesgottes — faxi altnordisch = 
barbatus, jnbatus — heisst es, sie glänze immer. Auch in deutschen Ueberlieferungen 
des 13. Jahrhunderts erscheint Grani noch. „Die altsächsische Namensform würde Grano, 
ahd. Erano, mhd. Grane gelautet haben. Dieselbe ist, da die faröischen Lieder Grani, 
das norwegische Grane, die dänischen und schwedischen Grane, Gram, Grammen, Gramand 
bieten, vom altsächs. Adjectivum grano (?), ahd. crana, mhd. gran, altn. gröni, das von 
grön (pl. granir), barbatuB stammt, herzuleiten, welches sich auch in Odins Name Grani, 
Hrosshärsgrani und als altnordischer Mannsname findet. ** (Baszmann in Ersch und 
Gruber, Art,* Grani.) Simrock schliesst aus dem Beinamen Odins, dass er Sonnengott 
war und glaubt, dass er zu Aachen als Apollo Granus verehrt wurde: „Wir finden bei 
Baidur das queUweckende Boss wieder; es war von Odin, dem Sonnengott, auf seinen 
Sohn Baidur, den Lichtgott, übertragen. Von Karl dem Grossen als dem letzten Erben 
des Mythus wird auch erzählt, er habe zu Achen ein halbgöttliches Weib zur Geliebten 
gehabt, die bei seiner Abwesenheit todt da lag, wenn er aber zu ihr kam, wieder auflebte. 
Einst sah der Kaiser, wie ein Sonnenstrahl ihr in den Mund fiel, ein goldenes Korn auf 
ihrer Zunge; er liess es abschneiden, und alsbald war sie todt und lebte nicht wieder 
auf. Der Sonnenstrahl bestätigt hier unsere Deutung des Namens Granus auf den 
Sonnengott. Der Sonnengott liebt die Erde, die von seiner Gegenwart wieder aufzuleben 
scheint. Das Goldkom in dem Munde der Erdgöttin ist das goldene Getreide, das uns 
ernährt ; wird es bei der Ernte abgeschnitten, tritt der wirkliche Tod ein, d. h. der Winter, 
der Tod der Natur. Granum wird dieses Goldkom genannt. Der sinnreich erfundene 
Mythus spielt mit dem Worte, das ihm zugleich als Beleg für die Abstammung des Korns 
von dem Gotte dienen muss. Bis man den Namen Granus oder Grannus aus dem Keltischen 
besser erklärt als wir aus dem Deutschen, zugleich aber auch seinen Mythus beibringt 
und deutet, hat man kein Becht, ihn der deutschen Mythologie abzusprechen, die allein 
seinen Mythus erhalten hat. Anderer Meinung ist Ernst Kuhn, Ztschr. f. Phil. II, 376, 



1) VgL yon demselben Verfaaser: Aquisgrani im 2. Jahrgang dieser Zeitschnfl S. 66 ff. 



— 12 — 

aber ohne auf unsere Beweisführung einzugehen, mit blossen Citaten, bei deren Nach- 
schlagen wir nichts Neues erfuhren. In der jüngsten Gestalt unserer Sage ward jenes 
Goldkorn zu dem Zauberring der Fastrada; in einer mittleren Gestalt, wo ein Stein den 
Zauber wirkt, ist dieser Stein Yon einer Schlange geschenkt, in der ich mit H. Müller 
eine Beziehung auf die Wurm sehe, den Bach von Achen." (S im rock, Deutsche MythoL, 
1874.) Nach dem Berichte Petrarca's war der Stein ein glänzender Karfunkel* 

Mit dem Substantiv grani werden im Spätlatein namentlich die Haarflechten 
bezeichnet, wie sie nach den Abbildungen auf Münzen die gothischen Könige trugen, 
capilli sparsi ac discriminati, quarum mentio in concilio Braccarensi: Placuit ut lectores 
in ecclesia in habitu saecnlari non psallant, neque granos gentili more in orbem flexos ac 
sparsos habeant, wie Salmasius (Plinianae exercitationes in C. J. Solin. Polyh. p. 536) 
erklärt. Verwandt ist das ital. granoni, die Franzen auf den Schultern von Militärpersonen. 



lieber die verschiedenen Personen, welche in der römischen Geschichte mit dem 
Namen Granius vorkommen, gibt £rsch und Grubers Encyklopädle unter den Artikeln: 
Grania gens von Hertzberg und Granius von Külb die beste Auskunft. Obwohl mir die 
Ableitung der Aquae Grani von einer Gottheit' viel wahrscheinlicher ist, als die Benennung 
nach einem Menschen, dürfte es doch für die entgegengesetzte Ansicht von Interesse sein, 
die Reihe der Glieder der Grania gens vollständiger vorzuführen, als dies im früheren 
Aufsatze schon geschehen ist. 

Für Aachen ist der durch seinen Witz bekannte Praeco Quintus Granius insofern 
ohne Bedeutung, als er schon im J. 91 v. Chr. starb; dasselbe gilt von seinen Söhnen 
Cnejus und Quintus, den Stiefsöhnen des Marius, die, von Sulla geächtet, nach Afrika 
flüchteten, ebenso vom Quästor Granius zu Puteoli, der im J. 78 v. Chr. starb und auch 
wohl von Aulus Granius aus Puteoli, der vor Dyrrhachion 48 v. Chr. seinen Tod fand, 
wahrscheinlich auch vom Cäsarianer Granius Petro, der in Afrika starb und von Granius 
Flaccus, einem Eechtsgelehrten zur Zeit der Diktatur Cäsars. Die Zeit des Geschichts- 
schreibers Granius Flaccus und des Dramatikers Cajus Granius und einiger andern in 
meinem Aufsatze genannten Granier (Arzt Granius, Tit. Granius Victorinus, Granus 
Fortunatus) steht nicht fest. 

Granius Marcellus, Prätor von Bithynien, 15 n. Chr. angeklagt aber freigesprochen 
(Tac. Ann. I, 74), könnte eher als Gründer Aachens angezogen werden, als Quintus 
Granius, der Ankläger des Calpumius Piso (24 n. Chr.) oder als der Senator Granius 
Marcellus oder Martianus, der im J. 35 angeklagt wurde und sich selbst den Tod gab, 
obwohl letztem die Utrechter Chronik als den bezeichnet, dem Aachen seipen Ursprung 
verdanken soll. 

Sehen wir ab vom später lebenden Granius oder Granianus Serenus, dem Proconsul 
in Asien unter Hadrian, dem Vertheidiger der Christen und von Julius Granianus, dem 
Lehrer von Alexander Severus, von denen der erstere als Gründer Aachens vermuthet 
worden ist, so bleibt uns nur Granius (nach anderer Lesart freilich Gavius) Silvanus, der 
65 n. Chr. gegen Nero verschworen, Ankläger Senecas wurde (Tac. Ann. XV, 56, 60, 61), 
später aber, selbst denuncirt, sich entleibte, obwohl er begnadigt worden (Tac. 71). Als 
Zeitgenossen Neros hat man ihm die Gründung unserer Stadt zugeschrieben. Nicht 
immer erscheint in der Gründungs-Sage Granus als Bruder Neros, sondern auch wohl als 
ein von Nero geächteter Senator, so z. B. in einem späten Tongrer Katalog (bei Mous- 
kes I, 568), wo es heisst: Duo vici egregii a Nerone proscripti ad Juliam confugerunt, 
quorum alter Granus Senator ia pollens dignitate palatium exstruxit, unde locus nomen 
Aquisgrani accepit, alter Antonius vir tribunitiae potestatis munitionem erexit, loco ubi 
nunc Trajectum infcrius. B, M, Lersch. 

*) Fastrada starb 794, 10 Jahro vor der Einweihung des Münsters, vielleicht jrar Zeit des Conoils 
zn Frankfurt; dort war ihr Grab. Poetische Darstellungen der Sage vom Zauberringe sieh' in Alfr. 
V. Reumont*8 Aachens Liederchronik. 

■) Hinsichtlich der dem Apollo Grannus gewidmeten InschrÜlen vergleiche man noch Velsor 
Her. August. Vind. comment. 1594. — Uralt ist der Kultus des im frtthem Aufsatze angezogenen Apollo 
Kameyos, dessen Priester in Sikyon schon vor dem J. 1120 vor Chr. erwähnt werden. 



— 13 — 
Porcetum Forseti's Cnltnsstätte ? 

Pörseti (gen. Forseta), wie die Nordländer, oder Foseti oder Fosito, wie die 
Friesen ihn nannten, d. L Vorsteher, princeps, althochd. forasizzo, der Sohn Baldurs, des 
Lichtgottes und Nannas, dessen gewöhnlicher Wohnsitz Glitnir (Glinzer) im Zeichen der 
Jungfrau von goldenen Säulen gestützt und mit Silber gedeckt war, ist eine dem Norden 
gemeinsame Gottheit. Wie Alcuin und Alfried berichten, sah noch der durch Sturm nach 
Helgoland verschlagene Willibrod (gegen 700), ebenso wie später Liudgar auf seinem 
Missionszuge (785), ihre Cultusstätten. In einer diesem Gotte heiligen Quelle, der man 
bis dahin nur schweigend zu nahen wagte, tauften sie die zum Christenthume bekehrten 
Heiden. Diese nordische Gottheit wird demnach besondere Beziehung zu Quellen gehabt 
haben. Sie scheint besonders kurz vor der Herbstnachtgleiche, ehe die Sonne in das 
Zeichen der Waage eintrat, verehrt worden zu sein. Gleichsam Tag und Nacht abwägend 
und ausgleichend, galt Forseti als der beste Richter unter Göttern und Menschen. (Vgl. 
Ersch und Gruber, Art. Forseti, Simrock, Deutsche Mythol.) 

Vergleicht man den Namen dieses Gfottes mit den alten Namensformen von 
Bnrtscheid: Borted, Borzet, Borschid, Porcied, Buorcit, Porchet, Burchit, frz. Borcette, 
engl. Borset, so ergibt sich bei der wohl statthaften Annahme, dass F leicht in B oder P 
übergehen kann, eine merkwürdige Aehnlichkeit, welche uns gestattet, die jetzt freilich 
unlösbare Frage aufzuwerfen, ob nicht ehemals auch an den Burtscheider Thermen der 
Gott Forseti eine Cultusstätte hatte.* 

Unweit Burtscheid liegt das Dorf Forst mit der uralten Gerichtslinde, was wieder zur 
Cultusstätte Forsetis, des weisen Richters, passte. Nordöstlich davon Verlautcnhcide, 
dessen Name, wie Simrock bemerkt, dem der wenig bekannten Göttin Hludcna ähnelt. 

Zu Aachen das Ross Odins und seines Sohnes Baidur — zu Burtscheid Baldurs 
Sohn Forseti? B, M, Jjersch. 

Schutzbrief des General-Feldmarschalls Johann von Werth für das 

Gnt Schönan bei Richterich. 

(Kopie des vorigen Jahrhunderts aus dem ehemaligen Schönau'schen Archiv.) 

Dero Rom. Kays. May:, auch Churfiirstl. Durchl. zu Beyeren respective Kamcrer, 
Generali Veldt Marschall, Leutenant und Obrister zu Roess und Fuess, Johann Freiherr 
von Weerth. 

Demnach allerhöchst gedachte Kays. May. auch Churfiirstl. Durchl. zu Beyeren das 
adliche Hauß Schönawen in sonderbahre Protektion, Schutz und Beschirmung auff- und 
angenommen und mir bey dieser Occasion selbigh dabey zu manuteniren allergnädigst an- 
befohlen, alß glangt an alle und jede hohen und niederen Standts, was Dignitet und 
Condition sie seindt, mein nach Qualität gebührliches Gesinnen, denen so unter meinem 
Commando begriffen, ernstlich bei Leib- und Lebensstraff anbefehlent, obengenannten 
Hauses luwöhnere, (Jnderthanen und Angehörige in Besaumungh und Bawunglicher Felder 
Verrichtungs halber anderer Arbeitt und Affairen allenthalben nicht allein frey, sicher 
und ungehindert pass- und repassiren zu laßen, sondern auch mit Abnahm ihres klein 
und grossen Viehes, Pferden, Früchten, Mobilien, Rauben, Plündern, Brandschatzungen, 
Fouragirung, Inquartierungen, Stangen oder Spannen durchauß nicht zu beschweren, noch 
von anderen beschwert zu werden gestatten, so lieb einem jeden ist obengedeute Straff 
zu vermeiden, hehran vollenzichen meinem Kommando Untergebene meinen ernstlichen 
Befelch, Willen und Meinungh und stehet gegen andere nach jcderstandts Qualität zu 
verschulden, urkundlich untergezogener selbst Handt, und herfür getrückter Pittschaft, 
signatum Haubtquartier (der Name des Ortes fehlt I), den 23. Oktobris anno 1642. 

SS. Johann von Werth. 

Aachen, K. Wieth. 

') Ueber die bisher gemaohton Ableitungen des Namens s. Lorsch, Die Burtscheider Tliermen, 
t86S. Eine dort nicht erwähnte verwandte Wortbildung ist porculeto, womit die Wege zwischen den 
Weinbergen bezeichnet wurden. Plin. H. N. XVI, 22. Marjan, Keltische und Lateinische Ortsnamen 
in der Bheinprovinz. 3. Thoil. Aachen 1882. S. 12 ff. 



— 14 — 

Eine Chimrgenrechnimg aus dem Jahre 1764. 

(Original im ehemaligen Schönaner Archiv; zwei Papierblätter in Folio, Ton denen das erstere 
als Wasserzeichen im gekrönten Wappenschild einen schreitenden Löwen, in der rechten 
erhobenen Vordertatze ein Schwert, in der linken ein Bündel Kräuter (?) haltend, das 

zweite die Bachstaben C L H zeigt.) 

Anno 1764 den 1. Septembris bin bemffen worden nach Schonnau, all wo 4 patienten 
in der cur bekommen. 

Erstlich dem hem baron von Blansch verbunden einem stich auff daß os maxilla 
zur rechter seitte hart am kin, wie auch einen schlag mit einem culbe vom gewär auff 
die lincke schulter mit eine starke contusion biß an daß os clavicula. Zweitens den ältester 
hem baron vom Bruch auff die rechte handt geschlagen biß über den pollex stark contusirt 
Drittens dem jungen hem von Bmch mit einem hitzfänger gehauene wundt, fingers lang, 
zur lincke seitte oben auf dem caput biß an die sutura cornalis eingehauen, daß os cranium 
bloß und exfuliert mit fragmenta, zur rechte seitte auf die os frontalis biß an die tempora 
ein thumor mit exvasiertes geblüt, noch drei kleine bleßüreu auf die stira mit einem 
hirtzfäner oder bagenet touchirt, däglich fometirt mit romanische kräutter, sieben wochen 
lang däglich in seinem hauß verbunden. 

Den 2. Septembris Johann Heß bei mir in legis transportirt worden, einem schuß 
am reehte untrem armb eingeschossen, die grosse eine dicke baumnuß, den außschuß so 
groß wie eine pan von einer handt, eine dreyeckige form die müscüllen, adren und nerven 
drei finger breit von der ackzel abgeschossen, auß der wunden herauß hencket, daß os 
humeri daumenbreit bloß, die wundt innerlich schwarts von dem feur verbrent, wie auch 
dem geblesslrten armb stark contusirt mit eine inflimation, wie auch daß os ulna mit einem 
schlag ein aufgelauffene thumor. drey wochen lang däglich ein wundtfieber, worzu erforderte 
dag und nacht einem beständiger aufwarter. Dreymahl deß dage verbunden nebst dreimahl 
fometiret den blessirte armb bis über die handt contunuirt über 3 wochen 16 dage däglich 
zweimahl verbunden, zweimahl fometiret, 14 dagen däglich einmahl verbunden und 
fometirt biß a dato und noch den armb lam und steif. Zur gebrauch der fometationen 
der romanische krautren 12 maßen rothe wein, 4 maßen fruchtbrandewein, für die cur, 
medicinen und tisanen, legis, essen und trincken, auffwartung biß a dato zu verbinden 
50 reichsdahler. Ache den 23. octobris. Godefriedus üth chirurgus. 

Aachen. K, Wieth, 



Die römiscben Bäder zu Bath in England. Die Badegebäude, welche die Bömer 
zu Bath, den Aquae Solls, in England gegen 120 n. Clir. aufführten, haben insofem für 
uns Interesse, als bei deren Errichtung dieselbe Legion thätig war, welche zu Aachen das 
Bad gründete. Deshalb mag eine Stelle aus dem International illustrated Album-Guide 
1887 in Uebersetzung hier Platz finden. 

„Jüngst von Major Davis F. S. A. gemachte Entdeckungen (beschrieben in Guide 
to the Eoman Baths, Bath, by C. E. Davis) haben gezeigt, dass das jetzige Badegebäude 
unmittelbar Über einem Theile des von den Eömem im 1. Jahrhundert errichteten gross- 
artigen Bades liegt, wovon ein grosser Theil jetzt ausgegraben ist und welches nur im 
alten Rom seines Gleichen hatte. Eines der Badebassins lag in einer grossen Halle, die 
68 Vs Fuss breit, lll'/s ^^s lang war.^ (Merkwürdiger Weise ist dies sehr nahe das 
Verhältniss des goldenen Schnittes = 68,81:111,33 L.) „Ein anderes Bad war in einem 
quadratischen Räume von 86 Fuss. Damit verbunden war ein vollständiges System von 
Räumen, die durch Hohlböden erwärmt wurden. Die Ruinen haben noch eine Mauerhöhe 
von 5 bis 6 Fuss. Sie bieten dem Alterthumsforscher und Künstler viel Interessantes und 
werden, zumal dies kostenfrei geschehen kann, jährlich wohl von 60 bis 70000 G^ten 
besucht." 

Schiffer in Aachen. Die Beziehung, welche Aachen zum Isisschiff (s. 2. Jahrg. 
d. Z.) einnimmt, erinnert an die Stellung, welche die Schiffer zum Aachener Münster 
behaupteten, die auch in einem noch vorhandenen Weihegeschenk und in der Anbringung 



— 15 — 

des bekannten Reliefs an der Kanzel Ausdruck gefunden hat. Bei der Gedächtnissfeier der 
Weihe des Münsters umstanden Schiffsleute, selbst aus England gekommen, den am Mutter- 
gottes- Altare celebrirenden Priester. Beeck erwähnt diese Sitte mit den Worten: „Der 
alte Gebrauch ist noch gang und gebe, dass jährlich am Gedächtnisstage der Weihe der 
Hochkirche am Tage Epiphania Viele den am Muttergottes-Altare opfernden Priester 
umstehen und beten, voll Vertrauen, dass sie mit ihren Genossen auf dem Schiffe des 
Meeres auf brausender See und in den tobenden Stürmen das Jahr hindurch geschützt 
seien." Merkwürdig ist femer, dass der Sage nach 2 zu Maestrich t gestorbene Tongerer 
Bischöfe aus dem Grabe stiegen, um der Einweihung des Münsters beizuwohnen. Tongern 
und Maestricht sind ja für das Isisschiff bedeutsame Orte. Es scheint demnach, als ob 
die Marienyerehrung hierorts den Cultus der Isis ersetzt habe. Vertritt Isis in der Sage 
den Mond, so die 365 bei der Einweihung erschienenen Bischöfe den Mithrasdienst, der 
auch durch diese Zahl ausgedrückt zu werden pflegte. 

Das Badekalb. Auffallend ist es, wenn Simrock in seiner Deutschen Mythologie 
angibt, der vermeintliche Meteorstein wäre so genannt worden — was ich wenigstens nie 
gehört habe — und wenn er sich abmüht, diese Benennung mythologisch zu erklären. 
Eichtiger gibt v. Reumont (A. Liederchronik p. 146) an: „Das Bakauv, Badekalb, war 
ein Kobold, dessen Aufenthalt der hochgewölbte Abflusskanal der Bäder an der Büchel- 
Strasse war, wo die Armen ihre Wäsche wuschen. Mit dem Eolbert (schon viel früher 
L.) verschwand das Bakauv, das als gespenstige Erscheinung in Ealbsgestalt, mit Feuer- 
augen und Kettengerassel dem zur Nachtzeit Vorübergehenden auf den Bücken sprang 
und sich tragen liess." 

Die Grabschrift des Gerhard Chorus. Ein Theil der Grabschrift des Gerhardus 
Chorus (t 1367 oder 1871) ist sehr ähnlich mit 2 Versen, worin der Chronist den im Jahre 
1349 gestorbenen Bischof Ludwig von Münster charakterisirt: 

„Clerum dilexit et miliciam bene rexit^ 
Hio passus multa, que non permisit inulta. 

Bei G. Chorus heisst es: 

Magnanimus multum, scelus non hie liquit inultum 

Urbem dilexit et gentem splendide rexit. 

B, M, Lersch. 

Fragen. 

1. Bei Quix, Dominikanerkirche S. 55 wird ein Haus erwähnt „in den Wynckcl bi der 
Druifnasen". Mit diesem Worte wird der am Venu stehende Laufbrunnen bezeichnet. 
Wer kann den Namen erklären? A. 

2. Was bedeutet der Name des am Aachener Walde an der ehemaligen Lütticher Land- 
strasse gelegenen Gutes Kanins-Winkel? B, 

Vereinsangelegenheiten. 

Chronik des Vereins im Jahre 1889. 

Im verflossenen Jahre sind 7 wissenschaftliche Monatssitzungen abgehalten und 
zwei Ausflüge unternommen worden; von letzteren jedoch musste der zweite eingetretenen 
Unwetters wegen unterbrochen werden. 

16. Sitzung am 30. Januar: Leben und Wirken des Malers Alfred Rethel (Kaplan 
Schnock); Leben und Wirken von Christian Quix, Fortsetzung (Gymnasiallehrer Dr. 
Wacker); Nachgrabungen in der Abteikirche zu Comelimünster (Kaplan Schnock). 

17. Sitzung am 27. Februar: Aachen im Jahre 1823 (Chefredakteur Abels); Ausgrabungen 
in Comelimünster (Kaplan Schnock) ; die römische Wasserleitung von Burtscheid nach 
Aachen (Architekt Bhoen). 

18. Sitzung am 27. März: Die Rademacher-, Schmiede- und Kupferschmiedezunfb in 
Aachen (Gymnasiallehrer Oppenhofl); die BevOlkerungsverhältmsse Aachens um die 



— 16 — 

Wende des 18. Jahrhunderts (Gymnasiallehrer Dr. Wacker) ; über die Kunsttöpferei 
mit besonderer Rücksicht auf Raeren (Kaplan Schnock) ; Kalligraphische Schriftproben 
aus dem 18. Jahrhundert (Gymnasialvorschullehrer Schulze). 

19. Sitzung am 22. Mai: Zur Baugeschichte des Grashauses (Architekt Rhoen); Aus- 
grabungen in Comelimünster (Kaplan Schnock) ; das Porträt Karls des Grossen (Gym- 
nasiallehrer Dr. Wieth). 

20. Sitzung (Generalversammlung) am 9. Oktober: Jahresbericht (der Vorsitzende Gym- 
nasiallehrer Dr. Wacker) ; Kassenbericht (der Schatzmeister Buchhändler Kremer) ; die 
römischen Thermen in Aachen (Architekt Rhoen); Aachener Strassennamen : die Gai- 
strasse (H. Kelletcr). 

21. Sitzung am 6. November: Drei alte Aachener Glocken (Gymnasiallehrer Dr. Wieth); 
die Aachener Flurnamen Ketschenburg, Katzenberg, Kackard; Roverberg, Rovergassc 
(H. Kelleter). 

22. Sitzung am 11. Dezember: Die Aachener Bezeichnungen: Schuttelentag, Scotlenbend, 
Keisselschuyre, Kesselschure (H. Kelleter); die St. Adelgundisgasse (Architekt Rhoen); 
Französische Kontributionen in Aachen (Gymnasiallehrer Dr. Wacker); ein Lehrlingsbrief, 
ausgestellt von dem reichsgräfl. Sehönbornschen Kunst-, Lust- und Oranigärtner Friedrich 
Weyer fUr Johannes Alster den 4. Februar 1772 (Gymnasiallehrer Oppenhoff)- 

6. Ausflug am 16. Juni nach Kalterherberg und Montjoie. Die Theilnehmer fuhren mit 
der Bahn bis Kalterherberg und wanderten von da das Rocrthal entlang bis Montjoie. 
Der Weg ftlhrte an dem auf steiler Höhe gelegenen ehemaligen Prämonstratenser- 
kloster Reichenstein vorbei, mit dessen wechselvoller Geschichte Herr Kaplan Schnock 
die Anwesenden bekannt machte. In Montjoie wurde zunächst die Burg besichtigt 
und die wichtigsten Abschnitte ihrer Geschichte von Herrn Kaplan Schnock erläutert. 
Da nach Auffassung des Herrn Prof. J. Schneider (Römerstrassen im Regierungs- 
bezirk Aachen in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, XI, S. 67 und 76) 
eine Römerstrasse das Roerthal bei Montjoie überschritt, so ist es nicht unmöglich, 
dass an Stelle der jetzigen Burg vielleicht ein römischer Wartthurm gestanden hat, 
und demnach die Anfänge des Ortes bis in die Römerzeit hinaufreichen. Der grösste 
Theil des noch vorhandenen Bauwerks stammt aus der zweiten Hälfte des Mittel- 
alters. Der jetzigen Eigenthümerin der Burg, Frau Maria Jansen-Dumont in Bonn, 
gebührt der Dank der Stadt und Umgebung für die angefangene Wiederherstellung 
des Baues und namentlich des architektonisch wirkungsvollen Eingangsthurmes. Möge 
die kunstsinnige Besitzerin auch fernerhin ihre schützende Hand über das altehrwttrdige 
Gebäude halten und wenn auch nur das Allemothwendigste, wo unmittelbarer Einsturz 
droht, vor und nach ausbessern lassen, damit dasselbe, wie es in den stürmischen, 
fehdereichen Zeiten des Mittelalters als mächtiges Bollwerk der ganzen Gegend zum 
Schutz und Hort gereichte, die Erinnerung daran den kommenden Geschlechtem 
lebendig erhalte und auch weiterhin der lieblichen Landschaft zur schönsten Zierde 
gereiche. 

7. Ausflug am 4. August nach Mastricht. Die zur Abfahrt auf dem Bahnhofe Versammelten 
wurden durch ein starkes Unwetter genöthigt, den Besuch Mastrichts und seiner 
geschichtlichen Denkmäler aufzugeben. 



Monatsversammlungen im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse.) 

1. Mittwoch, den 29. Januar 1890, Abends 7V2 Uhr. VortrSge: 

Die Schmiede-, Goldschmiede- und ßadermacherzunft zu Aachen von 
1443 bis 1782 auf Grund ihrer Zunftrollen. Arnold Merkator. Miszellen. 

2. Mittwoch, den 26. Februar 1890, Abends 7V2 Uhr. Vortrage: 

Zur Erklärung von Aquisgrani. Aus der Zeit der Eburonen. Miszellen. 



Druck vok Hermann Kaatzeb in Aachen. 



Jfihrlich 8 Nummern Komm isaions -Verlag 

ä 1 BoB.;n Uoyttl Oktav. •*" 

Crenier'scheD Bnehhandlnng 
Preis des Jahrgangs ,(_ („],, 

4 Mark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von Sr. E. Wleth. 

Nr. 2. Dritter Jahrgang. 1890. 

Inhftlt: K. Wicth, Daa Tagcbnch des Aachener Stadtayndikus Melchior Kloeker von 

1602—1008. (Fortsei BUng.) — H. Kclleter, Namen tn Aachen. (Fortsetzung.) — Kleinere 

Mittheilnng; Die Belagerung von Lille. — Vereins Angelegenheiten. 



Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus Melchior Zlocker 

von 1602-1608. 

Von K. Wieth. ( Fortsc t/img.) 
1603. 

Blatt 8, S. 2. 

Ahm 1. Januai'ij ist vater . . . iiioeD etc. den ganzen tagli bei mir 
gewesen. 

Ahm 2. Jan. uf Bon gezogen, und seindt wir selbigen taghs 6 zu 
pferd mit 21 unser Soldaten durchs furstentiinib Gulicli und die statt Nideggen 
öffentlich gezogen. 

Ahm 5. Jan. den mittagh bei dem hern coadiutom der erzt- und 
stifftcr Coln, Lutigh etc. zu gast gewesen. 

Ahm 10. Jan. zu Ach widderumb glucklich ankommen. 

Ahm 13. Jan. ist der churfurst deß erzstiffts Cöln alhie ankommen, 
uiwl haben dieser statt Soldaten ihre chiirf. d(urclilaucht) uf der landwöhr 
empfangen und ihn die statt biß vor die dechaney beglaitet. 

Ahm 14. eodem ist iliro clmrf. d. uf nach Lutigh gezogen und von 
unsem Soldaten biß ghen Harff verglaitet worden. 

Ahm 15. Jan, zu nacht, als etliche reuter auß den guarnisonen Straelen, 
Ercolens, Vendlo etc. sieh zusamen gethain, haben etliche Gulische dorffer, 
wie auch der Heyden und Horbach ganz außgeplundert, alhie zur Weiden 



— 18 — 

auch 6 pferdt mitgenohmen und folgenz taghs alle pferdt vor 3 und 4 
dubbel ducaten ransionieret. 

Ahm 20. Jan. der raht beschlossen, daz man den Amutiniertten weitter 
nit under äugen gehen, noch etwas geben sollte. Eodem haben burg(er- 
meister) Ellerborn cum fratre Gerardo bei moen EUerborn schenken gewesen. 

Ahm 24. Jan. Braunenstein uf der burg(erraei8ter) leuben die pfeiffeu 
gesteltt. Burgermeister Widderrädt verwissen, daz ehr den tromneter 
(trompeter?) angenehmen und zo vil geben, und rent(meister) Bleienhaubt 
und ehr einander „mentiris** gegeben imd hatt in summa sich ganz eselich 
verhaltten. 

Ahm 27. Jan. Caroli abendt ihn der vespern gangen und ist daz 
obergestuils so voll gewesen, daz ich in minoribus subseliis verplieben, 
und haben wir selbigen abendz uf dem neuen gemach gute schier gemacht. 

Am 30. Jan. seindt die Amutinierte ihn die 2000 pferdt, wie man 
sagt, bey Maseick über und durch die MaaJJ gesezt, auch etlich ersoffen 
und folgiden taghs biß zu Herll und darumbtreit kommen und sich 
niddergelegt. 

Ahm 31. Jan. ist dechandt zu unser L(ieben) Frauen, daz ehr die 
wacht alttem herkomnen nach uf den pfaffen tom versorgen lassen solle, 
ersuchet. 

Ahm 1, Februar nachmittagh ein raht beschlossen, daz man noch- 
mahl handlungh pflegen und mit den Amutinirten sich da muglich ver- 
gleichen soltte. Eod. haben sie uns nochmahl umb vergleichungh ersuchen 
lassen, und haben die Alterirtte sich umb Herzogenrädt niddergelegt. 

Ahm 2, Febr. haben ermeltte Amutiniertte sich zu Haaren, Wurselen, 
Weyden etc. niddergelegt, und haben wir selbigen abendz etlich hier, 
bröit und andere proviandt außgeschicket. 

Blatt 9, S. 1. 

. . Febr. seindt besagte Alte(rierte) .... gezogen und haben den 
wegh von Cölner biß ahn Marschierporz langhs die statt genohmen und seindt 
ungefehr 1600 pferd starck gewesen, darunder 4 compagnien mosquetier, 
so gleichwoU zu pferdt gesessen, und die übrige brave reuterey gewesen. 
Eod. seindt der statt verordnete, dweill sie mehr nit dan 4000 brab. 
gülden gebotten, von dem consiglio, die dan vermainten, daz solches nit 
verfangen woltte, abgewiesen, sunsten haben ermeltte Amutiniertte ihm 
reich dißmahl gar keinen schaden gethan und haben sich selbigen taghs 
zu Eupen und darumb treit niddergelegt. 

Ahm 4. Febr. ist ihn nahmen deß rahz den Amutinierten nach- 
geschrieben und ist innen vor eine verehrungh 6000 brab. gülden angebotten. 

Ahm 7. Febr. haben die Amutinierte bewilliget, daz man mit 6000 
brab. gülden mit sie verglichen sein solle, dergestallt doch, daz man daz 
geltt innerthalb 24 stunden zu iren banden verschaffen solle, Eod. hatt 
ein raht etliche frembden uff vorgehendt urpfedt durch seinen thurwart, 
dweill meier Jan van Thenen sich gewiddert, relaxieren lassen. Eod. hatt 
ein raht daz berghwerck ihn den Kibbusch, welchs die Gulische anmässlich 
verlehnet, einreissen lassen. 



~ 19 — 

Ahm 8. Febr. haben die Arautinierte deß rahz schreiben, dweill 
der raht den halben theil allein in continenti zu erlegen sich erbotten, 
zurugk geschicket und ahn 5 ortter gebrandt, mit andeutungh, daz sie 
5 oder 6 dorffer ihn brandt sezen wollen, und seindt ghen Harff gezogen 
und sich daselbsten niddergelegt. 

Ahm 9. Febr. mittaghs und abendz bey den burg(ermeister) EUerbom 
zu gast gewesen und gute scliier gemacht. 

Ahm 10. und 11. beide tagh bey vattern zu gast gewesen. 

Ahm 11. Febr. die Amutinierte sich gewendet und zu Herll und 
darumbher niddergelegt. 

Ahm 12 Febr. haben sie ahn hiesige statt abermahln umb auß- 
richtungh der accordierten 6000 brabantischer gülden geschrieben. 

Am 13. Febr. seindt deß rahz verordnete Simon Moll, Peter 
Braunenstein und Wernehr von Veldt mit den 6000 brab. gülden zu den 
Amutinierten geritten, weill dieselbige aber wegen einkommen zeitung, 
daz der feindt vorhanden, etliche stunden vor tagh auffgezogen, seindt 
gleichwoU 

Blatt 9, S. 2. 

. . . locum ipsis destinatum nachgezogen, als sie die- 
selben . . nit antreffen können, seindt zu Closterradt eingekehrt und haben 
sich aller voll gesoffen dergestallt, daz sie ad medium septimae allererst 
zu Ach ankommen, Wernerum aber hatt der narr gestochen, dan ehr von 
der Geselschafft aller warhnungh ungeacht sporsti^eichs mit einem sack 
geiz abgejagt und dermassen ihn gefahr und irrigkait geritten, biß ehr 
zulezt circa horam nonam noctis zu Ach ankonmien. Ea insignis et prae- 
clara legatio! 

Ahm 15. zeitungh kommen, daz die Amutinierte vorbey Nuyß passirt. 
Eod. zu Burtscheidt her Berchems moen begraben helffen. 

Ahm 16. Febr. bin ich bey vatter und mutter schencken gangen und 
den abendt auch alda verplieben. 

Ahm 18. Febr. beim raht allerhandt von der sendt tractirt, und ist 
doch solche tractation biß uf ankunfft noch eines syndici außgesteltt, hatt 
man sich doch zimblich wegen der sendt unordentlicher und gewynsuchtiger 
proceduir gestossen. 

Ahm 20. Febr. seindt wir zu Burtscheidt beim dreissigsten ad 
begengnuß hern Berchems moen gewesen und haben ihm kloster alda 
gute schier gemacht. 

Ahm 21. morgens umb 4 uhren hatt meine hausfrau mir den ersten 
söhn geben. Gott verliehe, daz ehr ihn allen tugendten zum Christenmenschen 
auffwachse. Eod. Mars(chalk) Anstenrädt hieselbsten gewesen und wegen 
der echter nachstandt und bahren pfennig starcke anmähnung gethain. 
Eod. den mittagh die frauen bei mir gehapt, welche die nacht bei meiner 
hausfrauen gewesen und denselben gute schier gemacht. 

Ahm 23. meine hausfrau sehr schwach gewesen. 

Ahm 24. Constantino die acht ime vom raht verehrte rthlr geben und 
selbigen taghs dem hern burg(ermeister) EUerborn entricht 5 mudt roggen 



— 20 — 

mit 113 rthlr, 1 pliilipsthlr und 2 mk. Eod. von Wilhelmen Weck 
zum gevatter seines sohns gebetten und am 25. daz kind gehaben und ist 
es Michael gehaischen, uf der tauif geben 1 altten gülden leu, 1 schwär 
goltgulden und 1 altter rthlr. 

Ahm 28. Febr. nachz zu zwo uhren zum reichstagh außgeritten. 

Blatt 10, S. 1. 

Ahm 17. Julij alhie zu Ach tagh widder glucklich ankommen 

und ist auß meinem daselbst verfastcn prothocollo zu ersehen, was sich 
daselbst vor und nach zugetragen. 

Ahm 20. Julij deß morgens für tage seindt die Guiischen etlich 
hundert zu roß und fuiß ihn dieser statt gepiett eingefallen und haben 
etliche beesten genohmen, auch einen amen burger gefenglich hingeschlaiffet 
und der Bleienhaubtter melckerey uf die Hohebnigk geplündert und über 
100 schaf mitgetrieben und, obwoU folgenz der gefangen wie auch die 
entfuhrtte beesten loßgeben, so seindt der Bleienhaubtter melcker doch 
über die 80 schaif auffgehalten, und ist der Caspar Vischer fuhrer gewesen. 

Ahm 21. Julij seindt dieselbige Gulische Soldaten auß bevelch deß 
amptman zu Wilhelmstein Spieß und deß rittmeister Hoven abermaeln 
ins reich eingefallen imd haben deß rahts muUen ihn die Heidt spoliirt 
und außgeplundert, alles kupffer gestolen und liingetragen, die betten 
außgeschutt und daz gewandt genohmen, die kandel, schleyflfstein und 
ander muUengewerb zerschlagen, die mullenknecht geblocket, und ein stuck 
wegh gefenglich mitgefuhret, doch folgenz erlassen, und in summa gar 
schandtlich gehauset, davon obgesagter Caspar widderumb fuhrer gewesen. 

Ahm 28. Julij morgens gleich dem tagh hatt der amptmann zu Gulich 
Reuschenburgh durch Thewiß von Coßler und obgemelten Caspar ungefehr 
200 Soldaten und bauren starck von Kareken der armen hoff zu Vetschau, 
wie dan auch der Behren und Papageyen hoff spoliirn, pferdt, kühe, schaff, 
honer, genß und alles viehe hintreiben lassen, und die hoff ahn mobilien 
so gar außplunderen lassen, daz den aniien bauren nit ein stuck brott, 
oder den kleinen kinder die behttucher, oder so vill klaider gelassen 
worden, damit sie den nacken leib bedecken mögen, und wiewoU der 
armen halffgewin, so auch dem bewöhner des Behrenguits ihre beesten 
und etlich gestolen gut widder geben, so ist doch daz best ahn kleider, 
gelt, leinwandt und ander haußgeraht außpliebcn, wie dan die beesten 
vom Papageyenhoff auch noch zue Gulich angehaltten werden. 

Blatt 10, S 2. 

hatt der amptman .... statt underthanen M 

der Weiden söhn, welcher dieser statt soldat luid dabei gewesen, als die 
Guiischen wapffen abgeschafft, auß des reichsboden holen und zu Wilhelmstein 
gefänglich einsezen lassen, davon vilgesagter Caspar abermahl fuhrer 
gewesen. 

Ahm 31. Julij seindt die Guiischen morgens zwischen 7 und 8 uhren 
ins reich gefallen und haben deß rentmeisters Bleienhaubts melckerey 
ihn die haidt gelegen außgeplundert, alles zu stucken geschlagen und ein 
füllen mitgenohmen, das hornviehe hatten sie schon beisamen getrieben, 



— 21 — 

seindt aber durch der statt Soldaten behindert und ilm die flucht pracht, 
dieser raubereyen ist Thewiß von Coßler und Caspar fuhrer gewesen, 
und soll auß bevelch des Mars(chalk) Anstenradz und Reuschenburgh zu 
Gulich geschehen sein. 

Ahm 3. August ist der dechandt Wormbs von f. Guiischen hove 
kommen und ein receß pracht, dafern der halb thail affterstendiger achter- 
pfennig erlegt, die abgeworffene schirmswapffen ghen Wilhelmstein gestelt 
und die uf den vorstgutern gepfendte kohebeesten restituirt wurden, daß 
alsdan die angefangene thattligkeiten eingestellt, die angehaltene personen 
und beesten relaxirt und den 13. dieses wegen der übrigen guter restitution, 
so dan anstimmungh sicherer zeit und plaz wegen der gutlicher communi- 
cation zu Dusseldorff underhandlungh gepflogen werden solle, und hatt der 
her dechandt öffentlich referirt, daz der vicecanzler Puz außtrucklich gesagt 
haben soltte, wie der dechandt angedeutet, daz auß dieser vorgenohmener 
thättligkeit ihn der statt Aach ein gefahrlicher auffstandt und blutvergiessen 
entstehen konnte etc.: „Ja daz ist eben dazjenigh, so wir gesucht und 
suchen", quod nota! 

Ahm 9. Aug. hatt der bott uf der Merssen mir zugeschrieben, daz 
der Amptman zu Gulich Reuschenbergh ime befohlen, meine fruchten auff 
der Merssen ihn der eill außdreschen und ime uf Gulich pringen zu lassen. 

Ahm 12. Aug. bin ich neben andern ghen Dusseldoi'ff zu reiten 
verordnet, umb zu versuchen, ob man sich mit i. f. gnaden vergleichen 
konte, und seindt daselbsten den 13. eiusdem ankommen. 

Blatt 11, S 1. 

Ahm 13. Aug., als wir bei den hern (vicecanzler) Puz uns angeben, hatt 
derselb dom(ahlen) auch folgenz ihm vollen raht gesagt, wir hetten eine 
grosse gefahr außgestanden, und hetten sie eine solche correspondenz ihn 
und ausserthalb der statt Ach gehapt, daz wir schoen ihn ihren haenden und 
mit leib und gutt geliebertt wären, und soltten frey für uns sehen, da 
innen solche mittel noch nit abgiengen. 

Ahm 15. bey d(ominum) Aldenhoven zu gast gewesen. 

Ahm 16., als wir die auffrichtungh deß Kibbusch nit einwilligen 
können, hatt Puz uns in presentia omnium consiliariorum angezaigt, daz 
s. f. g(naden) solches endtlich haben wollen, dan man hett sich daselbst 
mit zerhauungh aller Sachen dermassen angesteltt, als wan man s. f. g(naden) 
zu allen stucken hauen wollen. Darumb soll solches geschehen, oder sie 
woltten uns ihn demselbigen glaidt mit dem geltt, wapffen und alles widder 
ghen Ach ziehen lassen, und daz wir solch geltt alsdan woU bewähreten, 
damit hernegst davon gute rechnungh geben konten, idque cum magna 
exacerbatione ! 

Den 18. zu abendt seindt wir bei den hern Mars(chalk) Anstenrädt 
zu gast gewesen. 

Den 19. bei den L. Simoniimi zu morgen gessen und ein gutt reuschlin 
getruncken. 

Ahm 20. Aug. seindt die hern zu Gulich bei uns kommen und haben 
uns den wein verehret. 



— 22 — 

Ahm 27. Aug., als etliche Amutinierte ihm laudt zu limburgh aller- 
handt muthwillen verübet, auch gebrandt, seindt die Limburgische gegen 
sie gezogen und seindt zu beiden theilen etliche plieben, doch haben die 
Amutiniertte die flucht nehmen müssen. 

Ahm 29. Aug. abendz etwo nach 9 uhren, als mein vetter Johan 
Beuther vor dem rahthauß gesessen, mit niemandt wortt oder einigh 
gezanck gehapt, ist ehr von Herman Bex, welcher ihm Neuen Keller wohnet, 
ohne wortt und weiß durch den mundt oder kin geschossen worden, welcher 
den folgenden tagh dieser unthat wegen und dan, daz ehr bei nacht 
uf dero wacht ohne ursach geschossen, anzugreifen befohlen, ist aber 
dabevor außgewichen und davon gelauffen. 

Ahm 5. Septembris seindt etliche Gulische räthe benentlich h. 
Mars(chalk) Anstenradt, amptman Eeuschenbergh sampt seinem frauen- 
zimmer und L. Simonius uf dem rahthauß zu gast gewesen und haben 
gute schier gemacht. 

Blatt 11, S. 2. 

Eodem abend ts ist mein n(eflFe?) vast kranck und verdollet gewesen, 
so daz ehr erbärmlich geschrauen, geroffen und iederman außgemacht. 

Den 6. Septembris mein vetter Beuter abermalen ihn solche dolheit 
geräthen, doch wie ich folgenz zu ihme kommen, ist ehr aller still gewesen. 

Ahm 7. Septembris morgens zwischen 4 und 5 uhren ist mein vetter 
Beuter mit guten verstandt ihn Gott saliglich entschlaffen. 

Ahm 9. Septembris ist mein vetter Beuter durch die churscheffen 
und statthelder deß meiers besichtiget und ist dermalen von den verwandten 
der thater Herman Bex vor ein muhtwilliger tödtschlager beruiffen und 
ist der vetter deß nachmittaghs zwischen 3 und 4 uhren ihn der Prediger 
clöster begraben worden. 

Ahm 13. Septembris haben beide burg(ermeister) Berchem und Meess, 
Moll, Horbach und andere amptrager vermugh deß prothocolli ahn mich 
begert, ahn etliche bekente hern zu Cöln, doch unvermerckt deß rahz, zu 
schreiben und zu versuchen, ob nit mit der statt ein pillige vergleichungh 
getroffen werden mochte, welches ich auch zu thun über mich genohmen. 

Ahm 15. Septembris ist her Herman Francot canonich zu unser 
L. Frauen kirchen alhie, welcher dabevor ahm 11. Septembris nachmittaghs 
umb 4 uhren ihm hern saliglich entschlaffen, ihn St. Nicolascapel begraben, 
und bin ich deß abendz von den verwandten ad cenam erfordert, dahin 
ich ein viertel guts weins geschicket und gefolget. 

Ahm 25. Septembris ist graf Adolff von den Bergh, graf zu Eulen- 
burg mit s. gemahlin und die junge graven von den Bergh auff dem raht- 
hauß gewesen, haben dasselbigh besichtiget, gute schier gemacht und mir 
beim abscheidt alle gnadt und guten willen angebotten. 

Ahm 28. Septembris morgens umb 2 oder 3 uhren haben unsere 
Soldaten 5 Mastrichter Soldaten, welche zu Orsbach als verdachtige rauber 
funden und allerhandt muhtwillen verübet, auff der haußleuht ansagen 
angetroffen und derselbigen 4 niddergeschossen, der 5. aber hatt sich mit 
der flucht salvirt. 



— 23 — 

Ahm 9. Octobris seindt die burg(enneister) und icli bei den hern landt- 
commendur uf Comeli bäd zu gast gewesen und gute schier gemacht. 

Ahm 12. Octobris ist der auditor von Mastricht zu Orsbach gewesen 
und hat die entleibte aufgegraben und besichtiget, einen zeugen, den wirdt da, 

Blatt 12, S. 1. 
selbst verhört, und dweill .... und darüber Soldaten beglaitet . . . schaden 
gethain, und hatt sein von .... welche ehr ihn die statt geschickt, ein 
w . . . . durch die bein gestochen und auff die haußleuht loß geschossen. 

Den 13. Octobris ist selbiger auditor alhie zu Ach komen mit etlich 
und 60 Soldaten, welche man zu Burtscheidt gequatiert ihn mainungh die 
zeugen abhören zu lassen. 

Ahm 14. Octobris hatt man den auditor ufs rahthauß bescheiden 
und ihn seinen beiwesen etlich Soldaten und bauren wegen der entleibten 
Soldaten examinirt und abgehört und deren kundschafft verzeichnen lassen. 
Eod. ist daz begengnuß meines vettern Beuter säligh gehaltten. 

Den 16. Octobris seindt wir uf begeren moenen Beuter allzumahl ihn 
Corneli badt gangen, und ist daselbst eine zimbliche grosse gesellschafft 
und geschrey gewesen etc. 

Ahm 17. Octobris bin ich neben den hern burg(ermeister) Wedderädt 
zum craißtag und dannen uf Dusseldorff und Coln verordnet, und als ich 
selbigen abends zu hauß gangen, ist Peter Davidts vor meinem hauß 
gestanden und voll oder drungken wesendt gelt auf sein hauß haben 
wollen, darauff, als ich ihme geantwortt, daz ehi* ein guten thail seiner 
heur, ehe ich ihm hauß kommen, wegh gehapt und an derselbigen wenigh 
mangelte, gleichwoU ihme die selbige geben woltte, wiewoU es mir verbotten, 
hatt ehr geantwortt „nein** damit welire ihme nit geholffen, ich soltte ihme 
100 rthlr auff daß hauß thun, darauff als ich replicirt, daz der junger 
Jost von Beeck thas hauß gerichtlich inmittirt und ihme also obgemelte 
Pfennig, ehe die beschwar abgeschafft, nit vorstrecken konte, ist ehr auß- 
gefahren sagendt, ich soll mich auß dem hauß machen, ehr sollte leut 
krigen, die ihm geltt geben sollen, „man kennt dich woU, du bist dieser 
und jener" schwerendt und fluchendt, darauff ich ime ein maulschell geben, 
ehr aber understundt stein zu samblen und mich ehrruhrig anzuzepffen, 
ich aber bin eingangen und hab die pfort versperrett. 

Blatt 12, S. 2. 

. . . seindt wir von zu Ach widder glucklich ankonmien. 

Ahm 6. Novembris bei den landtcommendur Bock und hern Holtropff 
ihn St. Gilliß zu nacht essen gewesen. 

Ahm 8. Novembris 2 verken gekaufft loß ohne die äcceiß ad 21 thir, 
welche gewogen 212 pfundt. 

Ahm 12. Novembris uf dem neuen gemach gute schier gemacht, und 
hatt Gteorgius und Henrich ihm Haller etwas ahn speisen zu best geben, 
und also diese samenkunfft geursachet. 

Ahm 21. Novembris hab ich deß graven zu Eulenburgh behausungh 
in St. Jakobstraß besehen und ein altt gerummeis befunden. 



— 24 — 

Ahm 23. Noverabris zu nacht seindt die Statische reuter, darunter 
Clont personlich gewesen, zu Gielenkirchen ihm furstenthumb Gulich ein- 
gefallen und haben daz ganze stattlin außgeplundert auß vorgewendten 
Ursachen, dweill die Gulische convoy, welche dahin uf dem schloß ver- 
wichen etliche Reisselische und Brabantische und also feindts guter bei sich 
haben sollte, und seindt sie folgenden taghs öffentlichen per ducatum 
Juliae zu Linnich über die brugk ohne einigen widderstandt mit dem 
raub gezogen. 

Ahm 29. Novembris haben moen Beuters und dern kinder curatorn 
Arretten von Lamerßdorff, dweill ehr die verfallene pacht nit liebem, dan 
ihn banden hallten wollen auß vermainten Ursachen, daz ehr ahn etliche 
von weilandt unseren oehmen auß den mit seiner frauen Schwester mit- 
gebenen heilighs Pfennigen erkauffte erbguter berechtigt sein solle, alhie 
zu Ach ärrestieren lassen. 

Ahm 2. Decembris hat der raht uf mein vortragen bewilliget, daz 
man die brieff von 1100 goltgulden, so der Mars(chalk) Schenckhern auff den 
raht hat, einloßen und s. l(iebden) daz geltt verschaffen solle. 

Ahm 3. Decembris seindt die Amutinierte ihm landt zu Limburgh 
eingefallen und haben daz dorff Capell und andere bei liggende hoff, 
dorffer und hauser abgebrendt. 

Ahm 4. Decembris haben die Amutinirte sich zu Haren niddergelegt. 

Den 13. Decembris hab ich meinen seh wager Conradt von Amerongen 
die lezt geschenckt und etliche freundt zu gast gepetten und selbighes 
mahl rentmeister Bleienheubt ein wehr geschenckt. 

Blatt 13, S. 1. 

Ahm 27. Decembris bei meinem . . . Pastor die bruderschafft geha(lteu) 
und gute schier gemacht. 

Den 28. uf dem rahthauß daß kindtlin gewieget. 

Ahm 30. Decembris hab ich dem hern Marschalck Schenckhern die 
verschreibungh über 2000 rthlr uf hern Harzenium zugeschicket, mit 
vermelden, daz s. l(iebden) die restierende 1100 rthlr bei obgemelten hern 
Harzenium erheben mochte. Eod. auch dem hern Harzem zugeschiieben 
und begert, daz ehr gegen empfahungh der rentverschreibungh dem hern 
Mars(chalck) Schenckhern 1100 und dem Hersei 300 rthlr gegen gepuirliche 
quitungh folgen lassen wolle. 

Den lezten Decembris bin ich benebens hern Berchem und Widderradt 
bey monsieur Hoen wegen deß von Passart beschehenen nidderschlaghs, 
und denselben da muglich ihn der gute hinzulägen, gewesen, denselben 
aber woU fundirt befunden, und liatt sich entlich erklaret, die freundt- 
schafft wurde ihn dieser Sachen nichz thun, ehr Passart hette sie dan 
zuvor mit bekennungh der missethat schrifftlich dieser Sachen gelegenheit 
nach ersucht, darauff ehr alßdan irer der verwandten erklarungh zu 
gewartten habe. 

(FortsotasuDg folgt.) 



— 25 — 

Namen in Aachen. 

Von H. Kelleter. 

(Fortsotzitng.) 

Für ein weites Gebiet hatten die Vennen im Mittelalter grosse 
Bedeutung, Diez verweist auf das ganze fränkische Ländergebiet. Darunter 
f^lllt auch Aachen. In unserer Nähe lassen sich viele Vennen nachweisen. 
Aus den zahlreichen darüber sprechenden Denkmälern sei Folgendes 
herausgegriffen : 

Im Jahre 640 stiftete König Sigebert das Kloster Conques^ im Her- 
zogthum Luxemburg. Dasselbe erhielt damals 3 Leugen (= 4500 Schritt) 
Wald und eine Venne, die sog. Arnulfsvenne ; sie wird ausdrücklich als 
Venna Dominica, als Herren -Venne bezeichnet. 

In der Trierer Erzdiözese sind noch im 13. Jahrhundert die Vennen 
ein Hauptzweig der Fischerei. Die damit geschehenden Belehnungen bezw. 
Vermiethungen bilden einen Theil landesherrlicher Rechte; der Bau der 
Vennen, das Fischen in denselben erscheint vollständig abhängig vom 
Willen des Grundherrn. Es unterrichtet darüber ein bei Lacomblet abge- 
drucktes Weisthum, welches unter anderm bestimmt, das die erzbischöf- 
lichen Hörigen zu Waltrach und Osburch* zum Vennenbau die Pflöcke 
zu tragen bezw. in der Erde fest zu machen haben. Also vollständiger 
Frohndienst um und für die Venne. ZuEhrang^ dürfen die Leute an 3 Tagen 
im Jahr in der hen-lichen Venne fischen ; für diese Vergünstigung jedoch 
haben sie die Pfliclit, den dabei beschädigten Mühlendamm wiederherzu- 
stellen (molendinum facere?), oder zu mahlen. Der Herr Erzbischof hat 
ferner eine Venne in Leiwen und ebenfalls eine solche in Geyssart 
bei Rothenberg*. Letztere allein bringt ihm jährlich 200 Aale und 40 
Solidi ein. 

Was nun aus dem Trierer Weisthum für die dort genannten Orte 
einfach und klar sich ergibt, kann in Bezug auf die Venneneinrichtungen 
hier für Aachen nur aus einigen alten Namensformen und den entsprechen- 
den Ortsverhältnissen gefolgert werden. 

Vor allen Dingen ist das AUerwichtigste, dass das liiesige Venu 
durch seine Lage an der Pau und bei einer alten Mühle sich als eine 
Fischer- Venne bezeugt. Aus dem Trierer Weisthum ist ersichtlich, wie 
Venne und Mühle sich manchmal bedingen bezw. ergänzen, wie Vennen- 
und Mühlendienste häufig von denselben Leuten ausgefülirt werden. Die 
von ihnen zu leistenden Hand- und Spanndienste, die sich vor allem auf 

') .... de ipsa castra et ripa fluminis in directum leuvas tres de nostra Sylva 
Vriacince cum ipsa venna Dominica, quae dicitur Amulfi .... concessimus ad possidendum. 
(Miraeus, Dipl. Belg. N. C. Brux. 1734, Bd. III, 1 und 2.) 

") Lac. Arch. f. Gesch. d. N. I 329 .. . Ad vennam ibidem episcopi, si forte necesse 
fuerit, homines Archiepiscopi de ozburch sudes ferre debebunt et homiues de waltrache 
terre affigent 

*) A. a. 0. 835: Item iUi de Yranc tribus diebus in anno vennam piscari para- 
bunt in proprio victu. Item de venna molendinum facere tenentur. 

^) A. a. 0. 891 : Item habet dominus vennam in geyssart prope rubrum montem quc 
sei Vit annuatim 200 angwiilas et 40 solidos . . Item habet dominus vennam in lyve .... 



— 26 — 

Deichbau, Wasserführung, Mahlen u. s. w. erstreckten, konnten kraft eines 
besondern Rechts, Bennagium^, erzwungen werden. Deshalb Wessen die 
betreflFenden Mühlen auch Zwangmühlen. Solcher Dwanckmoelen erwähnt 
z. B. das bergische Gewohnheitsrecht*. Im Land zur Heyden und in 
Mekelen finden sich ebenfalls Bann- oder Zwangmühlen. Nach Du Gange 
heissen die zum Mahlen auf Herren-Mühlen Verpflichteten: Bennarii. 

Die Mühle beim Venn kann nun ebenfalls als eine Zwang- oder 
Bannmühle angesehen werden, weil Mühle und Venn zusammen vorkommen. 
Von Venna, das durch Wechsel des anlautenden v in b Benna^ gab, ist 
auch der Name Bennarius herzuleiten; da nun bei Loersch die überaus 
interessante Namensform Weynn er sich findet, die, genau im Geiste unseres 
alten Dialektes aus Venna gebildet, zugleich dem lateinischen Bennarius 
vollständig entspricht, so hat man auch ein zweites Moment für die An- 
nahme von Dwanckmoelen am hiesigen Orte. Obiges Weynner findet sich 
in den Rechtsdenkmälern an zwei Stellen, S. 98 u. 111, wo derselbe Rechts- 
streit zwischen denselben Personen erzählt wird. Der Wortlaut ist folgender: 
„Want Johan Vy scher hadde doen gebeyden ind hoUen ind gerecht 
Johan Weynner, ind Johan Weynner hadde eynen scheffenbreyff op 
den vurß. Johan Vyscher, den he eme gekaut hadde ** .... im heutigen 
Deutsch: „Als Johann Fischer den Johann Venner hatte vor Gericht 
laden und bringen lassen und Johann Venner gegen den vorg. Johann 
Fischer ein SchöflFenurtheil vorwies, das jener ihm anerkannt hatte ** . . . 
Die Schreibung beider Stellen hat nur die üblichen Abweichungen; S. 98 
steht Wyscher und Wycher und einmal Weyner, gercht statt gerecht. 
An w für V bezw. f kann man sich ja durchaus nicht stossen. Das ey 
in Weynner statt einfaches e bezw. ursprüngliches i ist auch nicht auf- 
fallend; ey ist Dehnung von e in liquider Position. Pauls* hat neben Vinwege 
und Venweghe ein Feinwege ^, die Schreibung bei Pauls ist aus 1423—1553, 
die bei Lorsch aus 1420 — 1440. 

Weynner ist lautlich einer Herkunft von Wagener entgegen. Allerdings 
nennt Grimm® ein daher kommendes Wehenner, welches mit Weynner 
grosse Verwandtschaft zu haben scheint. Ist unser Weynner damit identisch, 
so kann es nur Lehnwort sein; ein Wagener müsste nur Waoygener, 
Waogner oder Wauner ergeben. Zudem ist dem modernen Dialekt ein 
Wagener vollständig unbekannt, ebenso wie auch in den alten Schrift- 
denkmälern wohl Wageman, Waghemann und sogar ein Wogenmecher 
(Zinsregister), aber kein Wagener sich findet. Gehören die Wenn, Wehn 
und Vennemann nicht auch eher zu Venn als zu Wa(i)n (Wagen)P 



Bcnnagium, jus cogendi subditos molere in molcndino Domini. Du Gange Gloss. 
M. e. J. L. I. 1127. Ausg. 1737. 

*) Lacombl. a. a. 0. I. 79 ff. 

^) Dieser Vorgang findet sich besonders in karolingischen Urkunden bestätigt. So 
Vassallus := BassaUus; Vervex = Berbex, frz. Br6bis. 

*) Bruderschaftsbuch der ehemal. Pfarrk. St Stephan zu Cornelimünster, in Zeitschr. 
d. Aach. Gesch.-Ver. IV, S. 129. 

^) Wäre Venwegen etwa Vinwich d. h. Dorf, wo die Venner der Indc wohnten? 

ö) Deutsche Rechtsalterthtlmer Ü, 521. 



— 27 — 

Eine andere Frage jedoch ist die : Ist Weynner nicht gleichbedeutend 
mit dem Waner, Wener, d. h. demjenigen, der Arbeit auf Wiese und Feld 
verrichtet^? Auf den Stamm Veen (belg.) = Wiese verweist auch schon 
der alte Du Gange. Es ist auffallend, dass Diez deshalb das Wort Vinne 
nicht nach dieser Seite zu erklären versucht, ja das Wort weder für 
keltischen noch deutschen Ursprungs hält. 

Allerdings ist bei dem belg. veen = Wiese nicht so sehr der Begriff 
„Wiese" als „ Einfriedigung ** zu Grunde zu legen, analog dem ebenfalls 
im niederrheinischen und englischen Sprachgebiet vorkommenden Bend. 
Veen ist nämlich deutschen Stammes aus wan, win entstanden zu denken. 
In nasalirter Form haben wir auch Wang oder Wange gerade in der 
Bedeutung „Einfriedigung = Grenze" und „Eingefriedigtes = Ackerland" 
noch bis heute in unserer Gegend gebräuchlich. Gewang für bestimmt 
begrenzte Ackerstücke ist täglich zu hören. Wange bezeichnet femer 
Grenze 1. für ein Möbel (Seitenstück einer Bank), 2. für das Gesicht, die 
Backen, 3. = Wank für die Wohnung. Das von wän, won herkommende 
Wohnen und Gewöhnen föllt auch unter wang insofern, als es Leben in 
bestimmten, festen Orten, Hineinleben in Festes und Bestimmtes bezeichnet. 
So könnte Wang selbst zur Bedeutung festes Heim gekommen sein und würde 
der sonst vorkommenden Anhängungssilbe — heim oder — husen entsprechen. 
Es kommt dann noch Folgendes hinzu. Die von Wan, Van oder Wang 
gebildeten geographischen Bezeichnungen finden sich in einer von der 
Schweiz bis ans Meer gehenden, so ziemlich den Rhein begleitenden Linie 
auf der Westgrenze Deutschlands. Dazu rechnen der Name Vangiones *, 
Völkerschaft bei Worms, Wango^, Name für die Vogesen, zahh-eiche Orts- 
namen wie Wangen, Wengen in der Schweiz, Venningen bei Speier, Wannen- 
wilari auf dem Hunsrück, Wände (j. Wahn) bei Siegburg u. s. w. bis 
hinunter ins friesische Wangerland*. Hat man etwa dabei Grenzorte oder 
Grenzvölker hinter Erdbefestigungen anzunehmen? In der ursprünglichen 
Auffassung bezeichnet Wanne eine Mulde, ein Becken. Daher wohl noch 
heute der Schweizer eine „vertiefte" Alpenweide ^ Wanne nennt. In der 
Schweiz ist ferner Wang oder Waeng Name für „eine Krinne oder einen Rain 
zwischen Gräben ^" Bei beiden Ausdrücken ist Vertiefung, Grube das 
Gemeinsame, sie können also leicht wechseln, auch wenn man getrennten 
Stamm annehmen will. Mit beiden Ausdrücken lässt sich eine Erdver- 
tiefung, eine Kule oder Mulde bezeichnen. Letztere spielen aber in der 
Vorzeit eine wichtige Rolle. Bis ins späte Mittelalter hinein flüchteten 
unsere Vorfahren bei Kriegszeiten ihr Vieh und die bewegliche Habe in 
Knien und Verhaue. Die an den Grenzen Lebenden waren dazu am 
häufigsten gezwungen, weswegen wohl gerade da die meisten Wannen imd 



») Schade, Altdeutsches Wörterhuch H, S. 1087. 

*) Caesar, De hello Galileo I, 51. 

■) Graff, Althochd. Sprachschatz: Wang. 

*) Foerstemauns Namenhuch. 

») Kaltschmit, Wbch. 1048. 

ö) Schade, Altd. Wbch. TT, 1089. 



— 28 — 

Wangen entstanden. Selbst der französische Name Hautes Fanges für 
unser hohes Veen kann hier in Frage kommen, da das Veen selbst, die 
natürliche Citadelle unsrer Gegend, die hochgelegenen Wangen bezeichnen 
dürfte. Entsprechend der Wannen- und Wangenreihe am Ehein treten 
etwas weiter nach Gallien zu eine Eeihe von Vennbezeichnungen auf: 
Cevennen, Ardennen, (a. Ärduenna) und Teruenne ^ (alt pagus Teruaniensis, 
an die Scheide und die Ardennen stossend). Da uenna = Wiese erst spät 
sich findet^, kann man die schon von Caesar erwähnte silva Ärduenna 
nach obigem Vorgang auch als Ardwanna oder -wangen setzen, da ja 
Thema wan und win gleich ist. Ardennen wäi'e dann = Waldfestung, 
Ard, entstanden aus Hard, oder etwa aus altem Arde = Erde eine 
Erdfestung. In die Ardennen lässt der Trevirer Indutiomarus ^ die waffen- 
unföhigen Stammesgenossen in Sicherheit bringen. Dies geschah auf der 
Ostseite des Waldes. Die auf der Westseite desselben hausenden 
Nervier* pflegten, um den Angriff von Reitervölkern abzuwehren, 
mauerartige Befestigungen aus Zweigengeflecht und Domgestrüpp anzu- 
bringen, die nicht einmal den Durchblick gestatteten. Demnach galten 
die Ardennen wirklich als grosse, natürliche Festung. Für die Auffassung 
derselben als Erdburg kann man als Beispiel den in Holland vorkommenden 
Ort gleichen Namens erwähnen, Erdburg kommt auch als Familienname 
hier in Aachen * vor, geradezu dieselbe Bezeichnung wie Ärduenna ist aber 
das im Bistum HUdesheim gelegene alte Wangarde, Wongerdun (Wangerde). 
Nannte man nun wahrscheinlich schon in alter Zeit grubenformige, 
tiefgelegene und mit Flechtwerk umgebene Befestigungen Vennen, so ist 
es nicht zu verwundern, wenn das Volkslatein eben diese besondere 
Bedeutung von Venna aufweist. Du Gange erklärt Venna (Vinna) als 
„sepimentum quodvis** d. h. jede beliebige Verzäunung, also kann auch eine 
dem Fischfang dienende Verzäunung so heissen; zur Unterscheidung von 
gewöhnlichen Verzäunungen tritt dann zu Venna ein erklärendes piscatoria, 
d. h. dem Fischfang dienend, hinzu. Dass man sich unter Fischer -Vennen 
überhaupt ständige Einrichtungen in bestimmten Grenzen zu denken hat, 
darauf weist auch der Umstand hin, dass dieselben meist mit besondern 
Namen versehen vorkommen. So oben schon die Arnulfs -Venne ; bei Du Gange 
ist auch Rede von einer Venne des heil. Leutfridus und von einer Garoli- 
venna. Dass die Vennen überhaupt gehegt waren und also bestimmte Grenzen 
hatten, ist ausdrücklich in einem Befehl Ludwigs vom Jahre 871 ausge- 
sprochen: „AVelche Fischerei und Vinne Herr König Pippin mit auf dem 
Rheinstrom wirklich vorhandenen Grenzen dem Monasterium Prüm ver- 
willigt hat^" Winna oder Vinna bezeichnet also unzweifelhaft einen 

Dr. P. Alberdiiigk Thijm, Karl der Gr. u. s. Zeit S. 30. 

2) Lacomblet, U. B. I 567, III 297 zu den Jahren 1200 und 1335. 

8) Caesar, De b. Gall. V. 3. 

*) A. a. 0. n. 17. 

^) Loersch, Aach. Rechtsd. S. 57. Urk. von 1338. 

^) Quam ctiam piscationem et Vinnam dominus Pippinus Hex cum tcrminis snpra 
fluvium Ehenum consistentibus . . . conccssit ad monasterium Prumiae . . . (S. Vinna 
bei Du Gange). 



— 29 — 

eingefriedigten Hege- oder Sclionbezirk für Fische. Thatsächlich werden 
die Vinnen aucli als Hegebezirke behandelt, nur wenig und mit ausdrück- 
licher Genehmigung des Grundherrn wird darin gefischt, und dabei ist ihr 
Erträgniss dem eines Schon- resp. Zuchtteichs entsprechend. Bringt doch 
die Geyssarter Vinne allein 200 Aale jährlich ein, was nur bei rationeller 
Schonung und Jagd möglich sein kann. 

Was die Vinne für das Wildwasser, scheint das schon oftmals ge- 
deutete Wunne für den übrigen Wiltbann zu bedeuten. „Wunne und 
Waid*' mag ursprünglich das Hege- und Jagdrecht bezeichnet haben; 
Wunne ^ hat zu Winne auch die Beziehung, das es goth. vinja, Weide 
entspricht, also von vornherein wieder wie belg. veen erscheint. Winna, 
als Eingehegtes überhaupt gedacht, kann Wiese bezeichnen, kann auch 
auf den ganzen Bann- und Hegebezirk ausgedehnt werden ; geschieht dies 
auf die innerhalb desselben zu leistende „Arbeit" für Landesvertheidigung 
(Landwehr, Gebück) oder für Herrenwild (Parkanlage, Brühle), so bezeichnet 
winna schwere Arbeit überhaupt, winna ist dann gleichbedeutend mit 
Frohndienst und so ist dann auch wßner (Taglöhner) und weynner (Vennen- 
fischer) verwandt zu denken. Merkwürdigerweise zeigt das französische 
corv6e = Frohnarbeit auf dieselbe Begriffsentwicklung wie das deutsche 
winna hin. (corva = praedium, ager). 

Ergab AVanne die nasalirte Form Wange, so ergibt Vinne Vinke 
oder Vynke. Der im Nekrol. S. 25 vorkommende Familienname Vynke, 
auf seinen Ursprung verfolgt, gibt als solchen Vinne, nicht den Vogel Fink an. 
Vinne = Vynke ist in unserer Gegend vielfach in Orts- und Flurnamen 
anzutreffend Es ist interessant, dass das Vorkommen des Flurnamen „An 
de Vink" bei Herzogenrath im Bergwerksrevier vorerst auch auf Grube 
= Hegung zu deuten ist. Das alte Recht für Bergmann und Jäger ist 
ja dasselbe. Kraft der Gnade seines Fürsten besitzt auch der Bergmann 
Jagdrecht ^ Bei Lorsch* geschieht einer oder eines Vyncken zu alter 
Zeit (1500) und in unmittelbarster Nähe Aachens bei einem Tauschakt 
Erwähnung. Nach dem ganzen Tenor des betr. Aktenstückes muss man 
dieses Vyncke einfach als Weyer oder Deich, also von unserer ursprüng- 
lichen Erklärung her, nicht etwa vom Vogel Fink aus deuten. „Drye 
morgen landtz, heisst es da, geleigen an der vyncken wyden". 
Derselbe Ausdruck kommt noch zweimal vor, aber mit „des** vyncken 
wyden. Da die wyden hier genannt sind, welche immer die Begleiter 
von Damm und Weyer bilden und zudem nach Aachener Recht ^ eine 
sehr scharfe Flurbegrenzung bezeichnen, dass ferner des bezw. der vyncken 
wyden getrennt, nicht wie andere im selben Stück vorkommende Flurnamen 



>) Grimm, Bechtsdenkmäler U, 521. 

*) Vgl. süddeutsches — wang bei den Ortsnamen. 



•) Weisthtun des Bergrechtes auf dem Bleybergwerk zu CaU von 1494. Lac. Arch. 
m, S. 217 u. ff. 

*) Bechtsdenkm. S. 230 u. 231. 

*) Loersch, Bechtsdenkm. S. 101, 1752. Item wyden aoUen staen van cyns mans 
erve, 3 woys. 



— 30 — 

kollektivisch gefasst und geschrieben sind (vgl. leymkuylehaige, hassel- 
haighe), so darf man wohl annehmen, dass man es mit wirklichen vyncken 
und wyden, also mit Weyer und Weiden, zu thun hat. 

Natürlich konnte es nicht ausbleiben, dass mit der Zeit die eigentliche 
Bedeutung von Vyncke sich verdunkelte und im Kampf gegen das immer 
mehr um sich greifende gelehrte Vivarium = Weyer zuletzt unterliegen 
musste. Als daher Vynck oder Wynck seine letzte Entwicklung zu Winkel 
machte, was ja auch noch Einhegung 1. von Hof, 2. von Laden, Theke, 
3. aber auch von Wasser bedeutet, war letzterer Begriff schon so entlegen, 
dass man das Vorkommen der Weyer bei einem Winkel als etwas besonderes 
anmerken zu müssen glaubte. Man wird nicht oft fehlen, wenn man alle 
alten Winkelhöfe als ursprüngliche Weyer- bezw. Vinnengüter ansieht. 
Ist z. B. das Gut „Kaninswinkel" am Aachener Wald nicht eine ursprüng- 
liche Vinna piscatoria regia d. h. eine Königsvinne ^ ? Die noch heute daselbst 
gelegenen Weyer, als Hauptquelle der Pau anzusehen, sowie die jetzt 
unverstandene Form Koninx (vgl. altes Koninxporze, Koninxberg) = Königs 
rechtfertigen diese Annahme. Man benöthigt kaum, für die Erklärung von 
Winkel auf die schon von Grimm vermuthete Verwechslung von Angel 
und Angulus^ hinzuweisen. Allerdings ist es in unserm Platt mit Hoek 
und Hükk genau so. Also die alte Beziehung von Fischfang und abseits 
liegender Hegung kommt auch da wieder. Das Nekrolog erwähnt einen 
Weyer im AVinkeF. Dass man hierbei durchaus nicht den Ponter 
Winkel, für den aber immerhin die Annahme eines Weyers bestehen 
bleiben muss, zu greifen braucht, darüber belelirt Quix aus dem Zins- 
buch des hiesigen Münsterstiftes'*. Dasselbe gibt an: „Kathrine Arnolts 
Wyf . . van den Rauen van yren Huse in den Wynckel bi der Druifnasen". 
(Druifnase ist doch wohl nicht mit Quix = Traubnase zu erklären?) Die 
Bestimmung „bi der Druifnasen" lässt keinen Zweifel, dass hier das Venu 
gemeint ist. Wäre also etwa beim Venu der Weyer des Nekrolog zu suchen? 
Es wäre nach jeder Seite eine Stütze für unsere Ansichten. Interressant 
ist es zudem, dass die Aachener Winkelhöfe im Bering der inneren Graben 
und an den Wasserläufen vorkommen. Der Beginenwinkel in Pont führt« 
noch 1391 die Bezeiclmung „in den Winken^", was, den alten Formen 
Vynk und Vink zur Seite gestellt, unsre Erklärung begründen hilft. 

Schliesslich sei noch auf eine Eeihe von niederrheinischen Namen auf- 
merksam gemacht, die alle als zusammengesetzte Substantive denselben 
gleichen zweiten Bestandtheil aufweisen. Es ist die Silbe dey in den 
Namen: Venedey, Vinkendey^, Winkeldey' und Hinkeldey. Dey 
ist offenbar = Deich, altes Dich. Es ist dasselbe Verhältniss, wie bei der 



*) Vgl. Jahrg. 3, Heft 1, Frage 2 dieser Zeitschrift. 

^) Grimm, Deutsche Grammatik III, S. 467. 

5) A. a. 0. S. 3. 

*) Quix, Dominikanerkirche S. 55. 

ß) Stadtrechn. S. 387, 35. 

«) Stadtrechnungen S. 358, 367, 882, 384. 

^) domus Winkeldey bei Lac. Arch. f. G. d. N. T. 158. 



— 31 — 

Ortsnamenendung wig = wey und dem Subst. egg (engl.) = Ei. Man kann 
Deich hier nur verstehen, wenn man eben Venne, Vinke, Winkel und Hwinkel 
in der oben angegebenen Darstellung mit Hegung oder Weyer gleich- 
bedeutend nimmt. Jedenfalls braucht man nicht mit ObermtiUer^ gleich 
keltisch zu erklären. Woher käme z. B. Winkel als spätes, aber urdeutsches 
Wort noch einmal an ein keltisches Suffix — dey? Oder ist kelt. dey = 
Mann so lange geblieben? — Wie vorstehende Personennamen lassen sich 
auch zwei alte belg. Ortsnamen, nämlich: Ticlivinni und Winlindecheima ^ 
unter den Begriffen „Deichvenne" und „Heim am Winkeldeich*' als einfache 
deutsche Bildungen erkennen. Auf den deutschen Charakter dieser Orts- 
namen, die heute Dickelvenne und Wyneghem lauten, weist die in der 
Wortmitte erscheinende fränkische Ableitungssilbe — li oder — lin ganz 
entschieden hin. Winlin, nasalirt gesprochen, was entsprechend dem Ort 
und der Zeit, die alten Formen treten im 8. Jahrhundert auf, geschehen 
muss, ergibt sofort Winglin oder Wingelin und die volle Form Winlindech 
ist nur etwas älter als das oben angeführte Winkeldey. 

Das dem hiesigen Venu parallel laufende Wjmm eis gas sehen ist 
auch wohl besser aus vinnula = kleine Vinne als aus dem trivialen und dazu 
spätdialektischen wjmel = winber, Wein-Johannisbeere zu erklären. Quix 
in seiner bist, topogr. Beschreibung von Aachen nennt uns ein Wyn- 
melengässchen. Wie kommt er zu dieser Form? Ist sie belegt oder auch 
nur zu Quix' Zeiten gesprochen vorhanden, so ist dies von Bedeutung. 
Wynmele wäre dann möglicherweise = Vinnmühle zu verstehen. Es ist 
deshalb nicht zu unterlassen, auch auf alte Familiennamen bei Quix^ zu 
verweisen, die zwar nicht hier, aber bei Sinzig genannt werden und 
ebenfalls überraschend unserm Wymmel ähnlich sind. So Helene Wanymel- 
gins (= Winnamele?), Wymmelgins und endlich sogar, an die Urform 
erinnernd, Joh. Winne oder Wonne. Altes Mehle bezeichnet auch Trog, 
Schüssel. Wanymele wäre also ein tiefer Trog aus Geflecht, dies reiht sich 
aber wieder an die Benna oder Venna ursprünglichster Bedeutung an 
und würde ein Vinnmühle ausschliessen, immerliin aber auf die dort noch 
heute vorhandenen Einrichtungen (ehemalige Fischkasten P) verweisen. 
Ist in Druifnase vielleicht auch eine Verderbung von ursprünglichem trog 
und nasse (Netz) zu vermuthen? (Fortsetzung folgt.) 



Kleinere Mittheilungen. 

Die Belagerung von Lille. 



Nachstehendes historische Volkslied findet sich handschriftlich in einem Duodez- 
papierheftchen des Schönaner Archivs, in welchem allerlei Gebete, kalendarische Bemerknngen, 
Ausgaben n. a. m. verzeichnet sind. Das Gedicht ist leider nicht ganz enthalten; es 



») Keltisches Wörterbuch, ü, 901. 

^ Dr. Paul Alberdingk Thijm, Karl d. Gr. u. seine Zeit, S. 35 u. 36. 
•) Quix, Melaten, Anhang: Hat Karl d. Gr. 20 Geistliche aus dem Kloster Sinzich 
an seine Hofkapelle Aachen versetzt? S. 59 u. 60. 



— 32 — 

fehlen die 7 ersten Strophen, das Vorhandene beginnt mit Strophe 8 und reicht bis 19. 
In „Des Knaben Wunderhom* findet sich unter der Ueberschrift : „Die vermeinte Jongfr&o 
Lilie** dasselbe Lied, doch in weit kürzerer und vielfach geänderter Fassung. Der za 
Grunde liegende Stoff, die Belagerung und Einnahme von Lille durch Prinz Eugen von 
Savoyen, gehOrt der letzUfn Zeit des spanischen Erbfolgekricges an, da Kaiser Karl 
(VI) erwähnt wird, welcher 1711 zur Regierung kam. 

Stadt Lille. So komm her, mein PrinU, 

,„„.,,,, . ^ , Und werd der so gut katholisch, 

Wollt Ihr handeln mit Gewalt, jj^„ g^,^ p^.„^ ^^g 

Lieher Herr, mit der Gestalt ^.^^ Holländer muss Du strafen 

Schalten möget Ihr oder walten, ^^^ ^.^ ^^y ^^ ^^^ P^j^ 

Pulver kann mich erhalten 
Und beschützen meine Ehr. % PßINZ EuGEN. 



Prinz Eugen. 

Liebste, lass doch gcsagen Dir, 
Sehet an meine Stuck Mortier, 
Meine Bommen und Granaten 
Sollen sein Deine Muskaten, 
Die ich präsentiere Dir. 

Liebste, denk an meine Macht 
Alle Printzen unvcracht. 
Sieh, ich will Dich bombardiren. 
Dir Dein Häuser ruinircn 
Und zuschießen in den Brandt. 

So, Konstabier, frisch 
Darahn feuret, wer nun feuern kann! 
Blitz, Donner, Feur und Flammen 
Speiet auf die Lillische Damen, 
Bombardier das böse Weib! 

Stadt LUiLE. 

Thuct, was Dir nicht lassen wollt, 
Ihr an mir nicht schaffen sollt. 
Meine Werke und Baßquilleu 
Thu darauf braff spielen. 
Lachen und verspotten Euch! 

Meinet Ihr dann, dass mein Fortuu 
Mir nit bald zu Hilfe kom? 
Der mit Hunderttausend Frantzen 
Die Holländer wird lehren tantzon 
Allhier in diesem Flanderlandt. 

Aachen. 



Halt das Maul und schweige still. 
Hör, was ich Dir sagen will, 
Hab ich nicht in Ungerland 
Viel Tftrk gemacht zu Schand 
Hnntert tausend und noch viel mehr? 

Stadt Lille. 

Lieber Herr, das glaub ich woll, 
Dass Ihr desmahl auch ward so doli, 
Aber Ihr habt mit mir nit zu schaffen 
Jctz und mit den türkischen Waffen, 
Sondern mit dem Frantzen Blut! 

Prinz Eugen. 

Lil, mein allerliebstes Kind, 
Warum bist Du dan so blind, 
Dastu mir nicht wilst annehmen, 
Thustu Dich dan meiner schämen? 
Aber sag' was fehlet mir? 

Lil, mein Engel und mein Lamb, 
Ich weiss Dir ein Bräntigamb 
C'arolus, der Welt Bekanndter, 
Ich bin nur sein Abgesandter 
Und dos Kaisers General! 

Stadt Lille. 

Ei wohlan, so lass es sein, 
Carolus ist der Liebste mein, 
Donn der Ludwig schön veraltet. 
Um die Liebe ganz verkaltet, 
Carolus ist ein junger Held. 

K, Wieth, 



Vereinsangelegenheiten. 

Honatsversammlung im Hotel zum Elephanten (Ursollnerstrasse) 

Mittwoch, den 26. März 1890, Abends 7'U Uhr. Tortrage: 

lieber eine alte Buschordnung; ungedruckte Volkslieder; Kockerell 
und die karolingische Pfalz. Miszellen. 



Dkltk von Hkrman.n Kaatzkr IX Aac-iikn. 



Jälirlicli 8 Nuiumom Komm issions -Verl fiß 

ä 1 BoRen Royal OkUv. ^^^ 

Creme r'Hclien Bnchhandlnng: 
Preis des .TabrgaiiKs ,j p^^,, 

4 Mark. in Aachen. 

■ ^^^ ^m>i 

Mittheüungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereinü herausgegiiben von Dr. E. Wleth. 

Nr. 3. Dritter Jahrgang. 1890. 



Inhalt: K. Wieth, D.is Tagebuch rtca Aachener Stadttyndikus Melchior Klocker von 

1602 — 1608. (Fortnetzutig.) — H. Kolleter, Namen in Aachen. (Fortsetzung.) — Kleinere 

Mittheilnngen; Arnold Merkator. — Bu^hordnuiig von Broich bei Jülich. — AnchenPr 

Raths-Edikt. — VcrciDHaDgelcgcnbeiten. 



Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus Melchior Elocker 

von 1602-1608. 

Von K. Wieth. (Fort-wtzuug.) 

1604. 

Aiiin I. Januarij Imbeu die kay. Matt, anhero geschrieben und ihre 
in favorem et pro relaxatione deß verhafften Pasaarts anßgelassene bevelch, 
als auff unglciclien bcricht erhalttcn, autTgehabcn und die saeh atim kayser- 
lichen camcrgericht aaßzuführen gewiesen. 

Alim 5. .Tan. uf der Biichel den konigh gekolireu, und ist mein 
Schwager .Tacob von Amerongen konigh worden. 

Ahm 7. Jan. seindt her Bcrchem, Bleienhaupt et ego ahn Peter Pirna 
rauUcn gewesen und die brugken besichtiget und befunden, dweill oben 
und uuderhalb dei-selben brugken nit allein ctlich durfahrt vor roß und 
wägen alzeit geprancliet, dan darzu noch etlich andere brugken nit weit 
von dieser über die Worm geschlagen, daz es eine lautere invidia, haß 
und neidt ist. 

Blatt 13, S. 2. 

Jan., als etliclie Amutinierte und alhie ihm Helm 

gelegen und einen vor den hcrn aufgemacht, welchem her Berchen den 
■wein verehret, folgenz aber als sich befunden, daz sie ein hauff buben 
wehren, seindt sie deß abendz aufgesessen und haben hinauß reiten wollen, 
aber als die pfortten verspeiTet nnd gleichwoll kein ernst bei innen ver- 



1 
— 34 — 

mercket, seindt sie etwo herumb geritten, aber zulezt widder ihm Helm 
eingekehrt. 

Ahm 10. Jan. seindt die Limburgische reuter alhie einkoramen und 
liaben die Amutinerten außgefordert und ist eine zimbliche desordre gewesen, 
biß man zu lezt beiden thailen friedt, und daz sie sich still und eingezogen 
halten sollen, gepieten lassen. Eod. seindt die Bruisselische schreiben, daz 
man wegen der zu Orßbach todt verbliebenen iustitiam thun und die 
Wittiben contentieren solle, ankommen. 

Ahm 11. Jan. haben die Amutinierer sampt den Statischen einen 
anschlagh auff Mastricht gehapt, ist innen aber mißlucket und seindt un- 
verrichter Sachen zurugk gezogen. 

Ahm 13. Jan. haben grafif Frederich und Henrich von den Berge 
ihre besazungh binnen Erculens mit vorruckungh deß groben geschuz 
einpracht. 

Ahm 16. Jan. seindt her rentmeister Bleyenhaubt und die baumeister 
et ego bei der baumeister knecht Petem, so ihn die chur gangen, den 
mittagh mit zuschickungh der speyß und wein zu gast gewesen, und liatt 
domaln Braunenstein Johan von Schwertern verwissen, daz ehr mit auß- 
fuhrung der burgers bier untreulich handlet. Eod. deß morgens umb 5 
uhren ist deß löflFelmachers Alexandri hindere behausungh durch fahrlessig- 
kait mit brandt auffgangen, und daz taghwerck aller abgebrandt. 

Ahm 17. Jan. bin ich ihn daz bädt gewesen, und seindt gefolgt 
parentes et soror, moen Eilerborn, Amerongh, Hester etc., ego vero omnia solvi. 

