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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

BEITRÄGE 



ZUR 



GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SPRACHE 
UND LITERATUR. 



UNTER MITWIRKUNG VON 
HERMANN PAUL UND WILHELM BRAUNE 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

EDUARD SIEYERS. 



XXIII. BAND. 




HALLE A. S. 

MAX NIEMEYER 

77/78 GR. STEINSTRASSE 
1898 



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D&fr2:^ 



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INHALT. 

Seite 

Ueber Hartmaun von Aue. Von F. Sara n 1 

Aüglosaxonica. IV. Von P. J. Cosijn 109 

Die dehnimg- der mhd. kui'zen stammsilbenvocale in den volks- 
mundarten des hocbdeufschen Sprachgebiets auf grund der 

vorbandeneu dialektliteratur. VouA. Kitzert 131 

Kleine beitrage zur deutseben Wortforschung. Von B. Liebicb 223 
Zur altwestfriesiscben lexikologie. Von W. van Helfen . . . 232 

Zu Beitr. 22, 543 ff. Von E. Zupitza 237 

Gotes. Eine bemerkung zur altdeutschen Wortstellung. Von 

I. Harczyk 240 

Zum NaiTenscbiff. Von A. Goetze 245 

Brunhildenbett. Von W.Braune 246 

Aprikose. Von W. Hörn 254 

Zu den labialisierten gutturalen. Von Th. Siebs 255 

Ueber die ausgäbe der Bevers saga. Von G. Cederschiöld . . 257 

Grammatisches und etymologisches. Von H. Hirt 288 

(I. Zum ablaut der set -wurzeln: s. 288. — 11. Zur Vertretung 
der labiovelare: 8.312. — DI. Zu den t-praesentien: s. 315. 

— IV. Zur Chronologie germanischer lautgesetze: s. 317, — 
V. Zum spirantenwecbsel im gotischen : s. 323. — VI. Zu den 
germ. lehn Wörtern im slaviscben und baltischen: s. 330. — 
Vn. Etymologien: s. 351) 

Studien zu Reinfried von Braunscbweig. Von P. Gereke . . 358 
Der a-umlaut und der Wechsel der endvocale a : i{e) in den alt- 

nord. sprachen. Von A. Kock . . 484 

(I. Der Wechsel der endvocale a:i(e): s. 484 [Ekcui*s 1: 

Der Wechsel u : o im part. pass. der ostnord. sprachen : s. 503. 

— Excurs 2: Zur frage nach dem palatalumlaut : s. 506]. — 
n. Zur frage nacli dem a-umlaut von u iu den altnord. 



INHALT. 

Seite 

sprachen: s. 511 [Excurs: Die behaudhmg- des gerra. diphthougs 

eu und der Wechsel iü : iü in den altnord. sprachen: s. 532]. 

m. Zur frage nach dem o- Umlaut von i in den altnord. 

sprachen: s. 544) 
Die Chronologie des Übergangs von germ. e zu i vor v -f- k, g, y. 

Von K. Helm 556 

Meerrettich. Von J. Hoops 559 

Werwolf. Von A. S. Napier 571 

Zum Opus imperfectum. Von W. Streitberg 574 



UEBER HARTMANN VON AUE. 

Die ergebnisse meiner dissertation •Hartmann von Aue als 
l}Tiker' (Halle 1889) sind in den letzten jähren von verschie- 
denen Seiten her angefochten worden. F. Vogt hat in einer 
eingehenden besprechung (Zs.fdi)h.24,237) mancherlei bedenken 
erhoben. Andere machte dann E. Henrici im Jahresber. f. 
germ. phil. 13, 263 geltend, und neuerdings hat noch A. Schön- 
bach in seinen Untersuchungen über Hartmann von Aue (bes. 
s. 343 ff.) meine arbeit einer scharfen kritik unterzogen. 

Obwol ich trotzdem nach wie vor überzeugt bin, dass die 
resultate meines buches in allem wesentlichen unerschüttert 
stehen, so wiegt doch nicht weniges von dem was jene gelehiten 
beibringen, schwer. Es sind von ihnen, besonders von Vogt, 
in der tat mängel meiner beweisführung bloss gelegt worden, 
so dass eine ergänzung am platze ist, wenn anders die ergeb- 
nisse der arbeit bestehen bleiben sollen. 

Aus anderen gründen empfiehlt es sich, die Untersuchung 
übei-haupt noch einmal aufzunehmen, wenigstens zum teil. 
Diese gründe sind vorzugsweise rhythmischer natur. Ich 
stand 1889 in dieser beziehung auf einem Standpunkt, den ich 
jetzt nach mehrjährigem Studium der musikalischen und 
poetischen i'hythmik als ungeniigend erkannt und darum ver- 
lassen habe. Aendert sich auch — wie ich vorweg bemerken 
will — bei der neuen, richtigeren betrachtung an dem schluss- 
resultat nichts von belang, so ist es doch notwendig, bei 
besserer einsieht das finihere nachzuprüfen. 

Ich habe in meiner schritt von 1889 nachzuweisen ver- 
sucht, erstens eine Chronologie der lieder Hartmanns und des 
er-sten büchleins (H.'s klage), zweitens die unechtheit des so- 
genannten zweiten büchleins, des künstliclien Schlusses des 
ersten und weniger lieder, die schon andere ^'ur mir beanstandet 

Beiträge zur geschlchte der deutacheu epracUe. XXIII. 1 



2 SARAN 

haben. Diese ergebnisse zu sichern werde ich im folgenden 
meine frühere Untersuchung ergänzen, wo es nötig ist, und 
verteidigen, wo ich gegenüber Vogt, Henrici und Schönbach 
im recht zu sein glaube. 

Die lieder. 
I. Zur kritik und erklärung. 

Vogt tadelt a. a. o. s. 241 die weitgehende Zerlegung, die 
ich mit den liedern Hartmanns vorgenommen habe. In der 
tat ist das was ich H. v. A. s. 5 ff. darüber vortrage, einzu- 
schränken und zu berichtigen. 

Schon Lachmann hat zu Walther 53,83 und 74,20 da- 
rauf hingewiesen, wie schwer es ist, aus den Strophenreihen 
die die handschriften überliefern, lieder mit einleuchtendem 
gedankenf ortschritt herzustellen. Dann hat besonders Wil- 
nianns, Zs. fda. 13, 229 ff. auf diesen punkt geachtet: er zerlegt 
einige der lieder Walthers, die Lachmann angenommen, A\1der 
in einzelne von einander unabhängige Strophen. In seiner 
ausgäbe des dichters (2. aufl.) s. 61 sagt er darüber: 'fi^eilich 
stehen zuweilen einzelne Strophen mit anderen desselben 
tones nicht in unmittelbarem, engeren Zusammenhang, aber 
sie können doch zugleich mit diesen entstanden und vor- 
getragen sein. Der fall, dass zwei selbständige in sich ab- 
geschlossene lieder nach derselben weise gehen, begegnet nur 
einmal: 63,8 und 112, 17'. Nur zuweilen also fehlt nach Wil- 
manns der Zusammenhang. Dies und der umstand, dass es 
Lachmann (ifters für nötig hält die überlieferten strophen 
gegen alle handschriftliche autorität, rein nach eigenem er- 
messen anzuordnen, und dass dann Wilmanns mehrfach solche 
lieder Lachmanns wider zerschlagen muss, beweist, dass beide, 
Lachmann sowol als AVilmanns, an die reihe der überlieferten 
Strophen eines tones zunächst den massstab dessen anlegen 
was man heutzutage unter einem liede versteht. Andernfalls 
hätten versuche sie zu ordnen keinen zweck. Offenbar fordert 
Lachmann für die strojdien eines tones inneren zusaunnenhang 
und gedankenf ort seh ritt. Wo sich ein solcher aus der über- 
lieferten folge nicht ergibt, sucht er durch mnstellung nach- 
zuhelfen. Erst wenn auch dies mittel versagt, entschliesst er 
sich, solche strophen von den andern zu trennen. Diese fälle 



UEBER HARTMANN VON AUE. 3 

AA^erden im druck durch breiten Zwischenraum kenntlich ge- 
mächt. 

Er und Haupt verfaliren in MF. ganz ebenso. Ich glaube 
nicht dass man beider absiebten verkennt, wenn man annimmt : 
die Strophen eines tones welche im druck eng an einander 
geschlossen sind, soll der leser als einheitliches lied mit be- 
stimmtem gedankenfortschritt ansehen, wenn dieser auch oft 
schwer zu erkennen sein mag. Nur diejenigen Strophen stehen 
ausserhalb des Zusammenhanges, welche auch im text isoliert 
bleiben. Vgl. Hartm. 206, 10. 208, 32. 210, 35—211, 8. 

So fassen auch diejenigen die Sachlage auf, die im anschluss 
an MF. Untersuchungen angestellt haben. Denn die zahlreichen 
vorschlage, hier die Strophenordnung zu verändern, dort eine 
oder mehrere Strophen selbständig zu machen, haben doch nur 
dann einen sinn, wenn ihre Urheber von eben den Voraus- 
setzungen ausgehen, die ich oben betreffs der ausgäbe an- 
genommen habe. 

Gerade diese tatsache nun, dass so häufig anlass ist, über 
umfang und gedankengang von minneliedern zu schwanken, 
lehrt, dass Lachmanns und Haupts ausätze nicht überall über- 
zeugen, dass nicht immer ein gedankenfortschritt in den 
Strophen aufgefunden werden kann, die der text von MF. in 
der weise eines liedes zusammenstellt. Diese erkenntnis hat 
Paul zu der ansieht geführt, die er Beitr. 2, 510 ff. ausspricht. 
Er macht hier den mangel an innerem gedankenfortschritt 
geradezu zum princip der mhd. IjTik. 'Die lieder Eeinmars 
■wie die der meisten minnesinger haben in der regel keine 
durchgeführte gedankenent Wickelung. Ein logischer zusammen- 
liang zwischen den einzelnen Strophen ist sehr oft kaum oder 
gar niclit zu bemerken, jede strophe könnte für sich ein ganzes 
bilden, w(jher es auch kommt, dass die liss. in der strophen- 
ordnung so oft von einander abweichen. Wenn Avir überall 
da. wo der zusauniieiiliang fehlt, teilen wollten, so würden wir 
noch eine menge eiustropliiger lieder bekommen. Aber schwer- 
licli w iirde dies verfahren richtig sein. Wir müssen vielmehr 
annehmen, dass auch solche eines inneren Zusammen- 
hanges entbehrende Strophen doch äusserlich zu 
einem liede aneinandergereiht waren, d.h. zusammen 
vorgetragen wurden. Ueber den umfang und die grenzen 



4 SARAN 

eines solchen liedes in jedem einzelnen falle zu entscheiden, 
haben Avir kein mittel mehr.' 

Das was die Strophen zu liedern zusammenhält, ist also 
nach Pauls ansieht mehr der äussere umstand dass sie zu- 
sammen yorgetrao'en wurden, als das band des gedankens. 
Die gleichheit in strophenbau und melodie hat seiner meinung 
nach mindestens eben so grosse bedeutung für das verketten 
einzelner Strophen zu einem ganzen wie der Inhalt. Vgl. auch 
Paul, Waltherausgabe-, einl. s. 24. Schönbach, Untersuchungen 
s. 357 stimmt ihm darin bei. Folgerechter weise hätten unter 
diesen umständen anordnungsversuche nur sehr bedingten wert. 

Wie weit Pauls ansieht richtig ist, kann nur die durch- 
arbeitung eines grossen materiales ergeben. Jeder minnesinger 
muss einzeln darauf hin geprüft werden. Für Hartmann bin 
ich jedenfalls in der annähme von völlig selbständigen einzel- 
strophen zu weit gegangen. Ich glaube jetzt, dass zusannnen- 
hang von Strophen eines tones beabsichtigt sein kann, auch 
wenn ein eigentlich logisch greifbarer fortschritt der ge- 
danken nicht zu linden ist. Ich halte es darum nicht für richtig, 
dass Bech in der dritten aufläge seines zweiten bandes meinem 
Vorgang öfters genau folgt und die Verbindung in mehreren 
tönen auch äusserlich gänzlich löst. Er versieht Strophen die 
ich abgesondert habe, mit besonderen nummern und einleitungen 
(z. b. 211, 2 ff. 206, 19 ff. 205, 1 ff. 209. 25 ff.) und verleiht ihnen 
dadurch grössere Selbständigkeit als der dichter wirklicli 
gewollt. 

Dass die weitgehende Zerlegung der töne von MF. zu 
unwahrscheinlichen conseciuenzen führen würde, habe ich 
übrigens selbst schon während des druckes meiner arbeit er- 
kannt und darum die im text vorgetragene ansieht nach- 
träglich in einer anmerkung etwas verändert (H. v. A. s. 13 
unten). Ich schlage dort für Strophenreihen, deren glieder 
sich im Inhalt folgerichtig aneinander anschliessen, gegen 
einander also unselbständig sind, den namen strop henke tte 
vor. Solche deren glieder, wenigstens gegen einander, selb- 
ständig sind und nur durch die beziehung auf ein gemeinsames 
thema zusammen hängen, nenne ich Strophenkreis. Die 
Zusammengehörigkeit muss in allen fällen kenntlich gemacht 
werden; zum besseren Verständnis würde es aber dienen, wenn 



UEBER HARTMANN VON AUE. 5 

sich ein nicht zu auffallendes mittel finden Hesse, fiio;ung-en 
der zweiten ai-t auch im druck anzudeuten. Der leser bleibt 
dann über den mang-el streng- logischer folge keinen augen- 
blick im zweitVl und verliert seine zeit nicht mit unnützen 
constructionen. 

Eis ist zweckmässig, einmal rein theoretisch die Verhält- 
nisse aufzustellen, welche im inhalt zwischen den Strophen 
eines tones obwalten können. Wie viele von diesen logischen 
möglichkeiten wirklich praktische bedeutung haben, kann nur 
die einzelforschung ermitteln. Es sind folgende. 

I. Die Strophen eines tones enthalten einen durch- 
laufenden ged ankengang (strophenketten). 

a) Die gedanken schreiten streng an einander geschlossen 
vorwärts, eine Strophe nimmt den gedanken da auf, wo ihn 
die vorausgehende hat fallen lassen. So ]\IF. 218. 5 oder Walth. 
39. 11. Jede einzelne Strophe ist also in hohem grade unselb- 
ständig. 

b) Die Strophen geben gleichsam nur die hauptmomente 
einer handlung, eines gedankenganges oder stimmungs verlauf es. 

Das dazwischen liegende ist als minder wesentlich fort- 
gelassen, kann aber bei aufmerksamer lectüre ergänzt werden.. 
Auch hier ist ein regelmässiger f ortschritt vorhanden, nur dass 
er nicht continuierlich, sondern sprungAveise erfolgt. 

Die Strophen solcher reihen sind gegen einander minder 
unselbständig, sie können sogar, isoliert betrachtet, oft ab- 
geschlossen scheinen. 

Zu dieser kategorie geh()ren z. b. Wechsel Avie MF. 4, 17. 
8, 1 — 9, 29. Beispiele bei Hartmann Avei'de ich unten erörtern. 

c) Formen die sich aus a) und b) mischen. Hier sind 
combinationen verschiedener art denkbar. 

IL Die Strophen eines liedes enthalten keinen durcli- 
laufenden g e d a n k e n g a n g (strophenkreise). 
a) Die stroi)hen sind ihrem inlialt nach völlig unabhängig 
von einander. Jede hat ein besonderes thema. Dass fälle 
dieser art vorkommen, ist mir etwas zAveifelhaft. Sclnverlich 
hat je ein minnesinger stiophen von ganz hetei-ogeneiii inlialt 
in ein lit^d zusammengepferclit. 



6 SARAN 

b) Die Strophen sind völlig- selbständig und abgeschlossen, 
entspringen aber insgesammt demselben ereignis oder derselben 
Stimmung. Im übrigen ist der Inhalt verschieden, ein gemein- 
sames thema nicht naclnveisbar. Strophenreihen des Schemas 
a) und b) könnte man 'aggregate' nennen. 

c) Die Strophen sind formell völlig selbständig und ab- 
gerundet, behandeln aber alle denselben grundgedanken. Sie 
sind gleichsam Variationen über ein bestimmtes thema. Diese 
art ist mit Ib nicht zu verwechseln: dort bilden die Inhalte 
der Strophen eine fortlaufende reihe, nur dass die vermittelnden 
gedanken nicht ausgedrückt werden; hier in II c bilden sie 
keine reihe und gibt es keine gedankenvermittlung z^dschen 
ihnen. Theoretisch wäre ihre anordnung gleichgiltig, nur dass 
sich in solchen tönen gewisse Strophen besser zur einleitung, 
andere besser zum abschluss eignen. Trotz innerer Unabhängig- 
keit braucht also doch die Stellung der einzelnen strophe nicht 
willkürlich zu sein. Beispiele für diesen fall sind häufig. 
Einige auch bei Hartmann. 

d) Mischformen; z. b. von drei Strophen hängen 1 und 2 
nach c zusammen, no. 8 ist selbständiger, 2 : 3 dabei nach 

a oder b. 

III. Kreuzungen von I und II. 

Ich zähle nur einige fälle auf: 

a) Von 3 (5) Strophen können 1 — 2 (1 — 4) nach la oder 
Ib logisch zusammenhängen, no. 3 (5) ist loser damit nach IIa, 
b oder c verknüpft. 

b) Von 6 Strophen können 1 — 3, 4 — 6 oder 1 — 4, 5 — (5 
nach I oder II in sich als zwei gruppen zusammenhängen, in 
dem ton aber als kleine ganze doch nach IIa, b oder c aus- 
einanderfallen u. s. w. 

lieber die art des Zusammenhangs kann zunächst nur die 
schärfste textinte rpretation auskunft geben. Die reihen- 
folge in den hss. ist immer mit vorsieht aufzunehmen. Es 
gibt aber doch noch eine reihe von kennzeichen, die das ge- 
schäft der Strophenordnung sehr erleichtern können. Hierher 
gehört die erscheinung der responsion, auf die Er. Schmidt, 
Reinm. v. Hag. s. ü ff. und dann mit nachdruck Burdacli, Reinm. 
u. Walth. s. 84 ff. hinweist. Vgl. H. v. A. s. G ff. Ferner die 
Strophenverkettung, über die (-iiske, Zs. fdph. 20, 189 ff. 



_j 



UEBER HARTMANN VON AUE. 7 

handelt. Es kommen rein formale kriterien dazu. Kr»rner 
weist Giske Zs. fdpli. 18, 57 ff. nach. Eefrain findet sich ge- 
leg'entlich. Auf analyse des inhalts und der g-edankenent- 
Avicklung- darf aber nie verzichtet werden, wie das z. b. Giske 
allzu sehr tut. 

Auch die anzahl der in einem ton vereinigten Strophen 
scheint keineswegs gleichgiltig zu sein. Es ist schon oft ge- 
sagt worden, dass in der späteren zeit des deutschen minne- 
sangs mit Vorliebe lieder von 3, 5 oder 7 Strophen gedichtet 
seien, eine regel die nach "^^^ackernagel aus der frz. kunstl^Tik 
übernommen sein soll (AVackernagel. Lit.-gesch. 12,298. Afrz. 
lieder und leiche 124. 224). v. d. Hagen bemerkt darüber MS. 1, 
einl. s. 33, meister Konrad habe fast lauter gedritte lieder, 
Nifen und Wintersteten fast ebenso viel gefünfte. Lichtenstein 
meist gefünfte und gesiebente. 'Manchmal vervollständigen sich 
die zahlen dui'ch vergleichung der hss., und die manessische 
lässt häufig gerade so viel räum für das fehlende'. Auch die 
meistersänger bevorzugen lieder von drei und fünf Strophen. 
Vgl. J. Grimm, Meistergesang s. 46. 47. 

Die gewohnheit der manessischen hs., platz zu lassen, wo 
ein ton weniger als fünf oder drei Strophen umfasst, hat man 
bereits benutzt, um an der Überlieferung kritik zu üben. Vgl. 
Haupt, vorrede zu Nifen. W. Uhl, Unechtes bei Neifen, Gott, 
diss. 1888. Vgl. darüber rec. Vogt, Zs. fdph. 24, 247 ff. Mir ist 
nur so viel wahrscheinlich, dass die Schreiber der hs. C der 
nieinung waren, drei oder fünf Strophen sei der reguläre um- 
fang eines liedes. Da sie aus erfahrung wussten, wie weit 
einzelne Strophen solcher lieder im laufe der zeit versprengt 
werden konnten, so Hessen sie hinter tönen von geringerem 
umfang platz für künftige nachtrage, gewis oft mit unrecht, 
oft mit recht. Jene regel werden sie aus der poetischen 
Tradition geschöpft haben, und ihre bedeutung scheint in der 
tat grösser gewesen zu sein als man jetzt meint, nicht nur 
für die späteren minnesinger, sondern auch für die früheren. 
In Walthers minneliedern (vgl. Pauls ausg. abt. 1) z. b. über- 
wiegen die lieder von drei, fünf und sechs (3 + 3, 4 + 2?) 
sti-o])]ien entschieden. Wie es scheint auch bei Reinmar. Man 
wird auch an Scherers fünfei'gi'ui)pen beim anonynms Spervogel 
denken, fcli bin übei'zeugt, dass man bei benutzung aller diesei* 



■8 SARAN 

mittel noch zu bestimmten grimdsätzen hinsichtlich der strophen- 
folg-e kommen wird. Es scheint — die folgende Untersuchung- 
wird das bestätigen — gewisse typen für die weise des strophen- 
zusanimenhanges im lied zu geben, die es im einzelnen nach- 
zuweisen gilt. Natürlich muss die Untersuchung für jeden 
Sänger besonders geführt werden. Für Hartmann möge sie 
hier folgen. 

]\r. e. enthalten folgende lieder Hartmanns sicher einen 
wirklich folgerechten gedankengang: MF. 209, 5 (2 Strophen), 
212,37 (3). 214,12 (2). 216,1 (4). 216,29 (3). 217,14 (3). 218,5 (3). 
Diese sieben töne wären also strophenketten. Man beachte, 
dass davon die mehrzahl, nämlich vier, dreistrophig ist. Von 
allen anderen Strophenreihen habe ich in meinem buch be- 
hauptet, dass sie keinen erkennbaren gedankenfortschritt auf- 
wiesen. Vogt widerspricht dem und bespricht zunächst aus- 
führlich ton III (207, 11 ff.): H. v. A. s. 11 ff. 

Die Strophen dieses tones werden in folgender Ordnung 
von den hss. überliefert: 



(' 


B 


A 


MF. 


5 


3 


— 


208,8 


(*) 


4 


7 


207, 71 


7 


5 


— 


207, ro 


S 


— 


10 


208, 32 


9 


6 


8 


207, 23 


XO 


9 


9 


208, 20 



Vogt erkennt an, dass die reihenfolge in MF. nicht befriedigt 
und stellt eine neue her, in der er logischen gedankenfort- 
schritt findet. Er ordnet MF. 207,11. 207,35. 208,8. 207,23. 
208,20. 208,32. Aber schon 207,11 und 207,35 lassen sich 
auf keinen fall verbinden. 

In jener strophe nimmt der dichter ein früher gegebenes 
versprechen zurück, seiner dame immer leben zu wollen. Er 
hat, wie er versichert, sein herz von ihr genommen; jenes ver- 
sprechen bezeichnet er nun als tumhcn antheis, den er noch 
rechtzeitig aufgegeben, ehe ihm das vergebliche werben sincr 
järe, d. i. wol seiner Jugendjahre (Schönbach s. 284) gänzlich 
beraubt habe. Von nun an will er einer andern seinen dienst 
zuAvenden. 

Stimmung und gedanken dieser worte kann man unmög- 
lich anders verstehen, als dass sich Hartmann soeben {ßr dise 



UEBER HARTMANN VON AUE. V 

sit\ 207, 21) von seiner danie losgesagt hat. Oh er es Avirklich 
und namentlich offenkundig- getan, ob er nur in augenl)licklicher 
erreg'ung für sich den entschluss gefasst, ob er alles nur fin- 
giert, ist eine andere ft-age. 

Die Verbindung der strophe mit 207, 35 stellt nun Vogt 
folgendermassen her: 'man darf mich deshalb nicht treulos 
schelten". Den Inhalt der letzteren umschreibt er mit den 
■\vorten: "untreue war mir stets verhasst; lediglich meine treue 
hat mich nicht schon eher, so viel ich auch zu leiden hatte, 
aus ihrem dienste scheiden lassen. Jetzt schmerzt mich, dass 
sie mich ohne lohn lassen will'. Vogt legt Hartmann damit 
den etwas spitzfindigen gedanken in den mund: 'ich bin des- 
Avegen nicht untreu: im gegenteil, ich bin sehr treu, denn 
sonst hätte ich ihr schon längst den dienst gekündigt'. Ich 
bezAveifle aber, dass dies der sinn der strophe ist. Zunächst 
ist e V. 38 nicht überliefert, sondern zusatz von MF. Der 
sinn fordert die partikel keineswegs, und darum hat man es 
wider zu streichen. Ich übersetze: ich bin der untreue immer 
feind gew'esen (sc. und bin es noch). Und doch würde mir 
untreue, wollte ich untreu sein, weit mehr vorteil bringen als 
der umstand, dass micli meine treue, die mir befohlen in ihrem 
(hVnst zu verharren, nicht hat von ihr scheiden lassen'. 1). h. 
untieut- würde mir nützlicher sein als meine beständigkeit in 
ihrem dienst. Es folgt der grund. 'Es bringt mir nämlich 
nun schmerz, dass sie mir nicht lohnen will'. 'Aber trotzdem', 
fährt er fort, 'werde ich bloss gutes von ihr sagen'. 

So kann doch nur einer sprechen, der seiner dame seit 
langem — wenn auch ohne lohn — treu und ergeben dient 
und der das einseitige minneverhältnis trotz trüber erfalirungen 
weiter fortsetzen will. A\'as bedeutet v. 38 ff. anders als die 
Ijehauptung unwandelbar treu geblieben zu sein? Nun hat 
sich aber der dichter von 207, 11 soeben von der dame los- 
gesagt, wenigstens in diesem poetischen erguss. Also ist es 
unmöglich, mit Vogt in 207, 35 die unmittelbare und genaue 
fortsetzung von 207, 11 zu sehen. Beide Strophen sind zudem 
in der Stimmung ganz verschieden. Die erste ärgerlich und 
fast gi'ob. diese resignierend und sentimental. 

Auch die crklärung die Vogt von 208, 20 ff. gibt, kann 
icli iiiii' iiii'lit aneignen. Er schi'cibl 208,23 gegen die über- 



10 SAB AN 

lieferiuig (A tröstet, BC trcestet) tröste. Aber die änderiing: ist 
nur für den nötig, der alle Strophen dieses tones zu einer 
stroplienkette von enger bindung vereinigt und sie mit einer 
aiifkündigimg beginnen lässt. Für den sinn der Strophe an 
sich ist sie überflüssig. IMese schildert, wie 207, 35. eine 
gegenwärtige Stimmung. Ich übersetze also: 'mir sind die 
jähre die ich ihr gewidmet habe, dm-chaus nicht verloren. 
Denn ist mir auch minnelohn von ihr bis jetzt nicht zu teil 
geworden, so gibt mir doch angenehme hoffnung darauf trost. 
(Daran kann ich mir genügen lassen.) Ja auch meine "«iinsche 
würden sich sogar nicht höher versteigen als dazu dass ich 
sie nach wie vor als meine dame bezeichnen, d. i. als dass ich 
mich nach wie vor als ihren diener betrachten dürfte. Es 
stirbt ja mancher mann, ohne dass ihm je erluaung zu teil 
wird, nur immer hoffend, es werde doch noch geschehen — 
und diese hoffnung genügt ihn froh zu machen'. Die zeilen 
24 — 26 enthalten einen gedanken. der den von 23 noch über- 
bieten soll. Zu als e {= so wie früher) ist nicht mit Heinzel 
s. 127 anm., Vogt und H. v. A. s. 12 anm. 1 -wider' sondern 
'jetzt' zu ergänzen. Bei jener auffassung wäre das Verhältnis 
gelöst und alsdann hätte v. 23 keinen sinn: lieber uäu wäre 
dann eben ausgeschlossen. Auch würde diese lesart voraus- 
setzen, dass dem dichter das Verhältnis aufgesagt ist. Davon 
steht aber in dem ganzen ton kein wort: im gegenteil. überall 
wird vorausgesetzt, dass aufhören oder fortsetzen des dienstes 
im belieben des dichters liegt (207, 11 ff. 208, 32 ff.) und dass 
die dame den dienst hinnimmt (208. 12 ff.), oline freilich gnade 
zu üben. 

Bei meiner erklärimg der beiden Strophen ist der dichter 
von seinem in 207. 11 kund gegebenen entschluss längst zurück- 
gekommen. Man kann nicht bescheidener wünschen als es 
der dichter in 208, 24 ff. tut. Damit ist nun aber wider die 
Strophe 208, 32 ff., in welcher jene erste ausdrücklich Avider- 
rufen wird, für einen genauen gedankenzusammenhang nicht 
passend. 208, 20 würde offenbar besser dahinter als davor stehen. 

Somit sclieint mir diese neue anordnung und erklärung 
Vogts ebenso wenig haltbar als die zahlreichen andern, die 
vorgebracht sind. Gleichwol enthält der selir ansprechende 
gedanke den Vogt seiner darlegung zu gründe legt, einen 



UEBER HARTMANN VON AUE. 11 

berechtigten kern. Vogt meint nämlich. Hartmann schiklere in 
diesem ton, wie er — freilich nnr in gedanken — von der 
anfkündigimg- ans dnrch eine Stufenleiter vers()hnlicher betrach- 
tuug-en hindurch zur ffirmlichen zurücknähme jener aufsage 
geführt sei. 

Die sechs Strophen darf man nämlich nicht, wie ich früher 
getan, schlechthin isolieren, sondern sie ordnen sich, wie ich 
jetzt glaube, dem inhalt nach in zwei gruppen von je drei. 
Die erste gruppe umfasst :\IF. 207, 11. 208, 32. 208, 20, die 
andere 208, 8. 207, 35. 207. 23. 

Die Strophenordnung in der ersteren dürfte so wie ich 
sie gegeben, sicher sein. 207, 11 fällt sicher vor 208, 32, weil 
sich diese auf jene bezieht (207,22 : 209,4). Auch sonst 
nimmt die zweite Strophe auf die erste bezug. Dort mrd als 
grund dafür dass der dichter sich von der dame abgewendet 
hat. angegeben: ein so vergebliches werben raube dem mann 
seine besten jähre: 

der läze in (sc. den tumlien antlieiz) e der tage 

e in der strit 

beroube siner järe gar. 

Hier wird dies ausdrücklich zurückgenommen und dabei das 
gegenteil behauptet: 

208, 37 ff. .swer von der siner strebet, 
der habe im daz; 
in betraget siner järe vil (so die hss.), 

<1. li. wer von seiner dame loszukommen trachtet, der mag es 
tun; seine Jugendjahre werden ihm sehr freudlos dahinfliessen. 
\\'aliren genuss seines lebens hat man eben nur im minne- 
dienst. Vgl. 2. Büchl. 65 ff. Uebrigens erklärt Naumann s. 47 
den vers 208, 36 nicht richtig. Vgl. dazu 205, 26. Die dame 
lebt so, dass sie nur auf ihren guten ruf bedacht ist. Sie Avill 
sich nur nicht compromittieren und darum allein versagt sie 
dem dichter ihre gunst. 

Die gedanken dieser Strophe 208, 32 kehren nun in 208, 20 
wider. So 

20S, 20 mir sint diu jär vil un verlorn 
diu ich an si gewendet hän, 

d. h. meine jähre, die ich im minnedienst wenn auch vei'geblich 
verbraclit habe, sind nicht unnütz angewendet. Auch ich habe 



12 SARAN 

die freude, die sich ein mann wünscht, wenn auch nur als tvän 
und gcdiuffe. 208, 24 ff. weist auf 208, 32 f. zurück, wo in v. 33 
die zu betonen ist: 'ihr und keiner anderen zu ehren'. 

Diese drei Strophen lassen sich nun in der tat als ein lied 
(strophenkette Ib) auffassen, durch welches sich der gedanke 
hinzieht, den Vogt als thenia des ganzen tones angibt. Drei 
hauptmomente eines Stimmungsverlaufs w^erden herausgehoben 
und dargestellt, die verbindenden mittelglieder fehlen. 207, 11 ff.: 
irgend etwas erregt den dichter, er widerruft im zorn sein 
versprechen 'ihr' immer zu dienen, er nimmt sein herz zurück, 
das er ihr geschenkt hat. Der dienst scheint ihm eine torheit, 
die dem Jüngling seine schfhisten jähre kostet. Von nun an 
will er einer anderen dienen. Diese Stimmung hält nicht 
lange an. Er sieht ein, dass die dame nicht anders handeln 
kann, wenn sie ihren ruf nicht aufs spiel setzen will, dass sie 
ihn nicht hasst, sondern sich bloss nicht compromittieren will. 
Nun widerruft er. 208,32: nicht einer anderen (andersivar) 
will er dienen, sondern eben der der er bisher gedient hat. 
Er ist nun überzeugt, dass sie nicht launisch handelt, sondern 
nicht anders kann. Nun ist der dienst nicht mehr eine tor- 
heit die die Jugend raubt, sondern es wird im einklang mit 
den andern minnesingern behauptet, nur im minnedienst 
könne der mann seiner Jugend froh werden. Es ist nicht 
mehr klugheit, solchen gelübdes sich zu entledigen (207, 15 ff.), 
sondern falschheit (209, 1 ff.): so kommt er zu der erklärung 

209,4 von ir ich niemer komen wil (vgl. 207,11). 
Man sieht, beide Strophen sind in ihren gedanken einander fast 
genau entgegengesetzt. 

Die letzte 208, 20 begründet nun den neuen entschluss 
und geht schwärmerisch ebenso weit über das rechte hinaus, 
als die erste ärgerlich dahinter zurückgeblieben war. Die 
Jugendjahre, deren Verlust 207, 18 beklagt wurde, sind nicht 
verloren. Hat der dichter auch keinen lohn von der geliebten 
empfangen, so hat er doch als tröstliche fi-eude noch immer 
die angenehme aussieht auf erhörung, in der ihn der dienst 
erhält. Damit erklärt er alle seine wünsche für erfüllt, ja 
er würde, wenn man ihm einen wünsch freistellte, nichts 
weiter begehren als eben die fortdauer dieses schon lange 
bestehenden Verhältnisses. Gehe es doch auch vielen anderen 



UEBER IIARTMAXN VON AUE. 13 

nicht besser, als tlass sie iiui- walinfreiule geiiössen — und 
doch wären sie befriedigt. 

Dieser gruppe steht die der übrigen drei stroplien ganz 
selbständig: g-eg-enüber. Die hss. lassen sie in der Ordnung- 
208, 8. 207. 85. 207, 23 folg"en und es ist nicht nötig dieselbe 
zu ändern. Denn die drei Strophen gleichen sich im Inhalt 
so sehr, dass ich wenigstens darin keinen logischen g-edanken- 
fortschritt erkenne. Sie bilden m. e. einen strophenkreis (II c, 
oben s. 6). Das thenia, das dreimal variiert wird, lautet: ob- 
wol sie mir lohn versagt und mir dadurcli leid antut, will 
ich ihr nicht böses mit bösem vergelten. Die beiden ersten 
Strophen bringen es negativ, die letzte wendet es positiv. 

Besonders älmlicli sind 208.8 und 207,35. Sie enthalten 
die gedanken 

208,8 — 11 vgl. 208,4: ich werde nichts böses von ihr 
ausbringen. 

208, 12—15 vgl. 207,38—208,3: ich diene ihr treu, aber 
sie lohnt mir nicht. 

208, IG— 19 vg-1. 208, 5—7: die schuld ist mein. 
Die dritte Strophe enthält den letzten gedanken nicht. Ihre 
beiden ersten Zeilen (207, 23. 24) fassen den zweiten kurz zu- 
sammen, aller nachdruck liegt auf der positiven Versicherung : 
ich werde böses mit gutem vergelten. So schliesst die Strophe 
mit einem heileswunsch für die geliebte und ist darum zum 
abschluss der gruppe sehr geeignet. 

P>s enthält also meiner ansieht nach ton III eine Strophen- 
kette und einen strophenkreis. Jede dieser gruppen besteht 
aus drei gliedern, von denen wider die beiden ersten durch 
parallelismus oder contrastierung der gedanken enger zu- 
sammenhängen, also nach dem Schema (1 -\- 2) + 3 oder 1, 2. 3. 
Was ich über abweichende Voraussetzungen in den ein- 
zelnen Strophen des toues II (20G, 10 ff.) H.v. A. s. 9 f. vor- 
Iniiige, hält Vogt für unzutreffend, ohne freilich sein urteil 
zu begründen. Ich lialje in dei- tat die Situation der strophe 
20t). 29 unrichtig aufgetasst. wenn ich sage: *in ihr wird bei 
der dame, von der der dichter wol durch merlacre fern gehalten 
wurde, ein gewisses wol wollen vorausgesetzt'. Dies liegt nicht 
in den woiten. Die str(jph(^ schildert nui" die besondere art, 
wie der diditei' der dame seine sedanken offenbaren muss. 



14 SARAN 

Er muss sich, wenn er ihr sein leid klagen will, des liedes 
bedienen, da ihm persönliche ausspräche nicht mög-lich ist. 
Was diese verhindert, wird nicht gesagt, aber v. 32 'nun ist 
mir das glück nicht so hold, dass ich ihr meine gesinnung 
selbst darlegen könnte' kann sich verbunden mit v. 35 ff. wol 
nur auf räumliche trennung beziehen, die vielleicht rein 
äussere gründe hat. Von merkern Avird nichts berichtet. Man 
übersetze also: 'könnte ich der schönen, was ich emi)finde, so 
wie ich wünsche d.i. persönlich sagen, so Hesse icli meinen 
sang. Nun aber ist mein glück nicht so gut: darum bin ich 
genötigt ihr im gesange meine leiden zu klagen. (Das tue 
ich auch, denn) wenn ich ihr auch noch so fern bin, so schicke 
ich ihr doch diesen boten, mein lied, zu, den sie gar wol hören 
wird und doch nicht sieht. Der wird mich dort (wo meine 
dame weilt) nicht verraten'. 

Den Inhalt dieser Strophe setzt 207, 1 ff. passend fort. 
Gleich zeile 1 nimmt bezug auf 206, 33. 34. Die leiden werden 
übrigens für die geliebte 'erneuert', weil sie der dichter 
gleichsam von neuem durchnmcht, indem er sie dem liede 
anvertraut. Vgl. MF. 187, 32. Bechs Übersetzung scheint mir 
den sinn nicht genau zu treffen. Es liegt nicht in den Worten, 
dass der dichter schon öfter lieder gesaut hat. Also: 'das 
lied nun, in dem ich der edeln meinen schmerz kund tue, 
ist eine klage und nicht ein gesang'. V. 207, 4 — 6 führt genau 
aus, Avas 200, 34 nur andeutet: 'ich bitte sie um erhörung und 
sie versagt; diese schwere zeit dauert schon allzu lange (als 
dass ich noch fröhlichen sang ertönen lassen könnte)'. Aus 
dieser trüben Stimmung ergibt sicli von selbst der leise wünsch, 
der in den versen 7 — 10 beschlossen liegt: 'wem es möglich 
wäre, solchen kamjjf (solche bemühungen), der kunnner und 
nie freude gibt, aufzugeben - mir ist es aber nicht möglich 
(Mhd. wb. 1,806 b) — der wäre ein glücklicher mensch'. 

Die beiden Strophen hängen also selir gut zusammen. 
Die noch übrige ist freilich mit ihnen nur lose verknüpft. 
MF. stellt sie mit AC' an den anfang. Dahin i)asst sie aber 
keinesfalls, Avenn man den ton mit MF. als eine strophenkette 
betrachtet. Denn die Zeilen 206, 27 und 28 bilden einen ent- 
schiedenen schluss. Nun steht der Inhalt dieser Schlusszeilen 
doch Avol mit 207, 7 — 10 in beziehung: der leise Avunsch, den 



UEBER IIAKTMANN VON AUE. 15 

diese verse enthalten, wenn er auch mit einem des ich nicne 
lan sofoi't unterdrückt wird, dieser leise wünsch wird 206, 
27. 28 ausdrücklich ins g-egenteil gewendet und der inlialt von 
207, 4 — 6 (auch der ausdruck (jnddcn hiten) kehrt wider in 
206, 24—26. A^'ir werden also in 2ü6, 19 den abschluss des 
Strophenpaares 206, 29 und 207, 1 erblicken dürfen; sie bringt 
eine ai't paliiiodie für den schluss der zweiten von ihnen; 
Freilich muss man festhalten, dass diese Strophe den gedanken 
nicht scharf aufnimmt und fi)lg(^ri('litig weiter führt: sie kommt 
nach einer besonderen allgemeinen erwägnng (200, 19 — 23), in 
der V. 20 ein neues niotiv anschlägt, zu ihrem endresultat. 
Doch wird auch hier das unglückliche liebesverhältnis voraus- 
gesetzt, von dem str. 1 und 2 eine besondere Situation ausmalten. 

Dafür dass die Strophe 206, 19 den schluss des kreises 
bildet, spricht auch der umstand, dass die erste zeile von 
ton III 207, 11 direct an sie anknüpft: die pointe des ganzen 
tones II wird darin zunächst negiert. Man sieht ferner leicht, 
dass sich dieser ton II im Inhalt mit der strophenkette aus III 
sehr nahe berührt. Abgesehen von der eben erwähnten, un- 
mittelbaren hindeutung von III auf II ist das in rede stehende 
lied nichts anderes als eine Aviderholung des wesentlichen in- 
lialts von II, nur in stärkerer potenz: der wünsch von 207, 7 ff. 
wird in 207, 11 wenigstens vorübergehend zum entschluss. In 
beiden die neigung den dienst aufzugeben, in beiden der wider- 
ruf. Beide lieder sind darum wol zeitlich benachbart. 

In dem fünfstro})higen ton 205, 1 ff. haben die heraus- 
geber von MF. die letzte Strophe abgesondert: mit recht. Sie 
ist mit dem was vorausgeht zwar verwant, weil auch sie 
voraussetzt, dass der dichter mit seinem werben bei der dame 
kein glück hat, sie löst sich aber ab, weil sie als neues motiv 
den tod des dienstherren mit aufnimmt. Die hss. überliefern 
folüfende reihe: 



c 


B 


MF. 


1 


1 


205,1 


2 

» 
:$ 


2 


205,10 
200, 1 


4 


— 


200, S 


11 


— 


205, lil 



Die letzte Strophe ist durch ein verweisungszeiclien hinter C2 
angebracht. Sie wird in einem der von C benutzten lieder- 



16 ßARAN 

l)ii('her vei'mutlicli hinter 205. 10 g-estanden haben. Oder hat 
der Schreiber über den g-edankeng-ang- nachgedacht? In der 
tat lässt sich, was ich frülier niclit erkannt habe, ein solcher 
nachweisen, wenn man 205, 19 nicht mit C hinter 205, 10, 
sondern an die zweite stelle, also hinter 205, 1 rückt. Die 
vier Strophen bilden dann, ganz ähnlich wie es in ton III der 
fall ist, die hauptmomente eines stimmungsverlanfs, der mit 
fast zornig-er erregung gegen die dame einsetzt und damit 
endet, dass der dichter ihre hantllungsweise als die einzig- 
mögliche anerkennt und schliesslich nicht die dame, sondern 
sich selbst tadelnd zurecht weist. Es ist ein winterlied. 

205, 1. Meine treue bringt mir keine freude, denn ich 
habe meiner dame leben und dienst vergeblich gewidmet und 
lange vergeblich gehofft. Ich müsste ihr darum eigentlich 
liuchen, doch will ich meinem zorn keinen andern ausdruck 
verleihen als den: 'sie hat nicht schön an mii- gehandelt'. 
AVürde der dichter seiner erregung nachgeben, so würde er 
ihr einen fluch wegen ihrer untreue zuschleudern. 

205, 19. Bald kommt ihm das törichte solches zornes zum 
bewusstsein. Er macht sich den einwurf: 'damals als ich ihr 
diente, ohne dass es auf sie eindruck machte (d. h. den somnier 
durch), schien es mir aber doch ganz angemessen, dass sie die 
edle sich mir versagte, und dieser ihr entschluss ist in der 
tat ganz berechtigt gewesen. Zürne ich nun, so wird sie 
darüber spotten und mich macht es (vorzeitig) alt. (Nein, ihre 
Zurückhaltung verdient meinen zorn nicht.) Sie hat sich vor 
den vielen mangeln, die mir anhaften, gescheut und sich von 
mir zurückgezogen, mehr um dem gerede zu entgehen als weil 
sie mir übel wollte. Sie meint offenbar, sie werde sich so ihren 
ruf besser wahren'. V. 205, 23 nimmt 205, 8. 9 zurück. Vgl. 
auch V. 19 und 7, 19—22 und 6—7. 

205, 10. Die person die meinen zorn verdient, ist also 
niclit meine dame, vielmehr: "wollte ich den hassen der mir 
leid zufügt, so hätte ich guten grund mein eigener feind zu 
sein. Viel ist an meinem äusseren und meinem geist (bildung?) 
zu tadeln: das hat eben mein Unglück offenbart. Dass also 
meine dame nichts von mir wissen will, davon ist die schuld 
mein. Denn da nur lebensklugheit den mann glücklich macht, 
torheit aber nie ein dauerhaftes glück erlangt, so bin ich daran, 



UEIiER IIAUTMANN VON AUE. 17 

falls icli wiiklicli nicht mit verstand zu dienen weiss, eben 
ganz allein schuld'. V. 18 da — an geht auf v. 11. Die Strophe 
gibt zugleich genauer an, was unter n-andd zu verstehen ist. 
Es fehlt dem dichter offenbar an äusserer g'ewantheit und 
Sicherheit im auftreten, wie an innerer reife. Er ist wol etwas 
ungeschickt und harmlos, jedenfalls noch recht jung. Die 
dame die seinen dienst annähme und ihm (hidurch ohne wei- 
teres ihren n-crdtu lip als belohnung in aussieht stellte, würde 
sich dem aussetzen, dass sie der jugendliche liebhaber gelegent- 
lich einmal durch irgend eine Ungeschicklichkeit in das gerede 
brächte (205,26.27). Nur weil er im minnedienst noch zu 
unerfahren ist, findet er mit seiner Werbung kein gehör. 

206. 1. Also darf ich nicht zürnen oder mich auch nur 
über mein misgeschick verwundern: ich muss sogar ganz zu- 
frieden sein. 'Sie hatte mich nur oberflächlich gekannt, als 
sie sich zuerst meinen dienst gefallen liess: dadurch dass sie 
si)äter an mir so viel zu tadeln fand, haben mich dann meine 
fehler und ihi'e einsieht wider fortgestossen. Sie liat wirklich 
erfüllt, was sie mir in aussieht gestellt hat, alles was sie mir 
schuldig gewesen ist, habe ich auch l)ekommen — : ein tor, 
der etwas anderes (sc. als das ihm zukommende) verlangt! 
Sie liat mir gelohnt dem wert entsprechend, den sie mir bei- 
legte: mich trifft nichts anderes als mein eigen scliwert'. 
u-isheit ist wol kenntnis höfischen lebens und wesens, lebensart. 
gehics (206, 5) setzt kein bestimmtes versprechen voraus. Die 
dame die sich einen dienst gefallen lässt oder gar ausdrück- 
lich annimmt, stellt damit ohne weiteres lohn in aussieht. Zur 
bedeutung vgl. Trist. 1405. Hinter 206, 5 ziehe ich einen punkt 
V(ji-. Vgl. die Stellung des fünften verses in den andern Strophen. 

Von den vier Strophen hängen 1 und 2 enger zusammen: 
beide beschäftigen sich mit dem zorn des dichters (v. 205, 8 
und 205, 23). Ebenso :{ und 4, in denen über wert und unwert 
seiner person gehandelt wird (205, 12. 206, 3). 

Der gedankengang ist also kurz der. In der ersten strophe 
wild die erregung des dichters geschildert uiul ihr grund: ei- 
hat am ende des sommers den gehofften lohn, den tverdcn Up 
dei' dame nicht genossen. In der zweiten erkennt er das 
törichte und grundlose seines zornes: die handlungsweise der 
dame wird milder beurteilt. In der dritten sieht er ein, dass 

Beitrüge zur g/eschiclite dor deutHchcu Binache. XXIII. 2 



18 SAKAN 

die uisaclit' iliivr abiit'iiiuiiu- in ilnii selbst liegt, er also selber 
die Sfliuld an seinem uii.diick trä<it. hie vierte kommt sogar 
zu dem er,<iel)uis. dass er alles von der dame erlangt habe. 
Avas er habe vernünftig-er weise fordern können: 206.5 nimmt 
•205. 9 zurück. 

Wir haben also in diesem ton eine Strophenkette und eine 
melir selbständige schlussstrophe. nach dem sehema (1 + 2) + 
(;> + 4). 5. 

Ich habe nun H.v. A. s. 30 nach dem Vorgang Bechs und 
anderer angenommen, die strojdien dieses tones I setzten die 
fürmlitdie aufgäbe des minnedieustes voraus, von dem sie 
handeln, leh habe die Wendung 20G. IG (jenäde tviderseit so 
verstanden, als verbitte sich damit die dame fih-mlich den dienst 
des dichters, den sie sich bis dahin gefallen lassen. Diese 
auffassung ist aber nicht richtig. Schon Heinzel liat Zs. fda. 
15, VM) darauf hingewiesen, dass jene woi-te nichts von einem 
plötzlichen brucli oder gar von einer 'aufkündigung" melden. 
Genäde tvider sagen bedeutet 'jemandem eine gunst, um die er 
bittet, nicht gewähren'. Vgl. Iw. 5G54. Es bedeutet nicht, 
'ihm ein wolwolleu, dessen er sich bis dahin erfreut hat, ent- 
ziehen'. Die stelle besagt also nur, dass llartmann seiner ver- 
ehrten einmal eine bitte vorgetragen hat und abschlägig be- 
schieden ist. Die Worte meinen etwa dasselbe wie v. 205, 14 
min vrouwe gert nun niht (= will nichts von mir wissen). 

Es ist darum ganz wol möglich, dass Hartmann 
auch nach diesem liede, trotz jenes abschlägigen be- 
scheides, üf genäde weiter dient, wie er es vorher 
getan. Die Situation von ton I ist darum nicht wesentlich 
verschieden von der welche ton III schildert, nur dass jenes 
lied auf einen specieUen Vorfall hindeutet, da die versagung 
und der tod der lierren als zwei historische facta neben 
einander erwähnt werden. Wann der Vorfall sich ereignete, 
ist eine zweite fi-age. Er kann längere zeit zurückliegen. 

Man wird kaum fehl gehen, wenn man den Inhalt des 
ersten büchleins hierher bezieht. Jenes ereignis von ton I 
dürfte dasselbe gewesen sein, was zur Klage anlass ward. 
Hartmann liebt eine dame und 

H. Klage <J9 if. 
uuz ich si luiueu muot versweic geiii ir ginoze ich dicke neie 



UEBER IIARTMANN VON AUK. 19 

1111(1 liet uiicli tlö als (.'iiioii iiiiui swciiii ich si innen liraOite 

(lern ein Avip ir linlde iian. daz ich uz al der werlt ein wip 

dö wände ich hezzern min heil: ze frowen über miuen lip 

do geviel mir daz wirser teil. für si hsete niht erkorn: 

ich wände mich ir uselite da mite hän ich si verlorn. 

Dazu vgl. ebda.: 

14 do si im des niht g'uiide 
daz er ir wsere undertäii 
(si sprach er solte si erläii), 
doch versuochte crz zaller zit. 

V. 99—102 gibt die realen gTundlageii zu MF. 205,5—7. V. 10;} ff. 
erläutert recht gut 205, 14 mm crouive gert min niht (vgl. auch 
Riuhl. V. 16). Die gedanken 205. 15—18 und 205. 24 ff. bilden 
in breiter ausführung den Inhalt von C)0-'> ff. 1281 ff. Trotz der 
anfänglichen misstimmung wird der dienst nachher wider auf- 
genommen. 

Jedenfalls steht wol so viel fest, dass das minneverhältnis, 
worin wir Hartmann in ton I finden, einseitig war, und dass 
also von einer 'aufkündigung' seitens der dame keine rede 
sein kann. Durch den tod des lierrn und den kreuzzug schloss 
diese episode im leben Hartmanns von selbst ab. 

Die sechs Strophen des ton es V (209,25) sind in der 
folge überliefert, in welcher sie ^IF. bringt. Sie sind da auf 
zwei lieder verteilt: 1 — 4, 5 + 6. Dass die Strophen ihrem 
inhalt nach in dieser weise nicht zusammen passen, habe ich 
schon H. V. A s. 19 erkannt und halte an dieser ansieht fest. 
Gleichwol sind sie nicht, wie ich dort getan, zu isolieren, son- 
dern es gehören, wie ich jetzt glaube, immer je drei zusammen, 
so dass der ton aus zwei Strophenkreisen besteht. 

Der erste kreis umfasst 209,25. 210,11. 210,35. Zu- 
nächst einiges zur texterklärung. 209, 25 ist hriuze natürlich 
das kreuzeszeichen, das symbol dafür dass sich sein träger 
gott geweiht hat, das symbol der heiligung. Schönbach (s. 157) 
legt dem wort hier die bedeutung "kreuzfahrf bei, aber dies 
würde der strophe gerade die anschaulichkeit rauben, die sie 
auszeichnet. Der eigentliche sinn ist durchaus gewahrt. Vgl. 
V. 3;} — 36. — Die lesart von 210, 15 ist bekanntlich strittig. 
Die hss. haben (J dtr hacchen, B her hacchen und stellen 
ausserdem 210, 15-18 vor 210, 11—14. Die überlieferte lesart 

2* 



20 SARAN 

ZU halten habe icli iiiicli H. v. A. s. 18 einer Vermutung- Höfers 
ang-eschlossen, der wie MSH. 4, 2(5;^ in //^frr//r>?- den namen eines 
(lämonischen wesens vermutet. Daizcüen i)oh'misiert Sehönbach 
s. 150. um\ seine bemerkungen trett\Mi (lurcliaus zu. Ich lasse 
also die annähme fallen, "^chr.nbach sell)st kehlt zu der Haujjt- 
schen (K'Utung (]\1F. anm. z. st.) '/lacJan d. i. angelhaken der 
Avelt" zurück, eine deutung die auch Bech nur etwas anders 
g'Bwendet {haclccn (hit. \A\w. 'lockung-en") festhält. Was aber 
Schünbach sie zu stützen voibringt. ist keineswegs beweisend. 
Ob man unter dem haken einen angelhaken oder einen fang- 
haken für raubtiere versteht, ist wirklich ganz gdeich: das 
mancyoi fac nach loufen passt zu keine)' von beiden bedeu- 
tung-en. Denn in der A'orstellung- des nachlaufens liegt hier 
doch inbegriffen, dass sich der gegenständ dem der dichter 
nachläuft, vor ilim her bewegt: das trifft aber bei keinem 
haken zu. A\'enn ferner auch der teufel kurzweg Jianms heisst, 
so bezweifle ich sehr, dass die sinnliche bedeutung des wortes 
schon ganz verschAvunden ist. ^lir scheint, dass sich der stelle 
durch ein einfaches mittel aufhelfen lässt. Man behalte die 
Umstellung der stollen mit MF. bei und lese statt der hacchen 
der lachen, d. i. deren (der weit) lächeln bin ich nachgelaufen. 
Y. 15 würde alsdann passend auf den gedankeu von v. 11 zu- 
rückweisen. — V. 17 da — mac ist nur eine Umschreibung für 
'weit'; süete nimmt das trieycni v. 1 1 wider auf und bedeutet 
also einfach die Unbeständigkeit der weit, die anders lohnt als 
sie verspricht. ISchönbach versteht darunter (s. IGO) die reli- 
giöse tugend der perseverantkr. aber diese fügend kann man 
doch unmöglich an der weit vermissen. Zu v. 19 ff. vgl. Schön- 
bach s. 160. IGl. 

210,35 ist froide die fröhliche teilnähme an dem was die 
weit, besonders das ritterlich-höfische treiben in der schr>nen 
Jahreszeit angenehmes bietet, und die daraus entspringende 
Stimmung. Während Hartmann sich der weltfreude hingibt, 
ist er innerlich nicht wirklich ruliig und froh: die sorge inu 
das Seelenheil (v. 35j mischt sich stets ein und stört den vollen 
genuss. Reine fi-eude und ungetrübte heiterkeit des gemütes 
geniesst er erst jetzt, wo er sich zur annähme des kreuzes- 
zeidiens bez. der kreuzeszeichen (.Scliönb. s. IGo) entschlossen 
hat und sie nun auf seinem gewande erblickt. 



UEBEk HARTMANN VON AUE. 21 

Die sorg-eii des verses 35 sind also gewis nicht weltliche, 
wie Schönbacli s. 164 aus v. 211. 14 vermutet. Das würde nicht 
passen. Der hinweis auf eine Sommerzeit, die in jeder be- 
ziehung- (gar) eine weide der äugen sein wird und der aus- 
dnick Kristes hluonicn (37), die solchen sommer voraus- 
V er künden, zeigen m. e. deutlich, dass diesen versen die 
sinnliche anschauung einer frühjahrssituation zum hintergrunde 
dient. Der dichter denkt bei den oben hervorgehobenen Worten 
an die bescheidenen blumen des frühlings, die den reicheren, 
schöneren blütensehmuck des sommers vorausdeutend anzeigen. 
Zu diesen blumen des frühlings stellt der dichter die blumen 
Christi, d.i. die kreuzeszeichen, in gegensatz: z"\visclien beiden 
hat er seine wähl treffen müssen {l-ös v. 37). Kristes (v. 210,37) 
ist zu betonen. Die beiden arten von blumen sind natürlich 
nur sj'mbole. ^lit blumen schmückten sich herren und damen 
bei den geselligen Unterhaltungen und schmückte man die 
hallen bei festen. Das aufspriessen der blumen im frühjahr 
bedeutete somit für jene zeit die w'iderkunft des fröhlichen 
treibens. dem man sich nur im sommer wirklich hingeben 
konnte und an dem der dichter auch schon oft teilgenommen. 
Diese blumen verkünden also eine fröhliche und schöne Sommer- 
zeit. Aber dieser sommer kann dem dichter doch nicht wahre, 
A'olle freude geben, sondern nur eine gemischte, eine freude, 
die von sorge um das Seelenheil getrübt wird (210, 35). Jene 
volle freude vermag nur der paradiesessonuner zu spenden, der 
uho (jar in ^äczer oiigeniccidc Ut. Die Vorboten dieses sommers 
sind die blumen Christi, die zu der zeit im lande aufspriessen, 
als die kreuzpredigt ertr>nt. Wer nun die blumen der natur 
wählt, der folgt dem heiteren ruf der weit: blumen sind ja 
Symbole ihrer geselligen freuden. Wer Christi blumen wählt 
folgt dem ruf gottes und entsagt der weit: das kreuz ist das 
Symbol der ent sagung. 

Da nun also der dichtei' seine lossagung von der weit und 
seine hinwendung zu gott unter dem bild einer überlegten 
wähl {kos 210, 37) zwischen den blumen des frühlings und denen 
Christi darstellt, so ist doch klar, dass sich ihm die bluten 
der natnr und das kreuz zu gleicher zeit zur wähl dai'geboten 
hal)en. dass also die kreuznahme (und damit wol auch die 
ablas^ung der Strophe) in einen frühling fällt, wo Hartmann 



22 SARAX 

wirklicli zwisclieii hlumenkianz und kreuz, zwisclien weit und 
gott wählen konnte. Die angelu-nde .^^onimerlust hätte ilim 
dann das seh(>ne motiv an die liand gegeben. Andernfalls 
wäre das g-anze nur ein witziges gedankenspiel. Wenn also 
Schönbach tadelnd anmerkt (s. 1G3), ich zöge meinen schluss 
auf die datierung "nicht aus den genau ^-erstandenen worten 
des dichters. sondern aus meiner eignen Umschreibung der- 
selben', so kann ich das nicht gelten lassen. Ausserdem habe 
ich H. V. A. s. 21 diesen schluss keineswegs als sicher hin- 
gestellt. — Das uns v.211.3 will Schönbach s. 163 auf die 
guten menschen iiberhaupt, die in y. 7 erwähnt werden, be- 
zielien. Das scheint mir wenig passend, überhaupt ist mir 
der sinn seiner einAvendung nicht recht deutlich. Ich ziehe 
meine fiiihere erklärung (H. v. A. s. 19) noch immer vor. 
211, 7 dient mit 5. 6 nur zur näheren beschreibung des zehnten 
Chores: es steht statt eines relativsatzes (Paul, ^Flid. gr." § 346). 
iüis ist gleich 'mir und euch, die ihr mein lied hört'. Da nun 
Hartmann unter dem frischen eindruck der krenznahme dichtet 
und auf das kreuz an seinem gewande hinweist, so denkt man 
bei den zuhörern doch zunäclist an eine Versammlung von 
kreuzrittern. Sicher ist das natürlich nicht, Hartmann kann 
auch an seinem hofe gesungen haben. 

Die eben besprochenen Strophen 209, 25. 210, 11 und 210, 35 
haben das gemein, dass in jeder von ihnen auf das kreuz an 
des dichters gewand hingewiesen wird. Vgl. 209,35. 210,22.38. 
Sodann wird (hiiin ganz deutlicli die Stimmung unmittelbar 
nach der kreuznalime gescliildert. Denn es liandelt sich in 
allen dreien um die sittlichen Wirkungen die von dem 
zeichen des kreuzes ausgehen bez. um die sittlichen 
pflichten die seinem träger erwachsen. Dies thema 
wird in bezug auf den dichter durchgeführt und zwar so, 
dass sicli ein fortschritt der gedanken nicht verkennen lässt. 

Hartmann beginnt mit einem allgemeinen gedanken. 'Das 
kreuzeszeichen verlangt lauteren sinn und entsagung: nur so 
kann man dadui'ch die Seligkeit und alles gute was es ver- 
lieisst (Schönbach s. 157) erwerben.' Jetzt kommt eine spe- 
cielle amvendung. um die beziehung auf den jungen dichter 
vorzubereiten. 'Daduich ist es auch ein nicht geringer halt 
fiir den Jüngling, der sich nicht selbst zu zügeln weiss. Es 



UEBER HARTMANN VON AUE. 23 

will iiiclit. (lass der mit iliiu Ix-zciclinete nach sciiiciii lirlicben 
haudlf. Kr soll t'iilsa.i;uii<i' üben, denn Avas nützt es auf dem 
klfid. wenn nicht gleichsam anch das herz (himit bezeichnet ist?' 

-Ilii. 11 zieht nun der dichter darans die t'olg;eriinp:en, die 
sich tili' iim erucben. Kr hat das kreuz «genommen und will 
nun auch diesem zeichen gemäss leben, er will nun auch seine 
weltlust züg-eln. Aber das ist schwer, und darum erbittet er 
Christi hilfe, seinen entschluss auszufiilncii. '{»iewelt lächelt 
mich trüglich an unil winkt mir. Nun bin ich ihr zAvar bis 
jetzt, wie das ein junger mensch eben tut (vgl. 209, 30), ge- 
folgt. Ihrem lächeln bin ich manchen tag nachgelaufen, ihr, 
der wankelmütigen, unbeständigen imchgeeilt. (Jetzt aber in 
diesem entscheidenden moment, avo sich die weltfreude wider 
ankündigt, will ich ihr nicht wider folgen), nun hilf mir, herr 
Christus, dass ich mich durch das kreuzeszeichen hier auf 
meinem ge wände vom teufel losmache'. 

Str. 210, 11 zeigt also den mit dem kreuz bezeichneten 
dichter noch schwankend zwischen der weit, die ihm wider 
einmal lockend erscheint, und Christo, der von seinem christ- 
lichen beiden hilfe verlangt. Die absage an die weit wird 
ihm, dem lebenshistigen Jüngling, schwer. Darum ruft er 
Christum selbst in seiner bedrängnis an. Sehen wir Hartmann 
hier noch zAvischen der nachfolge der frau Welt und der nach- 
folge i'hrisii schwanken, so verkündet die letzte strophe. dass 
der dichter den sieg über seine weltlust errungen hat: der 
Jüngling hat sich t'üi' clnisiuiii entschieden. Das bild von der 
wähl zwischen well und Christus wird beibehalten: nur treten 
statt der personen der zweiten Strophe {icdt v. 11; Kristl9) ihre 
sj'mbole ein: blunien und kreuzeszeichen. Uebrigens hängt die 
Strophe loser an der zweiten, als diese an der ersten. Das 
Schema ist (1 + 2). 3. 

Auf das kreuz wird mit denselben werten wie in v. 22 
hingewiesen (v. 38). Seine Wirkungen machen sich bereits 
geltend. Das kurze gebet in 211, 3 ff., worin die anwesenden 
mit eingeschlossen werden, gibt einen vortrefflichen abschluss 
des ganzen. 

Das eben zu.sainniengest eilte lied zeigt den dichtci- tiotz 
der kreuzesnahme noch im streit mit seiner weltlust: er macht 
sich vor unsern aujren von der weit los, er entscheidet sich 



24 SAKAN 

eben erst für das kreuz und entsagl den blunien. In den noch 
übri^-en drei ist der kamiif von vorn herein entschieden, ^^'ar 
dort das tlimia •kreuzeszeiclu'n und weltleben', so lautet ei> 
hier 'rittertaten und kreuzfalirt', • weltdienst — g-ottesdienst 
Am besten rundet sich der strophenkreis, wenn num ordnet: 
209,37. 210.23. 211,8. 

In allen dreien wird auf die kreuzfahrt selbst hinge Aviesen : 
210, 8 das er da wol gevcrt 
210,32 min vart die ich hän genomen 
211, 18. 19 sicenn ich in Kristes schar 

mit fröiden ivünncclicJien var. 
Ferner wird überall das thenia hervorgehoben: 
weit und gott: 210,3 und 5. 211,8 und 12, 
weltfreude und Seelenheil: 210,10. 210, 25 und 29, 
Hartmanns völlige abkehr von der weit: 210,25. 211,8. 

Dass 210, 23 ff. sich gut an 210. 11 ff. anschlösse, wie Schön- 
bach s. 161 meint, finde ich nicht. Hier genügt der tod des 
herrn. Hartmann die weit zu verleiden, dort entsagt er ihr 
unter schweren kämpfen, weil es das kreuzeszeichen verlangt. 
Dass ferner die sorge, von der Hart mann 211, 14 spricht, nicht 
mit Schönbach mit der sorge in 210, 35 zusammenzustellen ist, 
habe ich schon oben angedeutet. Die beziehung auf Friedrichs 
Verordnung, die ich H. v. A. s. 2:) annehme, gebe ich nach Scliön- 
baclis einwendungen s. 165 auf. Aber \\arum übersetzt dieser 
211, 18. 19 "wann immer (also nicht gerade jetzt) ich in der 
heer,schar Christi mit wonne und in freuden ausfahre'? Die 
verse deuten doch ohne zweifei auf die künftige abreise, und 
sweiiue kann bei ereignissen, die in der zukunft liegen, ganz 
Avol auch bei einmaligen handlungen verwendet werden: Paul, 
Mild, gr."* § 348. 2. Also "wenn ich dahin reisen Averde'. Sorge 
steht ganz allgemein, man denke einfach an Avirtschaftliche 
nöte, die manchen in der lieimat zurückhielten. Ueber die 
schwache flexion vgl. Lm. z. Iw. 1534. 

Auch in dieser strophengruppe hängen die ersten zwei 
glieder eng zusammen. Hartmann beginnt mit der allgemeinen 
aufforderung an die ritter, indem er die kreuzfahrt empfiehlt. 
Sie brauchten bei der kreuzfahrt auf der ivcrlte lop nicht zu 
verzichten, und der sHe heil sei ihnen sicher. 210, 23 stellt 



UEBEU HAUTMANN VON AUE. 25 

er an iccrJtc (v. 10) anknüpfend diesem gedanken seine persön- 
liche stelhing' gegenüber: "wie es ancli mit der weit (ist zn 
betonen) nach dem tode meines herren stehen mag, ist mii- 
freilich gleichgiltig. Dieser hat den besten teil meiner frende 
mit dahingenommen". Der tcerUe lop kann nnd will er nicht 
mehr erwerben, aber der sclc heil, darum will er sich nun 
kümmern. Der inhalt der strophe wendet deutlich die ge- 
danken von 210, 10 auf den besonderen fall des dichters an. 
Dagegen nimmt die dritte strophe die begriffe icerU und (jof 
aus 210, 8 und 5 wider auf. Sie hängt loser an der zAveiten. 
Das Schema wäre (1 -f- 2). o. 

Ton VII (211,27) enthält drei stiophen. von denen zwei, 
nämlich 211,35 und 212.5, gut zusammenhängen. 211,27 ist 
selbständiger, wenn sie auch in stimnumg und gedanken den 
andern nicht fremd ist. Es sind beziehungen zu 212, 5 er- 
kennbar: vgl. 211. 28 und 32 mit 212,8. Vielleicht stellt man 
(hirum am besten die in MF. vorausgesetzte strophe an dritte 
stelle. Man gewönne (himit wider das Schema (1 ^- 2). 3, das 
schon öfter ermittelt worden ist. 

Ton VII (212,13) sind wider drei stroidien. 1 und 2 
haben dieselbe Situation (trennung von der geliebten) zui* 
Voraussetzung und hängen dadiu'ch etwas enger zusammen. 
Die dritte steht allein: Schema 1, 2. 3. 

Ton IX (212,37) halte ich jetzt für unzweifelhaft echt. 
Dies resultat ergab sich mir schon H. \. A. s. 79 als wahr- 
scheinlich. 

Ton X (213, 29) sind zwei unzusammenhängende strophen. 
Sollte eine in der mitte fehlen und das ganze alsdann zu be- 
urteilen sein wie die strophenkettc; von toii lü? 

Den sinn der verse MF. 34 ff. versteht^ ich nicht. Ich 
setze hinter v. 34 ein komma, hinter 35 einen i)unkt und 
hinter 38 ein komma. Statt ,tc v. 35 1. e,s, d.h. meine an- 
wesenheit bei ihr. I )ie stelle v. 36 — 39 ist nach" Paul, Mhd. 
gr.^ § 338 und 30(J anm. 1 zu beurteilen. 214. 10 1. mit Bech 
nach in cerderhen. 

Ton XI (214, 12) schlägt Hecker, Altheim, minnesang 
s. 130 für z. 25. 20 vor: von friumle . . . M der. Das fehlen des 
aitikels wäre zu begi'eifen: Paul, Mhd. gr." §223,1.7. Die 
besserung scheint mir in der tat nötig wegen v. 33. 



26 SA RAN 

Ton XII (215. 14). Es gehören 215, 14 nnd 215, 30 eng- 
znsjunnien. Str. 215, 22 stellt für sich und hat auch in den 
liss. die letzte stelle. Vgl. H. v. A. s.l7. Sie ist aber in Stim- 
mung und Inhalt den vorausgelK^nden Acrwant. Also "wider 
das Schema (1 + 2). 3. 

Ton XVI (218, 5). Die zweite der bedeutungen, die ich 
H. V. A. s. 26 für niinnc in ansprnch nehme, verwirft Schön- 
bach s. 166. Seine bedenken sind berechtigt: icli nehme jene 
auffassung zurück. In 218, 27 und 28 stehen sich nicht sowol 
die gegenstände der liebe gegenüber, als vielmehr die arten 
des liebeswerbens: ihr liebt unglücklich, ich glücklich. Die 
von mir unter no. 3 angesetzte bedeutung minne = Caritas 
(liebe gottes zum menschen) bezeichnet Schönbach als nicht 
katludisch. Es sei vielmehr die liebe des menschen zu gott. 
Darin wird er ohne zweifei recht haben. Dadurch wird der 
gedankengang auch klarer, da nun überall minne als liebe 
des dichters zu jemandem gefasst werden kann. Somit spielt 
Hartmann hier mit folgenden bedeutungen des wortes: 1) minne 
zur geliebten. 2) minne zu dem verstorbenen herrn. 3) minne 
zu gott. In Str. 1 denkt der hörer zunächst an die erste be- 
deutung. der dichter hat natürlich auch 2) und 3) dabei im 
sinn. In str. 2 tritt die zweite heraus. Hartmann hat ja nach 
210, 31 ff. nicht nur für sein Seelenheil, sondern auch für das 
seines herrn den kreuzzug gelobt. Darauf spielt er hier v, 17 ff. 
an. 'Seht wie die minne (zu meinem herrn) mich über das 
meer führt. Und doch: lebte mein herr noch, so würde mich 
keine macht der erde aus dem abendlande fortbringen.' Hier 
steht für den dichter von den drei bedeutungen die zweite im 
Vordergründe. Den hörer, der immer noch an die minne in 
erster bedeutung denkt, muss die erklärung der zeilen 19 und 
20 überraschen, und das ist auch der zweck des geistreichen 
Spieles. Die letzte strojdie sjiitzt sich auf die dritte bedeu- 
tung zu. 

An dei- Schreibung lebte min herrc, Salattn . . . muss ich 
trotz Schönbachs Widerspruch s. 361 festhalten. Min her Sa- 
latin ■= monsieur S. ist für Hartmann unmöglich, weil bei 
ilim das min nie seine eigentliche bedeutung verliert, wie ich 
H. V. A. s. 25 gezeigt habe. Und selbst wenn man es als mög- 
lich erweisen könnte, so wäre es hier nicht stilgemäss. Das 



UEBER HAUTMANN VON AUE. 27 

einfache Salatin ist unter allen umständen das einzig- slil- 
gerechte. Solange mau diese beiden gründe, den gTanimatisclieu 
und stilistischen nicht widerlegt, nützen alle uuischreihungen 
uiul deutuugen der stelle im anschluss an ]\1F. gar nichts. 
Audi Vogt hätte s. 238 darauf eingehen sollen, (k^nn "wesent- 
licli diese beiden gründe und nicht die vergleichende heran- 
zieliuug der liistorischen literatur ist für mich bei der datie- 
rung des liedes ausschlaggebend gewesen. VranJccn erkläre 
ich jetzt mit Martin als bezeichnung des abcMidlandes. 

A\'as den umfang der lieder Hartmanns anbetrifft, so haljen 
meine betraehtungen zu folgendem ergebnis geführt: 

einst i'oi)liiii-: ton VI 211.20 (nicht vollständig) 

zweistrophig: .. IV 2()'J, 5 + 1.5 (strophonkette) 

„ X 213,29. 214, 1 

„ XI 214, 12 + 2.3 (strophenkette) 

<li-eistroi>hig: ,. II 206,29 + 207, 1. 206, 19 (stroplionkreis) 

„ III' 207, 1 1 + 208, 32 + 208, 20 (strophenkette) 

„ IIP 208, 8. 207, 35. 207, 23 (strophenkreis) 

V 209, 25 4- 210, 11 + 210, 35 (strophenkette) 

V'' 209, 37 + 210, 23. 211, 8 (strophenkreis) 

„ VII 211, 35 + 212, 5. 211, 27 (desgl.) 

„ VIII 212.13: 212,21. 212,29 (desgl.) 

„ IX 212, 37 + 213, 9 + 213, 19 (strophenkette) 

„ XII 215, 14-1-215, 30. 215, 22 (stroplienkreis) 

.. XIV 216. 29 + 2I(;, 37 + 217, 6 (.strophenkette) 

,. XV 217.14 + 217, 24 4- 21 7, 34 (desgl.) 

,, XVI 21S, 5 + 218, 13 + 218, 21 (desgl.) 

vierstrophig : „ XIII 21(;. 1 + 216, 8 + 216, 15 + 216,22 (,str.-kette) 

fünfstrophig: „ I 2(».'i. 1 + 205, 19 + 205, lo + 306, 1. 206, 10 

(strophenkreis), 

d. h. von 18 liedern, die sich aus der betrachtung des metrums 

und Inhaltes ergeben, sind 

dreistrojjhig 12 

fünfstropliig 1 

vierstrophig 1 

zweistrophig 3 

[einstropliig 1 1. 

Da nun (his einstrophige lied sicher unvollständig ist. so 
stehen 18 drei- und fünfstro})hige lieder gegen vier zwei- bez. 
viei'stroi)hige. Es sind also die gruppen mit ungei'ader strophen- 
anzahl weitaus in der majorität. 



28 SARAN 

AVas nun die coniposition der lieder anbetrifft, so sind 
von den zwei- und vierstroidiigen drei ketten und nur eins 
(ton X) ein kreis. Avenn man bei zwei Strophen so sagen darf. 
Selir möglich dass dies unvollständig auf uns gekommen ist 
(vgl. oben s. 25). Von den l:> drei- und fünfstrophigen sind 
6 ketten, 2 (nämlich 111- und VHI) reine Strophenkreise nach 
der oben gegebenen detinition. Die übrigen 5 sind 'misch- 
formen", d. h. sie sind nach dem scliema (1 + 2). 3 oder (1 -f- 2) 
+ (3 + 4). 5 gebaut. Von den beiden reinen Strophenkreisen 
gilt aber auch, dass ihre beiden anfangsstrophen einander 
näher stehen als der dritten. AVenn man also die liedertypen 
Hartmanns angeben will, so wird man sich, glaube ich, auf 
zwei beschränken dürfen: 

1) reine Strophenketten von 2, 3 und 4, 

2) Strophenkreise von 3 und 5 gliedern, Avobei ich auch 
die Schemata (1 + 2). 3 und (1 -f 2) -f- (3 + 4). 5 einstweilen 
schlechthin mit diesem namen belegen will. 

Es ist sehr möglich, dass dieser 'mischtypus' der eigentlich 
berechtigte ist, während die 'reinen' Strophenkreise secundär 
entwickelt sind. Darüber kann nur eine umfangreiche Unter- 
suchung licht verbreiten. 

Mit dem was hier rein durch analj^se des liedinhalts er- 
mittelt ist, stimmen nun sehr auffällig gewisse beobachtungen 
Giskes. Aus dessen arbeit über die körner ergibt sich, dass 
in drei- und füiifstrophigen liedern entweder alle Strophen 
durch kitrner gebunden sind (s. 59 — 61), oder aber die grup- 
pierung (1 + 2). 3 bez. (1 H- 2 + 3 -f 4). 5 vorliegt. Letztere ist 
besonders beliebt (s. Gl ff.). Ganz ähnliches beobachtet Giske 
bei der strophenverkettung. Auch hier (Zs. fdph. 20, 101 ff.) die 
Schemata 1 + 2 |- 3 bez. (1 + 2). 3. Entsprechend s. 197 ff. 
(2 -f 2). 1 odei' 4. 1. Allerdings kommen noch andere typen 
vor, abei- jene scheinen ganz besonders beliebt zu sein. Wie 
weit übrigens jene anderen formen berechtigt sind, wäre zu 
untersuchen. Auf den Inhalt geht (jiske leider nicht ein. 
Aus dieser übereinstimnuing nuMuer resultate mit denen Giskes 
ergibt sich miiulestens so viel mit Sicherheit, dass die von mir 
am inhalt nachgewiesene typische Strophenordnung nicht zu- 
fällig ist. 

^^'enn lum der lypus \on drei oder fünf Strophen mit 



UEBEE HARTMANN VON AUE. 29 

lose augeliäiig'ter letzten nicht zufällio-, sondern beabsichtigt 
ist nnd daran kann man niclit wol zweifeln — . so ergibt 
sicli ein interessanter ansblick auf das in'oldeni, mit dem sich 
rill bei Nifen beschäftigt, l'lil nimmt als riclitschnur für 
seine liederkritik die regel (s. 17): 'dann aber müssen wir. wie 
überall, so besonders gegen das ende der fünfstrophigen lieder 
den fortgang der g-edanken aufs schärfste verfolgen und da. 
wo sich uns eine logische scliwäche. ein abirren vom tliema 
zu zeigen scheint, ohne rücksicht das kritische messer an- 
setzen'. Auf grund dieser regel Averden dann die fünften 
strojihen vieler lie(U"r Xifens füi' unecht erklärt. Aber etwas 
mehi' rücksicht auf die Überlieferung wäre doch angebracht. 
Warum sollte Nifen nicht wie Hartmann in ton I den typus 
4. 1 bez. (2 + 2). 1 gebraucht haben? Dann wäre die son(h'r- 
stellung der Schlussstrophe nicht auffallend und metrische 
freiheiten in ihr niclit ohne weiteres als kriterien für die un- 
echtheit zu verwerten. Der grund der Sonderstellung der 
fünften bez. dritten strophe kann melodisch -rhj'thmisch sein. 
Vgl. Strophe — antistrophe. epode in der antiken chorpoesie. 

II. Chronologie. Kritik ihrer principien. 

Liter.at ur. 

W. Wilma 11 HS, Zu Hiirtmaiius von Aue liedeni und büchlein, Zs. fda. 

14, 144. — F. Bech, Iweiu» ISßS (-'1S73. ="1888) eiiü. s. viff. — R. Heiuzel, 

lieber die lieder Hartmanns von Aue, Zs. fda. 15, 125 ff. — Sclireyer, Unter- 

.suchun^-en überleben und dicbteu Hartmanns von Aue, Progr., Pforta 1874. 

— L. S c h m i d , Des minnesäugers H. v. A. stand, beiniat und gesclileeht 1 874 
(s. 53 ff.). — Lungen, AVar H. v. A. ein franke oder schwabe? Diss., Jena 
1876. — H.Paul, Beitr. 1,535. 2, 476 ff. — Naumann, Teber die reihon- 
folge der werke H.'s v. A., Zs. fda. 22, 25 ff'. — Jacob, Das II. büdilein ein 
Hartmanniscbes, Diss., Leipzig 1879. — Greve, Leben u. werke H."s v. A., 
Progr., Fellin 1879. — Kauffmann, Ueber H."s Lyrik, Diss., Leipzig 1884. 

— Rec. von Burdach, Anz. fda. 12, ISÜ ff. — F. Saran, H. v. A. als lyriker. 
Halle 1889. — Rec. von Vogt, Zs. fdpli. 24, 237. — A. Schönbach, Ueber 
H. V. A.. Graz 1894, s. 355. — P. Piper, Höfische epik TL H. v. A. und seine 
nachaliiiier. 1894 (s. 16 ff.). 

llaitiiiaiiüs lied(M' ilirer Zeitfolge nach zu ordnen hat man 
die verschiedensten methoden teils angewendet, teils vor- 
geschlagen. Der welcher die arbeit zuerst in angriff nahm, 
war Wilma uns. Er gieng rein vom Inhalt der lieder aus. 
Er versuchte aus den andeutungen des dichters die tatsäch- 



30 SARAN 

liehen gruiidlagcii seines liebeslehens zu erscliliessen, das er- 
mittelte mit einaiuler in bezieliiing' zu setzen und so den 
historischen verlauf festzustellen. Auf diesem weg'e gelangte 
er dazu, zwei minneverhält nisse anzunehmen, eines, welches 
noch vor der kreuzesnalinie gelöst, ein anderes, welches bald 
nach ihr begonnen wurde. Kine gewähr für diese teilung- 
schien ihm auch die Überlieferung- zu bieten. Denn von den 
liederbüchern. die er aus ihr herausschälte, umfasst no. 1 lieder 
die sich auf das erste, no. 3 solche die sich auf das zweite 
beziehen. No. 2 enthält wesentlich werke der übergang-speriode, 
no. 4 Strophen aus verschiedenen zelten. Das I. büchleiu fällt 
zum ersten, das IT. zum anderen Verhältnis. A^'ilmanns' ergeb- 
nisse wären in übersichtlicher Zusammenstellung-: 

Erstes Verhältnis: 

ton 205, 1. 206,19. 207,11. 200,5. 213,29. I. büchleiu. 

Uebergangszeit: 

ton 216,29. 209,25. 211.20 (kreuznahnie 1195). 

Zweites Verhältnis: 

214, 34. 215, 14. 212, 13. 216, 1. 217, 14. 218, 5. 214. 12. 
II. büchleiu. 
211,27 ist ein g-edankenspiel und ohne realen hintergrund. 

Gegen die annähme mehrerer minneverhältnisse und gegen 
das priucip, die handschriftliche Überlieferung für chronologische 
zwecke zu benutzen, sprach sich alsbald Bech aus (a.a.O. s.xl). 
Er für seine persun meint. Hartmann habe seine lieder nur 
einer dame ge-^vidmet. Die Ordnung der Strophen in den hss. 
ist nach seiner ansieht für das problem der Chronologie schwer- 
lich von bedeutung. 

Anders als AMlmanns geht Heinzel vor. Er legt wert 
darauf, dass in A zwei auch innerlich zusammenhängende 
lieder in der richtigen reihenfolge stehen, während Bl' ab- 
weichen. Diese zwei lieder (206, 19. 207, 11) sind seiner Über- 
zeugung nach der kern eines liederbuehes, woran sich später 
noch andere töne angeschlossen hätten. Die gedichte des 
liederbuehes beziehen sich auf ein langjähriges erstes minne- 
verhältnis, was dann vor der kreuznahnie gelöst wird (s. 130). 
Dieser zeit rechnet Heinzel zu die töne 205, 1. 206, 19. 207, 11. 
209,5. 209,25. 211,20. 213,29. 214,12. 215,14.216,1. IL büchl. 



UEBER II ARTMANN VON AUE. 81 

217.11. I. liiiclil. Ihiiaiif ciilsiianii sicli ein /wcilcs xciliältiiis, 
iiiul dieser iieiiode liclKMcii an: 210. oä. 214, o4. 212, IM. 212,37. 
211.27. 218,5. Dies veiliältiiis fällt nach dem kreuzzng von 
1197. 212.9 deutet niüglichenveise auf ein drittes Verhältnis. 
21(3. 29 wird ehen dahin g-estellt (s. 13G). Heinzel gelit also, 
umgekehrt wie A\ilmauiis. von der ül)ei'lieferung- aus. Kr zer- 
legt sie in liederhüchcr und Hiidet dann, dass diese lieder ent- 
halten die auch inhaltlich zusammengehören. 

Dagegen polemisiert Schreyer von einem standi)unkt ans, 
welcher dem Bechs nahe liegt. Hart mann lebte nur einer 
dame. Die lieder die er in ihrem dienst dichtete, fallen vor 
und nach dem kreuzzng von 1197. Das princii) wonach Schreyer 
verfälirt, ist lediglich betrachtung des Inhaltes. Auf die Ord- 
nung in den hss. legt er keinen wert. 

8chmid glaubt, Hartmami habe zwei kreuzzüge mit- 
g-emacht, den von 1189 (auf ihn gehe 209, 25 und 211, 20) und 
den von 1197 (auf ihn 218,5). Er trennt also die kreuzlieder 
von einander. Dies billigt Lungen, der wider zwei minne- 
verhältnisse annimmt. Die liederbüchertheorie misbilligt er 
mit Schreyer und Bech. 

Seit Pauls einschneidender kritik ist diese nicht mehr 
für die feststellung der Chronologie benutzt worden. Die Über- 
zeugung, dass allein innere gründe für die anordnung mass- 
gebend sein können, ist seitdem wol allgemein dui'chgedrungen. 

Von denen die sich weiterhin mit dem problem beschäf- 
tigt haben, bringen wieder Naumann (s. 73), noch Jacob (s. 25), 
noch Kauffmann (s. 42 f.) etwas neues. Sie combinieren die 
angaben die Hartmann über seine liebe macht, und entscheiden 
sich bald für ein, bald für zwei Verhältnisse. 

Unter hinweis auf sein buch "Keinmar der alte und Wal- 
ther von der Vogelweide' sprach nun Burdach in seiner recen- 
sion von Kauffmanns sclirift nachdrücklich die ansieht aus, 
dass die princii>ien, auf denen die bisher besi»rochenen arbeiten 
beruhen, unrichtig seien. Die biogra])liische ausdeutung der 
minnelieder sei mit wenigen ausnahmen unfruchtbar, ebenso 
nütze es fast nie etwas, die handschriftliche Überlieferung zu 
berücksichtigen. Es sei zunächst allein von der künstlerischen 
gestaltung des Inhaltes auszugehen. Aus dieser müsse man 
eine Chronologie gewinnen, indem man genau und kritisch 



32 SARAN 

analj'siere, was der diclitcr darstelle und wie er das Tue. Man 
habe sich also an die wähl der niotive und an die teclmik 
zu halten. 

\\'ie subjectiv die aut'stellungen der g-elehrten sind die 
wesentlich vom inhalt der Strophen ausgehen, ist auch mir 
nicht verlxng-en geblieben, ich habe dai'um a. a. o. versucht, 
eine chrunologie auf ganz objectiven kriterien aufzubauen. 
Abgesehen von den historischen anspielungen welche die ge- 
fliehte bieten, und den sicheren beziehungen worin einige von 
ihnen zu eimmder stehen, verwende ich statistisch dargelegte 
beobachtung-en über die entwicklung der rln'thmik Hartmanns. 
Die richtigkeit dieser methode wird nicht im princip. wol 
abei- im einzelnen von Vogt bestritten. 

Die neuste einschlägige arbeit ist die von Sclunibach. 
Er erkennt durchaus die richtigkeit der bemerkungen an, die 
Burdach gemacht hat. Trotzdem zieht er es vor — meinen 
versuch berücksichtigt er überhaupt nicht — zu dem älteren 
verfahren zurückzukehren, nicht ohne dass er besorgt, man 
werde es vielleicht 'brutal" nennen (s. 365). Er gruppiert die 
gedichte. von denen die kreuzlieder zunächst ausgeschlossen 
bleiben, nach ch^r beschaffenheit der minneverhältnisse, auf die 
sie sich beziehen und die nach seiner meinung einige deutliche 
kennzeichen besitzen (s. 357). A\'orin diese bestehen wird nicht 
angegeben; die lieder werden, Avie dies zuerst Wilmanns getan, 
schlechthin nach den andeuttmgen geordnet die Hartmann über 
sein minneleben gibt. Das resultat ist folgendes. Hartniann 
sind zwei minneverhältnisse nachzuAveisen. Zum ersten ge- 
hören die folgenden töne, etwa in der Ordnung wie sie auf- 
gezählt Averden: 200,19. ].büchlein. 213,29. 215,14. 207,11. 
205, 1, auch 209, 5. Hartmann ist noch nicht ritter. Vor der 
kreuznahme (für den zug von 1189) Avird das Verhältnis gelöst. 
Es folgen zwei kreuztöne: 209,25. 211,20. Dem zAveiten ver- 
liältnis entspringen die lieder: 214,12. 212,3. 212,37. Il.büch- 
lein. 21(3,1. [210, 29?]. Hartmaim ist ritter. Nicht sicher ein- 
zuordnen sind: 214,34 (Schönbach hält es für echt). 211,27. 
210, 29 (dies vielleicht zum zAveiten Verhältnis gehörend). 217, 14. 
218,5 (geht auf den kreuzzug von 1197). 

Mir scheint, dass »Schönbach bei seiner Verteilung der 
lieder auf ZAvei minneAerhältnisse etAvas von dem gedanken 



UEBER llAirniANN VON AUE. 33 

beeinflusst Avorden ist, jedem der büclileiii entspreche ein be- 
sondei'es veiiiältnis und diese niüssten sicli aucli in den liedern 
widersi»ieg'eln. Wenigstens liat er manche g-edanken erst aus 
dem zweiten büchlein in die lieder hineing-elegt, gedanken die 
niclit darin zu finden sind, wenn man den text rein für sich 
betrachtet. Denn dass Hartmann ritter sei kann aus keinem 
einzig-en seiner lieder bewiesen werden. 214, 34 ist von Paul 
und mir als unecht nachg-ewiesen, wird übrigens auch von 
Schönbacli nicht zur construction verwendet. Darüber dass er 
durch Imote von der g-eliebten fern g-ehalten werde, klagt der 
dichter nie in den liedern. Nur das Tl. büchlein kennt diese 
Situation. Hartmann braucht das wort linofe in seiner lyrik 
bloss einmal: 215,25, in einem liede das Hchönbach jedoch zum 
ersten Verhältnis rechnet; klag-en ül)er die hüte bringt er 
nirgends. Es wäre doch sonderbai'. wenn sich der dichter 
dies beliebte und fruclitbare motiv hätte entgehen lassen, falls 
es ilnii tut' Wirklichkeit an die liand gab. 

Auch die gründe halten nicht stich mit denen Schönl)ac]i 
die oben aufgezählten trme dem andern Verhältnis zuweist. 
T'^nzweifelhaft, sagt er s. 359, müsse 214, 12 einem zweiten 
minnedienst zugehören, denn es werde im zweiten l)üchlein. 
der reiten, poetischen frucht dieses zweiten Verhältnisses citiert. 
^^'arnm soll denn aber der dichter dieses büchleins, wenn es 
Hartmann war, nicht ein lied aus seiner früheren zeit citiert 
haben? L'nd mit welchem recht bezeichnet Schönbacli das 
II. büchlein als eine frucht des zweiten Verhältnisses? Ausser- 
dem enthalten die Voraussetzungen jenes liedes 214, 12 nichts 
\(m huotf. eine trennung irgend welcher art ist sein anlass, 
mehr wird nicht angedeutet. Warum soll ferner Hartmann, 
so lange er im gedankengang des T. büchleins lebte, unfähig 
gewesen sein, 216, 29 zu dichten (s. 360)? Das büchlein be- 
ginnt ja gerade damit, dass der leib seine unlust am minne- 
dienst ausdi'ückt. T^nd wer, wie Schönbach annimnlt, zu jener 
zeit 207,11 dichten kann, der kann gleichzeitig, meine ich. 
auch 216, 29 singen. Auch die Verteilung der kreuzlieder auf 
zwei kreuzzüge, nämlich 209,25. 210,35 auf 1189 und 218,5 
auf einen si)äteren (1197?), ist doch wenig glaublich (s. 361). 

Ich vermag mich mit Schönbachs anordnung ebenso wenig 
zu befreunden wie mit den anderen die nach demselben princip 

Beitrage zur guiichichte der deutschen BpmcUo. XXllI. 3 



34 SARAX 

hergestellt sind, und g-laube nicht, (hiss durch sie die lösung- 
des Problems wirklich gefördert ist. ^^'e\\\\ Schöiibach betont 
(s. 8<U unten), er sei im ganzen zu gleichen resultaten gelangt, 
wie A\'ihnanns und Heinzel so trifft das weder zu, noch wäre 
es, wenn es zuträfe, ein beweis für die richtigkeit seiner Chro- 
nologie. Heinzel rechnet die töne 216, 1. 214, 12 nebst dem 
IL büchlein zum ersten Verhältnis, weist also beide biichleiu 
einer epoclie zu (s. 135. 136, besonders s. 139 oben), Schön- 
bach verteilt sie auf beide: dies ist ein wichtiger unterschied. 
Andererseits ist zu bedenken, dass ^Mlmanns und Heinzel 
im wesentlichen dasselbe princip der anordnung wie Schönbach 
angewendet haben, dass also von vornherein Übereinstimmung 
der resultate erwartet werden muss. A\'enn nun trotzdem 
die anwendung dieses princips bei Schönbach wider zu einer 
neuen, z. t. sehr abweichenden Ordnung führt, so scheint 
mir das eher ein beweis gegen als für seine brauchbarkeit 
zu sein. 

Ich sehe also keinen grund, warum ich den Standpunkt 
verlassen sollte, den Burdach a. a. o. einnimmt und auf den 
ich mich seiner zeit auch gestellt habe. Ich halte es im 
gegenteil für notwendig, alle die c(inse(iuenzen solcher be- 
trachtungsweise zu ziehen. Es ist mir natürlich nicht zweifel- 
haft, dass die lyriker jener zeit — wie die aller zelten — die 
Stimmungen welche sie überzeugend (h'irzustellen vermögen, 
auch alle durchh'bt und durchemi)funden liaben. Aber der 
inhalt der Situationen die sie zur künstlerischen darstel- 
lung solcher stinnnungen benutzen, brauclit im einzelnen falle 
nicht die mindeste realität gehabt zu haben. Diese Situationen 
gehören, wie die metra, die foimeln. auf anderem gebiet die 
dramatischen fabeln u. ä. zu den mittein des poetischen aus- 
drucks, die nicht zum kleinsten teil traditionell waren, und 
die sich dem dichter zunächst darboten, wenn er für seine 
eigenen inneren erlebnisse nach ausdruck lang. 'Diese kunst 
des dichters können Avir auch bei Hartniann objectiv erkennen . . ., 
seine person, sein leben, seine Intentionen — all dies liegt im 
nebel, und wenn im glücklichen fall einzelne umi'isse hindurch- 
scheinen, so werden sie inmier schwankend und schwer flxierbar 
bleiben' (Burdach a.a.O. s. 191). Kin versuch, die lieder 
Hartmanns zu ordnen, muss darum von ihrer kunst- 



UEBTIK flAKTMANN VON ATK. 85 

form auso-elieii: vme cliroiiologie die sidi wesentlich oder 
ausscliliesslicli auf die biographisclie verweiidimg- des Inhaltes 
beschränkt, ist nach meiner Überzeugung- von vornheiein 
verfehlt. 

Aus dem ganzen minneleben Hartmanns ist durch die lieder 
Avol nur dies eine bezeugt, dass ihm eine ihime, die er umworben, 
Avii'klich ihre huld versagt. Dies wird in 206. 16 mir hat ein 
ivip (jendde ividerseit, der ich (jedicnef hau mit stceteJceit . . . 
ausdrücklich gesagt, und da der dichter kurz vorher auch den 
tod seines herrn beklagt, so wird wie dies unglück so auch 
jenes eine tatsache sein. Denn man kann doch kaum an- 
nehmen, dass hier ein historisch wirkliches mit rein fingiertem 
verbunden sei. 

A\'ill man darüber hinaus über die art dieses Verhältnisses 
etwas erfahren, so empfiehlt es sich vielleicht, mehr nach dem 
zu forschen was der dichter nicht sagt, als die positiven an- 
gaben die er scheinbar macht, zu pi-essen. 

Aus dem was oben über das Verhältnis von H. kl. (I. büchl.) 
zu ton I gesagt ist, würde folgen, dass die dame zunächst von 
Haitmanns 'dienst" nichts wusste. EbensoAvenig natürlich 
andere leute. Als er sie schliesslich bittet, sich seinen dienst 
gefallen zu lassen, weist sie ihn ab. Ich glaube die Wirklich- 
keit wird dem entsprochen haben. Denn hätte sie um seine 
neigung gewusst. hätte sie ihn hingehalten und dann schliess- 
lich doch abgewiesen, so würde sich der dichter dies stärkere 
poetische motiv gems nicht haben entgehen lassen. 

Ebensowenig hat Hartmann gewagt, sich seiner dame in 
irgend einer weise zu nähern die nicht der sitte entsprach. 
Denn wenn er nie über hiwte klagt (215,25 ist keine klage), 
so hat er wol auch nie von der hitote wirklich zu leiden ge- 
habt. Das wäre aber nicht ausgeblieben, wenn er mit oder 
gegen den willen seiner dame versucht hätte, zu ihr zu dringen. 
Dies jtasst ganz zu der läge, in der die einleitung des I. büch- 
leins den dichter zeigt: hier ist für den neid der merker kein 
räum, und darum ertönt dies motiv auch nicht in den liedern. 

Alles andere liegt im dunkeln. Es ist sehr möglich, dass 
Hartmanns ganze minnelyrik oder wenigstens fast die ganze 
aus diesem einzigen, wirklich beglaubigten noch dazu ganz 
einseitigen liebesverhältnis geflossen ist. Ich halte es sogar 

3* 



36 SARAX 

für Avalirsclieinlich, weil ich giuiid habe aiizunehnien, (h\ss die 
lieder dieses dichters sich in ganz wenige jähre zusammen- 
drängen (vgl. unten). Warum soll auch Hartmann nicht 
Strophen wie 211, 27 ff. 213. 29 ff. 216, 29 ff. g-edichtet haben, 
wenn ilnu die dame minder freundlich schien als sonst, oder 
warum soll er nicht trüben stimmung'en bei reiferer kunst in 
liedern wie 212, 37 ff. ausdruck verliehen haben? Ich halte 
es geradezu für unzulässig, aus einer Strophe wie 212, 5 ff. 
auf eine untreue Hartmanns zu schliessen. Das gedieht ist 
ein stimnuingsbild mit humoristischem anfing, dessen reale 
Ursache nicht erkennbar ist — wenn es überhaupt eine solche 
hat. Selbstverständlich darf man andeutungen eines minne- 
sängers über liebeserlebnisse nicht vernachlässigen, aber sie 
kommen, wie Burdach mit recht betont, erst in zweiter linie. 
Es sind momente von secundärer beweiskraft, deren wert ei'st 
gesichert werden muss. 

Unter den kriterien nach denen man beurteilen kann, wie 
weit ein dichter bereits in seiner entwickelung zu höherem 
kr»nnen fortgeschritten ist, steht in vorderster reihe die metrik. 
Namentlich in einer zeit des aufblühens ist es von hohem wert 
und nicht schwer, zu beobachten, wie die kunst zu immer 
vollkommneren formen fortschreitet. Hier heben sich die 
verschiedenen stufen deutlicher von einander ab, als wenn die 
entwickelung bis zur Vollendung gediehen ist. Ich habe darum 
den nachdruck auf die betrachtung de]- metrischen technik 
Hartmanns gelegt und die Chronologie seiner lieder auf eine 
Statistik ihrer auftaktverhältnisse gegründet. Die berechtigung 
so zu A^erfahren wurde vorher nachgewiesen, indem zunächst 
rein aus dem Inhalt mehrerer töne und aus deutlichen be- 
ziehungen zwischen ihnen eine kleine reihe ermittelt wurde, 
die als chronologisch ziemlich sicher angesehen werden darf 
(H. V. A. s. 29 ff.). Das resultat ist von Becli in vollem umfang 
angenommen und in seiner ausgäbe (3. aufl.) verwendet. Paul 
erkennt (Trundr. 2', 1, 937 wenigstens das princip als richtig 
an. Ebenso Vogt (s. 24ü). 

Icli habe schon in meiner schritt betont und widerhole es 
hier, dass ich die reihenfolge die ich gewonnen, keineswegs 
für sicher und bis ins einzelne genau ausgeben will (H. v. A. 
S.31 anm. s. 39 oben). Ich habe das princip nur darum streng 



UEBER HARTMANN VON AUE. 37 

duichg'efülirt , um zu seilen, eb sich dabei widerspriiclie er- 
g:äben. Dies ist nicht der fall gewesen, im gegenteil. Eben 
in diesem erfolg sehe ich eine biirgschaft für die richtigkeit 
der methode. 

H. V. A. s. 35 gebe ich folgende anordnimg der töne: 



X 


213 


29 


xni 


21R 


1 


vm 


212, 


13 


vn 


211, 


27 


XIV 


216. 


29 


IT 


209. 


■5 


XV 


217. 


14 


IX 


212. 


37 



XI 


214, 12 


II 


20B. 19 


in 


207,11 . 
205, 1 j 


I 


V 


209, 25 


VI 


211. 20 > krenzlieder 


XVI 


2 IS. 5 



Das ergebnis bestätigt, dass die drei kreuztöne einander 
zeitlich nahe stehen und gewis nicht auf zwei kreuzzüge ver- 
teilt werden dürfen. Dass dies zugleich das wahrscheinlichste 
ist, wird niemand bezweifeln. Aus der tabelle folgt weiterhin, 
dass die töne I, II, III zusammenzustellen sind. Auch dies 
bestreitet niemand: sie werden stets ein und demselben minne- 
verhältnis zugewiesen. Ilire Ordnung bestimmt Schönbach 
überdies genau so wie ich getan, nur dass er zwischen II und 
III. I noch einige andere gedichte einschiebt. Dass sie vor 
bez. kurz vor die kreuznahme fallen, wird anch allgemein 
angenommen. Drittens ergibt mein princip einen nenen grund 
für die unechtheit von MF. 318, an dei' wol niemand ernstlich 
zweifelt, und für die von 214, 34. welche wenigstens von Paul 
nachdrücklicli verfochten wird. A\'enn also meine Chronologie 
dem nicht widerspricht was man aus gi'ünden des Inhalts und 
des Stiles, jedenfalls aus rein objecti'S'en gründen annimmt, 
sondern dies im gegenteil bestätigt, wenn sie hingegen nur 
mit dem streitet was man unter biographischer ausdeutung der 
lieder combiniert hat, so sehe ich darin keinen grund, sie für 
unrichtig zu halten und ihr princip zu verwerfen. Ich finde 
darin nur einen beweis für die richtigkeit des Standpunktes 
den ich nach Vorgang Burdachs eingenommen habe. 

^lag man auch über die einzelheiten abweichender ansieht 
sein — vollkommene genauigkeit steht natürlich nicht zu er- 
warten — , so viel glaube ich doch nachgewiesen zu liaben, 
dass in den liedern Hartmanns eine starke tendenz zur 
auftaktregulierung waltet, mithin die lieder welche darin 



38 SARAN 

am reg-elniässig'steii sind, ancli als die letzten lyrischen erzeug'- 
nisse des dichters zn gelten haben. 

Freilich gebe ich ohne Aveiteres zu, dass meine alte be- 
Aveisfühning in H. \. A. manche mängel hat. Zum teil weist 
schon Vogt auf sie hin. zum andern teil sind sie mir selbst 
l)ei meinen Untersuchungen über musikalische und poetische 
rhythmik sichtbar geworden. 

Das sclnverste bedenken welches Vogt erhol)en hat. näm- 
lich (bis gegen die ansetzung so vieler Strophen als einzel- 
strophen. ist von mir, Avie ich hoffe, im ersten abschnitt 
dieser Untersuchung beseitigt worden, im sinne meiner H. v. A. 
s. 12 eingefügten anmerkuug und im sinne Pauls und Vogts. 
Es hat sich herausgestellt, dass in den tönen der Zusammen- 
hang der Strophen verhältnismässig eng ist, enger als ich 
früher zugestanden. 

Die einbeziehung von ton 211,20 in die Statistik ist 
nicht zu billigen, weniger aus dem gründe den Vogt s. 238 
voi'bringt als deshalb, weil das lied offenbar nicht vollständig 
auf uns gekommen ist. Sein inhalt macht aber die einordnung 
nicht zweifelhaft. 

Wie weit mehrsilbige Senkungen anerkannt werden 
müssen, lasse ich dahingestellt. Lachmann und Haupt haben 
ihre anzahl zu beschränken gesucht: im gegensatz zu ihnen 
hat Paul für ^^'alther viele der beseitigten wider auf- 
genommen. Die entscheidung dieser für die herausgäbe mhd. 
texte sehr wichtigen frage kann nur eine genaue metrisch- 
statistische Untersuchung eines grossen materiales geben, die 
ebenso sehr die gesetze der systematischen wie historischen 
rhythmik zu berücksichtigen hat. Mir scheint, dass die 
herausgeber von MF. die grenzen zu eng gezogen haben. 
Aber auf die autorität der hss. in diesem punkte zu bauen, 
halte ich entschieden für unzulässig. Auch über die möglich- 
keit von 'kürzungen' denke ich anders als Paul (Fkiti. 8, 181 ff.), 
da ich von derexistenz einer mhd. dicht erspra che überzeugt bin. 

Man hat vor allem streng zu scheidcMi zwischen gesungenen 
liedern (vocaltexten) uml gesagten gedichten. Der rhythmus 
folgt, Avie ich anderswo schon oft hervorgehoben habe, in 
beiden gattungen ganz verschiedenartigen gesetzen: dort denen 
der musik, hier denen der poesie. Diese arbeitet mit den 



UEBER HARTMANN VON AUE. 39 

mitt'.'lii welclie ihr der spracliton an die liaiid gibt, jene mit 
zeitverhältni^;sen die dem lebendigen A\'ort fremd sind und es 
bis zu einem g-ewissen grade sogar verg-ewaltigen. Wo also 
zur erreicliung- einer bestimmten Wirkung in der poesie eine, 
zwei oder mehr Senkungen vielleicht nötig sind, können sie im 
gesang überflüssig sein, ja stören — und umgekehrt. Gesang 
und poesie sind auf jeden fall gesondert zu behandeln. 

Im gesang ist nun eine zweisilbige Senkung (arsis) an 
sich Aveder schön noch hässlich. Der eindruck den man beim 
lesen von minnesängertexten empfängt, ist natürlich für die 
ästhetische beurteilung ihres i-hythmus in keiner weise mass- 
gebend: diese werke sind eben nicht zum lesen bestimmt. 
Metrisch sind zweisilbige Senkungen an sich ebenfalls gänzlich 
unauffällig: statt _!__ steht einfach L^^. Im reihenauftakt 
sind sogar drei silben möglich (^^^ I -). b freilich und wie 
weit die sänger von diesen m()glichkeiten gebrauch gemacht 
haben, ist eine andere frage. Sie ist nicht mit theoretischen 
erörterungen. sondern allein auf dem wege der Statistik zu 
lösen. Eine solche aber wird zweckmässig nur mit grösserem 
material unternommen und so dass man dabei die sprach- und 
Schreibgewohnheiten der hss. berücksichtigt. Ich muss hier 
darauf verzichten. Dass sich für die Chronologie der Hart- 
mannischen lieder daraus ein kriterium ergeben werde, glaube 
ich nicht. Darin ist die regelung doch schon zu weit durch- 
geführt. 

Innere zusammenziehung (tliesis -\- arsis = i-i-; nach 
Westphal 'synkope der Senkung") nehmen die herausgeber von 
MF. in Hartmanns liedern nirgends an, meiner Überzeugung 
nach mit recht, ^^'o sie überliefert ist, lässt sie sich durch 
ganz leichte und unbedenkliche änderungen beseitigen. So 
205, o mnc siile (so die hss.), ]\1F. ohne zweifei richtig: ensüle. 
205,4 (1(12 salbe tiiot ouch, MF. (Idz selbe daz tuot oiick, wo 
vielleicht Beclis emendation daz selbe tuot ouch der min s. m. 
Aorzuziehen ist. 210, 11 lese ich mit Haupt. Nimmt man an 
der Umstellung anstoss, so könnte man aucli an iverdt denken, 
eine zweisilbige form, die in älteit^i liedertexten aufzunehmen 
sich zuweilen emiifiehlt. Füi' den lesei' ist Haupts besserung 
entschie(h^n gefälliger, die musikalische liiythmik winde da- 
gegen keinen anlass haben, zweisilbige arsis hinter der zweiten 



40 SAKAN 

thesis des Vordersatzes (_ 1 .^^- - ) zu tadeln, da 

sie, gerade an dieser stelle öfters vorkommt und rhj'tlimiscli 
begründet ist. Yg-1. abschnitt IIT. Entscheiden kann wider 
nur die Statistik. Von bedeutung- für die Chronologie Hartmanns 
ist also auch die erscheinung der zusammenziehung- nicht. 

Den ausschlag gibt die beobachtung der auftakt- 
verhältnisse. Die bedenken welche Vogt dagegen erhebt, 
dass ich die auftaktfrequenz in procentzahlen umgerechnet für 
die Chronologie verwerte, kann ich nicht teilen. Denn wenn 
in den 45 versen des tones 205, 1 der auftakt einmal fehlt, in 
den 24 von 215, 14 aber auch nur einmal, so ist das doch ein 
grosser unterschied. Da jenes lied fast doppelt so viel verse 
hat als dieses, so fehlt der auftakt dort natürlich um die 
hälfte seltener als hier. Umreclmung in procente ist darum 
keineswegs ein 'aufbauschen' (Vogt s. 239): im gegenteil wäre 
es falsch die Ziffern direct mit einander zu vergleichen. jMan 
würde in diesem fall ihre bedeutung verschleiern und ^on den 
wirklichen Verhältnissen ein ganz schiefes bild erhalten. Dass 
ich den abstand von 205,1 und 214, 12 H. v. A. s. 36 für be- 
deutsamer gehalten als er wirklich ist, leugne ich nicht, um 
so mehr als ich jetzt das 'daktylische' lied dort einstelle. 
Der oder die verlornen leiche Hartmanns sind wol kreuzleiche 
gewesen. Sie würden, wenn dieses richtig ist, unter die krenz- 
lieder einzureihen sein. 

