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Full text of "Beitrag zur Kenntnis der Vogelwelt Islands"



V 



^ 




^ 



1869 
THE LIBRARY 



X 



Beitrag zur Kenntnis 



der 



Vogelwelt Islands 



Vun 



Bernhard Hantzsch 



Mit 26 Abbildungen und 1 Karte 




Berlin 

Verlag von R. Friedläader & Sohn 
1905 



Druck von A. Hopfer in Burg b. M. 



THZ PAGES IN THIS VOLUXE .^.AV£ • .: 

SEEN INTERLEAVED WITH AN ACID ;: 

FF.ZE PAPER 70 PERy. IT 3 IN' DING i 

A.':3 70 REDüCE FURTHER DETERl- j- 
ORATIGN. 



Vorwort. 

Die ncicbsteheude Arbeit hut den Zweck, das Interesse an der Vogelwelt 
Islands bei Ornithologen und Reisenden zu fördern. Sie faßt in kritischer 
Weise die wertvollere Literatur, die brieflichen und mündlichen Angaben 
zuverlässiger Isländer, sowie die Ergebnisse eigener Untersuchungen zusammen. 
Auf absolute Vollständigkeit erhebt sie keinen Anspruch. Zur Zeit sind 
unsere Kenntnisse über die Vögel des behandelten Gebietes noch so lückenhaft, 
daß es unzweckmäßig wäre, eine abschließende Arbeit liefern zu wollen. 
Das geringe vorhandene Balgmaterial ist in Privatsammlungen und ötfentlichen 
Museen zerstreut, die Literatur bei Erwähnung ähnlicher Arten und Formen, 
sowie der Eier gewisser Vögel, teilweise nur mit Vorsicht verwendbar, die 
Insel selbst aber ein schwierig zu bereisendes Land von fast 105000 qkm, 
das noch jahrelanger ornithologischer Untersuchung bedarf, um in dieser 
Beziehung als einigermaßen erforscht zu gelten. Trotzdem halte ich eine 
vorläutige übersichtliche Behandlung des Stoffes für nötig, da außer der 
kurzgefaßten in englischer Sprache veröffentlichten Arbeit H. H. Slaters, die 
seither nicht unbeträchtlich überholt ist, keine solche aus neuerer Zeit vorliegt. 

Die nachstehende Schrift zerfällt in einen allgemeinen und einen 
besonderen Teil. Der erstere hat den Zweck, den zweiten zu entlasten und 
übersichtlicher zu gestalten. Auch soll er dem Leser, der mit isländischen 
Verhältnissen unbekannt ist, die Möglichkeit verschaffen, sich anschauliche 
Vorstellungen biologischen Zusammenlebens der isländischen Vögel zu bilden. 
Der geschichtliche Überblick wird in ausführlicher Weise gegeben, weil im 
bes(»ndei-en Teile der Arbeit, mit Ausnalirao vereinzelter Fälle, die ältere 
Literatur unberücksichtigt bleiben soll. 

In den angewendeten wissenschaftlichen Namen folge ich den üblichen 
Regeln für die zoologische Nomenklatur überhaupt (Journal für Ornithologie 
1891, S. :')15— 329). Bei zahlreichen Vogelarten machte sich eine Hervor- 
hebung der für Island festgestellten Subspezies unbedingt nötig, zumal unsere 
Insel an der Grenze des paläarktischen. nearktischen und arktischen Fauneu- 
gebietes liegt. In solclien Fällen wählte ich trinäre Namen, mit denen ich 
im Ansclilusse an Hartert (Die Vögel der paläarktischen Fauna, S. VI, 1903) u. a. 
die örtlich verschiedenen Rassen ein und derselben Spezies bezeichnen will. 
Diese trinäre Benennung unterblieb bei x\rten. von denen zunächst feststehende 

I* 



jy Vorwort. 

geographisclic Formen unbekannt oder noch ungenügend charakterisiert sind, 
in einigen Fällen auch bei seltneren Gästen, wie Cerc/mm tinnnucida (L.) 
und Asu) otiis (L.), die nur in Island weitentfernten Gebieten geographische 
Vertreter besitzen. Die angewendete Nomenklatur bezweckt möglichste 
Deutlichkeit, ist sich aber gewisser Mängel wohl ))ewußt. In der Auf- 
einanderfolge der Spezies schließe ich mich Schalow in seinen Vögeln der 
Arktis, 1904, an. 

Die bei Besprechung der einzelnen Vogelarten angeführten Maße beziehen 
sich nur auf isländische Exemplare. Gewicht. Gesamtlänge und Flugbreite 
gebe ich bloß in solchen Fällen an, wo ich selbst Messungen von Vögeln 
im Fleische vornehmen konnte, ebenso die Färbung der Iris, des Schnabels, 
der Füße und sonstiger nackter Körperteile. Die Länge der Flügel habe 
ich bei kleineu Arten mit dem Zirkel, bei größeren mit dem Stabmaße, 
doch immer geradlinig vom äußersten Rande des Flügelbuges bis zur Spitze 
der letzten Handschwinge genommen, beim Schwänze die ganze Länge der 
größten Federn, indem ich ihn im ünterrücken aufwärts bog, was besonders 
beim Vogel im Fleische eine genaue Messung zuläßt. Als Länge der Tarsen 
bezeichne ich in üblicher Weise den Abstand zwischen der unteren Fersen- 
gelenk Vertiefung und dem Rande des obersten Laufschildes, als Schnabelläuge 
die Entfernung vom Beginne der hornigen Schnabeldecke des Oberkiefers 
bis zur Spitze desselben, alles mit dem Zirkel gemessen. 

Den zahlreichen Oruithologeu, die mich bei Abfassung der Arbeit durch 
Auskünfte freundlichst unterstützten, insonderheit den Herren Kreisarzt 
p. Jönsson auf Heimaey (Vestmannaeyjar), Faktor P. Nielsen in Eyrarbakki 
(Island), Professor Dr. A. Newton in Cambridge, Dr. med. 0. Ottoßon in 
Lenhofda (Scliweden), Vizepräsident der Deutschen Oruithologischen Gesellschaft 
H. Schalow in Berlin, Vizeinspektor mng. scient. H. Winge in Kopenhagen 
und anderen, deren Namen im zweiten Teile angeführt werden, spreche ich 
nochmals meinen verbindlichsten Dank aus, desgleichen auch den Herren 
Major Baumaun und Maler Alf Bachmann in München für Überlassung einer 
Anzahl isländischer Photographien, Herrn stud. mag. Jon Ofeigsson aus Island 
(z. Z. in Kopenhagen) für sprachliche Angaben und Herrn W. Baer. Assistent 
an der Kgl. Forstakademie Tharandt, für die Untersuchung des Inhaltes 
einiger von mir mitgebrachter isländischer Vogelmagen. Meinen nochmaligen 
Dank auch allen Isländern, die mir bei meinem Aufenthalte auf ihrer Insel 
behilflich waren, besonders den Herren Konsul Thomsen und Kaufmann 
Björn Kristjänsson in Reykjavik, Kaufmann Möller in Hjalteyri, Bauer Einar 
Fridreksson in Reykjalid (Myvatn) und Pastor Matthias Eggertsson auf Grimsey! 

Dresden-Planen, April 1905. 

Bernhard Hantzsch. 



Inhalt. 

I. Allgemeiner Teil. 

Seite 

1. Geschichtlicher Überblick 1 

2. Übersicht der wichtigsten Literatur 24 

3. Bericht über meiue eigene isländische Reise. — Isländisches Vogel- 

schutzgesetz 20 

4. Die Landschaftsformeu Islands mit Hervorhebung ihrer Charaktervögel 32 

5. Wandlungen innerhalb der Vogelwelt Islands in geschichtlich bekannter 

Zeit 73 

6. Zugverhältuisse isländischer Vögel 79 

7. Bedeutung- der Vogelwelt Islands für die Bewohner. — Gezähmte Vögel 85 

II. Besonderer Teil. 

Verzeichnis der für Island festgestellten Vogelarteu 92 

Besprechung derselben • 95 

Anhang: Isländische Aussprachregeln 334 

Sachregister 337 



Verzeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Figur 1. Hjalteyri 28 

,, 2. Reykjalid am Mfvatn 29 

„ 3. P. Nielsen am Neste von Megalestris skna 31 

„ 4. Grashindschaft bei Hjalteyri 33 

„ 5. Lavafeld beim M;fvatn 40 

„ 6. Schwefelberge beim M^vatn 41 

„ 7. Nordwestisländische Steilküste 44 

„8. ., ,, 45 

.. 9. „ Küste 46 

.10. „ 47 

„ 11. Hölasandr nördlich vom Myvatn 49 

,, 12. Wasserfall im Skjälfandafljdt '. 51 

„ 13. Gullfoss in der Hvitc'i 52 

,, 14. Slutnes im Myvatn 54 

,,15. •• „ „ 55 

,, 16. Strand bei Ebbe (Reykjavik) 61 

„ 17. Südwestlicher Strand auf Grimsey 64 

„ 18. Blick auf die Nordspitze von Grimsey 65 

,, 19. Oberster Teil eines Vogelberges auf Grimsey 67 

,, 20. Brutplatz von Alle alle auf Grimsey 126 

,. 21. Nest von Megalestris skna 128 

,, 22. Dunenjunge von Megaledris skna im Neste 129 

,, 23. Kolonie von Rissa rissa im Pati-eksfjördr 137 

,. 24. Nest von Lants mai-hius 140 

,. 25. Hafsülastapa und gegenüberliegender Teil von Grimsey . . 162 

,. 26. Kolonie von Somateria niollisshna in Südwestisland .... 200 



Übersichtskarte von Island 335 



Allgemeiner Teil. 
1. Geschichtlicher Überblick. 

Während die Inselu tropischer Meere vornehmlich durch die Üppigkeit 
ihrer Vegetation zur Besiedelung locken, ist es in nordischen Gebieten der 
Reichtum der Tierwelt, der einen Aufenthalt daselbst wünschenswert oder 
sogar überhaupt erst möglich macht. Besonders die Menge der Fische und 
Seevögel war es, die auch in Island den ersten Ansiedlern die wichtigste 
Garantie zur Existenzmöglichkeit bot. Die norwegischen Wikinger, die in 
der Mitte des 9. Jahrhunderts die Insel zu ihrem Wohnsitze wählten, waren 
zwar in der Heimat mehr auf die Tiere des Waldes angewiesen, wußten 
jedoch bei ihren häufigen Seefahrten auch die Geschöpfe des Meeres zu 
benutzen. Die zahlreicheren und größeren Vogelarten kannten sie selbst 
dem richtigen Namen nach recht wohl, wenn freilich die Beobachtungen 
über deren Lebensweise durch heidnischen Aberglauben arg verunstaltet 
wurden. Bekannt ist, daß man verschiedenen Vögeln nicht nur menschlichen 
Verstand und menschliche Gefühle beilegte, sondern sogar glaubte, sie 
befänden sich im Besitze übernatürlicher geistiger Kräfte. Von jenem aben- 
teuerlustigen Normannen Flöki Vilgerdarson, der Island den Namen 
gegeben haben soll, erzählt z. B. das altisländische Landnämabök ^), daß er 
mit Hilfe wegekundiger Raben die freilich schon vor ihm entdeckte Insel 
auffand. Dieser „große Seeräuber" aus Rogaland veranstaltete vor seiner 
Abreise ein Opferfest und „heiligte" dabei drei Raben, indem er sie durch 
zauberische Mittel zu befiihigen suchte, ihm den Weg zu weisen. Flöki fuhr 
nun — ums Jahr 8G5 — zunächst nach den Färöern und von da aus im 
Vertrauen auf die heiligen Odinsvögel weiter in das unbekannte Meer. Als 
er den ersten Raben fliegen ließ, kehrte dieser, so wird erzählt, gleich wieder 
um; der zweite schwang sich zwar ein Stück in die Luft, kam aber eben- 
falls bald zurück; der dritte jedoch flog richtig nach der Seite hin ab, wo 
die Seefahrer endlich das gesuchte Land auffanden. — Manche der norwegischen 
Edeln konnte freilich auch der Überfluß der fernen Insel an Fischen, See- 
hunden, Vögeln und Vogeleiern nicht verlocken, die Heimat zu verlassen, 



1) J. C. Poestion, Island, S. 283, Wieu 1885. 
Hantzsch, Vogelwelt Islands. 



2 Geschichtliches. 

selbst wenn sie hier geächtet und verfolgt wurden. „Nach diesem Fischer- 
platze fahre ich nicht in meinen alten Tagen," sprach Ketill Flatnefr, als 
seine Söline ihm zuredeten, nach Island auszuwandern, um den Nachstellungen 
des Königs Haraldr Härfagri zu entgehen.') 

l'iine Menge interessanter Mitteilungen über das Verständnis, welches 
diese Germanen den Vögeln entgegenbrachten, geben die ältere oder Lieder- 
Edda, die fälschlicherweise dem gelehrten Isländer S»mund Sigfusson 
(f 1133) zugeschrieben wird, und die jüngere oder Prosa-Edda des isländischen 
Geschichtsschreibers Snorri Sturlason (f 1241)-). Besonders Adler und 
Raben werden darin oft genannt, ferner noch Geier, Habichte, Krähen, 
Schwäne, Möven und von Hausvögeln Hühner und Gänse. 

Einige Beispiele mögen folgen! So heißt es in der Wöltispa (Strophe 59) von 
dem Zustande nach der (TÖtterdämmerung: 

„Aufsteigen seh' ich zum andern Male 
Aus der Flut die Erde in frischem Grün; 
IJber schäumenden fällen schwebt der Adler, 
Fische fängt er an felsiger Wand." (Gering.) 

Im (irimnismöl wird erzählt (Str. 10): 

,,Leicht kenntlich ist allen, die zu Odin kommen. 
Des Herrschers hoher Saal: 
Ein Wolf hängt westlich vom Tore, 

Drüber schwebt oben ein Aar." (Gering.) 

Nach altisländischem Volksglauben muß man, um die Sprache der Vögel ver- 
stehen zu können, einem lebenden Raben das Herz ausreißen und es unter die Zunge 
legen. Dieselbe Wirkung hat die Zunge des Steinfalken (Gering, 1. c, S. 207). Die 
Meinung, daß auch der Genuß eines Drachenherzens zum Verständnis der Vogelsprache 
verhelfe, kennzeichnet das Lied von Fal'uir (Fäfnismöl). Nachdem Sigurd nämlich, 
diesen Drachen getötet hatte, briet er dessen Herz am Spieße, und als er nun meinte^ 
daß es gar wäre und das Blut aus dem Herzen zu schäumen anfing, faßte er mit dem 
Finger daran. Er verbrannte sich aber und steckte den Finger in den Mund. Als 
hierdurch Fafnirs Herzblut auf seine Zunge kam, verstand er plötzlich die V^ogelsprache. 
Er hörte, was die Meisen im Gebüsche zwitscherten. 

Die Raben sind meist als solche Vögel bezeichnet, die nach dem Kampfe sich 
von dem Fleische der Gefallenen sättigen. Zur Freude der Raben will mancher Held 
kämpfen, was eben bedeutet, seine Feinde erschlagen. Auch ist der schwarze Rabe 
ein Unglücksvogel, dessen Gekrächz Trauer verkündigt: 

„Gesunken war Sigurd südlich am Rhein, 
Von hoher Heister schrie heiser ein Rabe." 

(Simrock, Brynhildarkwida 4). 
Freilich hatten die alten Germanen auch wohl erkannt, welch' kluge Tiere die 
Raben sind, ja nicht mit Unrecht hielten sie diese für die klügsten von allen Vögeln 
und machten sie zu den allwissenden Dienern Odins. Auf den Schultern dieses hohen 
Gottes sitzen die Raben Hugin und Munin, „die sagen ihm ins Ohr alle Zeitungen, 
die sie hören und sehen. Er sendet sie morgens aus, alle Welten zu umfliegen, und 
mittags kehren sie zurück. Die Menschen nennen ihn deshalb Rabengott." 

Krähen, Geier und Habichte waren als aasfressende Vögel berüchtigt, ihr 
Fleisch aber diente als Zauberspeise. In der Brynhildarkwida (Str. 4) heißt es von 
den Meuchelmördern Sigurds: 



1) J. C. Poestion, 1. c, S. 288. 

*) Die Edda, übersetzt und erläutert von Hugo Gering, Leipzig und Wien 1894. 
Karl Simrock, Stuttgart 1878. 



Geschichtliches. 3 

„Sie brieten Wolfsfloisch, den Wurm zerschnitten sie, 

Gaben dem Guthorn Geier Heisch 

Ehe sie mochten, die Mordgierigen, 

An den hehren Helden die Hände legen." 
Weiter wird in der jüngeren Edda schon berichtet, daß man die „Falken warf" 
und mit ihrer Hilfe das Weidwerk übte. 

Auch der Singschwan war den alten Isländern ein beachtenswerter Vogel, der 
oft erwähnt wird. „In Urds Brunnen nähren sich zwei Vögel, die Schwäne heißen". — 
Der Ase Niördr, der Skadi, die Tochter des Eiesen Thiassi, zur Frau hatte, wollte gern 
am IVIeeresstrande wohnen, sie aber auf- den Felsen in Thrymheim, der Burg ihres 
Vaters. Da Niördr von den Bergen nach dem Strande Noatun zurückkam, sang er: 

„Leid sind mir die Berge, nicht lange war ich dort, 

Nur neun Nächte. 

Der Wölfe Heulen däuchte mich widrig 

Gegen der Schwäne Singen." 
Aber Skadi entgegnete: 

„Nicht schlafen könnt' ich am Ufer der See 

Von der Vögel Lärm; 

Da weckte mich vom Wasser kommend 

Jeden Morgen die Möve.*' — (Simrock.) 

Die Gänse werden öfters als Hausvögel genannt, besonders berühmt aber ist 
der Hahn mit seinem Krähen. 

„Da saß am Hügel und schlug die Harfe 

Der Riesin Hüter, der heitre Egdir. 

Vor ihm sang im Vogelwalde 

Der hochrote Hahn, geheißen Fialar." 

,,Den Göttern gellend sang Gulliukambi, 

Weckte die Helden beim Heervater, 

Unter der Erde singt ein andrer, 

Der schwarzrote Hahn in den Sälen Hels." 

(Simrock, Wöluspa 34, 35.) 

Diese Beispiele zeigen zur Genüge, wie der Alt-Isländer, beziehentlich 
der Nordgermane überhaupt, in seiner Naturkeuutnis jenen kindlichen Stand- 
punkt einnahm, auf dem sich heutzutage noch unsere Kinder befinden, wenn 
sie mit größtem Vergnügen die oft ungereimtesten Tierfabeln anhören. 

Außer den erwähnten Vögeln nennt Benedikt GröndaF) noch eine 
gToße Menge andere, die in den alt-isländischen Gedichten genannt sind. 
Da es nicht uninteressant ist, diese Namen, von denen etwa 50 fast unver- 
ändert noch heute in Island gebraucht werden, mit den im II. Teile dieser 
Arbeit angeführten zu vergleichen, lasse ich sie folgen, zumal das isländische 
Schriftchen kaum irn Buchhandel zu haben sein dürfte. Die Vösel heißen: 



Gammr, gripr, gauk)7J6rr, j Ödinshani, älka, 



gaukr, sviplekja, 
grägäs, heim gas, 
gagl ok helsingr; 
geirl'ugl, geitüngr, 
gleda, dodr, kvisa, 
ari, nagr, arta, 
älpt, mär ok haukr. 



önd, hrossagaukr, 

hramn, hsens, himbrin, 

iiryggjarstykki; 

heri, hani, hsena, 

ok hilduri, 

üfr, valr, smyrill, 

ugla, skurfir. 



Svörr, storkr, süla, 
svarr, skadi, spai'rhaukr, 
stelkr, spörr, svala, 
steindelfr, spiki, 
sküfr, spöi, s;edingr, 
skarfr ok svartbakr, 
skeglingr, skidi, 
skjöldüngr, päi. 



^) Islenzkt fuglatal, Reykjavik 1895. 



Geschichtliches. 



Kam, igda, kjalarfugl. 
kräka, di'ifa, 
iTÖstr, pidurr, periia. 
J^eisti, (liinnu: 
trana, tjaldr, titlinf(r, 
tyrcliliiii'ili, 
löiur, Ijevirki 
ok leitrblaka. 

Jjängve, liindi, 
loa, fjölmödi, 
lyiing, löjra'll, 



frigfrjarelda, 
riiidiljnari, liri, 
rjüpa, fjailrota, 
jarpi, ertla, 
ok jadrakarn. 

Akri, dodka, 
eedr ok najtingr, 
kreppint/r, flödskitr, 
kjarfilki, sptetr, 
meisingr, j^fiiigr, 
rayrisnipa, 



ritr, hajngivakr, 
rivaiiskintia. 

Hrökr, g.jödr, liegri, 
ok haftyrdill, 
brandgäs, hrotgäs, 
briraorri, mär, 
sendiingr, skr^'tingr, 
siifefugl, skäri, 
vakr, valr, di'ifa. 
vallol'r. sturi.') 



Diese sogenannte „eddisdie Nonjenkhitur" ist eine auf l'evgament im 
13. Jalivhundert verfaßte und eddischen Abhandlungen einverleibte Auf- 
zeichnung vorstehender 119 Namen, von denen allerdings geitüngr (Wespe) 
und ledrblaka (Fledermaus) wegfallen müssen. Außer nordischen Vogelarten 
sind noch andere darin aufgezählt; eine Anzahl von Bezeichnungen lassen 
sich auch heute nicht mehr erklären.'^) 

In jene alten Zeiten reicht auch die l-hitstehung des geschichtlich 
interessanten Namens für die Bekassine (Gallinago (jaUlnago): Hrossagaukur 
d. i. Roßkuckuck. Den Normannen, so wird erzählt, war in ihrer Heimat 
der Kuckuck ein wichtiger Orakelvogel. Weil sie diesen in Island nun nicht 
fanden, setzten sie an seine Stelle die Bekassine, deren pferdeartig wiehernde 
Töne, besonders durch zitternde Bewegungen der äußeren Schwanzfedern 
während des Fluges hervorgebracht, den Aberglauben zur Genüge reizten. 
Noch heutigen Tages vertritt die Bekassine in Island den Kuckuck als wahr- 
sagender Vogel. =') — Auch die Namen Odinshani (P/udaropus lohatm) und 
])örshaui ( Cry mophilns fitlicarii(s) erinnern an die heidnische Zeit. Doch 
ist letzterer wahrscheinlich erst viel später jenem nachgebildet worden. 

Snorri Sturlason, der Verfasser der Prosa- Edda, hat auch das große 
nordische Geschichtswerk Heiraskringla geschrieben. Daß hierin Wahrheit 
und Dichtung verbunden, beziehentlich mehr oder weniger kritiklos alte 
Yolkssagen aufgenommen sind, ist nach dem damaligen Stande der Geschichts- 
forschung erklärlich. Snorri erzählt z. B., daß König Haralld Gormsson von 
Dänemark (ca. 1200) zum Kriegszuge gegen Island rüstete, um sich für die 
Schmach zu rächen, die isländische Seefahrer ihm angetan hatten. Vorher 
aber sandte er, wie die Volkssage berichtet, einen zauberkundigen ]\Jaun 
nach der Insel, der in Walsgestalt um das Land fuhr. Er sah, daß alle 
Berge und Hügel voll waren von Schutzgeistern, die nebst Drachen. Würmern, 
Fröschen und Eidechsen ihm die Landung verwehrten und Gift entgcgen- 
bliesen. Als er endlich in den Eyjafjördr eindringen wollte, flog ihm ein 
Vogel entgegen, der war so groß, daß seine Schwingen hinausragten auf die 
Berge zu beiden Seiten, und hinter ihm kamen eine Fülle andere Vögel, 



*) B. Gröndal, 1. c, S. 55—56. 

') B. Gröndal, Isländische Vogelnamen, Ornis 1887, S. 618. 

3) B. Gröndal, Ornis 1887, S. 597. 



Geschichtliches. 5 

große und kleine. So wurde auch hier dei- Zauberer zur ürakehr genötigt, 
und der Kriogszug König Harallds unterblieb.^) 

Auf Tatsachen gründet sich die Mitteilung des Giraldus Cambrensis,-) 
der im 12. Jahrhundert in England lebte, wenn er schreibt, man fange in 
Island schöne große Falken und Habichte (!) und bringe sie von dort nach 
anderen Ländern. 

Daß unter allen isländischen Vögeln keiner dem Jagdfalken au altem 
Ruhme gleichkommt, steht fest, Grund genug, diesen stattlichen Räuber auf 
das "Wappenschild Islands zu setzen. Im 13. Jahrhundert hatte der Bischof 
von Droutheim das alleinige Monopol, isländische Falken zu erwerben, bis 
die dänischen Könige dieses Recht für sich in Anspruch nahmen. Sie 
benutzten die Vögel teils für eigene Jagdzwecke, teils verschenkten sie diese 
an andere Vornehme, wovon in verschiedenen Schriften damaliger Zeit 
berichtet wird. 

Von weiteren isländischen Vögeln bekommen wir auch aus dem 14. und 
15. Jahrhundert nur ganz dürftige Mitteilungen. =^) Zu erwähnen ist die 
Gudmundarsaga des Abtes Arngrimr zu J)ingeyrar (11361). in der 
eine kurze Beschreibung Islands gegeben wird, die insofern Bedeutung hat, 
als sie die einzige aus dieser Zeit darstellt. Arngrimr schreibt darin: Island 
ist in manchen Gebieten der Nordküste so gestaltet, daß daselbst Berge von 
mächtiger Höhe stehen, die an einigen Stellen hundert Klafter noch über- 
steigt. Auf solchen Bergen sammeln sich im Sommer eine unzählige Menge 
von Seevögeln, die in den Höhlen und Klüften des Gebirges nisten. Der 
Lebensunterhalt vieler Leute besteht nun darin, die Eier und Vögel wegzu- 
nehmen. Der Vogelfänger läßt sich an einem Seile von oben an der Berg- 
wand herab, doch ist diese Fertigkeit mit Gefahr und Verlust an Menschen- 
leben verbunden, weil das Seil leicht beschädigt wird. (Thoroddsen I, 69.) 

In den folgenden Jahrhunderten riefen besonders die Mitteilungen 
Interesse hervor, die berichteten, daß gewisse isländische Tiere mehr oder 
weniger weiß gefärbt seien. So erzählt der Schwede Olaus Magnus in 
seinem Buche über die Länder und Völker des Nordens,'^) daß es in Island 
sehr viele Raben gäbe, unter denen sich häufig weiße Exemplare fänden. 

Auch Ditmar Blefkeu,'"^) dessen Mitteilungen freilich noch aben- 
teuerlicher klingen, als die des vorhin genannten, berichtet, es gäbe in Island 
ausgezeichnete Falken, die zum Teil weiß aussähen, ferner auch weiße Schnee- 



') Snorri Sturlasous Heiuiskringla, Deutsche Übersetzung von Wachtor, TT. T. 
S. 247, Leipzig 1836. 

'^) Cambriae descriptio, iu: Viriinnius Ponticus, Britannicae historiae libri VI. 
Londini 1585. 

■') Eine ganze Anzahl der Tolgeuden Berichte, die sich auf ungedruckte Hand- 
schriften oder mir unzugängliche isländische Bücher beziehen, die aber docJi wieder- 
gegeben zu werden verdienen, entnehme ich der „Geschichte der isländischen Geographie'* 
von Th. Thoroddsen, auf deren deutsche Übersetzung aus dem Isländischen voit 
A. Gebhardt, I. T. Leipzig 1897, IL T. ebd. 1898. ich hinweise. 

*) Rom 1555. 

^) Islandia, usw. Lugduui Batavorum 1G07. 



ß Geschichtliches. 

liühner und inituiitor weiße Raben. Da Blefken selbst in Island gewesen 
sein soll, verdient die Mitteilung iirinierhin der Beachtung. 

Der Isländer Björn Jönsson ') erzählt gleichfalls von weißen Falken, 
ebenso, daß mit dem Grönlandstreibeise weißgefleckte Raben kämen und 
vor kurzer Zeit — Anfang des 17. Jahrhunderts — ein ganz weißes Exemplar 
dieser Art beobachtet worden sei. Kr berichtet auch von Hvid-Ornen (Weiß- 
Adlern), worunter er jedenfalls Schneeeulen meint. 

Diese und andere Mitteilungen wurden von den Gelehrten Mittel- 
europas derart verallgemeinert, daß mau glaubte, die meisten isländischen 
Tiere wären weiß, zumal man auch von weißen Füchsen und Bären Kunde 
erhielt. Auf alten Karten der Insel finden sich deshalb fast regelmäßig 
weiße Tiere, insbesondere Falken und Raben, zur Charakterisierung des 
Landes dargestellt. 

Die Isländer selbst verfolgten die Landvögel nur wenig, schon weil 
ihnen geeignete Schießwatfen fehlten. Kein Kaufmann durfte der bäuerlichen 
Bevölkerung eine solche verkaufen, und mit Pfeil und Bogen jagen oder 
mit Schlingen fangen war ebenso müiisam als wenig erfolgreich. Es mochte 
deshalb für Ausländer eine Leichtigkeit sein, in kurzer Zeit große Mengen 
von Vögeln zu schießen, nicht nur weil es an geeigneten Orten solche in 
beträchtlicher Zahl gab, sondern auch weil die Vögel scheinbar geringe Scheu 
gegen den Menschen zeigten. So berichtete einer von Hudsons (lefährten 
in einem Briefe nach England, geschrieben am 30. Mai 1610 in Nordisland:'-) 
„Am Weißen Sonntage waren wir auf dem Nordkap von Island und lebten 
dort so gut, wie kaum in England. Die Bewohner dieser Gegend sind 
äußerst arm und führen ein kümmerliches Leben. Aber wir fanden eine 
große Menge Fische und viele wohlschmeckende Vögel. Au einem einzigen 
Abende habe ich so viele davon erlegt, daß die ganze Schiffsmannschaft von 
23 Köpfen zu Mittag allein von den Schneehühnern eine reichliche Mahlzeit 
hatte, ohne die Brachvögel, Regenpfeifer, Wildenten, Krickeuten und Gänse 
zu zählen.'' 

Wenn derartige gelegentliche Notizen über die Vogelwelt Islands auch 
liistorisches Interesse haben, kann man ihnen doch wissenschaftlicii keinen 
besonderen Wert beilegen, zumal man nie weiß, inwieweit der Berichterstatter 
glaubwürdig ist. Bis in das 17. Jahrhundert hinein begegnet man vorurteils- 
freier, sachlich richtiger Naturbeobachtung äußerst selten. Die Landbevölkerung, 
die in regem Verkehre mit der Natur stellt, hat keinen Sinn für die alltäg- 
liche Umgebung oder verbindet alle Beobachtungen mit den sonderbarsten 
Vorstellungen. Die sogenannten Naturkundigen aber schreiben in der Haupt- 
sache nur Gehörtes ab, reproduzieren Gelesenes oder stützen ihre Mitteilungen 
auf Annahmen. Der wichtigste Grund, weshalb man gerade im 17. Jahr- 
hundert so selten eigene Untersuchungen in der Natur anstellt, liegt aber 
in dem beispiellosen Aberglauben, der alle Kreise gefangen hält. Jedes 
freie naturwissenschaftliche Studium Itringt die Gefahr mit sich, gerichtliche 

*) S. Thormod Torl'aeus, (jronlandia Antiqua, 1715. 
'^) In Samuel Purchas: His pilgrimes, London 1625. 



Geschichtliches. 7 

Verfolgung, ja selbst Folterung und Verbrennung nach sich zu ziehen. Dies 
ist in Island kaum besser als im übrigen Europa. Trotzdem existieren einige 
Männer, die im Rahmen ihrer Zeit auch für unseru Gegenstand nicht 
unwichtige Werke verfaßt liaben. 

Vor allen andern ist Jon Gudmundsson der Gelehrte (f c. 1650) 
zu nennen, dessen Buch „Von Islands unterschiedlichen Naturen"') zahl- 
reiche ornithologische Mitteilungen bringt, die deutlich die Auffassung des 
Jahrhunderts wiederspiegeln. Ein besonderer Abschnitt behandelt „einige 
Gattungen von Vögeln". Jon teilt diese nach ihrem Aufenthalte ein in 
Land-, Sumpf-, Heide-, Strand- und Schärenvögel. Er nennt die meisten 
der noch heute in Island gewöhnlicheren Arten, und manches, was er über 
sie schreibt, zeugt von guter Beobachtung. Freilich erzählt er auch eine 
Menge Märchen. So sagt er z. B. vom Zaunkönige: „Er hat das vor andern 
Vögeln voraus, daß er auf der Erde nicht getötet werden kann und sofort 
entkommt oder vor dem Streiche in der p]rde verschwindet, außer wenn 
dieser ihn trifft, solange er in der Luft ist. Er meidet die Fensterki-euze 
uud lebt in Löchern gleich der Maus." 

Jon, der viele Edelsteine besessen haben will, erzählt auch, daß er 
den Lebensstein Bezoar gefunden hätte, mit dem die Eaben ihren Jangen 
Leben beibringen. Von andern Natursteinen sollen diese Vögel auch ihren 
großen Verstand und ihre Weisheit besitzen. „Jung war ich noch", sagt 
Jon, „als ich sah, wie ein alter Geistlicher mit einem Raben redete." Im 
Kröpfe einer Bachstelze fand er ebenfalls einen merkwürdigen Naturstein, 
doch ist er nicht gut auf diesen Vogel zu sprechen, nennt ihn giftig und 
rachsüchtig und sagt, „eine Bachstelze töten, das kann nur ein glückloser 
Gauner tun". 

Jon Gudmundsson hat auch ein „Lied von den Vögeln" gedichtet: 
wenigstens stammen die 13 letzten Strophen desselben von ihm, während 
die 3 ersten wahrscheinlich von |)orleifur pördarson (der Zauber -Leih, 
j 1647) herrühren. In diesem Liede sind 52 Arten isländischer Vögel auf- 
gezählt und außerdem noch 10 ausländische genannt. Von den meisten 
werden Notizen über ihre Lebensweise gegeben. 

„Wenig weiß ich Hübsches beizubringen, 

Will nun Islands Vögel hier besingen, 

Wie's meine Kunst im Lied mir läßt gelingen." 

„Rabe, Odinshuhn und Aar 

Ist dreier Vögel Name fürwahr ..." 

„Zierlich und klein der Zaunkönig ist 

Und ziemlich ohne Nutzen." 

„Taucher, Möven und noch mehr 

Schwimmen auf dem Meer umher, 

Die Kragenente kommt daher . . .•'-) 



1) Thoroddsen II, 95 f. 

2) Viele Namen isländischer Vögel enthält auch das Lied von den Klauen- 
vögeln („Vor allen andern nenne ich den alten schwarzen Raben") und die Lieder 
porbjörn Salömonssons von den See- und Landvögeln („Viel Uferläufer einst ich sah"). 



g Geschichtliches. 

Die Schriften Jon Gudraimdssons waren lange Zeit die wichtigste 
Quelle, aus der spätere Schriltsteller schöpften, wenn sie über die zoologischen 
Verhältnisse Islands berichten wollten. Viele der von ihm erzählten Tier- 
sagen sollen auch noch heute unter der Bevölkerung der Insel verbreitet sein. 

Weitere Angaben über isländische Vögel finden sich in Jon Dadasons 
(f 1676) „Hexensabbat."^) Der Verfasser rechnet freilich alles, was fliegen 
kann, zu unsrer Tierklasse, so auch „Biene, Drache, Grashüpfer und Fleder- 
maus". Von den Zugvögeln sagt er: „Einige Vögel fliegen nach andern 
Ländern; der Eidervogel, der Seepapagei und der Austernflscher nach Barbaria^), 
die Ringelgans, die Bläßgans und die Weißwangengans nach England und 
Frankreich, der Brachvogel, die Pfuhlschnepfe und der Goldregenpfeifer nach 
den Orkneys, der Schwan aufs offene Meer und die Entenvögel nach den 
Binnenseen." Vom Adler erzählt Jon: „Der Adler heißt der König der 
Vögel und das Wappen des Kaisers. Man glaubt, er werde hundert Jahre 
alt und verjünge sich dann wieder, sei vom Blitze unverletzbar, trage den 
Lösestein in sein Nest, wenn er brüten wolle, fliege am höchsten und sehe 
am schärfsten von allen Vögeln; er lehre seine Jungen, in die Sonne zu 
schauen, auch wolle er wissen, wo Aas zu erwarten sei, könne sehr wohl 
bei Heilungen gebraucht werden" usw. „Das ist gewiß: der Adler wirft 
sein Gefieder ab, wie andere Vögel, wie der Krebs die Schale, die Schlange 
die Haut, die Vierfüßler das Haar, doch verjüngt sich kein einziges Wesen 
oder entsteht von neuem und der Adler am allerwenigsten." 

Von isländischen Schriften des 17. Jahrhunderts, die für unseren Gegen- 
stand einige Bedeutung haben, mögen noch folgende genannt sein. 

Gisli Oddsson schrieb 1638 ein Buch „De mirabilis Islandiae", worin 
von den zahmen Vögeln, den Zugvögeln, dem Winteraufenthalte der Vögel 
und den Seevögeln Mitteilungen gegeben werden. (Thoroddsen II, 119.) 

Der Bischof ]>orläkur Skülason berichtet dem Könige Christian IV. 
auf dessen Befragen hin (1647), daß die isländischen Falken nicht, wie die 
Ausländer meist glaubten, alle weiß, sondern im Gegenteile gewöhnlich grau 
seien. Auch hätte er nur ein einziges Mal einen weißen Raben gesehen. 
(Thoroddsen II, 122.) Der andere der beiden Bischöfe, B r y n j ö 1 f u r S v e i n s s o n 
dagegen, berichtete auf dieselbe Anfrage hin, daß ihm niemals weiße Raben 
zu Gesicht gekommen seien. (Thoroddsen 11, 124.) 

Ebenfalls im Jahre 1647 sandte der gebildete Isländer Gisli Magnussen, 
der in Dänemark, Holland und England studiert hatte, an den König eine 
Abhandlung, in welcher er Vorschläge für eine Hebung Islands gibt. Hierin 
spricht er es als notwendig aus, daß die Leute in einer vorteilhafteren Art 
des Vogel- und Fischfanges unterwiesen würden und zählt verschiedene 
Vögel auf, die mehr beachtet werden sollten. Weiter fügt er hinzu, daß die 
Bewohner diese und andere flrwerbsquellen kaum auszunützen verstünden. 



1) Thoroddsen II, 105. 

*) Barbaria ist die Berberei, ehemals auch die Barbareskenstaaten genanut, also 
die nordafrikanischen Küstenländer von Tunis bis Marolvko. 



Geschichtliches. 9 

Er erklärt bestimmt, daß die Armut ab- und der Handel zunehmen würden, 
wenn man Fiscli- und Vogelfang rationeller betriebe (Thoroddsen 11, 133). 

Bischof ):)örd j^orläksson (Theodorus Thorhicius) beschrieb 1666 
seine Heimatinsel und zählte auch einige Vogelarteu derselben auf. „Der 
nützlichste aller Vögel," sagt er, „ist der p]idervogel; denn die Fremden 
kaufen seine Dunen für teures Geld" (Thoroddsen II, 147). 

Der in Dänemark lebende Holländer Olaus Worraius (Ole Worm) 
stand mit verschiedenen Isländern, die in Kopenhagen studiert hatten, in 
dauernder Verbindung und erhielt von diesen Mitteilungen und Naturalien 
der Insel. Seine naturwissenschaftlichen Sammlungen waren weit berühmt, 
doch erschien deren Beschreibung erst nach seinem Tode.^) Etwas Neues 
über Island bringt diese Schrift nicht. 

p]benso enthalten die drei weiteren, nicht isländischen Arbeiten des 
17. Jahrhunderts wohl ziemlich ausführliche Darstellungen der Vogelwelt 
unserer Insel, sind aber voll von Anekdoten und Irrtümern, weshalb ich 
unterlasse, ausführlicher über sie zu berichten. 1638 erschien in polnischer 
Sprache ein Buch über Island, dessen Verfasser Daniel Streyc (Fetterus) 
wahrscheinlich 1613—14 selbst die Insel bereist hatte. 1654 veröffentlichte 
der Däne Jens Lauridsen Wolf sein Encomiou regui Daniae, in dem er 
61 Arten von Vögeln aufzählte. 1684 — 88 endlich verfaßte der Universitäts- 
professor und Bürgermeister von Kopenhagen, Peter Resen, eine ausführ- 
liche Beschreibung Islands in lateinischer Sprache, die aber nie gedruckt 
wurde (Thoroddsen II, 196). 

Im 18. Jahrhundert wächst die Literatur über die ornithologischen 
Verhältnisse Islands beträchtlich. Man hat gelernt, die Natur ungleich besser 
zu beobachten als früher und beginnt, sie um ihrer selbst willen zu studieren. 
Man schreibt nicht bloß Gehörtes und Gelesenes nieder, sondern begründet 
seine Mitteilungen durch eigene Untersuchungen. Deshalb finden sich hier 
und da Bemerkungen über das Leben der Vögel, die heutzutage nicht anders 
gegeben werden könnten, wodurch solche Schriften etwas mehr als rein 
historisches Interesse für uns erhalten. Schwierigkeit bereiten dem Leser 
dieser Bücher, insbesondere wenn es sich um Übersetzungen handelt, die 
häufige Unklarheit der angeführten Namen, sowie mannigfache Verwechslungen 
feststehender Arten untereinander. Aus diesem Grunde darf man Mit- 
teilungen über das Vorkommen seltener und schwierig zu beobachtender 
Vögel nicht allzugroßen Wert beilegen. 

Von isländischen Schriften selbst sind im dänischen Reichsarchive 
26 Sysselbeschreibungen verwahrt, die in den Jahren 1744 — 50 entstanden 
sind. In einigen derselben finden sich nach den Mitteilungen Thoroddsens 
auch eingehende Bescln-eibungen über die Vogelwelt der betreffenden Gebiete, 
die freilich nicht allzuviel Neues zu bringen scheinen. In der Besprechung 
der ]3ingevjarsysla z. B. wird von Jon Benediktsson über den Vogelfang 
auf Langanes berichtet: „Anfang Juni kommen die Leute auf den Felsen 



') Olaus Wormius, Musenm Worniianum usw. Lugduni Batavorum 1655. 



\Q Geschichtliches. 

zusamnien und lasaeii einander an einem Tau liinab, das 80 Klafter lang 
und aus 8 Kiemen von Rindsleder gedreht ist. Der Fänger (sigamadur) 
hat in der Hand eine Stange von 7 — 9 Ellen Länge mit einer Schlinge 
aus Fischbein am Ende. Damit fängt er die Vögel, drelit ihnen das (lenick 
um und bindet sie an das Tau; die Eier aber steckt er in den Busen seines 
Mantels. So werden täglich einige liundert Vögel erlangt." Diese Schilderung 
läßt erkennen, wie wenig sich in den letzten zwei Jahrhunderten die Art 
des Vogelfanges auf Island verändert liat. Bei der Besprechung des Mfvatn 
werden 10 Entenarten genannt und beschrieben, die daselbst brüten. Freilich 
erzählt man auch noch abergläubisch von kleinen Vögeln, die auf den heißen 
Quellen schwömmen oder sogar in diesen untertauchten, ohne zu verbrennen, 
ebenso, daß es in verschiedenen Gegenden Islands giftige Seen gäbe und 
die Vögel, die darüber flögen, sterben müßten. 

Das erste gedruckte Buch des 18. Jahrhunderts, das bedeutsame Mit- 
teilungen über Island brachte, verfaßte der Bürgermeister Johann Anderson 
in Hamburg^). Freilich war dieser selbst nie in Island und hat auch seine 
Angaben über die Vogelwelt der Insel mit allen möglichen Anekdoten ver- 
knüpft, die das Buch lesenswerter machen sollten, in Wirklichkeit aber nur 
seiner Glaubwürdigkeit schaden. DerVerfiisser schreibt z. B.: „Die Adler auf 
Island sind teilweise sehr stark und keck und richten besonders unter dem 
jungen Vieh großen Schaden an. Menschen beunruhigen sie im allgemeinen 
nicht, wenn sie aber zufällig an einer angetriebenen Leiche Menscheufleiscb 
gekostet haben, werden sie so lüstern darnach, daß sie Kinder von 4 bis 
5 Jahren wegschnappen und in ihr Nest schleppen". „Die große Seemöve 
(Larus marimisf) holt Fische aus dem Meere und schleppt sie ans Land. 
Die Bauern aber haben ihre Kinder gelehrt, sobald sie gewahr werden, daß 
eine Seemöve mit einem solchen Fische kommt, ihr diesen abzujagen und 
den Eltern zu bringen". „Die meisten isländischen Entenarten", sagt er an 
anderer Stelle, „schmecken ekelhaft nach Tran; doch kehren sich die Isländer 
nicht daran, sondern schmeißen alles, was sie nur auf den Klippen erhalten 
oder auf den Sandhügeln ausgraben können, in den Topf, kochen es auf 
ihre Weise und schicken es in ihren vortrefflichen Magen hinunter." Über 
den Eidervogel berichtet er folgendes: „Man hat mir von dem Eidervogel 
erzählt, daß er, wenn man einen Stab von einer halben Elle mitten ins 
Nest stecke, gar über die Gewohnheit fortlege und nicht eher aufhöre, bis 
die Spitze des Steckens, damit er darüber sitzen könne, mit Eiern bedeckt 
sei, wodurch der Vogel aber dermaßen sich entkräftet, daß er den Tod davon 
nimmt." „Der Geyrvogel wird gar selten gesehen und zwar nur an den 
Klippen, die von ihm den Namen Geyrfugl-Sker führen. Die Isländer 
glauben, daß, wenn dieser Vogel sich sehen läßt, es eine recht sonderliche 
und große Begebenheit vorbedeute. So seien das Jahr vor dem Ableben 
König Friedriclis IV. verschiedene gesehen worden." 



') Johann Anderson, Nachrichten von Island, Grönland und der Straße Davis, usw. 
Hamburg 1746. 



Geschichtliches. 11 

Trotz derartiger fabelhafter Erzähluugeii, wie sie ja noch heute dem 
in Ishmd reisenden Ornithologen nicht selten in ähnlicher Weise geboten 
werden, verbreitete das Andersonsche Buch besonders in Deutschland die 
Kenntnis auch von den isländischen Vögeln um ein erhebliches. 

Die offenbaren Fehler desselben aber suchte 1752 der Däne Niels 
Horrebow zu berichtigen. Dieser hatte zwei Jahre, von 1749 — 51, jeden- 
falls auf Kosten der 1742 neubegründeten dänischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften, in Island zugebracht und war deshalb wohl geeignet, glaubhafte 
Mitteilungen über die Insel zu bringen. Sein Buch^) ist teilweise eine 
Widerlegung, teilweise auch eine. Ergänzung des Andersonschen Werkes, im 
allgemeinen weit richtiger und selbständiger als dieses. Als Beispiel für 
die Darstellungsweise Horrebows mag des geschichtlichen Interesses wegen 
augeführt sein, was er in § 40 über die Falken sagt. „Die isländischen Falken 

sind weiß, halbweiß oder grau und die Männchen etwas kleiner als die Weibchen. 
Doch sind sie alle von einer Art, und daher finden sich bisweilen in einem einzigen 
Neste .Junge von jeder Farbe. Im Winter kommen auch welche von Grönland herüber. 
Diese sind meistenteils weiß und werden von den Isländern fliegende Falken (üugfälkur) 
genannt, weil sie keine Nester im Lande haben. Die isländischen Falken sind die 
besten und stärksten von allen, und während ein norwegischer Falk nur ein paar 
Jahre zur Jagd dienlich sein kann, ist es ein isländischer bis zu 12 Jahren und darüber. 
Außerdem sind sie auch größer. Der königliche Reise-Falkonier kommt jährlich mit 
einem oder zwei Bedienten mit einem Schifte von Holm (das jetzige Keykjavik) nach 
Bessastadir. Diese selbst fangen aber keine Falken, sondern nehmen nur die von den 
Isländern im Laufe des Jahres gefangenen Falken in Empl'ang. In jedem Distrikte 
Islands sind nämlich Falkenfängei-, welche Briefe vom Amtmann darauf haben. Auf 
Johannis kommen diese Falkenfänger, jeder mit seinen Falken, nach Bessastadir ge- 
ritten, da ein Jlann zu Pferd deren 10 — 12 Stück führen kann, welche alle verkappet 
und an eine Querstange gebunden sind. Selbige gehet über eine andere Stange, die 
der Kerl in der rechten Hand wie eine Standarte führet und auf dem rechten Steig- 
bügel ruhen läßt. Alsdann ist des Reise-Falkoniers Amt, die Tüchtigen zu sich zu 
nehmen, die Untüchtigen aber zu kassieren und erstere zu Schiff mit sich nach 
Kopenhagen zu führen. Gegen des Keise-Falkoniers Beweis empfangen die Falken- 
fänger von des Königs Landvogt 15 Rtr. für einen weißen Falken, 10 Utr. für einen 
halbweißen und außerdem eine Douceur von 2—4 Rtr., wenn sie dergleichen bringen. 
Für einen grauen Falken erhielten sie vordem 5 Rtr., seit einigen Jahren aber hat 
ihnen der König für einen jeden grauen Falken 7 Rtr. allergnädigst zugelegt." „Die 
Falkenfänger fangen aber die Falken auf folgende Weise: Sie schlagen zwei Pfähle in 
tlie Erde, unweit voneinander; an dem einen wird eine Rype (Schneehuhn), Taube 
oder in deren Mangel ein Hahn oder Henne mit einer Schnur von 3 — 7 Ellen Länge 
am Fuße festgebunden, auf daß die Rype oder Taube Raum hat, etwas in die Höhe 
flattern zu können und der Falk sie desto eher sieht. An den Fuß selbiger Rype 
binden sie noch eine andere Schnur von 80 Faden, welche durch ein Loch des anderen 
Pfahls gehet, sodaß der Falkentänger mit dieser Schnur die Rype von dem ersten zum 
andern Pfahle hinziehen kann. Bei diesem Pfahl ist ein Garn aufgestellt, wie eine 
Fischreuse, mit einem großen Tonnenband in einem halben Zirkel von 3 Ellen im 
diametcr perpendiculair aufstehend, welches, wenn es niederfällt, über den andern Pfahl 
gehet, zu welchem Ende eine ebensolange Schnur, wie die vorige, oben in dem 
halben Zirkel festgemacht ist und durch den ersten Pfahl niedergehet nach dem Falken- 
fänger, mit welcher Schnur er das Garn über den Falken ziehen kann, gleichwie er 

^) Niels Horrebow. Tilforladelige Efterretninger om Island med et nyt Landkort 
og 2 Aars meteorologiske Observationer. Kjebenhavn 1752. — Deutsch bei Fr. Chr. Pelt, 
Kopenhagen und Leipzig 1753. 



J2 Geschichtliches. 

mit der andern Schnur die Rype von dem ersten Pfalil zum andern hinziehen kann. 
IJiese Anstalten machen die Falkenfänger entweder da, wohin, wie sie vermuten, Falken 
kommen, oder in der Xähe von Falkennestern oder auch, wenn sie eineti „fließenden 
Falken" ankommen sehen. — Wenn nun der Falk diese Rype oder Taube unten an 
der Erde flattern sieht, schwingt er sich einigemal in der Luft über der Stelle herum 
und siehct, ob wohl Gefahr vorlianden sei. Endlich schießt er nieder mit aller Force 
und zwar solchergestalt, daß der Kopf von der Hype so glatt abgehet, als wäre er mit 
einem Messer abgeschnitten. Sobald der Falk den Vogel gestoßen, fliegt er gern wieder 
auf — er müßte denn allzu hungrig sein — um sich vorzusehen, damit er seine Mahl- 
zeit außer Gefahr verzehren kann. Mittlerweile er nun also auffliegt, zieht der Falken- 
tanger mit der einen Schnur die Kype hin zu dem andern Pfahl dicht neben das Netz, 
welches der Falk nicht merken kann, und wenn derselbe alsdann wiederkoumit, um 
sich mit der gemachten Beute zu traktieren, zieht der Falkenfänger mit der andern 
Schnur das Netz über den Falken, sodaß er darunter sitzt, gleichwie in einem Käfige 
oder Vogelbauer, und solchergestalt macht er sich denselben zur Beute; worauf der 
Falkenfänger alsbald hinzugehet und den Falken sehr vorsichtig herausnimmt, indem 
keine Feder in seinen Flügeln oder Schwanz, wenn es recht sein soll, beschädigt werden 
muß, und mit Ueihiilfe eines andern Kerls setzet er eine Kappe über seine Augen. In 
währender Zeit, daß der Fang dauert, hält sich der Falkenfänger verborgen und so 
stille er nur kann, hinter etlichen Steinen, oder liegt auch platt nieder auf der Erde 
und ist .50 — -80 Faden davon, sodaß sich der Falk keine Gedanken macht, wenn er ihn 
schon erblicket, daß er dort etwas zu bestellen habe, nachdem er so fern davon ist.'- 
„Wenn das Falkenschiff fertig ist, werden so viele Ochsen geschlachtet als nötig ist, um 
die Falken 14 Tage lang damit zu füttern. Außerdem aber wird an Ochsen und Schafen 
soviel lebendes Vieh mit an Bord genommen, daß sie bis zur Ankunft in Kopenhagen 
ausreichen. Gewöhnlich ist das Schiff auf 7 Wochen ausgerüstet. Das Fleisch, mit 
dem die Falken gefüttert werden, wird in Milch getaucht und mit Ol und Eiern ver- 
mischt, wenn die Falken krank sind. An Bord sitzen die Falken unter Deck verkappt 
in 2 Reihen auf jeder Seite auf Stangen, die mit Kissen von Wadmel und fest mit 
Heu gestopft sind." 

Älinlicb wie Horrebows Werk hat auch das nun zu erwähnende von 
Olafsson und Pälsson^) heutzutage in der Hauptsache nur noch historischeu 
Wert, weil die darin enthaltenen biologischen Beschreibungen der Vogel- 
welt woiil in jeder Hinsiclit durch vollständigere oder zum mindesten gleich- 
wertige neuere überholt worden sind, die Mitteilungen über die geographische 
Verbreitung der Vögel aber nicht mehr maßgebend sein können und außer- 
dem auch mannigfache Verwechslungen, beziehentlich Unklarheiten über 
die Arten den ornithologischcn Wert des Buches beeinträchtigen. Immerhin 
muß dieses als das vollständigste seiner Zeit gelten, auf das eine ganze 
Anzahl Mitteilungen über die Vogelwelt Islands, die noch lieute sel))st in 
ornithologischen Werken ab und zu Eingang finden, zurückzuführen sind. 
Deshalb verdient das Buch samt seinen Verfassern eine ausführlicliere Be- 
sprechung. 

Das zweibändige Werk stützt sich auf die Erfahrungen der beiden 
Isländer Eggert Olafsson (dänisch Ohifsen) und Bjarni Pdlsson (Povelsen). 
Diese hatten an der Kopenhagener Universität studiert, Olafsson Mathematik,^ 

') Eggert Olat'sens og Biarne Povelsens Reise igjennem Island, foranstaltet af 
Videnskabernes Sälskab i Kiöbonhavn og beskreven af forbenieldte Eggert Olafsen. 
2 Bände, Soroe 1772. - Deutsche Übersetzung: Kopenhagen und Leipzig, 1. Teil 1774. 
2. Teil 1775. 



Geschichtliches. 13 

Physik uucl Ökonomie, Pdlsson besonders Medizin. Sie bereisten ihre Heimat- 
insel, hauptsächlich die Küstengebiete, teilweise gemeinsam, teilweise auch 
jeder für sicli in den Jahren 1752 — 57. An die sie unterstützende dänische 
Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen sandten sie zunächst einzelne 
Reiseberichte, die in gelehrten Zeitungen veröffentliclit wurden. Eingehender 
l)eschrieben sie die Resultate ihrer Reisen in ihren Tagebüchern, deren Be- 
arbeitung später Ölafsson allein übernahm. Vieles strich er, anderes fügte 
er neu hiiizu, wobei er auch ungedruckte Schriften und mündliche Mitteilungen 
benutzte. Im Jahre 1767 wurde Ölafsson Vize-Lavmand in Island, hatte 
aber im folgenden Jahre das Unglück, im Meere zu ertrinken. Die geretteten 
Manuskripte bearbeitete nun der Däne G. Schi0nning, Professor der Ge- 
schichte an der Ritterakademie zu Soroe. Aus der Menge der zum Teil von 
Ölafsson selbst hergestellten Abbildungen wählte Professor Brünnich die 
besten aus, die denn auch bei den meisten Vögeln auf den ersten Blick die 
Art erkennen lassen. 

Der Plan des Werkes folgt der Einteilung des Landes, wodurch die 
ornithologischen Mitteilungen zerrissen und teilweise wiederholt werden. 
Ölafsson führt außer einigen unbestimmten und unbestimmbaren Vögeln 
60 Arten an, von denen mit Ausnahme von Alca impeuins alle noch heute 
in Island gefunden werden. Auffälligerweise nennt er dagegen weder Falco 
ineriUns noch Glaiirionetta Ulaiidica u. a. Imius canus und Rlssa rissa hält 
er für eine Art; die nur stummelartig sichtbare Zehe sei durch das Sitzen 
auf harten Felsen abgebrochen. Die wichtigsten Vogelarteu werden ein- 
gehender behandelt und von verschiedenen ausführliche und gute Schilderungen 
gegeben. Allerdings wiederholt Ölafsson auch die Ansichten der Bevölkerung 
und erzählt dabei manches abgeschmackte Märchen über gewisse Vögel. So 

schreibt er Z. B. über die Wasserralle : „Ob wir schon keine vollkommene Be- 
schreibung von diesem \'ogel geben können, dürfen wir ihn doch nicht übergehen, da er 
die wunderbarste Haushaltung von allen Vögeln hat, der irrigen Hegriffe nicht zu ge- 
denken, die man überhaupt von ihm hat. Man sagt z. B., daß der Kieldu-Svin" (so 
der isländische Name für Ballus aquaficus) „halb die Natur eines Wurmes hat, und 
wenn er verfolgt wird, in die Erde kriechen kann, wie hart und dicht auch der Boden 
sei; denn er kann nicht fliegen. Abergläubische 3Ienschen haben ihm ein großes Ver- 
mögen zu wunderbaren Dingen und insbesondere zur Hexerei beigelegt, weiche ungereimte 
Meinung daher ihren Ursprung haben mag, weil dieser Vogel selten ist. Was man 
vom Kicldu-Svin mit Grewißlieit sagen kann, ist, daß er sich an einigen Orten in Island 
und am öftersten bei warmen Bädern oder auch nahe bei Quellen. Bächen und Morästen 
aufhält. Der Vogel kann nicht fliegen, sondern hält sich unten bei der Erde in Ritzen 
und Höhlen, und wenn man ihn auf der Erde antrifft, welches oft geschieht, geht er 
einem sogar auf dem ebenen Felde in einem Augenblicke aus dem (iesichte; denn er 
ist sehr gewiß darauf, seine kleinen Winkel und verborgenen Gänge in der Erde zu 
finden, welche mau nicht sehen kann und deshalb Gelegenheit genommen hat, unter- 
schiedliche Fabeln von ihm zu erdichten. Im Winter befindet er sich meistens in der 
Erde, wo der Grund nicht friert, am allermeisten, wo er warm und zugleich offen ist. 
Auf Reykholt sieht man ihn oft nahe am Priesterhofe und dem warmen Bade, wo die 
Katzen ihn zuweilen gefangen haben. Wie viele Mühe wir uns auch gegeben, so 
haben wir ihn doch noch nicht in die Hände bekommen können. Vor vielen Jahren 
hat einer von uns, nämlich Bjarni Pälssou, ihn ziemlich genau gesehen, und außerdem 
haben wir mit glaubwürdigen Männern, die ihn gefangen und betrachtet haben, 



^^ Gesclnclitliches. 

gesprochen. Seine Größe kommt mit Selningeii — Arquatella maritima --- sehr überein. 
Er ist aschf^rau in der Farbe, hat weiche Federn und geschmeidige Gliedmaßen.'") 

Der Fulkciifany- war zu Olafssons Zeiten noch immer in Blüte und 
brat'lite dem Lande alljährlich 2 — 30t)0 Rtr. ein, bis er dann gegen Ende 
des Jahrhunderts eingestellt wurde. Olafsson gibt ebenfalls geschichtliche 
Notizen über diese wichtige Erwerbsquelle Islands. Weil die dänischen 
Reisc-Falkoniere die Gewohnlieit geliabt hatten, diejenigen unter den ge- 
brachten Vögeln zu töten, die entweder zu alt waren, zu wenige Federn be- 
saßen oder auf irgend eine Weise zu Schaden gekommen und für die Jagd 
unbrauchbar geworden waren, verringerte sich die Zahl der Falken mehr 
und mehr. Doch suchten die Falkoniere auf diese Weise zu verhüten, daß 
die betreffenden Tiere ihnen nochmals gebracht wurden. Oft waren aber 
solche Vögel noch fortpflanzungstüchtig und ,. Schaden taten sie weiter nicht, 
als daß sie, wenn sie oft gefangen würden, dem Falkeufänger die vergebliche 
Arbeit überdrüssig machen könnten. Im Jahre 1651 beantragte deshalb 
der damalige Amtmann über Island, Henrik Bjelke, beim Althinge, eine 
Strafe auf solche Tötung der Vögel zu setzen, welcher Vorschlag auch 
tatsächlich zum Gesetze erhoben wurde" (1. c. I, S. 32), 

Auch von dem Fange der Seevögel zu Nahrungszwecken berichtet 
Olafsson an verschiedenen Stellen. „Man fängt besonders die „Svartvögel" 
in Schlingen aus schwarzen Pferdehaaren, die man auf Brettern befestigt, 
die auf dem Meere schwimmen." Im großen konnte freilich die arme 
Bevölkerung den Vogelfang nicht betreiben, da schon der Besitz eines Seiles 
ein Kapital darstellte. „Das lederne Seil zum Vogelfange gehört in das 
Inventarium des Bischofssitzes. Wenn es gehörig verfertigt ist, so schätzet 
man es auf 5 Hunderte, d. i. 20 Speziestaler. In diesem Falle besteht es 
aus 7 Riemen, wovon jeder, wenn er seine gehörige Länge haben soll, 
80 Faden lang sein muß. Man schneidet sie aus Ochseuhäuten, da wo das 
Leder am dicksten ist, und braucht 16 mittelgroße Häute zu einem Riemen. 
Wenn das Seil trocken ist, wiegt es 120 Pfund. 6 Tagelöhner halten das 
Seil und ziehen es auf und nieder über einen im Berge befestigten Stock. 
Der siebente hält Wache und gibt acht, was der am Seil hinuntergelassene 
Sigemand für Zeichen gibt" (1. c. II, S. 48). — 

Ferner mag das 1780 von dem Dänen Ol aus Olavius') verfaßte 
Buch über seine Reise durch Island erwähnt werden, da es ebenfalls einige 
ornithologische Mitteilungen briugt. Der Verfasser besuchte dreimal, nämlich 
1775, 76 und 77 Nordisland, jedesmal auf einige Monate zur Sommerszeit. 
Er reiste auf Befehl der königl. W^estindisch-Guineischeu Rente- und General- 
zollkammer, besonders um nach dem Zustande der Fischerei zu forschen 
und Vorschläge zur Hebung derselben zu machen. Der Vogelwelt widmet 
er deshalb auch nur gelegentlich einige Zeilen, beschreibt besonders den 
Fang der Seevögel an verschiedenen Vogelbergen, sowie den der Schwäne. 

^) Olafsen und Povelsen, Deutsche Ausgabe, Bd. I, S. 122. 

2) Olaus Olavius, Oecouomisk Reyse igjeunem Island etc., Kjebenhavn 1780. — 
Ins Deutsche übersetzt: Ökonomische Reise durch Island in den nordwestlichen und 
nord-nordöstlichen Gegenden. Dresden und Leipzig 1787. 



Geschichtliches. . ]^5 

Er tadelt die oft rücksichtslose Behandlung- dieser Tiere und rät zur ver- 
ständigeren, Ausnutzung der für den Menschen so wichtigen Naturobjekte. 
Irgend etwas ornithologisch Neues und Wichtiges bringt das Buch nicht. 

Eine kurze und recht brauchbare Übersicht der damals für Island 
bekannten Vogelarten gab der Däne Nicolas Mohr ^) in einem Versuche zu 
einer isländischen Naturgeschichte. Der Verftisser wurde nach Beendigung 
seiner Universitätsstudien in Kopenhagen von der Direktion der dänischen 
Porzellanfabrik und im Auftrage des Königs nach Island geschickt, um 
nachzusuchen, ob sich daselbst brauchbare Porzellanerde fände, ferner auch, 
um im Auftrage des Kammer-Kollegiums die Naturverhältnisse des Landes 
im allgemeinen zu studieren. Soviel aus dem Buche ersichtlich, ist der 
Verfasser mindestens bis zum Frühjahr 1781 in Island geblieben. 

Das 1786 erschienene und mit großem Fleiße zusammengestellte Werk 
enthält die für Island damals bekannten Naturobjekte aus allen drei Natur- 
reichen. Selbstverständlich hat der Verfasser andere Werke mitbenutzt. 
Von den Vögeln berichten S. 18 — 55. Drei gut kenntliche kolorierte Ab- 
bildungen — Uistnonicus histrionicus (^ und Ö, Phalaropus lohatus und 
Colymhns auritus — sind eingefügt. 66 Arten werden in übersichtlicher, 
gedrängter Form aufgezählt. Auch die Namen sind, weil nach Linnes Fauna 
Suecica angeführt, verständlich. 

Falco menllus zählt Mohr zwar unter dem isländischen Namen „Smirill" 
mit auf. bezeichnet ihn aber, jedenfalls von Brünnichs Ornithologia Borealis 
abschreibend, als den Falco Lanarlm Linnes. Eine ähnliche Unklarheit ist 
ihm untergelaufen, wenn er Linnes Anas Fidignla anführt und ihr die 
isländischen Namen Hrafnsönd (= Oidemia nigra) und Dukönd (= Aetht/a 
marila) gibt, desgleichen Linnes Anns Fmna, die er Kaudhöfdaönd (= Mareca 
penelope) nennt. Ferner vertauscht er die isländischen Namen bei Mevgus 
mmjanser, den er als Toppönd, und M. serrator, den er als Gulönd bezeichnet. 
Bei einigen Arten (Tildra, Lsekjadudi-a, Keldusvin) schreibt ei-, weil er sie 
nicht selbst gefunden hat und nach Linnes Verzeichnis nicht bestimmen 
kann, nur von Ölafsson die Namen ab. Auch inhaltlich enthält das Buch 
natürlich eine Anzahl tatsächlicher Fehler, muß aber immerhin als das für 
unsern Stoff wichtigste des ganzen 18. Jahrhunderts bezeichnet werden. 

Unter den allgemeinen ornithologischen Schriften dieser Zeit will ich 
Brünnichs Ornithologia Borealis'-) anführen, die freilich nur geringen 
Wert für die Kenntnis der Avifauna Islands besitzt. Das Büchlein gibt 
ein Verzeichnis von ungefähr 232 Vogelarten, die teilweise kurz beschrieben 
werden. Verbreitung und verschiedene Namen sind ebenfalls angeführt, 
für Island etwa 56 Arten. Doch enthalten diese Angaben eine Menge 
Unklarheiten und sogar Fehler, von denen einige hier angeführt sein sollen. 
Falco Lanarius, Anser Erythropus, Colymhns Arcticns (?), Laras Canus, 
Trinqa Pugnax werden als isländische Vögel bezeichnet. Pelicanns Carlo 



^) N. Mohr, Fors0o- til en Islandsk Naturhistorie med adskillige ekonoruislie 
samt andre Anmserkninger. Kiebenhavn 1786. 

*) M. Th. Brünnich, Ornithologia Borealis, Hafniae 1764. 



16 (ieschiehtliclies. 

und P. PItalacrocorax, /'. Graczäus und /'. Crisfatns sind als verschiedene 
Arten gedacht, ebenso (■havadrius Apricaiius und I'lucia/is. Der Verfasser 
hält den isländischen /Irossaguitkur für „Trhxja (hroplmx"-; Nuinenius 
pliaeopaa und arqnatus werden in ihrem Vorkommen auf Island verwechselt. 
Außerdem läßt Briinnicli eine Reihe häufiger Vögel der Insel, besonders die 
kleineren Arten, ganz außer acht. Deshalb hat sein Buch für unser Gebiet 
ebenfalls nur noch historischen Wert. 

Das Ende des 18. und der Anfang des 19. Jahrhunderts gehen in 
Island still vorbei. Europa hat mit sich genug zu tun und braucht seine 
Männer selbst. Vierzig Jahre hindurch schreitet die Kenntnis über die 
Vogelwclt Islands so gut wie gar nicht vorwärts. Die Mitteilungen des 
[ino von Troil') und einige andere kleine Schriften über unsern StoflF 
enthalten nichts Neues. Erst die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts, die 
Zeit, in der ganz Europa aufatmet nach schweren Kriegs- und Notjahren, 
bringen neues wissenschaftliches Leben auch für Island. Dänemark ist es 
wiederum, das einen tüchtigen jungen Mann in seine Kolonie sendet. Frederik 
Faber, dessen Forscliungeu die umfassendsten und wertvollsten genannt 
werden müssen, die l)isher über die Avifauna Islands überhaupt gemacht 
worden sind. 

Friedrich Faber, wie er sich in seinen in deutscher Sprache abgefaßten 
Schriften nennt, wurde geboren 1795 zu Odense auf Fünen. Im Mai 1819 
segelte er, damals Kandidat der Jurisprudenz, nach Island, um insbesondere 
die Vögel und Fische der Insel zu erforschen. Er hielt sich bis September 
1821 hier auf, wobei er von dem dänischen Könige und der Kopenhagener 
Universität unterstützt wurde. Er bereiste besonders die Küstengebiete 
Islands, besuchte unter andern im Sommer 1820 vier Wochen Grimsey und 
im Sommer 1821 sechs Wochen die Vestmaunaeyjar. Er machte bedeutende 
Sammlungen an Vogelbälgen und Eiern, die er größtenteils schon vor seiner 
Rückkehr nach Dänemark sandte, und die von hier aus auch an Museen 
und Privatsammler anderer Länder abgegeben wurden. 

Von Fabers ornitiiologischeu Werken sind zu nennen sein „Prodromus 
der isländischen Ornitliologie oder Geschichte der Vögel Islands". Kopenhagen 
1822, sowie sein Hauptwerk „Über das Leben der hochnordischen Vögel", 
Leipzig, 1. Heft 1825, 2. Heft 1826. Außerdem veröffentlichte er recht 
wertvolle, doch in der Literatur wenig beachtete Beiträge zur arktischen 
Zoologie in Okens Isis. Leider starb der ausgezeichnete Ornitholog bereits 
i. J. 1828 als dänischer Regimentsquartiermeister und Auditeur zu Horsens 
in Jütlaud. 

Fabers Mitteilungen haben nicht nur deshalb AVert. weil er 2^/2 Jahr 
hindurch Sommer und AVinter ornithologisch in Island beobachtete und sammelte, 
sondern weil seine Sammlungen, von andern wissenschaftlichen Händen 
nachgeprüft, das sichere Belegmaterial für das wirkliche Vorkommen der 
von ihm angegebenen isländischen Vogelarten bildeten. AVo Belegmaterial 

^) Uno von Troil, „Notes on the Fauna of Iceland*' in Letters on Iceland by 
Sir J. Banks, Dr. Solander usw. Pinkertons Voyages, London 1808. 



Geschichtliches. J 7 

gefehlt hat, sind seiue Angaben ebenfalls kritisch zu betrachten. Das Ver- 
zeichnis der Vögel Islands wächst nun auf 86 Arten, von denen einige von 
Faber zum ersten Male richtig beschrieben und benannt werden. Diese 
sind Tetrao Jslaiuiorum, Pnffi)nis arciicus (=■ Fvocellaria Anglorum Temm.), 
F. major (Proc. jmffinus Temm.j und Larns lencopterus. Podiceps auritus (L.) 
trennt Faber nach damaliger Ansicht noch in J'odieeps comutus (Lath.) 
und F. aurltuK (Lath.). GLancionetta islandica (Gm.) kennt er nicht, sondern 
verwechselt sie mit Linues Anas ciamjxdn. Im übrigen umfaßt sein Ver- 
zeichnis die meisten der noch heute für Island bekannten Vogelarten. Seine 
Mitteilungen über Häufigkeit und Verbreitung können allerdings nicht mehr 
als völlig mußgebend bezeichnet werden, wennschon in Island Veränderungen 
der Naturverhältnisse langsamer vor sich gehen als bei uns. Die Faberschen 
Arbeiten bilden jedoch nochjetzt die Grundlagen für die Kenntnis der isländischen 
Vogelwelt, auf denen alle späteren Bearbeiter unseres Gegenstandes gefußt 
haben und noch fußen. Die Darstellungsweise seines Prodromus ist kurz, 
übersichtlich und fern von nebensächlichen Erzählungen. Im „Leben der 
hochnordischen Vögel" verliert sich Faber allerdings nicht selten in unbeweis- 
bare Spekulationen, denen zu Liebe er wohl auch richtige Beobachtungen 
falsch auslegt 

Ich gehe liier nicht weiter auf seine Schriften ein, da insbesondere der 
Prodromus der isländischen Ornithologie in der zweiten Hälfte des Buches 
beständig zitiert wird. 

Auch bei der isländischen Bevölkerung hat sich das Andenken an 
Faber noch lange erhalten. So schreibt Krüper (Naumannia 1857, II, S. 23): 
„Faber steht bei den Isländern noch in lebhafter Erinnerung. Sie haben 
ihm, um ihn von andern Leuten gleichen Namens zu unterscheiden, den 
Beinamen Vogel-Faber (Fugla-Faber) oder auch Vogelfänger-Faber gegeben." 
' Die Rückreise von Island unternahm Faber in Gemeinschaft von zwei 
jungen Deutschen, Thienemann und Günther, die vom 7. Sept. 1820 
bis zum 23. Sept. 1821 ebenfalls zwecks naturkundlicher Studien in Island 
gewesen waren. Das Hauptergebnis dieser beiden bestand in einer bedeutenden 
Sammlung von Mineralien, Pflanzen und allen möglichen Tieren. Darunter 
befanden sicli 600 Bälge, 200 Skelette, 800 Eier von Vögeln und von 
40 Arten die Nester. Diese ornithologischeu Objekte wurden später zum 
größten Teile von dem Kgl. Naturalienkabinette in Dresden gekauft, wo 
Thienemaim Anstellung fand. Viele scheinen auch jetzt noch im Dresdener 
Zoologischen Museum vorhanden zu sein. Doch kennzeichnen sich die Bälge 
nicht genügend. Außerdem fehlen Geschlechtsangabe und Datum, sodaß 
man sie nicht wissenschaftlich benutzen kann. Dagegen sind die Pher, 
■die ja Thienemanns Hauptstudium darstellten, als isländische bezeichnet. 
Eine größere Zahl davon ist durch Tausch in meine Privatsammlung über- 
gegangen. 

Leider hat Thienemann nichts Zusammenhängendes über die ornitho- 
logischeu Ergebnisse der Reise veröffentlicht, was jedenfalls seinen Grund 
in dem Erscheinen der Faberschen Schriften hatte. Doch gibt er in seiner 

Hantzscli, Vogelwelt Islands. ^ 



\Q Geschichtliches. 

Reisebeschreibuiig^) biologische Mitteilungeu über 64 auch von Faber an- 
geführte Vogelarteii. Außerdem weist er iu seinem bekannten Werke über die 
Fortpflanzungsgeschichte der VögeP), sowie in einigen anderen zoologischen 
Schritten auf isländische Brutverhältnisse hin. Freilich begeht er mitunter 
den Fehler, die Vogelart nach den Eiern bestimmen zu wollen, weshalb^ 
gewisse Notizen mit Vorsicht aufzunehmen sind. 

Nur mit wenigen Worten soll auchTeilmannsVersuch einer Beschreibung 
der dänischen und isländischen Vögel ^) erwähnt sein. Obwohl der Verfasser, 
dänischer Kammerjunker und Jägermeister, selbst in Island gewesen war 
und hier Vögel gejagt hatte, sind seine Mitteilungen ül>er das Vorkommen 
der von ihm aufgezählten Arten in Island durchaus unvollständig und gar 
nichts Neues und Wichtiges bietend. Jedes andere Buch, das über die Ver- 
breitung der Vögel berichtet, hat für uns denselben Wert, nur der Titel der 
Schrift läßt größere Erwartungen aufsteigen. 

Auch die ornithologischen Notizen Gliemanns'*) in seiner Beschreibung 
Islands sind ganz unwesentlich. 

Es würde nun im folgenden zu weit führen und liegt aucli keineswegs 
im Zwecke dieser Arbeit, all die zahlreichen Bücher und Artikel, die in 
neuerer Zeit Mitteilungen über die Vogelwelt Islands gebracht haben, zu 
besprechen. Und ein bloßes Verzeichnis der hierher gehörigen Literatur hat 
ohne Kritik des Einzelnen geringen Wert. Die Menge der Touristen, die 
zum Vergnügen oder auch zwecks wissenschaftlicher Untersuchungen nach 
Island kommen, nimmt bis gegen Ende des Jahrhunderts beständig zu, und 
viele derselben veröffentlichen Mitteilungen über ilire Erlebnisse. Auch die 
Zahl allgemeiner ornithologischer Werke, die isländisclie Verhältnisse berück- 
sichtigen, wächst bedeutend. Manche dem Namen nach vielversprechende 
Schriften oder Artikel bringen aber nicht nur nichts Neues, sondern sogar 
Fehlerhaftes. Wichtige Angaben sind späterhin meist wieder zitiert worden, 
sodaß die mühevolle Durchsicht der gesamten diesbezüglichen Literatur die 
Kenntnis der Avifauna Islands kaum wesentlich vermehren könnte, gegen- 
über dem Studium der bedeutendsten Schriften. Es würde auch nur zu 
Irrtümern oder zwecklosen Auseinandersetzungen führen, wollte man die 
Aussagen jedes Keisenden über die so schwierig zu beobachtende Vogelwelt 
für wissenschaftlich richtig oder überhaupt beachtenswert hinstellen. Ich 
berücksichtige deshalb im Folgenden außer einigen Isländern nur die zuver- 
lässigsten Verfasser, die selbst an Ort und Stelle beobachtet und gesammelt 
haben. Um jedoch Wiederliolungen mit dem IL Teile dieser Arbeit möglichst 
zu vermeiden, fasse ich mich hier ganz kurz. 



^) F. A. L. Thieneniann, Reise im Norden Europas, vorzüglich in Island. 
Leipzig 1827. 

^) F. A. L. Thieneniann, Fortpflanzungsgeschichte der gesammten Vögel. Dresdea 
1845—53. 

") Charles Teilmann, Forsog til cn Beskrivelse af Danmarks og Islands Fugle. 
Ribe 1823. 

*) Ph. Gliemann, (ieographische Beschreibung von Island. Altena 1824. 



Geschichtliches. ] 9 

1B37 besuchte der Engländer William Proctor unsere Insel, sammelte 
selbst Vögel und Hier und erhielt auch später seltene Objekte von dort zu- 
gesandt. Im Juni genannten Jahres weilte er auf Grimsey. Cber seine 
Keiseergebnisse berichtete er nur in zwei kleinen Artikeln ^). Doch veröflent- 
lichte Professor A, Newton in Cambridge interessante Angaben über die 
isländischen Sammlungen Proctors. 

1847 erschien in der von einigen Isländern in Kopenhagen herauf^- 
gegebenen Zeitschrift Fjölnir eine Abhandlung über 40 isländische Vogel- 
arten ^j. Sie ist von dem isländischen Dichter Jonas Hallgrimsson (j 1844 
in Kopenhagen) verfatit und wurde von diesem bei einer Versammlung 
seiner Landsleute in Kopenhagen i. J. 1835 vorgetragen. Der Artikel enthält 
nichts wesentlich Neues, ist aber historisch des Verfassers halber interessant, 
berichtet auch in allem Ernste noch einige der alten abergläubischen Erzählungen 
über gewisse Vögel. So sagt Hallgiimsson (Naumannia 1857): „Der Sundhani 
( Phalaropiiis iohatns) kann Hitze ertragen und vergnügt sich wohl auf warmen 
Quellen, obgleich sie so heiß sind, daß man kaum aushält, die Hände hin- 
einzustecken", KalLuH aquatkuH „kann nicht fliegen, da seine Flügel zu 
kurz sind". ..Von dem Steindepill (Saxlcola omantUc) glauben einige, daß 
er unter das Euter der Milchschafe fliegt." Anort/twa troylodytes „ist der 
kleinste von den Vögeln auf Island und wahrscheinlich auch der einzige, 
welcher zweimal im Jahre Junge zieht. Er bleibt im Winter zurück und 
stiehlt sich dann in die Küchen zu Fleisch und anderen Nahrungsmitteln 
hinein, aber im Sommer fängt er Fliegen. Wenn er sich so hineinschleicht, 
grau und klein, mit dem Schwänze wie er ist, dann haben die Leute ihn 
mit einer Maus ähnlich gehalten und ihm so diesen Namen Müsarbrodir 
gegeben". — Viele Mitteilungen Hallgiimssons stützen sich auf Ölafsson und 
Faber, mit dem gemein er Falco lanarim und Loxia serinus nennt. Von 
einer Anzahl Ajten gibt er auch eigene, teilweise recht zutreffende Schil- 
deiiingen. — Dem Grätitlingur (Anthas pratensis), jenem lieblichen Sänger 
der Wiesenlandschaften, hat der Dichter ein ansprechendes, noch heute in 
Island viel gesungenes Lied gewidmet. 

Im folgenden müssen die Schriften zweier Deutscher hervorgehoben 
werden, die eingehendere Nachrichten über die Avifauna unserer Insel ver- 
veröff'entlicht haben. 

Theobald Krüper hielt sich im Sommer 1856 in Nordisland auf 
und weilte vom 14. .Juni bis 31. Juli am Myvatn. Seine Mitteilungen in 
der Naumannia '), die allerdings durchaus kein vollständiges Verzeichnis der 



') William Proctor, Notes on an Ornithological Tour in Iceland. Naturali.st 111. 
London 1838. 

— Clangula Barrovii a Native of Iceland, Annais of Natural Histo IV. 1840. 

^) Yfirlit yfir fuglana ä Islandi (Übersicht über die Vögel auf Island), Fjölnir, 
9. Jahrgang, S. 58 — 72. Kaupmannahöfn 1847. — Teilweise ins Deutsche übersetzt von 
Th. Krüper, Naumannia 1857; vollständig ins Französische übertragen von Olphe Galliard, 
Copenhague 1890. 

2* 



20 Geschichtliches. 

isländischen Vögel bieten sollen, stützen sich anf üheraus gewissenliaftc und 
planmüßige Untersuchungen und verdienen weit mehr Beachtung, als man 
ihnen gesclienkt hat. Krüper verstand isländisch, kannte auch die ornitho- 
logische liitenitur, sowie die Verbreitung isländischer Vögel in anderen 
nördlichen Gebieten, was seinen Beobachtungen zu Gute kam. Wohl als 
erster beschrieb er das Dunenjunge von (jtlancioiirtta idandim, leugnete auch 
die vor und nach ihm vielerorts erhobene Behauptung, Aamt/iis linaria sei 
besonders selten in Island. 

1860 bereisten William Preyer und Ferdinand Zirkel die Insel, 
um, wie sie in der Vorrede ihrer Reisebeschreibuug '^) sagen, die seltneren 
Tiere daselbst kennen zu lernen und namentlich das Leben der borealeu 
Vögel in freier Natur zu beobachten, sowie die geognostischen und minera- 
logischen Eigentümlichkeiten und die einzig in ihrer Art dastehenden Natur- 
wunder Islands näher zu untersuchen. Sie landeten um 14. Juni in Reykjavik, 
ritten von da nach dem Nordlande und kehrten endlich, auch dem Mj''vatn 
einen Besuch abstattend, auf dem Landwege wieder nach der Hauptstadt 
zurück, wo sie am 2. August abfuhren. In der Beschreibung ilirer Reise 
bringen sie im Anhange zusammenfassende wissenschaftliche Mitteilungen, 
so auch ein von Preyer verfaßtes Verzeichnis der isländischen Vögel Preyer 
zählt 102 Arten auf und zwar 81, die mehr oder weniger häufig auf der 
Insel gefunden Averden, 21 aber, die man nur zufallig oder vereinzelt da- 
selbst gesehen hat oder gesehen haben will. Freilich kann man iieutzutage 
nicht in jeder Beziehung mit ihm übereinstimmen. In der von Olafsen unter 
dem isländischen Namen Lfekjadudra beschriebenen Vogelart glaubt er be- 
stimmt, Totamis oc/iropus zu erkennen. I]r nimmt ferner au, daß außer 
Cygnus cygnus auch C. hewicki in Island ))rüte, ohne dies irgendwie zu be- 
gründen. Podicej>s cornntus Lath. und P. auritiis Lath. trennt er und sagt, 
erstere Art sei sehr selten. Eingehend beschreibt er die früher verkannte 
GlaiicioneUa Islcmdint, was aber Krüper und andere schon vor ihm getan 
haben. Als neue Arten für Island führt er Querquedula rireia und Erü/iacus 
titys an. Er stellt endlich eine Raubmöve als wahrscheinlich neue Art auf 
und nennt sie LeKtris thnliaca, die isländische Raubmöve. Nicht nur in 
Preyers Verzeichnis, sondern auch an vielen Stellen der Reisebeschreibung 
werden biologische Mitteilungen über die isländischen Vögel gegeben, wes- 
halb mau das Buch als eine der beachtenswerten neueren Schriften über 
die Avifauna Islands bezeichnen muß. Freilich bringt der Verfasser mitunter 
recht allgemein gehaltene Notizen, die gegenüber den exakten Angaben 
Krüpers mit Vorsicht aufgenommen werden müssen. 

Noch sollen zwei andere Deutsche genannt sein, die in neuester Zeit 
Island aufsuchten und Nachrichten über die Avifauna des Landes publizierten. 



^) Th. Krüper, Der Myvatn und seine Umgebung, 

— Die Inseln des Myvatn, 

— Ornithologische Miscellen: Naumannia 1857. 

*; W. Preyer und f. Zirkel, Reise nach Island im Sommer 1860. Leipzig 1862. 



Geschichtliches. 21 

J. Riemschneider') bereiste die Insel vom 10. Juni bis 12. Juli 1895. 
Nachdem er Reykjavik besucht hatte, fuhr er um die Ostküste nach Akureyri 
und begab sich von hier aus nach dem M;fvatn, wo er zwei Wochen lang 
weilte. Auf ziemlich demselben Wege kehrte er nach Reykjavik zurück. 
Seine Mitteilungen enthalten lebensvolle Schilderungen, insbesondere der 
Entenvögel des Myvatn, denen er als neue Art für Island Aethya fuUgula 
hinzufügen konnte. Auch behauptet er als erster und bis jetzt einziger das 
Vorkommen von Urinator arctleux als Brutvogel Islands. 

Alf Bachmann^) besuchte unsere Insel als Maler. Von Ende Juni 
bis Anfang September 1900 Iiielt er sich daselbst auf und beobachtete, so- 
bald sich Zeit und Gelegenheit bot, auch die Vogelwelt. Interessant sind 
seine Mitteilungen über die Vögel der Vestmannaeyjur, wo er sich fast einen 
Monat aufhielt. Wenn seine Angaben auch nicht frei von Verwechslungen 
sind und deshalb der Nachprüfung bedürfen — z. B. seine Notizen über 
Cal'ulris arenana (S. 19), Stercorarius longicaudus (S. 30), Lariis canus (S. 32) — 
Itieten sie doch wertvolle biologische Schilderungen üher Ocea7iodro)na letu-orrhoa, 
PiiffhiHs pnfßnns und andere Arten. 1904 bereiste Bachmann wiederum 
Island, beobachtete eingehend Megalestris skua am Brutplatze, Cvymophüiis 
fulirarius USW. Er gedenkt seine diesmaligen Erfahrungen gleichfalls in der 
Ornithologischen Monatsschrift niederzulegen. 

Da Island im verflossenen Jahrhundert am häufigsten von englischen 
Touristen besucht wurde, bringt auch die Literatur dieses Landes zahlreiche 
treffliche Bemerkungen über die Vogelwelt unseres Gebietes. 

Wissenschaftlich besonders wertvoll, weil mit großer Sachkenntnis ge- 
prüft, sind die Angaben Alfred Newtons. Dieser bereiste die Insel im 
Sommer 1858 gemeinsam mit John Wolley, vor allem freilich, um Nach- 
forschungen über A/ca htipeiiuis anzustellen. Doch wurden auch zahlreiche 
andere ornithologische Beobachtungen ausgeführt. Seine Erfahrungen legte 
Newtoi! in Baring-Goulds Beschreibung Islands'^) nieder, indem er das für 
seine Zeit vollkommenste Verzeichnis der Vögel unseres Gebietes aufstellte. 
Später wurde dieses durch Hinzufüguug einiger seltener Arten noch von 
ihm vermehrt.*) 

Die wichtigste Bearbeitung unseres Gegenstandes im letzten Jahrzehnt 
geschah durch Henry H. Slater, der Island im Sommer 1885 in Gesell- 
schaft von Carter bereiste und auch 1894 und 1900 besonders im Nord- 
lande weilte. Nach Abfassung mehrerer kleiner Artikel^) veröffentlichte er 



^) J. Rieruschneider, Reise nach Island. Ornithologische Monatsschrift XXI. 1896. 

^) Alf Bachmann, Einiges über das Vogelleben auf Island. Ornitholog. Monats- 
schrift XXVII. 1902. 

^) Alfred Newton, Notes on the ornithology of Iceland. Appendix A to Sabine 
Baring-Goulds Icelands: its Scenes and Sagas. London 1863. 

*) Alfred Newton, Letter on Icelandic birds. Ibis 1864. 

^) H. H. Slater and Th. Carter, Notes from Northern Iceland in the Summer of 
1885. Ibis 1886. 

— Field-notes from Northern Iceland. Zoologist 1886. 

— On the Goldeneyes and Ptarmigan of Iceland. Zoologist 1887. 



22 üeschichtliclies. 

1901 sein Verzeichnis der Vögel Islands*), die einzige zusaninienhängcnde 
Arbeit ii])er unser Thema seit Pabers Zeit. Kr berücksichtigt darin natur- 
gemäß am vollständigsten die englische Literatur, die nun zusammengefaßt 
deutlich die Fortschritte der Forschung erkennen läßt, Slaters Buch ist als 
übersichtliches, freilich heutzutage nicht mehr vollständiges Handbuch, speziell 
für den Touristen, vortrefflich brauchbar, bringt aber auch zahlreiclie eigene 
Beobachtungen des Verfassers, die für den Ornithologen interessant sind. Als neu 
für Island ist Cla)ußüa glaucion aufgestellt. Im Ganzen werden 115 Nummern 
angeführt. Bei vielen Vögeln sind kurze Artbeschreibungeu gegeben. Auf 
feinere Formenunterschiede und Originalbeschreibungen isländischer Exemplare 
wird indes kein Wert gelegt. 

Eine kurze Aufzählung der isländischen Vögel brachten auch Henry 
.]. und Charles E. Pearson in der Ibis^). Diese umfaßt 108 Spezies, 
bietet indes gegenüber früheren Veröffentlichungen kaum Neues, da die An- 
führung von Sterna doiigalli ein Irrtum sein muß. Vor dem Verzeichnisse 
geben die Verfasser eine Reihe nicht unwichtiger Notizen, insbesondere Brut- 
daten von 17 Arten, die sie auf ihrer Reise in Südisland im Sommer 1894 
sammelten. Interessant ist die Mitteilung von der Erlegung eines Anser 
cinereus (= A. fenis Schaeff.) nebst der Bemerkung der Verfasser, nur diese 
eine Gänseart mehrfach in Island beobachtet zu haben. 

Endlich soll unter den Engländern, welche die Kenntnis der Vogel- 
welt unserer Insel vermehren halfen, noch J. Coburn genannt sein, der 
1899 Mareca americana in Nordisland entdeckte'') und dem zu Ehren Sharpe 
1901 die isländische Rotdrossel als Tiirdus cobnrni beschrieb. 

Von Isländern haben in den letzten Jahrzehnten nur wenige etwas 
über die Vogelwelt ihres Landes publiziert. Jon Gunnlaugsson gab 
einige Beobachtungen aus Reykjanes (S, W. Island)*) und P. Nielsen aus 
der Gegend von Eyrarbakki (S. Island)^). Der letztere besitzt noch um- 
fassendes Material, besonders über die Brutverliältnisse südisländischer Vögel, 
und er beabsichtigt in nicht allzuferner Zeit eine Publikation desselben. 

Weit zahlreichere Mitteilungen als die genannten hat der als Dichter 
und Gelehrter über Islands Grenzen hinaus bekannte Benedikt Gröndal in 
Reykjavik gegeben, die im folgenden Abschnitte aufgezählt sind. Es handelt 
sich freilich in der Hauptsache auch nur um kurze Verzeichnisse und Zahlen- 
angaben. So wertvoll manche dieser Bemerkungen auch sein mögen, 
erkennt man doch recht oft, daß der Verfasser wenig im Freien beobachtet 
hat und sich zumeist auf die Mitteilungen anderer verläßt, ferner auch, 



1) Henry H. Slater, Manual of the Bilds of Iceland. Edinburgh 1901. 

^) Henry.), and Cliarles PI Pearson, Ün Birds obscrved in Iceland in 1894, with 
a List of the Species hithorto recorded therofrom. Ibis 1895. 

») J. Coburn. Bulletin of the British Ornithologists Club, XII. 1901. 

*) Jon (iunnlauosson, Ürnithologische Beobachtungen aus Keykjanes in Island, 
Ornis 1895— 9(). 

•^) P. Nielsen, ürnithologische Beobachtungen zu Eyrarbakki in Island, Ornis 1886. 
— Ornis 1887. 



Geschichtliches. 23 

daß ihm neuere Literatur uud die Verbindung mit andern Ornithologen 
fehlen. Ich erinnere nur an die Verwechslung von Montif ring Uta nivalis 
(In Ornis 1886, S. 358, sogar der deutsche Name „Schneelink") mit Piec- 
trophanes (Fasserina) nivalis. Im übrigen jedoch müssen die verdienstlichen 
Arbeiten Gröndals, inbesondere sein Islenzkt fmj/atal (Reykjavik 1895) voll 
anerkannt werden. 

Recht groß ist endlich noch die Zahl der allgemeinen Werke, die 
^gelegentlich auf die Avifauna Islands zu sprechen kommen. Da aber wohl 
keins derselben wesentlich neue Mitteilungen bringt, sondern alle fast aus- 
schließlich die vorerwähnten Schriften und Artikel, nicht einmal immer ganz 
richtig, zitieren, sollen sie hier unberücksichtigt bleiben. Die wichtigsten, 
von mir im II. Teile dieser Arbeit benutzten Werke sind im folgenden 
Abschnitte angeführt. 

Zum Schlüsse dieses Kapitels über die ornithologische Erforschung 
Islands bemerke icli, daß ich die spezielle Literatur über Alca impmnis 
unberücksichtigt gelassen habe. Doch soll im 5. Abschnitte zusammenhängend 
über diesen interessanten Vosel berichtet werden. 



2. Übersicht der wichtigsten Literatur. 

Th. Thoroddseu, Geschichte der Isländischen Geographie, I. und II. Teil, 
deutsche Übersetzung 1897 und 1898. Leipzig, 

Joh. Anderson, Nachrichten von Island, Grönland und der Sti-aße Davis, 
1746. Hamburg. 

Niels Horrebow, Tilforladelige PJfterretninger om Island, 1752. KJ0benhavn. 

M. Th. Brünnich, Oruithologia Borealis, 1764. Hafuiae. 

Eggert Olafsens og Biarne Povelseus Reise igjennem Island, 1772. 
Soroe. 

N. Mohr, Fors0g til en Islandsk Naturhistorie, 1786. Kj0bcnhavn. 

Friedrich Faber, Prodromus der isländischen Ornithologie, 1822. Kopen- 
hagen. 

— Nachtrag zum Prodromus. Okens Isis 1824. Jena. 

— Beiträge zur arktischen Zoologie, Okens Isis 1824 und 1827. Jena. 

— Über das Leben der hochnordischen Vögel, 1826. Leipzig. 

F. A. L. Thienemann, Reise im Norden Europas vorzüglich in Island, 
1827. Leipzig. 

— Fortpflanzungsgeschichte der gesaramten Vögel, 1845 — 53. Dresden. 
William Proctor, Notes ou an Ornithological Tour in Iceland. Naturalist III, 

1838. London. 

— Clangula Barrovii a Native of Iceland, Annais of Natural Historv IV, 

1840. London. 
Jonas Hallgrimsson, Yfirlit ytir fuglana ä Islandi, Fjölnir IX, 1847. 

Kaupmannahöfn. 
Th. Kriiper, Der Myvatn und seine Umgebung. 

— Die Inseln des Myvatn, 

— Ornithologische Miscellen, Naumaunia 1857. Leipzig. 

W. Preyer und F. Zirkel, Reise nach Island, 1862. Leipzig. 
Alfred Newton, Notes on the ornithology of Iceland, Appendix A to 
Baring-Goulds Iceland, 1863. London. 

— Letter on Icelandic birds, Ibis 1864. London. 

N. Kj8erb0lliug, Skandinaviens Pugle, 2. üdgave ved Jonas ('ollin. 1877, 

Kj0benhavn.') 
J. C. Poestion, Island, 1885. Wien. 



1) Zitiert als „Colliu, Skandinaviens Fugle (1877)' 



Literatur. 25^ 

H. H. Slater aud Th. Carter, Notes fi-om Northern Icelaiid, Ibis 1886. 
London. 

— Field-notes from Northern Icelaud, Zoologist 1886. London. 

— On the Goldeneyes and Ptarmigan of Iceland, Zoologist 1887. London. 
Benedikt Gröndal, Verzeichnis der bisher in Island beobachteten Vögel^. 

Ornis 1886. Wien. 

— Ornithologischer Bericht von Island (1886), Ornis 1886. Wien. 

— Isländische Vogelnamen, Ornis 1887. Wien. 

— Islenzkt fuglatal, 1895. Ke3kjavik. 

— Ornithologischer Bericht von Island (1887/8), Ornis 1897. Paris. 

— Zur Avifauna Islands, Ornis 1901. Paris. 

P. Nielsen, Ornithologische Beobachtungen, Ornis 1886 und 1887. Wien. 
H. J. and C. E. Pearson, On birds observed in Iceland, Ibis 1895. London.. 
J. Riemschneider, Reise nach Island, Ornithologische Monatsschrift 1896, 

Gera-Uutermhaus. 
HerlufWinge, Couspectus Faunse Groeulandicse : Gr0nlands Fugle, Ssertryk 

af Meddelelser om Gr0nland XXI, 1898. KJ0benhavn. 
G. Koltlioff och L. A. Jägerskjöld, Nordens Fäglar, 1898. Stockholm. 
H. H. Slater, Manual of the Birds of Iceland, 1901. Edinburgh. 
Alf Bachmann, Einiges über das Vogelleben auf Island, Ornithologische 

Monatsschrift 1902. Gera-Üntermhaus. 
Stefan Stefänsson, Ny rit um nättüru Islands, Nordurland, 4. Okt. 1902.. 

Akureyri. 
H. E. Dresser, A Manual of Palaearctic Birds, 1902 — 3. London. 
Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, Jubiläumsausgabe von 

Carl R. Hennicke, 1897—1905. Gera-Üntermhaus. 
Herman Schalow, Die Vögel der Arktis, Band IV, Lief. I der Fauna Arctica 

von Römer & Schaudinn, 1904. Jena. 
Bjarni Ssemundsson, Zoologiske Meddelelser fra Island, Ssertryk afVidensk.. 

Meddel. fra den naturh. Foren, i Kbhvn, 1905. Kj0benhavn. 



3. Bericht über meine eigene isländische Reise. 

Nach den Dötigen Spezialstudien in Literatur und Biilj,^en. auch im 
Kopenhao-ener Zoologischen Museum, wo Herr Vizeinspektor Winge mir in 
liebenswürdigster AVeise seine Unterstützung zuteil werden ließ, trat ich 
Anfang April 1903 eine ornithologischen Untersuchungen dienende Reise 
nach Island an. Sie führte zunächst über Kopenhagen, Edinburgh, die 
Täröer und Vestmannaeyjar nach Reykjavik, der Hauptstadt Islands, wo 
ich gjn 20. April anlangte. Meine Exkursionen von hier aus erstreckten 
sich besonders längs der Meeresküste, da die sonstige Umgebung sich als 
ziemlich reizlos und vogelarm erwies. Ich möchte keinem Ornithologen 
•empfehlen, hier Standquartier nehmen zu wollen, da es, wie ich später 
kennen lernte, ungleich günstigere Gebiete genug gibt. Auch verhielten 
sich die Vögel in dieser verhältnismäßig dicht bewohnten Gegend weit vor- 
sichtiger als an einsamen Örtlichkeiten. Doppelt erschwert wurde das 
Sammeln durch die gesetzliche Unmöglichkeit, eine Ei'laubnis zum Erlegen 
geschützter Arten zu erhalten. Für spätere Forscher ist glücklicherweise 
eine solche in dem neuen Gesetz vom 27. November 1903 vorgesehen.') 



1) Der isländische Althingsabgeordnete Herr Björn Kristjansson in Reykjavik 
war so freundlich, mir dieses Gesetz nebst zwei anderen Verordnungen in dänischer 
Sprache zuzusenden, was ich in Übersetzung folgen lasse. 

Gesetz über den Schutz der Vögel (Ausgeg. am 27. Nov. 1903). 

§ 1. Nachstehende Vogelarten: Bachstelzen, Steinschmätzer, Drosseln, Zaunkönige, 
Finken, Schneeammern. Pieper. Wassertreter (beide Arten), Seeschwalben, Stein- 
wälzer, Sandregenpfeifer, Pfuhlschnepfen und isländische Strandläufer sollen 
während des ganzen Jahres geschützt sein. 

§ 2. Folgende Yogelarteu : Adler, Jagdfalken, Steinfalken, Eulen. Haben, Raubmöven, 
Mantelraöven und andere Mövenarten, Scharben, Tölpcl, Eistaucher, Nordsee- 
taucher, Ohrentaucher, Lummen und Alke, Säger und Weißwangengänse sind 
nicht geschützt zu irgendwelcher Zeit des Jahres. 

§ 3. Andere Vogelarten sollen nach folgenden Bestimmungen geschützt sein. 

a) Schneehühner vom 1.5. Februar bis 15. September. 

b) Alle andern als die obengenannten Entenarten vom 1. April bis 1. September. 

c) Schwäne vom 1. April bis 15. September. 

d) Seepapageien vom 10. Mai bis 20. Juni. — 

Die Bezirksvorstände werden für ihren Distrikt beauftragt, die Schonzeit 
für den Eissturmvogel festzusetzen. Doch darf diese nicht später als den 
20. März beginnen und nicht früher als den 10. August endigeu. 



Reisebericht. 27 

Imiuerhin konnte icli während meines Aufenthaltes in Reykjavik verschiedene 
auf dem Zuge befindliche seltenere Vogelarten beobachten und eine Reihe An- 
kunftsdaten notieren. Ich besuchte auch von ornithologisch tätigen Einwohnern 
der Hauptstadt Herrn Gröndal, der mir freundlichst seine letzten Publi- 
kationen einhändigte, sowie Herrn Adjunkt S?emundsson, der mich in die 
Vogelsammluug führte. Diese ist urspünglich von Gröndal angelegt, jetzt 
aber in den Besitz der Stadt übergegangen. Einige Objekte darin sind 
wertvoll, den meisten fehlen jedoch die so überaus wichtigen Angaben über 
Geschlecht, Datum der PJrlegung usw. Dazu waren verschiedene außer- 
isländische Vögel mit eingestellt, die zu Irrungen Anlaß geben können. 
Allmählich wird man hoifentlich die Sammlung vervollständigen und die 
wissenschaftlich wertlosen Präparate daraus entfernen. 



Alle nicht oben namhaft gemachten Vogelarten sollen vom 1. April bis 1. August 
geschützt sein. Beim Fange von Seepapageien und Eissturmvögeln dürfen weder 
Schüsse noch Kietze, sondern ausschließlich Kätscher angewendet werden. 

§ 4. Für jeden hierdurch geschützten Vogel soll der Gesetzesübertreter 2 Kronen als 
Buße bezahlen, was für jede weitere Übertretung verdoppelt wird bis zu 40 Kronen. 

§ 5. Der Minister kann wissenschaftlich gebildete Ornithologen von den Bestimmungen 
dieses Gesetzes befreien. 

§ 6. Rechtsstreitigkeiten, die infolge von Übertretung der gesetzlichen Bestimmungen 
entstehen, werden als öffentliche Polizeiangelegenheiten behandelt. Die eine 
Hälfte der Buße fließt in die Landeskasse, die andere erhält der Ankläger. 

§ 7. Das Gesetz vom 17. März 1882 über den Schutz der Vögel (und Rentiere) und 
das Gesetz vom IH. Dezember 1885 betreffend Veränderungen im Gesetze über 
den Schutz der Vögel (und Rentiere) werden hierdurch aufgehoben. 

Verordnung 
über die Jagd in Island (ausgegeben am 20. Juni 1849). Auszug. 

§ 11. Niemand darf irgendwo in Island Ei der vö gel töten, weder auf dem Meere noch 
im Lande, auf seinem eigenen oder auf eines anderen Grund und Boden, nicht 
durch Schüsse, Hunde, Netze oder auf irgendwelche andere Weise. Vorsätz- 
liche Übertretung hiervon wird mit einer Strafe von 48 Skilling (= 50 Öre = 
56 Pfennig) für jeden getöten Vogel belegt, was in die Gemeindekasse gezahlt 
werden soll. 

Gesetz 

enthaltend Nachtrag zur Verordnung über die Jagd in Island vom 20. Juni 1849 

(ausgegeben am 22. März 1890). 

§ 1. Jeder, der vorsätzlich Eidervögel tötet, soll statt der in § 11 der Verordnung 
über die Jagd in Island vom 20. Juni 1849 vorgesehenen Strafe für jeden Eider- 
vögel eine Buße von 10 bis 100 Kronen erlegen, die im Wiederholungsfalle ver- 
doppelt wird. 

§ 2. Niemand, weder der Eigentümer noch ein anderer", darf Eidervogeleier verkaufen 
oder kaufen. Übertretung hiervon wird mit einer Buße von 10 bis 100 Kronen 
bestraft, die im Wiederholungsfalle verdoppelt wird. 

§ 3. Niemand darf irgendwo in Island tote Eidervögel oder Teile davon kaufen oder 
verkaufen, zusichnehmen oder benutzen. Übertretung hiervon wird mit einer 
Buße von 10 bis 100 Kronen bestraft. 

§ 4. Die in §§ 1, 2 und 3 bezeichnete Buße fällt zu einem Drittel an die Gemeinde- 
kasse, wo die Übertretung begangen wird, zu zwei Drittel an den Ankläger. 

§ 5. Streitigkeiten infolge von Übertretung vorstehenden Gesetzes werden als öffent- 
liche Polizeiangelegenheiten behandelt. 



28 lieiseberifht. 

Meine Absieht, von Reykjavik mis nun auf dem Landwege allmählich nach 
Nordisland zu gelangen, scheiterte an der besonders ungünstigen, kühlen 
Witterung, der bodenlosen Schlechtigkeit selbst der im Sommer guten Wege und 
dem Mangel an jeglicher frischen Nahrung für die zum Keisen nötigen Pferde, 
Deshalb begab ich mich am 13. Mai auf den Küsteudampfer Skdlholt und fuhr 
mit diesem nach Norden. Das Schiff ging bei über 20 Ortschaften vor Anker,, 
und ich hatte dann mehrmals Gelegenheit, stundenlange Exkursionen zu unter- 
nehmen. Der Nordwesten Islands mit seinen gToßartigen Felsformationen 
zeigte sich noch völlig im Winterkleide, und auch das Meer war an vielen 
Stellen mit Treibeis bedeckt. Trotzdem hatten sich die Seevögel überall an 
ihre Brutplätze begeben, und der eigentliche Vogelzug schien vorüber zu sein. 
Nur solche Arten, die im Innern des Landes brüten, hielten sich noch am 
Strande auf. Ungeheuer reich au Seevögeln war die Gegend am Kap Nord, 
Verschiedene Vogelarten, die sich in der Ferne zeigien, z. B. Kaubmöven, konnten 
vom Schiffe aus nicht immer richtig angesprochen werden. 

Da ich nicht wieder in einer größeren Ortschaft wohnen wollte, ging 
ich bei dem kleinen Fischerplatze Hjalteyri im Eyjafjördi- (Fig. 1), das 




1. Hjalteyri. 



einige Stunden nordwärts von Akureyri liegt, am 25. Mai an Land. Die 
Gegend zeigt in der Nähe des Meeres grasige Heideflächen. Im Hinter- 
grunde steigen höhere Gebirgszüge auf, die aber nur zum kleinen Teil das 
ganze Jahr über mit Schnee bedeckt bleiben. Der Strand ist zumeist flach 
und steinig, an einigen Stellen aber fallen auch steile Felsen senkrecht ins 
Meer, an denen Phalacrocorax carbo, Coitus corax u. a. horsten. Zahlreiche 
Flüsse und Bäche durcheilen das Hügelland. Fruchtbare, teilweise versumpfte 
Einsenkungen und Täler bieten den Vögeln Schutz und Nahrung. Gegen- 
über von Hjalteyri ergießt sich die wasserreiche Fnjöskä in den Eyjafjördr, 



Keisebericht. 29 

die im Laufe der Zeit große Mengen Sand und Erde mitgebracht und vor 
der Mündung als Inseln abgelagert hat. Diese bieten mit ihrem niedrigen 
Gestrüpp von Heidekräutern und Zwergbirken verschiedenen Entenarten, 
besonders Soinatf-ria mollissima, ferner auch Seeschwalben, Gänsen u. a. m., 
willkommene Brutplätze. Wenige Stunden aufwärts der Mündung sind die 
Abhänge des Fnjöskätales mit dichtem Buschwalde bedeckt, der Turdus 
iliacns und Acanilds Jinaria zum Wohnplatze dient. So beherbergt die 
Gegend im weiteren Umkreise die meisten der zu erwartenden Vogelarten, 
aus welchem Grunde ich mich bis zum 25. Juni in Hjalteyri aufhielt. 

Ich besuchte auch von hier aus den norwegischen Konsul in Akureyri, 
Herrn Kaufmann I. V. Havsteen, der ein guter Kenner isländischer Vogel- 
«ier ist. Ich verdanke ihm eine Anzahl wertvoller Mitteilungen, für die 
■er, hoffe ich, einstehen kann. 

Um nun die auf den Vogelbergen brütenden Arten zu beobachten, 
begab ich mich mit dem Küstendampfer Hölar nach Grimsey im PJismeere. 
Da diese interessante Insel in neuerer Zeit oar nicht ornitlioloa'isch unter- 




Fig. 2. Reykjalid am Myvatn. 

sucht wurde, will ich ihr bei Schilderung der Landschaftsformen einen 
besonderen Abschnitt widmen. Mich lockte vor allem der Krabbeutaucher dahin, 
der hier seine südlichsten sicher bekannten Brutplätze besitzt, sowie der 
Sanderling, der zu Fabers Zeiten gleichfalls daselbst gebrütet haben soll. 
Trotz ungünstiger Witterung war diese Exkursion hochinteressant, und mit 
einer Anzahl Bälgen und einer Menge Eiern kehrte ich in einem sechs- 
rudrigen Boote am 11. Juli nach Hjalteyri zurück. 

Nunmehr begab ich mich, unterwegs auch den berühmten Buschwald 
bei Hals im Fnjöskätale durchstreifend, nach dem größten Binnensee Nord- 
islands, dem Mvvatn. Der Aufenthalt daselbst ealt in erster Linie dem 



30 Reisebericht. 

Sammeln von Entendunenjungen, speziell solchen von Glaucionetta islavdica. 
Diese Absicht wurde dadurch erleichtert, daß die kühle, stürmische Witterung 
vielen der zarten Tiere den Tod brachte und ich Dutzende derselben am 
Ufer des Sees auflesen konnte, die sich teilweise noch recht gut zur Prä- 
paration eigneten. Die größte Menge der tot oder halbtot gefundenen 
Dunen jungen bildeten solche von Mergus serralor und Aditija mavüa, 
seltener die von ClaiK/ida hyemans, Oidemia tiiyra, Anas boschus und Glaii- 
cionHtd isiamlira. Die landschaftlich abwechslungsvolle, eigenartige Umgebung 
des oft besuchten Myvatn ist auch sonst ornitliologisch äußerst interessant. 
Am 4. August verließ ich das gastliche Reykjalid (Fig. 2), ritt nach 
Hjalteyri zurück, verpackte meine Sammlungen, die den oft schwierigen 
Transport gut überstanden hatten, und brachte sie auf das nach Reykjavik 
fahrende Schiff. 

Am andern Tage trat ich selbst den Landweg nach Reykjavik 
an und zwar allein mit nur einem, freilich vortrefflichen Pferde. Das hastige 
Reisen mit Führern und vielen Reit- und Lasttieren behagte mir auf die 
Dauer nicht, zumal oruithologische Untersuchungen dann sehr in den Hinter- 
grund treten mußten. Um meinem Pferde etwas Erholung zu gönnen, schloß 
ich mich allerdings einige Tage Isländern an. Ich sammelte auf der 
15tägigen Tour zwar keine Vögel mehr, konnte aber noch eine Menge 
Beobachtungen über deren Verbreitung und Lebensweise anstellen. Der 
Weg führte von Akureyri durch das grasreiche Öxnätal, dann über die 
steinige, romantische Hjaltadalsheidi, wo es lebhaft schneite und der Boden 
fest gefroren war, nach Silfrastadii*. Von hier aus besuchte ich den enten- 
reichen Miklavatn, durchquerte nun bei Nebel und Regen, meist öde. sumpfige 
Täler benutzend, die einsamen, nur selten von Vögeln, Schafen und Pferden 
belebten Gebirge bis zum Blandatal hinab. Hier besserten sich die Wege. 
Ich ritt über Blönduös, Sveinstadir und Lsekjamöt nach Stadr, von da aus aber- 
mals über öde Heiden, in denen ein schreiender Jagdfalk mein Begleiter 
war, nach Hvammr, von da wieder durch grasreiche, abwechsluugsvoUe 
Hügellandschaften, wo hier und dort kräftiges Birkeugebüsch die Abhänge 
bedeckte, nach Saurbaer am Hvalfjördr. Diese großartige Gegend wieder 
verlassend, kletterte ich, mein Pferd am Zügel nachführeud, über steile, 
wilde Gebirge nach dem Tale des ]?ingvallavatu. Wundervolle kleine 
Seen, auf denen die weißen Schwäne dahinzogen, lagen am einsamen Wege. 
Von ])ingvellir aus durchstreifte ich die großen Buschgebiete zwischen 
Middalr und Uthlid und besuchte dann den merkwürdigen Geysir und den 
majestätischen Gullfoss. Von hier aus ritt ich auf schwierigen, sumpfigen 
Pfaden nach Skälholt, übersetzte die tiefe, milchweiße Hvitä in einer Fähre 
und gelangte endlich nach Eyrarbakki au der Südküste, wo ich Herrn 
Faktor Nielsen (Fig. 3), einen tüchtigen Vogelkenner, besuchen wollte. 
Leider war dieser abwesend. Doch traf ich ihn kurz vor meiner Abreise 
in Reykjavik. Später hatte er noch die Liebenswürdigkeit, mir schriftlich 
zahlreiche Mitteilungen zukommen zu lassen, weshalb ich ihm zu besonderem 
Danke verpflichtet bin. Von Eyrarbakki reiste ich zuletzt nach Reykjavik,^ 



Reisebericht. 



31 



wo ich am Nachmittage des 23. August aulangte. Am Abend des 27. dieses 
Monats verließ ich die Stadt, am Morgen des 28. passierten wii- die Vest- 
mannaeyjar, und einige Stunden darauf verschwanden die fernen Berge 
Islands im Nebel. 

An Material habe ich über 150 Vogelbälge in 43 Arten'^bis zur Größe 
des Siugschwaus, sowie ca. 400 Eier in 37 Arten in Island gesammelt. Mit 
wenigen Ausnahmen befindet sich dieses noch in meiner Sammlung. Die 
speziellen ornitliologischeu Resultate werden, soweit es der Phitz erlaubt, im 




Alf Bachmanu, München. Phot. 

Fig. 3. P. Nielsen am Neste von Megalestris skua. 



zweiten Teile der Arbeit dargelegt. Ereilich sind die Ergebnisse meiner 
Untersuchungen auch nur durchaus lückenhafte, wovon niemand mehr als 
ich selbst überzeugt sein kann. Möchte die eingehende ornithologische Er- 
forschung Islands, die von Dänemark aus geplant wird, recht viele der heute 
noch vorhandenen Lücken ausfüllen und die Kenntnis der Vogelwelt unseres 
Gebietes auf dieselbe Höhe bringen, wie dies, besonders durch dänischen 
Forschungseifer, bei der benachbarten grönländischen Kolonie, wenigstens bei 
deren Westküste, der Fall ist! 



4. Die Landschaftsformen Islands mit Hervor- 
hebung ihrer Charaktervögel. 

Gras, Wasser, Steiü: iiii großen Ganzen ist die isländische Natur nur 
eine Zusammensetzung von diesen Dreien, oft das eine vorherrschend, ander- 
mal wieder alles Dreies gleichmäßig vereinigt und abwechselnd. Nur an 
sehr wenigen günstigen Stellen kommen noch niedere Buschwälder hinzu, 
außerdem natürlich maunigfaclie Blumen und Kräuter, die die Landschaft 
etwas weniger tot und starr erscheinen lassen. Im allgemeinen aber kann 
mau wohl sagen, daß die isländische Natur arm und traurig ist, freilich 
auch gToßartig; denn überall wird der Hintergrund durch die dunkeln stillen 
Berge abgeschlossen, die zum Teil das ganze Jahr über ihre blendend weiße 
Schneekappe tragen. Ja an verschiedenen Stellen glänzen von ferne die 
gewaltigen, unheimlichen Gletschergebiete. Aber kein Windhauch flüstert 
heimlich mit den schwanken Hängezweigen hochstämmiger Birken. Kein 
Lied vom deutschen Walde kann wiederhallen in stolzen Richbäumen und 
ernsten, dunkeln Tannen. Kein Saatfeld wogt, über dem die Lerche frühlings- 
jubelnd dahinflatterte. Kein Blütenbusch steht am Hange, aus dem in 
schwellender Mainacht die Nachtigall ihre Liebeslieder jauchzte. Und doch: 
du sehnst dich fort aus deinem blühenden Garten, fort aus deinem rauschenden 
Sommerwalde nach der nordischen Einsamkeit, nach der unendlichen Stille, 
die geheimnisvoll über den dürftigen Gräsern und Blumen lagert und über 
Wasser und Fels. die isländische Natur ist reich an Poesie und altem, 
wunderbarem Märchenzauber! Nur muß man Sinn dafür haben und allein 
sein. Laute, lebensfrische Geselligkeit paßt nicht in diese Landschaften. 

Wie manchmal lag ich dort am Berghange, wo der Gießbach mir sein 
Lied sang, oder am glitzernden See, wenn die Sonne darin sclilafen ging! 
Die isländischen Vögel sind wie alle anderen abhängig von ihrer Umgebung. 
Wenn ich ihr Leben schildern will, muß ich zuvörderst ein Bild malen von 
den charakteristischen Landschaftsformen der Insel. 

Wiesen und GrasLind. 

Besonders in den tiefer liegenden Teilen des Gebietes finden sich aus- 
gedehnte Graslandschaften, ebenso in den PJinsattlungen zwischen den Bergen 
und an den Abhängen derselben. Die Flußtäler zeigen natürlich gleichfalls 
Oraswuchs. Jedoch verliert sich in der Nähe des Wasserlaufes sehr oft der 



Wiesen und (irasluiid. 



33 



(.'harakter eigontliclier Wiesen, um in Moor- und Sumpfland überzugehen, 
das eine besondere Vogelwelt hat. Freilich ist der Name Wiese auch für 
jene erst angedeuteten Gebiete nicht völlig bezeichnend. Höheres und 
kräftigeres Gras von frisehgrüner Farbe findet man, außer an wenigen be- 
.sonders begünstigten Plätzen, meist nur in unmittelbarer Nähe der Bauern- 
höfe. Die übrigen Wiesenflächen zeigen gewöhnlich bloß kurzes und nicht 
besonders dicht wachsendes Gras von mehr graugrüner Färbung, ähnlich 
wie bei uns die Matten der Gebirgsabhänge. Das Terrain solcher Gebiete 
ist selten eben. Fast immer besteht der Boden aus unzähligen kleinen 
Hügeln, die kaum höher als ein halber Meter sind und so dicht beieinander- 
liegen, daß man in den meisten Fällen von einem zum andern steigen oder 
wenigstens springen kann (Fig. 4). Zur feuchten Jahreszeit, besonders im 
Frühlinge, findet sich zwischen den Hügeln oft Wasser und Sumpf, sodaß 




Graslandschaft bei Hjalteyri. 



ein längeres Durchqueren der Grasflächen des fortwährenden Springens wegen 
nicht ohne Anstrengung ist. Aber auch wenn später im Sommer die Ver- 
tiefungen trockner werden und man bei ihrem Betreten nicht mehr einsinkt, 
ist es immer noch am bequemsten, von Hügel zu Hügel zu steigen, und 
nur dann, wenn diese zu weit auseinanderliegen oder die Einsenkungeu ein 
Stück wegartig am Boden hinführen, letztere zu benutzen. 

Für den jagenden Ornithologcn bieten solche Graslaudschafteu, wie 
leicht ersichtlich, mancherlei Hindernisse. Nicht nur bei feuchter Witterung, 
sondern aucli bei Trockenheit sind die kleinen Hügel oft so glatt, daß man 
gar leicht ausgleitet. Darum ist es nicht ungefährlich, mit schußfertigem 
Gewehr, also mit gestochenen Hähnen, ein derartiges Terrain abzusuchen. 
Andernteils aber flnden die Vögel hinter den Schollen so günstige Deckung, 
daß sie dann und wann schneller vor dem Jäger auffliegen, als dieser zum 

Hantzscli, VoKi^lweU I.slamls. 3 



34 Wiesen und (irasland. 

Schießen bereit ist. Laiigsain und schrittweise geht mau deslialli Norwarts. 
die Flinte in der Hand und mit dem Blicke den Fuß unterstüt/end. Aber 
aller ])aar Sekunden Ideibt man stehen, scliaut sich um und hiusclit. In 
den stillen isländischen Landschaften schärft sich das Olir. und nnin be- 
herrscht mit dessen Hilfe ein großes Gebiet. Wenigstens im Frühjahr und 
Sommer, wenn die Vögel überhaupt liäufiger ihre Stimme hören lassen, be- 
grüßen sie nicht selten den Mensclien, der es wagt, in ihre einsamen Wohn- 
orte zu dringen. Sie rufen verwundert ilire Locktöne oder nähern sich sogar 
neugierig dem Beobachter. Im Herbste scharen sich die meisten zusammen 
und sind dann, aucli ohne daß man iln-e Stimme vernimmt, leichter sichtbar. 
So lernt man gar bald die wenigen Charaktervögel der isländischen Wiesen- 
flächen recht gut kennen, wenn freilich ihre Flrlegung auch oftmals Schwierig- 
keiten bietet. 

Wieder steh' ich nun im Geiste draußen am gi'asigeu Hange, das 
gute Fernglas, die treue Flinte in der Hand, sonst einsam und lauschend 
und schauend. Der Winter ist vorüber, und der Frühling beginnt. Isländischer 
Frühling! Wie ganz anders ist er als bei uns daheim! Nur eine ferne 
Sage vom Lenzesglttcke dringt hinauf nach dem nordischen Eilande. Kein 
dunkelblauer Himmel wölbt sich über der kahlen Erde. Kühl bleibt auch 
der Sonne blinkender Strahl. Statt milder Frühliugslüfte kommt eilend der 
rauhe Nord geflogen: vom Grönlandseise nach Islands weißen Berggipfeln. 
Und doch beginnen die Grasflächen bereits im Mai, sich im ersten Frühlings- 
ahnen zu schmücken. Das trübe Grau der Hügel und Hänge mischt sich 
langsam mit feinem Grün, und hier und dort am windgeschützten Orte 
entfalten winzige Pflänzchen schüchtern ihre roten und weißen Blüten, und 
lautlose Stille deckt feierlich das weite Land und zwingt zum Schauen und 
Lauschen. Da in der Ferne ein feines Sit Sit! Rascher und stärker werden 
die Töne, und nun beginnt ein angenehmer Gesang. Der Wiesenpieper 
(Anthus pratensis) ist es, der den Frühling verkündet. Wie lieblicli klingt 
sein weiches Schmettern und Trillern, wie stimmungsvoll wechseln damit 
die einzelnen gezogenen Töne ab! Doch nicht er allein belebt die Gras- 
flächen: Goldregenpfeifer (Charadrins apricarms) und Brachvogel (Numenhis 
])haeoj)Hs) schweben hoch oben am Himmel dahin und erfüllen mit ihrem 
anhaltenden Trillern die ganze Gegend. Und der kleine Alpenstrandläufer 
(Faüdna alpiria) sucht es den beiden gleichzutun; sausend durcheilt er die 
Luft, zitternd flattert er in die Höhe, die Stimme freilich, die er dabei hören 
läßt, muß mehr ein Schnurren als Trillern genannt werden. An andrer 
Stelle der Grasfläclien dringt das meckernde Schwirren der Bekassine 
(Gallinago galUnago) an unser Ohr, und zahlreiche Seeschwalben (Stirna 
mao-ura) erfreuen uns durch ihr geschicktes, gaukelndes Hin- und Her- 
schweben. Aber plötzlich stoßen die gewandten Flugkünstler ihr lebhaftes 
„Kria" aus, die andern Vögel verstehen die Stimme und machen sich zum 
Kampfe oder zur Flucht bereit. Ein Zwergfalke (talco merilLus) kommt 
flatternd dahergezogeu ! Auf einmal beschreibt er einen engen Kreis in der 
Luft, in schönen Bogenlinien schwebt er tiefer zur Erde und stürzt plötzlich 



Moor und Siiuipl'land. 35 

mit angezogoiieu Flügeln nach dem Boden. Laut schreiend erhebt er sich 
wieder und trägt den eben noch so froh singenden Wiesenpieper in die Luft 
einpor. Bald verschwindet er in der Ferne, um auf seinem Lieblingsi)latze 
die Beute zu verzehren. Manchmal kommt auch der stolzeste Vogel Islands, 
der Jagdfalke (Hierofalco is(andus), aus seinen Bergen in das Grasland hinab. 
Angstlich lockend sitzen dann die Brachvögel um Boden, erschreckt eilen 
die Goldregenpfeifer umher, und die Alpenstrandläufer nicken und knixen 
in ihrer Aufregung. Keiner vermöchte dem kühnen Räuber zu entfliehen, 
höchstens der Alpenstrandläufer, wenn er sich regungslos hinter einen Gras- 
hügel stellt, was er so gern tut. Aber der Falke zieht langsam weiter. 
Wer weiß, welch' Vogellebeu heute unter seinen Fängen bluten muß! Zeigen 
sich Rabe (Cormis corax) und Schraarotzerraubmöve (Stercorarms parasiticus), 
so werden sie nicht selten von den andern Vögeln, besonders den lebhaften 
und streitbaren Brachvögeln, verfolgt. Häufigere Gefahren freilich drohen 
von Seiten der Menschen und des weidenden Viehes, vor allem zur Brutzeit. 
Kaum eine andere Landschaftsform wird von ihnen in gleicher Weise 
beunruhigt wie die Wiesenflächeu. 



Moor und SumpHand. 

Außerordentlich reich ist Island, wie ja auch andere wenig bewohnte 
und wenig kultivierte Länder nördlicher Gebiete, au Mooren, Sümpfen und 
wassergetränkten, feuchten Örtlichkeiten. Zahllose fließende Gewässer be- 
rieseln das Land, überschwemmen dieses auch nicht selten bei starken Regen- 
güssen oder rascher Schneeschmelze und hinterlassen beim Zurücktreten an 
vielen tiefer gelegenen Plätzen Lachen und Tümpel. In manchen flachen 
Tälern besitzt auch der Bach so geringes Gefälle, daß er sich ausbreitet 
»md bedeutende Strecken längs seiner Ufer in Sumpf 1 and verwandelt. Trotz 
üppigen Graswuchses sind derartige Gebiete gewöhnlich nur während der 
trockensten Sommerwochen vom Vieh zu begehen, bilden auch eins der 
unangenehmsten Hindernisse beim Reisen. Andere, selbst große kesseiförmige 
Täler haben gar keinen Abfluß; das Schnee- und Regenwasser rieselt von 
den Bergen in die Talsohle hinab, wo es völlig stagniert. Je dichter und 
torfiger die Schicht der im Laufe der Jahre abgestorbenen Pflanzen wird, 
desto weniger kann ein Durchsickern des Wassers bis zur touigen oder 
steinigen Unterlage einti-eten. Da ferner auch die isländische Luft, vielleicht 
mit Ausnahme weniger Somraerwochen, fast immer kühl, ^ucht und neblig 
ist, wird das Vorhandensein der zahlreichen Sumpfgebiete zur Genüge erklärt. 

Manche derselben ähneln den Wiesen. Dies sind entweder nur zeit- 
weilig unter Wasser gesetzte Grasflächen, vielleicht mit eingestreuten kleinen 
Tümpeln und Teichen, oder auch Tieflandsraoore, deren ti'ügerische grüne 
Rinde oft nur dünn über dem zähen schwarzen Schlamme liegt. So ge- 
fährlich, als man diese Gebiete manchmal schildert, habe ich sie allerdings 
nicht gefunden. Mit der nötigen Vorsicht und einem Stocke versehen, der 
zur Untersuchung kritischer Stellen dient, selbstverständlich auch nur zu Fuß 

3* 



36 Moor und Siiiii|.flan(l. 

uutl nicht zu Fferd, das man acl 1 1 im lustcii falls am Zügel liiiiteiliorfüliren 
miiU, kanu man zur ti-ockneu Jalivi'Hzoit aucli derartigo Moore durrlisuclien. 
Hohe Lederstiefel, denen der Sclilamm zu leicht anhaftet, eignen sicli freilicli 
nicht gut für derartige Exkursiontiu. Hesser ist es. man bindet richtig 
passende ishindische Scliulie au die l>loBen FüiW und reclinet im übrigen 
mit der Möglichkeit, den unteren Extremitäten ein kleines Moorbad bieten 
zu müsseu. Auch erkennt man au dem Aussehen der l'Hanzendecke. welche 
Tragfähigkeit man ihr zumuten darf. 

Die versumpften Wiesenflächen und Tieflandsmoore sind fast 
immer mit kräftigem I'tlauzenwuchse überzogen. Algen und Torfmoos bilden 
mehr den Untergrund, dazwischen wuchern harte (iräser — vor allem 
Cyperaceen und Juncaceen, unter den Scirpeeu zwei schöne Arten Eriophorum, 
Wollgras, die oft große Strecken ganz weiß erscheinen lassen — . Sie 
erreichen mitunter eine recht ansehnliche Höhe, wenn auch nur eine geringe 
Dichte. Niedriges Gesträuch erblickt man ganz selten, Blumen auch nur 
in wenigen Arten, am häutigsten die leuchtend gelbe Sumpfdotterblume 
(Caltha jyal-iistris). 

Wohl aber ist die Vogelwelt oft ziemlich reich, besonders wenn der- 
artige Tieflaudsmoore keine allzugroße Ausdehnung haben, offenes, am besten 
fließendes Wasser und abwechslungsvolle Umgebung besitzen. Vor allem beim 
Beginne der Brutzeit glauben sich die Vögel hier am sichersten, weil vorher 
weder Menschen noch Vieh ein solches Gebiet aufsuchten und die Pflanzen- 
welt Schutz und Nahrung verspricht. 

Von Kleinvögeln freilich ist nicht viel zu erblicken, denn auch der 
Wiesenpieper bewohnt sumpfige Gegenden nicht so häufig als andere. Das- 
selbe gilt von dem Goldregenpfeifer. Dagegen sind Brachvögel und Alpen- 
strandläufer regelmäßige Bewohner dieser Gebiete, wenn sie auch zu Brut- 
plätzen ein trockenes Hügelchen aussuchen. Ste7-7ia macrura besucht ebenfalls 
das Sumpfland, obgleich sie als Kolouienvogel durchaus nicht überall brütet. 
Sehr zur Belebung einer derartigen Gegend trägt bei, wenn eine Anzahl 
Rotschenkel (Totanus totanus) daselbst nisten. Die Vögel sind ja so außer- 
ordentlich unruhig und verursachen durch ihr angenehmes Flöten und Trillern 
so viel Lärm, daß es immer wieder interessant ist, ihre Brutplätze zu be- 
suchen. Dann umfliegen sie den Beobachter mit allen Kennzeichen größter 
Besorgnis und mit unaufhörlichem Rufen. Einen besonders schlimmen Auf- 
ruhr verursacht die Annäherung einer vielleicht sogar in der Nähe nistenden 
Schmarotzerraubmöve, die Eier suchend dahinschwebt. Eine solche verfolgen 
die erregten Vögel, gemeinsam mit Auinenius p/iaeopus, auf das heftigste 
und bewegen den Räuber oft genug zum Verlassen des Ortes. Auch die 
Bekassine ist im Sumpf lande zu Hause, jedoch meist seltner als in den 
Hochmooren. Ganz einförmiges, ebenes Terrain liebt sie nicht. Wenn kleine 
Teiche das Gebiet durchsetzen, findet man auch den überaus zierlichen Üdinshani, 
den kleineu Wassertreter (PhcUarojiiis lobaiu^). Geradezu rührend ist es, das 
Familienleben dieser Vögelchen zu beobacliten. Weiter bewohnt die Wasser- 
ralle (Rallus aqnaiicus) die Sumpfgegenden, wird aber im Sommer nur 



Moor und SumprUmd. 37 

äußerst selten gesehen. Das merkwürdige Balzgeschrei des Vogels mag woliJ 
7.11 seinem isländischen Namen Keldusvin (d. i. Sumpfschweiu) Veranlassung 
gegeben haben. Tu einem kleinen Teile Südwest-Islands belebt auch die 
schwarzschwäuzige Uferschnepfe (Llmosa limosa) die feuchten Wiesen, doch 
wird sie sonst nirgends auf der Insel gefunden. Noch erwähnt als Oharakter- 
vögel des Sumpf landes seien die Gänse und Enten. Über das Vorkommen 
und die Verbreitung der erstereu liegen bestimmte Beobachtungen erst in 
recht geringer Zahl vor; unter den l^]nten sind Anas boschas, Nettion crecca 
und Mareca penelope am liäufigsteu an den Gewässern der Tieflandsmoore, 
wenigstens in Nordislaud. 

Ganz andere Stimmung liegt über den Hochnioorciil Kein Weg 
Inhrt hinein in diese trostlosen, düsteru Landschaften, die man gewöhnlicli 
auch nur zu Fuße besuchen kann. Leicht bricht das Pferd bis an den Leib 
in den zähen Schlamm, bringt den Reiter zu Sturze und wird selbst so ein- 
geschüchtert, daß es sich kaum am Zügel weiterführen läßt. So mutig die 
Isländer als Reiter sind, so vorsichtig verhalten sie sich beim Betreten von 
Mooren, die sie wenn irgend möglich umreiten. Freilich kann sich auch der 
Isländer kaum trennen von seinen Pferden. Niemals unternimmt er frei- 
willig größere AVanderungen zu Fuße, und deshalb l)leiben ihm gewisse 
Gebiete gänzlich unbekannt. In der Nähe der Gehöfte sticht der isländische 
Bauer Torf aus den Mooren, den er als Brenn- und Baumaterial benutzt, 
weshalb an solchen Plätzen kleine Wege vorhanden sind. 

Die Pflanzenwelt der Hochmoore ist meist recht dürftig, doch maiub- 
irial abwechslungsvoller als die des sumpfigen Tieflandes. Nicht nur Moose 
und Gräser bedecken den Boden, sondern hier und dort auch verschiedene 
Heidekräuter mit hübschen Blüten. Die zierliche Zwergbirke (BeUda nemo) 
bildet niedriges, aber dichtes Gestrüpp. Manchmal zeigen sich kleine, kaum 
kniehohe Weiden, deren große Blütenkätzchen die düstere Fläche freundJirli 
schmücken. Auch verschiedene Blumen strecken (Um- Sonne ihre leuchtenden 
Köpfchen entgegen: die weiße Dryas octopetala, die vielblütige rote Saxifraga 
opposüifolia, die zierliche Farnama jyahistris, die dunkelblaue Pingviculo 
vulgans u. a. m. So geht das Hochmoor schon otwns in die Heideland- 
schaften über. 

Die Vogelwelt ist gewnihnlich ;irm: doch sind die Brntvögel oft recht 
zutraulich, weil sie selten bennruliigt werden, l'ud einen eigentümlichen 
Reiz hat es, ihrem liCbeu und Treiben aus unmittelbarer Nähe zuzuschauen, 
sich mit Verständnis und Liebe in ihre Gedanken und deren Äußerungen 
zu vertiefen, selbst aufzugehen als Geschöpf unter den Geschöpfen. 

Fs war ein .lunimorgeu, trübe und feucht, f. eise strit h der AVind über 
das einsame Moor, und raschelnd erzitterten die kh'inen harten Blätter. 
Sonderbare Nebelmassen wälzten sich auf den tieferen Finsenkungen und 
(gründen, während die nahen Berggipfel in ihrer stillen weißen Pracht feierlich 
herabschauten auf das weite öde Land zu ihren Füßen. Auch die Rufe der 
sonst alles belebenden Vögel vermochten nicht, die nielancli(dische Stimmung 
zu beseitio-en. Ein Paar Bekassinen strich sausend vorüber. Fast schrill klang 



38 Heidi-. 

(las taktiiiiilMgo, sonst so yelicinmisvull zärtliche l'itepiteiiit, das beide Vögel 
aiisstielieu. Doch nach kurzem Fluge tiel das AVeibclien an sunij)figer Stelle 
ein. während das Männclien sicii hinimelhoch eniporsdiwang. um im krampf- 
haft starren AbwärtsHiegen sein eigentümliches Meckern hervorzubringen. 
Der kleine Alpenstrandläufer stolzierte wenige Scliritte vor mir von Hügelchen 
zu Hügelchen und warnte mit verständigem Tüb Tüb. Plötzlich schwang 
er sicli auch mit scharfem l*ip davon, sauste in der Luft umher und zeterte 
sein rasches, rauhes Tiiiiii. Dann kam sein Begleiter, der Goldregenpfeifer. 
Wie zutraulich er auf dem ^Moosliügelcheu saß! Wie unverdrossen er sein 
Didüli Didüli rief, während daweile das Weibchen tief niedergeduckt das Nest 
verließ! Vorsichtig lauerte noch H*iu Brachvogel in der Ferne; tu tu war 
das einzige, was er sagte. 

Wenigstens die drei letztgenannten Vögel ähneln sich außerui deutlich 
in ihrem Wesen und in ihren Stimmen. Fast möchte man glauben, sie 
hätten einer von dem andern gelernt, oder die Lehrmeisterin Natm- hätte 
hier in> einförmigen Hochmoore nicht gewollt, daß ein abwechslungsvolles 
Treiben, ein buntes Gemisch der Töne die ernste Stimmung störe. 

Selten zeigen sich noch andere Vogelgestalten iu diesen Gegenden: 
ein Wieseupieper, der kaum wagt, sein fi-öhliches Liedchen anzustimmen, 
Ivrickente und Wassertreter, die auf dunkler Lache umherschwimmen, ein 
Schneehuhn, das mit lautknarrendem Balzrufe fast unheimlich die Stille 
unterbricht, wohl auch ein Rabe oder Raubvogel, denen ihre hervorragende 
Flugkraft ermögliclit, alltäglich große Gebiete nach Beute abzusuchen. Doch 
kann man halbe Stunden die Hochmoore durchqueren, ohne einem einzigen 
Vertreter dei' Vogelwelt zu begegnen. 

Heide. 

Vielleicht noch öder sind die Heiden, die Island in großer Ausdehnung, 
besonders in seinen gebirgigen Teilen, bedecken. Selbst wenn die Sonne 
freundlich herabstrahlt, vermag sie kaum den geheimnisvollen Zauber zu 
lösen, der übei" diesen verlassenen, stillen Landschaften liegt. Wenn man 
aber bei trübem Wetter einsam über sie hinwegreitet, erfaßt bange Be- 
klommenlicit Mann und l^oß. Und wenn vollends die märchenhafte, dämmernde 
Sommernacht ihre Schatten niederseukt, dann werden all die unheimlichen 
Sagen lebendig, mit denen isländischer Aberglauben die Heide erfüllt hat. 

Lautlose Stille liegt über dem Ganzen! Die wenigen Schafe, die sich 
mit den dürftigen Kräutern und Gräsern begnügen, haben sich zwischen den 
/ahllosen Hügelchen uiedergetan. Raschelnd streifen die Füße des Pferdes 
die am Boden hinkriechenden Gebüsche von Weiden und Zwergbirken. Das 
kluge Tier hat keine Neigung hier zu rasten, wo ihm nur allzuharte Nahrung 
winkt. Heideki'aut (Callnna viihfanKJ, Rauschbeere (Arctostap/ii//os ura ur.^i). 
Krähenbeere (Kmpetrum idgrum) und verschiedene Vaccinieen bedecken eben- 
falls das trockne Erdreich, doch selten schimmern hier und dort kleine Blumen: 
S<(.ri/ra;i(i oppositifoUa. Dn/as octopctala, Armevia ehngalo, Potenülla nipestris 



Lavaoebiete. 39 

<pder auch (mu Enzian und Hieracimn. Stellenweise suclien Sand und Kies 
die dürftige Vegetation nocii vollends zu vernicliten, während an andern 
Plätzen, besonders in kleinen Tälern, sich Moortiächen eiuscliiebeu. 

Aus der schwarzen Lavii. des Untergrundes hat man Steinpyramideii 
aufgerichtet, um bei Sturm und Schnee Wegweisung zu geben. Oben auf 
der Spitze einer s(»lclien sitzt der graue Steinschmätzer (Suxicola oenanthe), 
wippt mit dem Schwänze und verschwindet dann in einem der Zwischen- 
räume. Auch die Schueeammer (Passerina nivalis) hat manchmal ihr weich 
gepolstertes Nest daselbst gebaut und singt mit dem Wiesenpieper um die 
Wette, der gleichfalls hier wohnt. ( 'haraktervogel aber der Heide ist das 
Schneehuhn (Lagopus mpestris), das Schutz und Nahrung in 'dem Gestrüpp 
daselbst findet, wenn auch sein Hauptfeind, der große isländische Falke, es 
hart verfolgt. Fast noch mehr als bei uns das Rebhuhn (PenUx pevdix) 
bietet in Island das Sclmeehuhn die rührendsten liilder eines innigen Familien- 
lebens. Auch Goldregenpfeifer, Alpenstrandläufer und Brachvogel bewohnen 
die Heide, die sie mit ihren melancholischen Stimmen beleben. An besonders 
trocknen Plätzen ist ferner der Sandregenpfeifer (Aegialitis Maticula) zu Hause, 
der in Besorgnis um Eier und Junge den einsamen Reiter viertelstundenlang 
mit wohlklingendem Düid begleitet. Vielleicht noch das Gekrächze eines 
Kolki-al)en! Oft a])er auch überall lautlose Stille, wenn nicht der Sturm übei- 
das Land braust, der mit Regen und Schneeschauern vereinigt die isländischen 
Heiden selbst im Hochsommer als einen Ort des Grauens erscheinen läßt, 
in dem Spukgestalten uivd ))öse Geister ihr Wesen treiben! Wenn freilich 
der taufrische Augustmorgeu aufwacht, wenn in den Spinngeweben die 
unzähligen Tröpfchen blitzen und der Sonnenschein über der weiten Land- 
schaft zittert, dann erscheint die Heide iils ein Märchen und Rätsel, dessen 
Lösung miin sucht und nicht findet. 

Lava^ebiete. 

Hie zahlreichen, teilweise heute noch tätigen Vulkane, die Island besitzt, 
liab(;n große Flächen einst vielleicht fruchtbaren Landes mit Ijavaströmen 
übergössen, die nun erstarrt ganz e'gentümliche Landschafts formen bilden. 
Je jünger die erkalteten Massen sind, desto weniger hat sich Vegetation auf 
ihnen entwickelt und desto ärmer ist infolgedessen auch die Faunii. Ver- 
wittern die Laven allmählich, so lüldet sich darauf eine gewöhnlicli dürftige 
1 Pflanzenwelt, die im allgemeinen den Typus der isländischen Heide dar- 
.stellt. Hin ebenso interessantes wie abwechslungsvolles Gebiet jüngerer 
vulkanischer Tätigkeit ist die Gegend des Myvatn. die teilweise sogar gut 
i'iitwickelte Vegetation zeigt. 

Wie ein Gletscher, wie ein starrer Fisstrom erscheinen manche Lava- 
felder. In großen, ganz flachen Blasen ist die Masse erkaltet, sodaß man 
<»ft weite, Strecken äußerst bequem darüber gehen kann. Meist aber wird das 
liai'te Gestein von zahllosen Rissen und Spalten durchzogen, die je nach der 
Stärke der Schicht mehr odei- weniger tief sind, mitunter selbst völlig den 
Weg versperren, weil sie senkrecht ;ibt;ill('ii (Fig. 5). Derartige Schlucliten, 



40 liavaijebietc. 

in denen sicli iiiandinuil aucli klares und wolilsclinicckendcs Wasser findet, 
zeigt am or()üarti<,^sten die (ie<fend Vdii |>ingvellir. Im GruiKle der Kisse 
hat sich zuerst Erde angesammelt, in der nun Gräsrr und Kräuter üj^pig 
wuchern, weil sie vor den oft äußerst heftigen und kalten Winden geschützt 
sind. Hier baut dann der Wiesenpieper sein Nest, während in seitlichen 
.Spalten Steinschmätzer und Schneeamraer ihre Jungen großziehen. Und 
wahrlich, sie haben sich kein iil)les Plätzchen gewählt, wo aucli der müde 
Wanderer im .Schein der warmen Sonne nur zu gern sich im frischen Grüne 
nied(n-läßt! Manchmal freilich gibt es in den Lavagehieten so viele Ritze. 
Löciier. Spalten und Schluchten, daß sie fast unzugänglich werden oder man 
zum mindesteil außerordentlich vorsichtig umherklettern mul». um nicht auf 
dem hai'ten Gestein auszugleitoii und gefährlich zu stürzen, liier und durt 




Lavafeld beim (Vlyvatn. 



nehmen die Lavannissen die Gestalt großer Blöcke an. die z. 15. in der Nähe 
von Kc'ilfaströnd am .Myvatn phantastische, wunderliche Formen zeigen. 
Sonderbare Felsen, gewöhnlich von schwarzer, selten r(»tbrauner I'^ärhung. 
starren kahl empor. Zwischen ihnen al)er wächst eine recht gut entwickelte 
Pflanzenwelt. Zahlreiche Birkenbüsche {Ikhda puhe-'o-ciis) gehen diesen Ge- 
bieten einen hesduderen Heiz, locken auch die isländische Hotdrossel (Turdn.i 
iliacnx) und den l.eintiidcen (Acant/tis /Inaria) herbei, die ungestört von den 
Mensclien hier ihr bescheidenes Dasein führen. Diese kleinen Vögel finden 
daselbst so viel Deckung, daß man weit öfter ihre Stimme vernimmt. al> 
sie selbst zu Gesicht bekommt. Häufig begegnet man den Schneehühnern, 
die unter den Birkeubüschen geschützte Nistplätze finden, außerdem freiJicli 
ihrem Verfolger, dem Haben, der in wenigen Lavagebieten fehlt, in einigen 
sogar Charaktervogel ist. Ebenso wie iI(M- i'nlarfuchs ((Äum Jagopus) weiß 



N'ulkiuüsclie (lebiete. 



41 



iiucli der Idugo Rabe, daß er in dem scliwer zugäiigliclien Gewirr der Fels- 
broi'keii kaum von Meiisclieu belästigt wird, und der große seliwarze Vogel 
paßt mit seinem tiefen Gekräehz ganz ausgezeichnet in die wild zerrissenen 
Massen. Die beiden Falkenarten suchen ebenfalls die Gebiete auf, Fako 
meriUiis besonders der /.abli-eiclien Steinschmätzer, flierofa/ro yyrfalco der 
Schneehühner wegen. 

Viilkaiiiselie Gebiete imd lieilJe (Quellen. 

Dort, wo die vulkanische Tätigkeit sich noch jetzt unniittcliiar geltend 
macht oder wo vor kurzer Zeit Ausbrüche erfolgten, ist jedes organisclie 
Leben so gut wie verschwunden. Keine Blume, ja kein Grashalm rntsproßt 
dem Boden, keine Fliege snmnit. kein Käfer läuft darüber hin. und auch 
die Pferde betreten höchst ungern die nackten Schuttilächen und die scharl- 
kantige poröse Lava. Totenstille lagert über solch öden Gebieten, aber hier 
und dort entsteigen dünne Kauchsäulen dem Boden, die sich mitunter iinf- 









L^ ^ 




fe' 1 



Schwefelberge beim Myvatn. 



fällig verdichten luul deren ersticl<cnde Dünste dem liesuchci- warnungsvoll 
ervtgegenwehen. Gelber Schwefel bedeckt stellenweise die Obertläche der 
Lrde, und die ausstrahlende Hitze mahnt gleichfalls zur ^'orsicilt (Fig. (>). 
Selten, daß solche Orte von einem Raben, einem Falken überflogen werden, 
weil ja doch keine Beute winkt. Nur den kleinen Sandregeiipfeifer traf ich 
finmal dicht am Rande eines derartig erhitzten Gebietes. 

Einen völlig andern Liudruck machen die Orte, wo heiße oder kncliende 
Ouellen dem Boden entströmen, was ja in vielen Gegenden Islands der Fall 
ist. Der berühmte (leysir freilich und seine Lmgebung sind durchaus nicht 
die ornithologisch interessantesten Spring(iuellen. weil das kochende Wasser 
nur ab und zu aus der Lrde schießt und deshalb nicht ständig eine genügende 
Menge davon abfließt und die Umgebung erwärmt. Oft fern vom Verkehre, 
ich denke z. B. an Deildartungu in der Borgarfjardar Sysla. sprudeln kochende 
<>uellen unnnterbroclien iiervor. die das umlierliegende T-and mit lauem 



42 Gebirge mit geringem l'flauzenwuclise. 

AN'asser bedecken und d;iinitf(Mide Bäche bilden. Hier und dort entspringen 
auch inmitten von Tcirlien und Seen, wie in gewissen Teilen des Myvatn, 
derartige Quellen, die das umgebende AVasser erwärmen. Wd die Hitze nicht 
mehr vegetationshindernd wirkt, entwickeln sich üppige Gräser und Sumpl- 
gewächse, die der Tierwelt äußerst willkommen sind. Mehrfach sah ich zur 
Zugzeit im .Vugust große Scharen von Goldregenpfeiftn-n und Brachvögeln in 
derartigen Geliieten so eifrig dem Kerbtierfange obliegen, daß ich im Schutze 
des aufsteigenden Dampfes mich bis auf wenige Schritte den Vögeln nähern 
konnte. In der kalten Jahreszeit haben die heißen Quellen größte Bedeutung, 
da sie und ihre rmgebung niemals zufrieren, Pflanzen, niedere Tiere und 
Fische am Leben erhalten, und auch den Vögeln die Möglichkeit einer Über- 
winterung bieten. 

Grebiri^e mit geringem Pflauzenwuchse. 

Bergköuigin nennt der Isländer seine Heimat in dem vielgesungeneu 
Nationalliedc „Eldgamla Isafold", und auch der Reisende behält in seiner 
Erinnerung vor allem das Bild der einsamen, dunkeln oder auch schuee- 
gekröuten Bergriesen. Nirgends wollen sie ein Ende nehmen, immer wieder 
in andern, oft so cliarakteristischen Formen türmen sie sich auf: selten nur 
.sanft, steigen sie gewöhnlich steil und starr in die Höhe, ragen oft so wild 
empor, daß eine Besteigung der Gipfel fast unmöglich erscheint. 

Kaum sichtbar schlängelt sich der kleine Pfad über Bergmatten hin- 
weg nach den höheren Teilen des Gebirges. Die Schafe allein sind es, die 
ihn benutzen. Höchstens wenn im Spätjahre die Bauern das Vieh von den 
Hochweiden nach den Höfen treiben, klettern sie auch da hinan. Langsam 
schreitet man vorwärts, schaut hier und dort nach einem auffälligen Steine, 
der am Boden liegt, nach einer der vielen zierlichen Blumen, die den Ab- 
hang bunt überstreuen, oder lauscht, wenn eine Vogelstimme an das Ohr 
drang. Allmählich wird die Pflanzenwelt dürftiger, und das Steingeröll 
herrscht vor. Selbst in der tiefen Rinne, die der murmelnde Bach gegraben hat, 
entwickelt sich keine Vegetation; stürzt ja nur zu oft das Wasser so wild 
herab, daß es jedes Körnchen Erde mit fortreißt und die großen und kleinen 
Felstrümmer voi' si<-h herrollt, daß man es trotz des Brausens hören kann. 

Jetzt aber fließt der Bergbach, von Trockenheit und Sonnenschein be- 
zwungen, ungefährlich in seinem Bette dahin. Zahllose kleine Riesel eilen 
auf ihn zu, sodaß er wenige Kilometer talabwärts vielleicht kaum mehr von 
einem Mensclien durchquert werden kann. Solche Riesel, die der schmelzende 
Bergschnee speist, führen oft durch sumpfiges Erdreich, auf dem sich kurze 
Gräser, Moose und vor allem die überaus verbreitete Alchemilla alpina ent- 
wickeln. Diese gelblichgrüne Pflanze begleitet die kleineu AVasserläufe von 
der Schneegrenze bis hinab ins Tal, sodaß man schon aus weiter Ferne 
erkennt, ob der Gebirgsabhang trocken oder feucht ist. Alerkwürdig und 
nicht ungefährlich sind die Stellen, wo das rieselnde Wasser streckenweise 
verschwindet, um von torfigen Erdschichten überdeckt unsichtbar dahinzu- 
fließen. Dann und wann vermögen dünne Scliichten das Gewicht des Menschen 



(lebirge mit f^eriiigfiu Pttanzenwuchsc. 43 

nicht zu tragen, sie geben nach, brechen durch, und man steht,' mitunter in 
höhlenartigeu Vertiefungen, in Wasser und Moor. Oder was ungleich häufiger, 
füi- den mit Gewehr und andern Utensilien versehenen Ornithologen aber 
ebenfalls wenig vergnüglich ist. man gleitet auf dem äußerst schlüpfrigen 
Moosgruüde ans und rutsclit ein Stück abwärts. Am besten noch kommt 
man vorwärts, wo niedrige Zwergbirken, Heidekräuter und ähnliche Arten 
den trocknen lioden bedecken. 

