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Full text of "Aus Aachens Vorzeit"

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Ais Alikens Totzeit. 



Mitteilungen des Vereins „Aachens Vorzeit", 



Im Auftrag des wissenschaftlichen Ausschusses herausgegeben 



Heinrich Schnock, 



<v 



NEUNZEHNTER JAHRGANG. 




AACHEN. 
Kommissions -Verlag dee Cbemersi Buchhandlung (C. Cazin). 

1 906. 



tot GEH y CENTER 
UBRARV 



INHÄLT. 



Seite 

i. Die älteste Entwickelung der Gemeinde Burtscheid. Von 

H. Seh ii<H-k 1 

2. Die keramischen Funde und Pfahlbauten in der Corneliusstrasse. 

Von H. Savelsberg 7 

3. Ausgrabungen und Funde aus vorgeschichtlicher Zeit in Escli- 

weiler und Umgegend. Von F. Cramer 22 

4. Kleinere Beiträge zur Geschichte von Aachen und Burtscheid. 

Von E. Pauls 31 

5. Das Hau- „Die Landskrone". Von f J. Pschmadt .... 44 

6. Geschichtsliteratur des Jahres 1905 über Aachen in Zeitschriften 

und Tagesblättern. Zusammengestellt von EL Savelsberg. 49 

7. Bericht über altertümliche Funde in Aachen im Jahre 19ü.~>. Von 

H. Savelsberg 60 

8. Kleinere Mitteilung: 

Ausgaberechnung bei der Einkleidung eines Conventualen der 
Abtei Cornelitnünster. Von Schmitz 63 

9. Die Behörden in der ehemaligen „Herrlichkeit'' Burtscheid. Von 

. EL Schnock 65 

10. Aachener Reiseverkehr im Mittelalter. Von A. Karll ... 91 

11. Kleimre Beiträge zur Geschichte von Aachen und Burtscheid. 

(Fortsetzung.) Von E. Pauls 123 

12. Kleinere Mitteilung: 

Berichte über abnorme Witterungsverhältnisse dir Jahre 1709 
und 1710. Von F. K. Becker 132 

13. Erwiderung. Von EL F. Macco 13(i 

14. Antwort auf vorstehende „Erwiderung". Von H. Schnock . 140 

15. Die evangelischen Eeiligtümer in der früheren reichsabteilichen 

Renedictinerkirche, nunmehrigen Pfarrkirche zu Cornelimünster. 

\ hu .1. Kleinermanns 14."> 

16. Vergleich zwischen der Aachener und Cölner Mundart. (Fort- 

setzung.) Nun A. Jardon 157 

17. Kleinere Mitteilung: 

Aachener DrohbrhdV des 18. Jahrhunderts. Von F. K. Becker 168 

18. Bericht über die Monatsversammlungen und Sommerausflüge. 

Von VV. Brüning 174 

19. Bericht über das Vereinsjahr 1905/06. Von IL Savelsberg . 189 



. . 




V Xl 



Mitteilungen 
„Aachens 





des Vereins 
Vorzeit". 



Im Auftrage des wissenschaftlichen Ausschusses 
herausgegeben von Heinrich Schnock. 



Nr. 1/4. 



Neunzehnter Jahrgang. 



1906. 



Inhalt: Heinrich Schnock, Die älteste Entwickelung der Gemeinde Burtscheid. — 
Heinrich Savelsberg, Die keramischen Funde und Pfahlbauten in der Korneliusstrasse. — 
Franz Gramer, Ausgrabungen und Funde aus vorgeschichtlicher und römischer Zeit in 
Esch weil er und Umgegend. — Emil Pauls, Kleinere Beiträge zur Geschichte von Aachen 
und Burtscheid. — f J. Pschmadt, Das Haus „Die Landskrone". — H. Savelsberg. ße- 
schichtsliteratur des Jahres 1905 über Aachen in Zeitschriften und Tagesblättern. — 
H. Savelsberg, Bericht über altertümliche Funde in Aachen im Jahre 1905. — Kleinere 
Mitteilung: Schmitz, Ausgabenrechnung bei der Einkleidung eines Conventualen der 

Abtei Cornelimünster. 



Die älteste Entwickelung der Gemeinde Burtscheid. 

Von Heinrich Schnock. 

Von den Römern während ihres fast 200jährigen Aufent- 
haltes in hiesiger Gegend gekannt und besiedelt, war Burtscheid 
in karolingischer Zeit eines der vielen Hofgüter, die in grosser 
Zahl in der Nähe der Aachener Pfalz gelegen waren und von 
ihr, dem Haupthof, als Nebenhöfe abhängig waren '. Aus dem 
Königshof Burtscheid entwickelte sich verhältnismässig schnell 
die communitas Porcetensis/, die Burtscheider Gemeinde, denn 
ältestes Recht aus der karolingischen Hofverfassung hervorging. 
Wie ist nun diese Entwickelung vor sich gegangen? Die zum 
Königshof Burtscheid gehörigen Ländereien waren bereits im 
Jahre 1018 durch Heinrich IL aus dem Verbände mit der 
Aachener Pfalz gelöst und der Abtei übergeben worden. Nicht 
lange nachher wurden auch die auf den Ländereien angesiedelten 
Bewohner auf Ersuchen t\v> Abtes Benedikt vermittels Urkunde 
vom Jahre 1040 durch Heinrich 111. aus dessen Hörigkeit in 

') Vgl. ..Aus Aachens Vorzeit", Jahrg. XV. S. 97 ff. 
2 ) Qui x. Frankenburg, Urk. 2. 



- 2 -- 

die der Abtei überwiesen, wodurch die Burtscheider aus horaines 
regii, homines ecclesiae, Kirchenleute, wurden. Als dann im 
Jahre 1220 Erzbischof Engelbert von Köln in das Kloster Burt- 
scheid mit Einwilligung - des Abtes und der letzten vier Mönche 
die Cisterziensernonnen vom Salvatorberge bei Aachen berief, 
ging mit der Abtei auch die Hoheit über das predium Porcetense 
und seine Bewohner an die Äbtissin über, der darum auch von 
Seiten der homines ecclesiae der Treueid (fidelitas) geleistet 
werden nmsste, wie wir aus einem Vertrag 1 zwischen Abtei und 
Vogt vom Jahre 1226 ersehen, der neben seinen Bestimmungen 
gegen die unerträglichen Ausschreitungen des Vogtes dem Kloster 
gegenüber, für die Burtscheider Ortsgeschichte höchst wichtige 
Mitteilungen enthält. Der Ausdruck homines ecclesiae scheint 
nicht nur wegen ihrer Verpflichtung zum Treueid von den Burt- 
scheidern gebraucht zu werden, sondern auch, weil eine gewisse 
Hörigkeit noch immer bestand. Der Ausdruck „homines" ist 
nach v.Maurer 2 gleichbedeutend mit „höriger Hintersasse", d.h. 
er bezeichnet Leute, die teils durch freiwillige Unterwerfung 
(dem stünde in Burtscheid die königliche Schenkung gleich), 
teils durch den blossen Besitz von herrschaftlichem Grund und 
Boden unter die Gewalt des Grundherrn gekommen waren. Die 
Abtei war durch die Schenkungen Heinrichs II. und III. Grund- 
herrin und Herrin über die bis dahin königlichen, unfreien Be- 
wohner ihrer Herrschaft geworden. „Sie hatte in ihrer Herr- 
schaft in aller und jeder Beziehung dieselben Rechte, die auch 
die königlichen Grundherren in derselben gehabt hatten, also 
insbesondere die Dorf-, Feld- und Gewerbepolizei." Ihre Rechte 
waren jedoch beschränkt auf ihre unfreien und hörigen Hinter- 
sassen. Seitdem die Abtei aber durch Konrad III. im Jahre 1138 
Immunität erlangt hatte, waren auch ihre „freien Colonen den 
schutzhörigen Leuten gleichgestellt." Von nun an mussten alle 
Hintersassen, die unfreien und hörigen ebensowohl wie die nun 
schutzhörig oder grundhörig gewordenen, ehemalig freien Colonen, 
ihr als Grund- und Schutzherrin den Eid der Treue leisten 3 . 
Noch im Anfange des 14. Jahrhunderts war die Leibeigenschaft 
in Burtscheid nicht völlig verschwunden. Denn im Jahre 1314 
entlässt Vogt Edmund von Frankenberg vier Familien aus der 



8 ) Qu ix, Frankenburg, Urk. 1. 

4 ) Geschichte der Fronhöfe u. s. w., Bd. I, S. 280. 

5 ) v. Maurer I. c. S. 30(3 und 807. 



— 3 — 

Leibeigenschaft 3 (manu niitto el ab omni vinculo servitutis 
absolvo), die von jeher seinen Ahnen leibeigen gewesen waren 
(quos et quorura parentelam progenitores mei ab olim pro 
maneipiis tenuernnt). Im allgemeinen haben aber die nomines 
ecclesiae schon so bedeutende Rechte erworben, dasa man nichl 
wohl an ihrer persönlichen Freiheit zweifeln kann. Ks folgt, 
das ans ihrem Verhältnis zur Abtei und zum Vogt. Zunächst 
gehört der Abtei und untersteht ihrer völlig freien Verfügung 
nur noch ein Teil des Grund und Bodens; das übrige ist, soweil 
es nicht schon in Privatbesitz übergegangen ist, Almende 
(communitas). und wenn die Abtei davon etwas benutzen will, 
bedarf sie der Zustimmung des Vogtes und der Kirchenleute. 
Was die Waldungen betrifft, so hat Äbtissin und Convent nur 
über den sogenannten Kammerforst 2 (später Mafrauenstatz genannl ) 
unbeschränktes Verfügungsrecht; es gab also auch einen Wahl- 
bezirk, in dem sie nur beschränkte Rechte hatte, und das wai- 
der sogenannte Oberbusch. Auffallenderweise zählt der Vertrag 
sogar das Wasser zur Almende, indem er die Bestimmung trifft, 
dass die Abtei zwei Wasserkanäle (für das warme und kalte 
Wasser), von denen der eine Tag und Nacht, der andere nur 
an Festtagen läuft, haben solle, während das aus dem Kloster 
abfliessende Wasser das der Gemeinde nicht beschmutzen darf 
(aquam communem non offendat). In späteren Zeiten ist die 
Äbtissin als „Grundfrau" auch Herrin über das Wasser 3 . Als 
Landesherrin setzt die Äbtissin auch den Meyer, der in ihrem 
Namen den gewöhnlichen Gerichtssitzungen vorsteht, während 
dem Vogte der Vorsitz bei den drei Vogtgedingen zusteht (ähn- 
lich dem heutigen Unterschiede zwischen Civil- und Criminal- 
sachen). Auch dem Vogte gegenüber ist die Leistungsfähigkeil 
der Burtscheider beschränkt. Ausser seinen Gerichtsgebühren 
darf derselbe ihnen als petitio (euphemistisch für Steuer) nur 
drei Mark auferlegen, „wie auch sein Vater nie mehr, sondern 
hantig weniger erhalten hat"; zu Hand- und Spanndiensten für 
den Vogt sind die Einwohner gar nicht verpflichtet, sondern 
leisten dieselben ganz nach Belieben '. Aus diesen Abweichungen 



') Quix, Frankenburg, l'rk. 10. 

2 ) Quix, Prankenburg, LTrk. 5 — „Verwerl en -;il der \ "it noch en 
gein siner Nakumelinge in den Kamervorst mit ze düue liain." 

3 ) () uix, Burfcscheid, Qrk. 2. 

4 ) Quix, Frankenburg, l'rk. l: De silvn, gue Camcrvorsl dicitnr, Abba- 



— 4 — 

zwischen Abtei und Vogt ist ersichtlich, dass auch die Burt- 
scheider günstige Gelegenheiten, für sich selbst grössere Frei- 
heiten und Rechte zu erwerben, nicht unbenutzt haben vorüber- 
gehen lassen. 

Die Gliederung - der ältesten Burtscheider Gemeinde ist 
enthalten in einem neuen Vergleich zwischen Abtei und Vogt, 
den Graf Wilhelm von Jülich durch Urkunde vom Jahre 1261 
bestätigt. Dort heisst es: „Vorwert sal dit Goizhus ende der 
Voit ere Gemeinde nuzzen, also id Gemeindenreht is; darna der 
Scheffene, also id rhet is; darna der Ackerman; darna der 
Huvenere; darna Kottere, ende alle, die in deine Gerichte gesezzen 
sien, also, alse id Gemeindenreht is. Das en sal nieman mögen 
verhufen, noch uzer dene Gerillten vuren, he in dnit bit orlove 
dis Goizhus, ende dis voitz ende die ze rehte darane wesen 
solen." Nehmen wir aus der Urkunde von 1226 den „Meier" 
hinzu, der in der genannten Urkunde nicht erwähnt wird, weil 
er nur Stellvertreter und Diener der Äbtissin war, alle seine 
Autorität von ihr hatte und keine eigene selbständige Stellung 
einnahm, so erkennen wir, dass, wie oben bereits angedeutet, 
das älteste Burtscheider „Gemeinderecht" aus der karolingi sehen 
Hof Verfassung hervorgegangen ist. Meier und Schöffen sind 
Gerichts- und Verwaltungsbehörde für alle, „welche in dem 
Gerichte angesessen sind"; ausser diesen hat die Abtei als Be- 
sitzerin von Grund und Boden und der Vogt des Amtes halber 
besondere Anrechte am Gemeindebesitze. Von den Gemeinde- 
mitgiiedern wird aber nur der ackerbautreibende Teil namentlich 
hervorgehoben, während der Gewerbetreibenden und Handwerker 
noch keine besondere Erwähnung geschieht. An diese werden 
wir bei dem allgemeinen Ausdruck „alle die in deine gerillte 
gesezzen sien" zu denken haben. Es ist dies um so auffallender, 



tissa et conventus libere dispiuaut obsqua advocato. Vgl. v. Maurer, Ge- 
schichte der Frohnhöfe, I, S. 28: Die unfreien Colonen unterschieden sich 
von andern unfreien Leuten nur dadurch, dass sie von ihrem Herrn Grund 
und Boden zum eigenen Anbau erhalten hatten. Dieser Grundbesitz war 
aber meistenteils sehr klein und bestand öfters nur in einer Wohnung (cesa) 
ohne weitern Grundbesitz oder nur in sehr wenigen Feldern. Daher wurden 
sie casati = Rüther genannt. Wenn ihr Grundbesitz ein Colonat war, so 
nannte man sie coloni. Wenn aber das ihm übergebene Land ein wirklicher 
Bauernhof (mansus) oder eine Hube (huba) war, so wurden sie Bauern (mansio- 
narii), später Hubner oder Mauser und zuweilen auch noch casati genannt. 



— 5 — 

als gewiss auch damals schon, wie später noch im 16. und l v . 
Jahrhundert, das Ackerland in der Herrlichkeit Burtscheid, ab- 
gesehen von den Ländereien der Abtei und des Hauses Franken- 
berg, verhältnismässig - unbedeutend und wenig steuerkräftig war. 
wählend auf der anderen Seite die Tuchmacher damals schon 
eine gewisse Bedeutung erlangt hatten. Die Ursache der be- 
fremdenden Aurzählung der Gemeindeberechtigten dürfte wohl 
darin zu suchen sein, dass wie anderswo so auch in Burtscheid 
die Leibeigenschaft zuerst bei den Grundbesitzern und dann 
erst bei den Handwerk- und Gewerbetreibenden aufgeholt habe. 
Die bereits erwähnte Freilassung von Leibeigenen seitens des 
Vogtes im Jahre 1314 erstreckte sich bezeichnender Weise nur 
auf Angehörige des Tuchmachergewerbes, nämlich auf zwei 
pileatores (Filzmacher), einen Weber und auf einen gewis 
Eütger, genannt „campsleger" (Kammstricker?). Auch folgende 
Tatsache scheint für jene Anschauung zu sprechen. Die Tuch- 
macher bildeten schon vor 1300 eine Zunft; denn von diesem 
Jahre ab erhoben sie von jedem Neueintretenuen mit Erlaubnis 
der Äbtissin Jutta eine Mark Eintrittsgeld (quod quicunqne ex 
nunc in antea de novo officium pannificum in dieta villa de 
Purscheto exercere voluerit, quod talis de novo assumptus ad 
ipsum officium pannificum pro introitu suo ad dictum officium 
pannifieibus in dieta villa pannos conficientibns marcam unam 
exsolvet 1 . Die formelle Erlaubnis zur Bildung dieser Zunft, 
die tatsächlich schon längst bestand, gaben aber Äbtissin und 
Vogt erst 1306. nachdem und weil die Tuchmacher die Aligabe. 
welche sie letztern zu geben pflegte, mit einer grossen Summe 
Geldes abgekauft, oder, wie die Urkunde sagt, quitt gemacht 
hatten (pannifieibus ... in districto nostro Porcetvnsi comino- 
rantibus indulgemus . . . quod fraternitatem invicem constituant 
in sui officii utilitatem et profectum, ita quod omnis advi 
eorum officium ingrediens, unam marcam . . . ad fraternitatem 
conferat . . . alioquin dictum officium pannificii non possil uec 
debeal exercere quia dicti panuifices erga ine Emundum (Vogt) 
pannorum parandorum obulos, qui michi in dicto districtu solvi 
consueverunt, cum magna soinma peeuniae aequitarunt) 2 . Nach- 
dem also die Tuchmacher den letzten Resl ihrer ehemali 



') Quix, Frankenburg, Urk. 7. 
2 ) Daselbst Urk. 8. 



ö 



Hörigkeit dem Vogte abgekauft hatten, stimmte dieser der Er- 
richtung einer Zunft zu. Dass trotzdem noch einige zur Zunft 
gehörige Familien in der Leibeigenschaft des Vogtes verblieben, 
bis dieser sie 1314 entliess, mag wohl auf privatrechtlichen 
Gründen beruht haben. Auch die übrigen Bewohner Burtscheids 
müssen sich damals einer gewissen Wohlhabenheit erfreut haben; 
denn sonst hätten sie dem Vogte Edmund nicht ein freiwilliges 
Geschenk von 200 Aachener Mark, einer für die damalige Zeit 
recht ansehnlichen Summe, machen können 1 . Diese 200 Mark 
scheinen dazu gedient zu haben, „den Leuten des Dorfes Burt- 
scheid — homines villae Porcetensis — grössere Freiheiten zu 
verschaffen". 



') Qu ix, Frankeuburg, Urk. 9. 



Die keramischen Funde und Pfahlbauten 
in der Korneliusstrasse 1 . 

Von Heinrich Savelsberg. 

Ein besonderes Interesse hat man in den letzten Jahren 
den zahlreichen Ausgrabungen von Aachener Töpfen und Krügen 
einerseits und den merkwürdigen Pfahlgruben andrerseits zu- 
gewandt, die bei Gelegenheit der Grundarbeiten zu mannig- 
fachen Neubauten in den letzten Jahren bezw. Jahrzehnten 
gemacht wurden. Quix hatte bereits- daraufhingewiesen, dass 
das Töpferhandwerk vormals in Aachen stark betrieben worden 
sei. Aber die Lokalgeschichte hatte sich bis dahin mit diesem 
Gegenstande sehr wenig beschäftigt. Wer sich in früheren 
Jahren für Keramik besonders interessierte, der sammelte haupt- 
sächlich Erzeugnisse aus Siegburger, aus Frechener und vor 
allem aus Raerener Töpferwerkstätten, Steinzeug-Krüge und 
Gefässe. die namentlich im 16. und 17. Jahrhundert teils im 
Lande selbst dem häuslichen Gebrauche dienten, teils von 
reisenden Kaufleuten weithin vertrieben wurden. Aachener Töpfer- 
waren wurden entweder vielfach geleugnet oder doch wenigstens 
vollständig missachtet. Und doch hat die diesbezügliche Forschung 
ergeben, dass man sowohl auf dem Krugenofen, der ja von dem 
Racken der Tongefässe seinen Namen hat, als auch in der Franz- 
strasse und an manchen andern Stellen der Stadt vielbenutzte 
Töpfereiengehabt hat. 

Über den alten Töpferofen auf dem Krugenofen bin ich in 
der Lage, einen höchst interessanten, von dem verstorbenen 
Herrn Jakob Kalif hinterlassend] Fundbericht im Auszüge mit- 



') Vortrag, gehalten in <1<t Eauptversanimlung des Ven ...\ hens 
Vorzeit" vom 17. November 1905, anter Benutzung des ebenfalls die Pfahl- 
gruben behandelnden, meine Ausführungen in einzelnen Punkten ergänzenden 
Vortrages von Dr.Fritz Spandau in der folgenden Monat mmlung vom 

25. Januar 1906. 

■'i Vgl. Chr Quix, Beiträge zur Geschichte der Stadl und des Reichs 
von Aachen. S. 59. 



— &.— 

zuteilen. Anfang- Mai 1898 wurde bei Ausschachtung- einer Bau- 
stelle hinter dem Hause Krugenofen 41 an der Neustrasse ungefähr 
3 Meter unter der Oberfläche des Terrains ein fast noch voll- 
ständig- erhaltener Kruchenofen mit Inhalt aufgedeckt. Derselbe 
war 1 Meter breit und 1 Meter hoch. Auch die Läng-e des Ofens 
betrug 1 Meter, doch war dies nur ein Teil der ursprünglichen 
Länge, wie man leicht erkennen konnte. Der Schornstein war 
ca. 40 cm breit und 30 cm hoch und vollständig, wie überhaupt 
der ganze Ofen, im gewachsenen Ton ausgegraben und erhalten. 
An beiden war natürlich die Tonwand infolge des Brennens an- 
gebacken. Ohne irgend welche Ausmauerung oder innere Be- 
kleidung ging der Kamin in einem Winkel von 45 Grad auf- 
steigend zur Oberfläche. Der Inhalt des Ofens bestand aus 
teils kleinen, teils grösseren Krügen und war noch in demselben 
Zustande erhalten, wie er nach dem Brande gewesen und un- 
verletzt geblieben war. Die Krüge waren in folgender Weise 
eingesetzt. Die ersten, d. h. untersten Reihen standen mit dem 
Fusse auf dem gewachsenen Tonboden; auf diesen stand jedes- 
mal die zweite Reihe mit dem Oberteil nach unten, darüber die 
dritte Reihe mit dem Unterteil nach unten, die vierte Reihe 
wieder umgekehrt und so weiter bis zur Decke des Ofens. Die 
in dem Ofen gemachten Funde sind zum grössten Teil in den 
Besitz des Herrn Kalif und in dessen grosse keramische Sammlung 
übergegangen. 

Mehrere Töpfe aus jenem Ofen hat Herr Dr. med. J. Rey 
erworben. Die Töpfe sind deshalb besonders interessant, weil 
sie eine niedliche Form zeigen und an verschiedenen Stellen 
auch Strichverzierungen aufweisen, die in späterer Zeit nicht 
mehr vorkommen, so z. B. oben am Halse und am Bauche da, wo 
der Hals aufsitzt. Die vollständig primitive Einrichtung des Ofens 
und des Kamins, die, wie gesagt, beide ohne irgendwelche Ein- 
mauerung in die gewachsene Tonerde eingegraben oder ausge- 
schnitten erschienen, spricht jedenfalls für ein sehr hohes Alter 
der gesamten Anlage. Bemerkt sei noch, dass der Fundbericht in 
Form' einer Urkunde abgefasst und von dem Bauunternehmer und 
den beteiligten Werkleuten eigenhändig unterschrieben ist, so 
dass an der Richtigkeit der darin gemachten Angaben nicht 
gezweifelt werden kann. 

Einen klaren Beweis für die ausgedehnte Tätigkeit unserer 
Vorfahren auf dem Gebiete der Töpferei liefert auch die grosse 



I. 




et/. 



Ur Cornelius 'Strasse 1905. 




Pfahlgrube in der Cornelia - 1905. 






Menge von Töpfen und Krügen der verschiedensten Art, und 
Grösse, die in den Monaten Juli, August und September des 
verflossenen Jahres beim Auswerfen der Fundamente zu dem 
Neubau der Germania-Fischhallen der Firma Wilhelm Frohn 
an der Ecke der Antonius- und Korneliusstrasse aufgefunden 
worden sind. 

Abgesehen von mehreren römischen terra sigillata-Sch erben 
mit den bekannten hübschen Relief Verzierungen und zahlreichen 
Fragmenten mittelalterlicher Gefässe ist dabei im Laufe der 
letzten Monate von einzelnen Herren auf der Baustelle allmählich 
jene hübsche Sammlung von 24 grösseren und kleineren Gefässen 
zusammengebracht worden, die auf der beigefügten Tafel Ia 
abgebildet sind. Dem Wunsche der Stadtverwaltung gern ent- 
gegenkommend, haben sich die beteiligten Herren bereit erklärt, 
die ganze Sammlung dem städtischen Suermondt-Museum zu 
übergeben, damit sie auf diese Weise vor der Gefahr der Ver- 
zettelung geschützt werden und in den hoffentlich bald ein- 
zurichtenden archäologischen Sammlungen in den altertümlichen 
Räumen des Ponttores dauernd der lokalen Forschung zugäng- 
lich bleiben mögen. 

Herr Stadtarchivar Pick hat bereits in Nr. 217 des Echo 
der Gegenwart vom 20. September 1905 die wichtigsten der 
dort gemachten Altertumsfunde eingehend behandelt, so dass 
ich mich darauf beschränken kann, einige besonders hervor- 
ragende Stücke der Sammlung zu besprechen und einige allge- 
meine Bemerkungen und Schlüsse daran anzuknüpfen. 

Wie man aus der Abbildung erkennen kann, zeigen diese 
Krüge übereinstimmend einen von der Form der Raerener, Sieg- 
burger und andrer Tonfabrikate abweichenden Typus. Der zu 
ihrer Herstellung verwandte Ton enthält viel scharfen Sand. 
so dass die sämtlichen Fabrikate sogenannter Hartback sind. 
Auch zeigen die älteren alle die Anfänge des Wellfusses. der 
bei den späteren, wie z B. bei dem grossen gelben in der Mitte 
der unteren Reihe stark entwickelt hervortritt. Fast alle sind 
nicht glasiert, sondern zur Dekoration nur mit einer Deckfarbe 
überstrichen, wobei die dunkelbraun schwärzliche Farbe vor der 
gelben und roten zumeist bevorzugt gewesen zu sein scheint. 

Besonders erwähnenswert ist der kleine, mit 3 Füssen und 
mit starken Bauchreifen versehene Topf in der oberen Reihe, 
der sein Gegenstück in einem zweiten, unter ihm stehenden Topfe 



— 10 — 

findet, bei dem die Stollen weggebrochen sind, und der infolge- 
dessen jetzt unten kugelförmig erscheint. Die Formen lassen 
darauf schliessen, dass wir es hier mit Nachbildungen von Töpfen 
der karolingischen Zeit zu tun haben, und zwar wird man die 
Mehrzahl der Töpfe in das 11. bis 14. Jahrhundert setzen dürfen. 
Die m der unteren Reihe stehende Schnelle und das rechts 
daneben stehende kleine Töpfchen, sowie der grösste Krug und 
der links daneben stehende kleinere Henkelkrag (sämtlich glasiert) 
sind jünger, gehören aber immer noch der Zeit zwischen L450 
und 1500 an. 

Dass es sich hier wirklich nur um Aachener Fabrikate 
handelt, beweist, abgesehen von anderen Gründen — zum Beispiel 
der häufigen Auffindung derselben im hiesigen Stadtgebiete und 
ihrem Fehlen an anderen Orten — der Umstand, dass fast alle 
Töpfe und Krüge Ausschnssware sind. Bei den Töpfern und 
den von ihnen gebildeten Vereinigungen wurde im Interesse 
ihres Gewerbes streng darauf gesehen, dass unvollkommene 
Ware nicht in den Handel kam. Zeigen nun Töpfe irgendwelche, 
beim Brennen oder sonstwie hervorgerufene Schäden, so darf 
man mit Bestimmtheit vermuten, dass sie an dem Orte, wo sie 
gefunden wurden, auch hergestellt worden sind. Alle unsere 
Töpfe tragen aber mehr oder weniger solche Schäden. Bald 
ist es ein zusammengedrückter Hals, bald sind es Eindrücke, 
sogenannte Blötsche, an den Wandungen, bald Fehlen der Glasur 
an einzelnen Stellen, die hier hervortreten. 

Charakteristisch ist auch für die Aachener Tonfabrikate 
das Fehlen jeglichen Ornamentes. Während die Töpfe und Krüge 
anderer Orte, z. B. Baerens und Siegburgs, im 15. und 16. Jahr- 
hundert bereits reiche Verzierungen aufweisen, begegnet man 
in Aachen nur glatten Wänden. Erst aus sehr später Zeit, 
dem 17. Jahrhundert, kommen hier Tongefässe zu Tage, die 
mit einer Mutter Gottes, der Patronin der Stadt Aachen, ge- 
schmückt sind. 

Näheres auf diesem höchst interessanten Gebiete anzugeben, 
ist vorderhand unmöglich, da die Forschung in dieser Hinsicht 
sich erst in den Anfängen befindet. Es wird künftige Aufgabe 
der Forscher und Freunde heimischer Geschichte und Kunst 
sein, auch in dieses Dunkel Klarheit zu bringen. 

Ist so die umfangreiche Baugrube in der Korneliusstrassc 
für die Geschichte der Aachener Keramik von grosser Bedeutung 



— 11 — 

geworden, so haben anderseits die in derselben freigelegten Pfahl- 
gruben von neuem die Frage nach dem Zweck und der Be- 
stimmung dieser Gruben angeregt, die seit den im Jahre 1887 
auf dem Terrain des alten Stephanshofes an der Westseite der 
Hartmannstrasse angestellten Ausgrabungen, also nun bereits 
19 Jahre lang die Aachener Lokalforschung beschäftigte. 

Ausser einer Übersichtskarte der von dem ersten Befestigungs- 
ring vom Jahre 1171 eingeschlossenen Altstadt (Tafel II), auf 
der die in diesem Zeiträume gefundenen Pfahlgruben eingezeichnet 
sind, ist auf Tafel Ib eine Abbildung der östlichsten der in 
der Korneliussträsse freigelegten Pfahlgruben beigegeben. 

Ohne auf eine ausführliche Schilderung der einzelnen Funde 
und der sie begleitenden Umstände einzugehen, will ich nur 
kurz den ganzen Ring, den die im Laufe der Jahre aufge- 
fundenen Gruben bilden, an Hand der Übersichtskarte genau 
angeben. 

Als man im Juli des verflossenen Jahres bei dem Ausgraben 
der Fundamente für die neue Fischhalle von Frohn an der nörd- 
lichen Ecke von Kornelius- und Antoniusstrasse in morastischem 
Boden nacheinander 4 bis 5 mit Holz ausgeschlagene vierseitige 
Gruben fand, musste man diese naturgemäss zunächst mit den 
in unmittelbarer Nähe gefundenen Pfahlgruben in der Kornelius- 
strässe und in der Grosskölnstrasse in Verbindung bringen. In 
der Korneliussträsse hatte man zuerst 1888 bei den Strassen- 
kanalarbeiten, dann beim Bau der neuen Badehallen des Kornelius- 
bades an der Ostseite und beim Bau der gegenüberliegenden 
Geronschen Häuser je eine solche Grube gefunden, und in der 
Grosskölnstrasse sowohl mehrere Gruben bei dem Neubau des 
Alsbergschen Warenhauses an Stelle der früher Herrn Cornely 
gehörenden Häuser 62 und 04 in den Jahren 1880—83, als 
auch im Jahre 1900 2 Gruben bei dem Neubau des Geschäfts- 
hauses von Leonard Tietz. An der Nordseite des Marktes stiess 
mau auf 2 rechteckige, mit eichenen Pfählen ausgebaute Gruben 
im Jahre 1883 bei Anlage des kürzlich wieder entfernten 
Ratskellerrestaurants und im Jahre 1872 bereits auf Eichen- 
pfählungen bei baulichen Veränderungen im Geschäftshause 
vmi Vonhoff-Wild, Pontstrasse la und lb und im Jahre 1904 
auch auf dem Terrain des neuen Kaiser-Karls-Gymnasiums. 
Weiter westlich fand man 1891 beim Bau des nordwestlichen 
Flügels des Franziskanernonnenklosters an der Paulusstrasse 



— 12 — 

auf dem Terrain zwischen Jakobstrasse und Lindenplatz mehrere 
Eichenpfählungen, ebenso 1899 bei der Anlage eines Kellers 
für die Fabrikgebäulichkeiten der Firma Gebr. Vossen auf dem 
Hofe des Hauses Bendelstrasse 25, in derselben Strasse 1895 
zwei solcher Bohlengruben unter der Standfläche der Hinter- 
front des Kind-Jesu-Klosters und weiter östlich davon hinter 
dem Hause des Installationsgeschäftes von Franz Frank, Anna- 
strasse 11, im Jahre 1898 an der Hinterfront des Hintergebäudes 
dem städtischen Bibliotheksgebäude gegenüber; dann 5 Gruben 
im Jahre 1888 auf dem Terrain der ehemaligen Prinzenhof- 
kaserne bei Ausschachtung der Fundamente für das neue Real- 
gymnasium und eine andere ganz in der Nähe beim Bau des 
Saales und eines Weinkellers auf dem Hofe des Gasthofs zum 
König von Spanien. In der Kleinmarschierstrasse traten Eichen- 
pfählungen ausserdem noch an 2 Stellen zu tage: einmal bei 
der Erweiterung des Klosters und der Kirche der Franziskanerinnen 
an der Ecke der Elisabethstrasse und dann bei Ausschachtung 
der Baugrube für die ausgedehnten Kellerräume der Firma 
Heinrich Uchtmann. Wieder näher an der Mittelstadt fand sich 
eine ähnliche Pfahlgrube auf dem Hofe des Hauses Münsterplatz 13 
von Caspar Rütgers l und ebenfalls am Münsterkirchhof 2 Gruben 
an der Ecke der Hartmannstrasse bei Ausschachtung des Kellers 
für den Neubau des Hauses „zur hl. Dreifaltigkeit" im Mai 1899. 
Es wird wohl aligemein bekannt sein, dass ani südöstlichen 
Ende der Hartmannstrasse im Jahre 1887 auf dem Terrain des 
allen Stephanshofes die meisten Pfahlgruben, nämlich 16, auf- 
gedeckt wurden, die zum Teil unter den grossen Neubauten von 
Schiffers-Kremer, Hartmannstrasse Nr. 28—36 an der Südseite 
der Strasse, und zum Teil unter der Achse der heutigen Elisabeth- 
strasse lagen-. 

Nehmen wir zum Schluss noch 2 bis 3 Gruben, die man 
einerseits an dem Ostende der Ursulinerstrasse und andrerseits 
bereits 1879 bei der Erbauung der an Stelle des alten Klüppels 
errichteten Häuser am Holzgraben ausgegraben hat, so haben 
wir die vollständige Runde gemacht und sind damit wieder an 
den zuletzt aufgefundenen Pfahlgruben an der Korneliusstrasse 
angelangt. 



'i Nach schriftlichen Aufzeichnungen des Herrn .1. Kalff. 

2 ) Vgl. K. Wieth in Jahrgang 11 dieser Zeitschrift, S. 94 f. (Mit Skizze.) 



— 13 — 

I in Jahre 1888 Iml Herr Gymnasiallehrer Dr. Wieth sowohl 
in der Versammlung des Aachener » reschichtsvereins vom 18. April 
1888 als auch im 2. Bande dieser Zeitschrift über die Aus- 
grabungen auf dem Stephanshofsich geäussert. Als sich dann 
durch immer weitere Ausgrabungen die Zahl der Gruben ver- 
meinte und man auf eine systematische Anlage derselben schliessen 
niusste, beschäftigte man sieh immer mehr mit der Frage, welche 
Absicht dieser Anlage zu Grunde gelegen haben könne. Vor 
allem zeigte es sieh, dass die Gruben alle in der Altstadt und 
zwar innerhalb der ersten Stadtmauer von 1171 lagen, während 
in der Aussenstadt ausserhalb dieses ersten Befestigungsringes 
nirgendwo Spuren ähnlicher Anlagen hervorgetreten sind, sodass 
wohl mit grosser Sicherheit der Sehluss gezogen werden kann, 
dass die Anlage der Gruben vor 1171 zu setzen ist. Wie 
weit man sie in die frühere Zeit hinein zurückzusetzen be- 
rechtigt ist, wird sich wohl schwer bestimmen lassen. 

Gerät man so schon in Bezug auf ihre zeitliche Bestimmung 
in Schwierigkeit, so ist nicht minder rätselhaft ihre Zweck- 
bestimmung. Die in den Gruben gemachten Funde bieten dafür 
wenig Anhalt. Man entdeckte darin (regenstände der ver- 
schiedensten Art und aus den verschiedensten Zeiten, vornehm- 
lich mittelalterliche Krüge, Steinkugeln, Töpfe und Topfreste, 
Tonscherben, auch Überreste von Schlachtvieh und, was sehr 
charakteristisch ist, überall Kirschenkerne in grosser Menge. 

Was nun die Frage der Bestimmung, des Zweckes der 
Gruben betrifft, so haben sich darüber im Laufe der Jahre die 
widersprechendsten Ansichten gebildet und verbreitet. Während 
man auf der einen Seite in ihnen römische Branntweinbrennereien 
vermutete, hat man sie auf der anderen Seite für Gerber- oder 
Lohgruben gehalten. Von andern wurden sie als Wasser- oder 
Waschgruben angesehen. Wieder andere glaubten sie als Senk- 
oder Abortgruben mit einer früheren Kanalisation der Stadt in 
Verbindung bringen zu müssen, während man in neuerer Zeit mehr 
der Ansicht zuneigt, dass es Reste ehemaliger Verteidigungs- 
anlagen sein müssten. Bei der grossen Wichtigkeit des Gegen- 
standes und dem lebhaften Interesse, das ihm von Seiten der 
Lokalforschung entgegengebracht wird, dürfte es wohl nicht 
unangebracht sein, diese verschiedenartigen Ansichten eingehend 
zu erörtern und nacheinander kritisch zu beleuchten. 

Für die erstere Annahme römischer Branntweinbrennereien 



— 14 — 

fiel besonders der Umstand ins Gewicht, dass man in den be- 
treffenden Gruben ausnahmslos eine grosse Menge von Kirsch- 
kernen gefunden hat, so dass man auf die Vermutung- kam, es 
sei an diesen Stellen einst Kirschwasser hergestellt worden 1 . 
Nim ist aber zu beachten, dass für die Herstellung von Kirsch- 
wasser die Kirschen samt den Kernen zerstampft werden, dass 
ausserdem die Römer Kirschwasser noch gar nicht kannten. 
Die Zubereitung desselben kam erst im t2. Jahrhundert in den 
österreichischen Alpen auf. 

Auch die weitere Ansicht, dass die Pfahlgruben alte Gerber- 
oder Lohgruben gewesen seien, kann nicht als stichhaltig au- 
gesehen werden, da sich dagegen drei wichtige Gründe geltend 
machen lassen. Erstens haben die Lohgerber nachweislich in der 
sogenannten Aussenstadt auf dem Löhrgraben und in der in der 
Vorstadt gelegenen, nicht näher bekannten Weissgerbergasse 
gesessen. Dort aber hat man niemals solche Gruben gefunden. 
Würden wir aber abgesehen von solchem direkten Beweis annehmen 
wollen, dass diese Gruben in der Tat Gerbergruben gewesen 
seien, so würde zweitens für die meisten der Gruben fliessendes 
Wasser nicht vorhanden sein, was doch die Gerber unbedingt 
nötig hatten. Und wenn man für manche auch aus benachbarten 
Bächen abgeleitetes Wasser annehmen wollte, den Berg hinauf, 
zu den höher gelegenen Stellen, auf denen die nördlichen Gruben 
lagen, hätte man es doch nicht leiten können. Drittens, wären 
diese zahlreichen Gruben alle Gerbergruben gewesen — und es 
liegen sicherlich noch viele andere in der Erde bisher unberührt 
vergraben — . so müsste man doch irgendwo von einer Bedeutung 
Aachens als Gerberstadt mit ausgedehnten Gerbereien Nachricht 
finden. Von einer so ausgedehnten Gerberindustrie in unsrer 
Stadt fehlt jedoch in den Urkunden jegliche Spur. 

Als Stütze für diese meines Erachtens nicht haltbare An- 
sicht die Tatsache der in Hamburg gefundenen Gruben 2 heran- 
zuziehen, geht schon deshalb nicht an, weil man, wie Fachleute 
behaupten, keine Gerbergruben in einer so gewaltigen Aus- 
dehnung von 50—60 Fuss im Geviert anlegt, wie sie die Ham- 
burger Gruben aufweisen. Ausserdem lässt sich für einen Teil 
der Aachener Gruben noch ein anderer Umstand als Gegenbeweis 



') Vgl. K. Wieth a. a. 0. S. 96. 

2 ) Vgl. R. Pick, An- Aachens Vergangenheit. Aachen 1895. S. 124. 
Anmerkung 2. 



— 15 — 

anführen. I >as ganze Gebiet des Stephanshofes in der Hartmann- 
strasse, auf dem man im Jahre L888 etwa L6 solcher Gruben 
aufgedeckt hat, gehörte zu der Immunität der Münsterkirche 
auf der derber als Gewerbetreibende nicht zugelassen werden 

konnten. 

Andere haben diese Pfahlgruben für Senk- oder Abuit- 
gruben angesehen, die man bei dem Mangel einer genügenden 
Canalisation im .Mittelalter häutig angelegt habe. Allerdings 
haben in früheren Zeiten Senkgruben in grosser Zahl in unserer 
Stadt bestanden, und die Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts 
besagen auch wiederholt, dass man sie öfter geleert habe. Doch 
wird diese Art von Gruben, namentlich in ihren Massen, ganz 
anders eingerichtet gewesen sein als die vorgefundenen Pfahl- 
gruben, bei denen man an manchen Stillen eine Ausdehnung 
von 2.30 in Breite und 2.80 m Länge bei einer Tiefe von 
3 — 4 m gemessen hat. Zudem waren die sie umzäumenden 
Pfähle vielfach oben zugespitzt. So würde es bei der genannten 
Grösse und Tiefe der Gruben jedenfalls ein nicht ungefährliches 
Unternehmen gewesen sein, sie zu Abortszwecken zu benutzen. 
Doch abgesehen davon wird sich, wenn wir auch wissen, dass 
die Menschen im Mittelalter durchaus nicht auf einem so hohen 
ästhetischen und hygienischen Standpunkte standen, wie heut- 
zutage, doch schwerlich die Ansicht verteidigen lassen, dass 
die Aachener gerade die Peripherie ihrer Alt-Stadt mit solchen 
keineswegs angenehm duftenden Gruben eingesäumt hätten, die 
sich in der auch damals schon bestehenden Vorstadt gar nicht 
gefunden haben. Dieselben würden nicht nur ein Herd ver- 
nichtender Seuchen gewesen sein, sondern auch in der gröbsten 
Weise gegen das immerhin nicht allzu zart ausgeprägte mittel- 
alterliche Schamgefühl Verstössen haben. 

Auch in sittlicher Beziehung würde also eine Benutzung 
derartiger Gruben manchen Nachteil mit sich geführt haben. 
Dagegen spricht ferner der Umstand, dass zuweilen zwei oder 
mehr Gruben dicht neben- und hintereinander lagen, sie also 
nicht von allen Seiten zugänglich waren. Welchen Zweck sollte 
es weiter gehabt haben, bei einem Hause eine ganze Beihe 
solcher Gruben anzulegen, deren an der Korneliusstrasse fünf 
und auf dem Terrain von Stephanshof, wie gesagt] sogar sechs- 
zehn nebeneinander lagen. Hätten sie wirklich jenem Zwecke 
gedient, so würde man wohl nicht mehr als eine in der Nähe 



— 16 — 

eines Hauses angelegt haben; auch würde man sie jedenfalls 
ausgemauert und dadurch eine Reinigung- ermöglicht haben, 
die doch bei dem allmählich mitfaulenden Holze auf die Dauer 
ausgeschlossen war. Die aus den sich zersetzenden Exkrementen 
entstehenden Gase hätten ohne Zweifel das benachbarte Erd- 
reich durchdrungen; sie wären bei weiterer Zersetzung an die 
Oberfläche entwichen und hätten so die Umgebung verpestet. 
Über die von Zeit zu Zeit notwendig gewordene Reinigung der 
Gruben wäre dann aber auch sicherlich irgend etwas vermerkt 
worden. Die Stadtrechnungen enthalten jedoch nichts dergleichen. 
Vielmehr lässt sich gerade aus diesen nachweisen, dass für 
solche Zwecke nicht offene Gruben, sondern Anstalten, wie wir 
sie auch heute noch sehen können, nämlich solche, die den 
Abortbesuchenden den Augen der Öffentlichkeit entziehen, im 
mittelalterlichen Aachen vorhanden waren. In den Stadtrech- 
nungen 1 der Jahre 1338/39 und 1344/45 finden wir Ausgaben 
verzeichnet für die Reinigung der „cloaca in domo civium". Diese 
cloaca war ein unterirdischer Abzugskanal unter dem ehemaligen 
Grashaus, dem heutigen Archivgebäude. An der Südseite des- 
selben befand sich ein Erker, der einen Abort enthielt, von 
dem aus die Fäkalien in eine unterirdische, nicht offene Grube 
geleitet wurden. Eine ganz ähnliche Anlage hat man ja auch 
vor mehreren Jahren im Rathause entdeckt, wo man in der 
Tiefe des Marktturmes eine Abortleitung fand, die eine Menge 
von Fäkalstoffen, Stücke von Gläsern und Geschirren enthielt, 
meines Wissens aber nicht die sonst als so beweiskräftig an- 
gesehenen Kirschkerne. In diese Leitung werden also wohl 
zerbrochene Geschirre von den im grossen Saale abgehaltenen 
Festmahlen geworfen worden sein, und den Ratsherren wird 
sie wohl als verschwiegener Ort gedient haben. Auch in der 
Ausgaberechnung des Jahres 1385/86 findet sich eine dies- 
bezügliche Mitteilung 2 über den Tagelöhner Gerard Vossen, der 
die Heimlichkeit am Posterchentor — in der Nähe des heutigen 



1 ) Vgl. J. Laurent, Aachener Stadtrechnungen aus dem XIV. Jahr- 
hundert. 18GG. S. 128, Z. 7: „It. de purgacione cloace in domo civium 2 m u 
und S. 149, Z. 37: „It. de purgacione cloace domus civium 20 s". 

2 ) Vgl. J. Laurent a. a. 0. S. 330, Z. 24: It. Gerart Vossen van der 
heymlichkeit zu decken vur Posterchün umb schendelen neille ind loyn, ind 
van des weychters kuse vur Nüweporze, so schendelen, so neue, somaehen 
erae ind socio 14 m. 4 s. 



— 17 — 

Buche! — gedeckt hatte und aus diesem Anlass für Schindeln, 
Nägel und Tagelohn einen bestimmten Geldbetrag erhielt, und 
in der Ausgabenrechnung des Jahres 1455/56 heisst es: „It. 
gefeigt die heymmelscheit in den Mail ind dal nuwe huys 
5 m. 2 s." Was mit diesem neuen Hause gemeint ist, lässl 
sicli mit Sicherheit nicht sagen. Es war jedenfalls ein städtisches 
Gebäude, das auf dem Markte lag und im 15. Jahrhundert er- 
richtet wurde. Meines Erachtens trifft hier Picks Vermutung 
zu, dass es der alte Büchsenkeller gewesen, der westlich neben 
dem Eathause lag. Der in beiden Angaben der Stadtrechnungen 
gebrauchte Ausdruck „Heimlichkeit" beweist, dass man in 
Aachen sehr prüde war in solchen Dingen. Findet sich doch 
auch in den Rats- und Beamtenprotokollen des 17. und 18. Jahr- 
hunderts noch als Bezeichnung für jene Art Lokalitäten - und 
zwar immer mit dem ausdrücklichen Zusätze salva venia ! 
das Wort privet, das auch heute noch im Französischen - - genau 
so wie das englische privy — den verschwiegenen Ort bezeichnet. 
Man kann wohl auch hieraus den Schluss ziehen, dass man 
sich im Mittelalter bei solchen Akten der Öffentlichkeit zu zeigen 
Bedenken trug. Auch muss es als ausgeschlossen erscheinen, 
die Gruben mit einer mittelalterlichen städtischen Kanalisation 
in Verbindung zu bringen. Denn die in den Stadtrechnungen 
vielfach erwähnten cannales sind weder Abzugskanäle, noch 
Anschlusskanäle an irgend eine primitive Kanalisation. Damit 
werden vielfach Wasserleitungsröhren bezeichnet, die in der 
Regel aus Blei hergestellt waren. Sie kommen nur in der 
Nähe von Laufbrunnen vor. und es handelt sich dabei meist 
um Trink Wasserleitungen. Aus diesen Erörterungen ist wohl 
klar ersichtlich, dass die in Frage stehenden Pfahlgruben ihrer 
ursprünglichen Bestimmung nach nicht Abortgruben gewesen 
sein können und mit einer mittelalterlichen Kanalisation nichts 
zu tun haben. Dass sie in späteren Zeiten in Ausnahmefällen 
zu dem angedeuteten Zwecke benutzt worden sind, ist dadurch 
natürlich keineswegs ausgeschlossen. Solche Ausnahmefälle 
waren vor allem die Tage der alle 7 Jahre wiederkehrenden 
Heiligtumsfahrten, bei denen mitunter bis zu L50000 Menschen 
gerade zur Zeit der Kirschen in dem verhältnismässig engen 
Gebiet einer Stadt von höchstens 15000 Einwohnern zusammen- 
strömten. Dass es an solchen Tagen ofl nicht an Verstössen 
gegen Sitte und Herkommen fehlte, ist leicht begreiflich. Über 



— 18 — 

das Vorhandensein der Kirschkerne geben uns, wie K. Wieth 1 
bereits früher hervorgehoben hat, die Aufzeichnungen des Buches 
Weinsberg aus dem Jahre 1524 Aufschluss, in denen es aus- 
drücklich heisst, dass die Leute bei der Heiligtumsfahrt in Cöln 
Kirschen, Pflaumen, und anderes Obst gegessen und „mit 
züchten uff den hindersten hoff ir noittorft gemagt", so dass 
dort später Kirschbäume emporgewachsen seien. Dies legt den 
(Tedanken nah, dass es in Aachen ähnlich so geschehen ist, 
und dass man die Fäkalmassen dann in die Gruben geworfen hat 2 . 

In krassem Gegensatz zu der Annahme von Senk- oder 
Abortgruben steht eine andere extreme Ansicht, die auch der 
verstorbene Architekt C. Rhoen vertrat, die Pfahlgruben seien 
Wassergruben gewesen, d. h. Waschgruben. Um die Wäsche 
rein zu bekommen, muss man aber möglichst reines Wasser 
haben. Solches war aber abgesehen davon, dass das Wasser 
durch die vielen, zum Teil breiten Sitzen zwischen den Eicheu- 
pfählen sich in das umliegende sumpfige Terrain verteilte, auch 
durch das Eindringen von Unrath und Schmutz wohl niemals 
wirklich rein zu halten. 

Nach alledem wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als 
sich der bereits vor länger als zehn Jahren von Herrn Stadt- 
archivar Pick 3 geäusserten Vermutung anznschliessen, dass diese 
Pfählungen, die sich ringsum um die Altstadt innerhalb des im 
Jahre 1171 angelegten Festungsgürtels hinzogen, ursprünglich 
Befestigungs- oder besser Verteidigungszwecken gedient haben. 

Ich erinnere da zunächst an die Verteidigungsgruben, die 
Cäsar im 7. Buche seines „Bellum Gallicum" bei der Belagerung 
Alesias erwähnt, die er im Gegensatz zu den fossae perpetuae, 
den laufenden Verteidigungsgräben, scrobes, Wolfsgruben nennt, 



') Vgl. K. Wieth a. a. 0. S. 96. 

2 ) Nach gef. Mitteilung des Herrn Architekten J. Baker wurde im 
Jahre 1881 bei Niederlegung des oberen Teiles des Münsterturmes unter 
der sog. Heiligtumskammer, zwischen dieser und dem grossen westlichen 
Turmfenster in dem mittleren Teile ein 2 m tiefer und 6,33 m langer Raum 
aufgedeckt, aus welchem 15 Karren humus herausgeholt wurden, in dem 
sich u. a. ebenfalls eine gewaltige Menge von Kirschkernen vorfand, die 
wohl daher rührten, dass dort die Pilger oder auch die Angestellten des 
l»omes ihre Notdurft verrichten konnten. 

3 ) Vgl. E. Pick, Aus Aachens Vergangenheit. 1885 S. 124. 



— 19 — 

die nach unten zu enger werdend, trichterförmig ausgegraben 
waren, so dass sie sich nach dein Rande hin allmählich er- 
weiterten und mit dem aus der Mitte hervorstehenden, mit 
eiserner Spitze versehenen Pfahl die Gestall eines Lilienkelches 
hatten 1 . Auch in der späteren Zeit sind kleine geschlossene 
Pallisaden, sogenannte Palissadenzwinger, in der Kriegsbaukunst 
nicht unbekannt, Wie diese werden auch die Palissadengruben 
zur Abwehr unvermuteter Überfälle gedient haben, um den 
meist plötzlich heransprengenden berittenen Feind aufzuhalten 
und zumteil zu vernichten. 

Wie man aus der Zeit Heinrichs I. weiss, dass die von 
ihm angelegten Burgdörfer und Städte vielfach zum Schutze 
gegen feindliche Reiterangriffe mit solchen Wolfsgruben um- 
geben wurden, so lasen wir ja auch im vorigen Jahre in den 
Berichten aus dem modernsten Kriege zwischen den Russen 
und Japanern, dass man neben allen Erfindungen moderner 
Kriegstechnik doch auch wieder zu diesem alten Verteidigungs- 
mittel zurückgekehrt ist. Auch der verstorbene Fabrikant 
J. Kalff, dessen genauen Ausmessungen und Aufzeichnungen 
wir heute die Kenntnis der Lage und Beschaffenheit der meisten 
der gefundenen Pfahlgruben verdanken, war der Ansicht, es 
seien alte Verteidigungswerke gewesen, wie er dies auch in 
einem Vortrage im Gewerbeverein am 6. Juli 1899 weitläufig 
dargelegt hat. 

In neuester Zeit hat man gegen diese Ansicht den Einwand 
erhoben, dass sich zwischen einzelnen Gruben stellenweise ein 
zu grosser Zwischenraum befinde, dass man z. B. auf dem 
Terrain von Vossen in der Bendelstrasse zwei Gruben entdeck! 
habe, die 20 m von einander entfernt gelegen hätten. Waren, 
so folgerte man, die Gruben Befestigungswerke gewesen, so 
hätte der Ring geschlossen sein müssen; wenigstens hätte kein 
so grosser Zwischenraum dazwischen sein dürfen. Pagegen ist 
aber zu bemerken, dass sieh erstens an den aus und nach 
Aachen führenden Strassen beim Eintritt in den Ort keine 
Gruben befanden, dass es also Stellen gab, wo Gruben fehlten 
und fehlen mussten, und zweitens, dass die Gruben aller Wahr- 
scheinlichkeit nach so angelegt waren, dass sie oichl dicht 
nebeneinander einen Ring bildeten, sondern dass sie Zwischen- 



») Vgl. Just iis I/ipsius' Poliorketica 1586, S. 82. 



— 20 — 

räume offen Hessen, die durch eine oder mehrere davor oder 
dahinter gelegte Gruben in gewisser Entfernung geschlossen 
wurden. Jener Einwand würde also nur dann von Erheblichkeit 
sein, wenn man nachweisen könnte, dass sich an den oben be- 
zeichneten Stellen wirklich keine Gruben in der angegebenen 
Ordnung befunden hätten. Und um dieses darzutun, müsste 
vor allem der Nachweis gebracht werden, dass der Boden an 
den fraglichen Stellen seit ältester Zeit stets unberührt ge- 
blieben sei. 

Schliesslich könnte man noch einwenden, dass sich der 
Verteidigungsgürtel nicht in dem ganzen Umfange der Altstadt 
nachweisen lasse, dass sich an einer Seite der Stadt, der Nord- 
west-Seite, bisher keine (Trüben gefunden hätten. Doch auch 
dieser Einwand ist hinfällig. Hat man doch, wenn ich recht 
unterrichtet bin, im vorigen Jahre auch jenseits des Johannis- 
baches bei dem Neubau des Hauses Pontstrasse 62 (Eigentümer 
A. Stockem) Reste derartiger Gruben gefunden, die man, da 
sie bereits zerstört waren, für einen alten Bachlauf angesehen 
hat. in den man ve'.schiedenartige Töpfe, Exkremente mit 
Kirschkernen u. a. hineingeworfen habe. Wenn dies aber auch 
nicht der Fall wäre, so würde der Einwand doch nichts beweisen, 
da zunächst feststehen müsste, dass auf der betreffenden Linie 
in den letzten Jahrzehnten Neubauten errichtet worden, Gruben- 
anlagen der uns interessierenden Art aber bei diesen Bauten 
tatsächlich nicht gefunden worden seien. Nach alledem muss man 
meines Erachtens, solange nicht stichhaltigere Gründe als die 
von mir widerlegten vorgebracht werden, an der Ansicht fest- 
halten, dass wir in den Pfahlgruben nur Verteidigungsanlagen 
zu sehen haben. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass auch in andern 
Städten Verteidigungsmittel ähnlicher Art benutzt worden sind. 
In Hamburg hat man ja auch, wie bereits oben erwähnt, grosse, 
an den Seiten mit Planken versehene Gruben aufgedeckt, die 
man allerdings dort für alte Gerbergruben ausgegeben hat. Es 
würde für die Beurteilung unserer Frage wohl von grossem 
Werte sein, wenn man bald über ähnliche Ausgrabungen in 
anderen Städten nähere Nachrichten erfahren könnte. 

Mögen diese meine durchaus nicht erschöpfenden Aus- 
führungen aufgenommen werden als ein kleiner Versuch, nicht 
nur die lokale Forschung für diese schon so oft besprochene, 



— 21 — 

höchst wichtige Frage in erhöhtem Masse zu interessieren, 

sondern auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sie ya\ 
lenken. Ist doch wohl keiner mehr wie ich selbst davon über- 
zeugt, dass wir noch weit entfernt sind von einer endgültigen 
Entscheidung dieser Frage, deren Lösung für die Geschichte 
unserer alten Kaiserstadt von der grössten Bedeutung ist. Dazu 
bedarf es wohl noch vieler genauer Forschungen und höchsl 
eingehender Untersuchungen, zu denen uns durch weitere Aus- 
grabungen bei zukünftigen Neubauten hoffentlich noch häufig 
Gelegenheit geboten werden wird. 



Ausgrabungen und Funde aus vorgeschichtlicher 
und römischer Zeit in Eschweiler und Umgegend. 

Von Franz Cramer. 

I. 

Dummelsheck (im Propsteierwald, zur Stadtgemeinde 

Eschweiler gehörend). 

Über die früher (im Winter 1904/05) erfolgte Ausgrabung 
eines geräumigen Bauernhauses aus römischer Zeit an den 
Schlackenhalden der Nothberger Grube (in Eschweiler-Bergrath) 
ist s. Z. in dem Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeit- 
schrift eingehend berichtet worden 1 . 

Der Propsteierwald (so genannt wegen seiner früheren Zu- 
gehörigkeit zum Besitz der Kölner Dompropstei) ist ganz durch- 
setzt von römischen Siedelungsspuren ; der bedeutendste bis jetzt 
gefundene Rest ist die anfangs der achtziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts ausgegrabene Villa gegenüber dem (auf Eschweiler 
Gebiet gelegenen) Rheinischen Bahnhof Stolberg (vergl. Aus- 
grabungsbericht und Beschreibung im 4. Band der Zeitschritt 
des Aachener Geschichtsvereins). Vom Vichttal her geht unter 
dem alten Namen „Breitebahn" ein durch seine Breite tatsäch- 
lich auffallender Weg schnurstracks durch den Propsteierwald 
zur „Glücksburg" und von da mit kleinem Knick die Landstrasse 
Eschweiler-Röhe- Weiden schneidend auf Kinzweiler zu. West- 
lich vom Wege, unweit „Steinbachhochwald" 2 ), sind viele Sicd- 
lungsreste festgestellt, vor allem zwei, von denen der eine an 
einem Ackergrundstücke in der Nähe der sogenannten „Königs- 
buche" liegt, der andere unmittelbar an einer neuerdings ange- 
legten Eisengrube. Der letztere ist näher untersucht worden. 
Das ganze Gelände ist von zahlreichen Spuren uralter Lokal- 
wege durchzogen ; einer von ihnen geht von der bezeichneten 



') Jahrgang 1905, Nr. 6, S. 109 ff. 

2 ) Früher hatte der jetzt so benannte Gutshof den Namen „Wüsten - 
rode". Es ist die Stelle, wo ein Weihdenkmal der Dea Sunuxsal und ein 
römisches Feldzeichen (silberner Leopard) gefunden wurden. 



— 23 — 

Stelle dem nahen „Saubach" (über den Namen siehe Festschrift 
des Gymnasiums zu Eschweiler, 1905. Kommissionsverlag - von 
Creutzer, Aachen, S. 47) zu. Wahrscheinlich hatten manche 
der Gebäulichkeiten im Gebiete des Propsteierwaldes die Be- 
stimmung - , in der einen oder anderen Weise dem Bergbau zu 
dienen. In unserem Falle hat es sich allem Anscheine nach um 
eine Eisen schmelze gehandelt. Spuren bergbaulichen Betriebes 
finden sich bekanntlich massenhaft in der ganzen Gegend; ein 
Mittelpunkt dieser industriellen Tätigkeit war Gressenich bei 
Eschweiler (Gratiniäcum) ': die römischen Schlackenhalden sind 
vor einigen Jahrzehnten zum Teil wieder ausgebeutet worden. 
Am Wege von Gressenich nach Mausbach fand Oberstleutnant 
Schmidt, der bekannte Begründer der römisch-rheinischen 
Strassenforschung, in den zwanziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts noch die „Ruinen eines römischen Etablissements, wovon 
die Mauerreste zum Teil noch mehrere Fuss über die Boden- 
flache" hervorragten ; sie gehörten wahrscheinlich einer Blei- 
schmelze an. Im Gebiet des Propsteierwaldes ist nun Eisen- 
stein vielfach gewonnen worden, und grade jetzt wieder ist 
— wie gesagt — eine Eisengrube dort in Betrieb. Unmittelbar 
neben dieser lag eine Menge von Dachziegelresten umher. Mit 
Erlaubnis des „Eschweiler Bergwerksvereins", dem das Gelände 
gehört, wurden Nachgrabungen vorgenommen. Es ergab sich 
ein quadratförmiger, einfacher Bau von 8 m Seitenlange. Die 
Mauern, aus Kohlensandstein, Blausteinblöcken und Geschiebe 
bestehend, zeigten eine Dicke von 70 — 75 cm. Mörtelspuren 
wurden nicht gefunden, dagegen war Lehm verwandt. Das 
Auffallendste, das gleich nach Beginn der Grabungen entgegen- 
trat, war eine Unmenge von Eisenschlacken, die unter den 
Ziegeln des eingestürzten Daches lagen : Die Ziegel lagen in 
so ungewöhnlich grosser Menge umher, dass man das ganze 
Dach hätte rekonsl ruieren können ; es ist dies ein sicheres Zeichen, 
dass die Siedlungsstelle durch die Jahrhunderte hindurch au 
jenem abgelegenen Punkt, durch bergenden Wald geschützt, 
unberührt geblieben war. Das Wichtigste aber -- zugleich das 
interessanteste Ergebnis der ganzen Ausgrabung war ein Stück 
Schlacke, das an seiner Oberfläche ein kleines Stückchen Stein- 
kohle birgt. Es ist anzunehmen, dass das Stückchen beim 



'i Vgl. meinen Aufsatz in der Zeitschrift des Aachener Geschichts- 
V, reins, Bd. XXVI, s. 327 ff. 



— 24 — 

Erkalten der Schlacke sich festgesetzt hat. Ausserdem wurden 
einige faustgrosse Stücke Steinkohle mitten unter den Schlacken 
und unter Gefässscherben ungefähr 1 m tief gefunden. Ich 
halte dies für einen ausschlaggebenden Beweis für den bisher 
stets angezweifelten Gebrauch der Steinkohle in römischer 
Zeit. Freilich kein Bergbau ist betrieben worden; aber die 
Steinkohle tritt im Indegebiet an vielen Stellen vollständig zu 
Tage und ist jedenfalls schon vor dem Anfang des eigentlichen 
Bergbaubetriebes stets ausgenutzt worden (vergl. Schue, Fest- 
schrift u. s. w. S. 75). 

Die Wände des Baues scheinen ähnliche Konstruktion ge- 
habt zu haben wie bei dem früher beschriebenen Bauernhause 
in Eschweiler-Bergrath (Fachwerkbau auf steinernen Fundamen- 
ten). Der Fussboden scheint Ziegelbelag — wenigstens teilweise - 
gehabt zu haben; darauf deuteten eine Anzahl Belagplatten. 

Eisenwerk kam verhältnismässig viel zu tage: Nägel, Haken, 
Klammern, auch Instrumente, die leider formlos und unkennt- 
lich geworden ; es ist zu vermuten, dass diese mit dem industriellen 
Zweck des Gebäudes im Zusammenhang stehen. Die Gefäss- 
scherben zeigen im allgemeinen denselben Typus wie in Eschweiler- 
Bergrath, sind jedoch — dem verschiedenen Charakter der An- 
lage entsprechend — nicht so mannigfaltig. Es fanden sich: 

1. Eine grosse, aus grobkörnigem Ton gefertigte Urne (Stand- 
fläche 20 cm, Öffnung des Halses 15 cm im Durchmesser); 

2. Sigillata-Scherben von mindestens 4 verschiedenen Gefässen, 
ein Schüsselfuss trägt einen gänzlich verwischten Fabrikstempel 
auf der Innenfläche; das Bruchstück einer Schüsselwand trägt 
auf der Aussenseite, zwischen den erhabenen eingepressten 
Ornamenten (Delphine, Vögel) ein Stempelband mit vertieften 
Schriftzügen: von links nach rechts laufend das Spiegelbild des 
Wortes COM1TIALIS, der erste Buchstabe (C) ist verwischt, 
das Schluss-S fehlt, wie es auch bei anderen Namen gleicher 
Art vorkommt. Die gleiche Firma findet sich auch sonst 
(Dragendorff, Bonner Jahrbücher, Heft 96/97 (1895) S. 136). 
Comitialis gehörte, wie aus anderen Gründen feststeht (Dragen- 
dorff S. 137), nicht zu den eigentlichen Töpfern, sondern zu 
den Fabrikanten der figürlichen Typenformen, mit denen 
die Ornamente der Vasen hergestellt wurden (vergl. die heutigen 
Schablonen zum Formen der Spekulatius-Figuren). Der Um- 
stand übrigens, dass der Stempel zwischen den Ornamenten 



— 25 — 

und nicht auf dem Gefässboden angebracht ist, lässt erkennen. 
dass es sicli um spätere Zeit handelt. Verzierungen anderer 
Stücke sind: Vögel, Leopard, Löwe, Fruchtkörbchen (vielleicht 
zu ersterein Stück gehörend); Wagenlenker, wahrscheinlich zu 

Wettrennen gehörig, kunstvoll verschlungenes Rankenwerk. 

3. Auch eine Reibschale 1 mittlerer Grösse aus gelblich - 
weissem Ton fand sich vor; von Irdengeschirr mit schwarzem 
Überzug landen sich nur Scherben aus weissem Ton (es fehlten 
die in Eschweiler-Bergrath oft vorkommenden Näpfe mit rotem 
und graublauem Kern). Dagegen waren Bruchstücke von kleinen, 
weisswandigen, grauen Urnen mit Deckel sehr zahlreich (ca. 20 
Stück). Dazu kommen einige einhenkelige Krüge aus feinem 
weissen Ton. Münzen fanden sich nicht, dagegen der Untersatz 
einer Handmühle (aus Basaltlava). 

IL 

Weisweiler („ Burgacker"): 

In der Nähe eines uralten Weges von Weisweiler (2 l j 2 km 
von Eschweiler) nach St. Joris, auf der Flur Burgacker, hatte 
der Besitzer (Wolf in Weisweiler) Mauerreste sowie eine Unmenge 
römischer Ziegel gefunden. Nachgrabungen im August und 
Anfang September 1905, die wieder durch Vermittlung der Stadt- 
verwaltung Eschweilers vorgenommen wurden, konnten infolge der 



') Über die Reibsehale berichtet Jaeobi (Saalburg S. 425): „Die Reib- 
und Ausgussschalen dienten einerseits dazu, die zermahlencn Hülsenfrüchte 
auf dem rauhen Boden mit einem besonders zugerichteten Steine oder einem 
Holze noch feiner zu zerreiben, und anderseits zum Waschen der geschrotet» o 
und nicht gereinigten Frucht, Den Hergang einer solchen Verrichtung wird 
man sich etwa folgendermassen denken können: In die Schah' wurde das mit 
Mahlsteinen oder in Morsern zerkleinerte Getreide gebracht, dieses mit Wasser 
übergössen und dann gerieben, wobei das schwere Mehl von der anhaftenden 
Kleie losgelöst wurde und dann zu Boden sank, während die Kleie nach 
oben ging. Diese wurde dann mit dem Wasser durch die Ausgussöffhung 
abgeschüttet. Derselbe Vorgang konnte mehrmals, je nach der g wünschten 
Qualität des Mehles, wiederholt werden; eine ähnliche Methode wendeten 
bis vor kurzem die Hauern in Hessen zur Hereitung der Kartoffelstärke 
indem sie rohe Kartoffeln zerrieben und durch wiederholte Wasserauf] 
ein gutes Produkt zu erzielen wussten, das ihnen zur Herstellung von inem 
Hackwerk und hauptsächlich zur Appretur ihrer Wäsche diente. Bei dei R itnern 
mag es sich vor allem um die Zubereitung ihrer Produkte gehandelt haben." 



— 26 — 

grossen Ausdehnung' der Spuren nicht so umfassend sein, dass ein 
vollkommenes Bild der Anlage sich erzielen Hess. In Abwesen- 
heit des Verfassers dieser Arbeit hat Herr Vikar Wiechens 
(Weisweiler) sich der Beaufsichtigung der Grabungen ange- 
nommen, wofür ihm auch hier bestens gedankt sei. So viel 
steht fest, dass es sich um das Besitztum eines grösseren Grund- 
besitzers, nicht um ein Bauernhaus handelt. Darauf weist schon 
das Vorkommen von Fensterglas hin (es hat die gewöhnliche 
Beschaffenheit: auf der einen Seite rauh, grünlich, ziemlich dick; 
vergl. z. B. Jacobi, Saalburg, S. 120 f. und 456 ff 1 ). 

Mauern und Einzelfunde erwiesen sich noch gründlicher 
zerstört, als es bei anderen Bauten hiesiger Gegend der Fall 
war. Der Grund liegt darin, dass die Stätte in fränkischer 
Zeit weiter benutzt wurde. Darauf weisen u. a. verschiedene 
Einbauten hin, die sich innerhalb des ursprünglichen Beringes 
befinden. Ein ausführlicher Bericht über die verschiedenen Au- 
lagen, an der Hand der Skizzen des genannten Herrn bleibt 
vorbehalten. 

Eine Menge Eisengerät wurde gefunden, u. a. ein Pferde- 
gebiss und eine wohl erhaltene Lanzenspitze mit Tülle (also 
wohl von einer Jagdwaffe herrührend). Die Tonscherbeu sind 
im wesentlichen dieselben wie die früher beschriebenen: be- 
merkenswert ein Tellerboden aus Sigillata mit sehr deutlichem 
Stempel an der Innenseite: Albilus f (ecit); vergl. Schuer- 
manns, Sigles 185 (Albillus, Dragendorff, Bonn. Jahrbuch 
99 (1896) S. 58 (Belege aus Heddernheim, London und York), 
Jacobi, Saalburg S. 317 (genau dieselbe Stempelform wie die 
hiesige). Nach Dragendorf gehört Albilus zu jenen Töpfern, 
die sich in die Zeit von rund 70 bis 250 nach Christus datieren 
lassen; daraus wäre ein Anhaltspunkt für die Zeitstellung der 
Ansiedlung gegeben. Nur eine Münze (Mittelerz) fand sich, 
deren Prägung fast unkenntlich war; die eine Seite zeigt einen 
Thronsessel mit ruhender männlicher Figur. 



') Die Herstellung geschah durch Guss und zwar, wie an den Scheiben 
selbst ersichtlich, auf einer mit feinem Sande belegten Fläche, die mit einem 
Rande versehen gewesen sein muss; an der anderen, glatten Seite des Glases 
und an den durch Zurücktreten der Glasmasse vom Rande der Einfassung 
verdickten Rändern lässt sich der Vorgang beim Giessen deutlich erkennen. 



— 27 — 
III. 

Funde in Eschweiler (in der Nähe der Pfarrkirche an 

der Dürenerstrasse). 

Bei den Ausschachtungsarbeiten zu dem Neubau der „Esch- 
weiler Bank" an der Parkstrasse, sind im Sommer 1904 mehrere 
wichtige Funde gemacht worden, die zunächst in den Besitz 
des Herrn Gymnasialoberlehrers Oberle (jetzt in Brühl) ge- 
langten und von diesem dem Gymnasium in dankenswerter 
Weise zum Geschenk gemacht sind. Die Fundstelle liegt in 
unmittelbarer Nähe des Geländes, auf dem nach meiner Ver- 
mutung die karolingische Wirtschafts-Villa (fundus regius, von 
Einhard zum Jahre 826 erwähnt) sich befand, und auf dem 
auch römische Siedlungsspuren sich gefunden haben (vergl. 
Festschrift S. 34). Durch die neuen Funde aber ist es sicher- 
gestellt, dass jene Stätte schon in vorrömischer Zeit 
besiedelt gewesen ist. Eschweiler hat demgemäss eine viel, 
viel ältere Geschichte, als der Name des Ortes vermuten lasst. 
Freilich lässt andererseits doch das Grundwort „Weiler" (Lehn- 
wort aus spätlateinischem villare) erkennen, dass die germanische 
Ansiedlung nicht ohne römischen bzw. gallisch-römischen Einfluss 
sich vollzogen hat. Die wichtigsten Fundgegenstände sind vier 
Aschenurnen, nebst einigen Fibeln. Die Urnen, mehr oder 
weniger erhalten, zeigten alle auf dem Boden reichlich Knochen- 
reste. Diese waren mit eingedrungenem Lei m des umgebenden 
Erdreichs zu einer harten Masse zusammengebacken; unter den 
Knochenresten waren recht gut erhaltene Stücke, z. B. ein voll- 
ständiger Zahn. Die grösste der Urnen, deren glatt abgeschnittene 
Standfläche 14 cm im Durchmesser hat, ist von grauschwarzem, 
aussen völlig geschwärztem, halbhai tgebackenem Ton, vom Bo- 
den noch ca. 18 cm hoch; vermutlich hatte sie die der gallischen 
Keramik geläufige Flaschenfonn mit weiter Buchtung. Sie ge- 
hört in die Früh-La-Tene-Zeit. Bei dieser Urne fanden sich 
3 Bronzefibeln, ganz von derselben Form, wie sie in Früh- 
La-Tene-Gräbern im Birkenfeldischen (bei Schwarzenbach) vor- 
kommen l . 



'i Vgl. Baldes, Eügelgräber im Fürstentum Birkenfeld (Beilage zum 
Programm des Gymnasiums zu Birkenfeld, 1905) S. 50 und Tafel VJ Nr. 35 

und 36. 



— 28 — 

Eine zweite ähnliche Urne, aber weniger erhalten, ist eben- 
falls schwarz, stellenweise aber schokoladebraun in der Farbe, 
lose gebacken und dickwandig. Dieselbe Farbe und lockerer 
Brand kommt öfters grade in der La-Tene-Technik vor 1 . 

Eine fortgeschrittene Technik zeigt die dritte Urne ; sie 
ist auf der Töpferscheibe gedreht und führt uns in die späteste 
La-Tene Zeit, also in das letzte Jahrhundert vor Christus, 
dicht an die Schwelle der römischen Zeit. Es ist eine mittel- 
grosse, dünnwandige Urne aus graublauem Ton, der an den 
Aussenseiten rot gebrannt erscheint. Sie gleicht hierin ganz 
den Gefässen aus dem Birkenfeldischen, die Baldes (a. a. 0. S. 43) 
beschreibt. Der Boden ist ein aufs sorgfältigste abgedrehter 
Standboden, 10 cm im Durchmesser (unweit des Bodenrandes 
ist, diesem parallel, eine Furche eingerissen, vergl. Baldes, 
a. a. 0. S. 43 und ebenda Tafel IV Nr. 31). 

Diese Urne ist deshalb besonders interressant, weil sie die 
Brücke schlagen hilft zwischen der hiesigen Bevölkerungsschicht 
der vorrömischen Zeit und der Periode der römischen Herrschaft 
im Eheingebiet. Sie weist uns etwa in die Zeit Cäsars, des 
Eroberers Galliens und des Vernichters der Eburonen, die da- 
mals die hiesige Gegend bevölkerten, vielleicht aber auch in 
die Zeit, da schon die germanischen Ubier, durch Agrippa aufs 
linke Rheinufer verpflanzt, das Land zwischen Rur und Rhein 
bebauten — natürlich unter gallisch-römischem Kultureinfluss 
stehend und insbesondere in der Keramik von fremden Vor- 
bildern und fremder Fabrikations weise abhangend. 

Die vierte Graburne derselben Fundstätte führt uns in die 
erste römische Kaiser zeit; sie trägt nämlich durchaus die 
Eigentümlichkeiten der römisch-gallischen Keramik der Augustei- 
schen Zeit. Es ist ein Erzeugnis der bekannten (im früheren 
Bericht 2 gekennzeichneten) terra nigra, einer gallisch-rheinischen 
Besonderheit. Der Ton ist weisslich grau, hier und da ins 
Bräunliche spielend, mit mattschwarzem Überzug; letzterer ist 
durch Dämpfung in Rauchqualm und Einreiben der Kohlenpar- 
tikelchen des Russes hervorgebracht. Charakteristisch ist das 
sog. „Rädchenmuster", d. h. ein „Striehel"-Ornament, das aus 
vielfachen Reihen paralleler Strichlein besteht, die ihrerseits 

'i Vgl. Baldes ;i. a. 0. S. 28 (unten) und Koenen, G-efässkunde, S. 59. 
2 ) Korrespoadenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift a. a. 0. S. 112. 



— 29 — 

durch horizontale Linien in Bänder abgeteilt sind. (Die Striche 
sind durch ein umlaufendes Rädchen hergestellt). Der Boden, 
9 cm im Durchmesser, ist leicht aufwärts gewölbt, der Bauch, 
in gefälliger Schweifung weit ausladend, endete anscheinend (der 
obere Teil ist nicht erhalten) in ziemlich weiter Ealsöffnung 1 . 
Es steht zu erwarten, dass bei weiteren Ausschachtungen 
auf dem oben bezeichneten Gelände noch andere wichtige Auf- 
schlüsse durch Altertumsfunde gewonnen werden. 

IV. 
Römische Bauten bei Rohe und am Merzbach. 

Wie zwischen den uralten Bruchsteinen, aus denen s i 
viele Mauern an Wohnhäusern Rühes zusammengesetzt sind, 
vielfach römische Dachziegel stecken (so an der „Aachenerstrasse", 
der „Hauptstrasse", dem „Strässchen"), so sind auch im Boden 
in unmittelbarster Nähe des Ortes zahlreiche römische Bauspuren 
gefunden, z. B. auf einem Gartengrundstücke des Herrn Stadt- 
verordneten Krüger. Massenhaft lagert römischer Bauschutt 
auf einem Acker des Herrn Jos. Wahlen oberhalb Rohe, links 
von der Landstrasse (einer alten Römerstrasse). Grabungen im 
September d. J. — die Leitung hatte Herr Krüger freundlichst 
übernommen — haben ergeben, dass leider schon früher die 
Grundmauern wenigstens zum Teil ausgebrochen und beseitigt 
worden sind, jedenfalls zur Verbesserung der Bodenbebauung. 
Doch konnte soviel festgestellt werden, dass es sich um ein 
grösseres Bauwerk, wohl um ein Gehöft handelt; dass der Bau 
nicht einfacher Art, wie das Bauernhaus in Eschweiler-Bergrath 
(Mauerwerk mit Lehmverband) war, zeigen die Mörtelreste, 
die zwischen den Steinen lagern. Auch kleine Bruchteile von 
rotem Sandstein sowie anscheinend von weissem Marmor fanden 
sich vor. Die Tongefäss-Reste, die sich fanden, stimmen in 
Technik und Form mit den früher beschriebenen überein. Genaueres 
über die Anlage mitzuteilen, wird sich später Gelegenheit finden. 

Zuletzt, im Dezember 1905, sind auf einem Grundstück des 
Herrn Gutspächter Wahlen (Merzbriiek) (mit freundlicher Er- 
laubnis des Eigentümers, Herrn Franz Rosen in Eschweiler) 
Grabungen veranstaltet worden. Das Grundstück liegt am rechten 



') Vgl. Koenen, Gefässkunde Tafel IX L5 und 18; über Zeitstellung 
und Ornamentik siebe Baldes a. a. 0. S.43 und Dragendorff a. i 0, 



— 30 — 

Ufer des Merzbaches in der Nähe des Esserschen Gutshofes, 
unfern der Glücksburg- und der „breiten Bahn". Das ganze 
Gelände, auch rechts des Merzbaches, auf Grundstücken des 
Herrn Esser und anderer Besitzer, ist mit römischem Bauschutt 
besäet. Herr Wahlen berichtete, dass eine ganze Reihe römischer 
Handmühlsteine und anderer Funde bereits früher zu tage ge- 
kommen seien, dass die Mauern von Baulichkeiten beim Roden 
der Ackei fläche — vor etwa 25 Jahren — noch über die Erde 
geragt hätten, und dass er noch in den letzten Jahren zahllose 
Karren mit Steinen, Schutt und Scherben habe fortschaffen 
lassen Leider stellte sich beim Nachgraben heraus, dass nur 
die untersten Lagen der Grundmauern in der Erde lagen; doch 
war das Ergebnis insofern wichtig, als sich das Vorhanden- 
sein einer sehr ausgedehnten Anlage ergab : ein vierecki- 
ger Raum von 20 : 5 m Seitenlänge wurde vollständig bloss- 
gelegt; nach verschiedenen Seiten aber setzten sich die Mauern 
erheblich weiter fort. Von Einzelfunden sind namentlich Reste 
einer Reibschale, sodann viele Scherben von Sigillata und terra 
nigra zu erwähnen. 



Kleinere Beiträge zur Geschichte von Aachen 

und Burtscheid. 

Von Emil Pauls. 

I. Vereinbarung des Propstes Peter ä Beeck und des 

Kapitels des St. Adalbertstifts in Aachen mit dem 

Orden der christlichen Miliz. (1623). 

Aachens erster Geschichtsschreiber, Peter ä Beeck, Verfasser 
des 1620 erschienenen Werkes Aquisgranum, war seit 1604 
Kanonikus der Marienkirche und seit 1617 Propst zum hl. Adalbert 
in Aachen 1 . Abgesehen von seinem Aquisgranum ist über ä Beecks 
zwei Jahrzehnte 2 lange Tätigkeit in unserer Stadt sehr wenig 
bekannt. Auch J. J. Kreutzer, der zu seiner Schrift über das 
St. Adalbertstift in Aachen 3 die Protokolle des Stifts benutzte, 
sagt über Peter ä Beeck hauptsächlich nur. dass er 1617 zum 
Propst erwählt wurde, und dass von da ab die Stiftsprotokolle 
durch grössere Reichhaltigkeit sich auszeichnen. Eine einiger- 
massen hervorragende Urkunde, in der Aachens erster Geschichts- 
schreiber als Kanonikus des Münsterstifts oder als Propst zu 
St. Adalbert entgegentritt, scheint in der ortsgeschichtlichen 
Literatur bis jetzt zu fehlen. Die nachstehend zum ersten Mal 
veröffentlichten Urkunden und Aktenstücke betreffen eine grössere, 
im Jahre 1623 geführte Verhandlung zwischen dem St, Adalbert- 
stifte in Aachen und dem Orden der christlichen Miliz; Peter 
ä Beeck tritt hierbei in dem am 9. September 1623 abgeschlossenen 



J ) Vgl. Zeitschrift des Aachener Gescliichtsvereins lid. I. S. 230. 

2 ) Er starb am 23. Februar L624. Vgl. die angegebene Zeitschrift und 
das Vorwort in der von P. St. Käntzeler im Jahre 1874 herausgegebenen 
Übersetzuni;- von P. ä Beecks Aquisgranum. 

3 ) Titel: Beschreibung und Geschichte der ehemaligen Stifts- jetzi 
Pfarrkirche zum hl. Adalbert in Aachen und des daran bestandenen Collcgiat- 
Stifts . . . von doli. Jak. Kreutzer, zeitigem Pfarrer an derselben. A.achen 
und Cöln . . . 1839. 



— 32 — 

Vertrage als Propst an der Spitze seines Kapitels auf 1 . Ob 
sich die Urschrift dieser Urkunden und Aktenstücke erhalten 
hat, bleibt fraglich. Hier erfolgt der Abdruck nach den Ab- 
schriften in den beiden Kopialbüchern des Aachener St. Adalbert- 
stifts, die sich im Kgl. Staatsarchiv zu Düsseldorf befinden-. 
Einige Erläuterungen über die Verhältnisse des St. Adalbertstifts 
zur Zeit des Propstes ä Beeck, über die Ziele und Mittel des 
Ordens der christlichen Miliz und über den Inhalt der Verein- 
barung vom 9. September 1623 mögen den urkundlichen Beilagen 
vorhergehen. 

Das in Aachen zu Anfang des 11. Jahrhunderts entstandene, 
nahe der Münsterkirche ostwärts auf einem Felshügel gelegene 
Stift zum hl. Adalbert, war schon unter den Kaisern Heinrich II. 
und Heinrich III. durch reiche Schenkungen in den Besitz recht 
ansehnlicher Güter gelangt. Der Güterbestand erlitt indes im 
Laufe der sechs Jahrhunderte vor dem Beginn des dreissig- 
jährigen Kriegs ganz erhebliche Schmälerungen. Vogteiliche 
Vergewaltigungen, Kriegslasten, die Kirchenspaltung im 16. Jahr- 
hundert und namentlich wiederholte Überschwemmungen, der 
die meisten der in Holland und Seeland gelegenen Besitzungen 
zum Opfer fielen 3 , brachten die altehrwürdige Stiftung der Ver- 
armung nahe. Wie dürftig die Verhältnisse beim Amtsantritt 
des Propstes ä Beeck lagen, folgt aus einer Urkunde des 
Jahres 1612, in der die Lüttich er geistliche Oberbehörde dem 
St. Adalbertstifte zur Verbesserung seiner Lage ganz bedeutende 
Veräusserungen gestattet 4 . Das ganze 17. Jahrhundert hin- 
durch blieb die Vermögenslage eine höchst gedrückte Etwas 



') Vgl. die Beilagen Nr. 2, Nr. 3 und Nr. 4. 

2 ) Das älteste Kartular des St. Adalbertstiftes, das von Ca. Quix 
benutzt wurde, fehlt im Düsseldorfer Staatsarchiv. Die dort vorhandenen 
beiden Kopialbücher gehören der zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts an. 
Teile der Aktenstücke über die Verhandlungen mit dem Orden der christ- 
lichen Miliz linden sich in jedem dieser Kopialbücher. 

3 ) Durch solche Überschwemmungen war das Stift schon im 12. und 
13. Jahrhundert geschädigt worden. Die grüsste Überschwemmung fällt in das 
Jahr 1420; vgl. K. F. Meyer, Aaehensche Geschiebten Bd. I, 1781, S. 373. 

4 ) Urkunde vom 26. September 1612 im Düsseldorfer Staatsarchiv. 
(St. Adalbertstift in Aachen). In der Urkunde wird gesagt, dass das Stift 
so mit Schulden belastet sei, dass jedem Kanonikus jährlich nur 80 Rcichs- 
taler zukommen könnten. 1677 blieben sogar jedem Kanonikus jährlich nur 
CO Reichst,: In- Aachener Währung. (Vgl. J. J. Kreutzer a. a. 0. S. 29). 



— 33 — 

günstigere Verhältnisse brachte das 18. Jahrhundert; doch waren 
es immer noch nur rocht bescheidene Einkünfte, die bei der 
Aufhebung der Klöster im Jahre 1802 anderweitige Verwendung 

fanden. 

Propst ä Beeck versuchte im Sommer 1623, wenige Monate 
vor seinem Tode, eine Verbesserung- der Lage des Adalbertstifts 
durch Verhandlungen mit dem Orden der christlichen Miliz 
herbeizuführen. Die näheren Umstände, die den Orden mit dem 
Stifte oder seinem Vorsteher bekannt machten, sind nicht 
ermittelt; in den Gegenden, aus denen der heutige Regierungs- 
bezirk gebildet wurde, mag allein St. Adalbert mit dem Orden 
in grössere Verhandlungen sich eingelassen haben 1 . Die Frage 
nach dem Zweck und daw Bestrebungen des Ordens ist nicht 
leicht zu beantworten. Satzungen fehlen, und in grossen Hand- 
büchern sucht man selbst nach dem Namen „christliche Miliz' 1 
vergeblich. Nach H. Gourdon de Genouillac 2 ist eine grosse 
Anzahl von Ritterorden eingegangen, nachdem die Bedingungen, 
die ihre Entstehung herbeigeführt hatten, in Wegfall gekommen 
waren. So gab es einst eine Reihe von Orden der Miliz, der 
Ehrengarde (gendarmerie) oder des Kreuzes Christi 3 . Über den 
Orden der christlichen Miliz, mit dem ä Beeck und sein Kapitel 
verhandelten, fehlen auch bei G. de Genouillac alle Angaben. 
Es ist daher willkommen zu begrüssen. dass sich in den Kopial- 
büchern von St. Adalbert einige Einzelheiten finden, die unzweifel- 
haft auf Mitteilungen von Ordensmitgliedern zurückzuführen 
sind 4 . Der vollständige Titel lautete: Ordo Militiae Christianae 
et Communionis Hierarchiae plenitudinis aetatis Jhesu 5 . Der 



') In zahlreichen von mir durchgesehenen Geschichtswerken und Ur- 
kundenverzeichnissen fehlt jede Spur eines Ordens der christlichen Miliz im 
17. Jahrhundert. 

'-) H. Gourdon de Genouillac, dictiounaire historique des ordres de 
chevaleric ehe/, les diff6rents peuples. Paris, E. Dentu 6diteur 1860, pag. IV: 
lue grande partie des ordres de chevalerie sonl 6teints, en raison meme di - 
circonstances qui döterminerent lear creation et qui ont cesse d'exister. 

:1 ) Aus H. Gourdon de Genouillac hier folgende Beispiele : Ordre de 
la Miliee de Jesus Christ, ordre des Gendarmes de J6sus Christ, ordre de 
la croix de Jesus Christ, ordre de Jesus Christ ei de Saint Pierre etc. 

*) Vgl. die Beilage Nr. 7. 

•■) V tri. die Beilagen Nr. 1 und Nr. 2. Amli in den vorliegenden Akten- 
stücken wird der Titel häufig gekürzt in Ordo Christianae Militiae. Das 
'ommiinitas Hierarchiae deutet auf die Zulässigkeil der Aufnahme von Geist- 



— . 34 — 

Orden war auf dem Fusse des Maltheserordens eingerichtet, 
die Mitglieder gehörten dem Ritterstande oder der Geistlichkeit 
an. Papst Urban bestätigte ihn im Jahre 1624, und Kaiser 
Ferdinand II. nahm ihn unter seinen Schutz. Sein während 
des dreissigjährigen Krieges so gut wie aussichtsloses Bestreben 
richtete sich auf die Beförderung des Friedens zwischen den 
christlichen Fürsten und auf die Befreiung deutscher, in die 
Hände der Ungläubigen gefallener Gefangenen l . Über seinen 
ersten Prälaten Johann Baptist Gramay, der mit ä Beeck und 
dem Kapitel verhandelte und alle Stiftsherren von St. Adalbert 
zu Ordensmitgliedern ernannte 2 , ist Näheres nicht bekannt. 
Die Vereinbarungen 3 , die das Kapitel mit dem Orden der christ- 
lichen Miliz einging, bieten einiges Bemerkenswerte. Gleich in 
den ersten Artikeln tritt das Bestreben des Kapitels zu Tage, 
der unsichern Hoffnung auf die Wiedergewinnung längst ent- 
schwundener Renten keine Opfer an Geld und Gut zu bringen. 
Alle Bemühungen des Ordens inbetreff der Einkünfte, Rechte 
und Güter des Stifts sollten auf Ordenskosten erfolgen. Interessant 
sind die Artikel 5 und 12. Da findet sich die aus frühmittel- 
alterlicher Zeit stammende Dreiteilung zwischen Propst und 
Kapitel und die sorgfältig von beiden Teilen gehütete Berech- 
tigung zur Besetzung gewisser Ämter. In richtiger Erkenntnis, 
dass die Verhältnisse andere geworden waren, weigerte sich 
ein Oberer des Ordens, den Artikel 12 zu genehmigen 4 . Ausser- 
ordentlichen Wert legte das Kapitel darauf 5 , dass der Orden 
sich verpflichtete, niemals mehr als ein Viertel der Einkünfte 
zu beanspruchen. Dies deshalb, weil der Orden die gesamten 
Einkünfte in die Hand bekam und somit, falls nicht die be- 
stimmtesten Abmachungen vorlagen, unter verschiedenen Vor- 
wänden grössere Abzüge machen konnte. Artikel 11 beweist, 
dass die Beteiligten vom Erfolg der Bemühungen nichts weniger 
als überzeugt waren. Dies mit Recht. So weit es sich über- 



lieben in den Orden. Über nlenitudo aetatis Jesu vgl. den 10. Artikel der 
Vereinbarung. (Beilage Nr. 3). 

') Vgl. die Beilage Nr. 7. 

■) Wenigstens in dem Sinne, dass sie die Berechtigung zum Tragen 
des Ürdenskreuzes erhielten. (Vgl. die Beilage Nr. 3, Artikel 10). 

3 ) Vgl. die Beilage Nr. 3. 

*) Vgl. die Beilage Nr. «5. 

*) Vgl. die Beilagen Nr. 4. und Nr. 5. 



— 35 — 

sehen lässt, sind in Akten, Urkunden und Rechnungen des 
St. Adalbertstifts niemals irgend welche Einnahmen auf Grund 
der Vereinbarungen mit dem Orden der christlichen Miliz zu 
verzeichnen gewesen. Der dreissigjährige Krieg mit all seinen 
Schrecken und Verwüstungen liess den Orden nicht aufkommen; 
er mag schon bald nach 1623 eingegangen sein. Seiner Ver- 
einbarung mit dem St. Adalbertstii'te in Aachen haben wir indes 
eine bemerkenswerte Erinnerung an Aachens ersten Geschichts- 
schreiber zu verdanken, dessen Andenken in unsern geschichts- 
forschcnden Kreisen nie erlöschen wird. 



Beilagen. 

(Alle nachstellenden Beilagen entstammen den im Düsseldorfer Staatsarchiv 
befindlichen beiden Kopialbüchern des St. Ada'bertsstifts in Aachen). 

I 1 . 1623 Juli 2 Wien. Gr&f Adolphus de Althan baro de Soldtburg 
et Mnerstet, kaiserlicher Rat und fnndutor ordinis Militiae Christianae et 
Communionis Hierarchiae plenitudinis aetatis Jesu bekundet, dttss der Kaiser 
selbst den reverendissimum praelatum 2 des Ordens zu den Fürsten und Ständen 
des Reichs gesandt habe, um den Hauptzweck des Ordens, die Befreiung 
deutscher Gefangener, zu sichern (stabil iendumj. Graf Adolf von Althan 
gibt das Zweitälteste 3 Ordensraitglied, seinen Sohn, den Grafen Michael 
Johann von Althan, dein Prälaten mit der Vollmacht bei, in Deutschland alle 
für Ordenszwecke bestimmten Schenkungen und Stiftungen im Namen des 
Ordensstifters und des Ordens anzunehmen. In quorum ftdem pra sentibus 
manu nostra suberiptis sigillum ordinis et communionis apposuimus. Actum 
Viennae postridie calend. Julij festo visitatae per Mariam Elisabethae anno 
1623, et signatum erat Adolphus comes ab Althau et inferius Laurentius 
Joannes Praetor ins A. Greorgenscs*. 

2 8 . 1623 September 9, Aachen. Propst Peter a Beeck u>td das Kapitel 
zum hl. Adalbert in Aachen belehnen den Orden der christlichen Miliz mit 
einem Viertel der Einkünfte von Gütern, die dem St. Adalbertsstifte entfremdet 
norden waren. 



«) Kopialbach B, Nr. 166, pag. H-J s: lateinische Fassung. \ lossen isl die 

ans Köln den 15. September L62S datierte Beglaubigung des Nol irs i Lernens Radoh. 

,J Der Name des Prahlten ist. wohl deshalb nichl genannt, am die Urkunde am i 
für den Nachfolger des zeitigen Prälaten rechtgültig zu machen. 

8 ) Primogenitum ordinis. Wahrscheinlich war dor gen. Sohn des 9 
Vater gleich bei der < inm tun- des Ordens als erstes ( hdensniitglied eil n worden. 

*, In dem Kopialbucli (250) luutoi die Unterschrift Qreorgen F< 

*) Kopialb uch H. Nr 161, pag 181 s. 

3* 



— 36 — 

Nos Petrus a Beeck praepositus, Joannes Numans decanus, Petrus a 
Vivario, Adamus Ihrnich, Ludovicus Liberti, Joannes Chapellet, Hermannus 
a Rembergh et Hubertus Munsterus canonici sacerdotes capitulum constituen- 
tes, quivis pro suo interesse imperialis ecclesiae collegiatae beati Adalberti 
Aquisgranensis capitulariter ut moris est et sub iuramento convocati, uui- 
versis praesentes litteras visuris, lecturis seu legi audituris salutem et noti- 
tiam veritatis. Xotum facimus, quod nos pro amore dei, animarum nostra- 
rum salute maiori, ecclesiae nostrae utilitate, aliisque iustis rationibus ani- 
rnuiu nostruni uioveutibus, matura deliberatione praebabita ex certa scientia 
pro nobis et nostris successoribus concesserimus, reliquerimus et dederimus 
omni meliori modo, iure et forma in feudum directum et ligium illustrissirno 
ordini Militiae Christianac et Communitatis Hierarcbiae plenitudinis aetatis 
Ihesu quartam partem de omnibus et singulis bouis, dominus, censibus, deci- 
mis, terris, pratis, piscaturis, iuribusque et emolumentis, quae nos nostrum- 
que capitulum et praedecessores nostri ex donatione caesarum et aliorum 
libere et pacifice possederunt in Stryen, Umere et Walecre, Diest, Wald- 
ricken, Pate et Moldecke, Gozlar et Trutmanniae tractu et aliis pagis Hollan- 
diae et Zelandiae usque ad cataclismum seu inundationem patrum memoria 
illis in locis factam, boc niinirum modo, quod primus eiusdem Ördinis et 
Coramunioni.s praelatus authoiitate apostolica et caesarea redemptioni capti- 
vorum nationis germanicae praepositus tcnebitur sempcr futuris temporibus 
dictum feudum a nobis nostrisque successoribus pcrsonalitcr in ecclcsia nostra 
praedicti sancti Adalberti coram summo altari relevare et suscipere et tactis 
sacrosanctis evangeliis nomine dicti Ordinis et Communionis suae iurare flde- 
litatem et reverentiam et iiiviolabiter servarc contractus et pacta, condi- 
tionesque super his die data praesentiura solemniter stipulatas. iuratas et 
acceptatas sub poena privationis dicti feudi et cassationis omnium et singu- 
loruin circa haec tractatorum. In quorum iidem praesentibus litteris nomina 
nostra subscripsimus, sigillaque praepositi et capituli inssimus appendi. Actum 
in capitulo sancti Adalberti die uona Septembris auno douiiuicae incarnatiunis 
1623 tLo , indictione 15'', pontificatus sanctissinii domini nostri papae Urbani 
octavi anno eius primo, et invictissimi impcratoris nostri Ferdinandi secuudi 
regnorum Romani quarto, Hungarici et Bohemici sexto. 

.'$'. 1623 September 9. Aachen. Vereinbarungen zur Belehnung vom 
iK September 1623 zwischen dem Kapitel zum hl. Adalbert in Aachen und 
dem Orden der christlichen Miliz, 

1. Der Orden verpflichtet sich, unentgeltlich (gratis et sine ullo onere) 
die Personen, Rechte und Güter der Kirche und des Kapitels zum hl. Adalbert 
zu schützen und zu verteidigen. 

2. Der Orden verpflichtet sich, jederzeit auf Ersuchen des Kapitels, 
durch seine Ritter, Prälaten, Soldaten und Sachwalter nach bestem Wissen 



') KoiiifUlmch B, Nr. 1(54. pag. 131 s : lattinischc Fassung. 



— 37 — 

und Können (pro nosse et posse suo) beim Kaiser, beim Apostolischen Stuhl 
und bei anderen auf die Erhaltung, Wiederherstellung und Bestätigung aller 
Freiheiten, Rechte und Privilegien der gen. Kirche zum hl. Adalbert bedacht 
zu sein und ihre Rechte, ohne dafür etwas zu fordern, gegen jedermann zu 
schützen. 

3. Der Orden verpflichtet sich, auf seine Kosten ohne jede Belastung 
des St. Adalbertsstiftes, alles aufzubieten, damit omnia iura, dominia, posses- 

siones terrae, ae/ri et pascua, aquae omniaque et singula quoeunqae nomine 

ad ecelesiam s. Adalbcrti speetantia, die in Holland, Seeland und anderswo 
.... (es folgen die bekannten Namen) ' gelegen sind, baldmöglichst wieder 
gewonnen werden können. 

4. Der Orden verpflichtet sich, unter Vorlage der Abschriften all) r 
einschlägigen Aktenstücke alljährlich dem Kapitel Rechenschaft über die zu 
dieser Wiedergewinnung unternommenen Schritte abzulegen. 

5. Der Propst zu St. Adalbert in Aachen hatte vor der Überschwemmung 
in Holland und Seeland von den dortigen Einkünften ein Drittel, das Kapitel 
dagegen zwei Drittel zu beanspruchen. Alle früheren über diese Teilung 
zwischen dem Propst und dem Kapitel getroffenen Vereinbarungen gelten 
jetzt als aufgehoben. Der Orden verpflichtet sich, in Zukunft, frei von jedem 
Abzüge, am Fest des hl. Adalbert in Aachen zu Händen des Propstes und 
des Kapitels drei Viertel der in Holland und Seeland erzielten Einkünfte 
abzuliefern. Hiervon soll ein Drittel dem Propst und der Rest dem Kapitel 
gehören. Propst, Dechant und Kapitel behalten sich indes das Recht vor. 
in Holland Beamte und Steuereinnehmer (reeeptores) anzustellen, die entweder 
für sich allein oder in Verbindung mit den Beamten des Ordens das Ver- 
pachtungswesen besorgen und die Gefälle einziehen (elocationes f&cere et per 
se reeipere). Macht das Kapitel von diesem Rechte Gebrauch, so ist der 
Orden der Verpflichtung zur Rechnungsablage entbunden. 

fi. Ohne Genehmigung des Kapitels darf der Orden sein neues Lehen 
weder irgendwie belasten, noch etwas davon veräussern, (alieiiare aut ob- 
licjare. am contrarius aJiquos praeiudiciales facere). 

7. Das Kapitel verpflichtet sich, dem Orden alle Aktenstücke (chartae, 
informationes et instruetiones), die es über die genannten Güter besitz! oder 
erlangen kann, zugänglich zu machen 2 und nach Möglichkeit den Orden zur 
Erreichung seines Zieles durch Bat und Tal zu unterstützen. 

8. Das Kapitel verpflichtet sich, die von Papsl und Kaiser bestätigten 
Nachfolger des jetzigen Ordensvorstehers, -ei es, dass sie im ersten Jahre 
nach ihrer Bestätigung entweder in eigener Person erscheinen oder sich durch 
einen Bevollmächtigen vertreten lassen, mit dem vierten Teil der oben bi - 
zeichneten Güter unter den vorstehenden Hedin^-untren gegen eine in I 



1 Mit dem Zusätze, dass es sich am Strecken handle, die partim adhuc inuu 
partim recenter vindicatae, partim ab aqua prai • rvatae ien. 

'-', Vorlage: commnnicare ei traden wohl im Sinne dei ' bermitteiui 
bigter Abschriften, 



— 38 — 

und Silber ' zu Gunsten der Kirchenfabrik (zum hl. Adalbcrt) zu zahlende 
Lehengebühr zu belehnen. 

9. Zur Begründung einer Verbrüderung (confraternitas) zwischen dem 
Kapitel und dem Orden wird der Orden alljährlich in seinen Bethäusern 
und Tempeln am Tage nach St. Michael ein feierliches Seelenamt abhalten 
lassen für die verstorbenen Stiftsherren und Zugehörigen der St. Adalberts- 
kirche in Aachen. In dieser Kirche dagegen wird das Kapitel alljährlich 
am Tage nach dem Feste des hl. Adalbert ein feierliches Seelenamt halten 
für die verstorbenen Ritter, Prälaten und Brüder des Ordens. Desgleichen 
sollen die kirchlichen Feste des Ordens auch kirchliche Feste für St. Adalbert 
sein und umgekehrt 2 . 

10. Der Propst Peter a Beeck hat zugegeben, dass er zum Vater der 
armen Aachener Gefangenen ernannt wird. Er selbst, der Dcchaut und das 
Kapitel bestimmen für sich und ihre Nachfolger, dass dieses Amt mit der 
propsteilichen "Würde verbunden bleibt, und dass der Propst, der Dechant 
und jeder Kanonikus des Ordenskreuzes teilhaftig und berechtigt wird, es 
an öffentlichen Orten zu tragen, anzuheften oder abzubilden 3 . Ferner ver- 
sprechen die Kapitulare, in ihrer Sakristei oder in ihrer Kirche einen mit 
dem Ordenskreuze bezeichneten Opferstock zur Unterstützung der Gefangenen, 
oder in deren Ermangelung der Armen von Aachen aufzustellen. Aus dem 
ersten Einkommen der Güter in Holland, so versprechen die Kapitulare, 
werden sie in diesen Opferstock 33 Münzen, entsprechend der Zahl der 
Lebensjahre des Erlösers legen, und diese Einlage alljährlich so lange fort- 
setzen, als es die Notwendigkeit oder die Zahl der Gefangenen erforderlich 
macht. 

11. Für den Fall, dass der Orden innerhalb der nächsten zehn Jahre 
hierbei nicht zum Ziele gelangt (realiter nihil efficiatur aut vindicetur), so 
sollen alle vorstehenden Bestimmungen nebst der Belehnung als nichtig an- 
gesehen und die hierüber ausgefertigten Schriftstücke dem Kapitel zurück- 
gegeben werden. 

12. Falls im Laufe der Zeit irgend welches Recht (die Anstellung eines 
Untervogts oder anderer Beamten, pfarrechtliche Kollationen) zurückge- 
wonnen wird, so bleibt dieses Recht der Stelle gesichert, die es vor der 
Überschwemmung besass. 

13. Reverendissimus dominus Joannes Baptista Gramay, der zum kaiser- 
lichen Rate gehört und erster Prälat des Ordens ist, besitzt zwar eine 
Generalvollmacht zur Erledigung aller Geschäfte des Ordens. Zur grösseren 
Sicherung der vorstehenden Vereinbarungen verpflichtet er sich indes, dem 
Kapitel zu liefern: 



') Vorlage: Cum recognitione partis auri ofc urgent i. Nüliore Angaben fehlen. 

2 ) Vorlage: et prout festa Ordinis et Oommunionis in dieta occlesia collegiata 
solemniter celebrantur, ita festum saneti Adalberfci et putronorum dietae ecclesiao dein- 
ceps in oratoriis, templis et coenobiis dicti Ordinis et Communionis colebrabuntur. 

■■"j Vorlage: crucem redemptionis publicis locis gestare, affigere aut appingere. 



— 39 — 

a) Binnen 14 Tagen die Bestätigung der Abmachungen durch den Graf« n 

Michael von Althan, Sohn des Stifters des Ordens und besonderen Bevoll- 
mächtigten '. 

bl Binnen drei Monaten die Bestätigung durch den Stifter und Obern 
des Ordens sowie durch den ganzen Orden, wobei die Mitglieder die Ordens- 
güter dafür zum Pfände setzen, dass niemals in Zukunft der Orden mehr 
verlangen wird als das ihm in der Vereinbarung zugesagte Viertel der 
Einkünfte 2 . 

c) Binnen Jahresfrist die Bestätigung durch Kaiser und Papst. (Sacra 
Caesarea Maiestas et Sedes Apostolica) s . 

4 3 . 1623 September '.), Aachen. Eidschwur des Johannes Baptista Gramay, 
ersten Prälaten des Ordens der christlichen Miliz und Generaloberen in Sache» 
der Befreiung deutscher Gefangenen, zu der Belehnung des Ordens durch das 
Kapitel vom hl. Adalbert in Aachen vom 9. September 1623. 

Gramay schwürt im Namen des Ordens vor den Reliquien, die im Hoch- 
altar der St. Adalbertskirchc aufbewahrt sind, dass er dem Propste, dem 
Dechanten und dem Kapitel des hl. Adalbert in Aachen Treue und Ehrfurcht 
gelobe und die zwischen dem Kapitel und ihm getroffenen Vereinbarungen* 
unverbrüchlich halten werde. Insbesondere gelobt er eidlich, niemals mehr 
als ein Viertel der aus Holland und Seeland zu beziehenden Hinkünfte zu 
beanspruchen, und ferner das St. Adalbertsstift nach Möglichkeit zu unter- 
stützen. Sic me deus adiuvet et hetec saneta dei evangelia. Acta sunt haec 
Aquisgrani in ecclesia praetaeta saneti Adalberti, choro praesentibus ibidem 
Michaele Battnianno medicinae doctore, Petvo Hirsfink et Mathia Gobbelino 
testibus ad praemissa specialiter vocatis et rogatis. Anno mens' , t die quibus 
supra. In quorum omnium ita actorum fidem et robur praesens scriptum a 
partibus subsriptum et sigillis utrorum confirmatis. Erat subscriptum: Petrus 
a Beeck, praepositus saneti Adalberti, Joannes Numantz decanus saneti Adal- 
berti, Petrus a Vivario, Adamus Irnich, Ludovicus Liberti, Joannes Chapellet, 
Hermannus Reinberg, Hubertus Munsterus. I. B. Gramay. Et appendebant 
tria sigilla. 

5 6 . 1623 September 9, Aachen. Sonderbescheinigung (Reversale) Gramays 
zur Belehnung vom 9. September 1623. 

Ist Erklärung Gramays, dass er von dein Propste, dein Dechanten und 
dnn Kapitel zum hl. Adalbert in Aachen aus gewissen Gründen eine Aus- 
fertigung der Belehnung vom 9. September 1623 erhalten habe, der die verein- 
barten Bedingungen nicht beigefügt waren. Daran schliesst sich die Ver- 



i) Vgl. die Beilage Nr. 0. 

*) Die Bestätigung fehlt in den \U,u und ist wahrscheinlich nie erfolgt. 
3 ) Kopialbuch B, Nr. 164 pag. L31 s.: Lateinische Fassung. 

*) Vgl. die Beilage Nr. 8; im Kopialbuch isl der Eidsohwur Gramays den Verein- 
barungen unmittelbar angeschlossen. 

f ) Kopialbuch B, Nr. U55, pag. 140 s : lateinis« 



— 40 — 

Sicherung, dass weder Gramay noch der Orden der christlichen Miliz jemals 
etwas mehr beanspruchen würden als den vereinbarten vierten Teil der Ein- 
künfte; der Kest sollte auf immer dem St. Adalbertstift ungeschmälert 
verbleiben. 

In quorum fidem manu proprio hoc sübscripsi et sigillo communivi nona 

die Septembris anno incarnati Christi millesimo sexcentesimo vigesimo tertio. 
(Sübscriptum: J. B. Gramay, et appensum erat sigillum in hostia rubra.) 

6 1 . 1623 September 15. (Ausstellungsort nicht angegeben, wahrscheinlich 

Aachen). Graf Michael Johann von Althan nimmt auf Grund der ihm von 
seinem Vater, dem Stifter des Ordens der christlichen Miliz, erteilten Voll- 
macht (vergl. die Beilage Nr. 1) die Belehuung des Ordens mit Einkünften 
aus Gütern des Aachener St. Adalbertstiftes in Holland und Seeland air 
Er bestätigt, abgesehen von einer Ausnahme, alle Punkte der Vereinbarung 
vom 9. September 1623. (Vgl. die Beilage Nr. 3). Ausgeschlossen von der 
Bestätigung bleibt nur der 12. Artikel der Vereinbarung, wonach beim Eintritt 
gewisser Rechtsfragen auf den Stand der Verhältnisse vor der Überschwemmung 
zurückgegriffen werden soll. Von diesem Artikel sei in den Vorberatungen 
keine Bede gewesen; auch scheine er mit vorhergehenden Artikeln im Wider- 
spruch zu stehen. Alle übrigen Artikel werden im Namen des Ordens mit 
dem Hinzufügen bestätigt, dass der Orden von den Einkünften des neuen 
Lehens niemals mehr beanspruchen werde, als ihm im 5. Artikel der Verein- 
barung zugebilligt sei. 

In cuius fldem praesens scriptum signavi et sigiVo munivi hac 15ta Sep- 
tembris 1623. Erat sübscriptum Michael Joannes comes ab Althann. 

7 2 . Gründung, Zwecke und Abzeichen des Ordens der christlichen Miliz 
Die ritter Cbristianae Militiac unter dem titel B. Virginis Mariae et 
saneti Michaelis sind von Carolo Gonzaga, herzogen von Nevers und 
Michaele Adolpho, grafen von Althann, kayserlichen general-feldmarschall 
und commandanten in Gran, zu Olinütz in Mähren aufgerichtet, die Vollziehung 
zu "Wien den 8ten Mertz 1619 verrichtet, und viele catolische fürsten, grafen 
und herren darin aufgenommen worden. Es hat sich auch etliche tage her- 
nach der herzog von Mautua, Ferdinand, selbst hineiubegeben. Der entzweck 
dieser ritter war, frieden zwischen christlichen potentaten zu stiften und die 
Christen, so von den ungläubigen unterdruckt oder gefangen gehalten wurden, 
wiederum zu erlösen. Die mitglieder solten aus ritteren von adelicbem her- 
kommen und geistlichen bestehen. Die ordenscreuze, so die ritter tragen 
mussten, waren zweyerley: eines ganz golden, auf dessen einen seiten der 
Jungfrauen Maria mit dem kindlein Jesu auf den armen, auf der anderen 
aber St. Michaelis bildnuss stunde. Dieses creuz solte an einem von blauer 



') Kopialbuch B. Nr. 166 pag. U2 s.: lateinische Fassung. 

s ) Kopialbuch B. S. 145— 147 in lateinischer and deutscher Fassang, wovon hier 
die deutsche Fassung zum Abdruck gelangt. 



— 41 — 

seidc und gold gemacht m bände am halse getragen werden. Das andere 
creuz solte von blauer seidc und gold gestickei und in dessen mitten ein 
Marienbild seyn, mit goldenen flammen und 12 Sternen um das baupt, auch 
das kindlein Jesu auf der linken und einen seepter in der rechter band, wie 
auch einen halben mond unter den fassen habende. Aus denen i ecken des 
creuzes solle aus jedem eine güldene flamme herfürgehen, und solches aui 
der linken seilen des mantels goführel werden. Dieser orden ist anno 1624 
vom pabst ürbano VIII. den li>. Januarij confirmirel worden, und war er 
nach dem fuss des Maltheserordens eingerichtet. 

2. Weigerung des Kapitels des Aachener Marienstifts, 

das Evangelienbuch Karls des Grossen an den Herzog 

von Jülich-Cleve-Berg zu verleihen. (1534.) 

Zu den grössten Schätzen des Aachener Münsters geholte 
bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit das Evangelienbuch 
Karls des Grossen 1 . Der berühmten, jetzt längst als unhaltbar 
erwiesenen Grabsage nach soll es bei der Eröffnung der Kaiser- 
gruft unter Otto III. auf den Knieen der Leiche des grossen 
Kaisers gefunden worden sein. Sicher ist es, dass auf dieses 
Evangelistarium die römischen Könige bei der Krönung unter 
Auflegung zweier Finger den vorgeschriebenen Eid ablegten, 
und dass dem Codex sein Alter, seine Einfassung und die An 
der Schriftzüge den Charakter eines Kunstschatzes allerersten 
Rangs verleihen. Der Ursprung darf auf das Zeitalter der 
Karolinger zurückgeführt werden. Der vordere Deckel des Ein- 
bandes zeigt in getriebener Art das Bild der maiestas domini, 
umgeben von den Abzeichen der vier Evangelisten; sämtliche 
Buchstaben des Textes sind in der Kurrentschrift des 9. Jahr- 
hunderts in Gold auf purpurgefärbtem Pergament äusserst fein 
und korrekt ausgeführt 2 . 

Einen so überaus wertvollen Schatz wünschte im Jahre 
1534 der Herzog Johaun von Jülich-Cleve-Berg auf „einige T i 
leihweise zu erhalten. Er gab, wie aus dem Wortlaut des 
nachstehend zum ersten Mal veröffentlichen Schriftstücks hervor- 
geht, dem Magister Hermann Francol «'in Schreiben an das 
Kapitel der Aachener Maiionkirche mit, worin er bat, dm in 
seinem Auftrage durch Francot vorzubringenden Mitteilungen 



l ) Das Evangelienbucb kam L798 nach Wien. Vgl. V. Leck. Karls 
des Grossen Pfalzkapelle and ihre Kunstschätze. Aachen 1866, S. 155 158. 
-i F. Boefe .i. a. 0. 



— 42 — 

Glauben zu schenken 1 . Gleichzeitig drückte er in seinem nicht 
einmal unterzeichneten Briefe den Wunsch aus, das Evangelien- 
buch Karls des Grossen geliehen zu erhalten. Der Wunsch des 
Herzogs fand keine Berücksichtigung. Das Kapitel richtete 
seine ablehnende Antwort an Johann von Vlatten, der zu den 
vertrauten Räten des Herzogs gehörte und damals noch Scholaster 
des Aachener Marienstifts war 2 . Erstaunt deuten die Stiftsherren 
auf das Fehlen der herzoglichen Unterschrift und den Mangel 
jeder einschlägigen Mitteilung Vlattens hin. Die Ablehnung 
wird unter höflichen Entschuldigungen mit dem Hinweise auf 
den unschätzbaren Wert des Codex begründet, der ohne besondern 
kaiserlichen Befehl nicht verliehen werden dürfe. Etwas ironisch 
heisst es, dass überhaupt das Kapitel seine Kirchenschätze nicht 
zu verleihen pflege; dabei wird aber für den Fall einer Besich- 
tigung und Benutzung des Evangelienbuchs durch herzogliche 
Gelehrte an Ort und Stelle in Aachen jede wünschenswerte 
Unterstützung in Aussicht gestellt. Die Chronik der Aachener 
Krönungskirche, wovon in der Antwort die Rede ist, kann nur 
eine handschriftliche gewesen sein. Die Annahme liegt nahe, 
dass die Grabsage Karls des Grossen im Jahre 1534 dem Kapitel 
entweder nicht bekannt war 3 , oder bei ihm in sehr geringem 
Ansehen stand; das Fehlen jeder Andeutung über den Fund 
des Evangelienbuchs bei der Leiche des Kaisers kann indes 
auch auf anderen Umständen beruhen. Wie Herzog Johann zu 
seinem seltsamen Wunsche kam, lässt sich mit Bestimmtheit 
nicht ermitteln. Der Schluss des Schreibens des Kapitels ge- 
stattet in etwa die Folgerung, dass die Gelehrten am herzog- 
lichen Hofe den Codex einzusehen wünschten und es verstanden 
hatten, das Interesse ihres Herrn hierbei rege zu machen. 
Unredliche Absichten irgendwelcher Art mögen dem Herzoge 
gänzlich fern gelegen haben, doch war trotzdem die Ablehnung 



') Francot hatte jedenfalls den Auftrag, den Wunsch des Herzogs beim 
Kapitel mündlich zu begründen. 

2 ) Johann von Vlatten (geb. 1500, gest. 1562) wurde schon 1517 Scholaster 
des Marieustifts in Aachen. Nach 1534 wurde er Propst dieses Stifts; das 
genaue Jahr steht nicht fest. Irrig heisst es, wohl auf Grund älterer ganz 
ungenauer Verzeichnisse, dass Vlatten schon 1525 Propst an der Aachener 
Krönungskirche geworden sei. (Vgl. Allgemeine deutsche Biographie Band 
40, S. 87—89. 

') Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvercins Bd. 14, S. 137 f. 



— 43 — 

seines Wunsches eine durchaus gerechtfertigte. Zum nach- 
stehenden Abdruck sei bemerkt, dass das Papier der Vorlage 
am Rande vielfach defekt ist. Die dadurch notwendig ge- 
wordenen unbedeutenden Ergänzungen sind durch eckige Klammern 
angedeutet. 

Domino .lohanni a Vlatten scholasteri Aquensi. 

S. p. (1. Venerabilis dominc et confratcr. Exhibuit nobis magister 
Herinaunus Francot litcras [illustrissimi] prineipis Clivie Juliciiuc ducis, 
continentes, ut eidem Hcrmanno in illis que [nomine] prineipis nobis relaturus 
esset, fidem adhibere vellemus; simulque a nobis pet[ijt] librum quatuor 
evangeliorum divi Caroli Magni aureis scriptum literis, |post| paueos dies 
ad nos referendum. Tametsi vero prineipis desiderio bac in parte [si| li- 
cuisset libenter morem gessissemus, tarnen cum nee ipse litere manu prineipis 
subscripte fuerint, nee Tua interim Dominatio cuieumque nostrum hac de re 
scripserit [constetque] eidem Tue Dominationi quanti precij quanteque esti- 
mationis liber ille apud nos sit, quem ba[bemus] iutcr preeipuos ecelesie 
thesauros, cuius rei argumentum esse poteruut ea que de eodem libro in 
ebronico ecelesie nostre testata reperimus. Hinc visum fuit Tue [Dominationil 
[de] ea re sententiam nostram signiticare, quo nos apud prineipem excusatos 
haberjes] quod illius desiderio in praesentiarum nequimus satisfacere. Noverit 
eniin Tua Dominatio, [quod] non consueverimus alicui thesauros ecelesie nos- 
tre credere, quanto minus hunc [librum], qui eunetis merito thesauris ante- 
ferri debeat, ad cuius etiam attactum electi [Rom.] reges, cum bic sacris 
inaugurantur iusiurandum regibus prestari solitum praestare consueverc. 
Nee possumus eundem absque speciali Cesaree Maiestatis [assensu] aliquo 
transmittere. At si placuerit prineipi literatos aliquot viros huc ad |boc| 
volumen legendum perlegendumve delegare, non solum id, sed queeunque [illi 
esti] maverint intentioni sue suffragari posse, quatenus peues nos existant, 
liben[tcr] ostendemus. ac in aliis etiam longe maioribus Gratie Sue pro virili 
nost[ro] temperabimus <|uam libentissime. Ex Aquisgrani die 4 ,a Xovembris 1 534. 

Decanus et capitulum regie ecelesie dive Virginis Aqu[ensis]. 

Düsseldorfer Staatsarchiv. Aachener Marienstift; Akten U : Reliquien. 
Papier; Abschrift. Auf der Rückseite von jüngerer Hund: Copia litterarum 
reverendi capituli ad reverendum dominum prepositum \'latten excusat ionis, 
quod non possent librum evangeliorum mittere ad prineipem Johannem .. ,!ul. 



Das Haus „Die Landskrone". 

Von f J. Psclimadt 1 . 

Im Bewusstsein der altern Aachener Bürger lebt die Er- 
innerung, dass das Haus Grosskölnstrasse 15/17, Ecke Mostard- 
gasse, in dem heute die H. H. Gebrüder Sinn ihr Geschäftslokal 
haben, ehemals den Namen „die Landskrone" führte. Vor den 
jetzigen Eigentümern war „die Landskrone" im Besitze des 
Gastwirtes Peter Mathias Versie, eines Brauers und Brenners. 
Er benutzte das Haus, wie es auch seit Jahrhunderten seine 
Vorgänger getan hatten, als Wirtshaus. Bereits 1420 findet 
sich die „Landskrone" im Verzeichnisse der städtischen Wein- 
accise als Weinhaus aufgeführt. 1598 war sie zu Gunsten des 
auf dem Radermarkte, dem heutigen Münsterplatze, gelegenen 
„Eines edeln, ehrbaren Rates Gasthauses" mit einer Rente be- 
schwert. 1701 nennt ein franzüsiches Schriftchen (Eaux d'Aix. 



] ) Anmerkung des Herausgebers. Der Verfasser vorstehender Ab- 
handlung beschäftigte sich schon seit früher Jugend iu den Mussestunden, 
die ihm seine Berufstätigkeit als Volksschullehrer und nachher als Vorschul- 
lehrer des hiesigen Realgymnasiums freiliess, mit dem Studium der Geschichte 
seiner Vaterstadt Aachen. Durch andauernden Fleiss, den angeborenes Talent 
und ein treues Gedächtnis unterstützten, erwarb er sich nach und nach ein 
reiches ortsgeschichtliches Wissen, das er auch gerne in den Dienst weiterer 
Kreise stellte. So hat er wiederholt in den Monatsversammlungen des Vereins 
„Aachens Vorzeit", dem er seit dessen Gründung als Mitglied und die letzten 
5 Jahre auch als Schriftführer angehörte, wiederholt Vorträge gehalten und 
ebenfalls verschiedene formschöne und inhaltreiehe Beiträge zur Vereinszeit- 
schrift geliefert. Seinen letzten Vortrag über das Haus „Die Landskrone" 
(jetzt Grosskölnstrasse 15/17) hielt er bei Gelegenheit der Hauptversamm- 
lung, die am 16. November 190."> allgehalten wurde. Kaum drei Wochen 
später (6. Dezember 1905) traf ihn mitten in der Ausübung seines Berufes 
ein Schlaganfall, der dem Leben des anscheinend so rüstigen und völlig ge- 
sunden Mannes in wenigen Minuten ein jähes Ende bereitete. Der noch von 
seiner Hand druckfertig gemachte Vortrag fand sich inner seinen hinter- 
Lassenen Papieren und folgt hier gevrissermassen als letztes Vermächtnis des 
tcuern Verstorbenen an den liebgewonnenen Verein „Aachens Vorzeit". 



45 



Cologne chez Pierre Marteau) die Landskrone den besten Aachener 
Gasthof. Als Ferdinand Jansen im Jahre L8 15 seine Aachener 
plattdeutschen Gedichte herausgab, war sie zum Bierhause ge- 
worden, und unser vaterstädtischer Dichter winde durch die 
damals daselbsl stattgehabte Einrichtung einer Bierpumpe zur 
Abfassung eines plattdeutschen Gedichtes veranlasst. Am 25. 
März des Jahres 1848 war die Landskrone der Schauplatz 
einer Arbeiterversammlung, die zu einer am Tage vorher im 
Hotel Nuellens verfassten Adresse an die aufrührerischen Berliner 
und Wiener ihre Zustimmung gab. Wie diese Tatsache zeigt, 
dienten die Säle des Hauses 
auch mitunter für die Ver- 
anstaltung grösserer Ver- 
sammlungen. So wird im 
Jahre 1011 bekundet, dass 
einTeil der nichtkatholischen 
Bürger Aachens in der Lands- 
krone ihre kirchlichen Zu- 
sammenkünfte abgehalten 
und einzelne Säle mit Bänken 
und Predigtstühlen besetzt 
hatten. Im Anfange des 18. 
Jahrhunderts war das Haus, 
wie wir schon gehört haben, 
Gasthof. Doch diente der hin- 
tere Saal des oberen Stock- 
werks als Zunftstube. Als 
Herr Franz Sinn zur Ver- 
größerung seines Geschäfts- 
lokales das erste Stockwerk zum Laden hinzuzog und das 
Hinterzimmer mit den vorderen Räumen vereinigte, wurden 
die Tapeten des Hinterzimmers entfernt. Bei dieser Gelegen- 
heit kamen an der Ost- wie an der Westseite alte Wand- 
gemälde zum Vorschein, deren photographische Wiedergabe Herr 
Sinn veranlasste. Die Darstellung auf der Ostwand ist noch 
teilweise zu erkennen. Sie zeigt einen von Engeln gehaltenen 
Thronhimmel, deran allen Seiten von Wappen umgeben ist. Unter 
jedem Wappen befindet sich der Name dessen, der es führte. 
Unten rechts lesen wir die dem Hymnus auf Karl den Grossen 
entnommenen Worte: „principalis. Prima regum curia A° 1705 




— 46 — 

An der entsprechenden Stelle zur Linken hat der Anfang- des 
Hymnus gestanden: Urbs Aquensis, urbs regalis, regni sedes. 
Doch sind hiervon nur noch 2 Buchstaben zu sehen IS. Alles 
Übrige ist zerstört. Die besser erhaltene Darstellung der 
Westwand zeigt das Paradies. Die Stammeltern stellen an den 
Seiten des Baumes der Erkenntnis. Die höllische Schlange 
windet sich um den Baum. Unter diesem Bilde finden sich 
vier Wappen mit den dazu gehörenden Namen Über der 
unteren Umrahmung des Bildes liest man die Worte einer teil- 
weise zerstörten Inschrift: Ihre Nahm . . . Dass Auch Zu Ehr 
Und Zeiraht Dieser Unsserer Gaffellen Ist Gemindt. Diese 
Worte lehren uns, dass der Saal den Zwecken einer Zunft, 
einer Gaffel, diente, und die Jahreszahl 1705 deutet die Zeit an, 
in der die Zunftstube „Zu Ehr Und Zeiraht" der Gaffel mit 
den Malereien ausgestattet worden ist. Es galt nun festzu- 
stellen, welche Gaffel damals die „Landskrone" als „Läufe" 
benutzt hat. In dem Verzeichnisse der Zunfthäuser, das Chr. 
Quix uns hinterlassen hat, findet sich die „Landskrone" nicht 
aufgeführt. Aber die Namen der Wappenbesitzer helfen uns aus 
der Verlegenheit. Herr Archivar Pick, dem ich auch an 
dieser Stelle meinen Dank ausspreche, hatte die Güte, mir eine 
Anzahl die Gaffeln betreffender Archivalien zur Verfügung zu 
stellen, deren Benutzung alles klar machte. Das Bild auf der 
Ostwand trug oben vier Inschriften mit folgenden Personenbe- 
zeichnungen : Reiner Jordan abgestandener Baumeister, Jon. 
Weissmann, z. Z. gemeiner Baumeister, Winand Schmelz, z. Z. 
Zwelfter Baumeister, Christian Frohn, abgestandener Baumeister. 
An den andern Seiten des fast ganz zerstörten Wandbildes sind 
sieben Wappen mit Personenbezeichnungen zu erkennen, und 
ganz unten sieht man die Spuren eines achten Wappens mit 
der Inschrift: Johann . . . Deiner. Dieser Johann war also der 
Gaffeldiener. Bei den Namen der ersten Sieben findet sich die 
Kennzeichnung z. Z Zwelftermeister. Diese ehrenfesten Zwelfter- 
meister auf der Westseite Messen: Hendricus Kardebinder, 
Jaobus Klosepelz, Nicolaus Göbbels, Hendricus Schmitz, Conr. 
Weissmann, Carolas Rauschenburg, Nicol. Hauff und Christian 
Frohn. Da die Baumeister und Zwelfter jedenfalls zu den an- 
gesehensten Zunftgenossen gehörten, aus denen auch gewiss die 
6 in den Rat gewählten Gaffelvertreter genommen wurden, die 
Verzeichnisse der Ratsherrn jener Zeit noch im Archiv vor- 



- 47 — 

handen sind, so ergab sich bald, dass ..diese Unsere Gaffell" die 
Schneiderzunft gewesen ist. Schwieriger war es, die zum Teil 
unleserlichen Namen der Hau- und der Zwölftermeister festzu- 
stellen, da sich in den Ausschreibungen des Jahres 1705 die 
noch leserlichen Na:nen nicht alle fanden. Wohl aber fanden 
sie sich im Rechnungsjahre 1702/3. Die Ausschmückung der 
Zunftstube scheint man also in diesem Rechnungsjahre beschlossen 
und begonnen zu haben, während das Jahr 1705 die Zeit der 
Vollendung des Ostbildes angibt. Das Westbild ist im Rech- 
nungsjahre 1709/10 gestiftet worden. Es trägt bloss die Namen 
der Zwölftermeister Johann Goswinus Lüffgens, Lamberdus Tour- 
nier, Heindricus Kardebinder und Martinas Prom, die sich in dieser 
Zusammenstellung bloss in dem genannten Rechnungsjahre finden. 
Die Namen scheinen den Stiftern der Bilder anzugehören, und 
da Hendricns Karde- oder Karribinder bei beiden Bildern vor- 
kommt, scheint er ein besonders wohlhabender Mann gewesen 
zu sein. Die Amtsnamen : Gemeiner Baumeister, Zwelfterbau- 
meister, Zwelftermeister geben einigen Aufschlnss über die 
Verfassung der Schneidergaffel. Die Baumeister verwalteten 
das Gaffelvermögen. Einer aus ihnen wurde wohl aus der Zahl 
der sämtlichen Zunftmeister genommeu. Er war der „gemeine 
„Baumeister." Der „Zwelfterbaumeister" dagegen wurde aus 
dem Kollegium der Zwölftermeister gewählt. Die Baumeister 
legten am Feste der hl. Mutter Anna, dem Stuhltage, den 
Zwölftermeistern über Einnahme und Ausgabe der Gaffel Rech- 
nung ab. Bei der Schmiedegaffel gab es ausser den Zwölfter- 
herren auch noch Sechsmeister. Die Einnahmen der Gaffel 
flössen, wie die noch vorhandenen Rechnungen dartun, gewöhn- 
lich aus der Erwerbung des Meisterrechtes, dem der „Meister- 
schnitt", die Anfertigung des Meisterstücks, voranging. Jeder 
neue Meister bezahlte dann auch sofort die Kosten seines 
Leichenkleides mit 4 Gulden. Eine andere regelmässige Ein- 
nahme von 40 Gulden bildete das Läufgeld, das wohl aus den 



Jahresbeiträgen der Gaffelbrüder zusammenfioss. 10 Gulden 
nahm die Kasse aus Scharwachgeldern ein. Wei die bezahlte, 
ist nicht angegeben. 9 Lehrjungen entrichten die Summe von 
108 Gulden. Für einen Teller bezahlt ein Mitglied 2 Gulden 
4 Mark. Als gewöhnliche Ausgaben in den Hechnungen er- 
scheinen die Kosten bei der Ratswahl, die einmal 73 Gulden 
betragen. 36 Gulden bilden das regelmässige Geschenk an den 



— 48 — 

Bürgermeister. Der Vogtmajor erhält in einem Handschuh 10 
Gulden überreicht. Das Gehalt des Gaffeldieners beträgt 60 
Gulden. Den Bürgermeisterdienern schenkte die Zunft 20 Gul- 
den. Die Ausstattung der die Fronleichnamsprozession beglei- 
tenden Zunftvertreter kostet 13 Gulden. Der Reichsweg, 
worunter wohl der jährliche Umritt um das Aachener Reich 
zu verstehen ist, erforderte 14 Gulden. Die Mutter Anna war 
die Patronin der Gaffel. Ihr Bild wurde in würdigem Schmucke 
erhalten und, wenn nötig, ein „Mahler" bestellt, „für St. Anna 
zu verbessern." Die Annakerze kostete 2 Gulden. Ob die 
Gaffel das Fest ihrer Patronin in der Klosterkirche St. Anna, 
der heutigen evangelischen Pfarrkirche, feierte, ist zweifelhaft, 
da sie jährlich den P. P. Augustinern 12 Gulden entrichtete. 
Es wäre also auch denkbar, dass das Annafest in der heutigen 
Gymnasialkirche in der Pontstrasse begangen worden wäre. 
Bei den in der Gaffelläufe abgehaltenen Festen wurden Wein, 
Britzelen, Weissbrod und Schinken genossen. Die Verwaltung 
der Gaffelkasse war schlicht und recht, und die Gaffel scheint 
in wohlgeordneten Vermögensverhältnissen gewesen zu sein. 
Konnte sie doch einmal ein Kapital von 1800 Gulden .auf das 
Rathaus" austun, d. h. der Stadtverwaltung vorstrecken. M. 
H.! Wir haben einen Blick in das Leben einer alten Aachener 
Zunft getan. Wir sahen dieses Leben aufgebaut auf der Grund- 
lage der Religion, der Liebe zur Vaterstadt und dem Bewusst- 
sein, dass auch die bescheidene Gaffel ein nützliches Glied an 
dem staatlichen und gesellschaftlichen Körper bildete. Dieses 
Bewusstsein erfüllte unsere Väter mit Befriedigung und echtem 
Bürgersinn. Möge der gleiche Geist auch in unsern Tagen 
alle Stände durchdringen ! 



Geschichtsliteratur des Jahres 1905 über Aachen 
in Zeitschriften und Tagesblättern. 

1. Annalen des historischen "V ereins für den Niederrhein 
1905, Heft 79, S. 138 — 155: H. Loersch, sechs Urkunden aus der Bonner 
Kreisbibliothek; darunter eine des Erzbischofs Heinrich von Cöln vom 
28. Juni 1311, worin dieser u. a. den Stiftsherrn Heinrich von Gemenich und 
Dietrich von Heiusberg zwei freigewordene Prähenden am Bonner Kassius- 
stift verleiht. Heinrich von Gemenich gehörte dem im 13. Jahrhundert lange 
Zeit hindurch im Besitze des Schultheissenamts zu Aachen befindlichen Ge- 
schlechte von Gymnieh an, über das Loersch (S. 154) zu den früher in 
seinen „Achener Rechtsdenkmälern" S. 279 ff. mitgeteilten Nachrichten einige 
Nachträge gibt. Eine eingehende genealogische Darstellung des weitver- 
zweigten Geschlechtes durch Oberstleutnant E. von Oidtman wird in An- 
sicht gestellt. 

2. Bonner Jahrbücher 1904 1 , Heft 111, 112, S. 293: Hans Lehner. 
Die Einzelfunde von Novaesium (weist aus den am Niederrhein zahlreich 
vorkommenden tegularia transrhenana, deren auch 15 bei den Erdarbeiten 
zum Bau des Appelrathschen Hauses, Krämerstrasse 24 — 34 in Aachen im 
Jahre 1884 gefunden worden sind — vgl. Beschreibung derselben durch B. 
M. Lersch in der Zeitschr. des Aach. Gesch. Ver. Bd. VII. S. 159 ff. nach. 
dass in der Zeit zwischen 89 und 105 nach Chr. am Niederrhein auf dem 
rechten Rheinufer eine grosse militärische Ziegelei bestanden hat, die den 
Ziegelbcdari einer Anzahl Truppen des damaligen niedergermanischen Heeres 
zu decken bestimmt war. 

3. Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Bd. 37. 
(Jahrg. 1904). Redlich, die Hochzeit des Herzogs Wilhelm IV. von Jülich- 
Berg mit Markgräfin Sibilla von Brandenburg am 8. Juli 1481 in Cöln. 
Bd. 38 (Jahrg. 1905), S. 373—393. E. Pauls, Glaubenswechsel uud Kloster- 
leben der Schwedin Christine von Drachenhelm in Aachen (1G64 — 1669). 

4. Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertums- 
kunde, Münster 1904, Bd. 62, 2. Abteilung, S. 97: Adolf Gottlob, das 
Diarium der Warburger Dominikancrprioren 17. und 18. Jahrhunderts. 
(hebt hervor, dass im Jahre 1794 in Aachen ein Schwestemkonv in der 
Dominikaner [das Dominikanessenkloster im Bongard] bestanden und dass 
der Männerkonvent derselben [an St. Paul] ls Mitglieder gehabt habe). 



') Frühere Jahrjänge von Zeitschriften werden noch i wem ■ am 

Ende des Jahres 1904 oder im Verlaufe des Jahres 1905 ersl erschienen 



— 50 — 

5. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins. Jahrbuch des 
Düsseldorfer Geschichtsvereins 1904. Jahrgang XIX S. 183 berichtet, dass 
auf dem Schlosse Ehrenstein bei Aachen, das am Ende des 17. Jahrb. dem 
Bahndirektor Peter Caspar Poyck gehörte, Gabriel von Grupello, der Hof- 
statuarius des Kurfürsten Jobann Wilhelm von der Pfalz, den Rest seiner 
Tage verlebte. - S. 255 f. : E. Pauls. Beschreibung der Abhandlung von 
F. Gramer, aus der Urzeit Eschweilers und seiner Umgebung. Ein Beitrag 
zur rheinischen Siedlungsgeschichte. 

6. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, 1905, Bd. 27, 
S. 1 — 24: E. Teichmann, Linzenshäuschen. 1. Die Geschichte des Namens, 
2. die Inschrift. S. 25—108: Heinrich Penuings, Die Religionsunruhen in 
Aachen uud die beiden Städtetage zu Speier und Heilbronn. S. 107 — 112: 
Etienne Micbon, Notes sur Ie sarcophage de la cathödrale d'Aix la Chapelle. 
S. 113—128: Franz Gramer, Frenz — Brigantium. Zugleich eine Unter- 
suchung über die mit Brig gebildeten Namen — S. 129 — 172: August 
Schoop, Die römische Besiedlung des Kreises Düren, Anhang 1. Die belgischen 
Germanen; Anhang 2. Die römischen Steindenkmäler des Kreises Düren. 
S. 173—219: E. Pauls, Die Beziehungen der Reunionskammer in Metz zur 
Abtei Stablo-Malmedy und der Aachener Gegend. 1. Frankreichs Versuche 
zur Gewinnung des linken Rheinufers. 2. Zur Geschichte der Entstehung, 
der Wirksamkeit und des Endes der Reunionskammer zu Metz. 3. Stablo 
Malmedy, die Aachener und die Metzer Reunionskammer. S. 220—234 : 
v. Oidtman, Nieder-Bohlheim und seine Besitzer. Zugleich ein Beitrag zur 
ältesten Genealogie des Freiherrn Spies zu Büllesheim. S. 235 — 255 E.Pauls, 
Aus der Geschichte der Zeitrechnung in Aachen (1500 — 1815). S. 256: II. 
Keussen, das Treffen bei Jülich am 2. März 1278. S. 257— 259; E. Pauls, 
Reconciliation der Kirche, des Kirchhofs und des Klosters Steinfeld; Weihe 
von 6 Altären in der Kirche und Ablassverleihung 1484. Juli 2—6. S. 260 
— 264. E. Pauls, Quittungen über Zahlungen an die Kaiser Maximilian L, 
Karl V. und Ferdinand I. in den Jahren 1512 — 1553 gelegentlich ihres Besuches 
in Aachen und Stablo. S. 264 f.: J. Buchkremer: Eine Besprechung des 
Aachener Münsters aus dem Jahre 1517. S. 266 f: E. Pauls, Ernennuug des 
Johann von Scheidt genannt Weschfenning zum Schlossbewahrer und Kellner 
zu Haubach bei Jülich 1578, März 10. S. 269— 280 : A. Fritz, die Betten- 
dorfsche Gemäldesammlung in einer Besprechung aus dem Jahre 1818. S. 281 : 
Loersch: Besprechung der Schrift von E. Pauls, Geleitsrechte des Herzogs 
von Jülich im Jülichschen und in Aachen. (Festschrift dem Aachener Ge- 
schichtsverein zu seinem 25 jährigen Bestehen überreicht vom Verein „Aachens 
Vorzeit." S. 282 f.: E. Teichmann, Besprechung der Schrift: E. Horel, Le 
saint Suaire de Saint-Corueille de Gompiegne. S. 285— 290: v. Oidtman, 
Die Kunstdenkmäler der Rheinproinz von P. Giemen. VIII Bd , III. Die 
Kunstdenkmäler des Kreises Heinsberg, bearbeitet von Karl Frank-Oberaspach 
und Edmund Renard. S. 291 : Jardon, Besprechung des Schriftchens von 
Schollen: AllafOche! Rümseljere. S. 292 : E. Pauls, Besprechung des Buche9 : 



— 51 — 

Albert Lorenz, die alte reformierte lind die neue evangelische Cnneinde 
Grevenbroich. S. 296: Loersch, Besprechung der Beiträge zu einer Refor- 
mationsgeschichte der Stadt Aachen von Walther Wollt'. S. 302; Loersch, 
Besprechung einer Geschichte der Handelskammer zu Aachen 1804 — 1004. 

7. Bulletin de la soeititö d'art et d'histoire du diocese de 
Liege. Tome XIII. (1902) p. 89—96. A. de Ryckel, Cons6cration de 
l'eglise de Voerendael en 1049 par le pape Leon IX. (Der Anwesenheit dea 
Papstes Leo IX. in Aachen im Juni 1049 wird wiederholt Erwähnung getan.) 

— p. 97—108: E. Poncelet, Trois documents relatii's ä la paroisse de Wandre. 
(erwähnt die im Jahre 902 im Aachener Palast vollzogene Schenkung 
Ludwig des Kindes an die Abtei Chevremont und das Patronatsrecht des 
Aachener Domstifts über die Kirche von Herstal). — p. 403 — 446: J. Closon, 
Alexandre I. de Juliers, eveque de Liege, 1128 — 1135. (Der Lütticher Bischof 
A. weilte wiederholt, meist im Gefolge des Königs Lothar von Suppliuburg 
in Aachen). — p. 475 — 530: J. Paquay, La consecration de Töglise de 
Tongres. (Bespricht eingehend die mannigfachen Nachrichten über die Ein- 
weihung der Aachener Münsterkirche durch Papst Leo III., für welche man 
jetzt allgemein das Dreikönigenfest des Jahres 805 annimmt). — Tome XIV. 
p. 161 — 221: J. Ceyssens, Etüde historique sur l'origine des paroisses. 
(bespricht einen im Jahre 813 von Karl d. Gr. in Aachen veröffentlichten 
Canon über die Errichtung von Kirchen und Pfarreien und erwähnt wieder- 
holt die Patronatsrechte der Collegiatsstiftskirche in Aachen über die kleinen 
Pfarrkirchen von Jupille, Herstal, Mortier, Hermalle und Riehelle bei Lüttich). 

— p. 267 — 353: J. Brassinne, Les paroisses de l'ancien coacile de Saint 
Remacle. (Dem Collegiatsstift zu Aachen schenkten Lothar II. (972) die 
Pfarreien von Jupille, Herstal, Hermalle, Sprimont, Baelen, Theux und die 
Abtei Clu'vreiiiont und Heinrich IV. Walhorn (1072) und Loutzen (1076), 
während Heinrich II. im Jahre 1005 die Pfarreien Soiron und Soumagne 
im Lüttichgau der Collegiatskirche von St. Adalbert in Aachen schenkte, 
deren Kapitel er eben begründet hatte). 

8. Leod ium, Chronique mensuelle de la soeic t <■ d'a rt et d'his- 
toire du diocese de Liege, anner :i, Nr. 1, p. 1: L. de Grassier, La 
noble abbaye de Hocht. (Der Bischof Ilugues de Pierrepont schickt, als 
die Benediktiner im Anfange des 13. Jahrhunderts das Kloster Hocht bei 
Maastricht verliessen, Nonnen desselben Ordens von St. Salvator bei Aachen 
dorthin, die in der Zukunft der Abtei Valdieu unterstellt blieben). — Nr. 9. 
p. 101 — 108: J. Ceyssens, De Vis6 ä Rome en 1709. (Guillaume le Coq 
erzählt von seinem Aufenthalt in Aachen und einem Abenteuer in Jülich 
auf seiner Romreise, die er in Begleitung seines Freundes Theodore de 
Many und des Augustiner-Laienbruders Lambert unternommen hat). - Nr. 10, 
p. 118—124: J. Paquay, Marcuald de Modöne, archidiacre de Hesbaye, i 
de Tongres (erwähnt in Regesten von 1260, 1262 und [269 dir Beziehungen 
Marcualds zu Aachen und zur Abtei Burtscheid). 

4* 



— 52 — 

9. Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen 
Geschichts- und Altertumsvereine 1905, Jahrg. LIII, Nr. t, Sp. 43 ff. : 
E. P., (Besprechung der beiden Schriften): Strzygowski Jos., der Dom zu 
Aachen und seine Entstellung, Leipzig 1904 und Buchkremer Jos., Zur 
Wiederherstellung des Aachener Münsters, Aachen 1904. — Nr. 2, Sp. 79 ff.: 
Bericht über die Hauptversammlung des Vereins „Aachens Vorzeit" vom 
17. November 1903. -- Nr. 7, Sp. 288 f.: S., Ausstellung in Lüttich (über 
die zur kuusthistorischen Ausstellung daselbst gesandten Aachener Archivalien). 
— Nr. 8/9, Sp. 335 f : Besprechung des XVII. Jahrganges der Zeitschrift 
„Aus Aachens Vorzeit." — 

10. Literarischer Hand weis er 1905, Nr. 7/8, Sp. 257 und 258. 
.los. Prill, Zur Kritik der Restauration des Aachener Münsters von Kiul 
Faymonville (in zustimmendem Sinne). 

11. Welt und Haus. Moderne deutsche Wochenschrift mit Bilder- 
schmuck 1905, Jahrg. IV, Heft 1, S. 2—6: H. Aldegrever, Aachen, Deutschlands 
älteste Kaiserstadt. Mit Bilderschmuck nach sechs photographischen Aufnahmen. 

12. Allgemeine Rundschau, Wochenschrift für Politik und Kultur 
(München) 1905, Jahrg. 2, Nr. 6, S. 71 : W. Brüning, Besprechung der Disser- 
tation von Fritz Spandau: Zur Geschichte von Neutral-Moresnet. 

13. Zeitschrift für christliche Kunst, Jahrg. XVIII, Sp. 193 — 
198: A. C. Kisa, Der sogenannte Lütticher Meister im Suermondt-Museum 
(mit Abbildung). Das im Aachener Suermondt-Museum befindliche Gemälde, 
welches Christus als Salvator mundi zwischen den Heiligen Augustinus, 
Johannes dem Täufer, Quirinus und Andreas darstellt (Cat Nr. 141), wird 
dem in Aachen geborenen Goedart Butgyn zugeschrieben, der es kurz vor 
seiner Übersiedelung von Lüttich nach Cöln (um 1460) gemalt haben soll, 
als er noch ganz unter dem Einflüsse des Lütticher Meisters Antoine stand. — 
Sp. 227—236: A. C. Kisa, die gravierten Metallschüsseln des XII. und XIII. 
Jahrhunderts. (Mit 9 Abbildungen). Unter ihnen wird auch eine zu Aachen 
bei Anlage eines Kanals in der Elisabethstrasse gefundene Metallschüssel 
beschrieben. — Sp. 257—264 : A. C. Kisa, Johannes und Herodias von C. 
Engelbrechthen. (Mit Abbildung und Tafel). Das Gemälde auf einer Eichen- 
holztafel im Aachener Suermondt-Museum wird nach dem Vorgange von 
Franz Dülberg und gegen Schcibler, der es Lukas von Leiden zuweisen 
möchte, dem Hauptmeister der Leidener Schule im ersten Viertel des IC. 
Jahrhunderts, Oornclis Engelbrechtheu, zugeschrieben. 

14. „Die Kunst." Monatsschrift für freie und angewandte Kunst. 
Jahrg. VI, Heft 12. Beilage, S. II: Bredt, Besprechung von Schweitzer H., 
Geschichte der deutschen Kunst von den ersten historischen Zeiten bis zur 
Gegenwart. 

15. Bevue de l'art chretien, 1905, XLVIII annee, cinquirme serie, 
tome I. livraison 1. p. 47: E. (J(artier), Zur Kritik der Restauration des 
Aachener Münsters. (Jontribution ä la critique de la restauration de la 
cathedrale d' Aix-la-Chapelle. par K. Faymonville. 