S. 239 bemerkt Vogt: 'der Verfasser hat bei der auf Stellung 
seiner tabelle entweder ganz vergessen, dass dieselbe die fort- 
schreitende regelung des auftaktes veranschaulichen soll oder 
er sieht diese regelung ausschliesslich in dem gleichmässigen 
setzen, nicht auch in dem gleichmässigen fehlen des auftaktes 
und ebensowenig in dem bestinunten Wechsel \o\\ versen mit 
und ohne auftakt; denn nach seiner Übersicht steigen unter- 
schiedslos mit der zahl der auftaktlosen verse eines tones auch 
jene procentzahlen, deren allmäliliches anwachsen nur immer 
weiter zurück auf die stufen geringerer kunstfertigkeit des 
dichters führen soll; die denkbar niedrigste stufe derselben 
würden wir demnach mit der denkbar h()clisten procentzahl 
erreichen, d. h. in einem conseciuent ganz ohne auftakt gebauten 
gedieht! Kin solches findet sich nun allerdings bei Hartmann 
nicht, wol aber gebraucht er Strophenschemata Avelclie das 



UEBER HA KIM ANN VON AUE. 41 

fehlen des auftaktes an bestiiinnter stelle erlieisdien'. Die 
gerügte vergessliclikeit wird mir Vogt hoffentlich nicht im 
ernst zutranen. Von den beiden niöglichkeiten die er offen 
lässt, ist die zweite richtig. Ich habe mit bewusstsein nur 
ein princip in der auftaktregulierung anerkannt und halte 
auch jetzt daran fest, dass das von mir ermittelte durchaus 
die ent Wickelung belierscht. Neben ihm kommt kein anderes 
wirklich zur geltung. Gleich wol hat Vogt richtig gesehen, 
dass meine ausführungen an dieser stelle der ergänzung be- 
dürfen. In einigen liedern fehlt allerdings der auftakt ent- 
schieden nicht ohne absieht. Doch widerspricht dies, wie sich 
zeigen wird, meinem princip keineswegs, fügt sich ihm vielmehr 
auf das 1)este. Vgl. abschnitt VI. 

Auf einen mangel meiner Statistik muss ich selbst auf- 
merksam machen, da ihn niemand bemerkt hat. Er liegt auf 
rein rln'thmischem gebiet und zwar in der kolotomie. Die 
mild, liedertexte werden so gedruckt, dass im allgemeinen eine 
reimzeile auch eine druckzeile ausfüllt. Dass damit der bau 
der Strophen nur unvollkommen widergegeben werde, haben 
sich die herausgeber von MF. nie verhehlt. In den meisten 
fällen ist nun die reimzeile gleich einer rhythmischen reihe, 
oft aber beträgt sie weniger (bei binnenreim u. s. w.), oft mehr 
(bei waise und reihenverschleifung). Der rhythmische wert 
einer druckzeile in MF. kann somit im einzelnen falle drei- 
fach sein: 1) reihe, 2) reihenabschnitt, 3) zwei oder mehr reihen 
bez. eine ganze periode. Als erstrebenswert muss ein druck- 
scliema bezeichnet werden, worin jede zeile den wert einer 
rhythmischen reihe hat, und worin die anfange der perioden 
durch grosse buchstaben deutlich gekennzeichnet sind. Alles 
andere ergibt sich daraus dem kundigen leser von selbst. 

Entwirft man nun nach dem princip, das ich verwendet, 
eine statistische tabelle der auftakte, so muss man vor allem 
die fuUctionen genau scheiden. Man darf also nur die auftakte 
am reiheiianfang mit einander vergleichen, man muss sich da- 
gegen hüten •l)inneiiauftakte' mit in die i'echnnngeinzubeziehen. 
KerntM- liat man. um wirklich genaue zahlen zu bekommen, 
die anzahl der kola einer strophe rhythmisch zu bestinnnen 
und <larf sich nicht nach (hMi uniichtigen sdiematen der drucke 
richten. So habe ich z, b. MF. 211, 27 im anschluss an den 



42 SAKAX 

text als eine Strophe von 8 reihen ang-eselien nnd die procente 
auf diese zahl berechnet. Dies ist falsch, denn die Zeilen 211. 28 
und 30 sind notwendig-er weise in je zwei kola zu zeileg-en, 
während 211,32. 33 ebenso notwendig- in eines zusammengezogen 
werden müssen. Die strophe besteht also nicht aus 8, sondern 
aus 9 reihen und damit ändert sich aucli der statistische wert 
der auftakt Ziffer etwas. Ferner fällt damit der auftakt von 
211,33 ausser betracht, denn er ist nicht die erste arsis einer 
reihe, sondern nur erste arsis eines abschnittes (reihenteiles), 
also vom Standpunkt des kolons aus gesehen ein 'binnenauftakt'. 
Es bedarf also meine frühere arbeit vorzugsweise im punkte 
der rhythmik einer revision. Denn die grundlage einer Unter- 
suchung, wie die ist welche ich geführt habe, muss vor allem 
eine genaue kolotomie sein. Ich will diese kolotomie und 
überhaupt die rh3thmisierung der lieder, so weit sie für meinen 
unmittelbaren zweck von nöten ist, liier nacliholen. 

III. Zur rhythmik von MF. 

Was einem wirklichen Verständnis der lyrik der minne- 
singer bisher im wege gestanden hat und noch immer im wege 
steht, ist der umstand, dass man die überlieferten denkmäler 
dieses kunstzweiges niclit als das behandelt was sie sind und 
allein sein sollen: vocal texte. Wdw nimmt sie für poetische 
Averke, für gedichte und beurteilt sie im wesentlichen ebenso, 
wie man es mit gedichten moderner lyriker tut. Man vergisst, 
dass sie nur mit der melodie zusamnien Avalirliaft lebten, dass 
also beim lesen ein grosser teil ihrer ästhetisclien Wirkungen 
schwinden muss. Eine erotische deutsche buchljTik gab es 
damals nicht. Es gab keine gedichte, sondern nur lieder. 

Macht sich dieser fehler der betrachtung schon bei der 
literarischen beurteilung oft recht störend geltend, so nocli 
mehr bei der rhythmischen. Man stellt hier die Strophen 
dieser sänger auf eine stufe mit den reimdichtungen der er- 
zähler, man überträgt beobachtungen die man an sprechversen 
gemacht, auf gesangsverse , kurzum mau lässt den grossen 
unterschied ausser acht, der tatsächlich zwischen musikalischen 
und poetischen rhythmen besteht. Dadui'ch Avird eine befrie- 
digende auffassung der minnelieder unmöglich. 

Es ist für die metrik der minnesinger unbedingt festzu- 



UEHKIJ IIAUT.MANX VUN AUE. 43 

halten: das für den ästhetischen cindriuk massgebende, das 
formende element ist der musikalische rhj'thmns. Dessen 
formen hat sirh der text sowol im accent wie in der g-liederung- 
anzuheiiuemen. Diese musikalisch -rhythmischen formen sind 
aber ilirem weseu und ihrer entstehung- nach von der spräche 
und ihren accentverhältnissen als solchen g-änzlich unabhängig, 
sie kihinen z. b. in der instrnmentalmusik eine existenz ohne 
Sprachtext führen. A^^eil sich nun aber der text dem musika- 
lischen rhythmus fügen muss, weil er von diesem geformt wii'd, 
soweit es die natur der s})rache nicht hindert, so wird er da 
Avo die melodie nicht erhalten ist. die mfjglichkeit bieten, den 
rhythmus zu erkennen den er begleitet. Ans den eindrücken 
die der rhythmus im text hinterlassen, kann man also um- 
gekehrt seine form reconstruieren. Aber dies ist nur dann 
möglich, wenn man sich über wesen und gesetze des musika- 
lischen rhythmus unterrichtet hat: ohne kenntnis dessen was 
in musikalischen rhythmen m()glich ist, kann die rhythmi- 
sierung der texte nicht gelingen. Denn der text spiegelt 
eben nicht alle Wirkungen des rhythmus ab, sondern nur einige. 
Ja selbst dann, wenn uns die melodien der alten minnelieder 
erhalten wären, würde aus text und melodie allein die rhyth- 
mische form nicht construiert werden können. Denn die notie- 
rung alter melodien jener epoche bedarf, wie mich ein kenner 
der mittelalterlichen notenschrift, H. Riemann, versichert, selbst 
erst der rhythmischen deutung auf grund des textes. 

Die einzige möglichkeit in das wesen der alten kunst 
einzudringen ist also die, dass man an modernen musikstücken 
verwanter art, d.h. an einfachen liedern, die formen und ge- 
setze des musikalischen rhythmus studiert, danach die erhal- 
tenen texte rhythmisiert und dann die resultate durch statis- 
tische vergleichung corrigiert. Man wird so, wie ich überzeugt 
bin, wenn nicht völlig, so doch hinreichend genauen aufscliluss 
erlangen, zumal die sache verhältnismässig recht einfach liegt: 
Ich werde im folgenden nach diesei- methode verfahren. Die 
grundsätze die ich im einzelnen befolge, werde ich vorher an- 
geben. Icli muss dies in dogmatischer form tun. erhebe aber 
hier nicht den anspruch darauf, etwas endgiltiges zu geben. 
Doch möchte ich bemerken, dass meine art der behandluug 
und die folgende kurze rhythmische Übersicht sich auf die 



44 SARAN 

clurcharbeitimg- eines reichen materiales stützt. Ich habe taii- 
sende von musikalischen compositionen aller g-attun^en und 
grossen anal3-siert und die gewonnenen regeln an sämmtlichen 
liedern aus MF., den meisten Walthers und zahlreichen späterer 
säng-er erprobt und als stichhaltig- erfunden. Ich glaube ihnen 
darum einigen wert beilegen zu dürfen. Im einzelnen hoffe 
ich meine grundsätze bald in einer systematischen darstellung- 
der allg-emeinen musikalischen rhythmik rechtfertigen zu können. 
Einstweilen verweise ich auf K. ^^'estphals 'Allgemeine theorie 
der musikalischen rhythmik seit Bach' und ebendessen 'Aristo- 
xenos" bd. 1 (von mir bearbeitet und herausgegeben), wo sich in 
den prolegomena ein abriss der musikalischen rhythmik findet. 
Beide Schriften zusammen genügen im ganzen zur rhythmisie- 
rung der minnelieder, so viel verfehltes auch darin enthalten 
ist. AVill man sich die Schemata der minnelieder beleben, so 
nehme man dazu choralmelodien. Deren rhythmik steht — 
von dem feierlichen tempo natürlich abgesehen — ungefähr 
auf dem Standpunkt der lieder in MF. Von der heranziehung 
der kinderlieder sieht man am besten ab, da diese eine Sonder- 
stellung einnehmen. 

Die rhythmik der minnelieder in MF. 
1. Der rliytlninis innl seine factoreii. 

§ 1. Lässt man ein monodisches oder unisones (ev. be- 
gleitetes) lied auf sich wirken, z. b. das bekannte 'Frisch auf, 
kameraden, aufs pferd, aufs pferd' und zwar gesungen so Avie 
es an seiner stelle sinn- und stilgemäss gesungen Avei'den muss. 
so findet man dabei im bcAvusstsein — wenn man einmal von 
andern Wirkungen absieht — die Vorstellung einer gewissen 
zeitlichen gliederung, die zugleich als angenehm gefühlt wird. 
Dies ist der rhythmus des liedes, die ästhetisch wolgefällige 
Zeitform des akustischen Vorgangs. 

§ 2. Anal^'siert man nun diesen Inhalt des bewusstseins, 
so enthüllt er sich als tlie Wahrnehmung eines sj^stems von 
Zeitbeziehungen, das die tonreihe in uns entstehen lässt, und 
zwar eines Systems, das sich in mehreren Ordnungen aufbaut, 
die so zu sagen über einander stehen. Sie folgen diesem 
Schema : 



UEBER HARTMANN VON AUE. 45 



4. _]•_ : _1'_ 
:{. r : V r : r 

und dann auf jeder Seite weitei': 

;<. r : r 



2. :i : ii a : a 

1. f : f f : "f r : f f : t' 

0. s:.s .s:s s:s f;:s s:s s:s s:s s:s 

D. li. diese tonreilie ist so beschaffen, dass ilire teile, naclidem 
sie ins bewusstsein setreteu siiul. nicht vereinzelt bleiben, son- 
dern nacli dem mitgeteilten scheuui auf einaiuler bezog-en, also 
vom geist zu grupi)en vereinigt Aveiden, von denen eine immer 
die nächst niederen einschliesst. 

§ 'i. Jede einzelne rhytlimo])öie ist also in rhythmische 
gruppen verschiedener Ordnungen zerlegbar. Diese sind \tin 
unten nach oben gerechnet: 

1) der f uss (f) bestehend aus zwei schlagen (s). die arsis 
und thesis (aufschlag und niederschlagj heissen, 

2) der abschnitt (a), 

3) die reihe (r), 

4) die periode (p); 
eventuell kommen hinzu 

5) der absatz, 

6) die Strophe. 

Jede gruppe höherer Ordnung zerlegt sich zuei'St in die der 
nächst niederen und dann so fort. Die folge der schlage, diese 
ohne beziehung zu einander gedacht, heisse das rhj'thmische 
niveau (im Schema mit angedeutet). 

§ 4. Dies wolgefällige zeitensystem ist ps3''chologisch be- 
trachtet eine leistung des bewusstseins. Die mittel die die seele 
anregen, es zu erzeugen, d. li. die factoren des rhythmus sind 

1) das metrum, d. h. alle die festen Verhältnisse worin 
die dauerwerte der einander beigeordneten t()ne und tongruppen. 
in den verschiedenen Ordnungen stehen. ^letrum ist also der 
Inbegriff der mathematiscli festgestellten dauerverhältnisse in 
der tonbewegung. ]\Iit 'rhythmus' darf der begriff nicht ver- 
wechselt werden. 

2) die dynamik, d.h. der Inbegriff der Stärkeabstufungen, 
die in einer tonreihe bemerkt werden, 



46 SAUAN 

3) das temifo. 

4) die agogik. d. li. kleine delniimoen oder kürziing-en 
die die normaldauer eines wertes erleidet, ohne dass die g*rimd- 
proportion für das bewnsstsein gestcirt wii'd. 

5) die tonarticulation (legato, staccato u.s. w.), 

G) die tote pause, d.h. irrationale leere Zeiten, die als 
grenzen gebraucht werden. 

7) die melodie mit ihren bedeutungsvollen intervall- 
schritten und Schlüssen, 

8) der text, der durch syntaktische gliederung und den 
Wechsel accentuierter und nicht accentuierter silben die rhj'th- 
•niische gruppenbildung wesentlich fördert, 

9) das euphonische des text es, z. b. reim, alliteration 
u. dgl., was ebenfalls den i'ln^thmus stützt. 

§ 5. Nur das zusammenwirken aller oder doch dei- meisten 
dieser factoren erzeugt den rhytlimus. Es brauchen aber nicht 
alle in gleicher richtung zu wirken. Einige können wider- 
streben, die dann durch stärkere Wirkung anderer in ihrer 
tätigkeit compensiert werden. In solchen fällen — und es sind 
wol alle — ist das ideale rhythmische system mehr oder weniger 
verschleiert. Orade in der feinen Verwendung der gegensätze 
in den factoivn besteht die kunst der rhj'thmischen arbeit. 

2. Die i)r niidforiiieii der rli ytlun isclieu ynippeii. 
Es folge nun eine kurze Charakteristik der einzelnen rhyth- 
mischen gruppen, soAveit sie für meinen zweck nötig ist. 

§ 6. Der fuss. Für den minnesang, soweit dessen texte 
in MF. vorliegen, kommen nur vier in betracht: 

_1 anapäsf) (J | J) | 1 _ daktylus') (| JJ) 
^.'_ Jambus (}|J) | -^ trochäus (|j}). 
Die füsse kennen also entweder das gerade (1 : 1) oder das 
ungerade (1:2, 2: 1) Verhältnis. Analysiert man eine rhythmo- 
pöie nach takten, d.h. von thesis (hebung) zu thesis ohne rück- 
sicht auf das fusssystem, so erhält man für MF. natürlich nur 
zwei einfache taktformen: den geraden | 1_ | = | JJ | und 
den ungeraden L^ = \ j ^ \. Bei anaiiästen und Jamben heisst 
dann die erste arsis der i-eihe -auftakt'. 



') leb briinclK.' difsou iiaineii in etwas audereni sinn als die antike. 



UUBKK IIARTMANN VON AUK. 47 

4j 7. Die reihe. Iss ,iiil)t in ili'v imtsikalisclieii rliyiliniik 
iilterliauiit mir fünf i-t'ilH-nfoniit'ii: den zwei-, drei-, vier-, fiiiif- 
iind set'lisfüsscr (bez. -takter. wenn man nacli takten zählt). 
Es empfiehlt sich die neutralen uanien "zweier, dreier, vierer, 
fünfer und sechser" zu benutzen, die schon das 18. jh. brauchte. 
Meist sagt man: dipodie, tripodie, tetrapodie. pentapodie, hexa- 
podie. Von diesen reihen kennt ]\rF. nni' di(n: 

1. den vierer (tetrapodie). weitaus die beliebteste und 
häufigste; z. b. 

_jL_--_1_- ana])äst. ) 

I 1 f 1 \ vierer, 
1 _:.___- j_ daktyl. ) 

2. den sechser (hexapodie). nächst (h'in vieier die belieb- 
teste reihe und auch sehr häufig-; z. b. 

_^_j__l'_-^_i_- (anap. sechser), 

3. den zweier (dipodie), selten und vielleicht nirgends 
anzuerkennen. Durch Verbindung- mit nachl)arzeilen kann ei- 
wül immer vermieden werden. Dieser reihentypus ist überhaupt 
in der musikalischen rhythmik einer der seltensten. 

Dreier und fünfer sind in MF. nicht anzunehmen, Aveil 
man ohne sie g-latt auskommt und diese reihen jederzeit sehr 
selten gewesen sind. Man darf sie nur da ansetzen, wo sie 
l)ositiv nachgewiesen werden können. 

Am schhiss jeder reihe steht eine cäsur, die durch die 
Verwendung der rhythmischen factoren in sehr verschiedener 
weise zum bewusstsein gebracht werden kann. In der vocal- 
niusik pfiegt des atniens wegen tote pause mit ihr verbunden 
zu s(dii. 

§ 8. Der abschnitt. Jede reihe, der zweier ausgenommen, 
zerfällt in zwei rhythmische abschnitte, die sich mehr oder 
weniger von einander abheben. Hei deutliidier Scheidung steht 
biunencäsur. die icli im sclicnia durch ein Semikolon bezeichne. 

Der vierer zerlegt sich so: _1_ • ; _.'__•, der sechser 
entweder 1_^; _i'_^ _^_ ■ oder __!-'__I_;_l_- 



d.h. iiacli dem reihenverhältnis 1:2 oder 2:1. nie nach dem 
Verhältnis 1:1, alsd nie -JL_ • _1; _J._ • _1. Solche bil- 
dungen sind niclit reihen, sondern zweigliedrige ]>eriotlen! 

Da der sechser rhythmisch eine enge Verbindung des 
Zweiers und Vierers ist, so enthält sein langer teil (der \ier- 



48 SAEAN 

füssige absclnütt) zwei unterabscliiiitte, die zuweilen auch 
durch untercäsur deutlicli getrennt werden. 



Man hat also haupt- und Unterabschnitte zu scheiden. 

Von den zwei typen des Sechsers ist der nach v = 2 : 1 
(also mit dem langen teil voran) stets der seltenere, darum 
nur dann anzusetzen, wenn dazu positive veranlassung' ist. 

Die normalen binnencäsuren der reilien sind die zwischen 
den abschnitten; doch sind sie meist verdeckt, besonders im 
vierer, so dass sie nicht ins bewusstsein fallen. 

Anm. 1. Icli bemerke hier, dass vierer und seehser mit anapästisclion 
fassen ( — '-) der germauischon rliythmik von alters lier eignen. Anf den 
ersten gehen, wie ich gezeigt hal)e (vgl. Sievors, Altgerm. metrik cap. Vll ), 
die 'normalverse' der altgermanischen alliterationspoesie zurück. Anf den 
Sechser (die hexapodie) anapästisclier form dagegen weisen, wie ich hier nur 
mitteilen will, die ' schwellverse ' hin. Deren einzelne formen lassen sich 
ans dem seehser in ganz analoger weise ableiten wie die normalverse ans 
dem vierer. Und zwar geht der westgerm. schwellvers anf die form zweier 
+ vierer (v = 1 : 2) zurück, also anf den seehser mit schliessendem langen 
teil. Der nordische schwellvers im drottkvsett aber ist aus der form vierer 
+ zweier (v = 2 : 1) entwickelt. Auch die langzeile des Ijößahättr gehoi-t 
hierher. Luicks complicierte theorie ist unmöglich. Die fonuanalj'se des 
textes die Sievers zuerst gegeben, entspricht durchaus dem genetischen 
Sachverhalt. Wie der ursprünglich vierhebige musikalische vierer in folge 
seiner deutlich dipodischen structur zum wesentlich zweihe))igen poetischen 
uormalvers umgewertet wird, so der musikalisch sechshebige rhythmus zum 
dreiliebigen schwellvers. Die von Sievers festgestellte gliedorung in ein 
X — + uormalvers oder normalvers + _ x ist nichts weiter als der letzte 
Aviderschein der musikalischen gruppierung nach 1 : 2 oder 2:1. Die regeln 
über die 'Senkungen' und eventuelle 'nebentöne' im schwellvers können 
denen des norraalverses analog entwickelt werden. 

§ 9. Die Periode. Es ist eine für das Verständnis von 
rhythmopöien höchst wichtige tatsache, dass in der musik der 
culturvölker. jedenfalls in der des abeiullandes von der wir 
etwas Avissen, reihen für sich allein nicht vorkommen, ver- 
schwindend geringe ausnahmen abg'erechnet. Es müssen immei- 
mindestens zwei zu einer gruppe höherer Ordnung, der periode 
zusammentreten. Isoliert konnnen reilien nach meinen beob- 
achtungen nur als signale u. ä. vor. Die kunst kennt sie nur 
da wo sie solche signale nachahmt. Die reihe als bestandstück 
der periode heisst glied (kolonj. 



UEBER HARTMANX VON AUE. 10 

4^ 10. Die ui's}trrm,ij;licli(' fonu der i)erio(le ist die zwei- 
gliedrige. Sie bestellt aus Vordersatz (a) und nachsatz (b). 
Sind mehr g-lieder vorhanden, so haben sie entweder (in MF. 
immer!) die function von Vordersätzen (a', a" u.s.w.) oder aber 
die von nachsätzen (b', b" u.s.av.). Letztere tragen den Cha- 
rakter von schlusswiderholung-en und schlussbekräftigung-en. 
Es ergeben sich also folgende Schemata: 

dreigliedi'ige periode: a — a' — b oder a — b — b', 

viergliedrige periode: a — a' — a" — b, a — a'— b — b' 
a — b — b' — b" u. s. ^v. 
Die periodengliedel" werden durcli die cäsuren getrennt. Hier 
ist im text der hiatns stets erlaubt. 

^ 11. Für die gliederfolge gilt die specialregel: zwei 
dipodien können nie in der function Aon reihen auf einander 
folgen. Wo dies scheinbar der fall ist, hat man es mit einem 
vierer zu tun, dessen binnencäsur scharf ausgeprägt ist. Die 
zweier sind, in solchen fällen also abschnitte, nicht glieder. 

§ 12. Hinter der periode ist ein starker rhythmischer 
einschnitt, den ich diäresis nennen will. Zeichen: || (doppel- 
strich). 

§ 13. Wie die reihen zur periode zusammentreten müssen, 
so können sich wenigstens die perioden zu absätzen ver- 
einigen. 

§ 14. Die absätze, wo solche vorhanden sind, andernfalls 
die Perioden unmittelbar, treten zu Strophen zusammen. Auch 
eine periode kann schon strophische function übernehmen (z. b. 
im lied 'Es zogen drei burschen'. Periode = a — b — b' = 
Strophe). Als Strophenteile heissen die absätze im nünnesang 
aufgesang und abgesang, die Strophe ist also ev. zweiteilig 
zu analysieren, nicht dreiteilig. 

'^. I)ie rbythmischen sprossformen. 

Die unter no. 2 aufgestellten grundformen können nun 
modificiert werden durch rhythmische Veränderungen. Ich führe 
nur die wichtigsten davon an. 

i^ 15. Auflösung. Jede normale thesis (1) kann in zwei 
hälften gespalten werden: l = ww(J = J'J^). Eine halbe, 
leine thesis heisst schlechtweg kürze (niore). Ebenso kann 

Beiträgt zur gi:sohicUte (ItT deiiteuheu ipr.iclif. XXI II. 4 



V-/ V_-'V— ' 



^.y^y v-^ 



50 SARAN 

eine arsis gespalten werden, wenn sie von der dauer einer 

tliesis (1) ist: _ = , , ( J = SI")- Die zeit der reinen thesis, 

dann auch die einer gleich langen arsis, nennt man gewöhn- 
lich sclilechtweg eine länge. Daher die bekannte regel: eine 
länge ist gleich zwei kürzen. 

§ 16. Eine arsis von dem wert ^ (J"), also die arsis der 
Jamben und trochäen, darf im minnesang nicht gespalten werden. 
Die kürze ist also wie im griech. und hit. die kleinste mög- 
liche rhythmische zeit {yQoi'oc. jiQwrog, mora, masszeit). 

Es gilt also auch für MF. die regel von der Unteil- 
barkeit der kürze (der masszeit mz.). 

§ 17. Die füsse können in MF. daruui nur in folgenden 
artformen auftreten: 

anapäst: -- . ,- ^^ ^.y^l^ 

daktylus: 1_ ^_ 1.^^ ^~ 

Jambus : ^ L 

trochäus: -^ 

Es gibt also in MF. höchstens viersilbige takte. Füllen vier 
Silben den takt, so müssen die beiden ersten (die thetischen 
Silben) 'verschleif bar' sein, d. h. sprachlich die form ^x haben. 

Anm. 2. Für die moderne iiiusik gilt diese regel nicht mehr. Nur 
der gemeiudechoral befolgt sie noch. 

Anm. 3. Die stellen wo auflösung stattfindet, sind nicht schlechthin 
willkürlich. Die rhythmische gruppierung kann durch sie bedeutend ge- 
fördert werden. Darum ist autlösuug beliebt im 'auttakf, z. b. ^^-^ :- 

'-, um den reiheueiugang zu markieren. Im inneren der reihe steht 

sie gern auf der dritten arsis (anfang des zweiten abschnittes), z. b. — ^ 

v.yv-/ -, bes. passend für die hexapodie ww ww - — ~ —- '- . 

Ferner steht sie gern auf 'nebenhebungen', da durch auflösung die kraft 
des ictus gebrochen wird : _ -^ _ Ow — '- — Ov^. 

§ 18. Zusammenziehung. Die zeit einer thesis kann mit 
der der arsis die unmittelbar folgt, vereinigt werden. Dann 
entstehen üb erlangen, vier- bez. dreizeitige takte. 



Die rhythmischen Symbole sind: 1 (J) = 4 ^ = 1 -f _ (J J) 

:.(J.)^3^ = l + ^(j;). 
Durch diese zusammenziehung fallen arsen (ohne Zeitverlust) 
aus. Westphal nannte den Vorgang unzweckmässig 'synkope 



UEBEU 11 ARTMANN VON AUE. 51 

der Senkung''. Eeilien mit zusamnienzieliung heissen 'as3^nar- 
tetisch', solche ohne zusamnienziehung- 'synartetisch'. 

Anm. 4. Die znsiuiinii'uzifliuiiy- dient wie die aurtüsung auch zur 
förderuug der rhytliniiscluMi irruppievuu!^. Sie dient dazu, den scliluss der 
reilien zu markieren, tindet sicli darum besondtn's um die letzte arsis 
(katalexis): 



analog ^ — ^ . ^ 1. ^ und —^-^ —^j^. 
Sie ist ferner ein gutes mittel haupticten zu verstärken. Beliebt sind darum 

in MF. formen wie —L\ — l.^-, bei typus C (Sievers) —1 — ^1 1 oder 

— ' — ^^1 . Entsprechend im kurzen und langen teil der hexapodie: 
_ Z. ^ ; _ ^' ^ _ ^ • u. s. w. 

§ 19. Verschiebung der einschnitte. Am ende jedes gliedes 
oder jeder periode ist normaleiweise cäsur (|) bez. diäresis (||): 

l.'^ _1_^_JL__^ I »> _1 L_- II 

2.'* _-L_-^_l_^ I ^ _l_j^_l_j^ II . 
Die cäsur und diärese kann aber verschoben werden um eine 
stelle nach vorwärts (so oft in MF.) oder um eine zurück. Ein 
komma zeigt die neue cäsurstelle. punktierte striche die alte 
an. Im Schema: 

^ a, '_ . _'_ ■ : _ '^ _! • '_•■'■ 

2., 1__._1_^ I b'_l__^_l_^ ll" 
bez. 

1 a ' . ' . ' . ' 

X . . . — . 



2.^ ^ ;i _1_^_1_^ I _1_-L_1_^ ||. 
Der zweite fall ist überhaupt seltener, weil dadurch die zahl 
der thesen und damit der grundcharakter der glieder verändert 
wird. Der erste fall ist beliebt. Dadurch bekommen die 
glieder am schluss 'überschlagende arsen', d. h. sie Averden 
hyperkatalektisch, entsprechend werden andere dadurch 
auftaktlos. 

Anm. 5. Tritt auflösung dazu, so complicieren sich die' Verhältnisse, 
z. b. aus ^-'^ I ^^^ ^^^ II 



wird gern z. b. 

I^_J j K^ . 

^__._1_- |_1_._^_- ||. 

Bei zurücktreten der cäsur und diäresis entsteht z. b. 



52 SARAN 

1a'.'- b f. f. 

2» ^_j: ! l|'*_J.__-_1._- II 

also dreiwertige auftakte! Die schliessenden kürzen von l.a und '> sind dann 
der agogischen dehmuig- ziigäiiglicli , treten im text darum als 'anceps; 
(^) auf. 

§ 20. Aelinlicli steht es mit der binnencäsur. Deren 
normale stellnng-, soweit überlianpt binnencäsur beabsielitigt 
ist. befindet sich zwisclien den abschnitten. Also im vierer 
nach der zweiten tliesis (bei absteigenden füssen: arsis) z. b. 

_l__i; _1_^ oder :_•_._; 1_^_ 
im Sechser ebenso: 



Sie rückt nnn entweder eine stelle nach vorwärts: z. b. 

_1_^_; 1-- bez. _1_^_; ^__:,_1_^ 
oder zurück: z. b. 

_1_; ^_1__^ bez. _1_; ^_Z'_.:__1_^. 
Das letztere ist minder häufig-. 

Anm. (). Combinatiouen mit arsenauflösung kommen oft vor, z. b. 

/ . . ' 
— y^ j \^ — — '— ' 

Im Sechser z. b. 

§ 21. Verdeckung der einschnitte. (Glieder-, periodenver- 
schleifung). Der normale zustand ist, dass cäsur und diärese 
deutlich ins bewusstsein tritt. Besondere Wirkungen werden 
dadurch erzielt, dass über die einschnitte hinweg-gegangen wird. 
In solchen fällen pflegt einschnitt (wortschluss) im text zu 
fehlen; z. b. , 

§ 22. Perioden- und absatzbrechung. 1 )as normale ist, dass 
die diäresis stärker ist als die cäsur und der endfall des ab- 
satzes stärker ist als der nach der Vorderperiode. Besondere 
Avirkungen werden erzielt, wenn das Verhältnis umgekehrt 
wird. Dann bekommt die periode und der absatz eine neigung 
auseinander zu fallen. Die beweg-ung wird freier, prosa- 
ähnlicher. Sparsame Verwendung- dieses kunstmittels ist für 
das lied wesentlich, da andernfalls das rhythmische System 
zerrüttet würde. Im Sologesang, der ohnehin freiere bewegung 



ÜEBER HARTMANN VON AUE. 53 

verträgt, ist die ersclieiiiiiug leichter zu ertragen als im 
chorlied. 

Anm. 7. Die poesie, die auf die gcsetze des musikalisclieii iliytlinms 
nicht zu achten braucht, liebt es in gewissen stilarten (bes. erzählender 
dichung), die strophenbrechnng- durchzuführen. Sie schreitet oft bis zur 
l)eriodenbrechnnt;- fort. Vol. Saran. Z. metr. Otfr. v. Weisseuburg s. 193 ff.). 

§ 23. Rhythmische pause. Das normale ist, dass eine 
rhythmopöie ihre rhythmen alle mit tönendem stoff erfüllt. 
Es kinmen aber auch rhythmische werte ihrem Inhalt nach aus- 
fallen und durch eine leere zeit von gleicher dauer ersetzt 
M'erden. Diese 'leeren zeiten" sind die pausen, die 'rhythmisch' 
heissen, weil ihre Zeitdauer wesentlicher liestandteil des rhyth- 
mischen Systems ist, weil sie tönenden werten gleich stehen 
und als solche teile rhythmischer gruppen, glieder metrischer 
Verhältnisse sind. Sie sind nicht zu verwechseln mit den 
'toten pausen', die nur die bedeutung von grenzen, nicht von 
Inhalten haben (§ 4). Das symbol der rhythmischen pause 
ist A (wert = ^), der toten p. Je nach dem wert, den sie ver- 
treten, sind die pausen ferner zweizeitig (7\), dreizeitig Q\), 
vierzeitig (/\). Andere kommen in MF. nicht vor. 

Anm. 8. Auch die pausen können zur Verdeutlichung des rhyth- 
mischen Systems dienen. Sie werden besonders am reihenschhis.s ge- 
braucht, mit ähnlicher Wirkung wie die zusammenziehung. Z. b. 

------A 

(sclieinl)ar austall eines ganzen fusses = brachykatalexis); ferner 
fpausenkatalexisj. Dann im iunern: 

1_ • ä; 1_---ä 
(mittelpause zur markierung der binueucäsur) und am anfang: 

(pause statt des auftaktes zum verstärken des reiheneinsatzes). 

4. Regeln für die rliy tlim isierung von miuueliedern. 

Hat man die aufgäbe, ein lied modernen Ursprungs, etwa 
aus dem 18. oder 19. jh., rhythmisch zu analysieren, so ist das 
nicht schwer. Aus der notierung im verein mit der betrach- 
tung des textes kann ein musikalischer mensch im wesent- 
lichen die absiebten des componisten erkennen, kann er sich 
das bild das diesem vorschwebte, sinn- und stilgemäss recon- 
struieren und rhythmisch betrachten. Das problem ist sodann, 



54 SARAN 

die rln'thmische form des Werkes zu bestimmen, und aufzu- 
zeig'en. wie die rhytlimu^;factoren jeder für sich zur gesammt- 
wirkung beitragen. 

In dem fall der uns vorliegt, steht es weit ungünstiger. 
Von dem ganzen kunstwerk des minneliedes haben wir nichts 
weiter als den text zur reconstruction der form, es felilt die 
melodie und das was man heute vortragsan Weisung, taktein- 
teilung und taktvorzeiclinung nennt. Von den neun factoren 
des rhj'thmischen eindruckes entziehen sich also mindestens 
sechs (metrum, tempo, agogik, tonarticulation, tote pause, me- 
lodie) der beobachtung. Es bleiben textgliederung (durch 
accent und sj-ntaktischen Zusammenhang) und das euphonische. 
Bis zu einem gewissen grade auch die djmamik, da diese im 
deutschen sich einigermassen an den sprachaccent anschliessen 
muss. Im fi'anzösischen fällt auch sie aus. Vgl. abschn. V. 

Es ist mithin unsere aufgäbe, aus der beobachtung der 
textgliederung, des euphonischen (reim) und der gegebenen 
djTiamischen punkte (wortaccente) die rhythmische form zu 
erschliessen, die das kunstwerk beherscht. 

Wie weit hat nun der rhythmus im text des minneliedes 
seine spuren hinterlassen? 

"Wollte man rein aus dem texte von motetteu z. b. des 
Palestrina, Orlando di Lasso oder aus den texten von Otts 
Liederbuch den rhythmus des ganzen herstellen, so würde man 
weit hinter der A\irklichkeit zurückbleiben. Auch in der vocal- 
musik unserer zeit würde der wirkliche rhythmus nicht rein 
aus dem text ermittelt werden können. Denn in der modernen 
musik höheren Stils ist die melodie und die rhythmische form 
ihre eigenen wege gewandelt und schaltet mit der sprachlichen 
form des textes sehr frei. Melodie und rhythmus herschen 
über den text: jene sind die hauptsache, dieser nur das substrat. 
Auch bei R. Wagner ist das nicht anders, nur dass dieser aus 
hier nicht zu erörternden gründen, wie überhaupt die neuesten 
componisten, das wort melir schont als die frühei-en. Man 
kann also sagen: da wo die melodie die hauptsache ist, der 
text i, w. nur als ilir träger und {h^linetscher wert liat, ist 
eine reconstruction des musikalischen rhythmus im einzelnen 
aussichtslos. Hier kann nur die kenntnis der genau notierten 
melodie helfen. 



UEBER HARTMANN VON AUE. 55 

Anders lieg't aber die sache da wo der Schwerpunkt im 
textinlialt lieg't und die melodie niclit zweck, sondern — wie 
Aristoteles sagt — mehr ein 7]dvOfia des Wortes ist. So Avar 
es in der antiken musik etwa bis zur hellenistischen zeit, so 
war es offenbar auch in den ältesten zeiten des minnesangs, 
also mindestens bis in den anfang- des 13. jh.'s. Wir können 
das daraus mit Sicherheit schliessen, dass die texte der ältesten 
minnesänger, die uns besonders MF. bietet, an sich wertvoll 
und lesbar sind. Fehlt auch den liedern des Kürenbergers, 
Hausens. Reinnu\rs eine gewisse sprödigkeit, teihveise trocken- 
heit der form niclit. die jedem echten und guten vocaltext 
eigen ist. .so sind es doch immerhin an sich geistreiche und 
gehaltvolle dichtungen. Das ist nur so zu verstehen, dass die 
alten dichtercomponisten den nachdruck auf das wort legten 
und ihm die weise unterordneten, wie es die antiken dichter 
auch getan. Sie konnten es, weil gleichwertigkeit von wort 
und weise, dichter und componist als eine person vorausgesetzt, 
überflüssig, ja unmi)glich ist; sie mussten es, weil die musik 
damals noch auf primitiver stufe stand und die ausdrucks- 
fähigkeit des wortes bei weitem nicht erreicht hatte. 

Das Verhältnis von wort und weise wird sich aber bald 
geändert haben. Das zeigt eine betrachtung der liedertexte 
des 13. jh.'s. Diese sind formell z. t. so künstlich, inhaltlich 
so dürftig und leer (Nifen, Konrad von AVürzburg). dass man 
annehmen niuss, dass hier bereits die musik anfängt zur haupt- 
sache zu werden und der text zurücktritt. Denn die behaup- 
tung vom fortgesetzten 'verfall' des minnesangs ist angesichts 
der glänzenden technik dieser lieder wenig glaublich. Offenbar 
verscliiel)t sich nur der Schwerpunkt in das musikalische. 

Wenn also, wie nicht zweifelhaft ist, im alten minnesang 
das wort über die weise herschte, so muss sich auch der 
rhythmus der spräche möglichst angei^asst haben: Verrenkungen 
und Zerrungen der wortform werden nur so w^eit erlaubt sein, 
als sie das olir nicht beleidigen. Rhythmische und sprach- 
liche form müssen sich so weit nur möglich durch- 
drungen halten: diese muss jene, so weit es überhaupt 
angeht, spiegeln. Dass dies der fall ist, liegt auf der band: 
die technik des minnesangs ist nach der sprachlichen seite 
hin sclKjn um 1190 fast tadellos. Ueberall die feinste abwägung 



56 SARAN 

der Silben, überall die peinlichste rücksiclit auf die spräche. 
Eben darum sind die üblichen scansionen der sog-enannten 
'daktylen' unmöglich: sie Verstössen gegen dies vornehmste 
gesetz der mhd. liedkunst. 

Wir dürfen also an die texte von MF. mit der voraus- 
setzimg herantreten, dass sie, so weit dies möglich ist, 
den rhythmus des ganzen widerspiegeln. 

Prüft num von diesem Standpunkt aus die überlieferten 
texte, so wird man bald merken, dass sich aus den reim- 
beziehungen, syntaktischen gliederungen und dem accent, 
namentlich wenn man alle Strophen eines tones vergleicht, 
ziemlich leicht ein gruppensystem ermitteln lässt, das man 
allen grund hat als reflex des rhythmischen anzusehen. 

Gleichwol beantwortet die textanalyse nicht alle fragen. 
Ja blosse textbetrachtung ergibt ein viUlig schiefes bild von 
der rln'thmischen structur der lieder, weil sie zu formen führt, 
die rhythmisch unmöglich sind. Derart sind z. b. die sieben-, 
acht- und mehrhebigen 'verse', die man ansetzt. Solche gibt 
es nicht, wenn man 'reihen' damit meint. Also die reihen- 
abteilung (kolotomie) kann auf grund des textes allein nicht 
überall mit Sicherheit vorgenommen Averden. Ebensowenig 
kann man bloss aus dem text heraus den rhythmischen wert 
der einzelnen reimzeilen bestimmen. MF. 209, 21 ja niöhtc ich 
etesivar ist sprachlich x-x-X-^? ^^^i' rhythmisch ist es kein 
dreif üsser _ _L _ i ^ | , sondern ein brachykatalektischer vierer 

Zur textanalyse und reimbetrachtung muss also kenntnis 
der allgemeinen musikalischen rhythmik hinzukonnnen, wenn 
die rhythmisierung gelingen soll. Was etwa davon für den 
vorliegenden fall von nfUen ist, gibt der obige kurze abriss. 

I^m nun die rhythmisierung von minneliedertexten zu er- 
leichtern, stelle ich hier in form von praktischen regeln die 
grundsätze zusammen, die dabei zu beobachten sind. Sie folgen 
aus der anwendung der gesetze der allgemeinen rhythmik auf 
die überlieferten texte von MF. 

1. Taktart. Sind in einem ton die binnensenkungen des 
textes streng einsilbig, die reihenauftakle hik-hstens zweisilbig, 
so ist nicht zu entscheiden, ob der takt gerade (^_) oder 
ungerade {L S) ist. Zweisilbige Senkung und dreisilbiger auftakt 



UEBER HARTIMANN VON AUE. 57 

beweisen dagegen für geraden takt. Dies folgt ans Jilivtlim. 
§ 17. Vgl. anch Sa ran. Otfr. v. Weissenb. s. 181 ff. 

2. Reihe. Der regel nach ist jede reimzeile eine reihe, 
der reim markiert also eine cäsnr. Aber: 

a) Reimzeilen die mehr als sechs hebnngen haben, müssen 
geteilt Averden. da sechs füsse oder takte der grösste umfang 
ist, den eine reihe haben kann. Im allgemeinen ist 5 ^, die 
längste textreihe die ]\[F. kennt; ist seltener. 

b) 2 zweier hinter einander müssen zum vierer vereinigt 
werden; überhaui)t ist die alleinstehende (Ii]i(Hlie möglichst zu 
vermeiden. Rh. § 7. 11. 

c) Vierer und sechser sind die reihen die — von un- 
sicheren fällen der zweier abgesehen — • allein in ]\1P. vor- 
kommen. Sie sind also durch annähme von dehnungen (§ 18), 
rhythmischen pausen (§ 23) und durch geeignete teilung von 
überlangen reimzeilen überall herzustellen. Dreifüsser und 
fünfer gibt es in :\rF. nicht. Rh. § 7. 

d) Sechser mit binnencäsur nach der dritten thesis gibt 
es nicht. Rh. § 8. 20. 

e) Die reihe hat meist keine binnencäsur, aber sie wird 
stets von einer cäsur abgegrenzt. Auf dieser ist liiatus er- 
laubt; hiatus ist also gelegentlich ein mittel, die reihenteilung 
zu sichern. 

f) Verdeckung der cäsur und diäresis ist selten. Im text 
fehlt dann der einschnitt. Man muss aber erwägen, dass durch 
eintreten der anderen rhythmusfactoren trotzdem der reilien- 
schluss deutlich gemaclit werden kann. 

g) Eine reihe darf nie isoliert stehen: mindestens zwei 
müssen zur periode zusammentreten (Rh. § 9). AMderhohmg 
der nachsät ze (b', h") kommt in MF. nicht vor (Rh. § 10). 

3. Die Periode ist nach reim und bes. starkem syntak- 
tischen einschnitt meist leicht abzugrenzen. Die diäresis ist 
immer stärker als die cäsur, mindestens ebenso stark. Aus- 
nahm^^n (l^h. § 22) sind selten. 

4. Die stro})he umfasst durchschnittlich drei bis vier 
}ierioden. In ^IF. konnnen stroithen = einer periode (Rh. § 14), 
so viel ich sehe, nicht vor. Strophen zu zwei und fünf, auch 
mehr sind dagegen nachzuweisen. 



58 SARAN 

5. Die rhythmische entsprechung der Strophen 
erstreckt sich nicht bis ins einzelne, wie in der griecliischen 
chorlj^'ik. Grundform, auflösung, zusammenziehung, wechsehi 
im takt, doch ist bei jüngeren dichtem das bestreben sichtbar, 
genaue responsion durchzufüliren. Auch die syntaktische glie- 
derung der stroplien, darum aucli die interpunction, pflegt im 
ganzen und grossen zu entsprechen. Abweichungen scheinen 
wenigstens z. t. mit den in absclmitt I (s. 29) besprocheneu 
Strophenzusammenhängen in Verbindung zu stehen. Ebenso 
rliytlimische freiheiten. 

Hiernach werde icii nun die lieder Hartmanns rhythmi- 
sieren. Ich wähle durchweg die gerade taktart, da sich der 
beweis für die ungerade in "SIY. nicht führen lässt. Für meinen 
besonderen zweck kommt auch auf die entscheidung dieses 
Problems nichts an. 

IV. Die rhythmik der lieder Hartmanns. 

Für das Verständnis der folgenden Schemata bemerke ich: 
schematisiert wird jedesmal nur die erste Strophe jedes tones 
in MF. Yorkommendenfalls sind für die andern die nötigen 
änderungen vorzunehmen. Die perioden der Strophe werden 
mit arabischen Ziffern numeriert und so weit als möglich auf 
eine zeile gesetzt. Die absätze bleiben unbezeichnet; sie ergeben 
sich von selbst. — Die accente sollen nicht die wirkliche 
ictenabstufung bezeichnen, sondern dienen nur zur beriuemeren 
Orientierung über den wert der reihe. Die wirkliche icten- 
abstufung (z. b. nach Sievers'schen t3'pen beim Kürenberger u. a.) 
lasse ich hier ganz aus dem spiel, da für meinen zweck nichts 
darauf ankommt. Ich werde später im Zusammenhang darauf 
zurückgreifen. 

Der text der den strophenschematen zu gründe liegt, ist 
genau der von MF.: abweichungen davon Averden jedesmal 
angemerkt. Die kritischen bemerkungen zu strophen die nicht 
anfange von tönen bilden, sollen nur die aufmerksamkeit auf 
das Verhältnis von rhythmus und text lenken, sie machen 
keineswegs den ansprucli darauf, endgiltige ent Scheidungen zu 
sein. Finige Sicherheit in der behandlung der zweisilbigen 
arsen u. ä. kann nur durcliarbeitung eines grossen materials 
und statistische bearbeitung desselben geben. Ueberhaupt 



UEBER HARTMANN VON AUE. 59 

bitte ich die constructionen dieses absclmittes nur als einen 
versucli anznselien. der mehr fragen auf werfen als definitiv 
beantworten soll. 

Für den druck von minneliedern muss als regel gelten: 
jede druckzeile darf nur eine reihe enthalten. Der reihen- 
anfang wird durch kleinen, der periodenanfang durch grossen 
buchstaben bezeichnet. Auf- und abgesang, wo so zu scheiden 
ist, ergibt sich daraus von selbst. Für ton YII und X\I wird 
je eine Strophe als beispiel abgedruckt werden. 

Ton I (MF. 205, 1 ff.). 



1 




--A 1 


2. _ 


v^yv_/ 


-^A 1 


8 




' A 1 






/\ 1 
' A 


4 




/\ 






A 1 




Reimschema : 


a — b 
a - 1) . 
b — c — c 
c — c 



~A 
-A 
-A 



A 



Die reihe 3 a ist stets durch starke interpunction begrenzt. 
So setzt der abgesang immer deutlich und kräftig ein. 3 a ist 
gleichsam der hCdiepunkt jeder Strophe. Str. 5 steht wie oben 
gezeigt dem Inhalt nach allein. Mit dieser Sonderstellung 
hängt vielleicht die freiheit im auftakt von 206. 11 zusammen. 

205, 7 schreibt ]^rF. dienst (so auch die hss.). 205, 19 und 
209,5 ist dienest überliefert und notwendig. An der ersten 
stelle wäre die Schreibung dienest immerhin in betracht zu 
ziehen, weil die dadurch entstehende zweisilbige Senkung auf 
die dritte arsis fallen würde. Vgl. Rh. § 17 anm.3. V. 205, 13 
würde durch Streichung des entbehrlichen icorden Aveit besser 
werden: daz ist an minem (so BC) ungeUicl'e schin. 

Dass in diesem liede nicht fünf er, sondern sechser mit 
pause angesetzt werden dürfen, folgt schon aus dem gehal- 
tenen, wenn auch erregten ton des ganzen. Die atemlose 
hast der pentapodie w'ürde hier gar nicht möglich sein. 
Ueberdies weisen die starken sinneseinschnitte hin auf ent- 
sprechende pausen (die z. t. auch durch Überdehnung aus- 
gefüllt werden können; das ist natürlich nicht auszumachen). 



60 SARAN 

Ton II (206, 19 ff.). 

1. -1 — ^— I _^___lA I --- — -A 

2. _^___1__ U1___1X i -- — -A 
3._-L__- 1' l__l_l !L 



AI-- — ^-A 



Reimschenia : a — b — c 
a — 1) — c , 

d + d — e 



Die sA'ntaktische gliederung von ,str.206,29 nnd 207, 1 entspricht 
dem rliythniischen System ganz genan. Die erste, liier analy- 
sierte stroi)lie weicht ab. Denn y. 24 : 25 + 26 findet sich 
periodenbrechung (Rh. § 22). Man beachte dazn, dass 206, 19 
die schlnssstrophe des liedes bilden muss (s. 14) nnd nnr lose 
an den vorausg-ehenden hängt. 

Ton III (207, 11 ff.). 

1. _^ L-^ I _1 !__. 

2. _1 -L-ww I -L 1-^^^ 

3. -i___:^X 1 -^ — ^XT-- — ; -^-_-^ — 
4 ' 'VI' ' 'x' I ' • " ' 

Eeimschema : a — b 
a — b. 
c — c — (J + e 

Die anfangsstrophen der lieder III' nnd III^ (207, 11 und 208, 8) 
zeigen das System rein. Periodenbrechung: 208, 3o : 34. 35 : 36. 
207, 26 : 27. 207, 38 : 39. 208, 27 : 28. Sogar reihenbrechung: 208, 
26. 38. Es fragt sich aber, ob man die sechser von 3 und 4 nicht 
doch in einen zweier und einen vierer zerlegen soll. Möglich 
ist es in fällen wie dieser. 208, 39 ist zu lesen in heträ(/ct 
siner järe vil. Die zweisilbige arsis also bei hexapodie nach 

der binnencäsur (- — -^ • ; ww -" - ), bei tetrapodie im 

auftakt. 208, 27 ABC manic, also dieselbe erscheinung. 

Ton IV (209, 5 ff.). 

1. _1 L I ^L L- 

2. Äl -'- I -1- i- 

3. __!._^^; _^_v>w I -wv^ IX i -A 

. A ww__ I I A 

Reimscheraa : a — b 
a — b. 

? + c — (1 — d 
e — w — e 



UEBElt UAKTMANN VON AUE. 61 

209, 4- 10 vgl. Rh. § 7. 200, 7 str. wan. 200. 14 icorhe mit 
elision des -e. 209, 15 mit BC /e^c 6/? Die zweisilbige Senkung- 
stände dann auf der binnencäsur. Periodenbrecliung 209, 12 : 13. 
Ist diese stroplie sc'lilussstroi)lie des liedes und felilt die erste? 

Ton V (209. 25 ff.). 
"I " ' . ' 1 " ' • ' 

2. __^ 1 ; _!._:_ I __-" 1. ; _^_1" 

3. ---— 'A I--— 'A 

4. _1___1XI -'—-- — 

Reimscliema : a + b — a + \) 

e — e 
f — f 

209. 25 und 87. die anfangsstroplien der beiden lieder von Y, 
prägen das scliema am klarsten aus. Die beiden sclilussstroplien 
weichen ab: reihenbrechung- 211, 2 : 3; 9 : 10; 15 : 16. Perioden- 
brechung 211. 5 : 6. V. 210, 22 mit B(^ zeichen das ich ..., d. h. 
zweisilbige arsis nach der zweiten tliesis? Rh. § 17 anm. 3. 

Ton VI (211, 20 ff.). 
1 ' ' I ' ' 

2. _1 1__|_^ _L__ 

Q ' ' 1 ' ' I ' t 

O. 

Eeimschema : a — b 
a - b . 
(' — w — c 

211,20 1. mit BC sendet ir. Die ZAveisilbige arsis nach der 
zw^eiten tliesis! Periodenbrechung 211, 23 : 24. Der ton ist 
sicher unvollständig: wol mindestens eine Strophe muss wegen 
V. 21 voraus gehen. Also ist diese stroplie gewis nicht die 
anfangsstrophe. 

Ton VII (211, 27 ff.). 

1. -1 '--_ I _1 i_ I äL L 

--— ----- ^-a"" 

Reimscliema : a — \v — b 
a — w — b . 
c — d + d — c 



62 



SARAN 



211, 28 und 30 müssen in 2 vierer zerlegt werden. Man kann 
die glieder durcli pause trennen, wie ich getan (dadurch hebt 
sich die Strophe a'ou den andern beiden ab), oder verschleifen 
also : 1 a' -f b _ .'„ _ jL _ i ^L_ •_ _ 1 _ _•_ . Dies niuss in den 
andern beiden Strophen geschehen. Der reihenschluss kann 
durcli modulation sehr wol bemerklicli gemacht werden. In 
noten würden sich die verschleiften glieder so darstellen: 

JNJl JJU U i JJI JJ I JJI J. 

Periodenbrechung 211,38:212,1. liier in der anfangsstrophe 
des liedes. Denn 211,27 bildet doch wol den schluss (vgl. 
§ 25). Im druck würde z. b. strophe 211, 35 so zu ordnen sein: 

Swer anders gibt, der misseseit, 

wau daz man st?etin wip mit 

stsetekeit erwerben muoz. 

Des bat mir min unstsetekeit 

ein stsetez wip verlorn, diu 

bot mir alse schoenen gruoz 

Daz si mir erougte lieben wän. 

dö si erkos micb stpetelos, 

do muose oucb diu genäde ein ende bän. 

Ton VIII (212, 13 ff.). 



1. 


Ä_ 


M 


t 


1 1 


wv> — 


ti 1 


2. 


7^ 


rr 


1 


. 1 ' 




II 1 


3. 


TV 


rr 


> 


1 ' 




II 1 


4. 




n 


1 


1 t 




II 1 






Reimscbema : a — 


-b 












a — 


-b. 












c — 
d- 


- c 
-d. 












Ton IX 


(212, 37 


ff.). 








1. -L. 


r 


_ 1 












2. Ä ' 


1 












3. _1. 

4. _1. 

5. __L. 


t 

1 
1 


-- 1 Ä - 





-L- 






Reimscbema: a- 
a- 
c- 
c — 
c- 


-b 

-b. 

-d 

-d 

-d 






unter 


212,38 setze 


ich punkt, liintei 


• 213 


, 1 komma. 



UEBER HARTMANN VON AUE. 



63 



Ton X (213, 29 ff.). 



1. äL--. 

2. Äl-_. 
.3. Ä-i'--. 
4. äA-_. 



A 



A 



Reimschema: a — b 
a — b. 

? + c - c 

(l — e — e — d 

213, 34 hinter da ein konima. Y. 35 1. gH ez nä, dahinter punkt. 
Hinter verjcehe (v. 38) konima. V. 37 1. äaz ich si (hs, das si 
mit ansfall von ich durch einflnss der folgenden zeile). 214, 10 
1. mit Bech nach in verderben. — Reihe 4^" ist hyperkatalek- 
tisch. Vgl. Rh. § 19 anm. 5. 



Ton XI (214, 12 ff.). 



A 



Reinischema : 



a — b 
a — 1) . 
c — c 
d — e 
d — e — e 



1^, 2^> sind h3'perkatalektisch. In 214,24 ist 6^ir«?>-tMvegen des 
auftaktes von v. 25 als 1^ zu messen. 



1. 
2. 

o 
«J. 

4. 



Ton XIa (214, 34 ff.). 



Reimschema : a 
a 
c- 



w — d — d 

Die Strophen sind nicht von Hartmann. 



64 SARAN 

Ton XII (215. Uff.) vgl. abschnitt V. ende. 
Ton XIll (216. 1 ff.). 



1. -L 

2. -L 

3. __'. 



A 



A 



Reiniscliema : a — b 
a — b . 
c — c — c . 

216. 1 zweisiU)io-e Senkung- nach der zweiten thesis. 






Ton XIV (216, 29 ff.). 

1. Äv!.^ 1 I -1 ^-- 

2. ä"-^ ^- 

3. _ 1 ^_ 

4. _ L 1_ 

Periodenbrechung in der schlussstrophe 217,11:12 

Ton XV (217, 14 ff.). 

1. -1 --^ I -l-----w^ 

. — ^w I v^v,/ 

3. "^ ~ 

4. 

5. 



Keimschema : 
a — b 
a — b . 
c — c 
c — c 



A 



A 



■-A 



Reiniscliema : a 
a 



b 
b 

c — d 
c — d 
e — e 



Periodenbrechung 217, 17 : 18. 27 : 28. 39 : 218, 1. 
Ton XVI (218. 5 ff.). 



1. ^ 


;; t 


1 


2. 


II 1 


1 

— ; w 7 w — 


3 


1 ' ■■ ' 


' A 


4. ^_ 


1 


/\ 
-' -A 


5 


II 1 


1 ' 




Reimsebenia: 


a — b 
a — b . 
w — c 
w — d 
d — c 



A 
A 



3. 4 Perioden mit verdeckter cäsui' (i-eilienverschleifung, Rh. §21). 



UEBER HARTMANN VON" AUE. 65 

Die letzte stroplie dieses lieiles wäre so zu drucken: 

21 Ir miunesingser, iu niuoz ofte misselingeu : 

daz iu den schaden tuot daz ist der wän. 

Icli wil micli rüemen, ich mac avoI von niiiine singen, 

Sit mich diu minne hat und ich si han. 
25 Daz ich da wil, seht daz wil al- 

se gerne hahen midi: 

So müezt ab ir Verliesen un- 

der wilen Avänes vil. 

li' ringeut umbe liep daz iuwer niht enwil: 
30 wan müget ir armen minnen solhe minne als ich? 

V. Die daktylen im deutschen minnesang, nebst einem 
versuch über die grundlagen der romanischen rhythmik. 

Die aualj'se des toues XII (215. 14 ff.) bietet ganz beson- 
dere Schwierigkeiten. Seine rhj^tlnnen gehören zu einer gruppe 
für die die mhd. Verslehre noch keine befriedigende erklärung 
gefunden hat. Auch ich bin noch nicht im stände, das problem 
endgiltig zu hisen. "N^'as ich hier bringe, soll darum mehr auf 
gewisse tatsachen hinweisen, die man bisher teils übersehen, 
teils nicht richtig gewürdigt liat, als eine volle lösung geben. 
Notwendig ist es. um meinen Standpunkt zu rechtfertigen, auf 
die theorie der provenzalisch- französischen verse einzugehen, 
die freilich m. e. noch ganz im argen liegt. Was man roma- 
nische rhythmik nennt, ist tatsächlich keine, namentlich fehlt 
es noch ganz an der erkenntnis der fundamentalen Wahr- 
heiten, die eine musikalische und poetische rhj'thmik des 
romanischen erst möglich machen. Gerade darauf w^erde ich 
also besonders hinweisen. 

Es ist natürlich nicht meine absieht, der romanischen 
rhythmik hiermit eine völlig zureichende grundlage zu geben. 
Was ich biete, soll nur meine behandlung der mhd. sog. 'dak- 
tjien' rechtfertigen. Immerhin ist es vielleicht geeignet, dem 
romanisten eine andere art der rhythmischen arbeit nahe zu 
legen. Ich bemerke, dass sich die ansieht über die romanischen 
verse, die ich hier entwickle, auf die analyse zahlreicher franzö- 
sischer vocalcompositionen älterer und neuerer zeit — darunter 
aller melodien zu Berangers liedern — gründet. Dazu habe ich 
bei gelegenheit eines längeren aufenthaltes in Paris gelegen- 
heit gehabt, die moderne Vortragsweise des alexandriners zu 

Beitrüge zur geschiciite dir deutHcbeu spräche. X&III. 5 



66 SARAN 

beobachten und mir durch Unterricht bei einem recitator ein- 
zupräg-en. Also auch da kann ich aus erfahrung sprechen. 

Die gruppe von nihd. rhythmen die liier untersucht Averden 
soll, pflegt man 'daktylen" zu nennen. Der name soll das 
rhythmische fornii)rinci]) andeuten, das zu gründe liegt. Denn 
während sich die takte der übrigen reihen im regelmässigen 
Wechsel von hebung nnd Senkung — die fälle der zusammen- 
ziehung ausgenommen — bewegen, ist hier dies princip durch- 
brochen. Die form L^^ soll die norm des taktes sein. Es 
wären also verse, in denen zweisilbige Senkung beabsichtigt 
ist, während sie sonst nur geduldet erscheint. Spondeus für 
daktylus wird zugestanden. 

Woher stammen nun diese rhythmen? 

Man dachte zunächst an Ursprung aus der lateinischen 
poesie. Diese kennt daktylische tetrapodien. Dann aber wurde 
durch K. Bartsch eine andere ansieht verbreitet. Er meinte, 
die betr. verse seien nachahmungen des romanischen zehn- 
silblers (mit männlichem oder weiblichem schluss), und wie in 
den romanischen metren, so sei auch in diesen versen das 
l)rincip der silbenzählung herschend. Der eigentliche dakty- 
lische rhythmus erkläre sich aus der natur des romanischen 
Vorbildes: dieses habe öfter einen daktylisch geflügelten 
rhythmus gehabt, während es gewöhnlich 'iambisch' gegangen 
sei. Eben jenen daktylischen rhythmus hätten die Deutschen 
in ihren daktylen nachgeahmt (Zs. fda. 11, 161). Pfaff führte 
die ansieht von Bartsch weiter. Er sagt, die minnesinger 
hätten beabsichtigt, mit dem romanischen vers auch dessen 
silbenzählung (ohne berücksichtigung des worttons) zu über- 
nehmen. Da aber dies bald unstatthaft erschienen, so seien 
sie zu dem grundsatz zurückgekehrt, dass die versbetonung 
sich nach dem wort ton richten müsse. Das al^er habe sie 
gezwungen, den romanischen zehnsilbler teils als vierhebig-dak- 
tylisch oder fünfliebig-iauil)isch nachzubilden (Zs. fda. 18, 52 f.). 
Auf dem gleichen Standpunkt steht A\'eissenf eis (Der dak- 
tylische rhythmus s.2 f.). Er meint, ursprünglich seien die Vor- 
bilder ohne bestimmten rhythmus nachgeahmt (nach dem 
princip der silbenzählung), die rhythmuslosigkeit habe sich 
dann zum daktylischen rhylhmus entwickelt, bis dieser end- 



UEBER HARTMANN VON AUE. 67 

licli ganz rein aiisi>-epräg1 Avorden sei. Aolnilirli "W'iliiianiis. 
Beitr. z, gesell, d. alt. deutschen lit. 4, s. 28 ff. 

Aber alle diese constructionen schweben in der luft. weil 
sie es unterlassen, die niUige grundlage zu schaffen. nJüulicli 
festzustellen, was denn eigentlich der romanische zehnsilbler 
in der yrov.-frz. troubadourpoesie für einen rli3'thmus hat. 

Im anschluss an die französische schultradition ist die 
anschauung verbreitet, als sei die silbenzahl für den roma- 
nischen vers was etwa die zahl der hebungen für den deut- 
schen, nämlich bildungsprincip. Den' rhythmus sei frei bez. 
indifferent und hänge von der silbenzahl ab. Diese anschauung 
ist ganz unrichtig. Silbenzälilung ist nie rhythmisches princip, 
sie ist immer nur festhalten einer begleiterscheinung. ISilben- 
zählung ergibt sich überall da als ein äusserliches, bequemes 
mittel, verse zu benennen und zu unterscheiden, wo es eine 
kunst zu festen reihen typen gebracht hat, die als solche 
rhythmisch starr und unverändei'lich sind. So hatte sich die 
technik der lesbischen h'rik entwickelt: der sapphische elf- 
silbler ' ^_^^ ' ^^ ' .. ' v^, der alcäische elfsilbler ^r^l^ 
' ww ' ^ 's der alcäische zehnsilbler L^^ ' w^-i^ '>', der ado- 
nius ' ww ' w sind solche unveränderliche, feste t3^pen, die man 
nun äusserlich, oline über ihren ili.ythmischen wert auch nur 
das geringste auszusagen, nach der silbenzahl benannte. Die 
reihen der tragischen chorlyrik der Griechen hat niemand 
nach der silbenzahl benannt, weil die üblichen formen durch 
autiösung, zusannnenziehung, cäsurverschiebung u. ä. immer in 
der anzahl ihrer silben wechselten. Man kann mit Sicherheit 
sagen: wo eine kuusttradition die verse nach der silbenzahl 
benennt, muss zu der zeit wo dieser gebrauch in aufnähme 
gekommen ist, der formenschatz aus wenigen, fest bestimmten 
reihentjqien bestanden haben. Aus der silbenzahl folgt jedoch 
für den rhythmischen wert der verse nicht das geringste, denn 
eine reihe von z. b. acht silben kann in vielen rhythmischen 
formen auftreten. Z. b.: 

1-JL_1_1_ daktylischer vierer 
_1_-!._1_JL anapästischer vierer 
-i,^-LL^L ders. asynartetisch 
_.Z,l_-l_-->^ ders. hyperkatalektisch u.s.w. 
Es gilt dai'um vor allem den rhythmischen wert solcher leeren 



68 SARAN 

iiameii wie aclit-, zelinsilbler festzustellen. Das ist die vor- 
nehmste aufgäbe der romanischen rhythmik. 

Welche wege und mittel hat sie, diese aufgäbe zu lösen? 
Zunächst dieselben wie die deutsche: textbetrachtung und 
die gesetze der allgemeinen musikalischen rh3thmik. Dazu 
kommen noch die reste der technischen Überlieferung aus der 
alten zeit (z. b. die Lej^s d'amors). die betrachtung von mhd. 
liedern, die im Inhalt und der form nachweislich romanische 
dichtungen nachahmen, und die analyse moderner romanischer 
Chansons. Ob die betrachtung der überlieferten noten der trou- 
badours weiter hilft, vermag ich nicht zu beurteilen. Vermut- 
lich ebensowenig wie in der deutschen minnepoesie. 

Die hauptfrage ist: welche silben des t ext es tragen 
thesen (hebmigen), welche arsen (Senkungen)? Für die 
beantwortung dieser frage ist zuerst zu beachten: die alte 
prov.-frz. troubadourlyrik ist liederpoesie, also gesang. Die 
überlieferten verse sind gesangsverse, keine sprechverse. 

Es ist darum ein verhängnisvoller Irrtum, die rhythmen 
die Becq de Fouquieres und Lubarsch für die frz. verse auf- 
stellen, als die rhythmen der romanischen verse schlechthin 
zu betrachten. Abgesehen davon dass die ansieht dieser ge- 
lehrten nicht zu billigen ist (vgl. Wulff, »Scand. archiv bd. 1, s. 839), 
so würden ihre tyi)en, auch wenn sie richtig wären, nur für 
den gesprochenen vers gelten. Für den gesungenen gelten 
sie nachweislich nicht, wie man aus der vergleichung z. b. der 
melodierhythmen bei Beranger mit den rhythmen die nach 
Bec(i und Lubarsch zu erAvarten wären, ohne weiteres sieht. 
Die Becq - Lubarsch'schen alexandrinerrhythmen, die man in 
französischen theatern allerdings hört, nur bei weitem nicht in 
der menge und grundsätzlich, Avie jene beiden metriker an- 
nehmen: diese formen sind itroducte, deren factoren ein alter 
in der modernen recitation noch durchaus vorwaltender seclis- 
hebiger jhytlimus und gewisse forderungen de^ sprachaccentes 
sind (Vermeidung von l)e1oiiiiiig('ii \\\(j jilre, (liuieat, merveiUe 
U.S.W., ausfall des stuniiiien -c im anschluss an die moderne 
Sprache). Es sind Umwertungen ') des alten sechshebigen 



') S. Verf., Zur metrik Otfrids von \\'oisi>euburg, in den riiilol. stiulien. 
festg. f. E. Sievers, Halle 1S9(), s. 105 f. 



UEBER II AKTMANN VON AUE. 60 

rhytlimiis unter dem zwauft' des accents. auf die hier iiiclit ein- 
gegangen zu werden braucht. 

A\'enn sich also Weissenfeis § 47 auf Lubaischs scansionen 
beruft, um den rhytlimus des zelinsilbh'i's zu bestimmen, wenn 
er im anschluss an den typus (bei Lubarscli) 

ierre (remis d'allegresse et de craiiUe 

-xx-xx- xx-x 
auch thni zehnsilblern der troubadours solchen "springenden 
cliarakter' zuweisen will, so geht er fehl. Diese und die 
andern formen bei Lubarscli sind moderne sprechformen, die 
weder für die moderne noch gar für die alte musik irgend 
welche bedeutung- haben. Also die ansieht von der rhyth- 
mischen Indifferenz des zehnsilblers, die es erlaube aus ihm 
vierhebig-daktylische oder fünfliebig-iambische reihen zu ent- 
wickeln, ist ganz und gar unrichtig. Die romanischen gesangs- 
verse sind genau so rhythmisch wie die deutschen, nur dass 
das Verhältnis von rhytlimus und sprachtext darin minder 
durchsichtig ist als hier, also die bestimmung des hinter dem 
text stehenden rhythmus mehr Schwierigkeiten macht: Auf 
Becq-Lubarschs constructionen ist für die musikalische roma- 
nische rhythmik durchaus zu verzichten. 

Wo liegen nun aber die thesen der musikalischen roma- 
nischen reihen? Man findet sie, wenn man von der oder den 
festen "tonsilben' der A'erse an rückwärts Senkung und hebung 
wechseln lässt. Die alten romanischen rhythmen beruhen 
nämlich nicht auf dem wortaccent, sondern auf dem regel- 
mässigen Wechsel ^on thesis und arsis, der nur in besonderen 
fällen durchbrochen werden darf. Sie kennen ursprünglich 
auflösung gar nicht und zusammenziehung nur an ge- 
wissen typischen stellen. Die moderne französische vocal- 
musik hat dies princip fi-eilich aufgegegeben, aber die formen 
der gesprochenen poesie beruhen noch völlig darauf. Vor 
allem die der lyrik. aber auch der dramatische alexandriner, 
trotz des oben berührten zerrüttenden einflusses des accentes. 
Die prov.-frz. liederdichtung steht also in ihren i-hythmischen 
formprinciitien fast genau auf dem Standpunkt den die mlid. 
minnelyrik im 13. jh, erreicht hat. Eben durch den einfiuss 
jener hat sich ja die ältere teclmik eines Kürenbergers und 
anonymus Spervogel zur modernen eines Waltlier umge])ildet 



70 SARAN 

und seilen wir an Hausen, Eeinmar, Hartmann die entwicke- 
lung vorschreiten. 

Dass die prov.-frz. kunst dies wichtig-ste g'esetz von dem 
Wechsel der arsis und thesis ausgebildet hat und dabei den 
wortaccent vernachlässigte, liegt mit an der natur der spräche. 
Diese hat den hauptton auf der letzten oder vorletzten silbe 
des w^ortes: würden nun im rlij-thnuis die accentsilben zugleich 
träger der thesen, so würde die reihe fast stets in aufsteigende 
gruppen mit thetischem schluss auseinander fallen : z. b. oui, je 
riens \ dans son temple \ adorer \ Veternel \ und der vers da- 
diu'ch ein auf die dauer unerträglich lärmendes und heftiges 
wesen bekommen. Das prov.-frz. vermeidet diesen übelstand 
dadurch, dass es den w^ortaccent stark vernachlässigt: nur so 
wird eine feinere rhj'thmische arbeit möglich. Denn die rliyth- 
niik verlangt, dass normalerweise thesis -|- arsis gebunden werde, 
nicht arsis + thesis, einschnittstellen natürlich ausgenommen. 
Wesentliches mittel der rhythmischen bindung ist nun der text: 
daher die norm, durch syntaktische phrasierung oder Unter- 
bringung in einem w^ort die arsische silbe möglichst mit der 
vorausgehenden thetischen zu verketten. 

In der harmonie waltet ein ganz ähnliches gesetz, das 
H. Riemann im Katechismus der compositionslehre 1, s. 41 ff. 
bespricht. Es lautet nach seiner formuliei-ung: die zeit- 
momente, auf welche vorzugsweise neue harmonien eintreten, 
sind die Schwerpunkte der motive, gruppen und halbsätze 
(d,h. die thesen), oder m. a. w.: die arsis setzt in der harmonie 
der vorausgehenden thesis ein. Riemann bemerkt sehr richtig, 
dass einbeziehung des auftaktes in die neue harmonie (schema 
'arsis + thesis' statt 'thesis + arsis') sehr aufregend Avirke. 
Besonders seit Schumann sei diese art der harmonischen bin- 
dung üblich geworden. 

Genau so aufi-egend und lärmend wde diese harmonischen 
gruppen bei Schumann (nach dem schema 'arsis + thesis') 
wirken die entsjjrechenden rhythmischen. Sie sind darum als 
mittel, gelegentlich solche Wirkungen hervorzubringen, sehr 
brauchbar: als typische elemente des rliytlinuis wären sie 
höchst unerfreulich. 

Cebrigens ist der Wechsel von thesis und arsis bez. Ver- 
meidung der auflösung und inneren zusammenziehung füi' 



UEBER II AKTMANN VON AUE. 71 

jede rliytliHiik dei- älteste zustand, der erst später verlas.seii 
wird. ^laii darf daruiii iiiclit eigentlieh, me ich oben getan, 
sagen, das prov.-frz. liabe diesen zustand 'ausgebildet'; man 
muss vielnielir sagen: es hat ihn durcli besondere gründe ge- 
zwungen festgelialten, während z. b. das deutsclie zu mannig- 
facheren bildungen fortgeschritten ist. Eine armut der kunst 
wird durch dies gesetz natürlicli nicht bedingt, da der mangel 
auf anderen gebieten des ästlietischen eindrucks völlig aus- 
geglichen werden kann. 

Dass das gesetz in der tat für die prov.-frz. troubadour- 
poesie galt, zeigen nachahmungen romanischer lieder durch 
mhd. dicht w nach Inhalt, reimgebäude und taktzahl. Nur 
bilden diese deutschen Sänger die reihen principiell auftaktig, 
da die deutsche rhythmik von haus aus nur anapästische 

reihen ( ' _ ' L ) kennt. Die folge davon ist, dass z. b. 

daktylische') romanische reilien im mhd. anapästisch ') auf- 
treten. Z. b. Penis MF. 84, 10 = Peire Vidal (Bartsch, Prov. 
chrest.4 108,33): 

1 ' . ' . ; ' . ' . 

X. _ w, w 

3 1 t . \ r , I . 
v^ '- \_J^ I . 

4. _ L-j^ -L^ir _v!^_^__l_.w._.|v^v^l_-:-_l_ww 



1. 84, 12 geivalte, Ihgrözen gewalt (schwebender Vortrag), 18 getvalt 

Peire Yidal: 

1. 1_^_1_^_ I L_^_1_^Ä 

2. .L_^_1_^Ä I l_.:-_l_-:-_ 

3. 1__-__1._^Ä i -:._._i_^.Ä 

Peii-e Vidals rhythmen sind daktylische vierer (' u.s.w.) 
akatalektisch oder katalektisch (Eh. § 23 a.8). Fenis macht 
die reihen durch auftakte im schematischen sinn anapästisch 
( '). Dadurch werden natürlich die akatalektischen dakty- 
lischen reihen Peires anai)ästisch-hyperkatalektiscli, die kata- 
lektisch-daktylischen akatalektisch-anapästisch. 

Gemeinsam ist beiden alles übrige. 

'j Vg'l. lüiytliiii. s- c, oben s. 4ti. 



72 SARAN 

Das reimgebäudo ist a — b 
b — a. 
c — d 

d — e — (l . 
Ein fraiizö^isclies beisi)iel: Horlieim 112, 1 ff. ^^ Clirestieu 
Y. Troyes (Bartsch, Afrz. ehrest. 158, 12): 
Horheim: 

n r r \ r f l / r 

O. — wv^» '- '- \ '- '- I ^ '- 

Chrestien: 

■ 1. _-l_,^_A_^ I _!__: _1_^, 

q '.'.1 '.'.I '.'. 

Das reimgebäude ist: a — b 
a — b . 
b — a — a 
b — a . 

Besonders interessant wegen der rhj'thmischen mannigfaltigkeit 
ist Hausen 45, 37 ff. = Folquet v. Marseille (Bartsch, Prov. ehrest. 
121,26). Hier sind die reihen gleich, nur dass Hausen nach 
deutscher gepflogenheit im auftakt auch pause und überhaupt 
auflösung zulässt. 
Hausen: 

1. Äl-^^L^^ I ^I_^_^_.. 

2. _1_ • _^_^_^X I ---^ I --- • ----- 

3. _^_ • _JZ_^_1X I -^-- I --- -^-^ 

4. _i_._^__._iA i -----::----A 

Folquet: 

2. -^-^-~ ■ -;-A I -y-- 1 -7-^-7-" 

4.' :i:.::^:.:zx i iiii-^-r_Tx~~ 

Die reimstelhmg ist : a — a 

b — b-c 
c — d — d 
e — e . 



UEBEK hartmann VON AUE. 73 

Die Strophen unteisclieidcn sich nur in der belian(llunj2: fl<"^ 
auftaktes und der auflösung. Die dipodie liabe ich der selb- 
ständig-keit des inhalts wegen als reihe genommen. Zielit man 
2 a' und 2i\ ebenso 8»' und 3'> zusammen, so werden die perioden 
2 — 4 rhythmisch gleich, jede gleich zwei sechsern. Die ent- 
sclieidung kann nur durcharbeitung eines grösseren materials 
geben. 

Diese beispiele zeigen, dass die prov. und frz. lieder nicht 
anders behandelt werden dürfen als die deutschen. Die regel 
vom weclisel der liebung und Senkung, sowie die oben mit- 
geteilten gesetze der allgemeinen musikalischen i-liythmik 
reichen offenbar liin, um die texte im ganzen richtig zu 
rh}i:hmisieren. Z. b. Bartsch, Eom. u. past. 196, 1 ff.: 



1. 1_-._1aä \1-.-^^ä 

2. ^_ ■ --^AÄ I l----^-vÄ 

3. 1_ ---AÄ I 1- --^---Ä 

4. A_^_1aä I l_--_z.^Ä 

6. 1_-_1_^_ I 1_^_1_^A 

7. 1__.._Z.__^, _ ; ^_^_^^Ä 

Sind -vielleicht 1 — 4 lauter tripodien: 

1_._^A !'-----•■' 
Dies ist nur durcli vergleichung auszumachen. Der text duldet 
beide messungen. Oder wurde die pause durch einen ruf aus- 
gefüllt? Vgl. das folgende beispiel ebda. 235, 1 ff.: 









1. ^_ 1 _Z._ 


- ■ - 1 


•. 


-1.- 7\ 












2. 1_^_1_ 


-•-1 


/ 


_i^Ä 












3. J._^_;l 




1 r 


^-L.-- 7\ 












4. ^__;I 


_^__ 


1--- 


- -L:^7\ 












5. L-;^L 


_^, 


t 


1 


A 










6. J._;_l 


--; 


1 


1 


7\ 










7. ^_:_;^ 


_^-, . 


1 


-:-Lä- 


t 


[NB.| 








8. J._ • _^_ 


. ^ , 


1 1 


^--AÄ 












9. -L_j __!_ 


.-:- Ä 


1 t 


•--AÄ 






In 


5- 


-7 


Verschiebung der 


cäsur 


nac]) 


rückwärts 







74 SARAN 

Keimsciienia : a — 1) 
a — b. 
? + c — 1) 
rf+d-b. 
f 4- e — e 

y + g — e 
e — h 
W — h . 

Duicli isolclie rliytlimisieruiig- ganzer Strophen wird man un- 
schwer die Avahren werte für die niclitssagenden namen 6. 7. 
8. 9, 10 U.S.W. -silbler ermitteln können. Man wird dann auch 
die wirkliche rhythmische verwantschaft der verse entdecken, 
die durch die äusserliche nomenclatur verhüilt wird. So ge- 
hören zusammen 

_^_^_I._^ 8 

------- A \ -siiijier = anap. vierer 



_ „ , -silbler = dakt. vierer 

^- A 5 



.1__L_^_^ _ 8 
(hyperkatalektisch) 

._^_1_^_ 7 

.__:__^_^Ä 7 

n. s. w. 

Die taktart {- _ oder 1 S) kann aus dem text romanischer 
lieder natürlich noch weniger erschlossen werden als aus 
dem mhd. 

Aus dem gesagten ist wol klar, dass auch die prov.- 
frz, reihen einen klaren und scharfen rhythmus hatten. 

Nach den mitgeteilten regeln ist es nicht schwer den 
rhythmus des zelmsilblers festzustellen. 

Einen fünfer _1_^_^_^_1 darf man nicht darin 
suchen, da diese reihenform überaus selten ist (Rh. § 7). Also 
kann es nur ein sechser sein, dessen letzter fuss durch pause 
oder durch zusammenzieliung gefüllt wird, der also brachy- 
katalektisch oder katalektisch ist. Der zclmsilbler hätte also 
den rhythmus _1_ • ; _^^ ■ -IX (inännlich) 
oder __'__•; __^_ -„i,^ (weiblich). 
Dass diese form wirklich vorkommt, beweist die vergleichung 
der Strophe Hausens mit der Folquets. Der sechser ist darin 
für das provenzalische an vier stellen gesichert. 



UEBEK HARTMANN VON AUE, 75 

Daiiadi wäre z. b. Fol(iuet hei I^artscli. Prov. ehrest. 128, 7 
so zu aiialj^siereii: 

1. _!_.; _^_ • _^x I --- • ; --- ■ -^ •- 

Reimsclienia : a — b 
1) — a . 
c — c 
W — c 

^\' = waise, die im verlauf des tones aber als koru auftritt. 

El)eiis(i die cliaiisou pieuse, Bartsch, Afi^z. ehrest, 147, 19 ff,: 

1, _^_ ■ • ^IL-^_^, \ _1_^;_ ^_^_^-^ I 



2, _1_- _^_^_^-: I Äl-^-lA 
Reimscliema: a — a — a . 

Nun wird aber das gesetz von der regelmässigen folge der 
hebungen und Senkungen gerade im zehnsilbler, wie es scheint, 
durchbrochen. 

Die romanze bei Bartsch (Rom. u. past, 3, 1 ff.) enthält verse 
wie que Franc de France repairent de roi cort (vgl. auch 3, 3. 
9, 11. 17 u. (■■).). Hier würde hinter der vierten silbe (2. thesis) 
zweisilbige arsis angesetzt werden müssen: 
' • " . ' ^ 

damit also auflösung für den zehnsilbler erwiesen sein. Aber 
diese annähme ist nicht nfUig. Wie sie zu vermeiden ist, lehrt 
eine neuerdings erschienene arbeit von Eickhoff, Der Ursprung 
des roman.-germanischen elf- und zehnsilblers (des fünffüssigen 
Jambus), 1895. 

Eickhoff zeigt durcli Untersuchung zalilreicher alter und 
neuer melodien, dass es im französischen seit Jahrhunderten 
einen scharf ausgei)iägten rliythnuis gibt, der im text als zehn- 
silbler ersclicint und folgende form zeigt: 

I JJJU-JI JJJJ IJ['A2i).]| 

Rhythmisch geschrieben wäre er I- v.^ ^ ; ^l.^^^ L. Ich selbst 
bin vor Jahren zu demselben ergebnis gelangt: die lieder Be- 
rangers, deren melodien icli, wie bemerkt, sämmtlicli rhytlimiscli 



76 SAKAN 

dmcligeai'lx'itet habe, zeigen, soweit sie aus zeliiisilhleni be- 
stehen, alle diesen eliarakteristisclien rhythmus, der freilich 
diu'cli die entwickelung- nianclie z. t. beträchtliche modificationen 
erlitten hat. Ich will diese typische A'on Eickhoff beobachtete 
rhythniische form schlechtAveg 'dekasyllabon' nennen. 

Dies dekasyllabon tritt nun in vier formen auf. Es ist 
seiner natur nach eine daktylische tetraijodie mit scharfer 
binnencäsur, und kommt vor: katalektisch (mit pause) oder 
akatalektisch , ferner mit dem wert J. = J. vor der binnen- 
cäsur oder statt dessen JJ = .1^.. Sein Schema ist also: 

UJJU- II Jl JJJJ NUp-J I --^^^ : ||^:.^.^lÄ 

U'JJUJJM Jl JJJJ u; J I -:-w^i^; lU^^^^^- 

Dieses Schema des dekasyllabons macht nun alle die formen 
der text-zehnsilbler ohne weiteres verständlich, in denen hinter 
der binnencäsur (die romanisten nennen sie nicht correct 'cäsur') 
eine 'überschlagende weibliche silbe' stehen oder fehlen kann. 
Die romanze bei Bartsch 1,1 wäre dann so zu analysieren: 

1' '• ' 'T^I' '• ' ' 7\ \ 

2' t . ' ' 7- \ ' t . I ' -Ä- I ' ' -s- "-r-' 

Eeimschema : a — a — h . 
a — b — W . 

Der refrain ist entweder = i_^_i.ÄX ^^^^' ^^^\', was ich 
wegen des Zusammenhangs mit dem dekasyllabon vermute, 
— L^^L Ä. Doch ist letzteres nicht Avahrscheinlich. 

AVie ist nun dieses dekasyllabon entstanden? Eickhoff 
glaubt, im anschluss an eine beliebte ansieht der französischen 
tradition, es habe sich aus dem Horazischen versus sapphicus 
entwickelt. P'iir die musikalische rhythmik ist diese ansieht 
Eickhoffs überhaupt nicht discutabel. Der sapphicus ist nach 
dem Zeugnis der grammatiker eine logaödische pentapodie, das 
dekasyllabon ist aber eine tetrapodie, genetischer Zusammen- 
hang damit ausgeschlossen. Etwas anderes ist die annähme, 
dass man im mittelalter sapphische öden auf dekasyllaben ge- 
sungen habe: dagegen ist nichts einzuwenden. Das zusammen- 
passen ist durch den text vermittelt und zufällig. 

Der Ursprung des dekasyllabon wird in Frankreich 
liegen. Dann ist auffällig, dass dieser rhythmus auflösung 



ÜEHER IIAKTMANN VON AUE. 77 

der arsis und thesis tyi)isc'li duiclifülirt. wäluviid die loma- 
nisclie metrik sie wenigstens im silbensclienia nie ausprägt, 
also mindestens meidet (lig-aturen sind möglich). Denn 
--^w-v^; wv!^w^-7\ scheint zunächst durch auflösung-en und 
Verschiebung- der binnencäsur aus der gi-undlnrm 1 _ • _; 1 _ ■ 7\ 
hervorg'esprosst zu sein. Nun fällt aber an der reihe dreierlei 
auf: erstens die fülle und schwere der melodie, die sich von 
der der aufg:elösten vierer ganz charakteristisch unterscheidet. 
Zweitens die eig-entümliche binnencäsur. Denn ^ ; ist die i-egel, 
-Lv_ ; die man nach Rh. § 20 anm.O als norm erwartet, die aus- 
nähme, und -L ^^ -1 _ ; oder L^^L\ ^^^^, die weitaus zunächst 
läg-en. kommen nur höchst selten, sichtlich ganz secundär vor. 
Endlich ist auffallend, dass überhaupt eine so überaus starke 
binnencäsm- vorhanden ist. Denn die reihe besteht normaler- 
weise ohne oder doch nur mit leicht ang-edeuteter binnencäsur, 
im dekasyllabon aber ist sie so stark wie sonst die cäsur (z. b. 
im alexandriner _l_Z._z.^_) | _^_l_i(_)). 

Alle diese eigenschaften des dekasyllabons werden sofort 
erklärlich, wenn man es zu einer klasse von rhythmen rechnet, 
die ich 'pressrhythmen' nennen will und über die ich später 
im Zusammenhang' einer allgemeinen musikalischen rhythmik 
handeln werde. Pressrhythmen sind rhythmen die einer art 
zusammenpressung ihr dasein verdanken. Eine periode von 
acht füssen bez. takten 



kann durch Veränderung der stärkegrade, lebhafteres tempo 
und andere führung- der melodie so vorgetragen werden, dass 
sie nui- die function einer reihe hat: aus den acht einfachen 
takten werden vier einfache, indem eine thesis um die andere 
ausfällt, d. h. zur arsis degradiert wird, also 



l)anii wild iiatüilidi die alte cäsur zur binnencäsur und die 
alte diärese zur cäsur. Solche pressreihen aber machen be- 
greiflicherweise immer einen volleren, schwereren eindruck 
als nicht gepresste und Aerraten sich dadurch meist. 

Da nun die rhythmische Schreibung von der thesenbestim- 
mung abhängt, so darf man solche pressreihen nicht wie oben, 
sondern so übertrafen: ^^^ ^1.^^: ^^^^ ^^^^ 11. widjei der 



78 SARAN 

schein von lauter auflüsimgen erweckt wird, obwol tatsächlich 
keine vorliegen. 

Diese gepressten reihen sind in der modernen nmsik. so- 
weit sie instrumental ist oder instrumentalen Charakter trägt, 
die normalen: für eine kunststufe, auf der die vocalnuisik 
herscht. sind sie nur vereinzelt vorauszusetzen. 

Es können nun zu solchen reihen perioden jeder art ver- 
arbeitet werden. Z. b. 



oder 
oder 

Die letzten sind die formen des normalen dekasyllabons. Dies 
ist also entstanden aus einer alten, achttaktigen periode, die 
auf der ersten thesis zusamuienziehung- hatte und deren glieder 
katalektisch bez. brachykatalektisch waren, 

Es folgt daraus, dass das dekasyllabon ein seitenverwanter 
des alexandriners ist, der sich allerdings in neuer richtung 
weiter entwickelt hat. Die wurzel beider rhythmen liegt im 
anapästischen tetrameter 



Dessen beide reihen sind im alexandriner im Innern synarte- 
tisch und am schluss katalektisch bez. brach j^katalektisch: 

IIIIIIaJI ------ A 

Die periodische urfoi-m des normalen dekasyllabons ist: 

Ä^:-l .| I _l_._i... 

Sicher ist nur der nachsatz syuartetisch, der Vordersatz asyn- 
artetisch. 

Diese formen des dekasyllabons sind die normalen. Es 
kann noch vorkommen: 



UEBER HARTMANN VON AUE. 79 

z. b. et a Lcugres servic niaUia/llis (Tobler. Versb.^ 85). Tu 
modernen nielodien habe ich auch gefunden: 

*_!-- ^ Ä I .^-._1a >----; ^^^^^-^Ä. 

Es würden also alle niöglichkeiten mit zwei und mehr über- 
langen im erster g-lied der alten periode zu belegen sein, nur 
dass die form <* ä ~L~-l. 7\ \ ... weitaus die häufigste ist. 

Die tatsache, dass das dekasyllabon im gegensatz zum son- 
stigen Charakter der romanischen metra auf einen asynarte- 
tischen ersten teil zurückAveist, beweist sein hohes alter. Ist 
die form vielleicht in Xordfrankreich entwackelt, da sie ja der 
rhythmus der chansons de geste ist? Weist die binnen- 
zusammenziehung der urform auf germanischen (fränkischen) 
Ursprung oder wenigstens germanischen eintiuss hin? Denn 
zusammenziehung war ein kunstmittel, das der Charakter der 
germanischen spräche empfahl, die romanischen sprachen da- 
gegen nicht nahe legten (vgl. Saran, Zur metrik Otfrids von 
Weissenburg s. 198). 

Aus diesen betrachtungen ergibt sich, wie ich glaube, mit 
Sicherheit, dass sich unter dem 'zehnsilbler' der roma- 
nischen metrik zwei grundverschiedene rhythmen 
verbergen und vermutlich von alters her verborgen 
haben: 

1) der anapästische sechser _ 1 _ • ; __!!_•_ 1 y\ (bez. L -:-), 

2) der daktylische vierer (pressreihe) l^^i; ^-L^^^-Ä 

(bez. L ) [norm]. 

A\'elcher ist nun im einzelnen falle gemeint? Hier kann 
nur eine umfassende Untersuchung licht schaffen. Einiges 
merke ich an, um die arbeit zu erleichtern. Sicher hat man 
es mit dem dekasyllabon zu tun, wo hinter der dritten oder 
vierten (betonten) silbe. vor der binnencäsur eine 'weibliche, 
überschlagende' silbe erscheint. Also stets im frz. epos, in 
der frz. lyrik öfters (Tobler, Versbau- s. 85). Im übrigen 
dürfte höchstens die beobachtung der binnencäsur weiterhelfen. 

I )ie binnencäsur des Sechsers ist nämlich als echte binnen- 
cäsiu- nacji der zweiten thesis (vierten silbe) ihrer natur nach 
schwächer als die des dekasylhibons. die ehedem eine cäsur war. 
Sie ist mehr ein wortschliLSS als wirklicher einschnitt. Darum 
scheint sie auch veisdiiebunii- zu leiden. weni"stens sind fälle, 



80 SÄRAN 

wie sie Tobler s. 86 bringt, leicht so zu deuten: qnencor ne die 
je ma desirance = _1_l_; l_^_i^. 

Aus dem dekasyllabon kann man dergleiclien nur mit 
scliwierig-keit ableiten. Cäsurlose secliser, wie man sie nach 
Tobler s. 86 f. ansetzen kann, haben kein bedenken, dekasyllaben 
ohne binnencäsur sind im g-esang- kaum zu verteidigen, im 
Sprechvers nur als ausnähme zuzulassen. ]\[an beachte, dass 
auch Hausen in seiner nachahmung die sechser ohne binnen- 
cäsur, nur g'eleg-entlich mit syntaktischem einschnitt an den 
betr. stellen bildet. 

Mit dem zehnsilbler, der immer eine reihe ist, darf nicht 
die aus zwei fünf silbern zusammengesetzte periode verwechselt 
werden (vgl. bei Tobler s. 89). Rom. und past. 1, no. 33 ist zu 
analysieren: 

1. 1-.--1AÄ i L^^^L^-K 

3. 1_^_1Xä I ----^^Ä 

4. l_^_i-XÄ I L_-_L^Ä 

5. 1_-__1Xä I L^- _L^7\ 

6. 1_-__1Xä I 1--— ^-.Ä. 
Oder sind es tripodien: 1_^_^ä | 1_ •__!-_? 

Man darf nicht vergessen, dass ein sechser nur nach v. = 1 : 2 
oder = 2:1. nie aber v. = 1 : 1 geteilt werden kann. Ist der 
Vordersatz weiblich (Tobler s. 89), so ist die form katalektisch 

(;_^_^-.Ä). 

Wenn nun Pio Rajna (Gröbers Grundr. 2, 26) und Eickhoff 
behaupten, dass der französische zehnsilbler das vorbild für 
den aller anderen Romanen abgegeben habe, so ist das so aus- 
gedrückt schwerlich richtig. Wahrscheinlich ist es aber für 
die eine der formen, die sich unter dem text- zehnsilbler ver- 
bergen, für das dekasyllabon. Denn dies weist — wie mir 
wenigstens aus dem s. 79 mitgeteilten gründe wahrscheinlich 
ist — auf Nordfrankreich als Ursprungsland, auf einen boden, 
wo sich Germanen und Ronmnen mischten. Der sechser ist 
gewis den Provenzalen ebensogut eigen gewesen wie er es 
den Franzosen und Germanen war. Diese form bietet nichts 
besonders charakteristisches dar. Der italienische endecasillabo 
kann wegen der schwachen binnencäsur nur der sechser sein. 



UEBER HARTMANN VON AUE. 81 

Ebenso die entsprechenden verse in Spanien und Portug-al. 
"Wir haben also in allen romanischen ländern den sechser. 
Dazu kommt von Frankreich her das dekasyllabon, dessen 
Verbreitung- aber erst noch im einzelnen nachzuweisen wäre: 
dass es überall in gebrauch gewesen, darf man nicht ohne 
weiteres annehmen. — 

Wenn man nun behauptet, die deutschen minnesinger 
hätten den zehnsilbler nachgebildet, so ist damit zunächst gar 
nichts gesagt. ]\ran hat zu bestimmen, ob sie den sechser oder 
den vierer nachahmen, die einfache reihe oder die gepresste. 

Nun ist klar, dass die nachahmung des Sechsers nicht die 
mindeste Schwierigkeit machen konnte. Er war schon von 
alters der germanischen vocalmusik eigen (vgl. die Streckverse 
der alliterationspoesie, die schlussglieder der strophe des ano- 
nymus Spervogel). Wir sehen auch, dass Hausen bei der nach- 
ahmung Folquets die sechser wol gelingen. Also kann es sich 
im mhd. höchstens um die nachahmung des dekasyllabons han- 
deln, dessen charakteristischer rliytlimus Schwierigkeiten be- 
reiten mochte. Denn pressreihen kannten die mhd. Sänger in 
der alteinheimischen kunst nicht. 

Setzen wir nun den fall, die mhd. minnesinger hätten 
wirklich beabsichtigt, das dekasyllabon nachzuahmen, setzen 
wir zugleich voraus, dass es auch im provenzalischen wie im 
fi-z. bekannt gewesen, dann müsste man doch erwarten, das 
bestreben zu sehen, den typus 

7^7 : j v.7^^^lÄ(bez.I_) 

nachzubilden. 

Es müsste also der erste takt als daktylus mit aufgelöster 
arsis (1 v ,) erscheinen, die binnencäsur nach einer thesis ein- 
treten (selten nach der arsis) und im zweiten teil des verses, 
im texte Avenigstens, hebung und Senkung wechseln. Man 
wird dabei voraussetzen dürfen, dass die deutschen minnesinger 
die reihe mit auftakt versahen und diesen nach heimischer weise 
behandelten. 

Untersucht man nun — ohne Voraussetzungen — den 
überlieferten text der betr. lieder, so kommt man zu sehr 
eigentümlichen ergebnissen. Ich schliesse mich dabei an 
^\'ilnianns' gründliche und vorsichtige arbeit an (Beiträge zur 

Btiiirigu zux guacliicUte dur deutgcUeu bpruobe. XXIIX. (j 



82 SARAN 

gesell, d. alt. deutsch, litt., lieft 4: Fnterss. z. mlid. nietrik no. 1). 
Nach Wilmanns § 1 ff . haben die voll entwickelten daktylischen 
reihen (NB. der zehnsilbler ist nicht wie Wilmanns § 2 be- 
hauptet ein lang-yers, d. h. eine periode, sondern eine reihe. Er 
hat keine cäsur, sondern nur feste binnencäsur) folgende 
eigenschaften : 1) meist weibliche binnencäsur (das dekasylla- 
bon fast nur männliche), 2) diese 'plussilbe' kann oft zum 
zweiten teil der reihe geschlagen werden (so nie im text des 
dekasjilabons), 3) im zweiten teil der reihe steht auch ein 
daktjius (nie im dekasj' Ilabon) , 4) der 'daktylus' im zweiten 
reihenabschnitt ist durch die structur des textes weit besser 
gesichert als der im ersten (ebda. § 9). Ferner bemerkt Weissen- 
fels § 46, dass der rhythmus bis zur binnencäsur meist ganz 
wol Hrochäisch' aufgefasst werden könne, erst auf der binnen- 
cäsur und im vorletzten takt trete der daktylische rhythmus 
deutlich heraus. 

Construiert man aus diesen angaben den nilid. normal- 
typus, so würde er sein: 

Dagegen halte man die normalform des roman. dekasyllabons: 

Welche beziehungen haben diese reihen? Ausser der vier- 
hebigkeit keine. Eine ist beinahe das genaue gegenteil der 
andern. An eine nachahmung des dekasyllabons ist also nicht 
zu denken. 

Daraus folgt, dass die behauptung, die minnesingei' hätten 
den zehnsilbler der Romanen nachgebildet, nicht zu beAveisen 
ist. Weder der romanische sechser noch der gepresste vierer 
kann in den 'daktylen' stecken. Will jemand behaupten, es 
könnten ja die minnesinger eine dritte, von mir nicht gefundene 
form des zehnsilblers nachgeahmt haben, so fällt ihm der 
beweis zu, dass es eine solche gegeben. So lange dieser nicht 
geführt wird, so lange schweben solche annahmen in der luft. 

Was ist nun eigentlich der grund gewesen, der zur an- 
nähme romanischen Ursprungs der daktylen geführt hat? Vor 
allem die tatsache, dass die 'daktj'len' erst bei denjenigen 
miunesingern auftreten, die nachweislich oder wahrscheinlich 
unmittelbar oder mittelbar vom romanischen minnesang beein- 



ÜEBER HAETMANN VON AUE. 83 

flusst worden sind. Tor allem Fenis und Hausen. Es kommt 
hinzu, dass für den inlialt verschiedener 'daktylischer lieder' 
die romanischen originale nachgewiesen sind, ja directe be- 
ziehungen der form vorliegen, z. b. für Fenis 80, 9 = Folquet, 
Bartsch, Prov. ehrest. 123, 9. 

Nun folgt aus alledem noch keineswegs, dass die minne- 
singer Tvii-klich romanische rhj^thmen haben nachahmen wollen. 
Die citierte Strophe Folquets enthält höclist wahrscheinlich 
hexapodien (vgl. oben s. 74). Solche kannte auch das deutsche 
seit alters. Wenn also Fenis dies lied nach Inhalt, strophen- 
form und ev. melodie hätte ganz nachahmen wollen, so konnte 
ihm das keine Schwierigkeiten machen. Nun weicht die be- 
schaffenheit der reihen völlig ab. Daraus folgt, dass er eben 
das original nicht bis ins einzelne nachahmte, sondern nur 
verändernd benutzte. Wer sagt uns, dass er es völlig habe 
nachbilden wollen? Um so mehr als dasselbe lied noch den 
Inhalt eines formell abweichenden liedes von Folquet verwertet, 
also contaminiert. Das einzige was man auf grund jener be- 
ziehung mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen darf, ist, dass man 
in den reihen des mhd. liedes zunächst sechser suchen muss. 
Ueber deren form lässt sich nur auf grund des deutschen 
textes urteilen. 

Will man die 'daktylenfi-age' mit aussieht auf erfolg be- 
handeln, so hat man folgendes zu erwägen: 

1) I^s treten im minnesang neben den bekannten und ge- 
wohnten rhythmen andere auf, die der aualyse Schwierigkeiten 
machen. Ueber ihre form wissen wir nichts. Wenn man 
sie mit lateinischen 'daktylen' oder romanischen versen zu- 
sammenbringt, so ist das eine annähme, deren richtigkeit erst 
zu beweisen ist. Die beweise die man versucht hat, sind mis- 
lungen. Wir stehen der Überlieferung also völlig ratlos gegen- 
über. Es erhebt sich die fi'age: welches sind die rhythmischen 
formen die in den texten stecken? 

2) Es ist eine verfrühte annähme, wenn man glaubt, die 
verse die wir nicht rhythmisieren können, müssten eine 
gattung bilden. Es können sich sehr verschiedene rliythmen 
in ihnen verbergen. Darum ist zunächst jedes lied für sicli 
zu bearbeiten. 

3j Die herausgeber von MF. und andere, die sich ihnen 



84 SAUAN 

anschlössen, liaben die Überlieferung stark angegriffen, um 
die Strophen zu ordnen. Da sie aber die richtigkeit ihrer 
rhythmischen theorie nicht erwiesen haben, so ist ihre text- 
herstellung nicht verbindlich. 

4) Da wir über die rhythmik der fraglichen Strophen 
nichts wissen, so ist zunächst nur ein text herzustellen, der 
den auf orderungen des sinnes und der grammatik entspricht: 
jede änderung metri causa ist so lange verwerflich, als nicht 
das metrum mit einiger Sicherheit ei'kannt ist. 

5) Der augenschein lehrt, dass die minnesinger bei ihren 
liedern den sprachaccent nach müglichkeit schonten. Ehythmus 
und spräche dmxhdringen sich bei ihnen in fast vollendeter 
weise. Darum ist von vornherein jede rhythmisierung der 
nach no. 4 hergestellten texte unwahrscheinlich, die den sprach- 
accent stärker antastet, als es der rhythmus in den anderen 
liedern tut. Schonung des accentes ist die erste f orderung, 
die man an eine rhythmische construction dieser töne zu 
machen hat. 

6) Für die rhythmisierung sind allein textanalyse und die 
gesetze der allgemeinen rhythmik von bedeutung. Es ist also 
z.b. nicht im mindesten nötig, dass die zu ermitteln- 
den rhythmen lesbar seien: sie müssen nur, dies aber 
auf jeden fall, singbar sein. 

Tritt man mit diesen anschauungen an die 'daktylen' 
heran, die Weissenfeis in seinem buche zusammengestellt hat, 
so ist nicht schwer zu sehen, dass unter den besprochenen 
liedern gruppen zu sondern sind. 

A. Eists tagelied (MF. 39, 18) ist durch den reichlichen 
gebrauch aufgelöster arsen (_ = ^^) merkwürdig. Sie 
stehen vor allem im ersten takt, einmal im zweiten der hexa- 
podie, wo sie rhythmisch leicht erklärbar sind (v. 25 swaz du 
gebiutest, duz leist ich friimdin min). 

Släfest dix, Medel ziere? 

wan wecket uns leider schiere 

Ein vogellin so wol getan: 

daz ist der linden an daz zwi g'egän. 

1. Äl-ww ^- I -^^^—L- 

Reimschema : a — a 



UEBER HARTMANX VON AUE. 85 

Der text von C ist im ganzen beizubehalten, nur v. 27 hinne 
zu streichen. Y. 29 ist wol zu lesen we, du fuerest mine froide 
sdment dir. Y. 25 vgl. oben. 

Ausserdem gibt es noch andere lieder. wo der 'daktylische' 
eindruck des gelesenen textes durch arsenauflösung bewirkt wird. 

So Lichtenstein, Lni. s. 134 (x. weise): 

. ^^5 \^ — \_/\«^ — ^^ j ^y \^\^ \^f^^ 

9 ' . ' ' ' 

O ' . ' I TT ' • ' I '" • ' 

Keimscliema : a + a — b 
i; + c - b . 
Ebd. 394, no. xii : j + d - f + e - f + e . 

9 TT ' • • ' • ' • • ' ' 



■ \.-'^w/ i— ' — 



Eeimscheraa : a + b — a + b 

^+C — ? + /9 + d-(f + b. 

Die Zeilenschreibung Lachmanns ist zu ändern. 

B. In einer anderen gruppe von liedern wird der 'dakty- 
lische rhythmus' durch grundsätzliche anwendung der 
zusammenziehung erzeugt. Hierher gehören töne der thü- 
ringischen dichter Morungen und Hezbolt. 

Morungen MF. 129, 1411: 

L Äl- — i.- I Ä^ — ^- I Ä^_ — lA 
2. Ä- L- I Ä^__^_ I Ä- -X 

4. Ä^ i- I -l1~-L- I Ä^ -A 

Reimschema: a — a — b 
c — c — b . 
W — d 
d _ d _ b . 

In den zusammenziehungen stimmen alle drei Strophen überein: 

nui- 129,33 dm liehe und diu leide fällt aus der responsion heraus. 

130, 7 1. si an. Die a^cente von MF. sind entsprechend zu ändern. 

Hezbolt ahmt MSH. 2. no. 74, vi Morungens rhythmus nach. 

Xo. vii ist zu rhythmisieren: 

1. i__JL^Ä I L--J.-7\ I L--^y\ 

2. ^__i..^Ä I 1.--L ■ 7\ I i__^A 

3. i.__^ • Ä I i__i A 

4. JL___^.Ä |1 — -lA 



86 SARAN 

Die übrigen Strophen entsprechen nicht immer genau; eben 
das bürgt für die richtigkeit der obigen rliytlimisierung. Den 
rhythmiis des liedes kann man sich leicht zu gehör bringen, 
wenn man es — mit den nötigen änderungen — auf die me- 
lodie 'Ach wie ist's möglich dann' zu singen versucht. 

C. Eine dritte klasse der 'daktj'lischen' rhythmen ergibt 
sich, wenn zweisilbige arsis und zusammenziehung 
typisch verwendet mrd. Hierher ist ein lied Morungens zu 
stellen, das in MF. sowol im text wie im metrum nicht richtig 
behandelt ist. Ich gebe eine herstellung, die die lesarten 
von A mehr heranzieht, ohne damit etwas endgiltiges bieten 
zu wollen. Es kommt hier nur auf den rhythmus an. 

MF. 127, 1 ff.: 

1. Wist ich obe ez mölite wol verswigen sin 
ich lieze iuch seu') mine lieben frouwen. 
Der euzwei brjfeche mir das herze min, 
der möhte sie schöne drinne schoiiwen. 
Sie kam her dür diu ganzen ougen min (körn) 
sunder tür gegangen: 
Ouwe, solt ich von ir reinen minnen sin 
also werdecliche enpfangen. 



1 


- ' 


it 




1 




It 




?, 


Ä ' 


r 


/ 1 


1 


ir 




1 


3. 


r 


n 


--A i 


A — 




1 




4. 


t 




— A 


i Ä.- 





It 


- Z^ 



^-A 

2. Der also vil geriefe in einen toubeu walt, 
ez antwurte ime dar üz eteswenne. 
Nu ist der schäl dicke vor ir manicvalt 
von miner not, wil si die bekennen? 
Doch klägete ich ir manigen kumber min {kon^ 
vil dicke mit gesange: 
Owe ja hat si gesläfen allez her 
oder geswigen alze lauge. 



*) Diese thür. form darf mau wol ohne weiteres einführen. Vgl. MF. 
122, 8. 126, 8. 9. 33 u. ö. — Ich weise hier noch einmal auf das hin was ich 
im anfang von abschnitt IV (s. 58) gesagt habe. Die accente in den 
scheraaten dienen nur zur schnellen Orientierung über den 
rhythmischen wert der reihen. Sie sagen über die wirkliche 
gegenseitige abstufung der icten gar nichts aus. Dasselbe gilt 
für die accente in abschnitt lU. 



UEBER IIAKTMANN VON AUE. 87 



• NwA»-* 



1. -L i: L I _ 

3_ _i_ j^ 'j~r I __; ^_ 

4. ^^ /\ I A ^^ ^_A 

Zusaninieiizieliung und zweisilbige arsis (diese vor dem langen 
teil des Sechsers in 4 a, vgl. Rh. § 17 anm. 3) entsprechen genau, 
mit ausnähme von Ib, wo in str. 1 die zusammenziehung auf 
der zweiten, in str. 2 auf der dritten thesis steht. 

3. "Wajr ein sitich oder ein star, die mehteii sit 
geleniet han däz si spraechen 'rainne'. {vgl. 132,9). 
Ich Iiän ii' gedienet her vil lange zit: 
mac si sich doch miuer rede versinuen? 
Nein, sin eutüot, got enwelle ein wunder sin (körn) 
vil verre an ir erzeigen. 
Ja möhte ich häz einen hönni mit miiier bete 
sunder Aväfen nider geneigen. 

l 7\_^ ^^ _;_ I _!__^!1_ i_ 

Die nachsätze stimmen zu str. 1. In 2a fehlt zusammenziehung; 
in 3 a steht zweisilbige Senkung zur einführung des langen 
teiles im sechser. Die tendenz im ton scheint, die Vordersätze 
synartetisch zu bilden. Im lied Morungen 129, 14 bildeten die 
asynarteten die mittelglieder. Das eigentümlich abfallende 
Schlussglied der Strophen ist rhythmisch äusserst charakte- 
ristisch für rhythmische endfälle: vgl. die entsprechenden 
Schlüsse der vierer beim Kürenberger, z. b. 7, 20. 22 u. ö. Das 
zu gründe liegende reimschema ist: 

a — b 

a — b . 

K — c 

W — c. 

In 4a setzt Morungen also regelmässig, unverkennbar zur 
cliarakteristik der Schlussperiode, zweisilbige Senkung. Nur 
einmal taucht diese in 3 a (strophe 3) auf. 

\\>nn nun zweisilbige Senkung vor dem langen teil des 
sechsei's mit zusammenziehung auf der dritten tliesis coinbiiiieit 
wird, so entstehen formen wie 



öö SARAN 

a. ^^ — / _j^ 

oder mit ziisammenzielnmg auf der A'ierten tliesis: 

{f . 
r 

Nun können nach den regeln über die Verschiebung der binnen- 
cäsur Rh. § 20 die zwei silben hinter der zweiten these ver- 
schieden verteilt werden, entweder nach dem Schema 
' • • — " oder ' . . " 

d. h. die binnencäsur. wenn solche überhaupt beabsichtigt ist, 
kann vor beide kürzen oder zwischen sie fallen. Das letztere 
ist rhythmisch gefälliger, weil dadurch die reihe weniger aus- 
einander gerissen wird. 