Aber doch, wie schön ist es inmitten der pflanzenarmeu Gebirgsland- 
schaften, besonders wenn der Wind feiert und die Sonne scheint! Über mir 
die flatternden weißen Wolken auf dem blaßblauen Grunde, vor mir die 
wilden, uubesteigbaren Bergwände, von denen nicht selten ein Wasserfall 
schäumend lierunterstürzt. neben mir der murmelnde klare Bach, die unzähligen 
kleinen Steine und die mächtigen Felstrümmer! Und schaut man hinab: 
wie friedlicli liegt das weite stille Tal im Sonnenscheine, das auf der andern 
Seite drüben sieb wieder zu stolzen Berghöhen auftürmt! Grün schimmern 
die Matten, weiß steigt der Rauch aus dem grasbewachsenen Torfhause, in 
<lem man mit einfachen, biederen Menschen zusammenwohnt, weit weg von 
allem Hader der Welt. 

Neben mir schmettert ein wolilbekanutes Stimmchen : Anorthuratroglodytes 
ist es. die gleichfalls am Bachufer das Gebirge bestieg. Aber leise in der 
Ferne beginnt Siilskrikjan (Passerina nwalis) der Sonne entgegenzusingen. 
Ich klettere hin in ihre Nähe, wo sie auf dem großen Steine immer sitzt. 
Es ist ein altes Männclien mit pechschwarzem Rücken und blendendweißer 
Unterseite. Und das Singen hat es auch gelernt! Man muß die Sclmeeammer 
in solcher Umgebung gehört haben, um zu verstehen, warum der isländische 
Dichter jiorsteinn Erlingsson sie höher schätzt, als alle Nachtigallen Kopen- 
liagens ' ). Auch der Steinschmätzer belebt • die einsamen Berghalden mit 
seinem Gesang, und in der Nähe der AVasserriesel ertönt mitunter die fröhliche 
Stimme des Wiesenpieiiers. Das Schneehuhn geht nur so hoch hinauf in die 
Gebirge, als etwas lieideartiger Pflanzenwuchs sich findet. 

Doch in den senkrecht emporsteigenden gewaltigen Felsen mit ihren 
Rissen und Klüften sind die Horstplätze der Raubvögel und des Raben. Da 
sitzt der Jagdfalke regungslos auf vorspringender Felszacke, schreiend flattert 
der Steinfalke an den Abhängen dahin, und in wundervollen weiten Bogen 
schwebt der scheinbai- ungeschickte Rabe hoch oben in reiner Morgenluft. 
Freilich behauptet jeder von diesen Vögeln ein großes Revier, wo er horstet, 
für sich allein. V^ersucht ein andrer daselbst einzudringen, so kommt es zu 
heftigem Kaui]ife. Besonders die Raben, die gewöhnlich familienweise zu- 
sammenfliegen. greifen die Falken mit zornigem Gekrächze an. vermögen 
fi-eilich den wohl bewehrten und gewandten Fliegern kaum etwas anzuhaben. 

Manchmal bin ich auch stundenlang in den Bergen umhergestiegen, 
<'line einen eijizigen V(»gel zu sehen oder zu hören. 

') Jii Wirkln-likfit koiimit dort nur der Sprosser (Erithaciis philomela) vor. 



44 



SchiH'cfelder iirnl (Tletscher. 



Scliufefelder iiiid (Gletscher. 

islaudl Wohl nicht mit UniTcht hat der alte Flnki Vilgerdaröon oder 
irgend eiu andrer AVikiiioer der Irisel diesen Namen gegeben. Wenn in 
entsprecliend nördlichen Teilen Norwegens längst der Frühling eingezogen 
ist. steht Islands Erde noch unter dem liarten Banne des Winters. Wohl 
sind die Witterungsverhältnissc der einzelnen Jahre recht verschieden, auch 
die Meeresküste und das Innere, der Süden und der Norden des Landes, 
doch kann nicht geleugnet werden, daß Schnee und Kis auf der Insel viele 
Monate des Jahres herrschen. Bedecken ja allein die Gletschergebiete einen 
ungefähr dreimal so großen Raum als die der Alpen. Wenn man sich von 




Kig. 



Nordwestisländische Steilküste. 



Süden her der Insel nähert, leuchten schon aus weiter Ferne die blendenden 
Zinken des vulkanischen Öra?fa-Jökull. weiter im Hintergrunde dieinnjestätischen 
Kuppen des ungeheuren Vatna-Jökull, die ebenso großartig wie erscb reckend 
auf den Reisenden wirken, der vom warmen Süden kommt. 

Als ich in der zweiten Hälfte des Mai die Nordwestküste umfuhr, bot 
sie noch völlig das Bild des Winters (Fig. 7 — 10). Bis an das Meer hinab 
ging vielerorts der Schnee, während höher hinauf an den steilen Abhängen 
durclisichtig grünes Eis schimmerte. Und das Hinterland war überall weiß, 
ein Reisen daselbst kaum denkbar. Aber sclion lierrschte an den Brut]ilätzen 
der Seevögel das regste Leben. 

unvergeßlich prägen sich d(!m Naturfreunde diese stillen, großartigen 
Wiuterlandschaften ein, die er hier betracliton k;inn. wenn d;ilieini Rosen 
und Jasmin ihre Blüten öftnenl 



Schueefolder und Gletscher. 



45 



Wir hatten von Hafnarljövdr aus eine unruhige Fahrt über den Faxafjördr 
gehabt, als wir abends gegen 10 Uhr vor Budir den Anker fallen ließen. 
Die Luft war still geworden, sonimernächtige Dämmerung sank herab, niemand 
dachte an Schlaf. Einer der schönsten Gletscherberge Islands lag vor uns: 
der märchenhafte Suae felis, der sich gegen 1400 m hoch trotzig aus dem 
Meere erbebt und sein weißes Haupt leuchtend in den Nachthimmel empor- 
reckte. AVir schauten alle auf ihn, aucli die ihn oft genug gesehen hatten; 
denn immer wieder war er schön. 

Aber hundertfältige Bilder isländischer Schnee- und Eislandschaften 
bot die Fahrt um die nordwestliche Spitze der Insel. Wir hatten Cap Nord 
überschritten und das Eismeer durchkreuzt. Nirgends auch nur ein grüner 
Schimmer au den steilen Bergen, bloß das Weiß des Sclmees oder hier und 




Fig. 8. Nordwestisländische Steilküste. 



dort das Schwarz des Basaltes! Das Meer war still, so still und spiegel- 
glatt wie selten in diesen Gegenden. Und auch wir drei auf der Kommando- 
brücke sprachen kaum ein Wort. Der Cours ging nach Südost, längs der 
Küste hin. Allmählich kam die Mitternacht heran, und das Thermometer 
sank auf 0^ Welch wunderbare Farben zeigte die Landschaft! Hinter uns 
war eben die Sonne ins Meer versunken. Aber leuchtend in duftigem Rot 
strahlten die vielen kleinen AVolken des nordwestlichen Himmels. Und sie 
spiegelten sich wieder in dem ungeheuren Spiegel der glatten Meeresfläche, 
hier in breiten gelben Streifen über diese hinweghuschend, dort funkelud und 
zitternd, wo das Schiff das Wasser durchschnitten hatte. Und rechts zur 
Seite! Tief im Hintergrunde türmton sich die Gletschergipfel der Dranga, 
an der Küste entlang eine unabsehbare Reihe steilansteigender Berge. Und 
welcher Kontrast der Farben! Unten am Meere ein schwarzblauer, düstrer 
Streifen, die Mitte der Felsen in eigentümlicli milcliiges Blau gehüllt, die 



46 



Schneefeldor und (iletsclior. 



Spitzen aber vom Abendscheine mit dem zartesten rosagelben Schimmer 
iiberliaucht. Und endlich der Norden! Schwarz nnd schweigend dämmerte 
das Meer, bloß am Horizonte glänzten zahllose lenchtendweiße Flecken: das 
Grönlandstreibeis, das uns die folgenden Tage so viele ]Mnhe verursachen 
sollte! Auf dem Meere plätscherten Lummen und Alke erschreckt vor uns 
her. Als wir in den Nordfjördr einfuhren, schliefen l'liderenten und andere 
Arten auf den großen Eisschollen. Wenige dreizeliige Möven. häutigi'r noch 
Eissturmvögel umflogen unser Schiff. 

Im Spätsommer verschwindet der Schnee aus allen tiefen (legenden, 
es sei denn in Schluchten und steilen Tälern, die von den Sonnenstrahlen 
nicht getroffen werden. Und oben auf den Gletschern und Schneefeldern. 
die nie vergehen, hat der Ornitholog kaum etwas zu suchen. Sie sind durch- 




Fio. 9. Nordwestisländische Küste. 

aus verlassen von Vögeln oder werden höchstens von Raben und Falken 
überflogen. In Südostisland allerdings, wo die tiefsten Gletscherenden kaum 
20 m über dem Meere liegen und die Schneegrenze sclion bei 600 m beginnt, 
mögen auch die andern Gebirgsvögel, sowie Seeadler und Raubmöven dann 
und wann in solche Gebiete eindringen. In Nordisland befindet sich die 
Schneegrenze erst in einer Höhe von 1300 m, doch hört eine eigentliche 
Pflanzenwelt fast immer schon in viel tieferen Gegenden auf, und ausnahms- 
weise nur wird die Vegetationsgrenze von den Vögeln überscliritten. Auch 
in den Höhenlagen, wo nur hier und dort, besonders in den Tälern, Sommer- 
schuee liegen bleibt, ist das Tierleben äußerst dürftig. Die Fährte des 
Polarfuchses führt über die weißen Flächen, in der Luft flattert ein Jagd- 
falke, knarrend fliegt ein Schneehuhn davon, hier und da noch ein Stein- 
schmätzer oder eine Schneeammer, die gern in der Nähe von Schneemassen 
ihr Nest baut, sonst ist es öde im höheren Gebirge, das voll von Gefahren, 



Wüsten und Sandflächen. 



47 



wohl nur von dem Geographen aufgesucht wird, Furclitbare Stürme, die eine 
Fortbewegung des Menschen in gefährlichem Terrain unmöglich machen, 
rasen über die unwirtlichen Höhen, dicke Nebel versclileiern oft plötzlicli 
die ganze Gegend. Der rasclie Wechsel der Witterung ist ja besonders in 
Nordisland so berüclitigt und fügt auch der Vogelwelt nicht selten empfind- 
lichen Schaden zu. 

Wüsten und Sandfläclien. 

Auch diese Gebiete entbehren beinahe völlig jedes Tierleben, wenigstens 
da, wo sie größere Ausdehnung annehmen. Und Island besitzt neben den 
unwirtlichen Gletschern große Strecken von solchem durchaus wüsten Lande. 
Ist ja kaum der dritte Teil der Insel für Menschen bewohnbar. Besonders 




Fig. 10. Nordwestisländische Küste. 

in der Umgebung des ungeheuren Vatna-Jökulls liegen derartige vöUig 
unfruchtbare Landschaften, die sich bis zur Nordküste Islands ausdehnen. 
Hier gibt es viele tageweite Strecken, die nur äußerst selten oder überhaupt 
nicht von Menschen aufgesucht werden und erst in den letzten Jahrzehnten, 
vor allem durch den unermüdlichen isländischen Geographen Professor Dr. 
Thorvaldur Thoroddseu, einigermaßen durchforscht und kartographisch auf- 
genommen wurden. Daß diese zum größten Teile freilich öden und kahlen 
Gebiete, die nur hier und da Gewässer und Pflanzenwuchs zeigen, doch von 
gewissen Vögeln als Brutplätze gewählt werden, ist mit Sicherheit anzunehmen. 

Nicht zu unterschätzende Bedeutung würde es- haben, diese Gegenden 
ornithologisch zu untersuchen, wodurch eine ganze Zahl nicht nur für die 
Avifauna Islands wichtiger Fragen gelöst werden könnten. Freilich ist ein 
derartiges Unternehmen mit ebensoviel Strapazen wie Kosten verbunden. 

In der weiteren Umgebung des Mi^vatn hat man Gelegenheit, die Wüsten 
und Sandflächen Islands kennen zu lernen. Unter Wüsten meine ich die 



48 Wüsten iitul Sandflächen. 

uToßeu Schutt- und Gemllfelder, die teilweise aus postglacialen Laven, teil- 
weise auch aus l>inisstein, Tuffen, Konglomeraten und ähnlidien Gesteinen 
gebildet sind. In geringer Ausdelinung tinden sich Geröllfelder zwar überall, 
besonders am Fuße der Gebirge, doch Itestelien sie dann vorzüglich aus den 
verwitterten und losgelösten Gesteinen der Umgebung, also hauptsächlich 
iiasalten und Trachyten. Die PHanzeuwelt solcher meist wenig bewässerter 
örtlichkeiten ist fast immer dürftig: manclimal wird sie nur durch Kryptogamen, 
insbesondere Moose, gebildet; streckenweise verschwindet sie auch gänzlich. 
An den Rändern der Geröllflächen wohnen Steinschmätzer und solche Vögel, 
die in den benachbarten Gegenden ihre Nahrung suclien und nur im Schutze 
des Felsgewirres ihr Nest anlegen. Ich habe ausgedehnte Wüsten nicht 
genug bereist, um von Charaktervögeln daselbst reden zu können. Für 
gewöhnlich scheint aber nur der Steinschmätzer ein solcher zu sein, vielleicht 
noch die Schneeammer, wo es sich um gebirgigere Gegenden handelt. 

Wer mit Zeit und Geld rechnen muß, wird kaum die isländischen 
Wüsten aufsuchen, zumal man abseits von den wenigen sogenannten Wegen 
Pferde oft nicht gebrauchen kann. Und das Klettern über die Schotter- und 
Geröllfelder ist ebenso anstrengend wie langsam fördernd. Eigenartig berührt 
es freilich den Forscher, wenn er sich, vielleicht ganz allein, inmitten des 
Gewirres von Schutt und Steinen befindet, ringsum ein lebloses, starres Meer, 
dessen Pflanzenwelt, wo überhaupt vorhanden, den melancholischen Eindruck 
durchaus nicht vermindert. Wie verbannt und ausgestoßen von der Welt 
kommt man sich vor, wie erlöst und von einem seelischen Drucke befreit, 
wenn man wieder frisches Grün und bewohnte Gegenden unter den Füßen hat. 

Landschaftlich kaum angenehmer sind die Kies- und Sandflächen, die 
freilich vor den Geröllfeldern den erheblichen Vorzug leichterer Passierbarkeit 
besitzen. Wenn man vom Myvatn nach Hüsavik reitet, muß man viele 
Stunden lang über den Hölasandr, das ist ein solches Gebiet, hinweg (Fig. 11). 
Sanft wellig, im kleinen fast eben, liegen die öden Flächen vor unsern 
Blicken. Kilometerweit rundum nur brauner Sand und grober Kies, der 
heftig stäubt, wenn man bei trocknem Wetter rasch dahintrabt. Strecken- 
weise werden auch die unzähligen runden Steine, die den Boden bedecken, 
größer und erschweren dann dem Pferde das rasche Laufen, natürlich auch 
dem Menschen, der es unternimmt, ein solches Gebiet zu Fuße aufzusuchen. 
Aber ich glaube nicht, daß schon einmal ein Mensch zu Fuße über den 
Hölasandr gegangen ist. In geringen Ausdehnungen trifl't mau Kies- und 
Sandflächen auch sonst überall auf der Insel. Sie sind gewöhnlich so eben 
wie ein Tisch und ganz verlockend zum Begehen. Doch der Schein trügt! 
Nur im Hochsommer, wenn wochenlange Trockenheit herrschte, erfüllen sie 
die Erwartungen; im Frühlinge und bei feuchtem Wetter aber sinkt man 
bis an die Knöchel oder tiefer in zälieu Schlamm, was besonders den Pferden 
höchst unangenehm ist. Pflanzenwelt findet sich an derartigen Stellen durch- 
aus nicht; sie sind noch öder als die Geröllfelder und bieten auch den 
Vögeln so gut wie nichts. Nur den Sandregenpfeifer beobachtete ich auf 
solchen (')rtHclikeiten. Im- Hndet scheinbar immer noch genügend Insekten, 



(Teröllf eider an Flüssen. 



49 



und schnell wie eine Maus läuft er vor dem Reiter her. Der Vogel brütet 
üuch auf solchen Kiesflüchen ohne jeden Pflanzenwuchs. Wenigstens fand 
ich inmitten des Hölasandrs ganz kleine Dunenjuuge, die freilich schon recht 
schnell laufen konnten. Im übrigen ist eine derartige Landschaft außer- 
ordentlich öde und tot. es sei denn, daß Wasseradern sie günstig beeinflußten. 

OeröUMder an Flüssen. 

Einige der teilweise überaus reißenden Gebirgsgewässer Islands rollen 
kaum glaubliche Mengen abgesclilififener Steine vor sich her und setzen sie 
bei hohem Wasserstande an geeigneten Plätzen ab. Auf diese Weise sind 
ausgedehnte fruchtl>are Wiesenstrecken, sogar innerhalb weniger Tage, in tote 
GoröUfelder verwandelt worden, die sich durch spätere Überschwemmungen 




Fio. 11. Holasandr nördlich vom Nlyvatn. 



immer mehr vergrößerten. Diese Erscheinung ist durchaus nichts Seltenes 
in Island, besonders an den Ufern der mit furchtbarer Gewalt dahinstürzenden 
Gletscherflüsse, deren milchiggrünes, undurchsichtiges Wasser die Tiefe der- 
selben gar nicht erkennen läßt. In großer Ausdehnung fand ich solche 
Geröllflächen z. B. zwischen Silfrastactir und Miklibser in der Skagafjardar Sysla. 
Sie bieten einen trostlosen Anblick, und weder zu Fuße noch zu Pferde ist 
ihr Betreten angenehm. Wohl ähneln sie gewissen Partien des zur Ebbe 
trockenliegenden Meeresstrandes, sind aber häufig viel breiter und ganz ohne 
Abwechslung. Trotzdem fand ich derartige Geröllfelder weit vogelreicher 
als die in dem vorigen Abschnitte beschriebenen Landschaften, was leicht 
erklärlicherweise seinen Grund in dem Vorhandensein des Wassers hat, das 
in jenen andern Gebieten fehlt. Oft teilt sich der Fluß gerade an solchen 
tiefer liegenden Stellen und bildet kleinere Arme, von denen der eine oder 

H an tzsr.h, Vogelwelt Islands. ' ^ 



50 Flüsse. 

der auderc mitunter langs-anier daliinströmt. Vielerorts bleibeu uach dem 
Rückgänge des Wassers kleine Tümpel stehen, wodurch die Möglichkeit des 
Vorhandenseins von Insekten daselbst erheblich gesteigert wird. Wenn die 
GcröUfelder an Flüssen den Vögeln auch selten zu Brutplätzen dienen oder 
im Falle dies doch geschieht, das Nest gar leicht ein Raub des plötzlich 
übertretenden Wassers wird, besuchen doch die Vögel jene Gebiete nicht 
ungern. Besonders während der Zugzeit, wo ich allerdings auch vorzugs- 
weise gi'ößere Geröllfelder untersuchte, stellen sich viele Arten ein, die mit 
dem Flusse wandern oder an und in diesem Nahrung zu finden hoffen. In- 
mitten der unzähligen Steine sind sie für Raubvögel nicht so leicht sichtbar 
und haben selbst doch vollständig freie Ausschau. Auf dem Zuge, in un- 
bekannten Gegenden also, erhöhen ja fast alle Vögel ihre Aufmerksamkeit und 
Vorsicht ganz erheblich. 

Von Arten, die die Geröllfelder der Flüsse gelegentlich besuchen, 
müßten fast alle einigermaßen in Betracht kon]mendcu aufgezählt werden: 
vom Singschwane bis zum Wiesenpieper hinab beobachtete ich sie daselbst. 
Als Charaktervogel, der auch im Sommer die Geröllfelder belebt, möchte 
ich nur die Bachstelze (Motadlla alba) nennen, die freilich in Island viel 
seltener ist als bei uns. Von den Straudläufern und ähnlichen Gattungen 
werden besonders die Teile der Flußufer aufgesucht, wo Kies- und Schlamm- 
flachen sich hinziehen. Hier entwickeln sich im Juli und August oft inter- 
essante ornithologische Bilder vor dem Auge des Beobachters, wenn es 
diesem auch nicht so leicht möglich wird, die Vögel auf Schußnähe zu 
beschleichen. 

Flüsse. 

Island ist zum großen Teil reich versehen mit stehenden und fließenden 
Gewässern von der verschiedensten Ausdehnung. Allenthalben durchströmen 
Flüsse das Land, die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Länge docli mit- 
unter eine ganz beträchtliche Breite und Tiefe besitzen. Sie bilden nicht 
selten unüberwindliche Hindernisse auf einer Binnenlandsreise, bei denen 
auch die unerschrockenen isländischen Pferde versagen. Freilich gestalten 
sich allmählich durch Anlegung von Brücken und Fähren die Verhältnisse 
etwas günstiger. Besonders die rasche Fortbewegung des Wassers und die 
damit zusammenhängende beständige Veränderung des Flußbettes erschweren 
den Durchgang (Fig. 12). 

Die Flüsse sind natürlich Sammelorte des Vogellebens, zunächst schon 
zur Brutzeit, vielleicht noch mehr aber während des Zuges. Bilden sie ja 
den bequemsten und sichersten Weg vom Meere uach dem Innern der Insel 
und zurück, wohingegen das Überfliegen der zahlreichen, nur zu oft von 
Nebel umwogten Gebirgsrücken manchen Vogelarten Schwierigkeiten ver- 
ursachen oder wenigstens unangenehm sein würde. Die Flußläufe stellen 
keine selbständige Landschaftsform dar, führen vielmehr durch alle möglichen 
Gebiete, geben diesen aber ein besonderes Gepräge. Sie bringen Abwechslung 
in die ödesten Gebirge und beeinflussen die Vegetation teilweise auf das 



Flüsse. 



51 



günstigste. Das alles belebende und allen Gescliöpfcn notwendige Wasser 
lockt auch die Tierwelt herbei, unter der die leichtbeschwingten Vögel 
besonders vertreten sind. Damit soll nicht gesagt sein, daß die isländischen 
Flüsse selbst und deren Ufer eine beträchtliche Zahl von Charaktervögein 
aufwiesen, vielmehr siedelt sich jede Art in der ihr zusagenden Landschafts- 
form an, bevorzAigt aber solche Gebiete, die von einem fließenden Gewässer 
durchströmt werden. Diese Erscheinung ist natürlich durchaus nichts allein 
für Island Charakteristisches. 

Dort, wo der klare Gebirgsbach hurtig zwischen den großen Steinen 
hineilt und hier und da auch einen rauschenden Wasserfall bildet, schlüpft 
der Zaunkönig durch die Ritzen und Spalten der Felsbrocken. Wohl hat er 
ein ziemlich langes Revier, in dem er Nahrung sucht, doch verläßt er zur 




Fig. 12. Wasserfall im Skjälfandafljöt (Nordisland). 



Brutzeit niemals die Umgebung des von ihm zum Wohnplatze gewählten 
Gewässers. Auch die graue Bachstelze (Motacilla alba) ist hier zu Hause, 
liebt aber die Nähe von menschlichen Ansiedlungen. 

Ist der Bach zum Flusse geworden, so kommen noch andere Be- 
sucher an seine Ufer. Bilden sich hier und dort Inseln in seiner Mitte, 
so sind diese, besonders zu Brutplätzeu, noch mehr bevorzugt. Charakter- 
vogel der tiefen, wasserreichen Flüsse und Ströme Islands ist die Kragen- 
ente (Histnouiciis hisinonkics), die mit bewunderungswürdiger Gewandtheit 
selbst den stärksten Strudeln zu widerstehen vermag und scheinbar mit 
Leichtigkeit im reißendsten Gewässer stromaufwärts schwimmt. Neben ihr 
auf den Inseln oder am Ufer der Flüsse brüten mitunter noch andere Enten- 
arten, vor allem Clangula hyemalis, Aetliya inarila, Nettion crecca, Mareen 
penelope und Anas boschas. Auch die zierliche Küstenseeschwalbe (Steima 

4* 



52 Seen und Teiche. 

maemra) mit deu biegsaineu, elastischen Schwauzfedeni, sowie die Mautel- 
möve (Lamts mariims) nisten kolonienweise auf manchen Inseln, im Süden 
des Landes auch die int(^ressante große Raubmöve (Megalesbis skna). Viel 
seltener in den bewohnten Gebieten finden sich die vorsichtigen Gänsearteu, 
die durcli ihre Größe sich leicht verraten. Mehrfach beobachtete ich auch, 
z. B. auf der l)reiten, wasserreichen Hvitci unterhalb von Skälholt, Schwäne, 
die hier während der Mauser im August weit sicherer sind, als auf eng- 
begi'onzten stehenden Gewässern. Die beiden Seetaucherai-ten (Urinator imber 
und luntme) bemerkt man ebenfalls nicht selten auf größeren Flüssen, wenn 
sie auch nicht hier brüten. Gern besuchen endlich Palidna alpina, Totnnus 
totanus, Limosa limosa und Numenius phaeopus die Ufer, während die Räuber 
unter deu isländischen Vögeln, Haliaetns alhicilla, Hürofako Idandux und 




Fig. 13. Gullfoss (Hvitä). 

merilhis, Corviis corax und Stercorar'ms p)arasiticus, beutesuchend über den 
Gewässern dahinfliegen. — An vielen Orten bilden die isländischen Ströme 
auch mächtige Wasserfälle (Fig. 13). 



Seen und Teiclie. 

Auch an stehenden Gewässern, vom kleinen Tümpel an bis zum 
majestätischen See, ist Island reich. Diese stellen nicht nur Sammelorte 
des Vogellebens dar, sondern mitunter Gegenden von ausgezeichneter land- 
schaftlicher Schönheit. In überaus malerischer Umgebung liegen manche 
der kleinen Gebirgsseen, die sich weltvergessen und unbeachtet in die groß- 
artige ßergszeuerie einfügen. Geheimnisvoller Zauber weht über ihnen, den 
kein Mensch stört. Vergelien ja selbst in den bewohnteren Gegenden oft 
Wochen und Monate, bis jemand in die einsamen, wegelosen Gebirge empor- 
steigt, um etwa nach Schafen zu suchen. Wenn man selbst nun, das treue 
Roß, das einen über die Bäche wegträgt, am Zügel nachführend, die Höhen 
hinaufgeklettert ist, immer näher dem ewigen Schnee und Eis entgegen, da 
weitet sich auf einmal der Blick: ein kleines windgeschütztes Tal nimmt 



Seen und Teiche. 53 

uus auf, das im Grunde von durchsichtig schimmerudem Wasser erfüllt ist. 
Trotz der Höhe wächst dürftiges Grün zwischen den Felsen, und man gönnt 
dem Pferde ein Kuhestündchen, um selbst zu schauen und zu lauschen. 

Vormittag 10 Uhr ist es! Noch liegt das Tal in tiefem, dämmerndem 
Schatten; denn kaum die Mittagssonne vermag ihre neugierigen, alles durcli- 
dringenden Blicke in dieses Märchen hinabzusenken. Es schweigt der kühle 
Morgenwind, der die Spitzen der nalien Schueeberge mit zerrissenen Nebel- 
sti-eifen umhängt hat. Das Blau des Himmels scheint, vom düsteru Tale 
aus betraclitet, dunkler als sonst, und leuchtend heben sich die weißen, 
duftigen Streifenwolken davon ab. Waln-lich, ein eigenartiger Anblick, wie 
eine Sage vom fernwinkenden, unbeständigen Glücke! Verwundert schauen 
die beiden Schafe am Abhänge drüben nach mir her. Seit Minuten schon 
regen sie sich nicht. Vielleicht kommen ihnen alte. ))öse I^^rinnerungen an 
den Menschen, die sie fast vergessen hatten. 

Doch nun der See! Leise spielen die Wellen am steinigen Strande, 
den ein schmaler Ring von weißem Schaume einfaßt. Zitternd spiegeln 
sich die Schneehäupter der Berge in seinen Fluten, die nie der Kiel 
eines Schiffes furchte. Ob ein Maler die unbeschreibliche Farbenstimmung 
des Wassers wiedergeben könnte? Ich bezweifle es; d(!nn der Pinsel ist 
schwach wie das Wort. In der Mitte der schimmernden Fläche gleiten zwei 
weiße Punkte dahin: ein Paar Siugschwäne, die hier ihre schöne, einsame 
Sommerwohnung aufgeschlagen haben. Sonst zeigt sich kein Vogel auf dem 
Wasser. Dort aber knixt der Steinschmätzer vor mir auf dem Steine, und 
die kleine Schneeammer singt von dem Felsenvorsprunge aus der allmählicli 
höher steigenden Sonne entgegen. 

Befinden sich die Seen in etwas tieferen Lagen, avo die Luft nicht 
beständig so kühl ist, wo die Sonnenstrahlen besser auffallen können und 
kräftigere Vegetation sich entwickelt, so vermehrt sich auch die Vogelwelt. 
Freilich verlieren solche Gebiete den Reiz der starren, unberührten Scliönheit 
und nehmen mehr den Charakter unserer Bergseen an. Lieblichere und 
anheimelndere Bilder zeigen sich nun den Blicken des Reisenden, und bis- 
weilen läßt der aufsteigende Rauch eines Gehöftes erkennen, daß Menschen 
in der Nähe sein müssen. Außer dem Schwane brüten die Seetaucher am 
Rande derartiger Gewässer: Uiinator imher in tiefer Einsamkeit, jedoch mit- 
unter auf gar nicht großen Teichen. Urinator Immae dagegen auch in be- 
wohnten Gebieten. Eigentlich scheu ist keine der beiden Arten, wenn die 
Vögel nicht erschreckt und verfolgt werden. Wassertreter (besonders Phcda- 
ropus lobaii(s) und Ohrentaucher (Colymlms auritus) bauen ebenfalls ihr Nest 
an derartige Gebirgsseen, endlich auch einzelne Paare solcher Vogelarten, 
die in gi'ößerer Menge die tiefer gelegenen Gewässer bewohnen. 

Die großen Seen sind zur Brutzeit Sammelorte zahlreicher Wasser\ (igcl, 
die gegen Ende des Sommers, wenn die ueuvermauserten Schwingen die 
Wanderung gestatten, zum Hauptteile wieder davonziehen. Manche der 
Seen haben ihre Eigentümlichkeiten, der jn'ngvallavatn z. B. eine Kolonie 
der Mautplniövc (Lams marinus). keiner aber sclieint so viele Arten zu 



54 



Seen und Teiche. 



vereiuigen wie der Myvatn, der. weil uucli landscliaftlicli abwechsluugsvoll uud 
interessant, von verschiedenen Reisenden ornitbologisch nntersucht wurde. 
Im allgemeinen kann man freilich die Angaben über die dortige Vogelwelt 
auf jeden anderen ähnlich gelegenen See beziehen, von denen ich einige 
kennen lernte, die im Verhältnis zu ihrer Oröße kaum vogelärmer waren. 

Der Myvatn liegt, wie ein Teil des noch größeren j^ingvallavatn, auf 
Schichten postglacialer Basaltlava, welcher Untergrund ihm sein eigentüm- 
liches Aussehen verschafft. Tief eingeschnittene Buchten, deren durchsichtiges 
Wasser die grottenartigen Bildungen des schwarzen Gesteins deutlich erkennen 
läßt, wechseln ab mit großen, überaus seichten Fläclien, die von Wasser- 
pflanzen, besonders Myriophyllum spicafnm, erfüllt sind. Sie beherbergen die 
Larven der unendlichen Mengen kleiner Mücken (isl. My, Myfluga; Gatt. 
Culex und Simnlvi), die dem See zu seinem Namen verholfen haben. Diese 




Fig. 14. Slutnes im Myvatn. 



schwärmen zur Somnjerszeit oft in Iniushoheu, breiten Säulen über dem 
Wasser und dem Ufer und bringen dabei ein nicht unangenehmes, eigen- 
tümliches Geräusch hervor, das ähnlich wie ein fernes, unklares Stimmen- 
gewirr oder wie leiser Orgelton klingt. Besonders bei w^ecliselnder Witterung 
sterben nun diese zarten Dipteren sehr rasch, fallen in Menge auf das Wasser 
und bedecken mitunter buchstäblich das Ufer, was man an freien Plätzen 
deutlich erkennt. Dieser Tnsektenreichtum kommt nicht nur den zaldlosen 
Forellen des Sees zu Gute, sondern auch den Vögeln, die sich manchmal 
fast ausschließlich von Mücken und deren Larven ernähren mögen. 

Im nördlichen Teile des Sees, zwischen Grnustadir und dem Vindbel- 
gjarljall, befindet sich eine l)reite Hal))insel, die aus Moor- und Sandboden 
besteht und mit zahlreichen kleinen Tümpeln. Teichen uud Sümpfen bedeckt 
ist. Hier entwickeln sicli über meterhohe Ttlanzendickichte. vor allem aus 



Seen und Teiche. 



55 



Birken und Weiden bestehend, die den Vögeln willkommene Brutplätze und 
Schlupfwinkel bieten. Fast noch günstiger beschatten sind einige Inseln, 
von denen Slntnes, zum Hole Grimstadir geliörig. als vogelreichste gerühmt 
wird. Man glaubt wirklich niclit auf Island zu sein, wenn man diese Ört- 
lichkeit betritt. Parkartig wechseln mannshohe Birken und frischgrüne 
Weidenbüsche mit Grasflächen und kleinen Teichen ab; das anffillligste aber 
sind die üppigen Archangelica-Stauden. die mitunter zwei Meter liocli kerzen- 
gerade nebeneinander stehen (Fig. 14, 15). 

Hier und auf ähnliclien Inseln sind die Hauptbrutplätze der Enten, 
deren Hier als Nalu'uugsmittel für die Bewohner große Bedeutung gewinnen. 
Einige Arten, besonders Glancionetta islandica, bauen freilich ihr Nest lieber 
in die Spalten der Kraterinseln. Hasselbe gilt von dem sehr häufigen Mergux 
setrator und dem seltneren Mergu-^ mergansev. Reclit zalilreich findet man 




Fig. IT). Slutnes im Myvatn. 



ferner den zierlichen Phalaropu.^ lolMitns auf den Inseln, in geringerer Menge 
auch Totamis totanus. Vielerorts nistet Stema inacrura, die von den Bew.ohnern 
deshalb gern gesehen wird, weil sie die Iiaul>vögel anzeigt und verfolgt. Charakter- 
vogel des Myvatn ist weiter dei- Ohreutaucher (Colt/inbus auritus), der mit 
den graufleckigen Dunenjungen auf dem Rücken den Eindruck eines recht 
vielgeplagten Familienvaters maclit. üriimtor Iniume brütet am Rande kleiner 
Teiche auf Inseln oder in unmittelbarer Nähe des Mfvatu: doch beobachtete 
ich aucli den großen Eistaucher (Urinator imber) im Juli auf dem See. Im 
sumpfigen Teile wohnen mehrere Paare der Schmarotzerraubmöve. die als 
Eierräuberin berüchtigt ist, Gänse und Schwäne brüten jedocli für gewöhnlich 
nicht daselbst. Häufig besuchen die beiden Falkenarten das Gebiet; denn 
unschwer bemächtigen sie sicli hier einer Beute. Dagegen trift't man den 
Raben nur ziemlich selten lieim Myviitn. 



56 Ijuscliwaki. 

Nicht immer und iii<-lit überall bietet der See die liildcr eines über- 
reichen Vogellebens. Man kann ntundenhing auf ihm herumfaiiren und endlich 
recht enttäuscht zurückkehren. Die Vög-el finden alter so mannigfache Ver- 
stecke am Kande des Sees, wo man sie mitunter kaum vermutet. Die günstigst*' 
(Telegenheit, hetiftchtliche Mengen von Knten zu heoliachtcn. hat man be- 
sonders dann, wenn die Jungen den Eiern entschlüpft sind und morgens bei 
schönem Wetter von der Mutter aufs Wasser geführt werden. In der Nähe 
der Brutinseln oder in stillen seichten Huchten zeigen sich dann äuLW^rst 
zahlreiche Familien der verschiedenen Arten. An andern Stelleu des offenen 
Sees scharen sich die Krpel zusammen und liegen zu vielen Hunderten bei 
einander. Man kann wohl behaupten, dal) der ]\Kvatn noch vogelreicher ist. 
als die günstigsten Teichgebiete Mitteleurojias. wie ich solche z. li. in den 
Donaurieden Ungarns und Slavoniens oder ;iucli in der sächsischen Lausitz 
kennen b'rnte. 

rnvergeßliche Bilder wird dieser See in dem IJcsuciicr hinterlassen, die 
an eigenartiger Stimmung nicht so leicht ihresgleichen finden. Noch denke 
ich zurück an manchen Abend, den ich am steilen Lavarande einer Bucht 
bei Reykjalid zubrachte! Die Sonne stand tief über dem schöngeformten 
Vindbelgjarfjall und tanzte auf dem weiten, zitternden Myvatn lier zu mir. 
Feuerrot flammte der AVeg, den sie ging, bis sie sich endücli hinter dem 
Berge schlafen legte. Doch die nordische Sommernacht ist nicht minder 
schön als der Abend. Blauglitzernd lag die kleine Bucht vor mir. auf der 
wenigstens ein Dutzend Bergenten, mittlere Säger und Schellenten mit ihren 
Jungen schwammen. Wenn man nicht die Gestalt der Vögel genau kannte, 
waren sie freilich nicht mehr zu untersclieiden. sojidern alle schwarz. Noch 
saßen sie auf dem Wasser, während über ihnen in der l^uft, zufrieden ihr 
Kria rufend, eine Anzahl Seeschwalben flatterte. Ort und Tageszeit schienen 
besonders reiche Beute zu bescheren; denn fortwährend stießen die Vögel 
auf das Wasser oder stürzten in dieses hinein, um mit einem kleinen Fische 
im Schnabel frohlockend wieder emporzusteigen. Das sind weihevolle Augen- 
blicke für den Ornitlndogen, und still schleiclit man endlich mich Hause, wo 
schon alles schläft. Freilich den Feierabend nniL> man draußen lassen. 

Busch wald. 

Wenn auch der Isländer seinem Skc'igur denselben Namen l>eilegt wie 
unserm stolzen Walde, so darf man sich nicht falschen Vorstellungen hin- 
geben. Der isländische Wald besteht nur aus (4ebüschen. die zum größten 
Teile von Birken (Betnla odorato /nibesccm), hier und dort aber auch, z. B. 
in der Umgelnmg des Myvatn, von Weiden gebildet werden. SaU.r phylidfolia, 
die häufigste Art, erreicht eine Höhe von :> m und bietet mit dem frischen 
Grün ihrer Blätter einen recht erfreulichen Anblick. Selten höher als 1,5 m 
wird SalLr, lanata, die auch weit unscheinlnirer ist. Die anderen beiden 
Weidemirten Islands. Salix fflauca und ho'hncea. können wegen ihrer geringen 
Größe nicht als waldbildende Pflanzen in Betracht kommen. Dasselbe gilt 
von der schon melirfach erwähnten HeUiIa iKom. wohingegen lietulo pnbff'ceiis 



.Buschwald. 57 

manchmal eine Hölie von :5— 4 in erreicht. Hier und dort wachsen im Schatten 
des Gesträuchs auch niedrige Wachliolderbüsche (Juniperus communis nana). 

Der berühmteste Skogur Islands findet sicli bei Hdls im Fujöskätale, 
wo man ))ei bescheidenen Ansprüchen wirklich die Vorstellung eines Birken- 
waldes haben bann. Auch der 8kögur im Fljötstale in Ostisland soll ähnliche 
Höhe besitzen, doch sah ich ihn nicht selbst. Für gewöhnlich eiTeicheu die 
IJüsche kaum die GröL^e eines Menschen, der Bestand aber ist so dürftig, 
daß man ihn unschwer passieren kann. Oft stehen die von unten auf be- 
laubten Sträucher gruppenweise inmitten von Grasplätzen, wodurch die Gegend 
doppelt abwechsluugsvoU und angenehm erscheint. An besonders günstigen 
Stellen freilich werden die Gebüsche mitunter auch äußerst dicht. Ja, es 
gibt Örtlichkeiten, von denen es fast unmrtglich ist, sie zu durchqueren. Das 
sind die Lieblingsplätze der Rotdrossel (Turdus iliacus), während der andere^ 
( 'haraktervogel des isländischen Waldes, der Birkenzeisig oder Leinfink 
(Acantlds linaria), meist oft'nere Stellen bevorzugt. 

Ich besuchte eine ganze Reihe der immerhin in Island seltnen Busch- 
wälder. In der Umgebung des Myvatn befinden sich solche teilweise auf 
sandigem, trocknem Boden, sind aber deshalb keineswegs dürftig. Auch 
zwischen den älteren Lavabrocken hat sich frisches Birkengebüsch angesiedelt, 
das außer den eben genannten Vogelarten aucli beträchtliche Mengen von 
Schneehühnern beherbergt. Die Gebüsche auf den Inseln des Myvatn und 
seiner sumpfigen Umgebung im Norden sind kräftiger und dichter, werden 
aber von den Kleinvögeln nicht so häufig bewohnt. Bedeutende Streckeji 
des Fnjöskätales in Nordisland sind gleichfalls mit Wald bedeckt, keineswegs 
bloß die Gegend von Hals, sondern hinab bis kurz vor die Mündung des 
Flusses in den Eyjafjördr. Gerade dort, im Skuggabjargaskögur und Skards- 
skögur, traf ich selbst während der Brutzeit kleine Scharen alter Acantlm 
linana, etwas seltner Turdus Uiac.m. Freilich begegnete ich diesen Vögeln 
aucli in allen anderen von mir besuchten Waldgebieten, so in der Nähe von 
Hvammr und Nordtunga, dann später auf dem AVege von der in den Borgar- 
fjörcti- fließenden Hvitä bis nach dem Skorradalsvatn. Auch die Umgebung 
des ]^ingvallavatn hat zahlreiche Gebüsche. Besonders ausgedehnte Birken- 
waldungen durchreitet man ferner auf dem Wege von ]:>ingvellir nach dem 
(leysir, zwischen dem Laugarvatn und Uthlid. In diesen landschaftlich eigen- 
artigen Geländen, wo weite Hügel ringsum mit Gesträuch bedeckt sind, war 
die Rotdrossel geradezu gemein. Auch den Wiesenpieper trift't man in den 
meisten derartigen Ge))ietcn in großer Menge. Merkwürdigerweise aber sind 
dun'haus nicht alle isländischen Buschwälder so vogelreich, als man in einem 
zum größton Teile ja völlig baumlosen Lande erwarten könnte. 

Für den Fremden, der aus waldigen Gegenden nach der kalüen Insel 
versetzt wird, ist der Anblick dieser dürftigen Buschlandschaften anheimelnd 
und erfreuend. Malen sie ihm ja Bilder der Heimat, wenn auch angepaßt 
dem nüchternen Norden. 

Es war am 8. Juni. In dem Hofe Skard, etwas aufwärts der Fnjöskii- 
rnündnng. hatte ich ein paar Stunden geschlafen. Frühzeitig verließ ich 



58 Das Meer. 

das Haus, schritt über das taufeuchte Gras nach der kleinen Brücke hin. 
die ein schäumendes Bergwasser überspannt, und befand mich im Skögur. 
der die Abhänge des Fnjöskatales bedeckt. Vorfrühling war's hier oben, und 
jener rötlichviolette Schimmer, der dem Grünworden der Sträucher voraus- 
geht, lag über dem harzduftenden Buschwaldc. Hier und dort, wo die Sonne 
besser dazukonnte, brachen auch schon die ersten gi-ünen Spitzen hervor, 
die uns hoffnungsfrendiger stimmen, als alle Blätter des Sommers. Im 
Dickichte drüben sang die Rotdrossel ihr hastiges Lied, während der Birkeu- 
zeisig drei Meter vor mir sein warnendes, weiches Düid rief. Sonst lag tiefe 
Stille über der Natur, die bloß durcli das ferne Rauschen der reißenden 
Fnjöskä nicht unangenehm beeinträchtigt wurde. Die Sonne brach in vollem 
Glänze über die Berge, der Hrossagaukur (Gallinago gaüuuigo) flog ihr 
wiehernd entgegen, der eben noch am sumpfigen Riesel nach Würmern ge- 
stochen hatte. Doch kein ewiger Friede in der Natur! Mit schrillem 
Geschrei fährt ein Steinfalke vor mir auf, in den Fängen die blutige Leiche 
des kleinen Wiesenpiepers! 

Das Meer. 

Auf einer verhältnismäßig nicht allzu großen Insel wie Island stellt 
das Meer natürlich eine der Hauptlandschaftsformen dar, das immer bewegte, 
immer lebendige Meer. Zahlreiche tiefeinschneidende Fjorde verlängern die 
Ausdehnung der Küste, die, wie die Oberfläclie des Wassers selbst, eine 
mannigfach verschiedene ist. Seichte Strandflächen, von der Ebbe weithin 
bloßgelegt, wechseln ab mit wilden Geröllpartien und steil abfallenden 
Bergen, denen niclit selten kleine und große Klippen vorgelagert sind. Da 
der unterschied der Wasserhöhe bis fünf, ja sogar sechs Meter bcti-ägt, zeigt 
dei- Sti-and auch im Verlaufe des Tages oft gänzlich verschiedene Bilder, 
von denen natürlich das Leben der Meeresvögel gleichfalls abhängig ist. 
Dort, wo während der Flut die Wogen an die Felsen schlugen, liegt jetzt 
zur Zeit der Ebbe ein breiter, flacher Sandstreifen. Gewisse Küstenstrecken 
kaun man nur bei Ebbe auf dem Landwege passieren, in manche Häfen 
nur bei Flut vor Anker gehen. Doch dieser immerwährende Wechsel des 
Strandes selbst, verbunden mit der Veränderlichkeit des bald leise spielenden, 
bald in machtvoller Dünung lieranbrausenden Meeres, gibt der Küste gerade 
ihren Reiz. 

Der Island umgebende Atlantische Ozean, zum kleinen Teile auch das 
nördliche Eismeer, bieten natürlich, wie alle anderen Meere aucli, zahllosen 
Tieren Aufenthalt und Nahrung. Die Vögel, von denen freilich durchaus 
nicht alle tagelang auf dem Wasser zu wohnen vermögen, finden daselbst 
reichlicli ihren Tisch gedeckt, falls nicht Treibeis und Winterkälte ihnen den 
Zugang verwehren. Dies geschieht aber für gewöhnlich nur im Nordwesten 
und Norden der Insel und auch dort nicht allwinterlich. Die Anzahl der 
Vogelarten, die man bis jetzt auf den Island umgebenden Meeren festgestellt 
hat, darf sicher nicht als erschöpft angesehen werden. Nur fehlte es, besonders 
zur Winterszeit, an geeigneten Beobaclitern. Es ist auch keineswegs leicht, 



Das Meer. 59 

ja manchmal sogar völlig iiiimöglich, vou einem dahinfahreudeu Schiffe aus 
alle Vögel, die sich zeigen, richtig anzusprechen. Und selbst wenn man fähig 
wäre, durch einen Scliuß das fragliche Exemplar zu erlegen, wird man kaum 
das Verlangen äußern wollen, das Schiff stoppen zu lassen, bis man die Beute 
geholt hat. So bleiben denn die oruithologischen Beobachtungen auf der 
See oft unvollkommen und unsiclier, zumal die Beleuchtung und der Mangel 
«Ines eigentlichen Hintergrundes außerordentlich täuschen. Selbst in ruhigen 
Meeresbuchten ist dies mitunter der Fall. Manche Vogelarten freilich haben 
eine s(» charakteristische Färbung und Gestalt oder nähern sicli den Schiften 
derart, daß eine zweifellos richtige Bestimmung erfolgen kann. 

Wenn man viele Tage auf dem Ozeane dahinfährt und lange Zeit 
hindurch nichts als Himmel und Wasser erblickt, wendet sich das Auge 
unwillkürlich nach den Seevögeln, die als beinahe einzige lebende Wesen 
über der endlosen Fläche sicht])ar werden. Verwundert erwarten die Alke 
(Alca torda) und Lummen (Una troile und lomvia) den mächtigen Schiffs- 
koloß. Mit hochgestrecktem Halse lassen sie ihn ganz nahe kommen, um 
nun schnell unterzutauchen oder plätschernd über das Wasser hinzuflattern, 
indem sie dieses mit den Füßen streifen und mit den Flügeln schlagen. 
Noch weniger scheu zeigt sich manchmal Cepphtis grylle, der kaum vor dem 
Schifte flüchtet. Gar zu gern sieht man den Flugkünstlern unter den See- 
vögeln zu: den zierlichen dreizehigeu Möven (Rissa rissa), von denen nicht 
selten ein Dutzend das Schift' begleitet, oder dem Eissturmvogel (Fulmarm 
glacialis), der das Fahrzeug in weiten Bogen umfliegt. Mag der Sturm toben, 
daß man sich festhalten muß. um nicht hin- und hergeworfen zu werden, 
die Vögel überwinden ihn, indem sie Flügel und Füße nach allen Richtungen 
auf das geschickteste bewegen. Sind sie aber müde, so lassen sie sich auf 
dem wilden Wasser nieder, werden aus den tiefen Wellentälern auf die Höhe 
emporgetragen, wo der Wogenkamm oft schäumend über sie hinwegspült. 
Seltener beobachtet mau die großen Möven und ßaubmöven. die übrigen 
Seevögel meist nur in der Umgebung ihrer Brutplätze. 

Nähert man sich der Küste, so wird das Vogelleben gewöhnlich reichei-, 
obwohl es auch Strecken gibt, die außer der Zugzeit fast gänzlicli verlassen 
und einsam daliegen. 

Die isländischen Meeresküsten sind, wie schon erwähnt, mitunter recht 
abwechslungsvoll. Ausgedehnte flache Strandpartien, wie sich solche z. B. 
in Norddeutschland finden, besitzt die Insel in geringem Maße. Das Land 
ist ja zum größten Teile gebirgig. Freilicli lagert sich auch den Steilküsten 
meist ein mehi- oder weniger breiter Geröllstreifen vor. Flacher Strand 
findet sich mitunter im innersten Zipfel von Fjorden und Meeresbuchten 
oder dort, wo größere Flüsse münden. Während der Ebbe sind solche, oft 
mit dickem, weichem Schlamme bedeckten Plätze Sammelpunkte zahlreicher 
Sti-andvögel, die aus der ganzen Umgegend herbeikommen, um Nahrung zu 
suchen. Schon die Oberfläche derai-tiger Gebiete zeigt, was das Meer zurück- 
ließ. Tauseude von Quallen (Acalephae) bedecken mitunter den Grund, hier 
und dort liei>en Muscheln. Seesterne und Taschenkrebse, wälirend viele Ideine 



(;() Das Meor. 

liöclier zu K('»l)i-pii\vüi-nieni (Tnhicoln). winzigen Kvclis- nnd andern See- 
tierchen führen, die sich im .Sande verkrochen. JiCider bieten derartige 
Meeresufer znr Ebbezeit selten Deckung, weshalb man siel) gewöhnlich be- 
gnügen miili, die versammelten Vögel aus entsprechender Ferne zu beobachten. 
Sehr häutig erblickt man dann den llotschenkel (Totanu,^ totanm), der bei 
der geringsten Beunruhigung mit flötenden Warnrufen davoneilt. Langsamer 
und bedächtiger wandeln die habhaft gef^irbten Austerntischer (Haematoptis 
ostralegm) einher, die mit dem harten langen Schnabel den Schlicker unter- 
suchen. Eilig läuft der Saudregenpfeifer (Aecjialitis Inatlruln) dahin, den» 
sich gern der Alpenstrandläufer (Palidna alpina) zugesellt. Etwas abseit« 
von den andern erblickt man eine Schar der zutraulichen !\Ieeresstrandläufer 
(Arquatella ■maritbnd). die liebst Arenaria interpres und Tringn canutus auch 
steinige Strandpartieeii häufig besuchen. 

Besonders reichlich wird den Vögeln der Tisch gedeekt. wenn der Wind 
die Wellen nach dem Ufer zu treibt. Dann sieht man die behenden Ge- 
stalten eilig am Rande des Meeres umherlaufen und eifiüg suchen und picken, 
.fede Welle bringi ihnen neue Nahrung, und es stört sie auch nicht, wenn 
einmal das Wasser sie erfalU, ein Stück in die Höhe hebt oder mit fortträgt. 
Möven, Seeschwalbeu und Kaben überfliegen die Gegend, gleichfalls nach 
zurückgebliebenen Seetieren suchend, während Seeadler und Falken den ver- 
sammelten Vögeln nachstellen. 

Tritt die Flut ein, so ziehen sich die Scharen zurück, sitzen auf den 
Steinen am Ufer und ruhen oder fliegen nach den 15rut])lätzen. 

In geeigneten Gebieten kann man zur Zugzeit, besonders im August, 
noch andere als die erwähnten Arten antreffen; jeder Tag bietet oft neue 
Bilder, sodalA der Ornitholog mit Befriedigung von seinen Exkursionen 
zurückkehrt. 

Außerordentlich günstigen Flachstrand traf ich im Innern, vor allem 
im nördlichen Teile des Hvaltjörctrs, ein(> gute Tagereise nördlich von 
Reykjavik. Dieses (lebiet ist auch landschaftlich überaus groL^ai-tig. Am 
1 7. August kam ich von Saurban- (Borgarfjardar S.) dahin. Ich ritt bis an 
den Ausgang des Fjordes mit zwei Isländern, die etwa zehn Pferde bei sich 
hatten. Ein scharfer Wind blies, dodi der Himmel war blau, und die Sonne 
schien. Wir konnten der Ebbe halber am Strande hinreiten, aber der weiche, 
gummiartige Boden, in den man freilich nur wenig einsank, schien den Pferden 
Furcht einzuflößen. AVie rasend wollte; mein Tier vorwärts; durch die Nüstern 
blasend bekundete es seine Aufregung und ließ sich kaum halten. Und ich 
gab ihm die Zügel frei, und wir flogen voraus, dahin über den sonderbaren 
zähen Schlamm, der von zahlreiclien Strandvögeln mannigfacher Art belebt 
war. Sie blieben ruhig stehen; denn wir kamen und gingen schneller, als 
ihre überlegenden Gedanken. Hoch auf spritzte das Salzwasser, wenn wir 
hier und dort ein Stück seichtes ]\reer durchsprengten. Aber kein Stein 
hinderte den l^auf. Roß und liciU'r kannten sich, und die AViendruhe winkte. 

Rechts liegt der Hvalfjördr, über diesem prächtige Berge, hinter denen 
die Nachmittagssonne stralilt. Neben uns steigen märchenliaft die kahlen. 



Diis J\Ioer. 



61 



wilden Felswände empor. Senkrecht türmen sich die mächtigen schwarzen 
IJasaltburgeu. wie von Riesenhänden erschaffen. Doch ein Streifen Grün am 
Fuße der Berge hat die Menschen verlockt, hier und dort einen Hof anzu- 
legen, wo der Reisende über Nacht bleiben kann. Niemand wird bereuen, 
dieses Gebiet besucht zu haben. 

Ungleich häufiger als mit Schlamm- und Sandflächeu ist das Meeres- 
ufer mit Steinen bedeckt. Je höher den Strand hiuauf, desto größer sind 
diese, sodaß man oft zur Flut höclist mühselig vorwärts kommt, wo man 
zur Ebbezeit auf glattem Kiesboden hinwandert. Derartige Partien gewähren 
im Flachlande meist einen recht toten Anblick. Nur einzelne der schon 
Yornin erwähnten Vogelarten besuchen sie (Fig. 16). 

Abwechsluugsvoller erscheint die Gegend, wenn steilere Gebirgsstöcke 
dicht an die Küste treten. Zur Ebbe werden dann mitunter wilde Geröll- 



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Fig. 16. Strand bei Ebbe (Reykjavik). 



fiächeu bloßgelegt, deren größte Steinbrocken wohl auch bei hohem Wasser- 
standeTals Klippen hervorragen. Landschaftlich wirken derartige Küsten- 
streifen oft äußerst romantisch, lassen sich jedoch nur schwer begehen. Die 
zahlreichen, teilweise mächtigen Steine sind vom Wasser rund geschliffen 
und gewöhnlich dicht mit Tangen bedeckt, die ihrer erheblichen Glätte wegen 
das Betreten erschweren. Nur langsam kommt man vorwärts und ist doch 
beständig in Gefahr zu fallen. Die kleineren Steine dagegen sind oft von 
andern üppigen Tangarten überwuchert, wodurch Erhebungen und Vertiefungen 
unsichtbar werden. Weit bequemer ist es natürlich, solche Strandpartien 
mit dem Boote zu befahren, wobei man auch selten einen Vogel übersehen 
wird. Will man schießen, muß man freilich beim Erblicken des Objektes 
rechtzeitig ans Land gehen, das Boot weiterfahren lassen, selbst aber zu 
Fuße sich anpirschen. Da zwischen den Felsbrocken Unmengen kleiner 



62 l^as Meer. 

Meertien; zurückbleiben, Hiuleii di(! Vögel reiclilirlic Niiliruiig und ))esucheii 
aus diesem Grunde den (ileröllstrund sehr ^crn. 

Am häufigsten tritt't man den Meeressti-andläufer (ArqnateUa maritima), 
der sich äußerst geschickt hinter den Steinen zu verbergen weiß. Nicht 
selten läßt er so den Menschen l>is auf wenige Schritte herankommen, um 
dann ein kleines Stück weiterzufliegen und dasselbe Spiel von neuem zu 
beginnen. Oft begegnet man auch dem Rotschenkel (Totanus totanus), der 
alle andern Vögel warnt und dem Scliützen nicht selten das mühsamste 
Anpirschen verdirbt. Hinter großen Steinen gedeckt gelingt es freilich mit- 
unter, den schlauen Vogel selbst zu überlisten. Zur Zugzeit kann mau • 
Tnnga carmtus und große Scharen nicht allzu scheuer Arenaria interpres am 
Strande bemerken und außer den Möven, die gern auf den großen Steinen 
sitzen, auch Scharben (Fhalacrocorax carbo und graculus) erblicken, die im 
Wasser verschwinden, ehe man sich dessen versieht. Ral)en und Falken 
übei-fliegen die Strandpartien nach Beute, und zuweilen hakt auch der 
mächtige Seeadler (Haliaetus alhicilla) auf einem tangbewachsenen Steine 
auf, um den Enten naclizustellen, die besonders zur Zugzeit die Meeres- 
küsten bevölkern. Charaktervögel des felsigen Strandes sind endlich die 
nützlichen Eiderenten, die freilich, weil kolonienweise brütend, nicht tiberall 
angetroffen werden. Doch unternehmen sie stundenweite Ausflüge von 
ihrem Brutorte. 

Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Geröllflächen am Strande mit- 
unter recht vogelreich sein können, zumal sie selten von Menschen beunruhigt 
werden. Will man aber die ganze Menge der nordischen Seevögel beobachten, 
muß man sich an deren Brutplätze begeben, wo der Ornitholog, der zum 
ersten Male oder nach längerer Abwesenheit dahin kommt, in der Betrachtung 
geradezu schwelgen kann. Ich meine hierbei weder die himmelaustrebendeu 
Felsen, wo einsam ein Seeadlerpaar horstet oder die trägen, sondei'baren Ge- 
stalten der Kormorane friedfertig beieinander sitzen, noch die grasbewachsenen 
Inseln, auf denen Eiderenten oder Seesciiwalben nisten, sondern vielmehr die 
sogenannten Vogelberge, wie Island solche in ziemlicher Anzahl besitzt. 
Es sind das gewöhnlich steil aus dem Meere aufsteigende Klippen, Inseln 
und Vorgebirge, die von einer an Arten geringen, an ludividuenzahl aber 
nicht selten ungeheuren Menge von Seevögeln bewohnt werden. Solange 
man zurückdenken kann, sind derartige Orte zu gleichem Zwecke benutzt, 
während viele andere, scheinbar ebenso gtinstige, dauernd unberücksichtigt 
bleiben. liier und da besetzt nur eine einzige Art den ganzen Berg, der 
dann zwar Leben und Bewegung, jedoch wenig Abwechslung zeigt. Ungleich 
interessanter sind die Plätze, wo verschiedene Gattungen nebeneinander brüten, 
was auch bei den meisten der bedeutenderen Vogelberge der Fall ist. Als 
bekannteste und wichtigste derselben seien aufgezählt die Inseln Papey und 
Sküdr, sowie die Klippen vor Vopnafjörclr im Osten Islands, im Nordosten 
Gap Digranes und Langaues, im Norden die unbewohnten Mänäreyjar, Grimsey 
im Eismeere, die kleine Insel Drangcy im Skagafjördr und der Hornbjarg 
bei Cap Nord, ferner im westlichsten Funkte Islands Lätrabjarg und südlich 



Griiusey. 63 

von Reykjavik der Vogelberg bei Krisuvik, endlich die bedeutendste Insel- 
gruppe im Süden, die Vestmannaeyjar. Hiermit ist die Zahl der Vogelbergo 
aber keineswegs erschöpft. 

Die gTößte Menge von Vögeln mag wohl der Hornbjarg am Cap Nord 
aufweisen, doch ist dieser nie ornithologisch genauer untersucht worden. 
Die unwirtliche Gegend, nach der man nur äußerst schwierig gelangen kann, 
wird bloß von wenigen armseligen Menschen bewohut, welche die Vögel 
zweifellos in weit geringerem Maße als anderwärts beunruhigen. Wenn man 
mit dem Schiffe längs der Küste dahinfährt, ist man erstaunt über die Zahl 
der Lummen, die das Meer in langen Streifen bedecken, und stundenlang 
fährt man dahin, ehe die Vögel verschwinden, üuunterbroclien hüpfen einzelne, 
Fröschen ähnlich, mit flatternden, schweren Flügelschlägen über das Wasser 
oder tauchen erschrocken, wenn das Schiff allzuschnell näherkommt. Eine 
Schätzung der Zahl auch nur der gesehenen Vögel ist kaum möglich. Wie 
reich muß doch das Meer sein, um all die Scharen zu ernähren, denen sich 
außerdem Eissturmvögel (Fulmarus glacialü), Dreizehenmöven (Rissa nssa), 
Papageitaucher (Fratercula arctica), Lunde (Cepphus grylle) und vielleicht noch 
andere Arten zugesellen. 

Da die Vogelberge von großer Bedeutung für die Bewohuer der Gegend 
sind, zugleich aber auch die ornithologisch auffälligsten Örtlichkeiten jener 
nördlichen Länder darstellen, will ich zwei der interessantesten, nämlich die 
größten Gestadeinseln Islands, im Norden Grimsey, im Süden die Vest- 
mannaeyjar, eingehender besprechen. Ich knüpfe meine Schilderungen an 
Grimsey, die dadurch vielleicht an Interesse gewinnen, weil diese Insel selten 
zwecks wissenschaftlicher Forschungen besucht worden ist. 

Grimsey (Nordisland). 

Grimsey^) liegt ungefähr unter 66^ 35' n. Br. und 18" 2' w. L. v. Gr. 
Im Juni 1820 weilte Fr. Faber auf der Insel, ein Jahr darnach, nämlich 
vom 21. Mai bis 8. Juni 1821, F. L. A. Thienemaun; 1837 hielt sich W. Proctor 
vom 3. — 17. Juli daselbst auf; seit dieser Zeit aber wurde das Felseneiland 
nicht wieder ornithologisch untersucht. Grimsey ist von länglicher Gestalt. 
Seine größte Ausdehnung in ziemlich nordsüdlicher Richtung beträgt ungefähr 
6,5 km, die größte Breite 2,8 km. Von dem ihm nächsten Punkte Islands, 
der Mündung des Eyjafjördrs, liegt es ca. 47 km nordnordöstlich. Das Süd- 
westende der Insel ist am niedrigsten. Hier lagert sich den kaum 5 — 10 m 
hohen Felsen ein Stück flacher Strand vor, der mit glatten Steinen bedeckt 
ist. Vor der Südspitze liegen zwei Klippen, Flesjar, die stets über dem 
Wasser sichtbar sind und von deren südlichster ein kurzes Rift' ^msschießt 
(Fig. 17). Die Westküste ist bloß an wenigen Stellen höher als 50 m. 
Trotzdem macht die Steilheit der Felsen ein Hinabklettern nach dem schmalen 
Strande nur hier und dort möglich. An dieser Küste befinden sich auch 



^) Nach allgemeinen Gesichtspunkten habe ich die Insel beschrieben im Dresdner 
Anzeiger, Frühjahr 1904. 



64 



Lfrimsey. 



die einzigen Ankerplätze, diu-li ist die Landung- .seihst nur in kleinen Booten 
zu bewerkstelligen und wird selir oft durch Dünung ersclnvert oder sogar 
unmöglich. Weiter nach Norden zu ist die AVestküstc höher und fast überall 
senkrecht abfallend, während die Nordspitze wieder etwas tiefer liegt (Fig. 18). 
Am höchsten ist die Ostseite, an der die Felsen etwa 140 m ins Meer ab- 
fallen. An einigen Stellen der Küste sind kleine Klippen vorgelagert, die 
teilweise kaum über das Wasser ragen, teilweise aber auch, wie die llafsülastapa 
im Osten, steil und hoch aufsteigen (s. Fig. 25). Im Innern zeigt Grimsey 
ein welliges Plateau, das von einigen kaum sichtbaren Pfaden durchzogen 
wird. Hier und dort erhel)en sich saufte Hügel, die aber kaum die Höhe 
der Ostküste überragen. Dazwischen liegen kleinere und größere Täler. An 
einigen Stellen tinden sich Geröll- und Sandflächen, an anderen merkwürdig 
gestaltete Klüfte und Felspartien, die ebenfalls des Pflanzenwuchses entbehren. 




Fig. 17. Südwestlicher Strand auf Grimsey. 



Im allgemeinen muß man das Innere Grimseys öde und einförmig nennen. 
Etwas Abwechslung bieten eine Anzahl Süßwasserteiche von etwa 3 — 25 m 
im Durchmesser, die von Hügeln eingeschlossen werden, teilweise aber im 
Sommer vertrocknen. Sie sind die Sammelorte zahlloser Vogelscharen, ins- 
besondere der Seeschwalben und dreizehigen Möven, die in buntem Gewimmel 
darüber hinwegfliegen oder sich auf dem Wasserspiegel niederlassen, um zu 
trinken, zu baden und Nahrung aufzunehmen. Fließende Gewässer fehlen 
durchaus. Das Klima Grimseys ist Seeklima, im allgemeinen feucht, rauh 
und stürmisch. Auch unter dem Treibeise muß die Insel oft leiden. Dem- 
zufolge ist die Pflanzenwelt äußerst dürftig und besteht größtenteils nur aus 
kurzen Gräsern und Moosen: höhere Gewächse fehlen vollständig. Außer 
ein paar Sehafen, zwei Pferden und einer Kuh flnden sich keine Säugetiere 
auf der Insel, ebensowenig I^eptilien oder Amphibien. 



Grmisev. 



65 



Von um so gTößercr Bedeutung für die etwa 75 Menseben, die es 
gewagt haben, die unwirtliche Insel 7AI ihrer Heimat zu wählen, sind deshalb 
die unzähligen Vögel, die dem kleinen Felseneilande sein Gepräge verleihen, 
ja die zweifellos die Hauptursache zur Besiedelung desselben gewesen sind. 
Kaum ein Stückchen Land gibt es auf der ganzen Insel, wo niclit der Be- 
sucher von Vögeln umgeben wäre oder wenigstens ihre Stimme vernähme. 
Höchstens in einigen der kleinen, tiefen Täler kann es vorkommen, daß mau 
auf Viertelstunden unberührt und ungestört von dem bunten Vogelleben über 
sich bleibt. Für den Oruithologen ein interessantes Land! Freilich jeder 
andere Besucher muß hier halb und halb zum Oruithologen werden. Die 
Zahl der regelmäßig auf der Insel brütenden Arten ist freilich gering. Was 
aber an Artenreichtum abgeht, wird durch Individuenzahl ersetzt. 




Fig. 18. Blick auf die Nordspitze von Grfmsey. 



Der häufigste und zugleich auffälligste Vogel im Innern Grimseys ist 
<iie Küstenseeschwalbe (Slerna niarrnra), die in ungeheuren Mengen die sonst 
ao trostlosen, öden Moos- und Grasflächen belebt. Zur Brutzeit können diese 
Vögel den Besucher fast zur Verzweiflung bringen, indem sie nicht nur mit 
ihrer durcadringenden Stimme, besonders einem scharfen Kria — so ja auch 
der gebräuchlichste isländische Name der Art — ihn fortwährend umfliegen, 
sondern auch pfeilschnell auf den Kopf des Menschen herabstoßen, was mit- 
unter wirklich schmerzt. 

Ungleich wichtiger sind die 9 Arten der sogenannten Felsenvögel, die 
an den steil abfallenden Basaltwändeu und Klippen ihre Wohnung auf- 
geschlagen haben, ein unwirtiiclies und unsicheres Heim freilich, das von 
abrollenden Steinen, von Sturm und Brandung fortwährend bedroht wird! 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. 5 



66 (inrnsey. 

Und doch, der Ausblick auf das weite, wilde Meer, das all die tausend und 
abertausend Tiere beständig mit Nahrung versorgt, das am Fuße ihrer stolzen 
Felsenwohnung immerfort grollt und wogt, ist ihnen Lebensbedingung; ge- 
fangen und im Hause oder auch im Freien abseits des Meeres losgelassen, 
laufen sie elend flatternd am Boden umher, fahren in alle Ecken und Löcher 
oder verhalten sich wie geistesabwesend ganz still. 

Oben am Rande der hundert Meter hohen Bergwände sitzen die sonder- 
baren Papageitaucher (Fratermla arctica) mit dem bunten breiten Schnabel. 
In etwas geschützten Vertiefungen brüten die fetten f^issturmvögel (Fnlmarus 
glacialis). In großer Menge bewohnen die Dreizelienmöven (Rissa rlsm) den 
oberen Teil der Vogelbergc, sowie die niedrigeren Felsen und Klippen. Die 
nützlichsten Arten dieser Seevögel sind die Alke (Alca torda) und Lummen. 
von denen Uria lomvia am häufigsten ist, wäln-end Uria troile seltener ge- 
funden wird. Der große weiße Tölpel (Sida bassana, isländisch Hafsühi) 
brütet nur auf der Hafsülastapa und einem Stück des gegenüberliegenden 
Felsens. Die Gryll-Lumme (Cepphus grylle) hat ihi-e Bruthöhlen gewöhnlicli 
abseits von anderen Arten in geringer Höhe über dem Meere. Der kleine 
Kra])bentaucher (Alle alle) legt sein Ei zwischen die abgestürzten mächtigen 
Geröllbrocken am Grunde einiger Felsen. Er wohnt sonst an keiner Stelle 
von Island und hat zugleich hier auf Gri'msey seinen südlichsten bekannten 
Brutplatz (siehe Fig. 20). 

Wenn im Frühjahre das Meer eisfrei zu werden beginnt, kommen die 
Seevögel nach der Insel. In laugen Reihen sitzen sie dann später auf jedem 
Vorsprunge der Felsen, um ihi* einziges großes Ei abzulegen, das sie viele 
Wochen bebrüten, wenn es nicht durch Naturgewalten vernichtet oder von 
den Menschen weggeholt wird. Für den Binnenländer ist es ein doppelt 
interessanter Anblick, dem unbeschreiblichen Gewimmel der zahllosen Vögel 
zur Brutzeit zuzuschauen. 

Unten brandet dumpf das dunkle Meer, mit leuchtend weißem Rande 
den schmalen Küstenstreifen einfassend; gespenstische Nebelwolken flattern 
drüber hin, und der Sturm rast gegen die senkrechten Felsen. Krampflmft 
an den Vorsprüngen sich festhaltend klettert man in eine geschützte Erd- 
nische, läßt sich nieder und schaut. Wenige Meter entfernt sitzen eine 
Menge Papageitaucher. Sie verlassen den einmal gewählten Platz nicht 
sogleich, trotzdem sie hin- und herbalaucierend immerfort gegen den Sturm 
ankämpfen müssen. Mit äußerst raschen Flügelschlägen eilen in großen 
Bogen die Alke dahin. Froh, endlich nach mehrfaclieu vergeblichen Ver- 
suchen den Brutplatz erreicht zu haben, läßt sich flatternd eine Lumme auf 
ihr Ei herab. Aber ein Windstoß faßt sie unter den halb geöffneten Flügeln : 
aufschlagend rollt das große grüne Ei hinunter, was der Vogel, der nun 
erst festen Fuß auf dem mit Löffelkraut (Cochleana groenlandica) be- 
wachsenen Erdrande gewinnt, scheinbar kaum bemerkt. Knurrend kriechen 
jetzt die Papageitaucher in ihre Bruthöhlen, und brummend zanken sich die 
dickschnäbligen Lummen. Aber spielend mit der bewegten Luft schwebt 
als Flugkünstler der Eissturmvogel dahin. Wie er mit den einzelnen Federn 



Grimsey. 



67 



der oft sonderbar gebogeueu Flügel und des Schwanzes gegen den Wind 
operiert! Wie er die Füße vor- und rückwärts biegt und langsam mit ge- 
spreizten Zehen und Schwimmhäuten in der Luft rudert! Wie er den ganzen 
Körper nach allen Kichtungen dreht und die merkwürdigsten Schwenkungen 
ausführt! Dann wieder beschreibt er einen schönen Bogen, um abermals 
ohue wirkliche Flügelschläge minutenlang an derselben Stelle zu verharren. 
Mit lautem Kreischen durchwirbeln die leichten weißen Scharen unzähliger 
Dreizehenmöven die bewegte Luft. Ein unbeschreibliches Durcheinander ist 
es, aber kein hastiges und ungeschicktes, nein, ein von tausend gewandten 
Flugkünstlern ausgeführtes Ballett, dem man zuschauen kann, so lange man 
will, und der einzige Zuschauer ist man selbst. 

Die Stunden gehen dahin! Der Sturm hat sich gelegt, die düsteren 
Nebel sind fortseflooen nach anderem Lande; ein Frieden gießt sich aus 




Fig. 19. Oberster Teil eines Vogelberges auf Grimsey. 



über die ganze Welt, „am Abend wird es licht sein!" Überall sitzen die 
weißschwarzen Vogelgestalten auf den Felsen und putzen das Gefieder, gi-oße 
Scharen liegen tief unten auf dem Meere, dessen uralter Sang vom Kommen 
und Vergehen noch immer heraufhallt an dein Ohr. Und noch immer um- 
gaukeln dich die Tänzer der Lüfte, mit dem unmelodischen Zusammenklange 
ihrer Stimmen die Luft erfüllend. 

Die Sonne sinkt: Mittnachtssonne! Glühend übergießt sie den ganzen 
Himmel, leuchtend überflutet sie das weite Meer, schimmernd überhaucht sie 
die schwarzen Felsen, stiehlt sich auch hinein in die Brust des einsamen Be- 
schauers. — Etwas stiller wird's am Berge. Die Männclien kommen, um 
die Weibchen im Brüten abzulösen, das bunte Gewimmel in der Luft verringert 

5* 



ßg Verzoichnis der Vöfjel Griinseys. 

sich, aluT Felsen und Meer sind dicliter mit ruhenden Vrtf^eln l)edeckt. 
Doch nur wenige Stunden n:ich Mitternaelit beginnt von neuem das geseliäftige 
Treiben. Und auch der Ornitliolog erliebt sieli mit dem Bewußtsein, wieder 
einige Stunden verlebt zu haben, die ihn voll befriedigten (Fig. 19). 

Verzeichnis der Vögel Grimseys. 

Nach eig^enon Untersuchungen uud nach JVIitteihingen der Bewohner, insbesondere 
des besten Vogelkcnners der Insel, Yngvar Gudmundsson, sowie des Pfarrers Matthias 
Eggertsson. Außer den angeführten Arten wurden in den letzten .Jahrzehnten noch 
einige andere nnbestimnibare beobachtet. Die mitverzeichneten isländischen Namen 
sind die auf der Insel gebräuchlichen. 

1. Urinator imber (Gunn.), Himbrirai. Gelegentlicher Gast im Spätsommer. 

2. Urinator lumme (Gunn.), Lömur. Gelegentlicher Gast. 

3. Fratercula ardica glacialis Steph., Lundi. Häufiger Brutvogel im oberen Teile 
der Vogelberge. 

4. CeppJnis grylle grylle (L.), Teista. Nicht seltner Brut- und Standvogel, in kleinen 
Kolonien getrennt von anderen Arten. 

5 a. Uria trolle troile (L.), Langvia. Nicht häufiger Brut- und Standvogel, mehr im 
unteren Teile der Felsen, 
b. Uria troile troile (L.) var. rliingvia (Brunn.), Hringvia. Seltene Abart. 

6. Uria lomvia lontvia (L.), Stuttnefja. Gemeiner Brut-, Stand- imd Wintervogel. 

7. Alca torda L., Alka. Häufiger Brutvogel. 

[Alca impennis L., Geirfugl. Eine Schar soll nach Erkundigungen Preyers 
(Naumann XII, S. 194) c. 1838 — 40 nach Grimsey gekommen und daselbst getötet 
worden sein. Pastor Matthias Eggertsson fand hierüber in alten Kirchenbüchern 
u. dgl. nichts aufgezeichnet. Auch die ältesten Bewohner Grimseys können sich 
nicht erinnern, von dem Erscheinen des Vogels gehört zu haben.] 

8. Alle alle (L.), Haftirdill. In 150—200 Paaren Brut- und Standvogel. 

9. Megalestris skua (Brunn.), Häkallskümur. Gelegentlicher Gast. 

10. Stercorarius parasiticus (L.) ?, Kjöi. Gelegentlicher Gast. 

11. Rissa rissa rissa (L.), Skegla. Gemeinster Brutvogel an den Felsen, im Winter 
selten. 

12. Larus niarinus L., Svartbakur. Seltener Brutvogel, doch häufiger Gast. 

13. Laras glaucus Brunn., Grämäfur. Wahrscheinlich nicht Brutvogel, aber ziemlich 
häufiger Gast. 

14. Larus leucopterus Faber, Hvitmäfur. Häufiger Herbst- uud AVintergast. 

1.5. Sterna macrura mncrura Naum., Kria. Gemeiner Brutvogel auf dem grasigen 
Plateau des Inuern. 

16. Fulmarus glacialis glacialis L., F^lingur. Häufiger Brut- und teilweise Stand- 
vogel. 

17. Puffinus puffinus (Brunn.), Skrofa. (xelegentliciier Gast. 

18. Puffinus gravis (O'Ileilly), Störa Skrofa. Der geiuiuen Beschreibung zufolge mehr- 
maliger (jast. 

lit. Siila bassana (Ij.), Hafsüla. In etwa 50 — 70 Paaren Brutvogel auf der Hafsülastapa 
und dem gegenüberliegenden Felsen. 

20. Phalacrocorax carba (L.), Skarfur. Zeigt sich zuweilen im Herbste. 

21. Plialacrocorax graculus graculus (L.), I^oppskarfur. Seltener Gast. 

22. Anas boschas L., Gräönd. Mitunter zu den Zugzeiten. 

23. Nettion erecca crecca (L.), Urtönd. Vereinzelt im Herbste beobachtet. 

24. Clangula hyemalis (L.), Hävella. Gelegentlich zu den Zugzeiten. 

2.5. Soinateria spectabilis (L.), ^darköngur. Seitoner Gast. Anfang .Juni l!)()t ein cJ 

erlegt. 
2(i. Somateria mollissima mollissinui (L.). ^Edar. Häufiger Brut- uud Standvogel. 



Vestmannaeyjar. ()<» 

27. Oidemia nigra nigra (L.), Hrafnsönd. Gelegentlicher Herbst^ast. 

28. Anser sp.'^, Grägaes. Vereinzelt im Frühjahre. 

29. Branta leitcopsis (Bchst.), Helsingi. Ziemlich regclmäliiger Herbstrlnrchzügler. 
'■iO. Cygnus cygnus (L.), Svanur. Selten im Frühjahre. 

."U. Ardea cinerea L., Hegri. Ansnahmsweiser Gast. Nach Fabers Mitteilungen wurde 
ein Exemplar Ende September 1819 auf der Insel gefangen (Prodromus S. 23). 

.'32. Ciconia ciconia (L.), Storkur. Yngvar Gudmundsson versicherte mit Bestimmtheit, 
im Frühjahr 1856 ein Exemplar auf der Insel beobachtet zu haben. 

••{3. Crytnophilus fulicarins (L.), ^örshani. Seltner Gast. 

.'{4. Phalaropus Johafus (L.), Odinshani. Häutiger Brutvogel an den Süß\vasserteich<Mi 
im Innern. 

■iö. Arquatella maritima maritima (Brunn.), Sendlingur. Vereinzelter Brutvogel. 

36. Palidna alpina schimii (Brehm), Tj6u|7ra!ll. Nicht seltner Brutvogel, besonders im 
südlichen Teile der Insel. 

37. Calidris arenaria (L.), Sanderia. Soll nach Fabers Vermutung auf der Insel ge- 
brütet haben, was jetzt bestimmt nicht mehr der Fall ist. Kommt wohl gelegentlich 
zur Zugzeit. 

38. Totanus totanus (L.), Stelkui-. Gelegentlicher Gast. 

39. Numenins phaeopiis phacopus (L.), Spöi. Kommt mitunter zur Zugzeit. Brut- 
angaben, wenigstens aus neuerer Zeit, sind in-tümlich. 

10. Vanelhis vanellus (L.), Vepja. Wurde einmal im Frühjahre beobachtet. 

U. Charadrins apricarius L., Loa. Brütet in wenigen Paaren im Innern der Insel. 

42. Aegialitis hiaticula (L.), Sandlöa. Nicht seltner Brutvugel im Innern. 

43. Arenaria interpres (L.), Tildra. Seltner Gast. Ich fjind die tjberreste eines 
Exemplars, Kopf deutlich erhalten, Ende Juni 1903. 

4:4. Haematopus ostralegus L., Tjaldur. Selten im Spätsommer. 

45. Lagopus rupestris islandormu (Faber), Rjüpa. Mitunter im Winici- bei viel Kis. 

46. Haliaetus alhicilla (L.), Orn. Kommt selten während der Brutzeit der Seevfigel. 

47. Hicrofalco gyrfalco islandus (Brunn.), Fälki. Besucht die Insel gelegentlieh /u 
allen Jahreszeiten. Im Winter oft sehr helle grönländische Exemplare. 

48. Falco mcrillus ((rer'nn), Smirill. Kommtabundzu, besonders im Frühjahreund Herbste. 

49. Nyetea nyctea (L.), Kattugla. Nicht seltner Wintergast. 

.'")0. Apus apus apns (L.), Svala. Ansnahmsweiser Gast. Am 2. ,luli 1903 ein einzelnes 

Exemplar von mir erlegt. 
.')1. Corvus corax principalis Ridgw., Hrafn. Seit alten Zeiten brütet regelmäßig nur 

ein Paar auf der Insel, auch die .Jungen werden bald fortgetrieben. Im Winter 

ausnahmsweise mehrere Vögel. 

52. Corvus cornix cornix Ij., Kräka, Ist einige Male im Spätjahre gesehen winden. 

53. Corvus frugilegus frugilegus L., Kräka. Seltener Wintergast. 

54. Passerina nivalis nivalis (L.), Snjotitlingur. Häufigster Kleinvogel dei- Insel. 
Regelmäßig daselbst überwinternd. 

55. Motacilla alba alba (L.), Märiatla. Nicht seltener Brutvugel, gel(;gentlicli üImt- 
winternd. 

56. Anthus pratensis (h.). Grätitlingur. Nicht häuüger Brutvogel. 

57. Anorthwa troglodytes borealis (Fisch.). Müsarbroctir. Ab und zu ist ein ('nur brütend 
beobachtet worden. 

58. Turdus iliacus coburni Sharpe, Skögarl'röstur. Zeigt sich nicht selten im Früh- 
jahre und Herbste. 

59. Saxicola oenanthc Icucorrhoa (Gm.), Steindepill. Regelmäßiger, aber nicht hüuliycr 
Brutvogel. 

Vestmannaeyjar (Südisland). 

Die Westmaim-Inselu liegen ungefähr unter 63" 25' n. Hr. und 2«"" 
15' w. L. V. Gr.. von der benachbarten siidisländiscben Küste etwa 6 — 25 kin 



70 Verzoiclinis der N'üoel der Vostniantiaeyjar. 

euttVriit. Von den über ein Dutzend gröLk'ren Klijiiien ist nur die H;iui>t- 
insel Heiniiiey von (5 — 700 Menschen bewohnt, die sicli durch Fischfang, 
Schafzucht und Vogelfang ernähren. Heiraaey fällt nach Norden zu flach al> 
und besitzt dasell)st eine Art Hafen. Die Insel ist vielerorts mit kahlen 
Lava- und Tufffelderu bedeckt und steigt im Osten zu dem 300 m hohen 
Helgafell em])or. Der übrige Teil der durchaus vulkanisdieu Insel, wie auch 
die zahlreichen andern Klippen, senken sich steil ins Meer und bieten den 
.Seevögeln geeignete Brutplätze. Die Menge der auf den Vestmannaeyjarn 
brütenden Individuen ist wohl noch größer als auf Grimsey, der Anblick der 
Vogelberge aber in beiden < jrtlichkeiten sehr ähnlich. 

Verzeichnis der Vögel der Vestmannaeyjar. 

Besonders nach den mir liebenswürdigst von Herrn Kreisarzt porsteinn .lönsson 
daselbst gemachten Angaben. Die mitverzeichneten isländischen Namen sind die unter 
der Bevölkerung gebräuchlichen. 

1. Urinator imber ((Tunn.),,Himbrimi. Gelegentlicher Gast. 

2. TJrinator lumme (Gunn.), Lömur. Desgleichen. 

3. Fratercula arctica glacialis Ste])h., Lundi. Gemeiner Brutvogel, besonders auf 
Ystaklett. 

4. Cepphiis grylle grylle (L.) Tcista. Nicht besonders zahlreicher Brutvogel in kleinen 
Kolonien von höchstens 8 Paaren; teilweise überwinternd. 

öa. Uria troile troile (L.), Laugvia. Gemeiner Brutvogel, 
b. Uria troile troile (L.) var. rhingvia (Brunn.), Hringvia. Jiedeutend seltner als 
vorige Art. 

6. Uria lomvia lomvia (L.), Stuttnefja. Brutvogel auf verschiedenen Klippen, doch 
in geringerer Zahl. Die Uria-Arten ziehen im Winter zum größten Teile fort. 

7. Alca torcla L., Alka. Häufiger Brutvogel. 

[Alca impennis L., Geirfugl. Hat besonders auf den südlichen Klippen, nach 
dem Vogel Geirfuglasker genannt, bis zu Ende des 18. Jahrhunderts in beträcht- 
licher Anzahl gebrütet. Das letzte nachgewiesene Exemplar wurde 1843 daselbst 
getötet.] 

8. Alle alle (L.), Haftirdill. Mitunter im Spätjahr und AVinter. 

9. Megalestris skua (Brünu.), Skümur. Besucht die Inseln häufig. 

10. Stercorarius parasiticus (L.)?, Kjöi. Nicht seltner Gast. 

11. liissa rissa rissa (L.), Kita. Gemeiner Brutvogel. 

12. Larus marinus L., Svartbakur. Einzeln oder in kleineu Kolonien auf verschiedenen 
Inseln brütend; auch im AVinter regelmäßig anzutreffen. 

13. Larus glaucus Brunn., Grämäfur. An einigen Felsen in Kolonien von 6 — 10 Paaren 
brütend; bleibt auch im Winter da. 

14. Larus leiicopterus Faber, Hvitmäfur. Häufig im Spätjahre und Winter. 

15. Sterna macrura macnira Nauin.. Kria. Gelegentlicher Gast, brütet nicht auf den 
Inseln. 

Iß. TludassogeroH chlor orhynchos (Gm.), Fuglköngur. Wahrscheinlich ein einzelnes 
Individuum hat mehrere Jahre als „Vogelkönig" auf einer der Klip])eu gelebt 
und wurde 1846 daselbst erlegt. 

17. Fulmarus glacialis glacialis L., Fill. Häufiger Brut- und Standvogel. 

18. Puffinus puffinus (Brunn.), Skrofa. Brütet in Kolonien auf Ystaklett und an 
einigen andern Stelleu. 

19. Oceanodroma leucorrhoa (Vieill.), Sjösvala. Brütet in einigen hundert Paaren 
besonders auf der Halbinsel Ystaklett und einer nördlich davon gelegenen Klippe. 

20. ProceUaria pelagica L., Litla Sjösvala. Wahrscheinlich nicht brütend, sondern nur 
gelegentlicher Gast. 



Verzeichnis der Vögel der Vestmannaeyjar. 71 

21. Sula bassana (L.), Si'ila. Brütet in einer bedeutenden Kolonie auf der Sülasker; 
zieht im Winter nicht fort. 

22. Phalacrocorax carbo (L.), Dilaskarfur. Brütet in wenigen Paaren an unzugäng- 
lichen Felsen auf Heimaey. Zeigt sich während dos ganzen "Winters. 

2B. Phalacrocorax graculus (L.), Topi)skarfur. Seltner ßrutvogel. im Winter häufiger, 

24. Mergus merganser (L.), Störa Toppönd. Wird mitunter zur Zugzeit beobachtet. 

25. Mergus serrator (L.), Litla Toppönd. Vereinzelt im Spät- und Frühjahre. 

26. Anas boschas L., Störa Stokkönd. Nicht seltner Durchzügler und Wintergast. 

27. Glaucionetta dangula clangula (h.), Hüsönd. Ein Exemplar von den Vestmannaeyjarn 
befindet sich im 3Iuseum in liej'kjavik. 

28. Glaucionetta tslandica (Gm.), Hüsönd. Mitunter zu den Zugzeiten. 

29. Clangula hyemalis (L.), Hävella. Auf dem Zuge beobachtet. 

30. Histrioniciis histrionkus (L.), Straumönd. Einige Male zur Zugzeit beobachtet. 

31. Somateria mollisslma mollissima (L.) ^Edar. Häufiger Brut- und Standvogel. 

32. Oidemia nigra nigra (L.), Hrafnsönd. Im Frühjahre und Herbste beobachtet. 

33. Anser fabalis (Lath.)?. Grägtes. Nicht selten auf dem Zuge. 

34. ßranta leucopsis (Bchst.), Helsingi. Gelegentlicher Durchzügler. 

35. Cygnus cygnus (L.), Alft. Nicht selten zu den Zugzeiten. 

36. Ardea cinerea L., Hegri. Nicht seltner Gast; 1891 ein Exemplar erlegt. 

37. Rullus aquaticus L., Keldusvin. Gelegentlicher Gast, z. B. Januar 1902 und 
25. November 1903. 

38. Gallinula cJdoropus (L.). Sjöha?na. Seltener Gast. Am 5. April 1882 wurde ein 
Exemplar tot ans Land getrieben, 2 lebende im Herbste 1903 beobachtet. 

39. Fulica atra L., Blesönd. Hat sich mehrmals gezeigt. 

40. Phalaropus lobatus (L.), Odiushani. Häufiger Gast, besonders im Früh- und 
Spätjahre. 

41. Arquatella maritima maritima (Brunn.). Sendlingur. Zeigt sich das ganze Jahr 
hindurch, auch im Winter, ist aber noch nicht brütend gefunden worden. 

42. Palidna alpina schinzii (Brehm), LöuprajU. Nicht seltner Durchzugsvogel 

43. Totamis totanns (L.), Stelkur. Regelmäßiger Durchzugsvogel. 

44. Numenius phueopus phaeopus (L ), SiJÖi. Zur Zugzeit häufig. 

45. Vanellus vanellus (L.), Vepja. Ist einige Male beobachtet worden. 

4ti. Charadrius apricarius L., Loa. Häufig auf dem Durchzuge, brütet jedoch nur in 
wenigen Paaren auf Heimaey. 

47. Aegialitis Jiiaticula (L.), Sandlöa. In einigen Paaren Brutvogel, häufiger auf dem 
Zuge. 

48. Arenaria interpres (L.), Tildra. Nicht häufiger Durchzugsvogel. 

49. Haematopus ostralegus L., Tjaldur. Regelmäßiger Durchzugsvogel, brütet aber 
nur in geringer Zahl auf Heimaey. 

öO. LagojMS rupestris islandorum (Faberj, Rjiipa. Seltner Wintergast, 
öl. Haliaetus albicilla (L.), Sa?örn. Besucht ab und zu die Vogelberge. 

52. Hierofalco gyrfalco islandus (Brunn.), Fälki. Gelegentlicher Gast während des 
ganzen Jahres. 

53. Falco merillus (Gerini), Smirill. Zeigt sich besonders zu den Zugzeiten. 

54. C'eryle alcyon (L.), isfugl. September 1901 wurde ein cj auf Heimaey gefangen. 

55. Corvus corax principalis Ridgw., flrafn. In einigen Paaren Brutvogel: zieht im 
Winter nicht fort. 

5tj. Corvus cornix cornix L., Kräka. Seltner Gast. 

57. Corvus fruyilegus frugilcgus L., Fiereyjahrafn. Besucht gelegentlich, besonders im 
Winter, die Inseln, sehr zahlreich z. ß. 1880. 

58. Bombycilla garrula (L.), Silkihali. Eine Schar am 18. Oktober 1903 auf Heimaey; 
ein Exemplar davon gefangen. 

59. Sturnus vulgaris vulgaris L., Stari. Gelegentlicher Gast. 

60. Passer ina nivalis nivalis (L.), Sölskrikja. Nicht seltner Brutvogel, z. T. überwinternd. 



72 Verzeichnis (Iit Vögel der N'estmannaeyjur. 

Kl. Hirumlo msfica rustica iL.), Svala. Gelogentlidier Frülijahrsgasl. Hat niehrnmls. 

■/.. B. 1892, Hrutversuche gemacht. Frühjahr 190-1 g-rößerc Schar, die aber auch 

wieder verschwand. 
♦)2. Chelidonaria urbica urbica (L.), Svula. Aiisnahnisweiser Gast. 
(53. Motacilla alba alba (L.), Märiatla. Nicht; seltner Brutvogel. 
tj4. Änthus pratensis (L.), j'i'd'utitlinoin-. Nicht seltner Briitvogel. 

65. Anorthura troglodytes borealis (Fisch.), Mi'isarrindill. Unregelmäßiger, vielleicht 
manchmal auch übersehener Briitvogel. 

66. Turclns iliacns coburni Sharpe, Skögarpröstur. Regelmüßiger Durchzugsvogel. 
Anfang April vind Mitte Oktober. 

67. Merula merula merula (L.), Sölsvort. Seltener Gast. 

68. Saxicola oenanfhe lencorrJwa (Gm.), Steindepill. Nicht seltner Brut- und Durch- 
zugsvogel. 



5. Wandlungen innerhalb der Vogelwelt Islands 
in geschichtlich bekannter Zeit. 

Wie im ersten Abschnitte gezeigt worden ist, kann vor der Zeit l'^aliers 
(1820) von wissenschaftlicli glaubliaften Mitteilungen über die Vogelwelt 
Islands nicht viel die Rede sein. Insbesondere muß man die Nachrichten 
über das Vorkommen seltener Spezies kritisch betrachten, falls nicht von ver- 
schiedenen Seiten übereinstimmende Berichte vorliegen. Nur wenige auf- 
fällige, charakteristische und deutlich benannte Vogelarten ermöglichen einen 
unmittelbaren Vergleich der früheren Verhältnisse mit den heutigen. 

Zweifellos sind ehemals die weißgefleckten Raben (Corvus corax 
varius Brunn.) ungleich häutiger in Island vorgekommen als jetzt. Ja man 
kann wohl annehmen, daß auch die gewöhnliche Form in weit größerer 
Menge vorhanden war. zumal man von Seiten der Bewohner eine gewisse 
Anzahl der Vögel gern in der Nähe der Geliöfte duldete und im Winter 
sogar fütterte. Wurde der Schaden, den sie anrichteten, nicht allzu bemerkbar, 
so verfolgte man sie nicht, hatte ja auch bis in die neuere Zeit so ungenügende 
Schießwaffen, daß man den klugen Vögeln wenig anhaben konnte. Albinismus 
ist nun aber ein Zeichen der Degeneration, tindet sich am häutigsten bei 
Standvögeln, die blutsverwandt sind, wie dies auf den Färöern sehr deutlich 
zum Ausdrucke kommt, und vererbt sich auch leicht.'') Hierdurch wird das 
liäufigere Vorkommen weißgefleckter Raben in früheren Jahrhunderten ver- 
ständlich, zumal alle Corviden Neigung zum Albinismus zeigen. Seitdem 
man die Schädlichkeit unserer Vogelart mehr erkennt, fast jeder isländische 
Bauer eine Flinte besitzt und der Glaul)e an die ünantastbarkeit der sicli an 
die Häuser gewöhnenden Exemplare sehr geschwunden ist, gehört auch Corvus 
varivs zu den größten Seltenheiten in Island. 

Eine Abnahme an Individuenzahl ist ferner bei den zwei großen Raub- 
vogelarten, dem Seeadler und dem Jagdfalken, festzustellen. Der erstere 
mag früher nur ganz selten erlegt worden sein. Noch zu Fabers Zeiten 
traf man ihn regelmäßig in der Nähe von Vogelbergen und Eiderbrutplätzen. 
Ich sah die Art nur wenige Male während meines Aufenthaltes in Island, 
und auch die Mitteilungen älterer Bewohner der Insel bestätigen, dati die 
Zahl der Vögel zurückgeht. Ebenso eifrig verfolgt man den Jagdfalken, der 
sich ja gleichfalls von Nutzgeflügel nährt. Man schießt ihn und raubt auch 
seine Eier. Auf solche Weise schadet man den Vögeln weit mehr als in 

^) Vgl. Amseln (Merula m,crtda) und Sperlinge ( FaxHer domci^ticus) iinsrer Städte. 



74 Wandlungen innerhalb der Vogelwelt Islands. 

ffülicreu Jahrliuuderteii, wo man sie zwar fing, im übrigen aber als ein 
ständig sich verzinsendes Kapital beschützte. 

Vielleicht im Zusammenhange mit dieser Abnahme steht das ziemlich 
häufige Vorkommen des Steinfalken (Falco menlhis), dessen Zahl zuzunehmen 
scheint. Während der Vogel von verschiedenen älteren Schriftstellern gar 
nicht genannt wird, und auch Faber ihn als ziemlich selten bezeichnet, ist 
er heutzutage allbekannt und ungleich häufiger als die beiden anderen Raub- 
vogelarten. Er wird wenig verfolgt, da der Isländer ihm die scheinbar nutz- 
losen Kleinvögel im allgemeinen gönnt. 

Bedeutend hat sich die Eiderente in neuerer Zeit vermehrt, besonders 
seitdem man gesetzlich das Töten derselben streng untersagt (vgl. Abschn. 2) 
und ihr größtmöglichen Schutz an den Brutplätzen angedeihen läßt. In 
dieser Beziehung ist das Verhalten der Isländer mustergültig, und man kann 
zuversichtlicli hotten, daß die Vermehrung der so nützlichen Vögel immer 
weiter fortschreiten wird, falls nicht Krankheiten oder sonstige Kalamitäten 
Einhalt gebieten. 

Ganz dasselbe ist von den Süßwasserenteu leider nicht zu sagen, die 
vielerorts, z. B. an ihrem Hauptbrutgebiete, dem My-vatn, an Zahl zurück- 
gehen. Der Grund hierfür liegt sicher in der allzugroßen Ausnutzung der 
Vögel. Nicht nur, daß man ihnen die Eier nimmt, schießt man sie auch 
außer der Brutzeit in beträchtlicher Menge. Diese Vernichtung aber scheint 
die Vermehrung zu übersteigen. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei dem 
Singschwane, den Tauchern und Sägern. 

Vielleicht noch deutlicher macht sich die Abnahme der sogenannten 
Felsenvögel bemerkbar, d. h. der Arten, die an den Vogelbergen brüten. 
Die Küstenbevölkeruug Islands hat freilicli in neuerer Zeit erheblich zu- 
genommen, alle Nahrungsquellen müssen intensiver ausgenutzt werden, wes- 
halb die AVegnahme der Eier und das Fangen junger und alter Vögel an 
deren Brutplätzen als verhältnismäßig einfach und lohnend lebhaft betrieben 
wh'd. Soll der Nutzen, den die Seevögel dem Menschen heute noch ge- 
währen, in den späteren Jahrhunderten nicht wesentlich zurückgehen, muß 
in Zukunft maßvoller und überlegter gehandelt werden, was leider nach dem 
neuen isländischen Vogelschutzgesetze nicht zu erwarten ist. Schon beim 
Befragen alter Isländer, die Jahrzehnte hindurch ein und denselben Vogelberg 
beobaclitet haben, kann man die Klage der Abnahme gewisser Arten hören, 
vor allem der Lummeu (Uria trolle und lomcia), Alke (Alca torda) und 
Papageitaucher (Fratercula arctica), deren Eier und Fleisch besonders ge- 
schätzt sind. Dagegen haben die nur zu gewissen Zeiten begehrten und 
deshalb weniger verfolgten Arten nicht so augenscheinlich an Zahl abgenommen. 
So zeigt die Kolonie des Tölpels (Sida bassava) auf Grimsey dieselbe Stärke 
von etwa 50 — 70 Paaren wie zur Zeit Fabers und Thienemanns vor über 
80 Jahren, und der kleine Krabbentaucher (Alle alle) ebendaselbst scheint 
sich sogar zu vermehren. 

Den deutlichsten Beweis aber für den unvernünftioen Vernichtungski-ieg, 



Wandlungen innerhalb der Vogehvelt Islands. 75 

hat, bietet die völlige Ausrottung des Riesen- oder Brille nalkes (Alca 
impennis), die freilieb durch das Zusammentreffen verschiedener ungünstiger 
Verhältnisse beschleunigt worden ist. Zunächst lockte schon die Größe des 
Vogels, noch mehr aber die seiner p]ier, zum Fange und zur Wegnahme. 
Erleichtert wurde beides durch das kolonienweise Brüten der Art, sowie 
durch ihre Unfähigkeit zu fliegen. Da heute noch die verwandten Felsen- 
vögel am Nistplatze überaus ungeschickt und wenig scheu sind, auf unbewohnten 
Eilanden nicht selten sogar mit den Händen gegriffen werden können, mag 
auch der Fang des ßiesenalkes keine besonderen Schwierigkeiten verursacht 
haben. Weiter kommt in Betracht, daß Eier und Fleisch des Vogels wahr- 
scheinlich besonders wohlschmeckend gewesen sind. Ich habe solches von 
fast allen sogenannten Felsenvögeln (Una trolle und lomvia, Alca torda. 
Alle alle, Cepphus grylle, Fratercula arctlca, Sula bassana, Rissa rissa, Fidmams 
gladalis) genossen und gefunden, daß Alca torda, also der nächste Verwandte 
von Alca impennis, am wohlschmeckendsten ist. Höchstens können sich noch 
die üria-Arten auf gleiche Stufe mit ihm stellen. Die Federn des Vogels 
scheint man ihrer Härte wegen in Island weniger gern benutzt zu haben. 

Leider war es mir nicht möglich, auf meiner diesmaligen isländischen 
Reise gewisse noch der Lösung harrende Fragen über die ehemalige Ver- 
breitung des wahrscheinlich mit Reclit als ausgestorben geltenden Vogels 
zur Untersuchung zu stellen, weshalb ich eigene Bemerkungen über die Art 
nicht zu bieten vermag. Um aber den interessanten Alk, der ja heutzutage 
wenigstens noch historische Bedeutung für die isländische Avifauna besitzt, 
in dieser Arbeit nicht uuberücksichtig-t zu lassen, gebe ich die wichtigsten 
Bemerkungen über sein früheres Vorkommen bei Island an der Hand der 
ausführlichen Zusammenstellungen, die W. Blasius 1903 im 12. Bande von 
Naumanns Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas geliefert hat. Leider ist 
über die eingehenden Forschungen, die John Wolley in Verbindung mit 
Alfred Newton 1858 an Ort und Stelle selbst anstellte, nach dem frühen 
Tode Wolleys bis jetzt nicht allzuviel veröffentlicht worden.') 

Verschiedene Gestadeinseln Islands erinnern in ihrem Namen noch heute 
an das einstige Vorkommen des „Geirfugls". So liegt an der Ostküste, in 
der Nähe von Djüpivogr am Berufjördr, ein „Geirfuglasker", auf dem wenigstens 
bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts Riesenalke in größerer Zahl gebrütet 
haben sollen. Eggert Olafsen hebt dies hervor (ca. 1755) und noch Olaus 
Olavius, der 1775, 76 und 77 Island bereiste, berichtet, daß alljährlich um 
die Mittsommerzeit Fahrten nach der Klippe unternommen würden, um Vögel 
und Eier zu liolen. Scheinbar ist aber kurze Zeit darauf die Kolonie aus- 
gerottet worden, oder Olavius hat überhaupt nur Olafsen nachgeschrieben, da 
Mohr, der sich 1781 etwa zwei Monate in Djüpivogr aufhielt, nichts davon 
erwähnt. Wolley und Newton haben, wenn auch nicht mit völliger Sicherheit, 
festgestellt, daß sich 1858 keine Riesenalke mehr auf jener Klippe fanden 



1) Alfred Newton, Abstnict of Mr. .John Wolleys researches in Iceland respecting- 
the Garefowl. Ibis 1861. 



76 \V;iiidlun<;cii iiinorhalb dor Vogelwelt Islands. 

und iiiicli die M('V('tlk(H-iiiig der lHMUiclil)iivt('ii Kiistp iiiclits vnii dem ('"msti-^rn 
N'orkoinmon dor Vö<>(d wußte. 

Die südliclistf^ Klippo der Vcstnuuimiov juv heißt L(lei('lifalls (leirt'uglasker. 
Hier haben die Riesonalke sicher bis zum p]nde des 18. Jahrhunderts in 
beträchtlicher Zahl gebrütet. Öfters sind Leute hingefahren, die unsere Vögel 
derart rücksichtslos töteten und sammelten, daß nach den Angaben Steensti'ups 
und Newtons bereits im Anlange des 11). Jahrhunderts Alra impennis aucli 
auf diesem Brutplatze äußerst selten wurde. Faber, der sich im Juli und 
August 1821 auf den Vestmannaeyjarn aufhielt, berichtet nur. daß ums 
Jahr 1800 ein Vogel nebst einem Ei dasclltst erbeutet worden sei, und Newtitn 
teilt mit, daß man ungefähr im Jahre 1S43 einen jungen Riesenalk an dieser 
Stelle fing, von dem aber unsicher ist. ob er auf dem Felsen selbst erbrütet wurde. 

Die wichtigsten isländischen Inseln, die einst ^Uca impenni-' beherbergten, 
liegen südwestlich von Cap Reykjaiies und führen den Namen Fuglasker. 
Mannigfaclie Umgestaltungen durcli vulkanische Kräfte scheinen das Bild 
dieser Klippen wiederholt verändert zu halten. Bis zum -lahrc 1830 bestand 
die Gru})pe aus vier nennenswerten Inseln: nämlicli 13 km von Cap Reykjanes 
entfernt l*ildey, 2 km weiter südlich die Klippe Eldeyjardrängr, etwa 10 km 
westlich von dieser Geirfuglasker und nocli 4 km südwestlich Geirfugladrangr. 
Abermals etwa 10 km entfernt soll der 178:5 aufgetaucht(^ und I)ald wieder 
verschwundene Felsen Kldeyjabodi gelegen liaben. Diese ganze Gruppe hat 
Alca impennis bis in die ersten Jalu'zehnte des \S). Jahrhunderts bewohnt, 
doch brüteten die Vögel nur auf dem für Menschen schwer zugänglichen 
Geirfuglasker. Schon seit dem 14. Jalirhundert scheint mau sie daselbst 
gekannt und ziemlich regelmäßig verfolgt zu hal)en. In den -Jahren 1628 
und 39 ereigneten sich indes auf Fahrten nach den Inseln schwere Unglücks- 
fälle, worauf man viele Jahrzehnte hindurch die gefährlichen Klippen mied. 
Erst 1732 wurden die Bewohner durcli das zahlreiche Auftreten des Riesen- 
alks am benachbarten Festlande zu neuen Beutezügen veranlaßt, die man 
des guten Erfolges halber bis etwa 176(i last alljährlich wiederholte. Bei 
diesen Fahrten tötete mau alle Vögel, die zu erlangen waren, und fand bis- 
weilen so viele Eier derselben, daß die Boot(^ damit gefüllt werden konnten. 
Natürlich ging infolgedessen die Zahl dei- Alke rasch zurück, und die Nach- 
stellungen unterblieben, wenn man merkte, daß die gefährliche Kx])edition nicht 
lohnte. Hatten sich aber die Vögel wieder vermehrt, so begann man von neuem 
mit der Abschlachtung der tlugunfähigen Tiere, die der Ha))gier des Menschen 
nicht gewachsen waren. Auch fremde Seelahrer landeten auf dem Geirfugla- 
sker von Reykjaues. 1808 wurden von dei' Besatzung des Dampfers Salamine 
zahlreiche Ricsenalke daselbst erschlagen und Eier und .hinge niedergetreten. 
1813 kam wieder ein anderes Schiff dahin, und man tötete abermals (sine 
Menge der Vögel ..auf ihren Eiern'-. Die meisten davon salzten die Leute 
ein, 24 wurden in frischem Zustande ]nitgenommen. viele aber blieben tot 
auf der Insel liegen, weil das AVetter die beabsiclitigte zweite Landung ver- 
hinderte. Von all diesen Vögeln sclieint nur ein einziges Exemplar für die 
Wissenschaft gerettet und nach England gel »rächt worden zu sein. I<jinige 



Waudlungen innerhalb der Vogelwelt Islands. 77 

der erschreckten Vögel verließen bei diesem Massenmorde die Insel; 1814 
wurden z. B. 7 p]xemplare bei Lätrabjarg an der Westküste Islands getötet. 

Erst in dieser Zeit richtete sich das Interesse der europäischen Orni- 
thologen lebhafter der seltenen Vogelart zu, und man versuchte, sie nebst 
ihren p]iern für die Sammlungen zu gewinnen. Aber schon war das Werk 
der Vernichtung zu weit vorgeschritten, und bloß wenige Exemplare konnten 
späterer Wissenschaft erhalten werden. 

Da vernichtete plötzlich noch im Jahre 1830 eine vulkanische Katastrophe 
das Geirfuglasker, diesen letzten Brutplatz des Rieseualks/) Die wenigen 
überlebenden Vögel trieben sich zunächst in der Nachbarschaft umher und 
gerieten an verschiedenen Orten der isländischen Küste in die Gewalt der 
Menschen. Die letzten Individuen wählten als Brutstätte das Reykjanes am 
nächsten liegende Eldey, womit ihr Untergang besiegelt war. Diese Insel konnte 
viel leichter als das Geirfuglasker erreicht und bestiegen werden, und so 
stellte man den wertvollen Vögeln derart nach, daß im Jahre 1844 die 
beiden letzten Exemplare, ein gepaartes Paar, getötet und deren zerbrochen 
gefundenes Ei weggeworfen wurde. Spätere Untersuchungen der Insel sind 
resultatlos gewesen, weshalb man annehmen muß, daß AU-a hnpennls 1844 
in Island ausgerottet wurde. Da kaum noch eine oder die andere für 
Menschen fast unzugängliche Klippe existiert, die als Brutplatz des Vogels 
in Betracht kommen könnte, ohne bereits daraufhin untersucht worden zu 
sein, nimmt man jetzt allgemein an, daß die interessante und charakteristische 
Art überhaupt ausgestorben ist. Der Hauptfoktor, der dies bewirkte, war 
eben das Unvermögen des Vogels, sich fliegend in Sicherheit zu bringen. 
Aber im übrigen darf man nicht glauben, daß die Menschen heutzutage 
rücksichtsvoller handeln, wenn der Kampf ums Dasein oder die Sucht nach 
Geld jede idealere Regung unterdrückt. Nur strenge gesetzliche Bestimmungen 
können die Vogelwelt schützen. 

Während also die unmittelbar schädlichen, wie auch einige nützliche 
Vogelarteu Islands durch menschlichen Einfluß zweifellos an Zahl abgenommen 
haben, kann dies von den vielen kleineren und weniger beachteten Arten 
kaum gesagt werden. Das ganze Innere Islands zeigt im Vergleiche zu früheren 
Jahrhunderten kein wesentlich verändertes Bild, zumal auch die Bevölkerung 
daselbst nicht zugenommen hat. Noch wohnt der Isländer in seinem ein- 
samen Hofe, nirgends im ganzen Lande — mit Ausnahme der Küsten- 
streifen — findet sich ein Dorf. Kein Pflug furcht den Boden, keine Fabrikesse 
schüttet giftigen Rauch über die grünen Matten, kein Eiseubahnzug eilt durch 
die stillen Täler. Wie aus meiner Schilderung der Landschaftsforraen ersichtlicli 
ist, tnff"t man in Island noch überall die ursprünglichen, bei uns längst ver- 
schwundenen Naturverhältuisse, die den reisenden Forscher in hohem Maße 
anziehen. Und wenn auch der Isländer hier und dort die Kleinvogelwelt 
durch Wegnahme der Eier schädigt, so ist dies wohl früher nicht viel anders 
gewesen, und im übrigen nützt er ihr durch Verminderung des Raubzeuges. 



^) Auf der geologischen Karte Islands von Th. Thoroddsen, 1901, ist allerdings 
das Geirfuglasker noch aufgezeichnet. 



78 "Wandlungen innerhalb der Vogelwelt Islands. 

Ob das Schneehuhn seltner wird, will ich dahingestellt sein lassen; gewisse 
Bauern erzielen ohne besonder«^ Geschicklichkeit noch derartig große Strecken, 
daß man vorläufig eine sichtbare Abnahme der Art kaum 7,u konstatieren 
vermag. 

Möchte es noch lange so bleiben! Möchte die einsame Insel im äußersten 
Europa die Natur so bewahren, wie sie ihr gegeben wurde, 7Aim eigenen 
Wohle und zur Freude des Wanderers, der sich heraus aus der Kulturwelt 
zu ihr flüchtet, um aus ihrem Jugendborn zu trinken! 



6. Zugverhältnisse isländischer Vögel. 

lu der Tertiärzeit besaß Island, wie auch Grönland, Spitzbergen, die 
Bäreninsel usw. eine ziemlich reiche Flora, und es ist anzunehmen, daß auch 
die Vogel weit bereits in einigen Arten vertreten war. Bis jetzt mangeln 
allerdings noch Funde, die sicheren Aufschluß über deren Beschaffenheit 
geben könnten. Doch handelte es sich jedenfalls um mehr oder weniger 
zirlmmpolar verbreitete Standvögel. Als dann am Ende der Tertiärzeit jene 
tiefgreifenden Veränderungen in den physikalischen Verhältnissen der Erde 
eintraten, die den allmählichen Beginn der Glazialzeit auch für Island be- 
deuteten, wurden die Vögel, soweit sie nicht untergingen, gezwungen, sich 
entweder den Unbilden der Witterung anzupassen, oder periodische Wanderungen 
zu unternehmen, oder das Gebiet überhaupt dauernd zu verlassen. Die zu- 
rückgedrängten Arten siedelten sich wahrscheinlich in naheliegenden Gegenden 
au, besuchten in vielen Fällen die ursprüngliche Heimat noch während der 
Sommermonate und brüteten daselbst, oder kehrten zu dieser zurück, als die 
Eiszeit allmählich wieder verschwand. Nach Analogie mit andern, besser 
bekannten Gebieten darf angenommen werden, daß die meisten charakteristischen 
und weitverbreiteten isländischen Vogelarten von heutzutage Nachkommen 
der Tertiärformen sind, zu denen sich aber noch eine Anzahl südlicherer 
Arten gesellte, die erst nach dem Zurückweichen der Glazialzeit in jene 
Gebiete vordrangen. Diese letzteren kennzeichnen sich schon dadurch 
als spätere Einwanderer, daß sie nicht zirkumpolar auftreten, sondern zum 
größeren Teile rein europäisch-asiatische, zum kleineren auch amerikanische 
Formen darstellen. Die paläarktischen Vögel sind von Norwegen und Groß- 
britannien, teilweise jedenfiills über die Shetlands-Inseln und Färöer nach 
Island gelangt, die nearktischen Arten dagegen haben Grönland als Brücke 
benutzt. Mit Sicherheit kann freilich weiter angenommen werden, daß nicht 
nur die erwähnten klimatischen Veränderungen, sondern auch mehr zufällige 
und außergewöhnliche Vorkommnisse, die allerdings wohl erklärbar sind, 
solche Einwanderungen unterstützt haben, zumal die Vögel wie keine andere 
Klasse der Landtiere fähig sind, bedeutende Entfernungen in verhältnismäßig 
kurzer Zeit zurückzulegen. Treten besonders günstige oder besonders un- 
günstige lokale Verhältnisse ein, so binden sich die wenigsten Vogelarten 
sklavisch an ererbte Gewohnheiten, sondern verändern diese selbständig und 
bisweilen in ganz auffälliger Weise. 

Gerade Island bietet uns zufolge seiner geographischen Lage und Gestalt 
alle möglichen Beispiele für die Art des Vogelzuges, und es wird sicher von 



80 Zuo-s'crliältnisse islätidisclicr Vögel. 

Interesse für die gesiimte Ornithologie sein, diesen auch während des Winters 
eingehender als bisher in unserni Gebiete zu studieren. 

Als weit draußen iin Ozean liegende Insel mit hochaufragenden Küsten 
und mächtigen Gebirgsstöckeu winkt Island manchen Irrgast herbei, der 
auf dem vielleicht ungewohnten Meere Weg und Richtung gänzlich verfehlte. 
Ks handelt sich hierbei zumeist um solche Vögel, die auf dem Zuge durch 
Stürme und Neliel verschlagen wurden, wie dies z. B. bei Ceryle alcyon, 
Ujmpa epops und Cerchneis ümmnmla der Fall gewesen sein mag. 

Reicht das ständige Verbreitungsgebiet einer Art bis in die Island 
nächstliegenden Länder und bedingen Zugverhältnisse und Lebensgewohn- 
heiten eine, wenn auch seltene Wiederholung ihres Vorkommens auf unsrer 
Insel, so kann man sie als gelegentlichen Gast bezeichnen. Dahin gehören 
z. B. Merula merula, Sturnns vulgaris, Apus apus und Vanellm lumellus. 
Am häufigsten wird es sich um Vögel handeln, die von ihrem Zuge zwischen 
Norwegen und Schottland durch südöstliche Stürme abgelenkt wurden, wie 
man dies in verschiedeneu Fällen für die Färöer und Island nachgewiesen 
hat. Aber nur ein verschwindend Tileiner Teil der verschlagenen AVanderer 
mag das rettende Eiland erreichen. Die meisten finden in dem weiten Ozean 
ihren Tod. Andere streben nach der fern winkenden Insel hin, erreichen 
diese mit Aufbietung der letzten Kräfte, stürzen sich todmüde auf den Strand, 
werden jedoch von den brandenden Wellen mitunter auch hier noch erfaßt 
und getötet. Derartige Exemplare hat man gelegentlich gefunden, z. B. von 
Ardeüa ndnuta und Gallbnda chloropns. 

Manche fluggewandte und ausdauernde Vogelarten haben aber au und 
für sich die Neigung, zur Zugzeit weit umherzustreifen. Sie erscheinen mit- 
unter, wie die Krähen (Corvus comix und frugücgus), gelegentlich des Herbst- 
zuges, wenn auch erst am Ende desselben, in Island, oder wie die Scliwalben 
(Hirundo rustica und Chelidonaria urhica) im Frühjahre. 

Als Gäste kommen auch die jüngeren Individuen einiger größerer 
Vogelarten in Betracht, die erst im Alter von mehreren Jahren fortptlanzungs- 
fähig werden, bis dahin aber große Teile der Erde, darunter auch Island, 
besuchen. Ich erinnere hierbei au Stercorarms pomarinus und cepphus, Pnjjinus 
gravis und vielleicht auch an Ardea cinerea. 

Bei all diesen Gästen, wenigstens den häufigeren Arten, liegt die 
Möglichkeit vor, daß gemeinsam erschienene Paare zur Brut schreiten, wie 
solches die beiden Schwalbenarten mehrfach, freilich erfolglos, versucht haben. 
Sind die Lebensbedingungen genügende und kommen die Jungen wirklich 
in die Höhe, so ist nicht ausgeschlossen, daß diese samt den Eltern die 
Insel von nun an als Heimat betrachten, wie es vielleicht ]>ei Fulica atra 
und Marem amencana der Fall sein mag. Natürlich können derartige Vögel 
ebenso rasch auch wieder verschwinden. Aus der Beobachtung oder p]rlegung 
einzelner Individuen seltner Arten während der Sommermonate darf man 
jedoch durchaus nicht ohne weiteres auf deren Brüten in Island schließen, 
wie dies nur zu leicht geschieht. Man muß hierbei zunächst an jüngere, 
noch nicht geschlcchtsreife oder alte, gelte Tiere denken. Gelegeutlidi inögen 



Zugverlaältnisse isländischer Vögel. 31 

nucli gesellig- lebende Vögel, wie Enten, einzelne Exemplare verwandter Arten 
aus den gemeinsamen Winterquartieren, die teilweise schon an den britischen 
Küsten liegen, mit nach Island locken. Diese mehr oder weniger freiwilligen 
Gäste verlassen natürlich die Insel auch erst mit der folgenden Zugzeit. 
Bei Beobachtung aller derartigen Erscheinungen ist nötig, sich von Nest, 
Eiern oder Jungen zu überzeugen, bevor mau sie als Brutvögel bezeichnet. 

Weiterhin müssen die mehr oder weniger regelmäßigen üurchzügler 
erwähnt werden, die Island als willkommene Station auf ihren Wanderungen 
von oder nach den nordwärts liegenden Brutgebieten benutzen. Es kommen 
hierbei besonders Vögel aus Nordostgrönland, Mevenklint, Jan Mayen und 
Spitzbergen, etwas weniger wohl von der Bäreninsel und dem nördlichen 
Norwegen in Betracht. Einige dieser Arten nehmen mitunter schon in 
Island, besonders an der eisfreien Südküste, ihr Winterquartier. Dies mag 
am häutigsten bei rein arktischen Vögeln der Fall sein, z. B. bei Fagoj^hüa 
ebumea, Xema sabiniifnnd nordostgrönländischen Exemplaren von Hierofalco 
[Pjrfalco. Andere Arten treiben sich längere Zeit auf oder in der Nähe 
unserer Insel umher, z. B. Lams lencoptencs, Nyctea nyctea und Alle alle, 
wandern aber häufig auch noch milderen Klimaten entgegen. Die meisten 
der Durchzügler freilich berühren Island nur kürzere Zeit auf der langsameren 
Herbst- und eiligeren Frühjahrswanderung. Manche davon, wie Branta 
leucopsis und Larus leucoptems, erscheinen ziemlich regelmäßig, andere, wie 
Alle alle, Tnnga camdns und Calidris arenaria, nur gelegentlich. Die zahl- 
reichen nordischen Vogelarten, von denen Angehörige in Island selbst brüten, 
lassen sich natürlich auf ihren Wanderungen schwer kontrollieren. 

Auch von den durchziehenden Gästen bleiben mitunter einzelne I^xemplare 
und kleine Scharen während des Sommers in Island zurück. Ob man es 
dann freilich bei den größeren Arten, wie Branta leticopsis, Anser hrachyrliynchus 
und Nyctea nyctea, mit Brutvögeln zu tun hat, ist sehr fraglich. Jedoch konnte 
das ausnahmsweise Brüten kleinerer nordischer Gäste, wie Tringa catmtus 
und Calidris arenaria, festgestellt werden. 

Besonders interessant ist es endlich, die Zugverhältuisse der regelmäßigen 
isländischen Brutvögel zu betrachten. Wie wenige gleichgroße Gebiete 
zeigt unsere Insel gan,z auffällige klimatische Verschiedenartigkeiten, die 
selbstverständlich einen bedeutenden Einfluß auf ihre gesamte organische 
Welt ausüben. Der Süden Islands wird von der warmen Golfstromtrift bespült, 
während die an der Dänemarkstraße liegenden nordwestlichen Gebiete unter 
dem ungünstigen lilinflusse der kalten Grönlandsströmung zu leiden haben. 
Jene Meeresteile sind deshalb fast immer auch völlig eisfrei, während die 
nördlichen Küsten oft genug vom Treibeise blockiert werden. Zu diesem 
gesellen sich noch heftige, kalte Winde, die das betroffene Land nicht selten 
bis in den Juni hinein unter Schnee und Eis begraben sein lassen. Aber 
auch tief im Innern Islands sind die lokalen Gegensätze groß, berühren sich 
jedoch hier und da. Zwischen eisigen Gletschern und ewigen Schneefeldern 
liegen geschützte Täler, die durch vulkanische Einwirkungen, insbesondere 
durch kochende Quellen, derart erwärmt werden, daß sie das ganze Jahr 

Hautzsch, Vogel weit Islands. 6 



82 Ziifjvoi-liällnissc isländischer X'ilgrl. 

übei* schneefrei hloilteii. V'crscliiedeiie (iewiisser. kleine IJäelie sowdlii als 
ganze Seen, z. IJ. große Teile des Myviitn, frieren iiiis diesem ({r\iiide niemals 
zu, wie schon im 4. Abschnitte hervorgehoben wurde. 

Kein Wunder, daß sich infolgedessen einheitliche Termine für die Jahres- 
teilung vieler isländischer Vogelarten nicht angeben lassen, was sich sowohl 
bei den Ankunfts- und Abreisedaten, wie bei den lirutzeiten usw. bemerkbar 
macht. Das lokale und temporäre Schwanken des islandischen Klimas führt 
in all diesen Beziehungen zu Angaben, die auch unter sonst natürlichen 
Lebensbedingungen der Vögel mehr als Monatsfrist voneinander abweichen. 
Ich habe selbst z. B. auf meiner Reise beobachtet, wie die Wiesenpieper bei 
Reykjavik bereits überall mit dem Baue des Nestes begannen, während sie 
eine Woche später im Nordwesten eben erst angekommen waren und noch 
in Scharen auf schneefreien Orten umherliefen. Es ist durchaus nicht selten, 
daß die Mehrzahl der Vögel einer Gegend erst frische I']ier besitzt, während 
dieselben Arten gar nicht weit davon bereits die Jungen füttern. Je kleiner 
und zarter eine Spezies und je mehr sie auf Pflauzenwuchs und damit gleich- 
zeitig sich entwickelnde Tiere angewiesen ist, desto unbestimmter sind die 
Kalenderdaten, in denen sich ihr lieben während des Jahres abspielt. Ver- 
suchen einzelne Individuen, sich den Unbilden der Witterung voreilig gegen- 
überzustellen, müssen sie dieses nicht selten auf das schwerste büßen. 

Die Zugverhältnisse der isländischen Brutvögel gestalten sich nun 
ungefähr folgendermaßen. Die wenigsten Arten sind ausgesprochene Zug- 
vögel, die unter allen Umständen zu einer annähernd feststehenden Zeit 
die Insel, besonders von ihrem südlichen Teile aus, verlassen und ebendahin 
wieder zurückkehren. Nur einige Kleinvögel, vor allem Saxkola oenantJie 
und Turdus iliacus, sowie verschiedene Regenpfeifer und Strandläufer, besonders 
Charadrius apricariiis und Palidna a/jyi.na, sind hierher zu zählen. Jedoch 
ist bei unserer geringen Kenntnis der winterlichen Verhältnisse Islands nicht 
ausgeschlossen, daß auch von solchen Arten gelegentlich einzelne Individuen 
zurückbleiben, wie mir beispielsweise von Numenius j)haeopuii mit Bestimmtheit 
versichert wurde. Die Zugrichtung der isländischen Vögel ist im allgemeinen 
im Herbste eine südöstliche, im Frühjahre eine nordwestliche. Die Wanderer 
eilen, wie dies aus den Rinzelbesprechungen im 2. Teile der Arbeit mehrfach 
genauer ersichtlich ist, mit gelegentlicher Benutzung der Färöcr oder Hebriden 
auf Schottland zu, von wo aus sie allmählich, besonders längs der Küsten, 
weiter nach Süden streichen. Die meisten Individuen mögen bereits auf 
den Britischen Inseln, einige sogar schon auf den Färöern überwintern. Daß 
von dieser Inselgruppe aus auch eine Zugbewegung isländischer Vögel über 
Shetland nach Südnorwegen stattfindet, ist unwahrscheinlich, da von hier aus 
große Scharen in entgegengesetzter Riclitung nacli Schottland ziehen. Konträre 
Zugbewegungen als Regel sind aber kaum jemals beobachtet worden; denn 
von einem mehr oder weniger planlosen Umlierstreifen könnte hier ja nicht 
die Rede sein. Im Frühjahrszuge bedeutet Nordschottland den Scheideweg 
vieler norwegischer und isländischer Vögel. Während sich jene über die 
Shetlaudsinseln nach Südnorwegen wenden, bewegen sich diese über die 



ZiigverhiUtiiisse isländischer Vögel. 83 

Färöer mich Island. Ein beständiger Austausch isländischer und norwegischer 
Ilotdrosseln (Turdns iliaacs) z. JJ. ist keineswegs anzunehmen. Ein regel- 
mäßiger Zug isländischer Vögel nach Südostgrönland scheint nicht statt- 
zufinden, obwohl das umgekehrte Verhältnis besteht. Dagegen mögen die 
Sti'ichvögel Islands gelegentlich Grönland besuchen und von hier ausnahms- 
weise auch mit grönländischen Wanderern nach der Ostküste des nördlichen 
Amerikas gelangen. 

Der größte Teil der isländischen Vögel sind teilweise Zugvögel. 
Dies bedeutet, daß die Hauptmenge der Individuen, besonders Junge und 
Weibchen, zu einer ungefähr feststehenden Zeit von der Insel verschwindet, 
ein mehr oder weniger großer Prozentsatz aber an offenen Wasserstellen im 
Innern und an der Küste zurückbleibt. Diese Eigentümlichkeit, die sich in 
wenigen Gebieten unter gleicher Breite so auffällig als in Island wiederfinden 
mag, hat, wie schon bemerkt, seinen Grund in dem Vorhandensein milder 
Küstenstrecken und heißer Quellen. Ich werde bei Besprechung der einzelnen 
Vogelarten im 2. Teile dieses Buches öfters hierauf zurückkommen, soweit 
das Winterleben der isländischen Vögel überhaupt bekannt ist. Hervor- 
gehoben sei hier nur, daß z. B. Rallus aquaticm auf unserer Insel in der 
Mehrzahl überwintert und nur zum geringen Teile fortzieht, was selbst bei 
uns in Mitteleuropa gerade umgekehrt ist. Verschiedene Strandläuferarten, 
insbesondere Arquatella manüma und Arenaria interpres, wurden den ganzen 
Winter über am Meeresufer getroffen. Dieses bietet dann noch soviel Nahrung, 
daß sogar südliche Gäste, wie Vanellus vanellus, Siurnus vulgaris oder Corvns 
frufjllegus, ihr Leben daselbst fristen können. Auch von den Enten, Gänsen 
und Singschwänen bleibt ein Teil im Lande zurück. Doch sind die immerhin 
in beschränkter Zahl vorhandenen offenen Gewässer nicht imstande, alle im 
Sommer daselbst wohnenden Individuen auch wälirend des Winters zu 
ernähren, zumal fremde Gäste aus dem Norden sich den zurückbleibenden 
Vögeln zugesellen. 

Einen weiteren beträchtlichen Teil der isländischen Vogelarten kann 
man als Strichvögel bezeichnen. Es sind dies zunächst die Lummen, Alke, 
Scharben, gewisse Möven und andere verwandte Gattungen, die auf das Meer 
angewiesen sind und einesteils schon die natürliche Neigung haben, sich 
außerhalb der langen Brutzeit auf der weiten Wasserfläche auszubreiten, 
andernteils aber auch lokal gezwungen werden, sich von dem Treibeise, der 
allzugroßen Kälte des Wassers und den heftigen Winterstürmen nach mildereu 
Meeresteilen zu flüchten. So verschwinden die Baßtölpel z. B. von der 
nordischen Insel Grimsey im Winter fast ganz, während sie auf den Vest- 
mannaeyjarn zum größten Teil Standvögel sind. Auch die den weiten 
Ozean zu ihrem Winteraufenthalte wählenden Scharen der Lummen und ver- 
wandten Arten verlassen ihre Brutgebiete nur während der kältesten Wochen 
und Monate, höchstens im Dezember, Januar und Februar, und soweit fest- 
gestellt ist, bei günstiger Witterung nicht besonders weit. 

Ebenso streifen viele der im Innern Islands überwinternden Vögel 
zwischen benachbarten Futterplätzen umher, ohne sich an einem derselben 

6* 



g4 Zugverhältiiisse isländischer Vögel. 

dauernd niederzulassen. Die Leinfinken werden dann aucli abseits der Buscb- 
wälder auf schneefreien Grasfläcben geseben; die Jagdfalken ))esucben die 
Sammelplätze der Enten und Scbneebübner usw. Je milder der Winter und 
je zahlreicber die Möglicbkciten. zusagende Nahrung zu finden, desto größere 
Bewegungsfreiheit zeigen die Vögel. Wird jedocli die Kälte anhaltend und 
bedeckt allerorts tiefer Sclinee den Boden, so drängt sich das gesamte Vogel- 
leben des Innern an einigen besonders günstigen Plätzen zusammen. Dann 
wird es mitunter einzelnen Bauern am My-vatu niclit schwer, in wenigen 
Wochen 1000 Schneehühner und zahlreiches Wasserwild zu erlegen, trotzdem 
die Leute die Jagd auf ziemlich primitive Weise und auch meist ohne 
Hunde betreiben. 

Eine kleine Zahl isländischer Vögel kann nmn endlich als Stand- 
vögel bezeichnen. Dahin gehören gewisse Exemplare der schon genannten 
und angedeuteten Arten, die au geeigneten Örtlichkeiten wohnen, außerdem 
noch in der Hauptsache die Zaunkönige, Schueeammeru und Raben. Diese 
drei kommen im Winter häufig in die Nähe der Viehställe bei den einsamen 
Gehöften im Innern oder in die Ortschaften au den Küsten Islands. Daselbst 
suchen sie solange ihr Leben zu fristen, bis der neue Frühling sie wieder 
verschwinden läßt. Gegen diese Standvögel verhalten sich die Isländer meist 
duldsam, ja schütten ihnen sogar Abfälle vor die Türen. So mögen die 
meisten der isländischen Wintervögel, wenn nicht ausnahmsweise ungünstige 
Witterung herrscht oder Menschen und Raubtiere sie vernichten, das Frühjahr 
glücklich erleben. 



7. Bedeutung der Vogelwelt Islands für die 
Bewohner. 

Außer dem Fischfänge und der Viehzucht ist die Ausnutzung der Vogel- 
welt die einzige hervorragendere Einuahmequelle für die isländische Land- 
bevölkerung. Zweifellos hat unsere Tierklasse auf der Insel ungleich höhere 
Bedeutung, als in einem dichtbevölkerten Kulturstaate, wo ihr Nutzen zum 
großen Teile nur ein indirekter ist, ihr Schaden aber sich auffälliger bemerkbar 
macht, indem der Mensch jeden fremden Eingriff in die von ihm selbst 
intensiv verwerteten Naturobjekte als solchen empfindet. 

Schädlich sind in Island bloß wenige Vogelarteu und auch diese nur 
lokal und temporär, wenn sie dichter bewohnte und infolgedessen landwirt- 
schaftlich stärker ausgenutzte Gegenden besuchen. Diese Schädlichkeit bezieht 
sich auf solche Vögel, die größere Tiere verzehren, wohingegen von einem 
Schaden an der ja überhaupt dürftigen Pflanzenwelt nicht die Rede sein kann. 

Wirklich unangenehm werden nur die beiden großen Raubvogel arten, 
Haliaetus alhicUla und Hierofalco gyrfaUo, wenn sie die Brutplätze der Eider- 
enten täglich beunruhigen und brandschatzen, der Seeadler wohl auch ein 
junges Schaf raubt und der Jagdfalke zahlreiche Schneehühner wegfängt. 
Aber der Seeadler lebt zum großen Teil von Fischen, die mau ihm 
am Meere ohne weiteres gönnen kann, dazu von den im einzelnen ja nicht 
besonders wertvollen Felsenvögeln, von denen sowieso zahlreiche durch 
elementare Einwirkungen zu Grunde gehen. Andernteils ist auch klar, daß 
eine völlige Ausrottung der Raubtiere nur eine allmähliche Degeneration der 
bisher als Nahrung dienenden Vögel, besonders wenn es sich wie hier zumeist 
nicht um Zugvögel handelt, zur Folge haben würde. 

Der Jagdfalke ist au und für sich wohl noch schädlicher als der 
Seeadler, aber doch hüten sich manche berechnende isländische Bauern, ihn 
im Brutgebiete zu schießen, weil sie durch Wegnahme seiner Eier und 
gelegentlich auch Dunenjungen einen nicht unbedeutenden jährlichen Gewinn 
in Aussicht haben. Da der Vogel gewöhnlich 4 Eier legt, von denen das 
Stück ausgeblasen selbst in Island mit 4 — 8 Mark, von Reisenden sogar noch 
höher bezahlt wird, sehen die Bewohner am Myvatn z. B. durchaus nicht 
gern, wenn man einen Jagdfalken zur Sommerzeit schießt, trotzdem die 
Vögel genug Enten wegholen. Würden die Eier geringwertig sein, möchte 
die Vernichtung des stolzen Räubers weit rascher vor sich gehen, als dies 
nun in Wirklichkeit der Fall ist. 



8fi Heck'iitiiiiL; der ^'ogol\v('lt Islands. 

Der Sfhiulcii des kleinou Steinfalkcii wird selten bocli angeschlagen 
und infolgedessen der Vogel wenig verfolgt. Dasselbe gilt von dem in 
mauclien Gegenden häutigen Kaben. der besonders durch Vertilgung von 
Kiern und jungen Vögeln nützlicher Arten Schaden anstiftet. Da er aber im 
allgeDieinen unbrauchbare Stoft'e verzelirt und dort, wo er verfolgt wird, seine 
sonstige Dreistigkeit sehr bald ablegt, stellt man ihm nur gelegentlich nach. 
Kbens(» vorhält es sich mit den Raubmöven, die mau zwar gleichfalls als 
Nesträuber kennt, sie aber nur hier und dort energischer verfolgt. 

Auch den Fischräubern der Binnengewässer stellt man kaum 
irgendwo planmälMg nach. Urinator Imbcf und lumme sind niclit so leicht 
zu schieüen, und Mergus merganser und f<errator, sowie die fischefressenden 
Knten nützen anderweit durch Eier, Fleisch und Federn. Stema macrura, 
die zeitweise ausschließlich von kleinen Fischen lebt, hält wieder durch ihre 
['nrulie und Angriffslust die Raubvögel, Raben und Raubmöven von den 
IJrutiilätzen der Fidervögel und anderer Enten ab, weshalb man sie scliützt 
und gern in der Nähe solcher Orte gleiclifalls brüten sielit. Dazu nimmt 
man ihr die äuL^erst zarten Eier. 

Von einer Schädliclikeit solcher Vögel, die aus dem Meere ihre Nahrung 
holen, kann natürlich erst recht nicht die Rede sein, und man verfolgt sie um 
so weniger, je geringer der Wohlgeschmack ihrer Eier und ihres Fleisches, sowie 
die (iüte ihrer Federn ist. Dies gilt z. B. von Phalacrocorax carbo und gracuhit^. 

Einige Arten, besonders die kleineren, sind in ihrer Bedeutung für den 
Menschen indifferent. Doch haben ja alle Vögel wenigstens ästhetischen 
Wert, wenn auch der ungebildetere Isländer nicht viel davon spüren mag. 
Sie beleben die öden Landschaften durch ihre Stimme, mit der sie sich S(» 
ausgezeichnet der „Stimmung" der Natur anpassen; sie sind die Verküudei' 
des Frühlings und des Herbstes, des Morgens und des Abends. Sie begleiten 
den einsamen Reiter über Berge und durchs Tal. sie besuchen den fleißigen 
Fischer, der weit draußen auf hoher See seiner Arbeit nacligelit. 

Viele Vögel nützen nun aber dem Menschen unmittelbar durch Eiei', 
Fleisch und Federn, ja es gibt Gebiete in Island, z. B. die Insel Grimsey, 
die ohne das Vorhandensein unserer Tierklasse kaum bewohnt sein möchten. 
Teils wird lohnender Handel damit getrieben. Docli mag es kaum jemand 
auf Island geben, dessen alleiniger Beruf der Ausnutzung der Vogelwelt gälte. 

Das Wegnehmen und der Handel mit Vogel eiern ist nur bezüglich 
der Eiderenten gesetzlich beschränkt, im übrigen aber freigegeben und wird 
von den Isländern so viel als möglich betrieben. Freilich hat in bewohnten 
Gegenden nur {.Wx Grundeigentümer das Recht der Wegnahme auf seinem 
Besitztume, wo ihm ja auch ohne weiteres das Jagdrecht zusteht. Das 
Sammeln der Eier von selten unbefugter I'ersonen kann als Diebstahl ver- 
folgt werden. Auch hat der Besitzer von Ortlichkeiteu, auf denen Vögel 
kolonienweise nisten, das Recht, das Betreten dieser Gebiete zu untersagen, 
was auf Eiderbrutplätzen nicht selten streng gehaudhabt wird. Außerhalb 
solcher, ja immer eng begrenzter Bezirke sammeln die Isländer meist 
rücksichtslos alle liischcii Eier, mit Ausnalime der kleinsten, die sie 



Bedeutuno der \nsiol\vcU Islands. 87 

zufälligerweise oder auch durch besonderes Suchen auffinden. Doch werden 
am Myvatn z. B. selbst die der Wiissertreter nicht verschont, trotzdem die 
Leute genug' größere haben. 

Besondere Bedeutung' gewinnt die Wegnahme der Eier natürlich nur 
dort, wo die Vögel in Kolonien brüten, vor allem an den Vogell)ergen und 
an einigen Seengebieten, die Saniraelorte der Enten darstellen. Doch werden 
auch die Brutplätze von Seeschwalben, großen Raubmöveu, Mantel- 
möven und andern Arten in gew^issen Abständen besucht und der Eier 
beraubt, bis mau den Vögeln endlich gestattet, ihr erstes oder zweites Nach- 
gelege zu bebrüten. Natürlich Avird dieser Termin je nach Gutdünken des 
Besitzers eher oder später angesetzt. Audi im übrigen geschieht das Sammeln 
nicht allerorts auf dieselbe Weise. Am Myvatn beginnt das Wegnehmen 
der Eier selten vor Anfang Juni und wird etwa einen Monat, doch kaum 
über das erste Drittel des Juli hinaus, fortgesetzt. Mau sammelt vorzugs- 
weise die Eier der Enten und Säger, nimmt aber auch alle andern, die 
gleichzeitig gefunden werden, mit fort. Gewissen Arten raubt man das 
ganze Gelege, andern läßt man 3 oder 4 Eier im Neste zurück, worauf 
dei" Vogel dieses weiterb(;nutzt. Der l^esucli der Brutplätze wird melirmals 
wiederholt. Den Ohrentauchern (Colymhus anräus) und andern weniger wert- 
vollen Vögeln nimmt man sogar bis Ende Juli die noch frischen Gelege, 
wenn man beim Fischfange an den Nestern vorüberfährt. Die Eier werden 
7.\im größten Teile für den Selbstbedarf l>enutzt, da ein Transport auf Pferden 
schwierig ist. Der Reisende, der im Juni irgend einen H(»f am Myvatn besucht, 
erhält zu den drei täglichen Mahlzeiten i'cgelmäßig gekochte Eier vorgesetzt, 
von denen die der Seeschw^albe und der isländischen Schellente als die 
wohlschmeckendsten gerühmt werden. Bei meinem Juliaufenthalte in Reykjalid 
hatten die schlecht aufbewahrten Eier, die in Kisten im Schuppen standen, 
.schon sehr an Frische eingebüßt, ja gelegentlich wurden auch etwas fmgebrütete 
auf den Tisch gebracht. Selten nehmen sich die Bauern die ]Müh(', die 
Eier sorgfältiger zu konservieren. 

Nicht so leicht ist das Sammeln an den Vogelbergen, doch üben 
sich die Bewohner in der Nähe solcher Ortlichkeiten von Jugend auf im 
Klettern, das ja für einen ki-äftigcn und schwindelfreien iAIenschen keine 
besonderen Schwierigkeiten )>ietet. Auf Grimsev kennt jeder Bauer das zu 
seinem Hofe gehörige Stück des Berges ganz genau und hantiert beim 
Sammeln gewöhnlich allein. Er bindet ein langes Seil um einen kurzen 
eisernen Stab oder hölzernen Pfahl, von denen eine Menge iu den steinigen 
Orund auf der Höhe des Vogelberges fest und tief eingeschlagen sind, und 
wirft es dann den Felsen hinunter. Nun klettert er selbst, sich mit beiden 
Händen am Seile haltend, langs:ini schräg abwärts, wobei er die ihm genau 
bekannten Vorsprünge benutzt. Oft rutschen die Leute auch, nur durch die 
dicken Fausthandschuhe geschützt, sehi- rasch an fiberhängenden Felspartien 
abwärts, wobei die größte Gefahr immer darin besteht, daß lose Steine auf 
sie herabrollen. Sie nehmen nun mit einer Hand die Eier weg, stecken sie 
in Taschen und iimgehiingte Ik'utel und steigen hingsnni und siclier wieder 



gg Bedeutung der Vogelwelt Ishiinls. 

hiuaii. um sich oben ilirer Ernte zu entledigen. Dann klettern sie nueli 
einer andern Richtung von neuem abwärts. Das Sammelergebuis der unteren 
Felspartien wird wohl auch bei ruhigem Wetter in ein Boot geschafft, das 
zur Zeit der Ebbe am Strande steht. Wenn Anfang Juni die Hauptsammeizeit 
eintritt, bindet sich der Kletterer das Seil um den Leib und wird ol)en 
von mehreren andern Männern gehalten. Eine weitere Person steigt auf 
einen Vorsprung, wo ihn beide Teile sehen können, und gibt durch Winke 
kund, wenn der Fänger hinaufgezogen sein will, da das Geschrei der 
unzähligen Seevögel natürlich die menschliche Stimme auf weitere Entfernungen 
hin völlig übertönt. Seit vielen Jahren ist hierbei auf Grimsey niemals ein 
schwereres Unglück vorgekommen, trotzdem alle Bauern dasell)st oft genug 
au den Felsen herumklettern. Mir hat ein über TOjähriger Mann ganz allein 
Eier und Vögel geholt. Man nimmt auf Grimsey fast nur die Eier von 
Uiia, Alca und Rimi, beginnt mit Sammeln Ende Mai und setzt dies 
gelegentlich bis Ende Juni fort. Die Vögel sollen in der Regel nicht mehr 
als einmal nachlegen. Ein Teil der Eier wird von den Leuten selbst verzehrt, 
ein anderer auch für 5, bezw. 6 Öre das Stück an die Besatzung von 
Walfängern und andern Schiffen, die AVasser auf der Insel holen, verkauft 
oder gelegentlich auch nach Akureyri gesandt. Ganz ähnlicii sind die Ver- 
hältnisse in der Umgebung anderer Vogelberge. Frisch gelegte Eier der 
genannten Arten haben gekocht einen recht angenehmen Geschmack, doch 
werden auch die angebrüteten p]xemplare von den Bewohnern häufig verzehrt, 
nachdem mau den Embryo entfernt hat. Die Zeit der Eierernte stellt für 
die Gegend den Höhepunkt des Wolillebens dar. Gewöhnlich 'sind die 
Vorräte nach einigen Wochen, spätestens Monaten aufgezehrt und verkauft. 
Eine längere Aufbewahrung ist im allgemeinen auch nicht ratsam, weil sehr 
viele der Eier beim Sammeln Eindrücke und Sprünge bekommen und infolge- 
dessen rasch verderben. 

Eine nicht unerhebliche Einnahmequelle für gewisse isländische Bauern 
bildet auch der Verkauf von Eiern seltnerer Vogelarten zu Sammel- 
zwecken. In den meisten Gegenden der Küste gibt es Kaufleute, die wohl 
erhaltene volle oder richtig ausgeblasene Exemplare zu einem bestimmten 
Preise von den Bewohnern kaufen und nun weiteren Handel damit treiben. 
Fast überall kennen deshalb die Leute viel besser als bei uns den Wert 
der einzelnen Arten und bieten dem fremden Reisenden gefundene Eier 
selten billig an. Selbst auf Grimsey mußte ich z. B. das volle, auch 
angebrütete Ei von Alle alle mit 1,05 Krone bezahlen, zu welchem Preise 
die Leute in dem einen Jahre 70 — 80 Stück nach Akureyri verkauft hatten. 

Außer den Eiern sind vor allen Dingen die Federn der Vögel vi>u 
Bedeutung, die einen wichtigen Ausfuhrsartikel des isläudisclien Handels 
darstellen. In erster Linie stehen die Eid er dunen, von denen das Pfund 
(= ^2 '^8") i'^ 8'"^ gereinigtem Zustande einen Exportpreis von 8 — 13 Kronen 
besitzt. In den letzten Jahren schwankte dieser zwischen 8,5 und 11 Kr.'). 



1) Diese und die folgenden statistischen Angaben verdanke ich der Güte des 
deutschen Konsuls für Island, Herrn Kaufmann Thonisen in Reykjavik. 



Bedeutung der Vogelwelt Islands. j-!9 

Freilicli ist die Mühe der Reinigung eine bedeutende. Man holt die Dunen 
in der Regel erst dann, wenn die Jungen das Nest verlassen haben, be- 
unruhigt die Vögel vorher gar nicht oder nimmt ihnen höchstens für den 
Selbstbedarf einige Eier, deren Verkauf ja gesetzlicli verboten ist. Bauern- 
höfe, zu denen Eiderbrutplätze gehören, haben besonderen V^ert, und man 
bemüht sich überall an den Küsten, die Vögel ansässig zu machen. Der 
teuerste, allerdings im Besitze der Landeskasse befindliche Hof Islands, 
Laxamyri in der Sudr ])ingeyjar Sysla, der einen Wert von etwa 25000 Kronen 
haben soll, erreicht diesen teilweise durch seine vorzüglich besetzte Eider- 
kolonie. Der Gesamtexport Islands an Eiderdunen beträgt jährlich 5- bis 
• iOOO Pfund. 1902 wurden, soweit bekannt, 5923 Pfund ins Ausland verkauft. 

Andere Vogelfedern sammelt man melir für den Selbstbedarf. Im 
Jahre 1902 wurden nur 646 Pfund zum Preise von 420 Kronen exportiert. 
Am Myvatu und an andern bedeutenden Brutorten der Süßwasserenteu 
nimmt man deren Dunen nach beendigter Brut. Doch wird das Pfund 
solcher kaum höher als mit 5—6 Kr. bezahlt. In einigen Gegenden sammelt 
man auch die Federn der mausernden Vögel, von denen jedoch nur 
die des Schwanes einigen Wert besitzen. Auf Grimsey waren die Gras- 
flächen am Rande der Vogelberge so dicht mit kleinen weißen Federn 
bedeckt, daß man den Eindruck hatte, es sei ein leichter Schnee gefollen. 
Hierbei handelt es sich um die besten, die Bauchfedern, die den Vögeln au 
den Stellen der Brüteflecken ausgehen. Doch sammelt man diese nicht. 
An den Vogelbergen gewinnt man ja so leicht große Mengen von Federn, 
indem man die gefangeneu und getöteten Pelsenvögel rupft. Auf Grimsey 
Jiat eine Lumme oder ein Alk den Wert von 25, ein Papageitaucher von 
15 Öre, wovon man die Hälfte auf die Federn, die andere auf das Fleiscli 
rechnet. Auch Enten- und Gänsefedern benutzt man regelmäßig, sonstige 
nur gelegentlich. Man sortiert die Federn nach ihrer Güte und verkauft 
sie in benachbarte Ortschaften. 

Von großer Bedeutung werden die Vögel selbst als Nahrungsmittel. 
Sie stellen mit Ausnahme der wenigen vorhandenen Renntiere das einzige 
Nutzwild Islands dar, das man eifrig verfolgt, weil jeder Besitzer auf seinem 
Grund und Boden jagdberechtigt ist. Innerhalb der gesetzlichen Grenzen, 
die freilich nur von wenigen genau beachtet werden, schießen die Isländer 
alle möglichen Vogelarten, die ihnen zur Nahrung geeignet erscheinen, von 
Landvögeln besonders Schneehühner, Enten, Gänse und Schwäne, jedoch 
auch Goldregenpfeifer, Bekassinen u. a. m. p]in eigentlicher Handel wird nur 
]uit der erstgenannten Art betrieben, von der die Bewohner günstiger Jagd- 
gebiete im Winter große Mengen erlegen, zu Pferde nach den Ortschaften 
an der Küste bringen und hier 15 — 25 Öre für das Stück erhalten. Im 
.lahre 1902 sind nach der mir von Herrn Konsul Thomsen in Reykjavik 
gemachten Angabe 192 695 Schneehühner im Werte von 4:5 611 Kronen nach 
Scliottland und Dänemark ^exportiert worden. 

Geradezu Lebensbedürfnis wird die Erbeutuug von Vögeln für die 
f>ewohner in der Nähe von Voo-elberoen. An den meisten derartigen 



1)0 Bedeutung der Vogelwelt Islands. 

Ortliclikeiteu bemächtigt man sicli der Tiere durch Faug, ja vermeidet, wie 
auf Grimsey, das Schießen gänzlich, um die Vögel möglichst wenig scheu 
zu erhalten. Nur abseits der Brutplätze werden oft zahlreiche Möven 
gelegentlich des Fischfauges mit Hilfe von Schießgewehren erbeutet, wozu 
auf offenem Meere jedenuann berechtigt ist. 

(jewisse Vogelarteu läßt man mehr oder weniger ungestört brüten und 
ihr Junges gToßfüttern, raubt dieses aber kurz vor dem Ausfliegen, um das 
äußerst fette, zarte Tier frisch zu koclien oder einzusalzen oder mitunter aucli 
zu räucliern. Dies tut man besonders bei Suta bassana, huhnarns glacialis, 
l'ufl'iiiuH pnfßima, Fratercula arctica und auch Cepphus gi'yUe. Soviel man 
bekommen kann, nimmt man, ohne berechnend an die Zukuuft zu denken. 
Doch gibt es genug unzugängliche Nester, die verschont bleiben. Befinden 
sich die Jungen in Höhlen, so werden sie mit einem eisernen Haken, der 
sich an einem Stocke befindet, erfaßt und herausgezogen. Man dreht den 
zappelnden Tieren nun langsam aber sicher den Hals um, bis die Wirbel- 
knochen auseiuanderreißcn und der Tod eintritt. Einen doppelt unangenehmen 
Kindruck macht es, wenn sich Knaben in dieser Tätigkeit üben, die scheinbar 
nicht so leicht ist, da der sich wehrende zälilebige Vogel oft eine Minute 
lang gequält wird. Die getöteten Exemplare steckt der Fänger mit dem 
Kopfe unter den Riemen oder das Seil, das er um deü Leib geschlungen 
hat, und begibt sich auf dieselbe Weise wie beim Sammeln der Eier nach 
oben oder unten. 