— 53 — 

Kl. Publications de la sociöte historique et archcologique 
dans lc ducke de Limbourg. Tom XL. (1904) p. 20 sq. Grabschrift des in 
der Dominikanerkirche zu Aachen bestatteten Wilhelm von Hörn (f 21. Juli 
1433) und Nachrichten über das angebliche dortige Wohnhaus der Herren 
von Horn (nach brieflichen Mitteilungen des Archivars 11. Tick). p- 43 

sq. ist der bei Qiiix, das ehemalige Dominikanerkloster S. '•• I ff. veröffent- 
lichte Stiftungsbrief vom 18. November 1447 nochmals abgedruckt. p. 45, 
not. 2: Auszüge aus den Stadtreehnungcn von Weert von 1488 — 1492 und 
1408-14H!) betr. eine Jahrrente, die die genannte Stadt dein Dominikaner- 
kloster zu Aachen schuldete. — p. 232: Sibodo, Dechant, und das Kapitel 
des Marienstifts zu Aachen vergleichen sich mit der Abtei Klosterrath über 
den Dienst in der Kapelle Homburch bei Dovcren 1235. p. 233: Der 

päpstliche Legat Petrus Capocci urkundet „in castris coram Aquis" am 29. 
.Juli 1248. — p. 237: Urkunde vom 18. November 1305, worin als Zeuge 
Johannes famulus domini Carsilii canonici Aqensis. — p. 280: Regest einer 
Aachener Schöffenurkunde vom 31. Juli 1660, wonach das Annuntiatenklostcr 
zu Aachen dem Abt von Klosterrath, Winand Lamberti, eine „abgebrannte 
Lauplatz" in der Elfschornsteinstrasse daselbst verkauft hat. p. 314: 

Urkunde vom 15. Dezember 1692, wonach das Augustiner-Eremitenklostcr 
zu Aachen den ihm zustehenden Anteil an einem auf der „hochstede op die 
Hoepel zo Strythagen" lastenden Erbzins an Mathias Clotz, Besitzer des 
Hauses Streithagen, verkauft haben. 

17. Archiv für Stamm- und Wappenkunde 1904/5, Jahrg. V, Nr. 4, 
S. 56 f. und Nr. 5, 8. 51 f: Zu den Kunstdruckbeilagen. (Besprechung zweier 
Ahnentafeln der Aachener Patrizierfamilie Pastor aus dem 4. Bde. der 
„Beiträge zur Geschichte und Genealogie rhein. Adels- und Patrizierfamilien" 
von H. F. Macco mit ausführlichen Angaben über die Genealogie der Familie 
Pastor). - - Nr. 7, S. 104 f. und Nr. 8, S. 113 f: G. Kurz, die Freiherrliche 
Familie von Agris. - - Nr. 10, S. 145 f. M(acco), Eingesandt (über die vorher 
genannte Arbeit von Kurz). — Nr. 10, S. 150: Kn., Ein Beitrag zur Genea- 
logie der Familie von Stommel. — Nr. 11, S. 156 f.: H. F. Macco, Zur Ahnen- 
tafel von Stommel. - - Nr. 12, S. 196. Derselbe, Berichtigungen (zu dem in 
Nr. 10 veröffentlichten Eingesandt). - Jahrg. VI, Nr. 4: Besprechung des 
Buches von H. F. Macco, Geschichte und Genealogie der Familie Pastor, 
Aachen 1905. 

18. „Die Wahrheit 14 (Herausgeber: Prof. Dr. Franz Franziss, Munch u). 
KI. Bd. 1905, Heft 6, S. 246-255 und Heft 7, S. 309 318: Beinr. Savels- 
berg, die Aachener Kaiserkrönungeii. Mit Abbildungen der Münsterkirchc, 
des Königstuhls auf dem Hochmünster, des elfenbeinernen Deckels des 
Evangelienbuches, auf welchem ehemals der deutsche Kaiser schwor, 
allen deutschen Kaiserkrone, des Reliquiars des LI. Erzmartyrcrs Ste 

des Kaisersaales, des Rathauses und des Krönungsornates der deutschen 
Kaiser. (Auch als Sonderabdruck erschienen.) 



— 51 — 

19. Theologischer Jahresbericht 1905, Bd. XXIV, S. 1194 ff.: 
G. Stuhlfauth, Kirchliche Kunst. Inhaltsangabe der Broschüre von Jos. Strzy- 
gowsky, Der Dom zu Aachen und seine Entstellung. Ein kunstwissenschaft- 
licher Protest und übersichtliche Zusammenstellung der sich an dieselbe an- 
schliessenden Besprechungen von Buchkremer, Arntz, Schönermark, Dehio, 
Renard, Reber und Eaymonville. 

20. Theologische Arbeiten aus dem rheinischen wissenschaft- 
lichen Predige rv er ein. (Tübingen) 1905. Neue Folge, Heft VII, S. 69— 103: 
W. Wolff, Beiträge zu einer Reformationsgeschichte der Stadt Aachen, III. Die 
Entstehung evangelischen Gemeindelebens in Aachen. (Der Verf. stellt fest, 
„dass alles, was in Aachen bis zum Jahre 1545 etwa an reformatorischen 
Bewegungen hervortritt, mit ziemlicher Sicherheit als täuferische Bewegung 
anzusprechen ist" und „dass evangelische Bestrebungen in Aachen nicht erst 
durch die Einwanderer hervorgerufen worden sind." Als der Gründer der 
reformierten Gemeinde in Aachen wird Adrian Hacmstede bezeichnet, der 
am 10. Februar 1558 mit 13 Familien auf der Flucht aus Antwerpen nach 
Aachen kam.) 

21. Stimmen aus Maria-Laach. Jahrg. 1905, Heft 10, S. 576: Be- 
sprechung der Schrift von J. Fey, Zur Geschichte Aachens im 16. Jahrhundert, 
Aachen 1905 und der von H. F. Macco im Jahre 1900 veröffentlichten Arbeit 
über „Die reformatorischen Bewegungen während des 16. Jahrhunderts in 
der Reichsstadt Aachen." 

22. Sonn tags beilage Nr. 16 zur Nation al-Zeitung Nr. 251 vom 
16. April 1905: — in, Besprechung von Herrn. Friedr. Macco: Das jülichsche 
Geschlecht von Werth. Bonn, Carl Georgi. 

23. Berliner Tageblatt 1905, Nr. 92, Beiblatt 4: H. Lee, Neue 
deutsche Städtebilder. XI. Aachen (mit mancherlei unrichtigen Angaben). 

24. Tägliche Rundschau 1905, Nr. 567, 4. Beilage: A. Karll, Zur Ge- 
schichte der Stahlfeder. Bespricht im Anschluss an einen anderen gleich- 
namigen Artikel von B. Feldhaus die Erfindung der Stahlfeder durch den 
Aachener Bürgermeistereidiener Johannes Janssen im Jahre 1739. 

25. Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung 1905, Nr. 3, 
S. 22 und Nr. 27, S. 215: G. Wolfram (Metz), Das Monogramm Karls des 
Grossen. (Durch Vergleichung des Monogramms Karls des Grossen mit dem 
von Strzygowski veröffentlichten Monogramm des Patriarchen Narses vou 
Armenien will W. es wahrscheinlich machen, dass die griechisch-syrischen 
Einflüsse, die die Kunst der karolingischen Renaissance beeinflusst haben, 
auch in der Kanzlei Karls des Grossen wirksam gewesen seien). 

26. Frankfurter Zeitung 1905, Nr. 335, 4. Morgenblatt: A. Kisa 
(Godesbcrg), Neue Kunstliteratur. Restaurierungsfragen. Bringt u. a. eine 
ausführliche Besprechung der Restaurationsbestrebuugen am Aachener Münster, 
der Schriften von Buchkremer und Viehoff (nicht Brocklioff) und der Schrift 
von K. Faymonville „Zur Kritik der Restauration des Aachener Münsters. 



— 50 — 

27. Fränkischer Kurirr, Nürnberg, Nr. 283, Sonntags-Ausgabc. S. 11: 
Arndt Hellmuth (Greifswald), Der Roman eines preussischen Prinzen (behandeil 
im Ansehluss an eine bei Plön in Paris erschienene zweibändige Biographie 
der Madame Jul. Recamier von Prüf. Ed. Herriot das Verhältnis des Prinzen 
August vonPreussen, eines Neffen Friedrichs des Grossen, zu Madame B6ca- 
mier und ihren gemeinsamen Aufenthalt in Aachen im Jahre 1818). 

28. Rheinisch-Westfälische Schulzeitung 1904, Jahrg. 28. 
Nr. 10, Sp. 145—118 und Nr. 11, Sp. 161 — 164: J. Müllermeister, Eifel und Venn 
in den erdkundlichen Lehr- und Lernbüchern. 

29. Eifelvereinsblatt 1905. Nr. 7, LI. 2: Fr. ('ramer (Eschweilcr), 
Die Burg Nothberg und Kloster Schwarzenbroich (mit Abbildungen der 
Eschweiler Grabenstrasse, der Nothberger Burg und der Klostcrruinc 
Schwarzenbroich i. 

30. Neue Preuss. i Kreuz) Zeitung, Lerlin 1905, Oct. 18: Dr. Stefan 
Kekule v. Stradonitz, Besprechung des IV. Bandes der Beiträge von H. F. Macco, 
(Familie Pastor). 

31. Kölnische Zeitung, Erste Beilage zur Sonntags-Ausgabe 1905, 
Nr. 710: Im Aachener Dialekt (bespricht nach einer kurzen geschichtlichen Ein- 
leitung über Aachen die im Verlage von Gust. Schmidt, Aachen in 5 Bändchen 
erscheinende neue Gesamtausgabe von Jos. Müller, Prosa und Gedichte in 
Aachener Mundart, besonders die beiden ersten eben erschienenen Bändchen 
1. Der Bamberg, Prüttchere en Verzällchere und 2. Ösen arme Bastian). - 
Nr. 1110: Zwei Kaisergräber (enthält einige für den Münsterforscher interes- 
sante Bemerkungen über die Gräber Karls des Grossen und Ottos III. im 
Aachener Dom, die einem Aufsatze des Stiftsherrn L. Brockhoff entnommen sind). 

■ Nr. 1362: Besprechung der mehrgenannten Schrift von H. F. Macco über 
die Familie Pastor. 

32. Kölnische Volkszeitung 1905, Nr. 405, Zweite Abendausgabe: 
B. Geyer (Gängelt), Anton Joseph Binterim. (Behandelt auf Grund von Auf- 
zeichnungen aus dem handschriftlichen Nachlasse Binterims als dessen Lebens- 
aufgabe die Bekämpfung des theologischen Rationalismus und Liberalismus 
und die Beziehungen B.-s zu seinem treuen Freunde, dem Generalvikar 
Fonck von Aachen). - Xr. 582, Morgenausgabe: Besprechung der Festschrift 
zur Feier der Anerkennung des Gymnasiums Ostern 1905: Beiträge zur 
Geschichte Eschweilers und seines höheren Schulwesens. 

33. Literarische Beilage dir Kölnischen Volkszeitung l! 
Nr. 7: (W. Brüning), Aachener Sehenswürdigkeiten. (Besprechung de- im Auf- 
trage des Vereins zur Förderung des Verkehrs herausgegebenen kleinen Albums 
von Aachen von A. Fritz und des Illustrierten Prachtalbums von Aachen 
und Umgebuug von II. Savelsberg). Nr. •_'.">, S. 191: bringt eine kurzo 
Besprechung von II. Devrient, Archiv für Theatcrgeschiehte, Bd. I. enthält die 
Studie von A. Fritz über die Künstlerfamilie Lortzing an rheinischen Bühnen, 
besonders Aachen und Cöln). 



— 56 — 

34. Rheinland in Wort und Bild, Beiblatt zum Kölner Tage- 
blatt 1905, Jahrg. V. Nr. 18, S. 146 — 151: Bilder aus Alt-Aachen (bringt 7 
interessante altertümliche Ansichten von Aachen nach Aquarellen des Malers 
H. Recker in Cöln: Schloss Frankenberg, der Hühnermarkt, das Ponttor, 
Hof des Kornhauses, der Dom vom Fischmarkt aus, der Stephanshof und 
die Kapelle im Drimborner Wäldchen. 

35. Dürener Anzeiger 1905, Nr. 217, Bl. 2. (Wichens), Die Aus- 
grabung einer römischen Siedelung. (Besprechung der im verflossenen Jahre 
bei Weisweiler vorgenommenen Ausgrabungen). 

36. Eschweiler Anzeiger 1905. Jahrg. 57, Nr. 43: Dr. F. Gramer, 
Ausgrabung eines römischen Wohnhauses in Eschweiler-Bergrath (beschreibt 
in ausführlicher Weise die ziemlich ausgedehnte Wohnstätte einer wohl- 
situierten römischen Familie, die den zahlreichen Einzelfnnden nach zu ur- 
teilen landwirtschaftlichem Betriebe gedient haben muss und wahrscheinlich 
in die Zeit des Kaisers Antoninus Pius (138—161 n. Chr.) zu versetzen ist). 

37. Kreis-Jülicher Correspondenz- und Wcohenblatt 1904, 
Nr. 105 und 1905, Nr. 2: Ad. Fischer, Spukgeschichten aus dem Kreise Jülich. 
Nachträge und Ergänzungen zu der jüngst veröffentlichten lokalgeschichtlichen 
Plauderei. — Nr. 38: Ad. Fischer, Die „schwarze Muttergottes" in der 
Kapuzinerkirche zu Jülich (bringt einige Notizen über das in der Kapuziner- 
kirche aufbewahrte Gnadeubild, streift aber auch die Geschichte der Kapu- 
zinerkirche und der Jülicher Kapuzinerniederlassung). — Nr. 48: Ad. Fischer, 
Jülicher Erinnerungen an den Tag von Waterloo. — Nr. 50, 52, 54, 56, 58 
und 60: Ad. Fischer, Geschichte des Jülicher Gymnasiums. Zugleich eine 
Geschichte der Jülicher Jesuiten-Niederlassung. (Mit einem Portrait des 
Direktors Dr. Joseph Kühl, Ehrenbürgers der Stadt Jülich). 

38. Stadt- und Landbote, Montjoie 1905, Nr. 54: Ausflug des 
Vereins „Aachens Vorzeit" nach Conzen und Montjoie. (Im besonderen über den 
Vortrag des Herrn Rektor Janssen über die Geschichte der Entwicklung 
Montjoies und seiner wichtigsten Dynasten). 

39. Aachener Allgemeine Zeitung 1905, Nr. 76, Vorabend-Aus- 
gabe : Aus Aachens Vergangenheit. Ein historisches Haus. (Hotel zur kaiserlichen 
Krone, früher „Zum wilden Mann" genannt). — Nr. 229, Bl. 2: B. St(uhr- 
mann), Skizzen aus Aachens Vergangenheit. Wie wurde Karl der Grosse 
bestattet? (Die von der Forschung längst aufgegebene Erzählung von der 
Bestattung Karls auf goldenem Throne wird nochmals mit den bekannten 
Gründen widerlegt). — Nr. 233, Vorabend-Ausgabe: Die Familie Pastor. 
(Besprechung des Buches von H. F. Macco, Geschichte und Genealogie der 
Familie Pastor, Aachen 1905). - - Nr. 236, Bl. 2: B. St., Die Normannen 
in Aachen und Umgegend. — Nr. 243, 2. Bl. : B. St., Ein französicher Hand- 
streich gegen Aachen (Juni 978). (Die hier beliebte Unterscheidung zwischen 
Pfalz und Königswohnung ist unhaltbar. Die in einer Anmerkung gegebene 
genaue Beschreibung des Umfanges der letzteren ist daher ohne Wert). — 
Nr. 250, Bl. 2: B. St., Belagerung Aachens durch Wilhelm von Holland im 



— 57 — 

Jahre 1248. — Nr, 2. r )7, Bl. 2: B. St., Aachen and der Landfriedensbund. 
Zerstörung des Raubsehlosses Griepekoven 1354. Nr. 264, Bl. 2: von 

M., Verfassung und Zustände in den letzten Jahren der rcichsstädtischen 
Freiheit. — Nr. 278, Bl. 2: B. St., Aachen und Graf Wilhelm IV. von Jülich. 
Nr. 285, Bl. 2: B. St., Zug der Aachener gegen die Raubschlösser Dyck 
und Reifferscheid. — Nr. 292, Bl. 2: v. M., Unruhen vor der ersten franzö- 
sischen Besetzung von 1792. Nr. 299 Bl. 2: B. St., Die Befestigung Aachens 
im .Mittelalter. — Nr. 306, Bl. 2; B. St.: Einiges über die Verfassungsver- 
hältnisse Aachens bis zu den Zunftkämpfen. ■ Die vorstehenden Aufsätze 
wiederholen meist nur Bekanntes und sind nicht frei von Unrichtigkeiten. 

40. Aachener Post 1905, Nr. 287 B. St.: Skizze aus Aachens Ver- 
gangenheit. 

41. Echo der Gegenwart 1905, Nr. 35, Bl. 2: z. n., Zum Eulenspiegel; 
(Mit Namenserklärung des neben dem Rathause gelegenen kleinen Hauses 
„Zum Postwagen" oder „Zum Eulenspiegel. ") — Nr. 49, Bl. 1 : Ein Reise- 
tagebuch aus dem Jahre 1799. (Enthält eine Schilderung der Reiseeindrücke 
eines jungen Braunschweiger Kaufmanns bei seiner Anwesenheit in Aachen 
vom 20. bis 30. Juni 1799 und besonders den Verlauf des republikanischen 
Ackerbaufestes am 28. Juni d. J.) — Nr. 71, Bl. 2: Wildbach oder Wilbacb. 
(Über Worterklärung und Schreibweise des genannten Baches). — Nr. 85, 
Bl. 1: Allaf Oche! Rümselgcre von M. Schollen, Aachen, verlegt von J. 
Schweitzer, besprochen von Dr. F. Kelleter. — Nr. 100, Bl. 3: Römische 
Funde in der Uoinaneygasse und Aachener Urkunden auf der Lütticher 
Ausstellung. — Nr. 106 Bl. 2: Zur 100 jährigen Wiederkehr des Todestages 
der Gräfin von Harskamps. — Nr. 118, Bl. 2: — s, Der Abbruch am Markt, 
(enthält eiuen kurzen Abriss der Geschichte der im Mai abgerissenen Häuser 
Markt 45 und 47 und Grosskölnstrasse 1). - Nr. 139, Bl. 2: Bericht über 
den Ausflug des Aachener Geschichtsvereins nach Kornelimünster am 14. Juni 
1905. -■ Nr. 144, Bl. 1: Bericht über den Ausflug des Vereins „Aachens' 
Vorzeit" nach Conzen und Montjoie am 29. Juni 1905. — Nr. 157, Bl. 1: 
W. Brüning, Besprechung des Illustrierten Prachtalbums Aachen und Um- 
gebung, Text von H. Savelsberg, Photographieen von A. Kampf. Nr. 160, 
Bl. 1: Seh. Bericht über den Ausflug des Aachener Geschichtsvereins nacb 
Schloss Mcrodc am 12. Juli 1905. - Nr. 185, Bl. 4: P. Ein neuer Beitrag 
zur Geschichte der Aachener Patrizierfamilien. (Besprechung der Schrift: 
„Geschichte und Genealogie der Familie Pastor" von H. F. Macco, Aachen 
1905). - Nr. 186, Bl. 2: Besprechung der Schrift: „Zur Geschichte Aachens 
im 16. Jahrhundert" von F. Fey. - Nr. 190, Bl. 1; 197, Bl. 2; 203, Bl. 3; 
209, Bl. 2; 215, Bl. 2 und 221, Bl. 2: Die Bockreiter. (Eine ausführliche 
Ergänzung des neuerdings bei G. Schmidt erschienenen Buches über die 
Bockreiter von J. Michel). — Nr. 193, Bl. 3: R- Pick, Pfahlgruben zn Be- 
festigungszwecken im mittelalterlichen Aachen? Nr. 198, Bl. 3; 199, BJ. 
200, Bl. 3; 201, Bl. 3: Die Tuchfabrikation von Aachen und Burtscheid 
einst und jetzt. Von einem Industriellen eingesandt. (Ein Bückblick auf 



— 58 — 

die Tuchfabrikation Aachens und ihre Wandlungen während der letzten 50 
Jahre.) — Nr. 212, Bl. 1: Bericht über den Ausflug des Vereins „Aachens 
Vorzeit" nach Hergenratb, Altenberg und Lontzen. — Nr. 215, Bl. 2: Zur 
Reformationsgeschichte Aachens im 16. Jahrhundert. (Besprechung der Schrift 
von H. F. Macco: Die reformatorischen Bewegungen während des 16. Jahr- 
hunderts in der Reichsstadt Aachen, 1900 und der Gegenschrift von J. Fey: 
Zur Geschichte Aachens im 16. Jahrhundert. 1905). — Nr. 217, Bl. 3: R. 
Pick, Zu den Altertumsfunden in der Corneliusstrasse. — Nr. 244, Bl. 1: 
Bericht über die Hauptversammlung des Aachener Geschichtsvereins vom 
18. Oktober 1905. — Nr. 244, Bl. 3: Die Verdienste Karls des Grossen um 
den Kirchengesang. — Nr. 246, Bl. 3: R, Pick, Besprechung der Schrift von 
Prof. J. Kühl: Alaaf Cöln! Ein Beitrag zur Geschichte des Colner Volks- 
lebens (enthält auch Bemerkungen über die Verbreitung des Spruches 
„Alaaf Oche, en wen et versönk). — Nr. 249, Bl. 3: Zur Münsterforchung. 
(Kurze Aufzeichnungen aus dem Reisebericht des Kardinals Luigi d'Aragona 
von 1517, herausgegeben von L. Pastor, und aus einom Aufsatze des Stifts- 
herrn L. Brockhoff über die beiden Aachener Kaisergräber. — Nr. 254, Bl. 3 : 
P(ick), Die Archivbestände der Gemeinde Walhorn (Überführung des Gemeinde- 
archivs von Walhorn in das Aachener Stadtarchiv). — Nr. 256, BL 3: R. Pick, 
Die deutschen Kaiserpfalzen und Königshöfe vom 8. bis 16. Jahrhundert. 
(Die Besprechung der unter diesem Titel veröffentlichten Schrift von Prof. 
D. W. Weitzel stellt manche Angaben derselben, namentlich hinsichtlish der 
Aachener Kaiserpfalz und Pfalzkapelle richtig.) — N. 270, Bl. 3: P., Nach- 
klänge von der Lütticher Weltausstellung; Die Ausstellung altaachener 
Gegenstände. — Nr. 286, Bl. 2: Pick, Altertumsfunde. Nr. 287, Bl. 3: 

Die Ableitung des Wortes „Lousberg." — Nr. 288, Bl. 3: R. Pick, Zur 
Geschichte der Stahlfeder. — Nr. 289, Bl. 1.- Schnock, Das Grab Karls des 
Grossen. (Über den Vortrag von Prof. Buchkremer im Aachener Geschichts- 
verein). 

42. Katholisches Sonntagsblatt für die Erzdiözese Cöln und 
die Provinz holl. Limburg. Jahrg. 1, 1905, Nr. 1, S.5: J. Flavus, Ein 
denkwürdiges Weihnachtsfest. Karls des Grossen Kaiserkrönuug; — Beilage 
zu Nr. 1 : F., Eine alte Kaiserpfalz der Karolinger. — Nr. 2, Bl. 3 : J. Olan- 
dus, Karl der Grosse und Harun al Raschid. 

43. Politisches Tageblatt 1905, Nr. 28, Bl. 3; Nr. 31, Bl. 3; Nr. 32, 
Bl. 3; Nr. 33, Bl. 3; Nr. 35, Bl. 3; Nr. 37, Bl. 2: B. St(uhrmann), Der Aufruhr 
in Aachen am 30. August 1830. — Nr. 48, Bl. 2: Bericht über die Monats- 
versammlung des Aachener Gcschichtsvereins vom 22. Februar 1905. — 
Nr. 79, Bl. 1: F. Oh., In Aachen um 1840. - - Nr. 79, Bl. 3; Nr. 83, Bl. 3; 
Nr. 84, Bl. 3: B. St(uhrmann), Einiges über Aachens Industrie während der 
frauzüsichen Herrschaft. — Nr. 84, Bl. 2: Besprechung des 17. Jahrganges 
der Zeitschrift „Aus Aachens Vorzeit. 14 — N. 97, Bl. 1 und 4; Nr. 98, Bl. 3: 
Zur Wiederherstellung des Aachener Munsters (behandelt die beiden Gut- 
achten der Professoren Frentzen nnd Schaper über die innere Ausschmückung 



— 59 

des Münsters). — Nr. 106, Bl. 3; Nr. 110, Bl. 3; an. Die Cholera-Epi- 
demien in Aachen von 1832—1867. - Nr. 114, Bl. 2: Dr. C, Besprechung 

der Eschweiler Gymnasialfestschrift 1905. - - Nr. 126, Bl. 2: Zur Geschichte 
der Aachener Nadeliudustrie. Aus einem Vortrag des Herrn Prof. Hansen, 
Direcktors der Kgl. Höheren Maschincnbauschule in Aachen, gehalten im 
Gewerbeverein am 18. Mai 1905. — Nr. 140, 151.2: Der Aachener Gesehichts- 
verein in Cornelimünster. - Nr. 155, Bl. 1: Bericht über den ersten Ausflug 
des Vereins „Aachens Vorzeit" nach Conzen und Montjoie. -■ Nr. 155, Bl. 1; 
157, Hl. 1; 158, Bl. 1; 159, Bl. 3; 160, Bl. 1; 161, Bl. 1: 162, Bl. 1; 1»;:». 
Bl. 2; 166, Bl. 1 ; 168, Bl. 1; 170, Bl. 1; 171, Bl. 2; 172, Bl. 1; 175, Bl. 1 ; 
176, Bl. 1; 177, Bl. 1 und 179, Bl. 1: AI. Niessner, Das Sturmjahr 1848 
in Aachen. ■ Nr. 181, Bl. 1 und 2: Zum 75 jährigen Bestehen des Mariannen- 
Instituts in Aachen. - • Nr. 182, Bl. 1: Aachen im Sturmjahr 1848. Das nach 
der ersten Protektoriu, der Prinzessin Marianne, Gemahlin des Prinzen Wilhelm 
von Preussen, eines Bruders Friedrich Wilhelms III. , benannte Mariannen- 
institut wurde am 20. Juni 1830 vornehmlich durch die Bemühungen des 
Aachener Arztes Dr. Vitalis J. Metz als erste Anstalt dieser Art in Deutsch- 
land gegründet und am 3. August feierlich eröffnet. - - Nr. 187, Bl. 1: Die 
Übergabe Aachens an die Franzosen im Jahre 1794. (Besprechung des von 
einigen angesehenen Bürgern der Stadt dem Suermondt-Museum geschenkten 
Gemäldes von Artur Kampf.) — Nr. 183, Bl. 1 : Bericht über den zweiten 
Ausflug des Vereins „Aachens Vorzeit" nach Eschweiler. - - Nr. 210, Bl. 2: 
Überblick über die Geschichte der Stoiberger Familie Matthias Ludwig 
Schleicher. — Nr. 216, Bl. 3: Bericht über den dritten Ausflug des Vereins 
„Aachens Vorzeit" nach Hergenrath, Altenberg und Lontzen. — Nr. 247, Bl. 1 : 
Bericht über die Hauptversammlung des Aachener Geschichtsvereins vom 
18. Oktober 1905. -- Nr. 250, Bl. 3 und 251, Bl. 2: Alaaf Cöln! (Zwei der 
Frankfurter Zeitung entnommene Artikel, von denen der eine eine Besprechung 
der gleichnamigen Schrift von Prof. J. Kühl und der andere eine Entgegnung 
daran! von Dr. L. Holthof ■ Stuttgart bringt). Nr. 293, Bl. 1: Das 

Gral» Karls des Grossen, (('her den Vortrag von Prof. Buchkremer im 
Aachener Geschieht s verein). 

44. Der Volksfreund 1905, Nr. 61, Bl. 2: Miatthias Schollen), l 
das Illustrierte Prachtalbum Aachen und Umgebung von II. Savelsberg. 
Nr. 75, Bl. 1: II. S (avelsbergt, Aachener Mundart. (Besprechung der Ge- 
dichtesammlung „Alaaf Oche! Rümseljerc" von M.Schollen.) -- Nr. 116, Bl. 4 : 
(W. Brüning), Vaals. Ein Rückblick und ein Ausblick. Nr. 122, Bl. 1: 
Arnold: Über Aachens Baugeschichte. Auszug aus dem Vortrage im Tech- 
nischen Verein am 27. Mai 1905. - Nr. 196, Bl. 3: Besprechung der Schrill 
Zur Geschichte Aachens im 16. Jahrhundert. Mit Benutzung ungedruckl t 
Archivalien, von J. Fey. — Nr. 208, Bl. 3: J, K . Besprechung des t. Bandes 
der „Beiträge zur Genealogie rheinischer Adels- und Patrizier-Familien 
von 11. !•'. töaeco über die Geschichte der Familie Pastor. Nr. 220, Bl. 1 



.. 



— 60 — 

H. F. Macco, Erwiderung (auf die Besprechung der Fey'schen Schrift: Zur 
Geschichte» Aachens im 16. Jahrhundert, in Nr. 196). 

Zum Schlüsse sei noch auf einen für Mitarheiter hei gelehrten Zeit- 
schriften äusserst wichtigen Artikel der Münchener „Allgemeinen Zeitung" 
1905. Nr. 156 der Beilage (8. Juli) hingewiesen: Karl Bruginann (Leipzig)' 
„Eine typographische Torheit," der auch in dem „Börsenblatt für den deut- 
schen Buchhandel" 1905, Jahrg. 72, Nr. 160, (13. Juli) S. 6321 Aufnahme 
gefunden hat; derselbe wendet sich gegen die besondere Paginierung der 
Souderabzüge von Zeitschrift-Aufsätzen, auf die eine grosse Anzahl von 
unrichtigen Citateu zurückzuführen sei, uud empfiehlt dringend, bei genauer 
Angabe der Zeitschrift, sowie Band- und Jahreszahl auch die Seitenzahlen 
beizubehalten. 

Aachen H. Savelsberg. 



Bericht über altertümliche Funde in Aachen 

im Jahre 1905. 

1. Als Ergänzung zu dem Berichte des vorigen Jahres seien zunächst 
die zum Teil hochinteressanten Funde erwähnt, die Stadtbaurat J. Laurent 
in seiner „Beschreibung des neuen Schulgebäudes" in der Festschrift zur 
Einweihung des Kaiser-Karls-Gymnasiuins (April 1906) in übersichtlicher 
Weise zusammengestellt hat. Gelegentlich der Herstellung der Baugrube 
und der Fundamente des Gebäudes, das in dem Tale des Johannisbuchs an 
der Südseite der Augustinerbachstrasse errichtet wurde, sind zahlreiche 
Gegenstände von kulturgeschichtlicher Bedeutung zu Tage gefördert worden, 
deren genaue Fundstelle man auf dem der Laurentscken Abhandlung bei- 
gefügten Lageplan leicht erkennen kann. Aus der grossen Zahl der mannig- 
faltigsten Fundstücke (Terra-sigillata-Scherbcn, römischer Dachziegel, alt- 
glasierter Tonfliese, Gefässe, Krüge, Urnen, Steinmörser, Tonpfeifen und 
Münzen) seien vor allem hervorgehoben sechs Eichenpfähle von 1 m 60 cm 
Länge und 26—28 cm Dicke, die, nach der Entfernung zu urteilen, Reste 
zweier Pfahlgruben darstellen, ein hübscher Aachener Zinnkrug, eine Anzahl 
zum Teil gut erhaltener Aachener Tonkrüge mit Wellfuss, einer auch mit 
vier Reihen ringsum laufender Strichornamente, ein Grundstein von 1756 
mit einliegendem 16 Markstück aus demselben Jahre und eine grosse Anzahl 
von Grabplatten aus der Zeit von 1661 bis 1755 zum Andenken an ehemalige 
Mitglieder des Augustinerordens. Zwei kleinere Bruchstücke weit älterer 
Grabplatten, so heisst es in dem Bericht, ohne Jahreszahl wurden ebenfalls 
im Schutt unter den Kreuzgängen aufgedeckt. Nach den Buchstaben und 
Verzierungen zu urteilen, stammt die eine aus der Mitte des 14., die andere 
aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. 

2. Am 16. Februar 1905 wurde im Münster in einem Rüstloch auf dem 
Hochmünster, welches freigelegt wurde, von Herrn Rcgierungsbaumeister 



— 61 — 

E. Schmidt ein römischer Stein mit Netzwerk in der Grösse eines modernen 
Ziegelsteins mit bedeutender Dicke gefunden. Auch wurde, wie im vorigen 
Jahre an der Südseite, im Anfange des Jahres 1905 bei den Untersuchungen 
nach karolingischen Marmorfussbodenresten in der Oberkirche des Münsters 
zwischen dein Chor und der Karlskapelle ein Kanal aus karolinj Zeil 

aufgedeckt, der u. a. Marmorreste des ursprünglichen Fussbod<n< enthielt. 
An der Südseite des Münsters fand man in zwei karolingischen Rüstlöchern 
in Höhe der Unterkirche Ende Juli 1905 drei Münzen. Die erste trägt auf 
der Hauptseite die Inschrift PHS. D. G. HISPANIAE REX und auf der 
Rückseite MON • NOVA ■ CTVTT RA 1578. (König Philipp II. von Spanien 
f 1598.) Die zweite trug die Inschrift --- BAR • HEB. MONETA • NOVA ■ 
ARGKNT und zu Seiten des Wappens I S. Die Dritte war '/, C ,_•'') Tourose 
aus dem XIV. Jahrh. Am 21. Oktober 1905 wurde wieder eine Münze in 
einem karolingischen Rüstloch neben der Krämertür gefunden, die schwedischer 
Herkunft ist aus dem Jahre 1667 mit den Buchstaben C RS (Carl, König von 
Schweden) zu Seiten dreier Kronen. Die Fundstücke wurden alle der von dem 
Bauleiter für die Restaurationsarbeiten des Münsters, Herrn Regierungs- 
baumeister Erich Schmidt veranstalteten Altertümersammlung in der ihm 
vom Kollegiatstiftskapitel zur Verfügung gestellten Karlskapelle einverleibt, 
die hoffentlich recht bald in dem neuen Münstermuseum untergebracht werden 
soll, für welches die im Vikariegebäude am Katschhof neben der Allerseelen- 
kapelle gelegenen Räume in Aussicht genommen sind. 

3. Bei dem im April 1905 erfolgten Abbruch der Häuser Hof Nr. 12 
und Romaneygasse Nr. 1 und 2 (Eigent. Willi. Rueb) stiessen die Arbeiter 
auf römisches Mauerwerk. Auch fand man dort ein Kleinerz des römischen 
Kaisers Valentinian f. (364—375). Die stark beschädigte Münze zeigte auf 
der Vorderseite die Büste des Kaisers mit der Umschrift: D N VALENTI- 
NIAN VS P F AVG und auf der Rückseite einen Krieger, der das Labarum 
(Hauptheeresfahne der Römer) in der Linken hält, mit der Rechten aber 
einen an den Haaren gefassten Gefangenen schleppt, mit der Umschrift : 
GLORIA ROMANORVH. Auf dem Hof und in seiner nächsten Umge- 
bung sind im Laufe der Zeit schon mehrfach römische Altertümer bei Erd- 
arbeiten zu Tage getreten. 

4. Bei den im Mai 1905 vorgenommenen Grundarbeiten zu dem grossen 
Godefroidschen Neubau, der an Stelle der Häuser Markt 45, 47 und Gross- 
kölnstrasse 1 errichtet wurde, fand man unter den Kellern des ehemaligen 
Hauses zum Schwarzen Adler (Nr. 45) einen Trinkkrug aus der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrh. von hellgrauem Ton mit Henkel, eine sogenannte Pinte 
Aachener Herkunft von 22 cm Höhe und 8 cm Rumpfbreite, dann einen 
kleinen Aachener Weinkrug aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
mit schöner Glasur von rötlich-brauner Farbe mit starkem, plumpem Well- 
fuss, dessen grösste Rumpfbreite 6 cm beträgt, und ein Salbtöpfchen von 
5'/' 2 cm Höhe aus grauem Ton. Interessanter als alle diese ist ein kl 

1 1 / 8 e,n hohes, grünglasiertes Tonfabrikat, das zum Räuchern gedient zu 
haben scheint. Über dem 2'/ 2 cm im Durchmesser grossen Fuss befind« I 
sich ein Hohlraum mit viereckiger Öffnung, der von einer gleich gro 
Platte überdeckt ist. Letztere war anscheinend mit einer kleinen G 
eingefasst und ist in Sternform durchbrochen. .Man darf hiernach vi 



— 62 — 

dass auf der Platte Bäuchenverk verbrannt wurde, dessen Asche in den 
Hohlraum fiel und aus diesem durch das viereckige Loch, das zugleich den 
Luftzug bewirkte, entfernt wurde. Unter den Kellermauern des Hauses 
kamen in mehr südöstlicher Richtung laufende Mauern zu Tage, die wahr- 
scheinlich die Grundmauern des alteu, wohl aus dem 14. Jahrhundert 
stammenden Hauses zum Schwarzen Adler gewesen sein mögen. Etwas 
später, im August 1905, fand man in einer Tiefe von etwa 3 m unter dem 
Niveau der Strasse eine römische Lampe in rotem Ton mit dem auch sonst 
häufig aufgefundenen Töpferstempel Strobilus an der Unterseite, die bald 
nachher in den Besitz des Professors G. Frentzen überging. Beinahe gleich- 
zeitig wurde in der Tiefe von 5 x / 2 m der Rest eines Marinorfussbodens frei- 
gelegt. Einige der dabei gefundenen kleinen Marmorplatten befinden sich im 
Besitze des Architekten Schneiders, eine andere auf dem Stadtarchiv. 

5. Ende Juli 1905 wurden bei dem Ausgraben der Fundamente für die 
neue Fischhalle von Wilhelm Frohn an der nördlichen Ecke der Kornelius- 
uud Antoniusstrasse iu morastischem Boden vier Pfahlgruben gefunden, wie 
man sie bei früheren Fundamentierungsarbeiten bereits häufig in der Hart- 
mannstrasse, an der Westseite der Korneliusstrasse und am Anfange der 
Grosskölnstrasse gefunden hat. Dieselben stellen wahrscheinlich die älteste 
Befestigung der Aachener Pfalz dar und stammen vielleicht aus dem 9. Jahr- 
hundert. Ausserdem fand man daselbst das Stück eines römischen Hohl- 
ziegels, Töpfe verschiedener Grösse aus dem 15. und 16. Jahrhundert, meist 
Ausschussware, zum Teil Aachener Fabrikat mit plumpem Wellfuss. Vgl. 
die besondere Abhandlung : Die keramischen Funde und Pfahlbauten in der 
Korneliusstrasse S. 7 ff. 

6. Bei Anlage des Anschlusskanals für einen Neubau in der Strom- 
gasse, neben dem Eckhause des Hubertusplatzes stiess man 2,30 m unter 
der Erdoberfläche am 1. Dezember 1905 auf einen alten, gewölbten Kanal 
mit nördlicher Richtung. Die Sohle war mit ca. 6 cm starker Schicht aus 
rotem Mörtel abgedeckt, der karolingischen Ursprungs zu sein schien. Die 
Mauerung des Kanals war iu Bruchsteinen ausgeführt. (Gütige Mitteilung 
des Herrn Architekten Karl Lanser.) 

7. In Weisweiler ergab die Fortsetzung der Ausgrabungen verschiedene 
schöne Resultate. So wurde festgestellt, dass der Burgacker vor der 
römischen Niederlassung wahrscheinlich schon von einer anderen Bevölkerung 
besiedelt worden ist. Es wurde nämlich ein Messer und eine Spiessspitze, 
beide aus Feuerstein, gefunden, ferner ein Beil aus harter, schwärzlicher 
Steinart. (Vgl. Der Volksfreund 1905, Nr. 197, 2. Bl.) 

Aachen. II. Savelsberg. 



Kleinere Mitteilung. 



Ausgabenrechnung bei der Einkleidung 
eines Coirrentualen der Abtei Cornelimünster. 

Im Gemeindearchiv von Cornelimünster befindet sieh eine aus dein 
17. Jahrhundert herrührende Aufzeichnung, die Ausschluss gibt über die mit 
der Einkleidung- eines Conventualen der dortigen Benediktiner-Abtei verbun- 
denen Ausgaben. Weil dieselbe nicht ohne kulturhistorischen Wert ist, lassen 
wir sie hier im Wortlaute folgen: 

Spezifikation der erforderten Kosten zur eiukleydung. 

20 Ellen schwartzes lacken, worzu 12 Ellen vor den Chorhabit, und 
8 Ellen für den ersten Rock, Kühl und Scapulier, worzu gehören 10 Ellen 
schwartz leinen Tuch. 

Item 8 Ellen schwartz Lacken etwas grober vor deu 2tcnRock, Kühl 
und Scapulier, worzu gehören 10 Ellen schwartz leinen Tuch 2 Ellen 

Striftuch — 3 loth Seyde - - 7 loth Fischbein - - 6 Ellen Hakenkort, 2 Ellen 
Barchem, 1 Brief Krämpff und Augen. 

3 Ellen wüllen Lacken für ein Kamisoll mit notwendigem Fuder und 
Knöpft'. 

8 Ellen weisses wülnes Lacken für Betttücher. 

2 par schwartze und 2 par leinen gestrickte Strümpft. 

1 par Pantoffelen, noch ein par grösser als die andre zu den peltzen 
StrümpfE zu brauchen, Schuhe, so viel verbraucht wird. 

/um Bett wird erfordert 1 feder Oberbett oder gestebte Decken, 
1 schasse, pullen und 2 haubtküssen, und zum Unterbett einMatrass, Cartinen 
vor das Bett, 3 par Küssziegen. 

Hin Bireth von gemeiner zort, ein Stuhl mit einem Küssen drauf, 
Schreibkocher, Papier-scher und was zum Schreiben gehörig als feder- 
raesser etc. etc. 

Die regul st. P. Benedict!, die meditationes Rdi. 1'. Nicolai Avellini S..1. 

12 Newe Hcmbdter, 12 Schnupftücher, 12 newe Servietten, 6 Hand- 
tücher, 3 ad 4 tutzend weisse Kragen, ein par Bockfell für ein par Bösen, 
1 Schaffell für die Hosen zu füdern. 

Ein Zinneres Nachtgcschier sambt einem zinneren Weywasserkessel. 

Ein Cruzifix, ein Stüffer, ein Hammer, ein Feuerschüpp. 

Einen Peltz sambt peltzen Strumpf, 2 schuhbürschten. 

i Kleydcrbürscht; l Messer and Gabell. 

1 Schlafmutz, sambt 6 leinenen zum Überzug. 



— 64 — 

Jura ordinaria. 

Pro Redo P. Priorc 5 Gulden 

Pro Redo P. Magistro 5 Gülden 

Pro P. Custode 1 Rssl— Spei 

Pro P. Subeustode „ — 40 dt 

Dem Kircbenjung so die Bank in den Chor setzet 

und mit Küssen und Tapeten beleget ... 1 „ — 20 „ 

pro Cubiculario Rdissimi .1 „ 

pro Coquo 1 „ 

pro Sartore 

pro portario „ - 24 „ 

pro duobus juvenibus Culinariis „ — 40 „ 

pro oncillis „ — 40 „ 

pro organaedo „ — 20 „ 

pro Barbatonsore „ 

pro P. Instructore 1 „ — „ „ 



n n 
» n 



Pro Rdissimo Duo Praelato 

in einem sametten beutel 

Goldt und Silber. 



Pro Refeetorio. 
Für 5 Tische jeden von 8 ad 10 Persobnen Gemüse und Salat. 
12 Hübner sambt ettliehen stücker Mäbredig 



l j 2 Maß guten Mostart 



2 loth Muscaten-nüsse 

2 loth nägelger, 2 loth blühmen 

2 Sb Huthzucker 

2 wesphäüsche Schüncken zusammen ohngefähr 30 S 

2 Stumpft' jeden ad 16 S 

2 Kalbsbraten jeden ad 16 St 

2 Schrauthahnen 

2 Lymburger Käes jeden ad 3 S 
16 ad 18 ^ Kalbfleisch vor zu stüssen 

4 S Krachmandelen 

4 S Rosinen 

4 S lange Bisquidter 
50 Knapküchen 
3 / 4 Ohm Bleicherdt. 

Dorf bei Comelimünster. Schmitz. 



Verlag der Oremer'achen Buchhandlung' (O. Oazin) in Aachen. 

Diu ck von Hickmann Kaatzkk in Aachen. 




f 




©neas vorz 




'! I! 




■ 



Mitteilungen 
„Aachens 




des Vereins 
Vorzeit". 



Im Auftrage des wissenschaftlichen Ausschusses 
herausgegeben von Heinrich Schnock. 



Nr. 5/9. 



Neunzehnter Jahrgang. 



1906. 



Inhalt: Heinrich Schnock, Die Behörden in der ehemaligen „Herrlichkeit" Burt- 
scheid. — Alfred Karll. Aachener Reiseverkehr im Mittelalter. Emil Pauli, Kleinere 
Beiträge zur Geschichte von Aachen und Burtscheid. Kleinere Mitteilung: Fr. Karl 
Becker, Berichte über abnorme Witterungsverhältnisse der Jahre 1709 und 171<>. — 
H. F. Macco, Erwider ung. — Heinrich Schnock, Antwor t auf vorstehende Erwiderung . 

Die Behörden in der ehemaligen 
„Herrlichkeit" Burtscheid. 

Von Heinrich Schnock. 

Der erste Abt von Burtscheid, der selige Gregorius, war 
erst 200 Jahre tot. als auch schon in dem Kloster die Zucht 
derart verfallen und die Vermögensverhältnisse so zerrüttel 
waren, dass der Erzbischof Engelbert von Cöln, um grösseren 
Schaden vorzubeugen, zu der Massregel greifen musste, die 
Benediktinerniederlassung aufzuheben und an deren Stolle die 
Cisterzienzernonnen vom Salvatorberg bei Aachen zu berufen. 
Ks geschah dies im Jahre 1220 1 . Damit ging das Regiment 
in der Abtei und in dem Dorfe Burtscheid aus den Händen 
der Äbte in die der Äbtissin über. Ihre Stellung als Oberin 
des Klosters interessiert uns hier weniger; sie war zudem durch 
die Ordensregel ein für allemal bestimmt und festgelegt. Für 
uns kann es sich nur darum handeln, ein möglichsl getreues 
Bild von der landesherrlichen Gewalt der Äbtissin zu zeichnen. 
Diese Gewalt fusste wesentlich auf den Vorrechten, die Kaisi i 
Konrad IIT. im Jahre 1138 dem ehemaligen Abte verliehen, und 
die auf die Äbtissin als dessen Rechtsnachfolgerin übergegangen 



') Ans Aachens Votzeit, Jahrg. KV, S. 113 und 114. 



— 66 — 

waren. Diese Privilegien setzten sich folgendermassen zu- 
sammen: 1. Reichsunmittelbarkeit, „nulli penitus nisi regie per- 
sone subditus existat;" 2. Freiheit von allen Abgaben, „non 
aliud de ipsa abbatia debitum exsolvat, nisi solnmmodo oratio- 
num victimas;" 3. das Vorrecht, nach alter Sitte den König- 
in Aachen hinein und aus der Stadt hinauszubegleiten, wenn 
der Erzbischof von Cöln oder Trier und der Bischof von Lüttich 
nicht zugegen waren, „jure et auctoritate antecessorum suorum 
regiam personam pre ceteris omnibus suscipere et inde (Aquis- 
grano) proficiscentem reducere debet" und endlich 4. freier 
Tisch an jedem königlichen Hoflager, „ipsi abbati de regali 
mensa sibi suisque necessaria victualia amministrentur 1 ." Die 
Reichsunmittelbarkeit entwickelte sich in späteren Jahrhunderten 
zur Reichsstandschaft; die Äbtissin wurde ein Stand des 
heiligen römischen Reiches und hatte in dieser Eigenschaft auf 
den Reichstagen der deutschen Nation Sitz und Stimme. Sie 
nahm bei denselben auf der oberrheinischen Prälatenbank die 
zehnte oder die siebenzehnte Stelle ein, was freilich von geringer 
Bedeutung bei der Einrichtung war, dass die 19 Stifter, die 
diese Bank einnahmen, zusammen nur über eine Stimme verfügten 2 . 
Es zeugt von einer grossen Gereiztheit der freien Reichsstadt 
Aachen gegen das weibliche Oberhaupt des Nachbardorfes Burt- 
scheid, wenn jene diesem vorwirft, dass das Kloster sowohl vor 
als nach der cession (Übertragung der Meierei an Aachen 1351) 
bis auf den letzten Reichsabschied exclusive, zu keinen Reichs- und 
Kreistagen erschienen, am wenigsten dabei Session gehabt, noch 
Stimme geführt hätte, wie selbiges dann auch bei der uralten 
Matricula nicht einmal einverleibt gewesen 3 . Der Matrikel gibt 
es aber viele und verschiedenartige; ausschlaggebend ist die 
vom Jahre 1521 4 . Zudem gibt ja auch Aachen selbst zu, dass 
die Äbtissin den Reichsabschied vom Jahre 1G54 mitunter- 
zeichnete. Sie erschien nicht persönlich „Cum pudoris leges 
non patiantur, foeminas ejusmodi conventibus interesse 5 , sondern 
Hess sich durch ihren Verwandten, „Winand von Frentz" ver- 
treten. Die Einladung zu diesem Reichstage erging durch 



') Qu ix, Reichsabtei Burtscheid, ürk. 14, S. 2/4. 
*) Meyer, Miscell. I, S. 39. 
8 ) Meyer, 1. c. S. 247. 

4 ) W. Beckers, Synopsis juris Iiuperii, Colon. 1649, S. 235. 

5 ) Meyer, 1. c. S. 450 



— 67 — 

Ferdinand III. in einem Schreibern vom 27 A.pril L652, das 
auch um desswillen Beachtung verdient, weil es ein amtliches 
Zeugnis ablegt für die durch den dreissigjährigen Krieg ver- 
ursachte Verarmung Deutschlands und seiner Fürsten. Es heissl 
darin: „weil das Rrmiische Reich, unser liebes Vaterland, durch 
die so langwährig gefülirte schwere kriege in nicht geringes Un- 
vermögen gesetzt worden und einem jeden Stand viel schwerer . . . 
die Besuchung eines allgemeinen Reichstages nach würden und 
gebühr ins werk zu richten fallen wird, so scind Wir selbst 
geneigt, unsere Hofstatt, so viel wie möglich zu restringiren." 
Ebenso ist das avocatorium Leopolds I. vom Jahre 1C7J, worin 
der Kaiser klagt, „dass die Krön Frankreich je länger je mehr 
Hostilitäten und Gewalttätigheiten" verübt und zur gemeinsamen 
Abwehr aufruft, auch an die Äbtissin gesandt worden. 

Die Äbtissin war in Burtscheid „Grundfrau" und wurde 
als solche von allen Vogtgedingen anerkannt. Auch das Schöffen- 
gericht entzog sich dieser Anerkennung nicht: „Wir . . . Meyer . . 
Vaigt . . Schöffen des gerichts ind dorps van Boirtschyt doin 
kont . . . dat vür uns komen ind erschienen ijs der momber unser 
vrouwen der abdissen van Boirtschyt . . . die scheffen hait doin 
manen, wair vür dat man eijne abdisse van Boirtschyt neidet 
ind kennet in der herrlichkeit ind dorpe van Boirtschyt. jnd als 
der scheffen dan darumb gemant is geweist, so kleirde ind wijs- 
de der scheffen mit ordel, dat eijne abdisse eijne Kaiserliche 
abdisse sij, ind eijne grontfrouwe der herrlichkeit ind dorps 
Boirtschyt, int dat sij weghe ind steghe offen halden soile, ind 
sij ouch sal ind mach schüdden binnen jairs ind buijssen jairs 
eijnche erven. die vererfft off verandererff würden in der herr- 
lichkeit, so verre man ijr ijrc vürhüre nijet inghere, noch ge- 
boden ijnheddc 1 . 

Für die Grundfrau von Burtscheid sah die Äbtissin auch 
der Aachener Rat an. Sein Sekretär Noppius schreibt diesbe- 
züglich ..obwohl (Eine Ehrwürdige) Frau das Schwerd und 
die Meijereij (Einem Ehrbaren) Hat concediert, so ist dieselbe 
doch Grund'frau geblieben und ihre Hochheit über den Grund 
und dieser Orten fliessenden kalt- und warmen Wässer behalten, 
gcstalt ihr unversucht keiner auf der Gemeinde neue Hai 
Stuben, üebersprung, Brücken über obgemelte Wässer, noch 



M (»ii ix. Stu'lt I '.ii rt scheid n. 20. S 



— 68 — 

desgleichen bauen möge 1 . Auch war die Äbtissin Grundfrau in 
Vijlen (holl. Limburg), wie die dortige Bank stets anerkannt 
hat". Sie war Herrin in Burtscheid über Grund und Boden, 
der nicht in Privatbesitz übergegangen war. Jeder, der sich 
dort anbauen oder niederlassen wollte, bedurfte ihrer Erlaubnis 
und musste sie als Grundfrau anerkennen. Als solche erhielt 
sie auch beim Verkauf und bei Vererbung von Immobilien die 
„Vorhin"' (hüren = mieten) und zwar vor Ankauf beziehungs- 
weise Erbung, andernfalls konnte sie das betreffende Grundstück 
oder Haus kraft des Einstandsrechtes (beschüdden) an sich 
ziehen 3 . Nicht bezahlte Grundpächte konnte sie pfänden d. h. 
exekutorisch eintreiben 4 ; unbebaute Plätze durfte sie gegen 
einen Erbzins oder andere Verpflichtungen vergeben 5 . Bei Ver- 
äusserung, Verleihung, Vergebung von Grund und Boden wie 
Immobilien und Gerechtsamen war sie an die Zustimmung des 
Conventes gebunden 6 . Bei Veräusserungen von besonderer Be- 
deutung, z. B. beim Verkauf des Allodialgutes in Plittersdorf 
waren wiederholte Beratungen in eigens dazu angesagten 
Capitelsitzungen und die Genehmigung des geistlichen Oberen 
der Abtei erforderlich. Damit die Gefälle der Grundfrau im 
Laufe der Zeit nicht verringert würden, durfte niemand sein 
Haus oder Gut „ärgern" d. h. zerfallen oder ertragsunfähiger 
werden lassen 7 . Wenn Noppius darin Recht hat, dass er die 
Hoheit der Äbtissin über alle kalten und warmen Wässer be- 
zeugt, so wäre in diesem Punkte eine Rechtsänderung gegen 
früher eingetreten und zwar zu Ungunsten der Gemeinde. Denn 
in dem Vertrage vom Jahre 1226 8 war das Wasser zur Allmende 
gerechnet; die Abtei hatte nur einen genau bestimmten Anteil 
daran und durfte die Gemeinde in ihrem Besitze keineswegs 
stören. Es mag aber mit dem Wasser, wie mit dem Oberbusch, 
wovon an einer anderen Stelle noch die Rede sein wird, gegangen 
sein, und die Gemeinde ihr verbrieftes Recht daran vergessen 



! ) Noppius, Aacher Chronik T. cap. 39. 

-) Quix, R. A. Burtscheid, S. 179. 

•') Quix, Stadt Burtscheid Urk. 29. 

') daselbst Urk. 40. 

") daselbst Urk. 30. 

' '■) daselbst Urk. 15. S. 223. 

7 ) daselbst Urk. 31. 

8 ) daselbst Urk. 1. 



— 69 — 

haben. Zudem waren die Mineralquellen, das wertvollste Wasser 
Burtscheids, in Privatbesitz; denn jedes Badehaus hatte seine 
eigene Quelle. Auch aus einer Urkunde, die Quix 1 abdruckt, 
geht hervor, dass die Äbtissin als Grundfrau keine besonderen 
Rechte an den wannen Quellen hatte. Die Hoheit der Äbtissin 
über die kalten und wannen Wässer hat sich also jedenfalls 
auf den Wasserlauf, auf die Bäche beschränkt, was auch Noppius 
andeutet, wenn er von den an diesem Orte fliessenden Wässern 
spricht. Als Eigentümerin des Wasserballes waren der Äbtissin 
sämtliche Mühlen in der Herrlichkeit Burtscheid pflichtig. Es 
gab deren zwölf, von denen sieben der Abtei gehörten. 

Weil die Äbtissin Landesherrin war. stand ihr auch das 
Recht zu, Polizeigesetze zu geben, zu verändern und ganz auf- 
zuheben. Dass sie die meisten ihrer polizeilichen Befugnisse 
durch das Gericht ausführen Hess, liegt in der Natur der Sache. 

Das Hecht der Begnadigung übte die Äbtissin nach der 
Uebertragung der Meierei an Aachen (1351) nur noch gemein- 
schaftlich mit dem dortigen Rate aus, und kann ein Teil ohne 
Zustimmung des andern hierin nichts verfügen-. Die Güter der 
Abtei waren steuerfrei. Da aber nach Abzug der steuerfreien 
abteilichen und frankenbergischen Ländereien nur wenige steuer- 
pflichtige Morgen übrig blieben, so erklärte sich die Äbtissin 
im Jahre 1677 bereit, an den gemeinen Umlagen und Lasten 
mit zehn vom Hundert teilzunehmen. Sie blieb jedoch bis zum 
Jahre 1709 sehr viel schuldig. Ein Process, der darüber ent- 
stand, wurde zu gunsten der Äbtissin entschieden 1 . 

Verlassen wir nun die „abbatissa monasterii porcetensis" und 
die ,,Kaiserliche Abdisse und Grundfrau des dorfs und der Herr- 
lichkeit zu Burtscheid", wie sie sich in Urkunden vom Jahre 1306 
und 1564 nennt, und wenden uns zu jenen Beamten, die nach 
ihr die ersten Stellen einnahmen, zu „Vogt" und „Meier". Beide 
treffen wir schon in der karolingischen Hofeinrichtung an: den 
Vogt (actor, judex) als den Oberaufseher über Pfalz und Neben- 
linie, den Meier (villicus) als den Verwalter eines Nebenhofes. 
Wie wir bereits an anderer Stelle ' erörtert haben, war bereits 
durch Capitularien Karls des Grossen für jede geistliche Genossen- 



M daselbst I rk. i i. 

'i Meyer t, S. 294. 

i Meyer I. S. Tel ff. 

») Ans Aachens Vorzeit, Jahrg. Will. S. •! ff. 



— 70 — 

schaft ein Vogt (advocatus) vorgesehen. Dort ist auch bereits 
die Eede gewesen von der rechtlichen Stellung der Vögte sowie 
im allgemeinen von den Anmassungen, die sie sich gar bald der 
Äbtissin gegenüber zu schulden kommen Hessen. Schon der 
erste Vogt aus dem Hause Merode, dessen die Urkunden er- 
wähnen, Gerard, machte durch seine Uebergriffe in die Rechte 
der Äbtissin das Eingreifen der Reichsgewalt nötig. Auf die 
Klage derselben ernannte Erzbischof Engelbert von Cöln, als 
Reichsvicar, eine Commission, in der beide Parteien durch je zwei 
Schiedsrichter vertreten waren, die Abtei durch den Propst von 
St. Adalbert und den Dechant des Münsterstiftes, und die 
Vogtei durch den Vogt Wilhelm und den Schöffen Wilhelm Puls. 
Die Commissare bestimmten bezüglich des Vogtes, dass ihm zu- 
stehen sollte 1. eine Steuer auf die Untertanen der Abtei von 
höchstens drei Mark, wie auch sein Vater nie mehr, oft aber 
weniger erhalten habe, 2. die Hand- und Spanndienste, die die 
Leute ihm freiwillig leisten, 3. das freie Holzungsrecht für sich 
und seine Güter im Bezirke Burtscheid, 4. eine Abgabe von 
einer halben Mark von der Eichelmast, und das Recht, hundert 
Schweine ohne Entgelt auf diese Mast zu treiben, 5. ein Brau- 
haus, das jedoch der Äbtissin eine Alierkennungsgebühr von 
12 denaren jährlich auf St. Stefanstag leisten muss, und endlich 
G. ein drittel vom Reinertrag des Kalkofens der Abtei, voraus- 
gesetzt, dass er auch den dritten Teil der Herstellungskosten 
bezahlt hat. Will die Äbtissin auf Gemeindegrund bauen, so 
ist sie dabei an des Vogtes und der Gemeinde Einwilligung 
gebunden. Was das Gericht angeht, so soll der Vogt den drei 
allgemeinen Gedingen präsidieren, die alljährlich abgehalten 
werden, während die übrige Zeit des Jahres dem von der Äbtissin 
angestellten Meier der Vorsitz gewährleistet wird. Von allen 
Gerichtsgebühren bekommt der Vogt, der sich im Vorsitz auch 
vertreten lassen kann, den dritten Teil 1 . Der Vertrag wurde 
von beiden Parteien angenommen und beschworen; aber bereits 
neun Jahre nachher sah sich die Äbtissin veranlasst, neue 
Klagen beim Papste darüber vorzubringen, dass der Vogt Gerard 
mit anderen Laien sich der abteilichen Ländereien und anderer 
Gegenstände bemächtige. Gregor IX. ernannte den Dechanten 
und zwei Kanoniker des Cölner Mariagradcnstiftes zu Schieds- 
richtern mit dem Auftrage, die Klage zu untersuchen und zu 



') Qu ix, Frankenburg. Urk. 1. 



- 71 — 

entscheiden 1 . Der Sohn und Nachfolger des Vogtes Gerard, 
Arnold, trat in die Fusstapfen seines Vaters ein und nötigte 
die Abtei, auch gegen ihn klagend beim päpstlichen Stuhle auf- 
zutreten. In einem Breve von 1238, durch das der Papst den 
Dechanten, Sänger und Schatzmeister des Adalbertstiftes beauf- 
tragt, dem Unwesen zu steuern, beschuldigt er den Vogt Arnold, 
dass er im Verein mit Geistlichen und Weltlichen aus den 
Diöcesen Trier, Cöln und Lüttich der Abtei grosses Unrecht an 
ihren Zehnten, Besitzungen. Vermächtnissen u. s. w. tue 1 '. Da 
dem Vogte Arnold der von seinem Vater mit der Abtei abge- 
schlossene und beschworene Vertrag lästig fiel, glaubte er ihn 
nicht beobachten zu sollen. Darüber entstand Streit, der aber 
durch die Vermittelung einiger einflussreichen Herren geistlichen 
und weltlichen Standes wieder beigelegt wurde, indem der Vogt 
mit Weib und Kind sich zur Beobachtung des Vertrages für die 
Zukunft bereit erklärte. Herzog Walram von Limburg als Ober- 
vogt bestätigte den Vertrag 3 . Abermals nach neun Jahren 
stand die Sache auf dem alten Fleck. Nunmehr trat, der Graf 
von Jülich, der nachher auch als Lehnsherr von Frankenberg 
erscheint, als Vermittler auf den Plan. Der Vogt verspricht, 
die Äbtissin und den Convent bei ihren Briefen und Handfesten, 
die sie von Kaisern und Königen besitzen, zu belassen. Auch 
will er keinerlei Recht am „Kammerforst", der der Abtei gehörte, 
in Anspruch nehmen, als allein die oben erwähnte halbe Mark 
und das Auttreiben der hundert Schweine zur Mästung 1 . Der 
Vogt Hess sich vom Grafen 80 Mark „zer orkonde" geben, und 
dafür versprach er mit seinem Sohne Johann, Ruhe und Friede 
halten zu wollen. Und so verstummen in der Tat von da ab 
sowohl unter dem Vogte Arnold, wie unter dessen Sohn Johann 
und Enkel Edmund die Klagen über Gewalttätigkeiten. Aber 
kurz nach dem Amtsantritte Arnolds IL, des Sohnes Edmunds, 
begannen die Reibereien von neuem. Zwar legte sich abermals 
Graf Wilhelm von Jülich ins Mittel und Hess 1335 dem Vogl 
versprechen, dass „er inde alle sine liakumelige stede soleu 
halden inde unveibruchligen den Brief (von 12t') 1) inde allit, dal 
da in geschreiven steif; aber wie wenig Ernsl Arnold II. es mit 



1 i Qui \, Frankenburg. Urk. 2. 

•■) Quix, K. A. Burtscheid, Urk. 30, S. 233. 

) Quix. Frankenburg. Urk. 3 u. -t. 

i Lbid. Urk. 5. 



- 72 — 

seinem Versprechen hielt, geht am besten daraus hervor, dass 
Kaiser Ludwig schon im folgenden Jahre dem Aachener Rate 
und dem Jülicher Grafen befehlen musste, das Burtscheider 
Kloster in ihren Schutz zu nehmen und dasselbe gegen alle 
Unterdrückung und Belästigung in seinen Gütern, Einkünften und 
Rechten zu verteidigen 1 . Das alles half aber so wenig, dass Arnold 
noch anmassender auftrat und nicht einmal mehr vor der Pforte 
der Kirche halt machte, sondern, während die Nonnen in der- 
selben dem Gebete oblagen, mit seinen Gesellen unter lautem 
Geschrei und Waffenlärm eindrang, so dass, wie die Äbtissin 
Mechtildis von Bongart klagt, „der dinst uns heiren jliesu christi 
naigt inde dach zu mengher zijt leider gehindert wart" 2 . Was 
die Vögte mit ihren Belästigungen eigentlich bezweckten, geht 
aus den Urkunden nicht hervor. Dieselben erreichten aber 
schliesslich einen so hohen Grad, dass die Äbtissin sich ihrer 
nicht anders mehr erwehren zu können glaubte, als durch 
Uebertragung der Meierei an die damals (1357) auf dem Gipfel 
ihrer Macht stehende freie Reichsstadt Aachen. Ein Jahr nach- 
her schloss Aachen mit dem Vogte einen Friedensvertrag. Aus 
demselben ergeben sich verschiedene für die Geschichte der 
Vogtei wichtige Einzelheiten. Wenn der Vogt zum Ritter 
geschlagen wurde, heiratete oder in Gefangenschaft geriet, 
waren die Einwohner Burtscheids zu Beiträgen verpflichtet, 
deren Höhe leider nicht angegeben ist. Auch ist die Rede von 
der Zahlung eines „hellina-geldt" (Heiratsgeld?) „schosgeldt = 
Steuer und hewegeldt". Diese und alle anderen Arten von 
Einkünften, namentlich auch die Gerichtsgefälle, von denen 
früher der Vogt nur ein drittel bezog, sollten fortan beide Herren 
(Vogt und Meier d. i. die Stadt Aachen) zu gleichen Teilen 
beziehen. Weiterhin wurde bestimmt, dass weder Meier noch 
Vogt einseitig „van deine gereigte inde in deine gereigte egeiner- 
lei sachen noch stucken setzen noch intsetzen, noch gebeden 
noch verbeden" sollten; dass „die Schöffen, boden inde die dorp- 
luiden gemeinligen van Burtschied" dem Meier und dem Vogte 
huldigen müsstcn. dass beide sich bei den Gerichtsverhandlungen 
vertreten lassen könnten. Beide garantierten ihrerseits den 
Einwohnern die althergebrachte Freiheit und der Abtei den 
Kammerforst nebst der im Uebertrage von 1351 vorbehaltenen 



') ibid. Urk. 15, 16, 17. 

2 ) Qu ix, R. A. Burtscheid, Urk. 137, S. 356. 



— 73 — 

Immunität. „Vort so sal ich Arnold van Frankenbergh inde 
nüjne erven behalden unsere waldreigt, unse molen, unse geraein- 
geld, unse korengeld (Fruchtzinsen), unsen acker, uns beindeo, 

unse weijcre mit oren vlosse van den wasser, warm inde kalt, 
inde uns huis zu Frankenbergh, dat wir halden zu lcen van 
einen markgreve zo Guilche in dem reigte also, als uns dat 
unse alderen gelosen haint, dat is te wissen, dat wir, de stadl 
noch der rait van Aijghen egenigerley gerichte noch gebot noch 
verbot ze Frankenbergh in hain . . . .*. 

Dem Abschluss des Vertrages folgte ein hundertjähriger 
Friede. Für den freundlichen Verkehr der „Herren von Burt- 
scheid" während dieser Zeit haben wir einen Beleg in der 
Stadtrechnung von 1391 (Laurent, S. 378.) Es heisst da: „Item 
die Burgermeistere aissen zo des voitz huis van Burschit" und 
gaben zwei Viertel Wein aus dem Ratskeller. Erst mit dem 
Amtsantritt Johanns II. traten wieder schlimmere Zeiten ein. 
Dieser war in ständiger Geldverlegenheit, weshalb er auch seine 
Mühle verkaufte und die Vogteibezüge in Burtscheid belastete-. 
Es ist darum auch leicht begreiflich, dass die Burtscheider 
Weinwirte bei ihm ein geneigtes Ohr fanden, als sie ihm 400 
Gulden versprachen, wenn er den Rat von Aachen zur Zurück- 
nahme des Verbotes des „Auslaufens und Zechens uf Burtscheid ; 
seitens der Aachener Bürger bringen würde. Johann rüstete 
sich zum Kriege gegen Aachen, das damals mit inneren Unruhen, 
die durch Streitigkeiten zwischen den Zünften und dem Eibrat 
hervorgerufen worden waren, viel zu schaffen hatte. Mehrere 
benachbarte Ritter sagten ihm ihre Hülfe zu. Der her van 
Reiferscheid tuet ihm hilf mit 83 beschriebener Kriedsknecht .... 
acht tags nach St. Martin quam der her Johan von FrankeDbergh 
im reich Aich, braus Orsbagh ab und verberget das dorf iemer- 
lich 4 ." Die Stadt Aachen rüstete sich zur Gegenwehr. Die 
Aachener Chronik berichtet darüber: Sie „schreib auch etlich 
vil soldner in solt" und „1451 wart Spoir von Herten (Heerlen?) 
in der stat Aich mit 8 pfert 2 Jahr lang vor 400 gülden jahrs- 
besoldung zum rittmeister angenomen, welcher auf Dienstag vor 
paischen um G Uhr den nachmittag, als die pforzeo verschlossen, 



') Qiüx, Frankenburg Xu. 18, S. u:> ff. 

i Quix, Frankenburg, ürk. 21. 

i Vergl. Aachens Vorzeit, .lahr-. Will. S. 11. 

') Annalen für den Niederrhein XVII, S. 11 and 



— 74 — 

zu sich berufen die süldner, schützen und bürger, ungefehr 1100 
wolgewapfneter man und zöge mit denselben hinaus auf die hall, 
auf welchem haus zu der zeit junk Daem von Beel (Quix nennt 
ihn einen Frankenberg'?) ein stattiand und mithelfer Johan von 
Frankenbergh sich verhalten thet, brant und verhergte alles 
rundumher dem haus und schössen auch auf das haus und theten 
grossen schaden. Es blieben auch 3 menner tot, deren einer 
war von Aich, und erweiset sich der Spoir diesmal fromlich in 
seinem rittmeisteramt und ob ferner die noitdurft erfordert liette, 
sannten ihnen des andern tags die herren von Aich noch 500 
man zu hilf bis zuletzt auf der 8 tag, das der gedachten von 
Beel gezwungen war gnad zu begeren und sich in verglichung 
zu geben." In demselben Jahre verständigte sich der Vogt 
Johann mit dem Rat über die Grenzen zwischen dem Reiche 
(an der Aachener Heide) und der Herrlichkeit Burtscheid. Die- 
selbe wurde durch Steine und Pfähle bezeichnet 1 . Die letzten 
5 Jahre seines Lebens (er starb am 5. Juli 1493) verbrachte 
Johann bei den Regnlierherren in Aachen, wo er bei allen 
Brüdern wohl gelitten war und die „im Weltleben verlorene 
Zeit mit vielem Beten, Wachen, Fasten und Weinen einholte." 
Er wurde in der St. Michaelskirche in Burtscheid in der von 
ihm selbst hergestelltenGrnft beigesetzt 2 . Zu blutigen Fehden 
zwischen den beiden Herren von Burtscheid kam es in der Folge 
zwar nicht mehr, zu Streitigkeiten aber, die auf dem Wege des 
Processes entschieden wurden, bot sich immer wieder Anlass. 
Der. Sohn und Nachfolger Johanns, Andreas IL, wurde infolge 
eines solchen Processes über den Oberbusch seines Amtes ent- 
setzt. Zum Nachfolger wurde vom Obervogt sein Sohn Adam 
bestellt. Weder von diesem noch von Adam IL ist irgend et- 
was von Bedeutung zu verzeichnen. Die Witwe des letzteren 
heiratete den Junker Melchior von Schwarzenberg, der Gouver- 
neur von Mastricht war. Ihr Sohn aus erster Ehe, der wie 
sein Vater Adam hiess, nahm unter seinem Stiefvater Dienste 
als Fähnrich bei den Generalstaaten an. Bei der Einnahme 
Mastrichts durch den Herzog von Parma kam Melchior und 
sein Stiefsohn um 8 , während die Witwe mit ihrer Tochter, 
ebenfalls aus erster Ehe gefangen genommen wurde. Johann 



') Quix, Fraukenburg. Urk. 24, S. 157. 
2 ) Zeitschrift des Aach. (i.-V. XIII. S. 114. 
:i ) Quix, Frankenburg. S. 69. 



— 75 — 

von Merode Hoffalize auf Kalkofen kaufte sie los und nahm das 
noch minderjährige Mädchen bei sicli auf. Sie war der letzte 
Sprosse derer von Merode Frankenbergh, die im Mannsstarara 
bereits mit Adam III. ausgestorben waren. Vor ihrem Tode, der 
am 19. Juni 1580 erfolgte, übertrug sie ihre Güter und ihre 
Ansprüche auf die Burtscheider Vogtei auf ihren Oheim Johann. 
Ihm machte aber Johann von Baur, dessen Grossmutter eine 
Frankenbergh gewesen war, sein Recht streitig. Er wurde auch 
schliesslich von den Generalstaaten, in deren Dienste er früher 
gestanden hatte, im Jahre 1633 anerkannt. Er Hess sofort 
durch seinen Statthalter verschiedene Güter, wie das Brauhaus, 
die Mühlen am warmen Weiher mit dem Wasserlaufe, und ein 
Gut, die Melkerei genannt, als der Vogtei anklebig, für sich in 
Anspruch nehmen. Als er im Jahre 1(547 starb, hinterliess er 
soviele Schulden, dass seine Witwe sich genötigt sah, die Vogtei 
für 1500 Pattakons (1 P. = 80 Stüber) Kauf- und 500 Pattakons 
Verzichtgelder an den Freiherrn Adam von Schellart zu Obben- 
dorf zu verkaufen. Diese Gelegenheit benutzte die Äbtissin, um 
ihr Kloster von einer Last zu befreien, die sich nur zu oft als 
fast unerträglich erwiesen hatte. Vermöge des Einstandsrechtes 
nahm sie als Grundfrau die Vogtei an sich und zahlte dem 
Ankäufer 1G49 die Kaufsumme zurück. Von dieser Zeit an war 
die Äbtissin selbst Vogt und bezeichnete sich von da ab als „Erb- 
vogtin"; die Geschäfte liess sie durch einen Statthalter besorgen, 
der nach der Bestätigungsurkunde Philipps von Spanien als 
Obervogt ein Limburger sein musstc. Die Familie Merode Hoffa- 
lize hatte sich nicht mit der Anerkennung des Praetendenten 
Johann von Baur durch die Generalstaaten einverstanden erklärt, 
sondern den Processweg beschritten, der sie zu ihrem Rechte 
führen sollte. Im Jahre 1720 gewannen sie den Process, und 
die Äbtissin musste die Immobilien und 10368 Rchsthlr. heraus- 
geben. Sie griff auf den Erben des Herrn von Baur zurück, 
und dieser, ein Freiherr von Walpot-Bassenheim, fand sich ab, 
indem er 18000 Rchsthlr. bezahlte und alle Ansprüche auf sich 
nahm, die etwa noch aus jenem Ankauf gegen das Kloster er- 
hoben werden könnten. Es geschah dies um «las Jahr 177^'. 
und nicht lange nachher räumten die französischen Eindringlinge 
mit Abtei und Vogtei endgültig auf. 



l ) Quix, Fruukeuburg', S. 106 ff. 



— 76 — 

In der Instruction für den Vogteistatthalter 1 lieisst es, 
dass er verpflichtet sei, der Äbtissin „von allem demjenigen, 
was sich zuträgt zwischen Parteien" Mitteilung zu machen, 
„schleunige Justiz zu administrieren" und auf Befehl der Äbtissin 
zu versuchen, dass er die Parteien, besonders unvermögende 
entweder allein oder mit Zustimmung einiger Schöffen gütlich 
vergleiche. Die Liste der „salaria der Burtscheider Gerichts- 
personen" sagt bei „Herrn Statthalter: „Statt deren siebevoren 
zubereiteten Mahlzeiten ingefolg sententiae cameralis de 23 Martii 
1735 Rchstlr. 18 per 56 m; wegen Zustand des Wachtmeisters 
2 Glafter Holz Rchstlr. 6, als vogteilicher vorstmeister Rchstlr. 
24. 48 m." 

Die drei Vogtgedinge wurden an jedem ersten Montag 
nach Dreikönigen, weissen Sonntag und dem Feste der Geburt 
des hl. Johannes des Täufers, des Patrons von Burtscheid, ab- 
gehalten und zwar nach uralter Sitte unter freiem Himmel 
mittags um 12 Uhr. Die öffentliche Dingbank, die Malstätte, 
war auf dem Berge vor der Abtei, wo ehedem grosse Bäume 
standen 2 . Auf das Geläute in der Pfarrkirche musste aus jeder 
Haushaltung ein Mann erscheinen, denn die Vogtgedinge waren 
die Gerichtsversammlungen des alten Rechts, denen jeder freie 
Mann beizuwohnen verpflichtet war. In den Miscellaneen gibt 
uns Meier einige Aufklärung über die damit verbundene Feierlich- 
keit: „so gehet dortiger gerichtsbot bei jedesmaligem vogtgeding, 
wan das versamelete gericht von der gerichtsstube zur dingbank 
hingehet mit aufrecht tragender ruthe voraus, dem dan der 
Stadthalter und meier, beide mit ebenmässig in bänden habenden 
ruthen, folgen und sich neben denen scheffen in der dingbank 
niedersetzen, der gerichtsbot aber ausser der dingbank wehren- 
dem vogtgeding stehen bleibt" 3 . Das Vogtgeding 1 war besetzt 
„mit einem qualifizirten vogten, mit einem meier der Stadt Aach 
(nach 1351), mit sieben scheffen, einem geschworen Schreiber, 
geschworen bot und unter Lautung der glocken." Etwa fehlende 
Schöffen wurden durch Frankenbergcr Hofleute ersetzt. Recht 
seltsam lautet die Antwort auf die Frage des Vogts: „was ein 



J ) Quix, Stadt Burtscheid S. 162. 

2 ) Quix, Frankcnburg Urk. 17. S. 144. „Acta sunt hec ante fores cc- 
clesieSti Johannis Baptiste Monasterii Porchetensis, subtus magnis arboribus." 
:l ) Meyer, Miscell. II. S 38. 
') Siehe das Weistum bei Quix, Frankeuburg, S. 117. 



— 77 — 

hövener ist schuldig zu thun? Ein hövener ist schuldig zu 
Frankenbergh zu wachen und eijsl (Eis) zu hauen, wann es 
vonnöthen ist und mit in die bank (Gericht) zu sitzen, zu hören 
und zu schweigen und darnach mit int weinhaus, nu uff' der 
leufen (Geiichtsstube) zu gehen und zu gemessen, was der 
scheuen geneuss." Der Vogt aber wird also ermahnt: „der 
vogt ist schuldig, jedermann zu halden bei scheffenurtheil, kur 
und recht = kürenrecht, und alle gewalt abzuschaffen allen 
denen, so ihn darein anrufen." Diese Verpflichtungen hatte der 
Vogt durch seinen Eid übernommen. Ausser an den drei Vogt- 
gedingen „presidirt, fragt und mahnt derselb .... als 40 tag 
oder drei gerichtstagen hernach 1 ." Diese 40 Tage sind die alte 
( lerichtsfrist der Lex Salica 2 . 

Die Einführung des Vogt-Statthalters geschah unter ge- 
wissen Feierlichkeiten. Hatte die Äbtissin ihn ernannt, so wurde 
er durch den Sachwalter der Abtei der Gemeinde vorgestellt. 
Der Meier und die Schöffen nahmen ihm sodann den Eid ab und 
überreichten ihm die Gerichtsruthe. Letztere bestand „aus einem 
einfachen, rothgefärbten Dornzweige, etwa eines fingers dick und 
beinahe zwei ehlen lang, hat unten einen besonders gemachten 
Grif oder handhabe, höher hinauf ihre von der Natur eigene 
stachelen und oben am ende etwelche nebeneinander gewachsene 
schösslein, deren jedes mit einer vergoldeten eichel beknöpfet ist." 
Die Ruthe, das Symbol der Gerichtsbarkeit, spielte auch noch 
eine Bolle bei der Verlesung und Execution der Urteile und bei 
Verbürgungen. Nun schwur der Nachbarmann dem Vogte namens 
der Gemeinde, und es folgte ein Essen in der Gerichtsstube auf 
Kosten der Abtei 3 . 

Ist der Vogt der Idee nach Stellvertreter des Kaisers, 
des Oberherrn des ganzen Reiches und des höchsten Richters, 
so ist der Meier Vertreter des Landesherrn, in unserem Falle 
der Äbtissin, und Verwalter der landesherrlichen Gerichtsbar- 
keit. In dem Vertrag von 1226 l war stipuliert, dass die Äb- 
tissin den Meier einsetzte (ipsa abbatissa villicum habere debet, 
qui placita faciat et conservet.) Dies Verhältnis dauerte bis 
zum Uebertrag der Gerichtsbarkeit an die Stadt Aachen im 



') Quix, Stadt Burtscheid S. 163. 

-) Vergl. Solun, dir fränkische Reichs- und Gerichtsverfassung s? 15. IT. 

i Quix, Frankenhurg. S. 118. Anm. 

') Quix, ib. ürk. 1. 



— 78 — 

Jahre 1351. Auf diese Uebertragung müssen wir nunmehr näher 
eingehen. Wie bereits vorhin ausgeführt worden ist, sah sicli 
die Abtei zu diesem verhängnisvollen Schritt genötigt, weil sie sich 
anders der Bedrückungen seitens der Vögte nicht zu erwehren 
wusste. Über die Tragweite der Uebertragung entstanden nament- 
lich seit dem XVI. Jahrhundert Streitigkeiten zwischen der 
Abtei und der Stadt Aachen, die erst mit dem Verlust der 
Selbständigkeit beider Parteien ihr Ende erreicht haben. Diesel- 
ben wurden hervorgerufen durch die verschiedene Auslegung 
einzelner, in der Uebertragungsurkunde vorkommenden Ausdrücke. 
Die Äbtissin wollte die betreffenden Worte dahin verstanden 
wissen, dass sie und der Convent dem Rate und der Bürger- 
schaft der Stadt Aachen nur die Meierei d. h. den Vorsitz bei 
den gewöhnlichen Gerichtssitzungen und die damit verbundenen 
Gefälle und anders nichts übertragen habe; die Stadt Aachen 
dagegen interpretierte die fraglichen Ausdrücke so, dass ihr die 
ganze weltliche Herrschaft in Burtscheid bis auf den im Vertrag 
ausgenommenen Teil übertragen worden sei. Es fragt sich nun 
welche von beiden Parteien hatte Recht? Die Lösung dieser 
Frage soll in den nachfolgenden Auseinandersetzungen versucht 
werden. 

Die betreffende Urkunde 1 , die in der von Quix herausge- 
gebenen Reichs- Abtei Burtscheid unter No. 137 abgedruckt ist, 
ist ausgestellt von Bürgermeister, Schöffen, Rat und Bürgern 
des königlichen Stuhls von Aachen. Sie gibt eingangs die Gründe 
an, die das Kloster zu diesem ausserordentlichen Schritt gedrängt 
haben. Es genügt für unsern Zweck hervorzuheben, dass die 
Nonnen sich damals in einer Notlage befeinden, und dass un- 
leidliche Missstände in geistiger und materieller Beziehung, 
grosse Verluste an geistigen und irdischen Gütern, schwere 
Unbilden und Vergewaltigungen, die ihnen und ihren Leuten 
angetan wurden, und die sie selbst nicht abwenden konnten, die 
Gründe waren, die sie zurÜbertragung veranlassten. Um alles 
das für die Zukunft zu verhüten, heisst es dann weiter in der 
Urkunde, hat uns Bürgern von Aachen die Äbtissin mit Zu- 
stimmung ihres Convents das Gericht und Dorf von Burtscheid 
mit den Einwohnern und allem Zubehör, das von Gerichtswegen 
dazu gehört und im Gerichte von Burtscheid gelegen ist, über- 
tragen und zwar so, wie ihnen das alles von römischen Kaisern 



J ) Quix, Reichsabtei Burtscheid N. 137. S. 355. 



— 79 — 

geschenkt wurde. Von den Einwohnern wird dann noch be- 
sondersgesagt: Die Einwohner von Dorf und Gericht Burtscheid 
werden also Untertanen des Aachener Rats. „Dat die Lüde 
des dorps, inde des gerichtz van Burtschit, gehoirsame solen 

syn, inde undertenich uns gelich anderen uns selfs 

bürgeren". 

Nun folgen die Vorbehalte. Zunächst natürlich einer zu 
gunsten des Vogts; denn von dessen Hechten konnte die 
Äbtissin nichts vergeben, weil derselbe von ihr gänzlich unab- 
hängig war. Sodann behalten Äbtissin und Convenl sich selbst 
verschiedenes vor. Diese Vorbehalte erstrecken sich kurzgefas: I 
auf das Kloster, dessen Immunität, Güter und Einkünfte, den 
Klosterbusch und die ganze Alemende, die innerhalb des Ge- 
richtes von Burtscheid liegt. Zur Klarstellung dessen, was in 
Wirklichkeit von der Abtei an Aachen übertragen worden ist, 
wird es notwendig sein, diejenigen Worte der Urkunde, woran 1' 
es wesentlich ankommt, etwas näher ins Auge zu fassen. Das 
Kloster gibt der Stadt Aachen erblich und auf immer sein Ge- 
richt und Dorf von Burtscheid. Suchen wir zunächst die Be- 
deutung des Wortes „Gericht" festzustellen. Der Vertrag ge- 
braucht zweifelsohne das Wort in einer zweifachen Bedeutung, 
und zwar zunächst in der noch heute üblichen, und da bedeutet 
os die bis dahin von der Äbtissin durch ihren Meier ausgeübte 
Gerichtsbarkeit oder kurz die Meierei. In diesem Sinne dürfte 
das Wort zu verstehen sein in den beiden Stellen: „mit allen 
den anderen zubehör, das dazu gehoirt als von gerichts wegen" 
und „als verre als sij wider dat gerichte niet en misdoen". 
Dann aber bezeichnet auch das Wort „Gericht" in dieser Ur 
künde jenen Bezirk, der später mit dem Ausdruck „Herrlichkeit" 
bezeichnet wurde. Dieser Bezirk, der zum Unterschied vom 
Dorf Burtscheid, districtus, praedium in den Urkunden heisst, 
war eine Schenkung Kaiser Heinrichs II. an die Abtei und 
bildete vorher ein nicht unbedeutendes Stück vom (inte der 
Aachener Pfalz. Die Grenze lief von einem Kreuz (am Boden- 
hof) bis zur ehemaligen Mauer Brül, von dort (durch die jetzige 
Lothringerstrasse) bis zur Wurm und zweiten .Mauer, (die also 
jenseits der Wurm lag) dann mitten durch die Wiesen des Münster- 
stifts bis zur Bever (Grenze zwischen Burtscheid und Aachen» 
die Bever hinauf bis Schöntal (Grenze zwischen Burtscheid und 
Forst) dann westlich querüber auf den alten Weg nach Walhorn 



— 80 — 

bis an einen Weinberg- und weiter auf den alten Weg 1 nach 
Lüttich, an dem das königliche Gut Godinges (Kuhscheid?) lag 
und dann zurück zu dem erstgenannten Kreuze (Grenze zwischen 
Burtscheid und der Aachener Heide). Diese Ausdehnung dürfte 
dem Ausdruck „Gericht" in der Übertragungsurkunde zu Grunde 
liegen an folgender Stelle: so wie dat inbinnen dem Gericht van 
Burtschit gelegen is, also uns von Königen verluwen (verliehen) 
inde gegeven is. Wir haben eben gehört, dass dieser Bezirk 
ein Geschenk Heinrichs II. war; von dem besonderen Geschenke 
eines Gerichts = Gerichtsbarkeit wissen wir aber nichts, vielmehr 
war diese mit der Übertragung von Land und Leuten schon mit- 
gegeben. Ebenso muss Gericht als Bezirk gefasst werden, wenn 
es heisst: „luide des dorps inde des Gerichts van Burtschit" 
und überall, wo von einer Ausdehnung des Gerichts oder von 
einem Liegen innerhalb des Gerichts die Rede ist. Beide Be- 
deutungen „Gerichtsbarkeit" und „Bezirk oder Herrlichkeit" 
kommen vor, wo gesagt wird, die Abtei übertrage „öre gerichte 
inde öre dorp van Burtschit mit den luiden". Will man aber 
annehmen, die Abtei habe nur das ausdrücklich genannte Dorf 
Burtscheid übertragen, den Bezirk aber für sich behalten, dann 
steht man vor einem Rätsel; denn der Bezirk war das minder 
wichtige und hatte ohne das Dorf kaum noch eine Bedeutung. 

Indessen entscheidend in dieser Frage kann nur der da- 
malige Sprachgebrauch sein. Meines Wissens kommt der Aus- 
druck „Herrlichkeit Burtscheid" im 14. Jahrhundert noch gar 
nicht vor. Zuerst finden wir ihn im 15. Jahrhundert, und da 
wird er anfangs als Synonim von Gericht gebraucht. So heisst 
es 1377: „die zwa mülen, die genant sin in der Koilprie 
in dem gerichte van Burtschit". (St. B. U. 13); 1446; die 
müle steinkoul binnen der Heirlichkeit von Burtschit ge- 
legen; 1447: die müle Steinkoul binnen dem ge rieht und 
heirlichkeit van Burtscheid und nachher im Contexte blos 
binnen der heirlichkeit van Burtscheid gesessen. Seit dem Beginn 
des 16, Jahrhunderts hat dann das Wort „Gericht" nur noch 
seine heutige Bedeutung; die Schöffen nennen sich z. B. „scheuen 
des gerichts, dorps u. Heirlichkeit zo Boirtscheit (Urk. 35). 
Mit der Bezeichnung „Herrlichkeit von Burtscheid" hat es eine 
ähnliche Bewandtnis, wie mit dem analogen „Reich von Aachen" : 
letztere kommt in den Urkunden auch erst seit dem 14. Jahrhundert 
vor. Wenn also der Ausdruck „Herrlichkeit" im Übertrage von 



— 81 — 

1351 nicht vorkommt, so hat das seinen Grund einzig darin, 
dass derselbe damals noch ganz ungebräuchlich und durch (h\* 
Wort „Gericht" ersetzt war. 

Äbtissin und Convent haben also nach dem Wortlaute der 
Urkunde nicht blos die Meierei, sondern „Gericht, Dorf und 
Herrlichkeit Burtscheid" Übertragen, mit einem Wort ihre ganze 
Landeshoheit. Diese Auffassung findet noch weitere Stützen in 
der Urkunde selbst. Wenn nur die Meierei, nicht aber die Hoheit 
über Dorf und Herrlichkeit übertragen werden sollte, wozu 
hätte es dann eines besonderen Vorbehaltes für die Abtei, den 
Abteiberg und die darauf stehenden Gebäude bedurft? Wenn 
das Dorf nicht übertragen wurde, so brauchte man die Abtei 
nicht auszunehmen, die mitten darin liegt. Ferner sagt der 
Rat in der Urkunde, er wolle aus dem Uebertrage niemals 
oberherrliche Rechte über die Abtei herleiten, nie Leistungen 
von ihr fordern, die nur der Herr von seinen Untergebenen 
fordert. Wenn der Rat aber nichts anderes als nur die Meierei 
bekam, so wurde er nicht Herr, er wurde vielmehr Vasall der 
Abtei; wie hätte er aber als Vasall solche Versicherung aus- 
stellen können? Die Leute des Dorfs und Gerichts Burtscheid 
sollen nach den Bestimmungen des Übertrags der Stadt und 
ihrem Rat Gehorsam leisten wie die Aachener Bürger. Das 
heisst doch etwas mehr als die Übertragung der Meierei, das 
heisst, um mich der Worte Heinrichs III. zu bedienen : de nostro 
in vestrum jus et dominium transfundimus. Die Äbtissin entlässt 
die Burtscheider aus ihrem bisherigen Untertanenverhältnis und 
unterstellt sie dem Aachener Rate. 

Wie haben ferner die Stadt Aachen selbst und der Vogt 
von Burtscheid den Vertrag aufgefasst? Offenbar als eine 
Übertragung der Landeshoheit. 1352 also im Jahre nach dem 
Übertrage schliessen beide ein Übereinkommen über die beider- 
seitigen Rechte, und da garantieren sie der Abtei die Immunität, 
behalten sich aber im übrigen die Hoheit in der Herrlichkeit 
Burtscheid vor 1 . 1451 setzten Meier und Vogt die -Grenzpfähle 
zwischen Aachen und Burtscheid ohne irgend eine Beteiligung 
der Äbtissin und sprechen in der darauf bezüglichen Urkunde 
von der „Herrlichkeit der Erbmeierei und Erbvogtei zu Burt- 
scheid und von ihren Untertanen'-'. Ist wohl anzunehmen, dass 



') Qu ix, Frankenberg S. 147. 
'-') ibid. S. 157. 



— 82 — 

die Abtei bei einer solchen Haupt- und Staatsaktion, wie es die 

Feststellung" der Grenzen war, hätte fehlen können, wenn sie 

sich noch im Besitze der Landeshoheit gewusst hätte? Und 

wenn sie durch eine rechtswidrige Usurpation seitens Meier und 

Vogt aus ihrem Besitze verdrängt gewesen wäre, hätte sie eine 

solche Gelegenheit ohne Protest vorübergehen lassen dürfen? 

Und damals war grade eine Schwester des Vogts Äbtissin. Würde 

der Bruder zu einer solchen Verletzung ihrer Rechte die Hand 

geboten haben? Schwerlich. Die Äbtissin erschien nicht und 

Hess sich bei der Grenzbestimmung' nicht vertreten, weil sie 

dabei nichts mehr zu sagen hatte; die Landeshoheit war eben 
abgetreten. 

Die Stadt Aachen hat die Übernahme der Herrlichkeit 
Burtscheid an die Bedingung geknüpft, dass seitens der Äbtissin 
die Zustimmung des römischen Kaisers und des Ordensoberen 
nachgesucht würde. Beide Bestätigungen liegen vor. Die vom 
Abt Bernard von Clairvaux, datiert vom Jahre 1351, bestätigt 
den Aachenern das dominium jurisdictiouis porcetensis, das Äb- 
tissin und Convent ihnen übertragen habe 1 ; die andere von 
Carl IV. aus dem Jahre 1354 bestätigt die Übertragung der 
villicatio et jurisdictio villae porcetensis cum pertinentiis suis 
universis an Aachen 2 . Diese Ausdrücke lassen sich aber nur 
gewaltsam auf die Meierei allein beschränken. Dass aber auch 
die Äbtissinnen selbst der Überzeugung gewesen sein müssen, 
dass Mechtild von Bongard 1351 Dorf und Herrlichkeit Burt- 
scheid an die Stadt Aachen abgetreten habe, bezeugt eine bei 
Quix Rcichsabtei Burtscheid n. 159 abgedruckte Urkunde. Die 
Äbtissin Richardis lässt sich 1380 ihre und des Convents Be- 
sitzungen vom Kaiser Wenzel bestätigen. Aber wir finden da 
kein Wort von Dorf und Distrikt oder Gericht Burtscheid, 
sondern es heisst einfach: Richardis hat uns gebeten, wir möchten 
ihr, ihrem Convent und Kloster den Berg in Burtscheid und 
alle Güter des Klosters mit ihren Anhängseln, Nutzniessungen 
und allem Zubehör u. s. w. gnädiglich verleihen. Es wird 
doch kein Mensch glauben, dass die Äbtissin sich nur den 
Klosterberg durch kaiserliche Gnade hätte bestätigen lassen, 
wenn sie sich noch im Besitz von Dorf und Herrlichkeit gewusst 
hätte. Vielleicht könnte man einen Grund gegen unsere Ansicht 



') Meier, Miscell. I. S. 209 ff 
*) ibid. III. S. 51 ff. 



— 83 — 

herleiten aus dem Umstände, dass Leute, die aus irgend welcher 
Ursache aus Stadt und Reich Aachen verbannt waren, sich in 
Burtscheid aufhalten konnten, wie dies ja in der Aachener Ge- 
schichte unzählige Male vorkommt 1 . Wenn nun wirklich die 
Stadt Aachen Landesherr in Burtscheid war, wie konnte sie 
ihre Verbannten dort wohnen lassen? Die Gesetze verbannten 
blos aus Stadt und Reich Aachen; Burtscheid gehörte aber weder 
zu dem einen, noch zum andern, es konnte also der Rat gesetz- 
licherweise nichts gegen den Aufenthalt der Verbannten in Burt- 
scheid einwenden. So zogen auch im sechszehnten Jahrhundert 
die aus Aachen verbannten Wiedertäufer nach Burtscheid, und 
als der Rat dieselben dort auch ausgewiesen haben wollte, musste 
er ein eigenes Gesetz erlassen. 

An der Auffassung, dass wirklich die Landeshoheit über- 
tragen worden sei, haben Vogt und Meier stets festgehalten. 
Als die Äbtissin 1516 an der Grenzbestimmung teilnehmen wollte 
und gegen ihre Abweisung durch den Vogt protestierte, erklärte 
der Frankenberger, er kümmere sich nicht um ihr Protestieren; 
seine Vorfahren hätten allezeit mit dem Rat zu Aachen die 
Grenzpfähle gesetzt, er hielte sie für eine Grundfrau, aber 
Hoheit und Herrlichkeit stünden ihm zu, da sie ihre Herrlichkeit 
und Gerechtigkeit übergeben habe. Und die Aachener Bürger- 
meister befahlen ihren Beamten trotz dem Widerspruche der 
Äbtissin, mit dem Herrn von Frankenberg, wie von altersher 
gewohnt, die Grenzpfähle zu setzen 2 . 

Allerdings machen im Jahre 1350 Äbtissin, Vogt und Ge- 
meinde einer- und Aachen andererseits einen Vertrag über 
Grenzsteine und dazwischen wachsendes Gehölz 3 , aber da handelt 
es sich um Gemeindeland und dessen Nutzung, das im Vertrag 
von 1351 ja ausdrücklich ausgenommen und der Verfügung des 
Aachener Rats entzogen worden war. Dass es nicht die Ab- 
sicht von Meier und Vogt hat sein können, der Äbtissin damit 
ein Hoheitsrecht einzuräumen, zeigt am besten eine Erklärung 
beider aus dem folgenden Jahr, worin es gradezu heisst: „die- 
weil nun die herrlichkeit Burtscheid beide Herren als die hoch- 
obrigkeit sonder einig middel zugehört" 1 . 

') Vgl. z. B. Aachener Chronik, Annalen f. »I. Niederrhein XVII, S. 16. 
2 ) Quix, Frankenberg S. 205. 
8 ) Meier, Miscell. I. S. 556. 
4 ) ibid. I. S. 515. 



— 84 — 

Die erste Spur einer Opposition seitens der Abtei gegen diese 
Auffassung findet sich in der Urkunde Friedrichs III. vom Jahre 
1488, in welcher sich die Abtei das Recht geben lässt in dicti 
sui monasterii terrritorio et districtu Zinn-, Blei-, Eisen- und 
Galmeigruben anlegen zu dürfen. Dem Kaiser ist die Sachlage 
offenbar so dargestellt worden, als wenn das Gebiet und der 
Bezirk der Abtei, also die sogenannte Herrlichkeit, sich noch 
im unhezweifelten Besitz derselben befinde. 

Einmal zum Ausbruch gekommen, wurde dieser Widerspruch 
immer stärker. Im Jahre 1571, gelegentlich eines Prozesses, 
gingen Äbtissin und Convent sogar soweit, dass sie vor Notar 
und Zeugen die „donation von 1351 revozierten, renuntierten, 
widersprachen und widerriefen und die Meierei der Abtei anheim- 
gefallen erklärten" 1 . Das nutzte nun freilich nichts; die Stadt 
Aachen blieb im Besitze. Selbst durch den Ankauf der Vogtei 
von Seiten der Äbtissin liess sich der Rat in seiner ursprüng- 
lichen Anschauung von der Tragweite der donation von 1351 
nicht irre machen; noch 1798 sagt er in einem Protest gegen 
eine auf Befehl der Äbtissin vorgenommene „unbefugte" Toten- 
schau an einer aufgefundenen Leiche: „wan aber in und über 
das dorf und herrlichkeit Burtscheid die territorialjurisdiction 
uns und unserer Reichsstadt Aachen als einzigen rechtmässigen 
landes und gerichtsherren privative zugehöret und durch nie- 
manden anders als durch unsern daselbst nachgesetzten Meyer 
als präsidierenden und dingenden Richter und unseres Bnrt- 
scheider gerichts scheifen die Jurisdiction exequirt werden mag 2 ". 
Auch aus inneren Gründen lässt sich die Richtigkeit der Aachener 
Auffassung nachweisen. 

Wir haben vorhin aus dem Munde der Äbtissin von Bongart 
selbst gehört, welch' unleidliche Uebelstände sie zu der Ueber- 
tragnng veranlassten. Nun wissen wir freilich nicht genau und 
bestimmt, zu welchem Zwecke der Vogt seine Quälereien betrieb, 
oder welche Absichten er durch dieselben zu erreichen suchte; 
den einzigen Anhaltspunkt finden wir in einem Schutzschreiben 
Kaiser Ludwigs vom Jahre 1336, in dem von Belästigungen 
der Abtei in ihren Gütern, Einkünften und Beeilten die Rede 
ist. Danach scheint der Vogt so ziemlich alles Weltliche be- 
ansprucht zu haben. Was hätte nun aber die Übertragung der 



2 ) Meier, Misccll. II. S. 143 ff. 
') ibid. II. S. 5. 



— »0 — 

Meierei allein zur Beseitigung dieser Belästigungen nutzen 
sollen? Der Meyer war ja einzig und allein der Gerichtsbeamte 

der Äbtissin, der Verwalter ihrer Gerichtsbarkeit, der Vorsitzende 
des Gerichts an den nicht vogteilichen Gerichtstagen; an den 
Gütern, Einkünften und Rechten der Abtei stand ihm durchaus 
nichts zu, nicht einmal ein Schutz- oder Verteidigungsrecht. Wie 
hätte demnach die Stadt Aachen als .Meier oder der sie ver- 
tretende Beamte dem Vogte entgegentreten sollen? Und dann 
was bekam Aachen denn eigentlich mit der blossen Meierei? Die 
mächtige Reichsstadt Aachen, die damals unter einem Gerhard 

Chorus ihre Blütezeit erlebte, wäre dadurch zum Vasallen der 
Äbtissin geworden, sie hätte die schwere Last der Verteidigung 
der Abtei und ihrer Untertanen übernommen, sie hätte sich der 
Gefahr ausgesetzt, mit der gesainten benachbarten Ritterschaft, 
die ja schon durch den Kastengeist genötigt war, gegen die 
Bürger mit den Frankenbergern zusammen zu stehen, in lästige, 
kostspielige und schädliche Fehde zu geraten, vielleicht sich 
sogar den Markgraf von Jülich auf den Hals zu laden, der be- 
deutend lauer in seinen Bemühungen für die Abtei wurde, seit- 
dem ihm Prankenberg als offenes Haus übergeben und als Lehen 
von den Herode zurückgenommen worden war und das alles 
einzig und allein um die Hälfte der Burtscheider Gefälle. Und 
was machte diese Hälfte wohl aus? Nach einer Position in 
den Stadtrechnungen 1 belief sich der Anteil Aachens im Jahre 
1387 auf ganze 200 und eine halbe Mark, während es 1373 
gar heisst: de villicatione porchetensi levaverant 11 m et (J den. 
Mau könnte ja freilich auf die ideale Seite der Sache hinweisen 
und meinen, die Stadt Aachen hätte an der Klire genug gehabt, 
als Beschützerin der wehrlosen Abtei auftreten zu dürfen; aber 
es scheint mir doch gewagt, die Aachener Patrizier in Geld und 
Politik für Idealisten zu halten. 

Quix macht gegen diese Auffassung von der Bedeutung 
der donation von 1351 zwei Gründe geltend: Kr meint-, eine 
vorurteilsfreie Lesung der Urkunde ergebe, dass das Worl 
„Gericht" nicht als „Herrlichkeit", sondern nur als .Meierei auf- 
zufassen sei; ich glaube aus dem Sprachgebrauch das Gegenteil 
nachgewiesen zu haben. Dann meint er 3 , der Umstand, „dass 



'i La u re o t S. 70. 
i Quix, ßeichsabtsi Burtscheid S. 54. 
i Quix, Frankenburg S. 88. 



— 86 — 

die Schenkung ohne Geld au Aachen gekommen sei", beweise, 
dass nur die Gerichtsbarkeit übertragen wurde. Hätte die 
Stadt irgend etwas bezahlt, dann wäre der Vorgang eben keine 
„Schenkung" gewesen. Aber Quix sagt selbst, und der Wort- 
laut der Urkunde von 1351 spricht es deutlich aus, dass die 
ganze Übertragung eine Handlung der hülflosesten Not, sozu- 
sagen ein Akt der Verzweiflung war, und da hätte der Aachener 
Rat noch Geld geben sollen, damit die Abtei sich von ihm aus 
ihrer Notlage befreien lasse? Die Aachener Herren haben als 
schlaue Politiker gehandelt; sie haben den Vogt so lange 
schütteln lassen, bis ihnen die reife Frucht in den Schoss fiel. 
Nach alledem scheint es unzweifelhaft, dass die Äbtissin wirk- 
lich im Jahre 1351 unter dem Namen Gericht nicht blos die 
Gerichtsbarkeit oder Meierei, sondern auch die später sogenannte 
Herrlichkeit Burtscheid an die Stadt Aachen abgetragen hat. 
Derselben Meinung ist übrigens auch a Beeck, der in seinem 
Aquisgranum S. 235 schreibt: anno 1351 abbatissa toparchiam 
(darunter verstellt er eine weltliche Herrschaft) porcetanam 
lubens volens una cum civili judicio traustulit in Senatum Popu- 
lumque Aquensem, se subditosque ac municipalos suos sub titulo 
patrocinii et tutelae inclyto senatui committens, in quam trans- 
portationem eodem anno suffragatus est Gerardus abbas de 
Clermont eamque probavit. Dass man später, als die Übelstände 
längst vergessen waren, zu deren Beseitigung die Vorfahren 
jenen Vertrag abgeschlossen hatten, und nur noch die höchst 
lastigen und drückenden Folgen derselben empfunden wurden, 
als ein völlig veränderter Sprachgebrauch die Auffassimg des 
Vertrages durch die Stadt Aachen als eine höchst ungerecht- 
fertigte Anmassung erscheinen liess, als das Selbstgefühl der 
Kaiserlichen Äbtissin und der freien Reichsherrlichkeit Burtscheid 
sich hob, während Aachen seine Ansprüche im Sinne vollständiger 
Souveränität schraubte und steigerte und dadurch mancherlei 
Härten und Unbilligkeiten sich einstellten, welche jenes Selbst- 
gefühl am allerwenigsten tragen konnte oder wollte, gegen jene 
Ansprüche auf gerichtlichem Wege vorging und manchmal ein 
obsiegendes Urteil erfocht, kann die geschichtliche Wahrheit der 
dargelegten Auffassung in keiner Weise erschüttern. 

Seit der Übertragung vom Jahre 1351 legte die Obrigkeit 
der Stadt Aachen sieh den Titel „Erbmeier zu Burtscheid" zu. 
Wie vorhin bemerkt, wurde bereits 1352 eine ausführliche Ver- 



— 87 

einbarung zwischen Meier und Vogt getroffen. Die beiden Par- 
teien setzten u. a. fest, dass „wir, die Stadt von Aighen, Polen 
imle mögen alwege einen Fleier setzen, einen bescheidenen man, 
den wir willen, inde ich Arnold von Frouhenbergh inde meine 
erven einen voigt, einen bescheidenen man, den wir willen .... 
Wie die Stadt Aachen naturgemäss einen Verwalter der von 
ihr übernommenen Meierei einsetzen muss, so darf der Vogl 
einen Stellvertreter für die Vogtei ernennen. Letzteren finden 
wir häutig in den Urkunden, seltener dagegen einen Vertreter 
des Meiers. Ein solcher durfte auch nicht einseitig und beliebig 
vom Meier gesetzt werden, sondern nur mit Bewilligung anfangs 
des Rates und nach 1681 des Bürgermeisters. Der Absicht des 
Rates, analog dem Vogt-Statthalter einen Meier-Statthalter ein- 
zusetzen, widersprachen Äbtissin und Gericht, und der Rat musste 
von seinem Vorhaben abstehen 1 . Von einem solchen Vice-Meier, 
der aber streng genommen ein Vice-Vice-Meier war. weil schon 
der Meier die Stelle des Rates vertrat, spricht Jansen 2 zum 
Jahre 1775: „den 28. septembris ist der herr doctor Fell zu 
Bortscheid eingeführt worde als fitzmayor von seifen magist rat 
mit Bewilligung vom Meyer niklas, der ihm auch hat mit nach 
Bortscheid genomen und ihn alda am gericht vorgestellt gegen 

den willen madam abtissin und secretär franzen Allein dar- 

gegen setzt sich das gericht von Bortscheid wegen den fitzmayor 
oder Statthalter. Diese preteudieren, dass dieser müsste aus 
denen scheffen einer genommen werden und dieses wil magistrat 
nicht zugeben." Starb ein Meier, so schritt der grosse Rat zu 
Aachen als Erbmeier zur Neuwahl. Die Wahl erfolgte mittels 
verdeckter Stimmzettel. Wer die meisten Stimmen erhielt, galt 
als gewählt. Der Gewühlte wurde sodann vom Rate vereidigt. 
Der Eid des Meiers war. abgesehen von der Änderung dos 
Aintsnamens gleichlautend mit dem Eid des Vogtes. An einem 
vorher bestimmten Tage wurde dann der neugewählte Meier in 
offener Dingbank durch den Sekretär des Rates dem Burtscheider 
Gericht und der Gemeinde vorgestellt. Der Statthalter der 
Vogtei richtete dann an das versammelte Volk drei mal die Frage, 
ob jemand wieder dessen Person etwas vorzubringen habe. 
Meldet sich niemand zum Wort, so legt der Kandidat nunmehr 



') Quix, Stadt Burtscheid S. 167 ff. 
2 ) v. Fürth, III, S. 168. 



— 88 — 

seinen Eid vor dem Statthalter und den Schelfen ab. Nach 
Überreichung - der Rute als Zeichen der gerichtlichen Gewalt 
tritt ein Vertreter der Gemeinde vor, der in deren Namen den 
Huldigungseid ablegt. Darnach folgt ein gemeinschaftliches Mahl. 
Einen Begriff von der feierlichen Einführung eines Meiers können 
wir uns aus folgender Schilderung Jansens 1 machen: 1756 den 
21. april wurde der herr meyer Niclas zu Bortscheid eingeführt 
von löbl. magistrat mit grossem pomp und magnificenz, welches 
noch nie also geschehen. Zuerst war aus der Stadt etliche 
freiwillig burgerschaft, welche eine leichte Cavallery unter sich 
machte. Leicht war sie, weil sie mehrentheil aus lauter Schneider 
bestand. Alle blau gekleid mit roden westen, ungefähr 30 bis 
40 ganz schon und beritten (sassen zu pferd miserabel schön) 
mit pock (Pauken) und trompetten voraus. Darnach folgte der 
regierende herr bürgermeister von Oliva, im wagen vom grafen 
von Hartzfeld mit 4 pferd bespant. Darnach schloss wieder 
einige cavaleri. Darauf folgte der meyer Niklas in ein wagen 
mit 4 pferd bespant, nach diesem die zwei neuerwählten herren 
bürgermeister von Beelen et Wesping auch in ein 4 spännigen 
wagen. Darnach folgten alle magistratspersonen nach rang, alle 
in wagens mit 2 pferd bespant, welche an der Zahl 15 waren 
und nahmen ihren zug vom stathaus ab, den büchel hinunter, 
der pferdetrenk vorbei über den graben nacli marschierporte 
hinaus bis aufm Krukenofen, alwo dan die bortscheider alle in 
gewähr standen, unsere herren und ihren meier zu empfangen 
und das in schönster Ordnung, dass ich mich verwundert habe. 
Und wurden begleitet bis an die gerichts stub, alwo die herren 
alle ausstunden und gleich nach die Gerichtsplat sich tätheu 
verfügen um dem meyer den eyd abzunehmen und auch das er 
gehuldigt wurde von denen Bortscheider. Wie dan alles vorbei 
war, wurd ein herrliches traktament gehalten, alwo unsere herren 
Bürgermeister den ersten platz hatten ; zur rechten der herren 
luirgermeistern sassen die zwei neu erwählte herren bürger- 
meister und zur linken der neuen meyer und neben denen der 
Statthalter von Bortscheid und nach dessen auf beiden Seiten 
der tafel sassen alle freund und herren beamten, neunmänner 
und alle an der Zahl 53 personell mit die scheffens und andere 
Hcdienter von Bortscheid." Das Einspruchsrecht der Burtscheider 



•) 1 Bd. JIT, S. 15. 



— 89 — 

Gemeinde war keine blosse Formel. Als 1012 der zum zweiten- 
mal zur Regierung gelangte protestantische Rat den katholischen 
Meier ab- und einen protestantischen einsetzen wollte, wurde 
dieser nicht angenommen. 

Des Meiers Pflichten beschreibt Meier 1 also: „Der Meier 
führt namens des Rates das Regiment über Burtscheid, seine 
Pflichten gehen auf Beobsorgung (lasigen Justiz- und Polizei- 
wesens, er ist ausser denen, dem Vogt zuständigen dreien ge- 
dingen und diesen anklebenden Gerichtstagen das ganze Jahr 
hindurch der gewöhnliche Richter, fort das haubt und vorsitzer 
des gerichts, eben wie er auch dasiger gemeinden Vorsteher ist, 
fort selbige eidmässig handhaben, vertäthigen und verantworten 
muss." 

Bis im 17. Jahrhundert wurde der Meier an den Gerichts- 
tagen von der Gemeinde Burtscheid mit Speise und Trank ver- 
sehen ; nachher erhielt er statt der Mahlzeit jährlich 18 Reichs- 
taler ä 56 m. von derselben 2 . 

Auf die Forderung der Gemeinde, einen Burtscheider Schöffen 
als Meier einzusetzen hat der Rat sich nie eingelassen, sondern 
stets eines seiner Mitglieder, häufig auch einen der Bürgermeister 
gewählt. Nach dem Jahre 1081 übergab der Meier die einem 
oder dem andern auferlegten und eingezogenen Strafen E. E. 
Raths cassae oder dem aerario publico; er selbst niusste sieh 
mit seinem „zugeordneten salario und den gewöhnlichen juribus 
begnügen lassen' 5 ." 

Der Meier hatte in Burtscheid ein eigenes Wohnhaus, 
welches „zu einer seiten an den Abteienberg negst den treppen 
und zur anderer negst der Schmitten daselbst gelegen" war. 
Im Jahre 1588 verkaufte der Aachener Rat dieses Haus an den 
damaligen Bürgermeister Bonifaz Colin, der als Meier bereits 
den Niessbrauch desselben hatte, für die summa von 200 Thalern 
ä 20 m. über die vergünte nutzbarkeit l . Von allen öffentlichen 
Verkäufen beweglicher Güter wurde der hundertste Pfennig ali- 
gegeben und unter Äbtissin und Meier geteilt. Mas war also 
eine der „Vorhür" bei Immobilien analoge Abgabe. Zum Zeichen, 



') Quix, Stnilt Burtscheidl S. im. 

-) ibid. S. 297. 

s ) Meier, Miscell. I. S. 111. 

'i Quix, Stadl Burtscheid S. 168. 



- 90 — 

dass Vogt und Meier sieh in ihrer richterlichen Qualität voll- 
ständig gleichstanden, wurden gemeinschaftliche Beurkundungen 
mit der Formel eingeleitet: „Wir Vogt und Meier, Meier und 
Vogt" ; diese Titulatur wurde auch im Context gewissenhaft be- 
obachtet. Über die weiteren Beamten der Herrlichkeit Burt- 
scheid, die Schöffen, wird späterhin in Verbindung mit der Dar- 
stellung des dortigen Gerichtsverfahrens das Notwendige mit- 
geteilt werden. 



Aachener Reiseverkehr im Mittelalter. 

Von Alfred Karll. 

Der Reiseverkehr im Mittelalter war zwar recht primitiver 
Art, wenn wir unseren jetzigen Massstab anlegen, man braucht 
jedoch gar nicht sehr weit zurückzugreifen, um ähnliche Zustände 
zu entdecken. Denn eine massige Besserung der höchst unbe- 
quemen Art zu reisen, hat im Rheinland erst die französische 
Herrschaft gebracht, die mit den trostlosen Wegeverhältnissen 
gründlich aufräumte. Wenn man hört, dass am Ende des 18. 
Jahrhunderts die Wege noch fast ungehbar, geschweige denn 
fahrbar waren, dass man die toten Pferde einfach auf der 
Strasse verfaulen Hess, dass ein französischer General sich in 
Aachen das Bein brach, weil er nachts in ein unbeleuchtetes 
Strassenloch geriet, so darf man sich nicht wundern, wenn im 
Mittelalter die Verhältnisse ähnlich lagen. 

Fürsorge für den Bau und die Unterhaltung der Landwege 
kannten in früherer Zeit im Rheinlande nur die Römer, die 
französischen Beamten der Revolutionszeit und Napoleon. Die 
zwischenliegeuden Jahrhunderte waren eine Periode der Ver- 
wahrlosung und des Kotes. Das bezeugen die wenigen, aber 
recht drastischen Beispiele, die uns erhalten geblieben sind. 
So sah es aber nicht nur im Rheinlaud aus, sondern überall 
im heiligen römischen .Reich deutscher Nation. Und dass man 
diese Zustände nicht einmal als unerfreulich ansah, beweis! 
die Tatsache, dass in Frankfurt a. Main im 14. Jahrhundert 
ein Platz den schönen Namen „auf der Schweine Mist" führte 1 . 
Wie die Landstrassen im Mittelalter beschatten waren, sieht 
man am besten aus einem Vorfall, der einigen Eamburger 
Ratsherren im Jahre 1550 auf der Reise nach Lübeck /iistir— 
Sie schlugen mit ihrem Reisewagen auf der Landstrasse, jeden- 
falls infolge der trostlosen Wegebeschatl'enheit, um. flogen aus 

M von Below, Das ältere deutsche Städteweseu und Bürgertum. 

Bielefeld und Leipzig 1905, S. 39. 



92 



dem Wagen in den Strassenkot ; dabei zerrissen und besudelten 
sie sich ihre Kleider so gründlich, dass der Senat ihnen Ersatz 
für den Schaden leisten nuisste \ Wenn es so den hochmögenden 
regierenden Herren auf ihren Staatsreisen erging - , so kann man 
sich ungefähr einen Begriff davon machen, welcher Genuss eine 



^3ie0apft3ofeannes auf öem^rlen 




Untere Ansieht eines Reisewagens. 1483. 

Abbildung nach dorn Buche Ulrich von Beichental, Concilium zu C'onstantz, 
Augsburg bei Anton Sorg 14s3 mit Holzschnitten. Blatt 20. 

Heise über Land für gewöhnliche Sterbliche war. Aus der 
vorstehenden Abbildung- sieht man, dass derartige unfreiwillige 



') Koppmann, Kämmereirechnungen der Stadt Hamburg. Bd. VI, S. 401 : 
62 Zfc donata sunt jussu consulum dominis Matthiae Reder protoconsuli et 
Laurentio Nygebur senatori quod, ut querebantur, in profeetione Lubiceusi 
everso curru ipsorum vestes erant maculatae et corruptae. 



— 93 — 

Bekanntschaften mit dem Strassenboden damals durchaus nichts 
Ungewöhnliches waren, sondern mich gekrönten Häuptern und 
dein Papst begegnen konnten. 

Über die Beschaffenheit der Landwege im Mittelalter haben 
wir leider wenig Nachrichten. Man weiss, dass lediglich die 
grossen Heerwege, auf denen sich die Handelszüge bewegten, 
einigermassen in Ordnung gehalten wurden', wenigstens was 
man damals darunter verstand ; sie wurden mit Steinen, die in 
Cement oder Kalk verlegt waren, gepflastert 2 . Die Nebenwege 
waren bei schlechtem Wetter unergründlich :! , kein Wunder, wenn 
nicht einmal Strassen, wie die zwischen Hamburg und Lübeck, 
vor dem Umkippen Sicherheit boten. 

Den besten Begriff von dem Zustand der Wege bekommt 
man aber, wenn man ihre Beschaffenheit innerhalb der Städte 
betrachtet, wo doch unzweifelhaft noch am ehesten etwas für 
die Strassen getan wurde. 

Die Wege wurden dort ursprünglich durch Aufbringung von 
Erde hergestellt, wozu die Anlieger selbst verpflichtet waren. 
An den Kreuzungspunkten standen wohl auch Springsteine oder 
dergleichen, auf denen man trocken hinübergelangcn konnte. 
Von dieser Art der Strassen ging man noch nicht gleich zur 
Pflasterung über, sondern man beschränkte sich darauf, die 
Wege mit Holzbohlen, kleinen Steinen, Kies, Sand zu belegen. 
Derartige Strassen nannte man „Steinwege". Vielleicht werden 
auch die „viae lapidee", von denen in den Aachener Stadtrech- 
nungen die Rede ist, zu dieser Gattung gehört haben. Derartige 
Steinwege waren vorhanden: 1334 am Kockcrel ', in der Scherp- 



') Alwin Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger. 
Leipzig 1889. Bd. I, S. 486. 

'-') A.a.O. Rom. de Brut. 2657: Bons pons fist faire (Bedin), chemins 
haus di' piere, de sablon, de eaus. Primes fist faire une caucie. 
i \. a. i>. : Perecv. 41477: 

Taut ont cevauci6 et eriv 
Parmi le grant cemin ferro 
Qu'il pries ert de no-nne basse. 
Et lors une ourdiere passe 
Por la male voie eskiver 
Ki en este" et en yver 
Estoil iluec ei laide et male. 
') Laurent, Aachener Stadtrechnungen aus dem XIV. Jahrhundert. 

S. 106, 18-19. 



— 94 — 

Strasse 3 , an der Brudermühle 2 , 1338 in der Marschierstrasse 3 , 
vor dem Adalbertstor 4 u. a. m. 5 . Da die Pflasterung von 
Strassen im Anfang des 14. Jahrhunderts noch verhältnismässig' 
selten war, so werden alle diese Strassen und Plätze in Aachen 
damals noch nicht richtig gepflastert gewesen sein. Dafür 
spricht auch folgender Umstand: Im Jahre 1338 wurde der 
Bote Wolter Kaskin nach Lüttich geschickt, um Strassenbau. 
kundige von dort herbeizuholen. Wäre in Aachen zu dieser 
Zeit die Pflasterung schon allgemein üblich gewesen, so würde 
man sicher in der Stadt Wegebaukundige besessen, nicht aber 
sie von ausserhalb herbeigerufen haben 6 . 

Andrerseits scheint aus den Stadtrechnungen hervorzugehen, 
dass im 14. Jahrhundert in Aachen doch an einzelnen Stellen 
ein regelrechtes Pflaster vorhanden war, denn die Wegemacher 
erhielten eine ziemlieh hohe Vergütung für das Brechen der 
Steine, für das Anfahren u. s. w. 7 . 

Dies ist besonders interessant, weil in Deutschland die 
Pflasterung in den Städten überhaupt erst im 14. Jahrhundert 
eingeführt wurde. 

In den Aachener Rechnungen finden sich häufig Ausgaben 
für „Stuppen" der Löcher. Man stopfte also, wie es auch ander- 
wärts geschah, die Löcher, wo sie am tiefsten waren, einfach 
nach Möglichkeit zu. Wie derartige Wege bei andauerndem 
Regen, der in Aachen bekanntlich zum täglichen Leben gehört, 
beschaffen waren, kann man sich ungefähr vorstellen ; bei jedem 
Fehltritt lief man Gefahr, in bodenlosem Morast zu versinken. 
Selbst für Reiter war es bedenklich, solche Strassen zu be- 
nutzen, da der aufspritzende Kot die Kleider verdarb, und das 
Pferd leicht stürzen konnte 8 . Näheres über den Aachener 



J ) A. a. 0. S. 110,22. 

2 ) A. a. 0. S. 110,2g. 

3 ) A. a. 0. S. 125,25. 

4 ) A. a. 0. S. 125,3i. 

5 ) A. a. 0. S. 125,38,06,87, 126, 8, 5,9, 149,2s-8i, 177, u-ie, 222, 11, 223, 32, 
249,m, 310,37, 311,11,8.-., 317,89, 384, si, 84, 393, so, 394, 25, 396, 32, 397,1,398,9. 

e ) A. a. 0. S. 126, 1: Woltern Kaskin misso Leodii pro factoribus viarum 
Iapidearum in platea sei. Pctri, 6 ß. 

7 ) A. a. (). S. 398, »: den weichmecliercn van steynen ze brechen, ze 
vuren ind sant ze vuren ind hunnen loin, allit ze hoiff 60 m 6'/ s ß. 

•) Vgl. Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 121. 



95 — 

Strassenschmutz verraten uns leider die Urkunden nicht, aber 
man kann sicher sein, dass es nicht besser liier war. als überall 
in den mittelalterlichen Städten. Ja, wenn man bedenkt, dass 
hier sogar zur Zeit der französischen Revolution die Misthaufen 
noch vor den Häusern lagen, dass Ärzte und Kranke in den 
Hospitälern starben, weil man nicht für nötig- hielt, die Kloaken 
auszuleeren, dass man die stinkenden Ausdünstungen des faulen 
Stadtgrabens ohne jedes Missbehagen einsog, so kann man ge- 
trost behaupten, dass es eher noch schlimmer ausgesehen hat, 
als anderwärts. Und welche Zustände gab es damals in den 
deutschen Städten! Als Beleg nur einige wenige Beispiele 1 : 

In einem Vertrage, den die Geistlichen des Bartholomäus- 
und des Leonhardstifts in Frankfurt a. Main 1318 schlössen, 
wurde u. a. festgesetzt, dass die Herren des Leonhardstifts 
zur gemeinschaftlichen Feier gewisser Festtage nur dann im 
Dom zu erscheinen brauchten, wenn das Wetter und der „Schmutz 
der Strassen" es gestatteten. Um während der Frankfurter 
Messe den Strassenverkehr zu ermöglichen, musste man im 14. 
Jahrhundert vorher den Dreck aus der Stadt fahren und die 
Strassen stellenweise mit Stroh bedecken lassen. In Braunschweig 
nannte man die ungepflasterten Strassen grüne Strassen, auch 
Petersilienstrassen. Über Nürnberg klagt der Kanzler Karls IV., 
wie durch häufigen Regenfall auf den Strassen eine solche Schmutz- 
masse anwachse, dass man zu Pferde nicht mehr sicher fort- 
kommen könne, da der Reiter immer befürchten müsse, dass 
entweder sein Pferd in die Schmutztiefe stürze und ihn „wie 
ein Schwein mit dem Gestank des schmierigen Strassenkotes 
beschmutze", oder dass er durch andere Pferde mit Schmutz 
beworfen werde. Auf einer Abbildung des Ritterromans Loher 
und Maller 2 sieht man, dass ein Ritter beim Ringstechen in eine 
Dunggrube fällt, aus der er sich nur mit grosser Mühe heraus- 
arbeiten kann. 

Wenn es nun in den Städten und an den Fürstenhöfen derart 
aussah, dann werden die Landstrassen wohl ebenfalls in einer 
recht üblen Beschaffenheit gewesen sein, die jedem das Reisen 
verleidete, wenn er sich nicht unbedingt auf den Weg machen 
musste. 

Dazu kam noch die Unsicherheit auf den Landstrassen. In 



') von Below a. a. 0. S. 36. 

■) Hamburger Stadtbibliothek. 1437. 



— 96 - 

den Aachener Stadtrechnungen und Urkunden, ebenso wie in 
den Cölner Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts finden sich 
fast gar keine Angaben darüber. In den letzteren ist nur ein 
einziger Fall erwähnt 1 . Das ist aber ganz zufällig. Wir müssen 
deshalb als Massstab die Rechnungen einer anderen Stadt heran- 
ziehen, nämlich Hamburgs, die ein ganz erschreckendes Bild 
der Strassenunsicherheit entwerfen : 

Im Jahre 1361 mussten dort 15 Gewappnete ausgeschickt 
werden, um die Strassenräuber zu verfolgen 2 . 1366 wurden 
Pilger überfallen und ein anderer Mann ausgeraubt 3 . 1368 
wurden 6 Räuber in Crempe enthauptet 4 . 1369 wurden einige 
Räuber ertränkt 5 . 1370 setzte der Ausreitervogt mit seinen 
Leuten den Strassenräubern nach und nahm 6 Personen in 
Blankenese gefangen' 1 . 1372 wurden eine Anzahl Wegelagerer 
in Lauenburg enthauptet 7 . 1375 im Kedingerlande 3 Räuber 
mit dem Schwerte gerichtet 8 . 1377 Expedition gegen die Räuber 
an der Oste unter Führung zweier Ratsherren 9 . 1380 sogar 
11 Reisen des Vogtes und seiner Untergebenen zur Säuberung 
der Landstrassen. Wie aufgebracht man in Hamburg über die 
Wegelagerer war, sieht man am besten daraus, dass im Jahre 
1464 46 grosse Nägel beschafft wurden, mit denen man die 
Köpfe der Räuber als abschreckendes Beispiel annagelte 10 ! Diese 
Kämpfe mit dem Strassengesindel zogen sich durch das ganze 
Mittelalter hin und arteten zu förmlichen Kriegen aus. Dafür 
nur einige Proben : Ein gewisser Günther hatte sich am Ende 



: ) Knip pilig, Die Kölner Stadtrechnungen des Mittelalters, Bd. II, 
S. 99. 1372: nuncio spoliato de iussu dorninorum prope Lunrike 2 m. 

-) Kopp mann a. a. 0. Bd. I, S. 74: Vure 8 ß pro spoliatoribus met- 
quintodecimus. Advocato et sociis suis pro raptoribus. 

s ) A. a. 0. Bd. I, S. 95: Im pro pabulo equorum duorum peregrinorum 
despoliatorum in Bergherdorpc. 1 ß uni despoliato viro. 

') A. a. 0. Bd. I, S. 98: Hennekino Willekens 2 m pro eo, quod sex 
spoliatores in Crimpa decollavit. 

5 ) A. a. 0. Bd. I, S. 101: 3 m Heynoni de Buren pro eo, quod submersi 
fuerunt quidam raptores. 

,; ) A. a. 0. Bd. I, S. 112. 

') A. a. 0. Bd. I, S. 154. 

s ) A. a. 0. Bd. I, S. 214. 

9 ) A. a. 0. Bd. I, S. 248. 

"') A. a. 0. Bd. II, S. 217: 2 U ß pro 46 clavis magnis cum quibus 
affixa fuerunt capita spoliatorum. 



— 97 

des 15. Jahrhunderts in der Umgegend von Hamburg mit einer 
grösseren Anzahl Gleichgesinnter zusammengetan, um sich der 
einträglichen Beschäftigung des Strassenraubs zu widmen. Gegen 
sie wurde ein Kapitain mit 30 Soldaten und anderen Berittenen 
ausgeschickt. Die Soldaten waren 8 Tage unterwegs, sie mussten 
sogar von Hamburg aus verproviantiert werden l . Nachdem 
inzwischen eine Anzahl weiterer Ausritte gegen Günther erfolg- 
los geblieben war, kam es ein Jahr später zu einem Zusammen- 
stoss, bei denen es den Hamburgern aber keineswegs gelang, 
der Räuber habhaft zu werden ; im Gegenteil, sie büssten teil- 
weise sogar ihre Waffen ein 2 . Im nächsten Jahr ging es ihnen 
nicht besser, mehrere Stadtdiener wurden von Günther und seinen 
Kumpanen verwundet, und die Hamburger fingen statt des offenen 
Krieges an, Spione gegen die Strolche auszuschicken 3 . Zehn 
Jahre später war das Räubernest immer noch nicht ausgenommen 4 . 
Derartige Zustände sind nur denkbar unter ganz verwahrlosten 
Wegeverhältnissen, die den Zugang zu den Schlupfwinkeln fast 
unmöglich machten. An Energie und bewaffneter Macht hat es 
den Hamburger Ratsherren gewiss nicht gefehlt; das beweist 
zur Genüge ihr summarisches Verfahren und ihre eiserne Faust 
gegenüber den Seeräubern, derer sie besser habhaft werden 
konnten. Im Jahre 1401 wurden 73 Vitalienbrüder gleichzeitig 
enthauptet 5 . 

Der Strassenraub war eben ein einträgliches Geschäft, 



') A. a. 0. Bd. IV, S. 148. 

a ) A. a. O. Bd. IV, S. 171: 1488. 35 il 4 ß certis nostris satellitibus 
pro corum armis et aliis diversis rebus deperditis in conflictu habito cum 
Gunthero et aliis stratilatibus. Bd. IV, S. 172: 1 tt 4 ß Nicoiao von Smerlen 
capitaneö nostro pro certis armis, vulgariter schenen, deperditis in eonflictu 
cum Gunthero et aliis stratilatibus. 

3 ) A. a. 0. Bd. IV, S. 192: 14S9: 22 & 10 ß Hinrico Aterndorpp pro 
diversis vulneribus reficieudis et reformatis, videlicet ante Ladenborgh, Clawes 
Jeger ac Ciawes van Smerten nostris satellitibus vulneratis supra Wunnekcn- 
brock per Günther et suos. 31 Tb 4 ß certis nuneiis secretis supra Wunneken- 
hroke contra (iuntherum et suos. 

4 ) A. a. 0. Bd. IV, S. 415: 1409: 8 £fc nostris satellitibus missis supra 
Wunnckenbrok. — 5 tt 18 ß certis nuntiis versus Wunnekenbrok ad explo- 
randum et afl'erendum certos maleficos. 

6 ) A. a. 0. Bd. IT, S. 1: 1401: 3 U Knokero ad sepelienduin 73 personas 
Vitalienses. — h tt bedello de Buxtehude ad doi-ollanduiu Vitalienses. 



— 98 — 

welches seinen Mann nährte \ und was galt solchen abgehärteten 
Gesellen ihr eigener Kopf, den sie gewöhnlich überdies schon 
sonst verwirkt hatten? 

Wenn nun Städte, wie Hamburg, mit dem lichtscheuen Ge- 
sindel nicht fertig wurden, so haben sicher in anderen Ge- 
genden nicht günstigere Zustände geherrscht. Den besten Beweis 
dafür, dass in dem Aachener und Cölner Lande dieselbe uner- 



freuliche Unsicherheit für Kaufleute und Reisende auf den Strassen, 
Überfälle, Raub und Mord an der Tagesordnung waren, erbringen 
die Vertragsurkunden der Landfriedensbünde. Im Jahre 1351 
heisst es, dass leider viel Unfug geschehen sei und noch täglich 
geschehe durch Raub, Gefangennahme und andere Bosheit, so 
dass Pilger, Kauf- und andere gute Leute nirgend zu erscheinen 
wagten 2 . 1364 bekunden Herzog Wenzel und Johanna, Johanns 
III. von Brabant Tochter, Wilhelm IL Herzog von Jülich sowie 
die Stadt Aachen, dass es übel stehe im Lande, dass täglich 
den Kaufleuten, Pilgern, Pfaffen, Rittern und andern guten 
Leuten, heimischen und fremden, durch Gefangennehmung, Raub, 
Mord und Brand auf den Strassen viel Gewalt angetan werde 
und von Tag zu Tag zunehme 3 . Selbst wenn diese Kritik in 
erster Linie auf die Ritter gemünzt sein sollte, so wird sich 
auch wohl sonstiges beutelustiges Volk die günstige Gelegen- 
heit nicht haben entgehen lassen, um die Reisenden zu brand- 
schatzen. Diese Strolche wählten natürlich von jeher die Wälder 
mit Vorliebe, um auf ihr Opfer zu lauern 4 . Sie waren nicht 
immer gerüstet, trugen einen Eisenhut und einen Brustharnisch, 



') A. a. 0. Bd. II, S. 404: 1469: 4 ß Nieoko Wicbinan misso ad exploran- 
dum certos raptores, qui quendam currum Lubiceusein cum pannis invaserunt, 
ab eo certos pannos rapicntes. 

2 ) Lacomblet III, S. 399. Want id ovel steit imtne lande ind vele 
ongevoicbs iud gewalt gescbiet es, ind deegelix gescbuyt upier straissen 
ind immc lande derae coufmanne, den pilgrimen, paffen ind ritteren iud anderen 
luden beympseben ind vrempden, bi gevenknisse, bi royve, bi morde ind bi 
brande heymelicbin ind offenbairc, ind dat ongevoieb ind die gewalt van 
daige zu daige sieb meirret ind niet enminret . . . 

3 ) A. a. S. 555. 

4 ) Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 512: Erec 3113: 

In einen kreftigen walt: 
Den häten mit gewalt 
Drie roubaere. 



— 99 — 

dagegen die Beine bloss, hatten schlechte Schwerter und als Haupt- 
waffe wuchtige Keulen 1 ; doch mögen sie gelegentlich auch besser 
ausgerüstet gewesen sein. Wie sehr Strassenraub an der Tages- 
ordnung war, beweisen die Ritterromane des Mittelalters 2 , in 
denen die Räuber eine grosse Rolle spielen. 

Infolge dieser Unsicherheit auf den Wegen musste man zu 
besonderen Schutzmassregcln seine Zuflucht nehmen. Wichtig 
und kennzeichnend für die mittelalterlichen Zustände ist das 
Geleitsrecht, ein bedeutsames Vorrecht der fürstlichen Territorial- 
gewalten. 

Das Geleitswesen bildet gewissermassen die Grundlage des 
ganzen Handels und Verkehrs; es erscheint in seiner wichtig- 
sten Ausübung als Schutz der grossen Handelszüge zu den 
Messen und Märkten. Im Aachener Stadtarchiv ist eine grosse 
Anzahl von Geleitsbriefen des Mittelalters erhalten geblieben, 
die im wesentlichen für die Reisen nach der Frankfurter Messe 
ausgestellt sind. Diese Urkunden sind ziemlich gleichlautend. 
Die verschiedenen Arten von Geleit sind von Pauls :i richtig 
dargestellt; ich verweise deshalb auf diese Arbeit. Nur das 
Geleit für kaufmännische und Privatreisen, welches ausserhalb 
des Rahmens jener Abhandlung liegt, bedarf noch näherer 
Ausführung. 

Man findet überall im Mittelalter, dass die Kaufleute, ab- 
gesehen vielleicht von den kleinen Händlern, möglichst in grösserer 
Zahl reisten, dass sie berittene Knechte mitnahmen und auch 
selbst bewaffnet waren. Die Befugnis des Waffen tragens war 
ihnen ausdrücklich durch die Constitutio de pace tenenda Fried- 
richs I. vom 18. September 1156 zugestanden. Sie durften ein 
Schwert gegen die Angriffe der Räuber bei sich führen, sollten 
es aber nicht umgürten, wie ein Ritter, sondern an den Sattel- 



') A. a. 0. Erec 322G: In wären bein und arme blöz; 
3228: Sie warn gewäfent sichte 
Nach der roubaer rchte; 
3231: Ir ieglich lief ein isenhuol 
Zuo einem panziere. 
Aiol 5896: Capieus orent de fer et guiries devant 

Et eaignent les es] s donl poure sont li brant, 

N'orent escu ne lanche, mes macues pessans 

2 ) Vgl. auch den srlnm erwähnten Ritterroman Loher und Maller. 

3 ) Aus Aachens Vorzeit. XVII. Jahrgang, S. 49 ff. 



— 100 — 

knöpf hängen oder auf den Wagen legen 1 . Ausserdem erhielten 
sie von dem Fürsten, dessen Gebiet sie durchreisten, entweder 
einen Geleitsbrief (totes Geleit) oder einen bewaffneten Schutz 
(lebendiges Geleit), wofür eine Vergütung zu zahlen war. Das 
Gelcitsrecht war also ein Hoheitsrecht und gleichzeitig eine 
Einnahmequelle für den Territorialherrn. Deshalb erhoben auch 
die Landfriedensbünde für den Schutz, den sie gewährten, Zölle 
von den Durchreisenden, die allerdings mehr zur Deckung der 
Unkosten dienen, als dass sie eine Einnahmequelle bilden sollten. 
Die Abgabe wurde hie und da zur Unterhaltung der Strassen 
verwendet; wenn man aus dem Zustande der Strassen schliessen 
wollte, könnte man freilich kaum annehmen, dass allzuviel von 
diesen Summen für Wegebau verausgabt wurde. Ursprünglich 
waren die Strassen ganz frei gewesen, dann war nur der Ritter 
frei, während der Kaufmann bezahlen musste, schliesslich wurde 
auch von den Rittern ein Zoll verlangt 2 . 

Wenn auch die Kaufleute häufig reisten, da ja die Geschäfte 
damals noch an Ort und Stelle abgeschlossen wurden, so 
waren sie es keineswegs allein, die viel unterwegs waren. Auch 
die Ritter sassen durchaus nicht immer draussen auf ihrer 
Burg, sondern manche von ihnen führten ein wenig sesshaftes 
Leben. Besonders wenn sie im politischen Leben eine Rolle 
spielten, hielten sie sich bald hier, bald da auf. Einzelne Ge- 
schlechter hatten in den Städten eigene Häuser, wo sie zeitweise 
wohnten. Die Aachener Stadtrechnungen zeigen, dass manche 
der Ritter, z. B. der Herr von Gronsfeld, mehr unterwegs, als 

') Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 507: Mcrcator negotiandi causa 
per provinciam trausiens gladium suuiu suae sellae alliget et super vehiculum 
süuni ponat, ne unquam laedat innoeuum, sed ut se a praedone defendat. 
*) Alwiu .Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 508: Demantin 6700: 
Wi stunde der riches sträze dat 
Di Karl gaf alle zollen vri? 
Lanc. I, 3729G: Dits geen ridder, sijt seker das, 

Maer hie ruaekt hem ridder daar lii, 
Dat In wilt wesen tolvri. 
Willen. 112,29: Kr sprach: „ich pin wol zolles vri. 
Mir geht hie last noch soume bi: 
Ich pin ein ritcr, als ir seht." 
Demantin (>(>91 : Des ist niht recht, 

Daz ummer rittere unde knecht 
Gewapend plegen zoleu geben. 



— 101 — 

auf seinem Schlosse war. Aber nicht nur die Ritter, sondern 
ebenso ihre besseren Hälften scheuten sich nicht vor dem Reisen. 
Die Zahl solcher adligen Damen, die nach Aachen kamen, war 
recht beträchtlich ; im ersten Monat des Jahres 1385 zähle ich 
allein deren 10, die mit Weinspenden beehrt wurden. 

Im 14. Jahrhundert bestand also ein ganz erheblicher Reise- 
verkehr der besseren Gesellschaftskreise 1 , der um so erstaunlicher 
ist, als das Reisen damals ein recht zweifelhaftes Vergnügen 
war. Man pflegte mit Vorliebe zu Pferde den Weg zurückzu- 
legen. Dafür sprachen verschiedene Gründe : Auf den holperigen 
Wegen und in den federlosen Wagen wurde der Reisende un- 
angenehm durchgerüttelt. Einem Anfall von Wegelagerern 
konnte man zu Pferde weit besser entgegentreten, als wenn ein 
oder mehrere Fuhrwerke das Fortkommen behinderten. Schliess- 
lich war der Angriff auf einen Wagenzug für die Schnapphähne 
auch lohnender. Man sieht deshalb, dass die Fuhrwerke in 
der Regel nur für kaufmännische Wagentransporte, die stets 
durch eine genügende Anzahl von Schutzmannschaften gesichelt 
waren, oder für Staatsreisen, besonders solche fürstlicher Damen 
benutzt wurden. Diese Fürstlichkeiten, die ihren Hofstaat mit 
sich führten, nahmen häutig eigene Kammerwagen mit. Von 
einem solchen Wagen ist in den Aachener Stadtrechnungen die 
Rede. Er gehörte der Kaiserin Anna, Gemahlin Karls IV., die 
im Jahre 1349 von Aachen nach Cöln zurückreiste. Da das 
Gefolge der hohen Dame sehr zahlreich war, so hatte der Reise- 
wagen einen Umfang, der beinahe dem eines Sonderzuges in 
heutiger Zeit entspricht; denn man sieht aus der Stadtrechnung, 
dass 5 Fuhrleute grössere Beträge für die Beförderung des 
Kamnierwagens erhielten-. Aus der Fassung der Buchungen 



M Im übrigen möchte ich auf die Weinspenden der Aachener Stadt- 
rechnungen verweisen, die ein anschauliches Hild von der Wanderlust des 
rheinischen Adels gewähren. 

"-') Laurent a. a. Ü. S. 207, 29-39. 1340: 

lt. In recessu domine reuine de vectura camere ipsius d ine versus Colo- 

niam 8 m holl. val. 9 na per rel. 
It. 1 m et 8 ß per rel. cum caligis Gotschalci Kremers. 
lt. Bangentele de vectura camere ejusdem domine regine 5 m per rel. 
lt. Til. Mulgin de vectura camere ejusdem domine regine -10 ß per multur. 
It. ßiban de vectura camere ejusdem domine t m per rel. 
It. Jo. de Tilia de vectura camere ejusdem domine regine 9 m per rel. 
lt. Arnoldo ßaudoif de vectura camere domine regine 6 m per rel. 



102 — 

in der Rechnung- geht unzweifelhaft hervor, dass die Vergütungen 
nicht etwa an fremde, sondern an Aachener Fuhrleute gezahlt 
sind. Da ferner die einzelnen Beträge sehr verschiedene Höhe 
erreichen, so kann nur angenommen werden, dass eine beträcht- 
liche Zahl von Vorspannpferden erforderlich war, um den Wagen 
fortzuschaffen, und dass die einzelnen Fuhrleute eine verschiedene 
Anzahl von Pferden stellten. 

Die nachstehende Abbildung zeigt einen fürstlichen Kammer- 
wagen. Man sieht, dass darin eine grosse Anzahl von Personen 
untergebracht werden konnte, und dass dieses unseren D-Zug- 
wagen gar nicht so unähnliche Gefährt unmöglich durch wenige 
Pferde auf den damaligen Fahrstrassen fortgeschafft werden 




Französische Kutsche am Anfang- des XV. Jahrhunderts. 

Faksimile der Handschrift „Quintus Curtius". Nationalbibliothek Paris. 



konnte. Interessant ist übrigens, dass der reitende Bote der 
Stadt der Kaiserin als eine Art Reisemarschall mitgegeben wurde. 
Derartige Reisen fürstlicher Damen kommen auch in anderen 
Stadtrechnungen vor. Im Jahre 1361 z. B. wurde eine hol- 
steinische Fürstin mit ihrem Gefolge in zwei Wagen von Ham- 
burg- nach Itzehoe gebracht 1 . Allerdings waren die Damen in Aus- 
nahmefällen, wie die nebenstehende Abbildung zeigt, gelegentlich 
auch auf recht primitive Wagen angewiesen. Wie man aus der 
Abbildung erkennen kann, wurden im vorliegenden Fall anstatt 



] ) Koppmann a. a. 0. Bd. I, S. 80: 3 in duobus curribus qui de- 
duxeruiit domicellam Holtzacie versus Idzebo. 



— 103 — 

der jetzt gebräuchlichen, aber neuerdings wieder weniger ver- 
wendeten Scheuklappen Tücher benutzt, mit denen man den 
Tieren die Augen verband. Man nahm ihnen damit nicht nur 
die Seitenansicht, sondern auch den Blick nach vorn; ein Be- 
weis, wie wenig eilig man es hatte, vorwärtszukommen. Denn 




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dass diese Gäule nur Schritt für Schritt gehen konnten, liegt 
doch auf der Hand. 

Die Grösse und Beschaffenheit der Kammerwagen war der- 
art, dass auch eine Schlafstätte darin hätte untergebracht werden 
können. Jedenfalls nahm man schon im früheren Mittelalter 



— 104 — 

Betten mit auf die Reise 1 . Auch das nötige Küchengerät führte 
der Reisende bei sich 2 . Wie die Hamburger Kämmereirech- 
nungen zeigen, begnügten sich die Ratsherren aber damit nicht, 
sondern sie nahmen ganze Küchenwagen mit 3 . 

Es war nicht unbedingt nötig, unterwegs viel Bargeld mit 
sicli zu führen, auch nicht empfehlenswert, weil es die Begehrlich- 
keit der Strolche reizen musste. Da man aber ohne Geld nicht 
weit gekommen wäre, so half man sich schon früh durch Kredit- 
briefe, auf die mau in allen grösseren Städten Geld erhalten 
konnte 4 . 

Ein nicht unwichtiger Gegenstand für die Reisen der Rats- 
herren waren die Wachstäfelchen zur Aufzeichnung von Notizen, 
die in den Hamburger Stadtrechnungen erwähnt werden. Besonders 
interessant scheint es, dass auch die fürstlichen Damen eine An- 
zahl davon mit sich führten 5 . Da eins von diesen Täfelchen 
zerbrach, so kann der Stoff, aus denen sie angefertigt wurden, 
und der mit Wachs überzogen war, nicht etwa Holz gewesen 
sein. Derartige Wachstafeln haben übrigens im 14. Jahrhundert 



J ) Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 516: Türl. Wh. 126 a : 
E man geluede die somere, 
Wan si trugen swere 
Bettewat und vil matraz. 
La comtesse de Ponthieu (Nouv. fran<j. S. 171: Petit demoura que nie sire 
Thiebaus et sa ferne se leverent et s'aparellierent et se rnirent ä la voie - 
Li chambrelens toursa lor lit et n'estoit ini jours mais molt biel faisoit, 
2 ) A. a. 0. S. 517: Gaydon S. 30: 

Coffres et males; trorse sont li sommier; 
Ains n'i remest chaudiere ue trepier, 
Pot ne paiele, coute ne oreillier. 
Kopp mann a. a. 0. Bd. I, S. 306. 1380: 4 ß pro quodam sacco, in quo 
reponuntur de schalen in reysis dominorum nostrorum. 

') Koppmann a. a. 0. Bd. I, 3. 203, 223: 1374: 2 m pro panno ad 
currum cibariorum. 1375: 6 ß Heynoni Voghelsangh vor en sperlake up 
den spizewaghen to neyende. 

4 ) Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 517. L'empereur Constaut (Nou- 
v<dles franroises S. 24): La bielle puciclle, rille l'Empereur vint ä ses chofres 
et en trait une des escrohcs saiel^es ke ses percs li avoit laisies si conme 
pour enprunter denicrs, sie eile le vosist faire. 

"') Koppmann a. a. 0. Bd. I, S. 287. 1379: 2 ß ad reparandum unutii 
i ereum domine nostrc, qui cccidit, et fractus fuit. 3 SU 6 ß ad ceivns dominc 
nostrc. 17 ß 4 d pro cera ad cereos ad reysas dominorum nostrorum. 



- 105 — 

noch zur Aufzeichnung städtischer Ausgaben gedient, wie die 
Nordhausener Wachstafeln beweisen. 

Von Bedeutung für die Reise war ferner die Unterkunft 
während der Nacht. In der älteren Zeit schon gab es Wirts- 
iiäuser, in denen man absteigen konnte; so wird erzählt, dass 
die hl. Elisabeth die erste Nacht nach ihrer Vertreibung „in 
einer wintaberne" zu Eisenach verblieb 1 . Die Wirte durften 
aber, wie Ludwig IX. 1254 und 1256 befahl, nur Fremde auf- 
nehmen und ihnen zu trinken verabreichen 2 . Auch bei Bürgern 
fanden die Reisenden gegen Bezahlung- Unterkunft. Ebenso ge- 
währten die Klöster den Reisenden Gastfreundschaft, aber das 
Halten eines Wirtshauses war ihnen ausdrücklich untersagt 3 . 
Fand man keine Nachtherberge, so musste man bei Mutter 
Grün, oder wie man im Mittelalter zu sagen pflegte, im „Wirts- 
haus des heiligen Julian" Quartier suchen. Natürlich war auch 
der Fall nicht selten, dass man bei guten Freunden abstieg, 
wenn solche an dem fremden Orte vorhanden waren. 

Immerhin waren aber die Gasthäuser im Mittelalter schon 
ziemlich zahlreich. Wir sehen aus den Aachener Stadtrechnungen, 
dass sie nicht nur in Städten, wie Cöln, sondern auch in kleineren 
Orten von Ratsherren und Stadtdienern besucht wurden. 

Das Aachener Wirtshausleben scheint ziemlich stürmisch 
gewesen zu sein, da man, um Messerstechereien zu verhindern, 
Gerichtsdiener und Stadtboten von Wirtshaus zu Wirtshaus 
gehen lassen musste, und diese Beaufsichtigung zweimal wöchent- 
lich wiederholte 4 . Jedenfalls waren also damals schon eine 
grössere Anzahl von Gastwirtschaften vorhanden. Leider fehlen 
Nachrichten darüber, ob sie als Fremdenunterkunft dienten, wenn 
auch der Name „hosnicium" darauf schliessen lässt. Der Gasthof 



') Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 519. 

i A. a. 0.: Nul ne soient re§cu ä faire demeuer cn taverne, se il n'cst 
trespassant ou il n'a aueune mansion cn La Ville. Nul ne voisc boir< 
taverne, se il n'est trespassant ou tel que il n'ait poinl de maison er la Ville. 