Den 18. Jan. seindt wir den ganzen tagh uf den Buchel gewesen 
und hatt Ostwaldus mir domaln supplicat(ionem) pro testamenti approbatione 
defuncti cognati mei Johannis Beuter vorzaigen und lesen lassen, die ich 
doch, weill sie aufF alle legatarios ins gemein gesteltt, nit placidirt, sonder 
uf die beschwertte supplicanten in specie zu verfertigen begeret. 

Blatt 14, S. 1. 

Ahm 20. Jan. haben wir (Vormunden) contra An^et von Lamerßtorff 
beim raht supplicirt und denselben sein interesse zu erkennen geben, und 
lietten derzeit die scheffen nehmlich h. Berchem, Johan Ellerborn, Diederich 
Beluen und Albrecht Schrick ihre afifection, die sie zu den Guiischen tragen, 
zimblich mircken lassen. 

Ahm 23. Jan. ist graflf Henrichs von dem Bergh und Bronckhorst 
compagnie zu Vetschaw und Bergh eingefallen und haben übel gehauset, 
die haußleut uf mirckliche summen geiz bezwungen, jedweder pferdt uf ein 
dubbel ducat ransionirt und die umbliggende dorflFer zu sich gefordert, 
gebrandtschezet und innen mirckliche summen geiz abzunötigen under- 
standen, seindt iren auß(geben?) nach 200 pferdt starck gewesen. 

Ahm 28. Jan. bin ich wegen deß rentbrietfs vonn 1200 golttgl. uf 
Gulich und von dannen uf Hamboch geraiset. 

Ahm 25. Jan. hab ich eine zimbliche malzeit den ganzen tagh ge- 
bauten, und ist man frolich gewesen. 

Ahm 8. Febr. hatt moen Eilerborn eine malzeit gehaltten, und ist 
burg(ermeister) Eilerborn cum uxore und dan Diederichs Beluen hausfrau 



— 35 — 

ihrer zusagh zu widder, ohne auch daz sie angesagt, daz nit kommen 
konten, außplieben. 

Den 9. Febr. hatt her Holtropff den neuen vorgeschlagenen thur- 
wartter praesentlrt, und seindt Ime von mir die conditiones und gehaltt 
vorgehaltten, darauff ehr sein bedencken genohmen und folgenz taghs an- 
genohmen. 

Den 13. Febr. abendz umb 9 oder 10 uhren hatt h. Berchem, Beluen, 
Schrick und andere ein blindtrauschen mit zweyen von Golttstein uf den 
grossen kirchoff gehaltten. 

Ahm 17. Febr. hatt der rentmeister Bleienhaubt mit Simon von 
Hausens dochter uf daz badt hochzeit gehaltten und haben alda gute schier 
gemacht. 

Ahm 18. Febr. haben die Statische Erculens eingenohmen und den 
Amutinierten eingeraumet, welche die burger uf 45000 brab. gl. durch 
betröhungh deß auffhenckens ransionieret. 

Ahm 22. Febr. ist mein vatter, mutter, moen Ellerborn und ihr vetter 
neben andern bei mir zu gast gewesen und haben gute schier gemacht. 

Eod. haben die Statische daz schloz Kerpen durch daz grobe geschuz 
zum aufgeben gezwungen. 

Ahm 24. Febr. seindt wir aufF Cornelibadt ihn consultation weilandt 
Joannis Beutern testamenz, und wie man sich darin mit außrichtungh der 
starcken legaten zu verhalten, beisamen gewesen. 

Den 28. Febr. seindt deß rahz deputirten zu anhorungh und auß- 
theilungh der steuern auflF dem rahthauß gewesen, und als folgenz ein 
drunck herauf pracht worden, und der burg(ermeister) Meeß mit wein 
erfüllet, hatt sich seinem prauch nach gar unnuz gemachet. 

Ahm 29. Febr. bei vattern zu gast gewesen und haben vastelabendt 
gehaltten. Eod. haben die Hyspanische Amutinierten mit 2 groben geschuz 
über die 40 schuß von Deutsch auf die statt Coln gethain, ihn hoffnungh 
sie zur contribution zu zwingen, aber vergeblich. 

Ahm 11. Martij hab ich mich uf die rechte handt die leber ader 
wegen zugestandener unpässigkeit schlagen lassen, welche gar woU ge- 
schwaisset. 

Ahm 16. Martij seindt deß rahz deputirte und etlich der scheffen 
auff der Burgermeisters leuben die vergleichungh zu versuchen bei einander 
gewesen, ist aber wegen der scheflFen tergiversiern fruchtbarlich nichz 
außgerichtet. 

Den 30. Martij, als die scheffen eine protestation wegen etlicher 
iniurien, als sie veimaint, so ihn der provocation zetul begriffen sein 
sollten, dem raht insinuirn lassen und etlich wenigh personen diese Sachen 
allein ufzutringen understanden, so hatt sich demnach der raht erklaret, 
daz innen den wenigh personen unrecht geschehe, was verhandlet, daz 
solches auß seinem sondern beuelch geschehen, und daz ehr sie dabei 
handthaben und alles Schadens entheben wolle, und befohlen dagegen 'eine 
antwortt ahn plaz der retorsion zu verfassen. Inmassen geschehen, daz 



— 3G -^ 

dieselbe den 1. Aprilis ihm raht verlesen, placidirt und dem notario ahn 
statt der antwortt dem instrumento einzuverleiben gegeben worden. 

Blatt 15, S. 1. 

Ahm 6. Aprilis hab ich Albrecht WolfF 400 bescheiden rthlr gegen 
sechs und ein ortt vom hundert zuverpensionieren außgethain und vor- 
gestreckt dergestalt, daz ehr mir gerichtliche versichenmgh thun solle. 

Ahm 12. Aprilis seindt die Statische, welche bei die 100 starck ge- 
wesen sein sollen, dem hern burg(ermeister) Berchem, welcher zu Lutigh 
gewesen, biß ahn St. Jacobs pfort nachgeeilet, und als unsere Soldaten 
vemiaint, daz sie aller frey gewesen und loß geprandt, seindt die Statische 
hinder ihn sie gesezt und haben 2 starck verwundt, sonst Caspar le Grandt 
hausfrau, welche mit einer karrich etwas hinder gewesen, mit sich ge- 
zwungen und aller spoliirt, doch sie ledigh gelassen, aber Jan Emondz 
mit genohmen und uf 100 Phlipsthlr ransionirt, und seindt sie so. nahe 
gewesen, daz sie auch einen hau ihn dieHarmey gethain, irer der Statischen 
aber seindt auch zween durchs leib geschossen. 

Ahm 14. Aprilis haben dieselbige Statische etliche pferdt zur Weiddn 
.... und darumbher geholet, und als sie biß ghen Euchen kommen und 
die pferdt ransionieret, seindt die Limburgische und grafF Henrichs reuter 
uf sie ahngesezt, dieselbige ihn die flucht pracht und den gefangenen 
burger, wie auch die gestolene pferdt loß gemacht, etwo ii^r 20 gefangen 
und etliche nidder geschossen. 

Den 15. Aprilis ihm badt gewesen und alles zaltt. 

Ahm 26. Aprilis seindt die Statische zusampt den Amutinierten etwo 

5000 starck hinaufif uf zu der hohen Cassey gezogen, zu 

welchem endt ist noch nit oflFenbahr, allein wirdt vermuthct, dweill sie 
gar starck sich zo wasser begeben, daz sie etwo Ostenden zu entsetzen 
bedacht und ihm anzugh sein mochten. 

Ahm 28. Aprilis seindt beide 11. Westhoven und Venlo ankommen, 
gstaltt der vorstehender communication mit Gulich beizuwohnen. 

Ahm 2. Maij seindt die burg(ermeister), rentmeister Rouelli cum uxore, 
die Colnische rechzgelehrten und andere verwandten bey mir zu gast ge- 
wesen und haben gar gute schier gemacht, haben auch die hern burger- 
meister den hern viertel wcins verehren lassen. 

Blatt 15, S. 2. 

Den 3. Maij ist mons. Mewen pater cum matre et soror M. Anthoni 
cum uxore und etliche nachpar zu mittagh bei mir gewesen und gute 
schier gemacht. 

Ahm 12. Maij zu mittagh hatt man erstmaln ihn St. Albrechtstraß 
ihn meines vatters hauß zu bauen und die innere gemacher durchzuschlagen 
angefangen. 

Ahm 14. Maij bin ich ihn berahtschlagungh der underthanen sach 
contra die von Elendorflf gewesen, und haben die nachpar mir verwilliget 
zween bäum zu reparation meines hauß ihn St. Albrechtstraß. Eod. hat 
der raht mit dem sendtgericht sich aller streitiger puncten verglichen, 
welche vergleichuugh ein erb. gemein raht hernacher ahm lezten Maij 



— 37 — 

confirmirt und bestättiget, und liatt es der zeit über die scheffen gewaltigh 
gedonnert, auß Ursachen, daz sie sich mit den Guiischen über etliche puncten 
verglichen und widder den raht geklaget, und ihro vermeinte gravamina 
denselben übergeben. 

Ahm 2. Junij seindt wir widderumb von Munster von der Guiischer 
angesteltter communication kommen, und hatt man liinc inde de diligentia 
protestirt und gleichwoU die Sachen zu ferner deliberation gezogen und 
dahin vornemblich gangen, daz wir die gemaindt berichten und uns eins 
fernem gewalz erholen, und sie, die Gulische, sich herzwischen auch etwas 
bedenken sollten, ob woU ein erb. raht ahm 3. Junij die hiesige scheffen 
umb absonderliche communication irer den hern Guiischen vermaintlich 
ubergebenen beschwär ansuchen lassen, so haben sie dieselbige doch zu 
vermuhtlicher anzaigh irer der scheffen mit den Guiischen eingangener 
verbundniß den 3. Junij mit zustellungh eines zettuls, welchen sie recessum 
intitulirt, umb so langh abgeschlagen, biß ein raht sich vorher mit den 
Guiischen verglichen habe. 

Ahm 8. Junij seindt wir under einander uf der Bieveren spacieren 
und roem essen gegangen. 

Den 7. Junij bei den patribus zu gast gewesen und haben gute 
discursus gehapt. 

Ahm 18. Junij seindt 11. Venlo und Westhoven mit ihren weibern 
verraiset, und jeder mit 100 rthlr über alle kosten verehret. 

Blatt 16, S. 1. 

Ahm 20. Junij haben die nachpar zu Wurselen und Hären mii- zween 
andere block vor den einen, so untuglich und hoU gefallen, anzuweisen 
bewilliget. 

Ahm 21. Junij groß rahz gewesen, und hatt dazumahl die gemeine 
burgerschafft über die scheffen dermassen fulminirt und sie hartt bestraffen 
wollen, daz wir sie gnaulich mit pitten und starcken wortten abhaltten 
können. Eod. hatt der einwohner meines hauß ihn St. Albrechtstraß 
dasselbigh erstmals geraumet. 

Ahm 22, Junij den mittagh mit dem hern dechandt und s. ehrw. 
bruder, burg(ermei8ter) Berchem und anderen bei Rouellij zu gast gewesen, 
und ist deß dechandts bruder über Berchem, als wan ehr uf deß capituls 
gesundtheit zu trincken sich beschweret, zimblich erzürnet, welches ich 
doch niddergelegt. 

Ahm 23. Junij der raht überkommen, daz hinfuro keine, so niet 
burger gebohren, zum rahtsiz kommen sollen, geheiligte und erkauffte 
burger aber anders nit, dan wan sie zelien Jahr ihn die statt gewohnet, 
und haben wir wegen hinlägungh der scheffen bestraffungh zimblich vill 
zu thun gehapt. 

Den 24. Junij mit burg(ermei8ter) Wedderradt und Constantino Francot 
bei den patribus zu gast gewesen, und hab wegen der scheffen allerhandt 
bericht gethain. Nota, daz der raht am 23. Junij hern Berchem tanquam 
peregrinum auß den raht gewiessen, Gerardten Eilerborn aber als einen 
todtschleger zum rahtsiz unvähigh erklaret. 



— 38 — 

Ahm 25. Junij ist Constanliims verraiset und hab ihme einen neuen 
carbiner geschenckt. 

Ahm 26. Junij haben die Arautinierten wegen Passarz relaxation gar 
hefftigh geschrieben, und hatt Passart sich schrifftlicli erklaret und ahn 
die Amutinierte geschrieben, daz solche schreiben seiner unwissendt ex- 
practiziert, und daz ehr nit durch solche mittel, dan durch kayCserliches) 
urthel seine relaxation begeren thete. 

Ahm 29. Junij dem herzog(en) von Nivers congratulirt und audieus 
gehapt und gar gnedige antwortt bekommen. 

Blatt 16, S. 2. 

Ahm 1. Julij, als der raht ein außchuß verordnet, welcher den 
meier anhören soltte, und derselb gleichwol ihm raht einkommen wollen 
und angezeigt, daz es ein kundtbarer prauch welire, daz ehr und die 
vorige meier uf ihr begeren alzeit eingelassen worden, welches als dieser 
seidz mit deß rahz bucheren abgelehnet worden, hatt Jan von Thenen 
geantwortt, man mochte ihn deß rahz bucher schreiben, was man woltte, 
waz ehr redet, daz welire die warheit, welches mich zimblich verdrossen 
und hab gesagt, ja, dieses wurde wahr sein gleich wie es stattkundigh wahr, 
daz ehr zu Munster öffentlich schreib und redet, daz es den kindern uf 
der gassen kundigh, daz ime die haußsuchunghen zustundten, welches doch 
stincket, darvon hatt ehr protestirt und zugesetzt, daz es nochmaln wahr 
wehre, daz ime die haußsuchungen gepuirten, wie wir aber ferner uf in 
gedrimgen und seinen bevelch zu sehen begeret, dadurch ime uferlegt, 
daz ehr ihm gesambleten raht eintretten soltte, hatt ehr geantwortt, daz 
ehr solches zu thun nit schuldigh, also wie ehr keine credentiales gehapt, 
noch einigen bevelch vorgezaigt, hatt mans bei deß rahz antwortt, wie 
ihm rahzbuch zu ersehen, verpleiben lassen, damit ist ehr abgetrabt und 
hatt burg(ermeister) Meeß und rentmeister Bleienhaubt ihme zimbliche 
starcke kappen geben, jedoch hats alles uf die zän genohmen, dweill ehr 
einmahl roht gewesen. 

Ahm 2. Julij ist der herzogh von Nivers sampt s. f. g. gemahlin und 
deroselben Schwester ganzen frauenzimmer und edelleuht uf dem rahthauß 
gewesen und haben innen ein schoen zucker banquet gehaltten, dessen 
s. f. g. sich hochlich bedancket und statlich erpotten, den burg(ermeister) 
Widderradt und mich uf den folgenden tagh zu gast gepetten. 

Den 4. Julij seindt beide burg(ermeister) Ellerborn, Wedderradt et 
ego bei den herzogen zu Nivers zu abendz essen gewesen, und haben 
s. f. g. gute discursus gehapt. 

Ahm 13. Julij seindt die burg(ermeister) und schier alle amptrager 
uf der comedia mit Abraham und Jakob gangen und haben folgenz unsere 
weiber uf dem rahthauß gefuhret und zimbliche gute conversation gehapt. 

Blatt 17, S. 1. 

Ahm 10. Augusti bin ich nomine senatus, umb uf Cöln zu reisen, 
außgeritten und ahm eilfften daselbsten glucklich ankommen. 

Ahm 19. Aug. ist die herzoginne von Gulich Anthonetta zu Ach 
ankommen, und weill sie audientiam difiicultirt, so ist ihro auch keine ver- 



— 39 — 

ehrung geschehen. Eod. hatt zeitlicher Guiischer marschalk Anstenrädt 
sieh hochtrabendt gnugh erzaigt und ungescheucht zu dem thurwartter 
Bogart gesagt, daz ehr seinen hern ansagen soltte, daz ehr der statt 
offener feindt wehre, biß so langh sie sich mit i. f. g. zu Gulich verglichen. 

Ahm 20. Aug. bin ich deß abendz widderumb von Coln zu Ach 
glucklich angelangt. Eod. hatt sich der vornehm portus Schluiß ihn 
Flandern auß mangel der proviandt ihn gwaltt der verainigten staden 
auß Holl und Sehlandt etc. ergeben müssen. 

Ahm lezten Aug. hatt ein raht daz capitul zu unser Lieber Frauen 
wegen der procession uf Aegidy tagh requirieren lassen. Dazumaln der 
dechandt Wormbs under andern vermaint, daz solche procession mehr 
zum scandal dan erbauungh geraichen solle, auß Ursachen, daz man under 
einander so gar unainigh wehre, und daz es besser, daz man privatum 
sacrum cum venerabili sacramento haltten lassen solle, item das man nit 
wahr machte, was die abgestellte regierung jeder zeit gesagt, daz die 
catholische zum regiment nit sufficient oder genugsamb bequem wehren, 
und daz es unmuglich, daz solch regiment langh bestehen konte etc., item 
daz man eine fundationem vor die senger und diener machen und sie 
hernegst früher requiriern und ersuchen solle etc. Darauff wir abgeordnete 
ein abtritt genohmen und haben uf alle puncta geantwort, sonderlich den 
punctum wegen der unainigkait, und daz ein raht darzu keine ursach 
geben, daz seinigh mit recht auch woll verantwortten wurde etc. geandet, 
in summa es hatt der dechandt sich der zeit der meisterschafft gar hoch 
angenohmen. Eod. der her Zourß, amptman zu Caster, alhie zu Ach gewesen, 
und haben folgenz ahm abendt ihm Spiegel ein guten drunck samen ge- 
thain, dabey langer Streithagen und andere gewesen, und ist Diederich 
Beluen darnach ungefordertt hinein kommen, und hette paldt seinem prauch 
nach ein krackeeil angefangen. 

Blatt 17, S. 2. 

Ahm 1. Septembris ist die procession cum venerabili sacramento ihn 
zimblicher guter ordnungh gehaltten worden. 

Ahm 3. Septembris seindt Guiischer mar8(chalk) Anstenrädt mit 
etlichen andern rathen alhie ankommen und, wie man innen den wein 
I)raesentirt, hat Anstenrädt geantwortet, dweill die furstin voriger tagh 
audientiam öffentlich gewaigert, so woll innen nit gepuiren, den wein an- 
zunehmen, sonder sollen denselbigen zu rugk nehmen. Aber amptman zu 
Gulich hatt deß weins uf seinen zinuner pringen lassen und getruncken, 
folgenz taghs auch etliche flaschen gefullet und mit sich nach Gulich 
genohmen, inmassen sie auch samptlich dieses weins beim frühe essen 
getruncken. 

Ahm 9. Septembris hab ich erstmahl ein anstoß vom hizigen feber 
gehapt, darzu auch der halzschmerzen geschlagen, welcher mich zimblich 
hartt angestrengt, jedoch als hiergegen die zungh ader schlagen, purgieren 
und allerhandt arzney praeparieren lassen und eingenohmen, bin ich dieser 
kranckheit uf den 15. dieses hernacher mit gottes hulff liberieret. 

Ahm 7. Oktobris, als ich von Cöln uf Ach kommen und der zeit 



— 40 — 

von Jacoben Pastor zu seinem scheffen essen beruiffen, halt ehr mir den 
4. selbigen monaz so schriflFt- als mundtlich andeuten lassen, daß die andere 
scheffen wegen deß ahm camergericht eingeführten proceß gar übel mit 
mir zufrieden, und daz in gefall ich dorthin kommen wurde, daz sie resol- 
virt von dannen zu pleiben, und dweill ehr also ungern zu einiger weiterungh, 
vorab da ehr den scheffen diese refection zu thun schuldigh, ursach geben 
wolle, daz ehr begerett, daz ich diese andeutungh nit vor übel nehmen 
wolle, uf welchen ich ihme durch den canonicum Haussen diese mundtliche 
antwortt geben lassen, das ich ime Pastor vill discreter gehaltten, dan daz 
ehr sich solche unvernunfftigh ufrucken soltte haben irren lassen, ich vor 
meine person wehre deß rahz besteltter syndicus und muste dazjenigh thun, 
was mir befohlen, und da der raht mit innen den scheffen ichtwas zu 
schaffen, solches mochten sie durch gepuirliche mittel verantworten, gleich- 
woll so wehre ich auch deß Vorhabens nit gewesen, dorthin zu erscheinen, 
und wehre mir weniger dan nicliz ahn irer der scheffen essen gelegen, 
begeret auch irer geselschafft nicht, und wurde es dweuiger nit ahn ge- 
puirende ortt vorzuprengen wissen. 

Blatt 18, S. 1. 

Immassen erfolgt, daz selbighen taghs niemandt auß deß rahz mittel 
dahin erschienen, noch einige praesentation gethain worden. 

Anno 1604 in Octobri ist der statt Ach uf mein anhaltten vom craiß 
erlaubt, 9 hellers pfennigh wie auch kupffermünz von J, 2, 3 und 4 heller 
schlagen, wie ihm abscheidt ferner zu ersehen. 

Ahm 22. Octobris ist (.^onstantinus Francot von Dusseldorff zu mich 
abgefertiget gstaltt zu vernehmen, ob ich etwas sicherlichs von dem 
franzosischen schreiben, welches von den Niversischen kriegh meldet und 
Jacoben von Wirdt von mir communicirt worden, wisse, und daz schreiben 
in original! gesehen, oder vom weme ichs sunsten hette, darauff ich ge- 
antwortt, daz ich solch schreiben originaliter nit gesehen, sonder wehre 
mir allein vor neue zeitungh zugeschicket, und zwar von einem adlichen 
landtsässen, den ich gleichwoll zu ernennen bedenckens hette, biß ihme 
dessen avisiit und seine mainungh vernohmen hette, hielte es aber dafür, 
daz ers keinen scheu tragen und mit seinen adlichen befreunden darauß 
communicirt haben wurde, die es ungezweiveltt bey vorstehendem landtAgh 
vorpringen sollen. Eod. einen ochsen ad 36 thlr gekauffet, welcher gewagen 
450 Pfd. unzel Pfd. 66. 

Ahm 23. Octobris erstmaln ihn meinem hauß ihn St. Albrechtstraß 
benachtet. 

Den 24. Octobris abendz zwischen 8 und 9 uhren eine selsame gstaltt 
mit feurigen stralen ihn der lufft gesehen worden, welche zimblich langli 
gewehret. 

Ahm 4. Novembris bin ich von dem raht wegen der Passartischen 
Sachen, und daz der hoff ilin Brabandt der statt alle freyheiten ufkundigen 
wolle, ghen Bruissel zu reisen verordnet, inmassen ich mich deme zufolgh 
den 6 eod. uf die reiß ihn gottes nahmen begeben und mit gottlicher hulff 
die Sachen dermassen dirigirt, daz ermeltter hoff ihn Brabandt deß raht 



— 41 — 

verantworttun gh ihn gutem vermercket, innen vor entschuldiget gehaltten 
und alle coniminiile poenen, sovill den raht und burgerschatt't betrifft, 
suspendirt und ufgehaben etc., recompensa autera nulla. 

Ahm 2. Decembris bin ich neben andern uf vorhergangener kaij(ser- 
licher) commission ihn der streitiger Sachen mit dem capitulo ghen Lutigh 
zum churfursten, dieselbe da muglich zu vergleichen, verordnet worden. 

Ahm 7. Decembris hab ich dem raht daßjenige vorpracht, so mir 
von Jacoben Pastor ahm 2. Octobris, davon hieoben meldungh gesehen, 
widderfahren, und umb einsehens, dweill solcher schimpff nit mir dan dem 
raht begegnet, gepetten, darauff ein raht sie, die scheffen, irer dienst und 
ampter, so sie vom raht haben, genzlich entsezen, und zumahl auß dem 
raht schliessen wollen, biß der zwischen dem raht und innen schwebender 
proceß erorttert, welches doch uf anderer hem voi-pitt gemilttertt, wie ihm 
rahtzbuch zu ersehen, und hatt Jacob Pastor folgenz ihn beiwessen hern 
burg(ermeister) Wedderraz, rentmeister Bleienhaubz, Moll und Horbach 
vermeldet, das solchs die gemeine scheffen nit gethain, dan eine particular 
sach wehre, und daz die authores allein gewesen Diederich Beluen und 
Gerardt Eilerborn. 

Ahm 16. Decembris seindt wir widderumb von Lutigh uf Ach glucklich 
kommen, jedoch unverrichter sachen theils, daz d. Dreger, welcher die 
kay(serliche) commission mit allen beilagen hinder sich gehapt, nit ein- 
heimisch, dan zu Brüssel gewesen, dan auch daz hiesige capitularn nit 
erschienen, und darzu ungnugsamen gwaltt uberschicket. 

Ahm 19. bin ich von Mattheiß Duppengiesser gewesenen secretario 
erpetten, sein kindt uf der tauff zu haltten, welches genennet worden Adam 
Christianus, und hab ich dem tauffpatten geben eine franze croen, ein 
gülden Philipsthlr und einen alten reichsthlr. 

Ahm 22. Decembris zwey vercken gekaufft ad I8V2 thlr, haben ge- 
wögen 257 Pfd. 

Ahm 30. Decembris mit mr (meister) Jörgen den Schmidt die tralgen 
vor ahn der porzen verdinget und soll ime vor daz Pfd geben 14 bauschen. 

(Fortsetzung folgt.) 



Namen in Aachen. 

Von H. Kelleter. 

(Fortsetzung.) 



Wenn das volkslateinische Venna oder Vinne sich dem deutschen 
Sprachgebiet zusprechen lässt, unter Annahme der Begriffserweiterung, wie 
dies auch beim begriffs verwandten Teich (Deich) = Damm und Teich = 
Weier der Fall gewesen ist, wir also darin von der Diez'schen Erklärung ab- 
weichen, so ist der hier vorkommende Orts- und Personenname Kockerell 
eine nach Form und Begriff rein romanische Erscheinung. 

Kockerell kommt so geschrieben bereits im XIV. Jahrhundert in den 
Stadtrechnungen vor, dagegen beanspruchen die Schreibungen: Cocrel, 
Cokerehl, Kokerei, Kockerel und Cockerel ein höheres Alter, da sie bereits 



— 42 — 

in den älteren Theilen des Nekrolog sich finden. Für die etymologische 
Herweisung sind bei dem in Frage stehenden Kockerell zwei formell 
durchaus gleiche, begrifflich aber getrennte Stämme zu unterscheiden. Man 
kann dabei sowohl von dem gallisch-britischen Coc-Hahn* als auch von 
dem lateinischen Coquus-Koch ausgehen. Was die Form Kockerell selbst 
in ihrer Entstehung angeht, so erklärt sich dieselbe als eine Verkleinening 
des einen oder anderen der vorgenannten Stämme mit dem eingeschobenen r '^ 
(Cocrel) oder gleichem er ' (Cocerel) vor der Verkleinerungssilbe — ellus oder 
— ellum. Bezüglich der Bedeutung aber, die diese Wortbildung beansprucht, 
kann man sich, nach Lage der Sache, nur für die durch Sprachgewohnheit, 
Geschichte und Topogi'aphie angewiesene grössere Wahrscheinlichkeit ent- 
scheiden. 

Wird vorerst einmal der St^mm Coquus = Koch und dementsprechend 
Coquerellus = Köchlein ins Auge gefasst, so läge mit Rücksicht auf die Nähe 
der Pfalz die Vermuthung bei der Hand, dass Kockerell möglicherweise 
die Stelle der ehemaligen Pfalzküche bezeiclmen dürfte, deren Name unter 
dem allerdings befremdlichen Personennamen fortlebte. Obschon es dann 
bekannt ist, eine wie bedeutende Rolle die Hofköche in der byzantinischen 
und fränkischen und folglich auch in der karolingischen Zeit spielten, so 
kann man sich doch schwer entschliessen, nach Kockerell die Stelle der 
Hofktiche aus Karolingerzeit zu verlegen, da jeder andere Fingerzeig als 
der Name einer solchen Annahme fehlt. Auch geht es nicht an, unter 
Beibehaltung des Coquus = Koch, Kockerell für eine spätere Zeit als die- 
jenige Stätte anzusehen, wo das Gewerbe der Speisenwirthe oder Garköche 
ansässig war. Auch dafür würde dann nur der nackte Name gelten müssen. 
Dass aber wohl nie eine Pfalzküche und sicherlich keine Garküche fiir 
Kockerell namengebend gewesen ist, darauf deutet schon die im Nekrolog 
vorkommende petrefakte Form. Denn wäre zu der frühen Zeit, wo das 
Nekrolog geschrieben wurde, eine ähnliche Einrichtung oder die Erinnerung 
an diese jedenfalls nothwendige Einrichtung, die doch nicht so leicht ver- 
schwindet, vorhanden und lebendig gewesen, so würde bei dem frühen und 
häufigen Vorkommen des Namen Cocrel, entsprechend der Gewohnheit der 
Schreiber des Nekrolog, die von ihnen zu bezeichnende Oertlichkeit möglichst 
verständlich wiederzugeben, auch in einer Uebersetzung eine Erinnerung 
durchklingen, d. h. man müsste statt des versteinerten, unverständlichen 
Kockerell auch einmal ein klares platea ad coquinam oder ein zünftiges 
inter coquos antreffen. Uebersetzt z. B. das Nekrolog den Büchel mit 
Cumulus, was hindert dann, im Falle Kockerell Küche ist, dies durch 
Coquina zu verdeutlichen, oder, wie man die Krämerstrasse durch inter 
institores, die Schmiedstrasse durch inter fabros gab, weshalb durften die 
jedenfalls ebenso zünftigen Garköche nicht auch auf ein zünftiges inter 



*) Coc-GaUus (Hahn) vgl. Angela. Gloss. bei F. Mone „Quellen u. Forschungen", S. 314. 

') Diez, Rom. Gramm. I, 451 zeigt eingeschobenes r in: fronde (funda), ep6autre 
(speit), feutre (fils) etc. 

^) Ebenda II, 867 hierhin einschlägig: ital. ossereUo (osso), acquarella (acqua), 
cosereUa (cosa); franz. lapereau (lapin), poetereau (poete), banquereau (banque). 



— 43 — 

cocos Anspruch machen? Gegen die Auffassung, dass überhaupt dem Kockerell 
ein Personenname zu Grunde liege, spriclit auch die ständige, stets mit 
Kockerell verbunden erscheinende Ortspraeposition in. Kann sich Jemand 
in Kockerell in Köchen befinden? Dieser Gedanke hat für natürliche Sprache 
doch zu Gezwungenes, also für richtiges Sprachgefülil etwas Unbequemes 
in sich. Die herkömmliche Personenpraeposition ist inter = unter und 
bezeichnet recht gut ein Sichbefinden unter, zwischen Personen, deswegen 
auch inter fabros = unter den Schmieden = oungerjen Schmaey. Bei 
Kockerell tritt nie ein inter = unter auf, im Gegentheil sind schriftlich und 
traditionell stets nur in, de, ex = in, von, aus, also reine Ortspraepositionen, 
nachweisbar. Denselben Beleg liefern die alten Aachener Oertlichkeiten : 
Büchel, Santkaule, Heppion, Duynau und Cortscheil. Zudem haben sie mit 
Kockerell das Eigenthümliche gewahrt, dass der Zusatz platea = Strasse 
in den meisten Fällen vollständig fehlt. Der Dialekt, als treuer Hüter 
des Alten, gebraucht ebenfalls noch heute keinen Zusatz: Stroyss. Also 
liegt in dem betr. Wort schon genug Kraft und Bedeutung, um die unter 
ihm gehende Oertlichkeit fest und bestimmt anzugeben. Die vorgenannten 
alten Namen verweisen uns eben in eine Zeit, wo jene Oertlichkeiten noch 
nicht Strassen waren, sondern das, als was ihr Name sie angibt. 

Also deswegen ist Kockerell als Strasse für Köche abzuweisen, zu- 
gleich aber anzufügen, dass auch die zweite Auslegung, wonach Kockerell 
^Hähnchen" zu sagen hätte, wenig für sich hat. 

Was soll ein „im Hähnchen" als Strassenbenennung? Freilich ist die- 
selbe für ein Haus und, dem Mittelalter angepasst, als Hausbezeichnung 
genommen, sehr gut möglich. Dann hätte sich also dieser Häusername auf 
die Strasse übertragen. Diese Möglichkeit ist jedoch nur schwach zu 
begründen, da bisheran von einem „Hause" Kockerell Nichts bekannt 
geworden ist. Wohl muss zugegeben werden, dass bei der Krönung Karls 
des IV. ein Haus „Wederhan" erwähnt ist. Im Wederhan lagen die den 
König bewachenden Schützen ^ Da ist es mm nicht zu unterschätzen, dass 
in dem mit unserm Dialekt so vielfache Verwandtschaft aufweisenden 
Wallonischen „Cokerai"* (mouillirt aus Cokerael) noch heute Thurmhahn 
bedeutet. Da aber Thurmhahn und Wetterhahn wieder ungeföhr dasselbe 
ist, so ist nicht ausgeschlossen, dass unser altes Wederhan die einfache 
deutsche Uebersetzung von Cocrel wäre. Der Beweis dafür, dass dann vom 
Hause Cocrel oder Wederhan der Name auf die ganze Strasse überging, 
ist erbracht, wenn es gelingt, das Haus Wederhan topographisch für Kocke- 
rell festzulegen. Weil dies aber wohl schwerlich geschehen wird, so kann 
man auch, um bei der zu suchenden Wahrheit noch eine Möglichkeit zu 
erschöpfen, folgende Lösung versuchen: 

Ist Kockerell älter als das X. Jahrhundert, dann ist die obige Annahme 



*) Aach. Stadtrechn. S. 207. 1. 15 u. flf: . . . . balistariis jacentibus Wedcrhau et 
cnstodientes dnm. regem toto tempore, qao hie fuit. Unter 1. 13 ist auch Rede von den 
auf dem „Bürgerhaus** liegenden Schützen. Waren demnach die Schützen auf Wederhan 
vieUeicht an den äussern Stadtmauern, die andern dagegen im Innern auf Posten? 

*) Grandgagnage, Dict. Etom. de la Langue Wallonne, S. 129. 



— 44 — 

überhaupt nicht zulässig", da die Thurmhähne erst im X. Jahrhundert in 
Aufnahme kommen. Ferner sind auch die hiesigen romanischen Wortformen 
für Oertlichkeiten viel früher als das X. Jahrhundert da. Kockerell ist 
völlig romanisch, kann also nicht noch im X. Jahrhundert eintreten, 
da in dieser Zeit wieder das germanische Idiom einen Vorstoss gegen das 
Franco-Gallische unternommen hat. Aus diesen Gründen ist Kockerell 
passender mit der Karolingerzeit in Verbindung zu setzen, deren Urkunden- 
sprache in der That auch ganz ähnliche Formen wie Kockerell aufweist. 
Weiter ist noch bezüglich der Möglichkeit, dass ein Gebäude der Strasse 
den Namen verlieh, zu bedenken zu geben, ob zwei Strassen gleichen 
Namens nach einem Gebäude benannt wurden. Das Zinsregister erwähnt 
zwei Strassen Kockerell, nämlich das gegenwärtige Kockerell und die jetzt 
mit Eilfschornsteinstrasse bezeichnete Strassenlinie. Letztere ist die alia* 
platea Kockerell, die mit der Stadtmauer abschloss. 

Der Name Kockerell wird sprachlich sofort für eine ausgedehnte 
Oertlichkeit verständlich, wenn man von dem für Bezeichnung einer Oert- 
lichkeit etwas schwerfälligen männlichen Coquerellus abgehend, das 
sächliche Coquerellum oder noch richtiger Kockerellum ansetzen will. Dann 
hat man für die Weite zweier Strassen und der anstossenden Gebäude 
sowie für die entsprechende Länge einen deckenden Ausdruck. Ein 
Hahnenstall mit Futterplatz oder ein Kockerellum kann da recht wohl 
gestanden haben. Des Näheren Hesse sich das so entwickeln und begründen: 

Nach Du Gange verstand man unter Bovellum* einen Ochsenstall. 
Bovellum ist die vom Volke gebrauchte Bildung für das klassische Bovile 
gleicher Bedeutung. Kockerellum ist aber eine durchaus gleiche Bildung 
und würde, wenn es nicht echt romanischer Name aus fremdem Stamm 
mit blossem lateinischem Anhängsel wäre, einem klassischen Kocrile ant- 
worten. Eine Form Kockerill ist bekanntlich noch heute bei uns als 
Familienname erhalten. Möglich, dass auch ein nachklassisches Kocrile 
gelebt hat. Jedenfalls konnte sich aber nach romanischem Lautgesetz 
Kocrile mit Koquerellus und Kockerellum wechseln. 

Für das sprachlich also durchaus zu rechtfertigende Kockerell = Hahnen- 
stall gibt auch die Geschichte eine gute Stütze. Im Capitulare de Villis Impe- 
rialibus Karls des Grossen ^ ist eine merkwürdige Stelle, die in dieser sonst 
nüchternen und auf rein landwirthschaftlichen Nutzen abgezweckten Ver- 
ordnung überraschend erscheint. Es ist dies § 40, der auf den ersten 
Anblick als Aufforderung zum Entfalten nutzloser Pracht und überflüssigen 
Aufwands erscheinen mag; derselbe lautet: „Ut unusquisque judex per 
villas nostras singulares etlehas, pavones, fasianos, euetas, columbas, per- 
dices, turtures pro dignitatis causa omnimodis semper habeat." D. h.: 
„Alle Richter auf unsren einzelnen Meierhöfen sollen jeglicherweise immer von 



*) A. a. 0. S. 76: in alia platea dicta Kockerel juxta murum ... in der 2. KockorcU- 
strasse an der Stadtmauer. 

*) Du Gange, Ausgabe von 1738 L S. 1260: Bovellum, Idem quod Bovile, in Cano- 
nibus Hibem. lib. 51. c. 5. 

') S. Pertz. Mon. a. g. 0. 



— 45 — 

wegen des amtlichen Ansehens Edelhühner, Pfauen, Fasanen, Enten, 
Tauben, Repphühner und Turteltauben halten". Ausdrücklich bestimmt Karl, 
seine ihn vertretenden Richter sollen auf ihren Landsitzen Ziervögel halten. 
Das würde das Ansehen dieser Standespersonen heben. Es war also ein 
Grund vorhanden, dass der Kaiser diese anscheinend verschwenderische 
Massregel treffen musste. Lag er etwa in der noch heute in unsren Gegenden 
nachweisbaren Vorliebe der Franken und Kelten für Ziervögel überhaupt, 
besonders aber für den Edelhahn, der an erster Stelle genannt wird, der 
dann auch für einen Htthnerhof namengebend wurde, für das Kockerell oder, 
wie wir noch heute sagen, für den Hahnenpark? Sah Karl sich gezwungen, 
einer nationalen Eigenthümlichkeit in kluger staatsmännischer Weise zu 
schmeicheln dadurch, dass er befahl, jenes streitbare Thier, das zugleich 
Wappenthier der gallisch-fränkischen Nation war und vieler altfränkischen 
Gescldechter noch heute ist, gleichsam zum Repräsentant der Dignitas zu 
erheben ? Oder war es schon ein allgemein verstandenes Erforderniss, dass 
zu gleichem Zweck der Richter, als oberster Beamter, den Streithan und 
eine stolze, federprächtige Schaar anderer Ziervögel hielt, und Karl in 
seiner Vorschrift also nur eine alte Sitte neu einschärfte? War dies der 
Fall, und die Einrichtung eines Hahnenparks oder einer Fasanerie ein 
geeignetes Mittel zur Hebung der äusseren Würde der den Kaiser ver- 
tretenden Richter, warum soll dann Karl nicht das gleiche Mittel, 
nur in noch glänzenderer Weise, zur Stärkung und Abhebung eigener 
kaiserlicher Grösse und Hoheit benutzt haben ? Wir können aus der kraft- 
vollen Art, mit der Karl auf das Halten sämmtlicher von ihm gegebenen 
Bestimmungen sah, mit Recht schliessen, das der § 40 seiner Meierhof- 
ordnung auch sicherlich für sein Gesess, für Aachen in glanzvollster, echt 
kaiserlicher Weise zur Durchführung gekommen ist. Wie in den alt- 
fränkischen Königshöfen Toumay und Paris, erinnert demnach bei uns hier 
in Aachen der Name Kockerell an diejenige Stelle, wo dies geschehen, wo 
der Hühnerhof des Grundherrn gestanden. Nach der noch im Mittelalter 
für Eilfschornstein üblichen Benennung Kockerell zu schliessen, haben wir 
das alte karolingische Kockerell uns in unmittelbarer Nähe der Pfalz gelegen 
zu denken, so zwar, dass das Thal, mit dem Johannisbach im Grunde, nach 
Westen durch das Curtile, das Burghöfchen, nach Osten durch den Aufstieg 
zur Pfalz begrenzt war. An diesem Punkt trafen und kreuzten sich die uralten 
Handelswege und die Römerstrassen, die von Süd, West und Nord nach 
Aachen führten. Hier kam Jeder, der den Ort und die Pfalz Aachen be- 
suchte, vorbei und hatte gebotene Gelegenheit, einen Eindruck von der 
Macht und der dem Volksthttmlichen offen und entschieden zugewandten 
Eigenart seines Kaisers zu empfangen. Zugleich sah er aber auch, dass 
Karl in Befolg der für das Allgemeine gegebenen Vorschriften das beste 
Beispiel gab. 

Für die von uns hier vertretene Ansicht, dass in Kockerell eine 
ehemalige karolingische Hoffasanerie gestanden hat, ist es von nicht unbe- 
deutendem Gewicht, dass auch der Familienname derer von Kockerell früh 
in den fränkischen Gegenden und besonders bei uns hier zu Hause ist. 



— 46 " 

Er erscheint dabei unter den Namen der hervorragenden Bürger und Edlen. 
Sind die Kockerelle die Nachkommen der am alten Kockerellum angestellten 
kaiserlichen Ministerialen, so ist es erklärlich, dass sie zum Adel aus- 
wuchsen. Quix* hat keinen Zweifel darüber, dass der adelige Theil der 
Kockerelle aus der hiesigen gleichnamigen Strasse stammt. Das scheint 
aber, unsrer Ansicht nach, nur für diejenigen Kockerelle zu gelten, die 
nach dem karolingischen Kockerell sich benennen, oder m. a. W. die 
wirklich den Namen Kockerell führen. Die „in*** und „ex" Kockerell 
sind da zu trennen von den „de** und einfachen Kockerellen. Während 
letztere unzweifelhaft ihrer Namensform gemäss Kockerelle sind, ist es 
nicht ganz sicher, ob die Hermann ;,aus** die Teoderiche, Tiriche und 
Sewigis „in** Kockerell mit dem angewachsenen Familiennamen oder nur 
ihrem zufällig in der Strasse Kockerell befindlichen Wohnort nach bezeichnet 
sind. Ein echter Kockerell ist jedenfalls der schon 1200 bei Ritz ^ vorkommende 
Tiricus Kockerel, der als Dengmann bei der Schenkung des Priesters 
Wichmann miturkundet. Ein Gottfried von Kockerel* ist femer Zeuge in 
1226 bei einem Weisthum, die Burtscheider Vogteirechte betreffend. Unter 
die Wohlthäter der hiesigen Krönungskirche gehört ein Theodoricus Kockerel •\ 
Von weiblichen Vertretern des Namens finden sich Aleide von Kockerel*^, 
für die und deren Mann, Ritter Wilh. Puls, vom Münsterdechant Theod. Puls 
ein Jahrgedächtniss gestiftet wird, und noch eine Ida von CokerehH. 

Durch den Fall der Karolinger und das Eingehen des hiesigen kaiser- 
lichen Regierungssitzes mag die Anlage des Kockerell bereits geraume Zeit 
vor 1000 unsrer Zeitrechnung gestürzt und vergessen gewesen sein. Nur ihr 
unverstandener Name ist geblieben, ein schwacher Schimmer alten Glanzes. 
Unter Johann von Maestricht, Joh. Grote und W. Bej^ssel wird 1334® 
Kockerell mit Steinpflaster versehen, trägt also schon den Stempel der 
förmlichen Strasse. Als blosse Luxuseinrichtung und nur gehalten durch 
unmittelbares kaiserliches Ansehen musste das Kockerell fallen, sobald diese 
Bedingungen für seine Fortdauer fehlten. Dagegen hat sich eine ähnliche, 
allerdings auch gemeinnützigere Einrichtung und altgeschichtliche hiesige 
Oertlichkeit mit ihrem romanischen Namen viel länger bis zu uns hinauf 
in gekannter Zweckbestimmung erlmlten. Sie theilt mit Kockerell alle 
Bezüge der Entstellung und Namenform. Das ist die vor Jakobsthor ge- 
legene Morell oder Pferdsweide. Wir halten es angebracht, dazu ein 
Weiteres zu sagen. 

1 Fortsetzung folgt.) 



«) Qnix, Necr. S. 60. 

2) Ebendas. S. 21, 25, 34, 40, '42. 

«) Ritz, Urk. S. 124. 

*) Lac. Urk. B. II Nr. 133. 

^) Qu ix, Necrol. S. 30. 

«) Ebendas. S. 16 und 60. 

") Ebendas. S. 32. 

») Laurent, Stadtrcebn. S. 106 1. 16 u. ff. 



— 47 — 

Kleinere Mittheilungen. 

Araold Merkator. 

Drei Generationen hindurch ist von den Merkator Landmessnng und Kartirung geübt 
worden. Der ältere Gerhard Merkator ist besonders durch seine Karte von Flandern, sein 
Sohn Arnold (1537—1587) durch die Aufnahme des Erzbisthums Trier und der Landgraf- 
schaft Hessen auf diesem Gebiete berühmt geworden. In dieser Notiz soll ein Beitrag 
zur Geschichte der geometrischen Thätigkeit Arnolds gegeben werden, und genitge es 
deshalb für die weitere umfassende Thätigkeit der Merkator überhaupt, auf den akademischen 
Vortrag von Breusing zu verweisen. Nicht unterlassen darf man es jedoch, daran zu 
erinnern, dass durch den Scharfblick des Aniold Merkator der Codex argenteus, die 
gothische Bibelübersetzung des Ulüla, in der Abtei Werden entdeckt worden ist. 

Als Landmesser findet sich Arnold Merkator in einer aus dem ehemaligen Schönauer 
Archiv stammenden Urkunde erwähnt. Er hat eine „Ummessung** bei der wahrscheinlich 
nach dem Tode des kinderlosen Kraft von Milendonk f 1574 ^ Herrn zu Meiderich, Zoron 
und Schönau nöthig gewordenen Theilung der Familiengüter ausgeführt. Im Jahre 1579 
stellt Gotthaerdt, Herr zu Goer-Fronenbroch, der überlebende Bruder des Kraft und wahr- 
scheinlich Verwalter der bis dahin noch nicht getheilten Güter, einen Bericht auf, eben 
die oben erwähnte Urkunde, in dem er alle Familiengüter einer vergleichenden Werth- 
schätzung unterzieht, dabei nicht unterlassend, wohlberechnete Aeusserungen gegen die 
etwaigen Ansprüche seiner Neffen mit einzuflcchten. Auch die auf Meiderichcr Seite durch 
Merkator gemachte Ummessung entgeht nicht seiner Kritik, die lyer in seinen eignen 
Worten Platz haben mag: 

„Zu gedencken yn dcro Meiddrichscher ummessong durch dominum Arnoldum Mer- 
catorem geschehenn, werden die zwey morgen Landts yn Kaslerfeldt under den gerichts- 
zwang Homberg der graifschafft Moers ligend, wilche der commentheur zu Sent Marien 
bynnen Duisperg rechlsprechig gemacht, neit gemclt noch meines besten behalts in den 
Meiddrichschen rechenschaflften neit befunden. 

„Item eyn ort, der Schlyck genannt, an Moers grentzcnd, von deren limiten zwischen 
meinen hern Herman graifcn zu Ncwhcnar vnd meinen brodernn hern zu Meiddrich 
seligem spen* gewessen vnd das streitig ortt gedeilt durch vermitlong meines brodem 
hern zu Millendunck vnd meiner unget herlich yn anno 1564, als mein gnedig her bynnen 
Duisperg was. Auff diesen ortt dunckt mijch neitt, das dominus Amoldus etwas ge- 
messen hat. 

„Item dominus Amoldus setzt sieben stuck wischenn"; meines besten behalts stehen yn 
den Meiddricher rechenschafften nhur funff gespicificiert.** 

Aachen, H. Kell et er. 



Bnschordnnng von Broich bei Jülich. 

Die nachstehenden Weisungen, dem Schönauer Archiv entnommen, sind von einer 
Hand aus der Wende des 16. und 17. Jahrhunderts auf ein loses Folioblatt (Wasserzeichen 
ein Aeskulapstab) aufgezeichnet und wahrscheinlich durch Älissbräuche „widdcrspeil** ver- 
anlasst worden, welche die bemfenen Beaufsichtiger des Waldes sich haben zu Schulden 
kommen lassen. Es scheint denselben ein Weistum zu Gnmde gelegen zu haben; denn 
der Schreiber bezieht sich ausdrücklich auf eine am 11. Mai 1500 geschehene „mundt- 
soenung**. Da dieses Weistum, soweit mir bekannt, noch nicht aufgefunden ist, bieten 
die hier angeführten Ordnungen einen wichtigen Ersatz, und ihr Abdmck rechtfertigt sich 
von selbst. 



*) von Oidtman: Die Herren von Milendonk S. 19, Bd. XI d. Z. d. A. G.-V. 
*) Zwist, vgl. span. 
') Wieschen. 



— 48 — 
Beusordnungh, leut brief und Siegel. 

Die scheffen keirspels Broch seint schnldigh in nahm der nachbahr den beusbreif 
nachzukommen beij poen und brenchc von zweij gowalden hcultz, die nechst darnach 
erscheinen werden. 

Anno fnnfzchen hundert den clfden tagh Maiij ist eine mnndtsocnnng {^e.scheen. 

Nemplich das zweij forstmeistcre und zweij keirchoencn dieses hernach unvtT- 
breuchlich halten solten. 

Erstlich einem jedcrem nach sein gebeumus brandtheultz geben, 

Wie auch bawheultz und cchcr und eichen setzen, 

Die forster und heirten ab und ahnsetzen, 

Und fort all dasjenigh halten, so den beusch belangt, zu nutz und urber desselben 
beusch. 

Und allezeit des ersten soudags in der fasten darvon recheuschafft thun, uf poen 
und breuche Verbrechens von zweij gewalt, die nechst darnach erseinnen werden. 

Das widderspeil wirt gehalten. 

Die scheflFcn hawen, was seij woellen; brcuchten was seij wollen. 

Jan Becker hat des herm vogten reccs, so der pastor abgelesen, uf den keirchhoef 
widderroefFcn. 

Die forstmeistere und keirchoennen gehen unter ihnnen zum beus heultz schlagen, 
dont keine rechnungh dorvon. 

Der nutz und urber des beusch zu seuchen ist, wie folgt: 

Nach gegebenes heultz das cisseren in die keirch in verwahr halten, 

Die Zuschlag woU beschcutzen, 

Die beusheutter vereijden, 

Alle sondagh, was breuchigh, uf den keirchhoeff ahnbreugen, 

Die graben reparen laessen, 

Das oberheultz von die bawhcultzer der keirchen berechenen laessen. 

Die beuschbeysten jarlich geben lassen. 

Aachetu K, Wielh. 



Aachener Ratlis-Edikt. 

Gegenüber den Bestrebungen gewisser moderner Volksbeglücker, die Arbeitsdauer 
in ungebührlicher Weise herabzudrticken, dürfte es nicht ganz ohne Interesse sein, ein 
Edikt des Aachener Rath's aus gtiter alter Zeit hier folgen zu lassen. Dasselbe, erlassen 
den 12. September 1669, besagt: „dass die Werkleute nur von 8 -8*/« Uhr zu nehmung 
des Frühstücks anwenden, von solcher Zeit aber bis Mittag und dann von 1 bis 7 Uhr 
NachmittÄgs bei Sommerszeit ihre Arbeit continuiren und nicht eher ablassen sollen." 

Seh, 



Vereinsangelegenheiten. 

Monatsversammlung im Hotel zum Elephanten (Ursulinerstrasse) 

am Mittwooh, den 16. 7tili, Abends VU Ulir. 



DuLCK VON Heumanm Kaatzku in AaCU£X. 



Jithrtich 8—8 Nummern KoinmJsaioiiB-Verltig 

A I Bogen Royal Oktav. **' 

, Creiner'»cheD Bncfahandlnne 
Prciü des .Tahrgangä .^ g^|,, 

4 Hark. in Aachen. 



MittheiluDgen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit, 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von H. I 



Xr. 4. Dritter Jahrgang. 1890. 



Inhalt: H. Schnock, Der Bcguinenrouvetit „Stefansbof . — C, Wacker, Zur Geschichte 
der Stadt Aachen im Jahre 1793. — Kleinere Mittheilungeu: Ein republikaniBches äiegcsfest 
in Aachen. — Kockcrell Strasse? — Rom)) hausbad Strasse? — Dniffnas. — Beudelstraasc. — 
Znr Erklärnug einer Ausgabe -Position iu der Aachener Stadtrechnung vom Jahre 1385. — 
VereinHaDgelegenbciten, — BDcheranzeige. 



Der Beguinenconvent „Stefanshof". 

Von H. Srhnnch. 
Der ehedem in der Hai-tniannstraase gelegene Stefnnshof, welcher nun- 
mehr vollends von der Bildfläche der Stadt verschwunden ist, war ein 
sogenannter Beguincnhof. Dasselbe war der auf der heutigen Franzstrasse 
gelegene und bis zur Mörsgensgasse sich erstreckende Mathiashof. Die Fun- 
dationsiirkunde des letztern ist uns erhalten gehlieben. Sie wird mit andern auf 
den Stefanshof bezüglichen Archivalien, Copieen und Verordnungen der zn- 
stÄndigen Behörden im Pfarrarchiv von St. Foilan aufbewahrt. Diese Urkunde, 
wunderschön in gothischen Minuskeln anf Pergament geschrieben, ist mit 
einem an gelbseidener Schnur hängenden Wachssiegel versehen, weiches 
auf der einen Seite den Bruchtheil einer sitzenden Figur, vielleicht des 
thronenden Heilandes, und auf der andern Seite einen knieenden Bischof 
zeigt. Um denselben ist in Kreisform in gothischen Majuskeln eine Inschrift 
angebracht, von der aber nur noch die Worte „mei deus" erhalten sind; der 
Rest des Kreises mit den übrigen Worten der Insclirift fehlt. Von einem 
Fundationsbriefe des Stefansliofes ist nichts bekannt geworden. Er wird 
wiederholt in den Quellen im Gegensatze zum Mathiashofe, der als „curia 
nova" aufgerührt wird, „curia antiqua" genannt. Ist nun der Stefanshof 
Dor als Hof überhaupt oder auch als Beguinenhof älter wie der Mathias- 
hof? Gegen seine Priorität als Beguinage scheinen mehrere Gründe zu 



— 50 — 

sprechen. In der Stiftungsurkunde des Matliiashofes vom eTahrc 1261 fordert 
der Lütticher Diöcesanbischof Heinrich von Geldern die in der Stadt zer- 
streut wohnenden Beguinen auf, sich in das von einigen Beguinen bereits 
erworbene und neben dem Spitale vor der Stadt in der Richtung nach 
Burtscheid gelegene Gebäude zu begeben, um dort gemeinschaftlich unter 
einem eigenen Pfarrer als ihrem Vorgesetzten desto ungestörter und ruhiger 
dem Heile ihrer Seelen leben zu können. In den hier vereinzelt auftreten- 
den Beguinen dürften die ersten Anfange des Beguinenthimis in Aachen 
zu suchen sein und angenommen werden, was wohl bei den nahen Be- 
ziehungen zwischen Aachen und Lüttich statthaft ist, dass sie durch das 
Beispiel der kurz vorher gegründeten ersten Beguinage des Lambert le 
begue in Lüttich zu gleichem Lebenswandel angespornt worden sind. Wäre 
damals ein älterer Beguinenhof bereits vorhanden gewesen, so würde des- 
selben wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit wenigstens Erwähnung gethan 
worden sein. Und überhaupt fallt die Verbreitung des Beguinenwesens ja 
erst in das 13. Jahrhundert; ich erinnere an Antwerpen (1230), Brügge 
(1244), Brüssel (1250) Gent und viele andere Beguinen-Höfe, welche um 
dieselbe Zeit entstanden sind. Ferner spricht gegen die ursprüngliche 
Anlage des Stefanshofes als Beguinenhofes der Umstand, dass derselbe 
innerhalb der Befestigungsmauern lag, was nachweislich bei keinem einzigen 
der Fall war. 

Was nun die Ableitung des Namens Beguine anbelangt, so ist er mit 
Unrecht von dem altdeutschen beggen = betteln hergeleitet worden; die 
Beguinen lebten eben nicht vom Bettel, sondern von ihrem Privatvermögen 
oder vom Verdienst ihrer Hände Arbeit; ebenso unrichtig ist die Herleitung 
des Namens von der andern Bedeutung des beggen = eifrig beten; Bet- 
schwestern waren sie eben weit weniger als die Angehörigen der eigent- 
lichen klösterliclien Genossenschaften, denen also der Name Beguinen mit 
weit mehr Recht zugekommen wäre. Eine andere Meinung tritt für die 
gegen Ende des 7. Jahrhunderts verstorbene hl. Begga, Tochter Pipin's 
von Landen und Schwester der hl. Gertrud, Äbtissin von Nivelles, als 
Stifterin der Beguinen ein und leitet von ihrem Namen den der Beguinen 
ab. Nach einer dritten Ansicht ist Name und Stiftung abzuleiten von 
einem frommen Lütticher Priester Lambert mit dem Bei- oder Familien- 
namen le b^gue der Stammler. Ist das „le begue" und ebenso das davon 
abgeleitete Beguine wirklich ursprünglich als Spottname gegeben und dann 
von den Anhängerinnen des Lambert nachher als Ehrenname beibehalten 
worden, so würde eine solche Ersclieinung in der Geschichte nicht beispiel- 
los dastehen; man denke nur an die Geusen in Belgien; aber viel wahr- 
scheinlicher ist, dass Lambert den Namen nicht führte, weil er selbst 
stammelte, sondern weil er denselben als Familienname von seinen Vor- 
eltern überkommen hatte, wie er auch heute noch als solcher in Belgien 
vorkommt; denn wie sollte Lambert an einem so störenden organischen 
Fehler leidend noch durch seine Predigten gegen den damaligen unwürdigen 
Fürstbischof Radulphus und gegen die Sittenlosigkeit seiner Zeit überhaupt 
noch Eindruck gemacht haben? Dieser Lambert le begue liess auf einem 



— 51 — 

grossen Grundstück, das vor der Stadt an der Maas lag und sein Eigcn- 
thum war, eine Anzahl abgesonderter Häuschen bauen, die er Personen 
weiblichen Geschlechtes ohne Unterschied des Standes und Vermögens unter 
der Bedingung zur Wohnung einräumte, dass sie den Umgang mit dem 
andern Geschlechte mieden. Diese Frauen wurden nach dem Beinamen 
ihres Wohlthäters Beguinen genannt. In der Mitte des Grundstücks liess 
Lambert eine Kirche bauen, die am 20. März 1184 dem hl. Christoph 
geweiht wurde. An derselben stellte er einen eigenen Geistlichen an. 
Gegen Anfang des 17. Jahrhunderts nun entstand ein grosser litterarischer 
Streit darüber, ob Name und Stiftung von der hl. Begga oder von Lambert 
le bfegue herrühre. Es wurde viel hin und her gestritten und geschrieben, 
bis endlich die Anhänger der Beggatheorie Urkunden aus einer Zeit, die 
weit vor Lambert lag, nämlich aus dem Jahre 1065 beibrachten, in denen 
bereits von einer blühenden Beguinage „Unserer lieben Frau vom Trost" 
in Vilvorde (zwischen Brüssel und Mecheln) die Rede ist. Damit war die 
Sache zu Ungunsten des Lambert le begue entschieden. Erst in neuerer 
Zeit 1843 hat Dr. Hallmann ^ nachgewiesen, dass die Vilvorder Urkunde 
zu Gunsten der Beggatheorie gefälscht worden und um 400 Jahre später 
zu datiren ist. Männer wie Pertz, Bock, Cahier und Martin, denen Hall- 
mann die genau durchgepauste Urkunde mit Weglassung der Jahreszahl 
zur Bestimmung des Alters vorlegte, schrieben einstimmig die Schriftzüge 
dem 15. Jahrhundert zu. Damit scheint der letzte Zweifel an der Stiftung 
der Beguinen durch Lambert gehoben, und in der That lässt sich vor ihm 
keine Beguinenstiftung mit Sicherheit nachweisen; unmittelbar nach ihm 
schössen sie wie Pilze überall aus der Erde. Worin bestand mm das 
charakteristische der Beguinenhöfe? Darin dass sie weder Nonnen oder 
Klosterfrauen noch auch eigentliche Laien waren, sondern ein Mittelding 
zwischen Kloster und Weltstand bildeten. Von einer Ablegung feierlicher 
Grelübde wie bei Klosterfrauen war bei ihnen nicht die Rede; legten jene 
das Gelübde der Armuth ab, so behielten diese völlig freie Verfügung über 
ihre zeitlichen Güter; gelobten jene unbedingten immerwährenden Gehorsam, 
so versprachen diese nur der Meistersche für die Zeit ihres Aufenthaltes 
im Convent Gehorsam; schworen jene Ehelosigkeit für das ganze Leben, 
so stand diesen das Recht offen, den Hof zu verlassen um sich zu ver- 
ehelichen. Eine solche Gelöbnissformel, welche die Beguinen von Stefans- 
hof bei ihrem Eintritt ablegten, und welche sich in den erwähnten Archi- 
valien von St. Foilan abschriftlich vorfindet, möge hier Platz finden. Sie 
lautet: „Ich Schwester N. N. thue meine Profession und gelobe Gott dem 
Allmächtigen, Maria seiner gebenedeiten Mutter, dem hl. Erzmartyrer 
Stefan und der hl. Mutter Beggä meiner werthen Patronin sammt allen 
lieben Heiligen fortan zu dienen und in Keuschheit zu leben, ich gelobe 
dem Hochwürdigen Herrn Dechanten unserer lieben Frauen Münster allhier 
in Aachen, als obrigsten Richter dieses Hofs, wie auch dem wohlehrwürdigen 
Herren Pastoren und Meisterschen dieses Hofes, so gegenwärtig als zu- 
künftigen so mir von meiner rechtmäßigen Obrigkeit vorgestellt werden 

*) Hallmann, Die Geschichte des Ursprungs der belgischen Begiiiucn. 



— 52 — 

mögen in allen ehrbaren Sachen Gehorsam, ich gelobe die Statuten und 
Ordnungen des Hofes zu halten, wie sie nun sind und in's Künftig um 
bestens willen sein werden mögen. Dazu mir Gott helfe und alle lieben 
Heiligen. Amen." Es könnte hier im Hinblick auf den in der Formel 
erwähnten Erzmartyrer Stefanus die Frage aufgeworfen werden, wie man 
dazu gekommen, grade diesen Heiligen besonders zu verehren und auf 
seinen Namen eine Kirche zu weihen P Die Ei'wählung dieses Heiligen zum 
Kirchenpatron hat meiner Ansicht nach nichts mit dem Beguinenhof zu 
schaffen ; sie ist sogar vor Errichtung des Conventes auf dem Hofe erfolgt. 
Als die einige Zeit (1673) nach dem Aachener Stadtbrande errichtete 
Kirche vor einigen Jahren abgebrochen wurde, fanden sich in einem Seiten- 
gange Maaßwerke, die ohne Zweifel aus der alten ursprünglichen Kirche 
herrührten und die den Schluss nahe legen auf ein Bestehen der Kirche 
zu einer Zeit, wo man an Beguinenconvente in Aachen noch nicht dachte. 
Die besondere Verehrung des Heiligen und die Erbauung einer Kirche auf 
seinen Namen hängt unstreitig mit den vielleiclit schon aus Karls Zeiten 
hier befindlichen berühmten Reliquien des Heiligen zusammen. 

Im Domschatze ^ wurde bis 1798 (jetzt in der Schatzkammer der 
kaiserlichen Burg in Wien) ein uralter Eeliquienbehälter aus reinem Gold 
reich mit Edelsteinen besetzt, aufbewahrt, der Erde enthielt, die mit dem 
Blute des Protomartyr getränkt ist. Dieses Reliquiarium stand auf dem 
Krönungsaltar uild wurde auf Wunsch des gekrönten Kaisers geöffnet. 
Desgleichen finden sich Reliquien des Heiligen in der Adalbertskirche und 
ebenso in der Theresianerkirche. Um einem Theil derselben eine würdige 
Bewahrungsstätte zu bereiten und überliaupt die gi'osse Verehrung des 
Heiligen zu bekunden, baute man die Stefanskirche; dieselbe wurde dann 
später von dem auf dem Hofe etablirten Beguinenconvente und damit von 
selbst die Verehrung des Heiligen übernommen. 

Was nun die äussere Beschaffenheit des Stefanshofes anbelangt, so 
können wir von einer Beschreibung desselben um so eher absehen, als die 
im Rechteck um einen grossen Bleichplatz aufgeführten Häuschen noch in 
aller Leser Erinnerung sind und sich ausserdem eine ausreichende Beschrei- 
bung anderswo vorfindet ^ Mehr als 18 — 20 Beguinen haben sich nie auf 
Stefanshof zusammen gefunden; jede derselben bewohnte ein eigenes Häus- 
chen und jede führte iliren eigenen Haushalt; nur die jüngsten Beguinen 
bewohnten zu je 2 ein Häuschen. Ihren Unterhalt verdienten sie sich 
durch Nähen, Spinnen und Weben — nach Heidemann ^ hatte jede Beguine 
einen Spinnrocken mitzubringen — sowie durch Besorgung grösserer 
Bleichplätze, die mit ihren Behausungen verbunden waren; auch beschäf- 
tigten sie sich mit der Unterweisung der Jugend in weiblichen Handarbeiten, 
im Lesen, Schreiben und in den Grundlehren der Religion; nach Quix 
sollen sie 3 — 400 Kinder zu gleicher Zeit unterrichtet haben. Kranken- 
pflege in und ausser dem Hofe gehörte ebenfalls zu ihrer Bescliäftigung. 

*) Bock, Das Heiligthum zu Aachen p. 10. 

*) Quix, Beiträge zur Geschichte der Stadt und des Reiches von Aachen p. 28. 

''•) Die Beguinenconvente Essens. 



— 53 — 

Eine bestimmte kirchlich approbirte Ordensregel haben sie nicht 
befolgt ; die Stelle derselben vertraten die nach und nach erlassenen Eegeln 
und Vorschriften des jedesmaligen Stiftsdechanten, der Eichter und Be- 
schützer des Conventes war. Im Jahre 1360 wurden diese sporadischen 
Verhaltungsmaßregeln und Statuten zusammengestellt. 

Diese zu halten gelobten sie, wie vorhin erwähnt, bei ihrem Eintritt 
in den Hof. Aber trotz dieses Gelöbnisses mögen sie dieselben nicht immer 
genau beobachtet haben; namentlich bereitete ihnen die Farbe der Kleidung 
manches Kopfzerbrechen und mussten sogar einige wegen Halsstarrigkeit 
und Ungehorsam in diesem Punkte, wie durch ein noch vorhandenes 
Notarial-Instrument feststeht, vom Empfang der hl. Communion ausge- 
schlossen werden. Daher sah sich im Jahre 1471 der damalige Dechant 
genöthigt, die Statuten zu revidiren und von Neuem einzuschärfen. In 
denselben legt er ihnen den Gehorsam gegen ihren Priester und ihre 
Meistersse in nachdrücklichen Worten an's Herz und fordert sie auf, 
etwaige Misshelligkeiten zwischen diesen und einzelnen Beguinen vor ihn 
als iliren höchsten Richter zu bringen. Bezüglich der Kleidung dringt er 
auf statutenmäßige Einfachheit: „Van Falen, Hoecken, Rochen, Schoen, 
Trippen, Gürdelen, Schürtzeldücher ind van allen andern Gewant, onden 
off boven, also doch dat die varve nach siecht grau und swartz syn." 
Anlangend das Schliessen des Hofthores bestimmte er: „dat der Hoff des 
Conventz zu gueden Tzit geschlossen sy, nemlic van Paeschen tot sent 
Remeismissen zu 8 Uren und van sent Remeismige biss Paeschen zu 6 
Uren; oich dat der Hoff van alreheiligen Missen zo Lichtmessen des 
Morgens vür 6 Uren nyt op gedaen en werde, et en wer dan groiss Hoichzyt 
off van sünderlingen Noeden ind dae solt geschien mit Orloff der Meisterssen". 
Im Jahre 1745 gab ihnen der damalige Dechant Wilhelm Joseph Freiherr 
von Bierens neue Statuten, die 20 Paragraphen umfassen und bei Quix 
abgedruckt sind. Ueber die Beobachtung der Statuten und der Hausordnng 
wachte die auf 3 Jahre gewählte Meisterin (magistra), der gewöhnlich vier 
Discreten zur Seite standen. Im Falle die Meisterin und Discreten sich 
in irgend einer Angelegenheit nicht einigen konnten, mussten sie den 
Rektor der Kirche als Vertreter des Dechanten hinzuziehen und kam auch 
dann noch keine Einigung zu Stande, so entschied der Dechant letztinstanz- 
lich. In frühern Zeiten namentlich um die Mitte des 14. Jahrhunderts 
hatte der Erzpriester als Stadtpfarrer dem Dechant seine Jurisdiction über 
den Hof streitig gemacht. Zur Schlichtung der Streitfrage wurde ein 
Ehrengericht aus dem Cantor Gerhard von Schonau und dem Kanonikus 
und Stiftsdechanten Gottschalk von Mastricht bestehend eingesetzt, welches 
dahin entschied, dass ein zeitlicher Dechant des Kapitels von jeher Richter 
und Beschützer des Stefanshofes gewesen sei und dass der Erzpriester 
nichts auf dem Hofe zu thuen noch zu schaffen habe, sondern dass der 
Dechant allein Pfarrer desselben im vollen Sinne des Wortes wäre. Den 
Dechanten vertrat gewöhnlich ein Vicar, der den Namen Rektor führte 
und ein Häuschen strassenwärts gelegen bewohnte. Seine Besoldung muss 
sehr karg gewesen sein; wenigstens führt er wiederholt Beschwerden 



— 54 — 

darüber, dass sein Einkommen zu einem standesmäßigen Unterhalt nicht 
ausreiche, wesshalb der Dechaiit sich veranlasst sah zu bestinmien, dass 
jede Person, welche auf dem Hofe Wohnung nehme, eine Aachener Mark 
zahlen solle und zwar so lange, bis dass die Einkünfte des Rektors sich 
auf 25 Goldgulden jährlich beliefen ohne die Accidentalien und Legate. 
Allein diese Bestimmung scheint nie so recht durchgeführt worden zu 
sein, denn 1723 waren die Einkünfte des Rektors noch nicht zu den 1360 
statuirten Goldgulden gestiegen. Das letzte Rectoratsinstrument, lautend 
auf den Vicar der Münsterkirche Jac. Jos. Corneli, welches ich in den 
Akten gefunden habe, ist am 29. Januar 1808 vom damaligen Aachener 
Bischof Marcus Antonius Berdolet ausgestellt worden. Im Jahre 1796 
waren noch 12 Beguinen auf dem Hofe ansässig; weil damals grade die 
Amtsperiode der Meisterin abgelaufen war, gingen sie den Dechanten 
Conrad Hermann ('ardoll an um die Erlaubniss, eine Neuwahl vornehmen 
zu dürfen; dieser aber schrieb ihnen zurück, dass es den itzigen Zeit- 
umständen angemessener und für uns sowohl als Euch Selbsten weit schick- 
licher sei, diese Wahl für eine kurze unbestimmte Zeit aufzuschieben und 
so lange auszusetzen, bis der glückliche Zeitpunkt eintreten wird, der uns 
uneingeschränkte Ausübung unserer geistlichen Gerichtsbarkeit und Euch 
eure vollkommene Ruhe in eurem Stande und Berufe zusichern kann. Dieser 
Zeitpunkt scheint gekommen zu sein, als der Bischof Berdolet den oben- 
erwähnten Corneli zum Rektor der Beguinage bestellte. Allein die nach 
der Vernichtung der Franzosenherrschaft auf allen Gebieten des bürger- 
lichen und kirchlichen Lebens eingeleitete Organisation fand auf Stefanshof 
nicht viel mehr zu organisiren; die Mitgliederzahl des Convents schmolz 
immer mehr und mehr zusammen, bis im Jahre 1848 ihrer nur noch drei 
übrig waren, nämlich die Beguinen oder soeurs — wie sie sich seit der 
Franzosenherrschaft nannten — Frantzen, Leuer, Klee. Diese traten noch 
einmal und soviel ich weiss zum letzten Male zur Wahl zusammen, aus 
der die Soeur Klee als Vorsteherin hervorging. Sie sind alle drei so früh 
gestorben, dass sie die Wegräumung ihres trauten Heims nicht mehr ge- 
sehen haben. 



Zur Geschichte der Stadt Aachen im Jahre 1793. 

(Stephan Beissel und General Dampierre.) 

Von C. Wacker. 

Für die Geschichte Aachens in den ersten Monaten des Jahres 1793 
bietet eine Anzahl von ungedruckten x\ktenstücken, die mir von ihrem 
Besitzer zur Benutzung freundlichst überlassen wurden, eine werthvoUe 
Ergänzung, die um so dankenswerther ist, als sie grade die Zeit der ersten 
Einverleibung der Stadt in das französische Eeich und die Schwierigkeiten 
beleuchtet, mit denen die Franzosen zu kämpfen hatten, als sie die echt- 
deutsch gesinnte Reichsstadt Aachen mit ihren Reformen beglücken wollten. 



— 55 — 

Die meisten der vorliegenden Schriftstücke sind Briefe des Generals Dam- 
pierre an den Bürgermeister Stephan Beissel, von ihm selbst oder in seinem 
Auftrage geschrieben. Der Bürgergeneral Dampierre war Kommandant 
der Stadt Aachen vom 30. Dezember 1792 bis zum 2. März 1793, an dem 
die Franzosen der siegreichen kaiserlichen Armee weichen mussten. 

Der Marquis de Dampierre war einer jener Generäle, die — gleich 
Napoleon — der Revolution von Anfang an begeistert ihre Thätigkeit zu- 
wandten und in ihrem Dienste in jugendlichem Alter zu bedeutender Stellung 
emporstiegen. Geboren zu Paris im Jahre 1756 trat er schon im 15. 
Lebensjahre in den Heeresdienst ein und fand bald auf einer Urlaubsreise 
nach England und Deutschland Gelegenheit, sich mit dem fremden Militair- 
wesen bekannt zu machen. In Berlin wurde er eifriger Bewunderer Friedrichs 
des Grossen und seiner Armee. Nach Frankreich zurückgekehrt ahmte 
er hier das preussische Wesen soweit nach, dass er eines Tages mit einem 
langen Zopfe erschien. So sah ihn einmal König Ludwig XVI., welcher 
zu seinem Begleiter äusserte: „Da sehen Sie den Narren mit den preussischen 
Manieren". Dampierre erfuhr dies und gab in der üeberzeugung, dass 
er nicht avancieren werde, den Heeresdienst auf. Erst die Revolution 
begeisterte ihn zu neuem Eintritt in die Armee. 

1791 wurde er Adjutant des Marschalls Rochambeau, 1792 Oberst 
eines Dragonerregimentes, bald nachher, nach dem Treffen von Valmy, 
Divisionsgeneral. Sein muthiger Angriff auf die österreichischen Ver- 
schanzungen bei Jemappes am 7. und 8. November 1792 trug das meiste 
zum Siege der Franzosen bei. In den folgenden Wochen drang die fran- 
zösische Annee siegreicli nach Aachen und Maastricht vor. Am 25. November 
kamen die Brüder Ludwigs XVI., am 28. der Bischof von Lüttich, am 5. 
Dezember endlich die Abtlieilungen des geschlagenen kaiserliclien Heeres 
auf ihrer Flucht durch Aaclien. Der letzte Rest der österreichischen 
Truppen verliess Aachen am 14. Dezember. Am 15. Dezember zeigten 
sich schon französische Reiter, am 16. abends zog die Avantgarde der 
Dumouriez'schen Armee unter den Generalen Desforest und Stengel in 
unsere Stadt ein. Ersterer war Kommandant bis zum 30. Dezember, an 
welchem Tage ihm General Dampierre im Kommando folgte. 

Diesem fiel die Aufgabe zu, nach dem Dekret des National-Convents 
vom 15. Dezember die Stadtverwaltung zu reformiren. Dieses Dekret war 
schon am 29. Dezember noch von General Desforest den Bürgermeistern 
überreicht; es verlangte für alle von der französischen Armee besetzten 
Gebiete die völlige Souverainität des Volkes, Abschaffung der Steuern, 
aller besonderen Lasten und Previlegien. Die energischen mündlichen und 
schriftlichen Vorstellungendes Bürgermeisters Kreitz konnten nichts fruchten. 
In den ersten Tagen des Januar ging der General daran, die städtische 
Obrigkeit im Sinne der Revolution umzugestalten. 

Er zwang den Bürgermeister Kreitz, für den 3. Januar den kleinen 
und gi'ossen Rath, einen Theil der Schöffen und die Gräven der Zünfte 
zusammenzuberufen. In dieser Versammlung erschien der General, hielt 
eine phrasenhafte Rede, verlas den erwähnten Konventsbeschluss und for- 



— 56 — 

derte die Versammlung auf, auseinanderzugehen. Für den 7. Januar wurde 
das souveräne Volk der Stadt eingeladen, sich in Grafschaften, jetzt Sek- 
tionen genannt, behufs Erwählung einer provisorischen Verwaltungs- und 
Justizbehörde zu versammeln. Am 7. Januar kam eine Wahl noch nicht 
zu Stande, erst um den 11. desselben Monats scheint die Wahl von 48 
Volksrepräsentanten vollzogen zu sein. Diese wurden dann am 15. Januar 
durch den General als Mitglieder der provisorischen Verwaltung eingeführt. 
Am 22. Januar mussten diese das Volk in seinen acht Sektionen berufen 
und einen Maire, sowie für jede Sektion einen Richter wählen lassen. 
Letztere sollten zusammen einen provisorischen Gerichtshof wählen. 

Die Mairewahl fiel auf den Nadelfabrikanten Stephan Beissel, welcher 
in der Zeit der Mäkelei zu der dem herrschenden Elemente unter Bürger- 
meister Dauven feindlichen Partei gehört hatte. Er war einer der Wort- 
führer der Opposition gewesen und Mitunterzeichner der dem Rathe über- 
reichten Beschwerdeschrift wegen Missbrauchs der Verwaltung in 80 Punkten. 
(Hagen II. 375.) Nachdem die Subdelegirten des Niederrheinisch-Westfalischen 
Kreises, unter denen der preussische Geheimrath von Dohm hervorragte, 
schon eine Menge Aachener Bürger vom aktiven und passiven Walilrecht 
suspendirt hatten (1787 und 1788), wurde auf Befehl des Kammergerichts 
am 17. Juni 1788 von der Kommission auch Stephan Beissel mit 33 andern 
Bürgern als verdächtig von dem Wahlrecht ausgeschlossen. Von demselben 
Gericht wurde ihm und fast allen andern Gemaßregelten am 17. Februar 
1792 das Wahlrecht zurückgegeben. Ungefähr ein Jahr nachher wurde 
er nach der französischen Invasion unter den oben bezeichneten Verhält- 
nissen zum Maire der Stadt Aachen gewählt. An ihn — dem übrigens 
für den Fall der Nichtannahme der Wahl 30 Mann Einquartierung angedroht 
wurden — richtete der General am 24. Januar 1793 folgendes Schreiben. 
(Dieses wie die folgenden französischen Schriftstücke sind in moderner 
Orthographie wiedergegeben.) 

Au citoyen Beissel, maire de la ville d'Aix. 

Citoyen Beyssel, je viens d'apprendre que les sections (Grafschaften) 
vous ont nomme unanimeraent, je vous prie donc, au nom de Dieu, de 
celui du peuple d'Aix et de celui de la r6publique, de vous rendre au 
poste que le peuple vous a si glorieusement decern^, et si vous le voulez, 
je vous somme par des volontes si respectables & accepter cette glorieuse 
mission. Le citoyen Dampierre 

M. de Camp (?) ä Aix-la-Chapelle. 

le 24 Jan. Tan 2 de la r6publique. 

So war Stephan Beissel auf einen ihm sehr unangenehmen Posten 
gestellt. Er scheint den Franzosen und ihren Reformgedanken nicht weniger 
geneigt gewesen zu sein, wie überhaupt die Masse des Aachener Volkes. 
Aber trotzdem musste er sich widerwillig hergeben zum Vollstrecker der 
von der Revolution geplanten Neuerungen. 

Mitten zwischen die französischen Machthaber und die Aachener 
Bürgerschaft gestellt, scheint er das Bestreben gehabt zu haben, soviel 



— 57 — 

möglich, die Reformen aufzuhalten und seinen Mitbürgern weniger ver- 
letzend zu machen. Zwischen ihm und Dampierre kam es zu gereizten 
Auftritten. Abgesehen von einem Falle blieb der Franzose in seiner 
Korrespondenz übrigens immer höflich. 

Am 28. Januar übersandte der General dem Citoyen Maire eine 
provisorische Instruktion für ihn und die zugleich mit ihm gewählten 
Richter. 

Citoyen maire. 

J'ai rhonneur de vous adresser Tinstruction provisoii-e que j'ai faite 
en attendant celle que j'ai demandöe ä l'assemblße nationale, ainsi que le 
code de nos lois. Je vais m'empresser de faire nommer les juges de paix 
et les membres de la Convention nationale du peuple d'Aix, et alors, ma 
mission sera finie, et je pourrais dire que d'aprös les dfecrets de la Con- 
vention j'aurais mis le peuple d'Aix en 6tat de jouir de la plenitude de 
la libert6. Je suis tout k vous 

citoyen maire 

le M. de Cp. 
Dampierre. 

Instruction pour le citoyen Maire et les citoyens juges. 

1® Le citoyen Maire est chargfe de concert avec ses collfegues de 
tout ce qui regarde la police, la süret6 des personnes et des propriet6s. 

2® Les juges auront la plenitude du pouvoir judiciaire au civil et 
au criminel, le pouvoir des anciens juges cessant du moment de l'installa- 
tion du nouveau tribunal. 

3® H ni aura plus d'appel & la chambre de Wetzlar et pour avoir 
un Premier tribunal, le g6neral fran^ais va s'empresser de faire nommer 
les juges de paix qui seront le premier degr6 du pouvoir judiciaire duquel 
on appellera au tribunal qui vient d'etre installe, qui jugera en dernier 
ressort et sans appel. 

4® D'ici ä ce que les juges de paix soient nommßs, les juges pro- 
visoires n'en instruiront pas moins les anciennes afi'aires et jugeront les 
aflFaires trfes urgentes. Le M. de Cp. 

Dampierre. 

Auf der Rückseite der beiden letzten Schreiben steht der Vermerk: 

Tenu le 28 janvier 1793. 

Das neue Richterkollegium trat am 4. Februar in Funktion. An 
diesem Tage erliess der General folgende Proklamation: 

Proclamation du genöral Dampierre. 
Nous Mar^chal de camp, commandant les forces de la röpublique frangaise. 

Enjoignons k l'ancien tribunal de cesser ses fonctions conform^ment 
au d6cret de la Convention Nationale et de ne point de rassembler sous 



— 58 — 

aiicun pr^texte, le nouveau tribuual elu par le peuple etant installö et en 
fonctions. 

Aix, le 4 fövrier 1793. Le M. de Cp. 

Dampierre. 

Tags darauf befiehlt der General dem Maire, amtlich dafür zu sorgen, 
dass ein beim Diebstahl abgefasster Jude nach dieser am Tage vorher 
abgeschickten Proklamation vom neuen Gerichtshof, nicht von den alten 
Schöffen abgeurtheilt werde. Unwillig setzt er hinzu: Nur voran, ich bitte 
Sie, und zwar aufs schnellste! 

Au citoyen Beissel, maire de la ville d'Aix. 

Aix, le 5 fevrier Tan 2 de la republique. 

Je vous prie, citoyen maire, de vouloir bien faire juger le juif detenu 

pour cause de vol, par la lettre que j'ai eu Thonneur de vous ecrire hier 

et que vous devez faire publier, le pouvoir des anciens öchevins cesse. 

Allez en avant, je vous prie, et mettez de la celeritö. Tout ä vous 

le M. de Cp. 
Dampierre. 

Vom 5. Februar ist noch ein Schreiben erhalten, dessen Ton an die 
Worte erinnert, die der General an den Maire im Anfang seiner Amts- 
thätigkeit gerichtet hatte. Er sagte ihm damals: „Ihi- seid noch zu weit 
zurück, um zu wissen, was Freiheit ist; wohlmeinende Freunde müssen 
euch wie Kranke zu einer heilsamen Operation zwingen". Beissel soll sich 
hierauf allerdings noch weniger zurückhaltend geäussert haben. — Der 
bezeichnete Brief lautet: 

Au citoyen maire d'Aix-la-Chapelle 

ä la porte neuve 

ä Aix. 

Aix, le 5 fövrier 1793. 
L'an 2 de la republique fran^aise. 

Citoyen maire! 

Je croyais que vous aviez, de concert avec les administrateurs, ecrit 
au capitaine de quartier de convoquer les sections, comment est-il possible 
que vous ne Tayez pas fait? Je vous prie donc, aussitot ma lettre re§ue. 
d'6crire sur le champ aux capitaines de quartier pour convoquer les assem- 
bl6es, je vous prie donc de le faire faire toute de suite et d'envoyer aux 
capitaines de quartier aussi que deux exemplaires de ma proclamation. — 
Vous enjoindrez aux capitaines de convoquer demain ä neuf heures du matin 
d'aprös ma proclamation. — Je vous prie, citoyen maire, de ne rien 
n^gliger pour la promptitude de Texöcution. 

Le M. al de Camp 

Dampierre. 

Der Maire hatte offenbar einen ihm ertheilten Befehl nicht sofort 
befolgt und dessen Ausführung verschoben. Da wurde er im vorliegenden 



— 59 — 

Schreiben gerüffelt. Zu welchem Zwecke die Sektionen zusammentreten 
sollten, ist nicht gesagt. Es handelte sich walu'scheinlich um die Primär- 
versammlungen, in denen das Volk die Wahlmänner ernennen sollte, welche 
an Stelle der provisorischen eine neue Municipalität (Stadtrath) wählen 
sollten. Erst am 12. Februar kam unter grossen Tumulten in den Sektio- 
nen die Wahl zu Stande. Aber zur Bildung des neuen Stadtrathes kam 
es in Wirklichkeit nicht; denn am 1. März siegten die Oesterreicher 
bei Aldenhoven, und am Samstag den 2. März zogen die kaiserlichen 
Truppen in Aachen ein. Um 9 Uhr Morgens ritt eine Abtheilung Ulanen 
in die Stadt. Gegen 11 Uhr rückten plötzlich wieder 2000 Franzosen 
ein, und es wurde dann noch bis 3 Uhr Nachmittags um den Besitz 
der Stadt gekämpft. Die geschlagenen französischen Truppen flüchteten 
durch den Aachener Wald bis Henri-Chapelle. An diesem aufgeregten 
Schlachttage fand Dampierre noch Gelegenheit, sich in einem flüchtig 
geschriebenen Briefe in der galantesten Weise von dem Maire Beissel zu 
verabschieden und ihm die Kranken und Verwundeten seiner Armee zu 
empfehlen. 

Au citoyen Beissel, maire de la ville d'Aix 

ä Aix. 

Le 2 mars Tan 2 de la r6publique ä Aix. 