Die wenigsten Vögel lassen sich mit der Hand ergreifen oder mit 
Knütteln totschlagen, die alten, die natürlich die größte Bedeutung haben, 
fast gar nicht, weshalb man verschiedene einfache Fangvorrichtungen 
anwendet. Auf Grimsey ist die gebräuchlicliste eine lauge dünne Stange, 
an deren Ende sich eine feste Fischbeinschlinge befindet, die man dem 
sitzenden Vogel über den Kopf steckt und darauf rasch anzieht. Mit Vorsicht 
und einiger Übung lassen sich die meisten Felsenvögel auf diese Weise 
erbeuten, selbst die gewandte Rissa. Auf den Vestinannaeyjarn benutzt man 
lieber ein Netz an der Stange, mit dem man den sitzenden Vogel bedeckt, 
das aber auch zum Fangeu von nahe vorbeifliegenden Tieren verwendet wird. 
Eine derartige VoiTichtung besaß auf Gi-imsey nur ein Bauer. Solange die 
Vögel sich überhaupt an den Felsen aufhalten, holt man ab und zu etliche 
zum Kücheubedarf, besonders Lummen, Alke und Dreizehenmöven. Man 
fängt sie auch von den Eiern weg, da diese angeblich sofort von andern 
Individuen weiter bebrütet werden. Dem Papageitaucher oder gelegentlich 
der Gryll-Lumme stellt man auf Grimsey auch während des Sommers mit 
Fußschlingen nach, die man aus lloßhaaren zusammendreht und auf Bretter 
befestigt oder auf natürlicheu Ruheplätzen im oberen Teile der Vogel- 
berge anbringt. Sel])st am Rande der kleinen Süßwasserteiche im Innern 
Grimseys fand ich vielerorts Fußschliugen aufgestellt, die besonders den 
Dreizehenmöven galten. Leider werden aber die Schlingen uicht allzu oft 
kontioUiert, sodaß die gefangenen Vögel sich bei ihren Befreiungsversuchen 
nicht selten die Haut der Tarsen bis auf den Knochen durchreilten. mitunter 



Gezähllitt' Vögel. 92 

uucli die Beiuc uusreiikcn. Hat sich das großscliiiäblige Mäuiiclieu des 
Papageitauchors gefaiigeu, kommt bald sein Weibchen geflogen und setzt 
sich daneben. Ab und zu trippelt es auf dem Fangbrette umher, lockt das 
Männchen mit leise knurrenden Lauten, flattert wohl auch ein Stück davon 
und veranlaßt das arme gefangene Tier, ähnliche Bewegungen zu versuchen. 
Dann wieder drängen sich die Vögel eng aneinander, sitzen regungslos still 
\ind \ erharren stundenlaug in Angst und Qual. Und dies geschieht den 
ganzen Sommer über täglich mit zahlreichen Exemplaren. 

Die Hauptmenge der Felsenvögel, die zum Winter vor rate aufbewahrt 
werd(!n sollen, fängt man im Spätsommer, wenn die Jungen ziemlich heran- 
gewachsen sind. Die viele tausend Stück umfassende Beute schaff't man auf 
Grimsev mit Hilfe zweier Pferde, die man nur zu diesem Zwecke auf der 
Insel hält, nacli den Häusern. Gewöhulicli läßt man die Vögel in den Federn 
solange an kühlen Orten liegen, bis man sie verzehren will. Ich habe solche 
regelmäßig nur in Salzwasser gekocht vorgesetzt bekommen und fand ihren 
(leschmack ganz angenehm. Au einigen Vogelbergen, besonders auf den 
Vestmaunaeyjarn, salzt mau auch viele Vögel ein oder räuchert sie. Ja auf 
dieser Insel benutzt man die geräuclierten Papageitaucher, denen man die 
Federn der Unterseite ausgerupft und das Brustfleisch abgeschnitten hat, auch 
häufig als Brennmaterial, was auf Orimsey nur mit Knochen und sonstigen 
Abfällen geschieht. 

Ein eigentlicher Handel mit den Seevpgeln wird nicht getrieben, da 
deren Fleisch nicht nacli jedermanns Geschmack ist. 

Grezähmte Vögel. 

Von Bedeutung sind in Island nur die Haushühner, die mau auf 
vielen Bauernhöfen lullt, besonders dort, wo die Beschaffung anderer Eier 
.Schwierigkeiten verursacht. Wert auf geeignete, gute Rassen scheint man 
nirgends zu legen. Dementsprechend ist meist auch die IJierproduktion gering. 
In den wenigen größeren Ortschaften hält man hier und dort Haustauben, 
die oft dem Jagdfalken zur Beute fallen, ausnahmsweise nur Hauseuten 
und Hausgäuse, deren Einbürgerung nicht selten fehlschlägt. In den 
Städten trifft man natürlicli auch den Kauarienvogel, gelegentlicli einen 
Papagei und andere ausländische Arten. Von einheimischen Vögeln sah 
ich nur in Akureyri einige Schneeammeru (Passerina nivalis) gekäfigt, die 
sieh scheinbar recht wohl befanden. Bei den billigen Preisen, die man selbst 
in den größeren Ortschaften für Federwild zahlt (in Reykjavik z. B. kosten 
Schneehühner ungefähr :}r) Öre, Enten 40—50 Öre usw.), ist die Zucht der 
meisten zahmen Vögel nicht lohnend. Gelegentlich bezieht man aber Geflügel 
und Eier von Dänemark und Schottland. 



IL 
Besonderer Teil. 

Verzeichnis der für Island festj^estellten Vogelarten. 

1. Colymbua griseigena griseigena (Bodd.). p]inmaligei Vorkonmien. 

2. Colymhus auritus L. Ziemlich häufiger Erutvogel. 

3. Urinator imher (Gunn.). Nicht häufiger Brutvogel. 

4. Urinator arcticus (L.). Nur einmal im Sommer festgestellt. 

5. Urinator lumme (Gunn.). Verbreiteter Brutvogel. 

6. Fratercula arctica glacialii< Steph. Gemeiner Brutvogel. 

7. Cejjphus grylle grylle (L.). Häufiger Brut- und Standvogel.') 
8a.Uria troile troile (L.). Gemeiner Brut- und Standvogel. 

b. Uria troile troile (L.) var. rhingvia (Brunn.). Seltnere Abart. 
9. Uria lomvia loinvia (L.). Gemeiner Brut-, Stand- und Wintervogel.-) 

10. Älca torda L. Häufiger Brutvogel. 

— Alca impennis L. Ausgestorben. 

11. Alle alle (L.). Brutvogel auf Grimsey und Wintergast. 

12. Megalestris skua (Brunn.). Nicht seltner Brutvogel. 

13. Stercorarius pomarinus (Temm.). Gelegentlicher Gast. 

14. Stercoraniis parasiticus (L.). Verbreiteter Brutvogel. 

15. Stercoranus cepphus (Brttim.). Gelegentlicher Gast. 

16. Pagophila ehurnea (Phipps). Gelegentlicher Wintergast. 

17. Rissa rissa rissa (L.). Gemeiner Brutvogel. 

18. Larus marinus L. Nicht seltner Brut- und Standvogel. 

— [Larus argentatus argentatus Brunn. Zwcifelliaftes Vorkommen.] 

19. Larus glaucus Brunn. Nicht seltner Brut- und Wintervogel. 

20. Larus levcopterus Fabei-. Häufiger Wintervogel. 

21. Ijttrus canns caniis L. Seltner Gast. . 

22. Xema sahinii (Sab.). Seltner Gast. 

23. Sterna 7nacrura macrura Naum. Gemeiner Brutvogel. 

24. T/ialassögeroH chlororhynchos (Gm.). Einmaliges Vorkommen. 

25. Fulmanis glacialis glacialis L, Häufiger Brut- und Standvogel. 



1) Bedeutet hier: auch iin Wiuter auf oder bei Islai 
^) Aus andern Gegenden kommend. 



Verzeichnis der für Island festgestellten Vogel arten. 93 

26. Pufßnus pnfßnus (Brünu.). Bvutvogel auf den Vestmannaeyjarn. 

27. Puffums gravis (O'Reilly). Seltner Gast. 

— [Pufßiiis griseus (Gm.). Wahrscheinlich seltner Gast.] 

28. Oceanodroma leucorrhoa (Vieill.). Brutvogel auf den Vestraannaeyjarn. 

29. Procdlaria pdagica L. Gelegentlicher Gast. 

30. Sida bassana (L.). An einigen Orten Brutvogel. 

M. Phalacrocorax carbo (L.). Nicht luiufiger Brut- und Staudvogel. 

32. Phalacrocorax graculus graculus (L.). Nicht seltner Brut- und Standvogel. 

33. Mergiis merganser L. Verbreiteter Brutvogel. 

34. Mergus serrator L. Häufiger Brutvogel. 

35. Anas boschas L. Häufiger Brutvogel. 

36. Chaulelasmus streperits (L.). Seltner Brutvogel. 

37. Mareca penelope (L.). Nicht seltner Brutvogel. 

38. Mareca amerlcana (Gm.). Einmal aufgefundener Brutvogel. 

39. Nettion crecca crecca (L.). Nicht seltner Brutvogel. 

4(». Querquedula circia (L.). Wahrscheinlich gelegentlicher Brutvogel. 

41. Dafila acuta (L.). Nicht seltner Brutvogel. 

42. Aethya ferina (L.). Seltner Sommergast. 

43. Aethya marila manla (L.). Häufiger Brutvogel. 

44. Aethya fnligxda (L.). Wahrscheinlich gelegentlicher Brutvogel. 

45. Aethya nyroca (Güld.). Seltner Sommergast. 

46. Glancionetta clangida clangida (L.). Wahrscheinlich gelegentlicher Brutvogel. 

47. Glaucionetta islandica (Gm.). Nicht seltner Brutvogel. 

48. Clangida hyemalis (L.). Häufiger Brutvogel. 

49. Histrionicus histrionicus (L.). Verbreiteter Brutvogel. 

50. Somateria spectabilis (L.). Gelegentlicher Gast und wahrscheinlich seltner 
Brutvogel. 

51. Somateria mollissima iiiollissima (L.). Gemeiner Brut- und Standvogel. 

52. Oideniia nigra nigra (L.). Nicht seltner Brutvogel. 

53. Casarca casarca (L.). Ausnahmsweises Auftreten 1892. 

54. Tadorna tadorna (L.). Seltner Gast. 

55. Chen hyperborea hyperborea (Fall.) Einmaliges Vorkommen. 

56. Anser albifrons albifrons (Gm.). Nicht häufiger Brutvogel. 

57. Anser fabalis (Lath.). Angeblich nicht seltner Brutvogel. 

58. Anser brachyrhynchns Baill. Gelegentlicher Durchzügier und vielleicht 
Brutvogel. 

59. Anser ferus ferus Schaeff. Nicht häufiger Brutvogel. 

60. Branta bernicla bernicla (L.). Nicht häufiger Durchzügler. 

61. Branta lemopsis (Bchst.). Regelmäßiger Durchzugs- und vielleicht ge- 
legentlich Brutvogel. 

62. Cygnns cygmis (L.). Verbreiteter Brutvogel. 

63. Ardea cinerea L. Nicht seltner Gast. 

64. Ardetta minuta minuta (L.). Einmaliges Vorkommen. 

— [Ciconia ciconia (L.). Einmaliges Vorkommen.] 

65. Plegadis autumnalis (Hasselq.). Ausnahmsweises Vorkommen 1824. 



<)4 Verzeichnis ilor für Island festf^ostellten Vogelarten. 

66. h'nllns aqnaticus L. Nicht liiliifigcr l>riit- und .Standv<ii(el. 

67. (jnllunda chloropus (L.). Gelegentlicher Gast. 

68. Fulicd atra L. Nicht seltner Gast und gelegentliclier Mrutvogel. 

69. Crj/mophüus fnlicarim (L.). Seltner Brutvogel. 

70. P/iidaropns lohalus (L.). Häutiger Brutvogel. 

71. Galliiuigo f/allijiago (jnUhiago (L.). Häutiger r>rntv<igel. 

72. Scolopax rw^Ücola L. Seltner Gast. 

73. Tringa cnnutus L. Durchzügler und ausnahmsweiser Brutvogel. 

74. Arquaidia maritima mariümd (Brunn.). Verbreiteter Brut-, Stand- und 
Wintervogel. 

— [Aiicf/locheilus ferrugineus (Brünu.). Fragliches Vorkommen.! 

75. Palidna alpina schinzii (Brehm). Häufiger Brutvogel. 

76. Calidvis arenaria (L.). Durchzügler und ausnahmsweiser Brutvogel. 

77. Limosa limosa (L.), Brutvogel im Südwestlande. 

78. Pavoncella pngnax (L.). Seltner Gast. 
7i>. Tof.anus totaims (L.). Häufiger Brutvogel. 

— [Xnmeniiis /indsonicus Lath. Zweifelhaftes Vorkommen.) 

80. Ni(menins phaeoptcs phaeoprts (L.). Häufiger Brutvogel. 

81. Aumenins arquatns ai-quatus (L.). Gelegentlicher Gast. 

82. VaneUus ranelhis (L.). Gelegentlicher Gast. 

83. Squatarola Helvetica (L.). Gelegentlicher Gast. 

84. Charadrius apricarius L, Häufiger Brutvogel. 

85. Aegialitis hiaticida (L.). Nicht seltner Brutvogel. 

— [Acgialitls cnronica (Gm.). Fragliches Vorkommen.) 

86. Arenaria interpres (L.). Nicht seltner Brut-, Stand- und Wintervogel. 

87. Haematopns ostralegn.'< }j. Nicht seltner Brutvogel. 

88. Lagopus rupestris islandortun (Faber). Häufiger Brut- und Standvogel. 

89. Columba paliimbna L. Einmaliges Vorkommen. 

90. f/a/iaetiis albicUla (L.). Seltner Brutvogel. 

91. Hierofalco gyrfaJco gyrfalco (L.). Gelegentlicher Gast. 

92. Hierofalco gyrfalco islandus (Brunn.). Nicht häufiger Brut-, Stand- und 
Wintervogel. 

93. Falco merdliis (Gerini). Nicht seltner Brutvogel. 

94. Cerchneis tinnuncida (L.). Seltner Gast. 

95. Anio otus (L.). Seltner Gast. 

96. Asio acclpilriinis (Fall.). Gelegentlicher Gast. 

97. Xyctea nyctea (L.). Nicht seltner Wintervogel und gelegentlicher 
Sommergast. 

98. Ci'vyle alryon (L.). Einmaliges Vorkommen. 

99. Upupa epops L. Einmaliges Vorkommen. 

100. Apus opus apm (L.). Seltner Gast. 

101. Coi'vus corax p>rincipalis Ridgw. Häufiger Brut- und Staudvogel. 

102. Corvus cornix connx L. Gelegentlicher Wintergast, 

— [Corvus corone corone L. Fragliches Vorkommen.] 

103. Corvus frugilegus frugilegus L. Gelegentlicher Wintergast. 



Colyiubiis griseigena griseigena. 95 

104. Cohens inonedala sperutologus (Vieill.). Seltner Gast. 

— \^Nucifraga caryocatades macrorhynchos Bvelim. Eiuraaliges Vorkommen.] 

— [Oriolns oriolus (L.). Zweifelhaftes Vorkommen.] 

105. BomhjciUa garrula (L.). Ausuahmsweises Vorkommen 190:5. 

106. Stüvnus ütilgaris vulgaris L. Gelegentlicher Gast. 

107. AcantJils linaria islandica Hantzsch. Nicht häufiger Brut- und Standvogel. 
— [jicLvdIds linaria rostrata (Coues). Wahrscheinlich Wintergast.] 

— [Acaidhis Jiornemannii horneniarmii (Holb.). Vielleicht gelegentlicher 

Wintergast.] 

108. Fringilla coelebs coelebs L. Seltner Wintergast. 

— [Semius ülandicns Brehm. Zweifelhafter Typus.] 

109. Passenna nivalis nivalis (L.). Häufiger Brut- und Standvogel. 

110. Calcarius lapponicus lappordcus (L.) Seltner Wintergast. 

111. Hirnndo rustica rustica L. Gelegentlicher Sommergast. 

112. (Jlielidonaria urbica urbica (L.). Seltner Sommergast. 

113. Motadlla alba alba (L.). Nicht seltner Brutvogel. 

114. Anthus pratensis (L.). Häufiger Brutvogel. 

115. Anorthura troglodytes borealis (Fisch.) Seltner Brut- und Standvogel. 

116. Tnrdas iliacus coburni Sharpe. Nicht seltner Brutvogel. 

117. Tnrdus pilaris L. Gelegentlicher Gast. 

118. Merula menda merrda (L.). Gelegentlicher Gast. 

119. Saxicola oenanthe leucorrlioa (Gm.). Häufiger Brut- und Durchzugsvogel. 

120. Erithacus titys (L.). Einmaliges Vorkommen. 



Besprechung der für Island festgestellten 
Vogelarten. 

1. Colyrabus griseigena griseigena (Bodd.). 
ßothalstaucher. 

Fodiceps rubricoUis ((xmel.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 421 (1863). — 
Podiceps grisegena Bodd. : Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 52 (1895). — Podicipes griseigena 
(Bodd.): Slater, Birds of Iceland, p. 136 (1901). 

Podiceps grisegena, Bodd.: Oollin, Skandinaviens Fngle, S.718 (1877). — Podicipes 
griseigcfia (Bodd.): Ogilvie-Grant, Cat. Birds Brit. Mns. XXVI, p. 539 (1898). ~- Winge, 
Grenlands Fugle, S. 131 (1898). — Colymbus griseigena Bodd.: Naumann,, Vögel 31ittel- 
europas XII, S. 78 (1903). 

Isländisch: Hälsraud Sefönd (= Rothalsige Schilfente). 

Auch dän. : Rodhalset Silkeand. Schwed.: Rödhalsad Dopping. Kngl.: Red- 
necked Grebe. 

Colymbus griseigena griseigena bewohnt Kuropa mit Ausnahme seines südwest- 
lichsten Teils und das benachbarte Asien, brütet etwa bis zum 65. Grade nordwärt.«, 
ist in Rußland und Finnland stellenweise häufig, im benachbarten Skandinavien seltner, 
in Norwegen vielleicht nur ausnahmsweise Brutvogel. Selbst auf Sj^itzbergen soll ein 
Exemplar erlegt worden sein. Im Spätherbste begeben sich die Vögel nördlicherer 
Gebiete auf die Wanderung und werden dann nicht selten an den deutschen Ost- und 
Nordseeküsten, in England, Irland und Schottland, wo auch einzelne brüten, gesehen. 



96 Colynibus auritus. 

Von deu Färöern und Grönlaiul aber ist unsere Spezies noch unbekannt. Südwärts 
wandern die Vögel bis NordatVika. — In Xurdamerika und Ostasien wird unsere Forui 
durch ilen etwas größeren ('. y. holhoellii lihdt. vertreten, der sich mehrfach auch in 
Südgrönland gezeigt hat. 

Von Island ist nur <'in einmaliges Vorkommen unseres Vogels 
bekannt, wobei es sich um ein Hxemjtlar der paläarktiscben Form gehandelt 
zu haben scheint, das durch widrige Winde bis zu unsrer Insel getrieben 
und im Dezember 1885 bei Keflavik (>SW.) erlegt wurde (Gröndal, Ornis 1886. 
8. 369). Es erwies sich durch die Sektion als Männchen. Wo sich der 
Balg des Vogels befindet, konnte ich leider nicht erfahren. Ganz ausgeschlossen 
ist nicht, daß es sich, entgegen den Angaben, um den amerikanischen 
C. g. holhoellii geliandelt hat. zumal die Mehrzahl der in Südgrönhmd erlegten 
Exemplare dieser Form gleichfalls aus dem Spätjahre stammt. Wenn ßaring- 
Gould glaubt (1. c), Colymbus griseigena auf dem M;f vatn gesehen zu haben, 
so beruht diese Angabe höchst wahrsclieinlich auf Verwechslung mit der 
folgenden Art. 

•I. Colymbus auritus L. 

Ohrentaucher. 

Podiceps cornutus (Lath.) & P. auritus (Lath.) : Faber, Prodromus, S. 61 und 
62. — Podiceps cornutus Lath. & P. auritus Lath.: Preyer (& Zirkel), Reise nach 
Island, S. 422 und 423 (1862). — Podiceps cor 7mtus (Gme\.): Newton, in ßaring-Goulds 
Iceland, p. 421 (1863). — Podiceps cornutus Lath. & P. auritus Lath.: Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 52 (1895). — Podicipes auritus (Llnn.): Slater. Eirds of Iceland, 
p. 137 (1901). 

Podiceps cornutus, Lath.: CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 71!) (1877). — Podicipes 
auritus (Linn.): Ogilvie-Grant, Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 527 (1898). — Winge, 
Grönlands Fugle, S. 130 (1898). — Colymbus auritus L.: Naumann. Vögel Mittel- 
europas XII, S. 85 (1903). 

Isländisch: Sefönd (= Schilfente); Flürgodi (flör = Flur, Morast, godi ist ein 
Ehrenname altisländischer Häuptlinge, also etwa Herrscher der Sümpfe), davon Ab- 
kürzung Flora: seltner Flüaskitur (flöa ist Genetiv von flöi = Sumpf, skitur = Exkrement), 
Flödskitur (fiöd = Flut), abgekürzt Flöaskit, Fh'.dskit. 

Auch färöisch: Seväudt. 

Colymbus auritus wurde nach seinen verschiedenen Kleidern von den älteren 
Ornithologen irrtümlicherweise in zwei Arten getrennt, deren Zusammengehörigkeit 
heutzutage außer jedem Zweifel steht. 

Unser Vogel bewohnt die nördlicheren Gebiete der Erde. In Amerika brütet 
er von den Vereinigten Staaten an bis zu den Hudsonsbailäudern, aber nicht in (rrön- 
land, wo er sich nur wenige Male im südlichen Teile gezeigt hat. in Asien nordwärts 
vom Amurgebiete und Turkestan. Nirgends jedoch scheint er als Brutvogel den Polar- 
kreis zu überschreiten. Im Winter trifit man ihn südlicher. In Nordrußland ist unsere 
Art stellenweise häufig. Sie brütet auch iu Finnland, und in Norwegen besonders auf 
den Küsteuinseln. Dagegen besucht sie die Britischen und die nördlich davon liegenden 
kleinen Inseln, einschließlich der Färöer, nur auf dem Zuge. Sogar bis Jan Mayen 
nordwärts ist sie gesehen worden (Winge), südwärts bis zum Wendekreise hinab. 

In Island gehört der Ohreutaucher zu den ziemlich häufigen Brut- 
vögeln. In beträchtlicher Anzahl bewohnt er den M}''vatn, seltner den 
]?ingvallavatn und andere größere Seen. Auf dem Zuge kommt der Vogel 
auch nacli kleineren Teichen und Sumpfgebieten. 



Colymbus anritus. 97 

Einige isländische Exemplare raeinor iSammlung zeigen folgende Maße: cJad., 
Saudarkrökr, April 1902. Flügel: 138 mm. Tarsen: 46. Schnabel: 25,5. — (5ad., ebd. 
Flügel: 1 -43. Tarsen: 46,5. Schnabel: 25. — $ad., Myvatn, Jirutvogel vom 20. Juli 1903. 
Gewicht i. Fl. : 600 g. Gesamtlänge i. FL: 340 mm. Flügel: 145. Schwanz -|- Flügel: 
25. Tarsen: 45. Schnabel: c. 23. — $ ad., M^-vatn, Brutvogel vom 27. Juli 1903. 
Gewicht: ca. 720 g. Gesamtlänge: 330. Flügel: 139. Tarsen: 46. Schnabel: 25. — 
Von den letzten, beiden Exemplaren war die Iris: feurigrot, um die Pupille ein Kranz 
feiner goldiger Pünktchen. Schnabel: schwärzlich mit heller Spitze, Kelilhaut und 
seitlicher Grund des Unterschnabels: rötlichgrau. Nackte Hautstelle am Zügel: blaß- 
blutrot. Füße: hellgrau, nach außen zu mehr schwärzlich. Beide Vögel sind fast 
fertig in Sommertracht. 

Die Obrentaucher sind Zugvögel auf Island. Aufaug April zeigen 
sie sich in der Nähe des Meeres. Im Mai kommen sie nach ihren Brut- 
plätzen und beginnen mit dem Baue des Nestes. Dieses wird gewöhnlich 
etwas abseits vom üfer in seichtem Wasser angelegt. Es ist zwar häufig 
schwimmend, dann aber doch mit den am Grunde wurzelnden Wasser- 
pflanzen verflochten. In Form und Größe variiert es außerordentlich, besonders 
in Gegenden, wo man die Vögel oft stört. Mitunter wird es fest und 
dicht aus abgestorbenen Pflanzenstoffen und mooriger Erde aufgebaut. Dies 
tun besonders ältere Paare, indem sie das vorjährige, als kleiner Hügel 
noch sichtbare Nest benutzen. Andere Brutstätten werden liederlicher in 
wenig Tagen aus einer Unmenge frischer Wasserpflanzen der nächsten Um- 
gebung, besonders gern Myriopliyllum, aufgeschichtet, auf deren Mitte nun 
der Vogel wie auf einer Insel sitzt. Bei solchen Bauten wird es diesem 
allerdings leicht, aus dem Wasser hinaufzusteigen, was ihm sonst mitunter 
rechte Mühe verursacht und mehrmalige Sprünge und Anläufe erfordert, auch 
wenn das Nest flach ist und wenig über das Wasser emporragt. 

Beide Vögel eines Paares bauen geraeinsam und sind zu dieser Zeit 
viel lebhafter als sonst. In den Morgen- und Abendstunden vernimmt man 
häufig als charakteristischsten Stimmlaut den trillernden Paarungsruf, ein 
sehr schnelles Bibilnbibib, das überaus an Colymbus nigricans erinnert und 
mit keiner andern isländischen Sumpfvogelstimme verwechselt werden kann. 
Treibt das Männchen sein Weibchen, so läßt es ein lautes, klägliches Güi 
hören, das mannigfachen Veränderungen unterworfen ist. Ich notierte auch 
guau, giau, gui, aui. Wenn beide Vögel ungestört beisammenschwimmen, 
rufen sie sich einsilbige, kurze Töne zu, die ungefähr wie girt girt klingen. 
Warnend lassen sie ein leises Grrr hören. Derartige Stimmlaute, wie 
Colymbus griseigena sie zur Balzzeit ausstößt, vernahm ich nie. Riemschneider 
allerdings erwähnt die Ähnlichkeit der Rufe beider Arten (Ornith. Monats- 
schrift 1896, S. 319). 

Im Wesen erinnert unser Vogel am meisten an Colymbus nigricollis. 
Er ist still, veriiältnismäßig zutraulich, lebt nicht besonders versteckt und 
taucht nur bei der Nahrungssuche oder in äußerster Not. 

Gewöhnlich nicht eher als Anfang Juni beginnt die Ablage der Eier; 
wenigstens ist mir keine Maibrut bekannt. Die Angabe Rieraschneiders 
(1. c, S. 320), er habe am 4. Juni ein Dunenjunges gesehen, beruht auf einem 
Druckfehler; gemeint ist der 4. Juli. Das normale Gelege besteht aus 4, 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. 7 



98 Colyinbus auritus. 

manchmal o, seltner 3 — 6 Stück. Durch rechtzeitige Wegnahme der Eier 
kann die Erzeugung derselben beträclitlich vermehrt werden. Späte Funde 
haben in der Kegel i)ierin ihren (jrund. An eine zweimalige erfolgreiche 
Brut ist dabei nicht zu denken. Am Myvatn trifft mau bis Ende Juli frische 
Eier. Ich schoß am 27. d. M. ein Weibclien, das im Eierstocke bald lege- 
reife Eier trug. Um diese Zeit sieht man einige Paare mit Jungen, andere 
brüten, etliche Itauen sogar noch ein neues Nest. 

Isländische Eier meiner Sammlung haben folgende Maße: 50x31.8 mm (2,2 g). 
46x31(2,2). 46x30,5(2,1). 45x30(2). 44.2x31,5(2,4). 44,2x30,8(2). 43,2x30 
(1,9). 42,2x30,^(1,9). 41,5x30,5(1,8). 40 x 28,5 (1,7). — Das Yollgewicht einiger 
von mir untersuchter Exemplare schwankte zwischen 19 — 25 g. Die Eier lassen sich 
nicht mit Sicherheit von denen verwandter Arten unterscheiden. Sie haben frisch eine 
blaßgrünliche Färbung, nehmen aber durch chemische Veränderung der Oberhautschicht 
allmählich einen gelblichen, bräunlichen oder selbst schwärzlichen Ton an, am schnellsten 
und intensivsten dort, wo das Wasser der Umgebung recht warm ist. 

Bei trockner Witterung und in Gegenden, wo Nestraub durch Vögel 
und Menschen vorkommt, wird schon das erste Ei eines Geleges alsbald mit 
feuchten Pflanzenstoffen zugedeckt. Hierdurch beginnt sofort die Selbst- 
bebrütung, woraus sich in erster Linie die häufig beobachtete ungleiche p]nt- 
wicklung der Jungen erklärt. Das eigentliche Brüten beginnt unter normalen 
Verhältnissen erst auf dem vollständigen Gelege. Die Ohrentauclier sind 
um ihre Eier recht besorgt. Meist sitzt das AVeibchen auf dem Neste, 
während das Männchen beobachtend in der Nähe umherschwimmt. Aus- 
nahmsweise jedoch steigt auch dieses feierlich in die Nestmulde, stellt sich 
hochbeinig über die Eier, schaut nochmals sichernd umher und läßt sich 
endlich langsam und mit Würde nieder. -Die Vögel erhalten weit unten am 
Körper einen großen Brutfleck, der nur mit dürftigem Flaume bedeckt bleibt. 
Eigentümlich ist, daß sie die Federn dieser Stelle nicht nur selbst ausrupfen, 
sondern sogar regelmäßig verschlingen, was sie häufig auch während der 
Mauser tun. Die verschluckten Federn bleiben viele Tage im Magen und 
scheinen, ähnlich wie Saudkörner, die Verdauung der eigentlichen Nahruiigs- 
stoffe zu unterstützen. Sonst fand ich im Magen nur Algeu und andere 
feine Pflauzenteile, tierische Überreste konnte ich mit einer gewöhnlichen 
Lupe nicht erkennen. Nach 20 — 24tägiger Bebrütung schlüpfen die Dunen- 
jungen aus, doch bleiben nicht selten einzelne taube oder abgestorbene 
Eier im Neste. 

Die Beschreibung des Dunenkleides, wie sie Krüper gibt (Naumannia 1857, 
S. 54), paßt auf die von mir gesammelten verschiedenaltrigen Jungen nicht gut, wohl 
aber diejenige Palmens und Colletts (Naumann XII, S. 88). Folgendes sei hinzugefügt. 
Je jünger der Vogel, desto lebhafter Färbung und Zeichnung. Ein etwa 2 Tage altes cj 
wog 92 g, Gesamtlänge: 185 mm. Ein ca. 4 Tage altes ? : 125 g, Gesamtlänge: 200 mm. 
CoUett besehreibt die Iris eines 8tägigen Individuums als rot. Bei 4 von mir unter- 
suchten ca. 1 — 6 Tage alten Exemplaren war sie übereinstimmend grau, nach außen zu 
weißlich. Schnabel: fleischfarben, Oborschnabel mit schwärzlichen Flecken. Zwischen 
Schnabel und Augen befindet sich beiderseits eine zartweißlichblutrote nackte Haut- 
stelle. Eigentümlich ist eine ebensolche inmitten der Stirn, die aber bald verwächst. 
Größe dieser bei dem erwäluiten (5pull. ca. 6x6, bei dem $ nur noch 4x2 mm. 
Füße: schwärzlich und hellgrünlichgrau gefleckt. 



Urinator iniher. ^ 99 

Die Familien halten eng zusammen. Frieren die Jungen, was sehr 
leicht der Fall ist, klettern sie auf den Rücken der Alten, besonders auf 
den der Mutter. Diese sträu])t die Federn, lüftet die Flügel und läßt wenigstens 
das Kleinste gern hinauf, wobei sie öfters ihr feines Grrr ausruft. Dann 
sieht man bei dem Vogel den weißen Flügelspiegel und erkennt daran, daß 
er Junge trügt. Manchmal tauchen die Alten mit mehreren der Tierchen 
auf dem Rücken unter das Wasser, Dies tun sie immer, wenn man sie ver- 
folgt. "Wird jedoch die Gefahr zu groß, so verlassen sie die Kleinen, um 
sich selbst zu retten, mitunter wohl auch, um die Aufmerksamkeit von diesen 
abzulenken. Die Tierclien lialten nun ängstlich zusammen und gehen gemein- 
sam, aber nicht gern, unter Wasser. Sie erweisen sich angeschossen als sehr 
zählebig, was bei erwachsenen Vögeln in noch viel höherem Grade der Fall 
ist. Werden die Jungen größer, so dulden die Alten sie nicht mehr auf dem 
Rücken, legen die Federn an und schwimmen fort. Mitunter sterben dann 
freilich, besonders bei späten Brüten, die immer noch zarten Vögel vor Kälte. 
Außerdem wird unsere Art in allen Altersstufen von zahllosen Schmarotzer- 
iusekten geplagt. Bei einem von mir präparierten Dunenjuugen, sowie bei einem 
alten Exemplare, war auch der ganze Unterleib mit Bandwürmern angefüllt. 

Die Familien bleiben bis zum Flugbar wer den der Jungen beisammen, 
was über einen Monat dauert. Im September, mitunter auch erst iVufang 
Oktober, verlassen sie gemeinsam, wenn der Abend dämmert, in raschem hohen 
Fluge das Brutgebiet und verschwinden spätestens i'lnde Oktober ganz aus Island. 
Ein Überwintern scheint in der Regel nicht stattzufinden. Doch berichtet 
Faber, daß ein junges Exemplar im Dezember auf dem Südlande erlegt wurde. 

3. Urinator imber (Guun.). 
Eistaucher. 

Colymbiis glaciaüs (Liiin.): Faber, Prodronius, S. 57 (1822). — Colymbus immer 
Brunn.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 420 (1862). — Colymhus glaciaüs Linn.: 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 421 (1863). — Gröndal, Islenzkfc fuglatal, bis. 52 
(1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 133 (1901). 

Colymbus glacialis, L. : CoUin. Skandinaviens Fugle, 8.725(1877). -- Ugilvie- 
Grant, Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 496 (1898). — Colymhus glacialis (L.) typicus : 
Winge. Grönlands Fugle, S. 134 (1898). — Gada torquata (Brunn.): Naumann, Vögel 
Mitteleuropas XII, S. 122 (1903). 

Isländisch: Himbrimi, selten im Nordlande Brüsi (Etymologie beider Wörter 
unklar und sehr verschieden gedeutet). 

Auch deutsch: Imber. Hymber, Himbriue. Dan.: Imber, Havimber. Norw.: 
Hymber, Havhyniber. Schwed. : Imber, Hymber, Halhymber. Engl.: Imber Goose. 
Franz. : Imbrim. 

Urinator imher ist vielfach mit dem hellschnäbligen U. adamsii (Gray), ja sogar 
mit U. arcticus (L.) verwechselt worden, sodaß man sich vorläufig kein genaues Bild 
von der Verbreitung dieser Spezies entwerfen kann. Es ist überhaupt noch nicht fest- 
gestellt, ob sich die beiden erstgenannte^ Arten nur geographisch vertreten und dann 
als Subspezies aufzufassen wären, oder w^e weit ihre AVohnplätze ineinandergreiien. 
Im allgemeinen muß man als Verbreitungsgebiet von U. imber das westliche Nord- 
europa und Noi'damerika, für U. adamsii dagegen Asien ansehen. Allerdings steht fest, 
daß noch nicht foi-ti)flanzungsfähige jüngere Individuen beider Arten, wie auch die 
älteren Vögel zur Zugzeit, an denselben Örtlichkeiten zusammentreffen, doch bedarf 

7* 



100 Urinator imlicr. 

es genauerer Untersuchungen, wie weit U. adanisii als Brutvogel von Asien aus auf das 
benachbarte Europa und Amerika übergeht. Sichere Brutplätze von U. imber kennt 
man in einigen lokal begrenzten Gebieten des nearktischen Amerikas, in Tirönland, wo 
die Art recht häufig ist, ferner in Island und auf Jan Mayen. Im Winter streifen die 
Vögel südwärts bis zu den Wendekreisen hinab und zeigen sicii dann auch auf den 
Britischen Inseln und den nördlich davon liegenden kleinen Gruppen. 

In Island ist der Eistaucher ein verbreiteter, aber durciiaus nicht 
häufiger Brutvogel. Er lebt während des Sommers auf stehenden Ge- 
wässern im Innern, die keineswegs allzugroß sein müssen, falls mehrere 
beieinander liegen. Am liebsten sind den Vögeln fischreiche einsame Gebirgs- 
seen, die am Rande etwas Schilf- und höheren Graswuchs zeigen. Ganz öde 
und pflanzenlose Örtlichkeiten bewohnen sie aber für gewöhnlich nicht, obwohl 
ihnen kahle Berghänge und schroffe Felsen in der Umgebung zusagen. Sie 
sind wenigstens im Sommer weit mehr Gebirgs- als Tieflandsbewohner und 
besuchen Ebenen und Meeresteile außerhalb der Zugzeit nur gelogentlich. 
Einzelne Exemplare, die miin auch während der Brutperiode in solchen Ge- 
bieten antrifft, sind entweder jüngere, noch nicht fortpflanzungsfähige Individuen, 
gestörte Brutvögel oder Gäste, die mit Hilfe des äußerst schnell fördernden 
Fluges ihren benachbarten Nistbezirk stundenweise verlassen. 

J)ie isländischen Eistaucher, die ich im Leben und in Museen sah, gehörten alle 
zu Urinator imber. Sollte gelegentlich ein U. adanisii beobachtet werden, so dürfte 
es sich gewiß nur um einen Gast handeln. Bis jetzt ist von dem Vorkommen dieser 
Art auf unserer Insel nichts bekannt. Ein am 27. Juni 1903 bei Hjalteyri erlegtes 
ausgefärbtes Männchen meiner Sammlung, das sich lange Zeit hindurch auf dem 
Eyjafjördr gezeigt hatte und nach dem Zustande der Testikel zu schließen noch nicht 
geschlechtsreif war, zeigt folgende Maße. Flügel: 365 mm. Schnabellänge: 78. Schnabel- 
höhe am Grunde: 24. Tarsen: 83. 31ittelzehe inkl. der 11 mm langen Kralle: IIb mra. 
Als größte Schnabellänge maß ich nicht mehr als 82 mm bei einem Exemplare im 
ßeykjaviker Museum. 

Im zeitigen Frühjalire sieht man die Vögel einzeln oder auch schon 
paarweise auf dem Meere, vor allem in breiten geschützten Fjorden, von 
wo aus sie gelegentlich nach benachbarten Süßwasserseen fliegen und Ströme 
aufwärts schwimmen. Sie sind in dieser Zeit sehr scheu und kaum auf Kugel- 
schußweite im Boote anzufahren. Verfolgt tauchen sie zunächst, wird die 
Gefahr größer, erheben sie sidi ziemlich rasch in die Luft. Sie steigen meist 
sofort in bedeutende Höhe und fliegen mit vorgestrecktem Halse und kraft- 
vollen, hurtigen Flügelschlägen äußerst schnell davon, wobei sie häufig ihre 
Lockrufe hören lassen. Diese bestehen in der Hauptsache aus ziemlich 
hohen, einsilbigen Tönen, etwa wie gek klingend, die mehrmals hintereinander 
ausgestoßen werden. Gelegentlich vernahm ich auch, besonders häufig am 
19. Mai von einem bei Steiugrimsfjördr lebhaft umherfliegenden Paare, einzelne 
tiefere, scharfe Warnrufe, nachdem ich erfolglos auf einen der Vögel geschossen 
hatte. In der Ruhe und üngestörtheit locken sich die Paare mit einem tiefen, 
ziemlich weichen Hohüu. manchmal auch mit Weglassung der ersten Silbe. 
Dieser Ruf verändert sich am Nistplatze in das laute Paarungsgeschrei, 
dem ich leider nur einmal am 20. Juni, da aber fast eine Stunde lang, 
lauschen konnte. Es war in der Nähe von Stserri-Ärskogi im Eyjafjörch- 



Urinator itnber. \()\ 

gebiete, kurz vor Mitternacht, als die Sonne vei-sclileiert und düsterrot tief 
am Horizonte stand. Meine Versuche, die Töne in Süllen zu fassen, wollten 
nicht recht gelingen. Man erkennt in dem Geheul den weichen Lockruf 
wieder, mit dem sich ein gedehntes Au mischt. Mitunter folgen die Laute 
kurz und schnell aufeinander, dann wieder klagend gezogen. In den einsamen 
isländischen Gebirgen wirkt der auffällige Ruf in der Nähe fast erschreckend, 
zumal er besonders bei Dämmerung hervorgebracht wird. Soviel ich damals 
beurteilen konnte, ging das Paarungsgeschrei von beiden Geschlechtern aus. 
Sobald die Vögel fest brüten, vernimmt mau ihre Stimmlaute nur noch selten. 
Das unscheinbare zusammengedrückte Nest, von dem Slater in seinem 
Buche (p. 133) eine gute Photographie bringt, befindet sich meist dicht am 
Wasser und ist njit weichen, oft noch grünen Gras- und Schilfstengeln 
unordentlich ausgelegt. Die Zahl der Eier beträgt uuter normalen Verhältnissen 
immer 2. Ihre Ablage erfolgt gewöhnlich im Juni. Herr Dr. Ottoßon -hi 
Lenhofda (Schweden) hatte die Güte, da ich selbst nur ältere Eier ohne 
Daten besitze, mir Angaben über 12 seiner isländischen Gelege zu machen. 
Diese stammen aus der Zeit vom 28. Mai bis 5. Juli, wobei freilich die 
Stärke der Bebrütung nicht berücksichtigt ist. 

Die Maße der Eier sind folgende: 92,5x55 mm und 93,5x54,8 mm. — 
95,7x56,(3 und 94,2x56,3. — 85,4x57,6 und 87,8x57,2. — 91.1 X 57,G (Gewicht 
19,75 g) und 90.5x57,1 (18 g). — 96,6x56 und 90x56. — 90,5x56 (16,6) und 
90x54,5(17,75). — 93,4 x 57,5 und 92,4 x 58. — 90,7x58 (15,54) und 90,2x56,4 
(15.19). — 92.6x60,4 (17,5) und 90,1x59,6(17,47). — 88,1x58 (17,2) und 87x57,5 
(18,25). — 92,7x59 (18,85) und 90,1x58,1 (20,05). -- 96.8x59(18,4) und 91.1 x 60,5 
(18,2). Ein weiteres ausnehmend großes Ei mißt 101x62,5 mm, Gewicht 20,'2 g. 
Die 8 isländischen Exemplare meiner Sammlung halten sich in den angegebenen Grenzen. 

Pearson erhielt ein frisches Gelege auch noch am 12. Juli (Ibis 1895, 
p. 246). Die Vögel sind am Brutplatze viel weniger scheu als sonst, sollen 
aucii gegen Ende der Brutzeit das feuchte, schmutzige Nest nur schwer verlassen. 
Sie fliegen dann uugern auf, suchen sich meist durch Schwimmen mit tief- 
eingesenktem Körper oder bei Gefahr durch Tauchen zu verbergen und lassen 
in iliren abgelegenen Gebirgswässern den Menschen fast immer auf 40 — 50 m, 
ja selbst noch näher herankommen. Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd 
mit großer Fürsorglichkeit. Die Brutdauer beträgt nach Faber etwa 30 Tage, 
die Dunenperiode der Jungen ungefähr 45 Tage. Leider konnte ich weder 
selbst solche erhalten, noch in der Literatur eine genaue Beschreibung 
von ihnen finden. Sie leben sehr versteckt und wissen sich äußerst geschickt 
den Blicken der Menschen zu entziehen. Die Alten führen sie bis zum 
Flugbarwerden, worauf gewöhnlich im September die kleine Familie das Nist- 
revier verläßt. Die Vögel kommen nun nach tiefer gelegeneu Gewässern 
und späterhin nach dem Meere, das sie von jetzt an zu ihrem Hauptaufenthalts- 
orte wählen. Viele überwintern daselbst, besonders im eisfreien Süden, 
doch sollen nur ausnahmsweise einige Exemplare im Innern des Landes 
zurückbleiben, wo offenes Wasser ihnen genügende Fischuahrung zu bieten ver- 
mag. Andere, wahrscheinlich mehr die jüngeren Tiere, verlassen die Insel im 
Oktober. Gäste von Grönland und Jan Mayen mögen die Lücken teilweise ausfüllen. 



202 Urinator arcticus. 

4. Urinator arcticus (L.). 

Polarseetaucher. 

Colymbus arcticus Linn.: Faber, Prodromus, S. 60 (1822). — Gröndal, fslenzkt 
fuglatal. bis. 52 (1895) und C)riii,s XI, ]). 457 (1901). -- Urinator arcticus: Kiemschneider, 
Ornith. Monatsschrift XXI, 8.321 (1896) und XXVII, S. 404 (1902) und XXIX, S. 48 
(1901). - Colyinbus arcticus, L.: Slater, Birds of Iceland, p. 135 (1901). 

Colymbus arcticus, L.: «Jollin, Skandinaviens Fugle, S. 727 (1877). — Ogilvie- 
Grant, Uat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 492 (1898). — Gavia arcticu (L.): Naumann, 
Vögel Mitteleuropas XII, S. 132 (1903). 

Isländisch: Nach Riemschneider Himbrimi. Brüsi (partim). 

Urinator arcticus brütet im Norden von Europa und Asien und soll von der 
Parry-Expedition auch auf den Melville-Inseln gesammelt worden sein, wobei es sich 
aber wahrscheinlich um den verwandten nearktischen Urinator jmcificus (Lawr.) ge- 
handelt hat. Soweit die Angaben nicht ebenfalls auf Verwechslungen beruhen, brütet 
unsere Art in Europa ungefähr vom 55. Breitengrade an nordwärts. Sie ist in Rußland 
und Finnland recht häufig, seltner in Schweden, noch vereinzelter in Norwegen. Die 
Britischen Inseln besucht der Vogel nur als seltener Gast. Von den Färöern wird 
bloB ein einziges Vorkommen gemeldet, und von Spitzbergen, der Bären-Insel, Jan 3Iayen 
und Grönland fehlen sichere Angaben über sein Auftreten vollständig. 

Island scheint der Polartaucher ausnahmsweise als Gast zu besuchen, 
wobei es sich um Exemplare handeln dürfte, die über Schottland und die 
Färöer nach unserer Insel verschlagen wurden. Die meisten Keimer der 
Avifauna Islands, insbesondere auch Faber, stellen das Vorkommen der Ali 
durchaus in Abrede. Nur Dr. Riemschneider behauptet (1. c), im Juli 1895 
ein Paar der Vögel am Myvatn l)eim Neste beobachtet und auch später noch 
in Akureyri Eier unsrer Art gesehen zu haben. Da aber die Beschreibung 
der Eier vermuten läßt, daß es sich um solche von U. imher gehandelt hat, 
würde die Aufnahme von U. arctlms in vorstehendem Verzeichnisse unterblieben 
sein, wenn nicht Riemschneider ausdrücklich versicherte, daß dieses ihm unter- 
laufene Versehen bezüglich der Eier nichts an dem Vorkommen des Vogels 
selbst in Island ändere. „Ich habe am Myvatn ein erlegtes Exemplar von 
Urinalor ai-cticas gesehen, ja noch mehr (!), ich habe den Vogel vor meinem 
Gewehr gehabt — leider entkam er schwer krank geschossen — , und ich habe 
die Eier aus dem Nest genommen" (?) (Ornithol. Monatsschrift 1904, S. 48). 

An das Vorkommen des Polartauchers als regelmäßiger isländischer 
Brutvogel kann ich vorläufig nicht glauben. Sein gelegentlicher Besucli der 
Insel aber, von einjährigen, noch nicht fortpflanzungsfähigen Vögeln auch 
während des Sommers, ist mir nicht unwahrscheinlich, und ich nehme an, 
daß es sich in besagtem Falle um ein solches verirrtes Exemplar gehandelt 
hat. Doch weiß ich selbst durch Vorkommnisse, wie leicht man U. imher 
für U. arcticus halten kann, wenn er bei gewisser Beleuchtung auf dem 
Wasser schwimmt. 

5. Urina^tor lumme (Gunn.). 

Nordseetaucher. 

Colymbus rufogularis (I\Ieyer): Faber, Prodromus, S. 59 (1822). — Colymbus 
lumme Brunn.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 421 (1862). — Colymbus 



Urinator lumme. JQ3 

septentrionalis Linn.: Newton, in Haring-üoulds Iceland, p. 421 (186B). — Uröndal, 
islenzkt luglatal, bis. 52 (1895). - Slater, Binis of Iceland, p. 135 (1901). 

Colytnbiis septentrionalis, L.: Coliin, Skandinaviens Fugle, S. 729 (1877). — 
Ogilvie-Cirant, Cat. Birds Brit. Mus. XXVJ, p. 487 (1898). — AVinge, Grönlands Fugle, 
S. 131 (1898). — Gavia lumme (ninn.: Naumann, Vögel Mitteleuropas XU, S. 139 (1903). 

Isländisch: jjöinur (Etymologie unklar, vielleicht vom alten lömr = Betrug), 
nach Sveinn Pälsson auch f>errirkräka (perrir = Dürre, Kräka = Krähe), weil man das 
Geschrei des Vogels besonders bei dürren Zeiten hören soll. 

xAuch deutsch: Lom, Lumme. Dan. & norw. : Lom. Schwed.: Lum, Luma. 
Engl.: Loon. Fär. : Louraur. 

Urinator lumme brütet zirkumpolar im allgemeinen vom 60. Grade an soweit 
nordwärts, als offenes Land sich findet. Im Winter geht er in allen Erdteilen bis 
etwa zum Wendekreise hinab. Er ist die häufigste Art der Gattung und auch in 
Europa weit verbreitet. Er bewohnt hier das nördliche Rußland und Skandinavien, 
eJjenso Nowaja Semlja, Franz- Joseph-Land, Spitzbergen, die Bären-Insel, Jan Mayen 
und Grönland, vereinzelt auch Westschottland, die Hebriden, ürkaden, Shetlands und 
Färöer. 

Iii Island findet sich der Noi'dseetaucher gleiclifalls als verbreiteter 
ßrutvogel iu den meisten Teilen des Landes. Zur Zugzeit trifft mau ihn 
gewöhnlich auf dem Meere oder auf breiten Strömen in der Nähe der Küste. 
Als Brutplatz wählt er dagegen stille Teiche inmitteu von fruchtbaren Hügel- 
landschafteu und Tälern, am liebsten solche, die mit reichlichem Pflanzen- 
wuclise, hohen Gräsern und Schilf umsäumt sind. Iu öden Gebirgspartieu 
begegnet man ihm selten. Gelegentlich streicht er auch zur Brutzeit nach 
benachbarten tischreichen Strömen oder dem Meere. Er ist ein hurtiger 
Flieger, der geradlinig und hoch durch die Luft eilt. 

Nach Faber erscheint unser Seetaucher im Süden Islands in der 
2. Aprilwoche, im Norden Anfang Mai. Ich sah Ende April einzelne der 
Vögel auf dem Meere bei Reykjavik, auch etliche Kilometer abseits vom 
Ufer, später fast nur im Innern des Landes. Sie waren nicht besonders 
scheu, manchmal sogar neugierig dreist. Als ich mich am 21. Mai bei 
Blöuduös in der Nähe einer Kiesbauk niedergebeugt hatte, auf der unter 
zalilreicheu Exemplaren von Palidmi alpuia auch 4 solche von Crt/inophiliis 
jnlimrim umherliefen, tauchte plötzlich etwa 10 m vor mir ein Nordsee- 
taucher auf. Sobald er mich gewahrte, sank er bis au den Hals ins Wasser, 
weil ich aber regungslos in meiner Stellung verharrte, kam er langsam noch 
näher geschwommen, sodaß ich sein verwundertes Mienenspiel beobachten 
konnte. Da mein Interesse den Wassertretern galt, die ich nicht zum Schusse 
bekommen konnte, erhob ich mich endlich, worauf der Vogel blitzschnell 
untersank und erst nach 1 — 2 Minuten weit draußen im Meere wieder sichtbar 
wurde, um sofort von neuem zu verschwinden. 

Nicht selten schwimmen unsere Taucher die Flüsse aufwärts, wobei 
sie starke Strömung mit ziemlicher Leichtigkeit zu überwinden vermögen. 
Ebenso sind sie fähig, heftiger Dünung zu widerstehen. Mitte bis Ende Mai 
begeben sich die dann schon gepaarten Vögel fliegend nach den Brutgewässeru 
im Innern. Wenn möglich benutzen ältere Paare die vorjährige Niststelle 
oder wenigstens einen benachbarten Ort. Zwei Nester, die ich untersuchte, 
befanden sich dicht am Wasser, sodaß der brütende Vogel auf einer kurzen 



104 Ürinatfir liiiii'iie. 

glatten Rinne in dieses gleiten konnte. Die flache Nestnuilde liatte eine 
Größe von etwa 25 cm Durchmesser, war naß und mit faulenden Pflanzen- 
stoften, besonders Schilf und starken Gräsern, belegt. Doch werden bis in 
die letzte Zeit der Bebrütung frische Halme hinzugefügt, worin sich die 
Gattungen Urbmtor und Colyinhus gleichen. Mehrfach benutzte Nester sind 
ziemlich dick. Ab und zu sollen aber jüngere Vögel auch ohne jeden Unter- 
bau in eine flache Vertiefung legen. (Vergl. Krüper in Naumannia 1857, 

11, S. 8). Unter normalen Verhältnissen werden die Eier im Juni gezeitigt. 
Die 5 datierten Gelege meiner Sammlung aus Nordisland sind zwischen dem 

12. und 28. Juni gefunden worden. Doch gibt es in geschützten Gegenden 
auch Ende Mai schon Eier. Krüper z. B. erhielt, noch dazu im Nordlande, 
Gelege am 25. d. M. (1. c). Die Zahl der Eier beträgt 2, eins mehr ist 
seltne Ausnahme, eins weniger kommt bei Nachgelegen vor. 

Einige isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 77,2 x 
44,5 mm (5,8 g) und 76,5x43,8 (5,7). 74,5x45 (H,2) und 74x44,5 (6,2). 67 X 
45,2 (6) und 66,5 X 45,5 (5,7). 77 x 47 (6,9). 72 x 42 (5,4). 69 x 42.8 (6,3). 68 X 
43 (5,2). 

Die Brutzeit beträgt nach Faber 24 — 28 Tage. Männchen und 
Weibchen, die sich ja auch nur durch ihr Benehmen und die Stärke des 
Halses und Kopfes unterscheiden, brüten abwechselnd und sind sehr besorgt 
um die Eier. Selbst wenn man den Vogel schon mehrfach vom Neste auf- 
getrieben hat, verläßt er dieses gegen Ende der Periode erst bei einer 
Annäherung auf 5 — 10 m. Dann gleitet er fast unsichtbar ins Wasser, 
kommt weit abseits wieder zum Vorscheine und schwimmt angstvoll beobachtend 
umher, ohne von neuem zu tauchen. Dabei läßt er ein leise klagendes Wau 
auw hören, dieselben Töne, die verbunden und laut die dämmernde Abend- 
stille als Balzgesang unterbrechen und dem Rufe des Eistauchers ähneln. 
Hierdurch versuchen die Alten, die Blicke des nahenden Feindes vom Neste 
auf sich zu lenken. In die Enge getrieben fliegen die Vögel in die Höhe, 
strecken den Hals weit vor und erscheinen dann recht groß. Tm Fluge 
lassen sie besonders häufig ihre eigentlichen Lockrufe hören: tief und 
knarrend gagagak, einsilbig gak gak oder auch gagagagagauw und ähnlich. 
FJntfernt man sich vom Neste, kehren die Vögel bald wieder dabin zurück. 

Faber fand die ersten Duuenjungen am 22. Juni (l. c). Riem- 
schneider 2 mehrere Tage alte beim Myvatn am 23. d. M. (Ornith. Monats- 
schrift 1896, S. 279). Mir wurde am 29. Juli an einem kleinen Teiche in 
unmittelbarer Nähe dieses Sees ein Nest gezeigt, das noch das eine Ei 
enthielt, während dem andern das Junge bereits entschlüpft war und bei 
dem nicht brütenden Vogel auf dem Wasser schwamm. Ich ließ mir dieses 
Tierchen zum Zwecke seiner Präparatiou von einem Manne, der in das brust- 
tiefe, völlig klare Wasser watete, fangen. Es bewegte sich so schnell unter 
der Oberfläche dahin, daß es kaum eingeholt werden konnte. In die Hand 
genommen ließ es ein feines Piep hören. 

Dieser kaum tagealte Vogel besaß ein (Tewicht von 82 g und eine Gesamtlänge 
von 175 mm. Sein Gefieder zeigt auf der Überseite viel längere und weichere Dunen 



Frutercula arcticii glacialis. IQ^ 

als auf der äußerst dicht besetzten Unterseite. Er hat eine rauchschwärzliche Allgemein- 
färbung ohne irgendwelche Zeichnung. Auf dem Rücken ist er am dunkelsten, etwas 
matter auf dem Oberhalse und dem langflaumigen Oberkopfe. Die übrigen Teile des 
Kopfes, und Halses, sowie der Unterleib, erscheinen mehr aschgrau, der Bauch fast 
weißlichgrau gefärbt. Das Dunengetieder ist viel dichter und weicher als das junger 
Enten. Der Oberschnabel zeigt noch den weißlichen Eizahn und hat selbst eine 
glänzeudschwarze Farbe, die an den Seiten und an dem Unterschnabel etwas in Grau 
übergeht. An der Spitze ist letzterer weißlich, das Innere des Schnabels Üeischfarben- 
grau. Schnabellänge: IS mm, vom Ende der bis an die Nasenlöcher vorspringenden 
Befiederung bis zur Spitze: 7,5. Größte Breite des Oberschnabels, vor den Nasen- 
löchern: 2,8. Höhe des Schnabels bei diesen: 6. Tarsen: 22. Mittelzehe inkl. der 
4 mm langen Kralle: 2(> mm. — Tarsen sowie die unteren Zehen schwarz, das übrige 
der Füße dunkelgraugelb, Mitte der Schwimmhäute weißlichgrau. Iris: dunkelbraun. 
— Im Kröpfe des Vogels befand sich eine 7 cm lange kopflose Forelle, sein Magen 
war mit ungefähr gleichgroßen Fischen vollgestopft. 

Die alten Eistaucher führen ihre Jungen mit größter Sorgfalt bis zu 
deren Flugbarwerden, was Fabers Beobachtungen zufolge etwa 40 Tage 
nach dem Verlassen des Eies eintritt. Vielfach nicht eher als Mitte September 
entfernen sich die Familien fliegend von dem Brutplatze, benutzen die Ströme 
als Zugstraßen, wenn sie nicht vorher diese abwärts geschwommen sind, 
und kommen endlich an das Meer. Ihr Zusammenhalt wird loser, und 
besonders die alten Männchen isolieren sich. Diese überwintern nicht 
selten an oflenen Küsten, ab und zu auch im Innern des Landes. Die 
übrigen Vögel aber fliegen spätestens Ende Oktober nach südlicheren Gegenden, 
wobei sie vorübergehend auf den Vestmannaeyjarn und anderen kleinen Inseln 
Halt machen. 

6. Fratercnla arctica glacialis Steph. 
Papageitaucher. 

Mormon fraterculn (Temm.): Faber, Prodromus, S. 50 (1822). — Mormon 
fratercnla Temm.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 424 (1862). — Fratercula 
arctica (Linn.): Newton, in Bariiig-Goulds Iceland, p. 421 (1863). — Mormon fratercula 
Temm.: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 51 (1895). — Fratercula arctica (Linn.) & 
F. glacialis, Naum.: Slater, Birds of Iceland, p. 132 and 133 (1901). 

Fratercula arctica (L.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 741 (1877). — Ogilvie- 
Grant, Cat. Birds Brit. Mus. XXYL p.6l6 (1898). — Winge, Grönlands Fugle, S. 239 
(1898). — Naumann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 247 (1903). 

Isländisch: Lundi (Etymologie unklar), selten Prestur (= Priester), Pröfastur 
(= Propst), Luiidaprofastur. Die Jungen: Lundakofa (von kofi = Versteck, weil die 
Vögel in Höhlen wohnen). 

Auch deutsch: Lund. Dan. & norw.: Luude. Schwed.: Lunne. Fiun.: Lunni. 
Fär. : Lundi. 

Ob und inwieweit Fratercula arctica arctica (L.) und Fratercula arctica glacialis 
Steph. auseinanderzuhalten sind, mag zunächst unberücksichtigt bleiben. Erstere Form 
wird in der Hauptsache als paläarktische und nearktische, letztere als rein arktische 
aufgefaßt. Das Verbreitungsgebiet von Fratercula arctica überhaupt erstreckt sich auf 
den nordatlantischen Ozean und das angrenzende Eismeer, nordwärts so weit offenes 
Land sich findet, ostwärts bis an die Westküste von Nowaja Semlja und Franz-Joseph- 
Land, westwärts bis zur Nordostküste Amerikas, südwärts bis zu den Normannischen 
Inseln, ja vielleicht sogar bis zu der portugiesischen Küste. Auf allen nordischen Insel- 
gebieten brütet unser Vogel in beträchtlicher Menge, in Norwegen bis zum Christiania- 



106 Fratercula arctica glacialis. 

fjord hinab, auch an vielen Stellen der englischen, irischen und schottischen Küste. 
Im Winter zieht er gelegentlich bis zu den Wendekreisen südwärts. 

In Island gehört der Papageitaucher gleichfalls zu den gemeinen 
Brut vögeln. Wenn er auch durchaus an das Meer gebunden ist, findet 
er sich doch in großen und kleinen Kolonien an ziihlreiehen Stellen der 
Küste und auf vorgelagerten Gestadeinseln, ja er raag neben dem freilich 
nirgends in besonderer Menge auftretenden Cepphus fjrt/Ue die verbreitetste 
Art der sogenannten Felsen vögel darstellen. In bedeutender Zahl wohnt er 
natürlich auch auf den Vestmannaeyjaru und auf Grimsey. 

Es steht fest und läßt sich verschiedenartig erklären, daß unsere Art in höheren 
Breiten, vor allem in den auch landschaftlich arktischen Gebieten, die Neigung besitzt, 
größere Körpermaße anzunehmen, insbesondere einen stärkeren Schnabel und, was wohl 
noch mehr berücksichtigt werden muß, längere Flügel zu entwickeln. Will man, um 
dies anzudeuten, von einer F. a. glacialis reden, mag es berechtigt sein, und nur in 
diesem Sinne habe ich den Namen angewendet. Ich erkenne aber nicht die Möglichkeit, 
nach den heutigen Diagnosen, die sich ausschließlich auf Größenverhältnisse stützen, 
zwei sicher zu trennende Subspezies oder gar Spezies zu unterscheiden. Für noch 
weniger berechtigt sehe ich vollends die Auffassung an, daß F. a. glacialis nur auf 
Spitzbergen und Nordgrönland beschränkt sei. Schalow spricht sich in seinen Vögeln 
der Arktis (S. 122) zwar dahin aus, daß F. glacialis der Vertreter von F. arctica im 
ganzen arktischen Gebiete, wozu er Island nicht mitrechnet, von Nowaja Semlja bis 
Grönland sei, doch halte ich auch diese Begrenzung für zu eng. Meine 2 mitgebrachten 
Grimseyer Bälge besitzen wenigstens größere Schnabelmaße als verschiedene von mir* 
untersuchte alte Vögel von Spitzbergen, z. B. ein Exemplar im Berliner Museum, wie 
ich in der .lanuarsitzung 1904 der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft in Berlin 
gezeigt habe. Ein altes cj von Spitzbergen im Dresdener Museum, gesammelt am 
12. .Juni 1900, zeigt folgende 3Iaße. Schnabelhöhe: 43 mm. Flügel: 178. Schwanz: 
58,5. Tarsen: 29. Mittelzehe inkl. der 13 mm langen Kralle: 51 mm. Die in der 
Literatur angeführten, bei unsern Formen immer zuerst beachteten Schnabelmaße be- 
sitzen freilich nur dann vollkommenen Wert, wenn genau angegeben ist, in welcher 
Weise man die Messung vornahm. So wird z. B. in Naumanns Naturgeschichte der 
Vögel Mitteleuropas XII, S. 250 die Schnabelhöhe für F. arctica mit 47. für glacialis 
mit 49 mm angegeben, während Winge als Höchstmaß für grönländische glacialis des 
Kopenhagener 3Iuseums 42 mm (Nasbets Hejde) anführt, bei gewöhnlichen arctica (aus- 
gewachsenen Exemplaren und scheinbaren Brutvögeln) bis auf 32 mm hinabgeht (Grön- 
lands Fugle, S. 240). Meine Schnabelmaße sind mit dem Zirkel genommen und beziehen 
sich auf die Entfernung vom Beginne der beiderseitigen Firsten des Ober- und ünter- 
schnabcls; mit Bandmaß gemessen vermehren sie sich um c. 3 mm. 

15 Papngcitauclier von (irimsey. P]nde .Juni im Fleische gomessen, ausgefärbte, 
an den Brutplätzen gefangene Vögel, von denen freilich nicht feststeht, wieweit sie 
selbst in Fortpflanzung begriffen waren, zeigten folgende Maße: 

Gesamtlänge: 350 345 365 370 335 355 360 340 385 335 360-350 365 350 360 mm 
Flügellänge: 164 153 165 174 157 163 168 162 165 163 168 165 163 164 172 „ 
Schuabelhöhe: 32 34 37 37 38 40 41 41 42 43 43 44 45 42 42 „ 

Die beiden letztgenannten Exemplare befinden sich in meiner Sammlung, die 
übrigen habe ich unmittelbar hintereinander in gleicher Weise gemessen. Die Angaben 
lassen erkennen, daß eine Übereinstimmung zwischen Schnabelhöhe und sonstigen 
Größenverhältnissen nicht besteht. Doch ist sicher, daß die Schnäbel männlicher 
Individuen eine bedeutendere Größe erreichen als die weiblicher. So erwiesen sich 
meine beiden präparierten Exemplaie als männliche Brutvögel, die beiden zuerst an- 
geführten, die ich wegen ihrer geringen Schuabelhöhe gleichfalls anatomisch unter- 
suchte, als Weibchen mit gering entwickelten Eierstöcken. Lebend beobachtete ich 
viele gepaarte \'ögel bis auf wenige Meter Entfernung. Besonders deutlich sah ich 



Fratercula arctica glacialis. 107 

die erheblichen Schnabelunterschiede der Geschlechter auch bei Tieren, die sich in 
Fußschlingen gefangen hatten. Der angepaarte freie Vogel kam nämlich in vielen 
Fällen zu dem gefesselten geflogen, bemühte sich in rührendster Weise um diesen und 
setzte sich stundenlang dicht neben ihn. 

Der Vergleich obiger Schnabelmaße mit den von Winge für grönländische 
Exemplare angegebenen (1. c ), welche die ausführlichsten sind, die mir zur Verfügung 
stehen, veranlaßt mich, die Papageitaucher Grimseys und zum mindesten auch die der 
übrigen Nordküste Islands zu F. a. glacialis zu ziehen, zumal die Vermutung vorliegt, 
daß die kleinschnäbligen Vögel jüngere, vielleicht noch nicht einmal fortpflanzungs- 
fähige Individuen waren. Newton berichtete auch schon 1864, daß Proctor von Grimsey 
2 Bälge der Art, die später in die Sammlung Tristram kamen, erhalten und für die 
Variation glacialis angesprochen habe (Ibis 1864, p. 182). Allerdings fehlt hierbei die 
Angabe, ob es sich um Brut- oder Wintervögel handelte, doch ist ersteres wahr- 
scheinlich. Inwieweit das südliche Island, das ja in bezug auf die Gattung Uria 
erhebliche Unterschiede gegenüber dem Nordlande zeigt, auch bei Fratercula andere 
als die erwähnten Verhältnisse besitzt, mag noch dahingestellt bleiben. Herr Dr. Jönsson 
auf Heimaey war so freundlich, mir eine Anzahl großschnäbliger Brutvögel von den 
Vestmannaeyjarn zu versorgen und nach Reykjavik zu senden, die leider während 
meiner Abwesenheit daselbst ankamen und verdarben. 2 Köpfe solcher Vögel, die ich 
aufgehoben habe, zeigen 41 und 40 njim Schnabelhöhe. 

Folgende Notizen über die 2 von mir präparierten Exemplare seien noch hinzu- 
gefügt. Gewicht i. FL: c. 750 g. Flugbreite: 580,600 mm. Schwanz: 58,54. Schwanz 
-f Flügel: 20, 25. Tarsen: 32, 33. Mittelzehe mit der 9 bezw. 10 mm langen Kralle: 
47 bezw. 48 mm. — Füße: hochzinnoberrot. Iris: dunkelgrau. Augenlid: hellpurpurn. 
Augenwülste: bleigrau und schwarzgrau. Hautwülste im Schnabelwinkel: lebhaft goldgelb. 

Unter der großen Menge der Vögel sollen sich gelegentlich einzelne weiße, isabell- 
farbige oder mattgraue Exemplare finden. Gröndal berichtet auch von einer drei- 
beinigen Mißgeburt (Ornis 1886, S. 367). 

lu günstigeven Teilen Islands kommen die Papageitaucher im April, 
auf den Yestraannaeyjarn z. B. nach Jönssou zwischen den 5. und 25. d. M., 
im Norden mitunter auch erst Anfang Mai nach ihren Brutplätzen, die 
sie für sich allein auf niedrigen, grasbewachsenen Holmen oder gemeinsam 
mit andern Arten auf mächtigen Vogelbergeu besitzen. Sie bevorzugen solche 
Örtlichkeiten, die mit einer Schicht weichen Erdreichs bedeckt sind, in dem 
sie bequem ihre Nisthöhle anlegen können, doch nehmen sie auch mit stein- 
durclisetztem Boden, ja gelegentlich, z.B. auf Grimsey, mit Felsritzen zur 
Anlage ihrer Wohnung fürlieb. Die Vögel suchen ihre vorjährige oder eine 
freigewordene Bruthöhle auf, reinigen diese von Schnee, hineingefallener 
Erde und Steinen, vertiefen sie mit Schnabel und Nägeln oder graben auch 
eine neue. Selten ist die schräg abwärts führende Eiugangsröhre kürzer als 
1 m. die Höhlung selbst etwa 15—20 cm im Durchmesser, dunkel und vor 
Zugluft geschützt. Zur Zeit der . Bautätigkeit sind die Vögel äußerst lebhaft, 
fliegen ein und aus und zanken und streiten sich fortwährend, besonders 
wenn fremde Eindringlinge die Höhle beunruhigen. Dabei lassen sie eine 
knurrende, nicht weit hörbare Stimme vernehmen, aus der man deutlich den 
Ton der Gereiztheit erkennt. An sonnigen Mittagen und am Abende dagegen 
setzen sich die Vögel vor ihre Höhle oder auf Vorsprünge, putzen das mit 
Erde verunreinigte Gefieder und verdrehen fast eulenartig den Kopf. Andere 
kommen eben erst hungrig von der Arbeit aus ihren Löchern hervor und 
schwirren mit äußerst raschen Flügelschlägen auf das Meer, wobei sie die 



108 Frutoi-cula arctica {j;laciaH.s. 

leuchtendroteu Beine breit auseinander nach liiiiten strockeii. Die gesättigt 
zurückkehrenden Tiere fliegen häufig auch hoch in der Luft, wie ich dies 
am 30. Ajiril bei präciitigem Abendwetter auf einer kleinen Brutinsel unsrer 
Vögel unweit Reykjaviks sah. Dort herrschte ein Leben wie an einem Bienen- 
stocke, und dies ist aus der Nälie zu beobachten doppelt interessant, weil die 
Vögel eine so eigentümliche, komisch wirkende Gestalt besitzen. An manchen 
Stellen haben die l*apageitaucher im Laufe der Zeit den Boden derart unter- 
wühlt, daß man ihn nicht ohne Gefahr betreten kann, ja das Erdreich bricht 
endlich von selbst zusammen und verschüttet die Höhlen. 

Die Nestmulde wird selten mit etwas Gras, Moos oder Tang aus- 
gefüttert. Die Ablage des einen Eies erfolgt kaum vor Mitte Mai, auf 
Grimsey fast immer erst Anfang bis Mitte Juni. ♦ 

Grimseyer Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende 5Iaße: 69x44 mm 
(5,1g). H7x45(5,2). 65,2x45,5(4,5). 64,2x47(5,9). 64x46,2(5,3). 63,5x45 
(4,9). 61,5x44 (5). Ihr Vollgewicht schwankte zwischen 66 und 76 g. Sie haben 
ein diinkelzinnoberrotes Dotter, das wenig durch die helle, wenn auch dicke Schale 
schimmert. In Nachgelegen finden sich nicht selten Zwergeier. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd sehr fest, lassen zornig 
ein rauhes Grrr hören, wenn man ihre Höhle, aufgräbt, und beißen sogar, 
wenn man sie vertreiben will. Fängt man sie vom Neste weg, was auf 
Grimsey in zahlreichen Fällen geschieht, so soll das Ei* doch sehr bald von 
andern, scheinbar nicht selbst zur Fortpflanzung geschrittenen Individuen 
angenommen und später auch das Junge von diesen versorgt werden. Das 
Innere der Bruthöhlen ist oft von zahllosen bläulichen Schmarotzerinsekten 
(DocojihotHR celedoxiis) bevölkert, die wahrscheinlich unsere Vögel sehr quälen 
und mir selbst beim Anfassen und Abbalgen derselben sofort in die Ärmel 
krochen. Die Brutdauer scheint nach übereinstimmenden Berichten etwa 
5 Wochen zu währen. Faber redet freilich in seiner vortrefflichen Arbeit 
über unsern Vogel in Okens Isis 1827, S. 664, auch von 6 Wochen. 

Das langflaumige Dunenjunge, das oberseits dunkel braungrau, unter- 
seits weißlich aussieht, entwickelt sich äußerst langsam, wird aber von beiden 
Eltern reichlich mit kleinen Fischen, Krustaceen und andren Seetiei-chen 
gefüttert. Hierbei lassen die alten Vögel nicht selten ein gezogenes Ho 
oder Ha hören, das im Tonfälle auf- und absteigt. Die Jungen sollen einen 
flötenden Stimmlaut hervorbringen, den ich aber selbst nicht vernahm. Auf 
dem Vogelberge herrscht zu dieser Zeit wieder reges Leben. Geschäftig 
fliegen die Alten zwischen Meer und Brutplatz hin und her. obwohl ein Vogel 
des Paares gewöhnlich in oder bei der Nisthöhle bleibt. Nur wenige Stunden 
um Mitternacht gönnen sich beide Teile Ruhe. Sie kriechen, falls das 
Wetter regnerisch und stürmisch ist, in ihre Höhle, bei milder, ruhiger Luft 
jedoch versammeln sich viele am oberen Rande des Berges oder auf Fels- 
vorsprüngen, vertragen sich jetzt weit besser als zu Anfang der Fortpflanzungs- 
zeit, lassen aber nur selten ihre Stimme hören, am häufigsten noch ein leises 
Schnurren, ausnahmsweise bloß das gedehnte Ha. Dem Menschen gegenüber 
sind derartige Vögel wenig scheu. Auf Grimsey konnte ich mich ungedeckt 



Ceppliiis gryllo grylle. 109 

bis auf etwa 5 m nähern. Dann werden sie unruhig, trippeln uraher und 
schwirren endlich in flachem Bogen nach einem andern Ruheplatze hin. 
Übrigens können die Vögel auch ziemlich gut laufen. 

Die Dunenperiode dauert ebenfalls 5 — 6 Wochen. Das Junge ver- 
läßt die tinstere Bruthöhle kaum eher als Eude August, zumeist aber erst 
im September. Doch kommt es schon vorher bis an den Ausgang der Röhre, 
schaut das Sonnenlicht und macht sich mit der Außenwelt bekannt. Ks 
hat ein ähnliches Federkleid wie die Alten, sein Schnabel ist aber noch 
schmal. Nach einigem Zögern versucht es mit den Artgeuossen das Flattern 
in die Tiefe, kommt meist glücklich ins Meer und erwählt dieses zu seinem 
nunmehrigen Aufenthalte. Ks lernt von andern seinesgleichen das" Aufsuchen 
der Nahrung, wird jedoch von seineu bisherigen Yersorgern nicht eigentlich 
geführt. iMitunter trifft man bis Ende des Jahres junge Vögel in der Nähe 
ihrer Brutplätze, die meisten aber verlassen, gemeinsam mit den alten, im 
Oktober das Land, ziehen hinaus auf den freien Ozean und verbringen daselbst 
den Winter. Auf den Vestmannaeyjarn verschwinden die Vögel zwischen 
dem 20. Oktober und 5. November (Jönsson). Sie scheinen, wenigstens auf 
dem Südlande, sich nicht allzu weit von den Sommerwohusitzen zu entfernen. 
Ob freilich die wenigen Tiere, die man auch während des Winters beim 
Lande sieht, Standvögel, gelegentliche Besucher oder fremde Gäste aus nörd- 
licheren Gegenden sind, ist schwer zu sagen. 

7. Cepplius grylle grylle (L.). 

Gryll-Lumme. 

Uria grylle (Lath.): Faber, Piodroinus, S. 39 (1822). — Uria grylle Briiunich, 
Preyei- (& Zirkel), Reise nach Island, S. 42;j (1862). — Uria grylle (Linn.): Newton, 
in Baring-Goulds Iceland, p. 419 (1863). — Uria grylle L. : Gröndal, Islenzkt fuglatal, 
bis. 51 (1895). — Uria grylle (Linn.): Slater, Birds of Iceland, p. 130 (1901). 

Uria grylle (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 736 (1877). — Ogilvie-Grant, 
Cat. Birds ßrit. Mns. XXVI, p. 580 (1898). — Cepphns grylle (L.): Winge, Grenlands 
Fugle, S. 214 (1898). - Naumann, Vögel Mitteleuropas x'll, S. 234 (1903). 

Isländisch: Teista (Etymologie unklar, nach Faber von der Stimme des Vogels 
abgeleitet), alte Form peista, peisti. Die Jungen heißen Kofa (kofi = Versteck, weil 
die Vögel tief in Felsritzen erbrütet werden), genauer Teistukofa, auch Peturskofa 
(vielleicht, wie Olafsen vermutet, weil sich die Vögel nach St. Peterstag, d. i. der 
22. Fe!)ruar, wieder dem Lande nähern). 

Auch deutsch, dän. & norw.: Teiste. Schwed.: Teiste, Teste. Fär. : Teisti. 
Engl.: Tystic. 

Bei der großen Ähnlichkeit und der geographischen Trennung kann ich Cepplms 
grylle grylle (L.) und Cepphus grylle. mandtii (Licht.) nur als subspezifisch geschieden 
ansehen. C. g. grylle brütet von Neufundland nordwärts bis Labrador, ferner in Grön- 
land. Island, auf den Färöern, in Schottland, Irland und Dänemark, sowie an den 
norwegischen Küsten östlich bis zum Weißen Meere. In der arktischen Region brütet 
C. g. mandtii von Spitzbergen ostwärts auf den meisten asiatischen Inselgruppen, im 
Gebiete des Nordpacifik die weit mehr verschiedene Spezies Cepphus columba Pall. 

In Island ist die Gryll-Lumme an allen Küsten verbreiteter und 
häufiger Brutvogel. Sie lebt auf den meisten Gestadeinseln, geht aber 
auch tief in die Fjorde hinein. Gewöhnlich brüten die Vögel in kleinen 



110 Cepphus f^rylle grylle. 

Kolonien von etwa 4 — 10, seltner bis 20 Paaren, mitunter triflft man sogar 
einzelne Paare für sich allein. Zwar liebt unsere Art die Nähe anderer 
Scevögcl, docli iiält sie sich meist abseits von den dichtbesetzten Teilen der 
Vogelberge und bewohnt auch auf Grimsey und den Vestniannaeyjarn die 
stilleren Gegenden. Niedrige Klippen und Felstrünimer am Meeresstrande 
genügen ihr als Wohnstätte, an hölicrcn Bergen wühlt sie zumeist auch 
die unteren Partien. 

Etwa 10 isländische Brutcxemplare, die ich im Fleische untersuchte, mußte ich 
als typische Cepphtis grylle grylle ansprechen. Ob im Winter gelegentlich auch 
C. g. mandtii, der z. B. auf Spitzbergen Zugvogel sein suil, bei Island vorkonuiit, ist bis 
jetzt unermittelt. 

Einige Soiidorangaben über 3 in meiner Sammlung befindliche .Brutvögel mögen 
folgen. 1. und 2.: cj^ad.. Grimsey, 27. Juni 1903. Gewicht i. Fl.: c. 500 g. 
Gesamtlänge i. Fl.: 320, 340 mm. Flügel: 1.51, 154. Flugbreite: c. 510. Schwanz: 
50, 52. Schwanz -(- Flügel: 20. Schnabellänge: 29, 28. Schnabelhöhe am Grunde: 
10,5. Tarsen: 29,30,5. Mittelzeho inkl. Kralle (9,10): c. 41, 43. Iris: schwarzbraim. 
Schnabel: durchaus schwarz, innen samt Gaumen und Zunge: kirschrot. Füße: lebhaft 
hellkarminrot. Fett unter der Haut: matt zinnoberrot. Magenwand: hellgrün. — 
3. Saudarkrökr, Mai 1902. Flügel: 151. Schnabel: 31. Tarsen: 31. Mittelzehe 
inkl. Kralle (10): c. 45. 

Dagegen zeigt ein altes (5 von C. g. mandtii aus Spitzbergen, gesammelt am 
12. .Juni 1900, jetzt im Dresdener Museum befindlich, folgende Maße. Flügel: 155 mm. 
Schnabellänge: 29. Seliiiabelhühe: 9. Tarsen: 34. Mittelzehe inkl. der 10 mm langen 
Kralle: 42 mm. 

. Im Süden Islands nähern sich die Gryll-Lummeu mitunter schon Ende 
Februar, in der Regel aber erst von Mitte März an, den Brutgegenden. 
Für die Vestmannaeyjar gilt als Ankunftstermin die Zeit vom 15. bis 25. d. M. 
(Jönsson). Die Vögel sind dann oft schon in Sommertracht. Im Nordlande, 
wo das Meer nicht selten noch mit Treibeis bedeckt ist, erscheinen die Tiere 
auch nur wenig später. Sie schwimmen scheinbar nicht ungern zwischen 
den Schollen dahin, tauchen tief unter diesen hinweg oder klettern flatternd 
hinauf, wenn sie sich sonnen wollen. Ich konnte dies noch in der zweiten 
Hälfte des Mai häufig beobachten, zumal die Vögel wenig scheu sind, mitunter 
sogar lialbestuiidenlang furchtlos das stillstehende Schiff umschwimmen. Mit 
dem Aufsuchen des Brutplatzes warten indes die Paare solange, bis der 
Schnee aus Felsspalten und Höhleu verschwunden ist, was selten vor Ende 
April oder Anfang Mai geschieht. Von da an fliegen sie häufig zwischen 
dem felsigen üfer, das ihre Niststätte bergen soll, und dem Meere hin und 
her. Sie benehmen sich dabei lebhafter, als ihre größeren Verwandten. Der 
Flug ist freilich auch geradeaus gehend, fördert aber rasch und wird mit 
äußerst schnellen, fast schwirrenden Flügclbewegungen ausgeführt. An geeig- 
neten Örtlichkeiten kann man häufig auch den. zutraulichen Vögeln beim 
Schwimmen unter Wasser zusehen, wobei sie ein wenig die Flügel öö'nen, 
den Kopf nach vorn oder unten richten und lebhaft mit den roten Beinen 
rudern. Oft deuten aufsteigende Luftblasen die Stelle an, wo sich der 
Vogel befindet. Für gewöhnlich tauchen die Tiere imr "/^ — 1 Minute, kommen 
dann ^2 Minute an die Oberfläche, um von neuem zu verschwinden. Ich 



Cepphus grylle grylle. Hl 

beobachtete dies vielfach mit der Uhr in der Hand. Treiben sich die Paare 
auf dem Wasser oder ruhen kleine Scharen auf Felsbrocken eng beisammen, 
so unterhalten sie sich mit hohen Stimmlauten, die meist ziemlich sanft, 
etwa wie piep klingen, manchmal aber auch hastig hintereinander hervor- 
gebracht werden, soduß man deutlich ein scharfes S durchhört. Dabei strecken 
die Vögel den Hals nach vorn und öifnen den Schnabel. Dieser ßuf, der 
mitunter tatsächlich an das Locken des AVasserpiepers erinnert, liegt höchst 
wahrscheinlich dem weitverbreiteten Namen unsrer Art, Teiste, zu Grunde. 
Die Nestmulde findet sich in den zerklüfteten Felswänden oder in 
Zwischenräumen von Steintrümmern am Meere, meist wohlgeschützt und 
oft über 1 m tief. Der Eingang ist jedoch selten steil abwärts gerichtet, 
obwohl ich dies dicht beim l'farrhofe in Grimsey auch sah, gewöhnlich so 
schmal, daß man den Arm nicht hineinstecken kann. Doch erblickt man 
mitunter die Eier in der dunkeln Höhle schon von außen. Ein eigentliches 
Nest bauen die Vögel nicht. Oft legen sie ihre Eier auf klares, zerbröckeltes 
Gestein, manchmal findet man aber auch Erde, etwas Moos oder Gras in 
der Mulde. Die Ablage der Eier scheint selten vor Juni zu erfolgen, auf 
Grimsey gewöhnlich erst in der zweiten Hälfte dieses Monats. Freilich sammelt 
man die Eier nur gelegentlich, w'eil ihr Suchen zu viel Mühe bereitet, sodaß 
wenig genaue Daten vorliegen. 

Einige von mir selbst präparierte (.Trimseyer Gelege zeigen folgende Maße: 
58,2 X 37,5 mm (3,8 g) und 59 x 37,8 (3,8). 5ti,6 x 39,2 (3,9) und 57,8 X 39 (3,85). 
56,5 X 39 (3,fi) und 60,2 x 39 (4,05). 56,5 x 39 (4) und 57,2 x 39,5 (4,2). 55,5 x 38 
(3,3). 53,5 X 35,2 (voll 35, leer 3.5 g) und 57,5 x 38 (voll 45, leer 4,3 g). — Frische 
Eier wiegen voll etwa 40 — 48 g. Jhr Dotter ist lebhaft zinnoberrot. 

Die Zahl der Eier beträgt fast immer 2. in Nachgelegeu häufig nur 1. 
3 Stück bilden eine Ausnahme, rühren vielleicht auch von verschiedenen 
Weibchen her. Mitunter finden sich so großgefleckte Eier, daß sie an kleine 
Exemplare von Alca tonla erinnern. Beide Vögel haben einen Doppelbrutfleck 
am Bauche und sitzen abwechselnd auf dem Gelege. Anfänglich verlassen 
sie dieses jedoch regelmäßig täglich mehrere Stunden, was vielleicht der 
Grund ist, daß so häufig nur ein Junges zur Entwicklung gelangt. Späterhin 
brüten sie allerdings fester. Des Nachts wurden in verschiedenen Fällen, 
die mir zur Beobachtung kamen, Mäimchen auf dem Neste gefangen, am 
Tage Weibchen, wie ich durch anatomische Untersuchung feststellte. Den 
Magen solcher Tiere fand ich immer leer. Die Brutdauer scheint nach 
übereinstimmenden Berichten etwa 3^/, Woche zu währen. 

Die grauflaumigen Jungen findet man also gewöhnlich nicht vor Ende 
Juni, Anfang Juli. Die Alten bringen ihnen, wie ich öfters beobachtete, 
reichlich kleine Fische. Wahrscheinlich verursacht der Transport der winzigen 
Krustaceen, von denen die Vögel sonst vielfach leben, Schwierigkeiten. Zu 
dieser Zeit herrscht an den Brutplätzen der Gryll-Lummen geschäftiges 
Treiben, doch verhalten sich die Alten ziemlich still, huschen heimlich in 
die Felsspalten und verlassen diese ebenso unauffällig wieder, um dem Meere 
zuzufliegen. Das bräunliche Jugendkleid wird von den Jungen innerhalb 



112 Uria troile troile. 

eines Monats angelegt. Halbbefiedert aber kriechen die Tierchen schon aus 
der Nisthöhle hervor, ja sollen sich mitunter sogar freiwillig auf das Meer 
begeben, falls sie bequem dahin gelangen können. Dauernd verlassen sie 
die Bruttstätte erst nach vollendeter Befiederung, etwa Mitte August. Die 
Alten führen die ängstliclien Tierchen noch kurze Zeit und lehren sie das 
Tauchen und Nahrnngsuchen. Doch sieht man die Jungen anfänglich ganz 
selten fliegen. 

Bald darauf beginnt bei den alten Vögeln die Herbstmauser. Sie ent- 
fernen sich dann vom Ufer und suchen das offene Meer auf, scheinen indes 
nicht allzuweit fortzuwandern. Auf den Vestmannaeyjarn gilt als Haupt- 
abzugstermiu die Zeit vom 20. bis 31. August (Jönsson). Während der 
Herbst- und Wiutermouate soll man nur selten alte Vögel in der Nähe 
des Landes erblicken, am häufigsten noch bei heftigen Stürmen und vielem 
Treibeise. Die Jungen hingegen verbleiben in der Mehrzahl bei ihren Brut- 
orten und werden besonders im Südlande den ganzen Winter über gesehen. 

8 a. Uria troile troile (L). 
Dünnschnäblige Lumme. 

Uria troile (Unn.): Faber, Prodromus, 8.42(1822). — Uria troile Lath.: Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 423 (18fi2). — Uria troile (h'mn.): Newton, in Earing- 
Ooulds Iceland, p. 420 (1863). — Gröudal, Islenzkt fuglutal, bis. 51 (1895). — Slater, 
Birds of Iceland, p. 127 (1001). 

Uria troile (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 732 (1877). — Ogilvie-Grant, 
€at. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 573 (1898). — Winge, Granlands Fugle, S. 221 (1898). — 
Uria lomvia L.: Naumann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 217 (1903). 

Isländisch: Langnel'ja (langr = lang. nefja = Schnabel), meist zusammengezogen 
in Langvia, auch Längvia. Kollektivname für diese und verwandte Arten: Svartfugl 
(= Schwarzvogel). 

Deutsch gleichfalls: Lombe, Lomme, Langschnabel-Lnmme (die 2. Hälfte des 
Namens scheint dasselbe zu bedeuten wie die isländische Bezeichnung. Gegensatz zu 
Alca torcla). Dan.: Langnaebet Lomvie. Norw. : Lomvie, Langvia. Schwed. : Lomvia. 
Gäl.: Langaidh. Fär. : Lomvia. 

Uria troile troile ist von vielen Reisenden mit den verwandten Spezies ver- 
wechselt worden, sodaß ihre Verbreitung nicht mit völliger Sicherheit angegeben 
werden kann. Sie scheint nur das Gebiet des nordatlantischen Ozeans im weiteren 
Sinne und einige benachbarte Teile des Eismeers zu bewohnen; in die eigentliche 
arktische Region dringt sie indes nicht vor. An den pazifischen Küsten, wenigstens 
im Westen Nordamerikas, wird sie von der Subspezies U. t. californica (Bryant) ver- 
treten. Im Herbste trifft man sie südwärts bis zu den Vereinigten Staaten von Nord- 
amerika, den Kanarischen Inseln, Gibraltar und Italien. In Europa brütet sie an ver- 
schiedenen Stellen der schwedischen Küste, in Menge au den Gestaden Norwegens, 
nordwärts bis zu der Bären-Insel, ferner in geringer Zahl auf Helgoland, an einigen 
Punkten der französischen und sogar portugiesischen Küste, zahlreicher auf den Britischen 
Inseln, in Menge auf St. Kilda und den übrigen Hebriden, den Orkaden, Shetlands- 
Inseln und Färöern. In Grönland dagegen wird unsere Art durchaus nicht häufig und 
auch nur im südlichen Teile, nach Seebohm bis etwa zum 64. Grad nordwärts, ge- 
funden. In Labrador soll sie wieder zahlreicher brüten. 

In Island gehört die dünnschnäblige Lumme zu den gemeinen Brut- 
vögeln. Besonders im Süden der Insel findet sie sich in l)cdeutender 



Uria troile troile. 113 

Menge, wohingegen sie im Norden auffällig hinter Uria lomvia an Zahl 
zurücktritt. An verschiedeueu Stellen der Küste trifft naan Vögel unsrer 
Art in kleinereu und dann gewöhnlich von Menschen wenig belästigten 
Kolonien; die Hauptmasse aber brütet an den hoch und steil aus dem Meere 
ragenden Vogelbergen, von denen die wichtigsten schon im I. Teile der 
Arbeit genannt wurden. Auf Grimsey, wo sie die unteren Partien der 
Felsen bewohnt, und soweit meine Beobachtungen beim Vorüberfahren reichten 
auch in der Gegend vom Cap Nord wird Uria trolle, nur in geringer Zahl 
angetroffen. Am Lätrabjarg soll sie bereits in gleicher Menge wie die dick- 
schnäblige Verwandte brüten, weiter südwärts an Zahl vorherrschen und auf 
den Vestmauuaeyjarn die bei weitem häufigste Lummenart sein. Diese 
Verschiedenheit in der Verbreitung von Uria troile und lomvia ist eins der 
auffälligsten Beispiele, wie der Norden Islands nicht bloß rein geographisch 
der arktischen Region weit näher steht wie der Süden, die Insel also fauuistisch 
keineswegs ein einheitliches Gebiet darstellt. 

Isländische Vögel scheinen völlig mit andern nordatlantischen Exemplaren überein- 
zustimmen. Folgende Bemerkungen über ein am 7. Juli 1903 von mir auf Grimsey 
gesammeltes $ ad., sicherer Bi-utvogel (Brutfleck), seien hinzugefügt. Gewicht i. Fl. : 
c. 1100 g. Gesamtlänge i. FL: 470 mm. Flugbreite: c. 710. Flügel: 200. Schwanz: 
68. Schwanz -|- Flügel: 20. Schnabelläuge: 49,5. Schnabelhöhe am Grunde: 15. 
Tarsen: 46. Mittelzehe inkl. der 14 mm langen Kralle: 56,5 mm. -Iris: dunkelgrau- 
braun. Schnabel: einfarbig hornschwarz, innen samt Mundwinkeln gelb. Füße: dunkel- 
graubraun, nach hinten und Schwimmhäute schwarz (kein gelblicher oder grünlicher 
Streifen). Nägel: hornschwarz. — Das Kleingefieder des Rückens und Bauches beginnt 
bereits wieder zu mausern. 

Ich konnte Uria troile zwar an verschiedeueu Stellen der Süd- und 
Westküste Islands beobachten, jedoch nur vorübergehend. Auf Grimsey ist 
die Art wieder ziemlich selten und brütet hauptsächlich in den tiefer gelegenen 
Teilen der Felsen, die für mich unzugänglich waren. Unter weit mehr als 
hundert während meines Besuchs auf dieser Insel gefangenen Lummen war 
kein Exemplar unsrer Art, und ich erhielt zuletzt nur durch besondere 
Versprechungen das obenbeschriebene Weibchen. Doch sah ich die Vögel 
mehrfach lebendig, xluch wurde mir in Übereinstimmung mit meinen eignen 
Beobachtungen von allen Vogelfängern versichert, daß sich die beiden Lummen- 
arten wohl gern von einander absondern, in ihrer Lebensweise, Stimme usw. aber 
völlig gleichen. Ich gebe deshalb einige biologische Mitteilungen nur bei der 
Besprechung dermii* besser bekannten Uria lomvia und fasse mich hier ganz kurz. 

Auf den Vestmauuaeyjarn kommen unsre Vögel bereits zwischen dem 
20. und 30. Januar nach dem Lande (Jönsson), erhalten aber das fertige 
Sommerkleid nicht vor Mitte März. Bezüglich der Stimme behauptet Faber, 
unsre Art bringe ihr Örr gedehnter hervor als die dickschnäblige Verwandte. 
Ich konnte bei mehrfachem aufmerksamen Vergleichen keinen feststehenden 
Unterschied finden. Die Ablage des einen Eies erfolgt auch im Süden 
Islands selten vor Mitte, gewöhnlich erst Ende Mai oder sogar Anfang Juni. 

Merkwürdig ist, daß man von vielen erfahrenen Vogelfängern übereinstimmend 
die Behauptung hört, die Eier von Uria troile, var. rhingvia und U. lomvia ließen 
Hantzsch, Vogelwelt Islands. ° 



114 ^ria troile troile var. rhingvia. 

sich in den meisten Fällen unterscheiden. U. troile soll fein punktierte oder mit wenigen 
Linien besetzte Eier haben, die sich bei der Abart rhingvia zu engstehenden Schnörkeln 
und Schriftzeichen verdichten, während U. lornvia-Eler angeblich gröbere Punkte und 
Flecken aufweisen. Diese hauptsächlichsten Kennzeichen sind auf Grimsey allen Vogel- 
fängern geläufig, und tatsächlich sah ich daselbst auch unter Hunderten von Lummen- 
eiern zumeist grobgefleckte und stark punktierte. Trotzdem wage ich nicht, die Richtigkeit 
der Kennzeichen zu bestätigen. Konsul J. V. Havsteen in Oddeyri und andre, die 
Handel mit Vogeleiern treiben, behaupten allerdings, ihrer Sache ganz sicher zu sein 
und bestimmen alle Lummeneier selb.st, was gar nicht anders möglich ist, wenn man 
die Art des Sammeins an den Vogelbergen bedenkt. Der Käufer, dem viel an völlig 
zuverlässiger Bestimmung liegt, darf deshalb nicht Exemplare aus Island beziehen, 
sondern aus (iegenden, wo nur eine der beiden Lummenarten vorkommt. Da ich selbst 
unter weit über liundert Uria- Eiern kein einziges mir völlig authentisches Exemplar 
von Uria troile troile besitze, verweise ich mit 3Iaß- und <Tewicht.sangabcn auf die 
folgende Art. 

Zwischeu dem 20. und 31. August verschwinden die meisten Lummen 
von den Vestmannaeyjarn (Jönsson). Viele aber, angeblich besonders die 
jüngeren Vögel, überwintern auch daselbst. Doch ist nicht ausgeschlossen, 
daß es sich hierbei mehr um l.^ria lornvia handelt. 

81i. Uria troile troile (L.j var. rhingvia (Brünn.j. 
Ringellumme. 

Tar. extraord. Uria troile lencophtalmos : Faber, Prodromus, S. 42 (1822). — Uria 
ringvia Brunn.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island. S. 424 (1862). — Uria leuco- 
phthaJmus F aber: Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 420 (186.3). — Uria ringvia 
Brunn.: üröndal, fslenzkt fuglatal, bis. öl ri89.5). — Uria troile (Linn.): Slater, Birds 
of Iceland, p. 128 (1901). 

Uria troile (L.). CoUin, Skandinaviens Fugle. S. 732 C1877). ^ Uria troile var. 
rhingvia (Brunn.): Ügilvie-Grant, Cat. Birds Brit. 31us. XXVI, p. 57.5 (1898). — Uria 
troile (L.): Winge, Grönlands Fugle, S. 221 (1898). — Uria rhingvia Brunn.: Naumann, 
Vögel 3Iitteleuropa8 XII, S. 223 (1903). 

Isländisch: Hringlangnefja (=r Ringlangschnabel), meist zusammengezogen in 
Hringvia, Hringvia. 

Auch dän. & norw. : Ringelöiet Lomvie. Engl.: Ringed Guillemot. 

Diese Abart von Uria troile scheint ganz dieselbe Verbreitung wie die gewöhn- 
liche Form zu besitzen, weshalb ich sie nicht als Subspezies auffassen kann. Sie findet 
sich nach Hartert (Naumann XII, S. 224) nicht nur bei der atlantischen U. tr. trmle, 
sondern auch bei der pazifischen U. tr. californica. Daß jedoch von U. lomvia gleich- 
falls eine weißgestreifte Abart existieren sollte, wie Winge vermutet (1. c, p. 221, 
8. auch Zoologist XX, p. 230. 1896), ist zunächst unbegründet. Einzelne Fälle könnten 
durch ausnahmsweise Bastardierung entstanden sein. 

Es bt nicht besonders auffällig, daß sich die gleicbgeiärbten Ringellummen in 
den meisten Fällen zusammenhalten, ebensowenig, daß sich der weiße Augenring und 
Schläfenstreif in derselben Weise vererben, falls nicht eine Paarung zwischen der 
typischen Form und der Abart stattfindet, was nicht selten der Fall ist. 31öglicher- 
weise kann sogar Fabers Vermutung (Okens Isis 1824, S. 979) sich bestätigen, daß 
gelegentlich Paare von Uria troile ein Junges mit Augenring erzeugen oder umgekehrt. 
Man müßte dann an Rückschläge in der Vererbung denken. 

Ob die Ringellumme wirklich ein wenig größer ist als U. troile, könnte an Fang- 
plätzen der Vögel nicht unschwer festgestellt werden. Von den Eiern wird gleiches 
behauptet, auch sollen diese ja die charakteristischen Schlangenlinien besitzen. Ich 
habe nach Umfrage bei scheinbar glaubhaften Vogelfängern keinen Grund, diese Angaben 



Uria loinvia lonivia. 2^5 

als völlig erfunden zu bezeichnen, und ich vermute, daß U. rhlngvia eine jüngere 
kräftigere Umbildung des Typus darstellt. 

Der Prozentsatz der vorhandenen Ringellummen ist wechselnd, mag jedoch in. 
den günstigsten Gebieten Islands kaum mehr als ein Zehntel der Gesamtmenge von U.troile 
darstellen. Auf Grimsey konnte ich kein Exemplar erhalten, sah aber einige lebend. 

2 Eier, die mir Herr Pastor Matthias Eggertsson daselbst als von seinem Vogel- 
fänger besonders aus dem Neste genommene Exemplare unsrer Abart überließ, zeigen 
außer kleinen Flecken zahlreiche Haarzüge. Sie messen 78x50 und 82x50,.ö mm. 
Ihr Gewicht betrug voll 107 und 112, leer 12 und 13,1 g. Biologisch untersciieidet 
sich die Ringellumme nicht von der gewöhnlichen Form. 

Bemerkung: Krüper erwähnt, daß nach Mitteilung des Grimseyer Pastors Jon 
Jönsson am 13. Juli 1848 eine sehr auffällige Aberration von U. troile daselbst gefangen 
wurde, die in ihrer Befiederung der gewöhnlichen Form ähnelte, sich jedoch durch 
gelbrote Färbung des Schnabels und der Füße, das Junge des Vogels sogar durch 
weiße Füße, auszeichnete. (Naumannia 1857, S. 4B7.) Ob derartige Abnormitäten wieder- 
holt beobachtet wurden, ist nicht angedeutet. 

9. Uria lomvia lomvia (L.)- 

Dickschiiäblige Lumme. 

Uria Brünniehii (Sabine): Faber, Prodromus, S. 41 (1822). — Uria Brümiichi 
Sabine: Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 424 (1862). — Uria brtiennichi Sabine : 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 420 (186H). — Uria Brünniehii üahine: (yv<5üda,\, 
islenzkt fuglatal, bis. 51 (1895). — Uria hruennichi (E. Sabine): Slater, Birds of Iceland, 
p. 12H (1901). 

Uria Brünniehii, Sabine: CoUin. Skandinaviens Fugle, S. 734 (1877). — Uria loiuvia 
(Pallas): Ügilvie-Grant, Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 577 (1898). — Uria arra (Pall.): 
Winge, Grenlands Fugle, S. 222 (1898). — Uria Brünnichi Sab.: Naumann, Vögel 
Mitteleuropas XII, S. 227 (1903). 

Isländisch: Stuttnetja (= Kurzschnabel), selten Xefskera (= Schnabelscherer); 
Svartfugl (part.). 

Auch dän.: Xortnjebet Lomvie. 

Uria lomvia loynvia bewohnt im allgemeinen die arktischen Inselküsten nördlich 
vom Atlantischen Ozean, während sie nördlich vom Pazifischen Meere von U. l. arra 
(Pall.) vertreten wird. Die Grenzen beider Formen gegeneinander sind noch ungenügend 
bekannt. Sicher brütet U. l. lomvia, zumeist in bedeutender Individuenzahl, auf den 
Inselgruppen Nordasiens, ferner auf Nowaja Semlja, Franz- Joseph-Land, Spitzbergen, 
der Bären-Insel, Jan Mayen, Mevenklint, Grönland und in den benachbarten Gebieten 
des arktischen Nordamerikas, jedoch nicht in Skandinavien, auf den Färöern usw. Im 
Spätjahre besucht sie mehr oder weniger regelmäßig die Küsten des Nordatlantischen 
Ozeans, wandert aber in viel geringerem Maße als U. troile und ist selbst für die Färöer 
nur seltner Gast. 

Die Verbreituug der dickHcbuäbligen Lumme iu Isbmd ist schon bei 
der vorigen Art besprochen worden. Im Süden der Insel ist sie selten. 
In ungeheurer Menge bewohnt sie aber die Gegend bei Cap Nord, in beträcht- 
licljer Zahl aucli Grimsey. Doch teilt sie beide Örtlichkeiten noch mit 
U. tro'di'. Sie überläßt dieser Art besonders die unteren Partien der Felsen. 
Auf der von Grimsey etwa 40 Sm. nordwärts gelegenen, nur ab und zu von 
Fischern bes'tiegeuen Klippe Mevenklint wurde nach den mir von Jon Antonsson 
aus Hjalteyri gemachten Angaben unter der gewaltigen Menge der Lummea 
unsere Art allein beobachtet. 



116 Uria loriivia loinvia. 

Isländische Exemplare von U. lomvia stimmen durchaus mit Vögeln der benach- 
barten Ciebiete überein. Auch untereinander variieren gleichaltrige Tiere wenig, wie 
ich mich bei zahlreichen toten Exemplaren überzeugte. Von U. trolle unterscheiden 
sie sich natürlich auch im Leben ohne weiteres. Von Bastarden beider Arten wußten 
die Vogelfänger nichts. Einige Bemerkungen über 2 von mir auf Grimsey präparierte 
Exemplare meiner Sammlung, (5 und ? ai'-^ Hrutvögel (Brutfleck) vom 2. und 6. Juli 1903, 
seien hinzugefügt. Gewicht i. EL: c. 1100 und 1200 g. Gesamtlänge: 440, 410 mm. 
Elugbreite: 730, 740. Flügel: 210, 212. Schwanz -)- Flügel : ',, 10. Schnabellänge: 
35, 36. Vom Schnabelwinkel bis zur Spitze: 59, 58. Schnabelhtihe (am Grunde): 
16, 15. Tarsen: 39, 38,5. 31ittelzehe inkl. der 12 mm langen Kralle: 57, 56 mm. — 
Schnabelfärbung: schwarz, äußerste Spitze blaß horniarben. Oberschnabel an den 
Schneiden: leuchtend bleigrau. (Man erblickt dieses sicherste Kennzeichen der Art 
auf große Entfernung. Unter Hunderten von genau besichtigten toten und lebenden 
Vögeln fand ich die Schneiden niemals gelblich, welche Färbung wohl bloß bei alten 
Bälgen hervortritt.) Schnabelwinkel, Zunge und Gaumen : lebhaft zitronengelb (geschlossen 
ist nichts davon bemerkbar). Füße: gelblichbraun (nicht gelb), Hinteiseite der Tarsen, 
sowie (ielcnke und Schwimmhäute schwärzlich. Iris: dunkelbraun. 

Eude März oder Anfang April nähern sich die im Winter fortgezogenen 
JiUmmen ihren Brutgebieten auf Grimsey. Freilich bewolinen sie auch 
dann noch das Meer und besuchen das Land nur gelegentlich. In langen 
Streifen, die oft viele hundert, ja tausend Vögel zählen, liegen sie auf dem 
Wasser und führen in solchen Ketten eine . ziemlich übereinstimmende 
Lebensweise. Gemeinsam tauchen sie unter, um Nahrung zu suchen, und 
gemeinsam ruhen sie auch. Ab und zu kommen neue Scharen geflogen, 
andere entfernen sich. Das Auffliegen vom Meere bereitet den Vögeln 
ziemliche Schwierigkeit. Noch schwimmend beginnen sie bereits die Flügel 
zu bewegen, flattern dann, das Wasser mit den Schwingen schlagend und 
mit den Füßen schleifend, ein großes Stück darauf hin, bis sie sich endlich 
nicht allzu hoch in die Luft erheben. In einer einfaclien Reihe ordnen sie 
sich genau hintereinander und streichen nun geradeaus sehr rasch davon, 
wobei sie äußerst schnell, fast schwirrend, ihre Flügel bewegen. Niemals 
beobachtete ich die Vögel in Haufen fliegen oder in gedrängten Scharen 
auf dem Meere schwimmen. 

Von Fnde April an sieht man die Lummen dauernd an den Vogel- 
bergen sitzen. Sie paaren sich, ohne jedoch dem Anscheine nach besonders 
fest zusammenzuhalten. Viele Individuen, vor allem wohl die jüngeren, 
kommen nicht zur Brut, doch sind die Angaben zweifelhaft, daß einjährige 
Vögel überhaupt nicht fortpflanzungsfähig sein sollten. Oft bemerkt man 
auf einem abgegrenzten Teile des Vogelberges weit mehr Individuen, als 
nach der Zahl der Eier gepaarte Vögel vorhanden sind. Als ich Mitte Juli 
Grimsey verließ, sah ich zwischen der Insel und Island, also über 20 km 
von jedem Lande entfernt, noch zahlreiche Lummen, die ich in der Haupt- 
sache gleichfalls nicht für Brutvögcl halten konnte. 

Ein eigentliches Nest bauen unsere Vögel nicht, doch mögen sie nur 
selten ihr Ei auf den nackten Stein legen. Ich habe diesen Fall nie beob- 
achtet. Die wagerechten, wenn auch schmalen Felsnischen und Vorsprünge 
der Vogelberge, auf denen die Lummen in langen Reihen brüten, sind überall 
mehr oder weniger dick mit einer weichen, bindenden Erde bedeckt, welche 



Üria lonivia lotnvia. 217 

besonders aus den rötlichen Exkrementen der Vögel entsteht, von denen zur 
Brutzeit die Felsen überzogen werden. In diese Schicht scharren die Lummen 
selbst eine kleine Vertiefung, die das Ei vor dem Herunterrollen schützt. 
Ich beobachtete eine derartige Tätigkeit mehrfach, sah auch bei frisch- 
gefangenen Vögeln die Wirkung des Scharrens an den kräftigen Nägeln. 
Auf Gri'msey wuchert in dem fruclitbaren Erdreich vielerorts üppig das 
grönländische Löffelkraut (Cochleavia yroculandiva), das mit seineu weißen 
Blüten und seinem frischen Grün die sonst so kahlen Berge freundlich 
schmückt. Zwar werden die besten Brutplätze meist von Eissturmvögeln und 
Dreizehenmöven in Besitz genommen, doch ist auch die Niststätte mancher 
Lummen recht wohlgeschützt und beliaglich. Vielen anderen drohen freilich 
fortwährende Gefahren durch heftige Stürme und herabrollende Steine. Die 
Menge unsrer Vögel ist eine so große, daß sich die einzelnen Paare nur 
dann einen günstigen Brutplatz erstreiten, wenn fortwährend eins von ihnen 
den Ort besetzt hält. Verlassen sie gleichzeitig auch nur für wenige Stunden 
den Platz, ist dieser meistens für sie verloren. Sind später Eier und Junge 
vorhanden, wird das Besitzrecht besser anerkannt. Immerhin mag die 
Schwierigkeit, einen geeigneten Brutplatz zu finden und zu behaupten, mit 
dazu beitragen, daß sich die Vögel am leichtesten iiuf dem Neste fangen 
lassen. In Örtlichkeiten wie Mevenkliut, wo ungeheure Mengen von Lummen 
auf engbegrenztem Räume beieinander wohnen, soll man die Tiere auf dem 
Eie mit der Hand greifen können. 

Zu Beginn der Brutperiode herrscht unter den Vögeln lebhafter Zank 
und Streit, der freilich weniger durch tätliche Augriffe, als vielmehr durch 
langandauernde Wortkämpfe ausgefochten wird. Faber bezeichnet die Stimme 
unsrer Art mit errr oder örrr. Ich fand sie recht abwechselnd und modulations- 
fähig. Im allgemeinen vernimmt man an den Brutplätzen fast unablässig ein 
verschiedenartiges Brummen, das sich in die tauseudstimmigeu Geräusche eines 
bedeutenden Vogelberges verworren ''mischt und wesentlich mit zur Erzeugung 
des wirkungsvollen Gesamteindruckes beiträgt, der dem Besucher einer der- 
artigen Lokalität eben nicht nur durch das Auge, sondern auch durch das 
Ohr vermittelt wird. lu der Ruhe klingt die Stimme tief und mehr oder 
weniger leise hrrr..., mitunter auch hoch und lachtaubenartig, nur wesentlich 
stärker, aus großer Nähe fast unheimlich raaa... . Streiten sich die Tiere 
ernstlich, so fahren sie sich manchmal mit einem rabenartig rauhen Go oder 
Ga in die Federn ; lösen sich die Paare beim Brüteu ab, rufen sie wiehernd 

gaaa... oder gahahaha Derartige Stimmlaute notierte ich an Ort und 

Stelle wiederholt, doch vernahm ich noch manche andere, die sich mit 
menschlichen Zeichen nicht so leicht wiedergeben ließen. 

Die Ablage des einen Eies beginnt auf Grimsey nicht vor Mitte Mai; 
die Mehrzahl der Vögel aber legt je nach der Witterung erst Ende Mai 
und Anfang Juni. In der Mitte dieses Monats brüteu jedoch fast alle über- 
haupt zur Fortpflanzung schreitenden Paare. Nimmt m.m die Eier weg, 
was ja in bedeutendem Umfange geschieht, so legen die Vögel gewöhnlich 
noch einmal; werden sie auch ihres zweiten Eies beraubt, scheinen sie ein 



118 IJria loinvia lomvia. 

diittos durcluius nicht iniracr erzeugen zu können. Einzelne tVisclic Kicr 
findet mau bis iu den Juli hinein. Solche späte Nachgelege sind aber 
mitunter sehr klein, wenn auch sonst normal, und wahrscheinlich nicht 
immer entwicklungsfähig. 

Die Eier variieren außerordentlich, verlieren jedoch selten die ciiarakteristische 
Birnenform. In der Färbung fand ich unter vielen Hunderten intensives Blaugrün 
vorherrschen; eine seltne, aber bei Vogeleiern überhaupt auffällige Farbe ist ein schönes 
helles Grasgrün. Normale Exemplare haben ungefähr eine Größe von 77x51 mm, 
ein Vollgewicht von 100 und ein Leergewicht von Hg. Einige ausgewählte, sicher 
Z7nrt lomvia angehörigo, von mir seihst präparierte Eier meiner Sammlung seien hervor- 
gehoben: 83x52 mm (12,:} g). 83x51 (13,2). 81x54 (U,5). 80x51 (12,5). 76x49 
(9.5). 74x50 (9). 74x46 (10,2). 72x50,5 (10,9). 7:^x45 (9,6). 64x43 (8,5). 50x36,5 
(5,1). Das letztgenannte Zwergei A^om 7. Juli 1903 wog voll 37 g (frisch), andere kleine 
Exemplare von Ende Juni 58, 59 und 68 g. Das von mir gemessene Höchstgewicht voller 
Eier betrug 117 g, doch mögen noch schwerere vorkommen. Das Eidotter ist bei unsrer 
Art lebhaft orangerot, aber nicht so dunkel wie bei Cejyphits gri/lle. Gekocht bleibt 
das Eiweiß gallertartig durchsichtig. Frische Exemplare sind sehr wohlschmeckend, kaum 
von Hühnereiern zu unterscheiden und nicht tranig wie die von Sovtateria mollissima. 

Die Brutdauer beträgt etwa einen Monat, soll sich aber bei ungünstiger 
Witterung noch einige Tage verlängern. Beide Vögel des Paares brüten 
und lösen einander regelmäßig ab. Zwischen 9- und 10 Uhr abends beob- 
aclitete ich den Wechsel am auffälligsten. Fängt man die Tiere vom Kie 
weg. so sollen andere, angeblich ungepaarte Individuen, dieses bald annehmen 
und weiter bebrüten. Die dicke Schale schützt es unterdessen vor Regen 
und rascher Abkühlung. 

.Am 10. Juli sah ich die ersten Jungen und zwar in solchen Lagen, 
wo man die Eier Anfang Juni fortgenommen hatte. Um Brüten aus Nach- 
gelegen mag es sich dabei nicht gehandelt haben. Das Dunenkleid zeigt 
bereits die Färbung des Jugendgefieders. Im Anfange bleibt einer der Alten 
neben dem Jungen sitzen, indein er dieses zwischen sich und den Felsen 
bringt und die dunkle Oberseite nach außen wendet, Kopf und Hals freilich 
dem Meere zudreht. Beim Brüten lassen die Vögel fast immer die weiße 
Unterseite sehen. Sind die Jungen größer, fliegen auch beide Litern gleich- 
zeitig davon, um kleine Fische als Futter zu holen. Ende Juli entsteht 
das bunteste Gewimmel am Vogelberge. Die Alten schnarren, die Jungen 
lassen ihr durchdringendes Piepen hören, das Gewirr und Gezänk will kein 
Ende nehmen. 

Nach 3 — 4 Wochen, Faber meint nach 24 Tagen, sind die Jungen 
halb befiedert, können ein wenig umlierklettern, aber noch nicht fliegen. 
Trotzdem stürzen sie sich nun unter Begleitung der Alten iu das tosende Meer. 
Da auf Grimsey die höchsten Teile der Vogelbcrge 140 m erreichen, sollen 
die Vögel nicht immer glücklich die Tiefe gewinnen. Gelingt jedoch der 
Absturz, fahren sie unbeabsichtigt ein Stück ins Wasser hinein und lernen 
so das nasse Element von vornherein ordentlich kennen. Bald darauf sieht 
man sie munter an der Oberfläche schwimmen und sich unter Führung der 
Alten im Tauchen und Nahrungssuchen üben. In weitverstreuten Scliaren 
bleiben die Vögel zunächst iu der Umgebung des Brutplatzes, fangen dann 



Alca torda. H9 

im September au, zum Teile fortzuzieheu, werden nun auch au den übrigen 
Küsteuoebieteu Islands gesehen und verfolgt, bringen indes die kalten Monate 
mehr in südlicheren Gegenden des freien Ozeans zu, wo die Tage nicht zu 
kurz sind. Viele Vögel uiisrer Art sollen freilich auch in der Nähe von 
Grimsey überwintern, falls die Insel nicht vom Treibeis blockiert ist. Zum 
Teil mag es sich hier um Standvögel handeln, deren Zahl vielleicht auch 
durch Zuzügler aus arktischen Gebieten vermehrt wird. Übereinstimmenden 
Bericliten zufolge scheint rria foinvid \[q\ jnehr Standvogel zu sein als Uria trolle. 

10. Alca torda L. 

Tordalk. 

Alca torda (Linii.) : Faber. Prodromus,S. 46 (1822). — Alca fordaL. : Prcyer(& Zirkel), 
Reise nach Islaud, ö. 425 (1862). — Newton, in Baring-Gonlds Iceland, p. 421 (1863). — 
Gröndal, Islenzkt fiiglatal, bis. 51 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 124 (1901). 

Alca torda, L. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 744 (1877). — Ogilvie-Grant, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXVI. p. 565 (1898). — Winge, Grönlands Fugle, S. 233 (1898). 

— Naumann. Vögel Mitteleuropas XU, S. 160 (1903). 

Isländisch: Alka (Etymologie unklar, uacli Faber deutet das Wort auf den lang- 
samen Gang des Vogels), seltner Klumbunefja (klumba = Keule, nefja = Schnabel) und 
Klumba. Drumbnefja (drurabr=Balken) und Drunnefja ; Svartfugl (:=Sclnvarzvogel) partim. 

Deutsch gleichfalls: Klumbalk, Klubalk. Dan.: Alk. Norw. : Alke, Klubalke. 
Schwad.: Alka, Klunsalka. Lett.: Alks. Holl. : Alk. Engl.: Auk. Fär. : Alka, Alka. 

Alca torda bewohnt den Xordatlantischen Ozean und einige Teile des benach- 
barten Eismeers. An der Nordostküste Amerikas und in Westgrönland, nordwärts 
wenigstens bis Upernivik, brütet er teilweise häufig, für Ostgrönland, Jan Mayen und 
Spitzbergen ist er aber nach Schalow noch nicht mit Sicherheit nachgewiesen, dagegen 
findet er sich auf der Bären-Insel. Weiterhin nach Osten kennt man ihn nicht. Häufig 
bewohnt er die Küsten Skandinaviens, der Britischen und der kleinen nördlich davon 
liegenden Inseln, auch noch die Bretagne. Im Winter streichen die Yögel südwärts 
bis Algier, zu den Kanarischen Inseln und Azoren, sowie den südlichen Küsten der 
Vereinigten Staaten von Nordamerika. 

In Island ist der Tordalk ein häufiger Brutvogel, jedoch bei weitem 
nicht so gemein als die Lummen, in deren Gesellschaft er sich fast immer 
findet. Er brütet an allen bedeutenden Vogelbergen, im Norden vielleicht 
weniger häutig als im Süden der Insel, und bewohnt hier inmitten anderer 
Arten die höheren Felspartien, besonders wenn diese weite Vorsprünge und 
tiefe Spalten und Nischen besitzen. Eigene Kolonien scheint er nirgends 
zu bilden. Er bevorzugt das offene Meer und meidet schmale Fjorde. 

Geographische Abweichungen unserer zweifellos sehr alten Spezies sind 
nicht bekannt. Ein von mir am 7. Juli 1903 auf Grimsey gesammeltes ?, sichrer 
Brutvogel (2 Brutflecke), hatte ein Gewicht von etwa 900 g und eine Gesamtlänge von 
430 mm. Flugbreite: c. 650. Flügel: 195. Schwanz: 98. Schwanz -f- Flügel: 45. 
Schnabellänge: 32. Schnabelspalt: 47. Sehnabelhöhe an der breitesten Stelle: 21,5. 
Tarsen: 31. Mittelzehe inkl. der 9,5 mm langen Kralle: 47 mm. —Iris: braunschwarz. 
Schnabel: schwarz mit 1,5 mm breitem weißen Furchenstreifen. Füße und Nägel: dunkel- 
schwarzbraun, Schwimmhäute am äußeren Teile schildkrotartig mit Gelb marmoriert. 

— Das Kleingefieder beginnt zu mausern. 

Biologisch hat der Tordalk große Ähnlichkeit mit den Lummen. Die 
Brutplätze beider Gattungen sind auch durchaus dieselben. Ende März 



120 Alca torda. 

oder Anfang April nähern sich unsere Vögel diesen Örtlichkeiten, wie mir 
in Grimsey übereinstimmend mit Fabers Angaben (z. B. Okens Isis 1827, 
S. 674) versichert wurde. Ilir Erscheinen soll gewöhnlich etwas später er- 
folgen, als das der Lummen. Herr ]i. Jönsson schrieb mir freilich, daß 
bei den Vestmannaeyjarn schon Ende Januar Exemplare anlangten. Ende 
April fliegen sie, nun in völliger Sommertracht, zu den Niststätten, die sich 
gewölmlicli in beträchtliclier Höhe über dem Meere befinden. Selten sah 
ich lange Reihen von Alken beisammen, fast immer einzelne oder wenige 
Paare mit Lummen und wohl auch Dreizehenmöven gemischt. Die Vögel 
gellen zwar ungern und ungeschickt, fliegen jedoch nach meinen Beob- 
achtungen auf Grimsey weit häufiger als die Uria-Arten. Ja ich sah in 
zahlreichen Fällen, wie die Alke halbe Stunden lang große Kreise beschrieben, 
wobei sie mit überaus raschem Flügelschlage regelmäßig in der Nähe der 
Felsen, ungefähr in der Höhe ihrer Brutplätze, schnell vorüberflatterteu. 
Wiederholt beobachtete ich von einem Punkte aus mehr als ein halbes Dutzend 
der Vögel, deren Flugbalin ich mit den Augen verfolgen konnte, in dieser 
Weise sich vergnügen und erkannte daran geradezu die Art. Von den 
Lummen sah ich so anhaltendes Fliegen niemals, 

Ihre Stimme lassen unsre Vögel ziemlich selten hören, meist sind sie 
still und überhaupt wenig lebhaft, andern gegenüber harmlos und verträglich. 
Trotz aller Bemühungen und stundenlangem Ausharren in der Nähe der 
ßrutplätze vernahm ich von deutlich hörbaren Lauten nichts als ein ärger- 
liches, abwehrendes Rrrr, ähnlich aber rauher als das der Lummen, noch 
seltner ein heiseres Groa, wobei der Vogel den Schnabel ziemlich weit öffnet 
und den Hals vorstreckt. 

Zum Nistplatze wählt Älca tarda meist die besser geschützten Stellen 
an den Vogelbergen, nicht nur auf Felsvorsprüngen, sondern auch in höhlen- 
artigen Vertiefungen, Nischen und wagerechten Spalten. Doch scheint er zur 
Herstellung einer Nestmulde trotz seines kräftigen Schnabels nichts beizutragen. 
Auf weiche Erde legt er sein Ei sehr gern, üppige Kräuter sind ihm auf 
Grimsey willkommener Schutz, .Die Ablage des einen Eies erfolgt auf dieser 
Insel kaum vor Ende Mai, gewöhnlich erst im Juni, im allgemeinen etwas 
später als bei den Lummen, Bis in die 2, Hälfte dieses Monats sind erste 
Gelege nichts seltnes. Die Eier zeigen einen weißlichen, niemals lebhaft 
grünlichen Grund, einzelne stark gefleckte gehören zu den schönsten Vogel- 
eiern überhaupt. Sie unterscheiden sich durch die rauhe Körnung von 
ähnlichen Lummeneiern. 

Die Maße etlicher Grimseyer Exemplare aus der Zeit vom 10. bis 23. .Juni 1903, 
unbebrütet, von mir selbst präpariert, stellen sirh wie folgt: 77x49 mm (9,1 g). 77x48 
(9). 74x47,5 (8,7). 72x48 (7,9). 72x46 (8.8). 71,5x48 (8,3). 71x48 (9,2). 71x4(3,5 
(7,9). 65x:43,5 (7,1). 63,5x40 (5,8). — Die kleinsten Exemplare sind wahrscheinlich 
Nachgelege. Auch im Vollgewichte stehen normale Eier hinter denen der Lummen 
zurück. Die von mir gewogenen schwankten zwischen 69 und 92 g. Geschmack und 
Aussehen von Dotter und Eiweiß wie bei den Lummen. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd etwa einen Monat lang. 
Doch kann sich die Brutdauer bei besonders ungünstiger Witterung bis auf 



Alca impennis. 121 

5 Wochen ausdehnen. Am 10. Juli suh ich die ersten ganz kleinen Dunen- 
jungen, obwohl die Mehrzahl der Vögel noch Eier hatte. Die Aufzucht erfolgt 
wie bei den Lunimen. Als Futter bringen die Alten fast ausschließlich 
Fische. Halb befiedert und noch ziemlich klein verlassen die Jungen nach 
3 — 4 Wochen die Niststelle, klettern ein Stück die Felsen hinab und gelangen 
endlich rutschend und stürzend ins Meer, wo sie von den Alten geführt, 
aber nicht mehr gefüttert werden. Erst nach abermals 4 Wochen sind sie 
wirklich flugbar. Faber macht darauf aufmerksam (Okens Isis 1827, 
S, 673), daß das Nestgetieder der jungen Alke von dem der Lummen 
wesentlich abweicht, indem es nicht der Winter-, sondern der Sommertracht 
der Alten ähnelt. Nachdem das Junge dieses Übergangskleid, das den 
Lummen fehlt, etwa einen Monat getragen hat, soll es von neuem in die 
Wiutertracht mausern. Auch behauptet Faber, die jungen Tordalke würden 
schon im nächsten Frühjahre brutfähig (1. c, S. 669), worüber genauere 
Nachprüfungen noch angestellt werden möchten. Vielleicht versucht man 
es einmal mit einer größeren Menge von Fußringen. 

Bereits Ende August verlassen viele der Vögel die Vestmannaeyjar 
(Jönsson); von Grimsey zieht die Hauptmenge im September fort. Sie 
streichen nun in Scharen umher, wandern teilweise auch südlicheren Gegenden 
zu, überwintern aber _ scheinbar weniger auf hoher See, als vielmehr an 
geschützten, eisfreien Küsten. Mitunter kommen sie sogar während der 
kältesten Periode in die Buchten hinein. Gröndal berichtet (Ornis 1886, S. 367), 
daß unsere Art im Winter häufig in der Nähe der Südknste Islands gesehen 
werde, und Faber bemerkt (1. c, S. 675), daß nach heftigen Stürmen nicht 
selten tote und halbtote Individuen ans Ufer gespült würden. Gewisse 
Angaben über den Winteraufenthalt der Vögel sind mit Vorsicht aufzunehmen; 
unsere Art ist in dieser Zeit weit scheuer als im Sommer und dann auf 
freiem Meere leicht mit den so ähnlichen Lummen zu verwechseln. 

Ausgestorben: 

Alca impennis L. 

Riesenalk. 

Alca impennis (Linn.) : Faber, Prodromus, S. 48 (1822). — Plantus impennis : Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 427 (1862). — Alca impennis lAnn.: Newton, in Earing- 
Goulds Iceland, j). 420 (18H3). — Plautus imj^ennis L.: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 
51 (1895). — Alca impennis, Linn: Slater, Birds of Iceland, p. 125 (1901). 

Plautus impennis (Linn.): Ogilvie-ürant, Cat. Birds Brit. 3lus. XXVI, p. 562 
(1898). — Alca impennis L.: Winge, Grenlands Fugle, S. 235 (1898). — Naumann, 
Vögel Mitteleuropas XII, S. 69 (1903). 

Isländisch: Geirfugl, Geyrfugl, Gyrfugl (nach Faber, Okens Isis 1827, S. 679, 
ist Geir gleichbedeutend mit dem deutschen Ger = Wurfspieß. Der Name bezieht 
sich entweder auf den Schnabel des Vogels oder auf den Aberglauben, das Erscheinen 
desselben abseits von den Brutplätzen verkünde Krieg. Vielleicht benutzte man 
auch die festen Knochen des Vogels in alter Zeit zu Lanzenspitzen oder tötete ihn 
selbst irgend einer Sitte zufolge mit Geren) ; fälschlich auch Haftyrdill, Havtirdill (haf 
= Meer, tyrdill = ein wenig, kleiner Klumpen). 



122 Alca iinpennis. 

Deutsch gleichfalls: Geirvogel, GeiTOgel. Dan. : Geirfugl, Gejrfugl. Norw.: Geir- 
fugl, Geyrlugl, Geirfugia, Goifugl. Schwed. : Garlägel, Garfahl. Engl.: Gare-Fowl, 
Garfowl. Schott. : Gare- Fowle, Gearbhul. (tüI.: Gear-bhull, (leurr-bhiil. Auf St Kilda: 
Gayrfowl, Gairfowl, (iarefowl. Fär.: Gorfuglir, Gärfuglur, Garfugel, Gaart'ugi, (Joirl'ugl, 
Goifugel. Franz. : Gorfou. 

Da.s ehemalige Verbreitungsgebiet von Alca imjiennis lug im nördlichon Teile 
des Atlantischen Ozeans. Sichere Brutstälteu, die bis wenigstens gegen das Ende des 
18. .lahrluindcrts hin benutzt wurden sind, fanden sich außer im Süden Islands nocli 
»auf den Orkney- Inseln, St. Kilda und den Faröern, in Amerika besonders auf den 
Funks-Inseln. Ferner sind verschiedene Örtlichkeileu bekannt, wo die Art regelmäßig 
vorgekommen ist und wahrscheinlich in alten Zeiten auch gebrütet hat, z. B. Kattegat, 
Irische See, Ostgrönland, Neu-Fundland und das Küstengebiet der Vereinigten Staaten. 
Nach Knochen- und andern fossilen Funden zu schließen, scheint der Ricsenalk in 
Amerika südwärts bis Florida, nordwärts bis etwa zum Polarkreise in Grönland ver- 
breitet gewesen zu sein, in Europa ebensoweit nördlich bei Island, südlich bis in die 
Breite von Irland. Sein Auftreten im Meerbusen von Biscaya, im Kanal, auf den 
Lofoten, auf Grimsey und Mevenklint, sowie auf den Inseln der Diskobucht an der 
grönländischen Küste erscheint als fraglich. . 

Island stellt dasjeiiioe euvopHische Gebiet dai", wo der Riesenalk nicht 
uur zahlreich, sondern auch bis in die letzte Zeit seines Vorhandenseins 
überhaupt (1844) vorgekommen ist. Die meisten der in Museen existierenden 
Bälge sind in den Jahren 1830 — 44 auf Eldey .gesammelt worden. Nähere 
Angaben über die Ausrottung der Art in Island habe ich im 5. Abschnitte 
des I. Teils dieser Arbeit gegeben (S. S. 75). 

Das sehr wohlerhaltene, gutgestopfte Exemplar von Alca impennis im Zoologischen 
Museum in Dresden, wahrscheinlich von Island stammend, Sommerkleid. Geschlecht 
nicht bestimmbar, zeigt nach meiner sorgfältigen Untersuchung folgende mit Zirkel 
genommene Maße. Gesamtlänge: c. 780 mm (Miclialielles maß 183.'i an Vögeln im 
Fleisch 758— 8l2j. Flügel: 158. Schwanz: 91. Schnabellänge : 82. Größte Schnabel- 
höhe : 39. Tarsen: 48 (vielleicht etwas zusammengeschoben). Mittelzehe inkl. der 13 mm 
langen Kralle: 81 mm. 

Es ist nicht anzunehmen, daß sich Alm impennis in Island oder anderwärts 
noch lebend erhalten hat. Bälge oder Eier des Vogels scheinen auch nicht 
mehr auf der Insel vorhanden zu sein. Das Ei, welches Konsul J. V. Havsteen 
in Oddeyri besitzt und für ein solches unsrer Art hält, ist ein besonders 
großes l^lxemplar einer Uria. Die ]\Iaße wirklicher Aha imjx'nnls-VÄQX 
schwanken nach den Angaben von R. Blasius zwischen 111 bis 140X'>9,4 
bis 83,26 mm, ihr Gewicht zwischen 44 — 50 g. Knochenüberreste dagegen 
können zweifellos an den erwähnten Ortlichkeiten Islands noch gefunden 
werden, am leichtesten in Abfallsliaul'en der Vestmannaeyjar und auf Reykjanes. 
Von nicht zu unterschätzender Bedeutung würde es sein, diejenigen Klijipeu 
nochmals aufzusuclicn, wo Alca iinjieinns gebrütet hat, und sie einer ein- 
gehenderen Untersuchung zu würdigen, als dies bei verschiedenen bis jetzt 
geschehen ist. 

11. Alle alle (L.j. 

Kral)bentaucher. 

Uria alle (Temm.): Faber, Prodromus, S. 44 (1822). — Mergulus alle Ray: Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 424 (1862). — Mergulus alle (Linn.): Newton, in Baring- 



Alle alle. 123 

Goiilds Iceland, p. 419 (186;i). — Merguhis alle Ray: Gröndal, Islenzkt fughital, bis. öl 
<1895). — Merguhis alle (Lina.): Slater, Birds of Ic-elaiul, p. 180 (1901). 

Arctlca alle (L.): Colliii. Skandinaviens Fugle, S. 738 (1877). -- Alle alle (Linn.): 
Ogilvie-Grant, Cat. Birds Hrit. ]\Ius. XXVI, p. 5t>9 (1898). — Merguhis alle (L.): Winge, 
Grönlands Fugle, S. 228 (1898). — Naumann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 149 (1903). 

Isländisch: Haftirdill, Haf'tyrdill (haf = Meer, tyrdill = ein wenig, kleiner 
Klumpen), seltner, nach Mohr nnd Fabor im Südwesthmde, Hälkion, Halki^on (keltischen 
Ursprungs, Etymologie unklar). 

Alle alle ist einerein arktische Vogelart, die ostwärts bis Nowaja Semlja, west- 
wärts bis zu den Parry-Inseln brütend gefunden wurde. Aus den asiatischen und 
nordwestamerikanischen Ciebieten des Eismeers kennt man sie dagegen nicht. In 
Europa brütet Alle alle auf Franz-Joseph-Land, Spitzbergen, der Bären-Insel, Jan Mayen, 
3Ievenklint und Grimsey; auch im nördlichen Grönland ist die Art häufiger Brutvogel. 
Im Winter streichen die Vögel südwärts, ausnahmsweise bis Virginia, zu den Azoren 
und Kanarischen Inseln. 

In Isbind kennt man den Krabbentaucher als Brutvogel, wie schon 
bemerkt, nur auf Grimsey, das er in etwa 150 — 200 Paaren bewohnt. Doch 
ist nicht ausgeschlossen, daß er noch an einigen anderen Punkten der Nord- 
und Nordwestküste gefunden wird, zumal kleinere' Kolonien von Alle alle 
sehr wenig auffällig sind. Grimsey stellt zugleich den südlichsten überhaupt 
bekannten Brutphttz des Vogels dar. Helms vermutet zwar ein noch bedeutend 
südlicheres Brüten am Sermilikfjord in Grönland, doch fehlen hierfür zunächst 
sichere Beweise. Im Winter zeigt sich unsere Art, besonders bei viel Treibeis, 
gelegentlich an allen Küsten lylands, bis hinal) zu den Vestmanuaeyjarn. 

Geographische Formen von Alle alle kennt man nicht, doch variieren -sogar 
Vögel derselben Brutgebiete beträchtlich in der Größe. Ein von mir am 27. Juni 1903 
auf (xrimsey gesammeltes $ , sichrer Brutvogel (großer Brutfleck), hatte ein Gewicht 
von 1Ö8 g und eine Gesamtlänge von 210 mm. Flügel: 117. Flugbreite: c. 390. 
Schwanz: 41. Schwanz -|- Flügel: 5. Schnabellänge: 19. Schnabelhöhe: 10. Größte 
Schnabelbreite: 9,5. Tarsen : 20. 3littelzehe inkl. der 6.5 mm langen Kralle: 30 mm. — 
Schnabel: schwarz. Gaumen und die dicke Zunge: weißlich-fleischfarben. Iris: dunkel- 
braun. Füße: einfarbig schwarzbraun, Hinterseite der Tarsen nnd Schwimmhäute fast 
schwarz. (Dagegen zeigen 2 andere in jmeiner Sanmilung befindliche isländische Winter- 
bälgo gelblichbraune Zehen und Tarsen.) Magenwand: schön dunkelmeergrün. Magen- 
inhalt: Krustaceen. 

Der Krabbentaucher ist im allgemeinen Standvogel auf Grimsey. 
Zwnr sollen einzelne Scharen die Insel außerhalb der Brutzeit gelegentlich 
verlassen, doch scheinen sie sich nicht weit zu entfernen. Auch im Sommer 
fliegen die Vögel gern hinaus auf das freie Meer. Ihr Flug ist viel leichter 
als der ihrer gi-oßen Verwandten, beinah schwirrend, schnell fördernd und 
ziemlich geschickter Wendungen fähig. Fast immer fliegen die Vögel in 
Scharen zusammen, reihen sich aber nicht in Linien hintereinander. Kommen 
sie vom Meere nach dem Lande, so lassen sie sich auf Klippen und Fels- 
trümmern nieder, verhalten sich jedoch selten lange still, sondern laufen 
ein paar Schritte umher, flattern auch zu einem benachbarten Sitze, putzen 
sich und lassen bei jeder Gelegenheit ihre Stimmlaute hören, die ziemlich 
mannigfach sind. Ich notierte besonders ein kurzsilbiges, etwas gepreßtes 
Gägägä..., das oft lange fortgesetzt wird und an das Locken gewisser 
junger Raubvögel erinnert. Diese Töne sind wenig hell und werden ohne 



124 ^'l*' 'il'ß- 

erlicbliclies Öffnon dos Schimbcls licrvorgoliraclit. Mitunter liört man an 
Stolle des Ä ein Ü oder s durcliklingon, besonders wenn die Vögel in ihrer 
lebhaften Weise sich gegenseitig zu überbieten suchen. Am Schlüsse des 
Vortrags verbinden sie oft die Silben zu einem rasch sclinarrenden Rrrr..., 
dem ein Ä vorklingt. Dieses Geräusch könnte man fast ebensogut mit einem 
schnarrenden Llll... wiedergeben, und Scottus behauptet (S. Okens Isis 1827, 
S. 648), daß der Vogel seinen lateinischen Namen darnacii erhalten habe, 
was niciit unwahrscheinlich ist, wenn man an den Zusammenklang vieler 
Stimmen denkt. Alle auch noch in anderer Weise variierenden Laute ver- 
nimmt man nur selten von einem einzelnen Vogel. Meist stimmt der ganze 
Schwärm in das Zetern ein, was ein gar nicht unangenehmes und äußerst 
charakteristisches Geräuscii ergibt. HäuHg antworten sogar die versteckt 
brütenden Vögel den ankommenden (matten, jeder Teil ist bemüht, seine 
Stimme so energisch wie möglich zur Geltung zu bringen, die freilich 
trotz aller Anstrengung der kleinen Vögel oft von dem durchdringenden 
Geschrei der Seescliwalben und Möven fast übertönt wird. 

Obwohl die Krabbentaucher während des ganzen Jahres gesellig leben, 
sind sie doch, wenigstens zur Fortpflanzungszeit, ziemlich zänkisch unter- 
einander, meist freilich auch so wenig widerstandslustig, daß tätliche Angriffe 
des einen gewöhnlich die Flucht des andern bedeuten. Unter die übrigen 
Felsenvögel mischt sich unsere Art nur zufällig, lebt fast immer gesondert 
von diesen und bekümmert sich kaum um sie. Dem Menschen gegenüber 
sind die lebhaften Tierchen auf Grinisey ziemlich scheu, selbst während der 
Brutzeit, was schon Faber und Thienemann hervorheben. Ohne Deckung 
gelingt es selten, sich ihnen auf Schußweite zu nähern. Auch wenn sie auf 
den Steinbrockeu ausruhen, merken sie rechtzeitig den Kommenden und 
erheben sich scheltend zum Bogenfluge über das Meer. In unbewohnten 
Gegenden, wo die Vögel nicht von Menschen belästigt werden, scheinen sie 
freilich, nach den Literaturberichten zu schließen, ebenso furchtlos wie ihre 
Verwandten zu sein. Auch erzählte mir der Schiffseigner Jon Antonsson 
aus Hjalteyri, daß sich kaum 40 Sm. nördlich von Grimsey, bei der von unsrer 
Art gleichfalls bewohnton Klippe Meveiiklint (isl. Kolbeinsey). einmal im 
Sommer ein Krabbentaucher auf sein Schiff niedergelassen und durchaus keine 
Scheu gezeigt habe. Erst nacii längerer Zeit sei der Vogel davongeflogen. 

Alle alle brütet an verschiedenen Stellen in Grimsey. Die Haupt- 
kolonie befindet sich seit undenklichen Zeiten bei einem vorspringenden 
Felsen an der Westküste (Fig. 20). Sie mag etwa GO — 70 Paare zählen. 
Es ist dieselbe, die schon Faber und Thienemann besuchten und beschrieben. 
Doch irrt Faber, wahrscheinlich damaliger Kartenfehler zufolge, wenn 
er diesen Brutplatz an die Nordspitze Grimseys verlegt (s. z. B. Okens 
Isis 1827, S. 652). Naumann, der in bezug auf die Brutverhältnisse der 
nordischen Vögel meist Faber wortgetreu nachscljreibt, und andere Schrift- 
steller begehen denselben Fehler. Ich habe die wild zerklüftete Nordspitze 
der Insel, die unsern Vögeln wenige günstige Brutstelleu bieten würde, mehrmals 
besucht und keine Krabbeutaucher dort angetroffen. Auch den Bewohnern 



Alle alle. 



125 



ist eine bedeutendere Kolonie daselbst unbekannt. Dagegen hat man wieder- 
holt Eier der Art au der südlichen Ostküste gesammelt, wie mir Pastor 
Matthias Eggertsson mitteilte. Verschiedene Jjokalitäten, die man für Brut- 
plätze hält, sind indes ihrer kaum zugänglichen Lage und der sonstigen 
bedeutenden Schwierigkeiten halber niemals untersucht worden. 

Der Krabbentaucher wählt als Niststätte herabgestürzte Felstrümmer 
größereu Umfangs, welche in ihren Zwischenräumen höhlenartige Bildungen 
besitzen, die durch Gänge und Spalten mit der Außenwelt in Verbindung 
stehen. Auf Grimsey werden nur Örtlichkeiten in unmittelbarer Nähe des 
Meeres gewählt, die zugleich nicht höher liegen, als zum Schutze vor 




Fig. 20. Brutplatz von Alle alle auf Grfmsey. (Mitte.) 



Springfluten und Brandungswellen nötig ist. Im äußersten Ende der finsteren 
und zugleich vor Wind und Wetter geschützten Gänge, die sich seitlich 
oft mehrere Meter tief inmitten des Felsgewirres hinziehen, befindet sich die 
Bruthöhle. Sie dient den Vögeln nicht selten auch außerhalb der Fortpflanzungs- 
zeit zum Aufenthaltsorte. Derartige Plätze zu suchen ist schwierig. Erst 
wenn man die Hauptmenge der Steine zur Seite gewälzt hat, erkennt man 
die befahrenen Röhren oder erblickt die Nisthöhle. Viele derselben sind 
jedoch unter mächtigen Felsblöcken vor allen Nachstellungen gesichert. Da 
die Eier unsres Vogels in Akureyri gut bezahlt werden, suchen die Leute 
oft tagelang nach solchen, welcher Tätigkeit ich natürlich zuschaute. Das 
Sammelergebnis von 1903 bestand etwa aus 70—80 Stück; in manchen 
Jahren hat man auch gegen 100 gefunden. Jedes Paar legt bloß ein Ei, 
gewöhnlich auf kleine flache Steine oder in eine grubenartige Vertiefung. 
Die Ablage erfolgt mitunter von Ende Mai, regelmäßig von Anfang Juni 
an. Die Exemplare, welche mir die Bewohner Ende Juni brachten, waren 



126 ^^^'^ '!"<'• 

fast fertig bebrütet. Zwar erhielt ich noch am 2, Juli ein ganz frisches 
Ei, clücli handelte es sich dabei zweifellos um ein verspätetes Nachgelege. 

Die Färbung der Eier ist frisch immer grünlich, mitunter sogar ziemUch lebhaft 
grün. Das zinnoberrote Dotter gibt dem vollen Ei ein wesentlich dunkleres Aussehen 
als dem leeren. Bräunliche Fleckenzeichnung, besonders am stumpfen Ende, findet 
sich sehr häufig. Die Maße einiger präparierter Grimseyer Gelege meiner Sammlung 
sind folgende: 51,2x33 mm (3,3 g). 49,2x33,5 (2,1). 48,5x34 (3,3). 48,5x34 (2,1). 
47.8x32,2 (1,95). 46,2x33,2 (2,2). 46,2x32 (2,05). Vollgewicht frischer und ziem- 
lich frischer Exemplare 24 — 31 g. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd, das Weibchen ziemlieh 
regelmäßig am Tage, das Männchen in der Nacht. Gewöhnlich sitzen sie 
so fest, daß man sie mit raschem Griffe auf dem Ei erfassen kann. Sie 
klemmen dieses selbst zwischen die Federn und drücken es an den Brutfleck 
(ich fand nur einen solchen, Faber zwei). Treibt man sie rasch auf. so 
reißen sie das Ei gewöhnlich mit fort. Die Brutdauer von 24 Tagen, 
wie sie schon Faber angibt, scheint nach meinen weiteren Erkundigungen 
an Ort und Stelle das richtige Durchschnittsmaß zu sein. Genauere Unter- 
suchungen können natürlich nur bei längerem Aufenthalte an einem Brutplatze 
der Vögel vorgenommen werden. 

Die Dunenjuugen, die mau in ungestörten Verhältnissen Anfang bis 
Mitte Juli findet, sehen fast einfarbig dunkelgrau, auf der Unterseite nur 
etwas heller aus. Ich untersuchte ein solches am 2. Juli in einem fast zum 
Ausfallen reifen Ei. Etwa 20 Tage hindurch werden sie von beiden Alten 
mit Amphipoden und anderen kleinen Seetieren gefüttert, welche diese in einem 
merkwürdigen Kehlsacke herbeibringen. Dann herrscht ein geschäftiges Treiben 
an den Brutplätzen der Vögel, und die Stimme der Alten mischt sich bei 
Tag und Nacht in das bettelnde Piepen der Jungen. Allmählich kriechen 
diese aus der dunkeln Höhle hervor, klettern zuletzt, ziemlich befiedert, aber 
noch nicht flugbar, unter Anleitung der Eltern ins Meer und suchen sich 
nun selbst Nahrung. Sie bleiben in Gesellschaft andrer ihresgleichen zunächst 
in der Umgebung unsrer Insel, verlassen diese später kürzere oder längere 
Zeit, viele Exemplare werden aber, wie schon berichtet, den ganzen Winter 
über daselbst beobachtet. Die mitunter bedeutenden Scharen von A/le olle, 
die in harten Wintern an die isländischen Küsten kommen, scheinen aus 
anderen, hocharktischen Gebieten zu stammen. 

12. Megalestris skua (Brunn.). 
Große Raubmöue. 

LestriscntarractesiTQmm.) : Faber.Prodromus, S. 102 (1822). — Lestris cattirrhades : 
Preyer (& Zirkel), ßeise nach Island, S. 417 (1862). — Stercorarius catarrhades (Linn.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 418(1863). — Lestris catarrhades lUig.: Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 45 (1895). — Stercwarius catarrhades (Linn).: Slater, Birds of 
Iceland, p. 118 (1901). 

Stercorarius catarrhades (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 621 (1877). — Mega- 
lestris catarrhades (L.): Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 315 (1896). — 
Lestris catarrhactes (L.): AVinge, Grönlands Fugle, S. 213 1898). — Stercorarius skua 
(Brünu.): Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 303 (1903). 



Megalestris skua. 227 

Isländisch: Skümur (wahrsclieinlich von skümi oder sküm = Dunkelheit, 
also der dunkel gefärbte, düstere Vogel), Hafskümur (haf = Meer), Häkallaskümur, 
Häkarlaskümur, (häkall, häkarl = Haifisch), selten Sküa. 

Auch dän. : Skue, Havskummer. Fär. : Sküir, Sküggvur. 

Die große Raubmöve hat ein geringes Verbreitungsgebiet. Als sichrer Brut- 
vogel ist sie nur in Island, den Färöern und der westlichsten und nördlichsten Shetlands- 
Insel (Foula und Unst) bekannt. Ihr Brüten im oberen Norwegen, sowie an der 
Hudson-Straße ist zweil'elhart. Im AVinter zieht sie ein wenig südwärts, besucht dann 
die Britischen Inseln, Holland, Nordfrankreich usw., selten auch die Küstengebiete 
abwärts bis Gibraltar und J^Iadeira. Ausnahmsweise ist sie auf Spitzbergen, etwas 
häufiger in Grönland beobachtet worden. 

In Island besitzt unsre Art ihr Hauptbrutgebiet, da sie anderwärts 
diircli fortgesetzte Verfolgung" recht selten geworden ist. Freilich macht 
sich auch auf unsrer Insel eine Verminderung bemerkbar, zumal der Vogel 
hier ebenfalls nur in einer beschränkten Zahl von Kolonien nistet. Trotzdem 
die große Raubmöve eigentlich Meeresbewohuerin ist und oft weit abseits 
von jedem Lande beobachtet wird, brütet sie, wie auch ihre Verwandten, 
in der Nähe von Landgewässern. Grasige und sandige Ebenen, Uferpartien 
und Inseln im Unterlaufe oder Mündungsgebiete breiter Ströme, die nicht 
allzuweit von der Küste entfernt sind, bilden geeignete Ortlichkeiten für 
ihren Sommeraufenthalt. Vom Ausflusse der Hvitä an, wenige Stunden 
nordwärts von Eyrarbakki, bis zum Lönsfjördr im Ostlande (64" 25') kennt 
man fast in allen größeren Stromgebieten Brutkolouien dos Vogels, die 
bedeutendsten überhaupt wohl auf dem Skeidarärsandr (SQ.). im Küdafljöt 
(63'/, ") und im Delta des Markarfljöts, inbegriffen die anders benannten 
Arme dieses Stromes (gegenüber den Vestmannaeyjarn). An der eigentlichen 
Ostküste, sowie im Delta der Jökulsä im Nordlande sollen sich noch einige 
kleine Kolonien befinden; die übrigen bergigen Küstengebiete besitzen keine 
solchen. Ein Brutplatz im Küdafljöt mag, wie mir Herr Alf Bachmann erzählte, 
im Sommer 1904 von etwa 300 Paaren bewohnt gewesen sein. Die Bauern 
der Gegend sammelten über 600 Eier der Vögel, die sie zum Teil ver- 
zehrten, zum Teil ausbliesen und verkauften. 

Ich selbst hatte nicht Gelegenheit, eine Brutkolonie der großen Raub- 
möve zu besuchen und beobachtete die Vögel nur auf dem Meere. Da 
unsre Art erst im dritten und vierten Lebensjahre fortpflanzungsfähig wird 
und die Alten auch von den Brutplätzeu aus bedeutende Strecken zurück- 
legen, so sieht man sie an allen Punkten der Südküste gar nicht selten. 
Die Vestmannaeyjar werden z. B. den ganzen Sommer über von zahlreichen 
Exemplaren besucht. Doch beobachtete ich einzelne auch an der W^est- und 
Nordküste. Außerhalb der Fortpflanzungszeit bemerkt man die Vögel noch 
häufiger in den verschiedenen isländischen Meeresteilen. Viele der Tiere 
scheinen freilich das I>and tage- und wochenlang gänzlich zu meiden, nähern 
sich aber auf hoher See gern fischenden Fahrzeugen. 

Im April, gewölmlich nicht vor Ende des Monats, kommen die Raub- 
möven nach ihren Brutplätzen, paaren sich Anfang Mai, legen aber nur 
bei besonders günstiger Witterung, wie sie z. B. im Frühjahre 1904 herrschte, 



128 



Megalestris skua. 



schon Mitte Mai, in der Regel erst Ende dieses Monats oder Anfang Juni. 
Verspätete oder Nacbgelege finden sich friscli bis weit in den Juni hinein. 
VAn eigentliclies Nest bauen unsre Vögel nicht; gewöhnlich aber scliarren 
und drücken sie eine flache Mulde, die in Gebieten mit Pflanzenwuchs oft 
mit einigen Halmen ausgelegt wird, was an sandigen Plätzen unterbleibt. 
Mitunter finden die I']icr einen natürlichen Schutz in dem Grase der l'mgebunor. 




Alf ßachraanii, München. Phot. 

Fig. 21. 



Nest von Megalestris skua. 



(Fig. 21). Das normale Gelege besteht immer aus 2 Eiern, die meist durch 
ihre feine Poruug charakteristisoli sind. 