:i ) A. a. (i. Concil. Trevir. 1227 XV. (Hartzh. IM, 534): ne infra septa 
sui claustri vcl ipsum claustrum tabernas instituant, ubi vel alibi intrarc, 
ilii sedere, bibere vel liniere ali(|\iis audeat, firmiter inbibemus. 

') Laurent a. a. 0. S. 128, w-is. 1338: famulis judicii inhibentibus 
cultellos et quando circumiverunt cum nuneiis civital is de bospicio in bospicium 
et inhibuerunl I m. — Woltero Kaskin circumeunti omui septimana bis et 
prohibenti cultellos 5 in. - In Hamburg war es übrigens nickl besser, man 



— 106 — 

Valkenburg am Markt wird höchst wahrscheinlich als Fremden- 
quartier gedient haben; denn in seinen Stallungen konnte eine 
grössere Anzahl von Pferden untergebracht werden 1 . 

Einen gewissen Anhalt für die Bedeutung der Absteige- 
quartiere gewähren die Namen dieser Häuser. Trägt ein Gasthof 
den Namen einer in der Gegend liegenden fremden Stadt, so kann 
man, glaube ich, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit vermuten, dass 
dort das bevorzugte Absteigequartier der aus jenem Orte 
kommenden oder vielmehr dort ansässigen Reisenden lag. Der- 
artige Benennungen können sich im Lauf der Zeit verschieben, 
sind aber ursprünglich sicher nicht lediglich dem Zufall zuzu- 
schreiben. So findet man in Gegenden, wo der Handelsei nfluss 
Hamburgs überwog, noch heute fast regelmässig ein Hotel 
„Stadt Hamburg." Es wäre vielleicht interessant, hierüber nähere 
Untersuchungen anzustellen, die aber über den Rahmen dieser 
Darstellung hinausgehen würden. 

Die Aachener Stadtrechnungen zeigen uns, dass die Aachener 
Einwohner auf Reisen bestimmte feste Absteigequartiere hatten, 
falls sie öfter nach einem Orte kamen. Gewiss war dies nicht 
eine Eigentümlichkeit dieser Leute, sondern es handelt sich um 
einen Gebrauch, der allgemein üblich war; denn es ist nur natür- 
lich, dass man dort wohnt, wo man vielleicht einen Wirt aus 
der Heimatsstadt findet oder wo andere Bekannte gut aufgehoben 
waren, wo man Neuigkeiten von Interesse hören konnte, oder 
was sonst der Gründe mehr waren. Dazu kam, dass ein Gast- 
wirt, auf den man sich verlassen konnte, für die Ratslierren, 
die bei ihm einkehrten, recht wertvoll werden konnte; gab es 
doch mancherlei Auskünfte, die ein am Orte Ansässiger viel 
leichter zu erfahren vermochte, wie ein fremder Ratsherr. 

Derartige Absteigequartiere der Aachener sind in Maastricht, 
Cöln, Jülich, Birkesdorf, Lechenich und Strassburg nachweisbar-'. 
Da die Wirte von der Stadt besondere Weinspenden erhielten, 



prügelte sich in den Weinstuben mit Krügen und noch gefährlicheren Werk- 
zeugen. Koppmann a. a. 0. Bd. I, 1384: 4 £6 per Nicolauui Bernardi 
pro co quod percussit Thidericum Oldendorf cum una amphora de quarterio 
ad capud in vinario. — 24 ß per Thidericum Benen ex eo quod percussit 
predictum cum unco. 

l ) Laurent a. a. 0. S. 219,26. 

'-') A. a. 0. S. 243, ?; 245, i; 261,:*.-,; 299, 22; 300, n; 303,8 ; 306, is; 326, 28 ; 
328,7; 330,n; 343,20,32; 363,29. 



— 107 — 

so liegt die Annahme sehr nahe, dass sie hierfür auch ent- 
sprechende Dienste geleistet hatten; denn für die Verpflegung 
würden sie doch in bar entschädigt worden sein. Welcher 
Art diese besonderen Dienste waren, kann nur vermutet werden. 
Wahrscheinlich handelte es sicli um allerlei Auskünfte diskreter 
Natur, Erkundigungen, vielleicht auch um Spionage. Die leb- 
haften Beziehungen zu dem Cölner Wirt deuten darauf hin, d 
es nicht nur zufällige Geschenke waren. Jedenfalls gab es 
mancherlei, was man zu wissen wünschte. Wurde doch sogar 
der Bote Kremer besonders nach Cöln geschickt, um Erkundigungen 
darüber einzuziehen, was man dort der Kaiserin auf ihrer Durch- 
reise schenken würde 1 . Übrigens führte der Sohn des Cölner 
Wirts Botenreisen mit dem Aachener Boten Henkin aus'-'. 

Ich wende mich nunmehr den Beförderungsmitteln zu, deren 
sich der Aachener Rat bediente. Über den städtischen Pferdebestand 
einhalten die Stadtrechnungen mancherlei Angaben. Die Zahl 
der Ankäufe und Verkäufe von Pferden ist nicht unbeträchtlich. 
Einzelne der Tiere wurden zwar als Geschenke verwendet 3 , der 
bei weitem grösste Teil diente aber zur Fortschaffung der 
Reisenden. 

Die Bezugsquellen für die Pferde waren recht verschieden. 
Man kaufte nicht von einem Händler, sondern dort, wo man 
vorteilhaft wegzukommen glaubte. Anscheinend fiel man dabei 
aber auch herein; wenigstens lässt die folgende Eintragung 
darauf schliessen: 1346: de perdicione unius equi tunc erga 
fratres Augustinenses empti 4 Schilde 4 . 4 Schilde entsprechen 
im Jahre 1346 einer Summe von 9 m, die erheblich niedriger 
ist, als der Wert eines Pferdes. Der Begriff „perdicio" bedeute! 
„Vernichtung, Verlust". Da nun im Falle des Verendens der 
Betrag von 9 m als Verlust zu niedrig sein würde, so liegt die 
Vermutung nahe, dass man das Pferd weiterverkauft und dabei 
einen Schaden von 9 Mark erlitten habe. Immerhin ist die 
Stelle ziemlich unklar. 



') Laurent a. a. 0. S. 119, -o. 1338: Primo cum iroperatrix esset 
Colonie Godeschalco misso ibidem ad pereipiendum, quid daretur sibi ibidem, 
l m per Wm. Beysel. 

2 ) A. a. 0. S. 328, ;; 300, n; 330,«. 

i A. a. 0. S. 216,261 pro duobus equis ipsi Tilkino datis 61 scuteos 
ant. val. l52 1 /_» m pe* rcl. 

') Laurent a. a. 0. S. 181, i. 



— 108 — 

Auf Tausch von Pferden Hess sich die Stadt, wie wir aus 
den Rechnungen sehen, ebenfalls ein: 

1353: Leoni de Karsfort de equo suo, quem dedit civitati 
pro alio equo non ita bono sicut equus suus erat, 8 aur. flor. 
val. 14 m et 4 ß 1 . 

Die Stadt bezog also diese Pferde von den Augustinern 
und von einem Ratsherrn. Ein anderes besonders grosses Tier 
lieferte der Bote Gotschalk Kremer für einen ziemlich hohen 
Preis 2 . Ob es dasselbe Pferd war, welches man dem Schilling 
von Hergarten 3 gab, ist nicht zu ersehen. Fast jedes Tier 
wurde von einem anderen Lieferer gekauft 4 . Auch von fremden 
Fürstlichkeiten scheint man Pferde erstanden zu haben. Anders 
wird man die nachstehenden Posten wohl nicht auslegen können : 

1349: Kreyvel misso ad comitem de Eynen propter equum 
ipsius comitis, quem Jo Hoyn tenuit, 18 ß per rel. 

It. de equo eodem persoluto ipsi comiti 8 scuteos ant. val. 
20 m per rel. 

It. nuncio ferenti de Kemerig illum equum 31 ß per rel. 

Hinsichtlich der Farbe hatte man offenbar keine besondere 
Vorliebe, sondern nahm die Tiere, wie man sie bekam; Grau- 
schimmel, Rotfüchse, Schimmel und Rappen werden erwähnt 5 . 
Die Farben der Tiere sind aber vielfach nicht angegeben ,; , man 
weiss also nicht, wie die übrigen Tiere ausgesehen haben. 

Die Pferdepreise waren, wie auch in heutiger Zeit, ausser- 
ordentlich verschieden. Bei dem Sinken des Geldwerts im 
14. Jahrhundert muss man allerdings die Vergleiche auf einen 
begrenzten Zeitraum beschränken. Aber auch da findet man 
erhebliche Unterschiede. Z. B. wurden für ein Pferd bezahlt : 



') A. a. 0. S. 232, s. Man beachte die umständliche Ausdrucksweise* 
deren sich der Kämmerer hier bedient. 

'-') A. a. 0. S. 127,i5. 1338: de equo magno griseo empto erga Gode- 
schalcum 50 m. 

:i ) A. a. 0. S. 130,io. 1338: pro una sella data Schillinc de Hcrganlen 
cum equo uuo 3 in et 4 ß. 

') A. a. 0. S. 189. i; 189, 7; 229, 17; 314, 21; 392, i». 
) A. a. 0. S, 127,i.-,; 150, i; 219, ai; 219, 35; 314, 21; 220,8. 

,; ) A. a. O.S. 150,8? 181,4; 189, 1; 189, 7; 216, ze; 217, 29; 219, 87; 229, 17; 
231, 10; 231, 12; 232,»; 392, 13. 



109 — 

1349: 24, 25, 45 und 76 m, 1346: 40, 54 und 56 m, L390: 100, 
176 und 200 in'. 

Waren die Pferde nicht mehr \'\\r ihren Zweck geeignet, 
so schlug- man sie billig - wieder los. Der Erlös war ebenso 
schwankend, wie der Einkaufspreis. Leider sind nur wenige 
Einnahmerechnungen aus dem 14. Jahrhundert vorhanden. Tu 
der Rechnung von 1373 sind für ein Pferd 37 m, für ein anderes 
17 in vereinnahmt; 1391 8 Gulden (= 32 m) und 12 Gulden 
(= 48 m). In diesem Jahr schwankte der Wert eines brauch- 
baren Pferdes zwischen 100 und 200 m. Allerdings muss berück- 
sichtigt werden, dass die Preise von 100, 176 und 200 m sich 
auf Tiere beziehen, die im Kampf genommen oder getötet wurden; 
die Ratsherren werden aber als Streitrosse sich gewiss keine 
schlechten Klepper ausgewählt haben. 

In der Ausgaberechnung des Jahres 1349 sind eine Anzahl 
hochinteressanter Ausgaben enthalten, die über die Einrichtung des 
Marstalls der Stadt Aachen in dieser frühen Zeit Auskunft geben. 
Leider kann man nicht ersehen, wo sich dieser Marstal] befunden 
hat. Es wurde, wie die Buchungen zeigen, nicht ein besonderes 
Gebäude aufgeführt, sondern in einem bereits vorhandenen Hause 
ein grösserer Raum als Marstall eingerichtet. Man darf wohl 
mit ziemlicher Gewissheit annehmen, dass hierfür ein Gebäude 
gewählt worden ist, welches der Stadt gehörte und auch nicht 
weit vom Rathause abgelegen war. 

Da in der Stadtrechnung nicht angegeben ist, wo der Mar- 
stall untergebracht wurde, und auch keinerlei Miete für den 
Stall entrichtet wird, so muss er in einem städtischen Gebäude 
untergebracht gewesen sein. Es kann nicht auffallen, dass für 
dieses Haus keine Instandsetzungskosten verausgabt werden, weil 
auch die Stallung nur in dieser Rechnung- erwähnt wird. Kragt 
man sich nun, welches Grundstück für diesen Zweck g-eeig-net war, 
so läge es nahe, an den Rupenstein, das spätere ..Haus von 
Aachen' zu denken, welches in der Pontstrasse, also in der 
Nähe des Rathauses lag 2 ; denn hier wurde auch im Winter 
1674/75 ein grosser Stall für die Pferde der in der Stadt ein- 
quartierten Soldaten eingerichtet, und ebenso im Anfang des 18. 
Jahrhunderts die Pferde der kurpfälzischen Eskorte, welche dem 



') Laurenta.a.O.S. 219, 86; 219,84; 219,37; 216,26; lsü. ,; 189,4; 189,?! 
371, :m; 371, 37; 371, :io. 

'-') Das jetzige Gebäude der Polizeidirektion. 



— 110 — 

nach Aachen kommenden Zar Peter dem Grossen entgegenreiten 
sollte, untergebracht. Hiergegen spricht aber, dass in der 
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts der Rupenstein nicht Eigen- 
tum der Stadt Aachen war, sondern dem Zilman van Boesbach 
gehörte *. Es ist nicht wahrscheinlich, dass das Grundstück 
erst Eigentum der Stadt gewesen ist, von ihr dann veräussert 
und später wieder angekauft worden ist. Deshalb ist die nähere 
Bestimmung der Lage des Aachener Marstalls so gut wie aus- 
sichtslos. 

Für die Einrichtung des Stalles wurden folgende Zahlungen 
geleistet: 

1) 8'/ 2 m an Meister Peter Bammegger 2 . Wofür diese 
Ausgabe bestimmt war, kann man nicht ersehen ; indessen geht 
aus der Benennung „magister" hervor, dass es sich um Arbeiten 
eines Handwerkers, also vielleicht um Maurerarbeiten handelte. 

2) 9 ß für das Pliestem des Stalles 3 ; 

3) 1 m für Eisenwerk, vermutlich Stangen zwischen den 
einzelnen Ständen und dergl. 4 

4) 1 m 9 ß für Holzwerk 5 . Der Ausdruck „lignum" be- 
deutet in den Stadtrechnungen „Brett". Da nun der Betrag von 
1 m 9 ß sich nicht auf grosse bauliche Änderungen beziehen 
kann und im Stalle eine Ausbesserung von Dielen ausgeschlossen 
erscheint, so werden die Bretter wahrscheinlich bei der Her- 
stellung der eigentlichen Pferdestände verwendet worden sein. 
Im Jahre 1346 hatte die Stadt schon 9 Pferde 6 . Bei Ein- 
richtung des Stalles wurden 3 Pferde angekauft 7 . Wenn nun 
vielleicht auch zwischen 1346 und 1349 ein oder mehrere Pferde 
ausgemustert sind, so war doch dafür sicher inzwischen Ersatz 
beschafft. Es werden also im Jahre 1349 etwa 12 oder mehr 
Pferde vorhanden gewesen sein. Für den Betrag von 1 m 9 ß 



') Pontportz-Grafschafts-Buch im Staatsarchiv zu Düsseldorf, Bl. 8 b 
Item her neist noch Zilmans vurß. (Zilmans van Boesbach) huis genant 
Rupensteyne. 

-) Laurent a. a. 0. S. 219, 20: magistro Petro Rammegger de stabulo 
equorum civitatis 6 ra 9 ß et 14 Hall, per rel. 

3 ) A. a. 0. S. 219,22: de eadcm ze plackeyren 9 ß per rel. 

') A. a. 0. S. 219,2s: magistro Joh. fabro de opere ferreo 1 m per rel. 

5 ) A. a. 0. S. 219,24: pro lignis ad stabulura 21 ß per rel. 

,; ) A. a. 0. S. 189,8. 

7 ) A. a. 0. S. 219,84-s 



-:i7. 



— 111 — 

konnten aber nicht genug' Bretter beschafft werden, um davon 
hölzerne Wände zwischen sämtlichen Pferdeständen aufführen 
zu können. Wir werden uns die Einrichtung des Stalles also 
so zu denken haben, dass die Seitenwände aus Holzverschalung 
hergestellt, die einzelnen Stände aber durch Eisenstangen 
getrennt waren. 

5) 6 ß für eine Haufe für die Pferde 1 . Da die Raufe für 
sämtliche Pferde diente (ad equos), so scheinen alle Tiere 
in einer Reihe gestanden zu haben; der Stall ist also ziemlich 
gross gewesen. 

6) G ß für Leinwand zum Futtersack 2 . Der hierfür aufge- 
wendete Betrag - ist ebenso hoch, wie der für Anschaffung der 
grossen Kaufe. Der Futtersack muss mithin einen erheblichen 
Umfang gehabt haben. Eine Krippe wird unter den Ausgaben 
nicht erwähnt. Es scheint demnach, als ob an ihrer Stelle ein 
langer, unter der Raufe befestigter leinener Futtersack ver- 
wendet wurde; denn es ist ausgeschlossen, dass ein einziger 
Futtersack kleinerer Art ebenso viel Kosten verursacht hat, 
wie die grosse Raufe für die Pferde. Überdies werden im Stall 
Futtersäcke im allgemeinen nicht verwendet. Unterwegs aber 
war im Bedarfsfall aber für jedes Pferd ein besonderer Beutel 
notwendig. 

Interessant sind die Ausgaben für Pferdefutter. Der Haupt- 
betrag = 164 m 2 ß 3 d entfällt natürlich auf Hafer 3 . Für 
Heu wurden aufgewendet 81 m 7 ß 3 d 4 . für Grünfutter 24 nr\ 
für Kleie nur ein geringer Betrag 6 . Die Streu für den Stall 
kostete 4 m 11 ß 10 d 7 . Zur Beaufsichtigung der Pferde war 
ein Stallknecht mit Namen Erkin angestellt, der ein Gehalt von 



! ) A. a. 0. S. 219,2s: pro una rapa ad equos 6 ß per rel. Die Bedeutung 
.. rapa = Rübe", au die man ja auch denken könnte, gäbe hier im Singular ^ r ar 
keinen .Sinn; ausserdem müsste der Posten alsdann nicht an dieser Stelle, 
sondern unter den Ausgaben für Futter und Streu aufgeführt sein. (Vgl. 
Kopp m an n a. a. 0. Bd. III, S. 104. 1485: 5 ß 4 d Corde Seh, .,11:111 pro I 
(|iiaternariis ad mensurandum rapas.) 

2 ) A. a. 0. S. 220, o: pro panno lineo ad sacum pabuli 6 ß per rel. 

3 ) A. a. (). S. 219,28. 

4 ) A. a. 0. S. 219,30. 
6 ) A. a. ü. S. 219,3!. 

6 ) A. a. 0. S. 220, 1. , 

7 ) A. a. 0. S. 219,33. 



— 112 — 

jährlich 27 m bezog 1 . Die tierärztliche Behandlung besorgte 
der Schmiedemeister Otto von Schynne, der für die Behandlung 
und für das Futter eines grossen Rappen, der während der 
Dauer einer Krankheit bei ihm untergebracht werden war, 7'/ 2 m 
12 d erhielt 2 . Die Hufschmiede befassten sich im Mittelalter 
allgemein mit der Behandlung kranker Pferde, eine Tätigkeit, 
die ihrem Beruf ja recht nahe lag. Die Stadt Cöln z. B. musste 
einem solchen Schmiedemeister und Tierarzt gelegentlich recht 
namhafte Summen zahlen 3 . Wahrscheinlich wird im Jahre 
1344 das der Stadt Aachen gehörende Pferd, welches in Cöln 
kuriert wurde, ebenfalls bei einem Schmiedemeister untergebracht 
gewesen sein 4 . Ein billiges Vergnügen war dies nicht; denn 
der Betrag, den man dem Boten Kremer dafür mitgeben musste, 
war beinahe so hoch, dass man ein neues brauchbares Pferd 
dafür hätte anschaffen können. 

Das Rosshaar war im 14. Jahrhundert schon ein geschätzter 
Gegenstand. Man sammelte die Haare in Aachen sorgfältig 
und stellte zu diesem Zweck eine Frau an, welche sie aufbe- 
wahren musste. Für diese Tätigkeit erhielt sie jährlich 12 m. 
1385: deine wive up die Roisse, van deme hair up zu heeven 
12 m 5 . 

Die Höhe der Vergütung lässt darauf schliesscn, dass mit 
„up zu heeven" nicht nur das Aufbewahren, sondern auch das 
Aufsammeln der Haare im Stalle gemeint ist, woraus andrer- 
seits wieder folgen würde, dass der 1349 eingerichtete Marstall 
im Jahre 1385 noch benutzt worden ist. 

Eine unmittelbar hinter der eben erwähnten stehende Buchung: 

Wilhelm van Oppendorpe, van den hoer zu spennen 12 m 6 
belehrt uns darüber, was mit dem gesammelten Rosshaar gemacht 

M A. a. 0. S. 220,?: Erkino fatnulo eustodienti equos 27 ra per rel. 

-) A. a. 0. S. 220, s : magistro Otto de Schynne fabro de magno nigro 
equo curando et de expensis cjusdem stantis apud cum 7'/ 2 m 12 d per rel. 

') Kuipping a. a. 0. Bd. II, S. 96. 1372: fabro up Hanenstrazeu pro 
curis equorum 31 m 8 ß. 

4 ) Laurent a. a. 0. S. 155, 12. 1344: God. Kremer misso Coloniam ad 
dominum Q-erardum Chorus de eodem facto 3 m. It. eidein misso alia vice 
ad officium Coloniense de eodem facto et de equo civitatis staute ibidem ad 
curandum 32 m et 5 ß. 

5 ) A. a. 0. S. 341,29. 

,; ) A. a. 0. 8. 341, so; vgl. auch 23(5, is. 1373: de crinibus caudarum filan- 
dis 12 m. 



— 113 — 

wurde. Allerdings ist man trotz dieser Angabe noch au!' Ver- 
mutungen angewiesen, wo/u das Kosshaar gesponnen wurde. 
An ein (iewebe kann man wohl nicht denken, weil dann statt 
„spönnen" und „filare" andere Worte gebraucht worden wären. 
Violleicht hat man aus den widerstandsfähigen und elastischen 
Haaren Sehnen für die Armbrüste oder etwas Ähnliches gemacht 1 . 
Bevor der städtische Marstall fertig gestellt war, brachte 
man die Pferde vorübergehend in dem Gasthaus Valkenburg 
unter 2 . Dieses Haus, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen 
Gebäude in der Scherpstrasse 3 lag am Markt zwischen l'ont- 
strasse und Kockerellstrasse '. Man sieht also, dass die Stadt Wert 
darauf legte, die Pferde im Verkehrszentrum und in der Nähe 
des Rathauses unterzubringen, damit sie im Bedarfsfall schnell 
erreicht werden konnten. Auch über sonstige kleine Bedürf- 
nisse für den Stall berichtet die Stadtrechnung. Der Posten 
von 4 ß für „sagimen" lässt vermuten, dass nicht nur die Reit- 
gerätschaften, deren Instandhaltung unter den Ausgaben für den 
Stall mit aufgeführt ist, sondern auch der Wagen der Stadt 
darin ausreichend Platz fanden. Meine Vermutung stützt sich 
darauf, dass in der vorhergehenden Rechnung von 1346 derselbe 
Ausdruck „sagimen" in Verbindung mit dem Wagen gebraucht 
wird 5 , und dass bei den Ausgaben für den neuen Stall 
ausser sagimen noch „Schmiere" vorkommt 6 . Man kann also 
nicht folgern, dass „sagimen" etwa zum Einschmieren der Geschirre 
gedient habe, sondern es muss auch in der Rechnung von 1349 
für den Wagen benutzt worden sein. Wenn aber der Wagen 
nicht im Stall oder in dessen unmittelbarer Nähe untergebracht 



') Knippinga. a. 0. Bd. EI, S. 78. 1372: mag. Gcrardo bajistario pro funi- 
bus crinosis ad noitstelle 55 m 3 ß. Allerdings wurden im 15. Jahrhundert 
aus Haar hergestellte Gewehe zum Docken der Reisewagen benutzt, wohl 
wegen ihrer besonderen Haltbarkeit. Koppmann a. a. < >. Bd. II, S. 417. 
1409: 10 Tt pro ruheis criniis pannis ad stangerdo ad reysam dominorum 
versus Kopenhaven. 

i Laurent a.a.O. S. 219, 26: de expensis equorum civitatis stancium 
in hospicio Valkenburg antequam stabulum esscl paratum l I m l ß per rel. 

:l ) Zeitschr. des Aach. Gesch.-Ver., Bd. T, S. 160. 

•') Markt Nr. 33 zwischen dem Baus zum Anker and dem Baus zum 
Hirtz Pontportz-Grafschafts-Buch im Staatsarchiv zu Düsseldorf Bl. 7. 
Besitzer in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Jacob Klocker. 

5 ) Laurent S. 195,27. 1346: pro sagimine ad currum •_' li. 

8 ) A. a. 0. S. 220, i: pro klien cl smere 5 ß per relictam. 



— 114 — 

worden wäre, würde man auch die Schmiere nicht bei den Aus- 
gaben für den Stall aufgeführt haben. Im Jahre 1346 stehen 
diese Kosten unter der Enbrik „Sequitur nunc de parvis expensis 
hinc inde factis". 

Über den Wagen des Aachener Rats enthalten die Stadt- 
rechnungen keine ausführlichen Angaben. Man findet nur den 
schon erwähnten Posten und im Jahre 1344 eine Instandsetzung 
von 2 m 7 ß ohne nähere Bezeichnung: de reparatione currus 
civitatis 31 ß 1 . Aus dem Ausdruck „currns civitatis" geht 
aber hervor, dass nicht ein Wagen zur Fortschatfung von 
Lasten, sondern ein Keisewagen gemeint ist. 

Im Mittelalter bestand eine grosse Übereinstimmung der 
Sitten, Einiichtungen und Gebrauchsgegenstände. Man ist des- 
halb imstande, trotz fehlender genauerer Angaben in den Aachener 
Stadtrechnungen sich die Beschaffenheit des Reisewagens vor- 
zustellen; denn es ist sicher, dass deraitige Fuhrwerke überall 
ungefähr gleichartig gebaut wurden. 

Wenn man sich die Bauart der Wagen, die für Reisezwecke 
im Mittel alter dienten, vergegenwärtigen will, muss man vor allen 
Dingen berücksichtigen, dass diese Fuhrwerke keine Federn 
hatten, und dass auf den mangelhaften Wegen eine Reise mehr 
oder weniger ein Martyrium war. Deshalb zogen männliche 
Personen es in der Regel vor, zu Pferde zu reisen, zumal man 
dadurch schneller furtkam 2 . Anscheinend erst im 15. Jahrhundert 
fing man an, den Wagenkasten am Wagengestell mit Ketten 
an Stützen aufzuhängen 3 . Ein solcher Wagen ist in der neben- 
stehenden Abbildung wiedergegeben. Auch bei einer derartigen 
Befestigungsart, die einen Versuch, die Erschütterung der Reisen- 
den abzuschwächen, darstellt, und als Übergang zum System der 
Federung anzusehen ist, wurde man sicher noch genug durch- 
gerüttelt. Es war deshalb ein Gebot der Notwendigkeit, dass 
man die Stösse durch Kissen möglichst zu mildern suchte 4 . 



') A. a. 0. S. 149,35. 

2 ) Koppmann a. a. 0. Bd. I, S. 382. 1384: 35 ß clerico, qui fuit 
equester ad duces Loucmborgenses et Magnopolensem. 

a ) A. a. 0. Bd. V, S. 318. 1527: 4 St 12 ß pro una magna cathena et 
aliis feramentis ad usum curruum soluta fratribus minoribus. (Dieser Posten 
könnte sich hier allerdings auch auf eine Kette zur Verbindung von Räder- 
paaren zu Lastfuhrwerken beziehen). 

*) A. a. 0. Bd. 11, S. 162. 1462: 2 ^ 18 ß pro uno pulvinari deservi- 
enti supra currum dominorum deputatorum ad reisas. 



— 115 — 

Die Wagenbaukunst war keineswegs überall gleichmässig 
entwickelt; man kann vielmehr beobachten, dass Wagen nicht 
nur häufig in anderen Städten gekauft, sondern sogar auf Be- 
stellung dort gearbeitet wurden l . Hierbei fand, wie dies auch jetzt 
noch bei der Reiclis-Postverwaltung geschieht, eine vorläufige 
Abnahme nach Fertigstellung des Rohbaus durch einen Sach 
verständigen statt-, und zwar war der Sachkundige ein 
Kistenmacher. Schon hieraus geht hervor, dass man den eigent- 
lichen Wagenkasten aus Holz anfertigte. Verwendet- wurde für 
den Bau des Kastens ausgesuchtes für Vertäfelungen geeignetes 




Gedeckter Wagen gegen Ende des XV. Jahrhunderts. 

(Der Wagenkasten isl \ Gesten zu lösen and bängl mittels Ketten an Stützen 

Abbildung nach <lem Bucbe Seb. Brant, Narrenscbiff. Reutlingen 1494. 



Eichenholz 3 . Indessen bekleidete man, wie es scheint, den 
Kasten auch mit Eisen 4 ; wenigstens ist es zweifellos, dass ab n- 



') A. a. <>. IM. II, S. 301. 14GG: 27 U ß pro novo camere curru 
cum correquisitis Lübeck facto per dominum Pardamum. 

'-') A. a. (>. Bd. I, S. 114. 1370: Johanni albo cistifici 5 l.'> I ubeke, ernando 
vidit formam currus dominis nostri preparandi. 

3 ) A. a. 0. Bd. I,S.282. 1379: II', 8 4 ß pro wagenshot; Bd. II. 
S. 340. I4ß7: 4 Ti 12 ß Cecilie Cluvers pro wagenschot cortine sive ridelaken 
et pulvinari ad currum pro dominis nostris. 

*) A.a. 0. Bd. I, S. 42G. 1386: 11 ß pro 1 werdende) vrasten yzerns cum 
quo currus fuerunt fabricati. IM. I, S. :s!i!>. 1385: 2 tt 8 ß Gherardo Bremer 
ad fabricandum currum, proprie tho smedende. 



— 116 — 

lieh wie bei unseren Planwagen grosse eiserne Reifen quer über 
die Reisewagen geführt wurden l , über die man mehr oder 
minder kostbare Stoffe zum Schutz gegen die Witterung spannte 2 . 
Die eisernen Reifen wurden oben durch eine oder mehrere eiserne 
Stangen zusammengehalten, die über den ganzen Wagen reichten 3 . 
Die Räder waren nicht etwa an den Achsen befestigt, sondern 
drehten sich allein um die Achse, was ja auch das Natürlichste 
und allein Zweckmässige ist 4 . Die Bauart des Untergestells 
sieht man am besten aus der ersten Abbildung des umgeworfenen 
Reisewagens. 

Derartige überdeckte Reisewagen waren im Mittelalter 
ganz allgemein gebräuchlich 5 . Fuhrwerke wie die späteren 
Kutschen kannte man noch nicht. Damit die Insassen aber auch 
Ausschau halten konnten, waren an den Seiten Offnungen angebracht, 
die durch Vorhänge geschlossen wurden, wenn es nötig war. 
Mochten die Fahrzeuge im übrigen noch so schön verziert und 
ausgestattet sein, ein primitives Beförderungsmittel waren sie 
nach unseren Begriffen in jedem Falle. 

Bei der Reise zu Pferde scheint man in Aachen hohe Stiefel 
und Sporen benutzt zu haben 6 . Die Sporen wurden in Deutsch- 



J ) Kuipping a. a. 0. Bd. II, S. 16. 1370: fabro pro ferreis virgis ad 
ferrandum currum 61 in. 

2 ) Koppinann a. a. 0. Bd. I, S. 223. 1375: 6 ß Heynoni Voghclsangh 
vor en sperlake up den spizewaghen to neyendc. Bd. II, S. 417. 1469: 10 £t 
pro rubeis criuiis pannis ad stangerdo ad reysam dominorum versus Kopen- 
haven. Bd. V, S. 309. 1526: 11 St 18 ß pro panno blaveo et lineo ad sub- 
ducendum currum dominorum. Bd. V, S. 511. 1533: 10 ^ 16 ß 8 d pro 
stamme panni blavei et lineo ad coopertorium ad currum dominorum. 

3 ) A. a. 0. Bd. I, S. 426. 1386: 6 ß pro arbore sive trunco ferreo. 
Diese Eintragung könnte sich allerdings auch auf einen Langbaum beziehen. 
Die Verwendung von Querträgern über den Reifen steht indessen ausser Frage. 

4 ) A. a. 0. Bd. I, S. 401. 1385: 6 ß pro axibus in quibus volventur rote. 

5 ) Alwin Schultz a. a. 0. Bd. I, S. 487: Virginal 659, i: 

Die wagen wurden schiere gestalt, 

Mit reiner sid, diu was niht alt, 

Wurdens verdecket schöne: 

Dar üf wol funfzec megetin. 

Man truoc dar laden unde schrin. 
e ) Laurent a. a. 0. S. 325, 23. 1385: Quecken umb leyrsen ind sproeren. 
Larsen sind hohe Stiefel (Knipping a. a. 0. Bd. II, S. 477. „Sproeren" kann 
im vorliegenden Falle nichts anderes als „Sporen" bedeuten. 



— 117 — 

land schon im Jahre 1009 gebraucht 1 . Steigbügel, die bereits 
in früher Zeit vorkommen, werden in den Stadtrechnungen nicht 
erwähnt, dagegen alle übrigen Bestandteile des Sattel- und 
Zaumzeugs. 

In der älteren Zeit wurden die Sättel aus Holz, Elfenbein, 
Fischbein oder anderen festen Stoffen hergestellt-; sie hatten, 
wie die nebenstehende Abbildung zeigt, feste Sattelknöpfe, meist 
vorn und hinten, so dass der Reiter sicher im Sattel sitzen 
konnte. Zu grösserer Bequemlichkeit schnallte man auch wohl 
ein Kissen auf dem Sattel fest 3 . Der Sattel war mit Gurten 
befestigt, mit dem Bauchriemen, dem Schwanzriemen und dem 
Brustriemen l . Auf der Abbildung ist nur ein Brustriemen sichtbar. 

Prüfen wir nun, wieweit das Sattelzeug in Aachen mit 
dieser Beschreibung übereinstimmt. So eingehende Nachrichten, 
wie sie in den Handschriften der Minnesänger enthalten sind, 
geben die Stadtrechnungen allerdings nicht. Man kann trotz- 
dem aber feststellen, dass man im 14. Jahrhundert bereits prak- 
tischer geworden war. In der Rechnung über die Auslagen des 
Aachener Kontingents bei der Belagerung des Schlosses zur 
Dick durch den Landfriedensbund wird für das Füllen eines 
Sattels ein Betrag verausgabt 5 . Hieraus geht hervor, dass man 
in Aachen im Jahre 1383 die Sättel nicht mehr aus einem 
Stück anfertigte, sondern wahrscheinlich aus Leder, das mit 
einer weichen Füllung ausgestopft wurde. 

Die Preise für die Sättel waren sehr verschieden. Während 
für einen als Geschenk verwendeten Sattel im Jahre 1338 3 m 
4 ß gezahlt wurde, kostete ein anderer, den der Bote Kremer 
(i Jahre später erhielt, nur 1 m (i Li. Dabei ist zu beachten, 
dass der Unterschied in Wirklichkeit noch erheblicher war, weil 
der Wert der Aachener Mark inzwischen gesunken war 6 . 



') Alwin Schultz a. a. 0. IUI. I, S. ."00. Scrmo synodalis d. a. 1009 
(Hartzh. 111,2): Nullus cum calcariis, quos sporoncs rustice vocamus el cul- 
tdlos extrinsecus depententibus Missam cantet. 

-) A. a. (). Bd. I, S. 492. lluon de Moni. S. 193. Li sele fu dos de 
poison de mer. 

3 ) A. a. 0. Bd. I, S. 4U4. Joh. de Garlandia, Dict. 11. Sellarii vendunl 
sollas nudas et pietas, panellos ei pulvillos et carentivillos et trussulas 
et strepas. 

<) A. a. 0. Bd. 1, S. 495. 

5 ) Laurent a. a. 1 1. S.276,28. 1383: van eynen sadel ze wellen 4 ß. 
1 Der Goklguldcn gall 1338 l m 4 ß :• , ,1, 1344 aber 1 in n ß. Lau- 
rent a. a. 0. S. 414, 415. 



— 118 — 



Ausser den Sätteln werden in den Stadtrechnungen noch 
folgende Geschirrteile genannt: 

1. Zäume (gleichbedeutend mit frena 1 ), 

2. Leitriemen (corrigia 2 ), 

3. Riemen (ligamines 3 ), 

4. Gurte (gegurde) 2 , 3 . 





nnng^t^ gm, cg nt^H fagitdt 6fr g iff c 

Reiter auf gesatteltem und gezäumtem Pferde. 

Faksimile einer Abbildung mit Text aus der Handschrift „De ereatione mundi, de 

natura bestiarum etc." 

Eupferstichkabinet Berlin. Hamiltonscbe Sammking. XII. Jahrhundert. 

') Laurent a. a. 0. S. 130, is. 1338: pro sellis, freuis et aliis necessariis 
cquorum civitatis 16 in. - S. 393,2a: 1394: du uns heren gereyden solden 
siin zu deine koninxk, du hadden sii doen machen ain sadelen ind zoemen 
inii ander gereitschaf 11 m. 

'-') Knippinga. a. 0. Bd. II, S. 244. 1370: pro sellis corrigiis gegürde et 
aliis ad usus sagittariorum exeuncium cum domino de Marka 1 m G ß. 

; ) Laurent a. a. 0. S. 159,8. 1344: de sellis, frenis, ligaminibus et aliis 
necessariis eguorum civitatis 23'/ L > ni. — 8. 189, io. 1346: pro gegurde et liga- 
minibus 6 m. 



- 119 — 

5. Halter 1 . 

Für den Hufbeschlag- wurden verausgabt: 1338 (6 Pferde) 
8 m, 1344 (8 Pferde) 13 in, 1346 (9 Pferde) 15 m oder durch- 
schnittlich für jodes Tier jährlich ein Goldgulden. Im Jahre 
1349, wo drei Pferde neu angekauft wurden, zahlte man nur 
I) m 8V2 ß| 1373: 25 m 3 ß 4 d. Da in diesem Jahr der 
Goldgulden, dessen Wert ziemlich unverändert blieb, :: m 4 ß 
galt, so waren damals anscheinend 8 Pferde vorhanden. 

Die Zahl der für Reisezwecke von der Stadt unterhaltenen 
Pferde war ziemlich gleichbleibend. Andrerseits wechselte jedoch 
der Bedarf an Pferden für die Ratsherren und sonstigen Beauf- 
tragten der Stadt je nach den diplomatischen Verhältnissen 
ganz erheblich. Infolgedessen war man häufig genötigt. Aus- 
hilfspferde zu benutzen, besonders wenn eine Gesandtschaft gleich- 
zeitig sämtliche Pferde in Anspruch nahm-. 

In der Regel wurden die erforderlichen Tiere für einzelne 
Weisen von den Söldnern beschafft ;i . Diesen wurden Pferde von 



') A. a. (). S. 341,33. 1385: meister Tkeis dem sedeleir van seedelen, zoe- 
meii, halteren, gegoerdeu lad menckerley gerede 10 in. 

'-) A.a.O. 8. 231, ß. Volmer« et Alexandro missis ad dominum regem ad 
serviendum sihi in partibus Lumbardie, dum tarnen non processerunt, cum 
octo cquis 93 aurcos rlorenos pro diversis preparatiouibus iiinc inde, val. 
166 in et 7 '/ 2 ß. Man kaufte übrigens in Mainz noch ein weiteres Pferd hinzu 
(a. a. 0. 8. 231, io). 

i Bei dieser Gelegenheit muss ich einige grobe Fehler Laurents be- 
richtigen : 

8. 198,24 muss der Posten lauten „Hergenroit de stipendio suo 4 met 
4'/ 2 ß de 14 diebus silii deficientibus de alio anno. Die Worte „sibi defici- 
entibus" hat Laurent in der beliebten oberflächlichen Arbeitsweise fortge- 
lassen; statl der Worte „de alio anno" schreibt er „anni preteriti". Die 
nächste Buchung: „It. Wilkino de Angelo de stipendio suo 4 m 4'/_. ß de 14 
diebus anni preteriti" hat er überhaupt fortgelassen, obwohl das folgende 
„eidem" ganz sinnlos ist. Ausserdem steh! in der Rechnung nichl „Wilkoni" 
sondern „Wilkino". 

S. 220i7. Der Posten lautet: „Ricaldo 5 m el 8 ß. Brabantiam (Alex), 
Coloniam (Got), Düren et Coloniain (Clos Stergin)." Laurent hal aus ..■ 
ein „(Jode" gemacht, obwohl das „t u sehr deutlich ist; den Namen „Clos 
Stergin" hat er willkürlich in „Clos" und „Stergin" auseinandergerissen. 

S. 221, i: Die Buchung muss lauten: „G. de Cigno 4) ß per rel. ('eleu. 
el Jul." Den Zusatz „et Jul." hat Laurent vergessen. 

S. 221, n: Das Wort „Alexander" fehlt in der B,echnung; Laurent 
hal es willkürlich zugesetzt. (Von den auf S. 198,as als unleserlich be- 



— 120 — 

der Stadt geliefert, wie der folgende Posten der Stadtrechnungen 
beweist: 

1391: Item liaint die burgermeistere intfangen van eynen 
perde, dat der steede was, dat Heynchijn J hadde, 8 gülden 2 . 

Nun findet man im Jahre 1349 verschiedentlich, dass die 
Söldner sogar mehrere Pferde an Katsherren oder Boten für 
Reisezwecke vermieteten 3 . Wären auch diese Pferde Eigentum 
der Stadt gewesen, so müsste es höchst seltsam erscheinen, 
dass die Söldner für die Ersparnis an Futter noch eine besondere 
Vergütung hätten erhalten sollen. Es bleibt daher nur die 
Möglichkeit, dass diese Pferde von den Söldnern für eigene 
Rechnung beschafft und unterhalten wurden, oder dass die 
„stipendiarii" die Tiere von Dritten anmieteten und den Beteiligten 
überliessen. Das letztere ist indessen unwahrscheinlich, weil 
die Ausdrücke „de equo suo locato" und „de locatione equorum 
suorum amborum" nicht darauf passen würden. Man wird um 
so mehr annehmen können, dass die Pferde tatsächlich von den 
Söldnern unterhalten wurden, als auch der Bote Kremer sein 
Pferd für derartige Zwecke gegen Entschädigung auslieh 4 . 

Die Zahl der Reisen, die von den Ratsherren ausgeführt 
wurden, ihre Dauer, Entfernung u. s. w. waren in den einzelnen 
Jahren natürlich verschieden, je nach den politischen Ereig- 
nissen und anderen Umständen. Ausschlaggebend für den Umfang 



zeichneten Worten ist über „Buunaru" mit Mühe der Name „Stergin" zu 
entziffern). 

Diese vier Proben, die durchaus nicht vereinzelt dastehen, sind ein 
neuer Beweis dafür, dass die Laurentsche Publikation der Stadtrechnungen 
ohne Benutzung der Originalrechnungcn eine wahre Legeudenbildung hervor- 
rufen könnte. 

! ) Aus der Stadtrechnung von 1390 (Laurent a. a. 0. S. 372, 5) sieht 
man, dass Heynchin Söldner war. 

-') Laurent a. a. 0. S. 388,». 

') A. a. 0. S. 198, 14: eidem Gcrardo de loeacioue equorum suorum 
amborum in anno preterito 9 m 7 ß per rel. — S. 198, 21: eidem Ricaldo de 
equo suo locato in Brab. bis Düren et Bunnam tempore regis G m 4 ß per 
rel. — S. 198,26: eidem Wilkino de equi suo locato in anno preterito 3 m 
propter Ranzen et alibi hinc inde per rel. — S. 198, 20: eidem (Euskin) de 
equo suo in anno preterito locato tres dies (Stergin) ad munendos concives 
nostros in regno, et quando arma posita fuerunt, Valkenburg (Stergin), Wit- 
heym (Stergin) et bis Juliam (Ja. Holtz) -1 m per rel. Ahnlich S. 199, 1,7. 

*) A. a. 0. S. 221,6,10,12. 



— 121 — 

dieses Reiseverkehrs waren insbesondere die Beziehungen zum 
Kaiserhof. Im Jahre 1338, aus dem die vollständige Rechnung 
vorliegt, wurden folgende Reisen ausgeführt: 

1. Bürgermeister Chorus mit einem Begleiter (Alexander) 
nach Prankfurt auf Einladung des Kaisers 1 . 

2. Ratsherr von Eichorn mit einem Begleiter (Alexander) 
nach Mainz zu einer Städteversammlung-. 

3. Bürgermeister Chorus, Ratsherr von Eichorn mit Be- 
gleiter (Alexander) nach Mainz 3 . 

4. Ratsherr von Eichorn mit Begleiter (Alexander) nach 
Coblenz zu Bürgermeister Chorus, von dort weiter nach Frankfurt 4 . 

5. Bürgermeister Chorus mit Begleiter (Alexander) nach 
Cöln zum Markgrafen von Jülich 5 . 

0. Bürgermeister Chorus nach Frankfurt (Aufenthalt 
5 Wochen ). 

7. Bürgermeister Chorus zum Markgrafen von Jülich 7 . 

8. Bürgermeister Chorus, Ratsherren Arnoldus Parvus und 
von Eichorn nach Jülich 8 . 

9. Ratsherren von Eichorn, von Endelsdorf und von Bongart '. 

10. Ratsherren oder Bürgermeister nach Birkesdorf und 
Nideggen 10 . 

11. Alexander nach Nideggen 11 . 

12. Ratsherr in Punt und Alexander nach Neuenhausen ,2 . 

13. Arnold Schiffelart und Alexander nach Limburg 13 . 

14. Arnold Schiffelart und Alexander nach Herzogenrath 14 . 
In diesem Jahre wurde also durchschnittlich jeden Monat 

etwa eine Reise ausgeführt. Man sieht übrigens, dass der eine 



') A. a. 0. S. 1211, i. 

-) A. ;t. (I. S. 12:!, 7. 

:i ) A. a. 0. S. 12:5. ii. 

') A. a. (). S. t23,u. 

5 ) A. a. 0. S. 123,21. 

') A. a. 0. S. 123,2i. 

7 ) A. a. (). S. 12 1, . 

8 ) A. a. Ü. S. 124,1,. 
'I A. a. O. S. 124,.,.. 

I0 ) A. a. O. S. 124,16. 

") A. a. O. S. 124,i7. 

') A. a. 0. S. 12 1. . 

1: ') A. a. (>. S. [28, . 

") A. a. (i. S. [36, . 



— 122 — 

Bürgermeister der Stadt mehr unterwegs, als in Aachen anwesend 
war. Sechs Jahre später, 1344, belief sich die Zahl derartiger 
Reisen auf 37, betrug also fast das Dreifache, während 1346 
nur 11 Reisen stattfanden. Der Reiseverkehr war also tat- 
sächlich sehr wechselnd; er schwankte ähnlich wie der Brief- 
wechsel in jener Zeit 1 . 

Ich glaube, in den vorstehenden Ausführungen den Nachweis 
erbracht zu haben, dass im 14. Jahrhundert ein ziemlich be- 
deutender Reiseverkehr in den Rheinlanden stattfand. Zwischen 
den Burgen und Städten sowohl, als zwischen den Städten 
untereinander reiste man häufiger, als man anzunehmen geneigt 
wäre; insbesondere war eins der Aachener Stadtoberhäupter — 
und in anderen Orten wird es nicht anders gewesen sein — 
fast beständig auf diplomatischen Reisen unterwegs. Die Damen 
der Ritter selbst scheuten sich nicht, häufige Reisen zu unter- 
nehmen ; bot doch die nächste grössere Stadt manche Zerstreuung 
und Gelegenheit zu Einkäufen jeder Art, Es fehlte auch in den 
kleineren Orten nicht an Wirtshäusern für die Unterkunft. Die 
Wegebesehaffenheit aber und die Strassensicherheit Hessen fast 
alles zu wünschen übrig-. Daher das allgemein verbreitete 
( leleitswesen. welches mehr oder minder zu einer Zollplackerei 
ausartete, von der jedoch die Ritter, in der älteren Zeit wenigstens, 
verschont blieben. Das Reisen war durchaus nicht ohne Kom- 
fort, aber doch nach unseren Begriffen herzlich unbequem, 
weil man in den federlosen Wagen arg durchgerüttelt wurde; 
daher überwog die Reiseart zu Pferde. An jeder Ecke lauerte die 
Gefahr eines Überfalls; als Schutz war gewappnete Begleitung, 
zum mindesten aber ein Schwert zur Verteidigung gegen plötz- 
liche Angriffe von mehr oder minder privilegierten Räubern nötig: 
alles in allem ein treues Abbild jener aufstrebenden Zeit, wo 
zwar eigene Tüchtigkeit, Kraft und Umsicht gleichwertig waren 
mit Erfolg und Vorwärtskommen, wo aber jeder, der sich nicht 
selbst zu helfen wusste, schutzlos allen Angriffen preisgegeben war. 



') Vgl. meine Ausführungen „Aachener Verkehrswesen bis zum Ende 
des 14. Jahrhunderts". Aus Aachens Vorzeit, Bd. XVIII. S. G5 ff. 



Kleinere Beiträge zur Geschichte von Aachen 

und Burtscheid, 

Vou Emil Pauls. (Fortsetzung.) 

III. Der päpstliche Pönitentiar Julianus, Bischof von 
Ostia, bewilligt mit Erlaubnis des Papstes der Äbtissin 
und dem Konvent der Cistercienserinnen in Burtscheid 
Erleichterungen in Sachen der Klausur und des Fleisch- 
te nuss es. Rom, i486, Februar 20. 

Kurz vor dem Frühjahr 1881 erhielten die Cistercienser- 
innen in Burtscheid von dem Kardinal Pileus als päpstlichein 
Bevollmächtigten die Erlaubnis, zuweilen entgegen der strengen 
Klosterregel Fleisch essen zu dürfen. Näheres über den Umfang 
dieser Erleichterung ist nicht bekannt. Es geht indes aus der 
hierüber von Ch. Quix veröffentlichten Urkunde hervor, dass auf 
eine Beschwerde der Burtscheider Äbtissin hin der Kardinal 
die Gültigkeit der erteilten Erlaubnis für jeden Einzelfäll von 
der vorherigen Zustimmung der Äbtissin abhängig machte 1 . 
Mehr als hundert Jahre später wandte sicii der Konvent in 
Burtscheid in ähnlicher Sache wiederum nach Rom. Seit un- 
vordenklicher Zeit, so behauptete er, hätten die Nonnen zu 
ihrer Erholung zuweilen ihre Verwandten und Bekannten 
ausserhalb des Klosters besucht. Die Besuche seien erwidert 
worden, oder gelegentlich eines Besuchs der Klosterkirche 
hätten die Angehörigen der Konventualinnen im Kloster ver- 
kehrt. Bei solchen Gelegenheiten sei es üblich gewesen, ausser- 
halb oder innerhalb des Klosters bei den Mahlzeiten Fleisch 
zu gemessen 2 , auch wohl einige Sachen zum eigenen Gebrauch 



') Ch. Quix, Reichsabtei Burtscheid S. 398, Urkunde 160 und 
ebenda S. 166. 

'-') Es wird nicht gesagt, ist aber selbstverständlich, dass von Fleisch- 
essen nur an den Tagen die Rede sein konnte, an denen in Laienkreisen der 



(ienuss von Fleisch gestattet war. 



— 124 — 

zurückzuhalten K Es seien aber den Konventualinnen Zweifel 
darüber aufgestossen, ob dies ohne Zustimmung des päpstlichen 
Stuhls angehe. Daher bäten sie um eine Entscheidung. So 
die Eingabe. Mit Erlaubnis des Papstes ging dessen Pönitentiar, 
der Bischof Julianus von Ostia 2 , in einem der bestehenden Sitte 
günstigen Sinne auf das Gesuch ein, hob aber die Notwendig- 
keit der jedesmaligen Einwilligung der Äbtissin ausdrücklich 
hervor. Für die Anschauungen in vornehmen Nonnenklöstern 
zu Ende des 15. Jahrhunderts ist die Urkunde bezeichnend. 
Strenge Klausur kannte man nicht, und selbst an höchster 
kirchlicher Stelle liess man, indem man die Verantwortlichkeit 
der Klosteroberin zuschob, mit Rücksicht auf die Zeitverhält- 
nisse zuweilen Milderungen der strengen Klosterregeln eintreten. 
Mehrere Jahrzehnte später regelte das Tridentinum die Vor- 
schriften über die Klausur und Ordnung in Frauenklöstern in 
einer Art, die Gesuche wie das der Abtei Burtscheid vom 
Jahre 1486 für alle Zeit ziemlich unmöglich machte. Nach- 
stehend folgt der Wortlaut der Urkunde. 

Julianus miseratioue divina episcopus Üstiensis dilectis in Christo 
abbatisse et inonialibiis ruouasterii sancti Johaunis baptiste Porcetensis Cister- 
ciensis ordinis Coloniensis dioccsis, salutem in domino. Ex parte vestra fuit 
propositum coram nobis, quod vos consucvistis, et alie mouiales eiusdera 
raonasterii, que pro tempore fuerunt a rnulto et tanto tempore citra cuius 
inicii memoria hominum non existat, consueveruut, de licentia predicte pro 
tempore existentis abbatisse monasterii prefati aliquibus diebns singulis 
annis et mensibus recreationis et consolationis gratia ad domos vestrorum 
et suorum parentum, eonsanguineorum et affinium ac aliorum amicorum loca 
honesta transferre, neenon cum eis extra dictum monasterium et in ipso 
monastcrio, cum ad illud dieta gratia recreationis scu consolationis, vcl 
ecclesiam eiusdem monasterii causa devotionis, iidem parentes, consanguinei, 
affines et amici accedunt, ac alias in eodem monasterio potus et eibi presertim 
carnium refectionem sumere nonnullaque bona pro usu vestro proprio retinere, 
quod tarnen dubitatis vobis non permittitur absque sedis apostolice dispen- 
satione et licentia spcciali. Quarc supplicari fecistis humiliter nobis super 
liiis per sedem apostolicam du oportuno remedio miserieorditer provideri. 
Nos igitur attendentes, quod ex aviditate esus carnium et bonorum pro usu 
vestro proprio, retentionis in vestri ordinis preiudicium id non postulatis, 
auetoritate domini pape, cuius penitentiarie curam gerimus, et de eius special] 



J ) Nonnulla bona. Es handelte sich hierbei hauptsächlich wohl nur 
um gegenseitig geschenkte Erinnerungen (Andenken) kleinerer Art. 
i Dieser Bischof Julianus wurde 1503 Papst. (Julius II. i 



— 125 — 

mandato super hoc vive vocis ornculo nobis facto, ut vos de licentia predicte 
et pro tempore existentis abbatisse monasterii prefati aliquibus diebus 
singulis annis et mensibus ad domos parentum, consanguineorum, affinium 

et aliorum aniicorura vestronun loca honesta transferrc et cum Ulis extra 
dictum monasterium et in ipso monasterio cum ad illud gratia recreationis 
seu consolationis seu ecclesiam eiusdem ipsi parentes, consanguinei, affines et 
alii amici predicti causa devotionis accesserint, ac alias in codem monasterio 
potus, eibi, prosertim carnium refectionem sumere ac nonnulla bona pro usu 
vestro proprio prout consuevistis retinere libere et licite possitis et valeatis, 
vobis ac cuilibet vestrum ac aliis monialibus dicti monasterii pro tempore 
existentibus licentiam, neenon dicte abbatisse premissa faciendi et concedendi 
facultatem impertimur ac vobiscum et cum dieta abbatissa, super premissis 
tenore presentium in perpetuum misericorditer dispensamus, constitutionibus 
apostolicis, statutis et ordinationibus, diffinitionibus et consuetudinibus nee- 
non monasterii et ordinis predictorum statutis cetcrisque contrariis non ob- 
stantibus quibuseunque. Datum Rome apud sanetum Petrum sub sigillo officii 
penitentiarie X kal. martii pontiticatus domini Inuocentii pape VIII. anno 
seeundo. 

König/. Staatsarchiv zu Düsseldorf. Urkunden der Reichsabtei Burt- 
scheid. Pergament. Original. SjJi'tz orales Siegel rot mit gelbem Wachs- 
näpfchen. Unter einem Baldachin Maria in :l / 4 Figur sitzend, darunter das 
päpstliche Schlüsselwappen. Umschrift: Sigillum officii sacri penitenciarie 
aplice. 

Auf dem Bug als Kanzleivermerk: A. de Calandrinis. Links im Bug: 
D. comiti quadraginta tribus. (?) N. de magistris. (?) J. d: C 23 und zwei 
Namen. 

IV. Drei Ablassbriefe zu Gunsten der Abtei Burtscbeid 
aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert. 

Im Düsseldorfer Staatsarehiv beruhen unter den Urkunden 
der ehemaligen Reichsabtei Burtscbeid zwei Ablassbriefe und 
ein Ablassverzeichnis 1 , die dem 14., 15. und 16. Jahrhundert 
entstammen und manches Bemerkenswerte bieten. Der älteste 
der Ablassbriefe, eine unter Benedikt XII. in Avignon von 
vierzehn Bischöfen ausgestellte Urkunde vom 11. Januar 1335 s 
wurde von Ch. C^nix schon 1S34 in seiner Geschichte der 
Reichsabtei Burtscbeid (S. 34:5 ff.) veröffentlicht. Der Ablass- 
brief gehört zu den nicht häufigen illustrierten Urkunden. Der 



') Urkunden der Reichsabtei Burtscbeid. Diese 3 Aktenstücke waren 

früher anter einer Nummer vereinigt, sind aber jetzl auf drei Nummern 

Verteilt. 

-') Vgl. über diese Urkunde: Aus Aachens Vorzeil Bd. XV, S. H8f. 



— 126 - 

Inhalt ist, soweit die religiösen Bedingungen in Betracht 
kommen, unter denen die Besucher der Abteikirche zum hl. 
Johannes einen unvollkommenen Ablass gewinnen konnten, von 
geringem Interesse. Aber das Ganze gewinnt dadurch bedeutend 
an Wert, dass Beziehungen zu Gerhard Chorus und seiner Frau 
Katharina zu tage treten. Gebete für die genannten Eheleute 
Chorus werden empfohlen, und ausser Verzierungen anderer 
Art weisen die Illustrationen die gemalten Bilder des Gerhard 
Chorus und seiner Gemahlin auf. Die Ablasserteilung kann 
daher wohl auf eine in Avignon erfolgte Anregung des in der 
Aachener Geschichte des 14. Jahrhunderts so berühmten Bürger- 
meisters Chorus zurückgeführt werden. Bei der Bedeutung des 
Gerhard Chorus für Aachen dürfte es sich empfehlen, einen 
Lichtdruck der Urkunde von 1335 anfertigen und vervielfältigen 
zu lassen. An der Hand eines solchen Lichtdrucks Hessen sich 
die Bilder, bei denen der Maler Porträtähnlichkeit angestrebt 
haben mag, erläutern und gleichzeitig einige Fehler des von 
Quix gebotenen Textes richtigstellen. Vorläufig lohnt es sich 
nicht, auf die Urkunde näher einzugehen. 

Von viel geringerer Wichtigkeit als die Urkunde von 1335 
ist ein Ablassverzeichnis aus dem 15. Jahrhundert. Das Ver- 
zeichnis 1 ist undatiert und weist weder einen Aussteller noch 
eine Unterschrift auf. Es besagt einfach, dass in der Abtei- 
kirche des hl. Johannes des Täufers in Burtscheid nach Ab- 
legung einer würdigen Beichte (omnibus vere penitentibus et 
confessis) eine grosse Zahl namhaft gemachter Ablässe gewonnen 
werden könnten. Dabei wird Bezug genommen auf eine in 
Heisterbach bestehende Bruderschaft. Die Klöster in Heister- 
bach und in Burtscheid gehörten beide dem Cistercienserorden 
an. Allem Anschein nach handelte es sich im vorliegenden 
Falle um Ablässe, die höheren Orts zu Gunsten der Mitglieder 
einer kirchlich bestätigten Bruderschaft innerhalb des Cister- 
cienserordens erteilt worden waren. Auf innerkirchlichem 
Gebiete bestand also, wie bei so manchen Klöstern, zwischen 
den Abteien Heisterbach und Burtscheid eine auf gemeinsam 
angenommenen Satzungen beruhende fromme Verbrüderung 
(Fraternität). Jeder weitere Anhaltspunkt hierüber fehlt im 



') Ein Pergamcnthlatt in Quart. Die Schriftzüge deuten auf die zweite 
Hälfte des 15. Jahrhunderts. 



— 127 — 

Verzeichnisse, dessen Aufzählungen von Ablässen hier unberück- 
sichtigt bleiben können. 

Das dritte Aktenstück, ein gedruckter Ablassbrief auf Perga- 
ment mit manchen eingefügten handschriftlichen Notizen, datier) 
vom 21. März 1508, ist wohl sicher einer der ältesten, wenn 
nicht der älteste gedruckte Ablassbrief, der sich für Aachen- 
Bnrtscheid erhalten hat. Mehrerer geschichtlicher Einzelheiten 
wegen empfiehlt sich ein kurzes Eingehen auf den Inhalt. Aus- 
steller ist Christan Bomhower, päpstlicher Kommissar und Vor- 
steher der Pfarrkirche in Ruien. Der Inhalt besagt, dass Papst 
Julius II. allen denjenigen, welche ihn in seinem Kampfe gegen 
die mit den Tartaren verbundenen Ruthenen unterstützen, aussei- 
reichen Ablässen das Recht bewilligt, nach ihrer Wahl sich einen 
Welt- oder Ordenspriester zum Beichtvater zu wählen. Dieser 
hatte ausgedehnte Vollmachten. Einmal im Leben, ferner bei 
anscheinend bevorstehendem Ableben (in articulo mortis), konnte 
er in manchen, sonst dem Papste vorbehaltenen Fällen die Los- 
sprechung- erteilen, auch ein vom Beichtkind abgelegtes Gelübde 
in ein anderes frommes Werk umwandeln. Durchgehends aus- 
geschlossen von dieser Begünstigung - blieben die Bedränger der 
kirchlichen Freiheit, des Papstes, hoher kirchlicher Würden- 
träger oder des Kirchenstaats, die „Fälscher von des Papstes 
Briefen" 1 und die Helfer der Ungläubigen (Türken). Von (ie- 
lübden konnte der Beichtvater nicht freisprechen, wenn es sich 
um Wallfahrten zu den Gräbern der Apostel Petrus, Paulus 
und Jakobus, oder um Ordensgelübde handelte. Im Rechte der 
freien Wahl eines Beichtvaters lag vor 400 Jahren eine ganz 
besondere Vergünstigung, da damals noch, von wenigen Aus- 
nahmefällen abgesehen 2 , die strenge Verpflichtung bestand, der 
Beichtpflicht im eigenen Pfarrbezirk zu genügen. Die Beschrän- 
kung der beichtväterlichen Gewalt in den namhaft gemachten 
Fällen (Verletzung der kirchlichen Freiheit u. s. w.) war voll- 
ständig durch die Zeitverhältnisse gerechtfertigt; auch gehörte 
vor der Kirchenspaltung das Gelübde einer Wallfahrt zu den 
Gräbern der Apostel zu den in höchstem Ansehen stehenden 
heiligen Gelöbnissen. 



') So nennt sie im 13. Jahrhundert der berühmte Kanzelredner Bert- 
hold von Re<;ensl)urg. 

-') Namentlich die Franziskaner hatten das viel angefochtene Privileg, 
überall Deicht zu hören. 



— 128 — 

Für die Geschichte der Abtei Burtscheid ist der Ablass- 
brief vom 21. März 1508 besonders dadurch von Wert, dass er 
die Namen sämtlicher Stiftsdamen enthält. Der Wortlaut folgt 
nachstehend mit unwesentlichen Kürzungen. 

Christianus Boruhower, decretoruin doctor, rector parrochialis ecclesie 
iu Euien, Tarbatensis diocesis . . . Julii . . . pape II. aecolitus, capellanus 
et eiusdem ac sanete sedis apostolice ad Maguntinenses, Colonienses et 
Treverenses provincias illaruraque ac Misnenses civitates et dioceses nuncius 
et commissarius . . . Notum faeimus . . . dass der Papst allen Christ- 
gläubigen in provineiis, civitatibus et diocesibus predictis quolibet habitan- 
tibus et coinmorantibus ac ad eas undeeunque confluentibus, qui durante 
triennio pro tutela partium Livonie in subsidium sanete cruciate contra 
ferocissimos Ruthenos hereticos et scisinaticos Tartarorum infidelium auxilio 
fretos, manus adiutrices iuxta nostrara ordinationem porrexerint, ultra 
plenissimas peccatorum indulgentias sacratissimi iubilei etiam centesimi ac 
alias plures gratias et facultates, quas ad hoc dispositi pro se ac certorum 
defunetorum animabus respective consequuntur de pleuitudine ac liberalitate 
potestatis apostolice niisericorditer concessit et voluit. Et tarn ipsi quam 
omnes et singuli eorundem parentes ac benefactores cum charitate defuneti 
in oranibus preeibus, suffragiis, elemosynis, ieiuniis, orationibus, missis, horis 
canonicis, diseiplinis, peregrinationibus et ceteris omnibus spiritualibus bonis 
que fiunt et fieri poterunt in tota universali sacrosaneta ecelesia militante 
ac omnibus membris eiusdem partieipes in perpetuum fiant. ü$3P~" 1 Et insuper 
viventibus indulsit, ut deineeps in aliis oecurrentibus aliquem idoneum 
presbyterum secularem vel cuiusvis ordinis regulärem in suum possint 
eligere confessorem, qui vita eis comite 2 in casibus dicte sedi reservatis 
(preterquam offeuse ccclesiastice libertatis, criminum heresis et rcbellionis 
aut conspirationis in personam vel statum Romani pontificis seu sedem 
predietam, falsitatis litterarum supplicationum et commissionum apostolicarum, 
invasionis, depredationis, oecupationis et devastationis terrarum et maris 
Romane ecclesie mediate vel immediate subiectorum, offeuse personalis in 
episcopum vel alium prelatum, prohibitionis, devolutionis causarum ad Roraa- 
nam curiam, delationis armorum et aliorum prohibitorum ad partes infidelium), 
semcl dumtaxat in vita. In aliis vero, quotiens fuerit oportunum, pro 
commissis sibi debitam absolutionem impendat et iniungat penitentiam 
salutarem; neenon Vota queeunque, ultramarino liminum apostolorum bea- 
torum Pctri et Pauli ac saneti Jacobi in Compostella neenon castitatis 
et religionis votis dumtaxat exceptis, in alia pietatis opera commutare 
valeat. Quodquc confessor, quem quilibet ipsorum clegerit, omnium pecca- 
torum suorum, de quibus corde contriti et ore confessi fuerint, etiam semel 
in vita et in mortis articulo quotiens ille imminebit, etiam si func cos 



') Im Original stellt hier ein Fingerzeig in Form einer Hand. 
So der Text. 



— 129 — 

decedere nun contingat, plenissimam remissionem eis auctoritate apostolica 
coneedere possit; sie tarnen, quod idem confessor satisfactionem alteri impcn- 
dendam faciendam iniungat et ex confidentia concessionis vel rcmissioni- 
predictarum nullatenns aliquid illicitum eommittatur. Quas quidem indul- 
gentias, gratias et facultates idem sanctissimus dominus noster papa vull 
ei decernit per quamcunquc suspensionem aut revocationem nequaquam 
nunc aut in futurum comprehendi, sed semper exceptas censeri debere proul 
in Litteris apostolicis desuper confectis plcnius continetur. 

El quia devote in Christo venerabiles 1 domina Kunigunda de Vernich 
abbatissa et Katharina de Bleens, ordinis Cisterciensis priorissa, ac cetere 
sanctimoniales monasterii sancti Johannis Baptiste Portzetensis, quarum 
nomina post tergum huius Uttere signata sunt et presentium dumtaxat, ad 
prctactum fidei catholice negocium iuxta surami pontificis intentionein et 
nostram ordinationem de bonis suis pie contribu«rwn^ ; ideo auctoritate 
apostolica prefata nobis commissa, ut dictis gratiis et indulgentiis uti, 
potiri et gaudere possint et valeant per presentes nostras litteras attestamur. 
Datum Aquisgrani sub sigillo nostro, quo ad hoc utimur, die vicesima primä 
mensis mareij anno domini millesimo quingentesimo octavo. . . . (Es folgen 
zwei vom Beichtvater zu gebrauchende lateinische Absolutionsformeln.) 
Handschriftlich auf dem Bug rechts : Wymmarus de Erhelenß decanus Aquensis, 
subcommissarius sedis apostolice subscripsit. Ferner handschriftlich auf der 
Rückseite des Ablassbriefes folgende Namen von Burtscheider Stiftsdamen: 

Margaretha de Lontzen, subpriorissa 

Maria de Berne 

Barbara de Birgelen 

Betronella Voes 

Maria \ , „ 
. \ de Ghoer 

Anna J 

Katharina de Lontzen 

Katharina \ 
, , > de Hauen 

Johanna ) 

Anna de Hoegthyrchen 

Lucia \ 

n ,, i Beyssel 

Aleii/is de Houltheym 

., . } de hiri/rfm 
Maria ) 

Agnes 1 , ,, 

w . > de r.iinetllun 
Maria J 

Eva \ 

., . . . } de Schaelßbergh. 

Cnsttna ) 

Königl. Staatsarchiv :u Düsseldorf. Reichsabtei Düsseldorf. Pergament. 
Siegel abgefallen. .1. d.: Littera indulgentiarum ob coutributionem faetam 
contra Etuthenos haereticos. 1508. C. c. 12. 



1 Das im Eolgenderi kursiv Gedruckte i t in der \ orlnge bnndschriftlicL eingetragen. 



— 130 — 

V. Revisionsbericht des Abtes Peter von Heisterbach 
über die Abtei Burtscheid. 1517, Juli 22. 

Zur Geschichte der Abtei Burtscheid liegen aus den letzten 
Jahrhunderten vor der französischen Fremdherrschaft mehrere 
Visitationsberichte vor 1 , die teils über die Vermögensverhält- 
nisse, teils über das Klosterleben in der Abtei interessante 
Aufschlüsse geben. Der älteste dieser Berichte 2 , in dem einzig 
die Vermögenslage zur Sprache kommt, 'wird nachstehend zum 
ersten Mal veröffentlicht. Hier einiges aus dem Inhalt. Visi- 
tator war unter Beihülfe des Priors von Walburgisberg aus 
Auftrag des Abts von Clairvaux der Abt der Cistercienserabtei 
Heisterbach. Bei der Revision lag ein von der Äbtissin Maria 
von Gülpen aufgestelltes Inventar vor. Maria von Gülpen war 
die Nachfolgerin der zwischen 1508 und 1517 gestorbenen 
Kunigunde von Virnich 3 , für deren Seelenruhe Exequien und 
30 Seelenämter gehalten werden sollten, wozu 30 Horner Gulden 4 
bereit lagen. Über das sonst vorhandene Bargeld schweigt 
sich der Bericht aus. Die abteiliche Kirche war reich an 
Reliquien, Kleinodien und anderen Kirchenschätzen, und auch 
in der Abtei mangelte es nicht an silbernen Bechern, Löffeln 
und dergl. Im ganzen geht der Bericht über das vorhandene 
Mobiliar mit wenigen Worten hinweg. Aus dem Schweigen 
über den baulichen Zustand der Kirche und des Klosters darf 
wohl auf befriedigende Verhältnisse geschlossen werden. Vom 
Brauhause wird gesagt, dass es durch eine Feuersbrunst gänz- 
lich zerstört und zur Zeit der jetzigen Äbtissin neu aufgebaut 
worden sei. Die Schulden der Abtei betrugen etwa 10 000 
Aachener Mark. Das in grossen Zügen angedeutete, hauptsäch- 
lich in Getreide bestehende Einkommen bezeichnet der Bericht in 
ziemlich unbestimmt gehaltener Fassung als wenig ausreichend. 
Auf das Einkommen waren angewiesen: Zehn Inhaber von Stifts- 
pfründen, IG Nonnen, 5 Novizinnen und die Dienerschaft des 
Klosters 5 . Ausserdem mussten aus dem Einkommen die laufenden 



') Düsseldorfer Staatsarchiv, Urkunden der Reichsabtei Burtscheid. 

-) Ebenda; Pergament. Original. Nur Bruchstücke der beiden Siegel. 
J. d.: E. E. 2. 

3 ) Vgl. vorstehend unter IV. 

') Vorlage: Floren. Hornens. Hornische Postulatus-Gulden waren i. .1. 
1494 am Niederrhein in Umlauf. Vgl. J. .1. Scotti, Jttlich-Berg Bd. 1, S. 11. 

5 ) Auch 1508 (vgl. unter IV.) waren 21 Stiftsdamen vorhanden. L)ic 
[nhaber der Stiftspfründen waren wühl zum Teil Laien, was früher häufig 



— 131 — 

täglichen Ausgaben anderer Art bestritten worden. Über weitere 

Einzelheiten gibt der hier folgende Wortlaut Auskunft. 

Nos frater Petrus, abbas vallis saneti Petri in Beysterbach, Cister- 
ciensis ordinis Coloniensis diocesis, anno domini millesimo quingentesimo 
septimo deeimo vicesima seennda mensis iulij existentes in visitatione 
monasterii Porcetensis, ordinis ac diocesis premissorum, vigore commissionis 
reverendissimi domini Claravallensis, venerabili domino priore monasterii 
montis sanete Walburgis in cadem nobis assistente, reperimus ibidem inven- 
tariam tale post novain creationem venerabilis dominc Marie de Gülpenn, 
predicti monasterii abbatisse ad cuius perdiligentem inquisitionem ei competens 
examen mobilium e1 immobilium bonorum, debitorum, vietaliciorum cum ceteris 
oneribus, uti per venerabilem prefatam dominam abbatissam nobis est presen- 
tatum. Inprimis in promptis peeuneis summam scilicei triginta florenorum 
Hornensium ad exequias, tricenaria anniversaria felieis recordationis venera- 
bilis domine abbatisse Cunegundis pro anime eiusdem salutc expositorum. 
Eeperiinus ecclesiam dotatam pluribus notabilibus reliquiis, clenodiis, monstran- 
ciis, magnis et parvis calicibus, ornamentis preciosis et quam nmltis aliis 
ad divinum eultum speetantibus, prout per registrum sacristie clarius videri 
potest. In abbatia phialas, ciphos argenteos, coclearia prout in registro 
abbatie liquide patet, sed proeh dolor invenimus dictum monasterium pondere 
multorura debitorum oppressum ac multipliciter aggravatum. In peeuneis 
quidem l J / 2 mill. 2'/ 2 cent. 39 floren. l J / 2 solidos monete Aqnensis, facientes 
11 mill. 2 cent. 31 marcas l 1 /* solidos 1 denarium eiusdem monete 1 , quorum 
solutionum summam reperimus per eandem dominam abbatissam anno, die, 
mense quibus supra ad summam 1 mill. 1 cent. 42 floien. 2 marc. 3 solid. 
5 den., item in 24 renensibus aureis, (de quibus potest (?) in G relevari) in 
quinquaginta sex floren. -1 marc. monete Aqnensis currentis quoad pensionem 
annuam sub reemptione per contractus. In bladis 19 modia siliginis etiam 
ad aunuas pensiones sub reemptione contraeta. Item braxatorium totaliter 
et in fundo eombustum et destruetum, et per eandem sepedietam venera- 
bilem dominam abbatissam reformatum et reedifieatum. In quo vietalicias 
decem prebendariorum utriusque sexus personarum, decem et sex virgines 
velatas, scolares quinque ad ipsius monasterii expensas residentes, preter 
familiam et quottidiana gravamina. Et reperimus monasterium sepedietnm 
in bladis, frumento, ordeo, avena et . . . et ceteris victualibus non benc 
provisum usque ad nova. Iu quorum omnium recompensam fuerunt quadra- 
ginta modia siliginis-, messes, census et pensiones Remigii ei Andree festi- 
vitatibus cedentia, quorum omnium summa registrationc bursariarum poteril 
perscrutari. In cuius robur, ödem ei testimonium sigillum nostrum abbatiale 
et similiter totius conventus Porcetensis duximus appendendum anno, die, 
mense locoque quibus supra. 



in Stiftern der Fall war. Scobires kann hier, wo es unmittelbar auf (einge- 
kleidete) Nonnen folgt, wohl mii Novizinnen übersetzt werden. Scbolaris: 
Puella, qnae ad vitam monasticam instituitur (Du Gange). 

1 Die Vorlage liai römische Ziffern, die liier entsprechend dem § -1 der Bestim- 
mungen über die Herausgabe handschriftlicher Texte Gesellschaft für Rlieini 
Geschichtskunde durch arabische Ziffern ausgedrückt werden. 
Vo lagi saliginis. 



— 132 — 

Kleinere Mitteilung. 

Berichte über abnorme Witterutigsverhältnisse 
der Jahre 1709 und 1740. 

Chroniken, Reisebeschreibungeu, Kalender und ähnliche litterarische 
Erzeugnisse früherer Jahrhunderte bieten nicht selten hie und da eingestreute 
Aufzeichnungen über abnorme Naturerscheinungen oder Witterungsverhält- 
nisse, die geeignet sind, zur Erforschung bedeutsamer meteorologischer Vor- 
gänge wertvolle Anhaltspunkte zu geben. Für Aachen und dessen Umgegend 
hat uns der Chronist des 18. Jahrhunderts, Janssen, in seineu durch von 
Fürth veröffentlichten „historischen Notizen" neben vielen interessanten Mit- 
teilungen über auffallende Einzelerscheinungen ausführlichere Berichte über 
die ausserordentlich strengen und lang andauernden Winter der Jahre 1709 
und 1740 hinterlassen. Seine Aufzeichnungen werden, insbesondere für das 
Jahr 1740. in willkommener Weise bestätigt und vervollständigt durch einen 
ähnlichen Bericht, welcher die entsprechenden Witterungsverhältnisse in dem 
den südlichsten Teil des heutigen Regierungsbezirks Aachen bildenden Kreise 
Schieiden eingehend beschreibt. Derselbe wurde von dem zu Blumenthal bei 
Schieiden ansässigen praktischen Arzte und Eisenhüttenbesitzer Dr. Job. 
Peter Wolgart 1 angefertigt und, zwischen Familiennachrichten und sonstigen 
Eintragungen eingeschaltet, auf das Vorsatzblatt einer heute im Besitz der 
Familie Virmond zu Hellenthal befindlichen Merianscheu Bilderbibel einge- 
tragen. Ein Vergleich der Wolgartschen Aufzeichnungen mit den Mitteilungen 
Janssens, welcher durch Abdruck beider Berichte auch dem Leser ermöglicht 
werden soll, ergibt für den Beginn und die Dauer der einzelnen meteorolo- 
gischen Erscheinungen eine mit Rücksicht auf die räumliche Entfernung und 
verschiedene Höhenlage der beiden Wettergebiete gute Üljereinstimmung; 
die kurzen Andeutungen über den Winter des Jahres 1709 in den Aufzeich- 
nungen Dr. Wolgarts werden durch den entsprechenden Bericht Janssens 
weiter ausgeführt, während über die Ursache der von letzterem am Schlüsse 
seiner Mitteilungen beschriebenen Wassersnot der ergänzende Wolgartsche 
Bericht Aufklärung gibt. Die ausführliche und bis zur Mitte des Jahres 
1741 gewissenhaft fortgesetzte Berichterstattung des Dr. Wolgart ist bezeich- 
nend für das nachhaltige Interesse an der Wetterbeobachtung, welches bei 
dem Schreiber durch die abnormen Verhältnisse des voraufgehenden Jahres 
geweckt worden war; seine Aufzeichnungen verraten auch in formaler Be- 
ziehung trotz der rein chronikalischen Anordnung der einzelnen Vorgänge, die 
sie mit dem Berichte Janssens gemeinsam haben, den stilistisch gewandteren 
und wissenschaftlich gebildeten Schreiber. Der Wortlaut der beiden Berichte 
ist folgender: 

1. Mitteilungen des Bürgermeisterdieners Janssens über die Witterungs- 
verhältnisse der Jahre 1709 und 1740-': 



•; Dr. Joli. Peter Wolgart, geb. 18. November 1677, gest 2. Juli 1741 zu Blnmen- 
tbal, studierte auf der Universität zu Duisburg, wo er am 30. April l7o;i den Doktor- 
titel erhielt. — vgl. Eugen Virmond, Geschiebte der Familie Virmond, S. 7 ff. 

'-' Vgl. von F Li rth, Beitrüge und Material zur Geschichte der Aachener Patrizier- 
Familien IM. Bd. - Die historischen Notizpn des Bürgermeistereidieners Janssen S. 31 
im I S. t.i tf. — Die hier angezogenen Stelleu aus der durch von Fürth huchstahengetreu 



— 133 — 

170!). Von b. .'! König abens an hatz gefroren, so stark, dass schon Maass 
und Rhein zu waren mit eis, dass man schon mit bar und wagen konl 
überfahren; sogar zu ßortscheid war der wanne weyer zu gefroren .... 
Das war die ursach von der teurnng, weilen die fruchten all befroren 
auf fehl. Wie fiele menschen seind befroren, beesten, gefögels fiel 
aus der luft und war stijf befroren. Dieser frost und grosse kalt 
daurte 7 und 8 wochen in einem stuck; diese teurung und grosse 
miserie daurde bis im octobris. 
1740 ein hirter winter. 

Dieser winter oder kälte fanget ahn umb die Christ heilige tag 
und daurte eine zeit von 7 und 8 wochen und war so hell es immer 
anno 1709 war; dan fiele menschen und fieg befror, so gar die fögel 
in der luft fielen dot uieder. . . . Den 3. april hat ein erwürdig capite' 
3 tag bett tag gehalten im minister zur abwendung die bevorstehende 
teuerung, böse krankheit und zu erhaltung der liebe feldfruchte; dan 
es war ein erschreckliches ahnsehen, und alles war deur und kein gelt 
bij de menschen; die herren haben im Grass brot gebacken, vor 8 mark 
<l;is brot; den bij die becker konnten die leut keins bekommen; sogar 
ein kau öl kost 16 mark. 

Und ist so grosse Kot unter menschen und fieg, dass fiele koüw 
beester, riuder und schaf sind gestorben von billiger; dan die arme 
leut hatten und konnten auch nirgend etwas bekommen, sie zu erhalten. 
Gott wolle es anderen! amen .... Und den '20. maij war noch nicht 
ein blatt auf keinen bäum, dan es schneiet und regnet al eben stark. 
•Den 22. maij hielten die capitelherren wieder bettag vor das wetter 
und hernach al pfarkirchen, und gott erhörte unser gebett, und das 

wetter ward besser und warmer Den 26. maij war es sehr warm 

und kam ein donner wetter, da es doch noch kein blatt aufm bäum 

war Den .j. junij war Pingsdag, und die blattcr fangen erst an 

zu wassen ; fiele nüssbaum und weinstöck sind diesen winter befroren .... 
Den 4. bis den 7. octobris hats so hell gefroren, dass alle bauin 
fruchten, apfel und bim, gans hart gefroren wann und verdorben.... 
Pen 19. decembris war ein erschrecklich gross wasser 1 , dass Maass und 
Rhein erschrecklich Hei schaden halten gedahn; so ist in hundert jähr der 
Rhein und Maass nit groosser gewesen. In Holland gingen oder borsten 
auf etliche platzen die dicken durch und versoffen wol 10 oder 12 
dorfer; dieses elend war nicht zu beschreiben, so schaden hats gedahn. 
2. Mitteilungen des Dr. Job. Pet. Wolgart über die Witterungs Verhält- 
nisse des Jahres 1740/41 '-': 

IT**» den 6. januarij auf könignachi ist solcher kalter winter eingefallen, 
dass der 170!) auch sich auf könignacht eingestehe!- nicht ist dar- 
gegen zu rechnen gewesen; dan diese kälte gegen die von 1709 achl 



publizierten Chronifc sind in ihrer Schreibweise den heute gültigen wissenschaftlichen 
Grundsätzen entsprechend geändert, 

1 Über dir Entstehung dieser Wassersnot Nähen i in dem Berichte des 
Dr. Wolgart. 

Der Abdruck des folgenden Berichtes wurde mir von dem jetzigen Besitzer 
der Bibel, Herrn Bugen Virmond zu Hellenthal, gutigst gestattet 

;t ) Vgl. hierzu den ausführlichen Bericht Janssens. 



— 134 — 

gerad heftiger sich eingefunden mit solchem starkem frost und immer- 
währendem tiefem schnee bis bald den monat meij aus, da der von 
1709 ohngefehr mit starkem frost und schnee gedauret sechs wochen. 
Alle grosse wässer, als Rhein, Hosell, Maass, Donaw und wo sie namen 
haben, seint stark zugefroren, dass keine schiff haben lange zeit 
darauf fahren können, bis das eis darinnen umb halben martij ohnge- 
fehr losgebrochen; und haben bis den 16. martij unsere reidwerker 1 
alle müssen im lande stilstehen, wiewoll das immerwährende schneien 
und hagelen mit grosser kälte bis bald den meij aus gewähret; das 
futter vors viehe ist allüberall also daraufgangen, dass durchgehends 
viel rindvieh und schaf bei schwärer teurung aller Sachen seint ge- 
storben; das körn hat gegolten 20 bis 24 cölnischer gülden, das maltz 
15 bis 16 gülden, die haber 8 bis 10 gülden; heu, grommet und stroh 
ist nicht vor gelt zu bekommen, welche teurung und klammigkeit 
aller Sachen bis noch den 1. jünij hin dauret, und gott weiss, was es 
weiter werden wird, da die kälte noch anhaltet und kein gemüs in 
den garten und sonsten überall nichts wachset; das rindvieh und 
schafe fallen noch täglich durchgehends in menge umb; wan sebon 
das rindvieh täglich mit der herde ausgehet, umb etwas weide zu 
haben, so dennoch gar gering ist, seint sie doch so matt und ausge- 
mergelt vom hunger, dass viele des abends mit kahren aus der weide 
müssen abgeholet werden und viele gleich dahinsterben. Die luft ist 
bis den letz mei aus so rauch und unfreuntlich gewesen, dass man 
insonderheit hier zu land keine kirsch-, äpfel-, bier-, prummen-, linden-, 
eschen- und eichenbaum hat ausschlagen gesehen, nur dass hin und 
wieder einige weiden- und büchenbaum ihr laub sehen lassen; kein 
gemües ist in den garten gewesen, asparagüs- hat beginnen hervor- 
zuschiessen, in summa, alles ist durchgehends kahl und bloss gewesen ; 
das körn und die haber aber haben sich bei genüglichem regen und 
Sonnenschein ziemlich beieinander gerafft und hervorgewachsen, wie 
auch das grass überall sich also in menge hervorgetan, dass man ein 
reiche ernde und viel heu vermutet; der grosse gott gäbe seinen 
gnadenreichen segen und gedeihen! Das viehe hat aber in freiem 
leide noch wenig zu weiden gehat, also dass das volk noch wenig 
nutzen von ihnen können bekommen, weil dasselbige ganz mager und 
ausgehungert und verkaltet gewesen. Klieren laub sichet man noch 
wenig, eschen- und eichenbäum haben ihr laub nicht eher ausgestosseu 
bis umb den 10. jünij; in summa, die kirschenbäum, äpfel-, bieren-, 
prummen-, linden- und eueren bäum haben auf eine nacht bei tem- 
perirtem wettcr ihr laub umb den 3. und 4. jünij häufig ausgestossen, 
und siebet man den 5. jünij hin und wieder etliche äpfel blut, gar die 



') reidwerker oder reit werk er = Hüttenwerke für die Aufbereitung von Eisen- 
erzen, ilcren Sammerwerke durch Wa sserräder betätigt wurden; bei eintretendem Frost, 
bei Wassermangel oder Wassersnot musste dalier der Betrieb derselben eingestellt 
werden. Die Entwicklung der einst, blühenden, erst seit I ss i in ,ler Anwendung des 
ursprünglichen Frischverfahrens erloschenen Eisenindustrie der Eitel, insbesondere 
des öchleidener Tales, ist eng verknüpft mit der Geschichte der heute zum Teil dort 
noch ansässigen Familien Sohoeller, Poensgpn, Virmond. Vgl. Bugen Virmond, 
Geschichte der Eifeler Eisenindustrie. Scbleiden 189tj. 

-i iispnrugus = Spargel. 



— 135 — 

scblccncnblüt ist ausblieben bis auf diesen pfingstag 1 , wann ehr selbige 

hin und wieder bei ziemlich guten wetter häufig herauskommen. Den 
10. jüni hat sich aber wiederum eine rauhe und kalte luft eingestellet, 
welche alles im Wachstum aufhaltet und scheinet zu verderben. Der 
sommer ist sehr schlecht worden und noch schlechter eingefallen der 
herbst, also dass in specie hierzulande den 9. und 10. octobris alle 
äpfel und bieren auf den bäumen in den zwei nachten wegen stark- 
fröstiger kälte scint befroren und verdorben, worauf sich den 12. dito 
der schnee mit starker kälte anhaltend eingestellet; und die abgemäbete 
haber ist im feld liegen blieben, die haber in die stoppelen abgefallen 
und verdorben; die Weintrauben seint überall befroren und verdorben, 
dass gar kein wein- ist gesamlet worden. Diese kälte hat (Hessen 
ganzen monat mit regen und schnee angehalten, dass die saat nicht 
woll hat können geschehen, und haben viel fehler unbesäet müssen 
liegen bleiben. Den t. novembris hat sich ineiner nacht solcher schnee 
eingestellet, dass man nirgend hat können handelet! noch wandelen 
noch mit einigem fahrwerk durchkommen, also dass man schwärlich 
von einem dort" zum anderen hat können kommen, und seint an unter- 
schiedlichen ohrten die beesten häufig umbgefallen, also dass hin und 
wieder etliche stalle ausgestorben. (Der stänke frost hat immer an- 
gehalten, dass auch darum den 8. dito die reitwerker (haben müss)en 
stillstehen, welches gewähret, bis dass den 11. und 12. dito alles 
wiederum (abgangen) mit starkem regen, dass der schnee und frost 
mehrenteils zerschmolzen (und) zergangen; der schnee aber hat sieh den 
13. dito wiederum häufig einge . . . ., dass alle wege wiederum unbrauch- 
bar worden, welches gewäret bis den 26. dito, .... ziemblich gelind 
wetter eingefunden, also dass den 1. deecrabris und fortan noch viel 
körn (ist gesäet) worden. Den 10. dito hat sich ein häufiger warmer 
regen eingefunden, wodurch (nach weichm)achen und schmelzen des 
schuees ein grosses gewässer ist erfolget; ist darauf das weiter etliche 
tage genüglich worden und hat beim lieblichen Sonnenschein gewäret 
bis den 17. decembris, worauf 2 tag durch der grosse regen sich 
wiederum eingestellet, also dass der noch übrige schnee in denen 
beuseheir' völlig los worden und dadurch ein solch gross gewässer 
de novo ist verursachet worden, dass auch den 19. dito des nachts 
3 hütten, als die Bellend ah ler, Kirseiffer und Gangforter ', haben müssen 
ausgehen, und seint vier brücken weggetrieben wurden, als allhier zu 
blommendahl die so genante neu gemachte kirchhoffs-, die Voessbachs- 
und zu Schieiden die Schleider und Gangforter brück 5 . Pen 21. dito 



1 I » • i- Pfingsttag des Jahres 174o fiel auf den ">. Juni. 

LJber die damalige Ausdehnung des Weinbaues im jetzigen Regierungsbezirk 
Aachen \y.\- Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins Bd. VII. S. 170 ff. und S 194 ff. 

; beusclien = Büschen. 

1 DieHellentbaler,E irschseiffener, Blumenthaler und Schh i ■ 1 « n-Gangfort er Hütte n 
waren die bedeutendsten des Oleftales; von den übrigen fünl eien noch die zu Olef und 
Gemünd erwähnt. Die meisten dieser ehemaligen Eisenwerke sind heute in Fabrik- 
imgewandelt. 

■'■ InV hier genannten, ober die Olef führenden Brücken /.u Blrtmentbal und 
Schieiden sind heute noch vorhanden. Über die Ausdehnung «Irs Hochwasserschadens 
vgl. die entsprechenden Stellen des Janssenschen Bericl 



- 136 — 

des nachts bat sich das wetter in kleinen schnee geändert, und hat 
sich das gewässer also völlig wiederumb verlaufen, dass des abends 
die werker wiederum seint angelassen worden zum eisserarbeiten. 
Gleich darauf hat sich das wetter in eine immerwährende genügliche 
regenzeit eingestellet, welches gedauret bis 1741 den 14. januarij, dass 
mau beinah eine frühlingszeit genossen. Den 15. dito hattes stark 
gefroren und den 16. zimlich geschneiet, den 17. stark geregenet, den 
18. dito hats wiederum stark geschneiet, dass die wege schier un- 
brauchbar worden, welches continuiret mit starkem frost und schnee 
bis den 28. dito, worauf sich schön genüglich frühlings wetter, ein- 
gestellet; selbiges hat continuiret bis den 8. februarij, wannehr sich 
harter frost eingefunden, wiihrete doch nicht lange, sonderen den 10. 
dito stellete sich wiederum ein frühlings wetter ein mit einem genüg- 
lichem regen 2 tag durch, worauf ein schön frühlings wetter mit lieb- 
lichem Sonnenschein erfolget bis den 27. dito, worauf ein kalter regen 
mit schnee untermengt erfolget bis den 1. martij, worauf sich ein zim- 
licher frost eingestellet bis den 26. dito mit schönem Sonnenschein, 
wannehr angefangen das wetter sich in eine dunkele luft mit schnee zu 
setzen, welcher den 28. dito sehr gross gefallen und angehalten mit 
frtiss bis den 30., woruach sich schön lieblich wetter eingestellet und 
gedauret bis den 3. april, worauf schnee und starker frost wieder 
eingefallen mit hellschönem wetter bis den 8. dito, worauf sich wiederum 
schnee und frost eiiigesteliet, also dass den 13. ein grosser schnee 
des nachts gefallen, welches gewähret bis den 16. dito, worauf bis den 
30. dito ein helles, trückenes wetter sich eingestellet mit kalten winden, 
worauf ein kalter regen eingefallen mit schnee und hagel, also dass 
der schnee dito mit execssiver kälte ein halben schuh hoch gelegen, 
welches gewähret mit einigem nachfrost, täglichem schneien, regen 
und unterweiligem Sonnenschein bis diesen monat aus, wornach es im 
junio sich angelassen, gutt wächsig wetter zu werden mit unterwei- 
ligem nachfrost und dounerwetteren bis den 12. jünij, worauf gut 
fruchtbar wetter gefolget bis den 21. dito, waunehr 3 tag nach- 
einander bis den 25. dito sich unleidlich kalt wetter mit heftigem 
nordwind und etwagigem frost eingestellet, worauf freuntlicb wetter 
gefolget mit lieblichem Sonnenschein bis den 3. jülij, worauf den 4. 
dito ein unerträgliche hitze sich eingestellet, dass man nicht gewust, 
wo man vor hitze bleiben solte, worauf nach noch 2 tägiger solcher 
hitze den 7. und 8. dito starke donnerwetter mit starkem regen und 
den 9. dito starker regen mit zimblicher kälte erfolget; den 10. dito 
hat sich wiederumb schön lieblich wetter eingestellet, .... 

Fr. Karl Becker. 



Erwiderung' *. 



Obschon ich nicht nur im Kreise hiesiger Geschichtsforscher, sondern 
auch öffentlich 2 erklärt hatte, dass ich die in der Feyschen Broschüre „Zur 



•) Anmerkung des Herausgebers: Für die Erwiderung und die nachstellende 
Antwort sind Lediglich die Verfasser verantwortlich. 

*) Volksfreund, Sonntag, den 24. September 1905, Nr. 220, Bl. 1. 



— 137 — 

Geschichte Aachens im in. Jahrhundert" (Aachen, L905) enthaltenen Angriffe 
auf meine Schrift „Die reformatorischen Bewegungen während des 10. Jahr- 
hunderts in der Reichsstadt Aachen" (Leipzig, 1900) widerlegen würde, hat 
Herr Pfarrer Schnock das Erscheinen meiner Verteidigungsschrift nicht 
abgewartet, sondern im 18. Heft dieser Zeitschrift eine Besprechung der 
Feyschen Broschüre gebracht. Dieses Verfahren berührt mich aber um so 
eigentümlicher, als ich als einer der Gründer, Mitarbeiter und Förderer des 
Vereins sicherlich ein grösseres Mass von Rücksichtnahme verdient b 

Im folgenden werde ich nur auf diejenigen Punkte der Broschüre Feys 
eingehen, welche der Kritiker in seiner Besprechung berührt hat. Vor allem 
ist es unwahr, dass ich die Wetzlarer Akten, die ich oft citiert habe, nicht 
selbst durchgearbeitet hätte. Ich kann im Gegenteil versichern, dass ich 
sie unter Berücksichtigung der Zeugenaussagen und der Einreden studiert habe. 

Eine der unrichtigen Auslegungen Feys ist sodann die Behauptung, ich 
hätte wegen der in Aachen fehlenden Urkunden und Archivalien über die 
Reforniationszeil gegen „das alte katholische Stadtregimenl eine grundlose 
Verdächtigung" erhoben. Habe ich damals (1. Mai L900) im Vorwort meiner 
Schrift gesagt, „es liege nahe, an eine absichtliche Beseitigung" 
der die Reformationszeit betreffenden Urkunden zu denken, so hat sich diese 
Vermutung inzwischen vollauf als richtig erwiesen. Aber „das alte 
katholische Stadtregiment" habe ich jener Tat nicht beschuldigt; wer mir 
das nachsagt, bleibt nicht bei der Wahrheit. Von den verschiedenen 
Gründen, welche für meine Ansicht sprechen, seien hier einige erwähnt. 

Es ist bekannt, welche Rolle der Vogtmajor Johann von Thenen um 
die Wende des Ib. Jahrhunderts in Aachen gespielt hat. In seinen Händen 
hatte -ich eine Fülle gerade die Reforraationswirren betreffender Schriftstücke 
angesammelt, insbesondere Korrespondenzen mit dem kaiserlichen und dem 
kurpfälzischen Hof, sowie mit zahlreichen weltlichen und geistlichen Würden- 
trägern. Diese Archivalien hätten uns nicht nur über die letzten Dezennien 
des 16. Jahrhunderts, sondern auch über zwei Jahrzehnte des 17. Jahr- 
hunderts mancherlei Aufschlüsse geben können. 

Wie die Prozessakten J 450/2H;0 im Kgl. Staatsarchiv zu Wetzlar 
berichten, sind diese Dokumente 1622 verbrannt worden. Die jülichsche 
Regierung verlangte nach dem Tode de- Vogts von Thenen von dessen Sohn 
vergeblich die Herausgabe der Korrespondenzen, Vogtei- und Meiereiakten, 
ferner einer „Deduction, was sich bei den Achischen verlauf in facto zu- 
getragen, als nemlich, wie sich die ketzereyen alhie cingetrungen, wie die 
tumulten entstanden und was hinzwischen in commissionibus und dergeleichen 
hendeln vurgelaufen" u. a. m. Johann von Thenen d. J. erklärte, erstere 
abgeliefert und die Deduction dem Rat zum Geschenk gemacht zu haben'. 
Alsdann verlangte der Pfalzgraf in seiner Eigenschaft als Herzog von Jülich 
das Konzept der Deduction und beschuldigte den jungen von Thenen ..einen 
grossen Haufen Schriften, damit woll eine Kamelie hätte mögen angefiillet 
werden", heimlich, bei verschlossenen Türen und Fenstern, in seinem Hause 
zum grossen Dennewald (Kleinkölnstrasse) zusammengetragen und „dar von 
ein gro-ses Feuer angezündet zu haben", welches zwei ganze Stunden brannte. 
Zwar musste der junge von Thenen das Verbrennen der Schriften zugeben, 
behauptete aber, das Konzept der Deduction sowie dir Sammelband mit 



') Diese Deduction Ui oicht mebr vorhanden, 



— 138 — 

Vogtei- und Meiereiakten sei nicht darunter gewesen ; ersteres habe sein 
Vater wahrscheinlich vor seinem Tode vernichtet. Gegen den Antrag des 
Klägers erkannte das Gericht am 6. November 1632 auf den Reinigungseid, 
den von Thcnen am 8. November 1632 leistete. Es liegt kein Grund vor, 
von Thenens Aussage als unwahr abzuweisen, und wir müssen es als fest- 
stehende Tatsache bezeichnen, dass zahllose Archivalien des 16. und 17. Jahr- 
hunderts in jenem zweistündigen Brand absichtlich beseitigt 
worden sind. 

Aber noch an anderer Stelle begegnen wir einer absichtlichen Besei- 
tigung von handschriftlichen Aachener Nachrichten des 16. Jahrhunderts. 
Der Schöffe Wilhelm von Wylre (geb. 1539, f 1601), welcher den wich- 
tigsten Abschnitt der reformatorischen Bewegung in Aachen durchlebte und 
1564 in den Schöffenstuhl eintrat, hat Aufzeichnungen hinterlassen, welche, 
wie die Aufschrift 1 besagt, anfänglich allerdings Gebräuche des Schöffen- 
gerichts schildern, später aber ganz so wie ein Tagebuch alle wichtigen 
Ereignisse in Aachen umfassen. Aus diesem Buche ist eine grosse Anzahl 
Blätter herausgeschnitten. Wer den gewaltsamen Eingriff getan hat, 
das lässt sich natürlich nicht bestimmen, ebensowenig sind seine Absichten 
und Gründe dafür anzuführen. 

Die Glaubwürdigkeit Peter a Beecks' 2 , für welche Schnock und Fey 
eintreten, ist durch seine so eingehend geschilderte und dabei doch unwahre 
Erzählung von Luthers Anwesenheit in Aachen längst erschüttert. Selbst 
Efaagen macht wiederholt auf Unrichtigkeiten bei a Beeck aufmerksam. 
Dazu kommt noch, dass neuerdings Herr Pfarrer Wolff :! mit zwingenden 
Gründen nachgewiesen hat, dass die ganze Erzählung a Beecks über Albrecht 
von Münster, wenn sie nicht als Legende anzusehen ist, sich jedenfalls nicht so 
zugetragen haben kann, wie a Beeck ausführlich berichtet. Auffallenderweise 
lialicn weder Fey noch sein Kritiker von dieser Arbeit Wolffs Notiz genommen. 

Schnocks Bemerkung, „ich schiene es dem Rat, Schöffenstuhl und Klerus 
uliel zu nehmen, dass sie nicht mit vollen Segeln in das Fahrwasser des 
neuen Glaubens hinübergegangen wären und die Aachener mitgezogen haben", 
ist ebenso unzutreffend, wie seine an diese Hypothese geknüpfte 
Äusserung: „Dies zeuge von mehr als kindlicher Auffassung" ungehörig ist. 

Unzutreffend ist auch, dass durch die 1544 eingewanderten flandrischen 
Weber, „weil die Leute unfähig waren", „die Aachener Waren geradezu in 
Verruf gebracht worden seien". Allerdings bringt Fey dafür einen schein- 
baren Beweis durch die fehlerhaft wiedergegebene Aussage des Johann 
von Siegen, doch stutzt sich diese auf Hörensagen und steht in direktem 
Widerspruch zu den übrigen Zeugenbekundungen. Fey hat diese wohlweis- 
lich verschwiegen. Er verschweigt auch, dass vor dem Jahre 1544 das 
„ \\ ü I lenw eher band werk abgenommen" hatte. Der Rat nahm gerade 
zur Hebung dieser Industrie die flandrischen Weber auf und stattete sie 
mit ganz aussergewöhnliehen Vorteilen aus. 



') Etzlich ohservationes ap dem Schöffengericht zu Aicb, Mrs. im Kgl. Staats- 
archiv zu Düsseldorf. 

'-) Nicht Peter ä Beeck, wie Schnock ihn nennt. 

; i Beitr. zu einer Reformationsgeschiohte der Stadt Aachen, in den Theologischen 
Arbeiten ans dem rhein. wissenschaftlichen Prediger-Verein, Tübingen 1905, lieft 7. 
Erschienen im Frühjahr lue:,. Vorhanden Im Aachener Stadtarchiv and in der Stadt« 
biblioi liek, 



— 139 — 

Wenn Key and Schnoek behaupten, mein Cital aus Haagen II, 137 
betreffs der Aachener Bürgerssöhne and Fabrikanten aus Artois and Flandern 
sei dort nicht zu finden, so haben sie entweder eine wörtliche Wiedergabe 
der Stelle bei Haagen im Sinne gehabt oder sieh nicht die Blühe gegeben, 
meinen Gewährsmann zu vergleichen. 

Eine andere unzutreffende Auslegung ist es, wenn Fey S. 50 zu meinen 
Ausführungen über den 1574 erfolgten Beschluss, wonach fernerhin Bekenner 
der Augsburger Konfession in Aachen zum Rat zugelassen werden sollten, 
behauptet, ich hätte hierzu auf .Meyer S. 464 hingewiesen. In Wirklichkeit 
habe ich mich — S. 25, Anm. 3 — auf Ritter J. S. 565 bezogen. 

Die einseitige Auffassungsweise Feys verführt ihn zu der durch 
nichts erwiesenen Behauptung, der „Coucubinarier* Kanonikus Bonifacius 
Colyu sei, um heiraten zu können, zum Protestautismus übergetreten. Schnoek 
fugt hinzu, es stehe nirgendwo verzeichnet, „dass der Protestantismus ihn 
von seinen Rockschössen abgeschüttelt habe". Wir haben es liier mit 
leeren Vermutungen zu tun. Ganz abgesehen davon, dass nach dem katho- 
lischen Kirchenrecht 1 ein Kanonikus, ein Bischof und sogar ein lürzbischof 
nach seinem Rücktritt vom Amt eine gültige katholische Ehe ein- 
gehen konnte, wenn er Dispens von der Verpflichtung zum Cölibal erhielt, 
i>t nicht der geringste Beweis für Colyns Übertritt zum protestantischen 
Glauben zu finden. Bonifacius Colyn ist aber keineswegs der einzigste 
Aachener Münsterstifts-Kanonikus, welcher resignierte und dann heiratete. 
Ich nenne aus den mir bekannten zahlreichen Fällen: Arnold Vlerninck 
(res. 1561), Johann von Eynatten (res. 1573), Matheis Vlerninck (res. 1577), 
Johann Pastoir (res. 1590), Franz von Mcrode (res. 1607) und Karl von 
Dobbclstein (res. 1628). Während wir aber von den meisten dieser n 
liierten Domherren nur wissen, dass Frau und Kinder katholisch waren, 
ist in dem Ehevertrag von Matheis Vlerninck 1584 ausdrücklich gesagt, 
Braut und Bräutigam seien katholisch. Die Maitresse- des Kanonikus Colyn 
war ebenso wie ihre mit diesem erzeugten Kinder katholisch. Von letzteren 
linden wir 1 .'>."> 1 zwei Töchter im Kloster zu Bilsen. 

Halten Schnoek und Key trotz vorstehender Tatsachen ihre Behauptung 
von dem übertritl Colyns zum Protestant isnius noch weiter aufrecht, so 
werden sie dafür Beweise zu bringen haben. 

Was nun endlich die von Fey behauptete, im Widerspruch zu allen 
bisherigen Forschungen stehende „Fortdauer der Blüte der Aachener 
Industrie" nach der Restitution der katholischen Herrschaft 1598 betrifft, 
so machen sich eine dürftigen Kenntnisse auf diesem Gebiete fühlbar; denn 
nur diese konnten ihn zu dem verfehlten Schluss verleiten. Bei seinen 
a nee Mi ciie n Beweisen passiert ihm das Missgeschick, dass er den „in Aachener 
Tuch gekleideten jungen Goethe" als Zeugen für die Blüte der 
hiesigen Tuchfabrikation citiert, während Goethe in Wahrheit und Dichtung 
erwähnt, sein Vater habe bei den Herren von Loeweuicb -'kauft. Wohl- 



i) Friedberg, Lehrbuch des katholischen und evangelischen Cirohenn 
5. Aufl., Leipzig 1903, S. 1">7. § .",4. — Hinschius, System des katholischen Kircheu- 
reclits. Bd. I, Berlin 1860, S. 117. § 15 und S. L59, § 19. Richter, Lehrbuch des katho- 
lischen und evangelischen Kirchenroehls, 8. Aufl., Lei) 

eys Heraus! 61, \- i ich ander. B fUr die Ver- 

wilderung der Sitten anti c d< m katholischen K Lerus m nennen, nehme i o h an und 
werde weite) Fälle in meiner im Herbst erscheint S lirift bekannt geben. 



— 140 — 

gemerkt, befand sich aber deren Tuchfabrik im Hause zur Krone 1 in Burt- 
scheid, und die Herren von Loewenich waren Protestanten. 

Für seine Behauptung - , die Nadelfabrikation sei iu Aachen fiir Deutsch- 
land gerettet worden, „während das protestantische Nürnberg sie an England 
abgeben musste", bezieht sich Fey auf eine zu Münster gehaltene Festrede, 
die aber ganz anders lautete 2 . An berufener Stelle in Nürnberg weiss man 
davon nichts. Noch im Jahre 1812 beschäftigte die Nürnberger Nadelfabrik 
von Gebr. Fleischhaner 300 Arbeiter. Hätte Fey ferner berücksichtigt, dass 
die Nürnberger Nadelfabrikation lediglich wegen Betriebsvorteile nach Lauf 
und Schwabach 3 bei Nürnberg verlegt wurde, und dass die Aachener Nadel- 
fabrikation nicht zu einem geringen Teile ihren Fortbestand den Protestanten 
Gebr. Pastor in Burtscheid verdankt, dass schliesslich die im 18. Jahrhundert 
aus der Panzermacherei hervorgegangene Nadelindustrie zu Iserlohn und 
Altena in Westfalen dem englischen Wettbewerb mit beispiellosem Erfolg 
begegnete, dann hätte er auch diesen Fehlschluss vermeiden müssen. 

Für den Niedergang der Aachener Kupfer(Messing)industrie will Fey 
den Stadtbrand verantwortlich machen und glaubt nicht an eine Blüte im 
16. Jahrhundert. Nun ist mir aber urkundlich folgendes bekannt. Allein 
der Kupfermeister Gilles von der Chamen, der in der 1. Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts in Aachen lebte, lieferte jährlich 20,000 Kupferkesscl und 100,000 £t 
Draht, und während im Jahre 1559 dem Kupferambacht (Rotschmiedezunft) 
4 Greven und 64 Ambach tsmeister 4 angehörten, war diese Zahl 1669 auf 7 
Meister gesunken, und 1723 brannte in Aachen kein Schmelzofen mehr. Da- 
gegen stand damals die Kupfer- oder richtiger Messingfabrikation der aus 
Aachen verwiesenen Protestanten in Stolberg und Eschweiler in höchster 
Blüte, und sie hat sich dort erfolgreich bis auf die Gegenwart erhalten. 

Mögen diese kurzen Hinweise genügen, um zu zeigen, dass „die schweren 
Anklagen", die Fey gegen meine Reformationsgeschichte erhoben hat, durch- 
aus nicht, wieSchnock meint, „zum grossen Teil unwiderleglich erhärtet" sind. 

Aachen, den 17. Juni 1906. H. F. Macco. 



Antwort auf die vorstehende „Erwiderung" des Herrn 

H. F. Macco. 

Herr Macco fühlt sich als „einer der Gründer, Mitarbeiter und Förderer 
des Vereins Aachens Vorzeit" unangenehm davon berührt, das ich, ohne 
seine Verteidigungsschrift abzuwarten, „eine Besprechung der Feyschen 
Broschüre gebracht habe". Da, ich nun weder „aus den Kreisen hiesiger 
Geschichtsforscher", noch aus dem „Volksfreund" Kenntnis davon erhalten 
hatte, dass Herr Macco sich mit dem Gedanken trug, „die in der Feyschen 



') Heute Tuchfabrik von A. Kleinschnitt in der Hauptstrasse. 

-) in seiner Festrede sagte Prof. Dr. Finke: Die Herstellung der Nadeln ist von 
Nürnberg nach England verpflanzt worden, nur Aachen hat diesen Gewerbzweig 
für Deutschland gerettet, aber seine Erzeugnisse müssen meist unter englischer Marke 
auf den Welt markt gehen. 

Die Nadelfabrikation in Schwabach steht heute noch in hohem Ansehen. 
' i . der bedeutendsten dortigen Fabriken ist die Firma Staedtlor & Uhl, Inhaber 
Knmmcrzienrat Stach Irr. 

1 Die e Kupfermeister waren last alle protestantisch. Von ihnen unterschrieben 
in im .lallte L559 die Petition iler Aachener Protestanten an den Reichstag. 



— Hl — 

Broschüre enthaltenen Angriffe gegen seine Schrift zu widerlegen", so 
muss meinerseits der zum Ausdruck gebrachten Empfindlichkeit jede Be- 
rechtigung abgesprochen werden. .Meine Besprechung hat unter höchsl 
einfachen Umständen das Tageslicht erblickt. Herr Fey hatte die Freund- 
lichkeit, mir seiner Zeit ein Exemplar seiner Schrift zuzusenden. Da ich 
nun zufällig Herausgeber der Zeitschrift „Aus Aachens Vorzeit" bin, so 
glaubte ich in der mir erwiesenen Aufmerksamkeit den Wunsch, eine Be- 
sprechung der Broschüre in dieser Zeitschrift herbeizuführen, ausgedrückt 
zu sehen. Um auch den Schein voreiligen Handelns zu vermeiden, wandte 
ich mich an den Vereinsvorsitzenden mit der Bitte, hei den einzelnen .Mit- 
gliedern des Vorstandes über die Opportunität einer Besprechung der Key- 
sehen Broschüre Nachfrage zu halten und mir das Ergebnis mitzuteilen. 
Nach einiger Zeit erhielt ich die Nachricht, dass von den Herren, mit denen 
er gesprochen, keiner gegen die Veröffentlichung einer Besprechung in der 
Vereinszeitschrift etwas einzuwenden gehabt habe. Daraufhin machte ich 
mich an die Abfassung der Besprechung und schickte sie, wie üblich, dem 
wissenschaftlichen Ausschuss, der ausser mir aus dem Vereinsvorsitzenden 
und Herrn Dr. Brüning besteht, ein. Beide Herren erklärten schriftlich 
ihre Zustimmung zum Abdruck derselben in der Zeitschrift. Damit dürfte 
die Maccosche Empfindlichkeit als grundlos erwiesen sein. 

Was nun die in der „Erwiderung" vorgebrachten sachlichen Wider- 
legungen anbelangt, so hätte ich streng genommen gar keine Veranlassung, 
auf dieselben einzugehen, da sie sich weit mehr gegen die Feysche Broschüre 
als gegen meine Besprechung richten. Ich hätte es ruhig Herrn Fey über- 
lassen können, sich in seiner Antwort auf die in Aussicht gestellte Ver- 
teidigungsschrift des Herrn Macco mit denselben zu befassen, ich hätte das 
um so eher tun können, als ich nach dem, was voraufgegangen ist, unbedingt 
annehmen musste, dass die Abrechnung gründlich ausfallen würde. Wenn 
ich nun trotzdem auf die „Erwiderung" eingehe, so geschieht es, weil einmal 
Herr Macco mir die Arbeit über alles Erwarten leicht gemacht hat, und weil 
sich andererseits so wieder einmal Gelegenheit bietet, die Maccosche Arbeits- 
weise ins richtige Licht zu stellen. 

Ad I. Ich habe in meiner Besprechung hervorgehoben, das-; Key seine 
Ansicht, Macco habe „die Kammergerichtsakten, auf die er wiederholt Bezug 
nimmt, nicht selbst studiert", an einem eklatanten Beispiel, das er Seite 18, 
Anmerkung 3 anführt, nachgewiesen und begründet habe. Was hätte nun 
für Macco näher gelegen, als auf den Fall einzugehen und ihn in seiner 
„Erwiderung" zu widerlegen? Dieser Mühe überhebt er sich und behaupte! 
einfachhin, er habe die Akten doch selbst studiert. Hier steht also einer 
begründeten Ansicht eine leere Behauptung gegenüber. 

Ad II. Macco wehrt sich sodann gegen Keys Behauptung „er (Macco) 
hätte wegen der in Aachen fehlenden Urkunden und Archivalien über die 
Reformationszeit gegen das katholische Stadt r e g i nie nt eine grundlose 
Verdächtigung erhoben". Da ich in meiner Besprechung nur die Feysche 
Zurückweisung der Maccoschen Behauptung einer absichtlichen Be- 
seitigung betont habe, von einer Verdächtigung des katholischen 
Stadtregiments aber kein Wort gesagl habe, so i-t der ganze bezüg- 
liche Passus in der Maccoschen „Erwiderung" auf meine Besprechung gegen- 
standslos. Nichts desto weniger will ich einen Augenblick bei den be- 



— 142 — 

treffenden Ausführungen Maccos verweilen und mich dabei auf den Stand- 
punkt des angegriffenen Herrn Fey stellen. Es ist richtig, Herr Macco, Sie 
haben das alte katholische Stadtregiment nicht direkt der absichtlichen 
Vernichtung des Archivs beschuldigt, aber Sie haben sich so — ob bewusst 
oder unbewusst will ich dahin gestellt sein lassen — ausgedrückt, dass Ihre 
„naheliegende" Mutmassung einen andern Schluss nicht zulässt. Man mag 
über a Beecks (nicht ä Beeck; besten Dank für die freundliche Belehrung) 
und Noppius' Schriften bezüglich ihres Wertes denken wie man will; so viel 
steht fest, dass sie dieselben ohue das Stadtarchiv nicht so verfassen konnten, 
wie sie uns vorliegen. Beide nehmen auch ausdrücklich auf das Stadtarchiv 
Bezug. Seit ihrer Zeit ist das Stadtregiment ununterbrochen in katholischen 
Händen gewesen. Dass aber ohne Einwilligung des Rates eine Vernichtung 
von Archivbeständen hätte stattfinden können, ist einfach undenkbar. Dass 
die durch von Thenen jun. vernichteten Schriftstücke, die der Herzog von 
Jülich als sein Eigentum reklamierte, ebensowenig mit dem St ad t- 
archiv — und um dieses handelt es sich ausschliesslich — etwas zu tun 
haben, wie das von dem Schöffen von Wylre angelegte Notizbuch, bedarf keiner 
besondern Erwähnung. Übrigens beweist die von Ihnen, Herr Macco, au- 
geführte Tatsache, dass der Rat sich von dem von Thenen ein auf die 
Reformationszeit bezügliches Werk schenken Hess, zur Genüge, dass es dem 
Rat nicht um Ve r n i c h t u n g , sondern um Vc r v o 1 1 s t ä n d i g u n g des Archiv- 
materials zu tun war. 

Wenn jemand Mutmassungen aufstellt, die in ihren Konsequenzen un- 
bequem sind, so trifft die Schuld nicht den logisch richtig denkenden Leser, 
sondern deren Autor. Wer die Tragweite seiner Worte zu übersehen nicht 
im Stande ist, der täte am besten daran, wenn er sich in goldenes Still- 
schweigen hüllte. 

Ad III. Dass bei a Beeck sich Irrtümer vorfinden, sollte Sie doch am 
wenigsten aufregen; oder sind nicht Ihnen auch solche in Ihren eigenen 
Veröffentlichungen nachgewiesen worden? Die Glaubwürdigkeit a Beecks 
wird durchaus nicht durch seine Angaben über Luthers Aufenthalt in Aachen 
erschüttert, auch dann nicht, wenn sich nachträglich herausstellen sollte, dass 
er sich in diesem Punkte geirrt hat. Was die Angaben Wollfs anbelangt, 
so muss ich auf die Rezension Locrschs im letzten Baude der Zeitschrift 
des Aachener Geschieh ts Vereins verweisen. 

Ad IV. Ich komme nun zu einem Punkte, wo die „Erwiderung" bei 
der Sache geblieben ist, d.h. sich lediglich gegen meine Besprechung wendet. 
Macco schrieb in seinen „reformatorischen Bewegungen" : „So wurde Aachen 
durch die gemeinsamen Bestrebungen des Rats, Schöffenstuhls und Klerus 
gewaltsam den Segnungen des neuen Glaubens entzogen." Daranknüpfte 
ich die im Tenor der Maccoschen Jeremiade begründete Bemerkung, Macco 
schiene es dem Bat, Schöffenstuhl und Klerus übel zu nehmen, dass sie nicht 
mit vollen Segeln in das Fahrwasser des „neuen" Glaubens hinübergegangen 
wären and die Aachener „mitgezogen hätten". Aul' diese Bemerkung „erwidert" 
Macco, und was „erwidert" er? sie sei „unzutreffend". Mehr kann man von 
einer „Erwiderung" nicht verlangen. Ist aber meine Bemerkung begründet, 
dann ist, meine weitere Äusserung: „Die Maccosche Darstellung zeuge von 
einer mehr als kindlichen Auffassung" nicht „ungehörig", sondern voll und 
ganz am Platze. 



- 143 — 

All V. Nunmehr wendet sieh Macco wieder Fey zu, der behauptcl hat, 
dass durch dir 1544 eingewanderten flandrischen Weber, „weil die Lcntc 
unfähig waren", die Aachener Waren geradezu in Verruf gebracbl wordi n 
seien. Diese Angabe nennt Macco wieder einmal „unzutreffend". In Wirk- 
lichkeit ist sie aber durchaus korrekt. Was zunächst die von Fey angeblich 
„fehlerhaft" wiedergegebenen Aussagen des Zeugen von Siegen anbelangt, o 
sind darin nach einer freundlichen Mitteilung Keys allerdings zwei Schreibfehler 
untergelaufen, die aber den Sinn keineswegs entstellen. Statt „nuges" mnss es 
„nuyes" und statt „verhandert" „verhandirt" heissen. Im übrigen aber sind die 
auf die flandrischen Weher bezüglichen Zeugenaussagen korrekt und vollstän- 
dig angegeben. Wenn in den Akten sich günstige Aussagen über diese Leute 
nicht linden, so ist das doch nicht die Schuld ihrer Benutzer. Die Aussage 
des von Siegen stützt sich allerdings auf „Hörensagen", aber der Erzähler 
war kein anderer als Adam von Zevel. Die anderen Zeugen (vgl. z. 11. die 
Aussage Langbauch S. 14) sagen in gleichem Sinne aus. Her von Wien, er- 
hobene schwere Vorwurf, Fey habe den Niedergang des Aachener Handel- vor 
1544 verschwiegen, widerlegt sich von seihst durch den bei Vry S. 14 zu lesen- 
den Satz: „Der Rat hatte gehofft, durch die fremden Arbeiter den Handel 
der Stadt, der in jenen Zeiten arg gelitten hatte, wieder zu heben." 

Ad. VI. Es bleibt dabei, Herr Macco, das, was Sie (S. 7) aus Haagen 
(II, 137) herausgelesen haben wollen, steht dort ebensowenig, wie anderswo 
bei Haagen. Im folgenden liefert Macco den Beweis, dass er nicht lesen 
kann, was er seihst hat drucken lassen. Bei Macco (S. 2">) heisst es: „Der 
Rat fasste den Beschluss, fernerhin auch Protestanten der Augsburgischen 
Konfession wegen ihrer hervorragenden kaufmännischen Tüchtigkeit, ihres 
Reichtums und Ansehens zum Rate zuzulassen" 2 . Dazu schreibt er in Fuß- 
note 2: „Der Erlass des Rates ist bei Meyer S. 464 abgedruckt." Wer das 
liesst, muss der nicht mit Fey glauben, ein Excerpt aus dem Ratsbeschluss 
vor sich zu haben, und wenn er dann von alledem hei Meyer kein Wort findet, 
muss er dann nicht mit Fey die ganze angeführte Beschlussbegründung lediglich 
für ein Erzeugnis der Maccoschen Phantasie halten? Trotz dieses klaren Sach- 
verhaltes hat Macco in seiner „Erwiderung" die beispiellose Kühnheit, zu be- 
haupten, er habe sich nicht auf Meyer S. 464, sondern auf Bitter I, S. 565 be- 
rufen. In der Tat hat sich Macco auf Kitter berufen, aber nicht in der Fussnote 
zu obigem Satze, sondern in einer Fussnote :; zu dem folgenden Satze: „Man ver- 
sprach sich von ihrer Aufnahme eine Hebung des Handels und dadurch günstige 
Bückwirkung auf den Wohlstand der Stadt und die städtischen Finanzen*." 

Ad VII. Kein Mensch wird von mir erwarten, dass ich mich mit Herrn 
Macco in eine kirchenrechtliche Auseinandersetzung einlasse. Dazu fehlen 
ihm die elementarsten Vorbedingungen, wie sich schon sattsam allein aus 
der köstlichen Steigerung — Kanonikus, Bischof und sogar Erzbischof 
in dem bei ihm zu lesenden Znsammenhang ergibt. In dem Falle „Bonifaz 
i'olyn" kommt es lediglich darauf an. ob er Priester "der aber, was damals 
nur zu oft vorkam, blos Pfründner ebne eine höhere Weihe war. War 
Colyn Priester, dann konnte er seine Concubine nur nach geschehenem Abfall 
vom (Hauben, vor einem protestantischen Prediger heiraten. Dasselbe gill 
auch von den anderen bei Macco angeführten Stiftsherren, die auf ihre 
Pfründe resigniert und dum geheiratet haben sollen. 

Ad VIII. Fvy widerspricht S. 71 seiner Broschüre der .nicht selten 



— 144 — 

gehörten Ansicht, dass mit der protestantischen Herrschaft auch die Blüte 
der Aachener Industrie ihr Ende gefunden habe". Er führt als Zeugen 
seiner Ansicht, dass wie beim Ausgang des Mittelalters, so auch um die Mitte 
des 18. Jahrhunderts der Ruf des Aachener Tuches noch ein guter war, 
„den in Aachener Tuch gekleideten jungen Goethe" au. Macco kann über- 
haupt keinen Widerspruch ertragen; Fey hat es gewagt, einer landläufigen 
Ansicht, die auch von Macco geteilt wird, zu widersprechen. Was ist nun 
natürlicher, als dass dem bescheidenen Gemüte Maccos sich sofort Feys 
„dürftige Kenntnisse auf diesem Gebiete" aufdrängen? Infolge dieser „dürf- 
tigen Kenntnisse" „passiert denn nun auch Fey das Missgeschick", dass er 
den jungen Goethe in Aachener statt in Burtscheider Tuch gekleidet 
einher gehen lässt. „Wohlgemerkt, so hebt Macco an, befand sich die Fabrik 
der Herren von Loewenich, bei denen Goethes Vater einkaufte, im Hause zur 
Krone in Burtscheid, und die Herreu von Loewenich waren Prote- 
stanten. Also der protestantische Burtscheider Tuchfabrikbesitzer 
wird als Zeuge für die Fortdauer der Blüte der Aachener Industrie 
nach der Wiederherstellung der katholischen Herrschaft im Jahre 1598 
angerufen! Eklatanter konnte doch Fey seine „dürftigen Kenntnisse auf 
diesem Gebiete" nicht an den Tag legen! Gemach, Herr Macco! Ich glaube 
nicht fehl zu gehen in der Annahme, dass Feys persönliche Erinnerungen 
ungefähr so weit zurückgehen wie die meinigen, und dass er nach diesen so 
gut, wie ich, wusstc, dass die Herren von Loewenich in Burtscheid wohnten 
und Protestanten waren ; ja ich habe sogar triftige Gründe anzunehmen, 
dass dem Herrn Fey das im Jahre 1878 herausgekommene Buch: „Geschichte 
der Loge zur Beständigkeit und Eintracht in Aachen", wo auf S. 188 Ihre 
grosse Entdeckung gedruckt steht, wohl bekannt war. Aber Herr Fey hat 
in seiner Broschüre nicht von den Herren von Loewenich gesprochen, sondern 
vom guten Ruf des Aachener Tuchs, und davon konnte er mit Fug und Recht 
sprechen. Wie heute noch, kamen auch damals die in Burtscheid gefertigten 
Tuche und Nadeln als Aachener Ware in den Handel. Die Vorzüglichkeit 
der in Aachen gefertigten Ware kam auch der Industrie des Nachbarortes 
zu gute. Man benutzte dort den guten Ruf der Aachener Ware zum 
gewinnreichen Vertrieb des eigenen Fabrikats, quod erat demonstrandum. 
Zum Übcrfluss sei noch bemerkt, dass das Aachener Wollenainbachts-Gericht 
auch in Burtscheid die Tuchkontrolle hatte. 

Ad IX. Dass Fey die Stelle aus der Rede von Professor Finke sinn- 
gemäss benutzt hat, ergibt sich aus dem von Macco gegebenen Auszug. 

Ad X. Soweit ich sehe, hat Fey nirgendwo behauptet, dass die Messing- 
industrie im IG. Jahrhundert in Aachen nicht geblüht habe, sondern nur, 
d;iss eine Zeit, die das Marktbrunnenbcckeii und das Domgeläut hervor- 
gebracht hat, eine Zeit der Blüte der Metallindustrie war, wenigstens, was 
den Kunstguss anbetrifft. 

Ans diesen Darlegungen gebt von neuem zur Genüge hervor, dass die 
schweren Anklagen, die Fey gegen die Maccosche Schrift erhoben hat, zum 
grossen Teil unwiderleglich erhärtet sind. Der Redaktionsausschuss erachtet 
hiermit die Auseinandersetzung für beendet. 

Aachen. Heinrich Schnpck. 

Verlag der Crerner'schen Buchhandlung (ü. Cazin) in Aachen. 

Druck von Hermann Kaatzer in Aachen. 




Aachens Vorielt 



Mitteilungen 
„Aachens 




des Vereins 
Vorzeit". 



Nr. 10/12. 



Im Auftrage des wissenschaftlichen Ausschusses 
herausgegeben von Heinrich Schnock. 

1906. 



Neunzehnter Jahrgang - . 



Inhalt: J. Kleinermaims, Die evangelischen Heiligtümer in der früheren reichsabtei- 
lichen Benedictinerkirche, nunmehrigen Pfarrkirche, zu Cornelimünster. — A. Jardon. 
Vergleich zwischen der Aacliener und Cölner Mundart. (Forts.) — Kleinere Mitteilung: 
Aachener Drohbriefe des 18. Jahrhunderts. — Bericht über die Monatsversammlungen 
und Sommerausflüge. — Bericht über das Vereinsjahr 1905/06. 

Die evangelischen Heiligtümer 

(das Sehürztueh, Grabtueh und Sehweisstueh unseres Herrn Jesu 
Christi) in der früheren reiehsabteiliehen Benedictinerkirche, nun- 
mehrigen Pfarrkirche, zu Cornelimünster. 

Von ,T. Kleinermanns. 

Die frühere Benedictinerabteikirche, die jetzige Pfarrkirche 
in Cornelimünster an der Inde, besitzt in ihrem reichen Reliquien- 
schatze 1. jenes Linteum oder Schürztuch, womit sich der gött- 
liche Heiland bei dem letzten Abendmahle umgürtet und seinen 
Jüngern die Füsse abgetrocknet hat (Ev. Jon. 13, 5); 2. die 
Sindon munda oder das Grabtuch, worin Joseph von Arimathaea 
und Nicodemus den Leichnam unseres Erlösers eingehüllt und 
in das Grab gelegt haben (Ev. Joh. 19, 40, Math. 27, 59) und 
3. das Sudarium 1 oder das Sehweisstueh, welches das Antlitz 



l ) Die Ausdrücke Sudarium und Sindon sind später vielfach promiscue 
gebraucht worden und zwar darum, weil das Sudarium zur Sindon bezw. 
die Sindon zum Sudarium gehörig betrachtet wurde, vgl. Flosa, Q-i 
Nachrichten über die Aachener Heiligtümer, Bonn 1855. S. 18. Das älteste 
Aachener Reliquienverzeichnis aus der Zeit von 876- 1075 bei duSaussay, 
Annal. eccl. Aurelian. Paris 1615 p. 278—280 kennt nur das Sudarium. 
vgl. hierzu Morel, Le Saint Suaire de Saint Corneille de Compiegne. 1904 
p. 15 und 54 und Teich mann. Aachen in Philipp Mouskets Reimehronik in 



- U6 — ■ 

des göttlichen Erlösers im Grabe bedeckte (Ev. Job. 11, 14 
und 20, 7). Für die Zeit, wann diese Heiligtümer nach 
Cornelimünster gekommen sind, lässt sich ein urkundlicher 
Beweis nicht erbringen; indessen ist an der Überlieferung 
nicht zu zweifeln, dass Kaiser Ludwig der Fromme dieselben 
seiner Lieblingsstiftung, dem Kloster Inda (Cornelimünster) ge- 
schenkt hat. 



der Zeitschr. des Aach. Gesch.-Ver. Bd. 25, S. 281. Die in Compiegne ehe- 
mals aufbewahrte und aus Cornelimünster herstammende Hälfte des Grab- 
tuches wird z. B. Sudarium genannt in der Descriptio qualiter Karolus 
Magnus clavum et coronam Domini a Constantinopoli Aquisgrani dctulerit 
qualiterque Karolus Calvus hec ad sanctum Dionysium retulerit (Abfassungs- 
zeit Ende 11. Jahrhundert) bei Rauschen, Die Legende Karls des Grossen 
im 11. und 12. Jahrhundert. Leipzig 1890 S. 124; im Chanson de geste, das 
auszüglich in der Karolusmagnus-Saga enthalten ist; vgl. hierzu Rauschen, 
Historisch. Jahrb. Bd. XV, S. 268; im Chron. frat. Richardi clun. monach. 
1156 — 1173 bei Martene Script. T. V. p. 1166 und in der Vit. b. 
Simonis comit. Crespeiens. (f 29. September 1082) bei Migne, Patrol. 
T. CLVI, p. 1219; dagegen heisst dieselbe Reliquie Sindon in der Urkunde 
des Königs Philipp von Frankreich vom 3. April 1082 bei Morel p. 24 
und in dem Fragm. hist. Franc, a Ludovico pio ad regem Robertum bei 
Duchesne, Hist. Franc. T. VI. p. 225, auszüglich bei Morel p. 21. Aus 
demselben Grunde werden in der Ablassbulle des Papstes Innocenz VI. vom 
10. Aug. 1359 für Cornelimünster in Act, Sanct, 14. September T. IV. 
p. 186 nur das Linteum und die Sindon erwähnt. Dass das Sudarium zur 
Sindon gerechnet und beide Heiligtümer um diese Zeit in Cornelimünster 
aufbewahrt wurden, beweist folgender Umstand. Etwa 60 Jahre nach Erlass 
dieser Bulle werden um das Jahr 1426 in der Dortmunder Chronik des 
Johann Kerkhörde die drei grossen Heiligtümer zu Cornelimünster ausdrück- 
lich von einander unterschieden; vgl. Chroniken der westfäl. und niederrheiu. 
Städte, Leipzig 1887 Bd. I. S. 34. Desgleichen zeigt ein in der Zeitschr. 
des Aach. Gesch.-Ver. Bd. VII. S.125 wiedergegebener Holzschnitt aus dem 
Jahre 1468 mit den Heiligtümern von Aachen und Maestricht auch die von 
Cornelimünster, nämlich das Schürztuch, das Grabtuch, das Schweisstuch, 
das Haupt und den rechten Arm des h. Cornelius. Dadurch ist das Vor- 
handensein des Grabtuches und des Schweisstuches ausser Frage gestellt, 
und „es muss als ausgeschlossen erscheinen, dass eine so wichtige Erwer- 
bung, wie die des Schweisstuches gewesen, sich nicht mehrfach urkundlich 
verzeichnet fände", so Pauls, Beiträge zur Geschichte der grösseren 
Reliquien und Heiligtumsfahrten zu Cornelimünster in den Annalen des hist. 
Ver. für den Niederrh. Bd. 52. S. 159. Endlich heisst es in einem Kopialbuch 
S. 114 (Gemeinde- Archiv Cornelimünster) aus der Zeit des Abtes Hermann von 



— 147 — 

Ali der Spitze des Klosters stand damals der h. Benedict 1 , 
ein Sohn des Grafen von Maguellonne bei Montpellier in 
Frankreich. Früher hatte derselbe an den Höfen Pippins und 
Karls des Grossen gelebt, dann war er Abt von Aniane in der 
Nähe seiner Heimat geworden. Unter seiner Leitung erblüte 
ein wahrhaft nionastisches Leben, das sich auch über viele 
Klöster Aquitaniens verbreitete. Bei Kaiser Karl dem Grossen 
und König Ludwig von Aquitanien stand der hl. Benedict des- 
halb in hohem Ansehen, und seine reformatorischen Bestrebungen 
wurden von ihnen auf das wirksamste gefördert. Als König 
Ludwig den kaiserlichen Thron bestiegen hatte, berief er 
Benedict nach Deutschland, damit er auch hier wie in 
der Heimat eine Beform des Benedictinerordens anbahne und 
durchführe. Für den Anfang war ihm die Abtei Maurusmüuster 
bei Strassburg als Wohnung angewiesen worden, aber kurze 
Zeit später, im Spätherbste 814 oder im Anfange des Jahres 815. 
musste er das Kloster verlassen und am kaiserlichen Hofe zu 
Aachen seinen Aufenthalt nehmen. In diese Zeit fällt auch 
die Stiftung des Klosters Inda-. Drei Gründe waren es. sagt 



Eynatten 1G20— 1645: Erstlich Lhiteuin Domini . . . zum 2. Sindonem mun- 
dam . . . Nach diesem 3. Evangelihs Heiltumbhen ist und wirt auch ge- 
zeigt dass Haupt u. s. w. Daraus folgt, dass n. 2 Sindon munda ein drittes 
Heiligtum einschloss, denn erst nach der dritten Vorzeigung, und das kann 
nur die des Sudariums gewesen seiu, wurde das Haupt des heil. Cornelius 
gezeigt. In Comelimünster wurde also noch im 17. Jahrhundert das Suda- 
rium zur Sindon gehörig betrachtet, während Noppius, Aacher Chronik 
1613, neu aufgelegt 1774 S. 128, aus dem der Bericht im Kopialbuch entlehnt 
ist, drei Heiligtümer unterscheidet, nämlich das Linteum, Sindon munda u. 
Sudarium. 

') Vit. s. Benedicti Anianens. in Act. Sanct. 12. Februar T. II. p. ''.l" 
seq. vollständiger bei Mabillon Act. Sanct 0. S. B. Saec. IV. P. 1. p. 191 
seq. und Migne, Patrol. lat. T. CHI. p. 351 seq., wonach wir citiren. Stau 
weiterer Litteratur sei nur angemerkt: Nicolai, der h. Benedict. Gründer 
von Aniane und Comelimünster (Inda). Aachen 1865. 

2 ) Der hl. Benedict befand sich am 23. April 814 oder kurz vorher 
noch am kaiserlichen Hof zu Aachen; vgl. Sickel, Regesten der Urkunden 
der ersten Karolinger. Wien 1867. Bd 11. n. 6, 7 und 8. Von da kehrte 
er nach Aniane zurück und bestellte den AM Ä.rdo (auch Senegild und 
Smaragdus genannt) zu seinem Nachfolger; ygl. Chron. Mois in M. G. T 1. 
p. 311. Als solcher erscheint derselbe in einer Urkunde vom 21. M 
vgl. Sickel n. :>5. Frühestens in den Monaten Juni oder Juli kann Benedict 



— 148 — 

ein zeitgenössischer Dichter, die den Kaiser dazu bestimmten. 
Zunächst wollte er seinem liebsten Freunde, dem Abt Benedict, 
ein Heim bieten, wo derselbe bisweilen das. unruhige Leben am 
Hofe mit der weihevollen Stille des Klosters vertauschen konnte. 
Dann wollte Kaiser Ludwig auch selbst dort öfters von den 
Geschäften ausruhen, in Gebet und Betrachtung sich sammeln 
und endlich im Tode seiner seligen Auferstehung entgegensehen l . 
Dieses Kloster, fährt derselbe Schriftsteller fort, erbaute der 
Kaiser aus eigenen Mitteln, begabte es mit reichlichen Dingen 
und versah es mit herrlichen Geschenken 2 . Im Unterschied 
von reichlichen Dingen „rebus opimis" womit unzweifelhaft die 
Dotation des Klosters gemeint ist, müssen unter „larga munera" 
herrlichen Geschenkeu, die Kostbarkeiten derselben verstanden 
werden. Zu diesen aber gehörten vorzugsweise die Reliquien der 
Heiligen. In dieser Hinsicht brauchen wir nur an Karl den Grossen 
zu erinnern, welcher solche von allen Seiten zu gewinnen suchte. 
Wenn nun dieser Kaiser seinem Schwiegersohne, dem h. Angil- 
bert, von allen Aachener Reliquien je eine Partikel für sein Kloster 
Centulum zum Geschenke gab 3 , wenn ferner Kaiser Lothar bei 
seinem Eintritte in das Kloster Prüm aus dem Aachener Schatze 
wertvolle Reliquien dorthin mitbrachte 4 , ja, wenn endlich Kaiser 
Ludwig selbst dem hl. Benedict für Aniane grosse Schenkungen 
zuwandte 5 , und wie wir glauben annehmen zu dürfen dasselbe 



dann nach Maurusmünster gekommen sein. Mit dem Bau des Klosters 
wurde nicht vor dem Jahre 815 begonnen; eingeweiht wurde dasselbe vor dem 
grossen Reformreichstag vom 17. Juli 817 zu Aachen; vgl. Vit. s. Benedicti. 
1. c. p. 377. Simson, Jahrb. des Frank. Reiches unter Ludwig dem Frommen. 
Leipzig 1874. Bd. I. S. 24. setzt Bau und Einweihung des Klosters irrig 
in das Jahr 814. 

') Ermoldus Nigellus, Carmen de rebus gestis Ludovici pii in M. G. 
T. IL Lib. 2. von 563—580. 

-) Ibid. 595 und 600 

Fundavit satagens rebus ditavit opimis 
Ordinat et sumptus, munera larga parat. 
In der Vit. s. Benedicti 1. c. p. 378 n. 48 ist nur von fiscalischen Geschenken 
die Rede. 

:i ) Vit. s. Angilberti in Act. Sanct. 18. Febr. T. III. p. 105. 

4 ) Beyer, Urkundenbuch . . . mittelrheinisch. Territorien. Koblenz 1860 
Bd. I. S. 717 n. 3. 

•*') Vit. s. Benedicti 1. c. p. 373, n. 42. Auch Irmgard, die Gemahlin des 
Kaisers, war dem Kloster zugetan, ibid. n. 43 und Urkunde bei Sickel n. 355. * 



— 149 — 

aus dem Nachlasse seines Vaters mit Reliquien reich bedachte 1 
und später auch Reliquien des h. Stephanus aus dem Stifts- 
schatze für die neugegründete Abtei Corvey entnahm 2 (27. Juli 
823), sollen dann unsere grossen Heiligtümer: das Schürztuch, 
das Grabtuch und das Schweisstuch unseres göttlichen Heilandes 
zu kostbar für seine Lieblingsstiftung an der lüde gewesen 
sein, für dessen Abt er zugleich mit dem hl. Benedict gehalten 
werden wollte 3 ? Gewiss auch Kaiser Lothar I. hat Inda da- 
durch ausgezeichnet, dass er ihm Reliquien des h. Hermes 
schenkte 4 , wohl haben ferner im Laufe der Zeit die Kaiser die 
Abtei mit vielen und grossen Privilegien bedacht, aber niemals 
hat ein Kaiser das Kloster an der Inde mehr geliebt und be- 
vorzugt, als wie sein Stifter Ludwig der Fromme. Das bezeugt 
nach mehr als dreihundert Jahren eine Urkunde 5 des Cölner 
Rates vom Jahre 1155 für Cornelimünster, die beginnt mit den 
Worten: Es ist bekannt, dass Kaiser Ludwig der Fromme das 
Kloster Inda so herrlich und mit einer solchen Vorliebe aus- 
gestattet hat u. s. w. 

Die Überlieferung, dass die grossen Heiligtümer unter 
Ludwig dem Frommen nach Cornelimünster gekommen sind, 
lässt sich auch in folgender Weise erhärten. In der Stiftungs- 
urkunde für das Kloster Centulum sehliesst der hl. Angilbert 
seinen Bericht über die Herkunft der Reliquien also: „Endlich 
wurden wir gewürdigt aus dem ehrwürdigen Pallast (zu Aachen). 



! ) Über die irrtümliche Nachricht in der Chronik von Aniaue M. G. 
T. IL p. 592, dass Kaiser Karl der Grosse sich bei der testamentarischen 
Einteilung seiner Schätze einen Teil reservirt und diesen dem Abt Benedict 
gegeben haben soll, vgl. Nicolai, Der b. Benedict S. 129 ff. Wie kommt 
es, möchten wir weiter fragen, dass Abt Benedict unterzeichnet, und sein 
Nachfolger Ardo beschenkt wird? 

2 ) Die Kaiserurkunden der Provinz Westfalen. Münster 1867, Bd. I. 
n. 7. Sickel n. 201.* 

'j Ermoldus Nigellus 1. c. v. 598 Et Ludovicus adest caesar et abba 
simul. Schreiben der Brüder vou Inda an den Abt Ardo in Aniane bei 
Migne 1. c. p. 383. et post ejus decessum (s. Benedicti seil.) hactenus 
abbatem sc monasterii illius palam profitetur. 

4 ) Miracnla s. Remacli in Act. Sanct. 3. Sept. T. I. p. 702. Airicus 
Indae monasterii abbas . . . ante sepulturam sanetissimi Hennetis martyris 
dependere fecit quem . . . jussu Lotharii imperatoris . . . sumptum. Vgl. 
hierzu n. 29. 

r> ) Qu ix, Geschichte der Stadl Aachen 1840 Bd. [.Cod. dipl. N.64 n. 93. 



— 150 — 

wo Reliquien im Laufe der Zeiten von den früheren Königen 
und ganz besonders von unserem schon genannten Herrn (Kaiser 
Karl) in grosser Anzahl gesammelt worden, von allen ein Stück 
durch seine Güte zu erhalten und an diesem geweihten Orte 
in würdiger Weise aufzubewahren 1 ." Weil nun die Reliquien, 
welche in dieser Schenkungsurkunde aufgezählt werden, mit 
denen des Aachener Reliquienverzeichnisses vielfach überein- 
stimmen, hat man daraus geschlossen 2 , dass in den Reliquien 
zu Centulum jene Stücke zu erblicken sind, welche Angilbert 
in Aachen erhalten hatte, von denen also die ganzen un- 
geteilten Reliquien sich in Aachen befanden. Eine ähnliche 
Bewandtnis wie mit den Reliquien in Centulum und Aachen, 
hat es mit denen in Cornelimünster und Aachen. In den 
Tnventarien 3 dieser Kirchen finden sich folgende Reliquien ver- 
zeichnet: Von dem hl. Kreuzesholze, von dem Sudarium des 
Herrn, von dem Grabe des Herrn, von dem Manna, womit das 
Grab des Evangelisten Johannes ist angefüllt gewesen, von 
den Gebeinen und der blutgetränkten Erde des h. Stephanus, 
von einem Steine, womit der h. Stephanus ist gesteinigt worden, 
von den Gebeinen der hh. Apostel Petrus und Paulus, von den 
Gebeinen der hh. Apostel Jacobus des Jüngern und Thomas, 
endlich Reliquien der heiligen Sebastianus, Vincentius, Ambro- 
sius, Amandus, Lucia und Anastasia. Diese Reliquien muss 
man aber in Centulum aus Aachen erhalten haben, also werden 
die nämlichen Reliquien in Cornelimünster ebenfalls dorther 
stammen. Rühren diese kleinen Reliquien aber von Aachen 
her, was liegt dann näher als die Annahme, dass mit diesen 
auch die grossen Heiligtümer an unsere Kirche gekommen sind. 
Und wann anders kann und wird das geschehen sein als bei 
der Stiftung derselben? Und der Grund, warum der fromme 

') Siehe N. 3. 

2 ) Floss S. 8. 

') Verzeichnis der Aachener Reliquien bei Floss, Schervier, die 
Münsterkirche zu Aachen und deren Reliquien. Aachen 1853, S. 42 ff. und 
Kessel, Geschichtl. Mitteil, über die Heiligtümer der Stiftskirche zu Aachen. 
Ebenda. 1874; der von Centulum in Act. Sanct. 18. Febr. T. III. p. 102 
und 106, der von Cornelimünster an späterer Stelle. Die Reliquien der 
Heiligen Fabianus, Remigius, Martinus, Gregorius, Benedictes, Perpetua und 
Adelgundis in den Kirchen von Centulum und Cornelimünster (zum Teil 
auch in Aachen noch vorhanden) legen ebenfalls die gemeinsame Herkunft 
von Aachen nahe. 



— 151 — 

Kaiser diese Heiligtümer hierhin gebracht hat, war wohl kein 
anderer, als der Gedanke, dass die auf die allerseligste Jung- 
frau und Gottesmutter Maria bezüglichen Reliquien angemessener 
in dem von seinem Vater erbauten Marienstift, die Heiligtümer 
des Herrn dagegen in dem dem Erlöser geweihten Kloster 1 an 
der lüde aufbewahrt würden. Von einer Beraubung des Münster - 
Schatzes wie einige annehmen, kann hier nicht die Rede sein: 
dasselbe war Krongut und unterlag der discreten freien kaiser- 
lichen Verfügung 2 . 

Ein weiteres Zeugnis zur Stütze der Überlieferung haben 
wir in der wohlbegründeten Annahme, dass unter Karl 
dem Kahlen zwischen seiner Residenz Compiegne und Cor- 
nelimünster Reliquien ausgewechselt worden sind. Dem Bei- 
spiele seines Grossvaters, Karls des Grossen folgend, der in 
Aachen ein Marienstift gegründet, hatte auch Karl der Kahle 
ein solches zu Compiegne errichtet (5. Mai 877) und mit vielen 
Reliquien ausgestattet 3 . Namentlich sollen es diejenigen der 
hh. Cornelius 4 und Cyprianus 3 gewesen sein, die er von Papst 
Johann VIII. vermutlich gelegentlich seiner Kaiserkrönung 
(Weihnachten 875) oder bei der Einweihung des Münsters in 
Compiegne zum Geschenk erhalten hatte, ferner ein Stück von 
dem Schleier der Mutter Gottes, das aus Aachen herstammte 6 
und die Hälfte des Grabtuches aus Cornelimünster 7 . Nicht viel 

2 ) Lacornblet, örkundenbuch, Düsseldorf 1840 Bd. I. n. 41. Urkunden 
vom 8. Febr. 821 enda quod est dedicatum in honore Domitii et Salvatoris 
Nostri T. C. Urkunden vom 26. März 878 n. 27, largimur . . . monasterio 
indensi construeto in honorem Domini et Salvatoris J. C, ferner Urkunden 
vom 2. Mai 948 n. 101 und vom Jahre 974 n. 121. 

-') Jahrb. des Frank. Reiches Bd. I. N. 15. B eis sei, Die Aachenfahrt. 
Freiburg 1902, S. 5. 

) Mabillon, Annal. Bencd. Par. 1706, T. III. p. 681. 

•>) Gallia Christ. T. IX. p. 434, Act. Sanct. 14. Sept. T. IV. p. 182 L85. 

5 ) Act. Sanct. 1. c. p. 188 n. 308, p. 341 und 342. 

6 ) Floss S. 116, Beissel S. 6. Kessel S. 151. 

7 ) Vgl. dazu die Angaben der französischen Schriftsteller unter n. 1. 
sowie Morel p. 19 — 23. La translation du saint Suaire ä Compiegne. Wenn 
diese Autoren dann Aachen als den Ort bezeichnen, woher das Schweisstuch 
nach Compiegne gekommen ist, so kann das weiter nicht befremden. Wohl 
wnssten sie, dass Aachen die Kleiderkammer des Herrn genannt wurde, 
alicr nicht, dass Ludwig der Fromme daraus wertvolle Stücke nach Corneli- 
münster geschenkt hatte. 



— 152 — 

später als die Reliquien von Cornelius und Cypriauus nach 
Compiegne gebracht wurden, muss auch das Haupt und der 
rechte Arm des h. Cornelius, sowie ein Stück von der Hirnschale 
des h. Cyprianus nach Cornelimünster gekommen sein, wo diese 
Reliquien bis auf den heutigen Tag hoch verehrt werden. Diese 
Verehrung hatte ähnlich derjenigen in Compiegne, wo Cornelius 
und Cyprianus bereits um das Jahr 917 als Mitpatrone 1 des 
dortigen Marienstiftes erscheinen, auch hierorts eine solche Be- 
deutung erlangt, dass das Salvatorkloster an der Inde urkund- 
lich schon um das Jahr 1028 seinen Namen in den des Münsters 
zum h. Cornelius umgeändert hatte 2 . Danach müssen die be- 
treffenden Reliquien also schon in sehr früher Zeit nach 
Cornelimünster gebracht worden sein; als Herkunftsort kann nur 
Compiegne in Betracht kommen. Dafür spricht auch folgender 
Umstand: Die Hälfte des Grabtuches in Compiegne (leider ist das- 
selbe im Jahre 1840 durch eine grosse Sorglosigkeit zu Grunde 
gegangen) mass in der Länge zwei Ellen und in der Breite 
eine starke Elle, war also gerade so lang und so breit wie die 
jetzt noch in Cornelimünster aufbewahrte andere Hälfte des- 
selben. Darnach ist wohl nicht daran zu zweifeln, dass das 
Grabtuch in Compiegne die Hälfte jener Reliquie gewesen sein 
muss, welche sich ursprünglich ungeteilt in Cornelimünster be- 
fand 3 und unter Karl dem Kahlen gegen die Reliquien der 
heiligen Cornelius und Cyprianus umgetauscht, (September 876), 
oder nachträglich gemäss letztwilliger Anordnung 4 dafür ge- 



') Gallia Christ., T. IX. p. 435. 