Es ist ohne weiteres klar, dass die form a im text, d.h. 
für den lesenden in folgender gestalt erscheinen muss: 

X-X-XX-XX-(X) i^-s.w. 
Mit andern Worten: gelesen werden solche verse vierhebig 
scheinen und zwar mit bevorzugung "zweisilbiger Senkung' 
hinter der zweiten und gesetzmässigem gebrauch nach der 
dritten liebung. Da sich ferner in dem ersten 'daktylus* eine 
aufgelöste arsis {^^), in dem zweiten dagegen eine zusammen- 
ziehung nebst folgendem vollen takt (- ■ -), also zwei thesen 
verbergen, so werden die textsilben des ersten dreisilbigen 
taktes die form -xx haben, die des andern aber nach dem 
accentschema -xx streben, d.h. auf der ersten 'senkungs- 
silbe' nebenton suchen. Man vergleiche nun damit die all- 
gemeine beschreibung des vierhebigen 'daktylischen' verses, 
die Wilmanns § 2 ff. gibt. 1) § 7: Wörter der accentform 
-XX Qcincstcete) stehen weitaus in den meisten fällen im 
dritten, selten im ersten, nicht im zweiten takt; 2) der dak- 
tylische rhythmus ist im stück bis zur binnencäsur durcli 
den wortaccent sehr schlecht bezeugt, weit besser im zweiten 
abschnitt (§ 15); 3) die binnencäsur ist normaler weise 
weiblich und übt auf die länge des längeren abschnitts ver- 
kürzenden einfluss aus (§ 3); 4) die 'daktylischen' verse 
bilden in den Strophen den 'fünfhebig iambischen' gegenüber 



UEBER TTAKTMANN VON AUE. 89 

die minderzahl. wenn man rohe betonung-en meidet (§ IG). 
Man sieht, die beschreibnng" passt ganz vortreftlich zur text- 
gestalt des auf s. 87 unter a mitgeteilten rliythmus. Darum 
liegt der schluss sehr nahe: unter vielen sog. daktylen verbirgt 

sich die form _^_ • . ,^ ■ _i ■ 

in den verschiedenen arten, die durch zweisilbige arsis, auf- 
lösung der zweizeitigen thesen, pause im auftakt und akata- 
lektischen bez. brachykatalektischen schluss möglich sind. Dass 
neben der form a noch andere von gleicher eigenschaft stehen, 
ist sehr wahrsclieinlicli. Der schein daktylischer vierer wird 
also durch combiuation von arsischer auflösung und von zu- 
sammenziehung erweckt, eine ganze zahl der sog. daktylen 
enthüllt sich so als rhythmen in denen zweisilbige arsis 
und zusammenziehung gesucht wird, freilich unter be- 
vorzugung gewisser, rhythmisch besonders wolgefälliger typen 
(bes. a, vgl. oben). Diese reihen wären dann sechser, keine 
vierer. Zu beachten ist, dass der sechser mit zusammenziehung 
auf der dritten thesis schon vom anonymus Spervogel als schluss- 
glied typisch verwendet wird; z. b. MF. 25, 26 imd niht i'ör den 
eren verspürte = 7\ 1- --J1 ■ -^ ■ . Vgl. 25, 33. 26, 26. 33. 
27, 5. 19 u. ö. 

Aus den beispielen bei Morungen und Hezbolt hat sich 
ergeben, dass eine tendenz zu genauer rhythmischer respon- 
sion in den Strophen bemerkbar, aber noch niclit völlig zum 
ziel gelangt ist. Wir werden darum, je älter die dichtungen 
sind, um so weniger Strophenentsprechung erwarten dürfen: 
eine gewisse regellosigkeit ist vorauszusetzen. 

In der tat hat mich nun die durcharbeitung der texte 
von ]\1F. überzeugt, dass mit den verschiedenen formen des 
Sechsers bei den meisten 'daktylen' wirklich durchzukommen 
ist. Man kann airf diese weise nicht nur harte betonungen 
vermeiden, sondern vor allem die überliefei'ung sehr conser- 
vativ behandeln. Von der gestalt die MF. den liedern gegeben, 
ist dabei abzusehen, da die herausgeber den überlieferten text 
stark haben verändern müssen, um ilir vorausgesetztes dak- 
tylisches versmass durchführen zu können. 

Ich gebe einige beispiele dieser rhythmengattung, oline 
auch hier irgendwie darauf anspiuch zu machen, ninen 
endgiltigen text zu liefern. 



90 SARAN 

Die abweichungeil von MF. bedeuten meist rückkehr zur 
Überlieferung. MF. 43, 28 (Hausen). 

1. Au der genädeu al iniu fröide stät, 
da cnmäc mu" gewerreu Imote noch lüt. 
Mich enhilfet dienst noch miner Munde rät, 
und daz si mir ist liep alsam min selbes lip. 
Mir- erwendet ir hulde uieman wan si selbe, 
si tuet mir aleine den kumber den ich trage: 
Wes sölde ich dän von den merkscreu klagen, 
nu ich ir hfiote also lützel engeldeV 

1 ' " 'VI ' " • ' V 

9 ' " ' "T^" I ' " ' ^ 

3. WX-. 1 ww - l'-l _ 1 ^w - ww - w^ A 

4 ' "-'VI 



. v.>\_^ ' 



Reimschema : a — b 
a — b . 
c — d 
d — c. 

2. Hangen herzen ist von der huote we, 
und jehent ez si in ein angeslichiu not: 
So engerte daz mine allei* richheit niht me 
wan mües ez si liden unz au minen tot. 
Wer möhte hau groze fröide äue kumber? 
nach solher swpere so rang ich alle zit. 
Done mäht ich leider uüit komen in den nit : 
des hat gelücke getan an mir wunder. 

1. Ä^--^ 

3. Einer grözen swaere ich leider seuic bin, 
die doch erturhtet vil mänic saelic man. 
Unbetwüngeu von huote so ist daz herze min; 
mir ist leit von ir, daz ich den fride le gewan. 
Wand ich die not wold iemer güetlich liden, 
het ich von schulden verdienet den haz. 

Nit ümb ir minue daz t«te mir baz 
danne ich si beide süs rauoz lau beliben. 

2' " ' '-r' I ' " ' '~r' 

3. _1 !1 L- I _l^_^^i ■ _^X 

4 _J_ ^^Jl: --1a1 -- - '^- 



A 


-ww- /\ 


- ■— -A 


-L^^-^1 1/\ 


t 1 


L^^^^l 1/\ 



UEBER HARTMANN VON AUE. 91 

Mit Sechsern kommt man bei Gutenburg 77, 36 ff. aus. 
Er liebt die form ' ^^z: _ i._, auflösung öfters auch 
vor der fünften thesis. d. h. auf der stelle nach der untercäsur 
des langen abschnitts. wenn sie ausgeprägt wäre. 

Dass diese rhj'thmisierung berechtigt ist, kann m. e. aus 
dem ersten lied des Neuenb urgers (80, 1 ff.) gefolgert werden. 
Es ahmt in reimstellung, z. t. auch im inhalt ein lied P'olquets 
nach, das oben s. 74 anal3'siert worden ist. Folquets rh^'tlimen 
sind Sechser (brachjivat. und katal.), und eben denselben rliytli- 
mus ergibt die unbefangene betrachtung der Überlieferung, von 
der sich freilich der text von ]\1F. sehr entfernt. Ich gebe 
meinen text zur vergleichung — auch hier unter vorbehält. 

1. Gewau icli ze Minnen ie güoteu wiin, 

nu hän ich von ir weder trost noch g-edingen, 

Wan ich enwelz wie mii' süle gelingen, 

Sit ich si mac weder hlzen noch liän. 

Mir ist alse dem der üf den bouni da stiget 

lind niht hoher mac und da mitten belibet 

Und ouch mit nihte widerkomen kan 

und also die zit mit sorgen hine vertrihet. 

3_ _ _;_ ^^ 2[Z ^ — I ww - ww " -^ - 

2. Mir ist alse deme der da hat gewant 

sinen muot an ein spil und er da mite verlinset 
Unde erz verswert: ze späte erz doch verkiuset. 
also hän ich mich ze späte erkaut 
Der grozen liste die Minne wider mich häte. 
mit schcenen gebserden si mich zuo ir brähte 
Und leitet mich älse der boese geltsere tnot 
der wöl geheizet und geltes nie gedähte. 



I K..^^ — •— ' 



1 ' " 'VI 

2. _1 1' i_ I Äl-^-l'_-----lX 

Q ' " ' I ' " f 

3. Min vrouwe sohle län nu den gewin 
daz ich ir diene: ich raäc es niht miden. 
ledoch bite ich sie däz siz gerüoche lideu: 
s6 wirret mir niht diu not die ich lidendo bin. 



92 SARAN 

Wil aber si mich von ir vertriben, 

ir s\yacher gTuoz der scheidet mich von ir libe. 

Noch dauiioch fürhte ich mere . . . 

daz si mich von minen freüdeu vertribe. 

1. -L 1 '_X I -- " -- 

2 7\ ' " ' I ' • " • ' '/t 

Q ' // T I ' " t 

O. !_. i_i I v_/\_y ^ 

4 _>_ ^_ I '__ jf ^_ 



Dies lied des Fenis ist also eine naclialimimg- auch der reihen 
Folquets. nur dass hier nicht die gewöhnliche rhj^thmengattung 
mit regelmässigem Wechsel von arsis und thesis, sondern eine 
andere mit mannigfacher Senkungsbehandlung gebraucht ist. 

Der Prüfstein jeder 'daktj^lentheorie' dürften die lieder 
kaiser Heinrichs sein. Ihre metrik spottete bisher aller 
versuche. Es sind nach ausweis des metrums wol zwei ver- 
schiedene töne; im reimgebäude ist nur der unterschied, dass 
der erste ton vor dem schliessenden reim eine waise hat. 
Erster ton: 5, IG— 29. 

1. Ich grüeze mit gesänge die süezen 

die ich vermiden niht wil noch enmac. 

Daz ich sie von munde rehte mohte g-rüezen, 

ach leides, des ist manic tac. 

Swer disiu liet nu*) singe vor ir, 

der ich so gar imsenftecliche enbii-, 

ez sl wip oder man, 

der habe sie gegrüezet von mir. 

1. -1 11 ^- I -L 1' IX 

2. ^L 1 i-|Ä ^ - 1a 

3. _l___^__i-X 1 -1 — 1 — IX I 

Äi-^-j— I _i___^-.-ix 

2. Mir sint diu ri'che und diu laut ündertän 
svv'enne ich bi der minneclichen bin, 
Unde swenne ich gescheide von dan, 
so ist mir äl min gewalt und min richtüom da hin. 
Wan senden kumber den zel ich mir danne ze habe 
sus kan ich an vröuden stigeu uf und-) abe 
und bringe den wehsel 
als ich wjfene durch ir liebe ze grabe. 



*) C swer nu d. l. 

2) C und ouch. Das ouch ist dem sinn zuwider. 



UEBER HARTMANN VON AUE. 93 

1. _i___^__iA i Ä-1— ::- — iX 

. A V.Xv^ L /\ I WV_/ — V_/^ — WW — /\ 

3 ' " ' 'TT' I ' " ' 'x' ' 

Zweiter ton: 5,30 — 6,4. 

1. Daz ich si so herzeclicheii minne 
unde si äne wenken trage 
Beide in herzen und in sinne 
underwilent mit vil maniger klage: 
Waz git niii- darunibe diu liebe ze löne? 
da biutet si mirz so rehte schone, 
e ich mich ir verzige, ich verzige mich e der kröne. 

1 "TT ' " r \ -r ' " ' '~r' 

1. A '-^-l A , ^-^A 

3. _i^^_.^i.'__i_ I _L _::_T_^_ I 



2. Er sündet sich swer des uiht geloubet, 
ich möhte geleben manigen lieben tac, 
Ob joh niemer ki-6ne kteme üf min houbet, 
des ich mich äne si niht vermezzen enmac. 
Verlüi'e ich si, wäz hete ich dauueV 
da töhte ich ze vröuden noch wibe noch manne 
und wa;re min bester tröst*) ze ähte mide ze banne. 



2. wv_. L i! L_ I v.^^ JL > , _ ^.^^ j.' 1 V 

3. -L-_"--L- I _1^^_ IL--L- I 



Man sieht, wie ohne erhebliche abweichung- von der Über- 
lieferung durch anwenduiig- der hexapodie die vermisste rh3'th- 
inische regelmässigkeit hergestellt wird. Zugleich ist zu 
bemerken, dass hier akatalektische, katalektische und brachy- 
katalektische reihen correspondieren, wie z. b. beim Kürenberg. 
Man wird daraus schliessen dürfen, dass diese reihen mit ab- 
sichtlich gesetzter zweisilbiger arsis und mit zusammenziehung 
(deutlich an typischen stellen), also die sogenannten 'daktylen'. 



^) BC beidiu ze aide. An sich ist auch diese lesart möglich. Aber 
der vers wird durch Streichung von beidiu weit besser, so dass sie wol 
zweckmässig ist. Den zusatz des geläufigen wortes anzunehmen ist un- 
bedenklich. 



94 SARAN 

niclit der romanischen kunst, sondern aus der weiterentwicke- 
liing heimischer formen entsprossen sind. 

Ob noch andere rliythmengattungen in den 'daktj'len' 
verborgen liegen, lasse ich dahingestellt. Es ist mir wahr- 
scheinlich. So möchte ich im leich des von Kolmas 'press- 
rhythmen' sehen; vgl. s. 77 ff.. Auch ist an sich nicht unmög- 
lich, dass das frz. dekasyllabon gelegentlich nachgeahmt ist, 
wenn ich auch kein beispiel dafür zur hand habe. 

Man sieht leicht aus dem hier ei'örtei'ten, dass die ganze 
daktylenfrage lediglich aus der annähme fliesst, die mhd. minne- 
singer hätten einsilbigkeit der Senkung als norm aufgestellt, 
zweisilbigkeit und zusammenziehung principiell vermieden. Die 
texte geben zu dieser annähme keinen anlass, vielmehr ist 
zweisilbigkeit der Senkung und zusammenziehung oft gesucht 
worden. Die mhd. Verslehre hat also nicht die aufgäbe, diese 
art der arsenbehandlung möglichst zu beschränken oder zu 
verschleiern, sondern festzustellen, unter welchen bedingungen 
sie stattfindet. Eine betrachtung der verschiedenen stilarten 
der rhythmik der minnesinger ist m. e. das ziel dem zu- 
gestrebt werden muss. Die grundsätze die Lachmann und 
Haupt aufgestellt haben, sind dabei principiell aufzugeben: 
die textherstellung der minnelieder hat auf einer neuen rhyth- 
mischen basis zu erfolgen, zu der ich im vorausgehenden 
wenigstens das programm aufgestellt haben möchte. Ich 
widerhole hier aber nochmals, dass ich nicht etwas endgiltiges 
damit geben, sondern einstweilen nur meine behandlung der 
Hartmannischen lieder rechtfertigen will. 

Nach dem gesagten glaube ich mich berechtigt, den ro- 
manischen Ursprung der "daktylen' schlechtweg zu leugnen. 
Ihr wesen widerspricht dem der romanischen rhythmen durch- 
aus. Also müssen sie specifisch deutsche formen sein. "Warum 
tauchen sie nun aber erst im minnesang auf, als der romanische 
einfluss merkbar ist? Warum kommt man nicht in die Ver- 
suchung, die lieder des Kürenbergers daktylisch zu nehmen? 

Ich glaube, dass die ganze technik dieser 'daktylen' eben 
erst durch den gegensatz der alten und der neuen richtung 
des minnesangs möglich wurde. Die alte, ritterliche lyrik, 
diejenige die vom 'minnedienst' noch nichts weiss, braucht 
zusammenziehung und zweisilbige Senkung durchaus (letztere 



UEBER HARTMANN VON AUE. 05 

meist bei ^versclileifbareif sill)en. aber aiicli bei andern, wenn- 
gleich selten): gewisse t.ypen der reihen (_ ^ ■ _ i. • , _ 1 _ ^ .'. 
--, _ -i _ •- _ ^' ■ _ z. -•- u. a.) sind dabei nicht zu verkennen. 
Die neue, aus Frankreich eingefülirte, verlangt grundsätzlich 
den regelmässigen Wechsel von arsis und thesis. d. h. die ein- 
silbigkeit aller rhythmischen werte. Damit sind ohne weiteres 
zwei stilarten der rhytlnnik gegeben, die nun teils neben einan- 
der hergehen, teils sich durchdringen. Der minnesänger versucht 
zunächst, die neuen formen nachzubilden. Dabei geht er von 
der heimischen technik aus und das resultat sind verse wie 
wir sie z. b. bei Hartmaun finden, verse die dem neuen form- 
ideal zustreben, aber noch manches (z. b. fi-eiheit der silbenzalil) 
von der alten technik haben. Der Sänger versucht aber auch, 
sich die kunstmittel der alten technik (zusammenziehung und 
auflösung) zu erhalten und den neuen formenschatz durch ihre 
grundsätzliche verw^endung noch zu bereichern. So entstehen 
producte, die in geist und Stimmung modern sind, in der 
technik aber auch die älteren kunstmittel nicht verschmähen. 
Es ist die gruppe der 'daktylen'. Das moderne prägt sich be- 
sonders darin aus. dass die zweisilbigkeit der Senkung un- 
beschränkt ist, dass also die engeren regeln der alten zeit 
aufgegeben werden. Je nach der dichterpersönlichkeit neigt 
der eine mehr zum neuen (romanische technik) : z. b. Hart- 
mann, Eeinmar, Walther, andere zum älteren: Morungen und 
die Thüringer, 

Somit sind also unter den rhythmen in MF. mindestens 
drei stilarten strengstens zu scheiden: 1) der strenge alt- 
ritterliche Stil: Kürenberg, anonymus Spervogel u. a.; 2) der 
strenge neuhöflsche stil (minnelied) und die formen die ihm 
nachstreben, wenn auch noch nicht gleich erreichen (z. b. 
Hartmanns meisten gedichte); 3) der gemischte neuhöfische 
Stil. Darin etw^a drei Unterarten: a) reihen mit" absichtlich 
verwendeter zweisilbigkeit der arsis; b) reihen mit absicht- 
lich verwendeter zusammenziehung; c) reihen, wo auflösung 
der arsis und zusammenzieluing conibiniert sind. A'ielleiclit 
kommt hinzu: 4) die pressreihen: Kolmas, Walthers elegie (?). 

^^'ie weit dieselben dichter sich mehrerer stilarten neben 
einander bedient haben, wäre in jedem falle zu untersuchen. 
Namentlich in der zeit wo die romanische kunst eingang 



96 SARAN 

fand, A\'ird man einem und demselben dichter Übergang vom 
altritterlichen zum nenhöfischen stil zutrauen dürfen. Auch 
Goethe hat nicht gleich die schönen g-edichte der letzten Frank- 
furter und der Weimarer zeit geschrieben: er hat auch das 
Leipziger liederbuch gedichtet. 

Solchen Übergang finden wir z. b. beim kaiser Heinricli 
4, 17 ff. : 5, IG ff. Er braucht Stil 1 und 3, wobei die neuhöfi- 
schen gedichte gerade dieses hohen herrn in der behandlung 
der reihenschlüsse noch ihren Ursprung aus der alten kunst 
verraten (oben s. 93). "Wie Aveit auch bei andern dichtem von 
MF. zwei Stile nebeneinander liegen, bedarf stets besonderer 
Prüfung. No. 2 und 3 nebeneinander ist ganz geläufig: Hausen 
und auch Hartmann. Die echtheitsfragen werden dadurch 
schwieriger, als man bisher annahm. 

Dass für die Scheidung der stilarten die weise zu beachten 
ist, wie die dichter den vers mit wortinhalt füllen, möge noch 
betont werden. Sievers hat ausdrücklich auf diesen umstand 
hingewiesen. Man hat stets zu erwägen, wie weit sich die 
icten nach den Sievers'schen typen abstufen ('dipodisch' ver- 
teilt sind) oder diese alte accentvert eilung fallen lassen ('mo- 
nopodisch' folgen). Es muss dabei bedacht werden, dass der 
gegensatz von "monopodisch' und 'dipodisch' auch rein als 
mittel des ausdrucks, also stilistisch (Sievers weist Festgabe 
für R. Hildebrand, Leipzig 1894, s. 14 f. auf die einleitung des 
Tristan hin) verwendet werden kann und darum den drei arten 
des mischstiles no.3 vielleicht noch eine neue: 'd) reihen mit ab- 
sichtlich »dipodischer« ictenabstufung' hinzugefügt werden muss. 

Das lied Hartmanns, um dessentwillen dieser excurs nötig 
war, ist nun einfach hexapodisch. 

215, 14: 

^ _j_ ^' ^_ I __; ^_^^ ^/ ^ _ 

2 __; ^^ i_ I __^ _^ j__ 

4. Ä - »» / I ' „ t 

Y. 15 1. ereste. 



■ vyv.y ^-j ^-1 ■ 



215, 22: 
2. _1_. 



• v-/^-' <— ' •— ' — 



v>^^ 



V-^N^-/ — 1— ' 



UKHER IIARTMANN VON AUE. 97 

M ' " 'VI' " 'V 

4 ' ri I \ ' " , 

V. 28 1. (hz cnpfic (0). str. so (mit C). 29 mit ( ' und hinoz icnicr. 

215, 30: 

1. _1 

2. _:'. 

4_ _;_ ^ L- \ ^- dl L — 

V. o;3 1. cd. 37 1. rfer Ze^; und ere ir hch'icte. So ist der vers 
weit besser als in der — an sich ebenfalls möglichen — Über- 
lieferung: (fot si der ir lip und erf hehüete. — 

Für Hartmanns rhytlimische technik ergibt sich also nach 
den Untersuchungen des abschnitts IV und \ folgendes: 

1) Hartmann braucht nur vierer und sechser. Zweier sind 
nicht anzuerkennen, da sie sich ohne Schwierigkeit durch Ver- 
einigung mit nachbarzeilen vermeiden lassen. 

2) Die reihen Hartmanns schliessen mit der thesis und 
zwar akatalektisch, katalektisch oder brachykatalektisch. Es 
finden sich bei ihm im ganzen nur 12 reihen die mit einer 
arsis (senkung) enden; diese sind aber keineswegs daktylisch 
{L- . . . L ._), sondern erweisen sich aus dem strophenzusammen- 

hang als hyperkatalektische anapästische glieder (_ l -)• 

Es sind 214. 13. 15 -L L ; ^ (ebenso 24. 26), also am 

periodenschluss. Dann 218, 5. 7 _ 1 _ Z_ I' _1 _ _ ^ (ebenso 

18. 15. 21. 23) und 213, 38 ä- Aw^-^ (ebenso 214, 10). 

3) Es fangen weitaus die meisten reihen mit auftakt an, 
der auch zweisilbig (nie dreisilbig) auftritt. "Wo in einer strophe 
der auftakt fehlt, wird er meist in den andern desselben tones 
gesetzt, so dass über die auffassung der reihen kein zweifei 
obwalten kaun. 

Demnach kennt Hart mann nur anapästische reihen 

{-L. L) in ihren verschiedenen modificationen: reihen die 

gi-undsätzlicli thetisch beginnen, hat er nicht. Hartmann steht 
in dieser beziehuiig also noch auf dem boden der hergebrachten 
nationalen kuustübung, die keine andern als anapästische, d.h. 
thetisch schliessende formen braucht. Es ist für die Würdigung 
des folgenden abschnitt es wichtig, das festzuhalten. Denn wenn 
Hartmann, wie gezeigt werden wird, allmählith alle unregel- 

Beitrüge zur guscbicbte der deutschen spräche. XXIII. 7 



98 SARAN 

mässigkeiteii im auftakt vcrmeitleii lernt und ilm schliesslich 
regelmässig" und einsilbig' setzt, so bedeutet das nichts anderes, 
als dass er sich bestrebt, die von ihm gebrauchten anapäs- 
tischen reihen auch wirklich ganz zu füllen, dass er es meidet, 
durch pause werte ausfallen zu lassen. Das gesetz von der 
auftaktregelung bedeutet also (ebenso wie das von der Ver- 
meidung der zusammenziehung) ein streben nach grösserem 
tonreichtum. Zugleich nähert sich die rhythmik Hartmanns 
damit der der Romanen innner niehi-, die ja auf dem regel- 
mässigen Wechsel von arsis und tliesis beruht. Darum wird diese 
tendenz zur regulierung Wirkung der romanischen technik sein. 

VI. Die Chronologie der lieder. 

Beziehen sich die lieder eines Sängers eins auf das andere 
oder enthalten sie historische anspielungen, die gedeutet werden 
können, so ist dies von grössteni wert für die aufstellung einer 
Chronologie. Fehlen solche beziehungen, so muss man seine 
aufinerksamkeit der kunstform zuwenden und seine Schlüsse 
aus ihr ziehen. Die reihenfolge, die die hss. den liedern geben, 
und die biographische ausdeutung ist für dies problem ohne 
wert. Das war das ergebnis der erörterungen im abschnitt II: 
darnach muss auf das strengste verfahren werden. 

Es ist von vornherein am wahrscheinlichsten, dass die 
drei kreuztöne Hartmanns zeitlich zusammen gehören, mag 
man sie auf einen kreuzzug beziehen, den man will. Der letzte 
derselben ist gewis ton XVI (218, 5), vorher liegen V (209, 25) 
und VI (211,20). Es ist ganz unwahrscheinlich, sie auf zwei 
kreuzzüge zu verteilen, obendrein, weil die töne V und XA'I 
durch die erwähnung des todes von Hartmanns dienstherrn 
zusammen gehalten werden (210, 24. 218, 19). 

Allgemein ist anerkannt, dass die töne I. II. III einander 
nahe stehen. II muss vor III fallen, weil 206,28 in 207, 11 
widerrufen wird. Von den zwei in III vereinigten liedern 
dürfte III > (207,11. 208,32. 208,20) dem andern II] 2 voraus- 
gehen, eben wegen jener beziehung. 1 1 1 ist gewis älter als I : 
das folgt aus dem Inhalt (H. v. A. s. 30 — 32). So ergibt sich 
die reihe II. III. I. Diese hält neuerdings auch Sch(»nbach 
für richtig. 

Hierher stellt Schönbach auch XII (215, 14). AAVgen der 



UEBER HARTMANN VON AUE. 99 

beziehung- von 215. 20 zu 206, 18 scheint mir das riclitig. Nach 
inlialt und stimnning- wäre es vor IT zu verlegen. 

Dass nun diese zweite gruppe vor die erste, die kreuz- 
lieder fällt, bestreitet auch niemand. Das folgt aus dei- ver- 
gleichnng von 210,23 und 218,19 mit 206,14 (H. v. A. s. 80). 
Dass auch XII vor dem tod des herrn anzusetzen ist, lehrt 
ein vergleich von 210. 11 ff. 35 ff. 211,8 ff. und 215. 19 ff. Die 
reihe XII. IL III. I. V. VI. XYI 

dürfte mitliin so gut wie sicher sein. 

Ich habe nun in meinem buch gezeigt, dass dieser Zu- 
sammengehörigkeit nach dem Inhalt auch eine in der form 
aufs beste entspricht: jene tihie sind eben die, in deren gliedern 
mit wenigen ausnahmen durcliweg der auftakt steht. In XVI 
fehlt er nie, in V auch niclit, in V- einmal (210, 29), in I 
einmal (206.11). in III > nie. IIP einmal (207,38), in II nie, 
in XII wie ich jetzt hinzufügen kann - einmal (215, 20). 

Da nun die andern lieder den auftakt weit freier behan- 
deln, so habe ich daraus auf ein bestreben des dichters ge- 
schlossen, den anfangs ganz freien, bald vorhandenen, bald 
fehlenden, oft zweisilbigen auftakt zu regulieren, bis endlich 
mit gelegentlichen Schwankungen das ziel: einsilbigkeit und 
regelmässigkeit erreicht wird (H. v. A. s. 33). Darum habe ich 
ton X^T als das letzte uns von Hartmann bekannte lied be- 
zeichnet und seine auftakttechnik als das erstrebte ziel an- 
gesehen. 

\^ogt bezweifelt, dass das richtig sei. Er meint, die Ver- 
vollkommnung der technik . könne nicht bloss in dem gleich- 
massigen setzen, sondern ebensogut in dem gleichmässigeu 
fehlen des auftaktes und in dem regelmässigen Wechsel von 
Versen mit und ohne auftakt bestehen. Dies wäre an sich 
wol möglich. Für Hartmann könnten sich also im lauf der ent- 
wickelung drei Idealformen des tones herausbilden: 1) Strophen, 
wo jede reihe, 2) Strophen, wo keine reihe auftakt hat, 3) stro- 
jdien. wo die auftakte nach bestimmter regel stehen und fehlen. 
Will man die lieder ordnen, so muss jedes an dem idealschema 
gemessen werden, dem es zustrebt. 

Prüft man die auftaktverhältnisse der Strophen, so ist 
zunächst zweifellos, dass unter ihnen die folgenden dem ersten 
ideal — regelmässig auftakt — zustreben: I ("" 206. 11). II. III 



100 SABAN 

(ä 207,38). V(- 210.29). IX (ä 213,1.8.15). XI (214, 12. 14). 
XII (ä 215, 20). XIY (ä 216, 31. 32. 217, 2). XVI. Von 16 tönen 
waltet also in 9 die tendeuz von no. 1. 

Betrachten wir vorerst diese gruppe allein. Procentualiter 
ergibt sich folgende reihe: 

10 \ ,0 

II. m>. (VI), yi. XVI 0,0 xn (215, i4ff.) . . . 4,1 r. 

1(205,1) 2,2 I XI (214, 12 ff.) . . . !) 

m^ (208, 8 ff.) . . . 3,3 IX (212, 37 ff.) ... 10 

V2 (209, 37 ff.) . . . 4,10 -XIV (21(!, 29ff.) . • . Iti.OO. 

Nimmt man die lieder von III und V zusammen, so ergibt sich 
die reihe: XVI. (VI). II (0,0 o/„). m (1,66). V (2,1). I (2,2). 
XII (4,16). Diese weicht von jener etwas ab, doch verschlägt 
das niclits, da eine solche Statistik nie bis ins einzelne genau sein 
wird, sondern nur anzeigt, welche lieder einander näher stehen. 

Prüfen wir nun die sieben töne, die noch übrig sind. In 
der tat hat Vogt, wie ich gern zugebe, richtig gesehen, dass 
Hartmann den auftakt zuweilen mit absieht an bestimmten 
stellen fehlen lässt. Man sieht das klar, wenn man die auf- 
taktstellen in bezug auf das rhj^thmische System der Strophen, 
wie es abschnitt IV und V aufgestellt, betrachtet. 

In ton IV fehlt der auftakt in beiden Strophen im anfang 
der letzten periode. 209, 23 erhält dadurch das diz eine be- 
tonung, die seiner bedeutung ganz angemessen ist (Rh. § 23 
anm. 8). Ebenso in 209, 13, wenn auch weniger evident. Da- 
gegen ist das fehlen des auftaktes in 209, 7 entschieden un- 
beabsichtigt. Die entsprechende reihe der andern Strophe 
setzt ihn. 

In ton VII fehlt der auftakt in allen drei Strophen wider 
wie in IV am anfang der Schlussperiode 211, 31. 212,1.9, doch 
wol mit absieht. Dagegen ist nach ausAveis von str. 2 und 3 
(212,2.10) im zweiten Vordersatz von periode 3 (d.h. in 3a') 
auftakt nötig: 211, 32 ist also unregelmässig. 

In VIII fehlt der auftakt regelmässig in la (212, 13.21.29). 
in 2 a (212,15.23.31), also allemal im periodenanfang, offenbar 
um den einsatz kräftiger zu machen. In 3a fehlt er nur zwei- 
mal (212, 17. 25), 212, 33 steht er. Dass das fehlen im auf- 
gesang beabsichtigt ist, kann man annehmen: aber auch im 
abgesang? Nehmen wir an, es sei beabsichtigt, so haben wir 



UEBER HARTMANN VON AUE. 101 

jedenfalls in 212, 33 einen Verstoss g'egen das idealscliema, 
einen zweiten in 34 (geg-enüber 18 und 2(3), also nicht bloss 
eine unreg-elmässig-keit, wie Vogt s. 240 meint, sondern zwei. 
Das fehlen des anftaktes ist meist durch gründe der declama- 
tion bedingt. 

In ton X (213, 29) fehlt der auftakt in den meisten reihen. 
— Das idealsehema wäre: periode 1 — 3 durch Aveg- auf taktlos, 
4a ohne, 4a', a", b mit auftakt. Gegen dies Schema finden sich 
drei Verstösse: 213,38. 214,5.9. Legt man ein anderes zu 
gründe, so bleibt diese zahl doch als minimum bestehen. In 
procenten 15. 

In XIII ist fehlen möglicherweise in 3 b (216,7.14.28) 
beabsichtigt. Im übrigen erkennt man kein princip. Setzung 
ist offenbar das ideale. Gegen das idealsehema hätten wii' also 
neun Verstösse. 

In XY soll der auftakt offenbar fehlen in 3 a (217,18.28. 
38), d. h. im periodenanfang. Das fehlen hat hier für den sinn 
bedeutung. denn alle die hinter der j)ause stehenden proncmiina 
bedürfen der hervorhebung, die ihnen auch durch das fehlen 
des anftaktes zu teil wird. 217, 30 ist aber Verstoss. 

Berechnet man die procente der Verstösse gegen das jedes- 
malige idealsehema, so ergibt sich folgende zweite reihe: 



XV (217, 14) . . 


10 

. . 3,3 


VII (211,27) . . 


. . 3,3 


IV (2ü9, 5) . . 


. . 5,0 


VIII (212, 1.3) . 


. . 8,3 


X (213, 29) . . 


. . 15,0 


XIU (2H), 1) . . 


. . 32,1 



Vergleicht man diese reihe mit meiner früheren (H. v. A. 
s. 35). so ergibt sich, dass diese töne in ihr fast in gleicher 
relativer Ordnung folgen. Dort war die folge: XV. IV. VII. 
VIII. XIII. X (rückw^ärts). 

Die töne beider gruppen würden, gesondert und genau nach 
ihren auftaktverhältnissen ireordnet, folgende reihen bilden: 



IL IIP. V. (VI;. XVI 0,0 2) 

I (205, 1) . . . , . 2,2 ; 
III^ C208, S) . . . . 3,3 



XV (217, 14> \ 

VII (211,27) j ' 



102 



SAEAN 



Y-^ (209, 37) \ 
XII (215, 14) j 



/o 
4.1 C. 



XI (214, 12) ... . 0,1 
IX (212.37) .... 10.0 



XIV (218,29). 



1 (;,t;6 



"/o 



IV (209,5) 5,0 

VIII (212, 13) . . . 8,3 



15.0 



X (213, 29) . . 

Xni (21t;, 1) . . . . 32. 1 

Folg-te man nun den g-rniidsätzen die Vogt für die Chro- 
nologie Hartmanns aufstellt, so müsste man die beiden reihen 
auf gTund der procentzahlen zusammenschieben und hätte 
dann eine reihe, in der die lieder tatsächlich darnach auf- 
träten, inwieweit eine auftaktregulierung- erfolgt ist. 213, 29 
(X) und 214, 12 (XI) würden sich dann zwar nicht, Avie Vogt 
will, gleich verhalten (s. 239), aber doch einander weit nähei- 
rücken müssen als in meiner ersten tabelle (H. v. A. s. 35). 

Diese combinierte tabelle würde aber den wahren Sach- 
verhalt nicht darstellen, sondern geradezu verkehren. Man 
vergleiche, um sich das klar zu machen, die auftaktbehand- 
handlung unter berücksichtigung- der rhythmischen örter, wo 
auftakt fehlt. Man unterscheide Vordersatz (a), zweiter (bez. 
dritter) Vordersatz (a'. a") und nachsatz (b). Dann ergibt sich 
für reihe 1) folgende tabelle, in der s die summe aller reihen 
der Strophe, a' (a") + b die summe aller der giieder bedeutet 
die nicht im periodenanfang stehen. Das Verhältnis der anzahl 
vorhandener stellen zu den auftaktpausen ist danach: 

Absolute zahlen der reihe 1: 





XIV IX 


XI 


XII V2 


m^ 


I n 1 IUI 


VI XVI 


(HI) (V) 


a 


12:3 15:2 10:2 12:1 


12:0 12:0,20:(l Vt:U 12:0 


12:0 15:0 


24:0 24:0 


a', a" 






2:0 






6:0 


5:0 


9:0 


6:0 






12:0 


b 


12:1 


15:1 


10:0 


12:0 


12:1 


12:1 


20:1 


9:0 


12:0 


12:0 


15:0 


24:1 24:1 


s 


24:4 


30:3 22:2 


24:1 24:1 'sO:! 45:1 27:0 


30 : 


24:0 30;0 


00:1 


48:1 


a', a" + b 


12:1 


15:1 


12:0 


12:0 


12:1 


18:1 


25:1 


18:0 


18:0 


12:0 


15:0 


36:1 


24:1 



UEBER IIAUTMANX VON AUE. 



103 



Tn proceiite iinifrereclinet g-ibt die tahelle an wie oft der 
Huftakt fehlt im verliältnis zur g-esamiutzalil der auftaktstellen 
jeder der (durch a: a', a"; b; s; a', a" + b unterscliiedenen) arten. 

Procentzahleii der reihe l: 





XIV 


TX ' XT XII V2 


III2 


I 


II 


IIP v 'xvi 


(III) 


(V 


'VI) 


a 


25 i:i,3;^| 20 S,33 0.(1 0,(1 


(1.(1 


(M) (1.(1 0.(1 0,0 


0,0 


0,0 


0.0 


a'. a" 




0,0 , 0.0 


0,0 


0,0 0.0 0,0 0,0 


0,0 




0.(1 


h 


8,33 


6,66.! 0,0 0,0 8,33 8,33 

1 . : i 


5 


0,0 


0,0 0,0 0,0 


4,16 


4,16 


0.0 


s 


16,66 


10 9,1 4,16 4,16 


3,33 


2,22 


0,0 


1 

0,0 0,0 0,0 


1,66 


2,1 


0,0 


a'. a" + b 


8,33 


6,66 ; 0,0 1 0,0 8,33 


5,55 


4,0 


0,0 


0,0 0,0 0,0 


2,77 


4,16 


0,0 



Ton VI nnvollständis:. 



Au.s diesen tabellen .sieht man. dass in den liedern der 
gruppe 1 auftaktpause zunächst und gleicli von vornherein sehr 
energisch im innern der periode, d.h. an den stellen a'. a" und b 
vermieden wird: kein ton hat hier mehr als einmal auftakt- 
pause. In sechs von den elf liedern findet sich überhaupt 
keine. Am periodenanfang- (a) fehlt auftakt häufig-er, doch ist 
die tendenz ihn zu setzen dafür auch um so lebhafter und 
führt schon in V- zum ideal. 

Man betrachte nun auch die zweite gruppe von demselben 
Standpunkt aus. d.h. man b(-rechn(^ wie oft überliaui)t im Ver- 
hältnis zu den verschiedenen stellen auftakt fehlt. 

'i'abelle der absoluten zahlen 
für reihe 2: 



XIII X VIII IV 



VII I XV 



a 12:5 S:7 12 :S S : :5 i) : 3 15:4 

a', a" ; 4:1 4:2 4:0 9:1 

b i 12:7 I 8:6 12 : 1 8:0 9:0 ; 15:0 



S 28:13120:15 ! 24:9 2'i : 3 | 27:4! 3» : 4 

a'.a" + b lü:b 12:S 12:1 12 : | 18 : 1 15 : 



104 



SAKAN 

Proceiitzalileii der reihe 2: 





xm 


X 


vm 


TV 


vn 


XV 


a 


41,66 


87,5 


66,66 


37,5 


33,33 


26,66 


a', a" 


•25,00 


50,00 




0,0 


11,11 




b 


58,33 


75,00 


8,33 


0,0 


0,0 


0,0 


s 


46,42 


75,00 


37,5 


15 


14,81 


13,33 


a', a" 4- b 


50,00 


75,00 


8,33 


0,0 


5,55 


0,0 



Auf den ersten blick ist klar, auch diese lieder durchzieht 
das streben, zunächst die auftaktpause im Innern der perioden 
zu beseitigen. ]\Iit YIII steht die gruppe in dieser beziehung 
schon auf der hiUie, die in der ersten no. XIV einnimmt. Das 
folgt aus betrachtung der rubriken a', a". b und a', a" + b. 

Aber sehr energisch ist auch in dieser reihe das streben, 
die auftaktpause von a zu beseitigen (rubrik a). Sieht man von 
XIII ab, so ist die Ordnung, die rein aus betraclitung der 
auftaktregulierung in a folgt, dieselbe wie die die ich oben 
durch beurteilung nach dem jedesmaligen idealschema gewonnen 
habe. Beide weisen der betraclitung ergeben also dasselbe 
resultat. 

Man mag also Hartmanns lieder behandeln -wie man will, 
immer ergibt sicli, dass eine starke tendenz zur Vermeidung 
de^ auftaktpause da ist, die sich zunächst im periodeninnern, 
dann am periodenanfang lebhaft betätigt. Je jünger in beiden 
reihen das lied, um so seltener die auftakt[)ause. 

Da also offenbar beide gruppen die ich unterschieden, 
von demselben streben beherscht werden, da ferner zwar die 
gruppe 1 zu liedern gelangt, die das zugeli(»rige idealschema 
wirklicli eweichen, nicht aber gruppe 2, und da drittens die 
lieder von gruppe 2 zu den früheren erzeugnissen Hartmanns 
gehören, mag man sie mit Vogt nacli der tabelle oben s. 101 f. 
oder nach den eben aufgestellten beurteilen, so muss geschlossen 
werden: das jtrincip, überall die auftaktpause zu vermeiden, 
ist durchaus das lierscliende. Die regelung des auftaktes im 
sinne der gruppe 2 ist niclit, wie Vogt will, ein zweites princip, 
das dem ersten gleich mächtig gegenüber träte, sondern es ist 



UEBEK HAKIMANN VON AUE. 105 

nur eine art. das erste princii) durclizufüliren. sie ist 
nur ein specialt'all des ersten princips. \\'ir werden an- 
neliuien dürfen, dass der dichter die g-anze regelung- unbewusst 
aus dem rliytlimiselien gefiihl lieraus unternalini, niclit aufjirund 
einer theorie. Daher auch gelegentlicli die selnvankuugeu. 

Das gesetz von der auftaktreg-ulierung- bei Hartniann 
deute icli also folg-enderniassen. I)em rhytlnnischen gefiihl 
Hartnianns, das schon 'wesentlich durch die alternieienden 
rhythmen der neuhöfischen minnepoesie, vielleicht geradezu 
durch franziksische lyrik bestinnut war. sagte die freiheit 
nicht zu. mit der die einheimische technik die anapästischen 
reihen (__!_... _^) behandelte. Er beginnt — zunächst wol 
unbewnsst — nach regelmässigkeit zu streben. Die auftakt- 
pause -wird darum allmählich auf stellen beschränkt, wo sie 
die declamation unterstützt, v.o sie also dazu dient, einen 
kräftigen reiheneinsatz zu bewirken. Ferner wird nach re- 
sponsion im ganzen ton getrachtet. Die reihe 2 bringt diese 
versuche .statistisch zum ausdruck. Vor allem wird auftakt- 
pause im periodeninnern gemieden. Das ist rhythmisch sehr 
begreiflich. Denn dui'cli solche inneren pausen wird die periode 
immer auseinander gei'issen: inneier continuierliiher zusannnen- 
liang ist aber für sie wünschenswert. Durch pause am perioden- 
anfang heben sich dagegen die perioden von einander ab. die 
ohnehin einander relativ sell)ständig gegenüberstehen. 

Ton Xlli erweist sich, von diesem Standpunkt aus be- 
trachtet, als eins der frühsten lieder Hartmanns. Hier wird 
lieriodenanfang" und -inneres gleich behandelt, und ob im zu- 
lassen der auftaktpause wirklich i>riiicip ist und nicht der zufall 
waltet, ist unklar. Das fehlen des auftakts am beginn des 
schlussgiiedes der stroidie ist sachlich nicht zu begründen. 

Auf giund dieser erwägungen glaube ich nicht, dass \'ogt 
recht hat. wenn er annimmt, ton IV (5 »/y) gehr»re'eng mit XII 
(4,16 "/„,). Vin (8,3%,) und XI (9,1 «/oj zusammen. Für die 
technik dieser töne ist, Avie das eben erörterte lehrt, weniger 
von bedeutung, dass das entsitrechende idealschema mit 5, 4.16 
8,:J und 9 » „ uin'egelmäs.sigkeiten eireicht ist. als vielmehr die 
tatsache, dass in IV der auftakt fehlt für s -^ 15, in XII tiii 
s = 4,10, in VMI für s — 37.5 und Xl für s - 9,1 fällrn auf 
liundert. 



10(3 SARAN 

A^'elln man also eine Chronologie der lieder Hartnianns 
sucht, so hat man sich an das leitende, von mir schon früher 
richtig erkannte princip zu halten: eine anordnung im sinne 
Vogts ist nicht möglich, ohne den tatsachen unrecht zu tun. 
]\lan kann sich im einzelnen mehr an die procentzahlen für s 
(so ich fiiiher) oder an die von a halten: das ergebnis ist in 
beiden fällen wesentlich gleich. 

Man gewinnt auf grund der s- zahlen folgende endgiltige 
Chronologie, in der die inhaltsbeziehungen der lieder mit ver- 
wendet sind: 



XYI (218, 5) . 


0/ 

. 0,0 


XI (214.12) . 


9,1 


VI (211,20) . 


. — 


IX (212. 37) . . 


10,0 


yi (209, 25) . 


. 0,0 


XY (217, 14) . 


13,33 


Y2 (209,37) . 


. 4,16 


VII (211,27) 


14,81 


I (205, 1) . . 


. 2,22 


TV (209,5) . . 


15,00 


IIP (208, 8) . 


. 3,33 


XIY (216, 29) . 


16,66 


mi (207,11) . 


. 0,00 


Vm (212, 13) 


37,50 


II (206, 19) . 


. 0,00 


XIII (2U, 1) 


46,42 


Xn (215,14) 


. 4.16 


X (213, 29) . 


75,00 



Diese Ordnung weicht etwas von der ab die ich H. v. A. 
s. 35 gegeben habe. Das erklärt sich aus der neuen kolotomie, 
die ich erst in dieser arbeit geben konnte. Daraus erklären 
sich auch die zahlen die gelegentlich von den früheren in 
H. V. A. abweichen. 

Ich bemerke, dass diese reihenfolge nicht die zeit- 
beziehungen der lieder bis einzelne darstellen soll. Schon die 
abweichungen der inhaltschronologie von der i-hythmischen in 
den jüngsten werken lassen eine solche annähme niclit zu. 
Die reihe soll nur im grossen und ganzen gelten. 31an wird 
der Wahrheit am nächsten kommen, wenn man grui)pen von 
liedern aufstellt, die einander zeitlich besonders nahe stehen. 
Ich würde folgende vorschlagen: 

1) yi V2 VI XVI kreuzlieder. 

2) XIV. IV. VII; XV IX XI; XII II III' m"^ I liebes- 
glück und liebesnot (im anschluss an das naclnveisbare 
Verhältnis, das auch die 'Klage' behandelt). 

Das — übrigens einseitige — minneverhältnis wird nicht förm- 
lich gelöst, sondern lu'irt durch Hartmanns kreuzzug wol von 
selbst auf, ]\Ian kann in dieser gruppe wider Untergruppen 



FEBEK HARTMANN VON AUE. 107 

erkennen: XIV IV VII sehr flott, mit einer gewissen npjxisition 
g-egen den minnedienst, der ja der älteren ritterlichen zeit 
unbekannt war. Solche oppositionslustigen gedanken begegnen 
später seltener: IIT' wo der widerruf sclmell folgt. XV TX XT 
sind schon H. v. A. s. 102 als eng zusammengehörig erkannt 
worden. Formell liaben sie gemein, dass es neben X\'l die 
einzigen Strophen bei Hai'tmann sind, die fünf jjcrioden um- 
fassen. Der dichter verbindet meist nur ;> und 4. Xii II hoff- 
nungsvollere Stimmung, III I resignation. 

3) X XIII VIII. P'.s sind die frühesten lieder, vor und 
Avährend der reise Hartmanns nach Xordfrankreich. VIII geht 
doch wol auf diese. XIII ist reine nachahmung Hausens. 

Die Klage (das I. büclil.) dürfte melir ans ende von gruppe 2 
fallen. Doch wäre auch möglich, dass es iu die mitte fiele. 
Das ist nicht auszumachen. 

Wie weit es nun nittig ist, die lieder unter no. 2 auf das- 
selbe Verhältnis zu beziehen, kann nicht entschieden werden. 
Ich habe H. v. A. mehr erlebtes in den liedern gesucht als ich 
jetzt tue. Es ist wol möglich, dass nuuiche töne reine phan- 
tasiestücke sind, ohne specielle beziehung. 

Mag man nun meine Chronologie billigen oder nicht, eines 
geht aus ihr. glaube ich, mit Sicherheit hervor: die lieder der 
gruppe 1 sind die letzten, die uns von Hartmann überliefert 
sind. Die der gruppen 2 und 3 liegen vor ihnen. Haitmanns 
lyrik schliesst mit der kreuzzugspoesie, also 1189 ab. 

Daraus folgt: wer etwa Hartmann zwei oder mehr minne- 
verliältnisse zuschreibt, darf keines davon nach der grupiie 1 
(nach 1180) ansetzen und muss die töne III und I als solche 
des letzten Verhältnisses ansehen. Andernfalls hat er die 
pflicht, meine beobachtungen über die auf taktent Wickelung als 
falsch nachzuweisen. DesAvegen ist auch Schönbachs versuch 
abzulehnen, weil er meine ergebnisse weder widerlegt noch 
übeihaupt beachtet. 

Es folgt weiter: wer wie A\'ilmanns und Heinzel das 
I. büchl. mit dem Verhältnis zusannnenbringt, das den tönen 
III und I zu gründe liegt, darf das II. l)üchl. nun nicht mehr 
mit ii-gend welchen liedern Haitmanns in vei-l)indung bringen 
— er müsste es denn voi- das erste setzen. Das hat abei- 
noch niemand versucht. Somit fällt auch das was Schön bacli 



108 SARAN. UEBER HARTMANN TON AUE. 

(s. 359. 368 ff.) über das zweite büchleiii und seine beziehimgen 
zu Hartmanns liedern sagt. 

Endlich: ist die g-esammte liebeslj'rik dem I. biiclilein un- 
g-efähr gleichzeitig-, .so fällt sie in ihrer gesammtheit in des 
dichters jugend, wol seine knappenzeit. Denn dass jenes 
biiclilein sehr früh anzusetzen ist, habe ich schon H. v. A. s. 52 
nachgewiesen, dass es von Hartmann vielleicht im alter von 
18 — 21 Jahren verfasst ist, hat Schönbach wahrscheinlich ge- 
macht. So drängt sich die ganze lyrik Hartmanns in wenige 
jähre zusammen, denn im allgemeinen stehen sich die lieder 
formell ziemlich nahe. W«nn man 1187 und 1188 annimmt, 
dürfte man das rechte so ziemlich treffen. 

Nach alle dem muss ich meine ansieht, die ich in H. v. A. 
über des dichters lyrik ausgesprochen habe, gegen die polemik 
Scluinbachs und z. t. auch Vogts, wenigstens in ihren haupt- 
ergebnissen aufrecht erhalten. 

HALLE a. S. FRANZ SARAN. 



ANGLOSAXONICA IV. 

Crist. 

14a. Die nämliclie constructioii unten v. ooa. 

20. Hier scheint mir ein vers aust>ef allen, wie }>l<hi<1 in 
hciuhoii -\- halb vers: vg-l. y. 147. 

40. 1. mit Grein semcnuns, vgl v. 75 und Blickl. lioni. 
143,24: Juet he hoäi^e Ms .s'^'^c^o^iincsse d'- hire gefacimn^e. 
Gerade diese semcnimg war das de^ol dryhtnes ^eryne von v. 41. 

42. s^ondspreot {eo =^ ea) v. -sprütan., nl. spruHcn. 

69. senedde ist unsinn: 1. mit Grein ,s<'n(idde. 

73. sundbüend ein poetisches fabrikat wie Jx'odhuend 610. 
1173 und 1372, um einmal eoröhnend, foldhnend, grundbuend, 
landhüend zu variieren und ganz bequem mit s zu alliteriei'en. 
Es bedeutet niclit ninris nccolac und hat mit nl. de see bomven 
nichts zu tun. 

97. /l9>-^«/w(Zef/. Vgl. 8ievers, Beitr. 11, 351 und Blickl. hom. 
7. 14: l)d;r trces Euan irop nie hdyned JnirJi Jxere d eJdimm 
fcemncm [hlisse?). 

153. Sievers' unzweifelhaft richtige besserung for ofcr- 
Jiearfum findet man. wie seine übrigen besserungen und be- 
merkungen granimatischei- odei" metrischer art, bloss in der 
fussnote, wenn ihrer überhaupt erwähnt wiitl. ^fan vgl. weiter 
El. 521 und Heow. 2220; nur setze man is sco bot ^elotiÄ ccd 
(et Jie dmim in parenthese. denn for oferpearfum gehch't zu 
tvope forcijmcnuiit, hitnim brynetearnnt. Anders, aber ni. e. 
weniger überzeugend. IF. 4, 384. 

107. Die einteilung des dialogs ist niclit in Ordnung. Erst 
mit i'ala fmnne ^eon^ v. 175 fängt Josephs rede (bis v. 195) 
an und darum ist v. 109 for ]u' in forjyy und v. 175 frasreuftne 
in fi'asfcdffc zu bessern. Auch lese man v. 109 mit Thorpe 



1 1 COSIJN 

H-onla. Ein scliluss mla fcemne ^eong, mcesd Maria ist un- 
inöglicli, und g-erade dies mla weist uns hier den weg. 

183. 1. pe Iddisan 'dicli reinigen' ld])an sprcece 'dessen 
was man dir vorwirft'; vgl. C. past. 308, 7. 

189. Imrh ndtlnvißces sc. scyld oder ein ähnliches wort. 

241. Aehnlich IVA. 2, 1. 

257. Wie Beow. 160 der Grendel, so wird hier liipus qui 
rapit et disper<id oves (Joli. 10, 12) deorc dcaöscüa 'tenebrae et 
uinbia mortis' genannt. 

264. sc ivites (i. e. helle) hona passt hier wol nicht so gut 
wie se tvittes bona -- gdsthona; vgl. (Trein, Gloss. 2, 722. 

270. 1. forti'ah d- fortyhte; Id ist aus ht verlesen. 

304. 1. mit Thorpe^tpr, welche partikel bei verba movendi 
öfters vorkonniit; s. Grein, Gloss. 2, 564. Ein beispiel anderer 
art V. 307. 

364. 1. Jiet{o)lan helscea])a{n). Hetol ist ein gebräuchliches 
epitheton des teufeis: Beda-AVlieloc s. 300. Saints 3, 406, und s. 
weiter Toller s. v. 

377. sePeon. Das \)Y'A(i{. Jn'odon El. 403 {\\f>. ])eoden). 

421. Dies md statt iSievers' nidru charakterisiert diese 
ausgäbe. 

469. ivitsena icord ist object zu /uefde gefylled, also nach 
sun^on komma! ^eoiid ivoridd innau ])ild(Mi drei worte. wie 
Panther v. 4, wo richtig abgeteilt ist. 

, 471. 1. leofwendne, vgl. v. 400 lofiaÖ Uoflicnc. Die Ver- 
wechslung von lofian und lufkm kommt auch sonst vor, z. b. 
Beda- Miller 212, 7 var.; v. 504 steht richtig heredun, lofedun. 

490. gehivdre\ die richtige lesart natürlich in der fuss- 
note. An anderen stellen ist der nämliche fehler mit diesem 
pronomen gemacht: das weiter zu bemerken halte ich für 
überflüssig; vgl. Sievers, Beitr, 10, 485. 

494. 1. Cynins iip geivdt. Was aber JiurJi Jxvs tnuplcs 
hrof bedeuten muss, weiss ich nicht: ofer hrofas v. 528 ist vei- 
ständlicli. Vgl. aber v. 535. 

511. on hivearfte 1. an htvearfe =^ on Jircate. 

519. ^cdryt nach deui richtigen ^r(/ry///^ v. 515! Fussnote: 
^edryht. 

564 tviperhrdsan. Was sind ' widerschrecken'? Ich lese 
tvijx'ihrcoran, welche auch aus (Tii)dac 265 bekannt sind (s. 



ANGLOSAXONICA. 111 

weiter (irein. (üloss. \. \.) und inuli in den lUickl. liuni. 1 7r), 7 
A'orkoninien. Brccan (denn iviöerbreca ist synonym mit and- 
sdca) bedeutet hier "streiten', g'Ot. hrilmn, brakja athlttv, jiaXii. 

587. hals, nein hdlr, hdlorl Vax eft, das man mir nicht 
vorwerfe, vgi. v. 614. 

621. Lies doch mit Rieger of statt ofer, wie die antitliese 
to pcere ilcan scealt eft ^nvcoröan v. 624 deutlich beweist. 

625. wyrmiim äiveallen. Vgl. .Elfric, Hom. 1, 86: Imt his 
gesccapn niaÖan ivrollon und 472: siva pcet liim tvioUon ntudan 
Äcond eahtc iJone llchamun. \^\. auch an. vella. 

644. Hier hätte der herausgeber Fruclits mislicn (vgl. 
Jul. 268) in den text aufnehmen sollen (Fr. s. 78): nion/Ä midie 
ist metrischer fehler. 

()79. stcelsne, 1. sfce^/ne: wenigstens dünkt mich die meta- 
these verdächtig", denn die volle form ist sid'^il. Man erwartet 
sfeapne =-- heanne. 

704. (efyllendra fasse ich auf als g'en. subj., also fyllan = 
fellan, vgl. Kl. \i)-i{) .sedirohin fylde. iittrihte ce\ vgl. auch unten 
V. 700, Avo bhklgyte tcorliian (708) einzuklammern ist. 

7()0. hordseldc, lindseldc, lindple^a bedeuten einfach 'sti'eit', 
eigentlich ^ehic (plesa) hord-, lindluehhendra. Ich Aerwerfe 
Greins deutung- •clypeorum impugnatio'. 

784. Ich lese siva ive üs ividefeorh tveorciim hUdun, weil 
das object zu Idadan mir unentbehrlich scheint. 

804. Ich constatiere hier bloss, dass über Sievers' aufsatz 
Anglia 13, 1 kein w'ort g-esagt Avird; s. 246 teilt uns Assmann 
bloss mit, dass S. a.a.O. 'über die rätsel' gehandelt hat. Aber 
Gollancz' autorität scheint so schwer zu wiegen, dass sogar 
seine schiefe Übersetzung (v. 806 ur 'long since'!) citiert wird; 
was dieser aber über ar s. 181 mitteilt, wird verschwiegen. 
Die feststellung dei- bedeutung der rune «7/^« in Sievers' 
'notable article" war doch bei (jollancz s. 180 zu finden; und 
dass die Anglia gewissen deutschen anglisten eine terra in- 
cognita ist, darf man doch nicht annehmen? 

828. Zur abwechslung wiid im text ein niclit allite- 
rierender vers mit falscher interpunction geboten, während 
(Jreins l)esserung in der fussnote zu finden ist (hatte das 
original hchofiaö, wie ,sehotu für seoln Erf. 1064 u. s. w.V). Sc» 
bilden die noten einen katalog von richtigen, evidenten und 



112 cosr.TN 

falschen, antiquierten lesarten, was sich aHerdings zum teil 
entscliuldigen oder verteidigen Hesse, wenn \\ir es mit einem 
diplomatisch genauen textabdrucke zu tun hätten. Dies ist 
aber nicht der fall, denn öfters wird gebessert (oder ver- 
schlimmert), wo man es nicht erwartet. Eine emendation die 
^'on dem herrn lierausgeber selbst herrührte, habe ich noch 
nicht angetroffen. 

836. civdmendra cirm soll ein vers sein. Aber langsilbige 
schwache verba der 2. und 3. klasse bilden regelmässig partt. 
l)raes. ohne /: mit / sind sie metrisch unbrauchbar. [In den 
nachtragen ist Fruchts besserung, wie ich jetzt sehe, auf- 
genommen.] 

843. ])(Er hiö . . . leofra (nsn.), wie Guplac 1294 pcer wces 
chilicra dt tt^i/nsumra etc. Ebenso sö])ra Guj'l. 1096 und bei- 
spiele für die weibliche endung -a sind sivcerra ('rist 1490, 
heardra 1489, Icohfra 1652, sylfa Guj'l. 964, hdncopa 998 (?). 
Darf man dies alles ändern? Was die bedeutung unsrer stelle 
betrifft, vgl. Sal. 30: Jtonne him hiö Icofre Iwnne eall Jx'os Uohte 
^esceaft . . . sif /'« dfre Jxes orsanes ötcihf ende; Beow. 2651 
steht ]i(i't, was aber mit ,K;if synonym ist, wie mit ])cer, wes- 
halb Kttmüllers änderung v. 844 unnötig ist. 

853. Komma hinter siindhensestum, denn fernem ist trans- 
itiv. Aber tilge das Semikolon WAdxliolmas \.^^)^\ aber nach 
^eldd stark interpungieren. 

867. Ijies mit Ettmüller ]id he io heofommi äsfd,s, wie 
V. 737 (vgl. auch El. 188) vorkommt. 

870. 1. hildcummed, denn das mm ist organisch, s. ^^'alüsch 
61 und 76 und vgl. weiter hlimman, hlemm, got. hlamma u.s.w. 

884. iviö tim^la ^o'^S (hlj/dad), wie sprecan ivid — con- 
struiert: = iciö gongende tunsl, i. e. wiö hcofones ivcard. 

889. 1. ejesUce. 

901. S/ijHin mstan, vgl. Gen. 668 und Beitr. 19,447. Darf 
man letztere stelle sachlich mit dieser vergleichen? 

934. triime d- torhte beziehe ich Siwtheofonas; vgl. v. 969. 
Also nach torhte komnm. 

961. Gyn gehört zum folgenden verse, wie auch die hs. 
andeutet. Welcher metrik folgt Assmann? 

976. lüoriild mid eallc 'die ganze weit'. Vgl. Saints6, 285: 
lils ivderas nceron divlcettc mid callc. 



ANGLOSAXONICA. 113 

980. scchdun ist ein undiiig', scehtun (kenticismus für 
scylitun) sinnlos. Also ist die 'Vermutung' sceldun = scildun 
nicht abzuweisen, weil hier ein verbum mit der bedeutung* 
•schützen" stehen niuss. 

999. se hreotv? Man vg'l. 1148. 

104(3. 1. on c{u)c)ie (-~ i'accnne) eard, denn das e beruht 
auf palatalumlaut: vgl. Beow. 1621 mcne eardas. Openc weorJ)aJ 
U.S.W, illustrieren j)a ojjenc tid v. 1571. 

1048. hord "das verborgene', denn schätze verbirgt man: 
warum aber immer diese 'schätze' in den Übersetzungen an- 
gebracht? 

1074 a. Vgl. Blickl. hom. 95, 19. 

1084. 1. ealljjt'odum, wie 1337, = yrmenjx'oditnr, besser 
noch vergleicht sich ealwilite. 

1144. e^san tnyrred? aber der ausdruck ist unbelegt. 

1155. Man folge Grein. 

1185. cupen 'haberent'; vgl. Gen. 357. 

1266. ^«/«wa gehört zu synne, ist aber von tu fela <itol- 
earfoda attrahiert. 

1273. I. earfede. 

1301. 1. on pd. 

1302. 1. healodceda, denn der plural wird hier gefordert 
und s^scomian regiert einen genetiv. 

1308. he i. e. se scrift; hi^ced 'nachgeht' kommt sonst nur 
vor in Öone cecer he^dn (Toller), plantan, impan hegan C. past. 
381, 17. 

1313. £"«7« U.S.W. Interpungiert man wie Assmann, dann 
bedeutet pcer hier 'utinam', wie El. 979. Jul. 570 und 8eel. 141 
(vgl. got. ij) tcissedeis tl tyvmq Luc. 19, 42). Aber dann nuiss 
ivüle V. 1318 in scyle geändert werden: sonst wäre pdir hypo- 
thetisch zu fassen, nach m^eponcas komma zu setzen und würde 
V. l;U7 in i)rosa lauten: pcet biÖ iinäsecsendlic. Aber Assmanns 
text bietet (mit ausnähme von ivilli') wol hier das richtige, 
wie auch c(dd wahrscheinlich macht. 

1320. forJ adolian. Lächerlich: weder ein apolian 'to 
endure' noch ein ahd. 'adaljan' hilft uns hiei- aus der not; 
fot() ist Jen) (vgl. v. 1361 und Kä. 74,5) und adolian, das man- 
chem den köpf irre machte, hat selbst den köpf verloren und 

Ueiträge zur ijeschiclitu der cleutsclieii apritche. XXIII. g 



114 COSTJN 

ist verstümmelt aus staöolian: ferö st. ist bekannt genug-. Aber 
vor ferö komma! 

1321. Jnvmn zweisilbig, prean einsilbig- ist merkwürdig. 

1323. pc her lifes sij. Vgl. Beda-Miller 4G2, 7 (v. 20) ]>(et 
he lifes wces. Später hc lifon heon Thorpe An. - 112; mehr bei- 
spiele bei Toller. 

1348. hivonne gehört zu searo. 

1361. ford ist ferö, vgl. oben v. 1320. 

1429. Der punkt hinter wonn, also Nms ('es war nicht') 
neuer satz, macht den vers fast unverständlich. Aendere den 
punkt in komma und lies , nees me for mode 'und nicht meinet- 
wegen aus Übermut'; vgl. v. 1442 ie ]>cel scir for de purh ea(J- 
medu call gepolade. 

1436. Ein anwldta citiert Toller 1.46 aus Leechd. 1, 356; 
es kann dem Zusammenhang nach nur «-loser acc. plur. sein. 
Einen nom. sg. and{w)laia 'antlitz' nach dem Liber scint. hier 
anzunehmen hilft nichts. 

1444. heurdeunde ändere man in liearmetvide. 

1483. ft'de synnc muss acc. plur sein, regiert von ]mrh\ 
also lese man frrenlusta. 

1506. ceshivces v. 1505 steht nicht attributiv; also hinter 
hyse komma. 

1563. 1. fyrcna äfylled = firenfidl. 

1584. Wie sonst leoht = ivortdd, hi hier tvoridd = leoht; 
dajmm steht scinan. 

1593. 1. weorjjüö. 

1601. htvcet gehört zum folgenden vers und leitet den von 
giman abhängigen indirecten fi-agesatz ein; auf man muss ein 
verbum wie fremmaö (döaö?) folgen. 

1607 b. 1. synna tö wrace, vgl. 1602 und 1623. 

1632. äbidan ist 'bleiben', folglich hinter sinnehte komma. 
Das verbum ist nie transitiv. 

1653. 1. entweder ende oder mit Sievers (dem wol Mu- 
spilli 14 li}) äno töd vorschwebte) deacfe. Lif htitan ended(e^e, 
das einem sofort einfällt, ist metrisch verwerflich und wird 
nicht gestützt durch die zweite vershälfte in 1654. 1655. 1656. 
1657. 1658. 1659. 

1665. Hier endet der domdceses abschnitt, der v. 779 ein- 
geleitet mit V. 868 anhebt. Was folgt ist ein selbständiges 



ANGLOSAXONICA. 115 

stück Über das Schicksal der frommen seele, welche die irdische 
herrliclikeit, ])ds eorJ)cm ivijnnc, verlässt: dass dieser ausdruck 
nach dem weltbrande sinnlos ist, leuchtet ein: die begnadigten 
am letzten tage werden en masse selig (v. 1635): hier wird 
nur eine fromme seele von ihrem Schutzengel himmehvärts 
gefühi't. In der Schilderung der himmlischen wonne stimmen 
beide stücke überein : vgl. v. 1640 Imd is se ejjel und v. 1683 
Öcet sind pd ^etimhrn. Lächerlich scheint es mir, ein umfang- 
reiches gedieht Cj'newulfs v. 1694 mit einem fragezeichen en- 
digen zu lassen; ganz verwerflich ist Gollancz' meinung, dass 
der Guj^lac v. 1666 anfängt, statt mit dem feierlichen Mani^e 
sinäon, wie der Heleand mit manega iräron und der Pantlier 
mit demselben verse. 

1674. tidfara. Vielleicht tida fara{n), oder, weil ti{^)da 
c. gen. construiert "\nrd: tida fare; aber to Jidm hdlsan hdm 
passt besser bei einem Infinitiv. 

1682 und 1685. Cynin^a cynin^ ohne ealra als erster halb- 
vers und liuseh während die besserungen in den fussnoten 
paradieren, charakterisieren diese ausgäbe. Ich hebe hervor, 
dass die lesart hu sei von mir schon längst vor Gollancz vor- 
geschlagen ist. Dietrichs "abendmals Jugend' widerspricht nicht 
nur dem nietrum! 

GiiHac. 

1. Derselbe vers Panther 1. 

2. Die einleitung bietet viele Schwierigkeiten. Hddas 
übersetzt Grein mit 'stände', interpretiert es aber im glossar 
mit 'personae': es wird hier aber wol 'geistliche orden' be- 
deuten (vgl. V. 31); dann aber ist pd ])e ot und mcht pd pe 
in ev oig; auch braucht man dann nicht ärisad in äriseÖ zu 
ändern. Ich glaube dass der satz bloss diesen sinn hat: 'es 
gibt auf erden viele orden welche ein heiliges leben führen', 
und verweise auf v. 462. Vielleicht verstehe ich den dichter 
liier nicht; jedenfalls bleibt mir der sinn von v. 5 dunkel. 
Audi die s'^^i^'^i tida v. 7 contrastieren merkwürdig mit v. 20 
ofer pd nipas pje ive nü drto^ad. 

19. he = heo. 

22, he, i. e. der dryhten, welcher erst v. 25 genannt A\'ird! 

75. sceolde, 'it is said' Gollancz. Besser 'sollte', nämlich 



1 16 COSIJN 

durch weltliclie gelüste {ivonddc ivynnum) dazu gebracht. Die 
ags. prosa lautet s. 12 lui ^emimde he ])d stransan dmJa J)dra 
unmanna (lies nmianna 'priscorum heroum') etc. 

81. fri'cnessa fcla 'viele gefährliche abenteuer'; vgl. v. 99 
Jmrli nepinsc. 

132. pröivere ist, wie martyrc, nicht im strengsten sinne 
'blutzeuge', sondern im sinne von v. 443 und 485 'confessor'. 

140. ])('san i. e. Jx'oscm 'servire'; nebenform peoivan: peo- 
ivad V. 62, ]>cou-de v. 712. Aber v. 432 widerum pi^ad, was 
freilich auch als Jyüiud gedeutet werden kann. Sonst erscheint 
nur öcoivian, ganz regelmässig nach der ö-klasse: alles reste 
der dritten klasse von Sievers (got. -Jnwan nur transitiv). 

149b. Melleicht bloss ausgefallen ivcddendes tdcn; Grein 
vermutet ])d he traldendes hcacen. Es ist natürlich Cristes 
rode tdcn hier gemeint, 

154b. 1. eac dryhtnc cennaö 'nächst gott'. 

158. 1. (Bfcestne. 

206. Man lese doch deadyeddl nach v. 936 'scheidung 
durch den tod' oder ein tautologisches compositum; deaöa als 
gen. sg., rest eines ?/- Stammes, begegnet uns nirgends und der 
gen. plur ist unsinnig: auch würde dies gerade das gegenteil 
ausdrücken. 

239. in ^elhnpe. Vgl. C. past. 39, 14 for his gelimpe 'lor 
his success, prosperit}-' und Saints 16, 251 äsöer ^c on ^elimjye 
se on imselimpe. Das glück macht übermütig. 

271. ividor. Vgl. Beitr. 10, 453 und Beow. 1340 {feor). 

279. earda; lies doch earfoda mit Grein oder earmda nach 418. 

288. sealdun, vgl. C. past. 342, 15 seid im. Es bedeutet hier 
wie an. sjaldan Y9I. 30, 3 'niemals'. 

294. siva modgade erinnert an swa healdode Beow. 2178, 

322. wercdon i. e. tvearedon, waredon. 

342. und ])ds Icencm sesceaft, zu der auch mein körper ge- 
hört; vgl. V. 344 stva peos eorde und 352. Was Gollancz sagen 
mll, verstehe ich nicht: 'in face of all this frail creation'l 
Gedcelan tvid ist 'trennen von'. 

345. fyres tvylme; vgl. öd sona tefter Jion he geseah eall 
his hus mid fyre äfylled, aber erst in dem sechsten capitel der 
ags. prosa (s. 42), während die cap. 5 geschilderten quälen in 
unserm gedichte erst v. 383 folgen. 



ANGLOSAXONICA. 117 

348. scirurn forsccan auch El. 933. Für cg statt 6 vgl. 
hisäce V. 188. 

353. ])(er he fcegran. Aber solche vershälfteii mit allite- 
ration in der vierten hebimg (s. Sievers' Metrik ^ § 19,2) sind 
selten und — verdächtig: A'gl. Eä. 4, 3(3 und 56,14. Greins 
fcegerran (vgl. v. 720b htvylc wces fde^erra) bringt alles ins 
reine: der himmel wird pisses heor^es seile entgegengestellt. 

362. ivoÖ operne taugt nicht, weil ivöÖ weiblich ist; also 
muss ne zum folgenden vers gezogen werden: iie lythivön, vgl. 
cordre ne hjtle Crist 578. Gollancz ergänzt pcer nach oper, 
wol richtig. Lcodode ist also acht und die erste vershälfte 
ein D-typus mit eingangssenkung (vgl. v. 197 a). S. weiter 
Sievers, Beitr. 10, 304. 

382. cC- pcet friö ist in ac pcet ferd zu ändern und hjfde 
bis mosten einzuklammern. Vgl. 407 und 412. 

430. Ich verstehe hier weder Grein noch Gollancz und 
wage es dies niyrcels (= tcicn 'zeichen' Blickl. hom. 87, 16) auf 
die tonsur zu beziehen, die das zeichen des edlen freien mannes, 
das wallende haupthaar. entfernt hat. Also deute ich J)e 
V. 429 -dhpy (vgl. v. 472) und fasse den folgenden vers (431) so 
auf: 'mit diesem äussern leben manche welche jedoch sündigen'. 

446. ealdfeonda, füge hinzu fela. 

449. forscddene. Die bedeutungen der (\ past. 134, 16 und 
469, 11 passen hier nicht. 'Abgeschieden' von der himmlischen 
Seligkeit? 

471. cetivist ist hier 'wesen'. 

481. ^estahmi nicht 'in tlieft', denn die teufel haben nichts 
zu stehlen, sondern mit Grein 'in hinterhalten ", vgl. v. 1113 
und 505. 

483. Paläograi)hisch möglich wäre me{c)ponne scildep, scüfit 
scinn on ivej, aber unglaublich. 

577. peanum <(• ^epaHcum findet man Gen. 2413. Thorpes 
gejjeahtum empfiehlt sich weniger als ,«r^7'^^'''^''''^'; denn 'consiliis' 
ist hier weniger passend als 'cogitationibus'. 

585. h'oht, sonst 'weit', bezeichnet hier den himmel, wie 
Crist V. 1464 und in lifes leohff'nona \. fiSl, wenn dies nicht 
eine tautologie ist, da Iro/it auch mit Uf synonym ist. 

586. Vielleicht on dmÖe oder deaö i. e. sdnie dniö, wie 
V. 607. 



118 COSIJN 

580. 1. hehban: Jierenisse hebhan ist Inf hebban. 

592. 1. lofian, parallel mit weorjyian im vorigen verse. 

596. lege bisencte (vgl. flöde b. Crist 1169) sc. mjjwtsusl, 
vgl. V. 639. 

622. )mne, wol mirce 'schwarze', vgl. stvearfe v. 597 und 623. 
Vgl. V. 881, wo statt minne ebenfalls mirce zu lesen ist. Auch 
die Aetliiopier heissen ealmyrce. Endlich vergleiche man Andr. 
1315 und Ps. 120, 6 {minne 1. mirce?). 

643. Die einfachste besserung ist wcergnysse. 

656. dugtiö &• drohtad i. e. ärohtaÖ on wuldre. Weder 
Grein noch Gollancz stimme ich bei. 

664. oferm(ec,^a muss bis auf weiteres stehen bleiben, 
aber die Vermutung drängt sich auf, dass ofermmsne das ur- 
sprüngliche ist. Wenigstens vermisst man hier ungern eine 
adverbiale bestimmung bei sprcee, als gegenstück von dceshluttre 
bei scdn. 

683. 1. fore cefestum metri causa. 

706. Ich lese monigra mckgirliia mcagliim reordum freo- 
fugla tüddor, dahinter komma. Es muss ein fehler vorliegen ; 
die erklärung Hiere von mancherlei aussehen' ist gewis falsch: 
es sind hier nur vögel (vgl. auch v. 888) gemeint und der copist 
hat den nom. eingesetzt um ein subject zu bletsadon zu schaffen. 

708. (kte. Man muss Bugge recht geben, wenn er aus an. dt 
(Beitr. 12, 108) auf das sächliche geschlecht des ags. Wortes 
schliesst. Für das männliche kenne ich keinen beleg, und das 
fem. ninnnt man nur hier und Dan. 506 an. Vgl. aber Ps. 103, 25 
liefe sjfddan him bismere brdde healdan, wo die nämliche con- 
struction von healdan vorliegt, so dass nichts uns nötigt an 
unsrer stelle einen andern casus als den instrumental sg. an- 
zunehmen. 

713. tu ivddrum (so zu lesen), also mit Inbegriff der vögel, 
welche Dan. 513 den andern tieren entgegengesetzt sind. 

716. ^ear, das neue jähr, also den frühling. 

781a. Vgl. Beow.1758. 

791. Hier fängt Guplac II an. Warum keine neue ab- 
teilung? Man vgl. besonders v. 706 und 888 ff. Die beiden 
stücke behandeln die leiden, wunder und taten des heiligen G., 
hier wird aber der tod ausfühilich geschildert. 

807. (eldd ist hier ^= ^Ido, gen. sg. von eld "senectus"; 



ANGLOS AXONICA. 119 

llldc fid 'senectus" liest man Ps. 70. 8. \\'as sicli (iieiii und 
(Tollancz in ihren Übersetzungen bei dieser stelle gedacht haben, 
ist nur nicht recht deutlich. 

808. fcerestan ist jedenfalls als spätere ws. form der be- 
achtung- wert. Durch das anfgeben der cursiven buchstaben, 
welche bei Wülkei- die abAveichungen von der handschriftlichen 
lesung getreu angeben, erschwert Assmann die lectiire dem 
kritischen leser. 

824. üd^enge. Das nämliche wort, aber verstümmelt, 
Blickl. hom. 185, 14. 

832. synwrcece fasse ich auf als shiwrcece 'ewige strafe'. 
Ich construiere: sodscylcl^e ma^^d A' mcec^as sceoldon sipjmn 
purh gce.stscddl on^ijldun (leiden) gyrn pcere symvrcecc morjyres 
(den schmerz der fortwährenden strafe für ihre sünde); deoiwa 
fircna = morJ)res. 

845. J)(er Jii, oi? Yg\. pcer Rä. 5, 9: se — pcer, is qiii; auch 
Gen. 2837? aber das bezweifle ich doch, weil ^cer sonst 
nur nach sc pe {sc pe ])a'i\ oc,: vgl. Cnra i)ast. 75, 13. 425,22), 
nach Jxer {pcer Jjcer, Juer par 'ubi" C. past. 220,24. Boeth.-Fox 
56,11. .Elfr. Hom, 1, 86, 21 u.s.w., wie pdpd 'qunm') und sivä 
{sivä der Ps. 36, 19) stellt. Also lese ich v. 845 pe hi. 

859. of sidivegum (nicht mit ö\) auch El. 282. 

895. Note. Grein hat in seinem glossar die 'Vermutung' 
furdum zurückgenommen. 

923. pä se lelmiht^a Ict his hond cutiian u.s.w. \gl. die 
ags. prosa XX: he söna on^eat pcer him tvces godes hand to 
sended (s. 78). 

944. AVenn nur fylUui die bedeutung des afries. fella hätte! 
Nach sceolde kein komma, wol nach cyme v. 945. 

998. "Weder Ettmüllers 'ossium morbus' noch 'erysipelas' 
sind hier am platz. 

1007. pces ist hier Zeitbestimmung und sivice sdivlgeddUs 
bedeutet hier das ausbleiben des todes; also nach sivice kein 
konuna. Vgl. Öces ymh h'ftcl fwc, dies oii merken, f'ul rade 
dies etc. 

1011. cm pisse . . . dces seripende ist instrumental, s. iSievers' 
Gr.2 § 2;'.7 anm.2. § 305 und § 338 anm.3. 

1015. siiii,sra\ vgl. Ph(tenix 024. (Vä. 2 und für die bedeu- 
tung alid. ii(C(indli/( 'jucundis, dulcis' (iraff 1,608. Der acc. 



120 COSIJN 

bei folgian ist selten; ist Umher der lautgesetzliche dativ (statt 
Icmher)'^ 

1030. \.ivce{n)säropan nach Jileordropan y. 1315? aber 1314 
stellt tea^or ydum weol. 

1045. sceolon 'die tenfeP, durch fdcnes frnmhearn v. 1044 
vertreten, wie sonstwo. 

1061. Auch fast wörtlich in Andr. 294 efne fö ]mm lande 
Jjcer J)e liist myned tö ^esecanne. Ein drittes beispiel von nnjnian, 
goi. ifiunan, -aida (also Sie versjo-, o«-klasse) in den Engl. stud. 
18, 332, 7 menige in kentischer form. Das von Grein angesetzte 
^emynian existiert nicht, weil die drei im Gloss. 1, 433 an- 
geführten beispiele conjunctive von semunan sind. 

1070. nihtrim, d. h. höchstens feoiver nilit (v. 1107) der 
vorher v. 1008 und später 1114 genannten scofon niht. Also 
bedeutet sicdmode nicht 'grew dark". sondern "wälzte sich": 
vgl. mhd. siveimen 'sich schwingen', and. stveimen 'schweben', 
an. sveima 'to soar'. Das compositum äsirdmian 'weichen, 
schwinden' nur in der as. Genesis; äsivcenmn (et — , fram — 
'weichen von, fortgehen' (abgewiesen werden) Blickl.hom.41,34. 
Wulf stau 185,8 und 258,2; und Saints 17, 203 se sccocca sceall 
äsivceman cet us. Endlich äsicwtnau = ponan htveorfan unten 
V. 1326. Man hat das wort mis verstanden. 

1075. onwald, weder 'potens' (Grein) noch 'omni])oteut' 
(Gollancz), sondern 'princeps' wie Or. 254, 22 (C anwcaU(a) und 
284, 20. 

1121. univmne von umvene (nicht tiniven) 'hoffnungslos, 
dem tode rettungslos nahe'. Vgl. Saints 6, 103 cft hc ^chceldc 
on öörc stowe dnre ivydeivaii stmu ])e umvene öd ke^. Die 
volle form umvene his lifes .Elfr. Hom. 2, 514. Also umvene 
^= (feores) orwena. 

1125. Vgl. Beitr. 21, 13 zu v. 848. 

1127. Vgl. Wulf stau 214, 13 mid dcofles strceliim Ciiveccen, 
wie 225, 5. Weiter unten v. 1260. 

1153. on lon^ne tveg, vgl. up mine langlie vaert Reinaert 
1, 2205 und on longne siÖ Phoenix 555. 

1168. in penstercofan. Ebenso El. 833; also nicht ^ on 
])d ])rüh der prosa, sondern = in sondhofe "im grabe'. Aehn- 
lich heolstorcofa Phoenix 49. 

1214. On ]jone cefteran verbinde man nicht, wie (jrein, 



ANGLOSAXONICA, 121 

mit dnsdd, weil seid neutriim ist. Auch (jollaiicz übersetzt 
Hills second hermitag-e', aber davon ist nichts bekannt. Die 
prosa s. 86 beweist dass das alles falsch ist: Jan (pftcran ^c<ire 
])e ic J)is Westen eardode: also gehören on J)one cefteran und 
seargemearces zusammen: man erinnere sich dass ^t'a/- auch 
männlich ist. 

1305. ofer hur^scdo, bei der Seereise! und das gcldwstcd 
V. 1307! curios! 

1313. kirn, dativ bei ^cmonian wie C. ])ast. 370. 1 1. Aber 
an beiden stellen sind wol Schreibfehler anzunehmen. 

1320b. Vgl. Crist 623. Beow. 1424. Auch v. 1323a und 
1333 erinnern an den Reowulf. 

Phoenix. 

4. nis niongum "ist nicht manchem' (Grein). Unrichtig: 
litotes für "ist keinem". Die herrliche gegend denkt sich der 
dichter mit anschluss an Lactantius v. 15 — 20 bewohnt, vgl. 
^■. 1 1 i'ad^um und v. 50 — 60. 

25. Tgl. Beitr. 10, 502. Aber 6 (oo) gibt keinen genügenden 
sinn: ower ist hier das passende Avort; vielleicht bedeutet Jdeo- 
)i(id hier 'senkt sich'. 

47. hideä, wie seomad v. 19. Vgl. Altsächs. Gen. 323. 

62. hjfte ^ehi/ssad i. e. uinde ^efijscd. Lyft 'wind" auch 
Crist 991 imd Rä. 11, 9. 

72. nu — 6, 1. ne — o. 

77. ofett 1. ofete (vorlag-e: ofeti). Falsch Grein, Gloss. 1, 412. 
Das kduima imch gehladene ist zu streichen. 

103. ofer suhle s<B, nach der altgermanischeii Vorstellung 
(Vgl. auch V. 115), aber hier der läge des berglandes nicht ent- 
sprechend. \'gl. besonders Sievers, Anglia 1, 578 und El. 972. 

121. se hasiva fi(scl, v. 153 Jidsnu^feJru] das ist der 
Phoenix aber nur, wenn er widergeboren ist, in seiner erneuten 
Jugend. Erwachsen ist er bunt genug (v. 291 — 313) und wird 
mit einem pfau verglichen; bei Lactantius v. 74 heisst er ^nir- 
2)11 n- US. 

136. Tilge (bis komma hinter dt^m genitiv (/rsanan. Uebri- 
gens ist Assmanns al)tt'ilung besser als die \o]\ mir Hcili. 21. 25 
übernommene. 

148. hisensa isl n-loser dativ. 



122 cosiJN 

151. püsende, 1. piisend nach dem niüle annos von Lac- 
tantius y. 59. Vgl. weiter unten v. 364. 

170. Die 'lieklen' sind hier die vögel, denen der Phoenix 
entfloli. 

179. hitres wiht, aber bei Lactantius ganz verständlich 
nocens animal. Scyldum v. 180 kann nur auf ein icütt als 
lebendiges 'wesen' sich beziehen. p]s niuss ein Verderbnis 
vorliegen: ndn bitter tviht klingt aber zu fremdartig. 

191. ])urh sßwittes ivylm 'durch witzes wallen' (Grein), 
also durch feurigen instinct? Bright bringt auch nichts be- 
friedigendes. Das steht aber fest, dass tqihu hier im eigent- 
lichen sinne 'brand' bedeuten muss, denn nur durch Verbren- 
nung erneut sich der Phoenix (bildlich se ivielm dws mödes 
C. past. 1G8, 24). Also 'brand. durch seine Vernunft, d.h. ver- 
nünftig, klug gestiftet'? 

233. Man erwartet wscs gen. sg. zu scylle. Ein alter gen. 
(Eueres A\'äre hier hochinteressant; vgl. lomher Guld. 1015. Alcede 
ist hier intransitiv wie v. 251 (178). 

240. hrmd = flcesc v. 259. 

258. edniive möchte ich als instrum. auf flcksce beziehen. 

266. feprum deal, v. 86 fejyrum stron^, v. 847 feprum stiel. 
Deal ist aber synonym mit wlonc oder mödi^ und wol ein nur 
halb verstandenes erbstück der agerm. poesie. Eine bedeutung 
'schön, passend' taugt hier nicht: weder das dalidim des steines 
von Tune noch nüid. y et eile beweisen etwas für die bedeutung 
des ags. wortes. 

284. In gottes namen komma hinter fbrjnjlmdel denn ascau 
tö eacan gehört zu hdn gehrinj;e(}, vgl. v. 271. Nur ausnahms- 
weise, wo es unerlässlich ist, führe ich interpunctionsfehler an. 
Auch Grein verstand unsre stelle nicht. 

301. gebyrd i. e. gf^'cynde; v. 360 in sexueller bedeutung. 

302. stdne 'hj^acintho', das auch in der C. past. nicht über- 
setzt ist. 

304. biseted "eingesetzt'; der eine waffe zierende stein 
erscheint als Imnden, searobunden (Rä. 21, 3 sivylce beorld seomad 
ivir ynd) pone ircels'nii pc nie ircddcnd ^^eaf). 

306. bre,sden als hra\sdcn \)Avt. perf. ])ass. von Inendem ist 
unglaublich. Lies tn-o^sdcn: der copist Hess sich durch s/rylrc 
täuschen und setzte einen conj. praes. ein. 



ANGI;OSAXONirA. 123 

322. siva i. e. öviiu f</ra, poiinc; vgl. v. Ü und Or. 116,27 
In- . . . pdm tivdm dmlum hchaid. ,s7va hie fcohtmi un^nnncn, 
J)wf hie u'id his fluten. 

330. ofer nach dem conipaiativ auch Or. 34, 1 ^U'aivra ofer 
hi ealle; C. past. 75, 3 J)a's hisrcj)es iveorc sceolon hion ofer 
Odra monna iveorc sua miclc heteran siia etc. 

331. Tiies doch ou ^tvr>v7»>» und vgl. Lactantius v. 151. 
Auch V. 125? Feher ond i. e. on hat Sweet (C. past. s. 486 zu 
277. 15) gehandelt. 

343. icildnc vgl. 201. 466 und 520: er ist ein dnlni^a 
(v. 87, 346). 

364. nrnen 1. äurncn. 

373. ed,seon,s icese]}\ \^\. cd^con,s wcsan \A^?>h. Ich kenne 
bloss wcsaj) "erunf Blickl. hom. 153. 11. 

300b. Vgl. 450b, Avas wol auf die anfechtung des teufeis 
deutet. 

512. 1. hi/)\s('inui>}i mit Beitr. 10.462. 

581. pcer, zu allgemein gefasst. Lies ]>dr hiw. 

613. Vgl. Rä. 44,'3. 

624. ^eongra ■;yfena] s. oben zu (^ujd. 1015. 

647. Eine andere deutung gibt .Elfric in seiner Gr. 70, 12 

(Xa]der). 

Julia na. 

27. fyrini •Ungeduld", vgl. v. 40. 

33. injrd 'wie sich die sache verhielt", 'factunr: nicht 
•geschick". 

44. ckhte 1. dhtr. 

00. ijn'JmrorJt ist eine vox niliili: Jt/rcorh bildet keine coni- 
püsita als zweites glied, und t/rc kann unniügli<:h i/rrc sein, 
weil dies unmittelbar folgt. Bcpe zu vermuten liegt nahe, aber 
erklärt die handschriftliche lesart nicht: ein zweiter hauptstab 
W(d mit vocalischem anlaut wird gefordert. 

01. 1. ^loidmode; denn wer yrre gebol;;en ist. kann nicht 
^:hedmod heissen. 

104. f'ce ('adlufüH wird mit moderner Sentimentalität durch 
•ewigdauernde liebe", 'lasting luve' erklärt. Aber der vater 
sucht nui' einen steiiiicichen. vninehmen eiihiiii: er (h-iikt nur 
an (las "liebe geld". 

126. Jtlii^rctdcn jitii^^u/is ( P>e(lii- .MiUer 17(', 23j bvn, 



124 cosijN 

welche man mittelst einer andern person an jemand richtet. 
Grein erklärt es frei, aber sinng-emäss mit 'brautwerbung-'. 

133. bi me Ufyendre; vgl. Schmid. flesetze he lifimdre pSre 
bei lebzeiten derselben' ^thered 6, 5 § 1. Tilge das komma 
hinter lif^endre. 

160. in (Bringe, die lat. vita hat düiicido. Vgl. Mc. 1, 35 
on (Bring, Eushw. on (Bringe 'dihiculo'. 

190. Der lateinische text lautet (^ccc principium qunestlonis. 

202. dohvülen, eig. ein adjectiv wie druncenwülen 'ebriosus' 
C. past. 401, 29, hier aber substantiviertes neutrum. 

204. 1. on J)<J ])d grimmestan etc. 

255. 1. sigortifr, denn onsecgan ist transitiv. 

302. 1. nedde und hiswdc, wie im vor. A'erse mit Sievers drys. 

309. on Manne heam i. e. on gcdgan (v. 310); vgl. Schicks. 
V. 16—22. 

313. Bessere das nichtswürdige asmgan in äsccgan, wie 
in der note angegeben ist. 

352. Lies mit Sievers ea(Jfe nuBg (vgl. z. b. Rä. 56, 7) und 
natürlich v. 353 gecyöan. 

358. Glaubt Assmann wirklich an die existenz xowgeponcs? 

467. ])% 1. pe, das relativum, womit es Grein auch übersetzt. 

474. Ich übersetze 'so dass sich (dort) ihre letzte spur 
zeigte', denn der hryne vernichtete sie. Gesyne ivoes oder ivcarp 
steht absolut, wie Beowulf 2947 und 1403. Anders Grein. 

479. Bessere mit Frucht (s. nachtrage und vgl. Eä. 34, 1) 
Oßf'ter tv(Bge = cefter tvdsum. 

482. Vgl. Heleand 4155 drorag sterhan. 

492. peak k. Unsinn; 1. pe ic. Die vorläge hatte vielleicht 
Pe ih (= pe ic), was zur Schreibung und einf ügung von ic ver- 
anlasste. 

505. Hinter sivu (v. 504) komma, denn niircast mdniveorcii 
ist in dieser rührenden teiüelsbeichte apposition. 

521. 7}mi. Nur drei beispiele (hivon in Greins (ilossar 
2,252! iltfm'? 

560. Dass Holthausens aufsatz IF. 4, 385 in diesem bände 
nicht erwälmt wird, begreift sich leicht. Fr substituiert ircorc, 
metrisch vortrefflich. Belegt ist nur nach hdiiÄ von einsilbigen 
Worten bloss ward, und das passt hier recht gut, weil es sich 
auf Julianas predigt bezieht. 



AN(JI.0SAXONK"A. 12-^ 

')10. Jic'r, \'.l;1. Crist \'-'A'\ (»bcii iiihl l-",l. !'7".' iiih! äiidfrc 
nic'lits! Vgl. meine Aaiiteekeniiif^vii dp den licnwulf v. ;!2. 
Also meahie mit ;uisnifuii<iszeiclieu. 

678. XXX. In dt^r note: Ettm. 7^^"'Y^/"ir. Merkwiiidif^t' Va- 
riante! Vgl. Kä. 2;i. 1 'LX, VAXm. sixtis'\ 23,4 ^IIII. Kttm. 
ftoicir' n.s. w. 

Bi iiionna era'fliiiii. 

7. 1. onfoan (Beitr. 10. 476). ^^as tiir das altei" unseres 
gedichtes nicht indifferent ist. Man vergleiche weiter die 
übereinstimnmngen mit dem Crist : ( ". (MVo scow, Crä. tosdutMJ 110; 
C. Sänger imd redner 667. Crä. 35b, 36 und 41—43; ('. hartner 
668. C'rä. 49; ('. schriftkenner 670. Crä. 94; C. Schreiber 672. 
l'rä. 95b. 96; (\ kriegsmann ()74. (Yä. 39a. 40; C. schiffer 676. 
Crä. 53b — 58; ('. gymnast 678. Crä. 82 — 84a; C. Waffenschmied 
679. Crä. 61 — i)(S. Bloss der astronom Crist 671 und geograph 
Crist 680b fehlen hier. Endlich vergleiche man Crist 684 Jif/ 
Id-s Itini .sielp scc])J)c mit Crä. 24 /;// Ices he for tvlnicc u.s.w. 

18. c/y, ebenso C.past. 87, 11. 

29. leopocneftas. Aber das erste beisjtiel dritte ist unglück- 
lich gewählt, sonst sind die gliedermässig verteilten fähigkeiten 
und künste ziemlich geschickt angefühlt. 

61. 1. näpenprcecc -^ ivise tö ni/ttc. 

65. Tilge das komma hinter rond und lies v. 66 ^efcÄcd. 

Bi inaniia luode. 

10. 1. sc jic li/ne ne Iceted. 

25. 1. uHÄeniete, adv. 

28. bod, aber Liber scint. (Rhodes) 152, 2 se pe hyne hoguö 
*qui se jactat', wahrscheinlich eine falsche form aus hogian 
(äI'^j) gebildet. Das wort ist auch nelfredisch, aber corrupt 
überliefert: Boetli. 66, 29 (Cardale 102) for])dm he hine swa or- 
.st'lli'rr upiÜKJf d'- höde (Cod. bodode) öies Jnet he uöwita ivcere. 

■\x. ftäfe; vgl. Zs. fda. 31, 21 /We^e fedus (obscenus, tui pis). 

55. 1. neds/Jnon; vgl. nedfaru OVJV. 

63. beryfan, wol berffpftn, ^(>X.hii-ui(})jan, Saints3,444'spoliare'. 

Hl iiianna wyrdiiin. 

7. fciÄüJ in dci' bedeutung nou /^r/7< J befiemdet ; fn'o^siuT^ 
43. Man la.s.se jedenfalls as. üpenylan aus dem spiele; äptccim 



126 cosiJN 

ist mög-licli imd\])ccean 'consumere'. s. y.47. Beow. 3015. Plioeiiix 
216 und 365. 

55. dryhthealo nach folc-, ])eodhealo? 

56. sylfcu'ola im sinne von selfhona ßioihavaroQ ersclieint 
in Log-enians New Aldhelni glosses, Anglia 18, 33 no. 142. Hier 
begegnet ein sijlfctcalu 'selbsmord'; für nemnan tö s.Boeth. 120.21 
und Ps. 67, 4. 

63. Nach AeZ/ertZJaw ausrufungszeichen. 

73. soldsimj) ist an. fjullsmid 'goldschmiedkunst'. Bedeutet 
liier Äeanvad 'beschenkt' (s. Grein, Gloss. unter ^e^^earwian), 
so lese man sunt: sunmm ist dann wol durch sunie böceras 
beeinflusst. 

90. dcedum sc. liis frean'^ 

93b. 1. iveoroda nervend und vgl. folca ne)\send Crist 420. 

Wunder der scliöpfiiiig. 

69. \. ou hra{h)J)e? onheapo 'in mare' (Beitr. 21, 10) taugt 
hier, auch aus metrischen gründen, nicht und on lieape ist 
sinnlos. 

77. spcd 'power' Blickl. hom. 179, 9. 

Walfisch. 

— Vgl. Zs. fda. 9, 422 a halenam, ran, diaholum. 
8. hreofum stdne, aber steine, sind weder schorfig noch 
lepros. Lies hreowum. 

10. sceryric wird mit alid. rörahi 'arundinetum' verglichen. 
Aber ein ags. rcor = got. raus existiert nicht, und von rcor 
kann eine coUectivbildung auf -ic (vgl. nl. esterik von estere 
'stoppen'; wenigstens nach Verdam, Tijdschr. 16, 8) nur rcoric 
lauten. Dass au^ö zu eare ward, nicht zu core, liegt an der 
Silbenteilung ca-re. Man erwartet hier eher eine bildung von 
scewdr: die walfischbarten haben damit einige ähnlichkeit. 

22. celed, und dann celeä, worauf Juded folgt, erregt den 
verdacht, dass das zweite celc(} aus ivcalleö verdorben ist. Das 
ist, wie ich hoffe, kein majestätsverbrechen gegen die unver- 
letzbiire doppelte alliteration. 

28. mid pä nöJMöJje 'mit der wagehalsigen schar'? Gewis 
eine wagehalsige conjectur! 

39. jeJnvylc, nein hwylc 'einer', nicht 'jeder'! 



ANGLOSAXONICA. 127 

40. (>)/ ]i/s lir/)i,sr. AlxT der waltiscli ist ficradc dein mit 
einem sioinan hrins«' gezierten Phoenix ento'egeng-esetzt: 1. (»i 
Ins liric^c: sie setzen sicli anf seinen rücken. 

lli (loines du'ixe. 

114. JMn intere.ssantes oticncötot ersclieint Anglia 2. ;?73 
(vitn A\'ii]ker citiert): omnis innocans cnpit muliri, elipicndni 
^ehuifJr ((•()](}(■ /)(i;f lii)i/ man onaccedc. 

Höllenfalirf. 

1. Jli»! ist felilei'haft; es sullte Jrir sein, weil \krwan 
transitiv ist. Vielleicht aber rührt es wirklich vom dichter 
her. der bei glerurm tö ^on^c an ^on,s(in dachte: denn on^itnnon 
him son^an ist correct. 

2. Cremers nnd 'i'rautmans dentnng- ist gekünstelt (s. Anglia 
19, 15V>); das siibject von icisfon nuiss a'])eJcunde ?;we<s J sein (vgl. 
auch V. 16 a). Nach ^iiniena ^emöt ist wol ein ganzer vers aus- 
gefallen — oder Äoiiof ist verdorben. 

0. Kichtig bessert man reonge; vgl. auch El. 1088. wo es 
mit ri'otdii verbunden ist. Acölad andre man nicht in das 
sinnlose ^eddad: die lagerstätte 'das bett' des toten war dcohid 
wie das llc selbst (Seel. 125). 

17. HC bedeutet in nicht -westsächsischen stücken auch 
'denn'. Vg:l. Rä. 6, 7 u. s.w. Passim im Beowulf. 

22. mwÄcnJjrynnne? doch vgl. 74b. 

35. forhy^an 'niederwerfen', denn hysan ist hier das cau- 
sativ von hu^an 'fallen'. 

»51. So g-eraten metrisch falsche ergänzungen in den text. 
Vgl. weiter Anglia 19, 163 und IF. 4, 384. 

69. 1. dre ^ehjfad, vgl. v. 114 und Beowulf 1272. 

71. cnd. Wer an end g-laubt, kann darüber auch Scherer, 
ZGdDS.105 (erste ausgäbe) nachlesen: seine berufung auf Otfrid 
5,8,55 taujgt nicht, weil dort onti 'lebensende' bedeutet. 

105. nalcs. Die ergänzung ist falsch; Sievers, der auch 
v. 78 .snottor gebessert hat, warnte uns davor. Lies, ohne er- 
gänzung. wddcs i.e. noldes statt mdes, denn nur ein A-tyjius 
ist hier brauchbar. 

106. mosfan, 1. nc »lostait und v. 115 iptdtfotin und trenne 
V. 124 iiitdi und stondnö. 



128 cosiJN 

135. gä Johannis d. li. 'du und ieli, Johannes'. Warum 
darf der Sprecher sicli selbst nicht nennen? 

Rsitsel. 

11,10. höhne, nein helme:. heim heisst die 'corona' eines 
baumes. 

n, 11. 1. ivrecen. 

IIL 4. 1. famose Kcalcan. Also doch wider ein beispiel dieses 
seltsamen Wortes; vgl. Beitr. 21, 19 zu Andr. 1524. Für fdmis 
vgl. Rä. 4, 19. 

lY, 5. Vielleicht hdiste {on enge) = Jmrh hcest Rä. 16, 28. 
Wenn wir einen alemannischen text vor uns hätten, würde heorö 
einen trefflichen sinn geben; lies aber jetzt heard. 

IV, 41. sceo 1. sceor und vgl. Andr. 512. 

IV, 62 a. Vgl. Panther 7? 

IX, 8. 1. sittad suigende. 

IX, 9. Der sceaivend ist der sceawere 'scurra' Wr.-Wü. 519, 3; 
die sciercnige ist in sciernicge zu ändern: scericge 'mima' Shrine 
140, scearecge hje. 

X, 4. Nicht nur die interpunction, sondern auch die rich- 
tige t rennung der worte ändert oft den sinn. Man lese tvel 
hold megc iveduni ]>eccan; der vogel welcher den kukuk ver- 
sorgt, ist dessen mege, denn beide gehören zum fugolcynne: 
nur ihm gesibh ist er nicht (v. 8), weil er eben kein kukuk 
ist. Vgl. dnre mugan Rä. 44, 14. 

X, 6. 1. sue drlice (cod. snearlice). 

X, 10. Hs. ividdor, im text ividor, aber Rä. 61, 17 hs. und 
text beide ividdor. Ebenso bleiben bisweilen nach der laune 
des herausgebers anglische e ungeändert, dann wider liest man 
ein de im texte, während die fussnote das ursprüngliche 6 ent- 
hält. Varietas delectat. 

XII, 6. mödc hestolene, vgl. Gen. 1579 ferhöe forstolen. 

XII, 9. hringeö 1. lirmgeö. llorda deorast ist die sonne. 

XIII, 11. deorcum nihtuni, opp. fcegre. Vgl. fegre 'diluculo' 
Luc. 24, 1 Rushw. 

XIV, 1. ecdra 'im ganzen'; die i-aufe hat also 6 + 4 füsse. 
XIV, 6. 1. 7ie siö jnj sdrra. 

XVI, 4. 1. her sivylce suge. 

XVL 11. h'im, -Axd geosndenösle bezogen? Sonst wäre die 



ANGLOSAXONICA. 129 

flucht des dachses ganz iiuniotiviert: erst später fühlt er sich 
sicher. 

XVI, 15. Entweder liine hreost henid — oder etwas anderes; 
keinesfalls was der text bietet. 

XVl, 24. Die in den text g-esetzte besserung sif se ist 
vortrefflich und ,sifre metrisch falsch. Der alte Thorpe hatte 
bisweilen vortreffliche gedanken. Hinter seceß v. 25 komma. 

XVIII, 11. Zwischen men und ^emunan fehlt ein wort, 
z. b. off oder ]xe(. 

XX, 5. )d(l ist der runenname, der mit de und ^/fu den 
gar bezeichnet. 

XX, 6. eh und u-i/un kfinnen, wenn ein B-tj^pus vorliegt, 
stehen bleiben: die alliteration lulit dann, wie mehrfach in 
den rätseln, auf der zweiten hebung. Aber besser scheint mir 
die Umstellung in ivynneh, weil damit (h\s ross bezeichnet wird, 
der ivkUust fcrede etc. 

XXII. 3. hdr holtes fcond, eine vortreffliche kenning für 
das eisen, das in der form eines heiles den bäum anfeindet; 
hier bezeichnet sie das pflugeisen. 

XXII, 4. Weder Sievers' on ivöh, noch seine besserungen 
24.9 dror: 29.12 hycson; 40,22 secscin u.s. w. finden wir auf- 
genommen; überhaupt sind keine seiner grammatischen und 
metrischen entdeckungen benutzt. Auch ein System! 

XXII, 5. Natürlich ]nXh)e^ wie 13, 8 und hjhed (teheiS) 35, 4. 
63, 6, wie 7je(o)/<e 45^ 1. 

XXII, 15. hindeweardrc. Genau nimmt der dichter das 
geschlecht des zu ratenden gegenständes (hier Öcßve sylh) in 
acht. Abweichungen sind verdächtig; lies darum 24, 7 Zewöm; 
25, 7 bezieht sich aber glado nicht direct auf den higoran, 
sondern auf tviht von 'S'. 1. 

XXV, 9. Vor oder nach hcegl d- is fehlt ein stab; vgl. auch 
Runenverse 20,5 a und 65,2 a. wo d- einzufügen ist. 

XXX, 5. Walde scheint im ags. nicht zu existieren: wir 
finden es hier in wolde 'gebessert'! Auch 49.1 und 50,11 wie 
51.4 wird f'er in for geändert! 

XXXII, 4, 1. nöhwcedre statt no; vgl. v. 8. 

XXXIV. 7. ]\[an erwartet onbond nach Beow. 501. 

XXXV1I.9. 1. foldaesa.s. 

XL1I1.7. bre -buchstaben', wie Dan. 735 (Beitr. 20, 115)? 

Huitiutji.- zur yeHcliicIite der deutaulieu apraclie. XXlil. 9 



130 COSIJN. ANGr.dSAXONICA. 

Aber der sclireiber selirieb den text seiner rätsei gewis nicht 
in rnnen, nur die zu erratenden Avörter. 

XLIV, 4. 1. yldo ne ddl ,x:if Mm drlicc und v. 5 emc Jx'nai) 
sc ])€ he d^an sceal Die eingeschalteten halbverse tilge man. 
Se ])€ = ])one ])e. 

LH. 4. 1. //rV),s' i. e. flea^ an lyfte, wie "Rä. 74. 3 lehrt. Yoi' 
^(■o,s Semikolon. 

LIII, 6. Die Wealas heissen stvearte, wie die Wale 13.8 
tvonfeax. Lies also hier u'onf{e)ahs. 

LYI. 15. 1. onmede 'sich vermesse'. Vgl. onn/cdltt und 
geamnettan im Orosius. 

LVIII. 3. röwe statt röfe? Vgl. C. past. 71. 10. 

LX, 14. 1. un^efidlodrd, gen. plur. 

LXXIV, 5. 1. ferd r.ivieu; vgl. feorh nciro ll.() und 14.3; 
endlich Crist 1320 forä -^^ ferd. 

LEIDEN, 12. juli 1897. P. J. OOSLJN. 



DIE DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMM- 
SILBENVOCALE IN DEN VOLKSMUNDARTEN 
DES 11()(11DEUTS(^HEN SPRACHGEMETS AUF 
GRUND DER VORHANDENEN DIALEKT- 
LITERATUR. 

Einleitung. 

Die untersucliungen über die frage nach der entsteliung- 
und den grundlagen der nlid. scliriftspraclie erstrecken sicli 
natürlicher weise auch auf die in ihr geltenden quantitäts- 
vei'liältnisse der stamuisilbenvocale. Eine der wichtigsten 
hierlier gehörigen fragen ist nun die, festzustellen, auf welcher 
mundart oder welchen niundarten die quantitäten des nhd. 
beruhen. Ausser der grundlegenden arbeit Pauls, Yocaldehnung 
und vocalkürzung 9, 101 ff. befasst sich K. v. Bahder mit dem 
einen teile dieser frage: der erhaltung der vocalkürzen in 
seinen Grundlagen des nhd. lautsystems, Strassburg 1890, 85 ff. 
Die frage ist aber erst dann vollständig zu lösen, wenn wir 
uns über die quantitätsverhältnisse der hochdeutschen dialekte 
ausreichend zu unterrichten vermögen. Bis jetzt hat es jedoch 
an einer zusammenfassenden darstellung gefehlt; nur für ein- 
zelne grössere gebiete haben wir die notwendigen, nachweise, 
am vollständigsten für das schwäbische in H. Fischers Geo- 
graphie der Schwab, ma., l'übingen 1895. Einige zusammen- 
fassende bemerkungen gibt Behaghel in seiner Gesch. d. d. spr. 
§ 22 (Pauls Grundr. 1. 558). 

Meine arbeit will nun versuchen, das material in dieser 
hinsieht aus der vorliegenden dialektliteratur zu sammeln, und 
zwar soll ausschliesslich festgestellt werden, in welchem um- 
fange die mild, kurzen stammsilbenvocale in den einzelnen 
dialekten gedehnt worden sind. Dies unternehmen scheint auf 



132 RITZE KT 

den ersten blick nicht allzn scliwierig. und wäre es auch uicht. 
wenn unsere dialektliteratur in dieser beziehung- ausgiebiger 
wäre. Jedocli lassen uns die meisten dialektai'beiten hier im 
Stiche; nur wenige, darunter einige schweizerische, geben in 
zusammenfassenden gesetzen vollständigen aufscliluss. Dazu 
kommt, dass erst die neueren, nach Pauls aufsatz erschienenen 
arbeiten mehr unsei- thenia berücksichtigen; abei- auch von 
diesen stellen nur w'enige die dehnungserscheinungen zusammen- 
hängend dar (vgl. die recensionen im TJt.-bl., im Anz. fda. etc.). 
So ist mir nichts anderes übrig geblieben, als zunächst selbst 
die dehnungsgesetze für die untermundarten — soweit sie lite- 
rarisch behandelt sind — zu construieren. Zieht man aber 
einerseits die mangelhafte phonetische Schreibweise, besonders 
älterer erscheinungen, und andererseits die vielfach spärliche 
und gleichgiltige auswahl der beispiele in betracht, so ist gewis 
ersichtlich, dass das vordringen zu einigernmssen reinlichen 
resultaten nicht immer einfach Avar. Ich kann indessen die 
Versicherung geben, dass ich alles was sich mir auch hinsicht- 
lich meines themas geboten hat, gewissenhaft geprüft habe. 
^Ian(;hes, z. t. solches das ich erst auf umwegen erhalten hatte, 
nmsste ich ohne gewinn wider aus der band legen: für man- 
chen dialekt wäre es mir liebei- gewesen, wenn die (juellen 
reichlicher geflossen wären. 