Je pars, citoyen, avec le deplaisir de ne pas vous remercier de tous 
les soins que vous vous etes donn6s pendant le söjour des Frangais ici. 
Je recommande ä votre humanite les malades que nous laissons ici. Je 
vous prie aussi de les recommander aux oflBciers g6n6raux autrichiens qui 
commanderont ä Aix. 

Je n'oublierai jamais vos vertus et votre franchise. 

le M. de Cp. 

Dampierre. 

Noch an demselben Tage, wahrscheinlich am Spätnachmittag, tiber- 
nahm der frühere Bürgermeister Kreitz wieder die Verwaltung. Ueber den 
Akt der Uebergabe stellte dieser dem „Herrn Beissel" folgenden „Interims- 
Schein** aus: 

„Herr Beissel haben mir heute das Audienz-Zimmer mit allem, wie 
ich selbiges vorlängst hinterlassen, nebst den Bürgermeister-Schlüsseln, 
richtig eingeräumt, welches mit gegenwärtigem Interims-Schein hiermit 
beurkunde. 

Aachen, den 2. März 1793. 

M. Kreitz, Bürgermeister." 

Zwei weitere Schreiben vom 8. und 11. März 1793 bezeugen, wie 
sehr Beissel es während der Führung des ihm aufgedrungenen Amtes doch 
noch verstanden hatte, sich die Sympathieen der Aachener Bürger, der 
ehemaligen weltlichen und geistlichen Behörden zu erhalten. Er hielt es 
fiir sehr wichtig, schriftliche Beweise seiner guten religions- und deutsch- 



— 60 — 

freundlichen Amtsführung in Händen zu haben und Hess sich darüber 
folgende Bescheinigungen ausstellen ^: 

Wir Schöffen-Meistere und Schöffen des Königlichen Stuhls und der 
Kayserlichen freyen Reichs-Stadt Aachen beurkunden hiermit, dass hiesiger 
Bürger — Herr Steph. Beissel — währender Ihm von den Franzosen 
notorisch aufgedrungenen Maire-Stelle sich dergestalten in allen Theilen 
betragen habe, dass er deshalb nicht den allemiindesten Vorwurf-, sondern 
im Gegentheile von hiesiger ganzen Stadt- und geistlich- und weltlichen 
Gemeinden wegen seiner guten Verwendung den grössten Dank verdiene, 
den Wir selbsten Ihm hiemit erstatten. 

Urkundlich unserer aufgedrückten Insiegeln und unseres Syndici und 
Sekretary Unterschrift. 

Aachen, den 8ten März 1793. 

J. Geuljans Dr. Syndikus und Sekretarius. 

Mit zwei aufgedrückten Siegeln; Umschrift: 

Joannes Jakobus von Wyilre zu Hegem 

und 
Joa. Wilm. God. Fran. Mar. von Lommessem. 

Dieselbe Urkunde liegt auch noch in beglaubigter Abschrift vor mit 
den Zeugenunterschriften: 

C. H. Cardoll Decanus mpp. 
J. Heupgen Doyen mpp. 
Gerard Tewis Can. Reg. prior. 

Ausserdem Hess sich Beissel auch noch eine Abschrift von der Urkunde 
geben, in welcher den Aachener Bürgern und allen von ihnen zur Zeit der 
Fremdherrschaft gewählten Beamten ilire „redliche" deutsche Gesinnung 
und korrekte Haltung von dem Jülichschen Statthalter Schulz unter Worten 
der Anerkennung bezeugt wurde. 

Wir Statthalter des Richters dieses Königl. Stuls, und Kayserlichen 
Reichs-Stadt Aachen. 

Beurkunden hiemit, dass bey den im Monath Dezember V. J. erfolgten 
leidigen Ueberfall der Franken und der bis am 2ten März dieses Jahres 
fortgedaurten anwesenheit derselben in hiesiger Stadt die Bürger sich in 
allen Punkten als Redliche Teutschen dem H. R. Reiche Getreue Ver- 
wandten rühmlichst betragen haben. 

Wir bezeugen ferner, dass die von diesem Aachner Volk zu Volks- 
Repräsentanten, zu Maire, Richter, und sonstigen Stellen gewählten Männer 
bey den von Ihnen Notorisch durcli die Franken gezwungener übernommenen 
Aemter in Verfechtung ihrer Römiscli-Katholischen Religion, in beschützung 
der hierzu angestelten Kirchen-Diener, in sorgfaltigen Bemühung zur 
beybehaltung der Kirchen-Schätzen sowohl, als Jeden den Geist- so, als 
Weltlichen Gemeinden zustehenden Eigenthums, in handliabung ihrer Uralten 



*) Die beiden folgenden Schriftstücke finden sich auch in dem nach Drucklegung 
dieses Aufsatzes erschienenen ersten Bande von Fürth, Aachener Patrizierfamilien, 
n. Anhang S. 41 und 42. 



— 61 — 

Städtischen Reichs-Constitiitions-Mäßigen Verfassung, und der hiebey ein- 
schlägigen Gerechtsamen eines Jeden bey allen Vorfällen so standhaft, so 
Edelmüthig sich benohmen haben, dass Sie als wahre Teutschen Verfechter 
ihrer Religion so, als ihrer Konstitution der ganzen weit anzupreisen sind, 
welches aufrichtiges Zeugnis der Wahrheit wir mitzutheilen um so 
weniger bedenken tragen, als wir alle dabey vorgekommenen Vorfällen 
theils Selbsten bemerket, theils getreue Nachricht darüber eingezogen haben. 
In Urkund haben wir dieses eigenhändig unterschrieben, und mit 
meinem Amts-Innsiegel bekräftigen laßen. 
Aachen, den 11. März. 1793. 

J. J. W. Schulz Ihrer 
Churfürstlichen Durchlaucht zu Pfalz-Bayern Statthalter. 
Der Kays.^Vogtey und Majorey in Aachen auch Jülich 

und Bergischer Hofrath. 

Nachdem Beissel nicht ganz sephs Wochen unter den denkbar 
schwierigsten Verhältnissen das ihm aufgezwungene Bürgermeisteramt der 
Stadt Aachen verwaltet hatte, war er gewiss froh, in das Privatleben 
wieder zurücktreten zu dürfen. Nach dieser Zeit tritt Stephan Beissel in 
der Geschichte Aachens nicht mehr besonders hervor. General Darapierre 
fand 9 Wochen nach seinem Abzüge von Aachen den Tod auf dem Schlacht- 
felde. Am 1. März mit seinen, zur Deckung der Belagerung Maastrichts 
an der Roer aufgestellten 15,000 Mann geschlagen, befehligte er in der 
für die Franzosen unglücklichen Schlacht bei Neerwinden am 18. März das 
Centrum. Als Dumouriez von der Sache des Konvents abgefallen war, 
erhielt Dampierre das Kommando über das geschwächte und entmuthigte 
Heer. Gedrängt von den beim Heere anwesenden Konventskommissären 
musste er trotz seiner Gegenvorstellungen die für ihn ungünstige Offensive 
ergreifen. Kr kämpfte erfolglos bei Qui6vrain gegen die Verbündeten, 
verlor daselbst durch eine Kanonenkugel ein Bein und starb am 8. Mai 1793. 



Kleinere Mittheilungen. 

Ein republikanisches Siegesfest in Aachen. 

(16. Febr. 1795.) 

Nachstehender Erlass der „französischen Central- und Ober-Verwaltung des Landes 
zwischen Maas und Rhein** ist in mehr als einer Beziehung bemerkenswerth. Die Sieges- 
feier wurde angeordnet wegen der von General Pichegru im Winter 1794/95 im Feldzuge 
gegen Holland erfochtenen Siege. Was uns am meisten interessirt, sind die unter Art. II, 
13 und Art. IV stehenden Bestimmungen, die gewiss fllr Tausendc von Urkunden ver- 
hängnissvoll geworden sind. Die für Aachen im Erlass genau vorgeschriebene Feier sollte 
in dem Lande zwischen Maas und Rhein nachgeahmt werden! Mag auch die Tradition 
hier und da wissen wollen, dass das damals vernichtete Material „Schund** gewesen sei, 
90 ist doch mit Bestimmtheit anzunehmen, dass auch werthvolle Urkunden ihren Untergang 
fanden. Denn wer bürgt uns dafür, dass nicht manches, vielleicht alles, was die Zeit- 
genossen jenes Ereignisses für „Schund'* hielten, nicht dennoch unserer Geschichtsforschung 
werthvolle Dienste leisten würde? Dazu kommt, dass die Männer, welche damals an der 
Spitze der Aachener Stadtverwaltung standen, den Ideen der Revolution ergeben waren 



— G2 — 

und sicherlich den Urkunden, als Resten der gehassten Feudalzeit, kein Interesse entgegen- 
brachten. Prof. Loersch (Rechtsalterthüiner S. 9) vermuthet, dass die in Aachen ver- 
nichteten Urkunden dem stMtischen Archive entnommen wurden. 

Freiheit, Gleichheit, Verbrüderung. 
Auszug aus den Protokollen der Central- Verwaltung aller Lande zwischen Maas und Rhein. 

Auf Vernehmung des substituirten National-Agenten hat die Central-Verwaltung 
beschlossen und beschliesst: 

1. Art Am zehnten Ventose (28. Febr.) soll in allen Gemeinden zwischen Maas 
und Rhein ein bürgerliches Fest zum Andenken der von den unerschrockenen Republikanern 
in Holland errungenen herrlichen Siege, der Befreyung unserer Brüder, der Batavier, von 
dem Joche des Statthalters, und der für die Lande zwischen Maas und Rhein daraus ent- 
springen werdenden unzähligen Vorthcilc, gefeiert werden. 

2. A r t Das zu Aachen zu feyernde Fest soll auf folgende Weise gehalten werden. 
Morgens um sieben Uhren soll dasselbe mittels Losbrennung des schweren Geschützes 

angekündiget werden. 

Um zehn Uhr soll die ganze Garnison unter Waffen sich auf dem Komphausbad, 
nächst bei dem Sitzungs-Orte der Central-Verwaltung versammeln, wohin sich die mit 
ihren Scherpen, oder Unterscheidungszeichen gezierten angestellten Gewalten unter Voraus- 
tretung der dreyfarbigen Fahnen, begeben sollen. Von da soll der Zug zwischen zwoen 
Reihen Freywilliger, in folgender Ordnung vor sich gehen: 

1. Eine Abtheilung Dragoner. 

2. Die Knaben von 8 bis 12 Jahren unter Voraustrctuug eines Fähnleins mit der 
Aufschrift: Hoffnung des Vaterlandes. 

3. Die Jünglinge mit einer Fahne unter der Aufschrift: Stützen der Freiheit. 

4. Ein Haufen Ackersleute, welche ein Fähnlein mit der Aufschrift tragen: Die 
Nährväter des Staates. 

5. Die Bürger von Burtscheid und Aachen, welche ein Fähnlein mit der Aufschrift 
tragen: Alle Menschen werden frey und gleich geboren. 

6. Die bürgerliche Musik. 

7. Das Handelsgericht. 

8. Die Friedensgerichte von Aachen und Burtscheid. 

9. Das Obergericht. 

10. Die Municipalitäten von Burtscheid und Aachen. 

11. Die Bezirks- Verwaltung von Aachen. 

12. Die kriegerische Musik. 

13. Der General-Stab und die Central-Verwaltung. 

Dieser Zug soll durch den übrigen Theil der Garnison und eine Schwadron Dragoner 
beschlossen werden und sich in dieser Ordnung über den Capuziner-Graben und durch die 
kleine Marschierstrasse zum Gemeinde-Hause hinverfügen. 

Die angestellten Gewalten sollen sich auf dem Geländer des Gemeinde-Hauses und 
die Musik auf den Treppen, für: die kriegerische zur Rechten und die bürgerliche zur 
Linken, versammeln. 

Der General-Stab und die Central-Verwaltung werden um einen, unter dem Freiheits- 
Baume zu errichtenden Vaterlands-Altare ihre Plätze nehmen. 

Die Musik soll den Zug öffnen mit dem Liede: La Victoire en chantant etc. Das 
Volk soll den Schluss jeder Strophe, 

la R6publique nous appelle, sachons vaincre ou sachons p6rir; 
Un Fran^ais doit vi vre pour eile, pour eile un Fran^ais doit mourir, 
wiederhohlen. 

Nachdem der Zug angelangt und die Gewalten in der vorgeschriebenen Ordnung 
versammelt seyn werden, wird der Präsident der Central-Verwaltung auf den Stiegen des 
Altares die von den Helden Frankreichs in Holland erfochtenen Siege, und die daraus für 
die Lande zwischen Maas und Rhein entspringenden Vortheile verkündigen. Nach dieser 
Rede soll die Musik das Lied: Quels accens, quels transports, par tout la gaiete brille, la 



— 63 — 

France est-elle donc une seule Familie etc. anstimmen. Sobald die Musik an die Strophe: 
p^rissent Ics Tyrans, perisse leur memoire etc. kommen wird, wird der Präsident von den 
Stiegen des Altars mit einer Fackel herunter treten und an einen, von der 
Munizipalität anzurichtenden Scheiterhaufen, worauf dieselbe die in den 
öffentlichen Gebäuden und in den Häusern der Ausgewanderten* allenfalls 
vorgefundenen Lehnzeichen, pergamentenen Denkmäler, und Adels-Urkun- 
den zusammen legen soll, Feuer anlegen. 

Nach deren Verbrennung soll die Musik das Lied : Veillons au Salut de l'Empire etc. 
anstimmen, und das Volk den Schluss jeder Strophe: 

Plutöt la mort que l'Esclavage, 

c'est la devLse d'un Fran^ais 
wiederhohlen. 

Die Fcyrlichkeit soll mit Abbrennung des kleinen Geschützes geendiget werden. 

3. Art. Die Munizipalität von Aachen soll alle Bürger von Aachen und Burtscheid, 
um diesem Feste in oben bestimmter Ordnung beywohuen, einladen, und dafür sorgen, 
damit eine jede Abtheilung vollzählig sey und ihr vorbemerktes Fähnlein habe; Sie soll 
alles dergestalt vorbereiten, damit dieses Fest den Glanz erhalte, welchen der, dasselbe 
veranlassende Gegenstand verdienet. 

4. Art. Alle Munizipalitäten des Landes zwischen Maas und Rhein sollen dies 
Fest feyem, und so viel möglich diese Ordnung und Feyrlichkeit nachahmen, sofort in der 
darauf folgenden Dekade an die Central-Verwaltung über die Art, wie sie solches begangen 
haben, einberichten. 

5. Art. Gegenwärtige Verfügung soll den sieben Bezirks- Verwaltungen, so wie 
der Munizipalität von Aachen, und dem General der Division abschriftlich zugefertigt, 
sodann übersetzt, in beiden Sprachen gedruckt, versendet, und in allen Gemeinden des 
Landes zwischen Maas und Rhein angeheftet und verkündiget werden. Also beschlossen 
zu Aachen in der öifentlichen Sitzung der Central- und Oberverwaltung des Landes 
zwischen Maas und Rhein vom 28. Pluviose 3. Jahr der Republik (16. Febr. 95). 

(unterz.) Dorsch, Präsident. 
Descamps, Simeon, Vosseu, Huberty, Petitbois, Schmidt, 

substituirter National-Agent. Lipkens, Jakobi, Clermont, Kempis, Verwalter. 

Sinsteden, Sekretair, General-Adj. 

Aachen, C. Wacker, 



Kockerell Strasse? Im Nekrologium: cokerel, Kockerel, Kocherei als Strassenname 
vorkommend, so auch Teodoricus in Kocrel 1303, Mettildis in Kockerel, Ida de cokerehl, 
Theodor cockerel, Henricus de Kockerel, Aleide de Kockerel. Die Strasse war wohl nach 
einer Person benannt und die Personen wieder nach ihrem Wohnorte. Vgl. Quix Gesch. 
d. St. Aachen II, 32. In Tournay gibts eine porte Coqueriel. 

Komphausbadstrasse? Jedenfalls vom Comphaus, Kompes so benannt und nicht 
comp, Thal oder von Kump, was Tiefe bedeuten soll, worauf Quix hinweist, wenn diese 
Tiefe nicht in einem Hohlgefässe bestand. Bekanntlich heisst ein Üachhohles thönemes 
oder metallenes Hausgeräth hierorts Komp. Ein solches zum Walken dienendes grösseres 
Gefäss hat sich beim Abbruch des alten Kompes gefunden. Auch der Aufbewahrungsort 
der Statuten einer Zunft soll Komp heissen. Der Schöifenkump im Gewandhaus zu Wald- 
feucht war ein ausgehöhlter Baumstamm mit Deckelverschluss. In Thorn war im J. 1885 
ein Compeuhaus. (Thorn. Chron.) 

Am Venn liegt ein Haus, welches Drnffnas heisst. Quix meinte, dort habe ein 
Brunnen gestanden, dessen Mündung die Form einer Traube gehabt habe. Da man sich 
eine solche Bruimenform nicht gut vorstellen kann, möchte ich glauben, dass der Brunnen 
wegen seiner scl^achen Spende Tropf-Nase, Dröppnas, hiess. 



*) Vor dorn Äweiten Eiiu'ücken der Franaosen in Aachen hatten viele vornehme Bilrger, auch 
Bürgermeister nnd MagiBtrAtsmit.glieder, die Stadt ans Angst vor der Rache der Franzosen verlassen. 



— 64 — 

Bendelstrasse heisst iu alter Form Beuelt-, Beynelt-, Byneltstrasse, was die 
Celtophylen von bi = klein und alt, Bach ableiten könnten wegen des kleinen Baches, der 
am Anfange derselben verdeckt liegt. (Die Vertheilungsstelle des Bachwassers liegt im 
Wimelen-Gässchen, dem Anfange der Bendelstrasse, welches jedenfalls, wenn das mittlere 
Jakobsthor geschlossen war, einen Dorchlass durch ein Nebenpförtchen bot.) Ich vermuthe, 
dass ein Personalname oder ein südwärts davon liegender Bend, d. h. ein freiet zur Vieh- 
weide benutzter Platz Veranlassung zur Benennung gab. Für die erstere Annahme spricht, 
dass es auch einen Beinentzbom vor dem Hahnenthor, welches zwischen Marschierthor 
und Rosthor lag, gegeben haben soll; er wird 1452 erwähnt (Quix Beiträge I, 15). Die 
andere Annahme schliesst sich besser au die Bezeichnung des nahen Platzes, der Veno 
heisst, an. Weiden heissen im Holländischen Vennen, Kuhweiden Cojen-Vennen, eine 
sumpfige Weide Veen-Weyde. So kommt auch der Name der mit Sumpf und Heide 
reichlich versehenen Hochebene, des Venns vom irischen feen, palus, oder hängt mit ähn- 
lichen Bezeichnungen sumpfiger Stellen in andern Sprachen zusammen. Eis ist veon im 
Holländischen gewöhnliche Bezeichnung fttr Sumpf, was wieder vom lat vena, Ader, ab- 
geleitet wird. Der Sumpf ist die Gebnrtsstätte des Torfs. So wird der Torf in einem 
Diplome von 1274 vena genannt: „ne uliginem sive venam ut ajunt efToderent*'. „In 
Eyssland wird feen, puteus, ein Ziehbrunnen geiiannf*. (Degneri Teutschlands nen-ent- 
deckte Goldgrube, 1731.) 

Aachen, B. M. Lersch, 

Zur Erklärung einer Ausgabe-Position in der Aachener Stadtrechnnni^ 
vom Jahre 1385. In der von Jos. Hansen in „Neues Archiv der Gesellschaft für 
ältere deutsche Geschieh tsknnde XI, S. 546*^ herausgegebenen Chronik der Pseudorektoren 
der Benediktskapelle findet sich folgende Nachricht: „Anno eodem, scilicet 1385, venit 
regina Daciae Tremoniam tendens versus Aquisgranum^, zu deren Erläuterung Hansen 
bemerkt: „Ueber den Besuch der Königin Margaretha von Dänemark im Jahre 1385 in 
Aachen fehlt sonst jede deutliche Nachricht. In der Aachener Stadtrechnung von diesem 
Jahre (Laurent 301, ss) ist ein „der knniginnen'^ am Anfang des zweiten Monats (also 
kurz nach Juni 24) gewidmetes Geschenk erwähnt Das scheint sich auf die Königin 
Margaretha zu beziehen, wenn auch der mit ihr zusammengeuannte Herzog Friedrich 
sich sonst nicht nachweisen lässt. Die dänischen Quellen bieten keine Nachricht über 
diese Reise." g^h, 

Vereinsangelegenheiten. 

Laut Vorstandsbeschluss vom 25. Juli finden in Zukunft die wissenschaftlichen 
Monatsversammlungen des Vereins regelmässig am dritten Freitag jeden Monats, 
Abends 8 Uhr, statt. Die nächste Sitzung wird Freitag den 15. August, Abends 8 
Uhr, im Hotel zum Elephanten abgehalten werden. 



In der Cremenolieii Bnohhandlnng in Aachen, Pontstr. 78, ist erschienen : 

H. A. Freiherr von Fürth, Beiträge und Material zur Geschichte der 
Aachener Patrizier-Familien. 

P Band gr. 8« (XXIV, 561; Anh. XVI, 81 und 62 S. m. 6 Tafeln). M. 17.— 
II«" Band 8« (IX, 226, 88, 99 und 215 S. m. eingedr. Wappen und 13 Steintafeln). M. 14.— 
ni' Band 8« (XVI, 645 S. m. einer Steintafel). M. 14.— 

Paul Clemen, Die Porträtdarstellungen Karls des Grossen. 

Mit siebzehn Abbildungen. M. 6.— 

Carl Rhoen, Die römischen Thermen zu Aachen. 

Eine archäologisch-topographische DarsteUung. Mit einer Tafel. M. 1.20. 



Dkl'ck vox Ukkmaxk Kaatzkr in Aacukx. 



Jährlich 6—6 Nummcin Kommissions -Verlag 

& 1 Bogen Royal OkUv. **'' 

Creme r'scben Buchhandlung 
Preis des Jahrgang» „ ,^„ 

4 Hark. in Aachen. 



Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Torzeit. 

Im Auftraget des Vereins herausgegeben von H. Sohnook. 

Nr. 5. Dritter Jahrgang. 1890. 



Inhalt: C. Wacker, Die BevOlkeruDg Aachens seit dem Ausgange des vorigen Jahrhunderts. 
-~ H. Schollen, Eine Becbnung der Aachener KupferschlSger-Zunft für das Jnhr 1770. — 
H. Kelleter, Namen in Aacheii, {Fortsetzung.) — Kleinere Mittheilungen: Nachgrabnngen 
in Comelimünater nach dem Grabe des heiligen Benedikt von Aniano, (Schluss.) — Fund auf 
dem Dahmengruben. — Bü(;horanzeige. 



Die Bevölkerung Aachens 
seit dem Ausgange des vorigen Jahrhunderts. 

Von C. Wftcker. 

Es scheint mir von nicht geringem Interesse zu sein, die Bevegnng 
der Aachener Bevölkerung gegen Ausgang des 18. und im Anfang des 
19. Jatirhunderts ins Auge zu fassen. Die grossen Umwälzungen jener 
Jahrzehnte, das Ende der Reichsunmittel barkeit unserer Stadt, ihre Ein- 
verleibung in das von der Revolution geschaffene französische Reich, das 
Falten mancher den freien Verkehr hemmenden socialen und volkswirth- 
schaftlichen Schranken, der fortdauernde Kriegszustand der französischen 
Republik — mussten in ihrer Gesammtheit von erheblicher Einwirkung 
auf die Zu- und Abnahme der Aachener Bevölkerung sein. Kann schon 
dieser Umstand der nachstehenden Zusammenstellung einigen Werth ver- 
leihen, so wurde ich zu ihr besonders veranlasst durch die Auffindung 
einer im Archiv der Peterspfarre befindlichen Aufzeichnung der Resultate 
einer Volkszählung, die Im Jahre 1812 in unserer Stadt abgehalten wurde 
und deren Zifi'ern, soviel mir bekannt, bisher noch nicht veröffenthcht 
worden sind. Die Pfarre St. Peter besitzt nämlich für das Jahr 1812 
ein namentliches Verzeichniss der Pfarreiugesessenen, welches so eingerichtet 
ist, dass auch die wenigen im Pfarrgebiete sesshaften Nichtkatholiken 



— CG — 

wenigstens dem Namen nach notirt sind, ohne dass bei ihnen alle Rubriken 
ausgefüllt wurden. Im selben Jahre (1812) fand von Seiten der Civil Ver- 
waltung eine Aufnahme der Bevölkerung statt, und der Pfarrer von St. Peter 
hat bei seiner Aufstellung ein für die behördliche Aufnahme gedrucktes 
Formular benutzt, auf dessen Titelseite das Wort „Mairie" gestrichen und 
„Paroisse de St. Pierre*" eingetragen ist. 

Ich beginne mit dem Jahre 1781. Der Aachener Raths- und Staats- 
kalender für das Jahr 1782 bringt eine Notiz, wonach vom 1. Nov. 1780 
bis 1. Nov. 1781 in der Stadt Aachen 778 getauft wurden, 985 starben. 
Die Zahl der Sterbefälle überstieg also die der Taufen, oder sagen wir 
der Geburten — denn die Zahl der NichtChristen war damals minimal — 
um 117. Dieses Plus der Sterbefälle setzt für letztere ein anormales Jahr 
voraus. Der Verlauf der Sterbefälle unterliegt grösseren Schwankungen 
als der der Geburten. Es kann ein Jahr in den ersteren anormal und 
trotzdem in der Zahl der Geburten, wenn nicht ganz, so doch annähernd 
normal sein. Diese steht in einem konstanteren Verhältniss zur Gesammt- 
bevölkerung als die Zahl der Sterbefalle, welche von einer grösseren 
Menge von Zufälligkeiten abhängig ist. So variirten nach Reinick (Statistik 
des Regierungsbezirkes Aachen 1865) in den Jahren 1817 — 18GI die 
Geburten nur um 0,33 ^/o der lebenden Bevölkerung, die Sterbefalle aber 
um 0,49 ^/o. Nehmen wir nun an, dass die oben bezeiclinete Zahl der 
Geburten (778) in einem normalen Verhältniss zur Gesammtbevölkerung 
stand, so kann man aus dieser Zahl durch Anwendung eines aus der Statistik 
gewonnenen procentualen Verhältnisses der Geburten zur Gesammtbevölkerung 
letztere berechnen. Die Statistiker schwanken zwischen der Annahme von 
33 — 40 Geburten pro Jahr auf 1000 Mann der Bevölkerung. In Europa 
stellte sich die Geburtenziffer in den mittleren Jahrzehnten unseres Jahr- 
hunderts so, dass auf 1000 Einwoliner 34 — 35 Geburten pro Jahr fielen. 
Für Deutschland, wie für alle nördlichen Völker, kann man einen etwas 
höheren Procentsatz annehmen. Nach Reinick betrug im Durchschnitte der 
drei Jahre 1859, 60, 61 im Regierungsbezirk Aachen die Zahl der 
Geborenen jährlich 3,5 ®/o der Bevölkerung, in der Stadt Aachen 3,8 ^/o; in 
den Kreisen des Regierungsbezirkes schwankte der vSatz zwischen 3,1 ®/o 
und 3,9 ^/o. Während derselben Jahre betnig das entsprechende Verhältniss 
in der Rheinprovinz 3,8 ^/o, in ganz Preusseu 4,1 ®/o. — Nehmen wir für 
unsern Fall einen mittleren Satz 3,7 ®/o an, so ergibt sich nach dieser 
Berechnung für 1781 für Aachen eine Bevölkerung von rund 21000 Ein- 
wohnern. Am 24. Fructidor des Jahres VII der Republik (10. Sept. 1799) 
ergab eine von der französischen Centralverwaltung angeordnete Volks- 
zählung 23 699 Seelen. Für das Jahr 1802 bringt Hagen (II. 447) eine 
statistische Notiz, wonach in Aachen 946 Kinder geboren wurden. Ich 
glaube der Wahrheit näher zu kommen, wenn ich für dieses Jahr als 
Verhältniss der Geburten zur Gesammtbevölkerung 3,9 ^/o annehme. Denn 
es waren damals Verhältnisse eingetreten, die überall in der Geschichte 
eine Zunahme der Eheschliessungen und Geburten zu bewirken pflegen. 
Nach längern, besonders revolutionairen und kriegerischen Zeiten, in denen 



— G7 — 

Person und Besitz niehi* wie sonst Beunruhigungen und Gefahren ausgesetzt 
waren, hatte das Emporkommen und die Machtstellung Napoleons eine 
grössere Ruhe und Sicherheit aller Verhältnisse zur Folge. Rechnen wir 
aber auf 39 Geburten 1000 Einwohner, so ergibt sich eine Bevölkerungs- 
ziffer von 24 250 Seelen. 

Nach der im Jahre 1801 geschehenen Errichtung des Bisthums Aachen 
und der 1802 erfolgten Einsetzung des Bischofs Berdolet erschien am 
1. März 1804 das Dekret der Pfarreintheilung. An Seelenzahl hatten 
St. Peter 3251, St. Adalbert 2998, St. Foilan 2940, St. Michael 2933, 
St. Nikolaus 2526, St. Paul 2656, St. Kreuz 3175, St. Jakob 3965; 
Summa 24444 Seelen. Die Zahl der Nichtkatholiken betrug 1812 noch 
erst 600; für 1804 mussten wir der obigen Ziffer ca. 500 hinzufügen, so dass 
die Seelenzahl Aachens im Jahre 1804 auf rund 25000 beziffert werden 
kann. Das in Aachen am 1. März 1808 erschienene Werk des Franzosen 
Poissenot: Coup d'oeil bringt S. 53 eine wahrscheinlich auf amtlichen Fest- 
stellungen beruhende Notiz, wonach Aachen im Jahre 1807 27168 Ein- 
wohner hatte. . 

Für das Jahr 1812 stehen uns die oben bezeichneten Angaben des 
Pfarrarchivs von St. Peter zu Gebote. Nach diesen hatte die Peterspfarre 
nach der kirchlichen Zählung 5 695 Seelen, gleich unter dieser Summe steht 
die von derselben Hand geschriebene Bemerkung: „Die Civilliste hatte 
87 mehr.*' Bei der am Ende des Buches befindlichen Zusammenstellung 
aller städtischen Pfarren und der Zahl ihrer Pfarreingesessenen ist für 
St. Peter die Zahl der Civilliste (5 782) notirt und müssen wir deshalb 
annehmen, dass auch die übrigen Zahlen die der oifiziellen Volkszählung 
sind. Danach hatten an Seelenzahl: St. Peter 5 782; St. Adalbert 3091; 
St. Foilan 3 782; St. Michael 3 216; St. Nikolaus 2 878; St. Jakob 4518, 
St. Paul 2918; St. Kreuz 3 394. Summa: 29 579 Seelen. 

Ausserdem lebten in Aachen 600 Nichtkatholiken, nämlich 314 Luther- 
aner, 199 Oalvinisten, 97 Juden. Die Gesammtbevölkerung Aachens betrug 
demnach 30179 Seelen. 

Im J. 1814 kam Aachen unter preussische Herrschaft; die erste von 
ihr im Dezember 1816 vorgenommene Zählung ergab eine Bevölkerung 
von 32015 Seelen. Von jenem Jahre ab haben wir die sicheren Ergebnisse 
der von der preussischen Regierung veranstalteten Volkszählungen, deren 
Ziffern ich der folgenden Zusammenstellung beifüge. 

Im J. 1781 hatte Aachen . . ca. 21000 Einwohner 

„ 1799 23699 

„ 1802 ca. 24250 „ 

„ 1804 ca. 25000 „ 

„ 1808 27168 „ 

„ 1812 30179 



Dezbr. 1816 32015 



7t 



„ 1822 34033 

, 1831 37 669 

„ . 1840 43 265 



— C8 — 

Dezbr. 1849 hatte Aachen . . ca. 48687 Einwohner 

„ 1858 56 260 

1861 58553 

1864 63 782 

„ 1867 67 923 

„ 1871 74238 

^ 1875 79 606 

1880 85551 

„ 1885 95 725 

„ 1889 ca. 107 520 

Die Ziffern von 1816 bis 1861 incl. sind nach dem citirten Werk 
von Reinick, die weitern bis 1889 nach gefälligen Mittheilungen der 
städtischen Verwaltung beigefügt. Von letzterer ist am 31. December 1889 
die Bevölkerung Aachens auf 107 520 Seelen berechnet worden. 



Eine Eechnung 
der Aachener Kupferschläger-Zunft ^ für das Jahr 1770. 

Von M. Schollen. 

Nachstehende Rechnung, deren Urschrift sich im Besitz des Nadel- 
fabrikanten Herrn Peter Bock hierselbst befindet, ist, wenn sie auch aus 
einer Zeit herrührt, in welcher die Zünfte nur noch einen schwachen 
Abglanz ihrer ehemaligen Grösse darstellten, dennoch geeignet, unser 
Interesse wachzurufen, da sie uns einen Blick in das innere Leben einer 
Zunft gestattet, über welches bis jetzt für Aachen nur spärliche Nachrichten 
vorhanden sind. 

1770. Empfang des löblichen kesselschlaegers ambach p,id. merk. 

Von herren abgestandenen gref Johannes Wieler in 
cassa laut rechnung befindlichen vorrath empfange 
guelden als 898 4 '/a 

Fiebr. 13 Von Leonart Chambre empfange von 1 yahre ein- 

tresse von ein capital von 100 thaler, welches 
1768 den 22. decembris verfallen facit .... 17 2 

deto 14 Hat confer Pitter Paulus 1 lehriun anschrieben 

nahmens Servaß Fleß einwöhner zahlt* .... 13 — 

Mertz 23 Hat confer Vonderbanck lehriun anschrieben lassen 

nahmens Johannes Michael Vonderbanck einwöhner 
zahlt 13 — 

May 14 Hat Sicmones Antoneus Meissenberg sein hantwerk 

gekauf, als meisters söhn zahlt 144 2 

und eine halbe lederen emmer^ zahlt .... 63 

Denselbege deto hat Johannes Pitter Meissenberg 
sein hantwerk gekauf, als meisters söhn zahlt . 144 2 
und eine halbe ledere emmer zahlt 6 3 



— 69 — 

1770. Empfang des löblichen kesselschlaegers ambach g„id. merk. 

May 14 Denselbege deto hat Johannes Matheas Hoben sein 

hantwerk gekauf, zahlt 198 2 

und für den ledere emmer zahlt 13 — 

Juleus 9 Hat Hobertus Wienans seine furseß Lieonart Massen 

von ihne empfange die eintresse von 1 kapetal von 
100 rthlr. an 4 prosent so verfallt den 25 yanoari zahlt 36 — 

August 13 Empfange von Martin Schrörr sieleger erbgenahmen 

ein iahr eintresse von 1 kapetal von 200 thaler, 
welche verfalle den 15 yuene an 4 prosent zahlt 34 4 

Septe 3 Hat konfrater Mathäus Hoben 1 lehriun anschrieben 

lassen nahraens Joseph Milles, ihnwöhner, zahlt . 13 — 

deto 1 1 Hat konfrater Wieler 1 lehriun anschrieben lassen 

namens Siemones Joseph Fleuß, einwonner zahlt 13 — 

Okt. 10 und 11 Oktober daß reich durch such ^ erobert ... 19 2 

deto 29 Empfange von Hobert Joor sieliger erben die ein- 
tresse von 2 yahr von 1 kapetal von 100 thaler, 
welche in monat maey verfalle, zahlt 34 4 

Dec. 21 Von Leonart Chambre empfange 1 yahr eintressen 

von 1 kapetahl von 100 thaler, so verfallet 1769 
den 22 decembris, facit 172 

deto 20 Empfangen von confer Frantz Vonderbanck die 

eintressen von 1 capital von 200 thaler facit . . 34 4 

Empfang summa 1657 4Vs 

1769. Ausgab. guld. merk. 

Deceml). 27 auf ordinairen wohltag vor und nachmiedag verzehrt 

laut quitieng 73 5 

An eisen extract und britzelen 11 — 

An piftoback* 13 

An gehaltenen gottesdeinst und den pater conceo- 

nater 12 2 

An konfrater Vonderbanck vor daß leichekleit 

auß und einzuhängen ^ zahlt 13 

1770. Vor den pforten tour zu halten zahlt .... 6 — 

Juelc 27 An hem Stenler ^ vor die nahmen auf die lebendege 

und doten tafel® zu setzen zahlt 7 — 

Okt. 9 Daß hantwerk beysamen gewaesen verzert . . 7 2 

Den 10 und 11 deto daß reich durchsucht verzert 65 5 

deto 20 Auf die nuemans kamer für eine ganze und 2 halbe 

meisters laut quittieng zahlt 86 — 

Dec. 20 An confrater Frantz Vonderbanck sein yahrgehalt 

zahlt 36 — 

deto 21. Umb zu uebersetzen die rechnung 24 — 

Summa 332 2 
So bliebet noch ein cassa bouna 1325 2^8 



— 70 — 

Anmerkungen. 

*) Der Zunft geschieht zuerst in dem Gaffelbrief von 1513 Erwähnung. Letzterer 
zählte 14 Zünfte auf, während der Gaffelbricf von 1450 deren bloss 11 nannte. Das 
Zunfthaus befand sich auf dem Marktplatz. Die älteste bekannte Rolle dieser Zunft ist 
vom 27. November 1578, sie befindet sich im hiesigen Museum in der bei Nr. 8 zu 
erwähnenden Tafel, lieber den Kupferhandel bemerkt Noppius in der Aacher-Chronik 
(Ausg. von 1643) S. 111: „Dieser ist eine sehr stattlicher Handel, darvon Aach biß ans 
End der Welt berühmt wird, dann das Kupffer hiedannen durch alle Provintz und Landen 
verschickt wird. Keiner von den Kupfferschlägeren muß mehr als zween Oeffen haben, 
damit gleiche Nahrung sey. Sie verhantieren schier alle ihre Waaren außwendig, und 
sonderlich den Kupfiferen drat nach Frankreich, ein eintziger Kupffcrschläger würde sonsten 
mit zwoen Oeflfen mehr schmeltzen als die gantze Stadt bedtirffte. Dieses Handels wegen 
kan man hiedannen biß zu Constantinopel Wechsel haben, und gibt Ursach, dass eine 
Bursch, Makeler und Aach bey jetzigen beschwärlichen Zeiten gleichwol diejenige noch 
sein, deren sich ihre Nachtbauren nicht dörffen zu schämen.** Bei dem Niedergang der 
Kupferschläger-Zunft scheint das Kessler-Handwerk, welches ursprünglich einen Spliss 
dieser Zunft darstellte, in letztere aufgegangen zu sein. So nennt auch das bei Nr. 4 
erwähnte Erkenn tniss die Zunft bald „ Kessler-Ambacht, " bald „Kupfferschmidt-Handtwerk.* 

') Nach Nr. 2 der Zunftrolle hatte jeder Mebter bei Vermeidung einer Strafe von 
1 Ooldgulden die Verpflichtung, jeden neu angenommenen Lehrling innerhalb 14 Tagen 
bei der Zunft anzumelden. 

^) Diese Eimer waren zum Zutragen des Wassers beim Ausbruch eines Brandes 
bestimmt. Die Verordnung über das Verhalten der Bürger, Rathsleute, Kristoffel iind 
Bürgermeister von Achen bei Feuersbrünsten und Aufläufen nebst Vorschriften für die 
Nacht- und Thorwächter s. bei Loersch, Achener Rechtsdenkmäler aus dem 13., 14. 
und 15. Jahrhundert S. 154. 

*) Noch unter dem 20. Juli 1725 erwirkte die Zunft vom Rath ein Verbot, Inhalts 
dessen kein fertiges geschlagenes Kupferwerk — nur den 14tägigen Jahrmarkt um Frohn- 
leichnam ausgenommen — bei Strafe der Beschlagnahme in die Stadt gebracht werden 
durfte. Wie sehr die Zunft darüber wachte, dass kein Unberufener das Handwerk aus- 
übte, ergibt ein bei dem Reichskammergericht am 21. Februar 1755 beendeter Prozess. 
Die Erben Finkenberg hatten nämlich noch nach ihrer 3Iutter Tod ein Paar kupferne 
Kirchenleuchter verkauft. Diese Hess die Zunft pfänden, vorgebend, dass die Leuchter 
erst nach dem Tode der Mutter, mithin nach erloschenem Meister-Recht, verfertigt worden 
seien. Die Söhne hätten das Meister-Recht nicht von Neuem erlangt und wären daher 
als Pfuscher und Stierer des Handwerks anzusehen. Als in dem nun folgenden Rechtsstreit 
die Erben durch Zeugen bewiesen, dass die Leuchter bereits vor dem Tode ihrer Mutter 
verfertigt und nur als ein Erbstück von ihnen verkauft, nicht aber Handel. damit getrieben 
worden sei, erfolgte die Freigabe der Leuchter. Gramer, Wetzlarische Nebenstunden I, 
S. 119 ff. 

*) Am 7. und 8. November 1780 gab nach einer ebenfalls im Besitze des Herrn 
Bock befindlichen Quittung „die löbliche knpferschlager zunf zwey tractementer, belauf 
sich an wein tractementer, pfeif, taback, hier, karten, kertzen zusammen 69 rx = 621 g. 3 m." 

^) Es handelt sich um das Bahrtuch, welches die Zunft bei Sterbefällen lieh. Vgl. 
über das Bahrtuch Kühl, Geschichte des früheren Gymnasiums zu Jülich S. 114. 

^ Richtig muss der Name Stengeler lauten. Es ist derselbe Maler, bezüglich dessen 
in Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit I, S. 96 gefragt wird, was 
über diesen Künstler bekannt sei mit der gleichzeitigen Mittheilung, dass er ^chon im 
Jahre 1763 hier geweilt habe und anfangs anscheinend vom Rath wegen seines Aufenthalts 
behelligt, dann aber „auf Verlesung seiner unterthänigster Vorstellung mit weiterem nach- 
suchen und zumuthung zur bürgerschaft verschönet wurde." Ueber seine Thätigkeit finden 
wir u. A., dass er gleich nach 1780 das untere, grössere der Bilder des Hochaltars in 
der Nikolauskirche reinigte und restaurirte. (Neu, Zur Geschichte des Franziskaner- 
klosters, der Kirche und Pfarre zum heil. Nikolaus in Aachen S. 63). Auch rührt von 



— 71 — 

ihm die bei von Fürth in Beiträge und Material zur Geschichte der Aachener Patricier- 
Familien Bd. III befindliche Ansicht des Seilgrabcns aus dem vorigen Jahrhundert her. 

*) Diese Tafel, welche sich, wie bereits bemerkt, im hiesigen Museum befindet, ist 
ohne jeglichen Schmuck aus Eichenholz verfertigt, hat eine Höhe von 0,69 m und eine 
Breite von 0,47 m. Das mittlere Feld ist bedeckt von der auf Pergament geschriebenen 
an mehreren Stellen beschädigten Ordnung des Kessler-Handwerks. Auf den Innenseiten 
der Flügel finden sich Beschlüsse über die Ergänzung der Ordnung auf schwarzem Grund 
mit gelber Farbe, auf den Aussenseiten sind die Namen der Mitglieder der Zunft ver- 
zeichnet. Links neben den Namen sind kleine Löcher gebohrt; sie waren bestimmt, durch 
Ausfüllung mit Pflöckchen die Anwesenheit des betreffenden Mitgliedes bei einer Versammlung 
der Zunft festzustellen. Es war dieses nöthig, weil die Satzungen sämmtlicher Zünfte das 
unentschuldigte Fernbleiben von einer Versammlung mit Strafe belegten. Bei einem Zählen 
der Löcher ergeben sich auf dem linken Flügel 30 und dementsprechend so viele Namen, auf 
dem rechten dagegen 29, während diesen gegenüber bloss 26 Namen verzeichnet stehen. 
Dieser Umstand wird wohl darin seine Erklärung finden, dass bei einer Erneuerung der 
Tafel die Zunft nicht mehr die ursprüngliche Zahl der Mitglieder hatte und der Schriften- 
maler unbekümmert um die Zahl — vielleicht war auch die ursprüngliche Bedeutung in 
Wegfall gekommen — die Namen der Mitglieder auf den vorhandenen Raum vertheiltc. 
Die gegliederte Begrenzungsform zeigt zwei Hohlkehlen, in deren Mitte ein Rundstab 
liegt, oben und unten sind sie von eckigen Leisten begrenzt. 



Namen in Aachen. 

Von H. Kelleter. 

(Kortsetzung.) 

Seit Beginn der frühesten geschichtlichen Nachrichten bis auf die 
Gegenwart hinauf muss für die linksrheinischen Gegenden und die Nieder- 
lande die Zucht und Pflege des Pferdes als eine von den einheimischen 
Bewohnern mit Stolz und Vorliebe betriebene Hantirung angesehen werden. 

Nach Caesar waren bereits die tapferen Trevirer, in der Gegend des 
heutigen Trier, das angesehenste Keitervolk von ganz Gallien. Jedenfalls 
war die Reiterei auch bei den Eburonen, unsern Vorfahren auf der heimath- 
lichen Scholle, die Hauptträgerin ^ jenes wehrhaften Widerstandes, der den 
römischen Feldherm so reizte, dass er die völlige Ausrottung dieses 
muthigen Stammes beschloss und diu'chzuführen suchte. Mit der Ein- 
wanderung der deutschen Franken feierte bald ein blühender Ackerbau sein 
Auferstehungsfest auf unsern heimathlichen Fluren und im Anschluss an 
diesen entwickelte sich, wie dies aus den noch erhaltenen Kapitularien 
oder kurzen Gesetzessammlungen der Merowinger- und ersten Karolinger- 
zeit ersichtlich ist, eine ebenso grossartige Viehzucht. Namentlich muss 
dies von der Zucht des Pferdes gelten. In dem für die kaiserliche Meierei- 
verwaltung von Karl erlassenen Kapitulare lässt sich die hohe und aus- 
gedehnte Entwicklung dieses besonderen landwirthschaftlichen Zweiges vor- 
züglich daran erkennen, dass ihm mehrere Paragraphen gewidmet sind, die 
zugleich das Vorhandensein von Stutereien als zweifellos darthun. Dies geht 
zumal hervor aus den Stellen, welche über die Behandlung von Zucht- 
hengsten, die Zucht der Fohlen und, was nicht das Unwichtigste ist, 

*) Siehe den glänzenden Dauermarsch der Reiterei des Eburonenfürsten Ambiorix 
bei Oaes. De Bello Gall, V. 38. 



— i22 — 

von einer besonderen Klasse der Pferdeknechte, von poledrarii d. i. von 
Fohlenhtitern sprechen. Demzufolge ist auf den das fränkische Aachen der 
Karolingerzeit bildenden und im reichen Kranze umgebenden kaiserlichen 
Landgütern und Meierhöfen ein grosser Bestand wohlgepflegter Hengste, 
Stuten und Fohlen vorhanden gewesen. Eine besondere Veranlassung zur 
Pflege der Rosse, zur Einrichtung von grossen Ställen, gemeinsamen Weide- 
plätzen u. s. w. lag für Aachen auch noch darin, dass es als kaiserliche 
Residenz und Hoflager den Anziehungs- und Vereinigungspunkt für die 
zahlreichen Edlen bildete, die bei ihrem Erscheinen am Hofe, dem Gebrauch 
der Zeit entsprechend, für sich und ihr Grefolge vor Allem des ritterlichen 
Thieres, des Rosses, nicht entrathen konnten. Deshalb musste auch selbst 
nach dem Eingehen der hiesigen kaiserlichen Residenz, weil Aachen 
Krönungs- und Hauptstadt blieb, die wegen der jeweiligen hier statt- 
findenden grossen Lager einmal geschaffenen Einrichtungen für Pflege und 
Behandlung der Rosse einer zahlreichen Ritterschaft erhalten und fortgesetzt 
werden. Vielleicht, dass schon früh für diese Fälle ein Marstall eingerichtet 
war. Jedenfalls ist ein solcher in kleinerem Umfange für die Zeit des 
XIV. Jahrhunderts auf der hiesigen Rosstrasse nachweisbar, wenn derselbe 
auch nur ausgesprochen reichsstädtischen Zwecken zu dienen hatte. Hier 
standen die Pferde für den Dienst der höheren Beamten, für die reitenden 
Boten und Kriegsleute. Viele Ausgaben der Stadtrechnungen beziehen sich 
nur auf Beschaffung und Ankauf von Pferden, thierärztliche Behandlung, 
Erbauen von Ställen, auf Hufbeschlag und auf Löhne. Wenn nun aber diese 
lokalen Eigenthümlichkeiten für die Hebung und Veredlung des hierorts 
vorhandenen Pferdematerials gewiss nicht von untergeordneter Bedeutung 
waren, so bleibt es doch das Verdienst der Karolinger und Merowinger, den 
festen Grund einer rationellen Sorge für Pflege und Nachwuchs des Pferdes 
gelegt zu haben. Wenn sich noch heute die Nachwirkungen der alten, 
weise geregelten Zuchtbestrebungen zeigen in den prächtigen Gespannen 
der ländlichen sowohl wie der städtischen Bevölkerung, die das gerechte 
Staunen der Aachen besuchenden Fremden hervorrufen, so hat die heutige 
Zeit dies nicht sich, sondern der Vorsorge vorangegangener Zeiten und 
Menschen zu danken. Wie anders wäre es erklärlich, dass in unserer 
engeren und weiteren Heimath auf kurzen geographischen Entfernungen 
so verschiedene und scharf getrennte Pferdestämme auftreten könnten, 
wenn dies nicht das Produkt Jahrhunderte lang fortgesetzter und fleissiger 
Zuchtarbeit gewesen wäre? Lange und sorgfältig geübte Regeln, die schon 
unter Karl in knappen klaren Ausdrücken festgelegt wurden, haben die 
linksrheinische Pferdezucht erhalten und weitergebildet, so zwar, dass 
kurz nebeneinander scharf getrennte Schläge erzeugt wurden, die in ihren 
Eigenthümlichkeiten den klimatischen und geologischen Verhältnissen ihrer 
jedesmaligen Heimath entsprossen zu sein scheinen. So passt die kleine 
Eifler Art für rauhes und gebirgiges Land ; die mittlere Zucht der Ardennen 
erfordert eine sorgsamere Pflege, ist aber kräftig und für Arbeits- und 
Luxuszwecke im welligen Gelände sehr geeignet; der grosse und starke 
Brabänter, das Ritterpferd des Mittelalters, wird heute mit Vorliebe für 



— 73 — 

Schwerfuhren in der Ebene benutzt und verlangt dazu eine aufmerksame 
Behandlung. Hier sind die Eifler heute wenig mehr vertreten, dagegen 
Ardenner und Brabänter noch immer sehr beliebt und vielfach verwendet. 
Eine dem Aachener Becken und dessen nächster Umgebung ganz eigen- 
thümliche Art war die auffallend kleine Ra^e der sog. Koilejitzpäddjere. 
Nunmehr sind sie bereits schon 5 — 6 Dezennien vor dem so Vieles ver- 
scheuchenden Dampfross geflohen und scheinen fast gänzlich ausgestorben 
zu sein. Die behäbig und dabei doch munter daher trabenden Koilejitz- 
thierchen, mit den gefüllten Quersäcken auf den Rücken, verfrachteten 
die Erzeugnisse des Wurmreviers. In diesem Gebiet und an der nach 
Wallonien führenden Kinketstrasse ^ findet man noch häufig, kaum von der 
Erdkruste überdeckt, die kleinen Hufeisen genannter Packpf erdchen. Wir 
erblicken darin nicht, wie Andere wollen, germanische Devotionalien, sondern 
nach der geringen Tiefe, worin die cigenthümlich kleinen Hufeisen vor- 
kommen, sind wir überzeugt, dass die letzteren noch nicht lange hier 
liegen und von den sog. Kinkeden herrühren. 

Wenn vorstehende geschichtliche Thatsachen das Alter und Ange- 
stammte der in den vorbezeichneten und besonders in den heimischen 
Gegenden betriebenen Pferdezucht erklären, so bekunden auch Sage und 
Volksglaube derselben Gegenden des Oefteren die hohe Bedeutung, welche 
das Pferd in Kultur und Religion der Vorfahren einnahm. 

Was ist der Wagen mit den feurigen Rossen, der in gewissen Nächten 
durch die Karlsstadt fahrt? Weshalb entdeckt gerade das Ross Kaiser 
Karls die hiesigen Bäder? Weshalb erbaut Karl die Palastkapelle apres 
Tongle, wie Philippe Mousques in seiner Reimchronik sagt, nach der Klaue 
seines Pferdes? Abgesehen von der allgemeinen in ganz Deutschland dem 
Pferd gezollten Verehrung, sehen wir aus seiner häufigen Erwähnung in 
der rheinischen Sage, dass in der christlichen Zeit allerdings die alten 
Vorstellungen noch nachwirkten, dass aber auch jedenfalls der letzte Ver- 
gleich der Kuppelform unseres Münsters mit einem Pferdehuf nur bei 
einem Volke entstehen kann, welches sozusagen Pferdevolk ist. Der wohl 
begreifliche aber doch nicht ganz nahe liegende Vergleich liegt überhaupt 
nur nahe, wenn man einen Huf täglich vor Augen hat, wenn man aus der 
häufigen Beschäftigung mit Pferden und ihren Eigenthümlichkeiten einen 
so sonderbaren Einfall für natürlich hält. Das Volk und seine Sage spricht 
aber nur von nahe liegenden und leicht fasslichen Dingen seines täglichen 
Lebens; wir sehen also aus diesem unscheinbaren Vergleich nicht so sehr 
einen Hinweis auf den zur Zeit der Entstehung der Reimchronik oder der 
in ihr enthaltenen Sage hier zu Lande noch nachwirkenden Rosskult, 
sondern auf die hierorts betriebene Rosszucht. Auch die ganze mit Karl 



') Die südljch unsrer Stadt von Cornelimünster durch das Raerener Ländchen führende 
uralte Handelsstrasse; Spuren davon bei Haus Homburg, in dessen Nähe auch wohl noch 
Reste einer römischen Vertheidigungsanlage. In Raeren heissen die kleinen Kohlenpferdchen 
„Kiiiket**päddjere, daher die Strasse auch ihren Namen erhalten hat. Kinket entspricht 
unserm Kejnkes =* Kleiner, Junger sc. Finger besonders. Vgl. deutschen Stamm 
chint = jung, klein. 



— 74 — 

vei'knüpfte Sage von den 4 Heymonskindern und dem Zauberross Bayard 
enthält unserer Ansiclit nach als geschichtlichen Kern die Thatsache, dass 
noch zu Karl Martell's, nicht Karl's des Gr., Zeit keltische, heidnische 
Bewohner der Ardennen, gestützt auf die Scluielligkeit ihrer Ardennerrosse, 
Einfalle in das christliche Frankreich machten. Die Klippe des Rosses 
Bayard in dem Dorfe Berthem bei Löwen, sein im Stein abgedrückter 
Huf bei Meerdael (Rossthal) und endlich die Roche Bayard, der Felsen 
Bayard und die Schluchten bei Dinant^ in unserer nächsten Nähe, wo 
Bayard heute noch lebt, beweisen, dass die Ardenner- und Brabauterzucht 
das mit übermenschlicher Klugheit ausgestattete Ross Bayard hervor- 
gebracht haben muss, mit anderen Worten, dass in früligeschichtlicher Zeit 
bereits ein vortrefflicher Schlag Reiterpferde in den Ardennen existirte. 
Das Teuflische in Bayard ist der Anklang ans Heidenthum. Weil das 
Ross der Begleiter Wodans war und Wodan für den Christ gewordenen 
Germanen ein Gott der Finsterniss wurde, so musste auch das Ross in der 
religiösen Vorstellung diesem Sturz folgen. Trotz der Vorliebe, die man 
für das edle Thier hegte, wurde es das Abzeichen und Merkmal des 
Obersten der Bösen, weil es das Merkmal des Obersten der Heidengötter 
gewesen. Deshalb trägt der Teufel noch heute seinen Pferdefuss. In 
unserer Gegend erscheint der Teufel oder einer seiner Abgesandten, der 
die armen Menschlein im Schutze der Finsterniss heimsucht und plagt, 
noch in voller Rossesgestalt. Das Albdrücken, jener sonderbare atonische 
Zustand im Traumwachen, wird nicht wie bei den andern Deutschen erklärt 
als ein Druck, der von einem Alben oder Kobold ausgeht, sondern hier 
„reitet die Mahr**. Das teuflische Nachtross lastet als Reiter auf der Brust 
des unter seinem Druck gepeinigten und in Todesangst gejagten Schlafen- 
den. Lächelt auch unsere vornehme und gebildete Welt über diese An- 
schauung, die sich noch beim Volke bis heute erhalten, so ist es für den 
Geschichtsfreund doch Immerhin interessant zu vernehmen, dass der Eng- 
länder unter der gleichen Vorstellung steht und noch heute zur Bezeichnung 
des Albdrucks den Ausdruck nightmare = Nachtross benutzt. Nach 
unsrer Ansicht zeigt das Gemeinsame der Aachener und englischen Vor- 
stellung auf eine Verwandtschaft des hiesigen mit dem angelsächsischen 
Stamm, der schon sehr früh unter seinen nach Hengst und Stute benannten 
Führeni von den Gestaden des deutschen Meeres nach Britannien hinüber- 
zog. Um die nämliche Zeit, Mitte des 5. christlichen Jahrhunderts, 
wanderten Angehörige der Angeln und Wariner auch nach Toxandrien, d. 
h. in die hiesigen Gegenden ein^ Daher schreibt sich dann die Eigen- 
thümlichkeit, dass der Aachener Dialekt mit dem Angelsächsischen so 
manche Ausdrücke gemein hat. 

Ausser den vorerwähnten Formen mündlicher und geschriebener 
Geschichte hält auch noch eine vierte Quellenform, nämlich die altüber- 
kommene Namengebung, in unsenn Ländchen bis heute daran fest und 



») Vgl. Dr. Pfaff, Die vier Heyraonskinder, Freiburg 1887. 
*) Vgl. Laraprccht, Skizzen zur Rheinischen Geschichte. 



— 75 — 

deutet darauf hin, dass das Pferd und seine Geschichte mit dem Mensch 
und seiner Geschichte sich gerade hier oft begegnet. Schon der Ortsname 
der mittellateinischen Zeit, Aquisgrani für Aachen, hat Veranlassung gegeben, 
die zweite Silbe Grani auf das so benannte ßoss Wodans oder Sigfrids 
zu beziehen. Also Aachen an den Gewässern des lieiligen Rosses Grani. 
Es gentige vorläufig, auf diese Erklärung hinzuweisen, auf die bei Erklärung 
des romanischen Aquisgrani näher zurückzukommen sein wird. Einen jeden- 
falls greifbareren Hinweis, wenn auch niclit auf eine Rossstadt, so doch 
auf eine Rossstätte, bietet der alte für die jetzige Aachenerheide in 
Gebrauch gewesene Name „Pferdsheide" oder „Pferdsweide**, oder wie 
die für hier a priori als noch älter anzusehende Bezeichnung lautet: 
Marill. Marill, schon früh auch schriftlich Moreil und Morell, münd- 
licher Form zu Morell, Marell und Merell gebildet, ist, von der schon 
erwähnten Stammform Mar = Streitross herleitend, eine romanische Wort- 
bildung und, nach Analogie von Cocrile, Cockerellum zu Marile, Marellum, 
als synonym mit dem deutschen Marstall zu setzen. In der Zeit rückwärts 
gehend, lassen sich manche Nachweise erbringen, dass die zwischen Kamper 
Viertel und Gut Hainbroich bis an den Aachener Wald sich erstreckende 
Aachenerheide früher vollständig unter dem Zeichen des Rosses stand. 
Schon der in älteren schriftlichen Nachrichten allgemein übliche Name 
Pferdsheide für Aachenerheide zeigt an, dass hier eine der grossen räum- 
lichen Ausdehnung entsprechend grossartig angelegte Weide und ein Hege- 
bezirk für Pferde sich befunden hat. Die jetzt auf eine kleine Wiese, die 
sog. Pferdswey dem Judenkirchhof gegenüber, eingeschränkte Benennung 
des ganzen ringsum liegenden Flurtheils gibt zu erkennen, dass mit dem 
allmählig in die Heide vordringenden Ackerbau die ehemalige Pferdsheide 
auf einen immer mehr und mehr sich verengernden Raum beschränkt wurde, 
so dass heute von der ehemaligen Pferdsheide nur noch ein kleiner Rest 
erhalten geblieben ist. Eine an die jetzige Pferdswey anschliessende grosse 
Ackerflur bei Kriegerhäuschen heisst Marell oder Morell. Dieselbe Gegend 
ist aber auf der im hiesigen Stadtarchiv ruhenden Flurkarte des früheren 
Aachener Reiches noch als Pferdsheide oder Pferdsweide eingetragen. Da 
genannte Karte die heutige Morell noch Ende vorigen Jahrhunderts Pferds- 
weide nennt, so folgert erstens, dass die heutige Pferdswey, schon gegen 
diese Zeit gerechnet, bedeutend an Terrain eingebüsst hat, und zweitens, 
dass Pferdsheide, Pferdsweide und Morell identisch sein müssen, da sich 
sonst eine Erklärung für die verschiedene Benennung desselben Flurtheils nicht 
finden lässt. Morell ist eben die uralte beim Volk festgehaltene Bezeichnung, 
während die Urkunden- und manchmal unserm Dialekt fremde gelehrte Sprache 
die deutsche Form vorgezogen hat. Dass aber nicht allein die bei Krieger- 
häuschen liegende Anhöhe, auf der alle über den Aachener Busch nach 
Aachen führenden alten Strassen von Limburg her münden, den Namen 
Pferdsheide führte, sondern dass diese Bezeichnung bis an den Wald zu 
gelten hat, geht aus Nachstehendem hervor. Nach Mittheilung unserer 
Geschichtsschreiber wurden in der Aachener Heide, früher Pferdsheide, 
Hinrichtungen vorgenommen. Wir wissen, dass besonders die Hinrichtung 



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von Ketzern allda vollzogen wurde. Noch heute aber ist der genauere Ort 
dieser Rechtsvollstreckungen festgelegt durch den einer in der Nähe von 
Gniithaus gelegenen Feldflur anklebigen Namen: Geusenfeld. Da unsere 
Quellen die Hinrichtungen nur allgemein als in der Pferdsheide vor sich 
gehend bezeichnen, ihre genaue Stelle aber noch heute durch das Geusen- 
feld uns vor Augen gestellt wird, und letzteres in unmittelbarer Nähe des 
Waldes liegt, so folgt unbedingt, dass zur Zeit des 16. und 17. Jahr- 
hunderts, wo gedachte Hinrichtungen stattfanden, die Pferdsheide als noch 
bis an den Aachener Wald gehend zu denken ist. In eine noch höhere Zeit 
hinauf ist die Benennung Marill unter gleicher Anwendung zu verlegen. 
Der heute nur rechts der neuen Aachcn-Ltitticher Straße vorkommende 
Flurname Morell, oder wie er noch im Archiv der St. Jakobskirche in 
älterer Form als MarilP geschrieben nachweislich ist, findet sich nach 
der historischen Topographie bei Quix auch links derselben Strasse und 
zwar haftet er einem Bach und einem Thurm an. Marillenbach hiess die 
jetzige Paunellc und Morellen- oder Marillenthurm der an der Stadtmauer 
zwischen Marschier- und Rosthor gelegene Thurm am gleichnamigen Bach. 
In einer Notiz der Aachener Zeitung Nr. 85 von 1888 sucht Pick den 
Morellenthurm mit einer Familie Mareel in Verbindung zu bringen und 
daher den Namen Morellenthurm zu erklären. Er berichtet, wahrscheinlich 
nach Hagen, dass 1782 die Steine dieses Thurmes zum Bau der neuen 
Redoute verwandt wurden und dass wahrscheinlich nach einem 1662 im 
Thurm wohnenden Manne Mareel der Name Mareilenthurm entstanden sei. 
Der Familienname Mareel sei alt. Dem ist entgegen zu halten, dass Scheins * 
fiir denselben Thurm schon 1615 die Form Morellenthurm hat und zugleich 
zeigt, dass schon damals für den Bau des Gymnasiums und später der 
Kirche der Jesuiten Steine vom Morellenthurm benutzt wurden. Heisst 
der Thurm schon 1615 Morellenthurm, so kann er doch nicht 1662 
Mareilenthurm heissen, weil dann erst ein Mann Mareel (feste Namensform) 
in ihm wohnt. Zudem läge in dieser Erklärung noch ein anderer Anachronis- 
mus: Mareil ist der Entwicklung nach ältere, Morell jüngere Form. Wie 
ist dann aus dem Morellen von 1615 das Mareilen von 1662 zu erklären? 
Einfach, beide sind identisch aus dem oben nachgewiesenen Marill, das schon 
zur Karolingerzeit mit dem geschwänzten q = ae lauten rausste und 
wirklich in älteren Formen Mareel und Mareil lautet wie die entsprechenden 
Cokerehl des Nekrolog. 

Man muss, wenn man etymologisch erklären will, auf die Urform und 
ihre Bedeutung zurückgehen. Dieselbe ist hier Marill und bezeichnet eine Flur, 
keine Person. War es denn auch nicht ganz natürlich, Bach und Thurm nach 
der auf der selben Stadtseite liegenden Feld flur Marill zu benennen, zumal 
der Bach, wohl älter als die alte Familie Mareel, auch eher als diese 
einen Namen verlangte, und zumal der Thurm, mit der Stadtmauer gegen 
Ende des XIII. Jahrhunderts bereits vollendet, auch mit seiner Vollendung 
sofort eine auszeichnende Benennung erforderte, olme auf einen Mann Mareel, 

*) Dresemann, Geschichte der Jakobskirche S. 71. Zeüe 5: „An Marill". 
*) Jesuitenkirche, Bd. I, S. 82 der Z. d. A. G.-V. 



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der erst 1662, nachdem der Thurm schon halb zerstört ist, darin wohnt, zu 
warten, um dann erst seinen Namen zu erhalten? Uebrigens darf der Familien- 
name Mareel, wenn er auch noch so alt wäre, auch nur von der Flur, nicht 
auch etwa noch die Flur von ihm, erklärt werden, genau wieder wie die 
alte Namensform Cokerehl aus der älteren Cockerill, Cocker^ll (ae) als 
Strassennamen geltenden Bezeichnung zu erklären ist. 

Ferner, wollte man den Morellenthurm nach Mareel, dem Familien- 
namen, benannt sein lassen, so müsste auch das Moren- oder Morellen- 
loch, ein auf der Rosgasse nach Krakau abzweigender Wasserarm der 
Pau, von der alten Familie Mareel seinen Namen tragen. Gerade aber die 
Doppelbezeichnung Moren- ^ und Morellenloch, also Pferdeloch oder Pferde- 
stallsloch, beweist die Richtigkeit unserer Ansicht, dass die Flur bezw. die 
Gegend den einzelnen darin vorkommenden Oertlickeiten und Einrichtungen 
den Namen gegeben hat. Das Morellenloch speist die bei Krakau liegenden 
alten Teiche, deren einer noch zu unserer Zeit als Pferdeschwemme diente. 
Es ist nicht ohne Grund, dass zwei nach Krakau führende Gänge, ein 
Wassergang, das Morellenloch, und ein Strassengang, das heutige Mörgens- 
gässchen, ältere Schreibung Moyrchinsgässchen ^, von dem hier vielfach 
genannten Stamm Mar = Pferd benannt erscheinen. 

Die Oertlichkeiten Mörgensgasse, richtiger wohl Mörrchensgasse, 
sowie Moren- oder Morellenloch stehen nicht allein topographisch mit 
Kiakau, eigentlich Krackau, in Verbindung, sondern der sie alle drei 
tragende Grundbegriff: Mähre zeigt an, dass die unter genannten Bezeich- 
nungen gehenden hiesigen Einrichtungen und Oerter dem für die ganze 
sie einschliessende Flur hier behaupteten und geltenden Zwecke, nämlich 
der Pferdezucht oder -Pflege einstmals gedient haben dürften: Die schon 
bei Quix begegnenden Schreibungen Krackouwe, das alte Aachener Haus 
„zur Kraicke**, der alte Familienname Krachschein, letzteres wäre jetziges 
Kräcksje, bezeugen mit der später nachzuweisenden Krackenweide hinläng- 
lich, dass die moderne Form Krack auch zu älterer Zeit hier vorhanden und 
einheimisch ist. Nach der heutigen Auffassung bedeutet Krack = altes Pferd. 
Es wäre der Redaktion der Aachener Zeitschrift ein Leichtes gewesen, dem 
Prof. Birlinger * auf seine Frage: Was soll Kr ak sein? eine diesbezügliche 
Mittheilung gemacht zu haben; dieselbe würde sicherlich von Seiten des 
berühmten Germanisten, der bekanntermassen gerade seltenen und dialektischen 
Sprachresten auf deutschem Boden ein liebevolles Interesse entgegenbringt, 
gebührend gewürdigt und berücksichtigt worden sein. ObschonBirlinger unser 
Krackau in philologisch durchaus begründeter Weise mit „Krähe" zusammen 
bringt, sei es doch gestattet, eine andere Möglichkeit vorzuschlagen, wonach 
Krackau, bestehend aus Krack = Mähre und Hanf, alt hove, = Hof, wie 
bereits oben angedeutet, Mährenhof zu sagen hätte. Haben wir in dem 
Verzeichniss der Aachener Grafschaften eine Kracken w e i d e , wahrscheinlich 



*) Vgl. Mar; Mor = Haar: Hör oder in der Schreibung der Gegend: Hoyr; ebenso 
Mar: Moyrchen, woraus heute fälschlich Morgens mit veränderter Lautquantität und 
-Qualität. — In Colmar i. E. ist eine Morellengassc: Mith. des Herrn Dr. K. Wieth. 

«) Vgl. Krakau, Bd. XI der Z. d. A. G.-V. 



— 78 — 

jetzt Klotzweide, noch im Jahre 1639 nachweislicli * hier, so ist der ent- 
sprechende Krackeuhof in Krackau noch länger in der Flurbezeichnung 
leben geblieben. Auf diesen Mährenhof oder Krackau gelangt man durch 
die Mörrchensgasse; die auf dem Mährenhof befindlichen Teiche oder 
Pferdeschweramen erhalten ihre Wasser aus der Pau vermittelst des Moren- 
oder Morellenlochs. Offen gestanden, wtissten wir trotz Birlinger einen 
„Krähenhof" oder „Krähenkäfig" nicht zu deuten, es müsste denn sein, 
dass man mit der 3. Redaktionsnote* und also mit J. L. Brandstetter 
solche „Krähen-" als „Schreikäfige" d. h. als „Punkte" ansähe, „von wo 
aus wichtige Nachrichten durch Rufen oder Schreien mit Instrumenten der 
Nachbarschaft mitgetheilt wurden". Zweifelsohne haben in der Vorzeit 
derartige Alarm- oder Wachtposten bestanden; eine solche Einrichtung ver- 
bot sich aber für unser Krackau von selbst, da das vorliegende Terrain 
bei diesem Hof wenig übersichtlich ist, selbst wenn man sich die Stadt- 
mauern noch nicht enichtet denkt, und also, vom strategischen Standpunkt, 
auch des Mittelalters, aus, gedachter Ort sich als einen ein Weites beherr- 
schenden Wachtposten oder Luginsland bei seiner auffallend tiefen Lage 
nicht empfehlen durfte. Berechtigt auch aus diesem Grunde die in Aachen 
noch jetzt vorhandene Wurzel Krack unsere Erklärung, so erhält letztere mit 
Hinsicht auf die oben nachgewiesene Bedeutung der Pferdezucht für Alt-Aachen 
und Umgebung noch mehr Grund, da sich in nächster Nähe noch 2 Krackauwen 
finden. Das eine bei Eupen, auch von Birlinger genannt, und das zweite 
ausweislich der reichsstädtischen Flurkarte in der Nähe des sog. Schnee- 
berges bei Seffent. Alle drei Krakauwen fügen sich unsrer Auffassung 
nach sehr wohl zu „Pferdehöfen" um so mehr, als die Eupener bezw. 
Walhorner Gegend zu dem dortigen Krackau auch wieder eine Marell 
besitzt. Der Name des dortigen Hofes Merols, ein ehemaliges uraltes 
Stocklehen, ist nämlich nichts weiter als eine Nebenform zu Marell. Wie 
der hiesige Familienname Kockerols eine solche zu Kockeraell, so bildet eben- 
falls unter Annahme des bekannten altfranzösischen unorganischen s für den 
Singular und mit Verdumpfung des ? bezw. ae zu o das alte Marell eine 
Nebenform Merols, die im heutigen Eupener Dialekt Maroll lautet. Merols 
hat eine Heide, dic^ Merolserheide, genau wieder wie unser Morell mit der 
Aachenerheide zusammen erscheint. (Fortsetzung folgt.) 

') Siehe Glockenklang bei Qu ix, Peterskirche, S. 58 ff. 
*) zu Birlinger, Krakau S. 281, Bd. XI Z. d. A. G.-V. 



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Kleinere Mittheilungen. 

Nachgrabungen in Cornelimünster nach dem Grabe des heiligen 

Benedikt von Aniane. 

Schluss. (cfr. Jahrg. 1889 Nr. 5, Seite 77 if.) 

Leider sind die Nachgrabungen durch den unerwartet schnellen Tod des Strafanstalts- 
Pfarrers Schulz, der die Leitung in die Hand genommen und mit der ihm eigenen Energie 
volle fünf Monate geführt hat, in's Stocken gerathen. Ist es ihm auch nicht vergönnt 
gewesen, seine Bemühungen von dem erhofften und erwünschten Erfolg gekrönt zu sehen, 
so hat er doch durch seine selbstlose Thätigkeit der archäologischen Wissenschaft und der 
spärlichen Kenntniss karolingischer Bauweise einen wesentlichen Dienst geleistet, wofür 
ihm alle Freunde der Kunst stet« dankbar sein werden. 

Bevor ich die früher gemachten Mittheilungen ergänze, muss ich zuerst eine Ansicht 
richtig stellen, die ich früher vertreten, die sich aber nicht als stichhaltig erwiesen hat. 
Bekanntlich wurden in dem quadratischen Raum, der hinter der westlichen Abschluss- 
mauer der heutigen Kirche liegt, ungefähr 161 cm tief in der Erde 4 Kastengräber mit 
wohlerhaltenen Menschensceletten aufgefunden. Der Schädel des einen Scelettes befand 
sich nicht mehr an seiner natürlichen Stelle, sondern war verschoben worden und hatte 
eine Lage, als wenn die Hand des gestreckten linken Armes ihn festhielt. Die^e seltsame 
Erscheinung legte die Vermuthung nahe, hier die Folge eines gewaltsamen Todes bei 
einem der früher angegebenen, Conielimünster betreffenden historischen Ereignissen zu 
erblicken. Ich hielt damals schon mit einem bestimmten Urtheil zurück und wollte erst 
das Resultat der in Aussicht genommenen osteologischen Untersuchung verschiedener 
Fachgelehrten abwarten. Diese hat im Laufe des verflossenen Winters stattgefunden und 
ergeben, dass die Halswirbel vollständig intact sind, an eine gewaltsame Todesart zu 
denken also ausgeschlossen ist. Die sonderbare Lage des Schädels erklärt sich vielmehr 
folgendermaßen: Nach Entleerung der mit Wasser bis zum Rande angefüllten Kastengräber 
stellte sich heraus, dass der Boden des Grabes aus zwei aneinander stossenden Schiefer- 
platten besteht; dieselben stossen etwas geneigt und nicht ganz fest aneinander; in der 
Mitte ungeföhr hatte sich diese Spalte zu einer strudeiförmigen Vertiefung erweitert, auf 
welche das von oben eindringende ITeberschwemmungswasser naturgemäß hinfloss, den 
Schädel aus seiner natürlichen Lage fortriss und in die nunmehrige Lage brachte. An- 
gestellte Versuche haben diese Ursache bis zur Evidenz klargestellt. 

Wie bereits früher angedeutet, wunlen die Nachgrabungen vom Atrium auf das 
Mittelschilf der heutigen Kirche ausgedehnt. In diesem wurde ein Laufgraben aufgeworfen, 
der bis in die Gegend der Kanzel reichte; hier stellte der Weiterftihrung desselben eine 
von Norden nach Süden laufende Grundmauer Schwierigkeiten entgegen. Diese Mauer war, 
wie sich später herausgestellt hat, eine Seite des Chorabschlusses der ehemaligen karo- 
lingischen Klosterkirche. Den Nachforschungen im Hauptschiffe schlössen sich unmittelbar 
die des Benediktus- und Annaschiffes an, d. h. jener Seitenschiffe, die dem Hauptschiffe 
zunächst liegen. (Die Kirche hat bekanntlich 5 Schiffe.) In den Längeachsen derselben 
lagen 70 cm tief in der Erde die äussersten Umfassungsmauern der alten unter Ludwig 
dem Fromman erbauten Kirche, sowie die Fundamente der nach Osten an dieselben sich 
anschliessenden Absiden. Demnach stellt sich das alte Gotteshaus als ein quadratischer 
Kirchenkörper von 50 Fuss Länge und gleicher Breite dar; derselbe war dreischiffig, jedoch 
waren die Seitenschiffe von geringer Breite; sie liefen nach Osten in (wahrscheinlich) halb- 
kreisförmigen Absiden aus; nach Westen legte sich der quadratische Raum, in dem die 
Kastengräber sich befanden, davor und noch weiter westlich ein offener Raum, an dessen 
Südseite sich noch in der Erde Mauer- und Pfeilerreste befinden, der also ehemals 
unzweifelhaft zur Kirche gehörte; beute ist er ein mit kleinem Gesträuch und Bäumchen 
besetzter zum Lehrerseminar gehöriger Gartenplatz. Hier gedachte der verstorbene Leiter 
der Ausgrabungen zunächst Bohrversuche anzustellen, und wenn dieselben irgend welche 
Anhaltspunkte böten, weitere Nachgrabungen zu veranstalten. Auch trug er sich mit dem 



— 80 — 

Gedanken, den Boden der alten Pfarrkirche auf dem Borge nördlich von der Abtei zu 
untersuchen. Freilich stammt der jetzt zur Ruine gewordene ehemals herrliche gothische 
Bau aus den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts; aber schon lange Yor dieser Zeit hat 
auf derselben Stelle eine Kirche gestanden, die dem Cornelimünsterländchcn, welches die 
heutigen Bürgermeistereien Cornelimünster, Brand, Büsbach und Walhcim umfasste, als 
gemeinschaftliche Pfarrkirche diente; urkundlich wird ihrer bereits im 12. Jahrhundert 
Erwähnung gethan. Der an dieselbe anstossende Thurm hat wohl ursprünglich als Wacht- 
thurm gedient und ist erst spät-er zum Aufhängen der Kirchenglocken verwandt worden. 
1834 hat der Blitz die Kirche stark beschädigt und leider ist bis heute noch wenig Aus- 
sicht vorhanden, dass dieselbe, so sehr sie es verdiente, in würdiger und stilgerechter 
Weise wiederhergestellt Mrtirde. Wenn auch die Verwirklichung der Uutersuchungspläne 
dieser Kirche wenig Hoffnung auf Erfolg bezüglich der Auffindung der Gebeine des hl. 
Benediktus bietet, so wäre es doch im Interesse der archäologischen und architektonischen 
Wissenschaft sehr zu bedauern, wenn sie unterbliebe. 

Anchm. Schnock, 



Fand anf dem Dahmengraben. Dieser Tage wurde Schreibor dieser Zeilen durch 
einen Aachener Herrn auf einen Fund hingewiesen, der auf dem Terrain des Preim'schen 
Grundstücks, Ecke Dahmengraben und Bädersteig, gemacht worden ist. Derselbe besteht 
in einer ungefähr 15 cm hohen und 30 cm breiten bedeckten Wasserrinne aus Eichenholz, 
die sich unter dem Fundamente des abgebrochenen Hauses in der Erde vorfand und eine 
Strecke von einigen Metern, unter dem Nebenhause herauskommend, parallel dem Dahmen- 
graben fortlief. Wann und zu welchem Zwecke ist dieselbe angelegt worden? Hierüber 
lassen sich naturgemäß nur Vermuthungen aussprechen. Die meiste Wahrscheinlichkeit 
scheint aber die für sich zu haben, welche annimmt, dass die Kinne dazu gedient habe, 
das Abflusswasser aus dem Komphausbad, welches im Anfange des 15. Jahrhunderts schon — 
wie urkundlich feststeht — den Werkmeisteni und Geschworenen des Wollenambachts 
gehörte und als Spüle für gewisse Arten gefärbter Tücher benutzt wurde, in den Kolbert 
am Ausgange des Bücheis zu leiten. 

Aachen. Schnock\ 



In der Cremerschen Buchhandlung in Aachen, Pontstr. 78, ist erschienen: 

H. A. Freiherr von Fürth, Beiträge und Material zur Geschichte der 
Aachener Patrizier-Familien. 

P Band gr. 8^ (XXIV, 561; Anh. XVI, 81 und 62 S. m. 6 Tafeln). M. 17.~ 
II"- Band 8» (IX, 226, 88, 99 und 215 S. m. eiugedr. Wappen und 13 Steintafeln). M. 14.— 
III«^ Band 8« (XVI, 645 S. m. einer Steiutufel). M. 14.— 

Paul Giemen, Die Porträtdarstellungen Karls des Grossen. 

Mit siebzehn Abbildungen. M. 6.— 

Carl Rhoen, Die römischen Thermen zu Aachen. 

Eine archäologisch- topographische Darstellung. Mit einer Tafel. M. 1.20. 



D«r<"K vox Uekmamx Kaatzkk iä Aaciikn. 



JilLrlii'h fi— a Nammeru Koniinissinns -Verlag 

ä 1 BogGU R..yal Oktav. ^^^ 

C reine r'aclien Buclihandlung 
Preia de» Jahrgangs ^ {„i„ 

i Mark. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im .Auftrage des Vereins herausgegrlwn vun H. Sehnoei. 

Nr. 6. Dritter Jalirgaiig. 1890. 



Inhalt: C. Ehoen, Beitrag zur Baugcscbichte Aachens im IT. Jahrhundert. — Kleinere 
Mittheilungen: lUimisi-her Insclirifte astein. — Frikgc. 



Beitrag zur Baugeaohichte Aachens im 17, Jahrhundert, 

Von C. Rhoen. 

Das 17. .Talirimndei't bietet für (He Baugeschiclitc <ler Stadt Aachen 
ein doppeltes Interesse. In seiner ersten HAlftc zeigt uns die Stadt die 
altern, noch meistens aus dem spatern Mittelalter herrührenden öffentlichen 
und Privatgebäude, die in ihrer nicht selten reichen Omamentation einen 
malerischen Anblick gewähren, [n der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, 
nach dem grossen Brande vom Jahre lü50, dagegen wurden dieselben 
fast schmucklos aufgeführt und litt in Folge dessen auch das Gesammtbild 
der neu erstandenen freien Keichsstiidt unter der Veränderung, welche im 
17. Jahrhundert im Allgemeinen unter der Herrschaft des Barockstyles 
vor sich ging. Ein ^'ergleich der Gebäulichkeitcn unserer Vatei-stadt voi' 
und nach dem Brande nuiss unbedingt zu Ungunsten der letztern aus- 
fallen. Ein kurzer Kückblirk auf die glanzvolle A^ergangenheit Aachens 
wird den Beweis dafür erbringen. 

Unter der Regierung thatkräfttger Bürgermeister und unter dem 
Schutze mächtiger Nachbarfürsten erfreute sich die Stadt lange Zeit der 
Segnungen des Friedens; Handel und Wandel, Kunst und Wissenschaft 
erreichten einen nie gekannten Aufschwung, Prachtvolle kirchliche und 
weltliche Bauten, wie das Chor des Liebfrauenmünsters und verschiedene 
Pfarr- und Klosterkirchen, das heiTlichc Rathhaus und die starke Befestigung 



— S2 — 



der äussern Stadt waren ausgeführt worden, ohne dass die Stadt, obgleich 
sie zum Bau der ausgedehnten Befestigung Schulden gemacht, nöthig gehabt 
zu aussergewölinlichen Mitteln behufs Deckung derselben ihre Zuflucht zu 
nehmen. Begann auch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundeits der 
bisherige günstige Zustand in etwa zu wanken, und die glückliclie finanzielle 
Lage gegen früher zurückzugehen, so wurde doch dadurch im grossen 
Ganzen noch keine bedenkliche Verschlimmerung herbeigeführt; das 16. 
Jahrhundert aber brachte Aachen nahezu an den Band des Verderbens. 
Die religiösen Zwistigkeiten, welche um diese Zeit wie in ganz Deutsch- 
land so auch hierorts ausbrachen, mussten nothwendiger Weise auch das 
soziale und kommerzielle Leben influenziren. Handel und Gewerbe stockten, 
die Sicherheit des Eigenthiuns war gefährdet, indem bei den bestehenden 
Parteikämpfen der obsiegende Theil den unterlegenen an Leben und Eigen- 
thum nach bestem Können schädigte, der frühere Wohlstand ging immer 
mehr zurück und eine allgemeine Verarmung drolite seine Stelle einzunehmen. 
Es ist nur zu begreiflich, dass unter solchen Umständen die Baulust er- 
lahmte und neue Bauten nur selten und ausnahmsweise ausgefülirt wurden 
und dass dasjenige, was gebaut werden nuisste, eben nur zur Nothdui-ft 
ohne Rücksicht auf arcliitektonische Schönheit und Stylmässigkeit fertig 
gestellt wurde. Als endlich im Jahre 1614 die religiösen Kämpfe durch 
die Kaiserlichen unter Spinolas Führung beendigt wurden, bot Aachen nur 
mehr ein Scliattenbild seines frühern Glanzes. Ein kleiner Aufschwung, 
den die Stadt etwa 10 Jalire nachher genommen hatte, wurde wieder 
durch die erlittenen Kriegsschäden und die Belagerung unt-er Grana im 
Jahre 1638 rückgängig gemacht. 

Was Aachen noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts an schönen und 
stylgerechten Gebäuden besass, das verdankte seine Entstehung dem 14. 
und 15. und dem Anfange des 16. Jahrhunderts, wo Bürgerzwist imd 
Religionshader noch nicht das Regiment führten. Die wenigen und un- 
bedeutenden Privathäuser, welche während der religiösen Wirren gebaut 
worden, waren für das Bild der Stadt und ihre Baugeschichte belanglos. 
Die Stadt hatte also vor dem Brande hinsichtlich der Privat- und Patrizier- 
häuser, der Höfe der Adligen und der geistliclien Würdenträger ein durchaus 
mittelalterliches Gepräge. 

Die aus der Zeit blühenden Wohlstandes herrührenden Häuser trugen 
auch selbst in Material, Bauart und Dekoration den Stempel der Wohl- 
habenheit ihrer Eigenthümer an sich. 

Die Eigenartigkeit, welche jedes einzelne Haus, vom Werkmeister 
nach seinem Gutdünken ohne jede baupolizeiliche Beschränkung aufgeführt, 
in seiner Fa^adenbildung zeigte, ferner die mannigfaltige Art der Ver- 
theilung der Fenster, die Ornamentirung der Ziergiebel machten den An- 
blick der Strassen zu einem malerischen und belebten. Die fast unbe- 
schränkte Freiheit in der Art und Weise der Errichtung der Bauten 
wirkte auf das Baufach selbst ermunternd und fortbildend. Noch hemmten 
penible Alignements und sonstige Vorschriften, wie sie heutzutage bestehen, 
des Bürgers Bauft^eiheit nicht; aus freiem Antriebe und aus angeborenem 



— 83 — 

Kunstgefiihle traf er das Richtige und finden wir nicht, dass in dieser 
Hinsicht das rechte Maaß und die Gesetze ästhetischer Schönheit über- 
schritten worden wären. Wenn auch in einzehien Ausnahmefällen der 
Magistrat bezüglich des Alignements Verordnungen erliess, so wurden 
doch dem Bürger keinerlei Vorschriften über die Höhe, Breite, Art etc. 
des Ausbaues seines Hauses gegeben, sondern man Hess ihm die Freiheit, 
sein Haus massiv oder in Fach werk, oder wie er überhaupt wollte, zu 
bauen ; eine Einmischung des Magistrats in sein Baurecht würde der freie 
Bürger als ein Eingriff in seine Bürgerrechte betrachtet und zurückgewiesen 
haben. Dieser Freiheit verdanken die Strassen mittelalterlicher Städte ihr 
malerisches und interessantes Aussehen ; und eben dadurch unterscheiden sie 
sich so vortheilhaft von unsern heutigen langweiligen Strassen und Gassen, 
die in schnurgrader Linie sich fortbewegen und von einem charakteristischen 
Gepräge auch nicht das Geringste an sich tragen. 