2 ) Lacomblet Bd. I. n. 164. Erzbischof Pilgrim von Cöln bekundet, 
dass . . . Graf Hezelin aber die andere Hälfte der Vill mit dem Gute Berg- 
heim dem h. Cornelius (Abtei Cornelimünster) gegeben habe, frater vero 
ejus suam b. Cornelio . . . statuentes . . . praeter supradictorum eoenobiorum 
patres . . . vel alios quibus ipsi abbates concesserint, desgl. ibid. n. 201. 
Urkunde vom 15. April 10H4. In der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts 
schenkte Cornelimünster Reliquien des h. Cornelius nach Benaix und Ninover 
in Belgien (Erzdiöeese Mechelen); vgl. Act. Sanct. 14. Sept. T. IV. p. 187 
i q. und ]). 7t'.!) se<|. 

i Bock, l >if Reliquienschätze der ehemaligen gefürsteten Reichsabteien 
Burtscheid und Cornelimünster, Düsseldorf o. J. S. 31. Technische Gründe 
nötigen uns zu der Annahme, dass das Grabtuch heute nur in seiner Hälfte 
besteht u. s. w. Näheres an anderer Stelle. 

4 ) Die von Teichmann in „Aachen in Philipp Mouskets Reimchronik 
(Aach. Gesch.-Ver. 1903 N. 275 ff.) erörterte Krage, oh Karl der Kahle sich 



— 153 — 

schenkt worden ist. Dass von den hochverehrten Reliquien 
des h. Cornelius das Haupt und der rechte Arm desselben nach 
Cornelimünster gegeben wurden, lässt darauf schliessen, dass 
sie die Gegengabe für eine besonders wertvolle Sache, wie es 
das Grabtuch war, gewesen sein müssen. 

Einen Beleg für die Aufbewahrung der grossen Heiligtümer 
in unserer Kirche entnehmen wir dann einem Zeugnis aus 
dem 10. Jahrhundert. Es wird berichtet, dass Kaiser Karl der 
Grosse mit der Vorzeigung der Heiligtümer zu Aachen einen 
Jahrmarkt verbunden, und dass sein Enkel Karl der Kahle einen 
solchen nach dem Aachener Muster bei der Verehrung der 
Reliquien zu St. Denys eingerichtet habe 1 . Ähnlich wie in 
Aachen und St. Denys wird auch der Markt zu Cornelimünster, 
den Kaiser Otto II. verliehen, und Otto III. am 24. August 985 
bestätigt hat-, seine Entstehung einer kirchlichen Veranstal- 
tung verdanken. Die Gründe, welche die Abtei veranlassten, 
um die Abhaltung eines Marktes zu bitten, sind vermutlich 
darin zu suchen, dass zu einer bestimmten Zeit des Jahres 
viele Fremden dort zusammenkamen. Diese Fremden müssen 
aber Pilger gewesen sein, denn Cornelimünster verdankt seinen 
Ruf und seine Bedeutung von alters her nur seinen grossen 
Heiligtümern und der Verehrung des h. Cornelius. Ein Zu- 
sammenfluss von Pilgern ist für das ganze 13. Jahrhundert 
bezeugt bei der Vorzeigung der grossen Heiligtümer, sowie am 

um das Jahr 87G in Aachen und Cornelimünster Reliquien angeeignet habe, 
die Floss S. 115, Morf, Etüde sur la date le caractere de la chanson du 
pelerinage de Charleraagne in Romania Bd. XIII. S. 226 und Rauschen, Eist. 
Jahrb. Bd XV. S. 273 bejahen, dagegen Hagen, Geschichte Aachens 1873 Bd. I. 
S. 49, Beissel S. 82, Kessel S. 137 verneinen, oder ob Karl der Kahle 
dieselben gewalttätig an sich gebracht und nach glaubwürdiger Überlieferung 
sie mit seinen Kirchenscbätzen kurz vor seinem Tode nach Cornelimünster 
verschenkt habe, ist für die Sache selbst von keinem Belang; denn es ist 
gleichgültig, ob das Grabtuch einige Jahre früher nach Compiegne und die 
Reliquien der heiligen Cornelias und Cyprianus einige Jahre später nach 
Cornelimünster gekommen sind. 

') In der Descriptio bei Rauschen, Legende S. 124. Preterea vero 
ipsum idem indictum per totum prope orbem terrarum notum eodem modo, 
quo Karoras magnas Aquilc Capeila indixil quotannis fieri etc. 

2 ) Lac. Bd. I. n. 121. Mercatum quoque ibidem habendum . . . sieul 
a pio genitore aostro Ulis traditum comperimus ita el nos . . . pro ips 
uos . . . pro ipsis ad supplementum hcreditario jure concedimus. 



— 154 — 

Feste und in der Festoctav des hl. Cornelius 1 . Mit diesen 
Feiern hat sich nach und nach ein Markt herausgebildet, der 
gegenwärtig noch besteht und ohne Zweifel mit jenem Markte 
identisch ist, welcher um das Jahr 955 von neuem bestätigt 
wurde. Und das kann nur der Cornelimarkt oder der Markt 
zur Zeit der Heiligtunisfahrt gewesen sein. War es der 
Cornelimarkt, dann ist derselbe mit der uralten Verehrung 
des hl. Cornelius 2 zugleich ein Beweis für die Annahme, dass 
unter Karl dein Kahlen eine Auswechslung der Hälfte des 
Grabtuches gegen die Reliquien der h. Cornelius und Cyprianus 
stattgefunden hat. 

Die ersten urkundlichen Beweise, welche die Heiligtumsfahrt 
bezw. die grossen Heiligtümer in Cornelimünster ausser aller 
Frage stellen, gehören den Jahren 1257 und 1264 an. Die 
darauf bezüglichen Angaben lauten also: Wir geben kund (Abt 
Wilhelm von Cornelimünster um das Jahr 1257), dass wir 
unserem Convent 12 Mark überwiesen haben aus den alljährlich 
zur Zeit der Aachener Kirch weihe in unserer Kirche einkommenden 
und uns zustehenden Opfern für eine Summe von 18 Mark, 
welche uns der Convent überlassen hat, und die wir einem 
Aachener Bürger . . . verkauft haben. Diese 12 Mark soll der 
Convent in jedem Jahre, wie vereinbart worden, aus unserem 
Opfer so lange erhalten, bis die 12 Mark vollständig beglichen 
sind. Auch erklären wir uns damit einverstanden, dass der 
Convent in jedem Jahre einen frei erwählten Mitbruder zur 
Zeit der Aachener Kirchweihe am Eingange der Kirche mit der 
Hut der Opfergaben solange betraue, bis die 12 Mark ganz 
abgetragen sind. Für den Fall aber, dass bei der Aachener 
Kirch weihe an den 12 Mark noch etwas fehlen sollte, stellen wir 
als Unterpfand . . . bis zum Feste des hl. Cornelius. Wenn 
endlich am Feste des hl. Cornelius und dem voraufgehenden 
Feste Maria Geburt die Summe von 12 Mark noch nicht bei- 



') Siehe n. 

2 ) Es sei hier bemerkt, dass das sogenannte Corneliushorn, in welchem 
eine Reliquie des Heiligen eingeschlossen ist, und aus welchem die Pilger 
zu Ehren des heil. Cornelius gesegnetes Wasser trinken, wahrscheinlich 
das Trinkgefäss des h. Remaclus gewesen ist; vgl. Mirac. s. Remacli in 
Ari. Sanct. '■>. Sept. T. 1. p. 702, welches Abt Airieus von Cornelimünster 
sich aus Stablo erbeten und bei den Gebeinen des h. Hermes an silbernen 
Ketten hatte aufhängen lassen. Nach Act. Sanct. 1. c. p. 703 lebte Abi 
Airieus im 10. Jahrhundert, 



— 155 — 

sammen sein sollte, so haben wir nichts dagegen, dass aus den 
Opfergaben an diesen Festen u. s. w. 1 In einer anderen Ur- 
kunde vom Jahre 1264, worin Abt Johann bestimmt, dass zur 
Zahlung- einer Pension von 40 Pfund Albus, welche Prior und 
Convent einem Bürger von Tournay zur Last der Conventsgüter 
angewiesen hatten, lieisst es: Innerhalb der Aachener Kirchweihe 
und dem Feste des hl. Kemigius werden wir alljährig, solange 
die Verpflichtung andauert, bezahlen. Für den Fall aber, dass . . . 
können Prior und Convent unter der Bedingung, dass wir ihnen 
vor Beginn der Aachener Kirchweihe keine Bürgschaft über 
die Bezahlung des Betrages geleistet haben, zugleich mit 
unserem Vertrauensmann einen Mitbruder zur Entgegennahme 
der Opfergaben bestellen 2 . Nach einer anderen Urkunde des- 
selben Abtes hatte die Abtei Güter zu Eilendorf und Langweiler 
für 80 Mark versetzt. Als der Convent nun die Güter einlösen 
wollte, nahm der Abt diese Summe von demselben auf, um 
damit dringende Schulden zu tilgen. Der jährliche Ertrag der 
beiden Güter wurde auf 10 Mark festgesetzt. Diese 10 Mark 
versprach der Abt dem Convente in jedem Jahre zu bezahlen aus 
den Opfergaben, welche in der Aachener Kirchweihe und am Feste 
des h. Cornelius am Corneliusaltar eingehen würden 3 . Zum besseren 
Verständnis vorstehender Urkundenauszüge müssen wir folgendes 
vorausschicken. In Aachen fand um diese Zeit die Vorzeigung der 

') Quix, Cod. dipl., S. 81 n. 114. quod nos contulimus . . . singuli< 
annis de oblationibus nostris in dedicatione aquensi iu ecclesia nostra reci- 
liicndis . . . Preterea volumus quod idem conventus singulis annis unum de 
fratribus ecclesiae quemeumque elegerint in dedicatione aquensi occlesiae in 
antea constituant ad custodiendas oblationes . . . Si vero praefectus con- 
ventus in ipsa dedicatione aquensi de meinoratis XII marcis aliquem babu- 
erint defectum eidem obligavinius et obligaruus deeimam partem . . . et in 
potestate dicti conventus »'am usque ad festum s. Cornelii deponentes etc. 

2 ) Quix 1. c. S. 130 n. 195. Dictas quadragintas de oblationibus 
altaris s. Cornelii . . . infra dedicationem aquens. et festum b. Remigii 
durante pensione predieta anno quolibet persolvemus. Nisi quod absit 
guerra . . . dicti vero prior et conventus singulis annis unum de fratribus 
ad procurandum oblationes altaris cum nuntio nostro statuere possint nisi 
ipsis ante dedicationem aquens. fidejussoriam cautionem dederimus etc. 

:i ) Quix. Geschichte des Karmeliten-Klosters ... in Aachen. Ebend. 
1835 S. 134. Dictas decem marcas cum denarüs, de quibus nostras babent 
litteras de oblationibus altaris b. Cornelii infra dedicationem aquens. cl 
festum b. Cornelii singulis annis duxiinus assignandas . . . Preterea volumus 
et aeeeptavimus, ut sepedicti fratres singulis annis unum de suis fratribus 
vel alium cum nostro nuntio constituanl ad procurandum dictas oblationos 
et ad reeipiendum sub testimonio nuntii marcas predieta s etc. 



— 156 — 

Heiligtümer noch alljährlich 1 statt und zwar einige Tage vor und 
nach der Kirch weihe des Münsters (1 7. Juli). Infolge dieses Brauches 
muss der lateinische Ausdruck „infra dedieationem bzw. dedi- 
cationem Aquensem" stets mit Heiligtumsfahrtszeit, Heildum- 
kirmessen 2 wiedergegeben werden. Gleichzeitig mit der Aache- 
ner Kirchweihe bezw. Heiligtumsfahrt war in Cornelimünster 
ein grosser Andrang von Pilgern. Wie in Aachen muss also 
auch dort eine althergebrachte kirchliche Veranstaltung bestanden 
haben, bei der sich viele Pilger einfanden und ein Geldopfer 
zurückliessen. Die nämliche kirchliche Feier besteht auch 
heute noch, nur mit dem Unterschiede, dass dieselbe nicht wie 
damals jedes Jahr, sondern alle sieben Jahre, während der 
Aachener Kirchweihe stattfindet. Und dieses Fest ist die Heilig- 
tumsfahrt zu Cornelimünster. 

Zum ersten Male wurde auf die feststehende Überlieferung 
ausdrücklich Bezug genommen in einer Ablassbulle 3 des Papstes 
Innocenz VI. für Cornelimünster, datiert Avignon, 10. August 
1359. Die betreffende Stelle lautet also: ,,Von dem Wunsche 
beseelt, dass die Benedictinerklosterkirche zum hl. Cornelius an 
der Inde, in der das Grabtuch,, worin der Leichnam unseres 
Herrn Jesu Christi, nachdem er vom Kreuze b erabgenommen 
eingehüllt worden, dann das Schürztuch, womit unser Herr 
beim letzten Abendmahle seinen Jüngern die Füsse abgetrocknet 
hat, ferner das Haupt und der rechte Arm des h. Cornelius 
und endlich viele andere Reliquien aufbewahrt werden sollen, 
weshalb dorthin, bei der alle sieben Jahre stattfindenden Vor- 
zeigung der Reliquien eine grosse Menschenmenge von allen 
Seiten der Welt zusammenströmt, in entsprechender Weise mit 
geistigen Gütern ausgestattet werde." 

( Fortsetz ang folgt. 

*) Beisscl S. 69 ff. 

-') Vgl. Laurent, Aachener Stadtrechnungen aus dem 14. Jahrhundert. 
Aachen 1866, S. 373. 

3 ) Act. Sanct. 14. Sept. T. IV. p. 186. Original im Provinzialarehiv 
zu Düsseldorf. Cupicntes igitur, ut ecclesia monasterii s. Cornelii Jndensis 
0. S. B. coloniensis dioecesis, in quo ut asseritur, sindon muuda, in qua 
corpus üomini no^tri Jesu Christi, postquam de cruce depositum exstitit, po.-i- 
tum et linteum, quo idem Dominus ooster in cocua pedes diseipulorum tersit, 
ipsiusque s. Cornelii caput et brachium d exte r um et plures aliae ss. reli- 
quiae fore noseuntur, propter quas ad monasterium ipsum de diversis raundi 
partibus et praeeipuo de septennio in septennium quo ibidem reliquiae 
ostenduntm, et etiam singulis annis, 10. cal. Aug. magna conrluit populi 
multitudo congruis honoribus frequentetur. Qber die sindon munda vgl. n. l. 



Vergleich 
zwischen der Aachener und Oölner Mundart, 

Von A. Jardon. (Fortsetzung.)* 

flutsch siehe dgi^chflutsch 6 . 

weit für „roter Hautausschlag", eig. „wildes Feuer". 

föt fott „Hintere", mhd. vut „cunna, vulva", niederrh. 
futte. Grimm stellt es mit lat. pudor zusammen. Es wäre 
dann = „die Scham" in übertragenem Sinne. 

[fran ie — franje „Franse", holl. franje, fr. frange, ital. 
frangia, lat. fimbria.] 

[freis e m — freissem „Kopf- und Gesichtsausschlag", vor- 
züglich bei Kindern. (Fr. fraise) lat. fragum „erdbeerförmiger 
Fleck im Gesicht". Holl. fraas, frees, fries.] 

freschiV' — frescheere „erfrischen, aufputzen". 

[frikädej — frikadell „Fleischklos" (fr. fri candelles, das 
aus dem Deutschen stammt, lat. fricare „reiben".)] 

föm e l e , füm e l e — fummele „betasten, befühlen", holl. fom- 
mele, engl, fumble. Wohl neuere Bildung. 

fum e l. „Dirne" zu vulva „weibl. Scham" gehörend; auch 
lässt sich an das vorhergehende Wort denken. 

foii e si ;i — fange sin „zu etwas fähig sein, für etwas ge- 
eignet sein" eig. „für etwas gefunden sein". 

fonk'l naj v l nöi — funkelnagelneu „ganz neu", neu wie ein 
funkelnder Nagel. 

füpdich — lüppdich. in Aachen mehr wuppdich zu nd. 
wippen „schnellen, schaukeln, woher „Wipfel" stammt; lat. 
vibrare „schnell, auf einmal, plötzlich". Verb, fuppe „hüpfen, 
sehr schnell nähen, indem man mehrere Stiche zugleich auf die 
Nadel nimmt, ehe man den Faden durchzieht" in Köln. 



*) Der Anfang dieser Abhandlung befindet sich im L6. Jahrgang, 
S. 120—125 \uiil die erste Fortsetzung im 18. Jahrgang, S. 16—34. Die Ver- 
zögerung wurde durch längeres Unwohlsein des Verfassers verursacht. 



— 156 — 

[frnöis — furnüiiss „Küchenherd", fr. fournaise.] 

füs e l 1. „schlechter Branntwein", 1. lat. fnsilis „flüssig, 
2. „Tnchfaser, Lumpen", weist viell. auf nihd. vlansch „Zipfel", 
livl. flusern, mhd. vlüs „Vliess, Schaffell", hd. „Flaus" hin; 
adj. füs^ch „gefasert, zersetzt", holl. futselen, futsel „läppen". 

futsch „weg, tot, verschwunden", oberd. futi, fr. foutu. 
Es ist in ganz Deutschland verbreitet. Imperativ zum verb. 
futschen „gleiten". 

füs — fusig „fuchsfarben, rötlich; lat. fuscus, holl. vos. 
Fuchs ist nicht, wie Müller-Weitz glauben, mit fuscus ver- 
wandt; füs könnte aber von Fuchs herzuleiten sein. 

[füt e r e „schelten, schimpfen", fr. foutre, foutu „wegstossen". 
Honig klammert und ebenso Müller-Weitz foudroyer ein, das 
nicht heranzuziehen ist.] 

füTch „fauler Mensch, Faulenzer". 

[fut e l e „betrügen" von wallonisch fouteler, foudeler statt, 
frouteler, lat. fraudulare oder frustrari. In Aachen sagt man 
„fut e l e krii°nt sich"; vgl. Schullens hübsche Sammlung Aachener 
Sprüchwörter. Aachen, Jakobi, 1887. Nr. 255.] 

Buchstabe G. 

j§ ö l — gääl „gelb" mhd. gel, ahd. gelo gen. gelwes, ndl. 
geel. jf 1 f£r e f „Gelbsucht". 

jäf e l 1. „Gabel" ferner 2. „Innung, Zunft"; holl. dän. auch 
gaffel. fr. gabelle zu mlat. gabella „Steuer, Zins". Es gehört 
wohl zu geben, nach andern zu Giebel. 

jäp e „gaffen, gähnen" mhd. gaffen, engl, to gape; skr. 
jabh „schnappen". Zusammensetzungen: jäpscht^k * (auch jä- 
pöp) „Maulaffe", „einer der gähnt", in Aachen auch Bezeich- 
nung des Hauses Ecke Gross- und Kleinkölnstrasse. Wie ist 
stQck zu erklären? Vgl. Stock-Böhme", „stockdumm". Ferner 
subst. d e r jap „das einmalige Gähnen" jäp't der Mund; j e jäps 
„öfteres Gähnen". 

jät „der Hintere", ncl., md. gat „Öffnung, Lücke, Loch", 
got. gatvo mhd. gaz (verw. mit Gasse). 

jäts „bitter", mhd. garst „ranzig" ndl. nhd. garstig „ver- 
dorben, faul". 

jäü „rasch" ahd. gahi holl. gauw. subst. jäüisheit „Schnel- 
ligkeit" Zusammensetzung: jäüdeif „Gaudieb". 



— 159 — 

j e bunis „Läuten mit kleinen Glocken". Ähnliche Bildungen 
sind: j e bQ ö ts „Bandeinfassung" j'btildlsch geboldersch „Ge- 
töse, Geräusch 1- j'bro"ts „das Braten und Gebratene" j'di'f'ns „das 
Lärmen", „viel Lärm um nichts", j'dröks „gedruckte Stoffe", 
j e brüd e ls „verfuschte Arbeit", j e d§ktisch „das Doktorieren". 
j l 'düdis „schlechte Musik", j e fis e ls „dünner Regen", .i'jit'ls „Ge- 
lächter mehrerer", j e häks „das Gehackte", j'jröms „das Knurren 
und Murren", j'jroi e ls „Auswurf beim Obst" j e häj e ls „die Schlössen". 
Alle bezeichnen also etwas Conkretes und Collektives. 

j§k e tü ü n „Possen", j^k'en dlts „verrückter Mensch", aber 
nur im scherzhaften Tone. 

j e fläp „nicht recht gescheit" siehe Aap. Es scheint zu 
flappen „schlagen" zu gehören, also „geschlagener Mensch". 

j e flQUch „lymphatische Entzündung der Brust", vgl. flouch 
mhd. vluc. ges. „Flug" (Münch). 

j e jlt fi r „Gitter" mhd. gegitter, Nebenform zu Gatter. 

j e jrauz „anhaltendes Weinen". 

j 9 jujaks „lautes Freudengeschrei", Balgerei zum Vergnügen". 
Es ist Klangwort. Liegt der Stamm des lat. iocus zu Grunde? 
Verdoppelung wie lixfaxerei etc. 

j e junkisch „das Greinen, Gewinsel", in Köln gegunkersch. 

jeis „Geiss, Ziege". Mit- unorganischem t jeist e bök „Geiss- 
bock", jeist e bä ü t „Ziegenbart, Knebelbart", ahd. geiz, got. gaits, 
ndl. geit. 

j e kiiQ ö sch geknoosch „knorpeliches Fleisch", aus mhd. 
knorz „Auswuchs, Knoten" dän. knort. Substantivbildung auf s 
mit Vorsilbe g. r vor s fällt. 

j e knötisch geknotersch „Gekeife, Gescheite, aber nicht 
in lauten Worten." 

j*'köüch „ein zum Kochen abgemessener Teil Gemüse", usw. 

j e krib e ls „Murren, Hadern", mhd. kribeln „jucken, stechen", 
verb krlb e ln „murren; hadern", holl. kribbelen, kribben vgl. 
krabbelen. Stamm krab. Es ist Schall wort, von der über das 
Papier gleitenden Feder. 

j'kr(jnk c ls ■ • gekrünkels„ Zerknittterung". holl. kronkelen, 
engl, to irinkle; Wz. kring, wozu Krank gehört, ags. kringan 
„sich winden", verb. kronk'T'; j e krQnk e lt „zerknittert". 

j§ld e „gelten, kaufen" ahd. geltan „zurückzahlen, zahlen, 
kosten, wert sein, vergelten, entschädigen" got. gild ..Steuer- 
Grundbedeutung „etwas erstatten, entrichten". 



— 160 — 

j'ma^fc b§t eig. „gemachtes Bett", dann „gute Vermögens- 
verhältnisse". 

j e m ätsch „Vermengung von Getränken und Speisen, die 
Ekel erregt", mhd. matschafft „gemeinsames Mahl" „Gasterei", 
got. mats, Stamm mati „Speise" ndl. maatschapy „Genossen- 
schaft" j e men e li ö rt, 

gemengeleert „gemischt, vermengt", zu matschen = manschen. 
Vgl. nhd. Metze = „Getreidemass" mhd. mezze, ahd. mezzo, 
Wz. met „messen", lat. modius Scheffel. 

j'py ö ts — gepööz „Häufiges Ein- und Ausgehen", verb. 
p§°ts e „häufig durch die Türe (pg ö ts = Pforte) gehen". 

j e bot e ls — gepöttels „Abklauberei mit den Fingern, verb. 
bot e l'' „mit den Fingern in etw. herumarbeiten" mhd. biuteln, 
md. buteln „vermittels eines Beutels sieben, beuteln". 

j e prot e ls — gepröttels „anhaltendes Schelten", holl. preutelen, 
portelen, „murren, brummen" Klangwort vom Braten. 

j e r§mp e ls „wertloser Hausrat" rampanje „kuttlen, krose" 
nd. ramp „Gemisch", verwandt mit engl, rimple, ahd. rimpfen. 
ndd. rimpel. 

j'r^msch „Gerippe" zu mhd. ram „Stütze, Gestell, susten- 
taculum" (rama, ramus) got. hramjan „kreuzigen" gr. kremannymi. 

j e räp e ls „klapperndes Geräusch" ndd. rappeln, engl, to rap; 
nihil, raffeln. 

j^ref'ls — geriffeis „ausgerupftes Zeug", mhd. rifelen, 
riffeln „durchkämmen, ahd. rifila „Säge", vgl. raffen, reffen. 
Letzteres bedeutet „Flachs, Hanf hecheln". 

j e röls „fröhliche Balgerei, Tummelei", rölts e ist Intesivum 
zu rollen. 

^rüfls „Rauferei", mhd. rufen „Lärm machen", raffeln 
„Lärmen, klappern". 

j e römp e ls — gerumpeis „alter Plunder" zu rumpeln „lärmen, 
poltern". Davon stammt Rummel = „Haufe, Lärm". 

j c schläb e sch — geschlabersch „verdünntes Getränk", ndl. 
slabben, slabbern „sich beschütten", engl, to slabber, wohl 
Neubildung. 

j e schl^nisch — geschlingks „Lunge, Leber, Herz". Es ge- 
hört zu schlingen „herunter schlucken", von mhd. slinden, ahd. 
slintan. Honig übersetzt geschlingks richtig mit „Tierschlund". 

j"schnif'is „feiner Regen", schnlf'l ist Iterativum zu mhd. 
snifen „mit Schnee bedecken". 



— 161 — 

j e schnüps „Näscherei", holl. snoepen „naschen", genn. Wz. 
snupp anord. snoppa „Schnauze", engl, to snape. Dazu gehören 
„schnauben, schnüffeln". Wz. sunt in schneuzen, ma. schnüts 
ist wahrscheinlich damit urverwandt. 

j e schr§p e ls „Abfalle, Fallobst und dergl.", ndd. schrappen 
„kratzen; mittelengi. scrapien, afrz. escraper „abkratzen", genn. 
Wz. skrep, aus der sich „schröpfen" und „schrubben" ent- 
wickelt haben. 

j e schurv e ls „hörbares Rutschen über einen Gegenstand", 
mhd. schürfen, schürpfen, ahd. scurfen „aufschneiden". Es ge- 
hört wohl zur vorhergenannten Wurzel skrep, skerp. 

j e schl§mps „schlechte Suppe". Weiterbildung- zu schlempe. 
„Spülicht", mhd. slamp „Gelage" vb. „schlemmen", ndl. slemp 
„leckere Mahlzeit". 

j e SQ 8 ms „Allerlei Durcheinander", Collektivum zu Same. ma. 
se/in, ahd. samo. 

j e schpQ ö ls „Spülicht", „Abfälle aus einer Branntweinbrennerei". 

j e schtövs geschtuvs „geschmorte Speise" zu holl. verb. 
stoven „langsam kochen lassen" zu stof, engl, stove ..kleiner 
Feuerherd = hd. Stube „heizbares Gemach". Ob ital. stufare, 
fr. etuver „bähen" aus dem germanischen stammen, ist un- 
sicher, aber wahrscheinlich. 

j e tr§nd e ls — geträntels „Zögerung, unnützes sich Aufhalten. 
Vertrödelung", mhd. treideln „sich drehen", trendel „kugel", 
germ. Wz. trand „sich kreisförmig bewegen", ostfries. trend 
„rund herum". 

j e üts „Gefoppe", verb. utzen, das zu dem Eigennamen Utz 
= Ulrich bezogen wird; vgl. hänseln von Hans. 

j e wäsch e ls „undeutliches Sprechen", verb. wasch e ln, inten- 
sivum zu waschen; vgl. hd. „Gewäsch". 

j e w£rf „Gelenk" = „Gewerbe, Geschäft", das Subst. zu 
„werben" ist. Letzteres bedeutet „sich drehen, hin- und her- 
gehen". Zu diesem Verbum gehört auch „Wirbel", Wz. kwerf, 
got. kwairban „wandeln". 

jifT' „versteckt lachen, kichern", holl. gniffeln, gybelen, 
engl, to gibe „spotten". Es findet sich auch die Form gicheln, 
mhd. giften, stn. ablautend zu galten „das Gatten", gief „Tor, 
Narr", giefen „törichtes Betragen, Schreien". Mundartliche Ab- 
leitungen: jifl c r „einer, der hohnlacht". 

fjlNs „Gekicher-. 



— 162 — 

[jitä „Guitarre"]. 

j c lich e r zit „gleichzeitig", gen. der Zeit = „gleicher Zeit". 

j e lQi e tic}i — glöndig und glödig „glühend". Adj. zu jlglf 
„glühen", oder vielmehr zu einem Substantivum * jlöl e t „Glut". 

job e l e „erbreclien", subst. d e r jöb e l. „Katzenjammer, das Er- 
brechen". Es ist ein lautmalendes Substantivum. Es scheint 
Tntensivum zu gappen zu sein. 

jrä ö n — graane „Fischgräte", „Bart an Ähren", mhd. 
gran, grane „Spitze des Haares", and. grana „Schnurrbart, 
ostfries gran „spitz", „scharf". 

jram gramm „heiser". Es wird wohl dasselbe Wort 
sein wie nhd. gram „zornig, unmutig". Dazu gehört lat. fremo 
„knirsche", griech. chromados „das Knirschen". 

jräp e „schnappen, packen", nhd. grapfen, engl, to grab, to 
grasp, lit. gropti „raffen, packen", ags. grap. wahrscheinlich 
urverwandt mit Garbe. Mit anderm Ablaute heisst es jnp*'. 

jrasürich — grasöhrig 1. in Aachen „starkes Verlangen 
nach einer Speise habend", 2. in Köln „unwohl seiend in Folge 
von Schwelgerei, Nachtwachen". Es muss die Bedeutung 
haben „Gras fressen wollen". Es wird zunächst von Hunden 
gebraucht, die im Frühlinge zur Reinigung ihres Körpers in- 
stinktmässig Gras fressen, üren ostfriesisch „ausfliessen" von 
gelbem Schleim kurz vor dem Kalben, ten Doornkaat Kool- 
mann leitet das Wort von ur = Stunde, Zeit ab und erklärt: 
Zeit oder Stunde zum Kalben angeben. Andere denken an 
Euter, ndl. uijer, Kilian nur, ore. Ich kann mit beiden Er- 
klärungen eine zufriedenstellende für grasürich nicht geben. 

jrl ö v — greve, grieve „ausgebratene Fettwürfel" mhd. 
griebe, ahd. griobo, griubo, engl, greaves. Es liesse sich an 
ahd. girouben „rösten, denken". 

jrilach e „hohnlachen" holl. grimlachen, ndd. grievlache. 
Es gehört zu greinen, mhd. grinen, engl, to grin. mhd. grinnen 
„knirschen". S-bildung dazu grinsen; ma. grine. 

jris „grau"; in Köln bedeutet es auch „schimmelich", mhd. 
gris, ahd. gris (grisil); nhd. Greis, frz. gris „grau", mlat. griscus. 

jrQm°l — grummel „Brosamen". Es ist el-bildung zu ndd. 
krume, ndl. kruim, engl, crumb. Die Wz. kru steckt noch in 
„krauen", ahd. chrouwon „mit den Nägeln bearbeiten". 

jrüs e l e „fieberhaft überlaufen". Es ist Intensivmn zu grausen. 
mhd. grusen, ahd. gruwison, Wz. gru. Adj. jrüs e lich. 



— 168 — 



jötsj" gütsche. In der Kindersprache „Leckerei, Zucker- 
gebäck". Es ist Substantivum auf s mit der Verkleinerungs- 
silbe chen zu gut. 



o ' 



Buchstabe H. 

hanap e l „Frucht des Weissdorns". Es ist gleich „hagen- 
apel". Hag bedeutet ursprünglich „Dorngesträuch, Gebüsch". 
An ostfries. hau „Schilf" ist nicht zu denken. 

häk e l e päk draj'', in Köln hakepauz drage, „jmd. auf dem 
Rücken tragen". Es scheint eine andere Ablautsstufe zur Wz. 
hukk zu sein, die in hocken, huchen steckt. Auch lässt sich 
an ostfr. hakelen „fassen, nesteln" denken. Der zweite Teil 
ist päk „Bündel, Last". 

hanflöchtfich — hahnflüchtig „scheu vom Pferde". Es be- 
steht aus hau = harn harne „Kummet, Halsjoch der Tiere" 
mhd. harne „Angelrute" Wz. harn krümmen, ahd. ham „ver- 
krüppelt", lat. camürus verwandt mit griech. kamara „ge- 
krümmt" und „flüchtig". 

half e r „Pächter", zusammengezogen aus halfwinner. Es 
bezeichnet einen Bauern, der den Ertrag mit dem Gutsherrn 
teilt. Der zweite Teil steckt in Gewinner „lucrator". Fem. 
halfsch 6 — halfersch. 

h^lfch 6 „ein halb Quart". 

hälfscheit „Hälfte". 

haf e l — in Köln hämfelche „eine Handvoll", woraus es 
zusammengezogen ist; in Köln tritt noch die Verkleinerungs- 
silbe hinzu. 

h£mch e 1. in Aachen „Vorderschinken" 2. in Köln „Knöchel- 
ende des Schinken", mhd. hamme „Hinterschenkel, Schinken". 
Es ist eine Weiterbildung zu ham und bezeichnet eig. das 
„biegende, krümmende Glied" ; holl. ham und hammetje. 

h^msch" „räuspern"; es gehört wohl zur Interjektion hem, 
also „hem sagen", mhd. hemsch „versteckt" zu ham „verhüllt, 
dunkel" kann auch herangezogen werden. Müller-Weitz geben 
hemsche, hemse in der Bedeutung von „durch den Zuruf hem. 
„zum Stehen bringen". Hd. hemmen ist damit verwandt, ebenso 
Hammel. Wz. ham „verstümmeln". 

h§ndsch c „Handschuhe". Das Wort ist eine Verkürzung. 

hänsmüf „Begleiter des heiligen Nikolaus", sonst Knecht 
Ruprecht genannt. Mhd. muff, mupf ..Vorziehung des Mundes, 



— 164 — 

Hängemaul". Dazu gehört das Verbum muffeu, mupfen „den 
Mund spottend (nia. grollend) verziehen". Daraus erklärt sich 
der Ausdruck hansmuff von selbst. „Es ist der durch Gri- 
massen die Kinder schrecken wollende Hans". 

[hantiV — hanteere „handhaben", fr. hanter „hin und 
herziehen", lat. habitare. Das t zeigt, dass an Hand nicht zu 
denken ist]. 

hap e r e „fehlen, mangeln". Es ist dunklen Ursprungs; man 
kann an haben, haften denken; ferner an Wz. hab. „greifen" 
und an mhd. hechten. 

häp — happe „Biss, Happen", verb. häp c „schnappen". Es 
ist ein lautmalendes Wort. Adj. häpicli, häp e tich „essgierig". 
Letzteres geht auf hapentich zurück. Unorganisches „t" nach 
n wie in namen-t-lich, freven-t-lich u. s. w. 

har Zuruf an Pferde: „links". An Haar ist nicht zu denken, 
wie Honig will, weil links die Haarseite der Pferde sei. Es 
müsste dann liQ ij r heissen. Es ist dasselbe Wort wie „her" 
ahd. hera allein, hara, später har. 

hartlivischeit — hattlievigkeit „Verstopfung". 

1iqu w — hau „Hieb, Schlag" en e hgu w w§ch hä ö (n) „einen 
Hieb weg haben", „verrückt sein", mhd. hon stm. „Schlag" zu 
houwen „hauen, schlagen". 

hek (nicht zu verwechseln mit h§k „Hecke") „Vogelbrut- 
kasten", mhd. hacken „fortpflanzen", mittelengl. hacchen, engl, 
to hatsch, ahd. hejgidruizo, mhd. h^gedruose „Hode", mhd. 
hagen „Zugstier". Man nimmt an. dass es dasselbe Wort wie 
„Hecke" wäre, da die Zeugung für die Vögel Wald und Ge- 
büsch voraussetzt. Danach Messe hecken „sich in einer 
Hecke festsetzen". Möglich ist die Erklärung, wenn auch 
etwas gezwungen. Die Vokalverschiedenheit (offenes und ge- 
schlossenes e) dürfte auf verschiedene Stämme hinweisen. 

höts „Hirsch" vgl. hetsjräf „Hirschgraben"; alem. hess. 
hirtz, mhd. hirs, ndl. hert, engl. hart. 

h£g°nav e ka ö t „Winkeladvokat", eig. Advokat hinter dem 
Zaun der Hecke. 

heid''narbeit „beschwerliche, langweilige Arbeit". Es ist 
wohl an „die Heide" zu denken, „schwere Arbeit, wie sie auf 
der Heide bei der Urbarmachung erforderlich ist". Dann steckt 
in beiden der alte Genit. Sing.; vgl. auf Erden, Maiennacht, 
zur Seiten. 



— 165 — 

heisch 1 ' „heissen" = heischen, ahd. eiskon. Ähnliche An- 
lehnung- wie anheischig- = mhcl. antheizee, got. andahait „Be- 
kenntnis", audettan bekennen. 

h^ch 6 husche „Mauernische mit Heiligenbild", in Aachen 
euphemistisch für „Kneipe". 

hel°p „Hosenträger", mhd. halp, lielp „Strick" ; vgl. „Halfter", 
engl, helve „Stiel". 

bemipschlep „Hemdzipfel, Hemd, jmd. im Hemd", schlep = 
Schleife. 

hgrfötsfröch — lierrgQttsfröh „in aller Frühe", hejjots- 
jriloch c r jmd., „der über alles spöttelt", hejJQtslend' „lange, 
schmale Person", in Köln ein 5 Fuss 3 Zoll langer Papierstreifen, 
der mit Gebeten bedruckt war. Zu Anfang- der Gebete stand 
„Gewisse und wahrhafte Länge unseres lieben Herrn Jesus 
Christus". 

hetsbl§ ö r hetzbloder „Hitzblase", eig. „Hitzblatter". In 
Köln ist germ. d zwischen zwei Vokalen erhalten, ahd. blattara, 
mhd. blatere „ Blase u . Wz. ble in blasen, blähen. 

hets e hetze, hetze „hetzen", ahd. hetzen. Dazu gehört 
„Hass". Das geschlossene e in Aachen zeigt Anlehnung an 
„Hitze", nia. hetsd". 

hats c hetze „Stiefel halb vorschuhen", eig. mit einem 
Herz versehen". Subst. häts'T — hetzer „Vorschübe". 

h£ks ( 'schös „plötzlicher, starker rheumatischer Schmerz im 
Kreuze oder dem Schulterblatt", „Hexenschuss". 

hQm e l eu C"t himmel un äd „Apfel- und Kartoffelbrei". 
Iiöm'']'' himmele „sterben 11 . 

hp e schd e — hingesch „der Hintere", eig. „der Hinterste". 

hofr wr'r si ö (n) -- hingewidder sin „erschöpft, ermattet 
sein, in schlechten Verhältnissen leben, drunten durch sein", 
wohl zunächst „beim Marsche zurückbleiben". 

hop'l" „hinken", mhd. hoppeln „hüpfend springen". Es ist 
Interativum zu hupfen = „hüpfen". Dazu gehört köln. hipp 
„Ziege", dafür in Aachen jeis „Geiss--. Zusammensetzung 
höpl'e pöp „einer, der nicht festauf den Beinen ist, der hinkt". 
Es ist eine Bildung wie Schnickschnack und ähnliche. 

hy ö nül, eig. „Horneule". dann „dummer Mensch". 

hürpe ;i t — höörpad „Mitpferd", in Aachen auch „schweres 
Frauenzimmer". Zusammensetzung aus hin- = heuer „Miete", 
mhd. huren, „mieten, auf Mietpferden reiten", holl. huurpard. 



— 166 — 

hglsch — hQQSch „stille, leise", mhd. husch, engl. uash. 
Nhd. verb. „huschen". 

Iiqs „Strumpf", mhd. „Hose", ahd. hosa „Beinbekleidung 
vom Schenkel oder Knie an, Strümpfe, Gamaschen". 

htit Zuruf an Pferde „rechts", mhd. hotte, hoste. In Aachen 
Zusammensetzung hötharü „einfältiger Mensch", der in einem 
Atem „rechts-links-stehen ruft, also nicht weiss, was er will. 
Ferner höt e p£tch e „Eeitpferd". 

hüb e l 1. „Hobel", mhd. hovel. 2. „Erhöhung", ahd. hovar, 
hofer „Höcker, Buckel". Das Wort hängt wohl mit „heben" 
zusammen, was allerdings Kluge wohl mit Unrecht zurückweist. 
Vielleicht gehen beide Wörter auf verschiedene Wurzeln zurück. 
Adj. hüb e lich „uneben, voller kleiner Erhöhungen, Knorren". 

[hüb e jis — hubijis „Hautboist".] 

huch e „Hacken, hockende Stellung", mhd. buchen „sich 
bücken", ndl. huiken, Wz. huk, hukk. mhd. hucke „Hocke". 
Ausdruck: sich op Jen huch c s§ts e = buchen, „sich nieder- 
kauern"; d e huch'ban schien „in hockender Stellung über das 
Eis gleiten". 

höd*l e — huddele „in Fetzen zergehen, unsauber, unordent- 
lich arbeiten". In Köln bedeutet es auch „zwei Eier zur Wette 
mit den Längsseiten aneinander schlagen", mhd. hudeln „schnell 
und oberflächlich etwas machen, nachlässig gehen". Das Ver- 
bum gehört wohl zu hödel, mhd. hudel, huder = hauder „zer- 
rissenes Stück Zeug, Lumpen, Lappen", fr. haillon. Adj. höd ( - 
l'ch — hudelig „nachlässig, ungleichmässig". 

huchkankt „hohe Kante, Balken zwischen zwei Stockwerken", 
„der Rücken oder die höchste Erhabenheit eines Körpers". Aus- 
druck: öp d e huchkankt lejj e „als Ersparnis bei Seite legen". 
Bedeutet es: „allmählich aufhäufen"? 

höjismadam — hungsmadam „ärmliches Frauenzimmer" 
auch „Hundeliebhaberin". 

[Msf „Gerichtsvollzieher", fr. huissier zu lat. ostium „Tür", 
also eig. Türhüter".] 

huldop, in Aachen bröldöp „Brummkreisel", eig. „heulender 
Topf", „brüllender Kreisel ". 

höv e l — hüvel = hubel „Erhöhung. Hügel", mhd. hübel, 
ndl. heuwel. Ausdruck: et v.j'n' hov'l hä ö (n) ein hövel hau 
„stolz sein". \n dieser Wendung bedeutet hqvel „Kopf". 



— 167 — 

Buchstabe I. 

ig e l iggel „Hast, Ungeduld", verb. igeln „stechen, 

prickeln" verkürzt aus hornigein. Der g-laut, der im Dialekt 
nur für gj oder k eintritt, lässt kaum an „Tgel" denken, wie 
Grimm dies tut. 

[enk ink „Tinte", fr. encre, engl, ink, lat.-griech. 

encaustum, eig. „eingebrannt, gemalt", dann die „purpurrote 
Tinte", deren sich die römischen Kaiser zur Unterschrift be- 
dienten.] 

Buchstabe J. 

j e l§fi e r j e leiv e r „Stiefmütterchen" (Blume.) 

j^t „etwas", contrahiert aus owiht = iowat „irgend et- 
was"; vgl. ioman „jemand", ostfries. jets, ndl. iets aus älterm 
ietwes, and. eowiht, mhd. icht, engl, ought. 

jdch e in Köln jöck e „jucken", in Köln auch „eilig arbeiten, 
eilen", mhd. jucken, ahd. jucchen, nindd. jöken, ndl. jeucken, 
Stamm juk, jukk. 

jömisch „jemine". Ersatz für „Jesus, Maria"; vgl. düker, 
diantre, potstausend u. ä. 

jiid e fleisch „Pilz". Liegt eine Reminiscenz au das Manna 
zu Grunde"? 

jüch e l f ', jüks'' — juks° „jauchzen", mhd. juchezen, abgeleitet 
von der Interjektion juch, ju. Die Mundart zeigt die beliebte 
Iterativform auf ele. 

jomf°rl<fr jumferledder „weisser Brustkuchen". Der 

zweite Teil weist auf das Zähe der Masse hin. der erste auf 
die Farbe. 

jofik let jungkleecli „Neumond", eig. „junges Licht". 

junk r — junkere „heulen, winseln", holl. janken, lat. gannire. 
Es gehört in die grosse Reihe der lautmalenden Wörter. 

| just' man „eben, grade, im Augenblick" (fr. justement.)| 

[jutsch „Gerte", auch „Hohleisen. Hohlmeissel". Wohl das- 
selbe Wort wie just = tjoste, tjuste, joste, juste „Speerstoss; 
dann wäre das Wort vom Stoss auf den stossenden Gogviistand 
übertragen; vielleicht lautmalendes Wort.] 

i Portsetzung (.■'■ 



Kleinere Mitteilung. 

Aachener Drohbriefe des 18. Jahrhunderts. 

Das 18. Jahrhundert bedeutet für Aacheu in politischer wie kommu- 
naler Beziehung die Zeit des Niederganges. Unter den Einzelerscheinungen, 
welche den Zersetzungsprozess der mittelalterlichen Ordnungen begleiten, 
ist namentlich die öffentliche Unsicherheit in Stadt und Land als charakte- 
ristische Tatsache hervorzuheben. Für Aachens Umgegend bietet hierzu die 
Geschichte der vielen, gegen Ende der reichsstädtischen Zeit auftreten- 
den Räuberbanden, vor allem der sogen. Bockreiter 1 , genügende Belege, 
während für den Stadtbereich ein ebenso reichhaltiges Material von den 
zeitgenössischen Schriftstellern 2 überliefert worden ist. Der gerade um die 
Beseitigung der erwähnten Missstände verdiente Bürgermeister Strauch be- 
zeichnet es, um hier ein einwandfreies Zeugnis anzuführen, in einer im Jahre 
1762 von ihm veröffentlichten Schrift als „wellbekänte und mit hunderten 
proben an ort uud stelle beweisliche Wahrheiten", wenn „hier ein durch 
räuber und dieb unglücklich gemachte familie das verlorne traurig, wiewohl 
vergebens, wieder suchte, dorten ein anderer auf dem krankenbett liegender 
und zu tod geschlagener die strassenunsicherheit beklagte, der arme einsame 
bauersmann sambt wcib und kinder in seinem schwachen haus vor denen 
vielfachen dicbsbänden zitterte" u. s. w. Zu den Mitteln, deren man sich 
bediente, um in den Besitz fremden Eigentums zu gelangen, gehörten die 
sog. Droh- oder Brandbriefe. Das einzige auf dem Aachener Stadtarchiv 
erhaltene Beispiel eines solchen bildet ein im Nachfolgenden veröffentliches 
Aktenstück, welches von einer 26 Mann starken, übrigens unbekannten 
Räuberbande an einen im "Weichbilde der Stadt wohnhaften Jobann Pruemper 
gerichtet ist und am 11. Februar 1794 dem kleinen Rate vorgelegt wurde. 
Der Empfänger wird durch dasselbe unter Androhung der Inbrandsetzung 
seines Hauses und Vernichtung seines Viehbestandes aufgefordert, an einem 
näher bezeichneten Tage und Orte eine bestimmte Geldsumme — es handelt 
sich um den Betrag von 26 Kronen niederzulegen. Der Wortlaut des 

eigenartigen Schreibens, das infolge seiner gänzlichen Stillosigkeit die unge- 



1 Vgl. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins Bd. IV, S. 21 ff. 

? ) Vgl. hierfür und für das Folgende: Aus Aachens Vorzeit. XIV. Ihrg. S. 34 ff 



— 169 — 

bildeten Verfasser verrät, kommt nachstehend — aus naheliegenden Gründen - 
buchstabengetreu zum Abdruck: 

Johannes Pruemper 

Wier können nicht unter lassen, an dir zushreiben dass zwetemahl, 
und ermamen dir an die 100 conen 1 , weilen du so plump biss und habe nur 
18 gegeben; also hilft dir dass alle nichts; ihr könnt gott nicht gnug dancken, 
dasser sich zwey unter unsere geselshaff gefunden habe, die dich verbitt 
habe, sonst hette dein hauss läge- auff 4 ecken in feur gestanden und dein 
fert und koehbisten zersbossen gewesen. Jetz sage wir dir /.um letzte 
mahl, du solles noch 26 conen an gelt in der nemeligen nagel hencken des 
abens um 10 auren den 11. februarius auff die dag; wille wir dass erstemal 
nicht mir als 7 shiling 7 steuber empfangen habe, also gipts du 26 conen, 
das magt der man nur 1 coun. Also hilff dir kiu ackerdieren und kin brieff 
shreiben und kin bitten, ist umsunst. So du dass gegeben hast, so bist du 
befreiet von alle übel bey dag und bey nacht. So du das gelt gipts, so 
gipts du auch der breiff wederum zurück; aber nem dich in ach, dass du 
kein man etwass davon sagts, sonst hilff dir dass alles nichts, sonsts bist 
du dein leben niemer sicher bey dag und bey der nacht. 

Der shluss der ist gemacht; wir haben alle 26 uns untershriebeu 
mit unsere blut; so du nicht 26 conen an gut gelt gipts, nochmal, so ist 
alles umsonst und alles nichts wer dir helffen. Amen. 

Der brieff ist der 10. geshrieben, den 11. den müss du dass gelt dar 
hencken des abens um 10 auren. 

Zu warnung wirst du auch hören die flinten shöss hören knallen: die 
ander kier hat es der polfer nicht bezahlt, dar um habe wir nicht geshos.^n. 

Aachener Stadtarchiv. Original sehr verblichen. Auf der Rückseite der 
Vermerk-: Brand-brief. praesentatum 11. februarii 1794. 

Das vorliegende Schriftstück gewinnt dadurch ein besonderes Inten 
da.-- die demselben beigefügte Unterschrift von den Worten: „Der shluss 
'it r ist gemacht" an in roten Schriftzügen, nach Angabe der Absender unter 
Benutzung ihres eignen Blutes 8 , erfolgte. Ob die städtischen Behörden der 
wohl von Seiten des Pruemper zum Ausdruck gebrachten Bitte um Hilfe 
entsprachen, ist bei dem Mangel an weiterem Material nicht zu entscheiden: 
dass indes eine solche in einzelnen Fällen gewährt wurde, geht aus dem 
Verlauf einer durch einen ähnlichen Drohbrief herbeigeführten nheit 

hervor, die sich etwa 70 Jahre früher innerhalb der Stadt abspielte und mit 
der Festnahme des Delinquenten ihren Abschluss fand. Nach den vor dem 
Bürgermeistergericht aufgenommenen Protokollen der Zeugenaussagen \om 
22. Dezember 1723, welche im Aachener Stadtarchiv beruhen und nachstehend 
veröffentlich! werden, ist der Sachverhalt kurz folgender: 

') = cro d 

'-'l - lai .. 

3 Vgl. Iiiciv.il Zeitschrift des A:u hener Oeschi Bd. tV, 8 12 



— 170 — 

Ende September des Jahres 1723 erhält eine in der Hartmannstrasse 
zu Aachen wohnende Kapuzinerin Maria Catharina Römer, von unbekannter 
Seite ein Schreiben, worin ihr die Iubraudsteckung ihres am Lousberg ge- 
legenen Gutshofes Eich ! angedroht wird, falls sie nicht den Betrag von zwei 
Pistolen in einen im Münster befindlichen Weihwasserstein niederlege. In 
einem zweiten Briefe, welcher der genannten Römer noch in demselben Jahre, 
einige Tage vor "Weihnachten, zugestellt wird, wiederholt der unbekannte 
Absender seine anscheinend bisher unerfüllt gebliebene Forderung unter Er- 
höhung der zu deponierenden Summe auf 2 Louis d'or. Auf Anordnung des 
Bürgermeisters De Fays, an den sich die Bedrohte um Hilfe wendet, werden 
zur Festnahme des Delinquenten an den Eingängen des Münsters vier in 
Bettlerinnen verkleidete Stadtsoldaten unter Führung des Hauptmanns Heyden- 
dahl in der Weise verteilt, dass ein Entrinnen des Diebes unmöglich ist. 
Es gelingt, den Ahnungslosen auf frischer Tat zu ertappen und dingfest zu 
machen. Wie der Vorgang der Verhaftung im einzelnen verläuft, geht aus 
dem höchst anschaulieben Bericht des Hauptmanns Heydendahl hervor, der 
im Anschluss an die Zeugenaussage der p. p. Römer und ihrer Nachbarinnen 
Zimmermann und Lersch nachfolgend veröffentlicht wird. 

Mercurii 22 da decembris 1723. 

Coram amplissimis dominis consulibus Richterich et Deltour comparirte 
Barbara Zimmermau, geistliche capucinesse, Jungfer, wohnhaft bei der jung- 
feren Lersch, auch capucinessen, in Hartmansstrass, und erklerte, gehört und 
gesehen zu haben, dass gesteren abend umb sechs uhren ungefehr einer stein 
mit einem brief in gedachter jungferen Lersch vorhaus durch die strass 
fensteren eingeworfen seie und, weilen die adresse des briefs hisce formali- 
bus gelautet: „ahn die Jungfrau Römer einzuhändigen, in Hartmansstrass 
wohnende", so habe die Jungfer Lersch declarautin beordert, sotanen brief 
zu der Jungfer Römer zutragen, welches sie auch in instant] getan bette. 

Eodem coram iisdem comparirte persönlich Jungfer Maria Catharina 
Romer, capucinesse, und hat erklert, was massen als gesteren abend zwischen 
6 und sieben uhren die Jungfer Catharina Zimmermann ihro, declarantin, den 
in der jungferen Lersch vorhaus hineingeworfenen brief mit dem stein zu- 
gebracht, sie gleich darauf mit dem brief sich zu dem herren werkmeisteren 
Lersch verfuget und vor demselben darüber rat gepfleget habe, welcher 
zwarn anfanglich sie zum regierenden herren burgermeisteren Deltour zu 
gehen und demselben solches factum vorzutragen verwiesen; dahe aber de- 
clarantin genanten herren Lersch über vorigen brief erinnert, habe derselb 
ihro gesagt, weilen herren burgermeisteren De Fays 2 von dem vorigen brief, 
so ihro Jungfer Römer umb verwichen St. Michaelis auch in Hartmansstrass 
ahn der Jungfer Lersch haus zugebracht und worinnen sie bedrohet worden, 
dass, fals die darin vermeldete zwei pistolen in hiesiger Unsrer Lieber Frauen 

') Der Gutshof Bicli liegt in der dem Nordwestende des Lousbergs vorgelagerten 
Niederung an der Etütschergasse unweit der sog. Schleifmühle, 

') I>e Kays war abgestaudener Bürgermeister. 



— 171 

kirchen in den weihewasserstein ahn St. Antiac tur nicht einlegen wurde, 
ihr gut ahn der Laussberg, die Eich genant, bald in feur und Hechte flame 
stehen solte, bekäut were, so solte declarantin zu gedachtem herren burger- 
meisteren de Fays gehen und demselben dasjenige, was in diesem brief be- 
drohet worden, vortragen: inraassen sie sich dan auch zu herren burger- 
meisteren de Fays begeben hette, welcher ihro gesagt, dass einige herren 
beambten in seinem haus weren; denenselben wurde ers hinterbringen, welche 
dan, was dabei zu tun und zu lassen gewesen, mit gutachten des herren 
Byndici Moll eoncertirt und berahmet hetten; wüste sonsten ferners nichts 
zu sagen. 

Mercurii 22 ds decembris 1723. 

Coram amplissimis dominis Richterich et Deltour comparirte haubtman 
Heyendahl und erklerte, was gestalten nachderae er gestrigen dags von 
obrigkeitswegen beordert worden, dass sich mit einiger manschaft heut dato 
morgens umb vier uhren zu Unser Lieber Frauen stifts kirchen begeben sollte, 
gestalten denjenigen daselbsten zu observiren, welcher die juffrauen Römer 
unter schrifilicher bedröhung beordert, in dem weihewasserstein ahn St. 
Anna tur 1 gedachter kirchen zwei louisd'or einzulegen, so hette er alsolcher 
beordnung und befelch gemäss sich heut dato umb vier uhren morgens zu 
gedachter kirchen mit vier in frauen kleideren verstelten Stattsoldaten ver- 
fuget, woheselbsten er, declarans, ahn jeder tur der kirchen einen deren- 
selben gesteh, mit dem befel«h, dass sich anstellen solten, als weren sie 
bettelerinnen, und mit erteiltem gewissen signal, wan declarans solches geben 
wurde, so solte ein jeder die tur, woran er gesteh worden, gleich ver- 
schliesscn; und hette er, haubtman, sich, nachdeme zuvordrist in bemeltem 
weihewasserstein ahn statt der zwei louis d'or, so die juffer Roiner ihme, 
umb darinnen zu legen, gegeben, ein kopfstuck von gülden aix und eineu 
species Schilling gelegt und einwendig der kirchen auf die treppen des por- 
tals ahn St. Anna tur, woheselbst die vicarii, umb die kirchen zu bewach- 
ten, schlafen täten-, gesteh, gestalten dasjenige, was ahn den weihewasser- 
stein geschehen wurde, zu observiren. Diesem nach, als nun umb halb sechs 
uhren morgens dem brauch nach die kirch eröffnet worden und erstlich 
zwei frau personen nach einander der kirchen hineinkommen, seie die mans 
person, so anietzo in haft gebracht worden, auch hineinkommen, sich näherend 
zu dem weihewasserstein, und davon von dannen zu des St. Cornelii hinter 



1 Gemeint ist das heute noch vorhandene Weihwasserbecki n gegenüber der bis 
zum Jahre 177.1 als Südeingang zum Dom benutzten, jetzt verschlossenen Am. 
dasselbe ist an der dem Umgang zngekehrl - e desjeni: 
bracht, an dem sich die Kanzel befindet. 

2 ) Nach Quix. Histor. t.ijiogr. Beschreibung der Stadt Aacl S 6 ... sieb 
ehemals im Münster zwei Schlafstellen, welche für die Unterkunft der mit der Nacht- 
wache b trauten 7ikare bestimmt waren, „eins an der Sakristei und eins über dem 
Eingänge aus der Kirche in die Nicolaikapelle. " Die Lage der ersten sich nach 

den im vorliegenden Protokoll gemachten Indeutu tuer bestimmen : sie befand 

sich nn der nach der ehemaligen Sakristei (unteren Mathiaskapelle zu gelegenen 
Wandüüche des Oktogonumganges und zwar, da deren liuke Hälfte 1; -ils duroh 



— 172 — 

dem weihewasserstein stehenden ehörgen 1 bis ahn dem anderen pilar verfu- 
get, woheselbsten den weihewasserstein im aug gehalten; als aber etwa ein 
viertel stund in gedachtem chorgen gesessen, habe derselb sich wiederumb 
zu dem weihewasserstein verfugen wollen; indeme aber darüber zwei mensehen 
zur kirchen hinein und zwei hinausgangen, habe der inhaftirter sich zurück 
bis ahn die zwischen der Hungarischcr Capeilen und der Wolfstur 2 stehende 
bank verfuget und darauf etwa ein halb viertel uhr sich nidergesetzet, da- 
von dannen aber widerumb dem weihewasserstein zu genähet, deu mantel 
mit der linken hand über den weihewasserstein gehalten und mit der rechten 
band darinnen zwei mal gefischet, worauf er, haubtmann, das signal mit 
zwei schlusselschläg gegeben und darauf die in frauen kleider versteife 
Soldaten ein jedweder die tur, worahn er beordert gestanden, verschlossen 
und derselbe sofort ergriffen worden; und habe er, haubtinan, zuletzt wahr- 
genohmen, dass ein von denen in dem weihewasserstein gelegten zwei stucken 
gelds uoch darinnen, das andere aber darausser auf dem bord des stcins 
gelegen habe. 

Eodem compariten coram iisdem Gerardt Dierichs, corporal, Peter 
Creutzer, Peter Walbert und Peter Lauffenberg, statt Soldaten, und haben 
erklert, dass sie heut morgen umb vier uhren mit dem haubtmann Heyen- 
dahl zu Unsser Lieber Frauen kirchen gangen seien, ein jeder von ihnen an 
die jenige tur der kirchen einwendig gestanden, worahn er beordert worden, 
und auf gegebenen signal des haubtman Heyendahl ein jeder seine tur ver- 
schlossen, sofort auch den inhaftierten ergriffen haben. 

Original im Aachener Stadtarchiv. 

Über die weitereu Schicksale des Verhafteten geben uns die im Düssel- 
dorfer Staatsarchiv aufbewahrten Protokollbücher des Marienstifts zu Aachen-" 

die sog. Memorie Karls des G rossen eingenommen wurde, höchstwahrscheinlich an 
deren rechter Hälfte. Es ist anzunehmen, dass die Schlafstelle entsprechend der ihr 
gegenüberliegenden über dem Eingänge zur Nikolaikapelle zur Erleichterung der Um- 
schau in erhöhter Lage, vielleicht unmittelbar vor dem die Wand durchbrechenden 
Fenster, welches den Durchblick in die damals als Aufbewahrungsort der kleinen 
Heiligtümer dienende Sakristei gestattete, angebracht war; für die Richtigkeit dieser 
Vermutung spricht auch das Vorhandensein der im Protokoll erwähnten Treibe, welche 
offenbar den Aufstieg zur Schlafstelle bildete. Vgl. hierzu Zeitschrift des Aachener 
Geschichtsvereins Bd. XXI, S. 147. 

') Das hier genannte St. Cornelii . . . ehörgen bezi Lehnet den bis zum Jahre !V v s 
an der Westseite des mehr erwähnten Weilers stehenden Altar der hl. Cornelius 
und Cyprianus mit den .ihn umgebenden Schranken: eine ähnliche Anordnung von 
Schranken, die dazu dienten, den eigentlichen Altarraum von dem übrigen Kirchen- 
raum zu trennen, besassen laut einer Nntiz der im Aachener Münsterarchiv befindlichen 
Auszüge aus den Capitelsprotokollen des Marie nstifts vom 16. Juli 1779 die benachbar- 
ten Altäre des hl. Joseph und .'<> h>kus. Vgl. auch Zeitschrift des Aachener Geschieh ts- 
Vori ins Is i. XXH. s. 224. 

!>!<• Wolfstur befand sich damals noch an der östlichen Seite der Eingangs- 
halle, anmittelbar vor den jetzt zum Oktogon hinabführenden Stufen. 

Vgl. Capitelsprotokolle des Aachener Marienstiftes, Staatsarchiv Düsseldorf. 
M. M v. 

1723. ~£l Dez. Reverendissimus dominus decanus retulU se vespere a Bindicatu 
huiatia magistratus informatum fuisse, qualiter ah aliquo tempore diversis incolis 
Aquensibus et Porcetanis per litteras Lncendii comminatorias non exiguae peeuniae 



— 173 — 

näheren Aufschluss. Da die Jurisdiktion gegen auswärtige, nicht der Immu- 
nität angehörige Verbrecher dein Propste bezw. dessen Stellvertreter, dem 
Vizepropste, zustand, so nahm letzterer die Regelung der Angelegenheit in 
die Hand. Auf seine Anordnung wurde der Delinquent, der laut Ausweis 
der Protokolle Merckelbach hiess, aus der ihm von Hauptmann Heyend;;hl 
zum vorläufigen Aufenthalt angewiesenen ungarischen Kapelle zu einem im 
oberen Teile des südlichen Treppenturmes gelegenen Raum in Gewahrsam 
gebracht, der einen kaum genügenden Ersatz für die seit längerer Zeit in 
unbrauchbarem Zustande befindlichen Probsteigefängnissc bot. Nach sechs- 
monatiger Haft gelang es Merckelbach, bei Nacht und Nebel hieraus zu ent- 
weichen. Nachdem er sich mittels eines Seiles aus einem nach dem Oktogon zu 
liegenden Treppenturmfenster auf das Bleidach des Umganges herabgelassen 
hatte, begegnete ihm beim weiteren Abstieg das Unglück, infolge Reissens 
des Taues abzustürzen. Mit zerschmetterten Gliedern wurde er von seinen 
ihn erwartenden Söhnen und Bekannten aufgehoben und zum nahen Jesuiten- 
kollegium gebracht, wo er aus unserm Gesichtskreis verschwindet. Wir 
erführen nicht, ob der schwer Verwundete, dessen Geschick eine so uner- 
wartet schlimme Wendung genommen hatte, dort seinen Verletzungen erlag. 
Der säumige Vizepropst indes, den, wie es scheint, erst die Flucht Merckel- 
bachs wieder an die noch der Erledigung harrende Amtspflicht mahnte, 
hatte das Nachsehen und musste sich obendrein noch den Tadel des Dechan- 
ten gefallen lassen, der ihn zum wiederholten Male an die bisher nicht 
erfolgte Instandsetzung der Probsteikerker erinnerte. 

Fr. Karl Becker. 



snmmae extortae fuissent et domicellae Roerner, devotae capucinessae, per eiusmodi 
epistolam pro depositione duorum ludovicorum auroorara praefixus esset lapis aquae 
benedictae in regali hac eeclesia prope portam Stae Annae desuperque hoc mane 
certurn N. Merckelbach in flagranti ad dictum lapidem apprehensum esse et de facto 
in capella Hungariea per apprehensores detineri, desuperque cum iurisdictio in extra- 
neos delinquentes in eeclesia et immunitate spectet ad reverendissimum dominum 
praepositum, dominus vieepraepositus de Charneux monitus fuit officii sui. qui postea- 
quam de monito reverendissimi domini decani officio ei missa in eeclesia suspensa 
ecclesiam claudi iussit, et per milites ad ipsius requisitionem a magistratu concessos 
ad turrim 6cclesiae in custodiam duetus fuit, insuperque dominus vieepraepositus 
monitus fuit ad reaedificandos earceres iurisdictionis praeposituralis per ipsum nuper 
terra coopertos reaperiendos et reaedificandos fore. 

1724. 21. Juli: Cum captivus Merckelbach hac nocte ex turri eeclesiae per fenes- 
tram Loci, in quo detinebatur, se demiserit usque in tectum plumbeum ;ne et 

inde ex hoc tecto intra portam S. Annae et capellam Hungaricam in coemiterium, 
ruptis vero ex ruptura funum cruribus per iilios aliosve assistentes ad collegium socie- 
tatis Jesu transportatus fuerit, decanus et capitulum monuere dominum vieepraeposi- 
tum, quatenus indilate procuret per praesidem et iudices ab ipso in hoc oasu deputa- 
tos locum et circumstantias evasionis visitari.... Dein dominus i positusiti 

monitus fuit, tri carcerem domini praepositi per eundem dominum vieepraepositum 
ante tres circitiT aniins denn >lit u in va'ide ivstaurari faciat 



Bericht über die Monatsversammiungen 
und Sommerausflüge. 

Die erste diesjährige Monatsversamrnluug des Vereins fand am 
25. Januar statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vor- 
sitzende Dr. Savelsberg in einem warmen Nachruf des verstorbenen 
Vorstandsmitgliedes, Realgymnasialvorschullehrers Johannes Pschmadt, der 
am 6. Dezember des verflossenen Jahres plötzlich aus dem Leben gerufen 
worden sei. Der Verstorbene hat sich sowohl durch eine Schrift über „Die 
Aachener Heiligtumsfahrt, das älteste nationale Kirchenfest der Deutschen" 
(1881), und durch verschiedene Abhandlungen und literarische Besprechungeu 
in der Zeitschrift „Aus Aachens Vorzeit", als auch durch mehrere Vorträge 
in beiden Geschichtsvereinen um die Aachener Lokalgeschichte grosse Ver- 
dienste erworben. In den letzten Jahren hat er das Amt des Schriftführers 
des Vereins mit der ihm eigentümlichen Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit 
verwaltet. Zu Ehren seines Andenkens erhob sich die Versammlung von 
den Sitzen. Der Vorsitzende gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass 
auch im neuen Jahre wieder 12 Mitglieder dem Vereine beigetreten seien 
und sprach die zuversichtliche Erwartung aus, dass noch viele Herren, die 
für die Geschichte der alten Kaiserstadt Interesse bekundeten, beim Beginn 
des neuen Vereinsjahres von den an sie gesandten Einladungskarten Ge- 
brauch machen würden. 

Den ersten Vortrag über die Feierlichkeiten in der Stadt Aachen 
aus Anlass der Taufe des Königs "von Rom, des Sohnes Napoleons, 
im Juni 1811 hielt Herr Nadelfabrikant Anton Thissen. An der Hand 
von Privatbriefen, die die Mainebeamten der Stadt Aachen an ihren damals 
bei den Tauffeierlichkeiten in Paris weilenden Maire, Cornelius von Guaita, 
richteten, und die des uns heute noch Interessierenden gar vieles enthalten, 
ging Redner in seinem etwa eineinhalbstündigen Vortrage davon aus, dass 
Napoleon, der Karls des Grossen Nachfolger zu sein wähnte, Aachen stets 
ganz besonders auszeichnete. Herr Thissen sprach zunächst über die Er- 
richtung des Aachener Bistums (1801) durch Napoleon, als er noch erster 
Konsul war, über die Schenkung des St. Annaklosters an die Evangelischen 
der Stadt (1802), kam dann auf den Empfang Napoleons bei seinem Besuche 
Aachens und 6einen Aufenthalt daselbst vom 2. bis 11. Septemher 1804 zu 
sprechen und erwähnte den Bericht eines Augenzeugen des Einzugs, des 



— 175 — 

bekannten Dichters und Kanonikus Wilh. Smets, worin es heisst, dass die 
Aachener Domgrafen das Kaiserpaar mit dem Ruf: „Vive Lampenöl", „Vive 
Lampetreis" begrüssl hatten; er führte dann aus. was Napoleon hei dieser 
Gelegenheit für Aachen Wichtiges angeordnet, hahe, hob hervor, dass ausser 
der Kaiserin Josefine, die zu längerem Badeaufenthalte hier verweilte, 
noch andere Verwandte Napoleons sieh wiederholt hier aufgehalten, u. a. 
seine Schwester Pauline, nach der das „Paulinen-Wäldchen" benannt worden 
sei, und ging dann zu den Tauffeierlichkeiten in Aachen seihst über. Ausser 
dem Maire der „bonne ville d'Aix-la-chapelle" hätten als Deputierte zwei 
Munizipalräte, Josef Geulgans und Josef von Fürth, den Feierlichkeiten in 
Paris heigewohnt. In den Briefen werden alle Feierlichkeiten und Vor- 
kommnisse in Aachen dem Herrn Maire eingehend unterbreitet. Wir hören, 
dass von dem Herrn Präfekten für diese Feste 25 000 Frs. angewiesen 
waren, die die Stadt aufzubringen hatte. Die Feste bestanden in einer 
grossen Ausschmückung der Stadt mit Triumphbogen, Maibäumen und Trans- 
parenten, in einer freien Kommödie am Vorabend des Festes, einem grossen 
Bai part'e auf der grossen Redoute, einem von dem General Le Marrois auf 
dem Lousberg gegebenen grossen Bankett mit nachfolgendem Konzert auf 
Kosten der Stadt, Illumination des Lousbergs, sowie der Aachen umgebenden 
Höhen und einem grossen Diner der Mairie. Es wird dann erwähnt, dass das 
neue Sandkaultor in Aufstellung begriffen und das Kölnmitteltor abgerissen 
sei, ferner, dass auf dem Fischmarkt die beiden Eingangstore zur Kathedral- 
Kirche in der grössten Geschwindigkeit abgebrochen würden, damit die Zu- 
fuhr der Wagen au dem Festtage ungehindert sei, dass der Präfekt Ladou- 
cette dies angeordnet und dem Unternehmer dieses Abbruchs für die Kosten 
450 Frs. auf die Mairie angewiesen habe. Es ist dabei die Rede von einer 
in der Mitte stehenden Säule, die ebenfalls weggeräumt werden soll. Auch 
wurde ein Festzug durch die Stadt angeordnet, bei welchem auf Wunsch 
Ladoucettes die grosse Figur Karls des Grossen mit geführt werden sollte. 
Redner ergeht sich in einer eingehenden Schilderung dieser Figur, die bei 
Kaiserkrönuugen und Prozessionen mitgeführt wurde und nach dem Aachener 
Jesuiten Thenen mutmasslich auf die Zeit Friedrich Barbarossas zurückzu- 
führen sei, auch bereits von a Beeck und Noppius erwähnt würde. Beim Ein- 
züge Karls V. wird sie von Hermann Mohr (oder Hartmannus Maurus) angeführt. 
In den „Amüsements des eaux" spricht der Verfasser von der Figur, die sich 
damals in einer sehr üblen Verfassung befunden haben muss. 1811 wird dann die 
Figur zum letzten Mal erwähnt. Interessant war auch die Mitteilung Thissena 
über den Ursprung der in der napoleonischen Zeit bei Festen fast stets erwähnten 
Kovirres (Roseumädcheu). Diesen wurde gewohnlich eine Mitgift angewiesen, 
wenn sie ehemaligen Militärs ihre Hand zur Heirat reichten. Redner be- 
sprach dann eine im Stadtarchiv aufbewahrte Pergamenturkunde mit Napoleons 
eigenhändiger Unterschrift, gemäss welcher der Stadt an Stelle ihres alten 
Wappenadlers ein neues Wappen verliehen wurde, und liess eine Zeichnung 
des letzteren in der Versammlung umgehen. Zum Schluss erwähnte er die 



— 176 — 

letzte kurze Anwesenheit Napoleons und Marie Luisens (7. November 1811) 
und führte eine überschwengliche Anrede Ladoucettes bei dieser Gelegenheit 
wörtlich an: „Sire, die Einwohner dieser Gegend fürchteten Zäsaren, sie ge- 
horchten Karl dem Grossen, alle beten Napoleon den Grossen an, alle rufen 
aus, es lebe der Kaiser!" Es verdient noch hervorgehoben zu werden, dass 
nach Thissen der Maire von Guaita als Erinnerung an das Fest und als 
Geschenk Napoleons für die Stadt Aachen eine grosse Medaille von Paris 
mitbrachte, und dass der Maire auch eine den Aachener Nadelfabrikanten 
wegen ihrer vorzüglichen Fabrikate verliehene goldene Medaille in seinem 
Verwahr hatte. Aus der Versammlung wurde der Wunsch rege, nachzu- 
forschen, ob diese beiden Medaillen wohl noch vorhanden seien. — In der 
an den Vortrag sich anschliessenden, recht lebhaften Diskussion stellte Herr 
Dr. Lehmann, Syndikus der Handelskammer, einen interessanten Vergleich 
an zwischen der grossen Wirtschaftspolitik Karls des Grossen und der 1000 
Jahre später beginnenden, für die hiesige Industrie verdienstvollen Tätigkeit 
Napoleons I. auf dem Gebiete der Kanal-. Verkehrs- und Wegepolitik und 
forderte zu diesbezüglichen Studien in den Präfekturakten auf. Demgegen 
über stellte Herr Oberpostpraktikant Karl 1 die Motive für alle Massnahme 
Napoleons in hiesiger Gegend als rein egoistische dar und besprach einzelne 
Einrichtungen desselben, u. a. die Primär- und Sekundärschulen, sowie die 
Lyceen, in ziemlich abfälliger Weise, worauf Herr Dr. Lehmann mit einem 
Rückblick auf die überaus schwache Wirtschaftspolitik des Deutscheu Eeiches 
in den letzten Jahrhunderten und das Aufblühen derselben seit Napoleon 
erwiderte. Herr von Schwär tzenberg pries Napoleons Tätigkeit durch die 
Einführung des Zivilstandsregisters und der Häusernummerierung und die 
Erweiterung des Postwesens. Herr Museumsdirektor Dr. Schweitzer zählte 
eine Anzahl ähnlicher Fälle von Volksaufzügen mit Kiesenpuppeu in Mailand 
(grosses Eeiterstandbild des Vaters von Ludovico Moro), in Frankreich, bei 
Passionsspielen in Deutschland und beim Einzüge Karls V. in Antwerpen auf, 
während Herr Thissen von ähnlichen grossen Gliederpuppen bei Osterfeier 
lichkeiten in Barcelona und Burgos berichtete. Herr Pöschel erwähnte dar 
Herumtragen grosser Figuren seitens der Burtscheider Weber bei Kirmes 
festen und die Tätigkeit des sogenannten „Streu-Engelchens auf der Kos" 
bei Gelegenheit der Jakobskirmes. 

Den zweiten Vortrag hielt Herr Oberpostpraktikant Karll über den 
bekannten Aachener Dichter Wilhelm Smets, dessen grosse Begeisterung 
für Aachen er kritisch beleuchtete. Aus dem Leben des hochgefeierten 
Dichters erzählte er von seinen Jugenderinnerungen an die Aachener Schule 
und das französische Lyceum in Bonn, von seiner Schilderung der Abneigung 
der Bevölkerung gegen den fremden Kaiser und die französische Nation und 
von seinem interessanten Berichte über den Einzug des Kaisers in Aachen. 

Herr Dr. Spandau sprach im Anschluss an den Vortrag des Vor- 
sitzenden in der Generalversammlung vom November über die Phahlgruben, 
die man während der letzten Jahrzehute in der Altstadt bei Erdarbeiten, 



— 177 — 

und zwar meist in gleicher Richtung an der Peripherie derselben gefunden 
hat. Diese Gruben, so führte der Vortragende aus, hat man einerseits für 
Abort- oder Gerhergruben, anderseits für Reste einer ehemaligen primitiven 
Befestigungsanlage gehalten. Gegen die erstere Annahme spricht zunächst 
der Umstand, dass nicht wohl anzunehmen ist, selbst nicht bei Berücksich- 
tigung der nicht allzu tief ausgebildeten mittelalterlichen hygienischen und 
ästhetischen Begriffe, die Aachener hätten ihre Stadt mit solchen Gruben 
eingesäumt, die durch ihre Ausdünstungen ein Herd vernichtender Seuchen 
gewesen wären. Ferner ist durch die Lage der Gruben, von denen ausserdem 
eine grosse Anzahl in der Nähe eines Hauses aufgefunden worden ist, aus- 
geschlossen, dass sie zu obengenannten Zwecken benutzt worden seien. Für 
diesen Fall würde man sie auch zum mindesten gemauert und so eine 
Reinigung ermöglicht haben, die bei der allmählich mitfaulenden Holzbe- 
kleidung der Gruben schliesslich unmöglich wurde. Über die von Zeit zu 
Zeit notwendige Reinigung der Gruben wäre dann sicher irgendwo etwas 
vermerkt worden; doch bringen auch die Stadtrechnungen nichts dergleichen. 
Dagegen lässt sich aus den Stadtrechnungen nachweisen, dass auch schon 
im mittelalterlichen Aachen ähnliche Anstalteu, wie wir sie heute besitzen, 
nämlich solche, die den Abortbesuchenden den Augen der Öffentlichkeit ent- 
ziehen, vorhanden waren. Solche Anlagen befanden sich an dem ehemaligen 
Grashaus, dem heutigen Archiv, dem Posterchen Tor — in der Nähe des 
heutigen Bücheis — und dem „neuen Haus" auf dem Markt, welches ver- 
mutlich der Büchsenkeller, eine Art Zeughaus war und neben dem Rathause 
lag. Da in den Stadtrechnungen Ausgaben für die Reinigung dieser An- 
lagen und Deckung derselben mit Schindeln verzeichnet sind, so ist wohl 
klar, dass es keine offenen Gruben gewesen sind, die mau zu Abortzwecken 
benutzt hat. Eine ähnliche Anlage hat man bekanntlich vor einigen Jahren 
in der Tiefe des Markt turmes entdeckt. Dass die Gruben nicht zu jenen 
Zwecken gedieut haben können, folgerte der Vortragende hauptsächlich aus 
der Bezeichnung der oben erwähnten Anstalten. Weist denn nicht schon 
der Name Heimlichkeit oder wie es in den Stadt rechnungen heisst heymmel- 
cheit oder privet — heute noch im Französischen prive und im Englischen 
privy, den verschwiegenen Ort bezeichnend — darauf hin, dass man sich 
bei solchen Akten der Öffentlichkeit preiszugeben scheute? Dass man in 
Ausnahmefällen die Gruben als Abortgruben benutzt hat, ist nicht ausgt - 
schlössen; solche Ausnahmefälle waren z. B. die Tage der Heiligtumsfahrt, 
an denen oft bis zu 150000 Menschen in einer Stadt von höchstens 15000 
Einwohnern weilten. Es ist begreiflich, dass es an solchen Tagen nicht an 
Verstössen gegen Herkommen und gute Sitte fehlte. Über das Vorhanden- 
sein der zahllosen Kirschkerne in den Gruben berief sich der Vortragende 
auf eine auch schon früher angeführte Stelle des Chronisten von Weinsberg. 
— Gegen die Annahme die Gruben seien Gerbergruben geweseD, erwähnte 
der Vortragende neben anderen beweisenden Gründen Vornehmlich die Tat- 
sache, das^ man zahlreiche Gruben an Stephanshof auf der Immunität des 



— 178 — 

Münsters gefunden hat, auf der Gerber als Ge werbetreibende nicht zugelassen 
wurden. Ferner ist es nicht angängig, die Gruben mit einer städtischen 
Kanalisation in Verbindung zu bringen, wie man versucht hat; denn die 
in den Stadtrechnungen erwähnten cannales sind weder Abzugs- noch An- 
schlusskanäle, sondern Trinkwasserleitungen. Nach diesen Widerlegungen 
der Ansicht, die in den Gruben Abort- oder Gerbergruben erblickte, äusserte 
sich der Vortragende dahin, dass auch nach seiner Ansicht die Gruben für 
Reste einer ehemaligen Befestigung zu halten seien. Dass solche Gruben 
zu Verteidigungsanlagen augelegt wurden, so führte er weiter aus, ist uns 
schon aus Caesars Bellum Gallicum bekannt. Der Einwand, die Gruben 
seien deshalb keine Befestiguugswerke gewesen, weil die beiden in der 
ßendelstrassc entdeckten Gruben 20 Meter voneinander entfernt gelegen und 
zwischen diesen als Befestigungswerken kein so grosser Zwischenraum hätte 
gewesen sein können, sondern der Ring hätte geschlossen sein müssen, ist 
nicht stichhaltig. Denn 1. befanden sich an den aus und nach Aachen 
führenden Strassen beim Eintritt in den Ort keine Gruben ; es gab Stellen, 
an denen die Gruben fehlten und fehlen mussten; 2. sind diese aller Wahr- 
scheinlichkeit nach so augelegt worden, dass sie nicht dicht nebeneinander 
einen Ring bildeten, sondern dass sie Zwischenräume offen Hessen, die durch 
eine davor oder dahinter gelegene Grube in gewisser Entfernung geschlossen 
wurden. Die Einwendung könnte auch nur dann von Erheblichkeit sein, 
wenn man nachweisen könnte, dass an der betreffenden Stelle sich keine 
Gruben in der angegebenen Anordnung befunden hätten. Um dieses dar- 
zutun, müsste zunächst der Beweis erbracht werden, dass der Boden dort 
seit ältester Zeit unberührt geblieben sei. Auch die Behauptung, der die 
Stadt umgebende Ring sei nicht vollständig geschlossen, da man an der 
Nord- und Nordwestseite derselben keine Gruben gefunden habe, entbehrt 
der Begründung, da solche Gruben in der Nähe des Paulushauses in der 
Tat gefunden worden sind. Ausserdem wäre aber auch zu beweisen, dass 
man, wenn auf der betreffenden Linie während der letzten Jahrzehnte Neu- 
bauten errichtet worden seien, dabei tätsächlich keinerlei Grubenanlagen 
entdeckt habe. Der Redner schloss seine Ausführungen damit, dass, so lange 
nicht stichhaltige Gründe dagegen aufgefunden würden, auch er bei der 
Ansicht verbleiben würde, dass die Gruben Reste einer ehemaligen Befesti- 
gungs- bezw. Verteidigungsanlage gewesen sind. Auch an diesen Vortrag 
schloss sich eine längere Diskussion an, an der sich ausser dem Vorsitzenden 
die Herren von Schwartzenberg, Sanitätsrat Dr. Schumacher, Fabrikant Thissen 
und Dr. Lehmann beteiligten. 

Gegen Schluss der Sitzung machte der Vorsitzende der Versammlung 
Mitteilung von dem Vorhaben des Vorstandes, die bei Gelegenheit der 
Hauptversammlung im Gartensaale des Kurhauses veranstaltete Ausstellung 
von Aquensien zu einer grossen Ausstellung von Aachener Alter- 
tümern aus dem Besitze einzelner Mitbürger zu erweitern, für die sich 
auch Oberbürgermeister Veltmau in besonderer Weise interessiert und ein 



— 170 — 

geeignetes städtisches Lokal in sichere Aussicht gestellt habe. Wie bei 
verschiedenen Anfragen bei den hauptsächlich in Betracht kommenden 
Aachener Sammlern, zeigte sich auch hier in der Versammlung sofort die 
grösste Begeisterung' für diese Idee. Au der äusserst lebhaften Besprechung 
beteiligten sich mit diesbezüglichen Vorschlägen die Herren A. Thissen, 
Museumsdirektor Dr. Schweitzer, C. Pöschel, A. Bischoff. .i. Kessels und 
Dr. Lehmann, und es wurde beschlossen, in der folgenden Woche sofort die 
Verhandlungen über dieses wichtige Unternehmen zu beginnen. Erst nach 
Mitternacht schloss der Vorsitzende die äusserst anregend verlaufene Sitzung. 

Zu Beginn der am 22. März in Alt- Bayern abgehaltenen letzten Monats- 
versammlung sprach Herr Fabrikant Thissen dem Vorsitzenden des Vereins, 
Herrn Dr. Savelsberg, die Glückwüusehe der Versammlung zu seiner Er- 
nennung zum Professor aus, womit der Redner zugleich den Dank für die 
Bemühungen des Vorsitzenden um die gedeihliche Entwicklung des Yereins- 
lebens verband. Der Verein habe im letzten Jahre eine Zunahme von 225 
Mitgliedern zu verzeichnen. Die Gesamtzahl betrage jetzt fast 500. 

Den ersten Vortrag hielt Herr Stadtsekretär Zander über die „Be- 
strafung von Beleidigungen im reichsstädtischen Aachen". Die- 
selbe lag in Händen des Kur- und des Sendgerichts. Ersteres ist im Anfang 
des U.Jahrhunderts entstanden, erhielt aber erst 1338 Gesetze, welche 1577 
erneuert wurden. Alle reellen und persönlichen Beleidigungsklagen von 
Männern gehörten vor das Kurgericht. Es verhängte ganz empfindliche Geld- 
strafen, die der Stadtkasse zu gute kamen. Das Sendgericht entschied vor- 
wiegend über Beleidigungsklagen von Frauen. Es war ein geistliches Gericht. 
Den Vorsitz führte der Erzpriester, der zu Beisitzern die damaligen 4 Pfarrer 
der Stadt nebst 7 weltlichen, vom Stadtmagistrat vorgeschlagenen Schölten 
hatte. Ursprünglich fand von diesem Gericht keine Berufung statt; später 
aber wurde davon an die päpstliche Nuntiatur oder auch nach Born appelliert. 
Die verhängten Strafen waren zuweilen recht origineller Art. Ein junger 
Mann, der einem Mädchen die Ehre in verleumderischer Weise abgesprochen 
hatte, wurde vom Sendgericht in Würselen verurteilt: l. Mit einer >trobkrone 
auf dem Kopf eine Zeitlang auf einer Leiter an der Kirchenmauer zu stehen. 
2. Eine Wallfahrt zum hl. Blut nach Brügge zu machen, 3. Barhäuptig 
mit 2 Kerzen in den Händen nach Aachen zu wallen, 4. In einem weissen 
Gewände und mit 2 Kerzen in den Händen um den Altar der Kirche in 
Würselen vor versammelter Gemeinde zu gehen. Die Strafe war also eine 
äusserst strenge, denn sie kostete viel Zeit und Geld. Bittfahrten waren 
überhaupt ein sehr beliebtes Strafmittel. Auch der Aachener Rat bestimmte 
öffentliche Bussen für Beleidigungen. Wie -ehr ehrenrührige Nachreden 
verpönt waren, geht aus einer Bestimmung der Bruderschaft der Nadler 
hervor, wonach ein Ehrabschneider für immer au- der Bruderschaft aus- 
geschlossen wurde. 

Einen zweiten Vortrag hielt Herr Regicrungsbauführer Becker über 
..Aachener Drohbriefe des 18. Jahrhunderts". Zunächst schilderte 



— 180 — 

der Redner die Zustande der Reichsstadt im genannten Jahrhundert. Fs 
war eine Periode des Niedergangs auf fast allen Gebieten, nicht zuletzt 
auf dem der öffentlichen Moral. Man lese nur die beweglichen Klagen 
darüber in der Chronik des Bürgermeisterdieners Johannes Janssen. Die 
Sicherheit in der Stadt war gefährdet durch die beständigen Kämpfe der 
sogenannten Mäkelei und ausserhalb der Mauern durch Räuberbanden, Die 
Bockreiter trieben ihr Unwesen mit kurzer Unterbrechung von 173-4- 1776. 
Ihre Führer waren zuletzt die 3 Brüder Kirchhoff in Herzogenrath, ein 
Chirurg, ein Küster und ein Schuhmacher. Infolge der llevulutionskriege 
bildeten sich neue Banden unter Führung der beiden Boosbeck und des 
„Königs der Nacht" Picard. Aus dem Jahre 1794 stammt ein mit Blut 
geschriebener Drohbrief, den der Vortragende verlas. Der Brief beruht im 
Stadtarchiv. Gerichtet ist er an einen Johannes Prümper. Das mit Blut 
geschriebene Ende des Briefes hat den charakteristischen Wortlaut: „Der 
Slus der ist gemacht, wir habe alle 26 uns unterschrieben mit unsern blut, 
so du nicht 26 Cronen an gut gelt gipts nochmal so ist alles umsonst und 
alles nichts wer dir helffen amen." Auch in den Stiftsprotokollen des 
Aachener Münsters werden Drohbriefe häufig erwähnt. So wurde 1723 ein 
in der Hartmannstrasse wohnendes Fräulein Kömer durch zwei Briefe unter 
Drohungen aufgefordert, Geld in einen Weihwasserstein des Münsters nieder- 
zulegen, widrigenfalls mau ihr Gut am Lousberg in Brand stecken würde. 
Der Stadthauptmanu Heffendahl, der 4 Mann der Stadtmiliz als Bettlerinnen 
verkleidet im Münster aufstellte, fing den Briel'schreiber, einen gewissen 
Merkelbach, ab. Im südlichen Treppenturm des Münsters wurde der Ver- 
haftete festgesetzt. Nach 7 monatlicher Gefangenschaft unternahm Merkelbach 
einen Fluchtversuch, stürzte ab und brach mehrere Gliedmassen, so dass 
man wohl von einer weiteren Bestrafung absah. An der Hand von 
Zeichnungen machte sodann der Vortragende sehr eingehende und interessante 
Mitteilungen über die damalige Beschaffenheit des Münsterinnern, zumal 
der Annakapelle, die 1773 geschlossen wurde. An den Vortrag knüpfte sich 
eine lebhafte Diskussion, in der Herr Professor Buchkrem er über 
die Lage und Beschaffenheit der beiden Schlafgemächer für die Wächter 
der Kirche Aufschluss gab. Das eine befand sich an der Memorie Karls 
des Grossen, das andere in der Kaiserloge über der Wolfstür. 

Als dritter Redner sprach Herr Dr. Spandau über „Madame Reca- 
mier und ihre Beziehungen zu Aachen". Die vor hundert Jahren 
viel gefeierte, durch Schönheit und Geist ausgezeichnete Frau, die unter 
dem Direktorium und zur Zeit des Konsulats alle bedeutenden Männer der 
Zeit in ihrem Pariser Salon sah, stand in Beziehungen zu dem Neffen 
Friedrichs des Grossen, dem Prinzen August von Preussen, der sich mit 
der Hoffnung trug, sie heiraten zu können. Beide trafen sich nach lang- 
jähriger Trennung im Jahre 1818 in Aachen während des Mouarchenkon- 
gresses. Der Prinz wiederholte seine Werbung um die Hand der damals 
41 jährigen, aber noch immer blühend schönen Frau. Die Verhältnisse Hessen 



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indes eine Verbindung nicht zu. Sie nahmen iu Aachen Abschied von ein- 
ander und haben sich nicht mehr wiedergesehen. 

Der Vorsitzende machte sodann Vorschläge für 5 Sommerausflüge: 
nach Forst-Hochforst ; Bleiberg-Burg-Schiraper-Eulenburg-Montzen-Moresnei ; 
Wilre-Wittem-Lemiers-Vaals ; Heinsberg-Lindern-Randerath; Nüth-H< ens- 
brocch-Amstenrath. Die Veranstaltung dieser Ausflüge wurde beschlossen. 
Ferner teilte der Vorsitzende mit, dass die Sammlung von Flurnamen dank 
di r Mithülfe (.er beiden hiesigen Katasterämter erfreulich fortschreite. 
Im Anscbluss an eine Anzahl der Versammlung von Professor Savels- 
berg vorgelegten Photographieen alter, zum Teil schon verschwundener 
Aachener Häuser ersuchte Professor Buchkremer alle, die Gelegenheit, hätten. 
die noch vorhandenen alten Häuser im Innern kennen zu lernen, ihm davon 
Mitteilung zugehen zu lassen, falls diese Häuser irgend etwas Beachtens- 
wertes von Türen, Treppen, Kaminen und dergleichen enthielten. 

Bezüglich der geplanten Ausstellung von Aachener Altertümern konnte 
der Vorsitzende der Versammlung die mit lebhaftem Danke entgegenge- 
nommene Mitteilung machen, dass die Stadtverwaltung sich für die Aus- 
stellung sehr interessiere, und dass der Herr Oberbürgermeister dieselbe 
persönlich eröffnen werde. Die Ausstellung rinde im Rathaussaal statt und 
werde vom i. Sonntag nach Pfingsten an 14 Tage dauern. Das Eintrittsgeld 
betrage an Sonntagen 20, an Wochentagen 50 Pfg. Die bedeutendsten 
Sammler hätten sich schon bereit, erklärt, die Ausstellung zu beschicken, 
uiil da dieselbe unter dem Schutze der Stadt vor sich gehe, dürften alle 
Bedenken gegen Beteiligung hinfällig sein. Demnächst werde ein Aufruf 
des Vereins an alle Kreise der Bürgerschaft ergehen. In anderen Städten, 
beispielsweise in Strassburg und Coln hätten derartige Ausstellungen stets 
einen bedeutenden Erfolg gehallt. Bei tatkräftiger Mitwirkung aller Kreise 
dürfe man ein gleiches Resultat auch von dem hiesigen Unternehmen erhoffen. 

In vorgerückter Stunde schloss der Vorsitzende mit dem Ausdruck de- 
wärmsten Dankes an die Redner des Abends die äusserst inhaltsreiche und 
anregende \ ersammlung. 

Zu dem ersten wissenschaftlichen Ausflüge des Vereins hatten sieh 
am 22. Mai, Nachmittags 4 Uhr, über sechszig Herren und Damen in der 
Wirtschaft des Drimborner Wäldchens eingefunden. Professor Savelsberg 
begrüsste die Teilnehmer, indem er hervorhob, dass der Vorstand, sehr 
beschäftig! mit der umfangreichen Vorbereitung für die Ausstellung Alt- 
aachener Gegenstände im grossen Rathaussaale, die Mitglieder nur zu 
einem kleinen Ausfluge in Aachens nächste Umgebung eingeladen habe 
in der Ueberzeugung, dass auch dieser ihnen des Historisch-Interessanten 
genug bieten werde. Er gedachte der irrossm Beliebtheit, deren sich das 
Drimborner Wäldchen, ehemals ..van Ussems Böschge" genannt, von jeher 
bei der Bürgerschaft Aachens zu erfreuen gehabt habe. Er machte auf 
die Reste der altertümlichen Denkmäler aufmerksam, mit denen der 
frühere Besitzer von Drimborn, Eiermann Isaak von Aussem, da- Drimborner 



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Wäldchen in romantischer Weise ausgeschmückt habe, so auf den interes- 
santen Torbau am Anfange des Wäldchens, auf den römischen Inschriften- 
stein, den „Caius Nigidius Aponinus", der Präfekt der zehnten Legion, 
den gefallenen ,,commilitones eiusdem legionis" als Denkmal gesetzt hatte, 
der bei Brohl in der Gegend zwischen Bonn und Andernach gefunden 
wurde, auf den in einem besonderen Gewölbe stehenden, gewaltig grossen 
Steinsarg, der im Jahre 1793 beim Pflügen in einem Acker bei Weis- 
weiler, in der Nähe des Schlosses Palant aufgedeckt wurde, und auf 
den gegenüberstehenden Gedenkstein an den im Jahre 1782 in vier Tagen 
erfolgten Tod dreier Kinder des Herrn von Aussem. Er berichtete ferner, 
dass die drei Kinder nach den Begräbnisregistern der Alexianer am Ende 
des Jahres 1782 auf dem evangelischen Kirchhofe an Kölntor, dem soge- 
nannten Goldenen Plan oder Goldenen Pflug, für 138 Gulden in der Weise 
bestattet worden seien, dass dem ersten Kinde vier, dem zweiten Kinde 
sechs und dem dritten acht Alexianerbrüder das Geleite gegeben hätten. 
Dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen der Besitzerin von Drimborn. 
Frau Straeter, das der Vorsitzende mit gebührendem Lob und Dank 
hervorhob, konnte die Versammlung manche interessante auf Drimborn be- 
zügliche Schriftstücke, Bücher, Urkunden und Bilder in Augenschein nehmen, 
u. a. den gedruckten Trauerbrief mit dev Unterschrift des Herrn von Aussem, 
in dem er in ausführlicher Weise den Bekannten den Tod seiner Kinder 
mitteilte, einen Erlaubnisschein des Polizeipräfekten Castelli vom 1. Februar 
1797, wegen des grossen Wertes seiner Sammlungen das abseits gelegene 
Gut Drimborn durch zwei Bewaffnete beschützen zu lassen, zwei schöne 
Aquarelle, eine Darstellung des alten Gutes Drimborn aus dem 17. Jahr- 
hundert und eine Abbilduno- des römischen Inschriftensteins aus dem Ende 
des 18. Jahrhunderts, ferner in zwei altertümlichen Foliobänden das Ver- 
zeichnis der grossen von Aussemschen Sammlung von Petrefakteu, Conchylien, 
Tieren, Gemälden, Kupferstichen, Handschriften und Münzen und das Fremden- 
buch, das Herr von Aussein 1818, im Jahre des Aachener Monarchen-Kon- 
gresses, für die Besucher seiner Sammlungen angelegt, in dem die versammelten 
Damen und Herren mit sichtbarem Interesse die Autographen so mancher 
hochstehenden und wohlbekannten Persönlichkeiten studierten, wie z. B. des 
letzten deutschen Kaisers Franz von Üesterreich (1818), des Prinzen Wilhelm 
von Preussen, des nachherigen Kaisers Wilhelm I. (1821), des Prinzen August 
von Preussen ils-usi und seiner Freundin. Madame Juliette Recamier (1818) 
über die Dr. Spandau in der letzten Monatssitzung einen Vortrag gehalten 
hatte. Aus verschiedenen Urkunden des 17. und 18. Jahrhunderts (ebenfalls 
im Besitze der Frau Straeter), deren Inhali Professor Savelsberg 
besprach, ergab sich, da-- der älteste nachweisbare Besitzer de- Gutes 
der Kupfermeister Johann Nutten der Ältere war, dem Kurfürst Philipp 
Wilhelm, Pfalzgraf bei Rhein, als llerz<>e- von Jülich, in dessen Gebiet 
die Unterherrlichkeit Schönforsl lag, bald nach dem Aachener Brande von 
1656 die Erlaubnis zur Errichtung ein.- Kupferhofes und Schmelzofens 



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im Bezirk Schönforst erteilte und laut Urkunde vom 25. Januar 1657 einen 
Schutz- und Schirmbrief zur Sicherheit seines Kupferhandels verlioh. In 
einer späteren Urkunde vom 21. Januar 1658 benachrichtigte der Pfalzgraf 
den Abt fsaak von Hirtz, genannt Landskron, von Cornelimünster, dem sein 
Vater, der Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm im Jahre 1650 die damals 640 
Morgen an Waldungen, Teichen, Wiesen und Ländereien umfassende Unter- 
herrlichkeil Schönforst für 33000 Rthlr. auf 24 Jahre verpfändet hatte, dass 
Jakob Nutten von allen Personaleinlogierungen, sowie von Zahlung von 
Gewinn- und Gewerbesteuern befreit sei, also auch von dem Pfandinhaber 
zu irgend welchen Lasten nicht herangezogen werden könne. Nach dem 
Tode Jakob Nutten des Älteren verkauften dessen Erben, die Eheleute Jo- 
hann Smets und Katharina geb. Bannert, und Johann Bannert laut Reali- 
sationsakt des Schönforster Gerichts vom 24. Oktober 1697 seinem Sohne, 
dem Miterben Johann Nutten dem Jüngeren gegen Auszahlung von 350 Rthlrn. 
Haus, Hof und Gut Drimborn mit allem Zubehör mit Ausnahme von 20 Morgen 
Land, die die Äbtissin von Burtscheid 1650 Johann Nutten dem Älteren zu 
Lehen gegeben hatte. K< liegt die Annahme nahe, dass damit die soge- 
nannten Zwanzig Morgen gemeint sind, die in neuerer Zeit von der Gemeinde 
Burtscheid zum Teil dem Eisenbahnfiskus, zum Teil dem von Ncllcssenschen 
Majorat abgetreten wurden. 

Im Anschluss an den Vortrag des Herrn Professor Savelsberg gab 
nun Herr Regierungsbauführer Becker einen kurzen Bericht über die Ge- 
schichte des am Eingange des Drimborner Wäldchens befindlichen Torbogens. 
Hie an der Aussenseite desselben angebrachten spätgotischen Architektur- 
reste, deren Erhaltung dem kunstsinnigen H. .T. von Aussem zu verdanken 
ist, entstammen der bis zum Ende des 18. Jahrhunderts innerhalb des 
Aachener Domchores vorhandenen .Marienkapelle. In der ersten Hälfte des 
15. Jahrhunderts kurz nach der Einweihung der gotischen Chorhalle an 
Stelle der karolingischen Apsis errichtet, umschloss diese den Ort, wo sich 
seit altersher der Hauptschatz des Münsters, der berühmte Muttergottesaltar 
nebsl dem die grossen Reliquien bergenden Marienschrein befand und die 
deutsch n Kaiser und Könige die kirchliche Weihe empfingen. Verschiedene 
Gründe, vor allem die beschränkten Verhältnisse im Innern der Kapelle. 
! glen den im Laufe des 18. Jahrhunderts wiederholt geäusserten Wunsch 
nahe, eine entsprechende Umgestaltung des Bauwerks vorzunehmen. Derselbe 
wurde durch die Ausführung eines im Juni 1786 gefassten Kapitelsbeschlusses 
verwirklicht, der die Niederlegung der gesamten Kapelle usw. anordnete. 
Die bei dieser Gelegenheit durch IL J. von Aussem erworbenen Überreste 
fanden die bereits erwähnte Verwendung. Über die < restaltung des interessanten 
Denkmals nach Grund und Aufriss geben im hiesigen Münsterarchiv beruhende 
Zeichnungen des dänischen Architekten Zuber vom Jahre 17 67, sowie eiue im Stadt- 
archiv aufbewahrte Skizze des Baumeisters Simar vom Jahre [786 Aufschluss. 

Nach Besichtigung der erwähnten Denkmäler des Drimborner Wäldchens 
begaben sich die Ausflügler nun zu dem Park von Schönthal, in dem sie 



— 184 - 

durch den Jäger des Stadtverordneten Freiherrn von Nellessen rund geführt 
und auf einzelne hervorragend hühsche Stellen aufmerksam gemacht wurden. 
Der Spaziergang durch die herrlichen, reichbewässerten Anlagen des aus- 
gedehnten Parkes bot allen einen in dieser Jahreszeit besonders schönen Natnr- 
genuss. Freiherrn von Nellessen sei auch an dieser Stelle verbindlicher Dank 
ausgesprochen. Nachdem Herr Ittner am rauschenden Wasserfall der Bever 
eine photographische Aufnahme aller Teilnehmer gemacht hatte, gelangte 
man endlich mit einiger Verspätung zur Forster Kirche, wo Herr Pfarrer 
Jansen, bezugnehmend auf die jüngst erfolgte Eingemeindung von Forst, 
seine „Aachener Mitbürger" freundlichst willkommen hiess. Neben der alten, 
breitästigen Linde, deren Alter von vielen auf 800 Jahre geschätzt wird, 
zeigte er ihnen die ehemalige Forster Schöffenstube und darunter ein mittel- 
alterliches Gewölbe, den zu jener gehörenden Kerker, sowie die neue roma- 
nische Kirche, deren Chor und Querschiff ira Jahre 1866, das Langschiff 
aber im Jahre 1899 fertiggestellt wurde. An dem Hochreservoir der Aachener 
Wasserleitung vorbei gings nun nach Schönforst, wo mancher mit Bedauern 
die öde Stelle betrachtete, an der er in seiner Jugend noch die hochragende 
Ruine der alten Ritterburg bewunderte, die einst Jahrhunderte lang der Wohn- 
sitz des mächtigen Geschlechts der Herren von Schönforst gewesen war. Da 
die Mauerreste der Ruine in der Nacht des 12. März 1884 einstürzten, mussten 
sie ganz abgetragen werden. Nur der Wassergraben der Burg war noch sicht- 
bar. Der letzte Besuch galt dem nahe bei Drimborn gelegenen Gute Schön- 
rath. Dieses war im 17. Jahrhundert Eigentum des spanischen Steuerem- 
pfängers Thiens in Aachen, dessen Wappen mit der Jahreszahl 1640 heute 
noch den Torbogen am Eingange des Hofes ziert. Im 18. Jahrhundert war 
die Burg im Besitze der Familie von Thenen, bis im Jahre 1772 der öster- 
reichische Oberleutnant Philipp Joseph von Thenen aus Glottau in Böhmen 
„das Allodial-freiadliche Haus und Gut Thieusenhaus, jetzt Schönrath ge- 
nannt, samt Wiesen, Bendeu, Gärten, Gehölzen, Fischweihern und allen 
darauf haftenden Kapaun-, Haber- und sonstigen Pachten" für 4000 Rthlr. 
an Hermann Isaak von Aussem verkaufte. Aus dem Besitze der Familie 
Scheibler ging dasselbe ira 19. Jahrhundert in den Besitz des Freiherrn von 
Nellessen über. Herr Verwalter von Wersch hatte die Freundlichkeit, den 
Geschichtsfreunden die alte Wasserburg zu zeigen und auf einzelne Eigen- 
tümlichkeiten des Gebäudes aufmerksam zu machen. Eine Inschrift auf 
einem Querbalken im Hofe mit der Jahreszahl 1443 erregte in Bezug auf 
ihre Echtheit einige Bedenken. Eine kleine Naehsitzung bei Welter in Forst 
beschloss den schönen Ausflug, von dessen Verlauf sich die Teilnehmer aufs 
beste befriedigt erklärten. 

Der zweite wissenschaftliche Ausflug, den der Verein am 3. Oktober, 
nach Stolberg zur Besichtigung der Burg und anderer geschichtlichen 
Sehenswürdigkeiten unternahm, war infolge der den ganzen Tag über 
andauernden Regengüsse ungünstig beeinfiusst, so dass man die grosse 
Zahl der Teilnehmer, an die man sich bei den sonstigen Ausflügen des 



— 185 — 

Vereins bereits gewöhnt hatte, diesmal vermisste. Bei ihrer Ankunft im 
Hotel ^Berliner Hof" wurden die Ausflügler von einer grösseren Anzahl 
Stoiberger Herren begrüsst, in deren Namen Herr Bürgermeister Dobbel- 
mann die Aachener freundlich willkommen biess und dem Wunsche Auf- 
druck gab, dass dieser geschichtliche Ausflug auch für die Hebung des 
Interesses an der geschichtlichen Vergangenheit Stolbergs Anregung bieten 
möchte. Nach einer kurzen Kaffeerast wurde zunächst der auf hohem 
Felsen liegenden, die Unterstadt überragenden Burg ein Besuch abgestattet, 
iu deren zahl- und umfangreichen Räumen die Herren Emil Schleicher und 
Adolf Bastin in Abwesenheit des leider durch Krankheit verhinderten Burg- 
besitzers, Herrn Moritz Kraus, die Fuhrung des Vorsitzenden in freundlichster 
Weise unterstützten. Nachdem an zwei besonders malerisch gelegenen 
Punkten photographische Aufnahmen der Geschichtsfreunde gemacht, die 
Felscngänge und Innenräume der Burg iu Augenschein genommen worden 
waren und die meisten auf der Plattform des hohen Hauptturmes die herr- 
liche Aussicht auf die Stadt und umliegenden Höhen genossen hatten, hielt 
Prof. Savelsberg in dem grossen Saale desselben einen längeren Vortrag 
über die Geschichte der Burg. Indem er an der Hand einzelner bekannterer 
Veröffentlichungen auf die nicht gerade zahlreichen Quellen zur Geschichte 
Stolbergs näher einging, gab er der Hoffnung Ausdruck, dass es in nicht 
zu langer Zeit gelingen möchte, die vielfach nur an einzelnen Stellen 
gebotenen Nachrichten über die geschichtliche Entwicklung der Burg 
und des Ortes übersichtlich zusammenzustellen und zu veröffentlichen. 
Die verschiedenen Deutungen des Namens Stolberg und dessen Ableitung 
von Stahlberg, Eisenberg, von Stuhlberg oder Stolleuberg erörterte er 
in allgemeinen Zügen. Die Entstehung des Ortes führt die Sage natürlich 
wieder auf Karl den Grossen zurück, der sich in dem vom Vichtbache 
durchzogenen lieblichen Tale in waldreicher Gegend ein Jagdschloss 
gebaut halte. Die geschichtliche Forschung hat ja mit diesen zahlreichen 
Jagdschlössern Karls des G rossen in der rtngegend seiner Residenzstadi 
Aachen längst aufgeräumt. Nach Professor Schneiders Vermutung soll 
daselbst in römischer Zeit eine Warte zum Schutze der am Fusse der 
Anhöhe vorüberziehenden Strasse gestanden haben. In der Tat führte ja 
eine Römerstrasse von Aachen über Stolberg nach Grcssenich und Düren, 
die sich mit der anderen Römerstrasse von Jülich zum Hohen Venn bei 
Gressenich kreuzte. Im Probsteiwalde hat mau ja auch vor 25 Jahren 
gegenüber der Station Stolberg die Grundmauern einer umfangreichen 
römischen Villa mit •_'•_' Räumen ausgegraben, von der sich ein übersichtliches 
Modell im Suermondtmuseuin befindet. Dieselbe wurde im Juni Is.sT vom 
Verein .Aachen.- Vorzeit" eingebend besichtigt. Durch die Auffindung d 
römischen Villa und die Ausgrabung eines römischen Trümmerwalles bei 
Anlage der Rheinischen Eisenbahn ist allerdings eine römische Ansiedelung 
bei Stolberg bewiesen worden. Eine römische Warte aber auf dem Burg- 
berge lasst sich dadurch mit Sicherheit noch aichl uachweisen. Gegenüber 



— 186 — 

solch sagenhaften Erzähluugeu und unsicheren Vermutungen erscheint zuerst 
als ziemlich sicher verbürgt die Nachricht, dass um das Jahr 1100 ein Ritter 
auf dem hohen Felsen eine Burg gebaut und sich danach Herr von Stahl- 
burg genannt habe. Seitdem kommen die Namen der Herren von Stahlburg 
in den Urkunden im Anfange des 12. Jahrhunderts mehrfach vor. Von 
1234 — 1274 war ein Wilhelm von Stahlburg Kanonikus des Cölner Domstiftes, 
und 1287 wird ein anderer Wilhelm von Stolberg-Frenz erwähnt, der mit 
Mechtildis von Reifferscheidt vermählt war. Deren Sohn Winricus von 
Stolberg-Frenz scheint wohl der letzte männliche Spross des Rittergesehlecbtes 
gewesen zu sein. Denn 1331 und 1335 wird nur noch eine weibliche Des- 
cendentin genannt, Hedwigis von Stailburg. Das Wappen des so im 14. 
Jahrhundert ausgestorbeneu Geschlechtes war dasselbe, welches heute noch 
die Stadt Stolberg führt: in rotem, mit gelben Steinen bestreuten Felde ein 
aufgerichteter weisser Löwe, überdeckt von schwarzem Turnierkragen. Die 
zuletzt genannte Hedwig von Stalbcrg, die in zweiter Ehe mit Arnold von 
Randerath vermählt war, hatte bereits 1324 der Edelfrau Ricardis von Reiffer- 
scheidt, das Schloss auf Lebenszeit überlassen. Von dieser erbte es Johann 
von Reifferscheidt, der 1364 noch als Besitzer der Burg genannt wird. Von 
den Herren von Reifferscheidt muss dann später der Herzog von Jülich die Herr- 
schaft gekauft oder eingetauscht haben. Denn 1447 verleiht Herzog Gerard von 
Jülich die ^Staelberg uf der Veicht mit dem Burgberg" dem Ritter Wilhelm 
von Nesselrode. Ein naher Verwandter des letzteren, Vincenz von Eiferen, 
wurde 1496 zum Dank für treu geleistete Dienste mit Schloss und Herrlichkeit 
belehnt. Des letzten Burgbesitzers von Efferen Erbtochter Odilia Maria heiratete 
den kurkölnischen Erbkämmerer Ferdinand Freiherrn von Freutz, der auch 
1649 mit Stolberg belehnt wurde. An seine Brautwerbung knüpft sich eine 
anmutige Sage. Da die schöne „Odilia" sich merkwürdigerweise in den Kopf 
gesetzt hatte, nur einen Spanier heiraten zu wollen, bediente er sich als Braut- 
werber der List, mit zahlreichem Gefolge spanisch gekleidet vor ihr zu er- 
scheinen und spanisch redend um ihre Hand anzuhalten. Er fand auch wirk- 
lich Gegenliebe und gewann so die Erbtochter zur Gemahlin. Im 18. Jahr- 
hundert gelangte die Herrschaft durch Heirat an die Familie der Freiherren 
Bcissel von Gvmuich zu Schmidtheim und später au die Reichsgrafen von Kessel- 
stadt, in" deren Besitz sich das Schloss, das inzwischen längst zur Ruine 
geworden war, bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts erhielt. Der gegen- 
wärtige Besitzer der Burg, Herr Fabrikant Moritz Kraus, dem der Vor- 
tragende für sein freundliches Entgegenkommen Anerkennung und ver- 
bindlichen Dank aussprach, hat sich während der letzten 1!) Jahre keine 
Mühe und keine Kosten verdriessen lassen, die Burg in grossartiger Weise 
wiederherzustellen. Aus den alten Ruinen Dt ein herrlicher neuer Burgbau 
entstanden, durch den er einerseits der Stadt Stolberg eine hervorragende 
Zierde geschaffen und anderseits sich seihst für kommende Zeiten ein präch- 
tiges Denkmal gesetzt hat. Nach mehr als einstündigem Aufenthalte stieg 
man nun von der Burg herab zur Besichtigung der nahe gelegenen Bfarr- 



— 187 — 

kirche. Auch hier gab Herr Professor Savelsberg die nötigen Erklärungen 
zur Geschichte und Bauarl der Kirche. Er besprach zunächst die Lage 
und Entstehungszeit der Stoiberger Kirchen im allgemeinen, der alten 
lutherischen Kirche im Vogelsang, der neueren evangelischen Kirche ;im 
Finkenberg' und der neuen katholischen Mariahimmelfahrtskirche in Stolberg- 
Mühle, um dann im Anschluss an die ältere Pfarrkirche die kirchlichen 
Verhältnisse Stolbergs seit dein 14. .Tiihrhundert zu beleuchten. Die alte 
Pfarrkirche war ursprünglich nur eine Burgkapelle in jener Zeil, wo 
sich um die Burg herum nicht mehr als 14 — 15 Häuser befanden. Ein 
Schlosskaphin Johannes wird in zwei Urkunden des Jahres 1 504 als 
Zeuge genannt. Die alte Burgkapelle ist auf einer Darstellung Stolbergs 
aus dem Di. Jahrhundert gut erkennbar. Der Gottesdienst wurde im all- 
gemeinen von der Pfarrgeistlichkeit der Mutterkirchc in Eschweiler versehen, 
bis es den Stolbergern gelang, selbst Pfarr-Reckte zu erlangen. Dazu be- 
durfte es alter langwieriger Streitigkeiten. Schon 1572 hatten sie versucht, 
die Pfarr-Rechte zu erhalten; doch erst zwischen 1692 und 1740 konnten 
sie in dieser Frage den hartnäckigen Widerstand der Mutterkirche in Esch- 
weiler überwinden. Ein so langdauernder Streit musste in der Aachener 
Gegend ein um so grösseres Aufsehen hervorrufen, als er stellenweise mit un- 
erhörter Erbitterung geführt wurde. Griffen doch z. B. im Jahre 1708 die 
Stell, erger die Eschweiler Fronleichnamsprozession unter freiem Himmel an. 
und die Stoiberger Schützen drohten dabei den Eschweiler Pastor zu er- 
schiessen. Als so Jahrzehnt auf Jahrzehnt ohne bestimmte Entscheidung verrann, 
bildete sich im Volke die scherzhafte Redensart, dass schliesslich wohl dem 
Längstlebenden der Gegenstand des Streites, also Stolberg, anheimfallen 
wurde, und so entstand das Aachener Sprichwort: „Weä et längste leävt. 
kritt Stolberg." Am Schlüsse des 16. Jahrhunderts trat wie in andern 
Städten, so auch in Stolberg im religiösen Leben ein grosser Umschwung 
ein. Als durch die konfessionellen Streitigkeiten die Messing- und Kupfer- 
industrie für Aachen fast i, r anz verlorenging und die meisten Kupfermeister, 
die sich zum neuen Glauben bekannten, nach Stolberg übersiedelten, fanden 
sie an den damaligen Burgbesitzern, den Freiherrn von Effern, wohlwollende 
Gönner und eifrige Förderer, und der letzte derselben, Hans Dietrich von Effern, 
erteilt,' 1 1 ; i t den Evangelischen die Erlaubnis zum Bau einer Kirche Augs- 
burger Konfession, der alten lutherischen Kirche im Vogelsang. Bald nach- 
her 1688 bauten sich die Reformierten am Finkenberg, den sie bereits IG52 
erworben hatten, eine Kirche, in deren Regitz sie auch trotz mannigfacher 
Anfeindungen seitens des Volkes von der Landesregierung geschützt wurden. 
In der Folgezeil kam es zu wiederholten Streitigkeiten zwischen den drei 
Konfessionen, von denen namentlich der [669 ausbrechende Kirchhofstreil 
ül Jahre lang mit grosser Erbitterung geführl wurde. Fi.- dahin hatten 
alle drei Konfessionen ihn' Leichen auf dem katholischen Kirchhofe begraben. 
Erst 1750 winde der Streit zu Gunsten dir Katholiken entschieden, die nun, 
da ihnen allein die Benutzung desselben zugesprochen worden war, auch die 



— 188 — 

Denkmäler uud Grabplatten der Andersgläubigen entfernen Hessen. Einen 
Aufschwung nahm das kirchliche Leben der katholischen Gemeinde mit dem 
Jahre 1737, als die Kapuziner in Stolberg erschienen und daselbst ihre 
apostolischen Missionen einrichteten. Im Jahre 1740 wurde ihnen die ganze 
Verwaltung der Kirche mit allen Einkünften übertragen, und die Kirche 
blieb in ihrem Besitze bis zur Aufhebung der Orden im Jahre 1802. In bau- 
licher Beziehung hat die Kirche im Laufe der Zeit, entsprechend dem mit 
dem Aufblühen der Stadt verbundenen Wachstum der Gemeinde, mannig- 
fache Veränderungen erfahren. An Stelle der alten Burgkapelle, die in der 
Nahe des unteren Burgtores gelegen war, entstand im 17. Jahrhundert die 
umfangreichere Kirche durch Umbau uud mehrfache Anbauten auf einem 
Grundstück, welches 1613 die damalige Burgherrin Odiüa von Harff, die 
Witwe Johann Dietrichs von Effern des Älteren, der katholischen Gemeinde 
urkundlich überwiesen hatte. Das danebenliegende Pfarrhaus bauten die 
Kapuziner im Jahre 1739. Auf der vorderen Spitze, wie auf der Spitze des 
Kirchturmes ist das Zeichen des Ordens noch zu sehen. Nachdem der Vor- 
tragende dann noch die innere Einrichtung der Kirche, die Altäre, die Orgel, 
den Figurenschmuck sowie die alten und neuen Glasmalereien besprochen, 
erläutete Herr Baumeister Wildt, Bezug nehmend auf die vor dem Chore 
aufgestellten Ansichten der Kirche, die verschiedenen Bauperioden derselben, 
deren älteste man auf dem Ölporträt des ersten Kapuzinerpfarrers Schaaf 
(Pater Protasius) im Jahre 1770 erkennen konnte, welches in der oberen 
linken Ecke die älteste Darstellung der Kirche im damaligen Zustande auf- 
weist. Von der Pfarrkirche aus übernahmen die weitere Führung die Herren 
Bastin und Schleicher. Die alte, an den hochgelegenen katholischen Friedhof 
angelehnte lutherische Kirche, zu der nach der Portalinschrift am 2. Juli 
1647 der Grundstein gelegt worden, wurde wegen ihrer idyllischen Lage 
allgemein bewundert. Sie ist im allgemeinen seit längerer Zeit geschlossen, 
wird aber augenblicklich wegen der Renovierung der anderen Kirche wieder 
benutzt. Die letztere zeigt über dem Portal als Jahreszahl ihrer Vollendung 
das Jahr 1688. Der 1695 neben derselben angelegte Friedhof ist bekannt 
wegen seiner altertümlichen Denkmäler und der mit prächtigen Familien- 
doppelwappen geschmückten grossen Steinplatten auf den Gräbern der 
ältesten Stoiberger Familien Schleicher, Peltzer, Lynen, Prym, von Asten, 
Schardinni'l, Momma u. a. Nach ihrer Rückkehr zum Hotel wurden die Teil- 
nehmer am Ausfluge angenehm überrascht, einerseits durch den in der Glas- 
halle aufgelegten, in der letzten Zeit vielfach besprochenen Münzenfund des 
Herrn Bäckermeisters Kalkbrenner und anderseits durch eine ebendaselbst von 
Herrn A. Bastin veranstaltete Ausstellung von über 90 Alt-Stolberger Ansichten. 
In herzlichen Dankesworten sprach der Vorsitzende, Herr Prof. Savelsbcrg, 
dem Herrn Bürgermeister wie überhaupt den Stoiberger Herrn seine Anerkennung 
aus für ihre freundliche Bemühungen, den Aachenern die in ihrer Stadt ver- 
lebten Stunden recht unterhaltend und genussreich zu gestalten, worauf Herr 
Bastin mit einem Toast auf den Vorsitzenden erwiderte. 

Aachen. W. Bfüning, 



Bericht über das Vereinsjahr 1905 06. 

Seit der am 16. November 190") abgehaltenen Hauptversammlung (vgl. 

Jahrgang XVIII, S. 210 ff.) wurden im verflossenen Vereinsjahre wie ge- 
wöhnlich noch zwei Monatsversammlungen und ebenfalls zwei wissenschaft- 
liche Ausflüge in Aachens Umgebung veranstaltet, über welche Herr 
Archivassistent Dr. Brüning im vorliegenden Jahrgange S. 174 ff. berichtet. 
Die Hauptversammlung des Vereins hat am 20. November 1 900, abends 
8 1 l 2 Uhr, im vorderen Saale von Altbayern stattgefunden In seinem Rück- 
blick auf das verflossene Vereinsjahr kam der Vorsitzende zunächst auf den 
Verlauf der letzten Generalversammlung im Gartensaale des Kurhauses 
zurück. Mit derselben war eine von zahlreichen Vereinsmitgliedern be- 
schickte Ausstellung Altaachener Gegenstände und Abbildungen verbunden. 
Mehreren Anregungen, auch seitens des Herrn Oberbürgermeisters, folgend, 
veranstaltete der Verein darauf in den Monaten Juni und Juli unter Hin- 
zuziehung anderer bewährter Kräfte die Ausstellung „Alt-Aachen" im 
Kaisersaale des Rathauses, die ausserordentlich schön beschickt war, überall 
reichen Beifall fand und während der drei Wochen ihres Bestehens auch 
so gut besucht war, dass trotz d«er hohen Kosten ein Deficit nicht heraus- 
kam, sondern von der erstaunlich hohen Einnahme von 4833 ein kleiner Rest 
von 14 Mark in die Kasse des Vereins überführt werden konnte. Es er- 
scheint wohl überflüssig, an dieser Stelle auf die Anordnung und den herr- 
lichen Verlauf der Ausstellung näher einzugehen, die wohl bei allen, die 
einmal oder mehrmals Gelegenheit genommen haben, dieselbe zu besuchen, 
noch in gutem Andenken steht und wohl auch lange noch in gutem Andenken 
bleiben wird. Haben doch die Tagesblätter Aachens und auch benachbarter 
Städte über deren Verlauf wählend der Zeit ihres Bestehens fast täglich 
ausführliche Berichte gebracht. Der Vorsitzende nahm Veranlassung, einer- 
seits seiner hohen Freude darüber Ausdruck zu geben, dass das etwas 
gewagte Unternehmen dem Vereine so gut gelungen sei, und andrerseits 
allen denjenigen, die dasselbe in irgend einer Weise gefördert hätten, be- 
sonders dem rührigen Arbeitsausschusse, in erster Linie Herrn Professor 
Buchkremer, für ihre freundliche Unterstützung verbindlichsten Dank 
auszusprechen. Kostete auch die grosse Arbeit, die bei der Vorbereitung 
und Veranstaltung der Ausstellung zu bewältigen war, dem Vorstände viel 
Zeit und Mühe, so konnten doch die demselben obliegenden Arbeiten zur 
rechten Zeit erledigt werden. 



— 190 - 

Die Mitgliederzahl ist im letzten Vereinsjahr um 5 gestiegen und be- 
lauft sich nunmehr auf 478. Zum Schlüsse der geschäftlichen Angelegen- 
heiten erstattete Herr Stadtverordneter Ferdinand Kremer den üblichen 
Kassenbericht, dem folgende Übersicht über die Geldverhältnisse des Vereins 
entnommen ist. 

Die Einnahmen umfassen: 

1. Kassenbestand aus dem Vorjahre . M. 238.12 

2. Rückständige Beiträge .... „ 18.— 

3. Jahresbeiträge für 1905 ... . „ 1098.— 

4. Zinsen der Sparkasse der Stadt 

Aachen „ 5.01 

5. Zinsen des Aachener Vereins zur 
Beförderung der Arbeitsamkeit . . „ 7.65 

Summa . M. 1366.78 
Die Auslagen umfassen: 

1. Jahrgang XVIII, Druckkosten . . M. 390.55 

2. Jahrgang XVIII, Buchhinderarbeiten „ 9.24 

3. Jahrgang XVIII, 2 Lichtdrucktafeln „ 50.— 

4. Honorare . „ 412.98 

5. Inserate „ 97.09 

6. Schreibstube für schriftliche Arbeiten „ 104.31 

7. Beitrag zum Gesamtverein . . . „ 15.— 

8. Fracht und Porto „ 34.60 

9. Drucksachen „ 115. — 

10. Neue Mitgliedskarten „ 11. — 

11. Trinkgeld, Botenlohn und Ver- 
schiedenes „ 13.60 

12. Kassenbestand „ 113.41 

Summa . M. 1366.78 

Nachdem der Vorsitzende dem hochverdienten Herrn Schatzmeister 
nebst der erbetenen Entlastung den wärmsten Dank des Vereins für seine 
bereits lange Jahre geübte, umsichtige Leitung der Kassengeschäfte aus- 
gesprochen hatte, wurden als Rechnungsprüfer für das nächste Jahr die 
Herreu Rechtsanwalt A. Dornemann und Landgerichtssekretär J. Fey unter 
dem Ausdrucke des Dankes für ihn' bisherigen Bemühungen wiedergewählt. 

Nach Erledigung dieser geschäftlichen Angelegenheiten hielt zunächst 
Herr Dr. J. G. Rey einen einstündigen, höchst fesselnden Vortrag über 
einen bedeutenden Gräberfund aus spätrömischer Zeit, der im Herbst dieses 
Jahres an der hiesigen Alexanderstrasse gegenüber der Peterskirche gemacht 



— 191 - 

wurde. Bei den Erdarbeiten für den Neubau dea Hauses Alexander- 
strasse 69/71 fanden sich 30 bis 35 Brandgräber, die nach Schätzung der 
Sachverständigen in die Zeit von 300 bis 350 uacb Christi Geburl zu setzen 
sind. Ein grosser Teil der daselbst gefundenen (etwa 60) Urnen, Amphoren, 
Hcnkeltöpfe, Hcnkelkrüge, Teller, Humpen, Becher und Gläser, zum Teil von 
hervorragender Schönheit, wurden zur Erläuterung des Vortrages vorgezeigt 
und rundgereicht. Da derselbe im nächsten Jahrgange der Zeitschrift ver- 
öffentlicht werden wird, so erscheint ein näheres Eingehen auf die ausführ- 
lichen, selii' lehrreichen Erläuterungen des Vortragenden an dieser Stelle 
überflüssig. 

Den zweiten Vortrag hielt Herr Dr. \Y. Brüniug über Kaiser Napo- 
leon und Aachen. Durch Schilderung der Zustünde am Ausgange des alten 
Reiches und in der Reichsstadt Aachen wies er nach, dass es sehr wohl er- 
klärlich sei, dass die Fremdherrschaft hier und im ganzen Rheinlande Sym- 
pathien gefunden habe. Von Französelei dürfe man trotzdem nicht 
sprechen. Die Fremdherrschaft brachte vor allein die Befreiung von 
drückenden Privilegien bevorrechteter Stände, dem Gewerbe die Aufhebung 
eines zum Teil unsinnig gewordenen Zunftwesens, das die grosse Masse zu 
wirtschaftlicher Unselbständigkeit verurteilte, ferner dem fronenden Bauern- 
stande die Freiheit des Grundbesitzes und allgemein das Gut der bürger- 
lichen Gleichheit. Da sieh aber die republikanische Regierung vielfach 
unfähig uud terroristisch zeigte, war man um so froher, als Napoleon mit 
starker Hand allem terroristischen Unwesen ein Ende machte und Handel 
und Gewerbe wieder zur Blüte, ja zu einem vorher niemals gekannten Auf- 
schwünge brachte. Napoleon unternahm auch den Versuch, die wirtschaft- 
liche Einheit des Continents herzustellen und nicht nur politisch, sondern 
auch wirtschaftlich das Reich Karls des Grossen wieder zu schaffen. Der 
innere Markt für die damals mit Frankreich vereinigten westlichen Teile 
Deutschlands wurde ausserordentlich erweitert. Unter Napoleons Herrschaft 
haben viele Aachener Familien den Grund zu ihrem Reichtum gelegt. In 
sozialer Hinsicht waren die Vorteile seiner Verwaltung nicht minder gross. 
Dem alten Übel des Räuberwesens und der Bettelei wurde ein Ende ge- 
setzt. Ausgezeichnete Verwaltungsbeamte, wie die Präfekten Ladoucette 
und Lezay-Marnesia, erwarben sich damals durch eine Tätigkeit von nur 
wenigen Jahren einen glänzenden Ruf, der bei der gesamten Bevölkerung 
der Rheinlande noch auf Jahrzehnte vorhielt. Der Vortragende brachte 
sodann mehrere Bittschriften der Aachener Bürgerschaft an die Kaiserin 
Josephine zur Verlesung, die unter anderem den Umbau der Bäder, die 
Verschönerung der öffentlichen Bauten Aachens und die Errichtung eines 
kaiserlichen Palastes betrafen. Im Anschluss an diesen Vortrag berichtete 
Herr Oberpostpraktikant Karl] über mehrere Ereignisse der späteren Zeit, 
um zu beweisen, wie die grosse Begeisterung für Kaiser Napoleon allmäh- 
lich doch immer mehr nachgelassen habe. 



— 192 — 

Zum Schlüsse der Sitzung wurde eiue grössere Anzahl von Abbildungen 
rundgereicht, die sich auf die wissenschaftlichen Ausflüge des Sommers 
bezogen, sowie eine photographische Darstellung des jüngeren Gewebestoffes 
und der Inschrift des sogenannten Elefautenteppichs aus dem Karlsschrein 
des Aachener Münsters, die der Vorsitzende mit wenigen Worten erläuterte. 
Herr Kunstmaler Herrn. Killian hatte eine grössere Anzahl von ihm ver- 
fertigter Ölgemälde ausgestellt, die altertümliche Motive aus Aachen und 
Umgegend in äusserst entsprechender, stimmungsvoller Form behandeln. 
Drei derselben, der Burghof Frankenberg, der Lange Turm und Rethels 
Geburtshaus in Diepenbenden, fanden besondere Beachtung. 

Aachen. H. Savehberg. 



Verlag der Cremer'schen Buchhandlung (C. Cazin) in Aachen. 
Drki k von Hermann K\atzer in Aachen. 



Au Aachens VoneiL 



Mitteilungen des Vereins „Aachens Vorzeit 41 . 



Im Auftrag des wissenschaftlichen Ausschusses herausgegeben 



Heinrich Schnock. 




ZWANZIGSTER JAHRGANG. 




AACHEN. 

Koaimissions -Verlag der Cremerschen Buchhandlung (C. Gazin). 

1907, 




* I 




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Mitteilungen des Vereins „Aachens Vorzeit". 



Im Auftrag des wissenschaftlichen Ausschusses herausgegeben 



Heinrich Schnock. 



ZWANZIGSTER JAHRGANG. 




AACHEN. 



,Kjr>*Hnssi(>Ns -Verlag der Cre.mhi^ohen Buciiiianm.i'NG (C. Cazin). 
O 



1<H)7. 



INHALT. 



Seite 

1. Das ludegebiet vor 1800 Jahren. Von Franz Cram er (Eschweiler) 1 

2. Pas Hofgut Kraborn. Von A liiert Heuseh h; 

3. Die evangelischen Heiligtümer (das Schürztuch, Grabtuch und 
Schweisstuch unseres Herrn Jesu Christi) in der früheren reichs- 
abteilichen Benediktinerkirche, nunmehrigen Pfarrkirche zu Corneli- 
münster. (Fortsetzung.) Von Joseph Kleinermanns .... 23 

4. Literatur: Der kirchliche Besitz im Arrondissement Aachen gegen 
Ende des 16. Jahrhunderts und seine Schicksale in der Säkularisation 
durch die französische Herrschaft. Kin Beitrag zur Kirchen- und 
Wirtschaftsgeschichte der Rheinlande. Von Dr. Faul Kaiser. 
Besprochen von Wilhelm Liickerath 46 

5. Geschichtsliteratur des Jahres 1906 über Aachen in Zeitschriften 

und Tagesblättern. Von Heinrich Savelsberg f>0 

6: Bericht über altertümliche Funde in Aachen im Jahre 1906. Von 
Heinrich Savelsberg 60 

7. Kleine Mitteilung: Verordnung des Rats für die Butterwieger und 
Bettelvögte von 1646. Von Heinrich Savelsberg 64 

8. I>ie evangelischen Heiligtümer (das Schürztucb, Grabtuch und 
Schweisstuch unseres Herrn Jesu Christi) in der früheren reichs- 
abteilichen Benediktinerkirche, nunmehrigen Pfarrkirche zu Corneli- 
münster. (Schluss.) Von Joseph Kleinermanns 65 

9. Vergleich zwischen der Aachener und Cölner Mundart. (Fortsetzung.) 
Von A rno ld Ja rdon 

in. Aufdeckung einer ausgedehnten römischen Begräbnisstätte im Weich- 

bilde der Altstadt Aachen im Jahre 1 im u;. Von (I erha rd Joseph Rev 100 

11. Geschichte des Ländchens zur Heiden. (Schluss.) Von f Hubert 

.1 a kob i i ros s I is 

12. Kleinere Beiträge zur Geschichte von Aachen und Burtscheid. 

(Fortsetzung und Schluss.) Von Eiuil Pauls i 

VI. Zur Lebensgesehichte Feier a Beecks, des ersten Geschichts- 
schreibers Aachens 143 



Inhalt. 

Seite 

VII. Zwei Briefe des Aachener Geschichtsschreibers und Rechts- 
gelehrten Dr. Johann Noppius 147 

13. Vergleich zwischen der Aachener und Cölner Mundart. (Schluss.) 
Von Arnold Jardou 151 

14. Ein Stück Aachener Chronik aus dem Ende des 18. und Anfang 

des 19. Jahrhunderts. Von JosephGerhardRey 207 

15. Bericht über altertümliche Funde in Aachen im Jahre 1907. Von 
Heinrich Savelsberg 232 

16. Geschichtsliteratur des Jahres 1907 über Aachen in Zeitschriften 

und Tagesblättern. Von HeinrichSavelsberg 239 

17. Bericht über die Monatsversammlungeu und Sommerausflüge. Von 
Wilhelm Brüning 251 

18. Bericht über das Vereinsjahr 1906/1907 und die Verschmelzung des 
Vereins „Aachens Vorzeit" mit dem „Aachener Geschichtsverein". 
Von Heinrich Savelsberg 267 



=^r 




Mitteilungen 
„Aachens 





des Vereins 
Vorzeit". 



Im Auftrage des wissenschaftlichen Ausschusses 
herausgegeben von Heinrich Schnock. 



Nr. 1/4. 



Zwanzigster Jahrgang. 



1907. 



Inhalt: F. ('ramer. Das Indegebiet vor 1800 Jahren. — A. Heuscli. Das Hofgut Kraborn. 
- J. Kleinermatms, Die evangelischen Heiligtümer in der früheren reichsabteilichen 
Benediktinerkirche, nnnmelirigen Pfarrkirche zu Cornelimünster. (Fortsetzung) — 
W. Lückerath, Literatur. — H. Savelsberg, Geschichtsliteratur des Jahres 190»j über 
Aachen in Zeitschriften und Tagesblättern. — H. Savelsberg, Bericht über altertüm- 
liche Funde in Aachen im Jahre 1906. — Kleine Mitteilung: H. Savelsberg. 

Das Indegebiet vor 1800 Jahren. 

Voii Franz Cramer (Eschweiler). 

Mit einer Karte. 

Wer heute als Fremder die ragenden Schlote unseres 
Industriegebietes schaut, wer in dem Getriebe des Dampfes 
und Blitzes an lodernden Essen, sausenden Schwungrädern, 
ragenden Halden vorbeiwandert, wer diese majestätischen Zeugen 
moderner Geisteskühnheit, moderner Tatkraft anstaunt, wird 
geneigt sein, unser ganzes Kulturleben an den Ufern der Wurm 
und Inde für ein Erzeugnis von heute und gestern zu halten; 
er wird nicht ahnen, welch reiches Einst dem Jetzt vorauf- 
gegangen, und wie Schicht auf Schicht in ununterbrochener 
Stufenfolge uns Zeugnis gibt von allen Perioden der Geschichte 
bis hinauf in das Dunkel jener Vorzeit, da die Steinaxt erklang 
und die steinerne Lanzenspitze Bär und Ur erlegte. 

Die erste geschichtliche Ueberlieferung über unsere Gegend 
verdanken wir keinem geringeren als Roms grösstem Feldherrn, 
dem Eroberer Galliens. C. Julius Caesar. An der Inde, wie 
überhaupt im ganzen Gebiete der nordwestlichen Ardennenabhänge 
bis über die Maas hinaus stiess er auf den grossen stamm der 
Eburonen: bekanntlich hat er fast die ganze Völkerschaft ver- 



— 2 — 

nichtet. Wenn auch die Eburonen germanischer Abkunft waren, 
so müssen sie doch — die Funde bezeugen es — damals völlig 
keltisiert gewesen sein. Ueberhaupt war zum Reginne unserer 
Zeitrechnung der Grundstock der Bevölkerung- am linken Mittel- 
rhein und weiter abwärts bis gegen das Rheindelta hin gallisch 
oder doch von gallischem Wesen durchtränkt. 

Die Kulturstufe der gallischen Völkerschaften ist durchaus 
nicht so niedrig - zu veranschlagen, als man früher wohl geneigt 
war. Wie sehr z. B. ihre Befestigungskunst in Blüte stand, 
erhellt aus Cäsars eigner Beschreibung. Dass ihre Handels- 
beziehungen sehr lebhaft und weitreichend waren, wird durch 
die neuere Forschung immer klarer ins Licht gestellt. Demgemäss 
verfügten sie auch schon vor der römischen Eroberung über 
ein ziemlich entwickeltes Wegenetz. Selbst im Gebirge war nicht 
mehr alles mit Urwald bedeckt, vielmehr gingen Verkehrswege 
hindurch, wenigstens in den Hauptrichtungen. Sonst hätte Cäsar 
nach seinem zweiten Rheinübergange, der nördlich der Mosel 
vom Gebirge aus stattfand, unmöglich sein ganzes Heer gegen 
die Eburonen durch die Eifel — damals zu den Ardennen 
gerechnet — führen können. 

Sogar der Bergwerksbetrieb war ihnen keineswegs fremd; 
auch dies bezeugt uns Cäsar, und wir selbst haben in nächster 
Nähe die Spuren dieser Tätigkeit vor Augen. Ich habe feststellen 
können, dass z. B. der Schacht zur „Guten Hoffnung", der auf 
dem rechten Höhenrande des Omerbachtales bei Hastenrath, 
seitwärts der Kleinbahnstrecke Eschweiler-Hamich liegt, auf 
einem Boden angelegt ist, in dessen Tiefe schon in vorrömischer 
Zeit grosse Mengen Blei gewonnen wurden: Beim Anlegen des 
Schachtes zu Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts stiess man auf einen sehr langen, ausserordentlich 
sorgfältig gearbeiteten Stollen; von diesem gingen an einigen 
Stellen kleine runde Schächte, etwa 1 Meter im Durchmesser 
haltend, zur Oberfläche. Die Verschalung war in hinreichender 
Weise dadurch hergestellt, dass junge, elastische Eichenstämmchen 
kreisförmig gebogen und, immer eins dicht über das andere, 
horizontal gegen die Wände des Schachtes gelegt waren. Ganz 
dieselbe Art der Verschaluug trifft man in altgallischen Minen- 
gängen. Die Ausbeutung war so vollkommen geschehen, dass 
der moderne Schacht nach vergeblichen Versuchen wieder 
aufgegeben wurde. 



— 3 — 

Im Hinblick auf den gesamten Kulturzustand der gallischen 
Bevölkerung ist es nicht auffallend, dass diese sich wenigstens 
äusserlich rasch zu einem Ganzen mit den römischen Siegern 
vermischte. Es gehörte zur Weltmission des Imperium Romanum, 
den antiken Kulturinhalt der übrigen bekannten Welt zu ver- 
mitteln. Auch für unsere Landschaft brach mit dem Kömertum 
eine neue Aera an. Durch der Eburoncn Untergang war auch 
das Indegebiet verheert und entvölkert. Daher veranlasste der 
römische Feldherr Agrippa i. J. 38 v. Chr. (nach neuerer Forschung 
i. J. 19) den germanischen Stamm der Ubier, seine auf der 
rechten Rheinseite gelegenen Wohnsitze zu verlassen und sich 
auf der linken Seite in der Gegend des heutigen Köln anzusiedeln. 
Sie dehnten sich von dort rheinaufwärts bis etwa zum Brohltal 
aus, stromabwärts bis in die Gegend von Krefeld-Uerdingen; 
landeinwärts reichten sie im Süden nach gewöhnlicher Annahme 
bis in die Aachener Gegend. Nun hat aber Herr Prof. Schoop 
es durchaus wahrscheinlich gemacht, dass im Dürener Kreise 
und auch um Eschweiler der kleine Stamm der Sunuker 
gewohnt hat: eine Reihe von Inschriften weist auf diesen hin; 
insbesondere ist die Stammesgöttin dieser Sunuker, die Dea 
Sunuxal, durch eine Reihe von Inschriften, deren eine im 
Propsteier- Walde bei Eschweiler gefunden . wurde, für diese 
Gegend bezeugt. Eine neue, bisher unbekannte Weiheinschrift 
dieser Göttin habe ich in Frenz a, d. Inde in der dortigen 
Kirche eingemauert ermittelt. 

Eine andere Frage aber ist es l , ob nicht diese Sunuker 
ein besonderer Teilstamm der Ubier seien. Sind sie es, dann 
erklärt sich der Umstand, dass wir von ihrer Einwanderung oder 
Verpflanzung in unsere Gegend keine ausdrückliche Nachricht 
haben; andererseits steht durch des Tacitus Zeugnis fest, dass 
die Sunuci schon zur Zeit des batavischen Aufstandes also i. 
J. 69 n. Chr. ihre linksrheinischen Sitze inne hatten. Alle 
ubischen Gaue, nicht anders wie auch die Sunuker, standen in 
dem grossen Kampfe der (mit gallischen Stämmen verbündeten) 
Bataver auf römischer Seite: ein Beweis, welchen Einfluss die 
politische Ordnung und die kulturelle Ueberlegenheit des Römer- 
tuins auf diese Germanen bereits gewonnen hatte Nach dem 
Siege Roms über den grossen Versuch der Jahre 69 und 70, die 



') Gelegentlich der Veröffentlichung der Frenzer Inschrift soll sie in 
einem der nächsten Eefte der „Niederrheinischen Annalen" berührt werden. 



freie Rheingrenze für das Germanentum wiederzugewinnen, 
herrschten auf dem linken Rheinufer längere Jahrzehnte hindurch 
Ruhe und Frieden. 

„Wo der Römer siegt, da lässt er sich nieder", sagt der 
Philosoph Seneka, Neros Erzieher. Und Roms Einfluss hat sich 
tatsächlich auch in unserm Gau nicht bloss an einzelnen bevor- 
zugten Plätzen, wie etwa in Aachen, geltend gemacht, sondern 
auch das flache Land und seine Bewohner bis in ihr Innerstes 
ergriffen. Römische Gesetze, Sprache, Sitten haben zwar keines- 
wegs die alte einheimische keltische und germanische Eigenart 
verdrängt — nicht einmal unmittelbar am Rhein inmitten der 
Legionen, — aber sie doch wesentlich beeinflusst und grossenteils 
umgestaltet. Der Ackerbau in den fruchtbaren Fluren zwischen 
den Römerorten Juliacum (Jülich), Tolbiacum (Zülpich), Mar- 
codurum (Düren), Aquae Granni (Aachen), schon in vorrömischer 
Zeit nicht unbedeutend, erreichte eine ausserordentliche Blüte. 
Dass das Gebiet der Inde und ihrer Zuflüsse, als dessen 
Mittelpunkt Eschweiler sich darstellt, an dieser reichen Entfaltung 
vollen Anteil hatte, wird uns noch im einzelnen entgegentreten. 
Gewerbe und Handel, Kunstfleiss und häusliches Behagen gediehen 
unter dem wirkungsvollen Schutze der starken Militärmacht, 
die am Rhein auf der Grenzwacht stand. Kanäle und Wasser- 
leitungen wurden angelegt, Dämme aufgeführt, Wälder gerodet, 
Seen und Moräste ausgetrocknet, Tempel und Kultstätten 
errichtet, Heideflächen urbar gemacht, das schon vorhandene 
Wegenetz verbessert und weiter ausgedehnt. 

Römische Strassen haben das Indegebiet in grösserer Anzahl 
durchschnitten als bis vor kurzem, trotz der Forschungen Jakob 
Schneiders und von Veiths, gemeinhin zugestanden wurde: 
zunächst erforderte schon der Bergbaubetrieb an den angrenzenden 
Ausläufern des Gebirges und die damit zusammenhängende 
Industrie gute Zu- und Abfuhrwege; dann aber war auch der 
fruchtbare Boden der Ebenen umfassender angebaut und dichter 
besiedelt, als man bisher angenommen hat. 

In der Festschrift zur Vollendung des Gymnasiums zu 
Eschweiler, die Ostern 1905 erschien, habe ich das Strassennetz 
um Eschweiler möglichst genau festzustellen versucht. Ich 
beschränke mich hier darauf, einige der wichtigsten Wege zu be- 
zeichnen, besonders solche, für deren Vorhandensein mir seitdem 
neue Belege bekannt geworden sind. 



Im Jahre 831 hat Einhard, Karls des Grossen vertrauter 
Freund, einen Bericht verfasst über die i. J. 826 erfolgte 
Ueberführung der Gebeine der hl. Märtyrer Petrus und Mar- 
cellinus ven Italien nach Deutschland (Seligen Stadt): der Weg, 
der über Düren, Eschweiler und Aachen führte, war eine dieser 
ehemaligen Römerstrassen. Sie kam von Köln über Kerpen, 
Merzenich an dem heutigen Düren dicht vorbei, lief dann weiter 
über Mariaweiler, Echtz, Lochern, Burg- Frenz, Weisweiler, 
nahm hier eine von Jülich durchs Indetal über Lamersdorf 
kommende Strasse auf und ging dann in der Richtung der 
heutigen Dürener Strasse durch Eschweiler. In jüngster Zeit 
(nachdem die genannte Festschrift schon erschienen), sind 
zwischen Weisweiler und Eschweiler zur Seite der Strasse bei 
der sog. Hovcr-Mühle (Kupferwalzwerk von Lynen) bei Gelegen- 
heit von Erweiterungsbauten ausgedehnte römische Gebäudereste 
zu Tage gekommen; von Münzfunden ist ein Silberstück, ein 
Denar des Antoninus Pias, in den Besitz der Eschweiler Gymna- 
sialsammlung gekommen. Danach war die Siedlung also jedenfalls 
im 2. Jahrhundert n. Chr. bewohnt. Gegenüber, auf der andern 
Seite der Strasse, sind Siedlungsreste, die eine längere Strecke 
die Strasse begleiten, von Herrn Prof. Schoop festgestellt 
worden '. 

Von Eschweiler aus lief die Strasse weiter über die heutige 
Mühlenstrasse und den Vorort Eöhe nach Vorweiden und von 
hier über Haaren nach Aachen. In Eschweiler zweigte sich 
übrigens im Zuge der Hehlratherstrasse in nordwestlicher 
Richtung noch ein Weg ab nach Kinzweiler, dessen Flur von 
römischen Spuren geradezu besät ist, und weiter über Oidtweiler, 
Baesweiler auf holländisches Gebiet. In der Hehlratherstrasse 
sind i. J. 1905 bei Kanalarbeiten mehrere über einander liegende 
Schichten von Kiesbettung durchschnitten worden; ohne Zweifel 
haben wir es hier mit der römischen Chaussierung zu tun. Es 
ist ein vielverbreiteter Irrtum, als seien die R-ömerstrassen 
durchweg gepflastert gewesen. Bei manchen trifft dies zu; das 
bekannteste Beispiel in Italien ist die berühmte Via Appia von 
Rom nach Kampanien, und diese zeigt ja bis heute mich zum 
Teil ihre alte Pflasterung aus vielkantigen Steinen. Sir stimmt 



') Vgl. Ztschrft. fres A.ach. Gesch.-Ver. Bd. XXVII, Arehäolog. Karte 
des Kreises Düren. 



— 6 — 

überein mit dem Plattenbelag- der Pompejanischen Strassen. Die 
meisten Landstrassen aber, zumal in unserer Gegend, namentlich 
solche, die in steinarmen Niederungen liefen, begnügten sich 
mit einer einfachen, aber doch gründlichen Befestigung. Auf 
einer festgeschlagenen Lehmschicht finden wir da eine oder 
zwei Lagen grosser glatter Bruchsteine, die grössten Steine 
als Bordsteine seitwärts. Auf diese Grundlage folgte eine Schicht 
zerschlagener Steine oder faustgrosser Kiesel mit Kalk fest- 
gelegt; darauflagerte meist eine zweite, betonartig festgestampfte 
Schicht, und darüber erst kam die oberste Kies- und Sandlage, 
das was wir jetzt gewöhnlich Macadam nennen. Diese Schichten, 
durchschnittlich 1 Meter hoch, bildeten die Fahrbahn, oben 
etwas gewölbt für den leichten Abfluss des Wassers. Bei 
Strassen geringerer Bedeutung vereinfachte sich die Befestigung 
je nach dem Zwecke, dem die Anlage diente. In unmittelbarer 
Nähe eines römischen Bauerngehöftes, das wir im Winter 1904/05 
in Eschweiler-Bergrath, am Fusse der Nothberger Bergwerks- 
halde, biossiegten, führte ein Weg vorbei, der bei einer Breite 
von 5 Metern eine Steinlage von 35 — 40 cm Dicke zeigte. 