Einige isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 73x51 mm 
(6,6 g). 71x50,2(6,5). 70x48,8(6). 69x49 (6,2). 67x46,5 (5,3). 66x49,5 (5,2). Weitere 
Gelege der Sammlung Ottoßon (Lenhofdaj: 72,8x50,8 und 71,2x51. 68,1x48,5 und 
68,6x49. 68,5x49,5 und 68,6x48,1. 70,8x50,6 (6,6j und 68,5x49,1 (5,9). 67,6x48,8 
(5,7) und 70,6x48,2 (6,3). 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd etwa 28 — 30 Tage laug, 
Gewöhnlich findet man die grauflaumigen Jungen Anfang Juli (Fig. 22). 
Die Alten würgen diesen das Futter vor und verteidigen sie unter Außer- 
achtlassung eigner Sicherheit auf das mutigste (s. Fig. 3). Alf Bachmann, 
dessen Güte ich die Photographien vom Neste der Vögel verdanke, fand 
merkwürdigerweise auf einer kleinen Insel in der Hvitä neben einigen Paaren 
unsrer Art noch verschiedene andere Vögel brüten, die scheinbar nicht von 
den Raubmöven belästigt wurden. Sonst sind diese ja als gefährliche Nest- 



Meoalestris skua. 



129 



räuber bekannt. Nach Fabers Beobachtungen beträgt die. Dunenperiode etwa 
50 Tage. Ende August sind die Jungen in ungestörten Verhältnissen völlig 
befiedert und verlassen spätestens Ende September das Land. Sie streifen 
nun samt den Alten auf den benachbarten Meeren umher, folgen den Dorsch-, 
Haifisch- und Walfängern, gegen die sie wenig Scheu zeigen, und nähren 
sich dann sehr gern von Abfällen und tranigen Hautfetzen. 



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Alf Baclimann, München. Phot, 

Fig. 22. Dunenjunge von Megalestris skua im Neste. 

Der Flug von Megalestris skua ist vortrefflich, durchaus mövenartig 
und seltner schwankend wie bei ihren kleineren Verwandten. Ihre Stimme 
hört man abseits der Brutplätze wenig; ich vernahm nur ein tiefes Ga ga. 
Doch sollen die Vögel im Sitzen öfters ein rauhes la und beim Neste ein 
schallendes Hoo ausstoßen. Auch im Winter wird unsere Art an den 
isländischen Küsten gesehen. 



13. Stercorarius pomarinus (Temm.). 
Mittlere Raubmöve. 

Lestris pomarlna (Temm.): Faber, Prodromus, S. 104 (1822). — Lestris pomarina 
Temm.: Proyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 417 (1862). — Stercorarms x>omatorhinus 
(Temm.) : Newton, in Baring-Goulds Iccland, p. 418 (1863). — Lestris pomarhinu Tem. : 
Grröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 45 (1895). — Stercorarius pomatorhinus (Hemm.): Slater, 
Birds of Iceland, p. 119 (1901). 

Stercorarius pomarinus (Temm.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 623 (1877). — 
Stercorarius pomatorhinus (Temm.): Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 322 (1896). 

Hantzsch, Vogel weit Islands. ^ 



230 Stercorariiis i)Oiuarinus. 

— Lestris pomatorhina (Temm.): Winge. CJraiilands Fiigle, S. 212 (1898). — Stercorarius 
pomarinus (Temm.): Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 310 (190B). 

Isländisch: Kjöi (partim), niidlungs (= mittlerer) Kjöi (wahrscheinlich nach 
dem Rufe). 

Auch dän.: Kjove, Middelkjove, Mellemkjove. Norw. : Jo, 1'yvjo. Fär. : Tjöi, 
Tjöggvi, Tjegvi. 

Die mittlere ßaubmöve brütet zirkumpolar wahrscheinlich nur in sehr hohen 
Breiten. Im arktischen Amerika hat man ihre Brutplätze an der Westküste der Davis- 
Straße und in AVestgrönland gefunden, wo sie nach Winge zwischen Holstenborg und 
Upernivik ziemlich häufig ist. In beträchlicher Zahl bewohnt sie stellenweise auch 
das nördliche Sibirien und die vorgelagerten Inselgruppen, z. B. AVrangel-Land. Auf 
Nowaja Semlja, Waigatsch, Franz-Joseph-Land, Spitzbergen, Jan Mayen, auch im Norden 
Norwegens hat man die Vögel wohl im Sommer erlegt, ihr Brüten daselbst aber nicht 
feststellen können. Jüngere, noch nicht zur Fortpflanzung schreitende Individuen uusrer 
Art, sowie die Alten außerhalb der Brutperiode, streifen weit umher und wurden süd- 
wärts bis Peru, Nordaustralien und Südafrika erlegt. Auf den Britischen Inseln zeigen 
sich unsere Vögel besonders im Herbste, ebenso auch bei den nördlich davon liegenden 
Inselgruppen bis zu den Färöern. 

Nach Island kommt die mittlere Raubmöve wabi-scheinlich ebenfalls nur 
als gelegentlicher Gast, mag jedoch häufig genug mit den verwandten 
Arten verwechselt werden. Der Bericht Fabers, daß unser Vogel in der 
Nähe von Eyrarbakki bei seinem Neste angetroffen worden sei, erscheint 
zweifelhaft. Spätere Schriftsteller vermuten wohl das Brüten von Stercoranns 
jwmarinus in Island, bringen aber keine Beweise dafür. Auch P. Nielsen 
u. a. haben nie etwas darüber gehört (in litt.). 

Newton sah am 27. April 1858 ein Exemplar der mittleren Raubmöve 
bei Reykjavik (1. c), Kolthoff auf der Fahrt zwischen den Färöern und Island 
im Juli 1872 täglich deren mehrere (Naumann XI, S. 314), ich selbst einen 
einzelnen Vogel am 8. August 1903 bei Hjalteyri im Eyjafjördr. Dies 
war ein dunkles Exemplar ohne weiße Abzeichen und nach den Schwanz- 
federn zu urteilen, ein älteres Individuum. Es hielt sich mehrere Stunden 
in der Nähe des kleinen Ortes auf, wo gerade bedeutende Mengen von 
Heringen gefangen und am Strande verpackt wurden, deren Abfälle auch 
zahlreiche andere Vögel herbeilockten. Meist flog die Raubmöve Aveit draußen 
über den Fjord, sodaß sie den Blicken völlig entschwand, kehrte aber regel- 
mäßig nach einiger Zeit zurück. Raben und Seeschwalben verfolgten sie 
wiederholt. Eine Stimme ließ sie nicht hören. Ihr Flug war durchaus ruhig 
und mövenartig; nur einige Male stürzte sie sich nach Art der Schmarotzer- 
raubmöve zum Wasser nieder, um Teile der umherschwimmenden Abfälle 
aufzunehmen und diese weiterfliegend zu verzehren. 

Wahrscheinlich besucht unsere Spezies die Küsten Islands während 
des ganzen Jahres. 

14. Stercorarius parasiticus (L.). 
Schmarotzerraubmöve. 

Lestris parasitica (Temm.): Faber, Prodromus, S. 105 (1822). — Lestris parasitica 
& Lestris thuliaca n. spec: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 417 und 418 (1862). — 
Stercorarius parasiticus (Linn.): Newton, in Baring-- Gonlds Iceland, p. 419 (1863). — 



8tercorarius parasiticus. X31 

Lestris parasiticallVig. : Gröndal,isleuzkt fuglatal,bls.45(1895). — Stercorarius crejndatus 
(Gmel.): Slater, Birds of Iceland, p. 121 (1901). 

Stercorarius parasiticus (L.): CoUin. Skandinaviens Fiigle, S. 625 (1877). — 
Stercorarius crepidatus (Banks): Saunders, Cat. Birtis Brit. Mus. XXV, p. 327 (1896). — 
Lestris parasitica auctorum: AVinge. Grönlands Fugle, S. 207 (1898). — Stercorari^is 
parasiticus (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 317 (190ü). 

Isländisch: Kjöi (partim, nach dem Rufe), almennur (= gemeiner) Kjöi; in 
alter Literatur gjödr, was in der Skaldensprache von räuberischen Vögeln im all- 
gemeinen gebraucht wurde (Gröndal). 

Auch dän. : Kjove. Norw.: Jo,Tyvjo, Maagkjev. Shetl. : Shooi. Fär. : Tj6i,Tjoggvi,Tjegvi. 

Die Schmarotzerraubmöve brütet als die häufigste Art der Gattung Stercorarius 
fast überall im Norden der Alten und Neuen Welt. Im Winter, jüngere Exemplare 
während des ganzen Jahres, wandern die Vögel weit umher, südwärts bis Australien, 
Neuseeland, Brasilien und Südafrika. In Europa fand man ihre Brutplätze in den 
nördlichen Gegenden von Rußland, Skandinavien (südwärts bis zu 55*^ 45' im Bottnischen 
Meerbusen), auf den Lofoten, auf Spitzbergen, der Bären-Insel und Jan Maj-en, in 
Nordschottland, auf den Hebriden, Orkaden. Shetlands-Iuseln und Färöern. Auch 
Grönland wird von unsrer Art bewohnt; man fand sie hier bis zum Thank-God-Hafen (82°). 

In Island ist die Schmarotzerraubmöve verbreiteter Brutvogel in allen 
Wasser- und vegetationsreichen Gebieten, besonders in fruchtbaren Tälern und 
Ebenen des Tieflandes, aber nicht in Gebirgen, Geröll- und Sandlandschaften. 
Sie lebt zur Fortpflanzungszeit in einzelnen, selten in einigen wenigen Paaren bei- 
sammen, ist aber ti'otzdem nicht nur Charaktervogel, sondern auch eine der 
merkwürdigsten und auffallendsten Erscheinungen der isländischen Sumpf- 
landschaften. Vor und nach der Brutzeit trifft mau sie an den Küsten. 

Unterarten der Spezies hat man bis jetzt nicht gefunden. Das mehr oder 
weniger ausgebreitete Weiß im Gefieder, das mit zunehmendem Alter immer reiner 
wird, scheint individuelle Variation zu sein. Weißgefleekte und einfarbig nußbraune 
Exemplare paaren sich ohne weiteres miteinander. 

Preyers Lestris thuliaca (1. c.) ist weiter nichts als ein etwas auffällig gefärbter 
Vogel unsrer Art. Ich gebe zum Vergleiche die Maße des Typus, sowie die zweier 
Brutvögel von St. parasiticus aus meiner Sammlung. 

Lestris thuliaca Preyer. Pr. erhielt den Balg im Juni 1860 in Reykjavik. 
Geschlecht: unbestimmt. Gesamtlänge (am Balge gem.): 448 mm. Schnabel: 29. 
Tarsen: 42. 3Iittelzehe inkl. Kralle: 41. 

Stercorarius parasiticus (L.): a. Fast genau so gefäxbt wie das von Preyer aus- 
führlich beschriebene Exemplar. $ ad., Mödruvellir im Hörgätale, 17. Juni 1903. 
Gesamtlänge (im Fleisch gem.): 490 mm. Schnabel: 29. Tarsen: 42. Mittelzehe: 
41. _ b. Ohne jedes Weiß, d ad., Hvammstangi, 20. Mai 1903. Gesamtlänge (i, FL): 
485mm. Schnabel: 28,5. Tarsen: 42,5. Mittelzehe: 42. 

Einige weitere Angaben über die beiden vorstehend erwähnten Exemplare seien 
hinzugefügt, a. Gewichtim Fleisch : 625 g. Flügel: 335 mm. Flugbreite: e. 1060. 
Schwanz: 237. Schwanz -|- Flügel : 50. Mittelste Schwanzfedern -}- die nächstkürzeren: 
74. — b. Gewicht: 600g. Flügel: 325. Schwanz: 230. Schwanz + Flügel: 38. Mittel- 
federn -|- i^ächstkürzere : 72. — Iris: dunkelbraun. Schnabel: grau mit schwärzlicher 
Spitze. Füße: schwarz, nur die vorderen großen Schilder der Tarsen etwas grau. 

Im allgemeinen kommt unsere Raubmöve Mitte bis Ende April nach 
dem Lande, in den nördlichen Gegenden auch noch später. Man trifft sie dann 
paarweise oder in kleinen Scharen, die an schneefreien Stellen umherlaufen 
und in der Ferne an Dohlen oder Tauben erinnern. Mitte Mai beziehen sie die 
Brutgebiete, die ebensowohl in der Nähe der Küste als im Innern der Insel 

9* 



132 Stercorarius parasiticus. 

liegen. Flache Täler mit einzelnen Teichen oder weite versumpfte Graslaudschaften 
beherbergen gewöhnlich ein Paar der Vögel. Mitunter halten sich kleine Gesell- 
schaften oder einzelne noch nicht fortpflanzungsfähige Tiere in der Nähe der 
Brutvögel auf, während mehrere alte Paare selten dicht beieinander wohnen. 

Ende Mai kann man am besten den wunderlichen Balzflug unsrer 
Art beobachten. Langsam und nicht allzu hoch über der Erde streichen 
die Vögel anfänglich dahin, stürzen plötzlich in die Nähe des Bodens herab, 
um alsbald wieder in wuchtigem Schwünge emporzusteigen. Oft schleudern 
sie sich blitzschnell in den kaum glaubliclisten Schwenkungen und taumelnden 
Drehungen durch die Luft, wobei sie gewöhnlich ihr katzenartiges, klägliches 
Kiau ausstoßen. Dann fliegen sie minutenlang auch wieder ruhig dahin. 
Dem Menschen gegenüber sind sie in dieser Zeit nicht besonders scheu. 
Läßt sich unser Vogel auf die Erde nieder, so hält er, besonders bei windigem 
Wetter, noch lange die Flügel in die Höhe und schwankt hin und her, ehe 
es ihm gelingt, die langen Schwingen auf den Rücken zu legen. Merk- 
würdige Flügel- und Körperbewegungen gehen auch der Begattung voraus, 
die am Boden erfolgt, wie ich am 20. Mai 1903 bei Hvammstangi beobachtete. 
Das Männchen tänzelte hochaufgerichtet und mit emporgehaltenen, mehrmals 
flatternd bewegten Flügeln um sein Weibchen, das niedergeduckt am Boden 
saß. Dabei öffnete es den Schnabel und ließ eine Art Zischen hören. Im 
Augenblicke der Begattung schoß ich, um beide Exemplare zu erhalten, 
doch entkam leider das Weibchen, zumal die Vögel sehr zählebig sind. 

Ein eigentliches Nest bauen unsre Raubmöven nur ausnahmsweise, 
doch wird durch Scharren und Drehen des Körpers eine Nestmulde gebildet 
und diese nicht selten mit einigen Halmen ausgelegt. Sie befindet sich fast 
immer auf einem Hügelchen in sumpfigem Terrain, oft von üppigem Grase 
schützend verdeckt. In Gegenden, wo die Vögel häufigen Verfolgungen 
ausgesetzt sind, wählen sie meist schwer zugängliche Nistplätze. So fand 
ich solche in der Umgebung von Hjalteyri, die auf kleinen Inseln inmitten 
tiefer, schilfumwachsener Tümpel errichtet waren. An derartigen Stellen 
verlassen die Jungen das Nest zweifellos schwimmend, was ich freilich nicht 
selbst beobachtete. Das Gelege besteht aus 2, sehr selten 3 Eiern. Besonders 
in Nachgelegen findet man häufig nur ein Stück. Sie werden im Nordlande 
meist Anfang Juni, mitunter aber auch erst Ende dieses Monats, im Südlaude 
gewöhnlich etwas früher abgelegt. Krüper fand solche am 31. Mai im 
Nordlande (Naumanuia 1857, S. 10). Die Exemplare meiner Sammlung 
stammen aus der Zeit vom 9. bis 24. Juni. Das Gelege vom 9. -Juni war 
bereits schwach bebrütet. 

Einige Maße mögen folgen: 60.2x39 mm (2,6 g) und 59,1x39.8 (2,7). 57x42,2 
(2,9) und 55,1x39,9 (2,3). 57,5x41 (2,8) und 57x41,2 (2,7). 57,5x39 (2,7). 56,5x39,2 
(3,1). 55,5x41 (3). 55x41 (2,7.) — Ihr Vollgewicht beträgt ungefähr 46 g. — Abnorme 
Eier erhielt P. Nielsen 5 Jahre hintereinander von einem erst für Ste)-corarius cep])hus 
gehaltenen, später sicher als St. parasiticus bestimmten Paare aus der Nähe von 
Eyrarbakki. Sie zeigen statt der mattbraunen eine blaugrünliche Grundfarbe und 
wenige kleine Punkte. — Ihre Maße betragen 48x44 und 52x42,5. — 52,8x43 und 
52,2x42,8. — 51,5x44 und 52x43.-50x43,5 und 50x42. — 50x43 (in litt.). 



Stercorarius parasiticus. 133 

Die Brutdauer beträgt nach Faber 24, nach andern nicht isländischen 
Beobachtern bis 28 Tage. In der Hauptsache brütet das Weibchen, wird 
jedoch einige Stunden täglich vom Männchen abgelöst. Rechtzeitig entfernt 
sich der Vogel vom Neste, wenn eine Gefahr droht, setzt sich auf ein Gras- 
hügelchen und wartet, ob man ihm oder seiner Brut nachstellt. Ist dies 
wirklich der Fall, so umfliegen beide Gatten den Nestbezirk. Große Besorgnis 
legt vor allem das Weibchen an den Tag. Oft vergißt es völlig die eigene 
Sicherheit und stößt zornig auf den Menschen herab. Dabei läßt es seine 
klagenden Stimmlaute hören, die ziemlich modulieren und nicht genau 
wiederzugeben sind. Ich zeichnete sie auf als kiau, gäau, gel (meist die 
1. Silbe betont). Manchmal werden sie rasch hintereinander wiederholt, 
andermal wieder einzeln und gedehnt ausgestoßen. Fliegen die Vögel höher 
in der Luft, rufen sie auch unmutige rabenartige Gau Gau. Wenn die 
Jungen ausgeschlüpft sind, werden die Alten noch besorgter und suchen 
oft durch sonderbares Flattern und Hinrutschen auf dem Boden den Ver- 
folger abzulenken. Je auffälliger sie dies tun, desto näher ist man den 
Jungen. Vielfach müssen auch die bedauernswerten, nicht durch gesetzliche 
Bestimmungen geschützten Vögel ihre opfervolle Liebe zur Nachkommenschaft 
mit dem Tode oder schwerer Verwundung besiegeln. Einige von mir unter- 
suchte Magen solcher Exemplare enthielten von bestimmbaren Stoffen außer 
kleinen Steinen nur Insektenüberreste, besonders Flügeldecken von Käfern, 
sowie in einem Falle mehrere überwinterte Beeren von Vaccinium oxycoccos. 
Thienemann fand die Magen etlicher junger Individuen mit Beeren von 
V. uliginosum vollgestopft (Reise, S. 300). Freilich bemerkte ich im Brut- 
gebiete unsrer Raubmöve auch wiederholt ausgeleerte Eischalen und beobachtete 
oft, wie die in der Nähe wohnenden Vögel, besonders Sterna macrura, Nu- 
laenms j^haeopus und Totanus totamcs, ihre Feinde mit Heftigkeit und leb- 
haftem Geschrei verfolgten. An Eiderbrutplätzen und andern I]ntenkolonien 
richten die Schmarotzerraubmöven durch Wegfressen von Eiern oft beträcht- 
lichen Schaden an, zumal derartige Schwimmvögel geringen Widerstand 
leisten. Am Myvatn jagen sie auch den Seeschwalben die gefangenen 
Fischchen ab, erhaschen sogar Nestjuuge verschiedener Vogelarten, verzehren 
freilich nebenbei alle möglichen tierischen und selbst pflanzlichen Stoffe. So 
scheuchte ich Ende Juli bei Grimstadir am Myvatn ein Exemplar auf, das eins der 
zahlreich am Boden liegenden toten Dunenjungen des mittleren Sägers fast 
verzehrt hatte; nur Kopf, Rücken und Füße waren übrig. 

Die jungen Raubmöven verlassen bald das Nest, um sich ins Gras zu 
drücken und geschickt zu verstecken, wenn Gefahr droht, brauchen aber 
lange Zeit zum Flüggew erden. Faber glaubt, daß dies nach etwa 40 Tagen 
geschehe. Vor Mitte August trifft man allerdings kaum flugbare Junge. 
Ich sah die ersten am 19. dieses Monats nicht weit vom Geysir. Sie wurden 
noch von den Alten geführt und gefüttert, waren recht unbeholfen und wenig 
scheu. Bedürfen sie endlich keiner Fürsorge mehr, so entfernt sich das alte 
Paar aus dem Brutgebiete, was freilich selten vor Anfang September 
geschieht. Die Jungen sollen dagegen meist später fortziehen und oft 



134 Stercorarius cepphiis. 

bis Ende September an ihrer Geburtsstätte bleiben. Dann suchen sie das 
Meer auf, doch verschwinden die meisten Individuen bald ganz aus Island. 
Nur einzelne Exemplare werden gelegentlicli aucli im Winter an den 
Küsten gesehen. 

15. Stercorarius cepphus (Brunn.). 
Kleine Raubmöve. 

Lestris Buffoni : Faber, Prodromus, S. 105 (1822). — Preyer (& Zirkelj, Heise nach 
Island, 8.417(1862). — Stercordrins huffoni (Boie) : Newton, in Baring-Goulds Iceland, 
p. 419 (1863). — Lestris Buffoni Boie: Gröndal, Islenzkt l'uglatal, bis. 45 (1895). — 
Stercorarius parasiticus (Linn.): Slater, Birds of Iceland, p. 123 (1901). 

Stercorarius cepphus (Brunn.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 627 (1877). — 
Stercorarius parasiticus (L.): .Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 334 (1896). — 
Lestris longicauda (Vieill.): Winge, Grönlands Fugle, S. 209 (1898). — Stercorarius 
longicaudus WxeiW.: Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 329 (1903). 

Isländisch: Kjöi (partim, nach dem Rufe), litli oder litill (= kleiner) Kjöi. 

Auch dän. : Lille Kjove. Fär. : Tjoi, Tjoggvi, Tjegvi (part.). 

Die kleine ßaubmöve ist ebenfalls eine zirkumpolare Spezies der arktischen 
Region und scheint in größerer Menge als St. pomarinus vorhanden zu sein. 3Ian 
kennt ihre Brutplätze von verschiedenen Inselgebieten der nordamerikanischen Küsten. 
Inwieweit sie aber in Nordasien mit St. parasiticus gemeinsam auftritt, ist bei der 
Ähnlichkeit beider Arten noch ungenügend festgestellt. Sicher bewohnt St. cepphus 
ziemlich häufig Nowaja Semlja, seltner Franz- Joseph -Land und Spitzbergen (von wo 
Malmgren sie als besondere, vielfach noch bezweifelte Spezies, St. tephras. beschrieb), 
ferner die L^mgebung des Varanger- Fjordes, in geringer Menge auch die Bären -Insel 
und Jan Mayen. Nach CoUett soll sie in Norwegen und Schweden sogar südlich des 
Polarkreises, jedoch nur in höheren Gebirgslagen und auch nur sporadisch und unregel- 
mäßig gebrütet haben. In Grönland liegen nach "VVinge ihre Wohnplätze etwa vom 
68. Grade an nordwärts. Noch nicht fortpflanzungsfähige jüngere Individuen und die 
alten außerhalb der Brutperiode streichen weit umher und sind südwärts bei Gibraltar, 
den Sandwich-Inseln, Philippinen, in Florida und Californien beobachtet und erlegt 
worden. Auf den Britischen und den nördlich davon liegenden kleinei-en Inseln hat 
man unsere Art scheinbar nur selten angetroffen. 

In Island kennt man die kleine Eaubmöve vorläufig nur als gelegent- 
lichen Gast, der wahrscheinlich die Küstengebiete zu allen Jahreszeiten 
besucht. Bei der für den Nichtornithologen schwierigen Unterscheidung von 
dem häufigen Stercoranus parasiticus und zufolge ihrer vorstehend erwähnten 
allgemeinen Verbreitung ist es recht wohl möglich, daß man sie noch als 
Brutvogel für unsere Insel wird feststellen können. Die bis jetzt hierüber 
vorliegenden Angaben sind sehr unsicher. 

Faber berichtet (1. c), daß er am 17. Juni 1819 ein altes Männchen einer Raub- 
möve beim M^'vatn erbeutete und dieses Exemplar später in Kopenhagen wegen seiner 
langen Schwanzspieße als Lestris Buffoni bestimmt wurde. Er bestreitet aber das Vor- 
handensein dieser ihm überhaupt zweifelhaften Art in Island und versichert, der betreffende 
Vogel wäre mit einem Weibchen der gewöhnlichen Lestris parasitica gepaart gewesen. 

F. A. L. Thienemann sclu-eibt dagegen ausdrücklich — Fortpflanzung der Vögel 
Europas, V. Heft, S. 24 (1838) — er habe Lestris Buffoni Boie nebst deren Eiern aus 
Island erhalten. Leider läßt sich über den fraglichen Balg, der allem Anscheine nach 
seinerzeit ins Zoologische Museum zu Dresden gekommen ist, nichts mehr ermitteln. 
Von einem der Eier bringt Thienemann eine Abbildung auf Taf. XXI, Nr. 6 des genannten 
AVerkes. Als Maße ergeben sich für dieses Exemplar 51x36,5 mm; die Grundfarbung 



Pagophila eburnea. 135 

ist auffällig hellgrün. 4 der zweifelhaften Eier finden sich noch im Dresdener Museum. 
Sie zeigen folgende Maße: 56,5 x 39 mm (2,4 g), 51,8x38,2 (2,3). 51.2x37,5 (2,3), 
54 X 35 (1,9). Alle 4 sind hellfarbig und verhältnismäßig zart, besonders das zuletzt 
angeführte kennzeichnet sich auffällig als verkümmertos Stück. Sie gleichen weder 
in CTröße noch Beschaffenheit einigermaßen typischen Eiern von St. cepphus und sind 
wahrscheinlich nur als kleine Exemplare von St. parasiticus anzusehen. 

P. Nielsen und andere isländische Beobachter haben nichts von einem 
Brüten der kleinen Raubmöve auf der Insel gehört. Doch Hegen einige 
sichere Nachrichten über ihr gelegentliches Auftreten daselbst vor. Newton 
und Wolley beobachteten unsere Art im Jahre 1858 bei Kirkjuvogr (SW.) 
und erhielten einen getöteten Vogel in Keflavik. Preyer sah 1860 einen 
wohlerhaltenen Balg in Reykjavik. Gröndal berichtet von einem Exemplar 
in der Sammlung der Lateinschule, und Slater versichert, in der Nähe von 
Kap Länganes im August 1894 zwei kleine Raubmöven beobachtet zu haben. 
Mir selbst ist die Art nicht zu Gesicht gekommen. Weitere Literaturangaben 
sind unklar oder zweifelhaft. 

16. Pagophila eburnea (Phipps). 
Elfenbeinmöve. 

Pagophila eburnea: Newton, Ibis, p. 132 (1864). — Larus ehurneus Gm.: (xrön- 
dal. isleuzkt fuglatal. bis. 44 (1895). — Pagophila eburtiea (Phipps): Slater, Birds of 
Iceland, p. 117 (1901). — Larus ehurneus Phipps: Stemundsson, Zoolog. Meddel. fra 
Island, S. 18 (1905). 

Pagophila ehurnea (Phipps) : Sauuders, Cat. Birds Brit. Mus. XXY, p. 301 (1896). 
— Larus eftitraeits Phipps : AVinge, Grönlands Fugle, S. 200 (1898). — Pagophila eburnea 
(Phipps) : Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 280 (1903). 

Isländisch: Hvitmäfur (= Weißmöve), Ismäfur, Ismär (= Eismöve), partim. 

Auch deutsch: "Weiße Möve. Dan.: Ismaage. Norw. : Hvidmaage, Ismaage. 
Schwed.: Hvitmäs, Ismäs. 

Die Elfenbeinmöve bewohnt^ zirkumpolar den höchsten Xorden. Man kennt 
ihre Brutplätze von Spitzbergen. Franz-Joseph-Land, Nowaja Semlja, den Xordsibirischen 
Inseln und einigen anderen Gebieten im nördlichsten Asien, in Amerika auf den Parry- 
Inseln und in Xordgrönland. Sverdrup beobachtete die Art auf der Rückreise der 
Pram bei 85 '^ n. Br. Im Winter zieht die Elfenbeinmöve ein wenig südwärts und wird 
dann in allen Teilen des Eismeeres beobachtet, gehört aber schon im mittleren Skandi- 
navien und auf den Britischen Inseln zu den seltnen Erscheinungen. Ganz ausnahms- 
weise ist sie in Nordamerika bis zu 47o (Neu - Braunschweig), in Europa bis zu 46V2*' 
(Genfer See) südwärts vorgedrungen. 

Island besucht die Elfenbeinmöve als gelegentlicher Wintergast. 
Die erste Mitteilung von ihrem Vorkommen gab Newton nach Exemplaren, 
die Proctor zweimal aus Nordisland, wahrscheinlich von Grimsey, erhalten 
hatte. Auf dieser Insel soll sich unser Vogel nicht selten im Winter zeigen, 
wie mir Yngvar Gudmundsson versicherte. J. V. Havsteen erzählte mir 
gleichfalls von dem Auftreten der Elfenbeinmöve bei Akureyri, und Slater 
erhielt tatsächlich einen Balg unserer Art vom Eyjafjördr aus dem Anfange 
des Jahres 1894. Gröndal sah im April 1879 ein p]xemplar bei einem 
Kaufraanne (Ornis XI, S. 454). Aus demselben Jahre stammen auch die 
zwei isländischen Bälge des Kopenhagener Museums. Die Sammlung in 
Reykjavik besitzt zwei Präparate im Alterskleide; der eine Vogel wurde im 



136 K 



issa rissa rissa. 



November 1897 auf einer "Wiese im Südlande gefaugeu (Ornis XI, S. 454), 
den andern schoß man am 5. Juni 1903 bei dem Hofe Reykholt in der 
Borgafjardar S^sla, nachdem man ihn mehrere Tage daselbst beobachtet 
hatte. Auch am 2. Dezember 1903 will man ein angeblich jüngeres Exemplar 
unserer Art in der Nähe des Hofes Kaldaclarnes (Ölfusa) gesehen haben 
(Saemundsson). 

17. Rissa rissa rissa (L.). 
Dreizehenmöve. 

Larus tridacti/lus (Lath..): Faber, Prodromus, S. 90 (1822). — Lariis rissa: Preyer 
(^& Zirkel), Keise nach Island, S. 416 (1862). — Rissa tridactyla (Linii.): Newton, in 
Baring-Goidds Iceland, p. 418 (1863). — Larus triäactyluslj.: Gröndal, Islenzkt fuglatal, 
1)13.44 (1895). — Rissa tridactyla (Linn.): Slater, Birds of Iccland, p. 116 (1901). 

Larus tridactyliis, L.: CoUiu, Skandinaviens Fugle, S. 607 (1877). — Rissa 
fri(Zac^2/?rt(L.): Saundcrs, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 305 (1896). — Larus tridactylus 
L.: Winge, Grönlands Fugle, S. 190(1898). — Rissa tridactyla (L.): Naumann, Vögel 
Mitteleuropas XI, S. 286 (1903). 

Isländisch: Rita, Ritsa (davon Rissa), alte Formen Ritr, Rytr oder auch 
geschrieben Ritur, Rytur; im Nord- und Westlande vielfach Skegla (Etjonologie unklar, 
die Namen sind wahrscheinlich Nachbildungen der Stimme). 

Auch norw.: Krykje. Schwed.: Ringtjäe. Fär.: Rita, Rida, Ritupisa. 

Die Dreizehenmöve hat eine weite zirkumpolare Verbreitung. Sie bewohnt, 
meist in bedeutenden Kolonien, das nördliche Eismeer, sowie die benachbarten Gebiete 
des Atlantischen Ozeans. Im westlichen Teile des arktischen Nordamerikas, etwa 
zwischen 110 und 160^* w. L., kennt mau sie dagegen, nach Schalow, nicht. Nord- 
wärts hat sie Sverdrup bis 84° 52' angetroffen. Südwärts bewohnt sie Amerika bis 
etwa 45", Norwegen bis 60, Großbritannien bis 50. Irland bis 52 ". Im Nord- 
pazifischen Ozean, wenigstens im Berings-Meer, sollen R. r. pollicaris Stejn. und R. 
r. brevirostris Bruch unsere Form vertreten. Im AVinter streicht R. r. rissa südwärts 
bis zum Kaspischen Meere, Madeira, dem mittleren Teile der Vereinigten Staaten und 
den Bernmda-Inseln. 

Auch in Island ist die Dreizehenmöve an allen Küsten ein weit- 
verbreiteter Brutvogel und vielleicht die individuenreichste Vogelart 
überhaupt. Sie bildet große Kolonien für sich allein oder bewohnt mit andern 
Arten gemeinsam die bedeutenderen Vogelberge. In ungeheurer Menge brütet 
sie auf den Vcstmannaeyjarn und auf Grimsey und nimmt hier auch mit 
niedrigeren Felspartien fürlieb, wenn sie nur steil ins Meer abfallen. Wie 
Schneeflocken wirbeln oft die unabsehbaren Scharen der Vögel über den 
Süßwasserteichen Grimscys, in denen sie sehr gern baden und trinken, oder 
bedecken, dicht neben einander sitzend, zu Tausenden die Klippen. Dazu 
immer lebhaft, äußerst fluggewandt und unablässig schreiend, stellen diese 
gaukelnden Gestalten wohl die auffälligsten Erscheinungen der Vogelberge 
dar, die zugleich auch mit ihren zarten Farbtönen und ihren graziösen 
Bewegungen die Blicke beständig fesseln. Und selbst draußen auf dem 
weiten Meere sind unsere Möven die treuesten, oft tagelangen Begleiterinnen 
der Schiffe, denen sie auch bei heftigem Sturm mit den geschicktesten 
Flugkünsten folgen. Mitunter halten sich die Vögel kaum 2 — 3 m von dem 
fahrenden Menschen entfernt und blicken, treuherzig den Kopf bewegend, 
mit ihren dunkeln Augen nach ihm hin. 



Rissa rissa rissa. 



137 



Rissa rissa variiert auch an denselben Lokalitäten individuell sehr in der Größe. 
Ein typisches (J ad., von mir am 28. Juni 1903 auf Grimsey gesammelt, sichrer Brut- 
vogel (3 Brutflecken), zeigt folgende Maße. Gewicht i. FL: c. 600 g. Gesamtlänge i. Fl. : 
460 mm. Flugbreite: c. 1000. Flügel: 315. Schwanz: 155. Schwanz + Flügel : 14. 
Schnabellänge: 35. Schnabelhöhe (am Grunde): 15. Tarsen: 36. Mittelzehe inkl. der 
11 mm langen Kralle: 51 mm. Stummel: 2. — Iris: dunkelgrauschwarz. Schmales 
Augenlidrändchen: zinnoberrot. Schnabel: lebhaft citronengelb (dunkelt am Grunde 
bedeutend grünlich nach). Schnabehvinkel, Gaumen und Zunge: leuchtend hellzinnober- 
rot. Füße: dunkelschwarzbraun, Sohlen heller. — Das Kleingefieder beginnt bereits 
zu mausern. 

Die Dreizebeumöven nähern sich im allgemeinen Anfang März ihren 
Briitgebieten , in günstigen Gegenden wohl auch schon eher. p. Jönsson 
nennt mir als Ankunftstermiu für die Vestmannaeyjar sogar die Zeit vom 20. 
bis 30. Januar. Unsere Vögel haben dann die Sommertracht noch nicht 




Alf Bachmanii, Jlüiirlieii. Phot. 
Fig. 23. Kolonie von Rissa rissa im Patreksfjördr. (Nordwestisland.) 



angelegt. Ist dies etwa im April der Fall, so beginnen sie mit der Aus- 
besserung oder dem Neubau ihres festen und tiefen Nestes, das aus allen 
möglichen Land- und Wasserpflanzen der Umgebung, sowie der fetten, vom 
Frühjahrsschnee noch weichen Erde des Vogelberges errichtet wird. Vielfach 
sah ich freilieh auf Grimsey auch überflüssige Niststofie unordentlich herab- 
hängen. Später wird der Nestrand mit der Losung der Vögel bedeckt, 
dadurch doppelt haltbar und oft wie mit dem Felsen vermauert. Alte Nester 
sind manchmal sehr dick und ragen über die schmalen Felsenvorsprüuge 
bedeutend heraus. An einigen Örtlichkeiten, wie auf den Vestmannaeyjarn, 
stehen freilich den Vögeln auch breite, mit Erde bedeckte Flächen auf nicht 
besonders steil emporragenden Bergen zur Grundlage ihres Nestes zur Ver- 



]^38 Rissa rissa rissa. 

fügung (Fig. 23). Als ich ;ira 20. April die Vestraannaeyjav besuchte, waren 
die Droizehenmöven überall paarweise bei ihren Brutstätten und trugen 
Baumaterial lierzu, verhielten sich aber ziemlich still. Die Eier werden 
selten vor Mitte ^lai, auf Grimsey gewöhnlich erst Ende dieses Monats oder 
Anfang Juni abgelegt. Ende Juni findet man dagegen auch dort, wo die 
Eier fortgenommen werden, nur ausnahmsweise noch frische Exemplare. Das 
Normalgelege besteht auf Grimsey stets aus 2 Stück, in Nachgelegen findet 
man häufig nur eiu Ei, 3 Stück sind selten, rühren vielleiclit auch mitunter 
von verschiedenen Weibchen her. 

Einige von mir auf Grimsey präparierte Eier meiner Sammlung haben folgende 
Maße : 57,5 x 39,8 mm (2,7 g) und 57 x 39,2 (2,8). — 57 X 41,5 (3,1). — 56,5 x 40 (3) 
und 53,8x38,5 (2,7). — 55,5x40,5 (2,9) und 53x40,2 (2,7). — 53,5 x 41,2 (2,8) und 
53 x: 41,8 (3,2). — 53,5 x 40,8 (3,1). — Das Vollgewicht von 9 nicht ganz frischen Eiern 
betrug ziemlich gleichmäßig 42 — 46 g. 

Beide Teile des Paares brüten abwechselnd, das Weibchen, wie 
scheinbar bei den meisten dieser Felsenvögel, mehr am Tage, das Männchen 
in der ja ebenfalls hellen Nacht. Gegen 9 Uhr abends — nach Grimseyer 
Zeit etwa 11 Uhr — lösen die Tiere einander ab. Die Männchen kommen 
mit durchdringendem Gägägä . . . gäa geflogen, lassen sich neben dem gleich- 
falls schreienden Weibchen nieder, begatten dieses sehr- häufig, vielleicht 
nur scheinbar, drängen sich nun mit zitternden Flügeln in die Nestmulde, 
worauf der andere Vogel laut kreischend absti-eicht. Die vereinigten Stimmen 
der ganzen Kolonie wii-keu besonders zu dieser Stunde geradezu nerven- 
aufregend. Hat man längere Zeit inmitten der Vögel auf seinem Beobachter- 
posten ausgeharrt, so wird man hinterher selbst im Schlafe den Nachklang 
des Stimmengewirrs stundenlaug nicht los. Die Dreizehenmöven ändern 
natürlich ihren Ruf je nach der Situation ganz bedeutend. Seltner hört man 
auch eiu rauhes Hör, ein ziemlich hohes Gag usw. Das feine Ti Titi. das 
unsere Vögel ausstoßen, wenn sie neben einem Schiffe fliegen, hörte ich am 
Brutplatze nicht. 

Die Brutdauer mag mit 21 — 24 Tagen richtig angegeben sein. Am 
31. Juni sah ich auf Grimsey die ersten Dunenjuugen, in den nächsten 
Tagen sehr zahlreiche, merkwürdigerweise fast überall nur eins in jedem 
Neste. Die Bewohner berichteten mir auf meine diesbezügliche Aufrage, 
daß angeblich sehr häufig nur eins der Eier zur Entwicklung gelange. 
Fände man 2 Junge im Neste, rührten diese oft nur von einem Dreier- 
gelege her. Ich kann die von mir beobachtete Tatsache vorläufig nur auf 
die ganz besonders ungünstige, rauhe und feuclite Witterung zurückführen, 
die während meines Aufenthaltes auf Grimsey herrschte. Wenigstens einen 
Monat, oft auch noch eine Woche länger, werden die Jungen von beiden 
Eltern fleißig gefüttert. 2 zu dieser Zeit vom Neste weggefangene alte 
Vögel, die ich untersuchte, hatten im Schlünde kleine Krebstiere. Doch 
sah ich auch, wie den Jungen Fischchen vorgewürgt wurden. Das Leben und 
Treiben am Mövenbrutplatze ist nun am interessantesten. In die Stimmen der 
Alten mischt sich auch das bettelnde Locken der immer beoehrlichen Jungen. 



Larus marinus. 139 

Ungefähr Mitte, spätestens Ende Angust sind diese fhigbar, doch 
sah ich einzelne schon am 6. August über dem Eyjafjördr tiiegen. Nun- 
mehr verlassen die Vögel die unmittelbare Nähe der Brutfelsen und schwärmen 
auf das Meer hinaus, folgen den Schiffen und Fischzügen, erscheinen in 
allen Fjorden und an den Küsten, verschwinden aber in der Hauptsache 
Ende September vollständig aus Island, um sich milderen Gegenden zuzu- 
wenden oder auf offenem Ozean zu überwintern. ]). Jönsson bezeichnete 
mir als Abzugstermin für die Vestmannaeyjar den 20, — 30, September. 
Einzelne Individuen werden freilich den ganzen Winter über an den isländischen 
Küsten beobachtet, 

18. Larus marinus L. 

Mantelmöve. 

Larus marinus (Linn.): Faber, Prodromus, S. 99 (1822). — Larus marinus L. : 
I 'reyer (& Zirkel) : Reise nach Island, S. 416 (1862). — Newton, in Baring-Goulds Icelaiid. 
p.418 (1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 44 (1895). — Slater, Birds of Iceland. 
[•. 112 (1901). — Stemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 17 (1905). 

Larus marinus, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 617 (1877). — Saunders, 
( at. Birds Brit. Mus. XXV, p. 241 (1896). — Winge, Grönlands Fugle, S. 179 (1898). — 
Xauuiaun, Vögel Mitteleuropas XI, S. 258 (190b). 

Isländisch: Svartbakur (svart = schwarz, hak = Rücken), etwas seltner Veidi- 
bjalla (veidi = Jagd, Weidwerk, bjalla = Schelle, Glocke, weil der Vogel bei der Nahrungs- 
suche häufig seine Stimme hören läßt), im gefleckten Jugendkleide Kaflabringur (kafli 
= Teil. Fleck, bringa = Brust). 

Auch deutsch: Schwarzmantel. Dan. & norw. : Svartbag. Schwed.: Svartbak. 
Für. : Svartbakur. 

Larus marinus scheint in seiner Verbreitung auf den Nordatlantischen Ozean und 
einige Teile des anschließenden Eismeers beschi'änkt zu sein. Im Pazifischen Ozeane 
ist sein Vertreter vielleicht L. schistisagus Stejn. In Amerika brütet unsre Art von 
Labrador bis zu den Canadischon Seen, sowie in Westgrönland, besonders zwischen 63 
und 66^, doch auch nordwärts bis 72"; in Ostgrönland hat man sie dagegen nur aus- 
nahmsweise beobachtet (1. 11. 1900, Helms). In Xordeuropa kennt man ihre Brutplätze 
von der Petschoramünduug an in Rußland und Skandinavien, ferner an den Küsten 
Großbritanniens und auf allen nördlich davon liegenden kleinen Inselgruppen bis zu 
den Färöern. Im Winter streicht L. marinus südwärts bis Florida, den Bermuda-Inseln, 
Xiirdafrika und den Kanarischen Inseln. 

In Island ist die Mantelmöve ein nicht seltner Brutvogel, der 
in geringerer Individuenzahl die oberen Teile verschiedener Vogelberge, in 
gröLk'rer Menge aber selbständige Kolonien bewohnt. Sie legt diese nicht 
nur am Meere, sondern aucli auf Inseln von Landgewässern an. Einer der 
bedeutendsten, schon uralten Brutplätze findet sich auf einer Lavainsel des 
|)ingvallavatns; Bj. Ssemundssou schätzte diese Kolonie auf c, 400 Paare, 
Auch im Fiskavatn (W., Hnappadals Sysla), auf einem See in der Nähe 
der Baula (W.), im Unterlaufe verschiedener südisländischer Ströme usw. 
brüten die Vögel am Süßwasser. Die übrigen Kolonien sind an allen Küsten 
verstreut, im Norden aber scheinbar in geringerer Menge vorhanden. Sie 
befinden sich am häufigsten auf grasbewachsenen Klippen. Die Vögel streifen 
auch während der Brutzeit weit umher und werden das ganze Jahr hindurch 
au den Küsten beobachtet. 



140 



Laras marinus. 



Besoudors im Süden Islauds, z. B. auf den Vestniannaeyjarn, sind die 
Mantehuüveu oroUtenteils wahre Standvögel. Die Binnengewässer ver- 
lassen sie freilich nach beendeter Brutzeit oder besuchen sie höchstens 
gelegentlich noch einmal. Nach den Angaben Sicmundssons und meinen 
eigenen Erkundigungen an Ort und Stelle kommen unsere Möven schon 
Anfang März nach dem ])ingvallavatn, fliegen indes häufig noch zwischen 
den Brutplätzen und der Küste hin und her. Au den Forellen im See 
richten sie wenig Schaden au, da sie auch während der Brutzeit ihre Nahrung 
besonders vom Mündungsgebiete der Hvitä holen. Ende April beginnt der 
Nestbau oder die Ausbesserung des alten Nestes. Dieses befindet sich 
meist auf breiter Unterlage oder ebener Erde, ist rundlich und ziemlich 




Alf Bachmann, Miiiiclien. l'liüt. 

Fio. 24. Nest von Larus marinus. 



flach und hat nach Saemundsson eine Mulde vOn 20 cm im Durchmesser. 
Es wird aus Wasser- und Landpflanzen der Umgebung hergestellt und mit 
Erde befestigt (Fig. 24). Die Ablage der Eier beginnt im Mai. Mau 
nimmt diese vielerorts, so auch am ])ingvallavatu, zu Nahrungszwecken 
mehrmals fort", worauf sich die Vögel zu Nachgelegeu verstehen, weshalb 
man noch Ende Juni frische Eier flndeu kann (3. Juli 1894, Pearsou in 
the Ibis 1895, p. 248). In ungestörten Verhältnissen ist jedoch auch im 
Nordlande das Legegeschäft Anfang Juni bereits beendet. Am 15. Mai fuhr 
ich in der Nähe von Stadarfell im Hvammsfjördr dicht an einer kleinen 
Brutkülonie vou etwa 50 Paaren vorbei, die sich auf einer wenig hohen, oben 



Lara 



s marinus. 



141 



flacheu und gnisbewachsenen Klippe befand. Die meisten Vögel hielten sich 
in ziemlichen Abständen voneinander zu Paaren gesondert. Mit dem Glase 
konnte ich deutlich die Nester erkennen, die in Vertiefungen der welligen 
Rasenfläche angebracht waren. Einige der Möven trugen noch mit be- 
dächtigen Schritten Baumaterial herbei, andere hatten schon Eier. Die 
meisten saßen wenigstens im Neste. Ein derartiges Weibchen wurde unter 
starken Flügelschlägen begattet. Das erste Gelege besteht oft aus 3 Eiern; 
die Nachgelege weisen selten mehr als 2 Stück auf. 

Einige isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende 3Iaße: 80 x 53 mm 
(7.7 g) und 79.8 x 55 (8,2) und 79,5 x 53,5 (8,2). 79 x 56 (8,7). 77 x 54 (8,5) und 
77 X 53,5 (8,6). 76,8 x 51,2 (7,2). 76 x 51 (7,1). 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd, nach Faber etwa 28 Tage 
lang. Ssemundsson fand auf dem |5ingvallavatn am 16. .Juli halbbefiederte, 
am 4. August fast völlig erwachsene Junge. Die Alten versorgen diese 
etwa 50 Tage hindurch mit Nahrung, die sie oft weit herbeiholen und auf 
dem Neste vorwürgen. Sie besteht aus Fischen und allen möglichen andern 
tierischen Stoifen. Selten verteidigen die Vögel ihre Brut dem Menschen 
gegenüber energisch, umfliegen aber den Nestplatz mit lebhaftem Geschrei. 
Ihre Stimme ist ein starkes, rabenartiges Gagagagak oder Gogogogok, welchen 
Lauten sie mitunter ein gezogenes Gä anhängen. Weiter vernahm ich sehr 
häufig ein krähenartiges Kraa, auch von demselben Individuum in ver- 
schiedener Tonhöhe ausgestoßen, ferner ein merkwürdiges wieherndes Brummen, 
ungefähr wie hmmm klingend, ein kurzes tiefes Gok usw., alle diese Rufe 
im Fluge hervorgebracht. Vom Boden aus läßt der Vogel besonders ein 
lautes Ok hören, wobei er die charakteristische vorgestreckte Körperhaltung 
annimmt und den Schnabel weit öffnet. Im Sommer sind die Mantelmöven 
auch abseits der Brutplätze immer schreilustig. Wenn mehi'ere miteinander 
hoch über das Land. ziehen, vernimmt man ihre starken Stimmen oft eher, als 
man die Tiere selbst zu Gesiebt bekommt, hört sie auch dann noch, wenn die rasch 
Dahineilenden für das bloße Auge längst wieder in der Ferne verschwunden sind. 

Die halbwüchsigen Jungen verlassen bei Gefahr das Nest, laufen geduckt 
davon und suchen sich durch Schwimmen zu retten. Mitte August sind sie 
in der Regel flugbar und streifen nun mit andern ihrer Art zu kleineu 
Scharen vereinigt an den Küsten umher. Ich sah die ersten jungen Mantel- 
möven am 21. August bei Selfos am Ausflusse der Hvitä. Besonders gern 
besuchen die Tiere nun belebte Hafenorte in geschützten Buchten, werden 
aber selbst auf Grimsey im Winter beobachtet. Andere sollen den freien 
Ozean zum Aufenthalte wählen oder im Spätjahre südlicheren Gestaden 
zuwandern. Noch nicht fortpflanzungsfähige jüngere Vögel bemerkt man auch 
im Sommer weit abseits von jedem Lande. Viele suchen sich indes futter- 
reiche Wohnplätze, besonders Vogelberge, zum längeren Aufenthalte aus 
und lassen hier Gewalt vor Recht gehen. Auf der grasigen Nordspitze von 
Grimsey sah ich z. B. Ende Juni mehrere solcher unausgefärbter Mantel- 
möven, die sich äußerst wenig scheu benahmen und die ich zweimal beim 
Ausfressen stark bebrüteter Rissa-Eier betraf. 



][^2 Liinis arfrentatus argeiitatus. 

Larus argentatus argentatus Brümi. 
Silbermöve. 

Lants argentatus: Faber, l'rodromus, S. 101 (1822). — Slater, Birds of Iceland, 
p. 113(1901). — Kicmschncidcr, Oruithol. Monatsst-hr. XXI. S. 244 (1896). 

Lartcs argentatus, Briinn.-.Saaiulers, Cat. Birds Brit. 31us. XXV, p. 260 (1896).— 
Larus argeyitafns Brunn, typicns: AVinge, Grönlands Fugle, S. 176 (1898). — Larus 
argentatus Brunn.: KeichenQw, Kennzeichen der Vögel Deutschlands, S. 26 (1902). — 
Naumann. Viigel .Mitteleuropas XI, 8. 240 (1903). 

Isländisch: Silfurinäfur, Silfurmär (= Silbermöve). 

Larus argentatus argentatus brütet im europäischen Gebiete des Atlantischen 
Ozeans, an den Küsten Skandinaviens auch bis ins Eismeer hinauf, in Schweden, Nor- 
wegen, Norddeutschland und Dänemark, auf den Britischen Inseln und nordwärts bis 
zu den Färöern. Von Spitzbergen und der Bären-Insel kennt man ihn dagegen nicht. 
Auf Jan Mayen wurde ein ? im Jugendkleide erlegt, von dem jedoch fraglich ist, 
ob es sich um unsre Form handelte. Die 2 von WestgTÖnland vorhandenen Bälge im 
Alterskleide, befindlich im Kopenhagener Museum, gehören nach Winge ebenfalls 
nicht zu L. a. argentatus, sondern zu L. a. affinis Beinh. und L. a. sinith sonianus 
Coues, den amerikanischen Formen unsrer Silbermöve. 

In Island ist das Vorkommen der Silbermöve meines Wissens durch 
kein Belegexemplar verbürgt. Die Angabe Saimders und Reichenows, der 
Vogel brüte auf unsrer Insel, muß als unrichtig bezeichnet werden. Schon 
Faber und andere Beobachter leugnen sein Vorhandensein daselbst entschieden. 
Der einzige oruithologische Reisende, der Lai-iis o.rgentatns im Hafen von 
Reykjavik Mitte Juni 1895 gesehen haben will, sogar ziemlich häufig und 
zu jeder Tageszeit, ist Dr. Riemschneider. Doch muß ich diese Angabe 
zunächst für einen Irrtum halten, zumal der Berichterstatter durch nichts 
andeutet, daß ihm die Auffälligkeit einer derartigen p]rscheinung bekannt 
gewesen und infolgedessen die Art der fraglichen Vögel besonders sorgfältig 
von ihm geprüft worden sei. Freilich glaube ich selbst, am 19. April 1903, 
etwa 20 km südlich von Portland (S.), eine Silbermöve über dem Meere 
gesehen zu haben. Höchstwalirscheinlich besucht unsere Art die Insel nur 
ausnahmsweise. 

19. Larus glaucus Brunn. 
Eismüve. 

Larus glaucus (Brunn.): Faber, Prodromus, S. 98 (1822). — Larus glaucus 
Brünnich: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 416 (1862). — Larus glaucus 
Fabricius: Newton, in Baring-Goulds Iceland. p. 418 (1863). — Larus glaucus Brüan. : 
Gröudal, islenzkt fuglatal, bis. 44 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 113 (1901). 

Larus glaucus, Brunn.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 615 (1877). — Saunders, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 289 (1896). -^ AVinge, Grönlands Fugle, S. 186 (1898). 
— Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, 267 (1903). 

Isländisch: Hvitmäfur, Hvitmär (= Weißmöve), Hvitfugl (= Weißvogel), im 
Jugendkleide Grämäfur (= Graumöve), alle Namen partim. Genauer: Störi Hvitmäfur. 

Auch deutsch : Große weiße Möve. Dan. & norw. : Stör hvidvinget Maage. Schwed. : 
Stör Hvittrut, hvitvingad Trut. Engl. : Large white winged Gull. 

Larus glaucus ist zirkumpolar über die ganze arktische Region verbreitet, soweit 
offenes Land sich findet. Nansen traf eine kleine Kolonie auf Franz-Joseph-Land 
noch unter 81^' 33'. Südwärts geht unsere Art brütend nur in wenigen Gebieten 



Larus glaucus. 243 

wesentlich über den Polarkreis hinaus, besonders in Labrador, Grönland und Island. 
Im "VVinter besucht sie u. a. auch die Färöer, Großbritannien und den atlantischen 
Teil Skandinaviens und streicht gelegentlich bis zum Mittelmeer, dem Ivaspischen See. 
Baikal-See, Japan, Californien und Florida. 

In Island gehört die Eismöve zu den nicht seltenen Brutvögeln, 
die aber nur in unmittelbarer Nähe des Meeres, auf kleinen Schären oder 
auch im oberu Teile hoher Felswände brütet. Landgewässer scheint sie 
nirgends zum Sommeraufeuthalte zu wählen, wie dies JMms marinns tut. 
Sie bildet an den verschiedenen Küsten Islands eigene Kolonien, besonders 
häufig im Westen, wo der klippenreiche Faxafjördr und Breidifjördr ihr 
sehr zusagen. Hier ist sie schon seit alten Zeiten ansässig und wie ich 
mich selbst bei meiner langsamen Fahrt um die Küste überzeugte, auch 
heutzutage noch ziemlich häufig. Gern siedelt sich die Eismöve ferner in 
einigen Paaren bei den größeren Vogelbergen an, die ihr willkommene 
Beute versprechen. Auf Grimsey brütet sie jedoch jetzt nicht mehr regel- 
mäßig, obwohl dies zu Thienemanns Zeit der Fall war (Reise, S. 216). Ich 
besitze selbst noch ein von diesem dort gesammeltes Gelege (die 2 zuletzt 
angeführten Eier). Alle verkehrsreichen Küstenorte und Fischerplätze, z. B. 
Reykjavik und Isafjördr, werden zu allen Jahreszeiten in Menge von Eis- 
möven besucht, die auf dem Wasser das darstellen, was die Raben auf dem 
Lande sind. 

Biologisch ist unser Vogel so außerordentlich der Mantelmöve ähnlich, 
daß ich hier auf deren Behandlung verweisen kann. Ich beobachtete beide 
Arten oft halbestundenlang beisammen , z. B. in der Umgegend von Reyk- 
javik, konnte indes weder in den Bewegungen noch in der Stimme 
feststehende unterschiede entdecken. Im allgemeinen erschien mir die Eis- 
möve etwas langsamer als Larus maiinas, ihr Ruf etwas matter und ein- 
silbiger. Doch vernahm ich auch von ihr den tiefen starken Rabenschrei, 
sowie das merkwürdige wiehernde Brummen. Die Ähnlichkeit der Stimm- 
laute von hoch in der Luft fliegenden Vögeln mit fernem Hundegebell, auf 
die Heuglin hinweist, fand ich gerade bei dieser Art wiederholt in auffälliger 
Weise bestätigt. Die jungen Vögel lassen ein helles Geschrei hören. 

Isländische Eier meiner Sammlung zeigen folgende Maße. 80 X 57 mm (9,5 g). 
75x52(8,1). 73,5x53,5 (8). 72,5x53 (6,7). 71,5x51,5 (6). — 76x55 (9), 74x55,5 
(8,5). — Sie sind von Larus marinus-^iern nicht auseinanderzuhalten. 

Inwieweit die im Winter zahlreich an den isländischen Küsten umher- 
Bchwärmenden Eismöven wirkliche Standvögel oder nordische Gäste sind, ist 
schwer zu entscheiden. 

20. Larus leucopterus Faber. 

Polarmöve. 

Larus leucopterus (mihi) : Faber, Prodromus, S. 9 1(1822). — Larus leucopterus 
Faber: Preyer (& Zirkel), ßeise nach Island, S. 416 (1862). — Xewton, in Baring- 
Goulds Iceland, p. 418 (1863). — Gröudal, Islenzkt fuglatal, bis. 44 (1895). — Slater, 
Birds of Iceland, p. 115 (1901). 



244 Lanis Icucoptcrus. 

Larus leucopterus, Faber: CoUin, Skandinaviens Fugle, S. H13 (1877). — Saunders, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 295 (1896). — Winge, Grönlands Fugle, S. 182 (1898). — 
Naumann, Vögel Mitteleuro])as XI, S. 275 (1903). 

Isländisch: Hvitraäfur, Hvitmär (= "NVeißniöve), Hvitfugl (= Weißvogel), im 
Jugendkleide Grämäfur (= Graumöve), alle Namen partim. Richtiger: Litli Hvitraäfur. 

Auch deutsch: Kleine weißschwingige Möve. Dan. & norw.: Hvidvinget Maage. 
Schwed. : Hvidvingad Mäse, Uten Hvittrut. Engl.: Lesser white-winged Gull. 

Die Polarmöve hat nur eine beschränkte Verbreitung. Zahlreich pflanzt sie sich 
fort an der Westküste Grönlands, seltner im Norden und Osten dieses Gebietes. Ferner 
hat man sie auf Jan Mayen, an der Westküste der Davis-Straße und in einigen anderen 
Gegenden des arktischen Amerikas brütend angetroffen. Im Winter ziehen besonders 
die jüngeren Individuen ein wenig südwärts; doch ist unsere Art schon an den Küsten 
Deutschlands, Dänemarks und Norwegens eine seltene Erscheinung. Etwas häutiger 
zeigt sie sich in den Meeren Großbritaimiens und im Nordosten Amerikas. Ziemlich 
regelmäßig besucht sie die Färöer. 

In Island ist die Polarmöve ein alljährlicher Wiutergast, der sich 
vor allem zahlreich in den Fjorden der Nordküste einstellt und oft monate- 
lang- daselbst aufliält. Werden diese Gebiete von Treibeis erfüllt oder locken 
große Fischzüge die Vögel fort, so erscheinen sie in bedeutenden Scharen 
auch im Süd- und Ostlande. 

Zufolge Fabers eingehender Beobachtungen kommen die ersten Exemplare 
wenige Tage nach Mitte September und verschwinden die letzten Ende April 
bis spätestens Ende Mai. Ich sah am 25. April neben einigen Lams glaucus 
auch zwei jüngere Vögel unserer Art, die ein Fischer im Hafen von Reyk- 
javik geschossen hatte. Am 27. d. M. beobachtete ich an einer Bucht daselbst 
ein altes Individuum. Sein Flug war ruhig und leicht und führte den fast 
zutraulichen Vogel mehrmals dicht an mir vorbei. Nachdem er wiederholt 
seine Stimme ausgestoßen hatte, die ich als gi gi gi grrrr notierte, ließ er 
sich bei einer Schar Eiderenten nieder, hielt die Flügel noch längere Zeit 
in die Höhe und schwamm endlich in angemessener Entfernung den Vögeln 
nach. Am 30. April bemerkte ich neben zahlreichen Eismöven wieder einige 
Polarmöven in der Nähe der Insel Videy. Mehrere kreisten in der Luft, 
andere saßen auf den mächtigen Steintrümmern am Lande. Sie ließen 
diesmal das Boot nicht in Schußnähe herankommen, flogen vielmehr, nachdem 
ihre Gestalt immer schlanker und hochbeiniger geworden war, lautlos davon. 
Die hoch am Himmel kreisenden Exemplare riefen wiederholt, zwar wesentlich 
sanfter als die gleichzeitig umherfliegenden Eismöven, aber doch ähnlich gag 
gagag, gogogogog, gigigigig. 

Von einem Brüten der Polarmöve in Island hat man nie etwas gehört. 
Es könnte dies höchstens auf der stellenweise ornithologisch fast unbekannten 
nordwestlichen Halbinsel der Fall sein, wo ich etwa 18 Sm. südöstlich von 
Cap Nord noch am 19. Mai einige alte Vögel unserer Art erblickte. Wahr- 
scheinlich handelt es sich jedoch um verspätete Gäste, zumal das Treibeis 
in der Nähe lagerte. Im Kopenhagener Museum beflnden sich 2 Bälge aus 
Island vom 4. und 5. August 1840, wobei es sich vielleicht um noch nicht 
fortpflanzungsfähige Vögel gehandelt hat. 



Larus caniis canus. 245 

21. Larus canus canus L. 

Sturmmöve. 

Lartis canus: Faber, Prodromus, S. 101 (1822). — Larus canus L.: Preyer (& 
Zirkel), Reise nach Island, S. 431 (1862). — Newton, in Earing-Goulds Iceland, p. 418 
(1863). — Gröndal. Islenzkt fiiglatal, bis. 44 (1895). — Winge, Fuglene ved de danske 
Fyr i 1894, S. 62 (1895). - Slater, Birds of Icelaud, p. 111 (1901). 

Larus canus, L. : Collin, Skandinaviens Fugle, 8.610(1877). — Larus canus Brnnn.: 
Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 277 (1896). — Larus canus L. : Naumann, 
Vögel Mitteleuropas XI, S. 223 (1903). 

Isländisch: Stormmäfur, Stormmär. 

Auch dän. : Stormmaage. 

Larus canus canus ist im allgemeinen über die Gebiete der Nord- und Ostsee 
verbreitet. Er liebt weniger den offenen Ozean, brütet sogar vielerorts an Land- 
gewässerii. In Rußland geht er hinauf bis zum Eismeere, ebenso in Skandinavien bis zum 
Varanger-Fjord. Er bewohnt ferner Schottland, die Hebriden, Orkney- und Shetland- 
Inseln. Die Färöer besucht er im wesentlichen nur als Gast, doch soll ein einzelnes 
Paar regelmäßig auf Strömö brüten (Andersen). In Grönland ist unsere Art noch 
nicht beobachtet worden, doch will man ein jüngeres Exemplar in Labrador erlegt 
haben. — In Sibirien wird L. c. canus durch den größeren L. c. niveus Fall., im 
pazifischen Nordamerika durch den kleineren L. c. brachyrhynchus Rieh, vertreten. — 
Im Winter wandert L. c. canus südwärts bis zum Wendekreise. 

Die Sturmmöve besucht Island nur als seltner Gast, wahrscheinlich 
besonders zur Herbst- und Winterszeit. Sichere Nachweise ihres Vorkommens 
sind wenige veröffentlicht. Newton erhielt 1858 in Reykjavik einen Balg 
unseres Vogels, der im vorhergehenden Winter in der Nähe der Stadt 
geschossen worden war. Im Winter 1878 erlegte man ein weiteres Indi- 
viduum bei Reykjavik, das der Lateinschule daselbst geschenkt wurde, und 
auch Gröndal erhielt später eine Sturmmöve für seine Sammlung (Ornis XI, 
S. 454). Vier der Vögel zeigten sich endlich im Winter 1892 bei Oddeyri im 
Eyjafjördr, von denen man ein Stück schoß. Dieses kam durch J. V. Havsteen 
an das zoologische Museum in Kopenhagen. Weitere einwandfreie Beob- 
achtungen sind mir nicht bekannt, obwohl Baring-Gould, Slater, Bachmann u. a. 
glauben, die Art ebenfalls bei Island gesehen zu haben. Vielleicht ist der 
Vogel oft mit der Dreizeheuraöve verwechselt worden. 

22. Xema sabinii (Sab.). 
Schwalbenmöve. 

Xema sabinii (Sabine) : Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 162 (1896). — 
Larus sabini Sab.: Winge, Grönlands Fugle, S. 197 (1898). — Xema Sabinii Sab.: 
Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 295 (1903). 

Isländisch: Svölumäfur, Svölumär (= Schwalbenmöve). 

Xema Sabinii hat ihren Sommeraufenthalt in den höchsten Breiten der Alten 
und Neuen Welt, doch ist ihre Verbreitung scheinbar ziemlich lückenhaft. Die Haupt- 
brutgebiete liegen im nördlichsten Teile Amerikas. Auch die Westküste und den 
Norden Grönlands bewohnt unsere Art, aber nicht südlicher als 75°. Auf Jan Mayen 
wurde sie nur einzeln beobachtet. Ob sie auf Spitzbergen und Franz- Joseph- Land 
brütet, ist noch sein- fraglich. Auf der Taimyr-Halbinsel und wahrscheinlich auch au 
andern Punkten der sibirischen Küste tut sie dies in ziemlicher Menge. Im Winter 

Hantzsrh, Voselwelt Islauds. ^^ 



j^ß Xeina sabinii. 

verlassen die Vögel die unwirtlichsten Gebiete, um sich ein wenig südwärts zu wenden. 
Sie kommen dann auch nach den Färöern, Großbritannien usw., ja einzelne Exemplare 
sollen bis Südamerika gewandert sein. 

Island besucht die Schwalbenraöve nur als seltner Gast, ist aber 
bisher scheinbar unbeachtet geblieben oder mit Stema macrura verwechselt 
worden. Ich sali einen schlechten Balg bei Konsul J. V. Havsteen in Oddeyri. 
Der Vogel stammte angeblich aus dem zeitigen Frülijahr 1901, wo man ihn 
als unbekannte „Seeschwalbe" am Eyjafjördr erlegte. Leider konnte ich den 
Balg nicht erwerl)en. Es handelt sich um einen alten Vogel in Winter- 
traclit. Flügellänge fast 300, Schnabel 28 mm. Nach nicht ganz sicheren 
Beschreibungen von Pastor Matthias Eggertsson und Yngvar Gudmundsson 
scheint die Art im AVinter auch auf Grimsey vorgekommen zu sein. 

23. Sterna macrura macrura Naum. 
Küstenseeschwalbe. 

Sterna hirundo (Linn.): Faber, Prodromus, S. 88 (1822). — Sterna arctica Temm.: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 420 (1862). — Sterna macrura Naum. : Newton, 
in Bariug-Goulds Iceland, p. 417 (1863). — Sterna arctica Temm.: Gröndal, Islenzkt 
fuglutal, bis. 44 (1895). — Sterna macrura, Naum. : Slater, Birds of Iceland. p. 109 (1901). 

Sterna macroura. Naum.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 592 (1877). — Sterna 
macrura, Naum.: Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 62 (1896). — Winge, Grön- 
lands Fugle, S. 204 (1898). — Naumann, Vögel 3litteleuropas XI, S. 137 (1903). 

Isländisch: Kria (nach dem Geschrei), l'erna (älteren Ursprungs, wahr- 
scheinlich mit dem deutschen ^,Dirne" etymologisch zusammenhängend. Gattungsname 
Sterna davon abgeleitet). 

Auch dän. & norw.: Kirre, Terne. Schwed.: Tärna. Engl.: Tern. Fär. : Tema. 

Sterna macrura macrura hat eine bedeutende zirkumpolare Verbreitung. Sie 
bewohnt die ganze arktische Region nebst den anschließenden Gebieten: den Norden 
Asiens, Europa bis etwa zum 50., Amerika bis zum 42. Grade südwärts. Nach dem 
Pole zu fand sie Sverdrup noch uuter 84** 24'. Sehr häufig brütet sie u. a. auf Spitz- 
bergen, seltner auf der Bären-Insel. Für Jan Mayen konnte sie als Brutvogel noch 
nicht festgestellt werden. Doch ist sie an allen Küsten Grönlands zu Hause. Im 
Winter wandert unsere Art sehr weit südwärts bis Chile, Brasilien, Südafrika und Süd- 
asien. — In der antarktischen Region wird St. m. macrura von der 1904 aufgestellten 
sehr ähnlichen St. m. antistropha Rchw. vertreten. 

In Island gehört die Küstenseeschwalbe zu den gemeinen Brut- 
vögeln. Sie bewohnt am liebsten grasige Tiefländereien in der Nähe des 
Meeres, findet sich aber in zahlreichen Kolonien auch an den größeren 
fließenden und stehenden Gewässern des Innern. Einzelne Individuen und 
kleine Scharen nicht zur Portpflanzung schreitender, wahrscheinlich im 
2. Lebensjahre stehender Vögel streichen den ganzen Sommer über im 
Lande umher. Man begegnet solchen tief und langsam dahinfliegenden 
Exemplaren sogar in ausgedehnten Lavafeldern, Heiden, Hochmooren und 
Gebirgstälern. In ganz bedeutender Menge brütet Sterna macrura auf Grimsey. 
Man findet hier wenig Plätze im Innern, wo man zur Brutzeit nicht fort- 
gesetzt von den angriffslustigen Vögeln belästigt wird. Dagegen bewohnt 
unsere Art die Vestmannaeyjar überhaupt nicht, besucht diese höchstens zur 
Zugzeit. 



Sterua macrura macrura. J^47 

Isländische Exemplare von Sterna macrura nnterscheidcn sich nicht von solchen 
benachbarter Gebiete. Folgendes sei über einige selbst von \n\v gesammelte Vögel 
meiner Kollektion bemerkt. (5 ad., $ ad., Hjalteyri, 26. Mai 1903. Gewicht i. Fl. : 110, 111 g. 
Gesamtlänge (bis zur Spitze der längsten Schwanzfeder) i. Fl.: c. 370,370 mm. Flügel: 
265, 266. Schwanz (bis zum Ende der etwas längeren der beiden äußersten Federn): 
197,192. Schwanz 4- Flügel: 38, 25. Schnabel: 36, 31. Tarsen: 16, 16. 3Iittelzehe 
inkl. der 7 und 7 mm langen Kralle: 24 und 24.5 mm. — • Iris: dunkelbraun. Schnabel 
und Füße: hochkarminrot, ersterer etwas dunkler, Zehen und überschnabelspitze mit 
schwärzlichem Anfluge. — $ juv., M^vatn, 27. Juli 1903, eben selbst fliegend ; auf den 
Federn, besonders denen der Oberbrust und des Schnabelgrundes noch Dunen. Gewicht 
i. Fl. :112 g. Gesamtlänge i. FL: c. 290 mm. Flügel: 208. Schwanz: 102. Flügel + 
Schwanz: 10. Schnabel: 24. Tarsen: 14,5. Mittelzehe inkl. der 5,5 mm langen Kralle: 
21,5mm. — Iris: schwarzgrau. Schnabel: schwärzlich, helle Stellen am Grunde orange- 
gelb. Füße: blaßgelblich-fleischfarben. 

Die Küstenseeschwalbe ist in Island ein Zugvogel, der im Süden 
Mitte Mai, im Norden noch etwas später erscheint. Thieneraann beobachtete 
ihre Ankunft bei Eeykjavik allerdings schon am 5. Mai (Reise, S. 193). 1903 
war am 13. d, M. noch kein Exemphir daselbst zu bemerken. Im Eyjafjördr 
zeigten sich die ersten am 22. Mai. Ich sah am 25. d. M. und an den 
folgenden Tagen Hunderte der Vögel über einem Teiche bei Hjalteyri, wo 
es von großen Stechmücken wimmelte. Die Seeschwalben fingen diese in 
der Luft und am Boden, wie ich nicht nur aus nächster Nähe beobachtete, 
sondern auch am Mageninhalte getöteter Exemplare erkannte. Bis Anfang 
Juni trifft man unsere Vögel tagsüber gewöhnlich abseits von den zukünftigen 
Nistplätzen. Sie schwärmen stundenweit in der Gegend umher, halten sich 
meist in großen Scharen beieinander, fliegen jedoch des Abends nach dem 
Brutgebiete hin, um daselbst zu übernachten. Auf trocknen Hügeln oder 
Kiesflächen fallen sie ein, lassen den Menschen dann oft bis auf wenige 
Schritte herankommen und wirbeln endlich mit lautem Geschrei in die Luft. 
Ihre Flugbewegungen sind ebenso gewandt wie abwechslungsvolL Jetzt 
jagen die Vögel blitzschnell dahin, nun steigen sie gemächlich auf und 
nieder, rütteln au derselben Stelle, spreizen dabei die langen äußeren Schwanz- 
federn, die sich zierlich im Winde biegen, stürzen mit angezogenen Flügeln 
auf das Wasser herab, um für Augenblicke völlig darin zu verschwinden. 
Meist haben sie beim Emportauchen ein Fischchen im Schnabel; denn 
schwimmt die Beute davon, so schnellen sich die Vögel kurz vor dem Ein- 
tauchen bereits wieder in die Luft. 

Von Anfang Juni au halten sich unsere Seeschwalbeu in der Nähe 
ihrer Brutplätze, zu denen sie grasbewachsene oder sandige Inseln, trockne 
Flußufer oder sonstige freiliegende örtlichkeiten wählen. Am M;fvatn brüten 
sie allerdings auch inmitten üppigen Pflanzenwuchses, in Grimsey auf dem 
ganzen kurzgrasigeu, weichmoosigen Plateau im Innern. Häufig- trifft mau 
Kolonien iu der Nachbarschaft von Eiderbrutplätzen, woselbst die Vögel 
gern gesehen sind, weil sie nicht nur durch ihre Eier nützen, sondern auch 
durch ihre Angriffslust oft genug Raubmöven, Raben und Falken zu ver- 
treiben imstande sind. Ein eigentliches Nest wird nicht gebaut, doch faud 
ich unter den Hunderten von oft recht hübsch ausgedrehten Nestmulden, 

10* 



14H 



Sterna macrura inacrura. 



die ii'li auf Gn'msey besichtigte, einen gi'oßen Teil mit einigen dürren 
Blättchen ausgelegt. Die Grube hat 10—11 cm im Durchmesser; die ein- 
zelnen Nistplätze sind gewöhnlich einige Meter von einander entfernt. Die 
Zahl der Kier beträgt unter normalen Verhältnissen immer 2; Gelege zu 
3 Stück sind äußerst selten, rühren vielleicht auch nur von verschiedenen 
Vögeln her. Die Ablage beginnt in günstigen Gebieten, z. B. am M^vatn, 
schon Anfang Juni. Krüper erhielt daselbt die ersten Eier am 3. Juni 
(Naumannia 1857,8.55). Ich besuchte am 8. d.M. eine Kolonie an der Mündung 
der Fnj(')ska in den Eyjafjördr, konnte aber samt meinen Begleitern noch kein 
Gelege entdecken. Auf Gn'msey findet man die Eier stets erst von Mitte 
Juni an; am 26. d. M. hatten viele Vögel noch nicht gelegt.. Man nimmt 
fast überall die ersten p]ier weg und zwingt so die Tiere zu Nachgelegen. 
Diese bestehen nicht selten nur aus einem Stück. Ich fand am 12. Juli 
auf Grimsey noch Eier in frischem Zustande. 

Bedeutende Verschiedenheit der Eier eines Geleges, wie ich sie wiederholt 
bemerkte, scheint meist auf verschiedene Erzeuger derselben schließen zu lassen. Ich 
beobachtete in selbst gesammelten Gelegen auch verschiedene Bebrütungsgrade. Einige 
der vielen auf Grimsey präparierten Eier meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 
46 X 28 mm (1 g) und 43,5 x 29 (1,05). 42,2 x 28,6 (1) und 40.2 x 30 (1). 41 x 31 (1,15) 
und 40,8x31,2(1,2). 40,5x29,5 (1,1) und 40x28,8 (0,95). 39,5x29.5 (0,95) und 
38,5x28.8 (0,95). 37,5x29,2 (0,9) und 36,2x29,2 (0,85). — Selbst gesammelt: 43x29,8 
(1,05) und 36,5 x 26,5 (0,95). Hellblau mit wenigen braunen Punkten: 36,2 x 28 (0.95) 
und 35,8 X 28 (1). Unnormal klein, aber mit Dotter: 34 x 26,2 (0,9). 26,5 x 22 (voll 6,5, 
leer 0,6 g) und 24x19 (voll 5, leer 0,45 g). — Vollgewicht normaler Eier 16 — 21g. 
Gekocht sehr wohlschmeckend. Preis je nach Zeit und Lokalität 1 — 3 Ore. 

Am Brutplatze zeigen sich unsere Vögel äußerst angriffslustig, 
besonders wenn die Jungen bald auskommen oder noch klein sind. Auf 
Grimsey ist ein Gang durchs Innere zu Anfang des Juli stellenweise nicht 
angenehm. Fortgesetzt stoßen die erbosten Tiere kreischend auf den Menschen 
herab, treffen ganz empfindlich den Hinterkopf, wagen aber selten, das 
Gesicht zu berühren, sondern sausen in blitzschneller Wendung wenige 
Dezimeter davon vorbei. Oft wird man von einem halben Dutzend der 
Vögel hart verfolgt, au deren Stelle bei Verlassen des Platzes sofort andere 
treten. Man ist genötigt, unausgesetzt ein Tuch oder einen Stock über sich 
zu schwingen, was auf die Dauer recht unangenehm wird. Selbst als ich 
mich einige Male in den kleineu lauschigen Talkesseln Grimseys zum Schlafe 
niederlegte, entdeckten mich die Vögel nacli kurzer Zeit und stießen zorn- 
erfüllt nach mir, ol)wohl ihre Nester ziemlich entfernt waren. Ebenso wütend 
greifen sie die Schafe an, die ihnen wahrscheinlich manches Gelege zertreten. 
Oft sieht man die kleinen Herden, die sich auf der Insel umhertreiben, arg 
verfolgt. Doch schütteln die Tiere, so gut als möglich, die Störenfriede von 
sich ab und gehen, indem sie mit Gleichmut die dürftigen Pflanzen abrupfen, 
langsam ihrer Wege. Bei diesen Angi-iffen lassen die Seeschwalben unaus- 
gesetzt ihre Stimme hören, die, von mehreren Hunderten zu gleicher Zeit 
ausgestoßen, einen wilden Lärm ergibt. 

Der häufigste und den ganzen Sommer über vernehmbare Stimm laut 
ist ein durchdringendes Kria, dem der Vogel seinen isländischen Namen 



Sterna macrura macrura. 149 

verdankt. Oft wird das an und für sich kurze A völlig unterdrückt und 
der Ruf zu einem Kri. Bei der Nahrungssuche wechselt damit ein scharfes, 
hohes Gik ab, das sich bei alleiufliegenden Vögeln mitunter in ein breiteres, 
behagliches Gäg verwandelt. Am Brutplatze vernimmt man vielfach auch 
ein lautes schnurrendes Am-..., vor das sich manchmal noch ein gestoßenes, 
kurzes I setzt, also etwa Kriarrr . . ., der Ton bleibt hierbei auf der 2. Silbe. 
Ferner notierte ich ein fortgesetztes, meist ein- oder zweisilbig gesondertes 
Dr drdr dr drdr, ein ärgerliches Räh, in hoher Luft ein kurzes, möveuartiges 
Wa und miauendes Wawaa au. Wenn ein Vogel sich auf ein falsches Nest 
setzt, treibt ihn der rechtmäßige Eigentümer mit einem beleidigten Zckzck 
davon, worauf er sich beschämt mit hohem Pitpit entfernt, usw. Die kleinen 
Dunenjungen rufen, wenn man sie in die Hand nimmt, ein feines Piep, 
etwas größere ein leises, rauhes Kr, sobald sie flugbar sind, nehmen sie die 
Stimme der Alten an. 

Das Brutgeschäft besorgen beide Vögel des Paares. Doch fand ich 
sie niemals besonders fest auf den Eiern sitzen. Schon aus beträchtlicher 
Entfernung erheben sie sich, falls man der Niststätte näher kommt, lassen 
sich allerdings bald wieder auf die Eier herab. Nicht selten sah ich die 
Vögel beim Neste ein wenig umherlaufen, besonders den nicht brütenden 
Teil, der in der Nacht auch fast immer in der Nähe des andern sitzt. Noch 
häuflger beobachtete ich das schrittweise Gehen am Rande der Süßwasser- 
teiche Grimseys, wo Hunderte von Seeschwalben gemeinsam mit Dreizehen- 
möven sich niederließen, nachdem sie gebadet und getrunken hatten. Die 
Brutdauer beträgt in der Regel 16 Tage, soll sich aber nacli Faber bis auf 
18 Tage ausdehnen. Dieser Forscher fand Junge am Myvatn schon Mitte 
Juni, Krüper ebendaselbst am 19. d. M. (Naumanuia 1857, S. 56). Ich sah 
die ersten auf Grimsey am 4. Juli, doch hatten am 12. d. M. die meisten 
Seeschwalben immer noch Eier. Kaum einige Stunden alt, kriechen die 
Tierchen schon aus der Nestmulde, entfernen sich aber nicht weit. Sie 
drücken sich bei Annäherung einer vermeintlichen Gefahr fest auf die 
Erde und verhalten sich regungslos still. Die Alten füttern die zarten 
Vögelchen besonders mit Insekten, später mit kleinen Fischen, die sie im 
Schnabel bringen. Ein von mir erlegtes eben flügge gewordenes Weibchen 
hatte 3 etwa 6 cm lange Forellen im Magen, zweien davon fehlte der 
Kopf. Die Dunenjungen gehen bei Verfolgung häufig aufs Wasser und 
schwimmen ziemlich hurtig, was die erwachsenen Vögel viel seltner tun. 
Sie sind im allgemeinen wenig scheu. Nach uugefiihr einem Monat werden 
sie flügge, worauf die Fürsorge der Alten bald nachläßt. Freilich bringen 
diese merkwürdigerweise selten mehr als ein Junges groß. Ich sah die 
ersten flüggen Seeschwalben den 20. Juli am Myvatn, Krüper ebendaselbst 
am 17. d. M. (1. c, S. 57). Der Flug derartiger Vögel ist noch langsam und 
nicht anhaltend, doch beobachtete ich, wie sie unter Anleitung der Alten 
schon ins Wasser stürzten und kleine Fische herausholten. 

Von Mitte August an verschwinden die Seeschwalben aus dem Innern 
Islands und begeben sich an die Küsten, verlassen aber auch diese schon Ende 



250 Tlialassogoron chlororhynchos. 

August oder Anfang September, um sich milderen Gegenden zuzuwenden. 
Doch werden bis Ende September noch viele, nach Faber besonders junge 
Tiere, die angeblich später als die alten fortziehen, beobachtet. Von einem 
Überwintern der Vögel an den isländischen Küsten habe ich nichts gehört. 
Unter der großen Menge der Seeschwalben auf Grimsey bemerkte ich 
Ende .Tuni 2 oder 3 Exemplare in reiner Wiutertracht. 

Sterna hirundo L. 

Flußseeschwalbe. 

Sterna hirundo L.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 420 (1862). — Sterna 
ftuviatilis Xaum.: Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 417 (1863). — Sterna hmindo: 
Riemschueider, Ornithol. Monatsschrift XXI, S. 244 und 340 (1896). 

Sterna hirundo, h.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 591 (1877). — Sterna ftuviatilis, 
Naum.: Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 54 (1896). — Sterna hirundo L.: 
Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 128 (1903). 

Isländisch: Arkria (ä — Fluß). 

Das Vorkommen von Sterna hirundo in Island ist durch kein Belegexemplar 
verbürgt. Diese Art meidet auch im allgemeinen den offenen Ozean und hält sich 
lieber an Landgewässern auf. Sie ist eine atlantische Spezies, die in Amerika bis 
Labrador, auf dem Festlande Europas höchstens bis zum Polarkreise nordwärts brütet. 
Großbritannien bewohnt sie stellenweise ziemlich häufig, nördlich davon aber konnte 
sie nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Ebenso beruhen die Angaben über ihr 
Auftreten im südlichen Grönland, im Gebiete der Franklin- und Liverpool-Bai wahr- 
scheinlich auf Verwechslung mit St. niacrura. 

Faber betont, daß in Island nur eine Seeschwalbenart vorkäme, die er freilich 
St. hirundo L. nennt, jedoch ausdrücklich mit Naumanns St. macrura identifiziert. 
Baring-Gould glaubt, den Vogel im Sommer 1858 am l'ingvallavatn angetroffen zu haben, 
doch bezweifelt dies der Berichterstatter Newton selbst. Riemschueider und andere 
bringen ebensowenig Beweismaterial für ihre Vermutung. Ich habe trotz besonderer 
Aufmerksamkeit keine Flußseeschwalbe in Island entdecken können, halte freilich ihr 
gelegentliches Vorkommen daselbst nicht für ausgeschlossen. 

Sterna dougalli Mont. 

Paradiesseeschwalbe. 

Sterna dougalli: Pearson, Ibis, p. 248 (1895). 

Sterna dougalli, Mont.: Saunders, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 70 (1806). — 
Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, S. 164 (1903). 

Sterna dougalli ist eine atlantische Spezies, die kaum nördlich des 56. Grades 
brütend angetroffen wurde. Pearson schreibt, P. Nielsen habe ein Exemplar der Art 
in der Nähe von Reykjavik erlegt. Auf meine diesbezügliche Anfrage teilte mir Herr 
Nielsen mit, daß dies nicht der Wirklichkeit entspräche, er niemals den Vogel gesehen, 
noch weniger aljcr geschossen habe. Ich muß deshalb die in Frage kommende Mit- 
teilung für einen Irrtum halten. 

24. Thalassogeron chlororhynchos (Gm.). 

Buntschuäbliger Albatros. 

Diomedea chlororhynchos, Temm. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 582 (1877). — 
Diouiedea culmhiata Gould: Gröndal, islenzkt fuglatal, bis. 45 (1895), berichtigt in 
Diomedea chlororhynchns : Ornis XI, p. 455(1901). — Diomedea {melanophrys, Boie): 
Slater, Birds of Iceland, p. 145 (1901). 



Fulmarus glacialis glacialis. 251 

Thalassogeron chlororhynchos (Gniel.): Salvin, Cat. ßirds Brit. Mus. XXV, p. 451 
(1896). — Naumann, Vügel JVIittelcuropas XII, S. 7 (1903). 

Isländisch: (Seinerzeit) Fuglköngur, Siilaköngur (= Sulakönig). 

Diese Art ist eine Bewohnerin der südlichen Hemisphäve. Ihr Vor- 
kommen in p]iiropa wird nur durch unsern isländischen Fall belegt. In den 
vierziger Jahren des vorigen Jahrliunderts nämlich siedelte sich auf dem 
Sülasker (Vestmanuaeyjar) ein einzelnes Exemplar unserer Albatrosart an 
und zeigte sich mehrere Sommer hindurch, den Bewohnern als „Yogelkönig" 
bekannt. 1846 wurde es erlegt und nach Kopenhagen gesandt, wo sich 
nur das Ökelett aufbewahren ließ. Dieses befindet sich noch jetzt im 
Zoologischen Museum daselbst. Herluf Winge hat es nochmals genau unter- 
sucht und war so liebenswürdig mir mitzuteilen, daß ein Zweifel bezüglich 
der Artzugehörigkeit nicht bestehen könnte. 

25. Fulmarus glacialis glacialis L. 

Eissturmvogel. 

Frocellaria glacialis (Linn.): Faber, Prodromus, S. 107 (1822). — Procellaria 
glacialis L.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 415 (1862). ■ — Newton, in Baring- 
Goulds Iceland, p. 419 (1863). — Fulmarus glacialis (L.): Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 
45 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 140 (1901). 

Fulmarus glacialis (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 579 (1877). — Salvin, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 425 (1896). — Winge, Grönlands Fugle, S. 141 (1898). — 
Naumann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 12 (1903). 

Isländisch: Fylüngur, F^lungi, Fylingur (auch mit 11 geschrieben), F^''!! (fyl, 
füll = faul, übelriechend, nach dem auffälligen Trangeruche des Vogels; ungur etc. 
etymologisch verwandt mit Junges in der Bedeutung von Nachkomme), nach der Hallfreds 
Saga Fülmär (mär = Möve), auch jetzt noch gebräuchlich. 

Deutsch, engl., franz. gleichfalls: Fulmar. 

Fulmarus glacialis glacialis bewohnt das Eismeer und einige benachbarte Gebiete 
im Nordatlantischen Ozean, etwa von der Baffins-Bai bis Nowaja Semlja. Doch ist 
nicht entschieden, wo seine Verbreitungsgrenzen mit denen des pazifisch - arktischen 
F. g. rodgersii Cass. zusammenstoßen. Im Atlantischen Ozean brütet unser Vogel auf 
St. Kilda, seit 1878 auf den Shetland- Inseln, seit 1839 auf den Färöern (Hartert & 
Rothschild). Den nördlichen Teil Westgrönlands, etwa vom 69. Grade an, bewohnt 
er recht häufig, doch kennt man auf der Ostseite noch keine sicheren Brutplätze. 
Solche liegen aber auf Mevenklint, Jan Mayen, der Bären -Insel, Spitzbergen, Franz- 
Joseph-Land und Nowaja Semlja. Schalow vermutet, daß diese Art möglicherweise 
bis zu den Neusibirischen Inseln ostwärts reiche. Nordwärts sah Nansen ein Exemplar 
noch unter 85<* 5' n. Br., südlich scheint sich der Vogel auch im Winter wenig von den 
Brutgebieten zu entfernen. 

In Island gehört Fnhnarxis glacialis zu den häufigen BrutvÖgeln. 
Er bewohnt die oberen Teile der meisten bedeutenden Vogelberge, besonders 
wenn diese auf isolierten Klippen weit draußen im Meere liegen. Seine 
Verbreitung erstreckt sich auf alle isländischen Küsten, wenngleich die Zahl 
seiner Brutkolonien eine beschränkte ist. In größter Menge bewohnt er die 
Vestmanuaeyjar, in geringerer Anzahl den Vogelberg bei Krisuvik, den 
Hafnirbjarg (SW.), Ldtrabjarg (W.) und Hornbjarg (NW.), Grimsey und die 
Mänäreyjar (N.), Klippen bei Djüpivogr (0.) usw. Auch trifft man zu allen 
Jahreszeiten nicht brütende Eissturmvögel auf den isländischen Meeren. Ich 



252 Fulmarus glacialis glacialis. 

fuhr am 18. Mai nicht weit von Cap Nord bei einem Wal Schlepper vorbei, 
der 3 Beutetiere nach sich zog. die von Hunderten von Vögeln, ganz 
besonders unsrer Art. umgeben und besetzt waren. Der Eissturmvogel ist 
neben der Dreizehenmöve der häufigste Begleiter des isländischen Seefahrers. 

Unsere Art zeigt eine hellere und eine dunklere Färbungsphasc, zwischen denen 
sich aber Übergänge finden. Inwieweit diese individuell oder nach Alter und Jahres- 
zeit wechseln, muß noch genauer untersucht werden. Zweifellos geht die Mauser der 
Vögel sehr langsam vor sich. Ich fand nicht nur beim Abbalgen im Juni überall 
verstreut einzelne frische Kiele, sondern auch äußerlich teilweise unsymmetrische braune, 
helle oder selbst weiße Flecken der Oberseite, die durch verschieden alte Federn hervor- 
gerufen wurden. Auf Grimsey sieht man recht dunkelfliiglige Exemplare. Doch stimmen 
meine Beobachtungen an vielen Hunderten von Eissturmvögeln, die ich besonders an 
der Westküste, am Hornbjarg und auf Grimsey aus nächster Nähe betrachtete, nicht 
mit den Angaben von Hartert und Rothschild (Naumann XII, S. 14, Anm.) überein, 
daß in Island Vögel mit dunkler Unterseite vorwiegend gefunden würden. Ich muß 
im Gegenteil versichern, daß fast alle der von mir beobachteten Brutexemplare rein 
weiße Unterseite besaßen, die höchstens an den Seiten ein wenig in Grau überging. 
Freilich verunreinigt unsre Art ihr Gefieder sehr häufig mit Tran, ja bei gefangenen 
Vögeln, die, sobald die Schlinge ihren Hals einschnürt und der Fänger sie erfaßt, die 
gelbe Flüssigkeit herauswürgen, sieht man unter Dutzenden kaum ein tadellos sauberes 
Exemplar. Dieses Ol läßt sich auch frisch schwer entfernen. — Die Färbung des 
Schnabels variiert bei Grimseyer Vögeln sehr, vielfach ist nur die Spitze gelb, oft aber 
auch der übrige Teil samt den Nasenröhren wenigstens hell und dunkel marmoriert. 
Exemplare mit rein gelbem Schnabel sah ich allerdings nicht. — Die Größe der ^'ögel 
variiert gleichfalls so bedeutend, daß einem dies selbst im Leben bei dicht zusammen- 
fliegenden Individuen mitunter auffällt. 

Ein von mir auf Grimsey präpariertes (5 ad., sichrer Brutvogel (Brutfleck), zeigt 
folgende Maße. Gewicht i. Fl.: c. 1 kg. Gesamtlänge i. FL: c. 480 mm. Flügel: 321. 
Schwanz: 153. Flügel -(- Schwanz : c. 20. Sehnabel: 40. Tarsen: 55. Mittelzehe inkl. 
der 13 mm langen Kralle: 74 mm. — Iris: dunkelgrauschwarz. Füße: äußere Seite 
graubräunlich, silberweiß übeiflogen (bei jüngeren Vögeln oft nur braun), innere Hälfte 
mehr gelblich. 

Der Eissturmvogel ist unter normalen Witterungsverhältnissen auch in 
Nordisland Standvogel, der freilich außerhalb der Brutzeit weiter als .sonst 
in der Nachbarschaft umherstreift, wobei er aber selten in die Buchten 
kommt. Inwieweit die im Winter vielleicht südwärts wandernden Vögel 
durch nordische Gäste ersetzt werden, ist schwer zu ermitteln. Sobald im 
Frühjahr die Sonne wärmer zu scheinen beginnt und der Schnee verschwindet, 
nähern sich die Eissturmvögel den Brut fei sen. Dies geschieht im Südlande 
meist Mitte März, im Norden Anfang April. Sie wählen als Niststätte 
möglichst geschützte Nischen und höhlenartige Längsspalten, was bei dem. 
frühen Anfang des Fortpflanzuugsgeschäftes unbedingt nötig ist, Da ihnen 
aber zu dieser Zeit die Dreizehenmöven und andere Felsenvögel, mit denen 
sie das Wohngebiet häufig teilen, noch nicht im Wege sind, können sie in 
Ruhe die besten Plätze für sich in Anspruch nehmen. Auf Grimsey brüten 
viele im obersten Teile der Felsen, stellenweise nur wenige Meter unterhalb 
des Plateaus. In Reihen zu 10—20 Stück sieht man sie später auf ihrem 
Neste sitzen, jedoch selten eng beieinander. Als Unterlage für ihr Ei finden 
sie liier weiche, feine Erde, in welcher zur Sommerzeit am Außenrande der 



Fulmarus glacialis glacialis. 153 

schattigen Höhlen Cocblearia groenlandica und andere Pflanzen wuchern, die 
den brütenden Vögeln gelegentlich auch als Nahrung dienen. 

Faber und andere Beobachter versichern, der Eissturmvogel lege sein 
Ei stets auf den nackten Stein oder die bloße Erde. Auf Grimsey ist dies 
durchaus nicht immer der Fall, sondern viele Paare bauen hier ein wirkliches 
Nest, das breit und flach ist und sich von dem weit höheren der Dreizehen- 
möve vorteilhaft durch seine Sauberkeit uutersclieidet. Ob das reichliche 
Vorhandensein von Pflanzen in unmittelbarer Nähe des Nistplatzes Veranlassung 
hierzu gibt, ist nicht ausgeschlossen. Die Ablage des einen weißen Eies, 
das zwar sehr bald von Tran und sonstigen Fremdstoff"en Flecken bekommt, 
an dem jedoch natürliche Punkte äußerst selten sein mögen, erfolgt mitunter 
Mitte April (Prodromus, S. 108), gewöhnlich aber erst Anfang bis Mitte Mai. 
Ausnahmsweise findet mau frische Eier auch noch im Juni. 

Die Maße einiger Ende Juni von mir auf Grimsey präparierter stark bebrüteter 
Exemplare stellen sich wie folgt: 78x51,5 mm (8,4 g). 77x50 (9,5). 75,5x53 
(9.7). 75x50,5 (8,7). 74x53 (9,1). 74x51,5 (7,8). 73x50,5 (7,8). 72,5x52 
(7,4). 71,5 X 51 (8). 71 x 52 (8,6). 69,5 x 53 (8). 66 x 51,5 (6,9). Ein Zwergei ohne 
Dotter vom 15. Juni: 35,8x32,2 mm (Gewicht voll 20 g, leer 2,5 g). — Normale Eier 
wiegen voll 88 — 117 g. Dotter blaßgelb. Des eigentümlichen Moschusgeruchs halber 
werden die Eier nicht gegessen. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd außerordentlich fest, das 
Männchen besonders in der Nacht, das Weibchen am Tage. Trotzdem das Ei 
fast nie verlassen wird und an dem Brutflecke liegend vor allen Schädigungen 
des Wetters wohl geborgen ist, entwickelt sich der Embryo doch außer- 
ordentlich langsam, wozu vielleicht die geringe Wärmeabgabe der fetten 
Bruttiere den Grund bildet. Mit 6 Wochen ist die Brutdauer gewiß nicht 
zu lange angegeben, doch behaupten die Bewohner Grimseys, daß sie sich 
auch auf 7 Wochen ausdehne. Übereinstimmenden Angaben zufolge findet 
man die langflaumigen Duneujungeu selten vor Anfang Juli, trotzdem die 
alten Vögel kaum beim Brüten gestört werden. Ich sah die ersten auf 
Grimsey am 10. Juli. Sie lassen in ihrer Färbung schon das Alterskleid 
erkennen. Beide Vögel des Paares füttern sie anfänglich scheinbar nur mit 
Tran, den sie ihnen ziemlich selten am Tage nach Art der Tauben in den 
Schlund würgen. Später bringen sie auch fette Fleischabfälle, Medusen und 
andere Seetiere. 

Das Familienleben der Eissturmvögel geht ziemlich still vor sich. Mit 
ihrem ruhigen, aber bewunderungswürdig sicheren Fluge umschweben die 
Alten die Nistgegeud und zeigen sich auch bei stürmischem Wetter als 
vollkommene BeluMTScher der 'Lüfte. Sie setzen sich außerhalb des Nestes 
selten auf die Erde, docli schwimmen sie häufig. Eine Stimme hört man 
von den wenig lebhaften, gleichmütigen Vögeln nicht allzu oft, am meisten 
noch ein schwaches Gägä gäk, am Neste auch ein schnarrendes Grrr..., 
in der Luft ein erregtes Grab, Gra. 

Bekannt ist die Eigentümlichkeit der größeren Jungen, wie auch der 
gefangenen Alten, dem nahenden Feinde ein hellgelbes, klares Öl aus dem 
Schnabel entgegenzuspritzen, was sie mehrmals hinter einander tun können. 



ig4 Puffiniis piiffinus. 

Werden die fetten, wohlschmeckenden Tiere nicht vorher ausgenommen und 
getötet, sind sie nach etwa 2 Monaten flugbar. Sie verlassen nun in 
Begleitung der Alten den Nistplatz und suchen selbst ihre Nahrung, was 
in der Regel Anfang bis Mitte September geschieht. Zuerst schwimmen 
sie viel auf dem Meere, später wird die Luft ihr Hauptaufenthalt. In 
Scharen folgen sie den Wal-, Haifisch- und Dorschfängern, gegen die sie 
geringe Scheu zeigen. 

Der eigentümliche Moschusgeruch des Eissturmvogels, der ihm den 
Namen Fulmar eingebracht hat. haftet Eiern, Fleisch und Federn fast unver- 
gänglich an. Letztere stehen deshalb trotz ihrer Güte nicht hoch im Preise. 
Ich hatte auf Grimsey das Vergnügen, ein damit ausgestopftes Bett zur 
Benutzung zu erhalten und konnte so den sonderbaren Geruch zur Genüge 
studieren. Die sagcnliafte Verwendung der überaus fetten Jungen, nach 
Einstecken eines Dochtes in den Schlund, als Beleuchtungsraaterial wird 
von Benedikt Gröndal als allgemein isländische Sitte auch für die alten 
Zeiten entschieden zurückgewiesen. 

26. Puffinus pufflnus (Brunn.). 
Arktischer Sturnitaucher. 

Puffinus arcticus (mihi) : Faber, Prodromus, S. 56 (1822). — Puffinus anglorum 
Raj-: Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 415 (1862). — Puffinus anglorum (Temm.) : 
Newton, in Baring-Goulds Icciand, p. 419 (1863). — Puffinus arcticus Fabr. : Gröndal, 
islenzkt fufrlatal, bis. 46 (1895). — Puffinus anglorum (Ray): Slater. Birds of Iceland, 
p. 143 (1901). — Puffinus puffinus (Brunn.): ßachmann, ürnithol. Monatsschrift XXVII, 
S. 26 (1902). 

Puffinus anglorum, Ray: CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 577 (1877). — Puffinus 
anglorum (Ray): Salvin, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 377 (1896). — Puffinus anglorum 
(Temm.): Winge, Grönlands Fugle, S. 139 (1898). — Puffinus puffinus {ßrmin.): Nau- 
mann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 26 (1903). 

Isländisch: Skrofa, litla (= kleine) Skrofa (wahrscheinlich vom altisländischen 
skrapa = ueuisländisch grafa = dänisch skrabc = schaben, graben). 

Auch dän. : Skrofe, Skraape. Norw. : Skrape, Skraap. Fär. : Skräpur, Skrabe. 

Puffinus puffinus scheint nur in einem kleinen Teile des Nordatlantischen Ozeans 
zu brüten, außerhalb Islands auf den Färöern und Orkney-Inseln, St. Kilda und einigen 
andern Hebriden, sowie auf verschiedenen Gestadeinseln an der schottischen, englischen 
und irischen Küste. Wie weit er südwärts noch als Brutvogel vorkommt, ist ungewiß, 
zumal sich ältere Angaben vielfach auf verwandte Spezies beziehen. Von den Brut- 
plätzen aus streichen die noch nicht fortpflanzungsfähigen jüngeren Vögel während des 
ganzen .lahres, die älteren außerhalb des Sommers weit umher, wie dies scheinbar alle 
Puffinus-Xrtcn tun. Sie zeigen sich dann nach Dresser an den Küsten von Norwegen, 
Schweden, Däuemark, Deutschland und Holland, selbst von Nordwestafrika, den 
Kanarischen Inseln und Madeira, auch an den atlantischen Küsten Amerikas bis hinab 
nach Brasilien. Doch werden von diesen Örtlichkeiten keine Brutplätze angegeben. 
In Südgrönland ist unsere Art nach Winge nur einmal erlegt worden. 

In Island brütet der Sturmtaucher, soweit bekannt, nur in einigen 
Kolonien auf den Vestmannaeyjarn, besonders auf Ystaklett im Norden von 
Heimaey. An den übrigen Küsten wird er bloß gelegentlich beobachtet, 
zumal er als vollkommener Meerbewohner sich diesen selten nähert. Herr 
P. Nielsen schrieb mir freilich, daß ihm erzählt worden sei, eine Kolonie 



Puf'finus puffinus. 155 

des Vogels befände sich bei Cap Nord. Icli sali auch wirklich nicht weit 
vom Hornbjarg eiu einzelnes Exemplar unsrer Art, das ich allerdings nur 
für einen zufälligen Besucher der Gegend hielt, zumal gerade zahlreiche 
Walfänger, denen die Vögel gern folgen, in der Nähe kreuzten. Immerhin 
ist nicht ausgeschlossen, daß die ornithologische Untersuchung dieses vielleicht 
größten Vogelbcrges Islands auch für Puffmus pufßnns eine ganz auffällige 
Erweiterung seines uns jetzt ])ekimnten Verbreitungsgebietes nach Norden 
liedeutet. Gröndal schreibt zwar ebenfalls (Ornis II, S. 369) und ihm nach 
wahrscheinlich Slater (1. c), unsere Art brüte hin und wieder an der Nord- 
und Westküste Islands, doch scheint er dies nur zu vermuten. 

Da ich leider nicht Zeit fand, die Brutplätze der Sturmtaucher auf 
den Vestmannaeyjarn zu besuchen, berichte ich in Kürze die Beobachtungen 
anderer, unser Vogel erscheint, wie mir )). Jönsson schrieb, in der ßegel 
zwischen dem 15. und 25. März bei den Inseln, also in derselben Zeit wie 
Fnhiuirus glacialis. Im April beginnt er mit dem Nestbaue. Er gräbt 
mit Krallen und Schnabel über metertiefe, wagerechte Gänge in das Erd- 
reich, dicht unter der grasbewachsenen Oberfläche oder an Abhängen. Diese 
Bohren unterscheiden sich nach Alf Bachmann, der eine Nacht auf Ystaklett 
zubrachte (Ornithol. Monatsschrift 1902, S. 27). in ihrer Beschaffenheit nicht 
von denen der Papageitaucher, kennzeichnen sich jedoch durch den eigen- 
tümlichen Moschusgeruch unsrer Art. Das erweiterte Ende des Ganges 
wird mit Halmen und andern Pflanzenstoffen, wohl auch mit einigen Federn 
ausgefüttert. Die Ablage des einen Eies scheint zu recht verschiedener 
Zeit zu erfolgen. Faber nennt als Regel Anfang Mai (Okens Isis 1824, S. 783), 
Bachmaun fand am 30. Juli noch ein frisches Ei, auf dem der alte Vogel 
saß, dann eiu im Ei zerdrücktes Junges (in diesem Neste 2 alte Vögel) 
und zweimal ein etwa dreiwöchiges Junges mit je einem Alten. Dr. Ottoßon 
(Lenhofda) bezeichnete mir als Sammeltermin für 6 seiner isländischen Eier 
den 8. — 24. Mai, P. Nielsen als Eegel für die Ablage Ende Mai. Jeden- 
falls benutzen manche Vögel die vorjährige, ausgebesserte Nisthöhle und 
legen in solchen Fällen schon zeitig im Frühjahre, andere graben eine 
neue, was Wochen in Anspruch nimmt und das Brutgeschäft erheblich ver- 
zögert. Die Eier variieren nach Nielsen etwa zwischen 56x38 und 68x45 mm. 
Wahrscheinlich brüten beide Vögel des Paares. Faber ergriff aber nur 
Männchen auf dem Neste (Prodromus, S. 56), und Kolthoff und Jägerskjöld 
heben sogar ausdrücklich hervor (Nordens Fäglar, S. 299), daß sie nur bei 
männlichen Individuen Brutflecken gefunden hätten. Die Brutdauer beträgt 
etwa einen Monat. Nielsen bezeichnet als Haupttermiu des Auskommens 
der Jungen Ende Juni. Die schiefergrauen Dunen derselben sind lang 
und ül)eraus weich. Die Tierchen benehmen sich nach Bachmann äußerst 
unbeholfen, scheuen das Licht und wühlen sich sofort mit dem Kopfe in die 
Erde, wenn man sie im Freien hinsetzt. Sie werden 6—7 Wochen hindurch 
von beiden Alten gefüttert, zunächst wahrscheinlich mit grauem Tran, den 
die Jungen mitunter auch einem nahenden Feinde eutgegenspritzen. Diesen 
bekommen sie in den geöffneten Schnabel gewürgt. Später bringen die Alten 



156 ruthnus gravis. 

kleine Fische und andere Seetiere. Holen die Bewolmcr die fetten und 
zarten Jungen nicht Anfang August mit Haken aus den Höhlen und töten 
sie, so verlassen die Vögel Ende August bis Mitte September das dunkle 
Erdinnere in völlig befiedertem Zustande. Nacli den Angaben Jönssons 
werden aber einzelne Junge erst Ende September flügge. Sie begeben sich 
nun in Begleitung der Alten, spätestens Mitte Oktober, auf das Meer, ent- 
fernen sich von den Küsten, sollen jedoch gelegentlich auch im Winter in 
der Nähe von Island gesehen werden. 

Unsere Sturmtaucher sind weit melir Nacht- als Tagvögel, wenigstens 
in der nie wirklich tinstern Fortpflanzungszeit. Mit beginnender Dämmerung 
werden sie lebendig, sitzen dagegen am Tage oft still vor oder in ihren 
Höhlen. Bachmann bericlitet (1. c, S. 26), daß die Vögel in der Nacht einen 
auffälligen Balzflug ausführen, wobei sie fortgesetzt vom Boden senkrecht 
bis zu einer Höhe von etwa 20 Metern auf- und absteigen. Dabei rufen 
sie in Kehltönen ein lebhaftes Kekkekuäu. Doch scheinen diese lärmenden 
Laute nach andern Beobachtern ziemlich zu modulieren, besonders, wenn sie 
viele Vögel zu gleicher Zeit anstimmen. Ich vernahm sie niemals, bewunderte 
aber wiederholt den sonderbaren Flug, mit dem der Sturmtaucher dicht über 
die Wogen hingleitet und sich taumelnd von einer Seite auf die andere legt. 
Auch im Schwimmen und Tauchen ist unser Vogel vollendeter Meister. 

27. Puffinus gravis (O'Reilly). 
Großer Sturmtaucher. 

Puffinas major (mihi): Faber, Prodromus, 8.56(1822). — Puffinus m(iior¥ aber : 
Preyer (& Zirkel), Reise nacli Island, S. 415 (1862). — Newton, in Baring-Goulds Ic-elaud, 
p. 419 (1863). ^ Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 46 (1895). — Slater, Birds of Iceland, 
p. 141 (1901). 

Puffinus major, Faber: CoUiii, Skandinaviens Fugle, S. 578 (1877). — Puffinus 
gravis (O'Reilly): Salvin, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 373 (1896). — Puffinus major 
Faber: Winge, Grönlands Fugle, S. 140 (1898). — Puffinus gravis (O'Reilly): Nau- 
mann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 34 (1903). 

Isländisch: Störa (= große) Skrofa. 

Auch dän.: Stör Skraape. Norw.: Stör Skrui'e. Für.: Skrüpur. 

Die Brutplätze von Puffinus gravis sind zur Zeit noch unbekannt, die Angaben 
über sein Brüten im Nordatlantik wahrscheinlich auf Irrtum beruhend. Sclialow (Die 
Vögel der Arktis, S. 154) und andere glauben, man habe Eier unserer Art in AVest- 
grönland gefunden, doch weiß weder Winge noch irgend ein anderer Spezialkenner 
Grönlands etwas hiervon. Kapt. Johannes Hansen aus Thorshavn will unsere Art 1887 
auf der kleinen, westlich von den Hebriden im Ozean gelegenen Klippe Rockall brütend 
gefunden haben (Harvie-Brown , Proc. Roy. Phys. Soc. Edinburgh XIII, p. 69. 1895), 
doch scheint dies auch ein Irrtum gewesen zu sein. Die Untersuchungen der Genitalien 
verschiedener Vögel, die in nördlichen Breiten erlegt wurden, ergaben, daß die Tiere 
außerhalb der Fortpflanzungsperiode standen (Hartert & Rothschild, in Naumann XII, 
S. 34). wobei nur zu hoffen ist, daß es sich nicht um jüngere Individuen handelte. 
Man muß wohl annehmen, wie dies Saunders, Hartert und andere tun, daß die Brut- 
plätze von Puffinus gravis im südlichen Teile des Atlantischen Ozeans liegen, von wo 
aus er nicht nur die Südspitze von Afrika uud Südamerika besucht, sondern auch 
außerhalb der FortpHanzungszeit, also im nördlichen Sommer, weit nach Norden streift. 
Unser Vogel, ein vorzüglicher Flieger, Schwimmer und Taucher, folgt gern den Fischern 



Piiffinus griseus. j[57 

und verzehrt gierig die über Bord geworfenen Abfälle. Häufig triift man ihn an den 
atlantischen Küsten Nordamerikas bis hinauf nach Westgrönland, wo er besonders 
zwischen 63 und eS'/a" als gewöhnlicher Sommergast bekannt ist. Gelegentlich besucht 
er auch die Färöer, ausnahmsweise nur die Küsten Norwegens, ziemlich häufig die 
Britischen Inseln, wo z. B. Newton 70—100 Exemplare gleichzeitig beobachtete (in litt.). 

An den Küsten Islands ist der große Sturmtaucher gelegentlicher 
Sommer- und Herbstgast, doch sind nur dürftige Nachrichten über sein 
Erscheinen veröffentlicht. Faber beobachtete ihn nicht selbst, wohl aber 
erzählten ihm mehrmals Fischer von seinem Vorkommen. Außerdem erhielt 
er einen Balg aus dem Südlande (Okens Isis 1824, S. 785), nach welchem 
er 1822 seineu Fuffinus major aufstellte, der zweifellos mit der schon 1818 
nach einem grönländischen Exemplare von O'Reilly (Greenl. and NW Passage, 
p. 140) beschriebenen Frocellaria gravis identisch ist. Einen weiteren Balg 
aus Island sah Faber im Berliner Museum (1. c). Mir wm-de auf Grimsey 
von der Beobachtung einer Skrofa erzählt, die nur unsere Art gewesen 
sein kann. 

Pufflnus griseus (Gm.). 
Dunkler Sturmtaucher. 

Puffinus griseus (Gmel.): Slater, Birds of Iceland, p. 142 (1901). 

Fuffinus griseus (Gmel.): Salvin, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 386 (1896). — 
Naumann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 32 (1903). 

Isländisch: Dökka (= dunkle) Skrofa. 

Fuffinus griseus brütet an den Küsten Neuseelands, der Chatham-Inseln, Snares 
und anderer benachbarter Eilande. Außerhalb der Fortpflanzungsperiode (Brutzeit 
bes. Februar), jüngere Individuen vielleicht auch während des ganzen Jahres, schweift 
er überaus weit umher und scheint alle nicht arktischen Meere zu besuchen, da man 
ihn auf beiden Hemisphären des Atlantischen und Pazifischen Ozeans angetroffen hat. 
Gelegentlich kommt er bis in unsere Gegenden und wurde an den Küsten Portugals, 
Frankreichs, der Britischen Inseln und auch bei Helgoland erlegt. Ebenso beobachtete 
man ihn bei den Färöern, in Grönland aber bis jetzt noch nicht. 

Island besucht der dunkle Sturmtaucher wahrscheinlich auch als 
seltner Sommer- oder Herbstgast, doch ist zunächst kein Belegexemplar 
aus jenen Meeresteilen bekannt. Slater glaubt bestimmt, unsere Art bei 
Island gesehen zu haben, zuerst am 25. Juli 1894 südlich vom Eskifjördr (0.), 
dann wenige Tage später im Axarfjördr (NO.), vielleicht dasselbe Exemplar, 

28. Oceanodroma leucorrlioa (Vieill.). 
Gabelschwänzige Sturmschwalbe. 

Frocellaria Leachii Temm. : Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 46 (1895). — Cymo- 
chorea leucorrlioa (Vieill.): Slater, Birds of Iceland, p. 144 (1901). — Oceanodroma 
leucorrlioa (Vieill.): Bachmann, Ornithol. Monatsschrift XXVII, S. 26 (1902). 

Frocellaria Leachii, Temm. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 575 (1877). — 
Oceanodroma leucorrlioa (Vieill.): Salvin, Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 348 (1896). — 
Frocellaria leucorrlioa Vieill.: Wiuge, Grönlands Fugle, S. 138(1898). — Oceanodroma 
le^icorrhoa (Vieillot): Naumann, Vögel Mitteleuropas XII, S. 47 (1903). 

Isländisch: Sjösvala (= Seeschwalbe), Stora (= große) Sjosvala, 



158 Occanodroina leucorrhoa. 

Oceanodroma leucorrhoa bewohnt sowohl den Nordatlantischen als auch den 
Nordpazifischen Ozean. In letzterem brütet sie u. a. auf Alaska, den Aleuten, Kom- 
mandeur- Inseln und Kurilen, an der amerikanischen Küste bis Kalifornien hinab, 
im Atlantik höchstwahrscheinlich an der Westküste Grönlands, sicher an verschiedenen 
Stellen von Nurdamerika. In Europa kennt man Brutplätze unsrer Art auf einigen 
Hebriden, besonders auf Hona und St. Ivilda, sowie auf Tearaght, einer der Blasket- 
Inseln (Hartert & Rothschild). Dagegen besucht sie die Färöer, Britischen Inseln, 
Holland usw. nur gelegentlieh außerhalb der Brutzeit; im Winter scheint sie bis zu 
den Kanarischen Inseln südwärts zu wandern. 

In Island brütet die gabelscbwäuzige Sturmscbwalbe nacb imseni 
heutigen Kenntnissen nur auf den Vestmannaeyjaru und zwar in einigen 
hundert Paaren, teilweise inmitten einer Kolonie von Fufjlnus jyiijßiius, auf 
der Halbinsel Ystaklett, sowie auf einer nördlich davon gelegeneu Klippe. 
Dieser IJrutplatz scheint, wenigstens in seiner jetzigen Größe, erst einige 
Jahrzehnte vorhanden zu sein. Der vortreffliche Faber, der im Sommer 1821 
sechs Wochen lang auf Heimaey wohnte und die erwähnte Kolonie von 
Puf/inus imffmus auf Ystaklett genau beschreibt (Okens Isis 1824, S. 783), 
berichtet nichts von unserm Vogel, ja sagt an anderer Stelle ausdrücklich, 
es sei ihm auf seiner ganzen isländischen Reise Procellaria Learkii Temminck 
nie vorgekommen (1. c, S. 792). Der erste, der den Brutplatz in der Literatur 
anführt, ist Alf ßachmann. p]r besuchte ihn im Sommer 1900 und beschriel) 
ihn ausführlich (1. c). Sonst ist auch der Vogel selten an den isländischen 
Küsten gesehen worden — Gröndal erwähnt ihn nur einmal — , da er außer- 
halb der Brutzeit zum vollkommenen Meeresbewohner wird. 

(5' und $ ad. meiner Sammlung, Brutvögel von Ystaklett, die mir Herr Kreisarzt 
.Tönsson nebst andern freundlichst im Fleisch nach Reykjavik sandte, zeigen folgende 
Maße. Gesamtlänge i. Fl. : c. 213, 210 mm. Flügel: 159, 157. Schwanz: 98,95. Flügel 
-j- Schwanz: 18, 15. Schnabellänge; 16, 16. Schnabelhöhe bei den Naseuröhren : 
6,5, 6,2. Tarsen: 24,5, 23. 31ittelzehe inkl. der 5,5 und 5,2 mm langen Kralle: 26, 
25 mm. — Schnabel: schwarz. Füße: dunkel schwarzbraun. 

Unsere Sturmschwalben sind auf den Vestmannaej-jarn Zugvögel. 
Sie nähern sich ihren Brutplätzen meist zwischen dem 20. April und 5. Mai 
(Jönsson) und beginnen alsbald mit dem Baue ihrer Niströhre. Diese 
unterscheidet sich nicht wesentlich von solchen des Sturmtauchers, ist höchstens 
etwas schmaler, besitzt aber gleichfalls den charakteristischen Moschusgeruch, 
der ja auch Fleisch, Federn und Eiern des Vogels anhaftet. Manche Sturm- 
schwalben reinigen nur die vorjährigen Röhren und legen dann oft schon 
Ende Mai, andere graben eine neue, was Wochen in Anspruch nimmt und 
das Brutgeschäft außerordentlich verzögert. Die Röhren werden nach Bach- 
mauns Untersuchungen fast immer in weichem Boden angelegt, entweder 
am grasigen Plateau oder an Abhängen, führen 1 — Vj.^ m tief wagerecht in 
die Erde und erweitern sich am Ende höhlenartig. Hierhin bringen beide 
Vögel des Paares, die auch das Graben abwechselnd vornehmen sollen, Gras- 
halme, Wurzelfasern und andere Pfianzenstoffe, legen sie lose zu einem 
Neste zusammen und darauf das eine Ei. Dieses wird nach verschiedenen 
mir zugegangenen Mitteilungen gar nicht selten erst Mitte bis Ende Juli 
erzeugt. 0. Ottoßon erhielt z. B. Eier seiner Sammluno- am 25. 7. 1892. 



Oceanodronia leucorrboa. 159 

22. 7. 1894, 22. 7. 1895 und 25. 7. 1898. Beim Aumudeu derartig später 
Exemplare darf man mitunter wohl un Nachgelege, nicht aber, selbst wenn 
sie frisch sind, an eine 2. Brut denken. 

Die anfäng-lich fast weißen, später rahnigelben Eier haben sehr oft am stumpfen 
Ende einen feinen rötlichbraunen Fleckenkranz. '6 isländische Exemplare meiner Samm- 
lung von Anfang Juni 1903 zeigen folgende Maße: 33,5 x 25 mm (0,6 g). 31,5x24.2 
(0,5). 30,5x23 (0,5). Von Bachnuinn gesammelte Eier messen 34x26 und 33x24 mm 
(Vollgewicht 5 g). Nielsen gibt mir als Extreme an 35x25,2 und 30x22,5 mm. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd und so fest, daß sie, wenn 
man ihre Röhren aufgräbt, ohne weiteres erfaßt werden können. Sie drücken 
den Brutfleck auf das querliegeude p]i und umschließen es darauf mit den 
Bauchfedern, daß man oft Vogel und Ei zugleich abhebt. Die Brutdauer 
scheint ungefähr 5 Wochen zu betragen. Das graubraune Dunen junge 
wird noch länger, etwa 6 — 8 Wochen, von den Alten gefüttert. Diese 
würgen ihm anfänglich grauen Tran in den Schlund, wie solchen das Tierchen, 
wenn es einige Wochen alt ist, auch einem etwaigen Angreifer entgegen- 
pustet. Später bringen die Alten kleine, weiche Seetiere und tranige Fisch- 
abfälle. Das Füttern geschieht nach Jönssons Angaben niemals bei hellem 
Tage, sondern beginnt erst mit Sinken der Sonne. Unsere Sturmschwalben 
zeigen sich ja, wie auch die Sturmtaucher, nur in der Dämmerung wirklich 
lebhaft. Das Junge scheut ebenfalls das ungewohnte Tageslicht und zieht 
eine Nickhaut über die Augen, wenn mau es ins Freie bringt. Während 
der Nacht schnurren die alten Vögel wie Katzen, am Tage rufen sie ein 
lebhaftes Uib. Die Dunenjuugeu piepen, wenn man sie in die Hand nimmt 
(Bachmann). 

Kaum vor Ende August, mitunter auch erst im Oktober, verlassen 
die nun völlig befiederten Tiere die Nisthöhle, begeben sich in Begleitung 
der Alten auf das Meer und wählen dieses hinfort zu ihrem Aufenthalte. 
Anfänglich schwimmen sie viel, später aber werden sie die vorzüglichen 
Flieger, die scheinbar auf den Wogen hinschreitend auch im Sturme den 
entfesselten Elementen zu widerstehen vermögen. Die Mehrzahl der Vögel 
verschwindet, wie mir Herr Jöusson schrieb, zwischen dem 15. und 30. September 
von den Vestmannaeyjarn, einzelne, wie bemerkt, erst später. Die kälteren 
Monate des Jahres verbringen die Sturmschwalben auf dem freien Ozean, 
in der Hauptsache in südlicheren Breiten. 

29. Procellaria pelagica L. 

Kleine Sturmschwalbe. 

Procellaria pelagica (Linn.): Faber, Prodromus, S. 110 (1822). — Thalassidroma 
pelagica Vigors: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 415 (1862). — Thalassidroma 
pelagica (Linn.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 419 (1863). — Procellaria pelagica 
(L.): Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 45 (1895). — Procellaria pelagica, Linn.: Slater, 
Birds of Iceland, p. 144 (1901). 

Procellaria pelagica, L.: Collin, Skandinaviens Fuglo, S. 573 (1877). — Salvin, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXV, p. 343 (1896). — Naumann, Vögel Mitteleuropas XU, 
S. 39 (1903). 



2(^Q Procpllaria pelagica. 

Isländisch: Drudi (nach Gröndal vielleicht etymologisch verwandt mit dem 
deutschen Drude, Druide, d. i. ein geisterhaftes Wesen), Litla Sjosvala (= Kleine 
Seeschwalbe). 

Procdlaria 2>elagica brütet im Gebiete des Nordatlantischen Ozeans, ziemlich 
selten an der amerikanischen Küste, wo sie nur bis Ncu-Fundland südwärts vorkommt 
und in Grönland ganz unbekannt ist, häufiger auf Inseln Westeuropas, besonders den 
Färöern, Shetland- und Orkney- Inseln, Hebriden, au den westlichen Küsten von 
Schottland, England und Irland, auf den Normannischen Inseln und an der Bretagne, 
nach Hartert & Rothschild sogar im westlichsten Mittelmeer. Außerhalb der Brutzeit 
hat man die Vögel südwärts bis zu den Bermuda-Inseln und Südafrika, nordwärts bis 
zu den Lofoten angetrofifen. 

Ebenso stellt Island wohl eine Nordorenze für das Wandergebiet der 
kleinen Sturm schwalbe dar; denn bis jetzt kennt man sie hier nur als 
gelegentlichen Gast. Freilich glaubt P. Nielsen (in litt.), der Vogel brüte 
in geringer Anzahl auf den Vestmannaeyjarn, weil er im Sommer 1890 zwei 
Sturmschwalbeneier von dort bekam, die nur 28x21 und 27x20 mm Größe 
besitzen und hierin denen unsrer Art gleichen. Ob es sich jedoch wirklich 
um Eier von Procellana pelagica oder nur um ausnahmsweise kleine Gelege 
von Oceanodroma lemorrhoa handelt, ist mir zweifelhaft. Ausgeschlossen 
erscheint allerdings nicht, daß sich gelegentlich einzelne Paare der kleinen 
Sturmschwalbe unter die größereu Verwandten mischen oder wie mir Herr 
IJachmanu als seine Vermutung äußerte, daß auf einer schwer zugänglichen 
Klippe nördlich von Heimaey sich wirklich eine bisher übersehene Kolonie 
der Vögel befindet. Herr Kreisarzt Jöusson, der auf meine Bitte hin noch- 
mals Umfrage gehalten hat, teilte mir mit, daß ihm und den Bewohnern 
nur eine Art Sjosvala, nämlich Oceanodroma leucoirhoa, bekannt sei. 

Die wenigen in der Literatur verzeichneten Beobachtungen unsers 
Vogels beziehen sich allerdings auf die Umgebung der Vestraannaeyjar, doch 
ist dieses Vorkommen durch die Lage der bekannten Brutplätze zur Genüge 
begründet. Im Kopenhagener Museum befindet sich ein Balg, der am 
2. Februar 1831 bei den Inseln gesammelt sein soll. Preyer berichtet 
gleichfalls von seiner Beobachtung eines Vogels daselbst; da er jedoch in 
seinem Verzeichnisse Oceanodroma leucoirhoa gänzlich unerwähnt läßt, ist 
eine Verwechslung der Arten nicht ausgeschlossou. Ich sah am 21. April 
wenige Seemeilen östlich von Heimaey eine Sturmschwalbe, deren Schwanz 
mir bei wiederholter Besichtigung mit dem Glase durchaus gerade erschien, 
doch hielt sich der Vogel in ziemlicher Entfernung vom Schiffe. Verschiedene 
sehr zweifelliafte Literaturangaben (z. B. Ornith. Monatsschr. 1902, S. 13) lasse 
ich unerwähnt. Von einer sicheren, allerdings auffälligen Erbeutung berichtet 
Gröndal (1. c). Im Juni 1885 wurde nämlich ein verflogenes Exemplar von 
J'rocellaiia pelagica auf einer Wiese bei Uthlid (in der Nähe des Geysirs), 
etwa 60 km von der Küste entfernt, gefangen und dem Berichterstatter 
gebracht, der es seiner Sammlung einverleibte. — Zweifellos darf man bei 
der Nähe der bekannten Brutplätze unsrer Art ein etwas häufigeres Erscheinen 
derselben, als vorstehende Angaben es schließen lassen, wenigstens in Süd- 
und Ost-Island, vermuten. 



Siila bassana. 



]G1 



30. Sula bassana (L.)- 
Baßtölpel. 

Said alba (^reyci-;): Faber, Prodrouuis, S. 84 (1822). — Sula bassana: Preyer (& 
Zirkel), Reise nach Island, S. 414 (1862). — Sula bassana (Linnö): Newton, in Baring- 
Goulds Iceland. p. 417 (1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 44 (1895). — Slater. 
Birds of Iceland. p. 37 (1901). 

Sula bassana (L.) : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 703 (1877). — Ogilvie-Grant, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 425 (1898). — AVinge, Grönlands Fugle, S. 245 (1898). 
— Naumann, Vögel Mitteleuropas XI, 8. 35 (1903). 

Isländisch: Si'da (wahrscheinlich zusammenhängend mit Svala = Schwalbe), 
liafsüla (= Meersule). 

Anch deutscii: Sule. Dan.: Sule, Havsule. Norw. : Sula, Havsula. Schwad.: 
Hafsula. Finn.: Suula. Engl.: Souler. Auf St. Kilda: Sulais. Gäl.: Sulaire. Fär.:Sula. 

Suhl bassana bewohnt den Nordatlautischen Ozean. An der amerikanischen 
Küste brütet sie nordwärts kaum über den 50. Breitengrad hinaus, ist in Grönland 
nur als seltener Gast in der Davis-Straße beobachtet worden und geht im Winter bis 
zum Golf von Mexiko hinab. In Europa liegen ihre Brutplätze auf einer Anzahl kleiner 
Inseln in der Nähe von Schottland und Irland, ferner auf St. Kilda und den Färöern 
(Myggenäsholm). Von hier aus streifen besonders die jüngeren Vögel weit umher, 
nordwärts bis zur russischen und norwegischen Eismeerküste, südwärts bis Westafrika. 

In Island besitzt der Baßtölpel seine nördlichsten Brutplätze, von denen 
aber nur drei schon seit Fabers Zeiten größeren Umfang haben mögen. 
Diese liegen im Süden auf dem Sülasker (Vestmannaeyjar), im Südwesten 
auf Eldey und im Norden auf der Hafsiilastapa und dem gegenüberliegenden 
Teile von Grimsey. Die letztgenannte Kolonie, die etwa 50 — 70 Paare zählt 
uud schon im Eismeere liegt, stellt den nördlichsten bekannten Brutplatz 
unsers Vogels dar (Fig. 25). Im übrigen wird der Baßtölpel häufig an allen 
isländischen Küsten gesehen. 

Ein von mir am 27. Juni 1903 auf Grimsey präpariertos (5 ad., sichrer Brutvogel, 
zeigt folgende Maße. Gewicht i. FL: c. 3i/i kg. Gesamtlänge i. FL: c. 980 mm. Flug- 
breite: c. 1700. Flügel: 510. Schwanz: 350. Schwanz + Flügel: 60. Schnabel: 101. 
Tarsen: 64. Mittelzehe inkl. der 19 mm langen Kralle: 112 mm. — Schnabel: weißlich 
mit durchschimmerndem Schwarzgrau, nach der Spitze zu hornfarben, diese selbst durch- 
scheinend horngelblich. Nackte Stellen am Kopfe: lebhaft dunkel-schwarzblau. Hing 
um die Augen: himmelblau. Iris: gelblichweiß. Füße: dunkel schwarzbraun, auf der 
Oberseite jeder Zehe ein erhabener Streifen hellgrüner Schilder, die sich in der Mitte 
<ier Tarsen vereinigen. — Haut dick und weich, vollständig besetzt mit neuen Feder- 
kielen, die 1 — 3 cm aus der Unterseite dos Balges hervorragen, Zwischenräume mit 
schwammigem Fett ausgekleidet. Mageninhalt: Außer halbverdauten 2 guterhaltene 
Fische von 16 und 18 cm Länge. 

Der Baßtölpel ist im Südeu Islands in der Hauptsache Standvogel, 
Grimsey dagegen wird von den meisten Individuen wälirend des Winters 
verlassen. Zeitig im Frühjahre aber, bei günstiger Witterung schon im 
März, erscheinen die Vögel wieder bei ihrem Brutplatze und beginnen im 
April oder Anfang Mai mit der Herstellung, beziehentlich der Ausbesserung 
des Nestes. Dieses wird aus Seetangen und Felsenkräutern errichtet, ist 
groß und flach, erhält jedoch mitunter eine ziemliche Dicke. Die Ablage 
des einen Eies erfolgt auf den Vestmannaeyjarn oft schon im Mai, auf 
Grimsey selten vor Ende des Monats oder im Juni. Auch ist der Termin 

Hantzsch, Vogel weit Islands. H 



\Q2 ^\\\i\ bassana. 

bei doii verscliiodciu'ii liulividiicii der Kidmiit' diiicliiiiis iiiclit derselbe. Die 
jilteii Vögel, die ihr vorjähriges Nest bald in Ordnung gebracht haben, 
beginnen zeitig, andere aber, wahrscheinlich die jüngeren, die sich einen 
Nistplatz erst erstreiten müssen, werden oft :J--4 Wochen zurückgehalten. 
Die eng uebeneinander horsteiuh'ii Tiere, die sich auch gern das Nistmaterial 
gegenseitig wegziehen, lassen zu dieser Zeit lebhaft ihre Rufe liören. die 
freilich in dem Gewirr der unzähligen andern Stimmen und unter dem Rollen 




Fiii. 2'). Hafsülastapa und gegenüberliegender Teil von Giimsey. 

des brandenden :Meeres oft verhallen. Sie bestellen aus laut schnarrenden 
Lauten, in denen ein A oder durchklingt; ich notierte rorrr, rarrr und gra. 
Mau hört dies seltner auch von fliegenden Exemplaren. Mitunter legen 
Vögel, denen vielleicht das Nestmaterial immer wieder geraubt oder durch 
den Sturm entführt wurde, ihr Ei auf die bloße Erde, die sicli alleuthalbeti 
in den breiten Felsvorsprüugen und Vertiefungen augesammelt hat. Von 
den Menschen werden die wenig schmackhaften Eier nicht zu Nahrungs- 
zwecken genommen, da später die Jungen ungleich wertvoller sind. Doch 



Silin bassana. \Q^ 

solleu genug durch Stiinu, lierabrollende Steine und sonstige elementare 
Ereignisse Acrderben. In solchen Fällen schreiten die Vögel oftmals zu 
einem Nachgelege. Ich erhielt ein völlig frisches Exemplar noch am 27. Juni, 
zu welcher Zeit die übrigen schon stark bebrütet waren. 

Die Eier des JBaßtölpels zeigen den charakteristischen niilchhuutartigen Über- 
zug, der frisch ziemlich weich ist und durch stärkere Berührung des Vogels Eindrücke 
bekommt oder stellenweise auch bis zur eigentlicher, grünlichen Eischale zurückgeschoben 
wird. Erst nach 1 — 2 Tagen orhäi-tet diese Oberhaut völlig. Legt man ein recht 
Irisches und dann noch fast weißes Ei in laues Wasser, so fühlt man überdies eine 
farblose animalische Schleimschicht, die später in die weiche Oberhaut einzudringen 
scheint. Sie dürfte erst nach ziemlicher Vollendung des Eies von den Epithelzellen 
des Uterus abgesondert werden, enthält den auffälligen Moschus - Trangeruch und ruft 
beim bebrüteten Eie, infolge Einwirkung der Brutwärrae und faulender Pflanzenstoffe 
des immer feuchten Nestes chemisch verändert, die lebhaft rostbräunliche Färbung der 
Schale hervor. Eier von Grirasey zeigen folgende Maße : 81 x 50.5 mm (voll 108, leer 
12,9 g). 81x48 (104—12,3). 75x49,5(102—10,7). 76,8x47 (10,5). — Dotter blaßgelb. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd wenigstens 6, wohl aucli 
bis 7 "Wochen hindurch. Die Entwicklung des Embryos geht anfänglich äußerst 
laugsam vor sich. Nach 2 — Swöchiger Bebrütung kann man das Innere 
des Eies noch bequem ausblasen. Gar nicht selten ist aber das Kesultat 
all des laugen Sitzeus der Vögel ein faules, jedenfalls meist unbefruchtet 
gewesenes Ei. 

Bei meiner letzten Beobachtung des Brutplatzes der Baßtölpel auf 
Grimsey, am 10. Juli, konnte ich noch kein Dunenjunges erblicken. Faber 
fand indes solche auf den Vestmannaeyjarn schon Anfang Juli. Die Tiere 
sind zunächst recht klein und fast nackt, erhalten aber rasch ein dichtes 
weißes Dunenkleid. Beide Eltern tragen in der »Speiseröhre besonders Fische 
zum Futter herbei. Während der 4, und 8. Leoenswoche entwickelt sich 
das erste Federkleid. Dieses ist oberseits düsterbräunlich gefärbt und weiß 
betropft, unterseits gi-auweiß und bräunlich gefleckt. Im Süden Islands 
werden die jungen Baßtölpel selten vor Ende August, auf Grimsey oft erst 
Ende September flügge, falls man sie nicht vorher zu Nahrungszwecken 
ausnimmt. Erst im 5, Jahre soll unsre Art nach W. Rothschilds Unter- 
suchungen ihr Alterskleid anlegen und fortpflanzungsfähig werden. Die Mauser 
erfolgt jährlich nur einmal, dauert jedoch oft ein halbes Jahr. Bei den 
Brutplätzen sieht man fost immer bloß alte Vögel, die jüngeren häufiger 
auf freiem Meere. 

31. Phalacrocorax carbo (L,). 
Kormoranscharbe. 

Carlo cormora?ms (Meyer) : Faber, Prodromus, S. 53 (1822). — Halieus carbo 
Illig. : Preyer («& Zirkel), Reise nach Island, S. 414 (1862). — Phalacrocorax carbo 
(Linn.): Newton, in Baring - Goulds Iceland, p. 417 (1863). — Halieus carbo lUig.: 
Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 43 (1895). — Phalacrocorax carbo (Linn.): Slater, Birds 
of Iceland, p. 35 (1901), 

Graculus carbo (L.) : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 707 (1877). — Phalacrocorax 
Carlo (Linn.): Ogilvie - Grant , Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 340 (1898). — Winge, 
Grenlands Fugle, S. 243 (1898). — Naumann. Vögel Mitteleuropas XI, S. 51 (1903). 

11* 



jg^ Phnlacrocnrax carbo. 

Isländisch: Sknrfiir (nach der Stinime). Dilaskarfur (von dili = Tüpfel), 
Hnupliingur (von hnnplu = schnappen, rauben, also etwa Fischräuber), Utileguskarfiir 
(von ütilcga = Aufenthalt im Freien, von Räubern und (geächteten gebraucht, also 
etwa Räuberscharbe), selten auch Hraukur, Hrökur (= etwas aufrecht Stehendes, der 
K.'irperhaltung der Vögel wegen). 

Auch deutsch: Skarv, Scharbe. Dan. <!tnorw.: Skarv. Schwed.: Skarf. Lappl. : 
SkarfTa. Engl.: Scarf. (.Tai.: Sgarbh. Fär. : Skarvur. 

Phalacrocornx carbo hat eine weite, aber nicht überall zusammenhängende Ver- 
breitung. Kr bewohnt die meisten Länder Europas, ferner Zentralasien, einige Gebiete 
in Afrika, sowie die (3stküste des nördlichen Amerikas. Zur Zugzeit trifft man ihn 
bis Ost- und Südasien, Australien, Neuseeland, Südafrika, der Delaware-Bai usw. Im 
nördlichen Europa brütet er u. a. an vielen Stellen der Britischen Inseln und auf den 
kleinen nördlich davon liegenden Gruppen, einschließlich der Färöer, ebenso auch 
ziemlich häufig im südlicheren Teile (rrönlands. 

In Island besitzt der Kormoran eine Menge kleine Brutkolonien, 
von denen die meisten an den Steilküsten im Norden liegen sollen. Den 
Süden besucht er mehr im Winter, horstet freilich auch hier an einigen 
Stellen, z. ß. auf den Vestraannaeyjarn. Gewöhnlich sind seine Kolonien 
für sich abgeschlossen, oft in der Nähe der Vogelberge, immer aber an der 
Meeresküste. 

Im südlichen Teile Islands ist der Kormoran in der Hauptsache Stand-, 
im Norden mehr Strichvogel. Zeitig im Frühjahre nähert er sich den 
Brutplätzen und beginnt im April -mit der Ausbesserung des vorjährigen 
Horstes. Ich hatte bei Grenivik im Eyjafjördr Gelegenheit, eine kleine 
Kolonie von 6 oder 7 Paaren zu beobachten, auf die ich folgende Angaben 
teilweise gründe. Dort befinden sich die Brutplätze der Vögel auf Vor- 
gprüngen im oberen Teile eines etwa 30 m hohen, fast senkrechten Felsens. 
Die Nester sind aus Zweigen, Gras und Tangen hergestellt und zumeist 
groß und fest. Man muß sich wundern, wo das Paar die vielen Ruten und 
Reiser aufsammelt, da man die Tiere außerlialb des Wassers kaum anderswo 
als auf großen, höchstens mit Tang bewachsenen Steinen am Meeresstrande 
trifift. Die Ablage der Eier erfolgt nicht selten schon im April. Im 
Dresdener Zoologischen Museum befindet sich sogar ein isländisches Gelege 
vom 9. d. M. Im Nordlande kommen die Vögel freilich oft nicht vor Mitte 
Mai zum Brüten. Das Normalgelege enthält 3 oder 4 Eier, selten nur findet 
man eins mehr oder eins weniger. 

Das erwähnte Gelege zeigt folgende Maße: 70.8 x 42 mm (6,3 g), 69 x 43,2 (6,8), 
65,8x41,2 (6,2), 65,2x41 (6,4). 

Die Brutdauer mag 4 Wochen, manchmal auch etwas kürzere Zeit 
betragen. Taube Eier sind häufig. Meist brütet das Weibchen, wird aber 
gelegentlicli vom Männchen abgelöst. Dieses sitzt gegen Ende der Brutzeit 
viele Stunden täglich neben ihm. Der Horstfelsen erscheint bald vom 
rnnite der Vögel weiß übertüncht und läßt hierdurch schon auf weite 
Entfernung hin seine Benutzung erkennen. Die brütenden Tiere sind nicht 
scheu und bleiben ruhig auf dem Neste sitzen, wenn man sich auf Schuß- 
weite nähert. Sie verdrehen aber dann oft in sonderbarer Weise Kopf und 
Hals und äugen mißtrauisch nach unten. Trifft man die Vögel abseits vom 



Phalacroconix earbo. 2(35 

liriitpliitze auf ihren Lieblingssteineu am Mcoresufer, so lialten sie, auch 
wenn sie keinen Verfolgungen ausgesetzt waren, kaum auf 100 m aus, gleiten 
vielmehr schlangenartig ins Wasser, tauchen unter und kommen erst weit 
ah vom Lande wieder zum Vorsclieine. Sie schwimmen dann oft so tief, 
daß nur Kopf und Hals sichtbar wird. Wollen sie das Wasser verlassen, 
so klettern sie nicht ungeschickt, manchmal mit Benutzung der Flügel, an 
den glatten Steinen empor, setzen sich auf die Tarsen, richten den Körper 
auf, breiten die Flügel aus und beginnen nun oft, jedoch durchaus nicht 
immer, mit ihrem merkwürdigen Fächeln, das mitunter halbe Stunden 
ohne Unterbrechung fortgesetzt wird. Sicher hat diese eigentümliche Be- 
wegung ihren Grund nicht nur in der Absicht, die Federn zu trocknen. 
Ich beobachtete wiederholt, auch außerhalb Islands, Vögel, die bei warmem 
Sonnenscheine mit dem Wedeln begannen, nachdem sie stundenlang am 
Strande gesessen hatten und zweifellos nicht naß waren. Ich halte diese 
Tätigkeit für ein Zeichen ülierschüssiger Kraft der stattlichen und doch so 
wenig benutzten Schwingen, zur Fortpflanzungszeit, wo mau die Männchen 
liesonders anhaltend wedeln sieht, auch für eine Art Balzbewegung. In der 
Nähe des Horstplatzes besclireiben unsere Vögel bei schönem Wetter mit- 
unter mächtige Bogen, wobei sie auch große Strecken schweben. Für 
gewöhnlich aber ist ihr Flug geradeaus gerichtet und ziemlich schwer; 
Kopf und Hals werden vorgestreckt und die Flügel tief und gleichmäßig 
gebeugt. Vollendete Meister sind die Kormorane im Schwimmen und Tauchen. 

Die Jungen werden von beiden Eltern mit Fischen gefüttert, die 
ihnen diese in Schnabel und Speiseröhre bringen. Sie sind immer hungrig, 
macheu viel Lärm und verraten dadurch leicht den Nistplatz, wachsen aber 
schnell heran und sind nach reichlich einem Monate schon flügge. Dies 
mag in der Regel erst im Juli eintreten. Faber sagt Ende Juni, was wohl 
nur in günstigen Jahren und Örtlichkeiteu zutrifl't. Die Vögel bei Grenivik 
hatten am 25. Juni noch Eier oder erst kleine Junge. Nähert mau sich 
dem Brutfelsen, wenn die Tiere bald flügge sind, so umfliegen die futter- 
bringenden Alten mit lautem krächzenden Grab, das sich auch mitunter 
wie Skarf anhört, den Platz, wagen sich aber nicht immer auf den Horst. 
Die Jungen haben eine zeternde Stimme. 

Einige Wochen noch bleiben die Familien in der Nähe. Im September 
langen sie an, lebhafter umherzustreicheu, verlassen aber die Küste nicht 
lange und weit. Einzelne Individuen mögen im Herbste nach südlicheren 
Breiten fortziehen, die meisten überwintern jedoch in geschützten Meeres- 
buchten Islands. 

;52. Phalacrocorax graculus graculus (L). 

Krähenscharbe. 

Carlo graculus (Meyer): Faber, Prodromus, S. 53 (1822). — Halieus graculus 
Illig.: Preyer (& Zirkel), Eeise nach Island, S. 414 (1862). — Phalacrocorax graculus 
(Linn.): Newton, in Baring-Goulds leelaud, p. 417 (1863). — Halieus graculus lUig.: 
Oröndal. Isleuzkt lugiatal- bis. 43 (1895). — Fhalacrocorax graculus (Linn.): Slater. 
Eirds of Iceknd. p. 36 (1901). 



H]Q PhalucTocorax j,M-ac'ulus graculus. 

Gracnh(S cristuhis (Gunn.): (-'oUiii, Skandinaviens Fiiglo. S. 71U (lb77). — 
rhalacrocorax graculus (Liim.): Ügilvie-Crrant, OeX. Bircls Brit. 31 us. XX\'I, p. ;i64 (18i)8j. 
— Naumann, N'ögel Mitteleuropas XI, S. 67 (1903;. 

Isländisch: Skarfur (part.), Toppskarfur (von toppr = Haube), llraukiir, 
Hrükur (part). 

Auch deutsch: Haubenscharbo. ])än. »fc uorw.: Topskaiv. Schwed.: Toppskarl'. 
Eng!.: Shag. Gäl.: 8garl)h, Scarbh. Für.: Skarvur. 

Fhalacrocorax yracnbis graculus findet sich als Erutvogel nur an einigen Küsten 
Westeuropas, l)esonders in Norwegen, Frankreich und Portugal, sowie auf den Britischen 
und etlichen m'irdlich davon liegenden kleinen Inseln, besonders auf Shetland. Auf 
den Färciern brütete er früher nicht selten, ist aber heutzutage verschwunden und 
besucht die Inseln nur während dos AVinters (Andersen). Von (irönland kennt man 
unsere Art überhaupt nicht. Zur Zugzeit wandern einige Exemplare südwärts. — Im 
Mittehueergebiete wird Ph. g. graculus durch den langschnäbligen Ph. g. desmaresiii 
Payr, vertreten, in den übrigen Erdteilen durch weitere Formen. 

lu Island gehört die Krälienscharbe zu den nicht seltnen IJrut- 
vögeln. Sie scheint nur im Osten und Südosten der Insel zu fehlen, wo 
der teilweise Mangel ausgedehnter Steilküsten ihr die Anlage von Brut- 
kolonieu erschwert. Nach P. Nielsen (in litt.) horstet unsere Art an Felsen auf 
den Vestiuaniuieyjarn (vou ]:>. Jönsson bestätigt), in der Nähe von "[^orläkshöfn 
( Arness Sysla), Krisuvik (SW.), Alftanes(n. V.Reykjavik), Eyrarsveit, Ncshreppur, 
Stykkisholnu- (Sna-fellsnes S.), Mosvallahreppur, Reykjarfjördr, Slettuhreppur 
(Isafjördr S.), Ripurhreppur (Skagafjardar S.), Raudagnüpr (Melrakka Slctta) 
und Kelduhverfi ())ingeyrar S.). Außerhalb der Brutzeit sieht man die Vögel 
gelegentlich an allen Küstengebieten, auch im Osten, von wo sie Nielsen 
z. B. aus dem Lodmundarfjördr kennt. 

Die Krähenscharbe ähnelt in ihrer Lebensweise außerordentlich dem 
Kiirniorane, sodaß ich an dieser Stelle eine nochmalige Besclireibuug unter- 
lasse, da ich selbst keinen Brutplatz der Vögel besucht habe. Nestbau, l'jier 
und Brutgeschäft untersclieiden sich höchstens entsprechend der verschiedenen 
<irößp beider Arten um ein Geringes, ohne jedoch für eine dersel)>en 
charakteristisch zu werden. 

Isländische Eier meiner Sammlung zeigen folgende Maße : 64,5 x 39 mm (5.2 g). 
62x42,5 (6.9). 62x37 (4,8). 61,8x39,5 (5,5). 59x39 (5,2). 59x37 (3.8). Nielsen 
gibt mir als Größe extremer Exemplare an: 67x41 und 62x37 mm. 

Die Krähenscharbe verläßt Island noch weniger als die vorige Art. 
Altere Individuen sind oft wahre Standvögel, die jüngeren überAviutern 
besonders im Südwesten der Insel. 

33. MergTis merganser L. 

(! roßer Säger. 

MtrgHs invrgdiiiifr (\Ani\.): Faber, l'rodromus, S. 64(1822). — Mergus merganser 
L.r Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 413 (1862). — Mergus castor Linn.: Newton, 
in Uaring-Goulds Iceland. p. 417 (1863). — Mergus merganser L.: Gröndal, Islenzkt 
fuglatal. l)ls. 51 (1895). — Mergus merganser (Linn.): Slater, Birds of Iceland, p. 75 (1901). 

Mergus merganser. L. : GoUin. Skandinaviens Fuglo, S. 696 (1877). — Merganser 
rasfor (Linn.): Salvadori, C"at. Birds Brit. Mus. XXVII. ]\ 472 (1895). — Mergus merganser 
L.: Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 290 (1902). 



IMergus incrgaiiser. ]^Qj 

Isländisch: Stüra Toppönd (= Große Schopfeute), Toppiind Cpart.), Gulönd (von 
guW = gelb), soltiu'i- Yatnsönd (von vatn == Wasser). 

Auch dän.: Gulskra-p. Schwed.: Gulskräcka. Fär. : Topändt, Topondt. 

Mergus merganser ist ein Bewohner der paläarktischen und einiger benachbarter 
Oohiete der arktischen Region. Er brütet von Island bis Kamtschatka, u. a. in Xord- 
rußland, Finnland. Skandinavien, Dänemark und Norddeutschland. Auf den Britischen 
Inseln ist er niu- in Schottland Brutvogel, auf den Färöern seltner Gast. Nordwärts 
wurde Mergus merganser auf Kolguew. Nowaja Semlja und AVaigatsch nachgewiesen 
(Schalow), in Gn'inlaiul aber nicht mit Sicherheit festgestellt. Im Innern Europas 
brütet der Vogel stellenweise bis Bosnien hinab, doch trifft man ihn im "Winter bis zu 
ilen Küsten des Mittelländischen und Schwarzen Meeres, sowie den nordindischen Gewässern 
bis zum 22. Grade südwärt.s (Hartert). 

In Island gehört der große Säger zu den verbreiteten Brutvögelu, 
diM-h sclieint er nirgends zahlreich vorhanden zu sein. Er bewohnt fisch- 
reiche Gewässer in tieferen Lagen, aber weniger die großen Binnenseen, als 
violiuehr Gebiete mit kleineren Teichen, sowie Inseln und Ufer von Flüssen 
und Strömen. Die Nähe des Meeres ist ihm angenehm. P. Nielsen bezeichnet 
mir (in litt.) folgende Gegenden als ilim bekannte Brutplätze der Art: 
Landeyjar (Kangarvalla Sysla), Ulfljotsvatn (Arnes S.), ])verärhlydahreppur 
(Myra S.). Stadarsyeit, Neshreppur (Sna?fellsues S.), Middalahreppnr (Dala S.). 
]\Iosvallahreppur (Isafjardar S.). Kirkjuhvelshreppnr (Strandar S.), Eipur-, 
Hvels- und Vidvikurhreppur (Skagafjardar S.), JHiroddstada-, Presthdlahreppur, 
Myvatn (Sudr )">ingevjar S.), Lodmundarfjördr (Nordr Müla S.). 

Ein ? ad. ^meiner Sammlung aus dem Frühjahre 1902 von Saudarkrökr (N. Island) 
ziigt folgende 3Iaße. (-iesamtläugo: c. 590 mm. Flügel (mit Zirkel gem.): 238. Schwanz: 
llH. Schnabellänge: 49,2. Schuabelinihe (am Grunde): 15. Tarsen: 44. Innenzehe inkl. 
der 8 mm langen Kralle: 52, Mittelzeho: 62 mm. 

Im Frühjahre sieht man unsern Säger meist an den Meeresküsten, 
dneli fliegt er von hier aus gern die Ströme aufwärts, um sie dann langsam 
wieder hinabzuschwimmen, wie ich dies in der zweiten Hälfte des Mai ganz 
auffällig bei Hvammr und Blönduös beobachtete. Auch besucht er häufig 
Süßwasserteiche in der Nähe des Meeres, Mitte bis f]ude Mai kommen die 
Vögel nach den Brut orten, paaren sich und beginnen mit dem Baue des 
Nestes. Mir wurde ein solches erst später auf einer Insel in der Laxä 
(beim M;fvatn) gezeigt, das von den Jungen ))ereits verlassen war. Es 
befand sich gut verborgen unter einem Weidengebüsche, bestand aus Halmen 
und Reisern und einer Auskleidung von bräunliclien Dunen. Eigentliche Hohl- 
räume als Brutstätte sind unsrer Art in Island nicht unbedingtes Bedürfnis, 
doc-h sucht sie sich geschützte Ortlichkeiten in Erdnischen und zwischen 
Steinen oder inmitten hölierer I*flanzen aus. die sich meist dicht am Wasser 
betinden. Anfang ]»is Mitte Juni beginnt das Weibchen mit der Ablage 
der Eier, sodaß vollzählige Gelege gewöhnlich Ende des Monats vorhanden 
sind. Diese bestehen aus 7 — 12 Eiern. Pearson fand freilich am 21. Juni 
auch ein Nest mit 15 Stück, die vielleicht von 2 Weibchen herrührten 
(Ibis 1895, p. 245). Durch regelmäßige Wegnahme der Eier soll sich die 
Produktion derselben auf 25 — 30 steigern lassen. 