Die Bauterrains in der äussern Stadt, also zwischen dem ersten und 
zweiten Mauergürtel, hatten im Allgemeinen nur eine Breite von 5 — 7 
Metern, aber eine um so grössere Tiefe, von welcher jedoch ein nicht un- 
bedeutender Theil für Gartenanlagen absorbirt wurde. Die Häuser der 
alten Stadt dagegen zeigten bei geringerer Tiefe eine verhältnissmäßig 
grosse Breite, was sich aus dem mehr oder weniger strahlenförmigen 
Ausgehen der Strassen vom Mittelpunkt der Stadt aus erklärt. Das 
Hauptgebäude lag gewöhnlich dicht an der Strasse, und dahinter ein mit 
dem Vorderhause verbundenes Seitengebäude oder ein Hinterbau — bis- 
weilen auch beides zugleich — die theilweise zu Werkstätten eingerichtet, 
theilweise an Miether verpachtet waren. Die Vorder- sowohl als die 
Seiten- und Nebengebäude bestanden in der Eegel aus Keller, Erdgeschoss, 
einer Etage und einem Dachstock, dessen Seitenmauern sich etwa 1 bis 2 
Meter über der Bedielung des letztern erhoben; zwei Etagen waren bei 
Bürgerhäusern selten. Die Häusergiebel standen Strassen- oder hofwärts, 
sodass die Dächer ihre Neigung seitwärts hatten und die Nachbardächer 
mit den Kanten ihrer Schrägen aneinanderstiessen und eine Dachrinne 
bildeten, die gemeinschaftliches Eigenthum war. Nur bei breiter angelegten 
Häusern, deren Giebel in oben angegebener Weise ausgeführt eine zu 
grosse Höhe erreicht haben würden, wurde die Dachneigung Strassen- und 
hofwärts gelegt, und dann meist strassenwärts ein kleiner Giebel (Fronton) 
aufgesetzt, dessen Bedachung in das Hauptdach einschnitt. 

Die Fa^aden waren gewöhnlich massiv aufgebaut, doch fehlte es auch 
nicht an Häusern, deren Vorderfa^ade aus Fachwerk auf massivem Unterbau 
ruhend ausgeführt war; diese hatten dann häufig Erker und Ueberbauten, 
welche in die Strasse hineinragten. Die massiv errichteten Fagaden hatten 
in der Regel eine Mauerstärke vom Erdgeschoss an bis zum Giebel von 
nur einer Ziegelsteinlänge (26 — 28 cm). Höchst selten waren die dem 
Nachbarn zugekehrten gemeinschaftlichen Mauern massiv; in den meisten 
Fällen bestanden sie aus verschiedenartig zusammengestellten Holzrahmen, 
deren Gefache durch Flechtwerk, aus mit Lehm verkleideten und geglätteten 
Holzstäben bestehend, ausgefüllt waren. Die Balken resp. Unterzüge lagen 



— 84 — 

gewöhnlich von einer Nachbarmaner zur andern und waren in Holzpfosten, 
welche in diesen Mauern standen, verzapft. Von dem einen Balken zum 
andern lagen die Traven, meist nur mit dem Beil vierkantig zugehauen, 
welche die Bretter der Bedielung trugen. Die Daclibedeckung war aus 
Schindeln oder Ziegeln, letztere von der nämlichen Form, wie man sie 
noch jetzt in unserer Gegend auf den altem Dächern sieht, hergestellt. 
Die Feuerungsanlagen bestanden aus grossen Feuerheerden, deren Rauch 
durch weite Rauchmäntel in den Schornstein abgeführt wurde. Der letztere 
war besteigbar, d. h. so gross, dass Jemand hineinkriechen konnte und 
ging hoch über das Dach des Hauses hinaus. Die Stelle des Feuerheerdes 
war immer an der gemeinschaftlichen Grenzmauer; war diese massiv, so 
war der Feuerheerd gegen sie angebaut; bestand dieselbe jedoch aus Fach- 
werk, so wurde zwischen dieses und die Feuerungsanlage noch eine Schutz- 
mauer gesetzt. Die Rückwand des Heerdes war entweder mit schöngeformten 
und verzierten Ziegeln oder mit einer Gussplatte geschmückt, welche relief- 
artig Scenen aus der hl. Schrift oder aus der Profangeschichte enthielt. 

Gehen wir jetzt zur Beschreibung der innern Anordnung der Bürger- 
häuser über. Der Keller w^ar gewöhnlich von einem Tonnengewölbe über- 
spannt, welches sich häufig von der vordem bis zur hintern Fa^'ade erstreckte 
und durch Mauern oder Holzverschläge in verschiedene Kompartimente ein- 
getheilt war. Nicht selten jedoch waren die Keller auch mit Balken flach 
gedeckt. Der Keller war fast immer von einem der Zimmer des Erd- 
geschosses aus zugänglich. Doch waren an vielen grössern Kellern so- 
genannte Schrottreppen angebracht, welche von der Strasse aus zu denselben 
hinführten. Das Erdgeschoss bestand gewölinlich aus zwei Zimmern, wovon 
das eine an der Strasse, das andere am Hofe gelegen war; nur selten 
befand sich zwisclien beiden ein dunkler Raum, aus dem die Treppe hinauf- 
führte, unter deren Stufen noch eine Spinde zum Aufbew ahren von allerlei 
Gebrauchsgegenständen angebracht war. Fast ohne Ausnahme hatte jedes 
Zimmer im Hause seine eigene Feuerstelle, bestehend aus einem Heerd 
mit darüber befindlichem Rauchmantel, welclier den Rauch in den Schorn- 
stein führte, von wo er abzog. Die Strassenthür führte entweder direkt 
in das vordere Zimmer, oder wenn das Haus ein Hintergebäude hatte, zu 
einem in den Hof ausmündenden Durchgang. Hatte das Haus kein Hinter- 
gebäude, so war der Hof vom hintern Zimmer aus zugänglich. Die Treppe 
lag zwar nicht immer, aber doch meistens in der Mitte des Hauses ; hatt-e 
das Haus einen Durchgang zum Hof, so befand sich der Aufstieg zur 
Treppe in demselben ; fehlte der Gang, so ging man, wie bereits angedeutet, 
direkt vom Zimmer zur Erde aus in die obem Räume. Fast ausnahmlos 
waren die Treppen Spindeltreppen, deren an der Spille schmale und von 
dieser ab sich erweiternde Stufen an die Holzumkleidung der Treppe oder 
an das sogenannte Treppenhaus sich anschlössen. Beim Auf- oder Ab- 
steigen hielt man sich an einem an der Treppensäule befestigten fingerdicken 
Seile oder an einer der Treppe entlang laufenden Eisenstange fest. 

Die Etage wies dieselbe Gmndrisseintheilung auf wie das Erdgeschoss, 
nur mit dem Unterschied, dass der Zugang zu den Zimmern hier vom 



— 85 — 

Treppenhaus erfolgte. Da fast jedes Zimmer seinen eigenen Feuerheerd 
hatte, so wurde der Schornstein des Heerdes des Erdgescliosses so geleitet, 
dass er neben dem Feuerheerd des darüberliegenden Zimmers herlief, wodurch 
lästige und ranmraubende Vorspränge in den Zimmern entstanden. Diese 
Vorsprünge wurden jedoch nicht selten dadurch dem Blicke entzogen, dass 
man neben denselben Wandscliränke anbrachte, welche soweit wie die 
Schornsteine vorsprangen. Oberhalb der obern Etage Avnrden, wie schon 
bemerkt, die Seitenmauern noch 1 bis 2 Meter weitergeführt, ehe das Dach 
ansetzte. Der hierdurch gewonnene Raum wurde als Söller benutzt ; doch 
wurde strassenwärts stets und hofwärts häufig hiervon ein Raum abgetrennt, 
der zu einem Zimmer hergerichtet wurde. Diese Zimmer erhielten ihr 
Licht durch ein im Giebel angebraclites Fenster. 

Die grosse Mannigfaltigkeit in der Facjadenform, welche im Mittelalter 
allgemein beliebt wurde, kam dem malerischen Aussehen der Strassen sehr 
zu statten. Die Eingangsthür, welche meist ohne Rücksichtnahme auf 
die übrigen Oeffnungen der Fa^ade entweder direkt in das an der Strasse 
gelegene Zimmer oder in den im Hof ausmündenden Gang führte, war 
niedrig und breit, zuweilen von einem Rundbogen überspannt, zuweilen 
durch einen horizontalen Sturz abgedeckt, welcher an den beiden Seiten 
durch je eine an der Thürfassung angebrachte Konsole unterstützt wurde. 
Es befand sich oberhalb derselben ein Oberlicht, welches durch einen auf 
dem Scblussstein des Thürbogens oder in der Mitte auf dem Sturz st-ehenden 
Pfosten in zwei OeflFnungen eingetheilt war. 

Die Thüre war aus Eichenholz in tüchtiger Arbeit ausgeführt und 
zuweilen mit Nägeln verziert, welche mit sauber gearbeiteten Köpfen ver- 
sehen waren. Im Thürflügel, zuweilen auch im Mauerwerk neben demselben, 
war häufig eine kleine runde oder eckige, vergitterte Oefl'nung, „Kicke" genannt, 
angebracht, welche dazu diente, die Ein- oder Austretenden beobachten zu 
können. Statt der jetzt gebräuchlichen Klingel befand sich an der Thtir 
ein sogenannter Klopfer, der häufig aus Messing gearbeitet und zuweilen 
mit hübschen Verzierungen geschmückt war. Sollte in dem Hause ein 
Ladengeschäft betrieben werden, so waren die Fenster des Erdgeschosses 
niedrig und breit, entweder rundbogig oder flach abgedeckt. Von aussen 
war an diesen Fenstern eine Klappe angebracht, welclie so gross wie das 
Fenster selbst war; diese Klappe, gewöhnlich „die Plaat" genannt, konnte 
herabgelassen werden und wurden auf derselben die Waareu zum Verkauf 
ausgeboten. Da diese Fenster oder viehnelir Auskramläden keine Ver- 
glasung aufwiesen, mussten sie bei schlechtem Wetter geschlossen werden. 
Zur Beleuchtung des Zimmers war für diesen Fall eine Reihe kleiner 
Fenster oberhalb der Ladenöff'nung angebracht. Wurde in dem Hause 
kein Ladengeschäft betrieben, so befanden sich im Erdgeschoss grosse 
Fensteröff'nungen, welche durch vertikal und horizontal eingesetzte schmale 
Hausteine in vier kleine Oeffnungen — sogenannte Kreuzfenster — ein- 
getheilt wurden. Die Fensterbänke sowie der zwischeh den untern und 
obern Fensteröffnungen befindliche horizontale Kreuzarm wurden von dem 
einen bis zum anderen Ende der Fa?ade in Hausteinen, welche mit dem 



— S() — 

Mauerwerk der Fa^jade in gleicher Fläche lagen, durchgeführt. Die obere 
Fensterreihe wurde durch einen Sturz abgedeckt, der, gleichzeitig eine 
Leiste bildend, sich ebenfalls in der ganzen Breite der Fagade durchzog. 
Dieser Sturz oder Leiste bestand aus einer einfachen, im obem Theil 
nach unten gehenden, im untern Theil nach oben gehenden Abschrägung, 
in welch letzterer sich eine tief ausgeschnittene Hohlkehle befand. Dies 
Profil, dem gothischen Style eigenthümlich, wurde seiner praktischen An- 
ordnung wegen auch an Renaissancebauten noch lange Zeit beibehalten. 
Als Sturz wurde dasselbe durch Blendbogen im Mauerwerk oberhalb der 
Fensteröffnungen entlastet. 

In der Etage wurden die Fensteröffnungen in melirfacher Weise ein- 
getheilt. Es befanden sich daselbst die oben erwähnten, im Erdgeschoss 
vorkommenden sogenannten Kreuzfenster filr sich allein, zuweilen auch 
zwei oder mehrere Kreuzfenster dicht nebeneinander gereiht, welche als- 
dann zwei Reihen übereinander stehender kleine Fenster bildeten; die 
obere Reihe enthielt dann häufig an den Enden je ein Fenster mehr als 
die untere Reihe. Auch in den Etagen finden wir die Fensterbänke und 
die Horizontalstücke der Fensterkreuze, sowie den Sturz in dem oben 
angegebenen Profil in der ganzen Breite der Fa^ade durchgefiihrt. Die 
oberste — Dach — Etage wies in der Regel nur ein Fenster auf. Das- 
selbe war entweder ein Kreuz- oder ein hohes schmales Fenster. Hier 
ging blos die Fensterbank in der Breite der Fagade durch, das Fenster- 
kreuz und der Sturz, wiederum wie oben angegeben geformt, erstreckten 
sich nicht über die Seiteneinfassung des Fensters hinaus. Die Schrägung 
der Dachgiebel war dadurch hervorgebracht, dass man in der Giebelspitze 
Dreiecke von Mauerwerk herstellte, deren eine Seite diese Schrägung 
bildete und deren Fugen auf der Dachneigung rechtwinkelig standen; 
zwischen diesen Dreiecken wurde das Mauerwerk der Giebelspitze ein- 
geschlossen. 

Von besonderm Kunstfleiss zeugten die in der Fagade befindlichen 
Ankerschlüssel. In ebensoviel Schweissungen waren 8 bis 10 und oft noch 
mehr Blätter an der Hauptstange desselben angebracht, welche in zier- 
lichen Spiralen sich seitwäils neben jener entwickelten und dem Ganzen 
eine schöne gefällige Form gaben. Nicht selten war die Krone des Ankers, 
d. h. der obere Theil desselben, mit mehreren sich von der Hauptstange 
abzweigenden Blumen, die in Eisenwerk getrieben waren, geschmückt. 
Mindestens jedoch war die obere Spitze des Ankerschlüssels nach vorne 
umgebogen und mit einem kleinen Eisenknopf verziert. 

An den Häusern, deren Giebel strassenwärts standen, fehlte fast nie 
die Dachverzierung. Die Schwellen, die Pfetten und der First ragten 
etwa 0,50 — 0,70 m vor der Fläche der Fagadenmauer vor und trugen auf 
ihren Enden den ersten Dachsparren. An diesem war eine starke, oft 3 
Zoll dicke Bohle aus Eichenholz befestigt, welche in verschiedenen Mustern 
ausgeschnitten und mit Bildhauerarbeiten geschmückt war. Immer waren 
Verbindungsstücke, quer vor der Giebelspitze liegend, die von der einen 
bis zur andern Dachseite reichten, ebenfalls verziert angebracht. Nicht 



— 87 — 

selten erhoben sich aus dem schrägen Theil der Dachverzierung Fialen 
oder andere Ornamente, immer aber war die Spitze mit einer Verzierung 
versehen. 

Die innere bauliche Ausstattung des Aachener Bürgerhauses war im 
Allgemeinen eine einfaclie und solide, aucli dann, wenn dieselbe sich nm* 
auf das Noth wendigste beschränkte. Die Wandpliesterung war, der damaligen 
Technik entsprechend, eine rauhe und unglatte, wozu einerseits die Unregel- 
mässigkeit in der Anfertigung des Fachstabwerks der Zwischenwände 
beitrug, aber auch andrerseits der Umstand, dass man der Erspamiss 
wegen als Unterlage derselben statt einer Kalk- eine starke Lehmschicht 
anwandte, welche eine ordentliche Abglättung kaum zuliess. Die Decken 
wurden nicht, wie jetzt geschieht, flach gelattet und auf dieser Lattung 
der Bewurf angebracht, sondern die Pliesterung schmiegte sich den Balken 
und Traven in der Weise an, dass diese in ihrer Form und Stärke sicht- 
bar blieben. Diese Weise der Deckenpliesterung hatte den Nachtheil, dass 
beim Reinigen des darüber liegenden Fussbodens häufig das Wasser durch- 
sickerte, an den darunter liegenden Decken Flecken bildete und öfters 
die Pliesterung vom Holze abtrennte. Auch an der Mauerpliesterung 
trennte sich häufig die obere dünne Kalkschicht von der untern Lehm- 
schicht ab und hing dann lose auf der letztern. 

Bei den Schreinerarbeiten in den Bürgerhäusern wurde zunächst 
Werth auf gutes Material gelegt. Zumeist wurde Eichenholz verwendet, 
doch war das Tannenholz nicht ausgeschlossen und haben wir für Schreiner- 
arbeiteu untergeordneter Art, für Speicherzimmer- oder Spindenthüren, sowie 
auch für Söllerbedielungen dies Material verschiedentlich angewandt gefunden. 
Besondere Sorgfalt legte man auf eine tüchtige Durchführung der damals 
viel gebrauchten Spindeltreppen; die Spille stellte häufig ein Meisterstück 
der Bauschreinerei dar. Auch waren die Kaminsimse häufig schöne und 
kunstreiche Arbeiten, während die Treppenumkleidungen, die Fensterbretter 
und sonstige Holztheile sehr einfach gehalten waren. Jedoch trat die 
Kunstfertigkeit des Bauschreiners am klarsten zu Tage bei der Anfertigung 
der Strassenthür und der reich omamentirten Dachgiebel. 

Die Fensterscheiben wurden durch Bleiruthen mit einander verbunden, 
die meistens noch an einem Quereisen durch aufgelöthete Streifen befestigt 
waren. Die kleinen Scheiben, aus mangelhaftem, grünem Glas hergestellt, 
liessen das Tageslicht nur spärlich in die Wohnräume eindringen, die in 
ihrem blaugrauen Anstrich stets in ein gewisses unheimliches Halbdunkel 
eingehüllt waren. 

Von dem vorstehend geschilderten Hause des einfachen Bürgers 
unterscheidet sich das des Kaufmannes nur durch reichere und schönere 
Ausführung. Die bauliche Anordnung war im Allgemeinen dieselbe, indem 
sie viele Jahrhunderte hindurch für die hiesigen Verhältnisse sich als die 
praktischste und passendste herausgestellt hatte. Nur da, wo die grössere 
Breite des Terrains es bedingte, erlitt die Anlage eine dementsprechende 
Form, deren Grundlage jedoch meist das Haus mit dem Durchgang zum 
Vorbilde hatte, weil bei solchen Häusern fast niemals das Hintergebäude, 



— öö. — 

welches meist als Waarenlager benutzt wurde, und zuweilen noch durch 
einen Seitenbau mit dem Vorderhause verbunden war, fehlte. Doch lässt 
sich von diesem ein bestimmter Grundriss der innern Anlage kaum geben. 

Die Ausführung dieser Häuser wies im Innern und Aeussern grösseren 
Schmuck auf, als die sonstigen Bürgerhäuser. Schnitzwerk war an den 
zum Bau gehörenden Holzarbeiten wie Treppen, Kaminsimse, Thüren, 
Geländer u. s. w. in ziemlich reicher Menge angebracht und oft in künst- 
lerischer Weise ausgeführt. Doch ist selbstredend, dass bei der Aus- 
schmückung des Hauses der Reichthum und der Kunstgeschmack des 
Besitzers ausschlaggebend war. 

Eine andere Klasse von städtischen Gebäuden bildeten die Patrizier- 
häuser. Dieselben waren fast alle von nicht unbedeutender Ausdehnung 
und zeichneten sich durch ihre reichere und grössere Anlage vor den 
Bürgerhäusern aus. Die Hauptgrundrissanlage war eine verschiedene; 
lagen die Hauptgebäude an der Strasse, so fehlte das Hintergebäude und 
war dann nur ein Seitengebäude vorhanden, in welchem sich die Küchen, 
die Stallung und sonstige Räumlichkeiten befanden. Der gepflasterte Hof 
war dann nur durch ein meist schön gearbeitetes Eisengitter von dem 
grossen Garten getrennt. Lagen die Hauptgebäude im Fond des Hofes, 
so traten sie direct mit dem Garten in Verbindung, der dann bis dicht 
an dieses Gebäude reichte. Bei dieser Anlage zog sich dann in der Regel 
von dem Hauptgebäude ab bis zur Strasse, der einen Seite des Hofes ent- 
lang, eine Reihe von Zimmern, welche mit dem Hauptgebäude in Ver- 
bindung standen. 

Waren die Hauptgebäude an der Strasse errichtet, so war meist in 
denselben ein Thorweg angebracht, welcher, von der Strasse zum Hofe 
führend, das Erdgeschoss in der Mitte oder an der Seite durchschnitt. 
An diesem lagen dann die Zimmer, welche vom Thorweg aus direkt durch 
die Thür ihren Zutritt hatten, sowie auch die zu den Etagen führende 
Haupttreppe. Dem Grundriss des Erdgeschosses entsprach auch der des 
Kellers, welcher, hoch angelegt, meist mit vei-schiedenartigen Gewölben 
überspannt war. Lagen die Hauptgebäude im Fond des Hofes, so war 
der Zugang zum Hofe Amxh ein in der letztern von der Strasse trennenden 
Mauer angebrachtes Einfahrtsthor hergestellt. Vom Hofe aus zum Innern 
des Hauptgebäudes gelangte man durch einen grossangelegten Vorraum, 
in welchem sich die Thüren zu den anliegenden Zimmern, sowie auch die 
Treppen befanden, die zu den Etagen führten. 

Es ist selbstredend, dass sowohl bei der einen wie bei der andern 
Stellung der Hauptgebäude der Grundriss sich nach der vorhandenen Lage 
richtete. 

Die Patrizierhäuser waren meist zweigeschossig und immer massiv 
errichtet. Die sehr stark angelegten Mauern waren in gutem Material 
ausgeführt und war die Fa^*ade mit den in Haustein eingefassten Thor-, 
Thür- und FensterölFnungen selten ohne allen Schmuck. Die Feuerstellen 
lehnten sich an die den Nachbarhäusern zugekehrten Mauern an, welche 
ebenso wie die in den Bürgerhäusern aus Feuerheerden mit Rauchmänteln 



— 8? — 

bestanden, die hier jedoch zum Theil in der Dicke der Mauer lagen und 
daher um soviel weniger vor der Mauerfläche vorsprangen. In den obern 
Etagen lagen entweder in der Mauerdicke selbst die Schornsteine der 
Kamine der untern, oder sie waren in dem Vorsprung, den die Rauchmäntel 
bildeten, in der Weise durchgeführt, dass sie von den Zimmern aus nicht 
wahrnehmbar waren. Je nach der Gestaltung des Zimmers und der An- 
ordnung der massiven Mauern wurden die Balken gelegt, welche daher 
bald der Quere nach, bald der Tiefe des Hauses nacli lagen; sie waren 
dann bestimmend für die Richtung der Travenlage. 

Die obern Geschosse richteten sich in ihrer Hauptanlage nach dem 
Erdgeschoss, weil die massiven, durchgehenden Mauern hierbei bestinmiend 
waren. Demnach war auch die Lage der Balken und sonstiger Konstruk- 
tionstheile, wie das Erdgeschoss sie aufwies, bestimmend für die übrigen 
Geschosse des Hauses, sowie auch für die Anlage des Daches. Das zu 
den Konstruktionen verwendete Holz war stets bester Qualität und wurde 
seitens der Bauarbeiter auf dieselbe ganz besondere Rücksicht genonmien. 
Die Deckung des Daches bestand meistens aus Schiefern und Blei. 

Die Ausschmückung des Hauses richtete sich, wie überall, nach dem 
Kunstsinn und dem Geschmack des Besitzers. Kunstreiche Schnitzwerke 
und Metallverzierungen waren in fast den meisten Häusern angebracht, 
kostbare Ledertapeten, welche, nachdem sie aus den Häusern abgenommen, 
noch jetzt Prunkstücke mancher Kunstsammlung bilden, bedeckten die 
Wände und waren durch prachtvoll geschnitzte Rahmen eingefasst; 
Meisterwerke tüchtiger Maler zierten Wände und Decken mancher dieser 
Häuser. Die Erzeugnisse jeglichen Kunstzweiges waren in den Wohnungen 
der Patrizier aufgespeichert. Herrliche, mit mythologischen Darstellungen 
im Style der Renaissance bedeckte Metallgefäße, prächtig verzierte Thon- 
stücke, Rüstungen und Waffen, erprobt in den Turnieren und bei der 
Vertheidigung des heimathlichen Heerdes gegen feindliche Angriffe glänzten 
auf reich geschnitzten Büffets und auf den Ausladungen der die Wände 
schmückenden Holzbekleidung. Manche dieser Schaustücke haben sich bis 
auf den heutigen Tag im Besitze alter Aachener Familien erhalten und 
legen beredtes Zeugniss ab einerseits von dem grossen Kunstsinne ihrer 
ehemaligen Besitzer und andererseits von der hohen Blüthe, deren sich 
das Kunsthandwerk zu damaliger Zeit in unserer Vaterstadt erfreute. Zu 
bedauern ist nur, dass diese Schätze in den meisten Fällen zu gut ver- 
wahrt und zu wenig dem allgemeinen Besten dienstbar gemacht werden. 

In den meisten der an die Patrizierhäuser sich anscldiessenden Gärten 
befanden sich Pavillons oder Gartenhäuser, die, mit allem Komfort der 
Kunst und des Reichthums ausgestattet, die geeigneten Plätze zu geselliger 
Unterhaltung und Abhaltung kleinerer Familienfeste boten. 

Eine weitere Klasse von Wohngebäuden in hiesiger Stadt bildeten 
die sogenannten „Höfe**, welche der umwohnende Adel und die geistlichen 
Würdenträger besassen. Diese Höfe bildeten eigentlich nur ein Absteige- 
quartier für diese Herren, wenn Geschäfte oder andere Veranlassungen 
sie auf längere oder kürzere Zeit in die Stadt führten. Dementsprechend 



— 90 — 

trug die Anlage, wenn sie sich auch noch so sehr ausdehnte, doch immer 
nur den Charakter einer vorübergehenden Zwecken dienenden Wohnung an 
sich; von einem bestimmten Prinzip, dem man bei der Errichtung der 
Patrizierhäuser folgte, ist hier keine Rede. Später freilich, als die Adligen 
zum grossen Theil ihren dauernden Aufenthalt in den Höfen nahmen, richtete 
man sich in Grund- und Aufriss nach der Bauart der Patrizier. 

Die Grundrissanlage der Höfe war eine unregelmäßige; die Gebäude 
waren theils an der Strasse, theils von ihr entfernt gelegen, theils um 
den Hof gruppirt. Nie fehlten der Thorweg und die Stallungen. Die 
Ausführung der Gebäulichkeiten war stark und massiv, der Ausbau aber 
nicht besonders reich durchgeführt; die Eigenthümer betrachteten dieselben 
eben nur als eine Art Logirhäuser, die den grösstcn Theil des Jahres 
nur vom Hausmeister bewohnt und in Stand gehalten wurden. 

Wir haben in Vorstehendem eine Skizze der verschiedenen Häuser- 
klassen gegeben, wie sie sich zu Anfang des 17. Jahrhunderts in Aachen 
vorfanden und wir sie aus alten Zeichnungen und aus Resten von Gebäuden, 
die in unserer Jugend noch bestanden, heute aber auch schon verschwunden 
sind, ermittelt haben. Es darf selbstverständlich nicht angenommen werden, 
dass die Wohnungen der Bürger, Kaufleute, Patrizier, Adligen und Geist- 
lichen nur immer genau in der beschriebenen Weise ohne jede Abweichung 
ausgeführt worden seien; es fand vielmehr häufig genug statt, dass man 
bei Errichtung von Neubauten Plan, Motive, Dekoration etc. aus der einen 
Häusergruppe in die andere herübernahm und sie den Geldmitteln und dem 
Geschmacke entsprechend für sich verwerthete. Auf alle diese Modifi- 
kationen konnte natürlich bei unserer Besprechung keine Rücksicht genom- 
men werden; den Grundtypus der verschiedenen Klassen festzustellen 
musste uns genügen. 

Nachdem im Jahre 1614 die religiösen Wirren in Aachen unterdrückt 
und die Ruhe wieder hergestellt worden war, Hessen sich mehrere Ab- 
zweigungen religiöser Orden daselbst nieder und errichteten Kirchen und 
Klöster. So wurden im Jahre 1611 — 28 das Jesuitenkloster nebst Kirche, 
1614 — 21 das Kapuzinerkloster, 1622 das Elisabetherinnenkloster mit Kirche, 
1626—44 St. Leonhard, 1627 der Neubau des Regulirherrenklosters, 1628 
das Franziskanerkloster, 1642 — 45 die Klosterkirche im Marienthal, 1646 
das Annuntiatenkloster nebst Kirche, 1656 das Kloster der Pönitenten und 
andere neu errichtet. Ausserdem wurden an mehreren Kirchen und Klöstern 
umfassende Reparaturen und Erneuerungen vorgenommen. Es darf nicht 
unerwähnt bleiben, dass diese Ausführungen zum grössten Theil auf Kosten 
der Privatwohlthäter vollzogen wurden, wenn auch die Stadt in wohl- 
wollendster Weise der Mittellosigkeit der geistlichen Institute Rechnung trug. 

Die Gebäulichkeiten, welche die verschiedenen Orden hierselbst errich- 
teten, waren fast ohne Ausnahme in durchaus einfacher, dem Style der 
damaligen Zeit entsprechender Weise ausgeführt. Nur die Jesuiten- und 
Augustinerkirche, welche mit der Hauptfagade an der Strasse lagen, hatten 
einen architektonisch ausgeführten Fagadenbau, die übrigen Kirchen boten 
dem Auge nur ihre schmucklosen Langseiten dar. Auch die Klöster, deren 



— 91 — 

Gebäulichkeiten meistens hofwärts lagen, wiesen in ihren Ausführungen 
keine sonderlichen architektonischen Formen auf. 

Schon früher erwähnten wir, dass nach Beilegung der Religions- 
streitigkeiten für eine kurze Zeit sich der Wohlstand unserer Vorfahren 
wieder in etwa zu heben anfing. In Folge dessen wurde denn auch die 
Baulust wieder reger; mehrere alte Häuser wurden restaurirt und auch 
einzelne Neubauten im Barockstyl aufgeführt, aber an die Errichtung 
grösserer Privat- oder öffentlichen Gebäude war nicht zu denken. 

Der dreissigjährige Krieg, der ganz Deutschland verheerte, verschonte 
auch Aachen nicht. Die Besatzungen, welche die Stadt aufnehmen und 
die Kontributionen, welche sie zahlen musste, die Belagerungen, welche 
sie durch Bredau und Grana erlitten und die durch dieselben verursachten 
Unkosten, die Bestrebungen der Protestanten, in Aachen wieder zu Einfluss 
zu gelangen, und andere Schwierigkeiten, womit die Stadt zu kämpfen 
hatte, verhinderten eine andauernde Besserung der Lage des Bürgers. 
Erst als im Jahre 1648 der westphälische Friede geschlossen wurde, durfte 
der Hoffnung Eaum gegeben werden, dass bessere Verhältnisse eintreten 
und in Folge derselben auch eine Hebung der Bauthätigkeit sich anbahnen 
würde. Da trat wie ein Blitz aus heiterm Himmel die furchtbare Kata- 
strophe, der grosse Brand vom 2. Mai 1656, ein, der die Stadt vollständig 
zerstörte. 

Wohl selten hat ein Stadtbrand solche Verheeiiingen angerichtet, 
wie dieser. Fast die ganze Stadt wurde in Asche gelegt, und mit Aus- 
nahme von nur etwa 60 Privathäusern, welche theils südwärts der Stelle, 
wo der Brand entstanden war, theils isolirt lagen, sowie einiger Klöster, 
war Alles niedergebrannt. Die grosse Trockenheit und das warme Wetter, 
welche diesem 2. Mai vorhergingen, hatten die Häuser um so empfanglicher 
für das Feuer gemacht. Dasselbe entstand in der Jakobstrasse in dem 
sogenannten Kuckshaus — jetzt Nr. 141, damals von einem Bäcker Namens 
Mauw bewohnt — und verbreitete sich mit solch rasender Schnelligkeit, 
dass in 24 Stunden die Stadt vollständig vernichtet war. Wir wollen hier 
nicht auf den Verlauf dieses Brandes eingehen; eine nähere Beschreibung 
desselben finden wir in Quix „Aachen und dessen Umgebungen", Seite 
114 ff. und „Das Dominikanerkloster", Seite 40 ff., sowie im „Politischen 
Tageblatt" 1882, den 26. September u. s. w., worauf wir verweisen. Der 
Magistrat stellte am 15. Dezember 1663 die Anzahl der abgebrannten 
Häuser auf 4460 und die der abgebrannten Gebäulichkeiten überhaupt auf 
5612 fest. 

Betrachten wir die Wirkung dieses Brandes in Betreff der Zerstörung 
der Häuser der Stadt etwas näher. Die von den Flammen ergriffenen 
Holztheile der Gebäude waren rettungslos verloren, was um so mehr zu 
bedeuten hatte, als ausser den jetzt noch gebräuchliclien Holztheilen damals 
an den meisten Bürgerhäusern die Zwischen- resp. Nachbarmauern sowohl, 
als auch mehrfach die Fagaden, besonders in den oberen Etagen, in Fach- 
werk ausgeführt waren und daher dem Feuer reiche Nahrung boten. Wo 
nun mehrere in Fachwerk gebaute Häuser nebeneinander gestanden, bildete 



— 92 — 

sich uach dem Brande eine grosse Schuttfläche, auf welcher von den früher 
darauf stehenden Häusern niclits Nennenswerthes melir übrig war. Selbst 
die Häuser mit massiv ausgeführten Fagaden waren zum grössern Theil 
verloren, da sie nach Verbrennung des Holzes, an welchem die Anker 
befestigt waren, umstürzten. x\uch verbrannten die in Blaustein ausgeführten 
Einfassungen der Thüren und Fenster zu Kalk, sodass die betreffenden 
Häuser, obgleich in den andern Theilen noch gut erhalten, abgetragen 
werden mussten. Anders war es mit den ganz oder theilweise massiv 
angelegten Häusern. Hier brannte zwar auch alles Holzwerk fort, doch 
boten die meisten massiven Mauern dem Feuer Trotz und blieben stehen. 
Wenn auch einige Giebeltheile, welche durch das Verbrennen der Pfetten 
und Firste einen Theil ihres Halts beraubt, herabstürzten, so blieben doch 
im Ganzen die Mauern aufrecht und konnten wieder für den Aufbau ver- 
wendet werden. So kam es, dass der Brand verhältnissmässig mehr die 
Häuser der Bürger als die der Patrizier traf, dass doch noch manches 
Haus in seineu Umfassungsmauern stehen blieb und dass auch manche 
Farade, deren Hausteine vom Feuer nicht zerstört wurden, für den Wieder- 
aufbau verwendet werden konnte. Jetzt noch finden sich in mehreren 
Strassen der Stadt Fagaden vor, welche diesen Brand ganz oder theilweise 
überstanden haben. Von denselben sind l)esonders zu erwähnen das Haus 
Jakobstrassc 127, welches fast ohne Hausteineinfassung der Fa^aden- 
öffnungen aufgeführt ist; dann in derselben Strasse die Häuser Nr. 110 
und 124, die Häuser Peterstrasse Nr. 57, Wirichsbongard Nr. 26, Mühlen- 
gasse Nr. 15, Rosgasse Nr. 11, Pontstrasse Nr. 53, Sandkaulbachstrasse 
Nr. 18 u. a. m. 

Es ist unsagbar, welches Elend und welche Noth für die abgebrannten 
Einwohner eintrat und was die Bürger in der dem Brande ziuiächst 
folgenden Zeit litten. Um das Elend der Bürger möglichst zu lindern, 
griff der Magistrat in energischer Weise helfend ein. Die folgenden Mit- 
theilungen über seine Thätigkeit in dieser Hinsicht, sowie auch seiner 
Verordnungen über Anlage und Ausbau der Häuser, Preise von Arbeits- 
löhnen und Baumaterialien u. s. w. sind den RathsprotokoUen entnommen; 
wir theilen sie mit, um einen ungefähren Einblick in die Art und Weise 
zu ermöglichen, wie sich die bauliche Wiederherstellung der Stadt vollzog. 

Zunächst wandte sich der Magistrat hülfesuchend nach Aussen. Er 
lieh vom Andreaskloster in Köln zur Wiederherstellung des Rathhauses 
8000 Reichsthaler; er ersuchte den damaligen Papst Alexander VII. (Fabius 
Chigi), welcher in den Jahren 1649 — 50 als Nuntius sich im Regulirherren- 
kloster hierselbst aufgehalten hatte, um eine Unterstützung, welchem Er- 
suchen der Papst dadurch nachkam, dass er der Stadt 4000 Scudi schickte. 
Von dem Pfalzgrafen von Neuburg erbat sich der Rath die unentgeltliche 
Benutzung der Jülich'schen Waldungen, um darin Bauholz fällen zu können. 
Er kaufte von der Abtei (.'ornelimtinster eine beträchtliche Anzahl schöner 
Eichenbäume und erlaubte den Bürgern, zum Aufbau ihrer Häuser Holz 
im Stadtwalde zu fällen. Durch Vermittelung des Raths erliess Kaiser 
Leopold am 23. April 16G1 der Stadt 17 742 Reichsgulden an Steuern, 



— 93 — 

wovon jedoch 2000 Gulden zum Aufbau der abgebrannten ungarischen 
Kai)elle bestimmt wurden. Der Katli ersuchte ferner die benaclibarten 
Dörfer, sowie das Ländchen von der Heyden mit ihren Karren und Pferden 
freundlichst mithelfen zu wollen, dass der Brandschutt von den Strassen 
und Gassen entfernt würde; dieser Bitte wurde auch vielfach entsprochen. 
So war der Rath unermüdlich zum Wohl der Bürger thätig. 

Die Bürgerschaft wurde auch seitens der benachbarten Städte und 
Orte durch Sendung von Lebensmitteln kräftig unterstützt. Die Stadt Köln 
allein schenkte 200 Malter Roggen, auch Mastricht und Lüttich, sowie die 
andern umliegenden Orte sandten Lebensmittel, sodass wenigstens für die 
nächste Zeit keine Noth vorhanden war und die Bürger mit allen Kräften 
der Wiederherstellung ihrer Häuser sich hingeben konnten. 

Auch anderweitig griff der Rath kräftig ein. Da auch das Rathhaus 
durch den Brand verwüstet worden war, hielten die Bürgermeister und 
Beamten, sowie der Rath selbst ihre Sitzungen in dem vom Brand verschont 
gebliebenen Kapuzinerkloster, welches an der Stelle des jetzigen Theaters 
stand, ab. Die Bürger hatten allmählig mit dem Aufbau ihrer Häuser 
begonnen. Hatte der Magistrat sich früher nur wenig mit dem Bauwesen, 
wie es damals von den Bürgern betrieben wurde, befasst, so griff er jetzt, 
die Situation richtig auffassend, thätig und kräftig in dasselbe ein. Er 
gab Verordnungen für die Alignirung, den Ausbau der Strassen und den 
Aufbau der Häuser, kurz er nahm sich der Wiederherstellungsarbeiten 
kräftig an. Da es an Arbeitskräften gebrach, gestattete er, dass auch 
auswärtige Arbeiter beim Aun)au der Häuser beschäftigt werden könnten. 
So gab er dem TJionbäcker Heinrich Vignon die Erlaubniss, ausländische 
Ziegelbäcker auf Zeit eines Jahres in seinen Dienst nehmen zu dürfen. 
Er bestimmte die Preise für die Baumaterialien und die Tagelöhne; für 
den Meister setzte er den Tagelohn auf 12 Mark (= 50 Pfennig jetzigen 
Geldes und 2 Viertel Bier, für den Arbeiter (Knecht) auf 10 Mark (= 42 Pfg.) 
und 2 Viertel Bier fest. Hierdurch steuerte er den durch die Baunoth 
hervorgerufenen Ueberforderungen der Arbeiter, die auf Kosten der Bürger 
einen unbillig hohen Lohn verdienen wollten. Am 1. September 1656 
verordnete er, dass die zwischen den bauenden Bürgern und den Arbeitern 
abzuschliessenden Verträge durch städtische Beamten schriftlich aufgestellt 
und ihm zur Genehmigung vorgelegt werden sollten. Den Preis der Ziegel- 
steine setzte er auf 18 bis 22 Gulden (= 4.50 — 5.00 Mk.) pro Tausend 
fest, welcher Preis unter Strafe von 25 Goldgulden — of und ohn respcct 
der Persohnen — sowohl vom Käufer als vom Verkäufer innegelialten 
werden musste. Auch setzte er den Preis des Kalks und des Bauholzes fest. 

Wenn auch der Magistrat sein Möglichstes tliat, die Preise der Bau- 
materialien und Tagelöhne auf ein billiges Maß zu flxiren, so konnte er 
doch nicht verhindern, dass die Bürger, um den Bau ihrer Häuser zu 
beschleunigen, mit den Unternehmern besondei'e Verträge abschlössen, nach 
welchen die Letztern grössere Preise erhielten, als durch die Verordnungen 
t)estimmt waren. Es scheint auch, dass in den folgenden Jahren der 
Magistrat diese Preise nicht mehr aufrecht erhielt, da selbstredend bei dem 



— 94 — 

vorhandenen Ueberfluss an Arbeit dieselben steigen mussten, und finden 
wir daher aucli, dass in den spätem Jahren höhere Preise üblich waren, 
als die unmittelbar nach dem Brande bestimmten. Es dürfte nicht olrne 
Interesse sein, hier Einiges, sowohl über die damals gebräuchliche Weise 
der Ausmessung der gefertigten Bauarbeiten, als auch über die dafür 
normirten Preise mitzutheilen; jedoch müssen vorher des bessern Verständ- 
nisses wegen die damals üblichen Maße und Münzen besprochen werden. 

Der Aachener Baufuss, 288,6 mm gross, war wie fast überall in 12 
Zoll eingetheilt; die Bauruthe hatte 16 Baufuss, also 4,618 m Länge. 
Demnach hatte die Quadratbauruthe 21,326 Quadratmeter und die Schach t- 
ruthe 6,155 Kubikmeter. — Der Aachener Eeichsthaler = 2.25 Mark 
jetzigen Geldes, wurde eingetheilt in 9 Gülden, der Gülden k 6 Mark, die 
Mark ä 5 Pfennig. Der Aachener Schilling galt 9 Mark oder 1 V2 Gulden. 

Die Ausmessung der gefertigten Arbeiten geschah, wenn dieselben in 
Akkord ausgeführt wurden, nach der Vorschrift des geschwornen Messers 
Jakob Fasskessel laut Angabe vom 12. August 1669 in folgender Weise: 
die Fundamente, soweit sie sich in der Erde befeinden, wurden im Mauer- 
werk doppelt gemessen und ebenso in der Erdarbeit. An jeder Ecke wurde 
ein Fuss Uebermaß genommen, „vor das Rechtschuur zu halten". Bei 
dem aufgehenden Mauerwerk wurde ebenfalls an jeder Ecke einen Fuss 
Uebermaß genommen. Die Thor-, Thür- und Fensteröffnungen wurden 
als volles Mauerwerk berechnet, ebenso die Schornsteine, welche damals 
noch besteigbar gemacht wurden. Die Giebel wurden, der anzulegenden 
Gerüste wegen, im Viereck ausgemessen in der Weise, dass die Basis und 
und die Höhe der Giebelspitzc die Maße des Vierecks angaben. Die Keller- 
gewölbe wurden ebenfalls im Viereck gemessen, wobei die Basis und die 
äussere Höhe derselben die Faktoren des Querschnittes bildeten. Die 
Kellertreppen wurden den Giebeln gleich im Viereck gemessen. Zu einem 
vor der Mauer stehenden Pfeiler wurden die Umköpfe als Längenmaß 
gerechnet und mit dem Vorsprunge vervielfacht. 

Zu einer Schach truthe Mauerwerk rechnete man 2000 — 2100 Ziegel- 
steine von 27 — 28 cm Länge und entsprechender Breite; dieselben kosteten 
das Tausend harte 30 Gülden und das Kaufmannsgut 25 Gülden, ferner 
2V2 Fuhren Kalk standen ä 7 Gülden und 5 Fuhren Sand ä 1 Gülden 
2 Mark. Der Tagelohn für eine Schach truthe Mauerwerk kostete 18 
Gülden und 25 Maß Bier. In jedem Anschlage der damaligen Zeit wurde 
das Bier, von welchem für 4 Schachtruthen eine Tonne gerechnet wurde, 
in Bereclmung gezogen. Für die Schachtruthe Mauerwerk wurde nach den 
obigen Sätzen 10 Reichsthaler gerechnet, „und kan kein Ruth besser Kauf 
gemacht Werden so man ohne Schaden abstehen kan". 

Auch über Hau-(Blau-)steinarbeiten finden wir Notizen. So kostete 
ein Kreuzfenster, wie sie damals allgemein üblich waren, von 7 Fuss Höhe 
und 4^2 Euss Breite 6 Reiclisthaler, wobei jedoch die Preise nach grösserer 
oder geringerer Höhe „ad venandt" oder entsprechend waren. Eine Thür- 
einfassung, 7 Fuss hoch und 3^2 Fuss breit, kostete ebenfalls 6 Reichs- 
thaler. Es muss jedoch bemerkt werden, dass das Ki'euzfenster nur aus 



— 95 — 

kleinern Steinstücken gefertigt wurde, während zur Thüreinfassung grössere 
verwendet und dieselben besser bearbeitet werden mussten. Eine Thor- 
einfassung einfacher Art, 11 Fuss breit und 13 Fuss hoch, kostete 12 
Reichsthaler, ein laufender Fuss Eckstein je nach der Grösse 8 bis 10 
Mark. Ein Quadratfuss Blaustein gehauen und geschliffen (zu Flurbelägen) 
kostete 8 Mark. 

Um einen Preisvergleich zwisclien damals und jetzt zu geben, bemerke 
ich, dass laut Aufstellung des städtischen Maui^ermeisters Mefferdati vom 
Jahre 1720 von den Hausteinen am Hause „die Papegey*' in der Jakob- 
straße, das jetzige Postgebäude, die untern Fenstereinfassungen an der 
Hauptfa^ade 9 Reichsthaler und die obern 6 Reichsthaler pro Stück gekostet 
haben. Die Thoreinfassung daselbst kostete 33 Reichsthaler. 

Für die Pliesterung bestand eine eigenthümliche Weise der Aus- 
messung. Bekanntlich wurden die Balken (Traven) und die Unterzüge 
(Balken) in der Weise gepliestert, dass sie in dem Zimmer, über welchem 
sie lagen, sichtbar blieben. Für die in dieser Weise gefertigten Pliester- 
arbeiten erhielt der Pliesterer an Taglohn resp. Akkord für jeden Balken, 
der sich im Zimmer vorfand, gleichviel wie lang er war, 9 Mark, und für 
jeden Unterzug einen halben Reichsthalcr, jedoch war in diesen Preisen 
die Pliesterung der Wände sowie das Weissen der Wände und Decken 
einbegriffen. 

Schreiner- und Zimmerarbeiten wurden nicht in Akkord gefertigt. 
Um die vom Brande vom Jahre 1656 betroffenen Häuser wieder aufbauen 
zu können, erhielten die Hauseigenthümcr derselben das Bauholz von der 
Stadt unentgeltlich, für diejenigen aber, welche diesen Vortheil nicht 
genossen, waren folgende Holzpreise üblich: Ein Unterzug (Balken), 1 Fuss 
im Quadrat stark und bis zu 24 Fuss lang, kostete 5 Reichsthaler, für 
grössere Längen verhältnissmässig mehr. Stuhlsäulen (Bochstillen) von 12 
Fuss lang, 6 ä 7 Zoll stark, pro Fuss 2 Mark, geschnittene Sparren (Keffern) 
pro Fuss 1 Mark, sogenannte P^inspäner 6 Bouschen; Hahn- oder Loch- 
balken pro Fuss 7 Mark; Pfetten (Wirmen) pro Fuss 2 Mark; einspänige 
Balken (Traven) pro Stück 7 Mark. Ferner kostete ein Quadratfuss Richel 
ä 2 Zoll Aachener Maß Stärke 3 Mark, Treppenwangen (Bäum) pro laufen- 
der Fuss 4 Mark 3 Pfenninge; Treppen tri tte pro Fuss 3 Mark. 

(Fortsetzung iblgt.) 



Kleinere Mittheilungen. 



Römischer Inschriftenatein. Es ist eine bekannte Thatsachc, dass nicht einmal 
der Name unserer Vaterstadt bei den vor- oder nachchristlichen römischen Schriftstellern 
genannt wird; gleichwohl sprechen für eine ehemalige durchaus nicht unbedeutende bürger- 
liche und militärische römische Niederlassung hierorts die vollgültigsten Beweise. Wir 
erinnern nur an die grossartigen Buinen eines Kömerbades in der Edelstrasse (cfr. Lorsch, 
Die Bninen des Kömerbades zu Aachen), an die mit technischer Vollendung ausgeführte 
Wasserleitung (cfr. Zeitschrift des Aach. Geschichtsvereins Bd. XI p. 272), an die hierselbst 



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sieb kreiizemlcu Römerwege (cfr. Dieselbe Zeitscbrift Bd. VII p. 173) u. m. a. Auffallcml 
muss es aber bleiben, dass man hier so wenige römiscbe Iii.scüriftsteine gefunden hat, 
während dieselben in den andern Niederlassungen der Römer am Rhein verhältnissmassig 
oft vorkommen. Die Erklärung dieser Erscheinung mag wohl darin zu suchen sein, dass 
man die ohne Zweifel zahlreicher vorhanden gewesenen Steine in den nachfolgenden Zeiten 
aus Unkenntniss oder Mangel an Interesse einfach bei Neubauten eingemauert hat; demnach 
dürfte man in der Annahme nicht fehl gehen, dass sich derartige Steine auch heute noch 
in solcher Lage befinden, wesshalb bei Abbruch alter Häuser und Substruktionen nach 
dieser Seite hin die grösstc Aufmerksamkeit und Vorsicht anzuempfehlen ist. Dieser 
luschriftensteinc sind bis heute nur zwei näher bekannt geworden. Einer derselben, ein 
römischer Votivstein, wurde 1822 bei Anlage der Thermal Wasserleitung zum Elisenbrunnen 
gefunden und von dort in das damalige Regierungsgebäude (alte Präfectur in der Klein- 
kölnstrasse) gebracht. Als man denselben später für das neue städtische ^luseum acquiriren 
wollte, war er nirgendwo mtdir zu finden. Es ist wohl möglich, dass man beim Umzug in 
das jetzige Regierungsgebäude denselben mitzunehmen übersehen hat, und dass derselbe 
sich noch irgendwo, vielleicht unterdessen eingemauert, in dem ehemaligen Präfeetur- 
gebäude vorfindet. 

Ein zweiter römischer Inschriftenstein, w^elcher augenblicklich unter der Halle auf 
dem Hofe des Suermondtmuseums liegt, befand sich bis vor einigen Wochen eingemauert 
in die Kellerwand des Beusmann'schen Hauses in der obern Krämerstrasse. Ungefähr 1 
Meter über dem Fussboden ragte derselbe zur Hälfte aus der Wand hervor, während die 
andere Hälfte in der Mauer verborgen war. Als man den Stein ausgebrochen hatte, fand 
sich unter der in der Wand verborgenen Hälfte eine ungefähr zwei Bieter tiefe roh aus- 
gezimmerte Höhlung in senkrechter Richtung, deren Zweck räthselhaft ist Die vordere 
mit der Inschrift versehene Fläche des an der linken Seite und nach unten abgebrochenen 
Steinen wird von einem in Halbrelief ausgehauenen Genius gehalten. Die Inschrift lautet 
nach der sehr ansprechenden und in der Hauptsache sichern Lesung und Ergänzung, w^elche 
Prof. Hübner vorgeschlagen: ('. Licinius Fuscus negotiator frumentarius h. s. c. Freuden- 
berg, welcher diese Erklärung im 5^. und 50. Hefte der Jahrbücher des Vereins für 
Alterthumsfreunde Seite 238 mittheilt, knüpft daran die Bemerkung: Wir erhalten also 
hier ein inscbriftliches Zeugniss für den Getreidehandel in Aachen zur Römerzeit, was 
um so erwünschter ist, als das Vorkommen von negotiatores und mercatores frumentjirii 
in den Provinzen bisher nur selten aus Inschriften naehgewieson werden konnte. Im An- 
schluss hieran schreibt Dr. Lersch in der angezogenen Abhandlung: Man hat den auf dem 
Stein erwähntem frumentarius für einen einheimischen Fruchthändler angesehen ; vielleicht 
mit Unrecht, da bei jeder Legion frumentarii waren, welche in Inschriften, so oder näher 
bezeichnet als milit(»s frumentarii, vorkommen. 

Aachen. H. Schuoch. 



Frage. 



Christian Quix ist auch als Jugendschriftsteller tbätig gewesen. In Nr. 154 der 
Rheinischen Flora vom 1. Oktober l«20 empfiehlt der Verlagshändler M. Urlichs das bei 
ihm soeben erschienene „Neujahrsgeschenk für Kinder". Von Chr. Quix. 5. Jahrg. Preis 
1 Sgr., das Dutzend 10 Sgr. Bemerkt wird dabei, dass das Schriftchen vom Erzbischöfl. 
General -Vikariat genehmigt und dass diesmal eine starke Auflage gedruckt worden sei, 
denn im vorigen Jahre habe der schnelle Absatz eine 2. Auflage nöthig gemacht. — Kann 
Jemand dem Unterzeichneten Näheres über diese Seite der sehriftstellerischen Thätigkeit 
Quixens mittheilen oder gar ein Exemplar der bezeichneten Schrift zur Kenntniss- 
nahme leihen? 

Aachen. Wacker, 



Druck \on Ükuua^a ivAAi/.KitiN Aacul.s. 



Jährlich f!--8 Nummern KommissioDB-VerlikK 

11 1 Bdgou Royal Oklav. ^^' ' 

Cremer'achen Buchhandlung* 
Preiü dc^ JHhrgangH ,5_ („i„ 

4 Mnrk. in Aachen. 



Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage doa Vereins lieiwnsgegeben von H, Sohnook. 



Nr. 7/8. Dritter Jahrgang. 1890. 

InhnU: I.'. Rhoen, Beitrag zur Baugcscbidite Aachens im 17. Jahrhundert. (FurtscbiunK 
und Schhiss.) — R. l'ick. Woher erhielt der ehemalige MaroleiiHiurm Hcinen Nomon ? — 
<.'. DppcnliofT, Zur Geschichte des Aufenthalts des kaiserlichen General» Grana in Aachen 
im Jahre 1638. - Kleinere Mittheilungeu : Römische losch riftsteine. -~ Promotions- 
urkunde, laut weloher der Aachener Bürger Mathiaa von Thenen von der Universität 
Foul ä Monsson im Jahre 1723 zum Licentiaten beider Rechte ernannt wurde. — Ans der 
Zeil iler rremdherrschaft. — Vereinsaugcicgenhciten : Chronik des Vereins im Jahre 1890. — 
Bliche ran neige. 

Beitrag zur Baugeachichte Aachens im 17. Jahrhundert. 

Von C. Klineti. 

Auch Über Daehdeckermaterial und «ifissen Preise sowie Arbeitslohn 
aind uns Mittlicilungeii ilberkomnien. So kosteten die Geyener Dachschiefer 
(Leyen) bester Sorte jedes Ries ti Gülden, und waren S Ries erforderlich, 
um eine Ruthc zu decken. Das Tausend zu liauen kostete 4 Gulden, und 
ebensoviel wurde für das Kindecken derselben gegeben. Die Quadratruthe 
zu decken kostete 20 Gülden, und wiirdeu sämmtliche Dachfenster- und 
andere Oeffnun^en als voll gerechnet. Die Salm- sowie die Maßleyeu 
kosteten 27 — 28 Schillinge; auf eine Quadratruthe derselben gingen 2000 
Stück, welche zu verdecken 10 — 11 Gülden kosteten. Dachbord kosteten 
14 — 15 Reichsthaler pro 100 Stück. Dachziegel (Pannen) kosteten pro 
100 Stück 9 Gülden, und waren 500 Stück erforderlicli, um eine Ruthe 
zu decken. Das Hundert zu verdecken kostete 2 Gülden. Schindeln kosteten 
pro 1000 Stück ir> Gülden. Dachlatten ans Buchenholz pro laufenden Fusa 
einen Pfenning. — Das gewöhnliche Fensterglas kostete einschliesslich 
Verbleiung pro Quadratfnss einen Gülden, das französische Glas in grossen 
Scheiben dagegen 3 Gülden. Zu Ankern, Streckeisen, Blatten n. s. vr. 



— 08 — 

verarteitetes Eisen kostete pro Pfund 3 Mark. - Wir könnten noch viele 
derartige Preise anführen, doch fürchten wir die Gednld unserer Leser zu 
ermüden, und fahren in unsern Mittheilungen fort. 

Wenn auch der Magistrat sich bemühte, die Preis- nnd Lohnverhält- 
nisse mit den Lieferanten und Arbeitern zu regeln, so konnte es doch nicht 
vermieden werden, dass diese jede Gelegenheit benutzten, unter Um- 
gehung der Verordnungen sich auf Kosten der Bürger zu bereichern. Aber 
auch offen traten sie mit ihren Ansprüchen hervor. So supplizirten die 
Zimmerleute, Schreiner, Steinmetzen und Dachdecker beim Rath um Er- 
höhung des Tagelohnes, welche Supplik ihnen jedoch abgeschlagen wurde. 
Auch kamen die Glaser beim Eath darum ein, dass den fremden, aus- 
wärtigen Glasern die Arbeit in der Stadt verboten werden möge. In dem 
hierauf erfolgenden Bescheide wurde ihnen bedeutet, dass, wenn sie so 
billig arbeiteten wie die auswärtigen Glaser, sie für die Arbeiten vorgezogen 
werden würden. So bestrebte sich der Magistrat, das Interesse der Bürger 
auch den unzufriedenen Arbeitern gegenüber zu wahren. 

Damit dem Aufbau der Häuser kein Einhalt geschähe, erliess der 
Magistrat am 8. Juli 1656 eine Verordnung, dass alle Prozesse über Grenz- 
verhältnisse summarisch abgehandelt werden sollten. Das sogenannte 
ßeschüttungsrecht \ welches geeignet war, die Bürger am Aufbau ihrer 
Häuser zu hindern, wurde im Jahre 1657 auf die Zeit von vier Wochen 
beschränkt. 

Um der allgemeinen Aufregung der Bürger Rechnung zu tragen, 
verordnete der Rath, dass das Haus, in welchem der schreckliche Brand 
entstanden war, demolirt und infamirt werde und dass dasselbe nicht mehr 
aufgebaut werden sollte. 

Die Pächter der abgebrannten Badehäuser waren vom Rath ersucht 
worden, diese Häuser wieder aufzubauen und die dafür ausgelegten Kosten 
jede Woche anzugeben, damit sie ihnen auf die Miethe gutgeschrieben 
würden. Den Eigenthümern der Häuser in der Krämerstrasse wurde erlaubt, 
ihre neuen Häuser höher zu bauen als diejenigen, welche bisher daselbst 
gestanden hatten, jedoch unter der Bedingung, dass dieselben auf ihren 
alten Fundamenten errichtet würden. Den Anwohnern des Radermarktes — 
des jetzigen Münsterkirchhofes — wurde befohlen, ihre neuen Häuser in 
gerader Richtung zu bauen — zu aligniren — , damit die früheren Kiüm- 
mungen in dieser Strasse fortfielen. Auch wurde dem Christenserkloster 
gestattet, seine Kirche, welche hinter der der Kapuziner weit zurück lag, 
bis auf gleiche Linie mit dieser vorzubauen. 

Für den Aufbau der Häuser erliess der Magistrat die sehr vernünftige 
Verordnung, dass die Scheidemauern zwischen den einzelnen Häusern 

') Jus retractionis, Einstands- oder Einspruchsrecht. Nach diesem Rechte war 
jeder Verwandte eines Mannes, welcher ein Haus an einen Fremden verkauft hatte, 
berechtigt, dasselbe binnen Jahresfrist gegen Erlegung der Kaufsumme zurück zu kaufen. 
Um die Lästigkeiten eines solchen Verfahrens zu umgehen, wurden in späterer Zeit die 
Hänser nicht mehr verkauft, sondern formell verpfändet, weil bei einer Verpfändung ein 
Verwandter nicht das Recht hatte, einzusprechen. 



— 99 — 

massiv aufgeführt werden sollten. Auch mussten, unter Strafe von 10 
Goldo^ilden, die Schornsteine höher als das Dach aufgeführt werden und 
letzteres in Ziegel oder Schiefer abgedeckt sein. Zur Anlage der Erker 
wurde mehrfach Erlaubniss gegeben, doch wurde die Anlage von Kicken, 
die zur damaligen Zeit beliebt gewesen zu sein scheinen, verboten. 

Trotz der Bemühungen des Magistrats ging, wie es nicht anders sein 
konnte, der Aufbau der Bürgerhäuser nur langsam von Statten, und dies 
noch um so mehr, als auch gleichzeitig die Wiederherstellung der öffent- 
lichen Gebäude in Angriff genommen worden war, wodurch eine bedeutende 
Menge Geld und Arbeitskräfte in Anspruch genommen wurden. Hierzu kam 
noch der Umstand, dass viele Bürger das zum Bauen nöthige Geld nicht vor- 
räthig hatten, sondern sich dasselbe von anderswoher beschaffen mussten, 
wodurch immer eine zuweilen langdauernde Verzögerung entstand. So kam 
es, dass nach Ablauf von 6 Jahren erst 1600 Bürgerhäuser und andere 
Wohnungen, also pro Jahr etwa 266, fertig gestellt waren, was bei der 
geringen Ausdehnung, welche die meisten dieser Häuser aufwiesen, nicht 
eben sehr viel bedeuten will. 

Wir haben bereits gesagt, dass die Wiederherstellung der öffentlichen 
Gebäude in Angriff genommen worden war. Um das an den städtischen 
Gebäuden zerstörte Mauer- und Steinmetz werk zu repariren, ging der 
Magistrat mit dem Maurermeister Heinrich Li^geois einen Vertrag ein, 
nach welchem letzterer „zweier Soldaten Besoldung" und, wenn er selbst 
mit mauerte, noch einen Reichsort und 6 Kannen Bier als Zulage erhielt. 
Für jeden Knecht (Maurer) erhielt er 25 und für jeden Handlanger 20 
Lütticher Stttber (1,04 und 0,83 Mk. jetzigen Geldes) und je 4 Kannen 
(ä 1,13 Liter) Bier. 

Bekanntlich fiel das Zimmei'werk des Rathhauses, d. h. Dach und 
Thürme, den Flammen zum Opfer. Die Thürme waren, wie das ganze 
Rathhaus, im gothischen Style erbaut. Nach dem Brand wurden sie in 
dem der damaligen Zeit entsprechenden Barockstyl vom Zinmiermeister 
Gerhard Kraus wiederhergestellt. Auch diese Barockthürme hat der Brand 
vom 29. Juni 1883 wieder zerstört, sodass wir uns jetzt der Hoffnung 
hingeben dürfen, in nicht allzu ferner Zeit unser altehrwürdiges historisch 
wie architektonisch gleich bedeutungsvolles Rathhaus in seinem alten 
ursprünglichen Glänze wieder erstehen zu sehen. 

Die Wiederherstellung der städtischen Gebäude scheint mit dem 
Gasthaus, dem Hospital auf dem Münsterkirchhofe, begonnen zu haben, bis 
zuletzt im Jahre 1663 das Gras-, das städtische Gefangenhaus, in Stand 
gesetzt wurde. Die sämmtlichen städtischen Gebäude wurden restaurirt; 
nur das westlich dicht am Marktthurm des Rathhauses gelegene schöne 
Zeughaus ist, aus uns unbekannten Gründen, nicht mehr aufgebaut worden. 

Die Münsterkirche hatte durch den Brand ausser Beschädigungen des 
Mauerwerks ihr gesammtes Dachwerk eingebüsst. Das Chordach wurde in 
seiner früheren Form wieder hergestellt; das Dach des Oktogons, welches 
früher einen spitzen Thurmhelm zeigte, erhielt die jetzige, nach oben 
abgerundete Form mit dem darauf stehenden Tempelchen. Der Thurm 



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erhielt einen Aufbau in Ziegelsteinen mit Hausteineinfassungen an den 
Ecken, und das Dach, welches vor dem Brande sich hoch und schlank 
gleich dem jetzigen erhob, eine fast zeltartige üeberdachung, auf welcher 
ein grosses hölzernes, mit Eisenplatten beschlagenes Kreuz aufgerichtet 
wurde. Auch die andern der Münsterkirche annexen kirchlichen Gebäulich- 
keiten wurden restaurirt, jedoch die beim Brande zu Grunde gegangene 
St. Aegidiuskapelle und das h. Geist-Spital nicht mehr aufgebaut. Die St. 
Foilanskirche scheint bei dem Brande bedeutend gelitten zu haben. Am 
19. April 1657 begann der Restaurationsbau und im Jahre nachher wurde 
mit Genehmigung des Magistrats eine Kollekte zum Nutzen desselben 
abgehalten. Die Arbeiten scheinen mit der Wiederherstellung des Thurmes 
begonnen zu haben, da die Rathsprotokolle besagen, dass im Jahre 1660 
das Dach des Thurmes fertig gestellt und im Jahre 1661 der erste Stein 
zur Erneuerung der Kirche gelegt worden sei. Zu diesem Bau schenkte 
der Magistrat 40000 Ziegelsteine und gab wiederum die Erlaubniss, eine 
Kollekte zum „Besten" desselben abzuhalten. Wir finden nichts darüber 
vermerkt, wann dieser Bau fertig gestellt worden ist. Es muss jedoch 
angenommen werden, dass die Arbeiten mangelhaft ausgeführt waren, da 
im Jahre 1691 eine Erneuerung derselben stattfand. 

Der Wiederaufbau der Jesuitenkirche wurde sofort nach dem Brande 
begonnen und demselben im Jahre 1658 noch nach dem Plane des Jesuiten- 
paters Christoph Braun, der auch das eingestürzte Gewölbe neugefertigt, 
der Thurm beigefügt. Der Neubau des durch den Brand zerstörten 
Kollegiumgebäudes des Jesuitenklosters begann 1668. Das Dominikaner- 
kloster nebst dessen Kirche wurde nur langsam wieder hergestellt, dahin- 
gegen begannen die Pönitenten in der Adalbertstrasse sofort ihren Kloster- 
bau, der 1657 bereits vollendet war; die Kirche wurde jedoch erst 1668 
eingeweiht. Im letztgenannten Jahre wurde auch am Wiederaufbau der 
Gebäude des Kreuzherrenklosters gearbeitet, wozu der Magistrat 400 Traven 
schenkte. Auch das sogenannte Gasthaus, das Spital der Elisabetherinnen 
auf dem Münsterkirchhofe, wurde wieder aufgebaut; die Wohngebäude 
waren bereits 1658, das Krankenhaus 1660 fertig gestellt; die Kirche 
wurde 1662 eingeweiht. Die in der Pontstrasse gelegene Augustinerkirchc 
wurde 1663 und unter Benutzung des untern Theils des Mauerwerks der- 
selben fertig gestellt; dieselbe wurde 1678 eingeweiht. Die Kirche des 
Beguinenhofes zu St. Stephan wurde 1673 wieder aufgebaut. Erst im Jahre 
1683 schritten die Alexianerbrüder zum Bau ihrer durch den Brand zer- 
störten Kirche, die sie auch im nämlichen Jahre noch unter Dach brachten. 

Auch die Zünfte begannen ihre Versammlungslokale (Leuven) in Stand 
zu setzen. So hatten kurz nach dem Brande die Fleischer auf der Stelle 
der (damaligen) neuen Fleischhalle — dieselbe, welche noch vor 25 Jahren 
neben der ehemaligen Markthalle, an der Stelle der jetzigen Retheistrasse 
stand — einen überdachten Raum geschaften, in welchem sie ihr Fleisch 
verkauften. Da nun von dieser Stelle aus Wasser in den darunter liegen- 
den Keller, welcher der Brauerzunft gehörte, floss, beklagten die Brauer 
sich beim Rath. Dies veranlasste letzteren, bei denjenigen Zünften, 



— 101 — 

welche ihre Versammlungslokale über der Fleischhalle gehabt hatten, 
anzufragen, ob sie dieselbe nicht wieder aufbauen wollten, welches dann 
auch im Jahr 1668 geschah. Zum Aufbau ihrer Fleischhalle hatten die 
Fleischer die Summe von 1000 Rchsthlr. aufgebracht, weshalb ihnen eine 
fünfjährige Befreiung vom Standgeld gewährt wurde. Auch die übrigen 
Zünfte hatten ihre Leuven wieder aufgebaut. 

So gingen allmählig die städtischen und kirchlichen Bauten ihrer 
Vollendung entgegen, doch wollte es mit den Bürgerhäusern noch immer 
nicht recht vorwärts. Die Anordnung des Magistrats, dass die Grenz- 
mauern zwischen den Nachbarhäusern massiv hergestellt werden sollten, 
bedingte, dass jedes Haus, welches dieselbe nicht auch früher besessen 
hatte, von Grund aus neu aufgeführt werden musste. Diese Verordnung 
war, wenn auch eine nützliche und vernünftige, doch für den Bürger eine 
harte und schwere; da den meisten derselben das Geld zu solchen Neu- 
bauten fehlte, blieb vorderhand manches Haus unaufgebaut. 

Bei den grossen Kosten, welche der Wiederaufbau ihrer Häuser den 
verarmten Bürgern auferlegte, konnte es nicht ausbleiben, dass dieselben 
sich halfen, wie sie nur eben konnten. Altes Baumaterial und noch stehen- 
gebliebene Mauerreste wurden bei den Neubauten, so gut es ging, verwandt, 
bewirkten aber, dass einerseits schon nach kurzer Zeit sich bedenkliche 
konstruktive Fehler zeigten, die einen abermaligen Um- oder gar Neubau 
nöthig machten, und dass andrerseits ein durchaus ärmliches Aussehen der 
Häuser erzielt wurde. Die Ersparnisse zu unrechter Zeit und am unrechten 
Orte hatten eben doppelte und dreifache Unkosten zur Folge. Von diesen 
schlechtgebauten Häusern besteht jetzt keins mehr; diejenigen, die noch 
aus der Zeit herrühren, weisen alle eine gute, tüchtige Bauweise auf. Aber 
trotz allen guten Willens der Bürger und trotz des grossen Entgegen- 
kommens des Magistrats ging der Wiederaufbau der Stadt nur langsam 
von Statten ; die grosse Mittellosigkeit trat auf Schritt und Tritt bindernd 
in den Weg. Im Jahre 1697 und zu Anfang selbst des 18. Jahrhunderts 
noch gab es mit Brandschutt bedeckte Baustellen, die vergebens auf einen 
Bauherrn warteten. 

Die Häuser der besser situirten Bürger, der Patrizier und Adeligen, 
welche meist massiv ausgeführt waren, verursachten bezüglich ihres Auf- 
baues verhältnissmäßig weniger Schwierigkeiten und Kosten als die Bürger- 
häuser. Da die Mauern der erstbezeichneten Häuser beim Brande meist 
stehen geblieben waren, so konnte sich die Wiederherstellung derselben 
auf das Dach und den Innern Ausbau beschränken. Selbstredend war 
auch die ganze innere und äussere Bauart dieser Häuser eine durchaus 
solide und dauerhafte. 

Wir haben uns mit dem grossen Aachener Stadtbrande deshalb etwas 
eingehender beschäftigt, weil er gleichsam die Grenzscheide zwischen der 
alten und der neuern Bauweise bildet. 

Die Anlage und Disposition der nach dem Brande entstandenen 
Aachener Häuser erfuhren im Allgemeinen nur in den Neubauten eine 
bemerkenswerthe Veränderung, da diejenigen Häuser, deren Mauern erhalten 



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geblieben waren, meist nach dem alten Grundriss wieder aufgebaut wurden. 
Die Neubauten wichen in Grund- und Aufriss von den frühern ab. So 
wurde der in früherer Zeit verhältnissmäßig selten vorkommende Durchgang 
von der Strasse zum Hofe jetzt fast allgemein angelegt und nur die ganz 
schmalen Häus'chen, welche durch Abtreten eines solchen Ganges im Erd- 
geschoss zu sehr beengt worden wären, oder Häuser, welche nur ein 
unbedeutendes Terrain hinter dem Vorderhause hatten, blieben bei der 
frühem Einrichtung. In diesem Durchgang, dicht an der Fagadenmauer, 
lag die Eingangsthür zu den Wohnzimmern des Erdgeschosses, und unge- 
fähr in der Mitte der Haustiefe die zu den Etagen führende . Treppe. Bei 
dem jetzt beliebten Einschieben des Treppenraumes, welcher meist eine 
ziemlich bedeutende Tiefe einnahm, in den Raum der Geschosse, fand man 
es angemessen, diesem eine Travenbreite in der Haustiefe einzuräumen, 
wodurch neben, beziehungsweise hinter der Treppe, zwischen dem vordem 
und hintern Zimmer, ein in der .Regel dunkler Raum entstand, der meist 
als Alkove verwendet wurde. In die Zimmer der oberen Geschosse gelangte 
man von einem im Treppenhause belegenen Vorplatze aus, in welchem die 
Thüren des vorderen und hinteren Zimmers lagen. 

Die Treppen waren entweder Spindel- oder Wendeltreppen; gerade 
Treppen wurden nur selten angewandt. Die Wendeltreppen bedingten eine 
grössere Haustiefe als die Spindeltreppen ; daher die Erscheinung, dass mit 
solchen Treppen versehene Häuser das heutige Maß der Häusertiefen weit 
überholten. 

Die Verordnung des Magistrats, die an den Nachbar angrenzenden^ 
Mauern massiv auszuführen, bedingte bei vielen Häusern einen Neubau von "^ 
Grund aus, da die Fundamentmauern derselben in Kellertiefe angelegt 
werden mussten. Die Keller, von welchen früher viele mit einer einfachen 
Balkendecke versehen waren, wurden jetzt meist mit einem Tonnengewölbe 
überspannt, welches mit seiner Axe nach der Tiefe des Hauses lag. Da 
der Dmck der Tonnengewölbe der nebeneinanderliegenden Häuser sich 
gegenseitig aufhob, so konnten die Widerlags- b^zw. Tragemauem in einer 
verhältnissmäßig geringen Stärke angelegt werden. Die vordere und die 
hintere Kellermauer ging selten über zwei Steinstärke hinaus. Der Zugang 
zum Keller lag gewöhnlich unter der Haustreppe; doch führte auch häufig 
von der Strasse aus eine Treppe zum Keller hin, zu welcher alsdann vom 
Hausflur oder vom vordem Zimmer aus eine kleine Nebenstiege hinführte. 

Die Umfassungsmauern hatten vom Erdgeschoss ab bis zur Giebel- 
spitze eine Stärke von meist nur einem Steine. Nur ausnahmsweise finden 
wir die Fa^ade des Erdgeschosses in grösserer Stärke ausgeführt, und dies 
meist nur dann, wenn dieselbe durch mehrere oder grössere Oeffhungen 
durchbrochen ist. Die Etagenhöhen, gewöhnlich im Erdgeschoss am 
bedeutendsten, variirten in der Regel zwischen 2.50 bis 3,50 ra. An den 
Häusern, welche ihre Giebelseite nicht zur Strasse hin hatten, war auf 
dem Söller ein Kniestock angebracht, d. h., die Mauern der vordem und 
hintern Fagade waren etwa kniehoch über die Bedielung des Kellers auf- 
getlihrt. Die Balken oder Unterzüge lagen in der Quere des Hauses mit 



— 103 — 

den Köpfen in den massiven Nachbarmauern und häufig auf einem konsol- 
artig zugehauenen vorgekragten Steine. In den Häusern, welche eine 
parallel mit dem Hausgang liegende Wendeltreppe hatten, lagen in der 
Regel in der Haustiefe vier Balken, und zwar einer in der Mitte des 
vordem Zimmei-s, der andere zwischen diesem Zimmer und dem Alkoven- 
beziehungsweise Treppenraum, der dritte zwischen diesem und dem hintern 
Zimmer und der vierte mitten über lotzterm. Durch die Lage der Balken 
erhielten die Traven ihre Richtung nach der Tiefe des Gebäudes, und 
wiederholte sich diese Lage der Balken und Traven mit mehr oder minder 
Uebereinstimmung in allen Etagen des Gebäudes. Das Holzwerk wurde 
meist kräftiger genommen, als es in den frühern abgebrannten Häusern 
der Fall war, was wohl dem Umstände zu verdanken war, dass das Bauholz 
vom Magistrat unentgeltlich geliefert wurde. An den Häusern, deren 
Giebel an der Strasse standen, flaclite selbstverständlich das Dach sich 
nach der Nachbarseite ab und bildete mit dem Nachbardach eine grosse, 
durch Blei gefütterte Dachrinne; an denen jedoch, deren Giebel nach dem 
Nachbarhause gerichtet waren, begann das Dach auf dem Mauerwerk des 
Kuiestocks, und flachte es nach der vordem und hintern Seite sich ab. 
Ln letztern Falle war am Rande des Daches eine Reihe von kurzen Hölzern 
vorgekragt, auf welchen die mit Bleiplatten ausgefütterte Dachrinne, der 
sogenannte Kandel, angebracht war. Das Dach war meist mit Ziegeln 
abgedeckt. 

In der Regel wurden erst, nachdem das Gebäude unter Dach gebracht 
war, die Kamine aufgeführt, und war jedes Zimmer mit einem solchen 
versehen. Die grossen vorgekragten Rauchmäntel der frühem Zeit kamen 
in Wegfall und wurden jetzt, so weit der Feuerraum vor die Mauer trat, 
neben jenem an beiden Seiten Pfeiler vorgemauert, auf welchen der Schorn- 
stein angesetzt wurde. Da die Kamine im Erdgeschoss, gewöhnlich in der 
Mitte der Zimmer, meistens unter dem Balken angesetzt wurden, so musste 
der Zug des Schornsteins in der Weise geschleift werden,, dass er den 
Balken nicht berührte, weil dieser leicht hätte in Brand gerathen können, 
wenn er der Hitze des Feuerzugs ausgesetzt wurde. Diese Schleifung 
geschah immer nach der Mitte des Hauses zu und wurde dadurch die 
Möglichkeit gewonnen, in der darüber liegenden Etage wiederum den 
Kamin, unbehindert durch den Rauchfang des darunter liegenden Raumes, 
in der Mitte des Zimmers ansetzen zu können. In dieser Weise ging es 
durch die Etagen weiter, bis auf dem Söller die Schloten der Kamine der 
vordem und hintern Zimmer zusammengeschleift und dann zum Dache 
hinausgeführt wurden. 

Die Fagaden der nach dem grossen Brande errichteten Häuser wiesen 
grosse Verschiedenheit gegen die früher errichteten auf. Zeigten jene 
in Form und Anlage Mannigfaltigkeit und Leben, so fand man in diesen 
nur Ruhe und Monotonie. Der Styl, in dem sie ausgeführt wurden, war 
das damals herrschende Barock. Die bisher beliebten, die Strassen beleben- 
den Vorsprünge und Erker waren in Wegfall gekommen; jetzt zeigten die 
Fa§aden nur ebene und monotone Flächen. Die Hauptverziemng der 



— 104 — 

Fa^aden bestand aus einem leichten Gesims, welches aus Karmies, Plätt- 
chen und darunter befindlicher Hohlkehle bestand und an allen Häusern 
in gleicher Höhe und Abmessung, ohne allen Unterschied im Profil, vorkam. 
An den bessern Häusern wurde es unmittelbar über den Thttr- und Fenster- 
stürzen in der Vorderfa^ade angebracht und nahm meist die ganze Breite 
der Fagade ein. Die Fenster- und Thürötfuungeu waren alle horizontal 
abgedeckt; zuweilen wurde der Obersturz der sonst niedrigen Strassenthür 
an seinen Enden von Konsolen unterstützt, die das obere Stück A^r Seiten- 
einfassung bildeten; auch wurde zuweilen oberhalb der Thür ein achteckiges 
oder ovales Oberlicht anstatt eines viereckigen im Mauerwerk angebracht. 
Die Fenster wurden zwar auch jetzt noch meist als Kreuzfenster ausgeführt, 
doch fehlte die anmuthige und originelle Gruppirung derselben, wie wir 
sie an den frühern Häusern fanden. Einzig und allein in der au der 
Strasse stehenden Giebelspitze war neben dem Hauptfenster an beiden 
Seiten noch ein kleines Nebenfenster angebracht, das jedoch mit ersterm 
auf der nämlichen Fensterbank ansetzte. An den Häusern der minder gut 
situirten Bürger waren die Thür- und Fenstereinfassungen in Holz ohne 
jeden Schmuck hergestellt. An den meisten Häusern, die mit ihren Giebeln 
an der Strasse lagen, waren die dem Giebelsparren entlang laufenden Holz- 
verzierungen der frühern Zeit beibehalten; nur trugen dieselben jetzt den 
Charakter der Renaissance in dem breiten und flach ausgearbeiteten Schnitz- 
werke; doch selten wurde diese Verzierung durch eine Spitze gekrönt. 
Noch jetzt sieht man an mehreren aus jener Zeit überkommenen Häusern 
diese Verzierungen, welche immer einen guten Eindruck machen. An den 
Häusern, deren Dachneigung der Strasse zugekehrt war, wurde zur Er- 
leuchtung des Söllers auf dem Kniestock ein Fenster in Holzrahmen auf- 
gerichtet, welches in seiner einfachen Form sich an das Dach anlehnte. 
Nicht selten wurde an Häusern von grösserer Breite ein kleinerer, nicht 
die ganze Hausbreite einnehmender Frontongiebel, wie solche in der Zeit 
vor dem grossen Brande sich mehrfach vorfanden, aufgesetzt, in welchem 
alsdann oft zwei oder mehrere schmale Fenster zusammengekuppelt ange- 
bracht waren. Die Spitze des Giebels wurde alsdann ähnlich wie die der 
andern Häuser geschmückt. 

Der innere Ausbau der Bürgerhäuser vollzog sich meist in einer 
schlichten Weise. Die in diesen Häusern noch vorfindlichen Schreiner- und 
andern Arbeiten sind daher meist nur in durchaus einfacher Weise gefertigt ; 
Treppen und Thüren wurden meist eben nur zur Nothdurft fertig gestellt; 
von der manchmal so schönen Ausführung, welche die Haustheile vor dem 
Brande zeigten, findet sich nur selten mehr eine Spur. 

Das Streben, sein Haus fertig zu sehen, um aus den Unannehmlich- 
keiten, welche das Bauen mit sich bringt, heraus zu kommen, liess auch bei 
dem Patrizier die Vorliebe für prächtige Ausführungen nicht in dem Maße 
aufkommen, wie dies bei seinen Voreltern der Fall gewesen; doch wurden 
im Allgemeinen die Patrizierhäuser in leidlicher Weise wieder hergestellt. 

Die abgebrannten Höfe der Adeligen und der geistlichen Würden- 
träger wurden ebenfalls wieder aufgebaut. Aber ihrem Zwecke entsprechend. 



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nur als Absteigequartier zu dienen, wurden sie in solider, jedoch schmuck- 
loser Weise aufgeführt. Erst in späterer Zeit, als dieselben, von den 
bisherigen Eigenthümern veräussert, in Privathände übergingen, wurden 
mehrere derselben zu prachtvollen Wohnungen umgestaltet. 

Die Ausführung von kirchlichen Neubauten, welche schon kurz nach 
der Unterdrückung der religiösen Streitigkeiten in Aachen begonnen hatte, 
setzte sich auch nach dem grossen Brande weiter fort. So begann der 
Bau des Clarissenklosters in der Kleinmarschierstrasse, welcher schon 
vor dem Brande geplant worden war, gleich nach demselben; zum Bau 
des Discalceatessenklosters und der Kirche in der Pontstrasse — das 
jetzige Josephinische Institut — wurde 1660 seitens des Magistrats die 
Erlaubniss gegeben. 1663 fand die Erneuerung der Kirche und 1666 der 
Neubau der Schule des Karmeliterklosters statt. Die Kirche der Weissen 
Frauen in der Jakobstrasse, welche baufällig geworden war und durch 
den Brand gelitten hatte, wurde 1668 wieder aufgebaut; das Annuntiaten- 
kloster und seine Kirche wurde 1668 begonnen und die Kirche 1678 
eingeweiht. Auch wurden 1683 das Sendgerichtgebäude neugebaut und 1686 
am Kloster St. Leonhard bedeutende Vergrösserungen ausgeführt. 

So war der Stand des Bauwesens in Aachen einige Jahre nach dem 
Brande von 1656. Es ist in demselben in Bezug auf Architektur und Kunst 
leider kein Portschritt, sondern ein Rückschritt zu konstatiren. Zwar war 
die Baukunst im Allgemeinen in Deutschland durch die schrecklichen 
Religionskriege nicht besonders fortgeschritten, allein nirgendwo hat sie 
einen so traurigen Verlauf gehabt wie in Aachen. Das pittoreske Aussehen, 
welches sich so oft in Städten zeigt, in denen sich noch aus dem Mittel- 
alter herrührende Gebäude vorfinden, war von Aachen genommen worden 
und die traurigen Verhältnisse, in welchen die Stadt sich befand, haben 
nicht gestattet, dasselbe auch nur annäherungsweise wieder herzustellen. 

Die soziale und die politische Lage Aachens war, besonders nach 
dem grossen Brande, eine recht traurige geworden. Die hier noch bestehenden 
Fabriken konnten nur sehr langsam wieder in Thätigkeit kommen, da die 
Rohstofiflager zum grössten Theil abgebrannt waren. Es war besonders 
nachtheilig für die Stadt, dass zwei blühende Geschäftszweige, die Kupfer- 
fabiikation und die Waffenfabriken, nach dem Brande von Aachen nach 
Auswärts zogen. So Hessen sich die damaligen Kupfermeister Mathias 
Pelzer, Adam Schardinell, Peter Verken, Jodocus Beeck, Johann Kalk- 
brenner und Johann Geyer in Stolberg nieder, wo sie, noch jetzt blühende 
Geschäfte gründeten ; Marzellus Thiers und Johann Hütten hatten in Forst, 
ausserhalb des Aachener Reichs ihre Schmelzöfen angelegt. Die Waffen- 
fabrikanten zogen grösstentheils nach Lüttich, wo sie neue Fabriken ins 
Leben riefen und die betreffende Fabrikation in dieser Stadt derart empor- 
hoben, dass sie einen Weltruf erlangte. Auch viele Tuchfabrikanten wanderten 
aus und Hessen sich meistens in Düren nieder, wo sie ihr Geschäft mit 
grossem Erfolg fortsetzten. Durch den Verzug dieser Fabrikationszweige 
entgingen der Stadt reiche Erwerbsquellen, was natürlich für den Aufbau 
der Häuser nicht ohne nachtheilige Folgen blieb. Hierzu traten noch die 



— 106 — 

damaligen politischen Verhältnisse. Durch die fast beständigen Kriege 
zwischen den potenten Nachbaren, unter welchen Aachen ganz besonders 
litt, war die Stadt genöthigt, die Festungswerke mit grossen Kosten zu 
restauriren und zeitweilig 800 Mann Soldaten zu deren Vertheidigung zu 
unterhalten. Mehr noch als hierdurch wui^de sie geschädigt durch die 
schweren Kriegskontributionen, welche von der Zeit des grossen Brandes 
ab bis zum Jahre 1690, also in nur 34 Jahren, abgesehen von andern 
schweren Kosten, welche Einquartirungen, Naturallieferungen und dergleichen 
mehr verursachten, in baarem Gelde sich über 450000 Rchsthlr. beliefen. 
Es dürfte wohl nicht zu hoch angeschlagen sein, wenn die Summe, welche 
die Stadt damals aufzubringen hatte, auf eine Million Bchsthlr. bestimmt 
wird, eine für die damaligen städtischen Verhältnisse, bei einer fast ver- 
armten Einwohnerschaft von nur etwa 24000 Seelen, geradezu unerschwing- 
liche Summe. 