Von der Breite der Strassen aus römischer Zeit macht 
man sich gewöhnlich übertriebene Begriffe; sie geht auch bei 
den bedeutendsten in der Regel nicht über 6 Meter hinaus. 
Die falsche Vorstellung von einer grösseren Breite ist wohl 
zum Teil durch die Tatsache veranlasst worden, dass längs 
manchen Strassendämmen seitwärts noch schmale, durch Gräben 
von dem Hauptdamm getrennte Parallelwälle liefen, die als 
Fusswege dienten. Solche Parallelwälle kann man in ihren 
Spuren noch deutlich erkennen an einer Strecke der Strasse, 
die hinter Gressenich — von Cornelymünster über Breinig und 
Vicht herkommend — am Waldessaume entlang nach Scheven- 
hütte (von da weiter nach Schwarzenbroich, Gürzenich, Düren) 
zuläuft '. 

Von dieser wichtigen Heerstrasse zweigte in Vicht eine 
andere Strasse ab, die über Stolberg durchs Vichttal geht und 
unterhalb des Zusammenflusses von Vicht und Inde einen von 
Aachen über Eilendorf kommenden Weg aufnimmt; die vereinigte 
Strasse folgte dann im wesentlichen dem Zuge der heutigen 



*) Mit Unrecht hat man in solchen Scitcnwällen Brustwehren zur Ver- 
teidigung, oder — wo Wall- und Grabenreste abgeflacht waren — „Sommer- 
wege" neben dem Strassendaimii gesucht. 



— 7 — 

Strasse über Eschweiler-Pumpe nach Eschweiler-Altstadt, kreuzte 
hier an der Ecke der Dürener- und Poststrasse die ersterwähnte 
Römerstrasse Düren-Aachen und lief dann, mit der heutigen 
Chaussee sich deckend, nach Jülich. Wie alt diese Strassen- 
verbindung ist, kann schon die Tatsache zeigen, dass die Strecke 
bei Dürwiss bereits i. J. 14G6 unter dein Namen „Heerstrasse" 
vorkommt 1 ; erwägt man nun, dass im ganzen Mittelalter fast 
nichts für den Bau neuer Kunststrassen geschah besonders in 
unserer Gegend, so wird dadurch schon die uralte Existenz 
dieser Strasse ausser Zweifel gestellt; das interessanteste und 
zugleich durchschlagende Zeugnis für ihre Herkunft aus römischer 
Zeit ist die Auffindung eines römischen Meilensteines bei 
Eschweiler-Pumpe, wo überhaupt schon längst römische Baureste 
zu Tage gekommen sind; dieser Meilenstein ist nach Ausweis 
der leicht zu entziffernden Inschrift zur Zeit des bekannten 
Kaisers Marc Aurel zwischen 169 und 180 gesetzt worden-. 

Eine Bestätigung des alten Ursprunges ergab sich durch 
die i. J. 1905 erfolgte Kanalisation eines Teiles dieses Strassen- 
zuges in Eschweiler (nämlich der Eöttgenerstrasse und ihrer 
Fortsetzung, des Langwahns): auf die Reste der alten Stein- 
packung stiess man etwa l x \ 2 Meter unter der heutigen 
Strassendecke; es fanden sich Lagen von groben, schweren 
Steinen, vielfach Kohlensandstein, sowie von grossen Bachkieseln 
aus der Inde. Bemerkenswert, war auch die Feststellung eines 
alten Indebettes. etwa 300 Meter nördlich vom jetzigen; in der 
benachbarten Flur kommt noch jetzt der Name „alte Bach" vor. 

Noch sei einer andern Strasse gedacht, die das heutige 
Eschweiler schneidet, an dem alten Flecken aber dicht vorbei- 
ging. Sie geht von Alt-Stolberg, am Fusse der alten Burg und 
des Donnerberges vorbei, ganz im Zuge einer heutigen Fahr- 
strasse über Hastenrath und Bergrath zur Inde, durchschneidet 
diese an der heutigen „Insel"; ihre weitere Richtung bezeichnet 
luute ein bald breiterer, bald schmälerer Feldweg, der an der 
Ringofen-Ziegelei vorbei, wo sich römische Ziegel gefunden 
halien. über Lohn und Pattern nach Jülich führt. Lohn ist als 
hervorragender Fundort römischer Altertümer längst bekannt. 
In die Mauer des Kirchturms eingemauert ist ein Weihestein 



'1 Vgl. Tick, Ztschrft. des Aach. Gescb.-Vcr. Bd. VI, S. 110. 

'-') Bonner Jahrbücher 76 S. 225; Ztschr. d. Aach. Gesch.-Ver. Bd. VI, S. 243. 



— 8 — 

des Mercurius Leudisius; das Beiwort deutet übrigens auf eine 
einheimische Ortsgottheit, die mit dem römischen Merkur iden- 
tifiziert wurde. (Vgl. unten!) Am bemerkenswertesten ist eine 
Stelle der alten Strasse im heutigen Bergrath, wo Ueberreste der 
alten Steinpackung schon vor 50 Jahren zu Tage getreten sind. 
Viele Wege, um nicht zu sagen die Mehrzahl, bestanden 
in unserer Gegend schon, ehe die Römer ins Land kamen. Es 
ist eine Erkenntnis, die je länger, je mehr sich Bahn bricht, 
dass in den Verkehrswegen eine auffallende Kontinuität herrscht 
von den Zeiten der Vorgeschichte an bis auf die römische 
Periode und weiter durchs Mittelalter bis zur neuern Zeit. In 
allererster Linie hat die Limesforschung hier aufklärend gewirkt. 
Es wurde besonders durch die Forschungen des Obersten von 
Sarwey festgestellt, dass eine grosse Anzahl von Römerwegen 
von vorgeschichtlichen Siedlungen und lang hinlaufenden Gräber- 
reihen der Urzeit begleitet sind. Solche Wege gibt es auch hier 
zu Lande; sie tragen vielfach schon durch ihren Charakter als 
tief eingeschnittene Hohlwege an manchen Stellen ihr urzeit- 
liches Gepräge zur Schau. Im Bergwerksgebiete von Gressenich 
sind diese alten Wege besonders zahlreich; zugleich haben wir 
hier einen deutlichen Beweis für den innigen Zusammenhang 
zwischen der gallischen und der römischen Kulturperiode. Schon 
der Name Gressenich ist bezeichnend. Er geht, wie ich an 
anderer Stelle ausgeführt habe, zurück auf einen lateinischen 
Personennamen Gratinius und das gallische Suffix - äcum; die 
Urform des Namens war Gratiniäcuin. Die Ortsnamen auf -äcum 
bezeichnen ursprünglich ein Ackergut, ein Besitztum, das einem 
Manne gehörte, nach dessen Name der Besitz genannt ist: das 
praedium Gratiniacum war also das Heim, das Gehöft eines 
Mannes mit Namen Gratinius. Auf rein-lateinischem Sprach- 
gebiet, also vor allem in Mittelitalien, entsprechen den - äcum- 
Namen die Bildungen auf - änum, z. B. praedium Fabianum. 
Wenn nun in den Rheinlanden, besonders auch in den Kreisen 
Jülich, Düren und Aachen, jene gallische Namenbildung bevor- 
zugt wird, so geht schon daraus hervor, wie stark das gallische 
Kulturelement auch in römischer Zeit noch nachgewirkt haben 
muss. An jene Einzelhöfe, wie sie durch die äcum-Namen 
bezeichnet werden, konnten sich natürlich andere Siedlungen 
angliedern, so dass allmählich eine ganze Ortschaft entstand. 
Unser Gratiniacum wurde sogar eine ganz bedeutende Ortschaft. 



— 9 — 

Der Grund liegt eben in dem lebhaften Bergwerksbetriebe, der 

in den Jahrhunderten der Römerherrschaft an Stärke und Aus- 
dehnung zunahm. Man hat ganz neuerdings die Bedeutung des 
römischen Gressenich herabzusetzen versucht. Gewiss ist es 
nie jene gewaltige „Stadt" gewesen, von der der Volksmund 
in der ganzen Gegend bis auf den heutigen Tau - zu erzählen 
weiss; aber wer jemals selber an Ort und Stelle den Spuren 
der Vorzeit ernstlich nachgegangen ist, der ist überrascht von 
der Ausdehnung und der Menge römischen Bauschuttes und der 
unerschöpflichen Einzelfunde an Münzen, an Gefässresten, Maul- 
tier-Hufeisen, Spangen, Nägeln, Zierrat aller Art aus Metall und 
Knochen, die uns immer wieder entgegentreten. Ueber 50 Münzen, 
meist aus konstantinischer und noch späterer Zeit, sind in den 
Besitz unserer Gymnasialsammlung übergegangen; eine grosse 
Anzahl anderer sind angeboten, aber aus Mangel an Mitteln 
nicht erworben worden. Uebrigens sind auch Münzen der früheren 
Kaiserzeit zahlreich vertreten. Eine reiche, leider später zer- 
streute Sammlung besass der frühere Pfarrer von Gressenich; 
mit gutem Humor pflegte er zu erzählen, dass der Grundstock 
seiner Sammlung zu verdanken sei — dem Klingelbeutel, 
in den manch Bäuerlein eine vom Felde heimgebrachte Römer- 
münze zur Schonung der eigenen verstohlen hineingleiten liess. 
Es wäre nur aufs dringendste zu wünschen, dass endlich einmal 
sich die Mittel finden möchten, um auf Gressenicher Gebiet in 
planmässiger und sachkundiger Weise dir- Arbeit des Spatens 
beginnen zu lassen. Jedes Jahr, das unbenutzt vorübergeht, 
vermindert infolge der intensiver gewordenen Bodenkultur die 
Ueberreste der Vergangenheit und damit die Möglichkeit eines 
wissenschaftlich brauchbaren Ergebnisses. 

Bei Gressenich waren vornehmlich Galmei und Bleierze 
Gegenstand des Bergbaues. Die gewaltigen alten Schlackeu- 
halden, die in der Nähe der Grube Diepenlinchen lagern, sind 
vor etwa 30 Jahren mittels vervollkommneter Schmelzmethode 
vielfach von neuem mit Erfolg verhüttet worden: ein Zeichen 
für die grossartige Menge der alten Reste. Die Ruine einer 
Schmelzhütte, deren „Mauerreste zum Teil noch mehrere Fuss 
über den Boden" hervorragten, befand sich mich in den zwanziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts seitwärts der Gressenich- 
Mausbaucher Chaussee *. 



') Vgl. Cramer, Festschrift des Gymnasiums Eschweiler 1905, : 



— 10 — 

Ein kleines Ornament, eine Palmette ans Blei, das bei der 
Ausgrabung - in Eschweiler-Bergrath sich fand, ist wohl sicher 
ein Ueberbleibsel heimischer Industrie: Ziergegenstände aus 
Blei sind sonst höchst selten. Das wichtigste Ergebnis jüngster 
Forschung aber ist, dass die Galmeigewinnung sich schon damals 
mit einer ausgedehnten Messingindustrie verband, deren 
Erzeugnisse — namentlich Eimer und Kasserollen — weit in die 
Lande hinaus, bis nach Dänemark und den nordischen Seeküsten 
gingen l . 

Es kann kein Zweifel sein, dass auch Eisenerze gewonnen 
wurden. Die unglaubliche Menge von Eisengerät, die bei allen 
Gebäuderesten und zwar auch bei gewöhnlichen kleinen Bauern- 
höfen (z. B. zu Eschweiler-Bergrath) zu Tage kamen und noch 
immer nicht erschöpft ist, weist auf heimische Industrie hin. 
Es ist aber auch geglückt, in jüngster Zeit eine Eisenschmelze, 
und zwar im Gebiete des Propsteierwaldes, festzustellen. Hier, 
im Flurbezirk Dummeisheck, auf der linken Seite des kleinen 
Saubaches, fanden wir bei einer Ausgrabung im Sommer 1905 
ein massig grosses Gebäude von quadratischer Grundform, in 
dem ausser einer auifallend grossen Menge von Gefässscherben 
zahlreiches, leider formlos gewordenes Eisengerät und vor allem 
eine Masse von Eisenschlacken zum Vorschein kamen. Der 
Zufall will es, dass gerade heute fast an derselben Stelle, w t o 
die ausgegrabenen Gebäudereste liegen, abermals auf Erz 
gegraben wird und zwar auf Kosten der Rhein-Nassau-Gesell- 
schaft in Stolberg. Eine Reihe anderer, ähnlicher Mauerreste 
liegen in der Nachbarschaft zerstreut, harren aber noch der 
Aufdeckung. Eine ganze Anzahl noch gut erkennbarer, zum 
Teil tief ausgefahrener Lokalwege verband diese Stätten des 
Industriefleisses unter einander und mit den benachbarten 
grösseren Strassen. Unweit dieses Geländes, am Talrande des 
Vichtbachtales, gegenüber dem Stoiberger Bahnhof, noch auf 
Eschweiler Gebiet, liegt nun die bekannte Herrschafts- Villa, 



') Vgl. H. Willers, Die römische Messingindustric in Niedergermanien, 
Bonn 1906. Hiergegen jedoch neuerdings Herr Archivar R. Tick im „Echo 
der Gegenwart" (Sonntag, 24. März 1907, 1. Blatt), der die Bestimmung des 
Fabrikationsortes keineswegs überzeugend findet. Er macht u. a. geltend, 
dass Kupfer im Aachener Revier nur bei Schmidthof vorkomme; dort seien 
niemals Spuren römischen Bergbaubetriebs nachgewiesen. Die beschwerliche 
Einfuhr aber sei unwahrscheinlich. 



— 11 — 

die zu Anfang iler achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 
vom Hauptmann a. I). Bernd t untersucht und beschrieben 
worden ist 1 . Es hält schwer, die Vermutung abzuweisen, dass 

liier der Herrensitz gerade jenes Grossindustriellen gewesen sei, 
für den die benachbarten Eisengruben des heutigen Propsteier 
Waldes ausgebeutet wurden. Der Grundriss zeigt ein längliches 
Viereck mit einem offenen Mittelhof; um diesen gruppieren sich 
nach Westen die Baderäume und heizbaren Kammern, nach 
Osten Küche und Wirtschaftsgelasse, die auch hier, wie vielfach 
in rheinischen Villen, nicht bloss durch Mühlsteine, Topfscherben, 
Knochen, sondern auch durch Austernschalen und Koste anderer 
Leckerbissen charakterisiert sind. Im Süden, mit dem Blick in 
die offene Berglandschaft und ins romantische Vichttal, befinden 
sich die Wohnräume: ein langgestreckter Saal mit je einem 
quadratischen Zimmer zu beiden Seiten. Es fanden sich auch 
zahlreiche Scherben flacher Glasscheiben vor, wodurch das ehe- 
malige Vorhandensein von Glasfenstern festgestellt ist: eine 
Eigenschaft rheinischer Villen aus römischer Zeit überhaupt. 

Nördlich von dieser Villa, im Flurbezirk Steinbach-Hochwald, 
isl schon im Jahre 1856 ein sehr interessanter römischer Kund 
von ganz anderer Art gemacht worden. Es wurde hier nämlich 
ein römisches Kohorten-Feldzeichen gefunden 2 : ein Leo- 
pard von goldfarbener Bronze mit einem Reste der eisernen 
Tragstange. Hat der Fähnrich dort seinen Leopard in unglück- 
lichem Kampfe verloren? Ist es das Beutestück eines eburonischen 
Kriegers aus der Niedermetzelung der 15 römischen Kohorten, 
die i. J. 54 den Eburonen erlagen? Jedenfalls ist es ein historisch 
denkwürdiges Wahrzeichen blutiger Kämpfe auf unserm rheini- 
schen Boden vor fast 2 Jahrtausenden. Aus einem in der Nähe 
befindlichen römischen Lager oder Kastell kann dasselbe nicht 
stammen; denn eine ständige römische Besatzung ist für unsern 
ganzen Bezirk nirgendwo sicher nachgewiesen. Selbst die frühere 
Annahme, dass in Aachen und Jülich Kastelle bestanden haben, 
isl nach dem heutigen Stande der Forschung unhaltbar. Die 
Meinung von der militärischen Bedeutung Aachens gründete 
sich lediglich auf das Vorkommen von Legionsstempeln auf 
Ziegeln; es steht aber jetzt fest, dass solche Ziegel teils durch 



') Vgl. Ztschr, d. Aach. Gesch.-Ver. Bd. IV. S. 179 ff. 

-) Braun, Der Wüstenroder Leopard. Wmckelmann-Programui (Bonn) 

1857. 



— 12 — 

Export, teils — wenn es hoch kam — von einem Detachement 
herrührten, das lediglich zu Bauzwecken z. B. nach Aachen 
zum Bau der Thermen abkommandiert wurde. 

Die Militärmacht lag, wenigstens bis in das 4. Jahrhundert 
hinein, ausschliesslich an der Grenze am Rheinufer. In der 
Blütezeit der römischen Kaisermacht genoss der romanische 
Landbauer vollauf die Segnungen des Friedens, auch hier am 
Indestrand. Blühte an den Abhängen der Ardnenna silva reger 
Bergbau, so furchte in der weitgedehnten Ebene der Pflug des 
Landmannes fleissig den fruchtbaren Boden. Für die Umgebung 
Eschweilers gilt nach dem, was mir bisher zu ermitteln gelungen 
ist, dasselbe, was Herr Prof. Schoop für den Kreis Düren in 
mustergültiger Weise nachgewiesen: die Landschaft war 
zum Teil dichter besiedelt als heute. Das zeigen immer 
neue Spuren römischer Siedinngen an Stellen, die heute mitten 
in der Feldflur liegen; es fanden sich solche z. B. rings um 
Dürwiss, Hehlrath, Weisweiler, Frenz, Hamich, Scherpenseel, 
Nothberg, Hücheln u. s. f. Sehr bezeichnend ist auch die Tat- 
sache, dass vielfach römische Mauerreste im Walde vergraben 
lagen und liegen: so ragten z. B. auf dem Schutte der Stoiberger 
Villa mächtige Buchen empor. In der Besiedlungsart des land- 
wirtschaftlichen Gebiets herrschte das System der Einzelhöfe 
vor, ohne dass zusammenhängende vici ausgeschlossen waren; 
eine ausgedehnte Siedlung glaube ich besonders zu erkennen in 
einem weiten Trümmerfelde auf der Höhe über Cornelymünster, 
dein alten Inda; der nahe Kirchturm der alten Pfarrkirche auf 
demselben Höhenzuge steckt voll von römischen Bau- und Skulptur- 
steinen. Einzelne Gehöfte grösseren Stils, abgesehen von der 
Stoiberger Villa, sind im Indagebiet vielfach nachgewiesen, so 
in Linken, Laurenzberg, Pattern, Paland, Frenz, luden u. s. w. 
Zum Teil ausgegraben sind neuerdings grössere Landhäuser auf 
dem „Burgacker" bei Weisweiler, bei der „Glücksburg" am 
Nordsaume des Propsteier Waldes und in unmittelbarer Nähe 
von Eschweiler-Röhe, links der Strasse nach Weiden. Leider 
erwiesen sich selbst die Grundmauern stark zerstört. Eine solche 
vorfränkische Siedlung liegt auch dem heutigen Eschweiler zu 
Grunde; schon der Name Weiler, Ableitung vom spätlateinischen 
villare, weist auf romanischen Einfluss. Willi. Koch, der 
Geschichtsschreiber Eschweilers, hat zwar römische Spuren 
innerhalb der Altstadt in Abrede gestellt; aber sie sind jetzt 



— 13 — 

schon in ausgiebigem Masse festgestellt. Von ganz besonderer 
Bedeutung sind die Funde, die in der Nahe der Pfarrkiche dicht 
an der Dürenerstrasse, der alten römischen Heerstrasse, gemacht 
sind: nicht nur, dass liier der Boden mit römischen Ziegeln 
ganz durchsetzt ist, nein, auch für eine vorrömische Besied- 
lung- haben sich jetzt untrügliche Spuren gefunden. Zeugnis 
dessen sind eine Reihe von Graburnen mit Knochenresten, 
die der mittlem und Jüngern La-Tene-Zeit angehören, also 
jener gallischen Kultur, die der römischen voraufging und sich 
mit ihr vermischte. Gallisch-römische Technik blieb auch herr- 
schend trotz der germanisch-ubischen Einwandrung. So zeigen 
z. B. die Formen der Keramik kaum etwas Germanisches. 
Neben den römischen Sigillatagefässen behauptet sich die soge- 
nannte terra nigra, wie sie namentlich in der benachbarten 
Gallia Belgica heimisch war. Ganz wird der gallische Bevölke- 
rungsteil überhaupt nicht geschwunden sein: darauf weisen 
urkeltische Namen hin wie Frenz, das sich durch die mittel- 
alterliche Namensform Vregenze als ein altes Brigantium, also 
als eine Namensschwester des helvetischen Bregenz am Bodensee, 
zu erkennen gibt. 

Doch ist germanisches Wesen auf andern Gebieten nicht 
ohne Zeugnis geblieben. Germanische und römische Befesti- 
gungskunst scheinen sich zu vereinigen in zwei mächtigen 
Bollwerken bei Kinzweiler, die früher leider kaum beachtet 
worden sind. Es sind der Hauptsache nach künstliche Erdhügel, 
von gewaltigen Spitzgräben umgeben, an die sich auf einer 
Seite eine Umwallung, im wesentlichen nach Art römischer 
Kastelle, anlehnte. Die Hügel trugen wohl, nach germanischer 
Art, einen Curgus, einen Wartturm. Im Mittelalter hat der 
grössere von ihnen das Burghaus der Herren von Kinzweiler 
getragen: die Reste sind durch eine Grabung im Sommer 1904 
blossgelegt worden. Die Mauern zeigten sich mit römischen 
Ziegeln durchsetzt. Aehnliche Anlagen finden sich bei Geilen- 
kirchen und Waldfeucht; welchem besondern Zwecke sie 
dienten, ist noch nicht sichergestellt. 

Auch in der Götterverehrung, dem heiligsten Gute <les 
Yolksgeistes, hat germanische Eigenart ihre Spur hinterlassen: 
wie der Name jener den Sunuxal der römischen und gallischen 
( lötterwelt völlig fremd ist. so gibt auch der Mercurius Leud isiu>. 
den ein Votivstein zu Lohn, jetzt in die Kirchturmmauer ein- 



— 14 — 

gefügt, uns nennt, völlig germanischen Klang. In Leudisius 
steckt ein germanisches Wort, das etwa „Allherrscher" bedeutet: 
gemeint ist Wodan, der bekanntlich mit Merkur identifiziert 
wurde. Freilich erscheint auf einem Wenauer Weihesteine im 
Gegensatz dazu ein Mercurius Arvernus, also zweifellos eine 
gallische Grösse: in der Auvergne stand das berühmteste und 
grösste Heiligtum des gallischen Handelsgottes (Esus). Galli- 
sche und germanische Anschauungen begegneten sich in dem 
Matronenkultus, der besonders in der Zülpicher und Jülicher 
Gegend in Blüte stand; so lieferte Rödingen bei Jülich allein 
9 Matronensteine, Embken bei Zülpich gar 11. Aber auch im 
Indegebiet fehlt es nicht an Zeugnissen dieses eigenartigen 
Kultus. So hat Altdorf einen Matronenstein geliefert, ebenso 
Pattern, das am nördlichen Höhenrand der Indeniederung liegt. 
In der Nähe Patterns, weiter landeinwärts, lieferten Pützdorf 
und Laurensberg Denkmäler. Wie tief die Verehrung dieser 
Muttergöttinnen, der Beschützerinnen der Familie und des Volks- 
stammes x , in den Herzen der Volksgenossen Wurzel geschlagen 
hatte, zeigt die merkwürdige Tatsache, dass bis auf den heutigen 
Tag die Erinnerung an die Matronen in den Sagen und Ueber- 
lieferungen des Volkes weiterlebt: im Dürener und im Jülicher 
Lande ist die Sage von den drei Jungfern, die in weissem 
oder auch prächtig farbenreichem Gewände um Mitternacht, 
aber doch auch am hellen Mittag erscheinen, viel verbreitet, 
namentlich in Rödingen, das ja auch an Matronensteinen beson- 
ders reich ist. Hier und da wird auch zugefügt, dass sie niemand 
ein Leids antäten : darin schimmert die alte Vorstellung von 
dem gütigen Wesen dieser Göttinnen durch. Auch unmittelbar 
an der Inde, und zwar in Eschweiler, das inschriftliche 
Zeugnisse für den Matronenkult bisher nicht geliefert, weiss der 
Volksmund immer noch von den „weissen Juffern" zu erzählen, 
die in rauschender Seidenpracht um die mitternächtliche Stunde 
den Frommen erscheinen und ihren Herzenswunsch erfüllen. 

Doch schier unerschöpflich wäre der Strom der Ueberliefe- 
rung wie der Zeugnisse in Stein und Erz, weit gedehnt der 
Gang der ganzen Kulturbewegung von der Väter Urzeit bis 
auf unsere Tage. Es kam mir darauf an, in engem Rahmen 
die Kontinuität der Entwicklung anzudeuten, die das Heute 



') Vgl. Lehner, Korrespondenzblatt der Westd. Ztschr. 1906, Nr. 7 u. 8. 



15 — 



mit dem Ehedem verbindet. Ja mannigfach und vielverschlungen 
sind die Fäden, die uns auf rheinischem Boden mit einer 
Jahrtausend« zurückliegenden Entwicklungsreihe aufs innigste 

verknüpfen. Gerade hier in der Westmark deutschen Wesens 
liegt für uns Deutsche der Ausgangspunkt unseres kulturellen 
und nationalen Lebens. Pflegen wir den innigen Zusammenhang 
unseres Rheinlandes mit der Gesamtnation vor allem durch die 
Förderung unserer heimatlichen Geschichte. Denn die Geschichte 
unseres Rheinstromes und die des deutschen Landes sind untrenn- 
bar verbunden: 

„Die rheinische Geschichte ist ein Spiegelbild der deutschen." 



Das Hofgut Kraborn. 

Von Albei't Heusch. 

(Mit drei Abbildungen.) 

Mit der Anlage des neuen Bahnhofs im Süsterfeld erhält 
das Ponttorviertel eine wesentliche Verschönerung. Der An- 
schluss der Ludwigsallee an die Turmstrasse wird dieser Stadt- 
seite ein ganz anderes Gepräge verleihen und selbst diejenigen 
zufrieden stellen, die vor mehreren Jahren den überaus traurigen 
Wunsch hegten, das Ponttor als Verkehrsstörung beseitigt zu 
sehen. Gott Lob gab es damals einsichtige Männer, die das 
Wenige, was an die grosse Vergangenheit unserer Vaterstadt 
erinnert, zu erhalten bestrebt waren. 

Ein Blick in den Plan der demnächstigen Neuanlagen 
zeigt uns, dass die Ackergüter Kraborn und Süstern ver- 
schwinden müssen und der grosse und kleine „welsche Bau" 
wohl bald der Bauspekulation in diesem neu erschlossenen 
Stadtviertel weichen werden. Die älteste und vielleicht auch 
dem Aachener bekannteste unter diesen Besitzungen ist wohl 
das dem Templerbendbahnhof fast gegenüber gelegene Hofgut 
Kraborn mit seinem Türmchen, in dessen Wetterfahne noch 
heute das Wappen der einstmals hoch angesehenen Freiherr- 
lichen Familie von Gruithausen zu sehen ist. Im Garten des 
Gutes lag vor Anlage der Aachen-Maastrichter Eisenbahn eine 
Quelle, die einen grossen Brunnen mit Wasser versorgte. In 
diesen klaren Fluten lässt unser vaterstädtischer Dichter 
J. Müller um die mitternächtige Stunde die Geister von drei 
Tempelherren niedertauchen, und in der Christnacht hört man 
in der Tiefe das Glockengeläute des einstens in der Nähe um 
die Geisterstunde versunkenen Klosters der Tempelherren : 

„En grad doli an die selve Stell, 
Wo Wasser ühr set blenke, 
Doli enn die ewig deipe Quell 
Sit me se wier versenke." 




I. 

z 

-J. 



SS 

2 

X 



— 17 — 

„En enn de Kresnahl jedder Johr, 
Moss et sich noch gebüre, 
Dat enn die Quell nie doli ganz klor 
Kann Klocke luhen huren. u 

In der Tat hat am Templergraben niemals ein Kloster der 
Tempelherren gestanden. 

Wer der Erbauer Kraborns gewesen, und zu welchem 
Zwecke dieses in der Nähe des Stadtwalles gelegene Haus 
ursprünglich gedient, bedarf noch der Aufklärung. Die Ety- 
mologie des Namens gibt Richard Pick in der Abhandlung 
über Aachens Befestigung im Mittelalter in seinem Werke »Aus 
Aachens Vergangenheit" S. 165, wonach derselbe wohl aus 
and. kräa, mhd. krä, Krähe und abd. brunno, ags. burna, mhd. 
brunne, Quelle, Brunnen zusammengesetzt ist. Nach Pick (eben- 
da S. 163) befand sich in der Nähe von Kraborn an der 
stadtischen Befestigungsmauer ein Arkier, d. h. ein erkerartiger 
Vorbau in der Flucht der Mauerlinie, dessen Ausbesserung 
schon die Stadtrechnung von 1346/47 erwähnt. Ein allen An- 
zeichen nach aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammender 
Bericht über die Besichtigung des äusseren Mauerrings be- 
sagt: „Item dat brederen arkier up den Kraborn darff wail 
stüppens". (Pick S. 165). Im Jahre 1580 begegnen wir dem 
Namen Kraeborn als Familiennamen in Aachen; damals war 
Theiss Kraeborn Geschickter der Loederzunft im grossen Rat. 

Nach den Aufzeichnungen des Abtes Heyendael von Kloster- 
rath starb am 7. Nov. 1625 Margarethe Reul, Ehefrau von 
Johann Franck „binnen Aecken op den Craeborn" an der Pest 
und wurde in der Jakobskirche beerdigt. Vergl. De Maasgouw. 
Jahrg. 26 (1904), S. 68. 

Einige Nachrichten über Kraborn finden wir bei Quix 
„Das ehemalige Dominikaner-Kloster uud die Pfarre zum 
heiligen Paul in Aachen" S. 52. Er nennt Kraborn eine 
alte Allodial-Besitzung, die bis im 14. Jahrhundert vor der 
Stadl gelegen. Wie der Verfasser angibt, stifteten im Jahre 
L294 Gerard genannt von Krahborn und seine Gattin Mechtild 
zwei Jahrgedächtnisse in der Abteikirche zu Burtscheid mit 
5 x /2 Bnnder Ackerland, welche sie bei Rüsson unweit Tongern 
im Belgischen mit 5:5 Mark angekauft hatten 1 . Mechtild 



l ) Die Urkunde selbsl 1. ebenda S. 63. 



— 18 — 



schenkte bei ihrem Absterben der Abtei Burtscheid noch einen 
Erbpacht von 4 Müdden Weizen zu Lasten ihres Gutes Kraborn. 
Das Burtscheider Nekrolog sagt: „Kai. martii obiit Mechtildis 
de Craborne l(aica), don. ei. annuatim IUI modii tritici de 
Craborne." Katharina von Kraborn (de Croborne) schenkte der 
hiesigen Münsterkirche eine Mark (Quix, Necrol. ecclesiae B. M. 
V. Aquensis p. 51, 1. 10). 

Aus dem im 14. und 
15. Jahrhundert angefertigten 
Zinsbuch des ehemaligen Krö- 
nungsstifts führt Quix dann 
ferner S. 58 an: „Up Kraborn. 
Gillis Oislinger van sinen huse, 
dat Poters huisvrouwen was 
van Herle, 18 schil. Arnolt 
van den Hirts van sinen huse, 
dat Joh. Scheyden was, 6 schil. 
Lambert Bück 10 den." Nach 
dieser Eintragung standen zu 
jener Zeit zwei Häuser „up 
Kraborn", wovon das eine viel- 
leicht mit dem heutigen Gute 
Hörn an der Bärenstrasse iden- 
tisch ist. Im Jahre 1423 wird 
die Besitzung in einer Schen- 
kungsurkunde des Bitters Coyn 
van den Eichhorn und seiner 
Gemahlin Mettel Havermanns 
erwähnt, woselbst es heisst: 
„Nese Prymen wyff, die waint 
up gen Kraborn." 
Im 17. Jahrhundert erwarb Balduin Gysbert von Gruit- 
hausen, Herr zu Blumenthal, das Gut; seit seinem Tode ist es 
nur auf kurze Zeit im Besitz einer Person gewesen; meistens 
waren sogar Besitz und Nutzniessung in verschiedenen Händen. 
Am 24. Sept. 1720 wird sein Enkel Maximilian Heinrich 
von Gruithausen, Herr zu Brück, von dem kaiserlichen Lehen- 
verwalter Peter Niclas für sich und seinen Bruder Franz Egon 
mit einem Drittel des Gutes belehnt. Ein Drittel war zu dieser 
Zeit im Besitze des Franz Egon von Gruithausen des Aelteren, 




Wetterfahne von Kraborn. 



— 19 — 

und ein Drittel gehörte zum Nachlasse seines Bruders, des ver- 
storbenen Amtmannes von Gruithausen, Herrn zu Altengohr. 
Laut Urkunde vom 25. Okt. 1720 verzichten die Söhne des 
Philipp Wilhelm von Gruithausen, der Leutnant Maximilian 
Heinrich und Franz Egon, auf alle ihre 'Rechte an Kraborn. 

Nicht lange nachher sah sich die Familie gezwungen, ihr 
Lehengut zu versetzen, um anderweitigen Verpflichtungen nach- 
zukommen. Tu welch hohem Ansehen die von Gruithausen 
standen, ersieht man unter anderm daraus, dass bei dem am 
29. März 1705 in der Pfarrkirche St. Gereon zu Brachelen ge- 
tauften Sohne des Maximilian Heinrich von Gruithausen mit 
Namen Johann Wilhelm Ernst, der Herzog von Jülich, Kur- 
fürst Johann Wilhelm und dessen Gemahlin Maria Anna 
Josepha, die Stiefschwester des deutschen Kaisers, die Paten- 
schaft übernahmen. Im Jahre 1639 hatte die Familie von Gruit- 
hausen von „Ihrer Hochfürstlichen Durchlaucht" die Oberste 
Kornmühle zu Brachelen erworben und zur Tilgung des Kauf- 
preises von der Familie von Fürth ein Kapital von 700 Rthlr. 
geliehen. Am 27. Juli 1708 forderte die Wittwe des kurfürst- 
lichen Hofrats Johann Wilhelm von Fürth, geb. Maria Katha- 
rina von Moni (Mumm), Kapital und Zinsen ein, da letztere 
seit 1679 nicht mehr gezahlt worden seien. Die von Gruit- 
hausen behaupteten nun, von den Zinsen, die nach 1679 ver- 
fallen, „ein Mehreres" an Tilmam von Nickel entrichtet zu haben, 
der die Leibzucht des Kapitals beanspruche. Hofrat Dr. Barden- 
heuer brachte im Jahre 1710 zu Düsseldorf als ernannter 
Commissarius einen Vergleich zu stände. Nachdem alsdann im 
Jahre 1721 die Familie von Fürth das Kapital abermals ein- 
gefordert, versetzten die Wittwe des Freiherrn Maximilian 
Heinrich von Gruithausen, Herrn zum Blmnenthal, Juliana geb. 
Gräfin Salm-Dyck, ihre grossjährigen Kinder Anna .Maria und 
Johann Wilhelm Ernst und namens der vier unmündigen Kinder 
deren Vormund Franz Egon Freiherr von Gruithausen „das 
frey adtliches lehenguth, haus, hoff und erb grasswassen mit 
allem anhabendem zubehoer, recht und gerecht igkeiten. nichts 
demselben anklebiges ausgeschlossen, der Kraheborn genannt" 
für die Summe von 701 Rthlr., jeden zu 5 1 Aachener Mark 
„ahn die tugendreiche Krau Anna Marin Gieltgens hinterlassene 
wittib weylandl herrn Johannis Wilden auf die Dauer von zwöll 
Jahren. 



— 20 — 

Das Gut war belastet mit „jährlichs Festo sancti Stephani 
ahn zeitlichen lehenherren, oder dessen Verwalter 2 capun deren 
jeder mit zwey gülden aix zahlt wirdt, so dan noch 2 capun 
jährlichs an die commenderie in St. Gillis hieselbst so gemeinig- 
lich mit 14 märck aix zahlt wirdt." Das Gut befand sich damals 
in schlechtem baulichen Zustand und brachte kaum 20 Rtlilr. 
Miete auf, war also mit dem Versatzgelde bereits bezahlt, wes- 
halb denn auch die Einlösung innerhalb der gesetzten Frist 
nicht erfolgte. 

Im Jahre 1747 starb die Wittwe Johann Wilden mit 
Hinterlassung eines nicht unbedeutenden Vermögens. Ihre 
Kinder waren Johann Joseph und Anna Catharina, die zu Cöln 
in 1. Ehe mit N. Bertram und in 2. Ehe daselbst mit Gerhard 
Meuser verehelicht gewesen. Aus 1. Ehe stammte Johann 
Georg Bertram, der in früher Jugend die geistliche Tonsur 
empfing und bald nachher auf nie aufgeklärte Weise verschwand. 
Aus der zweiten Ehe gingen zwei Töchter Anna Maria Therese, 
Gemahlin von Bernhard Heinrich Coomans, jur. utr. lic. und 
Vogt der jülichschen Unterherrschaft Heiden, und Maria Clara, 
Ehefrau doct. med. Johann Ulrich Grall, hervor. Am 30. Juni 
1747 begannen die Erben Wilden mit der Inventarisierung 
des Nachlasses; zu dessen Immobilien gehörten die auf dem 
Templerherrengraben gelegenen Güter, der grosse und der kleine 
Bär, das Haus der Kraheborn genannt am Wall und neun 
Häuser in der Stadt. Johann Joseph Wilden starb unver- 
heiratet einige Jahre nach seiner Mutter; es brach nun wegen 
seines Nachlasses und des von dieser im Jahre 1742 errichteten 
Testaments ein langjähriger Rechtsstreit aus. Am 20. Febr. 
1770 kam vor Notar Müller ein Vergleich zu stände. Schon 
am 25. Januar 1765 empfängt Vogt Coomans „uxoris nomine 
Mariae Theresiae Meusers" und namens seiner Schwägerin 
Wittwe Dr. med. Grall vom Bürgermeister Jacob Niclas, 
Lehenverwalter des kaiserlichen Hoflehens, „das Lehen über 
das von denen Freyherrlichen von Gruithausen in besitz haben- 
des vormahls in versatz genohmenes haus Kraheborn". 

Das Gut war also nunmehr in Besitz ]der Pfandleiher über- 
gegangen. Nichts destoweniger Hess im Jahre 17G9 Franz 
Anton Walstok die Einlösung des Gutes ankündigen. Am 18. 
Mai 1770 beanspruchen Franz Joseph von Gruithausen zu 
Blumenthal und Franz Klinckhammer die Hälfte der „a die 



— 21 — 

obitus matris resp. aviae" von der Wittwe Meuser genossenen 
„perceptorum et percipiendorum" und Abtretung der Hälfte 
des Gutes Kraborn, jedoch ohne Erfolg. Wohl wurde infolge 
dessen ein letzter Termin für die endliche Einlösung festge- 
setzt: im Jahre 1770 boten die Erben von Gruithausen das 
Gut in der Aachener Zeitung zum Kaut' an. Die „Acher Zeitung" 
vom 2. März 1770 bringt dann folgende ausführliche Anzeige: 
„Nachdeme die Erbgenahmen Freyherrn von Gruithausen zu 
Blomendahl in hiesigen nechst vorigen Zeitungsblattern dem 
Publico öffentlich kund machen lassen, dass das dahier am 
langen Thurm gelegene Frey-Adliche Haus Kraheborn zu ver- 
kaufen, und des fals bey ihnen, oder bey Johan Peltzer im 
Körbergässchen das nähere zu vernehmen stünde; so wird dem 
Publico hiemit zugleich unverhalten, dass dieses Haus Kraheborn 
bereits im Jahre 1721 an die Frau Wittib H u . Johannen Wilden 
seel. gerichtlich versetzet, der Versatz-Schilling mit allen zufolg 
Pfand-Briefs zu ersetzenden Melioriations Bau und sonstige 
Kosten bis dato noch nicht zurückgestattet worden, mithin die 
Testamentalische Erben der gemelter Versatznehmerin Wittib 
H". Johann Wilden, das Haus Kraheborn in noch wirklichem 
Versatz haben. Als über welches das zuverlässige bey der 
Frau Wittib Meusers in Marschierstrass, und bey H". Vögten 
Coomans in St. Peterstrass zu vernehmen ist." 

Doch auch der letzte Termin verstrich ohne Einlösung des 
Pfandes, da der Wert des Gutes nicht der Höhe des Versatz- 
geldes und der bis dahin aufgewandten Kosten entsprach. Die 
der Ehefrau Coomans zugehörige Hälfte ging nach deren Tod 
auf ihre Söhne Joseph Wilhelm Anton Coomans, letzten Vogl 
der Jülich'schen ünterherrschaft Heiden, und Arnold Franz 
Aloys Coomans, Pfarrer zu Eygelshoven, über, da die einzige 
Tochter vor ihrem Eintritt in das adliche Kloster der Bene- 
dictineriunen zu St. Joachim und Anna in Aachen abgefunden 
worden war. Bei der im Jahre G der französischen Republik 
(1798) von der französischen Regierung eingeforderten Emmo- 
biliendeclaration schätzen die Gebrüder Coomans die ihnen 
zugehörige Hälfte des Gutes mit 1350 Livres ein. wohingegen 
der Wert im Jahre 1790 noch 1500 Livres betrauen habe, die 
Hälfte des Pachtgeldes müsse jährlich zu Ausbesserui 
verwandt werden. Am 3. Mai IM 1 verkaufte Pfarrer Coomans 



— 22 — 

vor Notar Winkens seinen Anteil an Kraborn der Wittwe 
seines Bruders geb. Anna Maria Therese von Thenen. 

Die der Ehefrau Dr. med. Grall zugefallene Hälfte ging 
nach deren Tod auf ihren Sohn Johann Heinrich über, dessen 
Wittwe Maria Gudula Josephine, geborene Pflüger, sich in 
zweiter Ehe mit dem Freiherrn Wilhelm von Thimus ver- 
mählte. Am 18. März 1823 verkaufte Freifrau von Thimus vor 
Notar Schwarz der Wittwe des Vögten Coomans, geb. von 
Thenen, die ihr zugehörige Hälfte des Gutes Kraborn. 

Nachdem zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Ställe neu 
gebaut worden, musste 1829 das Türmchen neu errichtet und 
ein neues Dach gelegt werden, woran sich in den folgenden 
Jahren weitere durchgreifende Reparaturen reihten. 

Im Jahre 1852 wurden zum Bau der Aachen-Maastrichter 
Eisenbahn 105 Ruthen und im Jahre 1856 weitere 148 Ruthen 
60 Q-Fuss vom Garten des Gutes Kraborn und den an- 
schliessenden Gärten der der Familie Coomans ebenfalls ange- 
hörigen, am Templergraben gelegenen Bärenhöfe enteignet. 
Am 12. Juni 1852 war der Königliche Oberförster Ferdinand 
Coomans bei der Teilung des elterlichen Nachlasses Besitzer 
von Kraborn geworden, nachdem seine Mutter geb. von Thenen 
am 7. Sept. 1851 im Alter von 84 Jahren gestorben war. 
Wie aus seinen Eingaben an die Direktion der Aachen -Maas- 
trichter Eisenbahn-Gesellschaft hervorgeht, konnte er sich nur 
sehr schwer der Enteignung eines Teiles seiner Besitzung 
fügen. Bei Anlage der Eisenbahn gingen Schöpfbrunnen nebst 
Wasserbehälter verloren. Am 2. Mai 1868 starb Oberförster 
Coomans und behielten nunmehr seine drei Töchter: Alide, 
Ehefrau Alexander Heuscli, Eudonie, Ehefrau des Königl. 
belgischen Obersten der Artillerie Dr. phil. Albert Tyrell, und 
Natalie Coomans das Gut wieder gemeinschaftlich. Frau Tyrell 
starb im Jahre 1893 zu Löwen in Belgien und vererbte das 
ihr zugehörige Drittel des Hofes auf ihre drei Kinder. Nach 
dem im Jahre 1895 zu Frankfurt am Main erfolgten Ableben der 
Natalie Coomans Ehefrau Joseph Wenigmann ging deren Drittel 
je zur Hälfte auf Frau Alexander Heuscli und die drei Kinder 
Tyrell über. Im Jahre 1907 wurde Haus Kraborn nebst Garten 
vom Eisenbahnfiskus enteignet. Das zugehörige Areal betrug 
zu dieser Zeit ungefähr 21 Morgen und wurde am 4. Februar 
1907 zu 100275 M. auf öffentlicher Versteigerung veräussert. 



Die evangelischen Heiligtümer 

(das Sehürztucli, Grabtuch und Sehweisstueh unseres Herrn Jesu 
Christi) in der früheren reichsabteilichen Benedictinerkirche, nun- 
mehrigen Pfarrkirche zu Cornelimünster. 

Von J. Kleinermanns. 

Fortsetzung 

II. 

Der lil. Benedict hatte in Ariane und Cornelimünster 
Kirche und Kloster dem Erlöser geweiht. In Aniane diente 
zur Aufbewahrung der Reliquien der Hochaltar. Inwendig hatte 
derselbe einen hohlen Raum und an der Rückseite eine kleine Türe, 
durch welche die Behälter mit den Reliquien an den gewöhn- 
lichen Tagen verschlossen wurden 1 . In ähnlicher Weise werden 
auch im Hochaltäre der Kirche zu Cornelimünster namentlich 
die grossen Heiligtümer eingeschlossen gewesen sein. Dass 
dieselben ehrerbietig gehütet und durch die Verrichtung der 
kirchlichen Tagzeiten verehrt wurden, wie dies auch Karl der 
Grosse in einem Capitulare allgemein verordnet hatte, folgern 
wir aus einer Bestimmung unseres hl. Benedict, wonach seine 
Mönche dreimal im Tage die Altäre der Kirche besuchen- und 
am ersten „das Vater unser" und „Glaubensbekenntnis" und 
an den übrigen das „Vater unser" oder das „Sündenbekennt- 
nis" beten sollten. 

Gemäss dem Indictc Karls des Grossen fand in Aachen 
Ins zum Jahre 881 die Verehrung der Heiligtümer am zweiten 
Mittwoch de* Monats Juni beim Beginne der Quatemberfasten, 
in der Pfingstzeit statt. In jenem Jahre wurde aber der bisherige 
Tag fallen gelassen und dafür der 17. Juli gewählt. Diese 



') Vit. s. Boned. bei Migne 1. c. p. 364 a. 26 retrorsum habens (seil, 
altarc) ostiolum, quo privatis diebus inclusae tenentur uapsae cum diversis 
rcliquiis patrum. 

-) Ibid. f. 'M'.>. n. 52. in bis tribus per diem vieibus circumire euneta 
praecepil altaria etc. 



— 24 — 

Aenderung geschah aus folgenden Gründen. Aus Furcht vor 
den Normannen, die damals die hiesige Gegend verwüsteten 
und n. a. das Aachener Münster in einen Pferdestall ver- 
wandelten, hatte man in Aachen die Heiligtümer nach Stablo 
und Mainz geflüchtet und in Sicherheit gebracht. Als die 
Normannen abgezogen, kamen die Reliquien wieder zurück, 
und am 17. Juli, dem Feste des hl. Alexius, wurde das Münster 
von neuem wieder eingeweiht. Zum Andenken an diese Neu- 
einweihung des Münsters und an die Zurückkunft der Reliquien, 
die an diesem Tage dem freudig erregten Volke wieder vor- 
gezeigt werden konnten, findet seit dieser Zeit die Verehrung 
der Heiligtümer an dem Feste des hl. Alexius 1 statt. Diese 
Neuordnung wurde auch von Cornelimünster angenommen. 
Wenn wir auch davon absehen, dass die Aachener Heiligtums- 
fahrt immer vorbildlich für diejenige von Cornelimünster ge- 
wesen ist, so kamen diesesmal für Cornelimünster die nämlichen 
Gründe wie in Aachen hinzu, welche das Klosterstift zu dieser 
Neuerung bestimmen mussten. Inda war nämlich ebenfalls von 
den Normannen verbrannt worden. Auch dort 2 werden die 
Reliquien geflüchtet worden sein, und nach ihrer Rückkehr wird 
die Klosterkirche von neuem wieder hergestellt worden sein. 

Die Verehrung der Heiligtümer fand in Cornelimünster 
etwa bis zum Ende des 13. Jahrhunderts oder bis in den An- 
fang des 14. Jahrhunderts alljährlich statt in der Zeit der 
Aachener Kirchweihe. Das waren einige Tage vor und nach 
dem 17. Juli. Ausdrücklich wird dieselbe noch als alljährliche 
bezeichnet in den schon erwähnten Urkunden 3 von 1257 und 
1264. Die Frage, wann die siebenjährige Vorzeigung aufge- 
kommen, ist bis heute noch nicht aufgeklärt. Dass dieselbe 
aber bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts bestanden 
haben muss, geht klar und deutlich aus der Ablassbulle des 
Papstes Innocenz VI. vom 10. Aug. 1359 für Cornelimünster 



! ) Beissel S. 70; Kessel 8. 171. 

2 ) Sigeberti Chron. in Mon. Genn. Script. T VI. ad a. 882 . . . Coloniam 
Agrippinam . . . comburunt, Aqnis in palatio cqnos stabulantes oppidum et 
palatium incendunt praeterca monasterium . . . Indam Prumiam. Sacri 
niil iiics in utroque sexu ministri ubi poterant opportniiius latebant, sancto- 
rum corpora et pignora locis tutioribus abscondebant. Desgl. Ann. Fuld. in 
M. G. Script. T. I. ad a. 881. 

! ) Vergl. Jahrg. XIX. S. 154 u. 155. 



— 25 — 

hervor, in welcher von der siebenjährigen Heiligtumsfahrt als 
einem feststehendem Gebrauch die Hede ist 1 . 

In Cornelimünster beginnt die Heiligtumsfahrt von Alters- 
lier - um einen Tag spater als in Aachen und dauert einen Tag 
länger, vom 11.— 26. Juli. Ebenso findet in Cornelimünster die 
Vorzeigung abweichend von Aachen nachmittags gegen 2 Uhr 
statt. Weiter sei dann noch darauf hingewiesen, dass nach altem 
Brauche au beiden Orten vierzehn Tage vor der Vorzeigung an 
bestimmten Stellen der Gallerie der Kirche unter gewissen 
Feierlichkeiten die Tücher ausgehangen werden, auf welchen 



die Heiligtümer bei der Ausstellung ausgebreitet werden. Nach 
Schluss der Heiligtumsfahrt bleiben dieselben noch 14 Tage 



ausgehängt. 

Wir hatten vorhin bemerkt, dass zu Aniane und vermut- 
lich auch zu Cornelimünster die Reliquien im Hochaltäre an den 
gewöhnlichen Tagen durch eine kleine Türe verschlossen waren. 
Daraus folgt nun, dass dieselben an gewissen hohen Tagen im 
Unterschied von den gewöhnlichen Tagen in irgend einer Weise 
der öffentlichen Verehrung zugänglich gewesen sein müssen, 
sei es nun, dass die Türe geöffnet wurde, oder dass dieselben 
nicht sichtbar, sondern ganz verdeckt und verhüllt auf den 
Altar gestellt wurden'*'. Der Gebrauch, die Reliquien ausser 
ihren Behältern sichtbar und unverhüllt zu verehren, rührt für 
unsere Heiligtümer ohne Zweifel aus der Zeit her, als die- 
selben zum ersten Male von der Gallerie der Kirche vorgezeigt 
wurden. Und das geschah vermutlich damals, als die sieben- 
jährige Heiligtumsfahrt aufkam. 

Die älteste Abbildung unserer Reliquien zugleich mit denen 
von Aachen und Maastricht zeigt ein kolorierter Holzschnitt ' 
vom Jahre 1468. Unter den einzelnen Darstellungen stehen 
folgende Worte: 

Item wer sich bereit niyt andacht war 
ruwe und mit ganzer Bichte der hat 
ane zal ablas zu saut Cornelius 



M Act. Sanct. 14. Sept. T. IV. p. 186 et praeeipuo de septennio in 
septeniiium quo ibidem reliquiae ostenduntur etc. 

-) Petri .i Beeck, [mperialium ecclesiaruui in Aquis ri^-. Aquisgr. 
1620 n. 187. 

;i ) Näheres bei Beissel S 6 1. 

') Befindlich im Künigl. Kupferstich-Cabinel zu München, abgebildel 
in der Ztschrft. des Aach. Geschichtsv. Bd. VII. S. 125. 



— 26 — 

Item man zougt ein tnch do unser Hre 
den Jungeren ire fusze myt drucknete 
An dem obent essen 

Item disz ist das tuch dez unsen Hren 
uff sin heiliges antlit wart geleit 
als er in deine grabe lag 

Item disz ist sanct Cornelius houbt 
und sin rechter arm 

Item disz ist daz tuch do Joseph von 
armotgen unserm Herren inlegte 
do er begraben wolte. 

Eine eingehende und interressante Beschreibung über die 
Art und Weise der Vorzeigung der Heiligtümer in Aachen und 
Cornelimünster besitzen wir in dem Berichte, den uns ein 
Metzer Bürger Philipp von Vigneulles über die Heiligtumsfahrt 
im Jahre 1510 hinterlassen hat. Da der Verfasser aber in seiner 
Erzählung über die Verehrung der Heiligtümer in Corneli- 
münster mehrfach auf seinen Bericht über die Vorzeigung der 
Aachener Reliquien Bezug nimmt, glauben wir zum besseren 
Verständnis den betreffenden Abschnitt hierhin setzen zu sollen 1 . 

„Um jene (die Reliquien) zu sehen, fand sich eine so un- 
geheuer grosse Volksmenge ein, das diejenigen, die nie dage- 
wesen sind, es für unglaublich halten. Ein jeder nahm einen 
möglichst guten Platz ein; denn alle Häuser rings um die 
Kirche waren so mit Leuten angefüllt und mit dicken Holz- 
balken so gestützt, dass es zum Verwundern war. Für unser 
Geld erhielten wir auf einem dieser Häuser einen Platz, der 
zur Besichtigung der Heiligtümer ziemlich gut war; von dort 
aus hatten wir die Aussicht auf den Platz an einer der Seiten 
der Kirche; von dort aus erblickten wir auf dem Platze eine 
so grosse Menge Leute, dass man nur Kopf an Kopf sah, und 
dabei waren noch ebensoviele oben auf den Häusern. Sobald 
die Stunde herannaht, fangen die grossen Glocken an zu läuten, 
und hierauf kommt ein ehrwürdiger Prälat 2 in Begleitung von 



') Nach der üebersetzung von Teichmann: Zur Heiligtumsfahrt des 
Philipp von Vigneulles im Jahre 1">10 in der Ztschrft. des Aach. Geschiehtsv. 
Bd. XXII. S. 121 

i In unserer Zeil ein gewöhnlicher Geistlicher. 



— 27 — 

mehreren würdigen Geistlichen; er und sein Gefolge gehen 
rings um die Kirche auf den durchbrochenen Gallerien, die 
ganz vorteilhaft neben dem Dache der Kirche nach aussen an- 
gebracht sind, und es sind in den Gängen mehrere Stellen, 
wo man die hl. Reliquien vor den Augen eines jeden und zwar 
nach jeder Seite hin zeigt, sobald die Stunde kommt, wie ihr 
hören sollt". 

„Zuerst kommt jener Prälat mit dem erwähnten Gefolge 
und an jedem der Orte, von wo die Heiligtümer gezeigt werden 
sollen, hält er eine kurze Ansprache J und sagt die offene Schuld, 
und es empfiehlt auch der Prälat, für unsern hl. Vater den 
Papst und für seine gesamte Geistlichkeit und hierauf für den 
Kaiser und jeden Fürsten und gnädigen Herrn und insbesondere 
für diejenigen Landesherrn zu beten, welche den Frieden im 
Lande und auf den Strassen erhalten und verpflichtet sind zu 
erhalten, damit den Pilgern kein Ungemach widerfahre, und er 
sagt noch viele schöne Gebete und Ermahnungen, die ich der 
Kürze halber übergehe. Hierauf entfernt er sich alsbald, und 
darauf sieht man viele brennende Wachsfackeln und Kerzen 
nahen, und dann kommen viele Geistliche. Alle sind mit 
reichen Gewändern angetan, tragen kostbare Kreuze, Weih- 
wasserkessel und prachtvolle Weihrauchfässer aus Gold und 
Silber und ziehen in schönster Ordnung den vorher bezeichneten 
Gängen entlang. Mitten unter ihnen, umgeben von Lichterglanz 
und zwischen den Weihrauchfässern sind zwei Prälaten, die 
mit hübschen, gold- und silberdurchwirkten Gewändern be- 
kleidet sind und auf dan Schultern einen runden lanzenförmigen 
mit reinem Golde überzogenen Stab tragen, worauf das kost- 
bare, ehrwürdige Kleid unserer lieben Frau gelegt und aus- 
gebreitet ist. Es ist in mehreren Falten auf ihren Stab ge- 
hängt. . . . 

Sic gehen alle so weiter, bis sie in schönster Ordnung an 
einer der festgesetzten Stellen ankommen, wo die Ansprache 
gehalten worden ist. Dort bleiben sie nun stehen und nehmen 
in grosser Ehrerbietung von dem Kleide die goldene und seidene 
Hülle weg. Dann kniet entblössten Hauptes und mit gef alten en 



l ) Ruland, Ueber das Vorzeigen um! Ausrufender Reliquien oder über 
die „Heilthumbfahrteu" der Vorzei» in Chilianeum, Blätter für kath. WU 
schaft, Kunst und Leben Bd. 2. Würzburg 1863. S. 231 236. 285 
337 — 344. 



— 28 — 

Händen das Volk nieder, diejenigen nämlich, die auf der Seite 
sind, wo die kostbaren Heiligtümer gezeigt werden; denn so- 
bald man alle festgesetzten Stellen auf einer der Seiten der 
Kirche besucht hat, geht man auf die andere Seite rings um 
die Kirche. Darauf nehmen die Prälaten das Kleid, das, wie 
gesagt, gefaltet ist, und in grosser Ehrfurcht und Ehrerbietung 
lassen sie es sich aus seinen Falten aufrollen und breiten es 
in der ganzen Länge an der Aussenseite der Rundgänge auf 
einem anderen Tuche aus Goldstoff vor den Blicken eines jeden 
aus. Da hätte man meinen sollen, die ganze Erde zittere von 
dem lauten Schall der Hörner 1 und dem Rufen der Männer 
und Frauen, die „Barmherzigkeit" schrien, und es ist niemand 
da, dem nicht die Haare zu Berge stehen und Tränen in die 
Augen treten. . . . Wenn sie es wohl so lange, dass man ein 
„Vater unser" und „Gegrüsset seist du Maria" beten konnte, 
gezeigt haben und das Volk sich wieder beruhigt hat, legen 
sie es wieder ehrerbietig auf ihren Stab und gehen in schönster 
Ordnung weiter, um es an allen anderen festgesetzten Stellen 
um die Kirche ebenso zu machen. Sobald dies geschehen ist, 
kommt der oben erwähnte Prälat an jede Stelle zurück, wie 
ich vorhin gesagt habe und hält eine kurze Rede über das, was 
sie noch zeigen wollen, und darauf geht er fort". . . . 

„Nachdem wir Kirche und Stadt ganz besichtigt . . . 
stiegen wir zu Pferd und trafen an jenem Tage noch recht- 
zeitig ein, um die kostbaren Heiligtümer in Cornelimünster zu 
sehen, einem Orte, wo in einem Tale — zwei Wegestunden 
jenseits Aachens — eine schöne grosse Abtei ist; denn die 
kostbaren Heiligtümer werden um zwei oder drei Uhr nach 
Mittag gezeigt und wurden schon öffentlich ausgestellt, als wir 
dort anlangten. In dem Orte waren bereits so viele Leute 
versammelt, dass es erstaunlich und ganz so wie in Aachen war. 
Als wir nach scharfem Ritte angekommen waren, stiegen wir 
eiligst auf eine Erhöhung in einem Garten ab, und von dort 
sahen wir das erste Heiligtum, das gerade gezeigt wurde, 
nämlich das Haupt des hl. Cornelius und einen Arm. Dies 
wurde gezeigt, und es wurde vorher von einem Prälaten eine 
Ansprache gehalten, ganz in derselben Ordnung und mit der- 
selben Ehrerbietung, mit brennenden Kerzen, Weihrauchfass, 



') Vergl. Uu Im nd S. 151 ff. ferner ebend. Bd. 6, S. 246 und Bd. 20, S. 281. 



— 29 — 

Kerzen und Weihwasser und ganz so, weder weniger noch 
mehr, wie ihr es vorhin hinsichtlich der Aachener Eeiligtümer 
gehört habt, und es sticss auch das Volk in die Hörner und 
Trompeten. Als das Haupt gezeigt worden war, kehrte der 
Prälat zurück, um wie in Aachen seine kurze Anrede 1 zu halten 
und (lebete zu verrichten, und siehe da, sogleich kamen auch 
schon die Geistlichen in schönster Ordnung wieder wie in 
Aachen und zeigten das Leinentuch, womit unser Herr seinen 
Aposteln die Füsse trocknete, und in welchem einer der Füsse 
des Judas abgebildet ist. Als sie an allen hierzu bestimmten 
Stellen die Zeigung vorgenommen hatten, gingen sie zurück 
und erschienen dann wieder wie zuvor und zeigten das Tuch 
oder Schweisstuch-, das über den Leib unserer lieben Frau bei 
ihrem Hinscheiden gelegt wurde. Bei jedem der Heiligtümer 

*) Mit einigen stilistischen Abänderungen sind die Ansprachen bis auf 
den heutigen Tag so ziemlich dieselben geblieben. Nachstehend lassen wir 
die Proklamationen nach dem Heiligtumsbüchlein vom Jahre 1776 folgen: 
Erste Proklamation. Man soll euch zeigen das Tuch und heilig Kleid in 
Göttlicher heiliger Schrift, genannt Linteum Domini, damit sich unser Herr 
Jesus Christus in seinem letzten Abendmahl umgürtet und seinen Jüngern 
die gewaschene Füss hat abgedrucknet; darum bitten wir unsern Herrn 
Jesuin Christum, er wolle uns geben, seines theuren heiligen Tods also 
dankbarlich zu gedenken, seiner grossen Demuth also nachzufolgen, dass 
sein heil. Tod an uns nicht verlohren, und wir von ihme niemohleu mögen 
geschieden werden. 

Zweyte Proklamation. Man soll euch zeigen das Tuch und H. Kleid 
in göttlicher H. Schrift genannt Sindon munda, darin Joseph von Arimatliia 
und Nicodcmus den Leib unseres Herrn Jesu Christi vom Creutz abge- 
nommen, gewickelt, in ein neues Grab gelegt haben, darin derselbe geruhet 
bis auf den H. Ostertag. 

Dritte Proklamation. Man soll euch zeigeu das H. Schweisstuch und 
zartes Kleid, in göttlicher Heil. Schrift genannt Sudarium Domini, das 
unserem Herrn Jesu in dem Grab auf sein gebeneytes Angesicht gelegl 
ist, welches H. Tuch der Apostel Petrus an einem Ort dos Grabs zusammen- 
gewickelt, und von den anderen Kleidern abgesondert hat gefunden zu einem 
gewissen Anzeigen, dass Christus unser Heyland von den Todten wäre 
aufgestanden. 

'-') Ucber diesen Irrtum vergl. ebend. S. 179. Neben n. 1, S. .'!. vergl. 
in der gleichzeitigen Urkunde vom 5. Aug. 1517 (Gem.-Arch. ('.Münster, ab- 
gedruckt durch Pauls in Annalen Bd. 52. S. 172) sudarium, quo sacrosaneta 
facies Domini nostri Jesu Christi in saneto sepulcro extitil velata, ac linteum 
. . . simul et sindon munda etc. 



— 30 — 

stiess man wie in Aachen in die Hörn er und Trompeten, und 
verfuhren die Geistlichen ganz in derselben Ordnung und mit 
derselben Ehrerbietung. Wenn alles gezeigt worden ist, reist 
ein jeder ab. . . . Nachdem die Volksmenge sich ein wenig 
verlaufen hatte, besuchten wir die Kirche, in der uns mehrere 
andere Reliquien gezeigt wurden; in jener Zeit wurde die Kirche 
von Grund aus neu umgebaut etc.". 

Nach vorstehendem Berichte wurde damals das Haupt und 
der rechte Arm des hl. Cornelius vor den grossen Heiligtümern 
zur Verehrung ausgestellt. Der Brauch, die letzteren an erster 
Stelle vorzuzeigen, ist also späteren Ursprunges. Bei der 
letzten Vorzeigung derselben in der abteilichen Zeit um das 
Jahr 1790 gab es fünf Vorzeigungen und zwar in folgender Reihen- 
folge: 1. Das Schürztuch, 2. Das Grabtuch, 3. Das Schweiss- 
tuch, 4. Das Haupt und der rechte Arm des hl. Cornelius, 
5. Ein Stück von der Gehirnschale des hl. Cyprianus. Im 
allgemeinen kann man sagen „hat Cornelimünster bezüglich 
der siebenjährigen Vorzeigung der Heiligtümer mit Aachen 
stets gleichen Schritt gehalten, doch bezeichnet ein bis jetzt 
ungedrucktes Tagebuch des Aachener Stadtsyndicus Fell ohne 
Angabe eines Grundes 1762 als ein Jahr, in welchem ab- 
weichend von Aachen die Feier in Cornelimünster unterblieb 1 ". 
Eine private Vorzeigung der Heiligtümer wird aus dem Jahre 
1697, 3. Nov. berichtet 2 , in welchem der Abt Freiherr Bertram 
Goswin von Gevertshagen dieselben nach Aachen in die Kapu- 
zinerkirche hatte bringen lassen, wo der Schirmherr von Aachen, 
der Herzog Johann Wilhelm von Jülich, Cleve und Berg, mit 
seiner Gemahlin Maria Anna, Erzherzogin von Oestreich. die- 
selben verehrte. Eine ausserordentliche Vorzeigung der Heilig- 
tümer, die in Aachen nach Abschluss des dortigen Friedens 
vom 25. Oktober 1748 veranstaltet wurde, musste in Corneli- 
münster unterbleiben, weil die Gemeinde die Mindestsumme 
von 2000 Thlrn., die der zeitige Abt Freiherr Karl Ludwig 
von Sickingen-Ebernburg zur Deckung der Kosten verlangte 3 , 



') Pauls Beitr. in Annal Bd. 52, S. 163. 

2 ) Meyer, Aachensrhe Gesch. Aachen 1781. S. 679, Haagen, Gesch. 
Arln-ns Ebend. 1874, Bd. 2, S. 303. 

■'■) Janssen Chronik bei von Fürth, Beitr. und Material zur Gesch. der 
Aachener Patrizier-Familien. Herausgcg. von Loersch. Aachen 1890, Bd. 3, 
S. 152. 



— 31 — 

nicht aufbringen wollte bzw. konnte. Die mit den Heiligtums- 
fahrten einkommenden Opfergaben gehörten nachweislich schon 
seit den Jahren 1257 zur mensa abbatialis 1 . Zur Zeit des 
vorgenannten Abtes wurden die Einkünfte- aus einer Heilig- 
tumsfahrt auf ca. 4000 Thlr. geschätzt. 

Ueber die Autbewahrung der Heiligtümer und die dem Abte 
dabei zustehenden Rechte besagt ein Revisionsprotokoll 3 .in- 
dem Jahre 172s folgendes: „Die grösseren Heiligtümer sollen 
wie bisheran unter dreifachem Verschlusse aufbewahrt werden. 
Von den drei genau unter sich verschiedenen Schlüsseln soll 
einen der Abt, den zweiten der Prior und den dritten der 
Senior des Kapitels in Verwahr haben. Dem Abte soll es ferner 
freistehen, die Heiligtümer jederzeit Personen von irgendwelchem 
Rang oder Stand vorzeigen zu dürfen. Für diesen Fall sollen 
der Prior und der Senior des Kapitels sich niemals heraus- 
nehmen, die Schlüssel zu verweigern". 

Wegen seiner grossen Heiligtümer ist Cornelimünster von 
jeher ein weitbekannter und vielbesuchter Wallfahrtsort ge- 
wesen. Als solcher wird derselbe schon bezeichnet in den 
öfters citierten Urkunden von 1257 und 1264. Und die Ablass- 
bulle vom 10. August 1359 hebt ausdrücklich hervor, dass bei 
den siebenjährigen Vorzeigungen der Heiligtümer eine grosse 
Menschenmenge aus allen Teilen der Welt dorthin zusammen- 
strömte. Dafür spricht denn auch der Umstand, dass das neu 
aufgekommene Buchdruckergewerbe, um einem Bedürfnisse 
des Volkes entgegenzukommen 4 , bereits um das Jahr 1468 
Bilderbogen mit den Darstellungen der Reliquien von Aachen, 
Maastricht und Cornelimünster in den Handel brachte. Nach 

') Vergl. S. 13. 

2 ) von Fürth. Ebend. S. 152. 

3 ) Pauls Beitr. Annal. 52, S. 162. „Majores veto quas vocant reliquias, 
quae singulis tantum septenniis publicae fidelium venerationi ostenduntur, 
ita sub tribus clavibus, prout de facto jani sunt custodiant, ut illac inter 
se sint omnino diversae et distinetae, et una sit semper penes abbatem 
altera penes priorem et tertia penes seniorem capituli. In arbitrio vero 
abbatis sit praedietas reliquias seraper et quandocumque alieujus conditionis 
et dignitatis personis ostendere, et tum dicti prior et senior pro tali effectu 
proprias elaves nullatenus recusare audeant seu praesumant. 

') Falk, Die Druckkunst im Dienste der Kirche. Vereinsschrift der 
Görres-Gesellschafi für 1879. Köln S. 46. 



— 32 - 

Philipp von Vigneulles fand sich bei der Heiligtumsfahrt von 
1510 eine erstaunlich grosse Volksmenge ein. Als Wallfahrts- 
ort wird Cornelimünster sodann noch erwähnt um das Jahr 
1426 in der Dortmunder Chronik des Johann Kerkhörde 1 , 
ferner in einem Schreiben des Kölner Rates vom 13. Sept. 1468, 
worin derselbe sich bei dem Abte Heribert von Lülsdorf be- 
klagte 2 , dass eine während der Heiligtumsfahrt in seinem Ge- 
biete rechtmässig erfolgte Pfändung gebrochen worden sei, 
und endlich in einem Brief desselben Rates vom 25. Sept. 1469 
an die Herzogin von Jülich, worin dieselbe Genugtuung ver- 
langt 3 für Peter von Rucksungen und Frau Grete Muych, 
welche. bei einer Bittfahrt „zo seilt Cornelis" bei Kirchherten 
von einem Diener des Vogts zu Caster beraubt worden sind. 

Ueber den Besuch der Heiligtumsfahrt in der Folgezeit 
liegen keine direkten Nachrichten vor, indessen darf man an- 
nehmen, dass wer immer aus weiter Ferne nach Aachen ge- 
pilgert ist, auch nach Cornelimünster gekommen sein wird. 
So hielten es z. B. die Ungarn und Oestreicher auf ihren 
Pilgerfahrten 4 nach Köln, Aachen u. s. w., von denen zum 
Jahr 1587 berichtet wird, dass sie wegen des Krieges nicht 
nach Aachen, Cornelimünster 5 und Trier pilgerten, sondern von 
Köln in ihre Heimat zurückkehrten. In zwei Schreiben des k. 
Ministers am Kölner Hofe Franz Joseph von Bosstart an die 
k. Regierung in Wien vom 9. Nov. 1775 und vom 25. Febr. 
1776 wegen Aufhebung der alle 7 Jahre nach Andernach, Köln, 
Aachen und Trier geschehenden Wallfahrt der unter dem Namen 
der Ungarn gehenden Windischen Nation ist auch von der 
Prozession derselben nach Cornelimünster die Rede. Im 



') Vergl. S. 1. Nr. 1. 

-) Aus dem Köln. Stadtarchiv, mitget. von Keussen in Ztschrft. des 
Aach. Gcschichtsv. Bd. VII, S. 130. 

3 ) Ebend. 1. c. 

') Vergl. Beissel S. 86—95 und Luschin von Ebengreutlr, Die 
windische Wallfahrt an den Niederrh. in der Mtssehrft für die Gesch. West- 
deutsehl. Trier 1874. Bd. 4. S. 436-4G6. 

r> ) Lau, Das Buch Weinsberg. Bonn 1897. Bd. 3. S. 379. Diss jar 
haben die Ungarn nit wol uff Aich, Cornelis-Muuster oder uff Trier (mögen) 
zehen etc. 

,; ) Ebengreuth 1. c. S. 462 „nach welchem am 3. Tage der Auszug 
mehrbesagter Wallfahrer aus hiesiger Stadt nach Aachen weiter nach der 
Reichs-Abtei S. Corneli-Münster" S. 463 „wie auch an die mit solcher 
Prozession betroffenen Reichs-Abtey St. Üornely-Münster". 



— 33 — 

übrigen ist die Menge der Pilger in Cornelimünster von jeher 
abhängig gewesen von der Anzahl der Pilger in Aachen 1 ; denn 
mit Aachen waren Burtscheid und Cornelimünster enge ver- 
bunden, sie gehörten mit zu der Kleiderkammer des Herrn, 
sie waren in der Aachenfahrt einbegriffen-'. Damit ist es endlich 
zweifellos, dass ein hl. Gerlach von Houtem, ein sei. Heinrich 
Snso, eine hl. Brigita von Schweden und eine hl Dorothea von 
Montan u. s. w. mit den Aachener Heiligtümern 3 auch die von 
Cornelimünster verehrt haben. 

Von Ueberfällen der Pilger auf der Fahrt, nach Corneli- 
münster werden 2 Fälle belichtet: Der eine betrifft die vorhin 
erwähnte Ausplünderung 4 des Peter von Rückfungen, der andere 
die Gefangennahme 6 einiger Pilger durch Adam von Palant 
wahrend der Cornelioktav 1432. 

Die letzte Vorzeigung der Heiligtümer unter der abteilichen 
Herrschaft fand im Jahre 1790 statt. Wenige Jahre später 
mussten dieselben dann bei dem Herannahen der Revolutions- 
armee in Sicherheit gebracht werden. Ueber die Frage, wo 
die Heiligtümer während dieser Zeit bis zum Jahre 180-4 ver- 
borgen gehalten wurden, liegen zwei Berichte vor. Der erste 
ist ein in französischer Sprache abgefasstes Protokoll" über die 
Rückgabe der Reliquien. In diesem Schriftstücke wird festge- 
stellt, dass die Heiligtümer gelegentlich der Kriegswirren auf 
die rechte Rheinseite geflüchtet und später der Pfarrkirche zu 
Cornelimünster als Rechtsnachfolgerin des Klosters zurückge- 
geben worden seien Der zweite Bericht 7 , eine eigenhändige 
Aufzeichnung des Privatgeistlichen Minderjahn, besagt da- 
gegen über die Aufbewahrung der Heiligtümer folgendes: 



!) Ueber den Pilgerbesuch zu Aachen in den Heiligtnrasjahren 1517. 
1524 bis 1587 yergl. Lau, 1. c. Bd. 1. 2 and 3 and in den Jahren 1 748. 
1755 und 1 7 1 '» 2 vergl. .1 aussen bei von Fürth, Bd. 3. 

i Krebs, Zur Gesch. der Heiligtumsfahrten Köln L881. S. 54. 

3 ) Kessel, Das Gnadenbild unserer lieben Frau in der Stiftskirche 
Aachen. 1878. S. 31 und 49. 

'i Vergl. n. 5. 

i Haagen, Gesch. Achens, Aachen ist::. Bd. I, S. 272. Loersch, 
Aachener Chronik in den Annalen des bist. Ver. f. d. N. Heft IT. (Köln 
1866), S. 8 z. .1. 1432. 

8 ) Vergl. S. 1 1 (Gem.-Arch. CM.) 

7 ) Aus einem Rechtfertigungsschreiben Minderjahns. (Gem.-Arch. CM. 



— 34 — 

„Erstlich im Jahre 1804 habe die von unserm gewessenen 
gnädigen Landesherrn Freiherrn von der Horst die mir im 
Jahre 1795 ganzt allein ohne Vorwissen deren Herrn heim- 
licher anvertrauten grossen heiligen Reliquien wieder in seiner 
gegenwarth so der Kirch übergeben wie hochderselbe sie mir 
verschlossen übergeben hatte und also 9 Jahre das Glück ge- 
habt habe sie in meinem Hauss zu verwahren". Diese beiden 
Berichte scheinen sich zu wiedersprechen; allein der Wider- 
spruch ist nur ein scheinbarer und leicht aufzuklären. In 
Aachen hatte man im August 1794 die Heiligtümer in das 
Kapuzinerkloster nach Paderborn geflüchtet. Auch in Corneli- 
münster war zeitig Vorsorge getragen worden, die Reliquien in 
Sicherheit zu bringen. Auf die Kunde,' dass die Revolutions- 
armee herannahe, wurden zunächst die kirchlichen Wertsachen 
bei Seite geschafft 1 . Darauf verliessen im September 1794 die 
Kapitulare die Abtei und begaben sich auf die rechte Rhein- 
seite. 

Von dem Gedanken durchdrungen, dass die Heiligtümer 
vor den Feinden nirgends sicherer als im Auslande geschützt 
seien, werden die Kapitulare dieselben bei dieser Gelegenheit 
als kostbarsten Schatz mit sich genommen haben. Indessen ist 
dieser Schatz nicht lange dort belassen worden. Als die 
Kapitulare von Laroche und von Büllingen mit französischer 
Erlaubnis am 6. Mai 1795 nach Cornelimünster zurückkehren 
durften 2 , müssen auch die Heiligtümer zurückgekommen sein; 
denn in demselben Jahre gab sie der damalige Administrator 
Freiherr Kaspar von der Horst dem Privatgeistlichen Minderjahn 
zu Cornelimünster in Verwahr 3 . Die in dem Protokolle ent- 
haltene Aeusscrung über die Rückgabe der Heiligtümer will 
überhaupt nichts anders besagen, als dass dieselben für eine 
Zeit lang auf die rechte Rheinseite geflüchtet und durch den 
genannten Administrator der Pfarrkirche übergeben worden sind. 
Als nun wieder ruhige Zeiten eintraten, Aachen mittlerweile 
ein französisches Bistum (29. Nov. 1801) geworden und die 



] ) Forst, Chronik von Cornelimünster während der Zeit von 1789 -1813. 
iGem.-Areh. CM.) zum Jahre 1794. Sept. 26. Forst war in Cornelimünster 
geboren und starb als Vikar und verdienter Geschichtsforscher an St. .Martin 
zu Köln. 

-) Forst. Chronik zum .T. 1795. 6. Mai. 

s ) Vergl. n. 9. 



— 35 - 

Abtei 1802 aufgehoben worden war 1 , konnte man daran denken 
und hoffen, dass 1804 das nächste Heiligtunisjahr werden würde. 
Die Heiligtümer waren zwar bis daliin noch nicht in den Be- 
sitz der Pfarrkirche übergegangen, allein man wusste doch, 
dass dieselben noch vorhanden und zu gelegener Zeit derselben 
übergeben werden sollten. 

Vorher galt es aber, noch einige Schwierigkeiten zu über- 
winden. Welcher Art dieselben gewesen sind, ersehen wir aus 
einem Schreiben 2 , das der zeitige Maire Lambrichs von Corneli- 
münsteran einen aus Cornelimünster gebürtigen Kölner Kanonikus 
gerichtet hatte Mit Auslassung des Einganges und Schlusses 
lautet derselbe also: „Da aber Seine bischöflichen Gnaden 
schon verschiedentlich um deren (Reliquien) Ablieferung an ihn 
angerufen und nun sehr scharf darauf andringt, so glauben wir 
mehr als zu viel Ursache zu haben, fürchten zu müssen, dass 
wir auch dieses grössten Schatzes beraubt werden dürften, 
weshalb ich denn Namens hiesiger Eingesessener meine Zu- 
flucht zu ihnen nehme und sie inständigst bitte, sie wollen gütigst 
durch den einen oder anderen guten Freund auf ihrem dortigen 
Mairie Bureau nachsuchen lassen, ob sie daselbst wirklich eine von 
der Stadt Köln gegen die von seiner bischöflichen Gnaden ge- 
machte ähnliche Anforderung betreffs ihrer dortigen Heiligtümer 
und Kirchenschätze zu Paris übergebene Vorstellung sanimt der 
darauf erfolgten Entscheidung vorfinden und uns iXQgan die 
Gebühr von der einen oder anderen eine Altschrift besorgen 
können, damit uns dieses zur Instruktion und ebenfalls zur 
Richtschnur dienen möge. [ch würde Euer Wohlehrwürden 
mit einem so lästigen Ansuchen nie beschwerlich gefallen sein, 
wenn mir nicht gestern in Aachen versichert wurden, dass 
Seine bischöflichen Gnaden auch zu Köln wie bei uns um die 
Ablieferung der dortigen Reliquien und Kirchenschätze ange- 
rufen, da>s aber die Kölner solche abzuliefern sich geweigert, 
durch das Konkordat und übrige dahin einschlägige Gesetze 
ihr unbegrenstes Eigentum daran behauptet und dieserhalb ihre 
gerechte Reklamation nach Paris geschicket, von wo aus sie 
eine günstige Entscheidung erhalten haben sollen. . . . Für den 
Fall aber, dass bei dortiger Mairie die fraglichen Stücke nicht 
erfindlich, so dürften solche wahrscheinlich bei der dortigen 

>) Forst. Chronik zum .). 1802. L6. Aug. 
'i Befindl. im Gem.-ATch. OM 



— 36 — 

Präfektur oder allenfalls bei einem der dortigen Hauptpastoren, 
besonders bei Herrn Marx nachzusuchen und vorflndlich sein. 
Euer Wohlehrwürden wird es zuverlässig nicht schwer sein, 
zu erfahren, ob das vorge meldete Angeben gegründet und durch 
wen die angebliche Behauptung ihrer Rechte eigentlich ge- 
schehen, und dann kann auch die Erhaltung der Abschriften 
desto leichter bewirkt werden". . . 

Auf dieses Schreiben ging dem Maire unter dem 8. Juni 
1804 folgende Antwort zu 1 : Die Herrn Bischöfe haben von der 
Regierung die Macht und Weisung erhalten, über die Reliquien 
der supprimirten Kirchen zu verfügen, damit die Verehrung, 
welche denselben bisheran bezeugt worden, beibehalten werde. 
Die den Bischöfen erteilte Vollmacht deutet nur auf supprimirte 
Kirchen und keineswegs auf andere, viel weniger auf jene 
Kirchen, welche als Pfarrkirchen zum Gottesdienst immer offen 
geblieben und als solche von der Regierung anerkannt worden. 
Selbst die Bischöfe haben durch Erhebung gewisser Gottes- 
häuser zu Pfarrkirchen die Beibehaltung alles besitzenden 
Eigentums stillschweigend bewilligt, sowie noch neulich ein 
Beschluss des Ministers du culte verordnet hat, dass die Kirchen- 
renten, welche der Fabrik angehören, den Kirchen verbleiben 
und allenfalls zurückgestellt werden sollen. Die Kirche zu 
Cornelimünster ist keine supprimirte, sondern als Pfarrkirche 
von unserm Herrn Bischof Berdolet vorgestellt und von der 
Regierung bestätigt worden. Ihre hb. Reliquien sind und 
bleiben ihr wahres Eigentum, schwerlich wird jemand eine 
Vollmacht aufweisen können, dieses anzutasten oder zu kränken. 
Der Herr Unterpräfekt in Köln, der Maire daselbst und Herr 
Pastor Marx haben sich dieser Gründe bedient, und der Herr 
Bischof hat nachgegeben in Ansehung des Domschatzes. Ein 
gleiches steht in Rücksicht der Reliquien für Cornelimünster 
zu erwarten. . . . Von Köln aus nach Paris ist weiter nichts 
ergangen als ein Brief des Herrn Dompastors Marx an Portalis 



') Gem. Arch. CM. Ganz abgedruckt Aunal. Bd. 51. S. 173 und 174. Pauls 
macht dazu die Bemerkung: „Aus mehreren mir abschriftlich vorliegenden 
Urkunden und Schriftstücken der damaligen Zeit folgt, dass Bischof Berdolet 
nicht daran dachte, der Kirche zu Cornelimünster ihr Eigentumsrecht an 
den Heiligtümern zu schmälern". In Cornelimünster scheint man aber nichts 
davon gewusst zu haben, wie aus einem späteren Schreiben des Pfarrers, 
des Maire und der Notabelcn an den Bischof hervorgeht. 



— 37 — 

zur Zeit, wo Aw ganze Domschatz in den Händen des Unter- 
präfekten aufbewahrt wurde. Der Brief enthält ein mitMoüven 
begleitetes Begehren, dass die Regierung die Parameute, 
Monstranz, Reliquien u. s. w. an die Geistlichkeit möchte zurück- 
stellen lassen, welches auch beliebt worden". 

Unterdessen entwickelte sich die Angelegenheit und nahm 
einen so glücklichen Verlauf, dass die Heiligtümer am 17. Juni 
1804 durch den gewesenen Administrator von der Horst im 
Beisein der früheren Kapitulare Ignaz von Lestrieux und 
Sigbert von Blank, die alle drei zu diesem Zwecke sich in 
Cornelimünster eingefunden hatten, der Pfarrkirche zurückge- 
geben werden konnten. Das darüber erfolgte Protokoll ' hat 
folgenden Wortlaut: 

Ce jour d'hui vingt huit Prairial an douze ä sept heures 
du matin se sont assembles sur la convocation et en presence 
du maire de la commune de Cornelis-Münster cn la chapelle 
ditte la chapelle des reliques faisante partie de notre eglise 
paroissiale actuelle messieurs Alex Leers eure Nicolas Joseph 
Vogelsang et Henri Emonts fabriciens de la ditte eglise 
paroissiale de Cornelis-Münster, en quelle assemblee sont comparus 
messieurs Charles Gaspar von der Horst ci-devant seigneur 
territorial du pays et administrateur, Pierre Ignace de Lestrieux 
et Charles Sigbert von Blank tous deux capitulaires de l'abbaye 
de Cornelis-Münster. oü le dit administrateur nous lit remettre 
en presence de tous les surnommes composants l'asscmblee une 
cassette bien scellee et en hon etat contenante suivant la 
declaration du dit administrateur les grandes sts reliques, les 
quelles ont ete depuis millc annees le tresor le plus precieux 
appartenant ä ce monastere, et les quelles ä l'occasion <\r* 
troubles de la guerre avoient öte transportees en sürete «i 
l'autre cöte du Rhin, d'oü il les avoil fail reprendre, alin de 
pouvoir restituer ce tresor precieux au susdit monastere 
actuellement l'eglise paroissiale de Cornelis-Münster, la quelle 
eglise a ete fondee par les deux illustres majestes imperiales 
Charle Magne et Louis surnomme le pieux. Apres avoir examine 
tres scrupuleusement les scellecs apposees sur la ditte cassette et 
les avoir trouvßes intactes eile a eterent'erinee en prösence de tous 
apres quoi ce coffre fori tut bien ferme ;'i trois clefs dont une 



') Gcm.-A.rch. CM. 



— ES — 

les surnommes dans im coffre ! fürt, qui a depnis longues annees 
servi ä cet usage et existant eucore eu la snsditte chapelle, 
a ete reinise au eure, une au plus ancien des fabriciens et la 
troisieme ä nous raaire. De tout quoi a ete dresse le present 
proces verbal lequel prelection en faite a ete signe par tous les 
presents ä cet acte ainsi redige en la susditte chapelle des 
reliques faisante partie de l'eglise paroissiale actuelle de 
Cornelis-Munster chef Heu du ci-devant pays du dit nom. Le 
jour mois et an que dessus. 

Signatures de monsieur le ci-devant administrateur et des 
messieurs les capitulaires de l'abbaye de Cornelis-Munster 
remettans des saintes reliques. 

Carles Gaspar von der Horst 

mit unleserlichem Zusatz) 

Ignace de Lestrieux, 
Siegbert von Blank. 

Signatures de monsieur le eure, de messieurs les marguilliers 
et du maire de la commune de Cornelis-Münster, depositaires 
actuels des saintes reliques. 

Alex Franz Leers, eure, 
Joh. Heinr. Emonts, Kirch meister, 
N. J. Vogelsang', fabricien, 
Larabrichs, maire. 

Nachdem die Uebergabe der Heiligtümer erfolgt, schrieben, 
der Brief ist undatirt — dann der Maire und die Notabelen 
nach längerer Begründlina - ihrer Bitte an den Bischof also 2 : 
„In Erwägung - dieser Gründe und im Vertrauen auf Ew. 
bischöflichen Gnaden Gerechtigkeitsliebe haben der ehemalige 
Landesherr Freiherr von der Horst Hochwürden die hl. Reliquien 
hierhin gebracht. Wir bitten darum gehorsamst und demüthigst 
uns nicht nur in dem Besitze zu belassen, sondern uns auch 
ermächtigen zu wollen, dass wir solche (falls die Heiligtümer 
zu Aachen in diesem Jahre öffentlich verehrt werden sollen) 
in der gewöhnlichen Art und Weise an denselben Tagen des 



') Es ist dies eine alte, grosse, mit vielen starken eisernen Bändern 
beschlagene Kiste, in der die Heiligtümer bis zum Jahre 1896 aufbewahrt 
wurden; seit jener Zeit beruhen dieselben in einem schönen, eichenen, von 
innen mit Eisenblech beschlagenen Schreine. 

'-') Gem.-Arch. CM. 



— 39 — 

Nachmittags auch dahier vorzeigen dürfen". Der Pfarrer hatte 
seine Bitte in einem besonderen Gesuche an den Bischof vor- 
getragen 1 . Unbegreiflicherweise hatte der Maire dann auch noch 
in einem Schreiben- vom 23. Juni an den Präfekten des Roer- 
Departement die Bitte gerichtet, dass die Erlaubnis zur Vor- 
zeigung der Heiligtümer als vermeintliches Recht verfügt werde. 
Am folgenden Tage erhielt derselbe darauf die Antwort 3 , dass 
die Ausstellung der Heiligtümer einzig und allein Sache des 
Bischofes sei. Infolge der beiden an den Bischof gerichteten 
Bittschriften wurden die Herrn Domkapitular Schmets und der 
Geistliche Deboeur durch bischöfliche Verfügung vom 24. Juni 
mit der Feststellung der Identität der grossen Heiligtümer 
nach ihrem früheren und jetzigen Befund betraut. Ueber diese 
Untersuchung, welche am folgenden Tage stattfand, wurde 
nachstellendes Protokoll 4 aufgenommen. 

Ce jourd'hui six Messidor an XII de la republique je 
soussigne delegue de Monseigneur l'eveque d'Aix la Chapelle 
me suis transporte en vertu de ma commission d'hier aecompagne 
de Monsieur Antoine Guillaume Deboeur nomine secretaire 
special ä cet effet en la commune de Cornelimunster, Mairie 
idem, oü etant arrive et apres avoir donne connaissance de ma 
commission je me suis rendu ä, l'eglise ci-devant abbatiale et 
actuellement paroissiale de la ditte commune avec Messieurs 
Charles Gaspar von der Horst ci-devant administrateur de la 
ditte abbaye, Louis du Jarris de la Roche et Ignace de 
Lestrieux, tous deux ci-devant capitulaires de la ditte abbaye, 
messieuis Charles Bartholome Minderjahn, Charles Louis Roder- 
burg et avec messieuis Guilleaume Dauzenberg, adjoint de la 
mairie, Roch Reuschenberg, Theodor Hamacher conseillers niuni- 
cipaux, Christoife Gillmann officier de la sante, Guilleaume 
Scheif particulier et Etienne Giesen membre du bureau de 
bienfaisauce tous convoques par le maire pour assister ä la 
verification de l'identite dos saintes reliques remises le 28. du 
mois passe par le susdit Charles Gaspar von der Horst au eure, 
maire et marguilliers de Cornelimunster. Etant arrive vers les 



J ) Ist nicht mehr vorhanden. 
'» Gcm.-Arch. CM. 

:1 ) Ebend. L'exposition des reliques regarde sculeraenl l'öveque. 5. 
Messidor an. 12. sign. A. Mechir. (sie) 
'i Ebend. 



— 40 — 

dix heures du matin ä la ditte eglise je fis publier de haute 
voix en presence des susdites et d'une foule de munde assemble 
la commission nie dünne hier par Monseigneur l'eveque d'Aix-la 
Chapelle, publication en faite je nie fis transporter avec le eure, 
les quatres ecclesiastiques Bartholome Minderjahn, Louis Roder- 
burg, Gerard Giesen et Leopold Leers, le maire et les mar- 
guilliers dans la chapelle des reliques, existante dans une tour 
de la ditte eglise dans quelle chapelle nous trouvämes une 
petite cassette fermee et scellee, la quelle cassette a ete tiree 
du coffre fort et transportee en notre presence dans la chapelle 
de saint Corneil, derriere le grand autel de l'eglise parossiale, 
oü j'ai examine tres scrupuleusement les scelles y apposes et 
les ai trouves tout ä fait intacts, apres qnoi j'ai demande de 
nie presenter les sceaux et comme ceux-lä n'etaient pas apportes, 
messieurs Charles Gaspar von der Horst et Ignace de Lestrieux 
declarent que les sceaux se trouvants sur la cassette etoient 
les memes qu'ils y avoient apposes avant l'emigration, apres 
quoi Monsieur Charles Bartholome Minderjahn produisit un acte 
d'echange d'une prairie sise au dessous de la carriere ä cöte du 
Pletsch Kulfgen en date du IL Mai 1724 portant l'einpreinte 
du sceau du chapitre de la ditte abbaye, la quelle empreinte 
se trouva tout a fait conforme ä celle apposee ä la ditte 
cassette en cire d'Espagne rouge. Cela passe le citoyen 
Etienne Giesen produisit deux actes, dont un contenoit l'acte 
de nomination de Guilleaume Kuck comme maitre des forets du 
10. avril 1779 et le deuxieme contenoit la nomination d'Etienne 
Giesen comme pereepteur d'en 23. avril 1780 les quels deux 
actes portant l'empreinte du sceau administratorial tout ä fait 
conformes au deuxieme sceau se trouvent apposes a la ditte 
cassette en cire d'Espagne rouge. 

Cette verification faite des sceaux je fis couper les cordes 
entourantes sur la ditte cassette et la fis ouvrir ä la clef dans 
laquelle nous trouvämes superieurement empaquete et conserve 
1. une grande toille rayee paroissant etre du coton enveloitpee 
dans de la soye verte 2. une grande toille d'un tissu extra- 
ordinaire et paraissant etre de la meine etoffe que la premiere 
enveloppee dans de la soye rouge 3. une petite toille plusieurs 
fois double dans une bördle de soye rouge paroissant etre 
d'une gaze tres fine et enveloppee dans de la soye blanche. 

Les quelles pieces Monsieur Charles Gaspar von der Horst 



— 41 

äge de 74 ans et Louis du Jaris de la Roche äge de 48 ans 
däclarent sous serment etre les saintes reliques qui onl 6te 
deposees depuis un temps immemorial dans l'eglise abbatiale 
de Cornelismunster sous les nominations suivantes savoir la 
1. Linteura Domini la 2. Sindon munda et la 3. Sudarium 
Domini, toutes telles qu'elles avoient ete remises ä monsieur 
Charles Gaspar von der Horst superieur de la ditte abbaye par 
les membres du chapitre d'y celle (sie!) lors de leur emigration 
lui cn confiant la conversation. les ditts deux messieurs ont 
donne pour raison certaine de leur connoissance des dittes 
saintes reliques quils avoient assistes plusieurs fois ä leur 
ex Position ä la veneration du peuple toutes les sept annees. 
Messieurs Minderjahn pretre seculier äge de ."»1 ans et Louis 
Roderburg äge de 63 ans ont declare reconnoitre les susdittes 
trois pieces pour les meines saintes reliques, qui etoient depuis 
longues annees en depöt dans l'eglise abbatiale raaintenant 
paroissiale d'oü elles avoient ete exposees tous les sept ans ;i 
la veneration du peuple, aux quelles expositions ils avoient 
assiste plusieurs fois. 

De meme ont declare sous serment les messieurs sous- 
nommes, qu'ils reconnoissent les dittes pieces leur montrees 
etre les meines vraies saintes reliques, qui avoient ete deposees 
dans la ci-devant eglise abbatiale maintenant paroissiale de la 
commune de Cornelismunster telles quelles avoient ete exposees 
tous les sept ans ä la veneration du peuple dont chaeun d'eux 
avoit ete temoin oculaire ä plusieurs reprises savoir. 
Monsieur Alex Leers eure äg6 de 40 ans 

„ Charles Theodor Lambrichs maire äge de öl» ans 
„ Guilleaume Dauzenberg adjoint du maire am'- de 59 ans 
Niclas Joseph Vogelsang- marguillier äge de 58 ans 
Henry Emons „ äge de ">:; ans 

Roch Reuschenberg conseillier munieipal äge de 78 ans 
Theodor Hamacher .. „ äge de 49 ans 

Christoph Gillmann ofiicier de sante" äge de 71 ans 
Guilleaume Scheif particulier äge dt« <i'.» ans 
„ Etienne Giesen membre du bureau de bienfaisance 
äge de (i!) ans. 

Api'os toutes ccs declarations prisöes et uotees exaetement 
j'ai remis les susdittes saintes reliques reconnues unanimement 



— 42 — 

veritables dans la petite cassette et fait transporter la clitte 
cassette laquelle a ete rescellee des sceaux du eure, des deux 
marguilliers et de la niairie en ma presenee dans la susditte 
chapelle des reliques oü eile a ete refermee dans le susdit 
cuffre fort, dont les clefs reposent entre les mains des messieurs 
le eure, les marguilliers et le maire. 

De tout quoi j'ai dresse le present proces verbal, le quel 
leeture en faite a ete signe avee mui et mon secretaire de 
tous les assistants temoins enonces ei-dessus. 

Ainsi fait en la chapelle de saint Corneille a Cornelimunster 
le jour mois et an que dessus. 

J. F. Schmets chanoine de la cathedrale d'Aix la 

Chapelle, eommissaire episcopal 
Charles Gaspar von der Horst 
Louis du Jarrys de la Roche capitulaire 
Ignace de Lestrieux capitulaire 
Alexis Leers eure 
C. B. Minderjahn pretre 
Carl Roderburg' presbyter 
Leopold Leers presbyter 
Charles Theodor Lambrichs maire 
( ruilleaume Dauzenberg 
N. J. Vogelsang 
Joh. Henr. Emons 
J. R. Reuschenberg 
Theodor Hamacher 
Christoph Gillmann 
Wilhelm Scheif 
Steplian Philip Giesen 
Anton Guill. Deboeur secretaire. 

Vu le proces verbal ci-dessus fait et presente double nous 
avous reconnu L'identite des reliques mentionees et en avons 
donne acte sur feuillc qui sera jointe ä un double du proces 
verbal ä conserver ä Cornelimunster dont monsieur Alexis Leers 
eure est le porteur, l'autrc double nous sera remis pressament 
pour §tre conservö aux archives de reveche. 

Donne ä Aix-la Chapelle le 27. juiti 1804. 8 messidor an XII. 

sig. Marc Antoine eveque. 



- 43 — 

[/originale 1 de la presente copie lüt mise dans le coffre 
aux saintes reliques par nous susnommes eure maire et mar- 
guilliers lc 13. oct. 1804. — 21 vendemiaire an XIII de la 
republique fraucaise. 

Alex Francois Leers eure de l'eglise paroissiale 
de Oorneli-Munster. 

Die Identität 'der Heiligtümer war nun festgestellt, allein 
da noch nichts über die öffentliche Verehrung- derselben ent- 
schieden war, so wandten sich noch an demselben Tage der 
Pfarrer, der Maire, die Kirchen Vorstandsmitglieder und die 
Notabelen der Gemeinde in einem gemeinsamen Schreiben 2 an 
S. Bischöflichen Gnaden mit der Bitte, nunmehr auch gestatten 
zu wollen, dass die Reliquien dem Volke vorgezeigt und ver- 
ehrt werden dürften. Die Bitte war nicht vergeblich gewesen ; 
zwei Tage darauf am 27. Juni wurde die Identität der Heilig- 
tümer anerkannt und die öffentliche Verehrung derselben durch 
folgende Urkunde bestätigt 3 . 

Marc Antoine Berdolet 
eveque d'Aix la Chapelle. 

Vu le proces verbal dresse ä Cornelis Munster le six du 
mois courant de Messidor (25. Juin) par messieurs Jean Francois 
Schmets pretre chanoine de notre cathedrale et Antoine 
Guillaume Deboeur pretre d'Aix la Chapelle, que nous lui avons 
adjoint comme secretaire. lesquels se sont transportes au dit 
Cornely Munster en execution de la commission que nous lui 
avons expediee le cinque du present mois ä 1'effet de reconnoitre 
et veriiier des reliques, que les sieurs eure maire et marguilliers 
du dit Cornelimunster nous ont propose de reconnoitre authenti- 
quement pour etre les veritables et saintes reliques que l'eglise 
abbatiale de Cornelimunster devenue maintenant paroissiale 
possedoit avant la guerre de la r6volution et depuis un temps 
immemorial et que Ton montroit tous les sept ans en les 
proposant ä la veneration publique, l'une sous le titre Linteum 
Dom in i, un autre sous le titre Sindon munda et la troisierae 
sous le titre Sudarium Domini, lesquelles reliques auroient 
ete transportees hors de cette eglise et mises en sürete durant 



') Nichl mehr vorhanden. 
a ) Gera.-Arch. CM. 
i Ebend. 



— 44 — 

les dangers de cette derniere guerre et venoient d'etre reeou- 
vrees par les soins de monsieurs Charles Caspar von der Horst 
ci-devant superieur ou administrateur de la susdite abbaye, 
qui ensuite le rapport de nos dits coramissaires messieurs 
Scbmets et Deboeur sur les dispositions, affirmations dites et 
deelarations des temoines ainsi que sur les verification et 
confrontation des pieces, comnie le tout est relate dans leur dit 
proces verbal du 6, de ce mois, tont eonsidere et le st. nom de 
Dieu invoque nous declarons l'indentite des sts reliques presen- 
tees ä nos commissalres et de Celles qui se montroient ci-devant 
sollennellement tous les sept ans sincerement et suffisamment 
constatee et prouvee. 

Pennettons en consequence de les exposer ä la veneration 
publique com nie autrefois, recommandons au eure maire et 
marguilliers de la dite eglise de Cornelis Munster, quils ayent 
ä prendre les dites sts reliques en leur garde et responsabilite 
contre tout evenement, et qu'ils ayent ä conserver dans le 
coffre qui renferme les dites reliques. Notre presente declara- 
tion jointe au proces verbal de reconnaissance ci-dessus pour 
servir de monument authentique ä la piete des fideles ä per- 
petuite. 

Donne ä Aix-la-Chapelle le 27 Juin 1804 
8 Messidor an 12. 

sign, f Marc Antoine eveque. 

Die Nachricht, dass die Heiligtümer öffentlich vorgezeigt 
werden sollten, wurde mit dem grössten Jubel aufgenommen. 
Am 28. Juni wurden die Heiligtumstücher ausgehangen und 
zwar, wie es in einer Bekanntmachung 1 von diesem Tage heisst: 
unter dem Geläute der Glocken, Paradierung der Bürgerwehr 
und Abfeuerung des kleineren Gewehrs unter Vortretung einer 
herrlichen Musik". Endlich wurde die Heiligtumsfahrt nach 
alter Sitte am 11. Juli eröffnet; sie dauerte bis zum 25. Juli 
einschliesslich. Von da an hat dieselbe regelmässig alle 7 Jahre 
stattgefunden. In ausserordentlicher Weise wurden die Heilig- 
tümer während dieser Zeit vorgezeigt 2 dem Könige Friedrich 
Wilhelm dem III. von Preussen im Okt. 1819 und dem Könige 
Max von Bayern im Jahr 1850. Dass die Mutter und die 



') Gem.-Arch. CM. 

2 ) Rechtfertigungsschreiben von Minderjahn vergl. S. 33. 



— 45 — 

Schwester des Kaisers Napoleon I. um das Jahr 1811 zur 
Hoiligtumsfahrt nach Cornelimünster gekommen sind 1 soll hier 
ebenfalls erwähnt, werden. 

Hei der letzten Heiligtumsfahrt um das Jahr 1902 waren 
mehr als 200000 Pilger anwesend. Eröffnet winde dieselbe 
durch unseren jetzigen Erzbischof, S. Eminenz Kardinal Fischer, 
damals Weihbischof von Köln, und geschlossen durch S. 
Bischöflichen Gnaden, den apostolischen Vikar Fallizc von Nor- 
wegen. Zur Verehrung und Vorzeigung der Heiligtümer waren 
ferner erschienen die Bischöfe Koppes von Luxemburg und 
Wulfing von Surinam sowie der Weihbischof Schrod von Trier, 
dann die Benediktineräbte Renzel von Merkelbeek und von 
Stotzingen von Maria Laach und ferner der General vikar 

Prälat KreUtZWald Von Köln. (Fortsetzung folgt.) 

M Forst, Chronik zum .1. 1811. 



Literatur. 

Kaiser, Dr. Paul, kathol. Militärpfarrer des 19. (2. K. S.) Armee- 
Korps, der kirchliche Besitz im Arrondissement Aachen gegen Ende des 
18. Jahrhunderts und seine Schicksale in der Säkularisation durch die fran- 
zösische Herrschaft. Ein Beitrag zur Kirchen- und Wirtschaftsgeschichte 
der Rhcinlande. Aachen, Albert Jacobi & Cie. 1906. VIII, 211 S. 8" M. 3.—. 

Es muss dankbar anerkannt werden, dass unsere deutsche katholische 
Gelehrtenwelt gerade um die Jahrhundertwende mit aller Deutlichkeit auf 
jene Zeit hingewiesen hat, wo durch die gewaltsame Unterdrückung einer 
grossen Zahl von Stiftern und anderen religiösen Anstalten der katholischen 
Kirche Deutschlands ein Schlag versetzt wurde, von dem sie sich bis heute 
noch nicht vollständig hat erholen können. Dahin gehören die kleineren 
Schriften von Rudolph! (Zur Kirchenpolitik Preixssens) und Richter (Preussen 
und die Paderborner Klöster und Stifter 1802 — 1806) sowie das gross an- 
gelegte, noch unvollendete Werk von Scheglmann, Geschichte der Säkulari- 
sation im rechtsrheinischen Bayern. Für die Rheinprovinz, speziell für den 
Aachener Bezirk, schliesst sich diesen Schriften das in der Überschrift ge- 
nannte Werk des Militärpfarrers Dr. Paul Kaiser an und zwar, wie wir von 
vornherein sagen wollen, in recht dankenswerter Weise. Nach einigen ein- 
leitenden Worten schildert der Verfasser zunächst den allgemeinen geschicht- 
lichen Verlauf der Säkularisation im Rheinlande, erörtert sodann den 
kirchlichen Besitz im Arrondissement Aachen und seine Bedeutung für die 
Kirche und Volkswirtschaft und schliesslich die Veräusserung dieses Besitzes 
und deren Tragweite. 

Das Arrondissement Aachen, auf welches der Verfasser seine Unter- 
suehungen beschränkt, umfasstc die Stadt Aachen, das Aachener Reich, das 
Gebiet der reichsunmittelbaren Abteien Burtscheid und Oornelimünster, 
einen grossen Teil des Herzogtums Jülich und einzelne Teile des Kurstaats 
Köln. Der Verfasser hat diesen Landesteil zum Gegenstande seiner Aus- 
führungen gewählt, „weil hier die Säkularisation des kirchlichen Besitzes 
zum ersten Male erfolgte, und weil diese von einer Regierung einheitlich 
durchgeführt ward" Dabei stellt er freilich in sichere Aussicht, dass er 
später auch die Verhältnisse der übrigen Teile des Roerdepartements be- 
leuchten wolle, also die Arrondissements Köln, Krefeld und Kleve. Hoffent- 
lich lässt uns der Verfasser nicht gar zu lange auf die Einlösung dieses 
Versprechens warten, zumal er seihst am Schlüsse seiner Arbeit sehr richtig 



— 47 — 

bemerkt, dass sich erst dann ein abschliessendes Urteil darüber fällen Lasse, 
wie die Säkularisation auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes 
eingewirkt hat. 

In der überaus fleissigen Arbeit sind nicht nur die gedruckten Quellen- 
werke und Vorarbeiten benützt worden; der Verfasser hat auch die unge- 
druckten Bestände der Staatsarchive zu Düsseldorf und Koblenz sowie des 
Aachener Stadt- und Stiftsarchivs eifrig durchgearbeitet, sicher mit vielem 
Aufwand von Zeit und Mühe. Das Eauptgewicht seiner Untersuchungen 
legt der Verfasser weniger auf die theologische und staatsrechtliche Si ite 
der Säkularisation, sondern lässt die wirtschaftlichen Folgen der Aufhebung 
der religiösen Stiftungen in den Vordergrund treten; mit Hecht nennt er 
daher sein Werk einen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte. 

Bei seinen Untersuchungen hat er hauptsächlich die Suppressionsetal 
der Stifter, Klöster und Pfarreien zugrunde gelegt, sowie die Generaletats 
der kirchlichen Institute. Die Suppressionsetats sind die Resultate der 
Verhandlungen zwischen den Kommissaren der Regierung und den Mitgliedern 
der geistlichen Stillungen; die Generaletats sind durch Erörterungen im 
Domänenbureau festgelegt und decken sich also nicht mit den ersteren Etats. 
Auf Grund dieses Materials hat der Verfasser füuf Tabellen angefertigt, 
an welche er seine Erörterungen knüpft. 

Die erste Tabelle gibt Aufschluss über den Kapitalwert des Vermögens 
der kirchlichen Institute, enthält auch Nachrichten über die Zahl der Mit- 
glieder und deren Pensionen. Dabei ist der Wert des Grundbesitzes zum 
zwanzigfachen Betrag des Pachtgeldes berechnet, der Wert der Häuser und 
gewerblichen Anlagen zum zehnfachen Betrag der Miete, der Wert der 
Grundrenten zum zwanzigfachen Betrag der jährlichen Einnahme. An die 
Tabelle schliesst sich eine Menge von interessanten Angaben an über die 
einzelnen Institute, deren Zahl sich auf 55 beläuft; dazu kommen noch die 
Niederlassungen der Jesuiten in Jülich, Düren, Münstereifel und Aachen, 
sowie der Besitz der Ritterorden; die lange Reihe schliessen 36 fremde 
Korporationen, die nicht im Arrondissemenf Aachen ihren Sitz hatten, aber 
doch Güter und Renten in diesem Bezirk besassen. 

In der zweiten Tabelle kommt der Besitz der Pfarreien, Benefizien 
und Kirchenfabriken zur Darstellung, und zwar sind die Angaben des 
Suppressionsetats den Angaben des Generaletats gegenübergestellt. 

In der dritten Tabelle sind die Angaben des Suppressionsetats und 
der Etats der Kirchenfabriken vom Jahre 1807 verglichen und verarbeitet : 
diese Letztere Zusammenstellung hat der Verfasser selbst bewirkt auf Grund 
der Einzeletats der Pfarreien, um erkennen zu lassen, wieviel von dein 
ursprünglichen Besitz den Pfarrkirchen in Ausführung des Gesetzes vom 
24. Juli L803 zurückgegeben worden ist. Inder zweiten und dritten Tabelle 
sind auch vielfach die Inhaber des Kollationsrechtes angegeben. Störend 
ist der fatale Druckfehler 1907 statt 1807 in der Kopfleiste der Tabelle. 



— 48 — 

Das vierte Kapitel des Werkes gibt Aufschluss über den Mobilarbesitz 
der aufgelösten Institute. Besonders interessant sind die eingeflochtenen 
Angaben über den Bestand der Bibliotheken und die landwirtschaftlichen 
Inventare einiger Korporationen. Die Abschätzung der Mohilien ist begreif- 
licherweise sehr niedrig und lässt keinen sicheren Schluss auf den wahren 
Wert derselben zu. Kunstschätze fehlen ganz; sie waren ja schon vor dem 
Einzüge der Franzosen über den Rhein gebracht oder später von den Er- 
oberern nach Paris entführt worden. 

Nach diesen grundlegenden Darbietungen kommt der Verfasser im 
fünften Kapitel und in einer vierten Tabelle zu der Erörterung über die 
Bedeutung des kirchlichen Besitzes im Arroudisscment Aachen. Er berechnet 
den Anteil des kirchlichen Grundbesitzes an dem gesamten Grundbesitz der 
einzelnen Kantone und kommt zu dem Resultate, dass im Arroudissement 
Aachen der Grundbesitz der kirchlichen Institute nur 5,366 Prozent des 
gesamten Grundbesitzes betragen habe. 

Die Gebäude sind meist recht niedrig eingeschätzt und zudem nicht 
einmal sämtlich in die Etats aufgenommen. 

Nach einer Erörterung über die den kirchlichen Instituten zustehenden 
Renteneinkünfte (Erbpacht, Sackrenten u. s. w.) folgen Angaben über Kapital- 
besitz und Schulden der aufgelösten Korporation, freilich sehr unvollständig, 
da das Material lückenhaft war. Die Schulden sind zum kleineren Teile 
Bauschuldeu, zum grössten Teile Anleihen infolge der Kriegskontributionen 
und der Sperrung der Einnahmen. 

Eine fünfte Tabelle berechnet die Erträge der Zehntabgaben an die 
kirchlichen Institute nach ihrer Verteilung auf die einzelnen Kantone. 

Der Verfasser beantwortet zum Schlüsse die beiden Fragen, welche 
eigentlich die Veranlassung der Schrift waren, und deren Beantwortung der 
Zweck seiner ganzen mühsamen Untersuchung war: War dieser Besitz 
eine reichliche Ausstattung der Kirchen und der kirchlichen Personen, und 
welche Lasten hatte derselbe zu tragen? Welche Bedeutung hatte dieser 
Besitz für die Volkswirtschaft? Die erste Frage beantwortet Kaiser dahin: 
1. Dass die Dotation der kirchlichen Institute und der Pfarreien keine über- 
reiche gewesen ist, wenn sie für die zahlreichen geistlichen Personen ge- 
nügenden Unterhalt gewähren und für die Erfüllung aller gestellten Auf- 
gaben ausreichende Mittel bieten sollte; 2. dass an dieser Dotation die 
Institute bei weitem mehr als die Pfarreien Anteil hatten, und dass von 
den ersteren wieder der bedeutendste Teil den adligen Frauenklöstern und 
den Ritterorden gehörte, während die Anstalten für Unterricht und Kranken- 
pflege nur geringfügiges Eigentum besassen; dem geistlich-praktischen Leben 
diente höchstens der fünfte Teil der Dotation; 3. dass die Dotation in 
(i rund besitz und in Renten und Kapital innerhalb des Arrondissements auch 
nach Wegfall des Zehnten und nach Abzug des Besitzes der Anstalten für 
Unterricht und Kraukenpflege noch vollkommen hinreichend gewesen wäre, 



— 49 — 

um das neue Bistum Aachen und die in grösserer Zahl benötigten Pfarreien 
finanziell sicher zu stellen, wenn die Regierung nur gewollt hätte, 

Die zweite Frage wird dahin beantwortet, dass der kirchlich'' Grund- 
besitz eine Ausnahmestellung gegenüber dein anderen Grundbesitz einnahm, 
doch einen weitreichenden Einfluss auf die wirtschaftlichen und sozialen 
Verhältnisse hatte, so das> die Aufhebung die-''- Faktors auch von nach- 
drücklicher Wirkung im wirtschaftlichen und sozialen Leben werden musste. 

Diese Wirkung zeigte sich schon bei den Vcräusscrungen des kirch- 
lichen Besitzes, wobei sich eine erhebliche Erhöhung des Wertes hei 
stellte gegenüber den Schätzungen in den Generaletats. Dieselbe Wirkung 
ist bei den Ablösungen und dem Erwerb von Grundrenten ersichtlich. 

Bei der Besprechung der Bedeutung, welche die Veräusserung des 
kirchlichen Besitzes für die Volkswirtschaft hatte, sieht der Verfasser ab 
von den grossen politischen Polgen und beschränkt sich auf die Hervor- 
hebung der Einflüsse des endlich einziehenden Friedens und geordneter Ver- 
hältnisse für Landwirtschaft und Industrie. In dieser Beziehung betont er 
besonders als die wichtigste Folge die Aufhebung der Naturalwirtschaft 
und den von nun an massgebend werdenden Geldverkchr in Handel nuJ 
Geschäft. Wir schliessen unsere Besprechung der Schrift mit den Schluss- 
sätzen des Verfassers: „Die Säkularisation hat nicht so nachdrücklich, wie 
man erwarten möchte, auf die Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse ge- 
wirkt, weil die Regierung viele Klöster für öffentliche Zwecke verwendete 
oder kirchlichen Besitz zu Dotationen reservierte, und weil auch noch 
andere Besitzobjekte gleichzeitig auf den Markt geworfen worden sind. Mai' 
auch ein Teil der Bevölkerung sich schnell mit den neuen Verhältnissen 
ausgesöhnt haben, weil sich unter den Segnungen des Friedens der Wohl- 
stand hob, so dürfen wir uns doch dem nicht verschliesseu, dass der grössere 
Teil des katholischen Volkes sich zurückhaltend gezeigt hat, umsomehr. als 
die Ordnung der kirchlichen Verhältnisse' in viel bescheidenerem Umfange 
als früher erfolgte und neue Opfer forderte, die zu bringen nur ein gesunder 
religiöser Sinn fähig war." 

Waldfeucht. W. Lückerath. 



- 50 - 

Geschichtsliteratur des Jahres 1906 über Aachen 
in Zeitschriften und Tagesblättern. 

1. Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein 
1906, Heft 80, S. 1 — 79. Alfred Herrmann, Hennann Hüffer (Ehrennritgl. 
d. Aach. Gesch. Vereins). Nach seinen hintcrlassenen Aufzeichnungen dar- 
gestellt. — S. 123- 128: Heinrich Oidtmann, Zur Familiengeschichte Johanns 
von Werth, wendet sich gegen zwei Abhandlungen über des bekannten 
Reiterführers Abstammung, nämlich gegen H. F. Macco, Das jülichsohe Ge- 
schlecht von Werth, Annalen, Heft 78, S. 87 ff. und gegen Eug. Becker, 
Johann von Werth. Ein Beitrag zu seiner Familiengeschichte. St. Peters- 
burg 1904. — S. 128 f.: Herin. Friedr. Macco, Erwiderung (auf die vor- 
stehenden Darlegungen von Dr. H. Oidtmann), — S. 129-134: H. K. 
Schacfer (Rom), Zur politischen Stellung des Niederrheinischen Adels gegen- 
über Ludwig dem Baiern (worin unter den Anhängern des Papstes 
Johann XXII im Heere des Kardinallegaten Bertrand im J. 1327 Graf 
Gottfried von Jülich und der Ritter Matheus von Aachen genannt werden). 

2. Bonner Jahrbücher. Heft 114 — 115 (1900), S. 189 ff.: A. Furt- 
wängler. Der Augustus-Kameo des Aachener Lotharkreuzes. Mit einer 
Tafel. - S. 476 ff.: Kurzer Auszug aus einem Vortrage von A. Kisa über 
die römischen Antiken in Aachen in der Versammlung des Vereins von 
Altertumsfreunden am 15. März 1906 (vgl. Westd. Ztschrft, XXV, S. 1 ff.) 
— S. 481 ff.: A. Wiedemann, Besprechung von P. Giemen, Kunstdenk- 
mäler der Rheinprovinz. Bd. 8, I — III: Die Aachener Kreise Jülich, Erkelenz. 
Geilenkirchen und Heinsberg von K. Franck-Oberaspach und E. Renard. 

3. Westdeutsche Zeitschrift, Bd. XXV (1906), S. 1—83: Anton C. Kisa 
„Die römischen Antiken in Aachen" behandelt in 4 Abschnitten 1. Die Her- 
leitung des Namens Aquae Granni, 2. Die Aachener Lokalfunde, 3. die An- 
tiken, die Karl der Grosse aus Italien und andern Gegenden zum Schmucke 
seiner Pfalzkapelle herbeischaffen Hess, und 4. Das Pantheon am Ambo 
Heinrichs IL, die 6 berühmten Elfenbeinreliefs. (Ihm sind viele Funde in 
Aachen entgangen. In der letzten Zeit (August) ist im Innern der Stadt 
eine umfangreiche römische Begräbnisstätte aufgedeckt worden). 

4. Rheinische Geschichtsblätter. Jahrg. 8 (1905—6), Nr. 1, S. 1 
ff.. Nr. 2, S. 40 ff., Nr. 3, S. 89 ff., Nr. 4, S. 105 ff., Nr. 5, S. 138 ff.: 
K. Nathan, Zur Geschichte der Heinsberger Schützengesellschaften. 

Nr. 1, S. 32: F. Münch, Erklärung der Wörter benöut und Lelbek. — 
Nr. 2, S. 60: Besprechung der Lebensbeschreibung Alfred von Reumout's 
von H. Hüffer. Bonn 1904. 

5. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, 1906, l>d. 27 
S. 1—285: A. Fritz, Geschichte des Kaiser-Karls-Gymnasiums in Aachen. 
I. Das Aachener Jesuitengymnasium. S. 286-442: M. Classen, Die 
konfessionelle und politische Bewegung in der Reichsstadt Aachen zu Au- 



— 51 — 

fang des 17. Jahrhunderts. S. 443— 445: Kisky, Zur Geschichte der 

Aachener Vögte. -- S. 445-450: E. Pauls, Aeltere Mühlen- and Brauerei- 
zwangsrechte (ßannrechte) in der Aachener Gegend; zwei Urkunden des 
14. Jahrhunderts über die Mühle zu Hommerschen bei Geilenkirchen and 
die Brauhäuser in der Pfarre Gressenich. S. 4.">u 4.">4: !.'. A. Peltzer, 

Ein Handelsprivileg des Königs Ludwig I von Ungarn für Aachen. 1369, 
März 2. -- S. 454— 45S: E. Pauls, Flössereibetrieb auf der Roer von der 
Grenze des herzoglich-jülichschen Gebietes an bis Düren. (16. Jahrhundert). 
- S. 458—464: E. Pauls. Entscheidung des geistlichen Gerichts (Kapitels) 
des Aachener Marienstifts in Sache einer Schuldforderung gegen einen Geist- 
lichen dos Stifts. 1543, Oktober 19. - S. 4(i4— 465: E. Teichmann, Nach- 
träge zur Namensgeschiehte der Aachener St. Salvatorkapelle. S. 466 
— 471, J. Buchkremer, lieber das Verhältnis eines das Innere des Aachener 
.Ministers darstellenden Kupferstiches zu den gleichartigen alten Gemälden. 
S. 471— 475: E. Teichmann, Zur Geschichte der Säulen in der Aacheuei 
Liebfrauenkirche. S. 476 ff.: Beitrage zur Geschichte Eschweilers und 
seines höheren Schulwesens. Augezeigl von Redlich. S. 478 ff. Paul 
Kaiser, Der kirchliehe Besitz im Arrondissement Aachen gegen Ende de* 
18. Jahrhunderts. Angezeigt von Locrsch. S. 482 ff.: Alois Niessner, 
Aachen während der Sturm jähre 1848/49. [Auch unter dem Titel: Rhein- 
land und Westfalen während der Sturmjahre 1848/49]. Angezeigt von 
E. Pauls. -- S. 485 ff.: Charles Schmidt, Le Grand-Duche de Berg (1806 
—1813). Angezeigt von E. Pauls. - S. 489 ff.: H. Schnock, Berieht über 
die Monatsversammlungen im Winterhalbjahre 1905/06 und die Ausflüge im 
Sommer 1906. S. 502 ff.: Schürmann, Bericht über die Tätigkeil des 
Dürener Zweigvereins während des Jahres 1905/06. ■ S. 504 ff.: Chronik 
des Aachener Geschichtsvereins 1905/06. — S. 508 ff.: Statuten des Aachener 
< ieschiidits Vereins. 

6. Bulletin de l'Institut A.rch6ologique Liggeois. Tome XXXV 
(1905), p. 31 ff.: J. Paquay, Regesta de Renier, ßcolätre de Tongres, vicaire 
eeneral de Henri de Geldre, worin Regesl und Druckorte der \<>\\ Quix, 
Geschichte der ehemaligen Reichsabtei Burtscheid" S. 267, Nr. 71 veröffent- 
lichten Urkunde des Propstes Heinrich von St. Aposteln in Köln, betreffend 
Streil zwischen der Acbtissin von Burtscheid und dem Aachener Stiftskapitel 
vom 26. Januar 1260. P. 91, A. I: D. Brouwers veröffentlicht in einem 
Aufsätze über die Beziehungen Preussens zu dem Lütticher Lande im 18. 
Jahrhundert die dem Staatsarchiv zu Lüttich entnommene Nachricht, da 
im Jahre 1569 Aachener Waffenarbeiter durch den Magistrat der Stadt 
Lüttich dorthin berufen worden seien. P. 141 it.: Th. Gobert, Un antique 
noin topographique de Liöge, Merchoul. Der Artikel ist für Aachen von 
Interesse, weil dieselbe Ortsbezeichnung auch hier vorkommt. Vgl. Quix, 
Necrologium 1830 p. 11, 25, 40, 62 etc. (merdelcul, merdencuel-Dreckgrube). 

7. Publicat ion d e la societe" historique et arch6ologiquc 
dans le dudie de Limbourg, N. S. Tome XXI (1905), p. 282: L. di 



— 52 — 

Crassier, Ordre Teutonigue. Histoirc du Bailliage des Vieux Jones et des 
12 Commanderies, qui cu dependaient, teilt mit, dass die Commanderie 
(Herrschaft) de Fouron Saint Pierre (St. Peters Vouren in der Provinz 
Lüttich), für die Aachen Oberhof war; vgl. H. Loersch, Ueber den 
Aachener Schöffenstuhl als Oberhof, in F. Haagen, Geschichte Aachens I, 
S. 358, Nr. 77), in den Jahren 1400—1461 beim Aachener Schöffenstuhl 
12 mal appellierte. 

8. Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen 
Geschichts- und Altertumsvereine, Jahrg. LIV, (1906) Nr. 3, Sp. 
146 f.: Bericht über die Jahresversammlung des Aachener Geschichtsver- 
eins vom 18. Oktober 1905. — Sp. 147: Bericht über die Generalversamm- 
lung des Vereins „Aachens Vorzeit" vom 17. November 1905. 

9. Rheinisches Museum für Philologie, N. F. Bd. 62 (1906), 
S. 133—150: Heinrich Willers, Die römische Messing-Industrie in Nieder- 
Germanien, ihre Fabrikate und ihr Ausfuhrgebiet, kommt zu dem Ergebnis, 
dass bei dem heutigen Gressenich das Fabrikationszentrum dieser Industrie 
gewesen sei, die um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. begonnen und 
durch den Einbruch der Franken ins ubische Land um 400 n. Chr. ihr Ende 
erreicht habe. 

10. Mannheimer Geschichtsblätter, Jahrg. VII (1906), Nr. 12, 
Sp. 236 ff.: H. Theobald, Der Einiluss der jüliehscheu Frage auf die Politik 
Karl Philipps von der Pfalz. 1. Teil, im Anschluss an A. Kosenlehner, 
Kurfürst Karl Philipp von der Pfalz und die jülichsche Frage 1725 — 1729. 
München 1906. 

11. Römische Quartalschrift, 1906, S. 88. ff.: H. K. Schaefer, 
Eine Aachener Urkunde zur Geschichte Heinrichs von Friemar (des be- 
rühmtesten Predigers der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, auch Henricus 
de Alamannia genannt), der am 29. Juni 1329 in der Fronleichnamsoktav 
vor einer grossen Volksmenge auf dem Marktplatze zu Aachen und am 
folgenden Tage im Chore des Marienmünsters kirchenpolitisch bedeutsame 
Reden über das damalige Schisma zwischen dem Papste Johann XXII. und 
seinem Gegeupapste Nikolaus V. hielt, in denen er letzteren mit grosser 
Schärfe bekämpfte. Vorher hatte der Kölner Kleriker und Notar Arnold 
vom Putz (Vgl. über ihn R. Pick, „Das Stadtarchiv" in Festschr. zur 72. 
Vers, deutscher Naturforscher und Aerzte, 1900, S. 216 f.) die päpstlichen 
Sentenzen über den Gegenpapst und die schismatischen Minoriten im Chore 
des Münsters am Altare Karls des Grossen vor Klerus und Volk verlesen 
und in deutscher Sprache erklärt. 

12. Maandblad van he t Genealogisch-hera ld iek genootschap 
„de Nederlandsche Leeuw" (s'G ravenhage) 1906, Nr. 8 und 9 : H. F. 
Macco, Protestantische Aachener Emigranten aus der zweiten Hälfte des 
17. Jahrhunderts. 

18. Heraldisch Genealogische Blätter. (Bamberg) Jahrg. III 
(1906): H. F. Macco, Wappen und Genealogie der Familie von Bree. 



— 53 — 

14. Literarischer Handweiscr (Münster) Jahrg. n (1906), Sp. 737: 
Besprechung «Irr Schrift von P. Kaiser, Der kirchliche Besitz im Arrondisse- 
ment Aachen gegen Ende des 18. Jahrhunderts. 

15. Allgemeine Rundschau, Wochenschrift für Politik and Kultur 
(München) 1906, Jahrg. 111, Nr. 6, S. 72: W. B(rüning), Das Bad Aachen. 

10. Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Ge- 
schichtskundc, Bd. 30 (1905), S. 702 ff.: J. Lechner, Das Monogramm 
in den Urkunden Karls des Grossen, widerspricht der Ansicht Wolframs 
(vgl. Aus Aachens Vorzeit, Jahrg. XIX, S. 54, Nr. 25), dass das Monogramm 
durch Syrier in der Kanzlei Karls des Grossen eingeführt worden sei. Vgl. 
dagegen: Beiträge zur Allgemeinen Zeitung 1905, Nr. 1. — 190t;, Bd. 31, 
S. 7G9: H. B(reslau, Strassburg) gibt unter Hinweis auf R. Pick's Be- 
schreibung einer verschollenen Naturalien-, Kunst- und Altertümer-Sammlung 
in Driniborn im Echo der Gegenwart (1906, Nr. 92 und 98) drin Wunsche 
Ausdruck, dass es durch weitere Nachforschungen in England gelingen 
möchte, der dort erwähuten, nunmehr verschollenen Urkunde Ottos III. vom 
Jahre 997 auf die Spur zu kommen. 

17. Archiv für Theatergeschichte (Hans Devrient) Jahrg. II, 
Berlin 1905, S. 264 ff.: E. Mcntzel, Besprechung von A.Fritz, Theater und 
Musik in Aachen zur Zeit der französischen Herrschaft. Aachen 1901 
(Ztschr. d. Aach. Gesch. -Ver., Bd. 23. Sonderabdruck). S. 266 ff.: 
E. Mentzel, Besprechung von A. Fritz, Theater und Musik in Aachen seit 
dem Beginn der preussischen Herrschaft, I. Teil. Aachen 1902. 

18. Paul Langhans: Deutsche Erde. Zeitschrift für 
Deutschkunde, Jahrg. 1906, Heft 2: Alfred Kirchhoff, Das grenzstreitige 
Gebiet von Moresnet (meist nach F. Spandau's Schrift, „Zur Geschichte von 
Neutral-Moresnet, mit besonderer Berücksichtigung des Altenbergs und des 
Aachener Reichs".) Separatabdruck S. 1—3. 

19. Denkmalspflege, Beilage zum Zentralblatt der Bauverwaltung, 
1906, Nr, 2. S. 15: H. Loersch, Ein Aachener Pilgerzeicheu in der Provinz 
Sachsen (Die vier „grossen Heiligtümer", dargestellt auf einer Glocke des 
14. Jahrhunderts in Eisdorf, Mannsfelder Seekreis, Reg.-Bez. Merseburg). 

19. Zeitschrift für christliche Kunst, Köln 1904, Nr. 4. Sp. 
109—118: Heinrich Bogner, Ueber Emporen in christlichen Kirchen der 
ersten 8 Jahrhunderte, kommt am Schlüsse bei der Besprechung der Ober- 
geschosse des karolingischen Munsters zu dem keineswegs unbestrittenen 
Ergebnis, dass „durch die eine Bestimmung als Grabkirche die zentrale 
Plananlage, durch die andere als Hofkirche das Emporgeschoss oder die 
Oberkirche der Aachener Pfalzkapelle bedingt" war. 

20. Archiv für christliche Kunst, Etavensburg, Nr. 1 und 2: 
Eeinrich Bogner, Die Bedeutung des Aachener Oktogons als Zentralbau. 

21. Repertorium für Kunstwissenschaft von Thode und von 
Tschudi, Berlin XXIX, 1906: Heinrich Bogner, Die Bautradition bezüglich 
der karolingischen Annexe der Aachener Pfalzkapelle, 



— 54 — 

22. Westermanns Monatshefte, Jahrg. 50(1906), Heft 596, Nr. 8. 
S. 230 ff. : Detta Zücken, Madame Recamier. Ein Frauenleben aus der 
Empirezeit. Mit 7 Porträtdarstellungen, (erwähnt S. 237 ihren Aufenthalt 
in Aachen im Jahre 1818 und ihre Beziehungen zu dem Prinzen August von 
Preussen daselbst. Vgl. Jahrg. 19 dieser Zeitschrift, S. 180). 

23. Akademia, Monatsschrift des C. V. der kathol. deut- 
schen Studentenverbindungen, Jahrg. 19 (1906), Nr. 3, S. 86 f.: 
W. Brü.uing, Besprechung der Schrift von H. Savelsberg, Aaehener Gelehrte 
in älterer und neuerer Zeit. 

24. Historisch politische Blätter, 1905, Bd. 136. S. 711 ff.: 
A. Beilesheim, Ein italienischer Reisebericht aus dem 16. Jahrhundert. An- 
zeige von A. de Beatis, Die Reise des Kardinals Luigi d'Arragona, iirsg. v. 
L. Pastor, Freiburg i. B. 1905. 

25. Blätter für Post und Telegraphie, Zeitschrift der höheren 
Post- und Telegraphenbeamten. Berlin. Jahrg. 1906, S. 89 fl'., 122 f., 137 
f. und 164 ff.: A. Karll, Aachener Verkehrswesen bis zum Ende des 14. 
Jahrhunderts. 

26. Kleiner Aachener Kalender auf das Jahr 1907, Jahrg. 32, 
S. 33—38: Joh. Wageis, Die Klause und Kapelle am Linzenshäuschcn 
(meist Pick, Aus Aachens Vergangenheit S. 96 ff. entlehnt). 

27. Jahresbericht der Kgl. Kreisrealschule Regens bu rg 1906 
Wissenschaft!. Beilage: Heinrich Bogner, Die ursprüngliche Gestalt des 
Vorhallenbaues vom Aachener Münster und seine Vorgänger. Mit 5 Tafeln. 
40 S. 8". 

28. Jahresbericht des Kaiser-Karls-Gymnasiums. Aachen 
1906: Beschreibung des neuen Schulgcbäudes und der bei der Herstellung 
der Baugrube und der Fundamente desselben zu Tage geförderten Gegen- 
stände von kulturhistorischer Bedeutung von J. Laureut. — Verzeichnis der 
Abiturienten der Anstalt 1825 — 1905. von M. Scheins. 

29. Jahresbericht des Kgl. Kaiser-Wilhelms-Gyninasiums. 
Aachen 1906, S. 3—66: H. Savelsberg, Aachener Gelehrte in älterer und 
neuerer Zeit. 

30. Rheinische Musik- und The ater-Zeitung Jahrg. VII (1906), 
Nr. 22/23, S. 312 ff.: M. Arend, Die Aachener musikalischen Verhältnisse 
mu 1841. Auf Grund von Briefen Wenzel Heinrich Veits. (Im Anschluss 
an E. Lachmann, W. H. Veit als Musikdirektor von Aachen. Eine Episode 
aus seinem Künstlerleben, nach Originalbrieftn an seine Braut mitgeteilt. 
Leitmeritz 1906). — S. 318 ff.: J. Liese, Liszt in Aachen im Jahre 1857. 

31. Allgemeine Bauzeitung, Wien 1906, Heft 4, S. 83—89: 
Eeinrich Bogner, Traditionelles und Hypothetisches im Gewölbebau des 
karolingischen Münsters zu Aachen. Mit 2 Tafeln (Nr. 53 u. 54). 

32. Die Gartenlaube. 1906, Nr. 42, S. 891 iL: A. Niossner, Das 
Grab Karls des Grossen (mit 5 Illustrationen, die von allgemeinem Interesse 
sind, während der Text einzelne Unrichtigkeiten enthält. So liisst der Ver- 



— 55 — 

fasser die Ausgrabungen zur Auffindung der Kaisergruft im Jahre 1795 
irrtümlich auf Anordnung Napoleons 1. geschehen, und die von Geheimral 
Lessintr dem Karlsschreine entnommenen kostbaren Seidengewebc schreibl er 
der Zeit Ottos 111. zu, obgleich doch der arabisch-sizilianischc Stoff mit 
dem durch Sasen und Vögel helebten Rankenmuster bekanntlich der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts angehört, u. s. w.). 

33. Le Matin (Paris), Jahrg. '23 (1996), Nr. 8183: Le tombeau de 
Charlemague, behandelt „les pieces d'6toffe enlev6es dans le sarcophagc 
du celebre empereur, maiutenant exposöes ä Berlin". Eine kleine Abbildung 
des Karlsschreins ist beigefügt. 

34. Le Petit Journal (Paris), Jahrg. 44 (1S06), Nr. 15912: Le 
sarcophage de Charlemagne mit Abbildungen des Karlsschreincs und der in 
demselben befindlichen beiden antiken Gewebestoffe, deren Untersuchung 
im Juli 1 006 besprochen wird, mit vieleu geschichtlich durchaus unrichtigen 
Angaben. 

35. Deutscher Reichsanzeiger, 1906, Nr. 170, Abendausgabc: 
J. Lessing, Die Seidenstoffe aus dem Reliquienschrein Karls des Grossen 
in Aachen. Wiederabgedruckt im Echo der Gegenwart 1906, Nr. 172, 
Bl. 4 und im Politischen Tageblatt 1906, Nr. 175, 131. 1). 

36. Wissenschaftliche Beilage zur Germania. Blätter für 
Literatur, Wissenschaft und Kunst. Jahrg. 1906, Nr. 43, S. 344: II. Savels- 
b rg, Besprechung der Schrift von P. Kaiser, Der kirchliche Besitz im 
Arrondissemcnt Aachen gegen Ende des 18. Jahrhuuderts. Nr. 234: 
W— r., Die Seidenstoffe aus dem Karlsschrein in Aachen. 

37. Die Zukunft (Maximilian Barden). Jahr-'. XIV (1906), Nr. 45, 
S. 222 ff.: Notizbuch. (Ucber die Eröffnung des Karlsschreins zu ver- 
schiedenen Zeiten). 

38. Westdeutsche illustrierte Zeitung, Jahrg. 1 (1906), Nr. 17, 
S. 2: ck, Eine Oeffnung des Karlsschreincs im Münster zu Aachen. Mit 
einer Abbildung des Karlsschrcins. 

:üi. Berliner Lokal-Anzeiger. Jahrg. 24 (1906), Nr. 359, Morgen- 
blatt: Oeffnung des Sarkophages Karls des Crossen. Nr. 360, Abend- 
blatt: Zur Oeffnung des Sark. Karls d. Gr. Eine Unterredung mit Prof. 
Lessing. Nr. 361, Beiblatt 1: Der Sarkophag Kaiser Karl- des Grossen 
(mit Abbildungen f\>-^ Karlsschreins und der beiden Gewebestoffe). Nr. 
378, Morgenblatt: Zur Oeffnung des Schreines Karls d. Gr. Nr. 515, 
Morgenblatt: E. !>., Die Seidenstoffe aus dem Karlsschrein zu Aachen. 

40. Märkische Volks-Zeitung (Berlin), Jahr-. 18 (1906), Nr. 163: 
Zur Oeffnung di^ Sarkophags Kaiser Karls des Grossen (Mil Abbildungen 
des Karlsschrcins und der beiden Gewebestoffe) Nr. 165, Beilage: Der 
Kaiserdom zu Aachen. (Mit zwei Abbildungen des Domes und des Innern 
der Kreuzkapelle). Nr. 172: Professor Lessing über die Seidenstoffe des 
Karlsschrcins. 



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41. Kölnische Zeitung. 1906. Nr. 321 und 326 Mittagsausgabe: 
Gustav Karpeles, Heinrich Heines Beziehungen zu Köln (erwähnt auch Heines 
freundschaftliches Verhältnis zu dem Aachener Domherrn und Dichter 
Wilhelm Smets und seine Besprechung vou Sraets' Tragödie Tassos Tod im 
J. 1821. — Nr. 687: Bericht über die Eröffnung der Ausstellung „Alt 
Aachen". — Nr. 767, Zweite Morgenausgabe : Bericht über die feierliche 
Üeft'nung des Sarkophags Karls des Grossen. 

42. Sonntagsbeilage des Stadt- Anzeige rs der Kölnischen 
Zeitung 1906, Nr. 6, S. 43 f.: Ludwig Elster, Der „Postwagen" am 
Bathause zu Aachen. Ein Kuriosum der alten Kaiserstadt. 

43. Kölnische Volks zeit ung 1906, Nr. 533: W. Brüning, Besprechung 
der Schrift von H. Savelsberg, Aachener Gelehrte in älterer und neuerer 
Zeit. — Nr. 546: Bericht über die Aussellung „Alt Aachen" im Aachener 
Bathause. — Nr. 555 : Brüning, Das Aachener Jesuitengymnasium von Alfons 
Fritz, Aachen 1906. — Nr. 580: Brüning, Im Aachener Stadtarchiv. — Nr. 646, 
Abendausgabe: Die Seidenstoffe aus dem Reliquienschrein Karls des Grossen 
in Aachen. — Nr. 875: Aus dem Reliquienschrein Karls des Grossen. 

44. Kölner Tageblatt 1906, Nr. 521 : Die Oeffnung des Karls- 
schreines im Münster zu Aachen. 

45. Katalog der Kölner Bücher-Versteigerung vom 23. bis 
30. Juli 1906 bei J. M. Heberle (H. Lempertz Söhne) S. 13, Nr. 47: J. J. 
Evert (ohne Unterarme und Füsse geboren). Kalligraph. Kunstblatt in 3 
Tagen geschrieben im J. 1769 zu Düsseldorf. Evert besuchte im Januar 
1773 Aachen, um hier seine Kunst zu zeigen. Das an den Magistrat ge- 
richtete Gesuch um Erlaubnis befindet sich im hiesigen Stadtarchiv. 

46. Kreis- Julicher Correspondenz- und Wochenblatt 1906, 
Nr. 20, Bl. 3 und 22, Bl. 3 : Rurüberschwemmuugen einst und jetzt. 

Nr. 46, 48 und 50: Der Eremit von Gauting. Das wundersame Leben des 
Freiherrn Theodor Maria von HaHbum— Broich. — Nr. 54, Bl. 3 und 56. 
Bl. 3: Ein Spaziergang nach Broich. Geschichtliche Plauderei über 
Broich, die Schwedenschanze und Petternich. — Nr. 62, 64, 66, 68, 
70, 72 und 74 : Jakobe, Herzogin von Jülich. Skizzen aus den 
Tagen des letzten (blödsinnigen) Herzogs von Jülich— Kleve — Berg. 
Nr. 74, Bl. 2: Peter Goswin Nickel, der erste deutsche 
Jesuitengeneral. Geboren in Jülich am 1. Mai 1582, gestorben am 31. Juli 
1664 in Rom. Die aufgeführten Abhandlungen sind alle von Ad. Fischer 
(Jülich) verfasst. — Nr. 55, Bl. 1 ; Schiessen der Jülicher Bogenschützen 
in Herzogenrath. - 2. Dez. 1906 bis 26. Jan. 1907: E. Trahndorff, Floris 
Harpcrs, Romantisch-geschichtliche Erzählung aus Jülichs alter Zeit 
1 16. Jahrhundert). 

47. Stolherger Zeitung. Jahrg. 1906, Nr. 117: Wissenschaft- 
licher Ausflug des Vereins „Aachens Vorzeit" nach Stolberg. — Nr. 117 
und 118: A. Becker, Aus Stolbergs Vergangenheit. Nach vorhandenen 
Quellen bearbeitet. 



— 57 — 

18. Evangelisches Gemeindeblatt für Apachen und Burtscheid. 
."). Jahrg. (1906), Nr. 38, S. 456 ff.: W. Landgrebe, Die Glocken anserer 
Kirchen, (behandelt die Inschriften der Glocken in der alten Burtscheider 
Kirche in der Hauptstrasse, in der neuen Dreifaltigkeitskirche, in der Anna- 
kirche und in der Christuskirche). 

49. Aachener Allgemeine Zeitung 1906. Nr. 6, Bl. 2; Nr. 13, 
Hl. 2; Nr. 20, Hl. 2; Nr. 27, Bl. 2: B. St(uhrmann), Die Kämpfe der 
Zünfte und Geschlechter in Aachen. — Nr. 34, Bl. 2: B. St., Die Ver- 
fassung Aachens von 1513 bis 171)4. - Nr. 41, Hl. 2: H. St.. Besitzergreifung 
durch die Franzosen 1792. Nr. 61, Bl. 2 und Nr. 75, Bl. 2: H. St., 

Beziehungen Aachens zu Burgund. Nr. 82, Hl. 2: B. St., Beteiligung 

Aachens an dem Reichskriege gegen Karl den Kühnen 1475. Nr. 89, 
Bl. 2: von M., AVie die Franzosen sich hei uns verhielten. Nr. '■•';. Bl. 2: 
11. St., Der sogenannte Wolf. Nr. 109, Bl. 2: H. St., Albrecht Dürer in 
Aachen 1520. — Nr. 122, Bl. 2: Einiges über die Künstschätze des 
Aachener Münsters. Die sogenannte „Artisehokc". Nr. 136, Bl. 2: von 

M., Skizzen aus Aachens neuerer Geschichte. Staatliches und Kommunal 
aus der Zeit der französischen Okkupation. — Nr. 143, Bl. 2: Das soge- 
nannte Jagdhorn Karls des Grossen. — Nr. 156, Bl. 2: von M., Das Lothar- 
kreuz. — Nr. 170, Bl. 2: B. St., Der Kronleuchter Friedrich Barbarossas. 
— Nr. 172: Bericht üher die Eröffnung der Ausstellung Alt Aachener 
Gegenstände im Bathause. — Nr. 172: \V. Hrüuiug, Beschreibung der 
„Ausstellung Alt-Aachen". — Nr. 184, Bl. 2: B. St., Einiges über die Kunst- 
schätze des Aachener Münsters. 14. Der Proserpinasarkophag. Nr. 195, 
Bl. 2: Die Eröffnung des Karlssehreins im Aachener Münster. Nr 315, 
Hl. 2; 322, Hl. 2: 329, Bl. 2: 336, Bl. 2; 350, Hl. 2:Massena. (A. Karlli. Kaiserin 
Josefine in Aachen. I. Josefine. II. Die Reise, III. Ankunft in Aachen. 
IV. Das Gefolge. V. Die Toilette. VI. Der Tageslauf. VII. Offizielle 
Pflichten. — Nr 343, Morgenausgabe : Die Klause und Kapelle Linzens- 
h aus eben. 

50. Aachener Post 1906. Nr. 147. B. St(uhrmann), Einiges über 
die Kunstschätze des Aachener Münsters. — Nr. 153: B. St., Der Proser- 
pinasarkophag. Der Inhalt des Karlsschreins. (In dieser Zeitung erschienen 
die auch in der Aachener Allgemeinen Zeitung unter gleichem Titel ver- 
öffentlichten Aufsätze Vüll demselben Verl';!:-- er Unter demselben Datlllll). 

Nr. 235: Aus dem Reliquienschrein Karls des Grossen. (Bericht über den 
Vortrag des Geheimrats Lessing über die Stoffe aus dem Aachener ßeliquien- 
schrein im Berliner Kunstgewerbemuseum). 

.">!. Echo der Gegenwart 1906. Nr. 26, Hl. 2: Hin Aachener 
Pilgerzeichen in der Provinz Sachsen. Nr. 38, Bl. :; : 11 , Eine alte 

„Aachener Schulfibel 1 * (des Aachener Schul- und Sprachmeisters Johannes 
Schmidts, genannl Faber, 1744), aus Pick, Aus Aachen- Vergangenheit, 
S. 605 ii. entlehnt. --Nr. 39, Bl. 1 : - 11 . Karl der Grosse als Persönlich- 
keit. Nr. 40, Bl. 3; 41, Bl. 3 und 42, Bl. 3: Franz Kapeil, Alte Fast- 



— 58 — 

nach tsgebräu che an Rur uud Maas. — Nr. 67, Bl. 3: R. Pick, Eiu Ar- 
chivalienfuud in Aachen. (Bericht über eine im Januar d. J. in dein Hause 
des Kaufmanns Stephau Vigier, Adalbertstrasse Nr. 41,1 unter dem Fuss- 
boden der Speicheretage gefundene, ansehnliche Anzahl von Archivalien nebst 
eingehender Besprechung der wichtigsten Fundstücke). — Nr. 84, Bl. 3 : 
Zur Jahrhundertfeier des Kaiser-Karls-Gymnasiums. — Nr. 92, Bl. 3 und 
Nr. 98, Bl. 1 : R. Pick, Eine verschollene Naturalien-, Kunst- und Alter- 
tümer-Sammlung (des Herrn Hermann Isaak von Aussem auf Haus Drimborn 
im Anfange des 19. Jahrhunderts). — Nr. 104, Bl. 3: Eine wertvolle 
Handschriftensammlung (im Besitze des Komite's für die Niederrheiuischen 
Musikfeste). — Nr. 104, Bl. 3: Ein interessanter Totenbrief (über den Tod 
der 3 Kinder des obengenannten Herrn H. J. von Aussem). — Nr. 120, 
Bl. 3 : Besprechung von Paul Giemen, Die Kunstdenkmäler der Rhein- 
provinz, Bd. VIII, Heft 3. Die Kunstdenkmäler des Kreises Heinsberg. — 
26. Juni, Bl. 2 : Bericht über die Eröffnung der Ausstellung Alt-Aachen im 
Kaisersaale des Rathauses. — J. Buchkremer, Alt-Aachen. Kamine und 
Kamineinrichtungen. ■■ - Nr. 146, Bl. 2; 148, Bl. 3; 149, Bl. 3; 150, Bl. 1 
uud 152, Bl. 1 : J. Buchkremer, Alt-Aachen. Aeltere Holzarbeiten. — 
Nr. 146, Bl. 3 und 148, Bl. 2 : H. Pflips (Würselen), Geschichte der Klöppel- 
krieger. — Nr. 147, Bl. 3: H. Schweitzer, Alt-Aachen. Die Holzskulpturen. 

— Nr. 151, Bl, 2: H. Savelsberg, Ausstellung „Alt-Aachen". Abbildungen 
des Rathauses. - Nr. 153, Bl. 2: J. Buchkremer, Alt-Aachen. (Besprechung 
der wichtigsten Abbildungen und Gebrauchsgegenstände der Ausstellung). 

— Nr. 154, Bl. 4: J. Buchkremer, Alt- Aachen. Abbildungen des Münsters. 
- Nr. 155, Bl. 1; 156, Bl. 1; 157, Bl. 1; 158, Bl. 1 und 2; 159, Bl. 1: 

J. Buchkremer, Alt-Aachen. Metallarbeiten. 1. Beleuchtungskörper, 
2. Leuchter und Uhren, — Nr. 156, Bd. 2: Alt-Aachen. (Zwangloser 
Spaziergang durch die Ausstellung). Die auf die Ausstellung Alt-Aachen 
bezüglichen Aufsätze erschienen auch als besondere Schrift. — Nr. 160, 
Bl. 1 : Zur Geschichte der St. Sebastianus-Schützengesellschaft zu Würselen. 

— Nr. 162, Bl. 3: Die Eröffnung des Karlsschreins im Aachener Münster. 

— Nr. 163, Bl. 2: M. Creutz, Die Seidengewebe des Aachener Karls- 
schreines. — Nr. 164, BL 2: Geheimrat Lessiiig über die Seidcngewebe des 
Aachener Karlsschreines. Nr. 165, Bl. 2: Die Eröffnung des Karls- 
schreines im Jahre 1861. (Nach Mitteiluugeu des Dr. Franz Bock aus dem 
Jahre 1861) - Nr. 172, Bl. 4: Die Seidenstoffe aus dem Relhiuieusehrein 
Karls des Grossen in Aachen. Nr. 176, Bl. 1: Geschichte des Kaiser 
Karls-Gymnasiums. (Besprechung von A. Fritz, Das Aachener Jesuiten- 
Gymnasium). - - Nr, 201, Bl. 2: Das Kaiser-Karls-Gymnasium vor hundert 
Jahren. — Nr. 201, Bl. 3: (Besprechung von) H. Günter, Legenden-Studien, 
Cöln 1906. Die Aegidius-Legende an dem 1215 vollendeten Karlsschreine 
des Munsters in Aachen hat hier ausgiebige Verwertung gefunden. — 
Nr. 237, Bl. 3: Fastradastrasse. — Nr. 244, Bl. 1: Bildung der Strassen- 
namen. — Nr. 268, Bl. 4: Die WicdereinschlJessung der Gewebestoffe des 



— 59 — 

Karlsschreins (19. Nov. 1906). - Nr. 272, Bl. 2: N. Reiser, Die Gewebe- 
stoffe des Aachener Karlsschreines. Nr. 283, Bl, 1 ; F. A. Bacciocco, 
Karolingerstädte. (Abdruck aus der „Deutschen Zeitung"). Nr. 285, 
Hl. 1: Besprechung der Schrift von P. Kaiser, Der kirchliche Besitz im 
Arrondissement Aachen gegen Ende des 18. Jahrhunderts und seine Schick- 
sale in der Säkularisation durch die französische Herrschaft. Aachen 
Jacobi 1906. Nr. 289, BL 1 : ff. Sch(nock), Die Klause und Kapelle 
Linzenshäuschen. Nr. 294, Bl. 3 : üeber Graf Wilhelm IV. von Jülich, 
(Besprechung des Vortrages des Oberlehrers Dr. Capitaine im Dttrener 
Gcschichtsvcrein). 