Wie sich aus den unten mitgeteilten quellen ergibt, habe 
ich auch dialektwr)rterbücher und -dichtungen benützt, aller- 
dings nur solche, deren Schreibweise zweifellosen aufscliluss 
geben konnte. Die zahl dieser ist freilich nicht gross: einige 
haben mir aber gute dienste getan. ]\ranchnial habe ich zu 
Firmenichs Germaniens Völkerstimmen gegriffen, und zA\'ar 
besonders dann, wenn ich über den einen oder anderen punkt 
einer dialektarbeit zweifei liegen musste. Grossen nutzen 
haben mir F. Wredes berichte über G. Wenkers Sprachatlas 
im Anz.fda.18ff. gewährt; icli habe sie treulich benützt, nament- 
lich zur bestimmung der geographischen ausbreitung mancher 
einzelheiten. 

Was speciell das rheinfi'änkische betrifft, so habe ich auch 
meine eigenen Sammlungen, die sich auf mehrere orte beziehen, 
verwertet; anders hätte ich manche erscheinung dieses dialekts 
nicht genügend erörtern können (ich verweise auf die erhaltung 



DEHNUNG DTAl MIID. KTKZEN STAMMSILBENVOCALE. 1?)0 

der kürze vor /. die dehniing vor y, n + dental), zumal ausser 
einer abliaudlung- über eine rlieinfr.-ostfi\ mischmundart nicht 
eine einzige iler hierher gelifirigen . übrigens wenigen litera- 
rischen erscheinungen diegesetze über vocaldelmung zusammen- 
hängend l)ehandelt. Letzteres gilt ancli vom niittelfränkischen. 
tlie arbeit von Rabies über die Birkent'eldei' ma. abgerechnet: 
doch sind hier die arbeiten an zalil reidier. 

Bei der grossen Verschiedenheit unserer dialektliteratur 
an innerem werte konnte es nicht ausbleiben, dass mir viele 
Unrichtigkeiten und schiefe anfstellungeu begegnet sind : w(dlte 
ich jede derselben beleuchten und richtig stellen, so würde 
meine arbeit zu sehi' iu die breite geraten. Ich beschränk*^ 
mich deshalb lediglich (hiraut. die tatsachen zusammenzustellen. 
Nur an wenigen stellen weiche ich hieivon ab. namentlich 
dann, wenn es neuere arbeiten betrit'i't. 

AVo ich dazu in den stand gesetzt bin. gebe ich für meine 
aufstelhmgen die selten- (manchmal auch, und das ist (hmn 
besonders bemerkt, die §-) zahl meiner quellen. Oft, sehr oft. 
ist dies unmöglich: wo mir die literatur nur beispiele bot, aus 
denen ich die gesetze zu abstrahieren hatte, musste ich von 
diesem \'erfahren abstehen. 

Für die gruppierung des Stoffes benütze ich die übliche 
teiliing nach den hauptdialekten des hoclid. Sprachgebiets; hin- 
sichtlich des thüringischen bin ich L. Hertel, des ostfränkischen, 
obersächsischen und schlesischen C. Franke gefolgt. Die ergeb- 
nisse rechtfertigen dies verfahren. Fs zeigt sich nämlich, dass, 
wenn auch für das ganze hochd. Sprachgebiet mit ausnähme 
des hochalenmnnischen das gesetz der dehnung der mlid. vocal- 
kürzen vor einfacher consonanz giltigkeit hat, bestimmte aus- 
imhnien vorkommen, deren ausbreitung mit der gewöhnlichen 
dialektbegreiizung zusammenfällt: ebenso ist ein zweites 
(Udmungsgesetz. die vocallängung in urs))rünglich einsilbigen 
Avörtei-n. auf ganz bestimmte dialekte beschränkt; fernei' zeigt 
die aller orten voi'kommende dehnung in folge c(msonantischer 
ein Wirkung ganz bestimmte dialektische färbungen. Auch ihinu 
wenn ich eine delmuugsei-scheinung nach der anderen als ganzes 
zur darstellnng bi'ingen w(dlte. bliebe mir nichts anderes übiig. 
als von dialekt zu dialekt zu waiuhMU. um die besou(b*ren 
charakteristica zu zeichnen. .Manche eischeinung spottet tVeilich 



134 RITZERT 

der dialektischen begTenzimg: dies betrifft aber nur dinge ge- 
ringeren umfang-s, einzellieiten. Freilich ist zu beachten, dass 
die dehnung- der mhd. kürzen eine verhältnismässig junge er- 
scheinung ist und es deshalb nicht ausbleiben kann, dass, 'da 
die ursprünglichen stammesgrenzen in den wenigsten fällen 
verkehrsgrenzen geblieben sind', an den grenzen benachbarter 
dialekte ein beständiger kämpf der vocalquantitäten herscht 
und die Vorposten des einen in die bezirke des andern dringen. 
C. Franke besonders weist in Bayerns maa. 1, 20 auf die tat- 
sache hin, Mass es übergangsmaa. gibt, die sich in annähernd 
ebenso vielen punkten zu dem einen wie zu dem anderen 
hauptdialekte stellen'. 

Dass die stadtmaa. wie in anderen dingen so auch in der 
behandlung der vocalquantität eine ausnähme von der reinen 
ma. machen, bedarf nur des hinweises. 

Ueberblicke ich das ganze mir zu geböte stehende material, 
so kann ich mich selbstredend der erkenntnis nicht verschliessen, 
dass es von allen selten her ergänzt und bereichert werden 
kann. Das ist bei allen diesen arbeiten der fall. Jedoch 
glaube ich, dass die ergebnisse im wesentlichen dieselben 
bleiben werden. Dass manche einzellieiten auf grund völlig 
ausreichenden materials genauer bestimmt werden können, 
liegt auf der band. Dieses kann aber erst dann geschehen, 
wenn die dialektarbeiten mehr als bisher ihr augenmerk auch 
auf den quantitativen lautwandel und nicht — wie bis jetzt 
so häufig — ausschliesslich oder doch fast ausschliesslich auf 
die qualitativen lautverhältnisse richten und wenn ferner beide 
reinlich getrennt behandelt werden, wie es in unseren besseren 
dialektarbeiten geschehen ist. 

Gerade auch in dieser beziehung dürfte es an der zeit 
gewesen sein, dass die vorliegende arbeit gemacht wurde. Sie 
könnte vielleicht manche Verfasser von dialektgrannnatiken 
veranlassen, diesem gebiete mehr aufmei-ksamkeit zu widmen, 
sei es zur berichtigung oder ergänzung des hier gebotenen. 

Dies ist auch deshalb notwendig, weil die ({uantitäten in 
den dialekten mehr und mehr dem schriftsprachliclien gebrauche 
zu weichen beginnen. Diese erscheinung wird häufig con- 
statiert. Anstatt vieler eitlere ich AA'olff, der in seinem Con- 
sonantismus s. 77 sagt: -aus liuudtMi (aiiälcn dringen sitradi 



DEHNUNG DER MIID. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 135 

eiiiflÜ8se in manclier gestalt auf unsere niaa. ein und langsam 
Iji'ck'kelt ein Stückchen von dem uralten bau nach dem andern 

ab Grosser erfolge haben sich natürlich die für das nlid, 

arbeitenden kräfte zu rühmen und ihre eroberung-en waclisen 
von jähr zu jähr. Seine besten bnndesg-enossen hat das hoch- 
deutsche von heute am katheder, an kanzel und presse.' Nament- 
lich wird durch die gTündlichere allgemeine Schulbildung- der 
phonetische sinn für kürze und läng-e der vocale g-estört; dazu 
kommen die antorität der städte, die gesteigerte Industrie, der 
regere liandel und verkehr, der bedeutende einfluss unseres 
niilitärs. Auch H. Fischer erkennt in seiner Geogr. d. schwäb. 
lua. vj 7 den einfluss der Schriftsprache an, will ihn aber 
nicht in princii)iellen dingen gelten lassen; er sei nur auf den 
Wortschatz beschränkt. Ich muss aber bekennen — und dies 
wird von vielen forschern bestätigt — , dass hinsichtlich der 
vocahiuantität die schriftsprachliche beeinflussnng doch weiter 
geht. Häufig finde ich angegeben, dass das jüngere geschlecht 
die mundartliche quantität nicht beachtet (beispiele uiiten). 
Auch aus der ma. meiner heimat (Bischofsheim an der Main- 
mündung) kann ich beispiele hiei'zu anführen und zwar aus 
den letzten beiden decennien. So lächelt dort jetzt das heran- 
wachsende geschleclit über die vocallänge in den worten rdt'aj 
und satt, und doch w^ar sie vor zw^anzig jähren noch allgemein 
gebräuchlich. — Am ehesten gleicht sich die quantität in der 
lialbma., "dem compromiss zwischen Schriftsprache und ma.', aus, 
und von da rückt die ausglei.chung in die ma. selbst. — Wenn 
es so häufig scheint, als ob eine ma. eine regel nicht consequent 
durchführe, so haben wir öfters die antorität der Schriftsprache 
als vei-anlassung anzusehen, die löcher in die einheitlichen ge- 
setze reisst. 

An wenigen platzen ist unter bestinnnten Verhältnissen 
die mild, kürze erst bis zur halblänge gedehnt: ich bemerke 
dies unten besonders. 

Tn den alleimeisten fällen sind in meinen quellen diphthonge 
und lange vocale gleichgesetzt: vereinzelt kommen diphthonge 
vor. deivn (juantität der vini kurzi-n vocalen entspi'icht. Zur 
(•haiaktciisit-rung setzeich über dieselben das kürzezeichen . 
das sonst nur veivinzell anwendung- Hndcl. da die kürze durch 
Unbezeicllliele Vocale gekeinizelclilict i^t. Im i'lld igi-ll IiJU ich bei 

der anführung von belegen der Schreibweise meiner quellen getulgl. 



136 RITZERT 

I. teil. 
Die dehnungserscheinungen in den einzelnen dialekten. 

1. Hochalemannisch. 

Qnelleu: A.Birlinger, Die aleinaimische spräche rechts des Rheins 
seit dem 13. jh. Berlin 1868. — H. Blattner, Ueber die maa. des cantons 
Aargau. Vocalismus der Schinznacherma. Leii)zig-. diss. 1890. — H.Fischer, 
Geographie der schwäb. ma. Tübingen 1S95. — Chr. Hauser, Die alanian- 
nische mu. in Cialtür (im Paznaunthal , einem seitenthale des oberen Inn) 
in: Eechtsrheinisches Alamannien etc. von A.Birlinger 1890 (Forschungen 
zur deutschen h\ndes- und Volkskunde 4, 3()9ff.)') — J. Huuziker, Aar- 
gauer wb. in der lautform der Leerauer ma. .\aran 1877 (mit einleitung, 
die in einen phonetischen und etymologischen teil zerfällt). — J. Meyer, 
Das gedehnte a in nordostalemannischen maa., Schweiz. Schulzeitung 1872, 
no. 18 u. 19: in no. 44— 47 das gedehnte q. — J. Meyer, Das gedehnte c 
in nordostalem. maa., Frommanns maa. 7, 177. — V. Perathoner, Ueber 
den vocalismus einiger maa. Vorarlbergs. Feblkirchor programm 1883. - 
P.Schild. Brienzer ma. 1. teil: die allgeni. lautgosetze u. vocalismus. 
Göttinger diss. 1891 : 2. teil : consonantismus, Beiti-. 18, 301 ff. — Schweizer- 
Sidler, Becensiou von Weinholds (Tramniatik, Zs. f. vgl. spracht. 13, 373 ff. 
— F. J. Stalder, D. landessprachen d. Schweiz. Aaraul819. — Fr. Staub, 
Ein schweizerisch-alemannisches Lautgesetz, Fronimanns ma. 7, 18 ff. 191 ff". 
393 ff". — Fr. Staub u.L.Tobl er, Schweizerisches Idiotikon. 3 bde. Frauen- 
feld 1881. 8t). 92. — H. Stickelberger (1), Lautlehre der lebenden ma. 
der Stadt Schaff'hausen. Leipziger diss. 1881. — H. Stickelberger (2). 
Consonantismus der ma. von Schaffhausen, Beitr. 14,381 ff'. — K.Wein- 
hold, Alemannische granimatik. Berlin 1863. - .1. W inteler. Die Ke- 
renzer ma. des cantons Glarus. Leipzig-Heidelberg 187(i. 

§ 1. Während im nhd. mhd. kurzer vocal in offener silbe 
gedehnt ist, gilt für das hoclialeni. gebiet das g-esetz, dass die 
vocale der Stammsilben. Aerglichen mit denen des mhd., keine 
wesentlichen Veränderungen aufweisen: alte kürzen sind g-röss- 
tenteils gewahrt (Wint. 120. Stick. 2, 410. Schild 1. § 11. Per. 
36. 37. Hauser 370. Birl. 45. 58. 68. 73. Weinh. § 81—87. bischer 
§ 13 u. karte 1. Blattn. 66 ff.). 

Dieses gesetz gilt wie vom links- so auch vom rechts- 
rheinischen Alemannien. SSo rein, so echt wie unser rechtsrh. 
gebiet diese quantitätische messung- einhält, findet man sie selbst 
linksrheinisch nicht'. Birl. 45. 

') Die altgaltürer ma. wird jetzt nur noch von einigen hochbetagten 
leuten gesprochen, während voi- fünfzig Jahren noch allgemein alenninnisch 
gesprochen wurde. 



DEHNUNG DER MTIP. KFK'ZEN STAMMSILBENVOCALE. 1.")7 

Die grenze im X und NO für diesen 'vest mittelalterlicher 
([uantität' (Avie Rapp bei Frommann 2. 477 sagt) hat Fischer 
in karte 1 seines Sprachatlas geg-ehen. Der n()rdlichste punkt 
für sdgeti, legen, hjel ofcn, hdsen, Iwseu ist Epfing-en am oberen 
Neckar; von hier bildet die nordwestgrenze eine nach S'\^' 
ziehende linie. welche die r)onan(inelle gerade noch freilässt. 
])ie nordostg-renze verläuft von Fi)fingvn in südr)stliclier ricli- 
timg, die Donau unterhalb Fridingen und den Schüssen ober- 
halb Ravensburg- überschreitend, bis auf das linke ufer des 
vSchussen; hier wendet sich die grenzlinie dann nach S und 
bildet somit den abschluss g'eg-en 0. Bei allen sechs wiUiern 
läuft die grenze 'im selben sinne, aber mit gWisseren und 
kleineren abweichungen im einzelnen". So hat Ravensburg 
läng-e in sagen und Jegeu: i\\v letzteres wort zielit die grenze 
vom Schüssen unterhalb Ravensburg weiter nach bis nahe 
an die liier und wendet sicli dann erst südAvärts. doch so. dass 
Hier- und Lec]i(|uellen nocli eing-eschlossen werden. A\'eiter 
nördlich verläuft die grenze für rr/r«; s. u. v< 2;!. 

ij 2. Fast allgemein aber, in Brienz nur selten, ist in der 
alem. ma. dehnung des a in offener silbe vor r eingetreten: 
färe, hctväre. Nur der canton (llarus hat kürze (Schweiz, id. 
1, 888. AVint. 77. Birl. 47. Fischer 21. Schild 1,53. 2.870. Per. 8). 
— Der Kerenzerbezirk im canton (-Jlarus hat aber einige mal 
auch länge; so steht neben farte Qr-fära'; gedehnt ist in K. 
der vocal ausserdem noch in xoirce zu ahd. karön, beri got. basi, 
(h-i 'älire' und sePrce "lärmen'. 

Meistens, im canton (41arus jedoch nicht und in Brienz 
nur vereinzelt, sind auch die übrigen vocale vor r gedehnt 
(A\'int. 78 [für Toggenburg]. Hunz. cvi. Schild 1, 50. GO. 68. 2,870. 
Per. 16.27. Stick. § 18. Birl. 78. Weinh. § 83. 38. 40. 43). Diese 
fassung schliesst es schon in sich, dass überall ausnahmen vor- 
kommen. 

^\■o die lautverbindungen r + cons. svarabhaktivocal ent- 
wickelt haben, tritt ebenfalls dehiiung ein. da ja der vorvocal 
in offene silbe zu stehen konniit. Auch K'erenzeii hat. (d)wol 
es eine ausnähme v(»n unsei-er erscheinung macht, in einigen 
solchen fällen dehnung. wie arc))! (dazu (-(unp. rntier) und einige 
andere: aber famu •darm". stnrein etc. \ielfacli ist sogar vor 
altem inlautendem n-. das in dei' ma. vereintachl wii'd. vei- 



1B8 RITZERT 

längerung- des yorgelienden vocals eingetreten (vgl. ^A'illt. 79. 
vStick. 2, 388 auni. Hunz. cvi. Blattn. 68. Per. 16. 21). 

§ o. Eine ausnähme von obigem gesetze (§ 1) macht die 
Fricktaler ma. (das Fricktal ist der nordwestliche teil des 
cantons Aargau); hier sind die vocale gedehnt, die in den 
übrigen Aargauer maa. als kürzen erhalten sind (Blattn. 80: 
ho'de, wwsp -wesen', ro'fjQl < royd. Nach Blattn. 38 wird im 
Fr. langer vocal in starker silbe fast immer — wenn mit 
emphatischem accent belastet stets — mit zweigipfeliger ex- 
spiration gesprochen (zeichen ' ). — Ferner neigt die Züricher 
ma. zur dehnung; s. Schweiz. - Sidler 374 375. 378. 379: [irähc, 
labe, nere, sere etc.. aber ähe, vater, chrgel, i (jWe, tölc < doln etc. 

Schaffhausen dehnt den vocal in offener silbe vielfach vor 
liquiden und nasalen; s. Stick. 2, § 13. 14 smehr comp., hremj 

< hreme, spüdr plur. v. s^nl, fän>) < vane: aber verb. spild, nani.) 
•name', ivdno 'wohnen' etc. — Die wenigen fälle wo in Brienz 
vor inlautender lenis dehnung eingetreten ist, lassen sich auf 
analogiewirkungen oder nlid. einfluss zurückführen; s. Schild 
1, § 111 und 2, 377. 

Zahlreicher sind die Verlängerungen in zweisilbigen Avör- 
tern in Leerau (canton Aargau). Hier ^ird ausser vor in- 
lautendem r die alte kürze gedehnt vor ii, jedoch nicht immer: 
Hunz. xcv. vor / ausnahmsweise, xcix, und \'or m nur in zwei 
fällen, Lxxiii: hräiiri < hrem und räiiic < rani. Letzteres ge- 
hört also eigentlich nicht hierher, da es sich um urspi'ünglich 
auslautendes m handelt (s. u.). "Weiter haben in L. eine anzahl 
nomina und verba mit inlautendem //, d, h und auch vereinzelt 
mit s länge eines vorhergehenden a und e, nur ganz selten 
eines andern vocals: siüjc "sagen*, mager (auch mit kurzem «), 
lese 'lesen', iväye < ivegen, rehe < rebe, uäse, (jlöbe < (jeloben; 
in den flexionsformen auf st und t der verba grabe, lade, .tage 
etc. erscheint der vocal wider kurz; s. Hunz. xxiv ff. 

In Galtür ist in offener silbe mlid. e öfter gedehnt: fäderj 

< vedere, läs:j < lesen etc. Von den Yorarlberger maa., 'in 
denen der hochton die alte kürze nur in beschränktem niasse 
zu verdrängen vermochte', nimmt der Bi-egenzer wähl und 
besondei'S dei- Innerwald desselben eine Sonderstellung ein. d;i 
er die unecliten längen in bedeutendem umfange begünstigt; 
s. Per. 36: Idda -.^ h(dn/, /((dut -^ li'bin (regelmässig ist e vev- 



DEHNUNG DER MHD, KlTltZKN STAMMSILPENVOCALE. IP.O 

treten (liircli ca), Jioso < hose, liujol "kug-er, stüho •stii1)e* etc.;- 
aber kurz bleiben legen, scgen "sagen' {sega im Bregenzer wald). 
zeUa < zeljan, gegen, kegel u. a. 

Anm. Die dehimng des nihd. / erstreckt sicli hier iiocli über dfu 
uiiifiino: der delniung- im schriftdentscheii : schräid •scliritf . schU'oz 'sclilitz', 
brt'ocht 'bricht', fisch, fieschier, reriera: ebenso ro/, /-ö.s 'ross"; /v^cs 'besser". 

Das Walserthal duklet wie der Innerwald kui'zes a im 
allg-emeinen fast nur da wo es auch nlid. erhalten ist. ^Fon- 
tavon dehnt a in offener silbe ausser vor r auch vor /: .mia, 
niila, aber nicht immer; (hisselbe gilt für den A\'algau. nur 
dass hier auch e regelmässig' ha wird: seagas < segense, auch 
vor ch: leacha < Wehen: 'ausnahmen wie epper < etiver stehen 
jSfanz vereinzelt da.' Im Walgau und ^Fontavon wird "dann 
und wann, hier und da. auch in anderen Wörtern mit <i länge 
gehört' (s. Per. 12. anm. 4). 

§ 4. ¥'\\y alle die schweizerischen dialekte welche vocal- 
kürze im iiilaut bewahrt haben, gilt das gesetz, dass in ein- 
silbigen Substantiven und adjectiven mit stammauslautender 
nasaler und liciuider lenis der vocal gedelmt wird (^\'int. ()8 (2j 
und 7<). Blattn. t3(). Hunz. xxiv. lxxiii. Stick. 2, 410. Birl. 47. 
Per. 10. 11 ff.; s. auch Heusler. ( 'onsonantismus von Baselstadt 
s. 14). Es ist liierbei gleichgiltig-, ob die lenis ursprünglich 
auslautete oder erst durch abstossung eines vocals auslautend. 
geAvorden ist ( Wint. 82. Hunz. lxxiii). Der gedehnte vocal 
behält seine (luantität in der flexion und in den ableituiigen. 
Blattn. hol ■hohl*, höli f.; hQg(h- < heger, higm-g; sUil, aber 
ib'der, sUil^: Wiiit. ßh aber fdixt:, läm 'lahm', lemi (in Leerau 
aber der comp. lemer); täl, aber pl. teli;r., 

Anstatt der Verlängerung des vocals tritt in einigen Wör- 
tern verdopi)elung der li([uida ein; in Kerenzen xell n. "kehl- 
stück'; in Toggenburg auch fdl 'viel', tromm < ahd. drum "eiid- 
stück des fadens', daneben tröndl dim., tdl neben Hl ni. < ahd. 
ddo\ Wint. 69. In T. haben ferner die betonten dative imm, 
icemni. drmtn ihm, wem, dem, kurzen vocal (^\'int. 70: vgl. 
hierzu Heusler, Beiträge zum con.sonantismus s. 13). 

\\'t'nn auch eine fast durchgehende regelmässigkeit in 
bezug auf das bestehenbleiben dei- vocallänge in der tl«'xi(tn 
herscht. so stösst man in dei' abh^itung und Zusammensetzung 
(IikIi (itt auf w'diltoiint'ii dif d<')- regcl widcrspi-eflicii. .Nanieiil- 



140 RITZE RT 

•licli hat sich in Zusammensetzungen, deren hestandteile nicht 
mehr klar erkannt werden, die alte kürze erhalten, wo sie 
dem einfachen worte abhanden g-ekommen ist: sar-tveyfdr — 
aber sär 'schar', mw — aber säme. In dieser beziehung ent- 
scheidet alter und herkunft; vgl. AVint. 68: was aus der zeit 
vor der delniung- stammt oder mit anlehnung an erhaltene 
kürzen gebildet ist. hat die kürze bewahrt; was von bereits 
gedehnten formen gebildet ist. zeigt die dehnung; ebenso Blattn. 
68 und 69. der darauf hinweist, dass analogiebildungen und 
accentverhältnisse — auch tonische: es kommt darauf an, ob 
ein wort im satzanfang oder aber im satzausgang zu stehen 
pflegt in jedem einzelnen falle den ausschlag geben. Für 
die Schinznacher ma. kommt zudem der einfluss der zur deh- 
nung neigenden F'ricktaler ma. in betracht. 

In Brienz ist vor auslautender sonorleiiis hauptsächlich 
nur a gelängt, doch nicht durchgängig; dehnung des e findet 
sich sehr selten (Schild 1.85). Tebrigens tritt diese dehnung 
fast nur vor auslautendem r ein (Schild 2. :>67. :^70); wenn sich 
ganz vereinzelte fälle vor / und }i finden, so beruhen diese 
auf nhd. einflusse (Schild 2, 366. 376). Einzelne ausnahmen 
kommen überhaupt an jedem orte vor. 

In der (ialtürer ma. tritt die dehnung in einsilbigen Wör- 
tern besonders dann ein. wenn der stamm auf r oder l schliesst. 

Auf verbalformen hat das gesetz der dehnung vor aus- 
lautender einfacher liquider oder nasaler lenis keine anwendung 
{Wmt. 69. Hunz. lxxiii. xcvi. c. Stick. 2, 412. 413. Blattn. 66). 
— Da in Leerau nach Hunz. cvii auslautendes r in betonter 
silbe aber 'ausnahmslos' dehnung der vorangegangenen kürze 
bewirkt, so also auch in diesen formen. 

§ 5. Aus der neigung der alem. ma., den vocal Aor aus- 
lautender lenis zu dehnen, erklärt es sich, dass in einer nicht 
grossen anzahl von Avörtern auch alte li([uide und nasale fortis 
wie lenis behandelt wird ; s. auch § 2 am schluss. — Diese eigen- 
lieit überträgt sich ebenfalls auf den inlaut, doch nicht immer: 
AMnt. 70. 76 fal "fair, fi, pl. /c?fy; stäiii, \\\. st(hn(r\ ma •mann", 
aber pl. mannce; st in l'oggenburg, aber »hin in Kerenzen (vgl. 
ferner Stick. 2, 385. 386. Blattn. 67. 68. Hunz. xrv. c. cvii. Birl. 
47. 59. Schild 2.366. 370. 3,71). — Am seltensten wird der vocal 
vor altem mm gelängt: mit der dehnung vor nn ist schwiind 



UKllNlNCi DEl! MIID. KITKZKN S TAMMSl MJKNVOCAI.K. 111 

(lesisellu'U verbiindtMi. rbeiisd wie \ov ciiilaclicin ir. die kürze 
bleibt, wenn im bleibt. - Dass vor inlautender liquider und 
nasaler fortis. parallel zu ;/■, verläng-erung" eintritt, kommt auch 
vor. jedoch sehr selten: vgl. Hunz. xcix Idk iallen'. xcv päne 
•bannen'. Im rechtsrheinischen Alemannien wei-den die alten 
// (//) in den sclnv. verben scharf g-esprochen. so dass r alte 
kürze zeigt: sclidla "schälen" (Birl. 52). 

§ (). Auch Wörter auf andere (als li(|uide und nasale) 
einfache lenis dehnen in cinsinjigen formen den staninivocal. 
Im gegensatze zu J^ 4 zeigen sie die kürze meist in den mehi'- 
silbigen tlexionsformen. ferner in enger Verbindung mit anderen 
Wörtern, sei es in Zusammensetzungen oder stereotypen Wen- 
dungen. Die dazu gehörigen ableitungen haben teils kui'zen. 
teils langen vocal. Beisidele: (irah \)\. (/rrher: stitid \)\. smid.)-^ 
.iU'ki •klage", aber verb. xJuij.i (in Schinznach mit langem a) 
und .diger m.: (jlds j»l. (/Icscr. dim. (/Ics/i: I/o/', dim. Iiöfl/ (in 
Kerenzen mit langem vocale) etc. 

Für die Kiienzer ma. gilt, was Schild 1, 85 sagt: 'die ma. 
gehölt zu der kleinen sprachsip])e. welche den vocal vor aus- 
lautstellung der geräuschlenis nicht gedehnt hat. 

In Kerenzen haben mehrere Wörter auch in der liexion 
gedehnten \ocal (Wint. 82). In Leerau tritt nach Hunz. xxiv 
ilann dehnung im einsilbigen worte ein. wenn es am ende des 
Satzes steht oder doch den hauptaccent im satze hat; die kürze 
erscheint iiäutig" ^^ider beim antritt weiterer silben durch 
ziLsammensetzung. ableitung oder flexion, ja schon das .y im 
genitive. — In Schaffhausen finden wir diese erscheinung vor- 
zugsweise in Wörtern mit a und c, seltener in solchen mit 
anderen vocalen und zwar durchgängig nur in pausastellung 
des Wortes, während im Satzzusammenhänge und in Zusammen- 
setzungen die urspi-üngliche quantität erscheint (.Stick. 2, 414 
— 41Gj. — In der Schinznacher ma. erleidet unser gesetz vor 
explosiver lenis nur sehr wenige ausnalimen. dagegen ist vor 
sjdrantischer lenis die dehnung nur in wenigen Wörtern (an- 
getreten: hör "hof" etc. (Biattn. 67. GS). 

Im \\'algau und be.sonders in Montavon begegnet eben ta 11s 
länge in einsilbigen Wörtern, wenngleich nicht allgemein, da- 
gegen wider die küize in den fällen wie oben (Per. 10 f.). I'ür 
das leehtsrhein. Alemannien stellt Hirl. 45. 52. 58. ü^. 74 das 



1^2 UI'IZKUT 

g'esetz auf, dass sich in eiii.silbigen Avörtern nur selten 'spuren- 
weise' die kürze erhalten hat; vgl. auch Wrede, Anz.fda. 22,324: 
einige orte am nordwestrande des Bodensees haben kürze in 
hof. Ebenso ist nach P'ischer s. 19 die formel - gegen --^ : i saij 
aber sägd für jene gegend gesichert. Wenn Fischer s. 19, anm. 1 
sagt, dass öfters auch sag, häs 'hase' angegeben sei und ferner 
hinzusetzt: 'wie weit das richtig ist. kann ich nicht consta- 
tieren', so finden wir die erklärung bei Stick. 2, 414 — 416 (s. o.). 

Schliesslich sei noch bemerkt, dass Stammheim im canton 
Zürich bei den hierher fallenden Wörtern durchweg auch in 
der einsilbigen form die alte kürze bewahrt (^Mnt. 82). 

§ 7. Bis jetzt haben wir den einfluss auslautender lenis 
auf den vorvocal A'erfolgt, der für die hochalem. maa. klar vor 
äugen liegt. Durch ihn werden moderne dehnungen geschaffen, 
die wir als ausnahmen von dem hauptgesetze zu fassen haben, 
dass die organischen quantitätsverhältnisse dort noch die des 
ahd. und nilid. sind. ^\'eiterliiii Avirken aber auch gewisse 
consonantengruppen, in erster linie liquid- und nasal Verbin- 
dungen, verlängernd auf den vorhergehenden vocal ein. 

§ 8. Wir wenden uns zunächst zu den r - Verbindungen, 
deren dehnender eigenschaft A\'ir im ganzen gebiete begegnen, 
fi^eilich nicht überall im gleichen umfange. In der Schinz- 
nacher ma. ist die dehnung vor r -f consonanz 'fast immer' 
eingetreten; s. Blattn. 68, der auch die nicht zahlreichen aus- 
nahmen verzeichnet, an denen alle vocale und fast alle r- Ver- 
bindungen beteiligt sind. 

Hunz. cvi und cvii unterscheidet, ob die r- Verbindung in- 
oder auslautend ist, obwol für beide fälle die regel gilt, dass 
der vorvocal häufig gedehnt wird, fast ebenso häufig aber 
nicht. Im einzelnen gilt für Leerau folgendes: vor in- wie 
auslautendem rcli erscheint nur die kürze mit ausnähme von 
werch < werc\ vor inlautendem rtsch, rsf, rpf, rdl, rdn und rhl 
erscheinen nur lange, vor rsch und //" nur kurze vocale; vor 
anderen r- Verbindungen schwankt die quantität: vor auslauten- 
dem rg, rst, rz, rsch (seh = scharfes seh), rd, rs, rpf gilt nur 
länge, vor rn unterbleibt die dehnung mehrfach, ebenso in 
herpst, und schwankend ist die quantität vor rt, rh, rm, rf, 
rgg, rsch. Wo in folge der flexion, ableitung oder Zusammen- 
setzung die auf r + cons. auslautende silbe aufhört die letzte 



DEHNUNG DER MllD. KlIKZEX STAMMSlIiHENVOCAIiE. 143 

ZU sein, auch in altcMi formelhaften redensarten, ersclieint häufig 
wider die alte kürze: heni, aber henJöpfcl, mrf, aber werter, 
schwärz (auch kurz), aber schwerser. 

In der Brienzer nia. Averden mit einziger ausnähme von 
)iiori/än = niane o und ö durcliweg gelängt (besonderes cha- 
lakterisficum der ma.): (i. dessen umlaut ä, sowie e sind ge- 
dehnt worden, ddcli nicht durchgängig: ii und i erfahren 
(higegen \ov r -Verbindungen niemals dehnung (Schild 1, 85. 
2.371 ff.). Nicht ist aber gedehnt der vocal vor nc (Schild 2, 373). 

Tn Kerenzen veranlasst r + cons. ' häutig' dehnung des 
voraufgehenden kurzen vocals und in Toggenburg noch häufiger; 
so bietet T. vor rni und r» durchaus dehnung; vgl. Wint. 79: 
•dabei gehören die beti'effeuden dehnungen in T. zu der kate- 
gorie derjenigen langvocale, die eben den ersten schritt über 
die kürze hinaus zur dehnung getan haben und nicht immer 
leicht von dieser zu unterscheiden sind." 'Manche einzelfälle'. 
sagt AVint. 80. 'welche aber wider nicht zu andern stimmen, 
legen die Vermutung nahe, dass die erhaltung der kürze in 
den betr. fällen durch einen frühern hilfsvocal zwischen dem >• 
und dem ihm folgenden consonanten bedingt gewesen sei' (s.o. 
i; 2). Wint. fühlt .s. 81 auch einige fälle an, wo r vor cons. 
geschwunden ist; von diesen hat nur ftph 'ferkel' dehnung. 

Bei der dehnung vor r + cons. kommen in Schaffhausen 
nach Stick. 2, 380 ff. abweichend von den meisten andern 
Schweizer niaa. nur die vocale a, h (sei dies durch umlaut oder 
brechung entstanden, nicht aber r), o (nicht aber 6) und dessen 
umlaut ö in betiacht. Ein stiiktes gesetz über diese verlänge- 
i-ung lässt sicli iiidit feststellen; doch gilt als regel, dass der 
umlaut in ein und demselben worte die gleiche quantität hat 
wie sein grund vocal, abgesehen V(m dem umlaut ' c des r/; 
lautet a in r um, .so hat das grund wort länge, das umgelautete 
küi'ze: mrff' — .scyff'Ji: Dasselbe Verhältnis waltet beim ablaut 
ob: tar/f' — för/fb. Fast durchgängig werden a, h vor r + nasal 
gedehnt, während in der Verbindung orn, wo die meisten 
Schweizer maa. gedehnten vocal haben, kürze herscht; doch 
lieisst es fsörn "zonr, möni neben mory.) und oniiün "Ordnung". 
Auch andere consonanzen bewiikcn iji verbhidung mit >• deh- 
nung von vocalen. ohne dass sich indes gemeinsame grui)i>en 
hei-ausfind^n lassen. Stick. o-i],t dcsliall) a.a.O. 392 ff. in (M'- 



144 UlTZKKT 

maugeluiig fester g-esetze in tabelleii ein bilil des verhalten» 
der vocale. 

Für das reclitsrliein. Aleniannien gilt das gesetz, dass a 
vor ;• + cons. regelmässig verlängert wird (Birl. 47. Fischer 21). 
Auch andere vocale erscheinen gedehnt, aber keineswegs immer 
(Birl. 52. 53. 59. 60. 69. 76). Häufig fällt y aus: hüt 'hurde', 
ivit 'wirf. — In den Vorarlberger niaa. zeigt sich das be- 
streben den vocal zu dehnen, ^freilich ohne strenge consequenz* 
(Per. 8. 11. 15. 21. 27. 29. 30). In betracht kommen hier die 
\'erbindungen rh, rch, rf\ rg, rh, rm, rn, rst, rt, rw, rs. Am 
weitesten geht auch hier der Bregenzer wald (bes. der innere), 
in welchem r regelmässig schwindet (Per. 11). 

Auch für die Galtürer ma. gibt Hauser beispiele mit und 
ohne dehnung; das material ist aber nicht umfangreich genug, 
um besondere gruppen zusammenstellen zu können. 

§ 9. Nunmehr erörtere ich eine dehnungserscheinung, über 
die Staub bei Frommann 7 gehandelt liat und die er s. 377 in 
folgenden worten zusammenf asst : 'im hochalem. Sprachgebiete 
verschwindet der nasal (w, auch m und w) vor den siiiranten 
f, s, seh, ch und ihren verwanten lauten, immerhin so, dass 
die vocalisierung vor der gutturalspirans ch vorzugsweise von 
den sog. burgundischen Alemannen (Bern, Freiburg, "Wallis 
und teilw. Bündten) gepflegt wird. Dem verschwinden des 
nasals ist dehnung des vocals durch denselben vorausgegangen 
und zwar Averden a, ä, e, e hier zu a, ä, e, dort zu au und ei. 
Auch aus i, u, ü ersprossen in einem beschränkten geographi- 
schen gebiete, in dem nordwestlichen vierteile, diphthonge; 
dagegen hält die Gebirgsschweiz namentlich an altertümlicher 
einfachlieit fest. In einzelnen maa. sind die lautverhältnisse 
complicierter. Unser lautprocess konnnt nicht in activität 
vor s der declination und nicht in den nebensill)en; in der 
composition nur dann, falls diese ihren ursprünglichen Cha- 
rakter aufgibt und den schein der ableitung annimmt. Auch 
übt später eingeschobener (unorganischer) nasal die geschil- 
derte wii'kung auf den vorangehenden vocal nicht aus ' (s. auch 
Wint. 73 (2) und 123. Schild 2, 378 ff. Hunz. lii ff.). Beispiele: 
häf oder häuf 'hanf, pfist^r oder ])fcistp- 'fenstei*', he.st oder 
heist 'hengst', triyän 'trinken'. 

In der stadtma. des cantons Aargau gilt obiges gesetz 



DEHNUNG DKK MIID. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 145 

nii'lit (Blattn. 49). — Die Leerauer lua. vciwandelt die gruppe 
-inif regelmässig' in -umf: feruantft. 

Für (las rechtsrlieiu. Aleniannien luit unser g-esetz ebenfalls 
giltigkeit. nur fiiulen wir hier den gedehnten vocal nasaliert, 
während die Schweizer niaa. mit ausnähme von Simmental, 
Inner-Klioden mit einem teile des Eheintales die nasalierung 
nicht kennen (vgl. Staub '^m. 367. Fischer 22. Birl. 48. 59. 70. 
IVr. 8. 9. 17.22.31. Hauser). 

Durch diese nasalierung l)erilhrt sich das rechtsrheinische 
Aleniannien mit dem schwäbischen; es ist aber scharf geschieden 
von ihm durch den umstand, dass ersteres einfache länge, letz- 
teres aber mit ausnähme des NO diphthongierung hat. Cha- 
rakteristisch ist. dass die grenze dieser erscheinung mit der 
grenzlinie füi' sägen (§ 1) im selben sinne verläuft (vgi. Fischers 
karten 1 und 5). Auch hier ist Epfingen am oberen Neckar 
der nürdlicliste punkt für die einfache alem. länge; von hier 
zieht die grenze einerseits nach kürzerem rein westlichen ver- 
laufe nach S^^' und andererseits nach SO. Zwischen Donau 
und oberem Schüssen zeigen die einzelnen beispiele einzelne ab- 
weichungen. Erwähnt sei noch, dass die grenzen für Icip und 
zls so ZU sagen ganz zusammenfallen, abweichungen von wenigen 
kilometern an einzelnen punkten abgerechnet. 

Nach Fischers karte 5 können wir den abschluss unserer 
dehnungserscheinung im zum grossen teile feststellen; für 
sTs läuft die grenze bis nahe an die Hier (südwestlich von 
Kempten) ; hier bricht sie direct nach S ab. Für die übrigen 
beispiele bildet der Lech die grenze; östlich von ihm, sein 
quellgebiet bis zu dem knie abgerechnet, von welchem ab er 
nach N fliesst, findet sich diese Verlängerung nicht. 

Eine ausnähme macht im rechtsrhein. Aleniannien a vor 
n + spir.: das Kheintal mit Schaffhausen (s. auch Stick. 2, 402), 
^'oral■lberg^ quellgebiet von Hier und Lech haben hierbei nicht 
'ersatzdehnung', dagegen aber der Oberlauf der Loisach, also 
ein gebiet, das sich am oberlaufe des Lech, quelle ausgeschlossen, 
östlich von ihm bis an die obere Isar erstreckt. 

Ferner findet das gesetz in Schaffhausen keine anwendung 
bei c vor n H- spir.: also fenstdr, und ebenso nicht ^•or n + 
gutturaler Spirans, da diese nach n nicht vorkommt (Stick. 
2,402). Dagegen wird hier a vor }i + flexions-d- gedehnt: 

Beiträge zur gcsohichte dei dcutuclieu Spruche. XXlIl. lU 



146 RlTZERT 

/(7.S'; •kannst', was aber neubildung- zur 1. sing-, yä sein kann 
(Staub a.a.o!347). Nach Stick. 2, 403 hat Buch im schaft- 
liauserischen Hegau dehnung' vor ss\ tvüsso 'wünschen'. 

Aniu. Für die Vorarlberger maa. sagt Per. 11, amn. 4: 'vor s ist 
Schwund des n geAvöhuliclr: Beispiele, wo es nach a schwindet: Icaht 
'kannst', tCisa 'danse' (= milchbntte) ; Häuser gibt freilich die form /«)(«/«■ 
neben fßter (/^nasales/). In Galtür und Vorarlberg wird k im gegen- 
satze zu Schaffhausen aspiriert: deicha 'denken' (Per.), Irkh.) 'trinke«' 
(Hauser). 

Ein teil des seeg'ebietes, nämlicli am Schüssen bis ober- 
halb Eavensburg-, und der dem Bodensee nächstliegende teil 
des Ostens (aber Lindau nicht) hat gongs oder gangs 'gans' 
(Fischer karte 4. Birl. 59). In Hittisau, östlich vom Bodensee, 
erscheint zings 'zins'. ebenso in Ring-genweiler; Albersfeld hat 
hrnngst 'brunst' (die beiden letzteren orte liegen westlicli von 
Ravensburg). 

Nach Schild 2, 379 findet sich der Schwund des nasals vor 
guttiu-aler spirans nur ganz localisiert; 'er vereinigt maa. 
unter sich, die nicht nur in formeller beziehung, sondern auch 
mit rücksicht auf ihre lexikalisclien schätze zu einer näheren 
verwantschaft sich zusammenschliessen. Es sind dies die maa. 
des südlichen teils des cantons Bern, des Wallis, sowie des 
Graubündnerlandes'. Im Lit.-bl. 10, 89 gibt Schild noch die 
vereinzelten orte der Schweiz an, wo vor gutturaler spirans 
Schwund des nasals statt hat: Davos, Schanfiggthal. liinteres 
Prättigau, südlich von Cliur in Malix, Ohurwalden und Parpan. 

§ 10. Im anschlusse hieran betrachte ich nun einige fälle, 
wo der nasal auch vor anderen consonanten als der spirans sich 
vocalisiert. 

Im Vorderwald des Bregenzerwaldes (Hittisau) verschwindet 
n vor (/, t, /.■ und di vor pf; der vorhergehende vocal ^^'ird 
diphthongiert (s. Staub 380 und das genauere bei Per. 9. 18. 21): 
sau'd 'sand', dcihi 'denken', dci]>f(i <C ilcmpfen, r/r/ h^)/' 'dampf. 
Nach i schwindet n gewöhnlich nur in nd: hlioud 'blind', — 
Aus dem Berner Oberland g'sivld 'klug'; Staub 381. 

Im Innerwald hinter den Stieglen (Schnepfau, Au, Schop- 
pernau) wird in dieseu Verbindungen a zu du gedehnt, olnie 
dass der nasal schwindet: nidiotfol 'mantel', ddunqjf {Vt'vA't). 

Nach Fiscliers karte 4 schliesst die 'eVsatzdehnung' vor k 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBEN VOCALE. 147 

im \ mit Hittisau ab. Ein weiteres jo-ebiet befindet sich in 
der Baar nnd an der oberen Donan (Birl. 51. 70). Das nähere 
liieriiber s. u. § 28. Das g-ebiet zwischen oberem Neckar nnd 
der Donan von Tnttlingen abwärts liat häd 'band' wie das 
scliwäbische (Fischer, karte 1). 

In gewissen gegenden ist u vor tv vocalisiert nnd gedehnt, 
so in Lnzern: Ihcl < Luvpl; nm Zni'zacli bauert <hanmvart\ 
im canton Züricli: JIcueJ <honnil 'Hohenwil' (Staub 381). 

ij 11. Dcdniung- vor l -\- consonant ündet sich nnr in be- 
grenztem nmfang-e. Am weitesten verbreitet ist die verlänge- 
rnng vor l und dentalverschluss. Fischers karte 20 hat die 
beis])iele hälä und hhälts westlicli vom Bodensee bis über die 
Thur und nördlicli vom Rhein bis zum oberen Neckar (s. auch 
Birl. 47. Fischer 21 und anm.2, Meyer, Schw.-schnlz.l42ff. 149 ff.). 
AVrede gibt im Anz. 19, 102 für sfih an: am Bodensee und west- 
lich von ihm. 

Für die Brienzer nia. (Schild 2, 366) kommt liauptsächlich 
a und dessen umlaut in betracht. In Schaffhausen gilt dasselbe 
(docli nur für umlaut e, nicht für e), s. Stick. 2, 387. 388: ivälä 
und pl. weldor, alt, aber comp, eltdr; Seh. macht scharfen unter- 
schied zmschen //,v und Is; vor letzterem wird a (e) nicht 
gedehnt. 

Anm. In Seh. wird a auch vor hu gedehnt: Cdmöse. 

In den Yorarlberger maa. mit ausnähme vom Walsertal, 
■\om Innerwahl vor den Stieglen wird a vor l + (7, i, ts gedehnt, 
im \\'algau und in ]\fontavon 'freilich ohne strenge consequenz'; 
im Innerwald wird a zu au: häuld, scmh. Galtür dehnt auch 
mild, e vor l + verschlusslaut: fäld < velt\ nach Häuser findet 
auch vor Ich dehnung statt: hofcUcho, mälclio < melken. — Im 
Vorderwald schwindet das l nach allen vocalen in den Verbin- 
dungen /(/, it. h, Avährend der vocal diphthongiert wird: änt 
'alt', .sclnneim 'schmelzen', (joud 'gold', hönzle •hölzlein' (Per. 
9. 16. 21. 28). Vor l -\- d, z : (jold, holz wird nach Fischers karte 1 
in einem gWisseren gebiete im SO des Bodensees gedehnt; 
im AV berührt das gebiet nicht den liliein, im schliesst es 
liier- nnd Lechquelle noch ein. 

Eine ähnliche erscheinung findet sich in der Westschweiz 
zwischen Keuss und .Iura. Dort wird nämlich / vor conso- 
nanten (und im auslaut) so 'gequetscht', dass es einem n- ähn- 

10* 



148 RtTZERT 

lieh Avircl uiul dadureli dem vorang-ehenden vocale eine lialb 
diplitliongisclie beimiscliung verleiht (Staub 384). Die Leeraiier 
lua. bildet nach Hunz. cii in dieser hinsieht den Übergang 
zAvisehen Ost- und Westsehweiz. 

§ 12. Nur für das reehtsrheinisehe Alemannien gilt die 
yoeal Verlängerung vor cht und clis. 

Dehnung des a vor cht hat der und X des Bodensees 
und das gebiet zwisehen Rhein und Donau (Fisehers karte 1 
und Birl. 47). Kurz vor dem ausflusse des Rheins aus dem 
Bodensee wendet sieh die grenzlinie Avestnordwestlieli. so dass 
ein breiter streifen des Rheintals keine dehnung hat. Der 
()stliehe teil des gebiets mit voeallänge hat -at, und zwar bildet 
eine linie. die von Tuttlingen nach S auf obige linie zieht, 
die scheide; von Tuttlingen zielit die linie zur Neckarquelle 
und begleitet dann den Neckar bis Ei)fingen. von wo sie nach 
SO verläuft; sie überschreitet die Donau einige kilometer 
unterhalb der linie für my^), lässt am Schüssen nur dessen 
quelle frei und umfasst den Osten des Bodensees in einem 
bogen. Ebenso fällt ch nach a auf dem Schwarzwald und 
Heuberg aus (Birl. 118). Fast ganz mit diesem -a^- gebiete 
fällt das zusammen, in welchem eh nach e und i ausfällt, 
doch erstreckt sieh auf dem linken lllerufer (die liier selbst 
nicht berührend) noch ein breiterer streifen nach N bis west- 
lich von I'nterdettingen. Nach Birl. 120 wird alsdann c häufig 
di{)hthongiert zu ca\ für l vor ausgefallenem ch gibt schon 
Birl. die bestimnnmg Aon Schwarzwald bis Bregenzerwald 
(s. 120). Das gebiet für gedehntes o mit ausfall des ch ist 
räumlieh begrenzter: die Avestgrenze fällt mit -ät zusammen, 
die ostgrenze bildet der Schüssen; ferner bleibt die nord- wie 
südgrenze teils mehr teils \\'eniger von der -«^- linie entfernt 
(s. auch Birl. 74 und 121, wo freilich, wie oft, die genauere be- 
stimmung' fehlt). "\'erläugerung des u findet sich am oberen 
Neckar und an der Donau. Ton Mühlingen (südwestlieh von 
Sigmaringen) verläuft die grenzlinie einerseits rein westlich 
zum Schwarzwald und andererseits südiistlieh zum Bodensee, 
den sie in Sehnetzenhausen berührt ; hierauf zieht sie auf dem 
rechten Schussenufer , ihn selbst nicht berührend, nach N bis 
zu dessen quelle und dann zur Hier, die sie unterhalb Inter- 
dettingen trifft. Zwei bezirke in diesem g'ebiete haben ausfali 



DEHNUNG DER MHD. KURiiEN STAMMSILBEN VOC ALE. 149 

des ch: der eine zwischen (»berem Neckar und obei'er Donau 
(greuzorte: Eplingen, Tuttlingen, Irrendorf a. d. Donau), der 
andere westlich von Eavensburg (grenzorte: Schnetzenhausen 
iin S und KönigseggAvald im N); s. auch Birl. (58 und 121. — 
l'^ür den Bregenzerwaki bestätigt Per. 22 die vocaldelinung 
nach ausfall von eh. 

^ 1:>. Dehnung vor ursprünglichem hs ist durchaus mit 
Schwund der gutturalspirans verbunden. Diese erscheinung 
die auch der ganze S^^' des schwäbischen hat (Fischer 21), 
linden wir für a im und N des Bodensees (Lindau aber aus- 
genonunen), an der oberen Donau und am oberen Neckar. 
l)ie betr. linie wendet sich kurz vor dem ausHusse des Klieins 
aus dem Hodensee westnordwestlich, so dass auch hierbei auf 
dem rechten l^heinufer ein breiter streifen ohne Verlänge- 
rung bleibt. 

A\'ie weit auch andere Aocale voi- ausgefallener guttural- 
spiraus im rechtsrheinischen Alemannien gedehnt werden, 
vermag ich nicht anzugeben: nach Fischers karte 20 findet 
sich dort weder o.v 'oclis' noch /hs 'büchse'. Birlingers angaben 
s. 120f. sind zu unbestimmt: er bezeichnet zwar össnerin 'un- 
irächtige kuh" als alemannisch, bezeugt aber össnen 'nach dem 
stier begelu'en' für den mittleren Neckar, also schw^äbisch (s. u. 
§ 20): ausdrücklich bemerkt er aber s. 121: 'heute ßs »fuclis^^ 
nicht mehr bekannt"; ferner sagt er s. 120: 'echt alem. wiussla'; 
ob hier länge oder kürze gemeint ist, bleibt unbestimmt. 

Für den Bregenzerwald gilt die dehnung auch für andere 
vocale: häs •büchse". ilcsol < dehsel 'hacke* (Per. 22); für Galtür 
sind nur belege für d angegeben. 

i; U. Es bleibt nur noch übrig, einige einzelheiten zu 
erwähnen. 

Wo am ende eines wortes der consonant abfällt, ist Ver- 
längerung des vorangehenden vocals eingetreten (s. o. § 5: mä, 
u- un- etc.); besonders kommt dies häufig bei ch vor (Birl. 124. 
Fischer 18. 19 und karte 1. Per. 11. 22. 28). Der osten des 
Bodensees vom Schüssen bis zum Lech hat länge in dach, loch, 
das gebiet westlich vom Schüssen mit ausnähme des rechten 
ufcrs kürze. — In Leerau fällt ch nicht ab, aber trotzdem 
findet .sich öfter dehnung des vocals (Hunz. xxxl xxxiv. xlii. 
XLVi. IL. cxvij: tjmnch u., aber (/mach adj., stich 'stich', bUch 



150 RITZEKT 

u. a. Auch ff' erscheint hier 'bisweilen' zu / geschwäclit: so 
scMf neben scliif 'schiff', (frif neben griff \\. a.; ferner his < 
gehis, kröpfe < Jcrapfe, bäs < ha^, ris < rh. Hunz. lülirt ausser- 
dem noch das eine und andere wort mit dehnung vor doppel- 
consonanz an; auch an den anderen genannten orten finden 
sich solche, aber immer ganz vereinzelt. Es würde viel zu 
weit führen, diese einzelfälle aufzuzählen; dass solche überall 
vorkommen, sei ein für allemal gesagt, 

2. Niederalemannisch-elsässisch. 

Quellen: 0. Heilig, Zum vocalismus des alemannischen in rler ma. 
von Forbach im Murgthal, Alemannia 24, 17 ff. — K. Heimburger, (4ram- 
matische darstellung der ma. von Ottenheim. Beitr. 13, 211 ff. — Andr. 
Heusler, Beitrag ziim consouantismuis der ma. von Baselstadt. Freiburger 
diss. 1888. — Ed. Hoffmann, Der mundartliche vocalismus von Baselstadt. 
Baseler diss. 1890. — W. Kahl, Ma. und Schriftsprache im Elsass. Zabern 
1893. — J. F. Kräuter, Untersuchungen zur Elässer grammatik, Alemannia 
5, 186 ff. — H. Lienhart, Die ma. des mittleren Zornthaies (Zabern bis 
Brumath), Jahrbuch für gesch., spr. u. lit. Els.-Lothr. 2, 112 ff. 3, 23 ff. 4, 18 ff. 
(Lienh. 1). — H. Lienhart, Laut- und flesionslehre der nia. des mittleren 
Zornthaies, Alsat. Studien, 1. lieft. Strassburg 1891 (Lienh. 2). — W. Mankel. 
Die ma. des Münsterthaies, Strassb. Studien 2, 113 ft'. (M. 1). — W. Mankel, 
Laut- und flexionslehre der ma. des Münsterthaies. Strassburger diss. lSS(i 
(M. 2). — H. Menges, Volksma. und Volksschule im Elsass. Grebweiler 1893. 

— Charles Schmidt, Wörterbuch der Strassburger ma. Strassburg 1890. 

— J. Spieser, Zillinger sprachproben, Jahrbuch für gesch., spr. u. lit. Els.- 
Lothr. 5, 133 ff. — J. Spieser, Mundartl. sprachproben, aus den dörfern 
AViebersweiler etc., ebda. 8, 143 ff. — J. Spieser, Sprichwörter in "Wald- 
hambacher ma., ebda. 9, 93 ff'. — J. Spieser, Münsterthäler sprachproben. 
Sprichwörter, ebda. 2, KlO ff'. 0, 144 ff". ^ J. Spieser, Münsterthäler auek- 
doten, ebda. 9, 87 ff", lu, 243ff'. — Ad. Sütt erlin, Laut- und flexionslehre 
der Strassburger ma. in Arnolds Plingstmontag, Alsat. Studien 2. Strassburg 
1892. — K. Weiuhold, Alemannische grammatik. Berlin 1863. 

§ 15. Im niederalemannisch-elsässischen ist im allgemeinen 
vocaldehnung in offener silbe eingetreten (Heusler ö7. Hof fm.o(). 
Heimb. 228. Lienh. 2, 25. Mankel 2,25. Sütt. 25. Weinhold § 115. 
120. 122). Die übrigen oben angeführten arbeiten bestätigen 
durch ihre beispiele das gesagte. 

Nach Heusler o7 hat Baselland diese dehnung gleichfalls 
mitgemacht. 

In Baselstadt sind dieser dehnung einzelne als interjec- 
tionen gebrauchte wörtchen wie iq)ä 'acli wasi", j(^ lebhaftes 



DEHNUNG DER MIID. KURZEN STAMMSIL15ENV0CALE. 151 

•ja' ontsanii'cii; Hcusler l^»7 sielit die Veranlassung- liierzu in dem 
stets mit diesen veibundenen energischen accent. Dagegen 
erfälirt der vocal in icUhnd "widmen', höfiiiä 'Hoff mann' etc. 
stets delinung. da die consonantengruiiite (h)i, fni zur folgenden 
gruppe gezogen Avird. 

§ IG. Scheinbare ausnahmen Aon unserem gesetze liegen 
bei den Wörtern auf -el, -er, -em, -en vor, doch lierscht in dieser 
liinsicht keine Übereinstimmung. 

Im ganzen gebiete bleibt die kürze in den Wörtern, in 
Avelchen n, iii vor l, r, m, u stand: hhnl, semd 'schämen', namo 
< nauie, flectiert nanien. Die als l, r, m, n gesprochenen end- 
silben konnten bei folgendem vocal in der flexion und im Satz- 
zusammenhang als nicht silbenbildend erscheinen, wodurch 
der stammhafte sonorconsonant vor ihnen in silbenauslaut zu 
stehen kam und die delinung des vocals, da in geschlossener 
silbe stehend, unterblieb, z. b. der him{e)l ist < him-l iM. 
Hierher gehören auch die fälle wie tsimlüj, nenil/g etc. (s. 
hierzu Heusler 88. 39. Heimb. 280). 

Anm. lu Baselstadt wiirde der sonorconsonant znr fortis (d. i. ge- 
dolint): himml^; 'für das elsä.ssische ist jede spätere mitlanterdehnnug- als 
luibewiesen zu betrachten' (Kräuter 194). 

A\'ährend in Basel bei nicht sonorem stammauslaut diese 
enduiigen nie (schärfung zur fortis und) erhaltung der kürze 
veranlassen, so dass es immer (mit lenis) lautet: fäcl) < vadcm, 
nagl, ääfdld und auch nicht icidder, troddel etc., was sich ein- 
fach daraus erklärt, dass, wenn jene endungen consonantisch 
fungieren, die gruppen dm, gl, fl naturgemäss zur folgenden 
silbe fallen und nicht silbe schliessen (Heusler 39. 46), ist in 
Otteiihcim auch in den meisten Wörtern auf -hcl und -her die 
(lehnung iiidit eingetreten (Heimb. 229. 280); ferner haben hier, 
von den wintern mit <j diejenigen auf -igel : -egl kürze be- 
wahrt; ausserdem noch icydr 'wider' und odr 'oder'. 

Aus den für Forbach (nahe der rheinfr. grenze) ge- 
gebenen beispielen ergibt sich, dass häufig die delinung auch 
dann unterblieben ist, wenn der stamm ausser auf m, n auf 
media oder Spirans ausgeht: dsedl "zetter, fo(jl und pl. fegl, 
/l?^Z>> 'feder', efd 'öfen', /iM55 'hosen' u.v.a.; doch (/?t't'6o 'gläser', 
'(jreeicu m. 'gräber', schlaag.) 'schlagen', scha-erfl 'schwefel' u. a. 
Auch diese fälle finden ihre Pikläiung darin, dass cimiial 



152 RITZERT 

doppelförmeii mit kürze und iMiiev iieheneinauder bestanden 
haben, je naclidem die endungen /. i\ m, u ihr vocalisches 
elemeut bewahrten oder niclit. und dass bald die eine, bald 
die andere durch ausg-leichung beseitigt ist (vgl. Paul. Reitr. 
9,118). Hierher gehören auch folgende fälle aus Furbach: 
/«'mVi; 'könig'', ZerfiZ; 'ledig' u.a., deren kürze aus den synkopierten 
formen der obliquen casus stammt. 

Die elsässischen nuia. zeigen unter allen diesen Verhält- 
nissen in ausgedehntem niasse die ursprüngliche kürze (Lienh. 
2.25. Mankel2.2r>. Sütt. 25. 30. 31. Kahl 10. 11. 12. Menges 18. 
Weinhold § 115. 120). Obwol diese fälle sehr zahlreich vor- 
kommen, so lässt sich, die unten (§ 17. 18) zu besprechenden 
ausnahmen hinzugerechnet, doch nicht mit Sütt. 25. 27 behaup- 
ten, dass die mhd. quantitätsverhältnisse im allgemeinen die- 
selben geblieben und vorkommende dehnungen als ausnahmen 
zu betrachten seien (s. auch Mankel 2. 25,). 

Auf frühzeitige vocalsynkope in sufhxen und tiexiimssilben 
gründet sich die im ganzen gebiete vorkommende kürze in 
folgenden fällen: 

a) jayd, niac/d, vogt, ohst, iitaf/samc, (ehkndicn etc.; 

b) in der verl)alflexion und im satzsandhi: hcps, -t 2. und 3. 
pers. praes, zu hßo 'halten', JcejJt part. praet.; Iie2)ti 'halte dich', 
he^Js 'halte es', neben hehmi 'halt mich' und hrhm 'halt ihn'; 
ebenso de -rcts, or ref zu mb 'reden"; / salfjr 'ich sage dir", 
aber / sägm 'ich sage ihm' (Heusler 42); ähnliche belege in 
den übrigen (luellen. — In diesen fällen kann freilich auch 
kürzung einer secundären länge vorliegen. — Vm- das Münster- 
tal s. Mankel 2, 31. 

§ 17. Im alem.-els. gebiete ist vor altem einfachen f die 
dehnung nicht eingetreten, da dasselbe als geminata behandelt 
wird (Heusler 46. 49. Hoffm. 80. Heimb.230. Kahl 12. Lienh. 
2, 28. Mankel 2, 10. 11. Sütt. 27, 30. Ki-äuter 190). Beispiele: bot 
m., beten, gebet, ivatcn etc. Nach Lienh. 2, 28 heisst es in den 
evangelischen orten des Zorntales pätd 'beten', in den katho- 
lischen pat9. 

In den maa. des Elsass erstreckt sich obige ausnähme 
häufig auch auf Wörter mit d : freto < vride, ret m. 'rüde', wet 
<tvide, ret 'rede' u. s. f.; in Wiebersweiler und Waldhambaclr 
heisst es Met 'glied', rat 'rad', in Rosteig aber klit, rät. In 



DEHNUNG DEE MIIO. KURZEN SrAMMSILBENVOCAT.E. 153 

anderen wintern ei'sclieint die reisvlivclilc dehnnns": so haben 
z. h. im Zorntal die auf -ade, -udcit und einige auf -id, gen. 
-adcs läng-e des A'ocals: s6U 'schaden', pföt 'pfad'; ebenso in 
Strassburg, Zillingen und im ]\!ünst,ertal. 

Tm niederalemannisclien werden Wörter A\ie rdd < rat 
nicht \(in obiger ausnalimeregel betroffen: es miiss deshalb 
mit Hoffm. 30 eine verschiedene ausspräche des / in mlid. nd 
und trit angenommen werden.') 

§ 18. a) In (h'U elsässischen iiiaa. und ebenso in Otten- 
heim ist ferner die kürze eilialten in den meisten Wörtern auf 
})( und n (s. die Zusammenstellung bei Kahl 12: launii Mahnr 
etc.; Lienh. 2. 26): doch heisst es allgemein im i^Isass (.sfuii 
•zahnf (Heimb. 230). Auch Basel hat kürze in / nimm u. a, 
(Heusl. 38. 30). Für Forbach gibt Heilig wem, bin < haue 
•Speicher", aber (/room 'gram', loom 'lahm' (über die zwei- 
silbigen mit ni und )i s. oben § IG). 

b) In folge energischer betonuug ist bisweih^n die kürze 
erhalten, so in .m-ck -weg' < cvAci.r im ganzen gebiete; für 
Basel gilt ferner (jip (nicht imp., sondern ausruf); jo tvoU (be- 
kräftigender ausi'uf) steht sonstigem ivol gegenüber: eine Wir- 
kung des verschiedenen accents (s. hierzu Heusl. 13. 23). 

c) Die genannten Wörter haben keine flectierten formen 
neben sich; in anderen hat die ({uantität der unflectierten form 
den sieg davongetragen trotz der danebenstellenden flectierten 
formen, in denen der stammvocal in offener silbe steht; so iu 
vil 'viel' (Elsass), r/ras "gras' (j\lünstertal, Forbach), sdiq) 
•Stube" und f/roj) (P^lsass, Forbach, Ottenheim), Iwf (Elsass, 
Ottenlieim; im Elsass findet sich südlich des 48. breitegrades 
einzelne höf, Wrede, Anz. 2"2, 324), se}) 'sieb* (Zorntal, Strass- 
burg) und einzelnen andern. — Einige mal zeigt sich die kürze 
selbst in den flectierten fennen; so heisst es in Ottenheim 
sduwe "Stuben", (jroicr 'grober', 

§ 10. Ich ei-iirtere nunmehr die dehnungserscheinungen, 
die durch benachbarte consonanten verursacht werden. 



') Bisweilen erscheineu luiter den belegen für die dehnung in offener 
«ilbe die einsilbigen nominative, in denen also der vocal in geschlossener 
silbe steht und stand. Es ist natürlich daran festzuhalten, dass in diesen 
fällen die ausgleichung nach den obliquen casus analog dem schriftsprach- 
lichen gebrauche bereits vollzogen ist. 



154 



RITZERT 



Vocaldelineiideii einfliuss haben im niederaleiu.-els. zunächst 
die Verbindungen >• + consonant. Obenan steht Basel, wo vor 
r + consonant ausnahmsk^s längung- eintritt (Heusl. 41. Hoffm. 
30). — Ottenheim hat delinung- vor r + t, d, z, s, sf: Jißrt 
•hirt', clürst 'durst' etc. Doch konnnen hier auch ausnahmen 
vor, so in den isolierten formen dert 'dort', fiirt -fort'; ferner 
in hert 'hart', .swards, herds 'herz'. Schwankungen, wie in 
Mrds — hirds, ort — ort u. a. schreibt Heimb. 232 dem einflusse 
der schule zu; 'es zieht die ältere generation die länge, die 
jüngere die kürze vor'. Ferner erscheint in 0. länge vor rl 
in Karl, erl, fori: also mit svarabhaktientwickelung und dem- 
gemäss offener silbe; dagegen aber herl -kerl": ebenso dri 
'arg'. Vor den übrigen r- Verbindungen ist in 0. durchweg 
kürze erhalten. 

Für Forbach sind nur wenige belege angegeben: ivaadif 
'warten', gaad.) 'garten", auch iveendilc 'Werktag' (also mit 
assimilation des A). 

Im Zorntal ist vor rt und gelegentlich auch vor rs, rst 
und zwar in Wörtern mit mlid. stannnvocal a und (" delinung 
eingetreten (Lienh. 2, 26). In Zusammensetzungen tritt vielfach 
die alte kürze Avider ein: ärt 'erde', aber aper 'erdbeere'. 
Sonstige vocale werden vor den betreffenden Verbindungen 
nicht gedehnt: Kert {<^herte), hert 'hirt'. 

In den Zillinger (bei Pfalzburg) sprachproben finde ich 
einzelne Wörter auf rm, ru mit länge; vor rt hat nur hart 
'herde" delmung, nicht karte 'garten', zart etc. Waldhambach 
hat länge des a und e vor rt, ferner in murld, gern, AMebers- 
weiler auch in tsör 'zorn'. Strassburg hat nach Sütt. 29 und 
Ch. Schmidt dehimng des a und e vor r + t, d: wärt) etc.; 
auch drs ist angegeben. 

Im grossen und ganzen haben also die Elsässer maa. a 
und e vor r + t, d gelängt, aber nicht conseqnent, vereinzelt 
auch vor »■ und ganz vereinzelt A'or anderen >-verbindungen. 

§ 20. a) Dehnung \ov l + consonant findet sich nach 
AA'rede 21, 275 (idtc) vereinzelt im Klsass. Nach meinen quellen 
ist dieselbe nur für das Münsiertal (Mankel 2, 38) und für 
das Zorntal in pal < halde und häl < haldc (Lienh. 2, 37) an- 
gegeben. Im ^lünstertal fällt in den Ortschaften ]\rülilbach. 
Bi'eitenbach, Metzeral und Sandernach in der Verbindung l 



DEHNUNG DER MIID. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 155 

und ebenso ni. ii + versclilusslaut dieser ab und die urs})riing-lich 
kurzen vocale werden diplitliongiert. Dieser vorg-ang- tritt in 
der regel nur dann ein, Avenn l -\- versclilusslaut im inlaut 
stehen: liuil < hcddc, iceil < wilde (eine ausnähme maclit fad 
'fehl'); päin 'bände', Jihimjr < kumher, ichin • wunde'. 

b) Ebenfalls auf das Münstertal ist die erscheinung be- 
schränkt, dass vor nasal -f spirans vocaldehnung- mit Schwund 
des ersteren eintritt (Mankel 2, 37. 38): räi'f 'ranft', fai'^tor 
•fenster', «-«Vr* Svunsclr . — Auch die Spieserschen sprachi^roben 
des ^lünstertales bieten belege für diese erscheinung-; nach 
denselben wird in Mühlbach der vocal vor den genannten 
consonantengTuppen wol gedehnt, aber meistens, namentlich a, 
nicht diphthongiert. 

§ 21. Vor ursprüngliclier liquid- und nasalgeminata ist 
in folgenden fällen vocaldehnung erfolgt: 

a) Vor )■)■ ist in Basel regelmässig- der vocal gelängt 
(Heusl. 41. Hoffm. 30): iiar 'narr', dir "dürr'. 

b) Ferner ist in Basel in ein paar vereinzelten fällen vor 
auslautendem U delmung eingetreten: fal 'fall' (pl. frl. aber 
faU>)); stäl 'stall', doch auch dim. s^li u.a. — Ottenheim hat 
!jn-räl, das auch für Basel und Elsass gilt. Das Münstertal 
liat liicäl 'wallen' = sieden machen, Strassburg baal (frz. h 
h(d) und wmd 'festungswair (aber baUc 'spielball', tvcdl "auf- 
wallen des Wassers 'j. Für das Zorntal bezeugt Lienh. 2, 7 
dehnung in all. 

c) Für Ottenheim finde ich vor mm aus mhd. mh in einigen 
fällen dehnung bezeugt: ijmds < imhiz, ßm < imhe u. a.; in an- 
deren ist kürze erhalten: dum < tumji, dsijmr- < simhcr- etc. 
(Heimb. 230. i^ (31). — Für das Münstertal s. oben § 20, a. 

d) Vor auslautendem un ist in einem teile des'niederale- 
mannisclien dehnung eingetreten (Heusl. 15 und A\'rede, Anz. 
10.201: mann). Für Basel betrifft dies die Wörter mä 'mann', 
aber pl. mi^nnor; Jcä 'kann', dazu auch 2.pers. //«.v.v; hau 'bann'. 
\'on letzterem abgesehen schwindet also nu und der vocal 
(nur«';:') tritt in offene silbe. AVrede gibt a.a.O. die grenz- 
linie für den abfall des nn in mann, mit welchem 'in der regel 
delmung iWii stammvocals verbunden ist'. Die hauptorte dieser 
linie sind: Hiiningen, Lörrach, Schönau, Todtnau (Fi-eiburg), 
Völii'enltacli, Ti-iberg, Hornberg, Hausach, Freudenstadt, 



156 EITZERT 

Leoiiberg', Bömiighfim. Boltwar, Munliardt. Biu-lieii und dann 
die grenze des ostfränkisclien. Das gel)iet im SO diesei- linie 
hat Yocaldehnung-. 

i^ 22. Delmung vor urspriingliclieni Itt und hs. a) Mit 
ausnalinie von Basel findet sieh an allen o])en angeführten 
orten dehnung- vor ursprüng-licheni ht , aher in verschiedenem 
umfanu-. Ottenheim hat bei allen vocalen dehnung, einzelne 
frenRhv(>rter ausgenommen wie h rächt -pracht', imcht, (echt 
(doch daneben auch (echt, Heirab. 231). P'iir Forbach sind naacht 
und (jneqct 'kneclit' (c = palat. ch) gegeben. 

im Zorntal zeigt sich nach Lienli. 2, 29 vor cht dehnung 
des a und e\ äyjt num. card., fäxt^ < vehtcn\ neben rcxtd "richten' 
kommt auch rcyh) vor. — Das Miinstertal kennt ausserdem 
auch dehnung des u: früxt -fi-ucht' (Mankel2, 25. 37). — Strass- 
burg hat ausser a und e auch o gedehnt: cJoochder 'tocliter'; 
dazu \)\. (Iccchder und dim. dcechdcrle (vSütt. 29). — Ferner 
geben die sprachproben Spiesers beispiele dieser art; in Hirscli- 
land sind die formen ndt 'nacht' und hni'ä 'knecht' veraltet; 
dort wird jetzt kürze gesprochen: in nacht hat auch Rosteig 
kurzen vocal. 

A\'as speciell die dehnung des c vor ht betrifft, so ist 
hiermit zu vergleichen, was Wrede im Anz. 19, 162 unter rechte 
sagt: 'im nördlichen und mittleren Elsass ist dehnung desselben 
häufig'. 

b) Vor ursprünglichem hs hat in manchen fällen a dehnung 
erfahren. wol)ei die gutturalsi)irans geschwunden ist. Wrede 
gibt im Anz. 21, 2()1 unter uHichscn für diese erscheinung die 
geographische begrenzung. Zunächst hat das gebiet, das süd- 
östlich folgender linie liegt, vocaldelnning: Thengen, Löffingen. 
Neustadt, (Freiburg), Elzacli, Schiltach, (Wolf ach), obere Murg; 
ferner haben drei orte zwischen Rastatt und Seltz gedehntes a 
in ivachscn, dann die gegend inmitten Bischweiler, Hagenau. 
Ingweiler, Zabern, Maursmünster, A\'asselnheim. Molsheim, 
Mutzig, Rosheim, Ob.-Ehnheim, Erstein, Strassburg, Kehl, 
Renchen, Achern, die aber alle ausserhalb des gebiets bleiben, 
und endlich fünf orte westlich von Münster. S. hierzu auch 
Lienh. 2, 23 für das Zorntal und Mankel 2, 26 für das 
Münstertal. 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 157 

3. Sclnväbiscli. 

Quelle: Teber ilie (lelniiuis'serscheinungen iiu scinväbischoii haben wir 
jetzt eine zusaimnonfosseiulo darstelluiio- in H. Fischers (leographie iler 
selnväbijicheu nia. mit atlas von 28 karten. Tül)in<ien lS9ö. Fischer behan- 
delt unser theiua in den § 13 — 17; in l)etracht kommen die karten 1. 4. 5. 
(i. IS. 20. 23. — In erster linie fnssen Fischers resultate auf dem materiale 
von frag-ebügen aus gegen anderthalbtauseud Ortschaften; andererseits sind 
auch die arbeiten anderer herbeigezogen, so Schmellers Maa. des könig- 
leichs Bayern, "Weinholds grammatiken, Kauffmauns Geschichte d. schwäb. 
ma., Bohnenbcrgers Gesch. der schAväb. ma. im 15. Jh., Bojips Vocalisraus 
des schwäb. in der ma. von Münsingen. "Wagners GegeuAv. lautbestand des 
Schwab, in der ma. von Kcutlingeu, und ^\'red{'S Berichte über den Sprach- 
atlas. Pas gel)iet ist so weit gewählt, Mass es übei- das, was heutzutage, 
auch im weitesten sinne, schwäbisch genannt wird, nach allen selten hinaus- 
reicht ": zugleich sollte für das jetzige Württemberg eine vollständige 
Sprachgeographie gegeben werden. Wir finden deshalb ausser Württemberg 
(und Hohenzolleru) aucli die angrenzenden teile Baierns, Badens, der 
Schweiz und Vorarlbei'gs in den kreis der betrachtung gezogen. 

Auf diese weise hat Fischer einen grossen teil des ostfräukischen mit 
behandelt, nämlich dessen ganzen S^^': das hohenhdiische am Kocher und 
Jagst, den Taubergrund und das ansbachische am oberlaute der Wörnitz, 
Altmühl und fränk. Eezat und den südwestlichen teil des oberijfälzisehen 
an der mittleren Altmühl; ferner das ganze nordostalemannische (nördlich 
und östlich vom Bodeusee); weiter vom rlieinfränkischen die maa. an der 
Enz und am Neckar von der mündung der Enz bis zu der von Kochei' und 
Jagst: schliesslich den westlichen streifen des bairischen. 

Die ergebnisse von Fi.schers arbeit verwerte ich bei der besprechung 
der einzelnen dialektc. Was das eigentlich schwäbische betrifft, so gelten 
dafür die folgenden gesetze (ich führe sie der Vollständigkeit halber an; 
im einzelneu verweise ich auf den atlas). 

§ 23. "Vor einfacher coiisouaiiz ist im allgemeinen ver- 
läugerung eingetreten (F. § 13). A^reinzelte ausnahmen kommen 
local beschränkt oder allgemeiner vor: tveg 'fort' neben ive£_ 
•via'; himl 'himmel' (im SW; vgl. Kauffmann, Gesch. d, seh w. 
ma. s. 158), anderswo html; besonders vor t: bot 'böte', r/of 'gott' 
((istlich yöf), fatdr (im NO fätdr), Iota 'geboten'. Bohnenberger 
fügt Alem. 24, 28 zu dieser hauptsächlichsten ausnähme vor t 
noch secundär entstandenes ph < h -\- h (dem an dieser stelle 
ausgesprochenen wünsche B.'s nach einer karte über die gebiete 
mit kürze bez. länge vor t schliesse ich mich ganz an). Con- 
sequent ist die Verlängerung eingetreten, wo ein von haus aus 
oder später einsilbiges wort zufolge abfalls consunantischeu 



158 RITZERT 

auslauts vocaliscli endig-t: ä *ab', sä 'sage' (dasselbe gilt auch 
bei abfall von doppelter consonanz). 

'Wo nun innerhalb eines paradigmas ein- und mehrsilbig-e 
form wechseln, ist gleichheit beider eingetreten: sag, stu/d, 
bot, hötd. 

Fischer erklärt die ent stehung der 'aus dem NO g-ekom- 
menen' dehnung vor einfacher consonanz in den zweisilbigen 
formen durch Übertragung aus den einsilbigen: in diesen sei 
im ganzen gebiete zuerst Verlängerung alter kürze erfolgt 
(im NO des gebiets — da näher dem Ursprung — auch vor 
doppelter consonanz; s. unten § 25). Glegen diese annähme 
müssen wir front machen: die dehnung ist vielmehr zuerst in 
zweisilbigen Wörtern (mit obigen ausnahmen) eingetreten, in 
denen der vocal in ungedeckter silbe stand, und aus diesen 
ist sie auf die einsilbigen übergegangen. Es ist keineswegs 
mit F. annehmbar, dass die für das alemannische giltige deh- 
nung einsilbiger Wörter mit auslautender lenis und die unten 
zu besprechende dehnung einsilbiger Wörter mit doppelconso- 
nanz im NO des schwäbischen unter einen hut gebracht werden 
können. Dort haben wir den klar vor äugen liegenden einfluss 
der folgenden bestimmten einfachen consonanz, hier Verlänge- 
rung vor jeglicher doppelconsonanz, zwischen beiden aber ein 
breites gebiet, in dem alt einsilbiges wort vor doppelconsonanz 
die kürze bewahrt, einige wenige ausnahmen abgerechnet. 
Von der Wirkung eines einheitlichen gesetzes kann somit hier 
absolut keine rede sein (s. hierzu Bohnenberger, Alem. 24, 29 f., 
der derselben ansieht ist). 

Die grenze für die nordostalemannische formel - gegen ^^ : 
i säg, aber sdgo, ist in § 1 gegeben; weiter nach N erstreckt 
sich das gebiet von tsch; 'zählen', 'so dass es sich fragen kniiii. 
ob hier nicht die kürze aus altem icllcii abzuleiten sei"; mir 
erscheint dies als das einzig mögliche (s. auch Heusler, Con- 
sonantismus etc. 39). Die grenze für tselo geht von der oberen 
Kinzig über Ostdorf in südöstlichri' richtung an Sigmaringen 
vorbei, hierauf in ziemlich östliclier lichtung bis l'nterdettingen 
an der Hier, dann nach S bis über Memmingen, worauf sie 
bald ostwärts bis zum Lech verläuft. 

§ 24. a) 'Tor doppelter consonanz ist alt- oder neu-ein- 
silbiges wort lang geworden, sobald der consunantisclK^ nuslauv 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 159 

abgefallen ist: mä •manu*, da 'dach' (aber dax, wo x erhalten 
ist)' (F. § 14); ebenso bei dem südlichen pl. mä, wä < altem 
pl. man. — Die Verlängerung musste in diesen fällen eintreten, 
da der vocal in offene silbe zu stehen kam; principiell gehört 
deshalb diese erscheinung zu dem vorhergehenden paragi-aphen. 
Ueber das gebiet des abfalls von -mi im schwäb. s. § 21, c. 

b) 'Sonst ist bei alt-einsilbiger form kürze im SW, länge 
im XO des gebiets, so dass im SAV das ganze paradigma 
kürze, im NO gesetzmässigen Wechsel hat: SW Jcöjjf, köpf, 
XO l^opf, l'opf, auch nom. löj)/', dat. löpf < Iwpfc' Die ein- 
zelnen Paradigmen haben wol abweichungen im verlaufe ihrer 
grenzen, doch sind dieselben so gering, dass die einheit des 
gesetzes erkannt werden kann. Die grenze läuft von N her 
kommend ca. 10 — 15 kilometer östlich vom Neckar in südlicher 
richtung über Jagst, Kocher, Rems und Fils bis Bissingen, 
dann in süd(»stlicher richtung die Donau etwas oberhalb lim 
überschreitend und auf ca. 80 kilometer der Hier entlang bis 
Unterdettingen, hierauf nach bis zur Wertach und dann 
südöstlich über den Lech. ]\rit dieser linie stimmen auch 'dach' 
und "loch', nur dass im S durch ansfall des ch notwendig Ver- 
längerung eingetreten ist; auch "gold' und 'holz' stimmen, 
ausser im S. — Nach F. beAvahrt der dativ liopf die kürze; 
leider fehlt die angäbe, wie weit sich diese erhaltung der 
kürze trotz apokope des endungs-e erstreckt; für die dative 
tisch, hiß (überwiegend) und feld wenigstens gilt auch im 
schwäbischen NO vocaldehnung (Wrede, Anz.22,325. 19,278.285). 

Zwischen einer linie, die im grossen und ganzen zu der 
von köpf stimmt, einerseits und Altmiihl, Lech, Ammersee und 
oberer Ammer andererseits ist in den Wörtern mit r + nasal: 
-ni, -rni, auch -Im svarabhakti eingetreten und der auslautende 
nasal abgefallen, ich stelle diese fälle hierher, (hi die alt- 
zweisilbigen formen kurz sind: hörntr, arm. Fischer hält den 
Zusammenhang für zweifelhaft. Freilich könnte es nahe liegen, 
die länge in ivurd < tcuiiH aus der zweisilbigkeit zu erklären, 
wodurch die tonsilbe eine offene \\urde. Da aber an der Rezat 
und mittleren Altmülil (vgl. § 45) die altzweisilbigen formen 
trotz svarabhakti kurz geblieben sind, im gegensatze zu den 
alteinsilbigen, .so möchte ich annehmen, dass — wie dort — 
auch in unserem falle die alte foniiel irnrm : triirm.i vorliegt 



160 UITZERT 

und dass !>icli erst nach entwickelung dieses Unterschiedes 
ivürm > ivürd gebildet hat. 

§ 25. Principiell wie bei lupf : löpf liegt der fall in den 
Wörtern auf nä und cht (s. F. 19 und karte 1); auch hier sind 
die altzweisilbigen formen kurz, also häd {händ), aber heml 
(was im NO und in der mitte auch für nom. und acc. mit- 
g-ebraucht ist), icTd (tcind) : tvhid; nacht {ndt), frücht (frnt). 
Aber wir finden ein viel grösseres verbi'eitungsgebiet als dort; 
'die gTOSse abweichung kann nnr auf rechnung der consonanz 
kommen'. 

Das gebiet dieser dehnungserscheinung ist folgendes: 
ausser dem der Knie Löj^f : löpf hat ganz Württemberg länge 
in liäd (lidud) mit ausnähme der maa. an der Enz und auf 
beiden ufern des Neckars von Pleidelsheim abwärts; kürze 
findet sich ausserdem im SAV an dem oberlaufe der Kinzig 
und Donau bis Tuttlingen. Auf dem rechten ufer der letz- 
teren besteht ein grösserer dehnungsbezirk: von Riedlingen 
an der Donau läuft die betr. Knie südöstlich bis Hummerts- 
ried und dann nördlich bis zur Hier. — An der Verlängerung 
ivTd {ivtnd) nehmen nicht teil die maa. an der Enz und am 
unteren Neckar, an der Nagold, am oberlaufe des Neckars 
(bis einige kilometer oberhalb Tübingen) und der Donau bis 
Zwiefaltendorf ; auf dem rechten ufer derselben findet sich hier 
nur ein kleines gebiet mit vocallänge. — Die grenzlinie für 
hitd {hnnd) entfernt sich nicht erheblich von der linie köpf : 
köpf; sie berührt nur zweimal den Neckar ohne ihn zu über- 
schreiten (vgl. hierzu auch Wrede, Anz. 19, 104 p>fund, 107 kund, 
111 lind). 

In nacht dehnen die maa. am unteren Neckar nicht (bei 
frucht schon von der Remsmündung ab nicht) und ein gebiet 
von grösserem umfange auf beiden ufern der Hier bis Unter- 
dettingen: sonst das ganze schw^äbische. Die linie für friiclil 
(früt) geht nicht so weit südlich als die für nacht, welche den 
ganzen des Bodensees umfasst, ohne jedoch bis zur Hier zu 
gehen (vgl. oben § 12). 

§ 26. 'Ein einfluss von Verbindungen r -\- dental auf Ver- 
längerung des vorausgehenden vocals ist zwar nicht zu leugnen, 
aber auch nicht gesetzmässig zu fassen. Nur a wird hier regel- 
mässig verlängert: bdrt, Ichüftj, ijaru' (s. F. 20 und karte 18). 



DEHNUNG DER MHl). KURZEN S TAMMSILBKNVOCALE. 161 

Verla n;2:enuip- vor r + dental ohne unterschied zwischen 
ein- und zweisilbiger form zeigt das grosse hauptgebiet mit 
ausnähme des oberen Neckars (bis Irslingen), der oberen Donau 
(bis Irrendorf) und eines gebietes, das sich in einer breite von 
ca. oO — 45 kilometern im N^^' von Ulm bis zur Rems erstreckt: 
ivirt, Mrsclu schürz. Im S der Donau, von Sigmaringen bis 
Donaustetten auch auf ihrem linken ufer, also an Schüssen, 
Hier, "S^'ertach und Lech, findet sich die svarabhaktiform wi9rt, 
die F. aus dem spiele lässt, 'weil sie weder für kürze noch 
für länge beweist'. Ebenso sind die fälle uuprt 'wort' und 
fedrs 'vers' zweifelhaft; 'ob diese kurz oder lang seien, ist 
schwer zu erkennen und w^ürde lauter sehr genaue beobachter 
erfordern'. 

Zwischen schürz und Jcirsch besteht ein unterschied im N 
des gebiets; die grenze für ersteres zieht von der Enzmündung 
an den Kocher (etwas unterhalb von Hall), dann nach bis 
zur mittleren Altmühl und hierauf den Lech hinauf, von dem 
sie zum Ammersee abbiegt; dann zieht sie von Wessobrunn 
in westlicher richtung. Kempten in einem bogen umschliessend, 
zur Schussenquelle und endlich nach NW über Epfendorf bis 
zur oberen Kinzig. Dagegen verläuft die grenze für Mrsch 
(altzweisilbig) vom unterlaufe der Enz östlich, schliesst Kocher- 
und Jagstiiuelle ein, wendet sich nordöstlich nach der oberen 
A\'örnitz, von wo sie, auf dem rechten ufer derselben bleibend, 
zum Lech zieht; im S tritt die form 'kriese' ein. 

In arm hat auch der SW gebiete mit länge. 

§ 27. 'Die lautverbindung n + Spirans hat im schwäbischen 
länge des vocals mit Verlust des n bewirkt. Im schwäbischen 
hauptgebiet (zwischen Schwarzwald, Welzheimer wald, Wörnitz 
und Lech) herscht die forniel yäs : ges u. s. f. ohne unterschied 
von sing, und pl, hier also Verlängerung durch n + Spirans 
bei ein- und mehrsilbiger form' (F. 22 und karte 4). Noch 
deutlicher ist dies bei den beispielen in karte 5: zlns, fünf, 
hr linst, uns = z%s, ftf etc.; hier zeigt sich das hauptgebiet im 
A\'. N und von kurzvocalischen formen umgeben, und zwar 
sind die grenzen, vom NO abgesehen, auch Avie bei (juris. 

§ 28. Dehnung vor n -f verschlusslaut findet nur im ^^' 
des hauptgebiets statt (F. 23 und karte 4. 6). Das gebiet für 
cH 4- ver.schlus.slaut: et 'ente', im äussersten SA\' ült, ist am 

lieitrüge zur geBcbicbta dt-r deutiioben apraohe. XXIII. ] 1 



162 RITZERT 

umfassendsten; ausser der Enznia. nimmt nur nocli das obere 
Douaugebiet bis 'i'uttling-en nicht daran teil. Die grenze im 
bildet eine linie. die von der Eemsmündung- zur Donau zieht, 
auf dem rechten Donauufer haben nur zwei kleine gebiete 
länge, das eine bei Tuttlingen und das andere etwas unterhalb 
Sigmaringen. — Die grenzlinie für dek^ 'denken', im äussersten 
S^^' dälkd, reicht im A\^, X und nicht ganz so weit. — Ver- 
längerung in mkscli 'mensch' findet sich zwischen oberem 
Neckar und der Donau von Tuttlingen abwärts (zwischen 
Neckarquelle und Donau malt seh). 'Fast immer ist ts, nicht 
blos s angegeben; ein »mensch« würde sich wie njänse« ent- 
wickelt haben; der einschub des t muss also alt sein' (F. 23, 
anm. 8). In ivhiter erscheint Verlängerung zu wlter in einem 
kleinen gebiete zwischen Tuttlingen, Donau- und Neckarquelle 
und zu lüäiter in einem kleinen bezirke zwischen dem ober- 
laufe der Donau und des Neckars, der Ostdorf, Bitz, IMess- 
stetten und Erzingen als grenzorte hat (s. auch Birl. 51. Bohnen- 
berger, Alem. 24, 28). 

§ 29. Dehnung vor chs mit ausfall der gutturalspirans 
(F. 21 und karte 20). 'Soweit urspr. lis zu s geworden ist, ist 
der vocal ohne unterschied ein- oder mehrsilbiger form ver- 
längert: flas 'flachs', ös 'ochs', his 'büchse'. Das gebiet dieser 
Verlängerung ist dem von Mpf geographisch gerade entgegen- 
gesetzt. Daraus geht hervor, dass die einwirkung der conso- 
nanz von jenem allgemeinen prosodischen gesetz verschieden 
— und mit lun so grösserer Sicherheit, dass sie wirklich vor- 
handen ist.' 

Am kleinsten ist das gebiet für 6s: es umfasst den Ober- 
lauf von Murg, Kinzig und Nagold und das gebiet zwischen 
letzterer und Enz. Ausgedehnter ist die Verlängerung his: 
quellgebiet der Murg, Kinzig und Nagold und beide ufer des 
Neckars von Wittershausen bis Kirchentellinsfurt (unterhalb 
Tübingen). Am verbreitetsten ist die länge wäsd: von der 
oberen Murg zieht die grenze über die untere Nagold, südlich 
an Stuttgart vorbei, überschreitet den Neckar bei ]\Iittelstadt, 
läuft von Zwiefaltendorf die Donau aufwärts, überschreitet sie 
unterhalb Sigmaringen und wendet sich dann nach SO, den 
des Bodeusees umfassend. 



DEHNUNCi DHU MHl). KURZEN STAMMSlliUKNVOCAliE. 103 

I. H;nris('li-()sten'ei(*liiscli. 

Quellen: Xng. Hartniann, Volks-scliauspiele. In Baiern und Oester- 
reich-Ungaru g-esauimelt. Mit glossar. Leipzig- 1880. — M. Hinimelstoss, 
Ans dem Zairischen wald. Bay(>rns mnndarten 1. (11 ff. 239 ff. 36-i ff. 2, HS ff. 
24.3 ff'. 445 ff. — Val. Hintner, Beiträge zur tirolischen dialekttbrsclinng. 
Her Deferegger dialekt. Wien 187S. — Joh. Krassnig, Versuch einer 
lautlehre des oherkärntischen dialekts. Progr. von Villach 1S7Ü (Kr. hat 
•allein die ma. des mittleren Gailtales im äuge'). — M. Lex er, Kärnti- 
sches wörterhnch. Leipzig 18(i2 (s. viii — xiv gibt L. einen 'überblick der 
lautverhältuisse".) — E. v. Muth, Die bairisch-österreichische ma. Progr. 
von Krems 1S73. — Seb. Mutzl, Die bairische ma., Bavaria 1.339 — 3H3. 
München IStiO. — H. "\^'. Nagl, (irammatische analyse des niederösterreiclii- 
scheu dialektes im anschlnss an den 0. gesang des Eoanad. AVien 188(1. — 
H. K. Xoe, Beiträge zur keniitnis der nia. der Stadt Iglau, J'rommanus maa. 
5, 201 ff. 310 ff. 459 ff. — A. Prinzinger, Die baierisch- österreichische 
Volkssprache und die Salzburger maa., Mitteil. d. gesellsch. f. salzb. landesk. 
22 (1882), 178 ff". — J.Schatz, Die ma. von Imst. Strassburg 1897. — 
J. A. Schmeller. T'eber die quantität im bairischen und andern deutschen 
dialckten, Abhandl. d. bair. acad. 1830. — J. A. Sc hm c Her, Die maa. Bayerns 
grammatiscli dargestellt. München 1821. — J.B. Schöpf, Ueber die deutsche 
volksma. in Tirol. Progr. von Bozen 1852—53. (Schöpf 1). — J.B. Schöpf, 
Zur lautlehre des oberdeutschen in der bairisch-österr. volksma. von Tirol, 
Frommanns maa. 3, 15 ff". 89 ff'. — J.B. Schöpf, Tirolisches Idiotikon. Nach 
dessen tode vollendet von A.J. Hofer. Innsbruck 18H(j. — K. Weinhold, 
Bairische grammatik. Berlin 1807. 

§ 30. Mhd. kurzer vocal in offener silbe wird im bair.- 
österr. dialekt stets gedehnt: göd 'gott', hüder 'butter', sümer 
* Sommer'; s. Schmeller § 672. Mutzl 343. Schöpf 2, 89 ff . Noe 206. 
Krassnig 12. Schatz 10*9 ff. Weinhold § 7. 36. 43. 48. 51. 55. 57. 
<)1. 141; ferner sehr zahlreiche belege bei Hartmann im glossar, 
Nagl. Lexer viii — xiv und in den übrigen angeführten werken; 
für den Bair. wald s. auch die einleitung zu Himmelstoss von 
0. Brenner in Bayerns maa. 1, 61 — 64; für den vorderen teil des 
Paznauntales gibt Hauser in den Forsch, z. d. land- u. volksk. 
4,381—386 belege. 

§ 31. Durch vocals3mkope in suffixen und flexionssilben 
bedingte ausnahmen konnnen allenthalben vor, am häufigsten 
in Tirol und Kärnten; Tirol: hämniel, n'cpl 'nebel', doch auch 
)irljl: Kärnten: näyl 'nagel', ösl 'tiieV, Jcünik 'könig'; die für 
Imst im Oberinntale Tirols geltenden kürzen s. bei Schatz 114. 
— Zahlreich sind daneben die fälle, in denen dei- regelrecht 
gedehnte \'Ocal erscheint: sf/fl, Ujl, liöniiuir *luimmer' etc. 

11* 



164 RITZERT 

Im liauptgebiete sind diese (sclieiiil)ai'en) ausnalimeii selir 
selten; vgl. Weiiili. 50: "die zahl der heute erhaltenen kurzen a 
vor einfachen consonanten ist sehr g-ering'; hierher zu zählen 
sind vater, hamer, Icanier, in denen nach Schmeller 1, 755 die 
quantität schwankt. Kürze in vater finde ich ausser in Tirol 
und Kärnten (s. unten § 33) nur noch bei Muth 16; bei Xagl 
und ISchmeller 2, § 072 hat das wort gedehnten vocal. — Nach 
Weinh. s. 60 erhält sich vor m zuweilen die kürze c: nemmen, 
hemmen (= 'nehmen, kommen'); für beide worte ist aber als 
quelle nur Luterotti, Gedichte im Tiroler dialekt (Innsbruck 
1848) gegeben, während Weinhold s. 65 selbst als allgemein 
für den bair. dialekt geltend: gnomen, hörnen anführt. Be- 
stätigt und ergänzt werden diese angaben durch eine der 
neuesten dialektarbeiten; nach Schatz 114 haben beide Wörter 
in Imst in allen formen die kürze, in der Umgebung aber ist 
die dehnung durchgeführt. Auch die Salzburger ma. hat nach 
Prinz. 193 höhemma, doch smna 'sommer'; ferner gibt Hartm. 583 
kemmä'. Kurzes / findet sich nach Weinh. 61 in cimlich, wider 
adv.; leider fehlt genauere Ortsbestimmung. 

Mutzl 343 hat als kürzen nur gettä 'götter', hlddl dim. 
zu bläd 'blatt', wetta 'wetter'; auch bei Noe findet sich nur 
sehr selten kürze: schathi, gleppn 'kleben', gihM u. a. Im 
Bair. wald finden sich nach Bayerns maa. 1, 62 neben einander: 
hredsr und hredor 'bretter', wedor und wcddr 'wetter'. 

Wenn in einzelnen fällen mit stammhaftem f allgemeiner 
die kürze erscheint wie in hetn 'beten', schmitn, scUütn, noten 
pl. 'noten', dretn 'treten' (vgl. zu letzterem Schatz 112), so 
gehören diese ebenfalls zu diesem capitel. Vgl. Weinh. s. 293 
und 311. Schatz 112. 

In der verbalflexion begegnet uns die alte kürze häufig. 
Im ganzen gebiete findet bei stammen auf (/ oder / in der 
3. sing, und 2. pl. praes. und bei den schw. verben in der 1. 
und 3. sing, und 2. pl. praet. und im part. praet. stets synkope 
des flexionssilbenvocals statt, Avodurch gemination mit kürzung 
des vorvocals entsteht (Weinh. 290. 308). Nach p (b) und // 
und h fällt in der 3. sing, und 2. pl. praes. / regelmässig ab, 
der Stammauslaut wird verschäi'ft, der stammvocal gekürzt 
(Weinh. 147. 290. 308; s. ferner Schmeller 2, § 675.678. Mutzl 361. 
Lexer xiv. Xagl 26. Noe 319. 321. Schöpf 2, 102. Prinz. 191). 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSÜLBENVOCALE. 165 

Für die 2. mig. praes. sagt A\'einh. 289: 'der endvocal 
uiiterlieg:t der sjmkope'. Mit dieser erscheinung ist nach Nagl 
s. 10 (§ 3. 4) kürze des stammvocals verbunden. Schöpf fasst 
(2, 102) alles hierher gehörige in den allgemeinen satz: 'tritt 
in der flexion zu dem einfachen consonanten ein anderei-, so 
bleibt die kürze: i sä(j, aber du sägst, er sägt (und sät), gsagt 
(g'satt, gsöt). 

§ 32. Die erhaltung der kürze des vorhergehenden vocals 
findet im bair.-österr. gebiete auch dann statt, wenn in der 
composition oder im satzzusammenhange zwei verwante con- 
sonanten sich anziehen und wechselseitig verstärken; s. Nagl 
s. 27: glös 'glas", aber glöffiuis. Xagl hat hierüber sehr aus- 
führlich in dem ungemein interessanten capitel ' assimilation ' 
gehandelt und den satz aufgestelllt (s. 10, § 3. 4), dass die in- 
tensivität der consonantenaussprache mit der länge des vorher- 
gehenden vocals in verkehrter proportion steht. AVährend die 
assimilation im worte stets kürze bedingt, da die die assimi- 
hition hervorrufenden consonanten nie von einander getrennt 
werden : solc aus sögt, gip aus gibt, Iv/pa (mit kurzem diphthong) 
aus lehv-ta "lebtag" — , hört man im satze überall auch die 
niclit assimilierte form sprechen, trotzdem diese assimilationsart 
im ganzen gebiete des bajuwarischen dialekts gebräuchlich ist 
( a. a. 0. s. 26) — Zu dieser durch assimilation hervorgerufenen 
lautlichen Veränderung gehört es, wenn v. Muth 16 sagt, der 
bair.-("»sterr. dialekt habe den hang, die im hochdeutschen lange 
Stammsilbe zu verkürzen, und \\'einhold 112, im bair. werden 
(alle im gemeinen deutsch geschärften stanmisilben gedehnt, 
lind umgekehrt) die gedehnten geschärft; unser gesetz von der 
dehniing in offener silbe wird durch diese assimilation nicht 
alteriert. 

§ 33. A^'irkliclle ausnahmen von obigem gesetze begegnen 
uns in den maa. von Tirol und Kärnten. Von Tirol gilt, was 
Schöpf 1, 8 sagt: 'einzelne ursprüngl. laut Verhältnisse, manche 
kürzen hat die ma. bewahrt'; ferner s.516: 'Oberinntal, besonders 
aber Paznaun hat unverkennbar viel schweizerische demente; 
die ma. im Lechtal sclieint den Übergang zum alem. zu bilden'. 

Kürze vor t habe zahlreiche Wörter in Tirol: hrctt und dim. 
hrittl, statt, sitf 'sitte' (an der oberen Etsch und Eisack sit), 
glatt, gesotten u. a.; neben krotfu steht Icrot 'kröte'; andere 



1(1(1 RITZERT 

haben nur länge: bot 'böte" u. a. (s. die beispiele bei Scliöi»f 
und Hintner); nach Weinh. 65 kommt im bair. auch hott und 
hotten vor: ich finde die kürze in diesen nirgends belegt. 

In der erklärung* der Verschiedenheit der quantität vor t 
stimme ich Schatz 111 f. zu: das t war in inlautenden formen 
zur zeit der dehnung anlaut der schwachtonigen silbe, so dass 
der stammvocal schwachgeschnittenen accent hatte, die Vor- 
bedingung der nhd. dehnung (Paul, Beitr. 9, 102), Der kleinere 
teil der Wörter mit auslautendem t hat nun die dehnung aus 
dem inlaut übernommen; griisstenteils aber wurde die aus- 
lautende kürze in den inlaut übertragen: got 'gott', mit 'mit', 
srit 'schritt', (jlgt 'glatt' etc. Die ma. (Imst) dehnte vor aus- 
lautender verschlussfortis den vocal nicht, während vor aus- 
lautender lenis die dehnung — m. e, in folge Übertragung aus 
dem inlaut — eingetreten ist; vor auslautendem / aber wurde 
der schwachgeschnittene accent gesetzmässig durch den stark- 
geschnittenen ersetzt, wie die überzahl der beispiele beweist. 
Oestlich von Imst erscheint die länge: mit, srit, ebenso im 
Unterinntale von Telfs abwärts. S. auch Sievers, Phonetik^, 
§ 792. 

Auch in Kärnten erscheint nicht selten vor t kürze: götc 
= 'pate', statt, räda (nur in Unter-K.) u. a.; im kämt. ]\Iöll- 
tale, wo dehnung in weiterem umfange als im übrigen K. 
stattfindet, aber blat 'blatt' u.s. w. (Lexer viii). 

In Tirol und Kärnten erscheint auch einige mal vor d 
kürze: T.: ystätt 'gestade*, jud 'Jude', röd neben ral "rede"; 
K.: lit, aber Ud'l !■ g\\%^\ pdt *bad', iväde und iväd'l 'wade' u. a. 

Aum. 1. Die ShIzI». lua. (riiizgau, Zillertal, roiiyau, Erixciital) 
kennt kürze voi' t nicht: raiida 'vater", (/ada 'gatter", schrid 'schritt' 
(Prinz. 1S7 it.). 

Ausserdem ist in Tirol und Kärnten in manchen ein- 
silbigen Wörtern die kürze erhalten; T.: hlm < haue, toll 
'tüchtig', müll 'mühle" u.a. (Schöpf 1, 11. Erklärung bei Heusler, 
Conson. 13). — Für K. sind bei Lexer mehr hierher gehörige 
fälle zu finden; in manchen tritt in den flectierten formen 
die gesetzmässige länge ein: tdJ: 'tag', aber i)l. td(/e: f/rdss 
'gras', aber dim. (/räsl; mU 'mehP und tudivik "uiehlig", lioff 
•hof neben honf u. a. • 



DEHNUNG DER MllD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 167 

All in. 2. Nach Schraeller 1, 755 ist die quaiitität sclnvaukfinl in sdl, 
f(tl, Achiran, bJad, (/las, gras; es fehlt zwar die aiio-abe, wo in diesen Wörtern 
die kürze erscheint, doch hatte Schm. jedenfalls die eben genannten gebiete 
im ange. 

§ 34. Als zweites haiiptdeliming'sgesetz g-ilt für unseren 
(lialekt mit ausnähme des südliclien 'i'irols und Kärntens, dass 
der vocal in mlid. einsilbigen Wörtern vor doppelconsonanz 
gedehnt wird. In der ableitung und flexion erscheint wider 
die alte kürze;; die consonantenverstärkung (und die damit ver- 
bundene schärfung des vorvocals) tritt ein, wenn eine endsilbe 
folgt, selbst wenn sie aus einem unausgesprochen bleibenden 
vocal bestünde' (Schmeller 2, § 403). Hiermit stimmt folgende 
tatsache des "Wenkerschen Sprachatlas: südlich der linie Lech- 
mündung. Donau. Ingolstadt, Neumarkt. Eger hat der dativ 
sing, tisdt kurzen vocal. nördlich gedehnten (Wrede, Anz. 22, 
325); ferner gibt Brenner in Baj'erns maa. 1, 62 hrös 'ross', 
aber dat. hros; Aveitere beispiele tis, pl. tis; trüzm., aber trutzeg; 
stiKj 'stück', pl. ebenfalls stng, da auf mhd. einsilbige neben- 
form zurückgehend (s. Schmeller 2, §691; ferner § 111.115. 
1 16. 422. 453. 457. 508. 617. 640. 665—667. 690. Weinhold .§ 7. 
36. 43. 48. 51. 55. 57. 61. Mutzl 343. 345. 351. Noe 208. Nagl 
442 (§ 10. 12). 358. Baj^erns maa. 1, 62 ff.; ferner zahlreiche bei- 
spiele bei Hartmann). Wie weit die Salzburger ma. beteiligt 
ist, vermag ich nicht genau zu bestimmen; Prinz, hat avoI 
ivi'iuscht "wursf, schauts 'schätz', saulc 'sack' u.a., aber roch, 
lojif u. a. 

In Tirol zeigt das gesetz erst von Telfs abwärts nach Hall 
und um Innsbruck seine Wirkung (Schöpf 2, 90 ff.); doch hat 
die Imster ma. in einer reihe von Wörtern mit auslautender 
spii'ans-fortis den kurzen vocal gedehnt: ^/W/' 'griff', J;^5 'biss', 
stix 'stich' u. a. (Schatz 109 f.). Nach karte 1 in Fischers atlas 
setzt sich die linie für /.o/;/' : Jiö2)f, die bei Epfach den Lech 
überschreitet, in südöstlicher richtung fort bis Ohlstadt an 
der Loisach (der weitere verlauf ist nicht mehr zu sehen): 
der Oberlauf der Loisach liat also keinen anteil. Für iviud 
ist die grenzlinie bis zui' Isar verzeichnet: im S der linie 
Epfach. Wessobiuiin, Loisaclmiiindung gilt kürze. — Von den 
iiiaa. Kärntens o-eh<irt das Mr»lltal hierhei': hond 'band'. nU 
•nicht ■; Lexei' \ iii. 



168 RITZERT 

§ 35. Ausnahmen des vorstehenden gesetzes linden sich 
bei bestimmten consonantengriippen: 

a) Fast allg'emein unterbleibt die dehnung vor urspr. hs 
= Jis : flachs, fuchs; Schmeller 2, § 423; auch Nagl gibt bei- 
spiele dieser art; s. ferner Bayerns maa. 1,62. 

b) Zuweilen lautet im ostlechischen dialekte am ende 
gewisser nicht flectierten formen fs wie ff : ha ff, im ff (Schm. 
2, § 648. 194). 

c) Nach Schm. 2, § 666 bewahrt seh in einigen unflectierten 
formen den scharfen laut: falfch, hirfch. 

d) In Niederösterreich tritt vor n^ nur in wenigen fällen 
dehnung ein: schivänns, pl. schtvunz; 'die dehnung wird durch 
consonantenverhärtung, die hier durch consonantenhäufung be- 
dingt ist, verhindert'; ^ntf ist von dauernder inhärierender 
schärfe'. 

Anm. 1. In Niederösterreicli bleiben nomina auf sc/ luul chd 'am 
liebsten' ai;ch im pl. nngeschärft : /pechrJ, \t\. /pf'eJuhi; lösd, \)\. lörMhi, aber 
neisd, pl. ne/fda; doch behalten diejenigen, die ein historisches e verloren 
haben, scharfes -ft: (jrift 'gerüste' (Nagl 195), Avie überhaupt alle luhd. nicht 
einsilbigen Wörter kurz bleiben, wenn sie auch im dialekte einsilbig er- 
scheinen (Nagl 442, § 12). 

Anm. 2. Hin und wider kommt es vor. dass die quantität des nom. 
sing, in flectierte formen eindringt; s. Schmeller 2, § «UO: (luc/s 'gewiss' und 
zuweilen auch a g-icisf, 3"n g-wisn; Bayerns maa. 1, ()2 für den Bair. wald : 
khrefdn 'kraft und kräfte', khrefd/g. 

§ 36. Einen weitgehenden dehnenden einfluss auf den 
vorausgehenden vocal haben im bair.-österr. dialekte die li- 
({uiden l, r und die nasale m, n, >j (s. Schmeller § 542. 627. 555. 
568. 613. Nagl 27. 442). Nach beiden forschem sind diese laute 
einer Verstärkung fast nicht fähig, so dass meistens die gemi- 
iiaten II etc. wie einfache laute ausgesprochen werden 'und 
also den vorhergehenden vocal nicht schärfen' (Schm. 2, § 111). 
Beispiele: fällen: tälla sing, und pl. 'teller'; pfoarä 'pfarrer', 
pl. pfXra; läm 'lamm'; Jchaü'l 'kännlein'; pfa^hiiu 'pfennig'. 
Belege zu dieser erscheinung geben auch die übrigen quellen. 

Schm. macht in den citierten paragraphen die bemerkung, 
dass diese 'eigenheit' von eingeborenen auch auf die ausspräche 
des schriftdeutschen übertragen wird. 

In der Imster ma. ist nur in der lautgruppe -irr vocal- 
dehnung eingetreten: /->/;> 'iireif, ks'ur 'geschirr' (Schatz 114); 



DEHNUNG DER MHT). KURZEN STAMMSTLBENVOCALE. It^O 

ausserdem noch in »lOri 'mann", fl'cd "feH" (auch im [A. f\'(d,yy) 
und Icyroüm 'krampf (mhd. hram, gen. Jcrammes); s. Schatz 113. 

§ 37. Für die niederitsteiTeichisclie ma. liaben aucli die 
verbindung-en liquida und nasal + consonant dehnenden ein- 
tiuss, besonders » vor /.: und / vor dental- und palatalmuten 
(s. Nagl 358): gedmM pl. 'gedanken', zaumlwlldn 'zusammen- 
Imlten", Idwlldar comp, zu Ihölld: aber hölhj 'balg', pl. hdU/,: u.a. 

Die hierher gehörigen Verbindungen r + consonant be- 
wirken fast regelmässig vocaldehnung: Ididiiw 'korb', \A.lchRiiv] 
stmm 'sterben': gmidn 'garten' — nicht aber gewöhnlich r + h 
(Naglir2) und r -\- spirans (Xagl 358): Molik 'stark', schmms 
'schmerz'; in Wien auch nicht die Verbindung rt (Nagl 71), 
während der Neunkircher dialekt vor rt nur selten kürze hat 
wie in ydin 'gerte"; neben faidi 'fertig* steht fmdi, das die 
jetzt gebräuchlichste form ist (Nagl 81). 