Nach dem Ryswyker Frieden — geschlossen 1697 — gestalteten 
sich für unsere Stadt die Verhältnisse etwas besser. Wenn auch von da 
ab die Kriegskontributionen nicht völlig aufhörten, so wurden sie doch 
nicht mehr in dem Maße gefordert, wie in den letztern Jahrzehnten, und 
die Stadt konnte sich, wenn auch nur langsam, von all dem Unglück, 
welches sie betroffen, einigermaßen erholen. Zur Verbesserung der finanzi- 
ellen Verhältnisse trug wesentlich der Aufschwung, den das Badeleben 
in Aachen nahm, bei. Dieses wurde durch die hiesigen Aerzte Fabrizius 
und Blondel auf eine gewisse Höhe gebracht, und bildete später eine 
ständige Einnahmequelle für die Stadt. 

Das 18. Jahrhundert musste in baulicher Hinsicht wieder gut machen, 
was das 17. Jahrhundert verbrochen hatte; und in der That sehen wir in 
diesem Zeiträume eine ganze Reihe stattlicher Neubauten, ganz abgesehen 
von den vielen Reparaturen, in unserer Vaterstadt entstehen. Der geniale 
Stadtbaumeister J. J. Couven, der den damals so beliebten Rococostyl 
vollständig beherrschte, hat dazu gewiss nicht das Wenigste beigetragen. 



Woher erhielt der ehemalige Marelenthurm seinen Namen? 

Von R. Pick. 

In Nr. 5 dieser Zeitschrift hat H. Kelleter eine kurze auf den ehe- 
maligen Marelenthurm bezügliche Mittheilung, die ich ohne Nennung meines 
Namens vor mehrem Jahren in der Aachener Volkszeitung veröffentlichte, 
zum Gegenstand einer langem Besprechung gemacht. Da H. Kelleter der 
harmlosen Publikation (schon der Ort ihrer Veröffentlichung lässt über ihre 
Anspruchslosigkeit keinen Zweifel) eine gewisse, kaum verdiente Bedeutung 
beilegt, so bin ich veranlasst, auf die Bemängelungen desselben an dieser 
Stelle zurückzukonunen und zu deren Beleuchtung zunächst den Wortlaut 
des betreffenden Artikels hierher zu setzen. 

„Zu den längst verschwundenen Thürmen*', so schrieb ich, „welche 
die im 14. Jahrhundert erbaute äussere Ringmauer der Stadt Aachen hatte. 



— 107 — 

gehörte auch der z\\'ischen Rosthor und Jakobs thor" (so Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins I, S. 37, richtig Marschierthor) „gelegene 
Mareillen- oder Marillenthurm. Derselbe wurde 1782 abgebrochen, seine 
Steine benutzte man zum Bau der neuen Kedoute. Quix nimmt an, dass 
er seinen Namen von dem Mareill-Bächelchen entlehnt habe und stützt 
sich hierbei auf ein „altes Mtthlenregister", das aber in Wirklichkeit erst 
im Jahre 1756 angelegt wurde. Weit wahrscheinlicher ist, dass der kleine 
Bach nach dem Thurm benannt worden, dieser letztere aber seine Benennung 
von einem Bewohner des Thurmes, Namens Mareel, erhalten habe. Von 
Bedeutung ist in dieser Hinsicht ein städtisches Rathsprotokoll vom 23. 
Februar 1662, worin es heisst: „Dem supplici r enden Johanßen Mareel hat 
Ein Ehrbar Raht bey der Bewohnung unten im Mareelenthurn auß vor- 
brachten Ursachen continuirt." Der Wortlaut lässt die Annahme zu, dass 
der Thurm schon vorher von der Familie des Johann Mareel bewohnt war. 
üebrigens begegnet der Personenname Mareel schon im 15. Jahrhundert 
in Aachen. Eine gleiche Bewandtniss hat es mit einem alten, kolossalen 
Mauerthurm in dem Städtchen Oberlahnstein, der von einer Familie Zipps, 
die ihn lange Jahre bewohnt hat oder noch bewohnt, den Namen Zipps- 
thurm trägt. ^ 

Den Haupteinwand gegen die hier ausgesprochene Vermuthung ent- 
nimmt nun H. Kelleter Scheins' Abhandlung über die Jesuitenkirche zum 
h. Michael in Aachen (Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins V, S. 82), 
die „für denselben Thurm schon 1615 die Form Morellenthurm habe und 
zugleich zeige, dass schon damals für den Bau des Gymnasiums und später 
der Kirche der Jesuiten Steine vom Morellenthurm benutzt worden seien". 
„Heisse der Thurm", so folgert H. Kelleter, „schon 1615 Morellenthurm, 
so könne er doch nicht 1662 Mareilenthurm heissen, weil dann erst ein 
Mann Mareel (feste Namensform) in ihm wohne." Der Schluss würde 
richtig sein, wenn die Voraussetzung begründet wäre. Das ist aber leider 
nicht der Fall. Die angeblich beweisende Stelle bei Scheins lautet: „Noch 
in demselben Jahre 1618 wurden die Fundamente (der Jesuitenkirche) 
gelegt, zuerst zur Gängstrasse hin, dann im ganzen Umfange des geplanten 
Bauwerkes. Für Bausteine hatte der Magistrat gesorgt. Als er nämlich 
1615 den Jesuiten die Steine des durch den protestantischen Magistrat 
niedergelegten Morellen(Marillen-?)thurmes zum Baue des neuen Gjrmna- 
siums schenkte, blieb noch eine Anzahl übrig, die man jetzt für einen 
Theil des Kirchenfundamentes verwendete." Der besonnene Forscher pflegt 
die Nachrichten Anderer, welche er für seine Arbeiten benutzen will, auf 
ihre Zuverlässigkeit zu prüfen ; es ist, wie mir dünkt, doppelt nothwendig, 
wenn man sie als Rüstzeug zu Angriffen zu verwerthen beabsichtigt. Hätte 
H. Kelleter dies im vorliegenden Falle gethan, so würde er, wenigstens 
nicht mit den Scheins'schen Angaben, mir entgegengetreten sein. Ich will 
denn das von ihm Versäumte hier nachholen. 

Scheins hat zu seiner Abhandlung, wie man aus deren Einleitung 
(S. 75 f.) ersieht, zwei aus dem hiesigen Jesuitenkloster stammende Hand- 
schriften benutzt, die beide in den zwanziger Jahren des vorigen Jahr- 



— 108 — 

hunderts verfasst worden sind. Die eine von Dezember 1726 bis Jiuii 
1727 angefertigte und bis 1745 fortgeführte wurde von Käntzeler in den 
Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein XVII, S. 30 ff. aus- 
zugsweise veröffentlicht und befindet sich im städtischen Archiv, die andere 
in der Königlichen Bibliothek zu Berlin aufbewahrte ward von dem Rektor 
Lambert du Chateau, unter welchem auch die erstere Handschrift entstand, 
im Jahre 1729 in dem Zeitraum von kaum fünf Mopaten verfasst. Was 
bringen nun beide Handschriften über den „Morellenthurm"? Die im hiesigen 
Archiv befindliche berichtet zum Jahre 1614: Magistratus nobis emit par- 
vulam domum, in qua pars scholarum est aedificata. Eodem anno dedit 
partem turris dictae Ponellenthum pro scholis et templo aedificando ^ Also 
nicht von einem „Morellenthurm**, sondern von dem Ponellenthurm, der in der 
Nähe des Marelenthurms mehr nach dem Marschierthor hin lag, ist hier 
die Rede. Wie der Wortlaut der andern Handschrift ist, vermag ich in 
diesem Augenblick nicht anzugeben, doch darf man mit ziemlicher Gewiss- 
heit annehmen, dass auch in ihrem Bericht der Ponellenthurm genannt, 
sicherlich aber gemeint ist, um so mehr, als dort beigefügt wird, dass der 
protestantische Magistrat den Thurm niedergelegt habe, was von dem 
Ponellenthurm, nicht aber von dem Marelenthurm bezeugt ist, wie man 
aus Noppius, Aacher Chronick, Buch I, S. 16 ersehen kann. Da heisst es 
nämlich: „Die aufwendige Statt hat auch viel schöner hoher Thürn und 
Wachthäuser, darab zwischen Bortschierder und Rost Pforten stehender 
hoher Thurn die grosse Ponell genant, in Zeit der üncatholischen Regierung 
vom Jahr 1611 biß 1614 gleichs der Statt Mawren ist abgelagt worden." 
Hiernach erweist sich der angebliche Morellenthurm in den beiden Hand- 
schriften des Jesuitenklosters nur als ein Phantasiegebilde, das unkorrekter 
Forschung seine Entstehung verdankt. Aber angenommen auch, es hätte 
sich wirklich in diesen Handschriften jene Namensform gefunden, was 
würde denn damit bewiesen sein? Höchstens doch nur, dass der Thurm 
zur Zeit der Niederschreibung der Handschriften, also im 18. Jahr- 
hundert so hiess, keinesfalls aber auch, dass man ihn 1614 oder 1615 so 
genannt hat. Die Form Morellenthurm kommt meines Wissens in keiner 
lokalen Urkunde des 17. oder eines andern Jahrhunderts vor, während die 
durch ein amtliches Protokoll vom Jahre 1662 bezeugte Form Mareelen- 
thurm bereits in einer Urkunde vom 8. April 1628 („gegenüber Marelen 
thurn"), auf die ich unten zurückkommen werde, begegnet. Diese letztere 
Form bleibt also die älteste bisher bekannte, von der vorläufig und bis 
eine noch frühere urkundlich festgestellt ist, die Erklärung des Namens 
auszugehen hat. 

Was nun den von mir vermutheten Zusammenhang des Thurmnamens 
mit dem Namen der Familie betrifft, die den Thurm im 17. Jahrhundert 
bewohnte, so hat diese Annahme durch die Bemängelungen des H. Kelleter 
und die dadurch veranlassten weitern Nachforschungen meinerseits erst 



*) Deutsch: Der Magistrat kaufte uns ein kleines Haus, das zu einem Theil der 
Schulen umgebaut wurde. In demselben Jahre schenkte er uns einen Theil des PoneUen- 
thurms zum Bau der Schulen und der Kirche. D. B. 



— 109 — 

recht ihre Bestätigung erhalten. Gegen seine Ansicht, dass der Marelenthurm 
nach einer in ihrer Ausdehnung von ihm selbst willkürlich konstruirten 
Feldflur Marill benannt sei, spricht schon der Umstand, dass keiner der 
zahlreichen Thürme, welche sich an der Aussenmauer unserer Stadt befanden, 
von einer vor ihm liegenden Flur seine Benennung entlehnt hat, jene vielmehr 
nach ganz andern Dingen und nicht zum kleinsten Theile von Personen 
benannt worden sind. Aehnliches wird sich wohl von den Mauertliürmen 
sonstiger Städte nachweisen lassen. Zudem hat sich aber auch die Flur 
Marill (1599 vor Jakobsthor „an Merill") meines Erachtens niemals, sicher- 
lich aber nicht im 14. Jahrhundert bis in die Gegend des Marelenthurms 
erstreckt, da uns in Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts in dem von 
H. Kelleter für jene Flur angenommenen Distrikt zahlreiche andere alte 
Flurnamen begegnen. Wie hätte man also auf den Einfall kommen sollen, 
den Mauerthurm nach einer fern gelegenen, bedeutungslosen Flur zu 
benennen? So leichtfertig wie heute haben unsere Vorfahren mit den 
Namen nicht gespielt. 

Der von H. Kelleter vertretenen Meinung steht aber vor Allem die 
ihm entgangene Thatsache entgegen, dass der Marelenthurm in den frühern 
Jahrhunderten seines Bestehens eine von der spätem völlig verschiedene 
und in keinem Zusammenhang damit befindliche Benennung gehabt hat. 
Dass ein Namenswechsel gerade bei Befestigungsthürmen keineswegs selten 
ist, weiss jeder umsichtige Forscher. Man denke z. B. nur an den aus 
Oberlahnstein angeführten Zippsthurm, sowie, um ein paar näher liegende 
Beispiele heranzuziehen, an die hiesige Marienburg (zwischen Pont- und 
Sandkaulthor), welche seit dem 17. Jahrhundert Breuers- oder Brauers- 
thurm hiess, und an den Langen Thurm, der im Volke kaum anders noch 
als unter der Bezeichnung Pulverthurm bekannt ist. 

Fragt man nun, wie der Marelenthurm, bevor er diese seine Benennung 
erhielt, geheissen habe, so lässt uns freilich die lokale Literatur im Stich, 
dagegen geben die Urkunden des städtischen Archivs über den Namen 
sichere Auskunft. Aus Schöflfenbriefen von 1551, 1552 und 1556 geht 
hervor, dass eine Familie Beck damals in der Mörgensgasse ein Haus, 
Hof und Erbe mit Baumgarten, Weihern und sonstigem Zubehör, das 
spätere, durch Schenkung der Agnes Heusch 1681 in den Besitz des 
Jesuitenklosters tibergegangene Gut Krakau, ganz oder theilweise besass. 
Durch Urkunden vom 29. April 1551 und 30. Januar 1552 übertragen 
Wittwe Peter Beck und Genossen ihren Antheil an der Hälfte eines Hauses, 
Hofs und Erbes, „dannaiff dat gantze huyß, hoif und erff mit synen bongart, 
weyeren und mit dem kleinen huyßgen darup stainde, vort mit allen andern 
synen rechten und zubehoer stiet und gelegen is in die Moirgenßgass, 
tuisschen den tzwen wegen nae Pauwenellenthorn und Karlsthorn gainde, 
stuest up der statt wall** an Jakob Beck. Auf der Eückseite der Urkunde 
von 1552, in welcher die Lage des Besitzthums durch den Zusatz „einer- 
seits dem Kloster Marienthal, andererseits dem Eigenthum des verstorbenen 
Mathias Beck gegenüber*' noch näher präzisirt wird, ist von etwas späterer 
Hand vermerkt : „Dit iß van den morgenßgaß hoff", während die Rückseite 



— 110 — 

einer zweiten Ausfertigung derselben Urkunde ebenfalls von späterer Hand 
den Vermerk „Krackaw betreflfent" trägt. Durch Urkunde vom 19. Dezember 
1556 verkaufen Peter Beck und Genossen den von ihrem Oheim Johann 
Beck geerbten Antheil an der IJälfte desselben Hauses, Hofs und Erbes, 
„dannaiff dat gantze huyß, hoff und erff mit allen synen rechten und zu- 
behoir steit und gelegen is in die Moergenßgaß, tuschen den tzwen wegen 
nae Paunellenthom und Karlsthom gainde, stuest up der stat wall* an 
die Wittwe Jakob Beck. Weiteres hören wir dann über die Besitzung in 
der bereits oben erwähnten Urkunde vom 8. April 1628, durch welche, 
unter Verzichtleistung der Barbara Beck, Wittwe Leonard Momma, auf 
die ihr zustehende Leibzucht, Engen (Anna) Momma für sich und Namens 
ihres im Ausland weilenden Bruders Gerlach, ferner Balthus Momma und 
Isaak Beck, letztere als Vormünder der elf minderjährigen Kinder Monmia, 
der Christine Spillemächers, Wittwe des Werkmeisters Andreas Fingers, 
für ihre zwei Kinder aus erster Ehe mit dem Baumeister Johann Husch, 
nämlich Theodor Husch, Wittwer von Maria von Weiler, und Kunigunde 
Husch, Ehefrau des Dr. der Rechte Johann Nopp, ein Haus und Hof mit 
Benden, Weihern und „Haltpoel**, sowie mit einer Melkerei und 3V2 Morgen 
„Gras", worin Weihern und Garten eingerechnet, gelegen hierselbst gegen- 
über dem Marelenthurm, neben dem Bend des St. Annaklosters und dem 
Bend und Weiher, die „obriste Bleich" genannt, oben an dem Stadtwall 
und unten an den gemeinen Weg anstossend, für 2500 Aachener Thaler 
verkaufen. Beigefügt ist die Erklärung des Heinrich Hoen von und zu 
Cartils, dass die Wittwe Beckers den zu seinen Gunsten auf dem Hause 
in der Mörgensgasse lastenden Erbzins mit 70 Rthlr. abgelöst habe. Auch 
auf der Rückseite dieser Urkunde ist von etwas jüngerer Hand der 
Registraturvermerk „Krackaw betreffend" beigefügt. Dass es sich hier 
überall um das Gut Krakau handelt, bestätigt die auf dieses letztere 
bezügliche, lokalgeschichtlich interessante Eintragung in der oben erwähnten, 
dem Stadtarchiv angehörigen Handschrift des Jesuitenklosters, worin es S. 
20 heisst: 

Krackaw. 

Anno 1552 Origo huius praedii desumenda ex Septem documentis authen- 

usque ticis in pargameno fere illegibilibus. Unius ex his copia authen- 

1628. tica extat in archivio provinciae Coloniae, cuius substantia haec 

est: quod anno 1628, 8. Aprilis Barbara Beck, vidua Leonardi 

Momma, vendiderit praedium Krackaw e regione des Marelen 

thurns situm pro summa 2500 dal. Aq. Christinae Spilmackers, 

viduae domini Andreae Fingers, in bonum prolium sui prioris 

mariti Joannis Heusch. 

1681, Praefata 7 documenta videntur collegio extradita a virgine 

31. Maji. Agnete Heusch, quando illa intuitu sui nepotis R. P. Petri 

Herwartz praedium Krackaw collegio legavit in suo testamento. 

1683, Copia codicilli in favorem v. Elisabethae Fischers, nunc defunctae 
23. 7bris. authentica. 



— 111 — 

1687, Sumptus pro possessione capta. 

8. Martii. Invenietur conceptus ratione der Bleichplatz. NB hoc loco utun- 
tur solum nostrae lotrices suis temporibus, alioquin fructificatur 
ab inquilinis nostrae alterius domus vicinae, Melckerey dictae. 
Sic utuntur etiam nostrae lotrices vivario an der Bleichplatz, 
sed tarnen illud non spectat ad collegium. Habitant lotrices in 
una ex duabus nostris aedibus, im Waschhauss, gratis, pro suo 
labore 1^ collegium debet insuper illis dare singulis mensibus 
3 rdlr. per 80 alb. et 6 marc. ; 2° annue currum carbonum vulgo 
griss; 3^ 2 tonnas cerevisiae tenuioris; 4^ necessarium saponem 
pro nostris. Habent suum hortum. 
1724 Ultima elocatio facta alterius domus Melckerey nominatae cum 

(in der Vorlage horto ct pomarfo. VilUcus dat annue 40 rdlr. Aix, facit 41 

irrig 1624). ,_ JT ,, . ,. « . , 

rdlr. per 80 alb. et 6 m.; item medietatem fructuum, 8 virtel 
lactis; durabit usque ad annum 1736 ^ 
Aus den inhaltlich beschriebenen Urkunden erfahren wir also, dass 
das ursprünglich, wie es scheint, Mörgensgassenhof, später Krakau genannte 
Besitzthum in der Mörgensgasse zwischen den beiden nach dem Ponellen- 
thurm und dem Karlsthurm führenden Wegen gegenüber dem Kloster Marien- 
thal gelegen war und an den Stadtwall anstiess. Betrachtet man nun die 
altern Stadtpläne und vor Allem den Steenwyck'schen vom Jahre 1576, 
80 dürfte es wohl unzweifelhaft sein, dass unter diesem Besitzthum bloss 
das Dreieck verstanden sein kann, welches südlich von einem Theil des 
Stadtwalls zwischen Marschier- und ßosthor, östlich von dem Wege zum 



') Deutsch: Krakau. 

1552 Der Ursprung dieses Guts ist zu entnehmen aus 7 fast unleserlichen Original- 
bis Urkunden auf Pergament. Die authentische Kopie einer derselben liegt im 

1628. Provinzial-Archiv zu Köln; ihr wesentlicher Inhalt ist der, dass im Jahre 
1628 am 8. April Barbara Beck, Wittwe von Leonard Momma, das Gut 
Krakau gegenüber dem Marelenthurm für 2500 Aachener Thaler 'der Christine 
Spilmackers, Wittwe des Herrn Andreas Fingers, zu Nutzen der Kinder ihres 
ersten Mannes Johann Heusch verkauft hat. 

1681, Besagte 7 Dokumente scheinen dem Kollegium von der Jungfrau Agnes 
31. Heusch übergeben worden zu sein, als diese mit Rücksicht auf ihren Neffen, 

Mai. den ehrwürdigen Pater Peter Herwartz, dem KoUegium das Gut Krakau 
in ihrem Testamente vermachte. 

1683, Eine authentische Kopie des Codicills zu Gunsten der nun verstorbenen 
28. Sept. Jungfirau Elisabeth Fischers. 

1687, Kosten fllr die Besitzergreifung. 
B. Man wird ein Konzept bezüglich des Bleichplatzes finden. NB Von diesem 

März. Platze machen nur unsere Wäscherinnen zu ihrer Zeit Gebrauch; sonst 
benutzen ihn die Bewohner unseres andern benachbarten Hauses, die Melkerei 
genannt. So benutzen auch unsere Wäscherinnen den Weiher am Bleichplatz, 
aber jener gehört nicht dem KoUegium. Die Wäscherinnen wohnen in einem 
unserer beiden Häuser, im Waschhause, umsonst; als Lohn für ihre Arbeit muss 
das KoUegium noch obendrein ihnen 1) jeden Monat 3 Reichsthaler ^ 80 Albus und 
6 Mark geben, 2) einen Karren Kohlen vulgo „Griss", 3) 2 Tonnen Dünnbier, 
4) die für unsere Wäsche nöthige Seife. Sie haben ihren eigenen Garten. 

1724 erfolgte die letzte Verpachtung des Melkerei genannton Hauses mit Garten 
und Baumgarten. Der Pächter gibt jährlich dafür 40 Rchsthlr. Aix, macht 
41 Rchsthlr. ^ 80 Albus und 6 Mark; femer die Hälfte der Früchte und 
acht Viertel Milch. Die Verpachtung dauert bis zum Jahre 1786. D. R. 



— 112 — 

Ponellenthurra (an diesen Weg stiess ostwärts das Kloster Marienthal) und 
westlich von dem Wege zu dem dem Rosthor zunächst gelegenen Mauer- 
thurm gebildet wurde. Ueber diesen letztern Weg kann um so weniger 
ein Zweifel aufkommen, als nach den Stadtplänen und altern Beschreibungen 
der Stadtmauern zwischen Ponellenthurm und Rosthor seit jeher überhaupt 
nur ein Thurm bestanden hat. Dieser Thurm hiess also, wie die Urkunden 
von 1551, 1552 und 1556 ausser Zweifel stellen, im 16. Jahrhundert und, 
wie der Bericht über eine amtliche Besichtigung der Stadtmauer um 1450 
(Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins VII, S. 288) ergibt, auch bereits 
frtUier Karlsthurm, im 17. Jahrhundert aber, als die Familie Mareel ihn 
bewohnte, und zwar schon 1628 nach dieser Marelenthurm. Seit der letztern 
Zeit ist der Name Karlsthurm aus den Urkunden verschwunden, während 
die Benennung Marelenthunn, Marrilenthurm, Marellenthurm bis zur fran- 
zösischen Zeit öfters wiederkehrt. Der Thurm bestand übrigens noch zu 
Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, da der ältere 
Archivar Meyer um diese Zeit (Käntzeler setzt die Abfassung der Meyer'- 
schen Aufzeichnungen, jedenfalls zu spät, um 1786) von ihm schrieb, dass 
er sehr hoch und dazu eingerichtet sei, um die schweren Schörers-Scheeren 
darin zu schleifen (vgl. Beilage zum Aachener Anzeiger 1872, Nr. 237). 

Ein Mareilenthor, das Quix in die städtische Geschichte eingeführt, 
hat es in Aachen nie gegeben. Seine Annahme beruht auf einem Miss- 
verständniss des „alten Mühlenregisters ** von 1756, welches über das 
„Mareil-Bächlein" (hier das erste Vorkommen dieses Namens!) sagt: „Auff 
das Mareil bächlein, so außer Marschierpfort und auß obig-gelegenen weyers 
und benden herkombt, sindt folgende 2 oberschlägige müUen gelegen, alß 
nemblich 1. die Schleiffmuhl genant, gelegen bey das erb der lange Jacob, 
nechst das Commenderey erb. 2. das Pulvermühlgen genant, so in dem 
stattgraben ahn Mareillenthor gelegen, wovon das waßer seinen ablaufF 
hat in die bach Ponell genant und kombt an das waysenhauß, alwo es 
unter die Pawfluß durchfließet und die statt hinauß laufft.^ Dass hier mit 
dem „Mareillenthor" der Mareillenthurm gemeint ist, steht nach dem 
damaligen Sprachgebrauch für unser Thurm und Thor ausser Zweifel. 

Auf die sprachlichen Untersuchungen des H. Kelleter näher einzu- 
gehen, mangelt es mir an Lust und vor Allem an Zeit. Mir scheint die 
Grundlage für solche Forschungen so lange zu fehlen, als nicht sämmtliche 
ältere Namensformen für die hiesigen Oertlichkeiten, Fluren wie sonstige 
Lokalitäten, aus den Urkunden und Karten zusammengestellt und veröffent- 
licht sind. Eine derartige Zusammenstellung wäre eine zwar mühsame, 
aber lohnende Aufgabe, deren Förderung die hiesigen Geschichtsvereine 
sich angelegen sein lassen sollten. 

Der geschätzte Leser möge es mir verzeihen, wenn ich bei dieser 
Widerlegung etwas ausführlicher geworden bin, als es der Gegenstand 
vielleicht verdiente. Nicht bloss der Angriff des H. Kelleter hat mich 
dazu bestimmt, ich wollte zugleich an dem vorliegenden Beispiel darthun, 
in welch oberflächlicher Weise unsere lokale Geschichte, keineswegs zu 
ihrem Vortheil, mitunter behandelt wird. 



— 113 — 

Zur G-eschichte des Aufenthalts des kaiserlichen Generals 

G-rana in Aachen im Jahre 1638. 

Von C. Oppenhoif. 

Das Jahr 1688 war unter den Jahren des dreissig-jährigen Krieges 
für Aaclien eines dei* drückendsten. Die Stadt, welche in den vorauf- 
gehendeu Jahren schon viel gelitten liatte, und deren Geldkräfte nahezu 
erschöpft waren, wurde durch Waffengewalt gezwungen, den kaiserlichen 
(Tcneral Grana mit seinen Truppen in ihre Mauern aufzunehmen. P^ingehend 
schildern den Vorgang Meyer* und ihm folgend Haagen 2. Wie sehr Grana 
die nicht feindliche Stadt brandschatzte, geht auch aus einem Schuld- 
bekenntniss hervor, dass im Jahre 1642 seitens der Stadt Aachen dem 
Herrn Christian Mees dem Jüngeren ausgestellt wurde. Diese Urkunde, 
deren Benutzung der Besitzer, Herr Th. Müllenmeister hierselbst, freund- 
lichst gestattet hat, lautet: 

,,Wir Bürgermai stern Schetfen unnd Kath deß Königlichen Stunls 
„unnd Statt Aach Thun Kundt unnd bekennen hiemit öffentlich bezeugent. 
^Alßdan auff requisition dieser Statt graffschaften Deputirten im Jhar 
„Sechßzehuhundert Acht unnd Dreißig, der Ehrenveste unnd Achtbar 
^Unnser lieber Mittrhatsfreundt unnd itziger Zeitt Renthmaister Herr 
„Christian Meess, der Jünger, absunderlich ahngeordnet worden gestelt die 
^cassa zu halten alsolcher gelder, welche die gemeine Bürgerschaft zu 
^Underhalt des alhie einliegenden Kayserlichen guarnisouns contribuirt 
^hatten | darvon Er folgen ts ahm vier unnd zwantzigsten Martii unnß 
„dem Rath eine schriftliche Rechnung übergeben | Welche ahm zwantzigsten 
^Jnnij beyder [?] deß Jhars Sechßzehnhundert Neun und Dreißig bey 
^Unnseren Beambten übersehen und passiret worden; Bey welcher Kech- 
.,nung Wir die Summam vonn dreyhundert Vier Reichsthaler, unnd acht 
,,Marck | den Rthlr. ad 4 8 Mark berechnet | Ihme pro resto schuldig ver- 
^plieben, Daß derowegen; Waille die baare Pfenninge alsobalten 
„nit beyzubringen, ünnsere Beambten in Unnserem Nahmen heudt dato 
., dieses bewilliget und versprochen haben, Wir auch Kraft dieses ahn- 
^geloben, vonn solcher Capital Summa der Vorschriebener Dreyhundert 
.,vier Reichßthaler acht Marck die Interesse ad fünf pro cento | Avelche 
„ahm vierunndzwantzigsten Martii ungstkünftiglich erstmahlß fallen sollen | 
„biß zu Ablaß deßelbigen Capitalß ihme Hen-n Meess, deßen Erben oder 
^rechtmeßigen Heideren ^ dieses alle jhars richtig unnd unfehlbarlich zu 

*) Aachensche Geschichten I, p. 625 ff. 

=*) Geschichte Aachens TI, S. 24S ff.; vgl. auch llhoen in Nr. III. Jahrg. ds. 
Zeitschrift p. 82 u. 91. 

^ Helder = Rechtsnachfolger (a>ant-cause) vgl. Annal. d. hist. V. f. d. N. 18, p. 5: 
^yreu eynichen universalen Erben Erffgenanien und cwichlichen nafolger und helder**. 
Die Ursprung]. Bedeutung ist wohl Halter (vgl. Stathelder bei Kritzraedt, Gangelter Stadt- 
buch p. 186) oder Inhaber. In letzterem Sinne wird es gebraucht in einer Urkunde von 
1469, Annal. d. hist. V. f. d. N. 35, p. 159. 



— 114 — 

„bezahlen Ohne Argelist. Urkhundt unnser Statt hieninnden ahnhangenden 
„gemeinen Insiegels. So geben im Jhar Unnsers Herrn Tausent Sechß- 
„hnndert zwey uM viertzig ahm ersten Monatstags Februarij/ 

Unterzeichnet ist die Urkunde: v. Münster; offenbar die Unterschrift 
des Stadtsekretarius Nicolaus (von) Münster, der in Urkunden des Jahres 
1617 und 18^ genannt wird. 

Das anhängende Siegel in grünem Wachs (s. o.: unserer Stadt . . . 
gemeinen Insiegels) trägt die Umschrift: S. Regalis. Sedis. Urbis. Aquensis 
und zeigt den König (Karl) thronend umgeben von zwei Bischöfen, von 
denen der eine ein Salbgefäss hält, der andere dem Könige die Krone 
aufsetzt; zu den Füssen der Adlerschild der Stadt. 

Das Petschaft, eine vortreffliche Arbeit des 14. Jahrhunderts, befindet 
sich auf dem Stadtarchiv^. 

Es geht aus der Urkunde hervor, dass man 1688 eine besondere 
Kasse bildete unter einem besonderen Beamten „zum Unterhalte der 
einliegenden Kaiserlichen Garnison.** Dass Grana für seine Person die 
übergrosse Summe von monatlich 15 000 Reichsthalern verlangte, hat Meyer 
überliefert; wenn ihm auch diese Summe nicht gezahlt wurde, so mussteu 
gewiss doch grosse Baarzahlungen an den General, die Offiziere und die 
Soldaten seitens der Bürgerschaft geleistet werden. Dass unter solchen 
Umständen ausserordentliche Maßnahmen getroffen werden mussten, wie 
die Gründung einer besonderen Kasse, ist natürlich, und ist es wohl nicht 
übertrieben, wenn Meyer sagt, dass die Kosten sich für einzelne Bürger 
bis auf 13 Reichsthaler täglich beliefen. 

So kam es denn, dass nach Abzug der unwillkommenen Gäste die 
Stadtkasse völlig leer war, sodass die Herbeischaffung sogar einer so 
geringfügigen Summe wie der oben erwähnten (304 Reichsthaler 8 Mark) 
nicht möglich war. 

Der Gläubiger der Stadt, der Rentmeister Christian Meess der Jüngere, 
ist jedenfalls ein Sohn des Christian Meess, der in den beiden ersten Jahr- 
zehnten des 17. Jahrhunderts wiederholt Bürger-Bürgermeister war, so 
1602», 1603 ^ 1604^ wie auch in dem unruhigen Jahre 1611 •*'. 

Es hat den Anschein, dass noch 20 — 30 Jahre später „die baaren 
Pfennige nicht beizubringen waren". Denn um diese Zeit scheint das 
Kapital noch zu Lasten der Stadt bestanden zu haben. 

Es befindet sich nämlich auf der Rückseite der oben abgedruckten 
Urkunde von späterer Hand geschrieben und nachher durchstrichen eine 
Notiz für die Stadtkasse (Camer), die Auszahlung der Interessen an Herrn 
Christian Meess betr., welche Notiz zwar kein Datum trägt, aber die 

') S. Zeitschrift d. A. G.-V. VII 292, 294, 295. 

'^) Die Siegel der Stadt Aachen hat behandelt Frhr. von Lcdebur in dem von ihm 
herausgegebenen , Archiv fttr deutsche Adeisgeschichtc etc.' Berlin bei von Warnsdorff, 
Heft II, p. 182, woselbst auch AbbUdungen, und Endvulat, Niederrhein. Städtesiegel 
p. 2. (Tafel 1.) (Freundliche Mittheilung des Herrn Stadtarchivars Pick.) 

^) Jahrgang III dieser Zeitschrift. *) Ebenda^, p. 22. ^) Ebendas. p. 85, 38. 
^) S. Haagen, Geschichte Achens II, p. 214. 



— 115 — 

mit verschiedener Tinte geschi'iebenen und aus verschiedener Zeit her- 
rührenden Unterschriften von Leonhard Schleicher und Gerlach Maw auf- 
weist, von denen der erstere in den Jahren 1657, 59, 61, 63, der letztere 
1665,66, 68, 70, 72 ^ Bürger-Bürgermeister war-. 



Kleinere Mittheilungen. 



Römische Inschriftsteine. Den von Herrn Pfarrer Schnock in Nr. 6, S. 96 dieser 
Blätter erwähnten zwei römischen Inschriftsteinen sind noch zwei weitere beizufügen, 
welche Professor aus'm Weerth in Heft 73, S. 154 der Jahrbücher des Vereins von Alter- 
thumsfreunden beschrieben hat. Beide sind Fragmente. Der eine von ihnen, in der Nord- 
wand der TaufkapeUe am Fischmarkt umgekehrt eingemauert, zeigt die Worte : . . . iae 
Veni(s) (test)amento (der Erbe Verus setzt einer Frau, von deren Namen nur noch die 
Endung iae erhalten ist, zufolge testamentarischer Bestimmung den Stein), der andere 
wurde beim Ausbau des Thurms der hiesigen Mtinsterkircho „an einer Stelle, wo das 
karolingische Mauerwerk aufhört", entdeckt und befindet sich im Gewahrsam des Stifts- 
kapitels. Er trägt eine verstümmelte fünfzeUige Inschrift, deren Erklärung noch aussteht. 
Zwei römische Namen, den ziemlich häufigen Ingenuus und den seltenern Optatinianus, 
lernen wir aus dieser Inschrift kennen. Sehr zu wünschen wäre, was ich schon vor 
mehrem Jahren in einem Vortrag in der Generalversammlung des Aachener Geschichta- 
vereins betonte, dass beide Inschriftsteine, sowie der im Drimborner Wäldchen aufgcsteUte 
römische Sarkophag, der freilich nicht hier, sondern unfern des Dorfes Weisweiler im Jahre 
1793 von einem Landmann beim Pflügen aufgefunden und damals sammt seinem Inhalt 
von dem Besitzer des Guts Drimborn, dem Herrn von Aussem, angekauft wurde, mit der 
Sammlung römischer Alterthtlmer im städtischen Museum vereinigt würden. Ein Gleiches 
dürfte in Bezug auf den vor einigen Jahren unfern des Guts Schurzelt gefundenen römischen 
Steinsarg mit seinen Grabbeigaben zu erstreben sein. Ob hingegen auch die Ueberftthrung 
des aus dem Brohlthal nach dem Drimborner Wäldchen verbrachten Altars des Hercules 
Saxanus, dessen Inschrift leider durch die UnbUden der Witterung und von Seiten des 
Publikums arg gelitten hat, in das hiesige Museum zu befürworten wäre, will ich nicht 
entscheiden. Bei dem lokalen Charakter, den unsere Alterthümersammlung sich eigentlich 
bewahren sollte, möchte sich für diesen Stein vielleicht das Bonner Provinzial-Museum als 
geeigneterer Aufbewahrungsort empfehlen. 

Es sei mir gestattet, bei dieser Gelegenheit noch auf eine andere Gattung römischer 
Inschriften, die Ziegel- und Töpferstempel, hinzuweisen, deren manche im Laufe der Zeit 
hier bekannt geworden, sicherlich aber noch viel mehr, ohne beachtet und bekannt zu 
werden, zu Grunde gegangen sind. Vor ein paar Jahren fand man beim Bau des neuen 
Archivs das Fragment einer Terra sigillata-Schale mit dem auch in Asberg bei Moers 
und in Bonn nachgewiesenen Stempel : Cupitus f(ecit). Stell werck hält den Namen Cupitus 
für gleichbedeutend mit unserm „Streber". Weitere Töpferstempel sollen in jüngster Zeit 
beim Wiederaufbau des Münsterkreuzgangs zu Tage getreten sein. Hoffentlich werden 
auch diese im städtischen Museum ihre dauernde Aufbewahrungsstätte finden. Die lokale 



Vgl. Verz. der Aachener Bürgermeister von 1656—1789 in Annal. d. bist. V. 
f. d. Ndrh. Bd. 32, p. 88. 

*) Der Umstand, dass die Urkunde auf der Rückseite den von den Bürgermeistern 
eigenhändig unterschriebenen Vermerk für die Stadtkasse trägt, macht es wahrscheinlich, 
dass wir es mit einem Exemplar zu thun haben, das vordem zu den Stadt- Archivalien 
gehörte. Dafür spricht auch, dass das Schuldbekenntniss nur von dem Stadtschreiber 
unterschrieben ist; eine mit den Unterschriften der Bürgermeister selbst sowie der Schöffen 
versehene Ausfertigung befand sich jedenfalls in den Händen des Gläubigers. 



— 116 — 

Forschung bat wahrlieh allen Grand, in dieser Richtung thätig zu sein, da nur bei einer 
Vereinigung des gesammten Fundmaterials an einer Central^telle seine wissenschaftliche 
Verwerthung möglich ist und ein Gradmesser filr die Bedeutung unserer Stadt in römischer 
Zeit geboten wird. 

Aachen. R. Pick. 



Promotioiisurkiiiide, laut welcher der Aachener Bürger 3Iathias 

von Tlienen* von der Universität Pont a Mousson im Jahre 1723 

zum Licentiaten beider Rechte ernannt wurde. 

Das Dokument, in lateinischer Sprache auf Pergament gescbrieben, trägt links oben 
das von 2 Adlern gehaltene Wappen von Lotbringen und Bar und in einem Spruchbande 
die Inschrift: Lorraine et Barrois. Deux francs quatre gros. Die Urkunde lautet in 
deutscher Uebertragung : 

Franciscus llotiot, Seiner königlichen Hoheit geheimer Uatb, Reehtslehrer und 
Dekan der Fakultät der Rechte an der Universität Pont a 3Iousson, allen diese Zeilen 
Lesenden Gruss! Es geziemt sich, dass die Rcclitslehrer oder Rechtserfahrenen das Recht 
und die Wahrheit pflegen und auf die Arbeit sich verlegen, dass sie durch den Ruhm der 
Tüchtigkeit und den Nutzen der Belehrungen Jünglinge zum Studium der bürgerlichen 
Weisheit veranlassen, dass sie die Veranlassten die Vorschriften des kanonischen und das 
römischen Rechts lehren, dass sie endlich die Belehrten mit den schuldigen Lorbeeren 
auszeichnen. Denn deshalb haben Päpste und christliche Fürsten Akademien und Rechts- 
lehrstühle errichtet, damit an ihnen in gesetzlicher Weise Rechtslehrer nicht nur die 
Räthsel der Oesetze öffentlich auflösen, sondern auch verhüten, dass in öffentliche Aemter 
Unerfahrene sich einschleichen, dass sie aber den Würdigsten ihre Stimmen und die 
schuldigen Grade zuertheilen. 

Deshalb, da Herr Mathias von Thenen aus Aachen in der Diöcese Lüttich 
in der kanonischen und bürgerlichen Klugheit solche Fortschritte gemacht hat, dass wir 
ihn für würdig erachtet haben der öffentlichen Auszeichnung mit dem Grade eines Licen- 
tiaten; nachdem ferner eine sorgfältige Prüfung über beide Rechte vorausgeschickt worden 
ist, nachdem überdies die Sitten, die Religion, die Frömmigkeit, die Klugheit aus dem 
vergangenen lobenswerthen Leben erforscht sind und nachdem das Uebriafe, welches in den 
Bestimmungen des königlichen Herzogs (regii ducisl) enthalten ist, nach Brauch (rite) 
erfüllt ist, wählen wir und ernennen wir öffentlich auf Grund der päpstlichen und fürst- 
lichen Autorität, die wir diesseits verwalten, vorgenannten Herrn Jlathiam von T heuen 
aus Aachen zum Licentiaten des kanonischen und römischen Rechts und bekunden den 
(Gewählten und Erklärten als solchen durch diese Urkunde und ertheilen ihm das Recht 
und die Befähigung, über beide Rechte zu disputiren, zu lesen, zu repetiren, vor beiden 
Gerichten aufzutreten (postnlandi), die Epomis und die übrigen Insignien des Licentiats 
(je nach der Gewohnheit des Ortes) zu tragen; ebendenselben machen wir geeignet und 
geschickt zu den öffentlichen Amtsgeschäften und kirchlichen Würden und ertheilen ihm 
endlich generaliter alle Privilegien, welche durch die Verwilligungen (indultis) der Päpste 
diesem Grade unserer Akademie gewährt sind, nach dem Vorbilde der Fakultäten von 
Paris und Bologna. 

Zur Beglaubigung dieser Sache haben wir gegenwärtigen Brief durch unseren 
Sekretär ebendemselben (von Thenen) ausfertigen und durch Anhängung des mittleren 
Siegels mit dem Bilde des heiligen Nikolaus bekräftigen bissen. 

*) Anm. il«*r Reduktion: Mathias \«n\ Thenou {^iliörti' einer in A:ioln n w<itverzwoi«;teu 
Familie uu; er s<'.heint sich iii<lit nur eines lioln-n. sondern aneli eines rüstigen Alters ertVeut zii 
liubeu. denn 1782 finden Nvir ilin noch im Raths- \md St^witskalender uls Consuleus des Syndikats imd 
advocutns fisci aulijeführt. Ein anderes Mitjj^li.Hl der Familie. Tln^odor von Thenen, Nvar in demselben 
•Jahri' Yt)rsitzend«'r «h-r Zuntl «Icr (ielehi-ft-n: Bernhard nu«l .Joscf von Th'uen j;«'hörten 7Ai den 
(Jj'.sehickten der Rothi^eilx-r-. Karl IMiilipp nnd -ioliami von Tht nen zu den (»rschickt^M» der Knpfer- 
schlageTznnft. 



— 117 — 

Gegeben zu Pont k Moussou in der Kauzloi der Fakultät am 18. October dos Jabres 
nach Christi Geburt 1723. 

Rottot F. Charvet Breton 

jnrimn Acadoniiao Derftiiua. D. et untecsossor pontinin.»^oinis. .1. fi antecfssor i»'>ntimiissonns. 

De Begnicour Ex Mandato D. Dccani Vuillemin 

Jnr. Publ. Profoss. jicad. Secrotarins. 

Dass Pont k Mousson keine so unbedeutende Universität und die Erlangnn;)^ der 
akademischen Grade an derselben nicht so leicht gewesen ist, wie aus dem heute mit dem 
Namen Pont k Mousson verknüpften Begriff geschlossen werden könnte, ergibt sieh aus 
der Lektüre eines Buches, welches betitelt ist: „Causeries sur Pont A Älousson *par Eugene 
Gry". Veranlassung zur Abfassung seines Buches gab dem Aut^r, der sich das ebenso 
schöne als beherzigenswerthe Motto gewählt: „Et pius est patriae facta referre labor", 
eine bei Gelegenheit der Heiligsprechung des Franz Xaver und des Ignatius v. Loyola 
zu Pont a Mousson im Jahre 1023 abgehaltene elftägige Festesfeier. In die lebendige 
Schilderung der festlichen Begebenheiten dieser Tage lässt der Verfaaser in geschickter 
Weise die Geschichte der Universität, der Stadt, ihrer Herrscher und Bewohner einfliessen. 
Einige Angaben des Buches über die Universität mi^gen hier Platz finden: 

Der Kardinal Johann von Lothringen (le cardinal de Lorraine kurzweg genannt) 
und dessen Neffe Herzog Karl III. (II.) von Lothringen sind die Gründer der Universität. 
Papst Pius V. bestätigte durch Bulle aus dem Jahre 1572 deren Statuten und übertrug 
die Leitung der Gesellschaft Jesu. Der grosse Maldonat organisirte die lothringische 
alraa mater, und Grßgoire aus Toulouse fügte dem Lehrplan 1582 die Rechtsfakultät (la 
Facult^ de droit) hinzu. Rektor der Universität war stets ein Jesuit bis zur Vertreibung 
derselben aus dem inzwischen (1766) französisch gewordenen Lothringen im Jahre 1768. 
Durch lettres patentes vom 3. und 4. August 1768 wurde die Universität nach Nancy 
verlegt. 

In der Zeit von 1620-1640 erreichte die Universität ihren Glanzpunkt. Als einen 
Beweis dafür führt Gry an, dass, als Prinz Nicolas Fran^ois de Lorraine 1631 nach sieben- 
jährigem Studium das „lothringische Athen**, die Universität Pont a Mousson verliess, er 
in 4 verschiedenen, theils alten, tlieils neuen Sprachen zum Abschied begrüsst wurde. 

Auf dem Ernennungsbrief des Mathias von Thenen steht „Pontimussum", während 
die richtige lateinische Bezeichnung der Stadt Mussipontum lautet. Gleich zu Beginn 
der Universität forderte der erste Professor der Jurisprudenz (Gr^goire) die Bezeichnung 
Pontimussum, während das Rektorat und die jesuitischen Professoren mit demselben Eifer 
Mussipontum verfochten. Zu gleicher Zeit befürwortete Charles le Pois, der Professor der 
raedicinischen Fakultät, Pens ad 3Ionticulum (1583) als das Richtige. 

.Tede Fakultät hielt ihre Schreibweise filr die richtige und liess sich durch nichts, 
srdbst nicht durch die Intervention des Herzogs Karl IIL, davon abbringen. 

Aachen. C. Wilh. Menghiun. 

Aus der Zeit der Fremdherrschaft. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass unter der Fremdherrschaft Vieles zur Verschönerung 
unserer Vaterstadt, zur Hebung ihres Handels, zur Förderung ihres Badewesens, und damit 
zur Vermehrung ihrer Einnahmequellen und des Volkswohlstands geschehen ist. Aber es 
darf dabei nicht übersehen werden, dass der tiefste Grund dieser väterlichen Fürsorge 
Napoleons für die Residenz Kaiser Karls Grössenwahn und Eigennutz gewesen ist. Eine 
Mittheilung im Journal de la Roer vom 14. Mai 1811 gibt uns Gelegenheit, uns von der 
Wahrheit des Einen wie des Andern zu überzeugen. 

Von allen Seiten, heisst es in dem Artikel, wird das Auge von der Thätigkeit 
überrascht, die zur Verschönerung unserer Stadt und der umliegenden Gegend unter- 
nommen worden und die, Dank sei es der Sorgfalt des Herrn Präfekteu, der vom Herrn 
Maire würdig unterstützt wurde, mit iSchnelligkeit vorrücken. Man hat die Quellen des 
Mineralwassers im Kaiserbade und in der Rose vereinigt und mit Gewölben versehen. 



— 118 — 

Im ersten dieser Gebäude hat man das Karlsbad erneuert uud neue Badhütten nebst eiuer 
Glasgallerie errichtet. Für das zweite hat der Oberingenieur einen sorgfältig ausgearbeiteten 
Konstruktionsplan eingegeben. Herr Baraguey, Architekt des Senats, hat einen schönen 
Entwurf zum Aufbau eines Badequarliers in dem ehemaligen Kapuzincrkloster gemacht, 
welches einerseits für hohe Personen und andrerseits für fremde und für Restaurationssäle 
bestimmt ist. Im Hintergrunde würden 20 Badewannen mit einem Vorhausc, Sillen und 
den nöthigen Wasserbehältern angebracht werden. Das sehr weitläufige Lokal erlaubte 
es, sehr sinnreiche architektonische Verzierungen damit zu verbinden '. In andern Bade- 
häusern wurden neue Badewannen errichtete Herr Letellier, Architekt, beschäftigt sich 
mit einem Plane zur Restaurirung des bischöflichen Palais (dies befand sich auf dem 
Klosterplatz) uud der Erbauung des Assiseuhofes und der Gefängnisse. Auch wird man, 
wie es heisst, die verfallenen dunklen Umgänge, welche die Domkirche Karls des Grossen 
entstellen, abwerfen und an deren Stelle Häuser zum Nutzen des Einkommens der Kirche 
erbauen. (Glücklicherweise ist das Münster vor diesem Vandalismus bewahrt geblieben.) 
Das Jakobsmittelthor ist abgetragen, und das Kölnermittelthor wird nächstens abgebrochen 
und so manchem Unglück vorgebeugt werden. Auch ist man Willens künftiges Frühjahr 
(1812) am Kölnerthor Pavillons zu errichten. Das alte Saudkaulthor ist verschwunden 
und wird in einem neuem Stile aufgebaut (ist frommer Wunsch geblieben); die benachbarten 
Gräben werden angefüllt und zu Spaziergängen umgeschaffen. Vor dem Kölnerthor ist 
eine reizende Promenade angelegt und mit Bäumen bepflanzt. Die Spaziergänge der 
Redoute und des Burtscheider Brunnens sind neu eingerichtet und die Wasserleitungen 
und das Pflaster reparirt worden. An den Wegen um die Stadt herum und an denen, 
welche in malerische (Tcgenden führen, als der Lustberg, das Heid'chen, Drimborn, Vaels, 
der Landgraben, Bergenbusch, das Sörserthal u. s. w. ist viel gearbeitet worden. Der 
Entwurf zum Spaziergang des „Königs von Rom" ist abgeschlossen worden ^ Man wird 
dazu eine sehr schöne Lage zwischen Teichen benutzen, wo schon ein Spaziergang existirt 
und den man viel weitläufiger, zugänglicher und regelmässiger machen wird. Der Weg 
nach Haaren ist in sehr gutem Stand, der nach Brand wird es nächstens, der Weg nach 
Comelimünster am 1. Juli. Dies ist eine kurze Uebersicht der vornehmsten Arbeiten, die 
ausgeführt werden. Möchten sie einst, so schliesst der Artikelschreiber, einen Blick der 
Zufriedenheit des erhabenen Monarchen, der uns regiert, auf sich ziehen und so seine 
treuen Unterthanen der Roer mit Freudon erfüllen. Mit Freude wurden die treuen 
Ruraner allerdings erfüllt, aber nicht wegen des gnädigen Blick's der Zufriedenheit 
Napoleons, sondern weil das linke Rheinufer, wieder was es gewesen, nehmlich deutsch wurde. 
Aachen. H. Schnoclc. 

Vereinsangelegenheiten. 

Chronik des Vereins im Jahre 1890. 

Mit nur 40 Mitgliedern trat der Verein für Kunde der Aachener Vorzeit im Oktober 
des Jahres 1885 an die OefFentlichkeit. Heute zählt er deren mehr als 260, eine Zahl, 
die unter Berücksichtigung der Thatsache, dass der Verein nur die Erforschung der 



^) Bei dem Entwürfe ist os p^eblieben; statt eines Badehuuses wurde auf dem Terrain des 
Kapuzinerklosters das nene Tlieater aufgeführt. Der Oruudst^in wurde am IG. November 1^422 gelegf : 
der Bau am 13. Mai IKi^ liegoiinon und im Jauuur \^1\ imter Dacli gabrucbt. "Die feierliche Eröffnunjj 
fand am 15. Mai statt; Plan und Ausfiihrung: rühron von dem Aachener Bauinspekt<3r Cremer her. 

*) Napoleon nahm so gro.sses Interesse an der Verbesserung uud Verschönerung der Bäder luid 
Badehftuser, weil er noch in demselben Jahre IKU die Minorah]nellen als Staat^oigenthum zu erklilren 
beabsichtigte und am 22. November wirklich erklärte; jedoch mit dem Zusat<ze, dieselben sollten der 
StAdt noch bis zum Jahre iHHti verbleiben, welche in dieser Zelt die den Bädern anhaftenden Schulden 
abtragen sollte. Friedrich Wilhelm hob jedoch durch Kabinetsordre vom 10. April 1818 das Dekret 
Napoleons auf und gab die Quellen ihrer rrohtmllssigen Eigenthümerin, der Stadt Aachen, zurück. 

3) Hier ist wohl von Burtscheid die Rede, wo «ler Maire aus Freude über die Geburt des 
Königs von Rom (geb. am 20. März IBll) nach einer Mittheilung desselben Journals einem Spazier- 
gange den Namen: .,R<imischer König" gegeben hatte. Der Namo findet sich sonst nirgends erwähnt, 
ein Zeichen, dass er beim Volk keinen Ankhmg gefunden hat. 



— 119 — 

Geschichte eines vcrhältnissraäßig* kleinen Territoriums, „des Aachener Reichs, der Städte 
Aachen und Burtscheid und der nächsten Umgebung" bezweckt, also naturgemäß auch nur 
aus diesem beschränkten Gebiete vorzugsweise Mitglieder gewinnen kann, eine stittliehc 
und erfreuliche genannt zu werden verdient. Fünf Mitglieder sind in dem abgelaufenen 
Jahre dem Vereine durch den Tod entrissen worden; einige Wenige sind ausgetreten. 
Unter denen, welche durch Versetzung dem Vereinsleben entzogen worden sind, ist besonders 
der nunmehr zu Colmar im Elsass thätige HeiT Gymnasiallehrer Dr. Wieth zu erwähnen. 
Als Vorstandsmitglied und Redakteur der Vereinszeitschrift hat er dem Vereine die 
werthvollsten Dienste geleistet. Aber der Höhepunkt seiner Bedeutung für den Verein 
lag in seiner regen und anregenden Betheiligung an den wissenschaftlichen Arbeiten in 
den Monatssitzungen. Der Verlust, den der Verein durch seinen Weggang erlitt, kann 
nur einigermaßen ersetzt werden durch die Hoffnung, dass Herr Dr. Wieth auch in der 
Ferne noch dem Vereine und seinen Bestrebungen befreundet bleibt und die geistige 
Verbindung mit demselben durch Theilnahme an den wissenschaftlichen Arbeiten de» 
Vereinsorgans niemals aufgibt. An Dr. Wieths Stelle ilbernahm der zweite Vorsitzende 
des Vereins die Redaktion der Zeitschrift. Dem äussern Wachsthum entsprechend, hat sich 
auch die wissenschaftliche Thätigkeit immer reger und fruchtbringender gestaltet. Zeugniss 
von dieser erfreulichen Erscheinung legen ab die im Nachstehenden näher angeführten 
Vorträge in den Monatssitzungen sowie die rege Theilnahme an den Ausflügen nach 
historisch wichtigen Punkten der Umgegend und an den Besichtigungen alter monumentaler 
Bauwerke innerhalb der Stadt. 

23. Sitzung am 29. Januar 1889: Die Schmiede-, Rademacher- und Goldschmiedezunft zu 
Aachen von 1443—1782 auf Grund ihrer Zunftrollen (Chefredakteur Abels); Aachener 
Ortsnamen (H. Kelleter). 

24. Sitzung am 26. Februar: Zur Erklärung von Aquisgrani (H. Kelleter). Beschwerde 
Burtscheids über Aachen wegen unrichtiger Vertheilung der Contributionen während 
der Fremdherrschaft (Pfarrer Schnock). 

25. Sitzung am 26. März: Hat an Stelle der früheren St. Jakobs-Pfarrkirche eine Jagd- 
kapelle Karls des Grossen gestanden? (Architekt Rhoen) ; Deutung des Strassennamens 
„Kockerell** (H. Kelleter). 

26. Sitzung am 23. Mai: Die Jagdkapelle Kaiser Karls am Jakobsthor (H. Kelleter); 
Beitrag zur Geschichte Aachens im Jahre 1793 (Gymnasiallehrer Dr. Wacker). 

27. Sitzung am 16. Juli: Erklärung einer Anzahl historischer Fnndstttcke aus Aachen 
und Umgegend (H. Kelleter) ; die ehemaligen Sendgerichte im Aachener Reich (Pfarrer 
Schnock); Erlass der französischen Verwaltung im Jahre 1795 (Gymnasiallehrer 
Dr. Wacker). 

28. Sitzung am 15. August: Zur Geschichte der Aachener Propstei (H. Kelleter); die 
Sühnewallfahrten im Mittelalter (Pfarrer Schnock); das Klosterleben des Aachener 
Lokalhistorikers Chr. Quix (Gymnasiallehrer Dr. Wacker) ; Erklärung mittelalterlicher 
Kaisermünzen (H. Kelleter). 

29. Sitzung am 19. September: Römische Inschriftensteine in Aachen (Pfarrer Schnock); 
nochmals zur Deutung des Namens Aquisgrani (H. Kelleter); die Pau (derselbe). 

30. Sitzung (Generalversammlung) am 17. Oktober: Jahresbericht (der erste Voraitzende) ; 
Kassenbericht (der Sehatzmeister Stadtverordneter Kremer); zur Grtindungsgeschichtc 
des St. Adalbertsstiftes (Pfarrer Schnock); der Beriustein (Architekt Rhoen). 

31. Sitzung am 21. November: Aus der Zeit der Fremdherrschaft (Realgymnasialoberlehrer 
Dr. Spölgen); Aufenthalt der Kaiserin Josephine und ihres Gemahls Napoleon I. in 
Aachen im Jahre 1804 (Pfarrer Schnock) ; die Familie von Huysen (Kaufmann Macco); 
die Wölfin des Aachener Münsters (H. Kelleter). 

32. Sitzung am 19. Dezember: MittheUungcn über den Karmeliter-Orden in Aachen (Gym- 
nasiallehrer Dr. Wacker); Mittheilungen über die von Napoleon bereits ausgeführten 
und noch in Aussicht genommenen Verschönerungen unserer Vaterstadt (Pfarrer 
Schnock); die Einführung des Gymnasialdirektors Erckens in Aachen (Pfarrer Schnock). 

8. Ausflug am 11. Juni nach Ruine Wilhelmstein bei Kohlscheid. Herr Pfarrer Schnock 
machte die Theilnehmer mit dem wechselvollen Schicksal der im 13. Jahrhundert von 



— 120 — 

• 

einem Jülicher Grafen erbauten Bur^ bekaimt, wühreud Herr Architekt Rhoen die 
banlichen Anlassen auseinandersetzte. 
9. Ausflus: am 10. September zur Herzogenrather Burg und zum Kloster Rolduc. Herr 
Fabrikant Schraetz, der Eigentbttmer der Burg, hatte die Besichtigung derselben 
in zuvorkommendster Weise gestattet. Seine Erklärungen wurden durch geschichtliche 
Mittheilungen des Herrn Pfarrers Schnock ergänzt. Die herrliche Kirche des Roldncer 
Seminars mit ihrer grossartigen Krypta wurde sodann aufs eingehendste besichtigt. 
Fiir den 30. Mai hatte der Verein eine Besichtigung des Marschierthors angesetzt. 
Es zeigte sich dabei so recht klar und deutlich, wie gross das Interesse der Aachener 
an ihren historisch und architektonisch merkwürdigen Ueberresten einer glänz- und 
kraftvollen Vergangenheit ist. Trotz des strömenden Regens hatten sich gegen 40 
Herren eingefunden, um unter Führung des Herrn Pfarrers Schnock und cand. phil. 
Kellcter die alte Thorburg zu besichtigen. Da sich allen Theilnehmern der Gedanke 
aufdrängte, dass es beschämend für Aachen sei, diese Perle der mittelalterlichen 
Befestiguugsbaukunst zu einer Rumpelkammer herabgewürdigt zu sehen, so fand der 
Vorschlag allgemeinen Beifall, von Vereins wegen an zuständiger Stelle vorstellig zu 
werden und zu bitten, jenes altehrwürdige Baudenkmal möge wenigstens insoweit 
restaurirt werden, dass es den vielen einheimischen Kunst- und (teschichtsfreundeii, 
die alljährlich Aachen besuchen, möglich werde, die Innern Räume überschauen und 
Studiren zu können. Es würde dazu weiter nichts nöthig sein, als die zur Her- 
stellung von Wohn- und Lagerräumen eingefügten Fachwändc herauszunehmen, den 
Schmutz zu entfernen und die Fenster mit Verglasung zu versehen. Im weitern 
Verfolg der bei dieser Besichtigung hervorgetretenen Ansichten und Tendenzen der 
Mitglieder hat denn auch der Veroinsvorstand an den Aachener Geschichts- und 
Museums verein das Gesuch gerichtet, sich mit ihm behufs Berathung weiterer Schritte 
in dieser Angelegenheit in Verbindung setzen zu wollen. Der Museumsverein glaubt, 
dass diese Angelegenheit ausserhalb des Bereichs seiner statutenmäßigen Bestrebungen 
liege; der Aachener Geschichtsverein aber ging auf das Ansuchen in zuvorkommendster 
Weise ein; in einer gemeinsamen Vorstandssitzung der beiden Vereine wurde die 
Sache aufs reiflichste überlegt und eine entsprechende Eingabe, unterzeichnet von 
den Vorsitzenden beider Vereine, an die hiesige Stadtverwaltung beschlossen. Nur 
wenige Tage erst war die Eingabe in den Händen des Herrn Oberbürgermeisters 
Pelzer, als auch schon - was unter dem Ausdruck des tiefgefühltesten Dankes hier 
hervorgehoben sei — ein bezüglicher Antrag auf der Tagesordnung für die nächst- 
folgende Sitzung der Stadtverordneten stand. Mit dankeuswerther Bereitwilligkeit 
ging das Kollegium der Stadtverordneten auf die Vorschläge des Herrn Oberbürger- 
meisters ein und dürfen wir uns in Folge dessen der frohen und begründeten Hoffnung 
hingeben, dass demnächst unsere berühmten mittelalterlichen Thorburgen — Marschier- 
thor und Pontthor - in einer der alten Kaiserstadt würdigen Weise wiederhergestellt 
werden. 

Schliesslich stattete der Verein im Monat August dem hiesigen Münster einen 
Besuch ab, dessen in Restauration begriifene Kreuzgänge der technische Leiter der- 
selben, Herr Dombaumeister Baeckor den Mitgliedern mit der ihm eigenen Gründlich- 
keit und Sachkenntuiss unter besonderer Hervorhebung der angrenzenden karolingischen 
Bautheile erklärte. 



Verlag der Cremer'schen Buchhandlung (C. Cazin) in Aachen, 

Die Porträtdarstellungen Karls des Grossen. 

Von 

PAUL CLE3IEN. 

VIII und 233 S. gr 8« mit 17 Abbildungen. Preis 6 M. 

DurrK VON lUcuMANN Kaatzi.u in Aai'hux. 



MinBEILl N(iES DES VEREINS F('R Kl NDE DER AACHENER VORZEIT. 



IM llFTRAri DES VEREINS HERAUSaEGEKEN 



HEINRICH SCHNOCK. 



VIERTER JAHRGANG. 



AACHEN. 

Kümuissioxs-Vkrlag dek Creäkr'schkn Buchhaxdi-unü (C. Cazis). 



INHÄLT. 



Seite 

1. Laut- und formenlehre der Achener mundart. Von A. Jardon. . . . 1 

2. Christian Quix. Sein Leben und seine Werke. Von C. Wacker ... 41 

3. Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus M. Klocker von 1602—1608. 
Von K. Wicth (Fortsetzung) bO 

4. Kleinere Mittheilungen: 

Der erzbischöfliche Thronsessel im Suennondt-Museum. Von H. Schnock 87 

5. Christian Quix. Sein Leben und seine Werke. Von C. Wacker (Fort- 
setzung und Schluss) 81) 

6. Das Tagebuch des Aachener Stadtsyndikus M. Klocker von 1602—1608. 
Von K. Wie th (Fortsetzung) 125 

7. Chronik des Vereins im Jahre 1891 130 

8. Mitglieder -Verzeichniss 132 



• -^\T 



Anm M^^üh^um ¥@i^^tli 



■Tährb'cli 6--9 Nummeru KnininisKioDS- Verlas 

A 1 BoKi'ii Royal Oktav. ''*' 

„ Crciiier'HchenBiichiiaiiilliing 

Preis des JahrKaiiss ,,_ ,,j,,j 

4 1l[nrk. in Aachen. 

Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Anftrage des Vereins liemnsgegcbeii von E. Sehnock. 

Nr. 1/2. Vierter Jahrgang. 1891. 



Inhalt: A. .Tnrdon, Laut- und fonncnlehrc <lcr Acliencr mundart. 



Laut- und formenlehre der Achener mundart. 

Villi A. Jarcloii. 

.Schämt Tidi nf't ilSr yclier käl, 
dl"' sfliyiisle sclipt^;"cli fa k^iser kal. 
.T. Müller. 
Im Vorwort des „Idiotikon der acliciicr numdart" iicisst es: „Nach 
dem anfiliig'lichcn plane sollte diese aelirift ans drei abteÜHngeii bestehen, 
deren erste eine gcscliiclitc der hiesifreii mimdart .... eiitiialten sollte. 
Dieser liistorisclieii einlcitnng sollte eine ausfiihrliittie dialcktologie und 
demnächst eine art formenlehre .... sicli nnsclilleäscn." 

So sdiriebcn Müller und Woitz vor r»4 jähren. Inzwischen ist mit 
der fortschreitenden erforsi^linng: der deutschen spräche die teilnähme für 
mundartliche erscUeiniingen bedeutend gewachsen. Dies bestirnt* den Ver- 
fasser, den ursprünglichen plan von Müller und AVeitz wieder aufzunehmen 
und den arbeiten von Wenker; „Das rheinische platt", Düsseldorf 1877; 
Winteler: „Die Kcrenzer mundart", I^eipz. 1876; Nörrenbeig „Studien zu 
den niederrheinischen mundarten", beitr. zur gesch. dci dentNch »«piache 
b. IX; Holthaus: „Die Ronsdorfer mundart", zachr. f dcutiche pliilol 
b. XIX, eine laut- und formenlehre der „Achener mundart" folgen zu lassen 



— 2 — 

Die lautlehre. 

Laute der achener mundart. 

Selbstlaute: a, a, 5, q, e, i, q, q, 0, u, i^, y, ö. ü. 
kurze: ä, $, f, i^ t, <J, §, ö, ü, $, y, ö, u. 
Doppellaute: ?i, qI, ei, au, qu, ou, ijü, öi. 
Mitlaute : 

dentale: d, t, s, /. 
labiale: b, p, w, v, f. 
palatalc: — k, j, eh. 
nasale: m, n, n. 
liquide: 1, r. 

e, Q, y bezeichnen die offenen, q, 9, q die halboffenen, e, 0, ö die 
geschlossenen laute, a das Trautraannsche höhere a (Trautmann, Sprach- 
laute, s. 40). Von den consonanten bezeichnen d, b, j, m, n, /, w, v die 
stimhaften, t, p, ch, s, f die stiralosen laute. Der schlaglaut g ist in 
der mundart zum stimhaften reibelaut j geworden, ii ist das zeichen für 
den gutturalen nasal, in der Schriftsprache gewöhnlich durch ng bezeichnet. 
Von den doppellauten wird das ei nicht wie in der Schriftsprache ai, sondern 
als stark gequetschtes c + i gesproclien. 

Oap. 1. 

Die Selbstlaute. 

A. Der Selbstlaut a. 
I. German. kurzes ä. 

1. Als kurzes ä erhalten in heute offener wie geschlossener silbe: 
fläm, Jämele, rämele, schtämele, Jämet, hämel, hämer — kän, pän — sclitän, 
schwäiier — bläfet (maul), Jäf — mas, blas — jäz (bitter), käz, vräzel 
(warze) — bäscli (spning, von bersten), mäschele und matsche (in nässe 
herumwühlen), püKm (buchsbaum), wäschele (schwätzen) — tächel (ohr- 
feige) — matsch (marder) — Jädel, väder; ät (sclion), bat (aber bade), 
put, plät, blät, kouflät (kuhmist), j**lut, Jät, schtät — kräbele, bäbele, 
schläbcre; jap (das gälmcn), jräp (das zugreifen), zäp (schenkwirtschaft), 
fiäp (ohrfeige), käp, läp, äpcl, jape — fräk (herbe), schnäk (gi-ade), käk 
(flügge), jäk, puk, bäk (das backen), pläk (der borg), bäkc, fäkel — äksel, 
näks (nackt). — äl, kräl, jäl, käl (gcschwätz); — bäl'ch (balg), bäl'je 
(raufen), jäl'ch. 

Ein ä ist erhalten, wo nhd. ö steht in fä (von). 

2. Dehnung der alten kürze ist eingetreten 
a) In offener silbe. 

aa) Heute noch offene silbe erhalten. 

kamer, schäme, zesame; — ane, jrane (gräten), lane (laden), vermanc, 
panesfii"r (träber). — haver, lave, jrave, schave (schaben, tüchtig essen). — 
hajel, najel, knaje (nagen, ahd. knagan), draje, majer, bajere (nächtlich 



— 3 — 

schwärmen) — lache, mache, krache, schmache (sclimecken) — brase 
(schwelgen) — bade, elade, (sich) beschtade (verheiraten), bäte (helfen), 
kater — lake — fare, schpare — daler, male. 

bb) Heute geschlossene, ahd. offene silbe. 
flam, fam (fadem, faden), ham oder han (kummet), nam — ban, fan, han — 
nas, bas (bäsa), has, nas (näsa), — krach (krage), — fal, kal (chalo). 

Anmerk. Ueberlang ist a in mät (markt), halblang in mat (magd), 
scha" (scado, schaden). 

b) In geschlossener silbe vor m, s, f, ch, t, r; ferner vor m, n, ch, 

1, r, s -}- consonant. 
klam (feucht), jas (gasse) — rafe, klafe — dach — at (kanal) — kar, 
bar (irdenes gefäss) — damp, kramp, schtampe, lamp, ampere (säuerlich 
schmecken) — brank (brand), kaiikt (kante), pafik (pfant), lank, draiik 
(der drang; dagegen droiik = der trank, trunk ahd.), afier, planz, schwänz, 
danz, wanz, janks (gans), pansch (bauch) — kaFk, jal^'m (qualm), halz, 
malz, /alz — las (l^'St), kwas(t), taste — a vor geschwundenem ch und r: 
as (achse), was (wachs), flas (flachs), wase (wachsen), ater (achter), nat 
(nacht) — bat (hart), at (art vgl. at kanal), schwat (schwarte), kat, ade 
(arten), jade, wade, kal in k^i/erkal, für karl sonst kar^^l. 
Anmerk. Nicht gedehnt ist schwäz (swarz). 

3. Der umlaut des kurz gebliebenen a ist offenes oder halboffenes e. 

a) offenes ^ vor n, ii, ch, v, f, d, t, k, p, z, nd, nk, ks; 1 und 
r 4" consonant: k^ne, $n, ^iiel, m^ne, p^nek, scht^iiel, schtr^n, — h^ch, 

— h^ve, $vel (aber), bl^f (geöffneter mund), l^fel, schofel — kyt, 
b^t, p(»t (Kröte), z^del — d^ke, $k, h^k, h^ke (ausbrüten), schtr^ke, w(»k, 
w^ke — t^pich, bQschkn^per (waldbumlcr), — m^z, n^z, kr^z (kratze) — 
verschwende — ^nkt, h^ksel, (»Idere, welsch, h^Kfche (V^ mass), k('rmes 
(galmei, calamus), ^Ister; — f(n**'f (färbe), opb(»rme (aufhäufen), h^rps, h(u'''m 
(härm), b^r^ch (versclmittenes schwein) — fl(»sch (flasche) — kw(»tsche. 

b) halboffenes $ vor j, s, t, tl, ii, Is: k^jel, n^sel, f(^ter, seli^tlich, 
h^iis, ^Is (als). 

Anmerk. Geschlossenes e findet sich mir in mensch. 

4. Dehnung macht umgelautetes a zu offenem oder halboffenem e, vor 
s -f- consonant zu q\. 

a) offenes c- k^me, f^ine, m^n'ch (manag), — schr^^ch, J^^cli, schlich 
(schlage) [halblanger Selbstlaut] — j^je, dr^jer, n^jclche (nelken), f je (klagen) 

— Jfbel — hgl (hart) — Qnt (ente), f^nt, z^nke (zanken) — dffike, vei- 
rfilke, sch^mde — l^stich — flz (wermut), k^l'ch — f^M-'^ke (scinvein), 
m^rte, scht^r^'k (stark), mfr^'k (nmrk), bgrefosich (barfuss), tr*"k (mühlen- 
arche). 

b) halboffenes q hauptsächlich vor r: Sqr^k, ngre, mgr, jewgr, jefQr, 
kQre, bgr^'m (häufen), schwQr'^m, dQr**m, Qr'^m (subst und adj.), ^r^ch (arg), 
WQr*'m — bQnklich (ängstlich). Der ölaut findet sich nach q vor 1, s und 
bei schwnmd eines r: Q^le, Q"/el, f^^lsjas, fcj^Je (zupfen) — k(j"l, f^Micli, 



— 4 — 

c) §i in k^iHel (kessel), Igis (letzt zu las), r^^iste (rasten), j^is (gaste), 
gisch (asche), t^isch (tasche), w^isch (wasche). 

Anmerk. : Der umlaut ist nicht eingetreten in träp (treppe), bäk (becchi), 

tar — schtrank (strenge), fas (festi), baste (die leisten des tuches niit bind- 
faden versehen), schmache, sclimach (schmecken genuss); schäme. 

5. Umgelautetes ä ist zu e, dann weiter zu i^ entwickelt in mi^n 
(mana, mahne), flusch (windeln), bimste (dass. wie baste). 

6. Kurzes a ist diphthongiert zu au vor Stimmansatz zu w bei schwiuid 
eines 1 vor d, t, f, z: bäü^* (bald), schäü^^ (schalte), fäft^^e (falten), häü^e 
(halten), äü''e (flektierte form zu alt) — qu vor f in der regel : kQuf (kalb), 
hQuf (halb) — fQuwere (falthor). Der diphthong ist zu q^ zusammen- 
gezogen in Q**t (alt). 

7. Während langes a regelmässig zu o geworden ist, finden sich nur 
wenige spuren dieses Übergangs beim kurzen a. 

a) Durch angleichung an den plural im sing, praet. der starken verba 
mit gedecktem und einfachem nasal und den Spiranten f, eh. f^ß, b^n, 
schpr^ii, Jon, jew^n, schw^m. — Langes o tritt ein vor nk und Ip: dronk, 
Jonk, schtoiik, hoPp. — Der ölaut erscheint vor m, n, f, ch: n^^m, k^^m — 
trö^n — jO^f — J^^ch, lö^ch. 

b) In pasche (pascal), w^lbere (waldbere), schw^lsber (schwalbe), m^lbet 
(klinker, marmel), h§de = havede durch den einfluss von v. Mit ölaut vor 
f, m, j,/in r^^f (rabe), schrQ^m (strich), wQ"je (wagen), rQ^/e (rasen, schimpfen). 

8. Kurz a ist durch angleichung an den plural zu u'^ geworden im 
praet. der verba nach der IV. ablautsreihe : schpru^ch, bru'"ch, schtu^ch, 
tni% schtu^l. 

Anmerk. 1. Neben jgH findet sich jutsch ftlr gerte, wol entwickelt 
aus gartia, *gourtia, *goutja. ü findet sich für nhd. a in dem fremd wort 
trtbak, ü neben ä in bubelc. 

Anmerk. 2. In den fremdwörtern känil, kämil, kätun, kräschtci (kastanie) 
ist in der unbetonten silbe ä erhalten, dagegen in knin (kaninchen) ausgefallen. 

Anmerk. 3. In nebentoniger silbe ist ä zu i geworden, wo nhd. ü 
erhalten ist, in den Zusammensetzungen mit dach: Sondtch etc. 

II. German. langes a. 

1. Der allgemein md. und ndd. Übergang von a zu q ist auch in der 
aehener mundart die regel; hinter dem q entwickelt sich der ölaut. 

a) Beim praet. der verba der IV. und V. ablautsreihe. Vor m, n, 
V, j, s tritt der ölaut auf. nQ^me, kQ"mc, Jo'''ve, lQ"je, Jq'^jc, jQ^se, Q^se; 
ferner wQ^r (war), jQ^n (ich gehe, gän), 

b) w^^, schtQ^, jedQ" — ö"m, kr^^, JO°m, brQ^mele (braihberi) — trO^, 
brQ^ne (braten), kapl^^n, tr^^e (thränen), br^^n (wade, augenbrauen), §^ne — 
schtrö^f, schöpf, jrO^f — plft^ch, w^^ch, schpr^^ch, n^" (nahe), krO^ (krähe), 
— frQ'^je, schwQ^jer — schtr^^s, blO^s, blg"Je — r^H, d^'^t, (m^t r^^t 



5 



^n dO"t), Avift, ii(i"t, hv^We (braten) — p^"!, schtö'^1, allem^^l (allesamt), 
in^"le — ifr (ader), klO^r, h^^r, j§*^r, w^^r (aber w^ret Wahrheit), schw^^r, 
jef^^r, klö'^r (ene kl^^^re für schnaps). — §che zeigt §, 

Anmerk. a ist erhalten in al, schtat (staat, aufwand), sowie in den 
fremdwörtem schlat (salata), plan, kwal, par. 

2. Der uinlaut von langem a ist ß in Jt4ich; ^^ in bg^r (tragbahre), 
ng^m (Nbf. zu ng^m). Dieses lange §^ ist weiter zugespitzt zu i^, das den 
gewöhnlichen unilaut darstellt: kri^m, bekwi^m, jenPdich, schpi^ (spät); 
kwi^^Jel (betschwester), mi^sich (massig), ki^s (käse) — schi^, opkli*^re, 
beschwi^de — hi^l (querstange im Schornstein), jemi^lde, riHsel — li^ch (läge). 

a + j giebt ebenfalls i^ : bi^ne (bajan), Ji^e, schpi^ne (entwöhnen), 
dri^ne, ni^e, mi^ne. 

3. Der umlaut ist erst eingetreten nach der Senkung des a zu q^ in 
rQ^tsel, öcher und bei den pluralen Q'^m, krQ^m, kaplQ**ns, wQ^ch, drg^^t, uQ^t. 

4. Langes a ist zu ^ geworden in n^ber (nähgibür, nachbar), nähere 
(stehlen), m^lzit, j^mere, §vent (abend, pl. ^vende), schlaf, schlafe, l^t (lasst). 
Der umlaut dieses ^ ist q: UQlt (nälda ahd.). 

5. Langes a ist u** geworden im plur. praet. der verba der vierten 
ablautsreihe : tru**ne (traten), — schpru^che, bru^che, schtu*^che — schtu^le. 
Der umlaut ist tt^: schprü^che; derselbe findet sich auch bei den verben, 
die im indicativ q^ haben: nü^me, Jü^se, wü^re, 

B. Der Selbstlaut e. 
L German. kurzes e. 

1. Unverändert erhalten als offenes $ vor m, ii, ch, v, f, t, d, k, 
1, r + consonant. n^me, befiel (bengel und band), — fachte, rechne — 
j^ve, n^ver (neben) — tr^fe — br§t, kl^t, b^dele, iQ^sl^dich (los und ledig) — 
dr$k, fl^k, j^k, schp^k, scht^k, schräke, tr^ke, dr^ksele, w$ksel (daneben 
w§^sele wechseln) — b^lle, j^lde, h$Ppe, k^ller, sch^l, schulde, sch^lleb^l 
(glöckchen), Jgl^ver (selber, dagegen /§Pver silber), w$lt — b$r*je, k^r^ver, 
scht§i-*ve, verd$r®ve, d§^ (der). — Geschlossenes 6 weisen auf zön, nevel, 
schmäk, schicke, jöstere. 

2. Dehnung ist eingetreten vor n, ch, j, v, s, t, r, 1 und vor 
r 4" consonant, und zwar ist a) $ zu g geworden vor ch, j, 1 + consonant: 
wgch (weg) — bewgje, f^'e, fgchfür — fglt, mgPke, pglz; b) $ zu q 
geworden vor r + consonant: b§r^ch, WQr^k, sch§r^f, wQr^pe; c) $ zu e 
geworden in schmelze. 

3. German. ^ ist zerdehnt zu $" vor n, j, s, v, r, 1, seh, nsch, nach 
Schwund eines r : b$^ne (beten), r$*^ne (regnen), /$^ne (segnen), trg^ne (treten) 
— schw$*^jel — l§^Je — klg^ve, l§^ve, l^^ver, w§*ve (weben) — scht§*r (stem), 
jf r (gerne), f§»r (feder), 1fr (leder), w^'^r (wetter), w$» (wer) — j^^ (gelb, 
gelo ahd.), sch$«l, scht^^e — $^nsch (ernst) — $H (erde), hf t (herde, aber 
h§H herd), w§^t. 

Diese zerdehnte form hat langes § nach scliwund eines ch vor t und 



— G — 

eines r vor n, t, d, 1: kiiQ^^t, Y(ft — Ii^"t (lienl), \vq'\lQ - pQ'1, nii^"l (iiierlc), 
— JQ"sch (gerste). 

4. Genn. ^ ist diphthongiert zu ?i vor s und ch: b^iseni, dr^isdie, 
^ise, fisich, frgise, ragise, n^is, verjgise — bleich, br^iche, pfich, öclit^iche, 
wQich (woche aus ahd. wehha), j^isch (hefe). 

5. Uuregelmässige entwicklung des e findet sich in einigen Wörtern. 

a) e ist a geworden unter schwund eines folgenden r in biischte 
(bersten), häz (herz), sclitäz (sterz); ferner in flarmus (aus fledarnuis, iiearnuis, 
da intervokalisches d schwindet) und läbendich. 

b) e ist zu i^ geworden durcli angleichung an die entwicklung des 
langen e in schmier (smero), und nach schwund eines h oder r in flirte 
(tlehtan), ki"sch (cerasus). 

c) e 4" w ist i^ bez. ü^ geworden in li"f, lü"f (lewo, löwe); lü'T weist 
allerdings auf die ahd. doppelforni louwo hin. 

d) e nach ku ist y geworden in körne (queman). 

German. langes e. 

1. Langes otFenes g ist erhalten in Ifr'ch. ölaut findet sich vor r 
und 1 in h$"r und f^"le (wol von faillir) unter gleichzeitiger kürzung dos t. 
Langes e ist verkürzt zu ^ in ^vich, l^ne (lehanön, eigentl. lehnen, dann 
leihen, wie hQ"sche statt heissen), w^nich. 

Halbofl'enes q mit ölaut zeigt lQ"ni. 

2. Die übrigen e sind zu f* zugespitzt wie im heutigen griechischen 
eta und im lateinischen ae in compositis: schm", Jl", \yV\ schlf, klr, vY' 
(reh), f (ehe), tt", bfs, tK^f, zr'n (ahd. ziha, ndl. teen), l"r, Ifre (lehren, 
lernen), JK^r, kl'Ve (wenden), kl"r (wendung), verkf'rt, schi"r, hi'ler, i"der 
(eher), i^sch (erist, erst). — Ji^, j^'Ji^ (sehen, sen). 

C. Der Selbstlaut i. 

I. German. kurzes i. 

1. Altes 1 in geschlossener silbe ist erhalten in W (vieh). Ich, mtch, 
dich, /Ich, llje, ptnsei, film (schleimiger auswurf) ztfer, jlps, nlk (genick), 11 1, 
brltsch, zlii (wanne); gedehnt zu langem i in linich, biber, fls(t), lis(t), 
zu halblangem i in ris; nach dem halblangen i entwickelt sich ölaut vor 
r, 1 oder nach langem i bei schwund eines ch: ni"r, jeschi^r, schti^'r — 
schtri'4, schti"! — jewiH, tri'^ter, opri^te, wi^'t, ni^tche. 

2. Altes 1 ist zu e gesenkt, und zwar meist zu (^, seltener zu § und 6 
in den Wörtern: kl^me, schw^^me, jew^ue, br^ne, schp^n, h^ne — l^n 
(linde), l^nt (gelinde), mindere — j^vel, scht(^vel — /^cher — dijje ; k^s(t), 
l^s(t), r^s — j^l^t, m$t, schilt, schnitt, schr^t, tr^t, b^ter, b^de, m^del, 
m^dse ; — bl^z, schp^z, schl^z, h^Jzde — kr^p, l^p, r^p — bl^k, d^k, sch^ke, 
scht^ke — scht^l, w$l, b^lich, J^b'ver (silber); — bfij.(biene) — ken, Jen (di; 
der sinn), schpene; bene, drene, feile (finden), fefier — zömer — jref, 
jrefel, dref — dechte, jech (gicht), wech, schlech, krechel (heimchen); — 



— 7 — 

bes, liese (kniebug), j^'wcse — mösche, frösch, fesch — schuke, sclitrt»ke, 
wekel, schmßk (peitsche) — wötiuäa (witwer). 

3. Das zu e gesenkte i wird gedehnt a) zu e vor n, 1 und in den 
bindungen mp, nk, It, Is, Iz: pen, zen — mel*ch — schemp, wempel — 
blenk (blind), denk, renk (ring und rind), Jeiike, schteiike, dreiike, wenk, 
weiikter — belt, weit (wild), schelt — fels (filz cf. f^^'ls fels) — melz — 
b) zu § vor 1 im auslaut: d?l, schpgl — c) zu q vor r: wgr^ke, zQr^^kel, 
k?r'ch, kQr^chßf und kQr^Terich (kirchhof) — d) zu ^^ vor n, s, r und vor 
geschwundenem t und r: sch^^n (schienbein), schw^^^se (schwitzen, eigtl. 
schweissen) — bQ^r (birne) — schn^^ (schnitte), $Me (irden). — e) e findet sich in 
ben (bin). — f ) i ist $' geworden vor j : schw^'jer, /$'jel — $i in m^is (mist). 

4. ünregelmässige entwickelung des t. a) K zu halblangem o geworden 
in wos, wose (wusste). — b) zu q in rgne, jQve, tische (zwischen), schgmel, 
hgm (ihm, ihn), dQSch — d^ks (oft, mhd. dicke); — c) zu q in hql^p, mgnz 
(minze), jQnt (sind). — d) zu ü in ruter, j**schucht (geschieht) ; zu ü vor r 
und nach schwund von cht vor s: ür (ihr), für (wir) — ntts (nichts). 