52. Die Zeit iu Wort und Bild. Sonntagsblatt zum Keim der 
Gegenwart. 1906, Nr. 40, S. 316 f.: N. Schmitt, Der grösste Vulkan der 
Eifel (Mosenberg bei Manderscheid). — Nr. 41, S. 326 f.: N. Schmitt, Die 
Eifel-Maare (über den Laacher See, das Pulvermaar, die Dauner Maare, das 
Mcerfelder Maar und sich an sie anschliessende Sagen). 

53. Politisches Tageblatt 1906. Nr. 42, Bl. :i : Grab Ottos III. 
— Nr. 146, Bl. 1: Bericht über die Eröffnung der „Ausstellung alter 
Aachener Gegenstände im Bathause". — Nr. 171, Bl. 2: Der Elefanteustoff 
aus dem Karlsschrein. Nr. 173, Bl. 1: Notiz über das Porträt des Nicolaus 
Kromm (im Besitze von Jacobs). — Nr. 175, 151. 1: J. Lessing, Die Seiden- 
stoffe aus dem Reliquienschrein Karls des Grossen in Aachen. Nr. 208, 
PI. 2: Napoleon und der Rhein-Maas-Kanal. -- Nr. 213, Bl. 2: H. Schnock, 
Der Aachener Geschichtsverein in Erkelenz. — Nr. 265, Bl. 3: Die Burg- 
ruine Nideggen. (Abdruck aus der Kölnischen Zeitung). Nr. 277, PI. :'>, 
!•'. Grimme-Erbach, Die Anfange von Reuters Telegraphen-Bureau in Aachen. 

54. Der Volks freund. Jahrg. 13. (1906) Nr. 26, Bl. 1: J. K(örver) 
Mozart in Aachen (im Anschluss an Wolfgang Amadeus Mozarts 150. Ge- 
burtstag unter Hinweis auf A. Fritz, Theater und Musik in Aachen seil dem 
Beginn der preussischen Herrschaft. 2. Teil). - - Nr. 55, Bl. 2: (W. Brüning), 
Zur Erinnerung an einen Aachener Arzt (Dr. Gerard Reumont). Nr. 55, 
Bl. 2: (\V. Brüning), Zur Geschichte der Aachener Industrie (nach einem 
Promemoria des Stadtarchivars Karl Franz Meyer an den Mairc Cornelius 
von Guaita vom 20. Juli 1810). Nr. 85, PI. 1: Franz Kapoll, Alte 
Karwochen- und Osterbräuche in Rur- und Maaslanden. Nr. III. Bl. 2: 
iW. Brünning), Zustände in deutschen Reichsstädten (vergleicht u. a. die 
religiösen und politischen Verhältnisse der Reichsstadt Aachen mit denen von 
Nürnberg und arideren Städten). Nr. 142, Bl. 1 : Bericht über die Er- 
öffnung der Ausstellung Alt-Aachen. Nr. 146, IU. L: (W. Brüning), 
Die Religiousstreitigkeitcn in der Rcichsstadl Aachen. Nr. 152: (W. 
Brüning), Archivalische Merkwürdigkeiten. Nr. 164 undl76: W. Brüning, 
Prinz Eugen von Savoyen und die Reichsstadt Aachen. Nr. 170: .1. 
K(örver), Ein Beitrag zur Theatergeschichte (wendel sich nach einer längeren 
allgemeinen Darstellung theatralischer Aufführungen im Altertum und im 
Mittelalter zu einer Besprechung der Theateraufführungen der Aachener 



— 60 — 

Jcsuitenschule, die Prof. Dr. Alfons Fritz in seiner „Geschichte des Kaiser- 
Karls-Gymnasiums in Aachen" (I. Teil) ausführlich behandelt hat). — 
Nr. 200 und 207: (W. Brüning), Unter der Fremdherrschaft im Rhein- 
lande. — Nr. 224 und 236: (W. Brüning), Zur Geschichte der Aachener 
Kupferindustrie. — Nr. 248 und 265: (W. Brüning), Aus dem Tagebuch 
des Stadtsyndikus Peter Fell. 

55. Fidelio. Beilage zum Volksfreund 1906, Nr. 2 und 3 : Chronik 
der Stadt Aachen im Jahre 1905. 

56. Westdeutsche Grenzwacht. Aachener Volkszeitung. 1906. 
Nr. 1 : F. Haies, Die Belagerung Aachens durch den deutschen Kaiser (!) 
Wilhelm von Holland im Jahre 1248. — Nr. 26: Bericht über die Er- 
öffnung der Ausstellung „Alt- Aachen" im Kaisersaale des Rathauses. 

Aachen. H. Savelsberg. 



Bericht über altertümliche Funde in Aachen 

im Jahre 1906. 

1. An der Stelle, wo die Stadtverwaltung im vorhergehenden Jahre die 
altertümlichen Gebäulichkciten des Matb.6escb.en Speditonsgeschäftes (Peter- 
strasse 57), des ehemaligen Heuckcnschen Posthofes, hatte niederreissen 
lassen, fand man im Anfang des Jahres 1906 auf dem zwischen Peterstrasse 
und der neu angelegten Couvenstrasse gelegenen Terrain ausser einer Anzahl 
mittelalterlicher Topfreste einen kleinen Henkelkrug aus nachmittelalterlicher 
Zeit, sowie eine Anzahl Eichenpfähle, über deren Bestimmung nichts Genaueres 
festgesetzt werden konnte. (Vgl. den Bericht über die Funde in der benach- 
barten Couvenstrasse, Jahrg. XVII, S. 142, Nr. 4.) 

2. Im Januar wurde beim Abbruch des bekannten, den Erben 
Pappert zugehörigen Restaurants „Salvator- oder Bierkeller" Ludwigs- 
allee 97 in der Nähe eines alten Kanals eine römische Amphora von weichem, 
weissem Ton gefunden, die mit schwarzem Russ dick überzogen war. 

3. Als man im Januar in dem Hause des Kaufmanns Stephan 
Vigier, Adalbertstrasse Nr. 41/1, in einem Räume der zweiten Etage einen 
Kronleuchter anbringen wollte und zu diesem Zwecke indem Fussbodcn der 
darüber befindlichen Speicheretage eine Diele aufhob, kam unerwartet unter 
dieser Diele und einer zweiten, die man ebenfalls entfernte, eine ansehnliche 
Anzahl Archivalien, Urkunden, Briefe und Akten, etwa 250 an der Zahl 
zum Vorschein, die dem 14. bis 19. Jahrhundert angehörten and mit Aus- 
nahme von 3 Pergamenturkunden alle auf Papier geschrieben waren. Die 
älteste Urkunde datiert aus dem Jahre 1368, während die jüngste aus der 
Regierungszeit des französischen Präfektcn Ladoucette (1809—1814) stammt. 
Eerr Stadtarchivar Pick, dem diese Archivalien zur Durchsicht übergeben 
wurden, hat dieselben im Echo d. öegenw. vom 23. März 1906, Nr. 67, 3. 



— 61 — 

Bl. („Ein Archivalienfund in Aachen") eingehend besprochen. Einsichtlicfa 
des sonderbaren Aufbewahrungsortes komml er zu dem Schlüsse, dass man 
in der späteren französischen Zeit bei Herstellung eines neuen Fussbodens 
in genanntem Hause die betreffenden Archivalien aus den Räumen des dort 
gelegenen Pönitenten-Nonnenkiostcrs, in dem die Franzosen die Archive der 
im Jahre 1802 aufgehobenen Klöster des Rocrdeparteinents haufenweise auf- 
gespeichert hatten, unbefugter Weise herübergenommen und als Füllmaterial 
für die Zwischenräume zwischen den Balken der Decke benutzt habe. 

4. Nachdem man bereits vor mehreren Jahren auf einem Grundstück 
bei Klein-Boslar das Grab eines römischen Kriegers aufgedeckt und dabei 
auch einige römische Münzen gefunden hatte, fand man im Anfange April 
in Lövenich einen quadratförmigen Sandstein, der wahrscheinlich als Altar- 
stein gedient hat. Als nun auf Grund dieser Funde Herr Gutsbesitzer 
Müllenmeister weitere Nachgrabungen anstellen Hess, wurden noch 2 Säulen 
zu Tage gefördert, von denen die grössere (1,50 m hoch) noch sehr gut er- 
halten ist. Das Kapital ist mit reichem Blattwerk geschmückt. Aus der 
Säule sind zwei übereinanderstehende Figuren herausgearbeitet, von denen 
die obere eine Frau und die untere einen Krieger darstellt. Die Fundstücke, 
welche aus weissem und grauem Sandstein hergestellt sind, sollen aus der 
römischen Zeit und zwar aus dem 3. Jahrhundert stammen. Vgl. Aachener 
Allgemeine Zeitung, 21. April 1906: Altertumsfunde im Aachener Bezirk. 

5. Im Juni wurden in der Kleinmarschierstrasse beim Abbruch 
des Hauses der Weyers-Kaatzerschen Buchhandlung (Nr. 8) und des 
Nachbarhauses Nr. 10 in einer Tiefe von etwa 3 Meter Eichenpfähle 
blossgelegt und unzählige Kirschkerne gefunden. Auch trat bei dieser Ge- 
legenheit eine von Osten nach Westen gehende Mauer zu Tage, die man 
als Rest der Umfassungsmauer des Bereichs der karolingischen Pfalz- 
kapelle bezeichnet hat, 

6. Im benachbarten Stolberg wurde anfangs August in einem Hause 
der Altstadt am Fasse der Burg ein wertvoller Münzenfund gemacht. 
Am 11. August fand man etwa 1 Fuss tief unter dem Pflaster im Pferde- 
stalle des Bäckermeisters August Kalkbrenner 326 Gold- und Silbermünzen 
deren Präge fast durchgehends noch ausgezeichnet erhalten war. Frag- 
mente einer feinen Metallkassctte mit Silberschnallen ohne Riemen deuten 
auf einen während der Kriegszeiten vor annähernd 200 Jahren vergrabenen 
Schatz hin. Die ältesten Stücke stammen aus den Jahren 1604, PUT, 1627 
und 1648, der grösste Teil aber aus dem Ende des 17. und dem Anfange 
des 18. Jahrhundert-. Die Goldmünzen, nieist in der (irüsse eines Einmark- 
oder Zweimarkstücke-, bestehen nur aus einfacheu und doppelten Louisdors 
aus der Zeit Ludwigs XIV., während die Silbermünzen, meisl von der Gr 
eines Fünfmarkstückes, teils aus derselben Z<it stammen, teils aus der 
Regierung Ludwigs XV.. teil- aus ausserfranzösischen Ländern. Unter den 
Letztern befinden sich Taler der freien Reichsstadt Frankfurt, alte Braun- 
schweiger, sogenannte Marientaler von Herzog Maximilian von Bayern (1627) 



- G2 - 

und andere von August von Polen oder Sachsen. (Vgl. Echo d. Gegenw. 
v. 15. August 1906, 1. Bl. und Polit. Tagehl. v. 17. Aug. 1906, 2. Bl.) 

7. Als im August 1906 das neue Münsteruiuseuui in der alten Tauf- 
kapelle eingerichtet wurde und man aus diesem Anlass die im Jahre 1898 
im Innenbofe der Kreuzgänge aus antiken Säulen und Skulpturresten des 
.Ministers gebildeten Steingruppen entfernte, um sie in dem neuen Museum 
aufzustellen und damit vor weiterer Verwitterung zu bewahren, fand man 
halb in der Erde liegend einen kleinen, aber fast vollständigen Rest der alten 
Kämpfergesimse im Hochmünster. Es ist ein karolingisches Gesimsstück aus 
muschelhaltigem Euviller Kalkstein von 18 cm Höhe mit eigentümlicher, 
an der untersten Stelle 36 mm breiter Profilierung und scharf unter- 
schnittener Hohlkehle. Nach Aussage des Architekten 0. Schmitz war 
dasselbe in früherer Zeit bei Ausgrabungen in der Nähe der Kreuzkapelle 
zu Tage gefördert worden. Der Fund dürfte bezüglich der Frage der 
Profilierung der Gesimse im Hochmünster, wie eventuell auch bezüglich der 
•viel umstrittenen Frage der Marmorbekleidung der Säulen und Wandpfeiler 
des Münsters für die massgebenden Archäologen und Architekten von 
ausserordentlicher Wichtigkeit sein. 

8. Beim Abbruch des Hauses Krugenofen Nr. 9 fand man im August 
1906 in einer Tiefe von 2 Meter einen alten Krug mit direkt am obern 
Rande ansetzendem Henkel und iu dessen Nähe mehrere Aachener Scheide- 
münzen des 16. Jahrhunderts. Anzeichen dafür, dass an dieser Stelle Ton- 
bäckereien gewesen seien, fanden sich keine. 

9. In den Monaten August und September 1906 wurden bei den Erd- 
arbeiten für den Neubau des Hauses Alexanderstrasse 69—71 (Eisenwaren- 
handlung von Jos. Mienes) gegenüber der Peterskirche 30—35 römische 
Braudgräber aufgedeckt, die aller Wahrscheinlichkeit nach iu die Zeit von 
300 bis 350 n. Chr. zu setzen sind. Sie lagen zu beiden Seiten einer alten 
Römerstrasse, die sich bei der Grösse des ausgeschachteten Terrains in 
ihrer Richtung ziemlich genau verfolgen Hess und deutlich die gleiche 
Richtung zeigte, wie der sogenannte „grüne Weg", der von Würselen her- 
kommend, die Baustelle schneidet und direkt auf die unter dem Bade zur 
„Königin von Ungarn" gefundenen Römerbäder zuführt. Der grösste Teil 
der auf der ausgedehnten Fundstelle zu Tage geförderten etwa 60 Gegen- 
stände, wie römische Urnen, Vasen, Amphoren und Henkeltüpfe, teils aus 
weissem Ton, teils aus terra nigra und terra sigillata, Henkelkrüge, Teller, 
Humpen, Becher und Gläser befin let sich im Besitze des Herrn Dr. med. 
,1. G. Key. dir auf die Ausgrabungen zuerst aufmerksam wurde und sie 
Überwachte. 

10. In der Michaelstrasse stiess man bei dem Ausschachten des Terrains 
für den Bau eines Vereinshauses der evangelischen Gemeinde au Stelle der 
abgebrochenen Bäuser Nr. s und 10 gegen Ende Oktober 1906 l 1 /-.- Meter 
unter der Oberfläche auf eine allerdings kleine Pfahlgrube, die den auf der 
diesem Jahrgänge beigehefteten Karte von Pfahlgruben gezeiebneten Ring 



— G3 - 

an der Südseite ergänzt. In einer anderen Brettergrubc, die durch Quer- 
balken im Innern verstärk! war, fanden sich Küchenabfälle, wie Knochen 
Eberzähne, Kirschkerne, eine grössere Anzahl Gefässscherben meist spät- 
karolingischer Becher, und eine mit Wappen versehene Fliese. Bei den 
weiteren Erdarbeiten im November kamen noch ein als Ausschuss wegge- 
worfener Henkclkrug von 22 cm Eöhe aus spätmittelalterlicher Zeit um] auf 
dem Grundstück Nr. 10 ein lose im Erdreich liegender Menscheuschädel zum 
Vorschein. Ausserdem wurde daselbst ein aus Bruchsteinen hi llter 

unterirdischer Gang von i l \ 2 bis 2 Mehr Eöhe und etwa l',._, .Meter Breite 
aufgedeckt, der in einer Entfernung von etwa 7 Mete)- von der Hinterseite 
des evangelischen Pfarrhauses Annastrasse 35 seinen Anfang nahm und sich 
in der Richtung nach diesem Hause hin fortsetzte. Etwa 1 Meter davon 
entfernt, war er durch eine in neuerer Zeit errichtete Mauer abgeschlossen. 
Nach der Ansicht des Herrn Stadtarchivars Pick handeil es sich hier ent- 
weder um einen vom Hofe des St. Annaklosters l>is zu dessen Keller 
führenden Gang, der dazu diente, schwerere Lasten, die nicht auf der 
Treppe im Inneren des Gebäudes hinunter befördert werden konnten, dorthin 
zu schaffen, oder noch wahrscheinlicher um einen Gang zum Totenkeller 
des Klosters, durch den die Leichen von Klosterinsassen zu dem eigent- 
lichen Keller gebracht worden sind, wo sich auch jetzt noch eine Anzahl 
von Grabsteinen befinden soll. (Vgl. Echo der Gegenwart, Jahrg. 1907. 
Nr. 1, Bl. 3.) 

1!. Im Burgacker zu Weisweiler setzt Vikar J. Wiechens seine seit 
mehreren Jahren bereits betriebenen Ausgrabungen mit unermüdlichem Eifer 
fort. Es fanden sich dabei ein kurzes Schwert, ein silbertauschierter Dolch, 
Münzen, Urnen und eine antike Matrize, die anscheinend die Gestalten der 
drei Schönheitsgöttinnen trägt, und deren Umschrift leider nicht gut er- 
halten ist. 

12. Tu der Nähe des Landgutes Merberich bei Langerwehe wurde eine 
spätrömische Villa ausgegraben. Dabei ergab sich, dass diese Stelle schon 
in früherer Zeit, ausgebeutet und leider stark zerstört worden war. Vor 
36 Jahren wurde bereits an derselben Stelle eine lange Steininschrift auf- 
gefunden, die von einem Einwohner von Weisweiler zwecks Entzifferung mit- 
genommen wurde, seitdem aber verschollen ist. 

13. Bei Birkesdorf wurde ein Plattengrab aufgedeckt, in welchem die 
Ausheilte an Fundstücken allerdings gering war: nur ein eiserner Dolch 
nebst Schnalle war erhalten. Die Bronze achen sind nur noch durch Flecken 
an dem Totengebein erkennbar. Per eine der in dem Grabe vorgefundenen 
zwei Schädel zeigt genau die Eigentümlichkeiten des Neandertalschädels; 
der andere wies durchscheinende Zähne auf. Die Schenkelknochen sind 
etwas über 50 cm lang, was auf eine bedeutende Körpergrösse schlii 

lässt. 

Die Beschreibung der um er \r. II 13 genannten Fundgegenstände 
verdanke ich der freundlichen Mitteilung des Herrn Vikar Joh. Wiechena 



— G4 — 

in Weisweiler, der eine ansehnliche Anzahl wertvoller Gegenstände teils 
aus der paläolithischen, teils aus der neolithischen Zeit gesammelt hat 
und mit der Abfassung eines ausführlichen illustrierten Buches über die Ur- 
bevölkerung zwischen Aachen und Göln beschäftigt ist. 

Aachen. H. Savelsberg. 



Kleine Mitteilung. 

Ein in der hiesigen Stadtbibliothek aufbewahrter Sammelband Nr. 883 
mit städtischen Ratsedikten enthält auch eine die Butterwieger und Kettel- 
vögte betreffende Verordnung vom 20. Juni 1646, die in mancher Hinsicht 
von Interesse ist und daher hier mitgeteilt werden soll. 

E. E. Raths Ordnung, die Butterwaeger und Bettelvögt betreffend. 
Es sollen die Butterwaeger und Bettelvögt auf dieser Statt Butterwag 
und Fontäincn oder Pfeiffen, soenderlich dero Mark-Pfeiffen glitte Achtung 
geben, damit dieselbe jedesmals, wan es die Nohturft erfordert, sauber und 
rein gehalten und gefeget werden. — Ferner sollen die Bettelvögt allen 
Vorkaut' von Käs, Butter, Eyer und dergleichen behindern, und da einige 
Vorkäufer befunden, welche dergleichen Waaren Vormittag vor eylf Uhrn 
aufgeldcn, sollen jedesmals denen, so oft sie solchen Verkauf thäten, zwölf 
Aacher Mark, halb vor die Armen im Wäis- oder Gausthaus (!), und halb 
vor die Bettelvögt abgefordert werden. — Mitnichten aber solle einige Butter 
in- oder vorder Statt oder im Reich Aach ahn Frembdcn oder Eingesessenen, 
umb zu versanden oder aus zu führen, aufgegolden, noch versunden 1 , son- 
dern, da dieselbe ertapfet, alsobald angekalten und confiscirt, und neben die 
Einkäufer und Versändere darüber bestrafft werden. — Gleicher gestalt 
sollen auch die jenige, welche vor obbestimter Zeit einigen Vorkauf mit 
Appelen, Bieren, Kirschen und andern Obs treiben, die verbürte Bueß (so 
oft es geschieht) verfallen und erlägen schuldig sein. — Zum Letzten wird 
den Bettelvögten hiemit ernstlich auferlägt und anbefohlen, das sie Auf- 
sicht halien, damit auf Son- und Feyrtägcn oben gesätzte Waaren, wie auch 
die Trieperey 2 und anders über die bestimbt Zeit, nemblich nach neun Uhrn 
vormittags nit verkauft nach 3 feil gehalten werden: weiters das auch, wie 
von Alters bräuchlich, der Mark gehalten werde, in der Judenstraß und nit 
biß vor der Fleischplanken 4 . — Da nun jemand hierwieder thun würde, 
denselben sollen die Bettelvögt sülcheWaar (jedoch das damitten Bescheiden- 
heil gebrauchl werde) hinnehmen, darvon der halbe Theil vor sich behalten 
und den Rest den Annen zum besten im Gast- oder Weisenhaus einlieferen. 
Signatum am zwanzigsten Juny 1646. 

Aachen. H. Savelsberg. 



') versandt. 

Vom frz. tripe Gedaerm, Kaidaunen. 
Ii noch. 
1 l>i.' Fleischplanke lag in der Kockorellstrasse. 



Verlag der Cremer'schen Buchhandlung (O. Cazin) in Aachen. 

Dltl I R VO» Illü.WI ANN k'AATZKR IS A.ACITEN 




Mitteilungen 
„Aachens 





des Vereins 

Vorzeit". 



Im Auftrage des wissenschaftlichen Ausschusses 
herausgegeben von Heinrich Schnock. 



Nr. 5/17. 



Zwanzigster Jahrgang. 



1907. 



Inh.ilt: J. Kleinermanns, Die evangelischen Heiligtümer in der früheren reichsabteilichen 
Benediktinerkirche, nunmehrigen Pfarrkirche zu Corneliruünster. (Schluss - A. Jardon, Ver- 
gleich zwischen der Aachener und Cölner Mundart Fortsetzung und Scbluss. — J. <f. Key, 
Aufdeckung einer ausgedehnten Wim. Begräbnisstätte im Weichbilde der Altstadt Aachen. - 
t II. J. Gross, Geschichte des Ländchens zur Heiden. (Scbluss. - E. Pauls, Kleinere Beiträge 
zur Geschichte von Aachen und Burtscheid — J. <;. Key, Ein Stück Aachener Chronik aus dem 
Ende des 18. und Anfang des v.t. Jahrhunderts. H. Savelsberg, Bericht über altertüml. Funde 
in Aachen i. J. 1907; Geschichtsliteratur des Jahres l'JOT über Aachen in Zeitschriften und 
Tagesblättern. — Bericht über die Monatsversammlungen und Sommerausflüge. — Bericht über 

das Vereinsjahr 1906/07. 



Die evangelischen Heiligtümer 

(das Schürztuch. Grabtueh und Sehweisstueh unseres Herrn Jesu 
Christi) in der früheren reichsabteilichen Benedietinerkirche. nun- 
mehrigen Pfarrkirche zu Cornelimünster. 

Von J. Kleinernianns. 

Schluss. 
III. 

Linteum Domini. 
(Das heil. Schürztuch.) 

Unser Heiligtum „das Schürztuch" ist jenes Tuch, von dem 
es bei dem heil. Evangelisten Johannes c. 14. 4 und 5 heisst: 
„stand er auf vom Abendraahle und legte seine Überkleider ab, 
und nachdem er ein Linnen genommen, umgürtete er sich. Dann 
goss er Wasser in ein Becken und fing an, seinen Jüngern die 
Püsse zu waschen und sie abzutrocknen mit dem Linnen, womit 
er umgürtet war." Bei den Juden war es nämlich Sitte, sieb 
bei verschiedenen Gelegenheiten, so auch vor der Mahlzeit, von 
einem Sclaven die Küsse wascheu und abtrocknen zu lassen. 
Bei Vornahme dieser rituellen Handlung, welche in knieender 



— 66 — 

Stellung- vorgenommen wurde, umgürtete mau sich mit einem 
Tuche, das mit einem Bande um die Hüften zusammengehalten 
wurde. 

Das Heiligtum misst in der Länge 2,30 m einschliesslich 
einer an beiden Seiten befindlichen, 7 m breiten Kranze. Da 
die Franze aus der vorstehenden Kette gebildet ist, so ist 
damit zugleich die ursprüngliche Länge des Gewebes bezeugt. 
Die Breite desselben ist verschieden. Dadurch, dass an einer 
ganzen Langseite ein Streifen fortgeschritten wurde, beträgt 
die Breite an den beiden Enden je 1,28 m und 0,95 m; an der 
schmälsten Stelle, gegen die Mitte zu, ist dieselbe nur 0,68 m 
breit, Merklich breiter als 1,28 m scheint das Schürztuch nicht 
gewesen zu sein. Wir glauben das daraus entnehmen zu können, 
dass man bei dem Abschneiden des Streifens dasselbe bis zu 
einem guten Drittel bei der Breite von 1,28 m belassen hat. Die 
Länge und Breite des Schürztuches lässt ferner darauf schliessen, 
dass dasselbe bei der Umgürtung doppelt geschlagen wurde 
und dann in weiten Falten bis über die Fasse herabfiel. Auf 
diese Weise konnte ein Teil des Doppeltuches als Unterlage 
für die Füsse und zum Abwaschen derselben und der andere 
Teil bequem zum Abtrocknen der Füsse benutzt werden. Die 
Webeart des Schürztuches ist eine glatte; insbesondere wurde 
der Einschlag nicht fest angeschlagen. Seinem Zwecke ent- 
sprechend durfte dasselbe nämlich nicht zu fest gewebt sein; 
denn zum Abwaschen und Abtrocknen eignet sich besser ein 
losgewebtes, weiches Tuch als ein festgewebtes, hartes Tuch. 
An den Breitseiten weist dasselbe eine 0,005 m breite, ver- 
bleichte, tiefblaue Leiste mit der Franze auf, die bei der Um- 
gürtung immer nach unten fielen. Durch die Länge der Zeit 
hat es eine gelbliche Farbe angenommen *. Nach Grösse, Webe- 



] ) Bock, Die Reliquienschätze von Burtscheid und Corneliinünster. 
Düsseldorf 1895 S. 28. „Ein ähnliches Leinengewebe von gleicher gelblicher 
Farbe und durchaus ähnlicher Textur und materieller Beschaffenheit fanden 
wir vor wenigen Jahren in der Bibliothek der ehemaligen Abtei von St. Gallen 
in der Schweiz an einer Mumie vor, welche in einem solchen Leinengewebe 
in ägyptischer Weise eingewickelt war." Die in der Domkirche zn Lüttich 
iiufbewahrte Reliquie vom Linteum Domini, 32 cm laug und 33 cm breit, mit 
einer 9'/ 2 cm langen, aus vorstehender Kette gebildeten Franze ist ein alt- 
orientalisches Gewebr. Da dasselbe aber an beiden Seiten eine Seifkante hat, 
so ist die Herkunft von unserem Heiligtum ausgeschlossen. Die Möglichkeit, 



— 67 — 

art nnd Verzierung kann das Heiligtum also als ein Tuch 
gelten, wie solches bei den Fusswaschungen gebräuchlich war. 
Mass unser Schürztuch als solches auch gebraucht 1 wor- 
den zu sein scheint, folgern wir ans den verschiedenen bis zu 
5 cm grossen, rundlichen Flecken, welche sich an dem Rande 
einer Breitseite befinden, und ans der mehr als fussgrossen, 
dunklen Stelle gegen die Mitte hin. Wegen ihrer rundlichen 
Form dürften diese Flecken- aber von einer Salbe oder einem 
Oele herrühren, womit bei dieser Gelegenheit auch vielfach 
die Füsse gesalbt wurden. Um die Reliquie besser zu con- 
servieren, wurde dieselbe im Jahre 181)5 auf eine Unterlage 
von roter Seide aufgenäht. Von alters her wird dieselbe von 
Heiligtunisfahrt zu Heiligtumsfahrt in einer grünseidenen Um- 
hüllung aufbewahrt. 



dass diese Reliquie als weiteres Tuch bei der Fasswaschung benutzt wurde, 
kann ruhig zugegeben werden. Vielleicht liegt auch eine Verwechslung mit 
einem Tuche vor, das bei der Abwaschung des hl. Leibes gebraucht worden 
ist. Lieber die Reliquie vom Linteum Domini, welche einige Mönche von 
ihrer Heise nach Jerusalem am 8. Dezember 1014 mich Monte-Casino gebrachl 
hatten, wo dieselbe in einem kostbaren Reliquiare aufbewahrt wurde (vergl. 
Leo Ost, Chron. in M. G. T. VII. Lib. 2 c. 31), fehlen uns weitere Nach- 
richten, i >li dieselbe ein Stück von dem Streifen war, der möglicherweise 
in Jerusalem zurückbehalten wurde, müssen wir dahin gestellt sein 
lassen. 

1 ) Nach den Worten des heil. Evangelisten Marcus c. 14, 15 „Lud er 
wird euch einen grossen, eingerichteten Speisesaal zeigen, daselbst richtet 
für uns zu;" desgl. Lucas c. 22, 1^ gehörten die bei der Fusswaschung und 
dem Mahle gebrauchten Gegenstände zur Einrichtung des Saales. Danach 
durfte unser Schürztuch also schon öfters gehraucht werden sein. 

2 ) im Volksmunde wird der grössere Flecken als Judasfuss bezeichnet. 
Sehen in der Abbildung des Schürztuches vom Jahre 1468 (vergl. S. IT 
dieser Fuss eingezeichnet und in der Urkunde des Abtes Heinrich von 
Binsfeld vom 15. Aug. 1517 in Ann. Bd. 52 S. 1 Tii heissl es: „et in quo 
maculo pedurn Jude in hodierna die apparent." Das Beiligtumsbüchlein 
vom Jahre 1776, S. 7 hat darüber folgende Angabe .. W'an du aber an 
diesem Heil. Schürz-Tuch einige Flecken oder Mahlzeichen vermerkest 
bedenke, dass dein Göttlicher Erlöser . . . die Abscheulichkeit des Ver- 
rätherischen Meineyds, den Judas an -einem Meister ausgrübet, gar lebhaft 
hahe abmahlen lassen u. s. w." 



— 68 — 

Sindon munda. 
(Das heil. Grabtucli.) 

Das zweite evangelische Heiligtum, welches in der Pfarr- 
kirche zu Cornelimünster aufbewahrt wird, ist die sindon munda, 
im Volksmunde: das Grabtuch Jesu Christi. Dieselbe misst in 
der Breite einschliesslich der beiden Seifkanten 1,80 m und in 
der Länge einschliesslich der aus vorstehender Kette gebildeten 
Franze 1,05 m. Das Längenmass von 1,05 m scheint aber 
nicht die ursprüngliche Länge gewesen zu sein, dieselbe wird 
vielmehr das Doppelte, nämlich 2,10 m betragen haben, wie das 
näher unten ausgeführt werden soll. Ausserdem ist an einer 
Ecke ein Stück ausgeschnitten, wodurch die Länge allmählich 
um 0,4 bzw. 0,9 m, die Breite um 0,43 m verkürzt wird. 

Um zunächst das Heiligtum sindon munda begrifflich klar- 
zustellen, ist zu bemerken, dass das Wort sindon 1 im allge- 
meinen die Bezeichnung für sehr feine kostbare Leinwand ist, 
dass dann ferner jedes Linnengewebe damit bezeichnet wird, 
welches als Tuch oder Kleid gebraucht wird. Endlich sind 
unter sindon munda alle die Linnenstücke zu verstehen, 
welche Joseph von Arimathaea am Todestage Christi in einein 
Bazar zu Jerusalem gekauft hatte. Als Sammelbegriff ist 
sindon munda deshalb auch bei den Evangelisten Mathaeus, 
Marens und Lucas aufzufassen. So heisst es bei Math. c. 27, 59. 
„Joseph involvit illud in sindone munda" griech. givSovt xafrapä. 
„Und Joseph nahm den Leichnam und wickelte ihn in reine 
Leinwand." bei Marc. 15, 46. „Joseph autein mercatus sindonem et 
deponens eum involvit sindone" griech. atvSovt, ty] acvSövt. „Joseph 
aber kaufte Leinwand, nahm ihn vom Kreuze ab und wickelte 
ihn in die Leinwand," und bei Luc. c. 23, 53 „et depositum invol- 
vit sindone" griech. atvoovt. „Und er nahm ihn ab und wickelte 
ihn in Leinwand." Dass die drei Evangelisten sindon als Sammel- 
begriff verstanden wissen wollten, beweist uns der Bericht bei 
dem hl. Evangelisten Johannes, der c. 19, 40 also lautet: „Acce- 
perunt ergo corpus Jesu et ligaverunt linteis cum aromatibus, 
sicut mos est Judaeis sepelire." „Sie nahmen nun den Leichnam 



M Chiffletius, De linteis sepulebralibus Cliristi. Antwerp. 1624 p. 20. 

Sindonem, de qua Mathaeus Marcus, et Lucas, interpretor lintea onmia, quae 

ad Christi sepulturam quoquo modo adhibita sunt, sive quae intra sepulehri 

septa conclusa fuerunt. ver^l. ferner c. 5. Sindonis ac sudarii sxupov et 

iguilii-atiu multiplex, utrumque ad funera traduetum. 




Sindon munda (Das hl. Grabtuch). 



— 69 — 

Jesu und banden ihn in Linnen samt den Spezereien, wie es 
Sine ist bei den Juden zu begraben." Ferner fanden die Apostel 
Petrus und Johannes im Grabe mehrere Tücher; denn wir lesen 
ebendort c. 20. 5, 6 und 7. „Et quum sc inclinasset, vidit posita 
linteamina, nun tarnen introivit. Venit ergo Simon Petrus sequens 
eum, et introivit in monumentum et vidit linteamina posita. Kl 
sudarium, quod fuerat super caput ejus, non cum linteaminibus 
positum, sed separatim involutum in unum loeuni." „Und sich 
vorbeugend, sah er die Leintücher daliegen, ging jedoch nicht 
hinein. Simon Petrus kam ihm nun nach, ging hinein in das 
Grab und sah die Leintücher daliegen und auch das Schweiss- 
tuch, das auf seinem Haupte gewesen, nicht zu den Leintüchern 
gelegt, sondern besonders zusammengewickelt.'' Ja Lucas selbst 
spricht bei der Auferstehung von Leintüchern c. 24, 12: „ei 
proCumbens vidit linteamina sola posita." „Und sich vorbeugend 
sah er bloss die Leintücher liegen." Daher kann Christus nicht 
in einem einzigen Tuch begraben worden sein 1 , sondern ist 
nach jener jüdischen Sitte- begraben worden, wobei der Leich- 
nam mit feinen leinenen Tüchern (Streifen) und Binden enge 
umwickelt wurde. 

Die Grösse unseres Heiligtums legt die Vermutung 
nahe, dass es bei der Bestattung des Herrn einem 
anderen Zwecke gedient hat. Dasselbe ist nämlich ein 
aussergewöhnlich kostbares Linnengewebe, das nach (Inisse. 
Stärke und Webeart einem alt-orientalischen Teppich gleicht. 
Wahrend nun die übrigen Tücher, die zur sindon munda gehör- 



') Vergl. dazu S. Thomas, Catena aur. Avenione 1851. p. : ;s- J in Juli. 
19. Neque hie repugnat quidquam reete intelligentibus nee cniro (Mathacus, 
Marcus et Lucas) qui de Nicodeino tacuerunt, affirmaverunl a solo Joseph 
Dominum sepultum, quam vis solius commemorationem fecerint: am quia illi 
una sindone a Joseph involutum dixerunt, propterea prohibuerunt intelligi, 
et alia Lintea potuisse adferri a Nicodemo, et superaddi; ul verum narraret 
Johannes, quod non uno linteo, seil Linteis involutus sit, quamvis et proptei 
sudarium, quod capiti, adhibebatur, et institas, quibas totum corpus alliga- 
i um est, quia orania de Lino erant, etiamsi una sindon ilii fuit, verissime 
dici potuit, ligaverunt eum linteis, Lintea quippe generalitcr dieuntur, quae lino 
texuntur. 

-) S. Augustinus Tract. in Joh.c. 12 bei Magno Patrol. lat T. \\\\ . P. 1954 
macht dazu die Bemerkung: Non mihi videtur evängelista frustra diecre voluisse, 
sicut mos est Judaeis 8epelire; Lta quippe nisi fallor admonuit in hujusraodi 
offieiis, quae mortuis exhibetur, morem uujusque gentis esse 3ervandum. 



— To- 
ten, dazu dienten, den vom Kreuze abgenommenen heil. Leib 
einzuhüllen, wird unser Grabtuch wohl jenes Tuch gewesen 
sein, auf welchem der Erlöser nach der Abnahme vom Kreuze 
ruhte, jenes Tuch, auf welchem der Herr zum Begräbnis zube- 
reitet, nämlich gewaschen, in leinene Tücher eingehüllt und ins 
Grab getragen wurde. Diese Auffassung stützt sich auf fol- 
gende Sitte der Juden. Es war Brauch, gleich nach dem Tode 
die Leiche aus dem Bette zu heben und sie auf den mit Stroh, 
Tuch, Sand oder Salz bestreuten Boden des Zimmers oder aber 
auf die Erde zu legen. Hierauf nahm eine dazu bestimmte 
religiöse Genossenschaft den Leib in Empfang, wusch ihn mit 
warmem Wasser, schor das Haupt, rieb ihn mit Oel und Speze- 
reien und kleidete ihn in linnene Gewänder. 

Die Ueberlieferung hat unser Heiligtum immer mit dem 
Namen sindon munda bezeichnet, aber nicht entschieden, wel- 
chem besonderen Zwecke es bei der Bestattung des Herrn 
gedient hat. Der Volksglaube und die Pilgerbüchlein haben 
sindon munda als ein einziges Leinentuch aufgefasst. Deshalb ist 
unser Heiligtum immer Grabtuch Christi genannt worden, ob- 
schon Christus nach dem oben geführten Beweis nicht in ein 
einziges grosses Leinentuch eingewickelt wurde. Zu dieser 
Auffassung kann Anlass gegeben haben: 1. Die Einzahl sindon 
munda bei den hl. Evangelisten Matthaeus, Marcus und Lucas 
und 2. eine alte und dann auch die spätere Sitte der Juden, 
die Toten in ein grosses Leichentuch einzuhüllen. Trotzdem 
bleibt unserem Heiligtum mit Recht der althergebrachte Name 
Grabtuch Christi und die alte Verehrung bewahrt, weil es bei 
der Bestattung Christi den Leib des Herrn getragen hat. 

Wir bezeichneten vorhin das Grabtuch als ein kunstvolles, linne- 
nes. teppichartiges Gewebe. Nach seinem stofflichen und technischen 
Teile wurde dasselbe von dem zur Zeit besten Kenner 1 antiker 
textilen Stoffe also beurteilt: „Sämtliche Musterungen der sin- 
don munda sind durch Einschlagsfäden in Weise der heutigen 
Sammtweberei aus feinem Byssusleinen so gebildet, dass die 
aufrechtstehende Schur, welche die Dessins bildet, nicht durch- 
schnitten ist, sondern die halb erhabenen, vorspringenden Muste- 
rungen bilden in den einzelnen Fäden, ähnlich wie dies bei den 
heutigen ungeschnittenen Velourteppichen der Fall ist, runde, 



') Bock, Die Reliqnienschätze von Bartscheid, Cornelimünster S. 31. 



— 71 — 

geschlossene Maschen, eine Technik, wie sich dieselbe bei keinem 
bis heute bekannt gewordenen figuralen Leinengewebe des 
Mittelalters vorfindet, und welche allein dem hohen Altertum als 
Vorläuferin der Plüsch- und Sammetweberei anzugehören scheint." 
Die Idee bzw. das Bild, welches durch die verschiedenen 
Figuren im Grabtuche zur Darstellung - gebracht wird, scheint. 
nach dem Mithrasdienst 1 und verwandten Kulten zu urteilen, der 
Umlauf der Sonne zu sein. Auf Mithrasdienst lassen sich z. I». 
beziehen die in den Sechsecken unserer Abbildung angebrachten 
Pferde. Diese Pferde wären dann die 4 weissen Renner-, 
welche den Wagen des Mithras ziehen. Weiter könnte man 
an Mithras als Schlangentöter denken, wenn die bandartigen 
Windungen, welche in den Vierecken eingezeichnet sind, Schlangen 
vorstellen sollen. Was unser Gewebe aber besonders merkwürdig 
macht, ist das iu demselben mehrfach enthaltene Monogramm 3 
für „Gott" und „höchste Gottheit", wie solches in den Keil- 
schriftarten der Völkerschaften West- und Mittelasiens vorkommt. 
Es ist dieser Schriftzug ein geradliniger, achtstrahliger Stern, 
in unserer Abbildung der in der oberen und unteren Ecke der 
Sechsecke an den Langseiten befindliche Stern, welcher einem 
Malteserkreuz gleicht. Dieser Schriftzug kann in die beiden 
Figuren 4 der crux commissa + und der crux decussata X zerlegt 



*) Ueber „sol invictus" und die persischen Mithrasmysterien vergl. 
Preller, Rom. Mythol. Berlin 1883 Bd. 2. S. 408 ff. Desgl. Windischmann, 
Mythras. Ein Beitrag zur Mythengeschichte des Orients Leipzig 1857. 
Hudec, Die .Mysterien des Mithra in der Ztschrft: Die Kultur u. s. \v. Wien. 
1907 Heft 1 S. 75 ff. 

-) Windischmann S. 12. 15. IG. 

s ) von Tbimus, Die harmonicale Symbolik des Altertums, Köln 1876, 
Bd. 2. Anhang. S. 399 Ü\ üeber die symbolisch-typische Bedeutung und den 
vorzeitigen Ursprung des. den anarisch-semitischen (balylouisch-assirischen) 
und bez. japhetidisch-arischen (iranisch-persischen und turanisch scytischen) 
Keilschriftarten der Völkerschaften West- und Mittelasiens gemeinsamen 
theosophischen Monogramms (ein geradlinigter achtstrahliger Stern) als ideo- 
graphischen Wort-Schriftzuiros für die Begriffe „Gott" und „höchste Gott- 
heit". Es ist das alttestamentliche Heils- und Sühnezeichen, der Buchstabe 
Tau. Vergl. Holzammer-Selbsl . Handbuch der biblischen Geschichte. Frei- 
burg 1906. F.d. 1. s. 908. Qeber das Kreuzeszeichen auf antiken Grabmauern 
von Aegypten, Assyrien. Chaldäa, Troja, Phoonizien, Griechenland u. s. w. 
vcr^l. Kathol. Missionen. Freiburg 1895. s. [34 ff. 

') von Thimus, Bd. 2. S. 240, 249, 349. 



ra — 



werden. Als crux commissa findet sich diese Figur je fünfmal 
an den beiden Langseiten und je viermal in der zweiten Reihe 
der Sechsecke an der Langseite. In den Sechsecken an den 
Langseiten ist die crux decussata in einem länglichen Viereck 
eingezeichnet, das nach Anaximenes, Diogenes von Apollonia 
und anderen Philosophen die Welt vorstellt. Diese Darstellung 
der crux decussata im Viereck ist offenbar gleichbedeutend mit 
der ägyptischen Hieroglyphe der crux decussata in einem Kreise, 
welches die Weltseele bedeutet. Nach diesen Ausführungen 
kann es keinem Zweifel unterliegen, dass das Grabtuch ein alt- 
orientalisches Gewebe ist. Näher wird dasselbe dann von einem 
Kenner als ein Gewebe aus der Zeit Christi bestimmt aus folgenden 
Gründen: „Es finden sich in demselben aber die Einflüsse der zur 
Zeit des Kaisers Augustus in Aegypten, Syrien und Judaea vorherr- 
schenden Formen der griechischen Kunst an jenen eigentüm- 
lichen, mäanderförmigen Ornamenten vertreten, wie sie in den 
Einfassungen der Sechsecke, desgleichen in dem mittleren Viereck 
in auffallenden Formen gekennzeichnet sind 1 ". 

Nach der Ueberlieferung besitzt unsere Kirche aber nicht 
mehr wie ehedem das ganze Grabtuch, sondern nur einen Teil 
desselben; der andere Teil soll, wie früher 2 auseinandergesetzt 
wurde, gegen Umtausch der Reliquien des heiligen Cornelius und 
Cyprianus durch Kaiser Karl den Kahlen um das Jahr 876 nach 
Compiegne gekommen sein. Die Dimensionen der beiden 
Heiligtümer stimmen nun scheinbar nicht überein. Wenn wir 
bei unserer Reliquie von der Länge und Breite derselben im 
textilen Sinne absehen und statt dessen die natürliche Grösse 
ins Auge fassen, so hatte dieselbe eine Länge von 1,81 m und 
eine Breite von 1,05 m, während die leider zu Grunde gegangene 
Reliquie zu Compiegne nach einem Befund 3 vom 28. August 1628 
zwei Ellen, bzw. 2,38 m lang und mehr als eine Elle, bzw. 
bis 1.22 m breit gewesen sein soll. Die Massangabe „zwei Ellen 
lang und mehr als eine Elle breit" lässt darauf schliessen, dass 
die Grösse des Heiligtums nicht genau, sondern nur schätzungs- 
weise angegeben wurde. Unter dieser Voraussetzung würde 



') Hock, Ileliquiensehätze S. 31. 

'-') Jahrg. XIX, S. 152 dieser Zeitschrift. 

i Morel p. 87 Proces-verbal. „ayant en longuenr deux aulnes et 
plus «[ii'une aulne de largcur". Nach einer Mitteilung der Directum der 
Nationalbibliothek in Paris war die alte französische Klle gleich 1,18844 m. 



— 73 — 



der Unterschied von 0,15— 0,17 m bei den Breiten zn gering 
sein, als dass dieselben nicht als gleiche angenommen werden 
dürften. In den Längen ist die Differenz ja eine bedeutend 
grössere, aber wie leicht bei einem Längenmass von 1,81 ra eine 
irrtümliche Abschätzung um 0,57 m möglich ist, leint ja die täg- 
liche Erfahrung. Im Gegensatze zu anderen Grabtüchern wurde 
dann von dem Heiligtume in Compiegne noch besonders hervor- 
gehoben, dass dasselbe auch nicht eine Spur von irgend welchen 
Umrissen des hl. Leibes bzw. von einem Hilde des Gekreuzigten 
aufweist 1 . (Jan/ dasselbe gilt auch von unserer Reliquie. Nach 
diesen Ausführungen kann es darum als eine ausgemachte Sache 
betrachtet werden, dass die Heiligtümer von Cornelimünster und 
Compiegne sich gegenseitig ergänzt haben. Ein Beweis, dass 
unser Heiligtum die Hälfte eines einheitlichen Ganzen ist. lässl 
sich unseres Erachtens auch aus der Sache selbst herleiten. 

Stellen wir uns zu diesem Zwecke unser Grabtuch noch 
einmal so gross vor, als wie es jetzt ist, nämlich 2,10 m lang- und 
L,80 m breit, dann weiden wir finden, dass die verschiedenen 
eingewebten Figuren nach ihrer Anzahl in einem bestimmten 
Zahlenverhältnis zu einander stehen. An den Langseiten z. B. 
finden sich 1. je 10 cruces commissae und je 18 kleine Sterne. 
Wenn wir diese Zeichen nun nach ihrer Anzahl miteinander 
multiplizieren, so macht das 10X18X2 = 360. 2. Dasselbe gilt 
von den je IS Sechsecken und den je 10 cruces commissae an 
den Langseiten: 18X10X2 = 360. 3. An den beiden Lang- 
seiten je 10 cruces commissae und in jedem der 9 Sechsecke an den- 
selben je zweimal das Monogramm für „Gott": !) X 2 X10 x 2 = 360. 

4. de 4 cruces decussatae in jedem der neunreihigen Vierecke 
in Verbindung mit den 10 cruces commissae: 9X4X10 = 360. 

5. In den lo Vierecken, welche an <\^\\ Sechsecken der Lang- 
seiten anstossen, werden zusammen 18 Sterne gezählt: 1SX10 
x 2 = 360. »>. In den Vierecken der mittleren Reihe befinden 



') Chifflctius p. L60. Sindoncm Compendiensem . . . quamque Claudius 
Campegius in libello de Locis sanetis Galliae scribit imagine Christi Domini 
minime signatam esse, üeber die fälschlicherweise für Grabtücher Christi 
gehaltenen bemalten Tücher zu Besan§on und Turin yergl. Stimmen von 
Maria Laach. L902. Befl 3 and 9. Chevalier, Etüde critique sur l'originc 
du saint suaire de Lirrey-Chambery-Turin. Paris 1900. Le sainl suaire 
de Besancon par Gauthier, Mömoires de la soeiöte" d'eraulation du Doubs. 
1902. 



— 74 — 

sich 18 kleinere Vierecke und 20 Sterne: 18X20 = 360 u. s. w. 

Nach dieser Aufstellung- muss es mit der Zahl 360 als 
einheitlichein Ganzen eine besondere Bewandtnis haben. Und in 
der Tat würde das nach unserer Voraussetzung-, wonach auf 
dem Grabtuche der Umlauf des Jahres dargestellt werden soll, 
bei dem alexandrinischen Jahre zutreffen, das auf 360 Tage 
berechnet wurde l . Endlich lässt dann auch die Zehnzahl der 
cruces cominissae an den beiden Langseiten, sowie die Zehn- 
zahl der zwei Reihen Vierecke, als die Zahl des Abschlusses, 
der Vollendung, als die decem litterae sacerdotales ' J darauf 
schliessen, dass unser Heiligtum ursprünglich doppelt so gross 
gewesen ist, als wie es jetzt ist, und dass wir nurmehr die 
Hälfte desselben besitzen. 

Zum Schluss erübrigt noch zu beweisen, dass unser Heilig- 
tum in Bezug auf seine Länge identisch ist mit jenem Grab- 
tuche, welches zur Zeit des Sarazenenkönigs Majuvius in der 
Mitte oder gegen Ende des 7. Jahrhunderts in einer Kirche zu 
Jerusalem aufbewahrt wurde. Dort sah und verehrte dasselbe 
der französische Bischof, der hl. Arculphus, als es einer andäch- 
tigen Volksmenge zur Verehrung vorgezeigt wurde. Der hl. 
Adamnanus, Abt des Klosters Hy auf der hebridischen Halb- 
insel Jona (achtzigjährig, f am 23. September 704), hat uns 
darüber einen Bericht 3 hinterlassen, wie er ihn aus dem Munde 
dieses Bischofes vernommen hatte. Derselbe lautet also: Was 
ich nun von dem hl. Tuche 1 erzählen will, welches auf dem 



') L er seh, Einleitung in die Chronologie, Frciburg 1899. S. 30, 31, 142. 

-) von Thimus. Bd. 2 S. 103 ff. 

3 ) S. Adamnanus abb. Hiiens. De locis sanetis bei Migne Patrol. lat. 
T. LXXXV. e. 10 p. 786. Kürzer findet sich dieser Bericht bei Yen. Bedac, 
Blpitome triuin libellorum, quos Adamuauus, De locis sanetis, conscripsit. 
Col. 1688 T. III. p. 365. Lib. 1 c. 5. Der in dieser Erzählung erwähnte 
Saracenkönig Majuvius, gricch. Mavias (Navias eine corrumpirte Lesart) 
wäre nach Floss S. 103 der Chalif Moawjjah, der Stifter der Ommajjaden, 
635 — 644. Nach anderer Angabe starb Majuvius um 678, dies würde auch 
besser entsprechen der Stelle bei Beda I.e. Majuvius Saraccnoruin rex, qui 
nostra aetate fuit. 

4 ) Adamnanus 1. c. De 11 lo quoque sacrosaneto sudario, quod in sepulcro 
super caput ipsius fuerat positum; Beda 1. c. Sudarium capitis Domini. 
[Jeber sindon und sudarium vergl. S. 1 n. 1. So werden auch die Heiligtümer, 
welche sich in den französischen Abteien von Flcury um 1027, und Cadoin 



— 75 — 

Antlitze des Herrn gelegen, habe ich von dein hl. Arculphus 
vernommen, der dasselbe mit eigenen Augen gesehen und sich 
für die Genauigkeil seiner Angabe auf die ganze Bevölkerung 
von Jerusalem beruft. Was demselben oft berichtet wurde, und 
was er immer mit Aufmerksamkeit gehört, ist jene Tatsache, 
die sich vor kaum mein- als drei Jahren ereignete. Ein Juden- 
christ, weicherden Wert des hl. Leinentuches erkannt hatte, stahl 
dasselbe aus dem Grabe des Erlösers und hielt es in seinem 
Hause verborgen. Nach einer langen Reihe von Jahren kam 
dasselbe wieder ans Tageslicht. Als nämlich dieser glückliche 
und sehlaue Dieb zum Sterben kam, rief er seine beiden Söhne 
zu sich, zeigte ihnen den geraubten Schatz und sprach: ..Wer 
von euch zieht dieses hl. Tuch allen meinen Gütern vor." „Ich" 
sprach der eine von beiden, „werde dasselbe gerne an mich 
nehmen". Dem anderen fiel dann das übrige Erbe zu. Aber 
siehe da, von jenem Tage, wo der Reichtum des Letzteren auf 
diese Weise vermehrt worden, gingen die Geschäfte zurück, und 
bald war das ganze Vermögen dahin. Der andere Bruder aber. 
welcher das heil. Tuch als sein Erbteil vorgezogen hatte, wurde 
von Tag zu Tag reicher, und die himmlischen Güter gingen 
ihm dabei nicht verloren. Von den Nachkommen dieses Mannes 
wurde (las heil Grabtuch fünf Generationen hindurch ehrerbietig 
aufbewahrt; darauf fiel dasselbe in die Hände von ungläubigen 
Juden. Doch auch diese bewahrten dasselbe vor Verunehrung, 
und dafür wurde ihnen zeitlicher Segen in reichem Masse zu 
Teil. Unterdessen hörten die Judenchristen nicht auf, mit den 
ungläubigen Juden über die Herkunft und den Wert des Heilig- 
tums zu st leiten und dasselbe als ihr Eigentum zurückzufor- 
deren. Die Bevölkerung von Jerusalem spaltete sich infolge 
dessen in zwei Parteien. Auf der einen Seite standen die 
gläubigen Judenchristen, auf der anderen Seite die ungläubigen 
• luden. Bei dieser Lage der Dinge wurde der Sarazenenkönig 
Majuvius als Schiedsrichter angerufen. Dieser liess nun auf 
öffentlichem Platze einen Scheiterhaufen anzünden und sprach 



um 1116 vgl. Floss S. 120, 121, zu Rom im Lateran und in Maria Maggiorc 
vgl. ebenda S. 222 und zu i 'onstantinopel um 1247 ^ gl. ebenda S. 105, befanden, 
bezw. sich befinden, bald sindon bald sudarium genannt, l'ml da sindon der 
Sammelbegriff ist für all das Linnen, welches bei dem Tode des Herrn 
gebraucht wurde, so können die erwähnti n Reliquien rechl wohl dort auf- 
bewahrt worden sein. 



— 76 — 

dann zn dem versammelten Volke: „Heiland der Welt, der du 
für das menschliche Geschlecht gestorben, mit diesem Tuche 
auf dem Antlitze im Grabe gelegen, entscheide zwischen beiden 
Parteien durch dieses Feuer und lass erkennen, wem dieses 
Heiligtum in Zukunft gehören soll." „Mit diesen Worten 
warf er dasselbe in die lodernden Flammen, aber das Feuer 
vermochte demselben nichts anzuhaben. Gleich einem Vogel mit 
ausgebreiteten Flügeln erhob sich dasselbe in die Lüfte, schwebte 
eine Zeit lang über den Häuptern der beiden Parteien und ging 
endlich auf Seite der Judenchristen langsam nieder. Voller 
Dank und Freude warfen dieselben sich auf die Kniee und 
erhoben ihre Hände gegen Himmel. Darauf nahmen sie den 
kostbaren Schatz, umwickelten denselben mit einem anderen 
Linnen und verschlossen ihn in einem Schreine der Kirche. Als 
das Heiligtum eines Tages aus dem Schreine genommen und 
einei' andächtigen Volksmenge zur Verehrung vorgezeigt wurde, 
da hat auch Bischof Arculphus dasselbe geküsst. Es ist aber 
ungefähr acht Fuss lang." 

In diesem Berichte, der nach orientalischer Weise aus- 
geschmückt ist, sind es zwei Dinge, die uns interessieren, 
erstens dass das Heiligtum immer sorgfältig aufbewahrt 
worden ist, und zweitens dass dasselbe etwa acht Fuss 
lang war *. Dieses Mass von acht Fuss wäre, nach dem Mittel 
des Pariser Fusses 0,325 m und des englischen Fusses 0,305 m 
ausgedrückt, im ganzen etwa 2,52 m. Diese auf ungefähr von 
2,52 m bzw. 8 Fuss abgeschätzte Länge der Jerusalemer Reli- 
quie würde mit der ursprünglichen Länge unseres Heiligtums von 
2,10 m um 0,42 m bzw. um einen Fuss stark differieren. Da nun 
aber, wie schon vorhin bemerkt wurde, ein solcher Unterschied 
bei Abschätzung eines Längenmasses von 2,10 m sehr wohl 
möglich und erklärlich ist, so kann damit nach dieser Seite die 
Identität der beiden Heiligtümer als erwiesen gelten. 

Seit dem Jahre 1895 hat auch das Grabtuch eine rot- 
seidene Unterlage erhalten; aufbewahrt wird dasselbe in einer 
Umhüllung von roter Seide. 



') S. Adamnanus 1. c. mensuram longitudinis quasi oetenos Indiens 
pedcs. Beda 1. c. Babebal autem longitudinis octo pedes. 




Linteum Domini (Das hl. Schürztuch). 



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Sudarium Domini (Das hl. Schweisstuch). 



— 77 — 

Sudarium Domini. 
(Das heil. Schweisstnch). 

Bei den Juden bestand die Sitte, das Haupt eines Ver- 
storbenen mit einem Tuche zu umhüllen. Ein Beispiel für 
diesen Brauch haben wir an Lazarus, von dein der heil. Johannes 
sehreibt c. 11, 44 ..und sein Angesicht war mit einem Schweiss- 
tuche zugebunden", linser Heiligtum wird nun für jenes Tuch 
gehalten, von dem derselbe Evangelist sagl c. 20, 7 ..und auch 
das Schweisstnch, das auf seinem Haupte gewesen, nicht zu 
den Leintüchern gelegt, sondern besonders zusammengewickelt 
an einem eigenen Orte'". Je nachdem der Verstorbene im Leben 
arm oder reich gewesen, oder nach der Stellung, welche der- 
selbe bekleidet hatte, war auch das Schweisstuch einfach oder 
reicher. Der Wert eines solchen wurde beurteilt nach der 
Zartheit und der Grösse 1 des Gewebes. Ein Schweisstnch. wie 
die in Frage stehende Reliquie, konnten aber nur reiche Leute, 
wie Joseph von Arimathaea, Nicodemus und Maria Magdalena 
anschaffen. Dasselbe ist ein alexandrinischer Byssus 2 , nämlich 
ein äusserst zartes Gewebe, so fein wie Spinngewebe und so 
dünn, dass es, obwohl sechszehnfach übereinandergelegt und 
auf einer rotseidenen Unterlage aufgenäht, doch noch dieselbe 
durchscheinen lässt. Im Preise kam der Byssus dem Purpur 
gleich, man erinnere sich nur an den reichen Prasser, der sich 
in Purpur und Byssus kleidete. Da sich im Laufe der Zeit 
bei dem Gewebe viele Fäden von einander gelöst hatten, so 
wurde dasselbe, um weiterem Verfalle vorzubeugen, im Jahre 



') Bock, Die textilen Byssus-Beliquien . . . zu Köln, Aachen, Come- 
limünster, Mainz und Prag. Aachen 1895. S. 15. „Bei der Enthüllung der 
.Mumie des ägyptischen Königs Ramses II. wurde von dem Eaupte desselben 
eine auffallend grosse Meterzahl dieses äusserst delicaten ßyssuslinnen 
abgewickelt." 

'-') Ebend. S. 4 u. 5. Bei einer auf Veranlassung des früheren Pfarrers 
in Mombach, des jetzigen Diözesanarchivars Prof. Dr. Kalk in Klein- 
Winternheim bei Mainz vorgenommenen Untersuchung eines Fadens von 
unserem Schweisstuch bei 160— 300fachcr Vergrösserung wurde dasselbe 
als äusserst feine Linnenfaser constatiert. Anz. für die kath. Geistl. Frankfurt, 
15. Fein-. 1882 ii. Annal. Bd. 52. S. 161. (»I, nach der weiteren Ansicht 
des Begutachters die hairfartige und nicht die Linnenfaser den Byssus kenn- 
zeichnen soll, ist (Vir die Sache selbst ohne alle Bedeutung. 



— 78 — 

1860, sechszehnfach übereinandergelegt. auf eine Unterlage auf- 
genälit und zuletzt im Jahre 1895 mit einer Schutzdecke aus 
feinstem Schleierstoffe versehen. In dieser Einfassung beträgt 
die Länge desselben 0,39 m und die Breite 0,22 m. Mag das- 
selbe nun nach der Lang- oder Breitseite übereinandergelegt 
worden sein, in jedem Falle ist es jetzt 3,52 in bezw. G,15 m 
gross. 

Von unserem Schweisstuche befinden sich sodann einzelne 
Teile im Mainzer Dom ' und in der dortigen Pfarrkirche zum 
heil. Emmeran. Das Stück in Aschaffenburg ist von Mainz 
dorthin gekommen. Was die Uebereinstimmung 2 dieser Stücke 
mit unserer Reliquie angeht, so kann dieselbe nach den Unter- 
suchungen im Jahre 1809 als erwiesen angenommen werden. 
Die Herkunft dieser Reliquien wird auf die heil. Bilhildis, die 
Stifterin des Frauenklosters Altenmünster in Mainz, zurückge- 
führt (f 635?), welche dieselben von einer fränkischen Fürstin 
Kunigunde erhalten haben soll. Um diese Ueberlieferung zu 
begründen, könnte man sich berufen auf die Beziehungen zwi- 
schen den byzantinischen Kaisern und den fränkischen Fürsten 3 
z. B. auf den Kaiser Justinus II. und seine Gemahlin Sophia, 
welche die thüringische Königstochter, die heil. Radegundis, 
Gemahlin des Frankenkönigs Chlotar L, um das Jahr 569 mit 
einer Kreuzpartikel beschenkten 4 , ferner auf den Bericht 5 des 
heil. Angilbert, wonach sich im Aachener Schatze Reliquien 
befanden, welche vor Kaiser Karl dein Grossen von den früheren 
Königen gesammelt worden, und endlich auf König Pipin, wel- 



M Seranus, Mogunt. rer. Ibid. 1604. De s. Bilhilde p. 281—286. Inter 
alias reliquias dono a principe quadam femina, cui Kunigundis uoraen, acce- 
pisse sudarium, quo Christi Domini Caput et facies etc. Ibid p. 72. In 
sacristia summi templi asservatur pars sudarii Domini etc. Ibid. 1. c. Alia 
item pars in alto virginum monasterio . . . explicatur etc. 

2 ) Ebend. S. 13 u. 14. 

3 ) Greg. Tur. Hist. Franc. Lib. 2. c. 38. Lib. 4. c. 40. Lib. 5. c. 20 
u. 30. Lib. 6. c. 40 u. 43. Lib. 7. c. 28. 32 u. 36. Karcb, Die hl. Bilhildis, 
Würzburg 1870. S. 67 u. 68. 

') Greg. Tur. 1. e. Lib. 9. c. 40. Venant. Fortunat. Carm. Lib. 2. 
c. 1—7. 

r ') Vgl. Jahrg. XIX, S. 149 f. dieser Zeitschrift, 



— 79 — 

eher die Sandalen 1 des Herrn, welche er von dem Papste 
Zacharias erhalten hatte, im Jahre 762 an das Kloster Prüm 
geschickt hatte. Soviele Gründe aber auch für diese Ansicht 
sprechen, so halten wir es doch für wahrscheinlicher, dass das 
Heiligtum zu einer späteren, aber doch fränkischen 2 Zeil etwa 
unter Kaiser Ludwig dem Frommen durch den hl. Mainzer 
Erzbischof Rhabanus Maurus dorthin gekommen ist, und dass 
die Ueberlieferung den Erwerb der Reliquie deswegen an den 
Namen der heil. Bilhildis angeknüpft :l hat, weil dieselbe in dem 
von der Heiligen gestifteten Frauenmünster aufbewahrt wurde 
Von d^n drei grossen Heiligtümern gilt das Schweisstuch 
als die kostbarste Reliquie, weil sie das Haupt: des Herrn im 
Grabe bedeckte; aufbewahrt wird dieselbe in weisser Seide. 

') In der Urkunde heisst es zwar sandalia, und doch hatte Prüm nur 
eine sandale. A.ehnlich wird es sieh wohl auch verhalten mit dem Worte 
sandalia bei Üuil. Tyrens. Hist. belli sacri. Lib. XX. e. 25. 

'-') Hock S. 12. Üie Reliquie befand sich in einer Umhüllung aus 
fränkischer Zeit. 

:1 ) Der vorgenannte Mainzer Diözesanarchivar hatte die Güte, mir 
mitzuteilen, dass die Frage über das sudarium in .Mainz zu den schwierig- 
sten Localproblemen gehört. 



Vergleich 
zwischen der Aachener und Gölner Mundart, 

Von A. Janion. (Fortsetzung.)* 

Buchstabe K. 

kar, auch beij e kar „Bienenkorb", mhd., ahd. kar „Gefäss, 
Geschirr, Bienenkorb". 

kat „Karte", kat e schlej e sch e „Kartenlegerin", in Köln kate- 
schlägersch. 

ke4 „Kerl"; k<fz „Kerze". 

[kalbäs „Tasche", kabäs „geflochtener Strohkorb", holl. 
kabas, fr. cabas, span. cabazo, neben fr. calebasse, span. cala- 
baza, lat. capacem.] 

kn^b e l'' — kabele, kebele „zanken", davon kn§b e lee, j e kn§- 
b e lsch „Zänkerei", holl. kabbelen, Klangwort. Im Aachener 
Dialekt Anlehnung an knibbelen. 

kejche — käche „keuchen", kichhös „Keuchhusten", mhd. 
kichen, küchen „schwer atmen", ndl. kuychen „husten", engl, 
to cough, germ. Wz. kik. 

käka°sch „der jüngste Vogel im Neste, dann = Benjamin", 
zusammengesetzt aus käke und asch = arsch, ahd. ars „Hintere". 

[kadük „abgemattet, kleinmütig", lat. caducus „hinfällig".] 

kaf „Spreu", holl. kaf, mhd. caf, ags. ceaf, engl, chaif, 
germ. Wz. kef, „nagen", vgl. kever. 

kakele „gackern", holl. kakelen, Klangwort. 

käle „erzählen, schwätzen", ahd. challön, mhd. kallen. 

kalmuk, auch kal'min „wollenes Zeug aus Kameel- oder 
Ziegenhaaren", holl. kalamink, fr. calmande, engl, calamanco, 
mit. calamancus. 

käm e SQle „durchprügeln", von kam'sol „Jacke", Ableitung 
von mit. camisia „Hemd". 

kam e rptjt „Nachtgeschirr". 



*) Der Anfang dieser Abhandlung befindet sich im 1(5. Jahrgang, 
S. 120—125, die erste Fortsetzung im 18. Jahrgang, S. 16 — 34, die zweite Fort- 
setzung im 1'.). Jahrgang, S. 157 — 167. 



- 81 — 

kämfü°r kammfoder „Brieftasche", aus kammfutural zu- 
sammengezogen, ursprünglich ein Gehäuse aus Pappdeckel zur 
Aufbewahrung der Kämme. fü 8 r and. fotar, mhd. vuoter „Scheide". 

kämis „Militär", dazu kämisbrut und kämisjon, kämisköp. 
Neben kamis kommt auch die Form kömis vor. Es bezeichnet 
zunächst jede Art Naturalverpflegung, dann erst deren Em- 
pfänger. Es kommt vom lat. comraittere „überlassen". 

kanalijevojel „Kanarienvogel". Bekannter Wechsel von r undl. 

[kani°l „Zimmet" „Kanel", fr. cannelle, Deminutiv, zu fr. 
canne; lat. canna „Rohr", ital. canella. „Röhrchen".] 

kan(2u e schtöp — ■ kanonestopper, Spottname für einen ge- 
drungenen Menschen. Schtöp = Propfen. Der scherzhafte 
Ausdruck erklärt sich damit von selbst. 

kanyn e vol „völlig betrunken", wie das vorhergehende Wort, 
leicht verständlicher Ausdruck der Kanoniere, die bald ihre 
Kanone beleben, bald ihre Handlungen zu der der Kanone in 
Beziehung- setzen. 

[kapäüs „kleines Zimmer", engl, „the caboose", „Küchen- 
verschlag auf einem Kauffahrer", holl. kabius, cambuse, fr. cain- 
buse dunkler Herkunft.] 

[kapot „tot, entzwei, vernichtet", holl. kapot, deutsch 
kaput, eigentlich „im Spiel hereingefallen, fr. faire capot „ver- 
lieren machen" etre capot „verloren sein", aber auch beschämt 
sein, vielleicht Beziehung zu Kapuze von mlat. capucium „sich 
verhüllend".] 

käp e s „Kappns", ahd. chabuz von lat. caput. Redensart: 
et es käp e s = „das ist nichts" oder vulgär: ..das ist Kohl". 
In Aachen: kap e sschäf: „Guillotine", scha'f, holl. schaaf, ahd. 
scabe, engl, shave, zu „schaben." 

kardaun e vol „ganz betrunken", von kaldaunen mit Wechsel 
von 1 und r „Eingeweide", slav. böhm. kaldoun „vollgestopfter 
Sack", mit. caldumen zu calidus „wann". 

kar'rat „Karrenrad", su jck \vi q" kar''rat si 8 „verrückt 
sein", „mannstoll sein". 

karik „Ueberzieher mit mehreren Kragen", unbekannter 
Herkunft. 

kör'me „wimmern", holl. kennen, mnl. kennen, kärmen, 
engl. dial. chirra ^Geschrei", ags. cyrman „schreien", viell. zu 
agerm. kara Sorge gehörend, wovon „karg" und „Karfreil 
stammen. 



— 82 — 

kärich „filzig", Grundbedeutung von ahd. charag „besorgt". 

[karawätsch „Karbatsche, Hetzpeitsche" aus dem slav. ent- 
lehnt, poln. karbacz.] 

[käschyt, cäschQtsch e : „Gefängniszelle", fr. cachot.] 

[käst e r§l „küchenpfanne", fr. casserole von ahd. chezi. au 
kast'rQl „altes Weib".] 

[käu „hölzerner Vogelbauer", holl. kouw, lat. cavia, cavea, 
„Käfig", käu's, gebildet wie düv e s „Taubenschlag".] 

kg ö t — käut „Flechte, Finne", ndl. koot, randl. cote, cöte, 
via. keute, nid. keutel „Geschwulst, geschwollene Drüse". 
Zusammenhang mit kaute von Flachs möglich. 

[kavir e — kaveere „Bürge sein", zu lat. cavere.] 

k§°ne „entkernen". 

ki ö r kehr „Wendung, Umkehr" ; sich ä jgt ki ö r e „sich 
nach etwas richten". 

keim 6 „kämmen", „sich raufen". 

kePk — kelch „starkes Unterkinn, Doppelkinn", das 
Kirchengefäss heisst keUch. Das Wort ist früh entlehnt zu 
einer Zeit, wo noch calikem gesprochen wurde. Auffallend ist 
der verschiedene Auslaut desselben Wortes in der Mundart. 
Ist der bildliche Ausdruck entlehnt oder uralt? 

k§r e f „Kerbe, Ritze". 

[k§r v e r„ Kerbel", ahd. kervola, lat. caerifolium,gr. "xjxipktpuHov.] 

kutsch „Samengehäuse des Kernobstes", in Bonn kitsch, in 
Schlesien kitschel, Anklang an keid „keim", ahd. chldi, wovon: 
kitt, kitzche stammt. 

k£t e bl§m „Löwenzahn". 

kik e „schauen, zusehen, lauern", d e r kik „der Ausblick", 
„Hans kik £n d e weit „junger, unerfahrener Mensch", mnd. 
kiken. Auffallend 1 statt ei im md. für langes i des nd. 

[kikschoserei „Kleinigkeit" „Nippsachen", quehiues choses.] 

kip „Rückentragkorb", ndl. kiepekorf, mnd. kip „Bündel 
von Häuten", vielleicht von lat. cupa „Tonne", engl, dial kipe.] 

kiv c „keifen", mhd. kiben, mndd. kiven, ndl. kijven. 

kenkjyd°s — Kind-G^ddes „freundschaftliche Anrede an 
jüngere Leute", „junger Freund". 

kQn''rkrQ ö m Kinderkrym „Kinderei", eig. Kinderkram. 

k^nk e rlitzch'r — kinkerlitzcher „Vorspiegelungen", im md. 
kinkerlitzen, „fiitterkram", im Italienischen haben wir cinciglo 



— 83 — 

„flitter", Schweiz, ginggeli „Spielzeug". Der erste Teil ist 
noch nicht erklärt; der zweite bedeutet „Laune, List". 

kipa 8 sch „Wolf vom Reiten", zusammengesetzt aus kippen, 
rad. weit verbreitetes Wort, 1. das Gleichgewicht verlieren. 
2. schaukeln, und a s sch „Hintere". 

kidi" kittele „kitzeln". Man beachte den Lautstand 
„d" im Aachener Dialekte, der unorganisch ist; germ. Wz. kit. 
k;it. Köln hat die richtige ndd. Form. 

kitzclr „ein wenig", ahd. chidi „Keim" ; vgl. zu ketsch — 
kitsch. 

kisclr 1. in Aachen „zischen", 2. in Köln „hetzen", nament- 
lich bei Hunden. Altes, weitverbreites Klangwort, vgl. gischen. 

kiwit. kawit kivitt „Kibitz" Klangwort, holl. kiwit, 

kafitsche „flinker Mensch" kommt wohl daher. 

krv'i'v'x — kivverääz: grüne Erbse, „Kichererbse", zu 

kcv'r" kivvere „aus den Schalen lösen", kiefel, kifel 
„Schote", chifel Schweiz. „Erbse". 

klaf 6 „schwatzen, antragen, klatschen", hd. klaffen, ahd. 
chlaffon, chlafon, chlaphon. Subst. der klaf, dat g e klafs 
„Geschwätz"; schloßte klafuslej 6 „unanständige Reden führen"; 
der klaf'rt „der Auträger", klafmül „Anträger, Klatschmaul". 
klabastV „schlotterig gehen", ursprüngl. Redeutung 
„schlagen". Es gehört wohl zum Stamme klap in „klappen". 
Der klabautermann der nordischen Schilt'ssage geht auf den 
Stamm dieses weitverbreiteten Verbums zurück. 

klam „feucht", holl. klam „kleberig, feucht, zähe", engl, 
to clam „kleben, leimen" claming „kleberig", vi eil. Beziehung 
zu „klemmen". 

klapäi „geschwätziges Frauenzimmer", „Verleumderin", in 
Aachen auch „klabot" „Plappermaul", „Plaudertasche" und 
klabäti „Plappermaul", holl. klappei, innd. clappe(g)ghe, zum 
Verbuni klappen gehörig. Romanische Endung an einen 
deutschen Stamm gefügt. 

klatsch oder klatsch „Schlag, Ohrfeige", ndl. kletsen „die 
Peitsche knallen lassen". Es ist ein Klangwort. 

klatv in Köln klatsche „Flecken", holl. klad „Fleck", 
kladde „Unreines". Es gehört zu Klecks. Es ist ein weit- 
verbreitetes Wert. 

knetschisch klgtschig „feucht, kleberig". Beide Wörter 
gehen wohl auf denselben Stamm zurück und gehören zu dem 



— 84 — 

Verbum klatschen. Dann bekannter Wechsel von 1 und n. 
kn^tschich kann aber auch von knatsch kommen, das einen 
breiartigen Teig oder Weg- bezeichnet. Dafür finden sich auch 
die Worte matsch, tratsch, patsch. Ueberall wirkt tsch laut- 
malend. Siehe nachher knatsche. 

klätschki ö s „frischer Rahmkäse", siehe zu klatsch, klätsch- 
mann „Tüncher" „Maurer". (Spottname). 

klatsch- und kletsch'nas „ganz durchnässt". Siehe klatsch. 

klau „Pfote, grobe Hand", hd. „Klaue", dazu vb. klaue 
kläue 1. = kraue „kratzen", 2. „mit der Klaue packen, stehlen". 

k\qi e — kläue „Knäuel". 

kle-vle^r — klävledder „Klebleder", Knabenspielzeug, ein 
Stück Leder, an dem eine Kordel befestigt. Das Leder wird 
nass gemacht und durch Auftreten auf einen Stein geklebt, 
durch Anziehen der Kordel entsteht eine Luftleere, durch die 
das Leder so fest am Steine hält, dass man ihn heben kann. 
Bildlich für jmd., der durch lange Besuche lästig fällt; dafür 
auch kle;vplost e r „Klebpflaster", ahd. pflastar, aus griech. 
£[X7iAaaxpov. Das q im Dialekte für ä zeigt, dass das Wort 
unmittelbar entlehnt ist. 

kleji! krij e — klein krige „verprassen, vergeuden, aufbrauchen". 

kl§m e klemme „stehlen". Es ist dasselbe Wort wie 
yliiixs.LV „stehlen", mhd., md. klimmen „packen, greifen, 
klemmen", dieselbe Wz. wie in klam „feucht, klebrig". 

klep e — kleppe „läuten mit Anschlagen des Klöppels an 
die Glocke", holl. klepel „Werkzeug zum Klopfen", mnd. 
kleppel, mhd. klepfel. nhd. klöpfel. Dazu Zeitwort kl^pe 
„klopfen". Redensart: an et klep e si ö „im Sterben liegen". 

klgt „Klette"; bildlich „lästiger Mensch". 

[klik „Partei, Sippe, die sich auf Kosten anderer gegen- 
seifig unterstützt", (fr. clique).] 

krin p lin , 'link — klingelingeling „Schelle" in der Kindersprache. 

klitz e klen — klitzeklein „ganz klein, verkleinert" ; klitz 
und klinzig (vgl. klinisch) sind eine Verstärkung von klein. 

klyk — klQck „Glocke", ndl. klock, engl, clock, anord. 
klukker, mlat. clocca, fr. cloche. Diese Formen beruhen wohl 
auf keltischem Ursprung. Man denke an die Einführung des 
Christentums durch Iren in Deutschland. An Beziehung zu 
ahd. clocchon = klopfen ist wohl nicht zu denken. kl§k°j e lüts 



— 85 — 

klgckegelücks „Glockengeläute"; vgl. die anter j e bim e ls an- 
geführten Worte. 

kluschis°rei klogscheisserei, 1. in Aachen Kriecherei, 

2. in Köln „Klauberei, Klügelei". Fs bezeichnet zunächst jmd. 

der sieh für sehr klug' hält, dann einen, der sich ins rechte 
Licht zu setzen und so sicli einzuschmeicheln sucht. 

klöp „Tracht Prügel" vb. klöp'' „prügeln", ndd. Form für 
klopfen mit Umlaut zum Unterschiede von kl$p° „klopfen". 

[klür - klör „Farbe", fr. coleur. Es bezeichnet meist die 
Farbe des Gesichts und anderer Gegenstände, während man 
für den Farbstoff meist f£r e f gebraucht.] 

Klör „Clara". 

'n'' klcjr e „ein Glas Branntwein". 

klötsch „schwerer Mensch", böt'rklötseh „ein Klumpen 
Butter". Es ist dasselbe Wort wie „Klotz", mndd. klute, nd. 
kloot. S-Bildung wie j'deks u. s. w. 

klochtich — klüchtig, „seltsam, eigentümlich", holl. kluchtig, 
ostfr. klüfer „lebendig", engl, clever, clifty, holl. klucht. Grund- 
bedeutung „Geistigkeit, Verstand", ostfr. heisst klüchtig, klüf- 
tig „spasshaft, lustig", „lächerlich, wunderbar". Das Wort findet 
sich fast in allen ndd. Mundarten. 

klomp — klump „Holzschuh", holl. klomp „Block. Klotz", 
mnd. klumpe, wovon nhd. Klumpen; im ndl. hat klomp dieselbe 
Bedeutung wie in Aachen; vgl. hd. Klotzschuhe, engl, clog „Block, 
Holzschuh". 

klorrT - - klüngel „geheime Abmachung, gegenseitige Hülfe- 
leistung unerlaubter Art einer Sippschaft", nd. klungel. klongel. 
Wahrscheinlich derselbe Stamm wie in klomp „Klumpen, Dreck", 
oder Verwandtschaft mit „Knäuel", ahd. kniuwel und kliüwel. 
Die Wz. klu steckt viell. auch in „Klaue". 

klorii - - klüngel „träges, nachlässiges Frauenzimmer", holl. 
klongel, klungel „Dirne, schlechtes Frauenzimmer", klün'l „dicker, 
fauler Junge". Wie der verschiedene Vokal in der Aachener 
Mundart zeigt, ein anderes Wort als das vorhergehende. Ostfr. 
klungel „ein faules, nachlässiges, schlampiges, gemeines Frauen- 
zimmer", schweiz. bern. chlungcre „mulier bacchans". mrh. 
klungel, „Quaste, Troddel", Klunker an lumpigen Kleidern", 
westf. klungele „lumpige Kleider", klüngele „sich faul herum- 
treiben", mhd. giunkern „flattern". Stamm klung, klunk, 
synonym mit klont, klomp „Dreck", nach andern zu klat. klad: 



— 86 — 

siehe unter klater. Neben klön e l findet sich in derselben 
Bedeutung klurael, das auf denselben Stamm zurückgeht. 
klön e lsar e beit „unordentliche Arbeit". 

knttp - - klupp „eine Anzahl Menschen, die dicht zusammen- 
stehen", in der Redensart op e n e knüp schtg „zusammen stehn". 
Ob knup in dieser Redensart dasselbe Wort ist wie klupp, ist 
schwer zu entscheiden. Mir ist es wahrscheinlich, zumal klupp 
erst im achtzehnten Jahrhundert aus dem Englischen (club) 
herübergenommen ist. Vgl. nachher knüp „Stoss, Schlag" knup 
kann auch dasselbe Wort sein wie knübel. Siehe dieses. 

[klust e r „Vorhängeschloss" aus lat. claustrum.] 

klü ö t „gemeiner Kerl", in der Verbindung krjlsche klü ö t = 
„KgPpQtzer, Hansemann, R§ ;i npit" in Aachen, ostfr. klot „Stock, 
Klotz, Hode, Klumpen", ndl. knoet „Stock", ostfr. auch klut 
„Brocken" „Kloss, Klumpen" zu verb. kliutan „spalten, ab- 
reissen", nach ten Doornkaat-Koolmann. 

klut — klütte „Masse von angefeuchtetem, mit Lehm ge- 
mischtem, gepresstem Kohlengriess", in Köln „gepresster Torf". 
Es ist dasselbe Wort wie klü ö t mit dilferenziertem Vokal und 
differenzierter Bedeutung, holl. kluit, mnl. clute „Ball, Kugel, 
Kloss". 

knatsch e „weinen" von kleinen Kindern gesagt. Es scheint 
Weiterbildung zu Wz. kad zu sein, die wir in „knattern" 
haben. Mit differenziertem Vokale: knätsch 6 in Aachen „Obst 
mit hörbarem Geräusch essen". 

kn$b e l e siehe kabbele! 

knalhotche „Zündhütchen". 

knalrti 8 „knallrot, hellrot"; knallen bedeutet im Volke 
„prahlen" besonders von schreienden (!) (dasselbe Bild!) Farben. 

knast e r „schlechter Tabak", ndl. kanaster, knaster, aus 
span. canastro, lat. — griech. canistrum „Korb". 

knatsehj^k „ganz geck, verrückt". Siehe zu knätsch 6 . Der 
Laut tsch dient häufig zur Bezeichnung eines unangenehmen 
Eindrucks. 

knüij'l knäuele „nagen". Es ist vielleicht Iterativum 
zu (k)nagen. Es lässt sich auch holl. knoeien, ostfr. nd. 
knojen „kneten" heranziehen. Grundbedeutung der Wz. gnu, 
zu der griech. xvasiv gehört, ist wohl „drücken, stossen". 

knouf — knauf „Knopf", holl. knoop. 

knibi c „langsam essen, knippern" von kleinen Kindern ge- 



— 8« 



sagt. Vgl. kneb l T, holl. knibbelon neben knabbelen, dial. deutsch 
knabbern, knubbern; Stamm knab, der auch (k)nagen zu Grunde 
liegen soll. 

kmt knick „Kreide", ostfr. knik „harter, bündiger, 

undurchlassender, eisenschüssiger Ton", mnd. klick „Ton". Es 
ist ein Schallwort und bedeutet zunächst ein Geräusch, dann 
etwas Abgebrochenes, knit zeigt einen bekannten Wechsel in 
den Muten. Eine Anlehnung an „Kreide" ans ahd. krida, lat. 
creta „Erde von der Insel Kreta" ist aber wahrscheinlicher. 

knip „gewöhnliches Zuschlagmesser", ostfr. bezeichnet es 
ein Gartenmesser oder ein scharfes S-ehustermesser, nd. knief, 
kniiv, ndl. knijf. Davon ist fr. canif gebildet. Das Wort ge- 
hört zum Verbum kneifen, ndl. knipen. 

kni's „zähe Feuchtigkeit, die sich in den Ohren und 
den Augenwinkeln ansammelt, ferner auf Fett und Schimmel", 
ndl. knuist und cneist „Kuorbel, Schmutz" hd. Gneiss. Ist kni ö s 
„Streit, Zank" dasselbe Wort? Dann miisste die Grundbedeu- 
tung „belästigen, ärgern" sein. Ich vermute aber eine andere 
Wurzel. Zu kni ö s „Streit" gehört kni ö sbül 1. „Stänker", 
2. „Geizhals", bül = „Beutel". Die Zusammensetzung spricht 
für die Gleichheit von kne"s 1. „Schmutz", 2. „Streit". kni"sk$p. 
eig. „Schmutzftnke", dann auch „Filz, Geizhals". 

knin kning „Kaninchen". Das nhd. Wort ist Deminu- 
tivum zu einem altern mhd. kanin, das lat. caniculus entspricht. 
Die beiden Mundarten haben die ältere Form bewahrt, wobei 
die bekannte Erscheinung eintritt, dass bei Fremdwörtern im 
Rheinischen unter dem Einflüsse des Accentes der Stammvokal 
oder sogar der ganze Stamm fällt. Vgl. Fin = Josephine, 
Trin = Katharina. Dnkcs = IIen|d|ricns. 

knep e und knipse „mit den Fingern einen Gegenstand 
wegschnellen, mit Stcinkügelchen (hier Frankel genannt) spielen", 
ostfr. knippen, knippsen a) „ein durch knip bezeichnetes Geräusch 
machen", b) „springen, reissen", c) „springen machen". Ebenso 
hat das Wort im nd. fläm., mnd. bald intransitive, bald transitive 
Bedeutung. Vgl. knappen. Ks gehört also zu den namentlich 
in den Mundarten so zahlreichen Schall Wörtern. 

knouclrj'renis knochengeremsch „sehr magere Person". 
Siehe Geremsch! 

knosclr' knoche „brummen, murren", knorsen, knorren 
„knurren, knirschen'". 



— 88 — 

knQl si ö „betrunken sein". Vgl. nd. knellen „bersten machen". 

knQiichMrüch „ganz trocken, trocken wie ein Knochen". 

knö°sch „knorpel", holl. knor, mnl. knorre, mlid., mndd., 
mengl. knorre. Stamm knus, knaus „Auswuchs", ostfr. knust 
„harter Klumpen", ebenso knast „Knorren", mhd. knure „Knoten", 
engl, knar „Knoten, Knorz". Aus knorz, dän. knort ist unser 
Wort entstanden. Der Nachschlagvokal ö zeigt den Ausfall 
von r an. 

knöt e r e „schelten", ostfr. knotern, ndl. kneutern, knoteren. 
Es ist wieder ein lautmalendes Wort zur Wurzel knut, knat, 
von der auch knattern stammt. Knöt e rpyt „mürrischer, zum 
Schelten aufgelegter Mensch". 

knübel „Beule, jede Erhöhung, in Köln auch kleiner, ge- 
drungener Mensch", holl. knobbel, ostfr. knubbel, mhd. cnubel 
„Knöchel". 

knüdel — knudel „Mehlnudel", ostfr. knüdel oder knudel 
„Knäuel, Klumpen". Es ist dasselbe Wort wie nhd. Knödel, 
fläm. knoedel. Es ist Deminutiv zu ahd. knode „Knoten". Das 
hd. Nudel, fr. nouilles ist wohl aus knudel entstanden, wie 
nagen aus k(g)nagen. Kluge bemerkt zu Nudel „dunklen Ur- 
sprungs". 

knüf e l e „mit Fäusten schlagen", auch das gerade Gegenteil 
„liebkosen, herzen"; holl. knuffelen, ostfr. knüffeln. Es ist 
Iterativum zu knuffen „stossen, schlagen, drücken"^ engl, knuble. 
Zu diesem Verbum gehört auch knüf e „unwillig, verdriesslich, 
eig. stössig sein", ndl. heisst knufen „grunzen". 

[knönich knünch „geistlicher Stiftsherr", lat. canonicus, 
einer, der nach den xavwvsc; lebt. Wegen des Ausfalls von a 
in der Stammsilbe vgl. knin!] 

knüp „Puff, Stoss", pl. knüb", ostfr. knup, knuf, ndl. knuf; 
(vgl. knuffein, Knüppel). knüp e 1. stossen, 2. in Aachen auch 
„Schweine nach dem blossen Ansehen [Befühlen] kaufen". knupch e , 
1. „gelinder Stoss", 2. kerngesunde, kleine Person", knüp c wird 
auch in gewöhnlicher Sprechweise für „Hände" gebraucht. Vgl. 
auch kliip — knüp. 

knüs'le — ■ knQS e l e „zerknittern", „kneten, quetschen, zer- 
reiben aus Langeweile oder in Gedanken", holl. knutzelen; 
stammverwandt mit knoeien, knor, kneuzelen. Siehe das fol- 
gende Wort! 



— 89 — 

knutsch 6 „an sich drücken, liebkosen", Iioll. kneuzon, kno- 
eien, knutzelen, ahd. chnusen, mhd. knüsen, „stossen, kneten", 
ags. cnysan. 

knüv'T' siehe knüf e l e ! 

knüv e r ■ — kniiver „sparsamer, beinahe geiziger Mensrlr. 
auch jmd., der kleine Arbeiten mit Geduld und Ausdauer an- 
fertigt, ostfr. knufen klufen 1. „beissen, nagen", 2. „mühsam 
arbeiten". Es gehört zu hd. klauben „spalten", ndl. kluiven. 

koch e pit — köchepitter „einer, der sich um die Angelegen- 
heiten der Küche kümmert und immer zu nörgeln bereit ist". 

k$t - - kodde, kott „böse, schlimm, unwillig, übel gelaunt", 
hol!, kwaad, engl, quad, mengl. ewed „schlecht", ahd. quat, 
woher „Kot" kommt; Kot ist eigentlich Neutrum zu köt und 
bedeutet „das Schlechte". 

köü w flät „Kuhfladen, Kuhmisst", flat gehört zu fledich = 
flätig. Siehe dieses Wort. Wegen der Form könnte jemand auch 
an Fladen denken. Nach den grammatischen Gesetzen für die 
Aachener Mundart muss aber germ. th. zwischen Vokalen 
schwinden. Regelrecht heisst deshalb „Kuchen", „flam". 

kc/m (in Aachen veraltet) — kohm „Schimmel auf ge- 
gohrener Flüssigkeit", holl, kaam, mhd. kam, nhd. kahm. engl, 
coom „Russ", mit a-Umlaut engl. keam. 

[kol e „hintergehen, anführen, zum besten halten, ärgern", 
holl. kullen, ostfr. küllen „quälen, foppen". Man denkt an eine 
Entlehnung aus franz. couillon, coillen, lat. euleus „Hode", engl, 
eullion „Schurke, Lump", eully „Narr", ital. coglione „Memme" 
und vergleicht „Hode" - - „hudeln" ten Doornkaat - - Koolmann 
lässt, wie mir scheint, mit Recht die Möglichkeit einer unmittel- 
baren Ableitung von „quälen" andd. chollen zu. Subst. koll'rei 
„Fopperei".] 

kölich „übel, unwohl" in Köln auch „böse", holl. kwalijk, 
ostfr. köllig „hochfahrend, toll, verrückt", aus kwait) lijk von 
kwaad, mhd. quat „böse, schlimm", vgl. köt! 

[kömkom'r „Gurke", fr. concombre, lat. cucumis.] 
ko'T „Geschmack. Geschmacksprobe", verb. kb"r" „kosten, 
schmecken", holl. keuren zu ahd. churi, mhd. küre „Wahl", 
küren „wählen", woher „Kurfürst", Walküre. Willkür, ostfr. 
küren, „prüfend wählen, nehmen, belieben". 

ko r, sch „Kruste", holl. korst, anord. croste, ahd. krusta. 
Bekanntlich findet bei den Liquiden eine rmstelluug leicht 



— 90 — 

statt; r vor s fällt, t am Schlüsse schwindet. Vgl. Aachener 
Grammatik Seite 28, 18. 

[köt „kurz" r vor t fällt, lat, curtus, daneben köts. Redens- 
arten: köt on jot, aber köts on klon.] 

köpch e „Obertasse", holl. kopje, engl, cup., fr. coupe, ahd. 
ehoph, chuph, ital. coppa „Becher". 

kQpifi — kopping-, „Kopfschmerz". 

klft „Kordel", holl. koord, mul. corde, nd. korde, fr. corde, 
lat. corda, griech. chordae „Darm, Darmschnur". Verkleinerung: 
k§tsch e Ausdruck: sich dörich d e ko ö t mach" „fliehen", zunächst 
vom Wilde gebraucht, das das Netz durchbricht, dann über- 
tragen auf die Menschen. 

köt e r§f kotörfche „Schnapsflasche, kleines Fläschcheir, 
span. cotofre, mhd. kudrolf, guterolf. 

kot e ] „zusammengeballter, harter Kot von Menschen und 
Tieren", holl. keutel, mnd. kotel. Verwandtschaft besteht mit 
knoten, knüttel. 

kotz e „erbrechen", ostfr. kotzen oder kortzen: „speien, 
erbrechen", nd. kotzen, ndl. kitzen. Von Kindern heisst es 
kotzT. Es gehört wieder zu der grossen Klasse der laut- 
malenden Wörter. 

krachamand'l — kraachamandel „süsse Mandel". Es ist 
zusammengesetzt aus dem Stamme krach und amandola, mlat. 
amandola. fr. amande, ndl. amandel, griech. xpyybaX-q. 

kräb'l e „kritzeln, schlecht schreiben", in Köln „mit den 
Fingerspitzen auf der Haut hin- und herfahren", holl. krabbelen 
neben kribbelen. das „jucken" bedeutet. Es ist Frequentativum 
zu kraben, mnl. crabben; mhd. krabelen, engl, crailie, „kriechen". 
W r z. grab, krab mit der Bedeutung „sich tastend fortbewegen." 

kr.ib'lirli „zänkisch", ostfr. krabbig, vgl. kribbelich. 

krak „abgemagertes Pferd". Ein allgemein bekanntes Wort, 
das vielfach überhaupt etwas Schlechtes, Ausschuss bezeichnet, 
ursprünglich wohl nur verkrüppelte Pflanzen und Tiere, selbst 
.Menschen. Es gehört wohl zu demselben Stamme wie krank, 
das eigentlich „schmal, schlank, gering, kraftlos, sich windend" 
bedeutet. 

krou — krau 1. „Krätze, Räude", 2. „gemeines Volk, Ge- 
sindel". 1 holl. kraauwsel, engl, crowd, 2. holl. het graauw 
„das in graues, gewöhnliches Tuch gekleidete Volk". Vgl. fr. 
grisette! 



- 91 — 

krau 1. „kratzen, 2. eilig laufen", ndl. kraauwen, nd. 
krauen, ahd. chrowen, nihd. krouwen, ahd. chrouwil „dreizinkige 
Gabel, Kralle, Klaue 1 ', vgl. klauen. Die Kölner Bedeutung 
„eilig laufen" ist eine recht humoristische Vergleichung zweier 
Bewegungen, von denen die eine mit den Händen, die andere 
mit den Füssen ausgeführt wird. 

kraki'l, kraki'lrei krakeel „Zank, Streit", kraki"^ 

„zanken, streiten", krakrlich „zanksüchtig", lioll. krakeel, nind. 
krakele. Das und. Wort „Krakel" stammt aus dem ml. 
Franck denkt, wie mir scheint, mit Recht an Verwandtschaft 
mit krachen. 

kroi „Kohlenschlacke", wohl dasselbe Wort wie Kreide, 
fr. craie. 

krepch*' „Darstellung der Geburt Christi", in Köln über- 
haupt „Puppentheater". Bekanntlich wurden die sog. Mysterien 
im Mittelalter dramatisch dargestellt. Auffallend sind die Ver- 
bindungen e" n§t krepch' „ein sonderbarer Mensch", in Köln 
auch „eine nette Gesellschaft", und e ö joks krepch 1 ' „ein Mensch, 
der leicht verletzt ist, der rasch etwas übel nimmt", kivpche 
scheint in diesen Wendungen wirklich „Krippe" zu bedeuten 
und diese eigenartige Bedeutung bekommen zu haben infolge 
der bei Aufführungen stets auftretenden Eifersüchteleien bei 
Besetzung der Rollen. Die Vertauschung des Leblosen mit 
dem Lebenden ist namentlich im Volke sehr häutig. Es ist 
aber nicht ausgeschlossen, dass ein anderer Stamm vorliegt. 

kresdach „Weihnachten", eig. „Christtag". 

krib'l" „jucken". Siehe krab'T'. Adj. krib'lieh „ärgerlich. 
erregt, verdriesslich". 

kri ö m e r „rheumatischer Schmerz". Infolge dieses Schmerzes 
nimmt der Gequälte eine Stellung ein, die an einen Krämer, 
Hausierer mit Tragkorb erinnert. kro"m „Kramladen" be- 
zeichnet auch das „Wochenbett". Vielleicht liegt dieselbe Vor- 
stellung zu Grunde. Doch siehe unter kn/'nr! 

kri"sch' „kreischen, weinen", nihd. krischen „scharf schreien", 
ndl. krijschen. Vgl. kreisen, krisen, ndl. krijten „scharf schreien"! 

krij e „nehmen, erhalten", nihd. kriegen „sich anstrengen, 
streben, trachten, kämpfen", daher der Krieg = Kampf. Im 
hd. ist das Wort in der Bedeutung „erhalten, bekommen" aus 
dem md. und ndd, entlehnt. Redensart, jet öv e r sich krij 8 
„ausser sich geraten", „ohnmächtig werden". 



— 92 — 

krQ ö m e „ordnen, hin- und herlaufen, um etwas zurecht zu 
stellen". Auch bedeutet es „niederkommen". Diese Bedeutung 
kann auf die „umherlaufen" zurückgehen, da infolge der Wehen 
die zukünftige Mutter unruhig wird. krQ°m bedeutet ursprüng- 
lich „Zelttuch". Die Bedeutung „Wochenbett" wird deshalb 
daher entwickelt, dass das Bett der Wöchnerin durch ein Tuch 
verhüllt wird. 

kromd e „Krümmung", vgl. hüd° „Höhe". hetzd c „Hitze", 
jrüsd c „Grösse", deipde „Tiefe", dekd e „Dicke", j c nüchd e 
„Genüge", lend e „Länge", netzd'' „Nässe", ngd e „Nähe". w§r e md e 
„Wärme", sch§md e „Scham". 

krQpschlat „Kopfsalat". Kropf heisst ursprünglich „Klumpen, 
Masse". So erklärt sich der Ausdruck von selbst. 

kroV' „anhaltend und bald hier, bald dort arbeiten", 
krasen, „krempeln von Wolle", mhd. kriselen; ostfr. kras 
„kratzig, scharf, rauh, hart, laut, heftig". Dies gehört zu lat. 
crassus. Wz. kratt. Vielleicht gehört auch crates „Flecht- 
werk" hierher. 

krut'lich „bedenklich", krot e l e , in Köln krötte, krütte „Be- 
denken tragen", zu krot „Belästigung", sich kroten, kraten 
„sich mit etwas beschäftigen", engl, crowd „drängen", mnd. 
kroden „Druck, Last, Beschwerde machen", nd. kruien. 

krutch 6 rür mich net a a = krüdche röhr mich nit an, eig. 
„Kräutchen rühr mich nicht an, noli nie tangere", bildlich „ein 
hektischer, leicht beleidigter Mensch, ein zimperliches Frauen- 
zimmer." 

kruch'schtöp — kruckesstopper „kleine, gedrungene Person", 
kruckenstupfer „der an der Krücke geht", stupfen = stossen, 
also eig. der mit der Krücke wiederholt aufstösst. So erklärt 
es Hildebrand bei Grimm. In Aachen scheint das Wort ent- 
lehnt und mit dem Stopfen (Pfropfen) des Krugs verwechselt zu 
sein, eine Vorstellung, die leicht zu erklären ist. 

krutschten kruckstein „Mörser für Gewürz", eig. 

„Krautstein". 

krufe „kriechen", ostfr. krupen, ndd. kruipen, engl, to creep, 
Wz. kreup, Grundbedeutung „sich krümmen", Wechsel zwischen 
f und cli nicht selten. 

kruf's „kleines Zimmerchen". 

krün „Krone, Tonsur", lat. Corona. 



— 93 — 

kröiik'l „zerdrückte Stelle, Bruch im Stoffe", dazu vb. 
krynkT „knittern", in Köln krünkel, holl. kronkel, mnl. cronkel, 
nd. krunkel, mnd. krunke, „Falte", vi), kronken, kronkelen. 
Daneben findet sich im jüngeren mnl. krinkel, engl, crinkle 
„Biegung" crank „Krümmung" crankle „sich zanken". Ks Ist 
dasselbe Wort wie nhd. krank „schmal, gering, kraftlos, schwach", 
Wz. krank. Grundbedeutung „sich winden", Adj. kn'mk'lich 
krünkelig „zerknittert, verdrückt". 

kQk'Tbo''tsch schloß — kucklenbaum schirm „den Purzel- 
baum schlagen". Der erste Teil enthält denselben Stamm wie 
gaukeln, and. goukolari, der 2. Teil ist burzeln, purzeln, kockelei 
„Gaukelei", kockelmann „Gaukler" zu kocken „sich unruhig 
bewegen". 

[kaf tun — kufetöör „Umschlag, Buchdeckel", verbalhurnt 
aus fr. couverture.] 

[köüj e nir e — kujeneere „misshandeln, quälen", IV. cojonner, 
zu ital. coglione, lat. culens „Hode", vgl. hudeln. 

[kömid e kumede „Komödie", in Aachen Redensart dat 
es §n not'' k. „das ist eine schöne Bescheerung".] 

[kijmför — kumfor „Wohlhabenheit", in Köln „Küchenof'en". 
Beide Wörter sind auch der Ableitung nach verschieden 1. engl. 
komfort, fr. confort „Stärkung, Trost", häusliche Behaglichkeit, 
2. holl. komfoor, nnl. kaffoor, fr. chauffoir zu chauffer, cale- 
facere „erwärmen".] 

[konfus — kumfus „verwirrt", fr. confus.] 

[komüt — kumöd „ Kommode". [ 

[kQmpi 8 r „Gevatter", in Köln kunipeer, fr. compöre. kom- 
pi ü sche „Gevatterin".] 

[komplim^nt e inacli°r — kumplem^ntemacher „gezierter 
Mensch", jmd., der viele Umstände macht.] 

[küp — kupp 1. in Aachen kupferner, von innen über- 
zinnter Färbekessel zum Färben mit Indigo, 2. in Köln a) „Ober- 
teil des Hutes", b) „Unterteil eines Kochkessels", holl. knip, 
mnd. küpe, ahd. chuofa, nhd. „Kufe", lat. cupa.J 

|krent — kuränt, Korinthe, Weintraube aus Korinth.] 

[kuräsch „Mut", courage.| 

[kyr'jüs kurjös, kurjösch „eigentümlich", lat. curiosus, 
fr. curieux „neugierig, wissbegierig".] 



— 94 — 

[kusch 6 1. „stillhalten, stillliegen", 2. „beschwichtigen", 
vermutlich von fr. coucher. Der Ausruf „kusch" ist allerdings 
in ganz Deutschland verbreitet.] 

kill kuul „Grube", mitteld. kaule, nd. kule, verwandt 
lat. caula „Höhlung", griech. xoUoc: vgl. Kehle! 

kum e „ächzen", j e kümps „das Stöhnen", holl. kuimen, nach 
Müller, Weitz und König. Die holl. Lexica von Kramer. 
Weidenbach und Franck führen das Wort nicht an, mhd. 
kumen „trauern" zu kume „mit Mühe, kaum". 

Buchstabe L. 

lyb e s - - labbes „einfältiger Mensch", mhd. läppe „einfältiger 
Mensch, Laffe", ndl. labben „lecken, schlürfen", dial. „dumm 
sprechen". Die Grundbedeutung des Stammes lab ist „schlaff 
sein", ostfr. labben „schleckern, lecken", labbekak „dummer, 
alberner, fauler Schwätzer". 

lef'l läffel „Löffel", mhd. leffel, ahd. loffel, zu Wz. lab. 
„trinken". 

lä ü t — lad „Sarg, besonders der Juden", in Köln auch 
„Krankenkasse", mhd. lade „Behälter", eig. eine Vorrichtung 
zum Beladen. 

lQf'l 6 „liebeln, löffeln", ahd. laffan „lecken", lat. lambere 
„lecken". Das Zeitwort gehört also zum Substantivuni „Löffel". 

lelbek „Gelbschnabel, Tollpatsch", holl. lafbek. Müller- 
Weitz ziehen das Wort zu lallen, was nicht ohne weiteres zu- 
rückzuweisen ist. Ich denke eher an ostfr. lelk „böse, unartig, 
hässlich", ndl. lelijk „unangenehm", hd. leidlich. Das zweite 
Wort ist bek „Schnabel" aus fr. bec, engl, beek, ital. becco, 
ein Wort von wahrscheinlich keltischem Ursprung. 

[lamp£t „Kanne zur Aufbewahrung des Wasch wassers", 
Ableitung von Lampe, das aus dem griech. Aau.7id^, Gen. 
Aajjutaocs gebildet ist, holl. lampet „Topf zur Lampe ein- 
gerichtet", dann „Wasserkanne von dieser Form".] 

lend e lank auch leü e lank längdelang „in ganzer Länge". 

I( c 'h e — länge „längen, Flüssigkeiten, z. B. Fleischblühe 
verdünnen". 

läns - laus „entlang, vorbei", mnd. langhes (lanx), md. 
langes; nhd. längs steht unter Einfluss von Länge. laiisj§ ö 
— lansgQn „vorbeigeh n". 



— 95 - 

läp e „Sohlen" und verb. „sohlen", and. Lappa „nieder- 
hängendes Stück Zeug, Klick". Redensart „d e r säk läp G „für 
den Schaden aufkommen, den Nachteil von etwas haben"; 
laplo"r „Sohlleder"; läp e scholt „kleine Schulden" in Aachen; 
vgl. M. Schollen Aachener Sprichwörter 87Ö. 

lopsch „einfältig, läppisch", Adj. zu nihd. läppe „Laffe, ein- 
fältiger Mensch", ostfr, laps „ein schlaffer, manierloser, nichts- 
nutziger Mensch' 1 . 

lejselr „löschen", mhd. loschen, ahd. leskan. 

latsch, nach Müller- Weitz la'tsch in Köln latsch 1. der 

1. in Aachen „nachlässiger Mensch", 2. in Köln f. „schlaffes, 
schlampiges Frauenzimmer". Ich vermute denselben Stamm 
wie in nhd. lässig, ahd. laz, engl, laet, mndd. Iat. Wir haben 
dann die so häufige Verbindung von tsch, die etwas Wider- 
liches bezeichnet, wie ja ihr Klang fürs Ohr unangenehm ist. 
In Köln Adj. latschig „einfältig, schlaff". Andere leiten es 
von luder, lodder ab. ahd. lotar „ledig-, eitel", mhd. loter 
„schlaff, leichtfertig, bösartig"; luder „leichtsinniger Mensch", 
ist also substantiviertes Adj. 

latz „Latte" eil laii 1., „in Köln en tapezeete 1. ein sehr 
hageres, grosses (tapezeete aufgeputztes) Frauenzimmer", ahd. 
latta, mhd. late, engl. lath. Autfallend ist, dass die mittel- 
deutschen Mundarten die Verschiebung zeigen, die man im ahd., 
mhd. und nhd. vermisst. Mit dem Worte wird auch Laden 
„Brett" zusammengestellt, vgl. la ö t. 

[lätz e „zahlen" lätz, span. lazo, ital. laccio, lat. laquens, 
südamerikanisch lasso „Riemen. Schnur", „Hosenlatz", Riemen, 
um die Hose anzubinden, latz'' dürfte somit ursprüngl. heissen 
„den Riemen der Geldkatze, die um den Leib getragen wurde, 
lösen".] 

lou, löi lau. lau f. in Aachen von Speisen und Getränken, 
ohne besondern Geschmack, nicht piquant, auch „schwächlich", 

2. in Köln „faul, einfältig", ahd. läo, ndl. lauw, entstanden aus 
hlao. lö". loi und das romanische flQU gehen auf denselben 
Stamm zurück. 

löif'sclr — läufersehe „ein Frauenzimmer, das immer auf 

der Strasse zu finden ist". 

löifisch läufig „brünstig von Tieren", in Köln auch 

„triefend". 



— 96 — 

loufkgr e f — laufkorv „Weiden- oder Holzgestell, in dem 
Kinder laufen lernen". 

lQi e r e — in Köln läumele, läumere auch Innere 1. „langsam 
sein, zaudern", 2. „langsam rollen" (in Köln). Beide Wörter 
scheinen zusammenzufallen und Verbalbildungen zu lau zu sein. 

lö ö t e — läute 1. in Aachen intr. von Hülsenfrüchten, die 
beim Kochen „die Schale abstossen", 2. in Köln läutern „Nüsse 
schälen". In Aachen lö°t, auch lü ö t 1. Schale oder Hülse der 
abgekochten Erbsen, 2. ein lang aufgeschossenes Mädchen, 
ostfr. lode, lote „junger Schoss, Sprössling, Trieb", niederl. loot, 
mnld. lote, ml. lade, late, ahd. Iota. Wz. leut „wachsen". Bei 
dieser Ableitung erklärt sich die auffallende Erscheinung, dass 
l(ft „Schote" (etwas Winziges) und „langes Mädchen" bedeutet. 
Man denkt auch an das ndl. Zw. leuteren „wackelnd machen, 
labefacere", ostfr. löteren, engl, löiter „zögern". Wz. vielleicht 
dieselbe wie in liederlich; ferner an lüttel, lützel „klein". Wenn 
Honig läute durch läutern erklärt, so scheint mir das Volks- 
etymologie zu sein. 

l§ 5 fdach, l§ ö fdesdach hjbdag, lebdesdag „Lebenszeit". 

lek e rjö°ts — leckergots, Kindersprache „Zuckerwaren". 

l§k e rmöf e lch e — leckermümfelche ; möf e lch e = mundvoll. 

leifch 6 — leevche „Liebste", iron. „gemeines Frauenzimmer". 

d e lej§nde k§n e „die Beschaffenheit, Urnstände u. s. w. von 
etwas kennen", aus der Kirchensprache entlehnt; legende aus 
mlat. legenda, „das, was an gewissen Festtagen gelesen werden 
muss". 

l§i „Schiefer", holk lei, mnl. leie, vgl. ital. lavagna. Eine 
Ableitung steht nicht fest. l§i e dek e r „Dachdecker". Vgl. 
griech. l&c,. 

L§n „Helene, Magdalene", 

letsch „Litze", lat. licium „Faden"; letsch e scliQii „Filz- 
schuhe". 

letschich — letschig „glatt, glitschig" zu letsch e „ausgleiten". 
Stammverwandt mit „gleiten", das sicher zu „glatt" in Be- 
ziehung steht, letschpoJv p r „Talkpulver". 

levit e le/V „jmd. in tadelnder Weise Vorstellungen machen, 
in Aachen auch ejT' d e letz I§ 8 s e . Der Ausdruck ist in Deutsch- 
land weit verbreitet. Gewöhnlich heisst es den Leviten lesen. 
Man vergleicht die Wendungen: den Text, die Lektiou, das 
Kapitel lesen. Die euphemistische Verwertung dieser Redens- 



— KT 

arten ist leicht erklärlich, nicht so die von den leviten lesen. 
Denn levit bezeichnet keinen Abschnitt eines Buches, der Bibel 
oder einer Strafpredigt z. B., sondern eine Person, den jungen 
Geistlichen, der in der Messe das Evangelium liest. Wir haben 
also hier eine seltene Vertauschung der Handlung durch die 
handelnde Person. Die letz ist hol!, les, ranl. lesse „Abschnitt. 
Unterricht, Erzählung", lat. lectio. 

lim'' liemc „leimen, bildl. auf den Leim locken, an- 
führen". 

lis 1. „Leiste", ahd. lista, mhd. liste „bandförmiger Streifen", 
2. „Liste", ans fr. liste, das aus dem unter 1 genannten Worte 
stammt. 

leis — lies, liste „Schusterleisten", ahd. mhd. leist „Form, 
Leisten des Schuhmachers", engl, last, got. laists. „Fussspur" 
scheint die eigentliche Bedeutung zu sein. Ich mache darauf 
aufmerksam, wie scharf die Aachener Mundart zwischen ahd. 
i und ei im Gegensatze zur Kölner unterscheidet. 

li ö f „Leib", li ö fch e „Jacke ohne Aermel", liev e t „Wäsche". 

Ion' — lihne „leihen", ostfr. lenen „borgen, darleihen, 
leihen", ndl., nd. leenen, mnd. lehenen, leinen, ags. laenen, ahd. 
lehanon auch schon in den beiden Bedeutungen „auf Borg 
1. gehen und 2. nehmen". 

lefkii ;i f — lefkö „Levkoje" aus griech. XsuxoTov; der gewöhn- 
liche Ausdruck ist aber „Stockvinl". 

liii „dünnes Seil, Schnur", lin e „Leinen". 

li ö r — leer „Leier", in Aachen auch eine Spottgebärde, 
wobei man beim einfachen mit Daumen und Zeigefinger, beim 
doppelten mit beiden Händen eine Spanne macht. 

li ö nzeich 1 ' — linkzeichen auch lintzeichen „Narbe, Mutter- 
mal. Hautfleken". überhaupt „Kennzeichen", holl. litteken. mnl. 
litteken aus lijcteken, mnd. likteken. ahd. likzeihhan von germ. 
lik „Leichnam, Fleisch". So erklärt Franck das ndl. Wort. 
Eine Erklärung von lint-, link-, li'"'nzeiche ist damit nicht ge- 
geben. Ich denke an lint — lind „schmales Band aus Leinen. 
Wolle, Baumwolle, Seide", das zum Besätze der Ränder und 
überhaupt zur Verzierung und Kennzeichnung gebrauchl wird. 
Dies Wort zieht man zu Linde, es bezeichnet also zuuächsl 
den Bast der Linde. Zu lint „Band" gehörl auch lindwurm 
„Drache, Schlange". Sollte es „Schlangen- (Teufels-) /eichen 
heisseny 



— 98 — 

LFs „Elise". 

letanei — litanei „Litanei" n' janz e letanei „ein langes 
Verzeichnis, eine" Menge Sachen". 

leVrin - - livverling „Lerche", holl. leeuwerik, mhd. lewerik 
neben lereche, mnd. lewer(i)ke, ags. lawrice, lawerce, schott. 
laverok. Die Grundbedeutung des Wortes ist noch nicht er- 
mittelt, ja, man weiss nicht einmal, ob es ein einfaches oder 
zusammengesetztes Wort ist. 

lo-dV loddere und löddere 1. in Aachen „hin- und her- 
zerren, sich balgen", 2. in Köln „abgespannt, locker, matt, 
schlapp, bummelnd, schlendernd gehen, ohne Fleiss arbeiten". 
In Aachen hat l§d e rich dieselbe Bedeutung wie in Köln „nach- 
lässig, träge, unordentlich". Es gehört zu lodder „Luder". 
Siehe latsch. Dazu löd e rjan — lö/lderjan „Müssiggänger, nach- 
lässige r^Mensch". 

löd e r (vgl. lödergaffel) und löhrer „Gerber". Es gehört zu 
Lohe. Vgl. Mauer Maurer. Topf Töpfer, Glas — Glaser. 
Jetzt ist in Aachen das Wort ausgestorben. Die Strasse heisst 
Lü ö schjraf. Redensart: su bekank si i; wi ö lü e sch hoiik „statt- 
bekannt sein". 

löslcdich — lossledig „unverheiratet", eig. „los- und ledig". 

l^ftich, lochtich — luftig „leichtsinnig". 

lonV't — lumba, lumbad „Pfandhaus, Leihhaus", fr. lombard. 
ndl. lommert, mnl. lombaert (engl, lombard „Geldverleiher"). 
lom e t heisst eigentl. „lombardisch". Im 13. Jahrhundert wurden 
von Nord-Italien aus in andern Ländern Leihhäuser und 
Banken errichtet. Noch heute weisen die Fachausdrücke im 
Bankwesen auf diesen Ursprung hin. Nach Quix „Geschichte 
des Karmeliterklosters S. 31—32 wurde in Aachen der lom't 
im 17. Jahrhundert von einem gewissen Joh. Bapt. Tournelli 
als Berg der Barmherzigkeit (mont de pitie) mit Erlaubnis des 
Herzogs von Jülich errichtet. 

lenk 1 ' lunke „schielen, äugeln, blinzeln, verliebt an- 

blicken", holl. lonken, mnl. lonken und hinken, lünkern, Stamm 
hin. Vgl. lat. luscus, fr. louche, loucher, aach. Mundart lüsche. 

lynke lunke „fliessen im Sinne von eindringen einer 

Feuchtigkeit", lonk'papir „Fliesspapier", in Aachen loiik „Klex. 
Tintenfleck". Ausgangspunkt scheint lonk°papir zu sein, lonk 
deckt sich für Aachen mit lunte, das ursprünglich „Lumpen, 
Fetzen" bedeutet, lonk'papir hiess also „Lumpen- gewöhn- 



— 99 — 

liclies Papier". Bedenken erregt die Kölner Lautierung, da 
hier nd, nt erhalten sind. Nach Köln müsste das Wort von 
Aachen eingewandert sein. Schwer bleibt auch die Beziehung 
des Zeitwortes hink'' und des Subst. loiik „Klex" zu Lumpen. 
Eine andere Ableitung kann ich aber nicht finden. Der beim 
vorhergehenden Worte lonk e „schielen" genannte Stamm lun 
enthält den Begriff des Schrägen. Sollte hiermit eine Verwandt- 
schaft vorliegen? 

lü ü s „klug, verschmitzt, listig". Vgl. apeklQ ö s, gut. laus 
,.frei", angl leas „lose, falsch", engl, leas „Lüge", mhd. los, 
„frei, mutwillig". 

lust e r e „lauschen", ndl. luistern, mnd. lüstern, mhd. lüstern, 
dän. lystre, schw. norw. lystra. Iterativform zu engl, to listen, 
ahd. Illustren zu klust ..Ohr", Wz. kleus, kleu. Besteht Ver- 
wandtschaft zu griech. xXuw „ich höre"? 



Aufdeckung einer ausgedehnten römischen Begräb- 
nisstätte im Weichbilde der Altstadt Aachen i. J. 1906. 

Von J. G. Rey. 

An der Alexanderstrasse, etwas oberhalb der Einmündung 
der Mariahilfstrasse, der alten Peterskirche gegenüber, wurde 
bei Gelegenheit tiefgehender Ausschachtungen eines Bauplatzes 
im Hintergelände des Hauses Nr. 69 ein Teil eines romischen 
Grabfeldes aufgedeckt. 

Zufällig bemerkte ich auf einem zur Abladestelle gehenden 
Karren Scherben, die mich veranlassten, deren Fundort auf- 
zusuchen und zu überwachen. Leider aber kam ich erst hinzu, 
als bereits wichtige Teile der Begräbnisstätte und auch eine 
Anzahl Tongefässe entfernt und verschleppt waren. Auch jetzt 
konnte von einer planmässigen, vorsichtigen Aufdeckung des 
weitern Gräberfeldes keine Rede sein, da der Bauherr mit der 
Ausnutzung des Terrains begreiflicherweise um so mehr eilte, 
als der Umfang der Ausschachtungsarbeiten ein enorm grosser 
war. Ich konnte mich nur darauf beschränken, mit Erlaubnis 
des Bauherrn und des Fuhrunternehmers die Arbeiter nach 
Möglichkeit zu instruieren und jede Scherbe aufsammeln zu 
lassen. Die Fundstelle der einzelnen Stücke notierte ich in 
eine angelegte Karte ein (conf. Tafel II). Die so gewonnenen 
Resultate sind immerhin für die Geschichte der römischen Cultur 
am Niederrhein nicht ohne Bedeutung, da sich ausser einer 
grossen Anzahl gröberer Tongefässe einzelne seltenere Formen 
und auch ornamentierte Stücke fanden, besonders aber unter 
andern Gläsern ein hervorragend schönes Glasgefäss in Form 
eines Hornes aufgedeckt wurde. 

Für Aachen selbst aber ist der Fund von ganz hervor- 
ragender Bedeutung, da es der erste grössere Gräberfund aus 
Römerzeit auf dem Gebiete der alten Stadt selber ist. 

Die aufgefundene Begräbnisstätte liegt zu beiden Seiten 
einer im Boden deutlich erkennbaren Römerstrasse, die an- 



— 101 — 

nähernd genau von Süd-Westen nach Nord-Osten verläuft. Die 
Strasse liegt etwa 2 1 ;., bis 3 Meter tief unter dein heutigen 
Niveau auf dem gewachsenen Boden, d. h. auf einer etwa 40 cm 
dicken Lehmschicht, auf. Die darüberliegende Schicht bestand 
durchweg aus schwarzer Erde. Die Strasse ist etwa 4 bis V , 
Meter breit, nach der Mitte zu leicht gewölbt und durch ihre 
fast mörtelharte Consistenz vom übrigen Erdreich leicht abzu- 
grenzen. Auch dem Auge ist sie auf dem heim Ausschachten 
entstandenen Querschnitte deutlich durch die rötlich-graue Farbe 
kenntlich, welche durch Kies- und Kleinschotter-Beimischung 
bedingt ist. Ihre Decke besteht aus Kleinschotter von grauem 
Gestein, wie es sich hier in der Nähe in Steinbrüchen bei 
Esch weiler hantig findet. Diese nuss- bis faustgrossen Steine 
sind mit Ton verbunden, und über diese Schicht ist Kies mit 
rotem Sande aufgetragen. Das Ganze bildet eine recht harte 
und glatte Decke. Nach den Seiten zu dacht die Strasse Leicht 
ab und verliert sich im Nachbarboden, der in einer deutlichen 
Schweifung der Schichten eine Grabenbildung erkennen 
lässt. An den Rändern finden sich keine Randsteine, wie sie 
an andern Römerstrassen von grösserer Bedeutung gefun- 
den werden. Die direct an das Gräberfeld anstossenden 
Teile der Strasse waren grösstenteils bereits durch frü- 
here Bauten zerstört, und nur wenige Geräte wurden 
in unmittelbarer Nähe der Strasse gefunden. Besonders sind 
die an der Nordostseite gelegenen Gräber mit Ausnahme eines 
einzigen zerstört gewesen, wie eine im schwarzen Boden ge- 
fundene, ziemlich erhaltene Urne erweist. So war es auch 
unmöglich, den nach Süd- Westen auf die Alexanderstrasse zu 
verlaufenden Teil der Strasse zu erkennen. Immerhin zeigt 
das aufgefundene Stück der Strasse ein ziemlich starkes Gefälle, 
dem Gefälle der Mariahilfstrasse entsprechend. 

Die Richtung des aufgefundenen Strassenteiles weist 
deutlich auf den noch jetzt von der Passstrasse aus gerade auf 
Würseln zu parallel der Crefelderstrasse verlaufenden, soge- 
nannten „grünen Weg" hin. Denken wir uns den grünen Weg 
in seinem Verlaufe nach Süd-Westen verlängert, so tritt er am 
botanischen Garten in den Stadtgarten ein, läuft südlich am 
Mariahilfspitale vorbei, direct auf die Peterskirche zu und 
schneidet die Fundstelle so. dass ein Zweifel über die Zuge- 
hörigkeit unserer Strasse zu dem grünen Wege wohl nicht 



— 102 — 

möglich erscheint. Innerhalb der Altstadt wird der Weg in 
gerader Linie anf die Stelle der Bäder, die an der Edelstrasse 
und an der Stelle des Domes ihre Lage hatten, zu verfolgen 
sein, eine Richtung, in welcher die spätere fränkische Nieder- 
lassung keinen Strassenzug hatte. 

Unsere Strasse schneidet die ausserhalb der ältesten Nieder- 
lassung liegende Alexanderstrasse nahezu senkrecht, sodass die 
Alexanderstrasse wohl kaum auf einer Römerstrasse liegt. Viel eher 
würde die Römerstrasse nach Jülich in der Richtung der Peterstrasse 
zn suchen sein. Ich betone dies besonders deshalb, weil an der Peter- 
strasse vor einigen Jahren auch römische Grabfunde gemacht 
wurden, dann aber, um zu zeigen, dass auch unsere Römer- 
strasse von den Franken innerhalb ihrer Niederlassung nicht 
benutzt wurde, ein Zeichen dafür, dass die fränkische Nieder- 
lassung unabhängig von der römischen und vielleicht auch zeit- 
lich weit von dieser getrennt erfolgte. Für diese Annahme 
sprechen die Auffindung der Badeanlagen aus Römerzeit unter 
der Edelstrasse und deren totale Verschlammung, dafür spre- 
chen die Funde römischen Mauerwerkes unter der oberen Krämer- 
strasse und andere. Die römische Niederlassung war anscheinend 
total vom Erdboden verschwunden, als die Franken die Be- 
siedlung der durch ihre heissen Quellen anlockenden Stelle 
wieder aufnahmen. 

Kehren wir zur Fundstelle zurück, so fiel zunächst südlich 
von der Strasse gleich an der Grenze des früher schon bebauten 
Terrains ein halbmondförmig gestaltetes Stück einer Bruch - 
Steinmauer auf, die zum Teil schon vor langen Jahren zer- 
stört worden war. Die aus ihr entnommenen Bruchsteine sind 
zum Teil in der Rückwand der neben und vor unserem Fund- 
ort gelegenen Schmiede bereits seit langen Jahren eingemauert. 
Der noch erhaltene Rest der Mauer verlief an der Strasse be- 
ginnend in leichtem Bogen von Norden nach Süden und hielt 
das abschüssige Terrain eine kurze Strecke in wagerechtem 
Niveau, bildete also von Westen her gesehen einen Damm. Die 
Mauer bestand aus 4 — 5 Schichten von grossen grauen Bruch- 
steinen, die in einer Dicke von 90 — 100 cm ohne Mörtel nur 
durch Ton verbunden aufeinandergesehichtet waren. Die Ton- 
erde war östlich von der Mauer gegen diese angeworfen und 
auf deren Niveau erhöht, wie sich aus der Lage des gewach- 
s ^ nen Bodens ergab. Vermutlich haben wir es hier mit dem 



— 103 — 

erhöhtet] Platze zu tun, wie er für den Scheiterhaufen bei den 
geraeinsamen Beerdigungsplätzen der römischen Niederlassungen 
sich häufiger nachweisen lässt. In directer Nähe dieses erhöhten 
Platzes beginnen die Funde von allerlei römischen Gefässen 
von Glas und Ton der verschiedensten Art. 

Die Gefässe waren meist mit Erde angefüllt, die wohl 
zweifellos später eingedrungen war; auf dein Boden derselben 
fand sich Holz- und Steinkohle, die mich erst fast verleitet 
hätte, einen Beleg dafür anzunehmen, dass die Römer hier 
schon Gebrauch von der Steinkohle gemacht hätten. Bei Be- 
trachtung des Terrains zeigten die allenthalben den Boden wie 
ein Sieb durchlöchernden Regenwurmgänge, dass die Kohle von 
den Regenwürmern bis auf die Böden der Gelasse geschleppt 
sein konnte. Also damit war es nichts. Ausser den Gelassen 
fand sich nur ein Dachziegel und zwar ein Hohlziegel, imbrex, 
wie solche benutzt wurden, um die Dachfirste zu decken. In 
hiesiger Gegend wurden sie anscheinend häutig zum Zudecken 
der Asche benutzt, da sie auf den von mir mehrfach besuchten 
zahlreichen Gräberfeldern in den Fluren von Broich und Esch- 
weiler überaus häufig vorkommen. 

An Eisen, Handwerkszeug, Schmuck von Broncc und der- 
gleichen fand sich hier nichts. Auffallend ist. dass auch keine 
einzige Münze gefunden wurde, auch nicht Spuren davon. 

Inhalt der Gräber. 

Wie aus der nach ungefähren Messungen angefertigten 
Zeichnung hervorgeht, lagen die Gräber ohne bestimmte Ord- 
nung nahe beieinander, in Abständen von l j 2 bis 1 ' .._> Metern. 
Weitaus die grössere Mehrzahl befand sich an der südöstlichen 
Strassenseite, auf der nordwestlichen dagegen nur;:. Die Bruch- 
steinmauer, welche das abschüssige Terrain nach Süden hin 
begrenzte, lag ebenfalls an der südwestlichen Strassenseite. 
Die Gräbergruppe nimmt ihren Anfang gleich an dem lau 
Schenkel der Bruchsteinmauer mit einigen reichlicher ausge- 
statteten Gräbern. 

In Nr. 29, dem zunächst der Mauer gelegenen Grabe, befand 
sich ein grosser Sigillatateller (zerbrochen), in welchem der 
Doppelhenkelkrug Nr. 29 stand. 

Im Grabe Nr, 30 stand der Sigillatakumpen Nr. 28 und 
neben diesem lau' der weisse Tonbecher Nr. 26. Unter den 



— 104 — 

beiden Gefässen lag ein platter Stein mit scharfer Kante, der 
grosse Aehnlichkeit mit einem roh-behauenen, ungeglätteten 
Steinmesser hat. 

In Nr. 31 lag die grosse Urne Nr. 17 und zwei, leider 
zertrümmerte, schwarzlackierte Becher. 

In Nr. 28 lagen die Urne Nr. 18 und der Henkelkrag Nr. 42. 

In Nr. 27 lagen der Sigillatateller Nr. 31. der Sigillata- 
henkelkrng Nr. 22 und ein schwarzlackierter Becher Nr. 20. 

In Nr. 26 lag die Urne Nr. 19 und der Becher Nr. 21. 

In Nr. 25 befanden sich der Sigillatakumpen Nr. 46 und 
der dünnwandige Sigillatabecher Nr. 40. die ineinander gestellt 
waren wie die Gefässe im Grabe 29. 

In Nr. 24 wurden in der Nähe eines grossen Steines die 
beiden kleinen Henkelkrüge aus weissem, weichem Ton Nr. 38 
und 45 gefunden. 

In Nr. 23 lag der schöne, dünnwandige Becher aus schiefer- 
farbigem Ton. der ebenfalls in der Sigillataschüssel Nr. 32 
eingestellt war. 

In Nr. 22 befand sich nur der Henkelkrug Nr. 27, liegend 
über 2 flachen Steinen. 

In Nr. 21 lag der Teller aus rauhwandigem Material Nr. 
16 und neben ihm die Urne aus schwarzem, rauhem Ton Nr. 4. 

In Nr. 20 befanden sich 3 Gefässe, der schwarze, rauh- 
wandige Becher Nr. 2, die grosse Urne Nr. 9 und der rauhwan- 
dige Henkeltopf Nr. 3. 

In Nr. 19 lagen die Urne Nr. 13 und der Henkeltopf Nr. 10, 
der in den rauhwandigen Teller Nr. 1 1 hineingestellt war. 

In Nr. 18 befand sich die Urne Nr. 1 und der rauhwandige 
Teller Nr. 12, in den der Henkeltopf Nr 8 hineingestellt war. 

In Nr. 32 befand sich eine zertrümmerte Urne aus feiner 
Terra nigra und ein unlackierter Sigillatateller, der ebenfalls 
nur stückweise zu Tage kam. 

In Nr. 17 befanden sich über einem platten, grossen Steine 
der Henkeltopf Nr. 14 und das Glasfläschchen Nr. 5. 

In Nr. 16 lagen der Henkeltopf Nr. 33 (grobe Sigillata) und 
die beiden Glasfläschchen Nr. (i und 7. 

In Nr. 15 lagen ein grober Sigillatateller und ein schwarz- 
lackierter Becher, die beide zertrümmert wurden. 

In Nr. 14 lagen die beiden rauhwandigen Henkeltöpfe Nr. 24 
und 25 über mehreren grösseren Steinen. 



— 105 — 

In Nr. 13 lag' der grosse, rauhwandige Eenkelkrug Nr. 23 
ohne weitere Beigabe. 

In Nr. 12 fand sieh ebenfalls nur der kleine Henkelkrug 
aus weissem, stark verwittertein Ton Nr. 36. 

In Nr. 11 lag der linkshenklige kleine Krug Nr. 37 über 
einer Imbrex, die mit der Höhlung nach unten gelegt war. 

In Nr. 10 lag der dickwandige, mit roten Bandstreifen ver- 
zierte, kleine Henkelkrug Nr. 44 über einem zerbrochenen 
Sigillatateller von weicher, unlackierter Sigillata. 

In Nr. 9 fand sich der grosse, rauhwandige Henkel topf 
Nr. 41 ohne weitere Beigabe. 

In Nr. 8 fand sich die grosse Schüssel aus gröbster Sigillata- 
erde Nr. :54 und ein schwarzlackierter Becher aus rotem Ton, 
der in kleinen Stückchen zertrümmert zu Tage kam. 

In Nr. 7 lag die sehr grosse Schüssel aus gröbster Sigillata 
Nr. 30 ohne weitere Beigabe. 

In Nr. 6 lag ein rotlackierter Sigillatateller mit steilem 
Rande und ein grosser Henkelkrug aus weissem, weichem Ton 
mit roten Bandstreifen verziert; beide wurden total zer- 
trümmert. 

In Nr. 5 lag ein Sigillatateller aus weicher, unlackierter 
Sigillata und eiu mittlerer, schwarzlackierter Becher, die eben- 
falls beide stark zertrümmert wurden. 

In Nr. 4 lagen das Trinkhorn Nr. 47 und der Glasbecher, 
von dem mir nur einige Scherben gegeben wurden, Nr. 49. 

In Nr. 3 lag eine Merkurflasche, von der ich nur den Hals 
Nr. 51 erhielt, und die beiden Glasbecher Nr. 48 und 50. 

In Nr. 2 standen die Sigillataschale Nr. 43 und der rauh- 
wandige Henkelkrug Nr. 35 ineinander. 

In Nr. 1 befand sich die Urne Nr. 15. Dies Grab war 
bereits früher zerstört worden. 

Ehe ich zur Beschreibung der Fundgegenstände übergehe, 
möchte ich mir gestatten, eine kurze Uebersicht zu geben über 
die Bestattungsgebräuche der alten Homer. 

Bekanntlich hatten die alten Culturvölker der Griechen 
und Römer den Gebrauch, ihre Toten grösstenteils durch Ver- 
brennung, seltener durch Beerdigung der unverbrannten Leiche 
zu bestatten. In der spätem Zeit und besonders auf Kriegs- 
zügen war e^ allgemein Gebrauch, die Leichen der Gefallenen 
und der in den Lagern Gestorbenen zu verbrennen. Die Asche 



— 106 — 

der Verstorbenen wurde in Urnen gesammelt und in der Erde 
beigesetzt und zwar stets ausserhalb des Lagers oder der 
Niederlassung an den Heerstrassen. So finden wir allenthalben 
an Orten, wo grössere Niederlassungen bestanden haben, römische 
Gräberfelder von mehr oder weniger grosser Ausdehnung neben 
den Strassen. Vereinzelt findet sich auch eine Graburne allein 
an der Heerstrasse, wenn etwa ein Todesfall mitten auf dem 
Marsche zu beklagen war. Bei den Ansiedlungen wurde in der 
Regel gleich vor den Toren oder hinter den letzten Wohnungen 
mit der Anlage der Begräbnisstätten begonnen, und so kommt 
es, dass die entferntest gelegenen Gräber gewöhnlich auch die 
jüngsten sind. Die Gräber gehen oft bis dicht an die Strasse 
heran. 

Auf dem Friedhofe befand sich gewöhnlich eine etwas 
erhöhte, durch Mauerwerk gefestigte Stelle, auf der der Scheiter- 
haufen errichtet wurde Die Leiche wurde auf einem Brett 
befestigt oder in einem Holzkasten auf den Scheiterhaufen 
gelegt und verbrannt. Die Asche, besonders die weisse Kalk- 



te 



asche wurde von den Hinterbliebenen gesammelt und in die 



Ö' 



Erde in verschiedener Weise beigesetzt. Die Asche der Aerm 



b' 



sten wurde einfach in ein 60 cm bis 1 Meter tiefes Loch gelegt 
und mit einer Scherbe zugedeckt. Besser gestellte Leute sammelten 
die Asche des Toten in einer Urne, die sie in derselben Weise. 
der Erde anvertrauten. Je nach der Stellung und dein Ver- 
mögen des Verstorbenen wurden der Asche eine oder mehrere 
Beigaben mit in die Erde gelegt. Die Beigaben bestanden in 
der Regel in Tongefässen, besonders in Henkelkrügen, in Schmuck, 
Spielgeräten, Waffen und Glasgefässen. Die Beigaben wurden 
häufig auch mit der Leiche ins Feuer gelegt, so dass die Ur- 
nen nicht selten die Spuren starker, einseitiger Erhitzung tra- 
gen. Die Asche der Wohlhabenden wurde gewöhnlich nicht 
einfach in die Erde gesetzt, sondern in gemauerte Gelasse der 
verschiedensten Construction. Bemerkenswert ist, dass das 
Mauerwerk auf den Gräberfeldern der Rheinlande stets ohne 
Mörtel hergestellt zu sein scheint. Meistens scheinen jedoch 
die Beisetzungen in den Rheinlauden frei in den Boden statt- 
gefunden zu haben. Die Tongefässe, welche meistens vollstän- 
dig erhalten in der Erde stehen, wurden der mit einer Scherbe 
oder einem Hohlziegel zugedeckten Asche beigesetzt und ent- 
hielten Speisen oder Getränke, wenn auch nur in geringen 



— 107 — 

Mengen, um anzudeuten, dass das Grab eine Wohnung sei und 
der Tote darin weiter lebe. Aus demselben Grunde sind nicht 
selten die Gräber sehr reicher Familien hausartig angelegt. 
Die Gefässe enthielten also nicht alle Asche; auch finden sich 
in einem Grabe öfters mehrere. Der Zeit nach gruppiert man 
die Gefässe in solche der ersten Kaiserzeit, bis etwa 120 n. Chr.. 
der mittleren Kaiserzeit von 120 bis 250 und der spätem 
Kaiserzeit bis 450. Die Gefässe der einzelnen angegebenen Zeit- 
perioden unterscheiden sich wesentlich von einander bezüglich 
der Technik und besonders bezüglich des Kunstwertes. Wäh- 
rend die frührömischen Gefässe von schöner, gesunder, besonders 
auf Zweckmässigkeit gerichteter Formengebung sind, bringt die 
mittlere römische Kaiserzeit ein mehr malerisches Aeussere. Der 
Dekor derselben ist dementsprechend von zierlicherer Linien- 
führung und malerischer Farbengebung; er entnimmt seine Dar- 
stellungen häufiger dem Tier- oder Pflanzenreiche als die sich 
mehr auf lineare Verzierungen beschränkende ältere Zeit. In 
der spätrömischen Zeit wird die Dekoration wieder einfache]', 
aber auch roher, sowie auch die Technik sich verschlechtert, 
die Gefässe werden dickwandiger, plumper. Diese Entartung 
setzt sich fort, bis sie in die Formlosigkeit und Rohheit der be- 
kannten fränkischen Gefässe ausartet. Die Fabrikmarken und 
Legionsstempel, die sich in der altern Periode fast regelmässig 
finden, werden seltener in der mittleren Kaiserzeit und ver- 
schwinden in der spätem fast ganz. So sind dem Kenner an 
den Gefässen eine grosse Menge Merkmale gegeben, durch die 
er jedes Gefäss mit grosser Sicherheit in die ihm eigentümliche 
Zeitperiode einreihen kann. 

Mit Leichtigkeit lassen sieh die hier gemachten Funde 
wohl alle in die spätere Kaiserzeit einreihen: ich habe mich 
zu ihrer Erklärung der Angaben von Koenens Gefäss- 
k unde der vorrömischen, römischen und fränkischen 
Zeit in den Rh ein lau den bedient. 

Desgleichen gab mir der Director des Bonner Provincial- 
museums auf Befragen und Kinsendung der vorliegenden Photo- 
graphieen bereitwilligst an. dass er die Funde in die spät- 
römische Zeit verlege. 

Koenen unterscheidet bei den spätrömischen Gefässen der 
Rheinlande: 



108 



1. Ranhwandige Gefässe. 



a) Urnenförmige Gefässe. Tafel I, Nr. 1, 4, 9, 13, 
15, 17, 18, 19 (Koenen, Tafel XVII, 1 und 2) waren bestimmt 
zur Aufnahme der Asche des Verstorbenen oder wurden als 
grössere Gefässe der un verbrannten Leiche beigestellt. Die 
hier gefundenen Gefässe dieser Art sind meistens gelbweiss 
oder grau von dicker, rauher Wand und zeigen auf dem Durch- 
bruche Beimischung von feinen Kieselkörnchen zum Ton. Die 
rauhe Oberfläche ist durch Ueberstreichen mit weichem Ton etwas 
geglättet. Gefäss Nr. 4 ist von schwarzem Ton, im übrigen 
nach Technik und Form den andern gleich, höchstens etwas 
dünnwandiger. Der obere Rand ist bei den meisten Urnen 1, 
4, 9, 13, 17, 19 aus einer Doppelleiste zusammengesetzt, derart, 
dass der horizontal aufliegende, breite Rand nach innen und 
aussen vorspringend eine auf dem Gefässe rundherumlaufende 
Kinne bildet. An Nr. 4 und 9 ist die Rinne flacher als bei 
den andern. Bei 18 ist der Rand schmal und ohne Rinne, bei 
15 ist er durch leichte Ausbiegung und Verdickung des obern 
Urnenteiles enstanden. 

b) Den Urnen in der Form und im Material am nächsten 
stehen die Henkeltöpfe Tafel 1 Figur 3,8, 10, 14, 24 und 
25; unter ihnen sind einige z. B. Nr. 3 derart hart gebacken, 
dass sie im Durchbruche an merowingische Gefässe erinnern. 
Die offenbar altern Henkeltöpfe 24, 25. 14, 8. sind weicher 
gebacken, rauhwandig und von regelmässigerer, edlerer Form 
als 3 und 10, die jünger sind und der Merowingerzeit nahe 
stehen. (Koenen, Tafel XVII, Nr. 5.) 

c) Rauhwandige Kumpen fanden sich in unserm Gräber- 
felde nicht, sie kommen aber nach Koenen in spätrömischen Gräbern 
häufig vor. 

d) Teller sind von rauher, weisslich-grauer Oberfläche, 
bestehen aus mit feinen Kieseltrümmern gemischtem Ton und sehen 
unsern Blumentopfuntersätzen zum Verwechseln gleich. Sie 
sollen in den spätrömischen Gräbern selten sein, wovon hier 
nicht die Rede sein kann, da wir 3 nämlich Nr. 11, 12 und 16 
in unserem Funde haben. Wir könnten es hier also auch mit 
Funden aus der mittleren Kaiserzeit zu tun haben, zumal die 
mit ihnen gefundenen Urnen Nr. 15 und 18 auch in Material 
und Randprofi] sowie in ihrer viel dünnern Wandung auf die 



- 109 — 

mittlere Kaiserzeit hinweisen. Dagegen spricht aber, dass alle 
übrigen Funde ziemlich sicher der spätem Kaiserzeil ange- 
hören. 

e) Krüge und zwar Henkelkrüge rauhwandig Nr. 23, 35 
und 41 sind rohe, dickwandige Gefässe von schmutzig grauer 
resp. brauner Farbe, N. 23 von sehr hartem Back, 27, 35 und 
41 von weicherem Material. Sie gehören wohl zweifellos der 
spätem Kaiserzeit an (Koenen, Tafel XVII, Figur 8 und 9), sie 
sind sämtlich mit Ausguss versehen. Der obere Rand besteht 
aus Doppelleiste, deren äusserer Teil den innern bedeutend 
überragt, besonders bei 23. 

Die Böden aller bisher geschilderten Gefässe sind nicht ab- 
gedreht, sondern glatt geschnitten. 

2. Einfache glatte, zum Teil bemalte Gefässe. 

a) Amphoren sind von weissem, sehr weichem Ton, der 
an der Oberfläche vielfach abgebröckelt und verwittert ist, weil 
das weiche Material in der Erde freistehend den Einwirkungen 
der Nässe zu sehr ausgesetzt war. Zu ihnen gehören die Ge- 
fässe 29. 36, 38 und 45. Sie waren ursprünglich alle zwei- 
henkelig. Nur 29 ist vollständig erhalten und zeigt die rohe Form 
der spätrömischen Periode deutlich. Sie waren wahrscheinlich 
alle mit ziegelroten Querstreifen bemalt, die noch spurenweise 
sichtbar sind. 

b) Kannen dieser Art sind in unserm Gräberfelde nicht 
gefunden, dagegen ein geschweifter Becher aus hartem, weis- 
sem Ton mit cylindrischem Halse, der Spuren von circulär 
verlaufenden, roten Bandstreifen zeigt. 

c) Henkelkrüge sind von verschiedenem, glattem Ma- 
terial im Ganzen 5 gefunden. Ohne Beraalung waren zweifellos 
Nr. 37 und 22. Letzterer ist von rotbraunem Ton und sehr 
hart gebacken; 37 von blaugrauem Ton und von weicherem 
Back. Ihre Formen, untereinander sehr verschieden, kommen 
von der mittleren Kaiserzeit bis in die Merowingerzeit hinein 
vor. Nr. 42 und 44 sind typisch spätrömische Henkelkrüge 
und waren, wie deutliche Spuren zeigen, bemalt: 4-4 mit ziegel- 
roten, circulären Streifen. Ein nur stückweise erhaltener 
Heiikelkruir zeigt ebenfalls ziegelrote, circuläre Streifen. 



110 — 

3. Schwarzlackierte Gefässe, 

die für die spätrömischen Gräber der Rheinprovinz besonders 
typisch sind, finden sich hier auch und zwar hauptsächlich in 
Form von geschweiften Bechern mit cylindrischem Halse. 
Charakteristisch sind hierfür Nr. 20 und 21; ersterer ist von 
weichem, weissem Ton und aussen mit glänzend schwarzem Ueber- 
zuge versehen, Nr. 21 dagegen ist von rotem Ton und innen 
und aussen schwarz imprägniert. Nr. 39 ist von glänzendem, 
schieferblauem Material (terra nigra) und mit länglichen Ein- 
drücken versehen, die aber oberflächlicher und unvollkommener 
sind, als die für die mittlere Kaiserzeit besonders charakte- 
ristischen Becher dieser Art. Zwei weitere Becher dieser Art 
bestehen aus rotem, beiderseits geschwärztem Material, sind aber 
nur in kleinen Scherben zu Tage gekommen. Etwas grössere 
Stücke sind von zwei Bechern erhalten, die aus weichem, hellem 
Ton aussen und innen imprägniert, mit schwarzer Farbe circu- 
lär am Halse und an der Bauchung verlaufende Strichornamente 
zeigen. 

Ein schwarzgefärbter Becher Nr. 2, dessen Färbung leicht 
abging und aus russartiger Farbe bestand, zeigt grobes, kieshal- 
tiges Material und ist viel grösser als die übrigen. 

4. Sigillatagefässe. 

Alle mit gedrehten Boden. 

a) Die Sigillata vase Nr. 4 ohne Henkel, orangerot, 
hat weder Ornament noch Schriftzeichen. Koenen gibt an, dass 
diese Art von Gefässen um die Zeit Constantins I. entstanden seien. 

b) Der Krug Nr. 22 besteht aus rotem, feinem Ton und 
ist wohl als Sigillatagefäss zu betrachten. Auf einer Seite ist 
er stark verbrannt, so dass der Ton vollständig geschwärzt 
erscheint. Diese Brandspur zeigen eine Reihe anderer Gefässe 
ebenfalls, aber weniger deutlich, da die Veränderungen im Feuer 
bei ihnen nicht so stark ausfallen konnten. Wahrscheinlich 
sind diese Gefässe mit der Leiche zugleich im Feuer gewesen. 

c) Sigillata ku mpen sind zwei vorhanden. Nr. 28 und 46. 
Die Farbe der Sigillata ist gelbrot, die Innenseite glatt und 
ohne Stempel. Das Ornament der einen besteht aus schräg 
gestellten, in Quadraten verteilten Linien, das der andern in 
mehreren Reihen kleiner, eingedrückter Eierstäbe. 



— 111 — 

(1) Ein Sigillatahenkeltopf (Figur 33) ist bei Koenen 
nicht angeführt. Er ist von einfacher, glatter Oberfläche und 
ohne Ornament mit einer Querfurche am Halsteil versehen. 

e) Sigillatateller fanden sich in sehr verschiedenen 
Formen und von verschiedenem .Material. Zunächst die groben, 
fast l \, Meter messenden, grossen Teller 30 und 34, die am 
Rhein überall in den jüngsten vorfränkischen Skeletgräbern 
gefunden werden. Das Material ist so grob, dass es zweifel- 
haft ist. ob sie überhaupt zu den Sigillatagefässen gerechnet 
werden sollen. Sie sind aus hellrotem Ton und mit dunkler- 
rotem, dünnen Material überstrichen. Sie lagen in den am 
weitesten von der Stadt abgelegenen Gräbern. Aus ungleich 
feinerer Sigillataerde bestehen die Gefässe 32 und 43, die eben- 
falls aus heller Sigillata bestehen und dunkler, rotlackiert sind; 
bei mehreren, nur in Scherben herausgekommenen Sigillata- 
tellern fehlt der Ueberzug vollständig. Am besten gearbeitet 
ist Nr. 31. 

Was die Herkunft der Gefässe anbelangt, so haben wir 
es zweifellos grösstenteils mit gallisch-rheinischen Erzeugnissen 
zu tun. nur wenige Gefässe. die einen etwas älteren Charakter 
t tagen, mögen italienische Import waare sein, so die Scherben 
einer Terra-nigra-Uroe und der Terra-nigra-Beeher Nr. 39. 

Das Material, aus dem die Gefässe hergestellt sind, ent- 
spricht in eigentümlich genauer Weise den verschiedenen Ton- 
arten, wie sie ganz in der Nähe der Begräbnisstätten aus dem 
Boden herauskamen. Der Ton trägt dort die verschiedensten 
Farbennuancen und ist teils mit feinkörnigem Sande, teils an 
anderer Stelle mit Kalk mehr oder weniger stark vermischt. An 
einer Stelle fand sich tiefschwarzer, mit Sand vermischter Ton, 
dessen Art genau der der Urne Nr. 4 entsprach, wie er 
sich sonst meines Wissens nirgendwo findet. Gerade dieses 
Gefäss scheint mir mit Sicherheit an hiesigem Platze angefer- 
tigt zu sein, da diese Färbung und Mischung des Tones hier 
de natura vorhanden ist und anderswo etwas durchaus Un- 
gewöhnliches sein mag. 