Dagegen hat in Niederösterreich nd die neigung zur 
härtung im inlaute (Nagl 419), d.h. nur im \i\. der dA\i -nd 
auslautenden Substantive und in allen formen der starken 
verba (Nagl 358): >;ind 'sünde', aber pl. slntn: fintn 'finden"; 
eine anzahl hat aber auch in mehrsilbigen dehnung: baünd und 
pl. hända, länd und dim. ländl (s. hierzu Nagl 421). 

Anm. Das bairische südlich der Donau, feiner im Bair. wald nud am 
(ibereu Regen, vereinzelt an der Altmühl, hat mouillierung des /: soiz 'salz'. 
Die grenze dieser erscheinnug im W bildet der untere Lech und dann eine 
liuie. die nördlich an Augsburg vorbei nach SO zieht zwischen Ammer- 
mid \\'ürmsee durdi, um westlidi von Mitteu\\ald die reichsgrcuze zu 
treffen: s. Wrede, Anz. fda. 1!1, 102. Schmeller § 5*23— 5'25. 

Ol) die durcli die Verbindungen von li([U. oder nasal + 
cons. bewirkten längungen für weitere gebiete giltigkeit liaben, 
vermag ich nicht zu entscheiden, da aus den vereinzelten bei- 
spielen der mir vorliegenden arbeiten sichere Schlüsse nicht 
zu ziehen sind. Nur was die Verbindungen von r + cons. be- 
trifft, lässt sich noch folgendes sagen. 

Die Wortsammlung aus dem Bair. wald in J^ayerns nma. 1 
und 2 von Himmelstoss hat sehr zahlreiche beispiele mit länge 
vor /• 4- cons.: düDtu^ 'türmer', fdrln 'ferkel werfen', fid^rsn 
, ferse* u. a.; selten ist der vocal kurz: (idrt 'gerte', nic9>'L>' 
'merken'. 

in Tirol lind Käiiiien iindet häutig vor r -\- n vocaldehnung 



170 RITZERT 

statt: (järn, turn •türm" und pl. Um u. a.: voi' r -f /, d haben 
in Tirol die meisten Wörter kürze, nur einige auf mlid. a und e 
sind g-edelmt: ärt ' geschleckt ' und ärtlich, ercVn 'erde', herd < 
herf m.; allgemein we«>- 'werde'; auch oar^ 'ort' und pl. ear/er, 
tvoart imd dim. tvertl. 

Für Imst gilt dehnung des / vor r + dental, cons., des e 
vor r + dentaler lenis und des o vor r -j- dental; vereinzelt 
sind ort *art', tswi 'zart', fort (aber förtig), grs, h^öirtsd 'kerze', 
niöirts, liföirt 'fahrzeug", gepürt 'geburt' (s. Schatz 114 f.). Die 
maa. westlich von Imst haben e und / auch vor r + lab. und 
gutt. cons. gedehnt (s. Schatz § 40. 43). 

Die dehnung vor r + consonant ist mithin nach den ein- 
zelnen vocalen und consonanten in der einzelma. wie unter 
den verschiedenen maa. Tirols eine verschiedene; ebenso ist 
es in Kärnten. Im kärntischen C-rail- und Drautal erscheint 
vor r -f cons. aber häufiger die länge (s. Lexer ix); ebenso im 
Mölltal; im Lavanttal wird r und der ihm vorausgehende vocal 
gedehnt gesprochen (s. Lexer xii). 

§ 38. Als einzelheiten erwähne ich noch folgendes: 

a) In Niederösterreich ist vocaldehnung vor ck eingetreten 
in biKjl 'buckel', ivogln 'wackeln', snga 'zucker' u. a.; ferner 
vor tz in mizn 'mutze' und Idesn schw. m. = 'gedörrte obst- 
spalte'. Vereinzelt kommen diese fälle auch sonst vor; so hat 
Kärnten spötze und dim. späts'l 'spatz'; für Iglau gibt Noe hükl. 

b) Vor doppelspiranten ist in der kärntischen Gnesau 
dehnung eingetreten; vgl. Lexer in s. überblick: g-sess'n, ess-n, 
trefn. Nach Prinz. 182 findet sich diese erscheinung auch in 
einem 'teil von Kärnten' und in dem Salzb. Lungau: ecs'n 
'essen', ivaasa 'wasser'. 

in diesen fällen lag bei eintritt der dehnung keine gemi- 
nation mehr vor, so dass der vocal im silbenauslaut stand; 
dieselben sind deshalb principiell wie die in § 30. 

5. Ostfränkisch. 
Quellen: H. Bauer, Der ostfränkische dialekt zu Künzelsau, im Wir- 
temberg. Franken, Zs. d. bist. ver. f. d. wirt. Franken (>, 3 (1864), 369 ff. — 
0. Felsherg-, Die Kolmrger ma., Mitteilungen der geogr. gesellschaft zu 
Jena 6 (1888), 127 ff. — E. Fentsch, Die oberpfälzische ma., Bavaria 2, 
abt. 1 (München 1 863), 193—217.. — C.Franke. Die unterschiede des ost- 
fränkisch-uberpfälzischeu u. obersächsischeu dialekts, Bajerns maa. 1, 19 — 36, 



DEHNUNG DKK MHP. KUKZEN STAMMSlLBENVüCALF.. 171 

■2(il— 290. 374— 3S9 und 2,73—03. 317—343. — G. K. F rommaiin. (iram- 
matischer abriss der Nürnberger ma., in ,T. W. Weikerts Ansgew. gedichten 
(Nürnberg 1872), 289 ff. — (1. K. P'ronnnann. Kurze gramniatik der Nürn- 
berger raa. und Glossar zu Grübels siinitliclien Averkon (Nürnl). 1873), 221 ff. 
(icb citiere letztere arbeit, da sie die ausfübrlicbere ist). — E.G opfert, 
Die ma. des sächs. Erzgebirges. Leipzig 187S. — H. Gradl, Die raaa. West- 
böbniens, Bayerns luaa. 1, 81— 111. 401—444. 2, 95—117. 207—242. 31)4-383, 
aucli sep. .Alünclien 1895 (Gradl liat ausser zalilreicluni beantwortungen von 
umfassenden fragebogen in seiner arlieit die literarischen ersclieinungen 
benutzt, die die maa. Westböhmens betreffen : es sind dies u. a. : I(j. l'fttcrf<. 
Bemerkungen über deutsche dialektforsch, in Böhmen, PraglSt)2, und An- 
deutungen zu einer Stoffsammlung in d. deutsch, maa. Böhmens, Prag 1864: 
J. XafixI. Die laute d. Tepler ma., 1803: F. Mfoiiil, Die spr. d. eliem. her- 
schaft Theusing^ Pilsen 1880; J. KcKfiaiicr, Ein beitrag z. erforsch, d. Eger- 
länder ma., 1889; Jox. Kuferl, Der polit. bezirk Tachau, 1890; ferner seine 
eigenen abhandlungen in der Zs. f. vgl. sprachf. 17. 18 [Zum ostfr. vocalis- 
niusj, 19 [Der ostfr. dialekt in Bhm.] und 17. 19. 20 [Zur künde deutscher 
maa. (ostfräukisch)], sein Egerländisches Wörterbuch, 1883, u.a.: s. Bay. 
maa. 1, 108). — Haupt, Die ma. der drei Franken, Bavaria 3. abt. 1, 191 ff". 

— B.Hedrich, Die laute der ma. von Schöneck im Vogthuide. Leisniger 
Progr. 1891. - 0. Ht'ilig, Beiträge zi; einem Wörterbuch der ostfr. ma. 
des Taubergruudes. Heidell)ergei' itrogr. 1894 (ausserdem habe ich von herrn 
jirof. 0. H., der demnäclist eine grammatik der maa. d. T. herausgibt, brief- 
liche mitteilungen über d. dehuungserscheinungen seiner ma.). — L.Hertel, 
Die Greizer ma., Mitteilungen der geogr. gesellsch. zu Jena 5 (1887), 132 ff. 

— 0. Hertel, Die Pfersdorfer ma. (bei Hildburghausen; manuscript). — 
E. Keichhardt, E.Koch und Th.Storch, Die Wasunger ma., in den 
Schriften des Vereins für meiningische geschichte u. landeskuude, lieft 17 
(Mein. 1895). — J. B. Sartorius, Die ma. der Stadt Würzburg. Würzburg 
1802. — Aug. Schleicher, Volkstümliches aus Sonneberg im Mein. Ober- 
lande. Weimar 1858. — A.Stengel, Beitrag zur kenntnis der raa. an d. 
Schwab. Rezat und mittl. Altmühl, Froramanns maa. 7, 389 ff'. — B. Spiess, 
Die fränkisch-henuebergische ma. Wien 1873. — Für das württenib. und 
bair. Ostfranken wurden ferner benutzt: H.Fischer, Geographie d. , seh wäb. 
ma. und ,i. A. Schmeller, Maa. Bayerns. München 1821. 

§ 39. Mild, kurzer vocal in offener silbe wird im ostfr. 
.stets g-edelint: schlUen, Id-te 'kette', (jeliten, hätner •hamnier" 
(s. Fentsch 193, Frommaim § 29. 30. 32. 34. 49. Heilig-, brieH. 
initT. 0. Hertel 32. Haupt 252. (iradl in Bay. maa. 2,209. Hed- 
ricli iL L.Hertel 13t3. Felsber^ 128. Sclileiclier 25, Göpfert 19. 
20. Fischer § 13. Schmeller § 111). In den übrigen genannten 
iiuellcii sind die belege zerstreut; im bes. verweise ich auf 
Franke, der in Bay. maa. 1, 28 ff. znlibciclie beisjiiele aus dem 
ganzen gebiete g-ibt. 



172 RITZERT 

Wo durch abfall der endconsonanz der vocal auslautend 
wurde, ist lautgesetzlich delinuiig- eing-etreten; dieses gilt 
namentlich für -n fast im ganzen gebiete: U 'bin' (im Yogtl. 
hin, bei Oradl und Schleicher aber bin); M 'kinn' im Henne- 
berg; de 'denn' im Erzgeb.; ö 'ab': Rhön, Würzburg, Ebrach, 
Bamberg, Vogtland; u- = un- u. a. (s. Franke 34—36. Gradl 
210. L. Hertel U3. Felsberg 140). 

In manchen fällen ist aucli vor urspr. doppelconsonanz 
der vocal in offener silbe gelängt; dieses war aber erst m()g- 
lich. als durch consonantenausfall einfache consonanz entstanden 
oder die geminata vereinfacht war, so dass hier derselbe fall 
vorliegt wie oben. Hierher gehört «•y?w^r 'wunder' in Ochsen- 
furt in Unterfi'. und in Eger, stmln 'schimmeln" in Theusing 
< ahd. scimhalön (aber schon mhd. schimelen); risl 'rüssel' in 
Welletschin (Böhmen); büfjl 'buckel' in der Tepler ma.; tvögeln 
im Erzgeb.; ferner vor g {tz) allgemein in den maa. West- 
böhmens in dehn 'zu essen geben', struhl 'gebäck', hüdsl (< hu- 
tzele), stidsn (< stütze) 'traggefäss' (s. Gradl 211). Vor ts er- 
scheint vocallänge auch sonst in vereinzelten fällen; s. die- 
selben bei Franke 29 ff. Hedrich. Spiess. 

§ 40. Die vorkommenden abweichungen sind mit aus- 
nähme eines falles nur scheinbare. Dieser fall betrifft einige 
Wörter mit /, die im hennebergischen, in Sonneberg (Schleicher 
s. 26), Bamberg, Schöneck und teilweise in Westböhmen (Gradl 
s. 212) kürze haben: ß 'viel', spil 'spiele' und dazu spilcr m., 
suhl 'sohle', dol 'toll'; in Henneberg auch in /.vj?« "kohle', ri\t- 
kele 'rotkehlchen" u. a.; für Scluineck ist es ausserdem bezeugt 
in huln 'holen', kstuln 'gestohlen', ivul 'wol'; für das Erzgebirge 
finde ich huln belegt. — Fast ausschliesslich haben wir es 
also in. diesen fällen mit kurzem / und o zu tun; ferner ist 
beachtenswert, dass nur der nördliche teil des gebiets die- 
selben kennt. 

Vereinzelt erscheint die kürze in einsilbigen Wörtern, so 
öfter in f/ott 'gott' (schriftsprachlicher einfluss); ferner sind 
bezeugt für das Erzgebirge bin sg. und pl. 'biene', griV) 'grob', 
stod 'Stadt'; für Schöneck ^>e;- 'birne' (auch in Greiz), häno 
'hahn', mät 'matt' u. a. Gradl gibt für Westböhmen matt, 
trup (< frupe). In Künzelsau erscheint hier häufiger die kürze 



DEHNUNG DER MIIl). KURZEN STAMMSILBEN VOCAI.E. 173 

60/ 'böte'. s(i/f. rc(] neben ir'd "ivde'. (/red* Tabe' u. a.; s. Bauer 
s. 39(5: •manche eiiij^ilbige werden gescliärft'. 

Das adverb iveg, das wie in allen dialekten auch in Ost- 
tranken weg-en des stets mit ihm verbundenen energischen 
accentes vocalkürze hat, erscheint in Triebel und Schönbrunn 
im Vogtland mit langem e (Franke 81). 

§ 41. Die oben erwähnten scheinbaren ausnahmen nun 
betreffen eine nicht grosse anzahl mehrsilbiger Wörter auf 
-eJ und -er, seltener auf -en oder andere suffixe. in denen 
nach erfolgter vocalsjukope in den endungen der stammsilben- 
^■()cal nicht in den silbenauslaut zu stehen kam. In einigen 
maa. ist die zahl dieser 'ausnahmen' sehr gering, wie z. b. in 
A\'estbölimen. wo die kürze nur in fattar 'vater' (städtisch), 
allar 'adler' (Theusing), heffm 'hefe' (Eger, aber anderwärts 
hefhi), nhnma 'nehmen' (fast allgemein). Jdehhm 'kleben', stinimar, 
scmml, Ixhummad (< komat) erscheint (in den drei letzten Wör- 
tern nimmt Gradl vordringen schriftsprachlichen gebrauches an); 
ebenso selten sind die 'ausnahmen' im Erzgebirge, in Sonne- 
berg, Pfersdorf, Henneberg, Nürnberg (Fromm. § 8. 30a. 32. 45). 

Im W des gebietes treten diese kürzen wol etwas zahl- 
reicher auf (s. Bauer 374 und 396; auch Heilig bestätigt es), 
doch bleiben sie in der niinderheit gegenüber den regelrechten 
längen ; zudem zeigt sich, dem wesen dieser analogiebildungen 
entsprechend, ein sehwanken der quantität in der ma. wie in 
nachbarmaa.; nach ])rof. Heiligs mitteilungen heisst im Tauber- 
grund das participium yridt 'geritten', flectiert aber hat es 
kurzes i; gridtnor; in Künzelsau stehen wider und suivid(^r 
neben einander, im Erzgebirge owr und owr \\. a. 

Wenn die stadtmaa. häufiger kürze haben und zwar vor- 
iielnnlicli in solchen Wörtern, die auch im nlid. dieselbe zeigen, 
w'w in sxtfeJ, somnier, donner, so muss sicher schriftsprachliche 
])eeint1ussung angenommen werden; beispiele bei Sartorius, 
L. ilertel, Felsberg, Hedrich. 

rnterblieben ist die dehnung fei-n<'i' im ganzen gebiete 
vor den erst durch vocalsynkope entstandenen geminaten bei 
den Verben auf / und d und ebenso vor den auf gleiche weise 
entstandeneu (lojipelcoiisonanzen bei den verben, deivn stamm 
auf \ersclilusslaut ausgeht (s. Gradl 212. Stengel 394. Felsberg 
12b. Hedrich 12, y. Schleicher 57. 58. Göpfert 80. 81. 85. Frunim. 



171 RITZERT 

§ 24. 29. 30 a. 88). Beispiele: rct "redet, redete'; <i9ret 'geredet', 
retn 'redeten', retst 'redest, redetest'. 

§ 42. Im g-esammten ostfränkisclien gebiete ist in mhd. 
einsilbigen Wörtern vor doppelconsonanz delinnng eingetreten. 
Bei antritt einer flexionssilbe oder ableitung tritt die alte 
kürze wider ein, s. Gradl 210. Spiess 14. 15. Hedrich 11. Hanpt 
252. Felsberg 129. 132. Pantsch 193. Stengel 890. Sclileiclier 25. 
Göpfert 20. Schmeller § 111. 117. Fischer § 14. Fromm. § 18. 
30. 32. 34. 40. 43. 44. Bauer 396. Noe 208. 311. 0. Hertel und 
0. Heilig bestätigen das gesetz für ihre maa. Franke gibt in 
Bay. maa. 1, 29 ff. sehr zahlreiche beispiele aus dem gesammt- 
gebiete. Sartorius hat nur wenige beispiele: einmal bietet er 
in seiner Sammlung wesentlich 'städtische ausdrücke' und dann 
bezeichnet er auch die Quantität nur selten. Vgl. ferner die 
grenzbestimmung für vocaldehnung in mann bei Wrede, Anz. 
fda. 19, 201; dieselbe stimmt im wesentlichen mit der für das 
ostfränkische (gegen das thüringische und obersächsische) von 
Hertel und Franke gegebenen grenze überein. 

Anin. In solchen Wörtern, die erst durcli Unterdrückung eines älteren e 
einsilbig geworden sind, ist die dehnung unterblieben: koi^Kilcoste, heii 
<; bette; hierher zu zählen sind auch die dialektischen noniinativformen, 
die m-spr. gen. dat. sg. waren: heut '■\va\\ü\ heule 'bank'. 

§ 43. Während dieses gesetz im hauptgebiete fast aus- 
nahmslos wirkt, gilt es für die nördlichen maa. Henneberg. 
Pfersdorf, Koburg, Sonneberg, Scluineck, Erzgebirge wol auch 
als regel, doch finden sich hier nicht selten ausnahmen (in 
Greiz am nördlichen rande des ostfi-änkischen wirkt es über- 
haupt nicht; hier ist nach L. Hertel 'kurzer vocal vor doppel- 
consonanz erhalten'). Beisi)ielsweise hat Henneberg kürze vor 
rm und rn; ferner vor cht (aber hiächt), ft und in anderen 
Wörtern; in Sonneberg steht ort, Jiorn u.a. neben tvirt, Mm; 
auch in Westböhmen steht vor chs, cht, ft, st und ähnlichen 
harten consonanten Verbindungen 'häufig auch' kurzer vocal 
(Gradl 212). Vor chs bleibt die kürze ausseidem in Henne- 
berg, Sonneberg (hier hat allein floo,>s 'flachs' länge), an Rezat 
und Altmühl und im Taubergrund ; doch haben verschiedene 
nachbarmaa. des letzteren langen vocal: dogs 'dachs', fljys 
"tiachs' (nach Heilig). 

In der regel sind ausnahmen im liauptgebiete selu' selten 



DEHNUNG DER MUD. KURZEN STAMMSILBEN VOCALE. 175 

und ei'kläreii sidi dadiircli. dass die hetr. Av<"irter uiclit urspr. 
inundartlich sind, oder dass die (luaiitität der flectierenden 
tonnen den sieg- davon getragen hat (wie z. b. auch in sivam 
im Taubergiund). oder aber, dass das wort in Verbindungen 
erscheint, in denen es nicht den hauptton trägt: -fach; ferner 
-lach in Ortsnamen u. a. 

§ 44. rrsi>rüng-lic]i liatte der dativ obig'ei' W(»rter (§ 42), 
ti'otzdem er frühzeitig' einsilbig war. die kürze bewahrt. So 
ist es noch im westböhmisclien. wo kürze 'in allen flexions- 
fornien' gilt (Gradl 211). Im grössten teile des gebietes hat 
jedoch jetzt auch der dativ gelängten vocal. Ein schwanken 
zeigt sich in der A\'asunger ma.; heute ist aber die gedehnte 
form vorwiegend im gebrauche; die ursprüngliche kurze ist im 
absterben (s. Reichardt HO); doppelte formen haben in Wa- 
sungen u. a. such, griff, hiopf, lainwi, tvald. Auch bei Spiess 
finde ich nur drei beispiele mit kurzem vocal: zvall dat. zu 
•wald', fass neben fäss, (bä) desch ('bei) tische' (a. a. o. 50). 
Wie mir ferner prof. Heilig mitteilt, gilt die kürze im dativ 
fiii- den Taubergrund nur für stall, icall 'wald' und fall. 

Die übrigen ostfi'änkischen dialektarbeiten haben weiteres 
liierher gehiiriges material nicht angegeben, doch leistet Wen- 
kei-s s})rachatlas willkommene hilfe: s. die berichte Wredes 
über die dative von tisch (Anz. 22, 325), luft (Anz. 19, 278) und 
feld (Anz. 19, 285). Hiernach gilt im dat. tisch langer vocal 
in einem grossen mittel- und oberdeutschen bezirke, den man 
ganz ungefähr abgrenzen mag gegen XW durch die linie 
Wasungen, ]\reiningen, Fladungen, Nordheim, Tann, Fulda, 
Schlüchtern, Brückenau. Steinau, Salmünster, Orb; gegen W 
durch die Verbindungslinie Orb, P^berbach a. X., Löwenstein, 
\\'eilheim, Ehingen, Füssen; gegen durch den Lech, die Donau 
bis Ingolstadt und etwa Ingolstadt, Xeumarkt, Eger; gegen XO 
durch Thüringerwald und Frankenwald, von dessen südostende 
aus i noch die reichsgrenze längs den abhängen des Erz- 
gebirges begleitet. Ausser dem XO des scliwäbischen dialekts 
hat also auch der grösste teil des ostfränkischen im dat. tisch 
langen Aocal. — Für dat. Inft wiid gedehnter vocal seltner 
von der obeien Pegnitz bis zum I'ichtelgebirge. häufiger zwi- 
schen diesem und dem Erzgebirge überliefert; dann aber über- 
wiegt Iftft im grossen schwäbisch-fränkischen gebiete, das gegen 



176 RITZERT 

S zwischen den unterlaufen von Hier und Lech beginnt, gegen 
NO von Donauwörth bis zum ]\Iittelmain. gegen 8W von Ulm bis 
Stuttgart, Adelsheim, Miltenberg sich ausdehnt; endlich ist am 
Frankenwald louft bezeugt. — Gedehntes e im dat. fehl findet 
sich namentlich östlich der Rhön, im meiningischen, sowie im 
länglichen streifen vom Spessart südöstlich auf die Lech- 
mündung zu. 

Aus diesen belegen ergibt sich, dass die dehnung im dativ 
nicht auf die oben genannten orte beschränkt geblieben ist. 
Es darf aus ihnen und den oben gegebenen tatsachen ge- 
schlossen werden, dass der ganze Singular der einsilbigen nomina 
auf doppelconsonanz im grössten teile des ostfränkischen ge- 
dehnten vocal hat. 

AMe weit damit Gradl (s. oben) in Übereinstimmung zu 
bringen ist, vermag ich nicht zu entscheiden; Gradl spricht 
ausdrücklich 'von allen flexionsformen'; immerhin ist auffallend, 
dass in den nhd. Übersetzungen der dialektformen mit kurzem 
vocale so weit ersichtlich nur der plural angegeben ist: napf 
'näpfe', niemals der dativ. 

Wenn übrigens die herausgeber der A^^asunger ma. ver- 
muten, dass die vocaldehnung im dativ dadurch veranlasst 
sei, dass das flexions-e hier eher abgefallen sei als bei den 
pluralformen, so liegt gar kein grund zu dieser annähme vor: 
wir haben es einfach mit einer ausgleichung nach der nom.- 
acc.-form zu tun. 

§ 45. Vereinzelt kommt auch in flectierten formen der 
Wörter auf r -\- cons. dehnung vor, jedoch so selten, dass im 
ostfi'änkischen von einem dehnenden einflusse dieser lautver- 
bindungen keine rede sein kann. In den wenigen fällen dieser 
art haben wir es mit ausgleichungen nach dem nom. zu tun. 
Prof. Heilig gibt zwei beispiele: dshrddr 'zarter' und odrds 
'arten'. Reichardt und 8piess: hart 'bärte' und dim. härdU, 
aber hfärh, dim. zu hfär 'pferd'. Dehnung findet sich ferner 
in ferse an mehrei'en orten, im Taubergrund auch in döorse 
'salatstengeP; Heilig setzt für beide mhd. '^reresen und *torese 
an: liegt aber nicht vielleicht analogiebildung nach den ein- 
silbigen auf -rs oder aber beeinflussung des nahen rheinfr. (s. 
unten § 51) vor? — Auch in der \\'asunger ma. erscheinen 
einige zweisilbige Wörter mit rs mit langem vocale: müJrsal 
'mörser' u. a., aber yärsda 'gerste' u. a. 



DEHNUNG DER MIII). KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 177 

Niclit selten sind im ostfränkischen einsilbige würter durcli 
svarabhaktivocal zweisilbig geworden. Ks Hesse sich die deh- 
mmg in diesen also anch auf grund der hierdurch entstandenen 
offenen silbe erklären. Heilig lässt die frage offen: ich ver- 
neine sie. da einmal in anderen ostfränkischen maa. (Stengel 
s. 390) der plural trotz svarabhakti kürze behalten hat: hölich 
'balg' und pl. hdlicli, ävdm 'arm' und pl. dvdm, und anderer- 
seits in anderen ostfränkischen maa. in bestimmten Wörtern 
trotz svarabhakti auch der Singular keine dehnung erfahren 
hat: Schleicher 20: bolich 'balg', /ro//cA 'kalk'; Spiess: ivolef 
"wolf" u.a.; auch Stengel hat «•?/rt'>« sing., stiirdm m\g. Beide 
fälle ergeben also, dass die svarabhaktientwickelung jünger ist 
als die vocaldehnung. 

§ 46. Als vereinzelt auftretende dehnungserscheinungen 
sind folgende zu nennen: 

a) Dehnung vor nasalverbindungen, die sich auf alle 
tlexionsformen erstreckt, kommt an der Werra vor; beispiele 
bei Spiess und Reichhardt; das nähere s. unten § 75. 

b) Ebenfalls an der Werra kommt — wie im angrenzen- 
den südwestthüringischen — dehnung vor altem -st vor: bei- 
spiele bei Spiess und Reichhardt: äst 'ast' und pl. est, dim. 
esdld\ fast 'fasten' u. a.; aber last 'last', hast 'beste' u. a. 

c) Ferner wird hier a vor h auch in mehrsilbigen Wörtern 
gedehnt: sälzh, dim. zu salz u. a. 

d) In den maa. Westböhmens tritt vor II, rr regelmässig 
in ein- und, Avenn die zweite silbe ein altes e (nicht aber 
andere vocale) barg, auch in zweisilbigen vocaldehnung ein: 
///'alle'; srt? 'schall' und sd?n 'schallen'; bei rr tritt der Über- 
gang eines oder beider r in a ein: iar 'irre', saqrn 'scharren' 
(Gradl 210). — Nach Haupt hat auch Weischenfeld in Ober- 
franken när < narre, die Oberpfalz erfült\ für das Erzgebirge 
verzeichnet Göpfert 20 u. a. Tirüln subst. und verb.; Franke 
gibt a. a. o. 30 ff. verschiedene beispiele dieser art von ver- 
schiedenen orten Ostfraukens. 

0. Rhein fränkisch. 

Qucllfii: E. David, Die Wortbildung der raa. von Kiofdorf (Viel 
Giessen;, Genn. 37, 377 ff. — E. Dittmar, Die Blankenheinier (bei T'.ebia) 
ma., Jenaer di.ss. 1S91. — K. Hessel, Kreiznacli is tnnnp! r.ocalscbwank. 

Beiträge zur geschichte der dcutBclicn Bpraclie. XXIII. ] 2 



178 RITZERT 

Mit einer abhandlmig über Kreuznacher art und iiia. n. einem Wörterbuch. 
Kreuznach 1892. — J. Xehrein, Volkssprache u. volkssitte in Nassau. 
3 bde. Bonn 1872. — J. Leidolf, Die Naunheimer ma. (bei Wetzlar). 
Jenaer di.ss. 1891. • — Ph. Lenz, Der Handschulisheimer dialekt. 1. Kon- 
stanz 1887. Nachtrag: (2), Dann.stadt 1892. — J.Salz mann, Die Hersfelder 
nia. Marburger diss. 1888. — L. Schandein, (Tcdichte in AVestricher ma. 
Stuttgart 1854. — L. Schandein, Ma. der Eheinpfalz, Bavaria 4, 2. abt., 
217 if. — W. Yietor, Die rheinfr. \imgangssprache in und um Nassau. 
Wiesbaden 1875. — A. Vil.mar, Idiotikon von Kurhessen. Marburg und 
Leipzig 1868. — v. Pf ister, Mundartliche und stammheitliche nachtrage 
zum idiotikon von Hessen. Marbiirg 188(1. — t. Pfister, Ergänzungshefte 
zum idiotikon von Hessen. Marburg 1889 und 1894. — Ct. Volk, Auf der 
Ofenbank. Erzählungen in Odenwälder ma. Offenbach 1892. — H. Breunig, 
Die laute der ma. von Buchen. Progr. von Taxiberbischofsheira 1891. 

Anm. Die maa. der orte Bischofsheim bei Mainz und Eberstadt bei 
Darmstadt sind mir genau bekannt. Ich habe sie deshalb mit zur ver- 
gleichung herangezogen und eitlere sie mit Bisch, und Eh.; ferner habe 
ich auf erkundigungeu bei bekannten hin zuverlässige angaben aus den 
Ortschaften des kreises Homberg (bez. Cassel), aus Merxhausen (bei Fritzlar), 
Erxhausen im kreise Eotenburg (Fulda) und Eod (bei Weilburg) erhalten, 
die ich ebenfalls mit verwerte. 

§ 47. Im rheiiifräiikisclien ist im allgemeinen mhd. kurzer 
vocal in offener silbe g-edelmt worden. 

Da in keinem der genannten werke ausser bei Breunig 
(s, unten § 55 e) der quantitative lautwandel zum gegenständ 
einer besonderen betrachtung gemacht worden ist. vermag ich 
nicht auf beweissteilen hinzuweisen; zahlreiche beispiele aus 
allen rheinfr. maa., wie folgende aus Handschuhsheim: fand 
'faline', lärd m. 'laden', iceivd 'weben', sägd 'sagen' u. v. a., 
ergeben die richtigkeit des obigen satzes, der auch für die 
mischmundart von Buchen gilt trotz Breunig 25. 

§ 48. Zahlreich sind in Elieinf ranken die scheinbaren 
ausnahmen, die durch vocalsynkope in suffixen verursacht 
werden, vornehmlich im S (s. Lenz 1, 11. Hessel 65. Schmeller, 
Die maa. Baierns § 439 [für die I^heinpfalz]. Schandein 2, 284 ff.). 
]\Iit wenigen ausnahmen erscheint der vocal kurz, wenn der 
stamm auf m, n schliesst: nemo 'nehmen', ham'o 'hammer' etc.; 
ferner vor liquiden, Spiranten und medieii: Iwh 'holen', ivetvt) 
'weber', heivV\\ebQ\\ oß^oteir, swcfl^adiweteV, bes9 )> i 'hesan\ 
glesn pl. zu (jläs, wagd 'wagen', geivd 'geben', glirn pl. zu glid 
u. V. a. Im Westrich (der grösseren gebirgigen hälfte der 
Rheinpfalz) begegnet die kürze seltener (Schandein 2, 233) : 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 179 

öire •ofeii" u. a.; dasselbe .C'ilt für die maa. von JMsrli. und Kb.; 
iimnerliin sind die fälle mit kürze liier noch zalilreicli. Auch 
der X hat häufi,a" die ui'si)rüna-liclie kürze, doch wider seltner 
als die mitte des gebiets; so haben Honiberg-, Hersfeld, ßlanken- 
lieim, Merxhausen, Erxhausen, Naimheim und Rod wol him9l, 
kam,))-, soni^r u. a. auf m, aber liäniar, hamal, ääniorn (Rod in 
letzterem kurzen vocal). Für das schwanken der quantität 
in den fällen dieser art seien nur einige beispiele angeführt. 
Kürze in nabd, gehen, nehmen hat der 8; länge finde ich be- 
zeugt für Blankenheim, Erxhausen, j\Ierxliausen, Homberg, 
Hersfeld (in beiden letzteren doch nicht in nehmen)-^ ziemlich 
hat. so viel ich finde, nur in Erxhausen langen vocal; die 
jiartt. geblichen, geschrieben u. a. haben in Bisch, und Eb. kürze, 
im X länge; gedehnten vocal hat h-ehs in Homberg und Rod, 
sonst kurzen, dagegen erscheint magd und ohst stets mit länge; 
honig erscheint in Blankenheim als hiwlc, in Xaunheim als 
lihilc, sonst wie im nhd. Diese beispiele Messen sich ins un- 
endliche vermehren; sie bew^eisen zur genüge, dass wir es 
hier mit verschiedenartiger ausgleichung zu tun haben (s. Paul, 
Beitr.9. 118). 

Aniu. In Buchen haben öfters pl. und ableitung von solchen Wörtern 
vocalkürze, die im sing, die regelrechte länge zeigen: Wjl, pl. aber htip\ 
hO(h •boden", dim. aber becbmb; nüma, aber nemli u. a. 

In der verbal flexion kommt die kürze in folge sj-nkope 
des fiexionssilbenvocals nur vereinzelt vor; aus der mir ge- 
läufigen ma. von Bisch, kenne ich sie nur in den verbal- 
formen von särd 'scliaden' : md 'schadet' und gdsad part.; aber 
1)äd 'badet' und part. gdhekl; in Eb. auch in ligd 3. sg. praes. 
zu 'liegen' und in legd und galegd zu 'legen'. Vietor führf 
sie für Xassau ausser ersterem an in liehst, licht 'liegst, liegt' 
und suchst, sacht, gesacht 'sagst' etc.; letzteres auch im S. — 
Die kürze in dem für alle drei orte giltigen a in sad, gosad 
ist sicher durch den umstand, bedingt, dass diese formen häufig 
im reime zu hadd < baten sw. v., das kurzen stammvocal hat 
fs. unten § 49), gebraucht werden. 

sj 49. Eine ausnähme von unserem gesetze machen im 
ganzen gebiete die meisten Wörter auf t, welche die alte 
küi-ze bewahrt haben. "Während aber in den aleni. maa. hierbei 
die küizc duichweg erscheint, zeigt sich im rheinfiänkischen 

12* 



180 RITZERT 

ein mehr oder minder g-rosses schwanken. Fast überall haben 
kürze gott, pate, mati, quitt, schnitt, kette, geratter, ivetter, 
dotter, Sattel, schatten, gesotten, geritten, hettel, tritt siibst. nnd 
3. sg. von treten u. a.; gedehnten vocal haben hlatt (= hJCid). 
hrett, satt, gebet n.. hetcn, treten, kneten. Was die übrigen 
betrifft, so finden wir mannigfache scli wankungen: sfadt, glatt, 
vater, katcr haben kürze im S (s. Lenz 1, 11. 12. 2(3 etc.), länge 
in Naunheim, Homberg, Merxhausen, Erxhausen, Blankenheim, 
Hersfeld (doch hat letzteres fat^r 'vater'). Bisch., das meistens 
wie der Ö kürze vor / hat, kennt dieselbe ausser obigen nicht 
in der 3. sg. praes. von treten, nicht in Schlitten, schnitte] Eod 
dehnt ausnahmsweise in schatten — auch Eb. hat säro — ■ . 
gesotten, verboten; böte erscheint im N mit langem vocal, doch 
hat Erxhausen hier übereinstimmend mit dem S kürze, Avie 
Merxhausen in getreten. Hersfeld hat länge in kette, bettet, 
ivetter, gelitten, aber kürze in tmgetvitter; in Homberg haben 
pfote, gote, verboten, geboten kurzen vocal, doch gläd 'glatt' 
u. a.; schritt und tritt haben langes / in Erxhausen; in Blanken- 
heim erscheint in ersterem länge und kürze neben einander. 
Der pl. von blatt, brett ist meistens kurz, doch gibt es auch 
hierbei Schwankungen; so hat Erxhausen länge in blätter, und 
Rod in bretter. Die mischma. von Buchen und Umgebung hat 
vor t einige mal kürze bewahrt: bod 'böte', gabods 'geboten', 
gesodd 'gesotten', grod 'kröte', i bed 'bete' neben bed; aber 
grido 'geritten', glido 'gelitten', brtd 'brett' u. a. — Wie gross 
auch dieses schwanken zwischen den einzelnen maa. sein mag, 
so zeigt sich doch im ganzen gebiete das starke bestreben, 
t als geminata und darum silbeschliessend zu behandeln: nur 
im äussersten NO überwiegt die regelrechte delmung. Für die 
Rheinpfalz vgl. Schmeller § 671 und Schandein 241. 

Auch vor d ist nicht selten kürze erhalten: sniid 'schmied', 
red 'rede' und red{r)j 'reden', jud und pl. jndd (jurd) 'Jude', 
doch (/??^cZ 'glied' u.a.; ebenso in zweisilbigen: leder, feder u. a,.; 
doch lässt sich die kürze hier durch ausgieichung nach syn- 
kopierten formen erklären. Für die Rheinpfalz s. Schmeller 
§ 439. Buchen hat jüt 'Jude', j^otd 'boden' etc. 

§ 50. Ausserdem begegnen uns im rheinfränkischen einige 
wenige Wörter (meist in einsilbiger form) mit erhaltenem 
kurzen stammvocal. Erklärung bei Heimburger (Beitr. 13, 



DEHNUNG DEK MHD, KUKZEN STAMMSILBENVOCALK. 181 

211 t'f.) § 57. Es sind dies: sdub (im N sdotvo) 'stube* und 
pl. sdutVQ; sitb < schtqy, (ß'oh, flectiert fjroicr (in Rod (jrötvr); 
ivis (im N wesj und in Hersfeld n-es) 'wiese'; ferner fromm, 
sinn, toll, weg (adv.): vereinzelt kommen vor: sib *sieb' in 
Xaunlieim; dsug 'zug' und dim. dsügolp in Eb. und Rod; nacli 
Sflimeller § (345 lautet s an der Queicli in einzelnen Wörtern 
wie //': (jlaff 'glas', gm ff -gras'. 

Vor l zeigt sich einige mal kurzes / und o; so in Rod: vil 
'viel', ))iil 'mülile'. dil 'diele'; Blankenlieim: mel 'miUile'; Hers- 
feld: fd, mvJ, Jihol < Jwl, felo 'füllen'; kürze in Iwldc findet 
sich auch im kreise Homberg. 

§ 51. Von der qualität benachbarter consonantengruppen 
sind die dehnungserscheinungen verursacht, die ich in den 
folgenden paragraphen erörtere. 

^'or ^--Verbindungen und zwar hauptsächlich vor r + dental 
werden mhd. a, e gedehnt und nur vereinzelt auch andere vo- 
cale. Hinsichtlich der einzelnen Verbindungen dieser art be- 
steht aber keine gleichmässigkeit des dehnenden einflusses.. 

Durchweg ist a, e vor r + t, d in einsilbigen Wörtern ge- 
längt: bdrd'hMV, iverd 'werV; auch mrrf 'scharte; «erscheint 
auch in zweisilbigen gedehnt mit ausnähme Nassaus: gärde 
•garten", jedoch hat auch Naunheim go^adj 'garten', ivo'add 
.warten". Länge in iverdcn hat Handschuhsheim. Blankenheim, 
Homberg: w^r\ sonst (Rheinpfalz [s. Schandein 241], Nassau, 
Bisch.. Eb. u. a.) gilt kurzer vocal, aber irdd 'erde'. Ver- 
einzelt, so in Rod, Krofdorf, Bisch., Eb., erscheint dehnung in 
gjhürd 'geburt'. 

Vor rz ist nur a gelängt: Mrds 'harz' u. a., aber hcards 
•schwarz' (Buchen mit a); Handschuhsheim hat auch pentsl- 
'bürzel' (doch auch kurz), stqnts (< ste'rz), stÖDtso (< sturzel). 
An der Enz wird u in scJiiirz gedehnt; s. Fischers atlas, karte 18. 

Vor rs und rsd ist immer dehnung von a, e eingetreten: 
kärsd 'karst', gersd 'gerste', im S MM, ge.okl; Handschuhsh. 
hat auch pemt 'bürste' (aber nur bei älteren leuten), töo.st 
•durst', töDK.) (< torse)] auch Bisch, hat /a».vrf • f orst , als nanie 
eines gemarkungsteiles, der fri'iher wähl war; diese einzelfällc 
lassen den schluss zu, dass sich in früherer zeit die dehnung 
\or rs auch auf andere vocale erstreckte. Tür die Enzma. 
Ix'zeugt Fischers karte 18 kirs 'kirsclie'. 



182 KITZERT 

Vor rn isiiid a und e sehr häufig- gedehnt : gä(r)n "g-arn', 
gern {gemi}^ gern u.a.. (h)ch lieisst es überall warnen; ander- 
wärts tritt vor r)i die längung' nur in einzelnen Wörtern ein. 
so in Hersfeld, Blankenh., Erxh. Kcxl uiul Xannli. haben 
(ausser go^an 'garn') vor rn stets kürze. Das linksrheinische 
g-ebiet entwickelt svarabhakti: gcrj 'g-ern'; hier ist auch Kärdl 
•Karr üblich. \\o\ in folge dieser erscheinung-. 

Dehnung- des a und e vor r + labial und guttural ist 
häufig zu constatieren, aber nicht allgemein; hierher geh()rt 
dehnung- des a vor nn in cmu subst. und adj., ärmuf, ivärnr. 
wol überall; (■)fter ist länge in dann und erbarmen ang-eg-eben, 
dag-eg-en niemals in ärmel, ivärme. Handschuhsh. und das 
linksrheinische gebiet entwickeln in rm svarabhaktivocal: 
ivärdni] ebenso in ärix 'arg-', das sonst — mit ausnähme von 
Krofdorf — kurz ist. 

Vor rl) erscheint mhd. e gelängt in sterben in Bisch., Eb., 
Homberg, Hersfeld, Blankenheim; in den beiden ersten orten 
auch hqub f. 'kerbe', eüiad 'erben', aber goMgrtvd ^gestorben', 
s§nb 'scherbe' etc. In Bisch, und Eb. heisst es auch eimod 
'arbeit', wie im linksrh. gebiete ärwdd neben artccit; Hersfeld 
hat erwJS < enveiz. 

Mhd. e ist vor rg im ganzen g-ebiete — mit ausnähme 
des S auf beiden Eheinufern — gedehnt in berg, /rerg-, die 
häufig vorkommende länge in weü-däg ' Werktag' ist entstanden 
nachdem Je sich dem t assimiliert hatte; Hersfeld hat auch 
nu/rk *mark" und sdörg 'storch'. 

§ 52. Dehnung vor l-^t,d wird im rheinfränkisclien für 
a bezeugt und zwar für das gebiet östlich und nördlich der 
linie, die von Weilburg über Idstein, ]\lainz, Dreieichenhain, 
Babenhauscn, Seligenstadt weiter nach Lohr zieht (die cursiv 
gedruckten orte haben vocalkürze); s. AVrede, Anz. 21, 275: alte. 
Hierbei fällt der dentale verschlusslaut in der regel aus. so 
dass a (sofern es sich um zweisilbige formen dreht) in offene 
silbe zu stehen kommt. In dem bogen zwischen der ge- 
nannten linie und der, die von Weilburg über Herborn, Staufcn- 
berg, Schweinsberg, Kirtorf, Neustadt, Alsfeld, Herbstein, 
Schotten, Wenings. Büdingen nach AMndecken zieht, kommen 
alt und äl neben einander vor. Mit alte stimmt kalte (s. Anz. 
21, 279) im grossen und ganzen überein. Vereinzelte ausnahmen 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCAT.E. 183 

kommen liiii und wider vor; allgemein aber bleibt iler umlaut 
von a kurz : Jicl f. 'kälte'. 

1 )ie orte Biscli. und Eb., die im S au obige linie grenzen, 
haben nur in Jidl^ 'halten' und häl 'bald' gedehnten vocal; 
dasselbe gilt für den Odenwald. 

Länge des a vor Its (s. Wrede, Anz. 19, 102: saU) findet 
sich in wesentlich demselben gebiete wie vor It : die westgrenze 
zieht von Hilchenbach über Haiger. Braunfels nach König- 
stein, die südgrenze bildet der Main. Ferner findet sich ein 
kleineres gebiet mit länge östlich und südlich vom Odenwald 
mit Miltenberg, Waldürn, Adelslieim. 

In Blankenh. ist auch e in frld gedehnt; doch heisst es 
i/vld. Hersfeld hat in beiden Wörtern länge, aber nicht im 
pl.. ferner in ,smcl(ls 'schmelzen'; andere Wörter mit mhd. e 
zeigen kürze: seklo 'selten', meld 'melden'. 

§ 53. a) Vor der lautgruppe nasal + verschlusslaut wird 
im XO des gebiets der vocal häufig gedehnt. Das nähere 
hierüber ist beim thüringischen erörtert; s. unten § 75. 

b~) Delmung vor n -\~ spirans mit schwund des nasals findet 
sich nach Kehrein 22 (§ IGO) 'hier und da' am Taunus. Nacli 
^^■rede. Anz. 18, 406 hat ferner die Lahngegend um Driedorf, 
W'eilburg, Staufenberg. (4iessen, Nidda, bad Nauheim, A\'etzlar 
[icis für den pl. (jänse. Für Xaunheim gibt Leidolf einige 
hierher gehörige beispiele, wie hrats 'kränz'; doch pl. Irents, 
lanisol "kanzel'. 

An in. Für X;iniilieiin <;ilt auch had 'liaiid", förMi'Cd] doch land, 
wund etc. 

Die für das schwäbische charakteristische 'ersatzdehnung' 
mit nasalieruiig des vocals vor u + sjtirans erstreckt ihi-e aus- 
läufei- an die Knz. Verlängerung des a findet sich auf beiden 
ufern derselben und in einem schmalen streifen auf dem linken 
Xeckarufer nch-dlich der Enzuiündung: auch / wird an der Knz 
vor H + .spir. gelängt; sein gebiet erstreckt sich jedoch nicht 
so weit westlich als das für d und zwar fff wider nicht so 
weit als zi's. I)ie linie für ä~s 'uns' bleibt einige kilometer 
\()n der Knz entfernt und geht erst kurz vor ihrer quelle 
auf das linke ufer; noch weiter entfernt bleibt die linie für 
dit' dehnunji- in braust: s. Fischers karten 4 und 5. 



184 KITZEET 

§ 54. Vor urspr. Id ist mlid. a imd e ausser dem links- 
rliein. teil im g-aiizen gebiete gedeliiit; nur wenige Wörter sind 
davon ausgenommen, wie acht num. (das aber im N länge hat 
gegenüber achtzig) und fechten^ auch specht hat hin und wider 
A'ocalkürze. Das fi^mdwort j)at7/if hat teils langen, teils kurzen 
vocal; echt und pracltt haben stets küi'ze. 

Nach Wredes bericht im Anz. 21, 162 zieht die grenze der 
Yocaldehnung in recht den Neckar abwärts, weiter den Rhein 
entlang bis Bingen und dann der Nahe und Glan aufwärts. 

Wie weit damit Riehls angäbe (Die Pfälzer, Stuttg. 1858, 
s. 277), gedehnte aussj^rache des e in schlecht sei ein charak- 
teristicum des Pfälzer dialekts, in einklang gebracht werden 
kann, vermag ich nicht zu beurteilen; für das Westrich gilt 
vocalkürze, und ebenso, nach meiner erfahrung, für die hes- 
sische Rlieinpfalz. 

In Blaukenh. und im kreise Homberg ist auch / gedehnt 
in trichter. Für die Enzma. ergibt Fischers karte 1 länge in 
frucht. 

§ 55. Nur für kleinere bezirke, und zwar in erster linie 
für grenzgebiete, gelten folgende dehnungserscheinungen: 

a) Vor urspr. hs ist a in einem gebiete nördlich des Mains 
gedehnt; dabei schwindet die gutturalspirans. Von Ems (cursiv 
gedruckte orte auf der .r-seite) zieht — nach Wrede, Anz. 21, 
261: ivachsen — die südgrenze desselben über Eunkel, Cam- 
herg, Usingen, Homburg, AMndecken bis llannu; von hier bildet 
den abschluss gegen und N die linie Büdingen, Ortenherg, 
Wenings, Schotten, Herhstein, Lauterhach, Homberg a. d. Ohm, 
Kirtorf, Schweinsberg, Kirchhain, Marhurg, Biedenliopf, Dillen- 
biirg, Haiger, Ederkopf; vgl. unten § 67. Rod, das an der 
grenze des genannten gebiets liegt, hat länge nur in wachsen 
und flachs, aber nicht in icachs, dachs, achsel. 

Ferner ist an der Enz in Übereinstimmung mit dem schwäb. 
a vor hs gedehnt (s. Fischers karte 20); auf ihrem linken ufer 
aber hat nur am unterlaufe ein kleiner bezirk länge (die 
grenzlinie für 6s 'ochs' reicht nicht bis an die Enz). 

Mhd. (i ist nur ganz vereinzelt vor hs gedehnt: Naunh. 
hat weasd7i 'wechseln' und Krofdorf ivf;osdl 'Avechsel'. 

Dehnung des o vor hs ist nach Wrede, Anz. 21, 264 eben- 
falls für das gebiet nördlich des Mains bezeugt, nur zieht die 



DEHNUNG DER MHD. KÜEZEN ST AMMSILBEN VOC ALE. 185 

südgreiize iu einem kleinen abstand nördlicli xon der für 
wachsen gegebenen linie bis Hofheim, von wo sie mit der- 
selben zusammenfällt; ausgenommen bleibt ferner an der Lahn 
die weite halbinsel AVeilbuig, Braunfels, Herborn. Biedenkopf. 
]\Iarburg. Kauschenberg. 

b) In Hersfeld und Blankenh. ist wie in Westthüringen a 
und e vor st gedehnt (vgl. § 78, a): sw^schr 'Schwester', Msd,) 
'kästen'. In Hersfeld heisst es ferner feshdr 'vesper'. Länge 
in nest hat auch Homberg. 

c) Das pronomen ich hat in Handschuhsh. und in der 
(ilan- und Donnersberggegend (Schandein 252) langen vocal; 
ferner in einem grösseren gebiete an der Lahn und in der 
AVetterau bis Herborn, Biedenkopf, Eauschenberg im N, Taunus 
und ]\lain im S, Herbstein und Gelnhausen im 0, ^^'esterburg 
und Nassau im A\': liier wechselt aich mit icli, betonte und 
unbetonte form; s. ^\'rede. Anz. 18,308. 

d) Vor n erscheint einige mal länge des a, so häufiger 
(Bisch., Eb., Rheinpfalz, Odenwald) in überall, in der Pfalz 
auch in ball = frz. le hal; Handschuhsh. hat auch wal "auf- 
kochen' < ival, -lies. 

e) Buchen auf der grenze zwischen Ehein- und Ostfranken 
delmt wie letzteres den vocal in mhd. einsilbigem worte vor 
doppelconsonanz (s. Breunig 16 ff.). Hiermit erklärt sich die 
unbestimmte angäbe bei Breunig 25: 'das von Paul aufgestellte 
gesetz, dass in geschlossener silbe die kürze bleibt, in offener 
dagegen dehnung eintritt, hat in unserem dialekt nicht un- 
bedingt statt' (in offener silbe hat Buchen mit ganz wenigen 
ausnahmen — vor f — dehnung; vgl. Br. 16; auch sonst hat 
Br. zahlreiche hierher gehörige belege). 

7. Mittelfränkisch. 

Qnelleu: Bahles, Die Birkeufelder raa. Vocalismns. BirkenfeUler 
]\)i<gr. 18!j5. — Tli. Buesch, Ueber den Eifeldialekt. Ein beitrag zur 
kenntnis des mittelfr. Progr. von Malmedy 1888. — F. M. Follmann, 
Iiie ma. der Deutsch-Lothringer und Luxemburger. 1. Consonantismus. 
Mt-tzer progr. 188t>. 2. Vocalisnius. Metzer progr. 1890. — M. Hardt. 
Vocalisnius der Sancnna. Echtcrnacher progr. 1843. — .1. Heinz erling, 
Ueber den vocalismns und ronsonantismus der Siegerläuder ma. Jlarburger 
diss. 1871. — F. Honig. Wörterbiuh der Kölner ma. Köln 1877 Olazu 
einleituug: Ueber die laute der kölnischen ma. und deren bezeichuung von 



186 lilTZERT 

"W. ^^'alllellbel•g). — Hecking, Die Eifol in iliior ma. J'iiini ISÜO. — 
A. Jardou, (Traiiimatik der Aachener ma. Laut- und fonnenlehre. Aachen 
1S91. — (t. Keintzel, Lautlelire der raaa. von Bistritz und Sächsiscli- 
Keg-en, Archiv d. ver. f. siehenb. landesk. N. f. 20 (1S94), 133 ff. — J. Kehr- 
ein, Volkssprache und volkssitte in Nassau. Bonn 1872. — Kisch, Die 
Bistritzer ma. verglichen mit der moselfränkischen, Beitr. 17, 347 ft". — 
Ph. Laven, Gedichte in Trierischer ma. Trier 1S5S (mit lautübersicht u. 
glossar). — Eottmann, Gedichte in Hunsrücker ma. Kreuznach 1874. — 
A. Scheiner, Die Mediascher ma., Beitr. 12, 113 ff. — B. Schmidt, Der 
vocalismus der Siegerläuder ma. Halle 1894. — K. Chr. L. Schmidt, 
Wcsterwäldisches Idiotikon. Hadaniar und Herhorn 1800. — J. "Wegeier , 
Coblenz in seiner ma. und seinen hervorragenden persönlichkeiten. Coblenz 
187(1. — J. Wolff, Der consonantismus des siebenbürgisch- sächsischen. 
Mühlbacher progr. 1873 (1). — J. Wolff, Ueber die natur der vocale im 
siebenb.-sächs. dialekt. Mühlliacher progr. 1875 (2). 

§ 56. Im mittelfr. ist mhd. kurzer vocal in offener silbe 
stets gedehnt worden; in den nördlichen maa. (KCdn, Aachen) 
jedoch nur im allgemeinen (s. Baldes 7. Buescli 8. Jardon 15. 
Hardt4 Laven ix. Follm.2,23f. B. Schmidt 16.31. 43. Kehrein 
[für den Westerwald] 3 und § 12; für Siehenbürgen s. AVolff 2. 60). 
Zahlreiche belege sind in allen genannten arbeiten zu finden; 
ich führe an: hänwr, ts^sämd 'zusammen', hdstätd = 'sich mit 
einer statte versehen, daher heiraten', hätd < haten, Mten 
'kette'. 

. Wo altes j) = hoclid. //' erhalten ist, findet sich lautgesetz- 
lich länge des Yorhergehenden vocals: cq), pl. aj>e 'äffe'; in 
diesem worte hat der nördliche teil des mittelfi\ auf beiden 
K heinufern unverschobenes j;; die genaue grenze dafür gibt 
Wrede im Anz. 20, 324. 

§ 57. Von weitgehendem schützenden einflusse für die 
erlialtung der urspr. vocalküi'ze sind auch im mfr. die suffixe 
-el, -er, -em, -en und ferner -i(j, -et u. a.; hierzu vgl. § 16. Die 
Wirkung dieses einflusses ist nicht allerorts die gleiche. Obenan 
stellt die kölnische ma., wo unter den angegebenen Verhält- 
nissen fast ausnahmslos die kürze erscheint, mag der stamm 
auf nasal, liiiiiida, spirans oder media ausgehen: iconc 'wohnen', 
liamel, hole 'holen', kiining 'kömg', u-evrer 'wehar', igel, hesem, 
ledder 'leder', faddem 'faden'. In der Eifelma. ist die kürze 
'regelmässig" erhalten, wenn die Stammsilbe auf liquida oder 
nasal schliesst: /a>T/i 'fahren', jes/ö7e;i 'gestohlen' (s. BueschO); 
aber auch vor anderen consonanten bleibt die kürze häufig: 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 187 

di.'icn "dieser', jczoijcn, böedciii u. a.; aber jafd 'g-aber, hä^scni 
'besen', Jiaiel 'kegel', Mätcl • flache schüssel' u. a. Ebenso 
haben die maa. Siebenbürgens in selir zahh-eichen fällen die 
kürze bewahrt, so fast regelmässig-, wenn die Stammsilbe auf 
nasal, und sehr häufig-, wenn sie auf stimmhaften verschlnsslaut 
ausgeht (s. Keintzel 145. 159. 150. 153. 157). 

Bei weitem nicht in demselben umfange, aber immerhin 
noch häufig erscheint vocalkürze in folge vocalsynkope in den 
Suffixen in den übrigen maa. Aus den an den angeführten 
orten verzeichneten beispielen ergibt sich die tatsache, dass 
sich die kürze am häufigsten dann erhält, wenn der stamm 
auf )ii, n, IC < Ik und nicht selten, wenn er auf (j, d ausgeht. 
Im Siegerland bleibt z. b. die kürze vor dem aus g nach / 
erweichten j in reil "riegel'. Vgl. B. Schmidt 89, der hier Verkür- 
zung aus sehr früh eingetretenem i annimmt; zu feü heisst 
aber der sg. /o^? 'vogel', also mit erhaltener kürze. E^s liegt 
deshalb m. e. viel näher, jene durchgangsstufe überhaupt nicht 
anzunehmen. Bemerkt sei noch, dass in Siegen a vor ni -\- 
suffix stets gedehnt wird: sosänid etc., die übrigen vocale aber 
meist nicht: y?«;><6' "nehmen', himel, somer; doch A-mi "kümmel'; 
auch donner hat kürze. Ferner hat Aachen kämer, zesämc 
neben schömcl "Schimmer, n^me "nehmen" etc.: doch auch hamd. 

Hin und wider, so in der Eifel, kommt es vor. dass in 
den flexionsformen der verben auf dentalexplosiv, in denen 
durch ausfall des e der flexionssilbe geminata entsteht, die alte 
kürze zum Vorschein konmit: sat, bat = 3. sg. praes. 7ai sädcu, 
häden. Leider sind die quellen zur ausreichenden behandlung 
dieser erscheinung nicht genügend. 

§ 58. Erhalten ist die kürze vor altem einfachen t fast 
ausnahmslos in Köln: (/ehcti 'gebet', hott "böte', j^aH 'pate' etc.; 
länge vor t finde ich in der Wörtersammlung bei Honig nur 
in jj?«a^ "platte', plaate verb., aber hlatt, pl. hlätter und verb. 
hlädderc] bäte (< baten); Staats (< an-stete); yäder 'gattertüre' 
und in hrCit "kröte'; neben letzterem aber hrott 'kleiner junge'; 
neben vatter kommt vädcr und rar vor. 

Ebenso ist hier vor d kürze bewahrt: ratt "lad" und pl. 
rädder, ylidd n., redd f. 'rede', patt 'pfad' und &m\. pättche etc. 

Von einer beeinfiussung des kölnischen als einer stadtnm. 
durch die schrill spräche kann also hierbei keine rede sein. 



f! 



188 KITZE KT 

In Aachen steht nach Jardon die kürze namentlich vor 
auslautendem dentalexplosiv: sat 'satt', flat "glatt', hlat 'blatt', 
aber pl. hlär, hö" 'böte* etc.; ferner rat 'rad', aber pl. rar, hat 
n. 'bad', aber verb. hddc. Vgl. hierzu § 33. 

In den maa. Siebenbürgens erscheint ebenfalls nicht selten 
kürze vor t und d (belege bei Keintzel; s. ferner yScheiner 126. 
127. 128. 132). 

In den übrigen nifr. niaa. findet sich vor t nur selten 
kürze; in der Eifel kommt jvitt "pfote,' vor', in Siegen badib 
(< baten, s. B. Schmidt 18, aber auch 31); in Birkenfeld liaben 
einige Wörter kurzen vocal zur Unterscheidung von gleich- 
lautenden, so u. a. blad f. 'jdatte' neben bläd n. 'blatt', kub 
(< schate) neben sädd m. 'schaden'; s. Baldes 11. 

Kürze vor d begegnet in wenigen fällen auch an anderen 
als den vorhin genannten orten; fast durchweg erscheint sie 
in ret f. 'rede', jut m. 'Jude', smit m., glit n.; in einigen maa. 
besteht daneben gedehnter vocal. 

B. Schmidt 47 vermutet, dass in jut sehr früh dehnung 
eingetreten und dann u gesetzmässig zu n verkürzt worden 
sei (nach s. 75 a. a. o.). Die sache verhält sich m. e. aber um- 
gekehrt. Das kurze u blieb und analog dazu wurden auch 
lange u vor t kurz wie in brutt aus brüt. Ganz dasselbe liegt 
vor in sltt 'sieht' und gefdt "geschieht' (a. a. o. 40). 

§ 59. Erhaltene kürze in folge Verallgemeinerung der 
quantität der unflectierten formen hat eine anzahl einsilbiger 
Wörter in fast allen oben angeführten maa. des mfr.; dasselbe 
gilt auch für Siebenbürgen; ausgenommen ist der Hunsrück. 

Es betrifft dies zunächst die auf liquida auslautenden 
Wörter mit /, o, ü: st'd 'stiel', spil m. 'spiel', miil f. 'mülile". 
/fo^ f. 'kohle', ftoH'. 'bohle' etc. Aachen und Siegerland haben 
hier länge, doch hat letzteres bol 'bohle'. Auf r: bir (< bir, 
pirus), dir (< tür\ Köln jedoch beer, aber pl. birre) etc.; so auch 
bei Wolff, Keintzel, Kisch, Scheiner. 

Kürze vor auslautendem nasal zeigt sich meist in from 
•fromm', tsin n. 'zinn', schin oder sehen 'Schienbein", son und 
pl. HÖH m. 'söhn", in der Klznia. auch in bun f. 'bahn; bei 
Keintzel: iviui 'wohnen', lum 'lahm' tsuni •zahm'; doch gräm, 
fän f. 'falme'. 

Von sonstigen Wörtern liabun kürze: cicech {<emvec); 



DEHNUNG DER MIID. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 189 

(< emcec): ferner mehrere auf /' und .s^: hof, hcf f. 'liefe', grof 
'grob', stuf f. -Stube", sef 'sieb", Jios f. 'liose', wis f. 'wiese'; 
bei Hardt auch vis m. 'riese'. Hin und wider findet sicli in 
dem einen oder andern aiicli vocallän.o-e. 

In der Aachener ma. zeigt sich im \)\. oft die alte kürze 
und zwar durchaus bei solchen, die plural-e verloren haben: 
(lach m. "tag", aber pl. dach. Jardon sagt a. a. o. s. 32: 'das / 
der pluralendung (der /-decl.) ist überall geschwimden, der 
stammvocal womöglich gekürzt.' Ebenso wird in der compara- 
tion des adj. 'der stammhafte vocal meist gekürzt' (s. Jardon 34). 

§ ()0. Viel häufiger als in anderen dialekten bewirken 
im mfr. doppelconsonanzen dehnung mhd. kurzer vocale. 

Von gesetzmässigem dehnenden einüusse auf den voraus- 
gehenden vocal sind hier zunächst die Verbindungen r + con- 
sonant; in mehreren der oben angeführten maa. wdrkt dies 
gesetz fast ausnahmslos; so in Luxemburg und Deutschlotli- 
ringen (s. Follm. 1, 17. 2, 10. 11. 13); ferner zahlreiche belege 
bei Hardt ; auch Birkenfeld gehört hierher (s. Baldes 7). Auch 
Aachen hat meistens länge (Jardon 3. 28, 29). Vor r -\- dental: 
(/, t, z, n, s, seh, l, dehnen Köln (s. Honig 30), Trier (s. Laven 
287), Coblenz und die Eifel. Stadtmaa. aber haben öfters 
vocalküi'ze. ^^'o sonst in durchaus dehnenden maa. fälle mit 
kurzem vocale vorhanden sind, ist schriftsprachliche beein- 
tlussung zu constatieren oder das betr. wort ist aus dem nhd. 
entlehnt. P'ür ersteres gibt Baldes einen treffenden beleg: 
in der Birkenfelder ma. erscheint die kürze in had 'hart', sivads 
'schwarz', heods n. 'herz', phesl f. 'perle'; hierzu bemerkt B. 11: 
'dass auch hier, wenigstens in kvads, die länge vorhanden war, 
das zeigt die ausspräche des Ortsnamens Schwarzenbach, der- 
im munde der Birkeuf eider swädsohax lautet.' Ein beleg für 
den zweiten fall bei Hardt 21: harscht 'bursche' und morsch 
"böse, morsch" "sind beide aus dem hochd. entlehnt." 

Für die maa. Deutschlothringens und Luxemburgs sagt 
Follmann, dass nur selten und zwar nur an der Mosel vor 
einigen r- Verbindungen kürze vorkommt: berrech'hevg', herrebst 
•herbst', dorref^ dorV. An der Mosel scheint also dehnung nur 
voi" ;• -f dental zu gelten. 

Buesch und Hecking geben für die Eifelma. die kürzen 
sorgen '.sorgen', dazu sorech f. 'sorge'; für t 'furche'; <ir(j; 



190 EITZERT 

harg = porcus; daneben aber die läng-en mor 'morgen', wärek 
(< tverch und iverfc). 

Während auf dem Westerwald die küi'ze nur ausnahms- 
weise erscheint, werden in der Siegerländer ma. vor r-verbin- 
dung-en nur a (doch nicht dessen umlaut) und c < e gelängt 
und zwar fast durchgängig. Schmidt 16 f. nimmt mit Heinzer- 
ling 14 als Ursache dieser dehnungserscheinung die entwicke- 
lung eines svarabhaktivocals an, 'wodurch der vorhergehende 
vocal gewissermassen in offene silbe zu stehen kam.' ^Yem\ 
auch ein solcher oft noch deutlich fühlbar ist und in drich 
'arg' klar zu tage tritt, so muss es doch auffallend erscheinen, 
dass sich derselbe nicht wie z. b. im scliwäb. und ostfr. auch 
da entwickelt hat, wo dem r ein umlauts-e, i, o, u vorausgeht. 

Im siebenbürgischen sind die Verhältnisse vor r -\- cons. 
weniger einfach. Doch gilt hier, was Wolf f 2, 28 sagt: 'wo die 
kürze der hochtonigen silbe nicht geschützt war durch Posi- 
tion, da war sie in den meisten fällen unrettbar verloren'; 
ferner: 'kurzes a bleibt aber in den Verbindungen r + cons. 
fortis.' — Die Verbindungen rsch und rscht dehnen den voraus- 
gehenden vocal fast regelmässig (s. Wolff 1, 20). In der Bi- 
stritzer ma. ist a, sein umlaut, e vor r + cons. gedehnt, jedoch 
nicht immer; ferner tritt oft dehnung ein in mundartlich ein- 
silbigen Wörtern mit i, mitunter auch mit tc: Mrt, hurt; ferner 
ist vor rd und rn fast durchweg o gelängt, während nach ^Volff 
1, 20 andererseits in der gruppe rn das r oft geminirt wird. 
Keintzel hat für Bistritz und Regen auch die beispiele; (jir/iij 
'gürten', girkol m. 'gürtel', irt = rechnung. 

Mit Bistritz stinmit Mediasch im wesentlichen überein: a 
und sein umlaut sind gedehnt vor rn, rd, rs, rni (vor letzterem 
der umlaut nicht); e ist gedehnt vor rs und rst und einige 
mal vor rt, so in i'^ort f. ^ arde' ; o ist gedehnt vor rn, rd, doch 
ist der umlaut mitunter kurz; / erscheint einige mal gelängt 
in mundartlich einsilbigen Wörtern. 

§ Gl, Ueber vocaldehnung vor l + consonant im mfr. gilt 
folgendes. Vor U (d) wird a nördlich einer linie gedehnt, die 
etwas westlich parallel der Nied über Merzig, Saarburg, den 
Hochwald, Bernkastei und dann etwa Mosel und Tjahn entlang 
zieht (vgl. Wrede, Anz.21, 275 ff.: alte). Hierbei assimiliert sich 
immer das t dem l, so dass a bei zweisilbigen formen in offene 



DEHNUNG DER MIID. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 101 

silbc zu stellen kam. In den Wörtern in denen / {d) g'eblieben 
ist, bleibt auch die kürze; es finden sich deren mehrere im 
Sieg"erland und auch sonst: wdld, (fpivalt, ferner öfters die ein- 
silbio-en formen der Wörter, die in zweisilbig'en gedehnt er- 
scheinen: alt, aber äle 'alt'; halt imp., aber hälc 'halten' (s. 
Heinzerling 110). Die kürze bleibt auch dann, wenn das ver- 
längerte a umgelautet ist: cd 'alt', aber comp, aller. Für die 
P2ifelnia. iJstlich von Prüm gibt Buesch auch Mit und alt: also 
erhaltenes t. 

Im NW des gebiets besteht übrigens nach Wrede, Anz. 21, 
275 ff. 279 ein schmaler streifen längs der belgischen und hol- 
ländischen grenze mit erhaltenem -It-, dessen südgrenze für 
alte von ]\Ialmedy ostwärts nicht ganz bis Blankenheim und 
dessen ostscheide von hier gegen N (istlich vorbei an Schieiden, 
Gemünd, Stolberg über TJnnich und Erkelenz weiter zieht. 
Für das beispiel J:alte ist das gebiet der -?f-formen noch weiter 
ausgedehnt, so dass man die grenze bis Erkelenz ganz ungefähr 
ersetzen mag durch St. Yith, Daun, Remagen, Erkelenz, 'Doch 
beweisen noch zahlreiche Ä-a?-ausnahmen die priorität der alte- 
linie.' Ausgenommen ist für beide Wörter der grenzsaum von 
Eupen bis Straelen, wo der dental schwindet und l vocalisiert 
ist; für hdte schliesst der säum im S noch Cornelimünster ein, 
in seinem südzipfel ist öfters alt bezeugt. Für Aachen be- 
stätigen .Tardons beispiele das gesagte: aiC'e 'alte', /aM"'e 'fal- 
ten'; in einsilbigen formen bleibt der dental o"i 'alt'. 

In den maa. Deutsclilothringens, Luxemburgs und der Eifel 
^^•ird auch e vor It gedehnt: seien 'selten', gelen 'gelten'; Wrede 
gibt im Anz. 19, 285: f'äl dat. sg. 'felde' um Prüm und Witlich. 
Bei Firmenich 1, 502 finde ich für den kreis Prüm auch schould 
'schuld' neben schölligJieet, jähld n. 'geld' neben tvelf. 

Für den Westerwald gibt K. Chr. Schmidt goold n. 'gold*. 

Vor -Its "\\ird a gedehnt in einem streifen zu beiden selten 
des Kheins von Düren über Köln bis zur lautverschiebungs- 
linie, sowie häufiger nördlich der Mosel im westlichen teile 
der Eifel. Vocalisation des l erscheint auch hier im west- 
lichsten teile der Kheinprovinz mit (Tangelt und ^\'aldfeucht 
(s. A\'rede, Anz. 19, 102), Auch Buesch gibt sah. Firmenich hat 
fernei' hahls für die Eifel (1, 508). Ebenso hat der Westerwald 
saaLr (aber salzhorjcr) und sclonaah. 



192 KITZEKT 

Allgemeiner ist vor l + cons. in Aachen und auch in 
Siebenbürg-en Verlängerung eingetreten; in A, ist in einer an- 
zahl von fällen l ausgefallen und der vocal diphthongiert: 
/i-pw/"''kalb'; oft findet sich nach l svarabhaktivocal : kätl: 'kalk', 
Jahn 'qualm', mePch 'milch' und verb. m^l^ke; oft nicht: p^ls!, 
hclt 'bild'. Von den maa. Siebenbürgens dehnt ]\rediasch con- 
seciuent den vocal vor Z- Verbindungen (s. Scheiner 131). Bistritz 
und Regen dehnen a und in der regel e; einige mal ist in 
Regen auch o gedehnt: hnlts n. 'holz', fülle 'volk' etc. Nach 
y\\)\it 2, IG findet sich in den dorfmaa. Siebenbürgens vor It 
sehr häufig diphthongier ung: awZ^'alt', houlz 'holz', foullc 'volk', 
neben alt, hfdz, ffdk; anderwärts hat doppelconsonanz in S. 
eine dehnung des vocals nicht zugelassen. Im nösnischen ist 
t (d) nach l häufiger verloren: schälen 'schelten'. 

§ 62. a) Verlängerung vor nasal -}- cons. findet sich im 
A\' des mfrk. In Aachen tritt vor den vei'bindungen mjj, ul; 
nts, ns und in einigen fällen vor nt (d), das selbst aber v^'egen 
des wandeis zu itJc nur sporadisch vorkommt, vocaldehnung ein: 
wempel 'wimpel', länk 'lang', hUnk 'blind', öns 'uns', mö^nz 
'minze', schiväns (aber pl. sdnv^nz), zQuke 'zanken'. Der plural 
zeigt meistens wider die kürze. 

In der Eifelma. wird nur a vor nt, nk und mp gedehnt. 
'Bei hinzutritt einer flexionsendung sträubt sich die spräche 
gegen eine Vermehrung der laut- und tonmasse', so dass meistens 
der urspr. kurze vocal mder hervortritt (s. Buesch 9). Die an- 
geführten beispiele wie lämp 'lamm', pl. lammer, länk, flectiert 
lange, sänt, dat. sann, zeigen aber, dass in den flectierten 
formen die consonanz sich ändert. Ich sehe deshalb hierin 
die Ursache der (luantitätsveränderung in der flectierten form. 
In den Wörtern, die« jetzt a für mhd. / haben, ist die deh- 
nung unterblieben: kant 'kind', uant 'wind'. Hecking und 
Firmenich haben ebenfalls hierher gehörige beispiele. 

Für die Trierer ma. sagt Laven viii und xxv: 'in vielen 
Worten ist die ausspräche von m und n (auch l und teilweise r) 
eine gedehnte und der diesen lauten vorausgehende vocal Avird 
schwebend, d. h. etwas gedehnt, ausgesprochen.' 

In der Sauerma. steht e vor der Vereinfachung des m, n 
aus mp{h) und nt{d): lencr pl. von lant; also offene silbe. 

Honig gibt für die Kölner ma. beispiele mit vocaldehnung 



DEHNUNG DER MUD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 19^ 

vor n.i: fruau.-briiikhc 'milchbrötclien". /ircu.rele "sich zieren', 
liönzel 'stadielbeereir, doch Frans nom. pr., uns. 

Für Siebeiibürg-en sagt ^Volt'f 1. 28: *vor m(,nf.n.i- wird a 
liäutig gedehnt'; s. auch Scheiner 124. 

In Kegen wird ausser a auch e vor n + d, sowie vor u 
gedehnt; letzteres gilt auch für Bistritz (s. Keintzel 143. 149); 
voi- u wii'd in beiden orten auch u gelängt (s. Keintzel 102). 
In Mediasi-li wird u vor nt, nd, nh, wj gedehnt, sein umlaut 
aber niclit. 

Aiim. Zu § (50. (il. 62, a vgl. E. Maurmann, Die buite der ma. von 
Miillieim (Marliurger fliss. 1SS9) § 137 imd 14.5; in dessen niederfr., an das 
mfr. grenzenden ma. sind die knrzen vocale vor v + alveolar, vor Id und 
It nnd vor mh, mp, nd, rü gedehnt worden. 

b) Vereinzelt tritt im mfr. der fall ein, dass n vor der 
Spirans *■ oder /' schwindet. Avodurch der vorausgehende vocal 
gedehnt wird. Für die Sauerma. erwähnt Hardt nur Is 'uns'. 
Follmann constatiert diese dehnung' in einigen fällen: späsel 
'spannseir. ddsen 'geschwind laufen', (jös 'gans' und pl. (jeis 
(hierzu vgl. Wrede. Anz. 18. 40(): 'in der nordwestlichsten ecke 
von Lothringen', ferner überall, mit ausnähme der Elzma., m 
[e's, is\ 'uns". 

Hecking bezeugt für die Eitel haf'cl "handvoir, heischen 
•liandschuh", ohsen 'der unsrige'; Ruesch auch ntöfel "mund- 
voir, sdft 'sanft'. Bei Rottmann finde ich sähft 'sanft', nhs 
'uns', fiesfer 'fenster' (daneben finstenjlas). Auch auf dem 
Westerwald und im Siegerland begegnen wir dieser erschei- 
nung; Kehrein 22: t'is 'uns', (jas 'gans', schtväs 'sclnvanz'. lise 
'linse', sdft 'sanft', Wrede a.a.O.: 'um Uriedorf findet sich 
dehnung in gättsc mit ausfall der sjjirans. Im Siegerland ver- 
liert sich unsere erscheinung im laufe der zeit: Jcöst f. 'kunst' 
ist der name eines alten Wasserwerks bei Siegen, doch sonst 
heisst das wort im heutigen gebrauche immer kon.i'f\ ferner 
neben ijds, [d. ijaese schon <jan2, tjäiuc. 

Für Siebenbürgen sagt Wolff 1,28: 'vor ns wird n gewöhn- 
lich synkopiert und der vorausgehende vocal zum ersatz ge- 
dehnt: liisf -kainist', gas 'gans', doch /ccnst 'kennst', honst f. 
kunst". I^)('i Keintzel 156. 162, Kisch und Scheiner 131. 134 
er.scheiiien i und u nach schwand eines n (d) vor .s-, /" gelängt ; 
Keintzel gibt auch /lal.sf m. •hengst'. In manchen Ortschaften 

Beitrüge /tir gosnliichte der deutuclieu bpruche. XXIIl. 1 ;{ 



194 filTZERt 

fällt n nicht aus. so z. b. in Klein -Bistritz: fsent.s 'zins'. 
ßndf 'fünf, 

§ 63. Auch A'or urspr. geminaten von liquiden und nasalen 
findet sich hin und wider dehnung des vocals. Die Ursache 
dieser erscheinung- liegt darin, dass dieselben nicht als gemi- 
naten behandelt werden. Im einzelnen gilt hierüber folgendes : 

In den maa. Deutschlothr., Luxemburgs. Triers, also im S^^' 
des mfrk., wird rr 'stets aufgelöst" (Follmann 1, 15) und der 
vorausgehende vocal gedehnt: f/cscJnr 'geschirr', nör 'narr'. 
Selten finden sich ausnahmen. Jedenfalls erstreckt sich das 
gebiet dieser erscheinung viel weiter, da auch aus anderen 
linksrhein. maa. mit ausnähme des S vereinzelte belege vor- 
liegen; so bei Buesch Ivr f. 'karre', schären 'scharren'; bei 
Hecking hikr 'karre'; bei .IsivdonjcscM")- 'geschirr', auch Honig 
hat kdi; aber gescharrt in der Coblenzer ma. erscheint fahre- 
schwänz zu mhd. var, -rrcs. 

Vor U findet sich dehnung des a in Ti'ier, Luxembui^g. 
Lothringen: schal m. 'schall', irdlen 'wallen'; vgl. Hardt 11, 
der auch gescJ m. 'geselle' gibt. In Bistritz und Eegen wird 
a vor urspr. auslautender doppelli(iuida gedehnt; umlauts-^; 
erscheint vor U bald lang, bald kurz in Bistritz. in Regen 
immer lang: kuiz bleibeu aber die übrigen vocale. In der 
liia. von Mediasch sind vor Jl alle vocale ausser a gedehnt. 
Für den Hunsrück gibt Eottmann meräl 'überall'. 

Vor mm und nn hat Luxemburg und Lothringen nach 
Follmann und Hardt länge von a und dessen umlaut r. In 
der Sauerma. sind ' vor geminationen nur wenige a und c kurz 
geblieben' (s. Hardt 11, 16); ferner Wrede, Anz. 19.201: man 
wird gehört in einem grösseren gebiete, das südwärts etwa 
durch Mosel von 'J'rier bis Cochem begrenzt wird und nord- 
wärts noch Prüm, Blankenheim, Ahrweiler, Adenau. Dann 
umfasst, das aber seine unsicheren südausläufer längs der 
reichsgrenze noch bis Diedenhofen und Busendorf vorschickt: 
ausserdem gilt man für die umgegend von Hachenburg, wäh- 
rend östlich davon ein streifen landes, der den "Westerwald 
durchkreuzt und von Hilchenbach über Siegen und AVester- 
burg bis Montabaur-Hadamar reicht, mä hat. Von Siebenbürger 
maa. dehnen Bistritz und Regen a vor urspr. auslautendem 
doppelnasal; in Regen wird auch umlauts-r vor nn stets, in 



BEIINrNO DER M]\T>. KURZEN STAMMSILBEN VOCALE. 195 

Bistiitz nur in Aercinzflteii fiilU'ii ,'>(*(U'liiit , durchweg' aber 
vor ii/))i (in- und nuslaut ). In Mediascli erfährt a vor mm 
dehnuii.o'. docli nicht sein umUuit (s. Seheiner 124). 

sj (U. \'or den gvminaten 2W> f^- f'l' i^^ ^'H <l^i' ^It'^el und 
in der Kifel a. c. o .cedelmt worden. I )a im infr. p in der 
j»emination i>anz olme verscliiehung l)leil)t und eljenso /.,, so 
findet sicli diese erscheinung' in zahh-eiclien beispielen (s. die- 
selben bei Follmann. Hardt 11. Hecking. Buesch, Laven): ('qjel 
'aiifel' (Trier liat im pl. aber ähhel, dim. ühhelcJtcn). sdl: 'sack', 
i/cicdt 'gewettet', döj) "topf, rök "rock', u-clcn 'wecken', drek, 
bei Buesch drecl: Bei Wegeier finde icli nur (/eschääkt 'ge- 
scheckt'; Laven gibt als kölnisch an: sfreeckcn "stricken' und 
fleecken 'flicken"; Honig selbst aber hat diese beispiele nicht. 
Die bei letzterem angeführten Wörter haben durchweg kürze: 
appel, droppc m. 'tropfen', sack, klock etc. 

^lit dem moselfr. stimmen die niaa. Siebenbürgens überein; 
nur bleibt mhd. a hier kurz. Der umlaut von a zeigt wie e, o 
und dessen mnlaut dehnung (s. Keintzel 141. 147. 152. 158. 159; 
fei-ner belege bei Kisch. Scheiner, Wolff); also apel, nkorn 
'ackern", aber kldpdr (< klepfel), bat (< bette), dk (< ecke) etc. 
^litunter kommen auch ausnahmen vor. so heisst es in Bistritz 
klop))i "klopfen', in Bistritz und Regen bok 'bock', fus.sok f. 
'socke", opfenr. letzteres "wahrscheinlich' aus dem nhd. entlehnt. 

Rechtsrheinisch wird unsere ersclieinung für den Wester- 
wald (besomlers im amte Hachenburg und Rennerod) und den 
nassauischen l'uterrhein (besonders im amte St. Goarshausen) 
bezeugt (s. Kehrein 3); die hier angeführten belege sind aus 
K. Chr. Schmidt: sehten 'zetten', S2n;hk m. 'speck', drekk 'dreck', 
haag f. "hacke"; doch hat Schmidt latt f. 'latte' und krabbeln: 

§ 65. Charakteristisch für den grösseren nördlichen teil 
des mfr. ist (iie längung vor doppelspiranten und spiranten- 
verbindungen. Die räumliche ausdehnung dieser erscheinung 
ist bei den einzelnen vocalen nicht die gleiche; i und u werden 
nur ganz vereinzelt gelängt, ^\'eitere Verschiedenheiten er- 
geben sich ferner durch die art der spirantischen consonanz 
(s. Kehrein 12. Follmann 1,23 und 2,5. 7. 8. 11. Hardt 11. 14. 
16. 21). In den übrigen arbeiten sind die belege zerstreut. 
Beisi)iele: machen, dazu 3. sg. praes. maicht, stächen 'stechen'. 
lourh und loch und pl. löücher (lecher); näs *nass', escn (eisen) 

13* 



196 UIT2ERT 

'essen', schlös und pl. scJdöüser {schlcser); Ihife 'klaffen', Ufel 
und laifcl 'löffel', scldmf ni. 'stoff' ; ivaischcn 'waschen', drai- 
sclien 'dreschen', frü{ai)sch m. 'fi'osch' und \A. fr(\ön)sch{c)\ 
raisten 'rasten', ru(ou)st m. 'rost', ncist 'nest' und pl. n^ister; 
hnift, häspel, tvaispel f. ^\yes^e\ kal? 'katze", hxotsm 'kotzen', 
sähen 'setzen' etc. Ausnahmen finden sicli überall. 

Für einzelne hierher gehörige fälle gibt Wenkers Sprach- 
atlas die genauere begrenzuug. Vocaldehnung in muchm (s. 
Wrede, Anz. 20, 207) wird im und S durch eine linie be- 
grenzt, die von Freudenberg- südwärts zieht auf Driedorf am 
Westerwald und von hier westlich auf Linz, den Rhein auf- 
wärts und daun südwestlich etwa dem Hunsrück, Idarwald 
und Hoch^\•ald folgt. Die grenze für gedeliuten vocal in yc- 
hrochcn (Anz. 22, 98 f.) ist im S ungefähr einzuengen bis Linz- 
Adenau-Trarbach-Merzig-Luxemburg. Gedehntes a in wasscr 
ist nacli Anz. 19, 283 zu erwähnen für das linke Kheinland von 
Remagen-Montjoie nordwärts und besonders consequent für die 
beiden .Moselufer aufwärts bis zur Schneeeifel einerseits, dem 
Hoch- und Idarwald andereiseits, eistreekt sich also keines- 
wegs so weit als ä vor eh. Dehnung in hesser findet sich 
nach Anz. 20, 829 im ripuarischen linksrheinisch durchgängig, 
reclitsrheinisch fast nur in der nähe des flusses; so hat nach 
Firmenich Stieldorf am Siebengebirge freissen 'fi^essen', ver- 
(jc/ssen und Büscliei'hof bei ^^'aldbrö^ rergäsen. Nach Kehrein 8 
hat der Westerwald und nassauische Unterrhein ^j^^^r m. -petz", 
/rcÄ/m. 'treff'. 

In den maa. Siebenbürgens begegnet uns diese dehnungs- 
erscheinung ebenfalls, jedoch bleibt ausser i, u auch altes a 
kurz bis auf vereinzelte ausnahmen : tvasdr, plnts, sax 'sache'. 
((/' 'äffe', gast etc.; doch nast z. b. in Bistritz, flösi^y u. a. in 
Bistritz und Regen; ferner hat Bistritz bäx und däx, Regen 
möxd 'machen', box, döx. In Mediasch wird aber a vor eh 
gedehnt (s. Scheiner 125. 128. 181). Der umlaut des a, ferner 
e, und dessen umlaut erfahren delmung: (jnst (<<jesti), hräftix, 
/,äsi)l m. 'kesser, gäsf.n- 'gestern", Mos n. 'schloss', löx 'loch' 
und pl. li'pr, 6fn 'offen'. Idöfs m. 'klotz' etc. (s. Keintzel 141. 
142. 147. 152. 158. 159; ferner belege bei Kisch, Scheiner, W'olff). 
In Aachen erscheint auch IM f. 'lisf, m^is m. 'mist', mH"t 
'musste', aber le^.s{t) f- 'kiste', le.sf 'lust' etc. Der id. zu Irdft 



DEHNUNG DER MHP. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 107 

heiiSst hier Irrffc: ebenso ist in der Sauerma. der uinlaiit des 
d vor ff in einigen fällen knrz: ln:ftcch, sc ff ich, doch auch 
sdffccJi. 

Aus den beis]>ielen bei l^aven ergibt sich für die Trierer 
nia.. dass a vor allen oben angeführten Spiranten und si)iranten- 
verbindungen gedehnt wird: in den wenigen ausnahmen liegt 
sicher nhd. einfluss vor wie in kass f. 'kasse' etc.; vor ch und 
SS ist auch c gedehnt, o jedoch nur in Joch, pl. lächcr, dim. 
lächcJchc})\ auch spiclisKj ist "\erzeichnet, jedoch in übertragene!- 
bedeutung 'schmal aussehend ". Zu den letzteren fällen ist zu 
vergleichen, was Laven xix sagt: 'die Trierer ma. bietet nicht 
selten den fall, dass ein wort mehrere formen hat. Je nach 
dem jedesmaligen Charakter des gedichts ist bald die eine, 
])ald die andere form gebraucht. Von diesen formen ist ge- 
wöhnlich die eine die plattere, welche in der nähe von Trier 
unter der ländlichen bevölkerung angetroffen wird'. Jeden- 
falls darf dai-aus der schluss gezogen werden, dass die ma. bei 
Trier in Übereinstimmung mit der benachbarten Sauer- und 
Moselma. Luxemburgs auch o dehnt. 

In der ma. von Köln erstreckt sich die besprochene deh- 
nungserscheinung nur auf «; ausnahmen sind auch hier zu 
finden. Nach Wrede. Anz. 22, 325 erscheint im dat. sg. tische 
im Roergebiete circunifiectiertes oder diphthongiertes öe, öl, öü, 
im südlich sich anschliessenden e- gebiete bis Montjoie-Sinzig 
weniger oft c, doch ebenso oft ci. c'i. 

Vocallänge in ich findet sich zu beiden selten der Mosel 
bis Saarlouis, St. A\'endel, Kusel. Wolfstein. Sobernheim, Sim- 
mern, Zell; dieses gebiet wechselt bunt zwischen diphthon- 
gierten formen und ich. cch, öch\ nördlich von der linie Prüm, 
Daun. Cochem. Bop])ard findet keine dehnung statt (s. Wrede, 
Anz. 18. :)08j. Auch in Sie])enbingen sagt man mitunter aiy, 
mciiy etc.. abei- nur dann, wenn nnf diese pronomina ein be- 
sondeier narlidiuck gelegt wird (s. Keintzel L54). Vgl. hierzu 
Maurmann § 14t), der für ^Mülheim dehnung vor den stimmlosen 
reibelauten f\', x, ss, s constatiert. 

Die P)irkenfHlder ma. dehnt den vocal in seltenen fällen 
vor sf (.s. Baldes 7j. 

§ 66. Vocal Verlängerung vor ursj»)-. hf und hs. 

Im hauj)tgeV)iete des mtV. wird mhd. kui'zei' vocal fast 



198 RITZERT 

diircligeliend vor altem lit g-edeliiit. Ausiiahineii sind zwar 
allerorts zu constatiereii. doch nirgends zalilreicli; namentlich 
erscheinen acld nnm. card. und fechten ohne gedehnten vocal, 
sicherlich in folge nlid. einflusses. Ynr Trier liat Laven die 
•plattere' form nolididcn, pl. zn noliclnl, neben knrzem nächl. 
Wredes beisi)iele recht im Anz. 21, 102 und schlecht, ebenda 104, 
bestätigen obiges gesetz; ferner lucht 'luft', Anz. 19, 278. Für 
nichts folge hier, was "Wrede, Anz. 19, 205 gibt: innerhalb des 
folgenden wesentlich mfr. gebiets lassen sich die herschenden 
dialektformen zurückführen auf urspr. '^'näst; wir finden dort 
die dijdithonge eu, ei, ferner // und /: Eupen, Aachen (orte 
mit *// cursiv gedruckt), Düren, Lechcnich, Brühl, Köln, ]\Iül- 
heim, Gladbach, Wipperfürth, Blanhenherg, Altenkirchen, Ijikel, 
Bcmagen, Linz, S'mzuj, der Rhein von Andernach bis Bacha- 
rach, Simmern, Stromberg, Gemüuden, Sobernheim, Kusel, 
St. Wendel, Ottweiler, Saarloiüs, Forbach, St. Acold, Saaralben 
(s. auch Hardt 23). 

Nicht allgemein, aber immerhin 'häufig' tritt dehnung vor 
hl in der Birkenfelder ma. ein (s. Baldes 7). Im Siegerland 
sind im wesentlichen nur a und e gedehnt; doch findet sich 
auch du"chder neben g^fochdo. In Siebenbürgen werden nur 
a, e, gedehnt (s. Keintzel 144. 147. 151 [hier auch einige bei- 
spiele mit kurzem e in Bistritz]. 158). Auch Kisch, Sclieiner 
und Wolff haben keine fälle mit langem / und u. 

§ 67. Dehnung vor altem hs mit Schwund der guttural- 
spirans gilt für das ganze Mittelfi-anken und ebenso für Sieben- 
bürgen (jedoch mit ausnähme des / und u); in Aachen tritt 
sie nur teilweise ein, da sich hier ch (h) vor s 'meist' zu /.: 
verhärtet (s. Jardon 25). Auf dem Hunsrück findet sich die 
erscheinung selten; flds (< rhihs), die mfr. form, herscht noch 
in der ländlichen Umgebung Birkenfelds, während die durch 
das hd, hervorgerufene form flags in der stadt selbst in der 
jüngsten zeit die alte form fast verdrängt hat. Dieser um- 
stand hat an mehreren oi'ten ausnahmen verursacht, was deut- 
lich daraus liervorgeht, dass alte und neue formen neben 
einander bestehen. Wenn aber fast durchweg die formen 
fnJis (< ruhs), scks (< sehs) und hiks (< hühse) erscheinen, so 
muss mit Heinzerling schriftsprachliche beeinflussung an- 
genommen werden. Keintzel liat für Bistritz ses (< sehs), 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 199 

aber :.t'^/^.) und zvsfaix i'J m^l -<^*; Iiit*i' li«gt eiiiwirkiiiig der 
gehäuften consonanz vor; liegen hat ^hst^w. 

Die grenzlinien für einige hierlier geliörige heisi)iele er- 
gehen sich aus '\\'enkers sjirachatlas; für ivachscn (s. "NA'rede, 
Anz. 21,201) zielit die südgrenze dei- voealdehnung von AS'«r/r- 
(jemüml (orte mit Is < lus und voealkürze cursiv) über Saar- 
huiis. OHireiler, Sf.Would, 01)erstein, Kini, Oherifr,sel,M'dynn, 
Andernach, Bcudorf nach Ems und setzt sich im rlieinfr. fort. 
Die ostgrenze zielit von Gummersbach über Hilclienbacli und 
wendet siel» dann südwärts über den Kderkopf und Haiger in 
rheinfränkisclies gebiet. Die (luantität des stammsilbenvocals 
iu ocJisen (s. Wrede, Anz.21, 264) ist im grossen und ganzen 
der von tvachscn analog; die südgrenze beginnt liier westlich 
von Trier und zieht zwischen Bifhiirg, Prüm, Gerolstein, Cochem 
weiterhin in einem kleinen abstand nördlich der für ivachseu 
gegebenen linie (s. auch Follmann 1, 15. Hardt28). 

8. Thüringisch. 

Qnelleu: E. Braudis, Zur lautlebre der Erfurter mu. 1. Vocalisiuus. 
2. Cousonaiitismui?. Programm von Erfurt 1892 f. — E. Flex, Beiträge z. 
erfbrschung der Eis^enacher ma. Progr. von Eisenach J893. — Bi Haus- 
halter, Vocalif^mus der Eudolstädter raa. Eiidolstadt 1882. — L. Hertel, 
Die Salzunger ma. üisi«. vou Jena 1888. — L. Hertel, Thüringer Sprach- 
schatz. "Weimar 1895. — HerAvig, Idiotismen aus Thüringen. Progr. von 
Eislebeu 1893 (eigenwörter aus der Vogtei, südöstlich von Mühlhausen). — 
E.Jecht, Wörterbuch der Mansf eider ma. Görlitz 1888. — S. Kleeraann, 
Beiträge zu einem nordthür. Idiotikon. Progr. von Quedlinburg 1882. — 
Fr. Liesenberg, Die Stieger ma., ein idiom des Unterharzes. Diss. von 
Göttingen 1890. — K. Eegel, Die Euhlaer ma. Weimar 1868. — 
]\r. Schnitze, Idiotikon der nordthür. ma. (grafschaft Hohnstein und Stadt 
Nordhausen). Nordhausen 187-1. — K. Scliöppe, Naumburgs ma. Naum- 
burg 1893. — U.Weise, Die Altenburger ma., Mitteilungen des gesch.- u. 
altertumsforschenden verein« zu Eisenberg, 4. heft (1889). 

§ 68. Im thüringischen wird mlid. kurzer vocal in offener 
silbe, einzelne ab weichungen abgerechnet, durchaus gedehnt 
(s. Brandis 5. G. 18. Flex 8. Hertel 1,11. Liesenberg 37); weitere 
belege in allen genannten «luellen ; s. auch Kegel 6. 38. Sjuess 
14 f.). Beispiele: sledn •Schlitten', cßäd "glatt", dazu comp, (jlüder, 
hämel 'hammel', Mmel 'kümmel' etc. Die fast durchweg er- 
scheinenden formen hrepel 'krüppel', rehe {reive) 'rippe' gehen 
auf mild, hräpd (nbf. zu hrUppel) und rihc (nbf. zu i-ippe) zu- 



200 RITZERT 

rück. <[ic auf mlid. efjedc. Häufig erscheint der vocal iu dem 
Worte 'höckeriu' gedelint: laujcn, hcken, hökciifran; dies ist 
eingetreten, nachdem (•/,• nicht mehr als geminata l)ehandelt 
wurde; dasselbe liegt in einigen anderen fällen wie .sjms 
*spass' vor. 

§ 69. Kürze des stamm vocals findet sich in den maa. Süd- 
westthüringens einige mal vor l (s. Hertel 13): meUe 'mühle", 
i:ilt 'viel', bbitl 'plaudern', fvuhla hat .sollen f. "sohle', mUllen 
'mühle*, (jestollen "gestohlen' u. a. (s. Regel 3). Kürze in miihlc, 
kohle, sohle begegnet nicht selten auch in den übrigen maa. 
Tliür.; in Stiege ausserdem in icol (mangel an tlectierten 
formen) neben feie "viel', hol adj.; für Rudolstadt ist nur in 
hol kürze angegeben. 

Ebenso erscheint fast überall kürze in stuhe und häufig 
in srhiie (doch schon mhd. senne neben smetvc) und schiene, 
in letzterem besonders in dem compositum .srhienheru und zwar 
auch da wo die form schienehein erhalten ist. Altenburg hat 
sfohc, aber (nach erfolgter Umwandlung der offenen in ge- 
schlossene silbe) stmumdaere; Naumburg hat auch im compos. 
länge, fernei- in sehihnebehn, daneben aber schimmhehn. 

Da, den SW abgerechnet, in anderen als den obigen schw. 
Substantiven auf l die gesetzmässige länge erscheint, so liegt 
es nahe, die Ursache der kürze in den obliquen casus zu suchen 
mit annähme von vocals3rnkope in der endung und hierdurch 
entstandener einsilbigkeit: solen > soln\ dies liegt um so näher, 
als jene Substantive häufig im nom. in der form der obl. casus 
erscheinen: holn, sohl, auch stubn (sdomm); hinzuzuzählen wäre 
dann das ebenfalls häufig vorkonnnende riklden, redde 'rüde". 

Kürze vor t kommt vereinzelt vor; sieht man aber von 
fällen ab, in denen sie auf rechnung der vocalsynkope in 
Suffixen kommt, wie z. b. kätl 'kittel*. hatlman 'bettelmann' 
in der Yogtei und auch sonst, so gehih-en nur ganz wenige 
fälle aus dem mansfeldischen und Naumburg hierher, wie hrätt 
'brett', schatte, kette. Noi'dthüringen hat wol i'/cf/i' 'stadt', aber 
steete pl.; jehotten, jesotten sind zu erklären \\\e jesehohbcn 'ge- 
schoben', jesehräbben " geschrieben'. Stiege kennt kürze in sät 
'satt' und jlät 'glatt', 2i\>^Y pode 'böte', prät 'brett' etc.; ferner 
im id. yn\iet. und ])ai-t. praet. der stai'ken verba der ersten 



DEHNUNG DER MHP. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 201 

ablautsreihe. deren .staiinn auf /. (/ ausjjvlit: lrd')i,'][{{m.j<'U:<l'n 
•irelitleir: med'» •mieden '. jrmi'd'ii •<>eniie(len". 

§ 70. ]ilanclie einsilbige nomina bewahren, trotzdem sie 
fiectierte formen neben sich haben, in denen der vocal in 
offene silbe zu stehen kam. ancli im tliür. die alte kürze; es 
sind dies u. a. im mansfeldisehen hoff iiof (aber gen. höwcs), 
svinncdd 'Schmied' (verb. aber schneden); ebenso am Unter- 
harz. wo abei- das verb. schmcden mit lang-em nnd kurzen 
voeal erscheint: liier i\\\i'\\ jroh, comp, j>-o?f'cr. Xordhausen hat 
kürze in (ßas. nid, bad (pl. mit länge), sah n. 'sieb* (pl. mit 1.; 
am l'nterharz sc})), fann 'fahne', rilid 'glied". schmid. Nach 
Kleemann kommt hier neben wcd (< wide) auch n-cft vor 
(immer in Jarnju-üfi ' verbind ungsstange am wagen'; nebenton). 
Vereinzelte fälle erscheinen auch sonst, so manchmal sclmid. 
^^'enn durchweg (jott und fromm kurzen vocal haben, so liegt 
sicher schriftsprachlicher einfluss vor. Der dehnung nicht 
unterworfen ist fast im ganzen gebiete der imp. der '2. sing, 
der Verben, deren stamm auf verschlnsslaut ausgeht, als iso- 
lierte form (s. Schnitze 12. Schöppe 28); ferner das adv. {d)iväh, 
in Nordthüringen auch die partikeln hin und für. 

Aiim. Für den fiiterliarz sagt ZAvar Liesculjerg 4. 0. S: '»las urspr. i 
ist im ganze« in demselbeii umfange wie im mlul. erhalten — hierdureli 
steht die nia. nälier dem ndd. nnd in anttallendem gegensatze zu der im 
thür. so stark verl)reiteten neigung. das / durch dehnung zu i zu verändern 
— auch bei (f zeigt sich im ganzen wider im gegensatze zum thür. eine 
grössere Vorliebe für erhaltung des urspr. «", doch ergeben nicht wenige 
beispiele: j'n- 'gier", rese 'riese', /rerfe 'friede', flüye dat. 'finge ",,/(> j/e/t* u. a. 
die geltung des gesetzes der vocaldehnung in offener silbe auch für den 
Unterharz. Die vorhandenen zahlreichen ausnahmen finden iln'e erkläi'ung 
im folgenden paragraphen. 

§ 71. Auch im thür. zeigt sich die erscheinung, dass 
durcli vocalsynkopc in suftixen (meistens betrifft sie -el, -er, 
-tm, -en) der vocal der stannnsilbe nicht in den silbenauslaut 
ti'eten koinit(\ wodurch denn die urspr. kürze bewahrt woi-den 
ist. Die Verteilung dei- fälle diesei' art ist in unseiem gt-biete 
verschieden. Am seltensten begegnen sie im S und SA\'. In 
der Salzunger ma. bctiifft es nur eine geringe anzalil solclier 
Wörter, deren .stamm auf h, d, t schliesst: scwice 'sieben", (jc- 
vädder, eivivet^ nheV, aber ijrdice, öwe, bödcn, näwet (s. Hertel 
1,13). Mit Salznngen stimmt Ruhla fast ganz überein; doch 



202 • HITZERT 

haben liier beit^pielsweise auch hodcn und doniur kürze (8. 
Keg'el 8). Ivudolstadt hat kürze in tvcder conj., /cldcr praep., 
zusammen, dagegen länge in dljcr, öder, iber "üher*. 

In den niaa. des mittleren gebiets (Vogtei, Eisenach, Er- 
furt. Altenburg) erscheinen schon mehr kürzen. Damit kann 
und soll aber nicht gesagt sein, dass an den einzelnen orten 
die fälle dieselben seien. Manche kürzen sind ZAvar an fast 
allen orten zu constatieren wie in fhldel, läddvr, boddcn. faddcm, 
wüddcr "wider*, ctnvel, ,sfäicn-ti "stiefer. ijcraddcr (ratcr ersclieint 
dagegen mir ausnahmsweise mit kurzem vocale) u. ü. In an- 
deren aber schwankt die quantität. was eben das wesen dieser 
analogiebildungen dartut; divr aber in Erfurt neben an-r ist 
sicher schriftsprachlich. 

Der N des gebiets hat zahlreiche hierher gehörige fälle, 
doch stehen ebenso zahlreiche mit regelrechter dehnung da- 
neben; kurz ist z. b. der vocal in feder, edel, schäbhcr ^schiefer', 
jdicel 'gabel'. kaminer, irö.s.sel 'wieset'; also vor media, Spirans 
und nasal. Häutig sind im ^' die plurale der neutra rad, <jlied, 
glas, gras kurzvocalisch, doch hat das mansfeldische rädc neben 
redder, der Unterharz jreser neben jräser, jleser \)\. zu jlds, 
abei' dim. jläsel: hier auch pletter, pl. von plät. In der von 
Schmidt geschilderten ma. haben nicht selten die partt. praet. 
kürze, so jestoUcn, hefollen, jeniimmeu, jeschobben (auch im 
msinst), jeschräbbeti u.a., -dher jebooren,jczoogen,jefloogen. In 
den nördl. maa. hat houlg durchweg kürze, die auch für Eise- 
nach bezeugt ist. Kurzen vocal in Jcönig finde ich bei Schnitze 
und Kleemann; letzterer gibt auch hafitch 'habicht'. Der Iliter- 
liarz hat ledig \\m\ nämlich, -dhev .itmlich, Mansfeld rocht {<vogef), 
aber j«cM *jagd". Fälle letzterer art finde ich auch sonst: 
sibzch 'siebzig; aber sim 'sieben', und räddch 'rettig' in Er- 
furt, brätcht f. 'predigt* in der Vogtei, marradch' "merrettig' 
und nilche 'lilie' in Altenburg; barhs 'barfuss" hat ausser im 
SW iibei'all kurzen vocal. 

In der verbalflexion ist vor den durch synkojie entstan- 
denen geminaten und doppelconsonanzen im tliür. sehr häufig 
kürze zu constatieren (s. .Schnitze 11. Schuppe 27. 28). Beispiele: 
butt 'betet' in Altenburg; sehadde "schadete" in Erfurt, aber 
bwde 'betete', </e&rf^^ 'gebetet', jeschott part. zu schetcn 'schütten' 
im mansf, etc.; Aveitere belege geben die genannten quellen. 



DEHNUNG DER MHD. KUEZEN STAMMSILBKNVOCAIjE. 203 

Regd und Hertel unter.sclieicU'ii für das i>r;u's. liiniiadi hesoii- 
dere gTUiidfürnieii (s. I\. 100 und H. 11.")). 

§ 72. Vocaldelinung' A'or doi)i)elconsoii;niz f>ilt für das tliiir. 
in folgenden fällen. 

in den dem ostfr. benaclil)arten niaa. IJulila und Salzungen 
ist "das streben Aveitg-i-eifend' nilid. einsilbigv ncnnina mit 
doppelconsonanz zu dehnen. J^ei antritt der Üexionsendung 
tritt die urspr. kürze wider ein (s. Hertel 11. Keg'el 38 ff.). 

Beispiele: ivald, aber dat. null und pl. iväUer; fiiscJi. aber 
dat. fösch und pl. fösch- söpf, aber dat. supf und ]>1. .läpf; all, 
al)er dar nll man 'der alte mann", de (dien imuuier etc. .\us- 
nalimen: (/efd 'g\f\'. friic/nl iverd m. 'wirV, dorn, arm u.a. 
(s. Hertel 13. 14. 98. Keg-el 37: "vor positionalem r pflegt das 
rulilaisclie die alte kürze (( rein zu bewahren). 

§ 73. Vor ;• + dental ist im tliür. a und e gedehnt; gegen- 
über dem schriftsprachlichen gebrauche haben auch die zwei- 
silbigen auf -art- delinung: (jürtcn, warten, doch findet sich im 
N nach Kleemanu ivortcn 'warten' und Barfei nom. propr.; auch 
Hertel 11 gibt für Salzungen gdrde, scJncdrde. Vor r^ ist nur 
a gelängt, jedoch nicht in sehicar.-:; neu entstandenes dialek- 
tisches a bleibt aber kurz: warze f. "würze* (Altenburg); 
Schultze gibt auch staer^' 'hinterteil des vogels", aber (wie 
sonst) lier^e, schmerz. Vor rs wird der vocal auch in nursel 
'mörser', hersen 'hirse*. herkn 'börse' (bei Schnitze und Brandis) 
und in hcrsch 'wirsing' gedehnt; kurz ist der vocal in Icarst 
im N und in Erfurt (der familienname Karst hat aber in E. 
langen vocal), in fersch 'vers* im N und in jerschte 'gerste' 
am Unterharz. Dehnung vor rn findet sich ausser in göru 
'garn', gäm 'gerne* (in Rudolstadt aber (jdrue u.a.); ferner 
in dum 'dorn' und sfjuru 'sporn'; dagegen heisst es lianier 
'hörner*; kürze hat auch larn 'lernen*. Das nmnsfeldische 
liat teils ärtn, teils ärnt f. 'ernte*, ferner ärend m. 'ernst', 
aber ärensthaftuj adj. 

Vor rw ist ausschliesslich a gedehnt in der Vogtei, Eise- 
nach und am Unterharz; vor rl haben Mansfeld und Altenburg 
vocalläng(^ in Karl. Eisenach hat länge in säerl^ 'sarg* und 
stmrk 'storch* und die Vogtei in baaric 'berg'. 

A nni. Die dehnnug- vor r + auderer coiisonaiiz im 8W gehört /n der 
genanntoii dehnmig' mhd. einsilbiger ^vörter mit doppelfdiiconaiiz: ihiirf 
'doif , aber \A. darf er etc. 



204 RITZE RT 

§ 71. \'or / f /. r/ ^^•ir(l im grössteii teile des gebiets a 
gedehnt, mir der SO liat kürze: dabei scliwindet der dental- 
explosiv. Beispiele in allen angeführten arbeiten ausser bei 
Schöppe. Y\\Y Stiege s. Liesenberg 37. Weise sagt zwar s. 8: 
*es scheint, als ob die liquiden längende kraft haben', doch 
fehlen genügende belege hierfür; er gibt nur midc 'mulde', 
seil 'sollte' und iväl "wollte' (doch erscheinen die beiden prae- 
terita auch als mll und ivaü). Das fehlen weiterer belege 
deckt sich mit dem ergebnis des A\'enkerschen Sprachatlas; 
nach "W'rede, Anz. 21. 275 ist nämlich nur westlich der folgenden 
linie vocaldehnung in alt eingetreten: (Suhl). Ilmenau (cursiv 
gedruckte orte haben vocalkürze), Gehren, Saalfeld, Blanken- 
burg, Uudolsfaclt, Eemda, Tannroda, Kranichfeld, Weimar, 
Haßtenbenj, AMehe. Nebra, Lancha, Xaumhurfj. Im S"\A' ist 
in den einsilbigen auf It dehnung vorhanden, die flectierten 
formen aber haben kürze. Damit stimmt Wredes bericht: 
•zwischen A\'altershausen, dem Eennstieg einer- und der Fulda, 
Hersfeld andererseits macht für alte ein gebiet mit all- eine 
ausnähme'. 

Für vocaldehnung in saU (s. Wrede, Anz. 19, 102) bildet 
folgende, im grossen und ganzen wie obige verlaufende linie 
die grenze: (Hildburghausen), Blankenburg. Berka, Sömmerda, 
Cölleda, Wiehe, Querfurt, Schafstädt (und weitei'hin südost- 
wärts ins obersächsische): dieselbe erstreckt sich also im 
nicht ganz so weit als a in alf. 

Ausnahmen finden sicli nur selten; so z. b. oWe/- n. "alter' 
und olfern verb. bei Liesenberg, abei" 'n ölder m. "ein altei"', 
speien 'spalten' bei Jecht und Kleemann. Der umlaut des.« 
bleibt auch im thür. kurz. 

La A\' des gebiets erstreckt sich die dehnung vor l -f 
dentalexi)losiv auch auf andere vocale; für Eisenach ist sie 
bezeugt in <)<i'ld und f<Ud, für die A'ogtei ausserdem in sailt- 
säuni "seltsam', häil: "liolz". srldäi/-- 'stolz". sehhd,v "schulze", 
Sc/im/ahen flurname. 

§ 75. Charakteristiscli füi' das westthüi. ist vocahlehnung 
vor nasalverbindungen. A\ie schon § 40. a und 53, a erwähnt, 
gilt diese auch für das ostfr. an der Werra und den NO des 
rheinfi*. Ich erörtere diese erscheinung deshalb hier im zu- 
sammenhange. 



DEHNUNG DER MIID. KURZEN STAMMSILBEN VOCALE. 205 

Die in betraclit kommenden lautgTUppen sind n -\- t, d, ts, k 
und m -\- ]K pf. also nasal -}- verschlusslaut (s. Hertel 12. Regel 
15. 37). Beispiele: JhuhI, leind 'kind'. ivchiter 'winter", liointi 
'liund'. roinzel • runzer, loumhc •lumpen', jehnpfer •jungier'. 
Hertel bemerkt zu seinen beispielen mit }i(l s. 07: "diese formen, 
auf den düi'fern bei Salzungen einzig- üblich, werden in dei- 
Stadt allmählich von den gemeindeutschen aufgezehrt'. 