5. Junge i-bildungen, meist onomatopoetischer art: btmele (läuten), 
himphamp (Zänkerei), mim (katze), jtfele (laut lachen), ftjel, fljelche (Stückchen 
zeug), IKz (gerte), Mds^'le (milchzähne), dtz (kleines ding), kg^lejlz (kohlen- 
träger), jttsch neben jötsch (gerte), krldschele (schnitzeln), knibele, ntniele 
(kleine Stückchen abbrechen), schntbele (bohnen schneiden), schllbere (vorbei- 
gehen), trlbele, zlbel (ängstlicher mensch), blbele (zittern vor kälte), ttpe 
(anrühren), gm kipe umwerfen = schlagen), schttp (stütze), schptt (kleinigkeit). 

II. German. langes i. 

1. Regelmässig ist langes i in der achener mundart erhalten: lim, 
schlim, wimel (Johannisbeere) — fin, min, din, Jin, schin, win — j*'lich, 
lieh, rieh, schliche, schtriche, wiche, schpichert (feldtaube), linzQ*^che (kenn- 
zeichen) — ifer, lif (livet, leibwäsche), pif, rif, schtif, wif, Jif (gösse) — 
drive, blive, rive und frive (reiben), schtive — bewi/e, is, i/er (eisen, 
isam ahd.), ,flis, jris, ris, rise, schise, verschlise — klinsch (klein), krische 
(weinen) ; halblang ist germ. i in wKs (weise) — schtif, schlf. Weht (beichte, 
bihiht), fleh (feige). Der ölaut tritt ein vor r: fPre (feieni), hil'Q^ li"t (leicht). 

2. Kürzung des langen i ist eingetreten vor gutturalem n : mKii, dtii, 
Jtfi, llii, ptii, jrtne, Itiie — ferner vor j: Itje, krlfje, schwKje, schnlje, rKje, 
Jlj — vor s, t, z, 1 : wKs (weiss) — schtrit, kntt (aus krida), wlt, zlt — jtz — ; 
nie, jllle (gierig verlangen), fllle — dann in einer nebenform zu frive — 
frivele. 

3. i ist im auslaute zu stark gequetschtem ei diphthongiert: blei, 
drei, frei, (i ganz palatal). 

4. i ist zu e gesenkt in doch, zu $ in j^'sch^t; folgt dem i ein vokal, 
oder ist w oder h ausgefallen, so entwickelt sich hinter dem § die spirans j : 
f^ent, fr^ije, kl^ije (kliwa, kleie), w§ijer, d<^ije, b^ijele (beil), r$ije, r^ij (riha), 
J^y\ /§U^ (seihen), verz^ije, w^ije (weihen). Vor ch erscheint q® mit halb- 
langem e: bl^^'che. 



— 8 -- 



^Xt-iai • A* 1 »'W 



5. Langes i ist vor w zu yu diphthongiert in sclip^uje (spiwon); zu ü 
geworden in runisel, riime (reimen), zu § in Jot. 

D. Der Selbstlaut o. 

I. German. kiu-zes o. 

1. a) Kurzes otfenes y ist erhalten in IF. Wörtern: yf (oft, oder und ob), 
hijf — (Jvent (ofen) — ^der, jijt, flijt -- j'^l^ze, k$ze, kl^z - bl^k, hjk, khjk, 
r§k, Jljk (strumpf) — PÖke, sch^kel — jrijbian, (^bs — kl^pe, kijp, krijp — 
r^l, dr^lich — m^i^sch — jrysche. — b) Halboffenes haben wir vor ch, v, 
nd, \% r^'m, z: d^ch, n^ch — di;^bOve — d^nider — f^l^je — f^r^ni — 
r^z. — c) Ein flüchtiges u tritt nach o ein bei ausfall eines g und 1 : 
fÖ"wel (vogel), w^" (wollte), J^" (sollte). — d) ölaut entwickelt sich bei 
Schwund eines r: k^^t (kordel), vgl. kQ"t (kalt). — e) Kurzes geschlossenes 
ö findet sich in schtöpel, mör (o in niör ist halblang). 

2. Der umlaut ist entweder q oder seltener q, ö: liyf, yvent — kyp, 
kuQp — ryk, Jyk — Jyr^ch (sorge) — grj^'l — dröp (tropfen), bök. 

3. Das kurze o ist gedehnt a) zu q vor 1 und s: IiqI (hohl), byl 
(dumpf tönend), dyl, fyl, zqI — frys, kQ8(t), mys, pQs (posten), rQs(t), schlgs, 

— dQl*ch. — b) Der ölaut tritt ein vor n, j, r, 1; nach schwiuid eines r 
oder ch : wQ"ne, — bQ^je — j^^r, dQ^r, kQ^r (roggen), bg^re, j*'bg"re, verlg'^re, 
j*'schQ**re — hQ^le — k(i% Jq^I (q lialblang). — wy^'t (wort), bQH (bort), Q't 
(ort in der bedeutung stück, absatz), kg^n (Samenkorn), liQ"n, py^z (pforte) 

— dQ^ter, Q"s. — c) Geschlossenes o zeigt for'ch. 

4. Der umlaut ist entweder q: dgr'^p, kyr*'f (korb), schtyrk'h, pgsche 
(raisonieren), oder halblanges y: wytche, oder geschlossenes lialblanges ö: 
knösch (knorpel), oder endlich q" vor erhaltenem oder geschwundenem r: 
dQ^r — Q^t, hg^ne, by^de (y halblang). 

5. Diphthongiert ist o vor ch und f zu qu: knyuch, kcjuch, iQUch, 
drguch (trog) — hyuf (burehQuf), yufe, liQufe, Qufere, — zu ou in den 
Wörtern: wouf, knouf. 

6. Der umlaut ist qü: j^knijüchs oder gü: kngttf. 

7. tt stutt ö zeigen: hübel, müt (molt, kaffeesatz), füt (fort), ü" das 
fremdwort nüHe. 

II. German. langes o. 

1. wird gewöhnlich zu li^ (das u ist halblang): flu", du^ (thun), 
fnl^ lä^ ru^ Jü*» — ki'ü^n (corona), lü^n, tü"n, schü^ne — hüVh, drü^ch 
(trug) — jrü"s, trü"s(t), lü"s (klug), blü^^s, d\i% ril"s, Schills — pft^t, di1"t, 
nü^t, lüH — kün (kohl) — mft^r, ü^r, Iiü^r, schwü^'r (verb.), fü^r (fuhr 
und futter), brü^r, ftt"re (füttern), schnurr, r$de rü"r (durchfall) — schtt"l. — 
Der ölaut fehlt in: but, wut, schuster (u halblang), uver. 

2. Der umlaut ist ü^ : schtrü^, blü^ (blöde) — rü^r, fti'^re, rü"re, hü^re, 
schtü^re — bü"s (ü ist halblang) oder seltener ü: wüle, füje, drüse. 

3. Langes o ist verkürzt gewöhnlich zu q, §, ö: b^n, schtOfi, sch^ii 
(schuh) — bl^m — b^ch, schlich (schlug), wacher — hys (husten), jr§s 



— 9 — 

(gruss), bg«, jys — pryf — hyt, jyt, ni^t. (q vor ch, s, f, t ist halblang) — 
scbr^t, m^der — klöster, hoste, östere, doch, röf (o halblang). 

4. Der umlaut ist Q, q, ö: fr^ch (fruo ahd. vrüeje mhd.) — jemQS, niyse, 
Jqs, schtQse, FQster — brQÜe, fQlle — r$p (rübe) — jrQn, nQtere — sch$n 

— klöster, döcher. 

5. Langes o ist diphthongiert zu ^(l im auslaut, vor 1, ch : zyü''' (zu), 
k^rr, i-Öü^ (nihe), JOü (gute) — scht^ül, schp^ül. 

6. Der uralaut ist §8: brQuje (brauen), jlQuje (glühen), hyuje (hüten), 
niQuj (müde ; Stimmansatz zu j), mgute (mühe), drQuf (trübe), kgul (^ halb- 
laug in den drei letzten worten). 

E. Der Selbstlaut u. 

I. German. kurzes u. 

1. Kurzes u ist wie allgemein im niederdeutschen Sprachgebiet ö 
geworden, und zwar in der regel Ö, q, seltener § oder ö, o: scht^m, J^mer, 
tr^m — br^ne, n§n, J^n, t^n; scht^ut, hindert, verw^iiere (verwundern), 
z^ii, l^ii — schlaf (stube), k^fer (kupfer und koffer) (q halblang) — lOK^), 
ni^s, brOs(t), sch^s, (q halblang) — br^ch, j®r§ch — p<}Pver — dr^k — 
k§t — p5p — 8chtQr*^m, wQr^m, bgr'ch (bürg) — $: frym — ö: schözel, 
wözel, möschel, tröz — schölt, j*'dölt, pöls, döns, köns(t), öus, brönk (auf- 
zug), hönk (hund), pöfik (pfund), öiie (unten), rönk (rund), drönk, wöfik 
(wund), fönk (fund), jröfik (gi'und) — pöuip, schtömp, dömp, plörap, lömp — 
wöhsch — schötel (o halblang) — vor seh findet sich bei geschwundenem 
vi der ölaut: wQ^sch (wurst), dg^sch (durst), kg^^sch (kruste, mit niela- 
thesis kurste). 

2. Der umlaut ist §: dQU, kQn*^k, JQne, kgne, f^n^ J^nt — ym - 
Qver — sclÜQsel, kgse (<i halblang), bQschtel (bürste), bgsch — prgjele — 
wQr*je, bQr^je, dgr*fe (q halblang); dgr, fgr, dgr'ch, schlgr*'pe — mgle; 
dgPper (schwelle), fgle (fohlen und füllen zeitw.) — mgfister, klgiiel — 
rgtsche, mgtsch (müzze) — schgp; offenes g zeigt allein schprgz (spritze); 
geschlossen ist der umlaut vor ch, p, k, ft, rj, st: röchele, döchtich — 
höpe, kröpel — schtök, j^lök, mök, brök, rök (rücken) [ö halblang] — löfte 

— jörjele — löst^lich. 

3. Kurzes u ist zu ^ü diphthongiert vor Stimmansatz zu w und vor f: 
sch^ü^^'er (schulter), d^il'^^e (taugen) — schp^zbOüf. 

4. tt ist erhalten in züp, schmük^le, schiWre, — pttze — schtftmel^ 
hilmel — bröbel (finne), bübel (flasche). Langes u zeigt das wohl dem 
nhd. entlehnte wort pult. 

Der umlaut ist il: loch (lüge), biit. 

5. Hinter dem u tritt der ölaut auf vor geschwundenem f, r, ch: 
luH (luft), tu^n (türm), und in dem ndd. schpil*^k. 

Der umlaut ist ü^: früH, bu^n (halblanges ü). 

II. German. langes u. 

1. Langes u ist in der regel erhalten: schum — brun — us, buse 
(draussen), brus, fus(t), hus, krus, lus (laus; vgl. h1"s gewitzigt), nuis 



— 10 — 

(maus und mauser mlid. muze) — sufe, krufe — brache, sclituch, schhich, 
sclitruch, schtrucli**le — brut (braut), hut, krut, fut^le (täuschen), luder — 
ful — Jur, rusche, tusche — uze. ölaut tritt ein vor r: du"re, lu"re, tru**re. 

2. Der iimlaut dieses u ist ü: füs, hüjer — schtrüch; halblang ist 
ü vor s in den pluralen mus, Ins. 

3. Lanpfes u ist gekürzt vor m, v, 1, p, stimmausatz zu w, st : dum, 
prüm, /üme, tilni*1e ; in den pluralen schnlve, duve, drttve ; null, kül (loch) ; 
— rüp, rüpe (rauben); — /ii^'e, li1''e; — liist^'re. 

4. Der umlaut ist u: prumche, niulche, killche, rume (räumen, vor- 
wärts kommen mit der arbeit; vgl. rume, reimen). 

5. Langes u ist gekürzt und wie kurzes ü zu y geworden in Op (auf). 

6. Der umlaut ist q: mQrter (mftlinäri, nach Schade mttlinari). 

7. Langes u ist diphthongiert zu ^^ vor w: tr^ü^'e, b^iV'e; zu qu 
rgu'' (rauh; vgl. r()il''' ruhe), kgum. 

8. Der umlaut ist yu: schwQill. 



F. Die doppellaute (diphthonge). 

L German. ai. 

1. Der doppellaut ist erhalten im auslaut als Qi: mgi (birkenzweig), 
Qi (ei); — $1: l^t, m^l (plur.); im inlaut als gi, ei, ^: Qiter, ZQije, ^ije, 
kgi/er, hQi/er, hgile, /Qiver, arb^ide — m^Ks, r(ls, h^tt (der beide), f^Il — b^tds. 

Die kttrzung ist eingetreten nach ausfall eines t-lautes unter gleich- 
zeitiger bildung der spirans j in den Wörtern: h^lj (die beide), sch^tj 
(scheide), w^Kj (weide) — ^Ijem (eidam), l^jtje (leiten), l^tjer (leiter). 

2. In der regel ist der diphthong zu q** zusammengezogen: /Q**m, 
liQ'^m — bQ'n, schtQ^n, g^'n, allelQ*'(n) (einerlei) — q*cIi, wQ*"ch, dg^'cli (teig), 
Q'^chliQ^'nche (eichhörnchen) zg^'che; — j§*'s (geiss und gcist), hg^s, niQ^'sel, 
schwQ'^s — flQ^'sch, hg^sche (heissen), mg'^ster — r^'f, Jg^T — brQ*^t, klQ*'t, 
Q'^t (eid), iQ't — Jq^I, dg^l. 

3. Der doppellaut ist zu $ gekürzt in ?mer, {Kf; — zu <J in j^iie 
(keiner), $ns (einmal), h$Pch; — gewöhnlich zu e vor gutturalem ii: jomöii, 
kleii, reii, seilten (steine), beii (beine), mene. 

4. In dem ma. schlauer liegt sloier, slogier, nicht sleier zu gründe. 



IL German. au (ou), a + w. 

1. Der doppellaut ist in der regel zu o" (mit schwachem anklang 
des u) zusammengezogen: bo"m, /o"m, dro"m — ro"cli, o"ch — lo"f (laub), 
lo"fe (laufen) — hö"we (houwon, schlagen). 

2. Der umlaut ist yil : rgüche, liQilfe, j^'lyuve, dQiif (taub), l^uch^ne — 
yü: hgut (haupt) — öii: böumche. 

3. Der doppellaut ist erhalten im auslaut, und wo ursprünglich a + w 
stand : mäü (ärmel), jäü^" (gauwe), fräü^^ käfr^ (cavea, käfig), kräü^^e, kläü^^e 
[zauver ist aus der Schriftsprache entlehnt]. — Der diphthong lautet qu 
in den Wörtern: fl(ju'% j'^ngu''. 



— 11 — 



K « 1 K « >^i \ 1 A >i « / 1 1 >«. « 



4. Der unilaut ist qu: hyu (heu), schtr^ü, (schtrQuzel, papiersclinilzel, 
blätter mit bliimen), — ft'Qiiche, iiiQuche, rQuber (der doppellaut ist halblang). 

5. Der doppellaut ist gekürzt zu if in bl^^ (blau), zu 6 in och (äuge). 
Der undaut ist q in frgle (fräuleiu). 

III. Gernian. iu (io, ie). 



1. Der doppellaut ist als qü erhalten in verJQüde; verkürzt ist er im 
auslaut: tr(]u, rgu, ngu, brgu (brühe). " 

2. Der doppellaut ist zu q, q zusammengezogen in bijje — ngrjends. 
Gekürzt ist dies q vor m und j: ngme, gmer — kgje, scligje, klgjel (knäuel). 
— föch(t), — frönt (freund). 

3. Die Übergangsstufe zum ö ist ü, welches vor j, eh, 1, s, tsch, z 
erhalten ist: lilj (leute), fluje, beduje (bedeuten), bruje (stossen), luje, zfije, 
bedruje — uch — bul, ul, Jul, kül, hule, frnje (frieren), verlilje, verdru/e — 
dutsch — kruz, schnuz, schnuze (naschen). — Langes u erscheint vor ch, 
V : Jilchie, hüch^'le, rüche — düvel. — Der ölaut tritt ein für geschwundenes 
f, ch und vor r: /ü"te (seufzen) — lü^tc (leuchten) — fü"r, schurr, schtu'^r, dii^r. 

4. Die Spaltung des alten iu zu ie erscheint in der achener mundart 
als 1. 1, i"; 2. gi, ^1; 3. e, ^, ^. Iu ist l.= i in den Wörtern über, 
schibe, schtif. — i^ vor r: bi"r, ni^r (niere), schti"r, fi"r (got. fidwä; aber 
ahd. schon fior). — 2.= gi, ^i: hgi (hier), Jgi — d^tf, br^lf. — 3.= e, ^, 
q: schöse, jese, nese, schlöse, jres, flech — schp^Kjel, b^Ije, dgne — l(^t 
(lioht, liod). 

5. Vereinzelt stehen mit ü: schprüse, tusche, krüfe (kriechen) und 
mit gu vor w brijüwe (briuwan). 

Resultate. 

Betrachten wir jetzt umgekehrt, welchen gennanischen bezügl. neu- 
hochdeutschen (abgekürzt nhd.) vokalen die der nmndart (ma.) entsprechen, 
so ergiebt sich folgendes: 

I. Ma. ä, a = germ. ä, nhd. ä, a. Nur in haschte (bersten), haz (herz), 
schtäz (sterz), iiarmus (fledernuius) steht ma. ä bez. a für germ. e. 
II. a) ma. g, g steht: 

1. für germ. ^, nhd. 6 und e; 

2. als umlaut des kurzen germ. ä, nhd. e; 

3. als Senkung des germ. t, nhd. \ ; 

4. als brechung von germ. iu vor n, t, j, = nhd. ie. 

b) ma. ö steht: 

1. in wenigen Wörtern für germ. g; 

2. häufig für gesenktes 1, nhd. t; 

3. selten für germ. ai, nhd. ei vor gutturalem fi; 

4. als brechung von iu vor s, ch; nhd. ie. 

Anm. Ma. e steht nicht für umgelautetes ä. 

c) ma. $^, $^ vertritt: 

1. germ. g vor n, j, s, v, r, 1, seh und bei ausfall eines r; nhd. 
steht e; 



~ 12 — 

2. germ. ? in li$"r (herr); 

3. gesenktes 1 vor n, s, r und bei scliwuud eines t oder r. 

d) ma. g, g stellt als dehuung: 

1. von germ. $, nhd. e; 

2. von umgelautetem germ. ä; nhd. ae; 

3. von gesenktem i vor r, nlid. 1. 

e) nia. e entspricht gesenktem t vor r, n und den bindungen mp, 
nk, It, Is, Iz. 

f) ma. (f stellt: 

1. als dehnung von germ. f, wenn ch vor t oder r vor n, t, d^ 1 
ausgefallen ist; nhd. steht e; 

2. für umgelautetes germ. ä vor 1, s und bei Schwund eines r; 

g) ma. e*' entspricht germ. ai, nhd. ei. 

III. a) ma. i steht: 

1. in wenigen Wörtern für germ. K, nhd. i; 

2. häufiger in malenden neubildungen = nhd. 1; 

3. in einigen Wörtern als kürzung von langem germ. i ; nhd. steht 
ei, seltener ie. 

b) ma. V* tritt ein: 

1. als dehnung von germ. i vor r, 1 und nach ausfall eines ch; 

2. für langes e; 

3. als umlaut von germ. langem a, nhd. ae; 

4. für langes i vor r. 

c) ma. i steht für germ. i, nhd. ei. 

IV. a) ma. <), y tritt ein: 

1. für germ. ij, nhd. o; 

2. selten für germ. q, nhd. u, o; 

3. tür germ. ü, nhd. u; 

4. in einigen Wörtern für germ. nhd. ä (J^n, b^ii, schpr^fi, f^n, 
schw^m; pasche, m^lbet). 

b) ma. ö steht: 

1. zweimal für germ. §; 

2. für germ., nhd, ü vor z und seh. 

c) ma. (}^ entspricht: 

1. germ. ^ bei schwund eines r; 

2. am häufigsten germ. langem a, nhd. a. 

d) ma. Q, Q ist: 

1. dehnung von kurzem §; 

2. dehnung von kurzem ü. 

e) ma. ö steht für gedehntes ü vor den consonantenverbindungen 
nip, nk, nsch. 

f) ma. Q** ist gleich: 

1. germ. ^ vor n, j, r, 1 und nach schwund eines r oderch; nhd. 
entspricht o; 

2. germ., nhd. ü vor seh, welches an die stelle von rst getreten ist. 



— 13 — 



g) ma. Q, Q steht: 



1. als umlaut von germ. § und gekürztem gerin. q; 

2. als uralaut von germ. u, nhd. ü; 

3. für germ. iu, nhd. ie, äu, eu; 

4. für germ. t in folgenden 8 Wörtern: ligm, rQne, Jyvc, schgmcl, 
dQsch, tQSche, dgks, hgmel; 

5. für geim. i in dem worte jQt (seid), 
h) ma. ö erscheint: 

1. als umlaut von geim. q vor p und k; 

2. als umlaut von germ. il vor ch, p, k, ft, rj, st. 
i) ma. Q, Q ist: 

1. umlaut von gedehntem germ. §; 

2. = germ. I in den Wörtern hgKp, niQnz, /gut. 
k) ma. Q*^ ist: 

1. umlaut von ^ vor r; 

2. = germ. iu vor ch und nt. 
V. a) ma. ü steht: 

1. selten für germ., nhd. ü; 

2. häufiger als kürzung eines langen u; 

3. für germ. ö in den Wörtern: hübel, müt, filt (fort). 

b) ma. ü" entspricht: 

^ 1. germ. langem o, nhd. o oder u; 

2. germ. langem a im praet. der verba der vierten ablautsreihe, 
deren stamm endigt auf n, ch, 1; 

3. germ. iu vor r und bei schwund eines f und ch. 

c) ma. u ist: 

1. = germ. u, nhd. au; 

2. = germ. iu in den Wörtern : schpmse, tusche, krufe. 

d) ma. u'^ steht: 

1. für germ. u vor r; 

2. als dehnung von germ. li bei ausfall eines f. r, ch. 

e) ma. u ist: 

1. umlaut von germ. tt, nhd. ü; 

2. umlaut von gekürztem u, nhd. äu; 

3. = iu vor j, ch, 1, s, z. 

f) ma. u" ist == iu vor r. 

g) ma. ti ist umlaut von germ. u, nhd. äu. 
h) raa. ü^ steht: 

1. als umlaut von il bei schwund eines ch vor t; 

2. für germ. iu, nhd. eu bei ausfall eines ch; 

3. für germ. a im conj. praet. der verba der I. conjugation. 

Bemerkungen über den umlaut. 

Ein i oder j in unbetonter silbe hat bekanntlich eine partielle assimi- 
lation des vokals der vorhergehenden betonten silbe hervorgerufen, die 
man i-iunlaut oder gewöhnlich schlechthin umlaut nennt. Das j ist jetzt 



— 14 — 

g:escliwuu(len, <las i meist zu e gesenkt. Beim nnihiut ist aber die analogie- 
bildung nicht zu übersehen. Diese macht sicli in der ma. ebenso bemerkbar 
wie im nhd.; namentlich tritt der umlaut auch da ein, wo in nebentoniger 
silbc ein ursprünglicher voller vokal zu i abgeschwächt ist. Durch umlaut 
wird nun in der achener uuindart: 

ä zu $, § ; t? ? ; vor s + consonant zu qi ; 

o zu §, q; Q, V, y"; vor ch und f zu ^ü; 

li zu li, ü; 

a zu I^, seltener ^''; 

zu ü"; 

u zu ü, u. 
z. b. kraft — kr^fte (ahd. chrafti, nlid. kräfte); jas (gast) — jfis (got. 
gasteis, ahd. gasti, nhd. gaste); n^s — n^s (nüsse); sch^'t (schal) — 
schiefer (schäfer); bnT'*r — bru^r (brüdcr); fus — füs (fauste). 

Im allgemeinen nun stimt die mundart in den Wörtern, welche den 
umlaut erfahren, mit dem nhd. überein. Dagegen giebt es auch Wörter, 
1. welche in der mundart des umlautes entbehren; 2. welche abweichend 
vom nhd. den umlaut zeigen. 

1. Der umlaut erscheint in der mundart nicht in folgenden Wörtern: 
ti-äp, bäk, tar, schtraiik (strenge), fas (fest) — tr^^^ne (trahan, trän, eigentl. 
plur. thräne), kr^'*' (chräja, chräwa, krähe), schw^'^r (swäri, schwer), mör 
(moraha, möhre) — schmache (schmecken), schäme (scamen) — fü"re (füttei'n), 
Jume (säumen), liV'c (läuten); endlich in den pluralen: nate (nachte), blar 
(blätter), rar (räder), haue (hähne), schwane (schwane), schpäse (spässe), 
hämere (hämmer), Jäd^'le (sättel), pariere (pfänder), jadens (gärten), ladens 
(laden), vadere (var), modere (mur) [väter, mütter]; mäuder (männer), 
pladsche (platze) — in den comperativen : hu''ch — hu^cher; (^H — äiV'er. 

2. Den umlaut zeigen abweichend vom nhd. folgende Wörter: t»vel 
(afar, aber), fl(^sch (flasche), ^Is (als), mgn^ch (manag, mancher), z^iike 
(zanken), wg^ch (die wagen), nglt (nälda, nadel), Jgk (socken), drdp (tropfo. 
tropfen), pQüs (die posten), schtru^ (strö, sträwes), schtgse (got. stautan, 
stossen), gm (umbi, um), röster (der ro^; durch die endung er ist hier der 
undaut bewirkt), frü^t (die frucht; der umlaut ist aus dem plur. in den 
sing, gedrungen), hgut (lioubit, haupt), bQsch (mlat. boscus, ahd. busc, nhd. 
busch), Drüt (Gertrud), j^'lgüwe (got. galaubjan, glauben); jQ"m''lc (samanon, 
sammeln), rguich (ruhig), reiste (rasten), tfisch (tasche, ahd. tasca), tisch 
(asca, zigarrenasche ; kohlenasche hcisst : f^medr^k). Besonders häufig aber 
tritt der umlaut ein vor r -|- m, + f? + k, + '<^*h, -\- p : li(n'*'m (barm), schwgr**m 
(schwärm), dgr^'m (darm), Qr^'m (der arm und adj. arm), wQr'^m (warm) — 
f('r*'f (färbe), kgr'f (korb) — mQr'k (marke), (jr*^k (arche), scht^r^'k (stark), 
Jpr'k (sarg) — gr'ch (arg), Jgr'ch (sorge), schtgHch (storch), dgr'ch (durch), 
jdrj'le (gurgeln) — <lgr^p (dorf). 



Bemerkungen über den svarabhakti -vokal. 

1. Eine auffallende ersaheinung in der achener mundart ist das auf- 
treten des ölautes. In dem ö steckt bald ein ganz offenes, bald ein 




— 15 — 

geschlossenes flüclitiges ö, vor ch nähert sich der laut dem o, zwischen 
consonanten ist er ein offenes kurzes e. Auf welchen lautlichen Vorgang 
dieser svarabhakti-vokal beruht, lässt sich nicht mit bestimtheit sagen. 
Der achener mundart ist das bestreben nicht abzusprechen, die vokale zu 
dehnen, zu ziehen. Dies sehen wir an der häufigen diphthongierung von 
einfachen lauten vor s, f, ch, 1, ra, w, seh, z. b. : kgisel, l^is, reiste, 
j^is — bgisem, §ise, §isich, ngis, verjgise — mgis (mist) — kQuf, hQuf 
(halb, hof), Qufe, hQufe, Qufere, wouf, knouf — bleich, pßich, br^iche, schteiehe, 
w^ich — kuQUch, kguch, iQUch, drQUch — schtijül — dOil^'e, tr^ü^'e — 
kQum (komm) — t^isch, fisch, wgisch, jßisch. Gleichsam in der mitte 
zwischen kurzem vokal und diphthong stehen die vokale mit dem ölaut. 
Dieser laut erscheint nun nach den vokalen mit ausnähme des a; ferner 
sind die vokale fast sämtlich kurz oder halblang und meist halboffen. 
AVahrscheinlich ist der ölaut zuerst vor stimhaften consonanten und bei 
ausfall eines oder mehrerer consonanten eingetreten ; dann durch analogic- 
wirkung auch vor andeni consonanten. Auffallend wenigstens ist es, dass 
bei langem i und u, welches sonst in der mundart rein erscheint, vor r 
der ölaut sich findet. Auf diesen ölaut geht auch das singende der hiesigen 
mundart zurück, welches sich zwar in allen rheinischen mundarten mehr 
oder minder findet, nirgends aber in so ausgeprägter weise wie in Aehen. 
So werden z. b. in der deutschen singmesse fast auf jede silbe mehrere 
töne gesungen. Die spräche sucht gleichsam einen Übergang zum folgenden 
ton. In einer reihe von fiillen, wo die achener mundart ölaut zeigt, weisen 
andere dialekte schwebenden accent auf. Im folgenden gebe ich nun ein 
ziemlich vollständiges Verzeichnis der Wörter mit ölaut: 

1. Der svarabhakti-vokal tritt ein bei seh wund eines consonanten: 
schä^ (einziges beispiel nach a ; vgl. bat, at, nat, kat, ade), w^*' (wer), sehnt" 
(got. snaiws, schnee), schn^'^ (snita, schnitte), Jl^ (got. saiws, see), wü" (ahd. 
wewa, weh), schlt" (got. *slaiho), kli" (st. klaiw, klee), schpi^ (ahd. späti, 
spät), schtQ^ (ahd. stan), j^'dQ^ (gethan), j(f (ahd. gän, gehen), n^^ (got. 
nehwR, nahe), krO^ (ahd. chräwa, krähe), flu'* (ahd. floh), schprO'* (sprehe, 
staar) — k^^l (kerl), f^Mich (fertig), q^z (ahd. arwis, erbse), kg^z (kerze), 
beschwiMe (beschwerde), $"nsch (ernst), h^^t (herde), ]\(ft (herd), w^'^t (wert), 
w§Me (werden), pq'^I (perle), mQ^l (merle), JQ^sch (gerste), pg'^sch (pflrsich). 
ki^sch (cerasus, kirsche), qMc (irden), ky^t (kordel), wQ^t (wort), bg'^t (bord), 
kQ"'n (kom), hQ^'n (hörn), wQ^sch (wurst), tu^*n (türm), liä"t (bürde), schm^^t 
(smart, schmerz), pQ^z (pforte), — Ifr (ader), $"m (atem), f$"r (feder), w^^"r 
(wetter), fü"r (futter), brii^r (bruder), mü'V (mutter), schpi"ne (späjan), Ji^ne 
(säen), dri^ne (drehen), ni^ne (nähen), mi^ne (mähen), bi'^nc (bähen), tr^j^ne 
(treten), bg^ne (beten), l^^r (leder), bC)"ne (dielen, bodenen) — wg^sel (wcchsel), 
kng^t (knecht), rQ^t (recht), fli^^te (flechten), li^'t (leicht), frü"'t (frucht), dQ^ter 
(tochter), q"s (ochse), rQ^ne (regnen), Jg^ne (segnen) — Q'*t (alt) — \nH 
(luft) — bQ^ke (bölken, schreien). 

2. Der ölaut erscheint, ohne dass ein consonant ausgefallen ist, zunächst 
vor stimhaften consonanten: 1.) nachdem vokal e: n^"m (nami, nähme) — 
kl$"ve (kleben), l§"ve (leben), l^^ver (leber), w^^ve (weben) — l^^Je (lesen). 



— 16 ^ 

^'^Jel (esel), f^^/e (fetzen) — scht^^r (stern). j^*^r (gern), b^'V (birne), li^'^r 
(herr) — jfl (gelb), schfl (schielend), ffle (fehlen), fle (eile), f^'^lsjas; 

2.) nach dem vokal i : krl^m (kram) — zrn (zehe), kwi^Jel (l)etsch wester) 

— schlC^r (schere), kl^r (kehre), schmier (schmiere) — ht"l (querstange 
im ofen), jemt^lde (gemälde) — jenlMich (gnädig); 

3.) nach dem vokal o: kr^^m (krambude), n^^m (nahm), k^^m (kam), 
J^^m (same), schr^^m (strich) — kapl§"n (kaplan), tr^^n (thran), 
br^^ (wade), O^öe (ohne), w^^ne (wohnen) — JO'^ve (gaben) — w^i'^je 
(wägen), l^^je (lagen), J0"je (sahen), fr^j^je (fragen), schw^^jer 
(schwager), bO'^je (bogen) — rlfSe (rasen, zanken), bl§"/e (blasen) — 
w^^r (wahr und war), jlfr (jähr), dQ^r (dorn), kQ**r (körn), b^^re 
(bohren), verl^^re (verloren), jesch^^re — pö^l (pfähl), hg^^le (holen) 

— brö'^de (braten); 

4.) nach dem vokal u : nii"me (nahmen) — kru^n (kröne), lü^n (lohn) — 
schtü^le (stahlen), schü^l (schule) — mu"r (mauer), rrt^r (rühr), 
karefü^r (karrenfurt = spur). 

3. Der ölaut tritt ein vor stimlosen consonanten in folgenden Wörtern : 
If ch (läge), m Göwe = hW), bt^s (bestia), mi^sich (massig), riHsel (rätsei) — 
w^^ch (wage), Jö*^ch (sah), l^^ch (lag), pl^^ch (plage), schpr^^ch (spräche), 
jÖ^f (gab), rO"f (rabe), schtrO'^f (strafe), sch^^f (schaf ), jrO^f (graf), 1q«s (los), 
J^^se (sassen), O^se (assen), schtr^^s (Strasse), bl^^s (blase) — kg^t (finne) 
— schpru^che (sprachen), bru^che (brachen), schtil^che (stachen), hi1\'h (hoch), 
drifch (trug), trü"f (traf), dil'^s (dose), jra«s (gross), klil^'t (t()lpel), nii^e 
(noten), liV^p (oelkanne). 

4. Der svarabhakti-vokal tritt ein, wo im germ. ein diphthong stand. 
Für germ. ai steht in der ma. q**; das übergeschriebene e ist offen: jQ^'m, 
liQ^'m, bQ^'n, schtQ'^n, Q'^n etc. Für genn. iu ist eingetreten il^: schu'V (scheuer), 
diVr (teuer), hu^r (heuer, miete), oder K": bl'^r, ft"r. schtK"r. Der ölaut erscheint 
für iu also nur vor r. 

5. Um einen Übergang von der einen artikulationsstellung zu einer 
andem zu gewinnen, schiebt die mundart auch zwischen gewissen conso- 
nantenverbindungen einen hülfsvokal ein. Dieser ist vor ch und j ein t, 
vor den übrigen ccmsonanten ein kurzes offenes (», vor p nähert er sich 
dem ölaut. Er erscheint zwischen 1 + <*h? + i«, + k, + f, -f- v, + P? ^' 
+ ch, + j, + 1, + f, + k, + m, + V, + p; j + 1; n + k, + f. 



L 



— 17 — 

Cap. 2. 

Die mitlaute. 

A. Die mitlaute des zahngebietes. 

I. Die explosiven. 

1. German. d. 

a) German. d im anlaute ist erhalten: dQ^ter (tochter), dach (tag), 
däne (adj. tannen), dans (tanz), damp, d§Ip (tief), d§*l (teil), d^u (tau, 
^jiptischen dQu = reseda), dQüf (taub), dQsch (tisch), dQr (thüre), d^l (toll), 
du** (thun), dQpe (topf), drQp (tropfen), d^m (dumm), dgl^'per (thürschwelle), 
düvel (teufel), düf (taube), du»r (teuer), d^^ (that), düH (tot), dQchde 
(ttichtigkeit), b^dujelt (beduselt), dro"m (träum), duke (ahd. tuchen, sich 
drücken, bücken), du^re (dauern), do"f (taufe), dö"we (taugen), doch (tuch), 
drenke, drive (treiben), dr§f (trieb), draje (tragen), drüch (trocken), dr§sch 
(brachliegendes land), b^'druje (betrügen), dgftich (tüchtig), dQuje (drücken), 
d§^ch (teig), dal (thal), dfr. 

Anmerkung. Anlautendes german. d ist nur verschoben in tru'^re 
(trauern, ahd. truren, viell. von got. driusan) und tiimele (taiuneln, ahd. 
tümalon). 

b) German. d im Inlaute ist erhalten: 

aa) In der endung des praeteritums der schwachen verba: 
möii^de (sie meinten), ki^r^de, l^**v®de (lebten), bruch^de, lach^'de (lachten), 
zäü*^*de (beeilten sich), padschMe (liefen herum), bliv^de (blieben) etc. 

bb) Ferner in den Wörtern: 
arb§ide (arbeiten), m§del, b^d^le, b$de (bitten). In diesen Wörtern mit 
ausnähme von arb^ide, wo im angls. eine nebenform mit th erscheint, und 
der lange diphthong das d geschützt haben kann, stand ursprünglich neben 
d noch ein j. Ausserdem ist d erhalten nach erhaltenem oder geschwundenem 
1 oder r und vor s: h^nderde (hunderte)," jade (garten), f§**dich (fertig), 
kade (karde), $ld^re (eitern), j^lde (gelten, kaufen); dudsch (deutsch), m$dse 
(mitten). Endlich erscheint d im inlaut in dem plur. krüder (kräuter) und 
nach langem vokal in br^Me (der braten, dagegen br^**ne verb.) und in 
föder und möder, neben denen aber far und mu^r gelten; fäder und möder 
sind wohl im anschluss an das hochdeutsche entstanden. 

cc) Intervokalisches german. d ist in der regel geschwunden: 
fu*r (futter), blar (blätter), rar (räder), §*^m (athem), w^'^r (wetter), k§fl 
(kittel); b§**ne (beten), brO'^ne (braten), br^^n (wade), tr§^ne (treten), b§ne 
(dielen, aus bodenen). Als ersatz entwickelt sich vor vokalen ein j: l$Ije 
(leiten), l^ljer (leiter), b^Kje (bieten), br^tjer (breiter), wljer (weiter), hQJe 
(hüten), zökerhQJer (zuckerhüte), rije (reiten), afschtrije (abstreiten), b^duje 
(bedeuten), bruje (stossen). Auslautendes u wird bilabial: Itt'^e (läuten), 
äü^e (alter), hätt'^e (halten), wöü^e (wollten), Jbü^e (sollten), fäü^e (falten). 

dd) In j^jttlsch (gitter) ist vielleicht d verschoben, falls nicht 
eine wurzel gat zu gründe liegt. 



— 18 — 

ee) Unorganisch erscheint im inlaut ein d in den pluralen h^Jnder 
(hühner), äfde (äffen) und in d§nderw§^r (donnerwetter) ; ferner bei der com- 
parativ- und Superlativbildung: i^^der (eher), iMste (ehesten), siehe diese. 

2. German. d im inlaut vei'schoben in bäte (helfen), m^te (in k^te m$te 
mache), w^te (wetten, in dem ausdrucke: w^te scht^le). 

3. German. d ist im auslaute: 

a) zu t geworden: 

aa) In der 3 pers. sing, praet. Jat (sagte), dat (dachte), hu^t 
(hörte), wqH (wurde), nomt (nannte, zu ng^me), ku'^nt (konnte); ferner in 
der 3. pers. plur. praes.: haut (sie haben), schtgnt (stehen), jQnt (gehen), 
Jgnt (sind), dgnt (thuen); endlich im partic. praes.: f^Ijent (feind). 

bb) In den Wörtern arbeit, bl^t, j^t (gut), m^J, h^t, luH (luft), 
brut (braut), wi**t (wicht), r^^t (rat), n^^t (naht), wQ^t (wort), — schelt, 
bgnt (wiese), j^dölt, schölt, j^sönkt, — j^'lät, Jät, bot (stumpf), b$t, 
schr^t, w^tman, schtrtt, ztt, sehnet (schnitt m.) hQ^met (heimat), w^ret 
(Wahrheit), schilt (f. der Schlitten), nglt (nadel), §vent (abend), dr§Ids 
(thridja). 

Anmerkung. Durch angleichung an Qvent (abend) hat auch ^vent 
(ofen) t entwickelt. 

b) geschwunden, sobald dem german. d ursprünglich noch ein vokal 
folgte: schpt^ (ahd. späti, spät), JKj (ahd. sita, seite), luj (ahd. liuti, leute), 
bÖ^ und plur. bq^ (ahd. boto, boten), blgii (blute), kn§" (knoten), br^I (breit, 
fem. u. plur. ahd. breitin), j^hif (geboten, ahd. gibotan), rOü"" (ahd. ruota, 
rute), huj (ahd. hiutu), jOü"" (gut, fem. und plur.), n$^ (nähte, näti), ferner 
nach ausfall eines 1 in ^ü"^ (sollte), w^ü'"' (wollte), häü (halte und er hatte, 
habeta). Die gutturale spirans ist eingetreten in d^^ch (that, ahd. t^ta). 
In rö^ ist die flektierte form an die stelle der unflektierten getreten. Endlich 
ist d geschwunden in näks (nackt) und dem häufig vorkommenden wörtchen 
ßn (asächs. endi) und in der 3. p. praes. nach s: h$^ §s (isst). 

c) Eine eigentümliche entwicklung zeigen die endungen nd, nt, 
die aus altem nd, nt, nth entstanden sind und hier im zusammenhange 
besprochen werden. Das n ist zunächst vor dem d guttural geworden, 
aus dem gutturalen n hat sich die gutturale explosive k entwickelt; dann 
ist das schluss-d gefallen. Folgte dem d noch ein vokal, so fiel wieder 
das k. Den Vorgang veranschaulichen die Wörter : wenkter (winter), manktel 
(mantel), schplefikter (Splitter), bonkter (bunter), $iikt (ende) in der Ver- 
bindung an^tpkt fänd^wgich, kaükt (die kante und er kannte), mefikt 
(meinte), braiikt (braute), j^'Jonkt (gesund), in denen das schluss-d als t 
sich erhalten hat. Nach schwund des t erhalten wir dann die formen: 
baiik (band), brank (stoff zum brennen und das brennen), blefik (blind), 
boük (bunt und das bund, bündel), jrofik (grund), hank (band), hofik (hund), 
keiik (kind), mofik (mund), pank (pfand), poük (pfund und = pontem in 
dem eigennamen einer Strasse), raiik (rand), renk (rind), roük (rund), Jank 
(sand), v^rschtank (verstand), wonk (wund), wank (wand), zaiik (ahd. zand, 
zaJin), schtaiik (stehe), jaük (gehe), wefik (wind) — b^ne (binden), f$fie 
(finden), pQnel (bündel), p^n^'le (schleppen), aner (ander), befiel (bendel), ofie 



— 19 — 

(unten), v®rwön*re (verwundern), v®rsch$n*lPre (eig. verschanden, entstellen), 
w§ne (wehen, eig. winden), und die pluralen: b$n (bänder), h^n (bände), 
h^n (hunde) etc. 

Anmerkung. Die consonantenverbindung nt ist erhalten in folgenden 
Wörtern: §nt (ahd. anut, ente), mijnt (ahd. monod, monat, dann auch mond), 
Jgnt (viell. got. *sunidi), in welchem ursprünglich zwischen n und d ein 
vokal stand, ferner in schänt, das entweder als nhd. lehnwort, oder, weil 
n aus m entstanden ist, nt gewahrt hat, weiter in den ursprünglichen 
parte: frQnt (freund), f^ljent (feind); dann in den Zahlwörtern dujent und 
hondert sowie in kandel (dachrinne — canalis), d^nderw^^^r (donnerwetter), 
mänder (männer), h^nder (htihner), m^nd^re (vermindern), in denen d eu- 
phonisches einschiebsei ist. Die übrigen Wörter mit nt resp. nd sind der 
entlehnung aus dem nhd. oder ndd. verdächtig: scht^nt (stunde, dafür 
ma. u^r), monter (munter), handele, araandel (mandel, aus ital. mandola), 
krent (korinthe), l§nt (linde), w^nde (wunden), fgnt (fant), klander (glänz 
auf leinwand, = mhd. glander, glänz), klgnter (kleiner klumpen im brei), 
b^nt (wiese). Endlich in den verbalformen : ku^nt, JQut, Jgnt, dqnt, haut etc. 

Anmerkung: nd ist geschwunden in häfel (handvoll), möfel (mundvoll). 

2. German. t. 

1. Im anlaut ist german. t nur erhalten: 

a) in der bindung tr: tröü'^e (trauen), tr§*ne (treten), tr^ke (ziehen), 
trgu (treu), tru^s (trost), tr§*^ne (thränen), tri**ter (trichter), träp (treppe), 
trQUch (trog). 

b) in den aus dem romanischen entlehnten Wörtern : tafel, t^isch (tasche), 
täs (tasse), taste, t§ler (teller), t^pich, trtt^n, tu**n (thurm), b^'tüpe (betrügen). 

c) in den wohl aus dem ndd. aufgenommenen Wörtern: tl^f (hündin), 
t§**r, t^n, tQ*^t (wasserkanne). 

d) in den Wörtern: tü^ne (tauen, der tau heisst dgii), tav^'le (sich 
abarbeiten), tttpe, ttpe (vgl. engl, to tip, anstossen mit eiern), tQSche 
(zwischen), tüte (auf dem hörn blasen), täk (zweig); t^l®w$le (hadern), 
titsche (aufstossen von klinkern), tQt^le (verzärtelt sein), tfijele (die zeit 
mit unnützer arbeit hinbringen). Die letzten vier Wörter sind wohl neu- 
schöpftmgen. 

In allen andern Wörtern ist anlautendes german. t wie im nhd. zu 

z geworden : zi^ (zähe), zal, zam, zafik (zahn), zäii, zäüe (eilen), zl^n (zehe) etc. 

Anmerkung, z hat sich dem vorhergehenden s assimilirt in J§ss§n (16). 

2. Im inlaute ist german. t 

a) der regel'nach wie im hd. zu s, gedehntes t zu z verschoben: 
rise, bise, schise, gise, frgise kgisel, wäser etc., J(gze, käze, ngzer, häzer, 
fräzel (warze) etc. 

b) erhalten 

aa) nach den consonanten ch, s und nach schwund eines ch 
oder f : jQster (schwester), rgiste, ^Ister, hoste (husten) etc. — ater (achter), 
flirte (flechten), n§t*^e (nüchtern), dg^^ter (tochter), ri^te (richten), triHer 
(trichter), lü^te (leuchten), Jü^te (seufzen). 



— 20 — 

bb) in den Wörtern: schötel (schtissel, wohl wegen schözel, 
schürze), ftit^le (betrügen im spiel) und Qiter (altes tr.), dann in den fremd- 
wörtern: böter (butter, mlat. butyrum), niQpter (müller, lat. molit;or). 

c) German. t ist zurückverschoben in z§d®re (zittern, stamm tra, 
redupl. stamm titra), kWle (kitzeln). 

d) Unorganisches t haben wir in Q^ster (äser), äl$v6tich (allewig, ganz 
und gar) und nöste (niesen). 

3. Im auslaute ist german. t 

a) erhalten in den consonantenverbindungen cht, ft, rt (in 2 Wörtern) ; 
dabei ist ch, f, r geschwunden, nur in acht erhalten (t gefallen in ächzen, 
äch^nzwanzich), nat (nacht), ni^tche (nichte), r^'^t (recht), schlg^t (schlecht), 
wiH (wicht), frat (fracht), kn§H (knecht), n^t (nicht), li^t (Leicht), frü^t 
(frucht), l§t (licht) — schmö'^t (schmerz), köt (lat. curtus). Nur gefallen 
in forich (forahta, furcht). Ferner ist t erhalten in den Wörtern dät, wät, 
§t, j$t (löwät, etwas). 

b) geschwunden nach consonanten, ausser 1, r, n : r$s (rest), r^s (rost), 
masfgr^ke (mastschwein), m^is (mist), knis (schmutz), j^f (gift); femer in 
dem fremdwort: jKj (lat. seta, seide, vgl. JKj, seite); naturgemäß nicht an- 
getreten an ops (obaz). 

c) Nach vokalen und 1, r, n ist t zu z geworden; dieses z nähert 

sich nach 1, r, n sehr dem s, indem die zunge kaum an den rand der obern 

zahnreihe anstösst : schäz, schprQz (spritze), pQz (pfüzze), salz, j^lanz, felz ; 

das r ist vor z gefallen ; f^ze (farzen), schwäz, schtäz, häz, häz (ndl. hert, 

hirsch). 

3. German. th. 

1. German. th ist im anlaut zu d geworden: b^duje (bedeuten), dujent, 
d§l (diele), dach, danke, d§**, dät, d^kel, dan, j^d^tje, dßstelfefik, dgr^ch u. a. 
— Ausnahme: zw§ne (zwingen) und z®w$^sch (got. thwairhs, zwerch). 

2. German. th ist im Inlaute 

a) erhalten als d zwischen vokalen nur in j$der, §lade (einladen), 
adel, weil bei Schwund des th ein zusammenfallen mit j§^ (gern), lane 
(aufladen) und al eingetreten wäre. Ferner ist th als d erhalten nach z 
und geschwundenem r oder 1 : hözde (hitze), jrüzde (grosse), n^zde (nässe), 
m§zde (mitte), hüMe (höhe), überhaupt in der Substantivendung de = got. 
itha — §Me (irden), w$^de (werden), küdel (kaldaunen). 

b) geschwunden zwischen vokalen : Ö^r (ader, auch gleich ähre), brü^r 
(bruder), fü^r (fuder), f$**r (feder), l$^r (leder), nt^r (nieder), wl^r (wieder) — 
fam (faden), flam (fladen), schwam (schwaden) — oplane (aufladen) — l^^ch 
(ledig = leer). Auslautendes i wird palatal : ^tjem (eidam), Itje (leiden), 
v^rm$!je (vermeiden), kl§ljer (kleider), schnlje (schneiden). 

3. German. th ist im auslaut 

a) zu t geworden: §*t (erde), mat (magd), mijnt, m^t (motte), w§H 
(wert), wglt, k^nt (der künde), ferner in der endung der 3. p. sg. praes. 
kgnt, fr^^cht (fragt) u. s. w. 

b) geschwunden da, wo ursprünglich noch ein vokal folgte: z®fr$^ 
(zufrieden), w$lj (weide), schä^ (schaden), h^tj (die beide), j*'bQu (gebäude). 



— 21 — 



mgiij (müde), sch^lj (scheide), blu" (blöde), ferner in bäii*^ (bald) unter ein- 
fluss der flektierten form, in hgmp (liemidi), entstanden aus hempt*. 

Anmerkung. German. th ist im auslaut zu z geworden in läz (latte). 

n. German. s, J. 

1. German. J ist im anlaute 

a) vor vokalen stets stimhaft: pjk, Jalz, Jer^k, J§*m (seim), J§iver 
(geifer der kleinen kinder), Jif (gösse), Jfr (schnell), Joke (suchen), jSs 
(süss), Jtich'^le (siechen), Jü^t (seufzer), Jil'^e (saugen) etc. 

b) vor consonanten stets zum reibelaut seh. geworden: schplenkter, 
schtrQiie, schnlje (schneiden), schmal, schpgl, schtät etc. 

2. German. s ist im Inlaute 

a) überall zwischen vokalen stimhaft, sowohl nach kurzen wie langen : 
v^rdruje, fruje, v^'rluje, r(}"Je (rasen), lu^Je (lösen, einnehmen), Juje (sausen), 
d§Je (dieser), muje (mausen), dujent etc. Nur in bgisem (besen), kose 
(kissen), mßse (missen) ist intervokalisches s stimlos. In bgisem folgte 
ursprünglich das m dem s, kose und möse hatten schon im ahd. gedehntes s. 

Anmerkung. Jedes aus t entstandene intervokalische s ist stimlos: 
schlusel, k^isel, mose (müssen), mt^sich (massig), schw^^se (schwitzen, eig. 
schweissen), nßsel (nessel) u. s. w. siehe unter t. Nur flttje, fl§Je hat stim- 
haftes s, wohl in anlehnung an frilje. 

b) nach oder vor stimlosen consonanten stimlos : bökse, d^ksel, fenster, 
^Ister, stimhaft dagegen nach liquiden: zenje, plnjel, rumjel. 

c) J ist geschwunden in l^t (lasst) und mu^t (musste). 
Anmerkung 1. J ist auch stimlos, wenn der consonant geschwunden 

ist: wase (wachsen), wQ^sele (wechseln). 

Anmerkung 2. German. J ist im inf. (nicht aber im impf.) erhalten, 
abweichend vom nhd. in fruJe und vMuJe (frieren, verlieren), zu r geworden 
in k^^re (kiusan, schmecken). 

3. Im auslaut ist jedes s stimlos, mag es aus german. J oder t ent- 
standen sein: jras, flas (flachs), nas, l<js, hus etc. 

4. Während im nhd. nur in einigen Wörtern, z. b. kirsche, bursche, 
nach r das s zu seh geworden ist, gilt dies für die ma. als regel: i^sch 
(erst), f^^sch (ferse), fg^sch (forst), fgschte (furista, vorderste), haschte 
(bersten), JQ^sch (gerste), j^jltlsch (gitter), dg^^sch (durst), d^^sche (türren, 
darsen, dürfen), aiilsch (anders), b^Ji^iilsch (besonders), öntschte (unterste), 
gvlschte (oberster), bgr^jöschlu^ (bürgersleute), b^ktschj^J^l (bäckersgeselle), 
p^^sch (pfirsich), kQ^sch (crusta, curste), ferner nach n in §^nsch (ernst). 

Besondere bemerkungen. 

1. Junge s-bildungen. 

Neben diesem alten s findet sich eine ganze reihe junger s. Diese 
dienen in der mundart dazu: 



♦) Anders Mankel: Laut- und flexionslehre des Münaterthales im Elsass. Strass- 
burg 1886, S. 29. 



— 22 — 

1. den Übergang von einer articulationsstellung in die andere zu er- 
leichtem; so von der explosiven gutturalen zur spirantischen bei den demi- 
nutivendungen je (chen) : schtoksje, brgksje, rQksje, JQiisje, scht§ksje, ö'^we- 
blöksje (augenblickchen), ferner von einer dentalen zur andern: dats d§ 
(dass du), wats d§ (was du), von 1 zu b in schwijlsber (schwalbe). 

2. den plural zu bilden : §ljew§lds (eingeweide) etc. (siehe forraenlehre), 

3. zur bildung von adverbien: nör'jends (nirgendwo), §ns (einmal), 
dQks (oft), onv®rh§z (unverhofft), schtälchens (still), schtats (geputzt), b^tds, 
dr§!ds, m§dse (zu zwei, drei, in der mitte), schr^ks (schräge), nitsch = nits 
(bösartig), älew^chs (in jetziger zeit), b^kants (beinahe), bl§ii®rl6ns (blind- 
lings), näks (aus nahhut, got. naquaths ; auslautendes d wohl nicht wie t zu 
z, das in der ma. fast gleich s ist, verschoben), buse ztts (ausser zeit). 

4. zur bildung von collectivis : j*m§ns, jrQns, j^schtops, §lj*w§ds (ein- 
geweide). 

2. Ueber den reibelaut seh. 

Derselbe findet sich in uQuschlMch und für ti in pladsch und modsch 

(platea, platz, almutia, mutze), fiir ds: kadsch (ball, holl. kats), watsch 

(handvoll), matsch (marder). 

3. 

Vor anlautendes s ist t getreten in zäldat, ZQ^t (sorte), z^pe (ein- 
tunken), pßterzelie (petersilie), zent z^Pster (sant Silvester), zgm^le (zögern), 
zäfrQn (safran). 

B. Die raitlaute des lippengebietes. 

1. German. b. 

1. Im anlaute ist german. b erhalten: brase (prassen, von kleinen 
kindern gesagt), b§ve (oben), buse (draussen), bäkes (backhaus), brg^mel 
(brombeere), brank, bank u. s. w. Nur in pgiiel und pttkel ist der tönende 
schlaglaut tonlos geworden. 

2. Im inlaute ist 

a) intervokalisches b regelrecht zum reibelaut v geworden: $vel 
(aber), b$*ve (beben), blive (bleiben), j§ve (geben), j§vel (giebel), j^'lpve 
(glauben), haver, h$ve (heben), kl§^ve (kleben), lave, l^^ve (leben), l$^ver, 
navel, n$vel, n^ver (neben), §ve (oben), schave (schaben, viel essen), schrive, 
kive (keifen), Jgve (sieben), drive (treiben), Qver (über), w§*ve (weben), 
schnüve (schnupfen), dgr^ve (dürfen). 

Anmerkung. Tonlosen reibelaut zeigt jäfel (angs. jeaful, gabel, zwei- 
oder dreizack; gabel, ma. f^rsch^t). 

b) intervokalisches b ist geschwunden in hgut (houbit, haupt), 
kl§^ne (kleiben), ha(n) (haben), vokalisiert in häü (habeta). 

c) intervokalisches b erscheint in den lehnwörtem: bibel, fibel, 
dübel. Aber, ferner in hübel, schnabel, J^bel, rguber, endlich, wo bj bez. bb 
stand, in r§be (rippen) und in den neubildungen : sch^bich, kn^b^'le (zanken), 
knlb*'le, schrübe, büb^le usschübe, schlb^'le (rollen). 

d) inlautendes b ist zu p verschoben vor consonanten : öps (obs), herps 
(herbst), gewöhnlich f geworden, z. b. : b^^fs, bli^fs, bMruft (betrübt), erhalten 



— 23 — 

nach consonanten vor vokalen: arbeit. German. b ist geschwunden vor s, 
m, t in j$s (giebst), j^t (giebt), j§t (gebet) und §mer (eimer). 

3. Im auslaute ist german. b zur tonlosen spirans f geworden : af (ab), 
d^If (dieb), jraf (grab), jrl^f (ahd. griubo, mhd. griebe), jrQuf (grob), htjuf 
(halb), knouf (knöpf), kgr^f (korb), schtöf (stube), lif (leib), onjl^f (unrein), 
Jäl^f (salbe), schlf (scheibe), r^^f (rabe), drgiif (trübe). 

Anmerkung, b ist zur tonlosen explosiven geworden in kamp (kämm), 
und in der ursprünglichen bindung bj: schtop (staub, got. stubjus, ahd. 
stuppi), röp (ruoppa). b ist geschwunden nach m wie im nhd. in krom 
(knimm), döm (dumm). 

2. German. p. 

1. German. p ist im anlaute als aspirate überall erhalten: paf, pö^l 
(pfähl), pank (pfand), pän (pfanne), par (pfarre), pO" (pfau), p^fer, pif, pKlar 
(pfeiler), p^nek (pfennig), pQ^t (pferd), penste (pfingsten), pQ^sch (pfirsich), 
prüm (pflaume), plöke (pflücken), plöch (pflüg), pü^t (pfote), pö^l (pfähl), 
PQ^z (pforte). 

Anmerkung. Statt ndl. nhd. p erscheint b in brofike (im aufzuge, 
Prozession einhergehen = prunken). 

2. German. p ist im inlaut 

a) ebenfalls als aspirata in der regel erhalten: äpel, hope (hüpfen), 
kl^pe (klopfen), schrömpe (schrumpfen), schtämpe, dope (topf), sch^pe 
(schöpfen), schrQpe (schröpfen), gäpe, rupe, schtöpe, schtopel, n§pe (nupfen), 
z^pe (eintunken), ttpe (anstossen), schnüpe (naschen), amp^'re (säuerlich 
schmecken), hgl^pe (helfen), wempel (wimpel). 

b) zur spirans f verschoben in köfer (kupfer), jrife (greifen), jrßfel, 
hQufe, krufe, schlife, schl^^fe (schleppen), loufe, schlafe, Jufe, pife, houf 
(häufen), schofel, schtrife, b**jrife, p^fer. Uiese beispicle zeigen, dass eine 
ziemlich starke einwirkung des hd. stattgefunden hat. 

3. German. p im auslaute ist 

a) meist erhalten : öp (auf), schtr^p, kijp, schnöp, d^lp (tief), kn^p, 
kr(Jp (kröpf) — dömp, därap, kramp, kömp, schemp, schgr^'p (scharf), dgr'^p. 

b) verschoben in den Wörtern: äf (äffe), sch^^f (schaf), rif (reif), 
sch?"f (schief), b^jr^f, sch^f (schiff). 

3. German. w. 

1. a) w im anlaut ist bilabial: wacher, wank (wand), was (wachs), 
wät, wo** etc. 

b) w ist geschwunden in Joster (schwester), hös (husten). 

c) German. w ist vor r erhalten als tonlose spirans f in den Wörtern : 
frive (reiben zwischen den fingern, sonst rive), fr^ne (wringan), fräs^le 
(sich balgen), fräzel (warze). 

2. German. w ist im inlaute 

a) als bilabialer laut erhalten, wenn auch nur schwach gesprochen, 
in den Wörtern: b^ü'^e, tr§ü*^e, br^ü^^e, krätt'^e, zäü'^e (eilen), h^ü'^e (hauen), 
also immer nach diphthong mit u. 



— 24 — 

b) zur labiodentalen spirans v geworden in den Wörtern: $vich 
(ewig), knttv^le (fauste). 

c) in der regel geschwunden; den Übergang von einem vokal zum 
andern erleichtert die spirans j: kl^tje (kleie), schpQuje (spiuwan, speien), 
w^ljer (weiher), knQÜjele (chliuwelin, knäuel), kQuje (kauen), dr^uje (drouwen, 
drohen), schtrguje — dieser ersatz ist nicht eingetreten in §*z (erbse), Äch 
(euch) und br^^n (braue aus bräwa, das n stamt aus den flektierten formen). 

3. German. w im auslaute ist 

a) in der regel geschwunden: klt^ (klee), Jf (see), kr§^ (krähe), 
10* 0^^)» PO^ (-han, pfau), ru** (roh), jar, kal, j^H (gelb) — auslautendes u 
wird bilabial: r^ü*^ (ruhe), k^tt^ (kuh), Aqu^ (matt), jäil^ (rasch), fräü^ 
(^ bezeichnet hier keinen selbständigen consonanten, sondern die artikulations- 
steile des u) — auslautendes ü und i wird palatal: rgä (reue), nqü (neu), 
hQu (heu), trQÖ, kn§l. 

b) zu f geworden nach r in fgr®f (färbe), und in lu*f (löwe). 
Anmerkung. Nach o und u tritt w ein zum ersatz für andere conso- 
nanten; vgl. Jü'^e (saugen) etc. 

4. German. f. 

a) Im anlaute erhalten, nähert sich aber sehr der tönenden spirans v: 
fare, fan, fgje, f§*le, flu u. s. w. 

b) Im Inlaute ist f zur tönenden labiodentalen spirans geworden: 
schtr^^ve (strafen). 

c) Im auslaute erhalten in wouf, läf, fQn% $Kf. Ueber die übrigen 
ma. f siehe german. b und p. 

Anmerkung 1. Ein f erscheint in kükef (kukuk, wol nicht kukauf ?) 
Anmerkung 2. Die spirans f geschwunden vor t in den Wörtern: 

v*rkQ*^t (verkauft), Jii^e (sufton, seufzen), onv^rhOz (unverhofft), lu**t (luft). 

[In der regel fällt das t: j6f (gift), siehe t.] 

5. Die labiodentale spirans v. 
V ist aus german. b entstanden; siehe sub. b. 

C. Die mitlaute des gaumengebietes. 

1. German. g. 

a) German. g ist in der mundart im an- und Inlaute vor vokalen 
regelmässig zum stimhaften reibelaute j geworden: jafik, jäfel, jade, jar 
(halbe thür aus latten = gatter), jäz (bitter), jäü"^ (schnell), jienst^re 
(glitzern), jram (heiser), — baj^'re, bQüje (beugen), b^r'je, §ije (eigen), f§je etc. 
Vor consonanten wird der reibelaut stimlos. 

Anmerkung 1. Inlautendes g ist geschwunden in r^^n (regen), dr§^s 
(trägst), schl5**s (schlägst), mg^t (mochte), ^Ister (egelstcr), lat (legte), Jat 
(sagte), mat (magd), cf. unter ch; an die stelle des schlaglautes ist die 
bilabiale spirans w getreten nach 0" und ü: fO"w^l (aber fQ**jel), k^^wel 
(kugel), d§"we (taugen), Jü'^e (saugen). 



— 25 — 

Anmerkung 2. Der schlaglaut g findet sich in den pluralen h$ge, plage, 
ferner in den Wörtern: kwägHe (vom wetter: unbeständig sein), wäg^le 
(wackeln), schmäge (schlagen), für german. gj bez. k. 

b) German. g im auslaut ist zum stimlosen reibelaut ch geworden: 
§r*ch (arg), öch (äuge), $vich, schrgch etc. German. gg ist wie schon im 
ahd. k geworden: rök (rücken), nur in hoch (haken) ist die spirans ein- 
getreten. 

Anmerkung. Der schlaglaut ist geschwunden und der vokal i palatal 
geworden in j^w^lj (geweihe). 

2. German. k. 

a) German. k im anlaute ist aspiriert: kal% k^r^me (wehklagen, 
stöhnen), k§r®f (kerbe), k§tsch (das kemgehäuse der äpfel). Die Verbindung 
kw ist k geworden in köme, j in jaPm (qualm); k ist erhalten in kl§k 
(glocke); k ist j geworden in j^ne (keiner). 

b) German. k im inlaute ist 

1. nur erhalten in der gemination kj = kk und nach consonanten 
wie im nhd.: bäke (subst.), b^hg^ke (betrügen), fläk^re, fgr^ke etc. Ab- 
weichend vom nhd. auch in r$ke (reichen), kr$k (krieche, schiebe), flöke 
(fluchen), Joke (suchen), schnor^ke (schnarchen). 

2. zu ch verschoben nach vokalen: kächel, krache etc., auch 
abweichend vom nhd. in schmache (schmecken), wacher (wach = nhd. 
wacker), joche (gucken). 

Anmerkung. In mat = markt aus lat. mercatus ist vor t, r und k 
geschwunden; zuerst wurde k zur spirans ch und fiel wie diese vor t, 
dann fiel r. Unorganisches k ist eingeschoben in jaiiks (gans). 

c) German. k im auslaut ist unverschoben in der gemination kk und 
nach consonanten: blök, bl^k, bök, br§k, $k, kgl^k (feistes kinn); §r®k 
(arche), verschoben nach vokalen: §^ch (eiche), fr^ch, Ich etc. 

3. Die spirans ch. 

1. ch im anlaute kommt nicht vor, im inlaute entspricht es wie im 
nhd. teils german. ch: lache, Mchte (beichten), teils german. k. Ebenso 
ist seine ausspräche palatal nach e, ö, i, ü, eu, guttural nach a, o, u. Vor 
den dentalen ist ch geschwunden, sowohl das palatale als gutturale: flirte 
(flechten), j'^wi^t (gewicht), li**t (leicht), ni^tche (nicht-chen), wiH (wicht), 
trister (trichter), r§H (recht), kn^^t (knecht), schl§^t (schlecht), 16t (licht), 
uQt^e (nüchtern), n6t (nicht), lü^t (leuchte), JuH (suchte), früH (frucht), 
j^'schlat (geschlacht, geartet), nat (nacht), at (j^ve, acht geben), v®rate 
(verachten), v^rdat (verblüfi*t), lat (lacht), brat (brachte), dat (dachte), 
v*^rju^t (versuchte), u^t'^le (während der dämmerung arbeiten, von uohto, 
die dämmerung), dQ^ter (tochter) — J^s (sechs), nüs (nichts), bos (büchse), 
w^Vle (wechseln), q^s (ochse), was (wachs), wase (wachsen). Vor s ist ch 
meist zu k verhärtet: d^ksel. Nach 1 geschwunden in b^fg^le (befilhan). 

Anmerkung 1. Vor dentalen ist ch erhalten in den Wörtern: Mcht 
(beichte), j6ch (gicht aus gihido), h^ch (h^hhit), in denen zwischen der 



— 26 — 

Spirans und dem dental ursprttnglicb noch ein vokal stand; ferner in den 
der entlehnung verdächtigen Wörtern : §cht, fouch (feucht) und in acht (8). 

Anmerkung 2. Im inlaute ist die tönende spirans eingetreten in v^rz^lje 
(verzeihen), w$Kje (weihen). 

Anmerkung 3. Im auslaute ist ursprüngliches ch gesell wunden ; aus- 
lautendes i wird dabei palatal: r^ij (reihe), /§lj (seihe); auslautendes u 
bilabial: rou"^ (rüch, rauh). Bei den übrigen Wörtern tritt der ölaut ein: 
flu» (floh), W Oohe), nö» (nahe). 

4. German. j. 



1. Im anlaute überall erhalten: j^^r (jähr), jomisch = Jammers ; fehlt, 
wo im nhd. j steht, in Qme (jemand). 

2. Im inlaute erhalten in bl§uje (blühen = bluojen), ji§uje (glühen = 
glüejen mhd.), afmgfije (abmühen = mhd. müejen); in brgu (brühe = brüeje 
mhd.) ist der einfluss des j erkennbar an der palatalisierung des ü. Das 
intervokalische j ist gefallen in den Wörtern: krf ne (krähen), drl^ne (drähen), 
ml^ne (mähen), nl^ne (nähen), jK^ne (säen), bt^e (bähen), schpl^ne (den Säugling 
entwöhnen), lieber die bildung siehe flexionslehre C.'ap. 2. 

Anmerkung. Aus i hat sich die spirans entwickelt in frflje (freien) 
und f^Ijent (feind). Nach i, e und ü tritt j ein als ersatz für geschwimdene 
consonanten: b§tj (biene), b^lje (bieten) etc. 

3. Im auslaut ist j geschwunden ; nur in fröch zur gutturalen spirans 
geworden. 

5. German. h. 

1. Der gutturale hauchlaut kommt nur im anlaute für german. h vor: 
hole (heulen), hus etc. Geschwunden ist h in den Vorsilben her und hin: 
§raf, ^röp, §w^ch (hinweg). Unorganisch tritt es an in hß'* (er), h^t (es). 

2. Im inlaute ist h geschwunden: Ji^ (sehen), ^"r (ahir, ähre), scIiIq" 
(slahan, schlagen), j*'sch^t (geschehen); zuweilen tritt die sprirans j ein: 
j^^je (sahen), b^tj^le (beil, bihal), dQÖje (duohan), j'd^Ije (gedeihen) ; h ist ch 
geworden in bochel (buhil, büchel). 

Anmerkung. Im anlaute nebentoniger silbe ist geschwunden in 
w§r^t (Wahrheit), dömet (dumheit — dumkopf), kQr'chef (kirchhof) ; endlich 
in den Zusammensetzungen mit hus: jastes (gasthaus), schlijnes (Schlacht- 
haus, eig. slän-hüs), bäkes (backhaus), düves etc. 

3. Im auslaute ist h geschwimden : n^^^ (nahe), flü^ (floh). Die spirans 
ch ist eingetreten in J^^ch (sah), j^schü^ch (geschah). 

D. Die mitlaute des nasengebietes. 
I. Labialer nasal m. 

1. M entspricht voUständig dem nhd.; es ist überall stimhaft. 

2. Erhalten ist m, wo im nhd. der dentale nasal eingetreten ist in 
den Wörtern: b§isem (besen), b§^m (boden), fam (faden), $^m (athem), 
schwam (Schwaden), freisem (milchschorf), deisem (Sauerteig). Das wort flam 
(ahd. flado, nstamm) weist ebenfalls auf einen stamm fladam hin. Für den 



— 27 — 

gutturalen nasal zeigt die ma. den labialen in bQkem (bücking). Diese Vor- 
liebe für auslautendes m ersieht man aus den pronomen dQm (dem), hgm 
(ihm), welche fftr dativ und accusativ stehen, während sonst der acc. 
beide casus vertritt. 

3. Geschwunden ist m in jrilache (grim-lachen, auslachen), f^fz^ii 
(fünfzehn). 

4. M ist zu n geworden in j^bqn (gebodem, boden), kQht (kömmt), 
mu*n (altes mütterchen) und fgn^'f (fimf, 5). 

5. Zur vermittelung der artikulationssteile ist zwischen m und d 
ein p, die labiale explosiva eingeschoben, wobei nahher das d geschwunden 
ist, in hgmp (aus hempt), plur. aber hgmde. 

II. Dentaler nasal. 

1. Im an- und inlaut ist n wie im nhd. stimhaft. Nach langen vokalen 
wird es gedehnt: kqht, höhk (hund) etc. G^rman. g ist vor n erhalten in 
knaje (nagen), knüv^l (faust), knüdel (nudel). Inlautendes n ist gefallen 
in ^e (unser) und ^s (in unbetonter satzstelle); $^le (elina, eile). 

2. Im auslaut ist n wie allgemein im fränkischen Sprachgebiet 
geschwunden. 

a) Erhalten ist der nasal nur in einsilbigen Wörtern nach vokalen : 
h^n (hin), h$n (huhn), pän (pfanne), schQn (schön), J^n (sonne), schpän, t^n, 
— han, kan, ban, brun, jran (gräte), schwan, Jen (sinn), schin, win, zen 
(zink), hQ^ (hom), k§^n (kern) — krü^n (kröne) \^^n (lehne), br^^n (braue), 
r§^ (regen), lü^n (lohn), ml^n (mahne), scht§*n (stein), tr^^n (thräne). Nur in 
§' (ein), b^Ij (biene) ist n gefallen. 

b) Im übrigen fiillt auslautendes n: 

aa) im inf. und partic: j^ve, j^'j^ve, du^ (thun); die ganze endung 
ist gefallen in j**wq^s (gewesen) und j^Jl^ (gesehen). 

bb) in den n-stämraen : dum (daumen), kuQuch (knochen), schäte 
(schatten), z§^che (zeichen), /gve (aber J§venz$ii), kn^^ (knoten), krach (kragen), 
koch (kuchen) ; die ganze endung ist geschwunden in b^^ (böte) und dru"ch 
(trocken). 

cc) In den wörtchen: m$ (man), gme (ioman, jemand), uQme 
(niemand), n^*^ und n§ (nein) und a (an). 

dd) nach r: schp^^r (sporn), scht§^ (stem), schtl^V (stime), fg'^re 
(vorn), j§^r (gern), jßst^'re (gestern), hqh (bira, bime), dQ^ (dorn), kg^r 
(roggen, dagegen kg^n Samenkorn etc.), ijer (isarn, eisen), ngt^re (nüchtern), 
Ost^re (ostem). In li^re (lernen) ist ein zusammenfallen von lernen und 
lehren anzunehmen. 

c) Für nhd. n weist die ma. r auf in n^ver (neben), wohl infolge 
von analogiewirkung von hofier, oiier etc. (vgl. Mankel: S. 35 ertzite = 
enzite) und 1 in wajel (wohl wagelin ; der dialekt liebt die deminutivform). 

d) Auslautender dentaler nasal wird in der regel guttural, wenn 
ilmi ursprünglich noch ein vokal folgte: (die ausnahmen siehe unter 2, a) 
z!n (bütte), Itii (leine), vioUn (violine, dann gefängniss), kl^fi (klein), ptü 
(pein), z§n (zehn), r$n (rein), jrgn (grün), j^m^ii (gemein), nun (neun), krun 



— 28 — 

(Corona, tonsur), alle eigennamen auf ina: Flii, Rojlii etc., m$ne (meinen), 
d§ne (dienen), jrtiie (greinen), schtne (scheinen), dann die Wörter : min, din, 
Jin, fln, §^ (ein) in attributiver Stellung: min, din, $n etc., endlich die 
plurale von win, b§®n (bein), scht§®n (stein). Der guttural tritt, wie die 
beispiele zeigen, nur nach den spitzen vokalen i, ü, ö, e auf. 

Anmerkung 1. lieber nd und nt siehe unter d. 

Anmerkung 2. Wie oben gezeigt, liebt es die mundart, auslautendes 
n abzustossen. Im geraden gegensatze hierzu schiebt dieselbe in zusammen- 
hängender rede zur Vermeidung des hiatus vor vokalen ein n ein, z. b.: 
d$^at = der art; D$** Jöht d^ schw^lsb^re wt"r, jttchhßi, di br$fien 6t 
frochj^^, w^lköm hei! vgl. das ganze reizende gedieht: „M^il^tche** von 
Gustav Vossen. 

ni. Gutturaler nasal. 

1. Im inlaute entspricht er vollständig dem nhd. 

2. Im auslaute ist er zu nk verhärtet : defik, jaiik (gang), renk (ring). 

3. Vor dem k ist n gefallen in nebentoniger silbe in den Wörtern: 
kQnek (könig), p^n^'k (pfennig), h^rek (häring), sch§lek (Schilling). 

4. Gutturaler nasal ist vor folgendem f zu m geworden in jömfer 
(Jungfrau). 

E. Die liquiden. 

I. Der Haut. 

1. Das 1 der mundart wird gebildet am rande des vordergaumen- 
gebietes. Die zunge berührt die zahne nicht. Ueber die Verbindungen 
mit 1, zwischen denen in der mundart ein hilfsvokal ei'scheint, siehe unter 
svarabhakti- vokal . 

2. Inlautendes 1 ist gefallen in by^ke (bölken, schreien), rQpsche 
(rülpsen), schtüte (zu stolz), mg^hovel (molt-hövel, maulwurf), ^s (als), ät 
(schon, von aldä), dann vor t-laut nach a, u, o unter gleichzeitiger diphthon- 
gierung des vorhergehenden vokals : Q^t (alt), kg^t (kalt), mit schwund des 
d: bätt'^ (bald), schäü'' (schalte), häü^'e (halten), fäü^e (falten), sch^tt^er 
(Schulter), J^ü'^e (sollten), fgu'^ere (falthor), (dagegen belt, f^lt) ; femer vor 
f in hQuf (halb), kguf (kalb), wouf (wolf). 

3. Wechsel zwischen r und 1 zeigen k^r^ver (ahd. kervola, kerbel), 
giber (erbel, erdbeere). 

II. Der r-laut. 

1. Das r der ma. wird im obem kehlkopfgebiete gebildet. In der 
vokallehre ist schon darauf hingewiesen worden, dass es gern den umlaut 
des vorhergehenden vokals bewirkt. 

2. R ist im inlaute geschwunden vor t-laut, z, l, n und s : ^H (erde), 
at (art), fat (fahrt), f$Mich (fertig), füt (fort), jade (garten), jütsch (gerte), 
h§«t (herd), hft (herde), kat (karte), bat (hart), k^H (kordel), adich (artig), 
WQ^ (wort), bQ^t (bord), mat (markt), mg^de (morden), b^'schwiMe (beschwerde), 
(ft (ort, absatz), pQ^t (pferd), schm^H (schmerz), schwät (schwarte), b^jat 

(begard), bqMe (borden), bg^t (bürde). — Vor z ist r geschwunden in den 



— 29 — 

Wörtern : häz (herz), schtäz (sterz), q**z (erbse), föze, h$z-jraf (hirsch), k§*z 
(kerze), pQ^z (pforte), schwäz, schözel (schürze). [In p^sch^^l^i (porzellan) 
haben wir wie im ital. den s, nicht den z-laut.] Vor 1 in k§^vel§nk (käfer- 
ling, maikäfer), k§4 (kerl), j)^H (perl), m^^l (merle). — Vor n nur in wenigen 
Wörtern : k§^n (kern), hg'^n (hörn), kg^n (körn), §**nsch (ernst). In der regel 
föllt das auslautende n. — üeber die Verbindung rs siehe unter s : busch 
(geld = burse, börse?). 

3. R ist im auslaute geschwunden in h§* (er), hei (hier), d^^ (der), 
w$^ (wer), dö^ (da), d^e (dieser), öje (imser), ml'* (mehr), Qve j6n dg^r (über 
der thüre), aber Qver §t hus (über dem hause), fQ j6n dg^r (vor der thüre). 

4. Wechsel zwischen r und 1 haben wir in $vel (aber), döPper (dorpel), 
schtßchel (Stecher), brg^^mel (brämberi, brombeere), bälbüz (scherzhaft fiir 
barbier = bartputzer. (r ist erhalten, wo nhd. 1 steht, in pröm (pflaume). 
Angleichung an 1 hat stattgefunden in ^lleter (erila, erle) — von r und n 
in knKt (kreide). — Unorganisches r zeigt kräscht$l (kastanie) — ch steht 
für r in brgchachtich (= artig, zum abrechen). 

Anmerkung. Für die lehre von den consonanten sind noch berück- 
sichtigt worden: Bachmann: Beiträge zur Geschichte der schweizerischen 
gutturallau te. Heusler: Beitrag zum consonantismus der mundart von Basel- 
stadt. Mankel: Laut- und flexionslehre" der mundart des Münsterthaies 
im Elsass. Heimburger : Grammatische darstellung der mundart des dorfes 
Ottenheim. FoUmann: Die mundart der deutsch-Lothringer und Luxem- 
burger. Fuss: Zur etymologie niederrheinischer Provinzialismen Progr. 2 
und 3. Buesch: Ueber den Eifeldialekt. Hertel: Die Salzunger mundart. 
Holthausen: Vokalismus der Soester mundart. HofiFmann: Die vokale der 
Lippischen mundart. Kaumann: Entwurf einer laut- und flexionslehre der 
Münsterschen mundart. 

Formenlehre. 

Cap. 1. Das nomen. 

A. Die deklination. 

I. Die deklination des substantivums. 

Wie in den meisten mundarten ist von dem alten sprachgute der 
casus ausser dem nominativus nichts erhalten. Die mundart hilft sich mit 
Umschreibungen. Nur in einigen adverbien erscheint der alte genitiv auf s : 
J6ns (Sinnes). Dagegen giebt es ausser den alten pluralbildungen eine 
reihe neuer, ja, hier lässt die mundart formen erkennen, die im nhd. ver^ 
wischt sind. Die paradigmata gestalten sich folgendermassen : 



Mascul. 


Femin. 


Sing. Plur. 


Sing. 


Plur. 


Ah dach d» dach 


d» frätt 


d» fräüens 


fä(n) d»r dach fä(n) d» dach 


fä(n) d» fräü 


fö(n) d» fräüens 


d»r dach d» dach 


d» fräü 


d* fräüens 


d'r dach d» dach. 


d» fräü 


d** fräüens. 



— 30 — 
Neutr. 

Sing. Plur. 

(dät) $t wQ«t d« wqH 

fä(n) (dät) §t wQöt fä(n) d« wqH 

(dät) §t wQ»t d» wqH 

(dät) §t wqH d» wqH. 

Das germanische weist wie noch das nhd. zwei hauptdeklinationen 
auf, eine starke und eine schwache. Diese lassen sich auch in der achener 
mundart noch unterscheiden. Im folgenden wollen wir nun die deklinationen 
durchgehen und sehen, wie die pluralbildung sich in der mundart bei den 
einzelnen gestaltet hat. 

A. Die starke deklination. ^ 

Das ahd. besitzt noch drei starke deklinationen, die a-, die i- und 
u-deklination. 

§ 1. Die a-deklination. 

1. Die Masculina. 

1. Der plural der a-deklination hat meist das e gewahrt, z. b.: 
^vende (abende), d$j§mante (diamante), kg*^ne (kerne) etc. ; auch die Wörter 
auf er, el, em zeigen abweichend vom neuhochdeutschen ein e, z. b. : f§fiere 
(finger), fg^lere (fehler), k$lere (keller), lüttere (leuchter), t^lere (teller) — 
schQmele (schimmel), hQmele (himmel), schtßchele (butterstecher), schwgjele 
(Schwefel), jrgfele (griffel), k6fle (kittel), büle (beutel) — bgiseme (besen), 
bQkeme (bückinge). 

2. Die Wörter §r®m (der arm), schwQr^m (schwärm), b§r*ch (berg), 
Jen (sinn), dach (tag), weiik (wind), renk (ring), hönk haben das plural-e 
verloren, gleichzeitig aber den vokal gekürzt: $r®m, schw^r^m, b^r*ch, Jgn, 
w§fi, T^n, hön. Der vokal wird um eine stufe offener. 

Bei der kürzung ist das auslautende n gleichzeitig guttural geworden 
in den Wörtern scht§*n (stein) und win (wein) — scht^ii, wln; bei nk das 
k gefallen: h^fi. 

3. Den plural auf s zeigen die Wörter kg^l (kerl) und Jgbel — k$^ls 
(der vokal ist gleichzeitig gekürzt), Jgbels und die Wörter auf er, welche 
eine handelnde person bezeichnen. Das r schwindet, das s wird zum reibe- 
laut seh (vgl. lautlehre unter s) und das e nähert sich dem i: ll^risch 
(lehrer), mg^stlsch (meister), schrinKsch (schreiner), schnidtsch (Schneider), 
daneben finden sich auch plurale auf ere: schustere, schlijsere. 

4. Den plural bilden durch anhängung von er die Wörter: jg®s (geit), 
lif (leib), schtQuf (stoff) — jg^ster (das abgefallene t tritt stets im plural 
wieder ein, cf. die übrigen deklinationen), liver; schtQuf hat zugleich den 
Umlaut: schtQüfer. 

5. Unverändert bleiben im plural die Wörter : sch^n (schuh, ndl. schoen), 
fösch (fisch), br§lf (brief), d$!f (diebe). 

6. In die i-deklination sind übergetreten die Wörter: O^m (atem), — 
^'^m; dQ^r (dorn) — dq^r; kr^^m — krQ^m, (ft — §n (absätze), möiik 

L 



— 31 — 

(mund) — mgii. In iqh und mqü ist der vokal gekürzt und in mqü aus 
iik n geworden, 

2. Die Feminina. 

1. Den plural bilden die Wörter dieser klasse auf e, im Singular 
haben alle ohne ausnähme das ursprüngliche e eingebüsst. 

Beispiele : d§ zal — zale, d$ jäfel — jäfele, d$ bg^r (birne) — b§^re, 
d$ blOm — bl^rae (blume), d$ blO^s — blO^/e, d$ nqlt — nglde (nadel), 
d^ sch$lder§l — sch§lder§l(e (bilder unter glas), J^r^^k — /§r^ke (sarge). 

2. Das subst. qrj^'l nimmt im plural s an: grjels. 

3. Das subst. sch^r^'f ist in der mundart neutrum und geht nach 
böch (buch) — sch^r^fer. 

3. Die neutra. 

Die neutra der a-deklination weisen in der mundart eine mannigfache 
pluralbildung auf. Zunächst besteht der alte unterschied zwischen der 
bildung des plurals auf e und er. 

1. Den plural bilden auf e zunächst alle Wörter, welche auf r aus- 
gehen : fu'^r — fu^re (feuer), ru^ (röhr) — ru^re, j^^r (jähr) — jö^re ; ferner 
die meisten Wörter auf el: m^d^le, mq^^b^le; endlich die Wörter: brüMe 
(brode), kn^tje (knie), hQ^ne (hörner). In dem worte j^'bQu tritt das ab- 
gefallene d im plural wieder ein: j^'bgüde. 

2. Die endung er nehmen im plural an die Wörter: b$t — b^der, 
kruz — kruzer, n§z — n^zer, m^z (messer) — m^zer, poiik — parier — 
paiik — päiier, jras — jr?Jer, belt — beider, böch — bocher, dach — 
dgicher, deük — d^iier, kenk — k^iier (daneben auch d6 kefik) — refik 
(rind) — r§ner, dgr^'p — dgr'^per, qi — $ljer, fas — fgiser und faser, 
j^las — j^'lafer und j^lajer (gläser), jraf (grab) — jrgver, hQut (haupt) — 
hQujer, holz — holzer, kguf — kQuver, kl§^t — kl^ljer, l§t — l^der (licht), 
iQuch — Ipcher, schelt — schulder, schlQS — schlQüser, p§H — p^Mer, 
doch — docher, wif — wiver, wi^t (wicht) — wi^ter, j^'wiH (gewicht) — 
j*wi^ter. Die Wörter n§is, j^Jäch, h$mp lassen das ursprüngliche t im plural 
wieder zum Vorschein kommen: ngister, j^Jßchter, hgmder. Das wort h^n 
(huhn) schiebt ein d ein: h^nder. In den Wörtern blät und rät schwindet 
das intervokalische t: War, rar. 