Aber auch die übrigen Gefässe entsprechen durchaus den 
dort aufgefundenen Tonmischungen und Tonfarben. Die Becher 
und Henkelkrüge aus weissem Material entsprechen vollständig 
dem mit Kalk durchsetzten Ton, die grauen, rauhwandigen Ge- 
fässe auf dem Bruche meist ganz dein mit feineren Kiesgranulis 



— 112 — 

durchsetzten, hellen Ton, andere zeigen eine mehr oder weniger 
starke Beimischung von schwarzem Ton, ja ihre Wandung zeigt 
sogar Uebergänge von einer Farbe zur andern. Es liegt demnach 
die Vermutung sehr nahe, dass hier in Aachen und zwar an den 
Südwestabhängen des Lousberges der Ton zu diesen Gefässen 
gegraben und auch wohl verarbeitet wurde. 

Die Glasgefässe, 

die sich hier fanden, geben den Beweis, dass Gegenstände aus 
diesem für die Cultur so eminent wichtigen Material auch den 
Bewohnern Aachens damals nicht fehlten. Das Glas des Altertums 
besteht aus Kieselsäure, Kalk und Natron und wird deshalb 
Natronglas genannt gegenüber dem heutigen Glase, welches statt 
des Natron Kali enthält und Kaliglas heisst. Das antike Glas 
kommt vor als „undurchsichtiges, opakes oder Porzellanglas in 
verschiedenen Farben (vitrum obsidianum), durchscheinendes oder 
Hornglas (vitrum translucidum) und weisses durchsichtiges 
Krystallglas (vitrum purum)" l . Wurden dem Glasflusse Blei oder 
Eisen beigemischt, was wohl nur zufällig geschah, so entwickelte 
sich im feuchten Boden eine Oxydschicht auf dem Glase, die das 
bekannte Irisieren des Glases hervorruft. Das Irisieren ist 
durchaus kein Kennzeichen des antiken Glases; ausserdem kann 
man es heute noch viel schöner gleich herstellen, als es der tausend- 
jährige Aufenthalt im Boden fertig brachte. 

Die Römer waren in der Kunst des Blasens, Giessens und 
Pressens des Glases äusserst geschickt und haben in den 
Rheinlanden speciell eine Reihe sehr schöner Stücke zurück- 
gelassen. Sie stellten eine Menge von Gefässen in den verschieden- 
sten Formen mit reichlicher Verzierung her. Sie verstanden 
es auch, dem Glasflusse verschiedene Farben zu geben. Die 
Verzierungen wurden zum Teil gleich im Gusse angebracht, 
zum Teil auch durch Auflegen der flüssigen Glasmasse nach 
Art der bei dem Zuckerbäcker üblichen Spritzverzierungen oder 
durch Ziehen des Glases im zähen Zustande. Diese Kunst 
blühte in den Rheinlanden derart, dass deren Gläser selbst 
nach Italien ausgeführt wurden. 

Leider gingen die Arbeiter mit den (ilasgegenständen recht 
schlecht um; daher sind nur 4 Stücke ganz erhalten. Eine gross- 



'i Vgl. .Takolii, Die Saalburg. 



— 113 — 

bauchige Flasche, deren Halsteil ich nur erhalten konnte Nr. 
51, wurde total zertrümmert und die Scherben trotz meiner 
wiederholten Bitten, "alles aufzuheben, mit der Knie weg^efahren. 
her Arbeiter gab an, dass die Flasche keinen Standboden ge- 
habt habe, dagegen sei der Boden unten viereckig und in 
der Mitte mit Buckel versehen gewesen, eine Schilderung, 
die genau auf eine bekannte Form von römischen Flaschen, den 
sogen. Merkurflaschen, passt. Bei der Flasche standen die beiden 
Trinkgefässe Nr. 48 und 50 aus demselben grünen (Hase, wie 
es unserem Rohglase entspricht; die drei Gefässe bildeten eine 
Gruppe für sich und standen in nächster Nähe an der 
dort befindlichen Römerstrasse. Ihre einfache Form ist immer- 
hin bemerkenswert, bietet aber nichts Künstlerisches. Auf dem- 
selben Niveau stehen die drei gewöhnlich als Tränenfläschchen 
bezeichneten Glasgefässe. Sie standen bei Aschenurnen aus 
besserem Material, sprechen also entschieden für die grössere 
Wohlhabenheit des Verstorbenen. Zu den wenigen Gegen- 
ständen, die auf der Nordseite der Römerstrasse gefunden wur- 
den, gehörten die besten Stücke, nämlich ein Glastrinkhorn und 
ein dabei stehendes Trinkglas von ganz besonders schöner 
Form und Bearbeitung. Jakob i gibt in „die Saalburg" auf 
Tafel 71 eine Abbildung eines solchen Glases unter Nr. 7. Es 
besteht aus hellem Glase, an dessen Bauche sich warzenartige 
Ansätze befinden, die im zähen Zustande der Glasmasse mit 
der Zange herausgekniffen wurden und wohl zur Verstärkung 
des Gefässes und zur Ermöglichung eines sicheren Haltes in 
der Hand oder vielleicht nur zur Verzierung dienten. Unsere 
Scherbe zeigt ausser diesen Warzen noch eine feine Querrip- 
pung. Die Warzen dienten hier nur als Griffe. Leider konnte 
ich nur ein Paar Stücke davon retten. Fast ganz erhalten ist 
jedoch das Trinkhorn, welches gewiss eines der schönsten bis- 
her gefundenen Glasgefässe ist. Es fehlen nur kleine Stücke 
an der Convexseite; die Bruchflächen der Concavseite passten 
genau aufeinander und Hessen sich aneinanderkitten. sodass die 
äussere Gestaltung vollständig erhalten ist. Sein Längendurch- 
messer beträgt, etwa 34 cm, der Durchmesser der Bornöffnung aber 
ICM/2 cm; das Mundstück des Hornes ist zugeschmolzen. Vom 
Mundstück aufwärts ist ein Glasfaden von etwas dunklerem 
grünen Glase in ungleichen 7 Windungen herumgelegt. Wo die 
Verdickung des Hornes beginnt, etwa 9 cm vom Mundansatze 



— 114 — 

entfernt, beginnt eine Verzierung' aus dunkelbrauner Glasmasse, 
bestehend aus zwei 1 cm von einander entfernten Querstreifen, 
zwischen denen ein ebenfalls brauner Faden, aufwärts und 
abwärts laufend kleine Dreiecke frei lässt. Auf dieser Quer- 
verzierung setzt an der concaven Seite eine Schnuröse an, die 
aus dunkelgrünem Glase ebenfalls durch Spritzverschnörkelung 
gebildet wird. Von der untern Querverzierung laufen 4 braune 
und 4 gelbgrüne, geschnörkelte Linien bis zur Grenze des obern 
Drittels des Hernes, die durch einen braunen Glasstreifen markiert 
ist. Das obere Drittel des Hornes ist in ähnlicher Weise verziert, 
nur sind die Schnörkellinien hier durch je zwei Streifen gebildet, 
die übereinander weglaufend zwischen sich zahlreiche Lücken 
reifenartig freilassen. Ihre Zahl ist hier auf sechs beschränkt. 
In den Zwischenräumen sitzen farbige Nuppen, wie wir sie an 
unsern heutigen sogenannten Römern noch haben. Den Abschluss 
der Verzierung nach oben bilden zwei 1 cm von einander 
entfernte, braune Glasfäden, die an der convexen Seite von 
braunem, an der Concavseite von gelbgrünem hin- und herlaufen- 
dem Faden berührt werden. Die Schnuröse überbrückt hier 
die Rand Verzierung. Der Rand des Hornes ist nach aussen 
hervorgewölbt. 

Datierung der Funde. 

Die Zeit, in welche die oben beschriebenen Funde zu verlegen 
sind, ist ohne Zweifel die Zeit von 300 bis 350 n. Chr. Dafür 
spricht der Typus fast aller gefundenen Gegenstände, dann aber 
auch eine Reihe geschichtlicher Vorgänge in unserer Gegend 
um diese Zeit. 

Schon während des dritten Jahrhunderts n. Ohr. beginnt 
die Römerherrschaft zu erschlaffen; die fortwährenden Impera- 
torenwechsel und Bürgerkriege untergraben die Disciplin der 
Legionen, und die Einfälle der Franken in die linksrheinische 
Gegend nehmen ihren Anfang. Im Jahre 253 ziehen die Fran- 
ken plündernd durch ganz Gallien. 258 wirft Kaiser Postumus 
sie über den Rhein zurück; nach dessen Tode dringen sie 
wieder vor; Aurelian bekämpft sie wieder mit wenig Erfolg, 
bis Probus endlich das ganze linke Rheinufer um das Jahr 280 
von ihnen säubert. Aber schon wenige Jahre später zerstören 
sie wieder die Castelle am Rhein und dringen in das links- 
rheinische Gebiet ein, um von Diocletian 285 bis 305 wieder 



— 115 — 

vertrieben zu werden. Durch diese fortgesetzten Kriege war 
das linksrheinische Gebiet so verödet, dass Diocletian die be- 
siegten Franken dort ansiedelte. Oonstantin erst gelang es, die 
Gegend zur Ruhe zu bringen, auf einige Jahrzehnte wenigstens. 
306 bis 337, und in dieser Zeil wird wohl unser Gräberfeld 
entstanden sein und Aachen eine grössere Bedeutung gewonnen 
haben. Der Bürgerkrieg zwischen Oonstantin II. und Magnen- 
tius aber vernichtete von 350 bis 353 die ganze römische Oul- 
tur am linken Rheinufer. Die Germanen drangen vor und ver- 
wüsteten die ganze Gegend, die von ihrer Bevölkerung total 
entblösst wurde. Keine Stadt, kein Castell ausser Beinagen 
und einem Turme bei Cöln blieb erhalten. Zwar erobert Julian 
356 das Land wieder zurück, er kann aber die Germanisierung 
nicht mehr authalten und ist mehreremale genötigt, den Gegen- 
den Brot und Saatkorn zuzuführen, ein Zeichen ihrer totalen 
Verödung, die je weiter vom Eheine um so mehr fühlbar sein 
musste. Dies ist wahrscheinlich die Zeit, wo Jahrzehnte lang 
in unserer Gegend jede Cultur erstorben war, wo die Trümmer 
der Bäder und der Niederlassung verschlammten und mit Wald 
überwucherten, derart, dass die später hier sich wieder anbauen- 
den Franken nicht einmal die Strassen mehr erkennen konnten. 
Die fränkische Niederlassung befand sich sicherer Ueberlieferung 
gemäss weiter westlich. 

Dass keine germanischen Grabstätten vorliegen, dafür spre- 
chen mit Sicherheit die Glas- und Terra-Sigillatafunde, die nur 
den römischen Begräbnisstätten eigentümlich sind. Die Anord- 
nung der ganzen Friedhofanlage, der Verbrennungsstelle, der 
Einzelgräber und deren Inhalt entspricht durchaus den römi- 
schen Gebräuchen. 

Im ganzen mögen es, soweit das bei der mangel- 
haften Ausgrabungsart möglich war festzustellen, etwa 
30 bis 35 Gräber gewesen sein. Zweifellos war aber noch 
eine vielleicht weit grössere Anzahl Gräber vorhanden, die 
zum Teil zerstört, zum Teil auch noch unaufgedeckt sein mögen, 
im Nachbargelände. Leider ist das wahrscheinlichere, dass die 
älteren Teile des Friedhofes schon vor langen Jahren, vielleicht 
schon vor Jahrhunderten, bei den Bauten an der Alexander- 
strasse vernichtet wurden. 

Ein continuierlicher Zusammenhang unseres Friedhofes mit 
den Funden an der obern Peterstrasse ist nicht wahrscheinlich, 



— 116 — 

da sonst bei der Canalisierung der Alexanderstrasse doch 
römische Gefässe gefanden worden wären, wovon nichts be- 
kannt geworden ist. Eher möchte ich annehmen, dass an der 
Peterstrasse, die in ihrem obern Teile auch die Richtung nach 
dem Kolbert zeigt, sich eine weitere römische Begräbnisstätte 
an der Strasse nach Juliacum findet. Herrn Archivar Pick 
wurden vor etwa 15 Jahren dort gefundene Graburnen gezeigt, 
über deren Verbleib leider nichts bekannt ist. 

Ebenfalls auf Privatgrundbesitz wurden vor Jahren an 
der. Nicolausstrasse gut erhaltene Gefässe gefunden, die, einem 
mir zu Gesicht gekommenen Gefässe nach zu urteilen, auch 
höchstens der mittleren Kaiserzeit angehören. Vielleicht gehören 
diese dem Strassenzuge an, der vom Kolbert ausgehend der 
Nicolausstrasse folgend unter dem Blocke zwischen den Cöln- 
strassen durch das Tietz'sche Terrain zur Pontbrücke und 
weiter nach Heerlen (Coriovallum) führte. Zahlreiche Funde an 
der östlichen Marktseite begleiten diese Strasse. Vielleicht 
waren auch an dieser Strasse und nördlich vom Münster 
Begräbnisstätten, während die römischen Funde die römische 
Niederlassung in der Gegend der Bäder und östlich von diesen 
erkennen lassen, wie die in verdienstvoller Weise von Herrn 
Bauinspector Adenau 1 angefertigte Karte zeigt. Die Begräb- 
nisstätten der älteren Perioden römischer Cultur unserer Stadt 
sind noch nicht aufgedeckt und hoffentlich noch nicht zerstört. 

Diese und die römischen Funde, die im Centrum der Alt- 
stadt in nächster Nähe des Marktes und der Bäder gemacht 
wurden, liefern den sichern Beweis, dass bereits sehr früh hier 
die Römer sich niedergelassen hatten, und wenn die bisher be- 
kannten Funde nicht besonders zahlreich und weniger ergiebig 
erscheinen als an andern Plätzen, so liegt dies wohl hauptsäch- 
lich daran, dass durch mehrfache Zerstörung der Stadt sich 
hohe Schichten gebildet haben, die die ersten Cnlturreste meh- 
rere Meter tief in den Erdboden vergruben. Erst der Neuzeit 
mit ihren gewaltigen Hochbauten und der Canalisation war es vor- 
behalten, diese Schicht allmählich aufzudecken; jedenfalls steht 
noch mancher interessante Fund bevor, zumal wenn die Auf- 
merksamkeit eine etwas regere und die wissenschaftliche Be- 
aufsichtigung der Ausgrabungen etwas allgemeiner auch bei 
Privatbauten ausgeübt wird. 



',-, v 



') Vgl. Zeitschrift des Aach. Geschichtsvereins, Bd. XX, 189«. 



— in 

Erschwert ist die Aufdeckung- der römischen Reste hier- 
orts auch besonders dadurch, dass die römische Culturschicht von 
der spätem fränkischen Cultur anscheinend gar nicht benutzt wurde, 
und dass die Römerstrassen innerhalb der jetzigen Stadt den 
jetzigen Strassenzügen nicht entsprechen. Dazu kommt, dass hier 
meistens die Einzelfunde sich verzetteln und für die Geschichte 
unserer Stadt verloren gehen, wenigstens soweit sie nicht auf städ- 
tischem Grundbesitze gemacht werden. Die Einrichtung des Pont- 
tores als archäologisches Museum wird hoffentlich in diesen Zu- 
ständen eine gründliche Wandlung bringen und die Schätze, die der 
Boden unserer Stadt noch birgt oder schon herausgegeben hat, 
in würdiger Weise aufnehmen und der Nachwelt erhalten. Eine 
wissenschaftliche Bearbeitung des dort zusammengetragenen 
Gesamtmaterials wird dann möglich sein und über manche bis- 
her noch undiskutierbare Fragen Auskunft geben. 



Geschichte des Ländchens zur Heiden, 

Von f H. J. Gross. 

(Sohluss.) 

Die Schöffen waren auf Lebenszeit angestellt, jedoch konn- 
ten sie wegen hohen Alters, Kränklichkeit und dergleichen ihr 
Amt niederlegen; von einer Strafentsetzung ist in den mir vor- 
liegenden Protokollbüchern nichts berichtet. Ursprünglich sind 
die Schöffen in Heiden wie anderwärts von der ganzen Ge- 
meinde gewählt worden; dann entstand der Brauch, dass die 
Schöffen selbst erledigte Stellen neu besetzten ; dem Landherrn 
blieb das Recht der Bestätigung. Im Ländchen machten nachher 
die Schöffen bei Erledigung einer Stelle dem Landherrn Vor- 
schläge für die Neubesetzung. Das war aber Wilhelm IL von 
Bongart nicht genug. Er versuchte nach dem Beispiele seines 
Vaters die Gemeinderechte zu beschränken, fand aber dabei 
wie jener entschiedene Gegner an den Schöffen. Hatten diese 
doch bereits auf dem Vogtgedinge von 1575 Klage gegen die 
Uebergriffe Wilhelms I. erhoben und Vertrauensmänner mit der 
gerichtlichen Verfechtung ihrer Gerechtsame beauftragt, wäh- 
rend Vogt und Schreiber, die vom Herrn ernannten Beamten, 
„sieh iro dienst halber 1 abgesundert" hielten? Darum wollte 
Wilhelm II. die Ernennung der Schöffen ganz in die Hand be- 
kommen; er fing an, ihm missliebige abzusetzen und neue eigen- 
mächtig zu ernennen, wie auch sein Vater schon getan hatte. 
Das zog ihm 1598 eine Zurechtweisung des herzoglichen Com- 
missars Dietrich von Waidenburg zu, der ihn aufforderte, den 
Befehlen der frühern Commission nachzukommen, sich der Ein- 
griffe in den Gemeindebusch zu enthalten und die erledigten 
Schöffenstellen nur auf Vorschlag der übrigen Schöffen zu be- 
setzen. „Mit fernerer anzeig, dass euer edelen liebden sich 
vergangener Zeit gelüsten lassen, etliche wenig ums haus zur 



') Ihrer dienstlichen Stellung wegen. 



— nn — 

Heiden gesessene hausleut, welche in diesem itzigen kriegs- 
wesen ire flucht aufs haus daselbst hatten und euer edlen lieb- 
sten deren also mechtig, aus welchen auch etliche neue scheffen 
(an statt deren, so euer edlen liebsten eigenen gefallens und 
mit der that entsetzt, unangesehen doch von alters her- 
pracht, wan einig scheffen mit tod oder sonst ab- 
gangen, als dan der übriger zahl dero scheffen wiederum 
etliche qualifizirte zu presentiren und dan r. r. 1. aus 
denen erwehlung zu thun, an sich zu ziehen und mittels denen 1 
. . . sich nunmehr angeregten busch mechtig zu machen 2 . . . ." 

Ob es bei der alten Weise verblieben oder der Landherr 
trotzdem mit seiner Absicht durchgedrungen ist, lässt sich bei 
der geringen Anzahl hierauf bezüglicher Aufzeichnungen sowie 
der Unklarheit der vorhandenen nicht bestimmen. So heisst es 
1640 im Protokollbuche: „10. Dez. Heut dato ist Thönis Vroen 
zum scheffen auf und angenomen und mit gewonlichen scheffen- 
aid vermog fürstlich gülischer landordnung verstrickt und be- 
laden". Aus solchen Wendungen lässt sich über die Vorgänge 
bei der Auf- und Annahme nichts schliessen. Ein Schöffen- 
patent von 1782 lautet: „Sigismund Reiner Josef, des H. R. R. 
freiherr von Bongart, herr zur Heiden, Winandsrath, Pesch. 
Dornigen, llolzheim, ... erbkämmerer . . . erbbannerherr . . . 
füge hiermit dem vogt, scheffen, vorsteheren fort allen Unter- 
tanen und nachlassen meiner herrschaft Heiden zu wissen, dass 
ich dem Matheis Josef Prickartz an statt seines vaters . . . 
nachdem die scheffenstelle hohen alters halber zu meinen bänden 
niedergeleget, zum scheffen bei dem gericht meiner besagten 
unterherrschaft in gnaden augeordnet habe . . . dergestalten, 
dass er den gewöhnlichen scheffeneid am gericht zu Richterich 
aufschwören und gnädiger herrschaft treu und hold zu sein 
verangeloben solle. Des ends dan an vi igt und scheffen der 
befehl ergeht, den ... in eid und pflicht zu nehmen und ihme 
die der scheffenstelle anklebigen emolumenten angedeihen zu 
lassen . . . Winandsrath am 18. hornung L782 3a . 

Diese Fassung schliesst die Mitwirkung der Schöffen ganz 
aus; freilich bleibt zu berücksichtigen, dass es sich um den 
Fall einer Amtsniederlegung in die Hände des Herrn handelt 

*) Es handelte sich um die Schöffen Cornelius Ortman, Hein Quad- 
flieg und einen ungenannten. 

'-') Gemeindearchiv zu Richterieb. 
3 ) Protokollbuch. 



— 120 — 

Der älteste Schöffe vertrat den Vogt, wenn dieser ver- 
hindert oder abwesend war, als Statthalter. Als solcher 
amtete im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts längere Zeit 
Johann Sabelsberg *. Häufiger kamen diese Vertretungen im 
18. Jahrhundert, in der letzten Zeit der Herrschaft vor, wo 
die Vögte meist in Aachen wohnten. 

Wenn ein Schöffe in einer Sache irgendwie Partei war, 
wurde er bei Beratung und Fällung des Urteils nicht zuge- 
lassen. „1640 dieweilen Cartilius Merkelbach in dieser Sache 
suspektirt, als ist derselb bei erkenntnus und Verfassung des 
urteils abgetreten 2 ". 

Es war, „zwarn von alters her so gebräuchlich gewesen, 
dass bei absterbung hiesiger vögte, gerichtssclireiberen und 
scheffen der hinterlassener famille von gemeindswegen ein fetter 
hammel zum trauer traktament zu lässig fallet und sonst der- 
gleichen fast in allen polizeiordnungen abgestellt worden ; als 
solle die gemeinde und die famille hinfüro davon befreiet sein, 
und heget das gericht zu jedem mitglied das gesicherte zu- 
trauen, dass ohnehin keines ermangeln werde, dem verstorbenen 
beim kirchendienst die letzte ehr zu erweisen 3 ". Ein sehr ver- 
nünftiges „decretum ex officio". Ob's aber auch gefruchtet hat? 

4. Der Gerichtsschreiber wurde vom Herrn ernannt 
und legte auf dem Vogtgeding den gewöhnlichen Eid ab. Er 
war der meistbeschäftigte Mann des Gerichts, der auch bei 
allen gerichtlichen Handlungen das fiskalische Interesse zu 
wahren hatte. Als am 24. Januar 1634 „bei des tags auf- 
gaug" in der Scheune des Hein Hanrats 4 zu Horbach dessen 



*) Sein Sohn studierte in Aachen bei den Augustinern ; als Schulgeld 
gab der Vater jährlich 6 Wagen Kohlen weniger eine Karre. Damals waren 
manche Jünglinge aus dem Ländchen Zöglinge der Augustiner. 

2 ) Protokollbuch. 

3 ) Protokollbuch. 

') Das scheint ein vom Unglück verfolgter Mann gewesen zu sein. Er 
hatte so viele Schulden, dass seine Kinder sein Haus, „under die Weier" 
genannt, im Jahre 1635 für 170 Tlr. und jede Eute Hofraum für 7 Gulden 
aix verkaufen mussten, wozu ihnen die Frau des Käufers noch 10 Tlr. als 
Verzichtspfennig versprach. Die Gläubiger erlitten an ihren Forderungen 
einen Abzug von Gerichts wegen „nachadvenant". So erhielt eine Frau ihr 
Kapital von 104 Tlr. aix und die Zinsen von einem Jahr, „die schützen ihr 
50 daler und eines Jahres Pension, nemlich den Schreiber zu bezahlen ad 3 



— 121 

beide Töchter und der uneheliche Sohn des Kersten Hanrats 
verbrannten, liess der Gerichtsschreiber „in nanien seines hoch- 
gepietenden herrn auf Kersten Hanrats kindlich antheil einen 
zuschlug thun *". 

5. Unsere Altvorderen hatten es weislich eingerichtet, 
dass niemand am Gericht sprechen durfte, er habe dan urlaub 2 
oder sprech mit 3 seinen gebürenden 4 vorsprecher oder prokura- 
toren 5 ". Dadurch wurde unnötiges Gerede und aufgeregtes 
Gebaren der Parteien vermieden. Es mussten demnach die 
streitenden einen Sachwalter nehmen, der für sie dem Gerichte 
das zweckdienliche vortrug. Die Prokuratoren wurden 
ebenfalls vom Herrn angenommen und vom Gerichte vereidigt. 
Das „Patent des procuratoris Carl Longree" — interessant be- 
sonders wegen des vollen Titels des Ausstellers — lautet: „Ich 
Johan Jacob Josef Anton, des G. R. R. panner- und freiherr 
von und zu Leerodt und Born, herr deren herrschaften Lee- 
rodt, Wels und Rurdorf, regierender Herr deren herrsschaften 
Heiden, Bettendorf, Etzweiler, Frimal, Hurne, St. Pierre und 
der freien reichsherrschaft Blyt, grundherr zu Freilenberg, herr 
von Grasbroich. Opheim, Müllendorf, Crommels- und Spieser- 
burg, Bergerhausen, Onau, Niederbohlem, Grossenbernsau, Com- 
bach, Mülrekoven und Steinerhaus, ihro churfürstl. gnaden zu 
Cöln hoher staats-conferenz-wirklicher geheimer rath und seiner 
churfürstl. durchlaucht zu Pfalz oberamtmann und Statthalter 
des amts und Stadt Heinsberg, benenne und nehme gnädig auf 
den Supplikanten Carolum Longree kaiserlichen und binnen der 
reichsstadt Aachen immatrikulirten notarium zum gerichts- 
prokuratoren in meiner mitbesitzender gülischer unterherrschaft 
Heiden und conferire demselben diese prokuratorstelle mit dem 
angefügten auftrag an den dasigen beamten herrn Hoen, ge- 



daler . . . wegen das er könig gewesen ist wegen der schützen". Der Ge- 
richtsbote erhielt 15 Tlr., der Landherr wegen einer Kuhkurmede 16 Tlr. 
Was das verkaufte Erbe dem Hause Heiden jährlich schuldete, nämlich 1 
Kapaun und 1 Kop Roggen, wurde um Kauf abgezogen; die Kosten des 
Geriehtsakts durfte er am Lickauf (Weinkauf) abziehen. 

M Protokollbuch. 

'-') Erlaubnis. 

'') durch 

4 ) gewöhnlieh : „gebedenen". 

6 ) Horbacher Weistum. 



— 122 — 

stalten er diesen ernenten notarium Longree' gleich als andere 
dasige prokuratoren anzusehen und nach üblicher förmlichkeit 
in aid und pflichten zu setzen. Born den 19. aug. 1778, d. d. 
d. A. reichspanner- und freiherr von Leerodt 1 ". 

Longree wurde am 9. September vereidet und gelobte da- 
bei, der gnädigen Herrschaft treu und hold zu sein. 

Die Prokuratoren haben früher eine einflussreichere Stellung 
eingenommen als in der späteren Zeit, wo sie eigentlich nur 
Handlanger waren, welche die von rechtskundigen Advokaten 
verfassten, von ihnen selbst etwa nur abgeschriebeneu Akten 
dem Gerichte übergaben. Auf dem Vogtgedinge von 1634 ver- 
glich sich die Witwe des Prokurators Dr. Oswald mit der 
Gemeinde dahin, dass sie für 25 Reichsthaler und einige Wagen 
Kohlen „alle stücken, so unsern hochgepietenden herrn und die 
nachpauren angehen mögten", herausgeben wolle; 1696 beauf- 
tragte das Gericht den Prokurator Meyer, vor einem kurfürst- 
lichen Commissar den Prozess der Gemeinde gegen die Meist- 
beerbten zu führen, welche Steuerfreiheit für ihre Ländereien 
beanspruchten. Den einflussreicheren Teil der ursprünglichen Pro- 
kuratorenstellung nahmen nachher die Advokaten vorweg, 
welche auch von „gnädiger herrschaft angeordnet" und vom 
Gerichte vereidigt wurden. „Mercurii 14. novembris 1781 
haben herr hofrath und fiskal Caspar Ludwig Franz von Fa- 
bricius und herr Arnold Leonard Josef Hoen in qualität unterm 
9. currentis durch ihro . . . freiherr von Leerodt excellence 
und frei herrn von Bongart gnaden angeordneter advokaten in 
hiesiger herrschaft den eid: dass ihre parteien, deren rechts- 
sachen angenommen oder annehmen würden, getreu und auf- 
richtig bedienen, ihre Sachen nach bestem verstand ihnen zum 
guten mit fleiss vorbringen, darin wissentlich keinerlei unrecht 
schmähreden gebrauchen, kein gefährliche aufschub und dila- 
tionen zur Verlängerung der Sachen suchen und die parteien 
dergleichen zu thuen nicht unterweisen, auch mit denenselben 
kein vorgeding machen und überhaupt sich so betragen würden, 
wie ein kordater rechtsgelelirter zu thun schuldig ist; ferner 
dass hiesig gnädigen landsherrn wohl und iuteresse auf alle 
mögliche art förderen, nichts, was diesen zuwider ist. raten und 
unterstützen, auch denenselben wie auch dem gericht die ge- 



') Protokolliert!. 



— 123 — 

bürende Verehrung leisten und um die löbliche absichten der 
hohen landesherrn zu vereitelen keine schriftliche handlungen 
unterschreiben wollen, die nicht selbst gänzlich verfertigt haben; 
schliesslichen dass in fiskal und criminalsachen, worin ein fiska- 
lischer anwalt oder exculpator nötig, im falle nichts von dem 
delinquenten zu erzwingen ist, unentgeldlich und ohne den hohen 
landesherrn dass mindeste abzuforderen bedienen wollen, jeder 
besonder förmlich ausgeschworen 1K . 

6. Ueber den Boten sagen die Protokolle nur, dass er 
vom Gericht auf- und angenommen und nach der Landesordnung 
vereidigt worden sei. Für Eigelshoven war ein besonderer 
Bote angestellt. „1637, dec. 5. ist Christoffel Remkens zum 
boten zu Eigelshoven auf- und angenommen und den gewonlichen 
boteneid in solemni forma geleistet 1 ". 

Die Boten hatten nicht nur die Verfügungen des Gerichts, 
sondern auch die Verkündigungen der Verwaltung z. B. Ablage 
der Gemeinderechnungen, Erneuerung der Steuerlisten, Verord- 
nungen des Vogtes zur Kenntnis zu bringen. Das geschah 
häufig in der Kirche. Es ging übrigens für den Boten nicht 
immer glatt ab. 1626 wollte derselbe dem Junker Hermann 
Hirtz von der Landskron auf Uersfeld die Aufforderung, ein 
wegen rückständiger Steuern und Umlagen gepfändetes Pferd 
einzulösen, nicht überbringen ,,indeme er von jonkeien Lantz- 
kronen nicht allein vor diesem bedreuet, sondern auch mit 
thatlicher gewalt überritten und dermassen traktirt worden, 
dass hinfürter bemeltem jonkeren keine ankündigung mehr an- 
melden wollen 1 ". 

7. Ueber die Zuständigkeit des Gerichts gibt uns 
das Weistum in der Aufzählung der Vroegen Aufschluss. 
„Vroegen" d. h. zur Kenntnis des Gerichts bringen musste 
jeder Einwohner alles, was er unrechtes und daher strafbares 
erfahren hatte 

a. „van massen zu Strassen 2 " d. h. in betreff der Sicher- 
heit der Heerstrassen, wenn sich jemand vergangen hatte durch 
Wegelagern, Strassenraub oder ein anderes die öffentliche 
Sicherheit gefährdendes Vergehen. Ein folgender Abschnitt 
des Weistums enthält dann auch die Bestimmung, dass die. 



') Protokollbuch. 

2 ) Ich citiere noch Pick, Annalen, lieft 2.">. S. 249. Man beachte den 
rhythmischen Bau der Formeln, der für ihr hohes Alter Z6U{ 



— 124 — 

welche Missetaten verübt, Mordbrennerei getrieben, Strassen, 
Kirchen, Klausen, Spitäler geschändet oder in Brand gesteckt, 
Notzucht 1 verbrochen oder sich gegen den Landherrn vergangen 
hatten, des mit dem Vogtgeding verbundenen freien Geleits 
erst dann teilhaft sein sollten, wenn sie ihr Verbrechen gebüsst 
und gebessert d. h. die gesetzliche Strafe erlegt, sowie Schaden- 
ersatz geleistet hatten. Die Protokolle besonders des 17. Jahr- 
hunderts wimmeln von Verhandlungen über Strassenraub. Ein 
Dekret vom Jahre 1636 schärft denn auch diesen Artikel der 
Vroege nochmals ein. Wer den öffentlichen Frieden durch 
schimpfen, schlagen, wegelagern, rauben und dergleichen brach, 
musste „mit dem hochgepietenden landherrn des interesse halber 
abtrag thun". Es musste Anklage erhüben werden 

b. „van wege zu stege" d. h. gegen diejenigen, welche 
die Gemeindewege und Stege verdarben, nicht in stand hielten 
oder neue „ungebürliche" Wege in Feld und Wald machten. 
Auch diese Klagen werden sehr häufig, besonders von den Dorf- 
meistern und Förstern, erhoben; 

c. „van reinen, van gaelen", also über die unrechtmässige 
Veränderung der Grundstückraine und Versetzung der Acker- 
grenzpfähle; 

d. „van keiven 2 , van schlaen" über Zänkereien und 
Schlägereien; 

e. „van falschen waaren, van falschen gewicht". Die Ver- 
fälschung der Waren, der Masse uud des Gewichts kannte die 
,.gute alte Zeit" auch schon. Als der Gerichtsschreiber, zwei 
Schöffen und der Gerichtsbote im Jahre 1652 vom Landherrn 
den Auftrag erhalten hatten, „die bierkannen mit der land- 
maszen zu messen", fanden sie bei 17 Brauern 40 Kannen, die 
zu klein waren. Endlich vroegte man 

f. „van allen stücken und punkten, dat dem herrn zu 
strafen steif. 

Dass das Gericht darauf hielt, seine Zuständigkeit nicht 
zu überschreiten, ersehen wir aus folgendem „Decretum 1636. 
Auf Hinkelen Bischoffs eingebrachte exception declinationis fori 



') Vergehen dieser Art gehörten sonst vor die Sendgerichtc. Defiora- 
tionsklagen kommen mehrfach in den Protokollen vor. 1G33 wurde ein Ehe- 
brecher und Blutschänder, der längere Zeit auf Heiden eingetürmt war, mit 
125 Goldguldcn Strafe belegt. 

2 ) Der Ausdruck „kieve" wird jetzt meist vom gegenseitigen schimpfen 
der Weiber, auch wol vom Tadeln und Zurechtweisen der Kinder gebraucht. 



— 125 — 

ist der bescheid, dass dieses streidig gemachte testament zu 
dem ordentlichen richter als nemlich zu dem Sendgericht, under 
dem beide parteien gesessen, zu remittiren seie". Es beruft 
sich aber auch wol auf seine Competenz. „Decretum 1777. 
Das gericht ist amtshalber schuldig, für die beibehaltung lands- 
herrlicher hoheit zu sorgen. Hat beklagter nun . . zu derselben 
schmälerung nichts attentiret . . . dan haben die hiebevorige 
decreta ihr bewenden hiermit". Es handelte sich um Aeusse- 
rungen, die in Prozessakten vorgekommen waren. 

Die Fortführung des Grundbuches erfolgte ebenfalls 
durch das Gericht. „1781. Decretum ex officio. Sollte die Um- 
schreibung derenjenigen, welche guter gekauft haben, die noch 
auf der verkäuferen namen im schatzbuch 1 donnerstag den 11., 
frcitag den 12. und samstag den 13. 2 künftigen Jahrs auf der 
gerichtsstub zu Richterich vorgenommen werden, dahin denen 
quartiers Richterich und Horbach vorbesagter donnerstag, denen 
quartiers Bank und Pannesheid vorbesagter freitag, den quar- 
tiers Klinkheid und Scheid vorbesagter samstag um 9 uhr vor- 
mittag bis 8 uhr nachmittag präfigirt wird 3 ". 

Mehrfach berichten die Protokolle über gerichtliche 
Immissionen d. h. über Einweisungen von Gläubigern oder 
sonstwie Berechtigten in den Niessbrauch gestellter Unterpfänder, 
beziehungsweise in das Besitzrecht an unbeweglichen Gütern. 
Im Ländchen war es „gerichtsbräuchlich in actionibus hypo- 
thecariis, wo kein morae periculum subversiret 4 , auf anrufen 
viertelsjährigen ausstand zu erteilen, besonders wenn causae 
promotor 5 solchem petito nicht widersprechet 6 ". Zahlte ein 
Schuldner die Zinsen nicht, so wurde sein Gläubiger „mit allen 
gewöhnlichen solemnitäten bis zu völliger ausrichtung capitals 
und interesse und aller angewendeter Unkosten realiter iminit- 
tirt 7 ". Die „gewöhnlichen solemnitäten „bestanden darin, dass 



'i Ergänze: stehen. Das Grundbuch heisst Schatzbuch, weil die Steuern 

auf den Grundbesitz Hingelegt wurden. 

2 ) Der Monat fehlt, wahrscheinlich .litnuar. 

:! ) Protokollbuch. 

4 ) wenn keine Gefahr im Verzuge liegt. 

5 ) Der die Sache betreibt, 
i Protokoll von 1777. 

T ) Protokoll von H545. 



— 126 — 

der Vogt im Beisein von zwei Schöffen und, wenn es sich um 
Lehengut handelte, auch in Gegenwart von dazu geladenen 
Laten des betreffenden Lehenhofes dem Einzuweisenden den 
Pfortenring des Hauses, einen Baumzweig 1 und Erde vom 
Grundstücke in die Hand gab und — wo nötig — dem Pächter 
befahl, nur letzteren Pacht und sonstige Schuldigkeiten abzu- 
tragen. Derjenige, gegen den die Einweisung sich richtete, 
wurde ebenfalls berufen; erlegte gewöhnlich Protest gegen das 
Verfahren ein. Hören wir nun einige Protokolle. 

„Veneris 4. septembris aö 1637 ist Peter Grossjahn zu 
burtscheidt wohnhaft vor unserem hochgepietenden landherren 
zur Heiden etc. und herrn Cornelio von Wüstenradt vogten 
erschienen anzeigend, was gestalt kraft brief und Siegel auf 
Josten 2 und Carlen Schleigen auf dem roland 3 haus und hof 
sprechend wegen mißbezahlung durch stadtfelder und laessen 
des laesshofes zu Bemesberg mit begnachtungen 4 so weit bis 
zur immission verfahren, derowegen von wolgemelten seiner 
gnaden herrn zur Heiden als hochen herrn die immission in 
alsolche guter der gebühr beschehen zu lassen underdienstlich 
gepeten und erhalten. Also gedachter herr vogt . . . mit Zu- 
ziehung Carsilissen Merkelbach und Johannen Keist scheffen 
nach empfangener commission in beiwesen Peteren Thielen, 
Wilhelmen Maess und Theisen, Vroen, resp. stathelderen und 
laeßen zu Bernesberg vorgemelten Peteren Grossjahn in al- 
soche guter . . wtirklich immittirt, risch und erd in die hand 
geben und damit die immission . . . exequirt und volnzogen 
worden. Vorbehaltlich jederman seines habenden rechts. Da- 
bei dem boten gegenwtrtig stellend die abgeboter der gebühr 
anzukündigen befohlen worden". 

Von 1626 — 1635 kommen mehrere Immissionen gegen den 
Herrn von Alsdorf bei Aachen vor. „1626. Immissio herrn zu 
Herstal 5 contra herrn zu Aistorf: ist der woledel und ge- 
strenger Herman von Hanxeler, herr zu Herstal, mit allen 



l ) risch von ris = Reis, Vergl. Grimm, D. R. A. J. 110, 130, 174. 
-) Jodokus. 

3 ) Roland = Rottland. 

4 ) Arrestanlagen. Sie durften nach der Aussage des Eigelsho vener 
Boten wol auf Laten - nicht auf Allodialgut — zugelassen werden (1629). 

B ) hei Lüttich. 



— 127 — 

gewöhnlichen solemnitäten in den hol Schweier ' samt demsel- 
bigen anklebenden Kohlgewerk 2 , zugehöriger ackerschaft und 

weiden wirklich iminittirt worden". 

1633. Aug. 11. Immission dos Herrn Fourneau in den Hof 
zu Berensberg gegen den Herrn zu Alsdorf durch Vogt, zwei 
Schöffen und in Gegenwart zweier Laten. Der Herr von Als- 
dorf protestierte, aber ohne Erfolg; der Halfen wurde angewiesen, 
die Pachtsumme nur an Fourneau auszuzahlen. 

„1634 martii 2. Kraft sub dato 15. Februarii gnädigst 
ausgelassenen fürstlichen befelch und darauf von meinem hoch- 
gepietenden herrn zur Heide empfangenen commission haben ich 
Cornelius von Wüstenrat vogt mit Zuziehung Gleisen Funken, 
Johannen Knauf und Wernern Schultheis resp. scheffen und 
boten dieser herrschaft Heiden die anbefohlene immission in 
sachen herrn Fourneau und herrn zu Aistorf in das gut Dorre- 
kaul 3 zu volnziehen vorgeuomen, wozu der herr von Aistorf 
der gebühr citirt und dem herrn Frauzen Diederichen von 
Blankart als stadthelderen dero mankammeren Herlo schriftlich 
notifizirt, auch darauf antwort eingeschickt, dass gegen diese 
bestirnte zeit sich nicht bequemen kunte, laut fernem inhalts 
der missiven. Hierauf des herrn von Aistorf secretarius vor 
den hof Dorrekaul erschienen und des herrn Fourneau tot alle- 
girt, protestirend, dass der Ursachen mit der immission einzu- 
halten were. Der herr vogt liess solches bei seinem werth und 
unwerth bewenden, und demnach die anbefohlene immission in 
beiwesen des volmechtigeu Ewalden Kompsthoven, so dan vol- 
macht von der wittiben Fourneau vorgezeigt, mit allen gewöhn- 
lichen solemniteten volnpracht und celebrirt, vorbehaltlich 
jedermenniglich seines rechtens. Darauf hat man Trein Hulze- 
krag halbweinische 4 auf den hof Dorrekoul ausfordern lassen. 
Aber wie deren tochter dass ihre mutter nicht einheimisch 
were angezeigt, also deroselben ihro mutteren anzumelden be- 
fohlen worden, wegen lieberung der pfacht alsbald ein abverbot 
verkündiget, nemlich keinen anderen herrn als des herrn Four- 
neau nachgelassene wittib oder deren volmechtigeu. (sie): Da- 



M Nach Quix, Berensberg, S. 53 Amn. 47, warder Hof Schweier bei 
Kohlscheid ein Syliß vom Rocklehen des Hauses I Crsfeld. 
2 ) Kohlenbergwerk. 

i Vergl. Quix, Berensberg, S. 4L! Amn. 41. 
4 ) Halbwiunerin. 



— 128 — 

bei ilime volmechtigen Ewalden Kompsthoven der pforzenring, 
rieh und erd in die hand geben und damit die immission solem- 
niter exequirt". 

1635 Juni 25. wurde Nikolaus Rosarius als Bevollmächtigter 
der Elisabeth von Buir Witwe Mirbach gegen den Herrn von 
Alsdorf unter den angegebenen Förmlichkeiten in den Hof 
Forensberg eingewiesen und zwar wegen Krankheit des Vogts 
durch den ältesten Schöffen unter Zuziehung zweier anderer 
Schöffen und der Lehenmannen. Namens des Herrn von Als- 
dorf protestirte dessen Burggraf die Leiche eines verun- 
glückten durfte „ohn ersuchen und erlaubnus unseres hoch- 
gepietenden landherrn von dem ort, da er anfenklich tot 
hingelegt worden", nicht weggebracht werden. Es musste 
zuerst die Besichtigung durch das Gericht, gewöhnlich durch 
zwei Schöffen erfolgen. „1633 sept. 1. ist durch die scheffen . . 
aus befelch unseres hochgepietenden landherrn ein toter cörper 
besichtiget worden, welcher zu Müllenberg in der weiden un- 
bekant tot befunden . . solle ausser Achen kommen und mit 
der abscheulicher krankheit der pestilenz behaft gewesen sein". 
Was mag der ärmste gelitten, wie mag er gestorben sein! 

Am 3. Oktober 1634 besichtigten die Schöffen zu Eigels- 
hoven die Leiche eines Mannes, den Soldaten erschossen hatten. 
Diese Menschen waren damals die Plage der ganzen Gegend. 
Acht Tage nachher ertränkte sich eine Frau. Sie sollte als 
Selbstmörderin unter dem Galgen begraben werden, doch auf 
bitten des Abtes von Klosterrat bewilligte der Herr von Heiden, 
dass die Verwandten sie beerdigen durften, aber erst „nach 
vorhergehender vergleich- und Versöhnung" d. h. die Leute 
mussten dem hochgebietenden zuerst die herrschaltlichen Ge- 
büren entrichten. Wie scharf das Gericht es mit diesem 
Hoheitsrechte nahm, mag folgender Vorfall zeigen. Zwei Sol- 
daten der Mastrichter Garnison sassen am 12. November 1636 
zu Rumpen im Wirtshause. Sie gerieten in Wortwechsel über 
ihre Kameraden, die „von ihnen kommen", und einer der beiden 
erschoss den anderen „bauin Jans nitum 1 Kreutz geheischen". 
Die Angehörigen beerdigten den Leichnam in Laurensberg, ohne 
die gerichtliche Besichtigung vornehmen zu lassen. Nun wurde 
zunächst der Wirt vom Gericht „ernstlich zu red gestalt, wa- 



'•) Eidam. Der Erschossene war ein Heidener. 



— 129 — 

rum solchen toten leichnam ohne vorwissen und bewilligung 
des hohen herrn zur Heiden weg zu führen gestattet, wie sol- 
ches zu verantworten getraue und welchen vor seinen herrn 
erkennte?" Die Leiche wurde ausgegraben, nach Rumpen zu- 
rückgebracht und dort besichtigt; dann durfte sie beerdigt werden, 
„jedoch mit vorbehält seiner gestrengen darob verwirkten 
interesse". Das Protokoll ist von allen Schöffen unterschrieben. 
Am 11. Februar des folgenden Jahres wurden die Missethäter 
in Strafe genommen „und zu der carcer gewiesen". Da sie 
sich aber „mit einfalt und Unwissenheit" entschuldigten und 
um Gnade baten, erliess der Herr die Strafe. Lag die zu be- 
sichtigende Leiche auf lehnpflichtigem Boden, so nahmen die 
Schöffen Laten des bezüglichen Lehenhofes zu sich. 

Zu Leichentransporten bedurfte es ebenfalls der Erlaubnis 
des Landherrn. Als die Frau des Simon Hennis, Sekretärs von 
Herzogenrat, in Aachen gestorben war, bat der Witwer, die 
Leiche durch das Ländchen in seinen Wohnort bringen zu dür- 
fen. Der Gerichtsbote wurde „an die grenze der herrligkeit 
nemlich an gen hirtz geschickt und sothane leich durch dis 
land. bis an steinbusch auf die grenzen der bank Kirchradt" 
begleitet. 

Hielt das Gericht es für seine Aufgabe, die Hoheitsrechte 
des Herrn zu wahren, so schützte der Herr auch die Ehre des 
Gerichts. Baltus von dein hove hatte „den herrn vogt und 
samtliche laeßen vor schelmen und dieb gescholden mit der 
anzeig, wan er ihnen solches beweise, was sie dan sagen wol- 
ten? u Dafür legte der herr „einen kummer auf alle des 
Baltus guter \ 1636 1 . 

Auch wurde die Würde der Gerichtspersonen dadurch ge- 
währt, daß Streitigkeiten zwischen Schöffen vor dem Landherrn 
selbst zur Verhandlung kamen. 

8. Der Sitz des Heidener Gerichts befand sich ursprüng- 
lich in dem Orte, der davon seinen Namen „zur Bank" 
erhalten hat. In einem Mühlenweistum von 1482 heisst es, 
der Müller müsse sein Molterfass am Vogtgedinge zur Bank 
vor Gericht bringen und dort messen; das Weistum selbst ist 
datiert „zur Banckh uf denen vogtgedinglich tag nach osteren 1 . 
Nach dem Orte heisst dann wiederum das Gericht: „Gericht 



') Abschrift im Schummer Archiv. (Es handelt sich in diesem Falle 
um das Latengericht des Hofes Heiden.) 



— 130 — 

zur Bank im Ländchen von der Heiden"; das Haus, in welchem 
die Sitzungen stattfanden, wird noch in viel späteren Urkunden 
und Protokollen der „leubhof zur Bank" genannt. 

Als die Bongart die Unterherrschaft Heiden antraten, 
mussten sie auf den Gedanken kommen, den Mittelpunkt des 
Gerichts- und Verwaltungswesens in die Nähe des Hauses 
Heiden zu bringen. Wir sehen denn auch, dass bereits 1573 
das Vogtgeding zu Horbach abgehalten wird. Im Kopf einer 
damals aufgenommenen Verhandlung ist der Titel „Gericht zu 
Bank" noch beibehalten, im Akt selbst heisst es aber schon 
„Gericht zu Horbach oder zur Bank". Eine auf dem Vogt- 
gedinge von 1575 entstandene, noch oft anzuführende Urkunde 
nennt Bank nicht mehr, sondern sagt, das Vogtgeding werde 
„gewohnlicher weise" zu Horbach abgehalten. Ebenso heisst 
es in einer Urkunde von 1581 „zu Horbach auf der gewonlicher 
dinglicher loben 1 "; dagegen appellieren am 10/20 Juli 1583 vier 
„volmechtige dero gemeiner undertanen zu Heiden" gegen drei 
Urteile des Gerichtes zur Bank, von denen eines „Horbach" 
datiert ist 9 . Hieraus erhellt, dass die Uebertragung der Gerichts 
nach Horbach im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts erfolgte, 
immerhin aber noch einzelne Sitzungen in Bank abgehalten 
wurden. Soviel sich aus den Protokollen ersehen lässt, ist 
späterhin nur noch eine und zwar ausserordentliche Sitzung 
von einem Statthalter in Vertretung des erkrankten Vogts am 
12. Januar 1627 in Bank vorgenommen worden. In Horbach 
hatte das Gericht seine „gewonliche dingliche lobe" im Hause 
„zum Pannhaus"; dieselbe wird in den Ecker-Schatzungs- 
zetteln mit eiuer „hausmanns gerechtigkeit" bedacht. 

Im Anfange des 18. Jahrhunderts verlegte man das Ge- 
richt nach Richterich. Es hat aber noch eine Zwischen- 
station — auf Pannesheide im Wirtshause zum Stiegel 2 — 
gehabt. Als der Aachener Notar Cornets im Jahre 1709, wo 
die Streitigkeiten wegen der kirchlichen Trennung des Länd- 



') Staatsarchiv zu Düsseldorf Nr. 594. Hauptgericht Jülich. 

2 ) Das Stiegeisgut wurde 1770 zu 2300 Rtlr. abgeschätzt. Es schul- 
dete dem St. Adalbertsstifte in Aachen 1000 Tlr.. ä 54 m. aix, den Regulier- 
herrn daselbst 300, dem Geistlichen Kuckelkorn 50, der Horbacher Kapelle 
50 Tlr. ä 50 m. aix, dem Hause Heiden einen Erbpacht von 6 Fass Hafer, 
die zu 55, drei Fass Roggen die zu 50, und 16 Mark Kapauusgeld, die zu 
Rtlr. Kapital augeschlagen wurden. 



— 181 — 

chens von Laurensberg heftig entbrannt waren, ein den An- 
sprüchen der Heidener angünstiges römisches Dekret in Rich- 
terich anheften und mitteilen wollte, Hess die Leibzüchterin 
Frau von Hochsteden ihn verhaften. Sein Sohn fand ihn „zu 
Pannesheid im Obergemache eines Wirtshauses Stiefel genannt, 
wo der Vogt des Heidener Ländchens seines Amtes zu walten 
pflegt 1 ". Ebenso heisst es in einem andern Akte aus demselben 
Jahre: „im Dorfe Pannesheid, im Hause, wo der Vogt Recht 
zu sprechen pflegt 2 '. Da sich weiter nichts über diese 
Gerichtsstelle vorfindet, muss man annehmen, dass das Gericht 
dort nur so lange getagt hat. bis das neue Gerichtshaus in 
Richterich ■ die jetzige Vikarie — fertig gestellt war. 

9. Die gewöhnlichen Sitzungen hielt man alle 14 Tage, 
die aussergewöhnlichen auf Erfordern der Parteien ab. In 
Criminalfällen galt der Grundsatz, möglichst rasch zu verfahren. 
Auch gab es ein Notgericht, „kurzes, fürderliches Recht" ge- 
nannt. „1638. Diederich Rotkop bürger der stat Linnich . . . 
fordert kraft Matheisen Stallenbergs eigener haud . . . wegen 
bei ihme verzehrten kosten 49 reichstlr. und pat, ihme als einem 
auslendischen fürderlich recht widerfahren zu lassen". 

10. Die Gebühren für die gewöhnlichen Sitzungen sind 
in keinem der vorliegenden Protokollbücher erwähnt; es werden 
wol die im Jülich'schen üblichen auch in Heiden erhoben wor- 
den sein. Dagegen gibt das Protokollbuch von 1642 die Be- 
träge der ausserordentlichen Sitzungen an. Der Vogt erhielt 
10, jeder Schöffe 2 l / 2l der Gerichtsschreiber 5 Aachener Gulden 
(ä 25 Reichspfennig unseres Geldes). In einer Gerichtsrechnmm 
aus derselben Zeit sind noch folgende Posten verzeichnet: 
„böte wegen bescheiden l x \ 2 gülden; schlaussgeld 3 10 gülden; 
zehrung 4 18 gülden; hausgerechtigkeit 10 5 . 

Ein Dekret von 1778 spricht sich über die Gebühren aus, 
welche bei Berufungen dem Gerichtsschreiber für die zu liefern- 
den Aktenstücke gezahlt werden mussten. „Demnach es last 
zur gewonheit werden will, dass bei von hiesigen urteilen vor- 



'i „in Pannesheid in und cubiculo superiori neius bospitu dicti Stiegel, 
in quo dominus vogtetus patriae' Hi-üIim-ms iiulicaturam exercere solet" und 
2 ) . . . „in quibus (aedibus) ius dicere solet". Schönauer Archiv. 
!t ) Haft oder Kerkergeld. 
*) wiili rend der Haft. 
6 ) ohne Angabe der Münze. 



— 132 — 

fallenden appellationen die appellantes sich in puncto des be- 
richts und conskriptionsgebür 1 unbilliger dingen beschweren, 
dahero um allen neuerlichen Zudringlichkeiten vorzukommen und 
hiesig uralte Ordnung beizubehalten, hat das hiesig gericht 
über menschengedenk gewönliche taxordnung dem protocollo 
iudiciali inseriren lassen wollen, wie nemlich für einen subar- 
rhationsschein herren gerichtsschreiberen, zalt werden aix 4 gl. 
4 mr., für eineu simpelen bericht 13 gl., für einen bericht ex 
actis 26 gl. und demnach er gross fallet und die merita causae 
darin deduzirt werden, höher und der arbeit nach ; abschriften, 
Versiegelung, fortschickung besonder; in fiscalibus und crimina- 
libus aber doppelte gebüren, für conscription der akten per 
blatt 1 gl., für abschrift der relationen per blatt 1V 2 gl- zalt 
worden". 

Den armen wurde unentgeltlich Recht gesprochen. Das 
Weistum hat darüber die schöne Stelle: „So auch jemand kund- 
lich arm, also dass er armutshalben seine sach nicht verdedigen 
noch vertreten kunte, so sollen dernselbigen scheffen, Schreiber, 
vorsprecher und bot um Gottes will dienen, damit er seines 
rechtens nit ermangelen musste u . Alle audern aber hatten 
unter Strafe zu zahlen. „Sonst aber allen anderen gebeut man 
die am rechten zu thuen haben, dass sie nit von der bank af- 
treten noch scheiden, sie en geben dem herren seine wedde-, 
den scheffen, Schreiber, prokuratoren und boten ihr urkund und 
lohn. Da jemand darbevoren aftreden oder scheiden würde 
und nit en bezahlde, der soll damit gebruehtet haben was der 
scheffen weistum nach mennische (Mahnung) des herrn" (sie.) 

Ausser den Gerichtsgebühren genossen die Gerichtspersonen 
eine besondere Gerechtsame am Gemeindebusch, indem sie mehr 
Schweine auf die Mast treiben durften als die Nachbarn (Ge- 
meinde). Der Vogt hatte eine 24 fache, die Schöffen „und der 
Gerichtsschreiber eine 8 fache, der Gerichtsbote eine 4 fache 
und jeder Prokurator eine doppelte „hausmannsgerechtigkeit". 
War z. B. letztere auf eine ganze Klaue gesetzt d. h. durften 
je 4 Einwohner ein Schwein auf die Mast treiben, so stand 
dem Vogt die Mast für 6, den Schöffen und dem Schreiber für 
je 2, dem Boten für 1 und jedem Prokurator für ein halbes 



*) Schreibgebühr. 
*) Strafgeld. 



— 133 — 

Sehwein zu. Diese Berechtigung wurde häufig an andere verkauft. 

Hier mag noch erwähnt werden, dass das Gericht seine 
Ernteferien hatte. 

11. Das Verfahren war sowohl ein mündliches wie ein 
schriftliches. „1(337 nach hinc ' inde angehörten schrift- und 
mündlichen bericht und gegenbericht". Das schriftliche Ver- 
fahren trat dann ein, wenn die Parteien sich nach der münd- 
lichen Verhandlung - nicht vergleichen wollten. Den Zeugen 
wurde folgender Eid abgenommen: „Ich will in dieser Sachen 
die lauter gründliche und unverdunkelte Wahrheit sagen, auf 
die artikul und fragstück, darüber ich gefragt werden soll, als 
viel mir bewusst ist und mich besinnen kau. niemand zu lieb 
noch zu leid und das nicht unterlassen weder um gab, geschenk. 
nutz, gunst, hast, neid. freundschaft, feiantschaft, forcht oder 
in anderen weg, dadurch die Wahrheit mogte verhindert werden. 
wie das menschenherz erdenken kan, und ich solches am jüng- 
sten gericht vor dem scharfen gestrengen richter dem ewigen 
Gott bei verlust meiner seien heil und Seligkeit verantworten 
wolle. Alles getreulich und ungeferlich. Als mir Gott hilft und 
sein h. evangelium etc. 2 ". 

Um sich Zeugen zu verschaffen etwa bei Schuldforderuugen 
oder Beleidigungen, bediente man sich der „Geschickten 14 wie 
im Aachener Reiche. Man sandte nämlich zwei Nachbarn, 
welche die Sendung aus Nachbarsptiicht übernehmen mussten, 
zu dem betreffenden, um ihn über den Punkt, auf den es an- 
kam, auszufragen, und die Aussagen dieser „Geschickten u 
dienten als Zeugenbeweis. Ein Beispiel. „Wir endsunter- 
M'hriebene attestiren kraft dieses, wie dass unser nachbar . . . 
uns gebetener maßen wegen gutfindende schuld von N. N. seli- 
ger dieser gestalt zu dessen ohmen . . . wohnbehausung gesandt, 
um aldorten denen alda über dem trauer beieinander wesende 
. . . abzufragen, wer ihme . . . die obangeführte schuld be- 
zahlen solte; so haben wir dan aus nachbarsptiicht die Ver- 
fügung und abfrag gethan. So haben sie uns alle . . . ein- 
hellig zur antwort geben, wir solten drin requirenten sagen. 
der entseelte . . hatte noch so viel hinterlassen, dass er nit 
ein busch würde an ihm zu kurz kommen 3 ". 



x ) beider Parteien. 

-) Protokollbuch 1639—1645. 

') Protokollbuch von 177!). 



— 134 — 

Frauen wurden durch einen Bevollmächtigten vor dem 
Gerichte vertreten. So erschien 1645 der Drossart Hermam 
von Berg genannt Trips für Maria von Berg-Trips, Witwe von 
Schaesberg zu Streithagen. 

Die Appellationen gingen an das „fürstliche haubtgerich 
Jülich". 

Die Protokolle erwähnen zuweilen besondere Gerichts - 
gebrauche, von denen wir einen bei den Immissionen bereits 
angeführt haben. Ausserdem finden sich noch folgende. Bei 
gerichtlichen Verkäufen wurde „die klock gezogen und der ver- 
kauf in drei wirthshäuseren dahier in Richterich referente 
nuntio angesagt 1 ". Zur Ziehung der Loose bei Erbschafts- 
teilungen wurde „ein onmündiges kind aus der schul gerufen 1 ". 
Die sogenannte Beschüddung, d. h. das Recht der Verwandten, 
Immobilien, die ein Mitglied der Familie au einen Fremden 
verkauft hatte, gegen Zahlung des Kaufpreises an sich zu 
ziehen 2 , galt auch in Heiden. Der Beschüdder musste jedoch 
schwören, dass er für sich, nicht für einen anderen das Recht 
beanspruche. Was in einem solchen Falle „vor wurklicher 
anzahlung der kaufpfenningen lickaufs und Gotteshellers" von 
einem Gebäude bereits abgebrochen und weggefahren war, 
brauchte dem Beschüdder nicht erstattet zu werden — „nach 
dem herkomen und landsbrauch 3 ". 

Ueber das Verfahren bei Pfändungen und „Distraktionen" 
wird bei dem Artikel „Steuern" ausführlich gehandelt werden. 

Manchmal verzeichnen die Protokolle freundschaftliche 
Vergleiche zwischen den Parteien, welche das Gericht zustande 
brachte. 

12. Mannigfaltig sind die Strafen, welche das Gericht 
verhängte. Um eine trockene Aufzählung derselben, aber auch 
lästige Wiederholungen zu vermeiden, veranstalten wir eine 
Sammlung aus den Protokollen, welche uns die verschiedenen 
Strafmittel möglichst mit den Worten der Urteile vorführen 



x ) Protokollbuch vou 1779. 

2 ) Dieses Recht entsprang der altdeutschen Idee von der Einheit der 
Familie, welche das Gut nicht so sehr im Besitze des zeitigen Inhabers als 
der ganzen Familie erscheinen lässt. Vgl. Pesch, das Privateigentum 
an Grund und Boden im M. A. (Stimmen aus Maria Laach 1893), 

3 ) Protokollbuch von 1633. 



— 135 — 

soll. Vorher sei bemerkt, dass /war häufig von Brächten 1 an 
den Landlierrn Rede ist, selten jedoch eine bestimmte Summe 
genannt wird. Diese .Brückten hingen wol vom Ermessen des 
Hochgebietenden ab. Sodann wird besonders im 17. Jahrhundert 
dem in Haft gewesenen die Ausschwörung der Urfehde auf- 
erlegt, d. h. derselbe musste eidlich versprechen, dass er sich 
wegen der Einkerkerung weder selbst noch durch andere rächen 
wolle. Der Schwur lautet: „Ich . . . schwere zu Gott und 
seinen lieben heiligen, dass ich diese meine Verhaftung an 
keinem, wer der auch sei, rechen noch frechen solle, so wenig 
an ihren personen wie an ihren güteren a , durch mich selbst 
oder jemand anders. Daher auch weder alle Zuversicht einig 
Unfall über kurz oder lang, es were mit brand, beeindragung, 
Schlägerei oder sunsten 3 , dafür solle ich als ein meineidiger 
aids- und pflichtvergessener auf allen orteren und enden ange- 
sehen und bestrafet werden. Derowegen ich denn hiemit und 
in kraft dieses leib, gut und blut verunderpfänd, auf alle gut- 
thaten rechtens renuneiirt und abermal und abermalen — als 
mir Gott hilft und seine lieben heiligen — vestiglich ver- 
anglobt haben wolle". (1629). Die Urtehde wurde vor der 
Pforte des Hauses Heiden ausgeschworen. 

Nun zu den Strafen. Das Geleitprotokoll von 1634 sagt, 
Wilhelm von Bongart habe auf der Richtericher Heide nächst 
der Berensberger Gewand ein Rad aufrichten lassen, um den 
Blasjan zu justifizieren, der Verbrecher sei aber begnadigt 
worden zur Enthauptung. Ein anderes Rad zur Hinrich- 
tung eines gewissen Frosch sei auf derselben Heide an der 
Schönauer Gewand errichtet, aber auch nicht gebraucht worden: 
die Räder standen, bis sie verfaulten. Zu Lebzeiten Wilhelms 
und seines ältesten Sohnes seien im Dorfe Richterich vor der 
Kirche ein Herman Kareskoni und ein Soldat, der einen Hei- 
dener Untertan von Eigelshoven erschossen hatte, enthauptet 
worden 1 . 



1 ) 1633 sollte einer 140 Goldgulden ^abtrai; an den Landhern) zahlen. 
Die Brüchten waren die Sühne für die Störung der gesellschaftlichen und 
sittlichen Ordnung oder des öffentlichen Friedens, die «lcr Landherr zu 
schützen hatte. 

2 ) alias: „so wenig an ihrer gestrengen personen als güteren und sons 
ganzen hiesigen anterthauen". 

ergänze: durch mich geschähe. 
*) Im IT. Jahrhunderl kamen diese Menschen gnädiger ab. 



— 136 — 

Auch ein Galgen wird erwähnt. „Am 8. octobris 1633 
ist die iustici oder galgen auf die Pannesheid auf die alte 
platz durch die uuderthanen von Eigelshoven aufs neu auf- 
gericht worden". 

1627. Niklas Pütz aus Schweilberg im Aachener Reich 
hatte Drohungen ausgestossen „gegen den herrn zur Heiden, 
dessen gitteren, richteren, schetfen, dienern, underthanen und 
beamten mit abbrennen, stechen, hauen oder schlagen". Er 
kam in Haft, musste für sein Wohlverhalten bürgenstellen 
und „urpfeide" schworen, dann wurde er entlassen. 

1629, Johan Hülzer hatte den Dr. Oswald injuriiert. „Worauf 
der iniurians vor schetfen und gericht erschienen und vor inte- 
rirte iniuriat specialiter revocirt, rekantirt lind sich Selb- 
sten aufs maul schlagen mit der auzeig: Was sein maul 
wider herrn doctorem Oswaldum in trunkenheit geredt, an sul- 
chem allein und jedem hette es gelogen wie ein verlogenes 
maul . . . dem gepietenden landherren seine brüchten vor- 
behalten". Letztere bestanden darin, dass Hulzer sich ver- 
pflichten musste, jedes Jahr sein Leben lang zwei Karren- 
oder Wagenräder auf das Haus Heiden zu liefern. Endlich 
schwor er Urfehde. 

1631 „ist Henrich Huber von Stavelo des Presidenten von 
Schönau ' diener auf sein und seiner freundschaft flehentlich 
und pittlich anhalten seines gefenknisses alliier zur Heiden 
durch gnad relaxirt und wegen in der herschaft Heiden be- 
gangen und verübten exzessen hinfüro deslandsund h erl ig- 
le ei t Heiden verweist und kein verbleib gestattet, sondern 
inner dreien tagen bei leibs straf das land zu reumen auferlegt 
worden". 

1634, „Sententia. In schmehe- und iujuriensachen . . . 
wird allem vorpringen nach durch uns schetfen des gerichts 
Horbach lands zur Heiden zu recht erkant, dass beklagter mit 
solchen ausgegossenen schmeheworteren klegeren zu viel gethan 
und ihme solches nicht gebührt noch geziemet habe, derowegen 
gegen den nechsten gerichtstag zu klegers ehren bekehrung 2 
einen öffentlichen widerruf zu thun und dabei an unseren 
hochgepietenden landherren nach beschatfenheit der sachen sich 



') Gemeint ist Adolf von Mylendunk, Präsident des Reiehskaminer- 
gerichts, Usurpator von Schönau. 
2 ) lies: besserung. 



— 137 — 

abzutragen schuldig sein solle, wie wir beklagten dazu schuldig 
erkennen, denselben in die ufgegangene g er ichts kosten 
unser rechtlicher moderation vorbehaltlich condemnirend und 
verdammend". Die Gerichtskosten betrugen drei Reichsthaler. 

1635. Der Junker Tilman Christian von Ilabotrade zu 
Eigelshoven „frasselt sich 1 mit dein Knechte seines Vatersund 
stösst dabei „unhöfliche'" Worte gegen letztern aus. Dann ver- 
klagt er den Knecht. Der Vater „intervenirt" gegen den 
eigenen Sohn und erhebt Einspruch wegen der unhöflichen 
Worte. Die Schöffen weisen die Klage ab und geben dem 
Junker einen Verweis über die wüste Rede. 

1636. Der Sohn des Pächters vom Hole Rosenberg 
hatte ein Mädchen zu Fall gebracht und wollte sich nicht mit 
ihr abfinden. Die Verführte übertrug ihre Forderung an einen 
Reiter „under rittmeister Thomasen Calcky^, der dem Pächter 
ein Pferd ausspannte und damit fortjagte. Er wurde jedoch 
eingeholt, nach Heiden gebracht und dort „um die grossen 
kosten der bewachung zu sparen 2 " in Eisen gelegt. Er 
sass „in der pforzen", bis er auf sein und des Rittmeisters 
anhalten nach geschworner Urfehde entlassen wurde. Die 
Kosten legte das Gericht dem Sohne des Pächters auf; er könne 
sie an ihro Grieten Schurmund suchen oder an der forderung 
abkurzen " . 

1637. „Dries Schullen sagt, als am verscheinen donners- 
tag frühe in die kirch zu Eigelshoven kommeu in meinung ein 
gebackde korns, so er daselbst in einem sack stehen gehabt, 
nach der müllen zu schicken, hette mit schmerzen vermerkt, 
dass solches ihm samt dem sack entfremdet gewesen, dero- 
wegen mit bewilligung des herren vogten gestrigen tags alle 
kisten und kästen in der kirchen durch den boten 3 visitirel 
und besichtiget worden. Worüber nach vergangener eröffnung 
underscheidlicher kisten entlich befunden worden, dass sein ge- 
klagtes körn in einer Mey Konten zustendiger kisten ein- 
geschlossen gewesen, inmaßen solches denjenigen stahlen \ so 

') rauft. 

s ) Die Bewachung geschah durch Schützen, und diese mussten besoldel 
werden. 

3 ) Haussuchiiniri'n wurden demnach mit Erlaubnis des Vogts durch 
den Gerichtsdiener abgehalten. 

') Muster. 



— 138 — 

er in seinen hut zugegen mit herum getragen, nach erkantnus 
aller anwesenden nachpauren, dan vil weizens darunter gewesen, 
ganz gleich und eines gewachses zu sein erachtet worden. 
Weil aber beklagtine solches bestendiglichen geleugnet, hette 
er begehrt, dieselbe festzuhalten, wolte fuss bei fuss setzen, 
dass dis sein gut seie. Wie auch geschehen und beide in Ver- 
wahrsam genomen worden". Schliesslich gestand Mey, sie habe 
den Diebstahl aus Not begangen, um sich und ihre alte Mutter 
zu ernähren. Sie bat kniefällig um Gnade. Der Spruch des 
Gerichtes lautete auf einstündige Ausstellung am Pranger 
und Zahlung der Kosten. Otto von Bongart wandelte die 
Strafe um in öffentliche Kirchenbusse an einem Sonntage. 
Me} T sollte „in der kirchen zu Eigelshoven mit einem weissen 
kleid angezogen, ein brennendes licht in der band haltend und 
ein secklein mit körn am hals tragend auf ihren knien im chor 
das amt der h. mess hören". 

1641. Dem Carzillis 1 Vroen war ein Schaf von der Weide 
gestohlen worden. Des Gerichtsboten Sohn mit einigen Schützen 
ertappte früh morgens vor Tagesanbruch ein Ehepar zu Bank 
beim Zerlegen eines Schafes. Man fand die Haut, an deren 
Ohren das Zeichen des Vroen und die vergrabenen Eingeweide. 
Die Eheleute behaupteten, das Schaf von drei unbekannten 
Soldaten erworben zu haben. Beide wurden in den Turm 
gelegt. Nun gestanden sie diesen und noch andere Diebstähle. 
Man entliess die Frau zu ihren „vier ungezogenen kinderen" 
und behielt den Mann in Haft. Das Gericht fragte bei Dr. 
Johannes Probst 2 an, ob die peinliche Frage gegen den 
gefangenen angewendet werden könne ; Probst antwortete be- 
jahend unter Hinweis auf „Caroli V. peinlicher halsgerichts- 
ordnung im 30. artikul von verdacht der räuber und 43. arti- 
kul von genugsam verdacht der räuberei". Das Gericht ging 
aber doch nicht darauf ein, sondern verurteilte den Verhafteten, 
Sanistags den 31. August drei Stunden am Kax 3 zu stehen. 
Der Aachener Scharfrichter schlug ihn an, nach überstandener 
Strafe musste der arme Sünder Urfehde schwören. 

1641. Ein Jülichscher Soldat, uneheliches Kind aus dem 
Ländchen, stahl „mit einem limburgirer und einem lutzenbur- 



') Carsilius. 

-') Der Rat „unparteiischer rechtsgelehrten" wurde oft eingeholt. 

s ) Pranger. 



— 139 — 

girer ,u eine Kuh, „trieb sie längs Klosterath über den (sie) 
Wurm in den cosseler busch", schlachtete sie dort und liess 
einen Teil des Fleisches durch den Limburger und das Weib 
eines anderen Soldaten nach Jülich bringen. Während er den 
Rest bewachte, überraschte ihn der Bestohlene und brachte ihn 
nach Heiden. Auf Fürbitte seines Hauptmannes Noiron und 
anderer Freunde kam der Soldat los unter der Bedingung-, dass 
er die Kuh bezahle. In die Urfehde sind neben dem Landherrn 
eingeschlossen „demselben vogten, alle anderen gerichtspersonen 
und sonsten diejenigen, welche in einigen wegen dazu- anlei- 
tung geben oder behülfiieh gewesen". 

1641. Als Noel 3 J. von „der kellerschen Woubgen 4 Vroen 
auf dem keestsuller zu Heiden mit einem korb und fünf keesen 
ertapt 5 worden war. wurde sie „anfenglich wegen abwesenheit 
unseres . . . herrn und vogten zu Heiden in der pforzen mit 
schützen verwahrt und folgens den 3. uovembris auf befelch 
unseres landherrn in thurmes haftung" gesetzt. Dort blieb 
sie bis zum 15. November und wurde dann „nach gelobter 
besserung" entlassen. 

Die Eintürmung durfte also nur auf Befehl des Landherrn 
oder des Vogtes geschehen. Nachdem das Gericht nach Rich- 
terich verlegt worden war. brachte man Gefangene oder Ver- 
haftete in den Kellerräumen des Gerichtshauses unter. Spuren 
finden sich noch heute im Keller der Vikarie. 

13. Von Gerichtspersonen sind mir aufgestossen : 

Um 1545 Johan Kokartz, Vogt. 

1545 — 1575 Johan in den Vorst 6 , Vogt. Herinan Weyrt- 
gens. Wilhelm van Richtergen, Lenart Kockelkorn, Hupert 
von Savelsberg, Ulrich von dem Hove, Wolter Nacken, Merten 
von Hoenroede. Schöffen. 



M dessen Gaunername „Pickc]liorin^ u war. 
2 t zu seiner Verhaftung. 

3 ) Cornelia. 

4 ) Walburg. 

'i Quiz, Berensberg J. 41. 

i !>!'■ Aachener Eegulierherrn kauf ten gegen Ende des 15. Jahrhund i 
rinc Keine von :i Maltern Roggen in Uersfeld für 60 rhein. Goldgulden von 
Johann, dem Vater Christians in den Vorst. Dieser Johann war wol der Gross- 
vater unseres Vogtes. Zeitschrift des Aachener Gesehirhtsvereins Mll. 105. 



— 140 — 

1573. Ulrich von dem Hove, Peter zum Hirtz, Lenart an die 
Kirch, Bartholomäus Hanraidt, Antonius Honten, Johan Rtitzel- 

feld, Schotten. 

Wilhelm Niedegken, Gerichtsschreiber. 

1575. Peter zum Hirtz. Lenart an die Kirch, Antonius Holten 
(Houten), Hans zum Holz, Mathis Becker, Schöffen. — Nach 
Johan in den Vorst erscheint als Vogt 

1581. Seger Tilmans, gegen den in diesem Jahre die 
Schöffen wegen „differiatio und inhabilitas" Einspruch erheben. 
In einem andern Aktenstücke wird gesagt, die Schöffen hätten 
„wegen schmehewörteren" sich geweigert, mit Tilmans zu Ge- 
richt zu sitzen. Die Gemeinde erbat eine fürstliche Commission 
zur Untersuchung und Beilegung der Sache. Wilhelm I. von 
Bongart störte sich jedoch nicht daran; er ernannte eigen- 
mächtig neue Schöffen, welche mit dein Vogte weiter amteten. 
Das sind wo! die im Jahre 1582 vorkommenden Peter Jungen, 
Paul von Herbach (Horbach) Herman Funk (Vink), Luen 
Meurer, Adrian Coonen, Mathis Pleister. Ausser Horbach und 
Vink kommen diese Schöffen sonst nicht zum Vorschein. Nach 
einem Berichte der Heidener Deputirten verstiess das Vorgehen 
Bongarts nicht blos gegen die Gemeinderechte, sondern auch 
gegen die Verfügungen des Herzogs, der angeordnet habe, dass 
Wilhelm keine neuen Schöffen ernennen und mit dem Gerichts- 
zwange einhalten solle, bis die Sache am Jülicher Hauptgerichte 
erledigt sei; bis dahin müsse alles vor den Gerichten zu Jülich 
verhandelt werden. Es handelte sich damals freilich nicht blos 
um die Person des Vogtes, sondern auch um andere, besonders 
Steuerangelegenheiten, in denen die Gemeinde verschiedener 
Meinung mit dem Landherrn war, während der Vogt auf seiten 
Wilhelms stand. Schliesslich musste Tilmans weichen; er trat 
um 1584 ab. Unter ihm erscheint Peter Philipp! genannt 
Palm als vereideter Prokurator. Tilmans Nachfolger in der 
Vogtei war 

Niclas Vorst, der 1587 mit den Schöffen Herman Vink und 
Nellis Ortmans einen Akt unterzeichnet. Vielleicht ist er iden- 
tisch mit (Haus Vorst, der 1583 mit drei andern Deputierten die 
Sache der Gemeinde gegen den Landherrn und den Vogt vertrat 1 . 



') Düsseldorfer Staatsarchiv, Hauptgericht Jülich Nr. 594. 



— 141 — 

1588 1593 Johann von Wylre (Weiler) Vogt 1 , unter ihm 
amteten Wilhelm Haen (1588) als Gerichtsbote, Caspar Scholl 
(1588). Nicolaus Münster (1590) Heinrich Geilenkirchen (1592) 
als Prokuratoren, Herman Vink als Statthalter (1593) und Elfen- 
stein (1588) als Substitut des Prokurators 1 '. 

1593. Paul Horbach, Herman Vink, Nellis Ort maus, Hen- 
rich Quaedflieger, Schöffen, Keiuard Emonts, Gerichtsbote. 

1594—1620. Nicolaus Forst, Vogt. Vielleicht der oben- 
genannte. 

1597. Mathis Nacken, Herman Vinken, Andries Cronen, 
Cornelius Ortman, Henrich Quaedflieg, Carsilius Merkelbach, 
Johann Savelsberg, Schöffen. 

1617. Andreas Kylman, Gerichtsschreiber. 

1626 — 1639. Cornelius von Wüstenrade, Vogt 3 . Johann 
Sabelsberg, Nellis Ortmans, Henrich Quadflieg, Carsilius Merkel- 
bach, Simon Peyss, Dietrich Jecker, Peter Schrouff, Schöffen. 
Henricus Weitz a Gladbach, Gerichtsschreiber. 

1627. Peter Königstein, Gerichtsschreiber. Posten. Meir- 
court Prokuratoren. 

1634. Die Schöffen von 1626 ausser Savelsberg und Ort- 
mans; an deren Stelle: Matheis Funken, Johann Knauf. 
Christianus Becker, Georgius Mirecourt, Procuratoren ■ -. 1636 
Cars. Merkelbach, Statthalter. 

1637. Christian Remkens, Bote zu Eigelshoven. 

1638. Theodor Becker, Statthalter. 

1639—1650. Henricus Engels, Vogt 4 . Carsilius Merkel- 
bach 5 , Peter Schröffs 6 , Theodor Becker 7 , Matheis Funken", 
Johann Knauffs 8 , Johan Peiss 9 , Thonis Vroen lu , Thonis Prickartz n , 
Theis Bücken, Schöffen. 

') Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereius V, 259. Weiler konum 
1598 nudi einmal als Vogt vor, ob da blos als Aushülfe? 

-) Düsseldorfer Staatsarchiv, Hauptgericht Jülich Nr. 594. 

:l ) Er starb am 19. Januar 1639 zu Aachen und wurde bei dm Etegulier- 
herrn begraben, deren Chronik ihn einen besondern Freund des Priors Niven- 
lieiiii nennt. Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins XIII, 71. 

*) »September 22. Protokollbuch. 

5 ) obiit 21. aug. 1643. 

a ) obiit. 

7 ) eingeführt 1622 Oct. 6. 

M ) eingeführt 1632 Sept. 23. 

"i eingeführt 1637 Jan. 29. 
") eiugefübrt 164U Dez. 10. 
") eingeführt 1644 April 11. 



— 142 — 

Johann Will, Gerichtsschreiber (1629. Januar 11.). Edmund 
Merkelbach, Johann Joesten, Procnratoren, Werner Scholtheiss, 
Gerichtsbote. 

1651—1684. Cornelius de Groot, Vogt 1 . 

1684—1712. Daniel Limpens Vogt. Math. Bischof, P. 
Philippigracht, J. A. von Ottegrafen Schöffen. J. Everhertz, 
Gerichtsschreiber 2 . 

1712—1744 (?) Jacob Corneli Vogt. 

1720 und 1737 wird ein Vogt J. E. Rüssel erwähnt; der- 
selbe war als Vogt Verwalter von dem Mitherrn von Bongart 
ernannt. 

1720. Peter Philippigracht, Jon. J. F. d'Oetegroven, 
Leonard Rützelfeld, J. L. Ostländer, Joh. Savelsberg, Job. 
Joisten, Nicolaus Bischoff; Schöffen. Rothkranz, Gerichtsbote. 

1741 und 1747. G. W. Heyden, Vogt, von Oetegroeven, 
Savelsberg. N. Pischoff. Lütgens, Leon. Joisten. Becker, Schöf- 
fen, Rüssel Gerichtsschreiber. Persia, Bünger, Prokuratoren. 
Niclas von Aistorf, Gerichtsbote. 

1751 — 1773. B. H. Coomans, Vogt. Walraf Hoen Ge- 
richtsschreiber. Als Gerichtsboten erscheinen Johann Hoffs 
(1754). Josef Jansen (1756). 

1757. Wilhelm Prickartz, Arnold Lütgens, W. L. Thielen, 
W. Beckers. Math. Ortmans, Schöffen. 

1773—1781. Walraf Hoen, Vogt. A. Jansen, Gerichts- 
schreiber. 

1777. W. Prickartz, Jac. Jos. Savelsberg, M. Ortmans, 
Joh. P. Frohn, Wilhelm Beckers, J. L. Ulrichs. Franz Werner 
Geussen. Schöffen. Carl Longree Prokurator. 

1781 — 1794. Jos. Anton Coomans — der letzte Vogt. 

1782. P. Gross, Gerichtsschreibereiverwalter, dauach Hein- 
rich Winkens, der letzte Gerichtsschreiber. 

1794. Savelsberg, Ortmans, Frohn, M. Jos. Prickartz, 
Beckers — die letzten Schöffen. 



') Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereius V, 259. 
2 ) Laureusberger Pfarrarchiv. 



Kleinere Beiträge zur Geschichte von Aachen und 

Burtscheid. 

Von Emil Pauls. (Fortsetzung.) 

VI. Zur Lebensgeschichte Peter a Beecks, dos 
ersten Geschichtschreibers Aachens. 

E. von Oidtmann veröffentlichte im .ersten Bande der Zeit- 
schrift des Aachener Geschichtsvereins die Genealogie des Ge- 
schlechts Reeck, aus dem der erste Geschicbtschreiber Aachens, 
der Kanonikus und Propst Peter a Beeck hervorging. Nach 
der inhaltreicben Abhandlung- wurde a Beeck 1604 Mitglied des 
Krönungs (Marien) -Stifts in Aachen, 1617 dort Propst zum hl. 
Adalbert; er gab 1620 sein berühmtes Geschieht s werk Aquis- 
granum heraus und starb kaum vier Jahre später. Viel mehr 
als diese wenigen Angaben ist aus dem Leben a Beecks bis jetzt 
nicht bekannt geworden. Es bleibt recht fraglich, ob das 
Material zu einer eingehenderen Lebensbeschreibung überhaupt 
sich erhalten hat. Die nachstehend zum ersten Mal veröffent- 
lichten Notizen aus den Beständen des Düsseldorfer Staats- 
archivs erhellen wenigstens in einigen Einzelheiten das Dunkel, 
das über dem Leben und Wirken des in der Geschichte Aachens 
fortlebenden, nicht unbedeutenden Mannes lagert. Die Beilagen 
1, 2 und 3 berichten über die Zulassung a Beecks zur Anwalt- 
schaft auf ein Kanonikat, sowie über die erste und zweite Be- 
sidenz. die nach den Satzungen des Marienstifts grösstenteils 
zu Aachen in den Klostergebäuden nahe dein .Minister erledigt 
werden musste. Nach der vierten Beilage war a Beeck 1612 
noch Subdiakon, er kann also höchstens 11- 12 Jahre lang mi1 
der Priestorwürde bekleidet gewesen sein 1 . Sehr bemerkens- 
wert ist die fünfte Beilage, wobei es sich um das Geschichtswerk 



') Seine Lebensdauer i-i nicht ermittelt; er scheint höchstens 40 Jahre 

alt geworden zu sein. 



— 144 — 

Aquisgranum handelt. Das Werk wurde fünf Censoren vor- 
gelegt: dem Dechant, dem Scholaster, dem Erzpriester und den 
Kanonichen Wachten donck und Pastor. Einschliesslich der 
Prüfung durch den Lütticher Generalvikar nahm die Prüfung 
des „Aquisgranum" mehr als 13 Monate in Anspruch 1 . Laut 
der sechsten Beilage verzichtete a Beeck auf eine Stelle an der 
Michaelskapelle, laut der siebenten war er als Rector Fabricae 
Verwalter des Bauwesens an der Aachener Marienkirche 2 . Bis 
zuletzt blieb er also am Münsterstift tätig; die Propststelle an 
St. Adalbert verwaltete er im Nebenamt 3 . Es ist (Beilage 8 
und 9) wohl unzweifelhaft, dass der 23. Februar 1624 der Todestag 
war. Schon am 24. Februar wurde nach einem feierlichen 
Seelenamt a Beecks Testament verlesen, und schon am 27. Februar 
(Beilage 10) erhielt er einen Nachfolger. Streng genommen 
gehört diese Beilage nicht zum Thema, sie wird aber deshalb 
gebracht, weil in ihr a Beeck wiederholt erwähnt wird und der 
Inhalt von kulturgeschichtlichem Werte ist. Ein Geistlicher 
bescheinigt bei seiner priesterlichen Ehre die Gesundheit des 
Nachfolgers, während zwei andere Geistliche sich für dessen 
eheliche und adelige Abstammung verbürgen. Wie a Beeck 1604, 
so nahm auch sein Nachfolger 1624 in der über seine Aufnahme 
entscheidenden Sitzung nicht persönlich, sondern durch einen 
Stellvertreter an den Verhandlungen teil. Der nachstehende 
Wortlaut der Beilagen entspricht dein Wortlaute in den nam- 
haft gemachten Beständen des Kgl. Staatsarchivs zu Düsseldorf; 
unwesentlich geändert sind nur die Interpunktion und manche 
Anfangsbuchstaben. Störende Doppelkonsonanten kommen in 
Wegfall. 



') Folgt aus der Approbation auf dem 10. Blatte des Aquisgranum, 
die vom 6. Juni 1620 datiert. 

'-') 1626 gab es in der Aachener Münsterkirche 2 Rectores peculii, 
2 Rectores fabricae (Bauwesen), 3 Sigilliferi, 2 Villi magistri, 2 Rectores 
Sacristiae. 

) Die Kapitular-Protokolle des Marienstifts vom Jahre 1617 übergehen 
ä Beecks Ernennung zum Propst von St. Adalbert mit Stillschweigen. Dem 
Zusammenhang nach können unter den von a Beeck bewohnten aedes clau- 
strales (Beilage 9) nur die aedes claustrales des Marienstifts nahe dem 
Münster gemeint sein. 



- 143 — 

Beilagen. > 

1. Zulassung des Peter a Beeck zur Anwartschaft auf ein Kanonikat 
an der Aachener Marienkirche. 

1604, 22. Juni. Anno dum. millesimo sexcentesimo quarto die vero 
22. mensis Junij in loco capituJftri consueto receptus et admissus fuit dorn. 
Petrus a Beeck in personam dorn. Jacobi Herwardtz procuratoris sui ad 
canonicatum et praebendam, quos dorn. Casparus Simonius condietua Ritz in 
hac ecclesia obtinere consuevit, vacantes per liberam resignationem eiusdem 
in manibus sanctissimi dorn, nostri '••' factam, sicque vigore provisionis apo- 
stolicae; pracstititque idem procurator iuramentum eanonicorum in animam sui 
dom. principalis. 

D. St. A. Aachener Marienstift; Akten B. ll n fol. 55 v . 
Dom. Casparus Simonis dictus Ritz, qui admissus 80. August lfi02, resig- 
navit 1604 canonicatum suum dom. Petro a Beeck, qui admissus 22. Junij 1604. 

Heusch M. F. A. Antonius, Nomina dorn, eanonicorum regalis ecclesiae 
Beatae Mariae Virginis Aquisgranensis. Berolini 1892. 

2. Peter a Beeck's Zulassung zur ersten, Residenz. 

1608, Lunae 23. Junij. Erscheinet dorn. Petrus a Beeck et petit se 
admitti ad primam residentiam salvis iuribus et statutis, darzu er auch 
facta professione fidei et praestito iuramento eanonicorum, salvis iuribus et 
statutis, gelassen. 

D. St. A. Aachener Marienstift. Kapitular-Protokolle von 1607—1611. 

3. Peter a Beeck's Zulassung zur zweiten Residenz. 

1609, Martis 23. Junij. Erscheinet dom. Petrus a Beeck petens sc a 
prima residentia absolvi et admitti ad seeundam salvis iuribus et statutis. 
Warauf Ein Ehrw. Capitul inen absolvirt und ad seeundam residentiam zu- 
gelassen, salvis iuribus, statutis et consuetudinibus. 

D. St. A. Aachener Marienstift. Kapitular-Protokolle von 1607 — 1611. 

4. Peter a Beeck als Subdiakon. 

1612, Martis 19. Junij. Der herr Beeck. wie auch der herr Haussen 
haben ihre documenta subdiaconatus eingeben und neben erlegung der iura sich 
ad capitnlum zu lassen gebeten, welchs also bewilligt. Der herr Darninndt 
hat documentuin diaconatus exhibirt, warauf er ad evangelium gelassen. 

D. St. A.Aachener Marienkirche. Kapitular-Protokolle von 1612—1620. 

5. Ernennung von Büchercensoren für das neue Werk des Peter a l< 
1619, Veneris 26. Aprilis. Revisores novi operis des herrn Beeck -em 

deputirt der ehrw. herr dechandt, der herr Wachtendunck, der herr scho- 
laster, der herr parochian und der herr Pastoir. 

D. St. A. Aachener Marienkirche. Kapitular Protokolle von 1612- 1620. 



') AbkürKuii^cn: D. st. A. — Düsseldorfer Staatsarchiv, rev. reverendus, 
= dominus. 

J Vorlage: S. Ü \. 



— 146 — 

6. Feter a Beeck verzieht et auf seine Stelle an der St. Mi ehaels- Kapelle. 
1622, Sabbati 24. Septembris. Dom. Beeck resignavit super capella 

sancti Michaelis, cuius collatio spectat ad rev. dorn, praepositum et deposuit 
claves ad manus rev. capituli. 

D. St. A. Kapitular-Protokolle von 1621-1628. 

7. Peter a Beeck beklagt sieh über eine Schmälerung seiner Einkünfte 
durch den Pächter (colonus) in Uersfeld. 

1624, Martis 6. Februarij. Als der herr Beeck sich schriftlich beclagt, 
dass ime ad suam cuvetani (?) speltae = 22 1 /., reichsthalcr ratione vinilicopii ' 
coloni in Ursfeldt per scedulam eingelegt, der colonus aber die Zahlung 
zu thun verweigert, so seie seins, herrn Beecks, begeren, Ein Ehrw. Capitul 
wolle ihme gemeltes asseignirtes geld gut machen. Hierauf ist recessirt, 
es solle der herr Beeck als rector fabricae die 22'/ 2 reichs ex peeuniis 
t'abricae nhemen und per scedulam einbringen, item ihme zu intimireu, solle 
gemeltem colono aus seinen bei ihme ligenden fruchten und guetern nichts 
folgen lassen, biss er colonus die 22 1 /., reichsthaler refundirt. Diss ist dem 
herrn Beeck schriftlich ahngekundigt und zu wissen geben worden. 

D. St. A. Aachener Marienstift. Kapitulor-Protokolh von 1621—1628. 

8. Der lodestay Peter a Beeck's. 

Peter a Beeck starb nach von idtmann (Zeitschrift des Aachener 
Geschichtsvereins Bd. I, S. 230) am 23. Februar 1624. Damit stimmt 
Heu seh a. a. 0. überein. In den Akten des Düsseldorfer Staatsarchivs 
findet sich der Todestag nicht verzeichnet, wohl aber (vergl. die folgende 
Nummer 9) ein für Beeck am 24. Februar 1624 gehaltenes Seeleuamt, nach 
dessen Abhaltung das Testament Beecks dem Kapitel zur Genehmigung vor- 
gelegt wurde. 

9. Testament des Peter a Beeck. 

1624, Sabbati 24. Februarij — ludictum capitulum iam post missam 
animarum i.i loco capitulari consueto ad instantiam capellani dorn. Beeck 
piae meraoriae cupientis exhibere testamentum. Es ist erschienen der herr 
Johannes Sterck als capellanus des herrn Beeck piae memoriae und hat 
dessen testamentum sampt zweien codicillen exhibirt mit pitt, das testament 
zu eröffnen, zu verlesen und zugleich mit den codicillen zu approbiren. 
Warauf agnitione sigilli et manus praevia gemeltes testament eröffnet und 
sampt den codicillen verlesen; seind auch dieselbige nachgehents, als der 
ehrw. herr senger und der herr Sterck, dass sie das onus executionis quoad 
ccclesiam ahnzunehmen sich willig erclert, ingleichen der herr Codonaeus 
das executions wesen aeeeptirt und pro domicilio aedes claustrales defuneti 
elegirt, salvis iuribus, statutis et consuetudinibus ecclesie approbirt worden. 
Actum ut supra praesentibus dorn. Petro K'locker et Mathia Schorn, testibus 
:nl id vocatis et requisitis. 



1 So diu Vorlage. Gemeint ist wohl vinicopii. 



— 147 — 

H. Dusterwaldt notariua attestor. 

D. St. A. Aachener Marienstift. Kapitular Protokolle von 1621 — 1628. 
In denselben Protokollen wird zum 30. Juni 1625 berichtet, dass nach dem 
Ableben des Testament 'roll st reckers Stark dessen Ami Mathiaa Schorn über- 
nommen habe. Ferner heisst es zum 5. Dezember 162'), dass dem verstorbenen 
Mathias Schorn Herr Schellen als Testamentsvollstrecker gefolgt sei 1 . 

10. Zulassung des Nachfolgers des Peter a Beeck zu einem Kanonikate 
an der Marienkirche in Aachen. 

1624, Martis 27. Februarij. [ndietum capitulum in loco capitulari 
consueto ad conferendum eanonicatum seu praebendam per obitum dorn. 
Petri a Beeck piae memoriae vacantes. 

Es hat Ein Ehrw. Capitul die durch absterben herrn Petri a Beeck 
vacirende prebend Henrico a Reusehenbergh grossgunstit, r lich conferit und 
ist demnegst dorn. Carolas Schell erschienen und hat craft exhibirter Qnd 
approbirter gewalts nomine dorn, sui principalis se ad realem et actnalem 
possessionem salvis iuribus, sijatutis et consuetudinibus ecclesiae zu ad- 
mittiren gepetten. Als nun das documentum sanetae tonsurae exhibirt und 
approbirt, daneben dorn. Christianus des herrn zu Setterich capellanus, de 
integritate corporis et quod dorn, provisus nullo morbo cadueo obnoxius sit, 
bei seiner priesterlichen ehren bezeugt, ferners der herr scholast^r de dorn, 
provisi natalitiis und ehrlichem adelichem stammen und herkomen ex parte 
patris, der herr vitzthumb Darmoudt dergleichen ex parte matris quoad 
requisitos gradus gnugsamb attestirt haben, so ist herrn Schellen pitt statt- 
geben estque iuramento canonicorum solito, in animam dorn, sui principalis 
vigore inandati praestito, ad stallum in choro et locum in capitulo und also 
ad realem et actualem possessionem nomine dorn, sui principalis per dorn, 
canonicos Simonem ab Haussen et Brunonem Bisterfeldt inducirt und ein- 
gefhuret worden. 

Actum ut supra inter 10 mam et 1 1 mam ante meridiem praesentibus dorn. 
Mathia Schorn et Joanne Dewir (?) capellanis, testibus ad id vocatis. 
H. Dusterwaldt, notarius attestor. 

D. St. A. Aachener Marienstift. Kapitular-Protokolle von 1621 1628. 

VII. Zwei Briefe des Aachener Geschichtschreibers 
und Rechtsgelehrten Dr. Johann Noppius. 

Die Abtei Stablo-Malmedy besass in Aachen schon zu früh- 
mittelalterlicher Zeit die St. Aldeguadiskapelle nebst einer dazu 
gehörigen grossen Wohnung und einem ansehnlichen Grund- 
besitz. Im Laufe der Jahrhunderte war das srhüne Besitztum, 



■) Aus zwei späteren Notizen der Kapitolar-ProtokoUe zu den Jahren 1629 und 
1632 folgt, dass a Beeck ii i ganzen 300 Reichstaler, anscheinend in osum Btu I 

vermurlit hatte. Ueher seine andeivn letztwilligen Bestimmt! Bhen die Kapitular- 

Protokolle keinen Ausschluss. 



— 148 — 

dessen Hauptteil in der Nähe des heutigen Elisenbrunnens und 
der jetzigen Dienstwohnung des Regierungspräsidenten lag, aus 
vollständig nicht aufzuklärenden Gründen arg zusammenge- 
schmolzen. 1563 konnte die Abtei Stablo-Malmedy in Aachen 
kaum etwas mehr ihr eigen nennen, als die dem gänzlichen 
Verfall nahe St. Aldegundiskapelle, deren Umgebung als wüster, 
die Stadt „verunzierender und verunreinigender Platz" geschil- 
dert wird 1 . Wiederholt versuchten die Abtei Cornelimünster 
wegen ihres an die Aldegundiskapelle angrenzenden Hauses, 
ferner das Kapitel des Aachener Münsters und schliesslich 
selbst der Rat in Aachen, die Abtei Stablo-Malmedy zum 
Abbruch oder zum Aufbau der Kapelle zu bewegen. Die Abtei 
beschränkte sich auf kleine Ausbesserungsarbeiten; erst 1787, 
kurz vor der Fremdherrschaft, wurden die Ruinen der Kapelle 
endgültig beseitigt. Die ziemlich umfangreichen, von Quix nur 
teilweise benutzten Aktenstücke über die zwischen Stablo- 
Malmedy und Aachen in Sachen des Aldegundis-Gotteshauses 
gepflogenen Verhandlungen beruhen im Düsseldorfer Staats- 
archiv 2 . Nachstehend folgen aus diesen Akten zwei Briefe des 
Aachener Geschichtschreibers und Rechtsgelehrten Dr. Johann 
Noppius. Die 1632 erschienene „Aacher Chronik" von Noppius 
ist nächst dem Aquisgranum des Propstes Peter a Beeck das 
älteste und berühmteste Werk zur Geschichte der alten Reichs- 
und Krönungsstadt. Ihrer deutschen Fassung und der über- 
sichtlicheren Darstellung wegen wurde sogar bis zur franzö- 
sischen Fremdherrschaft meist der Noppiusschen Chronik der 
Vorzug gegeben. Ueber Noppius ist einiges bekannt; es sind 
die nachstehend zum ersten Mal veröffentlichten zwei Briefe 
ausser der Aachener Chronik von ihm fast die einzigen 
Schriftdenkmäler, die sich bis auf unsere Zeit erhalten haben. 
Näheres über den geschichtskundigen Rechtsgelehrten bietet die 
wertvolle Zusammenstellung von H. Savelsberg über „Aachener 
Gelehrte in älterer und neuerer Zeit". Dem Abdruck der beiden 
Briefe lasse ich eine kurze Erläuterung zum Inhalte vorhergehen. 
Neben der St. Aldegundis-Kapelle in Aachen besassen die 
Herren von Drimborn ein stattliches Gebäude, das unzweifel- 
haft ursprünglich auf dem der Abtei Stablo-Malmedy zugehöri- 



1 ) Ch. Quix, Beiträge zur Geschichte der Stadt Aachen und ihrer 
Umgebungen. 2. Bündchen 1838, S. 108. 

2 ) Reichsabtei Stablo-Malmedy. 



— 140 — 

gen Grund und Boden errichtet worden war, aber zu Anfang 
des 17. Jahrhunderts bereits mehrere Menschenalter hindurch 
sich im Besitze der Familie von Drimborn befunden hatte. Al> 
1628 der Prior Nikolaus Hocht nach dem Eigentumsrecht sich 
erkundigte, wies die Familie auf ihren mehr als 200jährigen 
Besitz des sogenannten Drimbornschen Hauses hin l . Nicht zu- 
frieden mit der Antwort, wandte sich der Prior Hocht an den 
Aachener Rechtsgelehrten Dr. Noppius. Dieser (orderte unterm 
29. September 1629 zunächst nähere Nachweise-. Wie aus 
seinem am 12. Januar 1630 abgebenen Gutachten hervorgeht 3 , 
war die Abtei nicht im stände gewesen, ihre Ansprüche ein- 
gehend urkundlich zu begründen. Deshalb rät Noppius von 
einem Prozesse, den er für aussichtslos hält, ab und empfiehlt 
ebensowenig den von Drimborn angedeuteten Ankauf des Drim- 
bornschen Hauses. Ein solcher Ankauf, so sagt er, könne fug- 
lich nur unter fremdem Namen geschehen 4 . Noppius spricht 
schliesslich von der bevorstehenden Ankunft kaiserlicher Kom- 
missare in Aachen, die man ebenfalls um Rat fragen könne, 
verspricht sich indes davon schon des Zeitverlustes wegen 
nur wenig. Die Briefe sind frei von trockenen juristischen Aus- 
führungen 5 ; die klare, stellenweise geistreiche Kürze fällt 
vorteilhaft auf. 

Die beiden Briefe liegen in nicht ganz fehlerfreien Ab- 
schriften vor. Beim nachstehenden Abdruck wurde die Vorlage 
nur an einigen wenigen Stellen unwesentlich geändert. 



Beilagen. 

1. 1629, September 26. Dr. Johann Noppius ersucht den Prior Niko- 
laus Hocht in Stablo um die Zusendung notariell beglaubigter Nachwei 
Sachen den von Drimbornschen Hauses in Aachen. 

Admodurn reverende bencvolentisMincinie domine. Causam moratorii 
pre manibus habens video ad eandoni penitius et plenius instruendam. 
Necessum est, ut sub manu notarii extractum librorum habeam et vi- 
deam, in quibus de restauratione aedium Aquensium lii mentio. Quo 

») Ch. Qu ix a. a. (>.. S. 111. 

") Vergl. die Beilage \'r. 1. 

s ) Vergl. die Beilage Nr. 2. 

■') Hing mit den Schwierigkeiten zusammen, die geistliche Genossen- 
schaften beim Erwerben von [mmobiliar in Aachen hatten. 

6 ) Rechtsgeschichtlich bemerkenswert sind die von Noppius uen 

Ausführungen über Vererbungs-, Verjährungs- and Retraktrechte. 



— 150 — 

praevio videbo quid suadeam, nee enim cito nee temere in causa hac tarn 

antiqua nobis erit procedendum. His valeat et rescribat 

admodum reverendae Suae Dominationi deditissimus 

. ■ ao a , _. . ,,, on Joannnes Noppius, doctor. 

Aquisgrani, 26. Septernbris 1629. F1 ' 

Düsseldorfer Staatsarchiv. Akten der Abtei Stablo-Malmedy. Abschrift ; 
Papier. 

2. 1630, Januar 12. Bericht des Dr. Johann Noppius an den Prior 
Nikolaus Rocht in Stablo betr. den Rückkauf der neben der Aldegundis- 
kapelle in Aachen gelegenen von Drimborn' sehen Gebäulichkeiten. 
Admodum reverende benevolentissimeque domine. 

Scripsi ego iam bis ad nobilem Drimborn per expressum nuntium 1 
studens redimere aedes a predecessoribus vestris divenditas, presupposui 
esse redimibiles et ea lege distraetas, ut redemptioni sit locus, sed novis- 
simo nobilis domini Drimborn scripto boc totum negatur. Sit autem hoc sive non 
sit, ego quidera ab inquilino aedium sie intellexi, quod scilicet sint redimi- 
biles. Cogere autem adversarium ad edendum id, unde sibi moveatur quae- 
stio, durum plane est et iupe vetitum. Tacendo etiam, quod dicto suo po- 
stremo scripto nobilis Drimborn clare satis exprimat gradus, per quos familia 
in familiam descendendo devoluta sit domus et devenerit ad manus ipsius. 
Offerens, quod nihilominus velit Suae Reverentiae vendere propter eapellam 
annexam, cuius dieuntur domini Stabulenses patroni et collatores. Quid ergo 
consilii? Iurgia et lites non suadeo ideo, quia vos iis armis nudatos video, 
quibus pars adversa instrueta est et munita. Possiderunt tot annis quot 
tenuit nostrum iudiciale protocollum. Cuius temporis possessio purgat omne 
Vitium, etiam furti et rapinae extrinsecum et intrinsecum. Insuper medio 
tempore ab aliis ex cognatione in alieuas manus divenditas bas aedes iudi- 
cialiter retraxerunt, pactum reluitionis negaut, nostrum esset probare; probare 
autem non possumus neque adversarium ad editionem iuriuni suorum constringere. 
Ergo restat emere. Sed nee hoc suadeo, nisi hat suppresso suo nomine. 
Quod si etiam adventum et consilium exspeetare velint dominorum commis- 
sariorum Caesaris non abhorreo, interim sub hac coninunetura Uli prob dolor 
non festinabunt, et faxit deus, ne interea temporis causa magis magisque 
vulneretur. Hoc amice et vere. Sua Reverentia illam iugredietur viam, 
quam cum Piatone viderit exitu minus periculosam et bene suasam. 
Admodum reverendae Suae Dominationi deditissimus 

Joannes Noppius, doctor. 
Aquisgrani 12. Januarij 1630. 

Düsseldorfer Staatsarchiv. Akten der Abtei Stablo-Malmedy. Abschrift; 
Papier. 



') von Drimborn war längere Zeit von Aachen abwesend. 



Vergleich 
zwischen der Aachener und Cölner Mundart. 

Vcm A. Jardon. (Fortsetzung.) 

Buchstabe M. 

me'd „Merle, Drossel", holl. meerle, merel, ninl. merele, 
meerle, fr. merle. zusammengezogen aus merula. Redensart, oul 
mo"l''fü"r „altes Merlenfutter, alte Person, die zu nichts mehr 
nutze ist". 

[mat — maat „Markt", aus lat. mercatus zusammengezogen.] 

MeH e — Määte „Martin". 

mezbis — määzerbise „Märzschau er", Regen mit Schnee 
oder Hagel. Vgl. bise! 

mechtich — mächtig „zu kräftig, zu fett bei Speisen". 

mä ö t — määd „Magd". 

moire ;, n — mairähn „Mairegen". Kinderreim: mein/"!). 
trippetr§ 8 n, n/'n op mich, dan was ich. 

|maletzich malätzig „abgemattet, mager, übel", fr. ma- 
laise. Nicht zu verwechseln mit aach. malestich ..hinterlistig, 
bösartig, heimtückisch". Dies kommt, von lat. malitiosus. Man 
beachte das offene (e) und geschlossene e.] 

malich „jeder", zusammengezogen aus männiglich, ahd. 
manno gelich, dann manelich, manlicb, malich. 

[mälQr „Unglück, unangenehmer Vorfall", fr. malheur.] 

mein; pl. mein' „Frauen-Mutterbrust, Euter, Zitzel", holl. 
mam. mnl. mamme, mnd. nhd. mamme, „ein allgemein verbrei- 
tetes Wort, das durch seine Lippenlaute das Saugen darstellt", 
ahd. mammalon „undeutlich sprechen". 

man°l mang 1. „Korb", 2. in Aachen auch „Maschine 
zum (Hätten der Wäsche". 1. ndl. mand (vgl. hund honk), 
mnld. mande, ags. mand, mond, fr. manne, engl, maunde. Die 
Ableitung ist noch nicht aufgeklärt. 2. mhd. manne „Maschine 
zum Glätten der Weberwaren", engl, mangle, ital. mangano 



— 152 — 

„Schleuder", afr. manganeau „Steinschleuder", wahrscheinlich 
von griech u.aYyavov, das eine Art Kriegsmaschine bezeichnet. 

[manks — mangs „weich, zart, samtartig", wahrscheinlich 
von lat. mansuetus „zahm". Bei Müller- Weitz heisst es: „auch 
mals. holl. maisch, mürbe, zart, wohlschmeckend, schwed. mjäll, 
lat. mollis, griech. \xocl6c „zart, weich", maiiks und mals sind 
aber lautlich verschieden. Mals als adj. ist mir für Aachen 
unbekannt, wohl findet es sich in der Zusammensetzung „mals- 
b§ ö r". Die Etymologie von mals ist unbekannt; mal heisst im 
ostfr. und ndl. „wirbelig, töricht, sinnlos"; mals ist eine Weiter- 
bildung von mal. Vielleicht haben wir dieselbe Wurzel wie in 
„mahlen", möglich auch ist Verwandtschaft mit „Malz", das zu 
einer germ. Wz. melt gehört; angls. meltan „sich auflösen", 
anord. maltz „verfault", mollis und \\za6z können auch zur 
Sippe gehören.] 

niQn e brü ö r — männebrüder „geistliche Brüder des Minoriten- 
ordens", in Aachen auch Bezeichnung der Pfarrkirche St. Nikolaus 
in der Wendung <pj e n HK < m brü ö r. Das Wort ist Uebersetzung 
des lat. fratres minores. 

man jöd e s „zutrauliche Anrede für Landleute und Personen 
niedern Standes". 

mänslu — mannslück „Männer", mänsvolk „Männerwelt". 

Maria-sif „Maria Heimsuchung", so genannt, weil es vierzig 
Tage regnen soll, wenn an diesem Tage Regen fällt. Vgl. 
nachher sif „Gosse"! 

Marik'trm — Maricketring „Maria Catharina". Auffallend 
ist in dieser Verbindung der niederdeutsche Lautstand k. Das 
Deminutivum heisst sonst Manch''. 

Marjad^ies - Marjadeies „Ausruf der Freude, der Ver- 
wunderung und des Schreckens", verbalhornt aus mater dei mit 
Anlehnung an Maria. 

Marje;n — Marjänn „Maria Auna". 

M§rj e nbelt = Märjenbild „Marienbild". Die alte Form des 
Namens ist hier erhalten. 

mäsch e rän — mascherang 1. in Aachen „Gries und Kohlen 
durcheinander gemischt", 2. in Köln „Haufen, Masse, Sippschaft". 
Ostfr. heisst mask. oder masch „die beim Bierbrauen von ge- 
brauchter Malze zurückbleibenden Treber". Vgl. auch misch- 
masch. engl, mash „Gemisch, Gemengsei. Meisch", das man mit 
dem Zw. mischen in Verbindung bringt. 



— 153 — 

[materiales „Materialienhändler", lat. materialis.] 

[matsch f. „dickes, faules Frauenzimmer". Ostfr. matsch 
„zerquetschte, breiweiche Masse"; dieselbe Bedeutung' hat das 
Wort in andern Mundarten; vb. matschen „breiweich quetschen", 
aus lat. marcere „schlaff, welk, matt sein", mareidus „welk, 
matt", ital. marcio „faul, verdorben".] 

matsch*' „Flüssigkeiten auf ekelerregende Weise mit den 
Händen umrühren, in Nässe und Unreinigkeit mit den Händen 
herumwühlen"; siehe vorher matsche „breiweich quetschen"! 
Vielleicht sind beide Wörter dieselben ; wahrscheinlicher aber 
ist es, dass matsche in der zweiten Bedeutung gleich manschen, 
mantschen „durcheinander mengen", mhd. * mangezen, ahd.* 
mangazzen, zu mengen ist. Vgl. j e mätsch (wo die Zeilen ver- 
stellt sind)! 

Mätis — Matteis „Matthias". 

mät e s „Kraft, Stärke, Mut". Unbekannter Herkunft. M. 
Schollen : IUimseljere S. 59 leitet es von mars, martis ab, was mir zu 
gelehrt scheint. Die Endung es bezeichnet eine handelnde Person. 
Vgl. Manch S. 113. Ich vermute Matthias oder Mattheus, ohne 
die Bedeutungsentwicklung geben zu können. Auch an lat 
maetare lässt sich denken. 

mäü „Aermel", ndl. inouw, mnl. mouwe; man denkt an eine 
Wz. mov, die wir in lat. movere haben, und die „bewegen, 
zurückstreifen" bedeutet. Muff scheint verwandt zu sein. Vgl. 
unter hansmuf. Mou „Gesindel" ist lautlich davon verschieden. 

m£ds e „die Mitte". 

meist e r e „meistern, überwältigen". 

mend c r e „mindern, verringern (die Stiche beim Stricken 
der Strümpfe)". Mhd. minre „geringer". Es liegt derselbe 
Stamm wie in lat. minuere. gr. jiivüeiv zu Grunde. 

meniir'' - mengeleere „mengen, mischen", mnl. manghelen 
„handgemein werden" (eig. sich vermischen), ostfr. mengein 
„durcheinander mengen", ebenso in Aachen. 

m£ — mer „man", z. B. jeit nie (raer): „gehl man". 
Münch giebt auch für das Landkölnsehe mo. 

meteis°r — met^sser „Mitesser", „mitzehrendes, vermeint- 
liches Würmchen in der Haut". 

metlij — metligge: „Mitleid", germ. d im Inlaut lallt. 

m£t e in dem Ausdruck köt e met' mach' : „kurzen Prozess 
machen". m£t e ist wohl derselbe Ausdruck wie mhd. metten. 



— 154 — 

mettene, mettiu aus rnlat. mattina, zusammengezogen aus matu- 
tina „Frühmesse". Zum Ausdruck vgl. d p levit e l§s e ! 

m$ts, plur. m§ts e r „Messer"; das Wort der Mundart giebt 
den ersten Bestandteil des Wortes Messer, das aus mezzi (maz), 
got. mats, ahd. maz, angls. mete, engl, meat „Speise", und ahd. 
sahs „Schwert" zusammengesetzt ist. 

Mi ö n „Wilhelmine". 

mi ö , mi s tst e „mehr, am meisten". 

[m£l e zin — millezing „Medizin". Bei Fremdwörtern findet 
sich häufig solcher anorganischer Lautwechsel.] 

mensch, min e mench „mein Geliebter", mi (neutr.) m. 
„meine Geliebte", dat m. „die Dirne". mensch e schp^ ö l — 
minschespiel „grosse Volksmenge". 

mischmäsch „Gemenge". Wiederholung desselben Stammes 
mit anderm Ablaut. 

[möd e rir e — modereere „massigen", lat. moderari. Aus- 
druck: ich mos mich mod°rir e „ich muss an mich halten".] 

mod e schkenk — möderschkind: „Mutterkind, Liebling". 

möd e rsi ö len älen — modersillig allein „mutterseelen allein". 

mufich — möflig „moderig, schimmelig, übelriechend"; 
*muff in Aachen „die Mauke" (Pferdekraukheit), möff in Köln 
„fauler Geruch, stinkende Blähung", nhd. muff „Schimmel", zu 
ndl. muf „verschimmelt, dumpfig", mhd. muffeln „übel, faulig 
riechen"; ital. muffo „schimmelig", fr. moufette „Moderdunst". 
Vgl. übrigens hansmuf! Wz. muff „den Mund verziehen", dann 
bezeichnet sie weiter das. was diese Gebärde veranlasst. 

müg'lich — moggelich „fleischig, rundlich". Eine genaue 
Wiedergabe ist nicht möglich. Ndl. moggel, mokkel „feiste 
Person", im Jüngern mhd. mocke „Brocken", dialektisch mocke, 
moke „Klumpen", „grosse, schwere Person, dickes Kind", ndl. 
muckelig und muggelig, „dick und fett". In Aachen „sich 
Qiiiugg 6 !'' „sich mit Behagen in etwas einwickeln", ndl. niokke- 
len „ein zartes Kind mit weichem Fleisch fassen, küssen". 
Die Wz. ist sonst unbekannt. Ich denke an mus. das sowohl 
das Tierchen als einen Muskel an Arm und Fuss, namentlich 
den Muskelballen des Daumens bezeichnet, vgl. mus-culus! 

mdif' — möhte „Mühe". 

|mölest r „Beschwerde", von lat. molestia; vb. molestir — 
molesteere „belästigen, verderben", fr. molester.] 

muiich „sanft, weich, zart", ndl., ostfr. mollich, dialektisch 



— 155 — 

mollicht. Vgl. engl, mellow, meel; es ist Weiterbildung zu ndl. 
ostfr. mol, molt „weich, mürbe", das vielleicht zu lat. mollis 

gehört. 

molsch — maische „mischen, vermengen", in Köln auch 
..betasten, etwas viel oder lange in den Händen herumdrehen". 
Vgl. ndl. maisch „mürbe, saftig, sanft, zart", auch kann, wie 
Müller- Weitz es tun, an fr. nieder, lat. misculare gedacht werden. 

mo ö thQV e l — molthüvvel „Maulwurf häufen", zusammen- 
gesetzt aus mQ ö t, molt, ostfr. molt, mold „Staub, weiche, lockere, 
lose Erde", nid. moude, mfläm., mnld. ags. molde, engl, mould, 
got. mulda, ahd. molta, mhd. molte, mulde „Staub, Erde", ital. 
malta, griech. [iaXftrj „Kitt von Wachs und Teer", Wz. mar, 
mal „zerreiben", (vgl. malen!), kölnisch mölm „staubigte 
Erde, Gries, Holzfäule, feiner Schutt", nhd. mulin „lockere, 
trockne Erde, Staub", auch inüll (mülleimer) und hQv e l, welches 
nachzusehen ist. In Aachen heisst auch der Maulwurf selbst 
mo ö thQv e l, wohl = „Moltheber", Wechsel von 1 und r. 

[monet e „Geld", fr. monnaie. lat. moneta zu moneo. Moneta 
ursprünglich Beiname der Inno; in ihrem Tempel befand sich 
die Münze.] 

myp, m(jpch e — moppe „kleine, runde Brötchen aus Pfeffer- 
kuchen, unterschieden von den kleinern Pfeifern üssen", in Köln 
„kleine, hartgebackene, runde Kuchenstücke", ndl. mop „form- 
loser Brocken, Klumpen". Besteht Verwandtschaft mit Mops, 
das zu Wz. muf: „das Gesicht verziehen" gehört? 

mQp e in Aachen „stehlen", möpse in Köln „morden, um- 
bringen", vielleicht = to mop „abwischen, abreiben, abscheuern", 
oder to mope „betäuben, betören". Der Stamm muf ..das Ge- 
sicht verziehen" hat überhaupt recht interessante Wandlungen 
der Bedeutung erfahren. 

mörich — möör „mürbe", nid. murw, mnl, murwe, mörwe, 
morwe, moru, ostfr. mör, ahd. murwi, mhd. muruwe, Wz. mar, 
die noch in griech. [xagiveiv „verwelken lassen" steckt. 

[m§rjü „Ausruf der Bestürzung, Verwunderung und des 
Zornes", verballhornt aus fr. mort de dien.] 

mösch „Spatz, Sperling", nid. musch, mosch, dial. 
fra. moisson, mousson (nfr. moineau aus moisnel), Grundform 
*muscio. Auf Verwandtschaft mit lat. musca „Fliege" weisl ahd. 
grasmucka, nhd. „Grasmücke" hin. 



— 156 — 

mostert „Senf, mhd. mostert, musthart, ital. mostarda, 
fr. moutarde. engl, mustard, ndl. mosterd. Es kommt von lat. 
mustum „Most", weil Senf mit Most angemacht wird. 

muts — motz „kleine Pfeife"; nid. motsen : „verstümmeln, 
abstumpfen", mots „Tier, besonders ein Hund oder Pferd mit 
abgeschnittenen Ohren", „abgeschnittenes Kleid"; mhd. mutzen 
„zieren, aufputzen" ist wahrscheinlich verwandt. Vgl. ital. 
mozzo, span. niocho, fr. mousse „stumpf, verstümmelt". Man 
nimmt Verwandtschaft mit lat. mutilus, mutilare an.] 

mük in der Redensart jmd. op(d e r) muk ha(n) „jmd. 
nicht leiden können", muk = nhd. die Mucke „Laune", ostfr. 
mukke „Tücke, Nucke, überraschender Einfall, böse Laune, 
Grille", mnd. mucke, mhd. muoche. Vgl. moksen „übler 
Laune sein" ! 

müd e l e „eine Flüssigkeit trübe machen", adj. mud e lich 
„verschlammt", ostfr. muddelen „schmutzen, schmieren", mnld. 
moddelen, engl, muddle. Es ist Iterativum zu mudden. Subst. 
mut „Satz, Schlamm, Morast", nid. modde, niederrheinisch 
mod, md. mot „Pfuhl, Kot, Dreck"; mit r-Suffix, nhd. Moder, 
engl, mother. Uer Ursprung ist dunkel. Franck denkt an 
skr. mü-tra „Harn". 

möf e l — muffel, möffelche, mumfelche „Bissen, kleiner Im- 
biss", verkürzt aus „Mundvoll". 

[mQki ö r e — mukeere „sich über etwas lustig machen, ver- 
höhnen", fr. moquer.] 

mönj e nsniQ ö s — müngchesniQSS „mundgerecht, wie ge- 
wünscht", eig. dem Munde angemessen". 

mQn e — munge „munden, schmecken". 

[monstV — munstere, „mustern", in Aachen „ausheben 
zum Militär", fr. montrer, lat. monstrare, ital. mostra „Muster", 
ndl. moster.] 

[monti 8 ron — munteerung, auch moutur — muntor „Klei- 
dung, Uniform", fr. monture.J 

mör, pl. mör e — mohr, plur. murre „Mohrrübe", mhd. 
mörhe neben more, morhe, ahd. moraha, morha „gelbe Rübe", 
engl. more. 

murks 6 , siehe avmurkse! 

mus'' „mausen, herumstöbern", mhd. müsen „schleichen, 
betlügen" zum Subst. müs „Maus". 



— 157 — 

miisclr müske „Moschus", ndl. mosk, fr. musc, mlat. 
muscus. 

müt: siehe müd e l e ! 

nuil „Maul", d e mül vöröp ha de nmul vor hau „vor- 
laut sein", e n jrus" mül ha: „prahlen, viel versprechen", mul' 
flup e t: „Prahler". 

mosich, sich m. mach 6 müüsig maache „aufmucksen, 
batzig machen; mosich miisig- „mausig", auch ostfr. du most 
di net müsig maken. 

Buchstabe N. 

nat.sül - naaksüül „Nachteule", ironisch „Nachtschwärmer, 
einer, der bis tief in die Nacht hinein arbeitet". 

näks — nack „nackt". In Aachen haben wir eine eigen- 
tümliche Adjektivbildung- mit dem Suffix-s. Redensart: naks 
en blü ö s nack un blas „ganz nackt", in Aachen häutiger 
„blusnaks". 

näschtich „erpicht, gierig", nid. naarstig „emsig, fleissig, 
eifrig, betriebsam", nach Franck zusammengezogen aus in 
aernst(ig) „im Ernste". 

niji nau, nau „geizig", adv. „beinahe, kaum". Redens- 
arten: nöj si ö — nau sin „sparsam sein" net n. s. „für etwas 
nicht zu haben sein", „keine Freude an etwas haben"; nöi'r 
nü ü t „kaum, mit knapper Not". nöj, nid. nauw, mnl. naeu, nou 
„eng, fest, mager"; ihnd. nauwe, und nau, nhd. genau. Wz. 
nau „beengen", die wir in Not haben. Vgl. b e nauicheit! 

näüme: siehe benöüme! 

[natsiun - - nazion. 1. in Aachen Ausdruck: weit oder frech'' n. 
„ausgelassene, freche (Kinder)schar". 2. in Köln: „Spötter. 
Witzbold, auch verschmitzte Person". Die grande nation 
scheint zu dieser eigenartigen Bedeutungsentwickelung des 
Wortes natio den Anlass gegeben zu haben.] 

nesfkamp nestekamm „Staubkamm". Neste = Schup- 
pen, eig. Nester des Ungeziefers; kamp auch ahd. chamb, mhd. 
kamp. engl. comb. Grundbedeutung: „Gezahntes". Vgl. grieeh. 
y£|j.cfo; „Backzahn", yajjL^Aai „Kinnbacken". 

nüischlach — neuschlag „ein Schlag, den man scherzweise 
Bekannten giebt, wenn sie ein neues Kleid zum ersten Male 
tragen". 

Nes — Nies „Agnes". 



— 158 — 

nitsch „bösartig-, tückisch". Ostfr. niten „mit den Hör- 
nern stossen", mnld. nieten. Zu diesem Verbum ist nitsch 
Adverbium. Wir haben hier wieder das Suffix seh, das in Ver- 
bindung mit t etwas Unangenehmes bezeichnet. 

iiq" d e r hank „hinterher, später", zunächst wohl ein Vor- 
wurf: Die Hand greift zu, ehe man nachgedacht hat. 

nÖjb e r e : 1. „nachbarlich verkehren", „sich zutraulich zu jmd. 
setzen", 2. in Aachen: an§b e r e „an sich nehmen, stehlen". 
Vb. zum Subst. nob e r, ndl. nabuur, n§b e rsch e — nobersch 
„Nachbarin". 

iiQ ö du ö — nohdun „nachahmen". 

nQ ö j e dank° — nohgedanke „eingehende, meist sorgenvolle 
Ueberlegung", zuweilen mit dem Nebenbegriff, das sie zu spät 
kommt. 

nQlt nöl, plur. ni^lde „Nadel", mhd. nädel, ahd. nädala. 
Im Aachener Dialekte müsste es regelrecht dqI, plur. nQle 
heissen. Vgl. A. Gr. S. 17; das t ist unorganisch. 

nuf e — nüffe 1. in Köln: „durch die Nase hörbar atmen, 
2. in Aachen: „dumm und stumm da sitzen, zuweilen den 
Mund verziehen und langsam und kaum vernehmbar sprechen", 
ndl. nuffen „zaudern"; es ist verwandt mit schnüf 6 , ndl. snuiven, 
nhd. schnauben. Subst. d e nuf oder d e r nufrt „ein dummer, 
langweiliger Mensch, der gerne nörgelt", ostfr. nüf „Nase, 
Spürnase", auch persönlich gebraucht: „Spürer", ndd. uif 
„eine naseweise Person", ebenso snüf: 1. „Nase", 2. „lästige 
Person". 

nün e nünne: 1. „mit Wohlbehagen trinken, saugen", 
2. auch „schlummern"; 1. holl. niunen; Schweiz, nunnelen „be- 
haglich schlürfen" zum Subst. nonne, nönnche, nünke „Saug- 
vorrichtung". Es ist dasselbe Wort wie Nonne „Klosterjung- 
frau", das in obseöner Weise für Hohlräume, die durch andere 
(legenstände, die Mönche, ausgefüllt werden, gebraucht wird. 
So bezeichnet nune im ostfr. eine Hohlmuschel, in manchen 
(-Jegenden im Bergbau eine Matrize. An ninne (vgl. nina!) 
neina „Kind, Wiege, Wiegenlied" ist wohl nicht zu denken. 
2. nune „schlummern" in Köln gehört zu nona „neunte Stunde 
des Tages von 6 Uhr morgens gerechnet" und bedeutet „sein 
Mittagsschläfchen halten." Dafür in Aachen öngere. 

nön'Toz nunefützche „kleines Gebäck", in Köln über- 

haupt „Kleinigkeit". 



— 159 — 

nyp, plur. nop' nup, nuppe, nüppcher „Wollknötchen 

im Tuche, 'rupfen in Stoffen gewebt oder aufgedruckt", holl. 
nop „Flause", norw. ouppa „pflücken, ausziehen", Wz. kneup, got. 
dis-kniupan „zerreiben, zerfetzen"; nop' „Webeknoten entfernen", 
nyp'sclr „Noppmädchen". 

nü 8 tschtop — nuthstopper „Aushelfer", einer, der in der 
Not die Lücke „stopft" oder ausfüllt. 

Buchstabe 0. 

ö ü d e Qde: „Schuhzeug mit Absätzen versehen", subst, 
o ; 't ödt „Flicken unter dem Schuhabsatz, in Aachen auch 
der ganze Absatz", schtösö ö t „Schuhflick an der Spitze der 
Sohle". Ahd. ort „Spitze. Ecke", agsächs. ord „Spitze", mittel- 
engl. ord „Waffenspitze", ndl. oord „Spitze des Schwertes, 
Punkt, Anfang - ". Erst im mhd. hat ort die Bedeutung von 
Platz erhalten. 

[v e '*Qdini ö re — ydeneere „anordnen", besonders „Arznei 
verschreiben", fr. ordouner, lat. ordinäre.] 

[ouf e r -öfter „Opfer", ouf'r" — öftere „opfern, nament- 
lich in der Kirche Geld geben", lat. offerre.] 

ö ö lköpch e — öhlköppche „ein in Gel gesottener Meer- 
schaumkopf", übertragen „ein vom Trünke gerötetes Gesicht". 

y ü s c kf)p — oksekQpp „Ochsenkopf, Dummkopf". 

(fs e pis e l „Ochsenziemer". Siehe pis'T = prügeln! Ostfr. 
pesel, päsel, pisel, pese „Ziemer", nid. pees „Ochsenziemer, 
Sehne, Nerv, Flechse, Strang", mnld. pese „nervus", nd. pesel, 
päsel, engl, pizzle. 

[ölich — öllig „Zwiebel", aus lat. allium entstanden, ölichs- 
höit. pif, ölesch „Dummkopf". Hier die Ideenassociation, 
von der sich das Volk hat leiten lassen, aufzudecken, dürfte 
ebenso schwer sein wie in den Ausdrücken: tnY'nsdöp 1 ' und 
sov 8 söld e r e hoit. In Köln: de" schto't do" we <■ Tsölech'T 
(Zülpicher) ölich.] 

[glich — ollig: „Öl", lat, oleum. Daneben findet sich so- 
wohl in Aachen, als auch in Köln der Ausdruck o"l.| 

Qm „um", ahd. umbi, mhd. unibe. Der Umlaut erklärt 
sich aus dem ursprünglichen i in der folgenden Silbe. Qm e söns, 
„umsonst", mhd. umbe sus, sunst, sust — Qmdraf ..zurück- 
bringen", — limdu" ömdnn „anziehen, ein Tuch umschla- 
gen", Qmfank: „Beleibtheit", — QmJQ ö — oingon „sauer 



— 160 — 

werden", Qmlouf „umlaufende Entzündung an Fingern", 

„panaricium cutaneum, Umlauf". 

q°s — qqs, plur. oster „Aas"; sowohl in Aachen wie in 
Köln wird das Wort in doppeltem Sinne gebraucht: 1. als 
Schimpfwort = „Luder", 2. in lobendem Sinne, bald (in 
Aachen) = „Liebling, Liebster, Schatz, Benjamin", bald (in 
Köln) = „gescheiter, fideler, pfiffiger Mensch". 

q 6 s = „Ast (zapfen) im Brett", „Ast", ostfr. öst „Astwurzel 
oder Aststelle im Holze", nd., mnd. öst, nid. oest, mnld. oest, 
ast, nwestfäl. (n) aust, ags. öst, griech. o^o; = osdos. So er- 
klärt sich das ö im nd. für kurzes a des hd. 

<fs „Ass auf der Karte oder dem Würfel" von lat. as, gen. assis 
„kleine Münze = 4 Pfg."; ursprünglich bedeutet es „Einheit". 

öp 1. „auf" mnl. op, oppe, up, uppe, ahd. üf 2. „offen" ndl. 
open, ahd. offan, ags. open. Redensart: öp e nöits — op e 
neu's „noch einmal", öpdönV „aufputzen, sich in schreiende 
Farben kleiden" — opdn ö — opdun ,, öffnen" — öpj l 'scliQS e 
„rasch gewachsen bei Kindern". 

öpkrätz 6 „herausputzen". Eine eigentümliche Gedanken- 
verbindung! kratzen hat die Bedeutung: „vertiefen", öpkratse 
heisst also: „vertiefen und aufhäufen", ebenso ostfr. upkrabben. 
Wie entwickelt sich die Bedeutung „aufputzen"? Sollte krat- 
zen hier vielleicht Verb, zum Subst. krat „Kröte" sein und 
„aufblähen" bedeuten ? 

öpkrij e „aufzehren". In Köln eigentümliche Bedeutungs- 
entwickelung: nit opkrij e künne „nicht begreifen können." 
Vgl. krij<M 

oplouf „Auflauf" „Hefen = Mehlspeise". 

opmük 1 ' „sich auflehnen". Nd. mukken, „murren, knurren, 
brummen", nid. mokken (vgl. moksen!), fläm. mocken, ahd. 
muccazan „mutire, brüllen, schreien", griech. \iuy.6i.o\iot.i, lat. mugire. 

öpnejn e „aufnehmen", den Schmutz mit einem feuchten 
Lappen, dem opn§m p nsdoch, oder dem opnejn'r „einem Scheuer- 
wisch oder — läppen wegschaffen". In Köln hat das Wort 
auch noch den Sinn: „erheben", „deuten, auslegen". Die bei- 
den letzten Bedeutungen gelten allgemein. 

opröpsch'' „aus dem Magen aufstossen, verleidet oder 
zuwider werden". Vgl. ropsch 6 ! 

öpschnäp e „horchen, zufällig hören, ertappen, auffangen". 
Vgl. schnäp''! 



— 161 — 

opsuj' „aufsagen, seine Lektion hersagen", „den Dienst 
kündigen". 

opschtipe „eine Stütze untersetzen", v"l schtip' ! 

opschtQuehe „anschüren, anfachen, aufhetzen", vgl. schtouch e ! 

öi 1. „ob", 2. „oder" l.Got. ibai „ob, denn, etwa", ahd. 
iba „ob, wenn", nid. of, afries. ef, jef jof, ags. gif, nid. of. 
2. zusammengezogen aus ofte (ahte), fries. jeftha, ahd. eddo, 
got. aiththan. fth und dd sind aus einem Lippenlaut und 
germ. th. entstanden, 

öv e nspif — ovvepief „Ofenrohr". Vgl. pif! 

tfvenstrcjin ovvetrumm „halbrundes Anschlussstück mit 
Loch und Deckel an einem gewöhnlichen, cylindrischen Ofen", 
zusammengesetzt aus oven (t) „Ofen" und tn)in, nihd. trumbe, 
trumme, ndl. trom „Trommel", ahd., and. trumba „Posaune. 
Trompete", ital. troroba, span. trompa, fr. trompe „Trompete", 
anord. trumba „Röhre, Stempel"; mit diesem Worte kommen 
wir wohl der Grundbedeutung am nächsten. 

Buchstabe P. 



paf e jöt „Pfaffengut, Kirchengut". Paf. = griech. -y.-y.; 
„clericus minor". Kluge sieht in dem Worte griechischen 
Einfluss und verwirft die Ableitung von lat. päpa. 

[pe ö sch e — paasche „ausdrücken, auspressen, drücken". 
paasch pe s sch „Presse, Kelter", pe ö schis e r „Glatt- oder 
Bügeleisen der Schneider", holl. pers „Kelter", mit Metathesis 
aus anl. * pressa, ahd. pfressa „Kelter", mlat. rom. pressa zu 
lat, premere „drücken", fr. presse, daher mhd. presse „Andrang 
von Menschen"; mnld. nnld. persen = pressen.] 

päkä — packan 1. „Handpolster zum Anfassen heisser Gegen- 
stände". 2. „ein roher, zum Schlagen geneigter Mensch". 

pe"tsliur pädshor „Hure gemeinster Art". p$ 8 ts- 

hon'r — pädshunger „Pferdehunger, Heisshunger" p§ 6 tsk§H 
„starke Kälte". 

PV"tskoti — pädskötel „Pferdeniist". Vgl. körl! 

[paf§i e „pflastern", fr. paver, lat.*pavire „schlagen, stam- 
pfen".] 

[päjäs „Hanswurst", ital. bajaccio „Hanswurst - zu baja 
„Spass*. In Köln: paijatz.] 

[pajäs — palljäs „Strohlager, sack", IV. paülasse, lat. 
palea „Spreu".] 



— 162 — 

palm „Buehsbaumlaub", auch (in Aachen) paltnoi „Palm- 
zweig", sogenannt, weil am Palmsonntage seine Zweige in der 
katholischen Kirche zur Erinnerung an die Palmzweige, die 
die Juden dem Heilande streuten, gesegnet werden. Dieselbe 
Bedeutung hat palm im ndl., ostfr. 

b§lst e r pälsterwoosch „Wurst, die in den dicken Afder- 
darm des Schweines gefüllt ist", „geräucherte Schlackwurst", 
holl. bolster „Topf, Bast, Wanst, Schote, Nussschale, Sc.hoten- 
erbse, Kopfpfühl, Spreu", ahd. bolstar, mhd. bolster, engl, 
bolster, anord. bolstre „Kissen". Wz. * bül, von der bül „Beule" 
stammt. Vgl. bol! Kluge denkt an Wz. belg „schwellen", zu 
der Balg gehört. Ostfr. lieisst bulster „Haut. Balg", bejst/'r 
bezeichnet also zunächst den „Dickdarm". In Köln fügt man 
deshalb auch richtig woosch hinzu. 

pynclr mache Kindersprache: „den Mund zum Weinen 
verziehen" ; p§nch e „kleine Pfanne". 

pän e schtetsch e „das jüngste, kleinste Kind", eig. Pfannen- 
sterz". 

[pansch — pans „Bauch", in „Köln auch Kaidaune, Tier- 
magen, Wanst, Wampe", iron. „kleines, unförmliches, auch un- 
gezogenes Kind". Ostfr. pause, pans „Wanst, Magen", nd. 
panse, mnd. pause, pantze, nid. pens, engl, pauncli, ital. pancia, 
span. panze, pancho, fr. panse. lat. pantex „Wanst. Gedärme"; 
panschsäk „Geizhals".] 

papiV vöw e l papeere vugel „Drachen aus Papier". 

[p§r e plü paraplü „Regenschirm", fr. parapluie.] 

(par e SQl „Sonnenschirm", fr. parasol aus parer (lat, parare) 
und ä sol.J 

[(z e ) päs kom'' pass kumme „gerade recht kommen", fr. 
passe „Zug. Gelegenheit", vb. passer, woher „passen = ange- 
messen sein".] 

pätätsche Kinderspiel „Gegeneinanderklatschen der Hände". 
Lautmalerei. 

patsch 6 „durch den Strassenkot waten", zu patsch 
„Kot". Lautmalendes Wort. Vgl. matsch, tratsch. Ndl. 
potten, patjen. 

pat'fnuw'l - pattcvugel „Papierdrachen", iron. ein Frauen- 
zimmer, das autfallend gekleidet ist, namentlich mit flatternden 
Bändern", fr. patte, deutsch, patsche 1. „Pfote", „Klaue", 
2. „Klappe". Die Drachengestalt hat den Namen veranlasst. — 



— 163 — 

In Aachen bedeutet patte wie im fr. „Zeugstreifen, der mit 
dem einen Ende am Zeuge und mit dem andern an einem 
Knopfe befestigt ist, ferner den Tuehstreifen, der über der 
Taschenöffnung angebracht ist". 

pek „Hass. Groll. Widerwillen", ndl. pik. 'n" p6k öp 
öm e ns ha°, holl. eenen pik op jemand hebben „jmd. grollen", 
nhd. pick und piek, fr. pique, ital. picea „Spiess, heimlicher 
Groll". VI), pikken, mnl. picken, pecken „hauen, stossen", 
meng-, picken, engl, to pick, nord. picka, Nebenform zu bikken, 
mnl. bicken (becken), ahd. bicchen, mhd. bicken, becken stossen, 
stechen, hacken, Wz. pik. Vgl. „lelbek"! 

pek e l „Salzwasser", mnl. nnl., pekel, nhd. pökel, engl, 
pickle, nl., Sachs, pekel „Salz". Vgl. engl, pik „stechen." hie 
Legende, dass pekel der Name des Erfindeis des Pökeins sei, 
ist nicht erwiesen. 

[p§l e „schälen, von der Hülse befreien", ndl. pelen, mnl. 
pelen, mengl. pilien, engl, to pill, fr. peler, ital.. span. polare 
„enthäuten, Federn ausrupfen", lat. pilare zu pilus „Haar".] 

pe ü sch — peech „Pfirsich", ital. pesca, fr. peche, engl, 
peach, lat, persicum. Der ü laut zeigt, dass pe ö sch unmittel- 
bar aus dem Lateinischen entlehnt ist. Vgl. A. G. Seite 28 unten! 

[pen — pen, pl. penn „Schuhholzstift", pen e „Holznägel 
einschlagen, emsig arbeiten, in Köln auch vollpfropfen", ndl. 
pen. mnld. penne „Feder", „Nagel", lat. penna, mnd. pinne 
„spitzes Werkzeug", nhd. pinne „Pflock", engl, pin „Nagel". 
Redensarten 'n e pen z° völ of z e wenich ha ö „nicht recht bei 
Sinnen sein", jalj' pen ..Mohrrüben", ndl. peen. In Aachen 
bezeichnete man die alten Stadtsoldaten mit (jeher pen, weil 
sie, an den Stadttoren sitzend, sich damit beschäftigten, p6n 
zu schneiden und zu verkaufen. Tu Köln nennt man einen eigen- 
sinnigen Menschen „eigesinnige pen".| 

[peps 1. in Aachen: a) „eine bekannte Hühnerkrankheit", 
b) Austrag der Augen"; vgl. kni ö s. 2. in Köln: „Erkältung", 
entlehnt aus mlat. pipita; ital. pipita, fr. pepie, engl., nid. pip., 
lat. pituita „Schleim. Schnupfen", ahd. pfipfiz, nhd. pfips.] 

[perfo ö sch — perfoosch ..gewaltsam", fr. par force.] 

p^rquankstsis perquanzius „vorgeblich, unter irgend 

einem Vorwande". Das Wort gehörl zu „quant, ndl. kwanl 
Schelm, schlauer Gast"; quantelen „heimlich verkaufen-, ndl. 
kwanselen „schachern", mnd. quantelen, quentelen „etwa- zum 



— 164 — 

Schein tun" quantweis „zum Schein". Die Etymologie ist 
dunkel. In Aachen und Köln hat man das Wort als lat. auf- 
gefasst, daher die Vorsilbe per. 

pes „Urin. pes e harnen" ndl. pis, mnl. pisse, fr. pisse, vb. 
pisser, engl, to piss, ital. pisciare. 

petsch 6 „drücken, quetschen, zwicken", d e r petsch „das 
Drücken", en d e r petsch si ö „in Verlegenheit sein", engl, to 
pitsch „befestigen, heften, stecken, einschlagen, stampfen", 
mengl. pischen, nhd. pitschen „kneifen, kneipen", auch putschen. 

pif „Pfeife", pil „Pfeil". 

[bib p rnej — pimpernell „das Zittern", bib e l e „mit Lippen 
und Zähnen vor Kälte zittern", fr. pimprenelle, mhd. bibenelle, 
bibernelle, lat. pimpinella; bib e l e , ndl. bibberen, das man zu 
b§v e „beben" zieht.] 

pin „Pein" „das gewöhnliche Wort für hd. Schmerz", 
pnV'lich „empfindlich, kleinlich". 

penk — pinche „Pinte", Feuchtigkeitmass, ndl. pint, rom. 
pinta, fr. pinte, engl. pint. Grundbedeutung ist „Mal, Zeichen". Die 
Grösse w r ar verschieden. In Aachen kamen 4 Peiik auf 
eine Kanne. 

pis e l „Ochsenziemer", pis e l L ' „durchprügeln". Siehe Q ö s e pis e l. 

Pit — Pitter „Peter", druj e Pit — drüge Pitter „wort- 
karger Mensch". 

plat — plaat „Glatze, Kahlkopf", in Köln gew. plat e k§p 
(Platte-Kopf). 

plat „Metallplatte", engl, plate, holl. plaat. 

pläk 1. „Grind", kü ö pläk — kodd e plack „Kopfgrind"; 
2. pläk — plagge, „Ab Wischtuch", kut e pläk „Taschentuch", 
schot e lpläk „Scheuerlappen". Ostfr. heisst plak auch 1. „Fleck", 
2. „Fetzen". Ndl. plak 1. „Schlag", 2. „Fleck, Klecks", plak- 
köp, pläkfis e l „verächtlicher Mensch" pläk" in Aachen 

1. „kleben, aufkleben", 2. „borgen", d e r pläk „der Borg", 
pl^k'r, pl£k e sch e „Schuldenmacher, Schuldenmacherin". Redens- 
art: „pläk' li 8 rt krau", „borgen macht sorgen". Hier verbindet 
das Volk den Begriff „Aussatz" mit dein von „borgen". Ndl. 
plakken „kleben", ostfr. plakken 1. „schlagen", 2. „kleistern". 
Ob pläk „Schlag, Klecks" und „Lappen" auf eine Wurzel 
zurückgehen, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. Lat. pläga 
„Schlag" könnte Ausgangspunkt sein. Im Deutschen bezeich- 
nete dann dasselbe Wort 1. die Wirkung, 2. das Werkzeug 



— 165 — 

der Tätigkeit. Vgl. ferner pläga „Netz" (r.).iz) und p] 
„Gegend, Himmelsstrich*. pläk € in der Bedeutung „borgen", 
geht auf die Sitte zurück, die Schulden „anzuklecksen", bez. 
„anzukreiden". 

|plosi"r „Vergnügen". IV. plaisir.] 

|plats"ndi"i" plasseere, auch plazeere, „anbringen, unter- 
bringen", tr. placer.] 

plgtsch = platsch „Pritsche", „ein nach vorn in eine runde, 
öfters eingekerbte Platte auslaufender Stock, mit dem die 
Schulmeister ehemals ad hominem argumentierten, indem sie 
den Kindern damit auf die ausgestreckte flache Hand schlugen", 
dann der Schlag selbst. Es scheint Schallwort zu sein, vgl. 
platzen, plätschern. An eine Ableitung von plat ..flach, eben- 
ist wohl weniger zu denken. 

platsch' „im Wasser herumwühlen", „ins Wasser treten", 
nhd. platschen, plätschern, ndl. plassen, engl, to plash. Inten- 
siva zu platzen. Klangwort. 

plat z e b§t lij 1 ' plat um bott lige „bettlägerig sein". 

platis'r „flaches Bügeleisen". 

[plats „eine Art Kuchen, Fladen", nid. platzbocke „Fladen- 
backer"; lat. placenta. — In Köln heisst plats auch freier Kaum, 
dafür in Aachen plä ö tsch.] 

[plcsi'r' pliestere „mit Kalkspeise verputzen", ndl. 

pleisteren, afra. plaistre, nfra. plätrer, engl, to plaster; mlat. 
plastrum „Mörtel, Cement", griech. IfA7cXaarpov; Subst. dal j 
plestisch, holl. het pleister.] 

plök e „pflücken", plökföuw'l — plöckvugel „jmd.. der ge- 
wohnheitsmässig andern das Geld abbittet oder abschmeichelt", 
ndl. plukken, engl, to pluck, lat. piluccare. 

ph/ch plog „Plage", in Aachen auch „fallende Krank- 
heit". Siehe unter B: bloch! — ploj'' „plagen", sich pl., .sich 
beeilen". 

plbst'T „Pflaster als Heilmittel", Griech. ejircXaaTpov; vb. 
plQSt e r e „Pflaster auflegen". 

Ipluni'rant „sich schwach fühlend", in Köln auch ..matt- 
blau", aus fr. bleu mourant „blass blau".] 

Iplüin „Feder", lat. plüma, ndl. pluiin, mnd., und. plüme, 
ahd. pflüma, inhd. pflüme, nhd. Baum.] 

pluf pluute „Fetzen, alte Kleidungsstücke", im ver- 
ächtlichen Sinne jedes Kleidungsstück. Ndl. heisst plote „ge- 



— 166 — 

schoren Fell", ploten „weissgerben", dial. deutsch: plut (t), 
blut (t) „kahl". Dem Sinne nach könnte dieser Stamm heran- 
gezogen werden; näher liegt es, an nhd. plunder, mnd. plunde, 
nnd. plunde zu denken, obschon sonst d nach n, nicht n vor d 
schwindet, vgl. hank, moiik usw. 

pr>k e s£ts e — pr>cke s^tze „impfen". 

[PqI, pl. pölle — poll „Kännchen, das beim Messopfer 
gebraucht wird", verkürzt aus lat. ampulla: „Salben- oder 
Schminkfläschchen". Die Aehnlichkeit mit einem Huhn spielt 
dabei keine Rolle, wie Müller-Weitz meinen, vgl. nnd. ndl. 
pulle „Flasche, Kanne".] 

[PqI „junges Huhn, Haubenhuhn", auch „ein dickes, rund- 
liches Frauenzimmer", ein „kleines, artiges Mädchen", lat. pullus 
„das Junge", fr. la poule, engl, poult, span. la polla, ital. pol- 
lanca „junges Huhn", pollastra „fettes Huhn". Ostfr. heisst 
pulle dicker, unförmiger Klumpen".] 

PQ e chbe;st (> — pQQSchbgss „das Allerbeste, Kleider, die nur 
um Ostern (Posche) und andern hohen Feiertagen getragen 
werden". 

[pösch e — pQQSchdag „Ostern", auch pascht , ndl. paasch, 
mnl. paschen, mnd., und. päsken, paschen (dat. plur.). mlat. 
(gr.-hebr.) pascha, paska, ital. pascua, fr. päque.] 

PQ ö ts „Pforte, Tür", pQ ö ts'' „häutig durch die Tür gehn", 
pQ ö ts e r „einer, der das tut, in Köln auch Pförtner". 

[pöp „Puppe, geziertes Frauenzimmer" aus lat. püpa. 
Redensart: d e pöp'' sönt an et dants e de poppe sin am 
danze „der Skandal ist da, der Prozess ist im Gange".] 

[positiver — positor „Haltung, Stellung", lat. positura.] 

PQt, pl. pQt „Topf", mnl., nnl. pot, ofr. mnd., nnd. pot, 
mengl., nengl. pot, nord. potte, fr. pot. Unbekannter Herkunft, wohl 
nicht, wie Sachs meint, aus lat. potus „Trank". 

bdt e l e — pöttele „mit den Fingern in etw. stören, sto- 
chern, aushöhlen, Kleinigkeiten langsam arbeiten, mit den 
Fingern zupfen, abklauben, abkratzen", ndl. peuteren, nd. pö- 
tern, engl, to potter. Stamm put in pü 8 t „Pfote" (nach Frank 
zu peutern). Autfallend ist in Aachen dabei der b-laut. 
Grimm giebt B II, 581 büttein „agitare", Frequentativum zu 
got. bautan, ahd. pözan „klopfen", Vgl fr. bouter: „stecken", z. 
B. Nadeln in Briefe). Dies Hesse sich der Bedeutung nach 
auch heranziehen. West f. büttelen „umwühlen". 



167 — 

|)utlu i; — pottluh „Ofenschwärze", vi», pötlun' „«Ion Ofen 
schwärzen". Das Wort bedeutet eig. Pottlohe; vgl. Gerberlohe! 

[pots „Brunnen, namentlich Ziehbrunnen, dann auch 
Pfütze", mini, pfütze „Lache. Brunnen", ahd. pfuzzi, pfuzza; 
entlehnt ans dem lat. puteus „Brunnen, Graben", ital. pozzo, fr. 
puits. Vb. pöts e .,1. Wasser mit Eimern hochheben". 2. in 
Aachen auch Intransitivum : d' wont pötst.] 