Isländische Exemplare meiner Sammlung von der Laxä haben folgende Größe: 
70.5x45,5 mm (Gew. 6,4 g). 69x46 (6,2). 65x45,5 (6). 64,5x46,5 (6,4). 64x45,5 (5,8). 



1/«^ Morgiis iiierganser. 

Kier vom Myvatn und von Laxamyri im Zoolog. Museum in Dresden: 70x47,2 (?). 
6i»,r. X 44,5 (5,9). 68,5 x 46,5 (6,5). 67 X 45,8 ("O- 66,5 x 45 (5,7). 65,5 x 45 (5,8). — 
Niois.-n bezeichnete mir als extreme Maße eines Geleges (7 St.) vom 31yvatn: 71 x 4!> 
und 65,5x47,5 mm. — Sie unterscheiden sich durch den mehr gelblichen Ton der 
Schale von den Kiern von Mcrgus serrator. 

Die IJrutdauer mag für Island mit iiiiucfiihi- 4 Wochen richtig- 
angegeben sein. Das Weibchen brütet allein, das Männchen aber hält sich 
wenigstens dort, wo nur einzelne Paare nisten, in der Nähe auf und sucht 
eine Verfolgung durch scheinbares Vertrautsein auf sich zu lenken. ^Mitunter 
vereinigen sich auch die Erpel zu kleineu Trupps. Doch sah ich als Höchst- 
zahl nur einmal 5 der Vögel auf dem M^-vatn beisammen. 

Die zarten und ziemlich hinfälligen Dunen jungen werden von der 
Mutter allein geführt, die mit ängstlichem Krrr große Besorgnis für ihre 
Nachkommenschaft au den Tag legt. Fabers Beobachtungen zufolge sind 
die Vögel nach etwa 5 Wochen flugbar. Die alten Männchen ziehen sich 
daweilc in geschützte Buchten zurück, um hier die .Sommermauser abzu- 
warten. Sie nähren sich in dieser Zeit nicht nur von Fischen, sondern 
häufig auch von Wasserpflanzen, sind äußerst vorsichtig und suchen einer 
nalienden Gefahr durcli Tauchen und Schwimmen zu entgehen. In der Nähe 
der Seeküsten halten sich die Vögel gern au den Mündungen der Flüsse, an 
stillen Buchten oder iu Lagunen auf, die bei der Flut mit dem Meere in 
Verbindung stehen. Nach solchen Örtlichkeiten führt, spätestens im September, 
das alte AVeibclien zunächst auch scliwimmend oder fliegend die erwachseneu 
•lungen. Scharenweise streichen die Vögel von liier aus au allen zusagenden 
Küstengebieten umher und kommen z. B. auch nach den Ve.stmannaeyjarn. 
Besonders die jüngeren Individuen verlassen endlich im Oktober die Insel 
und wandern südwärts. Ältere Tiere aber wählen geschützte ^Meeresbuchten 
oder die Gebiete warmer Gewässer im Innern Islands zum Wiuteraufenthalte. 
Nach P'abers Untersuchungen scheint die größere Zahl unsrer Taucher im 
Lande zu bleiben. Doch sind sie für gewöhnlich nicht eigentliche Stand- 
vögel, sondern ziehen scharenweise von Gewässer zu Gewässer. In sonuen- 
glänzender weißer Winterlandschaft bieten dann die zart lachsfarbenen Vögel 
die mit hohem, klingendem Fluge rasch dahineilen, dem untenstehenden 
Beobaclitcr ein präciitiges Bild. 

:54. Mergus serrator L. 

Mittlerer Säger. 

Mergns serrator (Linn.): Faber, Prodromus, S. 64 (1822). — Mergus serrator L.: 
J'reyer (& Zirkel), Ki'isi- nach Island, S. 413 (1862). — Xewton. in Bariug-Goulds 
Iccland. ].. 417 (1863). — (InMulal. Islenzkt fuglatal, bis. .')1 (]895j. — Slater, Birds of 
Jccland, 1». 76 (lltOl). 

Mergus serrator, L. : (^oUin, Skandinaviens Kugle. S. 61)8 (1877). — Merganser 
serrator (Linn.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, j). 479 (1895). — Mergus 
serrator L.: Wingo, (ironlands Fuglc, S. 113(1898). - - Nauuiaun. Vögel 3Iittelonropas X, 
S. 281 (1902). 

Isländisch: Litla Toppönd (= Kleine Schopfentc), Topprmd (part.). 

Auch dän.: Topskr;«'kko. Fär.: Topändt, Topondt. 



31ergiis serrator. 169 

Mergns serrator bowolint die Küstenländer im Norden des paläarktischen und 
nearktischen Faunengebietes, dringt aber nicht allzuweit in der arktischen Kegiou vur. 
Nach Schalow ist er kaum nördlicher als 74 ° gefunden worden. Er brütet von Kolguew 
und Waigatsch an im nördlichen Sibirien und geht im Winter bis Nordindien und 
.Japan südwärts, in Amerika etwa vom 45. Grade an bis Alaska und Grönland. In 
letzterem Gebiete bewohnt er, wenn auch nicht gerade zahlreich, die Ost- utid ^^^'st- 
küste, woselbst er sich bis Upernivik Hndet. Im Winter kommt er bis zu dem südlichen 
Teile der Vereinigten Staaten und den Bermuda -Inseln hinab. In Europa brütet 
Mergus serrator etwa vom 50. Grade an in Nordrußland, in Skandinavien bis zum 
Nordkap hinauf, in Dänemark und Norddeutschland, Irland und Schottland, sowie auf 
den nördlich davon liegenden kleinen Inselgruppen einschließlich den Färöern. Im 
Winter zieht er südwärts bis zum Kaspischen, Schwarzen und Mittelländischen Meere. 

Island bewohnt der mittlere Säger gleichfalls als häufiger Brutvogel 
und in weit größerer Anzalil als die vorige Art. Er brütet fast imnaer an 
stehenden Gewässern, ebensowohl an großen Seen im Innern des Landes, 
wie dem Myvatn und jn'ugvallavatn, als au kleineren Strandseen. Bei 
Hjalteyri fand ich das Nest eines einzelnen Paares auch an einer Salz- 
wasserlagune, die bei der Flut mit dem Meere in Verbindung stand. Viel 
seltner trifft man die Vögel auf buschbewachsenen Inseln inmitten von 
Strömen. Außerhalb der Brutzeit besuchen sie solche indes recht gern und 
halten sich dann auch in Meeresbuchten auf. Größere freie Wasserflächen 
sind ihnen jedoch immer Bedürfnis. 

Ein ? ad., Brutvogel, am 31. Juli 1903 von mir auf dem Myvatn gesammelt, 
zeigt folgende Maße. Gewicht i. FL: fast 1 kg. Gesamtlänge i. FL: c. 530 mm. Flug- 
breite: c. 780. Flügel (m. Zirkel gem.): 218. Schwanz: 102. Schwanz -)- Flügel: 48. 
Schnabellänge: 55. Schnabelhöhe am Grunde: 18,5. Tarsen: 42. Innenzehe inkl. der 
10 mm langen Kralle: 54, Mittelzehe: 63,5 mm. — Iris: gelbbraun, nach außen rötlich. 
Obi'rschnabel (bes. auf der Firste dunkel): schwarzrot. Unterschnabel: gelbrot. Füße: 
lebhaft schmutzig hochrot. Hinter- und Unterseite grau angeflogen. — Beginnt zu 
mausern, alte Federn sehr locker. 

Im Mai, in der Nähe des Meeres auch schon Ende April, kommen 
unsere Säger nach ihren Brutplätzen. Doch trifft mau sie bereits vorher 
paarweise am Strande. Die Vögel begeben sich häufig laufend ans Land, 
verlassen dieses allerdings bei einer Verfolgung meist fliegend. Sie sind 
auch schon zu dieser Zeit nicht sehr scheu, sodaß man sich ihnen ohne 
große Schwierigkeit auf Schrotschußentfernung nähern kann. Beim Neste 
verhalten sie sich später oft außerordentlich zutraulich, wenigstens in Gegenden, 
wo mau ihre Eier nicht sammelt. Selten brüten einzelne Paare allein, meist 
6 — 10 in enger Umgebung beisammen. Gewöhnlich bilden aber auch diese 
nicht eine selbständige Kolonie, sondern finden sich in Gesellschaft von Enten. 
Am Myvatn ist uuser Säger sehr zahlreich vorhanden. 

Das Nest findet sich in Lavahöhlen. Fels- und Erdspalten oder in 
Hodeuvertiefungeu unter schützenden Büschen. Es besteht aus Avenigen 
weichen Halmen und wird dick mit aschgrauen Dunen ausgekleidet. l-iS 
luit einen äußeren Durchmesser von etwa 27, einen inneren von ungefähr 
17 cm. Die Ablage der Eier beginnt gewöhnlich Anfang Juni, oft auch 
erst etwas später. In Gegenden, wo diese planmäßig weggenommen werden, 
findet man bis Anfimg Juli frische Exemplare. Die Zahl beträgt selten 



JYQ Mergus Senator. 

inolir als .s — 10. in Narligolcgeii audi nur 5 — 6 Stück. Mitunter sollen 
•J Wc'ihchnx dasselbe, dann besonders große Nest benutzen. 

Einige von mir selbst präparicrtL- Eier meiner Sammlung vom 3IyvatM zeigen 
folgende Maße: 70 X 45,2 mm (6,") g). 68 X 45,8 (5,7). 65,5 X 45 (5,7). 65,2 x 44,5 (5,8). 
65 X 45,2 (5.5). Ein Gelege (8) von HjaUeyri (14. Juni, frisch): 67 X 45,2(5,7), 66 x 45.8 
(5,8), 6.5,5x45,5(5,8), 65,5x45(5,7), 64,8x45(5,4), 64,5x46,5(5,8), 64x45.5(5,7) 
und 64,2x47 (5,9). — J)as Yollgewicht schwankt zwischen 69 und 75 g. 

Das Weibchen brütet etwa 4 Wochen allein, sitzt jedoch nicht besonders 
fest. Die Männchen vereinigen sich daweile zu kleinen Scharen, halten sich 
meist an bestimmten Liebliugsplätzen auf, wo man sie leicht überraschen 
kann, und überstehen hier die Sommermauser. Krüper beobachtete auf dem 
Myvatn die ersten Duneujungeu am 11. Juli (Naumannia 1857, S. 51), ich 
ebendaselbst erst am 22. d. M.- Sie sind äußerst zierliche, aber sehr zarte 
und hinfällige Geschöpfe, die ich Ende Juli zu Dutzenden tot oder halbtot 
am Ufer des Myvatn fand. Die noch lebenden fülilten sich kalt an, bei 
vielen war die Nasenhöhle mit kleinen Blutegeln angefüllt, die sicli schwarz- 
rot vollgesogeu hatten. Der Grund des auffälligen Sterbens, das nach Angabe 
der Bewohner alljährlich fast das gleiche ist, scheint in der geringen Für- 
sorge der Alten zu bestehen. Vielfach scharen sich die Weibchen nach 
kaum vollendeter Brut zusammen, kümmern sich nur gelegentlich oder über- 
haupt niclit mehr um ihre Nachkommenschaft und überlassen deren Führung 
einigen wenigen Vögeln, die sich ihrer mütterlichen Pflicht noch bewußt 
.sind. Diese werden aber nun oft von den Jungen geradezu verfolgt; mehr- 
mals l)eobachtete ich 40— oU Stück bei einer Alten. Doch bleiben die 
Tierchen nicht immer bei demselben Vogel, sondern verteilen sich wieder 
oder ziehen sich trauernd und fröstelnd ans Land zurück, um ins Gras geduckt 
verlassen dem Tode entgegenzugehen. Dieses sonderbare Verhalten habe ich 
bei keinem andern entenartigen Vogel in so auffälliger Weise beobachtet, 
einigermaßen ähnlich nur noch bei den Eiderenten. 

Eins der kleinsten aufgefundenen IJuneujungen besaß ein Gewicht von 27 g und 
eine Gesamtlänge von 170 mm. Schnabellänge: 17 mm. Schnabelhöhe: 6. Tarsen: 19. 
Mittclzehe inkl. der 4,5 mm laugen Kralle: 26 mm. — Iris: hell grünlichgrau, nach innen 
dunkler. Oberschnabcl: dunkelbraun. Unterschnabel: heller rötlichbraun. Xagel an 
beiden: weißlich bis bräunlich. Füße: rötlichbraun, an den äußeren Seiten und unten 
mit schwärzlichem Anfluge. Innenzehe, sowie ein Streifen neben jeder Zehe: gelbbraun. — 
In der SjK iseröhre eine kleine Gastcrosteus-Art mit 2 scharfen Spitzen auf dem Kücken. 

J'ä-faßt man die Jungen, so lassen sie ein feines Piepen hören; die 
Alten dagegen haben verschiedenartige schnarrende Rufe. Im Fluge ver- 
nimmt mau gewöhnlich ein kurzes tiefes Rä, bei größerer Erregung ein 
ziemlich schnell wiederholtes Rap rap oder ein rauhes, zorniges Raup. Führt 
das Weibchen Junge, läßt es einzelne Raa hören, in der Angst schneller 
hintereinander, kürzer und lauter, andermal auch wieder tiefe Grrr, Gut usw. 
Mitte September verlassen die Vögel ihre Brutgebiete. Männchen, 
Weibchen und Junge vereinigen sich, oft zu größeren Scharen, und sti-eiclien 
an Binnengewässern, noch häufiger aber au den Küsten umher. Die jVIehr- 
zahl scheint Island im Oktober, nach Faber auch erst im November, zu ver- 



Anas boschas. 17J 

ksseu, etliche jedoch überwintern, besonders im südlichen Teile der Insel. 

— Wenn Gröudal sagt (Ornis ü, S. 366), es sei ihm nie ein Mergus sm-ator 
vorgekommen, so beruht dies wohl auf Verwechslung oder Zufall. Ich habe 
den Vogel in allen von mir besuchten Gegenden, wiederholt auch in der 
Umgebung von Reykjavik angetroÖen. 

35. Anas boschas L. 

Stockente. 
A}MS hoscas (Liun.): FalnT, Prodromus, S. 76 (1822). — Anas boschas f'era L.: 
Pivyor (& Zirkel). Reise nach Island, S. 406 (1862). — Anas boschas Linn.: Newton, 
in Bai-ing-Goukls Icelaud, p. 415 (1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 48 (1895). 

— Anas boscas, Linn.: Slater, Birds of Iceland, p. 51 (1901). 

Anas boschas, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 656 (1877). — Anas boscas, 
Linn.: Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 189 (1895). — Winge, Grönlands 
Fugle, S. 78 (1898). — Anas boschas L.: Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 16 (1902). 

Isländisch: Stokkönd (von stokkr = Wassergraben). Myröud (von myr = Sun)pfj, 
.St«'ira (= große) Stokkiind, Gnenhöfda (= grünhauptige) Und und Groenhöfda Gräöud 
(für das c5j' Gräönd (von grur ^ grau) und Störa Gräönd (für das ? ), Grasönd, Kilönd 
(von kil, kill = AVasserrinne) und Bh'ikoUsünd (von blär = blau, kollr = Kopf) im Nord- 
laiide, fälschlich Hi'isönd (von hüs = Haus). • — Diese und noch andere Namen werden 
auch, teilweise richtiger, für andere Enten gebraucht. 

Auch deutsch: Große Ente, Storente, Grasente, Blaukopf. Däu. & norw.: Stock- 
anil. Gru'sand. Graaand. Schwed.: Stockand, Gräsand, Blähais. 

Anas boschas ist eine der verbreitetsten und zugleich individuenreichsten Vogel- 
arteii. Sie bewohut den grüßten Teil der paläarktischen und nearktischen Region, 
kommt aber nur in Westgrönland jenseits des Polarkreises als Brutvogel vor. Die 
größeren grönländischen Vögel sind neuerdings von Lehn Schioler mit vollem Hechte 
als A. b. spilogaster abgesondert worden (Vidensk. Meddel. Kbhvn. 1905); isländische 
Exemplare müssen daraufhin nochmals genau untersucht werden. Südwärts geht die 
Art bis Nordafrika, Kaschmir und dem mittleren Teile der \'ereinigten Staaten hinab, 
im Winter sogar bis nach Abessinien. Zentraliudien, China und Mittelamerika. In Europa 
i.st sie mit Ausnahme der kältesten Gebiete überall wohlbekannt, auch auf den Färöern 
lind im südlichen Teile Ostgrönlands nicht seltner Brutvogel. 

In Island gehört die Stockente gleichfalls zu den häufigen Brut- 
vögeln. ZAvar findet sie sich nirgends in so großer Menge beisammen 
wie einige verwandte Arten, ist aber dafür über die ganze Insel ziemlich 
gleichmäßig verteilt. Sie brütet in allen wasserreichen Gebieteu, im Innern 
sowohl als in unmittelbarer Nähe des Meeres. 

Sobald es die Witterung im Frühjahre gestattet, begeben sich die 
Stockenten paarweise nach ihren Brut platzen, die sie an geeigneten Ört- 
lichkeiten mitunter auch während des AVinters gar nicht verlassen haben. 
Sie lieben sumpfige, abwechslungsvolle Graslandschaften, feuchte Wiesen- 
gründe und aui-li Hochmoore, in denen sich Wasserriesel, Gräben und kleine 
Teiche fiude)i. In solchen meist einsamen Gegenden sind die Vögel oft 
sehr vertraut. .Mehrmals konnte ich selbst vor der Brutzeit mich ihnen auf 
15—20 m ungedeckt nähern, ehe sie laugsam fortliefen oder davonflogen. 
Im Abstreichen lassen sie häufiger als andere Enten ihr unmutiges Waak- 
waak hören. Meist trifft man nur einzelne oder wenige Paare in einem 
Gebiete, und auch an den hervorragend entenreicheu Seen, wie dem ]\I;fvatn, 
gehört die Stockente nicht zu den häufigen Arten. 



U2 Anas hosfhiis. 

Das Nest wird auf trockneu Hügcklicn iiiinittcii suiuiifiucr Wiesen, 
gern auch zwischeu Heidegesträuch oder unter lUischeu augehracht. Es 
besteht aus Reisern, Halmen, Blättern der Umgehung und nur wenigen 
Federn und Dunen. Seine Größe ist verschiedenartig. Die Ablage der 
8 — 10 Eier richtet sich nach der Witterung, scheint aber in der Regel 
nicht vor Mitte Mai, im allgemeinen erst Ende des Monats, zu beginnen. 
Ich entdeckte am 15. Mai bei Hvamnir ein Nest mit -2 fi-ischen Eiern, fand 
aber noch ein schwach )»ebrütetes Gelege am 18. Juni bei Hjalteyri. Krüper 
sah am Myvatn bereits am 19. Juni (?) fast fiugbare Junge (Naumannia 1857. 
8. 48), was als seltne Ausnahme betrachtet werden mul.'). An diesem See 
gibt es bis Ende Juni frische Nachgelege. 

Isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende 3Ialäe: 58,.5x40,5 mm 
(4,4 g). 58,5x40,5(4,3). 58x40(4,1). 57,5x41,2(4,5). 57,2x42(4,4). 57x42 
(4,4). 57x40,5(4,5). 56,5x39.2(4,3). 54,5 x 42,2 (4,3). — 60 x 45,2 (5,5), 59 x 45 
(5,2), 59 X 43,2 (4,9), 58,5 x 44,2 (5,1), 58 x 45.2 (5,1), 58 x 45 (5.2). 57.5 x 44 (5.1). 
56,2 X 42,5 (4,7), 56 x 42,5 (5). In diesem (relege sehwankte das Yollgewieht der Eier 
zwischen 55 und 67 g. 

Die Brutdauer beträgt etwa -t Woclien, Das Weibchen brütet allein, 
doch hält sich das Männchen wenigstens in solchen Gegenden, wo nur ein- 
zelne Paare nisten, in der Nähe auf. Nachdem die Dunenjungen aus- 
geschlüpft sind, was am M;fvatn in der Regel erst Anfang bis Mitte Juli 
geschieht, vereinigen sich die Erpel oder ziehen sich au verborgene Plätze 
zurück. Selten bleiben einzelne auch in dieser Zeit bei ihrer Familie, Die 
alte Ente aber führt die Jungen mit dersell)eu Fürsorge, List und Vorsicht 
wie bei uns zulande. Die lebhaften, äußerst beweglichen und widerstands- 
fähigen Tierchen färben sich mitunter von eisenhaltigem Brackwasser unver- 
waschbar schmutzig rostbräuulich — ich besitze z, B. ein solches Dunen- 
junges vom Myvatn — was aucli bei andern Arten in Ishiiid ziemlich häufig 
vorkommt. 

Nach etwa 5 Wochen sind die Jungen befiedert und flugbar. fangen 
an, familienweise oder in größeren Scharen umherzustreifen. vereinigen sich 
auch gelegentlich mit andern verwandten Arten und werden nun von den 
Isländern in Menge geschossen. Sie verhalten sicli deswegen bald ebenso 
scheu wie bei uns. Der größere Teil der Vögel überwintert an warmen 
Quellen und offenen Wasserstellen im Innern des Landes oder auch am 
Meeresstraude. Einzelne Individuen werden zu wahren Standvögeln, andere 
streichen in Ketten von Gewässer zu Gewässer und besuchen dabei Gegenden, 
wo sie niemals brüten, auch die Vestmannaeyjar und Grimsey. Nur wenige 
scheinen über das i\Ieer nach südliclioren Ländenr zu zielien. 

3G. Chaulelasmus streperus (L.). 

:\littelente. 

Anas strepera (Linu.): Eaber, Prodromus, S. 75 (1822). — Anas strcpera L.: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 408 (1862). — NeAvton. in Haring-lroulds 
Iceland, p. 415 (1863). — GW.ndal. Islenzkt fuirlatal. bis. 49 (1895). - Slater. Birds 
of Iceland, p. 52 (1901). 



Chaulelasmus streperiis. j^yg 

Anas strepera, L. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 660 (1877). — ChauMasmus 
streperus (L.): Saivadori, Cat. Birds Brit. Mus. XX VII, p. 221 {IViS^b). — Anas strepera 
L. : ISTaumann. Vögel Mitteleuropas X, S. 68 (1902). 

Isländisch: Litla Uräond (= kleine Grraueute), Grräönd (part.). 

CfuudelasDiua streperus brütet im mittleren Teile von Nordamerika. Asien und 
Europa. Im Amerika bewohnt unsere Art die Vereinigten Staaten und einige Nachbar- 
gebiete, in Asien das südlichere Sibirien bis etwa zum 60. Grade nordwärts, ferner 
Nordturkestan und die weitere Umgebung des Kaspischen Meeres. In Europa kennt 
man ihre Brutplätze im südlichen und mittleren Rußland, in Südostschweden, Däne- 
mark, Nord- und 3Iitteldeutschland und England. Dagegen nistet sie in Frankreich 
iiml Spanien nur selten. Schottland, die Hebriden und Orkney-Inseln besucht unsere 
Art ziemlich regelmäßig auf dem Zuge, von den Färöern und Grönland ist sie aber 
nicht bekannt. Im AVinter streift sie südwärts bis Westindien, Mexiko, China, Indien, 
Ahes.sinien und Nubien, ja bis zum Kap der guten Hofifnung. 

In Islaud ist die Mittelente ein seltner Brutvog-el, geht aber hier 
docli weiter als sonst in Europa nordwärts. Dies ist höchstwahrscheinlich 
nur dem großen Reichtume der Insel an andern Enten zuzuschreiben, mit 
denen unser Vogel kommen mag. Von seiner Verbreitung im einzelnen 
kann zur Zeit keiu Bild gegeben werden. Vielleicht ist der entenbraune 
Erpel häufig auch als Weibchen irgend einer andern Art angesehen worden. 

Faber bereits glaubt, ein Paar der Vögel auf einem Inselchen im 
Myvatn beim Neste getroffen zu haben. Die Eier waren weiß, was bei 
unserer Ente auch häufig der- Fall ist. W. Proctor erhielt 1837 nicht nur 
Eier (Slater, 1. c. p. 52), sondern später auch ein- oder zweimal Bälge der 
Art aus Island (Newton, Ibis 18(M, p. 132). Krüper nennt die Mittelente 
gleichfalls einen seltnen Brutvogel am Myvatn, hat sie aber nicht mit eignen 
Augen gesehen (Naumannia 1857, S. 48). Newton berichtet, daß Fowler 
ein Weibchen im Sommer 1862 schoß und ihm die Eier der Art gebracht 
wurden (1. c). Slater teilt mit, daß in demselben Jahre Shepherd und Upcher 
nicht nur Eier fanden, sondern auch Weibchen und Männchen der Mittelente 
schössen. Der Berichterstatter erhielt 1885 selbst ein Gelege und sah den 
Vogel in nächster Nähe des Nestes. Auch Riemschneider beschreibt Nest 
und Eier unsrer Art (Ornith. Monatsschr. 1896, S. 307) und sagt, beides 
gliche dem von Anas boschas, nur wären die Eier von geringerer Größe. 
Da er aber nicht hervorhebt, die Vögel selbst gesehen zu haben, das an- 
gegebene Merkmal auch das am wenigsten zuverlässige ist, muß man seine 
(auch im Naumann kritiklos zitierte) Mitteilung für zweifelhaft erklären. 

Gerade diese beiden Arten ähneln in ^est und Eiern sehr wenig, wie ich hier 
in Sachsen genug verglichen habe und in der Literatur bestätigt finde. Ch. streperus 
benutzt reichlich Dunen, A. boschas ganz wenig oder gar nicht, sondern deckt die Eier 
mit Laub und Halmen zu; Struktur und Färbung derselben sind — bei Ch. str. mehr 
gelblichweiß, bei A. b. grünlich — ebenfalls charakteristisch verschieden. 

Gröndal berichtet von dem Balge eines weiblichen Individuums (Ornis XI, 
S. 455j. P. Nielsen (in litt.) hält Chaulelasmus streperus für nicht allzu selten 
am Mf vatn, l)ekara auch Eier von dort (?). Die Maße zweier extremer p]xemplare 
gibt er mit 55,5 x 39,5 und 49 x 36 mm an, was zutreffend für die Art 
ist. Ich selbst fand am 30. Juli einen verdorbenen, höchstwahrscheinlich von 
einem Jagdfalken längere Zeit vorher gekröpften Kadaver einer männlichen 



U^ Miucfa pfiiolopc. 

Mittelentp nicht woit von Reykjalid uud beobachtete wenige Tage später einen 
weiblichen Vogel mit Dunonjnngen bei der Insel Slutnes. Doch konnte ich 
;in die vorsichtigen Vögel nicht zum Schusse kommen, da der "Wind unser 
Boot schlecht voi-wärts ließ. 

Vorstehende Fälle beziehen sirh auf den Myvatii. Müglic-h ht daher, 
daß einige der erwähnten Eier auf Verwechslungen mit Mar<'r<i j>eiiel<qyi' oder 
einer andern Art berulien. Über die sonstige Verbreitung der Mittelente in 
Island liegen keine sicheren Berichte vor, doch teilte mir Herr Nielsen 
mit, daß Jon Stefönsson aus Sj'drineslönd am 14. August 1880 zwei Exemplare 
unsrer Art im Ursprungsgebiete der Kreppa — d. i. ein vom Vatuajökull nacli 
Norden zu abfließender Gletschcrfluß — beobachtete, nachdem er schon vorher 
ein Nest der Vögel etwas nördlich von der bezeichneten Stelle im Hvauualindir 
gefunden hatte. Außerdem erhielt Nielsen am 12. Juni 1887 ein Gelege der 
Mittelente aus der Gegend von Eyrarbakki. doch hat er selbst nie den Vogel 
dort angetroffen. Diese Mitteilungen erscheinen mir zunächst nicht einwand- 
frei. Immerhin aber ist das Vorkommen imsrer Art auücrliallt des Myvatn- 
Gebietes wohl anzunehmen. 

Spatula elypeata (L.). 
Löffelente. 

Anas elypeata Linn.: Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 416 (1863). 

Spatula elypeata (Linn.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVll, p. 306 (18J»5). 
^ Naumann, Vögel Mitteleuropas X., S. 122 (1902). 

Isländisch: Skeidönd (== Löffelente). 

Auch dän. & norw. : Skeaud. Schwed.: Skeand, Letfeland. 

Spatula elypeata bewohnt Amerika von Alaska bis Texas, viele Gebiete von 
Asien, Europa und Nordafrika etwa zwischen dem Polar- und Wendekreise, um im 
Winter noch weiter südwärts zu wandern. In Europa brütet sie u. a. an der südwest- 
lichen Küste Norwegens, auf den Hebriden und in ziemlicher Menge auf den Britischen 
Inseln, wo sie auch häufig übei-wintert. Von den Fän'icrn und (Trönland ist sie da- 
gegen unbekannt. 

Es kann wohl sein, daß die Löffelente gelci;entlich mit verwandten Arten auch 
nach Island kommt, wie sie z. B. in Lappland bis 69'^ hinauf erlegt wurde. Eine sichere 
Angabe hierüber fehlt indes noch. Nur Baring-Gould glaubt, unsern Vogel im Sommer 
1808 tuif dem Eyjafjördr gesehen zu haben. 

37. Mareca penelope (L.). 
Pfeifeute. 

Anas penelope (Linn.): Faber. Prodromus, S. 77 (1822). — Anas penelope L. : 
Preyer {& Zirkel), Keise nach Island, S. 408 (1862). — Newton, in Baring-Goulds Iceland, 
|). 415 (1863). — Gnindal, islenzkt fuglatal, bis. 48 (1895). — Mareca penelope (Linw.w 
Slater, Birds of Iceland, p. 57 (1901). 

Anas Penelope. L. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 607 (1877). — Mareca penelope 
(liinn.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVIl, p. 227 (1895). — Anas penelops L.: 
Winge, Grönlands Fugle, S. 77 (1898). — Anas penelope L. : Naumann. Vögel Mittel- 
europas X, S. 55 (1902). 

Isländisch: Kaudhöfdaönd, Raudhöfda Gräönd (von raudur == rot und höfdi 
= Haupt), Rauddüfuönd (von düfa = Taube). 



Mareen penelope. 175 

Mareca penelope ist eine paläarktische Spezies, die sich nur iuisuahnisweisc an 
den Küsten Amerikas zeigt und aucli die eigentliche arktische Hegion meidet. In 
Asien brütet sie etwa zwischen 50 und 70" n. Br., in Europa besonders im nördlichen 
Rußland (vom 57" au), in Skandinavien und Schottland, auch auf den Orkney- und 
Shelland-lnseln, jedoch nicht auf den Färöern. Hier zeigt sich der Vogel, ebenso wie 
im südlicheren Teile Grönlands, nur als seltner Gast. Im Winter streicht Mareca 
penelope südwärts bis zu den Marshall-Inseln, nach Nordindien, Nubien und Madeira. 

lu Island gehört die Pfeifeute zu deu uicht seltnen Brut vögeln. 
Sie scheint eine ziemlich gleichmäßige Verbreitung auf der ganzen Insel zu 
besitzen, soweit es sich natürlich um wasserreiche Gebiete handelt. - Vielleicht 
ist sie im Norden etwas häufiger als im Süden. Kaum irgendwo findet man 
sie in größerer Anzahl beisammen, auch nicht an den Sammelbrutplätzeu 
ihrer Verwandten; ja nicht selten ziehen sich einzelne Paare in entlegene 
Hochmoore zurück. Sie ähnelt hierin sehr Anas boschas und Nettion crecca. 
Im Gebiete des Eyjafjördrs traf ich unsern Vogel als häufigste Entenart. 

Ein von mir am 14. Juni bei Hjalteyri gesammeltes c5 ad. zeigt folgende Maße. 
Gesamtlänge i. Fl.: 485mm. Flügel: 2H5. Schwanz: 116. Flügel -(- Schwanz: 5. 
Schnabellänge: M. Schnabelhöhe am Grunde: 16. Tarsen: 39. Mittelzehe inkl. der 
7,5 mm langen Kralle: 50 mm. — Iris: dunkelbraun. Oberschnabel: dunkelbleigrau. 
IJnterschnabel: fast schwarz. Füße: bleigrau, Schwimmhäute dunkler. — Alle Federn 
mit Ausnahme derer im obersten Teile des Kopfes (hintere Stirn weiß), Rumpfes. 
Schwanzes und der Flügel sind vom Aufenthalte des Vogels in eisenhaltigem Brack- 
wasser gleichmäßig lebhaft rostbräunlich überfärbt, dies natürlich unverwaschbar. — 
Stark in beginnender Sommermauser, auf dem Unterrücken schon die meisten, auf dem 
Oberrücken eine 3Ienge neuer Federn; der innere Balg bedeckt mit neuen Kielen. 

Die Pfeifeute scheint in der Hauptsache ein Zugvogel für Island zu 
sein. Wenigstens sind keinerlei Berichte über ihr Vorkommen daselbst im 
Winter veröffentlicht. Nach Fabers Angabe erscheint der Vogel Anfang Mai 
auf der Insel. Ich sah die ersten, eine Schar von 4 Erpeln und 2 Enten, 
den 4. Mai am Strande von Reykjavik, an den folgenden Tagen wiederholt 
einzelne Paare in deu moorigen Wiesenflächen hinter dem Kirchhofe dieser 
Stadt. Die Vögel suchten au Gräben und Tümpeln Regenwürmer und andere 
kleine Tiere. Sie zeigten sich ziemlich vertraut, liefen große Strecken über 
die Schlammflächen dahin und benahmen sich in ihren Bewegungen für 
Enten zierlich und gewandt. Die am Meerestrande beobachteten Exemplare 
verhielten sich dagegen weit scheuer. Gewöhnlich hatte das Weibchen den 
Vortritt, während das Männchen erhobenen Kopfes nachfolgte. Aufgetrieben 
schwingen sich die Vögel meist sehr rasch und leicht in die Luft, ihr etwas 
stoßweiser Flug ist gewandt und schnell. Mitunter lassen sie dabei ein 
schnarrendes Trrr hören. Das charakteristische pfeifende Piw, Piju vernahm 
ich viel seltner. Die Vögel scheinen diese Töne mehr zur Zugzeit auszustoßen. 
An deu Brutplätzen, wo ich einzelne Paare auch isoliert antraf und deslialb 
nicht wie am Myvatn, Verwechslungen mit verwandten Arten befürchten 
mußte, hörte ich in der Hauptsache schnarrende Stimmlaute, die etwa wie 
grä klangen. Vielfach geben die Vögel indes auch bei Beunruhigungen keinen 
Ton von sich. 

Bald nach der Ankunft ziehen sich die Paare nach ihren Brutplätzen 
zurück, die sich sowohl tief im Innern des Landes, als in unmittelbarer Nähe 



J7H .'Miircoa penelope. 

des Meeres, jedoch iinmoi- hei Süßwasser befinden. Gern wühlen sie vegetations- 
roicbe Inseln in langsam liioßenden Strömen oder deren Ufer, ferner sumpfige 
"Wiesen, in denen es Wassergräben und Tümpel gibt. Auch inmitten der 
geschützten Eiderbrutplätze fand ich ihr Nest. Dieses wird Ende Mai besonders 
vom Weibchen erriclitet. hat einen äußeren Durchmesser von etwa 25—28. 
einen innern von 16 — 18 cm, befindet sich in einer Bodenvertiefung und 
Itestelit meist aus einer dicken Schicht von Halmen und einigen Reisern und 
lihittern. Später erliält es auch eine Ausfütterung von nicht allzuviel großen 
grauen Dunen. Gewölmlich wird es gut versteckt, auf den Inseln des Myvatn 
unter Gesträuch, anderwärts zwischen Heidekräuter. Gräser oder sonstige 
höhere Pflanzen. Es ist deshalb oft scliwierig zu finden, wenn es nicht das 
Weibchen durch sein spätes, ängstliches Abfliegen verrät. Ein Nest entdeckte 
ich auf diese Weise bald 100 m abwärts vom Wasser auf völlig trockner 
Heidefläche. Die Ablage der 6 — 10 p]ier beginnt kaum vor Anfang Juni. 
Icli fand und erliielt frische Gelege in der Zeit vom 9. — 18. d. M. Am 
]\ryvatn gibt es bis in den ,Iuli hinein unbel)rüteto Eier, die von Nach- 
gelegen herrühren. 

Zwei der von mir präparierten isländischen Gelege meiner Sammlung zeigen 
folgende ^laße: 53x31) mm (3,4 g), 55x39 (3,4), 55,5x39.5 (3,7). 56x37,2 (3,3). 
r.tix39 (3,5), 57,5x39 (3,6). — .53.5x38 (3,2), 54,2x38,2 (3,3), 54.5x38,2 (3,3), 
54.5x38,2(3,4), 54,5x38.5(3,2), 55x38,2(3,2), 55,5x38,5(3,3). 55.5x39(3,3), 
56x39 (3,5). — Das Vollgewicht frischer Exemplare schwankte zwischen 41 — 47 g. 

Das Weibchen brütet etwa H'/^ Wochen allein. In engbegi'enzten. 
einsamen Gebieten bleibt das Männchen nicht selten in der Nälie, stellt sich 
auf ein Hügelchen und bewacht die Gegend. Ja ich beobachtete einen 
Vogel an verschiedenen Tagen unmittelbar neben seinem brütenden Weibchen. 
Er war allerdings noch vollkommen in Frühjahrstracht. Doch gibt es auch 
Fälle, wo man weit und breit nichts von dem Erpel sieht. In eutenreichen 
Gebieten vereinigen sich nämlich die Vögel während der Sommermauser, 
anderwärts verstecken sie sich oft in dieser Zeit an stillen Wassergräben und 
Tümpeln. Sind die Du neujungen ausgeschlüpft, was am ^M^-vatn kaum 
vor Mitte .luli geschieht, so l)esucht das Männchen höchstens ab und zu die 
Familie, überläßt jedoch die Führung der zierlichen, lebhaften Tierchen der 
]\Iutter allein. Diese suclit geschützte Plätze auf, zeigt sich und ihre Nach- 
kommenschaft selten" längere Zeit ungedeckt und ist sehr besorgt um das 
AVohl der folgsamen Jungen. Nach etwa einem Monat fangen diese an zu 
fliegen und streichen zunächst in der Brutgegend umher. Häufig gesellt 
sich nun das Mäimchen wieder zu der Familie, übernimmt aber niclit die 
Führung. 

Im September nähern sicli die Vögel dem Meere und sollen Ende 
des Monats oder Anfang Oktober Island verlassen, um südlichen Gegenden 
zuzuwandern. AVenn auch die Geschicklichkeit unsrer Art im Fliegen eine 
solche Reise erleichtert, ist trotzdem anzunehmen, daß einzelne Vögel, 
besonders alte Erpel. ;iii w:ir7iien Gewässern im Innern Islands über- 
w i n t e r n. 



I 



Mareca americana. 177 

38. Mareca americana (Gm.). 
Anierikauischo Pfeifente. 

Mareca americana: Coburn, Brit. Orn. Club, Bull. XII, p. 14 (1901). 

Mareca americana (Gm.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 233 (1895). 
— [Anas americana Gm. : Naumann, Vögel Mitteleuropas X, p. 59 (1902).] — Mareca 
americana (Gm.): Dresser, Manual of Palasarctic Birds II, p. 616 (1903). 

Isländisch: Ameriskur und. 

Mareca americana ist eine nearktischc Spezies, die nur au wenigen Stellen bis 
zum Eismeere nordwärts geht. Nach Schalow wurde sie auf einigen Inseln des Kotzebue- 
Siindes und au der alaskanischen Küste gefunden, von Grönland dagegen kennt man sie 
nicht. Im Winter zieht sie südwärts bis Guatemala und Westindien. In Europa ist 
sie nur wenige Male auf den Britischen Inseln erlegt worden. 

Um SO auffälliger erscheint die Mitteilung Coburus, er habe diese Art 
im Sommer 1899 an zwei Stellen in Nordisland brütend gefunden, eine 
Serie alter und junger Vögel sowie Eier davon gesammelt und dem Britischen 
Ornithologischen Club in London vorgelegt. Leider konnte ich keine genauere 
Lokalitätsbezeichnuug in Erfahrung bringen, weil sich der Berichterstatter, 
HeiT Naturalienhäudler J. Coburn in Birmingham, zur Zeit meiner Anfrage 
auf einer längeren Eeise befand. Da aber englische Ornithologen wie Sharpe 
und Dresser den Fundort für richtig anerkennen (in litt.), habe ich keinen 
Grund, die Angabe zu bezweifeln. Immerhin ist es wünschenswert, daß die 
auffällig genug charakterisierte Art auch von anderer Seite in Island beob- 
achtet wird. 

39. Nettion crecca crecca (L.). 
Krickente. 

Anas crecca (Linn.): Faber, Prodromus, S. 77 (1822). — Anas crecca L.: Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 407 (1862). — Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 415 
(1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 48 (1895). — Querquedula crecca (Linn.): 
Slater, Birds of Iceland, p. 55 (1901). 

Anas crecca, L. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 665 (1877). — Nettion crecca 
(Linn.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 243 (1895). — Anas crecca L.: 
Winge, Grönlands Fugle, S. 77 (1898). — Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 96 (1902). 

Isländisch: Urt, Urtönd, Ort (Etymologie unklar, vielleicht nach dem Rufe; 
Urt = Wurzel, Pflanze), Litla Gräönd ($,part.), Krikönd (nach dem Rufe, Lehnwort). 

Auch deutsch: Uart. Dan. &norw. : Krikand. Schwed. : Arrt, Arte, Ärta, Krick- 
and. Fäi-. : Krikkändt, Krikkondt. 

Nettion crecca crecca ist eine paläarktische Spezies, die zwar bis zum äußersten 
Norden Europas als Brutvogel vorkommt, die eigentliche arktische Region aber meidet. 
Nur ausnahmsweise ist sie auf Spitzbergen und an der Üstküste Grönlands erlegt 
worden. Wie weit sie ostwärts als Brutvogel vorkommt, ist noch nicht genau fest- 
gestellt. In Amerika findet sich die sehr ähnliche N. c. carolinensis (Gm.), die wahr- 
scheinlich auch im arktischen Gebiete brütet und wiederholt in Westgrönland erlegt 
wurde. In Europa ist N. c. crecca in den meisten Ländern Brutvogel, im Süden nur 
vereinzelt, nach Norden zu immer häufiger. Auch die Britischen Inseln bewohnt sie 
zahlreich, die Färöer scheint sie indes nur auf dem Zuge zu berühren. Im Winter 
geht sie südwärts bis zu den Kanarischen Inseln, Nordafrika, Abessinien, Nordindien 
und China. Gelegentlich besucht sie auch das östliche Nordamerika. 

Auf Island ist die Krickente ein nicht seltner Brut vo gel, der 
freilich ebenso wie die vorigen Arten nirgends in Menge beisammen wohnt, 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. 12 



lyg Nettioii creoca crecca. 

jedoch in allen wasseiTeichon Goliieten gefunden wird, Sie liebt ähnliche 
Örtlirhkeiten wie Anas Iwsc/ias und Marem peueJope, brütet aber noch häufiger 
als diese in einsamen Heidehindschalten. Audi geni sie vielleicht von allen 
Kntenarten am weitesten in die Gebirge hinauf, wie sie dies bei uns gleich- 
falls tut. i\Iehrmals traf ich einzelne Paare an kleineu düstern Moorteichen 
und Gräben, die schon in der Nähe des Sommerschnees lagen. Hier führt 
die Krickente ein verstecktes Leben und entzieht sich meist den Blicken 
von Menschen und Raubvögeln. Kommt man zu Pferde an ihren Brutplätzen 
vorbei, so wartet sie die Annäherung oft bis auf wenige Schritte ab, wes- 
halb sie häufig übersehen werden mag. Aber auch sonst sind die Vögel 
nicht scheu. Auf den Inseln des Mj^vatn brüten nur wenige, mehr nocli 
in der sumpfigen Umgebung. Zur Zugzeit werden sie an allen Gewässern 
Islands und auch am Meeresstrande beobachtet und erlegt. 

Die Mehrzahl der Krickenten sind Zugvögel auf uusrer Insel, die 
Ende April daselbst ankommen. Ich sah das erste Paar am 24. d. Vi. an 
Moorausstichen bei Reykjavik. Im Mai erscheinen sie an den Brutplätzeu 
und beginnen bald darauf mit dem Baue des Nestes. Beim M^'vatn mit 
seiner für isländische Verhältnisse bedeutenden Vegetation findet sich dieses 
unter Stauden und Sträuchern, in andern Gegenden zwischen Heidepflauzen 
und Gräsern in der Nähe des Wassers. Die von mir untersuchten Nester 
bildeten einen ziemlich dicken Bau, bestanden äußerlich aus gröberen Stengeln, 
nach innen zu aus heuartigen weichen Halmen und einigen Federn. Das 
Ganze läßt sich recht gut im Zusammenhange vom Boden aufheben. Der 
äußere Durchmesser eines besonders regelmäßig gebauten Nestes betrug 24. 
der innere 13 cm. Die Nestmulde wird reichlich mit grauschwärzlichen 
Dunen ausgekleidet, die einen hellen, fast weißen Kern haben. Findet man 
das Nest, so rufen die Alten fortgesetzt ein leises, ängstliches Wedd. Dabei 
schwimmen sie wenn möglich auf einem benachbarten Gewässer, um den 
Vorgang gut beobachten zu können. Verfolgt mau sie selbst, so läßt besonders 
das Männchen ein schnarrendes, lautes Quäk hören. Die Vögel erheben sich 
leicht und rasch aus dem Wasser, ohne dieses noch lange mit Flügeln und 
Füßen zu berühren. Doch kehren sie in derartigen Fällen bald zurück. 

Die Ablage der 8 — 12 p]ier erfolgt zwischen Mitte Mai und Mitte 
Juni. Frische Nachgelege gibt es kaum über den Juni hinaus, Krüper 
entdeckte am M^vatn ein Nest mit 9 schwachbebrüteten Eiern am 31. Mai 
(Naumanuia 1857, S. 50). Meine Gelege stammen aus der Zeit vom 7. bis 
18. Juni. 

Die Eier sind von solchen der Knäkente (Qucrquedula circia) weder in frischem, 
noch ausgeblasenem Zustande mit Sicherheit zu unterscheiden. Die Färbung ist 
durchaus nicht maßgebend. Obwohl häufig lebhaft gelbliche Exemplare vorkommen, 
variiert der Ton sogar in demselben, sicher von einem Weibchen herrührenden Gelege 
bis zum ausgesproclienen Grünlich. Solche Exemplare fand ich besonders zart und 
dünnschalig. Ich lasse die Maße zweier selbst präparierter Gelege von Hjalteyri folgen: 
45,2x32,2 mm (1,8 g), 45,2x32(1,9), 45x32,5 (1,8), 45x31,5 (1,7), 45x31 (1,7), 
44,5 X 32,5 (1,8). 44,5 x 32,2 (1,8), 44,3 x 32.5 (1,8), 43,5 x 31,8 (1,8) ; 42 x 32,8 (1,5), 
41,8x32 (1,6). Die 2 letzten grünlich, die andern gelblich gefärbt. — 46,5x32,5 (1,7), 



Nettion crecca crecca. J79 

46x32,5(1,8), 45,5x32,2(1,7), 45,2x32,5(1,7), 45x33,6(1,7), 45x32,8(1,7), 44,5x33 
(1,6), 44x33(1,6). Färbung bei allen grünlichgelb. — Das Vollgewicht von mir unter- 
suchter Exemplare schwankte zwischen 20 und 26 g. 

In einem sicher mitgeteilten Falle betrug die Brutdauer vom letzten 
Eiean gerechnet 20 Tage. Doch beginnt ein stundenweises Bebrüten schon eher. 
Das Weibchen besorgt dies allein. In Gegenden aber, wo nur einzelne Paare 
leben, bleibt das Männchen gewöhnlich in der Nähe des Nestes. Anderweit 
schlagen sich freilich die Vögel auch von der Zeit ihrer Sommermauser 
an zusammen. Ob freilich alle Erpel, die nordische Gegenden bewohnen, 
Sommertracht überhaupt anlegen oder ob diese durch den späten Eintritt der 
Fortpflanzung unterdrückt oder merkwürdig verzögert wird, wage ich zunächst 
nicht zu entscheiden. Doch habe ich z. B. eben von Netüon crecca am 
6, August bei Mödruvellir im Hörgärtale und am 13. August in der Nähe 
von Sveinsstadir bei Blönduös je ein altes Männchen gesehen, das das volle, 
scheinbar noch alte Prachtkleid trug. 

Krüper fand die ersten Dunen jungen am 18. Juni, Faber Ende d. M. 
Sie sind recht lebhafte Tierchen, die auch freiwillig und ganz geschickt tauchen, 
was sie später selten tun. Nach ungefähr 4 Wochen haben sie das Feder- 
kleid erhalten und fangen an zu fliegen. Doch wachsen Geschwister nicht 
immer gleichmäßig heran. Am 4. August beobachtete ich völlig flugbare 
Junge bei einer Insel in der Laxä, zu derselben Zeit freilich . noch recht 
unentwickelte auf dem M;fvatn. Diese werden von der Alten geführt. Auch 
das Männchen sieht man nicht selten bei seiner Familie. Sind die Jimgen 
aber groß, so werden sie oft von beiden Eltern verlassen und müssen mm 
selbst ihr Fortkommen suchen. 

Die meisten Krickenten mögen Ende September bis Mitte Oktober aus 
Island fortziehen, nachdem sie sich vorher scharenweise auf großen Gewässern 
in der Nähe des Meeres oder an diesem selbst aufgehalten haben. Einige 
überwintern indes mit anderen Arten an geschützten Wasserrieseln und 
offnen Teichrändern, wohl auch an milden Meeresbuchten. 

Nettion formosum (Georgi). 
Prachtente. 

Anas bimaculata, Keys. & Blas.: Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 416 (1863). 

Netüon formosum (Georgi): Salvadori, Cat. ßirds Brit. Mus. XX VII, p. 240 (1895). 
— Anas formosa Georgi: Naumann, Vögel Mitteleuropas X, 8.80(1902). 

Isländisch: Austrsen Urtönd (= Asiatische Krickente). 

Nettion formosum bewohnt das nordöstliche Sibirien bis hinauf zum Eismeere. 
Im Winter zieht sie südwärts nach China, Japan und Indien. Europa scheint sie nur 
ausnahmsweise zu besuchen. Man kennt Belegstücke aus Italien und Frankreich. 

Proctor erklärt nun (Newton, 1. c), am 28. Juli 1837 ein Nest der Prachtente am 
Myvatn gefunden zu haben. So auffällig diese Mitteilung ist, weiß man wiederum 
auch, daß ab und zu äußerst weitführende westliche Wanderungen östlicher Vogel- 
arten vorkommen. Degland und Gerbe (Orn. Eur. IL Ed., p. 523. 1867) berichten 
außerdem, daß im November 1836 fünf Exemplare der Prachtente am Ufer der Saöne 
erlegt und eins davon präpariert wurde. Möglicherweise sind gleichzeitig auch ander- 
wärts Scharen der Vögel erschienen, jedoch übersehen worden, einige Individuen davon 
nach Island gelangt, auf der entenreichen Insel, die lebhaft an die Heimat erinnert, 

12* 



2gQ Querquedula circia. 

zurückgeblieben und 1837 zur Brut geschritten. Newton stellt die Wahrscheinlichkeit 
der Proctorschen Angabe nicht ohne weiteres in Abrede, läßt freilich die Frage ofifen. 
ob es sich bei der angeblichen Prachtente vielleicht nur um einen ähnlichen Bastard 
isländischer Arten gehandelt habe. Da ein Belegexemplar nicht vorhanden zu sein 
scheint, muß man die l{ichtif,d<oit der Bestimmung bezweifeln. 

4<L Querquedula circia (L.)- 
Knäkente. 

Anas querquedula L.: Preyer (& Zirkel), Heise nach Island. S. 407 (1862). — 
Newton, in Baring-Goulds Iccland, p. 415 (1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 48 
(1895). — Querquedula circia (Liun.): Slater, Birds of Iceland, p. 56 (1901). 

Querquedula circia (L.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 293 (1895). 
— Anas querquedula L.: Naumann, Yögel 3Iitteleuropas X, S. 83 (1902). 

Isländisch: Taumönd (von tauniur = Strich, Streifen, Zügel am Kopfe der 
Vögel: nach dem auffälligen weißen Streifen über dem Auge). 

Querquedula circia bewohnt die gemäßigteren Gegenden der paläarktischen 
Kogion, geht zwar vereinzelt bis zum Polarkreise hinauf, brütet aber häufiger nur in 
Mittel- und Südeuropa, Kaukasien und Turkestau, Südsibirien und dem Amurlande, 
sowie auf Kamtschatka. Im Winter begibt sie sich südwärts bis nach den Sunda-Inseln, 
Indien und Innerafrika. Südostengland bewohnt sie in geringer Anzahl. Das nördliche 
Britannien und die Inselgruppen bis zu den Färöern besucht sie nur auf dem Zuge. 
Von Grünland ist sie ganz unbekannt. 

Auf Island gehört die Knäkente jedenfalls zu den oelegentlicheu 
Brut vögeln, doch muß dahin gestellt bleiben, ob sie regelmäßig daselbst 
vorkommt. Nach Eiern die Art zu liestimmen. ist unmöglich, wird vielmehr 
an unsrer Lokalität eine Verwechslung mit Nettion crecca bedeuten. Immerhin 
ist die Knäkente für Island festgestellt, wenn auch nur sehr dürftige Nach- 
richten über sie vorliegen. 

Preyer erbeutete ein Weibchen am 16. Juli 1860 auf dem Myvatn, das mit 
10 oder 12 Jungen umherschwamm. Vorher schon, am 10. Juli, erhielt er 
9 Eier aus der Nähe von Akureyri, die ihm der Finder als solche der 
Taumönd bezeichnete und den Vogel auch annähernd richtig beschrieb. Das 
Kopenhagener Zoologische Museum besitzt ein Männchen unsrer Art, das 1873 
gleichfalls bei Akureyri gesammelt wurde. Ich selbst hatte das Glück, am 
12. Juni einen Erpel der Knäkente zwischen Hjalteyri und MödruveUir 
anzutreffen. Leider schoß ich, um in den Besitz des seltnen Vogels zu kommen, 
in dem äußerst schwierigen Sumpfterrain auf zu gToße Entfernung, der 
scheinbar leicht Getroffene strich ab, fiel zwar gleich wieder ein, konnte aber 
trotz alles Sucliens nicht gefunden werden. P. Nielsen endlich glaubt, 4 Gelege 
unsrer Art vom 8., 9., 17. und 20. Juni 1889 vom M}'^vatn erhalten zu haben 
(in litt), deren Echtheit ich noch bezweifle. 

Vielleiclit kommen einzelne Exemplare oder kleine Schai'en der Knäk- 
ente nur gelegentlich in Begleitung anderer Enten nach Island. 

41. Dafila acuta (L.). 
Spießente. 

Anas acuta (Linn.): Faber, Prodromus, S. 76 (1822). — Anas acuta L. : Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 408 (1862). — Newton, in Baring-Goulds Iceland, 
p. 415 (1863). — Gröndal, islenzkt fuglatal, bis. 48 (1895). — Daßa acuta (Linn.): 
Slater, Birds of Iceland, p. 54 (1901). 



Dartla acuta. 181 

A7ias acuta, L.: Collin, Skaudinavicns Fugle, S. 658 (1877). — Dafila acuta 
(Liiin.): Salvadori, Cat. Birds Biit. Mus. XXVII, p. 270 (1895). — Anas acuta L.: Winge, 
(Troulands Fuglo, S. 78 (1898). — Dafila acuta (L.): Nanmaim, Vögel Mitteleuropas X, 
S. 109 (1902). 

Isländisch: Graföud (= Grabeneiite), Grasünd (^ Grasente), Läugviu Gräönd 
(liuigviu ist Zusammenziehung von längnet'ja = Laugschnabel). 

Dafila acuta bewohnt den Norden der Alten und Neuen Welt bis ungefähr 
70 ^*n. Br. In Amerika brütet sie von etwa 45" an bis Labrador; auch nördlich der 
Beriugs-Straße nennt sie Nelson ostwärts und westwärts die häufigste Brutente. In 
Asien findet sie sich in fast allen russischen Gebieten, stellenweise hinauf bis zum 
Eismeere. Europa bewohnt sie im Süden und in der Mitte nur vereinzelt, häufiger 
vom 50. Grade an bis zum Polarkreise. Auf den Britischen Inseln ist sie ziemlich 
seltner Brutvogel, überwintert aber zahlreich. Auf den Färöern und an der Westküste 
Grönlands bis hinauf zu 73 <* kennt man sie nur als gelegentlichen Gast. Im Winter 
begeben sich die Vögel südwärts bis zu den Antillen, Südjapau, den Sunda-Inseln, 
Persien und Mittelafrika. 

In Island ist die Spießeute ein nicht seltner Brutvogel, der jedoch 
kaum irgendwo in großer Zahl beisamraenwohnt. Sie liebt als Aufenthalt 
offene, pflanzenreiche Täler und Inseln, gern in der Nähe des Meeres, besonders 
im Mündungsgebiete der Ströme. In einsamen, engbegreuzteu Gebirgs- 
gegenden trifft man sie kaum. Auch am Myvatn, ^lugvallavatu und andern 
großen Binnenseen gehört unser Vogel zu den seltneren Arten. Zur Zugzeit 
begegnet man der Ente in allen Küstengebieten. Doch ist sie dann noch 
scheuer als sonst und wird deshalb nur in geringer Zahl erlegt. 

Die Spießente ist ein wahrer Zugvogel für Island, der Mitte bis Ende 
April im Süden der Insel erscheint. Ich sah die ersten 2 Paare an dem 
kalten, aber sonnigen Morgen des 23. April unter Dutzenden von andern 
Enten in einer Bucht bei Eeykjavik. Die Vögel, die ab und zu von einem 
Seeadler, den ich wenigstens eine Stunde lang in der Gegend beobachtete, 
in Unruhe versetzt wurden, zeigten sich äußerst lebhaft, schwammen rasch 
und mit hocherhobenem Halse, tauchten häufig, wenn auch nicht lange, und 
flogen mit leichten Schlägen wiederholt ein Stück über das Wasser hin. 
Die Erpel schienen zankend ein rauhes Schnarren hervorzubringen. Am 5, Mai 
sah ich nochmals ein einzelnes Paar am Meeresstrande, als ich hinter Steinen 
gedeckt mich kriechend einer Schar Arenana interpres näherte. .Die Enten, 
die ich vorher gar nicht gesehen hatte, flogen in geringer Entfernung mit 
sausenden Flügelschlägen davon, wobei das voraneilende Männchen 2 oder 3 
rauhe Quäk ausstieß. 

Früher oder später im Mai kommen die Paare nach ihren Brutplätzen. 
Bald darauf beginnt das Weibchen mit dem Baue des Nestes. Dieses wird 
ziemlich dick aus Pflanzenstengeln, nach innen zu aus Aveichen Halmen 
errichtet und mit einigen Federn und braungrauen Dunen ausgefüttert. Auf 
einem Eiderbrutplatze an der Mündung der Fnjöskä war das Nest zwischen 
Heidekräutern gut verborgen, in einem Sumpfe bei Mödruvellir auf einer 
hochgrasigen Kaupe. Am Mj'^vatn wird es meist unter Gesträuch angelegt. 
Das Weibchen verläßt das Nest bei langsamer Annäherung eines Menschen 
vorsichtig und geduckt und fliegt dann erst auf. Eine Stimme hörte ich 



iHi 



Jjiitila jKMitii 



dabei nicht. Die Ablage der 6 — 9 Eier erfolgt zwischen Ende ]\Iai und 
Mitte Juni. Bis Ende Juni findet man am M}'vatn frische Nacligelege. 

Die Größe isländischer Exemplare meiner SainmUmo: beträgt: 57,5 x 38,ö mm 
(3.3 g). 57,5x35,5(2,0). 56.5x37,5(3,2.) 56,5x36(3,3). 55,5x38 (3,3). 53x38 (3). 
52.5x38 (3,2). 52x35,5 (3,1). 51x35,5 (3). — Sie stehen in Größe, Farbe und Struktur 
zwischen den Eiern von Anas boschas und Clangula hyemalis. 

Die Brutdauer mag mit SV, Wochen im allgemeinen richtig angegeben 
sein; Faber sagt freilich 4 Wochen, was aber kaum als Normalzeit gelten 
kann. Auch bei dieser Ente findet man allerdings ganz frische, sowie deutlich 
in Entwicklung begriffene Eier in demselben Gelege. Das Weibchen l)rütet 
allein, das Männchen aber bleibt gewöhnlich in der Umgebung des Nestes 
und zeigt bei Annäherung eines Menschen offenbare Besorgnis. Auch wenn 
die Duuenjungeu Mitte Juli ausgeschlüpft sind, kümmert sich der Erpel 
um diese, wie ich in zwei Fällen deutlich beobachtete. Die Hauptführung 
übernimmt freilich wie bei allen verwandten Arten die Mutter. Ich über- 
raschte am 15. Juli in der Nähe des Göda-Falles (N.) eine Alte mit schein- 
bar kaum ausgekommenen Jungen. Sie flatterte ängstlich am Boden hin 
und stieß dabei ein besorgtes Quäken aus. Da ich mich aber nicht irre 
führen ließ, sondern weiter nach dem Neste suchte, erhob sie sich, umflog 
den Platz mit raschen Flügelschlägen und lockte die gut laufenden Jungen 
in das Wasser eines benachbarten Sumpfes. Kaum schwammen die 7 oder 
8 Tierchen eng aneinander gedrängt von meinem Standorte weg, als das 
Weibchen bei ihnen einfiel. Kurze Zeit darauf erschien auch das Männchen, 
um sich gleichfalls auf dem Wasserspiegel niederzulassen. Beide Vögel lobten 
nun durch zufriedene Rufe das glückliche Gelingen ihres Eutführungsplaues. 
Die Stimme des Erpels war erheblich tiefer als die der Ente. Von dieser 
hörte ich auch das leise warnende Örrr, das verschiedene Arten beim Führen 
der Jungen ausstoßen. 

Nach 4 — 5 Wochen sind diese befiedert und flugbar. Die Familien 
streichen nun Ende August, spätestens Anfang September nach der Küste, 
vereinigen sich auf großen Strandseen, Lagunen und Meeresbuchten mit 
ihresgleichen und verschwinden IMitte bis l^^nde September. Von einem Über- 
wintern auf uusrer Insel ist nichts bekannt. 

Aethya ruflna (Fall.). 
Kolbenente. 

Fuligula rufina L.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. -430 (1862). — 
FuUynla rufina (Linn.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 416 (1863). 

Xetta rufina (Fall.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVU, p. 328 (1895). — 
Fuligula rufina (Fall.): Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 193 (1902). 

Isländisch: Kölfönd (= Kolbenente). 

Aethya rufina brütet in Südeuropa. Nordafrika, Transkaukasien, dem südlichen 
Kußland und Turkestan. Nördlich des 50. Grades ist sie bereits selten und in Dänemark 
und Großbritannien nur ausnahmsweise getroffen worden. Von den Färöeru und Grönland 
kennt mau sie gar nicht. 

Auch ihr Vorkommen in Island ist ungenügend begründet. Preyer referiert die 
zweifelhafte Angabe Pliny 3Iiles (Eine Nordfahrt, Streifzüge in Island. Deutsche Ubers. 
Leipzig 1855. S. 71), der diese Ente in Island gesehen haben will. Höchstwahrscheinlich 
beruht die Angabe auf einem Irrtum des Autors oder Übersetzers. 



Aethya feriiia. Jg3 

42. Aethya ferina (L.). 
Tafelente. 

FuUyula ferina L. : Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 430 (1862). — 
Fnliyala ferina (L'vnn.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 416 (1863). — Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 50 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 58 (1901). 

Fulujula ferina (L.).: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 67-3 (1877). — Kyroca 
ferina (Linn.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 335 (1895). — Fulignla ferina 
(L.): Naumann, Vögel 31itteleuropas X, S. 174 (1902). 

Isländisch: Skutulönd (= Tafelente). 

Auch dän. &norw. : Taffeland. Holl.: Tafeleend. 

Aethya ferina brütet in Europa und denci benachbarten Asien, von England bis 
zum Baikal-See. Sie ist in den südlichen Gebieten selten, in den mittleren Läufig 
und geht nonlwärts bis etwa zujii 60. Grade hinauf. In der kälteren Jahreszeit streift 
sie ziemlich weit umher, südwärts bis Nordafrika, Persien, China und Japan; doch 
überwintern zahlreiche Scharen bereits in Deutschland und auf den Britischen Inseln. 
Mehrmals wurde unsere Art auf den Färöern, in Grönland allerdings noch nicht erbeutet. 

Von Island liegt nur eine sichere Beobachtung der Tafelente vor. Zwar 
sagt schon Mohr (Islandsk Naturhistorie, S. 26, 1786), daß er Anas Ferina 
(Favn. Svec. 127) in der Eyjafjardarä gesehen habe, doch ist diese Mitteilung 
nicht verbürgt. Dagegen schoß ein gewisser Ernest Gehin am 20. Juni 1860 
ein Exemplar, scheinbar ein Männchen, am jMngvallavatn, das Preyer tags 
daraufsah und mit Bestimmtheit als unsere Art erkannte. Somit muß die Tafel- 
ente als seltner Sommergast für Island bezeichnet werden, der wahr- 
scheinlich von der Wiuterherberge aus gelegentlich mit andern Entenarten 
nach unsrer Insel kommt. 

43. Aethya marila marila (L.). 

' Bergente. 

A7ias marila (Linn.): Faber, Prodromus, S. 72 (1822). — FuUyula marila L.: 
Preyer (& Zirkel). Reise nach Island, S. 408 (1862). — FuUyula marila (Linn.): Newton, 
in Baring-Goulds Iceland, p. 416 (1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 50 (1895). — 
Slater.; Birds of Iceland, p. 60 (1901). 

Fulignla marila (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 672 (1877). — Salvadori, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 355 (1895). — FuUyula marila (L.) typica: Winge, 
Grönlands Fugle, S. 83 (1898). — Fnliyula marila (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas 
X. S. 147 (1902). 

Isländisch: Dükönd, Duggönd (= Duckente, Tauchente). 

Aethya marila marila ist eine paläarktische Spezies. In der nearktischen Region 
wird sie von der kleinereu A. m. affinis (Eyton), im angrenzenden arktischen Teile 
Nordamerikas von der ihr äußerst ähnlichen A. m. nearctica Stejn., in Ostsibirien von 
A. m. mariloides Yig. vertreten. A. m. marila brütet innerhalb Asiens und Europas 
etwa zwischen 70 und 55" n. Br. Schalow glaubt, daß sie auf Ivolguew noch vorkommt. 
In 3Ienge bewohnt sie das nördliche Rußland und Skandinavien. Südwärts geht sie 
brütend selten bis zum nördlichen Deutschland und Schottland hinab. Auf den Färöern 
ist sie nur regelmäßiger Zugvogel. Auch in Grönland brütet keine Bergentenform, 
doch haben sich alle 3, unsere freilich am seltensten, an der Westküste gezeigt. Im 
Winter besuchen die Vögel in großen Scharen die Küsten der Nord- und Ostsee und 
wandern südwärts bis Abessinien, Persien, Indien und China. 

In Island gehört die Bergente zu den häufigen Brutvögeln, die 
freilich nicht gleichmäßig über die Insel verbreitet ist. Sie bevorzugt 



184 



Aethva 



vegetatioDsreiclie, offene Gelände mit größeren freien Wassertiiiclien. Fast 
immer brütet sie kolonienweise, an kleineren Seen in einigen Paaren, au 
großen in bedeutender Menge. Den Myvatu bewohnt sie in beträchtlicher 
Zahl; vielleicht ist sie hier die gemeinste aller l-hitenarten. Häufig brütet 
sie auch am ])ingvallavatu, au verschiedenen audern größeren Binnenseen in 
der Arnarvatnsheidi (NW.) usw. Doch traf ich kleine Kolonien in allen von 
mir besuchten Gebieten, besonders an Strandseen wie dem Miklavatn und 
Höp im Norden. Selbst an Nehrungen und Lagunen, die bei der Flut von 
Salzwasser überschwemmt werden, an Eiderbrutplätzen und ganz unbedeutenden 
Teichen schlagen die Vögel, z. B. in der Umgebung von Hjalteyri, ihre 
Sommersitze auf; au fließenden Gewässern findet man sie aber seltner. Nach 
der Brutzeit werden sie fast immer am Meere angetroffen. 

Ol) gelegentlich auch eine andere als die typische Bergentenform in Island vor- 
kommt, muß zu entscheiden weiteren Beobachtungen überlassen bleiben. Äußerst 
interessant und verschiedenartig sind die Kleider von (5 und $ im Sommer. Unter 
den Junge führenden Weibchen findet man kaum 2 ganz gleiche Individuen. Bei 
einigen ist das AVeiß am Schnabelgrunde, in der Ohrgegend und auf der Unterseite 
noch rein und ausgedehnt, bei andern gänzlich verschwunden. Teilweise Umfärbung 
scheint mir dabei nicht ausgeschlossen. — Die Maße eines von mir am Myvatn ge- 
sammelten ? ad., Brutvogel vom 31. Juli (Schnabelgrund kaum angedeutet weiß, Federn 
der Unterseite mit glänzendweißen, verschieden stark hervortretenden Spitzen), sind 
folgende. Gewicht i. Fl. : c. 750 g. Gesamtlänge i. Fl.: 405 mm. Flugbreite: c. 670. 
Flügel: 192. Schwanz: 69. Schwanz -f Flügel : 27. Schnabel: 39. Tarsen: 33. Mittel- 
zehe inkl. der 8 mm langen Kralle: 57 mm. — Iris: hellgelb (bei manchen Vögeln zu 
derselben Zeit auch leuchtend weißgran). Schnabel (sofort nach dem Schießen notiert): 
gleichmäßig mattschwarz. Unterschnabelhaut: schwärzlich fleischfarben. Vordere Tarsen, 
obere Zehen und ein Streifen neben diesen: silbergrau. Gelenke: dunkler, das Übrige: 
schwarz. — Stark in Mauser, neue Brustfedern braun. 

Die Bergente ist ein Zugvogel in Island. Sie erscheint bereits im 
März, im Nordlande Anfang April bei den Küsten und begibt sich bald 
darauf gepaart zu ihren Brutplätzeu. Nach Faber kommt sie schon Mitte 
April, nach meinen Erkundigungen erst in den letzten Tagen dieses Monats 
oder Anfang Mai an den Myvatn. Die Weibchen wählen als Brutstätte 
strauchbewachsene Inseln oder sonstige vegetationsreiche Örtlichkeiten in der 
Nähe des Wassers, wo sie kolonienweise inmitten ihresgleichen und anderer 
Arten das Nest errichten. Sie beuutzeu eine natürliche Vertiefung in der 
Erde oder scharren selbst eine flache Mulde. Riemschneider sah aucli Nester 
in armtiefen, ziemlich engen Lavahöhlen (Orn. Monatschr. 1896, S. 311). Sie 
bestehen äußerlich aus harten Stengeln, innerlich aus weichen Halmen und 
einigen Federn und werden bei Ablage der Eier mit ziemlich kleinen dunkel- 
braunen Dunen reichlicli ausgefüttert. Nach Faber beginnt die Legezeit 
schon Ende Mai, im allgemeinen mag dies aber erst Anfang Juni der Fall 
sein. Da am ]\iy'vatn die wohlschmeckenden Eier in Menge gesammelt 
werden, findet man frische Nachgelege bis Ende Juni, ja Anfang Juli. Die 
Normalzalil schwankt zwischen 8—11 Stück. Häufig legen zwei oder mehr 
der äußerst geselligen Tiere absichtlich oder aus Verseheu in ein und das- 
selbe Nest. Krüper fand 22 Stück in einem solchen (Naumannia 1857, S. 44). 



Aethya marila inarila. 185 

Die durch ihre Walzenform meist charakteristischen düstergrünlichen Eier 
variieren bedeutend in Größe und Gewicht. Die kleinen Stücke gehören besonders 
Nachgelegen an. Einige Exemplare meiner Sammlung vom Myvatn zeigen folgende 
MaUe: 68x44 mm (6,3 g). 67x43,5(6,4). 66,8x44(5,8). 65,5x45.2(5,8). 65,2x43,5 
(5,5). 65x45(5,9). 62,5x40(4,7). 62x42(4,8). 61,5x42,5(4,9). 58x39 (3,7). — 
Von mir gewogene Exemplare hatten voll eine Schwere von 60 — 75 g. 

Das Weibchen brütet etwa 4 Wochen allein. Anfänglich bleiben die 
Erpel ständig in der Nähe des Nestes, später vereinigen sie sich tagsüber 
in Scharen, kehren aber während der Nacht oft zu der Ente zurück. Über- 
haupt sind die Paare recht anhänglich und halten sich scheinbar das ganze 
Jahr in losem Verbände, ohne indes eifersüchtig zu sein. Mitte Juli ent- 
schlüpft am Myvatn die Hauptmenge der Duuenjungen, und man kann 
nun in stillen Buchten oft ein Dutzend Mütter ihre Kinderschar führen sehen. 
Kommt man in die Nähe, so läßt die Alte ein besorgtes Schnarren hören, 
das etwa wie brrr brrr oder auch hrrr hrrr klingt. Bei größerer Gefahr 
flattert sie angsterfüllt ein Stück davon, wobei sie wiederholt ein rauheä 
Br räh ausstößt. Von den Jungen vernimmt man gleichfalls in verschiedener 
Tonhöhe feine Krkr. Gelegentlich besucht für kurze Zeit auch das Männchen 
die Familie, kehrt aber bald wieder zu seinesgleichen zurück. Trotz der 
Fürsorge der alten Ente gehen viele Junge zu Grunde. Ich fand im Laufe 
der Wochen Dutzende tot am Ufer oder inmitten der Wasserpflanzen im 
flachen Teile des Myvatn bei Keykjalid. Hunger ist nicht die Todesursache. 
Im Gegenteil war der Magen von mir daraufhin untersuchter Exemplare 
mit recht ansehnlichen Mengen von Pflanzenstoffen, besonders kleinen, schmalen 
Blättern, außerdem auch mit vielen Steincheu angefüllt. Kälte und Schmarotzer- 
tiere mögen den Tod herbeifüiireu. 

Die von Prof. R. Blasius im Xaumann (X, S. 148) mitgeteilten Unterschiede der 
männlichen und weiblichen Dunenjnugen finde ich nicht bestätigt. Ich habe wenigstens 
30 Stück genau besichtigt, unter diesen aber, besonders in der Kopffärbuug, alle Über- 
gänge gefunden. Unter 7 von mir präparierten Exemplaren, von denen ich bei 6 Stück 
das Geschlecht sicher erkennen konnte — ich lege auf diese Untersuchung sehr viel 
Wert — sind gerade 2 Weibchen licht und gelb, 2 Männchen aber düster und grün- 
lich. Außerdem verändert sich ja die Färbung bedeutend mit zunehmendem Alter; 
besonders die Unterseite wird bald matt und graugelblich. — In Färbung, Größe des 
Schnabels usw. variieren gleichgroße Individuen außerordentlich. Das kleinste meiner 
Präparate, ein S pull, vom 22. Juli, zeigte ein Gewicht von &9 g und eine Gesamtlänge 
i. Fl. von 165 mm. Schnabellänge: 20 (bei andern gleichgroßen 23). Größte Schnabel- 
breite: 8 (9,5j. Tarsen: 17. 31ittelzehe inkl. der 3,5 mm langen Kralle: 26 mm. — 
Iris: gelblichbraun, manchmal gelblichgrün. Oberschnabel: dunkel schwarzbraun, an 
den Seiten olivenbraun, Xagel heller braun. Unterschnabel samt Kehlhaut: ocker-, 
Witlich- oder braungelb, auch matt gelblichfleischfarben; Nagel dunkler, violett, bräun- 
lich, grau. Füße: olivengrau bis mattschwärzlich; Gelenke, Hinterseite, Unterseite und 
Schwimmhäute mit Ausnahme eines helleren Streifens neben den Zehen: schwärzlich. 

Nach 5 — 6 Wochen sind die Jungen befiedert und flugbar. Anfang- 
September verlassen dann die Familien einzeln oder in größeren Scharen 
vereinigt die Brutgebiete. Die Männchen gesellen sich ihnen nun regelmäßig 
zu. Sie kommen Ende September an das Meer, bleiben hier noch einige 
Wochen und verschwinden nach Faber in der letzten Hälfte des Oktobers 
aus dem Lande. Von einem Überwintern daselbst ist nichts bekannt. 



2g(3 Aethya fuligula. — Aothya iiyroca. 

44. Aethya fuligula (L.)- 
Roiherontc. 

Fuligula cristata: Riemschn eider, Oniith. 31onatsschrift XXL 8.311 (1896). — 
FnUgula cristata Steph.: Gröndal, Ornis XI, p. 456 (1901). — Fuligula cristata Leach: 
Sii'inundsson. Zoolog. Meddel. fra Island, S. 18 (1905). 

Fuligula fuligula (Liiin.): Salvador!, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, j). 363 (189;".). 
— Naumann, Vr.gel Mitteleuropas X, S. 136 (1902). 

Island i.sch: Toppönd (= Schopfente), Di'ikönd (= Duckente) partim: Hegraönd 
(= Reiherente). 

Auch deutsch: Zopfente, Schopfente. Dan. & norw. : Topand. Schwed.: Tofsand, 
Hägerand. Engl.: Tufted Duck. 

Aethya fuligula brütet innerhalb der paläarktischen Kegion vom Atlantischen 
bis zum Stillen Ozean, südlich noch in Xordafrika, Abessinien und Südsibirien, nördlich 
ffcht sie an der Küste des Stillen Ozeans etwa bis 62", im Jenisseitale bis 68 und in 
Xonvegen bis 70" hinauf. Im allgemeinen überschreitet sie aber den Polarkreis nicht. 
In England brütet sie ziemlich häufig. In Schottland scheint sie sich sogar nach den 
Angaben Harvie-Erowns mehr und mehr auszubreiten. Vielleicht ist hierin die Ursache 
zu suchen, daß unsere Art neuerdings auf den Färöern mehrfach beobachtet und auch 
in Island gefunden wurde. Ihr Vorkommen im Süden Grönlands ist fraglich. 

In Island ist die Reiherente gelegentlicher Sommergast, möglicher- 
weise auch ab und zu Brutvogel. Am 1. Juli 1895 erhielt Riemschneider 
am M^vatn ein Milnnchen im Prachtkleide. Die Bewohner erklärten, den 
Vogel bisher nie gesehen zu haben. Auch Charles JeflFerys, der im Juni 
desselben Jahres den M^vatn besuchte, versicherte P. Nielsen, man habe 
ihm ein schönes Männchen von Aethya fuligula gebracht; höchstwahrscheinlich 
brüte die Art auf den Inseln des Sees (in litt.). Diese beiden Angaben 
scheinen sich auf ein und dasselbe Individuum zu beziehen. Nielsen bekam 
später ein Ei von 60x41 mm, das unsrer Art angehören soll und am 
20. Juni 1896 am Myvatn gesammelt wurde. Einen weiteren Vogel, gleich- 
falls einen Erpel, erhielt A. Jöusson in Skütustaclir am 15. Juni 1902 und 
zwar von derselben Stelle, wo schon das Riemschueidersche Exemplar gefunden 
wurde (Siemundsson, 1. c). — Hoffentlich gestattet man nun der Reiherente, 
sidi in Island einzubürgern und tötet nicht jedes sich zeigende Individuum. 

45. Aethya nyroca (Güld.). 
i\Ioorente. 

Anas leucophtalmos (Bechst.): Faber, Prodromus, S. 72 (1822). — Fuligula nyroca: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 411 (1862). — Fuligula nyroca, Steph.: Newton, 
in Haring-Goulds Iceland, p. 416 (1863). — Fuligula ni/roca (Güldenst.): Gröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 50 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 59 (1901). 

Fuligula nyroca (Güldenst.) : CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 675 (1877). — Nyroca 
nfricana (Gm.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVIl, p. 345 (1895). — FuUgtila 
nyroca (Güldenst.): Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 182 (1902j. 

Isländisch: Hviteyg Önd (= Weißäugige Ente). 

Auch deutsch: Weißäugige Ente. Dan. & norw. : Hvidöiet And. Hol!.: Witoof^. 
Engl. : Whito-eyed Duck. 

Aethya nyroca brütet im mittleren und südlichen Europa und im westlichen 
Asien, «in den russischen Ostseeprovinzen, im südlichen Skandiuavien, in Dänemark 
und England kommt sie nur noch einzeln vor; auf den Färöern gelangte sie nie zur 
Beobachtung. 



Glaucionetta claiioula clanguhi. 137 

Island scheint die Mooreute gelegentlich als seltner Sommergast 
zu besuchen. Vielleicht hat man den nicht auffällig gefärbten Vogel auch 
mitunter übersehen. Der alte Mohr sclion behauptet (Islendsk Naturhistorie, 
S. 26), diese Ente 1780 auf einem Flusse in Nordisland beobachtet zu haben. 
Faber erklärt ihr Vorkommen mit aller Bestimmtheit. Einmal traf er eine 
Schar der Vögel im Innern Teile des Eyjafjördrs und hebt ausdrücklich 
hervor, daß er die Art genau erkannt habe (Prodromus, S. 73), wenn ihm 
auch ein Erlegen nicht glückte. In der Umgebung fand er ein Nest mit 
ö Eiern, von denen er vermutete, daß sie den Vögeln gehörten. Wie weit 
diese Annahme richtig ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Krüper bemerkt 
hierzu (Naumannia 1857, II, S. 6), daß ein von Faber an das Greifswalder 
Museum als .l»a.<^ lencophtahnos gesandtes isländisches Ei sich als solclies 
von Alias histrionica erwies. Doch erscheint mir diese neue Bestimmung 
ebenso zweifelhaft, zumal Faber die fraglichen, von ihm selbst nicht mit 
völliger Sicherheit angesprochenen Eier in einem Bruche fand, wo Histrionicus 
Iiidrioniais kaum nisten dürfte. Am 10. März 1821 sah Faber nochmals 
eine Schar Mooreuten am Meeresgestade bei Eyrarbakki (S.j; sie waren 
scheinbar eben augekommen. Weitere Mitteilungen über das Auftreten unsrer 
Art in Island sind niclit veröffentlicht. 

46. Glaucionetta clangula clangula (L.). 
Schellente. 

[Anas clangula (Linn.): Faber, Prodromus, S. 71 (1822).] — Anas dangula L.: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 411 (1862). — ClangHla glaucion (Linn.): Slatei', 
Zoologist, i>. l (1886) uudBirds of Iceland, p. 62 (1901). — Glaucion clangula (L.): Gröndal. 
islenzkt fuglatal, bis. 50 (1895). — Clangula glaucion (L.) : Stcphänsson, Nordurland, 
Akureyri, (-t. Okt. 1902). 

Glaucion clangula (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 682 (1877). — Clangula 
glaucion (L.) : Salvadori, Cat. Birds Brit. Mns. XXVII, p. 376 (1895). — Fuligula clangula 
(L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 156 (1902). 

Isländisch: Skelliönd (= Schellente), Erlend Hüsönd (= fremde Hausento). 

Glaucionetta clangula clangula ist eine paläarktische Spezies, die nordwärts stellen- 
weise bis zum Eismeere, südwärts bis Südenropa, den Kaukasusländern und Südsibirien 
vorgeht; ostwärts soll sie noch Kamtschatka bewohnen. Im südlichen Europa findet 
sie sich als Bratvogel nur hier und dort verstreut, nach Norden zu wird sie häufiger; 
besonders zahlreich brütet sie im nördlicheren Kußland und in Skandinavien. Zur 
Zugzeit wandert sie südwärts bis Japan, China, Nordindien und Nordafrika, überwintert 
auch zahlreich an den Küsten der Britischen Insehi und Frankreichs. Auf den Färöern 
vermutet man sie als seltnen Gast. — In Amerika wird Gl. cl. clangula von der etwas 
größeren Gl. cl. americana Bp. vertreten. 

Für Island kann man die Schelleute nur als Gast bezeichnen, der 
vielleicht gelegentlich auch daselbst brütet. Möglicherweise wird sie bei 
ihrer Ähnliclikeit mit Glaucionetta wlatulica öfters mit dieser verwechselt, 
wie es mit dem Exemplare im Reykjaviker Museum der Fall war, das von 
den Vestmaunaeyjarn stammt und erst von Slater richtig als unsere Art 
angesprochen wurde. Diesem Oruithologen gebührt überhaupt das Verdienst. 
frlaucionetta clangula für Island festgestellt zu haben. Am 23. Juni 1885 



2QQ (iliiucionetta islaiulica. 

heubuclitete ci- ein raur der Enten im Delta des Heradsvatu (Skagafjörctr), 
das vielleicht auch daselbst geln-ütet hat. Im folgenden Winter konnte ihm 
St. Stefäusson zwei Schellenten — ö ad. und ö juv. — aus der Gegend 
des Eyjafjördrs ül>ersenden. P. Nielsen teilte mir ferner mit, daß am 
20. Januar 188i) ein jüngeres und ein altes Weibchen der Art bei Eyrarbakki 
geschossen und ihm gebracht wurden. Er beabsichtigte, deren Bälge zu 
dem damals in Aussicht genommenen Wiener Ornithologen - Kongreß zu 
schicken. Da dieser aber nicht zu stände kam, blieben sie in Kopenhagen 
liegen, wurden ihm nach Jahren zurückgesandt, waren jedoch gänzlich von 
Motten zerfressen und nicht mehr zu verwenden. W^eitere Angaben über 
nnsefc-e Art scheinen mir auf Irrtümern zu beruhen. Ältere Mitteilungen 
gründen sich zumeist auf die Ansicht Fabers, daß Anas clangula (L.) mit 
.1. borealis und isfandica in Gmelins Syst. nat. identisch sei, weshalb er auch 
die isländische Hüsönd fälschlich als Anas clangula (L.) bezeichnete. 

47. Glaucionetta islandica (Gm.). 
Spatelente. 

Anas clangula (Linn.): Faber, Prodromus, S. 71 (1822). — Fnligula Barrovi: 
Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 409 (1862). — Clangula islandica (Grnil.): 
Newton, in Haring-Goulds Iceland, S. 416 (1863). — Glauciou islandicwn J. F. Gin.: 
tTröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 50 (1895). — Clangula islandica (Gmelin): Slater. Birds 
of Iceland, p. 64 (1901). 

Glaucion Islandiciim (J. F. Gm.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 684 (1877). — 
Clangula islandica (Gm.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XX VU, p. 383 (1895 1. — 
"NVinge, Grönlands Fugle, S. 90 (1898). — FuUguki islandica (Penn.): Naumann. \"i'n^e\ 
Mitteleuropas X, S. 168 (1902). 

Isländisch: Hüsönd (= Hauseute, weil gelegentlich in Ställen brütend). 

Claucionetta islandica brütet außer auf Island im arktischen Nordamerika, wo 
ihre Verbreitung aber noch ungenügend bekannt ist. Grönland bewohnt sie in ziemlich 
geringer Menge, findet sich als Brutvogel wohl nur in den Fjorden zwischen Nanortalik 
und Godthaab an der südliehen Westküste (Winge). Im Winter zieht ein Teil der 
V(";gel südwärts bis nach den Vereinigten Staaten. Einzelne Exemplare kommen aus- 
nahmsweise auch nach Norwegen, Belgien, den Färöern usw. 

In Island ist die Spatelente ein nicht seltner Brutvogel. Sie wählt 
zu ihrem Aufenthalte klare, tiefe Gewässer, am liebsten solche, die zerklüftete 
Lavainseln besitzen. Der Myvatn ist ihr Hauptbrutgebiet. Zwar bewohnt 
sie noch eine Menge andere Örtlichkeiten, findet sich aber daselbst nur in 
geringer Zahl. Ich traf sie auf der Laxä, auf großen Teichen bei Sveinsstadir 
(Hünafjördr) und auf dem ]:)iugvallavatn. Faber sagt, die Spatelente sei im 
Norden viel häufiger als im Süden der Insel. Gröndal meint aber, auch 
hier könne man sie nicht selten nennen (Ornis II. S. 365). Vielleicht denkt 
er dabei mehr an die Zug- und Winterzeit, wo die Vögel alle geeigneten 
Küstengebiete, auch die Vestmannaeyjar, gelegentlich besuchen. Immerhin 
ist die Verbreitung unsrer Art auf Island eine ziemlich beschränkte. 

Ein von mir am 29. Juli gesammeltes ? ad. vom Myvatn. sichrer Brutvogel, 
zeigt folgende Maße. Gewicht i. Fl.: c. 900 g. Gesamtlänge: c. 400 mm. Flugbreito: 
c. 700. Flügel: 212. Schwanz: 89. Schnabellängc (von der neben der Stirn am weites! en 



Glaucionetta islandica. ]^89 

zurückspringenden Stelle an): 38. Schnabelhöhe (am Grunde): 23. Tarsen: 36. Mittel- 
zehe inkl. der 9 mm langen Kralle: 60 mm. — Iris: nach außen hellgelb, nach innen 
allmählich glänzend hellmeergrün, mit einem schmalen braunen Ringe gegen die Pupille 
abschließend. Schnabel: dunkel braunschwarz, Oberschnabel nach der Spitze zu, Unter- 
schnabel neben dem Nagel in helleres Braun übergehend. Kehlhaut des Unterschnabels: 
gelb mit etwas Braun gemischt. Schnabelinneres: weißlich fleischfarben. Oberseite der 
Tarsen und Zehen, sowie ein schmaler Streif neben diesen: lebhaft orangegelb, das 
übrige der Füße schwarz. — Mageninhalt: bedeutende Mengen Fischlaich. 

Die Spatelente ist am Myvatu und an andern nie völlig zufrierenden 
Gewässern 7A\m Teil Standvogel. Auch die fortgezogenen Tiere kehren 
schon zeitig im Frühjahre, Fabers Beobachtungen zufolge bereits Mitte März, 
nach ihren Brutplätzen zurück. Freilich beginnt das Weibchen trotzdem erst 
im Mai mit dem Baue des Nestes. Als Ortlichkeit hierfür wählt es tiefe 
Nischen und wagerechte Spalten in Kraterinseln oder sonstige Höhlungen in 
den oft außerordentlich zerklüfteten Lavafelsen am Ufer, gern in der Nähe 
des Wassers. Häufig teilt der Vogel solche Brutgebiete mit Mergus serrator. 
Mitunter befindet sich das Nest tief im Hintergrunde eines Steinloches, 
andermal wieder ist es vollständig sichtbar. Gewöhnlich wird es nur wenig 
über dem Wasserspiegel angelegt. Doch zeigte man mir einen sehr regel- 
mäßigen Krater an der Ostseite des Myvatn, nicht weit von der Furt beim 
Ausflusse der Laxä, in dessen Innern die Vögel 6 — 10 m über dem Wasser 
brüteten. Nicht allzu selten suchen die Spatelenten auch die Ställe und 
sonstigen Gebäude in der Nähe des Wassers auf, die von Lavastücken und 
Torf gebaut sind und im Sommer teilweise nicht benutzt werden. Hier 
brüten sie in Löchern der Wände, ja sogar in Futterraufen oder Ecken in 
dem halbdunkeln Innern, wobei sie die offene Tür als Eingang benutzen. 
Dies tut kaum eine andere isländische Entenart, weshalb man der unsrigen 
den Namen Hüsöud beigelegt hat. Nach Fabers Beobachtungen brütet der 
Vogel auch unter Weidengebüsch, was aber wohl nur selten vorkommt. 
Mitte bis Ende Mai ist das Nest vom Weibchen fertiggestellt. Es wird aus 
Heu und andern trocknen Pflanzenstengeln errichtet und hat je nach seiner 
Lage eine sehr verschiedene Größe und Gestalt. Später füttert es der Vogel 
reichlich mit Dunen aus, die fast weiß aussehen, was bei keiner andern 
isländischen Art der Fall ist. 

Die Ablage der Eier beginnt Ende Mai oder auch erst Anfang Juni. 
Sie werden wegen ihres Wohlgeschmackes eifrig gesammelt, weshalb man 
fiische Nachgelege bis Ende Juni findet. Die Normalzahl der Eier eines 
unberührten Nestes soll 10 — 1-1 Stück betragen, doch läßt sich dies selten 
richtig ermitteln, weil eben die meisten Gelege mehrmals geplündert werden, 
mitunter auch 2 Weibchen ein gemeinsames Nest benutzen und sogar fried- 
fertig nebeneinander brüten. 

Einige isländische Exemplare meiner Sammlung vom Myvatn zeigen folgende 
Maße: 66,2x45 mm (7,6 g). 65,5x45,2(7,7). 64,2x46(7,9). 64x48(7,9). 63,5x45,2 
(7,5). 62,5x45,8 (7,8). 62,5x45 (8,2). 62x44 (6,9). 62x43,5 (6,9). 61x47,5(8). 
61 X 42,2 (6,9). 60,2 x 47,5 (7,8). 56 x 45,8 (5,9). — Das Vollgewicht von 10 von mir 
untersuchten Exemplaren schwankte zwischen 61 und 79 g. Die Schale ist besonders 
dick und widerstandsfähig und deshalb auch so schwer. 



J90 Glaueionetta islandica. 

Das Woihelicii brütet etwa 4 Woclien allein. Es sitzt dabei selir fest 
und lälit sich audi durcli nahende Mensehen nicht so leicht vom Neste ti-eiben. 
Erst im letzten Augenblicke flattert oder läuft es mit einem knarrenden Rufe 
des Unwillens davon. Mitunter kann man es sogar anfassen, ohne daß es 
die Eier verläßt. Auch das Männclien hält sich zu Anfang der Brutzeit in 
der Nähe der Gattin auf und benimmt sich gleichfalls sehr zutraulich. 
Später vereinigen sich die Erpel zeitweise oder dauernd, und sind erst die 
Jungen ausgekommen, statten sie ihrer Familie selten einen Besuch ab. 
Ende Juli sah ich an der Ostseite des M^vatn langgedehnte Ketten von 
Spatelenterichen auf dem Wasser liegen, die aus mehreren hundert Stück 
bestanden. Freilich sind die Arten nie ganz rein, sondern immer mit einigen 
andern gemischt. Unsere Vögel werden zu dieser Zeit gesetzlich geschützt 
und auch von den Einheimischen nicht verfolgt. Trotzdem sind sie durchaus 
nicht mehr so zutraulich als am Neste, ja es hält oft schwer, sich ihnen 
überhaupt zu nähern. Aufgetrieben fliegen sie rasch davon und lassen mitunter 
dieselben schwirrenden Töne der Flügelspitzen hören, wie unsere Schellenten. 
Auch rufen sie häufig ein lebhaftes Gägägägärrr. 

Mitte bis Ende Juli verläßt die Hauptmeuge der Duneujuugen das 
Ei. Sie sind nicht ganz so zart wie verschiedene andere Arten, weshalb 
man sie nur selten tot am Ufer findet. Trotzdem beobachtete ich innerhalb 
von etwa 14 Tagen in einer stillen Bucht bei Eeykjalid, wie eine Ente von 
ihren 8 oder 9 Jungen nur ein einziges übrig behielt. Die Alte ist sehr 
besorgt um ihre Nachkommenschaft und nun auch recht scheu. Da sie samt 
den Kleinen vortrefflich taucht, kann man ihr nur beikommen, wenn man 
sie in eine flache Bucht treibt und ihr den Eückweg abschneidet. Öfter 
läßt sie dann ihr besorgtes Grrr Gärrr hören, schwimmt bis zum Halse im 
Wasser, flattert seltner auch ein Stück darüber hin und gibt in ihrer ganzen 
Unruhe und Besorgnis das Bild treuester Mutterliebe. Die Jungen sind 
äußerst bewegliche Tiere. Selbst am Laude können sie so hurtig laufen, 
daß man schnell sein muß, um sie zu ergreifen. Dabei vernimmt man ihre 
feine piepende Stimme. Sie werden von zahlreichen großen, raschlaufeuden 
Läusen geplagt, im Wasser von Blutegeln. 

Ich gebe, weil die Dunenjungen sehr selten in europäischen Museen vorhanden 
sind, eine Beschreibung nach 5 Bälgen meiner Sammlung. Gleichaltrige Exemplare, 
auch (5 und ? , variieren wenig. Je älter die Vögel, desto bleiche!- die Färbung. Kinn, 
Kehle, Halsseiteu (selten auch Unterlials und Kropfgegend), Unterseite bis zu den 
Uiiterschwanzdecken, sowie 8 rundliche Flecken auf der Oberseite (Mitte des Obcrflügels. 
auch der größte Teil des Unterfliigels, je 2 symmetrische Flecken auf dem Oberrücken 
etwas unterhalb der Flügelflecke, am Unterrücken und zwischen diesen an den Seiten): 
reiuweiß. Die in der Mitte des Unterschnabels vorspringende Kiunbefiederung, Unter- 
hals und Kropfgegend, sowie Seiten des Oberrückens: mehr oder weniger blaß grau- 
brann. Oberseite vom Schwänze bis zum Oberhalse: dunkel rauchbraun, nach den 
Seiten zu etwas lichter. Oberkopf, Stirn, Zügel und Ohrgegend: schwärzHch rauch- 
braun, dunkelste Färbung des Körpers. — Gewicht etwa 2—4 Tage alter Vögel vom 
22. Juli 1903: 40—47 g. Gesamtlänge i. FL: 165—170 mm. Flügel (von der Achsel bis 
zum Ende der Dunen): c. 44. Schwanz: 27. Schnabellänge (von Stirnbefiederung bis 
Spitze): 13— 14. Schnabelhöhe (am Grunde): 7,5— 9. Tarsen: 20. Mittelzehe inkl. der 
5,5 mm langen Kralle: 28— 30 mm. — Iris: dunkelgrau. Schnabel: mattschwarz bis 



Glandula hyeinalis. \^l 

bleischwarz, nach der Spitze zu schwärzlich fleischfarben, Nägel rötlichgrau. Inneres: 
weißlich fleischfarben. Kinnhaut am Unterschnabel: dunkel grünlichgelb. Füße: grüulich- 
gi-au bis schmutzig grünlichgelb, Hinterseite der Tarsen, Schwimmhäute (mit Ausnahme 
eines Streifens neben den Zehen) und Sohlen: schwarz. — Mageniidialt: Sehr kleine 
Teile von Wasserpflanzen, Reste winziger Wassertierchen, Steinchen. — Auch bei diesen 
Dunenjungen bleiben die Reste des Dottersackes noch längere Zeit an dem Innern 
Balge, c. 20 mm über dem After, als häutiges Säckchen, in dem sich ein kleiner grün- 
licher Knoten befindet, deutlich sichtbar. 

Nach 5 — 6 Wochen sind die Jungen unter der Führung der Mutter 
völlig herangewachsen und flugbar geworden. Mitte September beginnen 
sie, in Scharen umherzuwandern, besuchen nun den Eyjafjördr und andere 
Buchten im Norden, streichen von hier aus auch nach dem Süden und über- 
wintern zumeist auf der Insel. Dann sieht mau die Spateleuten an warmen 
Gewässern im Innern und in geschützten offnen Meeresteilen, wo sie meist 
außerordentlich scheu sind. Eine geringe Zahl der Vögel soll freilich auch 
spät im November südlicheren Gegenden zuwandern. 

48. Clangula hyemalis (L.). 
Eiseute. 

Atias glacialis (Linn.): Faber, Prodromus, S. 70 (1822). — Harelda hiemalis: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 412 (1862). — Harelda glacialis (Linn.): 
Newton, in Baring - Groulds Iceland, p. 417 (1863). — Anas glacialis (L.): Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 51 (1895). — Harelda glacialis (Linn.): Slater, ßirds of Iceland, 
p. 66 (1901). 

Harelda glacialis (L.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 686 (1877). — Salvadori, 
(Jat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 389 (1895). — Fagonetta glacialis (L.): Winge, Gr0n- 
lands Fugle, S. 87 (1898). — Harelda hyemalis (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas X, 
S. 199 (1902). 

Isländisch: Hävella, Fövella, Föella (das Verbum vella wird nach Gröndal 
vom Rufe des Nicmenius pliaeopus gebraucht, die Namen würden also bedeuten: die 
Hochschreieude; vielleicht auch abgeleitet von haf == Meer und Erla = ein lang- 
schwänziger Vogel (vergl. Mariu-erla), oder nur Nachbildung der Stimme). 

Auchdän.: Havlit, Havlyk. Norw.: Havelle. Schwed.: Haflut. Fär.: Egvedla. 

Clangula hyemalis bewohnt zirkumpolar die arktische Region und deren benachbarte 
Gebiete, südlich ungefähr bis zur Grenze des ßaumwuchses. Sie ist verbreiteter Brut- 
vogel an den nordasiatischen Küsten, ebenso im ganzen arktischen Amerika bis hinauf 
zu den Parry-Inseln, wo sie Feilden noch unter 82 *• 27 ' antraf (Schalow). Auch Grön- 
land bewohnt sie häufig und geht hier ebenfalls bis zum Norden vor. In Europa 
brütet sie außer in Island selten auf Jan Mayen und der Bären-Insel, häufiger auf 
Spitzbergen. Gemein ist sie auf Kolguew und Nowaja Semlja. Im Winter kommen 
die Vögel u. a. in Menge an die Küsten der Ost- und Nordsee, südwärts bis zum 
Mittelländischen, Schwarzen und Kaspischen Meere, dem Baikal-See, Nordchina und 
dem nördlichen Japan, in Amerika bis zum Golf von Mexiko. 

In Island gehört die Eisente zu den häufigen Brutvögeln. Am 
Myvatn ist sie nächst der Bergente die gemeinste Art. Doch bewohnt sie 
in Menge auch viele andre tiefe und klare Seen im Innern der Insel, gelegent- 
lich selbst reißende breite Ströme. Flache Teiche und träge Flußläufe im 
sumpfigen Tieflande besucht sie aber höchstens zur Zugzeit. Am liebsten 
wählt sie zu ihrem Sommeraufenthalte nicht allzuhoch gelegene Bergseeu, 
wobei sie Örtlichkeiten, in denen Eis und Schnee erst spät im Jahre ver- 



■^C)2 Clangula hyemalis. 

schwinden, durchiiiis nicht scheut. Mitunter trifft man sie auch ziemlich 
hoch im Gcl)irge. Außerhalb der Brutzeit bewolmen die Vögel fast immer 
das Meeresgestade. 

Eine Anzahl isländischfr Exemplare meiner Sammlung, (5 «d., nicht selbst 
präpariert, zeigen folgende Maße. Flügel: 218— 222 mm. Schwanz: 212— 228. Schnabel: 
28—30. Tarsen: 35 — 36. Mittelzehe inkl. der 9 nmi langen Kralle: 54 — 56 mm. — 
O ad., ßrutvögel vom Myvatn, Ende Juli 1903. Gewicht i. Fl. : 600 — 700 g. Gesamt- 
länge'i. FL: 31)0—395. Flugbreite: 680—700. Flügel: 205—208. Schwanz: 95—97. 
Sch^wanz + Flügel: 20—40. Schnabel: 26—28. Tarsen: 32,5—34. Mittolzehe inkl. 
der 8,5—9,5 mm langen Kralle: 53—55,5 mm. — Iris: dunkelgelbbraun. Schnabel: 
schwärzlich, an den Seiten grünlich. Kehlhaiit am Unterschnabel: rötlichgrau. Inneres: 
fleischfarben. Füße: hellbleigrau; Gelenke und Hinterseite der Tarsen: dunkler; Sohlen 
und Schwimmhäute: schwärzlich. — Frisch vermausert. — Mageninhalt: Fischlaich und 
zahlreiche Steinchen. 

Im Frühjahre begegnet man der Eisente überall an den Küsten. Doch 
sah ich bis Anfang Mai in den Buchten bei Reykjavik kleine Scharen, in 
denen sich die Geschlechter getrennt hielten. Vielleicht waren dies nordische 
Durchzügler oder nicht zur Fortpflanzung schreitende Individuen. Im all- 
gemeinen kommen die Vögel schon Ende April paarweise zu ihren Brüteplätzen. 
Sie entwickeln dann bald eine große Lebhaftigkeit und streiten sich auch 
recht heftig. Dabei richten sie oft die langen Schwanzfedern schräg nach 
oben und verfolgen sich fliegend, schwimmend und laufend. Besonders die 
Weibchen werden mitunter geradezu gemißhandelt. Ich beobachtete noch im 
Juli, wie ein Erpel ein solches derartig quälte, daß es zuletzt mit knapper 
Not angsterfüllt in eine Erdhöhle flüchten konnte, wo es sich ganz erschöpft 
niederduckte und widerstandslos von mir ergreifen ließ. Auch die Stimme 
der Männchen hörte ich bis weit in die Brutzeit hinein sehr häufig. Sie ist 
nicht unangenehm und besteht in verschiedener Zusammensetzung aus kürzeren 
und gezogeneu A und Au, etwa a au a. Nicht selten werden diese Töne 
auch mit einem hohen S-Laut untermischt. Von den Weibchen vernahm ich 
nur leise Wed, Wad oder Wud. Im Sommer hört man die Rufe der Vögel 
nicht bloß am Tage, sondern auch fast die ganze Nacht hindurch. Erst 
wenn die Jungen ausgeschlüpft sind, werden die Alten stiller. 

Das Nest wird zwischen hohen Gräsern und schützenden Pflanzen, am 
M;f vatn sehr gern unter Gesträuch verborgen. Das Weibchen scharrt manchmal 
selbst eine Mulde, andermal benutzt es eine natürliche Vertiefung oder Gesteius- 
spalte. In diese bringt es wenig feine Halme oder Blätter, später aber einen 
dicken hellbraunen Dunenbeutel. Die Zahl der p]ier beti-ägt in normalen 
Gelegen 5 — 8, doch sah ich auch 10 Dunenjunge bei einem Weibchen. Die 
Ablage erfolgt ziemlich unregelmäßig, beginnt nicht selten schon in der 
2. Hälfte des Mai — Faber fand Eier im Südlande am 18. d. M. — dehnt 
sich aber durch natürliche Verhältnisse und Wegnahme bis Anfang Juli aus. 

Einige Exemplare meiner Sammlung vom Myvatn zeigen folgende Maße: 
56,2 X 37,5 mm (3,4 g). 55,2 x 37,5 (3). 54,5 x 39,5 (3,3). 53,2 x 38 (3,4). 53 x 39 
(3,4). 53 X 37,5 (3,1). 52 x 39 (3,1). 52 x 37.5 (3). 51,2 x 40 (2,8). 51 x 36,5 (2,9). 
49,5 X 37 (3,2). 49,5 x 36,5 (2,7). 49 x 35,5 (2,6). — Das Vollgewicht von mir unter- 
suchter Eier schwankte zwischen 38 und 45 g. 



Clangula hyemalis. ]^93 

Das Weibchen brütet etwa 3\!^ Wochen allein. Wohl treiben sich die 
Männchen vielfach in der Nähe der Nester umher, doch erkennt man dabei 
nicht, ob sie wirklich die Sorge um Gattin und Nachkommenschaft dahin 
führt. Im Juli vereinigen sich die meisten Erpel zu großen Scharen. Ich 
sah im nordwestlichen Teile des M^vatn Haufen von 3 — 400 auf dem Wasser 
liegen, unter die sich freilich einzelne Individuen anderer Arten mischen. 
Auch scheinen zahlreiche jüngere Vögel überhaupt nicht zur Fortpflanzung 
zu schreiten, sondern sich den ganzen Sommer über auf dem See umher- 
zutreiben. Die alten Weibchen sitzen unterdessen auf ihrem Neste und ver- 
lassen dieses gegen Ende der Brutzeit erst dann mit raschen Flügelschlägen, 
wenn man sich bis auf wenige Schritte genähert hat. Doch fallen sie sehr 
bald wieder ein und rufen ängstlich ihr warnendes Wetwet. 

Kiemschneider traf die ersten Dunenjungen schon am 22. Juni (Ornith. 
Monatsschr. 1896, S. 315), Krüper am 28. d. M. (Naumannia 1857, S. 46). 
Auch Faber und andere berichten ein derartig frühes Auskommen. Ich sah 
am Myvatn noch Mitte bis Ende Juli überall kaum ausgeschlüpfte Junge. 
Viele fand ich auch auf der Nordwestseite des Sees tot. Die Tierchen 
sind recht lebhaft und geschickt, tauchen gemeinsam mit ihrer Mutter und 
schwimmen schnell unter und auf dem Wasser. Bei Sturm und Regen führt 
sie die sorgliche Alte aus Land. Hier fallen sie in dem zerklüfteten Ufer 
mitunter in Löcher, aus denen sie nicht wieder heraus können. Einmal fand 
ich 3 der Tierchen in einer solchen mit Wasser gefüllten kesselartigen Ver- 
tiefung und die lebhaft rufende Alte mit 4 weiteren auf dem See. Ich 
holte die Gefangenen heraus, worauf sie eilig zu der Mutter schwammen. 
Ihre Stimme ist ein feines Piepen. 

Das Dunenjunge der Eisente hat Ähnlichkeit mit dem der Spatelente, die 
Unterseite ist jedoch nicht so rein weiß, die Oberseite mehr dunkel braungrau, auch 
fehlen die weißen Flecken. (5 und $ zeigen keinerlei auffälligen Unterschied. Das 
kleinste Exemplar meiner Sammlung (Eizahn noch auf der Schnabelspitze), ein cj pull, 
vom 2. August 1903, zeigt folgende 3Iaße. Gewicht i. Fl.: 22 g. Gesamtlänge 1. Fl.: 
120 mm. Schnabellänge: 10. Schnabelhöhe: 5,5. Tarsen: 16. Mittelzehe : 21,5. — 
Iris: dunkelgelbbraun. Oberschnabel: schwärzlich. Nagel: braun. Nasenlöcher: länglich, 
dunkel. Unterschuabel: heller, teilweise lleischfarben. Schnabelinneres: weißlich fleisch- 
farben. Füße: schmutzig olivengrün; hintere Tarsen, Schwimmhäute (mit Ausnahme 
eines Streifens neben den Zehen) und Sohlen: mattschwarz. 

Nach ungefähr 5 Wochen sind die Jungen richtig befiedert und flugbar. 
Die Männchen gesellen sich nun wieder zu ihren Familien, einige Zeit noch 
sti-eifen die Vögel scharenweise an günstigen Stellen der Brutgewässer umher 
und verschwinden endlich aus der Gegend, selten später als Anfang bis 
Mitte September. Sie kommen nun an das Meer, besuchen oft zu Hunderten 
geschützte Buchten, verlassen aber zum großen Teil unsere Insel, nach Fabers 
Beobachtungen spätestens Mitte Oktober. Eine Anzahl überwintert freilich 
an der Küste. Ja Gröndal sagt, die Eisenten wären bei Reykjavik gerade 
im Winter häufig und würden oft daselbst erlegt (Oruis II, S. 366). Ob 
es sich hierbei aber um isländische Brutvögel oder um Wintergäste und 
Durchzügier aus Spitzbergen und Grönland handelt, ist schwer zu entscheiden. 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. 13 



j^g^ Histrionicus histrionicus. 

49. Histrionicus histrionicus (L.)- 
Krageiiente. 

Anas histrionica (Linn.): Faber, Prodromus, S. 73 (1822). — Harelda histvionica: 
Prcyer (&, Zirkel), Reise nach Island, S. 411 (1862). — Histrionicus torqriatus Bonap. : 
Newton, in Baring-Goulds Iceland. p. 417 (1863). — Glaucion histrionicuvi (L.) : Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 50 (1895). — Cosmonetta histrionica (Linn.): Slater, öirds of 
Iceland, p. 68 (1901). 

Glaucion histrionicum (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 685 (1877). — Cosmo- 
netta histrionica (Linn.): Salvador!, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 395 (1895). — Winge, 
Grönlands Fugle, S. 84 (1898). — Histrionicus kistrio7iiciis {L.):^a.uma.uu, Vögel 3Iittel- 
europas X, S. 212 (1902). 

Isländisch: Straumöad (vom straumr = Strom, Strömung), seltner Briraönd, 
Brimdüfa (von brim = Brandung, düfa = Taube). 

Auch deutsch: Stromente. Dan.: Stremand. Xorw. & schwed. : Strömand. 
Fär. : Brimondt. 

Histrionicris histrionicus bewohnt die nearktische Kegion, etwa bis 45° südwärts, 
und einige benachbarte arktische Gebiete. In Grönland brütet er nicht selten an der 
Westküste, wenigstens bis Upernivik nordwärts, in geringer Zahl auch au der Ostküste. 
In Europa soll er außer auf Island vereinzelt im Ural, im Gouvernement Yaroslaw 
(Sabanäeff) und bei Archangel (Henke) brütend gefunden worden sein. Sicher bewohnt 
unsere Art Ostsibirien von Kamtschatka bis zum Baikal-See. "Wandernde Exemplare 
haben sich selten in den mittleren Breiten Europas, u. a. auf den Britischen Inseln 
und Färöern, gezeigt, in Asien bis Japan, in Amerika bis Kalifornien hinab. 

In Islaud ist die Kragenente ein über die ganze Insel verbreiteter 
Brutvogel, der die großen, tiefen und rasch sti-ömenden Gewässer zu 
seinem Sommeraufenthalte wählt. Gibt es inmitten solch reißender Ströme 
Pflanzenreiche Inseln, so darf man sicher damit rechneu, unsere Art daselbst 
zu finden. Mehr als 12 — 15 Paare brüten aber auch an den günstigsten 
Örtlichkeiten kaum beisammen. Weniger gern bewohnen unsere Vögel die 
Ufer der Flüsse. Außerhalb der Brutzeit trifft man sie meist au den 
Mündungen der Gewässer oder im Meere selbst. 

Eins der von mir präpaiierten Exemplare meiner Sammlung, (5 ad.. Brutvogel 
vom 17. Juni 1903 (Hörgardal), zeigt folgende 3Iaße. Gewicht i. FL: c. 750 g. Gesamt- 
länge i. Fl.: c. 445 mm. Flügel: 200. Schwanz: 115. Schwanz -j- Flügel: 55. Tarsen: 38. 
Mittelzehe inkl. der 7 mm langen Kralle: 56 mm. — Iris: braun. Schnabel: bleigrau 
(bei jüngeren Individuen dunkler). Füße: rötlichgrau (bei jüngeren grünlichgrau), 
Hinterseite der Tarsen, Schwimmhäute und Sohlen: schwarz. — Mageninhalte: Spindeln 
und vollständige E.xemplare von Littorinideu, größere Krustaceen, zahlreiche meist un- 
versehrte und vielfach noch durch Kittsubstanz an einander geheftete kugelige Eier 
eines Knochenfisches, 2 mm im Durchmesser. Außerdem noch viele schwarze, ver- 
hältnismäßig große und z. T. scharfkantige Steinchen bis 6 mm Länge und 0,16 g Ge- 
wicht (W. Baer). 

Die Kragenente ist im allgemeinen Stand- oder Strichvogel in 
Island. Im zeitigen Frühjahre begegnet man ihr am häufigsten dort, wo 
ein reißender Strom ins Meer mündet. Es war mir ein reizvoller Anblick, 
als icli am 15. ]\Iai bei Hvammr etwa ein Dutzend der Vögel beiderlei 
Geschlechts an einer derartigen Stelle traf und hier zum ersten Male längere 
Zeit beobachten konnte. Das ganze Mündungsgebiet dos Flusses bot ein 
Bild wüster Unordnung. Mächtige Eisschollen, die von der Strömung mit- 
gebracht waren, hatte die Dünung des Meeres wieder zurückgeworfen und 



Histrionicus histrionicus. 195 

wirr durcheinander aufgetürmt. Zwischen den im Sonnenscheine blitzenden 
Massen schäumte rauschend der grünliche Strom. Wie belebend wirkten 
da unsere Enten, die behaglich ihre Federn putzend auf den Eisschollen 
saßen! Eigentlich scheu fand ich die Krageneute nie. Als ich mich damals 
den Vögeln näherte, glitten sie zwar auch ins Wasser und schwammen und 
flogen sogar ein Stück davon, kaum aber weiter als auf Schrotschußentfernung. 

Die Fähigkeit uusrer Art, gegen starke Strömung zu schwimmen, ist 
mitunter ganz auffällig, bereitet aber den Vögeln scheinbar keine besonderen 
Schwierigkeiten. Deshalb fliegen sie auch außerhalb der Strichzeit nur selten 
größere Strecken und erheben sich für gewöhnlich kaum einige Meter über 
das Wasser. Deutlich kann man oft den allmählichen Übergang vom 
Schwimmen zum Fluge beobachten. Zunächst nehmen die Beinbewegungen 
an Schnelligkeit zu. Die Körperhaltung nähert sich der fliegenden, indem 
Kopf und Hals vorgestreckt und fast auf das Wasser gelegt werden. Die 
weit nach hinten gehaltenen Beine bewegen sich nur noch wenig, jedoch 
immer rascher und gleichartig, wodurch das Schwimmen ein stoßweises wird. 
Einige mit den Beinbewegungen entstehende Flügelzuckungen verstärken 
sich zu Avirklichen Flügelschlägen, doch berührt der hintere Teil des Unter- 
körpers noch auf Augenblicke das Wasser. Die Bewegungen der Beine 
nehmen in derselben Weise ab, wie sich die der Flügel vermehren und 
hören endlich ganz auf. Umgekehrt geschehen die Wechselbewegungen der 
Gliedmaßen beim Niederlassen auf dem Wasser. 

In der zweiten Hälfte des Mai schwimmen die Vögel die Ströme auf- 
wärts nach ihren Brutinseln. Die Paare halten getreulich zusammen, sind 
aber auch gegen andere ihresgleichen verträglich. Oft umschwimmt das 
Männchen seine Gattin mit lockendem Giä, wobei es den kurzen und starken 
Hals aufrichtet und die Federn des ebenfalls durch harte schwärzliche Fleisch- 
wülste im oberen und hinteren Teile bedeutend verdickten Kopfes sträubt. 
Das Weibchen antwortet etwas leiser mit demselben Eufe. Dazu nicken die 
Vögel beständig, was sie weniger auffällig auch sonst beim Schwimmen tun. 
Naht eine Gefahr, so rufen sie warnende feine Dtt oder weiche Da, beim 
Abfliegen mitunter erschi'ockene Gäg gVig gäg. 

Das Nest wird am liebsten unter Buschwerk in der Nähe des stark 
strömenden Wassers, auf kahlen, felsigen Inseln auch nur in geschützten 
Vertiefungen, weniger gern am grasigen Ufer errichtet. Oft brüteji in 
unmittelbarer Nachbarschaft noch andere Entenarten; auf einer gar nicht 
großen, mit Sträucheru und Angelikastaudeu bedeckten Insel in der Läxa bei 
dem Hofe ]:>erä beobachtete ich z. B. noch Aethya marila, Mareca pejielo2ye, 
Nettion crecca und Men/us serrator. Das Weibchen begibt sich meist laufend 
zu dem Nistplatze, wobei es immerfort sichernd ziemlich rasch und geschickt 
dahineilt. Das Nest selbst besteht aus Pflanzenstoffen der Umgebung, gewöhnlich 
aus einer nicht allzugroßen Menge von Halmen und Blättern. Später wird 
es reichlich mit grauen Dunen ausgekleidet, die sich natürlich mehr oder 
weniger stark mit den Pflanzenstoöen untermischen. Es enthält im Juni, 
häufig erst in der 2. Hälfte des Monats, 5—10 Eier. Doch bekam Dr. Ottoßou 

13* 



igg Histriüiiicus histrioiiicus. 

ein Gelege zu 8 Stück aus der Gegend des Myvatn vom 30. Mai 1898 (in litt.). 
Werden die Eier weggenommen, was nicht selten geschiebt, so verlängert 
sicli die Zeit der Ablage bis Anfang Juli. Pearson erhielt ein noch frisches 
Gelege am 18. Juli (Ibis 1895, p. 244). 

Einige isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 58x43 mm 
(3.7 g). 57,5x42,5 (3,6). 57,2x43,2 (3,4). Weitere im Zoologischen Museum zu 
Dresden: 58,2x43 (3,G). 58x42,5 (3,8). 56,2x41,5 (3,3). 

Das AVeibchen brütet etwa S'/a Wochen allein. In Gegenden, wo nur 
einzelne Paare leben, wie z. B. im Mündungsgebiete der Fnjdska, bleibt der 
Krpel regelmäßig in der Nähe der Gattin, ja er legt bei Annäherung eines 
Menschen durcli ängstliches Gebaren seine Besorgnis für sie au den Tag, 
sucht sogar durcli besondere Zutraulichkeit die Blicke auf sich zu lenken. 
Anderwärts vereinigen sicli die Männchen zu kleinen Scharen, verlassen aber 
das Brutgebiet nicht. Faber fand die ersten Dunenjungen Anfang Juli: 
icli sah kleinere und größere am 16. d. M. Das Weibchen führt die geschickt 
schwimmenden und tauchenden Tierchen an die ruhigeren Stellen im Flusse. 
Zwar benimmt sich die Familie nicht besonders scheu, doch ist es immerhin 
schwierig, der Jungen habhaft zu werden, da man im Schwimmen geschossene 
Exemplare selten aus der Strömung herausbekommen kann. Das Weibchen 
übernimmt die Führung der Jungen allein, doch zeigt sich das Männchen 
nicht selten, sobald ernstliche Gefahr droht. Faber gibt als Zeit für die 
Dunenperiode 40 Tage an, was meiner Beurteilung nach zu reichlich bemessen 
ist. Ich sah völlig erwachsene, scheinbar flugfähige Junge neben halb- 
wüclisigeu bereits am 5. August bei ]5erä au der Laxä, konnte auch trotz 
der Unterstützung des Hofbesitzers in der Umgebung der ßrutinsel keine 
Dunenjungen mehr finden, obwohl ich am 16. Juli ebendaselbst noch ganz 
kleine gesehen hatte. 

Ende August, Anfang September füliren die Weibchen, denen sich die 
Männchen oft wieder anschließen, ilire Nachkommenschaft allmählich sti'om- 
abwärts dem Meere zu. Meist verbringen die Vögel hier in kleineren Scharen 
den Winter, streichen auch gelegentlich ein Stück die Küsten entlang, wobei 
sie besonders die milderen südlicheren Teile der Insel, z. B. auch die Vest- 
mannaeyjar, aufsuchen. Nur wenige Exemplare scheinen Island ganz zu 
verlassen. 

50. Somateria spoctabilis (L.). 
Prachteiderente. 

Anas spedahilis (Linn.): Faber, Prodromus, S. 67 (1822). — Somateria spectabiUs 
L.: Preyer (& Zirkel). Reise nach Island, S. 431 (1862). — Somaferia S2)ectabilis (L.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 417(1863). — Somatheria spcdabilis (L.): Grön- 
dal, islenzkt fuglatal, bis. 49 (1895). — Sotnateria spectabilis (Linn.): Slater, Birds of 
Icelaud, p. 73 (1901). — Somateria spectabilis L.: Ssemundsson, Zoolog. Meddel. fra 
Island, S. 19 (1905). 

Sotnateria sjyectabilis (L.): Collin, Skandinaviens Fugle. S. 693 (1877). — Salva- 
dori, Cat. Birds Brit. Mus. XXYII, p. 432 (1895). — Winge, Grenlands Fugle, S. 108 
(1898). — Naumann, Vögel Mitteleuropas X, S. 236 (1902). 



Somateria spectabilis. 197 

Isländisch: -^darköngur (= Eiderkönig), Elikaköngur (von bliki = Männchen 
des Eidervogels). 

Auch deutsch: Eiderköuig, Königseiderente. Dan.: Konge - Ederf ugl. Norw.: 
Ekonge. Erkonge. Schwed.: Aderkong. Engl. : King- Eider. Fär. :Eävekongur. Aedukongur. 

Somateria spectabilis bewohnt zirkumpolar die arktische Region. Als ihre Brut- 
gebiete kennt man Spitzbergen, Kolguew, Nowaja Semlja, Dolgoi, Waigatsch, die Insel- 
gruppen längs der sibirischen Küste bis Tschuktschen, ebenso auch die arktischen 
Gebiete Amerikas bis etwa zum 60. Grade hinab, in Grönland besonders vom Polar- 
kreise an nordwärts. Feilden traf unsere Art auf Grinnell-Land noch an der Floeberg- 
Eeach unter 82° 27' als Brutvogel (Schalow). In der kälteren Jahreszeit zeigen sich die 
Vögel vereinzelt an den Küsten Norwegens, Dänemarks, Deutschlands, auf den Britischen 
Inseln, Orkaden, Färöern, südwärts bis Italien, Virginien, Kalifornien und den Kurilen. 

Für Island kann die Prachteiderente nur als gelegentlicher Gast 
und wahrscheinlich seltner Brutvogel bezeichnet werden. Doch ist sie 
vielerorts bekannt, weil sie zumeist die Gesellschaft gewöhnlicher Eiderenten 
aufsucht und deshalb, wenigstens in männlichen Individuen, nicht so leicht 
übersehen wird. Mitunter zeigen sich die Vögel im Winter. So erzählt 
Faber, daß am 25. Dezember 1820 ein altes Männchen nach heftigem Sturme 
bei Eyrarbakki tot ans Land gespült wurde. Auch Gröndal berichtet von 
der Erlegung eines Exemplars am 2. Februar 1887 bei Reykjavik (Ornis IX, 
S. 89). P. Nielsen schrieb mir, daß man am 21. November 1888 ein Weibchen 
lebendig bei Eyrarbakki fing und ihm brachte; einige Jahre später wurde 
in derselben Gegend ein toter Vogel, gleichfalls ein Weibchen, ans Land 
getrieben. Ssemundsson beobachtete ein einzelnes Männchen, das später 
geschossen wurde, am 30. Dezember 1903 auf dem Strande bei Reykjavik. 

Gelegentlich kommt unsere Art auch während des Sommers vor, doch 
scheint es sich in den meisten Fällen um einzelne Individuen zu handeln, 
die nicht zur Fortpflanzung schreiten. Im allgemeinen werden natürlich 
nur die auffälligen Erpel erkannt. Nach der Ansicht vieler ungebildeter 
Isländer ist der Vogel überhaupt nichts anderes, als ein sehr altes Männchen 
der gewöhnlichen Eiderente, das, nicht mehr fortpflanzungsfähig, sein Äußeres 
verändert und eine herrschende Stellung in der Kolonie gewinnt. Bei meinen 
Erkundigungen wurde mir von verschiedenen Besitzern von Eiderbrutplätzeu 
im Eyjafjördr übereinstimmend versichert, daß sich in manchen Jahren ein 
einzelner Eiderköuig bei der Kolonie aufJiielte, der aber nicht gepaart sei, 
was sich sehr wohl feststellen läßt. Dabei scheint es sich fiist immer um 
ausgefärbte Männchen zu handeln. Auch sollen derartige Vögel mitunter 
jahrelang bei derselben Kolonie bleiben, sich außerdem herrschsüchtig und 
selbstbewußt zeigen, was auf alte Individuen schließen läßt. P. Nielsen teilte 
mir auch mit, daß sich bei Kollafjördr (Stranda-S^sla) sowohl im Sommer 1884 
als 1885 eine ganze Anzahl Prachteiderenteu bei der gewöhnlichen Art ein- 
stellten. Sie kamen mitten in der Brutzeit, legten aber selbst keine Eier. 
Baring-Gould sah 1858 einen Balg von Somateria spectabilis in Akureyri 
(Iceland, p. 417). Gröndal erhielt Nachricht von einem Vorkommen der Art 
bei Vigur im Westlande (Ornis II, S. 306). 

Ich selbst beobachtete ein vollkommen ausgefärbtes Männchen am 
18. Mai 1903 in dem vereisten Nordurfjörcli- (Stranda-S^sla) und ein ebensolches 



j^gg Somateria spectabilis. 

am 25. Mai hoi Hjalteyri. Auch dieses trieb sich in geringer Entfernung 
vom Laude unter etwa 30 Eidervögeln umher. Es zeichnete sich nicht allein 
durch sein Äußeres, sondern schon durcli Haltung und Bewegung von seinen 
Verwandten aus. Mit aufrecht getragenem, zeitweise sogar hintenübergeneigiem 
Kopfe und gelüfteten Flügeln schwamm es unruhig umlier, verfolgte sowohl 
die Weibchen, als auch die alten und selbst die jüngeren gescheckten Männchen 
der P]idervögel, ohne auf Widerstand zu stoßen. Seine Stimme ließ das 
erregte Tier mehrmals hören. Sie klang ähnlich dem behaglichen Uau der 
Eiderenteriche, aber kürzer, stürmischer und hölier im Tone, etwa ua. loh 
beobachtete den Vogel wenigstens eine Stunde lang. Ab und zu wurde er 
ruhiger und tauchte nahrungsuchend unter. Ein Weibchen der Art konnte 
ich auch hier nicht entdecken. AVeil ich vermutete, der Vogel hielte sich 
dauernd an einem der benachbarten Eiderbrutplätze auf, versuchte ich nicht 
ihn zu schießen. Leider bekam ich das Tier nicht wieder zu sehen. Vielleicht 
war es dasselbe Individuum, das Anfang Juni auf Grimsey erlegt und an 
J. V. Havsteen in Oddeyri verkauft wurde. 

Ab und zu werden neben den Männchen auch Weibchen der Art beob- 
achtet, die gelegentlich gebrütet haben sollen. Dies wurde mir im Nord- 
lande mehrfach versichert, doch liegen nur sehr wenige genauere Notizen 
hierüber vor. Faber berichtet, daß ein Paar unter den zahllosen Eiderenten 
der Insel Videy bei Reykjavik 1819 und 1820 sich fortpflanzte, und Thiene- 
mann schreibt, daß ihm Mitteilung von dem Brüten eines Paares im Sommer 
1829 zugegangen sei (Fortpflanzung der Vögel Europas, V, S. 37, 1838). 
P. Nielsen teilte mir ebenfalls mit, daß er ab und zu von einem paarweisen 
Vorkommen unsers Vogels gehört habe. Im Juni 1887 z. B. hielt sich ein 
solches bei einer kleinen Eiderentenkolonie östlich von Eyrarbakki auf und 
zog wahrscheinlich Nachkommenschaft groß (in litt.). Durch Duuenjunge 
beglaubigte Angaben über ein Brüten von Somateria spectabilis auf unserer 
Insel fehlen aber bis jetzt noch völlig. 

51. Somateria mollissima mollissima (L.). 
Eiderente. 

Anas mollissima (Linn.) : Faber, Pro3romus, S. 68 (1822). — Somateria mollissima 
Leach.: Preyer (& Zirkel), Eeise nach Island, S. -406 (1862). — Somateria mollissima 
(Linn.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 417 (1863). — Somatheria mollissiina 
L.: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 49 (1895). — Somateria mollissima (Linn.): Slater, 
Birds of Iceland, p. 70 (1901). 

Somateria mollissima (L.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. G90 (1877). — Salvadori, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 425 (1895). — Somateria mollissima (L.) typica : Wmge, 
Grönlands Fugle, 8.94(1898). — Somateria mollissima (L.): Naumann, Vögel Mittel- 
europas X, S. 223 (1902). 

Isländisch: JVAur (Etymologie unklar), alte Formen JEd, iEdr, (= Ader, 
Wasserader), Ji)darfugl, -.Edifugl; Bliki, ^Edarbliki (von blika = blinken, glänzen) für 
das 5 ; .^Edarkolla (vcn kollr = Koller, Kopf) für das ? ; ^Edaruugi für das Junge. 

Auch deutsch: Eider, Eidervogel. Dan.: Ederfugl, J&rfugl. Norw.: Efugl, Ar, 
Arfiigl. Schwad.: Ejder, EJderfägel, Ar. Ädra. Engl.: Eider Duck. Fär.:Eäva. ^da; 
Blikur (cJ). 



Somateria mollissima inollissima. J^99 

Somateria mollissima mollissima bewohnt die Küsten des nordwestlichen Atlan- 
tischen Ozeans und die angrenzenden arktischen Gebiete. Ihre Verbreitung scheint 
von Island, vielleicht von Ost^rönland, ))is zu den Küsten des Karischen Meeres zu 
reichen. Die Eiderenten Spitzbergens sollen nach Malmgren eine besondere kleinere 
Rasse bilden (S. m. thulensis), die daselbst Standvogel ist und wahrscheinlich auch 
auf Franz- Joseph -Land vorkommt. Die typische Art brütet besonders auf Nowaja 
Semija, Waigatsch, Kolguew, der Bären-Insel, Jan 3Iayen, Mevenklint, Nordrußland, 
Skandinavien, Dänemark, Sylt, Schottland samt den benachbarten Inseln bis zu den 
Färöern. In den meisten Gegenden ist sie Stand- oder Strichvogel; einzelne Individuen 
wandern südwärts bis Ungarn, Italien und Südfrankreich. — An den atlantischen Küsten 
Nordamerikas, etwa von Maine bis Neufundland und dem südlichen Labrador, brütet 
S. m. dresseri Sharpe, im benachbarten arktischen Gebiete, wenigstens von Westgrönland 
bis zur ßepulse-Bai, S. m. borealisBrehm. Im Nordpazifischen Ozean und dem benachbarten 
Eismeere, vom westlichen Amerika bis weit an der sibirischen Küste entlang, findet sich 
S. m. v-nigra (Gray). Die genaueren Verbreitungsgrenzen der nach Bälgen doppelt schwer 
unterscheidbaren geographischen Formen sind noch nicht genügend festgestellt. 

In Island gehört die Eiderente zu den gemeinen Brutvögeln, die 
sich an allen geeigneten Küsten, vorzugsweise im Westen und Norden, in zahl- 
reichen kleinereu und größeren Kolonien findet. Zufolge des besonderen 
Schutzes, den man ihr überall angedeihen läßt, scheint ihre Zahl sich langsam 
zu vermehren. Der Export von Eiderdunen, die aus der Umgegend gebracht 
wurden, erstreckte sich, wie mir HeiT Konsul Thomsen in Eeykjavik freund- 
lichst mitteilte, im Jahre 1902 auf folgende Küstenplätze (die dahinter- 
stehenden Ziffern bedeuten die Pfundzahl (1 Pfund = ^2 ^^S) ^^^r exportierten 
Dunen): Reykjavik (841), Borgarnes (177), Ölafsvik (8)", Stykkisholmr (964), 
Flatey (721), Isafjörclr (328), Reykjarfjördr (220), Halmavik (700), Bordeyri 
(100), Hvammstangi (38), Blönduös (40), Skagaströud (113), Saudarkrökr 
(53), Haganesvik (81), Akureyri (35), Svalbardseyri (92), Hüsavik (218), 
Köpaskerva (205), Raufarhöfn (34), jMrshöfn (253), Vopnafjördr (87), Bakka- 
gerdi (3), Seydisfjördr (126), Eskifjördr (75), Faskrüdsfjördr (63), Berufjördr 
(232), Hornafjördr (99). 

Die von mir aus nächster Nähe lebendig, sowie die tot besichtigten isländischen 
Eidervögel mußte ich für S. m. mollissima bestimmen, obwohl je nach Jahreszeit und 
Alter die Färbung der Brust und des Schnabels bei den Männchen ein wenig wechselt. 
Vögel, die ich als gut charakterisierte S. m. horealis hätte ansprechen müssen, sind mir 
niemals vorgekommen. 2 ausgefärbte Exemplare meiner Sammlung, die ich am 7. Mai von 
einem Fischer bei Reykjavik frischgeschossen kaufte, kennzeichnen sich wie folgt. (5 ad. 
Gewicht i. Fl. : fast 3 kg. Gesamtlänge i. Fl. : c. 600 mm. Flugbreite : c. 920. Flügel : 278. 
Schwanz: 113. Schnabellänge: a. von der am weitesten auf der Stirn vorspringenden Be- 
fiederung an bis zur Spitze: 49; b. von der bis unter die Nasenlöcher vorspringenden Feder- 
schneppe an: 34; c. von der neben der Stirn am weitesten zurückspringenden Stelle des 
Oberschnabels an: 67. Tarsen: 52. Mittelzehe inkl. der 12 mm langen Kralle: 90 mm. — 
Iris: graubräunlich. Oberschnabel: schmutzig olivgrün, am Grunde gelblichgrün. Nägel 
und Unterschnabel: hornbräunlich. Füße: schmutzig gelblichgrün. Sohlen und Schwimm- 
häute : schwärzlich. — ? ad. Gewicht!. Fl. : reichlich2i/2 kg. Gesamtlänge i. FL: c. 580mm. 
Flugbreite : c. 900. Flügel: 275. Schwanz: 119. Schwanz -f- Flügel : 55. Schnabel: a. 50; 
b. 32; c. 65,5. Tarsen: 49. Mittelzeheinkl.der 11, 4 mm langen Kralle :78 mm. — Iris: grau. 
Schnabel: düster olivgrün. Füße: gelblichbraun. Sohlen und Schwimmhäute: schwärzlich. 

Die Eiderenten sind in Küstengebieten, die während des Winters nicht 
zufrieren, oft wahre Standvögel, anderwärts Strichvögel, die aber zeitig 
im Frühjahre nach ihren Brutplätzen zurückkehren. Als solche wählen sie 



200 



Somateria mollissima mollissima. 



Inseln und Halbinseln oder auch gewöhnliche Uferpartien, die mit Gräsern, 
Heidegesträuch und andern Pflanzen bedeckt sind. Selten nur brüten sie 
auch auf kahlen Klippen. Besonders häufig findet man Brutkolonien im 
Mündungsgebiete der Flüsse, mitunter auch an kleinen Lagunen und Süß- 
wasserteichen in der Nähe des Meeres. Die Vögel lieben ()rtlichkciten, die 
einen freien Ausblick gestatten und bevorzugen in der Regel solche, die 
nicht erheblich über den Wasserspiegel ragen. Auf Grimsey freilich bewohnen 
sie alle Teile des grasigen Plateaus, das ja stellenweise eine Höhe von über 
100 m erreicht. Von hier aus können sie sich nur fliegend ins ]\Ieer begeben 
und haben zum Teil einen recht weiten AVeg dahin. Sie sind aber, wie auch 
viele andere Vogelarten, an gewissen seit Jahrhunderten schon benutzten 
Brutplätzen durchaus nicht wählerisch, während sie zalilreiche scheinbar 
günstige Gebiete nicht besiedeln wollen. Vielfach errichtet man inmitten 




Fig. 26. Kolonie von Somateria mollissima in Südwest-Island. 



der Kolonien Stangen, an die bunte Zeugstreifeu geheftet werden, um die 
Raubvögel fernzuhalten und die Enten selbst herbeizulocken (Fig. 26). 

Im zeitigen Frühjahre liegen unsere Vögel in der Nähe der Brutplätze 
auf dem Meere, schwimmen in langen Ketten den leichten Wellen entgegen 
und tauchen ab und zu unter, um kleine Tiere von den Seepflanzen abzulesen 
oder vom Grunde aufzunehmen. Ich fand im Magen der von mir präparierten 
Vögel große Mengen Fisclilaicli, kleine Schneckenhäuser, zumeist Littoriniden, 
und Stücken von Pfahlmuscheln. Mitunter richten sich einzelne Vögel flügel- 
schlagend im Wasser auf Dann kommt die schwarze Färbung der schmucken 
Männchen deutlich zum Vorscheine, die sonst nur wenig an den Seiten 
sichtbar ist. Häufig vernimmt man auch die Stimme der Erpel, gähnend 
gezogene Au, AVau, Won, Ua, üauu und ähnlich. Diese Rufe gehen häufig 
in ein behagliches Brummen über. Von vielen Vögeln gleichzeitig halbe 
Stunden lang hervorgebracht, geben die Laute einen äußerst charakteristischen 
Zusammenklang, der an stillen, sonnigen Frühlingstagen oft kilometerweit 
zu hören ist. Untereinander sind die Eiderenten vei-ti'äglich, selten, daß sich 



Somateria niollissima mollissiiiia. 201 

die Ei-pel ein wenig herumtreiben oder durch besonders lautes Rufen ihre 
Erregung und Eifersucht zu erkennen geben. Lieber schwimmen sie stolz 
erhobenen Hauptes und mit leicht gelüfteten Flügeln den sanften braunen 
Weibchen nach, stimmen die wunderliche Musik au und zeigen eitel die 
Schönheit ihres im Sonueuscheine leuchtenden Gefieders, um freiwillig zu 
erhalten, was ihnen nach dem Rechte des Stärkeren schon zukommen muß. 
Tritt die Ebbe ein, so begeben sich alle Vögel zum Sti-ande, setzen sich bei 
ruhigem Wetter auf die nun trocken gelegten Klippen und Steine, bei Sturm 
an geschützte Lieblingsplätze weiter hinauf am Lande, putzen das Gefieder 
und ruhen. Überrascht man sie dann, vielleicht in einer engen Meeresbucht, 
so flattert die Schar erschrocken ins Wasser, kehrt aber nach kurzer Zeit 
mit beruhigtem Brummen wieder ans Land zurück. 

Im Mai sieht man die Vögel regelmäßiger und längere Zeit an ihren 
Brutplätzen. Das Weibchen sucht sich eine natürliche Vertiefung, die es 
reiuigt und wenn nötig noch erweitert. In diese bringt es, gelegentlich 
unter Mithilfe des Männchens, nicht allzuviele trockene Pflanzenstengel, 
Halme und Blätter. Doch füttert es später die Nestmulde mit einer 
bedeutenden Menge brauugrauer Dunen aus, die einen etwas helleren Kern 
besitzen. Manchmal findet man das Nest im Rasen, andermal zwischen 
Heidegesträuch, auf Grimsey gern auch inmitten kleiner schützender Stein- 
wälle, die wohl besonders für diesen Zweck hingebracht sind. Auf Videy 
bei Reykjavik und anderwärts sollen die sehr wenig scheuen Weibchen ihr 
Nest auch in unmittelbarer Nähe der Häuser, ja gelegentlich auf dem gras- 
bewachsenen Dache derselben errichten. An den von mir besuchten Eider- 
brutplätzen waren die Nester über weite Flächen verstreut und nirgends 
unmittelbar beieinander. Doch soll dies auf engbegrenzten Holmen auch 
vorkommen. 

Im Eyjafjördr begann 1903 die Ablage der Eier im allgemeinen Mitte 
Mai. Die Hauptlegezeit war zu Ende des Monats. Mitte Juni brüteten 
auch dort, wo einige Eier weggenommen wurden, die meisten Weibchen. 
Bedeutend verzögert sich das Brutgeschäft auf Grimsey. Wohl findet man 
hier die ersten Eier auch schon Anfang Juni, doch beobachtete ich noch 
T^jifang Juli legende Vögel. Diese Verspätung wird nur teilweise durch 
Wegnahme der Eier bedingt. Normalgelege bestehen aus 5 — 7 Stück. In 
Nachgelegen brüten die Vögel nicht selten auch nur 3 oder 4 Eier aus. 

Einige Grimseyer Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße. Gel. 4, 
frisch: 81,5 X 51,2 mm (voll 121, leer 9,7 g), 80x53 (119, 8,5), 79,5x52.5 (115,8,4), 
77,2x52(115,8,4). — 80,5x53,5 (leer 10,8 g). 79,5x51,2 (9,4). 79x49 (7,8). 
78x48,5 (8,7). 76,5x47,5 (7,7). 76,2x50,2 (8,8). 76x52 (8,8). 75,2x51 (8,5). 
75 X 52 (8,7). 75x51,5 (8,5). — Das Vollgewicht von mir untersuchter frischer Exemplare 
schwankte zwischen 95 und 124 g. Ihr Geschmack ist etwas tranig und weniger angenehm 
als bei Eiern von Süßwasserenten. — Zwergeier kommen nicht selten besonders zu 
Anfang der Legezeit vor. Von 2 Exemplaren meiner Sammlung von der Kolonie bei 
dem Hofe Os im Eyjafjördr zeigt eins einen breiten Hing kleiner bläschenartiger Er- 
höhungen, das andre am stumpfen Ende einen angesetzten länglichen Knoten. Maße: 
46,2x35(3,3). 40x28,5(2,6). 



202 Somateria niollissima mollissima. 

Das Weibchen brütet etwa 4 Wochen allein und sitzt oft so fest, daß 
man sich vielerorts, z. B. auf Grimsey, in unmittelbare Nähe hinstellen kann. 
Mitunter heben die Leute den Vogel sogar vom Neste, rohere stoßen ihn 
mit dem Fuße hinweg, um nach den Eiern zu sehen. Dann läßt die Ente 
ein unwillig knurrendes Krrr oder Korrr hören, bleibt aber gewöhnlich in 
der Nähe, schüttelt und putzt sich und watschelt nach Entfernung des 
Menschen bald wieder zum Neste zurück. Besonders während der Nacht 
stellt sich der Erpel bei seiner Gattin ein, stellt geti-eulich neben ihr, verhält 
sich aber etwas scheuer. Mitunter ruft er l)eim Neste, wo ich auch die 
Begattung beo])achtete, ein lebhaftes nasales Ha oder auch ein lautes Hauwa, 
Hahauwa, in behaglicher Ruhe ein gezogenes Gag. Ungestört verläßt das 
AVeibchen die p]ier täglich nur kurze Zeit, schwimmt in der Nähe umher, 
in Grimsey gern auf den kleinen Süßwasserteichen im Innern, scheint aber 
äußerst wenig Nahrung zu sich zu nehmen. Freilich haben die Vögel vor 
der Brutperiode dicke Fettmassen unter der Haut und zwischen den Ein- 
geweiden, sodaß ihnen ein Fasten nichts schadet. 

Durchaus nicht alle Eiderenten schreiten zur Fortpflanzung. Im weiteren 
umkreise der Brutplätze ti'ifft man den ganzen Sommer über Scharen beiderlei 
Geschlechts, die augenscheinlich aus jüngeren Individuen bestehen. Derartige 
Vögel wandern mitunter auch ein Stück die Ströme aufwärts. So beobachtete 
ich am 2. Juni 3 Ei-pel und 1 Weibchen an einer ruhigen Stelle der Fnjöskä, 
wenigstens 5 km vom Meere entfernt. Selbst den Myvatn sollen sie aus- 
nahmsweise besuchen. In Hjalteyri sah ich von Ende Mai bis Mitte Juni 
einzelne nicht gepaarte Männchen, die stark mauserten und ein verschieden- 
artig dunkel und weiß geschecktes Gefieder tingen. Ich vermutete darin 
einjährige Vögel, die erstmalig das Prachtkleid anlegten, sah aber Anfang 
August an derselben Örtlichkeit große Scharen von Eiderenten aus nächster 
Nähe, unter denen sich nur Männchen im ausgemauserten Sommerkleide 
befanden, die höchstens unter den Flügeln noch etwas Weiß zeigten. Ich 
muß deshalb annehmen, daß die im Mai so auffällig gefleckten Vögel bereits 
in die Sommertracht ummauserten. Da das isländische Gesetz betreffend 
den Schutz der Eiderenten von den Bewohnern eifersüchtig überwacht wird, 
war es mir leider unmöglich, die verschiedenen interessanten Färbungen an 
getöteten Vögeln zu untersuchen. Im Sommerkleide kennzeichnen sich übrigens 
die Erpel immer noch recht gut. Ihr Gefieder erscheint weit lebhafter 
gemustert, die Schulterfedern sind dunkler und die Brustfederu heller als 
bei den mehr einfarbigen, abgeblaßten Weibchen. 

Die ersten 5 Dunen jungen sah ich am 10. Juni bei Hjalteyri, von 
der Mitte des Älonats an allmählich mehr, auf Grimsey erst am 6. Juli, zu 
welcher Zeit daselbst noch frische Eier vorhanden waren. Die grauen, unter- 
seits helleren Tierchen werden von der Mutter nach günstigen, oft ziemlich 
weit entfernten Küstenplätzen geführt. Nach Hjalteyri kommen die meisten 
Familien von Laufas, wo etwa 2000 Paare brüten, über den ganzen Eyja- 
iQördi- weggeschwommen, eine Entfernung, die etwa 10 km Luftlinie beträgt. 
Die zutraulichen Jungen sind auf und im Wasser vom ersten Tage ihres 



I 



Somateria mollissima moUissima. 203 

Lebens an zu Hause, sterben aber doch nicht selten bei Sturm und feucht- 
kalter Witterung. Ich fand auch größere Individuen tot in der Nähe des 
Strandes. Das Weibchen übernimmt die Führung allein, nachdem sich der 
Erpel meist schon vorher 7Airückgezogen hat. Kommen mehrere Familien 
längere Zeit zusammen, so verwechseln die Jungen häufig ihre eigentliche 
Mutter und schwimmen irgend einem Weibchen nach, sobald sie das lockende 
harte Korrr hören. Deshalb sieht man dieselben Vögel zeitweilig gänzlich 
verlassen, andermal wieder mit 20 und noch mehr Dunenjungeu im Gefolge. 
Derartige Szenen spielten sich vor meinem Fenster in Hjalteyri, wo sich 
immer zahlreiche Eiderenten aufhielten, täglich ab. 

Nach 6 — 7 Wochen sind die Jungen flugbar. Sie sehen unscheinbar 
dunkelbraun aus und haben wenig Musterzeichuung auf ihren Federn. Am 
6. August bemerkte ich im Eyjafjördr schon sehr viele derartige Tiere, die 
freilich noch bedeutend schmächtiger waren als die alten. Um diese Zeit 
tragen fast alle Eidervögel ein ähnliches braunes Kleid. Die verschiedenen 
Altersstufen und Geschlechter scharen sich an günstigen Futterplätzen 
zusammen und sind außerordentlich gefräßig. Sie suchen dicht am Wasser 
hinlaufend oder am Rande hinschwimmend den Strand ab und prüfen die 
unglaublichsten Dinge auf ihre Genießbarkeit hin. Die Weichteile der von 
mir abgebalgten Vogelkadaver, die ich ins Meer warf, wurden z. B. gern von 
ihnen verzehrt. Als aber Anfang August bedeutende Mengen von Heringen 
bei Hjalteyri gefangen und ganze Haufen der herausgezogenen Fischmagen 
ins Wasser geschüttet wurden, liefen Dutzende von Eidervögeln vor den 
Füßen der Leute umher, lasen, natürlich unbehindert, gierig die Abfälle auf, 
würgten sie im Ganzen hinter und stopften sich bis an den Hals damit voll. 
Diese Nahrung schien den Vögeln so zuzusagen, daß sie alle Scheu auf- 
gaben und den Eindruck gezähmter Hausenten machten. 

Je nach Örtlichkeit, Witterung und Nahrungsmenge scharen sich die 
Vögel Mher oder später im Herbste zusammen. Etliche sollen Island ver- 
lassen; die meisten aber überwintern daselbst, halten sich bei ruhigem 
Wetter nicht allzuweit vom Lande auf freiem Meere, bei heftigem Sturme 
in geschützten, offnen Buchten, sind aber nun weit scheuer als im Sommer. 
Ihre Stimme hört man immer noch häufig, und Faber sagt, der Zusammen- 
klang der vielen Eufe ließe in der Ferne glauben, es rede eine große Ver- 
sammlung von Menschen. Da die Eidervögel äußerst geschickte Schwimmer 
und Taucher, in bezug auf ihre Nahrung aber keine Kostverächter sind, 
leiden sie auch im Winter selten Not. 



52. Oidemia nigra nigra (L.). 
Trauei-ente. 

Anas nigra (Linn.): Faber, Prodromus, S. 67 (1822). — (Edemia nigra: Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 412 (1862). — Oedemia nigra (Linn.): Newton, inBaring- 
Gonlds Iceland, p. 417 (1863). — Anas nigra L.: Gröndal, Islonzkt fuglatal, bis. 50 (1895). 
— (Edemia nigra (Linn.) : Slater, Birds of Iceland, p. 74 (1901). 



204: Oideniia nigra nigra. 

Oidemiu nigra (L.): Collin. Skandinaviens Fugle, S. 678 (1877). — Oedemia nigra 
(Linn.): Snlvadori, Cat. Birds ßrit. 3Ius. XXVII, p. 401 (1895). — Oidemia nigra (L.): 
Naumann, Vügel Mitteleuropas X, S. 24-1 (1!»02). 

Isländisch: Hrafiisönd (= Kabeiientej; Di'iköud, iJuggönd (= Duckente, 
Tauchente) partim. 

Oidemia nigra nigra bewohnt die uördliche paläarktische und einige angrenzende 
Teile der arktischen Region, von Island bis etwa zur Taimyr- Halbinsel. Sie brütet 
ungefähr vom 74. Grade an. überschreitet aber südwärts den Polarkreis nur an wenigen 
Stellen. Sie ist Brutvogel in Nordwestsibirien, auf Nowaja Semlja, Waigatsch und 
Kolguew. in Nordrußland, Skandinavien und vereinzelt auch auf den Britischen Inseln. 
Die Färöer besucht sie nur als seltner Gast. In Grönland ist sie noch unbekannt. 
Im Winter streichen die Vögel gelegentlich bis zu den Azoren und Nordafrika hinab. 
— Im uearktischen und in dem angrenzenden arktischen Gebiete wird unsere Form 
durch die sehr ähnliche 0. n. amerieana Sw. vertreten. 

In Island ist die Trauereute ein nicht seltner Brutvogel. Sie 
bewohnt viele stehende Gewässer im nördlichen Teile der Insel, besonders 
den Myvatn und einige Seen der Umgebung. Preyer, Slater u. a. trafen sie 
in dem einsamen und wasserreichen Gebiete der Arnarvatnsheidi. Ich selbst 
fand ein totes Dunenjunges am Miklavatn (Skagafjördr) und beo))achtete 
mehrere Paare der Vögel auf Teichen bei Sveinsstadir (Hünafjördr). "Wegen 
ihrer ziemlich versteckten und scheuen Lebensweise und ihrer wenig auf- 
fälligen Färbung wird unsere Art gewiß vielfach übersehen, scheint a)»er im 
Südlande tatsächlich nur eine geringe Verbreitung zu besitzen. Bachmann 
fand sie zur Brutzeit auf dem j^invallavatn (Ornith. Monatsschr. 1902, S. 17). 

Die Trauerente ist im wesentlichen ein Zugvogel auf Island. Sie 
zeigt sich im April an den Küsten, kommt Anfaug Mai nach dem Myvatn 
und den andern Brutgewässern, beginnt aber erst spät mit dem Fort- 
pflanzungsgeschäfte. Größere, tiefe Seen, die versteckte Buchten und in der 
Umgebung schützendes Gesträuch aufweisen, sind unsern Vögeln am liebsten. 
Gelegentlich bewohnen sie aber auch die Ufer und Inseln au Strömen, z. B. 
die Laxa beim Myvatn und den Sog beim ]5ingvallavatn. Am Myvatn selbst 
traf ich sie nur im nordwestlichen Teile, von Grimstadir bis zum Ausflusse 
der Laxä, häufig an. Schon Krüper bezeichnete 1856 diese Gegend als das 
Hauptbrutgebiet unsrer Art (Naumanuia 1857, S. 47). Die Inseln sind den 
immer etwas scheuen Vögeln weniger zusagend als stille Plätze am Ufer, 
wo sie nicht so leicht belästigt werden. Das Nest befindet sich gewöhnlich 
unter Gesträuch, zwischen Angelikastauden oder schützenden Gräsern. Riem- 
schneider sah freilich auch ein solches ganz ungedeckt auf dem Uferhange 
in unmittelbarer Nähe des Wassers. Es besteht fast immer nur aus einer 
geringen Menge trockncr Pflanzenstoffe, wird aber später reichlich mit großen 
dunkelgi-auen Dunen ausgekleidet. Die Zahl der Eier schwankt zwischen 
7 und 10 Stück. Ihre Ablage beginnt selten Anfang Juni, gewöhnlich erst in 
der Mitte des Monats. Frische Nachgelege findet man bis in den Juli hinein. 