Anm. lulauteml wird iid in Salznuyeu stets zu nf/ oder /;/( mit kürze 
des vorvocals: haiiuel "liander, henger (<C inlid. hiiukr), aber nuhuhl « lulid. 
waiitel). 

Für die Vog-tei gibt Herwig viele belege; weiterhin be- 
zeugt Flex diese erscheinung für Eisenach. Für das nordöst- 
liche Rheinfi'anken finden sich zahlreiche belege bei Salzmann 
und Dittmar: während aber im tliür. 'eine beachtenswerte 
regelmässigkeit* unserer erscheinung vorliegt, gilt sie hier nur 
'häufig'. Nach W hin nimmt sie an umfang ab: in stadt und 
kreis Homberg zeigt sich ihre Wirkung nur in der grujipe an 
-f verschlusslaut: kind und dat. länd,), dänds<m "tanzen", yänd^ 
gans', aber pl. (jendsd, änJiO (< anke) 'genick'. Wie Aveit die 
vocallängung noch weiter nach '\\' reicht . Aermag ich nicht 
gänzlich zu constatieren; für Merxhausen bei Fritzlar wurde 
mir auk) bezeugt: weiteres konnte nicht angegeben werden. 
Doch ist folgendes bei Wrede, Anz. 19, 111 zu vergleichen: für 
kind ist eigentümlich ein kleiner neun Ortschaften umfassender 
bezirk im SA\' von ('assel mit keind (in Grossenritte bei K.. 
Besse bei Fritzlar etc.). 

Für das ostfi-. s. die belege bei Spiess 14 f. und Reichardt 
33. 35. In Henneberg begegnen nicht selten ausnahmen; so 
hat hier namentlich der pl. öfters wider die alte kürze: dänz, 
aber pl. dänz; neben 2)flän.ie und wänze erscheinen lanzc und 
schanze (in Pfersdorf heisst es aber sfjuiso f. 'schanze'); doch 
dank m.; (jedänkc, pl. gedänkene, vei'b. Imlankr u. a. 

Anm. In .Sonneberg (s. Sehleiclier :iO) und Coburg (s. Felsberg 141) 
hat der'sg. der liierher gehörigen Wörter delinuug unter Schwund des na- 
sals; die liectierten formen und ableitungen zeigen aber vocalkürze. so dass 
wir es hier mit delinung narh S; 72 zu tun haben. 

Für einige Wörter mit nasalverbindungen gibt der Sprach- 
atlas die genauere geographische Verbreitung der vocaldehnnng. 
Aiuh aus diesem niaterial ergibt sich, dass die Wirkung des 



206 RITZERT 

(leimenden eintlusses der uasah'erbindung- für die einzelnen 
voeale verschieden ist: ja, es zeigt sich nicht einmal bei einem 
und demselben Aocale in verschiedenen Wörtern völlige Über- 
einstimmung. So zieht die grenze der dehnung- in pfund nach 
Anz. 19. 103 im W von der Fuhbuiuelle bis Vaclia, lässt T.eng-s- 
feld und Salzungen gerade noch nordwärts liegen, verläuft 
weiter im NO mit dem Eennstieg- und schliesst gegen SO 
Zella. A^'asung•en und Hadungen ein. Suhl. ^Feiningen und 
Ostheim aus. Um Treffurt und Mühlhausen findet üdipfuind, 
nördlich von Hersfeld pe^ind, südlich punnd, ferner bei Bischofs- 
heim in der Rhön pfannd. Dagegen geht lioind (^^>ede. Anz. 
19.107: kund) mit pfoind nur gegen NO bis zum Kennstieg 
zusammen, hingegen gegen AV und N beträchtlich weiter, so 
dass es auch für Fulda, Hünfeld. Hei^sfeld. Yacha, Tiengsfeld, 
Salzungen noch gilt; bei Grebenau (südwestlich von Hersfeld) 
findet sich haund. 

Das zerstreute auftreten von pfoind ausserhalb der obigen 
enclave lässt den schluss zu, dass die längung früher verbrei- 
teter war, jedoch durch den gebrauch des Avortes als marktwort 
einbusse erlitten hat, worauf auch "\\^rede mit recht hinweist. 

Für irinter bemerkt Wrede, Anz. 19, 108: wenn hess.-thür. 
hoind sich weiter ausdehnte als p{f)omd, so geht entsprechendes 
iveinter noch über jenes hinaus bis in das nordthür.; grenzorte: 
Sontra, Kreuzburg. Treffurt. Wanfried, Mühlhausen, Dingel- 
stedt, Schlotheim, Tennstedt, Gebesee, Gotha, Ohrdruf, Flaue, 
Schmalkalden, Zella, Suhl, Wasungen, Meiningen, ]\relrichstadt, 
Ostheim. Fulda, Herbstein, Lauterbach, Grebenau. Alsfeld, 
Hersfeld, Rotenburg. 

Vocaldelmung in kind erstreckt sich im N bis Treffurt, 
im S reicht sie aber etwas weiter als für winfcr: AFelrichstadt, 
Ostheim, Bischofsheim (Khön), Neustadt, Brückenau, Schlüchtern. 
Hierbei ist zu beachten, dass im ostfr, die dehnung in kind 
gemäss dem gesetze der dehnung einsilbiger nomina mit doppel- 
consonanz erfolgt; in diesem sinne ist auch zu verstehen, was 
AVrede a.a.O. 111 sagt: 'die bei ivinter fehlende, bei pfund und 
hiind aber vorhandene vocaldelnning nordAvärts vom schwäb. 
nasalierungsgebiete bis Spessart und Rhön gilt auch für Idnd. 
Ebenso haben die pfound und hound ihre ÄT?»r^-entsprechung 
im Franken wald'. 



DEHNUNG DEl? >rill). KURZEN fiTAMMSILBENVOCALE. 207 

Vereinzelt tiitt obig-e erselieiimng auch sonst auf; so gilt 
für Alteuburg- dndc f. 'ente' und tjanscrt m. •gänserich'; letz- 
teres auch füi' Erfurt; für den Tuterharz jmücr, während 
Mansfeld jmuri liat. 

§ 7G. VcH'aldehnun«!' vor cht ist zu erwähnen füi- nihd. e 
im ^^' des g-ebiets. Belege bei Hertel. Kegel. Flex. Vgl. hierzu 
AVrede, Anz. 21. 162: "die grenze des grossen westdeutschen 
complexes mit dehnung des c in recht zieht von Heilig-enstadt 
über Hainich den 'l'hüringerwald entlang und wendet sich 
dann ostwärts zum Erzgebirge. Dehnung des a vor cht gilt 
für Nordthüringen; Kleemann gibt nacht und Schnitze auch 
aachte mim. und sauchtc 'sachte'. 

§ 77. Vor chs bezeugt nur Schnitze für Nordthüringen 
dehnung des a: rvaa/csc 'wachsen', ivaals n. 'wachs'; dieselbe 
ist aber verbreiteter. Avie sich aus A\'redes bericht, Anz. 21. 261. 
ergibt: vocaldehnung vor -x- in wachsen ist thüringisch zwischen 
der s/.-t'- grenze (die von Eisenach. Kreuzburg. Treff urt. Mühl- 
hausen. Dingelstedt. AVorbis. Bleicherode, Sachsa, Beneckenstein. 
Quedlinburg. ( 'ochstädt. Stassfurt weiter nach ^Magdeburg zieht) 
und etwa Beneckenstein — Kindelbrück — Gräfenthal (südlich von 
Saalfeld): im nöi-dlichen drittel (etwa bis ]\Iühlhausen — Kindel- 
brück) vorwiegvnd -irfix- (s. auch Schultze), im mittleren (etwa 
bis Waltershausen^ — P^rfurt) n-oax-, im südlichen ivuax-'. 

§ 78. Dehnungserscheinungen geringeren umfangs sind 
ferner folgende: a) vor -st (mit altem .s) tritt im SW vocal- 
dehnung ein: (jasd und pl. (ir.sd . flasder 'pflaster' u. a.; aber 
last 'last" von taden: brüst, tust u. a. (s. Hertel 11). Ebenso in 
Euhla. Für Eisenach ist nur laesdn 'kästen' angegeben, für 
Erfurt nwst 'nest'. aber flasder; auch Schultze hat naest, Lie- 
senberg daneben pläster. 

b) In der lautgruiipe vocal + nf fällt im SA\' des gebiets 
n aus mit 'ersatzdehnung* des vocals. Ruhla: ruft m. 'rand', 
faußen 'fünfzehn": Salzungen: säfd 'sanft' und comp, saefdcr 
und säfder, sup. säfdsd. 

Auch der NO des rlieinfi\ kennt diese erscheinung; so 
Blankenheim: rdfd. In Hersfeld tritt dehnung mit erhaltung 
des nasals ein: rümfd und dim. remfdyj). 

c) In Kuhla tritt 'ersatzdehnung' ein auch in der grujjpe 
-aVr. Ul, 'kalb', hid, 'halb'. 



208 RITZERT 

(l) Vor // ist in Altenburg- einige mal dehnung eingetreten: 
ihlural 'iibeiair. IxV m. 'hnW und verb. hdJe 'ballen'. 

9. Obersäch.sisch. 

Quellen: K. AUueclit, Die Leijjziiiev ma. Leipz. 18S1. — C. Pranke. 
Der obersiichsische dialekt. Programm von Leisnig- 1884 (citiert Fr. 1). — 
C. Franke, Grundzüge der .Schriftsprache Luthers. Görlitz 1888 (Fr. 2). — 
C.Franke, Die unterschiede des ostfiiinkisch-oherpfälzischen und ohersächsi- 
.«chen dialekts etc., Bayerns maa. 1. 2. — F. Weidling, Telter .rohannes 
("lajus" Deutsche grammatik. Freiburger diss. 1894. 

§ 79. Das obersäclisische dehnt im allgemeinen mhd. kurzen 
vocal in offener silbe (s. Franke 1, r.G). Beispiele: rnle, hhlx 
'ledig', öbsd (< obe.?), rfl -Aiel' (jedoch rll in dem grösseren 
nördlichen teile des Osterlandes). Nach Bay. maa. 1, 29 haben 
auch Iriippd und egge- langen vocal; auf die md. nebenform 
t{(1)ruge weist ilreye (drceix_e) 'trocken'. Ferner haben spät.-j 
und sdimniz vocallänge. in Leipzig aucli musclic, rle "eile' (< mhd. 
(■l(;) und zuweilen die bildungssilbe -scdu. 

§ 80. Scheinbare ausnahmen, die nicht gegen obiges gesetz 
Verstössen (s. § 16), liegen in den Wörtern auf -el, -er, -cm, -en 
vor; es haben nun nicht allein diejenigen, in denen auf den 
stammvocal m, n folgen, die kürze (wie in der schriftsiirache). 
sondern auch solche, deren stamm auf iv (< b,f) und d, einige 
mal auf .s- und / {<g) auslautet. Zu den ersteren gehören: 
s(je'))t{ 'semmeF. hnnl, hamr, doiir; ferner auch jenr u. a. Da 
Franke bei der aufzählung der abweichungen der quantitäten 
des obers. \"om schriftdeutschen keine von diesem ab\\"eichenden, 
hierher gehörigen beis^yiele (ausser den genannten) gibt, so 
muss ei'schlossen werden, dass unser dialekt hierin mit dem 
nhd. zusammenfällt; die in Bay. maa. 1, 29 ff. genannten fälle 
stehen dem nicht entgegen. Mit der schriftspr. hat das obers. 
kürze auch in zappeln und krabbeln (s. Bay. maa. 1, 31. 32); 
über dieselbe hinaus aber ist die kürze vor den übrigen ge- 
nannten consonanten erhalten: schdiul^{schdciuel) 'stiefel", niirr 
'hinüber' (neben mwcer), drim 'drüben', ^e^c/w/m 'geschrieben' 
etc.; bei Albrecht auch aiir 'aber', gabl. siviicl u. a. Länge 
haben /<«?<'/ •hobel', (hu 'eben" u.a. Auf d, s, •/_: ««;yWr 'wider' 
(daneben mit i)\, bei Albrecht feder, leder, neder 'nieder' (andei- 
wärts nidr\ edcUtecne, tadel m., fidel f. (auch mit i), .wdel m. 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 209 

u. a.: Iiaselnüsse, wisel; reyl m. 'rieg-el', mcyn 'mög-en'; doch hoisn 
'besen", dsögn 'zog-en". /ik'/^Z 'voger u.a. (s. Fr. 1, ;>H). 

Ferner geli()ren folgende beispiele mit erhaltener kürze 
hierher: sihdsn 'siebzehn', sihdsy. aber5^6n; Zfe«t'CBW(i;f 'lebendig'; 
zuweilen het/rcehnls, auch haby 'habe ich" und einige andere; 
aber redlic/i, hredyß f. '\)ved\gt' etc. 

Schliesslich bleibt urspr. kurzer vocal in der verbalflexion 
in den formen der schw. verben auf d, t, in denen durch s^-n- 
kope in der flexionssilbe gemination entstanden ist: schmid 
'sclmüedet'. yebed 'gebetet'; zuweilen auch schlced 'schlägt'. 

Auch die präsensformen mit / der verben ychen und sehen 
haben kürze (s. Franke 2, 26); ebenso Usd 'liesest, liest'. 

§ 81. Eine wirkliche ausnähme liegt vor in Wörtern mit 
altem /: in den meisten derselben bleibt, wie im nhd., die 
urspr. quantität erhalten. S. hierzu Franke 1.36, wo als ab- 
weichungen von der schriftsprachlichen quantität nur brdtd 
'brett' und schdwde ' Städte' angegeben sind. Hiermit stimmen 
auch die beispiele überein, die Franke in Ba}*. maa. 1, 29 — 35 
gibt; 'dieselben werden im obers. der schriftsprachlichen regel 
entsprechend nur mit kurzem vocal gesprochen: schritt, tritt m.. 
Matt, satt, glatt, stadt, statt, gott, kette, hüttel, hettel, ivetten, 
gcratter, sattel, sclditten, gesotten, geritten, gelitten, geschnitten, 
gestritten. Bei Albrecht ist auch für geboten kurzer vocal 
angegeben. Länge vor t findet sich also in den fällen wie im 
schriftdeutschen: fader "vater' etc. 

Vor (/ ist die kürze nur in schmid und pl. schmide erhalten 
(s. Franke 2. 26). 

In einigen einsilbigen Wörtern hat die quantität des nomi- 
nativs den sieg davongetragen: dsug 'zug' (und dat. dsuche), 
beschlak, grob; zuweilen in f/r/Z; 'tag'; ferner allgemein in kär- 
ifreidäch) ; nach Albrecht auch in hof, grab n., schmal (nur in 
der 'bauernsprache'). Kürze haben ferner ivol, mag praet.- 
praes., wcec 'weg' adv. und (nach Albrecht) statvwe 'stube'; 
Franke gibt, als für das ganze gebiet geltend, schdumdtr 
' Stubentür'. 

§ 82. Von doppelconsonanzen haben im obei'S. die Verbin- 
dungen >• -H cons. und l + dentalexplosiv vocaldehnenden eintiuss. 

Vor r + d, t, ts wird übereinstimmend mit dem nhd. a und e 
gelängt: erde, ivAre 'werde', harz etc.; über die Schriftsprache 

Bfilrüge zur geachicbte der deutacUen spracht'. XXill. l\ 



210 RITZE RT 

hinaus zeigt sicli delinuug in gehurt, gärten und nach Albrecht 

§ 1 in Leipzig aucli in tvärten. Vor rs hat allgemein hrrschr 
(lehnung, während gerate, ivurst etc. kurzen vocal 1 iahen. 

Ferner tritt häufig vor rm, rh, rf, rg, rch dehnung eiu. 
In seinem programm s. 35 sagt Franke, dass durch einwirkuug 
des r besonders bei gaumenvocalen eine niedere Stellung der 
zunge eintrete und i, ii, e, ö, namentlich wenn diese kurz sind, 
regelrecht zu w wei'den und dass diese (e jetzt 'vielfach' zu (P 
werden. Die dehnung vor den genannten r -Verbindungen bleibt 
aber nicht auf dieses ce beschränkt, wie die folgenden beispiele 
zeigen: 

rm: arm und pl. wrme, terml, ivörm 'wurm" uud {A. tvctmier, 
dorm 'türm', scluerm 'schirm'. 

rh: (trhd 'arbeit', Jcörh. 

rf: dörf und pl. dwrfer; drerf, dtWfsd, dwrfti, dttrfd 'darf, 
darfst, dürfen, dürft'; wih'ft 'wirft'. 

rg: hterg 'berg', sarg. 

rch: rthye 'kirche', fihydn 'fürchten', gefur/d 'gefürchtet', 
hörx 'bürg' und hd'ryer m., för'/ß 'furcht', dörx 'durch', 
mür/n 'morgen', gehwrye 'gebirge*. 

§ 83. Dehnung des a vor l + t, d mit scliwund des dental- 
explosivlautes findet sich in cd (< alt), flectiert äle\ Ml, flec- 
tiert Mle\ hcdn "halten', venväln 'verwalten', bCile 'bald'; aber 
u-ald (s. Franke, Bay. maa. 1, 34). Auch Albrecht constatiert 
diese erscheinung, beschränkt sie aber auf die 'bauernsprache'. 
Nach Wrede, Anz. 21, 275 bildet die Knie Naumburg a. S. bis 
Geising (südlich von Dresden an der reichsgrenze) die süd- 
grenze der vocaldehnung in alte: dasselbe gilt für l;alte\ s. 
Anz. 21, 279. 

Auch vor U wird a im obers. gelängt, jedoch nicht im S; 
s. Wrede, Anz. 19, 102: 'die südgrenze für die dehnung in sah 
bildet die etwaige Knie Schafstädt, Frohburg, Dresden, Schandau'. 

10. Schlesisch-lausitzisch. 

(■Quellen: Kiessling, Blicke iu die ma. der südlichen Oberlansitz. 
Zschoppau 1883. — A. Kl esse, Zur grammatik des in der grafschaft Glatz 
gesprochenen deutschen dialekts, Yierteljahrsschrit't f. gesch. u. heiniatskde. 
der grafsch. Glatz, :}. heft (1883/84), 148—159. — P. Kupka, Die ma. des 
kreises Guben, Niederlaus, niitteil. 3, 275—282 (vocalisinus) und 3t)7— 377 
(cunsonautismus). — R.Michel, Die ma. von Seifheuuersdorf (an dir süd- 



DKHNlfN(4 DEli MIID. Kl'KZKN STAMMSl MiKNVOCAIiK. 211 

grenze der säclis. Oberlrtusitz), Bcitr. 15, 1 ff. — H. rtiukert, Zur Charak- 
teristik der deutschen maa. in Sclih'sien, Zs. fdph. 1, 191». 4, 322. 5, 125 ff. — 
U. Waniek. Zum vocalisnius der schles. ma. (W. behandelt liier die nia. 
an der Biala im östl. teile des österr. Schlesiens und westl. CTaliziens). ]»ie- 
litz ISSO. — K. Weinhold, Ueb. deutsche dialektforschung. Die laut- und 
Wortbildung und die formen der schles. ma. Wien 1853. — K.Wein hold, 
Die Verbreitung und die herkunft d. Deutschen in Schlesien, Forschungen z. 
d. laiid- n. volkskde. 2, 21 4 ff. 

§ 84. Im sfliles.-laiis. wird lulid. kurzer vocal in offener 
Silbe stets gedehnt (s. Weiiili. 1, 88. 39(1). Waniek 21. Micliel 25. 
Kupka 377. Kiessling 6). Beispiele: göt und ymit 'gotV, stdt 
und stuoadt 'Stadt', nim imp. zu 'nehmen', ivätr 'wetter', sät 
und suoat 'satt', Mtel 'kittel'. Inte 'bütte'. nkler und neiäcr 
'nieder' u. a. (die an zweiter stelle angeführten formen sind 
niederschlesisch: das charakteristische des 'Neiderlandes' ist 
seine neigung zu ei und au; s. AVeiiih. 20). Laus.: tontä "dotter', 
fcäta 'wetter', du'te 'kette', sitn 'sitte'. 

§ 85. Ausnahmen kommen nur selten vor. Erhalten ist 
die kürze in den uiiliectierten formen einiger einsilbigen Wörter: 
fluJi 'flug', .cid- "/A\g\ (jms, siJi 'sieg', frmmn 'fromm'; aber tau 
(bei Weinh. und ^\'aniek), (jröh etc. Birlingers angäbe, Rechts- 
rhein. Alemaiinien 45 f. (fussnote): 'das schles. behält die mhd. 
quantität ganz rein, bloss in einsilbigen aber nicht in mehr- 
silbigen Wörtern', ist also nicht stichhaltig. Die ma. an der 
Biala hat schwanken zwischen kürze und halblänge in ylott, 
tjlott; aber hrät 'brett' u. a. In Seifhennersdorf ist vü 'viel' 
stets kurz, meist auch luaJ^ praet.-praes.; ferner die 'fremdlinge' 
mat, d«^ 'glatt', Ao^ 'gott'; für letzteres ist das gesetzmässige 
erhalten in koiipehitjl 'gott behüt euch!' (in den benachbarten 
böhm. maa. ist kaut die übliche form, geschützt durch die po- 
litische grenze; Michel 26). Coschen und Wellmitz im kreise 
Guben haben seff 'sieb', Stargardt hat vill; ferner erscheint 
dort schtot ' Stadt'. 

§ 86. Sonstige abweiclmngen von unserem gesetze sind 
nicht eigentliche ausnahmen; sie führen sich auf den ausfall 
des vocals in Suffixen zurück. Ihre zahl ist gering; s. Weinh. 
1,88: 'einige alte kürzen haben sich gerettet, die aber in der 
Sprache der gebildeten weichen mussten". l'ebrigeiis zeigt sich 
auch hier, dem wesen dieser verschiedenen ausgleichung eines 
älteren Wechsels zwischen formen mit und oliiie länge ent- 



212 RITZERT 

sprechend, keine einlieitliclikeit; 'der schles. dialekt scliwankt 
t'ortwälu'end niclit nur im allgemeinen, sondern auch in den 
lücalmaa." (]\iickert. Entwurf einer system. darstellung- der schles. 
ma. im mittelalter, hg-, von Pietsch, Paderborn 1878. s. 177). Die 
hierher gehörigen heispiele sind meist solche mit m oder t im 
stannue: lihnmel, liammer, hmnner, sumn/er, schamniel 'schemel'. 
aber näin 'nehmen"; hatteln "betteln". <ieritfen, sottet, vatter 
(nur in manchen gegendeii; an der Biala nur in städten). retfcr 
und einige andere. In der Bielitzer ma. scliwankt kürze und 
halblange in msohnma, Jiohnmer; länge haben hPmer "hammer', 
sämfl 'semmel'; halblänge liegt A'or in (/csneffa 'geschnitten'. 
srett m. 'schritt', he^mmel und hemcl 'himmel". während nur 
hatteln entschiedene kürze hat. Sonst kommen u. a. noch vor: 
äininer, tiifel 'tafel', swippel, weder 'wider', oder. Für Seif- 
hennersdorf ist zu erwähnen tunä (nach gen. dunres) neben 
toimä (nach nom. acc. donar); ferner ceritn 'geritten', eemitn 
'geschnitten', neben cezoutn 'gesotten' etc. 

In der verbalflexion ist die kürze erhalten, wo durch Syn- 
kope des tonlosen flexions-c geminata oder doppelconsonanz 
entstanden ist; bei Weinhold scliatt 'schadet'; gitt 'gibt', yatt 
'gebt', geliatt 'gehabt' (s. auch Kupka 871. Michel § 58e und 
s. 26. Weinhold 1, 78). 

§ 87. Als zweites dehnimgsgesetz gilt für das schles.- 
laus., dass in der i-egel der vocal in mlid. einsilbigen Wörtern 
mit doppelconsonanz gedehnt wird; bei antritt einer üexions- 
silbe oder ableitung erscheint wider die alte kürze. Diese 
erscheinung darf wol mit als beweis gelten für die verwant- 
schaft des schles. mit dem ostfr., die W'einhold 2, 21-1 f. betont. 
Belege zu unserem gesetze bieten die angeführten quellen; 
im bes. verweise ich auf IVIichel § 59. 69. Kiessling 6 f. Waniek 
25. 31,5. 34, a. 38,2. 41, § 22, 3. 44, 3. Klessel49f. Weinhold 
26,3. 27,5. 28,2. 29,1. 36,9. 37,3. 42,2. 45,7. 46,8. 48. 51,2. 
59,5. 60,9. 61.5. 64.8. Belege für die erhaltung der kürze in 
der flexion und ableitung bei Weinh. 23. 32, 5. 33, 12 f. 59, 5. 
AVaniek 25. 42, § 23, 1. 

Ausnahmen finden sich local beschränkt und allgemein; 
s. Weinh. 23, 4. 25, 1. 31,4. 49,2. 52,2: 'neben den längen auf o: 
lop 'köpf, &oZ'bock', loch, 5c/?7o.s 'schloss' etc. kommt im ge- 
meinschlesischen an denselben orten das kurze u (s. A\'einh. 56) 



DEHNirNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 213 

vor narli einem Wechsel, der g-esetzlos erscheint". An der Biala 
zeig-t sich in manclien einsilbigen Avörtern nur halblänge (s. 
AVaniek 34. b. 38,3); in anderen bleibt die kili-ze (s. \\'aniek 
31,6. 34,4.5. 37 [§20,1]). 

§ 88. Ausserhalb des raluuens des zweiten dehnungs- 
gesetzes stehen die dehnungserscheinungen, die durch die 
natur benachbarter consonanten bedingt sind. 

In erster linie haben im schles.-laus. >-verbinflungen deh- 
nenden einfluss. In .Schlesien wird nach Hückert, Zs. fdpli. 
4, 381 der vocal vor jeder Verbindung von r mit muten und 
Spiranten gedehnt: für die Bielitzer ma. sagt Waniek 21,3 
dasselbe. 

Nach den von \\'einhold mitgeteilten belegen hat diese 
erscheinung jedoch nicht in dieser allgemeinheit giltigkeit; 
ich verweise auf 23,4. 24,5. 25,1. 30,2.3. 31,4. 32.5. 33,8. 
39,3. 49,2. 56,8. 57,11. 58,4. An der Biala kommen aus- 
nahmen allerdings nur vereinzelt vor, zum teile nur an be- 
stimmten orten; so in /re-rfu 'werfen', stiußrch 'storch', buo'-rsta, 
sicHo'^rz (die lautverbindung m ist vor mehrfacher consonanz 
prägnant kurz nach ^^^aniek 39), yeh/uf u. a. Halblänge liegt 
vor in liar^' iierz' und smars 'schmerz". Beispiele für dehnung 
vor r -\- cons.: y arten, ytPrte f. 'gerte", borte f., hör sehte f., 
yärschte u. a. 

In der Bielitzer ma. tritt nicht selten auch vor r -\- iv, ni, ii 
delmung ein: .S7>7f« /scherbe', wirnn (\)\. inrntcr). Mm 'kern' 
u. a.: doch .seh-m 'schii^m'. dnorn 'dorn' und diiii. (lie-rula u. a. 

In der Oberlausitz ist dagegen nur vor r + d, t, s, z deli- 
ining eingetreten und zwar in nur wenig mehr Wörtern als in 
der Schriftsprache; s. Michel § 67: kharte 'karte', hmtn 'garten', 
härste 'gerste'. cehart 'gehurt' (aber cPhyrtj). ivfirt 'wort', nrt 
'ort', c^rte f. 'gerte'. meriZ "mörser', ^^(fri/ 'schöpf'.' /»«rie 'liirse'. 

§ 89. Vor der lautgruppe l -f t, d, z wird im schles.-laus. 
a gedehnt (s.AVeinhold 27. 05. Rückeit. Zs. fdph. 4. 331. AVaniek 
21 f. 38. Kupka 375. Michel § 65. Wre(h'. Anz. 21. 275). Im 
gi'össten teile des gebiets auf dem linken Oderufer schwindet 
dei- dentalexi)losiv; erhalten ist ei' nach Wenkers atlas in einem 
gebiete, das im A\' etwa durdi die linie (toIsscu— Kuhland, 
gegen X ganz ungefähr duirli die ///rA- linie begi-enzt ist: 
im S iimfassl die gi-enze die Wendei, ziidil weiter V(»ii .Muskau 



214 RITZERT 

Über Sommerfeld nach Grünberg- und dann ungefälir der Oder 
aufwärts. Oestlicli der Oder läng-s der Id- grenze gilt in 
schmalem säume äl Hiermit stimmt Waniek 21 und Kupka 
s. 375 überein. die beide für ihre maa. erhaltung des explosivs 
bestätigen; letzterer fügt hinzu, dass in dem benachbarten 
Sorauer kreise aber derselbe schwindet; ebenso im Sprach- 
atlas. Auch Seifhennersdorf hat erhaltenes f, d; ^Michel con- 
statiert, dass die dehnung des a vor l -\- ä, t völlig durch- 
gedrungen ist: nicht von der dehnung wird das a betroffen, 
das westgerm. e oder den späteren umlaut von a vertritt: 
/a?^ 'feld' etc.; ferner in fremd Wörtern: «7^« 'altar". salin ' \)Q>>i- 
schalter". Kürze in salz ist erhalten in einer enklave im süd- 
lichen Schlesien mit Schweidnitz. Zobten. Reichenbach, ^^'arthaJ 
Ottmachau, s. Wrede, Anz. 19, 102. 

Dem nordschles. ist dehnung des e vor l + t eigen. Wein- 
hold 45, 6. 7: (laiüä 'geld*. süilten "selten'. Vereinzelt trifft man 
diese erscheinung auch im gebirge. Manchmal wird auch ein 
anderer vocal gedehnt; ich finde als hierher gehörige beispiele: 
schauldr 'schulter'. scJumld 'schuld", rjcdauld; im Kuhländchen 
bei Oderau in Mähren auch gould 'gold'. 

§ 90. Dehnung vor nasalverbindungen, besonders vor )t + 
verschlusslaut, ist dem X eigen; vereinzelt findet sie sich auch 
in der gebirgsmundart, besonders im Kuhländchen. Diese 
dehnungserscheinung betrifft e und seltner i (s. AA'einliold 69. 
Kupka 375). Beispiele: eindc 'ende', mein^ch 'inensch', se/nzc 
■sense'. Vgl. auch Wrede, Anz. 19, 108: "gedehntes / in ivinter 
wird bezeugt für Schlesien". 

§ 91. a) Vor cht wird nach Wrede, Anz. 21, 162 c gedehnt 
innerhalb des dreiecks Bautzen — Schwiebus— Hirschberg a. R.; 
ferner um Olilau und Falkenberg und an der obersten Glatzer 
Neisse; s. auch Weinhold 27, 5. 45, 6. 7. 

An der Biala ei'scheint c nur halblang; so in knucht etc.: 
hier ist auch a vor urspr. ht gedehnt in nacht, iceinächta. 

Auch Seifhennersdorf hat dehnung des c vor cht: räjt 
'recht', näjtn 'gestern abend' etc.; aber fdjtn 'fechten'; s. 
Michel § 66. " 

b) Vor Jcs < hs wird an der Biala a gedehnt: iräksa 
'wachsen', äJcs^l, tväks u. a.; aak's^hi "wechseln' und sak''s haben 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 215 

]i;ill)langeii vocal (s. AVaniek 34. 88). Xacli Wrede, .\nz. 18. 41:! 
zeigt sicli in sechs diplithongierimg' im Odergebiete von F'rank- 
furt bis Beuthen. 

II. teil. 

Zusammenfassung der dehnungserscheinungen 

und vergleichung mit den quantitätsverhältnissen der 

Schriftsprache. 

Xaclidem ieli im vorhergehenden den qnantitativen lant- 
wandel in den liani»tdialekten des hochd. spracligebiets nacli 
seiner hauptseite: der dehnung- der mhd. kurzen stammsilben- 
vocale. zur darstellung- gebracht habe, will ich im folgenden 
versuchen, die resultate zusammen zu fasseil. Dabei werde 
ich gleichzeitig die entsprechenden (luantitätsverhältnisse der 
Schriftsprache zur vergleichung heranziehen und die frage er- 
(»rtern. auf welchem dialekte die schriftsprachlichen quanti- 
täten beruhen. ]Mein augenmerk habe ich, gemäss den obigen 
ergebnissen. dabei nach zwei seilen zu richten: wo ist die 
dehnung spontan entstanden und wo durch benachbarte con- 
sonanten bedingt? 

1. Dehnung in offener silbe. 

Sj>ontan ist die dehnung mhd. kurzer stammsilbenvncale 
in urspr. offener silbe eingetreten. Sehen wir vom hochale- 
mannischen ab, in welchem im grossen und ganzen die ursjir. 
Verhältnisse bewahrt sind (A'gi. § 1) und, wenige zui' nlid. 
dehnung neigende gegenden (s. § 3) abgerechnet, vocaldehnung 
in offener silbe nur dann eingetreten ist, wenn die folgende 
silbe mit /• anlautet (s. § 2), so finden wir dieses gesetz für 
alle dialekte giltig; s. § 15. 23. 30. 39. 47. 50. 68. 79. 84. 

Paul hat Beitr. 9, 102 nachgewiesen, dass diese quantitäts- 
veränderung mhd. kurzer vocale mit dem silbenaccente, und 
zwar mit einer bestimmten form desselben, dem schwach- 
geschnittenen, zusammenhängt; s. auch Sievers, Grundzüge der 
Phonetik^ § 790. 

Die frage, weshalb nun die mhd. kurzen vocale mit schwach- 
geschnittenem accente der dehmnig unteiworfen waren, ist 
gewiss keine müssige. Mich hat sie immer interessiert. Ihre 
beantwortung findet sie m. e. in der füi- so viele fälle zu- 






216 RITZERT 

treffenden annähme des natürlichen strehens. mit möglichst 
wenig mnskelanstrengung- nnd atemauf-wand denselben zweck 
zu erreichen Avie mit viel (Max ]\rüller); s. Kussmaul, Die 
Störungen der spräche 243. 

Auch J. \\'olff betont in seiner vortrefflichen abhandlung 
Ueber die natur der vocale etc. (progr. von Mühlbach 1875), 
s. 63 das bestreben nach physischer erleichterung der arbeit, 
welches auch auf sprachlichem gebiete mehr und mehr zur 
geltung gekommen ist. Dies ist zweifellos richtig; dagegen 
aber nicht, was Wolff über die ausspräche der langen vocale 
sagt, und damit komme ich zur begründung meiner ansieht. 
'\\'olff meint nämlich a. a. o., dass die anhaltende muskelaction, 
mit welcher die ausspräche langer vocale verbunden ist, eine 
grössere phj'sische anstrengung erfordere als die bildung eines 
kurzen vocals. 

Die erfahrungen beim Sprachunterrichte taubstummer 
sprechen direct dagegen. Das gedehnte sprechen der vocale 
fällt dem sprechschüler leicht, keineswegs aber die ausspräche 
der betonten vocalkürzen. Das üben der letzteren bedarf 
unendlich mehr zeit, und noch lange nach absolvierung des 
ersten sprecliunterrichts tritt die neigung auf, die kurzen vocale 
gedehnt zu sprechen. Für die technischen Sprechübungen der 
späteren Schuljahre bildet deshalb das üben der kurzen vocal- 
aussprache ein stehendes capitel. 

Diese tatsache bildet für mich den grund zu der annähme, 
die in den dialekten wie in der Schriftsprache eingetretene 
dehnung der alten kurzn vocale mit der physisch leichteren 
gedehnten ausspräche zu erklären. 

Häufiger kommt es vor, dass urspr. liquid- und nasal- 
gemiuaten als einfache laute behandelt werden, so dass der 
vocal vor denselben in den silbenauslaut zu stehen kommt; 
s. § 2 (am Schlüsse). 5. 21. 36. 47, d. 55, d. 63. 78, a. 

Dieselbe erscheinung begegnet uns vor explosivgeminaten 
im mfr. (s. § 64) und vereinzelt auch sonst (s. § 38, a). 

Das gesetz der vocaldehnung in offener silbe erleidet nun 
nach zwei seifen hin abweichungen, die aber nur eine schein- 
bare Willkür bedeuten und ihre erklärung in der "annähme 
einer verschiedenen ausgleichung eines älteren wechseis' 
finden. 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN STAMMSILBENVOCALE. 217 

Einmal betrifft dies solche Wörter, in denen anf den stamm 
noch ein snffix folgt, meistens -eJ, -er, -cm, -cn: dann auch -et, 
■i(j u. a. Unter diesen Verhältnissen zeig-t sich nun in allen 
dialekten die neig-nng-, die iirspr, kürze zu bewahren (erklärung 
s. § 16). und zwar besonders dann, wenn der stamm auf nasal 
ausgeht (s. § IG. 23. 81. 41. 48. 57. 71. 80. 86). 

Auch die Schriftsprache hat in den meisten fällen vor m 
\n zweisilbigen Wörtern auf -en, -el, -er die kürze erhalten: 
ausgenommen sind nur nehmen, seliämen, ziemen, name (flect. 
namen), schemel\ mit n steht donner dem part. (/eschienen 
gegenüber. K. v. Bahder führt dies auf den einfluss süd west- 
deutscher dialekte zurück (Grundlagen des nhd. lautsystems 
s. 88). Es ist jedoch gar nicht nötig, so weit zu gehen. A^'ol 
zeigen die alemannischen maa. vor m + suffix consequent die 
alte kürze; doch steht beispielsweise der grösste teil des 
rheinfi'. der schriftspi-ache nicht nach: nur der N desselben 
dehnt hier a, aber nicht die übrigen vocale. Ebenso liegt es 
im mfi\ Ganz besonders aber muss die Übereinstimmung des 
obersächsischen mit dei- Schriftsprache in dieser hinsiclit hervor- 
gehoben werden (s. oben § 80). 

Gegen den schriftsprachlichen gebrauch, wo wir fast aus- 
nahmslos länge finden, zeigt sich be Währung der kürze in 
vielen dialekten öfters auch dann, wenn der stamm auf liquida, 
einfache spirans oder media ausgeht. Ich verweise auf die 
A(nliin genannten paragraphen. Die mehrzahl dieser maa. 
zeigt nun nicht allein den anderen gegenüber, sondern auch 
in den einzelnen fällen die grössten Schwankungen. Viele 
maa. haben aber in der regel länge oder doch in den meisten 
fällen: zu ersteren gehören Basel, zu letzteren die ostschwäbi- 
sclien. bairischen, ostfränkisclien. südthüringischen, schlesischen 
und besonders auch die obei'sächsischen; Avenn nach Albrecht 
Leipzig auch zahlreiche kürzen erscheinen lässt, so gilt für das 
ganze obersächsisclie gebiet doch die i-egel, dass die kürze nur 
•zuweilen" bewahrt ist (vgl. Franke, Der obers. dialekt 36). 
(Gegenüber dem mundartlichen schwanken in den einzelnen 
fällen behandelt die Schriftsprache diese wr)iter aber con- 
sequent. 

Wälueiid die .scliriftsjirache in i\i'V vcibalflexion auch in 
d<'n formen, in welchen duicli synkope des fiexions-e geminaten 



218 RITZERT 

oder doppelconsoiiaiizen entstanden sind, in Übereinstimmung 
mit den übrigen formen die länge durchgeführt hat (aus- 
genommen sind nur die 2. und 3. sg. praes. von nehncn und 
treten), zeigen viele maa. hier die kürze (s. § 16. 31. 41. 48. 57. 
71. 80. 86). Zur zeit des eintritts der dehnung stand also der 
stammsilbenvocal in folge der vorausgegangenen vocalsynkope 
nicht mehr in offener silbe. 

Die zweite abweichung von unserem gesetze zeigt sich bei 
vielen dialekten in manchen einsilbigen nominibus und im imp. 
sing. In der Schriftsprache ist auch in diesen dehnung ein- 
getreten, indem die vocaldauer der tlectierten casus in die- 
selben eingedrungen ist; sie zeigt also stets die fertigen er- 
gebnisse der ehemaligen ausgleichung. In den dialekten 
dagegen erscheinen mitunter solche fälle, in denen die aus- 
gleichung noch nicht erfolgt ist, zuweilen hat sogar die (}uan- 
tität der unflectierten casus den sieg davon getragen in dem 
ganzen paradigma (s. § 17. 33, b. 40. 50. 59. 70. 81. 85). 

Häufiger kommt es hierbei vor. dass die kürze bewahrt 
wird, wenn der stamm auf liquida (besonders l) oder nasal 
schliesst; s. § 18. 33. 40. 55. 59. 69. 85. Vgl. hierzu Heusler, 
Beitrag zum consonantismus etc. 13. 

Aus der Schriftsprache gehören hierher fromm (< vrom, 
rram), zirm (< zin) und toll (< toi)- letzteres kommt freilich 
mhd. auch schon als toll vor. 

^\'ährend das unterbleiben der ausgleichung (wie in ^ik 
ni. 'sieg', aber flectiert sige im scliles.) in den hoclid. dialekten 
nur in seltenen fällen zu constatieren ist, bildet es für das 
niederdeutsche mit ausnähme derjenigen einsilbigen Wörter, die 
auf l und ;• endigen, die regel: treg, aber ivcges: nemcn, aber 
näm. In der niederfränk. ma. von Mülheim a. d. Ruhr, in der 
die kurzen voc^ale in offener silbe stets gedelmt worden sind, 
ti'itt auch bei den kurzsilbigen, die auf urspr. p, t, k, sowie 
auf l, m, n, r ausgehen, der gedehnte vocal aus den obliquen 
casus in den iiominativ (s. Maurmann, Die laute der ma. von 
M. § 128). 

Ausgenonmien von der dehnung sind in der Schriftsprache 
mit wenigen ausnahmen die wöi'ter mit t, sowol ein- wie zwei- 
silbige: Ijlatt, Schlitten. Die erklärung dieser erscheinung s. 
bei Sievers, Phonetik^ § 792. Bahder sieht auch hierin einfluss 



DEHNUNG DEE MIID. KUKZEN STAMMSILBENVOCALE. 219 

alemanniscli-scliwäbisclier maa. (Grundlagen s. 88), jedoch nicht 
mit recht. Es stehen nämlich die alem. maa. (s. oben § 17. 23) 
in der erhaltnng- der kürze vor t nicht allein; wir finden die- 
selbe erscheinung im liieinfr. (§ 49), im N des mfr. (§ 58), im 
gebiete des südbair. dialekts (§ 33) und, abgesehen von ver- 
einzeltem auftreten, vor allem wider im obersächsischen (§ 81). 
Gegeniiber den Schwankungen des rheinfr. zeigt letzteres nahezu 
vollständige Übereinstimmung mit dem schriftdeutschen: nur in 
hreü und städte (pl.) weicht es ab. Für die erhaltnng der 
kürze vor / im o])ers. vgl. auch die reimtafel bei J. P. Titz, 
Zwei hücher von der kunst hoclid. verse zu machen 1, cap. xiii, 
mitgeteilt von v. Hahder a.a.O. s. 99. Nimmt man mit v. Bahder 
einfluss des alemannischen mit seiner consequenten kürzeerhal- 
tung vor i an, so bleibt unverständlich, aus welchem gründe 
trotzdem in einigen w()rtern dehnung eingetreten ist und zwar 
in solchen, die auch sonst in vielen maa. die alte kürze be- 
w^ahren, wie in vafer, pate, hote. Noch eher wäre an eine 
beeinflussung seitens des rheinfr. zu denken, das. wie oben 
gesagt, in den meisten fällen die dehnung nicht kennt, in 
anderen aber dehnt; jedoch stimmen die einzelnen fälle nicht 
mit dem schriftdeutschen, was aber im obers. der fall ist. 

Aus diesem und dem obigen zusammentreffen der schrift- 
si)rache mit dem obers. glaube ich den schluss ziehen zu müssen, 
dass die quantitäten des nhd. auf diesem dialekte beruhen. Ich 
befinde mich also im gegensatze zu v. Bahder und stimme Paul 
zu, der a. a. o. 103 allgemein sagt, dass unsere Schriftsprache 
doch nicht so sehr eine mischung aus verschiedenen maa. ist, 
dass sie nicht im wesentlichen auf einer einheitlichen grund- 
lage ruht. 

Die annähme dieses Verhältnisses zwischen Schriftsprache 
und obersächsischem dialekte ist um so wahrscheinlicher, als 
die si)rache Luthers, in der die meissnischen (obers.) elemente 
dominierten und welche die grundlage der nhd. Schriftsprache 
ist. in dieser bezieh ung vorbildlich wurde und zwar in der 
form, die sie in seinen gedruckten schritten, namentlich der 
bibelübersetzung, erhalten hat (über das vorkommen der kürze 
vor / in der l^ibel von 1545 vgl. v. Bahdei- a.a.O. s. 9(). und 
über den gebrauch von tt gemäss TiUthers Vorbild in and«'ien 
denkmälern a. a. o. s. 99). 



220 EITZERT 

2. Dehnung- in geschlossener silbe. 

a) Yocakielinnng- in g'eschlossener silbe haben in allen 
dialekten. Avie in der Schriftsprache diejenig-en Wörter, die auf 
r auslauten: er. der etc.. abei" nur dann, wenn sie betont sind: 
unter dem eintiusse der accentlosigkeit zeigen sie kürze; Da 
diese keine flectierten formen neben sich haben, in denen die 
länge lautgesetzlich eintreten konnte, substituiert Paul a. a. o. 
s. 110 deshalb für den wortauslaut das ende eines satztaktes 
im satzzusammenhange. Für meinen heimatsdialekt liegt die 
Sache einfacher; da r hier durch einen kurzen c<-laut (^ w) 
ersetzt wird, bleibt die silbe nicht mehr geschlossen, und es 
muss lautgesetzlich dehnung eintreten: rptvä < gdtvan = 'ge- 
wahr'. Dasselbe gilt auch für andere dialekte. so für Hand- 
sclmhsheim. Seifhennersdoi-f: ha 'er u.a. Für die alemannischen 
maa. fällt die dehnung vor r unter das capitel des dehnenden 
einflusses auslautender lenis. 

b) In einem grossen teile des hochd. Sprachgebiets tritt 
ausserdem in allen schon mhd. einsilbigen Wörtern mit doppel- 
consonanz dehnung ein; es betrifft dies das ostschwäbische 
(§ 25), bairisch-österreichische (§ 84), ostfränkische (§ 42), das 
an letztei'es grenzende südwestthüringische (i^ 72) und schle- 
sische (§ 87). Die alte kürze kommt wider l)ei antritt einer 
weiteren silbe zum Vorschein; im ostschA\äb. und ostfr. hat 
auch der dat. sg. dieser Wörter gedehnten vocal (s. § 24 b. 44), 
im bairisch-österr. und südwestthür. aber kürze (s. § 34. 72). 

Ueber die erkläi'ung dieser erscheinung vgl. Kauffmann, 
Geschichte der schwäb. nia. § 127. Fischer, (Teographie der schw. 
ma. § 12. 0. Brenner, IF. 3, 297 ff. Streitberg, ebda. 305 ff. Bohneu- 
berger, Alemannia 24. 21» und besondei-s Zs. fdph. 28, 515 ff. ^lit 
Kauffmann, Fischer und Bohnenberger ist daran festzuhalten, 
dass die Stellung in tonsilbe, zumal in pausa, zur Verlängerung 
des vocals führt. Dagegen scheint es auch mir nicht wahr- 
scheinlich, dass die dehnung ein ersatz für den Verlust der 
germanischen nominativendungssilbe sei, wie Brenner glaubt. 

3. Dehnung in folge consonant ischen einflusses. 

\'on den durch die qualität der dem vocale folgenden 
consonanz bedingten längungen sind zunächst die im hoch- 



DEHNUNG DER MHD. KURZEN ST AMMSILBEN VOCALE. 221 

alem. vorkommenden vor lenis zu erwähnen (s. § 4. G). Kauff- 
mann. der delinun^' auf conto folgender consonanz zu setzen 
iiberliauitt niclit für anneliiHl)ar hält (a.a.o. 155, anni.2). eiklärt 
auch diese hochalem. erscheinung- durch die Stellung- in satz- 
pause (so auch Fischer). Für Schaffhausen tritt nach Stickel- 
berg"er, Beitr. 14, 414 ff. dehnung' vor spirantischer und explo- 
siver lenis freilich nui' in pause ein (vor liquider und nasaler 
aber immer); das verfahren der masse der hochalem. maa. 
bleibt davon aber unberührt; dasselbe lässt sich nur durch 
die dehnende Wirkung- der folgenden auslautenden lenis er- 
klären. 

Allgemeiner verbreitet sind die dehnungserscheinungen, 
die durch den einfluss von li(iuida oder nasal + consonant (in 
den weitaus meisten fällen dentalexplosiv) verursacht werden, 
(-legen Kauffmann a.a.O. 155 muss diese consonantische be- 
einflussung- besonders betont werden, denn anders lassen sich 
die betreffenden läng-ung-en nicht erklären. 

Am häufigsten wird a vor den genannten consonänten- 
gruppen gedehnt, dann c (mlid. e) und seltener die ülnigen 
vocale. Im übrigen verweise ich auf das obige matei'ial und 
füge die betr. paragraphenzahlen an. 

a) Dehnung vor r -Verbindungen: § 8. 19. 26. 37. 51. GO. 
73. 82. 88. Für das ostschwäbische, bairische, ostfränkische 
kommt zudem in betracht, dass in allen mhd. einsilbigen Wör- 
tern auf r 4- consonant dehnung eingetreten ist. Die schrift- 
sprachliche dehnung von a und e vor r -f cons. (die einzige 
delmungserscheinung vor doppelconsonanz, s. Paul, Grundriss 
1. 559) hat also ihre entsprechungen im ganzen hochdeutschen 
Sprachgebiete. Allerdings gehen nahezu alle dialekte weiter 
als die Schriftsprache. 

b) Dehnung vor l -f- cons. (meist in der gruppe a -\- l -\- 
dentalverschluss mit fast regelmässigem Schwunde des letz- 
teren): § 11. 20, a. 37. 46, c. 52. Gl. 74. 83. 89. 

c) Dehnung vor nasal + verschlusslaut: § 10. 20, a. 25. 28. 
37. 46. 53, a. 62, a. 75. 90; 

ferner vor nasal -f- Spirans mit schwand des ersteren: i; 9. 
20, b. 27. 53, b. 62, b. 78, b. 

Von dehnendem einfiusse sind ferner urspr. Iit und hs; 



222 RITZEllT, DEHNUNG DF.K MIID. KIRZKN STAMMSILBENVOCALE. 

für die delinuiig- vor lit s. § 12, 22, a. 25. 54. 66. 76. 91 und 
vor /<5; wobei die gutturalspirans ausfällt: § 13. 22, b. 29. 55, a. 
67. 77. 91, b. 

Dehnung- vor doppelspiranten und spirantenverbindungen 
beg-eg-net uns im nifrk. (s. i< 65); ausserdem vor erstei-en in 
einem beschränkten gebiete in Kärnten (s. § 38, bj und vor st 
in einem mitteldeutschen bezirke an der Werra (s. § 46. b. 
55, b. 78, a). 

HOMBERG (bez. (^issel). A. RITZER^r. 



KLKTNE BElTPvÄOK ZUR DEU^rsCllKN 
AVOirrFOKSCHUNG. 

1. ahgemerydt, aus(/eniergclt 
ziehen Klug-e. He3'iie und Paul übereinstimmend zu war/,- n., 
wobei sie an bildliclie redensarten wie einem das mark aus- 
saugen anknüpfen. Hierbei bleiben lautliche Schwierigkeiten; 
wenn sich aucli das // des Stammes aus der älteren wortform 
zur genüge erklärt, so bleibt das /-suffix auffällig; man würde 
*-margen erwarten. Dass der nächstlieg-enden ableitung- von 
mcrgel 'argilla*, mergeln 'mit mergel düngen' von den genannten 
forscliern und ihren Vorgängern ausgewichen wurde, beruht 
wol auf der erwägung, dass eine düngung Verbesserung des 
bodens bedeute, also grade das gegenteil von dem was man 
bei ((bgeiiiergelf, ausgemergelt emi)findet. Dennoch ist hier das 
nächstliegende zugleich das richtige. Jeder landwirt weiss, 
dass mei'geldüngung eine reihe vortrefflicher ernten ergibt, 
dass aber schliesslich der boden davon schlechter wird als er 
vorher war; die baueriu'egel: mergeln macJd reiche väter und 
arme söhne drückt das verliältnis zutreffend aus. Der grund 
davon liegt in dem kalkgehalt des mergels, der den boden 
energisch aufschliessst und die i)flanzen veranlasst, alle im 
boden irgend vorhandenen nalirungsstoffe lierauszuzielien, wo- 
durch natürlich ein an sich armer boden bald genüg gründlich 
erschüiift wird. Vgl. noch das von Heyne unter ausnutzen 
angeführte citat aus Maaler (1561): ausznutsen, ein erdtrieh 
auszmürglen und ersaugen. 

2. ammer f. 1) 
'ein Singvogel", spätahd. amero, mhd. ainer (Heyne). Idc \()U 
Kluge und Hej'ne zweifelnd gegebene ableitung von alid. amar 
•sommeidiiiker. die lautlich tadellos ist. scheint mir aiicli in 



224 LIEBTCH 

hinsieht auf die lebensweise des vogels und auf andere vogel- 
namen wie disfelfml-, hänfliuii annehmbar. Das von Heyne 
auch angefiilirte s.ynonyni äiiniicrliiu/ ist sog"ar eine genaue 
parallelforni zu hänfUng. Der mlat. und zoologische nanie 
emherisa ist nur widerg-abe eines anderen Synonyms, des jetzt 
veralteten deutschen cninieniz, das Kluge unter stieylifz auf- 
führt. Hinzuzufügen wäre nur, dass auch ahd. amar heute 
noch fortlebt, als amnicr in der Sch^veiz und Hessen, enier, 
cmmer im schwäbischen u. s. w.; vgl. Pritzel und Jessen. Die 
deutschen volksnamen der pflanzen (1882). Die botaniker 
nennen die i)Hanze friticum dicoccum. 

3. ammer f. 2) 
'eine kirschenart' (Hejme). Es ist die Sauerkirsche, prmins 
cemsus, die in Mittel- und Niedei'deutschlantl auch amareUc, 
marille etc. heisst, namen. die alle auf das von Heyne an- 
geführte mlat. (nnurdlimi zurückgehen; und zwar stehen sich 
ammer und marille ebenso gegenüber wie oberd. ampcl und 
nd. pulle, die beide aus ampuJla, diminutivum von ampJwra 
stammen. Mlat. amarelhon selbst aber ist wol nicht entstellung 
aus armeniaciüH, wie Heyne u. a. vermuten, sondern nach dem 
gleichbedeutenden it. amarasco, amaraschino (davon unser 
maraseh'ino, eig. kirschenliqueur) zu schliessen, ableitung von 
lat. ahiarns. Die Verbreitung des Wortes dui'ch die mundarten 
und seine Übertragung auf die aprikose im südöstlichen gebiet 
verdiente wol eine genauere darstellung. 

4. ausverschämt 
stammt aus dem plattdeutschen oder ist vielmehr nur eine 
Übertragung des plattd. 'ufverschamt; eine dem hd. ninvei-- 
schämt' genau entsprechende negierende bildung gibt es im 
plattdeutschen nicht. 

5. haekbord, sfenerhord 
= 'linke, rechte seite des schiff es'. Die begriffe 'links' und 
'rechts' w^erden mit Vorliebe durch concretere bezeichnungen 
ersetzt, die gewöhnlich sehr gut gewählt sind. Warum das 
rechte wagen})ferd handpferd, das linke saüelpfcrd heisst, be- 
greift man sofort: wenn der kutscher reitet, so legt er den 
Sattel stets auf (his iderd zur linken, um den andern gaul mit 



KL. BEITltÄGE ZIK DEUTSOHEN WORTFORSCHUNG. 225 

der recliten liand regieren zu können. Schwerer ist es zu 
verstellen, warum unsere seeleute die obigen bezeichnungen 
gewälilt haben, und sie selbst wissen keinen grund dafür an- 
zugeben. 

Fragen wir unsere wörterl)ii('her um rat, so suchen wir 
steuerbord vergebens. Zu harkbord bemerkt Heyne: 'aus dt^m 
niederdeutschen aufgenommener Schifferausdruck, linke hinter- 
seite des schiffes: eigentlich seite, die der Steuermann im 
rücken (niederd. engl. }>ack) hat'; Kluge: 'eig. der rand, die 
Seite, welche dem mit der rechten band das Steuer lenkenden 
Steuermann links im rücken liegt, die linke hinterseite des 
Schiffes'; Paul: 'aus nl. bacboord, linke hinterseite des schiffes, 
eig, rand, der dem Steuermann im rücken liegt'. 

Was die von Paul allein angenommene entlehnimg aus 
dem niederländischen anlangt, so ist diese abzulehnen wegen 
des hohen alters der betr. worte, die, wie unten gezeigt wird, 
schon lange im gebrauch waren, bevor sich das nl. als eigne 
Sprache vom mnd. ablöste. Zu dem allen dreien gemeinsamen 
tt^il der erklärung ist zweierlei zu bemerken: erstens ist back- 
hord nicht die linke hinterseite, sondern die ganze linke seite 
des schiffes, und zweitens sitzt oder steht der Steuermann gar 
nicht schräg, sondern \\\^ bekannt mit dem gesiebt nach vorn. 
Für das von mir behauptete hohe alter der beiden worte 
spricht zunächst ihre weite Verbreitung in den heutigen germ. 
und rom. sprachen, die aus folgender Zusammenstellung her- 
vorgeht: 

nl. bakboonl — stuurboord 

(län. bagbord — styrbord 

schwell, babord — styrbord 



engl. 


— 


Starboard 


franz. 


bäbord - 


- tribord 


Span. 


babor — 


estribor 


portng. 


babordo 


— estibordo 


it. 


babordo 


— tribordo. 



Die reihe ist vollständig bis auf das englische, in dem heute 
nur das zweite der beiden worte fortlebt, aber grade hier tritt 
das angelsächsische mit btecbord und steorbord in die lücke 
und beweist uns zugleich, dass beide Wörter schon vor einem 
Jahrtausend auf germanischen meeren in gebrauch waren. Auf 
noch höheres alter weist die form der entlehnung in den 

Beitrüge zur guüchichte der «leutsclieii apraclie, XXIII, 15 



i 



226 LIEBICH 

romanischen sprachen, da trihoni etc. sich nur aus einer nicht 
überlieferten, aber auch für das germanische vorauszusetzenden 
älteren form '■'stiuriboyd oder "^stijnhord befriedigend herleiten 
lassen, unter Verschiebung des accentes auf das zweite glied 
der zusannnensetzung. Damit sind wir schon bis in die 
Wikingerzeit gelangt, und wenn wir deren reste betrachten, 
so löst sich das rätsei in überraschender weise: sowol das alt- 
sächsische boot in Kiel (zeit 2. — 4. jli. n. Chr.) als das wikinger- 
schiff in riiristiania (aus dem 9. jli.) haben das Steuer nicht 
wie unsere heutigen schiffe am hinterste ven, sondern an der 
rechten seite, und dieselbe construction zeigen sehr alte dar- 
stellungen von schiffen in Skandinavien (vgl. Boehmer, Pre- 
historic naval architecture. Smithsonian report 1891, fig. 112 
— 115). Das Steuer hieng freischwebend in einem lederringe 
und musste mit beiden bänden geführt werden, wodurch der 
Steuermann genötigt war, so zu sitzen, dass er der linken 
Seite des schiffes den rücken zukehrte.. Für ihn konnte es 
also keine näher liegende bezeichnungsart der beiden selten 
geben, und da die ämter des Steuermanns und capitäns ur- 
sprünglich wol in einer person vereinigt waren, so teilten sich 
dui'ch seine commandos diese namen auch der übrigen mann- 
schaft mit. Die einmal eingeführten bezeichnungen aber 
pflanzten sich von einer generation auf die andere fort und 
überdauern die eiiniclitung, der sie ihren Ursprung verdanken.') 

(3. bugsieren, 
nl. boefjseeren, ist nicht eine verdunkelte Zusammensetzung mit 
hug, wie Heyne vermutet, sondern entlehnt ans portug. j^hä;«»- 
'ziehen, schleppen' (Kluyver, Tijdschr. v. ned. taal- en letterk. 
13 (1894), 158. Da dieses selbst aber = lat. pulsarc ist, so ist 
higsieren am nächsten mit unserem jf?i(fe verwant. 

7. driise, druse f. 
Kluge unterscheidet (ebenso Heyne und Paul): 
dntse^ 'verwittertes erz', nur nlid.; dunkler abkunft; 



[>) Vgl. hierzu jetzt auch Eeiiih. Werner, Ofött. gel. anz. 1897. 'MW (vom 
28. raai 1897): '<ler nanie steuerbord für die rechte Seite des schill'es dürfte 
mit grösster Wahrscheinlichkeit wol daher stannneu, dass alle antiken 
schiffe bis zu der Hotte Wilhelms des eroberers das Steuerruder an der 
rechten seite des schiffes aufgehängt hatten". E. S.J 



Kl;. HEITKÄGE ZUR DKUTSCllEN WORTFOUSCHUNG. 227 

(Irufic- 'eine kranklieit des pferdes'. iilul.; identisch mit drüse, 
(Jrasc aus nilid. dri/rsc, dniosc (daher nlid. die nebenform druse^ 
nur mit specialisierter bedeutung). 

Die doppelformen drüsc — dnise, mhd. drüese — dniose, 
sind nur mundartliclie dotihletten wie säule und sdiilr, und 
zwar ist die form mit umlaut oberdeutsch, die ohne umlaut 
mitteldeutsch (vgl. A\'einhold, Mhd. gramm.^ s. 140). Noch heute 
sind drüse und dnisc beg-rifflich nicht überall geschieden; im 
allg-emeinen spricht man von drusen als kranklieit bei den 
pferden, \o\\ drüsen bei den menschen (in beiden fällen han- 
delt es sich um eine Schwellung- der lymphdrüsen); doch hörte 
ich in der Niederlausitz auch die skrofelkrankheit der kinder 
als drusen bezeichnen. 

Als grundbeg-riff des Wortes ergibt sich aus den ahd. und 
mhd. belegen: anschwellung- am körper, gewöhnlich krank- 
hafter art, mit Hüssigem Inhalt. Heute bezeichnen die ana- 
tomen als drüse alle sackartigen secernierenden ausbuchtungen 
im tierischea körper und sprechen nicht nur von lymphdrüsen, 
Speicheldrüsen, tränendrüsen, sondern fassen selbst die leber, 
die milz. die lunge als grosse drüsen auf (vgl. Eanke, Der 
mensch V-. 42). Die botaniker sprechen von (/>7V5e^^/iaarc«, haaren 
mit kulbig erweiterter spitze, die eine flüssigkeit ausscheiden, 
wie beim Sonnentau (drosera), aber auch von drüsenschuppen, 
drüsenzoüen etc. Unter diesen umständen scheint es mir nicht 
gerechtfertigt, druse im mineralogischen sinne für ein anderes 
wort anzusehen, zumal die definition 'verwittertes erz' sehr 
unzulänglich ist: drusen sind blasenf örmige hohlräume in 
plutonischen gesteinen, die gewöhnlich reichlich krystalle ent- 
halten. Die wähl der namensform ohne umlaut erklärt sich 
zur genüge daraus, dass die deutschen mittelgebirge, in denen 
sich der bergbau entwickelte, im bereich der mitteldeutschen 
mundarten liegen. 

8. UeP m. (Kluge). 
Als älteste überlieferte form führen die Wörterbücher and. 
und ahd. kiol auf, während Kluge als mutmassliche altgerma- 
nisclie form *kiula- ansetzt. Diese von ihm auf grund der 
lautgesetze erschlossene form ist aber überliefert und das 
Sternchen dalier zu streichen. Vgl. Gildas ed. San-Marte (1844) 



228 LIEBICH 

s. 132: qudliter (jens Saxonica cum fribns hyulis Britannimn 
appulerit; ebda. s. 151 (= Moinnisen s. 38): trihiLs, ut lingua 
ejiis ('/. e. Saxonis) exprhuitur, cijulis, nostra lingua longis 
navibus (die zweite stelle sclion bei Ducange unter ceolä); vgl. 
ferner die entsi)rec]iende stelle bei Xennius ed. San-Marte s. 47 
(= Mommsen s. 171): inicrea vcncrunt tres ciulae a Gerniania 
expidsae in exilio u. s. w. Eine noch ältere lautstufe liegt vor 
in finnisch l:ciila 'steven'. 

9. lügen, und fragen. 

Von 23 starken verben der /«-reihe, die Wihnanns fürs 
nhd. aufzählt, zeigen nur diese beiden im praesens ü gegenübei- 
dem ie von bieten, biegen u. s.w. Fragen wir. Avie das ge- 
kommen ist. so lautet die antwort für frügeu: 'durch anleli- 
nung an trug und an lügen, womit es oft formelhaft Aerbunden 
Avird' (Paul); für lügen: 'durch anlehnung an lug und lüge'. 
Beides ist zweifellos richtig: aus den historischen angaben bei 
Heyne erfahren wir. dass lügen für liegen schon im 17. jh. 
emporkommt, um 1770 allgemein angenommen ist. während 
trügen noch von Adelung zurückgewiesen und erst von Campe 
(1707) durchgeführt wird. Der process ist also von lügen 
ausgegangen. Auch die anlehnung an lug, lüge liegt auf der 
band, und es bleibt nur noch die frage offen, warum die gleiche 
erscheinung sich nicht auch bei anderen verben dieser klasse 
gezeigt liat. warum man z. b. nicht auch nach f^ug "pflügen 
und nach schub -"Schüben bildet. 

Ich denke mir den hergang folgendermassen: durch das 
monophthongierungsgesetz Avurde aus mhd. liegen Ugen, durch 
das nhd. dehnungsgesetz aus mhd. ligen 'jacere' ebenfalls ligen. 
Es trafen also von verschiedenen selten kommend gcAvisser- 
massen ZAvei parteien auf einem ininkte zusammen, und es 
begann ein kämpf, der Avie überall mit der Verdrängung des 
scliAvächeren teiles endete, ligen "mentiri* Avar scliAvächei-, Aveil 
Ugen "jacere" nicht nur selbst häufiger gebraucht, sondern auch 
durch eine zahlreiche verAvantschaft {läge, lager, legen etc.) 
gehalten Avurde. Bei diesem kami)fe gieng das praesens von 
Ugcii 'mentiri' fast zu gründe; am längsten hielten sich noch 
die formen du leugst, er leiigt, die mit den entsprechenden von 
ligen 'jacere' lautlich nicht zusammenfallen: Lessing gebraucht 



KT.. BEITRÄGE ZUR DKrTSCTIEN WORTFORSCHrNG. 229 

sie noch geleg'eiitlicli und im schlesischen gebirge kann man 
sie heute noch liören. Sonst kam an seiner steHe eine jüngere 
neubiklung auf. die auch von der alten wurzel abstanunte und 
den veränderten Verhältnissen besser angepasst war. 

Ist diese erklärung- richtig, so liefert sie uns den Schlüssel 
für das Verständnis einer ganzen reilie ähnlicher fälle. Es ver- 
dient jedenfalls beachtung, dass wir so oft. wo wir ein wort 
scheinbar ohne grund absterben sehen, ein anderes g'leich- 
lautendes naclnveisen können, das ihm überlegene concurrenz 
zu machen scheint. Hier noch einige beispiele: 

aue 'schafmutter', indog. ovis, zurückgehend neben aiie 
•wasserland*; 

ahd. püicläri 'bilder'. noch in Schillers glocke gebraucht, 
heute etwa noch in Zusammensetzungen wie essiffbilder, sah- 
hilder, sonst gewichen vor hildner, mhd. hüdemerc. da jenes im 
nhd. mit der mehrzahl von hild zusammenfällt; 

enkelV) •fnssknöcher und enlcel2) 'kindeskind' schliessen 
sich in der mundartlichen Verbreitung gegenseitig aus (vgl. 
Kluge); 

got. ßhan, ahd. felahan, heute noch in hefehlen, emj)ßhl€n, 
scheint als simplex gewichen zu sein vor dem im mhd. ein- 
gedrungenen /i:7<?e>» = h\faülir; 

geisel f. ist in den östlichen mundarten verdrängt durch 
das slavische peitsche, vielleicht wegen geisel 'kriegsgefangener'. 
Die form (jeissel, historisch unberechtigt, würde dann einen 
älteren differenzierungsversuch darstellen. Dagegen scheint 
(jei.sel f. auf das geschlecht von (jeisel 'kriegsgefangener' störend 
zurückgewirkt zu haben, das im ahd. und mhd. nur m. oder n., 
nicht f. ist; 

mild. <ßht -geständnis", (jkhtUj 'geständig' (bis ins 17. jL), 
untergegangen wegen yicht 'arthritis', !jichti(j "paralyticus'; 

grus 'Schutt' hat die eigentlich hd. form yrauss nahezu ver- 
drängt, weil dieses mit (jmns 'schreck' lautlich zusammenfällt; 

"haber, der gemeineurop. name des Ziegenbocks, an. Itafr, 
lat. caper, gr. xdjiQoc, neben heiler, Jiafer 'avena'; nlid. noch in 
hahergeiss, n. einer schnepfenart. die zur begattungszeit einen 
meckernden ton hören lässt, luiherhart 'tragopogün. geissbart", 
haherschUhr 'prunus insititia, bocksschlehe' (nach der bock- 
hodenähnlichen gestalt der fruchte) u. a.; 



230 LIKIUCII, 

waium hat bei luift 'duius" die adverbiale form die adjec- 
tivisclie (mild. /«t/c) verdräiig't. im g-egensatz zu fest, schön, 
süss u. a.? Zwei umstände dürften damit in Zusammenhang- 
stehen: einerseits die besondere Verwendung- der adverbia fast, 
sclion, andererseits dass als abstractum dort nur luirte in ge- 
brauch ist, während hier in nicht gehobener rede nur festig- 
Jceit, Schönheit, süssigkeit gebraucht werden; 

ahd. mhd. himt 'centum' neben htmt 'canis'; neben jenem 
kommt am ende der ahd. zeit das compositum hundert auf, 
das heute allein den platz behauptet; 

Jceller 'cellarius' verdrängt durch hellner 'cellenarius', zur 
Unterscheidung von heller ^cellariunr; bei letzterem sclion im 
ahd. geschlechtswechsel (vgl. geisel); 

nhd. Idssen n, gegen mhd. Hissen, nl. küssen aus mlat. 
cussinus. Das mundartliche / für n hat in die hochsprache 
eingang gefunden, weil man dadurch eine Unterscheidung von 
dem verbum küssen 'osculari" gewann; 

lecken 'mit dem fuss ausschlagen' bei Luther neben lecken 
•lambere'; die im vorigen jh. eingeführte Schreibung mit un- 
organischem ö ist für die erhaltung ohne einfluss geblieben. 
Ein drittes lecken -undicht werden' ist nur nd.; 

mhd. lit, im nhd. durch glied ersetzt, weil hier mit mhd. 
liet ' zusammenfallend ; 

ahd. nnmd f. -Imnd" neben mnnd'm. 'mund', nhd. nur noch 
in mündig, mündel, rornmnd, mundtot; keine von diesen bil- 
dungen hat eine entsi)rechende von dem m. Diund neben sich; 

sänle 'alile; nlid. noch m pinselt) (vgl. den naclnveis bei 
Heyne) und in mundarten, aber zurückgeliend, neben säule 
'columna'; 

'"t räche (engl, drake) •männliche ente', nur noch in enfrich 
= ahd. antrelilio für anut-trehho, neben drache, ahd. trahlio, 
aus gr. ÖQäxcov: im engl., wo letzteres dragon lautet, fällt 
diese concurrenz weg; 

ahd. wihan 'kämpfen" neben tclhaii •weihen', nlid. nur noch 
in geweih, weigand, tveigern und vielen eigennamen. 

Man wird nun vielleicht einwenden, dass es noch lieute 
homonyme gibt, die ruhig neben einander fortbestehen, ohne 
dass eines von ihnen spuren des Verfalls zeigte, "wie malen 
und mahlen, treide 'futtei'" und n-r/dc 'salix'. Ich glaube, (his-; 



KL. BEITBÄGE ZUR DEUTSCHEN WORTFORSCHUNG. 231 

sich dieser einwand duicli die betraclitung entkräften lässt. 
dass in einer lebenden si)ra(']ie ehensoAvenig- als in der natur 
die bewegung- zum abschliiss gekommen ist. Auch handelt es 
sich hier nicht um einfache, gleichmässige vorg-änge, sondern 
um das zusammenwirken mehrerer factoren, die für jeden fall 
von verscliiedencm werte sind, häufigkeit des gebrauchs. Vor- 
handensein eines ersatzes u. a. So bildet man ein nomen 
ag'entis auf -er nur von malen, nicht von mahlen, weil sich 
hier das fremdwort molinarius = müller als ersatz bot. Auch 
die Unterscheidbarkeit durch die schritt wird einen gewissen 
conservierenden einfluss ausüben. 

So einschneidende lautgesetze, wie sie den Übergang vom 
mild, zum nhd. kennzeichnen, haben für tausende von Wörtern 
neue Verhältnisse geschaffen, die die spräche seither in stiller 
arbeit mit einander in einklang zu setzen sucht. Neu auf- 
genommene Wörter, aus den mundarten wie aus der fremde, 
nehmen ständig am Avettbewerb teil, verui^sachen aber nur 
kleinere Störungen. Und noch ehe die nivellierenden und aus- 
lesenden kräfte ihr werk beendet haben, werden neue laut- 
gesetze neue revolutionen bewirken, worauf dann das alte spiel 
von vorn beginnen wird. 

Natürlich beruht die erscheinung nicht auf einem mysti- 
schen, selbständigen leben der si)rache. Diese ist nur das 
äussere abbild des denkens. das selbst nur eine function der 
menschlichen seele ist. Vielmehr Averden wir den grund in 
einer mehr oder weniger unbewussten auslese von Seiten des 
sprechenden zu suchen haben. Dieser Avünscht in erster linie 
verstanden zu Averden, und Avenn er die Avalil hat ZAvischen 
ZAvei ausdrücken, so Avird er den beA-orzugen, der bei dem 
andern sicher den geAvünschten begi'iff hervorruft und keine 
gegenfi'age zur folge hat. Aber es ist doch von hohem Inter- 
esse zu beobachten, wie sich selbst in diesen äusseren abbildern 
dieselben gesetze Aviderspiegeln, denen alles lebende ohne aus- 
nähme unterAVorfen ist. 

BRESLAl'. 10. mal 1897. B. LIEBICH. 

(No. y vervollständigt am 17.i1l-(.j 



Zri? ALTWE8TFRIESI8CHEN LEXIKi^LOGlK. 

Siebs hat im Literaturblatt für germ. und rom. pliil. 1897. 
s. 219 ff. einigen in meiner schrift Zur lexikologie des altwest- 
friesischen vorgeschlag-enen fassungen eine abweichende deutung 
gegenüber gestellt. i) Ob mit recht oder unrecht, möchte ich 
hier in der kürze untersuchen. 

S. weist für statt regelrechtes tvrhlet stehendes ivrlüsttcn 
'berüchtigt' auf nwfiies. hretn 'gebraten' hin, eine compromiss- 
bildung aus regelrechtem %reden (nwfiies. hrlddn) und nach 
analogie von %let etc. (p. praet. zu hleüa 'bluten' etc.) gebil- 
detem "^hrEt (uM^fries. hret); es sei in ähnlicher weise auch 
-hletten entstanden aus -iiWt und nach analogie von ^hreden 
etc. (p.praet. zu %reda 'braten' etc.) gebildetem "^-hlcdcii (n'wfries. 
hlisdn). Diese fassung ist gewis plausibler zu nennen als die 
von mir vorgeschlagene: wrhletteii für wrlilct durch einfluss 
von ''"icrhlrdcn gravatus. — Xacli S. soll hcmc in Ha-ecrso cen 
ivedue manneth and se da hcni to haelmond sette, so nyme hio 
dat kerne und dut l-aepldnd Jiälff' witJia bvrn nicht subst. = 
'ernte', sondern pron. poss. fem. sein ('so nehme sie (his ihrige') 
und das he der parallelstellen nicht 'ernte' (= as. heo). son- 
dern 'unbewegliche habe' (= ags. hu 'wohnung') bedeuten 
(dass Zur lexik. s. 5 z. 13 ' unbeAvegliche habe' druckfehler ist 
für 'bewegliche habe', leuchtet dem leser des artikels Be so- 
fort ein). Er vergisst dabei: 1. dass hernp, das (nicht öfters, 
wie S. behauptet, sondern nur einmal) im ms. Roorda bezeugt 
ist, an der belegstelle als acc. sg. masc. steht {dat di fader 
aegli syne dochter neen man to jaen irr herne iriUa), also -i/c 

') Nach anlass von Siebs' betlaneni, dass Zur lexikologie an niclit Uidil 
zngäni^lichein orte erschienen sei, bemeike ich, dass alle die im auftrage 
der Koninklijke akadeniie van wctenscba])i)en erscheinenden werke im 
bände] sind. 



ZIK AI.TWKSTKIMKS. M'A IK(»I,( )(4TK. -.>■) 

als siiftix des er\\äliiit('ii casus enthält (va'l. auch hirrcs cr/rcn- 
scJiijis Ag')160. ont herre hede tviUe Ag\ 104, hiärer sted gen. 
Seh 772. etc.); 2. dass hc als 'imbewegliclie hahe' sich an den 
beleg'stellen nicht mit der Zur lex. s. 5 ausdrücklich hervor- 
gehobenen rechtsregel reimen liesse. — Biferdia wäre, wie 8. 
meint, schon von v. Riclithofen. "Wb. 750 richtig- als 'fredus 
zahlen' erklärt. Aus der Verwendung- des Avortes an der frag- 
lichen stelle Als dy frucht (die durch ein tier beschädigte 
feldfrucht) hyferdeth icirtJi nn/f acht ponden fan dis rincJites 
tvegena, d. h. aus den hinzugefügten \\'orten fan dis rinchtes 
tvegena ergibt sich jedoch zur genüge, dass hier nur eine 
Übersetzung durch "'mit fredus belegen' am platze ist. — ]\Iit 
hcreived schip soll nach S."s ansieht vielleicht "ein aufgetakeltes, 
fahrtbereites schiff* gemeint sein, indem das p. p. mit plattd. 
hereren, ndl. rvcf in Zusammenhang stände. Die bedeutung 
von reef 'Vorrichtung zur Verkürzung des segeis' spricht in- 
dessen keineswegs zu gunsten solcher annähme; und dass 
übrigens hrrcwed schip "mit waaren geladenes schiff" und 
nichts anderes bedeutet, geht ganz klar aus der betreffenden 
belegsteile hervor: Hivaeso faert ti ene bu-eweda schq)e . . . 
aldeer di man leyt omme riöchta neringha ende niiHth 
kirn zyn goed of, de er hi sculde zyn lyf fan feda etc. — 
Formen wie westfries. hedle neben bidle, hedl'mze F neben hir- 
Icnze, hirnzc lassen bei S. [der auch eine Schreibung (?) wie 
icernsdei für "^icedenesdei vergleicht] keinen zweifei aufkommen 
an der Verbindung von buienzc, birnze 'aussteuer' mit nihcdla 
'aussteuern'. ^Vie lautet aber, möchte man fragen, ein hierher 
gehöriges gesetz für r aus d vor ?? A\'ie liesse sich diese 
lautent Wickelung gegenüber der sonstigen erhaltung von d 
vor l erklären? Die von 8. ins feld geführten saterl. be'dn 
aus bern, badnj^) aus ''barnia (?) k(»nnen hier ja schwerlich 
dienen. Und ausserdem sollte das auf assi1)ilierung hinweisende 
z von birlenze, birnze ausdrücklich vor der annähme einer form 
mit (/- bez. ,y-losem) suffix -inga warnen. — Für dreice in ief 
hi sine bannena iccy nact icirtza (repariei'en) fielle ende hyt 
dretve leie ieer ende dcy will S. statt an. drei fr "zerstreut' 
as. dröbi lieranziehen und ]>erufl sich dabei auf nwestHäm. 

■ ) Wegen tlei' liitT veiwauten sigelu s. Beitr. l'J, .'$45 auni. 



234 AAN HELTEN 

drocvc Jcosf, clrocf ivcrh, ccne drocre tvoiiliu/, cen droef hiiis mit 
f7>-oe/"' elend' (man vgl. auch mnl. droerc nmglückselig-. elend'). 
Liegt es aber nicht näher, für unsere stelle an einen 'lockeren, 
unfesten" als an einen 'elenden' weg zu denken? — Für dzic 
oder dzic 'ja' glaubt S. (der die (luantität des vocals unent- 
schieden lässt) an die mögliclikeit einer entstehung aus jcjc 
oder aus 't (aus thet) + s'ie 'sei' oder släe 'geschehe' oder aus 
je + sU bez. «Zve; enf-wickelung von dzw aus dz (für des gen. 
sg, ntr. des dem.) und je lehnt er ab mit rücksicht auf die 
Sehreibung dzye (Jurispr. Fris. 63, 7), deren y auf eine compo- 
sition mit sie oder släe als zweitem element hinweisen soll. 
Hier drängen sich uns eine reihe fi-agen auf. ^^'as berechtigt 
zur annähme eines in folge starker aspiration aus j entstan- 
denen dzj? Wie soll die Schreibung dzye auf eine aussi^rache 
dzye hinweisen, wo doch bekanntlich in der hs. der Jurispr. 
y auf schritt und tritt als zeichen für unsilbischen halbvocal 
begegnet (vgl. hlyUiva, dryruven, foerlyoest, foerlyest, hyeda, 
syaende, syUcht, hyaere etc. etc.)? Wie wäre wol die ansetzung 
von optati^•formen sie, skw statt der unzweideutig durch die 
tatsachen er\viesenen sie, sl-jc zu begründen? Wie liesse sich 
in eventuellem, aus f + sie oder skie hervorgegangenem dzie 
der stimmhafte anlaut begreifen? Kurzum keine von Siebs' 
möglichkeiten ist aus plionetischen gründen für möglich zu 
halten. Hingegen ist die (durch mnl. Jae.^^, s. ^Mnl. wb. 3, 075 f., 
gestützte) deutung aus des -\- je lautgesetzlich unanfechtbar. 

— Das nomen eederscip vergleicht S. nicht mit an. ceära, 
sondern mit ahd. atar 'sagax. celer' und erklärt es als 'un- 
gestüm, falirlässigkeif; die von mir vorgeschlagene (und be- 
gründete) Übersetzung durch 'furcht' soll keinen sinn geben. 
Für die letztere behauptung vermisst man eine begründung; 
für die erstere wäre deutung der sonderbaren begriffsent Wicke- 
lung ('scharfsinnig' : 'ungestüm' : 'fahrlässig') erwünscht. — 
l'nrichtig ist ferner Siebs" l)ehau}»tung. dass die erkläi'ung von 
awfries. yare schon in Schiller-Lübbens A\'b. 2, 13 gegeben sei. 

— Für (jette 'machte übereinstinnnend ' setzt Siebs nicht ein 
erschlossenes '^yedda (zu ahd. (jryat ' übereinstimmend') an. 
sondern ein mit ahd. yiiuien, mlul. yiieteu zu vei'gleicliendes 
"^yeda aus *yödja7i (einem factitiv zu yadia). Mit welchem 
recht? Doch \V(d nicht auf grund von ahd. yiyuaten {slh) 



ZUR AI-TVVESTFKIKS. LKX IK< )I,üfnK. 'JoO 

■sicli als gut bewälircn". mlid. (/ifctci/ "g'ut maclicii. als g'iit er- 
weisen' etc.? — Für to, fe icctande 'eidlich zu beauspruclien, 
gerichtlich zu entscheiden' beansprucht S. eine herkunft aus 
icaitjan (avoI causativ zu w/fan 'strafen', vgl. Heck. l)i(i alt- 
friesische g-erichtsverfassung- s. 427). ^^'enn aber to, te wetande 
gleichbedeutend ist mit dem i)raeteritoi)raes. ?r/to, -ande etc. 
'eidlich beans[>ruchen. gerichtlich entsclunden u. s. w.' (s. Zur 
lexik. s. 24 anm. 2) und der Wechsel von c und / liier audi 
grade keine Schwierigkeit bietet, so dürfte es wo] geboten sein. 
icctande mit iritundc etc. zu identificieren, zumal wo die be- 
deutungen 'eidlich beanspruchen, gerichtlich entscheiden' sich 
nicht so leicht mit einer gedachtem wditjan eventuell beizu- 
messenden factitiven bedeutung in einklang bringen Hessen. 
— Ob die meinung. dass für regelrechtes gö^e'^d in folge einer 
durch quad veranlassten accentverschiebung gelegentlich eine 
ausspräche (juc'd eingetreten wäi'c, so sonderl)ar ist, dass sich 
nach S. wol sclnverlich jemand dazu bekehren möchte, sei dem 
urteil anderer überlassen. Sicher ist es, dass S., als er die 
Worte ^Gtveed ist statt des häutigen giied (vgl. fuet 'fuss') nur 
in Ro bezeugt und darf durch Unkenntnis des Schreibers ei- 
klärt werden' niederschrieb, weder genügend das überaus 
häutige ue von <jaed gegenüber sonstigem nur selten mit uc 
oder u{ii) wechselndem o {oo) oder oc für aus germ. o ent- 
wickelten laut (vgl. Beitr. li>. 397 anm.) beachtet, noch auch 
der tatsache rechnung getragen hat, dass, indem iv + vocal- 
zeichen eine gewöhnliche awfries. Schreibung ist für diphthong 
mit unsilbischem u als erstem element, das häulige tj/r(:{c)(l 
unbedingt auf einen diphthong mit solchem componenten hin- 
weist. — Die fassung von clcs/c (-clisz/c) als 'brutzeif soll 
nach S. sachlich unm()glich sein, weil an der betreffenden 
belegsteile die erwähnung eines festen termins erforderlich 
wäre. Man beachte jedoch, dass aus der am schluss des 
artikels ch.sic citierten bestimmung- ausdrücklich die not- 
weiuligkeit heivorgeht. in dem ausdruck die bezeichnung eines 
ungefähren teimins zu erblicken. Wenn S. sich abei' uutei' 
berufung Mm thri l/dsc des Apographons gegen die anknüpfung 
von dfsie, thccliszie an an. Jdclja 'eiei- legen, biüten" ausspricht 
und meint, jenes ds weise eher auf assibilierung der media 
als der it'uuis hin. so sei bciiicrki. dass eine offenbar verdi'ibtc 



236 TAN lIKT/rEX. ZUK AL TWESTFRIES. r,EXIKOLOGTK. 

lesart liier scliweiiicli ins gewicht fallen kann. — Das epi- 
theton des s6i)tuag-esinia-sonntags sumjwyand. dem die bedeutung- 
'den sang- sistierend" beiznmessen ist (s. Znr lexik. s. 40), habe 
ich in sangsivyund 'den sang- zum schweigen bringend' ge- 
ändert; S. eraclitet diese einschaltung von .s' eine 'sehr geAvalt- 
same' änderung und giaul)t, dieselbe hätte sich dadurch ver- 
meiden lassen, dass ein afries, *?r«« 'conficere' =■-- mlid. n-ilien 
angenommen wäre. "Was wäre hier aber mit einem verbum 
anzufangen, das nach mhd. erivlhen 'erschöpfen, schwächen' 
bedeuten müsste ? — Für tvängede in Hweerso een wyff her hjnd 
myt u'dnhoed off ntyt ivnngede ... naet halbe hywareAh will 
S. die bedeutung 'Schlechtigkeit' gelten lassen; ob hier aber 
neben fahrlässig-keit (tvänhoed) Schlechtigkeit als factor für 
mangelhaften schütz am platze wäre, düi-fte fraglich sein. 
AVenn das subst. wirklich auf *-göd'i zurückzuführen ist (und 
die berechtigung dazu möchte ich jetzt nicht mehr bestreiten), 
dann verdient wol eine Übersetzung durch 'ungeschicktheit 
(zur gewährung des mütterlichen Schutzes)' den vorzug. — 
Für das schlusswort von alle da XL nachte, deer God mit 
Moyse uppa (auf dem berg) högade (wohnte) ende hem alle 
riüchte leerde ende ivegade zieht S. statt an. ivcjgr 'stütze' 
ahd. ivegöii heran. Diesem Vorschlag ist m. e. beizupflichten, 
nicht aber indem mau mit S. für dieses verb. eine bedeutung 
'den weg weisen' annimmt (Otfr. 1, 7, 26 'thaz' sl, d.h. Maria, 
uns uUo (i'orolfi si zirn sime ivegüntV stellt 57 wegönti be- 
kanntlich = 'sich verA\ende für'), sondern insofern man dem 
ahd. Zeitwort die für das mhd. belegte bedeutung 'beistellen" 
neben bezeugten 'intercedere (interpellare). adliinnire' beilegt. 
— Zum Schlüsse behauptet S., in Worten wie ziele 'seele', hälff 
'halb', rirwht 'recht', byhöt 'behütet', wäUende 'wallend' Hessen 
sich die längen nicht stützen. Hier möchte ich bitten Beitr. 
20, 510 f. zu beachten und die Schreibungen haelf (Zur lexik. 
s. 32), rjueclit (Beitr. 19, 389), faclle, faele 'falle' Ag 102. 160, 
faelt 'fällt' 8ch655. 709. 715, to falen gerund. 8ch 612 zu be- 
rücksichtigen. Nur für das p. p. zu bihoeda wäre vielleicht 
nach dem Beitr. 19, 409 erörterten byhöt anzusetzen. 

GRONINGEN. W. VAN HKT/PEN. 



zu BEITR. 22, 543 ff. 

An dem angegebenen orte sucht Uhlenbeck nachzuweisen, 
dass die labiovelare media aspirata im germanischen anlautend 
durch tv vertreten wird, ausgenommen vor u und consonanz. 
Icli würde es als erster mit freude begrüssen, wenn es ihm 
gelungen wäre, klarheit in die sache zu bringen, mochte sicli 
auch meine ansieht nicht bewähren. Ich finde aber denn docli, 
dass auch nach riilenbeck von einer sicheren entscheidung, 
zumal in seinem sinne, noch keine rede ist. Für got. fmgildan 
und aisl. gecJ will ich keine lanze brechen; der Zusammenhang 
des ersteren mit gr. TD.{)-og ist wegen rtXoc so unsicher wie 
nur mitglich, und wenn jemand gr. jiöd^og lieber mit \it. bädas 
•hunger" identiticiert als mit (jed, so ist er nicht wol dai-an zu 
hindern. Audi der gleichung mhd. gampen : gr. d&tfißovoa 
wohnt nur eine minimale beweiskraft inne, wenn auch das 
griechische wort gewis nichts mit artfißco zu tun hat. Aber 
aisl. gandr und gondoU hat lliienbeck nicht beseitigt. Ihr d 
braucht kein suffix mit instrumentalbedeutung zu sein, es 
findet sich ausser in ir. geinn 'keil', bret. genn 'coin de bois 
ou de fer pour fendre le bois ou la pierre', genna 'faire entrer 
un coin etc." (man erinnere sich der bedeutung des aisl. gondoll 
Fritzner 12. 671 und des aind. ahunti gahhe pasah YS.) in lat. 
offendo, ist also vermutlich verbalen Ursprungs. 

Uhlenbeck führt drei gegenbeispiele an: ahd. ivarm, got. 
wamba, got. ivö])eis. Von diesen ist das älteste, ivarm, auch 
das beste. Wenn man aus anderen beispielen sicher wüsste, 
dass germ. iv = anlautendem guli ist, würde man keinen moment 
zögern, warm = aind. gharmä- u.s.w. zu setzen. Selbst diese 
lautentsprechung beweisen kann es nicht. A\'ir müssen stets 
darauf gefasst sein, neben wuizeln mit anlautendem labiovelar 
solche mit r zu finden, ^\'ie das kummt. wissen wir noch nicht, 



238 zunTZA 

die tatsache steht fest. Derai-tiffe (loppellieiteii sind: aiiid. 
khui- : lat. veniiis; gr. li^tXco, (paXiCti : g'ot. iviljan; 'dind. (/d- 
yafe 'singt', lit. gedoti, got. qainon : gr. aeiöco, alid. iveinön, 
ir. foid, kymr. (jivaedd 'schrei'; aengl. civinan 'liinschwinden', 
aind. jinnfi 'altert' : alid. stvlnan. sivintan 'schwinden', ahg. 
-vennti, -srenqti 'Avelken', lit. tvysti:, got. (lij)an : kjmr. dyivcdyd 
'sprechen"; lit. (lulik 'kann', k3'mr. gallaf : lat. valeo; gr. jiöXoc 
'achse'. abg. loh 'rad', olcoh 'ringsnm', ir. tinimdidl 'umkreis" : 
aind. vdlatr 'wendet sich', ral'da- 'gebogen', valaya- 'armband, 
umkreis', ir. f'dlim 'drehe, wende', kymr. clnvelyd 'wenden' 
i^svel,-), ir. faü 'ring', fdl 'zäun'; got. qairrus : kymr. yu-ar 
'sanft'; aengl. civdan 'sterben', civalu 'tod' : lit. ivelys 'ver- 
storbener', aisl. valr 'leichen auf dem schlachtfelde'; gr. (pogöa 
'zugespitzt' : ahd. ivahs u. s. w. So liegt neben *guhcr- ein 
'""ver- (lit. iverdn, abg. rar«), und zu diesem gehört vermutlich 
tcarm (vgl. auch Brugmann I2, § 680 anm.). Ob man apr. 
ivarmun, urminan, klr. vermjdnyj 'rot' vergleichen darf, ist 
nach Zubatys ausführungen freilich unsicher; vielleicht ist 
aber Grünaus warniun doch in Ordnung und slav. rumcnü 'rot' 
nach Brugmann, ftrundr. P, §279,2 zu beurteilen, wodurch 
Zubatys deutung hinfällig würde. Es sei wenigstens darauf 
hingewiesen, dass in einer anderen ableitung von *rer- der 
begriff 'rot' deutlich zu tage tritt, ich meine kymr. ywrido 
'erröten', wozu aind. rrujyati 'schämt sich' (eigentlich 'wird 
scliamrot') gehören wird (es steht [halb] prakritisch für '^rrit-, 
vgl. pad'i = prati] andei's, mir unwahrscheinlich, Johansson, 
TF. 2, 49, anm. 2). 

Was got. tvaniha betrifft, so lässt sich kein grund bei- 
bringen, weshalb es nicht zu altkymr. gumhelauc ' Uterus', bret. 
(jtvamm mit indog. r gehören sollte. Aind. yahhd- "vulva' ge- 
hört zu einer ganz anderen wortsipi)e. Es wird im Peters- 
burger Wörterbuch richtig zu aind. ydhhasti- 'gabel, deichsel' 
gestellt, gehört somit des weiteren zu ahd. yahala, aengl. seafnl, 
ir. yahid 'gabel', kymr. yafl 'feminum [)ars inferior'. Ich ziehe 
ferner hierher lit. gdhals 'verhältnismässig grosses stück fleisch, 
brot 0. dgl.', lett. gubals 'abteilung, stück' (Thomsen, Beroringer 
mellem de finske og de baltiske sprog 78. 170 hält die worte 
für möglicherweise entlehnt aus liv. kabäl\ sein grund [etymo- 
logische Isoliertheit j ist abei- nicht stichhaltig), ii-. gidxtif (dual^ 



zu HKITK. 22. 54:( ff. 2B0 

'zwei stücke* (häufig' in kämpf schilderuug'eii. z.h. \v. t. 2. 1. /.*.>02 
CO tarat bulle do chhtidih du, co ndernai da yahait de "er ver- 
setzte ihm einen sclilag; mit dem Schwerte, dass er zwei stücke 
aus ihm maclite'), guihti pl. (z. b. LL. 72 a 36). Ein primäres 
verbum mit der bedeutung- 'spalten' scheint zu fehlen. 

.So bleibt got. u-öpeis : g"r. g^cöriov. Das letzteres für 
'^(pcödiov verschrieben sei, brauchen wir gai- nicht anzunehmen, 
um den von mir ^)e^■()rzug•ten vergleich mit ir. bäid (wol zu 
unterscheiden von air. hdith, mir. bdefh, nir. baofh 'einfältig, 
närrisch'; neuir. wird das wort bdidh geschrieben, bn gesprochen. 
td bdidh agam tat bedeutet "ich habe dich lieb') zu ermöglichen. 
(fcöxiov steht für ^(/röfhov wie (fdrvf] für ^cpäü-r?] (vgl. jkcO-v?/). 
es hat ein umsitringen der aspiration stattgefunden, wie in 
yixmv : xid-cöv, ii^Qr/xöo. : Tgiy/öq u. s. w., Vgl. U. Meyer, (Ir. 
gl". § 209. 

Einreissen ist leichter als aufbauen. Die lehre, dass (juh 
auch vor anderen vocalen als u zu // geworden sei, stützt sich 
vorläufig nur auf aisl. (jandr. ^^lr müssen hier auf die zukunft 
hoffen, ^'or allen dingen wäre zu wünschen, dass die be- 
dingungen, unter Avelchen gh der palatalen und velaren^ reihe 
durch lat. /' vertreten wird, völlig aufgeklärt würden. Zweierlei 
steht fest: gh erscheint als /' vor u und u {ferus, fiindo) und 
dialektisch (sab. fircus, auch alat. folus u. s. w.). Aber weshalb 
heisst es fei : xoXr'j, fauces : yaoq, yavvoz^ Vorläufig können 
wir daher die gleichung mhd, garst : lat. fdstidimn noch nicht 
mit voller Zuversicht ins treffen führen. 

BERLIN. E. ZUPITZA. 



GOTES. 

EINE ANMERKUNG ZUR ALTDEUTSCHEN WORTSTELLUNG. 

]\rüllenlioff hat in den Denkmälern XXXVIII im 40. vers 
des Arnsteiner Marienleiclis das liandscliriftliche du godes craft 
ohne weitere bemerknng in die craft godes geändert. Er hielt 
also eine Verbesserung der Wortstellung für unanstössig und 
selbstverständlich geboten, und zwar aus einem metrischen 
gründe; denn offenbar sollte das daktylische versmass durch 
van ime sal sie die craft godes entfern richtig und hörbarer 
zum ausdruck gelangen und durch die ictuszeichen verdeutlicht 
werden. 

Nun braucht man nicht so weit wie Paul zu gehen, der 
in dem ganzen gedieht nur die gewöhnlichen unregelmässigen 
Zeilen sieht (Grundr. 2. 1, 939 in.); man kann nach gewöhnlicher 
annähme in den etwa sechzig ersten zeilen ausätze eines dak- 
tylisierenden metrums anerkennen und braucht doch nicht 
Müllenhoffs änderung für nötig oder richtig zu halten. Man 
kann wol, ohne gegen die rohe versart des gedichtes zu Ver- 
stössen, bequemlich lesen: rdn inte sdl sie die godes craft entfern. 
Ich meine, dies könnte genügen, um die an sich geringfügig 
scheinende änderung des textes zurückzuweisen. Aber es gibt 
auch einen tiefern innern grund, aus dem jene vermeintliche 
besserung fast unmöglich wird. Zum beweise dieser behaup- 
tung muss ich etwas weiter ausgreifen. 

Bei dem religiösen inhalt eines grossen teils der altdeut- 
schen literatur ist es nicht auffällig, dass der genitiv gotes 
wol das am häufigsten vorkommende wort ist, dessen Stellung 
im satze ein systematisch arbeitender herausgeber nicht aus 
den äugen lassen kann. So setzt Sievers im Heliand 1977 
gegen Ootton. und Monac. for ogon godes, far ogun godes statt 
des überlieferten godes ogon; also wird auch hier der abhängige 



GOTES. 241 

genitiv liiiiter den regierenden casus gestellt. Ein gleiches 
geschielit v. 2309, wo gocles harn des Monacensis in das vom 
Oottonianus gegebene barn godes umgewandelt wird. Um- 
gekehrt nimmt Sievers v. 5730 statt des überlieferten huni 
(/odcs in den text (lodes harn auf. Im Heliand nun sind diese 
änderungen unbedingt richtig und von zwingender not wendig- 
keit , und wenn Sievers v. 5738 harn godes statt des allein 
richtigen godes harn im text stehen liess, so ist das nur ein 
versehen, das in den anmerkungen wider gut gemacht ist 
(nmn vergleiche auch v. 2290 das irrige drohtines sunii des 
Monac). Im Heliand steht godes mehrere hundert mal hinter 
und nur ein viertel oder fünftel der fälle vor dem regierenden 
Worte. Aber von einer willkür kann da nirgends die rede 
sein: der genitiv godes steht im unlöslich festen bann des 
ausnahmslos wirkenden stabreimgesetzes. Nur wo godes 
alliteriert, muss es voranstehen, andernfalls muss es nach- 
folgen. Nach diesem unverbrüchlichen grundsatz, der die 
Riegersche regel durchweg bestätigt, hat Sievers an jenen 
stellen ändern müssen, und ich weiss nicht, warum Hej'ne in 
der dritten aufläge anders verfahren ist. 

Für die hochdeutsche reimdichtung gibt es keinen so 
zuverlässigen anhält, nach dem die Stellung von gotes un- 
bedenklich fest bestimmt werden könnte. Hier ist das Ver- 
hältnis weniger einfach und muss für jedes denkmal von fall 
zu fall untersucht werden: aber eine richtschnur lässt sich 
doch finden. 

Nehmen wir z. b. den Otfi'id, so zeigt sich, dass an den 
etwa 170 stellen, wo gotfs voi'kommt, es überall voranstellt, 
mit der fast verschwindenden ausnähme von nur zwei versen, 
die dazu noch ganz nalie bei einander, in einem capitel stehen: 
3. 4, 11 Eugil gofcs giiato und v. 45 ginada gotes tldglta. Natür- 
lich geben diese vereinzelten erscheinungen zu denken, und 
mancliei-lei Vermutungen Hessen sich leicht aufstellen, aber doch 
wul schwer begiünden. Gegen die mehrfache, sichere Über- 
lieferung zu ändern, ist hier doch nicht gut möglich. ^Metrisch 
wäi-e gotes engil guato fi'eilich anstandslos, wenn sich aucli 
gotrs engil bei Otfrid sonst nicht finden sollte. An der zweiten 
stelle wäre gote.s ginada thigita rhythmisch auch nicht unmög- 
lich, wenn mau es vergleicht mit 4, 12, 47 ISmne fttnamnn iz 

Beiträge zur gedcbicbte der deutscbcu spräche X.Xlll. l(j 



242 HARCZYK 

in t1ias\ 3, 26, 34 thurith then sinan einan fal; 4, 30, 27 oha tJm 
unser Jcuning sis; 4, 19, 47 thuriih tlicn Jiiniilisfjcn got u. a. 
Nicht unerwähnt darf ich lassen, obwol es nicht ausschlag- 
gebend ist, dass Otfrid gotes ginada sonst nicht aufweist, wol 
aber druhtines ginada. — Unter diesen umständen vermag ich 
für die zwei regelwidrigen erscheinungen keine stichhaltige 
erklärung zu geben und kann sie nur als höchst auffällige 
abnormitäten betrachten, die die sonst ausnahmslose beobach- 
tung der voranstellung von gutes bei Otfrid unangenehm 
durchbrechen. — Dass aber die voranstellung von gotes 
durchaus nicht eine luu- dichterische eigenart ist, zeigen auch 
die prosadenkmäler. 

Im Tatian findet sich gotes über hundert mal vor dem 
regierenden wort, während die nachstelhmg sich auf wenige 
fälle beschränkt, die sich ausserdem grossenteils leicht erklären 
lassen: 4, 18 thuruh innuovüu miltida unsares gotes = per 
viscera misericordiae dei nostri; hier sind die genitive gehäuft- 
und gotes noch mit einem zusatz versehen; vgl. 53, 6 sim thes 
hohlsten gotes = fdi dei altissimi; 00, 2 sun gotes lebentiges 
= filius dei vivi. — Im 82. capitel, das zu einem auch sonst 
eigentümlichen abschnitt gehört, treffen wir v. 6 und 9 hrot 
gotes = panis enini dei; lirige gotes = docibiles dei (gen. obj.). 
Sonst aber kommt in der umfangreichen, von verschiedenen 
Übersetzern herrührenden schritt nachgestelltes gotes nur ganz 
am ende vor, wenige zeilen vor dem schluss, 244, 2 in ceso 
gotes = a dextris dei, wobei zu erinnern ist, dass diese formel 
sehr beliebt, aber nicht notwendig war; Notker wenigstens 
schreibt ze gotes zeseuuim, des (dmaJdigen fater. Hiermit 
wären die wenigen ausnahmefälle im Tatian abgetan, die, Avie 
man sieht, gegen die sonstige regel nicht schwer ins gewicht 
fallen. — Das in der ersten Tatianausgabe von Sievers zu 
205, 2 aus B erwähnte tempal gotes für einfaches tempal G be- 
ruht sichtlich auf einer modernen ergänzung durch Fr. Junius. 

Im altern Isidorus liegt das Verhältnis Avesentlich anders: 
gotes konnnt hier einige dreissig mal vor und davon sechs mal 
mit naclisetzung des genitivs, oline dass die veranlassung immer 
deutlich erkennbar wäre. 

In MSD. sind fälle des nachgestellten gotes äusserst selten. 
Erst in uo. XXXIV, Summa theologiae, zeigen sie sich: 12,0 



GOTES. 243 

■sun <j(>fis; I2h, 4: (JikhU (/(it/s: 21.8 (1/ <in(((li (/ot/s. Diesen drei 
stellen geg-enüber tritt in dem stücke fünfzehn mal Vorstellung 
ein. — Das nächste nachgesetzte (jotcs taucht erst auf in 
XLni, 3, 1 diu vorhte des ohristen gotes, wo die beifügung des 
eigenschaftswortes die Stellung erklärlich macht; sonst nämlich 
enthält das gedieht zwölf mal vorangestelltes <jotcs. In den 
poetischen stücken von MSD. kommen andere fälle von nach- 
gesetztem gotcs nicht vor. Auch in den prosaischen stücken 
ist es sehr dünn gesät. Wir stossen darauf nur in no. LVI 
und LVII, wo es sich in der schon oben erwähnten formel 
ci cesuun gotes fateres ahnahtigcs drei mal zeigt, aber aussei'- 
dem noch in richi gotes und lamp gotes = agnus dei auftritt. 
Damit Avären aber auch alle fälle aufgezählt, die sich in dieser 
umfangreichen, mehrere Jahrhunderte umfassenden Sammlung 
finden lassen. Grammatisch sorgfältige und streng geschulte 
sclu'iftsteller, wie Notker, scheinen die nachstellung von gotes 
zu meiden. Das lehrt ein vergleich seiner psalmenübersetzung, 
auch nach der A\'iener handschrift. 

Das ergebnis meiner beobachtungen glaube ich ohne be- 
deutenden iiTtum folgendermassen zusammenstellen zu können: 

I. Die gotische bibel stellt den abhängigen genitiv be- 
kanntlich gern hinter das regierende wort; s. Wilmanns, Gr. 
2,517; aber der gebrauch ist nicht in allen teilen der Über- 
setzung gleichmässig. Die evangelien haften am urtext fester 
als die episteln an ihrer in gedanken und form schwierigem 
vorläge. Dies scheint sich auch bei der Stellung des genitivs 
zu zeigen. Wenn aber in den gotischen episteln die genitive 
öfter voranstehen als in den evangelien, so ist zu beachten, 
dass dieses schon durch den griechischen text gegeben war; 
z. b. Rom. 10, 3 gn]is garaihtein; 13, 2 g. garaideinai] 13, 4 g. 
undbaJäs; 13,14 leiJcis mtm; 1. Cor. 1,24 gujjs maJit jah gt(Jis 
Jiandugein; 2. Cor. 1, 19 g. sunus; 11, 2 g. aljana; 11, 7 g. anvag- 
geljon; Eph, 2, 8 gups giba; 3,2 gups anstais. Um so inter- 
essanter sind alsdann die seltenen fälle der abweichungen, 
Zusätze und Umschreibungen, aus denen hei'vorgeht, dass auch 
im gotischen die Voranstellung des abhängigen genitivs in allen 
einfachen ^'erbindungen dem sjjrachgeiste durchaus gemäss war: 
Mic. 11, 18 gtidjane aukuniistans ^= uQ'/UQtlq., 12, 28 idlulzo 
unahusnt fnmiista = TtQOiXTj jiÜvtojv Lvroh]; Joh. 9, IG sabbate 



244 HARCZYK 

daga = x6 oaßßarov: Rom. 9, 4 ivitodis garaideins = vono- 
&soia; 1. Cor. 8, 10 in galinge stada = tv ddcoXdor, 9,21 tvitodis 
laus = ävofiog; — iva ^co/jv alcöviov xXijQoi'Ofo'jöco wird drei- 
mal Mrc. 10, 17. Luc. 10, 25. 18,18 widergegeben mit ei lihainais 
aiireinons arhjo wairjxm; Mt. 26, 75 faur hanins hruk ^= jtqiv 
aXixxoQa (pcovrjoca. 

Die annähme, dass die voranstellimg des abhängigen 
genitivs der ungezAVungenen gotischen spräche eigen war, wird 
durcli die Skeireins gestützt, die im gegensatz zur bibelüber- 
setzung mehr vor- als nachsetzungen aufweisen; allerdings 
stehen aucli hier dem du gujjs kimpja 43 b gegenüber sechs 
stellen 87 b. 38 c. 39 a. 40 c. 46 d. 52 c. — Der beste beweis 
für die im gotischen gewöhnliche voranstellung liegt jedenfalls 
in den substantivischen compositis, deren erster teil, in appel- 
lativen und eigennamen, genitivische function hat. 

IL Wenn auch die altsächsische dicht ung godes meist 
voranstellt, so folgt daraus nicht, dass dies auch in ungebun- 
dener rede geschah; denn die kleinen prosadenkmäler setzen 
das wort voran, während in der dichtung die Wortstellung sich 
nach dem Stabreim richten musste. 

IIL Im althochdeutschen überwiegt seit dem neunten 
Jahrhundert in dichtung und prosa die voranstellung so stark, 
dass eine ausnähme wirklicli eine rara avis vorstellt. 

IV. Je mehr sicli das mittelhochdeutsche herausbildet, 
desto seltener hat man gelegenheit, gotes nachgestellt zu sehen. 
In der blütezeit der klassiker herscht unbedingt und ohne 
einschränkung die voranstellung. Abweichungen sind anzeichen 
der noch rolien, ungelenken oder bereits verrohenden si)rach- 
kunst; z. b. Orendel 578 in dem namen gottes; daz rehf gotes 
Bücher Mosis bei Diemer 72, 27; der minstcn hieJite gotes einer 
AVolfdietrich DVII, 38, 3; die minne godes Marienlieder 12216; 
reimnot zwingt mitunter zur ungewöhnlichen Umstellung. — 
Andere beispiele liefern die mystiker, die kirchenlieder und 
die altdeutschen predigten bei Koth (besondern in neuem hss.), 
Leyser und Schönbach. Bei dem letztern wird man z. b. im 
zweiten bände auf den ersten 75 seiten über achtzig mal voran- 
gesetztes gotes lesen, nachgestelltes jedoch über dreissig mal, 
aber nur da, wo gotes noch einen zusatz bei sich hat, wie 
70, 31 ;ze der minn des almceJitigen gotes. 



G0TE8. 245 

Killt' von iiiir übersehene stelle treffe ich im ]\I1k1. wh. ein 
armiu (Herne gotes Mai 76. 35. 

Dass die stelliinj? des genitivs in der höhern kritik be- 
rücksichtignng- verdient, ist schon oben beim Tatian angedeutet 
worden. Zu einem völlig- einwand sfreien Zeugnis wird sie dort 
im cap. 77. Die Übersetzung ist ja auch sonst einfach, recht 
und schlecht; aber nur ein unbehilflicher anfänger und arm- 
seliger Stümper, der sich von den andei-n mitarbeitern, nicht 
zu seinem vorteile, unverkennbar abhebt, konnte vier mal 
hinter einander rihhi hin/ilo leisten. 

Wenn ich nun auf den ausgangspunkt dieser bemerkungen 
zurückgehend schliesslich hinzufüge, dass im Arnsteiner ]\rarien- 
leich zehn mal vorangestelltes godes handschriftlich feststeht, 
so wird wol kein zweifei mehr möglich sein, dass in v. 40 die 
änderung von MSD. unerlaubt und unmöglich ist. 

BREjSLAU. . IGNAZ HARCZYK. 



ZUM NARRENSCHIFF. 

Zu Brants Narrenschiff 10, 21 

Keiu fyndt man Moysi jetz gelich 
Der andre lieh hab, als selbst sich 

bemerkt Zarncke im commentar: 'hier und namentlich beim 
folgenden verse muss Brant eine bestimmte stelle der bibel 
im äuge haben, die ich nicht kenne*. Auch Bobertag bemüht 
sich in seiner ausgäbe des Xarrenschiffs (Kürschners national- 
litteratur 16, 33), bibelstellen beizubringen, nach denen Moses 
andre so lieb gehabt haben soll als sich selbst. 