Wie die beispiele zeigen, wird der stamvokal gleichzeitig gekürzt 
und offener; ferner zeigen die umlautsföhigen Wörter den umlaut mit aus- 
nähme von holzer, h^nder, faser, j^lajer, kQuver, blar, rar, p^ner, paner. 

Anmerkung. Die fremdwörter sächlichen geschlechtes zeigen ebenfalls 
diese bildung: b^k^t (bouquet) — b^k^ter, fazun — fazüfier, lavemgnt — 
lavem^nter. 

3. Einige Wörter bilden den plural durch kttrzung des stamvokals 
und umlaut: wQ^t — wQ^t (Wörter), bg^t — b§^t; bei gleichzeitiger guttura- 
lisierung eines schluss-n: b§®n (bein) — b§n. 

4. Die Stämme, die auf en ausgingen, nehmen im plural das geschwun- 
dene n und s an: zg^che — zg^chens, fgr^ke (ferkel ndl. varken) — fgr^kens, 
fjle (füllen) — fqlens, kose (kissen) — kosens. Auf einen solchen plural 



— 32 — 

geht wohl das subst. dät schrivens (das schreiben) zurück. Ferner bilden 
den plural auf s : wajel und einige fremdwörter auf 1 : wajels, linejals, kaml^ls. 

5. Eine seltsame bildung ist der plural der in der mundart sehr 
beliebten deminutiva auf che(n). Derselbe geht nämlich auf ere aus: 
schtQülchere (stülchen), w^jelchere (wäglein), k^nchere (kinderchen), nQ**tchere 
(nähtchen), bQumchere (bäumchen) etc. In der Ronsdo) fer mundart haben wir 
bgkskes, in der Kölner bQkscher. Der Vorgang wird sein: an den sing, 
wurde s angehängt, dabei fiel n und s ward r wie in war aus was. Die 
achener mä. hing diesem er noch die pluralendung e an, wie in t^lere etc. 

6. Die Wörter auf er haben s bei gleichzeitigem Schwund des r: 
klüstlsch, j^jlttsch (gitter). 

7. Unverändert bleibt sch^^f — de sch^^f. 

§ 2. Die i-deklination. 

1. Die masculina. 

Zu dieser klasse gehören diejenigen Wörter, welche ursprünglich im 
plural ein i hatten und deshalb jetzt umlaut zeigen: §pel (äpfel), b$n 
(bänder), j$fi (gänge), h^ls (halse), kr^mp (krämpfe), kr^nz (kränze), m^nktel 
(mäntel), n^el (nägel), r^n (ränder), j^l (säle), schw§m (schwämme), schw$nz 
(schwänze), scht^z (sterze), schötelpl^k (spültuch), scht^l (stalle), schtr^ii 
(stränge), d$nz (tanze), z§n (zahne) — ?is (äste), bgich (bäche, daneben 
bachens), j§is (gaste) — f^^m (ßlden), fl^^m (fläden), k$*^m (kämme) — blgk 
(blocke), bok (bocke), fos (fiisse), jros (grüsse), hQt (hüte), kgp (köpfe), 
schprqn (sprtinge), schtos (stösse), Qvent (Öfen), WQr^'m (würmer) — bg^m 
(böden), pg^l (pfithle), dvqH (drahte), bgum, hgüf, kngtif, kgüch, schtgul 
(Stühle), drgum, fgüjel (vögel), wguf (wölfe) — puf (stösse), tu^ (töne), 
flu^ (flöhe). 

Wie die beispiele lehren, ist das i der pluralendung überall ge- 
schwunden, der stamvokal womöglich gekürzt und offener geworden. 

2. Die Wörter dgr®m, kgr^'f bilden den plural durch kürzung des stam- 
vokals: d^rem, kgref. 

3. S nehmen im plural neben umlaut an die Wörter altO^r (altar) und 
schwg^jer — altg^sch, schwg^^jisch. 

4. Auf er geht der plural aus in dem worte schtrücher (sträucher). 

5. In die a-deklination sind übergetreten: pladsche, Jgr'^ke (daneben 
/gr^kens), JUd^le, schpäse, hämere, frgüsche. 

2. Die feminina. 

Die bildung des plurals ist dieselbe wie bei den masculinis: bgiik 
(bänke), brüt (braute), brgs (brüste), füs (föuste), j^ns (gänse), h^ü (bände), 
hüt (häute), kou (kühe), lus (lause), mus (mause), ng^ sg. ng*^t (nähte), n§s 
(nüsse), wp (wände), wg^sch (wurste), m§^ (magd, sg. mat), scht$^ (städte), 
sg. schtät). 

Anmerkung, bäl'ch ist in die a-deklination übergetreten: bäPje. 



— 33 — 

§ 3. Die u-deklination. 

Die Wörter dieser deklination sind wie im nhd. in die andern dekli- 
nationen übergetreten; soweit sie einen plural haben, ist er nach der 
i-deklination gebildet. 

B. Die schwache oder n-deklination. § 4. 

1. Die masculina. 

1. Der n-stanim ist erhalten bei den pluralen auf s: dopens (topfe), 
jadens (gärten), Schadens (schaden), bäkens (backen); diesen Wörtern hat 
sich angeschlossen jäkens (Jacken aus fr. jaque). 

2. Jedoch nur die wenigsten Wörter zeigen diese pluralbildung, die 
meisten Wörter sind in die a-deklination übergetreten: de hane (hähne), 
haje, scht^'^re, name, bgiseme, liehe, ^r^'ve (erben), fitere, schöze, j*'J?le, 
b^'^r — b$^re (baren), äf (äffe) schiebt ein d ein: äfde. 

3. Durch umlaut bilden den plural: b^^ (böte) — bg^, b^^ch — 

b^'^ch (bogen). 

2. Die feminina. 

1. Den n-stamm haben bewahrt: fräü'^ens, kgr^chens (kirchen), k^tens, 
böksens (hosen). 

2. Auch die meisten feminina sind in die a-deklination übergetreten: 
düve (tauben), drüve (trauben), schrüve (schrauben), flgKje (fliegen), JKje 
(Seiten), bl^me (blumen), J^ne, naje, schwgjele (schwefel, Zündhölzchen, vgl. 
ahd. swegala pfeife), plänze (pflanzen), h§Je (strumpfe), z§ne. 

3. Die neutra. 

Zwei neutra gehören in diese klasse: häz (herz) hat häzer und öch 
(äuge) — öu^'e. 

§ 5. Die übrigen consonantischen stamme. 

1. r-stämme. Hierhin gehören die bezeichnungen fiir familiengrade : 
fäder (far), m^der (mü^r), dQ^ter (tochter), brü^ (bruder), Joster (Schwester). 
Die beiden ersten gehen nach der a-deklination : fadere, modere, fare, mü^re, 
bril^' nach der i-deklination: briVr; dg^^ter und Joster bilden den plural 
auf s: JüStisch, dg^tisch; letzteres zeigt gleichzeitig umlaut. 

2. Participialstämme : Die beiden hierhin gehörenden Wörter: f$Tjent 
und frönt bilden den plural auf e, letzteres unter gleichzeitiger kttrzung 
des Vokals: f^tjende, fronde. 

3. Von den andern consonantischen stammen hat man im plural 
raänder, zaiik (zahn) — z^ii, nat (nacht) — nate (nhd. nachte). 

II. Die deklination des adjektivums. 

1. Einen unterschied zwischen starkem und schwachem adjektiv macht 
die ma. nicht. Das neutrum zeigt stets den reinen stamm, das femin. und 
der plural haben in der regel das e der endung eingebüsst, das masculinum 
dagegen weist nach Schwund des r im sing, ein e auf. 

Beisp. : sing. : JOtl'^e man, j§ii''' fräü, j^t kgfik, guter man, gute frau, gutes kind ; 

plur: jOü"^ mänder, fräüens, k^fier; 
ferner sing.: äft^'e, äü"^, g^t, plur.: äü"", aiiere, aner, aner, afier (andere). 



— 34 — 

J 

aj^nt^me, aj*nl^in, aj^nl^m (angenehm); dgne, dgn, clgn, dgn (dünn),fale r^k, fal 
käp, fal kle% fal kl$ijer, fläü^^e, fl$ä, fl§ü, hQiive, li^üf, li^iif, h^^ttf, li§le 
(hart, laut), h?l, h$l, h$l. 

Der unbestimte artikel lautet: $ne oder §ne (einer), $n (eine), 5® (eines). 

Das adjektivum wird in attributiver Stellung gekürzt, der vokal wird 
offener und diejenigen, welche auf n oder iik ausgehen, verwandeln dieses n 
oder nk in gutturales n z. b. : §r®m (arm) — §r®rae, $r*m (fräü), ful — füle, 
Aqu — flaue, j®nQü — n§uje, sch§^f —^ sch^Jtf ; brun — brüne, din, min, Jin, 
fin — mKne, dine, Jifie, ftiie, blenk — bl§ii. 

2. Die adjektiva blft« (blau), blu« (blöde), rtt« (rot), schll» (herbe), 
schr^^ (böse, entstellt), frü" (froh) nehmen auch im masculinum kein e an. 

3. Im fem. und plur. zeigen e alle Wörter auf ich, ferner frfisch, 
jSs (süss), doch, flach, fl^t, j^ät, dßk, fr^ch, hg^^s, krank, $Me, liH, blas, 
ferner al im plur. und eniche (einige), Qije, $fe (einfarbig von eben?) 

4. brQ^t hat im fem. e, im plur. verliert es das auslautende t und 
zeigt einen kurzen diphthong: br$lf. 

5. Nur prädikativ werden gebraucht: schöü (scheu), schüb (entblösst), 
schpäk (spärlich), fräk (zähe), schpr^k (spröde). 

6. j§der bleibt unverändert in allen drei geschlechtern : j^der man, 
j^der fräü, j^der kenk. 

B. Komparation des adjektivums. 

1. Der komparativus wird mittelst der endimg er (got. i, ahd ir), 
der superlativus mittelst der endung st (ahd. Ist, ost) gebildet. Der stam- 
vokal wird meist gekürzt und offener. Aber abweichend vom hochdeutschen 
entbehren die umlautsfähigen vokale im comparativus des umlauts. 

Beispiele: schlem, schl^mer, schl§mste; w§r®m, w^r*^mer, w$r*mste; 
brun, brüiier, brüiiste; jrQuf, jrauver, jraufste; roiik, r^fier, r^fiste; sch^^f, 
sch$tver, sch^Kfste; hü^ch, hü^jer, hülste. 

2. Die stänmie, welche im auslaut das t eingebüsst haben, lassen 
dasselbe wieder erscheinen, z. b. : rü** (rot), niMer, nl^tste; nü^ (mit not), 
nüMer, nü^tste; schpl« (spät), schplMer, schplHste; blu«, bluMer, bluHste; 
loch (locker), löchter, löchste; kü^ (schlimm), kijder, kijtste. 

Von den Wörtern, welche ursprünglich vor dem t ein k einschoben 
und dann das t fallen liessen, zeigt vor der comparativ-endung nur bofik 
das t: bofik, bonkter, bonkste; dagegen j^Jbnk — j^J^ner; ronk — r^ner. 

3. Diejenigen adjektiva, welche auf einen vokal (oder ursprünglich 
auf h, w) oder r ausgehen, schieben vor der comparativ- und die vokalisch 
auslautenden adjektiva auch vor der superlativ-endung d bezw. t ein: 
\A^ (blau), blöMer, blO^tste; frö« (froh), früMer, frü^tste; nO" (nahe), nijMer, 
ng^tste; ebenso frl" (zähe), yff (wehe), klÖ"r (klar), /J^r (rasch, sehr), jr^^ 
(grau). Dieses euphonische oder stamhafte t zeigen nur im superlativus: 
bau (bald), bäüer, bäütste; uqü, n§uer, ngutste (genau); jru^s, jru*^ser, 
jru^tste (grösste); kQ^t (kalt), käüer (kälter), käütste; Iqü (laf), iQuer, 
iQutste; brQ^t (breit), br^Ijer, breitste; jäü (jach), jäüer, jäütste. Dieses 
euphonische d erscheint auch in nK**r (nieder, niedrig), nlMer, nl^rste. 



— 35 — 

4. Unregelmässige komparatiou : j$**r, l^iver, l^ifste; föl, ml^, nüHste; 

jöt, b^iser, briste. 

Anmerkung. Der superlativus wird in der regel durch Umschreibung 

mit janz gebildet. 

C. Das Pronomen. 

§ 1. Pronomen personale. 

Auch hier ist das alte sprachgut bis auf die beiden casus: nomina- 
tivus und accusativus zu gründe gegangen. Nur im fem. und neutr. der 
3. pers. sind accus, und dat. noch geschieden. Die deklination lautet daher also: 

3. pers. 

h?» Jei im h$t (es) 

fä(n) ligm fä(n) hQ'r fä(n) hgra 

h§m ^h h$m 

hQm Jei (Je) h§t 





1. pers. 


2. pers. 


s. 


Ich 


du 




fä(n) mich 


fä(n) dich 




mich 


dich 




mich 


dich 


p. 


für 


•• 

ur 




fä(n) ÖS oder 


ons fä(n) üch 




ofis oder ÖS 


uch 




ons oder ös 


uch 



Jei 
fä(n) hQn 

hQU 

Jei. 

Anmerkung. In der rede tritt an unbetonter stelle für Jei — J6, h$t 
— $t, hym — gm, für — fgr, ür — §r ein. 

§ 2. Die pronominalen adjektiven 

lauten in der ma. mliie, dlfie, Jlne, hg^re fürs mascul., mlfi, dln, J(n, hg^r 
fürs fem., ml, dl, Jl, hqh fürs neutr. ; ferner ^e, §s, §8, üre, ä**r, u^r, hgn. 

§ 3. Pronomen demonstrativum. 

Sing. df dl dät (6t) Plur. dl 

fä dgm fä dg^r fä dät fä dgn 

dgm dg^r dgm dgn 

dgm dl dät dl. 

Anmerkung 1. Das pronomen relativum ist gleich dem pron. dem. 
Von dem stamme hwe, der in welcher steckt, sind keine formen erhalten. 

Anmerkung 2. Das pronomen dieser hat sich nur noch erhalten in 
Verbindung mit Zeitangaben: d$Je m^nt, — wefikter, — J^mer, — h$rps, 
dCs jO^^-eszlt, dös frgchjO'^r, dös dach. 

Anmerkung 3. Von dem stamme j$n (jener) sind keine formen er- 
halten. Wahrscheinlich geht aber der artikel in den Verbindungen : äjön dg^r 
(an der thüre), fgjen hus (vor dem hause), öpöne bgrich (= op jöne b. 
auf dem berg) auf das pronomen j^ner zurück. 

§ 4. Pronomen interrogativum. 

w$^, wät, fä wom, wgm, wgm, wät. 

§ 5. Pronomen indefinitum. 

gme (ioman, jemand), ngme (niemand), j6der$iie (jedermann), j$t (ioht, 
etwas), nüs (niclits). 



— 36 — 



I. Grandzahlen. 

1 §« 

2 zw§i 

3 drei 

4 nh 

5 fQn^f 

6 J?s 

7 jQve 

8 acht 

9 nun 

10 z$n 

11 §Pf 

12 zw^l^'f 

13 drQz$n 

14 f§z§n 

15 föfz^ii 



D. Die Zahlwörter. 

16 J?S8$ii 

17 jQvenz^fi 

18 ächzen 

19 nünz^ii 

20 zwanzich 

21 Q*n§nzwanzich 

22 zw^I^nzwanzich etc. 

27 jQven§nzwanzich 

28 äch§nzwanzich 

29 nttn^nzwanzich 

30 drgsich etc. 
40 fgzich 

50 föfzich 

60 Jgssich 

70 jQvenzich 

80 ächzich 

Cap. 2. 



90 nänzich 
100 hindert 
1000 dujent. 

II. Ordnungszahlen. 

d**r ^»schte (der erste) 
zw^ide 
drölde 
fiVde 
fgn'fde 
Rsde 
jQvende 
ächde 
nuüde 
z^fide etc. 



Die conjugation. 
Die deutsche spräche unterscheidet zwei hauptconjugationen : die starke 
und die schwache. Die erstere bildet das praeteritum durch Verwandlung 
des stamvokals, den sog. ablaut, letztere mit hülfe des verbums thun. 
Beide arten der conjugation sind in der mundart erhalten. Wie im nhd. 
wird das perf., plusquampf und fut. akt. und das ganze pass. mit hül fs- 
verben gebildet, und zwar das perf. und plusquampf mit hülfe von ha 
(haben) oder Ji^ (sein), das fut. mit hülfe von Jal (soll) und endlich das 
pass. mit w§Me. Dabei ist aber zu bemerken, dass die mundart statt des 
passivums lieber die construktion mit m^ (man) und aktivem verbum wählt. 
Zu diesen umschreibenden temporibus kommt in der achener mundart noch 
hinzu das particip. praes., das durch äl mit der adverbial gebildeten form 
des inflnitivs auf s ausgedrückt wird, z. b.: äl j§*ns (gehend), äl j^vens 
(gebend). Eine der achener mundart eigentümliche bildung ist der infinitivus 
der verba : tr^^e (treten), bg^ne (beten), br^^ne (braten), lane (laden), r^^e 
(raten), kl^^ne (kleiben), ml^ne (mähen), bt^ne (bähen), nl^ne (nähen), krl'^e 
(krähen), schpl^ne (entwöhnen), drl^ne (drehen), JK^ne (säen). Nach ausfall 
des t bezw. b oder j wurden die Infinitive einsilbig und das n erhalten. 
Nachher hing man nach analogie der übrigen verba, wie z. b. nach r§^ne 
(regnen), J$*ne (seganon), ein e an. 

A. Die starke conjugation. 
Paradigma. 
Ich j$f (gebe) für j$ve (geben) 

du j6s (giebst) ur j$t (gebet) 
h?^ j<^t (giebt) f j$ve (geben). 



Praes. Ind. 



Conj. fehlt. 



Praet. Ich jö*^f (gab) fttr j^^ve (gaben) 
du jO^s (gabst) ör jO^ (gäbet) 
W JO'f (gab) f JÖ*Ve (gaben) 



jfl^ (gäbe) 
ju«fs 

jö«f 



ju**ve 
jfi^ft 
jä^ve. 



— 37 — 

Imperativiis: sg. j^f, pl. j^t. — Infinitiviis: j$ve. 
Part. perf. pass. : j^j^ve. — Perf. : Kch hä j^'j^ve. 
Plusquampf Ind. : Ich häü j*'j$ve. — Conj. : Ich h^i j^'j^ve. 
Futurum: Ich Jal ) . 

Jbü j *'^^^- 

Die alte spräche unterscheidet 5 (bezw. 6) klassen der starken conju- 
gation. Diese sind alle in der mundart erhalten. 

I. Klasse. 

1. abteilung. Zu dieser klasse gehören die verba, deren stamm auf 
einfache muta oder auf s und z ausgeht. 

Die ablautsreihe ist: im ahd.: i, ß, ä, a, 6; in der ma.: 
§ (§i vor s, i vor ch), § (gi vor s, i vor j), if (ü^ vor s), $ (?i vor s, § vor j), 
3¥, j^ve, J0% jö^ve (conj. ju»f), j^j^ve; gis (esse), [2. p. §s, 3. p. $s], ?ise, 
Ö^s (conj. u^s), O^se (conj. u^se), j§ise; fr§is, frgise, frü^s, frü^se, fraise; lieh 
[2. p. Ms, 3. p. iKt], llje, lO^ch (conj. lu^ch), l^^je (conj. lu^je), j^lgje. Neben 
Ö^se findet sich die form ü'^se; tr§^n (trete), hat [2. p. tr$*^ns, tr§^nt], tr$**ne, 
trü^n, trü^e, j^tr^^ne. Ferner folgende verba: Jl^ (sehen), verJQise (ver- 
gessen), * w^Je, w§^r, j®w§^s ; tr^ke (ziehen), hat tr^k, j^tr^ke. 

Anmerk. b^de (bitten), verschr^ke (erschrecken), l§^Je, mgise (messen) 
sind in die schwache conj. übergetreten : b§det, verschr^ket, l^^Jet, mgiset. 

2. abteilung. Zu dieser abteilung gehören die verba, deren stamm 
auf einfache liquida oder nasal ausgeht. 

Ablautsr.: ahd.: i, 6, ä, a, o; ma.: $, §, ^^ (ü^ vor 1, r, ch), § (^^ vor 1, qu vor ch); 
n$m (ngms, uQmt), u^me. n^^m (conj. nu^m und n^tm), nO'^me, j^^n^me; scht^'^l 
(scht^^ls, scht^^lt), scht^^le, schtü^l, schtü^e, j^^scht^^le; schprgich (schpr^chs, 
schpr^ch), schprgiche, schprii^ch, schprü^che, j^'schprQUche. 

Zu dieser abteilung gehören folgende verba: schtgiche (stechen), 
brgiche (brechen), schw$^re (schwören und schwären), k^me (kommen). 

Anmerk. 1. In die schwache conjugation ist w^"vet (wob) übergetreten. 

Anmerkung 2. tr^fe und h^ve (heben) haben im praeteritum tr^If, 
h§lf, wie die verba der V, 1 . klasse. 

3. abteilung. Zu dieser abt. gehören die verba, deren stamm auf gemi- 
nierte liquida, auf liquida -f- muta oder gerainierten nasal oder nasal -f- 
rauta ausgeht. Die ablautsreihe lautet: 

ahd.: i, 6, a, u, o; ma. : ^ §, $0, Ö, Ö, Ö (e und o vor Iz und nk); 
verb^r'ch (verbgr^chs, verbgr^cht), verb^r'je, verb^r^ch, verb^r^je ; kl^m (klQms, 
klQmt), kl^me kl^m, kl^me, j^^kl^me; schmelz, schmelze, schmolz, schmölze, 
j^schmolze. 

Zu dieser klasse gehören folgende verba: hgl^'pe, schw^me, w$ne 
(gewinnen), r§ne (gerinnen), b6iie (binden), föne (finden), Jöfie (singen), 
schprßiie, jenke (sinken), schteiike (stinken), drenke (trinken), scht^r'^ve 
(schtQr^fs, schtgr^ft), schulde, j^lde (kaufen, gelten), wgMe (werden). 

Anmerkung. In die schwache conjugation sind übergetreten : drgische, 
flirte (flechten), haschte (bersten), schwele, mgPke, zwßne (zwingen), klßfie 
(klingen), henke (hinken), wenke (winken), rgne (rinnen) und schp^ne. 



— 38 — 

II. Klasse. 

Die ablautsreilie dieser klasse lautet: ahd. : i, i, ei (e), i, i; - - • 
ma.: i (t, e'\ $1), i, §! (§), $1 (ö, $^ (?i vor f, §« vor cb, § vor j); 
bllf, blive, bl^lf, bl^ive, bl^Ve; schlif, schüfe, schlöf, schlßfe, j^schlgife. 

Nach dieser klasse gehen pife (rauchen), bise, rise, j^'liche, b*jrife, 
drive, verschlise, schliche, schtriche, krische, schwtje, krtje, schplise. 

Anmerkung. Die meisten Wörter dieser klasse werden schwach con- 
jugiert, und von sämtlichen geht die schwache form des praeteritums neben 
der starken als gleichberechtigt her. Nur schwach flektieren: jrife, kuipe, 
rtje (reiten), afschtrije (abstreiten), llje (leiden), schntje (schneiden), bl§*che 
(bleichen), wiche, schr§tje, schpQiie (spiuwan, speien), schn^lje (schneien), 
schtfie (scheinen), frive und rive (reiben), schrive, j**d<JIje (gedeihen), l§ne 
(leihen), verz^tje (verzeihen), — praet. jrifet etc. Das participium perf. 
pass. aber zeigt die starke form: j^jrgife etc. 

III. Klasse. 
Die ablautsreihe lautet: 

ahd.: iu, ia, ou, u, o; ma.: ü (ü, $!, q, u, ü, ©, (§^ ü^), Q (qu, q^; 

kruf, krufe, kr^f, j'krQufe; flfije, fl^^ch, j®flQ**je. 

Nach dieser klasse gehen folgende verba: rtiche, r^ch, j^rQuche; v^'r- 

luje, v^rlü^r, vMg^re; femer Vrdruje, b**druje, b^tje (b^tts, b§Tt) (bieten), 

bö^ j^'bO^ (geboten) ; Jufe, J^f, j^J^ufe ; j^se, j^s, j^JQse ; schisse, j'^n^se, sch^se. 

Neben der starken form des praeteritums findet sich vorzugsweise 

die schwache. Sie kommt allein vor von fruje (frieren), fluje oder fl§Je 

(fliessen), luje, böje (biegen), Jü^'e (saugen) schpruse (spriessen). 

Anmerkung. fruJe und v^'rluje zeigen grammatischen Wechsel. 

IV. Klasse. 

Ablautsreihe: ahd.: ä, ä, ttä, üä, ä; ma. : ä, a, ü*^, ü", a; 
fär (ff rs, f§''rt), fare, fü^r, fft^re, j^fare ; drach (dr^^s, drf cht), draje, drü^ch, 
drü^je, j^'draje. Hierhin gehören noch schlO** (slan, schl^'^s, schl^^^t), schlöch, 
schlöü^'e, j^schlaje und schtQ^, schtOn, j^schtäfie. 

Anmerkuug. Die übrigen verba dieser klasse werden schwach flektiert: 
bäke, lane (laden), schäfe, wase (wachsen), wgische (waschen). 

V. Klasse. 

Hierhin gehören die verba, welche ursprünglich ihr praeteritum durch 
reduplikation bildeten. Es sind fünf Unterabteilungen zu unterscheiden. 

1. abteilung. Ablautsreihe: ahd: ä, ä, tä, Kä, a; ma.: ä, ä, §1, §i, ä; 
fäle (f§ls, f^lt), fäle, f<^n, f^lle, j^fäle; häü^e (halten, h$ls, h§lt), 
h§Kl, h§!le, j^häü^'e. 

Die übrigen verba werden wie im neuhochdeutschen schwach flektiert. 
Es sind: fäüe (falten), Jalze. 

Anmerkung, jq^ (gan, gehen) hat j^n, j^jäne, häne (li^iis, hgnkt), h^n, 
j**häne; fäne wird schwach flektiert. 

2. abteilung. Ablautsreihe: ahd.: a, a, Kä, tä, a; ma.: ij, §, §1, §i, §; 

schlaf, schlafe, schleif, schleife, j^^schlc^fe. 



— 39 — 

Nach (lieser abteilung geht noch l^se (lassen). Die übrigen verba 
brQ^ne (braten), r<}^ne (raten), bl^^^Je (blasen) haben ein schwach gebildetes 
praeteritum : br^^net etc., dagegen ein starkes particip. perf. pass. : j^rO^ne etc. 

3. abteil. Ablautsreihe: ahd.: üä, üä, !ä, lä, üa; raa.: 0? Ö, ?^> §j^» Oj 
r§f (rgfs, rgft), r^fe, r$tf, rgife, j^r^fe. 

4. abteil. Ablautsreihe: ahd.: ei, ei, lä, lä, ei; ma.: §®, §®, §t, gi, §^; 
h§^sch (h§®sch, h§*^scht), h^^sche, heisch, heische, j^'hQ^sche. 

5. abteil. Ablautsreihe: ahd. ou, ia, ia, ou; raa.: o", o", {t, §i, o"; 
lo"f Gaufen, lö«fs, lö«ft), lo"fe, \^% l§ife, jno"fe. 

Hierhin gehört noch schtose mit o im praesens und ö im part.: seh tose, 
scht^ls (neben schtO**s), scht§ise, j^^scht^se. 

Anmerkung: h^ü^^e (hauen = schlagen) ist im praet. in die schwache 
eonjugation übergetreten: hOü'^'et, j^'h^ü'^'e. 

VI. Klasse. 

Hierhin gehören mit bindevokallosem praesens : jV (gan? gen, gehen), 
schtQ^ (stan, sten, stehen) und du^ (thun). Die stamformen der beiden ersten 
verba sind schon angeführt. Das praesens lautet: 

I. JQ^ (gehen). 

Sing. 1. p. j(f (JQ^n vor vokalen); 2. p. j^^s (gehst); 3. p. jqH. 

Plur. 1. p. jgnt; 2. p. JQt; 3. p. JQnt. 

Imp. 2. s. jank (geh); 2. p. jgt (geht). 

Anmerk. Nach j(f geht schtg^ u. in ach. ma. schlg* (schlagen = slan). 

II. du« (thun). 

Sing. 1. p. du^ (du^n vor vokalen); 2. p. dQ"s; 3. p. dQ^t. 
Plur. 1. p. dgnt; 2. p. dgt; 3. p. dgnt. 
Imp. dQÜch, dQt. 

Praet. Ind. Sing. 1. p. d^^ch; 2. p. d^^chs; 3. p. dft^ch. 

Plur. 1. p. dQ»je; 2. p. dij^cht; 3. p. dg^je. 
Conj. Sing. 1. p. du^ch; 2. p. durchs; 3. p. du**ch. 
Plur. 1. p. du^je; 2. p. du^^cht; 3. p. diVje. 
Anmerkung. Das alte t im plur. hat noch bewahrt haut (sie haben). 
Dies ist bei diesem verbum wie bei den andern aus der 3. plur. in die 
1. plur. gedrungen: für haut. 

III. F (sein). 

Praes. Indik. ben, b§s, $s — /gnt, Jgt, Xgnt. — Imp. b§s, Jgt. 
Praet. Indik. w^^r, w^^r, w^^r, w^^re etc. — Conj. wu'r, wu^rs etc. 
Part. pass. j^wg'^s. 

VII. Klasse. 

Praetcrito-praesentia. 

Von einer reihe deutscher stamverben ist die praesensform verloren 
gegangen; die form des praeteritums erhielt die bedeutung des praesens 
und von dieser als praesens geltenden form entwickelte sich eine neue 
form des praeteritums nacli art der abgeleiteten verben, bei einigen sogar 
noch mit neuem umlaut. Die hierher gehörenden verben sind: kone (ich 



— 40 — 

kan, du kans, hg** kan, für kune, tir könt. Jei koiie); praet. ku'^nt, kühnst, 
ku^nt, ku^nte; part. j^'ku^nt und kone; joue (jou, jönst, jöut); pmet. jönet ; 
part. j^jont. dqr^fe (dar*f, dar*fs, dar^f, doi^fe) ; praet. dur**f und dQi^f ; das t 
des praet. ist abgefallen, wähi'end es in der regel erhalten ist: part. j^dQr^'ft. 
Neben diesem verbum geht das im aussterben begriflfene dg'^sche, ich dasch ; 
praet. dO^sch, rahd. türren, engl. U^ dare her, das seit der mitte des 17. 
Jahrhunderts mit dem vorhergehenden verbum verwechselt wurde. J^le (Jal, 
Jals, Jal, Jöle, J^lt); praet. Jöü", J^üds, Iftö^ Jöire, J^rrt) ; part. J^le; mo«je 
(mögen), mq% j^'mg^t; mgse (m^s, für die 1., 2., 3. p. mQse, m§st); 
praet. mu^t, conj. mü^t; part. m^se. 

Anmerkung: Danach hat b**mQuje im praet. b^'mu^t. 

w6se (wg**s, für die 1., 2., 3. sg. wt'se, west), wös (wiisste), j*wöst; 
d^rre (taugen, do"ch, do"chs, do"cht); praet. d^il'^et; partic. jMQ^t. 

w$le (wollen, wel, weis, weit, w§le); praet. wqu'', w^iids, w^ii^, 
w^ft^^e, w^ü'^t); part. j**welt und w§le. 

B. Die schwache conjugation. 

1. Dieser conjugation gehören solche verba an, die durch die suffixe 
i (j), 6 oder e aus andern verbal- oder nominalstämmen entstanden sind. 
Diese drei klassen sind nachher zusammengefallen ; nur die erste ist noch am 
umlaut zu erkennen, z. b. : w^r^'me, dgmpe, z^le, schale (schälen und schellen), 
UQ'^re, verschr^ke, verd^r^'ve, iqze (sitzen machen), (dagegen j&ze^ sitzen). 

2. Das praeteritum wird in dieser conjugation bekantlich durch an- 
fügung von got. da, ahd. ta, nhd. te gebildet. Vor dieser endung ist im nhd. 
ausser vor d und t der bindungsvokal e gefallen, in der mundart dagegen 
erhalten, das schluss-e aber geschwunden: Ujet (litt), schp^let (spielte). 

Amuerkung 1. Im praesens ist, wie im nhd., das bindungs-e gefallen : 
Jfz, J?z, J?zt. 

Anmerkung 2. m^^iie hat im praet. menkt. 

3. Nur in den verben: br^ne, iQ^je, J^ze, z$le, k$ne ist auch in der 
mundart das ursprüngliche i im praeteritum und partic. perf. geschwunden ; 
mit dem Schwund des i ist der grund des Umlauts gefallen, und es tritt 
sog. rückumlaut ein: brant, lät (legte), Jäz (setzte), zalt (zählte), kafikt. 
Das part. lautet: j^lat, j^'Jäz, j^'brant, j**zalt. 

4. breiie und d^fike bilden ihr praet. wie im nhd. brät (brachte) und 
dät (dachte) ; vor dem suffix ist die spirans geschwunden wie in jat (sagen, 
Jiich, J?s, X^t, jUt), ver/u«t (versuchte), v^rkQ»t (verkauft). 

5. Das verbum hau geht im praesens nach jg" (gehe), nur dass im 
plural kein umlaut eintritt. Im praet. lautet das verb.: hart (= habeta 
— haveta), haus, hau, häiV'e, haut, hart^'e ; conj. h^l, h^ls, h^lf, h^tje, h$tt, 
h^tje. Part. j*'hät. 

6. Zu den schwachen verben gehören alle diejenigen Zeitwörter, welche 
der mundart eigentümlich sind. Sie sind eben meist Weiterbildungen zu 
andern verben oder noch häufiger von nominalstämmen abgeleitet. 



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Mittheilimgen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereinfl herausgegeben von E. Sohnook. 

Nr. 3. Vierter Jahrgang. 1891. 



nhfttt; Christian Qaix. Seb Leben und seine Werke. Von C. Wacker. 



Christian Quix. 

Sein Leben nnd seine Werke. 

Von C. Wacker. 

Wenn ich im folgenden ein Bild von dein Leben uod der vissen- 
scliaftlichen Tliätigkeit eines Mannes gebe, in dem -wir mit Recht den 
Begründer der kritischen Forschung auf dem Gebiete der Aachener Lokal- 
geschiclite sehen, so darf ich gewiss erwarten, dass diese Zeilen im 
Kreise der hiesigen Geschichts- und Altertumsfrennde mit Wohlwollen und 
Interesse aufgenommen werden. Die Zeit ist vorüber, in der ein Böhmer 
nicht ohne Grund seinen Uniftut bezeugen durfte, dass eine Stadt wie 
Aachen „so wenig für die Kenntnis ihrer grossen Vergangenheit sorge "", 
Das gute Verständnis, welches die Bürgerschaft Aachens von Jahr zu 
.Tahr mehr für die ruhrawürdige Geschichte ihrer Stadt bekundet, hat sich 
nicht am wenigsten auch demjenigen Manne zugewandt, der in jalirelanger 
uneigennütziger Arbeit für die lokale Geschielitsf()rsehung den Boden ge- 
schaffen, auf dem wir stehen und weiter arbeiten. Das, was der uner- 
müdliche Gelehrte in seinem Leben nicht gefunden — Verständnis und 

■) Janssen, BShmcra Leben I, 212. Vgl. auch Fontes, 9, LIX, wo er bei Er- 
wähnung verloren gegangener PergamentblÄtter — ein Verzeichnis königlicher Tafelgüter 
onthaltenil — ausruft; „'Wie traurig doch, dass Städte wie Aachen, bei allem ilnsseren 
Gcdeiben, in Bezug auf Sinn für die Wissenschaft und VcrstlUidnis derselben so tief 
sinken können, dass dergleichen Kleinodien halb gekannt zu Qrnnde gehen", Draatiacher 
ilnsscrt er sich über KUln: „Sind denn in Köln nur Bacehnsknccbte, Fastnachtsuarren und 
Kunstschwätzer, unil ist dort gar keiner, der sich zu dem männlichorcn and wUidigercn 
Oesctiftft yaterländigcbet Geschichtsforschung zu erheben vermag?" 



— 42 — 

Anerkennung — ist ihm nach seinem Tode in steigendem Masse zu teil 
geworden. So sollte ihm von der Nachwelt nicht vorenthalten werden, 
was ihm die Mitwelt versagt hatte. Ein kleiner Tribut der Dankbarkeit 
ist auch der folgende Aufsatz, bei dem mir vielleicht nicht der Vorwurf 
erspart bleiben wird, zu sehr ins Detail hineingegangen zu sein. Aber 
wo die Quellen reichlicher flössen, habe ich kein Bedenken getragen, den 
von ihnen gebotenen Stoff zu benutzen und über den engen Rahmen einer 
Lebensgeschichte hinauszugehen. Nirgendwo konnte die Versuchung hierzu 
grösser sein. Wenn man den vielen Anregungen folgt, die Quix gab und 
empfing, ist eine solche Erweiterung der Darstellung von selbst gegeben. 
Ist doch sein Leben mit den \ielfachen WechselföUen zugleich ein Spiegel- 
bild jener vielbewegten Zeit, in der so manches Alte verschwand, um 
neuen Verhältnissen Platz zu machen ! 

Wenngleich der Grad der Anerkennung für die wissenschaftliche 
Thätigkeit Quixens seit seinem Tode ein stetig höherer geworden ist, hat 
man doch bisheran seinen Lebensverhältnissen, sowie den Grundsätzen 
seiner Geschichtsforschung und Darstellung keine besondere Aufmerksamkeit 
zugewandt. Alles, was über sein Wirken geschrieben wurde, bezeugt ein 
gutes Verständnis für ihn und seine Leistungen. Von den Nekrologen 
aus der Feder seiner Freunde^ bis herab auf die neueren beiläufigen 
Notizen und Ausführungen von Loersch^ und Pauls ^ ist aber nichts über 
Quix geschrieben, was zu der Bedeutung seines Namens im Einklang 
stände. Auch der aus der Feder Haagens stammende Artikel in der 

') Am Donnerstng den 18. Januar 1844 brachte die Stadt-Aachener Zeitung 
einen Nekrolog, der in seinen biographischen Angaben sehr zuvorlässig ist. Er war 
unterzeichnet mit J. M. und geschrieben vom Gymnasial-Oberlehrer Dr. Jos. Müller. — 
In dem Januarhefte der „Aachener Chronik" vom Jahre 1844 befindet sich ein Nachruf 
für Quix von Alfred Reumont. Die biographischen Notizen sind in ihm gering und teil- 
weise falsch.-- Der 7. Band der Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertums- 
kunde Westfalens enthält einen kurzen Nekrolog und ein unvoUständiges Verzeichnis der 
Quixschen Schriften. — Auch ein späteres, holländisch geschriebenes Buch über die Mark- 
grafschaft Hoensbroeck behandelt Leben und Werke unseres Quix mit lokalpatriotischcr 
Wärme. „Het Markgrafschaft Hoensbroeck gevolgd door geschiedkundige aanteekeningen 
over het voormalige land van Valkcnburg, door £g. Slanghen, Burgemeester van Hoens- 
broeck." Maastricht, gedruckt bij van Osch-America en Cic. IH^rJ. S. 131 flg. Daselbst 
sogar ein schwacher poetischer Versuch zu Quixens Lobe : Quix rette vor Vergessenheit — 
Noch vieles aus der Nacht der Zeit — Ihm dankt die Muse manche Kunde — Drum 
leb' er auch im Dichtermunde. 

*) Achener Rechtsdenkmäler, S. 10 und 11. Sachgemässe Beurteilung seiner Arbeiten 
und Aufzählung derselben. Diese und desselben Verfassers Ausführungen im 17. Hefte der 
„Annalen des bistor. Vereins für den Niederrhcin**, 8. 20—80 bieten eine kurze aber gute 
DarsteUung der vorhandenen Behandlungen der Geschichte Aachens durch Becck, Noppius 
und Quix. 

^) In der Beilage zu Nr. 8 der Aachener Zeitung vom 9. Januar 1876. Diese Zeilen 
von E. Pauls, jetzigem Apotheker in Bedburg, und der Artikel Haagens sind das letzte, 
was seit Jahren über Quix geschrieben ii\Tirde. Herr Pauls betont selbst die Notwendig- 
keit einer eingehenderen Bio- und Bibliographie xmd hatte während meiner Beschäftigung 
mit diesem Gegenstande die Güte, mich auf jede Weise zu unterstützen. Ihm und Herrn 
Stadtarchivar Pick, der mir gleichfalls behülflich war, fühle ich mich zum grössten Dank 
verpflichtet. 



— 43 — 

^Allgemeinen Deutschen Biographie" ist nicht ohne Mängel und für die 
Zwecke unserer Lokalgeschichtsforschung zu knapp. Es ist nötig, dass 
alles Vorhandene gesammelt werde. Das Bild jenes Mannes entschwindet 
unserer Zeit immer mehr; nur wenige giebt es noch unter den Lebenden, 
die ihn persönlich kannten. Deshalb müssen die uns noch vorliegenden 
Nachrichten zusammengestellt und mit den einzelnen Zügen der Tradition 
zu einem abgerundeten Gesamtbilde vereinigt werden. 

I. 

Die Familie Quix war seit alters in Winandsrath bei Valkenburg in 
der jetzigen holländischen Provinz Limburg sesshaft. 1762 wird daselbst 
ein Schöffe L. Quix erwähnt, der bei der gerichtlichen Untersuchung wegen 
eines am Orte verübten Einbruches der Bockreiterbande thätig war^ Ein 
Grossonkel unseres Chr. Quix, Johann (f 1773), war Prior der ehemaligen 
Kanonie zum hl. Kreuz in der Grafschaft Daelheim (Dolhain bei Verviers). 
Er schrieb seinen Familiennamen noch Quicx, mit Einschiebung eines c. 
Ebenso sein Bruder Christian, welcher bald nach seiner Verehelichung mit 
Catharina Roosenboom den bisherigen Sitz der Familie, Winandsrath, verliess, 
um nach dem bei Heerlen gelegenen Hoensbroich, einem durch die Freiherren, 
heute Eeichsgrafen gleichen Namens bekannten Dorfe, auszuwandern. Der 
in Winandsrath zurückgebliebene Zweig der Familie starb vor 40 Jahren aus. 

In Hoensbroich wurde in den Taufbüchern bei der Schreibung des 
Namens das c ausgelassen, und da zur Zeit der französischen Herrschaft jeder 
verpflichtet war, in allen öifentlichen Akten seinen Namen so zu schreiben, 
wie er in die Taufregister eingetragen war. wurde die Form „Quix" bald 
die allein gebräuchliche ^ Ein Sohn des oben genannten Christian Quix 
war Martin, welcher mit Anna Elisabeth Jongen vermählt war und den 
nicht unbedeutenden Wyngartshof in Hoensbroich besass. Dieser Ehe ent- 
stammt der spätere Geschichtsschreiber Quix, nach seinem Gross vater 
Christian benannt. Geboren am 8. Oktober 1773, blieb der Knabe bis 
zu seinem IL Lebensjahre auf dem elterlichen Hofe im Schosse der Familie. 
Umgangssprache derselben war eine aus flämischen und deutschen Elementen 
gemischte, noch heute in jenen Gegenden gebrauchte Volkssprache. Jeden- 
falls verstand Quix, als er 10 Jahre alt zu seiner Erziehung und Aus- 
bildung nach Aachen gebracht wurde, das Deutsche nur wenig, und da in 
jener Zeit dem Unterrichte in dieser Sprache auch hier eine geringe Sorg- 
falt zugewandt wurde, so kam es, dass er diese, gleichsam seine zweite 
Muttersprache, niemals flüssig zu handhaben wusste. Nach ungefähr sechs- 
jähriger Ausbildung in den Elementarföchern wurde er dem von den Ex- 
Jesuiten geleiteten Gymnasium, dem sogenannten „Marianischen Lehrhause", 
übergeben, welches nach Auflösung des Jesuitenordens (1773) an die Stelle 
der seit 1601 bestehenden Jesuitenschule getreten war und in deren 
Eäumliclikeiten (Jesuitenstr. 8) weitergeführt wurdet Nach 3^2 jährigem 

^) Zeitschrift d. Aach. Gosch.-Vcreins IV, 53. 

*) Vgl. Spital z. hl. Jakob, S. 32. 

') Vgl. Schwenger im Jahresbericht des Karls-Gjmnasiuma 1888, S. 3. 



— 44 — 

Besuche dieser Lehranstalt im Jahre 1792 ans derselben entlassen, ent- 
schloss er sich zum Studium der Theologie und zum Eintritt in den 
Karmeliter-Orden. Wie später der Totenzettel von ihm rühmte, erkannte 
er schon als Knabe, von seinen frommen Eltern in der Gottesfurcht erzogen, 
seinen Innern Beruf zum geistlichen Stande. 

Der Orden der Karmeliter^, später neben dem der Franziskaner 
und Dominikaner auch zu den Bettelorden gezählt, verdankte seine Ent- 
stehung dem Kreuzfahrer Berthold aus Calabrien, welcher in der zweiten Hälfte 
des 12. Jahrhunderts die Mönchsgelübde abgelegt und mit einigen Gefährten 
in der Grotte des Elias am Berge Karmel Wohnung genommen hatte. 
Diese Einsiedler erhielten auf ihre Bitten vom Patriarchen Albert von 
Jerusalem eine strenge aus 16 Artikeln bestehende Regel, welche ihnen 
Besitzlosigkeit, Leben in abgesonderten Zellen, Enthaltung von Fleisch- 
speiseh, strenge Beobachtung des Fastens, Stillschweigen von der Vesper 
bis zur Terz des folgenden Tages, Handarbeit, Abhaltung von Lokal- 
kapiteln u. a. vorschrieb. Papst Honorius III. bestätigte diese Regel. Als 
die Karmeliter sich im 13. Jahrhundert zur förmlichen Auswanderung 
ins Abendland genötigt sahen und in ganz Europa Niederlassungen ge- 
gründet hatten, wurden ihre strengen Regeln 1247 von Innocenz IV. und 
später von Eugen IV. um 1430 den veränderten Verhältnissen entsprechend 
gemildert. Ersterer gab dem Orden den Namen: ordo beatae Mariae 
virginis de monte Carmeli; sie selbst nannten sich aber gern „Frauenbrüder", 
beim Volke Wessen sie auch wohl die „weissen Brüder", weil ein weisser 
Mantel, die cappa alba zu ihrer Ordenstracht- gehörte. Papst Eugen FV. 
gestattete den Karmelitern das Fleischessen wöchentlich dreimal, milderte 
die Bestimmungen in betreff des Stillschweigens, erlaubte das Spazieren- 
gehen in den Räumen des Klosters und an andern Orten in freien Stunden. 
Die niederdeutsche Ordensprovinz hat sich bereits um die Mitte des 13. 
Jahrhunderts gebildet, die älteste Niederlassung am Rhein und in der 
ganzen niederdeutschen Provinz kann für die Zeit um 1256 in Köln nach- 
gewiesen werden. Ungefähr ein Jahrhundert später erfolgte fast gleichzeitig 
die Gründung des Aachener und Dürener Klosters (1854 und 1359). Das 
Kölner Karmeliterkloster lag am Waidemarkt an der Stelle des jetzigen 
Friedrich Wilhelms -Gymnasiums und der Markthalle^. Es war das erste 
der seit 1613 von der niederdeutschen abgetrennten rheinischen oder köl- 
nischen Ordensprovinz. In diesem Kloster fand der 19jährige Christian 
Quix im Jahre 1792 Aufnahme als Novize. 

Bei der Wahl des Karmeliter-Ordens ist Quix von gewissen 
Beziehungen seiner Heimat und Familie zu dem Aachener Ordenshause 



*) Vgl. K. A. Ley, Kölnische Kirchengeschichte nnd H.H. Koch, Die Karmeliteu- 
klöster der Niederdeutschen Provinz. 13. his 16. Jahrhundert. 

*) Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde der braune Talar als Ordenstracht ein- 
geführt. 

') Nach dem Kölner Adress-Kalender vom Jahre 1797 lag es im 8. Quartier der 
Stadt Nr. 6958 1 und 2. — Im 17. Jahrhundert erhob sich im ,Dau" auf der Severin- 
strasse ein zweites grosses Karmeliterkloster. 



— 45 — 

der Karmeliter beeinfliisst worden. Zu dem ausgedehnten und ergiebigen 
„Termin" d. h. Bettelbezirk derselben gehörte auch Heerlen, wo das 
Kloster schon seit dem 15. Jahrhundert von dem dortigen Lehenhofe mit 
einem Erbpachtzins belehnt war^ Dazu kam, dass der derzeitige Prior 
der hiesigen Karmeliter, welcher zugleich der letzte in der langen Reihe 
der Vorsteher seines Klosters sein sollte, aus der Pfarre Heerlen gebürtig 
war und anscheinend zu der Quixschen Familie in freundschaftlichen Be- 
ziehungen stand. Er hiess Wilhelm Kitzerfeld und wurde ungefähr 10 
Jahre nach Aufhebung seines Klosters bei der Einrichtung der Aachener 
Diözese durch Berdolet (1804) Pfarrer der neu errichteten Pfarrei Hor- 
bach, auf die er aber später resignierte, um wieder in Aachen zu leben, 
Avo er am 10. August 1824 im 63. Jahre seines Lebens starbt 

Im Herbst 1792 trat Quix sein Noviziat im alten Karmeliterkloster 
zu Köln an. Er wurde ausgebildet vom Novizenmeister Bruder ^ Christian 
Zeizem, welcher ihm am 15. November 1793 eine mir vorliegende beglaubigte 
Abschrift seines Geburts- und Taufzeugnisses* anfertigte. Um dieselbe 
Zeit zog der junge Novize von Köln nach Aachen zurück, um im dortigen 
Kloster die Profess abzulegen. Bruder Ignatius — so hiess er im Kloster 
— konnte sich freuen, dass während seines Noviziates der stille Frieden 
des Klosters, in das er sich aus der Welt zurückgezogen, nicht gestört 
worden war. AVas er aus dem Munde seiner Aachener Ordensbrüder 
über die Geschicke ihres Klosters zur Zeit der Fremdherrschaft gehört, 
musste in ihm arge Sorgen erwecken und die Furcht vor der Wiederkehr 
der Franzosen wachlialten. 

Um die Mitte des Dezembers 1792 war die Sturmflut der französischen 
Revolution auch über Aachen hereingebrochen ^ Kann man sich einen 
schrofferen Gegensatz denken, als die Anschauungen ihrer Vertreter und 
die Ideen, denen die stillen Mönche dienten? War es auffällig, dass grade 
sie von den Massregeln der fremden Gewalthaber besonders getroffen wurden y 
Schonung durften sie nicht erwarten. So lange sich die Franzosen in ihrer 
Herrschaft im linksrheinischen Gebiete nicht sicher wussten — die deutschen 
Heere standen noch diesseits des Rheines — so lange wollte man die Mönche 
nicht direkt auf die Strasse weisen. Aber Herren sollten sie innerhalb * 
ihrer Klostermauern nicht mehr sein. Das Karmeliterkloster musste wie 
alle andern an die 50 Soldaten in Quartier nehmen und einen Teil seiner 
Gebäude zu militairischen Zwecken hergeben. In ihm und dem benachbarten 
Marienthal wurde ein Militairspital eingerichtet, das angeblich mehr als 



^) Karm. S. 17 und 27. Heerlen war Sitz einer kurkölnischen Lehn- oder Mann- 
kammer; noch jetzt heisst dort ein Hof: et leeu. 

*) Karm. 39. 

^) Alle Karmeliter — auch die Priester — hiesscn fratres, nicht patres. Erst 
später wurde die Bezeichnung „pater" hervorragenden Brüdern, hesonders den Doktoren 
der Theologie, als Auszeichnung beigelegt. Vgl. Koch, S. 8. 

*) Ausgestellt am 28. Februar 1791 durch Pfarrer Gheyst zu Hocnsbroich. 

^) Vgl. zu dem folgenden Perthes, Polit. Zustände und Personen in Deutschland 
zur Zeit der französischen Herrschaft; Milz im Progr. des Gymnasiums zu Aachen 1871; 
Quix, Karm. S. 36. 



— 46 — 

600 Kranke fassen konnte. Während man am Sylvesterta^e des Jahres 1792 
einen Freiheitsbaum vor dem Eathause pflanzte ^ wurden die Mönche in 
ihren Räumen von Soldaten bewacht. Zog man diese Wachmannschaften 
auch recht bald zurück, so blieben an den folgenden Tagen doch noch 
einzelne Posten, die sich während des Gottesdienstes in der Kirche, ja am 
Altare aufstellten. In denselben Tagen nahmen Vertreter der französischen 
Machthaber das Inventar der Klöster und Kirchen auf; kaum das Nötigste 
wurde den frtthern Besitzern gelassen. 

Wie freuten sich die Mönche mit den Bürgern Aachens, als am 1. 
März 1793 die Österreicher bei Aldenhoven siegten und am Samstag den 
2. März die Stadt besetzten. Keiner ahnte, wie bald die Tage einer nocli 
drückenderen Fremdherrschaft wiederkehren würden. Noch anderthalb 
Jahre sollte sich Aachen seiner Freiheit, sollten sich die klösterlichen 
Genossenschaften der wiedergewonnenen Ruhe erfreuen. 

Ungefähr ein halbes Jahr nach der Vertreibung der Franzosen, als 
das Kloster noch vielfache Spuren ihrer Gewalttliätigkeiten zeigte, kam 
Quix zu den Aachener Karmelitern. Die Zeit, die er in ihrem Kloster 
verlebte, sollte eine kurze sein, aber sie genügte, um in ihm für immer 
eine liebevolle Erinnerung an dasselbe zu erhalten. Er hat ihm später 
eine von der modernen Kritik gelobte und eingehende Monographie gewidmet, 
wie sie von keinem andern Kanneliterkloster der niederdeutschen Ordens- 
provinz existierte 

Das Kloster der Aachener Karmeliter hatte eine gesunde, ange- 
nehme Lage am linken Ufer des die Franzstrasse kreuzenden Ponellbaches. 
Es nahm mit seinen geräumigen Gebäulichkeiten das Eckterrain ein, welches 
von jener Strasse und der Ponellgasse gebildet ist, und erstreckte sich bis 
an den Wall in der Nähe der jetzigen Kasernenstrasse. Nach der Stadt- 
seite hin stiess es mit seinen Gärten, durch eine hohe Mauer und Buchen- 
hecke davon getrennt, an das Terrain des Marienthaler Klosters. Beide 
Klöster wurden seit 1835 bis in die jüngste Zeit als Kasernen benutzt 
und das der Karmeliter ist im Februar 1891 auf Abbruch versteigert. 
Der grosse Quaderbau aus blauem Kalkstein, welcher sich ehedem beim 
Blick auf die Marienthaler Kaserne von der Franzstrasse aus links vom 
Beschauer zeigte, bildete das eigentliche Kloster. Es lag von der Strasse 
etwas zurück und liess nach dieser Seite hin der Klosterkirche Raum, die bis 
an die Franzstrasse stiess und von dort ihren Eingang hatte. Der quadra- 
tische Raum zwischen Kirche, Kloster und Ponellgasse hatte früher teil- 
weise als Begräbnisplatz gedient. Hinter dem Klosterbau stand, an die jetzige 
Bomgasse anstossend, ein Wirtschaftsgebäude, hinter diesem wieder — 
gleichfalls an der genannten Gasse, aber in weiterer Entfernung — ein 
Schulhaus, vor welchem nach der Marienthaler Seite ein schöner Teich 
gegraben war. — Die zum Kloster gehörige Kirche wurde von den Fran- 
zosen nach ihrer zweiten Invasion abgetragen. 

*) Der erste Freiheitsbaum wurde in Aachen an der Stelle der Kalkbcmerschen 
Schandsäule auf dem Markt am 19. Dezember 1792 errichtet. 
^) Vgl. Koch, Karmelitenklöster, S. 65. 



— 47 — 

Quix hat sich in diesen Räumen, so lange ihm das klösterliche Leben 
darin vergönnt war, glücklich gefühlt und später mit Wehmut der dort 
verbrachten Zeit gedacht. Ihn interessierte damals besonders die Bibliothek 
des Klosters. Vom grossen Stadtbrande des Jahres 1656 verschont, besass 
sie eine ansehnliche und alte Sammlung schätzbarer Handschriften und 
Drucke. Schon im 14. Jahrhundert hatte sie mehrere geschriebene Bücher 
zum Geschenk erhalten, die ihrer Seltenheit wegen von hohem Werte 
gewesen sein sollen ^ Bibliothek und Archiv waren rechts neben der Kirche 
in den oberen Räumen eines Rundbaues aufgehoben, der sich über dem 
Eingang zum Kloster und Klostergarten erhob. Als zur Zeit der Säku- 
larisationen im Jahre 1802 der letzte Provinzial der niederdeutschen 
Ordensprovinz seinen Sitz in Frankfurt a. M. hatte, befand sich das 
gesamte Provinzialarchiv, zu dessen Bestände auch teilweise die Archive 
bereits früher aufgehobener Klöster, wie Aachen, Düren und Köln gehörten, 
in seinem Besitze. Alle Archivalien gingen mit denen der eigenen Stifte 
und Klöster in den Besitz der Stadt Frankfurt über und wurden bisher 
im dortigen Stadtarchive aufbewahrt. Allein aus dem hiesigen Karmeliter- 
kloster befanden sich daselbst 205 Urkunden und andere Archivalien, die 
aber in ihrer Mehrzahl auch Quix bei seiner Monographie bekannt gewesen 
sind, sodass zwar mit Benutzung derselben eine ausführlichere Geschichte 
des hiesigen Klosters geschrieben, in der Hauptsache aber nichts wesent- 
lich Neues geliefert werden könnte^. 

Neuerdings ist der nichtfrankfurter Teil des Karmeliterarchivs unmittel- 
bar nach der Benutzung desselben durch Herrn Divisionspfarrer Koch mit 
Ausnahme der Repertorien und des auf das Allgemeine der niederdeutschen . 
Provinz Bezüglichen an die preussische Archiwerwaltung in Tausch ge- 
geben. Von den Aachener Karmeliterarchivalien sind nur zwei Urkunden aus 
den Jahren 1610 und 1685 an das Düsseldorfer Provinzialarchiv abgeliefert 
worden. 

Die Zeit, welche Quix im Aachener Kloster zubrachte, hat er nach dem 
Lehrplan seines Ordens auf das Studium der Philosophie verwandt. 
Die Karmeliter-Novizen mussten im Mittelalter drei, bisweilen vier Jahre der 
Philosophie und dann noch drei Jahre der Theologie widmen. Ob die Art, 
namentlich die zeitliche Ausdehnung dieses Studienganges, auch im vorigen 
Jahrhundert noch aufrecht erhalten wurde, ist fraglich. Soviel ist gewiss, 
dass Quix wegen der fortdauernden Kriegsunruhen den regelmässigen Lehr- 
kursus nicht durchgemacht hat. Übrigens hatten die Karmeliter seit alters 
die Gewohnheit, bald die Lehrer (Lektoren), bald die Ordensschüler je 
nach dem verschiedenen Bedürfnis und dem Studiengang des einzelnen 
zu verschicken und auf die Häuser der Provinz zu verteilen. Diese Ver- 
teilung der Lehrer und Schüler bildete ein Hauptgeschäft der jährlichen 
Kapitelsversammlungen ^ 

Anscheinend im Spätsommer 1794 wurde Quix von Aachen nach 

») Vgl. Karmel. S. 's und 36. 

«) Vgl. Koch, Kannelitenklöster, S. IV und 64 flg. 

8) Koch, S. 19 und 20. 



— 48 — 

Köln gesandt. Ob die drohende Kriegsgefalir und die Furcht vor den Fran- 
zosen, oder die Rücksicht auf den Studiengang des jungen Mönches bei dem 
Ordensobem den Ausschlag gab, ist ungewiss. Die Angst vor einer zweiten 
Invasion der Revolutionsmänner war im Kloster nie erloschen, besonders 
aber noch angefacht durch die Kunde vom Siege der Franzosen bei Fleurus 
(26. Juni 1794). Nach acht Wochen grosser Aufregung fttr die Einwohner 
Aachens raussten sie ihre Stadt zum zweiten Mal von den Franzosen besetzt 
sehen. Im November 1794 wurden das Marienthaler und das Karmeliter- 
kloster wieder teilweise zu einem Militärhospital eingerichtet. Die Be- 
handlung der Klöster durch die Franzosen war überhaupt eine solche, dass 
sie einer Aufhebung derselben gleichkam und die Ordensleute sich nach 
und nach zerstreuen mussten. Wann grade die völlige Räumung der 
Klöster hier befohlen wurde, habe ich nicht ermitteln können. Die Se- 
questrierung der geistlichen Güter wurde erst am 17. Mai 1796 vom Direk- 
torium angeordnet. 

In Köln, welches 14 Tage nach der zweiten Besetzung Aachens zum 
ersten Mal von den Franzosen unter General Championnet erobert wuide, 
entwich ein Teil der Mönche aus Angst vor den Feinden auf rechts- 
rheinisches Gebiet und suchte in ordensverwandten Klöstern Unterkommen. 
Die, welche blieben, hatten die grössten Leiden auszustehen. „Mit der 
rohesten Unverschämtheit brachen wüste Rotten in Kirchen und Klöster 
ein, trieben die Geistlichen aus ihrem teuren Besitztum, raubten, was 
ihrer Habsucht zusagte, und trieben mit den heiligsten Gegenständen den 
frevelhaftesten Spott. In die Zellen der Mönche wurden verwundete und 
kranke Soldaten einquartiert ^'^ Erst im Anfang des Jahres 1798 schritt 
man dazu, die letzten der noch zurückgebliebenen Mönche auszuweisen. 
Am 9. Februar wurde ihnen der Befehl mitgeteilt, innerhalb der nächsten 
20 Tage die Klosterräume zu verlassen. Zum Überfluss hatte man noch 
die Aufnahme von Novizen untersagt imd alle ferneren geistlichen Gelübde 
für nichtig erklärt*. 

In den Schreckenstagen des Oktobers 1794, unmittelbar vor oder nach 
der Besetzung Kölns durch die Truppen der Revolution, flüchtete eine 
Schar Karmeliter über den Rhein in der Richtung nach Frankfurt, um 
im dortigen Ordenshause ein Unterkommen zu finden. Unter den Flücht- 
lingen war auch Christian Quix, der im Personalstands-Register des Frank- 
furter Klosters für das Jahr 1795 unter den theologiae auditores als F. 
Ignatius Quix an vierter und letzter Stelle aufgeführt wird^. 

*) Ennen, Zeitbilder aus der neueren Geschichte der Stadt Köln, S. 177. 

«) Ennen, S. 206. 

*) Nach freundlichen Mitteilungen des Frankfurter Stadtarchivars Dr. R. Jung. 
Das ungedruckte Diarium des Klosters^ verzeichnet die Ankunft der Kölner Flüchtlinge. 
Dasselbe bemerkt übrigens schon für den 6. März 1794: advenere philosophicum hie con- 
tinuaturi Studium. Unter diesen zur Fortsetzung ihrer philosophischen Studien in Frankfurt 
anlangenden Ordensgenossen wird Quix nicht gewesen sein. Er war erst seit Herbst 1793 
in Aachen, wo im März 1794 eine Furcht vor den Franzosen nicht mehr berechtigt war, 
als einige Monate früher, als Quix dorthin geschickt wurde. Zudem erfreute sich im 
Frühjahr 1794 Köln mit seinen Klöstern noch völliger Ruhe und Sicherheit. Die ent- 



— 49 — 

Bei den Frankfurter Karmelitern sollte er seine theologischen 
Studien beendigen, um nach der noch immer erhofften Verdrängung der 
Franzosen aus dem linksrheinischen Reichsgebiete einem Kloster seiner 
ehemaligen Ordensprovinz überwiesen zu werden. Aus der Frankfurter 
Zeit ist uns von Quix nur noch eine am 28. Mai 1795 im Refektorium des 
Klosters gehaltene Übungspredigt erhalten über den Text: „Bittet, und 
ihr werdet empfangen" \ 

Aber auch seinem Frankfurter Klosterleben sah Quix noch vor 
völliger Beendigung seiner theologischen Studien ein gewaltsames Ende 
gesetzt. Die freie Reichsstadt Frankfurt war schon 1792 von den Franzosen 
besetzt und bedrückt, aber schon nach einigen Monaten von den Preussen 
wiedererobert worden. Schon 1795 sollte sie wieder vom Kriege beunruhigt 
werden. Im September kamen die Feinde bis in die Nähe Frankfurt«. 
Im folgenden Jahre besetzte der österreichische General von Wartensleben 
die Stadt, konnte sich aber gegen die Franzosen unter Kleber, welcher 
die Stadt am 15. Juli beschiessen liess, nicht halten und überliess sie ihren 
Feinden. Die Drangsale, welclie die französische Herrschaft für die Stadt 
mit sicli brachte, waren schwere und wurden besonders den klösterlichen 
Instituten derselben fühlbar. Eine ihr auferlegte Brandschatzung von 6 
Millionen Franken in Geld und 2 Millionen in Lieferungen musste in drei 
Terminen von 3, 10 und 20 Tagen entrichtet werden. Die letzte und empfind- 
lichste Zahlung musste also um den 18. August geleistet werden. Mit diesen 
Geldforderungen der französischen Eroberer bringe ich eine Notiz des oben 
erwähnten Klosterdiariums in ursächlichen Zusammenhang. Nach ihr wurde 
dem Bruder Ignatius vom Prior des Klosters „aus Vernunftgründen'' ge- 
stattet, in die Heimat zu seiner Familie abzureisen. (F. Ignatius cum 
licentia a. R. P. Priore ob causas rationabiles concessa pergit ad suos.) 
Die französische Verwaltung pflegte die Kontributionen in den eroberten 
Ländern so zu verteilen, dass von ihnen namentlich die Geistlichkeit \md 
die Klöster betroffen wurden. Als nach der Eroberung des linken Rhein- 
ufers (1794) für das neugewonnene Gebiet eine Kontribution von 8 Millionen 
Franken ausgeschrieben wurde, legte die französisclie Verwaltung der 
Geistlichkeit allein die Summe von 1,537,800 Franken auf. In ähnlicher 
Weise wird auch in Frankfurt ein grosser Teil der ungeheuren Summe 
allein von den Klöstern eingetrieben worden sein. Man nahm, so lange 
noch etwas zu rauben war. Für die betroffenen Institute bedeuteten die 
unerschwinglichen Forderungen die förmliche Auflösung. Deshalb wurden 
die Mönche und Nonnen nach Hause entlassen, und jeder von ihnen konnte 
sich freuen, wenn er noch ein Heim hatte, das ihm in den schwierigen 

scheidende, für die Österreicher unglückliche Schlacht fällt erst ins Ende des Juni. 
Weshalb sollte Quix damals schon nach einem halben Jahre wieder von hier verschickt 
werden? weshalb in eine fremde Ordensprovinz, da doch das Kölner Kloster noch intakt 
war? Es ist anzunehmen, dass er kurz vor der Besetzung Kölns im dortigen Kloster 
ankam und sich von dort auf den Wunsch seines Provinzials mit andern Brüdern des 
Klosters nach Frankfurt flüchten musste. 

Concio pro Exercitio in Refectorio F(ranco)furtano 1795 d. 28 maji habita. Die- 
selbe ist übrigens nach einer beigefügten Noti^ einem grösseren Predigtwerke entnommen. 



— 50 — 

Zeiten Aufnahme gewährte. Quix hatte das Glück, sich auf den Hof seiner 
nicht unbemittelten Eltern nach Hoensbroich zurückziehen zu können. Es 
geschah gewiss nicht nur „aus Gesundheitsrücksichten", wie Jos. Müller 
behauptet. Wenn wir auch anzunehmen berechtigt sind, dass die Aufregung- 
der letzten Jahre und die Strenge des Klosterlebens den jungen Mönch auch 
körperlich angegriffen hatte, so bezeugt doch allein schon der hohe Grad 
seiner geistigen Thätigkeit und die Ausdehnung seiner Studien während 
seines Aufenthaltes im Vaterhause, dass von einem Kranksein bei ihm 
wohl kaum die Rede sein konnte. 

Für die damalige noch mehr propädeutische und wenig konzentrierte 
Art seiner Studien sind drei Sammelliefte von Bedeutung, die ein glück- 
licher Zufall uns erhalten hat. Quix zeigte schon damals eine scharf aus- 
geprägte Neigung zum Excerpieren und Sammeln. Sah er auch im Alter 
mit einer gewissen Gleichgültigkeit auf diese Leistungen früherer Jahre 
zurück, so kann man nicht leugnen, dass grade seine Sucht abzuschreiben 
und zu excerpieren, was ihm wichtig schien, der Aachener Geschichts- 
forschung namentlich bezüglich der Erhaltung ihres Quellenmaterials 
ungeheuer genützt hat. Er hat während seines einjährigen Aufenthaltes 
im elterlichen Hause mindestens 7 grössere Kladden mit enggeschriebenen 
Notizen und Auszügen angefüllt. Einen sichern Schluss auf eine vorwiegende 
Neigung zur Beschäftigung mit Territorial- und Lokalgeschichte gestatten 
sie noch nicht, wenn auch ein gewisser Teil von ihnen historischen Inhalts 
ist. Das erste Heft, mancherlei Arten von Predigten enthaltend, ist betitelt: 
Conciones a nie Fr. Ignatio Quix S. Ürd. Caraielitarum coUectae scriptaeque. 
Hoensbroick d. 13. Jan. 1797. Ein anderes Heft mit der Aufschrift „Bio- 
graphien*' enthält die Lebensgeschichten von 172 meist österreichischen 
Generälen und Staatsmännern. Dieselben sind einem Buche, das um 1781 
erschienen sein muss, entnommen. Weitere Notizen sind hinzugefügt bis 
18Ö0. Das dritte Heft bietet eine Menge vorzugsweise naturwissenschaft- 
licher und geographischer Excerpte^ 

Mit Studien dieser Art verband Quix theologische zur Vorbereitung 
auf die höheren Weihen. An eine Restitution seines Ordens in die alten 
Verhältnisse war vorderhand nicht zu denken. Deshalb suchte er sich mit 
der neuen Lage der Dinge zurechtzufinden und sich durch den Empfang 
der höheren Weihen die Möglichkeit zu eröffnen, als Weltpriester eine ihm 
zusagende Stellung einzunehmen. Vier Jahre hatte er dem Studium der 
Philosophie und Theologie zugewandt und so konnte er hinsichtlich seiner 
wissenschaftlichen Vorbildung gewiss genügen. Am 4. Mai 1797 wurde er 
nach vorhergegangenem Examen im Dome zu Münster i. W. von Kaspar 
Max Freiherrn von Droste-Vischering, dem Suffraganbischofe des letzten 
geistlichen Churfürsten von Köln und Bischofs von Münster Maximilian 



*) Bemerkenswert ist ein von Quix notierter Bericht einer Zeitung, die aus Leipzig 
vom T.November 1786 die Nachricht bringt, dass sich daselbst Knaben von 12— 16 Jahren, 
„durch Schillers, eines unserer berühmten dramatischen Dichter aus dem Würtembergischen, 
bekanntes Trauerspiel, die Räuber, verleitet", zusammengethan hätten, um eine Eäuber- 
bande zu bilden. 



— 51 — 

Franz zum Diakon geweiht. Weshalb er grade in Münster diese Weihe 
empfing, ist nicht ganz ersichtlich, wenn auch nicht aufifallend für jene 
bewegte Zeit. Die Franzosen herrschaft allein kann der Grund nicht gewesen 
sein, denn am 8. Oktober desselben Jahres, seinem 24. Geburtstage*, wurde 
er zu Köln in der bischöflichen Hauskapelle von Clemens Maria von Merle, 
dem SuflFraganbischofe für Köln, zum Priester geweiht. Über jede Weihe liegt 
mir das kirchliche Dokument vor, das erste bezeichnet ihn als „entlassenen 
Kanneliterbruder der Diözese Lüttich **, das zweite als „Profess des Kölner 
Kanneliterkonventes "^ . 

Quix stand jetzt in seinem 25. Lebensjahre. Wie aufgeregt war für 
ihn die letzte Zeit gewesen! Aus der stillen Klosterzelle durch die Gewalt 
der Zeitereignisse ins Leben zurückgeworfen, musste er sich nunmehr, 
der eigenen Kraft vertrauend, eine seinem Stande und seiner Bildung 
angemessene Stellung zu verschaffen suchen. Die derzeitigen Zustände 
konnten für ihn nicht ungünstiger sein und er freute sich „bij eene deftige 
familie te Kaaren" Unterkommen als Hauslehrer und -Geistlicher zu 
finden. Der ihn anwarb, war der Advokat Pet. Jos. de Nys, Vater des 
späteren Aachener Landgerichtsrates und seit 1791 Besitzer der Burg Raeren, 
deren früherer Inhaber, Matthias von Flamige, völlig verarmt und in hohem 
Alter genötigt war, zur Fristung seines Lebens das Amt eines Boten 
beim Friedensgerichte in Walhorn anzutreten. 

Die Burg Raeren, dem Haus Raeren in dem gleichnamigen Dorfe 
gegenüberliegend, hat eine angenehme Lage im breiten Iterthale der nörd- 
lichen Eifel. An drei Seiten von einem Wassergraben umgeben, an den 
vier Ecken von Türmen flankiert, liegt sie in einer seitlichen Einbuchtung 
des Hauptthaies unweit eines Baches, der zuweilen tobend und schäumend, 
meist aber als stilles Wasser der Iter zueilt*. Hier in reiner Bergluft 
und der Stille des Landlebens hat Quix während seines mehrjährigen Auf- 
enthaltes auf der Burg seine Gesundheit kräftigen und stählen können. 
Die freie Zeit, die ihm seine Stellung liess, wandte er meist dem Studium 
zu, bei dem die Geschichte, die allgemeine wie die territoriale, immer 
mehr in den Vordergrund trat. Letztere wurde damals sein Lieblingsfach 
und blieb es. 

In seiner neuen Stellung ganz Weltgeistlicher, wollte Quix sein 
Verhältnis zur geistlichen Behörde geordnet wissen und hatte sich des- 
halb schon vor Annahme seiner Privatlehrerstelle an den Nuntius gewandt 
mit der Bitte um die Erlaubnis, jene Stellung annehmen und ausserhalb 
des Klosters leben zu dürfen. Vor Ankunft der Genehmigung hat er aber 
bereits seine Stellung angetreten, denn der Verkehr mit der Nuntiatur war 
zeitraubend und konnte bei den damaligen schwierigen Verhältnissen kaum 
abgesehen werden, wann und ob überhaupt ein Entscheid einlaufen würde. 
Graf Annibale della Genga, der spätere Papst Leo XII. (1823—1829), 
war im Jahre 1794 als Nuntius für Köln bestimmt, aber bloss bis Augs- 

In der Urkunde deshalb: (Ignatio Quix) . . . „super interstitiis et aetatis defectu 
onitts diei dispensato.^ 

•) Quix, Eupen, S. 141 u. 135. 



— 52 — 

bürg gekommen, nachdem Köln im Oktober den Franzosen die Thore 
geöffnet hatte. Er residierte meist auf dem Schlosse Ismaring bei München, 
von wo auch ein vom 26. Januar 1800 datiertes Schreiben an Quix abging, 
das ihm „propter belli calamitatem ac ob summam penuriam" gestattete, 
als Hauslehrer ausserhalb des Klosters, jedoch in der vorschriftsmässigen 
Ordenstracht, weilen zu dürfend Diesem Schriftstück folgte schon nach 
8 Wochen ein zweites, mir noch vorliegendes, mit der eigenhändigen Unter- 
schrift des Nuntius und späteren Papstes. In demselben werden obige 
Licenzen vorbehaltlich der Zustimmung der eigenen Ordensobern auf 
weitere sechs Jahre ausgedehnt, nachdem sie bisher auf ein Jahr beschränkt 
gewesen *. 

Im Jahre 1802 gab Quix seine Privatstellung in Kaeren auf und 
kehrte nach Aachen zurück, um daselbst eine Elementarschule zu errichten, 
die recht bald zu den besten der Stadt gehört haben soll. Eine solche 
Gründung hatte damals nichts Auffallendes; auch ein Freund unseres Quix, 
ein Geistlicher Namens Wenn, hatte hier damals eine Privatschule, in welcher 
wie in allen andern viele Schüler vom Lande,, wo es um den Elementarunter- 
richt oft schlecht stand, unterrichtet worden zu sein scheinen. 

Erst als in den folgenden Jahren in Aachen die Gründung einer 
neuen höheren Schule eifrig betrieben wurde, hatte Quix Aussicht, seine 
Kenntnisse und Lehrbeföhigung besser verwerten zu können. Nach langen 
Vorverhandlungen kam die Gründung und Einrichtung einer 6cole 
secondaire communale am 23. Oktober 1805 zum glücklichen Abschluss. 
Die Verwaltungskammer (bureau d'administration) beauftragte am 27. März 
1805 den bereits erwählten Direktor der neuen Anstalt, Franz Gall, durch 

*) Dies Dokument ist im Besitz des Herrn Staatsarchivars Habet s in Maastricht 
und mir durch Herrn Archivar Pick in seinem Hauptteile freundlichst mitgeteilt. „Nobis 
humiliter supplicare fecisti, ut auctoritate apostolica tibi licentiam concederemus, ut a 
fratribtts tuis seiunctus apud saecularem, juvenum instructionem directurus, commorari 
possis. Nos, precibus tuis benigne concedimus hanc facultatem, dummodo juramentnm 
a Gallis praescriptum non praestiteris aut si praestiteris publice retracta- 
veris . . . . ita ut apud saecularem illum, iuvenum instructioni invigilaturus, in habitu 
tarnen ordiuis tui libere et licite manerc possis et valeas." 

*) Hannibal Comes De Genga .... Dilccto Nobis in Christo R. P. Ignatio Quicx 
(sie) Ord. Carmelitarum Conventus Aquisgranensis Alunmo salutem in Domino sempiternam. 
Cum nobis humiliter supplicaveris, ut concessam tibi jam alias a Nobis facultatem ad 
annum extra claustra pro iuvenum instructione manendi ad sexennium prorogaremus, Nos 
igitur precibus tuis benigne incllnati tenore praesentium auctoritate qua fungimur Aposto- 
lica petitam licentiam ad sexennium, si tantum duraverit legatio Nostra iUudque instructio 
iuvenum Dm. Petri Jos. de Nys exegerit, ita concedimus, ut in regulari habitu tuo ac 
omnia rcligiosae tuae professionis vota servans extra claustrum tuum pro dicta iuvenum 
instructione, in saeculo licite degere possis et valeas, constitutionibus et ordinationibus 
Apostolicis caeterisque in contrarium facientibus, etiam speciali mentione dignis ncqulcquam 
obstantibus. Volumus autem praesentes nullius valoris esse ac roboris, nisi eas superioribus 
tuis exhibueris iUiquc tibi conscnsum scripto dcdcrint, in quorum fidein datum in castello 
Ismaring prope Monachium die 31. Martii Anno 1800. 

Eigenhändige Unterschrift: H. ArchiEpiscopus Tyri 

Nuncius et De-Lcgatus Apostolicus. 
Gratis. — Ex Mandate — Paulus du Mont, Secr. 



— 53 — 

Bekanntmachung in den öffentlichen Blättern alle, die sicli für fähig hielten, 
eine Lehrerstelle bekleiden zu können, aufzufordern, sich in eine offen- 
gelegte Liste mit Bezeichnung derjenigen Fächer einzutragen, in denen 
sie zu unterrichten wünschten ^ Unter den Kandidaten, die sich einzeichneten, 
war auch Christian Quix, der an hervorragender Stelle von der Verwaltungs- 
kammer in der Sitzung vom 22. August 1805 vorgeschlagen^ und später 
auch mit einem Jahresgehalte von 600 francs angestellt wurde ^. Die 
Bestallungsurkunde ist am 7. Brumaire des Jahres 14 der Republik (29. 
Okt. 1805) im Ministfere de Tintörieur (Departement de l'instruction publique) 
ausgestellt und an den Maire von Lommessem geschickt, der sie am 30. 
Brumaire (21. Nov.) dem Angestellten aushändigte. Sie beschränkte nach 
der Angabe Joseph Müllers seine Thätigkeit auf den Unterricht in der 
Geschichte, Geographie und aushülfsweise im Lateinischen. Diese Notiz 
kann nur auf Irrtum beruhen ; das mir vorliegende Aktenstück sagt nichts 
von irgendeiner Beschränkung auf bestimmte Fächer. Die feierliche Eröff- 
nung der Anstalt fand erst am 1. Dez. 1805 statt. Als durch ein kaiserliches 
Dekret vom 17. März 1808 in Ausführung eines schon 1806 votierten Gesetzes 
das Schulwesen des Kaiserreiches neu organisiert und vom Staate abhängig 
gemacht wurde, stellte man die Aachener Schule als „Collfege" unter die 
„Akademie" von Lüttich, welche ihrerseits wieder der Pariser Centralschul- 
behörde, der „Kaiserlichen Universität" und ihrem „Grossmeister^ unter- 
geordnet war*. Von letzterer Behörde wurde für Quix am 25. Sept. 1811 



*) Vgl. zu diesem und dem folgenden den Jahcesbericht des Kaiser Karls-Gymnasiums 
1887/88, worin „Urkundliches zur Geschichte der Anstalt** von Direktor Schwenger. 
Das Registre des Candidats pour les places des Professeurs k T^cole Secondairc mit den 
eigenhändigen Kleidungen der zwanzig Bewerber liegt noch im Stadtarchiv. Am 20. Juli 
1805 wurden die Einzeichnungen für die Liste geschlossen. Unter den Kandidaten waren 
9 Weltliche, darunter bezeichnete sich einer als Rentner und Gelehrten, einer als Buch- 
halter und Rechenlehrer, einer als Schreiber und früheren französischen Friedensrichter, 
einer als Buchhändler und Privatlehrer, einer als „homme de loi". Die übrigen U waren 
ausser dem protestantischen Prediger aus Gcmüud in der Eifel s&mtlich katholische 
Geistliche, zum Teil ehemalige Mönche (2 Karmeliter), zum Teil Weltpriester, darunter 
auch solche, die schon anderwärts als „Professeurs** an höheren Lehranstalten thätig 
gewesen waren oder noch waren. Unter den Bewerbern war auch der ehemalige Karme- 
liter Wilh. Jos. Heinen, damals Erzieher in Bonn. Von ihm wurde später frei nach dem 
Französischen bearbeitet, mit einer Vorrede und Zusätzen (Aachen, Bonn, Coblenz und 
Köln betreffend) vermehrt, der „Begleiter auf Reisen durch Deutschland**, 2 Teile 
mit einer Karte. Köln 1808. — Mehrere der geistlichen Kandidaten, die durch die Revo- 
lution ihr Einkommen verloren hatten und trotzdem keine Pension bezogen, machen dies- 
bezügliche Zusätze, die auf hochgradige materielle Not schliessen lassen. 

') Chrötien Quix, natif de Honsbrock, pr^tre pensionnö, äg6 de 32 ans. 

^) Ein vom Notar Daniels am 14. Januar 1814 für Quix ausgestellter „Lebensschein** 
(certificat de vie) gibt nur 500 francs als Gehalt an, obschon Quix damals noch an der- 
selben Anstalt thätig war. Das Aachener Archiv bewahrt noch eine Original-Eingabe an 
den Präfekten Ladoucettc vom 29. Nov. 1811, worin die R6geuts du College J. Schmitz, 
J. Prent, M. Orsbach, Chr. Quix und F. Xav. Zimmermann bitten, dass ihnen die von 
Monsieur Ranc, Inspecteur de l'academie de Li^ge, bei seiner letzten Anwesenheit ver- 
sprochene Zulage von 300 francs zu ihrem unauskömmlichen Gehalt von 600 francs endlich 
gewährt und für die Jahre 1809—11 nachgezahlt werde. 

*) Schwenger, 8. 21, Anm. 1. 



— 54 — 

eine neue Bestallunpfsurkunde ausgefertigt, durcli die er zum regent (ordent- 
lichen Lehrer) namentlich für die zweite Grammatikklasse ernannt wurde ^ 
Hier unterrichtete er nach dem Unterrichtsplane der Anstalt in der alten 
CTCSchichte, der Geographie und im Griechischen, in der zweiten Abteilung 
der Elementarklasse (der sechsten der ganzen Anstalt) hatte er den Anfangs- 
unterricht im Lateinischen. In den drei obersten Klassen hatte er geschicht- 
lichen, geographischen und griechischen Unterricht*. In letzterem Fache soll 
sein Wissen, wie die Tradition zu berichten weiss, ein dürftiges gewesen sein. 
Jedoch sind weitere Anhaltspunkte hierfür nicht vorhanden. Noch ehe die 
beabsichtigte Erhebung des College zu einem Lyc6e zu stände kam, brach 
die französische Herrschaft auf dem linken Rheinufer zusammen und seit 
September 1814 w^urde nach einem neuen von der preussischen Behörde 
diktierten Lektionsplan unterrichtet, der in allen Klassen den französischen 
Unterricht beseitigte und den deutschen durchführte. In der Folgezeit 
lehrte Quix an dieser Anstalt vorzugsweise Griechisch, weniger Religion, 
Deutsch, Geschichte, Naturbeschreibung. Im Januar 1821 wurde ihm und 
seinen Kollegen Prent und Müller „das Prädikat als Oberlehrer" beigelegt. 
Noch bis zum Jahre 1822 war er unter dem Direktor Erckens als Ober- 
lehrer am Gymnasium thätig, als er um seine Pensionierung einkam, 
welche am 14. Januar 1822 vom Minister genehmigt, aber erst am I.Mai 
1823 verwirklicht wurde. Sein Gehalt hatte sich in den letzten Jahren 
auf 446 Thlr. 7 Sgr. 6 Pfg. belaufen, die Hälfte bezog er fortan als 
Pension. Seit 1805 wurden ihm ausserdem jährlich 500 francs aus der 
Klosterpensionskasse gezahlt, als Stadtbibliothekar bezog er in den zehn 
letzten Jahren seines Lebens noch 150 Thlr. pro Jahr, vom 1. Nov. 1883 
erhielt er einen jährlichen Pensionszusatz von 26 Thlr. 7 Sgr. 6 Pfg., 
sodass sich seitdem sein gesichertes Einkommen auf 1600 Mark belief. Bringt 
man hierzu auch seine geistlichen Stipendien in Anschlag, so ergibt sich 
noch immer keine Summe, welche die mehrfachen Geldzuschüsse gering- 
fügig erscheinen lassen könnte, zu denen Quix sich später oft entschliesseu 
musste, wenn er die ihm liebgewordenen, der Aachener Lokalgeschichte 
förderlichen Pläne nicht aufgeben wollte. Die Aushülfe, welche er in den 
Jahren 1827 und 28 an der noch in der Entwickelung begriffenen F. Ahn'schen 
Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt leistete, konnte ihm nicht viel ein- 
bringen. 

Der im Jahre 1828 verstorbene, zur Zeit der Pranzosenherrschaft 
in Aachen vielgenannte Dautzenberg, Stadtrat von 1822 — 1828, hatte seine 
gesamte Bibliothek von ungefähr 20,000 Bänden seiner Vaterstadt mit der 

^) Lc Seuatcur, Grand-Maitre de rUnivcrsit^ Imperiale arrete cc qui suit: Ms. Quix 
est nomm6 Regent de la chaire de 2** ann^e de Grammairc au College d'Aix-la-Chapelle. 
Fait i\ Paris, au clief-lieu de riTnivcrsite Imperiale, lo 25 Scptembre 1811. Sign^ Fontanes 
Le Chancelier; Sign6 Villarct. Pour Extrait: Lc Sccrctaire de la Cbancellerie, St. Geyrat 
(eigenhändig). Diese Urkunde wurde von der Acad<5inie de Liege mit einem vom Recteur 
Pcrselat unterzeichneten Ikgleitschreiben am 5. Okt. 1811 an Quix abgesandt. 