Etliche Exemplare meiner Sammlung vom Myvatn zeigen folgende Maße: 
67,8 X 45,5 mm (6 g). 67 x 45 (6). 66 x 46 (5.8). 65.5 X 44 (5.3). 65,2 x 45 (5,5). 
65 X 45,5 (5,4). 64,2 x 46 (5,7). 64 x 44 (4,8). 63 x 46,5 (5.5). 62,2 x 45.2 (5,3). 
60.5x45,2 (5,2). — Das Vollgewicht einiger von mir untersuchter Eier schwankte 
zwischen 74 und 63 g. 



üidemia nigra nigra. 205 

Das Weibchen brütet 4 AYochen allein, verläßt aber gewöhnlich recht- 
zeitig das Nest, wenn man sich diesem nähert. Es begibt sich wenn möglich 
unter Deckung auf das Wasser, dreht sich hier voller Besorgnis hin und her 
und ruft dabei leise warnende Wak. Wartet man in schützendem Verstecke, 
vielleicht hinter dichtem Gestrüpp, so verharrt der Vogel noch lange auf dem 
Wasser und kehrt endlich vorsichtig laufend nach dem Neste zurück. Die 
Erpel bleiben anfänglich in der Umgebung der brütenden Weibchen, ziehen 
sich aber bei stärker werdender Sommermauser auf den offnen Myvatu 
zurück, wo ich Ende Juli in der Nähe des Vindbelgjarfjall Scharen von 
50 — 100 Stück beisammeutraf. Diese halten sich weit ab vom Ufer und 
lassen auch ein Boot kaum auf Schußentfernung herankommen. 

Die ersten 7 Dunenjungen traf ich am 18. Juli in dem erwähnten 
Gebiete. Am 23. d. M. sah ich daselbst wenigstens ein Dutzend Mütter ihre 
Nachkommenschaft führen. Doch fand ich im Grase und in den durch die 
Pferde getretenen tiefen Wegriunen im langsamen Vorbeireiten auch 8 tote 
Junge, die teilweise schon mehrere Tage gelegen hatten, außer diesen hier 
nur noch Exemplare von Clangula hyemalis. Nachdem ich mein Pferd mehr- 
mals angehalten hatte und abgesprungen war, blieb das kluge Tier von 
selbst stehen, sobald es ein Entchen in der Wegrinne liegen sah. 

Einige Dunenjunge meiner Sammlung kennzeichnen sich wie folgt. Ganze Ober- 
seite: düster rauchschwärzlich, Oberkopf und Unterrücken am dunkelsten. Zügel, hintere 
Halsseiten, Kropfgegend, Unterschwanz und Körperseiten: matt rauchbräunlich. Unter- 
seite: noch heller, mit durchschimmerndem Weiß. Kinn, Mitte der Kehle (bei ver- 
schiedenen Individuen mehr oder weniger ausgeprägt), Wangen und vorderste Hals- 
seiten, (manchmal auch) Brustmitte; w^eißlich. — Ein cj pull., etwa 3 Tage alt, zeigt 
folgende Maße. Gewicht i. Fl. : 32 g. Gesamtlänge i. Fl. : c. 150 mm. Schnabellänge: 17. 
Schnabelbreite (nach vorn nur wenig schmäler): 9. Schnabelhöhe (am Grunde): 8,5. 
Tarsen: 19. Mittelzehe inkl. der 4 mm langen Kralle: 27 mm. — Iris: duukelgrau. 
Oberschnabel: schwarz. (Die länglichrunden) Nasenlöcher: gelblich. Nagel: schwarz- 
braun. Unterschnabel, besonders Kinnhaut: grünlichbraun, Xagel: rötlichbraun. Schnabel- 
inneres: gelb. Füße: glänzend dunkel moosgrün, ein Streifen neben den Zehen: heller gelb- 
grün. Hinterseite der Tarsen, Mitte der Schwimmhäute und ganze Sohlen: mattschwarz. 

6 — 7 Wochen hindurch werden die Jungen von der Mutter geführt, 
bis sie befiedert und flugbar sind. Die Kufe, die ich in dieser Zeit von 
den Alten hörte, waren helle und fast glockenartige, nicht besonders rasch 
hervorgebrachte Wak Wak, manchmal auch taucherartige kürzere Gaga Gaga, 
nicht so breit schnarrend wie bei andern Enten. Mitunter führt die Alte 
ihre Nachkommenschaft ganz allmählich die Flüsse abwärts, sonst verlassen 
die Familien nach Flugbarwerdeu der Jungen das Brutgebiet. Meist scharen 
sich mehrere zusammen, denen sich nach Fabers Beobachtungen auch die 
Erpel wieder anschließen. Spätestens Anfang September verschwinden die 
Trauerenten vom Myvatu. Sie streichen nun noch einige Wochen an den 
Küsten umher, kommen allmählich nach dem Südlande, besuchen regelmäßig 
auch die Vestmaunaeyjar (Jönsson) und ziehen im Oktober aus Island fort. 
Von einem Überwintern daselbst ist nichts bekannt, doch wäre auch möglich, 
daß man die Vögel ilirer Scheuheit wiegen iu der kalten Jahreszeit bloß 
selten beobachtet und erlegt. 



2Q(J Casarca casarca. — Tadorna tadorna. 

53. Casarca casarca (L.)- 
Rostente. 

Tadorna casarca (L.): Wiiige, Vidensk. Meddel. 1893, S. 77 og 1894, S. 68. — 
Anas rufila Fall.: Gröiidal. Islcnzkt fuglatal, bis. 50 (1895). — Tadorna casarca (Linn.): 
Slater, Birds of Icelaiid, p. 51 (1901). 

Casarca rutila (Fall.): Salvador!, Cat. Birds Brit. Mus. XX VU, p. 177 (1895). — 
Tadorna casarca (L.): ]Saumann. Vögel Mitteleuropas IX, S. 394 (1902). 

Isländisch: Rydönd (= liostente). 

Auch däü. & norw. : liustand. Schwed.: Rostand. 

Casarca casarca bewohnt den südlichen Teil der paläarktischen Region. Sie 
brütet von Japan und China durch ganz Mittelasien bis Südrußland und Rumänien, 
auch in Nordafrika bis 31arokko und vereinzelt in Spanien. Nordwärts geht sie bis 
zum Amurtalc, dem Baikal-See und Südwestsibirieu vor. Im Winter streicht sie nicht 
allzuweit südwärts. Mitteleuropa besucht sie nur selten. — Um so auffälliger ist eine 
nordwestliche AVanderung zahlreicher Vögel in den Jahren 1892 — 93, die u.a. Däne- 
mark, Norwegen, Großbritannien und Island berührte und sogar "Westgrönland erreichte. 

Am 20. Juli 1892 wurden bei Eyrarbakki aus einer Schar von Rost- 
enten 3 Exemplare geschossen und eins davon durch P. Nielsen dem Kopen- 
hagener Museum, ein anderes der Reykjaviker Sammlung übergeben. Auch 
im Eyjafjördr zeigten sich Ende Juli 4 Rostenten, von denen eine erlegt 
und durch J. V. Havsteen gleichfalls nach Kopenhagen gesandt wurde. Die 
andern 3 Vögel blieben noch bis Anfang August in der Gegend. Weitere 
Mitteilungen über das Aufti-eten unserer Art in Island sind nicht bekannt. 

54. Tadorna tadorna (L.). 

Brandgans. 

Anas tadorna L. : Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 49 (1895). — Tadorna cornuta 
(S. G. Gml.): Slater, Birds of Iceland, p. 50 (1901). 

Tadorna vnlpanser, Flm. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 652 (1877). — Tadorna 
cormita (S. G. Gm.) : Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 171 (1895). — Tadorna 
tadorna (L.) : Naumann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 382 (1902). 

Isländisch: Brandgäs. 

Auch dän.: Brandgaas. Schwed.: Brandgäs. 

Tadorna tadorna bewohnt vorzugsweise Meeresküsten und Salzseen der paläarktischen 
Region, vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean. Ihre nördliche Brutgrenze reicht 
in Norwegen etwa bis 69, an der Ostsee bis 60, im Ural bis 56, in Sibirien stellenweise 
bis 600n. Br. Südwärts brütet sie bis zur Mongolei, Turkestan, dem Kaspischen und 
Schwarzen Meere. Im Winter besucht sie Japan, Südchina, Nordindien, Nordafrika, sowie 
das südliche und westliche Europa. Auf den Britischen Inseln brütet unsre Art, auf 
den Färöern ist sie einige Male beobachtet worden, von Grönland dagegen unbekannt. 

Für Island kann die ßrandgans auch nur als seltner Gast bezeichnet 
werden. Ein verirrtes einzelnes Exemplar wurde am 27, Januar 1894 nicht 
weit von Reykjavik, bei Öseyri im Hafnarfjördr, erlegt und für das Reykjaviker 
]\Iuseum präpariert. Vorher schon hatte sich ein gleicher Vogel, vielleicht 
dasselbe Individuum, etwas weiter nördlich, in der M;fra-Sysla, gezeigt (Gröndal, 
Ornis XI, p. 455). Au anderer Stelle freilich sagt derselbe Berichterstatter, 
diese Beobachtung habe im August 1894 stattgefunden (Islenzkt fuglatal, bis. 49). 
Ältere Angaben über das Vorkommen der Brandgans in Island (z. B. Brüunich, 
Ornith. Bor., p. 12, 1764) erscheinen sehr fraglich. 



Chen hyperborea hyperborea. 207 

55. Chen hyperborea hyperborea (Fall.). 
Sebüeegaus. 

Anser hyperborcus (Fall.): Gröndal, Ornis XI. S. 455 (1901). 

Chen hypcrhoreus (Fall.) : Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 82 (1895). 
— Anser hyperhoreus Fall, typicus: Winge, Grönlands Fugle, S. 118 (1898). — Chen 
hyperboreus (Fall.): Naumann, Vögel Mitteleuropas IX. S. 270 (1902). 

Isländisch: Snjögajs, Snjögäs. 

Auch dän. : Snegaas. Schwed. : Snögas. Engl. : Snowgaase. 

Die Verbreitungs- und ßrutgebiete der Schneegansfornien sind noch ungenügend 
bekannt. Die größte Rasse, Chen hyperborea nivalis (Forst.), bewohnt nach Salvadori 
die arktischen Teile des östlichen Nordamerilcas, die etwas kleinere Ch. h. hyperborea 
(Fall.) die Gebiete des Nordpazifischen Ozeans und des benachbarten Eismeers vom 
westlichen Nordamerika bis Nordasien, die kleinste, Ch. h. rossii (Cass.), wahrscheinlich 
nur die sich an Nordamerika anschließenden höchsten Breiten der arktischen üegion. 
Von Asien aus erstreckt sich der Herbstzug der Schneegänse auf bedeutende Entfernung 
nach Westen. 

Die in Europa zur Beobachtung gelaugten Vögel scheinen, vielleicht mit Aus- 
nahme einiger atlantischer Exemplare, sämtlich unserer Form anzugehören. Man hat 
solche u. a. in Norwegen, Dänemark und Großbritannien erlegt. Winge führt aus, daß auch 
die 4 Bälge des Kopenhagener Museums von Grönland zu unserer ßasse gezogen werden 
müssen. Diese scheint sogar ab und zu im nordwestlichen Teile der Insel zu brüten. 

Von Island kennt man nur ein einmaliges Vorkommen unsrer 
Art. Ob es sich dabei um einen nordasiatisclien oder einen grönländischen 
Vogel handelt, muß zunächst dahingestellt bleiben. Dieses einzelne Exemplar 
wurde Ende des Jahres 1896 bei Grindavik im Südlande erlegt und befindet 
sich nun im Kejkjaviker Museum. Es ist ein älteres, weißes Individuum, 
das nur am Kopfe noch ein wenig helles Grau zeigt. Herr Adjunkt 
Sa^mundsson war so freundlich, mir folgende Maße des Stückes mitzuteilen. 
Schnabellänge: 57 mm. Tarsen: 80. Längste Schwanzfeder außerhalb der 
Haut: 130. Flügel: 420. Hiernach gehört der Vogel zu 67/. h. hyperborea, 
wenn er auch ein wenig größer ist als die Kopenhagener Bälge aus Grönland. 

56. Anser albifrons albifrons (Gm.). 



Anser albifrons (ßechst.): Faber, Frodromus, S. 79 (1822). — Anser albifrons 
Bechst.: Freyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 405 (1862). — Anser albifrons (Linn.): 
Newton, in Bariug-Goulds Iceland, p. 414 (1863). — Anser albifrons (Gm.): Gröndal, 
islenzkt fuglatal. bis. 46 (1895). — Anser albifrons (Scop.): Slater, Birds of Iceland, 
p. 42 (1901). 

Anser albifrons (Gm.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 638 (1877). — A^iser 
albifrons (Scop.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 92 (1895). — Winge, 
Grönlands Fugle, S. 116 (1898). — Anser albifrons (Scop.) & Anser intermedius Naum.: 
Naumann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 309 und S. 318 (1902). 

Isländisch: Grägses, Grägäs (part.), Helsingi (fälschlich), Blesugses, Blesugäs, 
(= Bläßgans). 

Auch dän. & norw. : Blisgaas. Schwed. : Bläsgäs. 

Ich führe die isländische Bläßgans unter obigem Namen auf, wenngleich ich aus 
Mangel an Belegmaterial von der Richtigkeit der Angabe nicht völlig überzeugt bin. 
Der paläarktische Anser albifrons albifrons (Gm.) wird so vielfach mit dem nearktischen 
A. a. gambeli (Hartl.), sowie dem osteuropäisch-asiatischen A. erythropus (L.) zusammen- 



208 Anser albifrons albifrons. 

geworfen, daß man nach der Literatur seine Verbreitimgsgrenzen nicht sicher angeben 
kann. Unsere Form soll von Grönland oder Island an bis weit in das nördliche Sibirien 
hinein brüten. In Wcstgröidand ist die Bläßgans häufiger Sommcrvogel, in Ostgiönlaud 
dagegen nur wenige Male erlegt worden. Die Färöer besucht sie bloß als gelegent- 
licher Gast. Auf den Britischen Inseln überwintert sie zahlreich. In Skandinavien 
kennt man sie nur als Zugvogel, doch scheint sie im nördlichen Kußland, auf Xowaja 
Semlja und Kolguew zu brüten. Im nördlichen Westasien, bis wenigstens zur Taimyr- 
Halbinsel hin, bewohnt sie stellenweise dieselben Gebiete wie der kleinere Anser 
erythropus; nach Osten zu wird sie immer seltner, dieser aber häufiger. 

Die angedeutete lückenhafte Verbreitung, die zwischen Island und dem äußersten 
Rußland kein verbindendes Brutgebiet zu haben scheint, legt die Möglichkeit nahe, 
daß die Bläßgans Islands von A. a. albifrons getrennt und mit der Grönlands, vielleicht 
sogar Nordamerikas, vereinigt werden muß. Faber, der unsere Art in der Arness- und 
Kangarvalla-Sysla traf, wo sie in den Niederungen, besonders im Delta der Flüsse 
brütete, erklärte später Naumann gegenüber, dessen Anser intermedius sei bestimmt 
identisch mit der isländischen Bläßgans. 

Naumann aber kennzeichnete (1842) seinen Anser intermedius, von dem er nun- 
mehr glaubte, er habe seine Heimat nur in Island, folgendermaßen: Schon der junge 
Vogel trägt eine kleine weiße Blässe, der alte drei große weiße Flecken an und neben 
der Stirn, die aber nicht, Avie die zusammenhängende Blässe bei Anser albifrons, bis 
an den Scheitel reichen. Körper größer und gedrungener, Fußwurzeln niedriger als 
bei dieser Art. Der größere Schnabel wird im Alter mehr oder weniger mit Schwarz 
bezeichnet, wovon sich bei A. albifrons nichts findet. Maße für ^-1. intermedius (dahinter 
für A. albifrons) nach Naumanns Typus. Länge: 683 mm (659). Flügel: 436 (436). 
Schnabellänge: 56 (50). Schnabelhöhe: 31 (26). Schnabelbreite: 23,9(23,5). Tarsen: 
65 (71). Mittelzehe mit Kralle: 73,6 (74,3). 

Ob diese Charakteristik auch für Winges grönländische Vögel einigermaßen zu- 
treffend ist, läßt sich nicht ersehen, doch sind die Maße der Bälge ziemlich groß. 
Immerhin darf man vermuten, daß die isländische Bläßgans der asiatischen nicht näher 
steht, als der ostgrönländischen. 

Die Blüßgaus gehört in Island clm-chaus nicht zu den häufigen 
Brutvögoln. In den von mir besuchten Gegenden habe ich sie nirgends 
angetroffen. Faber beobachtete sie, wie erwähnt, auch nur im Mündungs- 
gebiete der ))verd, (Südland) brütend. Thieneniann aber erlegte melirere 
Vögel, sammelte selbst und erhielt später noch zahlreiche Eier aus dem 
Nordlande, wo seinen Angaben zufolge die Bläßgans an Bergwässern in der 
Nähe von Teichen ihr Nest baut. 

Derartige, teilweise von Thienemann selbst beschriebene Eier, jetzt in meiner 
Sammlung (Mai 1822), zeigen folgende Maße: 92x54 mm (14,4 g). 86x57,2 (15,5). 
84x57,5(16,5). 83,5x57,2(14). 83 x 56,5 (17,4). 81 x 58 (15,5). 81x55(14,5). 
79,5 X 52,5 (14,7). — Ein weiteres Gelege aus der Sammlung Thienemann, gesammelt 
1855, jetzt im Zoologischen Museum in Dresden : 85 x 52,5 (9), 81 x 54 (10,5), 80 X 52,8 
(11,8), 75,5x57 (14). — P. Nielsen bezeichnete mir für wahrscheinlich echte Eier vom 
Myvatn: 83 x: 51, 81 x 51,5, 78 X 50 mm. — Eine Nachprüfung, ob die erwähnten Eier 
wirklich unserer oder einer verwandten Gänseart angehört haben, ist natürlich unmöglich. 

Newton sah am 11. Mai 1858 einige geschossene Bläßgäuse in Reykjavik, 
Slater ein frisch erlegtes Exemplar am 30. Juli 1885 beim Skälfandafljöt 
im Nordlaude. Gröndal kennt die Art hingegen nicht, Nielsen scheint sie 
auch nie mit Sicherheit beobachtet zu haben. J. V. Havsteen in Oddeyri 
meint, Anser albifrons sei zwar seltner als Anser fabalis, werde aber doch 



Ansor fabalis. 



209 



in den tieferen Lagen des Nordlaudes, besonders an Flußmündungen, 
brütend angetroffen. 

57. Anser fabalis (Lath.). 
.Saatgans. 

Anser segetum (Meyer): Faber, Prodroraus, S. 78 (1822). — Anser segetum ileyer: 
Freyer (& Zirkel), Reise nach Islaud, S. 405 (I8ö2). — Anser segetum (Gmelin): Newton, 
in Baring-Goulds Iceland, p. 414 (1863). — GröndaK Islenzkt luglatal. bis. 4« (1895). — 
Slater, JBirds of Iceland, p. 44 (1901). 

Anser segetum (Gm.): Colliu, Skandinaviens Fugle, S. 641 (1877). — Anser fabalis 
(Latli.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, i^. 99 (1895). — Naumann, Vöooj 
Mitteleuropas IX, S. 322 (1902). 

Isländisch: Grägjes, Grägäs (partim); Sadgtes. 

Auch dän. &nor\v.: Sa^dgaas. Schwed.: Sädgäs. 

Anser fabalis bewohnt den Norden der paläarktischen Kegion, jedenfalls von 
Island bis Kamtschatka. Er scheint zwar auch feststehende geographische Rassen zu 
bilden — A. f. arvensis (Brehm) in Nordeuropa, A. f. middendorffi Sevortz. in Ostsibirien 
— • da mir aber nicht genügendes isländisches Material vorgelegen hat, unterlasse 
ich die Besprechung der Subspezies. Die Saatgans brütet in den Tundren Nordasiens 
bis hinauf zur Taimyr-Halbinsel stellenweise recht häufig, nicht selten auch auf Nowaja 
Seralja, Kolguew und Waigatsch. ferner in Nordrußland, Lappland und dem nördlichen 
Skandinavien. Im Winter streicht sie bis China, Nordindien, dem Xaspischcn See, 
Nordafrika, Madeira und ganz Süd- und Westeuropa. Auf den Britischen Inseln samt 
Irland überwintert sie in beträchtlicher Zahl. Auf den Färöern zeigt sie sich als 
gelegentlicher Gast. V^on üstgrönland ist dagegen nur Anser brachyrhynclius Baill. 
bekannt, den Winge unsrer Art angliedert. 

In Island gehört die Saatgans angeblicli zu den nicht seltnen Brut- 
vögeln, doch widersprechen sich die Berichte hierüber, weil die Gänsearten 
mit eineinander verwechselt werden. Nach Faber brütet unser Vogel vorzugs- 
weise im nördlichen Teile der Insel. Tliienemann sagt dagegen, die ihm in 
Gelegen von 6 — 8 Stück zugesandten Eier gehörten einer Variation, Anser 
brevirostris, an (Fortpflanzung der Vögel Europas V, S. 28. 1838). Eine 
genauere Diagnose dieser neu aufgestellten Form finde ich nicht. Eins der 
Eier, das Thienemann selbst als „Ansei- brevir. ? Myvatn" beschrieben hat. 
vom Mai 1821, besitze ich in meiner Sammlung. Es zeigt als Maße 91 x 59 mm 
und ein Gewicht von c. 19,5 g, was für den typischen Anser fabalis sehr groß 
wäre. Preyer gibt als Maße isländischer Eier der Saatgans 88,3—88,5 x 63 — 
63,4 mm an, was ebenfalls auf eine große Spezies schließen läßt. Newton 
teilte 1864 in der Ibis (p. 132) mit, daß Proctor 3 oder 4 sichere Bälge von 
Anser segetum aus Island erhalten habe. Gröndal unterscheidet die Gänsearten 
nicht genau, hält aber Anser fabalis für die häufigste auf der Insel (z. B. OrnisII, 
S. 3G3), Dasselbe behauptet Nielsen, Er gibt als Maße für isländische Eier 
der Art 82x53, 84x58, 92x61,5 mm (in litt.), wovon wenigstens das 
letzte nicht auf den typischen Anser fabalK schließen läßt. Konsul J. V. 
Havsteen hält Anser fabalis und Anser albifrons für die einzigen Brutvögel 
der Gattung in Island. Nach seinen mir mündlich gemachten ^Mitteilungen 
soll die Saatgans an verschiedenen Orten des Nordlandes, besonders zahlreich 
am Vikingavatn (AxarQördr) brüten. Nach isländischen Eiern, auch wenn 

Hantzs(Mi, Vosehvelt I.slamls. 14: 



210 Anser bracliyrhynchus. 

sie sich in berühmten Sammlungen befinden (z. B. Nehrkorns Katalog Nr. 3406, 
S. 242. 1899). das Vorhandensein der Art anerkennen zu wollen, ist unbe- 
rechtigt. Mehrere Keisende, besonders Slater (1. c), Pearson (Ibis 1895, p. 247) 
und Coburn (Zoologist 1901, p. 408) leugnen durchaus das regelmäßige Vor- 
kommen von Anser fabalis in Island. Ich selbst bekam die Art auch nicht 
zu Gesicht, erhielt aber von Herrn Snorri Jonannsson auf Merkigili bei 
Saudärkrökr (Skagafjördr) die Köpfe und Füße zweier Gänse gesandt, die 
am 10. Mai 1905 in der Gegend erlegt waren, und die ich nach Gestalt, 
Größe und Färbung als Ansei- fabalis arvensis (Brehm) anspreche. 

Es scheint sich um ein Brutpaar zu handeln. Die Schnäbel zeigen viel Hot. 
nur der Spitzenteil neben dem Nagel und die Stirngegend der Firste sind schwärzlich. 
Schnabellänge: 60 mm, vom Schnabclwinkel aus last dasselbe. Höhe am Grunde: B5, 
35,5. Breite am Grunde: 30, 31, am Ansätze des Nagels: 14. Länge des Nagels am 
Oberschnabel: 15, 16, Breite: 15,5, 15. Breite des Unterschnabels am Grunde: 23,24, 
beim Nagel: 14. Zahl der deutlich sichtbaren Lamellen des Oberschnabels: 23. Ent- 
fernung der Nasenlöcher von einander: II, 12,5, ihr äußerstes Ende von der Schnabel- 
spitze: 30, 31. — Tarsen: 81, 86. 3Iittelzehe inkl. der c. 11 mm langen Kralle: 83, 
91 mm. — Es ist dringend wünschenswert, den isländischen Gänsen besondere Auf- 
merksamkeit zu schenken. 

58. Anser brachyrliynclius Baill. 
Kurzschnäblige Gans. 

Anser brachyrhynchus, Baillon: Newton, in Bariug-Goulds Iceland, p. 414 (1863) 
& Ibis VI, p. 132 (l'864). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 48 (1895). — Slater, Birds of 
Iceland, p. 44 (1901). 

Anser brachyi-liynchus, Baill.: Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 103 (1895). 

— Anser segetum{Linie\.)var. brachyrhynchus Baill.-.'Wmge, Grönlands Fugle, S. 1 15 (1898). 

— Anser brachyrhynchus Baill.: Naumann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 354 (1902). 

Isländisch: Stuttnefja Gas, Stuttnefjud Gas. 

Auch dän. & norw. : Kortnfebet Gaas. Schwed.: Xortnäbbad Gas. 

Anser brachyrhynchus brütet in größerer Anzahl wohl nur auf Spitzbergen, in 
geringer Menge vielleicht auf Franz-Joseph-Land und sicher auch an der Ostküste 
Grönlands, wo Helms ihn bis hinab in die Breiten Islands als Brutvogel bezeichnet. 
Im Winter streicht unsere Art nach gemäßigteren Gegenden, jedoch nur ausnahmsweise 
südlicher als Mitteleuropa. 

Für Island kann die kurzschnäblige Gans zunächst nur als Durch- 
zügler betrachtet werden, obwohl mau ihr Brüten daselbst vermutet. Gerade 
die der Ostküste Grönlands gegenüberliegende Halbinsel ist so wenig unter- 
sucht, daß man hier z. B. noch interessante Vorkommnisse erwarten darf. 

Newton sah c. 1863 ein Exemplar von Anser hracltyrliynclmsim Universitäts- 
museum von Durham, das nebst einigen andern gleichartigen Bälgen dem 
Ornithologen Proctor aus Island geschickt worden war. Proctor versicherte 
auch, gemeinsam mit einem am Neste geschossenen alten Weibchen Eier der 
Spezies erhalten zu haben, 

Slater sah im August 1894 drei Exemplare der kurzschnäbligen Gaus 
bei dem Farmer von ]5ingey, am Unterlaufe des Skälfandafljöt (N.), Diese 
Vögel waren in halb flugunfähigem Zustande geschossen worden, als sie sich 
scheinbar auf dem Wege nach dem Meere befanden. Leider gibt Slater 



Anser fcrus Ccnis. 



211 



keine genauen Maße der seltnen Exemplare, die freilich nicht in seinen Besitz 
kamen. Auch ist fraglich, ob es sich um halbwüchsige junge oder um mausende 
ältere Individuen gehandelt hat In Sommervögeln immer Brutvögel sehen 
zu wollen, ist natürlich in unserm Falle unrichtig, da freilebende Gänse sich 
im 2. Lebensjahre nicht fortpflanzen. 

Eine dritte Beobachtung koimte ich selbst anstellen. Am 15. Mai 190:j 
unternahm ich vom Schiffe aus eine mehrstündige Fußexkursion ohne Gewehr 
bei Hvammr, im Innern des Hvammsfjördrs (W.). PJin reißender Strom 
nebst dem vorgelagerten Meeresstrande beherbergte eine ungewöhnliche Menge 
von Wasservögeln. Als ich das Flußtal aufwärts ging, bemerkte ich hinter 
Eisschollen am Ufer 2 Gänse, die mit langgestrecktem Halse schon nach 
mir äugten. Ihr kurzer Schnabel, die lebhaft rosenrot gefärbten Füße und 
die gedrungene Gestalt ließen mir keinen Zweifel, Anser brachyrhymims vor 
mir zu haben. Ich bückte mich sofort und konnte die Vögel lange Zeit aus 
verhältnismäßig geringer Entfernung mit dem Glase beobachten. Endlich 
kamen 2 Siugschwäne stromaufwärts geflogen, denen sich die Gänse mit 
leichten Flügelschlägen, aber ohne ihre Stimme auszustoßen, anschlössen. 
Ich beabsichtigte nun, die Fußspuren zu messen. Das Terrain war aber so 
unterhöhlt und Schnee und Eis daselbst weich und locker, daß ich mehrmals 
einbrach. Weil ich niemand bei mir hatte, gab ich weitere Versuche auf. 
Diese 2 Exemplare befanden sich möglicherweise auf dem Zuge nach Grön- 
land oder Spitzbergen. 

Grröiidals Beschreibung eines fraglichen Anser hracliyrhynchus (1. c.) hat wenig 
\^'e^t, weil die Angabe von Maßen fehlt. AVahrscheinlich soll sich auch Thienemanns 
Anser brevirostris (Fortpflanzung der Vögel Europas V, S. 28. 1838) — auf einer 
Üriginaletikette von Eiern im Zoologischen Museum in Dresden schreibt Thienemanu 
A7iscr segetum var. brevirostris Th. — auf unsere Art beziehen. Ein im Dresdener 
Museum befindliches Ei der Thienemannschen Sammlung unter der Bezeichnung „Anser 
brachyrhynchus von Island" mißt 83 x 57 mm (Gew. 18,9 g); ein zweifellos echtes 
Exemplar aus dem Berliner Zoologischen Garten 77 x 55,5 (13,5). ein solches von 
Spitzbergen 85x56 (20.5). 

59. Anser ferus ferus Schaeff. 
Graugans. 

Anser ferus (Gmelin): Newton, in Baring - Goulds Iceland, p. 414 (1863) und 
Ibis VI, p. 132 (1864). — Anser cinereus, Meyer: Slater, Birds of Icelaud, p. 40 (1901). 

Anser ferus, Steph. : CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 643 (1877). — Anser ferus, 
Schaeff.: Salvador). Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 89 (1895). — Anser anser (L.): 
Naumann, Vögel Mittoleuropas IX, S. 284 (1902). 

Isländisch: Gräga-s, ältere Form (irägäs (ursprünglich Einzahl, ersteres Mehrzahl). 

Auch dän. & norw.: Graagaas. Schwed.: Grägäs. Holl.: Grauwegans. Engl.: 
Grey lag goose, Grey goose. Fär. : Grägäs. 

Anser ferus ferus bewohnt Europa und das angrenzende Asien. Er wird in 
den meisten zusagenden Gebieten, z. B. auch in Nordrußland (bis etwa zum Polarkreise), 
in Skandinavien (bis zum Norden) und auf den Britischen Inseln brütend gefunden. 
Die Färöer besucht er regelmäßig auf dem Durchzuge. In Grönland wurde er aber 

14* 



212 Anser fonis l'onis. 

noch nicht eripfjft. Die Hauptmenge der Vögel überwintert an den Küsten der Nordsee, 
des nnschlieüenden Atlantischen Ozeans, sowie des Mittelländischen, Schwarzen und 
Kaspischen Meeres. — Im paläarktischen Asien wird unsere Form durch den größeren 
A. /". rubrirostris Hodg. vertreten. Die Grenzen beider Subspezies sind noch ungenügend 
festgestellt. 

In Island gcliört die Onmj^^iins /u den nicht lifuilioen Briitvöo(>ln. 
Newton gab die erste Mitteilung ihres Vorkonjinens daselbst. Kr erhielt von 
Fowler den Kopf eines im Nurdlande bei seinen Jungen erlegten Exemplars 
und berichtete ferner, daß rroctor ebenfalls 3 oder 4 Bälge unsver Art von 
Island besitze (Ibis 1864, p. IS^). Späterhin leugnete man wieder das Vor- 
kommen der Graugans, weil Faber sie nicht anführt. xVuch Gröndal erwähnt 
sie nicht. Dagegen sagen die beiden Pearson ausdrücklicli (Ibis 189.5, p. 247), daß 
es die einzige Ansej-Spezwn sei, die sie in Island beobi-.chtet hätten. Am 
3. Juli 1894 erlegte H. .1. Pearson ein Exemplar beim Neste, das sicli auf 
einer Insel in der ])jörsä (SW.) befand. In dieser Gegend war die Art 
ziemlich häutig. Man entdeckte am 1., 2. und 3. Juli mehrere Nester mit 
stark bebrüteten oder einzelnen tauben Eiern, doch sah man auch schon 
junge Vögel. Slater vertritt gleichfalls die Ansicht, daß Amer firus die ver- 
breitetste Spezies der Gattung in Island darstellt, die er in verschiedenen 
Gegenden der Insel beobachtete. P. Nielsen teilte mir mit, daß man am 
13. Mai 1895 eine Gans tot bei ihrem Neste auf einer kleinen Insel in der 
]">jörsä gefunden und ihm gebracht habe. Das Nest enthielt nur ein Ei von 
88,5 X 58 mm Größe. Der Vogel war äußerst fett und augenscheinlich au 
Legenot eingegangen. Er zeigte durchaus die Artkennzeichen von Amer 
ferns. Die mitgeteilten sehr kleineu Maße lassen dies freilich nicht erkennen. 
(Sclinabellänge: 52 mm, vom liintern Ende des Nasenloclies bis zur Spitze: 38, 
vom vordem: 29, Länge des Nagels am Oberschnabel: 14, Breite: 15; am 
Untcrschnabel: 11 bez. 10. Tarsen: 58. Mittelzehe inkl. der 7 mm langen 
Kralle: 82 mm). Diese Gänseart soll nack Nielseus Angabe nicht selten im 
Mündungsgebiete der erwähnten ])jörsa brüten (in litt.). 

Ich selbst beobachtete vom 1.— 8. Mai wiederholt kleinere Gänsescharen 
auf Moorwiesen bei Keykjavik, die sich aber außerordentlich selten zeigten. 
Es gelang mir nicht, ein Exemplar davon zu erlegen, zumal Vieh und Menschen 
in der Umgebung mir die Benutzung meiner Mantelgeschosse fast unmöglich 
machten. Meist steckten die Gänse hinter den zahlreichen Erdhügeln und 
flogen auf weite Entfernung hin auf, wenn man sich der Gegend näherte. 
Die 4—9 Exemplare ordneten sich gewöhnlich rasch in "einer geraden Reilie 
hintereinander, ließen dabei ein lebhaftes, ziemlich gebundenes Gagagak, das 
sehr an die Stimme der Hausgänse erinnerte, hören oder auch ein weicheres 
Dädüdü, Dädüdüa, lälülü. Einige Male kamen die Vögel an mir vorüber, 
daß ich sie mit dem Glase gut sehen und mit ziemlicher Gewißheit als 
unsere Art ansprechen koniite. Glaubten sie sich unbeobachtet, so durcli- 
suchten sie die schlammigen Gänge und Wasseradern zwischen den Erd- 
hügelchon und hinterließen natürlich zahlreiche Fußspuren. Die Länge des 
Abdruckes der j\Iittelzehe ergab nach vielen Messungen 87 — 90 mm (ohne 
Nagel), was jedenfalls auf An-'^'V ferns am besten paßt. 



Kranta borniola boriiicla. 213 

]\Iit yrölkrer Sicherlieit stellte ich unsere Art Anfany Juni bei Laufiis 
an der Mündung der Fnjöska in den Eyjafjördr lest, wo sich 4 Exemplare, 
scheinbar 2 Paare, aufhielten. Sie nisteten irgendwo inmitten der dortigen 
Eiderentenkolonie, auf einer Insel oder am Kandc des Flusses, brüteten a)>er 
am 8. Juni noch keinesfalls fest. Leider konnte ich hier wieder nicht die 
Erlaubnis zum Abschießen eines l']xemplars erhalten. Die Fußabdrücke vou 
einem der Vögel zeigten als Eänge der Mittelzehe 90 mm. Ein vom Jahre 
vorher stammeudes großes Ei wurde mir vom Pfarrer in Laufas gezeigt. 
Anderwärts ist mir unsere Art nirgends vorgekommen. 

Die Graugänse scheinen, vielleicht mit g«(ringcn Ausnahmen, Zug- 
vögel auf Island zu sein. Sie kommen gleichzeitig mit den verwandten 
Arten im April scharenweise nach der Insel, treiben sich noch längere Zeit 
in der Nähe der Küste umher und ziehen sich im Mai nach den Hrutgebieten 
zurück. Ende September, Anfang Oktober verlassen sie die Insel wieder. 

60. Branta bernicla bernicla ( E.). 
Riugelgans. 

Anser torquatus (Frisch): Faber, Prodronuis, S. 80 (1822). — Anser bernicla: Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 406 (ISüS). — Bernicla brenta (Linn.): Xewton, in 
Baring-Goulds Iceland, p. 415 (1863). — Anser torquatus Frisch: Gröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 46 (1800). — Bernicla brenta (Fall.): Slater, Birds of Iceland. p. 46 (1901). 
— Anser torquatus Frisch: Sasnumdsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 18 (lOOvö). 

Bernicla brenta (Fall.).: Collin, Skandinaviens Fngle, S. 647 (1877). — Branta 
hernicla (L.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, j). HO (180;")). - Anser torqvatus 
Frisch typicus: VVinge, Grönlands Fugle. S. 120 (1808). — Branta bernicla (L.): Nau- 
mann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 360 (1002). 

Isländisch: Margäs, Margaes {= J\leergans), Hrotgäs, Hrotgajs, Hrota, ältere Form 
Hrodgäs (Etymologie unklar, vielleicht \ on hrjöta = schnarchen, wegen der Stimme). 

Auch deutsch: 3Icergans, Roftgans, Rottgoos, Rotges, Hrota. l)än.: Radgaas. 
Hol!.: Rotgans. 

Branta bernicla hernicla bewohnt die arktische Region nördlich von Europa 
und Westasien.' Häufig brütet sie auf Spitzborgen, wahrscheinlich auch auf Franz- 
Jüseph-Land, ferner auf Nowaja Semlja, Waigatsch und im Mordwesten der Taimyr- 
Halbinsel. Ostlich der Lena wird sie durch die ähnliche B. b. nigricans (Lawr.) ver- 
treten, die auch das westliche arktische Amerika bewohnt, zwischen den Parry-Inseln 
und Westgrönland aber durch B. b. glancogaster (Brehm). Schalow hält nicht für 
ausgeschlossen (Vögel der Arktis, S. 178). daß die Ringelgänse von Ostgrönland und 
Jan Mayen, wenn in letzterem (-iebiele die Art überhaupt brütet, zu B. h. glaucogaster 
gehören, in welchem Falle diese Form sich zweifellos auch auf Island zeigen würde. 
Die 2 Ringclgänse im Reykjaviker Museum, die allerdings jüngere Tiere sind, mußte 
ich als zu B. b. bernicla gehörig betrachten. Im Winter ziehen die Vögel gelegentlich 
bis zu den Wendekreisen südwärts und besuchen auch Skandinavien, die Britischen 
Inseln, F'äröer usw. 

Nach Island kommt die Pingelgans nur als unbeständiger und nicht 
häufiger Durchzugsvogel. Gewöhnlich trift't man sie in Gesellschaft der 
viel zahlreicher auftretenden Urania Icacopsis. Im Frülijahre erscheinen die 
Vögel etwa Mitte April und verschwinden Mitte J\lai. Im Herbste zeigen 
sich einzelne schon Anfang September und bleiben bei günstiger Witterung 
bis zum November im Lande. Faber nennt die Art selten, erfuhr aber, 



214 liraiita beriiicla hornicla. 

daß im Oktober 1820 einige I-iXeinplare in Siidisland geschossen wurden. 
P. Nielsen erlegte einen einzelnen jungen Vogel am 20, Oktober 1878. der 
durchaus nicht scheu war und den Schützen auf 20 Schritt lierankommen 
lieB. Hin altes Männchen erhielt Nielsen am 28. September 1880. das eben- 
falls bei Kyrarbakki geschossen war und 3.65 Pfund wog. Später bekam 
er noch Exemplare am 8. Mai 1881 und 20, Oktober 19o:? aus der Gegend 
von Selvog (in litt.). Auch St. Stcfänsson, .]. V. Havsteen u. a. versicliorten 
mir. daß im Oktober sich fast alljährlich einige der Vögel im Eyjatjördr 
zeigen. Sa3mundsson kennt unsere Art von der Halbinsel Reykjanes. Auch 
sah er 2 Exemplare in Reykjavik, die Ende November 1900 in der Nähe 
des Hofes Hvaleyri im Hafnarfjördr erlegt wurden. 12 Stück schoß man 
Mitte November 1903 bei Myrar am BorgarQördr und sandte sie zum Ver- 
kaufe nach Reykjavik (Sferaundsson, 1. c). 

Wiederholt hat man die Vermutung ausgesprochen, ßranta bendda brüte 
iu Island. Zur Zeit fehlen aber noch sichere Angaben hierüber. Die beiden 
besten Oologen der Insel, P. Nielsen in Eyrarbakki und J. V. Havsteen 
in Oddeyri. die in vielen Teilen des Landes Sammler haben und alljährlich 
große Mengen von Eiern erhalten, bezweifeln das Brüten der Ringelgans in 
Island. Dagegen berichtet schon Eggert Ölafsson, daß zweimal ein Individuum 
mit vollkommen legereifem Ei geschossen worden sei (Reise I, S. 34) und 
daß die Bauern im Ostlande vermuteten, der Vogel brüte auf unzugänglichen 
Klippen in der Müla-S^-sla (II. S. 118). Auch Faber erzählt, man habe im 
Frühjahre 1821 eine Riugelgaus mit großen Eidottern bei Keflavik (SW.) 
erlegt und außerdem auf einer Wiese im Innern des Eyjafjördrs Ende Juni 
1819 das Nest einer Gans gefunden, die nach der Beschreibung unserer 
Bratita bernida glich. Die 6 Eier des Geleges (4 ist normal), die man ihm 
In'achte, waren an Größe und Gestalt denen von Sonuiterla tnolUmma ähnlich. 
Das betreffende Weibchen soll zahm um das Nest gelaufen seiu, was andere 
Gänse kaum tun (1. c). Die Bewohner am Myvatn versiclierten Bariug- 
Gould 1858, daß unsere Margds, wie auch noch drei andere Gänsearten, 
gelegentlich auf den Inseln des Sees brüten. Newton, der dies mitteilt (1. c), 
bezweifelt aber mit Recht die Angabe. Immerhin ist nicht ausgeschlossen, 
daß unser Vogel noch einmal brütend auf Island gefunden wird. Am wahr- 
scheinlichsten dürfte dies auf der nordwestlichen Halbinsel der Fall sein. 

61. Branta leucopsis (Bebst.). 

Weißwangengans. 

Auser leitcopais (Bechst.): Kaber, Prodromus, S. 80 (1822). — A)iser leucopsis 
Bechst.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 406 (1862). • Bernida leucopsis 
(Teiiim.): Newton, in Haring-lxoulds Iceland, p. 414 (1863). — Anser leucopsis Be:c\\si.: 
(irröiidal, islenzkt fiighital, bis. 46 (1895). - Bernida leucopsis (Bechst.): 81ater. Birds 
of Icelaud, p. 46 (1901). 

Bernida leucopsis (Bechst.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 645 (1877). -- Bratitu 
leucopsis (Bechst.): Salvadori, Cat. Birds Brit. Mus. XXVII, p. 117 (1855). — Anser 
leucopsis Bechst.: Winge, (ironlands Fugle, 8. 122 (1898). — Branta leucopsis (Bechst.): 
Naumann. Viigel Mitteleuropas TX, S. 367 (1902). 



Branta Toiicopsis. . yjK 

Isländisch: Helsingi (nachSt. Steiänsson von Hals = Hals, wegen der schwarzen 
Färbung dieses Teils im Gegensatze zu den Graugänsen: wahrscheinlich nach Gröndal 
von helsi = Halsband. Der Name entspräche dann dem deutschen „Ringelgans" und 
würde sich ursprünglich auf die vorige Art bezogen haben, wie dies auf den Färöern 
noch jetzt geschieht : Helsingagaas). ältere Form Helsingr. 

Auch schwed. : Helsing. 

Zur Zeit kennt man als sichere Brutplätze von Branta leucopsis nur Spitzbergen 
und Ostgröuland. Einige Vögel sollen auch auf Kolguew brüten (Battye) und aus- 
nahmsweise ein Paar auf einer der Lofoten sich fortgepflanzt haben (CoUett). Die 
Angaben über ihr Vorkommen auf Nowaja Semlja (Nordenskiöld) und der Taimyr- 
Halbinsel (Westerlund) sind dagegen zweifelhaft. Doch scheinen die Vögel ziemlich 
unbeständig in ihren Sonimerwohnsitzen zu sein. Im Herbste wandern sie südwärts 
nach den Küsten Jlittel- und Westeuropas, wo sie mitunter in bedeutenden Scharen 
auftreten. Die Färöer besuchen sie ziemlich regelmäßig. 

x\ucli iu Island erscheint die Weißwangengaiis als regelmäßiger 
Durchzugsvügel. Jedenfalls stammt die Mehrzahl solcher AYanderer aus 
Ostgröuland, wo unsere Art " in den Küstengebieten am Scoresby- Sunde 
(c, 70*^ n. Br.) nach den Angaben Kolthoffs u. a. sehr zahlreich brütet. 

Faber sagt, uuser Vogel zeige sich besonders häufig auf der südwest- 
lichen Seite von Island und nicht selten auch im Norden. Doch kennt man 
ihn heutzutage von allen Küstengebieten. Auf den Vestmaunaeyjarn erscheint 
die Weißwangengaus fast jeden Herbst (Jönsson). Bei Eyrarbakki wird sie im 
April und September in Menge gesehen und bleibt beide Male 2 — 3 Wochen 
in der Gegend (Nielsen). Bei Reykjavik ist sie nach Gröndal auch nicht 
selten (Ornis II, S. 362), und au der Westküste Islands tritt sie nach meinen 
Erkundigungen au Ort und Stelle mitunter sehr zahlreich auf. Noch 
am 15. Mai beobachtete ich selbst 4 Exemplare bei der Insel Flatey im 
Breidifjördr, die in schräger Linie nach Norden flogen. In den Eyjafjördr 
kommt unsere Gans jeden Herbst in ansehnlichen Scharen, wird häufig erlegt 
und in Akureyri auf den Markt gebracht (J. V. Havsteen, St. Stefdusson). 
Auch in Grimsey ist sie wohlbekannt. 

Im Frühjahre zeigen sich die Vögel von Mitte April an. Sie halten 
sieb in der Nähe des Meeres auf, fressen besonders Seepflanzen und das 
Gras der Wiesen, ferner auch kleine Seetiere, nach denen sie den Meeres- 
boden mit untergetauchtem Halse absuchen, bleiben oft bis Ende Mai (23. IVIai 
1889, Gröndal) im Lande und verschwinden dann plötzlich. Anfang September 
erscheinen sie abermals, gewöhnlich noch weit zahlreicher, werden vielfach 
zu Nahrungszwecken erlegt, zumal sie nicht allzu scheu sind, und wenden sich 
oft erst im November südlicheren Gegenden zu (Gröndal, Ornis II, S. 362). 

Vielleicht ist die Weißwaugengans auch gelegentlicher Brutvogel auf 
Island, obwohl sichere Angaben hierüber bis jetzt nicht vorliegen. Verschiedene 
Literaturberichte entsprechen nicht den Tatsachen, z. B. Nehrkorns Eierkatalog 
Nr. 3414, S. 243 (1899). Zeitschrift für Oologie XI, S. 28 (1901). Die 
erwähnten Eier, als deren ürsprungsgebiet die Bezeiclmung Island willkürlich 
gewählt wurde, entstammen, wie ich mich genau erkundigt habe, zoologischen 
Gärten. Faber erklärt ausdrücklich, man sähe unsern Vogel niemals im 
Sommer auf der Insel, und aucli Nielsen bezweifelt sein Brüten daselbst 



21 G Cygnus cy^iius. 

(iu litt). Duili eizäliltc mir Horr Alf Baclimauu aus Müufbeii, ev habe am 
22. Juni 19(»4 auf einem Schiil'e bei Blönduös (N.) 4 tote Weißwann^eugänse 
gesehen und auch photographiert, die kurz vorher auf einem in den Skaga- 
fjördr mündenden Flusse erlegt worden seien. Die Leute behaupteten, die 
Margies würde hier alljährlich im Sommer angetroffen und brüte sicherlich 
auch im Gebiete. Die Wahrheit dieser Angabe beruht vielleicht auch nur 
darauf, daß ab und zu jüngere, noch nicht zur Fortpflanzung schreitende 
Individuen in der Gegend den Sommer zubringen. Eine Sektion der 
betreffenden Exemplare hätte Klarheit schaffen können. Bei der Nähe der 
ostgrönläudischen Brutgebiete ist freilich ein gelegentliches Brüten der Vögel 
im gegenüberliegenden Teile Islands keineswegs ausgeschlossen. 

G'j. Cygnus cygnus (L.). 
Singschwan. 

Cygnus musicus (Bechst.): Faber, Prodromus. S. 81 (1822j. — Cyynns miisicus 
Sechst,: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island. S. 404 (1862). — Cygnus f'erus Leach; 
Newton, in ßariug-Goulds Iceland, p. 414 (1863). — Cygnus musicus Bechst.: Gröndal, 
islenzkt fuglata], bis. 48 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 47 (1901). 

Cygnus musicus, Bechst.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 632 (1877). — Salvadori, 
Cat. Birds Brit. Mus. XX\' II, p. 26 (1895). — Winge. Grönlands Fugle, S. 81 (1898). — 
Cygmis cygnus (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 251 (1902j. 

Isländisch: Alft, Alpt (nacli Gröndal entweder von Alp = Elbe. Wa.ssergeist 
oder von albus = weiß), Svanur (poetisch). 

Auch dän. & norvv. : Svane. Schwed.: Svan. Engl.: Swan. Fär. : Sveänur, Svanur. 

Cygnus cygnus bewohnt die nördliche paläarktische Region, von Island bis Ostasien. 
In den eigentlich arktischen Gebieten brütet er aber nicht mehr, besucht diese höchstens 
gelegentlich. So soll er z. B. auf Spitzbergen vorgekommen sein (Biaiichi). In Europa 
bewohnt er Nordrußland. Finnland (bis zu etwa 62'* hinab), Lappland und das nörd- 
liche Skandinavien. Im südliehen Grönland hat der Singschwan früher wahrscheinlich 
regelmäßig gebrütet, ist aber später durch die Eskimos ausgerottet worden und kommt 
heutzutage nur noch gelegentlich von Island herüber. Es handelt sich bestimmt um 
unsere, nicht etwa um eine ähnliche amerikanische Art, wie Winge und Helms hervor- 
heben. Im AVinter streichen die Vögel südwärts bis Japan, China. Zentralasien und 
zum Mittelmeere. Auf den Britischen Inseln überwintern viele, nach den Färöern 
kommen sie besonders auf dem Frühjahrszug«'. 

In Island ist der Singschwan ein im Innern weit verbreiteter Brut- 
vogel, der freilich an /^ahl zurückzugehen scheint. Er bewohnt im Sommer 
die zwischen wilden Berggipfeln versteckten klaren Gebirgsseen, tiudet sich 
daselbst meist in einzelnen oder nur in wenigen Paaren und bildet einen 
reizvollen Schmuck der au und für sicli schon landschaftlich eigenartigen 
Gebiete. Gewöhnlich schwimmen die scharfsichtigen Vögel bei Annäherung 
von Menschen in die Mitte des Gewässers oder auf die entgegengesetzte 
Seite, und nur bei nebligem, kaltem Wetter oder im Grauen der Sommer- 
nacht gelingt es, sich auf Schußnähe anzupirschen. 

Die isländischen Schwäne gehören meiner Ansicht nach ans.schließlich zu Cygnus 
cygnus, variieren aber individuell nicht unbedeutend und bilden in Ausnahmefällen 
sogar scheinbare Übergänge zu verwandten Arten. 



Cygniis cygiuis. 217 

Ein (5 ad. iiiciiier Sammlung, erlegt am 12. 3lai liiü3 im Kollafjördr bei Keykjavik. 
in Island Überwintertor Vogel, charakterisiert sieh l'olgenderinaßen. Oberseite weiß l)ei5. 
sehwaeh gelblichweiß. Unterseite vom Aufenthalte in eisenhaltigem warmen Brack- 
wasser schön rostgelb, welche Färbung an der Brust und noch mehr am Halse und 
Kopfe intensiver hervortritt. Stirn und Oberkopf gleicliuiäßig glänzend rostbraun. 
Gewicht i. Fl.: S'/a kg. Gesamtlänge i. Fl. : 13r)0 mm. Flugbreite: c. ii200. Flügel: ."jTO. 
Schwanz: 185. Tarsen: 110. Mittelzehe inkl. der l(j mm langen Xralle: 146 mm. 
Hinterzehe inkl. der 10 mm langen Kralle : 27 mm. Schnabellänge: 95. Schnabelhöhe 
am Grunde: 35. Schnabelbreite am Grunde: 3-i,5, beim Beginn des Nagels: 30. -- Am. 
Grunde der Schnabelfirste ein schwarzer, 8 mm breiter Stirntleck, der teilweise mit 
kurzen Federstoppeln besetzt ist. Die eigentliche schwarze Färbung des Oberschnabels 
reicht von der Spitze c. 70 mm die Firste hinauf, nur ein c. 17 mm breites Stück der- 
selben bleibt rötlichgelb gefärbt. In der Nähe der Schnabelränder geht das seitliche 
Gelbrot in ein düsteres Trübrot über, das wahrscheinlich ebenfalls durch mineralische 
Einwirkung verdunkelt ist. Das Gelbrot springt vom Schnabelwinkcl Hl nun am Schnabel 
vor, d. i. 8 mm weiter als das Ende der Nasenlöcher. Ein ganz schmaler Streifen am 
Spitzenende der Schnabelränder zeigt schwarze Färbung. Schnabelspalt vom Winkel 
bis zur Oberschnabelspitze: 97 mm. Ünterschnabel mit Ausnahme des Grundes: schwarz, 
Kehlhaut: schmutzig rotgelb. Iris: hellgrau. Füße: "schmutzig braunschwarz, an den 
Gelenken und Schwinmihäuten fast schwärzlich. 

Brehms Absonderung des isländischen Singschwans als Cyijnus islandicus (1H81) 
entbehrt der Begründung. 

Am Abend des 15. Mai beobiicbtete icb auf dem Hvamiusfjördr (W.) 
etwa 130 Siiigschwäne. Zweifellos bandelte es sieb dabei um Vögel, die 
unlängst von der Reise zurttckgekebrt waren; denn icb erblickte kein ein- 
ziges Exemplar darunter, das jenes cbarakteii-tiscbe Rostbraun überwinterter 
Stücke aufwies. Sie schwammen in breiter Reihe parallel zum Ufer, die 
Brust dem Winde und den leichten Wellen zugewandt. Kilometerweit 
leuchteten die weißen Gestalten und ähnelten in der Ferne treibenden Eis- 
schollen. Nachdem ich mich durch Schlamm und Schneeschlicker den 
Schwänen auf 60—100 m genähert hatte, begannen sie lebhaft ihre Doppel- 
töne Ang-Hä zu rufen und setzten dies ohne Unterbrechung fort, solange 
icb am Strande weilte. Mit dem Glase konnte ich die großen Tiere recht 
genau beobachten. Einige waren an Kopf und Hals mit Grau überflogen^ 
die meisten aber rein weiß gefärbt. Sie trugen die Flügel angelegt oder 
schwach gelüftet, den Hals gerade und aufrecht. Nur vor dem Untertauchen 
beugten sie ihn. Manche Exemplare schwammen dicht beieinander, eine streng 
paarweise Absonderung war indes nicht zu bemerken. In kleinen Trupps 
kam es mitunter zu Reibereien, indem ein Vogel dem andern nach Schwanz 
und Füßen biß. Doch schien dies mehr aus Spielerei als aus Feindschaft 
zu geschehen. In ihrer Größe variierten die Vögel nur unwesentlich, bedeu- 
tender aber in bezug auf Schnabelfärbung. Bei manciien Individuen, augen- 
scheinlich bei den jüngeren, war das Gelb sehr blaß, bei andern leuchtend 
orange, die Ausdehnung dieser Färbung ebenfalls nicht die gleiche, doch 
immerhin ziemlich weit vorspringend. Das Schwarz auf der Schnabelfirste 
ging bei einigen Vögeln bis an die Stirn, bei andern viel weniger weit. 
Eine sichere Übereinstimmung zwischen Größen- und Farbenverschiedenlieiten 
konnte icb nicht bemerken. Doch scliien es mir, als zeigten die jüngeren 
Exemplare, bei denen das Gelb blasser und Kopf und Hals grauer waren, 



•218 Cvgniis cygiius. 

mehr Schwarz am Schnabel. Alle Vögel charakterisierten sich al^ wahre 
Cygum ci/<jniis. — Am andern Vormittage befanden sich die Schwäne noch 
an derselben Stelle des Fjordes. 

Die Stimme unsrer Vögel vornimmt man besonders dann, wenn 
mehrere beisammen sind. Im Schwimmen lassen sie oft stundenlang ein- 
silbige Rufe hören: ein tieferes nasales A oder Aug und ein höheres Hä. 
Beide Töne werden ungefähr gleich häufig ausgestoßen, wodurch ein charakte- 
ristisches und nicht unmelodisches Zusammenspiel entsteht. Der Vogel öffnet 
;i)eim Rufe ein wenig den Schnabel, geht aber im übrigen ruhig seiner 
Beschäftigung nach. Beim Fliegen verstärkt sich die Stimme und erinnert 
dann aus der Ferne vernommen an verworrene Glockentöne. Diese mischen 
sich mit dem Rauschen der mächtigen Scliwingen und ergeben so den in 
früherer isländischer Literatur viel genannten Schwanengesang, der in die 
Stimmung der stillen Landschaften vortrefflich paßt, besonders wenn die 
dämmernde Frühsommernacbt ihren geheimnisvollen Schleier herabsenkt. 

Je nach Örtlichkeit und Witterung kommen die Singschwäne Finde 
April, Anfang Mai, in weniger günstigen Lagen auch erst in der zweiten 
Hälfte dieses Monats, nach ihren Brutplätzen. Oft liegt dann noch im 
Tale des Gebirgssees Eis und Schnee, was aber die wetterharten Vögel nicht 
abhält, mit der Ausbesserung oder dem Neubau des Nestes zu beginnen. 
In -einigen Tagen ist die Arbeit gewöhnlich ausgeführt. Der große Horst 
befindet sich meist auf einer kleinen Insel oder auch an geschützter Ufer- 
steile. Er hat die Gestalt eines flachen Hügels, wird aus Pflanzenstoffen. 
Erde und Steinen kunstlos aufgeschichtet und später vom Weibchen mit 
weißen Dunen ausgekleidet. Die Ablage der 4—7 Eier erfolgt gewöhnlich 
Ende Mai, Anfang Juni. Doch habe ich Daten für vollständige frische 
Gelege vom 4. Mai bis 16. Juni. Später gefundene Eier sind in der Regel 
bebrütet oder gehören Nachgelegen an. 

Isländische Exeraplare meiner Sammlung zeigen folgende ]ilaße: 126x75,5 mm 
(4«) g). 116 X 74 (39,5). 113,5 x 72 (38). 111,5 x 73 (33,5). 111 x 72 (36,-5). 107 x 71,5 
(44). — 36 isländische Eier der Sammlung Ottoßon zeigen im Maximum 118,1 x: 73.6 
bez. 114,1x75,1, im Minimum 107,5x72,3 bez. 114,6 x; 69,8 mm, im Durchschnitt 
■etwa 112x73ram. Ihr Gewicht schwankt zwischen 37,15 und 43,60 g (in litt.). 

Das Weibchen brütet 35 — 40 Tage allein. Doch hält sich das Männchen 
beständig in der Nähe auf. Beide Vögel vergessen aber auch am Neste 
selten die eigne Sicherheit. Die grauflaumigen Duuenjungeu werden von 
beiden Alten treulich geführt und sind nach etwa 2 Monaten völlig befiedert 
und flugbar. Doch bleibt die Familie auch dann noch häufig beisammen. 
Tritt im August bei den alten Vögeln die Mauser stärker ein, die sie oft 
auf Wochen flugunfähig macht, werden sie unruhig und verlassen wenn 
möglich das engbegTenzte Brutgewässer. Laufend und die Flüsse abwärts 
schwimmend begeben sich die Familien nach größeren Seen, breiten Strömen 
oder dem Meere. Liegt aber ihr Wohnplatz allzutief zwischen den Bergen 
und ist die Nachkommenschaft noch klein, so harren die Alten oft bis zum 
*September,aus. Dain können die Jungen fliegen, und auch ihnen sind die 



Cyguiis cygniis. 219 

Schwungfedern wieder nachgewachsen. Mitunter werden freilich die Schwäne 
auch vorher voiji Menschen überrascht, mit Booten ans Land getrieben und 
hier in flugunfähigem Zustande erschhigen. Erreichen sie rechtzeitig größere 
Gewässer, so können sie sicli zufolge ihrer vorzüglichen Schwimmfertigkeit 
weit besser schützen. 

Als ich ]Mitte August unterhalb von Skälholt die Hvitii entlang nach 
Ölafsvellir ritt, sah ich das Ufer des Flusses allenthalben mit kleinen und 
großen Federn der Vögel bedeckt. Eine Menge Schwäne befanden sich auch 
wirklich auf dem tiefen, reißenden Sti'ome. und es war bewunderungswürdig, 
daß die Tiere der äußerst rasch dahinfließenden mächtigen Wassermenge 
scheinbar nicht unschwer zu widerstehen vermochten. Vor menschlichen 
Verfolgungen waren sie freilich auf diesem Strome sicher. 

Viele Individuen, besonders Junge und Weibchen, ziehen Ende September 
oder im Oktober von Island fort, nachdem sie vorher die Küsten und 
Oestadeiuseln, z. B. auch die Vestmannaeyjar. besucht haben. Andere Exemplare, 
vornehmlich die alten Männchen, überwintern im Lande. Sie sind Strich- 
vögel, die selten hyige Zeit an einem Gewässer bleiben, sondern zwischen 
verschiedenen hin und her wechseln. Sie besuchen die offenen Meeresbuchten, 
vor allem solche der Südküste, sowie nicht völlig zufrierende Sumpfwiesen 
und Wasserrinuen, warme Teiche und große Binnenseen, wo sie freilich viel- 
fach auch erlegt werden. Das Fleisch und noch mehr die Federn- der 
Schwäne sind sehr geschätzt. Auf dem Myvatn, der ja zum Teil niemals 
zufriert, wird die winterliche Schwanenjagd mit Vorliebe ausgeübt, doch soll 
sie früher weit ergiebiger gewesen sein als jetzt. Unsere Vögel leben zu 
dieser Zeit meist von Pflanzenstoften, begnügen sich selbst mit halbverwelkten 
Orasspitzen und verschlucken außerdem viele Steiuchen. Im Sommer nähreu 
sie sich auch von Wasserinsekten, Würmern, Schnecken u. dgl. 

Die jungen Siugschwäne schreiten im zweiten und wahrscheinlich 
auch im dritten Lebensjahre noch nicht zur Fortpflanzung. Scharenweise 
verbringen sie den Sommer ebenfalls auf Bergseen im Innern, meiden 
bewohnte Gegenden nicht ganz so ängstlich wie die alten, wechseln aber oft 
zwischen benaclibarteu Seen hin und her, um bei Beunruhigung überhaupt 
nicht zurückzukehren. Wiederholt beobachtete ich solche Scharen, die immer 
wieder von neuem das Auge entzücken. 

Cygnus bewicki Yarr. 
Zwergschwan. 

Cygnus Bewicki Yarrel: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 405 (18ß2). — 
Cygnus minor, Pallas: Newton, in Baring-Goiilds Iceland, p. 414 (1863). — Gröndal, 
Urnis II, S. B64 (1886). — Cygnus beivicki, Yarrell: Slater, Birds of Iceland, p. 50 (1901). 

Cygnus Bewickü, Yarr.: CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 636 (1877). — Cygnus 
bewicki, Yarr. : Salvadori, Cat. Pirds Brit. Mus. XXVII, p. 29 (1895). — Cygnus Bewickü 
Yarrell: Naumann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 260 (1902). 

Isländisch: Litla Alft, litil Älft (= kleiner Schwan). 

Auch deutsch: Kleiner Schwan. Dan.: Lille Svane. Norw.: Mindre Svane. 
Schwed.: Mindre Svan. Engl.: Lesscr Swan. Hol!.: Kleine Zwaan. 



220 



Ardca cinerea. 



C'yynus bemcki brütet vom AVeißen Meere an bis wenigstens zur Lenamiintlung, 
nämlich im äußersten Norden Rußlands, auf Nowaja Semlja, Koij^uew und Waijratsch, 
sowie in den Tundren des nordwestlichen Sibiriens. Im Winter streichen die Vögel 
weit umher, kommen nach Oslsihirien, .lapan, China, 'J'urkestau. der Mongolei, dem 
Kaspischen und selbst dem Jlittelländischen Meere. Sie wandern westwärts ziendich 
regelmäßig nach Skandinavien und den Jiritischen Inseln. Auch auf Spitzbergen soll 
die Art vorgekommen sein. Auf den Färöern und in Grönland hat man sie dagegen 
noch nicht beobachtet. 

Von Island ist bis jetzt auch kein Belegexemplar iles Zwergschwans bekannt, 
obschon dieser ausnahmsweise rocht wohl nach der Insel verschlagen werden könnte. 
Als Brutvogel daselbst darf man ihn aber vollends nicht anführen; alle Angaben 
hierüber sind unbegründet. 

Wenn Brehm wirklich mit seinem Cyynns islaiulicus unsere Art meinte (Natur- 
gesch. aller Vögel Deutschlands, S. 8H2. 18B1), was Naumann und andere Ornithologen 
annahmen, so wählte er die Bezeichnung irrtümlicherweise. Faber hatte ausdrücklich 
erklärt, es gäbe in Island nur eine Spezies von Schwänen - ('. cyynus — . Man glaubte 
nun. diese sei C hewicki. Als später C. cyynus unzweifelhaft von neuem auf Island 
festgestellt wurde, vermutete man das Vorkommen beider Arten nebeneinander, ohne 
tatsächliche Begründung hierfür zu besitzen. Eier können natürlich nichts beweisen. 
Ich habe selbst ein als Cyynus minor von Island beschriebenes Exemplar aus der 
Thienemannschen Sammlung (111 x 71,5 mm, 29,5 g), das sicher C. cyymis angehört. 
Der wahre C. hewicki ist bis jetzt für unsere Insel durchaus unbekannt. 

63. Ardea cinerea L. 

Fi-sclireiher. 

Ardea cinerea (Lath.): Faber, Prodroinus, S. 23 (1822). — Ardea cinerea L.: 
Prejer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 429 (1862). — Newton, in Baring-Goulds Iceland, 
p. iu (1863). — (rröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 42.(1895). — Slater, Birds of Iceland, 
p. 38 (1901). — Spemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 16 (1905). 

Ardea cinerea, L.: Collin, Skandinaviens Fugle. S. 475 (1877). — Naumann, 
Vögel Mitteleuropas VII. S. 203 (1897). — Sharpe, (.'at. Birds Brit. Mus. XXVI. p. 74 
(1898). — Winge, Grenlands Fugle, S. 242 (1898). 

Isländisch: Hegri (= Reiher). 

Auch dän.: Hejre. Norw. : Hejre, Hegre. Scliwcd.: Kägcr. Fär. : Hegri, Heggri. 

Ardea cinerea bewohnt mit Ausnahme von Amerika alle Erdteile. In den ge- 
mäßigten Breiten ist er am häufigsten, findet sich aber auch in Australien, Südasien und 
Afrika. Nordwärts überschreitet er den Polarkreis nur ausnahmsweise, brütet aber 
doch noch im mittleren Teile Rußlands und Skandinaviens. Auf den Britischen Inseln 
ist er weit verbreitet. Die Färöer besucht er als häufiger Gast und überwintert sogar 
daselbst. Im südlichen Grönland wurde er ebenfalls wiederholt beobachtet. 

In Island ist der Fischreiher ein nicht seltner Gast, der sich beinah 
alljährlich zeigt und nach Gröndal (Ornis II, S. 360) besonders im Südost- 
und Westlande gesehen wird. Auch scheint er längere Zeit auf der Insel 
zu verweilen und uraherzustreifen, weil er in vielen Küstengegenden bekannt 
ist. Einige Sonderangaben mögen folgen ! ]). Jönsson bezeichnet ihn als 
nicht seltnen Besucher der Vestmaunaeyjar, P. Nielsen für die Gegend von 
Kyrarbakki (in litt.). St. Stefänssou teilt mit, daß er am Strande südöstlich 
vom P]yjafjalla-Jökull (S.) am 23. Juli 1894 einen Fischreiher beobachtet 
habe, woselbst der Vogel sich öfters zeigen soll (Nordurland, Akureyri, 4. Okt. 
1902). Sairaundsson berichtet (1. c), daß sich nach der Mitteilung M. ])ordarsons 
ein einzelnes Individuum 1896 — 97 fast ein Jalir lang an einem kleineu 



Ardotta niinuta niimita. 221 

Biniipiisee (ümdakotstjörn) bei Hafaarfjördr aufgehalten habe. Kr selbst sah 
bei Griudavik (SAV.) fast alljährlicli Fischreiher, besoüders im Spät- 
lierbste. Eiust zeigten sich daselbst 9 Stück', die an einem Wasser- 
tümpel im Grunde eines Lavakessels regelmäßig Nachtquartier zu halten 
pflegten und bei Tage am Strande fischten. Den 20. Septem])er 1897 beob- 
aclitete Sa3muudsson wieder 2 Reiher bei Akranes (SW.), den 2. Oktober darauf 
bei Reykjavik. Am 25. Oktober und im Dezember 1897 wurde je ein Exemplar 
bei Laugarnes, in der Nähe von Reykjavik, geschossen und für die zoologische 
Sammlung ausgestopft. Vielleicht beziehen sicli die zuletzt erwähnten Daten 
auf dieselben Individuen. Auch im Nordosten und Nordwesten Islands 
beobachtete Slater dreimal Fischreiher, und die Halbinsel Hegranes im Sk:iga- 
fjördr (65" 45') hat sicher iliren Namen nach einem Vorkommen unsres 
Vogels daselbst. Da Faber diesen sogar für Grimsey feststellte, wo er heut- 
zutage auch bekannt ist. darf man den Fischreiher als gelegentliclien Gast 
des ganzen isländischen Küstengebietes bezeichnen, der freilich den Süden 
am häutigsten zu besuchen scheint. Tiefer ins Innere des Landes dringt er 
für gewöhnlich uiclit ein. 

Als Daten für die Erlegung oder Beobachtung unserer Art in Island seien 
nochmals hervorgehoben : 23. Juli (Stefänsson), 20. September (Ssemundsson), 
Ende September (Faber), 2. und 25. Oktober (Ssemundsson), Oktober, 
17. Dezember (Gröndal), Februar (Saemundssou). Wenn auch für das Früh- 
jahr keine Daten vorliegen, scheint es sich bei unseru Gästen doch vielfach 
um jüngere, noch nicht fortpflanzungsfähige Individuen zu handeln, die nach 
späteren Brutplätzeu suchend besonders weit umlierschweifen. Dies lassen 
die beiden Exemplare des Museums in Reykjavik vermuten, sowie die Angaben 
Wiuges, 5 in Grönland erlegte Vögel seien sämtlich junge Tiere gewesen 
(1. c). Ältere Fischreiher kommen vielleicht von Schottland aus über die 
Färöer auch regelmäßig im Herbste nach Island; denn es ist kaum anzu- 
nehmen, daß es sich bei den liier b^obacliteten Vögeln nur um verschlagene 
Irrgäste handeln sollte. 

Brütend hat man den Fischreiher nie auf Island gefunden, was nicht 
verwunderlich ist, weil er im übrigen Europa ebensowenig den Norden liebt. 
Der Mangel au Bäumen dürfte ihn dagegen kaum abhalten, sich, auf uusrer 
Insel fortzupflanzen; denn anderwärts errichtet er seinen Horst auch auf 
Felsvorsjtrüngen und sogar auf ebenem Boden. 

64. Ardetta minuta minuta (L.). 
Kleine Rohrdommel. 

Arflea minuta (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 48:-3 (1877). -- Gröndal, 
Ornis XI, ]). 4r>3 (1901). — Stelan.s.son. Nordnrland, Akureyri (4. Okt. 1902). 

Ardetta minuta (L.): Naumann, Vögel Jlittelenropas VI, S. 247 (1897). — Sharpe, 
Cat. Birds Brit. 31us. XXVI, p. 222 (1898). 

Isländisch: Litli Hegri (= kleiner Reiher). 

Ardetta minuta minuta bewohnt das wärmere Europa und die benachbarten 
Teile von Afrika und Asien. Sie ist in vielen wasserreichen Gegenden Südeuropas 
häufig, in Deutschland und Holland schon weit seltner und in Livland, dem südlichen 



222 t'icoiiia ciconia. -- J'lpgadis aiitunmalis. 

Schweden und in- England nur noch vereinzelter Bnitvogel. Gelegentlich hat sich 
unsre Art auch nördlicher gezeigt, z. B. im Petersburger Gouvernement und auf den 
Färöeni. — Weiter südlich in Afrika ^vird sie durch A. m. pusilla (Vieill.) vertreten. 

Selbst von Island ist ein einmaliges Vorkommen der kleinen Rohr- 
dommel bekannt, das freilich weit zurückliegt. Am 20. Mai 1821} wurde ein 
totes Exemplar bei Keflavik (SW.) auf den Strand gespült und gefunden. 
Mau fertigte einen Balg davon und sandte diesen an das Zoologische Museum 
in Kopenhagen, wie Collin mitteilt. 

Ciconia ciconia (L.). 
Weißer Storch. 

Ciconia ciconia (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas VI, S. '601 (18t<7j. -- Sharpe, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 299 (1898). 

Isländisch: Storkur. 

Auch dän., norw., schwed., holl., engl.: Stork. 

Ciconia ciconia bewohnt die wärmeren Teile der westlichen paläarktischen Kegion 
einschließlich der 31ittelmeergebiete, geht aber im Norden nur ausnahmsweise bis zum 
Polarkreise vor. In Livland brütet unsro Art etwa bis zum 59. Grade hinauf. Sie 
bewohnt auch das südliche Schweden und Dänemark, weiter im Westen jedoch nur 
die Länder, des Festlandes. Vereinzelte Wanderer haben sich gelegentlich im Peters- 
burger Gouvei-nement. in Finnland, in Torneä (HÖ") usw. gezeigt. Auf den Britischen 
Inseln gehört der Vogel ebenfalls zu den seltneren Ersclieinungen. Von den Färöern 
und Grönland ist er gar nicht bekannt. 

In Island soll der weiße Storch einmal als Irrgast beobachtet worden 
sein. Ein alter Einwohner Gri'mseys, Yugvar Gudmundsson, der mir nicht imr 
als der beste Vogelkeuuer der Insel, sondern auch als durchaus glaubwürdig 
hingestellt wurde, versicherte mir, im Frühjahre 185G ein einzelnes Exemplar 
unsrer Art auf Grimsey (66" 35'n. Br.) beobachtet zuhaben, das allerdings 
bald wieder verschwunden sei. Eine Verwechslung mit dem Fischreiher 
scheint nicht vorzuliegen, weshalb ich die Mitteilung wiedergebe. Zweifellos 
lockt die weithin sichtbare, isolierte Ipsel als ein isländisches Helgoland 
manclien verschlagenen Wanderer heran. 

65. Plegadis antumnalis (Hasselq.). 
Brauner Sichler. 

Z6is/'aicmeK«s(Gm.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 491 (1877). — Gröndal.Islenzkt 
fuglatal, bis. 42 (1895). — Plegadis falcinellus (Linn.j : Slater, Birds of Icelaud, p. 39 (1901). 

Plegadis falcinellus (Linn.j: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXVI, p. 29 (1898). — 
Naumann, Vögel Mitteleuropas VII, S. 16 (1899). 

Isländisch: Svartur Ibis (= schwarzer, dunkler Ibis), Svartur Spöi. 

Auch deutsch: Dunkler Ibis. Dän. & norw.: Sortibis. Schwed.: Svartibis. Fär.: 
Svartm- Spegvi. 

Plegadis autumnalis bewohnt die südliche Hälfte Europas, besonders in ihren 
östlichen Gebieten, ferner Nordafrika, von wo aus die Vögel bis zum Süden dieses 
Erdteils vordringen. Häufig brüten sie auch in Zentral- und Südasien und streifen 
bis Ceylon, zu den Sunda-Inseln, Neu-Guinea und Australien hinab. Selbst im Osten 
der Vereinigten Staaten von Nordamerika, südwärts bis zum Golf von Mexiko, wird 
die Art gefunden. Nordwärts gehört sie schon in Mittel- und Norddeutschland zu den 
seltnen Gästen, wandert aber gelegentlich uach dem südlichen Schweden, Dänemark, Holland 
und England. Auch für die Färöer ist sie nachgewiesen, für Grönland allerdings nicht. 



Rallus aquaticus. 223^ 

Für Island keunt man nur ein ausuahmsweises Vorkommen des- 
braunen Sichlers 1824, in welchem Jahre eine vielerorts beobachtete nord- 
westliche Wanderung der Art stattfand. Von den Färöern aus gelang-te eiE 
Schwärm von 10 — 12 Stück nach Südisland. 5 hiervon erlegte Pkemplare^ 
darunter ausgeßirbte alte Vögel, wurden als Bälge nach dem Kopenhagener 
Museum gesandt, wo sich jetzt noch einige dersel))en befinden. 

GH. Rallus aquaticus L. 

"Wasserralle. 

Rallus aquaticus (Linn.): Faber, Proclromus. S. 31 (18ii2). — Rallus aquaticus L. 
Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 396 (1862). — Rallus aquaticus (Linn.): Newton, 
in ISaring-Goulds leeland, p. 410 (1863). — Rallus aquaticus L.: (iröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 42 (1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 79 (1901). — Sfeuuindsson, Zoolog. 
Meddel. fra Island. S. 16 (1905). 

Rallus aquaticus, L. : CoUin, Skandinaviens Fnglo, S. 547 (1877). — Sliarpe,. 
Cat. Birds Brit. Mus. XXIJI, p. 20 (1894). - Naumann, Vögel ]\litteleuroi)as VII. 
S. 191 (1899). 

Isländisch: Keldusvin (von kelda = Sun^pt' und svin = Schwein, vielleicht 
nach dem Balzgeschrei); nur in der Literatur gebraucht: La-kjakräka (von Itekr = Bach 
und kräka = Krähe), Jardsmuga (= Erdloch) und Riiidilfvari (Eytm. unklar). 

Rallus aquaticus bewohnt die westliche paläarktische Hegion von Island bia 
AVestsibirien, Turkestan und Afghanistan. Im südlichen und mittleren Europa brütet 
unsre Art fast in allen geeigneten Gebieten, kommt aber nordwärts kaum bis zum 
Polarkreise vor. h\ Xurland und Livland ist sie schon selten, in Finnland bloß noch 
gelegentlicher (iast. In Schweden bewohnt sie nur den Süden, geht aber in Norwegen 
bis zum Trondhjem-Fjord (64**). Auf den Britischen Inseln findet sie sich bis Schott- 
land hinauf. Die Färöer besucht sie von Island aus als Wiutergast. Einmal ist ein 
Exemplar auf Jan Mayen gefangen worden. Im Winter ziehen die "\'ögcl südwärts 
bis Nordafrika und Nordindieu. 

In Island ist die AVasserralle ein nicht häufiger Brutvogel, kommt 
aber au geeigneten Ortlichkeiten in allen Teilen der Insel vor. Am zahl- 
reichsten scheint sie die ßangarvalla-Sysla (SW.) zu bewohnen, von wo 
Nielsen ihre Eier aus vielen Gebieten der wasserreichen und fruchtbaren 
Wiesenlandschaften zwischen Markarfljöt und Hvitä erhielt. Nielsen zählt 
aber auch Gegenden im West-, Nord- und Ostlande auf, wo der Vogel beob- 
achtet worden ist (Ornis II, S. 430). J. V. Havsteeu und St. Stefänsson 
(Nordurland, Akureyri, 4. Okt. 1902) teilten mir mit, daß sie wiederholt 
von dem Vorkommen der Wasserralle im Gebiete des Eyjafjördrs Kenntnis 
erhalten hätten. In verschiedenen Gegenden des Westlandes versicherten 
mir die Leute gleichfalls, unsern Vogel gesehen zu haben. Ich selbst beob- 
achtete freilich nur zweimal auf Island einzelne Individuen: am 24. Juni an 
einem Tümpel bei üpsir (Eyjafjördr) und am 20. August in einer Wasser- 
rinne bei Ölafsvellir (SW.). 

Die Wasserralle bewohnt auch auf unsrer Insel sumpfiges und von 
Gräben und Tümpeln durchsetztes Flachland, das kräftigen Pflanzenwuchs 
zeigt und reichliche Schlupfwinkel bietet. Da Island solche Örtlichkeiten 
in gi'oßer Ausdehnung besitzt, darf man wohl annehmen, daß der so überaus 
versteckt lebende Voael häufiger ist, als es den Anschein hat. 



224 (Tallinula chlornpus. 

Nielsen gibt (1. c.) iDteressiiute Notizen über die Rrntzeit unsrer 
Ralle, von der er allein in den Jahren 1880—85 70 Gelege erhalten hat. Die 
Kier wurden, soweit Daten bekannt sind, zwischen dem 29, Mai und 10. September 
gefunden und zwar Ende Mai und 1. Hälfte Juni: 11 I3ruten: 2. Hälfte 
Juni: 19; 1. Hälfte Juli: 18; 2. Hälfte Juli: 8; August und September: 
8 Brüten. — Der Vogel legt also selbst im Siidhinde, auf das sich die Angaben 
beziehen, recht spät. Von 2 normalen Brüten eines Sommers kann natürlich 
trotz der verschiedenen Daten keine Rede sein. Bei den spätgefundenen 
Eiern handelt es sich um Nachgelege' von Paaren, denen die ersten Eier 
durch Raubmöven, weidendes Vieh. Menschen usw. zerstört wurden. Die 
allerletzten Brüten sind entweder schon verlassen gewesen oder wären doch 
kaum zur Entwicklung gelangt. Das kunstlos aus Halmen errichtete Nest 
befindet sich in dichten Grasbüscheln, am liebsten auf kleinen, von Sumpf 
umgebenen Kaupen. Die Zahl der Eier soll " 7 — 13 betragen. Bei einer 
großen Menge von Nielsen untersuchter Exemplare schwankten die Maße 
zwischen 34 — 40, ausnahmsweise bis 45x25 — 27 mm. — Genaueres über 
das Brutgeschäft unseres Vogels auf Island ist von niemand mitgeteilt worden. 

Die Wasserrallen sind teilweise Standvögel auf der Insel, die sich 
im Winter an warmen Quellen und offenen Gräben aufhalten und dann weit 
häufiger als im Sommer gesehen und wohl auch gefangen oder geschossen 
werden. Bei hohem Schnee und großer Kälte nähern sich die Vögel mit- 
unter sogar den Wohnhäusern und Vichställeu und geben ihre Scheu soweit 
auf, daß man sie gelegentlicli schon mit Händen ergriffen hat. Es scheint 
sich bei solchen überwinternden Exemplaren nicht nur um junge Tiere später 
Brüten, die zur Zugzeit noch nicht völlig flugbar waren, zu handeln, sondern 
auch um alte Individuen, die freiwillig an den zahlreichen offenen Wasser- 
stellen bleiben und bei normaler AVitterung genügend Nahrung daselbst 
finden. Das aber alle isländischen Wasserrallen Stand- oder höchstens Strich- 
Yögel wären, dürfte kaum den Tatsachen entsprechen. Nicht nur daß unsere 
Art im Spätherbste auf den Vestmannaeyjaru beobachtet worden ist (Jönsson), 
zeigt sie sich auch im Winter auf den Färöern, wo sie nicht brütet (Andersen), 
-sondern zweifellos von Island lierüberkoramt. 

67. Gallinula cliloropus (L.). 
Teichliuhn. 

Gallinula chloropus {h.): Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 43 (1895). -- Slater, 
Birds oi Iceland, p. 80 (1901). — Gallinula chloropiis L.: Sa>muiidsson. Zoolog-. SIeddel. 
fra Island. S. 16 (1905). 

Gallinula cliloropus (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIII, p. 109 (1894). — 
Naumann, Vögel Mitteleuropas VII, S. 142 (1899). 

Isländisch: Vatnsha?na (= Wasserhuhji) partim, Sjohaena (= Seehuhn). 

Auch deutsch: Wasserhuhn. Dan. & norw. : Vandhöne. Schwed. : Vasshöua. 
Hol).: Waterhoeutje. Engl.: Watcrhen. 

Gallinula cliloropus bewohnt die gemäßigten und warmen Gebiete der Alten 
Welt bis hinab nach Südafrika und Siidasien, nordwärts von Japan bis zum Baikal-See, 
•den russischen Ostseeprovinzen und dem mittleren Skandinavien. Ausnahmsweise ist 



Fiilica atra. 225 

unser Vogel auch in Finnland und in Norwegen bis zum Nordkup hinauf vorgekommen. 
Auf den Britischen Inseln brütet er stellenweise recht häufig. Die Färöer besucht er 
wenigstens ab und zu. In Grönland wurde er dagegen noch nicht beobachtet. 

In Island hat sich das Teichhuhn als gelegentlicher Gast gezeigt. 
Am 3. Apiil 1882 erhielt P. Nielsen ein lebendiges Exemplar, das man in 
einem Heuschober bei Eyrarbakki gefangen hatte (Ornis III, S. 157). Zwei 
Tage darauf tiüeb ein totes Individuum auf Heimaey (Vestmannaeyjar) aus 
Land, das wahrscheinlich gemeinsam mit dem ersten nach Island gekommen 
w^ar. Jetzt befindet sich dieses letztere in der Sammlung des Gymnasiums 
zu Reykjavik (Gröudal, Ornis XI, S. 455). Auf den Vestmannaeyjarn wurden 
im Spätjahre 1903 wiederum 2 Vögel unserer Art beobachtet, aber nicht erlegt 
(Jönsson). Das Museum in Reykjavik besitzt gleichfalls 2 Präparate, eins 
von unbekannter Herkunft, das andere aus dem Jahre 1896 von Laxamyri 
im Nordlande (Ssemundsson, 1. c). Endlich sah auch Slater den Balg eines 
Vogels, der im Frülijahre 1898 in halbtotem Zustande von dem Bauern in 
Hnausir (Hünavatus-Sysla) gefaugen worden war. 

68. Fulica atra L. 

Bläßhuhn. 

Fulica atra (Linn.): Faber, Prodromus, S. 63 (1822). — Fulica atra L. : Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 429 (18H2). — Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 411 
(1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal,bls. 43 (1895). — Slater, Birds of Jceland, p. 81 (1901). 

Fulica atra, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 556 (1877). — Sharpe, Uat. Birds 
Brit. Mus. XXIII, p. 210 (1894). — Winge, Grönlands Fugle, S. 146 (1898). — Naumaim, 
Vögel Mitteleuropas VII, S. 122 (1899). 

Isländisch: Bhsönd, Bleshsena, Vatnshaena (part.). 

Auch deutsch: Bläßente, Wasserhuhn. Dan.: Blisand, Blishune. Norw. : Bliss- 
höne. Sc'hwed. & finn.: Yattenhöna, Sothäna. Fär. : Sjohöna. 

Fulica atra bewohnt den größten Teil Europas und Asiens. Im Winter geht 
sie bis Nordafrika, Indien und zu den Sunda-Inseln südwärts. Doch meidet sie die 
arktischen Gebiete. In Sibirien brütet sie stellenweise bis zum Polarkreise, im europäischen 
Rußland etwa bis ßöo, in Finnland bis 61, in Skandinavien bis 63». Einzelne Exemplare 
wurden gelegentlich auch nördlicher angetroffen. Auf den Britischen Inseln ist das 
Bläßhuhn häufiger Standvogel, bewohnt auch die äußeren Hebriden und Orkney-Inseln^ 
während es die Shetland-Inseln und Färöer nur zufällig, besonders im Herbste und 
Winter, aufsucht. Selbst in Westgrönland wurde es einige Male beobachtet, neben 
ihm freilich auch Fulica americana Gm. 

In Island ist das Bläßhuhn nicht seltner Gast und sogar gelegent- 
licher Brutvogel. Am häutigsten scheint es sich in den Wintermonaten 
einzustellen oder wenigstens zu dieser Zeit beobachtet zu werden. Man hat 
es ebensowohl im Nord- als im Südlande angetroffen. 

Faber berichtet, daß ein Paar im Spätjahre 1819 bei Reykjavik geschossen 
und im April 1821 ein einzelnes Exemplar im Meere bei Grindavik (SW.) 
gefangen wurde. Krüper hörte von einem ebenfalls bei Reykjavik zu Anfang 
des Jahres 1856 erlegten Vogel, der in den Besitz eines Engländers über- 
ging (Naumannia 1857, S. 21). Newton erhielt 1858 einen Balg aus Utskäla, 
und Slater sah deren mehrere an verschiedenen Stellen des Nordlandes. 
Auch J. V. Havsteen in Oddeyri und p. Jönsson auf Heimaey teilten mir 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. ^^ 



226 C'ryniopliiliis fulicarius. 

rait. (hiß man die Art wiederholt iu der Umgegend des EyjaQördrs und auf 
den Vestmannaeyjarn beobachtet und erlegt hätte. Verschiedene andere 
Isländer, die ich nach dem Vogel fragte, kannten diesen ebenfalls. Im 
Reykjaviker Museum befinden sich 2 Präparate, darunter ein junges Männchen 
vom 21. Dezember 1882. Gröudal versichert, das Bläßhuhn käme jetzt oft 
vor. Mehrmals seien ihm Exemplare aus der Umgegend von Reykjavik zum 
Kaufe angeboten worden (Ornis II, S. 360), doch hätte er auch von dem 
Auftreten des Vogels im Ostlande gehört (Ornis XI, S. 453). 

Über das Brüten des Bläßhuhns auf Island liegen zwei sichere Mit- 
teilungen vor. J. V. Havsteen in Oddeyri erhielt nämlich 1889 nicht nur 
den Vogel, sondern auch dessen Eier vom Vikingavatn, einem Strandsee in 
der Nähe des Axarfjördrs (c. G6" 7' n. Br.). Von derselben Stelle bekam 
auch P. Nielsen ein Gelege von 7 Stück, die aus einem im See schwimmenden 
Neste des Vogels genommen wurden. Es sind wahrsclieinlich diesc-lben Eier, 
die sich jetzt im Reykjaviker Museum befinden. Man darf wohl annehmen, 
daß die erwähnten Gelege nicht die einzigen im Lande gewesen sind. 

69. Crymophilus fulicarius (E.). 
Breitschnäbliger Wassertreter. 

l'halaropuH platyrhincus (Temm.): Faber, Prodrom us, S. 38 (1822). — Fhalaropus 
platyrhynchus Tern.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island. S. 404 (1862). — Phalaropus 
fulicarius (Linn.): Newton, in Jiaring-Goulds Iceland, p. 411 (18(53). — Gröndal, Islenzkt 
fuglatal. bis. 43 (1895). - Slater, Birds of Iceland, p. 89 (1901). 

Fhalaropus fulicarius (L.):Collin, Skandinaviens Fugle, S. 561 (1877). — Crymo- 
philus fulicarius (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 693 (1896). — Fhalaropus 
fulicarius (L.): Winge, Grenlands Fugle, S. 174 (1898). — Naumann, Vögel Mittel- 
europas VIII, S. 167 (1902). 

Isländisch: pörshani (= Thorshalin) ; seltner flatnefjadur Sundhani (= flach- 
schnäbliger Schwimnihahn), Kaudbrystingur (= Rotbrüstiger) partim. 

Auch dän. : Tliorshane. 

Crymophilus fulicarius bewohnt zirkumpolar die arktische Region. 31an fand 
ihn brütend in verschiedenen Küstengebieten Nordasiens, besonders auf der Herald- 
Insel, auf Wrangel-Land, im Lenadelta und auf der Taimyr-Halbinsel, ferner auf Spitz- 
bergen, in Grönland, besonders im nördlichen Teile der Westküste, auf Grinneli-Land, 
den Parry -Inseln, der Melville- Halbinsel und in verschiedenen Gegenden Nordwest- 
amerikas bis Alaska. In Ostgrönland und auf Jan Mayen hat man ihn bis jetzt wahr- 
scheinlich nur übersehen. Nordwärts fand Svordrnp die Art auf Spitzbergen bis 83** l'; 
ihre südlichsten europäischen Brutplätzo liegen auf Island. Im Winter besucht sie 
unter anderem die Britischen Inseln und Skandinavien und geht gelegentlich bis Südeuropa, 
Transkaspien, Indien, Neuseeland und in Amerika bis wenigstens zu 40" n. Br. hinab. 

In Island gehört der breitschnäblige Wassertreter zu den seltnen 
Brut vögeln. Am zahlreichsten findet er sich noch in den Küstengel)ieten 
der westlichen Inselhälfte. Da er jedoch ein stilles und wenig auifälliges 
Leben führt, ist es möglich, daß er mitunter übersehen oder auch mit dem 
häufigen P/talaropus lobatns verwechselt worden ist, dem er in seinem Wesen 
außerordentlich ähnelt. 

Faber traf unsere Vögel an einigen Stellen der südwestlichen Halbinsel 
Islands, besonders bei dem Hofe Sangjar in der Nähe von Keflavik und an 



Crymophilns fiilicarius. 227 

der Südküste bis Eyvarbakki liin. Später erhielt er auch ein Miinncheii aus 
dem Mündungsgebiete der j'jörsä, das er Chr. L. Brehin sandte. Der damalige 
Stiftsaratmann Graf Moltke fand unsere Art auf kleinen Inseln bei Reykjavik 
brütend. Von ihm stammte das schöne Paar, das Faber im Herliste 1823' 
im Zoologischen Museum in Berlin sah (Okens Isis 1824, S. 461). Newton 
schreibt (1. c), daß 1858 die Fischer im Südwesten Islands den Vogel sehr 
gut kannten und beobachtete selbst 2 Paare au einem dortigen Teiche. Diese 
waren freilich nach einigen Tagen verschwunden und brüteten jedenfalls 
anderswo. I8H2 erhielt Newton ein sicheres Gelege von 4 Eiern aus dieser 
Gegend. Gröudal kennt unsere Art gleichfalls als seltnen Brutvogel in der 
Nähe von Reykjavik (Ornis IX, S. 93) und sagt sogar, er habe ihn oft an 
Wassergräben in den Morästen des Südlandes gesehen und erlegt (Ornis II, 
S. 362). Nielsen kennt die Brutplätze des breitschnäbligen Wassertreters 
bei Stakkseyri (SW.), Eyrarbakki, auf der Insel Akurey bei Reykjavik, bei 
Blönduös (NW.) und an einigen andern Orten, meint aber, daß überall nur 
wenige Paare vorhanden wären (in litt.). Bachmaun beobaclitete 1904 eben- 
falls einige Vögel zur Brutzeit bei Eyrarbakki (mündl. Mitteilung). Ich selbst 
sah am 11. Mai 3 Exemplare im Skerjafjörctr bei Reykjavik und am 21. j\Iai 
2 Paare bei Blönduös. Letztere hielten sich inmitten zahlreicher Alpen- 
strandläufer und Saudregeupfeifer. In der Umgegend dieses Ortes sollen 
alljährlich etliche Vögel unsrer Art brüten, und ich bekam auch ein Gelege 
von dort gesandt, in dessen Nähe der Sammler uusern Wassertreter beob- 
aclitet hatte. Den Maßen- und Größenverhältnisseu zufolge handelt es sich 
dabei jedoch um Eier von l-'/ialai-opus lohatns. Übrigens war der Vogel auch 
an der Westküste vielen Leuten, die ich darum fragte, wohl bekannt, ein 
Beweis, daß er nicht ganz so selten ist, als man oft annimmt. Stef. Stefänsson 
berichtet ebenfalls, unsre Art 1893 im Westlande gesehen zu haben (Nordurland, 
Akureyri, 4. Okt. 1902). 

Am Mj'vatn dagegen dürfte der breitschnäblige Wassertreter kaum vorkommen, 
wohingegen die schmalschnäblige Art daselbst sehr häufig ist. Das in Naumanns V'ögeln 
Mitteleuropas VIII, S. 170, Nr. 16 angeführte und auf S. 168 beschriebene Difnenjunge, 
das im Juli 18.56 von Krüper am Myvatn gesammelt wurde und sich jetzt im Braun- 
schweiger Museum befindet, gehört wahrscheinlich der kleineren Art an. Wenigsten paßt 
die Beschreibung reclit gut auf ein Dunenjuuges meiner Sammlung von Pli. lol/afns (L.). 
Außerdem sagt Krüper in seiner Publikation über die Vögel des ^Myvatn (Naumannia 
1857, S. 60): ,,Die zweite Wassertreter- Art, der flachschnäblige Fhalaropus lohatus, 
Brunn., s. platyrhynchus, Temm., findet sich nicht am Myvatn und ist auf Island 
überhaupt sehr selten." 

Unsere Art ist ein Zugvogel in Island, der ziemlich spät im Jahre, 
gewöhnlich erst im Mai, nach der Insel kommt. Wenn Gröndal freilich 
sagt, im Juni (Ornis IX, S. 93), dürfte diese Angabe kaum jemals der 
Wirklichkeit entsprechen. Anfänglich leben die Vögel paarweise oder in 
kleinen Scharen auf dem Meere, halten sich zwar oft ziemlich dicht bei der 
Küste, gehen aber in dieser Zeit selten ans Land. Nur wenn sie ruhen 
wollen, lassen sie sich bisweilen auf Steinen nieder, ducken sich zusammen 
und ziehen den Hals ein. Trifft man sie in Gemeinschaft mit Strandläufern, 
so schwimmen sie auch fast immer in unmittelbarer Nähe des Ufers, während 

15* 



228 Cryinopliiliis fulicarius. 

jene /u FiiLki die Küste ubsiuhen. Doch erheben sie sich oft gleichzeitig 
mit den andern Vögeln in bedentender Entfernung, wohingegen sie für sich 
allein sehr zutraulich sind. Ihr Flug ist rasch, aber nicht ganz so leicht 
als der des schmalschnäbligen Wassertreters. Ich sah sie auch nur kurze 
Strecken fliegen und sicli alsbald von neuem auf dem Meere niederlassen. 
Beim Schwimmen nicken sie ebenfalls. Werden sie von den Wellen ans 
Land getragen, so erheben sie sich und fliegen wieder ein Stück auf das 
Meer hinaus. Mitunter trippeln sie auch am Ufer hin, benehmen sich aber 
dabei nicht ganz so rasch und geschickt wie die kleinere Art. In der 
Nähe der Hrutplätze sieht man sie später viel häufiger umherlaufen und den 
Boden absuchen. Ihr Ruf, den sie besonders im Fluge hervorbringen, ist 
ein gezogenes Piep, dem sich mitunter auch ein kurzes Ga anscliließt. Man 
vernimmt diese Laute sehr häutig. 

Ende Mai, Anfang Juni kommen die Vögel nach ihren Brutplätzen. 
Diese bettuden sich auf grasigen Inseln am Meeresstrande oder an kleinen 
Süßwasserteichen, nicht allzuweit von der Küste. Gebirge scheinen sie zu 
meiden. Das Meer besuchen sie wenn möglich auch während der Brut- 
periode. Das Nest wird auf einer Kaupe im Sumpfe oder in einer Vertiefung 
des grasigen Ufers errichtet, besteht aber nur aus wenig Halmen. Nielsen 
erhielt Eier von Stakkseyri, die an folgenden Daten gesammelt wurden: 
16. Juni 1880, 4. Juni 1881, 3. Juli 1883, 10. Juni 1886, 12. Juni 1887, 
15. Juni 1888, 16. Juni 1889, 20. Juni 1890, 17. Juni 1891, 28. Juni 1892, 
29. Juni 1893 (in litt.). Das Normalgelege besteht immer aus 4 Stück. 

Die Eier ähneln denen von Ph. lohatus außerordentlich, sind aber etwas größer 
und vor allem schwerer als diese. Sichere grönländische Exemplare der Sammlung 
Ottoßon zeigen folgende Maße: 32,3x22.2 mm (0,435 g), 32,1x22,3(0,44), 32x23,2 
(0,435), 31,6x22,8 (0,45). - 32x23 (0,41), 32x22,5 (0,415), 32x22 (0,417), 
31x21,5 (0,375). — Nielsen bezeichnet mir als extreme Maße isländischer Exemplare 
33x23 und 30,5x21,5 mm. 

Beide Vögel des Paares brüten abwechselnd 14 — 16 Tage lang, obwohl 
nur das Männchen zwei deutlich ausgeprägte Brüteflecken haben soll. Faber 
fand kleine Dunenjuuge am 9. Juli 1821. Die zarten Tierchen können 
sehr schnell laufen und drücken sich hinter ein Hügolchen oder in eine 
Vertiefung, wenn ernstere Gefahr droht, während die Alten in großer Besorgnis 
den Platz umfliegen. Nach 16 — 20 Tagen sind die Jungen flügge, werden 
auf das Meer geführt und wählen dieses von nun an zum ausschließlichen 
Aufenthalte. Ende September verlassen die Vögel in kleineu Scliaren, die 
sich nicht selten unter die häufigeren schmalschnäbligen Wassertreter mischen, 
unsere Insel, um südlichere Winterquartiere zu beziehen. Nordische Durch- 
zügler mögen ihre Stelle bis in den Oktober hinein ausfüllen. 

70. Phalaropus lobatus (L.). 

Seh m alsch n äbliger W assertreter. 

Phalaropus einereus (Briss.): Faber, Prodromus, S. 37 (1822). — Phalaropus 
cinerens Briss.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island. S. 403 (1862). — Phalarojms 



Phalai-opiis lobatiis. 229 

Jtyperboreus (Liiin.): Newton, in Baring-Goulcls Icelancl, p. 412 (1863). — Phalarojnis 
hyperboreus L. : Grönclal, Islenzkt fuglatal, bis. 4;5 (1895). — Fkalaropus hyperhoreus 
(Linn.): Slaler, Birds of Icoland, p. 92 (1901). 

Fhularopiis hyperboreus (L.) : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 'i'>{) (1877). — 
Sharpe. Cat. Biids Brit. Mus. XXIV, \). (598 (1896). — Winge, (irenlands Fugle, S. 171 
(1898). — Fhalaropus lobatus (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII, S. 161 (1902). 

Isländisch: üditishani (= Odinshalin), Sundhani (von sund = schwimmen); im 
Volkshumore Land)?ingisskril"ari (von landping = Landesversammlung und skrifari = 
Schreiher, weil der Vogel beim Schwimmen fortgesetzt nickt und dabei gewissermaßen 
mit dem Schnabel auf dem Wasser schreibt), Torfgrafar- .\lpt (von torf = Torf, grafar 
von grüf = Gräber, Alpt = Schwan, also Schwan der Torfgräber). 

Auch deutsch: üdinshuhn. Dan.: Odinshane. 

Phalaropus lobatus ist eine zirkumpolare Art, die aber nordwärts kaum den 
74. Grad zu überschreiten scheint. Sie brütet im nördlichen Asien von Tschuktschen 
und Kamtschatka bis zum südlichen Nowaja Semlja, ferner in Nordrußland. Lappland 
und in Skandinavien etwa bis 00** hinab, selten auch auf einigen Hebriden, den Ork- 
ney- und Shetland-lnseln, sowie den Färöern. In Amerika ist sie Brutvogel nordwärts 
etwa bis Upcrnivik in Westgrönland und dem Kotzebue-Sunde, südwärts stellenweise 
bis wenigstens zum 5'). Grade. Auch in Ostgrönland hat man sie gefunden. Im Winter 
begibt sie sich regelmäßig nach Süden, besucht unter andern) die Gebiete der Nord- 
und Ostsee und wandert südwärts bis Neuguinea, zu dem Malayischen Archipel. Nord- 
indien, Persien, Nordafrika, den Westindischen Inseln und Mittelamcrika. 

lu Island gehört der schmalschuäblige Wassertreter zu den häufigen 
Brutvögeln, der während des Sommers in allen geeigneten Gebieten im 
Innern, außerhalb der Fortpflanzungsperiode aber an den Küsten getroffen wird. 

Das Weibchen dieser Art ist ebenfalls größer als das Männchen und deutlich 
von ihm unterschieden. Es zeigt auf der Oberseite viel mehr einfarbiges Aschgrau, 
als gelbe und schwarze ]\Iusterung. (5 und $ ad. meiner Sammlung, Brutvögel, am 
1. Juni 1903 bei Hjalteyri erlegt, zeigen folgende Maße. Gewicht i. Fl.: 34, -41 g. 
Gesamtlänge i. Fl.: 180, 192 mm. Flügel: 107, 114. Schwanz: 51. 62. Schwanz -|- 
Flügel: 3. Schnabel: 20, 22. Tarsen: 19,5, 21. Mittelzehe inkl. der 3 mm langen Kralle: 
22. 23 mm. — Iris: dunkel braungrau. Schnabel: schwarz. Füße: hell bleigrau. - 
Mageninhalt: Krustaceeu. 

Der schmalschnäblige Wassertreter ist ein Zugvogel für Island, der 
erst im Mai auf der Insel erscheint. Nacli den Vestmannaeyjarn kommt er 
zwischen dem 20. April und 5. Mai (Jöusson), hält sich wochenlang auf, 
brütet aber nicht daselbst. Im Nordlande zeigt er sich gewöhnlich erst 
Ende Mai. In kleinen Scharen sieht man nun die Vögel in der Nähe der 
Küste auf dem Meere, seltner am Ufer. Ihr zutrauliches, liebenswürdiges 
Wesen fesselt den Beobachter; ihre große Gewandtheit im Fliegen und 
Schwimmen setzt ihn oftmals geradezu in Erstaunen. Mit zierlichem Kopf- 
nicken bewegen sich die Tierchen auf dem Wasser dahin. Meist halten sie 
eng zusammen, besonders die Paare; in ruhigen Buchten und Lagunen aber 
zerstreuen sie sich auch, locken freilich dann fortwährend mit einem feinen, 
kurzen, etwas grätschenden Pit, das verschiedene Klangfarbe hat. Häufig 
verbinden sie die Rufe als Pitpit oder setzen sie unregelmäßig fort: pipitipit, 
pitpitipit. Mitunter schwimmt das Männchen erhobenen Kopfes hinter dem 
Weibchen her, indem es die feinen Stimmlaute so rasch in langer Reihe 
verbindet, daß sie wie ein zwitschernder Gesang- klingen, den die Gefährtin in 



230 riialaroj)us lobatus. 

ähnliclier Weise beantwortet. Verliält man sich still, kommen die zutraulichen 
Vögel oft auf 2 — :} m heran. Gemeinsam fliegt endlich die ganze Schar, 
zum mindesten jedes einzelne Paar, vom Wasser auf; blitzschnell erheben 
sie sich und eilen mit schvvalbenartigcm Fluge unter raschen Wendungen 
über das Meer, wobei sie eifrig ihren Lockruf hören lassen, der nun etwas 
hastiger und schärfer wie gät gilt klingt. Plötzlich sitzen sie wiederum auf 
dem Wasser, nicken und picken von neuem und lesen die winzigen See- 
tierchen von der Oberfläche ab. Tauchen sieht man sie aber nicht. 

Je nach der Lage des Brutplatzes nähern sich die Wassertreter 
diesem Ende Mai bis Mitte Juni. Am M^vatn erscheinen sie gewöhnlich 
in der letzten Maiwoche. Gröndal bezeichnet aber als Aukunftstermin in 
der Müla-Sysla für das Jahr 1887 erst den 24. Juni (Ornis IX, S. 9G). Die 
Vögel wählen zum Sommeraufeuthalte sumpfige Wieseiiflächen und Moore, 
die Tümpel, Teiche und Gräben besitzen. Sie bevorzugen wasserreiche breite 
Täler, sauftwelliges Hügelland oder Hochmoore, meiden aber eigentliche 
Gebirge. Kräftiger Pflauzenwuchs ist ihnen sehr willkommen, obwohl sie 
auch mit Heidelandschafteu fürlieb nehmen. Auf Grimsey brüten sie an 
den geschützten kleinen Süßwasserbecken im Iimern und sind hier ganz 
besonders zutraulich. 

Das Nest wird von beiden Gatten hergestellt, ist nianclimal dick, 
rund und künstlich in einer durch Pflanzen verdeckten Bodenvertiefung 
angelegt, andermal steckt es ziemlich offen am moosigen üferrande und 
zeigt als Ausfütterung nur wenige Halme und Blättchen. Gelegentlich 
knicken und biegen die Vögel auch nur das Gras der Umgebung nieder. 
In günstigen Lagen, wie am Myvatu. brüten oft 7 — 12 Paare kolonienweise 
dicht bei einander auf kleinen Inseln, doch traf ich an verschiedenen Stellen 
des Nordlaudes auch einzelne Paare für sich allein. Die Vögel sind zur 
Zeit des Nestbaues besonders lebhaft und treiben sich unter blitzschnellen 
Wendungen durch die Luft, wobei sie gelegentlich ziemlich hoch empor- 
steigen. Unablässig hört man dann das kurze Pit, Pt oder ein sclieltendes 
Trp. Die Begattung erfolgt in der Regel auf dem Wasser, doch beobachtete 
ich sie bei Hjalteyri auch auf dem Neste. Die Ablage der 4 Eier findet 
im Juni statt, recht häufig erst in der 2. Hälfte des Monats. Bei 7 frischen 
Gelegen aus dem Nordlande schwankte sie zwischen dem 6. und 28. Juni. 
Spätere Funde kommen unter besonders ungünstigen Verhältnissen vor oder 
sind als Nachgelege zu betrachten, zumal nicht nur räuberische Vögel, sondern, 
z. B. am Myvatn, auch die Menschen die Eier wegnehmen. Krüper erhielt 
daselbst ein ziemlich frisches Gelege noch am 14. Juli (Naumannia 1857, S. 59). 

Einige typische Gelege meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 31,2x20,6 mm 
(0,38 g), 30x20.9 (0,37), 30x20,5 (0,37), 29.9x20,2 (0,37). — 30,9x21,4 (0.37), 
30.6x21,9 (0,36), 30,2x21 (0,87), 30x21 (0.35). — 29,1x21 (0,35), 29x21,2 
(0,40), 28,3x21,1 (0,38), 28,2x21 (0,39). — Voll wiegen die Eier ungefähr 6 g. 

Das Brutgeschäft dauert etwa 2 Wochen. Beide Vögel des Paares 
beteiligen sich daran, sitzen aber nicht allzu fest auf den Eiern. Merk- 
würdigerweise hat nur das Männchen 2 Brüteflecken. Der nicht beschäftigte 



Phalaropus lobutus. 231 

Teil hält getreulich in der Nähe des Nestes Wacht und umfliegt sofort den 
Eindringling mit surrendem Trp Trp oder scheltendem Pit Tit oder auch 
einem ängstlich gezogenen Tone, den ich als püirt und züip notierte. Daweile 
schleicht der andere Vogel ein Stück vom Neste fort, erhebt sich dann 
gleichfalls in die Luft und stimmt dieselben Laute an. Mitunter vernahm 
ich in solchen Fällen auch noch ein kurzes helles Dili. Ist Wasser in 
unmittelbarer Nähe, fallen die Vögel für Augenblicke darauf ein, erheben 
sich blitzsclmell wieder, durcheilen hastig die Luft, laufen ein Stück am 
grasigen Ufer dahin, fliegen abermals und drücken so ihre lebhafteste Unruhe 
aus. Nisten mehrere Paare dicht beieinander, so kann man den äußerst 
gewandten Flug der raschen Vögel besonders gut beobacliten. 

Sind die Jungen ausgeschlüpft, was in der Kegel Ende Juni bis Anfang 
Juli geschieht, so legen die Alten fast noch größere Besorgnis an den Tag. 
Auf Grimsey hielten sie oft auf 2 bis 3 m vor mir aus oder flogen ängstlich 
rufend dicht um meinen Kopf. Die zierlichen Diineujungen können recht 
schnell laufen, schwimmen aber nicht gern in kaltem Wasser, Will man 
sie fangen, was ich mehrmals tat, um das Benehmen der Alten dabei zu 
studieren, so muß mau sie ein Stück davoneilen lassen. Hochbeinig und 
mit vorgestrecktem Körper laufen sie dann über das Moos und kurze Gras, 
wobei sie immer nach dem Verfolger Umschau halten. Plötzlich ducken sie 
sich in eine Vertiefung oder hinter einen Hügel und sind nicht so leicht 
zu entdecken. Merkt man sich aber die Stelle genau und nähert sich ihr 
langsam und im Bogen, so gelingt es gewöhnlich, das Tierchen zu ergreifen. 
Die lel)hafte Besorgnis der Alten ist dann oft rührend, groß aber auch die 
Freude, weun man das Vögelchen wieder frei läßt. Die Dunenjungen sind 
recht zart und steiben oft bei kalter Witterung. Auf Grimsey beobachtete 
ich 2 Familien mit je 4 Jungen, von denen die eine alle 4, die andere 3 
im zartesten Alter verlor. Einige davon fand ich tot. 

Ein präpariertes derartiges Exemplar meiner Sammlung vom 4. .luli. cj pull., 
c. 2 Tage alt, zeigt folgende Maße. Gewicht i. ¥].: ."ig. Gesamtlänge i. Fl.: (iO mm. 
Schnabel: 8,2 mm. Tarsen: 17. Mittelzehe inkl. der 2 mm langen Kralle: 19 mm. — 
Iris: triibdunkelbraun. Schnabel: schwärzlich, am Grunde fleischfarben. Füße: hell 
fleischfarben, Hinterzehe weißlich, Außenseite schwärzlich angeflogen. 

Nach 18 — 20 Tagen sind die Jungen herangewachsen, eine Woche 
später bereits ebenso geschickt im Pliegen, Schwimmen und Laufen wie ihre 
Eltern, aber fast noch zutraulicher als diese. Es ist ein hübscher Anblick, 
auf den kleinen pflanzenreicheu Inseln des M^vatn Ende Juli die Menge 
der Vögelclien zu beobachten, die sich zwar aucli gern in den hohen Angelika- 
stauden und Gräsern verstecken, für gewöhnlich jedoch Nahrung suchend 
am Rande schwimmen. Die Wassertreter leben hier, wie ich mich wieder- 
holt überzeugte, vorzugsweise von den winzigen Mücken, die in zahlloser 
Menge ans Ufer gespült werden. Übrigens scheuen unsere Vögel das warme 
Wasser gewisser Quellengebiete weniger, als die meisten andern Arten, 
obwohl sie natürlich unfähig sind, auf kochendheißen Flächen zu scliwimmen. 

Bald nach dem Flugbarwerden der Jungen, selten später als Anfang, 
höchstens Mitte August, verlassen die Vögel scharenweise das Brutgebiet 



232 Gallinago gallinago gallinago. 

und hogeben sich an die Meeresküste. Hier streifen sie geineinsani umher, 
schlieLkMi sich gelegentlich auch verwandten Arten an und verlassen endlich 
die Insel, um südlichere Gegenden aufzusuchen. Faber, Gröndal u. a. bezeichnen 
Ende August als Abzugstermin, ]). Jönsson schrieb mir jedoch, daß die 
Wassertreter zwischen dem 20. September und 10. Oktober von den Vest- 
mannaeyjarn verschwänden, was wohl das Richtigere ist. Von einem Über- 
wintern der Art in Island hat man indes nichts gehört. 

71. Gallinago gallinago gallinago (L.). 
Gemeine Bekassine. 

Scolopax gallinago (Linn.): Faber, Prodromus, S. 30 (1822). — Scoloj)ax gallinago 
L. : Preyer (& Zirkel), Reise nach Island. S. 399 (1862). — Gallinago media (Leach) : Newton, 
in Baring-Goiilds Iceland, p. 413 (1863). — Scolopax gallinago L.: (iröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 41 (1895). -- Gallinago ccelestis (Frenzel): Slater, Birds of Iceland. p. 94 
(1901). — Scolopax gallinago L. : Sfenmndsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 14 (1905). 

Gallinago media (Leach): Collin, Skandinaviens Fiigle, S. ü42 (1877). — Gallinago 
gallinago (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV'. p. 633 (1896). — Gallinago ^colo- 
pacina Bonap. typica: Winge, Grönlands Fiigle, S. 175 (1898). — Gallinago gallinago 
(L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 177 (1902). 

Isländisch: Hrossagaukur (= Roßkuckuck, nach dem wiehernden (leräusche), 
Myrisnipa (= Moorschnepfe), davon wahrscheinlich mißverstanden gebildet und selten 
angewendet M^riskitur (skitur = Nasenschleim), My-rispita (spita = Spieß, Pfahl, an- 
geblich des Schnabels halber). 

Auch deutsch: Moorschnepfe. D&n.: Horsegjog. Norw. : Rossegauk, Myrsnipe. 
^chwed. : Horsgök, Russgauk, Rösselgök, Myrsnipa. Schott.: Miresnipe. Fär. : MjTusnipa. 
Mujresnujpa. 

Gallinago gallinago gallinago brütet im größten Teile der paläarktisclien Region 
von Island bis Kamtschatka und Japan. Nordwärts geht sie stellenweise bis etwa zu 
69" hinauf. Im Winter bewohnt sie Südeuropa. Nordafrika, Südasien bis zu den Sunda- 
Inseln, einzelne dringen noch weiter südwärts vor. Sie ist als Brutvogel unter anderem 
häufig in Nordrußland, Finnland, dem mittleren Schweden und auf den Britischen 
Inseln, nicht selten auch auf den Hebriden, Orkney-Inseln und J^äröcrn. In Grönland 
hat sie sich nur wenige Male als Gast gezeigt, neben ihr auch die äußerst ähnliche 
nordameriknnische G. g. delicata (Ord). 

In Island ist die Bekassine ein häufiger Brutvogel. Sie findet sich in 
allen wasserreichen Gebieten, besonders in den stillen Mooren, die abwechslungs- 
volle Bodenbeschaft'enheit, genügenden Pflanzenwuchs, Gräben, Wasserlachen 
und versteckte Schlammflächen zeigen. In den Gebirgen geht sie regel- 
mäßig weit hinauf. Da unser Vogel schwer zu schießen ist, wird ihm nicht 
allzusehr nachgestellt, zumal der Isländer selten Hunde zur Jagd verwendet, 
die in solch mühseligem Terrain sehr nötig sind. 

Im allgemeinen ist die Bekassine ein Zugvogel für Island, der Mitte 
bis Ende April nach der Insel zurückkehrt. Am 23. dieses Monats hörte 
ich bei Reykjavik schon mehrere Männchen lebhaft balzen, vom Mai an 
überall auf den moorigen Wiesen. Sie sind Charaktervögel derartiger Land- 
schaften und beleben diese unwegsamen Gebiete durch ihre weithin hörbare, 
eigenartige „Instrumentalmusik"' auf das stimmungsvollste. Zu allen Tages- 
zeiten vernimmt man bis in den Juli hinein das auffällise Meckern, das 



Gallinac^o p;alliiu\go gallitiago. • 233 

nur die Männclien hervorbringen, während die eigentlichen Stimmlaute beiden 
Geschlechtern geraein sind (zu vergl. mein Artikel in den Oruith. Monats- 
berichten 1904, S. 173), Besonders an stillen, trüben Morgen und Abenden 
zeigen sich die Vögel recht lebhaft. Dann jagen sich die Paare mit sausendem 
Fluge über dem Boden dahin, rufen scharf das taktmäßige Pitepitepit, bis 
sie am heimlichen Moorgraben einfallen und nur noch ein leises, zärtliclies 
Geflüster hören lassen. Bald darauf wieder steigt das Männchen hoch in 
die Luft empor, stürzt sich in krampfhaft steifer Körperhaltung ein Stück 
abwärts, um sich freilich sofort von neuem aufzuschwingen. Daweile lockt 
unten im Grase das Weibchen sein langsames Pitepit, das oftmals auch nur 
als abgebrochenes Pi-pi-pi zu hören ist. Das scharfe ängstliche Krätsch 
beim Abfliegen aufgetriebener Exemplare vernahm ich von isländischen Vögeln 
um diese Jahreszeit nur ausnahmsweise. Meist entfernen sich die Tiere 
ganz still, manchmal beginnen sie mit dem gleichmäßigen Tacken, mitunter 
bringen sie auch einen leise schnurrenden l'on hervor, der nicht weit hörbar 
ist. Im allgemeinen verhält sich die Bekassine in Island viel weniger scheu 
als anderwärts. Recht liäufig läßt sie den Besucher der mit zahllosen 
Hügelchen besetzten Graslandschaften bis auf 2 — 3 m herankommen, fliegt 
manchmal tatsächlich erst unter den Füßen heraus, um gleich darauf wieder 
einzufallen und sich nun, äußerst geschickt die vortreffliche Deckung benutzend, 
durch Laufen zu entfernen. Im übrigen ähneln aber die isländischen Vögel 
denen anderer Länder, weshalb ich bei der Häuttgkeit unsrer Art mich im 
folgenden kurz fasse. 

Bald nach ihrer Ankunft begeben sich unsere Schnepfen nach den 
Brutplätzen. Früher oder später im Mai beginnen sie mit der Anlage des 
kunstlosen Nestes, das sieb auf einer grasbewachsenen Kaupe inmitten von 
Sumpfland oder zwischen Heidesträuchern der Hochmoore befindet. Im 
gebirgigen Teile der Müla-Sysla kamen die Vögel 1887 freilich erst am 
7. Juni an (Gröndal, Ornis IX, S. 96). Das Nest ist gewöhnlich gut ver- 
steckt und besteht nur aus niedergedrückten Halmen oder einigen Stengeln 
und Blättern. Die Ablage der Eier erfolgt in der Regel im Juni. Vom 
Nordlande sind mir 6 Daten bekannt aus der Zeit zwischen dem 4. und 
21. d. M. Krüper fand aber in der Nähe von ])ingeyjar (N.) schon am 
26. Mai ein vollständiges frisches Gelege (Naumaunia 1857, II, S. 13), Pearson 
ein ebensolches noch am 15. Juli (Ibis 1895, p. 245), wobei es sich im 
letzteren Falle um ein verlassenes oder verspätetes Nachgelege, aber kaum 
um eine 2. Brut handeln dürfte. Die Zahl der Eier beträgt immer 4, in 
einem 2. Gelege . wohl auch nur 3 Stück. 

Einige isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 41x26 mm 
(0,8 g), 40,5 X 28 (0,8.0), 40,5 x 27.5 (0.8), 40.2 x 27,5 (0,8). — 41,2 x 27.2 (0,8), 
40x^7,5(0,82), 39,8x27.5(0,80), 39,5x27.5(0,82). ~- 41,5x29 (0,72), 41,5x29(0,7), 
40 X 28 (0,67), 39,5 x 28,2 (0,69). — Das Vollgewicht der Eier eines schwach bebrütc-ten 
Geleges vom 7. Juni 1903 schwankte zwischen 13,5 und 14,5 g. 

Das Weibchen brütet 18—20 Tage auf den Feiern, wird aber gelegentlich, 
wenn auch selten und unregelmäßig, vom Männchen darin abgelöst. In 



234 Scolopax riisticola. 

allen Fällen bleibt dieses wenigstens in der Nähe des Nestes, bewacht die 
Umgebung und zeigt eine Gefahr der Gattin rechtzeitig an. Diese läuft 
nun mit vorgestrecktem Kopfe tiefniedergeducitt ein Stück davon, verbirgt 
sich liinter einem Hügel und lugt aus sicherem Verstecke ungeselien hervor, 
fliegt aber wenn irgend möglich nicht von dort heraus. Auch wenn man 
die Eier findet und wegnimmt, zeigen sicli die Vögel selten. 

Die Jungen verlassen das Nest sehr bald, um sich bei jeder auf- 
fälligen Erscheinung in eine Vertiefung zu drücken und regungslos daselbst 
zu verharren. Ihre großen dunkeln Augen entdeckt man nocli am ehesten. 
Doch kommt man nicht häufig zur Beobaclitung der Tierchen. Die Eltern 
bleiben bei ihnen und führen sie an Plätze, wo sie im weichen, warmen 
Boden AVürmer und Larven finden. Nach 3—4 Wochen sind sie befiedert 
und fangen an zu fliegen. Am 16. .Tuli bemerkte ich am moorigen Rande 
eines Wasserrieseis im Birken walde bei Hals (Fnjöskä-Tal) auf 8 — 10 m 
Entfernung vor mir 3 halbwüchsige Sumpfschnepfen, die mit ihrem noch 
kurzen Schnäbelchen schon eifrig nach Würmern staclien. Ein alter Vogel 
war nicht zu sehen. Plötzlich lockte eine wachsame Rotdrossel, um derent- 
willen ich micli ins Dickicht begeben hatte, die Tierchen verschwanden blitz- 
schnell im schützenden Strauchwerke und konnten, trotzdem ich den Anblick 
der sich fest auf die Kvde drückenden Jungen wohl kenne, nicht gefunden 
werden. Oben in der Luft aber erklang hastig das Tacken und jVIeckern 
der besorgten Alten. Sind die Vögelchen selbständig geworden, was J^nde 
Juli, Anfang August der Fall ist, werden sie gewöhnlich von den Alten 
verlassen, bleiben aber oft noch in losem Verbände untereinander. Etliche 
Bekassinen überwintern auch an warmen Wasserstellen im Innern der 
Insel, leben allerdings in dieser Zeit so still und verstet;kt, daß sie nicht 
allzuhäufig beobachtet und noch seltner erlegt werden. Faber sah am 
S.Februar 1821 auf dem Südlande 3 Exemplare bei starkem Froste fliegen. 
Auch Sa?mundssou berichtet (L c), daß er am 21. März 1897 eine Sumpf- 
schuepfe an der warmen Quelle bei Reykjavik erblickt habe und daß eine 
andere im Januar 1903 bei einer Wasserrinne in der Stadt beobachtet wurde. 

72. Scolopax rasticola L. 

Waldschiiejife. 

Scoloj}ax rusticuki L.: Sa-inundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 13 (1905). 

Scolopax rusiiciila, L. ; Sliarpo, Cat. Birds Urit. Mus. XXIV, p. 671 (1896). — 
Naumanu, Vögel Mitteleuropas IX, S. 201 (1902). 

Isländisch: Skögsnipa (= Waldschnepfe). 

Auch Dan.: Skovsncppe. Hol!.: Woudsnep. 

Scolopax rasticola bewohnt die jjaläarktische Region, soweit sich Wald oder 
wenigstens Buschgebicte finden, von Großbritannien bis Japan. Nordwärts geht sie bis 
etwa zum Polarkreise vor, südwärts brütet sie legelmäßig nur bis zu den Pyrenäen, 
Alpen, dem Balkan, Kaukasus und Himalaya hinab. Auch bewot.nt sie die nordwest- 
afrikanischen Inseln. Im Winter besucht sie Südeuropa, Nordafrika, Indien, China und 
ganz selten auch das östliche Nordamerika. Auf den Färöern hat sie sich ausnahms- 
weise gezeigt, von Grönland aber ist sie noch nicht bekannt. 



Tringa canutus. 



235 



In Island ist die Waldschnepfo ein seltner Gast. Nur zwei Mit- 
teilungen über ihr Auftreten daselbst liegen zAir Zeit vor. Im Herbste 1897 
schoß Fridrek ]>orgrimsson bei Akureyri (N.) eine ihm unbekannte Schnepfenart, 
die er als Balg zubereitete und die später von dem Botaniker Stefan Stefänsson 
in Mödruvellir zum Ausstopfen ans Kopenhagener Museum gesandt wurde. 
Als ich Herrn Stefdnsson des Vogels wegen aufsuchte, hatte er diesen noch 
nicht zurückerhalten. Später erfuhr ich, daß es sich dabei um eine Scolopa.v 
rust'n-ola gehandelt habe, die jetzt präpariert nach Island zurückgegangen ist. 
B. ScTmundsson erhielt ein weiteres Exemplar der Waldschnepfe durch Konsul 
Zimsen in Reykjavik. Dieses war in den ersten Tagen des Dezembers 1903 im 
Biskupstungur (SW.) tot, aber ganz unbeschädigt gefunden worden (1. c, S. 14). 

73. Tringa canutus L. 

Isländischer Strandläufer, 

Tringa cinerea (Linn.): Faber, Prodromus, S. '27 (1822). — Tringa canuta L.: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, 8.402(1862). — Tringa canutus Linn.: Newton, 
in Barinof-Croulds Iceland, p. 412 (1863). — Tringa islandica L.: Gröndal, Islenzkt 
fLiglatal. bis. 41 (1895). — Tringa canuttis, Linn.: Slater, Birds of Iceland, p. 100 (1901). 
— ScTemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 14 (1905). 

Tringa canutus, L. : CoWin, Skandinaviens Fiigle. S. 499 (1877). - Sharpe, Cat. 
Birds lirit. Mus. XXIV, p. 593 (1896). — Wingc, Grenlands Fugle. S. 167 (1898). — 
Naumann, Vögel 31itteleuropas VIII, S. 239 (1902). 

Isländisch: Kaudbrystingur (= Rotbrüstiger). 

Auch deutsch: Rotbrüstiger Strandläufer. Dan.: Redbrystet Ryle. 

Tringa canutus brütet zirkurapolar in hohen nördlichen Breiten. So wohlbekannt 
aber der Vogel zur Zugzeit ist, so wenig weiß man bis jetzt über sein Brutgeschäft. 
Man fand Eier oder Dunenjunge in verschiedenen l-Jegenden des arktischen Amerikas, 
z. B. in Nordgrönland, Grinnell-Land, an der Cambridge- Bai, an der Hundson-Bai 
angeblich bis 55° hinab, auf der Melville - Halbinsel und Melville -Insel, auf Alaska, 
in Asien mit Sicherheit nur auf der Taimyr- Halbinsel. Nehrkorii besitzt ein Ei aus 
Lappland, das unsrer Art angehören soll (Katalog S. 217, Nr. 3062. 1899), aber höchst- 
wahrsclieinlich falsch bestimmt ist. Auf dem Zuge trifft man die Vögel unter anderem 
an den Küsten Norwegens bis zum Nordkap hinauf, an den Britischen Insolu und auf 
den nördlich davon liegenden kleineren Gruppen bis zu den Färöern. Auf Spitzbei-gen 
dürften sie nur seltene Gäste sein. Südwärts scheint l'ringa canutus bis in die antarktischen 
Gebiete vorzudringen. Plate fand ihn im Februar 1895 gemein auf Feuerland (Schalow, 
Zool. Jahrbücher, Suppl. IV, 3. Heft, S. 660. 1898). Kuschel erhielt aus Südpatagonien 
2 Eier, die er zufolge der Mitteilungen des zuverlässigen Sammlers und nach Literalur- 
vergleichen als unserer Art angehörend bestimmte. Herr Polizeirat Kuschel ordnete sie 
deshalb in seiner vortrefflichen Sammlung, die sich jetzt im Dresdener Zoologischen 
Museum befindet, als solche von T. canutus ein. Ich halte dies nicht für richtig, schon 
da die 3Iaße — 35.1 x 24,6 mm (0,65 g) und 3 1,5^< 23,8 (0,^5) — für unsere Art viel 
zu gering sind und zur Zeit keine einzige Vogelspezies bekannt ist, die gleichzeitig 
in der arktischen und antarktischen Region brütet, ohne subspezifisch abzuändern. 

In Island gehört uuser Strandläufer zu den nicht häufigen Durcli- 
zugsvögeln, die besonders im Mai und August-September die Insel berühren. 
Newton beobachtete Ende Mai 1858 eine große Schar bei Kirkjuvogr (SW.), 
die freilich nach einer Woche zum Hauptteile verschwunden war, Gröndal 
am 14; Mai 1886 einen Trupp von mehreren hundert Exemplaren auf einer 
nackten Felseninsel in der Nähe von Reykjavik (Ornis II, S. Gll). ich selbst 



236 Triiipa camitiia. 

eine Schar von etwa 30 Stück am 8. Mai am Strande bei Reykjavik, die 
sich ziemlich scheu zeif>ften. Nach J. V. Havsteen und anderen soll der Vo^ifel 
am häutigsten die Westküste besuclien, in Nordisland aber nur unbeständig 
auftreten (Mündl. Mitteilung), Nielsen kennt ihn als Durchzügler für die 
Gegend von Eyi'iH'bakki (in litt.), Thienemann traf ihn auf der Insel Papey 
(0., Reise S. 299). Immerliin ist die Art ziemlich bekannt und deshalb wahr- 
scheinlich nicht allzu selten. 

Gröndal meint, daß der isländische Strandläufer zum Teil Standvogel 
auf unsrer Insel sei, weil man ihn auch im Winter gelegentlich an den 
Küsten beobachte (Ornis II, S. 36). S;emundsson berichtet tatsächlich, daß ein 
großer Schwärm der Vögel auf einer kleinen Insel bei Reykjavik gegen 
Neujahr 1902 bemerkt wurde, von denen er eins (tot oder lel)endig?) zu. 
sehen bekam (1. c). Unseren jetzigen Kenfitnissen zufolge dürften derartige 
Exemplare freilich hochnordische Gäste sein, die ihr Winterquartier schon 
in Island aufschlagen. 

Als Brutvogel scheint die Art nur in geringer Zahl oder überhaupt 
bloß unregelmäßig in Island zu bleiben. Faber vermutet, daß sie auf den 
hohen Bergebeuen im Innern brüte, fand aber niemals selbst ein Nest. 
Thienemann sagt, daß die Vögel während des Sommers die öden Strecken 
des Landes bewohnen. Er will ein Gelege der Art von 4 Stück aus dem 
Ostlaude erhalten haben, das man in einem dünnen Grasbusche ohne sonstige 
Nestunterlage fand (Reise, S. 299). Eins dieser Eier dürfte es sein, das^ 
sorgfältig als Tiinga camitiis beschrieben, sich jetzt in meiner Sammlung 
befindet. Es zeigt eine Größe von 42 x 29,8 mm und ein Gewiciit von 0,9 g 
und scheint richtig bestimmt zu sein. Doch hat kein Ornitholog selbst 
jemals den Vogel in Island brütend gefunden. Auch P. Nielsens Angaben 
sind nicht einwandfrei. Er glaubt nämlich, dreimal die Eier des isländischen 
Strandläufers erhalten zu haben. Der 1. Fund vom 26. Juni 1884, ein Ei 
mit vollständig entwickeltem Embryo von Kaldadarnes, zeigt eine Größe 
von nur 34x25 mm und dürfte hiernacli keinesfalls unsrer Art augehören. 
Ferner wurden zwei fragliche Eier am 21. Juni 1888 bei Hamar, etwas 
östlich von Eyrarbakki, gesammelt. Sie haben eine Größe von 39.8 x 30 
und 39,2x29,2 mm und könnten darnach wirklich von unserm Vogel herrühren. 
3 weitere Eier bekam Nielsen am 20. Juni 1889 wieder aus der Gegend 
von Kaldadarnes ; ein Exemplar des Vierergelcges war zerbrochen. 2 davon 
befinden sich in Walter Raines Sammlung (Toronto, Canada) und wurden 
von diesem in Bird-Nesting in Northwest Canada. p. 187 (Toronto 1892), 
beschrieben und abgebildet, ferner besprochen in The Oölogist XXII, p. 37 
(Albiou, N. Y., 1905). In letzterein Artikel erwähnt Raine auch ein weiteres 
wahrscheinlich echtes isländisches Gelege von 7'. canutus. das am 13. Juni 1901 
gesammelt wurde und sich jetzt im Besitze von Wallis (Weymouth, England) 
befindet. Leider fehlen Angaben über Maß und Gewicht der immerhin 
zweifelhaften Eier. Ein nach gewissenhaftester Prüfung als echt befundenes 
Gelege besitzt endlich 0. Ottoßon von der Insel Hri'sey im Eyjafjördi-, 
gesammelt am 17. Juni 1898 (Zeitschr. für Oologie XIV, S. 45). Die von 



Arquiitella iiiaritiina maritima. 237 

H. Goehel ausgesprochenen Zweifel über die Echtheit der I':ier (1. c, S. IG^) 
sind nicht zu teilen, da der Verfasser die näheren Umstände, insbesondere 
die örtlichen Veriiältnisse, weder kennt, noch berücksichtigt (vergl. 1. c. 
XV, S. 4 f.). 

Herr Dr. med. Ottoßon teilte mir über die Eier folgendes mit (S. auch Ornith. 
Jalirbucii 1905, S. 72). Der Sammler, E. Möller mit Namen, der leider jetzt gestorben 
ist, hat 12—15 .lahre sehr sorgfältig für ihn, vorher schon ebensolange für Apotheker 
Benzon in Kopenhagen Eier geliefert. Er kannte T. c<niutns ganz genau, schrieb aber 
wiederliolt. der Vogel scheine nicht in der Gegend zu brüten, da er dessen Nest mehr 
als 20 Jahre vergebens gesucht habe. Das zuletzt doch beobachtete Paar war sehr 
wenig scheu. Der brütende Vogel entfernte sich nur ungern vom Neste und gab dann 
durch Sträuben der Federn und Emporrecken der Flügel seinem Mißbehagen Au.sdruck. 
Der Sammler erbeutete ihn nicht, weil er hofifte, ein Nachgelege erhalten zu können, 
wurde aber krank und starb, sodaß weiteres unterblieb. Mitunter worden in Samndungen 
die Eier von Arquntelln niaritiina als solche unsrer Art angesprochen. Die zahlreichen 
Gelege dieses Vogels aber, darunter Eier bis 41 mm Länge, die der Eetrefifende von 
Hrisey sandte, bezeichnete er niemals als solche von T. canutus. Herr Dr. Ottoßon 
selbst hat mehr als 100 Gelege von A. maritima in allen Variationen besessen, sagt 
aber, daß T. canutus - hl'xev nicht mit diesen verwechselt werden könnten. Sie haben 
einen ganz andern Typus. Das betreffende Gelege zeigt folgende Maße: 41,4x29 mm 
<0,97 g), 41,4x28,5 (0,93), 41x29.1 (0,925), 41x29 (0,89). Charakteristisch für die 
Eier ist -zunächst das hohe Gewicht, das bei einer bedeutenden Serie untersuchter 
Exemplare von A. maritima 0,72 g nicht überschreitet, als Mittelgewicht nur etwa 
0,ö3 g zeigt. Charakteristisch ist ferner die Breite der Eier, die bei A. maritima kaum 
28 mm erreicht, für gewöhnlich aber 25.5 — 27 mm beträgt. Noch leichter möglich ist 
eine Verwechslung der Eier von T. canutus mit gewissen, A. maritima - üiern sehr 
ähnlichen Exemplaren von Gallinago gallinago, die freilich immer noch ein geringeres 
Gewicht besitzen. Weitere Arten kommen für Island kaum in Betracht. 

Es dürften somit die Brutplätze unsrer Art, ebenso wie die von 
A. mavithna, nicht uur im Innern Islands, sondern auch auf den gras- 
bewachsenen Gestadeinseln zu suchen sein, wenngleich das zuletzt besprochene 
Vorkommen bloß als ein ausnahmsweises zu betrachten ist. 

74. Arquatella maritima maritima (Hrünn.). 
Meeres-Strandläufer. 

Tririga maritima (Brunn.): Faber, Prodromus, S. 28 (1822). — Tringa maritima 
Brunn.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. -101 (18«2). — Tringa maritima Gmcl: 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 412 (1863). — Tringa maritima Brunn.: Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 41 (1895). — Tringa striata, Linn.: Slater, Birds of Iceland, 
p. 98 (1901). 

Tringa maritima, Brunn.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 502 (1877). — Arqua- 
tella m,aritima (Gm.) : Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 578 (1896). — Tringa 
maritima Brunn, typica: Winge, Grönlands Fugle, S. 164 (1898). — Tringa maritima 
Brunn.: Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII, S. 230 (1902). 

Isländisch: Sendlingur (von sandr = Sand, also Sandbewohner), Zusammen- 
ziehung davon Selningur; im Sommer Fjallafaelur (= ein vom Gebirge Vertreibender, 
wegen der Angst, die er am Neste zeigt). 

Arquatella maritima maritima bewohnt die nördlichen Gebiete zwischen Nordost- 
amerika und dem mittleren Teile der nordasiatischen Küste. Sie brütet an der west- 
lichen Davis-Straße, in allen Teilen Grönlands, im nördlichsten Europa, auf der 
Bären-Insel, auf Spitzbergen, Franz-Joseph-Land, Waigatsch, Nowaja Semlja und in den 



238 Arquatella iiiuritinia iiinritima. 

sibirischen Küstengegenden bis zur Taimyr-Halbinsel. Auf dem Zuge besucht sie den 
Nordatlantischen Ozean, unter anderem die Färöer, die Britischen Insehi und die übrigen 
Nordseegebiete. Südwärts geht sie bis zum Mittelmeerc, den Azoren und Bennuda- 
Inseln hinab, soll sogar in Südafrika erlegt worden sein. Im Nordj)azifischon Ozcau 
und der sich anschließenden arktischen Hegion wird sie durch A. m. conesi Ridgw., auf 
den Prybilov-lnseln im Barings-Meere durch .4. m. ptilocnemis (Coues) vertreten. Die 
genaueren Verbreitungsgrenzeii der einzelnen Subspezies sind noch ungenügend bekannt. 

In Island ist der Meeresstrandläufer ein verbreiteter Brutvogel, 
der im Sommer sowohl die Gestadeiiiseln, von Grimsey bis zu den Yest- 
mannaeyjarn, als aucli einsame, aber reichlich bewässerte Bergebenen im Inn(M-n 
bewohnt. Außerhalb der Fortpflanzungszeit hält er sich am Meeresstrande auf 
und wird dann scharenweise an allen Küsten, besonders im südlichen Teile 
der Insel, getroffen. 

4 (S fid. meiner Sammlung, in der Zeit vom 30. April bis 5. Mai bei Keykjavik 
erlegt, zeigen folgende Maße. Gewicht i. Fl. : 74— 80 g. Uesamtlänge i. Fl. : 185 — 202 mm. 
Flugbreite : 380— 400. Flügel: 127 — 129. Schwanz : 67— 72. Schnabel: 29— '^2. Tarsen: 
22 — 22,5. JHIittelzehe inkl. der 4 — 5 mm langen Kralle: 25 — 27 mm. — 5 ? ad., ebenda. 
Gewicht i. FL: 80— 95 g. Gesamtlänge i. Fl.: 203—225 mm. Flugbreite: 400—405. 
Flügel: 126— 131. Schwanz: 67— 70. Schnabel: 32— 34. Tarsen : 22— 23.5. Mittelzehe 
inkl. der 4—5 mm langen Kralle: 26 — 28. — • Iris: dunkel schwarzbraun. Schnabel: 
rötlich- oder grünlichschwarz, Oberschnabel am Grunde ziemlich lebhaft rötlichgelb, 
Unterschnabel mehr grünlichgelb. Tarsen: rötlichgelb, Gelenke und Zehen: grünlich- 
gelb. — Mageninhalte: Bedeutende Mengen kleiner iMiesmuscheln {Mytilus edulls) bis 
zur Länge von 6 mm, zumeist von etwa 3 mm Länge, ferner sehr feste kleine Spindeln 
von Schnecken, scheinbar Littoriniden, sowie einige vollständig erhaltene 2 mm lange 
Littoriniden (W. Baer). 

Die Hauptmenge der isländischen Meeresstrandläufer scheiuen Stand- 
vögel im weiteren Sinne zu sein. Ich traf sie als häufigste Art der Familie 
zur Frühjahrszeit an allen von mir besuchten Küsten, besonders zahlreich in 
der Umgebung von Reykjavik. Die Vögel sind fast immer recht zutraulich, 
sodaß man gewölmlich ohne Mühe auf bequeme Schrotschußnähe an sie 
herankommt. Selbst wenn man einen oder einige von ihnen erlegt liat, 
fliegen die andern kaum weit davon. Wiederholt konnte ich auch beobachten, 
wie etliche Exemplare von Totanus totanus, Aeglaiitis hiatinda oder Ilaematopns 
ostralegns, die sich einem Schwärme von Meeresstrandläufern angeschlossen 
hatten, bei meiner Annäherung laut rufend davonflogen, w^ährend unsere 
Vögel ruhig sitzen blieben. Trifft man ein Individuum der Art ganz allein 
für sich, so läßt es den Menschen mitunter bis auf wenige Meter heran- 
kommen. 

Wenn das Meer zur Zeit der Flut steigt, drängen sich die geselligen 
Vögel auf großen Felsblöcken inmitten des Wassers oder auch am Strande 
zusammen, zeigen sich dann stundenlang recht träge und wenig beweglich 
und ordnen höchstens das Gefieder. Oft verharren sie halbe Tage an dem- 
selben Platze, wobei sie nur ab und zu ein leises kurzes Tut, Tit hören 
lassen. Wenn Ebbe eintritt, werden die Vögel lebendig, klettern hurtig auf 
dem Strandgeröll umher, das oft mit Tangen dicht bewachsen ist, hüpfen 
von einem Steine zum andern, wobei sie die Flügel nur wenig benutzen, 
und lesen eifrig die kleinen Seetierchen ab, die ihnen das Meer in reicher 



Arquatella maritima maritima. 239 

Fülle zurückgelassen hat. Da unsere Strandläufer nicht wählerisch in ihrer 
Nahrung sind, finden sie den Tiscli immer gedeckt, weshalb sie sogar im 
Prühjalire gewölmlich eine ansehnliche Fettschicht unter der Haut tragen. 
Ist der größte Hunger gestillt, fangen sie an, sich spielend zu zanken. 
Häufig hört man dann ihren Lockruf, der mitunter ganz tinkenartig klingt 
und sicli ab und zu in ein schnurrendes, nicht besonders lautes Trillern 
verwandelt. Kommt man den Vögeln nälier, so verstecken sie sich hinter 
den Steinen, laufen auch zwischen diesen weiter und entziehen sich dadurch 
oft genug den Blicken, wobei ihnen das unscheinbare graue Kleid wohl 
zustatten kommt. In größeren Schwärmen fliegen sie leichter auf und lassen 
dabei unwillige, rauhe Tschrididi hören, die, von einer bedeutenden .Menge 
hervorgebracht, eine Art Gezwitscher ergeben. Helle, laute und flötende 
Töne, wie sie Totaims totannn z. B. hat, hörte ich nie von unsrer Art. Meist 
fliegen die Vögel in dichtem Schwärme über das Meer, schwenken einige 
Male in der Luft umher und fiillen endlich am Strande wieder ein. Der 
Flug ist rasch und gewandt; doch sah ich die Vögel weit seltner freiwillig 
sich in der Luft bewegen, als andere ihrer Verwandten. Von allen euro- 
päischen Strandläufern halte ich AiqnateUa inariüina für die phlegmatischste 
Art. Dieser Liebe zur Bequemlichkeit ist es wohl auch zuzuschreiben, daß man 
unsern Vogel nicht selten kurze Zeit schwimmen sieht. Wird er etwa von einer 
Welle erfaßt, so läßt er sich ruhig vom Wasser tragen, ohne seine Flügel 
zu gebrauchen, vielleicht daß die nächste Woge ihn ja wieder am Lande 
absetzt. Wenn freilich ein Stein falke sich zeigt, geht Leben durch die 
Schar unsrer Straudläufer. Unklugerweise locken sie eifrig, fliegen und 
laufen unruhig umher und ducken sich bei Annäherung des Vogels zwischen 
den Steinen. Eins oder das andere fährt aber doch angsterfüllt heraus, 
wenn der Räuber diclit über dem Boden hinstreicht, ein blitzschneller Stoß 
und darauf gellendes Siegesgeschrei. 

Im Mai begeben sich die Paare nach ihren Brutplätzen. Diese sollen 
sich zumeist auf ödeu, steinigen Hochebenen im Innern der Insel befinden, 
wo freilich Quellen und Tümpel vorhanden sein müssen. Nach solchen 
Gegenden kommt man nicht allzu oft. Ich selbst traf unsere Vögel nur 
einmal an derartigem Platze und zwar kaum höher als 2 — 300 ra über dem 
Meere bei Stserri Ärskögi im Gebiete des Fyjafjördrs. Doch beobachtete 
ich mehrere Brutpaare bei Hjalteyri, sowie auf Grimsey. Ziemlicli häufig 
brütet der Meeresstrandläufer auch auf kleinen grasigen Küsteninseln. Von 
Hrisey im p]yiafjördr z. B. erhielt Ottoßou viele Gelege, in einigen Jahren 
über 10 (in litt.), und mir selbst wurden Eier von dort gebracht. Gewöhnlich 
benehmen sich unsere Vögel am Neste so still und vorsichtig, daß diesem 
schwer zu finden ist und wahrscheinlich oft übersehen wird. Meist brüten 
etliche Paare in weiterer Nachbarschaft. Eigentliche Kolonien bilden sie 
indes nicht. Das Nest findet sich wohlvcrborgen im moosigen Grase, in 
einer Erdvertiefung oder zwischen Steiugeröll und besteht gewöhnlich nur 
aus wenigen Pflanzenstoflfen und einigen Federn. Es wird manchmal bloß 
durch Umknicken und Niederdrücken der umgebenden Halme gebildet, mit- 



240 Arquati'lla niaritinm iiiarilima. 

unter freilich auch dichter ausgepolstert. Die Ablage der Eier erfolgt in 
der Regel im Juui. In den Küsteugegenden des Nordlandes, von wo sie 
OttoÜon außer von Hrisey auch von Akureyri, Blönduös und Skagaströnd 
erhielt, ebenso auf Grimsey, findet man sie gewöhnlich in der ersten Hälfte 
des Monats, in den höheren Lagen wohl auv-h noch später. 7 Gelege vom 
Norden stammen aus der Zeit vom 6. — 22. Juni; das letzte war freilich 
schon mittel bebrütet. Faber traf am 22. Juni 1821 ein Männchen mit 
seinen schon 8 Tage alten Jungen, woraus hervorgeht, daß die Eier dieser 
Brut bereits Ende Mai gelegt wurden. Ja Thienemann gibt als Zeit sogar 
Mitte Mai an (Reise, S. 9G), was vielleicht für die geschützteren Gebiete 
des Südlandes Regel seiu dürfte. Das Normalgelege besteht aus 4 Stück; 
nicht selten werden aber auch bloß 3 Eier gefunden. 

2 isländische Gelege meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 42 x 27.2 mm 
(0,67 g), 41x27,2 (0,68), 39,8x27,2 (0,69), 39x27,5 (0,70). — 38.5x27,5 (0,65), 
38x27 (0,62), 37,5x27 (0.62), 37.2x26.8 (0,60). Einige weitere der Sammlung 
Ottoßon: 39,1x26,5 (0.60), 38,6x26,9 (0,60), 38x26,9 (0,61), 37.7x27 (0,62). — 
38,7 X 26,7 (0,68), 38,1 x 27,2 (0,70), 36,3 x 26,5 (0,60), 36 x 26,4 (0,59). -- 35,8 x 25,5 
(0,63), 35.4x25,6 (0,64), 35,1x26,2 (0,63), 35,1x26,2 (0,65). — 39,3x27 (0.68), 
38,4x26,8 (0,68), 37,7x27,6 (0,72), 37,4x27,7 (0,71). — Jlittelgröße von mehr als 
100 Eiern: 37,7x26,8; Mittelgewicht 0,65 g.— Sie wiegen voll c. 14 g. 

Das Weibchen brütet nach Paber etwa 16 Tage auf den Eiern, scheint 
aber gelegentlich vom Männchen dabei abgelöst zu werden. Die Duuen- 
juugen verlassen das Nest sehr bald und verstecken sich zwischen Steine 
und Pflanzen. Wenigstens anfänglich liegen sie außerordentlich fest und 
sind kaum zum Fortlaufen zu bewegen. Die Alten benehmen sich nun noch 
zutraulicher als im Frühjahre. Auf Grimsey, wo freilich nur wenige Paare 
brüten, ließen sie mich auf 3 — 4 m herankommen, stellten sich daun auf 
einen Stein, sti-eckten Hals und Kopf in die Höhe und lockten eifrig, ver- 
schwanden aber oft flatternd und laufend im Felsgeröll, um sich ebenfalls 
zu verbergen. Kommt man in unmittelbare Nähe der Jungen, werden die 
Alten aufs äußerste besorgt, sträuben die Federn, trippeln lockend umher, 
bücken sich tief zur Erde und kriechen sogar flatternd am Boden hin. Beide 
Vögel des Paares führen die Nachkommenschaft. An ihrem ängstlichen 
Benehmen unterscheidet man die Brutvögel leicht von denjenigen Individuen, 
die nicht zur Fortpflanzung schreiten und sich auch im Sommer scharenweise 
an der Meeresküste aufhalten. Solche Vögel verhalten sich ruhig, sorglos 
und ziemlich still. 

Nach 3—4 Wochen sind die Jungen befledert und fangen an zu fliegen. 
Wurden sie abseits vom Meere erbrütet, so begeben sich die Familien im 
August nach geschützten Fjorden und an sandige, flache Straudpartien. Sie 
scharen sich allmählich mit anderen Artgenosseu zusammen und bilden oft 
Schwärme von vielen Hunderten, die an den Küsten umherstreifen. Es ist 
anzunehmen, daß ein Teil der Vögel Island im Herbste verläßt. Doch werden 
die entstehenden Lücken durch nordische Zuzügler ausgefüllt. Von allen 
Straudläufern ist unsere Art auch im Winter am zahh'eichsteu an den Küsten 
Islands anzuti'effen. 



Aiicylochcilus fernigineiis. Oj.i 

Ancylocheilus ferrugineus (Bnimi.). 
Bügeuschiulbliger Stnmdläufer. 

Tringa subarquata: Newton, Ibis VI, p. 132 (I864j. — Truiya suburquatd ((liild.j: 
JSlater, Birds of Iceland, p. 98 -(1901). 

Ancylochihis mbarquatus ((.TÜld.): Sharpe, Cat. Birds Bv\i. .Mus. XXIV, p. ')SH 
(1896). — Tringa subarcuata (Güld.): Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII. S. 2ü.'3 (1902). 

Isländisch: Bognefjud Tita (tita bedeutet ursprünglich einen schmalen, dünnen 
Gegenstand). 

Auch dän.: Krumnacbet Strandlober. Norw. : Kruranfebbet Strandvibc. Schwed.: 
Bägnäbbad Strandvipa. Holl.: Krombeck Strandlooper. 