Vielmehr wird gelich hier wie auch Narrenschiff 111, 17 
'entsprechend, genügend' bedeuten und Moysi etwa mit 'dem 
gesetz, der Vorschrift des Moses' zu umschreiben sein. Unsere 
stelle bezieht sich dann auf 3. Mos. 19, 18: diliges aniicum 
timm sicuf de ipsnni. Darauf führen auch die vorausgehenden 
\ ei se i / t. Keiner so lieb syn uechsten hat 

Als dan jm g'satz geschriben stat. 

LEIPZIG. ALFRED GOETZE. 



BRUNHILDENBETT. 

In seiner jüngst veröffentlichten antritts Vorlesung über 
die germanische heldendichtnng hat E, Mogk ') sich auf den 
von Golther eingenommenen Standpunkt gestellt, dass die Sieg- 
fried-Brunhildsage der Edda im wesentlichen nordische weiter- 
dichtung sei, und hat die echteren gestalten des Siegfried und 
der Brunhild in der deutschen Überlieferung des Nibelungen- 
liedes und der Thidrekssaga Juden wollen. Danach soll 
mj^thisches in der sage nicht vorhanden und die gestalt der 
Brunhild von haus aus die kampfesfrohe menschliche kiuiigs- 
tochter sein, nicht aber die göttliche v/alküre, die auf dem 
felsen von Siegfried aus dem schlafe erweckt wird. 

Nun will ich nicht leugnen, dass ich die skeptische be- 
trachtung der eddischen Überlieferung für einen fortschritt 
halte gegenüber der früher herschenden tendenz, alles ohne 
weiteres als urgermanisches eigentum hinzunehmen. Aber 
weiui es feststeht, dass die nordische Siegfriedsage auf einer 
deutschen form beruht, die um mindestens vier Jahrhunderte 
älter ist als Nibelungenlied und Thidrekssaga. also einer zeit 
entstammt, in der die germanische götterweit auch in Deutsch- 
land noch im volksbewusstsein lebte, so muss es von vorn- 
herein als möglich zugegeben wei'den, dass die nach dem norden 
gewanderte sage mythische elemente enthalten hat. Es wird 
jetzt niemand mehr die gesammte nordische mythologie der 
eddischen dichtungen unbesehen auch für Deutschland in 
anspruch nehmen. Aber dass es in Deutschland mehr mytho- 
logie gegeben hat, als unsere spärlichen, zufällig erhaltenen 
deutschen Zeugnisse direct beweisen, und dass manches nur 
aus dem nordischen belegte auch bei uns vorhanden gewesen 

') Neiu- julirliiiclici- lii,^. von lUterg' und liiclitor l,tiSfl'. 



BRÜNHILDENBETT. 247 

sein kann, das wird doch auch niemand leugnen wollen. 
Schon wenn die ^Merseburger Zaubersprüche nicht zu tag'e 
»•ekommen wären, wäre des sicher belegten viel weniger, selbst 
wenn man vom Balder absieht, dessen deutsche existenz hat 
weggedentet werden sollen — mit unrecht wie ich glaube. 
Für die Siegfriedsage haben wir ja nun leider keine deutsche 
fassung aus dem 8. jh., und man muss den Standpunkt des- 
jenigen Avelcher nur das direct belegte als deutsch gelten 
lassen will, als methodisch berechtigt anerkennen. Aber damit 
ist doch nicht bewiesen, dass es ein mehreres nicht gegeben 
haben könne. Es kann sein- wol vieles von der eddischen 
Siegfriedsage nordische zudichtung und ausschmückung sein. 
So macht es Mogk s. 76 recht wahrscheinlich, dass die * waber- 
lohe" im norden zu hause ist. Aber deswegen kann doch 
immer noch die deutsche Brunhild eine walküre sein,') auch 
in der deutschen sage kann sie auf einem felsen im schlafe 
liegend von Siegfried erweckt worden sein. Man wird diese 
möglichkeit schon an sich zugeben müssen. Wenn aber noch 
ein dii^ectes zeugnis aus alter zeit auf diese sagenform deut- 
lich hinweist, so wird man sich dagegen nicht weiter sträuben 
dürfen. Das zeugnis, welches ich hier meine, ist nun freilich 
längst bekannt, es ist sogar gegen Golthers auf fassung schon 
einmal von Henning (D. lit.-ztg. 1890, s.229) beiläufig angezogen 
worden. Aber man hat es doch seiner bedeutung nach bisher 
nicht recht gewürdigt oder ganz verkannt. Es ist dies das 
B r u n h i 1 d e n b e 1 1 auf dem grossen Feldberg im Taunus. Aeusser- 
lich gehört dieses zeugnis zusammen mit einer reihe von orts- 
bezeiclmungen wie Brunhildenstein, Brunhildenstuhl u. dgl.^) 

^) Die Walküren sieht jetzt freilich Mogk mit Golther auch für rein 
skandinavisch an, während er in der ersten aufläge von Pauls Grundr. 1, 
s. 1014 noch anders urteilte. Aber das in ags. glossen des 8. jh.'s als namc 
göttlicher wesen bezeugte iculcijr^e als entlehnuug aus dem nordischen zu 
betrachten ist doch reine willkür. Mit dem gleichen rechte könnte man 
alle mythologischen nameu des 2. Merseburger sitruchs als nordische ent- 
lehnungen abtun wollen. Ich unterschreibe vollständig-, was gegen Golther 
hierüber Kögel GGA 1897, s. 651 f. bemerkt und meine, dass das ags. zeugnis 
hinreicht, nm die walküren als westgermanische und deutsche gottheiten 
zu erweLsen. 

^) S. hierübfr schon W. Grimm, Heldensage s. 155. Weitere literatur- 
nachweise bei W. Miilh-r, Mythologie der deutschen heldensage s. 85, 



248 BRAUNE 

T^nd Mook verwahrt sich in seiner Vorbemerkung' ansdriicklicli 
dagegen, dass man den " Brunliiklenstuhl" eine rolle spielen 
lasse: 'alles das ist von mir widerholt geprüft, aber nicht aus 
seinem g'eschichtlichen zusammenhange herausgerissen und des- 
halb für die mythische grundlage unserer heldensage als gehalt- 
loses material erfunden worden'. Nun gebe ich Mogk gern die- 
jenigen Zeugnisse preis, die jünger als unser Nibelungenlied sind, 
sie mag man immerhin den verschiedenen Siegfriedsbrünnlein 
beireclmen, die sich jetzt im Odenwald um die ehre streiten, 
schaui)latz der ermordung Siegfiieds gewesen zu sein. Es 
könnte möglicherweise nach unserem Nibelungenliede in älterer 
oder jüngerer zeit eine örtlichkeit Brunhildenstein oder Brun- 
hildenstuhl benannt worden sein.') Aber die älteren Zeugnisse 
sind doch anders zu beurteilen. Selbst wenn man mit \\. Grimm 
a.a.O. zugibt, dass örtlichkeiten mit 'Siegfried', ja selbst ein 
Sivrides hnmno, bei der häufigkeit des namens Siegfried auch 
nach irgend einem Siegfried benannt sein können,-) so trifft 
das gleiche doch nicht bei Zusammensetzungen mit dem viel 
seltneren namen Brunhild zu, besonders wenn das zweite glied 
so bezeichnend ist wie in 'Brunhildstein', wo eine beziehung 
auf die Brunhild der heldensage nicht abzuweisen ist. Denn 
dass an verschiedenen orten schon in alter zeit gerade felsen 
mit dem namen der Brunhild belegt worden sind, kann doch 
nur aus der sagenhaften rolle derselben erklärt werden.^) 
Das wird auch Mogk nicht in abrede stellen wollen, sondern 
zugeben, dass auch in der deutschen sagenform die kämpf es- 
jungfrau Brunhild ihre wohnung auf einer felsenburg gehabt 
haben möge, wie ja noch im Nibelungenliede Iseustein als ihr 
sitz genannt wird. Aber weiteres noch beweist das Brunhilden- 
bett auf dem Feldberg. 

Das Zeugnis stammt aus dem jähre 1043 und findet sich 
in einer Urkunde des erzbischofs Bardo von Mainz. ^) welche 



') Vgl. hierzu Heimiiig', Anz. tVla. 4. 74 f. 

2) Für sicher möchte ich diese aiiffassung- erklären bei uanieu wie den 
von F. (rrininie, Germ. 32, (19 beigehracliteii Sifiefn'desrode, Sifrähusun etc. 

■'■) Die alteu iirknndlicheu Zeugnisse hierfür hat zuletzt John Meier, 
Beitr. KJ, 81 f. zusammengestellt. 

\) Vgl. Boehmer, Kege.sta archiei)isc. Magniitinensiuni 1, 172 t. Sauer, 
Cod. dii)lom. Xassoicns 1, (iO ff. Die Originalurkunde l)e»indet sich jetzt hier 
in Heidell)erg im besitz der Universitätsbibliothek. 



BRUNHILDENBETT. 249 

die gTenzeii des sprengcls der kiiclie in Ihrmnon (Sclilossborn 
bei T\()iiiffsteiii i. T.) festsetzt. In dieser orenzbeschreibung' 
stellt die bekannte stelle: et inde in medium montcm veUberc 
ad cum lapideni qui vidgo didhir lectulus Brunihild^. 
Daraus geht also mit voller siclierheit hervor, dass dieser fels 
in der mitte des 11. jli.'s im volksmunde 'das bett der Brim- 
hild" hiess. ') Was beweist das mm für die g-eschichte der 
sage? Wer an der alten auffassung der Brnnliild festhält, 
wird ohne weiteres folgern, dass die auf einem felsen schlafende 
Walküre, welche die nordische sagenform kennt, auch in der 
deutschen sage vorhanden gewesen sei. Wer auf dem Stand- 
punkte von Golther und Mogk steht, wird versuchen müssen, 
dieses zeugnis zu entkräften. ^^^ Müller ist hierin vorangegangen: 
er meint a. a. o. s. 85, dass der fels auf dem Feldberge nichts 
beweise, da an ihn sich keine sagen knüpfen: — ein wunder- 
licher eiiiwurf, da die Brunhildsage jetzt freilich im volks- 
bewusstsein geschwunden ist, während jenes alte zeugnis doch 



*) Ein späteres zeugnis dafür gibt es nicht. Denn wenn nach W. (irinini 
und J. Meier a. a. o. dieser felsen in einer Urkunde des jalires 1221 als ßrnnc- 
hiklestein vorkommen soll, so ist das ein irrtum. Diese Urkunde (hg. am besten 
von Sauer, Cod. dipl. Nass. 1, s. 265 ff.; vgl. dazu Schliephake, Gesch. von 
Nassau 1,406 ff.) beschreibt die grenze der gemarkung von Sonn enl)erg und 
Bierstadt (SO von Wiesbaden). Die grenze geht von AMesbaden nordwärts 
auf den Taunus und es heisst da pastea ad viam qiKie ducii Bruneli/ldc- 
ste/1), postea IJnechitdiagin ad aquum. Letzteres ist das heutige Engen- 
hahu (ca. 10 km nördlich Wiesbaden). Der Brunhildenstein ist danach süd- 
lich von Engenhahn auf der höhe des Taunus zu suchen. Das ist aber der- 
selbe felsen, welcher in einer Urkunde des klosters Bleidenstadt (bei Langen- 
schwalbach) vorkommt. Die Urkunde (hg. von Sauer, Cod. dipl. Nass. 1, 
s. 14 ff.) ist allerdings nur in einer abschrift des 16. jh.'s erhalten, in welcher 
die Orthographie der namen teilweise modernisiert ist. Die fassung der 
Urkunde stammt jedoch aus der zeit des Willegis (975—1011), und der die 
markbeschreibung enthaltende teil derselben führt sogar auf die Stiftung 
des klosters im jähre 812 zurück. Vgl. Sauer a. a. o. und besonders Schliep- 
hake 1,114 ff. Darin heisst es inde ad Brunhildenstein und die läge des- 
selben stimmt zu den angaben der Urkunde von 1221. Schon v. Preuschen, 
Correspondenzblatt d. deutschen geschichts-u. altertumsvereine 4 (1856) s. 123 
hat als ort dieses Brunbildeiisteins die jetzige 'Hohe kanzel" (596 m) SO 
von Engenhahn erkannt und Sciiliephake a. a. o. s. 119 ff. hat dies au.sführ- 
lich erörtert und festgestellt. Den auf der Hohen kanzel zu tage tretenden 
felsen beschreibt Schliephake s. 121. Aus späterer zeit als 1221 ist der 
name Brunhildenstein für denselben nicht mehi- überliefert. 



250 BRAUNE 

unzweifelhaft die damals daran jrekniipfte sag-e erweist. Ferner 
sucht Müller das wort 'bett' umzudeuten, indem er anführt. 
Grimm habe T>V\'h. 1, 1722 gezeigt, dass hctt früher auch 
•altar' bedeutete. Und allerdings führt Grimm daselbst 
'altar' als erste bedeutung- von bett auf unter berufung- auf 
ags. 'vcohhed\ ahd. kotapeffi; und diese bedeutung sei auch in 
BrunMldehett erhalten. Aber dass hett Je die bedeutung 'altar' 
gehabt habe, ist absolut unrichtig. Es ist zwar für das wort eine 
glaubhafte indogermanische sippe nicht gefunden.') Aber die 
Übereinstimmung aller altgermanischen dialekte vom gotischen 
an beweist, dass die grundbedeutung nur 'lager, lagerstatt, 
sitzstatt* gewesen ist. Diese bedeutung hat sich schon in 
alter zeit besonders in der richtung 'polsterlager, polster' ent- 
wickelt.2) Aus der bedeutung "lager. lagerstatt, sitzstatt" ist 
denn auch im Avestgermanischen die schon im ahd. und ags. 
vorhandene bedeutung 'Standplatz von pflanzen, gartenbeet' 
hervorgegangen, wie sie im nhd. heet, engl, hed noch heute 
vorliegt :=') sie konnte zunächst nur in compositis vorkommen, 



') Vgl. Uhlenbeck, Etym. \vb. d. got. spr. s. 20. 

^) Got. badi = xQäßßazoq. 'ruhebett', einmal auch = xkivi^iov. an. 
/>cör (poetisch = prosaisch sa'/iifi) 'polsterlager', ags. öerW 'hetf, in ahd. glossen 
belti meist entsprechung von lat. Stratum, culcita, cubile, aber auch einmal 
von thronus. 

^) Es ist nicht richtig, wenn Kluge im Etym. \vb. (s. v. beet iind bett) 
wegen des gartenbeets bett zu fodio 'graben' stellt. Die altwestgerra. 
bedeutung 'beet' ist entschieden eine abgeleitete. Zwar ist im ahd. betti 
'beef (das GraffS, f)! fälschlich von betti 'bett' trennt) auch als simplex 
schon in glossen als Übersetzung des lat. areola belegt, neben dem deiuin. 
pettili und dem bei Will, vorkommenden tvurzbette. Aber die bedeutung 
areola muss neu sein, so neu wie die gartencultiu' überhaupt bei den 
Deutschen. Denn betti bedeutet nicht etwa ein stück gegrabenes, abgeteiltes 
ackerland überhaupt, sondern ist eben nur technischer ausdruck für den 
neuen begriff' eines gartenbeets, lat. areola. Dass es für diesen neuen 
culturbegriff angCAvant werden konnte, geht aus seiner eigentliclien bedeu- 
tung 'Standquartier, lager, staiulplatz" hervor. Das ist noch deutlich er- 
kennbar aus dem ags. gebrauch. Im ags. (vgl. Bosworth-Toller 72) wird 
es in dieser bedeutung nur in den compositis tmjrtbed, hreodbed, riscbed 
gebraucht. Von diesen entspricht wyrtbed dem ahd. wurzbette 'pflanzen- 
standplatz', kann also vielleicht schon den culturbegriff' bezeichnen. Da- 
gegen hreodbed (noch ue. reedbed) heisst 'rohrdickicht', also ein platz, avo 
röhr, ried beisammen steht; ebenso ist riscbed ein Standplatz von binsen. 
Da haben wir nodi die alte bedeutung, mit welcher eine herleitung von 



BRÜNHILDENBETT. 251 

deren erster teil einen pflanzennamen enthielt (s. nnteii die anni.) 
und g:ieng erst daraus auf das simplex über. Ganz ähnlicli 
steht es nun mit den compositis. aus denen Cirinim für das 
wort hdti die bedeutung- "altar' erscliliesst. Auch in ihnen 
heisst hetti nur 'lager. ruhebett, sitz' und nur durch die com- 
position hätte allenfalls die bedeutung- -altar' zu stände kommen 
können. Das ist ganz klar bei ahd. (jotopdti Das wort kommt 
in den Prudentiusglossen vor, wo es an zwei verschiedenen 
stellen das VaX. pnlrinar P. Vinc. 179 \m& pulrinarmni P. Rom. 
1056 übersetzt. Das bedeutet aber nicht 'altar', sondern 
'polster', auf welche von den Römern die götterbilder bei 
einem lectisternium gesetzt wurden. Wenn dafür ahd. gotopetti 
gesetzt wird (Ahd. gl. 2, 428, 21. 468,60. 476,49. 480,10; 455.1. 
583, 19), so ist es selbstverständlich, dass petti hier eben nur 
'ruhebett. polster' bedeutet und von fTrimm daraus die bedeu- 
tung 'altar' nicht hätte entnommen werden sollen. Da dieses 
pulvinar von den niederd. Prudentiusglossen (2, 584, 13) mit 
usaro (jodo rastun übersetzt wird, so könnte man mit dem- 
selben rechte schliessen, dass auch rasta 'altar' heisse! Es 
bleibt sonach für Grimms behauptung nur noch das ags. 
tvi(s)hed, tvi'ofod etc., welches in der tat 'altar' heisst. Ist 
dieses wirklich mit -hcd zusammengesetzt, so könnte die 
grundbedeutung auch nur 'ruheplatz, sitz der götter' sein. 
Aber diese Zusammensetzung ist nicht einmal sicher: Kluge. 
Beitr. 8, 527 (vgl. Sievers, Ags. gr.'- s. 17) hat das wort viel 
wahrscheinlicher als "^ivth-hcod 'tempeltisch' gedeutet. 

]\Iit der von Grimm angesetzten 'heidnischen' bedeutung 
von bdfi 'altar' ist es also nichts. Es kann daher auch in 
Brunhildcnhett kein altar verborgen stecken, ganz abgesehen 
davon, dass einerseits altäre der Brunhilde mythologisch höchst 
unwahrscheinlich wären und dass andererseits das deutsche 

dem begriffe des grabeus ganz unvereinbar ist. ^'on da ans wurde erst hett 
auf die von der gartencultur künstlich geschaffenen ürupponweisen Stand- 
plätze gewisser pflanzen, wie sie die gartenheete sind, übertragen. Man 
darf also nicht diese alte technische anwendnng des Wortes heit zum aus- 
gangspnnkt der etymologie machen, ebensowenig wie man etwa dem heu- 
tigen forst technischen Schonung (aus vollständigerem ßchtenschommg, 
faiinetittchominy etc.) die yrundbedentung 'pflanznng' beilegen und daraus 
die et^'mologie des verburas schonen gewinnen könnte. 



252 BRAUNE 

wort "bett" hier iiiilit einmal überliefert ist, sondern nnr das 
nnmisverständliclie lat. Icchdus. ;Man k()nnte nun hett, welches 
doch ohne zwei fei die deutsche grundlage des ledidus gewesen 
ist, als 'lag-erplatz, sitz' fassen wollen und es dann — ebenso 
wie den Brunhildstein — als wohnsitz der Br. deuten. 
Aber es ist schon unwahrscheinlich, dass hetti jemals für 
'wohnsitz' gebraucht worden sei, wenn es auch in der bedeu- 
tung eines gelegentlichen sitzes oder lagerplatzes angewant 
worden sein mag. Dass aber der felsen auf dem Feldberge 
nichts anderes als *bett' im gewöhnlichen sinne des Wortes, 
'lagerstätte eines liegenden' bedeuten kann, das ergibt am 
deutlichsten der augenschein. 

Ich glaube nicht, dass dies jemand leugnen wird, der 
selbst auf dem Feldberge gewesen ist und die merkwürdige 
felsbildung betrachtet hat. Der Feldberg, der höchste berg 
des Taunus (880 m) ist bis obenhin mit schönem hochwald 
bestanden. Nur der gipfel selbst ist frei und bildet eine 
prächtige, geräumige und ebene kreisfläche, die mit gras be- 
wachsen ist. Von dieser fläche hat offenbar auch der berg 
seinen namen. ') Aus dem grasplateau erhebt sich nun nahe 
dem nördlichen rande desselben eine etwa 4 m hohe felsbildung 
von eigentümlicher form, welche schon von weitem das äuge 
auf sich lenkt und den vergleich mit einem ruhelager unwill- 
kürlich wachruft. Die nebenstehende abbildung, welche nach 
einer Photographie gefertigt ist, wird dies genügend verdeut- 
lichen. 

Auch die Kheinf ranken vor 1000 jähren haben diesen 
vergleich gezogen und in dem felsen ein riesenbett gesehen. 
Der im jähre 1043 als volkstümliche bezeichnung bezeugte 
name ledulus Brimihüd^ wird natürlich schon lange gegolten 
haben. Und wenn das volk ein riesenhaftes felsbett auf der 
spitze eines hohen berges als 'bett der Brunhild' bezeichnete, 

*) Das lob des Feldbergs verkündet Erasmus Alberus in seiner 
25. fabel: speciell vom gipfelplatean sagt er (v. 76ff.): Und auff' dem Feldt- 
herg hoch dort oben, Wann man nicht höher kommen kan, Da steht ein 
(frosser %veiter plan, Der hat ein solchen breiten räum, (Wann ichs nicht 
icist, so glaubt ichs kaum) Ein grosse Stadt kündt droben stahn. Als 
Franckfurdt, ist kein zweivel an, Und cmfj' dem selben breiten plan, Siht 
man schier bisz gen Cöln hinan etc. 



BRUNHILDENBETT. 



253 



SO kann dies meines erachtens iiiclit anders erklärt werden, 
als dass man glaubte. Brunliild liabe auf einem hohen berge 
geschlafen. Es wird also dadurch vollkommen sicher gestellt, 
dass damals am Rhein eine form der Brunhildsage lebte, welche 
der nordischen fassung in diesem wichtigen i)unkte entsprach. 
Dass die Brunhildsage bei den alten Rheinfranken des 
Taunnsgebiets lebendig war, dafür ist nun auch der Biun- 
hildenstein auf der Hohen kanzel (s. oben s. 240 anm.) ein 
weiterer beweis. Die Hohe kanzel, welche vom Feldberg in 
der hrftlinie ca. 17 km entfernt ist, liegt auf dem kämme des 
Taunus, ca. 8 km nordlich von Wiesbaden. Sie gleicht dem 
Feldberg darin, dass sie die höchste erhebung in Aveitem um- 
kreise ist. Wenn die Franken der Frankfurter gegend den 
schlaf der Brnnhild auf dem Feldberge localisierten, so wählten 
die der Wiesbadener gegend den höchsten berg ihrer Umgebung 
zu diesem zwecke. Sie hatten dabei freilich lücht den vor- 
teil, einen so bettälmlichen felsen zu besitzen und begnügten 
sich daher mit dem namen Brunhildenstein, während jene 
sogar von einem bett der Brunhilde reden konnten. 




heidelbp:rg. 



WILHELM BRAFNE. 



APRIKOSE. 

Franz. abricot ist durch niederländische vermittelung" (nl. 
ahriJxoos) zu uns gekommen. .T. Franck sagt in bezug auf die 
auffällige lautform des nl. Wortes (.s^ für franz. t) in seinem Et. 
woordenboek der nederlandsche taal: 'De nl. en hd. vormen 
komen liet fra. abricot het meest nabij en kunnen zelfs recht- 
streeks daarvan gevornul zijn, Indien men mag aannemen, dat 
de ^^^jziging der laatste lettergreep op misverstand (misschien 
wel van geleerden) berust.' 

Ich möchte dieser erklärung gegenüber, die wol wenig 
anspruch auf Wahrscheinlichkeit machen kann, die Vermutung 
aussprechen, dass ein altfranzösischer noniinativ ahricots, bez. 
abricos (älteres fs wird im franz. regelrecht zu s), die quelle 
des nl. Wortes ist. 

Das weibliche geschlecht von nhd. aprikose, nl. abrikoos, 
woneben im nl. auch männliches geschlecht in Übereinstimmung 
mit dem franz. gebräuchlicli ist, beruht auf Übertragung aus 
dem plural : vgl. nhd. die träne < der trahen, die zälire < der 
saher, Schweiz, die frösch == der froseh, elsäss. hess. mfrk. die 
rab = der rabe, ahd. bira aus dem rom. plural pira (vgl. franz. 
la poire) u. s. w. Einfluss des plurals zeigt sich auch in dem 
e von aprikose: das nhd. wort ist eine neue singularbildung 
aus der pluralform. 

Der scheinbare wandel von t > s findet sich auch in 
matrose, nl. niatroos = franz. mafelot. Auch hier ist von einer 
franz. nominativform auf -s auszugehen. Das wort llectiert 
im deutschen schwach nach analogie der vielen schwachen 
masculina mit pers(>nlicher bedeutung; der nom. matrose ist 
gebildet nach dem niuster von böte : boten. 

Dem mnd. banros, mnl. baenrootse, baenrits liegt franz. 
banneret -\- s zu gründe. 

GIESSEN. 1. nov. 1897. WILHELM HÖRN. 



zu DEN LABIALISIERTEN GUTTURALEN. 

Zur entscheidung der frage nach der entwickelung' reinei- 
labiale aus labialisierten gutturalen sind natürlich die 
seltenen fälle die den anlaut betreffen, die wichtigsten; und 
unter ihnen hat das nebeneinander von aengl. hweol u.s.w. 
und afiies. fial 'rad' ganz besondere Schwierigkeiten gemacht. 
Kluge, der Beitr. 11, 561 kurzweg 'fries. fial aus grundform 
"^'peqlo für "^qeqlo- = skr. calra-' erklärt hatte, erwähnt das 
wort in der zweiten aufläge von Pauls Grundr. (s. 375) nicht. 
Vielleicht hat ihn der zweifei Noreens dazu bewogen, der 
(Urgerm. lautlehre s. 149) nach angäbe von 'aengl. kweohl 
{*hehlo-), aisl. hiöl (Vve^tde-) : afries. ßal (zunächst aus *feul-y 
firagt, ob die worte etwa unverwant seien. E. Zupitza (Die 
germ. gutturale s. 6) trifft ganz das richtige, wenn er eine so 
verschiedene ent Wickelung bei gleichen bedingungen nicht 
gelten lassen will; aber auch er kann sich nicht entschliessen, 
die verwantschaft der beiden formen aufzugeben und sucht 
sich mit der gewagten annähme einer contamination zu helfen. 
In afiies. ßal soll ein germ. *keula- = cakra- vermischt sein 
mit germ. *fefla- bez. *fedla- aus indog. "^peplo- bez. "^peplo-, zu 
dessen ansetzung' VaX. poples 'kniekehle', gr. jrt Af///Ca> 'schwin- 
gen' berechtigen sollen. Ich gebe zu, dass Zupitza in feiner 
weise die bedeutungsent Wickelung von 'rad' zu 'knie' durch 
hinweis auf ahd. Inicrado, span. rodilla, lett. skremelis an- 
nähernd plausibel gemacht hat; aber die lautverhältnisse 
widersprechen durchaus. Afries. Viwel und seine neufries. 
entsprechungen (wanger. iväil, saterld. iveH, harling. wei/lil, 
icayl Cadovius; nordfi'ies. wel [Amrum-Föhr ivül\\ westfries. 
tvil) weisen keineswegs auf geini. *}veula-, sondern allem 
anscheine nach auf *lce^la- zurück; und aus einem germ. *('ella-, 
""fthla- wäre afries. *fefl bez. *fevd, niemals aber ßcd abzuleiten. 



_ I 



256 SIEBS, zu DEN LABIALISIERTEN GUTTURALEN. 

Die reguläre weiterentwickelung- dieses afries. fial liegt in 
saterld. jöl (harling. fiauJd Cadovius), nordfries. fü, fiV vor (so 
auf dem festlande; auf den inseln ist das wort unbekannt); 
wang-er. fiidhäint 'radgebeint, krummbeinig-' setzt g-erm. '•feuli- 
voraus. Dass nun dieses fial vollkommen von *hn-el zu 
trennen ist. wird durch das westfries. erwiesen. Hier 
ist afries. *thial, a westfries. tial anzusetzen. In der hand- 
sclirift Jus municipale s. 86b (ed. Hettema s. 148) lese ich so 
aeyhma Inm ictur diLx toe ferane ende deer en hoem toe f'erane, 
en tial toe hrenyane, deer eer oen 'wayne ne home, Mm deer 
02) ti settane, hi zyn eynde deerop ti nymane; im manuscr. 
Eoorda (Hettema, Jurisprud. frisica 2, 182): so aeyh ma hyna 
hiifa dyeJi to feren, ende aen baem myt hem ende een tyel 
aldeer op to sitten, deer eer in neen ivayn Jcaem ende liyne 
aldeer op to selten. Neuwestfries, tjille s. Halbertsma, Lex. 
fris. s. 652, vgl. tstdl, tsjil Siebs, Engl.-fiies. spr. s. 300. Wir 
haben also eine doppelheit g-erm. ^petda- neben *feula- 
anzunehmen und damit einen weiteren jener fälle geAVonnen, 
die durch an. fei : ])cl 'feile', an. fle : pdc 'diele', hoclid. fernen : 
nd. diemen 'häufen', ahd. fmstar : dinstar u.a.m. belegt sind, 
\g\. Noreen, Urgerm. lautlehre s. 197. Letzteres setzt ja sicher- 
lich indog. t {*te)tisr6s) voraus; zu diemen : fernen (ahd. fhna) 
vergleiche ich lit. sty}na 'häufen, schwärm A^on iischen'. Und 
ebenso darf man wol germ. ^Jicula-, ^feula- aus indog. '^tetdo- zu 
gl'. Tvhj "wulsf stellen, vgl. rvÄiooto 'aufrollen'. 

GRP:IFSWAL1), 6. november 1897. 

THEODOE SIEBS. 



UEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 

In dieser Zeitschrift bd. 19, 1 ff. veröffentlichte prof. E. Köl- 
bing iin lierbst 1894 einen aufsatz, betitelt 'Studien zur Bevis 
saga', der von der art ist, dass er meinerseits eine antwort 
erheischt. Wenn diese antwort auch zum grossen teile als 
Verteidigung- oder detailkritik auftreten muss, wird sie doch 
auch principielle fragen von allgemeinerem Interesse berühren. 

Diese antwort soll im folgenden gegeben werden. Dass 
ich nicht früher mit der er widerung fertig geworden, beruht 
teils auf andren arbeiten, die keinen aufschub duldeten (haupt- 
sächlich in Verbindung mit einem neuangetretenen amte), teils 
auf einer schweren augenerkrankung, die meine arbeitskraft 
sehr herabsetzte. 

Dieser aufschub •) dürfte jedoch, wie ich hoffe, keine grös- 
seren unzuträglichkeiten mit sich führen. Nur wenige leute 
interessieren sich für fragen dieser art — die textkritik der 
romantisclien isländischen sQgur — , und diese wenigen spe- 
cialisten sind nicht gewohnt, dass äusserungen in diesen fragen 
rasch auf einander folgen. 

Auch Kölbings Untersuchungen über die betreffende saga 
(= Bev.) sind sehr lange nach meinen arbeiten auf diesem 
felde erschienen. 

Wie gross der zeitliche abstand ist, hat eine gewisse 
bedeutung für die gerechte beurteilung der frage, und ich 
muss deshalb zunächst einige worte darüber sagen. 

Im jalire 1878 bereitete ich den text der Bev. saga zur 
herausgäbe vor. Im sommer desselben Jahres unternahm ich 



') Die Schwierigkeit, hier in Gotenburg' mein schwedisches manuscript 
ins deutsche übersetzt zu bekommen, bat die Veröffentlichung des anfsatzes 
wider um ein jähr versiiätet [geschrieben im Januar 1S98J. 

Beiträgt) zur gcaohiuhte iler deutscheu bpruche. XXIII. 17 



258 CEDERSCniÖLD 

eine reise ins ausländ, während der icli auf bibliotheken und 
durcli Unterredung- mit faclileuten mir auskunft über die aus- 
ländisclie literatur zu verschaffen suchte, die sich auf die 
isländischen sqgwr bezog, mit denen ich mich damals beschäf- 
tigte.') Im jähre 1879 gab ich in den Acta Universität is Lun- 
densis den text der Bev. s. heraus. Das manuscript der ein- 
leitung zu den FSS. schloss ich im Januar 1884 ab. Seit dem 
jähre 1882 hatte ich mich hier in Gotenburg aufgehalten, wo 
es zu der zeit sehr schwierig war, sich kenntnis von neu- 
erschienener philologischer fachliteratur zu verschaffen. Ich 
führe dies an, weil mich K. scharf tadelt, dass ich in den FSS. 
nicht mit allem innerhalb des jahres 1884 erschienenen bekannt 
gewesen; in der tat hatte ich nach dem sommer 1878 nur in 
einzelnen fällen meine kenntnis der ausländischen fachliteratur 
vervollständigen können. 

Der lange Zeitraum, der zwischen meiner arbeit an der 
Bev. s. und K.'s Studien auf demselben gebiete liegt, hat es 
mir, wie ich zeigen werde, unbequemer gemacht, die dis- 
cussion aufzunehmen, während derselbe K. seine besten waffen 
lieferte. 

Was mich betrifft, so habe ich mich nach der herausgäbe 
der FSS. fast gar nicht mit den romantischen S9gur beschäf- 
tigen können, sondern habe ganz andre aufgaben übernommen, 
die meine ungeteilte arbeitskraft erforderten. Auch jetzt kann 
ich K.'s aufsatz keine so umfassende prüfung angedeihen lassen, 
wie ich getan hätte, wenn er erschienen wäre, während ich 
noch mit dem Studium der romantischen sogur beschäftigt war. 
In dem einen oder andern fraglichen falle dürfte ich wol auch 
vergessen haben, welche gründe mich besonders bewogen, bei 
der redaction der FSS. so oder so zu verfahren. 2) 

•) Ausser den in den Fornsqgur Suörlanda (= FSS.) aufgenommenen 
auch die Erex saga und die Clarus saga. Ich untersuchte natürlich auch 
die wenigen in ausländischen bibliotheken (besonders auf dem Britischen 
museum) befindlichen isländischen hss., die meinem damaligen arbeitsgebiete 
angehörten, u. a. eine hs. der Lilja. Vgl. Külbing, Stud. s. 39. note 2. 

*) Es mag im übrigen zu entschuldigen sein, dass man vergisst, was 
man selber geschrieben. So etwas passiert auch K.: in demselben augen- 
blick, wo er (s. 39) mir vorwirft, dass ich eine kurze notiz über die Bev. s., 
die er in einer abhandlung über die Elis saga (Beiträge zur vergl. gesch. 
d. rom. poesie etc.) mitgeteilt hat, übersehen (richtiger wäre vergessen), 



ÜEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 259 

Was K. betrifft, so haben die jähre, die seit meiner aus- 
gäbe der Bev. s. verflossen sind, ilnn einij^e vortreffliche waffen 
geliefert. Er hat durch seine ausgäbe des Sir Beues of Ham- 
toun für die Early English Text Society veranlassung gehabt, 
die englischen redactionen des sagenstoffes bis in die kleinsten 
einzelheiten kennen zu lernen. Im Zusammenhang mit dieser 
arbeit hat er die gälische redaction studiert. T^nd schliess- 
lich — was für die beurteilung der isländischen texte das 
allerwichtigste ist — , hat er durch das entgegenkommen 
von prof. Stimming in G()ttingen dessen mit emenda- 
tionen versehenen copien der altfranz. hss. benutzen 
können, deren text dem original der altisl. saga sehr 
nahe steht. 

Besonders dieser zuletzt genannte umstand muss stärker 
betont werden, als K. es getan hat (er erwähnt ihn nur ganz 
kurz am ende seines aufsatzes). Denn durch das neben- 
einanderlegen dieser beiden copien mit den nordischen texten 
hat K. einen unvergleichlich sichreren ausgangspunkt als ich 
für die beurteilung der ursprünglichkeit der verschiedenen 
handschriftlichen lesarten gehabt. Ich dürfte wol nicht fehl- 
greifen, wenn ich gerade in dem entleihen dieser copien den 
eigentlichen entstehungsgrund von K.'s strenger kritik meiner 
ausgäbe erblicke.') I^nd ich kann nicht umhin, seine art, 
sich über meine ausgäbe zu äussern, mit der übermütigen 
kritik zu vergleichen, die ein schüler mit hülfe des in seine 
bände gelangten schlüsseis des lehrers an der von einem mit- 
schüler ohne dieses unschätzbare hülfsmittel angefertigten 
Übersetzung übt. 

Wäre der Übermut das einzige gewesen, das mich in 
K.'s Studien zur Bevis saga verletzte, so hätte ich nicht 
genügende veranlassung gehabt, zu antworten. Aber K. gibt 
eine in der hauptsache tendenziöse und schiefe darstellung 



in demselben angenblicke erzählt er (anni. 1 s. .39), dass er selbst in seiner 
ausgäbe des Sir Beues diese notiz vergessen und Pio Rajna das verdienst 
der entdeckung zugeschrieben habe. 

') Denn dass K., ehe die franz. texte in seine bände gelangt waren 
(und während er sich also in keiner besseren läge befand als ich), meine 
ausgäbe auf eine weit wohvollendere weise beurteilte, geht aus seiner 
anzeige in der Deutschen lit.-ztg. Ibbö hervor. 

17* 



260 Cederschiöld 

von der bescliaffenheit meiner ausgäbe und bringt eine menge 
unrichtiger detailangaben vor. Das verlangt eine antwort. 

Für den der ohne vorgefasste meinung K/s aufsatz liest, 
dürfte seine absieht, meine ausgäbe als vollkommen wertlos 
hinzustellen, deutlich hervortreten. 

Dagegen bedarf es einer genaueren Untersuchung der tat- 
sachen, um einzusehen, dass K. zur erreichung seiner absieht 
verschiedenes verschweigt, was ich in der einleitung zu den 
FSS. geäussert, und mir ansprüehe zuschreibt, die ich niemals 
gemacht habe; dass er weiter grundsätze aufstellt, deren 
richtigkeit teilweise recht zweifelhaft ist, und dass er schliess- 
lich einzelheiten vorbringt, die auf Irrtum oder Unkenntnis 
beruhen. 

Was K. verschweigt, ist vor allem der grundsatz, nach 
welchem alle in die FSS. aufgenommenen SQgur (mit ausnähme 
von Fl.) veröffentlicht worden sind und worüber ich in der 
einleitung s. lxii — v ausführliehe rechenschaft abgelegt habe. 

An der genannten stelle habe ich (mit motivierung) als 
meinen hauptzweck hingestellt, von jeder saga bloss eine ein- 
zige redaction mitzuteilen,') obgleich ich in ein paar fällen 
es für zweckmässig gehalten habe, etwas weiter zu gehen. 

Die beschränkung des Variantenapparates, die sieh aus 
diesem meinem prineip ergab, wurde von K. in seiner recen- 
sion der FSS. (Deutsehe lit.-ztg. no. 3, sp.82) mit folgenden 
Worten erwähnt: 'dies verfahren befördert unzAveifelhaft die 
Übersichtlichkeit und wird von vielen faehgenossen gebilligt 
werden'; und obwol er seinerseits bemerkt, dass der varianten- 
apparat vollständiger gewesen sein könnte, liegt es ihm doch 
so fern, deswegen ein Verdammungsurteil auszusprechen (ähn- 
lich dem das er in dem vorliegenden aufsatz fällt), dass er 
statt dessen seine bemerkung mit den worten einleitet: 'das 
im folgenden ausgesprochene bedenken soll in erster linie nur 
mein warmes Interesse an dem wertvollen-) und mit auf- 
wendung jahrelanger mühen hergestellten buche bekunden.' 

Und er schliesst seine besprechung mit den worten: 'wir 



') Dass einige worte K.'s auf s. ;J7 keineswegs eine genügende auf- 
klärung hierüber geben, soll weiter unten gezeigt werden. 
'^) Von mir gesperrt. 



ÜEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 20 1 

können zum Schlüsse nur wünsclien, dass es herrn C. auch 
weiterhin verg-ünnt sein möge, in so fruchtbarer weise') 
im dienste der nordischen philologie zu wirken.' 

So urteilte K. im jähre 1885, als er schon eine langjährige 
bekanntschaft mit den romantischen s^gur hatte. Aber 1894 
erklärt er das was er neun jähre vorher gerühmt hatte, für 
untauglich. Er erwähnt 2) nicht einmal, dass die herausgäbe 
einer einzigen redaction als ziel aufgestellt werden könne (und 
von mir im vorliegenden falle tatsächlich aufgestellt worden 
ist). Die einzig zulässige art, auf die eine solche isl. saga, 
welche Übersetzung oder bearbeitung eines ausländischen ori- 
ginales ist oder sein dürfte, ist nach seiner meinung (s. 4 f.) die 
folgende: *[die ausgäbe niuss] das [handschriftliche] material 
so vollständig wie irgend möglich vorlegen, also keine einzige 
sachliche Variante irgend einer hs. von selbständiger bedeutung 
unerwähnt lassen'; — denn der letzte zweck der herausgäbe 
einer solchen altisl. Übersetzung (oder bearbeitung) soll nämlich 
der sein, zur textkritik des ausländischen originales beizutragen. 

^\'ie K. seinen grundsatz in an Wendung bringt, werden 
wir gleich sehen. Aber zuerst müssen wir bei dem grundsatz 
selbst etwas verweilen. 

Obgleich K. ausser betraclit lässt, dass auch von roman- 
tischen (übersetzten) sogur verschiedene redactionen existieren 
können, ist dies eine tatsache, die nicht verneint werden kann. 
Um nur bei der publication zu bleiben, von der die Bev. s. 
ein teil ist, so enthält die einleitung zu den FSS. reichhaltige 
beitrage zur beleuchtung der freiheit, womit die isländischen 
Schreiber bei der behandlung der übersetzten SQgur verfuhren; 
s. besonders cap. I, spec. s. xiv ff., sowie cap. VI (Om Flovents 
saga). — K. selbst hat in seinen älteren arbeiten das vor- 
kommen verschiedener isl. redactionen der nämlichen roman- 
tischen sagaübersetzung nicht verkannt; s. z. b. Elis s. (Heilbr. 
1881) s. XXV, wo er hervorhebt, dass die gemeinsame vorläge 
der liss. C und B der El. s. 'eine stellenweise durch einen Is- 
länder stark überarbeitete redaction der saga' repräsentiere, 
und wo auch die hs. D eine 'vielfach gekürzte und durch die 

*) Von mir gesperrt. 

^) Bezüglich seiner äusserungen auf a. 37 s, weiter unten, 



262 CEDERSCHIÖLD 

liand eines Isländers stark veränderte nnd versclilecliterte be- 
arbeitung einer alten hs.' sein soll (vgl. s. xxxviii a. a. o.), und 
s. XL sagt er wider, dass wir 'in C B und D nicht sowol andere 
hss. der saga vor uns haben, als vielmehr andere, stark über- 
arbeitete Versionen'. 

Auch nur durch das verschweigen der von mir beabsich- 
tigten beschränkung auf eine geAvisse redaction (nämlich der 
durch die hs. B repräsentierten) kann K. (s. 6) zwei meiner 
bemerkungen zum Variantenapparat in der Bev. s. als einander 
widersprechend bezeichnen, was sie freilich auch, aus ihrem 
Zusammenhang gerissen, scheinen können. Für den der den 
ganzen Zusammenhang an beiden stellen liest, dürfte es nicht 
schwierig sein, meine meinung zu erkennen; ich habe die von 
der hs. B repräsentierte redaction so vollständig wie nur mög- 
lich mitteilen wollen;') dahin gehört, dass ich aus anderen hss. 
(bes. der red. C) solche lesarten aufgenommen habe, die mir 
geeignet schienen, versehen in der red. B zu berichtigen (A'gl. 
FSS. s. LXiv). Aber da ich fand, dass die hs. C an und für 
sich von grossem werte war und meinem textcodex B relativ 
nahe stand, habe ich bezüglich der Bev. s. (wie auch der 
Konr. s.) die angegebene beschränkung meiner aufgäbe über- 
schritten und eine hauptsächlich vom nordisch -philologischen 
Standpunkte aus einigermassen vollständige Sammlung der 
abAveichenden lesarten der hs. C (ev. yö) sowie auch — was 
die Bev. s. betrifft — der fragmente A und D zu geben ge- 



') Eine consequeiiz dieser meiner absieht und zugleicli ein äusserer 
beweis derselben ist, dass ich den nanien der hauptperson in der von der 
hs. B (und zugleich von dem uorweg. diplom; vgl. FSS. s. ccxxxviii) ge- 
gebenen form Beters beibehalten habe, obgleich ich wol einsah, dass die 
form Bevis der hs. C ursprünglicher war, was ich auch ausdrücklich FSS. 
s. CCXLI gesagt habe. Dies hätte K. also nicht zu widerholen brauchen 
(s. 67). — Hätte ich gleich K. die fonn widerherzustellen gesucht, die am 
ehesten dem ursprünglichen (norw. oder) isl. texte augehört haben dürfte, 
so würde ich mich kaum mit der form Bevis begnügt, sondern mich eher 
für die form Beves entschieden haben. Für diese form spricht nämlich, 
teils dass sie den franz. formen näher steht, teils dass man gerade aus ihr 
alle die formen ableiten kann, die in den isl. hss. vorkommen. Die ent- 
wickelung wäre also: 1) Beves^ Bef(ii)es D, 2) Beves^ Bevis C, 'i) Beves 
> Bevess > Beters B, N. Dipl. (vgl. ßess "^ pers, ßessi ';;> persi u.s. w.), 
4) Beves >■ Bevus {Befus) >• Bievus (Biefus) papierhss. 



ÜEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 263 

sucht.') Und da es aucli von diesem gesiclitspunkt aus nicht 
eben leiclit war, die richtig-e grenze zwischen dem wichtigen 
und minder wichtigen zu ziehen, so äusserte ich s. ccxl in 
der anmerkung, dass ich vielleicht noch etwas ausführlicher 
hätte sein können. 

Beim eitleren meiner äusserung an der letztgenannten 
stelle sucht K. einen Widerspruch mit s. lxiv dadurch herbei- 
zuführen, dass er die worte: 'also nur diese' einschiebt; dies 
ist nicht berechtigt, wenn ich mich auch lieber ausführlicher 
und ohne die möglichkeit einer misdeutung hätte ausdrücken 
sollen. 2) 

Doch die hier zuletzt berührten Verhältnisse können wol 
von allzu privater natur scheinen, um ausführlicher hier be- 
handelt zu werden. Ich gehe daher zu fragen von allgemeiner 
bedeutung über. 

Wie soll man bei der Veröffentlichung einer ins (norwe- 
gische oder) isländische übersetzten saga verfahren, wenn 
diese in mehreren redactionen (handschriftklassen) vorliegt, 
von denen keine der eigene text des Übersetzers ist, sondern 
wo alle mehr oder weniger überarbeitet sind? 

]\[einerseits gebe ich gern zu, dass das von K. s. 3 — 5 
skizzierte verfahren principiell für das beste gehalten werden 
kann. Aber ich behaupte, dass auch ein anderes verfahren 
erlaubt und nützlich sein kann, und ich behaupte ferner, dass 
die art und weise, wie K. selbst von seinem princip gebrauch 
macht, viel zu wünschen übrig lässt. 

Es dürfte wol für selbstverständlich gelten, dass das 



') Das ganze material zu bieten, das möglicherweise zur vergleichung 
mit den franz. texten nötig werden könnte, hatte ich weder beabsichtigt, 
noch versprochen. 

*) In Verbindung liiennit möchte ich bemerken, dass K. aucli sonst 
nicht immer ganz loyal citiert; so z. b. vertauscht er oiine weiteres in der 
anm. zu s. 6 die worte: 'die unwesentlichsten' (also einen relativen aus- 
druck) mit 'ganz unwesentlich' (also einem absoluten ausdruck); — s. 61 
übersetzt er meinen ausdruck (s. ccxxxix) 'yanska (= ziemlich) noggrant 
afskrifna' mit 'ganz genaue abschriften ' ; — weniger bedeutend ist es, 
da88 K. s. 6 z. 7 mit den worten 'im werke selbst' meine worte i själfva 
cerket (= in der tat) widergibt; vgl. unmittelbar vorher (s. 5 anm.), wo K. 
versichert hat, dass er die citate aus meinem schwed. texte 'in mög- 
lichst genauer Übersetzung' gebe. 



264 CEDERSCHIÖLD 

lierausgeben ssicli ziemlicli verscliieden gestaltet, je iiaclidem 
das ausländische original der (norweg.-)isl. saga für den lieraus- 
geber vorhanden ist oder nicht. Der ausdruck 'original' wird 
dabei nicht ganz wörtlich genommen. Denn natürlich kann 
es kaum vorkommen, dass eben die ausländische (z. b. afranz.) 
hs., die dem nordischen Übersetzer vorgelegen hat, oder eine 
mit dieser hs. ganz übereinstimmende noch vorhanden ist ; aber 
man kann doch behaupten, dass man das 'original' besitzt, 
wenn dieses durch eine oder mehrere nahestehende hss. in 
derselben spräche repräsentiert wird. Alte Übersetzungen oder 
bearbeitungen in anderen sprachen können auch einigermassen 
das original repräsentieren, sind aber natürlich an und für 
sich weniger zuverlässige zeugen.') 

Also: besitzt man das fremde original einigermassen wol 
repräsentiert, so wird die kritische behandlung der nord. Über- 
setzung in hohem masse erleichtert. Man ist dann im stände — 
wie auch K. in seinem aufsatze getan — in einer menge von 
fällen zu entscheiden, was in den nord. texten ursprünglich 
ist oder nicht, wo ein redactor etwas hinzugefügt, ausgelassen 
oder umgestaltet hat, und man kann ein sichereres urteil über 
den verschiedenen grad von Zuverlässigkeit der einzelnen 
redactionen fällen. Auf der anderen seite können dann auch 
die nord. texte einen beitrag zur textkritik des ausländischen 
originales liefern. Mit einem wort: man hat dann mittel zur 
band, um zu entscheiden, welche Varianten der nord. redac- 
tionen von wert für die textkritik der Übersetzung und des 
originales sind und welche nicht. 

Aber wie viele soll man dann in den Variantenapparat 
seiner ausgäbe aufnehmen? Vielleicht bloss die welche man 
als für die textkritik wichtig befunden hat, mit hinzufiigung 
derjenigen die von nordisch -philologischem gesichtspunkt aus 
wirklichen wert haben? Oder alle? 

Herr K., der das grosse wort führt, dürfte wol durch seine 
behandlung der Bev. s. uns ein muster geben, wie die sache 
zu machen ist. Wir wollen daher sein verfahren untersuchen. 



*) Die engl, bearbeitungen von Sir Bevis, die mir 1878 im druck zu- 
gänglich waren, zeigten allzuviel abstand von den isl. texten, um allein 
bei der beurteilung der hss.-verhältnisse von besonderem nutzen zu seinj 
vgl. meine äusserung darüber FSS. s. ccxvi. 



UEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 2G5 

Folgende zahlen müssen vorausgeschickt werden. In meiner 
ausgäbe werden in den fussuoten ungefähr GOO vom texte ab- 
weichende lesarten verschiedener liss. (besonders von C und den 
diesem sehr nahestehenden 7 d) angeführt. Zu diesen fügt K. 
(s. 7 — 37) eine liste von solchen, die er ausserdem für nötig 
hält (wolgemerkt auch jetzt noch, nachdem das franz. original 
verglichen ist); diese liste bringt ungefähr 3000 Varianten. 
Aber von diesen 3000 sind es nach K.'s eigener berechnung 
(vgl. s. 52) nur 131, die K. auf grund der vergieichung mit 
den ausländischen texten (besonders den afranz.) für ursprüng- 
licher als die entsprechenden lesarten in meinem texte hält.') 

Nun, diese ungefähr 3000 ab weichungen von dem ge- 
druckten texte, die ich nach K.'s meinung mit unrecht aus 
meinem Variantenapparat ausgelassen habe, nennt er s. 7 
'sachliche ab weichungen'. Hierzu stimmt schlecht, was er 
s. 37 behauptet, nämlich: 'hier (d.h. bez. der Bev. s.) handelt 
es sich nicht um verschiedene bearbeitungen,^) sondern nur um 
verschiedene von einander unabhängige liss. desselben textes.' 

Ich kann nur annehmen, dass hier ein Widerspruch vor- 
liegt. ^^'enn nun 'sachliche ab weichungen' zwischen den hss. 
Bunde (bez. 7(^)3) an so vielen stellen existieren, und man 
trotzdem nicht berechtigt sein sollte, von verschiedenen redac- 
tionen zu sprechen, so müsste man ja schliessen, dass un- 
freiwillige Verderbnis des textes an allen diesen stellen 
in einer der hss. vorliegt; willkürliche und absichtliche 
abweichungen von der vorläge könnten es ja nicht sein, denn 
es sind ja eben solche, die (wenigstens wenn sie qualitativ 



') Die zalil l.'M düifte in Wirklichkeit allzu hoch gegriffen sein, wie 
nnten gezeigt werden wird, in welchem umfange übrigens K. richtig ge- 
rechnet hat, habe ich nicht nachgeprüft. Zufällig habe ich 'bemerkt, d^ss 
K. s. 48 no. 157 eine Variante als in meiner ausgäbe fehlend bezeichnet 
hat, die sich dort wirklich findet. 

'^) Dies ist die einzige stelle, die ich in K.'s aufsatz gefunden habe, 
die auf meine in den FSS. offen ausgesiirochene absieht, mich auf eine ge- 
wisse redaction zu beschränken, bezogen werden kann. Aber K.'s äusserung 
ist hier nicht gegen meine in den FSS. dargelegten principien, die conse- 
quent verschwiegen werden, sondern gegen einige worte Heinzeis (im Anz. 
fda. 11,1 30) gerichtet. 

■') Die mehrzahl sowol der üOü wie der 3000 betrifft eben das Ver- 
hältnis zwischen diesen h.ss. 



2G6 CEDEBSCHIÖLD 

oder quantitativ bedeutend sind) eine besondere redaction 
constituieren. 

Aber man brauclit die unterschiede zwischen B und C 
nicht lange zu mustern um zu begreifen, dass die grosse 
mehrzahl eben willkürlich und absichtlich ist. Und schon 
quantitativ scheinen sie mir hinlänglich bedeutend, um mein 
in den FSS. s. lxiv abgegebenes urteil zu begründen, nämlich 
dass C, obgleich B nahestehend, nicht als derselben redaction 
wie B angehörig bezeichnet werden kann. 

Der qualitative wert der ab weichungen ist indessen im 
allgemeinen gering,') zum teil so gering, dass es mir höchst 
merkwürdig scheint, dass K. so viel gewicht auf deren mit- 
teilung gelegt hat. Der leser mag selbst über den wert der 
folgenden 'sachlichen ab weichungen' urteilen, die ich aus 
K.'s nachtragen gesammelt habe; ich habe es nicht für nötig 
gehalten mehr als ein jjaar kleine stücke im anfang der saga 
und ein paar aus den Schlusspartien zu untersuchen, im ganzen 
ungefähr ein zehntel des ganzen textes. 

Den wichtigsten unterschied zwischen B und C (bez. y d), 
nämlich bezüglich des titeis, der Bevers' Stiefvater beigelegt 
wird, habe ich ausdrücklich hervorgehoben in FSS. ccxl und 
habe dabei mitgeteilt, dass der unterschied consequent durch- 
geführt wird. Nichtsdestoweniger notiert K. gewissenhaft jede 
stelle, wo die abweichung vorkommt (z. b. zu s. 209, 16. 20. 37. 
40. 210, 6. 10. 14. 15 u. s. w.). Wozu dies sonst dienen soll, als 
um das Verzeichnis desto länger zu machen und mein angeb- 
liches verschulden desto schwärzer hervortreten zu lassen, 
dürfte schwer zu begreifen sein. 

Aber sonst ist es ziemlich selten, dass die unterschiede 
zwischen den hss. solche sind, die verschiedene bedeutungen 
mit sich führen (wie man aus K.'s ausdruck 'sachliche ab- 
weichungen' schliessen sollte); besonders in K.'s nachtragen 
bilden diese eine verschwindende minderzahl. 



*) Wichtigere abweichwngen , wie z. b. absichtliche kürzimgen und 
Veränderungen mit bezug auf den inhalt, fehlen keineswegs (wie man aus 
den noten in FSS. und aus K.'s darstellungen ersehen kann), und sind 
natürlich in erster reihe von bedeutung, wenn es gilt, verschiedene 
rcdactionen festzustellen; aber sie sind verhältnismässig gering au zahl. 



ÜEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 267 

Was K. hauptsächlich zu meinem vanantenverzeichnis 
liiuzuzufügen liat, besteht in solchen ausdrücken, die mit dem 
gedruckten texte gleichbedeutend sind. 

Wenn eine person (bez. ein pferd, schwert u. s. w.), über 
dessen Identität der Zusammenhang nicht den mindesten zweifei 
erlaubt, entweder mit 1, namen oder 2. titel (bez. anderer 
appellativer bezeichnung) oder 3. sowol namen wie titel (bez. 
anderer appellativer bezeichnung) oder 4. nur pronomen be- 
zeichnet wird, so nimmt K. in seineu nachtragen die wechseln- 
den bezeichnungen auf; s. z. b. zu s. 209, 11. 18. 210, 2. 16. 44. 
52. 211.27. 216,27 u.s.w. Fortgesetzte vergleichungen zwischen 
den isl. und den ausländischen texten haben K. schliesslich 
darüber belehrt, dass, wie er am schluss von s. 60 zuzugeben 
genötigt ist, in dergleichen fällen 'auf das schwanken . . . 
wenig gewicht zu legen ist' — und das hätte K. wol im voraus 
wissen können, nachdem er sich so viele jähre lang mit isl. 
hss. beschäftigt hatte. Aber wenn er in diesem Zusammenhang 
(s. 60) behauptet, solche stellen in seinen nachtragen nicht auf- 
genommen zu haben, so ist dies nicht richtig; nicht genug 
damit, dass solche Varianten (wie wir eben gesehen) in der 
grossen Variantenliste (s. 7 — 37) besonders zahlreich sind,') 
selbst unter den 131 stellen, 'wo die lesart von C oder yd, 
bez. D oder A, sich durch vergleich mit den anderen Versionen 
als dem archetypus angehörig erweisen Hess,' die aber von 
mir nicht verzeichnet waren, sondern erst von K. hinzugefügt 
worden sind (vgl. K. s. 52), — selbst unter diesen stellen, w^o- 
rauf K. so viel gewicht legt, finden sich mehrere, die gerade 
der eben erwähnten kategorie angehören, s. z. b. die anmer- 
kungen 8. 66. 99. 114. 129. 136. 158. 166 auf s. 40 ff., vgl. 
ausserdem 79. 172. 

Von der grossen anzahl übriger gleichbedeutender, aber 
in bezug auf den ausdruck mehr oder weniger abweichender 
lesarten, die K. als 'sachliche ab weichungen' anführen zu 
müssen glaubt, will ich nur auf die folgenden hinweisen. 2) 



') In dieser liste dürften Varianten der genannten art sich bis auf 
ein oder mehrere hundert belaufen. 

*) Bei der anführung' isländischer textstellen normalisiere ich nach 
demselben princip, das K. s. 7 anm. befolgt zu haben behauptet, nämlich 



268 CEDEKSCHIÖLD 

Die synonymen ausdrücke hestr und ess werden in Bev. 
(wie sonst) proniiscue angewant; K. hat sich die mühe g-emacht, 
an einer menge stellen den Wechsel zu notieren; so z. b. die 
nachtragsliste zu s. 257 — 260. 

Den Wechsel zwischen den ganz gleichbedeutenden sem 
und er notiert K. s. 209, 24 210.4. 215.59 u.s.av., zwischen er 
und at s. 209,29.36.38. 210,2 u.s.w., zwischen Enn und Oh 
(einen neuen satz einleitend) s. 215, 41, zwischen den adverbien 
fijrri und fyrr s. 209, 18, zwischen den verneinenden adverbien 
eigi und ehU s. 215, 43, zv/ischen eda und edr s. 214, 51. 257, 31. 
258,13'); der Wechsel zwischen medal, milli, d milli, i milli 
wird s. 259, 13, zwischen möti und i möt s. 260, 13, zwischen 
Jbeima und pessttm s. 215, 46, zwischen den masc. nom.-formen 
eingtnn und eirnjl s. 215, 35, zwischen der umgelauteten form 
hJQpünn und der unumgelauteten hjaptinn s. 216, 7, zwischen 
dem altertümlichen (c/i) mcetta und dem jüngeren {elc) mcetü 
s. 216, 18 angemerkt, u.s.w.-) 

Angesichts solcher beispiele drängt sich einem die frage 
auf: wenn K. diese und ähnliche für 'sachliche ab weich ungen' 
hält, was versteht er dann unter formellen? Vielleicht nur 
die rein orthographischen? — Aber wir fahren fort. 

Abwechslungen in der Wortstellung, sogar die allergewöhn- 
lichsten, werden von K. angemerkt. So z. b. die Stellung des 
attributs vor oder nach seinem subst.: liest sinn oder sinn liest 
s. 216, 4 f., lid mikit oder mikit liö s. 216, 52, tvd riddara oder 
riddara tvd s. 214, 21 f., Jians liest oder liest lians s. 260, 24, vgl. 
s. 214, 41. 58. 215, 31. 216, 5. 260, 15. 24 u.s.w. 3) 



'in der allgemein üblichen weise'; mein resnltat wird zwar demjenigen K.'s 
recht unähnlich — aber das ist nicht meine schuld. 

•) An diesen stellen, und wahrscheinlich an vielen anderen, hat K. es 
sich augelegen sein lassen, dem leser die tatsache mitzuteilen, dass die 
jüngeren hss. (/, rf, IJ) die formen eör haben, während mein nach der älteren 
membrane B gedruckter text eöa hat; nur schade, dass er nicht zugleich 
mitgeteilt hat, dass das wort in membranen gewöhnlich abgekürzt ge- 
schrieben wird ('e.'). 

'^) Dass die relativpartikeln er oder at (gemäss dem jüngeren Sprach- 
gebrauch) in den jungen papierhss. yS fehlen, wird zu s. 212, 35. 213,25 
angemerkt, ebenso zu s. 211,45, dass yd die jüngere form kvinnu haben, 
Avährend B die ältere komi hat. 

^) Aber zu s. 209, 19 uuterlässt es K. darauf hinzuweisen, dass der 



UEBER DIE AI\SGABE DER BEVERS SAGA. 269 

Die Stellung des subj. vor oder nach dem praed. wird an- 
gemerkt s. 214, 58: er heitir Ilamtim oder er Hamtün heitir, 
s. 257. 421: Hann för mi oder För kann nit; die wechselnde 
Stellung des praed. und des adv. wird angemerkt s. 215, 26: 
Nu liÖa (svd fram shmdir) oder Liäa nü; vgl. s. 209, 8 f. (wo 
zwei adv. die Stellung miteinander tauschen), s. 215, 10 u.s.w. 

Manche der lesarten, die K. in seinen nachtragen auf- 
genommen hat, geht bloss darauf aus zu zeigen, wie weit das 
eine oder andere, gewöhnlich so gut wie bedeutungslose wört- 
chen sich in der einen oder andern hs. vorfindet. So z. b. wird 
s. 212,31. 39. 213,62. 214,63.64. 215,11. 260,19 u.s.w. ver- 
zeichnet, ob der nachsatz (apodosis) mit pd eingeleitet wird 
oder nicht. 

Eine andere grosse gruppe Varianten erhält K. dadurch, 
dass er verzeichnet, wie weit im erzählenden stile das praet. 
oder das praes. histor. angewant wird, z. b. s. 210, 2. 49. 57. 
211,3. 212,31. 214,28. 216,29. 257, 28. 260, 8. 9 u.s.w. 

Ein jeder der sich nur ein wenig mit isl. sagas (sei es 
originalen oder übersetzten) beschäftigt hat, weiss ganz genau, 
dass der in rede stehende tempuswechsel zu den allergewöhn- 
lichsten erscheinungen gehört, und versteht, dass dergleichen 
'Varianten' für solche von minimalem werte angesehen werden 
können. Aber noch unnötiger sind die 'Varianten' in folgendem 
fall: in meinem abdruck von B habe ich (wie ich ausdrück- 
lich in den FSS. s. lxxii gesagt) die in der hs. regelmässig 
vorkommenden zweideutigen abkürzungen fv. und /". mit 
praes ensformen (in der regel sing., also entweder st-arar oder 
se'^/ir) widergegeben; wenn nun zufällig eine der andern hss. 
ein ausgeschriebenes praet eritum hat, so wird dies von K. 
vermerkt, z. b. bei s. 211,1. 18. 215,8. 258,10 u.s.w.») 

"\^'enn eines unter den am häufigsten vorkommenden Sub- 
stantiven (z. b. konyr, jarl) in einer von den hss. ii-gendwo sich 
in bezug auf das Vorhandensein oder fehlen des angehängten 
artikels von den andern hss. unterscheidet, hat K. auch diese 
erscheinung verzeichnen zu müssen geglaubt. Irgend welche 



lesart von B: dottiir aina ein sina döttur in yd entspricht, zu s. 214,5b, 
dass auch D die Wortstellung möÖir min hat. 

') Dass A auf s. 257,41 sayöi schreibt, hat K. jedoch zu notieren 
vergessen. 



270 CEDERSCHTÖLD 

anleitung zur bestimmimg des ursprünglichen textes liefern 
indessen diese 'sachlichen abweichungen' nicht, denn in den 
älteren hss. wurden diese und ähnliche Wörter sehr oft durch 
eine abküizung ang-eg-eben, die nicht angab, ob eine form mit 
oder ohne artikel beabsichtigt war; vgl. FSS. s. lxxiii — v, wo 
ich auch mein eignes verfahren bei der widergabe derartiger 
abkürzungen auseinandergesetzt habe. K. hat wahrscheinlich 
die genannten selten meiner einleitnng nicht gelesen, sonst 
hätte er wol kaum seine liste mit solchen bemerkungen wie 
z.b. s. 210, 59. 211,1. 3 vermehrt, dass die papierhss. yd jarl 
schreiben; mein text hat zwar an diesen stellen jarlinn, aber 
da ich s. lxxiv anm. 3 bemerkt, dass die lis. B an den ge- 
nannten stellen (und vielen andern) die abkürzung j. zeigt, 
dürfen wol hier die abweichungen eher graphisch als sach- 
lich genannt werden. 

Wozu soll nun das aufzählen dieser und derartiger Varianten 
eigentlich dienen? 

Von wert für die reconstruction des ursprünglichen saga- 
textes und für die kritik der franz. texte könnten ja, gemäss 
K.'s eigener meinung, bloss eine geringe anzahl sein.') 

Aber auch für die beurteilung des Verhältnisses zwischen 
den isl, hss. untereinander müssen ähnliche abwechslungen, wie 
die hier oben angeführten, mit der grössten vorsieht behandelt 
werden. Von der mehrzahl derselben gilt ohne zweifei, was 
K. selbst in seiner vorrede zur Elis saga (s. xxvii — viii) über 
'abweichungen' äusserte, 'auf die die betr. abschreiber sehr 
leicht selbst gekommen sein können'; dahin gehören: 

a) abweichungen in der Wortfolge ...2); b) hinzufügung 
oder weglassung des artikels ...; c) an wendung verschiedener 

tempora ...; d) schwanken zwischen sing, und plur ; e) kleine 

ändei'ungen in der construction ...; f) Wechsel zwischen ge- 
bräuchlichen synonymen ...; g) hinzufügung von dem sinne 
nach naheliegenden Worten . . . ' 

1) Dass K. bei der bercchnimg- dieser anzalil reelit optimistisch ge- 
wesen, haben wir z. t. bereits gesehen nnd werden wir weiter nnten noch 
in einigen andern fällen nachweisen. 

2) Ich lasse K.'s beispiele aus; jeder der es wünscht, kann sich davon 
überzeugen, dass sie gleichartig mit denjenigen sind, die ich hier oben 
angeführt habe. 



UEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 271 

Hierauf gibt K. folgendes gesammturteil: 'es darf mit eiit- 
schiedenheit behauptet werden, dass alle derartigen Varianten 
unser urteil über das handschriftenverhältnis in keiner weise 
beeinflussen kiinnen.' 

Aus speciell nordisch-philologischem Interesse hat K. offen- 
bar eine solche niasse Varianten nicht aufnehmen wollen. A\Me 
ein nordischer philologe in derartigen fragen denkt, diirfte 
wol im allgemeinen bekannt sein; aber für den fall, dass ein 
zeuge verlangt wird, will ich einen herausgeber eitleren, dessen 
autorität nicht leicht verworfen werden dürfte, den docenten 
Plnnur Jonsson. 

In der vorrede zu seiner kritischen ausgäbe der Egils 
saga Skallagrimssonar (Kobenhavn 188G — 88) s. xxvi, sagt 
dieser: 'jeg [har] ikke eller meget sjaelden . . . taget liensyn 
til sädanne varianter, der kun bestär i, at ordene i en saetning 
er ordnede pa en forskellig mäde uden nogen sserlig syntak- 
tisk Interesse (f. ex. för kann f. kann för og lign.). Den slags 
varianter har sjaelden nogen videre betydning, og for Egilssagas 
vedkommende, savidt jeg har kunnet skönne, slet ingen . . . 
Heller ikke har jeg taget hensyn til sädanne varianter, som 
kun bestär i, at et ganske almindeligt ord stär for et ligesä 
almindeligt (f. ex. för f. feröaöiz el. geUi og lign.).' 

Und es ist zu bemerken, dass die Egils saga von nordisch- 
philologischem gesichtspunkt weit grössere bedeutung besitzt 
und in viel älteren hss. bewahrt ist als die Bev. s. 

Nun kann man zwar sagen: 'man kann nicht im voraus 
wissen, zur lösung welcher fragen eine zukünftige forschung 
material aus den hss. zu schöpfen gezwungen sein wird; denn 
diese hss. können leicht abhanden kommen oder zerstört wei'den; 
oder äussere Verhältnisse können, auch Avährend si^ noch vor- 
handen sind, viele forscher verhindern, sie direct zu benutzen. 
Es ist daher notwendig, dass, wenn eine saga (oder ein anderes 
literaturdenkmal) veröffentlicht wird, die lesarten der hss. 
(oder wenigstens der von einander unabhängigen hss.) so voll- 
ständig wie möglich veröffentlicht werden.' 

Dies raisonnement lautet ja sehr vernünftig, aber wir 
können es doch nicht ohne weiteres acceptieren. "Will man 
wirklich all das material liefern, das zukünftige forsciier für 
verschiedene (vielleicht noch nicht geahnte) zwecke möglicher- 



272 CEDERSCHIÖLD 

weise gebrauchen können, so muss man natürlicli auch für die 
Vorführung- aller orthographischen und graphischen 
Varianten sorgen (denn diese können für einige zwecke wich- 
tiger werden als 'sachliche abAveichungen'). und da findet sich 
kein anderer ausweg als der, möglichst genaue photographische 
abbildungen von allen betreffenden hss. zu liefern. Aber 
nicht einmal dies wäre ausreichend. Eine von den am sorg- 
fältigsten ausgeführten photographischen abbildungen, die wir 
von nordischen hss. haben, dürfte wol die abbildung der 
grossen Eddahs. sein, die Wimmer und F. Jönsson i. j, 1891 
veröffentlicht haben; am schluss ihrer einleitung (s. lxxv) 
heben die herausgeber hervor, dass ihre lange beschäftigung 
mit der arbeit sie gelehrt habe, dass keine widergabe je- 
mals das original vollständig wird ersetzen können. 
Der grund ist, dass die subjective auffassung des herausgebers 
immer einigermassen auf die beschaffenheit der abbildung ein- 
wirkt.') Selbst in dem falle dass die hss. photographiert 
werden, bleibt der leser von der genauigkeit, der einsieht und 
dem urteil des herausgebers abhängig. 

Gerade diese eigenschaften eines herausgebers sind am 
unentbehrlichsten bei jeder art von herausgäbe. Und diese 
eigenschaften zeigen sich nicht am wenigsten in dem ver- 
mögen des herausgebers, sich klar und bewusst zu beschrän- 
ken; er muss verstehen das wesentliche von dem unwesent- 
lichen zu unterscheiden; er muss nichts mit aufnehmen was 
für seine speciellen zwecke unnötig ist; er darf nicht das 
unnütze das nützliche verdecken lassen. So z. b. hat die eben- 
genannte Photographie der Eddahs. verschiedene zufällige flecke 
oder wegen der dünnheit des pergaments durch dieses sicht- 
bare buchstaben etc. nicht aufgenommen, die beim lesen 
störend wirken würden. ■•^) 

Nun muss wol auch K. einen speciellen zweck mit 
seinem aufsatz über die Bevers saga gehabt haben, denn 
nach allen selten über die hss. bescheid gegeben zu haben 
kann er nicht beanspruchen — : dazu fehlt allzu viel. Dass 



') Vgl. Arkiv für nordisk filologi 8, 19()tt'. 

*) Dass sie im commeiitar notiert werden, ist etwas anderes; dort 
tun sie keinen schaden. 



UEBEE DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 273 

es sein specieller zweck war, polemiscli gegen meine ausgäbe 
aufzutreten, wird er wol nicht einräumen wollen, und das 
wird Avol auch nicht der fall sein. Avenn es auch zuweilen so 
aussieht. Dagegen dürfte man K, nicht unrecht tun, wenn 
man aus seiner früheren Wirksamkeit, aus dem wertvollsten 
im vorliegenden aufsatz und vor allem aus der Zusammen- 
fassung, die K. selbst gegen ende der abhandlung s. 127 ff. 
macht, den schluss zieht, dass sein eigentlicher und spe- 
cieller zweck gewesen ist, das Verhältnis zwischen 
den isl. texten (bez. dem norw. — oder möglicherweise isl. 
— text, von dem sie abstammen) auf der einen seite, un'd 
den ausländischen (bes. den franz.) texten auf der andern 
Seite zu beleuchten. Aber welche massen von für diesen 
zweck nutzlosem, ja geradezu hinderlichem stoff häuft er nicht 
zusammen ! 

Für mich konnte natürlich der zweck nicht derselbe sein 
wie für K., da mir ja die franz. texte nicht zugänglich waren. 
Ich hätte daher unmöglich die beschränkung des Stoffes durch- 
führen können, die für K. leicht und ungesucht gewesen wäre, 
obgleich «er es verschmäht hat sie anzuwenden. Und da ich 
meine ausgäbe nicht mit einer masse solcher unnützer, will- 
kürlicher kleinigkeiten belasten wollte, die in der regel völlig 
bedeutungslos zu sein pflegen, befolgte ich (worauf ich so wol 
hier oben als schon in den FSS. hinwies) den plan, die redac- 
tion der ältesten erhaltenen hs. herauszugeben und erweiterte 
den plan insofern, als ich aus den andern redactionen (vor 
allem aus Cs) die abweichungen hinzufügte, die ich von meinem 
standi)unkt aus als 'sachliche' betrachtete. 

Nun meint K. (s. 4), dass ich unter solchen Verhältnissen 
(da die franz. texte mir nicht zugänglich waren) mich gar 
nicht mit der herausgäbe von Bev. hätte befassen sollen; und 
an mehreren stellen in seinem aufsatz bemüht er sich zu be- 
weisen, dass meine ausgäbe — wegen der beschränkung, die 
ich hinsichtlich des Variantenapparates beobachtet habe — 
gänzlich wertlos sei. 

Hierüber mögen andere urteilen I Ich fürchte nicht, dass 
unparteiische und vollauf comi)etente beurteiler ein so hartes 
urteil fällen. Meinesteils will ich nur, ehe ich zur nach- 
weisung verschiedener fehlerhafter und irreführender angaben 

Beiträge zur geschicUtc der doutsclicu Bprache. XXlIl. ]^ 



274 CEDERSCmÖLD 

in K.'s auf Satz übergehe (angaben, auf die er zum teil sein 
urteil über meine ausgäbe stützt), an einige Verhältnisse all- 
gemeinerer art erinnern. 

Zunächst ist es klar, dass, wenn die herausgäbe der 
Bev. s. aufgeschoben wäre, bis die franz. texte durch prof. 
Stimmings arbeit zugänglich geworden waren, Fritzner für 
die ausarbeitung der zweiten aufläge seines Wörterbuchs (deren 
Veröffentlichung bereits i. j. 1883 begann) schwerlich den text 
dieser saga auf eine solche weise hätte ausbeuten können, wie 
dies jetzt der fall gewesen ist. Durch vergleichung der ersten 
und zweiten aufläge des Wörterbuchs findet man leicht, dass F. 
für die erste bloss eine geringe anzahl excerpte aus den 
hss. B und 6 zur Verfügung hatte, dass er dagegen in seiner 
zweiten aufläge an einer grossen menge von stellen meinen 
text citiert. •) In briefen an mich (citiert FSS. lxxix) äusserte 
im übrigen Fr. selbst, dass er besonders viel für sein Wörter- 
buch aus den texten in den FSS. habe schöpfen können. 

Weiter: aus K.'s eignem aufsatz geht hervor, dass meine 
ausgäbe der Bev. s. und die einleitung zu den FSS. nicht ohne 
wert als Vorarbeit für K.'s eigne Untersuchungen gewesen ist. 

K. sagt (s. 64, anni. 1): 'die hs. B habe ich nicht nacli- 
verglichen.' Er hat somit nicht geglaubt auf die hs. zurück- 
gehen zu müssen, sondern meinen abdruck für völlig zuverlässig 
gehalten und der bequemlichkeit halber diesen an stelle der 
alten, teilweise etwas schwer lesbaren membran benutzt. Wenn 
nun meine ausgäbe in erster reihe gerade den zweck hatte, 
die redaction mitzuteilen, die durch die hs. B vertreten wird, 
so hat K. also indirect zugegeben, dass mir dies gelungen ist. 
Aber anstatt dankbar den vorteil anzuerkennen, den er von 
meiner ausgäbe gehabt, weiss er nur unfreundliches darüber 
zu sagen. 

Weiter: K. muss meine ausführungen (FSS. s. ccxxxviii f,) 
über die vier hss, AM, 179 und 181, fol, Kask 31, 4", Stockholm 
Chart. 4(3, fol., gebilligt haben, denn, soweit ich habe finden 
können, sagt er in seinem aufsatz kein wort über deren 



1) K.'s behauptung (s. 63), dass meine ausgäbe für lexikograpbeu unzu- 
reichend sei, wird weiter unten nach ihrem richtigen geluilt beleuchtet 
werden; ich werde an derselben stelle etwas auf K.'s behauptung (s. 03 f.) 
von der Unzulänglichkeit für grammatiker zu antworten haben. 



UEBER DIE AUSGARE DER BEVERS SAGA. 275 

bescliaffenlieit. Es muss doch, wenigstens einigermassen, eine 
erleichterung für K. gewesen sein, über diese liss. nicht zu 
bericliten zu brauchen. 

Bloss in einer hinsiclit hat K. (s. 64) anerkennen wollen, 
dass ich in meiner ausgäbe eine Vorarbeit zur bestimmung des 
'verhalten[s] des sagaschreibers zu seiner vorläge' geliefert habe, 
nämlich durch die in der einleitung zu den FSS. (s. vii — xxxiii) 
gemachte Zusammenstellung von formelhaften Wendungen, 
Schilderungen u. dergl., entnommen aus romantischen sagas 
(Übersetzungen oder freieren bearbeitungen von ausländischen 
originalen). — Aber ich muss mich dagegen verwahren, dass 
K. (s. 64) sagt, diese Sammlung sei 'nur einer kleineren aus- 
wahl von texten entnommen'. Wie man aus FSS. s. iv anm. 2 
sieht, ist die Sammlung nach sechs zehn romantischen sagas 
gearbeitet, darunter der ganzen Karlamagnus saga: die ge- 
sammte Seitenzahl des (norw.-) isl. textes in diesen sagas be- 
trägt 1443. Eine besonders grosse Vermehrung der quellen 
hat K. dui'ch diejenigen nicht zu stände gebracht, die er s. 64 
anm. 2 (vgl. s. 65) als von ihm weiter excerpiert anführt. ') 

Weiter hat K. (s. 128) nicht umhin können, die folgerung 
über das alter der Bev. s. anzuerkennen, die ich aus meinen 
Untersuchungen über die stereotypen gezogen habe. Auch den 
Zusammenhang, den ich zwischen der Bev. s. und der erzählung 
von Olif und Landres nachgewiesen habe, erkennt K. s. 128 
an, wenn er auch, durch das Studium der franz. texte belehrt, 
über diesen Zusammenhang etwas mehr zu sagen weiss. 2) 



1) In seine liste ist die pjalar-J6ns saga aufgenommen, die aber 
als 'Ij'gisaga' (vgl. FSS. s. clxvi) wol kaum verglichen zu werden verdient 
hätte; dasselbe gilt wahrscheinlich von der Samsonar saga fagra (vgl. 
Versious nordiques etc. s. 90 f. ; was die Islenzk peventyri betrifft (die un- 
gefähr gleichzeitig mit cap. I der einleitung der FSS. veröffentlicht wurden), 
so ist nur ein kleinerer teil dieser texte im stil mit den romantischen 
sagas zu vergleichen. K. hat im übrigen seine ergänzungsliste dadurch 
vervollständigt, dass er vier nummern aufgenommen hat, die bereits zu 
meiner liste gehtirten : Möttuls saga, Olif ok Landres (als teil der Karla- 
magnus s.), Partalopa saga, Valvers ]?ättr. 

'^) Meine Vermutung (FSS. ccxvi f.), dass Bev. aus dem französischen 
übersetzt sei, hat sich seit dem zugänglichwerden der franz. hss. als richtig 
erwiesen. Indessen will K. (s. 113 f.) den versuch nicht anerkennen , den 
ich (a. a. 0.) gemacht habe , das vorkommen des wertes Frunzeisar in der 

1&* 



276 CEDERSCHIÖLD 

Facile est inventis addere ist jedoch eine Sentenz, deren 
berechtigung K. einigermassen hätte anerkennen sollen. Auch 
einer anderen sentenz humanen inhalts: mishunnar imm hverr 
d sinn mdli J)urfa, hätte sich K. erinnern können, zumal er 
(s. 63f.) sich anstrengt zu beweisen, dass meine ausgäbe von 
Bev. wissenschaftlichen lesern keineswegs genüge leisten 
könne. Denn genau genommen dürfte auch K.'s aufsatz den 
ansprüchen der Wissenschaft nicht genügen. Hier wie in 
seinen früheren arbeiten ist K. nämlich zu sehr geneigt zu 
übersehen, dass wissenschaftlichkeit Zuverlässigkeit und ge- 
nauigkeit — oder wie K. es selbst etwas spöttisch nennt: 
akribie — erfordert. Obgleich sich meine Untersuchung nur 
auf einen kleineren teil der angaben K.'s bezieht, liabe ich 
doch eine verhältnismässig grosse anzahl fehler in seinem 
aufsatz entdeckt. 



saga s. 2R3, 20. 24 psychologisch zu erklären. Gegen K.'s eigene erklärungs- 
weise will ich bemerken, dass während meine erklärung ans einer hypo- 
these bestand, K.'s aus dreien besteht, von denen jede folgende mit der 
vorausgehenden fällt. Ich will meine bedenken gegen eine jede derselben 
vorbringen: 1) dass C'm7e = Sevilla, ist zwar nicht unmöglich, aber durch- 
aus nicht gewiss (vgl. 'sicherlich' K.); die geographie ist ja sonst in der 
erzählung sehr phantastisch ; 2) auch wenn Civile = Sevilla, so ist es des- 
halb noch nicht wahrscheinlich, dass die bewohner dieser stadt und ihrer 
Umgegend von dem Verfasser der erzählung (ca. 1250?) für Franzosen 
gehalten worden und so genannt wären; wenigstens erscheint Civile con- 
sequent als ein selbständiges reich, welches von einer 'Jungfrau' regiert 
wird und in keiner Verbindung mit Frankreich steht. Ob wirklich, wie K. 
(s. l]3f.) annimmt, das vorkommen von Frangois in dem franz. gedieht 
V. 3158 einen tatsächlichen beleg für seine hypothese bildet, kann ich nicht 
beurteilen, da ich die franz. stelle nicht im Zusammenhang gesehen habe 
(dass ich nicht die ' hülfstruppen ' aus Civile, wie K. s. 114 sagt, 'vergesse', 
zeigen meine eigenen worte die K. übersetzt); 3) auch wenn die 15000 
mann aus Civile welche unter der anführung Terris am kämpfe gegen die 
beiden teilnahmen, vom Verfasser als Franzosen betrachtet worden wären, 
so handelt es sich doch s. 203, 20. 24 keineswegs lim Terri und seine leute; 
im gegenteil wird in diesem Zusammenhang der junge könig von Ägj'pten 
Guion (z. 14) erwähnt und gleich darauf sein vater, Bevers selbst, der min- 
destens sieben jähre (s. 258, 34) bei dem söhne in Ägypten geweilt hat. Es 
erscheint mir demnach immer noch als das wahrscheinlichste, dass der Ver- 
fasser bei den kämpfen zwischen Christen und beiden (= Muhammedaneru) 
im Orient die Christen ohne weiteres mit den Franzosen ('Franken') iden- 
tificiert. Reminiscenzen aus den berichten über die historischen kreuzzüge 
konnten dieser Verwechslung ja auch eine gewisse berechtigung geben. 



UEBEK DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 2t t 

Ich will nun einige einzelbemerkungen gegen K.'s aufsatz 
machen und bekomme so zugleich gelegenheit einiges auf diesen 
oder jenen der von K. gegen mich gerichteten angriffe zu ent- 
gegnen. Aber ich betone ausdi-ücklich. dass ich es weder für 
nötig noch geeignet halte, in diesen meinen bemerkungen Voll- 
ständigkeit anzustreben. ') 

Sollte es sich als wünschenswert oder notwendig erweisen, 
so kann ich oder ein anderer ohne Schwierigkeit eine ebenso 
grosse (oder eher noch grössere) liste von fehlem aufstellen. 

Zuerst muss ich auf einige mängel in der von K. angefer- 
tigten liste von Zusätzen zu meinem Variantenapparat hinweisen. 
Nur etwa den zehnten teil dieser liste habe ich mit den 
hss. verglichen; die anzalil stellen jedoch, wo K. entweder 
falsch gelesen oder die angaben incorrect formuliert 
oder solche ausgelassen hat. die er, um consequent zu sein, 
hätte mitberücksichtigen sollen, ist nicht so ganz gering.'^) 

200, 4 7 d sollen nach K.'s angäbe die lesart haben hanu 
hafdi ■imdir unnit oh lagt; tatsächlich haben yö Jiann haföi 
undir sik unnit ok lagt. 6 riddari om. yö (von K. nicht ver- 
merkt). 36 ö hat wahrscheinlich nicht nü (wie K. angibt), 
sondern mJQk (geschrieben mi<^). 213, 60 shuld D (von K. nicht 
vermerkt). 65 hann D (nicht hans, wie K. behauptet). 214, 19 
skuld D (von K. nicht vermerkt). 26 hcemi {^UcemV) D (nicht 
kcemiz, wie K. vorgibt). 42 K.'s angäbe, dass D en htm hin- 
zufüge (zu B.'s Worten er hdöi rar), ist fehlerhaft; D hat cu 
him var bceöi. 45 tmer add. D (nach K.'s formulierung der 
lesart von D erhält man die bestimmte angäbe, dass moer fehlt). 



Besonders muss ich noch darauf liinweisen, dass die einzelbemer- 
kungen welche K. gegen meine ausgäbe gemacht hat, von mir deswegen 
durchaus nicht als ganz oder teilweise begründet anerkannt werden, weil 
ich hier nichts zn ihrer entgegnung anführe. Wie ich schon am anfaug 
dieses meines aufsatzes angedeutet habe, fehlte es mir an zeit, den ganzen 
Stoff durchzunehmen (es ist dies nur mit einem kleinen teil geschehen); 
ausserdem würde die erörterung verschiedener einzelfragen in dieser zs. 
mehr räum erfordern als ich beanspruchen kann. Ich muss mich liier auf 
beispiele beschränken. 

^) Einige derartige fehler, die von mir schon oben in einem andern 
Zusammenhang vermerkt worden sind, übergehe ich hier. 



278 CEDEESCHIÖLD 

215,4 tu om. yd D (nach K.: om. yö B).i) 13 horin om. D 
(von K. nicht vermerkt). 14 ydvart D (von K. nicht vermerkt). 
31 i köngs kird om. D (von K. nicht vermerkt). 30 C hat 
nicht, wie K. angibt, nur at Jnirfti, sondern at JnirfÜ at. 
39 land D (von K. nicht vermerkt). 216, IG Jwat T) (von K. 
nicht vermerkt). Icenipa D (nicht shepna, Avie K. behauptet). 
17 i\ Ok D (von K. nicht vermerkt). 28 ok add. D (^ C; 
von K. nicht vermerkt). 31 J)at add. D (= C; von K. nicht 
vermerkt). 39 sd C (nicht sau, wie K. behauptet). 43 fd] 
nd D (von K. nicht vermerkt). 257, 51 ok] Hann A (von K. 
nicht vermerkt). 258, 1 varä\ nü mjgk add. A (nicht nur mjißc, 
wie K. angibt). 10 « sunär add. A (von K. nicht vermerkt). 
26 i hrottu om. A (von K. nicht vermerkt). 27 segir hann 
om. A (von K. nicht vermerkt). 32 Munkhrank A (von K. 
nicht vermerkt). 259, 7 sjd] hestinn add. A (von K. nicht ver- 
merkt). (18 7>«] ok A, aber undeutlich; K. liest 7jem) (19 liuerr] 
hvat manna A, aber undeutlich; K. liest hvat tnamii.) 25 hann] 
köngrinn A (von K. nicht vermerkt). 26 svd reidr, at A (nicht 
svd reidr, svd at, wie es nach K.'s angäbe sein müsste). 34 Nü 
tök hann A (von K. nicht vermerkt). 37 J)d nött] nöttina A 
(von K. nicht vermerkt). 43 Ok einn A (= /d; nicht Einn, 
wie K. behauptet). (261, 1 f. K.'s angäbe betreffs der lesart 
in A scheint nicht richtig zu sein; statt hinn dr\epa], wie 
K. angibt, lese ich: hinutn [ült?] gera.) — Dies ist doch eine 
nicht ganz kurze liste, besonders wenn es sich nur um ein 
zehntel des textes handelt. 

Die von K. vergessenen Varianten, die ich hier oben auf- 
gezählt habe, gehören zwar zu denjenigen welche für mich 
keinen wert haben, aber von seinem Standpunkte hätte K. 
diese ebensogut anführen sollen, wie er es mit hunderten von 
anderen derselben art getan hat. Schlimmer ist schon, wenn er 
(wie bei s.209,4. 213,65. 214,26. 42. 45. 215,36. 258,1. 259,26. 43) 
den leser durch fehlerhafte oder falsch formulierte mitteilungen 
irreleitet; am schlimmsten aber ist der fehler bei s. 216, 16, wo 
er behauptet, dass die schlechte lesart in C skepna (übrigens 
in C undeutlich geschrieben) auch D angehören solle. 



*) Gewiss ein handgreiflicher dnickfehler , aber K. (s. 64anra. 1) ver- 
merkt auch einen solchen {ßeir statt picr). 



ÜEBER DIE AUSGABE DER BEVEIiS SAGA. 279 

Andrerseits geht K. in seinem eifer bisweilen so weit, 
dass er in seiner zusatzliste Varianten aufnimmt, die in meinen 
fussnoten schon angeführt Avorden waren. So hätte er z. b. 
s. 259, 13 nicht zu bemerken brauchen, dass die lesart priksta- 
finn in yd vorkommt; das habe ich schon in anm. 7 (zu s. 259) 
mitgeteilt, und ich bin insofern exacter als K. gewesen, als ich 
die Schreibweise in 7, welche vielleicht als pilcstafinn gedeutet 
werden kann, angegeben habe. 

K. sagt (8. 37), er habe umsonst nach bestimmten kritischen 
grundsätzen für aufnähme oder verschweigung der einzelnen 
Varianten in meiner ausgäbe gesucht. Ich bezweifle nun keines- 
wegs, dass es anderen nicht an der fähigkeit (oder dem guten 
willen) gebricht, meine grundsätze in dieser beziehung zu er- 
kennen. Aber besondere aufmerksamkeit verdienen doch teil- 
weise die beispiele, mit denen K. seine behauptung be- 
legen will. 

Da sich, wie bekannt, mit völliger Sicherheit von den 
Varianten keine aus wähl treffen lässt und die grenzen immer 
eiuigermassen fliessend bleiben müssen, so scheint es, als ob 
K., wenn er seinen lesern die sache mit einigen wenigen bei- 
spielen beleuchten wollte, leichtes spiel haben müsste. Aber 
wenn K.'s tendenz auch aus seiner beispielsammlung erhellt 
(denn er hält sich am liebsten an die grenzgebiete) und er 
auch seine beispiele natürlich durchaus nicht so gewählt hat, 
wie ich oder ein wolwollender beurt eiler sie wählen würde, 
um meine grundsätze am besten zu beleuchten, so verrät er 
doch bei der wähl einiger beispiele eine Unkenntnis des (nor- 
wegischen und) isländischen Sprachgebrauchs, die bemerkt 
werden muss, da sie sonst irreführen könnte. 

Eine so gleichgiltige und unbedeutende abwechslung ganz 
gewöhnlicher synonyme wie drla\ snemmu, liardlu] stötiiga, 
hestr] ess hält K. für ebenso wichtig wie z. b. folgendes: 

231,64 hat mein textcodex (B) forrcd; der gebrauch des 
verbs forruöa ist in einer so alten isländischen lis. beson- 
ders auffallend (vgl. Fritzners Wörterbuch, Yigfussons Dict.); 
entweder stammt es aus einem norwegischen archet3'pus, 
oder auch, wenn es als isländisch zu gelten hat (zuerst ge- 
braucht von dem Schreiber von B oder sogar von seiner 
nächsten vorläge), ist die stelle merkwürdig als ältester beleg 



280 CEDERSCHIÖLD 

für das vorkommen des Wortes im isländisclieii; jedenfalls lag 
mir daran darauf hinzuweisen, dass forrcö in der hs. C nicht 
vorkommt, sondern dass diese hs. das gewöhnliche isl. wort 
sveih hat, 232, 53 hat B Bihilant^ hröölr ydvarr, var ])ar 
(d, h. i Icastdlanum Äbilant) inui Icestr oh allt lians f6lh\ inni 
Icesa bedeutet liier 'cernieren', ein gebrauch des verbs, wie 
ich ihn an keiner anderen stelle gefunden habe; und da B 
an der entsprechenden stelle vorher (232, 31) luJdr hat, d. h. 
den ausdruck den man am ehesten auch 232, 53 erwartet hätte, 
so dient der hinweis darauf, dass hildr die lesart von C an 
der letzteren stelle ist, dazu, die autorität der überraschenden 
lesart Iccstr zu schwächen.') 

Auch in anderen fällen ist K. mit seinen beweisen für 
meine vermeintliche principienlosigkeit weniger glücklich. Ob- 
gleich er (s. 38) erwähnt, dass ich für den abschnitt, wo auch 
A zur Verfügung steht (s. 257 — 60), erheblich reichere Varianten 
mitteile [natürlich weil das fragment A das älteste ist, was 
vom hss,-material der saga aufbewahrt geblieben ist], so wun- 
dert er sich doch kurz vorher (s, 37) darüber, dass ich gerade 
auf den genannten selten solche Varianten anführe, die ich 
sonst übergehe. — Und wenn es sich darum handelt, ob Ivo- 
rius 15 oder 12 unterkönige hatte und ob das gefolge Bran- 
damons aus 300 oder 4000 mann bestand, so dürften das doch 
wol Varianten von grösserer bedeutung sein, als bei der frage 
dai^nach, ob Bevers 11 oder 12 ritter angriffen. 

K. führt (s. 38) drei stellen in meiner ausgäbe an, wo ich 
durch zu grosse knappheit (oder unvollständige formulierung) 
in meinem Variantenapparat 'den arglosen benutzer irreführe". 
Ich bedaure diese irrtümer sehr und brauche zu meiner ent- 
schuldigung wol nur anzuführen, dass sich solche irrtümer 
leicht einschleichen können. In dem zehntel der zusatzliste 
K.'s, welches ich soeben untersucht habe, habe ich neun solcher 



') Was den Wechsel von järnvidjum] järnrekendiim betriift, sei daran 
erinnert, dass beide Wörter von besonderem interesse sind — järnridjar 
eigentlich eine katachresis, järnrekcndr durch flexion — und dass keines 
von diesen beiden werten so allgemein vorkommt, dass der hinweis auf 
ihren synonymen gebrauch unnötig erscheinen könnte. Die anführnng der 
Variante pälmari \o\i jnlagrmr ist offenbar dadurch motiviert, d&ss jiälmari 
weniger in dieser bedeutung vorkommt. 



UEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 281 

felller nachgewiesen. Lächerlich ist es aber, dass K. betreffs 
einer der drei stellen, bei denen er meine nachlässigkeit tadelt, 
selbst den nämlichen fehler begeht. Nach meiner angäbe in 
anm. 14 zu s. 257 hätten Xyd die Avortfolge: sem sjdlfr vilt Jm 
hufa; und K. behauptet, dass A/d die Wortfolge haben: scm 
pi( vilt sjdJfr hafa. Tatsache ist aber, dass wir beide verall- 
gemeinert haben: die von mir angegebene Avortfolge gehört 
Avirklich der alten pergamenths. A an, die von K. angeführte 
dagegen den jüngeren papierhss. yd. Sein befremden über 
•die bemerkenswerte Wortstellung', welche A hier bietet, mag 
K. also selbst verantworten; wenn er das citat aus der Tröju- 
mannasaga, welches er in seinem aufsatz s. 117 anführt (srd 
mikit fc, scm sjdlfr hann vill), verglichen hätte, so wäre sein 
befremden vielleicht geringer gewesen. 

K."s listen (s. 40 — 60) der stellen wo diese oder jene hs. 
mit den franz. (bez. engl, oder celt.) texten näher überein- 
stimmt, würden wahrscheinlich bedeutend modificiert werden, 
wenn sie einer gründlichen revision unterzogen würden. Schon 
oben habe ich darauf hingewiesen, dass K. (trotz seines Vor- 
behaltes auf s. 60) "das schwanken zwischen eigennamen bez. 
titeln . . . und i)ersonal[)ronominibus der dritten person oder 
sonstigen allgemeinen bezeichnungen' oft als beweiskräftig 
anführt. Aber der leser findet leicht, dass auch andere ziem- 
lich unwesentliche Wechsel zwischen den isl. liss. (abweichungen, 
wie sie sich jeder Schreiber in älterer zeit zu erlauben pflegte) 
als beweise gelten dürfen; daher wird einem der wert von 
bemerkungen wie z. b. auf s. 40 ff. no. 2. 6. 9. 23. 26. 45. 89. 
134. 137. 142. 144. 150. 162. 171. 205. 206 recht zweifelhaft. 

Völlig verunglückt dürften K.'s 'beweise' aber in folgenden 
fällen sein. 

No. 20 behauptet K., dass die lesart dylja yd dem ccler 
des französischen textes besser entspricht als sijnja B; er hat 
übersehen, dass die beiden isl. verben in der hier angewanten 
construction (mit object-nebensatz) ganz synonym sind (vgl. 
z. b. Fritzner). — No. 25 sagt K. von der lesart in I): hdls- 
hQijgva, sie sei 'eine genaue Übersetzung vom franz. v. 324 
decoler; die anderen hss. haben das seltene wort in verschie- 
dener weise geändert'. B hat jedoch ho<j(jvu, was eine ebenso 
'genaue Übersetzung' ist, wie halshggyva, wenn es die hier 



OÖ-7 



CEDERSCHIÖLD 



vorkommende constructiou (blosses personalobject im acc.) hat; 
vgl. Fritzner 22, 176. — No. 73. Wenn K. behauptet, dass 
(Iniga üt sceröit dem franz. trere le hrauuc besser entspricht 
als hregda sinu svcröi B, so muss er wol (weil er zugleich das 
engl, is swerd out teilte citiert) meinen, dass draga üt besser 
als hn'(jöa dem trere (=^ talce out) entspreche. ^\'eiss K. denn 
nicht, dass draga üt und hregda völlig synon3'm sind? Der 
unterscliied ist nur der, dass hregda der allgemeinere und 
ältere ausdruck ist. ■ — Xo. 7(5. Wenn sich K. vorstellt, dass 
Xnnnar C dem franz. inkcs besser entspricht als pilur B, so 
kommt das wol daher, dass er nur von Vigfussons (unvoll- 
ständigen) angaben über püa kenntnis genommen, aber nicht 
bei Fritzner 2 oder in Jon porkelssons Suppl. 2 nachgesehen 
hat ; dass er vom gebrauch auf die bedeutung schliessen könne, 
wie es diese beiden lexikographen getan haben, wäre wol zu 
viel verlangt. 

Ob einige der bei K. s. 52 — 60 vorkommenden bemerkungen 
(wie die hier oben von s. 41 und 44 angeführten) von seiner 
ungenügenden kenntnis des (norwegisch-) isländischen stammen, 
habe ich nicht untersucht. 

Ich komme nun zu K.'s versuch (s. 63), zu beweisen, dass 
meine ausgäbe für lexikalische zwecke nicht hinreichend 
sei. 'Der lexikograph', sagt K., 'hat Ursache, sich zu beklagen, 
dem der herausgeber u. a. folgende ccjtag Xeyögtva oder wenig- 
stens sonst selten vorkonmiende worte in C verschwiegen hat', 
und dann folgt eine liste von 12 Wörtern. 

Diese behaui)tung K.'s und sein beweismaterial sind in 
hohem grade beachtensAvert; es ist wirklich der mühe wert 
dieselben zu untersuchen. 

Zunächst findet man durch vergleich mit K.'s eigner zusatz- 
liste, dass von den 12 Wörtern nicht weniger als 8') gar nicht 
der hs. C, sondern vielmehr den papierhss. yd (einer oder 
beiden) entnommen sind. Dies ist ja schlimm genug — aber 
vielleicht ist in K.'s aufsatz 'in C nur ein druckfehler statt 
'in 7, 6 oder C? 

Und wie verhält es sich mit der grossen Seltenheit der 

') einvirdätga, fgÖurarfr, hjartanliga, ncerMoeÜi, smänarligr, ühvän- 
gaÖr, väpnagangr, vcegÖarlauss. 



UEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 283 

von K. aufg-ezälilten 12 Wörter? Von vornherein muss man 
ja staunen über die ausserordentliche gek^hrsamkeit, auf wekdie 
K. anspruch machen muss, um eine solche behauptung wagen 
zu dürfen. Sonst ist noch kein nordischer philologe im stände 
gewesen, eine so positive angäbe zu machen, eine so grosse 
anzahl Wörter, welche so jungen prosatexten entnommen, und 
ausserdem (so gut wie alle) Zusammensetzungen oder ableitungen 
von ganz gewCdinlichen einfachen Wörtern sind, seien '«jr«^ 
Xtyöf/n'a oder wenigstens selten vorkommend'. 

Zur beurteihmg solcher Verhältnisse reichen natürlich, wie. 
jeder nordische philologe weiss, die Wörterbücher nicht aus; 
dieselben sind ja schon in bezug auf die gedruckte literatur 
sehr unvollständig und nehmen nur ausnahmsweise auf die 
vielen isl. texte rücksicht, welche noch ungedruckt sind; 
ebensowenig hat man recht zu behaupten, dass unsere Wörter- 
bücher die Wörter des heutigen isländischen aufnehmen, welche 
aus alter zeit stammen, obgleich sie zufällig nicht gedruckt 
oder geschrieben auftreten. 

So eine ganz ausserordentliche kenntnis der gedruckten 
und ungedruckten quellen, sowie des heutigen isländischen, die 
erforderlich wäre, um die Wörterbücher vervollständigen zu 
können — besitzt K. wirklich eine solche? nein, er hat es, 
wie wir sehen werden, nicht einmal verstanden, von allen an- 
gaben der Wörterbücher vollständig kenntnis zu nehmen. Und 
er liat eine so geringe erfahrung im gebrauch der Wörter- 
bücher, dass er z. b. dröttinsvihi und f\)durarfr als 'selten' an- 
führt, obgleich er selbst von beiden sagt, sie seien vorher schon 
'viermal belegt'! Diese beiden Wörter sind ja zusammengesetzt 
aus wolbekannten bestandteilen, deren bedeutung völlig klar 
und ohne Wechsel ist; unter solchen umständen pflegt weder 
Fritzner noch Vigfusson mehr als ein paar belegstellen anzu- 
führen; wer glaubt, dadurch sei bewiesen, dass das wort in 
der literatur nicht öfter vorkomme, der zeigt nur seine eigene 
Unwissenheit. •) 

A'on besonders grossem Interesse wäre es, zu erfahren, 
welche von diesen Wörtern K. als ajra§ Xeyöfitva betrachtet 



«) Das wort drötihisviki kommt z. b. vor FSS. 47, 16. 68, 36 (vgl. 
anm. 23;. 



284 CEDERSCHIÖLD 

hat; nach seinen einleitenden Worten erwartet man, dass die 
mehrzalil der Wörter, die er anfülirt, äjta^ Xhyö^ifva sein sollten, 
d. h. dass manches von ihnen vorher ganz unbekannt sein solle 
und nur an der stelle in hs. C [oder richtiger: C,7,d] zu treffen 
sei, welche er citiert. 

Man ist daher erstaunt, zu finden, dass er sich gleich selbst 
widerlegt, da er sie offenbar in den Wörterbüchern alle auf- 
gefunden hat ausser einem — hjartanliga — welches sich 
übrigens nicht in C, sondern in yd findet. Und leider kann 
K. auch diesem einzigen nicht das teure recht vindicieren, 
äjiu^ Xi-yöf/tvov zu sein: Jon porkelsson, Suppl. 2, führt zwei 
belegstellen an aus den jähren 1599 und 1601 (also ältere als 
yd); derselbe Verfasser hat im Suppl. 3 drei beispiele für das 
wort aus neuester zeit; ferner treffen wir das wort an bei 
Gislason (dänisch -isländisches Wörterbuch unter hjcrtelig), bei 
Erik Jonsson, sowie sogar bei Yigfusson. 

Das wort ühvmigaör scheint K. (zwar nicht als ein äji. 
Xty., aber) als ein ölg Zty. hinstellen zu wollen, da er zu ver- 
stehen gibt, dass sich das wort ausser in Bev. (yd, nicht C) 
nur einmal nachweisen lasse: ^bei Vigf. einmal belegt'. Jedem, 
welcher einige isländische sagas gelesen hat, kommt die an- 
gäbe, ükvdngadr solle so äusserst selten sein, ohne zweifei sehr 
überraschend. Aber weshalb verschweigt K. das wort welches 
Vigf. unmittelbar nach der belegstelle hinzufügt: 'passim^'^ 
Wenn K. die sache auch besser beurteilen zu können glaubt, 
als Vigf., so hätte er die äusserung Vigfussons doch loyaler- 
weise mitteilen müssen. Uebrigens hätte K. das wort bei L. 
Larsson, Ordförrädet i de älsta isl. liss. zweimal aus dem Stock- 
holmer Homilienbuch citiert finden können. 

Ueber die anderen acht Wörter werde ich mich kürzer 
fassen. 

hrddllgr, vgl. Erik Jonsson. — einvirdiliga oder einviröu- 
liga, vgl. Björn Halldörsson, Erik Jonsson, Vigfusson, Isl. ?even- 
tyri (Glossar), dürfte 262,6 {yd) nicht bedeuten 'im einzelnen, 
besonders', sondern 'mit fleiss, genau' (= vandliga B); vgl. 
übrigens innvirdlliga {-dul-). — hreystiverk, vgl. Björn Halldorss., 
Erik Jonsson. — ncerklcedi {yö) ist wahrscheinlich eine corruptel 
der vorläge (vgl. var Tdoedi BC); oder hält es K. für wahrschein- 
lich, dass Bevers dem gesanten der prinzessin seine unter- 



UEBER DIE AUSGABE DER BEVERS SAGA. 285 

kleider geben und dieser sie dann (vg-l. 221,3 — 5) der Prin- 
zessin vorzeigen würde? Karllcedi ist übrigens nicht 'nur bei 
B.Halldurss. erwälint', vgl. Erik Jonsson; Jon porkelsson, Suppl.3. 
— skadligy, vgl. Björn Halldurs., Erik Jonsson; vgl. auch sla- 
Öaligr. — smdnarligr {yd), vgl. Jon porkelsson, Suppl. 2 (zwei- 
mal vom jähre 1599 belegt). Suppl. 3. — vdpnagangr (y6); 
ausserdem zweimal belegt bei Fritzner 2; vgl. auch FSS, 188, 1; 
K.'s Übersetzung 'waff engeklirr' dürfte kaum richtig sein, eher 
wörtlich: ' Waffenbewegung'. — vmjäarlauss (yd) kann nicht 
gut 'selten' genannt werden: es wird, um von Egilssons poeti- 
schen beispielen zu geschweigen, bei Fritzner 2 und Vigf. als 
adj. vier- (oder fünf-) mal belegt, und ausserdem wenigstens 
viermal im neutr. als adv. 

Auf wie nichtige gründe K. seine behauptungen von dem 
vermeintlichen verlust des lexikographen gebaut hat, wird 
durch das vorstehende einigermassen dargetan sein. 

Etwas unklar ist K.'s Standpunkt, wenn er (s. 63 f.) mich 
deshalb tadelt, dass ich an vier stellen wo B 'merkwürdige 
Satzfügungen' bietet, nicht die entsprechenden lesarten aus C 
oder yd vorgelegt habe, die in grammatischer (syntaktischer) 
hinsieht ganz regelmässig sind. Nach dem was K. an andrer 
stelle (s. 106) über eine dieser stellen (s. 248, 34 f.) äussert — 
'die ganz unmögliche satzconstruction' — scheint er mit 'merk- 
würdigen satzfügungeu' solche zu meinen, die nur von lapsus 
calami herrühren und also hätten corrigiert werden müssen. 
Diese 'merkwürdigen satzfügungeu' sind folgender art: 

S. 214, 13. Der nachsatz wird mit ok (statt ^J«) eingeleitet; 
s. 73 scheint K. diesen gebrauch des oJc schon etwas w^eniger 
'merkwürdig' zu finden.') 

S. 265, 40. Anakoluthie : nach dem conjunctionalsatze steht 
im hauptsatze das verbum nach dem subject. 

S. 248, 34 f. l^nvermittelter Wechsel der subjecte in drei 
aufeinander folgenden Sätzen (A — B — A); honum — hann — ho- 
nian bezeichnen dabei diesell)e person. 

.S, 256, 49 f. Partitive apposition; vgl. K. s. 116. 

K. hätte in demselben Zusammenhang s. 216, 39 erwähnen 



') Eine gute beispielsaniinluiig für diesen sprachgebraucli tiudtl sieb 
bei Fritzner 2», 8&(j. 



286 CEDERSCmÖLD 

können, "\vo die lesart in B eine etwas ungenaue anwendung- 
des prononiens J)cir enthält, das hier nicht alle die vorher- 
genannten (ritter) bezeichnet, sondern gleichbedeutend ist mit 
})eir IUI, er eptir liföu C D. Die lesart in B nennt K. s. 42, 
no. 20 'sinnlos'. 

Dass solche lesarten keineswegs unbedingt corruptelen in 
B zuzuschreiben sind, hätte K. z. b. aus s. 216, 32 f. ersehen 
können: hier hat nicht nur B, sondern auch C und Ü Ijessir 
fjörir menn = 'vier von diesen männern'. Auch diese stelle 
nennt K. (s. 75) 'ganz unverständlich'. 

K. hat offenbar nicht genügend bedacht, dass der altislän- 
dische prosastil nicht an der modernen, schulgerechten, logischen 
und correcten ausdrucksweise gemessen werden darf, sondern 
dass er sich eng an die freie und ungezAvungene, ja zuweilen 
nachlässige Umgangssprache anschliesst. ') Wenn von zwei liss. 
mit gleichem text die eine den logisch correcteren ausdruck 
hat, so darf man sie doch nicht eo ipso für die ursprüng- 
lichere halten. 

Was besonders die fälle von incongruenz (partitive appo- 
sition u.dgl.) betrifft, welche in den von K. getadelten fällen 
vorkommen, so kann man vergleichen: Lund, Oldn. ordf. § 59 
anm. 3. Holthausen, Altisl. elementarbuch § 396 a; verschiedene 
beispiele in den artikeln flestr und sumr bei Fritzner 2. Einige 
interessante altschwedische beispiele eines solchen Sprach- 
gebrauchs habe ich aus der ältesten reimchronik ('Erikskrö- 
nikan') v. 1651. 1682. 2345. 3216. 4168 verzeichnet. 