[präk e si°r e auch prakt e si°r e prakeseere ,, überlegen, ver- 
suchen, nachdenken, aus fr. pratiquer gebildet, das auf ein lal.- 
griech. practicare zurückgeht,! 

pick'' — precke 1. in Aachen „auffangen, schnappen", 
d e r prek scherzh. „der Mund", 2. in Köln „einen Spielball 
umschnüren". Ostfr. lieissf prikke, prik „Stechding, Stachel, 
Stecheisen", ebenso ml., mnd., mnld. prik, ags. prica, engl, 
prick „Stachel, Ahle, Spitze". Davon abgeleitet das vb. prik- 
ken „stechen, steken", ndl. pricken „stechen". Das Wort der 
beiden Mundarten scheint mit dem genannten Zeitworte 
identisch zu sein. Die Bedeutungsentwickelung wäre dann: 
„mit einem spitzen Gegenstande 1. auffangen, 2. feststechen. 
sticken". 

|presi"r p — presseere „eileir, fr. presser. j 

[preseni si ö „(-Geistesgegenwart haben", fr. etre present, 
das aber nicht von der Person, sondern von der betr. Sache 
gebraucht wird.] 

[prl ö prie 1. in Aachen ..ein listiges, verschlagenes. 

auch schlechtes Frauenzimmer", prij'tich „abscheulich, sehr 1 '. 
2. in Köln: en stolze — ..ein sprödes, sfolzes Frauenzimmer". 
Ndl. prij „totes Tier, Aas", „Lotterdirne", aus älterm prije, 
mnl. pride „Beute", mnd. pride, prie; ..Aas. Luder", rom. preda, lat. 
praeda, fr. proie, engl, prey.] 

Iprufit'r d'r oder dat profiterch profitchen „Lichtknecht, 
Lichthalter, kleine Vorrichtung, mittels welcher man die Licht- 
stümpfchen bis zum Ende benutzen konnte", hüll, profitertje 
vom fr. profiter „gewinnen".] 

[brös — pros „Prosit".] 

prut'l — prottel 1. in Aachen „der Grossvater- oder 
Sorgenstuhl". 2. in Köln „Trödel, Plunder, der ganze Kram", 
du Köln und Aachen ,.prut"r ..der Lehnstuhl".) Davon vb. 
,,prüt'T L. brodeln, sieden"; 2. „murren, brummen". Soll, preutel 
..der ganze Kram, Plunder"; preutelen l. „brodeln, sieden"; 



— 168 — 

2. „murren", ud. pröteln, dial. -deutsch protzein. . Klangwort. 
Stamm prut(t). Vgl. protzen, protzig; ! 

[prüm prumm „ Pflaume", lat. prunurn. Zu Grunde liegt 
der Plur. pruna, nd. pruim, fr. prune, ital. prugna, span. 
prima. — Prüm — prümm, wovon vb. prüm''. ndl. pruim, pruimen, 
,. Kautabak, Tabak kauen" ist dasselbe Wort.] 

[provis e r — pruviser „Apotlieker-Gehülfe", lat. provisor.] 

pük e l „Buckel", mhd. bukkel; das Wort gehört zu biegen. 
Vb. pük e l e „auf dem Rücken tragen". 

püd e l e „waschen", sich p. „sich am ganzen Körper wa- 
schen". Ostfr. pudeln (seltener puddeln) „schüttelnd oder plät- 
schernd baden", engl, puddle „ plantschen", puddle „Schlamm"; 
vgl. ostfr. buddeln „sprudeln, brodeln". Dazu gehört püd e lnas 
„ganz nass". 

püd e lnaks — puddelnack so „nackt wie ein geschorener 
Pudel". 

püf 8 — puffe 1. in Aachen a) „grosstun mit etw." b) „bor- 
gen", 2. in Köln „bauschen, Schläge austeilen, stark rauchen, 
stossen", ndl. puffen, poffen, „schlagen", ostfr. puffen 
1. , .dumpf tönen". 2. „mit hörbarem Geräusch einen Schlag 
versetzen". Ostfr. heisst puf wie in Aachen „Borg"; es be- 
deutet soviel wie Schlag ins Blaue, Kauf aufs Geratewohl. 
— puf 1. „Bordell". 2. in Köln auch ,,Hure". In Aachen puf- 
kehk „Bastard". — puf, pl. püf e bedeutet in Aachen wie im 
Ostfr. „Bausche, dicke Falte, Wulst". — püf L 'rtche — püffel- 
che „kleines Hefenpfannenküchelchen". Wz. puf, buf „blasen, 
aufblasen". 

pö ö han puhhahn „Pfau", zusammengesetzt aus lat. pavo 
und dem germ. hau, ahd. hano. 

pul — pulle „Kopfkissen", ostfr. pulle „ein grosser Klum- 
pen, ein dicker, schwammiger Rasen". 'Vielleicht gehört hier- 
her auch pull, holst., mnd., mnl., pol. „Kopf. 

[pöjnadich — pumädig „bequem, gemächlich, langsam", 
aus poln. pomalu entlehnt.] 

pumstich „auf einmal, plötzlich". Lautmalerei. 

pöiT'l — püngel „Bündel, Pack", übertr. 1. in Aachen 
„dicker Junge oder dickes Mädchen", 2. in Köln „gemeines 
Frauenzimmer". Ostfr. pung, pungel „Sack, Beutel, Tasche", 
nd. pung, mnd. punge, ndl. pong, pouk. aengl. punge, engl, 
ponch, got. puggs. mlat. ponga, poncha, ponchia, ragriech. 



— 169 — 

tcovyy^wv Vgl. fr. poche. Vb. pön e l' e püngele, „Lasten 

schleppen", in Köln auch „mehrere Kleidungsstücke unordent- 
lich über einander anziehen' 1 . 

pün — punjel „Nacht- und Hauskleid - ', ältere Form nach 
Müller- Weitz, [diotikon S. 170 japung ..Schlafrock", aus. fr., 
holl. japon „japanisches Kleid 1 '. 

pup „Blähung. Furz", püp° „furzen", pup'rl ..einer, der an 
Blähungen leidet", holl poep, ostfr. Kindersprache püp „hörbarer 
Wind", püpü „Koth". Klang wort. 

püt e s „Blutwurst", übertr. „Dickwaust". Müller- Weitz 
weisen auf botulus (Gell. XVI, 7). ital. boldo, boldone, fr. bou- 
din „Wurst" hin. püt e s e tsöp „Suppe oder Brühe, in der die 
Blutwürste gekocht worden sind". 



t^' 



Buchstabe Q. 

kwä"tsclr — quaatsche „kränkeln'' auch „weinen, zimper- 
lich, eingebildet krank tun". Ostfr. kwatsch 1. „laff, albern, 
widerhaarig ", 2. ..wie zerquetscht, zerschlagen, elend". Es ge- 
hört wohl zu dem unter köt besprochenen ndl. kwät „böse". 
kwa ö tschkop „empfindliche, stets klagende Person". 

kwag'T quaggele 1. in Aachen a) vom Wetter „ver- 

änderlich sein, bald frieren, bald tauen", b) von Menschen 
..bald krank, bald gesund sein", auch „verschwenden", 2. in 
Köln ..krank tun, Umstände machen". Subst. kwagiei ..Tän- 
delei", kwögi'r — quaggeler 1. in Aachen „ein Mensch, der 
bald dieses, bald jenes versucht, ohne etwas zu erreichen", 
2. in Köln. Kleinigkeitskrämer. kwag e lskriv'm „Kleinigkeits- 
krämerei". Xdl. kwakkelen „wie die Wachtel kwakkel) 
schlagen", „veränderlich sein, kränkeln", ostfr. kwakkelen ..un- 
beständig, weich sein, kränkeln", kwakkeler a) „ein kränklicher 
Mensch", b) „ein wetterwendische]- Mensch", nd. quackeln, 
„tändeln", verquackeln „verschwenden", mnd. quackeln ..schwat- 
zen, krächzen", norw. kwakla „pfuschen", schwed. quakla 
„leichtsinnig sein". Schallwort von einer niederfallenden 
weichen Masse. Vgl. kwaksäl c v p r, engl, quack, ferner 
quaken! 

kwant 1. in Aachen, ..Schalk, loser Geselle, Kant", 2. in 
Köln „dickes, auch ungezogenes Kind". Siehe per kwankl 
An eine Gleichstellung mit gewandt, wie ten Doornkaat 
Koolmann meint, ist nicht zu denken. 



— 170 — 

kw^lman „Pellkartoffel" zum Vb. kwol e ,, quellen' 1 , ahd. 
quellan „schwellen". 

kwesp e l „Staubbesen, Federstauber". Vb. kwesp e l e , .sich 
ohne bestimmte Beschäftigung im Hause zu tun machen", kwes- 
p'lschtats „eine Person, die unruhig - bald dies, bald jenes tut, 
ein Frauenzimmer, das beim Gehen mit dem Hintern dreht". 
Ndl. kwispel, nd.. ostfr. kwispel „beweglich, quecksilberig", 
kwispelen „in unruhige Bewegung sehr - . Vgl. das synon. 
wispelen und ferner Quast, ma. kwas. 

kwis e l — kwisel „Betschwester, Scheinheilige", ndl. kwe- 
zel, westfäl. kwiesel. Franck weist auf nordisch kwisa „bab- 
beln, flüstern" und auf ndl. kwetteren und kwezen „schwatzen, 
plappern" hin. Müller- Weitz vermuten das lat. Wort quaesula 
in kwis (> l. das mir unbekannt ist, aber der Bedeutung nach: 
„eine, die immer etw. zu suchen hat", passt. 

Buchstabe R. 

rabäü ,,rauhschalige, grüne Reinette", holl. rabauw. 

rabaü „Raufbold, Schurke, aber auch harmloser, aber un- 
gebildeter Mensch", ndl. rabaut ,, Schurke, Spitzbube", ital. 
ribaldo, fr. ribaud „Hurenjäger", das von dem ahd. ribe „Hure" 
stammt, ostfr. ribel „ein ausgelassenes, bz. albernes, törichtes 
Mädchen" ; mnl. ravut „Tumult" gehört vielleicht auch hierher. 

rafjöt — raafgot „Raubgut". 

[räts e kal — rät e kal „durchaus, ganz und gar, vollständig", 
fr. radical von lat. radix „Wurzel", klass. lat. radicitus. Hier 
haben wir die autfallende Erscheinung, dass Aachen die hoch- 
deutsche Verschiebung hat, Köln aber nicht. Lat. d giebt ndd. t, 
hd. ts (ss oder z.), vgl. dico - - zeigen, decem — tien - zehn.] 

rament „Lärm, Getöse, Spektakel", rament „lärmen", 
westfläm. ramenten, nd. ramenten, rementen, hess. ramenten, 
rementen, romentiere. Neben ramente findet sich rainure, das 
sicher rumoren ist. Ob es zu lat. ramentum „Splitter" gehört, 
ist mir zweifelhaft. Vielleicht steckt lamentari darin. 

rani'nas — rammenass, ramraenaster ..grosser, schwarzer 
Rettig", nd. ramenas. ramelas aus ital. ramolaccio, mlat. ramoracia, 
eig. ,, Zweigwurzel". 

rarap e nä ö sch rampenaasch, rampenääsch „fröhliche Ge- 
sellschaft, saubere Sippe", ostfr., ndl., mnld., mnd. ramp, 
„Uebel, Krankheit, Krampf", ramponi'Y „beschädigen, ver- 



— 171 - 

letzen, ruinieren 1 ', ital. ramponare „schmähen, lästern", afr. 
ramponner, fr. rampant „kriechend, niederträchtig". Grund- 
bedeutung „sich krümmen" a) „vor Schmerzen", 1)) „kriechen, 
um ungesehen überfallen zu können". 

|reinschch r rämschche „vorteilhafter Kauf", von l'v. 

ramas „Haufen wertloser Dinge".] 

[ranschrV „ordnen", fr. ranger.] 

ras e l e „vor Kälte oder Schrecken zittern". Ks ist Itera- 
tivutn zu rasen „in heftiger, leidenschaftlicher Bewegung sein". 

räsp e l „Holzschnarre", fr. räpe (aus raspe), engl, rasp; von 
ahd. raspon „zusammenscharren". Vgl. nhd. raspeln! 

reist 6 — raste „rasten". 

rQi'ch ..ruhig". 

rek p — recke „reichen"; mnd. recken, nd. reken, ndl. 
rekken, nfries. reakan, die bald „reichen", bald „dehnen, spannen" 
bedeuten, ahd. recchan, rechen, reken, mhd. recken, reken „er- 
heben, ausstrecken, darreichen", got. rakjan. 

[rädieul „Damenarmbeutel", fr. ridicule aus lat. reticulum 
„Netzbeutel".] 

[rejrV — regeere a) „regieren", auch b) „Kinder waschen, 
kämmen", in Aachen reji'T n. „Reinlichkeit", j e r° ji ö rt „reinlich". 
Müller- Weitz erklären: „Es ist hier dem niederdeutschen reggen, 
reken ..rein", woher das nieders. raken „scheuern" die fremde 
Endsylbe angehängt; denn mit regieren, regere, hat das Worl 
ausser dem Klange nichts gemein". Dieser Ansicht trete ich 
bei, obgleich die Ableitung von regere = „ordnen" nicht unmög- 
lich ist. Vgl. ostfries. reken, raken „kämmen*, mnd. reken 
„ordentlich, sauber". 

ri/ij „Tanz. Reigen", mhd. reie, reigen. 

rgijlif „Schnürleib", iron. „ein langes, hageres Frauen- 
zimmer", reijm'/'t „provisorische Naht", reijnölt- reinohl „Schnür- 
nadel", reijfam (auch trorlrlfam.) „Faden aus Baumwolle". 
Zusammensetzungen mit germ. Wz. rihw, wozu nhd. Reihe 
., Linie", reihen, mhd. rihen, ahd. rihan ..auf einen Faden zie- 
hen, stecken" gehören. Ndl. rij „Reihe", rijgdraad „Reihe- 
faden", rijge ., Schnur'-, rijgen „anfädeln, schnüren" in Aacheu 
reij", rijglijf „Mieder"; nd. rigen, ostfr. rigen oder rigen 
..reihen". 

|r'jel rejell ..ehrenhaft", (ist fr. rejel, \'r. reel, nilat. 

realis „sachlich".] 



— 172 — 

[r§nt e ni°r e r renteneerer „Rentner" zu r§nt e gehörig-, 

mlid. rente „Einkünfte, Ertrag, Vorteil", aus ital. rendita, 
mlat. renta.] 

rep e — reppe „bewegen, sich rühren", ndl. reppen „eilen, 
bewegen, sich beeilen, sich rühren", dialekt. rippen, ags. hrep- 
pan „berühren", niengl. rippen, dial. engl, to rip „heftig sein", 
nfläm. rippen „reiten". Wz. reip, Stamm ripp. 

[r e s'lüt reselutt „energisch, mutig", fr. resolu, ital. 

risoluto von lat. resolvere in der spätem geistigen Bedeutung 
„entschliessen".] 

[r B SQn — resung „Vernunft" in der Wendung z 1 ' (zu) r — , 
bren e „zur Vernunft bringen".] 

roikouf - - reukauf „Abstandssumme, Rückkauf; Entschädi- 
gung", zu ahd. riuwa, mhd. riuwe, ndl. rouw, ostfr. rö, rau 
, .Betrübnis, Trauer, Schmerz", holl. rouwkoop, ostfr. rauköp. 
rauelköp. 

[r e vanschrV — revanscheere „vergelten", fr. revancher.] 

rif „reif, rif dre tast° — rief dren taaste „mit vollen 
Händen ausgeben, verschwenderisch sein". 

riske/il — rieskiddel m. ,.jem„ der seine Kleider leicht 
und jeden Augenblick zerreisst, der in zerrissenen Kleidern 
einhergeht". 

rif f. — riev „Reibeisen" zum vb. riv° „reiben". 

ref'T' — riffele „ausfasern 1- trans. und intr. Siehe j'refis! 

[ren e lQt ringelott „eine Art runder, grüner Pflaumen", 
fr. reineclaude.] 

ri.Jk'T' — röckeling „Chorhemd, leinenes Priestergewand", 
ostfr. rokkelör, nid., ninld. rockelingh, fr. roquet. ital. roccetto. 

rökschtraiik „Rückgrat", „das Rückenstück eines Schwei- 
nes". Zusammensetzuiig aus rök ,. Rücken" und schtrank 
„Strang", ahd. sträng, ndl. streng. Vielleicht Verwandsohal'i 
mit griech. axpccyyoclri, „Strick". 

rölts''. in Aachen früher rollebatze „sich balgen, ausge- 
lassen, wüst spielen, tummeln, streiten". Intensivuni zu rollen; 
andere Formen sind rolzen, rolsen, rollezen, anord. rölta 
„umherschweifen". Das Wort findet sich in Baiern. Nassau. 
Westerwald. 

rupjoii roppjung, sack „ruppiger, frecher Junge, 

Kerl. Schelm, Taugenichts"; nhd. ruppig „lumpig" nach ndd. 
ruppen „rupfen", Intensiv, zu raufen. — rüp e 1. in Aachen 
a) „stehlen", b) „mit Haaren reissen", 2. in Köln „rupfen". 



— 173 — 

ropsch 6 „rülpsen". I vor p ist gefallen. Vgl. A. G. S. 28 1 . 
Das Wort, ist dunklen Ursprungs. 

rosbaia - - rossbaiet „Ross Bayard", iron. „grosser, starker 
Mensch" in Aachen mehr „Wildfang", holl. rosbeier = ros 
Beyaard. Vgl. die Sage von den Haimonskindern! 

rot-sch „Ruck, Schub, Gleitbahn"; jöu (in Köln angenehme) 
r. „gute Fahrt"; vb. rotsch e „rücken", ndl nindl. rutzen, nd. 
rutsken, ostfr. rutsen „reissen, raffen, raufen" mhd. rutschen, 
rützen, nhd. rutschen. 

rbtslefl — rotzläffel ,, dummer, anraassender Junge", ahd. 
roz, hroz, mhd. roz, rntz „Nasenschleim"; lef'l „Löffel", Wz. 
lab „trinken" 1 ; die Grundbedeutuni;' tritt hier hervor. In Aachen 
hört man häufiger „rotsjoii". 

rüb'T' „lärmen, poltern 1- , sich ,,sicli balgen", rüb°l m.. 
rub'lci f., j c rübis n. „Spektakel"', in Köln adj. rübelich ..hastig, 
polternd, rauh, uneben, unsanft' - . Wz. rup (vgl. lat. rumpere!), 
engl, to rub ..reiben, scheuern, fegen, necken, plagen' - , an., 
isl. rubba „reiben, bewegen", schwed. rubba ..verrücken' - , ostfr. 
rubben „reiben, kratzen, schrappen, reissen, raufen, zerren, 
balgen". rub'T' ist dazu Iterativbildung, die ja in der Mund- 
art so beliebt ist. 

ruf ,, Wundenkruste. Schorf". Das Wort Dt in fast allen 
Dialekten im Süden und Norden Deutschlands verbreitet. Die 
verschiedenen Formen lauten: rufe f.. rufen m„ rüffe, rufe. rife. 
rafe, rif. ags. krüfing, mnd. rove, mnl. ruof, ahd. krüf, ruf, 
mhd. rufe. Aus dem Deutschen ist das Wort in die roman. 
Sprachen gedrungen: ital. rufa, fr. rofee. 

rüf'T ., balgen, raufen, prügeln"; ruf 6 ! in. 'Fracht (schly'vh 
„Prügel"), ndl. roffelen „rauh abhobeln, in Eile arbeiten, sudeln, 
schwatzen, Spiessruten laufen lassen", ostfr. ruffeien. St. ruff 
..rauh, lose über etwas hinfahren - ', engl, ruff „rauh", to rüttle 
„zerdrücken, zerknittern -- , nfläm. roefelen. 

[röü we ni ö r e — rujineere ..ruinieren -- .] 

rinn' 'lspyt — runimelspott, in Aachen auch rüb'lspöj 
,, Waldteufel", ein steinernes Töpfchen, über das eine Schweins- 
blase gezogen wird, durch die ein Stäbchen geht, mittels dessen 
man Musik machte; ndl. rommelpot, zusammengesetzt aus 
rommel, nhd. rummel, mnl. rommelen, nd. rummelen, raengl. 
rummelen, nord. rumla „dumpf dröhnen". Klangwort. (Vgl. lat. 
rumor!) und put = „Topf - '. 



— 174 — 

rön'' — runde „rund machen' 1 . 

rüp „Raupe" mnd., nd. rupe, ndl. rups, mnld. roepe, ostfr. 
rupe und rupe, ahd. rüpa und rupa, mhd. rüpe oder rupe, 
germ. Stamm nipp. Es besteht wohl Verwandtschaft mit 
westf. rüppeln „sich fortmachen" und nhd. rutschen. 

rüpdich, rupsdich „Ausdruck der Schnelligkeit". Siehe 
rüp*. Vgl. spute dich! 

[rusch rusch „Krause", fr. ruche. wahrscheinlich kelti- 
schen Ursprungs.] 

[rösin rusing „Rosine", mlat. rosina, aus fr. raisin, das 
mit ital. racimolo auf lat. racemus beruht; ndl. rozijn, razijn, 
engl, raisin.] 

rü ö scht£tsclr — ruthstetache „Rotschwänzche". 

rut rutt f. 1. „(viereckige) Fensterscheibe" ostfr. rüt 
oder rüd und rute f., nd. rute, rute, ndl. mit, mnld. ruyte 
„Fensterscheibe", mhd. rute, nhd. Raute „Viereck". 2. im 
Kartenspiel bedeutet es Carreau. 

[rüms e l - rümche auch römmche „Reim", in Aachen auch 
„Reimvers und kurze poetische Erzählung", agerm.-rom. rima 
„Gedicht"; erst später bedeutet das Wort Endreim. Man leitet 
es ab von versus rhythinicus.] 

Buchstabe S. 

fäktoch „Taschentuch". säkiV'r „Taschenuhr". 

fäd e l „Sattel", ndl. zadel, angls. zadol, engl, saddle, rich- 
tiger sä 8 l. Vgl. Müllers Werke S. 4 u. A. G. S. 17 M 

[falvi B r e — salveere „in Sicherheit bringen", sich — „sich 
zeitig zurückziehen", ndl. salveeren, zu lat. salvus „heil".] 

faltsrümpch e salzrümpche „hölzerner Salzbehälter mit 
Deckel"., der in der Nähe des Küchenschrankes an die Wand 
gehängt wird, um das nötige Salz zur Hand zu haben 11 , romp 
ostfr. „Behälter, in den das zu mahlende Getreide geschüttet 
wird". Die Grundbedeutung scheint Gefäss zu sein. Ndl. 
romp: „bauchig Fass, Bienenkorb". Die Wz. ist noch nicht 
gefunden. 

San „Susanna". 

Söii' r im - sauerei „Schweinerei", — souhonk - sauhungk 
„Schweinhund", — solisch säuisch „schweinisch, gemein", 
soumach saumage „schmutziger Mensch", in Köln auch 

„Abwischtuch". 



— 175 — 

schaf „Schrank", plur. schaff, min!, schaf „hölzernes Ge- 
t'äss für Flüssigkeiten", dazu Deminutiv „Scheffel", ags. skap. 
„Gefäss", Wz. skap „in sich fassen", vgl. schöpfen! Verwandt- 
schaft mit lat. scaphium, gr. jxa'jitov unwahrscheinlich. 

[schäbau „Schnaps", lat. aqua sabaudica.] 

sclialrsilrki „abgetragener Hut' - . 

[schahi's schalü „eifersüchtig, missgünstig, neidisch", 
IV. jaloux, ital., lat. zelosus scbälüs$ schalusi „Eifer- 
sucht", „Fenstervergitterung, Sonnenblende"'.] 

schemd' — schämde „Scham, Schaniteile" schäm 6 

schamme „schämen", ahd. scama, mhd. schäm „Scham 1 ', got. 
skaman „schämen". Die Kölner Mundart hat die ursprüng- 
liche Kürze bewahrt, was sonst in der Aachener Mundart 
Regel ist. 

[schäni 8 r — schaneer „Scharnier", fr. charniere, lat, cardo.] 

[Schän — Schang „Johann".] 

v e rsch§n e li°r e schängeleere „verhunzen, verderben, ver- 
unzieren", vb. zum Sahst. „Schande". 

schants — schänzche „Reiserbündel", ndl. schans, mnl. 
schantze, spät.- mhd., nhd. schanze „Reiserbündel, ferner Be- 
festigung" - . Dunklen Ursprungs, schantslöif'r ■ schanzcläufer 
„Mantel mit einfachem (in Köln mit mehreren kleinen) Kragen" 
ndl. schanslooper, ostfr. schansloper, dicker, warmer Fries-Rock 
oder Ueberrock der Seeleute, wenn sie die Wacht auf der 
Schanze oder dem Hinter-Castell haben", schwed. skanslöpare, 
dän. skandselöber. 

[schapefi schapäng ,.s[)itzer Weisskohl", brassica oleracea 
capitata, wohl aus capitata gebildet. Im fr. findet sich das 
Wort nicht.] 

sch^p - - schäpp „Schöpfnapf", subst. zu schep e „schöpfen". 
ndl. scheppen, germ. skapjan, ahd. sceppen, sceffen; ahd. scaffo 
„Schöpfnapf", mhd. schuofe. Ostfr. bezeichnet schep den In- 
halt eines kleinen Gefässes. Verwandtschaft mit Schiff, ndl., 
ndd. schip liegt nicht vor. Vgl. rtf, l>ak usw.! 

schep yu jus schäpp und güss 1. in Aachen ,, reichlich, 
freigebig-, verschwenderisch", 2. in Köln ..so leidlich, es geht. 
von Hand zu Hand". Imperative zu den Verben schöpfen und 
giessen. Vgl. pakä. 

scher' p schärp „bitter, durchdringend, eckig, herbe, 

scharf, strenge". Ndl. scherp, ahd. scarpf, aus. scearp. 



— 176 — 

[schärschänt 1. „Polizeidiener" 2. iron. „strammes, freches 
Frauenzimmer"', 3. Schmiedewerkzeug „verstellbare Schraub- 
zwinge", fr. sergent (aus lat. serviens) 1. s. de ville „Polizei- 
diener", 2. Böttcherei „Reifzieher".] 

schouf — schauf „Strohlager für Tote", ikL schöf, ndl. 
schoof. altn. skauf, ags. sceäf, engl, sheaf, ahd. scoub, mhd. 
schoup „Garbe, Bündel, Stroh", im Rheinfränkischen „Toten- 
lager". Subst. zum Vb. schieben. Vgl. Schober! 

[schauter — schaute, schauter „alberner, lächerlicher 
Mensch, Spassvogel". Das Wort stammt aus dem Rabbi — 
Hebräischen.] 

schä ö f — schav f. „der längere oder Schabehobel", schä°f- 
schpiV' „Hobelspäne", käp e sschä ö f „Guillotine", schä ö v* „hobeln", 
übertr. „stark essen"; ndl. schaaf, schave, mnld. schaeve, 
schave, mnd. schave, ags. sceafa, engl, shave, an., isl. skafa, 
ahd. scabä, scapä, mhd. schabe „Hobel, Schabmesser, Meissel 1 ', 
subst. zu schaben. Bildung wie bäk, sch^p, rif usw. 

[schavöü — schavu f. „Wirsing", brassica oleracea sabau- 
da; schavöü = „Savoger — Kohl".] 

[*schats — schätz „wollene Decke", byzantinisch-griech. 

schek „Geschick, Ordnung, Anstand, auch gute Laune"; 
op sin e (singem) seh. si i; „in seiner Ordnung, auch bei Launen, 
munter, vergnügt sein", dat hat j§n e seh. „das schickt sich 
nicht". — schek e sich „sich gewöhnen, anpassen". — Ndl. 
schik „Anordnung; gute Laune, heitere Stimmung", ebenso nd., 
mnd., ostfr. schik „Gestalt, Form, schickliche Form, Regel, 
Gemütszustand, der sich schickt". Subst. zu schicken, das 
ursprünglich „bewirken, dass etw. geschieht, schaffen, ins Werk 
setzen" bedeutet. 

schc-if — scheif,, schief", ags. scäf, an. skeifr, nordfries. skiaf, 
nid. schief, das ins mhd. übergegangen ist. schejf (m schiel „krumm 
und schief", eig. Tautologie, da sch£ ö l, ahd. scelah, mhd. scelch, 
nndl. scheel, mnl. schele ursprünglich „schief, quer, schräg" 
bedeutet. Vgl. griech. axölioq, lat. scelus! Alliteration. 
sch(uf m. „ein Schiefbein, jmd. mit krummem ^ Fuss", sch^l m. 
„der Schielende". 

sch$j scheit 1. „Scheide, 2. Scheitel". Subst. zum vb. 
scheiden. 



— 177 — 

scheid' r' „beschreiben'', ndl. schildern „malen, anstreichen, 
beschreiben". Die Schilde waren nämlich ursprünglich bemalt. 
Ereignisse wurden bildlich dargestellt. Man denke an die sog. 
.Mordgeschichten auf den Kirmessen; ferner siehe Göthes Eg- 
niont! scheid' ivi „Bilder, Gemälde", scheid' rhiisch 

„Wachtpostenhäuschen". 

sch(d'' schelle „schälen", mhd. schein, ahd. schellen. 

verb. zu Schale. 

scliQlrepch 6 n. ..cingesalzene Schweinsrippe", in Aachen 
auch schola'"'sch. Im ersten Bestandteile steckt das Subst. 
Schale; es bedeutet die vom Fleisch losgeschälte Hippe 
A ö sch = ndl. barst: „Stück gebratenes Fleisch, Rückenstück-. 
ahd.. mhd. ^Röster", „Bratpfanne", mnd.. nd. barst „Stück 
Fleisch zum Braten", ags. hyrstan, nnl. harsten „rüsten-. Es 
besteht Verwandtschaft mit nhd. Hürde, lat. crates „Flecht- 
werk". sch£la ;i sch bedeutet also „Schalstück zum Braten". 

scher e f „Scherbe", übertragen (kruch e ) scher' f ..kleines 
Mädchen, kleines Frauenzimmer" ; ndl. scherf, mnl. scherve, 
mnd., nnd. scherve, mhd. scherbe, ahd. scirbi; ahd. scerf „klei- 
nes Geldstück, Scherflein". Germ. Wz. skerf „spleissen, spal- 
ten". Verwandtschaft mit scharf, wie Müller-Weitz meinen, 
besteht nicht. 

schib'T' „rollen, einen runden Körper über den Boden fort- 
rollen", Intensivum zu schieben. 

schemp §n schant — schimp und schand „Schimpf und 
Schande u . 

[scheniV' „genieren 11 , scheni ö r m. „Befangenheit, Be- 
klommenheit", fr. gener aus gehenner entstanden.! 

schimch" — schingehe „abgetragenes, fadenscheiniges Kleid" ; 
in Aachen schim „Schatten". Holl. schim ..Schattenbild. Ge- 
spenst", mnd., nnd. scheine, md. schiine. mhd. scheine, nhd. 
Schemen, engl, schim. Schingscke scheint Volksetymologie für 
schimch'' zu sein. 

Schen e r — schinner „Schinder". Auffallend ist nn für nd. 
Vgl. A. <!. Seite 18 u. l'.i. 

schen$ ö s schinnQQS 1. „Luder". 2. „fideler, launiger. 
auch pfiffiger Mensch", nhd. Schindaas. 

schir e p e - schirpe „zirpen" von den Grillen, auch von 
jungen Vögeln, besonders den Spatzen. Junges, lautmalendes 
Wort wie sehirken. zirpen. 



— 178 — 

j e schlat e schläächte „nacharten, ähneln, gleichen", mnl. 
slachten, nnl. slachten, „die Art von etwas haben", vb. zu ge- 
schieht, ahd. geslahti, slahta „Art, Geschlecht". Es besteht 
Verwandtschaft mit „einem nachschlagen" und Schlag in 
Menschenschlag. 

schläb l 'rl§pch'' — schläbberche „Brustlätzchen, Speichel- 
oder Geifertuch", in Köln auch schläberdoch, ndl. slabdock 
engl, slabbering bib, — schläb e r e „verschütten", — schlab e r- 
micli' 1 - - schlabberdanes (wohl = schlaberanton) „jem., der sich 
leicht besudelt". Siehe j e schläb e sch! — schlab e rQnts — schlab- 
berjux „verdünntes Getränke". Der zweite Teil wohl volks- 
tümliche, inhaltlose Endung. Nd. slabbern, slubbern, ndl. slab- 
bern, slobbern, aengl. slabern, slavern, engl, slabber, slobber. 

schlachwas'r — schlagwasser „Eau de Cologne", d. h. 
Wasser gegen „Schläge" d. i. „Ohnmachtsanfälle". 

schirm ■ schläm „Mehlbreisuppe", in Aachen nur in der 
Verbindung birschlemi, „Biersuppe aus Bier, Milch. Mehl und 
Zucker", ndl. slemp. „gezuckerte und gewürzte Teemilch", nd. 
slempe „breiartiger Stoff, Spülwasser", mhd. slamp „Gelag". 
Vgl. schlemmen; Verwandtschaft mit Schleim ausgeschlossen. 

schlampamp, auch schlami — schlampamp, auch bloss 
schlamp „unordentliches Frauenzimmer", ostfries. slampampe, 
slampamper a) „Schlecker, Schlemmer, b) Weichling, schlaffer 
und träger Mensch, Müssiggänger", nd., ndl. slampamper; nd., 
mnd. slampamp „Prasserei", und. Schlamp „Gelage", ndl. slomp 
„unflätige Frau". Die Formen gehören zum Verbum schlem- 
men. Stamm slamp (b). Es besteht Verwandtschaft mit schla- 
b e r''. — schlam'T schlampe „achtlos und schleppend herum- 
gehen, die Kleider ohne Schonung schleppen", in Aachen 
schlam e l = schlampamp; schlamelaketig „nachlässig"; auch 
diese Verben gehen wie ostfr. slurapen in gleicher Bedeutung 
auf den Stamm slamb zurück, dessen Grundbedeutung gleiten, 
schlürfen zu sein scheint. 

schiäp — schlapp „abgemattet, kraftlos" ndl. slap, ebenso 
nd.. mnd., ahd. slaf, mhd. slaf. Vgl. A. G. Seite 23. 

schlävltclr — schlavitt „Rockkragen, Zipfel" bei §t (mem) 
schl. krij' Jemd. festhalten"; j£°r bei e schl. si ö „gern ein 
Vergnügen mitmachen". Es ist gleich „Schlagiittich", ostfr. 
slafitche. 



— 179 — 

schlech in. „natürliche Anlage, Geschicklichkeit, Kenntnis, 
Anstelligkeit", subst. zu schleichen, ohd. Schlich „Tücke, List". 

schick schluck, schneck „Schnecke", ndl. slak. 

ostfries. slacke, mnl. slecke. Es gehört das Wort wahrschein- 
lich zu slikken „lecken", mit der Grundbedeutung „glatt sein". 
Siehe schleck! An einen Wechsel von n und 1 wie in Knüppel- 
Klüppel ist nicht zu denken. 

schick' „schlucken", schick in. — schlecks in. „das einmalige 
Schlucksen" nlid. schlick, ndl. slikken, mnl. slicken, ebenso mnd., 
und., mhd. sleken, nhd. schlekken; mhd. slec, slick „Schluck", 
anord. sleikja. 

schlep c — schleppe „Rockschooss", überhaupt „alle los- 
hängende Teile an Gewändern, Zipfel", hempschlep „Hemd", 
ostfries. slippe, slip „Zipfel, Schooss", nd. slipp, mnd. slippe, 
ndl. slip, engl. slip. Es gehört zu Wz. slip, wovon ndl. slippen, 
ags. slipan, mhd. slifen, nhd. schleifen „gleiten" abgeleitet sind; 
vgl. ndl.. nd. slepen „am Boden fortziehen". 

schli 8 schlih „stumpf" nur in bezug auf die Zähne 

nach dem Genuss herbsauerer Sachen, „herbe, zusammen- 
ziehend", nd. slee, slei, ndl. sleeuw, mnld. slee, sleeuw, ags. 
sleu, engl, slow, norw. sljo, sehwed. slo. Man vergleicht lat. 
laevus, griech. Xcdos „links" und X'.ocpö- „zart, matt". Vielleicht 
gehört dazu slee „Schlehe", in Aachen schli ö krek, in Köln schlih. 

schl«} iiq ö j§t schlage der noji „erraten". 

[schlnt schilt „Salat", ital. salata, insalata.] 

schluch'' „naschen, alles ohne Brot essen", in Köln auch 
„erschleichen, gierig seidingen, unrechtmässig oder zu billig 
erwerben", schluch „Fresser", schlöch'r in., schlöch e rsch e „Na- 
scher". VI), zu mhd. sliich „Kehle", mhd. slüchen „schlingen, 
schlucken"; ahd. sluccho, sluhho, mhd. slüch „Schwelger, Fresser", 
nhd. Schlauch: griech. aAuYydcvo^ac „den Schlucken haben". 

schl§d e rich — schludderich „liederlich, nachlässig, unge- 
regelt, unordentlich". schlQd'r f. oder schind' 'nnatant „ein 
Frauenzimmer mit schlotternden Kleidern". schied' r- 

mich 6 ] „schlotteriger Mensch". — sehlod r". usschlod'f in 
Aachen: „die Wäsche ausspülen", iron. „ausschimpfen". Ndl. 
slodderig „schmutzig", slodder „Sudler. Schmutzfinke", ostfr. 
sluddem „schleppend gehn, schlendern". Die Bedeutung des 
Verbums in der Aachener Mundart ergiebl sich, wenn man 
Verwandtschaft mit Schleuder annimmt, welches Wort auf 



— 180 - 

nihd. slüder, mnd. slüder, Wz. sind zurückgeht; schlottern, 
mhd. slottern ist Intensivmn zu mhd. sloten „zittern". Vgl. 
köln. schütter „Siebkorb zum Ausschlagen des gewaschenen 
Gemüses", iron. „läppische, tolle Person". 

schlüf* — scliluffe „schleichend gehn", schluffet „wer im 
Gehen mit den Füssen schleppt", ostfr. sluffen, ndl. sloffen 
„schlaff, träge sein, schleppfüssig gehn u ; nd. sluffen „schlür- 
fend gehn". 

schlür'p 1 ' — schlürpe „schlürfen 14 , schlür'p „Kafteesch wester", 
nndl., mndl. slorpen, auch slorven, slurven, engl, to slurrup, nhd. 
schlürfen. 

schlösmän e l „Schliesskorb"; siehe män e l! 

schmäg 6 „prügeln, schlagen, Türen und Fenster mit 
Heftigkeit zuschlagen", intransitiv d'' dqv schmäkt „die Türe 
schlägt plötzlich zu", di schmäge „Hiebe". Ndl. smakken, 
„werfen, schleudern", mnd., nnd. smacken, engl, to smak, fiäm. 
smacken „auf das Wasser schlagen", Köln weist auch die Form 
schmacke in der Bedeutung „hauen, hinwerfen " auf. 

schmek „Peitsche", schm. vaj e n e (vum) dud e wag e „grosse, 
hagere Person", ferner „Galgenvogel", — vb. schmek „peit- 
schen", nhd. schmicke „Rute, Gerte, Peitsche", vb. schmicken 
„schlagen". Das Wort stellt eine andere Ablautsreihe zum 
Stamme smakk dar. Vgl. schmagge! 

schmüd e lpQt „Schmierfinke", schmüd'T' „schmutzig machen", 
in Köhi Schmuddel „Schmutz, Unsauberkeit", ndl. smodderen, 
ostfr. smuddelen, Tterativum zu smuddeu ; ostfr. smuddel „un- 
reinliche, schmutzige Person", mnd., nnd. smudden „beschmut- 
zen", ebenso mengl. smudden, nnl. smüdern, engl, smut 
„Schmutz"; mhd. schmutz; Wz. smu. Vgl. noch mnd. smudde- 
pot „Topf beschmutzer". 

[schmur mach e — schmuul mache „auf unredliche Art 
etwas an sich bringen". Es ist Weiterbildung zum hebräischen 
schmu „Profit".] 

schmutslach 6 „schmunzeln, wohlgefällig", in Köln auch „höh- 
nisch oder verschmitzt lachen", nd. smuster-, smüster-, 
smunster-lachen, ostfr. smüsterlachen, mnd. smuserlachen. Vgl. nhd. 
schmunzeln, das Iterativ, zu mhd. smutzen, smotzen „den 
Mund zum Lachen verziehen" ist, ferner mhd. smutz „Kuss", 
ferner nhd. Schmatz! 



— 181 — 

schnäb e li ö r e schnabbeleere „essen". Ks Ls1 vi,, zu 

schnab e l, Wz. snab, zu der auch schnappen gehört. 

schnäk „gerade, straff, schlank, aufrecht", seh. us. „gerade 
aus", schnäk af „kurzweg, plötzlich endend" seh. öp „aufrecht", 
schnakschnoisich ussi ö „armselig aussehn". Die Etymologie ist 
noch uicht aufgeklärt. Man vergleicht ostfries. sniggo, snügge. 
snigger, snügger, snikker, nd. snigger, snecker „glatt, blank, 
reinlich", snügger „lebhaft, hurtig' 1 , ndl. snik „klug", snugger 
„munter", randl. snoggher, snuggher „gracilis". „tenuis, exilis 
corpore", engl, snog „nett, hübsch", snug „dicht, enge, knapp, 
fest, genau angefügt", an. snöggr „kurz von Haaren", isl. snöggr 
„glatt, kahl, plötzlich", norw. snögg, snegg „kurz", schwed. 
snögg, snägger „kurz, knapp". Die Grundbedeutung scheint 
zu sein 1. vom Räume „kurz, knapp", 2. von der Zeit „rasch, 
behende". 

schnäk „Spassvogel, Witzbold", holl. snaak, ostfr. snak 
„Gerede. Geplauder", ndl. snak, „Seufzer", ostfr. snake, snak 
„Person, die gut plaudert, gute und lustige Einfälle hat", 
snakken „sprechen, plaudern", mnd., nd. snacken, norw. 
snakka, schwed. snacka, mnld. snacken. An Verwandtschaft 
von schnäk mit snock „Hecht" glaube ich nicht. 

schnäp 1. Augenblick; in Köln om „rasch, im Augen- 
blick", 2. a) in Aachen „Vorteil", b) in Köln „Taubenschlag". 
Ostfr. snap, schallnachahmende Interjektion, ferner Bezeichnung 
eines raschen Schnappens oder Zuschlagens von etwas z. B. des 
Schnabels, mit welchem Subst. das Wort stammverwandt, 
ist, nd., mnd., nhd. snap, schnapp, mnld. snap „raptus", engl. 
snap „das Zubeissen, der Riss, der Fang", mhd. snap „Strassen- 
raub". Aus der Grundbedeutung des plötzlichen Zugreifens 
erklären sieh die mundartigen von selbst. 

schnep, sehnepich, schnlp schnäppig „naseweis, vorlaut, 
schnippisch", schnäp e r „Grobian", schnip, schnirp I. „schnip- 
pisches Frauenzimmer", ndl. snebbig „maulgewandt, spitzig", 
adj. zum Subst. sneb „Schnabel", ostfr. snibbe, snippe, snib 
„Schnabel, Nase", nd. snibbe, liess. schnippe, westfläm. snab, 
sneb. Es besteht Verwandtschaft mit, schnuff. 

schnaii 1. „barsch, schnöde", 2. in Aachen auch schlau. 
1. ostfries. snauig, snauisk, snausk ..Inssii:, brummig, tadel- 
süchtig", ndl. snaauw oder snauw „grobe Anrede", nd. snaii 
„vorstehendes Maul. Schnauze, Biss". Siehe aschnau' ! 2. Auch 



— 182 — 

die unter 2 gegebene Bedeutung- geht auf die unter 1 ange- 
führte zurück. Gedankengang: bösartig, arglistig (was auch 
sluw, schlau bedeutet), pfiffig. Die Möglichkeit, dass schnau = 
schlau ist, kann man nicht leugnen. 

schnauz oder schnörits schnäuzer „Schnurrbart". 

schnip e l — schnibbel, „Schnitzel, abgeschnittenes Stückchen 
Papier-, Tuch-, Fleisch-Fetzen"; ostfries. snippel „Schnitzel, 
Scheibe, Fetzen", nd. snippel, ndl. snippel und snipper, engl, 
snip zum vb. snippen, mhd. snipfen „schneiden, zerreissen", 
engl, to snip. Auffallend ist der Lautstand bb im Kölnischen. 

schnif e l e „fein regnen oder schneien". Siehe j°schnif'ls! 

schnir c p „naseweise Person", anord. snarpr „rauh, scharf, 
heftig, streng". Dies stellt man zusammen mit ahd. snerfan, 
bair. snarfen, snerfen „sich krümmen, zusammenziehen", isl., 
an. norw. snerpa, und diese Wörter zieht ten Doernkaat Kool- 
mann zu got. atsnarpjan und nhd. schnarren. Vgl. ndl. 
snerpen „schneiden, schmerzen, mit einem scharfen Geräusche 
schneidend schlagen"! Der Begriff schnir e p entwickelt sich 
schon aus der Bedeutuug „(den Mund) zusammenziehen". 
Vgl. muffe! 

schnQr — schnoor „Schwiegertochter", in Köln auch 
„Schwiegersohn", mhd. snur, ahd. snura, mhd. snürche; mndd., 
mengl. snore, afries. snore, anord. snor, lat. nurus für snurus, 
griech. voog für avjo;. 

schnorant „schlechter Musiker, herumziehender Spiel mann", 
wahrscheinlich, wie Müller-Weitz meinen, Bildung vom vb. 
schnurren mit der Endung von Musikant, wobei das nd., fries. 
vb. snoren „faulenzen, herumlungern" auch von Einfluss ge- 
wesen sein wird. 

schner^k'' — schnörke „versengen", ndl. snerken „schmo- 
ren, rösten, braten". Lautmalendes Wort. Westf. snerken 
„anschnauzen". Vgl. snerpen unter schnir c p! 

schnQi^k'' — schnQrke „schnarchen", ndl. snorken, snur- 
ken; mnd., nnd. snorken, snurken „schnauben, schnarchen", 
mhd. snarchen. Das lautmalende Verbum ist Intensivum zu 
snorren „schnurren". 

schniifch 1 „Schnupftabak", schnüv" schnuve „Tabak 

schnupfen", kQ ö t (kalt) sehn, „leer ausgehen, mit langer Nase 
abziehen". In Aachen d°r schnüf „Vorteil", siii e sehn, ä j§t 
ha ü „bei etwas seinen Vorteil haben". — Ndl. snuiven, mndl. 



— 183 — 

snuven „(Tabak) schnupfen, schnauben, schnobern' - , mini, snu- 
ben, mengl. snuven, nd. snöven, engl, fco snub „anschnauben" ; 
rahd. auch snüfen, und. schnaufen ; ndl. snuiver „Schnupfer", 
ostfr. snufen, snüfen, snuven „Luft, Düfte, Gerüche, Schnupf- 
tabak durch die Nase ziehen". Wie erklärt sich der Ausdruck 
ki/'t schniiv y 

schnü])'' „naschen", auch schnuts , v*rschnüp e , ächnüts' 
„vernaschen", schnup'rei, schnüts'rei „Näscherei, Leckerbissen". 
Siehe j e schnüps! 

schnüts schnüss 1. „Schnauze", 2. in Aachen auch 

„Näscherin", und kej ü ts e schnüts „Lichtscheere". Ndl. snuit, 
snoet, nd., mnd. snute, sunt, mfläm. snuyte, aengl. snüte, snoute, 
engl, snout. Vb. schnüts" „das Licht, auch die Nase putzen", 
nd. snüten, snütten, snütken, mnd. snuten, ndl. snuiten, mnld. 
snuyten, snutten, — Subst. ostfries. suüter, ndl. kaarsesnuiter 
„Lichtputze", aengl. snüten. engl, snite, mhd. sniuzen „(die 
Nase, das Licht) putzen", hd. schneuzen. 

[sch()k l ni"r' ■ schokeere „bestürzt machen, jmd. ärgern, 
belästigen", in Köln auch „aufräumen, aufstellen, ordnen, unter- 
bringen", „erschrecken, bestürzt oder verlegen werden, anstössig 
erscheinen, unangenehm berühren", fr. choquer 1. „einen Stoss 
geben", 2. „missfallen, zuwider sein".] 

schok c l „Schaukel". Das Wort ist Weiterbildung von 
mhd., mnd. schock, ndl. schok. engl, shok „ Stoss": dazu gehört auch 
fr. choc und das vorher genannte vb. choquer. Vb. schyk'T'. 
snbst. schök e lpe/t. 

schon schohn sing u. plur. „Schuhe", ndl. schoen, mndl.. 
mfläm. schoen, nd., mnd. scho, afries. sko, ostfries. scho, ahd. 
scuoh, scöh, scüh, mhd. schuoch, schuo, got. sköhs. Dunkler 
Herkunft. 

schöp „Schaufel. Spaten", ndl. schop, schup, mndl., mfläm. 
schoppe, schuppe, nd. schuppe, schuppe engl, scoop, mhd. 
schuofe. Es ist Subst. zu sehe])'' „schöpfen" und bedeutet eig. 
„Schöpfgefäss". Redensart: nö ö d" seh. rüch' „nahe dem Sterben 
sein". In Köln schöp' maache" = aach. e pendr mache 
„maulen, verdriesslich tun". 

schont — schoritz „Schornsteinfeger"; in Aachen aach 
schorit e fej p T. Es scheint mir ein Scherzworl zu sein wie 
schnorits, kol e jitz zu schor Stütze, wovon schor e schten „Schorn- 
stein, eig. Stützstein" gebildet ist. Münch «lenkt an eine Dil- 



— 184 — 

du ng zum vb. scheuren. Wenn man bedenkt, dass Kamin ein 
griech. Wort ist, so kommt man leicht dazu, auch in schorit 
ein solches zu suchen. x w ?'- ax ^ bedeutet nun „jmd., der 
trennt, absondert", welche Bedeutung ja passen würde. In 
der Bedeutung „Schornsteinfeger" ist das Wort allerdings 
nicht belegt. 

scIiqs — schQss „Schublade". Ndl. schot „Bretterverschlag, 
Scheidewand, Schweinestall", ostfries. schot „Schutz-, Scheide-, 
Sperrwand", nd., mnd. schot, an., norw. skot, schwed. skott, 
nhd. Schoos. Subst. zum Verb, schiessen = vorspringen, absperren. 

[schot e l „flache Schüssel", schöt'lclr „Unterschale", ndi. 
schotel, mnl. schötele. mnd., nnd. schötel, ahd. scuzzila, nhd. 
Schüssel, ags. schutel, anord. skutell aus lat. scutella, scutula; 
fra. ecuelle, ital. scodella. Bildlich 'n j§k e seh. „ein albernes, 
tolles, verliebtes Frauenzimmer". In dieser Redensart vermute 
ich ndl., ostfr. schotel „Riegel" eine Weiterbildung zu schot = 
Schooss. Ursprünglich hätte dann die Redensart obseönen Sinn.] 

[scliQSch e ni ö r e — schötzeneere „Schwarzwurzel", ital. scor- 
zonera, fr. scorsonere.] 

schräb 6 „mit einem Messer schaben oder kratzen". Siehe 
j e schr§p e ls! 

schriv e s „Schreiben, Brief". 

schrQ 8 — schrQ „abstossend, arg, böse, hässlich, grob, herb". 
Bayerisch schrah, schroh; niedersächs. schräg, schrade, mnd. 
schräde, hess. schroe, schrew, schrewe. In Aachen schrü° 
1. „altes Eisen, überhaupt Auswurf, Trödelei". 2. ,, verworfenes 
Gesindel". Adj. u. Subst. zum Vb. schroten, ahd. serötan, 
mhd. schroten „hauen, schneiden, zerhauen", woher der Eigen- 
name Schröter stammt. Engl, to shred „zerreissen". Ostfries., 
nd. heisst schrod, schrot „wertloses Zeug, Abfall". Nhd. 
Schrot „abgerissenes Stückchen Eisen". Wir haben hier einen 
gleichen Vokalwechsel q — u wie in schos (Schublade) und 
schus (Schoos) vom verb. schiessen. 

schreks schräks „schräge", ndl. schraag. 

schrö ö m „Strich, Schramme", „Tracht Prügel" (namentlich 
im Plur. schrd ö m), ninld. schräme, ndl. schräm, anord. skrama, 
nd. schräme. Mnld. schrämen „kratzen", mhd. schrämen „auf- 
reissen". Wz. skrem. 

schrüb'" „scheuern", auch schrub'T'. In Aachen bedeutet 
es auch 1. „übervorteilen", 2. „Geld zusammenscharren". Subst. 



— 185 — 

schruh in. „Vorteil, unredlicher Gewinn", Redensarten n sehr, 
mach , op d e r sehr. jo". schrüb e r in. „gewinnsüchtiger 

Mensch, Leuteschinder"; schrübet, schrübler „Scheuer- 

besen". Nd. schrubben, ndl., mndl., mnd. schrobben, ostfr. 
schrubben, nfries. scrubben, scrobben, engl, scrub, norw., 
schwed. skrubba. dän. skrubbe. - - Nd. Schrubber, ndl. scrobber, 
hess. schrupper „scharfer, steiler Besen". Ndl. schrobber 
„Lumpenkerl". Die Wurzel ist dieselbe wie in schrauben, 
nhd., ndl. schrappen „kratzen". Siehe j e schr§pels! 

schromp — schrnmp „Geige". Scherzhafte, lautmalende 
Bildung. 

schromp e l e schrumpele „zusammenschrumpfen", ndl. 

schrompelen, nd., ostfries. schrumpeln. Iterativuni zu schrum- 
pen = schrumpfen. 

schrut „Welschhuhn, Truthuhn, meleagris", übertragen 
„albernes Frauenzimmer". Nd. schritten, westf. wille schruten 
„Kraniche", auch schruthahn, schrunthahn, schruthohn. schrut 
sowohl wie trut sind eine Nachbildung des Geschreis des Vogels. 

schüb „gelinde kratzen, schaben, scheuern, an einem 
Gegenstande reiben", ndl. schobben, nd. schubben, norw., 
schwed. skubba, dialektisch schuppen. Es ist wohl neuere 
Bildung zu schaben. Dazu gehört schüb „bar, blank, nackt. 
entblösst", schub si° „im Spiele alles verloren haben", — 
selnib't, schüb e s m. ..armer Teufel", ostfries. schubbert „ein 
Reiber, Necker, Fopper", auch „loser Bube, Schlingel", ndl. 
schobbert, — schub'jak „Lump. Schuft. Halunke, Schurke", 
in Aachen „loser Vogel", ndl. schobbejak, nd. schubbejack, ost- 
fries. schubbejak. Es bezeichnet jmd., der wegen Läuse und 
dgl. die Jacke schubt, Im Holsteinschen bezeichnet es einen 
Pfahl, an dem sich das Vieh schubt — usschüb 6 „ausschelten"; 
— schup-maki „schäbiger Marquis". 

schük „Interjektion zur Bezeichnung der Kälte, nament- 
lich bei Berührung kalter Gegenstände". Ostfries. sehn, skju 
[nterjektion des Scheuchens; mhd. schü. Ausdruck: schük wi 
k./t (kalt). 

schüd e r e „schaudern, frösteln", ndl. schudden, mittelengl. 
schuddern, engl, to schudder Stammverwandl ist schütten, 
ndl. schudden. 

schöt J g schürge „einen Schiebkarren vor sich her 

schieben"; — schorg'r — schürger . Karrenschieber", schör e skar 



— 186 — 

„ Schiebkarre ", bayr. schorgen, schorgen, schurgen, schürten, 
westerwäld. schorgen, henneb. schorgen, altniederfränk. scurgan, 
ahd. scurgan, scurkan, scuregen „stossen, antreiben". Es ist 
ein hochdeutsches Wort; es findet sich von den ndd. Dialekten 
nur im Westfälischen. Es ist Weiterbildung zu schüren, mhd. 
schür n „antreiben, reizen". 

[schurnal „Zeitung", fr. Journal; e, jek, v e rokt seh. „auf- 
fallend (nach dem neuesten Modejournal), verrückt angezogenes 
Frauenzimmer".] 

schurfl schurvele „hörbar über etwas rutschen, schie- 
ben, schleppend gehn". Iterativum zu nhd. schürfen, mhd. 
schürfen, schürpfen „aufschneiden", ahd. scurfen. Wz. skrep, 
skerp, wozu scharf gehört. Bayr. schürpfen mit den Füssen, 
auch scherfein „im Gehen die Füsse auf dem Boden nach- 
ziehen". 

sehnt „kleiner, schmaler Nachen", bildl. dorn seh. „Ein- 
faltspinsel", ndl. schuit, mndl. schüte, mnd., nnd. schüte, 
mengl. schüte, anord., schwed. skuta, dän. skude. Es gehört 
wohl zu ndl. schiefen, nhd. „schiessen". — schütj e wer e p e 
„mit flachen Kieselsteinen so über die Oberfläche des Wassers 
werfen, dass solche mehrmals getroffen wird". 

schots e l — schützel „Schürze". Es ist Deminutiv zu 
ahd. scurz, engl, skort „kurz", wovon mhd. schürzen „ab- 
kürzen". 

schwa ö t — schwaat „Schwarte". Vgl. A. G. Seite 28! 
Mhd. swarte, swart „behaarte Kopfhaut, behaarte oder befie- 
derte Haut überhaupt". Ndl. zwoord „Speckschwarte", afries. 
swarde „Kopfhaut", angls. sweard. mittelengl. sward; engl, 
bedeutet sward „Rasendecke". 

schwä ö m ■ schwaddein „Dunst", mhd. swadem, swaden; 
nordfries. swesh, ahd. swedan „langsam dampfend verbrennen". 

schwej c l — schwägel „Schwefel", älterwestf. swegel, neu- 
westf. swäggel. In Aachen heisst schwägel auch „Schwefel- 
holz". Wahrscheinlich Wechsel von f u. g oder Dissimilation 
von w u. f. 

schwam „Zunder", mhd. swam, swamp „Pilz, Schwamm", 
ahd. swam, swamb. Nominalbildung zu schwimmen. 

schwonts schwänze „die Schule versäumen". Bayr. 

schwänzen „etwas auf heimliche, unerlaubte Weise nehmen", 
in andern Mundarten „nachlässig, müssig umhergehen", mhd. 



— 187 — 

swansen „sich schwingend bewegen", ndl. swanselen „stark 
schwanken". Es sind [ntensivbildungen zu schwingen. Aus 
den beiden oben angeführten Bedeutungen ergiebt sich die 
vorliegende von selbst. Andere Wendungen sind: plenke JQ Ö , 
laus de schul louf 5 . 

schwätsköpch „Nonne" (kleiner, grauer Singvogel mit 
schwarzem Kopfe.) Vgl. Müllers Gedicht et schw. vaj'n Ru"s. 

schweinik e l „Schweinigel", ostfr. swinegel. Der Mundart 
scheint das Wort ursprünglich nicht eigen zu sein. 

schwer — schwerre „Blutgeschwür", schwer' schwerre 
„eitern", mhd. sweren, ahd. sweran „wehe tun, eitern, schwären", 
Wz. swer „drücken, quälen". 

[schwitje „Gigerl, auch Bummler, Verschwender", fr. dial. 
suitier (?) „Gefolgsmann", der nach Art der Diener mit seinen 
Kleidern oder der Stellung im Hause eines grossen Herrn sich 
brüstet".] 

schwäl e ti"t — schwuliteet „aufregende Verlegenheit", nhd. 
schwulität, subst. mit latinisierender Endung zum adj. ndd. 
swül, ndl. zwoel, wovon nhd. schwül. 

Ick seck gemeiner Ausdruck für „Urin", mhd. seich 
m., seiche f., ahd. seih; ndd. seken „harnen". Germ. Wz. saik. 

fei — sei „Sieb", subst. zum vb. seihen, mhd. sihen 
„durch ein Sieb laufen lassen". 

feiv°r „Speichel", nd., mnd. sever, afries. sever, saver, 
ndl.zever „Feuchtigkeit, Speichel, Nasenschleim". -- leiv'rlepcli . 
„Serviette zum Umbinden für kleine Kinder". 

i'cl l'skank — soivkant f. „Zettelende an Geweben", eig. 
Selbstkante = Selbstende. 

fenk ■ senk, sank „Schlinggrube", in Aachen gewöhnl. 
lenklouch; subst. zum vb. senken. 

fov' schrQ ö m sibbeschröm „altdeutsches Kartenspiel", 
auch tupe genannt. 

fif° „tröpfeln, träufeln", l'if' nas „triefend nass", in Aachen 
fit „Gosse, Gossenrinnc". Siehe Marialif! Ahd. sifan, nid. 
sifen, nd. sipen, siepen. ndl. z'ijpen oder sijpen, engl, sipe, ostfr. 
sipen „Nässe ab- oder aussondern oder durchlassen, triefen". 
Mnd. sip. sipe „Bächlein", ndl. zijp „C'loake". mnd. sipe. nd. 
siepe (feuchtes Land), oberdeutsch seile. 

[tsifraii sifrang „kleines Bügelbretl i\^v Schneider"; es 
soll seinen Namen vom derzeitigen Bezugsweise aus Frank- 
reich (six francs) haben. J 



— 188 — 

[ts e m e li°r e simelleeue „grübeln, nachdenken". Eigen- 

artige Bedeutungsentwickelung aus lat. simulare, fr. simuler 
„sich stellen, als ob".] 

fi ö „sein", a si ö — an sin „angezogen sein", dat tür es a 
— dat för ess an „das Feuer brennt". 

[fök, plur. fok „Socken" mhd. soc, ahd. soccho; nd. zok, 
engl, sock „Schuh", entlehnt aus lat.-rom. soccus, ital. socco 
„Halbstiefel", fr. soc] 

für „sauer"; furdes e m — soordeissem „Sauerteich", ndl. 
zuurdeesem; mndl. desem, ahd. deismo. Wz. theih. die wir in 
gedeihen haben. 

furmös — soormoss 1. in Aachen „Sauerampfer", eig. 
„Sauermuss". 2. in Aachen und Köln „ sauertöpfiger Mensch". 

füst'r „Schwester", anord. syster, engl, sister, ndl. zuster, 
ahd. swester, lat, soror (für * swesor). 

schpäk — spack „knapp, straft', wenig", nd., rand. spak, 
späk, mndl. spaecke, nhd. spack, ostfries. späk „dürr, trocken, 
locker, rissig". 

Schpaniul — Spanjol „Spanier". 

schpan — spann „Fussreihen" ; nd., ostfries., span. „Rist 
oder Kücken des Fusses oder der Hand". Subst. zum vb. 
spannen; in Aachen dafür gewöhnlich freij m, in Köln vreidel. 

schpän e wit spannewick „so weit offen, als irgend 

möglich, sperrangelweit". — spanr§°m — spannreem „Schuster- 
knieriemen". 

[schperjitsj e r e sparjitzcher „heitere Einfälle, Kniffe, 

Schwanke, lose Streiche" ; westerwäldisch sparr- oder sper- 
gicksen; dafür nd. sparjemente „auf eine weitläufige Art und 
Weise", ostfries. sperentsen, nd. sperenzjen, nhd. speranzien 
„allerlei Umstände, Ausflüchte und Entschuldigungen"; vb. 
spargi ö r e n „ein Gerücht aussprengen, subst. spargimente 1. ein 
ausgesprengtes Gerücht, 2. „Ausflüchte, Umstände" zu lat. 
spargere, mlat. spargimentuin.] 

schpöi spau, spei „Speichel", nd. spye, speie, spey, 

mnd. spie, spige, spyg, ndl. spog, spung und spie, spui, mndl. 
spouwe, mfries. spye, ahd. spia, mhd. spie, spi ; subst. zum vb. 
speien. 

schpPr - ■ speer „Kleinigkeit", in Aachen jrasspi ö r „Spitze 
des Grashalmes", ndl. spicr „Muskel, Uferschwalbe, Gras- 
halm, Kleinigkeit", mndl. spiere, mnd. spire „Spitze von Hai- 



— 189 — 



men, Aehre, Faser", mengl. spire, engl, spire, anord. spira. 
Wz. spi „spitz sein". Verwandt sind speer, speit, lat. spina 
und dialektisch schpit. 

schpen ..Spinne", iron. „eine sehr magere, kleine Person". 

schpi ö n e „abgewöhnen, ein Kind der Brust entwöhnen", 
nd. spenen, spennen, speinen, rand. spenen, spanen, sponen, 
ndl., mndl. spenen, spanen, ahd. bispennan, bayr. spenen. spen- 
nen, afspennen, engl, to spane zum subst. spaen, ndl. speen. 
mnd. spon, spone, mhd. spen, ahd. spunni. ags. spana, engl. 
speans „Zipfel, Zitze, Mutterbrust' 1 . Siehe afschpi ö n e ! 

schpekulatsius spikulazius „Confect, das in Figuren 

geformt, gebacken wird". Woher das Wort stammt, habe ich 
nicht ermitteln können. Ist es nach dem Erfinder benannt? 
Vgl. die Eigennamen Servatius, Bonifatius, Ignatius, Pankra- 
tius! Möglicherweise ist das Wort eine an solche Wörter sich 
anlehnende Bildung zu speculum „Spiegel" und bezeichnet als- 
dann die Form.] 

[schpen sping, spingehe „Spinde, kleines Vorrats- 

käininerche", nd., ndl. spinde, spind, mnd. spinde, spende 
„Kapsel", mndl. spende, spijnde „Vorratskammer, Schrank", 
mlat. spenda, ahd. spenta, ital. dispensa.J 

[schpetsial spizial „'/,; Liter Wein, in cylindrischen 

Gläsern ohne Fuss serviert"; von lat. specialis „besonders, 
speziell". Das Wort bedeutet also „besonderes, für den Einzel- 
verkauf bestimmtes Maas".] 

schplenkt'r — splinter „Splitter", ndl. splinter. mnl.. nd. 
splinter, engl, splinter und splint, splent. Germ. Wz. splint, 
splant „spleissen, sprengen". Verwandtschaft mit lat. splendere 
„glänzen" ist nicht ausgeschlossen. — schplenkt e rnöi 
splinternagelneu „ganz neu"; neu wie ein abgespleisstes Stück 
Holz, wobei der vorher genannte Begriff „glänzen" mithin- 
einspielt. 

schpo/r, schpgV — sporre s. u. pl. „Sporn", nd.. mnd. 
spore, spare; ndl.. mndl. spore. westfries. spoare, ostfries spore, 
aengl. spure, engl. spur. ahd. sporo, mhd. spore. Davon ital. 
sperone, span. espolon, fr. Operon. Wz. spar „stossen". 

schpivi — spreit „Decke für Tisch, Bett ir. s. w. u , ndl. sprei, 
nd. sprede. spredde, engl, spread (Ausbreitung, weite Fläche), 
vielleicht auch ahd. spreid, mhd. spreide (Busch, Strauch), 
zum vb. spreiten, mhd.. ahd. spreiten, ndl. spreiden, spreijen, 
engl, to spread „ausbreiten". Wz. sprith. 



— 190 — 

schprek'T — schprgnkele „benetzen, besprengen, bunt- 
scheckig oder fleckig machen", vb. zum subst. Sprenkel, mhd. 
spr^nkel, sprinkel, spreckel „Fleck", isl. sprekla, schwed. 
spräkla, Schweiz, sprigel, sprägel „kleiner Fleck". 

schpröits — spreuz „Giesskanne, Spritze", schpröits e — 
spreuze „spritzen", in Aachen mit differenziertem Vokal 
schprüts 6 „Wasser aus dem Munde spritzen". Mhd. spruzze, 
sprütze, niederrh., sächs. sprutte, schwed. spruta, ostfries. 
sprütse, sprüts zum vb. mhd. sprützen, nd. sprutten, ostfries. 
sprützen, schwed., norw. spruta, dän. sprude, ital. spruzzare 
(entlehnt.) Wz. sprut, die wir auch in spriessen haben. 

schprQk „spröde, brüchig, leicht zerbrechlich", nd., mini., 
ndl. sprock und sprok. mndl. sprock, spork, mfläm. sproc, 
sporc; ferner mndl. sprockel, ndl. sprokkel, mnd. sprockel 
„dürres Reisig", ahd. sprahhula „Splitter. Spreu" von Wz. 
spreg „knattern, bersten". 

schprös e l in Köln nasalierte Form spronzel „Sommer- 
sprosse", ndl. sproetel von sproet „Fleck", mnd., und. spröte, 
sprötele. mndl.. mnd. sprüte, md. sprüze zum vb. spritzen und 
spriessen. Vgl. schpröits! adj. spronzelig (in Köln) „mit 

Sommersprossen bedeckt". 

[schtat — Staat „Pracht, Prunk, Putz", adj. schtats — 
Staats, staatse „geputzt, hübsch, wundervoll", ndl. Staat „Zu- 
stand, Stand, Vermögen, Schmuck, Zierlichkeit"; in gleicher 
Bedeutung mnd., und. stät, nhcl. Staat, entlehnt aus gleich- 
bedeutendem afranz. estat, nfrauz. etat, lat. Status. Das hoch- 
tonige a weist noch auf die Entlehnung hin. — schtatstsem e r 
• staatszemmer „das beste Zimmer, gute Stube".] 

schtab e lj£k — stabelgeck, stabeleetgeck „ganz verrückt", 
westerwäldisch stabelnackig „ganz nackt", ostfries. stapeldün 
„vollständig betrunken", Zusammensetzung mit ostfries. Stapel 
„hoch, steil, gerade aufgerichtet" zum ahd. vb. Stäben, bajT. 
staben, stapen „starr sein", idgerm. Wz. stap „festsein", wo- 
von stapan „festsetzen". schtab e l j§k heisst also (starr ==) „be- 
ständig närrisch". Eine ähnliche Vorstellung haben wir in 
ramanäs L 'jek und schteramanäs'jek, während knätschjek, eig. 
knatternd geck wohl ursprünglich „tobsüchtig" bedeutet. 

f(us) schtafiV — stafeere „herausputzen", ostfries. sta- 
feren. Vgl. fr. etoffer „es an nichts fehlen lassen", vb. zu 
etoffe, ndl. stof, engl, stuft', nhd. stoff. Der Ursprung des 
Wortes ist nicht aufgeklärt.] 



— 191 — 

schtän f. „Zuber oder grosses und tiefes hölzernes Wasser- 
gefäss mit zwei Handhaben, durch die eine Stange gesteckl 
wird, um es zu tragen", and. staut a, standa, stände, mhd., 
mild, stände, nind. auch stange, hd. (wein) stände. Substantiv- 
bildung zum vb. stehen. Vgl. A. G. S. 18, 3, e! 

schtank für dank „Undank", eig. Gestank für Dank. 

schtechdüst e r stechendüster „stockfinster". Bayr. stech- 
mässig „heftig", westerwäld. stichnacht „grosse Dunkelheit", 
ferner stichnacht, stichdunkel „ganz dunkel", hol!, stikdonker. 
Ostfr. stak, „fest, steif", germ. Wz. stik „stecken bleiben". 

schtekich — steckig, stecksig „verdorben" (bei Mehl usw.), 
„gegohren" (bei Flüssigkeiten), ndl. stekelig „stachelig, scharf", 
ostfries. stek „scharf, stechend". 

[schtelasoh stellasch „Gestell, Ladeneinrichtung /um 
Aufstellen", fr. etalage. das mit und. Stall verwandt ist.] 

schtelch e ns — stellches „ruhig". 

1. schuf f. „Wäschestärke", subst. zum nd., mnd. vb. stiven. 
ndl. styven, ostfries. stifen „steif machen". 2. schtif m. 1. in 
Aachen „dicker". 2. in Köln „steifer Mensch". 

Schtl'n — Sting, Stieu, Stina „Christine". 

schtenkbul — stinkbüggel „Stinker", eig. „Stinkbeutel", 
ebenso schteiikschtevel — stinkstivvel. 

schtlp m. „Pfahl", „die an der Karre befestigte Stütze", 
vb. schtlp' 1. „stützen, unterstellen". In Aachen Redensart: 
heisch ens jet, (mi wa"t ms j(>t, on schtip d e r bur d" kar ens 
j§t „geduldet euch etwas", 2. in Aachen „ausstrecken, dar- 
reichen". Redensart schtlp hoin et inülch" du" „reich ihm den 
Mund"; d e nas schtip 6 „die Nase wohin richten". schtip'T 

1. sich auf einem Stabe fortbewegen". 2. mit einer Nadel Fi- 
guren in Papier ausstechen". Ostfries. stipe, stip Pfahl, 
Pfeiler, Säule, Träger, Stütze", altfries. stipe, wfries. styppe, 
span. entibo, lat. stipes, wozu auch nhd. „Stift" m und :i 
hört. Vb. nd., mnd., nid., nmld.. nitläm.. ostfries. stippen. Es 
bedeutet „oberflächlich setzen, tupfen, tunken". Es nähert sich 
der Bedeutung von schtip'T' 1. und wird zu ml. stippen, stop- 
pen „mit einem Stabe gelin und ihn bei jedem Schritte auf die 
Erde setzen" und nhd. stapfen bezogen, wählend das Wort der 
Mundarten unmittelbar von schtip abgeleitel ist. schtip e l' 2. 
ndl. stippelen „mit Tüpfeln, Punkten bedecken- zu ndl.. nd.. 
mnd., ostfries. stip ..Punkt, Tupf" zum Stamme schtip, v. 
nhd. „steppen" gehört. 



— 192 — 

schtev e l e stivvele „mit kleinlicher Geschäftigkeit im 

Hause alles in Ordnung stellen", in Köln „kramen, zurecht- 
stellen, ordnen"; sich drop stivvele „sich auf etwas gefasst 
machen". Siehe aschtevi 6 ! 

schtouch'' — stQche „anzünden, einheizen, anschüren, so- 
wohl Feuer als auch Streit". In Aachen schtouchram f. „Tuch- 
rahmen im Innern eines Fabrikgebäudes, woran bei Regen- 
wetter und im Winter das Tuch mittels grosser geheizten 
Oefen getrocknet wird". Engl. dial. to stoke, westerwäld. 
stochen „mittels eines Instrumentes bohren, dann etwas in Be- 
wegung, Hitze, Feuer setzen", „anschüren". Wz. stuk „stos- 
sen", die wir auch in verstauchen haben. — scht(,mch e r 
„Heizer", — schtQuchis'r „Schüreisen", in Aachen schtöch e l-, 
schtöv e is e r. 

scht§kviul f. „Goldlack". 

schtöl e p „Butterbüchse mit Deckel", vb. schtöTp" „das 
Wasser stauen, stopfen", nd. stülpen, stülpen, mnd. stülpen, 
ndl., mndl. stolpen, stülpen, stelben, stalpen „stillen, auf- 
halten", norw. stelpa. Wz. stelp, synon. mit steh Ndl. stolp 
„Dämpf-, Schmordeckel", nhd. Stulpe. 

[schtoulampt — stolamp „Stola der katholischen Priester", 
wohl = Amtskleidung. Griech. oxoXr\ = „Kleid".] 

schtop „Staub", mhd. stüppe, ahd. stuppi neben mhd., ahd. 
stoub — schtöbich — stöppig „staubig". 

schtop in der Wendung j§t öp d e r schtöp du° - om stopp 
dun „etwas sofort, schnell tun". Hier ist seht, wohl = ndl. 
stoep, mndl. stope, ostfries. stöpe, stop, stupe, stüp, ags. stöpa 
od. stöpo, ahd. stuofa, mhd. stuofe, nhd. Stufe, zu Wz. schtep, 
schtap „schreiten", wovon ags. stöpjan „in Trab setzen" und 
nd., mnd., ndl., mndl., ostfries. stappen, engl, to step, ahd. 
Stephan, stapfon, mhd. stepfen, stapfen „treten, schreiten". Vgl. 
(Kuss) stapfe! 

[schtöp — stoppe „Pfropfen", schtop 6 „pfropfen, stopfen". 
In Aachen bezeichnet schtöp auch „das Gestopfte in Strümpfen 
usw., ndl. stop, mndl., mfiäm. stoppe, ostfries. stoppe, schtop 
„Pfropfen, Stöpfsel", im ostfries. auch „mittelst der Nadel ge- 
machte Dichtung". Vb. stoppen, and. stuppon, mnd. stoppen, 
nhd. stopfen, engl, to stop. Man zieht schtop zu lat. stuppa, 
ital. stoppa, fr. etouppe „Werg, Abfall von Flachs", wozu stup- 
pare „mit Werg ausfüllen". Kluge zieht mhd. stupfen, ahd. 



— 193 — 

stopfen „stechen" und eine* Wz. stup heran ■ ■ schtöpf$r e f 
stoppfärv „Glaser- und Malerkitt". — schtopnölt stoppnQhl 
„Stopfnadel".] 

schtöskankt — stoss, stüskant „der umgelegte Saum 
unten am Rande des Frauenkleides", „die Naht, durch die 
zwei Stücke zusammengenäht werden", ndl. stootkant. Ostfries. 
heisst stot oder Stote „die Kante, das Aeusserte und Vordere 
von etwas, Saum eines Frauenkleides", stosskante bezeichnet 
das, „was beim Gehen auf die Knie stösst". Vgl. schtösQ ö t — 
stüssfjdt „Flicken vorn an der Schuhsohle". 

schträk, schträks „nachher, später", ndl. straks, strakjes, 
nd. straks, mnd., mhd. strack und strackes „geradeaus, sofort 
vorher oder nachher". Von dem Adv. kommt das vb. strecken. 

schtrank sträng „Strähne Garn, ein Stück Rolltabak", 
ndl. streng, mnd., und. stranc „Strang, Zweig, Streifen, ge- 
flochten Band, Strick". Wz. string, „winden, flechten". Vgl. 
griech. oxpccyya'kyj „Strick", lat. stringere „straff anziehn". 
Eigentümlich ist die Wendung schtrank för öm e ha(n) „Angst, 
Respekt vor jmd. haben". 

[schtrapletsi ö re — strapezeere, straplizeere „abmühen, an- 
strengen", ital. strapazzare „misshandeln, übel zurichten".] 

schtröif — sträuf „Schaube am Weiberrock" etc. zu vb. 
mhd. ströufen, ndl. stroopen, nhd. streifen. Ostfries, ströpe, 
ströp, mndl., mfläm. stroop, mhd. stroufe. 

schtrech „Strich". Redensart: Qin e op — ha ö — einer om 
— han „jmd. nicht leiden können", schtrech hat hier die Be- 
deutung von „Streich, Schlag". Die Redensart bedeutet „mit 
jmd. so stehn, dass man zum Schlagen bereit sein muss". Vgl. 
hd. „Das ist mir wider den Strich"! 

schtroits e ls — Streusels n. „Blumen und Laub zum Streuen 
bei Prozessionen'', ndl. strooisel. 

schtriche „streichen, bügeln", schtrichis'r „Bügeleisen". 
schtrich e sch e „Büglerin", ostfries. striken, strikisder, ndl. strij- 
ken, strijkijzer. 

schtryp „Strick, Strang", schtrop und jal'j°schtrop „Galgen- 
vogel", auch „Schalk, Taugenichts", mndl., nndl., mnd., und. 
strop, ags. stropp, engl, strop, nhd. strupf, mhd. strupfe, lat. 
struppus „gedrehter Riemen", ital. stroppolo, IV. ötrope ..Tau". 
Es gehört wohl zu ndl. stroopen „streifen". Vb. schtröp 6 
„Schlingen legen", subst. schtrQp e r „Wilddieb. Vagabund". 



— 194 — 

schtrQS — strQss „Gurgel", mcl., mhd. strozze, ndl. strot, 
mndl., mfläm.. mnd. strote, stroote und strotte, nind. auch 
strate und strutte, ital. strozza. Wz. *strud, * trud. Verwandt 
sind drossel, drosseln, engl, throat „Schlund, Kehle, Gurgel". 
In Köln vb. stresse „erdrosseln". 

schtrirw e lich — strubbelig „struppig, zerzaust", Weiter- 
bildung zu nd. struuf, mnd. strüf, ndl. stroef, ostfries. strüf, 
mhd. strüb, bayr. straub „rauh, struppig, strotzend". Wz. 
strub „rauh sein", wovon sträuben. 

schtröd e l e — struddele „stottern"; namentlich bezeichnet 
das Wort „das unverständliche Reden von Betrunkenen, Ver- 
legenen". Bayr. strodeln 1. „mit den Füssen strampen", 2. „beim 
Atemziehen röcheln, rasseln", strudeln „quirlen, übereilt ver- 
fahren 1- , Iterativum zu and. stredan „brausen". 

schtronts e — strunze „auf etwas pochen, prahlen, lobend 
übertreiben", schwäb. stranzen „grosstun, müssig umherlaufen 14 , 
nhd. strunzen „sich umhertreiben", strunze „läufige Dirne", 
ital. stronzare (die Münzen) „beschneiden". Wz. stru, die wir 
auch in schtronks, nd., mnd. strunt. holl. stront „Kot" haben. 

schtuch — stuche „Muff", mhd. stüche, ahd. stühha „der 
weite, herabhängende Aermel an Frauenkleidern, Kopftuch, 
Schleier, Schürze", ags. stocu, anord. stüka, dazu gehört fr. 
etui, ital. astuccio. Wz. stug „aufschichten, stossen". Siehe 
schtuk e , ndl. stuiken, annd. stükan „stossen"! 

schtomp — stump „Stumpf, Stummel", bildl. „kleines 
Kind", ndl. stomp, engl, stump, mhd., ahd. stumpf. Dazu adj. 
schtomp „stumpfschneidig" sehtömp'r „Stümper", ndl. 

stomper (eig. Verstümmelter). Germ. Wz. stumb. — schtüp 
„kurzer Männerrock, Frauenunterrock", ndl., mndl., mfläm. 
stobbe, nd., mnd. stubbe, aengl. stubbe, engl, stub, anord. 
stubbi, schwed. stubb. — schtup „gedrungen, klein, verkürzt, 
stumpf". - schtüp f ' „kürzen, Haare schneiden", ostfries. stupen 
„stockend machen". 

schtüp, auch schtüpsch „abstossend. einsilbig, kurz ange- 
bunden, still, wortkarg". Wohl verwandt mit mhd. stüpe, nhd. 
stäupe „Schandpfahl" und ostfries. stupe „Hemmung*, ndl. 
stuip „Stoss", mnd. stupe. 

schtösfow e l — stussvogel „Sperber". 

[schtöw 6 — stuve „langsam kochen, dampfen, schmoren", 
ndl. stoven, mnd., nnd. stoven, dial. hd. stufen, ital. stufare, 
fr. etuver, engl, stew zu stube, mlat. stuba.] 



— 195 — 

fuch§lst e r sugelster „Blutegel", iron. „Wucherer, 

Plünderer". 

ful „Schusterahle", bayr. seul, ahd. siula, nhd. säule, 
schwed. syl, dän. syel, nieders. suel, lat. subula (glossiert 
siula) zum vb. bayr. seuen, seuwen, siuwen = lat. suere „nähen", 
got. siujan, ahd. siuwan, engl, to sew, griech. y.ao-Tjo) „flicke". 
Idgerm. W. siw „nähen". 

Buchstabe T. 

[tut — taat „Torte"; fr. tarte, tourte, ital. torto zu lat. 
tortus „gedreht".] 

tatsch „Grasmücke", motacilla sylvia zum vb. mnd., fläm., 
ndl., mfläm., mndl. tatern, ostfries. tatern, tattern, „knattern, 
plappern, schnattern", nd. tatein, tätein. Dazu ma. tatel, tater 
„schwatzhaftes Frauenzimmer". Im Ostfries. bezeichnet tätje 
einen Dünenvogel. 

[tab e l „Schultasche für kleine Kinder", lat. tabula.] 

tach e l — tachtel „Ohrfeige", tach e l e „ohrfeigen", ähnliche 
euphemistische Bildung wie Ohrfeige von mhd. dachtel, nhd. 
dattel. Auffallend ist, dass im Aachener Dialekt t nach ch ge- 
schwunden ist, während sonst der umgekehrte Vorgang statt- 
findet. Vgl. A. G. S. 25, 3, 1. Ich halte deshalb die alte, 
von Müller- Weitz und Grimm gegebene Ableitung von dach 
(scherzhaft für Kopf) nicht für unmöglich. Vb. tach't" — 
tachtele. 

[t§n — täng „Gesichtsfarbe", fr. teint.] 

Tis — Teiss „Matthias".] 

tot — teut „grosse kupferne oder blecherne Kanne", ndl. 
tuit „Röhre", mndl. tute „Saugwarze, hornartiger Ansatz", nd. 
tute, tüte „Schnabel, Rüssel, Blashorn, Papierdüte, mnd. tute 
„alles, was hörn- oder trichterförmige Gestalt hat", ostfries. 
tute, tut „Rohr", wfries. tuwt, schwed. tut „Kanne", norw. 
tut „Trompete". Das Gefäss hat seinen Namen nach dem 
schnabelartigen Ansatz, ebenso wie die Düte nach der zum 
Ausschütten bestimmten Form benannt ist. Vgl. fr. tuyau! 

tnV'n — thron „Thräne", mhd. trän, aus trahan zusammen- 
gezogen, ahd. trahan. Vgl. A. G. S. 4, II! 

Schtiii „Christine". 

ti ;i l'— tiff „Hündin", iron. „gemeine Dirne", ndl. teef, mndl. 



— 196 — 

teve, mnd., und. teve, tiffe, hess. ziwwe, engl, üb, afra. toivre, 
portug. zebro. Vielleicht dasselbe Wort wie und. (Unge)ziefer. 

temp - timp f. „Ecke. Zipfel. Kante", niederrhein., westf. 
timp, ohne Nasalierung, ndl. tip, Weiterbildung tepel, mhd., 
nhd. zipfel, engl. tip. Wz. tip, die wir auch in tip e haben. 
Mundartl. tip e l „Punkt". 

tip e „mit den Fingerspitzen berühren", engl, to tip, ndl., 
nd. tippen, ostfries. tippen, schwed. tippa zu nd., ndl., mfläm., 
ostfries. tip „leichter Stoss, Schlag". Siehe temp! Intensivum 
ist tup e „mit der Faust aufschlagen". 

[tipo „Gefängnis", fr. depot.] 

tun tön „Spässe, Witze", jek e tun, auch „Umstände 1 *, 
„Spektakel, Auftritte", ndl. toon „Schauspiel", das zum vb. 
toonen, nd. tönen, mengl. taunen, aniederrhein. zöunen „auf- 
führen, sichtbar machen", gehört. Man stellt das vb. zu- 
sammen mit ahd. zougan, nihd. zeigen „zum Vorschein bringen". 

[tür'lür 6 — törelör „langweiliges Einerlei. Umschweife, 
wiederkehrender Schlussreim", fr. türelüre.] 

tösch e „zwischen", nd. tuschen, tüsken, tusken, twusken, 
mnd. tuschen, twischen, ndl., mnld. tusschen, mhd. zwischen, 
md. zwüschen. Redensart om e t. n^'ni 6 , „jmd. Vorwürfe 
machen". 

trabante „ungezogene, unruhige Kinder in der Verbindung 
weit tr. Es ist eine französische Participialbildung zum vb. 
traben. 

trek e „ziehen, erziehen, reissen" ; et trökt „es ist Zug- 
wind", nd., mnd., ndl., mndl., mfläm. trecken oder trekken, 
afries. trekka, tregga, mhd., schles. trecken, ahd. trehhan, 
wohl entstanden aus*at-rekan. Vielleicht verwandt mit lat. 
traho. Subst. trek „Zug, Neigung", mnd., und., ndl. trek. 

[traktiV „bewirten, frei halten"; traktier — träkteer 
1. „Bewirtung", 2. „guter Genuss"; träkt c nient „Bewirtung, 
Freischmaus", zu lat. tractare, fr. traiter, traitement.] 

[tralj e — trälje „eiserner Gitterstab", „Gitter", nd. 
tralje, ndl., mndl.. mnd. tralie, fr. treille, engl, trellis, ital. 
traliccio.] 

tramp' ldi'r — trampeldeer „Kameel", iron. „unbeholfener 
Mensch". 

[tiöns — tränsche „Garnöse", ndl. trens, nd., ostfries. trense 
„geflochtenes Band, Oese an einem Kleide", span. trenza, ital. 
treccia, fr. tresse, portug. tranza.] 



— 197 — 

trendi' — träntele „etwas langsam besorgen, zaudern, 
zögern", nhd. trendein, mhd. trendein „sich drohen", zu mhd. 
trendel „Kugel, Kreisel", engl, trendle „Rolle, Walze", germ. 
Wz. trand „sich wälzen". trond'Iplost'r. in Köln trendelbotz 
„einer, der langsam arbeitet". 

[trants e ni ö r e — tranzioneere „quälen, drillen", zu fr. transir 
..erstarren machen".] 

träp „Treppe", mhd., md. treppe, trappe, ndl. trap zum 
vb. trappen, das wir in trampeln halten. Ausdruck trap' 
schnij* „die Ilaare mit Abstufungen schneiden". 

tratsch „Schmutz", westerwäld., hess. tretsch zum vb. trat- 
schen. Lautmalerei. 

tryf „Glück, Zufall, n e jöü we tr. - - ne gode tr. „glückliches 
Zusammentreffen". 

tnb'T' „trippeln", nd. trippeln, ndl. trippelen. 

trippe „hölzerner Schuh ohne Kappe", mnd., und. trippe, 
ndl. trip, subst. zum vb. trippen bez. trippeln. 

trtjt „Trumpete", in Köln auch trüüt, tut. Das r ist ein- 
geschoben, um den Ton nachzuahmen. Vgl. tot. 

[truf'l „Mauerkelle", ndl., mndl. troffel, truyffel, truweel, 
mnd. truffel, engl, trowel, lat. truella, trulla, fr. truelle.] 

trötn trumm „Trommel". Siehe ovenstrom! 

tüm'löt „Purzelbaum", d e t- schlo" „Bankerott mache". 
In Köln heisst es trummeleut schlon. Es scheint Weiterbil- 
dung zu tummel (taumel) „Lärm" zu sein. 

[tromp „Maultrommel, Mundharfe, Brummeisen", ahd. 
trumba, ital. tromba, span. trompa, fr. trompe, ndl. tromp. 
lat. tromba (?).] 

trutsch'l „ein dickes, gutmütiges Frauenzimmer", en jek r 
tr. „ein albernes Frauenzimmer", bayr. tritschler 1. ..Furz", 
2. „Schwätzer", tritschlerin „Schwätzerin", ostfries. trütte, tritt 
„dumme, alberne Person", ndl. trunte „träger Mensch" zu 
trunt „Dreck, Schiss", mhd. trunz „Furz". Vgl. strunze! 
trutsch'l ist Weiterbildung zu trüt. Ueberall verbinde! man 
mit trutschel, truschel, trudschel, trodschel den Begriff des 
Dicken. Deshalb und wegen der Bedeutung des Wortes in 
Bayern ist an eine Ableitung von traut nicht zu denken. 

tui)'' 1. „klopfen", 2. „bezeichnet das Wort eine Art Karten- 
spiel", 3. in Aachen auch „ein Schlafchen (tiipch 6 ) halten". 



— 198 — 

Siehe b e tüp e ! tüp e „gedruckte und gewebte Tupfen auf Klei- 
dern, Stoffen". 

tut „Papierdüte". Siehe tot! 

Buchstabe U. 

ü „halt", Zuruf an Zugtiere. 

öm e — ümmes, irames, jümmes „jemand", mhd. ioman, 
ahd. eoman. 

onpar — unpaar „ungrade". 

ondoch — undoch, undaug „Böswilligkeit", ndl. ondeugt, 
mnd. undoget, undeghet, ostfries. undögend, undögt. Adj. on- 
döjentich — undügenig „unartig, böse, schlecht". 

ofi e rböks — underbotz „Unterhose". 

on§v e — unevve „uneben". 

[onfatsün e lich — unfazünglich „unförmlich, plump". Siehe 
fatsun !] 

onj e hüb e lt „unartig". 

onj e nüsich — ungenüsig „unbescheiden, ungenügsam, un- 
mässig", wohl = „ungenieslich, ungeniessbar". 

ofi e rkrij e — ungerkrige „unterdrücken, überwinden". 

[önks e lsk§ ö ts — ünkelskääz „Talglicht", ndl. ongel, nd. ungel, 
unger, hess. ungel, aus lat. unguen „Talg, Fett". Es kann 
auch Verwandtschaft mit ahd. unslit, nhd. unschlitt bestehen.] 

§nkkouch e r — unkkocher „Tintenfass". Siehe ^nk! 
Niederl. inktkoker. kQiich e r = nhd. „kodier", mhd. kodier, 
ahd. chohhar, ndl. koker, afra. cuiver, engl, quiver, mlat. 
cucurum. 

onräs — unrass „unruhige, unstete Person", ostfries. un- 
rüst „Unruhe", „unruhiger Mensch", ndl. onrust „Lärnimacher, 
unruhiger Mensch". Zusammengesetzt aus der Vorsilbe im und 
rast, Wz. ras „wohnen, bleiben". 

[Qrj e les — urgeless „Organist". Regelrechte Bildung zu 
örj e l — urgel „Orgel", mlat. Organa, griech. öpyavov.] 

usbreh'' — usbringe „entdecken, verraten". 

usdü ö „ausstreichen, ausziehen". 

ushek e „ausdenken, austüfteln". Siehe hek! 

usletsch 6 „ausgleiten". Siehe letsch 6 ! 

uss§ ö n e ussähne „aussegnen". Die Wöchnerin muss 

sich in der Regel zehn Tage nach der Geburt des Kindes nach 
katholischem Ritus aussegnen lassen. 



— 199 — 

utsch! o wi! Ausruf des Schmerzes. 
ov e rj§v e - üvvergevve „übergeben, erbrechen". 
öv e rs§ts e üvversetze „überwinden" z. B. Schmerz, 

Verlangen. 

Buchstabe V. 

Das V im Anlaute wird wie f gesprochen. Der Gewohn- 
heit zu liebe behalte ich v bei. 

ve/'sch vääsch, pl. vääschte „Vers". A. G. 28, II, 2. 

[vakants „Ferien", fr. vacances.] 

v e rbast — verbas, verbaserig, verbaserl „bestürzt, er- 
schrocken, entsetzt, erstaunt, verwirrt, verstört, befangen, be- 
troffen", ostfries. ferbasen „bestürzen", ndl. verbazen „in 
Erstaunen setzen", von bazen, Itarat. bazelen, ostfries. basen 
„eilen", westfäl. basein „ins Blinde herumlaufen", vielleicht 
verwandt mit faseln. 

ve, 'bistert si ö „auf etwas erpicht, mürrisch, verdriesslich 
sein", ostfries. ferbistern „ausser Fassung kommen", ndl. ver- 
bystern, mnd. bi'stern; nach ten Doornkaat-Koolmann zu Wz. 
bhi „fürchten, scheuen, erschrecken". 

[ ver biinsch c ' „durchprügeln", nhd. verbimsen, lat. puniicare 
„mit Bimsstein abreiben".] 

v "'börchnes verbörgniss „Versteck, Schlupfwinkel". 

ver dönip l c — ■ verdümpele „bemänteln, verheimlichen, ver- 
tuschen". Ndl. dompelen „ein-, untertauchen", nd. dumpein, 
ostfries. dumpelen „stossen. sinken machen", Iterat. zu dum- 
pen. Verwandt mit nhd. Tümpel und tief. Verwandtschaft 
mit dumpf besteht nicht. 

ve 'fom!i;r verfumfeie „durchbringen, verderben", ost- 

fries. ferfumfeien, ferfumfeilen, ndl. verfomfooijen, verfomfäaijen, 
nd. verfumfeien. Nd. fumfeien ,, lustig zum Tanze aufspielen", 
ostfries. fumfei, fumfeil ..lustiges Tanzgelage". Wohl Klang- 
wort wie dudeldumdei. Das Wort bedeutet „vertanzen" „ver- 
jubeln, verjuchen". 

ver jörg 8 — vergörge „in sich vergehen, verhungern, ver- 
knöchern, verelenden". Adj. jör'ch „übel, leer im Magen", 
jörichjeit „Heisshunger, Ermattung vor Eunger". Es ist gleich 
ndl. graag, ahd. grätag, ags. gra§dig, engl, greedy, gut. gredags 
„hungerig". Skr. Wz. gardh. Bekannte Umstellung des r; 
vgl. griech. /.apxo? und xpaxo?! Subst . ndl. graagte, graagheid 
„Begierde". 



— 200 — 

ver jon e vergünne „erlauben, sich heimisch fühlen, leiden 
mögen". 

ver hev e „sich durch Heben überschwerer Lasten am Körper 
schädigen". 

ver käld e — verkälde „erkälten". 

vcr löüf - - verläuv „Erlaubnis", ndl. verlof, nd. verlöf, dial. 
verlauf. 

vlets, verlits — verlech, verleeks, v'leech, vleex „viel- 
leicht", mhd. vil lihte. 

ver lösti ö r e — verlösteere „sich belustigen, durchbringen", 
ndl. verlustigen, ostfries. ferlüsteren, ferlüstigen. 

ver mach — vermaach „Freude, fröhliches Gelage", vb. ver - 
mach e „freudig geniessen, lecker essen", ndl., ostfries. vermaak, 
vermaken. Zum vb. machen in der Bedeutung „passen, ange- 
messen sein". 

ver pläk e 1. „verbringen", 2. „verkleben", 3. „verwelken". 
Siehe plak! 

verrücke „verenden, krepieren", mhd. verrecken „die Glie- 
der starr ausreckend enden". Siehe r£ke! 

[ ver schäm e ri°re verschammereere sich „sich verlieben", 
zu fr. charmer „behexen, bezaubern".] 

ver schöm e r verschimmele „durch Gälirung verderben", 
ndl. schimmelen zum subst. Schimmel, mhd. schimel, ahd.*scimbal; 
mhd. schimel beruht auf Mischung mit schime „Schimmel". 

vel 'schlek" „verschlucken", vor schnüp e „vernaschen". 

ver schn§rk c „versengen". Siehe die einfachen Verba! 

ver schlib e r° — verschlippere „vernachlässigen, versäumen, 
verzögern", in Aachen schlib°r° 1qs° „aufgeben". Wir haben 
wieder eine der in den beiden Mundarten so beliebten Iterativ- 
bildungen zu nd., mnd., ndl., mndl., aengl., fries. slippen, engl, 
slip, anord. sleppa, schwed. slippa, dän. slippe „gleiten, ent- 
schlüpfen", ahd. sliffan, mhd. slipfen. Ndl., mndl. haben wir 
auch slibberen, hier geht ein Stamm slibb neben slipp einher. 

vcr sehnöpt si ö — verschnupp sin „den Schnupfen haben". 

[ ver te / st e wi 5 r e — vertesteweere „verderben; in Verlegenheit 
bringen, den Sinn verwirren". Müller-Weitz vermuten in dem 
Worte das fr. destituer „entsetzen, berauben".] 

v01 'tr§k e „ausziehen" „(den Mund) verziehen". Siehe trck e ! 

"'löt'T' — vertüttele, vertüntele „verhätscheln, verwöhnen", 

auch „verbringen", ostfries. fertötelen „vergeuden, verwickeln", 



— 201 — 

ml., ostfries. tötein, ndl. teutelen und teuteren „zaudern, trö- 
deln", Iterativ, zu nd. töten, ndl. teilten „zaudern". Stamm 
tut „rücken, ziehen, spitz zulaufen". Vgl. tut! Mit der Be- 
deutung „verhätscheln" vgl. nhd. „verziehen"! 

V(, 'ware „bewahren". 

ver wad e „erwarten, gewärtigen", ostfries. ferwachten, fer- 
wagten, „erwarten, erhoffen", ndl. verwacliten zu ahd. wahtcu, 
mild, wallten, nd., mnd., ndl., m ndl., ostfries. wachten „warten", 
vb. zum subst. „Wacht". 

vei 'ts§l - - verzcd „Erzählung", ver ts^l e - verzälle „erzählen". 

[veksiV — voxeere „ärgern", lat. vexare.] 

[vijiin „Violine", iron. „Arrestlokal", fr. violon. 1. „Geige", 
2. „Arrestzimmer neben der Wache".] 

[visasch „Gesicht", fr. visage.] 

[visit „Besuch", fr. visite.] 

vörköifer — vörkäufer „Personen, die von den Bauern 
Lebensmittel aufkaufen, um sie auf dem Markte wieder zu 
verkaufen". 

fri 8 — vriet „zähe vom Fleisch, abgehärtet von Menschen, 
herbe vom Wein, schneidend kalt vom Wetter", nd., ndl. 
wreed, mnd. wret, wred, mndl. wreed, wreyt, ostfries. fred, 
wred, wfries. wrea, wread, nfries. wreed. ags. vrädh, aengl. 
wrethe, schwed., dän. vred,engl. wroth, ahd. reid, reidi,mlid. reit, 
reide „kraus". Wz. wreith „winden, drehen". Redensart: sich 
fri" häü e vriet halde „ernsthaft, standthaft bleiben". 

frefr — vringe „wringen", subst. d'r froh 1. „soviel Ge- 
müse, als man mit den Händen ausringen kann". 2. „Perlen- 
schnur". Nd., mnd., ndl. wringen, mfläm., mndl. wrenghen, 
wringhen. ags. vringan. engl, wring, ahd. hringan, mhd. ringen. 

föü we lski ö sch vugelskeesch „Ebereschen-Beere". 

[fulan — vulang „krause Garnierung an Frauenkleidern", 
auch „seidenes Taschentuch", fr. volant „fliegend, lose".] 

Buchstabe W. 

wäblef wabelev „was beliebt"? 

was ej"n jled'r'' Malis en de glidder „schmerzhafl 

Reissen in den Gelenken der Beine, vornehmlich bei Kindern", 
subst. zum vl>. was' „wachsen". 

weis wais, waize „Weizen", ahd. weizzi, mhd. weitze. 
daneben weize, dial. waissen. Vgl. Weissbrot! 



— 202 — 

war - warre „ein kleines, eiterndes Geschwür an den 
Augenlidern", ndl. weer, ags. wearre „Schwiele", lat. Verruca 
„Warze", deren rr durch Ausfall eines Dentals entstanden sein 
könnte, so dass war = warte „Warze" wäre. In der Aachener 
Mundart heisst Warze frats e l, welches Wort ein Deminutiv ist. 

wanschäüe — warschaue „warnen, auf etwas aufmerksam 
machen", nd. warschoen, mnd. warschuwen, warschouwen, ndl. 
waarschuwen, mndl., mfläm. waerschouwen, ostfries. warschoen, 
wärschouen. Zusammengesetzt aus war, Wz. var, die wir in 
gewahr, ags. war „aufmerksam", ahd. wara „Aufmerksam- 
keit" haben, und schauen, ahd. skiuhen „scheu machen, ver- 
mahnen", Wz. schuw. Vgl. war-nen, verwar- nen! 

wäsch e l e „schwatzen, undeutlich laut durcheinander reden", 
Iterativum zu mhd. waschen, weschen, ahd. waskan 1. „wa- 
schen", 2. „plätschern", „schwatzen". Nd. wasken, waschen, 
ndl. waschen, engl, wash, westerwäld. wasche „unnützes Zeug* 
reden". „Waschen" heisst in den Mundarten wasche — wasche. 

watsch „Ohrfeige", wätsch e „ohrfeigen", westerwäld. watsch 
„Schlag- mit einem Stock oder der Hand", schwäb. watschel, 
ohrwatschel; westerwäld. wätsche „schlagen, prügeln". 

w§k, pl. weg 6 „Weizenbrot", westerwäld. weck „Semel", 
schwäb. weck, schles. wecken, Schweiz, wek „Spitze, Kegel", 
mhd. w£cke, ahd. wecki „Keil, keilförmiges Brot", ndl. weg 
„Semmelbrot", ags. wgeg, engl, wedge, anord. veggr „Keil". 

wi"t — weech 1. in Aachen „schwächlicher Mensch, arm- 
selig Geschöpf", 2. in Köln „kleines Mädchen", ahd. wicht 
„Ding, Person", mhd., nhd. wicht; ndl. wicht „kleines Kind", 
engl, wight „Wesen, Wicht", got. waihts. 

wei'r „Fächer", ndl. waaijer, nd. weier, ostfries. weier und 
waier zum vb. weien, ndl. waaijen, nd. waien, mnd. weigen, 
ahd. wäjan, mhd. wegen, wen „wehen. Wind machen". 

[wej e r weiher „Teich, Weiher", aus lat. vivarium.] 

wcikwas weih([uas „Weihwasserwedel", zusammen- 

gesetzt aus wci = nhd. weihen, ahd., mhd. wihen zum altgerm. 
Adj. wiho „heilig" und kwas = nhd. Quaste, mhd. quast, ndl. 
kwast „Sprengwedel". 

wek „Lampendocht", ahd. wiohha, mhd. wieche, „gedrehtes 
Garn, Lanipendocht", und. weke, waike, mnd. weke, ndl. wiek 
„Fittig, Lampendocht"; engl. wiek. 

WVlem — Weilern „Wilhelm". 



— 203 — 

wejmödich — wellmödig „mutwillig, übermütig"; zusammen- 
gesetzt aus wel, ndl. wel, and. wela, wola, mnd. wole, wale, 
nhd. wohl und mödich, ostfries. mödig „wagend, kühn". Subst. 
welmot „Uebermut". 

wen „gewinnen". 

werk'ldaeh „Werktag". 

[w£s „Weste", fr. veste, lat. vestis.] 

wib e lschtäts — wibbelstetz „unruhiger, unsteter Mensch". 
Zusammensetzung aus wibel und schtäts „Schwanz". Vb. 
wibbelen „sich rastlos auf und ab-, hin und her bewegen", 
hess. wibbeln, wimmeln, westerw. wiewein, waweln, wibeln, 
mhd. wabelen, webelen, webern zu ahd. weban., hd. wippen. 
Wz. wip, wib. 

wi°rkik (, ns — widderkikes op „auf Wiedersehn", Siehe kike ! 

wl 8 rw§ ö t — widderwQQt „Widerrede". 

wi ö rwel widderwelle „Widerwillen", in Aachen ge- 

wöhnl. wi°rsen. 

wis c ■ wiesse „tünchen"; wiskwas „Tüncherpinsel". 

wini ö - winnih, wannih „wann", nd. wenneer, nind. wan- 
ner, afries. hwan-er, ostfries. wener „wann eher oder früher, 
wann". 

wenk e li ö r winkeler „Krämer", wenk°l „Kramladen", 

von winkel = „Ecke". In derselben Bedeutung findet sich das 
Wort im ostfries., ndl., nd., mnd. ben e wenk e l „Laden im In- 
nern", wenk'ldf/'t'r „Ladenjungfrau",* wenk e l c jöt „für einen La- 
den gut gelegen sein". 

wip „Hebelbock zum Schmieren der Karren", nd.. mnd. 
wippe, ndl. wip, mndl. wippe, engl. whip. Wz. wip. Siehe 
wib e l e ! wiptschtäts „Bachstelze"; vgl. wib e lschtäts ! 

[wetfrou wittfrau „Witwe", wetman — wittmann „Wit- 
wer", zu lat. viduus „des Gatten beraubt".] 

wiks „Tracht Prügel" — „Wichse" zum vb. wikse ..rei- 
ben, glänzend machen, streichen", eig. mit „Wachs bestreichen". 

wi/'i-wi/'t „wahres Wort, guter Ausdruck". 

wouf wolf „Schiebebesen zum Reinigen der Streich- 
liaare, in Köln von Rohren" benannt nach der Form des 
Wolfsgebisses. 

wöl e — wolle „Wollzeug". 

w.V'p, wöpdr „Wamms, Bock, .lackf"; es stellt eine andere 
Bildung zum subst. Wamms dar, das mit wampe, wamme. 



— 204 — 

bayr. wapp „Bauch, Wanst, Schoss" in Beziehung gesetzt 
wird. ndl. wamp, alid. wampa, womba. wumpa; engl, womb 
„Schoss". 

wglb e r — worbel „blaue Heidelbeere, Schwarz- oder Blau- 
beere", vaccinium myrtillus L., westerw. wolber, bayr. walber. 
Nach meiner Ansicht verkürzt aus Waldbeere. Man beachte 
den Wechsel in den Liquiden! 

wesch, wusch — wösch „ein kleines rundes Kissen, das 
auf den Kopf gelegt wird, um Lasten zu tragen". Es scheint, 
dass die Bauern ursprünglich einen Strohwisch oder etwas. 
Aehnliches zwischen Kopf und Korb legten. 

Buchstabe Z. 

tsäb e l e — zabbele „zappeln", mhd. zabelu, alid. zabalon. 
Jungen, lautmalenden Ursprungs. 

[tsab c l — zabel „Säbel", mhd. sabel, sebel. Vgl. fr. sabre. 
ital. sciabla. Man vermutet orientalischen Ursprung.] 

[tsak°rlut — zackerlöt, lat. sacra lotio „heilige Taufe".] 

[tsakr f 'ment „verflucht" ! lat. sacrament.] 

tsäg e l e „auszacken", ndl. takken. ostfries. takken, takjen. 
taktjen, westerwäld. zackein „Kerbe in ein Band machen", 
bayr. auszäckeln. Das verb. gehört zu ma. tak „Zweig". 

[tsaf'rcm — zafferon „Safran", mhd. safrän, fr. safran, 
engl, saifran, ital. zafferano, arab. zäfarän.] 

tsan — zang „Zange", iron. „zänkisches Weib". 

tsank — zant, plur. zäng „Zahn", lat. dens, dentis, griech. 
öooöc, öoovxoc, alid. zan, zand, mhd. zan, zant, ndl. taml, 
got. tunthus. Vgl. A. G. S. 18, 3, e! 

tsäp 1 ' — zappe „zapfen, ausschenken", tsap — zapp m. 
„Bierwirtschaft", ts§p e r „Schenkwirt", tsäp e s „Zuber, der unter 
dem Zapfen des Fasses steht", mhd. zapfe, nhd. zapfe „Zapfen 
bes. zum Ausschank von Bier und Wein", and. zapfo, nordfries. 
täp, ndl. tap, engl, tap, anord. tappe. Es besteht Verwandt- 
schaft mir Zipfel. 

tsoü wc - zaue „eilen", ahd. zawen, mhd. zouwen, md. 
zowen „von statten gehn, eilen, sich sputen"; Wz. tu. ndl. 
touwen, mnl. touwen, nd. tauen, töwwen „machen, bereiten". 
aengl. tawen, tewen „bereiten", engl, taw, ostfries. tauen 
„gerben, Felle oder Leder bereiten", engl, tew „weich schla- 
gen, emsig arbeiten", got. taujan „machen, tun, verrichten". 



— 205 — 

[tsyüs • zaus „Tunke", fr. sauce aus lat. salsus.] 

[tsech zeeg „Kopfkissenüberzug, Zwillich, gestreifte» 
Leinenzeug", ahd. ziahha, mhd. zieche, nhd. zieche „Bettdecke, 
Kissenüberzug", entsprechend ndl. tijk, engl, tick, aus lat.- 
griech. theka, woraus fr. taie.] 

[ts('l'rei — zellerei „Sellerie", fr. celeri. | 

[tsentür — zentür „Gürtel", fr. ceiuture.] 

tserj e „necken, reizen, zanken'*, md. zergen, nd. targen, 
mnd. tergen, ndl., mndl., mfläm. tergen, ags. tirjan, aengl. ter- 
gen, davon fr. tarier, engl, to tarry. Es ist wohl gleich nhd., 
mhd.. zerren, griech. Bepstv. Indogenn. Wz.*dergh. 

tscrschlaj'' — zerschlage „ermattet". 

tsib e l — zibbel „feiger, ängstlicher Mensch" zum vb. zip- 
peln, lautmalende Nachbildung zu zappeln, wovon Zipperlein 
stammt. In Köln heisst zibbel auch „Ende, Fetzen" = nhd. 
„Zipfel", ferner „das männliche Glied", zibbel bedeutet deshalb 
nach Manch soviel wie Schlappschwanz. Vgl. er e m e Zcbedejes! 

[tsent — zi, zint, zinter „heilig" vor Heiligennamen, lat. 
sanctus.] 

tsedV — ziddere „zittern", subst. d e r tsed e r - - zidder „das 
Zittern"; ahd. zittäron, mhd. zittern, zitern, anord. titra. Auf- 
fallend d für unverschobenes hd. t. 

[tsisch 6 — ziesche „Zeisig", mhd. zisec, zise, nd. ziseke. 
sieske, ndl. sijsje. engl, siskin aus dem Slavischen poln. czyz, 
böhm. cizek.] 

tseisich — ziesig si ö (sin): en krankheit zeis. s. „von einer 
Krankheit häufig befallen werden", „empfindlich sein", adj. zum 
vb. mhd. zeisen, ahd. zeisan „zausen, zupfen", nd., mnd.. tiesen. 
teseu „zerren, zausen", aengl. taesen, engl, tease. westerw. 
zieseln „rütteln, schütteln". 

tsi 8 n — zihe „Zehe", bayr. zechen, schwäb. zaichen, ndl. 
teen, ahd. ze-ha, mhd. zehe. Grundform taihön, taihwön. 

[tsifi zing, auch zinn und tinn „Wasserkübel, Bütte", 
nd. tiene od. tyne, mnd. tine, ndl., mndl. tijne, ital. tina, fr. 
tine, lat. tina.] 

[tsütsis — zizies „dünne Bratwurst", fr. saucisse „Brat- 
wurst".] 

tsoch — zog „Aufzug, Durchzug, Zugwind"; öm e op tsoch 
hä ö — om — hau „jmd. nicht leiden mögen". 



— 2.06 — 

tsQlholts — zollholz „Pantoffelholz- oder Korkbaum, 
quercus suber'. - tsQlschtöp - - zollstopf „Pfropfen" aus Kork. 
Zoll scheint = ahd. zol, zolle „Stück, Klumpen, Klotz", nd. 
toi, zu sein; tSQlholts bezeichnet ein Holz, das unförmig- ist, das 
man nicht zu Brettern schneiden kann", oder, wie mhd. zolle 
erklärt wird, „Holz, das man in den Mund stecken kann". 

[tsQt — zQQrt, auch zQQt „Sorte", fra. sorte, ital. sorta 
lat. sors.] 

[tsop 1 ' „tunken", subs. tsQp f. „ein in Brühe eingetunktes 
Stückchen Brot", tSQpch 1 ' n. 1. „eine in Butter oder Sauce ge- 
bratene Weissbrotschnitte", 2. „eine Portion z. B. Kartoffel, 
Rüben". Ndl. soppen, fläm. soppen, engl, to sop „eintunken", 
mhd. supfen „schlürfen". Wz. sup, wozu auch nd„ mnd. süpe, 
süpen, ahd., mhd. süf, nhd. Suppe, dial. tsüp zupp gehört. 
Davon ital. zuppa, fr. soupe. 

[tsQrtiV — zorteere, z^teere „ordnen", vb. zu ital. sorta 
„Art", vb. assortire.] 

tsüb e l m. „guter Schlucker, gute Haut" — zubbel f. 
„schlampiges, nachlässig gekleidetes Frauenzimmer, Fetzen", 
westerwäld. zaubel „Hündin", hess. zaupel, pfälz. zaub, schwäb. 
zaupel „Schaf 1 , „Hure", elsäs. zuwel, „gemeine Hure 11 , bajT. 
zobel „verächtliche Bezeichnung einer Person". 



Ein Stück Aachener Chronik aus dem Ende des 18. 
und Anfang des 19. Jahrhunderts. 

Von .!. GL Key. 

In dem Nachlasse des Im Jahre 1841 verstorbenen Herrn 
Canonicus Adam Schumacher 1 , aus welchem auch das von mir 
in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 2 veröffent- 
lichte Necrologium von St. Adalbert herrührt, befand sich eine 
Anzahl von Aufzeichnungen, die zum gTössten Teile in seinen 
Diarien auf eingeschalteten freien Blättern von ihm selbst 
notiert waren, teils in einem Exemplar von Noppius als Rand- 
bemerkungen oder als Fortführung des Buches eingetragen 
worden sind. Leider ging- ein grosser Teil der Aufzeichnungen 
in den Diarien durch Unverstand verloren, ein anderer Teil 
mehr privater Natur gibt wohl manchen culturhistorisch inte- 
ressanten Einblick in die Verhältnisse der damaligen Zeit, eig- 
net sich aber weniger zur Veröffentlichung an dieser Stelle. 
Im Folgenden gebe ich aber aus den Diarien die Notizen wört- 
lich wieder, welche die Allgemeinheit interessieren, und aus 
den Eintragungen in seinem Noppius diejenigen, welche nach 
Angabe des Herrn Archivars Pick noch unbekannt sind. Die 
im Archiv auch vorhandenen behördlichen Erlasse, Geldwäh- 
rungen und dergleichen bleiben von der Veröffentlichung an 
dieser Stelle ausgeschlossen ; ebenso die auch hier abschriftlich vor- 
handene, von Herrn Dr. Brüning bereits veröffentlichte Chronik 3 . 



') Johann Adam Schumacher, geboren zu Aachen 13. August 1774. 
wurde 28. Februar 1801 Priester, im Jahre 1803, uach dem er kurze X.i t 
in der Seelsorge der Diöeese Lüttich tätig gewesen, canonicus honorarius 
am hiesigen .Minister, 1811 am 10. Mai canonicus capitularis als Nachfolger 
des Herrn Pierre G-anzargues. Er starb am 21. September 1841. 

; ) Zeitschr. d. Aach. Gesch.-Ver. Bd XXIII, 1901. 

s ) W. Brüuiug, Eine bandschriftliche Chronik 1770—1796. Aus 
Aachens Vorzeit Band XL 1898. 



-« 208 — 

Die Aufzeichnungen im Noppius geben dem Herrn Canonicus 
ein ehrendes Zeugnis für seinen grossen Lokalpatriotismus und, 
was für seine Zeit und für die Verhältnisse, in denen er lebte, 
besonders hervorgehoben zu werden verdient, für seinen hohen 
patriotisch deutschen Sinn, der nach seinen Aeusserungen zu 
schliessen, die bessern Kreise der Aachener Bevölkerung all- 
gemein zu beseelen schien. 

Die Aufzeichnungen der Diarien beginnen erst mit dem 
Jahre 1816. Die frühern Jahrgänge waren leider schon ver- 
nichtet, als ich zufällig in die Lage kam, die folgenden vor 
demselben Schicksal zu bewahren. Sie enthalten Angaben über 
Geldausgaben, Geburten, Hochzeiten, Sterbefälle in der Familie 
und deren Begleitumstände; Angaben über Einkäufe von Kunst- 
gegenständen, über deren Herkunft, Reparaturen, Preise und 
dergleichen, endlich alle ihm wichtig erscheinenden Vorgänge 
in der Stadt, besonders mit Bezug auf das Münster und dessen 
Geistlichkeit. 

Der kunstsinnige Herr Canonicus besuchte eifrig die Auc- 
tionen in den Buchhandlungen de Wilde und Cremer, woselbst 
er alle Bücher, Manuscripte, Oelgemälde, Emaillen, Pokale, 
Glasmalereien, Silbergegenstände und dergleichen kaufte, die er 
teils selbst behielt, teils gegen andere Gegenstände bei seinen 
Freunden und Bekannten austauschte. An Büchern brachte er 
im Laufe der Zeit eine grosse Sammlung seltener und hervor- 
ragender Werke zusammen, die nur zum geringeren Teile noch 
in Aachen sind; die meisten derselben wurden teils als ehe- 
maliger Besitz von Klöstern vor etwa 10 Jahren den betreffen- 
den Orden wieder zurückgegeben, teils anderweitig an Lieb- 
haber verschenkt. Ein immerhin ansehnlicher Rest kam 1904 
an die Stadtbibliothek. Die ausserordentlich reichhaltige Glas- 
sammlung, ganze Kisten gebrannten Glases mit Wappen, zahl- 
reiche Pokale, Porcellane und Fa} r ence, die für die Aachener 
Geschichte von grossem Interesse sind, befinden sicli noch in 
Privatbesitz. Eine grosse Sammlung römischer Münzen, meh- 
rere tausend Stück in Silber, Bronce, Kupfer, kaufte er im 
Jahre 1820 an, darunter 149 Silbermünzen von Trajan an- 
fangend bis Constantinus; sie rührten her von einer Familie 
Peltzer. Auch diese Sammlung ist zum grössten Teile noch in 
Aachen. Interessant ist es zu sehen, welche Preise damals für 
dergleichen Dinge bezahlt wurden. Es würde zuweit führen, 
auch diese für die Aachener Chronik nebensächlichen Dinge 



— 209 — 

hier genauer zu registrieren; icli erwähne nur, dass damals 
weniger das hohe Alter als der Kunstwert des Gegenstandes 
für den Preis ausschlaggebend zu sein schien. Aul' die Her- 
kunft der Kunstgegenstände wurde gleichfalls geachtet, wie 
zahlreiche Notizen beweisen, die für die noch vorhandenen 
Handschriften, Oelgeniälde, Silbergeräte und dergleichen von 
besonderem Interesse sind. 

Dass den Herrn Canonieus die Geschichte seiner Vater- 
stadt ganz besonders interessierte, geht aus den Bemerkungen, 
die er in seinem Buche Noppius allenthalben anbrachte, und 
aus der grossen Sammlung von Erlassen und Urkunden hervor, 
die er teils im Original, teils in Abschrift, seinem Buche ein- 
heftete. Ausser zahlreichen bekannten oder doch auch ander- 
wärts vorhandenen Notizen interessieren uns besonders eine 
Notiz zu pag. 22. über die alte Orgel im Münster. 

„Diese Orgel haben die französischen Revolutionär-Banditen 
im Jahre 1795 gestohlen und nach Paris verbracht." 

Eine weitere Bemerkung besagt: „Der Gebrauch in Aachen, 
dass zwischen Ostern und Pfingsten jedes Jahr mir in der 
Taufkapelle der grossen Stiftskirche zu unserer lieben Frauen 
ausschliesslich getauft werden müsse, scheint aus der Verord- 
nung des heiligen Papstes Siricius J am Ende des vierten Jahr- 
hundert herzugehen, welche bestimmte, dass nur um Ostern 
und Pfingsten und in der Zwischenzeit getauft werden sollte". 

An anderer Stelle findet sich folgende Notiz: „Teils über- 
triebene, teils falsche Angaben hatten bei dem Rückzug der 
Franzosen im Jahre 1793 den französischen Nationalkonvent 
bewogen, am 4 Vendemiaire 2. Jahres (25. September 1793) 
durch ein Dekret die Stadt Aachen wegen angeblicher Ver- 
gehungen der Bürgerschaft im Falle der Wiedereroberung der 
Plünderung und den Flammen zu weihen. 

Unter der Präsidentschaft des Max. Robespierre war dieser 
Beschluss erlassen. 

Dr. Joseph Vossen und Nicolaus Cromm reisten am 28. 
September 1794 als städtische Deputierte unter Vorrückung 
des alten Herrn Kreutzer als Trompeter mit der weissen Fahne 
von Posten zu Posten und endlieh nach llerve, wo sie durch 
den Colonel Mariete — beim General Jourdan die Stadt glück- 
lich retteten. (Kaatzer'sches Leseinstitut 1830. pag. 145.)" 



'i Siricius papa 384 — 398. 



— 210 — 

Eingehefteter Originalakt mit Notariatssiege]. 

Im namen Gottes amen 

Kundt im dt zu wißen seye hiemit jedermännigliche, daß 
im jähr nach Christi unseres lieben Herrn und Heilands gnaden- 
reicher geburth siebenzehnhundert und fünfzig den fünfzehnten 
tag monats may vor mir endes unterschriebenen offenbaren no- 
taris und hiernach benenten Zeugen persöhnlich kommen und 
erschienen seyen der Herr Michael Jungbluth, sodan Herr 
Carolus Franciscus Urlichs, beyde hießiger Kaiserlich-Freyer- 
Reichß-Statt Aachen Gerichteren vereydeten procuratores, undt 
zwahren der erster im fünf und vierzigsten, undt aber zweyter 
im ein und vierzigsten jähr ihres hieselbst geführten Vor- 
sprüchs und haben beyde also erscheinende auff requisition 
eines Hoch-Löblichen Magistrats dieser obgemeldter Statt der 
aufrechter Wahrheit zu stewr und ahn Aydesstatt (welchen 
toties quoties vor ihrem competenten richter leiblich außzu- 
schwöhren sich erbiethen undt darüber zu meines Notarij ban- 
den stipulieren thuen) attestiert und bezeugt, waßmaßen es 
ein uhraltes herkommen auch von alters jederzeith observiert 
worden seyn, daß diejenige partheyen, welche beym mündt- 
lichen verhöhr von regierenden Herrn Bürgermeisteren dahin 

condemnirt worden, gestalten die 1 oder anderen jura 

den triumphierenden partheyen, oder deren Dienern zu bezahlen, 
bei ihre renitentz und ohngehorsamb aufm Rathhauß biß zu 
erfolgter Zahlung zu verbleiben angewiesen worden seyen, wel- 
ches von alters her heischte, zwischen die Thüren setzen. 
Dan ehe und bevorn das rathhauß in gegenwärtigen 
Situation ab anno 1727 angebragt worden, haben auf dem nun 
abgebrochenen Gebäw zwey eiserne thüren gestanden, zwischen 
welchen beyden die renitenten hinzugehen angewiesen wurden. 
Pro ratione scientiae erklähren beyde comparenten die zwey 
erwehnte eisernen thüren biß zu obbesagter Zeith der gesche- 
hener renovation und respective änderung hiesigen rathhaußes, 
auch deren unbeschriebenen Gebrauch beständig gesehen zu 
haben, auch solches jeder zeith bis darahn in usu gewesen zu 
seyn. In urkundt der Wahrheit haben beyde Herren compa- 
renten, nachdem obige ihre Deposition von mir notario wahr- 
und deutlich vorgelesen worden, nebst denen ehrsamen sieur 



») fehlt ein Wort. 




— 211 — 

Johannen Geulians undt Frantzen Januarius, Bürgeren dießer 
Statt, allhier zu sonderlich ersuchten Zeugen, undt mir notario 
minutam hujus eigenhändig unterschrieben. So geschehen Aachen 
auff Jahr Monath undt Tag wie oben. 

(Die Minute wäre unterschrieben wie folgt:) 
Michael Jungbluth procurator Magistratus Aquisgranensis manu 
Carl Frantz Urlichs ppa. supra propria 

Johan Geulians alss Zeug 
Frantz Januarius alss Zeug- ac per nie 

quod manu sigilloque notariatus niei propriis 
testor requisitis ego Franciscus Josephus Bücheis 
Caesareus Aquisgrani resideus notarius publicus 

manu propria 1750. 

Geschichte: Welchergesl alt die peinliche Ge- 
richtsbarkeit in der Herrlichkeit Bourcheid voll- 
strecket werde. 

Sobald der Criminalverfolg inrotuliert, wird solcher vom 
Mayer, Statthalter und Schelfen ad universitatem vel impartiales 
pro veto hingesandt. Sumptibus civitatis. Sobald das votum 
oder die relatio eingelaugt, werden die Originalakten durch 
zwei Schelfen von Bourscheid und des Gerichtssekretär dem 
Scheffenstuhl zu Aachen überbracht vi voncordati in hac chro- 
nica lib. 3 Nr. 24 impressi. 

Der Scheffenstuhl erläßt sodann gratis sein Gutachten und 
wird das Urtlieil sub rubrica: in Sachen p. wird dem alten 
Brauch und Herkommen nach durch uns Scheffenmeister und 
Scheiten des Königlichen Stuhls und freien Reichsstadt Aachen 
zu Recht erkannt, etc. und cum actis dem Bourscheider Ge- 
richt verschlossen zugeschicket. Dieses Gericht pfleget sich 
aber (sollte auch dieses Gutachten cum veto aeadeniice vel 
impartialium nicht übereinstimmen) daran nicht besonders zu 
stören, sondern publiziert und vollstrecket die Urtlieil der Uni- 
versität oder eines parteiischen Rechtsgelehrten sub nomine: 
Wir Scheffenmeister und Schelfen der Reichsherrlichkeit Bour- 
scheid etc. 

Bei Herausführung des Inquisiti hat derjenige das Praesi- 
dium, in wessen Geding die excenta geschieht, es sind Mayer 
oder Statthalter, er trägt die Ruthe, und der andere sitzt ihm 



— 212 — 

zur Linken. Reiten sie aber zum Gerichtsplatz, so findet sich 
in protocollis porcetensibus, daß der Vogtmajor zu Aachen dem 
Secretär zu Bourscheid das Pferd stellen müsse. 

Der Aachener Scharfrichter vollstrecket die Strafe und be- 
kommt dafür doppelten Lohn ex ratione: weil er nur zu Aachen, 
nicht aber zu Bourscheid salarieret ist, idque sumptibus com- 
mnnitatis. 

Solcher gestalten ist im Jahre 1785 den 30. Mai Wilhelm 
Nivelstein daselbst mit dem Schwert hingerichtet worden. 

„Die dem Herzog von Brabant jährlichs von der 

Reichsstadt Aachen zahlte 200 Goldgulden rühren 
nicht von einer Obervogtei, sondern von ander Ursachen her, 
wie hier folgt. 

Die Reichsstadt Aachen giebt alljährlichs am Tage Joannis 
Baptistae dem durchleuchtigsten Herzog von Brabant 200 Golt- 
gulden oder deren Wehrt zu etwa dreihundert zwanzig fünf 
Reichsthaler auf Steigerung oder Fall des Wehrts. Der ge- 
meinen Sage nach — soll diese Erb-Renth eine Anerkennung 
der Obervogtei über diese Reichsstadt seyn. 

Diese Meynung ist aber ganz irrig und grundlos, dan sie 
entsteht wirklich daher, daß in älteren Zeiten diese Reichs- 
stadt ingefolg Concordaten dem Herzog von Brabant, auf seinem 
jedesmaligen Angesinnen fünfzig Schützen nach der Festung 
Limburg, Dahlheim oder Herzogenrath auf ihre Kosten zur 
Wacht und Besatzung schicken mußte. Weilen nun dieses all- 
zu schwer und kostbar wäre, so hat Aachen, um davon be- 
freyet zu werden, mehrmals gebeten, welches dann am Ende 
soviel bewirket: daß durch einen Vertrag vom 20. Juuius 1469 
die Stellung deren fünfzig Schützen in eine järliche Erb-renth 
von zwey hundert goltgulden abgeändert und für die Zukunft 
vestgestellt wurde. Brüssel 6. März 1773." 

In einem Heftchen mit der Aufschrift „Curiosa". welches 
meistens Gedenkverse, Chronica, sonstige Notizen über Reisen, 
Persönlichkeiten damaliger Zeit etc. enthält, fand ich folgende 
Notiz gleich auf der ersten Seite: „Als General Dampierre 
durch Wache und Cavallerie die in ihren Kirchen einge- 
schlossenen Achener zur Entsagung ihrer deutschen Constitu- 
tion zwingen wollte, rief einer: „plantez vos canons devant 
T6glise, massacrez nous y, mais jamais vous ne nous forcerez 



— 213 — 

de changer notre vraie Liberte contre une chimaire"; und der 

mit Gewalt gewählte Maire sagte zum General „In Deutsch- 
land nenne man ein solches Verfahren nicht Freiheit, sondern 
Despotie/ 

Melac liess zu Speier die Kaisers-Begräbnisse öffnen, die 
Soldaten kegelten mit ihren Köpfen, unter welchen sich Alberts 
Schädel durch die tiefe Wunde kenntlich machte, die ihm sein 
Mörder schlug. 1793 spoliierten sie die kurfürstliche Gruft. 
warfen die Herzen aus den silbernen Bechern und nahmen 
diese mit sich fort. En Gallorum impietas in defunetos! 

Diarien 

1816 den 8. Julij erhielt Cremer für den Evangelienstuhl 
wiederhergestellt zu haben 487 !!. 30 Pfg. = frs. 1462.67 es. 

1817. Die Kirche zu stauben hat man angefangen. Mon- 
tag den 21. April in der Kuppel, am Donnerstag mit der 
Kuppel fertig; bis Samstag auf dem Hochmünster und der un- 
garischen Kapelle. Montag den 28. April bis Samstag den 
3. Mai die obere Kapelle und St. Nicolauskapclle, die untere 
Kirche mittels des hohen Stuhls gestäubt und geblasen, Montag 
den 5. Mai. 

1817 Montag den 2. Juni hat man angefangen, das Beleg 
der St. Nicolauskapelle im Ganzen zu erneuern und zu ebenen 
und Samstag den 7. Juni nach der Vesper vermittels eines 
Flaschenzugs den Proserpinastein auf sein neu Gestell aufgesetzt. 
Mit dem 28. Juni war die Kapelle, der Umgang bis zum 
Katschhof, die Treppe zum .... 

1817 26. Juli circa medium I2 mae pomeridianae obiit in 
Domino ultimus avunculus mens Josef Bücken ' anno aetatis 
suae 80 mo , sacerdotii 51 mo hodie inchoato. R. i. p. 

1817 l. ma August i circa medium horae 2 da3 pomeridianae 
obiit in Domino R. D. Julianus Moulan - Canonicus capitularis 
anno aetatis 88. 2 da Augusti fiebat mortis annuntiatio per 2 
schwiceros et pedellum super sonitum magnarmn campanarura 



') Bücken, Petrus Franciscus Josephus 0. S. J. (30 Jahre Ordens- 
mitglied, 50 Jahre Priester, wurde T'.i Jahre alt. Kr war ein Bruder des 
Jaeobus Bücken Örd. f. f. Praedicat, in Aachen, Speier und Main/., Prior 
seines Ordens. Dieser starb 19. Januar 1807 im Alter von TT Jahren, 54 
Jahre Priester, 58 Jahre Ordensmitglied. Beides geborene A.acheni r. 

2 ) Moulan G-erardüs Jnlianus, in eollegio Trinitatis Lovanii regi 
aduiis-us est I. tnart. 17T6. Heuseh. Canonici L892. S. 41. 



— 214 — 

uua pausa per quad . . . 1." raane inclioato matutino 2) meri- 
die. 3) vespere hora 6 la . 2 (iH augusti item 4). 5). 6). et quia 
sabatum erat post vesperas officium defunctorum cum 3 noctur- 
nis-pulsatio ut heri et nudiustertio 7). 8). 9). mane 10) ut heri, 
hora qua officium chori, hora 10 m:i 11). asportatio funeris in 
chorum, missa per Vic. Gen. Fonk, extremitates pallae sepul- 
chralis portarunt seniores Can. tit. et comitaverunt currum 
usque ad sepulchrum. 

1817. Aug. l nia huius inchoavimus celebrare anniversaria 
ab anno 1802 hucusque omissa 1 , et tribus perquamcunque heb- 
domadam servandis nempe fer. 2. 3. 6 ta continuamus. 

1817. Heute den 26. November, nachmittags gegen 3 Uhr, 
hatten sich auf dem Kirchhof einbefunden, um die Leichen des 
am 26. Julij jüngst verstorbenen Paters Josef Bücken und jene 
der am 27. August c. verstorbenen Frau Elise Schervier aus 
ihren provisorischen Gräbern ausnehmen und in neuen Familien- 
gewölben allda mit stiller Feyerlichkeit legen zu sehen, Herr 
Gerhard Schervier älterer, Herr Josef Schervier, zwey Söhne 
von Merckelbach, Herr Aegidius Bock und Herr Xaver Scholl, 
ferner ich mit Herrn Dürr und Küster und Herrn Kleusener 
Baumeister. Zuerst habe ich in ornatu cum consensu ordinarii 
die neue Gewölbe 2 benediciert und dann die Leiche des Herrn 
Oheims abgeholt und rechts in Nr. I placiert; gleich darauf 
jene von Frau Schervier abgeholt und unter gewöhnlichen Ge- 
beten links Nr. 1 eingelassen. 

1818 10. Aprilis sind vor dem Osterfeste zum ersten Male 
die von Herrn Carl van Schorel de Wylryck geschenkte haut 
lice 3 eingefasst, aufgehängt und am 19 ten abgenommen und auf- 
gestellt worden. 

') conf. Capitelsbeschluss vom 22. Januar 1817. Münsterarchiv. 

2 ) Es handelt sich hier um die beiden vielleicht ältesten Familien- 
gräber auf dem katholischen Kirchhofe am Adalbertsteinweg. Die beiden 
nebeneinanderliegenden Grüfte, die in der 2 tl " Reihe rechts vom Hauptwege 
an der östlichen Grenze der ersten Friedhofsanlage liegen, werden noch 
ständig von dem Nachkommen benutzt. Sie wurden im Jahre 1817 errich- 
tet und zeigen äusscrlich nur einen, die Treppe zur Gruft abschliessenden 
aufrechten Türrahmen in Blaustein mit eisernen Türen. Im Jahre 1829 
wurde für jede der Grüfte noch eine Coucessionsgebühr von 5 Silbergroschen 
pro Quadratfuss in Summa je 52 Reichsthaler auf von der königlichen Re- 
gierung genehmigten Beschluss des Stadtrates erhoben. 

3 ) Die Capitelsbcschlüsse enthalten hierüber Folgendes : 1818 M r Fonk 
a fait part au chapitrc, que Charles van Schorel de Wylryck prös d'Anvers 



— 215 — 

1818 22. July ad solemnitatem redintegrationis S. S. Reli- 
quiarum prima vice usi sumus in missa antiquo manuscripto 
pro libro evangelii; expositum cnini erat super meosam altaris 
in cornu Epistolae ab initio missae. Leeto evangelio a cele- 
brante Rmo Duo Decano, surapsit D. Monpoint. qua diaconus, 
hoc manuscriptum, portavit illud ad ambonem, deditque mihi, 
qua subdiacono, et cantato Evangelio ex alio libro super pul- 
pituni jacente, reportavi illud ad altare, ubi non textus seil pars 
exterior libri B. V. Mariani representans osculabatur a cele- 
brante solo, et posui illud in cornu Evangelii prope medium 
altaris. 

1818 13 August wurde die silberne Giesskanne 1 und 
Schüssel, welche der Herr Mathaeus Jos. Wildt von Aachen 
von dein Magistrat zum Ehrengeschenk am 25. August 1776 
erhielt, öffentlich verkauft und mir, der ich durch meinen Be- 
auftragten das Mehrste geboten, zugeschlagen. Der Bruder 
Herrmanu Josef hatte sie vom verstorbenen Mathaeus Wildt 
geerbt, und so kamen sie nach dessen Tode zum Verkauf. 

Isis in feste nativitatis (25. Dezember) bekam die Mutter- 
Gottes-Klock einen grossen Riss. 

1819. Die H. Gebr. Schervier 2 , Jecker und L. Merckel- 
bach haben sich das rühmliche Werk unternohmen, so sie an 
der Muttergottesklock glücklich ausgeführet. Nachdem unter 
ihrer Leitung die vorläufigen Anstalten getroffen worden, hat 
Herr Vetter Joseph Schervier, Herr Jecker und auch Herr 
Merckelbach am 22. Jenner 1. am 23 l . 2. am 25'. 8. am 26 l . 
5. am 27 l . 5. am 28 ( . 7 = 28 Löcher fingerdick mit ihrem 
Kabrikmaschinen gebohret und darauf dieselbe von innen und 



sVi;nit |>ivscntr chez lui. lui a döclare" faire don ä l'eglise cathedrale d'Aix 
la chapelle, moy ennant quelques conditions de quatre pieces de tapisseries 
de haute liec . . . 1830. 4. .lanuar. ad li) (lein Herrn von Sehorel, Beschenke! 
der Gobelins ist eine Unterstützung von 500 fr. /u verabreichen, (Gütige 
Mitteilung des Berrn Canonicus E. Viehoff.) 

M eonf. Feierlichkeiten beim Einzug des Mathaeus Josef Wildt. Pri- 
mus der philosophischen Facultäl zu Löven am ■_'.">. Aug. 177t',. Die Geräte 
befinden sieh im Besitze der Geschwister Geuljans, Franzstr. 

-') Söhne des am 2. Juli is-_'(i gestorbenen ehemab'geu Bürgerkapitains 
und Mitgliedes des hohen Rathes der Stadl Aachen Job. Gerb. Schervier, 
der um die Wiederbelebung dir Aachener Kupfcrsehlaegerkunsl sich gr — 
Verdienste erwarb. 



- 216 — 

außen mit Aushauen circa 2 Zoll tief vereiniget, und am 29. 
Jenner vormittags gegen 11 Uhr durch Eintreibung eines eiser- 
nen Keils in das abgeborstene Ende das Stück so kunstreich 
als glücklich ausgenommen, dass es nicht einmal gefallen, son- 
dern durch Beyhülfe des Meisters Trost still in Empfang ge- 
nommen und aus der freien Hand aufs Steiger geleget worden. 
Das Stück kann circa 120 Pfd. gewogen haben; weil ich aber 
die zwischen den Löchern und Barsten stehende Stahle noch 
weggenommen, so wiegt das Stück jetzt noch 107 Pfd., das 
zum Theil gesammelte Mehl und kleine Stückchen circa 30 Pfd. 
Am 30. Jenner Samstag fing Trost durch Gesellen an gleich 
zu hauen, und dieses Hauen dauerte bis 4. Februar. Am 4 ten 
Februar wurde der Klüppel ausgenommen, am 5 ten Februar die 
Klock gehoben, hinten vormittags und vorn nachmittags, und 
6 {en Februar. 

1819, 7. Mertz, am 2 ,e " Sonntag in der Fasten wurde nach 
der Benediction zuerst wieder mit der Mutter Gottesklock zum 
Angelus Dei geklippet, und von Zeit damit fortgefahren, und 
um selbe auch wieder einmal läuten zu hören, hat man den 
Sonntag Laetare gewählet, und sodann Samstag abends den 
20. Mertz um 7 Uhr, zu welcher Zeit gewöhnlich durch die 
Karlsklock der folgende Feyertag angekündiget wird, jetzt den 
4 ,en Sonntag in der Fasten still feyerlich kund gemacht. So 
haben die vielen Ursachen, sich an dem besagten Sonntag herz- 
lich zu freuen, sich um eine wieder vermehret. Gott bewahre 
die liebe Klock. 

An den folgenden Samstagen hat man auch mit der Mutter 
Gottesklock läuten müssen, weil das Holzenwerk faul war und 
reparirt wurde. 

1819, am 3. Juni wurde mit 2 Flaschenzügen die halbe 
Wolfsthür niedergelegt; die folgende Nacht musste sie offen- 
bleiben, wurde daher von Meister Pletz und drei Knechten 
bewacht, welche morgens von der Kirche 5 frs als Belohnung 
erhielten. 

1819, 20. Aug. starb Hr. Dominicus Zimmermann, Canonicus 
und Oberpfarrer daselbst an der Pfarrkirche zu St. Foillan. 
Post summum sacrum congregatum Capitulum statuit: quod 
statim sit mors annuntianda per duos suiceros et pedellum — 
meridie Campana B. M. V. cum aliis pulsanda, unica pausa, 
sie vespere hora 7 ma . 



217 — 

21. Aug. sabb. nianc hora 7 ma , meridie et posl vesperas 
et completam, quae horae 2 da recitabantur, dum i'imus appor- 
tabatur ad chorum, et hoc in choro posito recitabatur inte- 
grum officium defunetorum ardentibus 20 candelis circa funus 
et omnibus super altare majus numero 16 et 4 prius posita 
super sepulclirum. Finito hoc officio cantabatur absolutio per 
Dominum Vicarium Generalem Klinkenberg in Cappa nigra 
assistente Domino Dürr. Dein ducebatur funus ad coemeterium 
pulsantibus campanis majoribus et cantabantur Miserere et De 
profundis, nee Canonici nee alii gradiebantur ad latera funeris 
— sequebantur parochiani plurimi — pastores praecedebant 
cum cruce. 

22. Aug. Vespere hora 7 ma per pulsum campanarum 
majorum indicebantur exequiae crastinae. 

23. Aug. fer. 2 da hora 9 ma recitabantur prima et tertia, 
cantabatur missa chori, dein absolvabantur reliquae minores; 
pulsabantur iteruin campanae majores et missa solemnis exe- 
quiarum celebrabatur per R. D. Vicar. general. Klinkenberg, 
ministrantibus D. D. Canonicis Monpoint et Ruland 1 . In flne 
absolutio. 

1819, den 9 l<n September hat Hr. Gen.-Vic. Klinkenberg 
tractieret, wobei zugegen waren: Hr. Klinkenberg Gen.-Vic; 
Hr. Fonk Gen.-vic; Hr. v. Reimann president; Hr. v. Brüggen; 
Hr. Monpoint can.; Hr. Ruland can.; Hr. Schuhmacher can.; Hr. 
Heuschen, Consistorialrath, Hr. v. Hartmanni can.; Hr. Finken 
can.; Hr. Splinter Oeconom des Seminariums, Hr. Breuer Vetter 
von Hr. Klinkenberg. 

Die Knechte von Hr. von Brüggen und Hr. Fonk bedien- 
ten den Tisch. Um drei Uhr ging man zu Tisch und um 6 Uhr 
nach Hause. 10 Wachslichter standen auf dem Tisch. (Dabei 
Zeichnung der einzelnen Sitze und der Stellen, wo die Kerzen 
gestanden.) 

1819, 19. 8 1,,is , fer. 3, circa horam nonam R,. D. Corneli, 
qui hueusque per Septennium Pastor erat ad s. Crucem, sumpsit 



') Ruland Johannes Conradus Leonh ardus, professus in or- 
dine Canonieorum regularium sanetae crucis ibidem 1763, et ejusdem Cano- 
niae Prior ab anno 1786, ecclesiae cathedratis Aquisgranensis ab erectione 
Canoniens capitularis, examinator synodalis poenitentiarius indefessus, et 
censor librorum severus, aetatis 78, sacerdotii 54; canonicatus 20 obiit anno 
1822. 28. August. (.Totenzettel.) 



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ut neoparochus Primarius possessionem Parochiae cathedralis ad 
s. Foilanum, finita hac ceremonia celebravit summum sacruin, 
quod duravit usque ad medium horae duodecimae gratulationi- 
bus acceptis dedit coenam. 

1819, 26. 8 bris , fer. 3, circa horam tertiam R. D. Lingens 
qui huiusque Ecclesiae s. Crucis adscriptus fuit, sumpsit qua 
Pastor dictae ecclesiae possessionem. 

1819, 11. November in festo s. Martini obiit. in Domino 
vespere, liora 7. D. Martinus Kettenus vicarius ecclesiae cathe- 
dralis. R. i. p. 

12. Nov. mane hora quinta exposuit sacristiae servus pro- 
prio instinctu quatuor cereos albos super candelabra cuprea 
inter altare minus et sacristiam versus scamnum communican- 
tium. Post medium horae cerei amovebantur et inchoante ma- 
tutino iterum exponebantur, hora autem undecima mutabantur 
cerei albi contra cereos paleos a familia defuncti missos. Hora 
12 ma prima anuntiatio obitus per pulsum campanarnm 3 mino- 
rum, unica pausa; hora 6 ta vespertina ejusdem diei 2 da anun- 
tiatio per pulsum campanarum. 

Sabbati 13. Nov. post officium matutinum circa horam 
7 mam 3 ,ia anuntiatio — post completorium apportabatur funus 
comitantibus dominis vicariis, vieariolis cum cruce argenteä 
secundaria et suicero, ac domino Fincken in cappa nigra offici- 
ante, funus ab Alexianis portatum ponebatur cum Bahr super 
2 mensas nigras. Super altare 6 cerei palei super candelabra 
cuprea et 2 super ejusmodi candelabra ante imaginem B. M. V., 
omnes a familia missi. In apportatione funeris 4 ta anuntiatio 
et in deportatione, 5 ta anuntiatio per pulsum campanarum prae- 
sente — lienere statim recitabatur officium defunctorum ritu 
siniplici, officiante domino Fincken, quo finito fiebat absolutio 
per eundem. et sie ineipiebat conduetus penes quem omnes 
canonici in choro praesentes, ibant ad portara lupi usque et 
procedente conduetu revertebantur canonici ad capellam vestia- 
riam et statim domum. 

DomiDica 14. Nov. Dedicatio omnium ecclesiarum, officium 
pontificale per dominum Monpoint loco D. Decani. 

15. Nov. medio nonae missa exequiarum per D. Fincken 
ministrantibns dominis Windtmeulen et Leuchter et assistente 
domino Cremer, Super altare erant cerei palei iidem, qui die 



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depositionis circa tombam cum uno scamno uti pro anniversario 
de Harscamp, octo cerei ex die depositionis omnibus finitis fa- 
milia reclamavit et recepit cereos quatuordecim. 

1819 d. 15. X brIh fer. 4 obiit in I)"° circa horam 10. ves- 
pertinam R. D. Joh. Franciacus LaHaye 1 Pastor ad S. Petrum 
aquisgr. fer. 6. d. 17. X brla circa horam 3'*"" postmeridiem 
officium defunctorum, expositio funeris. Sabb. D. 18. X bris hora 
9 na missa exsequiaruni officiante R. R. D. Vic. Gen. Fonk post 
missam conductus ad coemeterium. R. i. p. 

1820, d. 20. Januar habe ich Hm. Coopman zu mir kom- 
men laßen und von ihm begehret, er möge bey Hrn. Ober- 
Bürgermeister von Guaita und Stadt-Baumeister Leydel die 
Erlaubnis nachsuchen, die Thüre des Kapellchen 2 , welches vor 
St. Leonardskloster gestanden, aus dem Graß 3 für die Kathe- 
dralkirche wegnehmen zu lassen, welche ich auch am 27. Ja- 
nuar durch ihn bekommen habe, worauf ich am nämlichen 
Tage durch den Schlossermeister Trost die Thüre habe ab- 
holen laßen. 

Am 2 Mai hat man das alte Gegitter aus der untern 
Treppen-Fenster auf St. Michaeliskapelle ausgenommen und so- 
dann das Loch breiter gehauen. 

1820. Hr. Van der Bank 4 , bis dahin Pastor zu St. Adal- 
bert, wurde heute morgens Dienstag den 8. Febr. 1820 zu st. 
Peter als Hauptpastor eingeführet. 

9" a huius obiit in Dno Dnus de Brunell, sacerdos adscrip- 
tus ecclesiae s. Petri, Aquisgrani circa horam 1 1 mam noctis 
anno aetatis suae 40 mo et sepultus est 12 ,ua huius. R. i. p. 

Hr. Houben 5 Pastor zu Richterich wurde heute nach- 
mittag gegen 3 J / 2 Uhr als Pastor zu st. Adalbert eingeführet. 
(17. Febr.). 

') Johann Franz Xavier Lahaye, Mitglied des Kreuzherren- 
ordens wurde nach Aufhebung des Klosters der erste Pfarrer in seiner ehe- 
maligen Ordenskirche. Im Jahre 1812 wurde er Pfarrer an St. Peter. Er 
wirkte 8 Jahre als Pfarrer an St. Kreutz und 7 Jahre an St. Peter. 
(Totenzcttel.) 

2 ) Qu ix, Histor.-topogr Beschr. der Stadt Aachen, 1829, pag. 60. 

') Grashaus, jetziges Archivgebäude am Fischmarkt. 

*) Aachens Vorzeit Bd. II pag. 53. Stephan Lambert Vonderbank 0. S. 
Fr. wurde 1812 Pfarrer von St. Adalbert. 

5 ) (Creutzer, St. Adalbert.) Joseph Buberl Bouben 0. S. Dom. gebür- 
tig aus Geilenkirchen starb als Pfarrer an St. Adalbert im Jahre 1834. 



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1820. 8. April, sabbati post summum sacrum possessionem 
sumpserunt domini Corneli et. Job. Hüsgen qua canonici liono- 
rarii ad vesperas inchoavit dominus Hüsgen qua heb- 

domadarius. 

1820, 10. Juli habe ich bei Descornaix einen Fnßteppich 
zum Mutter Gottes Altar für frs. 493,50 gekaufet, dieselbe noch 
mit einer Borde umsetzen und am 15. Aug. zuerst auslegen 
lassen. 

1820, d. 13. July habe ich die Wölfin an der Wolfsthür 
mit 1 Flascheuzug abgenommen, und bey G. Trost mit einer 
Stosskarre fahren, und durch 4 Mann bis ins Vorhaus tragen 
lassen. Der Kupfergießer Peiper will die zwei vordere Beine 
hohl beygießen und schätzt, daß selbe 15 ad 18 &> wiegen 
würden. Das £6 Kupfer gegossen und fertig zum Ansetzen 
geliefert soll kosten frs. 2. Münzschrot habe ich dazu gegeben 
12 & (Das Gewicht der Füße hat sich beioffen 33 »/> #)• 

1820, d. 10. Aug. wurde die Wölfin nachmittags gegen 
2'/;> Uhr durch einen Flaschenzug aufgesetzet und Artischok 
abgenommen. Die Wölfin wiegt 259 *tt; die Artischok wiegt 
621 <£. 

1820, den 11. Nov. zwischen 8 ad 9 Uhr wieder aufge- 
setzet. Diese Machine hat 128 Zappen an. 

1820, den 10. Juli an St. Paul Kirchweihmonat, an wel- 
chem Tag vorig Jahr madame v. Guaita ' gestorben ist, habe 
ich bey Decornaix von den v. Guaitas öffentlich versteigerten 
Meubeln gekaufet. — 

15. Juli habe ich 12 preussische Thaler an Hrn. Schütz 
bezahlt für ein Kistchen Römermünzen, Kupfer, Silber, Metalle, 
welche von Erben Peltzer herkommen und den Verkauf gut- 
halten. 

1820, d. 14. Juli und f