Ancylocheilus ferrugineus ist eine arktische Spezies, deren sichci-e IJrutpUitzo 
man zur Zeit nur in einigen Örtlichkeiten des nördlichsten Sibiriens, besonders auf 
der Taiuiyr-Halbinsel, gefunden hat. Auf dem Zuge dagegen besucht sie die Küsten- 
gebiete der meisten Länder der Erde mit Ausnahme Amerikas, wo sie nur im nörd- 
lichen Teile beobachtet wurde. Ins Innere der Kontinente begibt sie sich seltner. 
Regelmäßig kommt sie unter anderem an die Küsten der Nordsee. Auf den Färöern 
und in Grönland hat man sie aber noch nicht erbeutet. 

Für Ishmd ist das gelegentliche Vorkommeu des bogeuschnäbligen 
Strandläufers zwar nicht unwahrscheinlich, zunächst aber nicht mit völliger 
Sicherheit bestätigt. Die einzige Nachricht brachte Newton. Er teilte 
nämlich mit (1. c), daß der in der Ornithologie Islands wohlbekannte Proctor 
mehrere Bälge von Tringa subarquata aus Island erhalten habe. Herr Professor 
Newton ist zwar, wie er mir auf meine diesbezügliche Anfrage hin freundlichst 
schrieb, von der Gewissenhaftigkeit des Verstorbenen völlig überzeugt, hat 
aber vor langer Zeit bei dem betreffenden Artikel in seinem Handexemplare 
selbst eine Bemerkung gemacht, auf deren Bedeutung er sich heute nicht 
mehr entsinnt, die ihm aber die Richtigkeit seiner damaligen Angabe doch 
als fraglich erscheinen läßt. 

75. Palidna alpina schinzii (Brehm). 
Kleiner Alpenstrandläufer. 

Tringa alpina (Liun.): Faber, Prodromus, S. 29 (1822). — Trinya variabilia &, 
Tringa Schinzi: Preyer (& Zirkel), ßeise nach Island. S. 401 und 402 (18(i2). — Trhiya 
alpina Liun. & Tringa sc-Am^i; Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 413 (18ö3). — Tringa 
alpina L. & 7Vm^rt St7</nzJi Brehm : Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 41 (1895). — Tringa 
alpina, Linn. & Tringa schinzii Br. : Slater, Birds of Iceland, p. 96 (1901). 

Tringa cinclus, L.: CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 506 (1877). — Pelidna alpina 
(L.) & Pelidna schinzi (Brehm) : Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 602 and 606 
(1896). — Tringa alpina L.: Winge, Grönlands Fugle, S. 169 (1898). — Tringa alpina h. 
& Tringa alpina Schinzi (Brehm): Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII. S. 205 und 
217 (1902). 

Isländisch: L6u}7raell. ältere Form Löpr.-^U (von Loa = Charadrius apricarius 
und vra-ll = Knecht, Diener, weil beide Arten vielfach in Gesellschaft gesehen werden), 
seltner im Nordosten Heidarlnepa (von heidi = Heide und Isepa = laupa = laufen). 

Palidna alpnna besitzt eine bedeutende zirkumpolare Verbreitung. Inwieweit 
aber die aufgestellten Subspezies als geographische Formen Berechtigung haben, ist 
noch ungenügend gekläi-t, zumal der Hauptteil des bisher berücksichtigteu Vergleich- 
materials aus Zug-, nicht aus Brutvögeln besteht. Das nördliche Amerika und Ost- 
sibirien, bis etwa zu den Neusibirischen Inseln hin, wird von P. a. pacifica (Coues) 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. 



24-2 J'alidiia alpiii.a schinzii. 

bewoliiif. Dieser großen K«rni scbiint sich tliucli Asien westwärts F. a. alpina (L.) 
anzuschließen, endlich als Brutvogel des westlichen Europas P. a. schinz'd (JBrehra). 
Leider steht mir kein genügendes Material von europäischen Brutvögeln zur Ver- 
fügung, um die Berechtigung der beiden letzteren Subspezies zu prüfen. — In Europa 
finden sich Brutplätze von Falidna alpina besonders in Nordrußland, in den Ostsee- 
gebieten, in Skandinavien, Dänemark, an den deutschen Küsten der Nordsee, auf den 
Britischen Inseln, den Hebriden, Shetland-, Orkney-Inseln und Färöern, sowie auf Jan 
31ayen. Nordwärts scheint unsere Art den 75. Grad nur ausnahmsweise zu überschreiten. 
Auf Spitzborgen ist sie nur einmal angetroffen worden. Üb die bes(jnders im östlichsten 
Ostgrönland, seltner auch in Westgrönland brütenden Alpcnstrandläufer einer europäischen 
oder der amerikanischen Basse angehören, ist noch zweifelhaft. — Im Winter streift 
Palidna alpina südwärts bis zu den Sunda- Inseln, Indien, Deutsch- Ostafrika, den 
Kanarischen Inseln — die amerikanische Form bis Westindien. 

In Island gehört der Alpenstrandläufer zu den häufigen Brut vögeln. 
Er bewohnt im Sommer die grasbewachsenen Hügellandschaften, Hochmoore 
und Heiden, am liebsten solche, die Bäche, Wassergräben, Teiche oder auch 
das Meer in der Nähe haben. Außerhalb dieser Zeit hält er sich an den 
Küsten auf. Er ist über die ganze lusel verbreitet und wegen seiner geringen 
Scheu doppelt gut bekannt, jedoch nicht überall in gleicher Weise häufig. 

Die isländischen Alpenstrandläufer gehören zu Palidna alpina schinzii, welche 
Form ich gerade deshalb anerkenne, weil ich in Island niemals eine andere sah. Schon 
Slater hebt hervor, daß auf unsrer Insel die kleine Rasse brüte (1. c). Ich habe 
10 Stück der Vögel tot untersucht, 6 davon vollständig präpariert in meiner Sammlung, 
eine weit größere Anzahl außerdem in Nordisland und Grimsey wenige Meter vor mir 
lebendig beobachtet und als völlig übereinstimmend mit den präparierten Exemplaren 
erkannt. Ob allerdings 1'. a. schinzii in Stimme und Wesen von P. a. alpina abweicht, 
wie Naumann u. a. behaupten, konnte ich aus Mangel an unmittelbarem Vergleiche 
nicht feststellen. — Auch bei unserer Art ist das Weibchen, wie bei den meisten Strand- 
läufern, größer und etwas blasser gefärbt. Das Schwarz der l.^nterseite im Sommer- 
kleide hat geringere Ausdehnung; die Fleckung der Kropfgegend ist zarter. Selbst im 
Freien vermag man das Geschlecht unschwer zu bestimmen. Am toten Vogel erkennt 
man das Weibchen zur Zeit des Eierlegens natürlich außerdem noch an der kahlen, 
angeschwollenen und bedeutend erweiterten Aftergegend. Der im Leben weiche, glatte 
und biegsame Schnabel ist erheblich nach abwärts gesenkt, der Oberschnabel weit mehr 
gebogen als der Unterschnabel, aber so elastisch, daß er sich diesem beim Schließen 
anlegt. Der Schnabel des lebenden Vogels zeigt keinerlei Längsfurchen oder höchstens 
von den Nasenlöchern aus eine kurze Andeutung derselben. Doch ist die Wulst am 
Schnabelgrunde weit auffälliger als am getrockneten Balge. 

5 (5 ad. von Hjalteyri, davon 4 in meiner Sammlung, sichere Brutvögel aus der 
Zeit vom 28. Mai bis 22. Juni, zeigen folgende Maße. Gewicht i. Fl.: 42 — 48 g. 
Gesamtlänge i. Fl.: 174— 180 mm. Flugbreite: c. 360. Flügel: 106—109. Schwanz 
(bis zur Spitze der 3Iittelfedern) : 52 — 57. Mittelfedern überragen die nächstkürzeren 
Schwanzfedern um 3 — 5 mm. Schwanz + Elügel (i. Fl. gem.): 10 — 11. Schnabel (von 
den Stirnfedern an): 26—30. Tarsen: 22—23. 3iittelzehe inkl. der 3 — 5,5 mm langen 
Kralle: 21 — 22 mm. — 5 $ ad., sichere Brutvügel, wie oben, nur 2 Exemplare in 
meiner Sammlung, die andern, weil durch den Schuß erheblieh verletzt, nur im Fleische 
gemessen. Gewicht i. Fl.: 47 — 73 g (das bedeutende Gewicht besonders durch Ent- 
wicklung des Eierstockes und ein fast legereifes Ei hervorgerufen). Gesamtlänge i. Fl.: 
180—200. Flugbreite: c. 360— 365. Flügel: 107-^110. Schwanz: 55— 57. Schnabel: 
31,5—32. Tarsen: 23—24. Mittelzehe inkl. der 4— 4,5 mm langen Kralle: 21 — 22,5 mm.— 
Iris: dunkelbraun. Schnabel und Füße: schwarz, gelegentlich mit schwach bräunlichem 
Schimmer, — Mageninhalte: winzig kleine Insekten und andere Tierchen, Sandkörner. 



Palidiiii alpinu schinzii. 243 

Preyers „Trinya Sch'mzi'' (1. c), die er am IH. .luiii 18HU bei Kcykjavik seholi, 
ist zweifellos unser Vogel und darf keinesfalls, wie dies l'reycr freilich selbst tut. mit 
Bonapartes Tringa schinzii (= T. fuscicoUis Vieill.) verwechselt werden. Preyer sagt 
ausdrücklich, daß er denselben Vogel meine, den Naumann als Trinya Schinzii in 
seiner Naturgeschichte der Vögel Deutschlands VII, S. 453, 1834, beschriebe. Gewiß 
ist dies das einzige Exemplar der Art, das Preyer überhaupt in Island erlegte, weshalb 
er das Vorkommen der größeren T. alpina (= Tringa variahilis) nur vermutete. 

Der Alpeustrandläufer ist ein Zugvogel für Island, der im Süden der 
Insel Mitte bis FJnde April erscheinen soll. Ich sah eine Schar von etwa 
30 Stück, die noch nicht lange angekommen sein konnten, freilich erst am 
ö. Mai bei Reykjavik. Die Vögel liefen eifrig suchend am Strande umher. 
Sie sind nicht nur unter einander sehr gesellig, sondern schließen sich gern 
auch verwandten Arten an. In der Nähe des Meeres beobachtete ich sie den 
ganzen Sommer hindurch, am häufigsten in Gemeinschaft mit Ae(jialitis 
hialicida, seltner mit Totanns totamis, Ilueinatopus oder Phalarojms. Dem 
Menschen gegenüber benehmen sie sich im Frühjahre viel weniger zutraulich 
als später am Brutplatze. Kommt man ihnen näher, so erheben sie sich 
mit lebhaftem Dili Didli. Oft verbinden sie auch diese Silben zu einem 
hohen, äußerst raschen Triller, der besonders am Boden ziemlich lange aus- 
gehalten wird. Im Abfluge klingt er etwas rauher und ' schnarrender: 
Schriii... . Überhaupt kann man schon im Frühjahre eine bedeutende Ver- 
schiedenartigkeit der Stimmlaute kennen lernen. Nicht selten hört man 
in der Luft das warnende Tot Tot oder das unwillige Tütütü.... Der Flug 
unsrer Vögel ist rasch, mitunter sogar äußerst schnell dahinsausend. Der 
ganze Schwärm läßt sich gemeinsam nieder, läuft etwas in die Breite, erhebt 
sich gleichzeitig und drängt sich beim Fliegen wieder eng zusammen. 

In der 2. Hälfte des Mai kommen die Alten nach ihren Brutplätzen. 
Die weiten Graslaudschaften, die hier mit Sümpfen und Wasserlachen, dort 
mit trocknen Heidestriehen und Kiesflächen abwecliseln und von den unzähligen 
kleinen Hügeln bedeckt sind, bieten ihnen zum Sommeraufenthalte will- 
kommene Nahrung und geschützte Nistorte. Die Nähe menschlicher Wohnungen 
scheuen sie nicht. Die Vögel bilden zwar kleine Brutkolonien, bevölkern 
aber ein geeignetes Gebiet gewöhnlich in einer größeren Anzahl von Paaren. 
Vom 23. Mai beobachtete ich im Nordlande die Alpenstrandläufer im Nist- 
bezirke, den sie fast stets mit Charadrlns apricanus teilen. Da beide Arten 
gesellig und zugleich verträglich sind, halten sie während des Sommers sehr 
oft zusammen, wobei der größere Goldregenpfeifer durchaus nicht immer die 
Führung übernimmt. Beide Vögel sind sich in vieler Hinsicht überaus ähnlich, 
der Alpenstrandläufer ist jedoch lebhafter, geschäftiger und unruhiger. Wenn 
Ende Mai die Sonne mild herabscheint und die ersten kleinen Blumen aus 
dem Rasen hervorlockt, beginnen unsere Vögel mit dem Baue des Nestes. 
Nähert man sich dann dem Paare, so schleicht das Weibchen meist recht- 
zeitig davon, das Männchen aber klettert auf einen der Grashügel und hält 
mutig Umschau. Zuletzt freilich flattert oder läuft es auch fort, bleibt jedoch 
bald in einer schützenden Vertiefung stehen, rührt sich nicht von der Stelle 
und wartet ab, was weiter geschieht. Wiederholt benutzte ich einen derartigen 

16* 



244 l'aliilna alpina scliitizii. 

Augpultlick, um micli glcii-lifalls in oinoii bciiarlihartcMi Grahon oder ein Krd- 
locli niederzusetzen und hier regungslos zu verharren. Nach wenigen ^linuten 
steht der kleine Vogel jdötzlicli wieder auf einer Erhöhung und trijijielt 
unruhig den Abhang hinab, nähert sieh allmählich und fängt endlich an, 
sein Tot Tot zu schimpfen. Dazu macht er "Verbeugungen und Knickse, 
riclitet sich so hoch er kann in die Höhe, duckt sich wieder und kommt 
zutraulich bis auf wenige Meter an den Älenschen heran. Endlich fliegt er 
mit rauh schnurrendem Schriririri... davon und holt das Weibchen, das mit 
vorsichtigem Tütütü... sich näliert. Das zierliche Umherlaufen der beiden, 
die neugierige Wachsamkeit und das lebhafte Geschwätz der Tierchen bieten 
dem Beobachter großes Vergnügen. Das AVeibchen baut das Nest in der 
Hauptsache allein, wird al)er vom Männchen dazu angetrieben und ab und 
zu aucli durch Hcrbeiscliaft'ung von Material unterstützt. In den späteren 
Vormittagsstunden ist das Paar am eifrigsten bei der Arbeit. Am Nach- 
mittage dagegen fliegt es mitunter weit davon, und die Brutvögel der ganzen 
Gegend treffen sich nun am Meeresstrande oder an größeren Binnengewässern. 
Kehren die Paare am Abende nach dem Nistbezirke zurück, so geht es ohne 
Streit mit der Nachbarschaft selten ab. Im sausenden Fluge treiben sich 
oft ein halbes Dutzend der Vögel unter langanbaltendem Schnurren ül)er dem 
Boden dahin. Selbst die Paare verkehren nicht immer still und sauft unter 
sich, fahren im Gegenteil oft tüchtig mit dem Schnabel zusammen. Ich 
beobachtete einmal zwei sich heftig streitende Alpenstrandläufer, die ich für 
eifersüchtige Männchen hielt. Ich näherte mich ihnen, sie flogen ein Stück 
davon, fielen aber gleich wieder ein, zausten sich von neuem auf der Erde 
und zeterten lebhaft dazu. Als ich beide auf einen Schuß erlegt hatte, war 
ich nicht wenig erstaunt, ein Weibchen und ein Männchen in der Hand zu 
halten. Die Begattung erfolgt häufig am Abende. Das Männchen ist vorher 
sehr erregt, wird jedoch von dem stilleren Weibchen nicht sogleich erhört. 
Im letzten Augenblicke duckt sich dieses aber nieder, beide Vögel sehen sich 
unter lispelndem Gezwitscher an, sausen freilich nach der Begattung sofort 
mit rauhem Gezeter wieder durch die Luft. Am frühen Morgen beobachtete 
ich auch, allerdings nicht sehr häufig, den Balzflug des Männchens. Mit 
zitternden Flügelbewegungcn kreist der Vogel hoch über seinem Nistbezirke 
in der Luft und ruft unablässig Tüb Tüb Tüb. Endlich schraubt er sich 
schwebend abwärts, wobei er ein ziemlich klares Tili... ausstößt. Alle 
erwähnten Stimmlaute sind beiden Geschlechtern eigen, wenngleich eich das 
Weibchen mit den einfacheren Tönen begnügt. 

Anfang Juni ist das Nest in der Regel fertig. Es l)efindet sich wohl 
verborgen an einer trocknen Stelle im Grase und wird oft durch überhängende 
Halme verdeckt. Die Mulde hat einen Durchmesser von etwa 8 und eine 
Tiefe von 4 — 5 cm. Das Nest selbst besteht aus Grashalmen und Moos und 
ist mitunter ziemlich dick aufgeschichtet. Man kann es wenigstens oft ohne 
Mühe zusammenhängend vom Boden heben. Innerlich wird es mit vielen 
kurzen Hälmchen und Blättern ausgefüllt. Die Eier bleiben bei der Bebrütung 
an demselben Platze liegen, sodaß man nach ihrer Wesnahrae tiefe Eindrücke 



rjilicina nljjiiia si-hinzii. ^j^r^ 

in der Nestuiulde siebt. Ihre Ablage erfolgt gewöbnlitii in der 1. Hallte 
des Juni. 10 meiner isländiscben Gelege vom Nordlande, friscb oder scbwacb 
bebrütet, stammen aus der Zeit vom 5.— 15. Juni. Krüper erhielt ein volles 
Gelege allerdings schon am 30. Mai (Naumannia 1857, II, 8. 16). Wenn 
Gröndal jedoch für den gebirgigen Teil der Müla-Sysla (SO.) als Brutzeit 
die 1. Hälfte des Juli angibt (Ornis IX, 8. 96), so dürfte dies auch dort kaum 
die Regel sein. Nachgelege findet mau freilich überall bis wenigstens Knde 
Juni. Diese bestehen oft nur aus :J, ja selbst 2 Kiern, während das Nonnal- 
gelege immer 4 Stück aufweist. 

Einige isländische Kxomplare meiner Sammlung cliarakterisieren sich wie folgt: 
il7x24,8mm (U.51 g). ;j«.2 X 20 (0,52'. SH.2 x 24,", (0,51). H(ix2^ (0,50). — 
^7x24,5 (0,53), 35.5x25 (0.53), 34,8x25 (0,52). — 35,5x21 (0,40), 35x24.2 
(0,48), 35x24 (0.50). 34.2x23.8 {OMi). — 35,5x23,8 (0,47), 35,2x23,5 (0,49), 
35 ;<24,5 (0,49), 34.5x24 (0,48). — 35.2x24 (0.51). 35x24.2 (0,49), 35x23,8 
(0.47). 34.5x24.5 (0.49). — 31,2x24 (0.51), 34,2x24(0,49), .34x24(0,48).— 
Das Vüllgewicht von 18 frischen oder schwach bebriileten Eiern schwankte zwischen 
8,5 g und 10,8 g: Durchschnittsgewicht 10 g. Dotter hellgell), durchscheinenti. Eier 
deshalb ausgeblasen viel griiiiliclier. 

Das Weibchen brütet 16—17 Tage allein. Nur ein einziges Mal sah 
icli es an einem regnerischen, kühlen Abende nahrungsucliend in der Nähe 
des Nestes umherlaufen und das j\Iäunchen von den Eiern abfliegen. Doch 
bleibt dieses gewöhnlich im Nistgebiete, kommt einem nahenden Feinde ent- 
gegen und sucht durch lebhaftes Rufen und ängstliches Gebaren dessen 
Aufmerksamkeit abzulenken. Freilich traf ich kleine Scharen der Männchen 
auch zur Brutzeit an einer Lagune bei Hjalteyri, wo sie besonders in den 
Nachmittagsstunden mit AcgUdltis ///'/^/fitAf-Männchen umherliefen. Ich ver- 
mißte sie dann in ihren mir wohlbekannten Brutgebieten und überzeugte 
mich auch durch Erlegung solcher Vögel, daß es sich um Exemplare handelte, 
die in Fortpflanzung standen. Das Weibchen verläßt gewöhnlich schon in 
der Ferne das Nest, sclileicht niedergeduckt hinweg und fliegt entweder 
gar nicht oder erst ein Stück abseits davon. Gegen Ende der Brutzeit sitzt 
es fester. Ich ritt an einem mir bekannten, nicht allzuversteckten Neste 
mehrmals iu einem Abstände von 2 — 3 m langsam vorüber. Daweile drückte 
sich der Vogel tief zwischen die Gräser. Zu Fuße kommt man freilich kauiu 
in solche Nähe, Unerwartet aufgetrieben fliegt das Weibchen mit scharfem 
Pip oder Trib vom Neste, manchmal auch mit einem gezogenen Grätschen. 

Sind die Dunenjungen ausgeschlüpft, was gewöhnlich schon Ende 
Juni geschieht, werden die Alten viel besorgter. Auch jetzt noch ist das 
Männchen der angreifende Teil, läßt warnend sein Tot Tot hören oder um- 
fliegt ängstlich den Feind. Das Weibchen dagegen spielt lieber die Harm- 
lose. Besonders wenn man zu Pferde über die Grasflächen reitet, tut es, 
als sähe es den Menschen gar nicht, bemüht sich aber auffällig genug, ilin 
von einem bestimmten Platze fortzulocken. Die Jungen verbergen sich von 
den ersten Tagen ihres Lebens an geschickt im Grase, suchen sich mit dem 
kleinen weichen Schnabel selbst winzige Insekten und Würmchen, drücken 
sich aber augeDblicklich in eine Vertiefung, sobald die Eltern ihre Warnrufe 



24() C'alidris arenaria. 

ausstoßen. Deshalb übcn-ascht man sie nur j^elegentlich in We<ifi'iiiuen, 
Gräben oder auf freien Plätzen, besonders wenn man schnell, aber doch 
aufmerksam, dahinreitet. Fabers Beobachtungen zufolge sind die Tierchen 
nacli etwa 24 Tagen befiedert und flugbar. Sie besuchen nun mit ihren 
Kitern auch die weitere Umgebung des Urutreviers, wobei sie sich mit hellem 
Gitgit zusammenlocken. Die einzelnen Familien der Gegend vereinigen sich 
und bilden größere Scliwärme, die dicht gedrängt in raschen Wendungen über 
Seen und Ströme eilen und gewöhnlich Anfang bis Mitte August nach der 
Meeresküste kommen. Hier streichen sie nun an sandigen, flachen Straud- 
partien umher, lassen seltner als im Frühjahr ihre Stimme hören, verhalten 
sich aber dem Menschen gegenüber immer noch recht zutraulich. Eifrig 
suchend laufen die Vögel am Rande des AYassers dahin, weichen auch den 
Düiiungswelleu, die ihnen willkommene Nahrung bringen, wenig aus, sodaß 
sie nicht selten von diesen in die Höhe gehoben werden. Wenn freilich die 
Brandung sich zu unangenehm bemerkbar macht, fliegen sie mit leisem 
Lockrufe an geschütztere Plätze. Bis Ende Septeml)er, ja selbst Anfang 
Oktober, sollen sich die Alpenstrandläufer an den isländischen Küsten, be- 
sonders im Süden der Insel, aufhalten, dann aber spätestens verschwinden. 
Von einem Überwintern unsrer Art in Island ist nichts bekannt. 

7(i. Calidris arenaria (L.)- 
Sauderling. 

Calidris arenaria (Illig.;: Faber, rrodroiuus, S. 23 (1822). — Calidris arenaria 
llliger: Preyer (& Zirkel), Reise nacJi Island, S. 403 (18ü2). — Calidris arenaria (Linn.): 
Newton, in Baring- Goulds Iceland, p. 413 (18t>3). — Calidris arenaria Ij. : Gröndal. 
isleuzkt fiiglatal, bis. 42 (1895). — Calidris arenaria (L.): Slater. Birds of Iceland, 
p. 101 (1901). 

Calidris arenaria (Ij.): Collin. Skandinaviens Fiigle, S. 513 (1877). — Sharpe, 
Cat. Birds Brit. 3Ius. XXIV, p. 526 (189«). — AVinge, Grenlands Fugle, S. 170 (1898). 
— Naumann, Vögel Mitteleuropas VllI, S. 174 (1902). 

Isländisch: Sanderia (Lehnwort aus dem Englisclien). 

Auch dän.: Selning, Sandleber. Norw.: Sandlöber. Schwed.: Sandlöpare. Engl. 
& Iranz.: Sanderling. 

Calidris arenaria brütet in den arktischen Gebieten der Neuen und der Alten 
Welt, ist aber außerhalb der Fortpflanzungszeit beinahe an allen Küsten der Erde und 
auch im Innern der Kontinente beobachtet worden, bis hinab zum Süden Afrikas und 
Asiens, auch bis Australien und Chile. In den nördlicheren Gegenden Europas tritt 
der Vogel zur Zugzeit mehr oder weniger regelmäßig, jedoch niemals in größeren 
Scharen auf. Er ist unter anderem von den skandinavischen Küsten, sowie von den 
Britischen und den mirdlich davon liegenden Inseln i)is zu den Färöern hin bekannt. 
Sichere Brutplätze des Vogels sind zur Zeit lestgestellt auf der Taimyr-Halbinsel, auf 
Alaska, an der Franklin-Bai, der Repulse-Bai, auf den Parry-Inseln, auf Grinnell-Land 
(bis 82" 33' n. i^r.) und an den verschiedenen Küsten Grönlands, jedoch kaum südlicher 
als ^8**. Von Nowaja Semlja, Franz-Joseph-Land, Spitzbergen und Jan Mayen kennt 
man Calidris arenaria aber bis jetzt nur als gelegentlichen Gast. 

Island besucht der Sanderling auch nur als ziemlich seltener Durch- 
zügler. Er erscheint hier ebenfalls nicht regelmäßig und immer nur in 
geringer Zaiil. Der erfalirene Nielsen sah die Art niemals (in litt). Andere 



Calidris arenaria. 247 

Isländer und fremde Reisende glauben wohl oft irrtüniliilierwcise, den Vogel 
beobachtet zu haben (vergl. z. B. Ornith. :\Ionatsschiift 1902, S. 19). Faber 
traf ihn ein einziges Mal in wenigen Exemplaren, nämlich im Juni 1820, 
auf Grimsey. Kr nahm an, daß die Vögel dort brüteten. Thicnemann, der 
1821 Grimsey zu ungefälir derselben Jahreszeit besuchte, versichert im 
Gegensatze ausdrücklich, trotz eifrigen Nachforschens keine Spur des Sander- 
lings entdeckt zu haben (Fortpflanzung der Vögel Furopns, IV. Heft, S. 10. 1830). 
Proctor beobachtete ihn jedoch 1837 wiederum auf der Insel und hat später 
sogar angebliche Eier des Vogels erhalten, deren Echtheit allerdings höchst 
fraglich erscheint (Slater. 1. c, p. 103). Ein derartig unbeständiges Auftreten 
des Sanderliugs, selbst als IJrutvogel. ist freilich auch anderwärts beobachtet. 
Krüper betont (Xaumauuia 1857. II, S. 18), daß die Bewohner Grimseys 
unsere Art nicht kennten. IMan hätte ihnen seit Jahren eine gute Belohnung 
für den Vogel versprochen, doch brächten sie nur den Sendlingur (Arquatella 
maritima). Wenn l'reyer wieder behauptet (1. c), es sei ihm 1860 in Akureyri 
ein Ei der Art augeboten worden, so darf man wohl mit Recht an der 
richtigen Bestimmung desselben zweifeln. Newton sah im Frühjahre 1858 
einige Sanderlinge im Südwesten Islands und schoß am 21. Mai ein Weibchen 
mit entwickeltem Eierstocke bei Baejasker. Fowler beobachtete 1862 gleich- 
falls etliche Vögel auf Akranes (Newton, 1. c). Gröndal hat unsere Art nie 
zu Gesicht bekommen. J. V. Havsteen sagte mir, daß mehrmals einzelne 
Exemplare im Nordlande erlegt, Eier ihm jedoch nie gebracht worden seien. 
Ein altes Männchen aus Island, im April gesammelt, findet sich im Äluseum 
Rothschild in Tring (Naumann VIII, S. 177). Howard Saunders meint übrigens, 
unsere Art brüte zweifellos in einigen Distrikten Islands (Slater, 1. c), ebenso 
Dresser (Manual, p. 780. 1903). Im Britischen Museum existiert ein angeblich 
echtes Ei des Vogels von Island, dessen Größe 34,8x25,4 mm beträgt 
(Naumann VIII, S. 179). Die wertvollste Beobachtung über das Brüten des 
Sanderliugs auf unsrer Insel machte Slater, indem er im Juli 1885 selbst 
ein Paar im Nordlande antraf und das zweifellos diesen zugehörige Nest 
mit schwer bebrüteten Eiern fand, deren Echtheit auch durch spätere ein- 
gehende Prüfungen erwiesen wurde (Ibis 1886, p. 50). Immerhin dürfte 
Calidris arenaria nur als au suah ms weiser Brut vogel Islands zu bezeichnen 
sein. Ich selbst habe die Art weder auf Grimsey, wo sie lieutzutage gänzlich 
unbekannt ist. noch anderswo in Island getroffen. 



77. Limosa liniosa (L.). 
Schwarzschwäuzige Uferschnepfe. 

Limosa mtlamira (Leisl.): Faber, Prodrcuius, 8.25(1822). — Limosa mdanura 
Leisl.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, 8.398 (18H2). — Limosa aegocephala 
(Linn.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p.412 (18(>3). — Limosa vielanura: Nielsen. 
Ornis II, S. 429 (188b). — Limosa aegocephala, L.: (iröndal, Islenzkt t'uglatal. bis. 40 
(1895). — Limosa helgica (Gmel.): Slater, ßirds of Iceland, p. 105 (1901). 

Liniosa aegocephala (L.): Collin. Skandinaviens Fugle, 8.532(1877).— Limosa 
limosa (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 381 (1896). — Limosa aegocephala 



248 LimosiX liinosa. 

[L.): Winge, Grönlands Fugle, S. 1()0 (1898). — Limosa limosa (L.): Nauraaim, Vögel 
Mitteleuropas IX, S. 111 (1902). 

Isländisch: .ladrakan. Jardreka, .ladrcki (nach Gröndal. Ornis 111. S. 599, von 
dem gälischen Adharcon = ^'anellus = der Gehörnte; unrichtig ist die Ableitung von 
jörd = Erde und roka = Schaufel oder von jact = Rand und reki = der Treibende); 
altertümlich Jadrakarn. 

Limosa li))iosa bewohnt den mittleren Teil der paläarktischen Kegion. Nord- 
wärts geht sie in Sibirien bis etwa zum 60. Breitengrade, in Europa bis zum Polar- 
kreise hinauf. Im Winter besucht sie Siideuropa, Nordafrika und Südasien, gelegentlich 
wohl auch Nordaustralien. Sie brütet unter anderem im nördlichen Rußland und in 
Finnland, nicht besonders häufig in Skandinavien, wo sie bis zu HS''.:*^ beobachtet 
wurde. Auf den Britischen Inseln ist sie zwar früher Brutvogel gewesen, besucht 
diese aber jetzt nur noch als Durchzügler und Wintergast. Dasselbe gilt von den 
Färöern, wo sie keineswegs häufig gesehen wird. Die Angaben über ihr mehrmaliges 
Vorkommen in Südgrönland sind fraglich, da ßelcgmaterial fehlt und eine Verwechslung 
mit der amerikanischen Limosa haemastica (L.) vorliegen könnte. 

In Island ist die schwafzschwänzige Uferschnepfe nur Brutvogel im 
grasigen Teile des Südwestlaudes. Nach Nielsens genauen Angaben (1. c.) 
brütet sie in der Arness- und Rängärvalla-S;fshi zwischen den Höhenrücken 
westlich der Hvittl und dem Eyjafjalla- Jökull, nordwärts bis hinauf zum 
Gej'sir, wo ich die Art selbst antraf. Sie bevorzugt die tiefliegenden 
sumpfigen Wiesenflächen, die teilweise für Menschen kaum zugänglich sind, 
ist aller in dem bezeichneten Gebiete auch nicht tiberall häufig. 

Ich sah Mitte August wiederholt kleine Scharen unsrer Vögel, die sich 
immer ziemlich scheu benahmen. Mit einsilbigem Flöten beobachteten sie 
schon auf weithin den Reiter und entfernten sich rechtzeitig. Bei Ölafsvellir 
umflogen mich am 20. August 8 — 10 Uferschnepfen mit lebhaftem Locken. 
Ein höheres Pit wechselte hierbei mit einem weichen Djod ab, was recht 
angenehm klingt. In ihrem Wesen hat unsere Art große Ähnlichkeit mit 
Numenius phaeopus, dem sie auch in ihrer Flugweise nahekommt. Die Vögel 
sind schöne und auffällige Gestalten, die im Frühliuge viel zur Belebung 
der einsamen Landschaften beitragen mögen. 

Die Uferschnepfen gehören zu den Zugvögeln Islands. Sie kommen 
Ende April (Grimsnes, 20. April 1885, Nielsen) oder in den ersten Tagen 
des Mai in kleinen Scharen zu ihren Brutplätzen, nachdem sie sich vorher 
einige Tage an der Meeresküste aufgehalten haben. Nun verteilen sicli die 
einzelnen Paare, doch wohnen fast immer mehrere in der Nachbarschaft. 
Das Nest wird inmitten der Grasflächen angelegt, die Nestmulde selbst nur 
dürftig mit Halmen ausgekleidet. Die Ablage der 4 Eier erfolgt Ende 
Mai (27. Mai 1885, Nielsen) oder gewöhnlich Anfang Juni. 

Isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: H0,2 x 38,8 mm 
(2,35 g). 57 X 36,5 (2,2). 56,5 x 39 (2,6). 56,5 x 37,8 (1,95). 55,2 x 37,5 (2,3). 
54,5x39(2,6). 54,5x38(2,3). 54,5x36,2(1,9). 54x38.5(2,1). 54x38(2.2). 
53x39,2 (2,3). 52.5x36,2 (1,95). — Nielsen bezeichnet als Größe von ihm unter- 
suchter Eier: 50—60 X 35,5 x 40 mm. 

Das Weibchen scheint allein, nach Faber ungefähr 24 Tage, zu brüten. 
Doch bleibt das Männchen in der Umgebung des Nestes und legt durch 
lebhaftes Flöten und ängstliches Umherfliegen seine Besorgnis für die Brut 



J'avoncella i)uq;nax. 24i> 

au den Tag. Sind die Diiiienjungoii ausgeschlüpft, so werden sie von 
l)eideu Eltern treulich geführt und bewacht. Sie ducken sich ins Gras, 
können sich freilich wegen ihrer Größe nicht immer genügend verbergen. 
Am 20. August sah ich 10 Schritt vor mir einen Steinfalken abtiiegen und 
erkannte, als ich nach der Stelle hinritt, die Überreste einer jun»>en, von 
diesem gekröpften Uferschnepfe. Sind die Vögel flugbar, was selten vor 
Anfang August eintreten mag, vereinigen sich die Familien zu kleinen 
Scharen. Alte unij Junge bleiben zweifellos wenigstens anfänglich beisammen» 
was ich in verscliiedenen Fällen sicher beobachtete. Nielsen sah l<]nde August 
in der fruchtl)aren Graslandschaft Flöi Schwärme von 20 — 30 Uferschnepfen. 
Diese streifen zunächst in der Gegend umher, verlassen sie Anfang September, 
bleiben mitunter noch einige Tage in der Nähe des Meeres und verschwinden 
Ende des Monats von der Insel. Von einem Überwintern daselbst ist nichts 
])ekannt. 

78. Pavoncella pugnax (L.). 
Kampfläufer. 

Tringa puynax [L'iun.]: Faber, Prodromus, S. 30 (182i). — Machetes [/ugnax L. : 
Preyor (& Zirkel), Reise uucli Island, S. 429 (I862j. — Philomachus pugnax (Liun.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 412 (ISHü). — Machetes pugnax Cuv. : Gröndal,. 
islenzkt fiiglatal. bis. 40 (1895). — Machetes pngnnx (Linn.) : Slater, Birds of Iceland. p. 103 
(1901). — Machetes pugnax L.: Saemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 14 (1905). 

Philomachus pugnax (h.): Collin, Skandinaviens Fugle. S. 516 (1877). — Favon- 
cella pugnax (L.): Sharpe. Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 500 (1896). — Machetes 
pugnax (L.): Winge, Grönlands Fugle, S. 161 (1898). — Philomachus pugnax (L.): 
Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII, 8. 250 (1902). 

Isländisch: Kragi, At'lngakragi (von ätiog = Kampf, Streit, und Uragi = 
Kragen, Halsbedeckung). 

Pavoncella pugnax bewohnt die paläarktische Kegion von England bis zum 
oberen Amurgebiete. Nordwärts brütet sie noch in den Küstengegenden Nordeuropas 
und Nordasiens, z. B. in Skandinavien bis zum Nordkap, auch auf Kolguew, Dolgoi, 
Waigatsch, sowie auf Taimyr-Land Ihre südliche Brutgrenze mag sich etwa vom 
Donautale nach der Kirgisensteppe erstrecken. Doch streicht sie weit undier, südwärts 
bis Südafrika, Indien und zu den Sundu-Inseln ; ausnahmsweise wurde sie im Osten 
Nordamerikas und einmal in Südgrönland erlegt. In England brütet sie nur selten im 
südlichen Teile, kommt aber gelegentlich auch nach anderen Gegenden der Briti-^chen 
Inseln und vereinzelt sogar nach den Färöern. 

Für Island kann man den Kampfläufer nur als seltnen Gast bezeichnen, 
der die Insel ausnahmsweise besucht. Sollte er dies, was anzunehmen ist, 
auf dem Herbstzuge tun, so dürfte er nicht so leicht erkannt und wohl 
eher mit verwandten Arten, besonders mit Totanas totanus, verwechselt werden. 
Doch berichtet Faber, daß Anfang September 1820 ein Weibchen des 
Kampfläufers bei Reykjavik geschossen worden sei. Die weitere Mitteilung 
Sai'muudssons dagegen, stud. theol. L. )?orarensen habe im November 1902 
ein männliches Individuum bei dem Hofe Störholt im Breidifjördr (W.) 
gesehen, scheint auf Irrtum zu beruhen. Der Vogel soll so dicht vorbei- 
gekommen sein und sich dann in der Nähe des Beobachters niedergelassen 
haben, daß dieser deutlich den Kragen erkannte. Nach den Untersuchungen 



250 Totaiius totanus. 

Naumanns (Vögel Mitteleuropas VIII, S. 258 f.) und nach iiioinen eignen 
Beobachtungen im Dresdner Zoologisclien Garten beginnen aber den älteren 
Münuchen die Federn des Halskragens schon Knde Juni auszufallen, den 
jüngeren kaum später als Ende August. Am 15. September 1904 z. B. hatten 
von etwa 12 Kampfhähnen im hiesigen Garten nur zwei noch wenige kurze 
Kragenfedern, bei den andern war gar nichts mehr davon zu sehen. Ende 
September tragen die Vögel hierzulande fast immer das fertige Winterkleid, 
und es ist mir höchst unwahrscheinlich, daß sich noch im November ein 
Exemplar mit deutlich sichtbarem Halskragen finden sollte. Vielleiclit beruht 
aber in obiger Mitteilung imr die Monatsangabe auf einem Versehen, 

79. Totanus totanus (L.). 
Rotscheukliger Wasserläufer. 

Totanus calidris (Bechst.): Faber, Prodroraus, S. 25 (1822). — Totanus calidris 
Beeilst. : Preyei- (& Zirkel), Reise nach Island, S. 399 (1862). — Totanus calidris (Linn.) : 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 412 (18H3). ■ Totanus calidris L.: Gröndal. 
islenzkt fuglatal, bis. '69 (189")). -- Totanus calidris (Linn.): Slater, Birds of iceland, p. 104 
(1901). — Totanus calidris L. : Sfemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 14 (1905). 

Totanus calidris (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 523 (1877). — Sharps, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 414 (1896). — Totamis totanus (L.): Naumann, Vögel 
Mitteleuropas IX, S. 55 (1902). 

Isländisch: Stelkur (P]tymologie unklar, wahrscheinlich verwandt mit stilkur = 
Stiel, sowie dem deutschen stellen, stehen). 

Auch dän.: Tolk. Norw.: Stilk. Sehwed.: Tolk, Stolk, Stulk. Fär. : Stelkur. 

Totanus totanus ist häufiger Brutvogel der ganzen paläarktischen Region ein- 
schließlich des ]\Iittelmeergebietes. Nordwärts geht er stellenweise bis zum Polarkreise 
hinan, in Europa sogar bis zur Kola-Halbinsel und zum Nordkap. Seine südliche 
Brutgrenze reicht vom mittleren Asien über Persien nach Nordairika. Auf dem Zuge 
kommt er bis zu den Sunda-Inseln, Ceylon, Südafrika und den Kanarischen Inseln. 
Er brütet unter anderem zahlreich in den Küstengebieten Finnlands und in Skandi- 
navien, auf den Britischen Inseln, den llebriden und Orkney-Inseln. Spärlich bewohnt 
er dagegen Shetland, noch seltener die Färöer, ist al)er zur Zngzeit häufiger. In 
Grönland hat man ihn noch nicht beobachtet. 

In Island geliört der Rotscheukel zu den liäufigen Brutvögeln, 
der zur Zugzeit überall an den Küsten getroffen wird, im Sommer aber die 
wasserreichen, fruchtbaren Niederungen bewohnt. In allen Teilen der Insel 
findet man kleine Kolonien unserer Art, an den großen Seen tief im Innern 
ebensowohl, als dicht am Me'ere. Doch traf ich die Vögel niemals in den 
höheren, pflanzenarmen Gebirgslagen. 

Isländische Brutvögel meiner Sammlung, cj und $ ad., gepaartes Paar, am 
18. Juni 1903 bei Hjalteyri erlegt, zeigen folgende Maße. Gewicht i. Fl.: 146, 164 g. 
Gesamtlänge i. Fl.: 275, 295 mm. l'lugbreite: 495, 530. Flügel: 160, 169. Schwanz: 
81, 77 (abgestoßen). Schwanz + Flügel: 5, 10. Sclinabel: 38, 39. Tarsen: 45,5, 50. 
Mittelzehe inkl. der 4.5 bezw. 5,5 mm langen Kralle: 32, 35 mm. — Iris braun, cj ist 
nicht nur kleiner als $ , sondern dunkler gefärbt, das Weiß des Unterrückens und 
Bauches weniger ausgedehnt, Fleckung der Brust und Kropfgegend dichter und gröber. 
(5: Schnabelgruud orangerot. Schnabelspitzc schwarz. ?: Schnabelgrund rötlichschwarz, 
vordere Schnabelhälfte schwarz. (5: Füßo lebhaft orangerot. $: Füße blaßorange. — 
^lageninhalt der beiden Vögel: sehr kleine Insekten. 



Totanus totanus. 



251 



Diese weitverbreitete und auch in Mitteleuropa häufige Art zeigt in 
Island ganz dasselbe Benehmen wie liierzulande. weshalb ich mich im folgenden 
kurz fasse. Der Kotscheukel ist im allgemeinen ein Zugvogel auf der Insel, 
der in der 2. oder 3. Woche des April ankommt. Sa-mundsson hat während 
der letzten 10 Jahre als Ankunftstermiu für Keykjavik die Zeit vom 8. bis 
19. April festgestellt (1. c). Schon auf meiner ersten Exkursion am 22. dieses 
Monats traf ich ihn allerorts am Meeresstrande, wo er die häutigste, auf- 
fälligste und unruhigste Vogeiart darstellte, die außerordentlich zur Belebung 
der ziemlich eintönigen Landschaft beitrug. Er ist zugleich der scheueste 
Küstenbesucher, der nicht nur für seine eigne Sicherlieit unablässig Sorge 
trägt und deshalb bei mangelnder Deckung kaum erlegt werden kann, sondern 
der auch andere Vögel warnt und rechtzeitig zum Abfliegen bringt. Die 
pfeifenden Lockrufe sind sehr charakteristisch, weithin hörbar und recht 
wohllautend. Sie lassen sich als Tu, Tütü, Dili, Dideli wiedergeben. Gegen 
Abend versammeln sich die zu einem Schwärme gehörigen Vögel, laufen 
balzend am Strande umher und unterhalten sich mit weithin hörbarem 
Geschrei, in dem auLkr den Locktönen auch ein schwirrender, manchmal 
nicht unmelodischer Triller vorklingt. Es ist äußerst anziehend, den beweg- 
lichen, lebhaften Tieren aus einem Verstecke zuzuschauen und ihr Hassen 
und Lieben zu beobachten. Hier tänzeln zwei Nebenbuhler laut schreiend 
vor einander her oder jagen sich blitzschnell über dem Wasser. Dort folgt 
ein Freier langsam und schrittweise seiner Auserwählten, indem er die Flügel 
über dem Rücken zusammenhält und zitternd ein wenig bewegt. Dabei läßt er 
ein leises, zwitschermles Trillern unablässig hören, das vom Weibchen mit 
kurzen Tönen eitlen Wohlgefallens beantwortet wird. Endlich aber bleibt 
die Gefeierte stehen, dreht sich um, zetert einen ähnlichen Triller, es kommt 
zu einigen xlnseinandcrsetzungeu mit dem Schnabel, worauf der Liebhaber 
entweder Erhörung findet oder energisch vom Platze getrieben und verfolgt 
wird. Andere, nüchteruere Individuen der Gesellschaft denken daweile an 
die Abendmahlzeit. Hochbeinig waten sie bis au den Leib in das stille 
Wasser, laufen schnell darin umher und nehmen mit zierlichen Bewegungen 
winzige Seetiere auf. Bis in die dunkelnde Nacht herrscht Leben und 
Tätigkeit, und am frühen Morgen sind unsere Vögel wieder die ersten. 

Vom 8. Mai an beobachtete ich, daß die meisten Paare sich zusaramen- 
gefuuden hatten. Die ganze Schar zieht nun nach dem Brutgebiete, besucht 
aber das Meer noch regelmäßig, sobald es nicht allzu fern liegt. Als Brut- 
plätze wählen die Vögel sumpfige Wiesen und Moore, in denen sie kolouien- 
weise zu etwa 6 — 20 Paaren nicht allzu eng bei einander wohnen. Hier 
geht es nun erst recht lebhaft zu, und besonders an stillen Morgen und 
Abenden machen sich die Tiere auf eine halbe Stunde weit durch ihr 
Trillern, Schnarren und Flöten bemerkbar. Ich fimd auf Island nur 2 Nester 
des Rotschenkels, beide auf Kaupen inmitten sumpfiger Wiesen. Die hohen 
Grashalme der Umgebung waren künstlich zusammengebogen, sodaß die Eier 
durchaus nicht gesehen werden konnten. Die Nestmulde zeigte eine hübsche 
Rundung; das Nest selbst bestand aus wenigen feinen Halmen. Die Ablage 



252 Tf)taiuis totanus. 

der Eier erfolgt in der itegel Ende Mai, nicht selten aber auch erst Anfang 
Juni. Das Normalgelege enthält 4 Stück. Doch fand ich am 18. Juni in 
einem Neste nur 3 zum Ausfallen fertig behrütete Eier. Um ein Nach- 
gelege, iu dem die Dreizahl ))ei allen Totaniden luiufig vorkommt, dürfte 
es sich hierbei kaum handeln. 

Die Größe zweier isländischer (ielege meiner Saiiiniiung beträgt: 4H x jJÜ mm, 
45,5 X b0,5, 45,5 X 30,5 (besci)ädigt). 44,5 x 31,5 (1,14 g), 44 x 31,5 (1,11), 44 X 30,5 
(1,12), 44x30.5 (LH). (Tewic-ht aller Eier (bebrütet) c. 17,5 g. 

Das Weibchen brütet scheinbar allein, nach Faber etwa 18 Tage. Einige 
Männchen der Kolonie halten aber beständig Wacht und verfolgen lüsterne 
Raubmöven und Raben auf das heftigste. Mit unablässigem Tüh Tüh und 
erregtem Tjüptjüp umfliegen sie auch den Mensclien. der in das Gebiet ein- 
dringt, wobei sie oft auf bequeme Schußentfernung näher kommen. Daweile 
verlassen die Weibchen ihre Eier, biegen die Grashalme rasch über diesen 
zusammen oder schlüpfen so geschickt unter der Haube hinweg, daß ich an 
den beiden erwähnten Nestern keinerlei Eingang bemerkte, während ich 
hierzulande die Eier auch ganz ofien auf kurzgrasigen Wiesen fand. Nun 
fliegen die Weibchen elienfalls mit umher. Es gibt wenige andere Vogelarten, 
die so viel ängstlichen Lärm anstimmen, wenn man das Brutgebiet lietritt. 
Sind die Jungen ausgekrochen, so laufen sie selir bald aus dem Neste, 
verstecken sich äußerst geschickt im hohen Grase und sind schwer zu finden. 
Faber sah die ersten Duuenjungen bereits am 9. Juni. Beim Myvatn gibt 
es solche gewöhnlich nicht vor der zweiten Hälfte des Monats. Nach etwa 
4 Wochen sind die Tierchen befiedert und fangen an zu fliegen. Die ganze 
Gesellschaft bleibt nur noch kurze Zeit im Brutgebiete, verläßt dieses gegen 
F]nde Juli oder Anfang August und begibt sicli allmählicli nach dem Meeres- 
strande. Hier ti*eiben sich die Vögel in losem Verbände umher und sind 
nach wie vor scheu, lebhaft und laut, weshalb sie dem Schützen oft durch 
Vertreibung anderen Federwildes Ärger bereiten. 

Ende September, Anfang Oktober verschwinden die meisten Rotschenkel 
von der Insel. H. Jöusson bezeichnet mir als Zeit ihres Durchzuges auf 
den Vestmannaeyjarn den 20. September bis 10. Oktober (in litt.). Etliche 
Vögel überwintern jedoch an geschützten Küstenstrichen, besonders auf 
dem Südlande. Schon Faber berichtet, daß er einige Individuen im November 
und Dezember 1820 beobaclitete, und Stemundsson gibt neuere Mitteilungen 
für die Gegend von Reykjavik (1. c). Er bemerkte am 28. Oktober 1908 
ein Exemplar am Strande; ein anderes hatte er schon am 24. November 1902 
dicht vor der Stadt gesehen. Ein drittes fand er halbtot und stark ab- 
gemagert am 2. Januar 1903 ebenfalls an der Küste bei Reykjavik. Höchst- 
wahrsclieinlicli überwintert aber unsere Art viel häufiger auf Island, als nach 
diesen dürftigen Berichten zu scliließen ist. 

Totanus oehropus (L). 
Punktierter \\'asserläufer. 

Tringa oehropus 'ieni.: Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 4Ul (IHtiSi. — 
Totanns oehropus (L.j: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 39 (1895). 



Niimenius luulsoiiicus. 253 

Totanus ochrojms (L.): C^ollin, Skandinaviens Fiigle, S. 525 (1877). Hehdromva 
ochropus (Temm.): Sharpe, Cat. Birds Brit. 3Ius. XXIV. p. 437 (1896). — Totanus ochropus 
(L.): Xaiimann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 43 (1902). 

Isländisch: Grät'a^tt Snipa (= Graufuß-Sehnepfe), Svöliisnipa (= Schwalbeii- 
schnepfe). 

Auch deutsch: Sohwalbenschuepfe. J)iiu.: Graabenet, Svalesneppe. Xorw.: 
Graabenet Sneppe. Schwed.: Gräbeim. 

Totamis ochropus bewohnt die paläarktische Region bis etwa zum Polarkreise 
hinauf, im Winter auch ganz Afrika und Südasicu. Unter anderem brütet er in ^'ord- 
rußland, Finnland und Norwegen. Auf den Britischen Inseln hat man ihn zwar in 
den verschiedensten Monaten beobachtet, doch ist sein Brüten daselbst fraglich. Nord- 
schottland besucht or nur ausnahmsweise, und von den kleinen nördlich gelegenen Inseln, 
insbesondere von den Färöern. sind mir keine Angaben seines Vorkommens bekannt, 
ebensowenig von Grönland. Doch hat sich der Vogel auf Neu-Schottland gezeigt. 

Für Island ist das Auftreten des punktierten Wasserläufers durch keinerlei 
Material belegt. Ich führe die Art nur an, weil Treyer behauptet, Tutanus ochropus 
wäre zweifellos der Vogel, den Eggert Olafsson unter dem isländischen Namen hvkja- 
dudra beschreibe, was ich durchaus nicht annehmen kann. Zunächst redet Olafsson 
von einem Erutvogel, was Totanus ochropus kaum jemals in Island gewesen sein dürfte. 
Aus der folgenden Beschreibung geht vielmehr hervor, daß Olafsson diese auf Rallus 
aquaticus bezieht. Er erzählt nämlich (Reise, deutsche Ausg., II, § 89ö J, S. 202): 
„Läkiadura, ein gleichfalls noch unbekannter Vogel, ist Tringa, tota supra fusca, 
maculis albis. Man sieht ihn sehr selten, weil er sich meistens an Bächen, an sumpfigen 
()rtern, in (jräben und in Höhlen aufhält, wo er sich von Insekten und Würmern nährt. 
Man meint, daß er auch hier überwintere. Aus dem, was wir einmal von diesem Vogel 
zu sehen kriegten, schlössen wir, daß er mit dem Fu. Su. 151 sehr übereinkomme; an 
Größe kommt er dem von uns §677b beschriebenen \ogel{--= Änthus pratensis, d. \.) 
sehr nahe, und höchstens ist er etwas größer. Der Schnabel ist schwarz, schmal und 
gerade. Die Zehen sind etwas länger als der Schnabel, mit einer schlichten Haut 
eingefaßt (Lobati), oben miteinander verbunden, und haben eine dunkelgraue Farbe. 
Der obere Teil des Vogels ist braunrot, mit weißen und schwarzen Streifen, unter 
dem Bauche aber ist er weiß:irau mit denselben Streifen.-' 

Numenius budsonicus liath. 
Am erikaiiischer Regeul)nicb vogel. 

Numenius borealis Wils.: Kjaerbelling, Naumannia IV, S. SOS (ISöi). — Numenius 
hudsonicus Jjath. : Newton, in Baring-Goulds Tceland, p. 413(18H3). -Gröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 40 (1895). — Slater, Birds of Icoland. p. 109 (1901). 

Numenkis borealis, Lath. & Numenius phacoptts (L.): ('ollin, Skandinaviens Fugle, 
S. 496 (1877). — Numenius hudsouicus, Lath.: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, 
p.364 (1896). — Winge, Grönlands F.igle, S. 159 (1898). 

Isländisch: Ameriskur Spöi. 

Diese Numenius phaeopus nahestehende Art, die sich bekanntermaßen am auf- 
fälligsten durch die rötlichen Unterflügeldeckfedern von ihrem europäischen Verwandten 
unterscheidet, bewohnt einen großen Teil Nordamerikas, brütet in den arktischen Ge- 
bieten und zieht im Winter südwärts, mitunter bis Südamerika. Nach Sharpes Angabe 
ist die Art in Europa nur einmal, nämlich in Spanien, erlegt worden. 

Von Island ist das Vovkoramen des amerikanischen Regen bva ob vogels 
zweifelhaft. Kja^rbolling veröffentlichte 1854 (I.e.) die kurze Mitteilung 
er habe einen Balg von Xunienms borealis Wils. aus Island erhalten, wobei 
nicht völlig klar ist, welche Art er hierunter meinte, zumal jede genauere. 
Angabe fehlt und der fragliche Balg, soweit meine Erkundigungen reichten, 



254 Niiinonitis phiioopiis phaeopiis. 

nicht mehr vorhaudeu zu sein scheint. Wilson selbst (American (»rnithology 
II, p. 313. 1832) bezeichnete unter Scolopax boreuUx allem Anscheine nach 
Lat/iaiiis Xtiinetiiiis hmlsoniciis (nach Anm. p. 315: Schnabellänge 4:\'^ inches 
= 114,3 mm; bei Lathaim N. borexdis 2 inches) und nicht etwa dessen .V. 
horealis = N. horeaUs (Forst.). Audi die auf Blatt 56 des Wilsonschen 
Atlasses gegebene Abbildung entspricht am besten A', huhonicHs Lath. 
Kja?rb0lling redet ferner ausdrücklicli von einer großen Ähnlichkeit des 
besagten Vogels mit \. jJtaeopns, vermutet freilich, er werde in Island nur 
mit diesem verwechselt und deshalb übersehen, ja brüte möglicherweise sogar 
neben A'. p/uK^opas anf der Insel. Trotzdem glaube ich, ebenso wie Newton 
(1. c), daß Kj?erb0lling ein Exemplar von A'. Iiudsoidcus Lath. erhalten hat; 
A'. horealis (Forst.) kann mit A'. phaeopiis kaum verwechselt werden. Collin 
(1. c.) und mit ihm Winge (in litt.) sind jedoch nach Besichtigung der Ab- 
bildung, die Kjserbolling von dem Exemplare im 2. Supplement zu seinem 
Atlas über die skandinavischen Vögel (1. Aufl.) gegeben hat, der Überzeugung, 
daß es sich überhaupt bloß um einen Xumeniiis p>haeopus handelt, was ich nicht 
annehmen möchte. Da nicht nur A'. horealis (Forst.), sondern auch A'. /ludsomnm 
Lath. sich mehrmals in Süd- und Nordgrönland gezeigt haben, ist das Vorkommen 
der einen oder der anderen Art für Island nicht ausgeschlossen. 

Anmerkung. Die Vermutung Riemsclineiders, er habe Numenius tenuirostris 
Vieill. in Island gesehen (Ornith. Monatsschrift 1896, S. 'd'6\) beruht sicher auf Irrtum. 
Diese Art bewohnt Xordafrika und Südeuropa und ist schon in Mitteleuropa eine 
seltene Erscheinung. 

80. Numenius phaeopus phaeopus (L.). 
Regenbrachvogel. 

Numenius phaeopus (Lath.): Fuber, Prodromus, S. 24 (1822). — Xumeuius minor 
Brehm: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 400 (1862). — Xumenixis phaeopus 
(Linn.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 413 (1863). — Numenius phaeopus L.: 
Gröndal, islenzkt fuglatal, bis. 39 (1895). — Numenius phaeopus {\A\\\\.): Slater, Birds 
of Iceland, p. 107 (1901). 

Numenius phaeopus (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, 8.496(1877). — Sharpe, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 355 (1896). — Ntimenius phaeopus (L.): Winge, Gren- 
lands Fugle, S. 158 (1898). — Numenius phaeopus (L.): Naumann. Vögel 3Iitteleuropas 
IX, S. 151 (1902). 

Isländisch: Spoi (Etymologie unklar), litli Spöi. 

Auch dän.: Lille Spove. Norw. : Smaaspov. Schwed. : Smäspof. F^inn.: Kuovi. 
Fär. : Spöi, Spoggvi. 

Numenius 2)haeopus phaeopus bewohnt den Norden der westlichen paläarktischen 
Region, während er in Ostasieu durch N. ph. variegatus (Scop.) vertreten wird. Nord- 
wärts geht er als Brutvogel bis etwa zum Polarkreise hinauf, ist häufig in den Tundren 
des mittleren Sibiriens, in Zentral rußland, Finnland, Schweden und Norwegen bis zu 
den Lofoten. Auf den Britischen Inseln brütet er nur vereinzelt im Norden, dagegen 
bewohnt er häufiger die Orkney-Inseln. Shetland und die Färöer. Von Spitzbergen 
und der Bären-Insel ist er als ausnahmsweiser Irrgast bekannt, auf .Jan 3Iayen wurde 
er dagegen auch zur Brutzeit angetroffen. Von Grönland liegen zahlreiche Nachrichten 
seines Vorkommens besonders an der Südwestküste vor. und es ist anzunehmen, daß 
er wenigstens ab und zu daselbst brütet. Im Winter besuchen die Vögel Mittel- und 
Südeuropa und wandern südwärts bis zu den Kanarischen Inseln. Südafrika und Südasien. 



Niimenius phacopiis phaeopus. 255 

Für Island kann der Regenbracbvogel als ein liünfiger lirutvugel 
bezeichnet werden. Er bewohnt alle grasbewachsenen Niederungen, die 
Heiden, Buschgebiete und H(X'liraoore, ohne freilich in eigentlichen Gebirgs- 
partien zu brüten. Wegen seiner Größe und Lebhaftigkeit ist er neben dem 
Goldregenpfeifer der auffälligste Vogel derartiger Landschaften, zu deren 
Belebung er außerordentlich beiträgt. 

y isländische Unitvögel meiner Sammlung von Jüjalteyri. ans der Zeit vom 
28. Mai bis 20. Juni, 2 (5 und 1 ? ad., charakterisieren sich wie folgt. Gewicht i. Fl.:^ 
c. 500, 600 g. Gesamtlänge i. Fl. (von der Kinubefiederung bis zum Schwänzende): 
360—375, 390 mm. Flügel: 249-251, 253. Schwanz: 118—124, 117. Schnabel: 
77—84, 94. Tarsen: 57—59, 63. Mittelzehe inkl. der 7 mm langen Kralle: 37—38, 
42,5 mm. — Iris: dunkelbraun. Oberschnabel: schwarz. Unterschnabel, besonders am 
Grunde: grünlichgrau. Füße: grünlich hellgrau bis gelblichgrau, Zehen dunkler bis 
schwärzlich. — Entgegen der Ansicht Naumanns (Vögel Mitteleuropas IX, S. 153) muß 
bemerkt werden, daß nicht das Männchen, sondern das Weibchen die größeren 
3Iaße zeigt; besonders der Schnabel ist wesentlich länger und stärker. Auch im (tc- 
fieder kennzeichnet sich das Weibchen, entsprechend zahlreichen verwandten Arten, 
durch geringere und schmalere Fleckung an der Brust und ausgedehnteres fleckenloses 
Weiß auf den Unterflügeln, am Bauche und Unterrücken. Brutvögel sind auch ohne 
anatomische Untersuchung ziemlich sicher nach dem Geschlcchte zu bestimmen. • 
Mageninhalte: Zahlreiche etwa 3 mm lange, rundliche, blauschwarze Käfer, Kaupen 
einer Spannerart, Fliegen, Samenkörner von Beeren. Sand und Steinchen bis zu 4 mm 
Durchmesser. 

Unsere Art ist in der Hauptsache Zugvogel für Island, die in kleinen 
Scharen Ende April, Anfang Mai auf dein Südlande erscheint. Jöusson ))e- 
zeichnet mir als Durchzugstermin für die Vestmaunaeyjar den 20. April bis 
5. Mai (in litt.); Gunulaugsson beobachtete 1886 auf Eeykjanes die ersten 
am 29. April (Ornis VHI, S. 344), Gröndal 1888 bei Reykjavik am 2. Mai 
(Oruis IX, S. 90). Ich selbst sah bis zum 12. d. M. kein Exemplar in der 
Umgebung der Stadt; erst am 19. Mai traf icli solche bei Steiugrimsfjördr 
(N.). Die Vögel besuchen zunächst die schneefreien, nassen Wiesenflächen 
in der Nähe des Meeres, sind äußerst vorsichtig und lebhaft, laufen und 
fliegen unruhig hin und her und beobachten einen nahenden ]\Ienschen auf 
bedeutende Entfernung. Gern setzen sie sich auf erhöhte Plätze, Steine und 
Grashügel, wo man sie von weitem kaum entdeckt, weil ihre Färbung iius- 
gezeichuet zu dem Gelblu'aun des Grases paßt. 

Sobald als möglich kommen die Brachvögel nacli ihren Brutplätzen, 
wo sie sich sofort durch ihre auffälligen Stimm laute bemerkbar machen. 
Sie fliegen anfänglich in einem großen Reviere umher und scheuen trotz 
ihrer Vorsicht die Nähe von Ortschaften und Bauernhöfen durchaus nicht. 
Wochenlang hörte ich in Hjalteyri bis spät in die Nacht hinein ihre Rufe, 
wenn ich in der Stube präparierte. Immer wieder interessant aber ist es, 
an sonnigen, stillen Morgen die Vögel im Nistbezirke zu beobachten. Da 
sitzt das dünnschnäblige Männchen auf seinem Lieblingshügel, öfluet weit 
den Schnabel und trillert ein rollendes Dididi..., das in der Ferne oft wie 
Unkenschnurren klingt. Nun fliegt es auf! Die langen Füße werden zurück- 
genommen und bald aneinandergelegt, Kopf und Hals vorgesti-eckt. Mit 



256 Niunenius phacopus phaeopns. 

flatteruden, sehr schnellen Flügelscliliigen orhel)t sich der Vogel hocli in die 
klare Luft, so hoch, daß man ihn bisweilen kaum mehr sehen kann. Dabei 
läßt er tiefe, gezogene und weiche Flötentöue (du du du) oft minutenlang 
hintereinander gleichmüßig vernehmen. Dann folgen einige wenige höher 
aufsteigende und etwas schneller vorgetragene Laute, denen sich endlicli ein 
scliöner, perlender, weicher Triller anschließt. Kr ist kräftiger, wohllautender 
und auch etwas schneller als der oft zur selben Zeit hörbare Triller des 
Goldregenpfeifers. Mitunter wird er sehr lange ausgehalten. Der Vogel schwebt 
dabei gewöhnlich in einer Schraubenlinie nach dem Nistorte abwärts, um 
dann von neuem wieder flatternd emporzusteigen. Dieser Balzflug ist nur 
dem Männchen eigen, auch den schönen Triller vermag das Weibchen bloß 
in einfacherer Form hervorzubringen. Wenn aber die Paare sich über 
dem Nistplatze umhertreiben, ist ihr Pipipüpüpüpüüü . . . nicht von einander 
zu unterscheiden. 

Anfang Juni ist das kunstlose Nest, besonders vom Weibchen, fertig 
gestellt. Fs befindet sich am häufigsten inmitten ebener Wiesen oder auch 
zwischen Heidepflanzen. Die von mir gefundeneu Nester waren wenig ver- 
deckt oder ganz offen, die Eier in allen Fällen sofort sichtbar. Eine aus- 
gescharrte Vertiefung wird nur dünn mit Halmen und Blättcheu belegt. Die 
Nestmulde zeigt einen Durchmesser von 18 — 20 cm und eine Tiefe von 
etwa 3 cm. Die Ablage der Eier erfolgt in der ersten Hälfte des Juni. 
15 Gelege meiner Sammlung vom Nordlande (1903 und 1904) stammen 
aus der Zeit vom 4. bis zum 2L d.M.. die letzten waren aber schon stark 
bebrütet. Manchmal gibt es bereits Ende Mai Eier, im Südlande wahrschein- 
lich nicht selten. Krüper sah die ersten am 30. d. M. (Naumannia 1857, II, 
S. 14). Die Zahl beträgt in der Regel 4, in Nachgelegen auch nur 3 Stück. 
Doch erhielt ich als Ausnahme ein sicher zusammengehöriges, charakteristisches 
Gelege von 5 Eiern ; leider war ein Exemplar durch das ungeschickte Tragen 
des Finders stark beschädigt. 

Einige isländische Gelege meiner Sammlung kennzeichnen sich wie folgt: 
63,5x41 ,2 mm (3 g), «'2x43(3,2), 61 x 42,2 (2,9). — 61,5 x 43.2 (3,15), 60,5x42,8 
(3,1), 60,5x42,5 (3,1), 59,5x44 (3,2). — 61,5x42,2 (3,1), 61,2x42,2 (3,2), 
60,5x41,2 (3), 60x42,2 (2,95). ^- 59,5x44 (3), 59x41,5 (3), 57x43 (2.9), 
57 X 42 (2,8). — 56,5 X 44,2 (2,7), 56,5x42,8(3), 56x43(2,8). 54,0x41(2,7). 
-- 52x:40 (2,6). — Das Vollgewiclit einer größeren Zahl von mir untersuchter 
frischer Exemplare schwankte zwischen 46 und 57 g. 

Die Brutdauer beträgt 3 bis 3^2 Woche. Für gewöhnlich brütet das 
Weibchen, wird jedoch gelegentlich, besonders am Abende, vom Männchen 
darin abgelöst. Sonst streift dieses in dem großen Nistreviere umher, ver- 
einigt sich aber nur vorübergehend mit Nachbarvögeln. Naht dem Neste 
eine Gefahr, so entdeckt sie das Männchen rechtzeitig und warnt das Weibchen 
mit tiefem Du oder höherem Du. Dann erhebt es sich und fliegt dem 
Eindringlinge entgegen, wobei es besorgt einen harten, langsamen Koller 
ausstößt : pipipüpüpü . . . , titititütütü .... Daweile läuft das Weibchen in nieder- 
geduckter Haltung rasch vom Neste, zeigt sich erst weit davon entfernt und 
tut. als wäre nichts geschehen, sodaß man leicht glaubt, die Eier befänden 



Xunienius phaoopiis pliaeo|)iis. 257 

sich ;in dieser Stelle. Verläßt m;in das Brutgehiet nicht, so tliei^en dio 
besorgten Tiere mit ängstlichem Geschrei umher, kommen aber uiclit immer 
auf Schußnähe au den j\Iensclien heran, ^lehrmals überraschte ich freilicii 
auch den brütenden Vogel auf dem Neste. Man erkennt dies sofort an 
seinem ersclu-ockenen Abfliegen und findet natürlicli die Hier nun sehr leicht. 
Sonst wird man oft von den klugen Tieren recht irre geführt. Durchstreifen 
beutesucliende Raubmöven, Raben oder Falken die Gegend, so fliegen unsre 
Brachvögel erregt hinter ihneji her und verfolgen sie mit unablässigem Rufen 
große Strecken weit, ohne freilich immer iliren Zweck zu erreichen. Ihre 
Fluggewandtheit kann man bewundern, wenn sich eine ganzo Schar um 
einen Jagdfalken versammelt, vor dem die meisten andern Vögel sich angst- 
erfüllt verstecken. Schon Krüper berichtet ü[»er zwei derartige Beobachtung«'!! 
(1. c, S. 15), und ich selbst hatte das unvergleichliche Schauspiel am 16. August 
nördlich von Hiedarsteiun. Langsam flatternd zog der Falke dahin, während 
etwa 20 Brachvögel sich hoch in der Luft über ihm hielten und mit fort- 
währendem Geschrei durcheinander wogten. Plötzlich ein gewaltiger Schwung 
des Räubers, der ihn im Augenblicke zu seinen widerstandslosen Verfolgern 
bringt, die wild auseinanderstieben, ein kurzer Flug, ein rascher Stoß, und 
der nächste Vogel schreit unter den Fängen des Siegers! Von den ührii^en 
weiter verfolgt, entschwindet der Falke meinen Blicken. 

Sind die Dunenjungen ausgeschlüptt, so wagen sich die Alten näher 
an den Menschen heran. Sie breiten den Schwanz etwas fächerförmig aus 
und laufen ängstlich mit geducktem Kopfe und Oberkörper umher, wobei 
sie eifrig locken. Reitet mau nicht allzu laugsam vorüber, so bleiben sie 
oft in einer Entfernung von wenigen Metern stehen, kommt mau zu Fuße, 
verhalten sie sicli nicht ganz so zutraulich. Die Jungen liegen unterdessen 
festgedrückt auf der Erde, rühren sich nicht von der Stelle, solange die 
Alten ihre Warnrufe ausstoßen, und sind deshalb schwer zu entdecken. Die 
Familien verlassen auch bald die Wieseuflächen, falls solche ihr Brutgebiet 
darstellten, und ziehen sich nach Gegenden hin, wo niederes Strauchwerk 
den Boden bedeckt. Unter den Zwergbirken, Heidekräutern und AVeidenbüschen 
flnden nun die Jungen viel besseren Schutz, und es gelingt dann nur zufällig, 
eins der vorsiclitigeu Tierchen habhaft zu werden. In den buschbewaclisenen 
Hügellandschaften am Nordrande des Myvatn z. B. sieht man im Juli zahl- 
reiche alte Braclivögel, während die jungen äußerst selten zum Vorscheine 
kommen. Gelegentlich überrascht man sie noch auf freien Plätzen, wenn 
man wachsamen Auges schnell daliinreitet. So erblickte ich am 16. Juli 
einen halbwüchsigen Vogel auf einer Heidefläche beim Gödafalle. Rasch 
sprang ich ab vom Pferde, konnte aber das hochbeinig dahineilende Tierchen 
erst auf 20— -30 m einholen. Nachdem ich es ergriffen hatte, umflogen mich 
die beiden Alten auf wenige Meter Entfernung und stießen kläglich kreischende 
Töne aus, die man sonst nicht hört. Es versammelten sich bald noch 
andere Brachvögel um mich und meinen Führer, der etwas hinter mir geritten 
war. Obwohl ich das Junge wieder freiließ, begleitete uns die ganze Schar 
noch ein großes Stück mit erregtem Schelten, als wir unsere Reise fortsetzten. 

HantzscU, Vogel weit Islands. '■' 



258 Nurneiiius arqiiatiis ar(|iiatiis. 

Nach spätestens 4 Wochen sind die Jungen flugbar. Die Familien 
vereinigen sich nun, etwa Anfang August, zu Scharen, die sich mit leisem, 
wenig anhaltendem Bübübibibibi, Bibibiibübüb zusaniraenlocken. Dann ist 
der Sommer für Island vorüber, und ein Gefühl der Trauer erfaßt den 
Reisenden, wenn er die Vögel, die seine Gefährten waren vom Frühlinge her, 
hoch über sich in der Luft fliegen sieht und ihre Abschiedsrufe vernimmt. 
Bald vergrößern sich die Scharen. Ich beobachtete schon in der 2. Hälfte 
des August mehr als hundert Vögel beieinander. So streifen sie im Lande 
umher, besuchen alle geeigneten Gebiete im Innern und später an den Küsten, 
kommen gelegentlich auch nach Grimsey, fangen aber von Mitte September 
an, Island zu verlassen. Gunnlaugsson sah 1886 die letzten auf Reykjanes 
am 27. September (Ornis VIII, S. 344). Die Vestmannaoyjar berühren sie 
gewöhnlich in der Zeit vom 20. d. M. bis zum 10. Oktober (Jönsson, in litt.). 

Kleine Scharen sollen jedoch ausnahmsweise in Island überwintern. 
Schon Ölafsson berichtet dies (Reise I, S. 308), und mir wurde von mehreren 
Personen in Hjalteyri erzählt, daß sich im AVintcr 1899 zu 1900 etliche 
Brachvögel bei der Schule im benachbarten Mödruvellir zeigten, die von 
vielen Schülern gesehen wurden. 

81. Numenius arquatus arquatus (L.). 
Großer Brachvogel. 

Numenkis arquata (Lath.): Faber, Prodromus, S. 24 (1822). — Numenius arquatus 
L.: Preyer («& Zirkel), Reise nach Island, 8.429(1862). — Numenius arquahis (Linn.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 413 (1863). — Numenius arcuata L.: Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 40 (1895). — Numeni^is arquata (Linn.): Slater, Birds of Tceland, 
p. 106 (1901). 

Numenius arquata (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 494 (1877). — Numenius 
arquatus (L.): Sharpe. Cat. Birds Brit. Mus. XXIY, p. 341 (1896). — Niimenius arcuatus 
L.): Nanraann, Vögel Mitteleuropas IX, S. 140 (1902). 

Isländisch: Störi Spöi (= großer Spöi ), nef beginn Spoi (= bogenschnäbliger Sp6i), 

Auch dän. & norw. : Storspove. Schwed.: Storspof. Fär.: Spöi, Spoggvi. 

Numenius arquatus arquatus ist Brutvogel in der westlichen paläarktischen 
Kegion, während er im mittleren Sibirien, ostwärts etwa bis Daurien hin, von dem 
nahe verwandten N. a. lineatus Cuv. vertreten wird. Nordwärts brütet er bis gegen 
den Polarkreis hinauf, unter anderem im nördlichen Ilußland, in Fiimland, Schweden 
und Norwegen; auch auf den Britischen Inseln ist er nicht selten; die kleinen Gruppen 
bis zu den Färöern berührt er aber nur auf dem Zuge. Von Grönland und dem 
arktischen Europa kennt man ihn nicht. Im Winter kommt er bis nach den Azoren, 
dem Kaplande und Madagaskar hinab. 

In Island hat sich der große Brachvogel auch nur als gelegent- 
licher Gast, besonders im Herbste, gezeigt. Schon Faber teilt mit, daß 
am 6. September 1819 ein Exemplar bei Reykjavik erlegt wurde, und auch 
Krüper hörte von einem Lehrer au der Lateinschule, daß man im Herbste 
1855 seclis getötete Vögel unsrer Art nach Reykjavik gebracht habe (Nau- 
mannia 1857, II, S, 15), Gröndal berichtet ein weiteres Vorkommen von 
mehreren großen Brachvögeln im Herbste 1876 auf Alftaues (W.); ein 
Individiuum wurde erlegt und befindet sich jetzt neben einem anderen im 



Vaiielliis vanelhis. 



259 



Keykjavikor Museum. 1890 erschienen wieder etliche Vögel im Südlande, 
von denen ebenfalls 2 oder 3 erbeutet wurden (Ornis XI, S. 453). V. Nielsen 
teilte mir mit (auch Ornis III, S. 157), er habe vor längeren Jahren 10 Stück 
bei Eyrarbakki beobachtet, und J. V. Havstcen erzälilte mir von dem Vor- 
kommen unsrer Art im Kyjafjördr. 

82. Vanellus vanellus (L.). 
Kiel)itz. 

Vanellus ciistatus (J\Ieyer): Fabor, Prodromus, S. 2(i (1822). Vanellus criistafus 
Temm.: Prej-er (& Zirkel), Heise nach Island, S. 429 (1862). — Vanellus cristatus 
(Meyer): Newton, in ßaring-Goulds Iceland, p. 411 (1863). — Vanellus cristatus Mey, 
& Wolf: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 39 (1895). — Vanellus vulgaris, Bechst.: Slater, 
Birds of Iceland, p. 8r> (1901). — Vanellus cristatus Meyer: Ssemundssoii, Zoolog 
Meddel. fra Island, S. 15 (1905). 

Vanellus cristatus Mey. & Wolf: Collin. Skandinaviens Fugle, S. 452 (1877). — 
Vanellus vaneUus (L.): Sharpo, Cat. Birds Erit. Jlhis. XXIV, p. 166 (1896). — Vanellus 
cristatus Meyer: Winge. Grönlands Fugle. S. 147 (1898). — Vanellus vanellus (L.): 
Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII, S. 3 (1902). 

Isländisch: Vepja (nach Gröndal neueres Lehnwort), Isakräka (= Eiskrähe). 

Auch dän. & uorw.: Vibe (des Rufes wegen). Schwed.: Vipa. Fär. : Vipa, Vujpa. 

Vanellus vaiiellus bewohnt die ganze paläarktischc Region einschließlich der 
Mittelraeergebiete. In Asien mag er als ßrutvogel 55 ^ nordwärts nicht wesentlich 
überschreiten, in Europa jedoch dringt er bis an den Polarkreis vor und in Norwegen 
sogar noch höher. Südwärts brütet er bis China, Turkestan, Nordpersien und ge- 
legentlich Nordafrika. Während des Winters ziehen sich die Vögel in den südlichen 
Gegenden und in den westeuropäischen Küstenländern zusammen. Der Kiebitz 
brütet unter anderem häufig im nördlichen Rußland, Finnland und Skandinavien, 
sowie auf den Britischen Inseln, wo er zahlreich überwintert. Von hier aus besucht 
er die kleinen Gruppen nordwärts bis zu den Färöern als Gast. Auch von Jan Mayen 
und dem westlichen Grönland ist er als solcher bekannt. 

Ebenso kommt der Kiebitz als gelegentlicher Gast nach Island, 
am häufigsten wohl im Spätjahre. Die Wanderer irren oft monatelang an 
den Küsten der Insel umher, verschwinden aber gewöhnlich im Frühjahre. 
Doch versichert Gröndal, daß man ihm zu allen Jahreszeiten, aucli im Sommer, 
Kiebitze zum Kaufe angeboten hätte (Ornis XI, S. 453). Einige genauere 
Notizen über das Auftreten der Art mögen folgen! 

Schon Faber berichtet (1. c), daß je ein Exemplar 1818 bei Hafnarfjörrtr 
und 1820 auf den Vestmannaeyjarn gefangen wurde. Nach Jönssou beob- 
achtet man den Kiebitz auf diesen Inseln nicht allzu selten (in litt.). Eine 
Reihe weitere Angaben macht S?emundsson (1. c). Er sagt, daß sich die 
Vepja wiederholt an den Küsten der Skaptafells-Sysla (SO.), besonders häufig 
im Spätjahre 1902. gezeigt habe. Um dieselbe Zeit kamen Scharen der 
Vögel nach Grindavik (SW.), wo Ssemundsson bereits früher zu wiederholten 
Malen die Art feststellte, ferner nach Akranes (SW.) und am 12. Dezember 
in die Nähe von Reykjavik. Im Januar 1903 erhielt der Berichterstatter 
ein getötetes Exemplar von Hafnarfjördr und ein weiteres von Keflavik (SW.). 
In demselben Winter ti-af man einen Kiebitz bei Kolsholt in der Landschaft 

17* 



260 S(|iiatur()Ia liclvetica. 

Flöi (S.); ein anderer wurde tun die Neujahrs/.eit in der Nähe von Hriiiiii 
bei Reykjavik erlegt. Auch von den übrigen Küsten Islands hat man Naeli- 
ricliteu über das Vorkommen unserer Art. Im Eyjafjördr zeigte sie sich 
wiederholt im Winter. Melirere I^xemplare wurden daselbst erlegt und 
J. V. Havsteen gebracht (mündl. Mitteilung). Ein Träparat vom Februar 1902 
z. B., gesammelt bei Svalbardeyri, befindet sich im Museum von Kopenhagen, 
neben diesem auch ein anderes vom Februar 1879 ohne genaue Fundorts- 
angabe, l'jin Exemplar in der Reykjaviker Sammlung stammt gleichfalls 
aus dem Eyjafjördr; es wurde im März 1901 bei ])elamörk erlegt und von 
Havsteen eingesandt. Ebenso schreibt St. Stefiinsson, daß man mehrere 
Kiebitze im Spätjahre 1900 am Eyjafjördr beobachtete, die bis tief in den Winter 
daselbst blieben (Nordurland. Akureyri, 4. Okt. 1902). Im September und 
Oktober 1903 zeigte sich nach Angabe desselben Berichterstatters wiederum eine 
Schar der Vögel. Sogar auf Grimsey hat man die Art einmal im Herbste beob- 
achtet (Matthias Eggertssou), und Gröndal und andere verbürgen ihr Vorkommen 
im Ostlande. So sah man 1897 einExemplarbeiFlj6tsdalsht''rad(Sa3mundsson,l.c.). 
Tiefer ins Innere des Landes scheint sich der Kiebitz nicht zu begeben, 
und aucli von einem Brüten auf der Insel liegen keine Berichte vor. 

83. Squatarola helvetica (L.). 
Kiebitzregenpfeifer. 

Squatarola helvetica L. : Gröndal, islenzkt fiiolatal. bis. 39 (1895). — Squatarola 
helvetica (Limi.): Slater, Birils of Iceland, p. 85 (1901). 

Squatarola Helvetica (Ij.): Collin, Skandinaviens Fiig:Ie, S. 450 (1877). — Squata- 
rola helvetica (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. ]\Iiis. XXIV, p. 182 (1896). — Charadrius 
sqvatarola L. : Winge, (Irenlands Fiigle, S. 148 (1898). — CJiaradrhis squatarola (L.) : 
Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII, S. 35 (1902). 

Isländisch: Strandlöa (Loa = Charadrius aj)ricariusj. 

Auch dän.: Strandlijejle. Norw.: Strandlo. 

Squatarola helvetica brütet zirkumpolar in den südlicheren Teilen der arktischen 
Region, besonders in den Tundren Sibiriens bis hinauf zur TaimjT-Halbinsel. ferner 
auf Kolguew, Dolgoi und wahrscheinlich auf Nowaja Semlja, sowie im äußersten Xord- 
rußland. In Amerika fand man ihre Brutplätze im Gebiete der Franklin-Bai und auf 
der Melville-Halbinsel. In Westgrönland hat sich unsere Art wiederholt gezeigt, 
scheint aber nicht daselbst zu brüten; von Jan Mayen und Spitzbergen keimt man 
sie noch gar nicht. Zur Zugzeit kommen die Vögel, besonders an den Küsten, nach 
den meisten Ländern der Erde, bis hinab zum Süden der Kontinente. Alsdann sind 
sie unter anderem auch nicht selten im ganzen Gebiete der Ost- und Nordsee. 

Island besucht der Kiebitzregenpfeifer ebenfalls als gelegentlicher 
Gast. Freilich Hegen bis jetzt nur wenige sichere Angaben hierüber vor, 
was wohl darauf zurückzuführen ist. daß unsere Art für einen etwas ab- 
weichend gefärbten Goldregenpfeifer angesehen wird. Gröndal erhielt sie 
jedoch mehrmals (Ornis XI, S. 453). Zwei Belegexemplare befinden sich 
im Reykjaviker Museum, von denen das eine aus der Umgegend der Stadt 
stammen soll, das andere aber am 25. September 1892 von Nielsen bei 
Eyrarbakki gesammelt wurde. Auch J. V. Havsteen versicherte mir. daß die 
Art melirraals im Nordlande beobachtet und ihm gebracht worden sei. 



Cliaradriiis ain-icaiiii.s. 261 

84. Cliaradrius apricarius I.. 

Goldregenpfeifer. 

CharadriHS pluvialis (f.inn.): Faber, Prodroimis, 8. 22 (1822). — riuviulis 
apricarius Bonap. : Prcyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. JüMi (18()2). — Cliaradrius 
pluvialis Linu.: Newton, in Baring-Üoiilds Jceland. p. 411 (18«y) — (Ti-Öndal, Islcnzkt 
fuglatiil, bis. 38 (1895). — Sluter, liird.s of Iccland. p. 83 (l!)Ol). — Sajnmndsson'. Zuoldg. 
Meddel. IVa Island, 8. 15 (1905). 

Cliaradrius jünvialis, L. : Collin. 8kandinaviens Fn>-k', 8.441 (1877). - 81iarpc, 
Cat Birds Brit. Mus. XXIV, p. 191 (189(3). — Cliaradrius jüttvialis L. typicus: \\ui(ro, 
Grönlands Fugle, S. 148 (1898). — Cliaradrius plucinlis L. : Naumann. Vögel Mittel- 
europas VIII, 8. 21 (1902). 

Isländisch: Heidlo (von heidi = Heide; Etymologie von Lö. Loa ist unklar, 
nach (inindai, Ornis IX, 8. 88, von lö = Loden, 8pit2enhaare zottigen Wollgewebes, 
ursprünglich KoUektivum l'iir einen ganzen 8chwarni die Heide bedeckender Vögel), 
Heilö, Heilöa oder Heylö, Heylöa (Zusanimenziehung oder wahrscheinlicher abgeleitet 
von hey = Heu, weil sich die Vögel zur Heuernte in ]\Ienge auf den \\'iesen umher- 
treiben), häufig nur Lö, Loa. 

Auch dän.: Hjeile, Hjejle, Ilelungur, Heilung. Norw.: Hejh», Ilelo, Helun. 
Fär. : Lego, Logo, Logo, Lo, La. 

Cliaradrius apricarius bewohnt den Norden der westlichen paläarktischen Hegion 
etwa zwischen 53" n. Br. und dem Polarkreise, von Island bis zum Jenissei. Er brütet 
unter anderem in Nordrußland. Finnland, Lappland und in ganz Skandinavien bis zum 
Nordkap, auf den Britischen Inseln besonders in den schottischen Jlooreu. endlich auch 
auf den kleinen Inselgruppen nordwärts bis zu den FärÖern. Sein gelegentliches 
Brüten in Ostgrönland und vielleicht sogar auf Jan 3Iayen ist nicht ausgeschlossen. 
In Westgrönland hat sich unsere Art wiederholt gezeigt, neben ihr freilich auch der 
verwandte Cliaradrius dominicus 3Iüll. — Auf dem Zuge kommt Cli. apricarius bis 
hinab nach Madeira, dem Kaplando und Nordindien. 

Id Island ist der Goldregeupfeifer ein sehr häufiger Brutvogel 
auf allen mit dürftigem Pflanzenwuchse bedeckten Gebieten. Am zahlreiclistcu 
bewohnt er die Heiden und die trockneren Graslandschaften, sowohl die in 
der Nähe des Meeres als auch in höheren Gebirgslagen. Völlig kahles, 
felsiges und allzu sumpfiges Terrain meidet er dagegen. Kr ist einer der 
auffälligsten, charakteristischsten und deslialb auch bekanntesten aller islän- 
dischen Landvögel. 

4 (5 ad. meiner Sammlung, Brutvögel von Hjalteyri aus der Zeit vom 27. Mai 
bis 20. Juni 1903, zeigen folgende 31aße. Gewicht i. Fl.: 195— 218 g. Gesamtlänge 
i. Fl.: 252-267 mm. Flugbreite : c. 570. Flügel: 179— 185. Schwanz: 79— 89. Schwanz 
= Flügel. Schnabel: 21—22,5. Tarsen : 40—42. i\littelzehc inkl. der 8—9.5 mm langen 
Kralle: 32.5—35 mm. — ? ad., Brutvogel vom 28. Jlai 1903, Hjalteyri. Gewicht i. Fl.: 
275 g (mit fast legereifem Ei). Gesaratlänge i. Fl.: 282 mm. Flügel: 191. Schwanz: 84. 
Schnabel : 23. Tarsen : 42. Mittelzehe inkl. der 7 mm langen Kralle : 32. - - Das Weihchen 
unterscheidet sich vom Männchen im Sonnnerkleide am auffälligsten durch gelbliche 
Mischung der Kopfseiten, größeren weißen Kinnticck, nuitteres, unreineres Schwarz an 
der Kehle, schmaleren, gelblichweißen Augenstreifen. Größenunterschied bei dieser Art 
weniger hervortretend. - Iris: dunkelbraun. Schnabel: scJiwarz. Füße: grünlichgrau 
bis schwarzgrau, Zehen ijumer dunkler. — Mageninhalte: sehr kleine Insekten, liart- 
gchalige kleine Schnecken. 

Der Goldregenpfeifer ist ein Zugvogel für Island, der gewöhnlich 
gegen Mitte April erscheint. Nach Scpraundssons Ki jährigen Beobachtungen 
zeigten sich die ersten Exemplare bei Reykjavik zwischen dem 7. und 20. April 



2f)2 Cliaradriiis apricarius. 

(1. c.) Gröndal neimt als zeitigsten Termin den 10. d. M. (Ornis IX, S. 89), 
Jöusson als Hauptdurehzug für die Vestinannaeyjar den 20. bis 30. April 
(in litt.). Zu dieser letztgenannten Zeit mag wolil auf Island selbst auch 
erst die Menge der Vögel ankommen. Ich l)eobachtete unsere Art nicht vor 
dem 26. April bei Reykjavik. Anfänglich sieht man die Goldregenpfeifer in 
größeren Scharen beieinander. Schnell laufen die Tiere auf schneeft-eien 
Grasflächen umher, untenielimen gemeinsame kleine Umflüge, wobei sie nur 
ganz feine Lockrufe liören lassen, und fallen bald wieder an benachbarter 
Stelle ein. Dann scliauen die schönen, nun bereits recht sciiwarz))äuchigen 
Vögel unverwandt auf den Menschen in der Nähe, um sich bei ernstlicher 
Gefahr noch weiter fortzubegeben. Es ist in dieser Jahreszeit gar nicht 
leiclit, den Tieren scliußmäßig anzukommen. Bereits einige Tage nach ihrer 
Ankunft zerstreuen sich die Scharen. Nun vernimmt man zwar in den ein- 
samen Heidon häutig genug das traurige Du oder auch schon das sommer- 
liche Didüli. didüli. bekommt aber den Rufer selbst kaum zu Gesiclit. Sehr 
rascli eilt dieser zwischen den Erdhügelchen dahin und hält sich immer in 
angemessener Entfernung von seinem Verfolger. Schon Ende April beob- 
achtete ich überall bei Reykjavik das Balzen der Männchen. Besser aber 
noch kann man die Flugspiele der Vögel und die Mannigfaltigkeit ihrer 
Stimmen an den eigentlichen Brutplätzeu kennen lernen. 

Ende Mai bei Hjalteyri! Die Morgensouue flimmert in der klaren, 
leicht vom Winde bewegten Luft. Neues Leben strömt machtvoll durch 
alle Adern der Natur. Da steigt frohbewegt auch unser Goldregenpfeifer- 
männchen empor. Seine ganze Seele legt er hinein in das hundertmal 
wiederholte feierliche Tü-tü-tüdiü-tfldiü-tidüi-tidtti, das ab und zu in einen 
langanhaltenden, wolilklingenden Roller übergeht. Dabei beschreibt der Vogel 
oben am Himmel schöne Kreise, bewegt die Flügel meist langsam und 
gleichmäßig, schwebt aber auch zeitweilig, fängt plötzlich schnell zu flattern 
an, trillert und senkt sich zum Schlüsse steil auf den Boden herab. Ermüdet 
von der Anstrengung läuft er absatzweise zu dem Weibchen, das ihn mit 
einzelnen lieimlichen Tü-Lauten willkommen heißt. Haben mehrere Paare 
dicht beieinander ihren Nistbezirk. so suchen sich die Männchen oft mit Flug- 
künsten und unablässigem Flöten und Trillern zu überbieten. Da der 
Goldregenpfeifer aber im allgemeinen ein sanftes, verträgliches Temperament 
besitzt, kommt es selten zu Streitigkeiten. Im Gegenteil sieht man die Vögel der 
Nachbarschaft sogar während der Brutzeit liäuflg beisammen, und auch der 
kleine Alpenstrandläufer hält gute Freundschaft mit dem größeren Verwandten. 

Ende Mai ist das Nest fertiggestellt. Es befindet sich auf einem 
flachen Hügel oder auch inmitten einer trocknen Berglehne, oft zwischen 
strauchartigen Gewächsen, manchmal jedoch ganz frei im Grase. Die 
"Unterlage ist zwar nicht dick, aber fest und sorgfältig in die muldenartige 
Vertiefung gebaut. Sie besteht aus Grashalmen der Umgebung, einigen 
kleinen Blättchen und seltner auch etlichen Federn. Der Durchmesser des 
Nestes beträgt ungefähr 14, seine Tiefe 5 cm. Die Ablage der Eier beginnt 
im Nordlande kaum vor Ende Mai. Krüper fand ein volles Gelege am 



(Jhiu-adi 



iCy'i 



28. d. M. (Naiimiiimia 1857, II, S. 19), auch Faber ueiiat diesen Termin, 
l^reyer hingegen sah am 22. Juni bei lUngvellir schon fast erwachsene Junge, 
was er indes selbst für einen Ausnahmefall hält (1. c, S. 397). 13 nord- 
isländisclie Gelege meiner Sammlung stammen aus der Zeit vom 2. bis 

29. Juni; die nach dem 10. gesammelten waren mehr oder weniger bebrütet. 
Nur ein fast frisches, wahrscheinlich ein Nachgelege, erhielt ich noch am 
21. Juni in der Gegend von Hjalteyri, sowie ein wenig bebrütetes am 26. Juni 
auf Grimsey. Gröndal sagt freilich, daß unsere Art im gebirgigen Teile der 
Müla-S.fsla erst im Juli brüte (Ornis IX, S. 96). Die Zahl der Eier beträgt 
fast immer 4, in Nachgelegen mitunter 3. Als Seltenheit erhielt ich auf 
Grimsey ein Gelege von ö sicher zusammengehörigen Eiern. Auf dieser 
Insel brütet der Vogel so vereinzelt, daß ein Zusammenlegen aucli ohne die 
charakteristisclie Ähnlichkeit der Eier niclit anzunehmen ist. 

Einige isländische Gelege meiner Sammlung zeigen folgende 3Iaße: 53,2x3,5 mm 
(1.65 g), 53x35,5 (1,75), 52x36 (1,7), 51,5x35,8 (1.7). — 52,2x34,5 (1,55), 
51,5x35 (1,55), 51,5x3-1,5 (1,55), 51x34,2 (1,55). — 52x34,8 (1,6), 51,5x35,2 
(1,6), 50 X 34.5 (1,5), 49 x 35,2 (1,55). — 52,2 x 35.2 (1,6). 51,2 x 34,5 (1,6), 50,2 x 35 
(1.6), 49,5 X 35,2 (1,6). — 49,2 x 34 (1,65), 48.2 x 36 (1.65). 48 x 33,2 (1.5), 47,8 x 34 
(1,65). — Das VoUgewiflit einer größeren Reihe von mir untersiu-hter Exemplare 
schwankte zwischen 28 und 33 g. — Eidotter hellgelb. 

Das Brutgeschäft dauert etwa 3 Wocheu, nach Faber 20 Tage. Ich 
fand am 3. Juni dicht bei Hjalteyri ein Gelege von 3 Eiern, die ich zu 
beobachten beschloß. Am 14., 20., 22. und 24. Juni fand ich 4 Eier vor. 
Am 25. früh war ein Junges ausgeschlüpft, ein anderes zerbrach eben die 
Schale. Die Alten lockten unablässig, schienen aber meine Ungefährlichkeit 
und zugleich meine Bemühungen zu würdigen. Weitere Beobaclitungen 
an dem Neste konnte ich leider nicht anstellen, da ich nach Grimsey fuhr. 
Das 1. Junge war also nach 21 Tagen ausgefallen. Das Weibchen sclieint 
allein zu brüten. Wenigstens habe ich, soweit sich die Geschlechter mit 
Sicherheit im Leben unterscheiden lassen, niemals das Männchen auf den 
Eiern gefunden. Dieses bleibt aber in der Nähe des Nestes und bewacht 
die Gegend. Zeigt sich irgend eine verdächtige Erscheinung, etwa ein Reiter, 
so läuft der Vogel diesem bis über die Grenze seines Reviers entgegen, stellt 
sich dort auf einen Grashügel und ruft eintönig ti-ti, tü-tü, dilü-dilü. Er 
begleitet nun den Reiter mit traurigem Rufen sohmge, bis dieser den Nist- 
bezirk verlassen hat. Gewöhnlich linden sich aber alle Grenznaclibarn ein, 
sodaß man bei langsamer Durchquerung der Heiden oft stundenlang von 
Goldregenpfeifern umgeben wird. Kommt man zu Fuß, sind die Vögel noch 
besorgter. Doch ist es schwer, in den ausgedelinten Gebieten das Nest 
eines bestimmten Paares finden zu wollen. Am besten reitet man langsam 
auf gut Glück zu, ohne sich viel nach den begleitenden Vögeln umzuscimuen. 
Nähert man sich einem Neste, so werden die Lockrufe lebhafter. Das bloße 
Du geht in Didüli Didiili über, was in der Erregung auch ohne Unterbrechung 
aneinandergereiht wird, etwa so schnell, wie man mittelmäßig spricht. Läßt 
man nun seine Blicke aufmerksam über die nähere Umgebung gleiten, so 
sieht man im günstigen Falle irgendwo einen Vogel aufstehen und mit 



264 Cliarailriu.s apriciiriiis. 

bilngendeii Flügeln tiefniedorgeduckt fortlaufeu. Au dieser Stelle befindet 
sich dann das Nest. Erst 10 — 20 ni abseits fliegt das Weibchen mit einigen 
hohen, scharfen Ti ti ti davon. Nun erliebt sich das .Männchen, das wenige 
Meter nebeuherläuft. gewöhulicli gleirlil'alls in die Jjuft, vereinigt sich mit 
dem AYeibchen, worauf beide gemeinsam den Störenfried verfolgen. Die 
Kier werden erst dann wieder angenommen, wenn völlige Ruhe eingetreten 
ist. In einigen Fällen scheuchte ich in zerrissenem Heideterrain die Vögel 
auch wenige Meter vor mir vom Neste auf, einmal selbst von ganz frischen 
Eiern. Dies geschieht besonders bei lieftigem Sturme. Dann flattert das 
Weibchen mit merkwürdigen Flügelbewegungen ein großes Stück über dem 
Boden hin und kommt nicht gleich wieder zum Vorscheine. 

Die Dunenjungen verlassen nach wenigen Stunden das Nest und 
verstecken sich zwischen den Heidepflanzen. Trotzdem sah ich sie häuflger als 
verwandte Arten umherlaufen und sich nicht immer sogleich in eine Ver- 
tiefung drücken. Sie machen in ihrem goldiggelb und schwarz gefleckten 
Kleide einen äußerst schmucken Eindruck und werden von beiden Eltern 
mit treuer Sorge geführt. Ihre Flügelfedern wachsen sehr rasch, sodaß die 
Tierchen schon nach 10—14 Tagen ein wenig flattern können. Bis zur 
völligen Befiederung vergelien etwa 4 Wochen. Ende Juli, Anfang August 
fangen die Familien an, die weitere Umgebung des Brutplatzes zu besuchen. 
Sie bilden zunächst kleine Scharen von 10 — 20 Stück, die immer noch 
zutraulich, aber viel stiller als im ' Frülijahre umherlaufen oder in raschen 
Schwenkungen die Luft durclieilen. Sic rüsten sich allmählich zur Herbst- 
reise und führen, von sichtbarer Unruhe getrieben, oft halbe Stunden lang 
Flugproben aus. Gern lassen sie sich endlich auf einei- abgemähten Wiesen- 
fläche nieder, wo sie der Landbevölkerung als die ,.Heuvögel'' wohlbekannte 
Erscheinungen sind. Von Mitte August an traf ich auch auf öden, fast 
pflanzenlosen Kiesflächen viele Hunderte von Goldregenpfeiferu. Bei den 
Alten beginnt nun das Schwarz der Unterseite auch allmähli(,-]i zu ver- 
schwinden. Um diese Zeit werden die Vögel wegen ihres schmackhaften 
Fleisches in Menge geschossen. Ende September bis Anfang Oktober ver- 
lassen die übriggebliebenen unsere Insel, um südlichere Winterquartiere zu 
beziehen. Jönsson gibt als Hauptdurchzugstermin für die Vcstmannaeyjar 
die Zeit vom 20. September bis 10. Oktober (in litt). S?emundsson sah in 
10 Jahren den letzten am 22. Oktober bei Reykjavik (1. c), Gunnlaugssou 
auf Reykjanes am 27. d. M. (Ornis VIII, S. 344.) Doch versuchen einige 
Vögel, wenn der Herbst warm ist, auf Island zu überwintern. Faber 
schoß 2 p]xemplare in den letzten Tagen des Dezembers 1820 (1, c), und 
Gröndal berichtet (Ornis IX, S. 88), daß in dem milden Winter von 1887 
zu 88 dauernd eine Anzahl Goldregeupfeifer auf Reykjanes beobachtet wurden. 

85. Aegialitis hiaticula (L.). 

Sandregenpfeifer. 

Charadriiis hiaticula (Linii.): Faber, Prodromiis, S. 22 (1822). — CJiaradrins 
hiaticula L. : Prever (& Zirkel), Keise nach Island, S. 3J)7 (1862). — Aegialitis hiaticuki 



Aegialitis hiaticiila. 265 

(Linn.): Newton, in iJaring-Goiilds Iceland, p. 411 (1863). — C'Äarw/rms hiaücula L. : 
Gröndal, Islenzkt fiiglatal, bis. 38 (1895). — Mjialitis hialicula (Linn.): Slater. Kirds 
of Iceland. p. 81 (1901). 

Charadritts hinikula^L.: Collin, Skandinaviens Fngle, 8.445 0877). — M(jiaUtis 
hiaÜcola (L.): Sharpo. Cat. Birds ßrit. Mus. XXIV, p. 256 (1896). -~ .Egialitis hiaücula 
(L.): Winge, Grönlands Fuglc, S. 152 (1898). — Charadrius hlat'mda L.: Naumann, 
Vögel .Mitteleuropas VIII, 8. 59 (1902). 

Isländisch: Sandlöa (von sandr = Sand, loa = Regenpfeifer), verkürzt Sandlü. 

Auch dän.: Sandborro. Xorw. : Sandmyla. Schwed.: Sandrulling. 

Aegkdiüs hiaücula bewohnt die westliche paläarktische und die benachbarte 
arktische Kegion, etwa zwischen Grönland und den Neusibirischen Inseln. In Siid- 
westeuropa brütet sie nur selten, häufig aber auf den Britischen und den nordwärts 
liegenden kleinen Inseln bis zu den Färöern, von Norddeutschland an durch ganz 
Skandinavien, Lappland, Finnland und Nordrußland, in Sibirien bis Daurien. Nord- 
wärts fand man sie brütend auf TainijT, Nowaja Semlja, Dolgoi und Waigatsch; auf 
Spitzbergen traf sie Nansen noch unter 82" 59' n. ßr. Ferner brütet unsere Art auf 
.lan Mayen und angeblich im ganzen grönländischen Gebiete bis zur Nordküste, wahr- 
scheinlich auch auf Grinnell-Land. Selten nur haben sich etliche Vögel im östlichen 
Nordamerika und an der Tschuktschen-Küste gezeigt; südwärts wandern sie regebnäliig 
durch ganz Afrika und ausnahmsweise bis Australien. 

In Island ist der Sandregenpfeifer ein nicht seltner Brut vogel, der 
unfruchtbare oder auch völlig pflanzenlose Kiesflächen und steinige Ebenen 
bewohnt, am häutigsten solche, die von einem fließenden Gewässer durch- 
schnitten werden. In den Gebirgen des Innern geht er ziemlich hoch hinauf, 
brütet aber auch in- der Nähe des Meeres und auf Gestadeinseln, z. B. den 
Vestmannaeyjarn und Grimsey. 

Zwei isländische Brutpaare meiner Sammlung vom 7. und 2U. Mai, sowie ein 3. 
nicht präpariertes, vom 29. Mai 1903, zeigen folgende Maße. (S'dd. Gewicht i. Fl.: 
55— 68 g. Gesamtlänge i. Fl.: 170— 173 mm. Flugbreite: c. 375. Flügel: 127—131. 
Schwanz: 65— 68. Flügel -j- Schwanz: 0—10. Schnabel: 13. Tarsen : 24. Mittelzche 
inkl. der 4— 5 mm langen Kralle: 19 — 20 mm. — ?ad. Gewicht i. Fl.: 55- 70 g. 
Gesamtlänge i. Fl : 170-180. Flugbreite: c. 420. Flügel: 127—133. Schwanz: 64—68. 
Schnabel: 13-13,8. Tarsen: 23,5—24. Mittelzehe inkl. der 4— 5 mm langen Kralle: 
19 — 19.5 mm. — Iris: dunkelbraun. Schnabelgrund: lebhaft orangegelb (cJ) oder trüb- 
orange ($). Füße: rötlichgelb, mit schwachem Schimmer ins Graue, was an den 
Gelenken und besonders an den Spitzen der Zehen dunkler ist. - - Bei dem Weibchen 
ist die schwarze Hals- und Stirnbinde nicht so breit und dunkel, vor allem aber die 
Ohrengegend nie schwarz, sondern heller oder dunkler braun — 2 Mageninhalte (die 
Vögel wurden am 5. und 7. Mai am Strande bei Reykjavik erlegt) zeigten außer scharf- 
kantigen Steinchen und Resten von Käfern, bes. Rüsselkäfern, zahllose flach sichel- 
förmige, 1—1,5 mm lange Chitinstückchen mit gczähnelten Schneiden. Diese bilden 
offenbar die einzigen unverdaulichen Reste sonst leicht verdaulicher Nahrung und 
stammen zweifellos von kiefertragenden Borstenwürmern (l'olychaeUw). Die Vögel 
müssen wochenlang den freilebenden Raubannelidon (Errunüa) nachgegangen sein, da 
sich deren winzige Kiefern in solcher Menge angesammelt haben (W. ßaer). 

Der Sandregenpfeifer ist ein Zugvogel für Island. Faber bezeichnet 
als Zeit seiner Ankunft den 22. bis 28. April (1. c). Jönsson als Hauptdurch- 
zugstermin für die Vestmannaeyjar den 20. bis 30. d. M. (in litt.). Gröndal 
den Mai (Ornis IX, S. 92), Ich sah die ersten am 26. April bei Keykjavik. 
Anfänglich halten sich die schon gepaarten Vögel an den Küsten oder in 
deren Nähe auf und vereinigen sich oft mit andern iiiresgleichen oder ver- 



26(3 Aegialitis hiaticiila. 

wandten Arten. Dom Menschen gegenüber sind sie nicht besonders scheu, 
laufen aber bei seiner Annäherung rasch davon, um erst in angemessener 
Entfernung Halt zu machen. Sind keine Kiesflächen am Strande, fliegen 
die Vögel eher auf. Ihr Flug ist äußerst schnell und leicht, selten grad- 
linig, mitunter ganz schwalben artig über dem Wasser gaukelnd. Dabei 
rufen sie kurze D, D, Gik, Gik. im Laufen ein wohlklingendes Tüi, das dann 
und wann in der Erregung zu einem langsamen Triller: tüitüi... verbunden 
wird, der den Balzgesaug darstellt. Diese Töne ähneln oft der Stimme von 
Totaniis tolanus, liegen aber meist tiefer und sind niclit so klangvoll. Mit- 
unter hört mau auch rauhe Diub uud ein unterhaltendes Geckern. 

Mitte bis Ende ]\Iai begeben sich die Sandiegenpfeifer nach ihren 
Brutplätzen. Gewöhnlich halten sich mehrere Paare dicht beieinander 
auf, gelegentlich trifft man aber auch völlig vereinzelte, die dann doppelt 
zutraulich sind. An stillen Abenden vernimmt man imn häufig ein langsam 
trillerndes Düledüledü. mit dem sich die Gatten antworten. Betritt man die 
Steinhalde, die den Nistbezirk darstellt, so kann man die Vögel große Strecken 
vor sich hertreiben, wobei man häufig auf 4 bis 5 Meter an sie heran- 
kommt. Schießt man den einen Teil des Paares, so verläßt der andere 
selten den Platz, sondern klagt so lebhaft, daß man sich veranlaßt sieht, 
ebenfalls auf ihn anzulegen. Ein eigentliches Nest errichten die Vögel nicht. 
Die 4, selten 3 Eier werden in- eine unbedeutende Vertiefung inmitten der 
Kies- oder Sandfläche gelegt und sind wegen ihrer vortrefflichen Schutz- 
färbung schwer zu finden. Die Vögel brüten durchaus nicht blos in der 
Nähe des Meeres; ich traf sie auch überall im Innern, z. B. auf dem Hölasandr. 
in der Umgebung des Myvatn, bei Nordtunga (W.), beim ]')ingvallavatn. 
Die Ablage der Eier erfolgt im Juni, nicht selten erst in der 2. Hälfte des 
Monats. Ich fand nur ein einziges Gelege am 4. Juli auf Grimsey, in dem 
die Jungen völlig entwickelt waren. Von der gebirgigen Müla-Sysla hat 
Gröndal Nachricht, daß unser Vogel hier erst in der letzten Hälfte des Juli 
brüte (Ornis IX, S. 96), was als Regel unwahrscheinlich ist. 

Isländische Eier meiner Sammlung zeigen folgende MalJe: 3<i x 25,5 mm (0,55 g). 
35,2 x2H (0,7.5). 35x25 (0,55). 35x23,5 (0,55). 34,5x25,5 (0.70). 34,2x24,5 
(0,55). 33,5x24,5 (0,55). 32x23 (0,6). 30,5x23 (0,45). 

Faber sagt, daß beide Vögel des Paares brüten, docli wird zweifellos 
das Weibchen den Hauptanteil dabei nehmen. Die wenigen Male, daß ich 
einen Vogel vom Neste aufstehen sah. schien es sich immer um das Weibchen 
zu handeln. Die Entwicklung des p]mbryos geht langsam vor sich; die 
Brutzeit dürfte 3 bis S'/., Wochen dauern. Solange unsere Regenpfeifer 
Eier haben, verhalten sie sich meist sehr still. Schon auf weite Entfernung 
hin verläßt der brütende Vogel das Nest, um in entgegengesetzter Richtung 
tief niedergeduckt davonzulaufen. Ebenso heimlich uud ohne einen Laut 
von sich zu geben entfernt sich das Männchen, das in der Nähe Wache 
hielt. Fast wie Mäuse trippeln beide Tiere dahin, sodaß man glauben köimte, 
es handle sich um junge Vögel. Auch beim Stehenbleiben wenden sie dem 
Menschen den mattbraunen Rücken zu, weshalb sie leicht übersehen werden. 



Aegialitis hiatieula. OR? 

Keunt mau freilich den Nistplatz und uähevt sich ihm hesouders vorsichtig, 
so überrascht mau wohl gegen Ende der Brutzeit das Weibcheu auf de^ii 
Eiern. Ein paar Meter läuft es tief niedergeduckt davon, hebt dann die 
Flügel in die Höhe und kriecht schwankend mit ausgebreitetem Scliwanze 
am Boden hin. Dieses Benehmen wird noch auffälliger, wenn die Jungen 
ausgekommen sind, was selten vor Anfang Juli gesciiieht. Als ich am 13. 
dieses Monats bei Mödruvellir eins der schnell dahinlaufenden Tierchen 
ergriff, rutschten die Alten in gröütem Entsetzen wie gelähmt am Boden, 
wobei sie kläglich schrien. Am 17. Juli trieb ich freilich eine Familie von 
6 Köpfen ein ganzes Stück auf dem Hölasandr vor mir her. Die Alten 
liefen tüchtig, sodaß die kleinen Jungen vor Überhast fortwährend hinfielen. 
Ich mußte mein stampfendes Pferd fest im Zügel halten, um die Gesell- 
schaft nicht zu überreiteu. Sich zu drücken versuchte keins davon, was in 
der Regel geschieht. Verstehen sie es ja ausgezeichnet, sich zwischen Steinen 
oder Pflanzen unsichtbar zu machen, wobei ihnen das unscheinbare graue 
Kleid sehr zu statten kommt. Daweile laufen die Alten in ihrer charakte- 
ristischen abgewendeten Haltung und mit eingezogenem Kopfe trippelnd 
dahin und rufen eintönige Düit, Püit oder gedehnte Püt. So begleiten sie 
den Menschen bis weit über die Grenze des Nistbezirkes, um dann zu Fuße 
zu ihren Jungen zurückzukehren. Zum Auffliegen bequemen sie sich meist 
nur dann, wenn die Gefahr größer wird. Mitunter verbergen sich aber auch 
die alten Vögel äußerst geschickt am Boden, nachdem sie den verdächtigen 
Menschen in sicherer Entfernung von ihrer Nachkommenschaft wissen. So 
verschwanden einst beide Vögel fast vor meinen Augen, ohne daß es mir 
gelungen wäre, sie nochmals in dem zerklüfteten Grasterrain zu Gesicht zu 
bekommen. Ehe ich die Stelle abgesucht hatte, waren sie gewiß längst 
unter guter Deckung über alle Berge gelaufen. 

In den ersten Tagen werden die Jungen gefüttert, lernen aber sehr 
bald selbst ihre Nahrung aufünden. Nach 2 bis 3 Wochen beginnen sie 
etwas zu fliegen und sind nach ungefähr 4 Wochen völlig befiedert. Familien- 
weise oder in kleinen Scharen streifen die Vögel nun umher, kommen Anfang 
bis Mitte August nach der Küste, wo sie größere Schwärme bilden oder sich 
verwandten Arten zugesellen. Ende September verlassen sie gewöhnlich die 
Insel, um wärmere Gebiete aufzusuchen. Jönsson bezeichnet als Zugzeit 
für die Vestmannaeyjar den 20. September bis 10. Oktober (in litt.). Von 
einem Überwintern unsrer Art in Island ist nichts veröttentlicht. 



Aegialitis curonica (Gm.). 
Flußregenpfeifer. 

Charadrkts minor ^ley. & Wolf : Gmndal, Islenzkt fuglatal. bis. 39 (1895). — 
.Egialltis curonica (Gmel): Slater, Birds of Icelaiid, p. 82 (1901). 

Charadrius curonicus Besocke: Collin, Skandiiiavipns Fugle, S. 448 (1877). — 
.Egialitis dubia (Soop.): Sharpe, (3at. Birds Brit. Mns. XXIV, i». 263 (189G). — Cha- 
radriiis dubius Scop.: Naumann, Vögel Mitteleuropas VIII, S. (j7 (1902). 

Isländisch: Litla Loa (= kleiner Regenpfeifer). 



268 Aegialitis curonica. 

Aeyialitis curonica bewohnt die paläarktische Kegion, brütot im ganzen mittleren 
Sibiiifii und Rußland, in Schweden bis etwa GO", in Norwegen bis 64° nordwärts. 
Die i^ritischen Inseln besucht unsere Art nur als seltner (4ast, noch vereinzelter wohl 
die Färöer. Von Grönland und andern arktischen (Ti-bieten kennt man sie über- 
haupt nicht. Auf dem Zuge geht sie südwärts bis zum mittleren Alrika. Indien und 
Xeu-Guinea. 

Das Vorkommen des Flußregeiipfeifers in Island ist bis jetzt fraglich, 
da kein Belegexemplar vorliegt;. Gröndal glaubt freilieh, eine Schar am 
27. Juli 1878 bei Reykjavik gesehen zu haben (Ornis XI, S. 453) und schreibt 
an anderer Stelle sogar (Ornis II, S. 359), die Vögel würden nicht allzu selten 
in Gemeinschaft mit Aagialitis /daticnla angetroffen. .1. V. Havsteen sagte 
mir ebenfalls, die Art käme gelegentlich nach dem Kyjafjördr. P. Nielsen 
dagegen teilte mir mit (in litt.), er habe Aecnalüis curonica niemals in Island 
gesehen. Bei der Ähnlichkeit mit dem liäufigen Siindregenpfeifer glaube ich 
zunächst an eine Verwechslung mit jungen Vögeln dieser Art. 

8(i. Arenaria interpres (L.). 
Steinwälzer. 

Strepsüus collaris (Temm.) : Faber, Prodromus, S; 2ti (1822). — Strepsilas interpres : 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 400 (1862). - Strepjsilas interpres (Linn.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 411 (1863). — Strepsilas inter])res L. : Gröndal, 
Islenzkt fuglatal, bis. 42 (1895). — Strepsilas interpres (Linn.): Slater, Birds of Iceland, 
p. 86 (1901). — Strepsilas interpres L. : Spemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 15 (190.5). 

Strepsilas interpres (L.); CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 4')'> (1877). — Arenaria 
interpres (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, p. 92 (1896). — Strepsilas interpres 
(L.): Winge, Granlands Fugle, S. 155 (1898). — Arenaria interpres (L.): Naumann, 
Vögel Mitteleuropas VIII, S. 82 (1902). 

Isländisch: Tildra (Etymologie unklar; Gröndal hält das Wort für eine 
Femininform von Tjaldr = Haematopus: Yorbum tildra = aufeinanderlegen, darnach 
ähnlicher Sinn wie der deutsche Name). 

Auch dän.: Stenvender. Norw.: Stenva^lter. Engl.: 'J'urnstone. Fär. : 'jjaldurs- 
grälingur. 

Arenaria interpres brütet zirkumpolar in den Küstenländern der arktischen 
Region und einiger benachbarter Gebiete, ist aber als eine der verbreitetston Vogel- 
arten an fast allen Meeren der Erde, bis hinab zum Süden der Kontinente, beobachtet 
worden. Brütend fand man sie vielerorts im nördlichen Nordamerika, besonders im 
Gebiete der Uavis-Straße, nordwärts bis Nordgrönland und Grinnell-Land, wo sie 
Feilden noch unter 82'* 30' antraf, aber auch an den übrigen Küsten Grönlands, ferner 
in Nordsibirien bis hinauf zu den Neusibirischen Inseln, Taimyr und dem südlichen 
ßan-nts-Meer. Auf Nowaja Semlja brütet sie nicht häufig, und von Franz-Joseph- 
Land. Spitzbergen, der Bären-Insel und Jan Mayen ist dies überhaupt noch nicht 
nachgewiesen. Wohl aber kennt man ihre Brutplätze im nördlichen Rußland, Finnland 
und in Skandinavien bis zum Nordkap hinauf, südwärts in geringer Zahl bis zur 
deutscheu Ost- und Nordsee. Die Britischen Inseln scheint sie nur auf dem Zuge und 
im Winter zu besuchen, auf den Färöern auch nur vereinzelt zu brüten. 

Für Island kann man den Steinwälzer als einen nicht seltnen Brnt-, 
Stand- und Winter vo gel bezeichnen, doch scheint nur ein kleiner Teil 
der an den Küsten lebenden Individuen auf der Insel zur Fortpflanzung zu 
schreiten. Audi dürfte die Häufigkeit ilires Vorkommens in verschiedenen 



Arenaria interpres. -tnu 

Jahren eiiiehlichon Voräiideninoen uiitenvorCcn sein. Ktliclic Boobiu-litor. wie 
Preyer und Krüper, trafen die Art gar nicht oder sehr selten, andere, wie 
Faber, Gröndal und icii selbst, recht zahlreich an. 

Einige von mir präparierte isländische Bälge meiner Sammlung zeigen iolgende 
3Iaße. 3(5 ad. vom 7. 31ai 1903, Keykjavik, die 2 letzten fast ausgefärbte Exemplare. 
Oewicht i. Fl.: 112— 124 g. Gesamtlänge i. Fl.: 213— 228 mm. Flugbreite: 405—487. 
Flügel: 149—153. Schwanz: 70-78. Schwanz -f Flügel: 5. überschnabel (von der 
Stirnbefiederung an): 21,5. Tarsen: 25,5—26. Mittelzehe inkl. der fj— 7 mm langen 
Kralle: 26— 27 mm. — 4$ ad., 2 vom 5. Mai, Reykjavik, 2 vom 29. Mai, Hjalteyri. 
Gew. i. FL: 121— 158 g. Gesamtlänge i. FL: 225—233. Flugbroite: 480—495. Flügel: 
150—157. Schwanz: 73—74. Schwanz -f- Flügel: 0—4. Schnabel: 21 — 23. Tarsen: 
24,5—26. Mittelzehe inkl. der 5 mm langen Kralle: 25 26. — Iris: dunkelbraun. 
Schnabel: dunkel grünlichschwarz. Unterschnabel oft mit helleren rötlichgelben Flecken. 
Füße: hellorangegelb bis dunkel zinnoberrot, an den Gelenken, beson^ders an den Zehen, 
oft starker schwärzlicher Anflug. - Das alte Männchen ist nicht nur ein wenig kleiner 
als das alte Weibchen, sondern unterscheidet sich von diesem durch das Weiß des 
Oberkopfes und das ausgedehntere Rostbraun des Kückens. — 5 Mageninhalte: 
Yögel erlegt vom 5. — 7. Mai am Strande bei Reykjavik, zeigen sämtlich, teilweise in 
bedeutender Menge. Schalenstücke von Balaniden (Seepocken); Skuta und Terga vielfach 
wohlerhalten, erstere 5 mm lang; ferner Spindeln von Littoiiniden (Strandschnecken). 
Nur ein Magen lieferte einige Reste von Dipteren, die ihrem wohlerhaltenen Flügel- 
geäder nach zur Unterfamilie der Scatophaginae gehörten und zwar wahrscheinlich zur 
Gattung Fucellia (W. Baer). 

Bei der, Melu-zahl der in Island zur Beobachtuug kommenden Stein- 
wälzer dürfte es sich um Durchzügler handeln, die gewöhnlich Ende April 
erscheinen. Ich sah vom 1. Mai an täglich Scharen zu 20 — 4<) Stück an 
den Flachküsten bei Reykjavik, denen sich nur selten einzelne andere Strand- 
läufer beigesellt hatten. Die Vögel verhielten sich nicht besonders scheu, 
sodaß ich mit einiger Vorsicht fast immer auf 30— 40 m, mehrmals sogar 
auf 10 — 15 m herankommen konnte. Zur Zeit der Flut sitzen die Scharen 
dicht beisammen auf großen Steinen im Wasser oder auch am üfer. Gelegent- 
lich suchen sich die Tiere gegenseitig zu verdrängen, wobei sie ein eigen- 
tümliches schnarrendes Brrrr hören lassen. Der wirkliche Lockruf ist ein 
kurzes, oft vielmals wiederholtes Bri. Beim Abfliegen verwandelt sich dieses 
häufig in ein finkenartiges Birui oder Dileri. Der Schwärm fliegt gemeinsam 
auf, schwenkt eilig durch die Luft und läßt sich bald au benachbarter Ufer- 
stelle von neuem nieder. Schießt man, so kehren die unverletzten Vögel 
gewöhnlich zu den getöteten Genossen zurück. Flügellahm suchen sie sich 
durch langsames Schwimmen zu retten. Zur Zeit der Ebbe laufen unsere 
Steinwälzer emsig zwischen dem Strandgeröll dahin, lesen kleine Muscheln 
und andere Seetierchen auf und hacken mit dem starken Schnabel die See- 
pocken von den Steinen. Da sie niemals Mangel an solcher Nahrung haben, 
werden sie überaus fett und setzen mitunter eine dicke weißliche Schicht 
unter der Haut an. Im allgemeinen fand icli die Tiere auch nicht besonders 
lebhaft, in ihren Bewegungen mehr kraftvoll als zierlich, in ihrem Wesen 
ruhig und gesetzt. Die meisten dieser durchziehenden Vögel scheinen Mitte 
bis Ende Mai weiter nach Grönland zu wandern, da man vom Juni an nur 
selten noch Steinwälzer erblickt. 



270 Haeinatopus ostralegus. 

Über das Brüten unsrer Art in Island liegen nur dürftige Mitteilungen 
vor. Faber fand, wie er im Prodroraus hervorhebt (8. 27), nie ein Nest des 
Vogels, scheint aber später Eier vom Nordlande erhalten zu haben (Collin, 
1. c, S. 457). Thieneraann besaß gleichfalls Hxeiuplare aus Island, hat sie 
aber wahrscheinlich auch nicht selbst mitgebracht; 4 davon befinden sich 
jetzt in meiner Sammlung und zeigen als Maße: 43,8x29 mm (1 g). 42,9x29 
(1), 42,2x29 (1,05), 42x28,2 (0,95). Sie sind bekanntlich für die Art gut 
charakterisiert. Proctor erhielt ebenfalls sichere Eier aus Nordisland (Newton, 
1. c.) und in neuerer Zeit Slater (1. c). Havsteen bezeichnete mir den Stein- 
wälzer nur als gelegentlichen Brutvogel im Gebiete des Eyjafjördrs. Ich 
selbst habe leider unsere Art niemals am Neste getroffen, was vielleicht 
auf Zufall beruht. Das Brutgeschäft vollzieht sich äußerst verborgen, wenn 
auch in ähnlicher Weise wie bei den verwandten Arten. 

Kleinere Scharen bleiben während des Sommers am Sti'ande, ohne 
sich fortzupflanzen, wie dies der Steiuwälzer in allen Teilen der Erde 
tut. Am 29. Mai erlegte ich bei Hjalteyri 2 derartige Weibchen, die allein 
am Ufer umherliefen. Der Eierstock des einen Vogels war gar nicht, der 
des anderen nur schwach entwickelt. 

Von Ende August an zeigen sich Scliareu alter und junger Individuen 
an den Küsten. Ob dies freilich isländische Brutvögel oder grönländische 
Herbst wander er sind, ist zweifelhaft. Die Mehrzahl verschwindet Ende 
September wieder von Island. Doch trifft man auch im Winter regelmäßig 
Steinwälzer im Süden des Landes. Bei diesen ist natürlich ebenso fraglich, 
ob es isländische Standvögel sind, wie Gröudal vermutet (Ornis II, S. 360), 
oder bloß nordische Gäste, beziehentlich AVintervögel aus höheren Breiten. 
Faber schoß ein Exemplar am 11. Dezember 1820 bei Reykjavik; Gröndal 
sagt, daß unsere Art häufig im Winter erlegt würde (l. c), und Ssemundsson 
teilt sogar mit (1. c), daß die Vögel in den letzten 10 Jahren regelmäßige 
Wintergäste am Strande bei Reykjavik gewesen seien, fast ebenso zahlreich 
als Arqnatdla mantimu. Er hat sie im Januar und Februar. 1899 — 1900 
den ganzen Winter über beobachtet. 

87. Haematopus ostralegus L. 

Austernfischer. 

Hcematopus ostralegus (Linn.): Faber, Prodromus, S. 21 (1822). - Hcematopus 
ostrealegus h. Preyer: (& Zirkel), Keise nach Island, S. 398 (1862). — Haematopus 
ostralegus (Linn.): Newton, in ßaring-Goulds Iceland, p. 411 (1863). -- Haematopus 
ostralegus L. : Gröndal, Jslenzkt fuglatal, bis. 39 (1895). — Slater, Birds of Iceland, 
p. 88 (1901). 

Haematopus ostralegus, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 458 (1877). — Sharpe, 
Cat. Birds Brit. Mus. XXIV, j). 107 (1896). — Hmnatopus ostreologus L.: Winge, 
Granlands Fugle, S. 157 (1898). — Haematopus ostrilegus L. : Xaumanu, Vögel ilittel- 
europas VIII, S. 91 (1902). 

Isländisch: Tjaldur (Etymologie unklar, ursprünglich wohl vom Kufe abgeleitet). 

Auch dän. & norw. : Tjeld, Kjeld. Schwed. : Tjäll. Fär. : Tjaldur, Tjäldur, Kjakdur. 

Haematopus ostralegus bewohnt die paläarktische Region von Island bis Zentral- 
asien und geht auf dem Zuge bis Nordindien, Südwestasien und in den Küstengebieten 



Haeiiiatopus ostralepus. 271 

Afrikas bis Mozambique und SeneRambien hiiial). Er brütet nur stellenweise an den 
südlichen Gestaden Europas, häufig im mittleren Teile, besonders an der Nord- und 
Ostsee, auf den Britischen Jnseln, den Färöern und in ganz Sliandinavien bis zum 
Norden des Erdteils. Von den arktischen Gebieten kennt nnin ihn nicht; nur in 
Grönland hat er sich wiederholt im Südwesten gezeigt. 

Island bewohnt der Austernfischer als nicht seltner Brut- und 
größtenteils Standvogel. Er ist im Süden der Insel weit häufiger als 
im Norden, wo er stellenweise ganz fehlt. Für gewöhnlich trifft man ihn 
am Meeresstrande. Nach Faber und l'reyer brütet er aber auch hin und 
wieder am Ufer größerer Flüsse und Seen, die eine bequeme Verbindung 
mit dem Meere haben. So traf ihn Preyer zur Brutzeit am ))iogvallavatn. 

Ein 9 ad. meiner Sammhing, Brutvogel, erlegt am 29. Mai 1903 bei Hjaltcyri. 
zeigt folgende Maße. Gewicht i. FL: c. 750 g. Gesamtlänge i. Fl. (vom Beginn der 
Kinnbefiederung an): 370 mm. Flügel: 259. Schwanz: 130. Schnabel: 69. Tarsen : 49. 
Mittelzehe inkl. der 6,5mm langen Kralle: 89. — Iris: gelbrot. Schnabel: lebhaft 
orange, nach der Spitze zu gelblich. Füße: schmutzig rötlichgrau. — Mageninhalt: 
Zahlreiche Spindeln von Littoriniden, kleine Krustaceen, Steinchen bis zur Größe 
von 2 mm. 

Der x4usternfisclier ist ein so auffälliger und biologisch gut bekannter 
Küstenbewohuer, daß ich mich im folgenden kurz fasse. Nur ein geringer 
Teil der isländischen Tiere sind Zugvögel. Jönsson beobaclitete ihr Er- 
scheinen auf den Vestraannaeyjarn gewöhulicli in der Zeit vom 1. — 20. April 
(in litt.). Vom 22. d. M. an sah ich sie recht häufig und überall schon 
paarweise am Strande von Reykjavik. Die Vögel benahmen sich fast immer 
sehr vorsichtig und flogen auf große Entfernung mit kurzem Ti Titi davon, 
wodurch sie' auch andere Vögel warnten. Anfang Mai fand ich sie etwas 
abseits vom Meere auf kahlem, steinigem Terrain, das ihr Brut gebiet dar- 
stellt. Sie lassen den Menschen hier nun schon näher kommen und um- 
fliegen ihn oft in bequemer Schußweite. Vom 7. Mai an verkündete das 
klägliche Geschrei den eigentlichen Beginn des Brutgeschäftes. Mit gleich- 
mäßigen, nicht besonders schnellen Flügelschlägen nähern sich die Vögel 
dem Menschen, wobei sie ein sehr hohes, langgezogenes Wiep, dann auch 
eiu kurzes, scharfes Bib oder ein erregtes Bitwübit ausstoßen. Nun hört 
man auch öfters das laute, anhaltende Trillern des Männchens: Bikbikbikbrrr... . 
Der Vogel steht dabei gern auf einem freien Platze, streckt Kopf und Hals 
weit von sich und öffnet den Schnabel. Die Ablage der meist 3 Eier 
erfolgt im allgemeinen Mitte Mai, gelegentlich schon zu Anfang des Monats, 
im Nordlande gewöhnlich Ende desselben oder seltner auch erst Anfang 
Juni. Die Eier werden ohne jede Nestunterlage auf steinigen Boden, eine 
Kiesfläche oder inmitten dürftigen Graswuchses gelegt und sind nicht immer 
leicht zu finden. Doch verraten die Vögel den Nistplatz durch besorgtes 
Umherfliegen und lebhaftes Locken. 

Isländische Eier meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 60 X 40 nun (3,55 g"). 
59x40 (3,5). 58x40 (3,5). 58x39 (3,4). 57,5x39 (3). 

Die Brutdauer beträgt nach Faber 24 Tage. In der Regel sitzt das 
Weibchen auf den Eiern, wird aber gelegentlich von dem treue Wacht 
haltenden Männchen abgelöst. An warmen, sonnigen Nachmittagsstunden 



272 Lagopus rupestris islan(l()riin\. 

siebt man mitunter beide Vögel die Eier verlassen und in der Nähe umher- 
laufen. Aber auch sonst brütet das Weibchen selten fest. Schon auf weite 
Entfernung hin erhebt es sich vom Neste, um absatzweise fortzulaufen oder 
scliwankenden Fluges davonzufliegen. Die unscheinl)aron Dunenjungen 
werden freilich von den Alten sehr geliebt und nahende Feinde mit lebhaftem 
Geschrei, oft in großer Nähe, umflogen. Die Tierchen verbergen sich anfangs 
zwischen Steinen und sonstigen Vertiefungen, suchen sich späteren Ver- 
folgungen durcli Laufen und Schwimmen zu entzielien und sind nach etwa 
4 Wochen beüedert und flugbar. Von Ende Juli an scharen sich die Familien 
am Meeresufer zusammen und bevorzugen zum Aufenthalte sclilammige 
Sandflächen, an welchen icli sie Mitte August zu Dutzenden im Siklwestlande 
traf Ihre Hauptnal)rung bilden hier die in Unmenge vorhandenen Sand- 
würmer (Areiiiroiidae), die sie geschickt mit dem langem Schnabel hervor- 
ziehen. Oft waten die Vögel auch bis an den Leib im Wasser umlier und 
schwimmen sogar gelegentlich. 

Anfang September sollen die nordisländischen Brutvögel allmählich 
nach den Küsten des Südlandes streifen und hier zum größten Teile über- 
wintern. Nur eine kleinere Zahl verläßt unsere Insel und wendet sich 
südlicheren Gestaden zu. Jöussou stellte als Häuptzeit für den Herbstdurch- 
zug auf den Vestmannaeyjarn den 20. September bis 10. Oktober fest (in litt.). 
Faber sagt, daß man die Austernfischer während des Winters in gToßeu 
Scharen im Südiande anträfe, was Gröndal bestätigt (Ornis II, S. 360), 
Hierbei dürfte es sich ausschließlich um isländische Brutvögel handeln. 

88. Lagopus rupestris islandoruni (Faber). 
Isländisches Schiieehulin. 

Tetrao Islundorum (mihi): Faber, Prodtomiis. S. 6 (1822). — Lagopus islandorutu : 
l'reyer (& Zirkel). Reise nach Island, S. 395 (18(i2). — Lagopus islandoruni (Faber): 
Newton, in Baring-Goiilds Iceland, j), 410 (1863). — Lagopus alpinus Nilss. : Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 38 (1895). — Lagopns rupestris (Gmelin): Slater, Birds of Iceland, 
p. 77 (1901). 

Lagopus alpina Nilss.: CoUin, Skandinaviens Fiigle, S. 419 (1877). — Lagopus 
rupestris (Gm.): Ugilvie-(Jrant, Cat. Birds Brit. ]\Jus. XXII. ]). 48 (1893). — Lagopus 
rupestris {= Islandorum): Naumann, Vögel Mitteleuropas VI, 8. 58 (1897). — Lagopus 
mutus (Mont.) var. rupjestris (Gmel.): Winge, Grönlands Fugle, S. 124 (1898). 

Isländisch: Rjüpa (Etymologie unsicher, entweder verwandt mit ropa = rülpsen, 
der Stimme wegen, oder mit ripr = Felsen. Berg), Bjüpkarri, ältere Form Rjüpkeri (für 
das (5, des Balzrufes wegen). 

Auch dän.: Rype, Fjeldrype. Norw. : Rjupa, Fieldrype. Schwed.: Ripa, Fjällripa. 

Lagopiis rupestris islandorum dürfte die Island eigentümliche Lokalrasse des 
Felseuschneehuhnes darstellen. In Grönland wird sie durch den sehr ähnlichen L. r. 
reinhardti (Brehm, Lehrb. Eur. Vög., S. 440. 1823) vertreten, von dem sie aber doch 
wohl, schon einer etwas bedeutenderen Größe wegen, subspezifisch getrennt werden 
muß. Im andern Falle hätte wenigstens unser Name, als der ältere, den A'orrang. 
Das übrige Nordamerika, sowie Nordsibirien, bewohnt L. r. rupestris (Gm). Zur Zeit 
lassen sich sichere Diagnosen für die einzelnen Subspezies nicht geben. Der schwarze 
Zügelstreif, den auch das Weibchen vom Januar bis Mai trägt, dürfte das sicherste 
Kennzeichen der Art sein. 



Lagopus rupestris islandorum. 970 

Das isländische Schneebubu ist ein häufiger Brut- und Standvogel 
in allen Gegenden der Insel, wo niedriges oder höheres Gesträuch sich findet, 
in der Nälie des Meeres ebensowohl, als hoch oben im Gebh-ge. Es bewohnt 
die Heiden. Hochmoore und Bruchgebicte, aber aueli zerklüftete Lavafelder 
und Bergbänge, die nur dürftige Bedeckung von Betula nana. Kricaceen, 
Vaccinien und anderen Arten niederer Sträucher besitzen. Stellenweise ist 
es überaus häufig, anderwärts seltner, vollständig fehlen dürfte es aber in 
keinem Teile Islands, wo Gebiete wie die bezeichneten sich finden. 

Unsere Art variiert bedeutend in Färbung und Größe, schon nach der verschiedenen 
Entwicklung des Sommer- und Winterkleides, weshalb grolie Serien ausgefärbter VJigel 
notwendig sind, um sichere Formenunterschiede aufzustellen. Faber hat im Prodromus 
eine ausfüiirliche Besehreibung der einzelnen Kleider des isländischen Schneehuhns 
gegeben, die freilich für gewisse Individuen auch nicht ganz zutreffend ist. Ich besitze 
nur 7 alte Vögel in meiner Sammlung, sah noch eine Reihe in Museen und große 
Mengen im Winter erlegter Exemplare in Reykjavik. Die Mäimchen sind im allgemeinen 
etwas größer, haben einen stärkeren Kopf und einen ausgeprägteren schwarzen Zügel 
als die Weibchen, bei denen dieser vom Juni bis Dezember oft nur angedeutet ist. 
Das Weibchen erhält die Sommertracht viel eher, sodaß man schon Anfang Juni aus- 
gefärbte Exemplare findet, während das Männchen überhaupt selten alles Weiß im 
Kleingefieder verliert. Im April fallen die langen, schaufelföruiigen Nägel ab, nachdem 
sich darunter die neuen, kurzen und dicken Krallen gebildet haben. — Etwa 20 von 
mir im Fleische untersuchte Exemplare zeigten folgende Maße. Uewicht: 550— 700 g. 
Gesamtlänge: 335— 380 mm. Flugbreite: c. 600. Flügel (mit Zirkel gern): 181—200. 
Schwanz: 112 — 128. Schwanz -|- Flügel : 50 — HO. Schnabel (von der bei den Nasen- 
löchern am weitesten vorspringenden Befiederung bis zur Spitze): 9 — 11. Schnabel- 
höhe (an der entsprechenden Stelle): 7 — 9. Tarsen: 31 — 35. Mittelzehe inkl. der 
7 — 18 mm langen Kralle: 30 — 40 mm. — Iris: dunkelbraun. Schnabel: schwarz. Füße 
(im Soramerkleide): grau, Sohlen mehr gelblich. Nackte Augenwulst : lebhaft zinnober- 
rot {(S) oder blaßrot (?). — Kropf und 31agen enthalten c. 1 cm lange abgebissene 
Stengelstücke von Ericaceen, Vaccinien, Betula nana, Knospen derselben, harte über- 
winterte Blätter verschiedener Pflanzen, zarte kleine Blüten, Beeren, Steiuchen. Ein 
Kropfinhalt wog 30 g. 

Das isländische Schneehuhn ist ein Standvogel auf unserer Insel, 
verweilt freilich dauernd nur an einigen besonders günstigen Örtlichkeiten. 
Zeitig im Frühjahre, gewöhnlich im April, ziehen sich die Paare nach ihren 
Brutplätzen zurück, die nicht selten auch in geringer Höhe über dem Meere 
oder sogar ganz in dessen Nähe liegen. Wenn dann im Mai der Schnee 
mehr und mehr schwindet und das Gesträuch neue Knospen und Blätter 
treibt, beginnt das Männchen mit Balzen. Besonders gegen Abend durch- 
eilt der Vogel in ki-aftvollem, fast taubenartigem Fluge die einsame und 
schweigende Heide. Oft 20—30 ra hoch bewegt er sich mit gleichmäßigen 
Flügelschlägen oder auch in langem schönen Schweben dahin, senkt sich 
dann in raschem Schwünge gegen die Erde nieder, wobei er ein kurzes, 
stark knarrendes, lautes und tiefes Korrr (Zungen-R, ganz ähnlich wie 
das Knarren eines sog. Waldteufels) hervorbringt, das einen Kilometer 
weit hörbar ist. Sofort erhebt er sich aber zur vorigen Höhe, schwebt dann 
abermals mit dem rasselnden Schnarren ubwärts und so fort, bis er sich 
endlich auf dem Boden niederläßt. Der harte, in der Nähe oft erschreckende 
Balzruf, nach dem das Männchen seinen isländischen Namen trägt, ist überaus 

18 

Hantzsch, Vogel weit Islands. 



274 Lagopus rupestris islnndornm. 

charaktevistisch und mit keiner anderen Vogelstimrae zu verwechseln. Ende 
Mai sieht man die Paare meist dicht beisammen. Sie benehmen sicli dem 
Menschen gegenüber so zutraulich, daß man sie leicht beobachten kann. 
Wenn man in ihre Nähe kommt, stellt sich das weiße Männchen, von dem 
zu dieser Zeit gewölnilich erst der Kopf braun gefärbt ist, regungslos auf 
einen Grashiigel oder Stcinblock. Lebhaft leuchten seine roten Kämme über 
den Augen. Das viel braunere AVeibchen hält sich gewöhnlich mehr verborgen. 
Erst auf 10 m fliegen oft die Schneehühner mit raschem Fluge davon, wobei 
das Männchen nicht selten ein kurzes, scheltendes Knarren hören läßt. 
Einmal schoß ich, noch ehe die Vögel Eier hatten, ein Männchen tot, worauf 
das Weibchen nur ein paar Schritte weiter lief, stehen blieb und nun in 
aller Ruhe gleichfalls erlegt werden konnte. 

Anfang Juni scharrt das Weibchen eine flache Nestgrube, am liebsten 
unter Gesträuch oder zwischen Felsbrocken und Erdhügelchen, kleidet sie 
dürftig mit harten Blättern, manchmal auch noch mit etwas Moos und einigen 
Federn aus und beginnt mit der Ablage der Eier. Volle Gelege findet 
man gewöhnlich Mitte Juni. Gröndal sagt freilich, daß in der gebirgigen 
Müla-S;fsla unsere Vögel erst spät im Juli brüteten (Ornis IX, S. 96), was 
aber kaum die Regel sein dürfte. 7 nordisländische Gelege meiner Sammlung 
stammen aus der Zeit vom 11. — 19. Juni, ein Nachgelege von 4 Stück noch 
vom 30. Juni. Sie enthalten 7, 9, 10, 10, 11, 11 und 12 Eier. Doch hat Faber 
bis 14 Stück in einem Neste gefunden (1. c, S. 12), während Thienemann 
die Zahl mit 6 — 10 angibt (Portpflanzung, S. 38). 

Zwei Gelege meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 46 x 29,8 mm (1,5 g), 
44x30,8 (1,4), 44xb0,5 (1,4), 44x28,5 (1,4), 43,2x30,8 (1,55), 43,2x29,5 (1,45), 
43 X 30,2 (1,52), 43 x 30,8 (1,45), 43 x 30,2 (1,45), 42,5 x 30,2 (1,45), 42 x 30,5 (1,45), 
42 X 29,5 (1,4). — 43,2 x 30 (1,4), 43 x 29,5 (1,45), 42,5 x 30 (1,45), 42,5 x 29,5 (1,3), 
42,2x30 (1,4), 42,2x30 (1,35). 42x30 (1,45), 41x30 (1,45), 41x30 (1,4), 40,5 x 
30 (1,45). 

Das Weibchen brütet 3 7.3 Woche allein, sitzt oft außerordentlich fest 
und verläßt das Nest gewöhnlich erst im letzten Augenblicke, um mit 
hängenden Flügeln ein Stück fortzulaufen. Das Männchen hält sich in der 
Nähe auf, zeigt sich bei Gefahr nicht selten auf erhöhten Plätzen und lenkt 
dadurch die Aufmerksamkeit vom Neste ab. Gelegentlich fliegt es aber auch, 
bisher im Gesträuche verborgen, plötzlich in die Höhe, wobei es laut knarrt. 
Sind die Dunenjungen Mitte Juli ausgeschlüpft, so verhalten sich die 
Eltern noch besorgter. Während die Tierchen zwischen dem niederen Strauch- 
werke dahineilen oder sich regungslos still verhalten, läuft das Weibchen, 
jede Deckung verschmähend, mit niedergebeugtem Körper vor dem Menschen 
her, wobei es Schwanz und Flügel tief hängen läßt und angstvoll warnend 
gok gok ruft. Oft kann man so den Vogel auf 6 — 10 m vor sich hertreiben. 
Nähert man sich zufällig den verstecktliegenden Jungen oder erfaßt sogar 
eins derselben, so wird die Alte immer ängstlicher, schleift mit Flügeln 
und Schwanz auf der Erde, rutscht wie gelähmt am Boden hin und ruft 
klagend Kur, Kr. Nun fliegt das Männchen, das sich in der Nähe ver- 
borgen hielt, mit kurzem Knarren in die Höhe, um freilich sogleich wieder 



Lagopus rupestris isLandoriini. 275 

einzufallen. Hat das Weibchen aber den Feind glücklich fortgelockt, so erhebt 
es sich ebenfalls mit einem dumpfen Hahaha... oder Kokoko... der Be- 
friedigung-. Die Dunenjungen erlialten schon nach wenigen Tagen richtig 
befiederte Flügel, mit denen sie etwas flattern können. Eine Woche alt 
fliegen sie bereits rasch und hoch, wie ein Schwärm Drosseln, durch die Luft. 

Ein etwa 4—5 Tage alter Vogel meiner Sammlung, (5, vom IH. Juli 1903 aus der 
Gegend vom Myvatn, zeigt folgende ]\Iaßt>. Gewicht i. Fl.: 39 g. Gesamtlänge i. Fl.: 
105mm. J'lugbreite: 240. Flügel: 69. Schwanz: 14. Flügel = Schwanz. Schnabel 
(von der am weitesten vorspringenden Befiederung bis zur Spitze): 5,5. Sehnabolhöhe: 5. 
Tarsen: 18. Mittelzehe inkl. der 5 mm langen Kralle: 17 mm. — Iris: dunkelbraun. 
Schnabel: dunkel schwarzgrau, Unterschnabel am Grunde schmutzig fleischfarben. 
Sohlen: gelblich. — Mageninhalt: Blüten von Vaccinium uliginosum und weiche, zarte 
Blättchen. Ein etwa 12 Tage altes ? pull, meiner Sammlung hatte mehrere Rüssel- 
käfer und Fliegen, sowie Blüten einer Polyijonum- Avi in Kropf und Magen. Bei 
diesem Individuum zeigte sich schon eine schmale, blaßrote Ilautstelle über den Augen. 

Werden die Jungen älter, so kümmert sich das Männchen allmählich 
lebhafter um sie. Mit schnarrendem Korrr, manchmal auch mit hartem 
RopropropkriT, fliegt es der Familie voran, die ihm mit äußerst raschen 
Flügelschlägen, ohne jedoch ein auffälliges Geräusch hervorzubringen, folgt. 
Die Flügel tief abwärtsgebogen schwebt der Vogel endlicli als erster auf die 
Erde nieder, läuft zu Fuße weiter und knarrt gelegentlich noch. Kommt 
einer der alten Vögel ums Leben, so führt der andere Teil die Nachkommen- 
schaft, verwaisen die Jungen vollständig, so helfen sie sich notdürftig auch 
allein. Etliche Male traf ich solche führerlose Scharen, die sehr schnell 
über die Heide liefen und sich recht gut zu verbergen wußten. Nach 3 bis 
spätestens 4 Wochen sind die Vögel vollständig befiedert; zuletzt verlieren 
sie den Flaum an den Kopfseiten und am Halse. Dem Menschen gegen- 
über sind sie nun fast noch vertrauensseliger und törichter als die Alten; 
auf 3 — 4 m lassen sie ihn zu Pferde oft herankommen. Daweile warnen 
die Eltern mit rauhem Watwat, Wutwut zur Vorsicht. Sobald die Jungen 
halberwachsen sind, schlagen sich mehrere Familien zusammen. Schon 
Anfang August sah ich Scharen von 40—50 Stück beieinander, die eilig 
dahinliefen. Doch fand ich zu derselben Zeit auch noch sehr kleine Vögel 
beim Myvatn. Später im Jahre vereinigen sich oft Hunderte von Schnee- 
hübnern. Diese streifen im Lande umher und kommen besonders nach 
solchen Gegenden, wo kräftiger Heidewuchs oder Buschwald vorhanden ist. 
Hier finden sie während des Winters njcht nur Nahrung an Beeren, 
Blättern, Knospen und Stengelstücken, sondern auch etwas Schutz. Kälte 
und Schnee scheuen die Vögel im allgemeinen nicht, überwintern deshalb 
auch häufig hoch oben im Gebirge, wenn sich nur reichlicher Heidewuchs 
daselbst findet. Dann graben sie Gänge unter dem Schnee, um nach den 
Pflanzen zu gelangen, wobei ihnen die spateiförmigen Nägel vortreft"licho 
Dienste leisten. Zu Tausenden erlegt man die zutraulichen Vögel in günstigen 
Eevieren, da ihr bitteres, mageres Fleisch gern gegessen wird und einen 
nicht unwichtigen Handelsartikel darstellt. Hunderte müssen auch unter 
den Fängen von Jagdfalken und Polarfüchsen ihr Leben lassen. Bei allzu- 
großer Verfolgung oder besonders ungünstigen Witteruugsverhältnissen kommea 

18* 



276 Columha pülumbus. 

die Schneehühner an die Meeresküste hinab, besuchen dann sogar ausnahms- 
weise die Vestmannaeyjar und Grimsey, dürften aber das isländische Gebiet 
im weiteren Sinne Icaum jemals verlassen. Es ist deshalb wohl erklärlich, 
daß sich im Laufe der Zeit eine dem Lande eigentümliche Lokalrasse ge- 
bildet hat. 

89. Columba palumbus L. 

Ringeltaube. 

Columha palumbus, Linn. : Salvador!, Oat. JBirds Brit. Mus. XXI, |). 299 (1893). 
— Naumann, Vögel Mitteleuropas VI, S. 17 (1897). 

Isländisch: Hringdüfa. 

Auch dän. & norw. : Ringdue, Schwed.: liingdufva. HoIL: Kingduif. Engl.: 
Ringdove. 

Columha palumbus bewohnt das paläarktische Europa und einige benachbarte 
Gebiete im südwestlichsten Asien und in Nordafrika. In Rußland geht sie bis zum 
Weißen Meere nordwärts, brütet auch häufig in Süd- und Mittelfinnland, in Skandinavien 
bis etwa zum 65. Grade hinauf. Gemein ist sie in allen Teilen der Britischen Inseln, 
wo sie sogar zahlreich überwintert. Auf den Färöern zeigte sie sich als gelegentlicher 
Gast, in Grönland allerdings noch nicht. 

Von Island ist mir auch nm- ein einmaliges Vorkommen der Ringel- 
taube bekannt. P. Nielsen erhielt nämlich FJnde Dezember 1901 ein bei 
Eyrarbakki erlegtes Exemplar (in litt.). 

90. Haliaetus albicilla (L.). 

Seeadler. 

Falco albicilla (Lath.): Faber, Prodromus, S. 1 (1822). — Haliaetos albicilla 
Selby: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. ^84 (1862). — Haliaetus albicilla (Linn.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 407 (1863). — Haliaetus albicilla L.: Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 32 (1895). — Haliaetus albicilla (Linn.): Slater, Birds of Iceland, 
p. 28 (1901). 

Haliaetus albicillus, L.: Sharpe, ('at. Birds Brit. Mus. I, p. 302 (1874). — Hali- 
aetus albicilla (L.): Collhi, Skandinaviens Fugle, S. 13 (1877). — Winge, Grönlands 
Fugle, S. 259 (1898). — Naumann, Vögel Mitteleuropas V, S. 162 (1899). 

Isländisch: Orn (= Adler), Sjöörn, Sseörn (^ Seeadler), alter Name Ari, davon 
■gebildet Assa, das noch gebraucht wird. In einigen Gegenden des Ostlandes auch 
Lodbrök, verkürzt Lobba (von lodinn = zottig, brök = Hose, der laugen Schenkel- 
federn wegen). 

Auch dän.: Orn, Havern. Norw.: Orn, Söörn. Schwed.: Orn, Hafsöru, Arn. 
HoU.: Zeearend. Engl.: Erne. Fär. : Orn. 

Haliaetus albicilla bewohnt Europa, besonders im südlichen und östlichen Teile, 
ferner das untere Ägypten, Kleiuasien und Asien südlich bis zum Jangtsekiang, östlich 
bis Kamtschatka. Hauptsächlich die jüngeren Vögel wandern im Winter südwärts bis 
zu den Kanarischen Inseln, Nordafrika, Persien und wahrscheinlich Nordindien, Süd- 
china und Japan. In Europa brütet Haliaetus albicilla bis hinauf nach Nowaja Semlja 
und in ganz Skandinavien, selten in Großbritannien, auf den Färöern heutzutage über- 
haupt nicht mehr, dagegen recht häufig in Grönland. — Die verwandte weißköpfige 
amerikanische Art (H. leucocepJialus) hat man dagegen weder in Grönland, noch 
irgendwo in Europa mit Sicherheit festgestellt. 

In Island gehört der Seeadler heutigentags nur noch zu den seltenen 
Brutvögeln, wenn auch an seine Ausrottung auf der Insel ti'otz aller 



Haliaetus albicilla. 