') Schw enger, S. 26 flg. Im Schuljahre 1805/6 unterrichtete Quix täglich von 
8—10 Uhr morgens und von 2—4 Uhr nachmittags; seine Klasse zählte 20, zwei andere 
16 resp. 8 Schiller. 



55 



Bestimmung vormacht, dass durch Vereinigung seiner Büclierschätze mit der 
noch vorhandenen alten Ratsbibliothek eine öffentliche Stadtbibliothek 
eiTichtet werden solle ^ Schon im Sommer 1880 wurde die Eröffnung der 
im bisherigen Archivlokal im Kaisersaale des Kathauses ^ untergebrachten 
Bibliothek in Aussicht gestellt, in Wirklichkeit erfolgte sie erst am 18. Juli 
1831. Die Einrichtung und Verwaltung des neuen Instituts wurde im 
Jahre 1828 nicht Quix, der sich eifrig beworben hatte, sondern einem 
Aachener Bürger Franz Cazin übertragen. Ersterer scheint bei seiner 
Bewerbung sicher auf Erfolg gerechnet und voreilig von seinen Aussichten 
gesprochen zu haben. Als die Sache bereits zu seinen Ungunsten ent- 
schieden war, empfing er zu dem Posten, den er nicht erhalten hatte, die 
Glückwünsche seines Erzbischofs: „Mit Vergnügen habeich erfahren, dass 
Sie als Bibliothekar bei der städtischen Bibliothek angestellt sind. Davon 
erwarte ich reife Früchte für die Bibliothek und für Sie muss gelten, dass der 
Arbeiter seines Lohnes wert ist." Quix musste seinem Konkurrenten den 
Platz räumen, angeblich weil er schwerhörig und des Französischen nicht 
mächtig war. Beide Gründe können nur als Vorwand gedient haben. 
Seine Schwerhörigkeit, die ihn für den Unterricht allerdings unbrauchbar 
machte, war uicht eine solche, dass sie ihn in seinem spätem Leben 
besonders geniert hätte. Er hat selbst oft erzählt, dass ihm sein Erz- 
bischof Graf Spiegel Pfarreien angeboten, er selbst sich aber sehier Lieb- 
lingsstudien halber niemals zur Annahme derselben habe entschliessen 
können. Das Französische hat er jedenfalls zu übersetzen und — wie ich 
mit gutem Grunde annehme — auch zu sprechen verstanden, jedenfalls 
soviel, als es für einen Aachener Bibliothekar nötig war. Durch den im 
März 1811 umgestalteten Unterrichtsplan des hiesigen College war das 
Deutsche auf die untern Stufen beschränkt, das Französische hingegen 
wurde nicht nur in allen Klassen gelehrt, sondern fand auch in den obern 
vielfache Verwendung als Unterrichtssi)rache ^. Wenn Quix auch nach 
Ausweis des Lehrplanes französischen Unterricht oder ein anderes Fach 
mit französischer Unterrichtssprache nicht gegeben hat, so war es in jener 
Zeit, wo das Colleg stark französiert erscheint, für ihn unumgänglich not- 
wendig, sich wenigstens soviel Fertigkeit im Gebrauche des Französischen 
anzueignen, als er später als städtischer Bibliothekar nötig gehabt hätte. 
Auffallender Weise fand man aber auch nach (^azins Abgange im Jahre 
1832 in den bezeichneten Punkten nichts mehr an ihm auszusetzen. Am 
21. August 1833 schrieb der Oberbürgermeister an ihn: „Nachdem in der 
gestrigen Sitzung des Stadtrats das Gehalt für den städtischen Bibliothekar 
auf 150 Thlr. jährlich normiert ( — Cazin hatte 200 Thlr. bezogen — ) 

') Vgl. E. Fromm, Die Aachener Stadtbibliothek, S. 6 flg. 

*) Im hiesigen Stadtarchiv ist ein Tagebuch des Archivars Kraemcr erhalten, Amts- 
nachfolgers des Archivars und Hofrats C. F. Meyer des Jüngern (t 1821). Dasselbe enthält 
nach einer freundlichen Mitteilung des Herrn Archivars Pick für das Jahr 1829 die Notiz: 
^Archiv-Dislocierung von der Südseite nach dem östlichen Ratssaal. — Abermalige Dis- 
locierung und Zusamraendrückung der Archiv-Materialien im April Rieses Jahres, als man 
für den Bibliothek-Zuwachs das Archiv-Lokal bestimmt hatte.'' 

5) Vgl. Seh w enger, Programm 1888, S. 24 flg. 



— 56 — 

und abweichend von den bislierigen Statuten nachgegeben worden ist, dass 
die Dienststunden des Bibliothekars, dem kein Gehilfe mehr zur Seite 
gestellt werden kann, anstatt wie früher auf jeden einzelnen Tag des 
Jahres mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage nunmehr auf den anderen 
Wochentag festgestellt werden sollen, bin ich im stände, bei Euer Wohl- 
ehrwtirden anzufragen, ob Sie unter den obigen Verhältnissen die Stelle 
eines städtischen Bibliothekars, dem ausser der schleunigst zu be- 
endigenden Anfertigung des Katalogs der Bibliothek ebenfalls 
das Inventarisieren, Ciassieren und Aufbewahren der älteren 
städtischen Urkunden aufgetragen wird, übernehmen wollen, und 
sehe ich Ihrer desfallsigen Äusserung lungehend entgegen." Quix erklärte 
sich sofort bereit, unter den im Schreiben erwähnten Bedingungen die Stelle 
anzunehmen und wurde daraufhin bereits am 22. August zum Stadt - 
bibliothekar ernannt; vom 1. September ab bezog er sein Gehalt. „Ich 
würde es gerne sehen", schrieb ihm der Oberbürgermeister, „wenn Sie die 
Bibliothek schon gleich übernehmen und sich ohne Zeitverlust mit dem 
Ordnen derselben beschäftigen wollten. Den für Communal-Stellen bestehen- 
den Anordnungen gemäss ist diese Anstellung nicht auf Lebenszeit und der 
Stadtverwaltung die Kündigung zu jeder Zeit vorbehalten, ohne dass Ihnen 
daraus Anspruch auf Pension oder Wartegeld erwächst; indessen wird es 
von Euer Wohlehrwürden bekannter Thätigkeit abhangen, ob Ihr neues 
Dienstverhältnis von fortwährender Dauer sein wird." — Nach dem Ein- 
tritt in sein neues Amt gab sich Quix umgehend an die Ausarbeitung des 
Kataloges, den bereits Cazin begonnen hatte. Am 18. Oktober 1834 lag 
das Werk im Druck vollendet vor, sein Bearbeiter erhielt von der Stadt 
eine Gratifikation von 50 Thlr. (Fortsetzung folgt.) 




Im Verlage von Badolf Barth, Aachen, Holzgrabcn 8, ist soeben erschienen : 

achener Stadtbibliothek 

ihre Entstehung und ihre Entwickelung bis zur Gegenwart 

Vortrag, gehallen in der General-Versammlung des Aachener Geschichtsvereins am 24. Okt. 1890 

von 

D? E. FROMM, 

Bibliothekar der Stadt Aachen. 




Ittheilmu. 




Die nächste Monatssitznng findet nicht Freitag den 17. April, 
sondern Hittwoch den 29. April statt. 



Druck, yox Hkbmaxk Xaatzeh ik Aacuex. 



sssma 

Jährlich 6—8 Nammein Komm! aaions -Verlag 

A 1 Bogen Royal Oktav. ^^' 

„ , , , , Cremer'schen BiiehhandlnnE 
Preis des Jahrgangs ^^_ 5^^,, 

4 Mark. in Aachen. 



Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage des Vereins herausgegeben von H> Sobnook. 

Np. 4. Vierter Jahrgang. 1891. 

Inhalt: C. Wacker, Christian Qnix. Sein Leben und seine Werke. (Fortsetzung.) 



Christian Quix. 

Sein Leben nnil seine Werlie. 

Von C. Waeker. 

(ForUetxoiig.) 

Die Anerkennung von Fachleuten hat der Katalog allerdings nicht 
gefunden. E. Fromm meint (S. 9), „dass ea vielleicht besser oder mia- 
destena doch gleichgültig gewesen wäre, wenn in diesem Falle eben 
nichts gescheiten wäre". Nach zehn Jahren waren 134 Exemplare des 
Buches verkauft. — Grund zu Verdruss hatte Quix in seiner Stellung 
als Bibliothekar schon im April 1834. Als er damals auf einer der regel- 
mässig stattfindenden Dewildtsclien Bücher- Auktionen grössere Ankäufe für 
die Stadt gemacht hatte, glaubte die Kgl. Regierung kraft ihres Aufsictits- 
rechtes die Stadt monieren zu müssen, „dass viele der io der Dewildtschen 
Auktion für die Stadtbibliothek acquirierten Büchpr ohne alles Interesse und 
zum Teil wertlos seien". Sie verlangte daher eine Angabe des Planes, wonach 
bei jenem Ankaufe verfahren, worden sei. Quix musste sich daraufhin „in 
einem mögUchst ausführlichen Berichte" verteidigen. Wie die wichtige 
Staatsaktion endigte, ist nicht zu ersehen. 

Aus dem schon angeführten Schreiben des Oberbürgermeisters geht 
hervor, dass Quix durch seine Anstellung als Bibliothekar zugleich in eine 
amtliche Beziehung zum Stadtarchiv gebracht wurde, bei dem man ihm 
,das Inventarisieren, Classieren und Aufbewahren der älteren Urkunden" 
als DienstpHicht auferlegte. Dem entsprechend hat er denn auch eine 
ordnongsmässige Sichtung der städtischen Archivalien vorgenommen, die 



— 58 — 

bereits früher angelegte „Urkunden-Verwahr-Liste** (ein Repertoriuni) viel- 
fach ergänzt. Die von ihm in blaue Umschläge gebrachten, mit Bindfaden 
verpackten sowie mit Nummer und Aufschrift versehenen Urkunden sind 
erst in unserer Zeit in angemessenerer Weise geordnet worden und sollen 
demnächst auch in neu zu beschaffenden Schränken — möglichst aus- 
gebreitet — untergebracht werden. Quix scheint der wissenschaftliche 
Vertreter des Archivs gewesen zu sein, wenn ihm auch der Titel eines 
Stadtarchivars nicht zukam. Er wurde auch aus der Büigerschaft mit 
archivalischen Anfragen angegangen oder um die Erlaubnis zur Einsicht- 
nahme in Archivalien gebeten. Im JaJire 1825 unterzeichnet sich der oben 
erwähnte Krämer als ^ Stadtarchivar und Registrator"*. Nach dem Tode 
des Hofrats Franz Meyer am 19. Februar 1821 ^ wurde durch Regierungs- 
Verfügung vom 26. Mai die Anstellung des J. Friedrich Ludwig Krämer 
als Stadtarchivar dekretiert, der am 4. Juni vereidet seine Funktionen in 
dieser Qualität angetreten hat". So sagt Krämer selbst in seinem Tage- 
buch, das noch Eintragungen vom Oktober 1861 enthält. Kurz darauf 
scheint er gestorben zu sein. J. Laurent, seit 1844 bereits Stadtbibliothekar, 
wurde 1862 sein Nachfolger. Krämer hat zwei Repertorien des Aixliivs 
angelegt, von denen Quix eines ergänzte. Beide sind übrigens mangel- 
haft und werden durch neue ersetzt, mit deren Vorarbeiten der zeitige 
Stadtarchivar bereits seit mehreren Jahren beschäftigt ist. Für die ehe- 
malige Gemütlichkeit in der Verwaltung und Beaufsichtigung des Archiv- 
bestandes ist ein Schreiben an Quix bezeichnend, in welchem er ihm an- 
heimgibt, bestimmte Archivalien bei einem Bürger der Stadt, „welcher 
dieselben gegen seine Quittung vor ein paar Wochen ungefähr auf ein 
paar Tage zur Durchsicht geliehen hat, gefälligst abnehmen zu lassen ** 
und sie in seinem Hause zu benutzen ^ 

Seit dem Rücktritt von seinem Lehramte am Gymnasium* war Quix 
in den Stand gesetzt, viele Zeit und Mühe seinen Lieblingsstudien zu 

*) In einer Anmerkung zu einem F. L. v. Modemschen Aufsätze: „Über die StcUung 
und Bedeutung der Archive im Staate" beklagt sich Krämer bitter über die Behandlung, 
die er seither als Stadtarchivar erfahren habe. Vor 10 Jahren (bei seinem Amtsantritt) 
habe er eine ungeheure Menge von Aktenmaterial in chaotischem Zustande vorgefunden. 
Nicht nur die Registratur, auch das Archiv habe er „den Umständen nach" trotz vieler 
unerfüllt gebliebenen Verheissungen gut geordnet. Eine „Verkennung und Nichtachtung 
der Archiv- Interessen" habe besonders unter dem provisorischen Bürgermeister Daniels 
stattgefunden. Es sei sogar aus französischer Zeit stammenden Unterbeamten, denen 
Registratur und Archiv-Ordnung ganz unbekannte Dinge wären, erlaubt worden, seine 
Thätigkeit auf die kleinlichste Weise zu hemmen. Während er das Archiv geordnet, habe 
man ihm .unter allerhand Vorwänden, es benutzen zu wollen, das Material vorenthalten n. s. w. 
Dazu verlange man von ihm noch alle Dienste „eines Registrators cuiuscumque". — 
1833/34 legte Krämer in 18 Abteilungen nach systematisch-chronologischer Einteilung ein 
„Repertorium des Archivs der Stadt Aachen" an. — Krämer dichtete auch 76 Hexameter 
auf den Aachener Congress vom Jahre 1818: Ad Summos Europae Monarchas potentissimos 
seraper augustos, Congressum in 1818 tenentes Aquisgrani Civium ex auimo gratissimo 
Vota humilia. 

*) Ich nehme hier Gelegenheit, als Ergänzung zu S. 52 flg. das bisher vermisste (vgl. 
Sehwengcr S. 4 Anm. 1) und erst nach bereits erfolgter Drucklegung der 1. Nummer 



— 59 — 

widmen. Dieselben bestanden vor allem in der Territorial- und Lokal- 
geschichte, dann aber auch in den Naturwissenschaften. Aber hier wie 
dort war es die reine Freude am Forschen, was ihn anzog. Nicht die 
spielende Anhäufung zahlreicher Einzelnotizen über dieses oder jenes Ding 
der Natur schien ihm wertvoll; die Erkenntnis der strengen Gesetzmässig- 
keit in ihrem Leben, die Erforschung der charakteristischen Merkmale des 
Einzeldinges, seine Unterordnung unter die nächsthöhere Art und Gattung 
waren ihm wichtig. Für uns ist seine Beschäftigung mit den Naturwissen-- 
Schäften das Symptom eines Strebens, überall in den Grund der sinnföUigen 
Erscheinung einzudringen und ihren ursächlichen Zusammenhang zu erkennen, 
desselben Strebens, das auch bei ihm als Geschichtsforscher hervortritt. 
Und wenn auch seine Beschäftigung mit der Natur keinen anderen Wert 
hatte, dadurch hat sie jedenfalls genützt, dass sie seinen Geist zu streng- 
logischem Denken anleitete. Als Naturforscher und als Altertumsfreund war 
Quix ein eifriger Sammler und als solcher in der Stadtbekannt. Oft kamen 
einfache Arbeiter von der Strasse herauf zu ihm und boten ihm Antiqui- 
täten zum Kauf an. Seine Wohnung, die anfangs in der Franzstrasse (Ecke 
Mafthiashof), dann in der Annastrasse und zuletzt in der Mörgensgasse lag, 
präsentierte sich wie ein Archiv oder ein naturhistorisches Kabinet. An den 
Wänden standen auf zahlreichen Gestellen aufgestopfte Vögel, in Schränken, 
auf Tischen und Stühlen lagen interessante Mineralien, Urkunden, alte 
Bücher, Akten und Schriftstücke. Seine Freunde fanden ihn fast immer 
beschäftigt mitten zwischen seinen Schätzen sitzend. Wir können ahnen, 
von welcher Bedeutung für die Erhaltung heimischen Quellenmaterials sein 
Sammeleifer sein musste. Suchte er Erholung, so ging er hinaus auf den 
Lousberg oder auf die weitergelegene Höhe von Vetschau, wo er von der 
Windmühle auf dem Rücken derselben eine herrlichere Aussicht geniessen 
konnte, als sie der Lousberg bot. Hier wie dort beobachtete er eifrig Tier- 



Yon Herrn Archivar Pick aufgefundene kaiserliche Dekret mitzuteilen, welches der Stadt 
Aachen das ehemalige Augustinerkloster für die einzurichtende 6cole secondaire überweist: 

Au Pont-de-Brique, le 15 Thermidor, an 12 (3. Aug. 1804). 

Napol6on, Empereur des Frangais, sur le rapport des Ministres des finances et 
de rint^rieur, Vu la loi du 11 Flor^al an 10, les arrdt^s du 30 Frimaire an II 
et du 19 Vendemiaire an 12, 

D6cröte ce qui suit; 

art. 1. La commune d'Aix-la-Chapelle d6partement de la Roer, est autoris^e 
k etablir une 6cole secondaire dans le batiment des ci-devant Augustins, qui lui est 
couc6d6 A cet cflfet, A la chargc par la dite commune de remplir les conditions 
prescrites par les arr6t6s du 80 Frimaire an 11 et du 19 Vendemiaire an 12. 

art. 2. Les Ministres de Tinterieur et des finances sont charges, chacun en ce 
qui le concerne, de l'exiScution du präsent d6cret. 

Sign6 Napoleon. Par TEmpereur: Le Secrßtairc d'ötat, s\gn6 H.B.Maret. 
Pour copie conforme: Le Ministre de rint<5rieur, siguö Chaptal. Pour 
ampliation: Le Conseiller d'ötat, Dirccteur gön^ralde Tinstruction publique^ 
sigue Fourcroy. Pour copie conforme: Le Secr6taire g^nöral de la 

Pröfecture PochoUe. 

Mit Begleitschreiben des Präfektcn vom 28. Fructidor an 12 (15. Sept. 1804). 



— 60 — 

und Pflanzenleben; noch grösseres Interesse hatten für ilin die nnneralisclien 
Produkte unserer Gegend, vor allem merkwürdige Versteinerungen wie 
u. a. die Röhrenschnecke, der „Wurmköcher", letzterer eine angeblich erst 
vom Baron von Htipscli entdeckte, bis dahin unbekannte Versteinerung*. 
Mehr als au^ dem übrigen Gebiete der Naturwissenschaft war er in der 
Zoologie bewandert, besonders in der Kunde einheimischer Vögel. Aus 
solchen bestand auch grösstenteils die von ihm angelegte naturhistorische 
Sammlung. Während seiner Lehrthätigkeit unterrichtete Quix besonders 
an der Sekundärschule vielfach in der Naturkunde. Dabei kam er zu der 
Erkenntnis, dass das bisher eingehaltene Verfahren didaktisch unfruchtbar 
sei und glaubte sich berufen, auf diesem Gebiete zu reformieren. Bis dahin 
litt allerdings der Unterricht sehr an Systemlosigkeit und Zerrissenheit, 
indem bald über dieses, bald über jenes Tier erzählt oder vorgelesen wurde. 
Nachdem Quix schon 1822 eine bei J. J. Hamel auf dem Annuntiatenbach 
erschienene „Naturbeschreibung der Feldmäuse und des Hamsters nebst 
Mitteln zu ihrer Vertilgung** geschrieben — ein Werk, das nach dem 
Titel und dem Ladenpreise von 5 Sgr. zu urteilen gewiss nichts Gross- 
artiges war — gab er sich im folgenden Jahr daran, eine Naturbeschreibung 
der Tiere nach dem Handbuche der Zoologie des Professors Goldfuss in 
Bonn auszuarbeiten. Er will durch dasselbe die systematische Unter- 
richtsweise fordern. Durch eine vieljährige Erfahrung überzeugt, hielt er 
diesen für den zweckmässigsten; denn er spräche die Schüler mehr an, 
die sich freuten, die Erkennungs- und Einteilungsmerkmale zu wissen, sie 
an den Tieren finden zu können und das dadurch erkannte Tier in seine 
Ordnung, Klasse, Familie und Gattung zu setzen und darin aufzusuchen. 
Auf Originalität macht das Buch also nach dem Titel keinen Anspruch, 
der Verfasser erklärt ofiFen, dass er von allen Seiten das Gute und sogar 
wörtlich aufgenommen habe. Er bestimmt sein Buch, das übrigens nur die 
einheimisch-europäischen und von den ausländischen nur die merkwürdigsten 
Tiere beschreibt, bloss für Elementarschulen und die drei unteren Klassen 
der Gymnasien. Fast wie eine Entschuldigung wegen der starken Benutzung 
des Goldfuss'schen Werkes klingt es, wenn Quix sagt, er wolle auch „die 
nach einer höhern Bildung strebenden Schüler unserer Gegenden zu den 
naturhistorischen Vorlesungen des Professors Goldfuss in Bonn in etwa 
vorbereiten". Quix Hess sein Werkchen in 3 Bänden zu je 2 Abteilungen 
in den Jahren 1823 — 29 erscheinen. Am hiesigen Gymnasium wurde es 
zwar oflSziel für den Unterricht nicht eingeführt, aber demselben doch zu 
Grunde gelegt und von den Schülern gebraucht, sodass nach Nr. 113 der 
Stadt- Aachener Anzeigen vom 18. Sept. 1824 damals schon die erste aus 
1000 Exemplaren bestehende Auflage der 1. Abteilung des 1. Bändchens 
vergrifiFen war. Die dritte Auflage erschien bereits 1827. Ausser dem vor- 
liegenden ist mir nur noch ein Fall bekannt, dass es eine Quix'sche Schrift 
zu mehr als einer Auflage brachte. Und das führt uns darauf, dass Quix 



^) Vgl. Aachen u. s. Umgebungen S. 99; Hist.-top. Beschreibung v. Aachen S. 140 flg.; 
daselbst S. 121 sagt er: „Ich selbst besitze eine bedeutende Sammlung von Vögeln, Fischen, 
Amphibien, Insekten, Versteinerungen und Mineralien." 



— 61 — 

sich auch auf einem ihm sonst ferner liegenden Felde Jahre lang mit Glüclv 
versucht hat. In Nr. 154 der Rheinischen Flora vom 1. Okt. 1826 empfiehlt 
der Verlagshändler M. Urlichs das bei ihm soeben erschienene „Neujahrs- 
geschenk für Kinder" von Chr. Quix. 4. Jahrgang; Preis 1 Sgr., das 
Dutzend 10 Sgr. Bemerkt wird, dass das Schriftcheu vom Erzbischöflichen 
General -Vikariat genehmigt und dass diesmal eine starke Auflage gedruckt 
worden sei, denn im vorigen Jahre habe der schnelle Absatz eine 2. Auf- 
lage nötig gemacht. Der letzte Rest dieser Heftchen wurde der Verlags- 
handlung vor mehreren Jahren von der Cremer'schen Buchhandlung ab- 
gekauft und später eingestampft. Später hat Quix noch einmal unter dem 
Titel , Rheinische Kinder-Bibliothek" 6 Bändchen Erzählungen für die 
Jugend und bis zum Jahre 1832 noch ein Bändchen in der „Neuen Rhein. 
Kinder-Bibliothek** erscheinen lassen K Mir ist kein Exemplar dieser Jugend- 
schriften vor die Augen gekommen. Es ist schon wegen des flotten Abganges 
derselben anzunehmen, dass der Verfasser — sonst ein trockener Mann, 
jedoch im Verkehr mit der Jugend immer freundlich und jovial — in 
denselben den richtigen Ton getroffen hat. 

Alle Versuche und Forschungen ausser den historischen sind wertlos 
und vergessen, wie nicht anders zu erwarten, auf den lokal- und terri- 
torialhistorischen aber beruht das Verdienst des Gelehrten. Im Jahre 1818 
erschien seine Erstlingsschrift auf diesem Gebiete: „Aachen und dessen 
Umgebungen". Ein Exemplar des Buches Hess er dem Kaiser Franz von 
Österreich überreichen. Vielleicht war es die melancholische Erinnerung 
an das im Sturm der letzten Zeit zusammengebrochene tausendjährige 
Reich und seine ehemalige Krönungsstadt, welche den Monarchen bewog, 
in huldvollster Weise seinen Dank zu bezeugen. War er doch der letzte 
gewesen in der langen Reihe der Kaiser des „römischen Reiches deutscher 
Nation". Er Hess Quix eine mit dem kaiserlichen Portrait verzierte Schnupf- 
tabakdose tiberreichen *. Das konnte freiHch nichts an der Thatsache ändern, 
dass das Werk grössten Teils verfehlt war, M^as nachher keiner mehr 
einsah, als der Verfasser selbst. Indem er in knapper DarsteHung die 
Geschichte der Stadt vorzuführen suchte, hatte er sich eine zu grosse 
Aufgabe gestellt. Grade ein solches Kompendium bei mangelhaften Vor- 
arbeiten war ein Wagnis, das nur misslingen konnte. In der Folgezeit bis 
zu seinem Tode gab Quix in rascher Folge noch eine Menge von Schriften 
heraus zur Geschichte Aachens und seiner Umgebung. Über ihren Wert 
und Erfolg soll an anderer Stelle gesprochen werden, hier genüge die 
Bemerkung, dass ihr Verfasser zu seiner Zeit in Aachen nur eine geringe 
Unterstützung fand und deshalb oft bittere Stunden erlebte. Manche 



*) Nach dem Anzeiger (S. 1) zu Nr. 5 der „Rhein. Provinzialhlätter" v. J. 1832. 
Vgl. die Eeccnsion der Schriften in Nr. 6, S. 355 derselben Zeitschrift. 

*) In 1818, bij het uitgeveu van zijn werkje „Aachen u. seine Umgebung" waarvan 
hij den Oostenrijkschen Keizer Frans ecn exemplaar aanbood, ontving hij als tegen- 
geschenk een gouden snuifdoos, waarop het portret van den Keiser kunstig gedreven was. 
(Slanghen, S. 132.) Die erwähnte Dose wurde später von den Quix'schcn Erben für 40 Thlr. 
an einen Herrn Bcissel in Aachen verkauft. 



— 62 — 

scheint auch eine gewisse schroffe Gradheit seines Wesens gegen ihn ein- 
genommen zu haben. Selbst Joseph Müller, der zu den vertrauten Freunden 
unseres Geschichtsschreibers gehörte, sagt von ihm, dass sein Äusseres 
wenig Einnehmendes gehabt habe. „Er war ernst und zurückhaltend, dabei aber 
teilnehmend an Wohl und Wehe seiner Mitbürger. Seine Hauptcharakterzüge 
waren Gradheit in hohem Grade und strenge Wahrheitsliebe. Erstere Eigen- 
schaft schien sogar oft in Derbheit auszuarten, denn er machte wenig Unter- 
schied der Personen." In der Stadt weiss man sich noch zu erzählen, dass Quix, 
als er den Kronprinz Friedrich Wilhelm im Jahre 1833 bei der Besichti- 
gung des Rathauses als Cicerone begleitete, eine ihm nicht zusagende 
Behauptung desselben mit der Bemerkung abtrumpfte: „Da sind König- 
liche Hoheit aber auf dem Holzwege." Als die Regierung wegen des 
Ankaufes eines in seinem Besitze befindlichen Manuskriptes mit ihm ver- 
handelte und mehr drängte, als es dem ruhigen Manne zusagte, soll er 
gedroht haben, wenn man ihn noch weiter belästige, werde er das Ding 
ins Feuer werfen ^ 

Noch mancherlei andere Gründe traten hinzu, welche die Bürger 
Aachens gegenüber den von Quix vertretenen Bestrebungen wenn nicht 
feindlich, so doch gleichgültig werden Hessen. Um so mehr musste er 
sich freuen, dass er auswärts an den edelsten Männern der deutschen 
Nation echte Freunde seiner wissenschaftlichen Thätigkeit fand. 
Freilich geschah es zuerst auch nur wieder von der über Deutschland 
spärlich verteilten, aber emsig arbeitenden Zunft der Altertumsfreunde, 
die sich die Rettung des historischen Quellenmaterials zur ersten Aufgabe 
stellte. Die Veröffentlichung des für die Reichsgeschichte Wertvollen 
sollte in den von dem Frhrn. von Stein und Pertz begründeten „Monumenta 
Germaniae historica" geschehen. Mit dem Geh. Regierungsrat Pertz, Ober- 
bibliothekar der Kgl. Bibliothek in Berlin, war Quix persönlich bekannt. 
An den Staatsminister a. D. Frhrn. v. Stein (f 29. Juni 1831 zu Kappen- 
berg in Westfalen) wurde er durch den Frankfurter Bibliothekar Joh. 
Fr. Böhmer (f 1863) empfohlen. „Ich habe" — schreibt dieser am 21. 
Sept. 1830 an Quix — „mit unserem Stifter der Gesellschaft von Ihren 
Werken gesprochen ; er will sich mit denselben bekannt machen. P2s freute 
ihn zu erfahren, dass Aachens Geschichte einen gründlichen Forscher 
besitzt." In engerer Beziehung als zu jenen stand Quix zu Böhmer, von 
dem seine wissenschaftliche Thätigkeit beeinflusst und auf edle Ziele gelenkt 
worden ist. Das erhellt aus den in Janssens dreibändigem Werke über 
J. F. Böhmer veröffentlichten Briefen an Quix. (Bd. 11. S. 188, 192.) 
Dieselben sind nach dem Concept gedruckt; mir liegen die Originale vor 
und ausserdem ein dritter gleichfalls im Original vom 3. Aug. 1832, der 
Janssen entgangen ist. Die drei Schreiben erscheinen mir für meine 
Zwecke wichtig genug, dass ich sie hier im Abdrucke folgen lasse. 



*) Interessant ist auch die von W. Schmets in den „Erinnerungen" S. 106 erzählte 
Episode. (Album für Leben, Kunst und Wissen. Aachen 1848; vgl. auch MiUlermeister: 
W. Schmets in Leben und Schriften S. 28 flg.) 



— 63 — 

1. 

(Vgl. Janssen II. Nr. 91 mit geringen Abweichungen gegen Schluss.) 

Sr. Wülilgeboren Herrn Oberlehrer Quix, 



Aachen. 



Euer Wolilffeboren 



O' 



verschiedene Monogi-aphien über die Acheusche Geschichte habe ich mit 
so vielem Vergnügen gelesen, dass ich mir es nicht versagen kann, mich 
Ihnen durch anliegende Ankündigung ^ als einen solchen erkennen zu geben, 
welcher mit Ihnen die gleiche Bahn urkundlicher Geschichtsforschung 
für den gleichen Zweck individueller Städtegeschichte geht. 

Ihre Arbeiten waren mir auch deshalb besonders erfreulich, weil 
keine Stadt nach den allgemeineren Standpunkten so das Gegenstück zu 
meiner Vaterstadt bildet als Achen. Beide Städte verdanken ihren Ursprung 
Karl dem Grossen, beide haben ihm Altäre erbaut, beide bildeten sich aus 
Reichspalästen, beide blieben jederzeit frei von bischöflicher Hoheit, beide 
endlich sind zusammen als Wahlstädte und königlicher Stuhl das vor- 
leuchtende Doppelgestirn unter allen deutschen Reichsstädten. 

Möchten die von mir für die Bearbeitung der Frankfurter und jeder 
Städtegeschichte dargelegten Grundsätze Ihren Beifall verdienen. Ich 
habe einiges Vertrauen darauf, weil sie nicht sowohl mir, als unsenn 
unvergesslichen Fichard* angehören, der mich seines besondern Wohl- 
wollens und seiner Belehrung würdigte. 

Vielleicht kennen Sie Fichards Werke noch gar nicht, denn sie sind 
nicht sehr bekannt geworden, weil unsere Litteratur-Zeitungen sie ignoriert 
haben. Es ist dies die Art der Zunft- und Universitätsgelehrten, welche 
über dieselben kommandieren, sich mit einer gewissen ein für allemal in 
den gelehrten Verkehr gekommenen Masse von Kenntnissen zu begnügen, 
und in diesen Kreis gebannt, nur immer das Alte wieder von neuem auf- 
zuwärmen. Mit originalen Erscheinungen, welche ihrer Brüderschaft nicht 
angehören, wissen sie nichts anzufangen. Sollten Sie Fichards Werke 
noch nicht besitzen, so erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen dieselben zusenden 
zu dürfen. 

Möchten wir von Ihrer gewissenhaften Hand einen Codex diplomaticus 
Aquensis erhalten! Meyer hat einen solchen versprochen und würde besser 
gethan haben mit dessen Herausgabe anzufangen. Ich lege einen grossen 
Wert darauf, dass das urkundliche Material nicht in Monographien zer- 
streut, sondern auf alle Weise zusammengehalten werde, wie es zusammen 
entstand und zusammen gehört. Nur so wird aus jeder Urkunde die viel- 
seitige Belehrung gewonnen, welche sicherlich jede enthält. 

Die Herausgabe meines C. D. fi*. (Cod. diplom. Francofurt.) musste 
ich noch aussetzen, weil mir noch immer neue Urkunden des 13. Jahr- 

Codex diplom. Moeno-Francofurtanus, angekündigt durch Dr. J. F. Böhmer. 
Frankfurt 1829. 

*) J. E. von Fichard, genannt Baur von Eiseneck aus Frankfurt, (f 1829), älterer 
Freund Böhmers, verdient um die Geschichte seiner Vaterstadt. (Verfasser einer „Gesch. 
der Frankfurter Geschlechter", Böhmer I. 187; II. 226.) 



— 64 — 

hunderts zukaraen. Ich habe unterdessen ein Repertoriura der gedruckten 
Kaiserurkunden bis 1313 bearbeitet, welches auf Weihnachten erscheint. 
Dieses bildet den Vorläufer der die Diplomata enthaltenden Abteilung der 
Monuraenta Germaniae historica medii aevi. 

Ich habe vorgestern mit dem edeln Stifter dieses Unternehmens 
(Stein) von Ihren Werken gesprochen. Er will sich mit denselben bekennt 
machen und war sehr erfreut zu hören, dass Achens Geschichte einen 
gründlichen Forscher besitzt. 

Genehmigen Sie die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung! 

Frankfurt Euer Wohlgeb. gehorsamster Diener 

21. Sept. 1830. J. F. Böhmer. 

2. 

An denselben. 

(Janssen II. Nr. 95; erster Abschnitt fehlt daselbst.) 

Euer Wohlgeboren 

gefälliges Schreiben vom 10. v. M. habe ich richtig erhalten. Hierbei 

empfangen Sie 

Fichards Entstehung und 

Wetteravia erstes Heft, 
woraus Sie die hiesigen Geschichtsfreunde können kennen lernen. Ein 
zweites Heft der Wetteravia gedenke ich noch im Laufe des Jahres zu 
liefern. Ich bitte Sie diesen zwei Werkchen als Zeichen meiner Hoch- 
achtung einen Platz in Ihrer Bibliothek gönnen zu wollen. 

Da Sie selbst einen Codex diplomaticus Aquensis für zweckmässig 
halten, sollten Sie, meine ich, diese Idee nicht aufgeben. Wir leben zwar 
in etwas stürmischen Zeiten, doch darf man den Mut um so weniger sinken 
lassen. Zunächst wäre ja doch nur das 13. Jahrhundert, als das wich- 
tigste für die Städtegeschichte, vorzüglich zu berücksichtigen, und 400 
Urkunden füllen erst einen Band wie die Bände von Günthers Codex 
Rheno-Mosellanus. So ein Band kostet ja doch nicht gar zu viel. An 
einem Zuschuss von Seiten der Regierung zweifle ich durchaus 
nicht, und es würden sich auch wohl noch von andern Seiten Beiträge 
für die Zustandebringung des Werkes sammeln lassen. Im Interesse der 
Wissenschaft wünsche ich, dass Sie diesen Gegenstand näher überlegen 
und zunächst einen bestimmten Überschlag des Umfangs und der Kosten 
machen möchten. 

Was Sie mir von den Annales Rodenses schreiben, hat mich sehr 
angezogen. Ich wünsche sehr zu wissen, ob sich dieses Werk nicht zur 
Aufnahme in die Mon. Germ. hist. medii aevi eignete. Könnte ich es 
nicht zur Einsicht erhalten, oder wollten Sie nicht vielleicht eine nähere 
Nachricht mit einigen Proben geben, damit ich bei der Gesellschaft für 
ältere deutsche Geschichtskunde im entsprechenden Falle geeignete und 
mit Ihnen zu verabredende Anträge stellen könne? 

Ich gebe gemeinschaftlich mit Herrn Dr. Pertz in Hannover sämt- 
liche deutsche Kaiser- und Königsurkunden bis 1313 heraus. Beiträge 
hierzu, welche ungedruckt sind oder einen richtigeren Text liefern, als 



— 65 — 

raan bisher gedruckt hatte, sind mir (besonders bis zum Jahr 1137, für 
welchen Abschnitt zunächst gearbeitet wird) sehr willkoraraeii und werden 
auf Verlangen von der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 
honoriert. 

Es ist mir nichts davon bekannt, dass die Urkunden Ihres Karmeliter- 
klosters in Privathände, wo man sie wieder erhalten könnte, geraten sind ^ 

Mit vollkommenster Hochachtung bestehend 

Euer Wohlgeboren gehorsamster Diener 

Frankfurt a. M. Dr. Böhmer 

15. April 1831. Stadt bibliothekar. 

3. 

(Nicht bei Janssen.) 

Euer Wohlgeboren 

danke ich für das gefällige Schreiben vom 16. Mai samt der beigefügten 
mir sehr schätzbaren Beschreibung von Burtscheid^ aufs verbindlichste. 

Für die Urgeschichte Burtscheids ist auf meine Veranlasj^ung von der 
hiesigen Schmerber'schen Buchhandlung eine Subscription eröffnet worden. 
Bereits sind mehrere Exemplare unterschrieben und ich garantiere Ihnen, 
dass sich deren Anzahl bis zur Ablieferung auf zehn erhöhen wird. Möchte 
dadurch das Erscheinen dieses Werkes befördert werden können. 

Hinsichtlich Ihrer Urkundenabdrücke erlaube ich mir den Vorschlag, 
denselben künftig eine kurze Überschrift zu geben, worin auch das Datum 
ausgerechnet ist; z. B.: 

Papst Alexander IV. genehmigt, dass der Abtei Burtscheid 

die Pfarrkirche St. Michael daselbst einverleibt werde, zur 

Entschädigung für die bei der Belagerung Achens durch 

König Wilhelm erlittenen Verluste. — 1257 Nov. 24 zu 

Viterbo ^. 
oder: 

Das Gericht zu Burtscheid beurkundet, dass die dortige Abtei 

die Mühle zur SteinküUen an Wilhelm Plantz in Erbpacht 

gegeben habe. — 1407 Apr. 2*. 

Diese Überschriften können dann in ihrer Zusammenstellung das Register 
bilden, welches jedenfalls chronologisch geordnet bliebe, in welches aber 
auch die im Text und in den Noten vorkommenden Urkunden und Urkunden- 
auszüge aufzunehmen wären. 

Solche genauem Register sind deshalb so angenehm, weil diese Ur- 
kunden auch noch sonst merkwürdig sind, und man doch unmöglich alle 

*) Vgl. übrigens S. 47. 

*) Histor.-topogr. Beschreibung der Stadt Burtscheid. 1832. 

^) Es ist ein Regest zu Nr. 3 der ürk., S. 198. Dieselbe hat bei Quix keine Über- 
schrift und auch im angehängten Inhaltsverzeichnis der Urkunden (S. 307) sind die Angaben 
dürftig. 

*) BrCgest zu Nr. 15, S. 222; eine Überschrift hat sie bei Quix nicht; im Inhalts- 
verzeichnis der Urkunden heisst es ziemlich genau (S. 308): Die Abtei giebt die Stein- 
£uhle-Mühlc in Erbpacht. 1407. ex originali. 



— 66 — 

Urkunden, wenn man etwas sucht, durchlesen kann. — Durch die Aus- 
rechnung des Datums geschieht den Lesern eine wahre Wohlthat, da der 
Herausgeber liier eine Arbeit mit einmal tliut, die sonst jeder genaue 
Arbeiter für sich wiederholen muss. 

Möchten wir nun bald die Urgeschichte Burtscheids erhalten, damit 
Sie nach Ihrem Plane sich mit Achen beschäftigen können, dessen geschicht- 
liche Erörterung ein für ganz Deutschland, besonders aber für die Städte- 
geschichte höchst wichtiges Unternehmen ist. Zu diesem erhalten Sie 
von dem Ministerium des Unterrichts etc. auch ganz gewiss eine 
Unterstützung, wenn Sie solche mit Vorlegung des Planes der 
Arbeit verlangen. 

Mir sind nun die Königl. Preuss. Archive für mein Werk über die 
Kaiserurkunden, dessen Fortschreiten Sie aus der Anlage ersehen, aufs 
huldreichste geöffnet worden. Mit dem Berliner Archive fange ich an und 
reise zu diesem Ende mit zweimonatlichem Urlaub in nächster Woche nach 
Berlin. 

Ich habe nun auch bestimmte Aussicht, eine Anzahl mir zu meinem 
Codex diplom. Moenofrancofurtanus noch felilender Urkunden vor dem 
Winter zu erhalten, so dass der Druck desselben nebst dem der Regesten 
der Karolinger (2000 Urkunden nachweisend) nach meiner Heimkehr 
beginnen kann. 

Ihren gütigst verheissenen Nachrichten über die Annales Rodenses 
und dortige Kaiserurkunden entgegensehend, bestehe ich hochachtungsvollst 

Frankfurt Euer Wohlgeboren gehorsamster 

3. Aug. 1832. Dr. Böhmer. 

Wir sehen, dass der scharfsinnige und als Forscher geachtete Frank- 
furter Bibliothekar dem älteren Quix gegenüber mit seinen wohlgemeinten 
Ratschlägen nicht zurückhielt. Es hätte diesem und seinen Büchern nur 
zum Vorteil gereichen können, wenn er sie auch im einzelnen — z. B. 
bezüglich der in 3 erwähnten Form der Regesten — befolgt hätte ^ Nach 1832 
ist eine Korrespondenz zwischen beiden nicht mehr geführt. Böhmer hatte 
an den Quix'schen Schriften auch manches zu tadeln *. Doch darüber später. 

Weit grösser war natürlich der briefliche und persönliche Verkehr 
mit den Geschichts- und Altertumsfreunden in der heimischen Provinz. 
In Rheinland und Westfalen gab es keinen historischen Verein, kaum 
einzelne Liebhaber der Territorialgeschichte, mit denen er nicht in Berührung 
gekommen wäre. Hier in der Zunft der Freunde heimischer Provinzial- 



') Das geschah nicht; die Urkunden zur Ahtei Burtscheid (1834) hahen keine Über- 
schriften; das Register der ürk. am Schlüsse des Buches hat keine genaue Ausrechnung 
des Datums, sondern nur die Angabe des Jahres. 

■) Janssen, Böhmer IL S. 297 (Brief an StäUn in Stuttgart). „Sonderbar ist, dass 
in dem Verzeichnis der Königshöfe, welches Quix in seiner Geschichte von Aachen, ohne 
es recht zu wissen was, hat drucken lassen, grade die schwäbischen fehlen.^ Daselbst 
S. 308 (an Pcrtz in Hannover): „Quixens Arbeit ist freilich hier und da schlecht. Indessen 
muss man dem alten kranken und wenig bemittelten Manne das, was er thut, immer noch 
danken, denn sonst geschähe gar nichts. "^ 



— 67 — 

oder Lokalgeschichte war Quix eher eine Auktorität, als bei den Gelehr- 
ten der Universität und den Herausgebern der Monumente, welche mit 
grosser fachmännischer Vorbildung und thätiger Unterstützung des Staates 
das Gebiet der allgemeinen Keichsgeschichte bearbeiteten. Sein ganzes, 
ihm angeborenes Wesen hielt Quix ab, sich fremden Menschen aufzu- 
drängen. Die noch vorliegenden Bruchstücke seiner Korrespondenz beweisen, 
dass er sich meist aufsuchen liess. Er wurde lun Quellen material, um 
Beiträge zu Zeitschriften, um seine Ansicht in fachmännischen Streitfragen 
angegangen. Nur das Wichtigste soll hier seinen Platz finden. 

Mit dem Herausgeber der „Vaterländischen Chronik der Rhein- 
Provinzen und der Stadt Köln'', dem Geistlichen F. W. Brewer, stand er 
eine Zeitlang in reger Verbindung. Quix sollte ihm Beiträge für seine 
Chronik liefern gegen ein Honorar von 4 Thlrn. pro Bogen. Zuweilen 
unterstützte er ihn durch guten Rat. „Ihre sämtlichen freundschaftlichen 
Bemerkungen **, so schreibt im J. 1825 Brewer an ihn, „habe ich mir als 
einen gehörigen Wink angemerkt, um die anerkannten Erfahrungen eines 
so gelehrten Mannes von Ihrer litterarischen Bildung zu benutzen^ \ 

Auch zu dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens 
stand Quix in enger Beziehung. Die Direktion der Paderborncr Abteilung 
ernannte ihn durch ein Schreiben des Domkapitulars Meyer im J. 1835 
„als Freund der Vaterländischen Geschichte" zum auswärtigen korrespon- 
dierenden Mitgliede. In gleicher Weise wurde er vom Wetzlarischen 
Verein für Geschichte und Altertumskunde im J. 1840, zwei Jahre später 
auch vom Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande zum ordentlichen 
Mitgliede ernannt. Für die Zeitschrift des Westfälischen Vereins hat Quix 
manche Arbeiten geliefert; seine Beziehungen zu demselben brachten ihn 
in brieflichen Verkehr mit dem Staatsarchivar Dr. Erhard. Im Interesse 
der Zeitschrift schrieb dieser an Quix im Januar 1840: „Auch Nekrologien 
und andere historische Denkmale werden für dieselbe höchst erwünscht 
sein, und sowohl die Redaktion als der Verein, unter dessen Autorität sie 
erscheint, werden Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie die Güte haben, die 
Zeitschrift successive mit solchem Material zur Geschichtsforschung aus- 
zustatten." Dann ferner im Juni 1843: „Wie Sie sehen werden, ist das 
von Ihnen mitgeteilte Heinsberger Nekrologium im 5. Bande abgedruckt, 
mit Erläuterungen von unserm Mitgliede Mooyer in Minden, der seinen 
Fleiss vorzüglich auf Untersuchungen dieser Art verwendet. Indessen bin 
ich überzeugt, dass Sie selbst im stände sein werden, dazu noch viele 
Berichtigungen und Zusätze zu liefern. Von Ihnen habe ich im Manu- 



') Brewer hatte grössere pekuniäre Not, als wohl irgend ein Redakteur unserer 
Zeit. Er bittet Quix, ihm ein Manuskript durch Freundes Gelegenheit oder durch einen 
Fuhrmann zu schicken; „denn die Post zu Pferde und zu Wagen ist zu kostspielig". 

Als Quix einmal im Sept. 1815 für wenige Tage nach Köln reisen woUte, bedurfte er 
zu diesem Zwecke eines auf dem hiesigen Ober-Bürgermeisteramt für 2 francs aus- 
gesteUten „Reisepasses für das Innere", den er dann vor seiner Abreise aus Köln erst 
von dem Polizei-Amt und dann von der Kommandantur abstempeln lassen musste. — Im 
Pass ist seine Grösse auf 5 Schuh 6 Zoll angegeben. 



— 68 — 

»kripte jetzt nur noch einen kleinen Aufsatz über das Scliloss Nothberg. 
üass es mir jederzeit sehr willkommen und dankenswert erscheinen wird, 
wenn Sie die Güte haben wollen, unsere Zeitschrift mit femereu Mitteilungen 
zu bedenken, bedarf keiner neuen Versicherung." Bald darauf (30./7. 43) 
antwortete ilim Quix: „Aufgemuntert durch Ihr wertes Schreiben sende 
ich Ihnen hierbei eine unveränderte Abschrift des Nekrologs der rhein. 
adeligen Nonnen-Abtei Dahlem bei Wassenberg nebst Beiträgen zu der 
Geschichte von Hoenbusch und der Herrschaft Odenkirchen mit Urkunden, 
einige Notizen über Besitzungen des ehemaligen Stifts Maria ad gradus in 
Köln für die Zeitschrift. Dergleichen Aufsätze habe ich genug vorrätig und 
wünsche ich, dass dieselben schneller abgedruckt werden könnten. Auch besitze 
ich eine Menge alter auf Pergament geschriebenen Nekrologien, Urkunden 
und andere historisch für die Geschichte des Mittelalters wichtige noch 
ungedruckte Annalen etc. Allein diese gedruckt zu erhalten, findet man 
bei uns keinen Verleger. 

Die Erläuterungen zu dem Nekrolog von Heinsberg sind von der 
Art, dass um deren Unrichtigkeiten zu berichtigen ich ein Buch schreiben 
müsste. Ich möchte dieselben nicht interpretieren. Die Länder dieser 
Zeit am Rhein scheinen dem Verfasser terra incognita zu sein. Es ist 
ihm ergangen, wie denen, die aus Chroniken Geschichte zusammenstoppeln. 
Bekanntlich enthalten die gedruckten Genealogien viele Unrichtigkeiten, 
indem sie aus den von den Familien eingesandten Notizen gemacht 
worden sind. Genealogien zu schreiben ist eine ermüdende und undank- 
bare Arbeit, das hat die Erfahrung mich mehr als einmal gelehrt. 

Die Originalurkunden des hiesigen Münsterstifts sind leider durch die 
Zeitbegebenheiten mit einem Cartular desselben zu Grunde gegangen. Es 
existierte nur ein altes Cartular, das auch lange Jahre für verloren gehalten 
worden ist. Endlich erschien es in einer öffentlichen Versteigerung in Köln, 
und ich erhielt dasselbe durch Kauf. Weil verschiedene Abschriften von 
den mehresten Urkunden hin und wieder nach Jahren abgedruckt worden 
sind, über deren Achtheit man zweifelte, und ich auch ein altes auf Per- 
gament geschriebenes Cartular des hiesigen Adalbertsstiftes besass, ent- 
schloss ich mich beide durch den Druck bekannt zu machen, um einen 
ächten Abdruck davon zu haben. Beides habe ich nachher dem hiesigen 
Stadtarchiv überlassen. (Befindet sich noch daselbst.) Lacomblet, der Kunde 
davon erhalten hatte, wollte mich zwingen, die Cartulare dem Archiv in 
Düsseldorf zu übergeben; als dieses nicht ging, musste ich doch, nachdem 
sie schon abgedruckt waren, sie ihm auf einen Monat zu seinem Gebrauche 
überlassen, obschon er von dem Abdrucke schon Kenntnis hatte. 

Dieser Herr, über welchen sich mehrere als ich beklagen, hat in 
seinem herausgegebenen Codex kaum 40 mal nicht gedruckte Urkunden 
geliefert. Die übrigen waren uns schon bekannt und seine Noten dazu 
sind überhaupt sehr unrichtig. Er ist mehr Advokat (?) als Geschichts- 
schreiber. Er kann gut lesen, weiss aber — ". (Hier bricht das Concept ab.) 

Die vorstehenden Bemerkungen unseres Geschichtsschreibers über 
den Archiv-Rat Lacomblet in Düsseldorf sind von auff*allender Schärfe. Ob 



— 69 — 

sie allein der gereizten Stiinmnng des kranken, damals siebzig Jahre alten 
Herrn entsprangen oder ausser dem erwähnten Streitpunkt noch andere 
Veranlassung hatten, sei dahingestellt. Hauptgi'und der Verstimmung scheint 
mir etwas zu sein, was Quix aus naheliegenden Gründen nicht erwähnt. 
Ich meine einige abföllige Bemerkungen Lacomblets im ersten, 1840 (also 
vor dem citierten Briefe) erschienenen Bande seines Urkundenwerkes. 
Lacomblet, übrigens ein verdienter und angesehener Forscher, war mit 
der Art der Quixschen Urkunden-Edition nicht überall zufrieden ^ Offenbar 
hat er auch deshalb die erwähnten C'artulare selbst einsehen wollen. 

Für das Verhältnis zwischen beiden und das Verständnis des vor- 
stehenden Schriftstückes sind noch folgende zwei Briefe Lacomblets an 

Quix erwähnenswert. 

1. 

Wohlgeborener, geehrtester Herr Kollege! 

Euer Wohlgeboren ist es ja wohl schon bekannt, dass ich, sowohl 
durch meine amtliche Stellung und Vorliebe für vaterländische Geschichts- 
kunde, als durch Ermunterung der höchsten Staatsbehörde aufgefordert, 
seit Jahren an einem vollständigen Codex dipl. für die vormaligen Staats- 
gebiete von Köln, Jülich-Berg, Cleve-Mark und die in diesem Umfange 
gelegenen Stifts- und herrschaftUchen Gebiete und freien Städte sammle 
und jetzt im Begriff stehe, die I. Abt., welche von Karl d. Gr. bis 1200 
reicht, zum Dinicke zu befördern. Die Stadtarchive von Duisburg und 
Köln haben mir bereits ihre Urkunden aus jenem Zeitraum zur Abschrift- 
nahme mitgeteilt und ich habe unter dem heutigen Tage den dortigen 
Herrn Oberbürgermeister ersucht, mir die in Ihrem Archive aufbewahrte 
Urkunde Friedrichs I. von 1166 und etwa sonst noch vorhandene vor 1200 
zur Abschriftnahme auf einige Tage zu communicieren. Euer Wohlgeboren 
erlaube ich mir in dieser Hinsicht ergebenst zu bitten, Ihrerseits diesem 
Ersuchen förderlich sein und der Verpackung der Urkunden in ein Kistchen 
von Holz oder starker Pappe unter Bedeckung des Siegels mit Watte sich 
geföUigst unterziehen zu wollen. 

Eine zweite, noch näher mir am Herzen liegende Bitte betrifft das 
alte Cartular des dortigen Krönungsstifts. Nachdem ich sowohl als der 
Herr Oberpräsident im Interesse* meines Urkundenbuches bei der erz- 
bischöflichen Behörde und sonst nach demselben geforscht, erhalte ich nun 
die freudige Nachricht, dass solches glücklich zu Ihren Händen gelangt 
ist. Zwar besitzt das hiesige Archiv einen Teil von Urkunden im Original, 
andere in Abschriften aus den Ernstschen Handschriften, es bleibt mir 
gleichwohl unerlässlich, auf jenes Cartular selbst zu rekurrieren, und ich 
muss mir daher die Bitte erlauben, dieses schätzbare Stück auf kurze 
Dauer, etwa 14 Tage, gütigst mir anvertrauen zu wollen. 

Es wäre wohl möglich, dass Euer Wohlgeboren selbst einen litterarischen 
Gebrauch davon zu machen beabsichtigen ; allein ein solches fürwahr nütz- 



') Vgl. Bd. I. Einl. S. VI und X, Note zu Nr. 100 und 152; Bd. II, Nr. 360, S. 190, 
Anm. 3 und S. 191, Anm. 1. 



— 70 — 

liches Unteriiehmen wird durch mein Urkundenbuch nicht im mindesten 
behindert oder in seinem Interesse geschwächt. Mein Buch hat die Tendenz, 
eine aligemeine und vollständige Quelle für die Geschichte der Rheinprovinz 
zu werden, nimmt daher Bekanntes und Neues auf und besteht neben jeder 
andern Forschung, die sich einen engern Kreis gezogen und diesen aus- 
führlicher behandelt. 

Schon durch so manches spezialgeschichtliche Werk haben Sie Ihre 
Liebe für die vaterländische Vorzeit der Wissenschaft nützlich gemacht, 
und ich darf daher auch mit Zuversicht vertrauen, dass Sie einem aus 
gleichem Antriebe hervorgegangenen, unserer Provinz im allgemeinen 
gewidmeten Werke Ihre Beisteuer nicht versagen werden. Mit der aus- 
gezeichnetsten Hochachtung 

Düsseldorf Lacomblet. 

am 4. März 1839. 

2. . 

Wohlgeborener, geehrtester Herr Bibliothekar! 

Euer Wohlgeboren reiche ich hierbei das mir gütigst mitgeteilte Car- 
tular des vormaligen Marienstifts daselbst mit dem verbindlichsten Dank 
zurück. Wenn Sie berücksichtigen, dass Ihre Urkundensammlung fast ein 
Jahr früher als mein Werk erscheint, dass sie einem bestimmten und engem 
Kreise gewidmet ist und diesen vollständiger und bis in spätere Zeiten 
hinab erläutern wird, wogegen die wenigen Urkunden des Cartulars, wovon 
ich 14 schon im Original besass, in meinem Werke der chronologischen 
Ordnung gemäss sich sehr zerstreuen werden: so bleibt Ihnen ja die wohl- 
verdiente Ehre, jenes alte Denkmal wieder ans Licht gezogen zu haben, 
völlig unbeeinträchtigt, so wie mein Werk auf den Absatz des Ihrigen keinen 
Einfluss haben kann. 

Wie Euer Wohlgeboren bewusst, veranstalte ich den Codex dipl. 
auf höhere Weisung und amtlich; es ist dabei meine Pflicht, denselben 
möglichst vollständig, namentlich für die ältere Periode auszustatten: ich 
durfte daher jenes alte Cartular, dessen Verbleib mir bekannt geworden, 
nicht ignorieren. 

Allerdings hatte Ernst (Pfarrer in Afden) zwei Aachener Cartularien 
vor sich, als er seine Abschriften verfertigte: denn er bemerkt in einem 
derselben bei dem Worte qualiter, „in alio codice: quia", und quia hat 
wirklich das hier rückfolgende Cartular, welches, mag es den Pröpsten, 
Dechanten oder dem Kapitel gedient haben, keineswegs das persönliche 
Eigentum eines dieser HeiTcn gewesen, daher auch bis zur jüngsten Zeit 
in dem Stiftsarchiv beruht hat, wo van Spaen für seine Inleiding tot de 
historie van Gelderland am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts sich mehrere 
Urkunden daraus copiert hat. Indessen war und ist es die Absicht nicht, 
Euer Wohlgeboren in dem Besitze des Cartulars beunruhigen zu wollen. 
Ich gebe aber Ihrer gefälligen Entschliessung anheim, ob Sie nicht dasselbe 
nach vollendeter Benutzung käuflich etwa für den von Ihnen gezahlten 
oder überhaupt angemessenen Preis dem hiesigen Provinzial-Archiv abtreten 



— 71 — 

wollen, wo es iu dem Aachener Stiftsarchiv einen würdigen Anschluss 
finden würde. Ich bitte auf ein Exemplar Ihrer Urkundensammlung für 
das hiesige Kgl. Provinzial-Archiv meine Unterzeichnung gefällig ver- 
merken zu wollen. 

Unter Wiederholung meines aufrichtigsten Dankes für die gütige 
Mitteilung des Cartulars, wovon ich dem Herrn Ober- Präsidenten heute 
Kunde gegeben, zeichne ich 

Poststempel 13./7, — Lacomblet. 

Jahresdatum fehlt; wahrscheinlich 1839. 

Bei seinen geistlichen Obern, namentlich aber beim Erzbischof Ferdinand 
August Grafen Spiegel zum Desenberg konnte Quix stets auf warme An- 
erkennung und sachliche Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen 
rechnen. Hatte eins seiner Bücher die Presse verlassen, so pflegte er ein 
Exemplar seinem Erzbischof zu übersenden \ der in jedem einzelnen Falle 
für die Gabe seinen Dank aussprach. Die zahlreichen, grösstenteils eigen- 
händigen Briefe bekunden ein grosses Interesse für die Quixschen Schriften 
und eine gewisse Anhänglichkeit an deren Autor. Ich lasse zunächst eines 
jener Schreiben aus dem Jahi*e 1835 folgen. Nachdem Quix kurz vorher 
dem Erzbischof die Geschichte der Abtei Burtscheid gewidmet und die 
neu erschienene Schrift über das Karmeliterkloster übersandt hatte, erhielt 
er folgendes Dankschreiben: 

Ew. Hochwürden 

der Herr Oberlehrer und Stadtbibliothekar sind ein fleissiger, stets fort- 
arbeitender Schriftsteller, davon geben die in Druck erschienenen Schriften 
ein vollgültiges Zeugnis, Sie sind aber auch ein mit sich gleichbleibender 
Freigebigkeit gegen mich handelnder Gelehrter und haben mich nun wieder 
beschenkt mit einem Abdruck von der soeben jetzt herausgegebenen Geschichte 
des Karmeliterklosters, von Villa Harna u. s. w. Dankbar äussere ich 
mich für diese Gabe und erinnere mich gern der früher in meiner Biblio- 
thek bereits aufgestellten Geschenke, und um Euer Hochwürden ein Merk- 
zeichen darüber zu geben, wie sehr ich mich Ihnen erkenntlich beweisen 
möchte, wollen Euer Hochwürden es mit Freundlichkeit aufnehmen, dass 
ich eine mir zu Ehren geprägte Medaille * zum Andenken beilege ; zugleich 
bemerke ich Ew. Hochwürden dem Schriftsteller: dass die Herausgabe so 
mancher Specialgeschichten mit den Urkunden in der gelehrten Republik 
i-uhmvoU aufgenommen ist und als verdienstlich anerkannt wird, ich habe 
darüber Rühmliches für den Herrn Stadtbibliothekar Quix in kritischen 
Blättern gelesen. 



*) Das erste Exemplar wurde zur Censur der Regierung überreicht; pro Bogen 
musstcn 3 Sgr. Censurgebühren entrichtet werden, für die Frankenburg z. B. 1*/» Thlr. 
Censor war eine Zeitlang der Regierungsrat Beue. 

') Dieselbe ist noch im Besitze des Herrn Hub. Quix in Vetschau; sie zeigt auf der 
einen Seite die scharfgeprägte Reliefbüste des Erzbischofs, auf der andeni inmitten eines 
Kranzes die Inschrift: Sanitati restitnto laeta dioecesis. 1833. 



Der Himmel wolle Ew. Hocliwürden bei Fleiss und Kräften erhalten, 

das sind meine Wünsche, welche ich im Gefühle wirklicher Hochachtung 

ex corde äussere. 

Ew, Hocliwürden 

ganz ergebener Diener 

Köln am Rhein Ferdinand Spiegel Graf zum Desenberg 

den 7. April 1835. Erzbischof von Köln. 

Das Interesse des Erzbischofs war übrigens kein oberflächliches. Er 
nahm auch lebhaften Anteil an den materiellen Sorgen, welche die Heraus- 
gabe mancher Schriften ihrem Verfasser machten, er vertiefte sich in das 
Studium seiner Bücher, wies auf Quellen und Litteratur hin und ermunterte 
zu immer ausgedehnteren Forschungen. Schon im Jahre 1825, nachdem 
er die „Historische Beschreibung der Münsterkirche und der Heiligtums- 
fahrt" erhalten, brachte er in einer für den Verfasser anregenden für das 
Verhältnis zwischen beiden charakteristischen Form sein Interesse zum 
Ausdruck. 

„Dem Herrn Oberlehrer Christian Quix gebe ich meinen Dank zu 
erkennen für die angenehme Überraschung, welche Sie mir durch die 
Einreichung der von Ihnen abgefassten historischen Beschreibung der 
Münsterkirche und der Heiligtumsfahrt in Aachen gemacht haben. Das 
Buch war mir noch unbekannt, ich habe es sofort durchgelesen und finde 
es einfach und verständlich abgefasst; es ist ein nützliches Buch, um den 
Sinn für die kirchlichen Dinge in Aachen rege zu halten, es erhellet daraus, 
dass Aachens Einwohner immer geneigt waren für fromme Stiftungen, man 
erfährt aber auch daraus, welchen Verändeningen und Einwirkungen der 
Zeitläufte alle menschlichen Dinge unterliegen. (Forueteung folgt.) 

Verlag der Cremer^schen Bachhandlang (C. Cazin) in Aachen. 



Mittheilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrag des Vorstands herausgegeben 

von 

RICHARD PICK. 

ArchWar der Stadt Aachen. 

Erster Jahrgang. 196 S. gr. 8^ mit 2 Tafeln. Preis 4 JL 
Im Verlage von Rudolf Barth, Aachen, Holzgraben 8, ist soeben erschienen: 

Die Aachener 8tadtbibliothek 

ihre Entstehung und ihre Entwickelung bis zur Gegenwart 

Preis: 50 Pfg. 

Vortrag, gehalten in der General -Versammlung des Aachener Geschichtsvereins am 24. Okt. 1890 

von 

D|« E. Fromm, Bibliothekar der Stadt Aachen. 



DkL'CK. von lIüKMANN KaATZICK IX AaCUKX. 



AuM A§k^h®UB ¥@f^tli 



J&brlich ß— 8 NummcTD Kommissions -Verlag 

i, 1 Bogen Eoyal OkUv. *'^'' 

Creiiicr'flclien Bni'h handln ng 
Prui^ <!<■:) .luhrKanB« (q („i,, 

4 Hark. in AacheQ. 

Mittheilungen des Vereins für Kimde der Aachener Vorzeit. 

Im Auftrage (lux Vereins herausgegeben Tun H. Schnock. 

Nr. 5. Vierter Jahrgang. 1801. 

Inhalt: C. Wauker, Christian Qaix. Sein Leben nnd seine Werke. (Fortsetzung.) — 

K. Wicth, Das Ti^ebnuh des Aachener ätadtsyndikus Melchior Klocker von 1602— 1G08. 

(Fortsotzimg.) — Kleinere Mittkeilnngen: Der er/bischüflichc ThronHcs^cl im stndtischen 

Suerraondt- Muse« in. 



Christian Quix. 

Sein Leben und seine Werke. 

Von C. Wacker. 

Historisch wichtig ist die Mitteilung der Urkunden, und möchte es 
der Mühe lohnen, naclizuforschcn, wohin die Kircheu-Arcliivalien gekommen, 
w^elche vielleicht nur aus guter Meinung, sie wider Kriegsgefahr zu sichern, 
verheimlicht sind und wegen inzwischen eingetretener Todesfälle derselben 
Verwahrungsort unbekannt geblieben ist. - — Auffallend ist es mir, dass zu 
der sogenannten Hoiiigtumsfahrt gar keine päpstliche, nicht einmal bischöf- 
liche Verfügungen, Privilegien oder Autorisationcn angeführt sind, merk- 
würdig wäre es, wenn diese fehlen sollten. Vielleicht aber enthält das 
Aachener Stadtarchiv noch Urkundliches darüber? Ist Ew. Wohlgeborea 
hierüber nichts bekannt? Sobald ich nach Aachen kommen kann, welche 
Ausflucht der Dnvug der allgemeinen Arehiepisropal-Verwaltungssacheu mir 
nicht gestattet, werde ich mit dem Herni Oberlelirer Quix hierüber mich 
beraten. Die Verbindung zwischen dem Bistum Lüttich und den kirch- 
lichen Dingen in Aachen war gross, daher die Liitticher Bistnmsgeschichtc 
und deren (Quellen wohl noch manches historisch Merkwürdige liefern könnten, 
— es ist nur die Frage, wie die ungednickten Quellen zugänglich werden. 

Diese Bemerkungen haben übrigens keinen Zweck, als Ihnen zu 
erkennen zu geben, dass historisclic Untersuchungen viel Anziehendes für 
mich haben, ich daher Ihre Bemühungen in der Herausgabe der historischeu 



— 74 — 

Beschreibung gehörig schätze, und mir soll es angenehm sein, wenn ich 
dem Herrn Oberlehrer Quix meine ergebenheitsvollen Gesinnungen bethä- 
tigen kann/ 

Im Aug. 1831 bedankt sich Graf Spiegel für die Übersendung der 
Schrift über Schloss und Kapelle Bernsberg und bemerkt, dass er die 
Absicht gehabt habe, „Noten zum Text zu schicken*' und an der Aus- 
führung seines Vorhabens nur durch die ihm obliegenden Geschäfte ver- 
hindert worden sei. Im Juni 1832 schreibt er ihm: „ — ich erfahre mit 
besonderm Vergnügen, dass Ew. Hochehrwürden die Geschichte der ehe- 
maligen Reichsabtei Burtscheid beschäftigt und nehme die mir zugedachte 
Widmung dieses Werkes gern und mit wahrem Vergnügen an. Um der 
Sache willen erlaube ich mir die Nachfrage, ob der fleissige und unermüdet 
arbeitsame Herr Quix auch mit den processualischen Archivalien dieser 
Abtei bekannt geworden sind, ansonst muss ich auf die Verhandlungen 
vom ehemaligen Reichskammergerichte in Wetzlar und auf die juristische 
Litteratur in dieser Beziehung aufmerksam machen; die Stadtbibliothek in 
Aachen dürfte manches Datum für die Arbeit liefern." 

Weniger bemerkenswert sind jene Zuschriften, in denen Quix in seiner 
dienstlichen Stellung als Archivar oder Bibliothekar der Stadt von Privaten 
oder Behörden * um Auskunft in den verschiedenartigsten Angelegenheiten 



') Im J. 1835 übersandte ihm die Kgl. Regierung zu Aachen „eine von der 
Kirchenfabrik -Verwaltung zu Hambach bei Gelegenheit einer Reklamation von Stiftungs- 
renten beigebrachte alte Urkunde auf Pergamenf*, deren Übersetzung oder genauere 
Erklärung weder ihr noch den Kgl. Ministerien der geistlichen etc. Angelegenheiten und 
des Kgl. Hauses bisher gelungen sei. Quix wurde „bei der ihm beiwohnenden Kenntnis 
älterer Schriftztige und älterer Urkunden der Kheinlande** ersucht, jene Urkunden zu 
tibersetzen und inhaltlich zu erläutern. In demselben Jahre wurde er von der Regierung 
zum Mitglied einer aus Vertretern der Justiz- und Verwaltungsbehörde bestehenden 
Kommission ernannt, welche die beim hiesigen Landgerichte niedergelegten Archivalien 
der älteren Gerichtsbehörden, namentlich der Ämter des ehemaligen Herzogtums Jülich 
durchsehen und sichten soUte. — Im J. 1837 wurde er von derselben Behörde gebeten, 
von einer dem Düsseldorfer Provinzialarchiv angehörigen Pergamenturkunde von 1492, 
wodurch das Kapitel zu Heinsberg den Horsterhof an verschiedene Personen in Erbpacht 
gegeben hatte, eine getreue Abschrift und Übersetzung anzufertigen und einzureichen. 
Quix forderte für diese Mühe 3 Thlr. 

In einem Lokale des (jetzigen Kaiser-Karls-) Gymnasiums lagerte noch im J. 1825 
eine grosse, aus dem aufgehobenen Jesuitenkloster herrührende Bttchersammlung. Schon 
am 19. April 1776 hatte die reichsstädtische Behörde („die Herrn Beambten**) beschlossen, 
„dass die vorrätige Haus-Mobilien und die Bücher deren ehemaligen Jesuiter verkauft 
und inmittelst der Cathalogus Librorum zu jedermanns Nachricht gedruckt werden soUe". 
Der „Catalogus omnium librorum, qui in bibliothcca coUegii S. I. Aquensis extant et 
publice vendentur 14. die seq. mensis Octobr. 1776" ist noch vorhanden. Aus unbekannten 
Gründen ist die Bibliothek aber damals nicht versteigert. Sie wurde zur französischen 
Zeit dem Bischof von Aachen für die Diözese geschenkt und später dem Erzbischof 
von Köln zur Verfügung gestellt. Letzterer wollte einen Teil dieser Bücher, insofern sie 
sich dazu eigneten, dem Gymnasium überlassen, Hess sich aber zuvor ein Verzeichnis 
derselben anfertigen. Quix Wurde nach Übereinkunft zwischen der Kgl. Regierung und 
dem General -Vikariat mit dieser Arbeit betraut. Er erhielt dafür 80 Thlr., woraus 
gefolgert werden muss, dass 'die Inventarisierung der Bücher wegen ihrer Masse eine 
schwierige war. Der Erzbischof Hess einen Teil der Bibliothek für sein Seminar ausscheiden 



— 75 — 

der lokalen oder territorialen Altertumskunde angegangen wurde. Als 
z. B. im Jahre 1837 Professor Homeyer in Berlin, beschäftigt mit den 
Vorarbeiten zur Herausgabe der deutschen ßechtsbücher des Mittelalters, 
das Kultusministerium gebeten hatte, ihm über die Existenz von Hand- 
schriften in den Archiven, Bibliotheken und sonstigen öffentlichen oder 
Privatsammlungen Auskunft zu erteilen, berichtete Quix auf die diesbezüg- 
liche Anfrage der hiesigen Regierung, dass solche Handschriften in dem 
Archive und der Bibliothek Aachens nicht vorhanden, ihm auch sonst bei 
seinen historischen und antiquarischen Forschungen niemals in die Hände 
gekommen seien. 

Eine Anfrage dieser Art schloss für Quix persönlich natürlich keine 
Art der Anerkennung in sich; anders war es schon mit dem folgenden, 
vom berühmten Justizminister Savigny eigenhändig unterzeichneten Zuschrei- 
ben, das sich inhaltlich von selbst erklärte 

„Nach dem Beschlüsse des Kgl. Staatsministeriimis sollen die für die 
einzelnen Territorien der Rheinprovinz während ihres früheren selbständigen 
Bestehens ergangenen Verordnungen gesammelt und zusammengestellt und 
jeder Sammlung eine übersichtliche Darstellung der früheren Verfassung 
und Verhältnisse des Territoriums vorangeschickt werden. Diese Samm- 
lung ist für die ehemalige Reichsstadt Aachen und deren Gebiet dem 
Appellationsgerichtsrate Freiherrn Brewer von Fürth zu Köln übertragen. 
Ew. Wohlgeboren genaue und umfassende Kenntnisse der früheren Verhält- 
nisse der Stadt Aachen, welche Sie neuerdings durch die von Ihnen heraus- 
gegebene schätzbare und interessante Geschichte dieser Stadt wiederum 
bewährt haben, erregen in mir den Wunsch, dass Sie Herrn von Fürth 
bei dieser Sammlung Ihre Unterstützung gewähren mögen. Den näheren 
Plan derselben ersehen Sie aus der beigefügten Instruktion vom 28, April 
1839. Insbesondere würde es mir angenehm sein, wenn Sie 

1. die von dem Herrn von Fürth verfasste, der Sammlung voran- 
zuschickende Darstellung der frülieren Verfassung und Verhältnisse der 
Stadt gutachtlich beurteilen, Ihre Monita dem Herrn von Fürth mitteilen 
und denmächst dieselben gemeinschaftlich mit dem letzteren nebst der 
Arbeit mir vorlegen, 

2. die eigentliche Sammlung der Verordnungen kritisch revidieren 
und die Abschriften und früheren fehlerhaften Abdrücke der Urkunden mit 
den Originalien vergleichen wollten. 



und nach Köln schicken, einen andern schenkte er dem Gymnasium; den Kest Üess er 
öffentlich in zwei Abteilungen versteigern; für den 1. Teil wurde ein Erlös von 142 Thlm. 
erzielt. Verpackung und Transport der für Köln bestimmten Bücher kosteten 52 Thlr. 
Der dem Gymnasium überlassene Teil der Bibliothek bestand aus 297 Büchern, meist 
altem Ausgaben deutscher Klassiker. Die im Gymnasial-Programm von 1877 veröffent- 
lichten 19 Nummern der (noch jetzt) in der Gymnasial-Bibliothek befindhchen vor 1550 
gedruckten Bücher werden wohl auch ausnahmslos zu jener Schenkung gehört haben. 
Aus aUem diesem und dem Umfange des Katalogs geht hervor, dass die ehemalige 
Jesnitenbibliothek eine bedeutende gewesen sein muss. 

*) Vgl. hierzu Loersch, Aachener Bechtsdenkmäler S. 14 flg. 



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Die Ihnen hierbei erwachsenden Auslagen werde ich Linen ungesäumt 
ei*statten und sehe daher deren Liquidation zu ihrer Zeit entgegen. Ich 
habe den Herrn von Fürth angewiesen, über die Arbeit mit Ihnen in 
Kommunikation zu treten und übersende Ihnen hierbei eine frühere Arbeit 
desselben über das Statutarreclit der Stadt Aachen zur vorläufigen Kennt- 
nisnahme. 

Berlin, Der Justiz-Minister: Savigny^*' 

den 12. März 1842. 

Die Anerkennung seines Wirkens, welche in den meisten der citierten 
Schreiben ausgesprochen war, musste Qiüx ein kleiner Lohn für die auf- 
gewandte Mühe sein. Seit zwei Jahrzehnten unausgesetzt historischen 
Studien obliegend, hatte er sich mit energischem Willen ein lohnendes Ziel 
gesetzt, das ihn immer wieder begeisterte und ihm über manche Stunde 
des Unmuts hinweghalf. Die Masse des historischen Materials, in zahlreichen 
Monographieen niedergelegt, sollte zu einer wissenscliaftlichen, streng- 
kritischen Geschichte Aachens zusammengefasst und so ein würdiger Abschluss 
aller Einzelforschungen sein. Wie bitter musste es für den kränkelnden Greis 
sein, diese letzte Hoffnung unerfüllt zu sehen. Wegen materieller Schwierig- 
keiten konnte er es nicht ermöglichen, die Geschichte Aachens, deren 1. 
und 2. Band 1840 und 41 erschienen waren, vollständig herauszugeben. 
Der dritte Band war druckfertig, als sich Quix zur Verhütung weiterer 
Geldverluste, — nachdem er vielleicht schon vorher ohne Erfolg an die 
Stadt appelliert hatte — durch Vermittelung der Aachener Regierung mit 
einem Gesuch um Unterstützung seines Werkes an das Kultusministerium 
wandte. Er wurde abschlägig beschieden. „Euer Hocli würden", so schrieb ihm 
am 17. März 1843 die Regierung, „wird auf die Vorstellung vom 4. Januar er. 
hierdurch eröffnet, dass wir unterm 26. eiusd. m. bei dem Herrn Minister die 
Bewilligung einer ausserordentlichen Unterstützung zur Förderung der von 
Ihnen beabsichtigten Herausgabe des 3. Bandes Ihrer Geschieht« der Stadt 
Aachen für Sie in Antrag gebracht haben, von Seiner Exccllenz aber dahin 
beschieden worden sind, dass Hochdieselbe bei den vielfachen bereits zu- 
gesagten Unterstützungen umfangreicher wissenschaftlicher Unternehmungen 
bedauern müssten, unserm Autrage nicht entsprechen zu können.** Der un- 
günstige Entscheid war für den Gelehrten eine bittere Enttäuschung. Er 
hatte ziemlich sicher erwartet, seine Bitte erfüllt zu sehen. Böhmer hatte ihn 
auf diesen Weg verwiesen und die für ihn schmeichelhafte Zuschrift des 
Justiz-Ministers konnte ihn in semen Erwartungen nur bestärken. Zu dem 
ungünstigen Ausgange dieser Sache kam für ihn die zunehmende Schwäche 
seines Körpers. In seinen Arbeiten war er in den letzten Jahren immer 
mehr behindert durch die zunehmende Altersschwäche, welche das alte 
Übel der Schwerhörigkeit fortwährend steigerte. Immer weniger trat er 
in der Öffentlichkeit auf; an seinem eignen Wohnorte war er halb ver- 
schollen, nur wenige Freunde suchten ihn in seiner Zurückgezogenheit 

^) Bis zum 19. Juni desselben Jahres hatte Quix auf diese Anfrage des Ministers 
noch nicht geantwortet. Er wurde deshalb von ihm in weniger freundlichem Tone um 
Mitteilung seines Entschlusses angegangen. 



— 77 — 

auf. Die Herausgabe des 3. Bandes seiner Geschichte Aachens hoffte er 
noch immer in irgendeiner Weise ermöglichen zu können, als er aus allen 
seinen Plänen durch den Tod herausgerissen wurde. Nach kurzem Kranken- 
lager starb er in seiner in der Mörgensgasse belegenen Wohnung am 
13. Januar 1844, abends 6 Uhr, an Entkräftung. Am Dienstag, den 16. 
Januar, nachmittags 3 Uhr wurde er von der Geistlichkeit von St. Jakob 
zu Grabe geleitet. Ein Denkmal wurde ihm nicht gesetzt. Da der Teil 
des Friedhofes, auf dem er beigesetzt wurde, seitdem schon wieder zweimal 
mit Leichen belegt worden ist, so ist seine Ruhestätte heute nicht mehr 
aufzufindend Die Öffentlichkeit nahm wenig Notiz von seinem Tode, bis 
der aus der Feder des Gymnasial-Oberlehrers Dr. J. Müller stammende 
Nekrolog in der Stadt -Aachener Zeitung vom 18. Januar die Lebenden 
an die grossen Verdienste des verstorbenen Forschers erinnerte. Seine 
Freunde grollten den Bürgern Aachens wegen der Lauigkeit, die sie den 
Bestrebungen jenes Mannes entgegengebracht. „Sind seine Bemühungen 
anerkannt worden, wie sie es verdienten?" fragte A. Reumont in der 
Aachener Chronik. „Ich zweifle sehr daran. Wenn er am Schlüsse seiner 
Vorworte zu sagen pflegte, er wünsche, dass sein „Büchelchen** dazu 
beitragen möge, Liebe zur vaterländischen Geschichte zu erregen, so waren 
das nur pia vota. Wenige Leute sind weniger gelesen worden, als Quix." 
Femer: „Quix hätte es immerhin verdient, dass er wenigstens Teilnehmer 
gefunden hätte, um die Fortsetzung (der „Geschichte der Stadt Aachen**) 
drucken lassen zu können, ohne bedeutende Einbusse befürchten zu müssen, 
wie er sie beim zweiten Teil schon erlitten. Nun aber sah er sich am 
Ende eines thätigen Lebens ausser stände, das Begonnene fortzusetzen, 
und die Aachener werden lange warten müssen, bis einer sich findet, der 
die Geschichte ihrer Stadt schreibt.** 

n. 

Seitdem durch den Humanismus Kunst und Wissenschaft neu belebt 
und nach und nach auch der Geist historischer Kritik und methodischer 
Geschichtsforschung wiedererwacht war, gab man immer mehr die fast 
ausnahmslos geübte Manier auf, die Geschichte der Vergangenheit unter- 
schiedslos aus den Originalquellen und deren oft um Jahrhunderte späteren 
Bearbeitern und Excerptoren zu schöpfen. Im Streben, Kriterien der Wahr- 
heit aufzusuchen, bemühte man sich festzustellen, wer von den vorliegenden 
Berichterstattern im einzelnen Falle Augenzeuge und Zeitgenosse gewesen 
sei, ob und inwieweit eine Quellenangabe Glauben verdiene. Zugleich damit 
stieg die Wertschätzung der Urkunden, der festesten Stützen historischer 
Wahrheit, die aber — im Verfassungsleben früherer Jahrhunderte das 
vornehmste Beweismittel aller Rechtsansprüche — vielfach gefälscht wurden 
und einer scharfen Prüfung bezüglich ihrer Echtheit unterzogen werden 

*) So lese ich m dem erst nach der ersten Drucklegung des vorliegenden Textes 
erschienenen Aufsatze von Joseph Lennartz in Nr. 88, 92 und 93 des Politischen Tage- 
blatts, Jahrgang 1891. 



— 78 — 

mussten^ So kam man im Laufe der Zeit zu einem Kanon allgemeiner 
kritischer Grundsätze und historischer Forschungsregeln, der aber noch 
eine Zeitlang zu wenig in die breiteren Schichten der gebildeten Welt 
eindrang und gleichsam das Eigentum einer abgeschlossenen Gelehrtenzunft 
blieb, die sich, wie natürlich, vorwiegend der noch wenig bearbeiteten 
allgemeinen Geschichte des deutschen Volkes, höchstens noch der Terri- 
torialgeschichte grösserer Reichsländer zuwandte. Abseits vom Wege, in 
der Geschichtsschreibung der Städte und kleineren Territorien wucherte 
noch üppig das Unkraut unkritischer Geschichtsforschung, die ohne Sinn 
für Kritik und geschichtliche Wahrheit, „eher geneigt zu glauben als zu 
prüfen, der Phantasie das Übergewicht über den Verstand gab und keinen 
Unterschied kannte zwischen idealer und thatsächlicher, zwischen poetischer 
und geschichtlicher Wahrheit*/ Die Grundsätze der kritischen und wissen- 
schaftlichen Geschichtsforschung zuerst auf dem Gebiete der Aachener 
Stadt- und Territorialgeschichte angewandt und für immer zur Geltung 
gebracht zu haben, ist Chr. Quix' erstes und bedeutendstes Verdienst 

Im Jahre 1811 schrieb B. G. Niebuhr in der Vorrede zu seiner Römischen 
Geschichte: „Gegen den Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts erwachte 
für unsere Nation wieder ein neues Zeitalter. Das Oberflächliche 
befriedigte nirgends . . . Es war eine Zeit, in der wir Unerhörtes und 
Unglaubliches erlebten, eine Zeit, welche die Aufmerksamkeit auf viele 
vergessene und abgelebte Ordnungen durch deren Zusammensturz hinzog 
und unsere Seelen durch die (jefahren, mit deren Dräuen wir vertraut 
wurden, wie durch die leidenschaftlich erhöhte Anhänglichkeit an Landes- 
herrn und Vaterland stark machte . . . Die Vergegenwärtigung anderer 
Zeiten bringt dieselben der Teilnahme und dem Gefühl des Geschichts- 
schreibers um so näher, je grössere Begebenheiten er mit zerrissenem oder 
freudigem Herzen erlebt.** 

Die grossen Ereignisse jener Zeit hatte auch Quix „mit zerrissenem 
oder freudigem Herzen** an sich vorübergehen lassen. Sah er mit dem 
Gefühl der Genugthuung den Zusammenbruch der Fremdherrschaft, so 
rausste der Untergang so mancher alten, liebgewonnenen Ordnung ihn, den 
Exkarmeliter, zur Wehmut stimmen. Er fühlte mit seinen Zeitgenossen 
den Übergang in eine neue Welt und hatte den Willen, wenigstens in 
der Erinnerung der Menschheit festzuhalten, was einer veränderten Zeit- 
richtung nicht mehr als existenzberechtigt galt. „Manches ist in unsern 
stürmischen Zeiten von seiner Stelle gerückt; manches hat eine andere 
Form und Gestalt erhalten; manches ist zu Grund gegangen.** So schrieb 
er im Jahre 1818, als er seine Erstlingsschrift dem Drucke übergab. Und 
er fügt hinzu: „Was aber vorhin war und wie es war, soll nicht verloren 
gehen.** Historische Wahrheit solle sein einziges Ziel sein — mit diesem 
Vorsatz begann er seine Forschungen in der Geschichte Aachens und seiner 

*) Vgl. E. Beruheiin, Lehrbuch der histor. Methode S. 120 %. 

^) Vgl. V. Sybol: Über die Gesetze des historischen Wissens'' S. 16 flg. Bern- 
heim S. 124. 



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Umgebung. Es erscheint notwendig, kurz zu erwähnen, was auf diesem 
Gebiete bereits vor ihm geleistet war. 

DieGeschichtsschreibung Aachens vor dem Untergang seiner 
reichsstädtischen Selbständigkeit ist keine bedeutende. Sie ist nach 
ihrem wissenschaftlichen Werte gewürdigt von H. Loersch, dessen leider 
zerstreute Ausführungen ^ hierüber notwendig von jedem eingesehen werden 
müssen, der sich mit eingehenderen Studien auf dem Gebiete . der Aachener 
Geschichte befassen will. Drei Namen repräsentieren die reichsstädtische 
Geschichtsschreibung: Petrus a Beeck, Noppius und