277 



VerfolgiiDgeii iiiclit so bald zu dciikcu ist. p]r bewohnt steile Felsen in der 
Nähe von Vogelkolonien, gewöhnlich am Meeresgestade, weniger oft in der 
Umgebung größerer Binnenseen und Ströme. Früher brütete z. IJ. ein Paar 
regelmäßig beim M^vatn, ist aber jetzt von dort verschwunden. Allerdings 
besucht der Adler diesen See, wie auch alle andern vogclreichen Gebiete 
der Insel, von Zeit zu Zeit. 

Ich selbst hatte nur dreimal Gelegenheit, den Vogel auf Island zu 
beobachten, zuerst am 23. April an einer Meeresbucht dicht bei Reykjavik, 
wo eine Menge Seevögel sich tummelten. Der Adler, ein jüngeres, dunkel- 
schwänziges Exemplar, saß anfangs auf einem mit Tang bedeckten, von der 
Ebbe bloßgelegten Steine und war so wenig scheu, daß ich fast ungedeckt 
auf 80 — 100 m herankommen konnte. Leider hatte ich gerade an diesem 
Tage keine Kugelpatronen bei mir. Endlich erhob sich der Vogel mit 
langsamen Flügelschlägen, überflog mich mehrmals und ließ sich dann von 
neuem schwebend am Wasser nieder. Er schien eben reichliche Mahlzeit 
gehalten zu haben. Die Enten, Austernfischer und Rotschenkel in der Nähe 
eilten zwar lockend ein Stück davon, kehrten aber recht bald zurück. Auch 
einige Schafe zogen bis auf wenige Meter au den Adler heran, ohne daß 
sich dieser gerührt hätte. Zwei Raben jedoch, die zufällig durch die Luft 
kamen, umflogen ihn krächzend, ließen aber auch bald wieder von ihm ab, 
weil sie keine Beute bei dem Vogel bemerkten. Zwei andere Seeadler beob- 
achtete ich am Abend des 16. Mai IM Cap Nord. Sie zogen wundervolle 
Kreise über dem schimmernden Meere und horsteten sicher in der Nähe. 
Endlich sah ich Mitte Juni einen Seeadler am Eyjafjördr, der die Eider- 
kolonien von Laufäs und Umgegend täglich heimsuchte, bis er angeschossen 
wurde und nun ausblieb. 

Im allgemeinen sind die Seeadler, wenigstens die älteren Paare, Stand- 
vögel auf Island. Zeitig im Frühlinge beginnen sie mit der Ausbesserung 
oder dem Neubau des Horstes, der aus festen Tangwurzeln und Reisern 
hergestellt wird und sich meist in schwer zugänglichen Nischen, breiten 
wagerechten Spalten oder auf Vorsprüngen steiler Felsen befindet, mitunter 
aber auch auf dem freien Plateau eines Vogelberges angebracht ist. Die 
Vögel hängen, selbst ohne ersichtlichen Grund, zäh an alten Brutstätten. 
So erzählt Faber. daß, auf einer isolierten Klippe bei Löndrängar (südl. vom 
Snsefells), auf der schon Eggert Ölafsson 1750 einen Seeadlerhorst bemerkte, 
im Jahre 1820 noch immer ein solcher vorhanden war. Als ich am 
14. Mai 1903 nicht weit von der Stelle vorüberfuhr, konnte ich freilich 
nichts von Adlern erblicken. Unser Vogel legt im April, spätestens Anfang 
Mai, 2, mitunter auch 3 Eier. 

Ich besitze zwar zahlreiche Exemplare ans andern Ländern, konnte aber keins 
aus Island erhalten. Solehe scheinen an Größe, wie vielleicht der ganze Vogel über- 
haupt, die südosteuropäischen zu übertreffen und den grönländischen zu ähneln. 
12 Eier meiner Sammlung aus Südrußland zeigen als Maximum 77x57.6 bez. 76 X 
59,1 mm, ihr Durchschnittsgewicht beträgt etwa 13 g. Grönländische Exemplare messen 
nach Rey (Naumann V, S. 169) im Maximum 83,8 X 61 mm, im Gewicht durchschnittlich 
14,8 g. Preyer bezeichnet als Maß eines isländischen Stückes 81 X 60 mm. 



278 Ilierofali'o gyrfalco gyrfalco. 

Die Brutzeit beträgt nach Faber 35, die Dunenperiode etwa 50 Tage. 
Selten entwickelt sich mehr als ein Junges, das die Alten zwar reichlich mit 
Futter versorgen, dem Menschen gegenüber aber kaum jemals verteidigen. 
Am 25. Juni 1821 bestieg Faber einen Horst im Südwestlande, der 2 Junge 
im FLiumgetieder enthielt, von denen das kleinere tot war. In einem anderen 
Horste fand er am 5, Juli desselben Jahres neben einem tauben Ei ein fast 
flügges Junges. In beiden Nestern lagen Gewölle und Überreste, die als 
Nahrung der Adler Ca)ds lotjopus, Uria, Cepphus, liii^sa, Fulmanis und See- 
fische erkennen ließen. Häufig stellen unsere Vögel auch den Lachsen und 
größeren Forellen in Flüssen und Seen nach, wobei sie freilich mitunter 
selbst zu Schaden kommen. Mehrere Berichte liegen z. B. vom Myvatn 
vor, daß ein ertrunkener Seeadler im Fischnetze gefunden wurde, in das er 
sich beim Stoßen nacli darin gefangener Beute verwickelt hatte. Gelegentlich 
schlagen die Vögel auch junge Schafe. Ja ich sah bei Hjalteyri ein Mutter- 
schaf, das jedenfalls bei der Verteidigung seines ganz unverletzten Lammes 
von dem Adler derart am Halse gerissen wurde, daß es zwar noch in die 
Nälie des Ortes flüchten konnte, wohin sich der Räuber wahrscheinlich nicht 
wagte, kurze Zeit darauf aber verblutete. 



91. Hierofalco gyrfalco gyrfalco (L.). 
Kleiner Jagdfalke. 

Falco Lanarius (Liiin.): Faber, Prodromus, 8. 3 (1822). — Falco lanarius Linn.: 
Faber, Okens Isis XX, S. 68 (1827). — IFalco laniarius L. : Preyer (& Zirkel), Reise 
nach Island, S. 427 (1862). — Falco lanarius (Linn.): Newton, in Earing-Goulds Iceland, 
p. 407 (1863). — Falco lanarius: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 34 (1895).] 

Falco lanarius & Falco gyrfalco: Linne, Syst. Nat. Ed. X, n. 20 (? partim) 
und n. 22 (1758). — Hierofalco gyrfalco, L. : Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. I, p. 416 
(1874). — Falco gyrfalco, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 32 (1877). — Falco 
gyrfalco L. typicus: Winge, Grrenlands Fugle, S. 249 (1898). — Falco gyrfalco L. : 
Naumann, Vögel Mitteleuropas V, S. 81 (1899). — Hierofalco rusticolus gyrfalco (Linn.): 
Schalow, Vögel der Arktis, S. 222 (1904). 

Isländisch: Fälki, Valur, Haukur (partim). 

Auch dän. & norw. : Falk, Jagtf'alk. Schwed. : Falk. Fiiui.: Haukka. Lappl.:- 
Falle, Falli. 

Der Mittelpunkt des Verbreitungsgebietes von Hierofalco gyrfalco Hegt in Skandi- 
navien und Lappland. Doch kommt unsere Form nach Schalows Aulfassung (1. c.) 
von der westlichen Küste Grönlands und den gegenüberliegenden Länderstrecken der 
Davis-Straße, Baifins-Bai und des Smith-Sundes östlich bis an die Gestade der Norden- 
skiöld-See vor. Das Britische Museum besitzt sogar Bälge von Labrador und Kalifornien- 
Winge betont (1. c, S. 251), daß sich unter den 57 grönländischen Jagdfalken des 
Kopenhagener Museums 2 alte und 1 junger Vogel von Falco gyrfalco typicus befänden, 
die sich von skandinavischen Exemplaren durchaus nicht unterscheiden ließen. Ob 
diese Ähnlichkeit bloß eine scheinbare ist und ob es sich bei den betreffenden Bälgen 
um Bratvögel oder gelegentliche Gäste gehandelt hat, muß dahingestellt bleiben. Die 
auf Spitzbergen und Franz-Joseph-Land beobachteten Falken dürften nach Schalow 
ebenfalls unserer Form angehöi-en, wahrscheinlich auch die von Nowaja Semlja und 
vielleicht die von Jan Mayen. — Solange mau nicht Serien von sicher dem Geschlechte 
nach bestimmten Brutvögeln der einzelnen Gebiete besitzt, ist die Berechtigung der 
Formen und damit ihre Verbreitung noch immer zweifelhaft. 



Hierofalco gyrfalco gyrfalco. 279 

Für Island möchte ich den kleinen Jagdfalken als gelegentlichen 
Gast bezeichnen, der sich ab und zu nach unsrer Insel verfliegt. Ich nclimo 
ihn auch nur mit Vorbehalt in das Verzeichnis auf, besonders im Hinblicke 
auf Winges Angaben für Grönland. Unter den zahlreichen in Island erlegten 
Jagdfalken, die ich untersuchte, befanden sich zwar etliche, die in der 
Färbung außerordentlich H. g. gyrfalco gleicliknmen, docli maii ich als 
geringste Flügellänge 370 mm, während Klcinschmidt für männliclie Vögel 
unsrer Form ungefähr 360 mm angibt (Naumann V, S. 82). Bei einer Reihe 
von mir untersuchter skandinavisclier Vögel fand ich freilicli als geringstes 
Maß auch nur ;566 mm (Zool. Mus. in Dresden). Ich bin deshalb bei der 
bedeutenden Färbungs Variation der Art zweifelhaft geblieben, zu welcher 
Subspezies mau die fraglichen Exemplare rechnen sollte, zumal diese weder 
Geschlechtsbezeichnung, noch Datum der Erlegung trugen. 

Höchstwahrscheinlich ist aber Fabers ^^Falco lanarins L.", den er 
am 18. Sept. 1819 in Akureyri schoß, als der Vogel auf Haustauben stieß, 
zu unserer Form zu ziehen. Leider ging der Balg des fraglichen Exemplars 
mit derselben Sendung, in der sich die geheimnisvolle „Fringi/la idandicu'- 
befand, verloren. Doch dürfte kaum anzunehmen sein, daß es sich um 
einen Falco sacer Gm. (= Falco lanarius L., partim) handelte, da diese Art 
dem Südosten Europas und Mittelasien angehört. Nach der Beschreibung, 
die Faber an Ort und Stelle von dem fraglichen Vogel, einem jungen 
Weibchen, entworfen und die er später in Okens Isis (1. c.) veröffentlicht 
hat, läßt sich zwar die Artzugehörigkeit nicht mit völliger Sicherheit fest- 
stellen, doch passen die angegebenen Maße sehr gut auf //. g. gyrfaU-o. 
Auch hebt Faber hervor (1. c, S. 69), daß er mehrmals Falken, die besagtem 
Exemplare ähnlich waren, auf Island beobachtete, was von Falco mcer Gm. 
ausgeschlossen ist. Auf Falco ■peregrinus Tunst. paßt die Beschreibung 
keinesfalls. Faber sagt z. B. ausdrücklich, daß „die Füße des Vogels bis unter 
den mittleren Teil der Fußwurzel" befiedert waren. Eher noch könnte es 
sich um ein kleines Exemplar von H. g. idandus (Brunn.) gehandelt haben. 

92. Hierofalco gyrfalco islandus (Brunn.). 
Großer Jagdfalke. 

Falco islandicuH (Lath.): Faber, Prodromus, S. 2 (1822). — Falco arcticus 
Holböll, Blasiiis & Falco candicans Blasius: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, 
S. 385 und 388 (1862). — Falco islandicus Gmel. & Falco candicans (rmel.: Newton, 
in Baring-Cxoulds Iceland, p. 407 (1863). — Falco islandicus L.: Gröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 32 (1895). — Falco candicans, Gmel. & Falco islandus, Gmel.: Slater, Birds 
of Iceland, p. 29 and 30 (1901). 

Hierofalco candicans, Gm. & Hierofalco islandus, Gm.: Sharpe, Cat. Birds Brit. 
Mus. I, p. 411 and 414 (1874). — Falco gyrfalco, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 32 
(1877). — Falco gyrfalco var. islandicus Gmel. ex Briss. & var. candicans Gmel.: AN'inge, 
Grönlands Fugle,' 8. 249 (1898). — Falco gyrfalco islandus (Brunn.): Kleinschmidt, in 
Naumanns Vögel Mitteleuropas V, S. 83 (1899). 

Isländisch: Fälki; eddisch Valr, noch heutzutage gebraucht, dann besser Valur 
geschrieben (wahrscheinlich Abkürzung von Valfugl = Vogel der Walstati, allgemeinere 
Bezeichnung für Raubvögel); Haukur (= Habicht); genauer Veiditälki (= Jagdfalke) 
und Hvitifälki (= Weißfalke). 



280 Hierofulco gyrfalco islandus. 

Auch dän. & norw. : Jagtfalk, Hvidfalk. Schwod.: .lagtfalk, Hvitfalk. Engl.: 
White Jerfalkon. Fär. : Falkur. 

U. g. islandus ist nach meiner Auffassung der Brutvogel Islands und (iröidaiids. 
Daß er auch im nordöstlichen Amerika, südwärts bis Labrador, brütend, nicht nur als 
Gast vorkommt, möchte ich mit Kleinschmidt vermuten. Wahrscheinlich gehören auch 
die Jagdfalken Nordgrönlands und ürinnell-Lands zu unsrer und nicht zu der vorher- 
gehenden Rasse. Gelegentlich zeigt sich H. g. islandus auf den Färöern, den Britischen 
Inseln und an der Küste Nordfrankreichs. 

Island bewohnt der große Jagdfalke zwar niclit als liäufiger. aber 
doch weitverbreiteter Brutvogel. Zufolge des beträchtlichen Schadens, 
den er an Eiderenten, Schneehühnern, sogenannten Felseuvögeln und anderen 
nützlichen Arten anrichtet, wird er stellenweise eifrig verfolgt und wäre, da 
er wenigstens zur Winterszeit nicht sehr scheu ist, wahrscheinlich noch viel 
seltner, wenn nicht seine Eier zu Sammlungszwecken und gelegentlich auch 
die lebendigen Dunenjungen teuer bezahlt würden. Im allgemeinen bewohnt 
der Falke die höheren, wildzerklüfteten Gebirgspartieu, sowohl in der Nähe 
des Meeres, als tief im Innern des Landes. Am liebsten siedelt er sich in 
der Nachbarschaft von Vogelkolouien an, die er dann regelmäßig brandschatzt. 
Anderwärts bestreicht er auf seinen täglichen Beutezügen große Gebiete, 
sodaß man ihn gelegentlich überall, selbst in den Städten, zu sehen bekommt. 
Ich begegnete Jagdfalken in allen von mir bereisten Örtlichkeiten mit Aus- 
nahme von Grimsey, wo unser Vogel nicht brütet und nur außerhalb seiner 
Fortpflanzungszeit häufiger erscheint. 

Die isländischen Jagdfalken variieren in der Größe nicht allzusehr. 21 von 
mir gemessene Exemplare, zum Teil in den Museen von Kopenhagen, Reykjavik und 
Dresden, zeigen eine Flügellärige von 370 — 420 mm, die scheinbaren Männchen durch- 
schnittlich '61ö, die Weibchen 410 mm, was völlig mit den Angaben Kleinschmidts 
übereinstimmt (Naumann, I. c). Schwanz: 205 — 2H0, Tarsen: 57 — 67 mm. — Das 
kleinste Exemplar meiner Sammlung, (5 juv.. Akureyri, Oktober 1902, zeigt folgende 
Maße. Gesamtlänge: c. 580 mm. Flügel: 374. Schwanz: 237. Tarsen: 57. Mittel- 
zehe inkl. der 22 mm langen Kralle: 75 mm. Schnabel (von der Wachshaut bis zur 
Spitze): 24. — Schnabel und Fänge bei den helleren Exemplaren oft recht hell, erstere 
nach der Spitze zu matt graublau, am Grunde, besonders am Unterschnabel gelblichgrau 
bis gelblichweiß, letztere bei alten Exemplaren sehr hellgelb, auch die Krallen hell; 
bei dunkel gefärbten Vögeln weit dunkler, Krallen mitunter fast schwarz. — In der 
Befiederung variieren die isländischen Falken bedeutend. Man trifft alle 4 Phasen, in 
denen nach Kleinschmidt (1. c, S. 84) unsere Form überhaupt abändert. Die weiße 
Phase ist nicht häufig, ganz ungefleckte Exemplare kommen bloß ausnahmsweise vor. 
Ein recht helles, nur an Rückeu und Flügeln wenig schwärzlich geflecktes Individuum 
findet sich z. B. im Reykjaviker Museum. Daß aber auch die dunkelste Labrador- 
Phase in Island auftritt, beweist ein derartiges Exemplar von Öfjord (Akureyri) im 
Tring-Museum (Kleinschmidt, 1. c, S. 85). Die mittelhellen Phasen werden am häufigsten 
gefunden. Die Mehrzahl der isländischen Vögel zeigt hellere Gesamtfärbung als skandi- 
navische. — Die Färbung ist individuell, wird aber im Alter reiner und schärfer, das 
Weiß tritt mehr hervor. Daß die jungen Vögel längsgestreift, die alten mehr quer- 
gebändert und mit herzförmigen Flecken bedeckt sind, hat schon Faber in seinen 
genauen Beschreibungen (ükeiis Isis 1827, S. 62 — 64) deutlich genug hervorgehoben. 
Auch wußte Horrebow bereits, daß sich mitunter in einem Neste weiße, halbweiße und 
graue Junge fänden (Efterretninger om Island, S. 147), und Faber stimmt dem voll- 
kommen bei (1. c.,S. 65). Mir wurde diese Tatsache ebenfalls von verschiedenen glaubhaften 
Leuten in Island mitgeteilt. Auch paaren sich helle und dunkle Vögel gar nicht selten. 



Hiorofidco gyrfalco islaiulus. 281 

Die Diagnosen für die Subspezies candicans (Gm.) und obsolctus (Gm.) nur nach der 
Färbung dürften unhaltbar sein. 

Der Jagdfalke ist in der Hauptsache Standvogel auf Island. Sobald 
die Frühjahrswitteruug es erlaubt, treffen sich die alten Paare bei ihrem 
vorjährigen Nistplatze, den sie mit großer Zäliigkeit beibehalten und der, 
auch wenn mau beide Vögel wegschießt, immer wieder von anderen benutzt 
wird. Der flache, breite Horst aus wenig Reisern und anderen harten 
Pflanzenstengeln befindet sich im oberen Teile einer schwer zugänglichen, 
senkrechten Felswand, zumeist in höheren Gebirgspartieu. Später im Jahre 
wird die Felsnisclie durch den weißen Unrat der Vögel oft weithin siclitbar 
und deshalb nicht selten gefunden. Horrebow behauptet, daß den Falkeu- 
fängern seiner Zeit fast alle Horste im Lande bekannt gewesen wären. 
Die Besteigung des Platzes ist freilich immer mit Schwierigkeit verbunden. 
Ende April beginnt die Ablage der Eier. Alte Paare haben unter günstigen 
Verhältnissen ab und zu schon im letzten Drittel dieses Monats volle 
Gelege, in der Regel jedoch werden die Eier in der ersten Hälfte des Mai 
gezeitigt. 6 nordisländische Gelege der Sammlung Ottoßon stammen aus 
der Zeit vom 3. — 15. Mai (in litt.), ein wahrscheinlich unfertiges meiner 
Sammlung aus den letzten Tagen des April. Werden den Vögeln die frischen 
Eier genommen, so legen sie gewöhnlich noch einmal. Derartige Eier 
findet man unbebrütet bis Ende Mai. Das Normalgelege besteht aus 4 Stück; 
5 Eier kommen nicht allzu selten, 3 noch häufiger, besonders in Nach- 
gelegen, vor. 

Ein Gelege meiner »Saniiiilung zeigt folgende Maße: 61,5x47 mm (7,15 g), 
61,4x46,8 (7,1), 60,8x47,7 (7). — 6 weitere der Sammlung Ottoßon: 64,5x48,3 
(7,7), 64,5x48(7,0.5), 63,7x48,3(7,05), 63,7x47,8 (6,98). - 64,1x46 (6,66), 
62,8x47.5(6,8), 61,6x46,5(7,35), 59,5 x 47,3 (6,6). — 62,8 X 51 (7,96), 62,3x49 
(7,11), 62,3x49 (7,28), 62 x 50.5 (8,33). — 60 x 46,4; 59,7x47,4; 59,4x46,3; 58,2 
X 46,6. — 58,9 X 44,6 (6,07), 58,8 x 46,6 (7,25), 58,2 x 45,7 (6,51), 58 x 47,3 (6,9). — 
57,2x45,5 (6,2), 57,1x46,6 (6,55), 57x46,4 (6,1), 56,7x46,4 (6,35). 

Im allgemeinen mag das Weibchen brüten, doch wird es nach Faber 
regelmäßig vom Männchen dabei abgelöst, das sich auch sonst selten weit 
vom Horstplatze entfernt. Die Brutdauer dürfte S'/o— 4 Wochen währen. 
Anfänglich verlassen oft beide Vögel, besonders an sonnigen Vormittagen, 
die Eier auf einige Stunden und schweben wie zur Paarungszeit in wunder- 
vollem Bogenfluge himmelhoch über dem Brutbezirke. Wol)l sieht man das 
Kreisen auch später im Jahre von dem beutesuchenden Vogel, doch ist es 
dann weniger vollkommen und fast immer mit langsamen Flügelbewegungen 
oder sogar dem hastigen, raschen Flattern verbunden, das im geradegehenden 
Fluge zumeist angewendet wird. Endlich schrauben sich die Falken nach 
dem Horste hinab, treiben sich häufig und jagen wild durcheinander, was 
ich am 23. Mai bei Saudärkrökr aus ziemlicher Nähe beobachten konnte. 
Dabei riefen beide Vögel fortgesetzt ihr durchdringendes Kjak, das an gewisse 
Rufe des Wanderfalken und auch des Hühncrhabiclits erinnert, seltner ein 
höheres Gik, das sich etliche Male zu einem jauchzenden Triller: Giii... 
verband. Ölafsson und Faber erzählen auch, daß unser Falke ein gellendes 



282 Hierotalco gyrfak-o islaiidus. 

Geschrei ausstößt, wean er Beute gemacht hat. Später im Jahre verhalten 
sich die Vögel abseits vom Horstplatze meist sehr still. Selbst wenn sie 
von Raben verfolgl; werden, was recht häutig geschieht, geben sie kaum 
einen auf gi'ößere Entfernung hin hörbaren Ton von sich. Nur am Horst- 
platze sind sie lebhafter. Gegen Ende der Brutzeit sitzt das Weibchen 
ziemlich fest, während das Männchen bereits Nahrung herbeischleppt. Diese 
dürfte mit seltnen Ausnahmen aus größeren Vögeln bestehen. Faber hebt 
mit Recht hervor, daß der Jagdfalke in der Regel weder Säugetiere, noch 
Fische, noch Aas verzehre. Seine Lieblingsnahrung bilden die Sclineehühner, 
die ihren Feind auch sehr wohl kennen, aber zu ungcscliickt sind, sich 
gehörig vor ihm zu schützen. Wiederholt fand ich die Überreste solcher 
und anderer Beutevögel, denen fast immer der Kopf vollständig fehlt. Im 
übrigen frißt der Falke, nach dürftiger Entfernung der Federn, nur Ein- 
geweide und Brustfleisch. Unrichtig ist die Ansicht, daß unser Vogel seine 
Beute ausschließlich in der Luft erhasche. Er scheint im Gegenteil recht 
häufig solche vom Boden aufzunehmen, wie ich selbst beobachtete. Gerade 
den wenig fliegenden Schneehühnern dürfte er sonst nicht mit so gutem 
Erfolge nachstellen. Schon die alten Falken fänger befestigten den zum 
Anködern dienenden Vogel auf der Erde und erzielten die besten Resultate 
damit (1., S. 12). Mehrfach erzählte man mir in Island, daß bei den winter- 
lichen Schneehuhnjagden der erlegte Vogel nicht selten von einem Falken 
vom Bodeu weggenommen würde, ehe noch der Jäger zur Stelle geeilt sei. 
Oft müßte freilich der Räuber seine Dreistigkeit auch mit dem Tode büßen. 
Der Falke stößt in solchen Fällen schräg von oben und durchaus nicht mit 
allzugroßer Wucht auf das Beutetier, trägt es aber nur dann hinweg, wenn 
ihm die Gegend unsicher erscheint. Gelegentlich fertigt man in Island, 
wie auch hierzulande, hölzerne, weißaugestrichene Nachbildungen von Vögeln, 
besonders Eiderentericheu, aus denen man ziemlich lange, scharfe Eisen- 
spitzen vorragen läßt, wie ich dies z. B. auf dem Dache des Pfarrhauses 
von Laufds (Eyjafjördr) sah. Ab und zu sollen Jagdfalken, auch Steiufalken 
und selbst Seeadler auf diese Nachbildungen herabstoßen und sich dabei 
verletzen. 

Die weißflaumigen Dunenjungeu schlüpfen etwa Anfang Juni aus. 
Riemschneider traf beim Myvatn 3 halbwüchsige Tiere am 27. d. M., die 
am 17. Juli fast völlig befiedert waren (Ornithol. Monatsschrift 1896. S. 305). 
Krüper erhielt am 29. Juni schon 2 flugbare Junge (Naumannia 18.57, S. 29). 
Faber fand am 6. Juli ein Nest mit 3 ebenfalls flüggen Falken. Preyer 2 
fast flügge am 2. Juli. Ich selbst beobachtete eine Familie mit 3 völlig flug- 
baren Jungen am 12. Juli bei Ölafsfjördr. Die Tiere werden von beiden 
Alten mehr als nötig mit Nahrung versorgt und ängstlich bewacht. Die 
Dunenperiode dürfte, wie schon Faber meint, etwa einen Monat betragen. 
Selten wachsen aber mehr als 2 oder 3 der Vögel heran. In dieser Zeit 
ist der Falkenhorst nicht schwer zu finden, da der Unrat der Jungen die 
Umgebung überzieht und die Tiere selbst mit zeterndem Locken den Platz 
verraten. Nähert man sich, so fliegen die Alten unter ängstlichem Kjak 



Hierofalco gyrfalco islandus. 283 

Kjak Giü... umher, wobei sie nicht selten auf 20— 30 ni an den Menschen 
herankommen. Die flugbaren Jungen sind noch viel weniger scheu und 
haken, wenn man sich gedeckt hält, oft in geringer Entfernung auf. Zunächst 
halten sich die Familien in der Nähe des Horstes; die Jungen schhifeu 
anfänglich auf demselben, die Alten pflegen stundenlang auf ihren Lieblings- 
felszacken der Ruhe. Im August wird der Verband loser; die Vögel zerstreuen 
sich allmählich und streifen beutesuchend weiter umher. Finden sie geeignete 
Nahrung, insbesondere Schneehühner, bleiben sie freilich auch während des 
Winters auf ihren heimatlichen Bergen; sonst kommen sie zu warmen Quell- 
gebieten oder an das Meer, wo sie den Wasservögeln nachstellen. Gar 
nicht selten besuchen sie auch einzelne Gehöfte und sogar die Städte — 
ich sah zweimal Jagdfalken dicht über lleykjavik fliegen — setzen sich auf 
Häuser und Stangen und verfolgen die Tauben. Vor allem die jüngeren 
Vögel sind bei solcher Gelegenheit leicht zu schießen. Nur eine geringe 
Zahl isländischer Jagdfalken scheint die Insel während des Winters zu 
verlassen, da nur wenige in südlicheren Gebieten beobachtet werden. Ebenso 
mag der Zuzug von Grönland kein allzu starker sein, wenngleich die scharf- 
sichtigen, hoch und weit fliegenden Vögel den Weg zwischen Island und 
Ostgrönland bald finden dürften. Ob die besonders im Winter beobachteten 
sehr hellen Falken immer grönländische Gäste sind, ist bis jetzt nicht erwiesen, 
wenn auch die alten Falkenfänger, die vortreffliche Beobachter unseres 
VoR-els waren, dies annahmen. 



93. Falco merillus (Gerini). 
Steinfalke. 

Falco ccesius (Meyer): Faber, Prodromus, S. 3 (1822). — Falco c(esius Mey. : 
Preyer (& Zirkel), Keise nach Island, S. 388 (1862). — Falco aesalon Linn.: Newton, 
in Baring-Goulds Iceland, p. 407 (1863). — Oröndal, Islenzkt l'uglatal, bis. 34 (1895). 
— Falco aesalon. Tunstall: Slater, ßirds of Iceland, p. 33 (1901). 

Falco reguhis, Pall.: Sharpe. Cat. Birds Brit. Mus. I, p. 406 (1874). — Falco aesa- 
lon L.: CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 38 (1877). — Falco wsalon Tunst. typicus: 
Wingc, Grönlands Fugle, S. 246 (1898). — Falco aesalon Tunst.: Naumann, Vögel 
Mitteleuropas V, S. 111 (1899). 

Isländisch: Sinirill (Etyinologiscli verwandt mit menila), gekürzte Form Smirl ; 
auch Dvergialki. 

Deutsch gleichfalls: Merlin, Schmerl. Dan.: Dvergfalk. Norw.: Dvsergfalk. 
Schwed.: Dvärgfalk. HolL: Smelleken. Engl.: Merlin. Fär.: Smiril. Franz.: Eme- 
rillon. Span.: Esmerejon. Ital.: Smeriglo, Smerlo. 

Falco merillus brütet im Norden der paläarktischen Kegion. In Sibirien scheint 
er stellenweise bis etwa zum 70. Grade, vielleicht noch nördlicher vorzukommen, in 
Europa ebenfalls bis in die höchsten Breiten, südwärts ungefähr bis zum 55. Grade. 
Er bewohnt unter anderem Nordrußland, Finnland, Lappland, Schweden, Norwegen, 
auch Nordengland und Schottland. Auf den Färöern dürfte er heutzutage nur aus- 
nahmsweise noch brüten, besucht die Inseln aber regelmäßig zur Zugzeit. In Grön- 
land ist er mit Sicherheit bloß einmal im Süden erlegt worden. Im Winter streift 
unsere Art südwärts bis Nordafrika, Nubien, Nordindien und Südchina. 

In Island gehört der Steiufalke zu den nicht seltenen Brutvögeln. 
Da mau ihm verhältnismäßig wenig nachstellt, ist er unter den Raubvogel- 



284 Falco merillus. 

arten noch die häufigste und verbreitetste. Ich traf ihn bei Reykjavik und 
Eyrarbakki, wie auch in allen Teilen des Nordlaudes, die ich eingehender 
untersuchte. Man begegnet ihm sowohl in unmittelbarer Nähe der Ortschaften 
und Gehöfte, als in der tiefen flinsamkeit wilder Gebirge. Mit Hilfe seines 
raschen Fluges vermag er täglich große Gebiete nach Reute abzusuchen, 
weshalb man ihn häufig auch in vogelreichen Buschwäldern, Gras- und selbst 
Sumpilandschaften antrifft. 

Der Steiufi/lke ist ein Zugvogel für Island, der Anfang April auf 
der Insel erscheint. f]nde des Monats kommen die Paare nach ihren Brut- 
plätzen, die sich in einsamen, felsigen Gebirgen und Lavafeldern befinden. 
Bald darauf beginnen die Vögel mit der Ausbesserung oder dem Neubau 
des Horstes, der aus holzigen Pflanzenstengeln und Reisern hergestellt und 
mit Halmen ausgepolstert wird. Er befindet sich in Nischen oder auf Vor- 
sprüngen steiler, jedoch nicht immer hoher Felsen, recht häufig an Fluß- 
tälern. Mit prächtigen Bogenlinien kreisen nun die Falken an soimigen 
Morgen hoch über dem Horste, wie ich es am 21. Mai bei Blönduös beob- 
achtete. Für gewöhnlich haben sie einen dem Turmfalken sehr ähnlichen, 
flatternden Flug oder schweben nur auf kürzere Strecken. Die Ablage der 
Eier erfolgt Ende Mai oder Anfang Juni. 4 nordisländische Gelege meiner 
Sammlung wurden in der Zeit vom 24. Mai bis 15. Juni genommen; das 
letzte davon war bebrütet. In normalen Fällen beträgt die Anzahl 4, nicht 
selten auch 5, ausnahmsweise 6. in Nachgelegen häufig nur 3 Stück. 

Isländische Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 42,8x31,1 mm 
(1,65 g), 42,8x31 (1,6), 41,2x31 (1,6), 40,2x81,1 (1,55). — 41,8x31 (1,55), 
40,7x31,1 (1,6), 40,6x31,3 (1,55), 40,1x31,2 (1,65). — 40,4x31 (1,9), 39,9 x 
30,5 (1,7), 39x30,5 (1,75). — 40,1x30 (1,58), 39,6x30 (1,58), 39x30,1 (1,5), 
38x30,2 (1,5). 

Am 21. Mai bemerkte ich nicht weit von Blönduös ein Paar Stein- 
falken, deren Horst sich auf einer unzugänglichen steilen Insel in der Blauda 
befand. Als ich mich näherte, entdeckte mich das Männchen sofort und 
begann lebhaft zu schreien. Die scharfen, lauten Rufe unsrer Vögel, die ich 
bis in den August hinein öfters hörte, ähneln denen des Turmfalken, sind 
aber etwas weniger hell und klirrend, ungefähr kikikiki oder klikliklikli, je 
nach Stimmung höher oder tiefer. Andere Laute vernahm ich nicht. Im 
erwähnten Falle kam das Männchen, ein schön ausgefärbtes Exemplar, auf 
mich losgeflogen, rüttelte über mir und umflatterte mich mit fortwährendem 
Geschrei. Endlich stieß es sogar mit rasclien Wendungen bis auf wenige 
Meter von vorn auf mich herab, ohne sich durch das Schwingen meines 
Stockes beirren zu lassen. Ein Gewehr hatte ich nicht bei mir. Das Weibchen 
saß unterdessen auf einem Felsen und rief ab und zu gleichfalls, doch 
weniger lebhaft und ziemlich teilnahmlos. Es mochte erst frische oder 
überhaupt noch keine Eier haben. Nach einigen Minuten wurden die An- 
griffe des Männchens seltner. Beide Vögel setzten sich auf die Spitzen 
kleiner Felsvorsprünge oder Grashügel, die sie immer wieder benutzten. 
Auf einer kahlen Steinplatte in unmittelbarer Nähe meines Standortes be- 
merkte ich die Überreste einer Arquatella vutritima, sowie eine ganz frische 



Falco uierillus. 285 

Maus (Arvicola oeronoiniis?), die zweifellos von der Mahlzeit der Vögel 
herrührten. Vielleicht benahm sich gerade deshalb der männliche Falke so 
angriffslustig und aufgeregt, weil ich auf diesem Platze stand. Als idi mich 
nachmittags mit dem Gewehre an die Stelle begab, zeigten sicli die Vögel 
recht gleicligültig und näherten sich nicht auf Schußentfernung. Wie ich 
erfuhr, hatte das Paar schon 19(J2 in dem etwa 25 m hohen Horste gelirütet 
und glücklich Junge großgezogen. 

Die Dauer des Brutgeschäftes beträgt nach Faber 20 Tage. Das 
Weibchen scheint in der Hauptsache allein zu brüten, doch hält sich das 
Männchen viel in der Nähe des Horstplatzes auf, bringt Futter herbei und über- 
wacht die Gegend. Umherstreifende Kaben werden von dem kleinen, mutigen 
Vogel heftig angegriffen, wobei es gelegentlich zu erbitterten Kämpfen kommt, 
wie ich einen solchen am frühen Morgen des 9. Juni im Fnjöskätale beob- 
achtete. Es war ein interessantes Schauspiel hoch oben in der Luft, be- 
gleitet von dem zornigen Korrr des Raben und dem durchdringenden Gezeter 
des Steinfalkeu. Leider verschwanden die Streitenden bald hinter einem 
Bergrücken. Sind endlicli die weißflaumigen Jungen ausgeschlüpft, so werden 
die Alten zu einer furchtbaren Geißel für die Kleinvögel der Umgegend, 
die fast ihre ausschließliche Nahrung bilden. Einige Male überrasclite ich 
den Steinfalken beim Kröpfen seiner Beute; viel öfter noch fand ich Kadaver, 
die allem Anscheine nach von seiner Mahlzeit herrührten. Besonders stellt 
er Steinschmätzern und Schneeammern nach, gern auch Wiesenpiepern und 
Bachstelzen, etwas seltener Leinfinken und Rotdrosseln, um derentwillen er 
die Buschwälder besucht. Weiter fängt er Wassertreter, Goldregenpfeifer, 
Rotschenkel und andere kleine Strandvögel, ziemlich häufig sogar die streit- 
baren, gewandten Seeschwalben. Größeren Arten, wie Brachvögeln, Schnee- 
hühnern und Enten raubt er die halbwüchsigen Jungen. Nach kleineren 
Vögeln stößt er meist nur in der Luft, indem er solange über der Gegend 
hin und her fliegt oder auch rüttelt, bis sie endlich ein Stück davonflattern. 
Größere fängt er aucli vom Boden, wie ich bei einem jungen Brachvogel 
selbst beobachtete, mitunter sogar vom Wasser (Faber, Okens Isis 1827, S. 72). 
Der Steinfalke ist ein wilder, äußerst lebhafter Räuber, der seine Beute mit 
lautem Preudengeschrei wegträgt und beim gierigen Kröpfen derselben oft 
seine sonstige Vorsicht vergißt. Die kleineren Vögel verbergen sich, sobald 
sie ihren Feind rechtzeitig erblicken, die größeren lassen erregt ihre Stimme 
hören oder verfolgen ihn, wobei sie versuchen, sich im Fluge über ihm zu halten. 

Die jungen Steinfalken verraten das Nest durch weithin hörbares 
Zetern. Flügge Vögel traf ich erst am 9. August auf der Hjaltadalsheicti 
in der Skagafjardar-Sysla, doch mag es solche oft schon früher geben. 
Anfangs halten die Familien zusammen. Spätestens im September aber 
zerstreuen sie sich, streifen überall im Lande umher und kommen gelegentlich 
sogar in die Ortschaften. Ende September oder Anfang Oktober verschwinden 
sie jedoch aus Island. Einzelne scheinen indes im Lande zu überwintern. 
So berichtet Gröndal (1. c), daß am 20. Januar 1895 ein Exemplar auf dem 
Kirkjusandr (SW.) erlegt worden sei. 



286 Cerchneis tinnuncula. 

94. Cerchneis tinnuncula (L.). 

Turmfalke. 

Falco tinnunculus: Grötuial, Islenzkt l'iiglatal, bis. 34 (1895). — Falco tinnwi- 
culus Jj. : Ssemundssoti, Zoolog. Meddel. fra Island, j). 13 (1905). 

Cerchneis tinmmcida, L. : Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. I, p. 425 (1874). — Falco 
tinnunculus: AVinge, Grönlands Fugle, 8.315(1898). — Tinnuncuhis tiriminctdns (L.): 
Naumann, Vögel 31itteleuropas V, S. 116 (1899j. 

Isländisch: Turnfälki. 

Auch dän. & norw. : 'J'aarnfalk. Schwed. : Tärnfalk. Finn. : Tornihaukka. 

Cerchneis tinnuncula bewohnt die paläarktische Region, brütet besonders in den 
mittleren Teilen, wurde aber auch bis Nordsibirien und Lappland hinauf angetroffen. 
In Skandinavien und auf den Britischen Inseln ist der Vogel, wenigstens im Süden, 
nicht selten, die Färöer besucht er nur als gelegentlicher Gast, bei Grönland zeigte 
er sich einmal weit ab vom Lande südlich von Cap Farvel. Im Winter streift er 
südwärts bis zu den Kanarischen Inseln, Abessinien, Nordindien und China. 

Von Island könnt man den Turmfalken imr als seltenen Gast. Gröndal 
berichtet, daß ihm der Arzt ]:)orv'ardur Kjerülf, ein guter Vogelkenuer, Mit- 
teilung über einen kleinen Raubvogel machte, den er auf dem Ostlande 
beobachtete und für Cerchneis tinnuncula ansprechen mußte. Ein sicheres 
Exemplar zeigte sich Mitte Oktober 1903 mehrere Tage hindurch westlich 
von Eyrarbakki (S.), verschwand darauf, wurde jedoch am 21. Oktober tot 
in dem Nebengebäude eines Hofes gefunden und P. Nielsen gebracht. Der 
Vogel war sehr abgemagert und augenscheinlich vor Hunger gestorben 
(Nielsen, in litt.). Sein Balg soll in das Reykjaviker Museum kommen. 

95. Asio otus (L.). 
Waldohreule. 

Otus vulgaris: Newton, Ibis VI, p. 132 (1864). — Otus vulgaris Flem.: Gröndal, 
Ornis XI, p. 451 (1901). — Asio otus (Linn.): Slater, Birds of Iceland, p. 25(1901). — 
Asio otus: Stefänsson, in Nordurland (4. Okt. 1902). 

Asio otus, L.: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. II, p. 227 (1875). — Asio otus (L.): 
Naumann, Vögel Mitteleuropas V, S. 54 (1899). 

Isländisch: Ugla, Trjäugla (= Holzeule, Waldeule), Eyrugla (= (3hreule) partim. 

Auch deutsch: Holzeule, ühreule. Dän. &norw. : Hornugle. Schwed.: Hornuggla. 

Asio otus ist eine paläarktische Spezies, die freilich den Polarkreis nirgends zu 
erreichen scheint. In Asien geht sie bis Südsibirien, im Ural bis etwa zu 59 °, in 
Finnland und Skandinavien bis 6'6^ nordwärts. Auf den Britischen Inseln brütet sie 
bis hinauf nach Schottland; auf den Färöern zeigte sie sich nur ausnahmsweise als 
Gast; in Grönland wurde sie noch nicht beobachtet. Auf dem Zuge geht sie süd- 
wärts bis nach Nordindien, Nordafrika und den Kanarischen Inseln. 

Island besucht die Waldohreule als seltner Gast, besonders in den 
kälteren Monaten des Jahres. Zufälligerweise liegen Berichte über ihr Er- 
scheinen nur aus dem Nordlande vor. Zuerst veröffentlichte Newton die 
Mitteilung, daß W. Proctor ein Exemplar unsrer Art erhalten habe. Gröndal 
berichtet, daß 1896 eine Waldohreule im Eyjafjördr erlegt wurde und ver- 
mutet, derartige Vögel kämen mit Schiffen. Ich glaube freilich, daß sie 
diese nur gelegentlich zum Ausruhen benutzen, wobei sie in der dunkeln 
Winterzeit wenig beobachtet werden dürften; sonst setzen sie sich wohl 



Asio otus. 



287 



auch auf Eisschollou im Meere. Als Nahrung mögen den verirrten Wanderern 
kleine Seetiere und Fische dienen, die unsere Art auch sonst fiingt. Das 
erwähnte Exemplar befindet sich in der Reykjaviker Sammlung. Slaters 
Mitteilung, daß eine Waldohreule 1897 im Eyjaijördr geschossen wurde, 
dürfte sich auf den vorstehenden Fall beziehen. Stefdn Stefänsson berichtet 
aber, daß ein weiteres Exemplar im Dezember 1899 bei Kelduhverfi erlegt 
worden sei, das sich jetzt ebenfalls im Reykjaviker Museum befindet. 



96. Asio accipitrinus (PalL). 
Sumpfohreule. 

Otus brachyotus Cuv. : Preyer (& Zirkel), Heise nach Island, S. 427 (1862). — 
Otus brachyotus (Gmel.): Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 408 (1863). — Otus 
brachyotus Gm.: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 34 (1895). — Asio accipitrinus (Fall.): 
Slater, ßirds of icelaiid. p. 26 (1901). 

Asio accipitrinus, Pall.: Sharpe, Cat. Birds Erit. Mus. II, p. 234 (1875). — OtxiS 
brachyotus (Forst.): Winge, Granlands Fugle, S. 263 (1898). — Asio accipitrinus (Pall.): 
Naumann, Vögel Mitteleuropas V, S. 58 (1899). 

Isländisch: Ugla, Eyrugla (= Ohreule), Trjäugla (= Holzcule, Waideule), 
Myriugla (= Surapfeule), ßrandugla. 

Auch deutsch: Mooreule, ßrandeule. Dan. & norw.: Sumphornuglo. Schwed.: 
Jorduggla. 

Asio accipitrinus hat eine bedeutende zirkumpolare Verbreitung, nordwärts im 
allgemeinen bis etwa zum 70. Grade. In Europa trilTt man sie fast in allen Ländern, 
wenigstens auf dem Zuge, doch meidet sie höhere Gebirge und ausgedehnte Waldungen. 
In Skandinavien und auf den Britischen Inseln findet sie sich stellenweise recht häufig. 
Die Färöer besucht sie nicht selten als Gast. Auch in Grönland hat man sie bis hinauf 
nach Sondre Upernivik (72® 11') ei-legt und vermutet, daß sie wenigstens im südlichen 
Teile des Gebietes vereinzelt brütet, wie sie dies auch in Labrador und an der AVest- 
küste der Davisstraße (bis 72**), sowie im übrigen Nordamerika tut. Im AVinter geht 
sie gelegentlich südwärts bis zur Magellan-Straße, Natal, Südasien und den Sandwich- 
Inseln. 

Für Island kennt man die Sumpfohreule nur als gelegentlichen 
Gast, der etliche Male außerhalb der Fortpflanzungszeit beobachtet wurde. 
Zumeist dürfte es sich dabei um Vögel handeln, die auf dem Zuge von 
Schottland über die Shetlands-Inselu nach Norwegen oder umgekehrt durch 
Oststürme abgelenkt wurden, wie dies augenscheinlich am 1. Mai 1898 auf 
Nolsö (Färöer) der Fall war, wo aus demselben Grunde zahlreiche Gäste, 
darunter auch mehrere Sumpfohreuleu, ans Land kamen (Knud Andersen, 
Videusk. Meddel. 1899). Derartige Exemplare würden auf Island besonders 
an der Europa zugewandten Seite erscheinen, wo man nach Gröndals Angaben 
den Vogel tatsächlich auch schon mehrmals gesehen hat (Ornis II, S. 355). 

Faber traf die Sumpfohreule nicht selbst auf Island, hörte aber in 
verschiedenen Gegenden wahrscheinlich von unserer Art, die er ungenauer 
Beschreibungen zufolge anfangs für Symium aluco (L.) ansprach (Prodromus, 
S. 4), später mit noch größerer Zuversicht für Glauddmm passerimim. (L.) 
(Okens Isis 1827, S. 73). Beide Vermutungen beruhen sicher auf IiTtum. 
Verhältnismäßig häufig scheint sich die Sumpfohreule am Ende der siebziger 



288 Asio accipitrinus. 

Jabre des vorigen Jalirliunderts nach Island verflogen zu haben. Im 
Kopenhagener Zoologisclien Museum befinden sich 2 isländische Bälge vom 
14. Dezember 1876 und 25. März 1878. P. Nielsen berichtet (Ornis III, 
S. 157), daß er am 5. Oktober 1877 ein lebendes Individuum der Art erhielt, 
das bei Hraungerdi (Ärnes-Sysla) gefangen worden war, ein anderes am 
30. September 1879 aus der Nähe von Eyrarbakki. In beiden Fällen wurde 
die Anwesenheit der Eule durch mehrere Raben verraten, die sie heftig 
verfolgten. Im Februar 1892 erlegte man ein weiteres Exemplar am 
]?ingvallavatn (Gröndal, Islenzkt fugiatal, bis. 34), das sich jetzt im Reykjaviker 
Museum befindet. Slater endlich erhielt einen Balg von der Melrakka Sletta 
(66 Vo °) aus dem zeitigen Frühlinge 1894 (1. c). — Das gelegentliche Brüten 
der Sumpfohreule in Island ist wahrscheinlich. Das Vorkommen von kleinen 
Nagetieren dürfte nicht Lebensbedingung für unsere Art sein. 

Anmerkung: Unbegründet scheint die Angabe in Naumanns Naturgeschichte 
der Vögel Mitteleuropas V, S. 18 (1899) zu sein, Nydula tenymalmi (Gm.) sei in Island 
vorgekommen. Der Verfasser dieser Notiz selbst konnte mir nicht mitteilen, worauf 
er seine Angabe gegründet habe. Auf Verwechslung von Iceland mit Ireland dürfte 
sie nicht beruhen, da N, t. auch von dieser Insel unbekannt ist (Howard Saunders, 
in litt.). Am ehesten könnte sich wohl die amerikanische N. t. richardsoni (Bp.) nach 
Island verirren, doch ist diese Art nur wenig zu weiteren Flügen geneigt und selbst 
für Grönland noch unbekannt. 

97. Nyctea nyctea (L.). 
Schneeeule. 

Strix nyctea (Linn.): Faber, Prodromus, S. 4 (1822). — Nyctea nivea Tlinbg.: 
Preyer (tSc Zirkel), Reise nach Island, S. B88 (1862). — Surnia nyctea (Linn.): Newton, in 
ßaring-Goulds Iceland, p.408 (1863). — Nyctea nivea Thunb.: Gröndal, islenzkt fugiatal, 
bis. 34 (1895). — Nyctea scancliaca (Linn.): Slater, Birds of Iceland, p. 26 (1901). 

Nyctea scancliaca (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. II, p. 125 (1875). — Nyctea 
nivea (Thunb.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 62 (1877). ■ — Winge, Grenlands Fugle, 
S. 263 (^1898). — Nyctea scandiaca (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas V, S. 28 (1899). 

Isländisch: Ugla, Snjöugla, Snseugla (von snjör, snajr ^ Schnee), Xattugla 
(= Katzeneule), Nättugla (= Nachteule). 

Auch dän. & norw.: Sueugle. Schwed.: Suöuggla. Fär. : Kattugla, Kätula. 
Engl.: Snowy Owl. Holl.: Sneeuwuil. 

Nyctea nyctea bewohnt zirkumpolar die arktisclie Kegion; nordwärts fand man 
sie brütend bis hinauf zu 82^8*^ auf Grinnell-Land. In den Tundren Nordasiens ist 
sie vielerorts recht häufig, etwas seltener in Nordrußland, Lappland und dem mittleren 
und nördlichen Skandinavien. Ob sie auf Nowaja Semlja, Dolgoi und AVaigatsch 
regelmäßig brütet, ist noch ungewiß. Auf Franz- Joseph-Land, Spitzbergen und Jan 
Mayen wurde sie nur vereinzelt gesehen. Dagegen brütet sie ziemlich häufig in den 
nördlicheren Teilen Grönlands, stellenweise auch zahlreich im arktischen Amerika. 
Während des Winters wandern viele Vögel südwärts, besonders jüngere und AVeibchen, 
kommen dann unter anderem nach den südlichen Küstengebieten der Ost- und Nordsee, 
nach den Britischen Inseln und Färöcrn, südwärts gelegentlich bis zum Kaspischen 
Meere, der Mongolei, Texas und den Bermuda-Inseln. 

Für Island kennt man die Schneeeule zunächst nur als nicht seltnen 
Wintervogel und gelegentlichen Sommergast. Dir Brüten auf der 
Insel aber ist nicht mit Sicherheit nachgewiesen. Am häufigsten wurde 



Nyctea nyctea. 289 

unsere Art wäbreud der kalteu Jahreszeit und in Nordisland l>eol)aclitet, 
wobei es sich um Wanderer aus Grönland handeln dürfte. Da liekanuter- 
maßen die Lieblingsnahrung der Schneeeule in Lemmingen besteht, diese 
Nager aber, und zwar Mijodes to7<piotus, in Grönland sich nur im östlichen 
Teile der Nordküste und dem nördlichen Teile der Ostküste finden (VVinge, 
Gr0nlands Pattedyr, S. 383. 1902), ist zu vermuten, daß in jenen Gegenden 
auch Nydeu iiyetea zahlreich auftritt und von hier aus, besonders mit dem 
Treibeise, nach Island kommt. Die Nahrung unserer Eulen besteht dann 
vorzugsweise in Fischen und Seevögeln, sonst auch sehr gern aus Schnee- 
hühnern. Zwar liegen genauere Daten über die Beobachtung unserer Art 
während der kälteren Monate nicht allzu zahlreich vor, doch steht trotzdem 
fest, daß einzelne Vögel hauptsächlich zu Anfang und zu Ende des Winters 
ziemlich regelmäßig in Island erscheinen. Faber nennt für das Vorkommen 
eines Exemplars das Spätjahr 1817, Thienemann den 20. März 1821, Gröndal 
Februar und März 1879. In den Küstengegenden des Nordlandes ist der 
Vogel vielen Bewohnern bekannt. Nach Grimsey z. B. sollen fast alljährlich 
einzelne Exemplare kommen, und auch Gröndal sagt (OrnisXI, S. 451), daß 
sich die Schneeeule ziemlich häufig zeige. Drei Präparate, darunter ein fast 
ganz weißes, befinden sich im Museum in Reykjavik. 

Interessanter sind die Fälle des Vorkommens unserer Art während 
der Sommermonate. Im Anfange des 17. Jahrhunderts behauptete der Isländer 
Björn Jönsson aus Skardsä, daß ,.Hvid-Öruen" nicht nur mit dem Grönlandeise 
nach Island kämen, sondern auch ihr Nest daselbst gebaut hätten (Th. Torfaeus, 
Groulandia Antiqua, p. 87. 1715). Hvidörn oder Kvitörn ist aber der noch 
heute in einigen Gegenden Norwegens gebrauchte Name für unsere Art. 
Seit diesen Zeiten hat niemand wieder mitgeteilt, daß man Eier der Schnee- 
eule in Island gefunden hätte, wenngleich eine Anzahl Notizen vorliegen, 
die ihr vereinzeltes oder auch nur ausnahmsweises Brüten im Lande als 
möglich erscheinen lassen. Hat man ja selbst auf Strömö (Färöer) am 
18. Juni 1897 ein Weibchen unserer Art geschossen, das allen Anzeichen 
nach vor nicht langer Zeit Eier gelegt haben mußte (Ornithol. Monats- 
berichte 1898, S. 188). Krüper teilt mit, daß ihm ein Kaufmann in Reykjavik 
versicherte, im Gebirge bei dem benachbarten Hafnarfjörcii- wäre etliche 
Jahre vorher eine Schneeeule im Juni gefangen worden (Naumannia 1857, II, 
S. 28). Preyer zweifelt nicht daran, daß unsere Art sich auf Island fort- 
pflanze, gibt aber keinerlei Beweis hierfür. Newton hält ihr Brüten auf 
der Insel ebenfalls für wahrscheinlich. Gröndal läßt die Frage offen. Slater 
teilt dagegen mit, daß W. E. Clarke von dem isländischen Arzte ]>. Kjerülf 
die Mitteilung erhalten habe, eine alte Schneeeule sei im Sommer 1882 bei 
Hallormstadir (Sudur Müla-Sysla) geschossen und eine andere in der Nähe 
gesehen worden. Clarke hält diese beiden für ein in Fortpflanzung begriflenes 
Paar. Slater berichtet ferner, J. G. Millais habe ein Exemplar unseres Vogels 
am Sog, dem Ausflusse des J)iugvallavatn, beobachtet, wie es nach Art eines 
Seeadlers Fischen nachspürte und eine wirklich gemachte Beute davontrug, 
vielleicht zum Neste. Da aber die Schneeeule, deren Junge in Grönland 

19 

Hantzsch, Vogelwelt Islands. 



290 Ceryle alcyon. 

selten vor Anfang September flügge werden, kaum im ersten Jahre ihres 
Lebens fortpflanzungsfähig sein dürfte, liegt die Vermutung nahe, es habe 
sich bei den erwähnten Exemplaren nicht um Brutvögel, sondern nur um 
Sommergäste gehandelt, da man weder Nest nocli Junge wirklich fand. 
Zweifellos ist dies auch bei dem einzelnen Individuum der Fall gewesen, 
das Pastor Jon Jönsson am 1. Juni 1848 auf Grimsey erblickte (Krüper, 
Naumannia 1857, S. 437). Der Mangel von Lemmingeu auf Island dürfte 
dagegen kaum als Grund des Nichtbrütcns unserer Art daselbst angesehen 
werden, da sich diese auch recht gern von Schneehühnern und anderen 
Vögeln nährt. 

98. Ceryle alcyon (L.). 
Köuigsfischer. 

Ceryle alcyon L.: Sajmundsson. Zoolog. Meddel. fra Island, S. 12 (190.")). 

Ceryle alcyon (L.): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XVII, p. 125 (1892). — Nau- 
mann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 419 (1901). 

Isländisch: Ameriskur Isfugl. 

Ceryle alcyon bewohnt ganz Nordamerika von Panama und den Westindischen 
Inseln nordwärts bis wenigstens zum Polarkreise, gelegentlich geht er auch über diesen 
hinaus. Einige Male wurde er als Irrgast in Großbritannien, einmal sogar (1899) in 
Holland erlegt. Der Vogel wählt zu seinem Aufenthalte reißende Ströme, besucht 
aber auch die Meeresküste. 

Für Island ist ein einmaliges Vorkommen des Königsfischers bekannt. 
Ende September 1901 zeigte sich ein Exemplar mehrere Tage hindurch 
auf Heimaey (Vestmaunaeyjar). Es gelang, den seltnen Gast zu schießen 
und durch ])orsteinn Jönsson für die Wissenschaft zu erhalten. Der Vogel 
erwies sich als ein jüngeres Männchen, wurde im Kopenhagener Museum 
kunstvoll präpariert und bildet jetzt eine Zierde des kleinen Museums in 
Reykjavik. 

99. Upupa epops L. 

Wiedehopf. 

Upupa epops L.: Ssemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 10 (1905). 

Upupa epops Linn.: Salvin, Cat. Birds Brit. Mus. XVI, p. 4 (1892). — Naumann, 
Vögel Mitteleuropas IV, S. 376 (1901). 

Isländisch: Herfugl. 

Auch deutsch: Heervogel. Dan. & norw.: Herfugl, Hserfugl. Schwed. : Härfägel. 

Upupa epops bewohnt die gemäßigten und wärmeren Teile der paläarktischen 
Region einschließlich der Mittelmeergebiete, auf dem Zuge geht sie bis zum mittleren 
Afrika, Indien und Borneo hinab. In Europa überschreitet sie als Brutvogel nord- 
wärts kaum den 62. Grad, findet sich aber nicht selten im mittleren Rußland und 
südlichfen Schweden. Einige Jlale ist der Vogel noch auf der Kola-Halbinsel vor- 
gekommen. Im August 1868 ließ sich sogar ein todmattes Exemplar unter etwa 77^ 
auf ein von Spitzbergen nach Hammerfest segelndes Schiff nieder. Auf den Britischen 
Inseln ist unsere Art selten, als Brutvogel nur ausnahmsweise angetroffen worden. 
Doch hat man. sie als Gast auch für die Orkney- und Shetlands-Inseln, sowie die 
Eäröer festgestellt, für Grönland freilich noch nicht. 



Upupa epops. — Apus apus apiis. 291 

Für Island wurde bisbor nur ein einniiiliges Vorkommen des 
Wiedehopfes beobachtet. Am 18. September 1901 nämlich erlegte man ein 
Exemplar bei dem Hofe Geiteyjarströnd am M^vatn (c. 65' '„ ^ n. Br.). Dieses 
wurdo durch Pastor Ärni Jönsson in dem benachbarten Sitütustadir als 
Balg mit unbestimmtem Geschlechte dem Reykjaviker Museum übersandt 
und befindet sich noch jetzt daselbst. 

100. Apus apus apus (L.). 
Mauersegler. 

Micropus apus (L.): Hartert, Cat. Birds Brit. I\his. XYI. p. 442 (1892). — Apus 
apus (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 232 (1901). 

Isländisch: Mürsvala. 

Auch deutsch: Mauerschwalbe. Dan. & norw.: Mursvale. 

Apus apus apus bewohnt die meisten Länder Europas, wird aber in den anderen 
Teilen des paläarktischen und mediterranen Faunengebietes durch nahe verwandte 
Formen vertreten. Auf dem Zuge kommt der europäische j\lauersegler durch ganz 
Afrika vor. Häufig brütet er noch in Nordrußland und Skandinavien, geht hinauf 
bis 68, in Norwegen sogar bis 69^. Auch bei Kolguew wurde ein Exemplar beobachtet. 
Zahlreich findet er sich auf den Britischen Inseln. Die Färöer besucht er gelegentlich 
als Gast. Von Grönland kennt man ihii allerdings nicht. 

Nach Island kommt der Mauersegler bloß als seltner Gast, der 
wahrscheinlich bisher übersehen oder mit einer Schwalbeuart verwechselt 
worden ist. Am 28. Juni 1903 zeigte sich bei Nebel und Nordwind ein 
einzelnes Exemplar auf Grimsey, wo ich damals gerade weilte. Der Vogel 
umflog besonders die Felsen der Siidwestküste, kam wiederholt auch in 
unmittelbare Nähe der Häuser und hielt sich hier ziemlich tief über dem 
Boden. Uns Menschen gegenüber war er durchaus nicht scheu, sondern 
jagte oft wenige Meter an uns vorüber. Da der Eidervögel wegen auf 
Grimsey nicht geschossen werden soll, versuchte ich zunächst, den seltnen 
Gast zu fangen, jedoch ohne Erfolg. Stundenlang verschwand dieser auch, 
kehrte aber immer wieder zurück, weil ständiger Nebel herrschte, der die 
fernen Berge Islands unsichtbar machte. Am 2. Juli fing das Wetter an 
sich aufzuklären, und ich befürchtete nun das baldige Verschwinden des Vogels, 
zumal sich dieser öfters in außerordentliclie Höhe emporschwang und weit 
über das Meer hinausflog. Durch einen glücklichen Schuß erlegte ich ihn 
deshalb. 

Der Vogel erwies sich als ein altes Männchen der typischen europäischen Rasse. 
Seine Färbung ist ziemlich dunkel, der weiße Kinnfleck verhältnismäßig groß und hell. 
Gewicht i. Fl.: 34 g (bei sächsischen von mir untersuchten Kxemplaren 40 — 44 g). 
Gesamtlänge i. Fl.: 172 mm. Flugbreite: c. 380. Flügel: 172. Schwanz: 81. Flügel -f 
Schwanz: 27. — Kropf und Magen enthielten außer einer mittelgroßen Fliege nur 
wenige kleine Mücken. — Der Balg befindet sich in meiner Sammlung, da Herr 
Gröndal mein Angebot, ihn aufgestellt dem Reykjaviker Museum zu überweisen, als 
unnötig ablehnte. 

Der alte Tngvar Gudmundsson auf Grimsey, der mir als der beste 
Vogelkenner der Insel gerühmt wurde, behauptete, diese Vogelart schon 
früher zweimal gesehen zu haben, und HeiT Pastor Matthias Eggertsson 

19* 



292 Corvus corax principalis. 

daselbst schrieb mir, daU sich kurze Zeit nach raeiner Abreise von Grimsey, 
also in der zweiten Hälfte Juli, wiederum ein Mauersegler zeigte. Dieser 
ist höchstwahrscheinlich geraeinsam mit dem von mir beol)acliteten nach der 
Gegend gekommen. Einige der Bewohner Grimseys hielten jenes zweite 
Exemplar allen Ernstes für das Gespenst des von mir erlegten Vogels. Das 
Tier verschwand bald wieder. 

101. Corvus corax principalis Ridgw. 
Kolkrabe. 

Corvus corax (Liiin.): Fabor, Prodroimis, S. 4 (1822). — Corvus corax L. & Corvus 
leucophaens Tem. : Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 389 (1862). — Corvus corax 
Linn. & Corvus leucophaeusY ieiü.: Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 409 and 410 
(1863). — Corvus corax L.: (iröndal, Islenzkt t'uglatal, bis. 35 (1895). — Slater, Birds 
of Iceland, p. 21 (1901). 

Corvus corax, L. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 156 (1877). • — Sharpe, Cat. 
Birds Brit. Mus. III, p. 14 (1877). — Winge, Granlands Fugle, S. 269 (1898). — Nau- 
mann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 85 (1901). 

Isländisch: Hrafn (nach der Stimme), Krummi (== der Diebische?). In der 
Skaldendichtung sind nach Gröndal für den Vogel gegen 170 Bezeichnungen gebraucht. 

Auch dän., noi-w. «& schwed.: Ravn. IIolL: Raaf. Engl.: Raven. Fär. : Ravn, 
Ravnur. 

Corvus corax bewohnt mit Ausnahme von Südamerika, Neuseeland und den 
meisten Südsee-Inseln die ganze Erde, variiert aber recht bedeutend und vielfach auch 
geographisch feststehend. Wahrscheinlich wird man den isländischen Raben gleichfalls 
als selbständige Lokalrasse aufstellen können, doch stand mir hierzu nicht genügend 
Vergleichsmaterial zur Verfügung. Ich ziehe unsere Form vorläufig zu C c. principalis 
Ridgw., mit dem sie am meisten verwandt sein dürfte. Diese Subspezies bewohnt 
vielleicht das ganze arktische Amerika von Grönland bis Alaska, südlich bis Hritisch- 
Columbia, Canada und Neu-Braunschweig (Hartert & Kieinschmidt, Novitates Zoolo- 
gicae, Vol. VIII, p. 43. 1901). Von dem färöischen C. c. varius Brunn. (1. c. p. 44 und 
Hartert, paläarktische Vögel, S. 4. 190-3) scheint der isländische Rabe in der Feder- 
strahlung etwas mehr abzuweichen, ferner schwächere Füße und stärkeren Glanz des 
Gefieders zu besitzen, wenngleich albinistische Exemplare mitunter auch auf unserer 
Insel vorkommen. 

Island bewohnt der Rabe im allgemeinen als ziemlich häufiger Brut- 
vogel, der auch im Winter die Insel selten verläßt. Man trifft ihn in allen 
Teilen der Küstengebiete und des Innern, am häufigsten bei Fischerplätzen, 
die in felsiger Umgebung liegen. Wenn er auch nirgends ganz fehlt, ist er 
doch stellenweise selten und besucht abwechslungslose Ebenen nur gelegentlich. 

In der Größe variieren isländische Raben ebenso wie solche aus andern Gebieten. 
4 von mir untersuchte Exemplare zeigten als größte Länge der Flügel 450 mm, des 
Schwanzes 267, der Tarsen 73, des Schnabels 80 mm. Davon ein $ ad. meiner 
Sammlung, Akureyri, Sept. 1903. Flügel: 423. Schwanz: 254. Sehnabellänge: 72. 
Schnabelhöhe (am Grunde): 29. Tarsen: 72. Mittelzehe inkl. der 20 mm langen 
Kralle: c. 57 mm. — Das Vorkommen albinistischer Vögel ist auch in neuerer Zeit 
wiederholt nachgewiesen, z.B. Preyer, S. 390; Newton, p. 410; Slater, p. 23. 

Der Rabe ist ein Standvogel für Island, der bis zur Paarungszeit 
gesellig lebt. Oft kommen aber die Tiere schon im März nach ihren Brut- 
plätzen, wenngleich man auch den ganzen Sommer hindurch kleine Trupps 



Corvus corax principalis. 293 

von jüngeren, nicht zur Fortpflanzung schreitenden Individuen an futterreichen 
Örtlichkeiten trifft. Bis Anfang Mai sind die Vögel besonders lebhaft. Mit 
mannigfachem Geschrei, dessen Hauptbestandteil das starke Korr bildet, 
fliegen sie umher, treiben sich oft auch recht heftig, wobei sie mitunter 
ein lautes, klappendes Flügelschlagen hervorbringen. Am 27. April beob- 
achtete ich in der Nähe von Reyjavik 8 Raben, von denen 2 einen regel- 
rechten Kampf ausfochten. Durch meine Anwesenheit (ohne Gewehr) ließen 
sie sich nicht im geringsten stören. Die 6 unbeteiligten Vögel sdiautcn 
den beiden, meist dicht über dem Boden dahinjagenden Streitern mit großem 
Interesse zu, saßen selbst ruhig auf Frdhügeln und stießen nur gelegentlich 
ein aufmunterndes Kr aus. Zuletzt erhoben sich alle 8 gemeinsam, flogen 
bunt durcheinander und entfernten sich endlich mit lebhaftem Krächzen. 
Im allgemeinen sind die isländischen Raben durchaus nicht scheu, erkennen 
freilich meist mit bewunderungswürdigem Scharfsinne das Schießgewehr. 
Sehr dreist benehmen sie sich in den Ortschaften. Selbst in Reykjavik 
fliegen sie dicht über den Häusern hin und lassen sich auf Dächern und 
Straßen nieder, um alles nur einigermaßen Geuießbare zu untersuchen und 
wenn möglich zu verzehren. Sehr häufig sieht man sie auch am Strande, 
w^o sie vom Meere ausgeworfene Seetiere aufnehmen. Besonders schädlich 
werden die Raben zur Brutzeit der nützlichen Vögel durch Wegfressen von 
Eiern und Jungen derselben; gelegentlich sollen sie freilich auch alte Vögel 
fangen und sogar neugeborene Schafe töten und verzehren. 

In Spalten und Nischen steiler Felswände errichtet das Paar seinen 
Horst. Wohl sieht man die Vögel nun an sonnigen Morgen hoch oben in 
der Luft fliegen und oft schwebend prächtige Bogen beschreiben, hört auch 
das zärtliche, nicht unangenehme Klong, mit dem sich die Gatten locken, 
findet aber den Nistplatz selbst nicht so leicht, da sich die klugen Vögel in 
dessen unmittelbarer Nähe still verhalten und sich bei Annäherung eines 
Menschen meist rechtzeitig entfernen. Der Horstplatz ist nicht immer be- 
sonders hoch gelegen. Ich entdeckte einen solchen in dem Lavagewirr von 
Hafuarfjördr bei Reykjavik kaum 4 m über dem Boden der Schlucht, aber 
ti'otzdem für bloßes Klettern unzugänglich. Beide Vögel tragen das Bau- 
material oft weit herzu, das Weibchen scheint jedoch in der Hauptsache die 
Herstellung des Horstes allein zu übernehmen. Dieser besteht aus einer 
ziemlich dicken Schicht von Zweigen und Heidekrautstengeln und wird mit 
Halmen und Moosen ausgefüttert. Die Ablage der Hier erfolgt im April, 
nur in besonders günstigen Lagen auch schon Ende März. Ihre Zahl betrügt 
gewöhnlich 4, mitunter auch 5 Stück, 3 nicht selten in Nachgelegen. 

Ein isländisches Gelege meiner Sammlung zeigt folgende Maße: 51,9x34,9 mm 
(1,95 g), 51,3x35 (1,97), 50,2x34,8 (1,92), 49,9x36 (2). 

Für gewöhnlich brütet das Weibchen, mitunter, besonders bei kalter 
Früh Jahrswitterung, wird es aber auch vom Männchen abgelöst, wie ich selbst 
einmal beobachtete. Oft steht das Männchen mit auf dem Horste und graut 
die Gattin am Kopfe. Die Brutdauer beträgt nach Faber 24 Tage. Gegen 
Ende dieser Zeit sitzt das Weibchen sehr fest, das Männchen aber schleppt 



294 Corvus cornix corriix. 

bereits Nuhruiig herbei. Sind Anfang Mai die Jungen ausgeschlüpft, wird 
der Horst leichter als vorher gefunden. Eifrig tragen beide Eltern allö 
möglichen Futterstoffe lierbei und krächzen lebhaft, wenn sich ein Mensch 
nähert, wobei sie auf Felsen in unmittelbarer Nähe des Horstes umherspringen 
oder aufgeregt umhei-fliegen. Raubvögel werden zu dieser Zeit besonders 
heftig verfolgt. Sind die Jungen größer, so zetern sie anhaltend, wenn sie 
Hunger haben, verstummen aber, sobald die Alten warnen. Krüper sah im 
Nordlande vom 20. Mai an ziemlich befiederte Junge (Naumannia 1857, H, 
S. 27), ich selbst am 7. Juni fast flügge Vögel bei Akureyri, die erste umher- 
fliegende Familie am 22. Juni in derselben Gegend. Riemschneider beob- 
achtete eine solche am 29. d. M. (Ornithol. Monatsschrift 189(3, S. 307), 
Preyer ebenfalls Ende Juni (1. c, S. 160). Kommt man zu Pferde des 
Wegs, kann man sich den Vögeln oft bis auf wenige Meter nähern, führt 
man jedoch ein Gewehr, verhalten sich die Jungen fast ebenso vorsichtig 
wie die Alten. Anfänglich bleiben die Familien in der Umgebung des 
Horstes, die Jungen schlafen noch auf diesem, die Alten auf ihrem Lieblings- 
felsen in der Nähe. Ist die Nachkommenschaft aber ganz selbständig geworden, 
wird sie von dem alten Paare gewöhnlich w^eggeti-ieben. Die Tiere kommen 
nun nach den Küstenorten oder anderen günstigen Lokalitäten, wo sie sich 
oft zu gTößeren Schwärmen vereinigen. Von einem Fortziehen ist nichts 
bekannt. Ebensowenig bewiesen dürfte die Annahme sein, daß grönländische 
Raben nach Island kämen. Häufig aber streichen unsere Vögel auf der 
Insel selbst weit umher, bis sie ein zusagendes Winterquartier gefunden 
halben. Sie wählen hierfür gern die Nähe von Gehöften oder Ortschaften 
und werden später durch die Not des Winters oft recht aufdringlich. Gut- 
mütige Isländer schütten ihnen aber Abfälle vor die Türen. Freilich wissen 
die immer regsamen, klugen Raben auch bei ungünstigen Verhältnissen 
Nahcuucj zu finden, indem sie besonders die Meeresküsten absuchen. 



102. Corvus cornix cornix L. 

Nebelkrähe. 

Corvus cornix (Linn.): Faber, Prodromus, S. 5 (1822). — Corvus cornix, h.: 
Preyer (& Zirkel), üeise nach Island, S. 427 (1862). — Newton, in Baring-Goulds 
Iceland, p.410 (1863). — Gröndal, Islenzkt fuglatal. bis. 35 (1895). — Slater, Birds of 
Iceland, p. 24 (1901). — Sffimundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 11 (1905). 

Corvus cornix, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, 8. 161 (1877). — Corone cornix, L.: 
Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. III, p. 31 (1877) — Corvus cornix L. typicus: Winge, 
Grönlands Fugle, S. 268 (1898). — Corvus cornix L.: Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, 
8. 100 (1901). 

Isländisch: Xräka (partim). 

Auch dän.: Krage. Norw. : Kraake. Schwed.: Kräka. Fär. : Kräaka, Kräka. 

Corvus cornix cornix bewohnt viele Länder Europas, besonders ganz Rußland 
bis etwa zu 69" nordwärts, die Balkan-Halbinsel. Österreich-Ungara, Italien, das öst- 
liche Deutschland bis zur Elbe, Dänemark, Skandinavien bis zum 70. Grade, Irland, 
Schottland, die Hebriden und selb.st die Färöer; auf Gnlnland wurde die Art nur einmal 



Corvus coro 



ne coroiie. 



295 



an der Ostküste erlegt. Im Winter kommen die Vögel nach dem westlichen Europa 
bis an die atlantischen Küsten. — In den angrenzenden Gebieten finden sich ver- 
wandte Formen. 

Island besucht dio Nebolkrälie nur als gelegentlicher Gast, besonders 
im Winter. Es dürfte sich dabei um skandinavische oder von noch weiter 
ostwärts stammende Wanderer handeln, da unsere Art auf Schottland, den 
Hebriden und Färöern weit mehr Standvogel ist. Obwohl kleine Scharen 
der Nebelkrähen nicht allzu selten nach Island zu kommen scheinen und 
selbst auf Grimsey gesehen wurden (Yngvar Gudmundsson), liegen zunächst 
doch nur sehr dürftige Angaben über ihr Auftreten vor. Faber beobachtete 
im Nordlande einige Exemplare im Juli und August, die freilich bald wieder 
verschwanden. Steincke sammelte 1823 bei Akureyri einen Balg, der sich 
jetzt im Kopenhagener Museum befindet. Gröndal sagt sogar, daß unsere 
Art ziemlich häufig in Island gesehen würde (Oruis XI. p. 452), gibt aber 
keine genaueren Daten. ]). Jönsson kennt den Vogel von den Vestraannaey- 
jaru (in litt.). 2 Präparate besitzt die Sammlung in Reykjavik, eins davon 
vom Jahre 1894 aus dem Seydisfjördr. Von einem Brüten der Nebelkrähe 
auf Island ist bis jetzt nichts bekannt. 



Corvus corone corone L. 

Rabenkrähe. 

Corvus corone (Linn.): Faber, Prodromus, S. 5 (1822). — Corvtcs corone, L. : 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, p. 427 (1862). — Newton, in Baring-Goulds 
Iceland, p.410 (1863). — Gröndal, Islenzkt fiiglatai, bis. 35 (1895). — Siater. Birds of 
Iceland, p. 23 (1901). — Ssemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. U (1905). 

Corvus corone, L.: Colliu, Skandinaviens Fugle, S. 164(1877). — Corone corone, L. : 
Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. III, p. 36 (1877). — Corvus corone L. : Naumann, Vögel 
Mitteleuropas IV, S. 93 (1901). 

Isländisch: Kräka, fälschlich Ffereyja-Hrafn (= Färöischer Habe). 

Corvus corone corone bewohnt den Westen Europas, vor allem die Alpenläiider, 
Frankreich, Spanien besonders im Winter, England, Westdeutschland bis etwa zur Elbe, 
Böhmen und Mähren. Weiter östlich tritt unsere Art nur vereinzelt auf, ist in Dänemark 
selten, in Skandinavien fast gar nicht anzutreffen. Ihr gelegentliches Vorkommen auf 
den Färöern ist sehr zweifelhaft, im ganzen arktischen Gebiete unbekannt. Sie wandert 
in viel geringerem Grade, als die vor- und nachstehende Art. — In Asien wird sie 
durch den größeren C. c. Orientalis Eversm. vertreten. 

Das Vorkommen der Rabenkrähe auf Island ist fraglich, (Ui kein 
Balg vorliegt. Alle Angaben beruhen wahrscheinlich auf Verwechslung mit 
jüngeren Individuen von Corvus frxgilegns. Faber vermutet das gelegentliche 
Erscheinen unsrer Art nur auf Grund von Mitteilungen der Bewohner. 
Spätere Schi-iftsteller schreiben ihm nach, Gröndal behauptet allerdings, es 
wäre am 16. Januar 1881 eine Rabenkrähe geschossen und 1893 eine ganze 
Schar der Vögel beobachtet worden (1. c), weiß aber nichts über ein Beleg- 
exemplar (in litt.). Schon Newton bezweifelt das Vorkommen unsrer Art 
auf Island, Siater hält die Gröndalsche Angabe für unsicher. Siemuudssou 
führt sie auf Verwechslung mit Corvus frngilegus zurück. 



296 Corviis frugilegns frugilegus. 



103. Corvus frugilegus frugilegus L. 

Corvus frugilegus, Linu.: Newton, in Earing-Goulds ]celaiid, ]>. 410 (1863). 
Gröndal, Islenzkt iuglatal, bis. 35 (1898). — Slater, Birds of Iceland. p. 24 (1901). — 
Stefänsson. Nordurland (4. Okt. 1902). — Sa^mundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, 
S. 10 (1905). 

Corvus frugilegus, L.: Collin, Skandinaviens Fuglc. S. 165(1877). — Trypanocorax 
frugilegus L. : Sharps, Cat. Birds Brit. Mus. III, p. 9 (1877). — Corvus frugilegus L.: 
Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 109 (1901). 

Isländisch: Kräka (partim), Bläkräka (= Blaukrähe), Blährafn, Fsereyjahrafn 
(= färöischer Rabe). Diese letzteren Namen dürfen auf keine andere Krähenart 
bezogen werden. 

Auch deutsch: Blaukrähe. Dan.: Blaaraage. Norw.: Blaakrakc. Für.: Hjalt- 
landskräka. 

Corvus frugilegus frugilegus bewohnt im allgemeinen ganz Europa; Spanien und 
das südlichere Italien freilich fast nur im Winter, dann auch gelegentlich Xordafrika 
und Palästina. Nordwärts brütet unsere Art in Nordrußland bis etwa 65, in Finnland 
bis 62'/2, in Schweden bis 60**, Schottland bewohnt sie im Sommer ziemlich selten, 
besucht es aber regelmäßig im Winter, wobei sie gelegentlich auch nach den Hebriden, 
Orkneys, Shetlands-Inseln und Färöern kommt. In Grönland wurde sie einmal an der 
südlichen Ostküste erlegt. — Im südwestlichen Asien wird unsere Form durch C. f. 
tschusii Hart., in Ostasien durch C. f. pastinator Gould vertreten. 

Nach Island koramt die Saatkrähe als gelegentlicher Wintergast. 
Besonders jüngere Exemplare scheinen auf ihrer Wanderung soweit westwärts 
vorzudringen, was doppelt leicht zu Verwechslungen mit Coi-vus corone Ver- 
anlassung gab, welche Art, wie bemerkt, zunächst' weder für die Färöer, 
noch für Island mit Sicherheit festgestellt ist. Alle dahinlautenden Mit- 
teilungen dürften sich auf (7. />m/7i'%».s beziehen. Die Färöer besuchen unsere 
Vögel fast alljährlich, -was durch Collin, Slater, Andersen u. a. hervorgehoben 
wird. Von dort aus streifen sie mitunter nach Island, weshalb ihr Name 
Fsereyjahrafn ganz passend gewählt ist. Einige Belege für das Vorkommen 
der Saatkrähe auf Island mögen folgen. Im Kopenhagener Museum befindet 
sich ein junges Exemplar aus dem Jahre 1839. ,T. Hallgrimsson hebt aus- 
drücklich hervor (Naumannia 1857, II, S. 28), daß manchmal schwarze 
Krähen mit kahlem Schnabclgrunde nach Island kämen, die er freilich zu- 
folge Fabers Vermutungen fälschlich als Corvus corone bezeichnet. P. Nielsen 
hat die Art wiederholt bei Eyrarbakki beobachtet und geschossen; namentlich 
Ende November 1880 zeigten sich größere Scharen (Ornis III, S. 157). In 
demselben Spätherbste erschienen zahlreiche Saatkrähen auf den Vestmanna- 
eyjarn, während geringere Mengen auch gelegentlich vor- und nachher auf 
diesen Inseln gesehen wurden ()>. Jönssou, in litt.). Sa3mundsson beobachtete 
in früheren Jahren unsere Krähen fast alljährlich bei Grindavik (SW.). ein- 
mal 20 — 30 Stück beisammen. Die Vögel kamen besonders im November 
und Dezember und blieben oft längere Zeit in der Gegend. Bei starker 
und anhaltender Kälte fand man nicht selten umgekommene Exemplare. 
Auch aus anderen Orten des Südlandes hörte Sa?mundsson von dem Auf- 
ti-eten unserer Art (1. c). Y. Gudmundsson beobachtete diese wiederholt auf 
Grimsey. J. V. Havsteen bezeichnete sie mir als geleoentlichen Wintcro-ast 



Coloeus monedula spcrmolo<^us. QQ7 

im Eyjafjördr. 2 in dem benachbarten Ölafsfjördi- Anfang März 1900 ge- 
schossene Exemplare befinden sich, neben einem anderen vom Jahre 1897 
aus Kollafjardarnes (NW.), im Museum von Reykjavik. Shiter sah eine 
ganze Anzahl Bälge von Corcus fragilegns in Akureyri, und Stefänsson schreibt, 
daß die Vögel im Winter 1900 zu 1901 im ganzen Nord- und Ostlande in 
beträchtlichen Scharen auftraten, wovon einzelne Exemplare erlegt wurden. 
Gröudal berichtet endlich, daß man Corvus friujikgua auch im Innern Islands, 
nämlich beim M^vatn, erbeutet habe (Ornis XI, p. 452). 

104. Coloeus monedula spermologus (Vieill.). 
Dohle. 

Corv'us monedula L.: Gröndal, Jsleuzkt fuglatal, bis. 35 (1895). — Slater, Birds 
of Iceland, p. 21 (1901). — Spemundssoii, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 12 (1905). 

Coloeus monedula Linn.: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. III, p. 26 (1877). — Lycus 
monedula (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 80 (1901). 

Isländisch: (Trährafn (= Graurabe). 

Wenn man mit Hartert (Pal. Vög. I, S. 15, 16) die westeuropäische Dohle (C. m. 
spermologus) von der skandinavischen (C. m. monedula) unterscheidet, so ist anzunehmen, 
daß die in Island erlegten Exemplare der ersteren Form angehören. Diese bewohnt 
Großbritannien und Irland, das übrige West-, sowie ganz Mitteleuropa und geht süd- 
wärts bis Italien und Österreich-Ungarn hinab. Gelegentlich hat sie sich auf den 
Färöern, jedoch noch nicht in Grönland gezeigt. Daß die skandinavischen Dohlen 
westwärts nach den Britischen Inseln wandern, scheint llartert nicht anzunehmen. 
Der Vogel im Museum in Reykjavik ist ziemlich dunkel gefärbt und nicht von einem 
deutschen zu unterscheiden. 

Die Dohle besucht Island nur als seltener Gast. Ein Exemplar 
wurde 1896 von P. Nielsen bei Eyrarbakki geschossen (Gröndal. Ornis XI, 
p. 452), ein anderes im April 1901 bei dem Hofe Störatunga im Bdrdartale 
(N.) lebendig geümgeu, zu Konsul J. V. Havsteen in Oddeyri gebracht und 
von diesem später an die Sammlung nach Reykjavik geschenkt. Wahi-scheinlich 
sind weitere Exemplare mit den Kräheuarteu verwechselt worden. 

Nucifraga caryocatactes macrorhynchos Brelim. 
Taunenhäher. 

Nucifraga caryocatactes, Linn.: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. HI. j). 513 (1877). 
— Nucifraga caryocatactes (L.): Naumann, Vögel Jlitteleuropas IV, S. 55 (IflOl). 

Isländisch: Hnotkräka (= Nußkrähe). 

Auch deutsch: Nußkrähe. Dan.: Noddekrige. Norw.: Xöddekraake. Schwed. : 
Nötkräka. Engl.: Nuteracker. 

Nucifraga caryocatactes bewohnt die paläarktische Region; N. c. maa-orhynchos 
brütet in den Waldungen Sibiriens, ostwärts bis Xorea, wandert aber im Herbste und 
Winter westwärts bis Skandinavien und Frankreich. Auch in England sind über 
BO Fälle des Vorkommens dieser Form bekannt (Hartert, Paliiarkt. Vög. I, S. 27). 
Dagegen ist die als Brutvogel in Skandinavien nicht seltene N. c. caryocatactes (L.) 
Stand- oder höchstens Strichvogel, der kaum jemals nach Island gelangen möchte. 

Auf unsrer Insel soll der Tannenhäher einmal vorgekommen sein. 
Der norweffische Konsul. Herr J. V. Havsteen in Oddeyri, versicherte mir 



298 Nucifraga caryocatactes macrorhynchos. 

unter Vorle.^iing oinor Abbildung, in den 80 er Jahren ein Exemplar aus der 
Gegend des Eyjafjördrs erhalten zu haben, das sich aber nicht zur Präparation 
eignete. Möglicherweise sind bei den groLk'n Häherwanderungen im Herbste 1883 
oder 1885 einzelne Individuen bis Island vorgedrungen. 

Oriolus oriolus (L). 
Pirol. 

Oriolus yalbula, L.: CoUiii, Skandinaviens Kugle, S. 148 (1877). — Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 25 (1895). — Slater, Eirds of Icelaiid, p. 14 (1901). 

(Molns galbnla, L.: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. 111, p. 191 (1877).— Oriolus 
oriolus (L.): Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 29 (1901). 

Isländisch: Gullfröstur (= Grolddrossel). 

Auch deutsch: Golddrossel. Dan.: Gulddrossel. Norvv.: Guidtrost. Schwad.: 
Gultrast. 

Oriolus oriolus bewohnt einen großen Teil der paläarktischen Region mit Aus- 
nahme des Ostens. Im Winter zieht er bis Südafrika hinab. In Rußland brütet er 
bis etwa zu 60, in Schweden sogar bis 63" nordwärts, fehlt aber auf den Britischen 
Inseln fast ganz. Ausnahmsweise wurde er auf den Färöern (Mai 1893) erbeutet. 

Das Vorkommen des Pirols in Island ist höchst zweifelhaft. CoUin berichtet 
nur (1. c), daß der isländische Kaufmann Gudmann Mitte Dezember 1843 an der Küste 
der Skagafjardar-Sysla (N.) ein erfrorenes schönes — d. h. gewiß gelbes — Jlännchen 
unsrer Art gefunden habe, doch sah Collin keinen Balg des Vogels, der Beweis für 
dessen richtige Bestimmung gewesen wäre. Dazu ist die Jahreszeit für den angeblichen 
Fund eine sehr späte, weshalb man der Vermutung Gröndals (1. c), es habe sich wohl 
nur um einen ähnlich gezeichneten, entflogenen Kanarienvogel gehandelt, zustimmen 
möchte. Schade, daß eine derartig ungenügend begründete mündliche Mitteilung in 
die Literatur aufgenommen wurde und nun weitergeführt werden möchte. 

105. Bombycilla garrula (L.). 
Seidenschwanz. 

Anipelis garrula L. : Saemundsson, Zoolog. Meddel. fra Island, S. 8 (1905). 

Ampelis garrulus (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 180 (1877). — Sharpe, 
Cat. Birds Brit. Mus. X, p. 212 (1885). — Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 181 (1901). 

Isländisch: Silkistel, Silkistjelungur (= Seidenschwanz). 

Auch dän. & norw.: Silkihale, Sidensvands. Schwed.: Sidensvans. 

Bombycilla garrula brütet fast zirkumpolar an den Grenzen der arktischen 
Region, soweit Wald vorhanden ist, besonders in Skandinavien, Lappland, Finnland, 
Nordrußland, Sibirien, Alaska und dem übrigen nordwestlichen Amerika. Außerhalb 
der Fortpflanzungszeit streifen die Vögel weit umher und gehen südwärts gelegentlich 
bis nach Südeuropa und selbst Algier, dem mittleren Teile der Vereinigten Staaten 
von Nordamerika (bis etwa 40 <> hinab), nach Nordchina, der Mongolei und Turkestan. 
Die Britischen Inseln besuchen sie gleichfalls nur auf dem Zuge, von den Färöern 
kennt man sie als seltene Gäste, von Grönland dagegen und den übrigen rein arktischen 
Gebieten gar nicht. 

Von Island wird auch nur ein ausnah ms weis es Vorkommen des 
Seidenschwanzes mitgeteilt. Im Oktober 1903 nämlich, zu welcher Zeit in 
ganz Europa zahlreiche Schwärme unserer Vögel erschienen, zeigte sich eine 
Schar derselben auf Heymaey (Vestmannaeyjar). Ein Exemplar davon wurde 
am 18. Oktober von einer Katze gefangen, dieser jedoch weggenommen, 
von j^orsteiim Jönssou nach Reykjavik gesandt und für das dortige Museum 



Bombycilla garrula. - Stunius vulgaris vulgaris. 299 

präpariert. Die übrigen Vögel ließ mau unbelästigt, und sie verschwanden 
uacli etlichen Tagen wieder von der Insel. In Reykjavik und wahrscheinlich 
auch anderwärts zeigten sich ebenfalls Seidenschwänze. Doch wurde kein 
weiteres l^^xemplar erbeutet. Swmundsson l)erichtet, daß er am 14. Oktober 1903 
einen einzelnen Vogel in der Stadt beobachtete. Dieser hielt sich bereits 
seit mehreren Tagen daselbst auf und hatte eifrig die wenigen vorhandenen 
Vogelbeerbäumchen eines Gartens nach Früchten al)gesucht. Obwohl er nicht 
scheu war, glückte es doch nicht, ilm zu fangen. Einige Tage später ver- 
schwand er. Weitere Mitteilungen über die seltenen Gäste liegen nicht vor. 

106. Sturnus vulgaris vulgaris L. 

Star. 

Stunms yuttatus Megllvr.: l'reyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 428 (1862). 
— Sturnus vulgaris, Linn.: Newton, in Earing-dioulds Tceland. p. 421 (1863). — Gröndal, 
islenzkt fuglatal, bis. 3ö (1895). — Slater, Eirds of Iceland, j). 20 (1901). ~- Sicuiundsson, 
Zoolog. Meddel. fra Island, S. 10 (1905). 

Sturnus vulgaris, L.: Collin, Skandinaviens Fngle, S. 146 (1877). — Sharpe, Cat. 
Birds ßrit. Mus. XIII, j). 27 (1890). — Winge, Grönlands Fugle, S. 274 (1898). — 
Naumann. Vögel Mitteleuropas IV, S. 7 (1901). 

Isländisch: Stari. Starri. 

Auch dän. & uorw. : Star, Stger. Schwad.: Stare, fär. : Stari, Steari. 

Sturnus vulgaris vulgaris bewohnt Europa mit Ausnahme des südöstlichen Teiles, 
wo er, wie auch in Asien, von andern Formen vertreten wird. Auf dem Zuge kommt 
er nach Süd- und Westeuropa. Nordafrika, den Kanaren und Madeira. In Rußland 
geht er stellenweise bis zu 64", in Norwegen sogar bis 71" hinauf. Häufig ist er 
Sommer und Winter auf den Britischen Inseln. Die Färöer dagegen besucht er nur 
gelegentlich auf dem Zuge, wird aber hier von dem gut gekennzeichneten St. v. faroensis 
Feild. vertreten, der völlig Standvogel auf der Insel ist und trotz der Nachbarschaft 
kaum jemals in Island vorgekommen zu sein scheint. 3 von mir untersuchte isländische 
Bälge (in den Museen von Kopenhagen und Reykjavik, sowie bei Konsul Havsteen in 
Oddeyri), ebenso 2 im Besitze von Nielsen, kennzeichneten sich als solche von St. v. 
vulgaris. Dasselbe gilt von den vereinzelt im Süden und Südosten Grönlands gesammelten 
Staren des Kopenhagener Museums. 

Nach Island kommt der Star als gelegentlicher Gast, wobei es sich 
in der Hauptsache um skandinavische Zugvögel handeln dürfte. Oft erreichen 
die von Sturm und Nebel verschlagenen Wanderer unsere Insel so ermattet, 
daß sie sich nur langsam wieder erholen und mehrfacli mit Händen ergritfen 
werden konnten. Über das Vorkommen des Stares auf Island liegen eine 
ganze Anzahl Notizen vor. Gröndal erhielt im Dezember 1878 (Ornis II, 
S. 356) und im November 1896 (Ornis XI, S. 451) je ein Exemplar aus 
dem Südlande. Auch in Nordisland wurden 2 weitere Vögel während der 
neunziger Jahre im Gebiete des Eyjafjördrs erlegt (Stefänsson, Nordurland, 
4. Oktober 1902), eins davon durch J.V. Havsteen. Nach ]). Jönsson zeigen 
sich Stare nicht allzu selten bei den Vestraannaeyjarn, und T. Nielsen 
beobachtete solche etliche Male bei Eyrarbakki, so zwei Flüge zu je 4 Stück, 
vielleicht dieselben Vögel, im September imd Oktober 1903, wovon er 
2 Stück erlegte (in litt.). Saemundsson berichtet, daß man 1896 ein Exemplar 
bei Hafnarfjördr fing, ein weiteres der Sammlung in Reykjavik 1898 von 



300 Acanthis linaria islandica. 

Laxamj^ri (N.) oingoliofort wurde; im Dezember 1903 schoß man endlich 
einen Star in Reykjavik selbst (1. c). Nur eine einzige Mitteilung berichtet 
über das Vorkommen unseres Vogels abseits vom Küstengebiete. Slater 
erfuhr nämlich, daß ein Exemplar am 3. Dezember 1899 bei Grimstadir am 
M^vatn erbeutet wurde (1. c). Wahrscheinlich hatte sich dieser Vogel die 
Laxtl aufwärts begeben. 

107. Acanthis linaria islandica Hantzsch. 
Isländischer Leinfiuk. 

Fringilla linaria (Liun.): Faber, Prodromus, S. 16 (1822). — Fringilla linaria L.: 
Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 394 (1862). — Linota linaria (Linn.): Newton, 
in Baring-Goulds Iceland, p. 409 (1863). — Acanthis linaria L.: Gröndal, Islenzkt 
fuglatal, bis. 37 (1895). --Linola linaria (Linn.): Slater, Birds of Iceland, p. 16 (1901). 

Acanthis linaria (L): Sliarpe, Cat. Birds Brit. Mus. Xll, p. 245 (1888). — Cannahina 
linaria (L.) vor. rostrata Coues: Winge, Grönlands Fiigle, S. 289 (1898). — Acanthis 
linaria (Linn.): Naumann, Vögel Mitteleuropas III, S. 301 (1900). 

Isländisch: Audnutitlingur (entweder von audnu = AVüste, Einsamkeit der 
AViiste, oder von audna = Glück; titlingur ist Kollektivum für kleine Singvögel, wahr- 
scheinlich abgeleitet von tista, norw. tita = zwitschei-n). 

Acanthis linaria ist in verschiedenen geographischen Rassen zirkumpolar in den 
nördlichen Ländern der Erde verbreitet, soweit etwas höheres Buschwerk sich findet. 
Im Winter streichen die Vögel bis zum mittleren Amerika und Asien, sowie zum 
südlichen Europa, scheinen aber in gewissen Gebieten auch Standvögel im weiteren 
Sinne zu sein. In der Auffassung der einzelnen Formen gehen die Ansichten sehr 
auseinander, da vorläufig niemand genügende Serien von Brutvögeln aller Gebiete zur 
vergleichenden Untersuchung besitzt. 

Island beherbergt scheinbar nur eine brütende AcanthisSitezxes. Diese stellt 
meines Erachtens eine gut gekennzeichnete, selbständige Rasse dar, die ich in den 
Ornithologischen Monatsberichten 1904, S. 32-33 beschrieben habe. Reichenow, Klein- 
schmidt u. a. halten die Abtrennung gleichfalls für nötig. Acanthis linaria islandica 
hat, wie schon Slater betont (1. c ) durchaus nichts mit A. hornemannii zu tun, steht 
vielmehr nicht nur geographisch, sondern auch in Größe und Färbung zwischen der 
grönländischen A. l. rostrata (Coues) und der skandinavischen A. l. linaria (L.) = 
A. fiammea flammea (L.), ohne etwa mit A. l. holhocllii (Brehm) identisch zu sein. 
Sommervögel kennzeichnen sich besonders durch die dunkle, fast grauschwärzliche 
Oberseite und das selbst bei männlichen Brutvögeln blasse Rosa der Brust. Die 
Norraalraaße von 12 untersuchten Exemplaren stellen sich wie folgt. Gewicht i. Fl.: 
12,5— 17 g. Gesaratlänge i. Fl : 130— 135 mm. Flugbreite: 210— 230. Flügel: 76 -82. 
Schwanz: 55—65. Schwanz + Flügel: 24— 32. Tarsen: 14— 16. Schnabelläuge: 8,2— 9,5. 
Schnabelhöhe: 6,3—7. Gelegentlich kommen auch kleinere Maße vor. Die größten 
Exemplare sind Männchen. Doch fand ich gepaarte Vögel, bei denen das Weibchen 
größer als das Männchen war. — Schnabel (Juni, Juli): schwärzlich, an den Seiten 
gelblich, bei den dunkelsten Exemplaren letzteres fast ganz verschwindend. Schnabel- 
winkel und Inneres: gelb. Füße : braunschwarz, Zehen und Sohlen fast schwarz. Iris: 
dunkelbraun. 

Der Leinfink oder Birkeuzeisig bewohnt die Buschwälder Islands als 
nicht häufiger Brutvogel. Während er auch nach den neueren Mit- 
teilungen Gröndals und Nielsens im Südlande nur ausnahmsweise beobachtet 
werden soll, kann man ihn im Nordlande keineswegs selten nennen. Ich 
traf ihn hier in allen ausgedehnteren Buschgebieten; im Fnjöskätale bis fast 
zur Mündung des Flusses, wie auch in der Gegend des M^vatn, sogar 



Acaiithis linaria islandioj 



301 



ziemlieh liäufig. In der weiteren Umgebung des jn'ngvallavatn begegnete 
ich den Vögeln zwar gleichfalls, doch könnte es sicii tlahei schon um 
streichende Scharen gehandelt ha))en, da ich nach diesen IJuscliwäldern erst 
Mitte August gelangte. Freilich entzieht sich der l.einfink abseits vom 
Neste recht oft den Blicken, verhält sich still und versteckt, sodali mau 
allein, möglichst geräuschlos und natürlich zu Fuße, dazu an die Heo))achtung 
kleiner Vögel gewöhnt, die Gebüsche durchsuchen muß, um seiner ansichtig 
zu werden. Älitunter vernahm ich minutenlang die charakteristischen, wenn 
auch feinen l^ockrufe, ehe es mir glückte, den Urheber selbst in dem Gewirr 
der Birkeusträucher umherhüpfen zu sehen. Scheinbar ist aber unsere Art 
mit der Zunahme des isländisclien Buschwaldes in neuerer Zeit häutiger 
geworden. 

Die Leintinken sind in der Hauptsache Standvögel auf Island, die 
sich für gewöhnlich nicht allzu weit von strauchbewachsenen Gegenden ent- 
fernen. Sobald die Frühlingssonne im Mai etwas wärmer zu scheinen beginnt, 
paaren sich die Vögel und bleiben von nun an im Brutgebiete. Anfänglich 
durchsti-eifen sie ein ziemlich großes Revier des Buschwaldes, mehi'ere Paare 
vereinigen sich auch vorübergehend wieder, sind aber, besonders bei schönem 
Wetter, ziemlich streitsüchtig und treiben und jagen sich oft hitzig durchs 
Gebüsch. Mit dem Baue des Nestes beginnen sie nicht eher, als die 
Knospen der Sträucher zum Aufbrechen bereit sind, was in den einzelnen 
Gebieten, selbst in benachbarten Örtlichkeiten, je nach Lage und Frülilings- 
witterung zu recht verschiedener Zeit eintritt. Im Nordlande beginnen die 
Birken sich kaum vor Anfang Juni mit dem ersten Grün zu färben, und es 
wäre ganz aufßillig, wenn eine Vogelart, die ihr Nest in das lichte Gezweig 
baut, nicht solange damit warten würde, bis Schutz und Deckung vorhanden- 
ist. Wenn auch nach den jeweiligen Naturverhältnissen die Fortpflanzungszeit 
unserer Leintinken beträchtlich schwanken mag, kann man doch als Regal 
annehmen, daß wenigstens im Nordlande das Nest selten vor Ende Mai 
fertig gestellt ist. Krüper berichtet zwar (Naumannia 1857, S. 63), am 
12. Juni neben einem Neste mit 2 frischen Eiern ein solches mit fast flüggen 
Jungen, ja sogar ein weiteres, aus dem diese schon ausgeflogen waren, am 
Myvatn gefunden zu haben, doch dürfte dies auf die günstigen klimatischen 
Verhältnisse der Gegend im allgemeinen, wie auf die milde Witterung des 
Sommers 1856 im besonderen zurückzuführen sein, die es ermöglichte, daß 
Krüper von verschiedenen Vogelarten ganz ausnahmsweise zeitige Bruttermine 
beobachten konnte. In derartig günstigen Fällen mag es bisweilen vorkommen, 
daß einzelne Paare unserer Vögel zu einer zweiten Brut schreiten, dies als 
Regel zu betrachten ist aber falsch. 

Beide Gatten bauen an dem Neste, doch ti-ägt das Männchen mehr 
das Material herbei. Verhält man sich still, kann man sehr gut der Tätigkeit 
der zutraulichen, niedlichen Vögel zuschauen. Emsig klettern sie im Gebüsche 
umher, wobei sie sich häufig verkehrt an die Zweige hängen, kommen 
freilich in dieser Zeit selten auf den Boden. Sie halten das Gefieder gern 
locker und aufgebläht, sodaß die helle Unterseite sie schon auf weite 



302 Acanthis linaria islandica. 

Entfernung hin kenntlich macht. Nun schlüpft das Weibchen lautlos zum halb- 
fertigen Neste, während das Männchen von einem benachbarten Strauche aus 
sein kauarienvogelartigcs, weiches Diii hören läßt. Das Nest befindet sich 
meist in einem einzelstehenden Strauche oder am Rande eines Gebüsches, 
etwa V2~~2 ^ "^^^ '^^^ Boden. Es ist anfänglich, wenn die Birken noch 
unbclaubt sind, reclit leicht zu entdecken. Gewöhnlich sitzt es nur lose in 
einer stärkeren Astgabel, nicht selten etwas schief. Seine Beschaffenheit ist 
sehr cliarakteristisch für die Yogelart und mitunter ziemlich kunstvoll. Es 
besteht aus mehr oder woniger zahlreichen dünnen Ruten, Heidekrautstengeln, 
geknickten Halmen und Grasrispon, die gewöhnlich, besonders im Innern, 
reichlich mit Schaf-, seltener PfianzenwoUe und einigen Federn vermengt 
werden. Damit deckt auch der Vogel die Eier zu, wenn er diese längere 
Zeit verläßt. Die lichte Breite der Nestmulde beträgt etwa 5, die Tiefe 2 cm. 
Die Ablage der Eier erfolgt gewöhnlich in der ersten Hälfte des 
Juni. Am 2. d. M. fand ich im Fnjöskätale ein Nest, an dem die Vögel 
noch bauten, sowie 2 andere mit je 2 frischen Eiern, am 9. Juni nochmals 
ein solches mit 2, ein anderes mit 4 Eiern, am 13. Juni 2 Fünfergelege, 
die ziemlich stark bebrütet waren. Größere Junge hatte zu dieser Zeit 
sicher noch keius der zahlreichen von mir beobachteten l^aare. Slater fand 
Eier am 27. Juni, Krüper, wie bemerkt, 2 frische am 12. Juni, Thienemann 
Ende Juni (Reise, S. 403). Das Normalgelege besteht aus 5 — 6 Stück. 

Einige Exemplare meiner Sammlung zeigen folgende Maße: 18.4x13 mm 
(0,065 g). 18,3x12,8(0,068). 18.3x12,4(0,068). 18,1x13(0,068). 17,7x12,5 
(0,065). 17,6 X 12 (0,065). 17,1 x 12,6 (0,065). 17,1 x 12,4 (0,06). 17 x 12.6 (0,06). 
Sie wiegen voll 1,5 — 1,6 g. Das Dotter ist ziemlich dunkel. 

Das Weibchen brütet 12—13 Tage, wird aber täglich vom Männchen 
darin abgelöst. Zu dieser Zeit lassen sich die Vögel am besten beobachten, 
da sich auch der nichtbrütende Teil ständig in der Umgebung aufhält. 
Kommt man leise und langsam in die Nähe, so bleibt der eine Vogel ruhig 
auf dem Neste, wälirend der andere sich auch bald zeigt und lockt. Scheinbar 
wenig besorgt aber sitzt er auf einem höheren Zweige und benimmt sich so 
zutraulich und liebenswürdig, als wäre ihm der Anblick des Menschen etwas 
Alltägliches. Schießt man einen der Vögel, so verläßt der andere die Gegend 
nicht, sondern sucht lockend nach dem felilendcn Gatten. Trotzdem ist die 
Erlegung nicht immer so leicht, da sich die Vögel manchmal gar nicht auf 
richtige Schußweite zeigen wollen oder in dem dichten Gesträuche nur für 
Augenblicke sichtbar werden. Plötzlich hüpfen sie 2 — 3 m vor dem Menschen 
umher, wenn man sich aber rasch auf größere Entfernung zurückzieht, 
verschwinden sie. 

Die Stimmlaute des Leiufinken sind recht verschieden. Als auffälligste 
Rufe hört man ein angenehmes, bittendes Düi oder noch weicher dilüi, 
bilui, in der Erregung ein etwas rauhes Titititüüü oder auch Düdüdüdü. 
Nähert man sich dem Neste, ruft das Männchen kurz und ängstlich tütü, 
tütüt, während das Weibchen ein höheres, durchaus finkenartiges Dili, Dili 
ausstößt. Manchmal hängen beide Geschlechter an diese Rufe einen schnurrenden, 



Acanthis linaria islandica. 



303 



harten Triller: dlll .... Ziemlich selten nur singt das Männchen. Dabei 
sitzt es gern auf einem freien Zweige und verbindet die angedeuteten Kufe 
zu einem einfachen Gezwitscher, das zwar nicht laut, aber recht fröhlich 
klingt. Mitunter wird dieses Geplauder minutenlang fortgesetzt. Ausnahms- 
weise fliegt der Vogel dabei auch zitternd ein Stück in die Höhe, um sidi 
aber sofort wieder ins Gebüsch zu werfen. 

Die Jungen werden von beiden Eltern fleißig gefüttert, soweit die 
von mir untersuchten Magen- und Kropfinhalte erkennen ließen, besonders 
mit kleinen Insekten, am häuflgsteu mit den grünen Spannerraupen, die in 
Menge an den Birken sitzen, sowie mit grünen Blattläusen. Von dem 
eifrigen Umhersuchen in den dichten Gebüschen, deren Zweige und Blätter 
harzigen Saft absondern, wird das lockere, weiche Gefieder der alten Vögel, 
vor allem au Kopf und Unterseite, oft sehr beschmutzt und zusammen- 
geklebt, wodurch sie sich nach der Brutzeit erheblich von den sauberen 
Jungen, denen freilich auch das Rot an der Brust vollständig fehlt, an der 
Stirn nur als trübes Orange augedeutet ist, unterscheiden. Nach 1 V2 Ws 
2 Wochen verlassen die jungen Vögel das Nest, halten sich zunächst ziemlich 
versteckt, machen sich aber durch ihr eifriges Locken, ein scharfes Ti Titi 
oder Tu Tütü, bemerkbar. Die Familien bleiben anfänglich beisammen, 
verlassen jedoch häufig den engeren Nistbezirk und streifen in der Nach- 
barschaft umher. Am 16. Juli beobachtete ich in der Nähe von Hals nur 
alte Paare, die erste Familie am 18. Juli beim M^vatn. Von dieser Zeit 
an sah und hörte ich kleine Scharen junger und alter Vögel fast täglich. 
Sie setzten sich oft viertelstundenlang auf die abgeschnittenen Birken, die 
man in Reykjalid unmittelbar vor meinen Fenstern aufgestellt hatte, besuchten 
auch häufig, besonders in den Mittagsstunden, den von Unkraut überwucherten 
Kartoffel- und Gemüsegarten am Hause. Hier huschten die jetzt recht 
lebhaften Tierchen hurtig am Boden umher und lasen die herausgefallenen 
kleinen Samen von Stellaria media, Rumex und Polygonum auf, mit denen 
sie Kropf und Magen vollstopften. Bei der Ankunft und vor dem Weg- 
fliegen riefen sie jedesmal sehr eifrig, gewölmlich das kurze Tütü, seltener 
siwibttb siwibüb sibibibübübübü. Um diese Zeit sah ich einzelne Vögel 
wiederholt auch auf den Lavamauern in der Nähe der Häuser sitzen, ja 
traf sie selbst auf völlig kahlen Lavafelseu. Der engere Zusammenhang 
der Familie hört aber etwas auf; besonders alte Männchen fand ich einige 
Male ganz allein in abgeschlossenen Bezirken. Die jüngeren Vögel streichen 
weit im Lande umher, werden freilich nicht immer richtig erkannt und liäufig 
wohl für Wiesenpieper gehalten. Am 4. August beobachtete ich eine Schar 
Leinfinken auf dem Kirchhofe von Einarstadir, obwohl sich in dieser 
Gegend kein Buschwald findet. Die Vögel benahmen sich außerordentlich 
unruhig, hüpften und liefen fortwährend umher, zeigten sich einen Augenblick, 
verschwanden aber sofort wieder zwischen den Pflanzen, flogen blitzschnell 
ein wenig in die Höhe, warfen sich von neuem zur P]rde, trieben sich 
in geschickten Wendungen durch die Luft, wobei sie hastig gigigigig riefen, 
blieben aber stundenlang an demselben Orte. 



304 Acanthis linaria islandica. 

Später im Herbste versammeln sieh die Leinfinkeu in den Buschgebieten, 
vereinigen sich durch eifriges Locken und bilden, wie mir z. B. der junge 
Bauer in Skard (Fnjöskätal) versicherte, der die Vögel sehr gut kannte und 
sie im Winter aucli aus Interesse schon geschossen hatte, oft Schwärme von 
mehr als hundert Stück. Sie scheinen in der Regel auf Island zu über- 
wintern, streichen freilich von Wald zu W^ald. Durch lebhaftes Flattern 
schütteln sie den Schnee von den Büschen, die ihnen immer noch als liebste 
Ruheplätze dienen, suchen aber ihre Nahrung, kleine Sämereien, vielfach auf 
wenig beschneiten Flächen, besonders in der Nähe offener Gewässer. Ab 
und zu kommen sie auch zu Gehöften und Ortschaften. Daß es sich bei 
diesen Wintervögeln um isländische Leinfinken liandelt, wird dadurch bestätigt, 
daß unsere Art im Südlande nur ausnahmsweise, auf den Vestmannaej^arn 
noch garnicht beobachtet wurde, wohin die Vögel sicher regelmäßig kämen, 
wenn sie die Insel im Herbste verließen. Genauere Untersuchungen nach 
dieser Richtung hin sind sehr wünschenswert. 

Acanthis linaria rostrata (Coues). 
Gröuliindischer Leinfink. 

Camiahina linaria (L.) var. rostrata Coues: Winge, Grönlands Fugle, S. 289 
(1898). — Acanthis linaria gr'önlandica Bp.: Kleinschuiidt, in Naumanns Vögeln 
Mitteleuropas III, S. 311 (1900). — Acanthis flammea rostratus (Coues): Hartert, die 
Vögel der paläarktischen ßegion, S. 80 (1903). — Acanthis flammea rostrata (Coues): 
Schalow, die Vögel der Arktis, ö. 250 (1904). 

Isländisch: Audnutitliugur (partim). 

Acanthis linaria rostrata brütet wahrscheinlich nur in Grönland und zwar im 
südlichen und mittleren Teile beider Küsten. Sie ist, wie schon bemerkt, größer und 
besonders im Schnabelbau wesentlich stärker als A. l. islandica. Wie ich mich an 
Exemplaren im Kopenhagener Museum überzeugte und auch Hartert und Schalow 
hervorheben, scheint das Rot an der Brust selbst bei männlichen Sommervögeln ge- 
wöhnlich recht blaß zu sein. Ivleinschmidt, der nur wenige Exemplare dieser Kasse 
untersuchte, gibt freilich gerade als Kennzeichen an: ,.Brust und Bürzel des Männchens 
im Sommer intensiv karminrot." 

A. l. rostrata, die nach Helms in den Island gegenüberliegenden Küstengebieten 
Ostgrönlands häufig brütet (Ornithol. Monatsberichte 1904, S. 70), ist nun regelmäßiger 
Zugvogel, weshalb ich vermute, daß sie auch Island gelegentlich oder alljährlich als 
Winter gast besucht und sich hier wahrscheinlich schon durch etwas andere Lebens- 
weise und Stimme von A. l. ialundica unterscheiden läßt. 

Acanthis hornemannii hornemannii (Holb.). 
Großer Leinfink. 

Linota hornemanni, Holböll: Slater, Birds of Iceland, p. 17 (1901). 

Acanthis hornemanni (Holboell): Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XII, p.256 (1888). 
— Cannabina linaria (L.) var. canescens auctorum: Winge, Grönlands Fugle, S. 289 
(1898). — Acanthis linaria Hornemanni (Holb.): Kleinschmidt, in Naumanns Vögeln 
Mitteleuropas III, S. 310 (1900). — Acanthis hornemannii hornemannii (Holb.): Hartert, 
die Vögel der paläarktischen Eegion, S. 81 (1903). — Schalow, die Vögel der Arktis, 
S. 246 (1904). 

Isländisch: Audnutitlingur (partim), groenlenzkur Audnutitlingur. 

Diese von Acanthis linaria rostrata sich deutlich unterscheidende Art trenne 
ich trotz aller Ähnlichkeit spezifisch von jener, weil beide stellenweise scheinbar die- 



Fringilla coelebs coelebs. qqk 

selben Lokalitäten bewohnen. A. h. hornemannii brütet im nördlicheren Grünland, an 
der Westküste kaum südlicher als 69o. Andere Brutgebiete sind unbekannt. Wie 
Schalow sehr richtig nachweist, handelte es sich bei den von Fischer auf Jan Mayen 
beobachteten Vögeln, die als unsere Rasse bestimmt wurden, wahrscheinlich nur um 
Gäste. Ebensowenig konnte das Brüten einer Acanthis-Art, geschweige denn unserer 
Form, auf Spitzbergen oder gar auf Frauz-Joseph-Land nachgewiesen werden. Wohl 
aber besucht A. h. hornemannii im Winter gelegentlich den Osten des arktischen Amerikas. 
Ihr vereinzeltes Vorkommen in England und Frankreich dagegen dürfte, falls nicht 
irrtümliche Bestimmung vorliegt, zu den seltenen Ausnahmen gehören. 

Winge, der über die Verbreitung uusrer Art in Grönland ausführlich berichtet, 
hebt besonders hervor, daß A. h. hornemannii, im Gegensatze zu A. l. rostrata, wesentlich 
Standvogel ist, der in der Regel in Nordgrönland überwintert und sich nur selten in 
Südgrönlaud zeigt. Kolthoff, Helms u. a. stimmen dem bei. Gerade deshalb dürfte 
A. h. hornemannii nur ausnahmsweise als Wintergast nach Island kommen, 
wenigstens viel seltener als A. l. rostrata. Ich bezweifle zunächst auch noch, wie dies 
Slater teilweise ebenfalls tut, die richtige Bestimmung der isländischen Bälge, die für 
A. hornemannii ausgegeben wurden (S. Slater, l. c; Coburn, Bull. Brit. Orn. Club XII, 
p. 15. 1901). Unsere Art aber für den Brutvogel Islands zu bezeichnen, wie dies von 
vielen Autoren geschieht, ist ganz gewiß falsch. 



108. Fringilla coelebs coelebs L. 

Buchfink. 

Fringilla coelebs L.: Saemundsson, Zoolog. 31eddel. fra Island, S. 9 (1905). 

Fringilla coelebs, L.: Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XII, p. 171 (1888). — Fringilla 
coelebs L. : Naumann, Vögel Mitteleuropas lU, S. 331 (1900). 

Isländisch: Bökfinki. 

Auch dän. & norw.: Bogfinke. Schwed. : Bofink. 

Fringilla coelebs coelebs bewohnt den größten Teil Europas, sowie Westsibirien 
bis zum Irtisch, das westliche Turkestan, Fersien, Kleinasicn und Palästina. Nordwärts 
geht unsere Art im Ural bis etwa zum 62. Grade, weiter westwärts bis zum Polar- 
kreise, vereinzelt sogar bis zum Nordkap hinauf. Auf den Britischen Inseln brütet 
sie zahlreich; die Färöer besucht sie als Gast; von Grönland und anderen arktischen 
Gebieten ist sie dagegen unbekannt. Im AVinter streichen die Vögel bis Nordafrika, 
wo sie, besonders auf den westlichen Inseln, durch verwandte Formen vertreten sind. 

Der Buchfink besucht Ishmd als seltner Wintergast, scheint aber 
bis in neuere Zeit übersehen oder mit der Schneeammer verwecliselt worden 
zu sein. Nur wenige Mitteilungen liegen vor. B. Saemundsson lieobaclitete 
von November 1901 bis Mitte April 1902 wiederholt kleine, ihm vorläufig 
unbekannte Vögel bis zu 10 Stück beisammen in Gärten von Reykjavik, die 
er später als Buchfinken feststellte. Leider glückte es nicht, ein Exemplar 
davon einzufangeu, und mit Beginn milderer Witterung verschwanden alle. 
Am 14. Dezember 1902 sah er abermals ein einzelnes Individuum in Rey- 
kjavik (1. c). P. Nielsen besitzt dagegen den Balg eines männlichen Buch- 
finken, der am 10. Januar 1902 tot bei Eyrarbakki gefunden wurde. Einige 
Tage später beobachtete er selbst ein anderes Exemplar in Gemeinschaft mit 
Schneeammern. Dieses zeigte sich noch am 24. d. M., war aber bei — lö'^ C 
und viel Schnee sehr herabgekommen. Man fütterte den Vogel von nun an 
mit Korn, worauf er allmählich munter wurde und lustig umhersprang (in litt.). 

20 
Hantzsch, Vogelwelt Islands. 



306 Passerina nivalis nivalis. 



Serinus islandicus Brehm. 



Loxin serinus (Scopnli): Faber, Prodromus, S. 14 (1822) und Okens Isis XVII, 
S. 792 (1824). — Fringilla islandica: Faber, Okens Isis XX, S. 69 (1827). — Loxia 
serinus: Krüper. Namnannia VII, S. 64 (1857). — Loxia serinus Bechst.: Preyer 
(& Zirkel), Reise nach Island, S. 428 (1862). — Loxin serinus Scop.: Newton, in 
Baring-Goulds Iceland, p. 409 (1863). — Gröndal, Tslcnzkt fuglatal, bis. 37 (1895). 

Serinus islnndicus: Chr. L. Brehm, Vögel Deutschlands, S. 255 (1831). — Dryo- 
spiza serinus (L.): CoUin, Skandinaviens Fugle, S. 371 (1877). — Serinus serinus (L.): 
Sharpe, Cat. Birds Brit. Mus. XII, p. 368 (1888). — Naumann, Vögel Mitteleuropas lU 
S. 273 (1900). 

Isländisch: Gulur (= gelber) Audnntitlingur. 

[Serinus serinus (L.) ist Brutvogel von den Atlasländorn und Palästina an durch 
ganz Siideuropa bis Norddeutschland. In Fabers Zeiten dürfte er freilich regelmäßig 
nur bis Südwestdeutschland gebrütet haben. England besucht er auch heutzutage 
recht selten als Gast. Doch soll er ausnahmsweise auf den Färöern vorgekommen 
sein (CoUin, 1. c.).] 

Faber erlegte am 12. September 1819 bei Hüsavik (66** n. Br.) ein junges Weibchen 
einer Vog^art, die er zunächst für ,.Loxia serinus^^ ansprach, welche Spezies er aber 
zu dieser Zeit noch nie gesehen hatte. Er beobachtete außer dem erbeuteten Stücke 
noch mehrere gleichartige Individuen, die allen Anzeichen nach im Lande erbrütet 
waren und sich nun zum AVegzuge anschickten. Aus Fabers Schilderung der Vögel 
geht deutlich hervor, daß es sich nicht um „ein verirrtes Stück" gehandelt hat, wie 
Hartert z. B. angibt (Paläarkt. Vögel, S. 83). Leider ist die Sendung an das Kopen- 
hagener Museum, die den Balg des fraglichen Vogels enthielt, wie Faber hervorhebt, 
verloren gegangen. CoUin sagt dagegen nur (1. c), daß in der Sendung, die Faber 
im Oktober 1819 von Island an das Museum abgeschickt hätte und bei der sich nach 
Angabe seiner Liste unser Vogel befunden haben sollte, kein Serinus-Balg gewesen 
sei. Nun gibt Faber zwar in Okens Isis eine genaue Beschreibung des fraglichen 
Stückes, die er sofort nach Erlegung des Vogels anfertigte und die auch in gewissen 
Punkten auf Serinus serinus paßt, doch schreibt er weiterhin selbst, daß er nach Be- 
sichtigung von Exemplaren dieser Art gefunden habe, sein isländischer Vogel sei 
größer, wenn auch „kürzer und dicker als Loxin chloris, der Schnabel stark und in 
der Form wie bei Loxin cJiloris" gewesen. Nach diesen Angaben Fabers stellte Brehm 
seinen Seri7ms islnndicus auf, der durchaus nicht mit Serinus serinus (L.) identifiziert 
werden darf. Ob Faber seinerzeit ein junges Exemplar der ihm ebenfalls ungenügend 
bekannten Äcnnthis linaria islnndicn erlegt hat, was noch das wahrscheinlichste ist, 
da die Beschreibung des Benehmens der betreffenden Vögel vortrefflich auf diese Art 
paßt, oder einen verirrten Gast irgend einer anderen Spezies, dürfte zu entscheiden 
kaum mehr möglich sein. Auf alle Fälle steht lest, daß das Vorkommen von Serinus 
serinus in Island durch nichts bewiesen, ja von Faber, dem einzigen Urheber dieser 
Mitteilung, später selbst für zweifelhaft hingestellt worden ist. 

109. Passerina nivalis nivalis (L.)- 
Schneeammer. 

Emberizn nivalis (Linn.): Faber,' Prodromus, S. 15 (1822). — Plectrophanes 
nivalis Mey.: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 393 (1862). — Emberiza nivalis 
Linn.: Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 409 (1863). — Plectrophanes nivalis L.: 
Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 37 (1895). — Plectrophenax nivalis (Linn.): Slater, Birds 
of Iceland, p. 18 (1901). 

Plectrophanes nivalis (L.): Collin, Skandinaviens Fugle, S. 346 (1877). — Plectro- 
phenax nivalis (L.): Sharpe, Cat. l^irds Brit. Mus. XII, p. 572 (1888). — Emberiza nivalis 
L.: Winge, Grönlands Fugle, S. 301 (1898). — Plectrophenax nivalis (Linn.): Naumann, 
Vögel Mitteleuropas III, S. 157 (1900). 



Passerina Divalis nivalis. 



307 



Isländisch: Snjötitlingur (von snjm- = Schnoe), SOlskrikja (von sül = Sonno 
und skrikja = schreien). 

Auch deutsch: Schneesperling. Dan.: Snespurv, Sncvcrling. Xorw.: Snetitling. 
Schwed.: Snösparf. Fär.: Snjöfuglur, Snjötitlingur. 

Passerina nivalis nivalis bewohnt zirkumpolar die arktischen und subarktischen 
Gebirgsländer der Erde, südwärts bis in die nördlichen Küstengebiete der Kontinente 
vereinzelt bis zu den Shetland-Inscln und Schottland. Nordwärts fand Foilden sie 
unter 82*^33' auf Grinnell-Land brütend; Sverdrup beobachtete sie noch unter 84" 4;")' 
nordöstlich von Franz-Joseph-Land. Sie bewohnt alle Inselgebiete im Norden von 
Asien, anch Nowaja Semlja, Franz-Joseph-Land, Spitzbergen, die Eären-Insel, das 
nördlichste ßußland, Lappland und Norwegen, Jan Mayen, die Färöcr, alle Küsten 
Grönlands, wo sie noch unter 83*^ 14' beobachtet wurde, sowie das ganze arktische 
Amerika. Im Winter streichen einzelne Scharen gelegentlich südwärts bis Nordafrika, 
den Kanaren, Japan und Nordchina, sowie über einen großen Teil der Vereinigten 
Staaten. — Auf der Hall- und St. Matthews-Insel im nördlichen Berings-31ecre wird 
unsere Form durch die weißere P, n. hyperboreiis (Ridgw.), auf den Aleuten und 
bonachbartcn Inseln bis zur sibirischen Küste durch die größere P. n. townsendi (Ridgw.) 
vertreten. 

Iii Island gehört die Schneeammer zu den häufigen Brut vögeln. 
Sie meidet in der Regel nur die tiefliegenden, ebenen Gras- und Sumpf- 
landschafteu, brütet aber bis zu den Meeresküsten hinab, wenn diese nur 
etwas felsiges Terrain aufweisen. In den Gebirgen geht sie bis an die Schnee- 
grenze hinauf. 

Isländische Brutvögel meiner Sammlung zeigen folgende Maße. Gewicht i. Fl.: 
32— 38 g. Gesamtlänge i. Fl.: 155 -165 mm. Flugbreite: 290 310. Flügel: 103— 109. 
Schwanz: 66—75. Schwanz + Flügel: 18—19. Schnabel: 10-12. Tarsen: 20,5-22. 
Die kleineren Maße beziehen sich im allgemeinen auf Weibchen. — Iris: schwarzbraun. 
Augenlid: schwarz. Schnabel: schwarz (bei ausgefärbten Sommervögeln). Seitliche 
Wülste am Schnabelgrunde: ockergelb. Inneres des Schnabels, besonders nach den 
Winkeln zu: lebhaft gelb, bei Weibchen blasser. Füße: schwarz. Sohlen: bleigrau. 
Nägel : kurz, kräftig, gekrümmt, schwarz mit hellerer Untei-seite. 

Die Schneeammer ist gi-ößtenteils Standvogel auf Island. Sie wählt 
zum Aufenthalte alle möglichen felsigen Gebiete, wilde Lavafelder und ein- 
same Gebirgspartien, die mit Geröllbroeken überstreut sind und oft nur eine 
dürftige Pflanzenwelt besitzen. Ortlichkeiten, wo harter Sommerschnee an 
Hängen und in Tälern lagert, sind ihr besonders angenehm. Auch liebt sie 
die Nähe rauschender Gebii-gsbäche, sowie jene versteckten Täler, die in 
ihrem Grunde einen kalten, klaren See bergen. Doch ist sie nicht aus- 
schließlich Gebij-gsbcwohnerin. Ich traf sie brütend auch im Lavagel>iete 
beim M^vatn und ])ingvallavatn, wiederholt an felsigen Äleeresgestaden, 
nü-gends freilich so zahlreich, wie auf Grimsey. Hier erinnern die Schneo- 
ammern sehi- an unsere Haussperlinge, sind aber noch zutraulicher und 
schmucker im Gefieder. Oft lassen sie den Menschen bis auf 2—3 m henin- 
kommen, bevor sie entweichen. Freilich werden sie auch kaum verfolcft, 
zumal Katzen und Hunde auf der Insel fehlen und Raubvögel sich nur als 
seltne Besucher einstellen. Gern sitzen die Schneeammern auf den gras- 
bewachsenen Dächern der Häuser, auf Steinmauern oder Mooshfigeln und 
lassen die Sonnenstrahlen in das aufgeblähte Gefieder scheinen. Behaglich 
ducken sie sich dabei nieder und schließen fast die Augen, sodaß ich l)ei 

20* 



3()3 Passeriiia nivalis nivalis. 

meiner Ankunft auf Grimsey einen solchen Vogel für ein totes Exemplar 
hielt und ergreifen wollte. Doch flatterte dieser noch rechtzeitig davon. 
Auch anderwärts sind die Schneeammern in der Regel zuti-aulicli, beim Neste 
mitunter fast dummdreist. Ab und zu, besonders außerhalb der Brutzeit, 
trifft man freilich auch Vögel, die jeder Annäherung auf Schußweite ängst- 
lich ausweichen und sich geschickt zu verstecken wissen. Wahrscheinlich 
liandelt es sich dabei um ziehende Exemplare oder um eingeschüchterte In- 
dividuen, die vielleicht dem Steinfalken, ihrem argen Verfolger, noch glücklich 
entrojmen sind. Dieser erspäht sie leicht genug, weil sie gern auf freien 
Fclszacken sitzen und sich von da aus langsam flatternd fortbegeben. In 
mehi-eren Fällen konnte ich an den Überresten der Mahlzeit dieses Räubers 
unsere Vogelart als seine Beute erkennen. 

Größere Sti-ecken sieht man die Schneeammer selten durchfliegen. Be- 
sonders im Brutgebiete könnte mau sie für recht scliwerfällig lialten. Treiben 
sich aber zwei Vögel, so staunt man über die blitzschnelle Vorwärtsbewegung 
und die leichten Schwenkungen der sonst etwas ti'ägen Tiere. Die Männchen 
haben auch einen Balzflug, den ich auf Grirasoy während der ganzen Zeit 
meines Aufenthaltes täglich beobachtete. Flatternd und gewöhnlich dabei 
singend erhebt sich der Vogel einige Meter hoch, manchmal fast senkrecht, 
in die Luft, worauf er lebhaft rüttelnd an derselben Stelle verharrt und 
endlich ohne Plügelbewegung schräg abwärts schwebt. Besser als in der 
Luft ist die Schueeammer jedoch am Boden zu Hause, wo sie den größten 
Teil ihres Lebens zubringt. Sie versteht es meisterhaft, sich zwischen den 
Felsblöckeu zu verbergen, obwohl sie im Gefühle der Sicherheit gern auf 
erhöhten Plätzen ruht. Recht schnell kann sie laufen und auch mit gleichen 
Füßen rasch umherhüpfen, was besonders die jungen Vögel gern tun. Bei 
der Nahrungssuche klettert die Schneeammer in Erd- und Steinlöchern um- 
her, schläft auch, besonders bei ungünstiger Witterung, an solchen Plätzen. 
Wenn sie Junge hat, begibt sie sich sogar in feuchte Höhlen, wo sie weiche 
Insekten, Würmer und andere kleine Tiere findet, mit denen sie ihi-e Nach- 
kommenschaft vorzugsweise füttert, wie ich wiederholt aus nächster Nähe 
beobachtete. Sonst fand ich in den von mir untersuchten Magen nur kleine 
Sämereien. Einmal sah ich auch ein altes Männchen eifrig in dürftigen 
Gräsern zupfen und kräftig mit den Füßen scharren. Die starken, gebogenen 
Nägel sind für eine solche Tätigkeit wohl geeignet. 

Die Fortpflanzungszeit der Sclmeeammer ist bedeutenden Schwan- 
kungen unterworfen. Mitunter mögen alte Vögel schon sehr zeitig im Jalu-e 
mit dem Nestbaue l>eginnen. Ich fand ti-otz ungünstiger Witterung bereits am 
9. Mai ein fast fertiges Nest bei Reykjavik. Nach Fabers (1. c.) und Thiene- 
manns Angaben (Fortpfl. d. ges. Vögel, S. 374) beginnt die Legezeit ge- 
wöhnlich Anfang Juni, was für die Gebirgsvögel als Regel gelten mag. 
Faber fand jedoch im Südlande auch schon am 18. Juni Mgge Junge. 
Krüper erhielt in Nordisland am 25. Mai ein stark bebrütetes Gelege und 
fimd ein ebensolches am 28. Mai auf Drangey, am 4. und 12. Juni fi-eilicli 
wieder ziemlich frische (Naumanuia 1857, S. 65). Andere Reisende erwähnen 



rasseriiia nivalis nivalis 



309 



gleichfalls die verschiodono Legezeit, ohne eine Erklärung liierliir zu gehen. 
So berichtet Pearson, daB er frische Eier vom 18. bis 29. Juni gefunden 
habe, jedoch am 16. desselben Monats schon ein Nest mit Jungen (Ibis 
1895, p. 242). Auch Slater bemerkt (1. c, p. 19), daß manchmfd bereits 
Ende Juni befiederte Vögel angetroffen würden, obwohl es zu dieser Zeit 
noch frische Eier gäbe. Riemschneider beobachtete am 24. Juni flügge und 
halbflügge Tiere im Gebiete des M^vatn (Ornithol. Monatsschrift 1890, S. 280). 
Ich selbst war erstaunt, während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in 
Grimsey halbfertige Nester, frische Gelege, eben ausgeschlüpfte und völlig 
befiederte Junge anzutreffen. Dies wäre nicht auffällig, wenn es sich um , 
klimatisch verschiedene Lokalitäten handelte oder um Gegenden, in denen 
die Vögel unter Verfolgungen leiden müßten; hier auf Grimsey aber ist die 
Schneeammer deutlich erkennbaren widernatürlichen Beeinflussungen nicht 
ausgesetzt. Vielmehr scheint unsere Art bei ihrer Verbreitung in arktischen 
Gebieten, in denen sie von alters her lokal und temporär erheblichen klima- 
tischen Schwankungen ausgesetzt war, die Eigenschaft entwickelt zu halben, 
keinen bestimmten Termin für das Fortpflanzungsgeschäft innezuhalten; denn 
durch Nahrungsmangel, Kälte und Schnee würden die zarten Jungen leicht 
getötet werden. Ältere Paare, die als Standvögel unbeschädigt über den 
Winter gekommen sind, die Nahrungsquellen der Gegend genau kennen und 
vom Vorjahre bereits eine wohlgeschtttzte Niststätte besitzen, beginnen zuerst 
mit dem Brutgeschäfte. Jüngere, ungepaarte Tiere dagegen und solche, 
denen der andere Teil während des Winters durch Wegzug oder Tod ver- 
loren ging, oder die selbst davongezogen waren, verspäten sich mit der Fort- 
pflanzung aus leicht ersichtlichen Gründen. Auf Grimsey scliienen einzelne 
Männchen überhaupt ledig zu bleiben, vielleicht aus Mangel an weiblichen 
Tieren. Solche Verhältnisse würden aber die Paarung der übrigen Vögel 
gleichfalls aufhalten. Unterdessen haben die zuerst zur Brut geschrittenen 
Paare bei günstiger Witterung schon Junge gezeitigt und beginnen mit einem 
zweiten Gelege. Icli erhielt auf Grimsey noch am 8. Juli ein Nest mit 
2 frischen Eiern, was ich weder als verspätete erste Brut, noch als Nach- 
gelege einer zerstörten halten mochte. Außerdem wurde mir in den ersten 
Tagen des Juli ein Nest gezeigt, au dem die Vögel noch bauten. Um diese 
Tätigkeit zu beobachten, setzte ich mich in geschützte Nähe. Das aus- 
gefärbte, alte Männchen des Paares war sehr unruhig und flog l)eständig ab 
und zu. Auf einmal bemerkte ich in dem benachbarten Wiesengrunde eine 
junge Schneeammer. Zu dieser flog nun der alte Vogel mehrere ^lale 
hin nud fütterte das ihm entgegenlaufende Tier mit Fliegen, die er vorher 
nach Bach Stelzenart fing. Ferner sah icli Anfang Juli an verschiedenen 
Orten Grimseys junge Schneeammern, die ohne die Alten umherliüpften, 
wälu-end mir zu gleicher Zeit fi-ische Gelege gebracht wurden. Freilich 
dürfte immerhin nur ein geringer Prozentsatz der Vögel und auch l)loß 
unter günstigen Verhältnissen zweimal im Jalu-e Junge großziehen, diese 
zweite Brut aber im folgenden Frülilinge doppelt spät ov<f zur Fnitiinnn/iing 
schi-eiten. 



310 J'assorina nivalis nivalis. 

Als Nistplatz wählen die Schnccammern Steiuhöhlen oder Erdlöcher 
au Abhängeu. Oft steht das Nest 20 — 40 cm tief im Hintergründe und 
ist von außen gar nicht zu bemerken. Auf Grimsey brüten die Vögel viel- 
fach in den Zwischenräumen der Basaltsteine, aus denen die Umzäunungs- 
wälle und die Grundmauern der Häuser gebaut sind. Sie scheuen hier die 
Nähe der Menschen sehr wenig, weshalb man ihre Nistplätze vielfach kennt, 
jedoch fast immer unberührt läßt, weil man nicht versteht, derartig kleine 
Eier auszublasen. Andere Paare brüten in den Felsbildungen im Inneni der 
Insel, eine weitere Zahl in allen möglichen kleinen, trocknen Erdhöhlen, 
sowie aufMligerweise inmitten der Brutkolouien der Seevögel. Die Schnee- 
ammern lassen sich hier dm-ch den fortwälirendeu Lärm solcher Vogelberge 
nicht stören, obgleich sie anderwärts die tiefste Einsamkeit unwegsamer Ge- 
birge aufsuchen. Doch finden sie an solchen Örtlichkeiten schon im zeitigen 
Frühjahi'e eine Unmenge zur Nahrung dienender Schmarotzeriusekten, von 
denen die Felsenvögel arg heimgesucht werden. Beide Teile des Paares 
tragen das Nistmatcrial herbei, das Weibchen aber verarbeitet dieses. Es 
verschwindet oft minutenlang im Innern der Höhle, während das Männchen 
sogleich wieder zum Vorschein kommt. Die Größe des Nestes richtet sich 
ganz nach der xlusdehuuug des Hohlraumes. Die Mulde ist oft ein wenig 
länger als breit, im Durchmesser etwa 8 — 11, in der Tiefe 1 — 3 cm. Das 
meist reichliche Material wird nur lose zusammengelegt. Äußerlich besteht 
das Nest aus Halmen und andern feinen Pflanzenstoffen, innerlich aus einer 
Schicht Haaren, Wolle und Federn. Gewöhnlich beti-ägt die Zahl der Eier 5, 
ziemlich häufig auch 6, seltner 7 oder 4 Stück. Doch fand ich auf Grimsey 
sogar bebrütete Gelege von 3 Stück. Ein im Unterbaue der Kirche dasel))st 
befindliches Gelege von 5 Eiern wurde in 14 Tagen gezeitigt. 

Einige Grimseyer Gelege meiner Sammlung besitzen folgende Maße: 24,8 x 15,9 mm 
(0.19 g), 24,6x16 (0,195), 24.2x15,9 (0,19), 23,7x16,2 (.0.19). 23,4x16 (0.19). — 
22,2x15,8 (0,15), 21,6x16,5 (0,15), 21,5x15,8 (0,15), 21,2x16.3 (0,15). — 19,9 x 
15,5 (0,15), 19,9x15,5 (0.145), 19,9x15,4 (0,145). 19,7x15,3 (0,145), 19,5x15.8 
(0,14). — 19,9 X 15,5 (0,145), 19,6 x 15,3 (0,145), 19,6 x 15,2 (0,145), 19,4 x 15,2 (0,15), 
19,3 X 15,2 (0,145), 19,2 x 15,2 (0,14). — Voll wiegen die Eier durchschnittlich 4 g. 

In der Nacht sitzt das Weibchen oft schon vor der Vollendung des 
Geleges auf dem Neste. Die wü-kliche Brutdauer beträgt etwa 14 Tage. 
Das Weibchen übernimmt den Hauptanteil am Brutgeschäfte und läßt 
sich täglich nur kurze Zeit vom Männchen darin ablösen. Aber auch dann 
läuft es in unmittelbarer Nähe vom Nistorte umher und pickt eifrig im 
Grase. Das Männchen hält sich ebenfalls ständig in dem engbegrenzten 
Brutbezirke auf und singt mit Ausnahme einiger Stunden um Mitternacht 
sehr fleißig. Dabei sitzt es auf einem erhöhten Felsblocke, auf der Spitze 
einer Steinpyramide am Wege oder auf dem Dache eines Hauses. Wie be- 
merkt, singen die Vögel auch häufig im kurzen Bogenfluge. Obwohl die 
Leistungen der einzelnen Männchen recht vei-scMeden sind, gibt es doch 
unter ihnen vortreffliche Sänger, deren Stimme in Bezug auf Klangfarbe 
überaus ansprechend genannt werden muß. Schon Ende April vernalim ich 
einfache Strophen, und noch am 10. Juli ließen sich die Vögel auf Grimsey 



Passeriiia nivalis nivalis. 



311 



fleißig hören. Wenn ich in der Obevstube des Pfarrhofes Midgardar präpa- 
rierte, saß oft stundenlang ein altes Schneearamennännc'hcn auf dem Kreuze 
der nahen kleinen Holzkirche und sang zu Hunderten von Malen seine wohl- 
lautende Strophe, die mich ein wenig unterhielt. Bei den einzelnen In- 
dividuen variiert der Gesang, ist aber bei ruhiger Gemütsverfassung des 
Vogels ziemlich stereotyp. Er besteht aus weichen, flötenden Tönen, die an 
Stärke und Klangfarbe an die Stimme des Hänflings erinnern. Ein höheres, 
besonders angenehmes Wi wechselt ab mit einem tieferen, manchmal etwas 
rauhen Du oder Du. Beide Töne werden verschiedenartig verlmndcn und 
so schnell vorgeti-agen, wie man sie mäßig spricht, etwa: wididu widididu 
widiwidididu widjidju wididu, uiduidör widiuwid, widüwidüwidüdiidü widu. 
Zum Schlüsse folgen oft noch eine Menge rasche und ungeordnete Silben, 
ebenso auch während des Balzfluges, wobei sie häufig in ein lebhaftes Ge- 
zwitscher übergehen. Als Lockruf hört man während der Brutzeit zumeist 
ein feines Titi, Titli (daher vielleicht der isländische Name Titlm<jw), seltner 
ein schärferes, lebhaftes Tititi, dami und wann auch, besonders vom Männchen, 
ein weiches Du, das an den Gesangston erinnert. Im zeitigen Frühjaln-c vernahm 
ich häufig ein leises Trillern, etwa Triii, manchmal ein warnend gezogenes Dil. 

Sind die Jungen ausgeschlüpft, so werden sie in den ersten Tagen 
noch von dem Weibchen bedeckt und vorzugsweise von dem Männchen ge- 
füttert. Unermüdlich ti-ägt dieses auch später Insekten herbei, während sich 
das Weibchen nun etwas von den Unannehmlichkeiten des Brutgeschäftes 
erholt. Nach 12 — 14 Tagen verlassen die Jungen das Nest, bleiben aber 
noch einige Zeit mit den Alten zusammen. Dann lockern sich die Familien- 
bande, auch unter den Geschwistern. Die ersten selbständigen Jimgen beob- 
achtete ich am 29. Juni auf Grimsey. Viele derselben begeben sich auf die 
Wanderschaft, ziehen im Lande umher und verlassen Island wohl auch im 
Spätherbste. Die älteren Individuen aber bleiben, oft als wahi-e Standvögel, 
während des Winters auf unsrer Insel, scharen sich mitunter zu bedeutenden 
Schwärmen zusammen und streichen uahi-ungsuchend umher, wobei sie bis 
in die Städte kommen. Gröndal berichtet, daß sie hier gern Körner und 
Brotkrumen aufnähmen, die man ihnen vor die Häuser würfe. Höchstwahr- 
scheinlich befinden sich unter diesen winterlichen Scharen auch Gäste aus 
Grönland und andern arktischen Gebieten. 

Anmerkung: Die irrtümlicherweise unter dem Namen Montifringilla nivalis 
Linn., Schneefiuk, an verschiedenen Stellen (z. B. Ornis II, S. 358) von Gröndal 
gemachten Angaben sollen sich auf Fasserina nivalis beziehen. Montifringilla nivalis 
ist für Island unbekannt. 

110. Calcarius lapponicns lapponicns (L.). 

Lerchensporuammer. 

Emheriza calearata (Temm.): Faber, Prodromus, S. 15 (1822). — Fledrophanes 
calcarata Meyer: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 428 (1862). — Embcriza 
lapponica Linn.: Newton, in Baring-Goulds Icelaud, p. 409 (18Ü3). — Fledrophanes 
lapponica Jj.: Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 37 (1895). — Calcarius lapponicns {Unu.): 
Slater, Birds of Icelaud, p. 20 (1901). 



312 Calcarius lapponicus lapponicus. 

Plectrophanes Lnpponica (L.): Collin, Skaiidinnviens Fugle, S. 348 (1877). — 
Calcarius lapjwnicus (L.): Sharpe, Cat. Birds lirit. Mus. Xll, ]). 570 (1888). — Emberiza 
lapponica (L): Winf,'e, Grönlands Fugle, S. 297 (18U8j. — Calcarius lapponicus (L.): 
Naumann, Vögel Mitteleuropas III, S. 151 (1900). 

Isländisch: Snjötitliugur (partim), Sportitlingur. 

Calcarius lapponicus lapponicus ist Brutvogel der arktischen Region, sowie der 
angrenzenden Gebiete, meidet aber den höchsten Norden. Häufig bewohnt unser Vogel 
die Tundren Nordamerikas und Nordsibiriens, auch das nördlichste Eurüi)a, besonders 
Lappland. In geringer Zahl scheint er auf Nowaja Semlja zu brüten, auf Franz-Joseph- 
Land und Jan Mayen wurde er vereinzelt beobachtet, auf Spitzbergen und der Bären- 
Insel dagegen noch nicht. Grönland bewohnt er nicht selten, an der Westküste bis 
■wenigstens zu 73". Im Winter kommt er nach südlicheren Gebieten, gelegentlich bis 
Nordchina, Norditalien und dem mittleren Teile der Vereinigten Staaten. — In Alaska 
■wird unsere Form durch C. l. alascensis Eidgw., in Nordostasien, besonders auf Kamt- 
schatka, durch C. l. coloratus Kidgw. vertreten. 

Für Island kennt man die Lerchenspornammer nur als seltnen Winter- 
gast. Höchstwahrscheinlicli ist sie aber vielfach mit der Scbieeammer ver- 
wechselt worden, deren Gesellschaft sie gern aufsucht. Sehr wenige Daten 
über ihr Vorkommen sind mitgeteilt. Faber beobachtete einige der Vögel 
im Frühlinge 1821 auf dem Südlande. Gröudal meldet die Erlegung und 
Präparation eines Exemplars aus dem Winter 1877 (Ornis IL S. 358). Im 
Britischen Museum befindet sich ein altes Männchen aus der Gouldschen 
Kollektion (Cat. XII, p. 583). 

111. Hirundo rustica rustica L. 

Rauchschwalbe. 

Hirundo rustica (Linn.): Faber, Prodromus, S. 20 (1822). — Cecropsis rustica 
Boje: Preyer (& Zirkel), Reise nach Island, S. 428 (1862). — Hirundo rustica Linn.: 
Newton, in Bariug-Goulds Iceland, p. 408 (1868). — Gröndal, Islenzkt fuglatal, bis. 37 
(1895). — Slater, Birds of Iceland, p. 14 (1901). 

Hirundo rustica, L. : Collin, Skandinaviens Fugle, S. 190 (1877). — Shai-pe, Cat. 
Birds Brit. Mus. X, p. 128 (1885). — Hirundo rustica IL. typica: Winge, Gnmlands 
Fugle, S. 273 (1898). —Hirundo rustica L. : Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 191 (1901). 

Isländisch: Svala, Landsvala; Bpejarsvala (partim). 

Auch dän. & norw. : Svale. Schwed. : Svala. Engl. : Swallow. Fär. : Svali, Sveala. 

Hirundo rustica rustica bewohnt Europa und das angrenzende Asien bis zum 
Jeuissei; Aveiter im Osten wird sie durch H. r. gutturalis Scop. vertreten. Im Winter 
wandert unsere Form südwärts bis Indien und Südafrika, wo als Brutvögel gleichfalls 
verwandte Subspezies leben. H. r. rustica brütet noch im nördlichen Rußland. Finn- 
land und Skandinavien, ist aber jenseit des Polarkreises eine seltene Erscheinung. Auf 
Nowaja Semlja wurde sie einige Male als Gast beobachtet; bei Spitzbergen und Jan 
Mayen soll sie ausnahmsweise gesehen worden sein; die Färöor besucht sie gelegentlich 
auf dem Frühjahrszuge. Für Grönland ist sie wiederholt festgestellt, obwohl sich hier 
öfter noch die amerikanische H. r. erythrogastra Bodd. gezeigt hat. 

Nach Island kommt die Rauchschwalbe nur als gelegentlicher 
Sommergast, besonders zu Anfang dieser Jahreszeit. Daß unter den 
Vögeln ausnalmisweise auch die amerikanische Rasse verti-eten sein kann, 
ist nicht ausgeschlossen. Über das Erscheinen der europäischen Form liegen 
zahlreiche Angaben vor. Schon Faber teilt mit, daß sich im Sommer 1820 
in dem Handelsplatze Hafnarfjördr bei Reykjavik ein Paar Rauchschwalben 



Hiniiido rustica nistica. 



313 



einstellte, anfing zu nisten, aber plötzlich wieder verschwand. Im Nordlaudo 
sah er den Balg eines andern, im Sommer 1818 daselbst gefangenen Exemplars. 
Gröndal bericlitet, daß 1875 ein Paar der Vögel nach Reykjavik kam und 
ebenfalls ein Nest zu bauen begann, kurze Zeit darauf aber nicht mehr 
gesehen wurde. Ein einzelnes Individuum fing man am 12. Mai 1881 in 
dem schon erwähnten Hafnarfjörclr (Ornis II, S. 356). Den 12. Mai 1887 
wurde eine Schwalbe — allem Anscheine nach unsere //. rustica — auf 
Alptanes (W.) geschossen. Am 15. und 16. Juni desselben Jahres sah 
Gröndal eine solche bei Reykjavik (Ornis IX, S. 89). J. V. Havsteen beob- 
achtete melirere Male Rauchschwalben in Akureyri (N.), woselbst auch ein- 
mal ein Paar erfolgTeich gebrütet haben soll (Müudl. Mitteiluug). St. Ste- 
fänsson sah an derselben Örtlichkeit ebenfalls Rauclischwalben, so z. B. im 
Frühjahr 1893 (Nordurland, 4. Okt. 1902). Auf den Vestmannaeyjarn wurde die 
Ai't nicht selten von ]). Jönsson beobachtet; einmal hat sie dort Eier gelegt. 
Im Frülijahre 1904 kamen viele Rauchschwalben gleichzeitig nach Heimaey, 
hielten sich einige TVochen daselbst auf. verschwanden alier doch wieder, 
ohne Brutversuche gemacht zu haben (in litt.). In Stykkisliolmr (W.) zeigten 
sich 2 I]xemplare im Sommer 1885 (Thorlacius). Außerdem gibt Nielsen 
folgende Orte an, wo unsere Art beobachtet wurde: Baejarhreppur (Stranda- 
S;fsla), Loctmundarfjördr (Sudr-]\Iiila-S.), Seydisfjörch* und Dyrhölar (Skapta- 
fells-S.), Landeyjar (Rdugilrvalla-S.). Nielsen selbst konnte bei Eyrarbakki 
wiederholt ihr Vorkommen feststellen. Ein Weibchen wurde hier am 25. Mai 
1879 tot aufgefunden, worauf ein anderer Vogel, wahrscheinlich das Männchen, 
die Gegend noch mehrere Tage umflog. Späterhin sah er die Art am 30. Juni 
1880, 9. und 26. Mai. sowie 22. August 1881, 3. Mai 1882, 6. Mai 1883, 
29. Juni 1885, 23. Mai 1890, 27. April 1894, 1. Juni 1895, 14. Mai und 
5. Juni 1899, 2. Mai 1901 und 1. Mai 1902 bei Eyrarbakki (in litt.). 

Tiefer im Innern des Landes haben sich die Vögel scheinbar nicht 
gezeigt. Ein völlig sicherer Nachweis über erfolgreiches Brüten liegt eben- 
falls nicht vor. 6 zusammengehörige Vögel, die Nielsen am 5. Juni 1899 
beobachtete, waren zweifellos alte Tiere und nicht etwa, wie vermutet, eine 
Familie mit Jungen. Zu dieser Zeit sind Mgge Schwalben für Island 
unmöslich. Ausnahmsweise dürften aber doch oinzeliie Brüten aufkommen. 



112. Chelidonaria urbica urbica (L.). 
Hausschwalbe. 

Hirundo urbica (Linn.): Faber, Prodromus, S. 20 (1822). — Chdidon urbica 
Boje: Preyer (& Zirkel), Reise luuli Jsland, S. 429 (1862). — Chdidon urbica (Linn.): 
Newton, in Baring-Goulds Iceland, p. 408 (1863). — Hirundo urbica L.: Gröndal, 
Islenzkt fuglatal, bis. 37 (1895). — Chelidon urbica (Linn.): Slater, Binis of Iceland, 
p. 15 (1901). 

Hirundo urbica, L.: Collin, Skandinaviens Fugle, S. 194 (1877). — Chdidon 
urbica (L.): Shai-pe, Cat. Birds Brit. Mus. X. p. 87 (1885). — Chelidonaria urbica (L.): 
Naumann, Vögel Mitteleuropas IV, S. 204 (1901). 

Isländisch: Svala, Bfejarsvala (bsejar ist Genetiv von bter = Stadt, Gehöfte) partim. 



314 Chelidoiiaria iirbica urbica. 

Chelidonaria urbica urbica bewohnt Europa und geht ostwärts über den Ural 
nur wenig hinaus; in Sibirien