S. 64 anm. bringt K. fünf besserungen eines aus hs. C in 
meiner ausgäbe abgedruckten Stückes. 2) Von diesen ist peir 
(für ]>ier) ein correcturfehler, welcher kaum jemand irreführen 
kann; yiorazt ist dagegen durchaus nicht aus 'versehen' für 
herausgeschrieben worden: C liat hier (fast, und ich habe die 
Verkürzung nach der schieibweise der hs. in unverkürzten 
formen des verbs aufgelöst. Die behauptung K.'s, C hätte 
s. 219, 9 (O/i) svo sem statt (Ok) sem, habe ich bei erneuter 
Prüfung der stelle in der hs. nicht richtig befinden können. 



') Vgl. Lund, Oldnord. ordfejningslsere § 187. Holthauseu, Altisl. ele- 
mentarbuch § 514. 

*) 'Die wenigen in ahsclmitt I gesperrt gedruckten besserungen', von 
welchen K. in derselben anmerkung spricht, habe ich nicht geprüft. 



UEBER DTE AÜSGAHE DER BEVERS SAGA. 287 

Dagegen will ich die mögliclikeit nicht in al)rede stellen, 
dass z. 34 // über der zeile geschrieben stehen kann, auch nicht 
die richtigkeit bestreiten, dass z. 40 rcidu (nicht reid) aus- 
geschrieben ist; aber K. hätte hinzufügen sollen, dass Jj" — 
wenn es wirklich so dasteht — schmal wie ein strich ist, so 
dass man die bedeutung aus dem Zusammenhang erraten muss, 
sowie dass das r in rcidn fast ganz abgenutzt ist. 

Man sieht, dass K. auch in solchen kleinigkeiten die feind- 
liche tendenz verrät, auf deren Vorhandensein in wichtigeren 
fi"agen ich hingewiesen habe und welche — nebst zahlreichen 
Irrtümern — seinen sonst in mehrfacher hinsieht lehrreichen 
aufsatz verunstaltet. 

GÖTEBORG, Januar 1897. G. CEDERSC'HIÖLD. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 

I. 
Zum ablaiit der set -wurzeln. 

Das ziel und die aufgäbe jeder Wissenschaft muss es sein, 
Ordnung- in die fülle der ersclieinungen zu bringen. Dies kann 
nur geschehen mit hilfe von hypothesen, deren wert nach dem 
umfang dessen zu bemessen ist, was sie ordnen und was sie 
erklären. Das hauptproblem, das sich jetzt der indogermani- 
schen Sprachwissenschaft bietet, ist die darlegung und erklärung 
des ablauts, und man kann wol behaupten, dass wir in diesem 
punkte mder in einer neuen zeit stehen. Auf die ei)0che, in 
der das ablautssystem A'erhältnismässig sehr einfach angesetzt 
wurde, ist eine reaction gefolgt, deren berech tigung nicht zu 
verkennen ist. Denn es stellten sich immer mehr tatsachen 
ein, die sich nicht in das alte einfache Schema einfügen Hessen, 
und so hat man sich in der letzten zeit auf die feststellung 
der vorhandenen ablautsformen beschränkt und dabei auf jede 
hypothese verzichtet. Als typisches beispiel für diese art kann 
Noreens Urgermanische lautlehre gelten, deren grundgedanken 
im wesentlichen auch Brugmann in der neuen bearbeitung 
seines grundrisses gefolgt ist. Die ungeahnte erweiterung 
unserer erkenntnis aber, die wir mit dem Verständnis der 
litauisch -slavischen accentqualitäten und mit der aufhellung 
der dehnstufe gewonnen haben, ermöglicht es, auch in der lehre 
vom ablaut weiterzukommen. 

Ich habe meine anschauungen über diese dinge IF. 7, 138 ff. 
185 ff. niedergelegt, und habe bisher keinen punkt gefunden, 
der mich veranlassen könnte, von dem dort gesagten abzugehen. 
Das dort ausgeführte ist indessen nur ein kurzer abriss, bei 
dem ich das material nur in massigem umfange anführen konnte, 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 280 

und dalier will ich es versuchen, nunmehr auf dem boden der 
einzelsprache vorzugehen, um hier neue beispiele anzuführen, 
alte in neue beleuchtung- zu rücken. Es handelt sich hier in 
erster linie um die altindischen udätta- oder set- (sait-) wurzeln, 
die man auch kui'z die zweisilbig^en zu nennen pfleg-t, ein aus- 
druck der aber besser zu vermeiden ist, da er zu misverständ- 
nissen führt. 

Zum Aveiteren Verständnis widerhole ich hier kurz die 
g:rundgedanken meiner auffassuug-, deren begründung- ich in 
jenem artikel nachzulesen bitte. 

Es gibt im indischen zahlreiche wurzeln, die hinter der 
Wurzelsilbe ein / = indog. d aufweisen. Da aber Hübschmann 
in seinem Indog. vocalsystem schon vor jähren nachgewiesen 
hat, dass indog. a nur die Schwundstufe eines langen vocals 
ist (wovon auch trotz Bartholomae, BB. 17, 108 ff., nicht abzu- 
gehen ist), so müssen wir für die vollstufen der lautgruppen 
ei'd, eh, emd, end, eio, eud (ai. ari, ami u.s. w.) notwendig erä', 
elä' U.S.W, ansetzen. Von diesen beiden silben musste not- 
wendig eine immer reduciert werden. Lag der ton auf 
der ersten, so trat als erste vollstufe er9, eh, emd, end, eia, m9 
ein; als zweite erscheint {e)rä',{e)lä'= u.s.w., wobei das e einen 
gemurmelten oder tonlosen vocal bezeichnet, der zum teil steht, 
zum teil fehlt, was sich zweifellos nach betonungsverhältnissen 
richtete. Beide vollstufen sind auch im germanischen vor- 
handen, wobei zu bemerken ist, dass das d der ersten unter 
unbekannten bedingungen auch fehlt. 

Als Schwundstufe solcher set -wurzeln setzt man bisher 
r, l, m, n, f, a an. A. a. o. habe ich mich gegen die vier ersten 
formen erklärt, und an deren stelle mit Joh. Schmidt ero, eh, 
emd, end erschlossen, die im germanischen als iir, ul, um, un 
auftreten. 

Aber auch hier gibt es eine zweite Schwundstufe. Wie 
nämlich in der lautgruppe ercV das e stehen und fehlen kann, 
so ist es auch mit crd u. s. w. der fall, neben denen sich rd, h, 
md, nd, p, ud finden, wenn auch nicht allzuhäufig. Diese zweite 
Schwundstufe, die im germanischen als ra, la u.s.w. erscheinen 
müsste, ist bisher schwach belegt. A. a. o. habe ich angeführt 
mhd. hraye zu lit. yürkli (acc), s. yrlo, gr. ßißQcooxco, ahd. chranuh 

KeltrHKo zur ((e^cliiohte der deutschen upriiohe. XXlIl. 19 



290 HIRT 

zu gl", ytgavoq, lit. gerve, mhd. sivacJi zu got. shüis. Unten werde 
ich weitere fälle geben. 

Wie man in früheren Zeiten bei etymologieu die vocale 
niclit genügend beachtete, so fehlt bis zum heutigen tag eine 
genügende soi-gfalt in der vergleichung ein- und zweisilbiger 
Avurzeln. Auf grund von Osthoffs ansatz einer nebentonigen 
tiefstufe (MU. 4) hält man sich für berechtigt, worte mit i und i, 
u und ü ohne weiteres zu vergleichen. 

Statt dessen sollen uns hier folgende principien leiten. 
Anit- und set -wurzeln müssen auf das genaueste unterschieden 
Averdeu. i und ü, die sogenannten r, /, m, n sind nur Schwund- 
stufen der set -wurzeln, i, u, r, l, in, n dagegen gehören zu 
anit-wurzeln. Allerdings wecliseln auch i und u mit I und n, 
aber doch nur so, dass i und u weitere, in enklitischer Stellung 
entstandene ablautsformen sind (neben Jdutös steht ein ^so- 
xXvTog). 

Es kommt nun vor allem darauf an, die mittel zu kennen, 
die es uns ermöglichen, die set -wurzeln genau festzulegen. 
Dazu dient das indische mit seinem -i, das lit.-slavische mit 
seinem stosston {hernas zu ai. hharlman, gerti, giirldi zu gr. 
ßißQcööxco), das griechische und lateinische, wo der zweite 
vocal erhalten ist. Ebenso wird eine set-wurzel erwiesen, 
wenn sich die stufe II ^9?«^, trä'^ (gr. ßißQcöoxoj u.s. w.) findet. 

Auf grund dieser Voraussetzungen bitte ich das folgende 
zu prüfen. 

A. Die zweite vollstufe trä, ptä. 

Ich werde im folgenden das alte material sowie eine reihe 
neuer etymologien zusammenstellen. Im indischen lauten fast 
alle set-wurzeln vocalisch aus. In den europäischen sprachen 
finden wir dagegen häufig Weiterbildungen mit consonantischen 
dementen, die man als wurzeldeterminative bezeichnet hat. 
Ich bin der ansieht, dass es sich hier um suffixale Weiter- 
bildungen handelt, und werde versuchen, dies im einzelnen falle 
zu begründen, soweit es mir möglich ist. 

Got. 7twö/>s f. 'geschlecht', nhd. chmiat, ?Lgs.cnösl, as.hiösal, 
ahd. chnuosal enthalten die stufe hnU, die die zweite vollstufe 
ist zu der indog. wurzel gcne, genö. Vgl. ai. aor. djani-shla 



GRAMM ATISCiHES UND ETYMOLOGISCHES. 291 

V.,') tutjani-shydHY., xevh.jani-tös Y.B.S., \)M't. jä-tds, jnä- 
tish 'verwanter' (dieses entspricht dem germanisclieii worte 
ganz genau), gv. t-ytvö-iit^v, yei't-TcoQ, lat. geni-tor, gr. yi'7'jöiog, 
yvcüTÖc; lat. nätiis und nätio enthalten die Schwundstufe -eno, 
got.-kunds,hhHinahinds u.s. w. Schwierig ist das s von Jinuo- 
sal Uhlenbeck (Et. wb.) deutet es aus Vcnöt-tlom. Das ist 
aber unmöglich, denn -tlo- ist doch kein secundärsuffix, und es 
ist daher suffix -sJa- anzusetzen, vgl. got. ])reihsl, Imnsl. 

Ahd. ruodar aus *r6trom gehört zu ai. ari-tram, gr. sQtoooj, 
eQE-TfH)c, lat. remus. SchAvundstufe in lit. irti, irldas 'rüder'. 

Got. dröhjan 'auf rühr erregen', ahd. truohi gehört zu gr. 
raQay/j 'Verwirrung' (aga = indog. erd), {hgaooco 'beunruhige', 
lit. dirJcstn, dirlii (dirgnu) 'von mechanismen, in Unordnung 
geraten", lit.di'rgia, dt'rlii 'schlecht wetter sein, stürmend regnen'. 
Der Wechsel von gh und hh ist häufig im wurzelauslaut, vgl. 
die reiche beispielsammlung bei Zupitza, Die germ. gutturale 
s. 35 ff. In unserem falle wird man für das germanische von 
einem *dhrö-bhä-, einem verbalabstractum mit dem suffix -bh- 
ausgehen dürfen (vgl. \it. da rhas 'arbeit' zu darijti ' im\\ garbe 
'ehre' zu giriii 'loben'), während für das griechisch -litauische 
ein sufflLX -gha- zu gründe liegt, vgl. lit. iszeiga 'ausgang' u.s. w. 
(Leskien, Xominalbildung s. 523). 

Got.gredus 'hunger' stellt Uhlenbeck (Et.wb.) zu Mi. gardus 
'würzig, wolschmeckend', ai. grdhyati 'ist gierig'. Da dA. grdh 
eine leichte wurzel ist, und das litauische wort schleifton hat, 
so geht das schwerlich an, jedenfalls für den nicht, der auf 
eine etwas strengere beobachtung der ablautsverhältnisse hält. 
Man wird zunächst gre-dus teilen und darin- ein altes ^«-abstrac- 
tum sehen. In gre- aber steckt die zweite vollstufe zu der 
indog. Wurzel *</Äere 'verlangen, begehren', die vorliegt in ai. 
hary-atc 'gefallen finden, befriedigt werden', gr. -/[^aigco 'sich 
fi-euen', aor. yaQ7,vca (x«(>?;- ist die nebenform zu gre), umbr. 
heriest, osk. herest 'er Avird wollen', got. gairnei 'begehr', gairnjan 
'begehren'. Die wurzel ist eigentlich eine ev- wurzel, die ich 
demnächst ausführlich besprechen werde (abulg. •zlüdeti 'be- 
gehien' hat gar nichts mit unserm wort zu tun). Man beachte 
übrigens die bedeutungsübereinstimmung zwischen italisch und 

') Die citate für die indischen texte sind nach der iu Whitneys Wur- 
zeln augewanten weise abgekürzt. 

19* 



292 HIRT 

germanisch. Der griechisch-indische begriff des 'wolgefallens' 
ist hier zu dem des 'begehrens' weiter entwickelt. 

Got. hrö-peigs 'ruhmreich, siegreich' zeigt den stamm hrü, 
der zu ai. h- 'gedenken, erwähnen' (aor. aMri-sham EV., Mrtish 
y.) in regelrechtem ablautsverhältnis steht. Zu gründe liegt 
ein f ? - abstractum, d^w.hrödr, ahd. /w«öcZ- 'rühm', ablaut zu ai. 
hirtish. Ahd. hriiom ist mit sufflx -?no weitergebildet (got. 
hröpeigs mit E. Schröder, Zs. fda. 42, 68 zu got. harchis zu stellen, 
kann ich mich nicht entschliessen). 

Got. höpan 'prahlen, sich rühmen', höftuli 'prahlerei, rüh- 
men' bezeichnet Uhlenbeck als unerklärt, hu lässt auf eine 
Schwundstufe ku schliessen, die ich in gr. xvöog n. 'rühm, ehre 
u. s. w.' belegt sehe. Was die verschiedenen schliessenden con- 
sonanten betrifft, so bemerke ich, dass wir es, da alle diese 
schweren zweisilbigen wurzeln eigentlich vocalisch auslauten, 
mit verschiedenen antretenden formativen elementen zu tun 
haben, j^ erscheint noch in hröpjan, tvöpjan, klaupan u. a. und 
ist hier unerklärt. Ich möchte trotz Zupitza an eine herleitung 
aus indog. gii denken. Die erste vollstufe liegt nicht vor. 

Got. höta 'drohung', Jvötjan 'drohen' wird mit got. gahatjan 
'wetzen, anreizen' verbunden. Doch ist mir dies zweifelhaft. 
Als Schwundstufe stelle ich dazu gr. xvöäC,a) 'schmähen, be- 
schimpfen'. 

Zu got. slepan 'schlafen' gehört ahd. slaf 'schlaff, träge, 
kraftlos', und dies verbindet man mit recht mit abulg. slahü 
'schlaff, schwach' aus *slöhos. Dass aber lat. läbi 'gleiten' 
hierher gehört, ist mir sehr zweifelhaft. Schon die bedeutung 
scheint mir nicht sehr gut zu stimmen. Das wesentliche 
hindernis liegt aber im ablaut. Denn ich kann mich nicht 
von der existenz eines alten ablautes e — a überzeugen. Wir 
lassen das lat. wort daher besser aus dem spiel. Dagegen 
kann man sle-pan als zweite vollstufe zu lit. silpstu, süpti 
'kraftlos werden' betrachten. Das lit. ^j ist wol durch annähme 
von entgleisung zu erklären. 

Got. snörjö 'fiechtwerk, korb' gehört zu ai. snävan, sndyush 
'band, sehne'. Weiter gehört aber ahd. sena-wa 'sehne' als 
erste vollstufe hierher, ') und schliesslich auch wol ne-pia u. s. w. 

[') Aber ags. sinu, obl. simve weist auf iudog. i hin: die gewölmliclie 
annähme, germ. e gehe vor n ags. in i über, ist falsch. E. S.J 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 293 

Got. ])rö])jan 'üben', uspröpjan 'jemanden gründlicli unter- 
weisen', usp'öpeins 'Übung-' ist nach Ulilenbeck unerklärt. 
Das verbum ist secundär, wir kämen also auf *])ruj>-, eine 
^ableitung der wurzel pro. ICine solche liegt vor im ai. tr 
'übersetzen, überschreiten'. Sie war schwer: tlrnds V., aor, 
tärisliat Y. B. S. u. s. w. Im griechischen hängt damit xQrj ■ y.a 
'bohrung', rixQaa) 'bohren' zusammen. Ferner: xiqtxQov 'boh- 
rer'. Ich glaube, daraus lässt sich die germanische bedeutung 
verstehen, indem man von dem 'durchdringen' ausgeht. Im 
slav. entspricht formell irat'di 'verbrauchen' ganz genau, und 
auch hier ist die abweichende bedeutung zu begreifen, wenn 
man an unser 'aufreiben' denkt. 

Got. u'röhjan 'anschuldigen, anklagen', tvrühs 'anklage' ist 
unerklärt. Sämratliche übrigen germanischen dialekte weisen 
g auf, vgl. an. roegja 'verleumden', ags. tvregan, afries. ivrügja, 
as. ivrUgian, ahd. mögen, so dass vielleicht die Vermutung nicht 
abzuweisen ist, das got, li sei secundär. Dann aber würde 
sich ungesucht zur vergleichung got. ivargipa ' Verdammnis', 
wargs 'geächteter Verbrecher' bieten. Aus dem lit. gehört 
hierher vergas 'sklave', während vargas 'not, elend' vielleicht 
entlehnt ist. Ist aber das h alt, so dürfen wir ein altes *tvröM 
voraussetzen, das zu gr. fgi] in fQtjxcoQ 'redner' u.s.w. ge- 
hören könnte. Vgl. die bedeutungsentwicklung unseres 'zeihen'. 
Suffix -ha me in gr. d-T]-xi]. Zu indog. *ure kann übrigens 
got, waürd, lat, verhum, lit, varclas nicht unmittelbar gehören. 

Ahd. (Iräjan 'drehen', an. präör 'faden' gehört zu gr. 
TQTjxoc, xtQEfjvov 'bohrer', air. tarathar s. o. 

Ahd. grät 'gräte, hervorstehende spitze an ähren, disteln, 
Unebenheit, rückgrat, bergrücken' gehört wol zu gr. xf^Q^oocu 
'spitze, kerbe, scheide ein', lit. zirUes 'schere, krebsschere'. Die 
wurzel hat verscliiedene erweiterungen. 

In ags. krüf ' dach des hauses, spitze, cacumen ', engl, roof 
'dach, decke' stellt hrö vermutlich die zweite vollstufe dar zu 
gr. xtQuq, ai. (jiras, lat. cerehrum. Dazu auch wol as. hrüst 
'dachgesperre'. Rg^Jiröst, vielleicht auch got hröt 'dach'. 

Ags. hrör 'rührig, lebendig', ahd. ruora 'bewegung, er- 
regung', krörjan, ruoren 'rühi'en, in bewegung setzen, antreiben' 
ist bis jetzt unaufgeklärt. Denn die Verbindung mit got. 
hrisjan 'schütteln', die Kluge annimmt, scheint mir mehr als 



294 HIRT 

zweifelhaft. Die stufe hrö ist m. e. deutlicli die zweite voll- 
stufe zu g\\ xtQa-^ai, xsQavvvfii 'mische' diis xeQaö-vvfii, das 
weiter in ai. rrlndii 'mischen', rrä 'kochen, braten', part. rrätds 
u. s. w. vorliegt. Ahd. hruorjan ist wol aus "^hrüsjan entstanden 
(s. besonders auch Bugge, Norges indskrifter med de seldre runer 
s. 98), wobei das ,9 mit dem von gr. xsQccvvvfu zu ver- 
gleichen ist. 

Ahd. hruoh 'krähe, häher', ags. hröc hängt mit gr.xoQa^, 
U.S.W, zusammen, vgl. unten rabe. 

Ahd. chrön 'garrulus', chrönnan 'garrlre, plaudern, schwa- 
tzen', stellt sich zu ahd. queran und weiter zu ai. gr 'singen', 
grnätiY., -garitrB.S., \it. girti. 

Ahd. miiodi habe ich Beitr. 22, 229 mit gr. xc'maxoq ver- 
glichen: eine Vermutung, die übrigens auch früher schon geäussert 
ist. Die zweisilbige wurzel ist sicher. 

Ahd. gräo, grüives, ags. grcBj, aisl. grär 'grau' führt auf 
einen urgermanischen stamm greiva, dessen erklärung noch 
aussteht. Wir dürfen ohne bedenken gre-wa trennen, und dieses 
gre gehört zu einer wurzel, die in gr. xaQOJtoa 'strahläugig', 
lit. zereti 'strahlen', abulg. sircti 'glänzen, sehen' vorliegt. Die 
bedeutung dürfte sich aus der natur der dinge erklären. Auch 
wir sprechen von 'grauem' haar dann, wenn sich weisse glän- 
zende haare einmischen. Das suffix ist das bekannte farben- 

SUffix -MO. 

Mhd. vluor mit seinen entsprechungen im germ. stellt sich 
zunächst zu air. Zar 'estrich'; weiter zu apr. ^jZow/* 'tenne', lit. 
Xilonas 'flach', lat. planus. Als erste vollstufe ist dazu zu 
rechnen gr. jiiXavoc, jitXayog und vielleicht ahd. fehl n. 'fehl, 
boden, fläche, ebene'. 

Ahd. brätan 'braten', bräto 'weiches essbares fleisch' ver- 
bindet Kluge, Et. wb.^ mit gr. jTQfjOco 'verbrennen', wogegen 
sich aber bedenken erheben. jTQr/iho müsste nämlich aus 
*rpQddco, *bhre-clhö entstanden sein, was unmöglich ist, da 
j[QT]lho7 nicht von jüimQina getrennt werden kann. Ich brauche 
also nicht auseinanderzusetzen, dass die bedeutungen eigentlich 
nicht stimmen und schwerlich zu vermitteln sind. Man muss 
daher eine andere anknüpf ung suchen. Als altertümlichste form 
dieser sippe scheint mir ahd. hrät n. 'weisses essbares fleisch', 
ags. brced f., an. bräd angesehen werden zu müssen, und dies 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 295 

sieht dann offenbar wia eine ^-ableitung einer wurzel *br6 
aus. Da wir aber germ. *hre auf "^mre zurückführen können, 
so halte ich *mre für die zweite vollstufenforni zu alid. maraivl, 
muruivl, das längst mit gr. fiaQcdvco zusammengestellt ist, vgl. 
unten s. 299. /jaQah'co heisst 'das brennende auslöschen, er- 
sticken, von krankheiten ausdörren, aufreiben, verzehren, ver- 
nichten', sozusagen also 'mürbe machen", was auch hräten be- 
deuten müsste. 

Ahd. hläo, gen. hläwes 'blau' wird gewöhnlich mit \a,t.flävus 
'blond, gelb' verbunden, indem man anninnnt, dass es wie so 
viele farbennamen seine bedeutung geändert habe. Ein solcher 
Wechsel kommt gewiss vor, sogar ziemlich häufig, aber immer- 
hin hält er sich innerhalb gewisser grenzen. Die bedeutungen 
'grün und gelb', 'schwarz und blau', 'rot und schwarz' gehen 
wol in einander über, aber zwischen 'blond', 'gelb' und 'blau' 
liegt eine kluft, die nicht so leicht zu überbrücken ist. Geht 
man näher auf das lateinische wort ein, so wird man es 
schwerlich von hclvns 'gelb' und fidvus trennen können. Es 
ist hier nicht der ort diese ausdrücke zu behandeln. Ich be- 
merke nur, dass es zwei indog. wurzeln yhel und gJmel gibt 
mit ähnlicher bedeutung, und zu diesem gehört auch lat. fläviis. 
Aber auch davon abgesehen ist die Übereinstimmung zwischen 
lat. flävus und ahd. hläo gar nicht vollständig. Denn letzteres 
geht doch auf *bk'iva zurück, und lat. flävus muss auf *//ät'o 
oder *fel9uo zurückgeführt werden. Ersteres halte ich für aus- 
geschlossen, da ein alter ablaut e — ä nicht existiert, letzteres 
wäre möglich. Aber es bietet sich jetzt auch ein anderer 
weg, das germanische wort seiner bedeutung mehr entsprechend 
zu erklären, indem man in hie ein indog. mlc sieht (über diesen 
lautübergang s. u.), und das wort mit gr. fiiXag 'schwarz' ver- 
gleicht. Vgl. unten hlak Die entsprechung des griechischen 
Wortes im preuss., meine, bedeutet 'blauer flecken', hit melynas 
'blau', nieline 'blauer flecken', gehört auch hierher, so dass 
also die bedeutung tadellos erklärt ist. 

Ahd. ivät f. 'kleidung, rüstung' gehört zu \it. liuclmi, diisti 
'weben' aus ciubcI. Zu diesem ansatz stimmt nun die 'avestische 
Wurzel vacV 'sich kleiden' nicht, von der Kluge in allen auf- 
lagen des Et. wb. das germanische wort ableitet. Diese wurzel 
vad existiert aber gar nicht, Bei Spiegel, ^'ergl. grainm, der 



296 HIRT 

altiranischen sprachen s. 127 heisst es: 'streichen möchte ich 
2. vad, kleiden, das Justi für fravadhemna (Yast 5, 126) an- 
genommen und mit skr. vad, vdndatc zweifelnd verglichen hat; 
ich lese an der genannten stelle fravaedhemna und betrachte 
es als causativum von vid, ebenso Harlez.' Um ganz sicher 
zu gehen, wante ich mich um auskunft an dr. W. P^oy, der mir 
die richtigkeit der vorstehenden ausfülirung völlig bestätigte. 
'An der einzigen stelle, wo nach Justi eine wz. vad »kleiden« 
vorliegen soll, Yast 5, 126, ist mit den besten handschriften 
(F 1, Pt 1, E 1) fravaeddnina zu lesen, während nur ganz flüch- 
tige fravaddmana haben, fravaeödmna fem. »die kundige«, wie 
sonst vaeddmna, auf ArdvT Süra Anähita bezüglich.' Germ, tvät 
und lit. diidmi stehen in ganz regelrechtem ablautsverhältnis. 

Got. wöhrs 'zunähme, gewinn, wucher' ist die zweite voll- 
stiife zu got. ivahsjan, aukan, lit. dugu. Im ablaut entspricht 
genau ai. väjas m. 'ki^aft'. 

Ags. wröt 'rüssel', ahd. *ruosü, ags. ivrutan 'wühlen, auf- 
wühlen', ahd. riiozjan 'aufwühlen, der pflüg, die erde', lässt 
eine vorgerm. wurzel iü-ä''d erschliessen. Den Zusammenhang 
mit ^tvurseV bezeichnet Kluge im Et. wb. s. v. als unwahrschein- 
lich. Da indessen dieses wegen lat. rädix eine set- wurzel 
voraussetzt deren zweite stufe uröd wäre, so ist die morpho- 
logische Übereinstimmung tadellos. Und auch die bedeutungs- 
vermittlung bereitet keine Schwierigkeiten, wenn man an unser 
zinken oder hakennase denkt. Auch unser haken, ahd. hake 
'haken' (aus häkke) gehört wol zu lit. smkms 'wurzel'. 

Got. wöds 'besessen, wütend', ahd. tvuot (germ. st. *tvödi-) 
'wut, raserei' verbindet man mit lat. vätes 'gottbegeisterter 
Sänger', air. fdith 'dichter'. Wegen ags. ivöd (germ. st. ^ivöpa-) 
'stimme, gesang', an. öör 'poesie, gesang', wird sich die bedeu- 
tung 'wut' erst aus der von 'religiöser raserei' entwickelt 
haben. Llhlenbeck stellt das wort zu avest. aipi-vat, ai. api-vat 
'geistig anregen, verstehen', ebenso Kluge. Dagegen erheben 
sich aber verschiedene bedenken. Zunächst ist ai. cat eine 
leichte wurzel. Wegen lat. vätes haben wir es aber mit altem 
a zu tun, wir müssten also im indischen ein *vit finden. 
Darüber komme ich nicht liinweg. Auch die bedeutung maclit 
Schwierigkeiten, vat kommt nur in der Verbindung mit api vor 
und bedeutet 'geistig empfangen' als caus. 'geistig einflössen', 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 207 

'anregen, beleben'. Die grundbedeutung von vat kennen wir 
also gar nicht. Denn so wenig wir aus deutsch 'verstehen' 
ein Simplex 'stellen' mit einer geistigen bedeutung erschliessen 
k()nnen, so wenig dürfen wir das für das indische. Und wie 
soll man von der bedeutung 'geistig empfangen' zu der euro- 
päischen kommen? Diese vergleichung ist also jedenfalls auf- 
zugeben. Und das würde auch nichts schaden, selbst wenn 
wir keine andere erklärung aufstellen könnten. Das folgende 
möchte ich mit aller reserve vortragen. Wir haben im indi- 
schen eine wurzel, zu der das germanische wort in der bedeu- 
tung ganz genau stimmt, das ist M.livä, hu 'rufen'. Ein *hvätas, 
das im indischen allerdings nicht belegt ist (dafür hatds) Avürde 
dem germanischen *wöj)a- genau entsprechen, da im germ. ghi 
zu tv wii'd. Dann müssten wir aber lat. vätes, air. fdith vom 
germanischen trennen, wegen lit. zveris, lat, feriis, wozu man 
sich schwer entschliessen wird. Möglich wäre es ja, dass man 
für das lat. und kelt. noch einmal besondere bedingungen fände, 
nach denen sich der schwund des gli erklären Hesse, aber eher 
wird man annehmen dürfen, dass im germanischen zwei wur- 
zeln zusammengefallen sind. 

Ags. hlöwan, ahd, hlöjan 'brüllen' gehört zu gr. xixXi^oxm, 
xi-xXtj-f/ai, lat. clämo, und weiter zu gr. xaXlw, lat. calendae, 
w. halä'^, ahd. halön. 

Nhd. sprühen, ahd. ^spruojen, dazu spreu, gehört zu lat. 
sprcvi, gr. ojieiQw, aöjräQtjv, lit. spirti, sjnriü 'mit dem fuss 
stossen'. 

Gotjer, abulg. järü 'fi'ühling' mag mit aier in av. ayare 
'tag', gr. ctQioxov {djiQLOxov) 'frühstück', got. air zusammen- 
gehören. 

Dies sind die beispiele die ich mir gelegentlich .notiert habe. 
Dass bei angestrengtem suchen noch zahlreiche andere zu 
finden sind, das scheint mir zweifellos zu sein. Diese werden 
vorläufig genügen. 

B. Die erste Schwundstufe erd, eh u.s.w\ {f, V). 
Streitberg hat IF. 6, 141 zu zeigen versucht, dass die indog. 
sogenannten kui'zen und langen silbischen nasale und liquidae 
im germanischen unterschiedslos zusammengefallen seien. Wenn- 
gleich ich von der richtigkeit dieses satzes zweifellos überzeugt 



298 HIRT 

bin und IF. 7, 193 ff. auch den grund angegeben habe, weslialb 
die saclie so sein muss, so hat ihn doch Brugmann in der neuen 
aufläge seines Grundrisses nicht angenommen. Er hält viel- 
mehr ar, al, am, an für die regelrechten Vertreter der im titel 
angeführten lautgruppe, und lässt daneben 'vielleicht' ur, ul, 
um, KU als entsprechungen zu. Da Streitberg nur ein paar 
beispiele herausgegriffen hat, so ist er selber daran schuld, 
wenn ihm Brugmann nicht glaubt. Im folgenden werde ich 
das zur beleuchtung der frage dienende material anführen, 
das ich gesammelt habe, und dann auf die von Brugmann an- 
geführten beispiele eingehen, 

1. Indog. erj (f) liegt vor in got.Jcaürn, \?it. (jrämtm, lit. 
iirnis, serb. zrno. 

Got. waürts, lat, rädix. Mit gr. gadafirog 'schoss' kann 
got. waürts nicht verglichen werden, da Qa hier gleich indog. 
rd ist, wie in vielen anderen fällen. Jedenfalls würden, wollte 
man sie doch zusammenstellen, zwei verschiedene formen der 
Schwundstufe vorliegen. Als zweite vollstufe gehört wahr- 
scheinlich ags. «tTö^ 'rüssel' (oben s. 296) hierher. 

Got. liaürds 'tür', ahd. hurt 'flechtwerk', lat. crätcs. Gr. 
xc'iQTaloQ 'korb' liegt in der bedeutung schon ferner, während 
haürds und crätes sogar in der flexion stimmen. Als vollstufe 
könnte man got. hröt 'dach' dazustellen, für das aber auch 
andere deutungen möglich sind, 

Got gatailrps, ahd, ^orw, Sii.vi-dlrnas 'geborsten, gespalten', 
lit. dürti 'in etwas stechen'; 

ahd, liornaz, lat. crähro, lit, szirszlius (acc, plur.), serb. 
srsljen; 

ahd. soraga f. zu lit. sergiu, sergmi 'hüten', sdrgas 'hüter*, 
russ. storoza 'wache', ai. sürlish 'sich kümmern', praes. sürlcshati 
B. S., sUrJcsJiga B.; 

got, maurgins, ahd, morgan zu lit. merJcti 'mit den äugen 
blinzeln', gr. dfiaQvoao) 'funkeln, schimmern', lit. hrelszta 'es 
tagt", mirlcsnis 'der blick, ein einmaliges blicken mit den äugen', 
mirJcsiu 'blinzeln'. Dazu als zweite Schwundstufe got, hrah 
'blinken, zwinken'; 

ags. forma, lit. pirmas gegenüber got. fnima, gr, jr^a^j/oc; 
oder ist fr am gleich dem griech. wort? 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 200 

got. (jafaürds zu gr. jctQam, jcoqevw, riiss. porömu, poröma, 
serb. prdm, präma 'scliiff' ; 

got. paih-p könnte zu lit. trohä -gebäude' gehören und 
würde alsdann auf "^tcv^b zurückgeben. Doch ist dies nicht 
sicher, da auch andere etymologien möglich sind, vgl. Uhlen- 
beck, Et. wb. s. v. (immerhin bleibt es für mich die wahrschein- 
lichste erklärung); 

ahd. muruivi neben maraivi 'mürbe' zu gr. fiagaivo) 'ver- 
zehren, liinschwinden'. Dass in gr. fiagcuvo) eine zweisilbige 
basis zu gründe liegt, ergibt sich aus ftaQct-Oftoq; ob ai. mrnäti 
'zermalmt', mürnds hierher gehört, ist zM^eifelhaft, da ai. r auch 
indog. l sein kann. S. o. s.294 hräten; 

ahd. duruh, as. thurh, ahd. diirhil 'durchlöchert', gotpairh. 
Hierher gehört auch got.pairkö 'loch' = gr, TQcöyXr], das also 
auf eine zweisilbige schwere basis zurückgeht. Zu gründe liegt 
die indog. wurzel terä'' 'durchbohren', gr. rirQtjfti, von der mit 
suffix -ka {gv.d-r'j-xr], ?ii. dhä-kas) ein substantivum abgeleitet 
ist, von dem in Jxiirh und *J)urh ein casus vorliegt. 

2. Indog. el^ (l) liegt vor in got. fulls, ai. pürnds, lit. 
pünas, serb. jH(w; 

got. icülla, ai. ürnä, lit. vilna, serb. vuna, lat. läna^ 

'dM. (jidulf, lat. latus, gr. ril/yroc,') lit. tüti 'still werden'; 

ags. molcen n. zu got. müuks, lit. meUu, serb. nmza 'das 
melken" aus nnl;"^) 

ahd. folma, air. läm, gr. jraXdf/7j\ 



^) Ich möchte mich jetzt mit grösserer entschiedenheit dafür aus- 
sprechen, dass im griechischen rü, lä (die ja auch von der theorie gefordert 
werden) die Vertreter von ers, eb sind neben «(>«, «A«. Wenn man in 
O^ävaroQ und ö-v»/to'§, in aü/uazog und -x/utjtÖq dieselbe ablautsstufe sieht, 
so muss man auch rä/.aq und no/.vx'/Mi einander gleichsetzen. Dazu kommt, 
dass got. ßulan ein e-verbum ist, womit lit. tyle'ti 'schweigen' überein- 
stimmt. Ein ablaut e — ä ist aber m. e. im indogermanischen nicht vor- 
handen gewesen, und das lit. -germ. wort hat altes ?. Man vgl. ferner 
xQüuiog, ai. rlrshatäs neben i^uQU, gr. iQÜvi'jq zu T()tji(K, ahd. gedrät, gr. 
i}(füvoc, lat. fritus (Bechtel. Hauptprobleme s. 213. H)2). 

*) Dass got. miluks zu gr. yäXa, yülaxxoq gehört, ist für mich un- 
zweifelhaft. Das m des germ. kann von ahd. meldian entlehnt sein, während 
das gr. y alt wäre. Gehören ahd. «ie?c7tan, X&i.rmdgere, gr. d/ue?.yeiv, ai.märj 
zusammen, so ist der Zusammenhang mit milukn bedenklich, weil mcJg eine 
leichte wurzel ist. 



300 HIRT 

ags. molda 'köpf, gr. ßXoi^QÖQ 'hochgewachsen', ai. mur- 
dlidn 'höhe'; 

ahd. woZfo, got. mnlda 'staub' zu \it. ni alt i 'mahlen', russ. 
molöfi, lit. 7)iütai 'raehl'; 

&n. sJculd, SLS. shuld, ai. 5/Ji«Z/-to B +. 'taumeln, stolpern', 
lit. sMti 'in schuld geraten'; 

got. kulj)s 'hold, gnädig', eigentlich 'geneigt', lit. hdlnas 
'hügel'; 

ahd, ivolcha f. 'wölke', lit. vilgau, vihjyti 'befeuchtend glät- 
ten', serb. vtaga ' feucht igkeit'; 

aisl. fold f. 'grasfeld, triff, ags. folde f., as. folda 'erde, 
land' gehört zu ^M. feld, das wir oben zu /?ttor gestellt haben. 

3. Indog. eud, emo (n,m) liegt vor in got. Jcmijjs, lit. 
paiintas; 

got. himinakunds, lat. nätus, lit. zcntas, serb. zet; 

ahd. gimd 'kämpf, lit. ginti 'wehren', ai. ghätds 'tötend'. 
Hier kann auch ii angenommen werden, vgl. ai. hatds, lit ginczas 
'kämpf, gr. ^arög; 

B,n.])ungr, lit. tingüs, daneben aber tinkstu, tingau 'träge 
werden', serb. üSki und Uski, comp, tezi, aber Usak, tesko; un- 
sicher; 

mhd. gespiinst, lit. pinti 'flechten'; 

ahä.wtmsc 'wünsch', Sii. väüchatiY. 'wünschen'; 

ahd. tvunna, ai. -vätas Y.B., aor. vani-shat AY ., fut. vani- 
shyate S.; 

ahd. zunft ist verbalabstractum zu zeman, das man nebst 
zahm mit lat. domäre, gr. öafiäco, ai. dam verbinden muss. Die 
indog. Wurzel dam ist aber eine sct-wurzel, vgl. lat. domitor, 
gr. dccf/arcüQ, ai. dami-tr RV. Der stufe zun entspricht ai. däm- 
tdsB-\-, gr. d-öä^ia.xoc, bez. 6fi7jT6g. Auch wenn das wort 
zur Wurzel 'bauen', gr. ötfico gehörte, so würde es ebenfalls 
auf zweisilbigkeit zurückweisen, vgl. gr. difiag, lat. dome-sticus; 

ahd. sumhir, mhd. siunhcr 'korb, getreidemass', lit. scmti 
'schöpfen'. 

Damit ist vorläufig mein material erschöitft, und ich denke, 
es genügt auch. Es liegt eine solche fülle zweifelloser bei- 
spiele vor, dass sicher die Vertretung von indog. ero u. s. w. durch 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 301 

ur, ul, im, um anzuerkennen ist. Könnte man im einzelnen 
fall auch annehmen, es hätten doppelformen bestanden, geg-en- 
über der menge der auftretenden beispiele versagt diese mög-- 
lichkeit. 

Wenden wir uns nun zu Brugmanns fällen und dem was 
man noch weiter beigebracht hat. 

Zunächst wird es sich nie beweisen lassen, dass in germ. 
ar, al, am, an indog. f, l, m, n stecken, da ja a der Vertreter 
von 0, a, d, ö und a sein kann. Wir haben also so viel mög- 
lichkeiten, gegebene formen mit ar u.s.w. zu erklären, dass 
wir immer darauf verzichten können, auf die andere instanz 
zu recurrieren. Wir würden letztere vielmehr nur dann an- 
erkennen müssen, wenn wir eine reihe evidenter gleichungen 
anträfen. Solche aber finden wir nicht. 

1. Germ. ar. 

Got. arms, arm. armukn, lat. armus, abulg. ramo, serh.i'amo, 
ai. Irmas, av. aromö, preuss. irmo. Brugmann erklärt alle diese 
formen aus einer einzigen ablautsstufe, indem er auch in abulg. 
ra den Vertreter von f sieht. Letzteres ist nun ganz ent- 
schieden abzulehnen. Der annähme von ablaut steht hier 
ebensowenig etwas im wege wie bei lit. htrzas gegenüber ai. 
hhürjas, lit. dntis, ahd. anut, lat. anas gegenüber ai. ätish, gr. 
VTJoöa. In dem a von lat. armus sehe ich altes a bez. d für 
den fall, dass die grundform dieses Wortes *örmos wäre. 

Ebenso geht aisl. gröiigr, gall. Ärduenna, lat. ardtms auf 
indog. "^ardh oder *drdh zurück. 

Ahd. art 'art und weise', lat. ars, artis, zu ai. rtdm 'rechte 
art, gebühr'. Das beispiel stimmt nicht, da im indischen kurzes 
r vorliegt. I^nd ausserdem fragt es sich, ob man das germa- 
nische wort nicht mit an. arJr 'pflüg', got. arjan, lat. aräre, 
gr. agoM zusammenbringen muss. Im ahd. ist art in der oben 
von Brugmann angegebenen bedeutung unbelegt. Es erscheint 
art f. 'ackerung, pflügung'; dazu arton 'bewohnen, bebauen', 
ferner as. ard m. 'wohnort', ags. eard m. 'wohnung, lieimat', 
an. (^rö 'ernte, ertrag'. Aus der bedeutung 'grund und boden' 
hat sich dann ganz natürlich die der 'herkunft, der art' ent- 
wickelt, wie schon das Mhd. wb. richtig annimmt. 

Ahd. fart 'fahrt' gegenüber got. yafaürds 'Zusammenkunft' 



302 HIRT 

kann gewiss nicht in betraclit kommen, da es selir walirscliein- 
licli eine neubildung ist. Die beiden Wörter verhalten sich 
genau wie ahd. slaht zu got. slaühts, wie mhd. traht zu älterem 
truht, vgl. darüber v. Bahder, Verbalabstracta s. 65. Da ein u 
in der ablautsreihe der sechsten verbalklasse nicht mehr vor- 
kam, traten neubildungen nach dem participium ein. 

Ahd. zart 'lieb, fein, schön' würde wider nicht direct zu 
ai. ä-drtas 'rücksichtsvoll, mit rücksicht behandelt, geehrt' 
stimmen. Die beiden Wörter verhalten sich vielmehr wie ai. 
mrtcis zu mär las 'sterblicher, mensch', gr. fiogrog, wie gr. 
u-ioto^ 'unbekannt, unkundig' zu abulg. vestu 'bekannt', wie 
*it6s zu ai. Mas 'eilend', gi\ olroc; 'geschick' u.v.a. 

Ahd. garha 'garbe' zu lit. grepti, gröpti 'fassen, raffen' 
kann ebenso wie sparhe, ags. spearca 'funke' zu ai. sphürjati 
'prasselt, zischt' o-vocalismus haben, der ihnen als ä-stämmen 
auch zukommt. 

Das sind Brugmanns beispiele, zu denen man noch andere 
hinzufügen könnte: ich tue dies, indem ich dem leser die rich- 
tige erklärung überlasse. 

Ahd. harn, daneben -hern, lit. hernas. 

An. hgrh; ndd. horke zu ai. hhürjas, lit. herzas. Gerade 
birkenrinde wii'd im haushält der Litauer und Slaven noch 
heute vielfach benutzt, so dass diese gleichung culturhistorisch 
tadellos ist. 

Nhd. garn, lit. zdrna 'darm'. 

2. Germ. al. 

Ags. wielm, wylm, QhA..ivallu, ai.Urmish 'woge', m-varomish 
'woge', aber lit. vünis. 

Got. untüa-malsks 'unbesonnen', ai. mUrJchäs 'stumpfsinnig, 
dumm, unverständig', lit. lett. mülkis 'einfältiger, tropf. Man 
kann natürlich malsks ebenso wie tvalm auf o- stufe zurück- 
führen. 

Ahd. spaltu zu got. spilda 'schreibtafel', ai. spUufaU, phd- 
lati 'er birst', nbret. /att^ 'fissura' ist ganz unsicher; m. phalati 
kommt erst im epos vor, daher ist auf phalita kein verlass. 
Das nbret. wort kann ich nicht beurteilen. 

k\\i\.. scaltu 'ich stosse' zu sciltu 'ich schelte' kann natür- 



ÖEAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 303 

lieh 0-vocalismus haben. Ebenso g'ot. ivaliki, alul. ?ra?/^tf 'ich 
walte, liersche', lit. veldn 'ich regiere' {veldii nach Nesselmann). 

Ahd. ivahii 'ich drehe mich', lit. velih, velti 'walken'. 

Got. Tcalds, ahd. halt zu aisl. Iculde, lat. gelidns; Jcalds ist 
ein participium zu dem in an. lala, ags. calan 'frieren' yüi-- 
liegenden starken verbum, und unterliegt daher im gegensatz 
zu aisl. hdde dem verdacht einer neubildung-. 

Wie man sieht, haben wir es abgesehen von den beiden 
ersten beispielen durchaus mit verben zu tun, und ehe daher 
die g:anze bildung dieser verben nicht aufgeklärt ist, können 
wir sie schwerlich als hinreichende stütze benutzen. Da Brug- 
mann auch bei n sich zum teil auf verben stützt, verschieben 
wir die erörterung dieser praesensbildung-, bis wir alle beispiele 
zusammen haben. 

Hierzu noch galla, gr. x^^- 

3. Germ, an, am. 

Ahd. hamma 'Schenkel', ags. hamm 'kniekehle', nd. hamm 
'bergwald' zu gr. xvriurj 'Unterschenkel, Schienbein', xvtjfioc; 
'bergwald', air. cnähn 'knochen'. Es kann natürlich ablaut 
vorliegen (aus dem lit. gehört wol noch llnJca in Samog. 'knie- 
kehle, hesse' hierher). 

Ebenso in ahd. sant, aisl. sandr, gr. a^a&oc 

Got. (jayyan, ahd. yanyan 'gelien', lit. zenyiü 'ich schreite'. 
Letzteres hat kurzen vocal, vgl. zeükti, zinksnis 'schritt'. 
Ebenso Sii.javyha 'bein'. 

Dasselbe gilt von got. blandan, ahd. Uantan 'mischen', got. 
Wmds 'blind', lit. hlendziü's 'ich verfinstere mich'. Diese beiden 
beispiele sind also überhaupt zu streichen. 

Die wurzelstufe der oben genannten und einiger andrer 
verba bietet nun in der tat ein noch ungelöstes problem, aber 
mit dem ansatz von f, l, n werden wir diesen knoten nicht 
lösen. Zweifellos haben aw es in einigen fällen mit e/o- wur- 
zeln zu tun. Wie kommen aber diese zu ihrem o-vocalismus 
im praesens ? Weshalb heisst es got. nicht *yiyyan entsprechend 
lit. zeükti, weslialb nicht hlindan entsprechend lit. hlendzius? 
Von der verbalflexion aus kommen wir zu keim:!r lösung, wir 
müssen uns also an das nomen wenden. 



304 HIRT 

Got. saltan, lat. sdllere gehört nun unzweifelhaft zu lat. sdl, 
got. Salt, und seiner ganzen art nach können wir dies verbum 
nicht anders denn als denoniinativ fassen. Audi Brugmann 
hat Grundr. 2, 1038 schon auf den Zusammenhang hingewiesen, 
der zwischen den nominalen bildungen auf io, t und den yerben 
mit i)raesenssufiix -to besteht. Man vergleiche z. b. ai. dyu-t-änas 
neben dyötate 'leuchtet' mit dem nomen dyut, d-ceti, cifänas 
neben cetati mit dem nomen elf, ydtänas, yatänds mit yat. Da 
aber nacli der einleuchtenden erklärung von Streitberg, IF. 3, 
340 ff. diese nomina uralt sind, so werden die verben denomi- 
nativ sein. Ich glaube daher dieses auch für die germanischen 
verben aimehmen zu dürfen. 

Zu lit. zengiü 'schreite' gehört ganz regelrecht mit o-voca- 
lismus got. gaggs 'gang', an. gangr, as. ahd. gang. Davon ab- 
geleitet oder beeintlusst got. gaggan, eig. 'einen gang tun'. 

Zu gr. jttQäv 'durchdringen, hindurchgehen' gehört regel- 
recht gr. :to(>oc 'gang, durchgang, Übergang', ahd. far, mhd. var 
n. 'ort am meere, see oder ströme', wo man an-, aus- oder 
überführt; davon abgeleitet far an 'sich von einem ort zum 
andern bewegen, gehen, ziehen, wandern' u.s.w. 

Zu abulg. greha 'grabe, schabe' gehört regelrecht abulg. 
grobü, ahd. grab 'grab', as. grab, ags. srcef. Wegen got. gröba 
liegt aber der verdacht nahe, dass wir es im abulg. mit einer 
entgleisung zu tun haben. 

Ebenso dürfte dies bei got. Icalds in erwägung zu ziehen 
sein, wegen ahd. cJmoli Wir hätten es mit ablaut ö — 3 zu tun. 

Got. mahn, lat. molere gegenüber abulg. mclja müsste durch 
ein "^mala veranlasst sein; vgl. aber auch lii.mdlti 

Ahd. spaltan 'spalten' würde ich mit Schade von sjmlt 'der 
spalt' ableiten; ahd. walzan von ivalza 'pedica, decipula'; ahd. 
scaltan von scalta 'schiebestange'. 

Die eine tatsache, glaube ich, können wir feststellen, dass 
neben den meisten der genannten verben ein nomen steht, 
dessen o-vocalismus wir erklären k()nnen, und die annähme 
einer angleichung des verbums an den vocalismus dieses nomens 
würde die ansetzung eines langen r, n, l umgehen lassen. 

Sollte es nun ein zufall sein, dass von den meisten dieser 
verben im gotischen das perfectum gar nicht belegt ist? Von 
gaggan fehlt es bekanntlich ganz, aber auch zu hlandan, faran, 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 305 

nialan, sdltan ist keins belegt; spalian, scaltan, ivaUan stammen 
übeiiiaupt erst aus dem alid. 

Ich glaube, man wird daher die ergebnisse des aufsatzes 
von V. Fierlinger, KZ. 27, 436, auf den sich Brugmann haupt- 
sächlich stützt, als verfehlt bezeichnen dürfen. Die wenigen 
beispiele die nach abzug der verben noch übrig bleiben, können 
ninnnermelir erweisen, dass ar, al, am, an im germanischen 
die Vertreter von indog. f, l, fn, n sind. Auch der ausweg, den 
Uhlenbeck, Beitr. 18, 501 eingesclilagen hat, ist für mich nicht 
gangbar, da ich Bartholomaes lehre, dass » auch in der e-reihe 
anzuerkennen sei, nicht für richtig halte; wol aber kann germ. 
a in einigen fällen ein a vertreten, es ist indessen dann die 
Schwundstufe eines langen vocals. 

C. Indog. r9, h, md, no, jd, ip als Schwundstufe 
der set -wurzeln. 

Unter welchen bedingungen diese Schwundstufe ins leben 
getreten ist, lässt sich noch nicht sicher ermitteln. Ein factor 
ist jedenfalls die enklise gewesen. Da ich IF. 7, 211 nur wenige 
belege gegeben habe, so sei es mir gestattet diese lücke etwas 
auszufüllen. 

Zu jTtTafiai, artjträv, ai. pati-ids AV., ahd. feda-ra gehört 
gr. tjtra-TO, jtzäfiti'og, ai. pa-pti-ma\ zu telä, gY.rsXa-fKov, erXfjV 
stellt sich Tk-rXa-d^i, n^-rXa-f/trai, zu fhihm-rog, i^i^r^-xoc, — 
xi i>va-d^i, Tt-i>rä-f/ti'ai; OxQa-xöq zu öxoQt-i^vvfii, OxQcoxög; gr. 
^ä-öaiivog zu lat. rüdix, got. ivaürts] d-güodco zu xaga-'/ii', Oaoq 
aus *tip-u6s zu ai. tavi; gr. yväd^oq zu lit. zdndas; lat. glatjs 
zu gr. ßäXa-voq, abulg. seladi; lat. gla-cks zu geli-dns; lat. gra- 
vis zu ai. guriish, gr. ßagvg, got. Jcaiirus. 

Aus dem germanischen habe ich a. a. o, angeführt: mhd. 
Är«^6' 'hals" zuMt. gar Jdl^, atrh. grlo, gr. ßißQojOxco; mhd. swach 
zu got. siuks; ahd. chramih zu gr. ytQavog. 

Weitere beispiele sind: 

Got. ivahsjan, ahd. icalisan, gr. aftseiv, lit. dngti, lat. 
augere. 

]\Ihd. swadem, ags. sivaöul zu ahd. siodan. Ich ziehe dies 
zu ai. sü 'in bewegung setzen, erregen', das zweifellos eine 
set-wurzel ist, vgl. srddsX., sdvlnia n. 'antrieb', savita 'an- 
treiber, erreger'. Anders erklärt Brugmann, Grundr. 1, 790 

Beiträge zur geschichte der deutscheu spräche. XXIII. 20 



306 HIRT 

das germanische wort. Er geht von hpcut- aus, und vergleicht 
lit. szunth 'schmore', und weiter ai. kvdfhati aus *k])iva mit mhd. 
swadem. Sollte man dies vorziehen, so ist die sippe als eine 
leichte wurzel aufzufassen: ^y.l])euc. 

Got. (fojnvasfjan 'stark, fest, sieher \\mdien\ pn-ast/Jm 'festig- 
keit, Sicherheit' ist nach Uhlenbeck, Et. wb. unaufgeklärt. Ich 
beziehe es auf die altindische wurzel tu 'stark sein', ai. tdvas 
'stärke', tavishds 'stark', tdvisJfi 'kraft, stärke', zu der auch got. 
pfmmdi gehört. Die bedeutungsentwicklung bedarf keiner vei*- 
niittlung. Auch im griechischen liegt, woran mich Brugmann 
erinnert, diese ablautsstufe vor in oaog 'heil, gesund', das Prell- 
witz, Et. wb. aus ^tuaiws erklärt, vgl. Brugmann. Totalität s.r)5. 
Prellwitz zieht auch schon das got. gajnrdstjan heran, wie icii 
nachträglich sehe. 

Ahd. chnabo hat man von jeher mit der wurzel '^gemV 
'erzeugen' verbinden wollen, ohne dass man indessen übei* die 
ablautsverhältnisse ins reine gekommen wäre. Es stellt sich 
nun ganz einfach dazu. vgl. lat. f/eni-tor, gr. yivFOiQ, vd.jfiä, got. 
hiöjts, hmds. 

Ahd. hra-ho stellt sich ebenso zu gr. xÖQa-S,, xoqcö-vi), lat. 
cormx aus *cor^m, lit. smrlca 'elster', russ. soroka, serb. si-raka 
dass. Als zweite vollstufe gehört dazu lat. crö-cio 'krächzen', 
gr. y.Qcö^m, die wir wol als reduplicierte bildungen auffassen 
dürfen. Oben ist weiter ahd. hruoh herangezogen. 

Auffällig ist an diesen beiden Worten das suffix. Indog. 
p oder hh lässt sich hier kaum wahrscheinlich machen. Ich 
leite daher hud)0 und hrabo aus indog. ^gnomno- und *h-9nmo- 
ab, mit dem Übergang von wn in hn, den ich für gemein- 
germanisch halte. 

Ahd. stracchen 'ausgedehnt sein', ahd. sfrach 'ausgestreckt, 
gerade, straff u.s.w. ist noch nicht recht erklärt. Denn die 
annähme, dass es zu recken gehöre (wie Kluge, Et. Avb.^ s. v. 
vermutet), ist doch nur ein notbehelf. Ich stelle die stufe stra 
zur wurzel sierö^, gr. orgtoroc, otqojvvvhi 'ausbreiten', lat. .v/t';-- 
nere, ai. strnämi In der wurzelstufe entspricht stra gr. öxQaroc, 
ai. -strtas, das nur unbetont vorkommt. Das suffix -k, indog. -g 
ist zwar selten, aber doch genügend belegt. Dieselbe stufe 
und dieselbe wurzel zeigt auch mhd. strant, ags. Strand, das 
Kluge ebenfalls als unaufgeklärt bezeichnet. Es ist mit nt- 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 307 

sufflx gebildet. Die vollstufe dieser wurzel steckt wahrschein- 
lich in alid. stirna 'stirn'. 

Ahd. cMa-fja stelle ich zu ai. (jlä "Widerwillen empfinden', 
lit. gvlti •schmerzen", abulg". irtZr 'leid', gr. ßcuAco {liXr}) 'werfen, 
treffen'; dass auch ßXrjxri 'geblök' mit Prellwitz, Et. wb. s.v. 
hierher zu ziehen ist. scheint mir nicht sicher. 

Got. mal>a "made. wurm', ags. maöa, as. niatho, ahd. mado, 
an. madh- möchte Klug-e. Et. wb.^ s. v. made als 'nager' deuten. 
Etwas ähnliches mag wol darin stecken, nur kann man schwer- 
lich an die wurzel ''''me •mähen' anknüpfen. Ich möchte es 
mit der ai. set -wurzel am 'schädigen' verbinden. Zu ann-shi 
V.B.. aml-vaX. *drangsal, plage, dränger, plag-egeist', dmatish 
'armut, dürftigkeit" gehört eine Schwundstufe m3. Der be- 
deutungsvermittlung steht nichts im weg-e. Auch mlid. motte 
könnte mit weiterer ablautsform m hierher gezogen werden. 

Got. frapi 'einsieht', frapjun 'verstehen' gehört zunächst 
natürlich zu got. fröps 'weise', frudei 'einsieht'. Wenn wir 
aber an die bedeutungsentwickelung unseres erfahren denken 
(vgl. auch lit. tirt'i 'erfahren'), so wird man gr. jisgäm 'durch- 
bohren, durchfahren', abulg. pem, prati 'fahren' als erste voll- 
stufe heranziehen dürfen. 

Ags. hltec, nd. hlak, ahd. hlacli bedeutet 'tinte', ursprüng- 
lich natürlich 'schwarz', was es ja als adjectivum auch 
heisst. Eine etj'mologie ist mir nicht bekannt. Nun hat Jo- 
hansson. Beitr. 15, 226, um got. hleips zu erklären, einen Über- 
gang von indog. ml zu germ. hl angenommen, gegen den nichts 
einzuwenden ist, da mr zu hr wii'd. Ich sehe daher in hla- 
die regelrechte zweite Schwundstufe zu gr. fitXa-g, ai. mali-?ids 
'schmutzig, unrein'. Denkt man dann weiter an die beliebte 
griechische ausdrucksweise wie fitXav aifia, so kann man auch 
vermuten, dass got. blöp, ahd. hluot 'blut' nichts anderes als 
'das schwarze' bedeutet. Das neutrale geschlecht erklärt sich 
daraus, dass der indogermanische ausdruck für 'blut' ai. asrj, 
gr. euQ, lat. assir, gr. aifia, lat. (veraltet) sanguen n. neutralen 
geschlechtes war. Was das Suffix betrifft, so vgl. lit. yel-tas. 

Das auffallende A-suffix in hlaJc lässt sich vielleicht aus m 
herleiten; indessen bleibt dies unsicher, so lange der Übergang 
von u in k nicht lautgesetzlich festgelegt ist. 

Got. afidapan, an. Jduöa, ags. hladan, afr. hlada, a]id. hladan 

2ü* 



308 HIRT 

nebst ags. hlöd 'beute, häufe, schar, menge', and. hlntha 'beute' 
stellt man zu abulg-. Ihida 'lege, stelle'. Die differierenden end- 
consonanten beruhen avoI auf verschiedenen praesensbild enden 
elementen. Der stamm ist also Jtla, hlö, den man in lit. Möju, 
Jcloti 'hinbreiten' widerzufinden glaubt. Mö weist aber auf 
eine zweisilbige set-wurzel, die wir in lit. Icelti 'etwas heben' 
antreffen, das widerum eine sehr weite verwantschaft hat. 

Ahd. jlado 'oi)ferkuchen', gr. jiXäfhavov 'opferkuchen' ge- 
hört zunächst zu lit. i)Zo7/ 'breit schlagen'; die erste vollstufe 
liegt vor in gr. jttXa-vog 'opferkuchen'. vielleicht auch in sriXa- 
yoc n. 'meer, das ausgebreitete', das genau ahd. flah 'flach, 
glatt', nl. vlah 'eben' entspricht. Zu gründe liegt eine wurzel 
pelä'', die im wesentliclien 'eben, flach' bedeutet. Erste voll- 
stufe jreXa-i^oc, jitka-yog, zweite vollstufe lit. ^)7o//, ^j/owp 
'fladen', lat. planus 'eben', air. Idr 'estrich', mhd. rinor, vgl. 
Prellwitz, Et. wb. s. v. jisXaroc. 

Ahd. rahho für älteres *hrahho 'rächen', ags. hrace, -n f. 
'kehle' ist bisher unklar. IMan kann es verschieden beurteilen. 
Die wurzelstufe Jim kann man zu Jif!r(V in xt^ag, lat. cere- 
brum, ai. giras oder zu gr. x^icc^a) 'schreien' stellen. Genau 
entspricht gr. xQayor 'laut schi'eiend'. Dann wäre die bedeu- 
tung 'kehle' ursprünglich. Auch x(>«^a> gehört zu einer zwei- 
silbigen basis, die wir oben bei hraho erörtert haben. 

D. Germ, ü, % als schwundstufenformen. 

Dem ero, eh, emd, etio stehen t und U als schwundstufen- 
formen zur Seite, insofern schon im indog. ep, eu9 zu 7 und n 
contrahiert wurden. 

Auch diese t, ü sind nur in set -wurzeln berechtigt, wie 
längst de 8aussure nachgewiesen hat. Im folgenden stelle ich 
die germanischen beispiele die ich mir notiert habe, zusammen. 
Da * nicht von ei zu scheiden ist, beginne ich mit u, das im 
wesentlichen allein in betracht kommt, ü ist im germanischen 
ein ziemlich häufiger laut, der in zahlreichen fällen unerklärt 
ist. Möglicherweise steckt noch etwas anderes darin als 
indog. ü. 

Got. pnsundi gehöi't zu ai. iari-, wie ich IF. (5, 344 ff. nach- 
gewiesen zu haben glaube. Vgl. ai. tav'iti RV., fdrish RV., tdvh 
yas V. Zur selben wurzel gehört auch ahd. dümo, ags. püma 



GEAMMATISCHES UND ETYÄIOLOGISCHES. 309 

u.s.w.. das einem Ri.'^tariniä entsprechen würde. Verkürzung 
des i< ist in -aw. ])io)iaU einjjetreten. das mit seiner /-ahleitun«? 
dem ind. tmurasX. "feist, kräftig' entsprechen Avürde, falls es 
alt ist. Wegen der kürze des u ist letzteres wahrscheinlich 
richtig. Oben haben wir auch got. gajm-asfjan zur gleichen 
Avurzel gestellt, mit der zweiten Schwundstufe. Ich halte dabei 
ü und u9 für coordinierte schwundstufenformen. u ist dagegen 
erst aus u in neuer Schwächung entstanden. 

Got. hrü])s haben Tlilenbeck, Beitr. 22, 188 und ich a. a. o. 
s. 234 gleichzeitig zu ai. hrdvimi gestellt. Der ablaut ist auch 
hier in Ordnung. 

Got. fräs 'faul* ist verwant mit Mi. imtl 'faulen', ptdiai 
^eiter', ?i\.püyati 'wird faul' u.s. w. Als wurzel müssen wir 
*peMä ansetzen, die in ai. pundti, pavi-twn mit der bedeutung 
'reinigen' vorliegt. Dazu lat. pürus u.s.w. Die bedeutungen 
divergieren nun allerdings, und der einwand liicus a non lu- 
cendo wäre vielleicht zu erwarten, wenn einer die worte ver- 
mitteln wollte. Das trifft indessen nicht zu. Nach alter an- 
schauung reinigt sich vielmehr die wunde durch die eiterung. 
So lange der eiter nicht zersetzt wird, ist er ja auch rein 
weiss, und wird erst durch zersetzungskeime zur stinkenden 
jauche. 

Nd. düne f., an. dünn m. 'daune', engl, doum 'daune, weiche 
feder' ist nicht erklärt. Xun verbindet man \'a\. pltinui mit 
unserm fli'e(je)i, und feder leitet man von der wnrztl 2>ct 'fliegen' 
ab. Daher könnte auch in drm- etwas ähnliches stecken. Ich 
knüpfe daher zunächst an aisl. di/ja (dada) 'bewegen, schütteln' 
an, das widerum dem ai. dhtinoti 'schütteln' (tut. dhavishyati), 
gr. ß^oaCoj 'in schnelle, heftige bewegung versetzen, schnell 
bewegen' entspricht. Sollte die hei'anziehung von an. dünn 
nicht richtig sein, so entspricht doch dyja genauer der ind. 
set -wurzel. 

Got. hlrärs 'rein', ahd. hlaUn- stellt man zu gr. xXv^^o) 
'spüle, reinige'. Die zweisilbige basis liegt vor in lat. cloäca. 

Der stamm hü in zahlreichen Worten, ahd. bfian, hur, ge- 
h((it zu dii. hitavi-f um u.s.w. 

Ahd. Stada 'staude, Strauch, busch' verbindet man mit gr. 
orvXoQ ' Säule', das weiter zu ai. sthürds, sthülds 'dicht, grob, 
gross, dick, i)lump' gehört. Die zweisilbige basis liegt vor in 



310 HIRT 

sthdvi-ras 'fest, derb, massig, stark, volhvüchsig. alt', sthdvima 
n. 'das dicke ende, die breite seite'. 

Alid. mu 'zäun, garten', ags. tun 'das umzäunte, ort', an. 
tun 'eingehegtes, gehöft' entspricht air. dun 'bürg, Stadt'. 
Weitere anknüpfung fehlt. *dn-nom sieht nun zweifellos Avie 
ein altes no-particip aus, und wir können dazu eine wurzel 
*deuä erschliessen. die im Sii. dunöti A\ . -\- . dunds A\. mit der 
bedeutung 'brennen' vorliegt. Die bedeutungsvermittlung ist 
möglich, wenn man an lat. aedes denkt. Mit unserm wort 
kann auch die thrakische ortsnamenbezeichnung dava, deva 
zusammenhängen, in Pidpudeva, MovQidtßa, ZixiSeßa, 2ixaideßa; 
vgl. Kretschmer, Einl. s. 222, der es von der wurzel dhc ableitet. 
Aisl. snua 'wenden, kehren, drehen, winden' verbinde ich 
mit ahd. senawa, ai. snävan. 

Ahd. chfimön 'klagen, beweinen' stellt man mit recht zu 
gr. yö/og 'totenklage'. Dies war eine set -wurzel, wie aus hom. 
yorjfitvai, yodoisv hervorgeht. 

Got. ahd. hns zu hütte und zu gr. xEvf^co 'verbergen' zu 
stellen, ist wegen der länge des u bedenklich, xiv&co ist zweifel- 
los eine anit -wurzel und muss daher fern bleiben. Den laut- 
lichen anf orderungen entspricht die Verbindung mit lat. caverna 
'die höhle'. Da man vielfach in höhlen wohnte, ist die glei- 
chung auch semasiologisch unbedenklich, caverna lässt sich 
aus *cavcsina erklären. 

Ahd. 5ß? ' Säule' u.s.av. verbindet Kluge mit -dM. sivelli n. 
'schwelle', was nach den ablautsverhältnissen sehr wol angeht. 
Got. Saids f. wäre die erste vollstufe dazu. Sonst kann ich 
die wurzel nicht nachweisen. 

Ahd. scür m. ' Unwetter, hagel' ist ablaut zu lit. sziaurys 
'nordwind'. abulg. scveru 'norden', lat. canrus; hier liegt aber 
eu zu gründe. 

Aisl. ryja, rüöa 'vellere lanam' gehört zu lit. rdiiju, rdiiti 
'eine pflanze mit der wurzel aus der erde ziehen'. Dazu könnte 
man auch ahd. ruh 'behaart, rauh, struppig', eigentlich "gerupft, 
gezaust' stellen. 

Ich will mit diesen gleichungen durchaus nicht sagen, dass 
man worte mit n und ü unter keinen umständen etymologisch 
verbinden dürfe: giebt es doch verwante formen mit u und ü 
neben einander in liinreichender anzahl. AVas ich nochmals 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 311 

betonen möchte, ist dass man vorlänfig ein wort mit u nicht 
auf eine anit-AVurzel bezielien darf. Ich kenne eigentlich nur 
eine sichere ausnähme von diesem satz: ahd. Int, ags. Jdad, das 
zu ai. gru gehört. Das ist zweifellos eine anit-wurzel, aber es 
sind auch spuren des / vorhanden: rrdvishtha kommt vom AV. 
an vor; im KV. lieisst es rnrrüyds. Hier standen also Avalir- 
scheinlich zwei wurzeln neben einander. Man beachte dabei, 
dass germ. VdnÖaz eine bestimmte, abweichende bedeutung hat. 

Germ, i, das wir zu zAveit betrachten wollen, ist leider nicht 
sicher von ei zu scheiden. Aber die möglichkeit, ein an sich 
zweifelhaftes germ. t als entsprechung eines ursprünglichen ei 
aufzufassen, muss überall da in betracht gezogen werden, wo 
wir es mit einer anit-wurzel zu tun haben. 

Es kann daher altes i nicht stecken in ahd. hellban, ai. 
alijyat u.s.w. (Osthoff, MU. 4, 4), in got. frmceitan, wenn dies 
zu vidäx U.S.W, gehört (Osthoff s. 6). in ags. sniiveö, in ahd. 
wis, ahd. liwls, ai. gvit und überhaupt in dem meisten, was bei 
Osthoff. MU. 4 und bei Xoreen. iTg. lautl. s. 75 f. angeführt wird. 
Sichere fälle, in denen l zu einer set-wurzel gehört, sind nicht 
gerade häufig. Got. lei])u(s) würde ein solches sein, wenn es 
mit lit. lytiis zu verbinden wäre, vgl. le'ti 'giessen'. Ferner 
got. frcidjan 'schonen', an. fricfr, ags. frW 'hübsch' u.s.w. zu 
ai. prltds. 

Ahd. rim 'reihe, reihenfolge, zahl', kann zu ai. rinäii 'fluten, 
fluten lassen' gehören, also auch mit rinnau verwant sein. 

Zum Schlüsse dieses aufsatzes möchte ich noch ein paar 
für den ablaut der set-Avurzeln im germanischen typische fälle 
zusammenstellen. Wir unterscheiden zwei vollstufen und zwei 
sch^\Tindstufen. 

Aus der wurzel ycncju wii'd I) bei betonung der ersten 
silbe ^t'w3, 2i\\^.chlnd {gY.y£V£Oic,Vdt.(/enitor,-di.jaui-ta); — II) 
bei betonung der zweiten silbe gcne^o, got. hiöps 'geschlecht', 
as. Icnösal, ahd. chnuosal. 

Bei unbetontheit der beiden ersten silben entsteht — III) 
die erste Schwundstufe ßeiid-, germ. lain, got. himinakunds, Icuni 
'geschlecht', lat. natus, und — IV) die zweite Schwundstufe 
ynd, ahd. hnabo. 



312 HIRT 

Wz. genejö ^kennen': I) got. Tiann-^ — 11) ahd. chnäan, ags. 
cnäwan, ahd. einchmadil 'insignis', cnuodelen 'ein erkennungs- 
zeichen geben'; — III) rjakunds, Tmnpi, Jcnnps; — IV) — . 

Wz. merä^: I) ahd. maraivi\ — II) ahd. brätan; — IIT) 
murmvi; — IV) — . 

II. 
Zur vertretiing der labiovelare. 

1. Gegen die von Zupitza, Die germ. gutt. s. 97 f. auf- 
gestellte lehre, dass indog. anlautendes ghv im germanischen 
durch g vertreten werde, hat ühlenbeck in diesen Beitr. 22, 543 
mit recht einsprach erhoben, worauf Zupitza, Beitr. 23, 237 ff. 
geantwortet hat. Ich halte auch seine jetzigen ausführungen 
nicht für beweisend. Weshalb wir auf die zukunft hoffen 
sollen, die vielleicht noch sichere beispiele für den wandel von 
gM zu g bringen werde, kann ich nicht erkennen. Vorläufig 
müssen Avir uns mit dem begnügen was vorliegt. 

Zunächst spricht doch die behandlung des inlautenden, im 
Silbenanlaut stehenden ghu auch mit, wenn wir den anlaut 
betrachten. Und da hier von Zupitzas regel nichts zu spüren 
ist, ist dies ein schwerwiegendes moment. 

Sicherer ist es, sich auf das etymologische material zu 
stützen. 

Zupitza bestreitet die beweiskraft der alten gleichung: 
got. ivarms, ai. ghannus 'hitze', av. garemu, ap. ganna 'warm', 
apreuss. gorme 'hitze', air. gorm, lat. formus, gr, ö^tp/zdc. Wenn 
wir ein wort so durch alle sprachen mit demselben suffix und 
derselben bedeutung hindurchgehen sehen, so hat ein solches 
wort zweifellos eine grosse beweiskraft. Daran kann es auch 
nichts ändern, dass des öfteren wurzeln mit anlautendem labio- 
velar und tv neben einander stehen. Bezzenberger hat BB. 
16,257 das germanische wort mit lit. aV^«, abulg. vrcti 'sieden, 
fervere', variti 'koclien', varü 'glut', armen, varem 'anzünden' 
verglichen. Die heranziehung des armenischen Wortes begleitet 
Hübschmann, Arm. gramm. s. 494 mit einem f ragezeichen, nach- 
dem schon Bugge, KZ. 32, 50 auf die Verschiedenheit der bedeu- 
tungen hingewiesen hatte. T^nd sind denn nun die lit. slav. 
Worte, die zweifellos 'kochen' heissen, so ohne weiteres in 
ihrer bedeutung mit dem germanischen tvarm zu vermitteln? 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 313 

Ich glaube nicht. Von 'koclien' zu 'warm' ist ein grosser 
Sprung der begriffe, und ich habe bisher kein beispiel gefunden, 
in dem auf anderem Sprachgebiet dieser Übergang stattgefunden 
hätte. Schliesslich kommt noch hinzu, dass lit. virti (verein) 
und abulg. rreft (serb. vreti) auf eine set-wnrzel weisen, wäh- 
rend die Wurzel, zu der gr. {)-eQfi6g u.s. w. gehört, eine anit- 
wnirzel war. So zerfällt bei näherem zusehen das angebliche 
nebeneinander einer wurzel *ghuer und *uer in nichts, und so 
wie hier ist es mit mehreren anderen der von Zupitza an- 
geführten fälle. Ausserdem mnss bei solchen Wortpaaren noch 
nachgewiesen werden, dass ihre Urbedeutung die gleiche ist, 
dass nicht die gleichen bedeutungen erst im laufe der zeiten 
entstanden sind. So ist ags. civelcm 'sterben', avahi 'tod' mit 
dem bestimmten sinn entschieden jung, wegen ahd. quälet, lit. 
gelfi 'wehe tun*, abulg. zalt 'leid'; in an. ralr 'die leichen auf 
dem Schlachtfeld" liegt offenbar eine metonj'mie örtlich causaler 
natur vor wie in hragen, ärmel, frauenzimmer, hacle, bände, 
bein u. v. a. valr heisst eigentlich das Schlachtfeld und dann, 
was sich darauf befindet, ival selbst ist aber der ort des 
Untergangs wegen ahd. tvuol 'niederlage', Rgs.wöl 'pest, seuche'. 
Wo besteht, Avenn wir so w'eit gekommen sind, noch eine mög- 
lichkeit die worte zu vereinigen? Lit. velys 'verstorbener' 
kenne ich nicht: ich finde es weder bei Kurschat, noch bei 
Xesselmann und Leskien. Ich will auf die übrigen fälle nicht 
eingehen, da es auf die saclie selbst nicht ankommt, und nur 
noch darauf hinweisen, dass sich auch noch andere 'reim- 
wöiter' finden, in denen scheinbar am anfang ein consonant 
hinzugefügt ist. Darüber hat bekanntlich Meringer, WSB. 
125,2, s. 35ff. gehandelt, ohne zu überzeugenden ergebnissen 
kommen zu können. Jedenfalls ist das Avort ivarms so gut 
wie nur irgend eins geeignet, die behandlung der lautgruppe 
ghv im anlaut klarzulegen. 

Kin zweites beispiel ist ahd. ivalis 'scharf, das von Fick 
Vgl. wb. 1<, 417. Prellwitz. Et. wb. 348 mit gr. (pogöq 'spitz' ver- 
glichen wird. Die gleichung ist tadellos und jedenfalls der 
heranziehung von ai. rdci 'axt', die Zupitza s. 3.S vorgeschlagen 
hat, vorzuziehen. 



') Vgl. dazu Thomas. Ueber die mügliclikeiteu des bedeutniigswandels, 
Blätter für das gymuasialweseu 3U (1894), 710. 



314 HIRT 

Gr. g^atrioif siQozffiXtc., i^öv, got, ivöpeis lässt Ziipitza 
nicht gelten, worin ihm vielleicht beizustimmen ist. Er ver- 
gleicht ir. hdid 'süss' mit dem griechischen wort, wobei er 
für das griechische umspringen der aspiration annehmen muss. 

Ist das material für die bisher geltende annähme immer- 
hin nicht sehr reicli, so spricht doch auch nichts dagegen. Das 
einzige beispiel Zupitzas ist aisl. (jandr 'rute', sm.ggndoU 'virga 
virilis', das er zu ai. hdnfi, gr. fhlrm, fpövog stellt. Zur ent- 
kräftung von A\'adsteins deutung IF. 5, 30 hat Z. nichts vor- 
gebracht, und so muss sein Widerspruch auf sich beruhen bleiben. 
Und wenn man auch aisl. [/andr nach Liden, BB. 21, 98 mit 
air. fjeind 'a wedge', ng-del. gcinu 'a wedge, cuneus; a large, 
thick piece of anything' verbinden wollte, so bliebe doch die 
Vereinigung dieser worte mit gr. &dvco u.s.w. unsicher. 

2. Auch die frage nacli dem verlust des labialen nach- 
klangs ist durch Zupitzas arbeit nicht ganz ins reine gebracht, 
wie z. b, der einspruch Solmsens, Journ. of germ. phil. 1. 387 
beweist. Ich stimme indessen Zupitza darin bei, dass vor 
indog. ein Schwund des u nicht eingetreten ist. Aber ob 
dies auch für die Stellung vor indog, ö gilt, lässt sich bezwei- 
feln. Das einzige sichere beispiel ist gr. ßovq, ahd. laio, und 
dies genügt auch. Wenn man auch die «-formen, aisl. Icyr, ags. 
cü zu liilfe ruft, um den schwund zu erklären, so bleibt es 
doch auffällig, dass nirgends ein "^lacö überliefert ist. 

Daher halte ich in diesem punkte die alte anschauung 
für noch nicht widerlegt. Zu beachten ist, dass indog. o im 
germ. zu a geworden ist in einer zeit, die wir nicht bestimmen 
können, dass dagegen ö stets erhalten blieb. AA'as übrigens 
got. tuggö gegenüber lat. lingua betrifft, auf das Solmsen noch 
verweist, so kann es absolut nicht zum beweise dienen: tuggö 
ist entweder erst durch metaplasnius in die «-declination ge- 
kommen (dieser metaplasmus ist aber doch wol bewirkt durch 
den zusammenfall einiger casus der a- und li - declination zu 
einer zeit wo indog. ä und ö im germanisclien nicht mehr ge- 
trennt waren), oder es ist ein alter wä- stamm, bei dem in 
einigen casus n berechtigt war (Rhxüg. jt^zy-hu kann man ahd. 
zimga-n gleich setzen), und dann ist der Verlust des iv ana- 
logisch zu erklären. 

Wenn ags. cii, wie nicht zu bezweifeln, aus *A(7 und weiter 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 315 

aus *1ctvö entstanden ist, so kann man natürlich auch ags. M 
dem as. hicö g:leichsetzen. Der versuch von Joh. Schmidt. KZ. 
32.403, ags. ha direct mit ai. AvT zu verbinden, bleibt daher 
mindestens unsicher. Zwischen wgerm. hwö und got. he be- 
steht dieselbe vocaldifferenz wie im gen. plur. masc. und 
anderen fällen. 

III. 
Zu den f-praesenfien. 

Johansson hat KZ. 32, 434 ff, überzeugend gezeigt, wie im 
litauischen die praesensklasse auf -st aus der dritten person 
sg. aor. medii, indog. auf -to erwachsen ist. Der gedanke, dass 
aus einzelnen endungen verbalsuffixe entstehen können, ist auch 
in anderen fällen als berechtigt anerkannt. Ich möchte dieses 
princip anwenden, um einige fälle zu erklären, in denen im 
germanischen ein praesenssuftix indog. to auftritt. 

Betrachtet man die beispiele für das praesenssuftix -to in 
Brugmanns Grundr. 2, 1088 ff. (§ 679), so fällt es auf, wie spär- 
lich sie in den einzelnen sprachen vertreten sind, so dass man 
hier schwerlich von einem productiven suftix reden kann. 
Merkwürdig ist es auch hier, dass das germanische mit dem 
lateinischen hand in hand geht, z. b. in plccfö 'flechte', ahd. 
tlihtu gegenüber gr. xXtxm. Hom. heisst es näy.oi 'kämmen, 
scheeren', Wi.peszu, aber VsX. pecto und germ. fihtu (vgl. Brug- 
mann 2, 1089). Jedenfalls haben wir es in solchen fällen z. t. 
mit neubildungen zu tun, z. t. liegt aber m. e. die 3. sg. medii 
zu gründe. Aus dem germanischen ziehe ich hierher got. us- 
aljmns 'gealtert', aisl. aldenn 'gealtert', gegenüber aJa 'auf- 
wachsen'. Die formen mit dem /'-suffix, die leider nur im 
participium belegt sind, haben entschieden intransitiv medialen 
sinn. Ein indog. "^alto hätte im got. zu "^alj) geführt, und da- 
von ist das participium alpans gebildet. Aehnlich lässt sich 
vielleicht das merkwürdige verbum got. standan, stö]> erklären, 
neben dem sich im ahd. stcn findet. Zuletzt hat sich Osthoff 
um die erklärung bemüht (vgl. IF., Anz. 1, 82); er nimmt eine 
besondere i»raesensbildung auf -7ict an. Diese auffassung scheint 
mir mit Brugmann, (-irundr. 2, 1043 anm. 2 nicht überzeugend 
zu sein. Halten wii- uns an die tatsachen, so steht z. b. im 
ahd. neben dem alten praesens sten {stän) ein praeteritum siuot 



olb HTRT 

(arstuat WK., vorstötun, forstuotun T., gistiiaf, gistuatnn 0). Die 
3. pers sing, können wir ohne weiteres auf *stöto zurückführen, 
was abgesehen von der vocalstufe einem ai. asthita genau ent- 
sprechen würde. Allerdings kommt dem aorist nicht eigent- 
lich die starke Stammform zu. aber diese unterschiede im ab- 
laut sind ja schon frühzeitig ausgeglichen, vgl. ahd. gitän. 
Im praesens der verwanten sprachen finden wir weiter sehr 
häufig einen nasal: gr. oratw), armen, sianam, lat. destinärc, 
abulg. stanetu neben sfafi, preuss. stänintei, adv. des part. praes. 
Stand nun im germ. ein *stanö neben *stö]), so konnte sehr 
leicht der dental auch in das praesens eingeführt werden. 

Es liegt natürlich nahe, auch die übrigen ^praesentien des 
germanischen auf diese weise zu erklären, vor allem got. tvinda, 
*gawaj), doch fehlt hier die anknüpfung an die verwanten 
sprachen. 

Es liegt ferner nahe, einige ^-praesentien aus alten aoristen 
zu erklären. So z. b. got. fraliusa gegenüber gr. Xvm, lat. solvo 
aus aor. fra-lu-s-um, der ganz genau gr. Uvoafitv entspricht. 
Ueberhaupt muss doch einmal die frage aufgeworfen werden, 
was aus den zahlreichen aoristbildungen des indogermanischen 
im germanischen geworden ist. Wenn man die zweite sing, 
perf. ahd. hü^i, ags. hite mit recht für eine form des sogenanten 
aoristus secundus erklärt, so scheint mir eine solche form in 
das perfectsj'stem nur haben hineinkommen können, wenn in 
anderen formen ein lautgesetzlicher Zusammenhang statt- 
gefunden hatte. Dieser ist eingetreten im plural. Formen wie 
ai. ddirani, ddi^as, ddicat, ddiräma, ddirata, ddlgau hätten 
wgerm. "^tig, tigi, *tig, tigimi, *tigid, tigan ergeben. Die erste 
pluralis fiel, aber nur im Avestgermanischen (got, dagam =^ ahd. 
taguni), mit der perfectform zusammen. Sie wird den zusammen- 
fall veranlasst haben. Andere fälle mögen noch sein *l)iti, 
*bikim, ai. dbhidas, dbhidäma; ai. dsicas, dsicäma zu sie = ahd. 
sthan; gr. sXijtsc, aXixo(itv, •dhd.lnvi, Uwum; dii. dvrtas,dvrtmna, 
ahd. ivurti, ivurtum. 

Nicht also der zusammenfall mit der optativform (wie 
V. Fierlinger, KZ. 27, 432 meinte), ist der grund der erhaltung 
der 2. sg. im wgerm., sondern weil sie in das perfectsystem 
eindringen konnten, darum haben sich diese formen erhalten. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 317 

TV. 

Zur Chronologie germanischer lautgesetze. 

Man hat sich mit recht bemüht, niclit mir die relative, 
sondern auch die absolute Chronologie der lautgesetze festzu- 
stellen, die in eine vorliterarische epoche fallen. In neuerer 
zeit ist man dieser frage wider verschiedentlich näher getreten, 
und Streitberg: hat in seiner Urgerm. grammatik an den be- 
treffenden stellen verzeichnet, was sich über die absolute Chro- 
nologie einzelner urgermanischer lautvorg'änge vorbringen lässt. 
Dass man gegen das Avas er mit anderen anführt, begründete 
einwände erheben kann, hoffe ich im folgenden zeigen zu 
können, und ich bemerke nur, dass derartige bedenken schon 
früher geäussert sind, vgl. Möller, KZ. 24, 508. Bremer, IF. 4, 21. 
Da sie aber nicht beachtet werden, ist es nötig sie zu wider- 
holen. 

Bei der bestimmung der absoluten Chronologie sind wir 
geAvöhnlich auf die erscheinungen in lehnworten angewiesen. 
Diese aber leiden an einem lecht betiächtlichen mangel, denn 
man niiiss bei iJmen mit dem wichtigen factor der lautsubsti- 
tution rechnen, und daher ist ihr Zeugnis meistens anfechtbar. 
PrüffU wii- nun die einzelnen fälle: 

1. Der germanische vocalismus ist charakterisiert durch 
den zusammenfall von « und o in a, von ä und ö in ö. 
Wann ist dies eingetreten? 

'Die alten keltischen lehnwörter verwandeln ihr o in a, 
sind also vor der zeit des wandeis von indog. o zu germ. a 
aufgenommen. Vgl. Moyuntiacum, ahd. Mcujinza, gall. Voseyiis, 
ahd. Wasconoivalt, gall. Volcae, ahd. Wullia. Die später auf- 
genommenen lat. lehnwörter erhalten im germanischen ihr o 
unverändert. Vgl. coqucre, ahd. lochön u.s. av.' Dasselbe be- 
liaui)tet Brugmann, (irundr. 1 '\ 145. 

Das beispiel beweist nicht, was es beweisen soll. Denn 
angenommen, dass o schon zu a geworden war, so besassen 
die (lermanen kein o mehr (vorausgesetzt, dass u noch niclit 
zu o gewoiden war); sie substituierten daher ihr a für das 
kelt. 0. Als sjjäter ein neues o aus u entstanden war. konnten 
sie dieses für das o der lateinischen lehnworte gebrauchen. 
Es würden also diese beispiele nui- zur zeitlichen bestimmung 



318 HIRT 

des gerin. a-iimlaiits von i( dienen können, aber selbst dieses 
ist niclit ganz sicher. Bei der widergabe fremder vocale 
kommt nämlicli vor allen dingen die eigenliöhe des vocals in 
betracht. Serben, denen ich deutsche Wörter mit a vorsprach, 
hörten darin ein o und gaben es demnacli mit o wider, ob- 
gleich sie selbst ein a besitzen, das allerdings bedeutend höher 
liegt als unser deutsches a. Aehnlich war es auch früher. 
Für germ. a in lehnwörtern wird im slavischen o gesprochen, 
vgl. z. b. serb. grof = graf u. v. a. Die Litauer dagegen setzen 
für das slav. o noch heute ein a, weil die Litauer kein o 
kennen, vgl. lit. alyvä 'olive', poln. oliva; lit. altörius, poln. o?tor 
'altar', Mi. äsüas, Ww oscl, poln. os?"o? 'esel' u.s.w. mit voll- 
ständiger regelmässigkeit. ]\Ian wird daher aus den germani- 
schen lehnworten aus dem keltischen nicht das schliessen 
können, was man getan hat. Sie sind m. e. in keiner weise 
verwertbar. 

2. 'Indog. ö und ä sind zur zeit Caesars im germanischen 
noch geschieden gewesen, vgl. silva Bacenis, ahd. Bnochnnna^ 
Ebenso Brugmann, Grundr. 1-, 15L Im altirischen und im galli- 
schen sind indog. ö und Ci in a zusammengefallen. Ist dies 
aber der fall, so kann in Bacenis keltische lautsubstitution 
für "^Böccnis vorliegen. Denn (Jaesar wird doch den nanien 
aus gallischem munde vernommen haben. Ebensowenig be- 
weisen die lehnworte, gall. hrdca, aisl. bröJc, ahd. hruoh, Bänn- 
tms, got. Bönaici, ahd. Tnononwa. Wie hier kelt. ä durch ö 
widergegeben wird, so wird lat. ö durch U ersetzt, vgl. as. 
Piumnhurg. In diesem falle wird wol lautsubstitution vor- 
liegen und ö für ä kann man dann kaum für etwas anderes 
halten. Es scheint mir nicht richtig zu sein, in einem falle 
wie got. Bümöneis = lat. Bömäni den einen vocal anders als 
den andern zu beurteilen. Wir können aus den keltischen 
lehnworten widerum nichts anderes schliessen, als dass damals 
im germ. ein ä nicht existierte. Nun, dass ä aus rt erst ziem- 
lich spät entstanden ist, das wissen wir, und ebenso, wann un- 
gefähr das urgermanische ä zu ä geworden ist. Auch hier 
sei es mir gestattet, auf den bekannten Vorgang in den lit. 
slavischen sprachen zu verweisen. 

Das litauische kennt nur ein ö, das slavische nur ein ä, 
und sie substituieren dementsprechend. Man vergleiche folgende 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 319 

fälle: lit. ni6::e)-is, nilid. mascr, lit. nmerszlahas 'hamiuerschlag', 
Mi. liolca 'pranger', m\\&. hak 'scliandpfalir u.s.w. Für slav. a 
stellt gleichfalls ö: lit. äönjti, klr. darytji * umherjag^end quälen', 
\\i. iirömiata, klr. liramoia (g;r. yQafifiara); lit. (ironyre, poln. ryr«- 
nica U.S.W. So wenig man hier aus den lautsubstitutionen 
einen schluss auf die Chronologie ziehen kann, so wenig ist 
das im germanischen angängig. 

3. lieber die Chronologie der germanischen lautverschiebung 
hat Much. Beitr. 17, 62 f. gehandelt. Auch in diesem falle haben 
seine resultate bei Kossinna, W., Anz. 4, 49 beifall gefunden.') 

Ebenso bei Streitberg, Urgerm. gramm. § 126. Aber man 
kann sich bei dieser Chronologie nur auf sehr unsichere beweis- 
punkte stützen. Zunächst konnnt das wort alid. hanaf, ags. 
hccnep, aisl. hanpr gegenüber gr. xavvaßig in betracht. Much 
bemerkt dazu s. 63: 'diese pflanze wurde den Griechen von 



1) Ich hatte diesen piiukt z. b. mit im sinn, als ich Beitr. 21, 144 
schrieb, dass sich Much auch in anderen unbegründeten punkten des bei- 
falls von Kossinna erfreue. Es wird in den IF. ausdrücklich gesagt: 'Als 
wichtigstes ergebnis der Sprachwissenschaft darf endlich die festlegung der 
ersten (germanischen) laiitverschiebung in die zeit um 300 v. Chr. nicht 
unerwähnt bleiben.' Seitdem hat Kossinna selbst dieses datura wider um 
ein jaliilinndert verrückt (Beitr. 20, 297), und er hat auch die Verteidigung 
von Aluchs deutuug der volkeruamen übernommen (IF. 7, 302), wie mir 
scheinen will mit wenig glück. Ich bestreite durchaus nicht, dass einzelne 
vülkernamen aus spott- oder tiernamen entstanden sein können: ich be- 
streite nur, dass Muchs deutungen irgendwie wahrscheinlich sind. Sehr 
charakteristisch auch für Kossinna sind die IF. 7, 304 angefiihrten beispiele : 
Piceutes (picus) 'specht' und Hirpini (Jtirimii) 'wolf. M. e. müssteu die 
betreft'enden stamme, wenn sie tiernamen trügen, Fici und Hirpi heissen, 
und die Warnaii in Mecklenburg müssten Varnl genannt sein, wenn sie 
'krähen" wären. Zwar könnte in dem -avi die endung der »-stamme 
stecken, aber ebensogut auch das suftix -uv, das z. t. die herkunft bedeutet. 
Wtniavi könnten also die nachkommen eines Vani sein, und ebenso bedeutet 
llirpini nichts anders als zu einem llirpus gehörig. Der wichtige gesichts- 
liunkt, dass überall in Europa grosse geschlechtsverbände als grundlage der 
Stämme existieren, und dass wir in den den namen deutlich patronymische 
endungen treften, findet bei Kossinna und Much nicht die gebührende be- 
rücksichtigung. Allerdings genügen, 'um alte völkernamen richtig erklären 
zu können, nicht einmal die besten kenntnisse der lautsysteme der alten 
Sprache, sondern e.s bedarf dazu noch ethnologischer und urgeschichtlicher 
kenntnisae.' (iewis. Aber sprachliche kenntnisse und richtige Vorstellungen 
von dem leben der spräche sind doch die notwendige Vorbedingung, ohne 
die die übrigen kenntnisse wertlos sind. 



320 HIRT 

Skj'tliien her (von wo sich ihre cultiir über Europa aus- 
breitete) erst im 5. jh. bekannt: Herodot 4, 74 beschreibt ihre 
Verwendung seinen lesern noch als etwas neues. Kaum früher 
aber als die Griechen, die mit der nordküste des Schwarzen 
meeres in lebliaften beziehungen standen, lernten die Germanen 
sie kennen.' Wenng-leich diese annähme nichts weniger als 
sicher ist und auch mit einigem vorbehält vorgetragen wird, 
so steht in der anzeige Kossinnas IF,, Anz. 4, 49 schon die 'tat- 
sache von der einfülirung des hanfes in Osteuropa im 5. jh.' 
fest. Sehen wir uns diese Tatsache' etwas genauer an. Die 
betreffende stelle bei Herodot lautet: "Eon de öqi (Sxvd-an;) 
xdvvaßig (pvo^EVi] Iv rij ymQy, jtX?jv jia/^vrrixoQ xal fisyad^Eog 
xä) Xlvcp ifi<f)i:Q£Otdriy ravTt] öh jtoXXco vjtsq(/e()Si // xdvi>aßig' 
avTtj xal avTOfidn^ xal OJttiQo^evrj (pvETai, xal ig amrjq 
0Q/'ftxeg f/fv xal Hfiara jtouvvxai roloi Xivtoiöi ofjoioxaxa, 
ovo' ar, ooxig fi?j xdgxa ZQißcov shj avxyq, öiayi'o'ui, Xhov rj 
xavväßiog eöri. . . ^ 

I^nzweifelhaft beschreibt hier Herodot den hanf als eine 
in Griechenland nicht einheimische pflanze, die bei den Skythen 
wild und culti viert wuchs, die aber auch bei den Thrakern 
vorkam. Denn, sagt er, die Thraker bereiten daraus gewänder, 
die Skythen (so muss man ergänzen) aber nicht. Dass der 
anbau erst kürzlich eingeführt wäre, davon steht bei Herodot 
kein wort. Vielmehr sind die Skythen und Thraker mit der 
Verwendbarkeit der hanffaser und der berauschenden kraft 
der samen wol bekannt, und sie können die pflanze schon seit 
langer zeit culti viert haben. Nicht alles, was Herodot be- 
schreibt, war seinen landsleuten unbekannt. Erzählt er doch 
ausführlich die anschauungen, die die pontischen Griechen von 
der lierkunft der Skythen hatten, und liegt doch seinem vierten 
buch zu einem teil eine ältere griechische quelle zu gründe. Die 
art, wie Herodot hier den hanf beschreibt, ist für ihn fast 
typisch und übei-all zu belegen. 

In den südlichen halbinseln fand der hanf kein günstiges 
fortkommen. Bei den Römern erwähnt ihn (nach Hehn, Cultui*- 
pflanzen" s. 187) der Satiriker Lucilius um 100 v. Chr. zum 
ersten male. Wann er bei den Germanen angebaut, oder wann 



*) Das ist auch heute noch der fall. Experto crede. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. S21 

er ihnen wenigstens bekannt geworden ist, darüber lässt sich 
einfach nichts anssagen. Anch die untersuclmng der funde hat 
nichts ergeben. Huschan sagt, Vorg-eschiclitl. botanik s. 11(3: 
'In dem ganzen mittleren nnd westliclien Europa war die hanf- 
pfianze zur jüngeren stein- und broncezeit und aucli wol noch 
zur eisenzeit unbekannt; das erste hänfene gewebe, das in 
jenen gegenden gefunden ist, stammt nach meinen Unter- 
suchungen aus der Völkerwanderungsperiode.' Indessen dürfen 
wir aus dem mangel an funden nichts schliessen. Wichtig ist 
eine von Helin a. a. o. angeführte nachricht: 'Als Hiero II. von 
SjTakus, 269 — 215 v. Chr. sein bei Athenaeus 5, 206 beschrie- 
benes ungeheures praclitschiff baute, zu dem er von allen 
hindern je das beste in seiner art kommen Hess, wurden hanf 
und pecli vom flusse Rhodanus in Gallien bezogen.' Es liegt 
kein grund vor, mit Buschan die richtigkeit dieser nachricht 
zu bezweifeln. A\^enn der hanfbau spät in die südlichen halb- 
inseln vorgedrungen ist, so kann dies seinen grund darin haben, 
dass hier die wollenkleiduug stets die linnene und hänfene über- 
wogen hat. Man bedurfte daher keines ersatzes. Wie es aber im 
norden gewesen ist, das vermögen wir einfach nicht zu sagen. 

Aber noc^h etwas anderes ist zu erwägen. Allgemein und 
mit recht zerlegt man die erste germanische lautverschiebung 
in verschiedene acte; von diesen Vorgängen ist die Verschie- 
bung der medien jünger als die der tenues. Es muss dem- 
nach im germanischen eine zeit gegeben haben, in der man 
y, 5 und (j U.S.W, sprach, in der also keine tenues vorhanden 
waren. In dieser epoche hätten die Germanen für ein fremdes 
k sicher cli substituiert, ebenso wie sie in Kreks ein k für g 
eingesetzt haben, weil sie kein (j besassen. Das wort hanf 
würde demnach nur beweisen, dass die Verschiebung dei- medien 
noch nicht eingetreten war, als es aufgenommen wurde, es würde 
also nur für diesen Vorgang chronologisch bedeutsam sein. 

Ebenso steht es auch mit dem worte *Walhö^. 'Sofern 
Caesar von den Volcae Tectosages mit recht erzählt, dass sie 
durch die grosse Keltenwanderung nach Germanien und an 
den erkynischen wald geraten seien, so bestätigt sich damit, 
dass jenes germanische Sprachgesetz nach dem Sigovesuszuge 
in kraft getreten ist.' Muchs 'soferne' ist es, woran alles 
hängt. Caesars nachi iclit kann aber ebensogut falsch als richtig 

Beiträgu zur güHchichte der iluut^uhtiu spräche. XX UI. 21 



322 HIRT 

sein. Im allgemeinen sind wir doch heute nicht so ohne wei- 
teres geneigt, an diese einwanderungstheorie zu glauben, die 
Caesar BG. 6. 24 ausspricht. Wir werden yieliuehr mit grösse- 
rem recht die Volcae in der provinz, die auf ligurisch-iberischem 
boden sitzen, für einwanderer halten, und die Yolcae in Ger- 
manien für zurückgebliebene ansehen [vgl. jetzt Niese, Zs. fda. 
42, 142 f.]. 

Dass auf den namen Vacalus bei Caesar kein gewicht zu 
legen ist, und dass in diesem falle Muchs auseinandersetzungen 
unzutreffend waren, ist bereits durch v. Grienberger, Beitr, 
19, 531 und durch Kossinna, Beitr. 20, 294 gezeigt worden. 

Auf den nach Müllenhoff, 1 )A. 2, 234 aus g-AW. penn 'köpf 
entlehnten bergnamen Finne, auf den Kossinna, Beitr. 20, 296 
wider hinweist, ist natürlich ebenfalls kein beweis zu bauen. 
Er könnte höchstens für die bestimmung der medienverschie- 
bung in betracht kommen. 

Kossinna will auch got. fairynni u.s.w. aus dem keltischen 
entlehnt sein lassen (IF. 7, 284). Wir können ihn bei dieser 
annähme ruhig belassen und abwarten, ob er den beifall der 
fachgenossen finden wird. Ehe wir ihm glauben sollen, muss 
Kossinna noch einige andere worte nachweisen, die vor der 
Wirkung des Yernerschen gesetzes entlehnt sind.') 

M. e. ist bisher noch kein beweispunkt angeführt, der uns 
gestattete, die erste germanische lautverschiebung chronologisch 
festzulegen. Allenfalls lässt sich die Verschiebung der medien, 
aber ohne sicheren beweis, ins vierte jh. setzen. Und ich 
möchte in dieser beziehung auf den litauischen volksnamen 
Giidal verweisen. Kurschat sagt im Wb. s. v.: 'von den hiesigen 



') Wenn sich Kossinna auf das gebiet der giamniatik begibt, ist er 
meistens wenig glücklich. Hier möchte ich vor allem noch die tatsache 
feststellen, dass er Mnchs etymologische dentungen in der hauptsache ge- 
billigt liat, diese etymologischen deutungeii, <lcren letztes ergebnis es war, 
dass Ptolemaeus seine völkernameu von herumziehenden händlern erhalten 
habe, während Holz die sehr gelehrte arbeitsweise des antiken geographen 
aufdeckte. Kossinna hätte besser getan, auf seine anzeige von Holz, 
Deutsche zs. f. geschieh tsw. n. f. 1, monatsbl. 76 ff. nicht zu verweisen, denn 
sie zeigt doch jedem der sich mit diesen fragen beschäftigt hat, dass 
Kossinna in diesem punkte zum mindesten befangen ist. Ich halte Holzens 
buch für eine viel solidere grundlage für weitere forschung als Fluchs ety- 
mologien und stehe damit nicht allein. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 323 

Litauern werden die polnischen Litauer, von den Samogiziern 
aber die südliclieren AWissrussen GiidaJ (etwa (lOten?) genannt.' 
Icli brauche wol kaum auseinanderzusetzen, dass diese Ver- 
mutung- riclitig- sein kann, falls die (joten vor der Verschiebung 
der medien zu tenuis an die A\'eichselininidung übergesiedelt 
sind, was sich nach Kossinuas ausführungen IF. 7,270 ff. viel- 
leicht begründen Hesse. 

V. 
Zum spiranteiiweclisel im gotischen. 

Durch Thurnej'sens aufsatz IF. 8, 208 ff. ist die frage nach 
dem grammatischen Wechsel im germanischen, speciell im goti- 
schen, aufs neue angeregt. Durch den nachweis, dass sich der 
Wechsel zwischen tönenden und tonlosen Spiranten in unbetonter 
silbe nicht nach der stelle des indog. accentes, sondern nach 
einem ganz anderen i)rincip richtet, sind eine ganze reihe von 
Schwierigkeiten, die sich der durchführung der accenthypothese 
entgegenstellten, auf das einfachste beseitigt, und die zweifei. 
die ich in meinem Lidog. acc. in betreff der verwertbarkeit 
germanischer formen für die bestimmung des indog. accents 
ausgesjjrochen habe, vollständig gerechtfertigt worden. Auch 
Kluge, der in seiner anzeige meines buches Lit.-bl. 1895, s. 331 
seinen Widerspruch gerade gegen diesen punkt richtete, hat in 
der neuen aufläge von Pauls (IrUndrIss die meisten früher an- 
geführten beispiele für accentwechsel gestrichen. 

Indessen finde ich, dass mit Thurneysens aufsatz die sache 
selbst keineswegs erledigt ist. Abgesehen davon dass eine 
anzahl vun beispielen übrig bleiben, die sich dem gesetz nicht 
zu fügen scheinen, fehlt auch eine erklärung des lautphysio- 
gischen und historischen Vorgangs der gleich zu nennenden 
erscheinungen. 

Thurneysens regel lautet: 'unmittelbar hinter unbetonten 
(nicht haupttonigen) vocalen erscheinen stimmhafte si»iranten. 
wenn im anlaut der unbetonten silbe ein stimmloser consonant 
steht; dagegen stimmlose, wenn jene silbe mit einem stimm- 
haften consonanten anlautet (-tuh-, aber -duf-). Stehen zwei 
consonanten im silbenanlaut, so wirkt stimmloser consonant -|- 
liquida wie stimmhafter anlaut; vgl. \mttn aiihjödus, tveifiröd-, 
aber hröprahans, niu/daJis. Im letzteren fall hebt also die 

21* 



324 HIRT 

dazA\ischensteliende stimmhafte liquida die wirkimg des vorher- 
gehenden lautes auf.' 

Hier dräng-en sich sofort verschiedene fragen auf, die eine 
beantwortung- erfordern. Wie verhält sich diese regel zum 
Yernerschen g-esetz? Hat dieses zunächst gewirkt, und sind 
dann die tönenden Spiranten tonlos, tonlose tönend geworden, 
oder haben wir im gotischen in unbetonten silben nur tönende 
Spiranten vorauszusetzen, die dann nach tinienden consonanten 
im anlaut der vorhergehenden silbe tonlos geworden sind, oder 
ist etwa das umgekehrte eingetreten? Ist diese erscheinung 
specifisch gotisch oder ist sie gemeingermanisch? 

Ich will versuchen, hier einen schritt weiter zu kommen. 
Ich gehe von den beispielen aus, die auch Thurneysens aus- 
gangspunkt gebildet haben, den eigentümlichen bil düngen auf 
-nhn-, -nfn-. Es heisst fraistuhni, fastuhni, icituhni, aber ual- 
äufni, wundufni. 

Ich halte hier mit Thurneysen a, a. o. und Brugmann, 
Grundr. 1, 383 an der alten Sieversschen herleitung dieses 
Suffixes aus -itmni- fest, und glaube nicht, dass Joh. Schmidts 
zurückführung auf -iqm- (Kritik der sonantentheorie s. 132 ff.) 
viel beifall finden wird. Abgesehen davon, dass Avir dieses 
Suffix -upn- schwer irgendwo anknüpfen können, ist der Über- 
gang von -nin- in -dn- auch in Wurzelsilben belegt, vgl. Brug- 
mann a. a. o.,i) und wir gewinnen mit der herleitung aus -nmni- 
eine tadellose erklärung. Bei dem Übergang von m vor ti in 
einen Spiranten muss nun zunächst ein tönender spirant ent- 
standen sein, wie ein solcher ja auch in got. siihna vorliegt. 
In diesem falle kann der Wechsel von h und f zweifellos nichts 
mit dem Yernerschen gesetz zu tun haben, und es folgt daraus, 
dass im gotisclien unter der von Thurneysen gefundenen be- 
dingung tönende sjjiranten zu tonlosen geworden sind. Es ist 
dies auch verständlich. Wurde ein wort wde tvdlchdni, wün- 
diibni im gotischen mit starkem exspiratorischem accent ge- 
sprochen, so konnte die Spannung der Stimmbänder am schluss 
der zweiten silbe sehr wol nachlassen, während sie in frai- 
stuhni, fasttihni, ivituhni u. s. w. erst bei dem u wider einsetzen 
musste, und nun das h tönend blieb. 



') Zu den tlnrt aii^''efiihrten beispielen habe ich obeu s. 300 einige neue 
gefügt. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 325 

Die e^'-stänime waren im iiidog. wurzelbetoiit. ^^'i^ müssisen 
daher zunächst tönendes s voraussetzen. Wenn wir rimisa, agisa 
finden, so erklärt sich das sehr leicht nach Thurnej'sens gesetz 
aus *rmi/>a U.S. Av. A\'ir haben es also mit einer rück Verwand- 
lung zu tun. 

Dass auch lautgesetzlich berechtigte tonlose Spiranten 
tönend geworden sind, wird sich schwerlich nachweisen lassen. 
Leider sind die fälle, in denen wir im indog. betonung der 
zweiten silbe eines dreisilbigen Wortes anzunehmen haben, dünn 
gesät. Am sichersten sind noch fälle wie fnja])wa, fuijnva, für 
die ich Indog. accent s. 251 eine betonung fnjdjjica erschlossen 
habe, während Jriivachv wegen •di.devatvdm, gatrutvdm, priyatvdm, 
russ. bozestvö, vmcesfvö auf endbetonung weist. 

Wenn uns nun auch die verwanten sprachen im stich 
lassen, so haben wir in den übrigen germanischen dialekten 
stützen, die Thurneysen merkwürdigerweise gar nicht heran- 
gezogen hat. So lange er nicht nachgewiesen hat, dass sein 
gesetz auch in den übrigen mundarten gilt, so lange können 
formen nicht benutzt werden, die im übrigen germanischen 
eine entsprechung finden. So sind denn unsicher oder über- 
haupt zu streichen: got. agisa wegen ahd. egiso, got. menöpimi 
wegen ahd. mänöd; auch avoI got. hajöpum wegen ahd. beide; 
liuhad- Avegen ahd. lioJit:, naqad- Avegen ahd. nahhut; fnimaj)- 
Avegen 2i\\di. fremidi; magajj Avegen ahd.magad; zu den abstracten 
auf -i/>a ist .ä-u bemerken, dass auch im ahd. -ida ganz allgemein 
ist. Dass jemals ein -ida bestanden habe, lässt sich aus aupi-da, 
tvairpida schwerlich folgern, tvitöd weicht von ahd. ivizzöd 
ab, doch kann hier Verallgemeinerung des suffixes -üd vor- 
liegen. Der Avechsel -üdus, -Ulms ist auch im ahd. vorhanden. 

Dass im gotischen It und g nicht mehr mit einander 
wechseln können, ergibt sich aus der behandlung des g im 
auslaut. Sollte Avirklich h für g in mittelsilben eintreten, so 
müsste dieses lautgesetz recht alt sein. Indessen lassen die von 
Thurneysen angeführten erscheinungen auch eine andere erklä- 
rung zu, die ich Indog. acc. s. 288 schon gegeben habe. Dem 
got. Suffix in huirgahei, bröprahans entspricht das ahd.suffix -ahi, 
Avährend den got. adjectiven auf -g ebensolche im ahd. gegen- 
überstehen. Es ist nun nicht zu kühn, die got. adjective Avie 
stainahs u.s. av. ihr h von collectiven, Avie sie in ahd. steinaki 



326 HIRT 

vorliegen, beziehen zu lassen. Auf ainaha ist sclnverlicli ^iel 
zu geben, n'mldahs ist vielleicht comi)Ositum, pan'hs ganz un- 
klar. Die enditicae -idi, -h und -Imu kommen als einst selb- 
ständige Worte vielleicht nicht in betracht. Lassen sich also 
einerseits die fälle, in denen li im gotischen auftritt, anders 
erklären als es Thurneysen tut, so bleiben andrerseits doch 
zahlreiche ausnahmen mit <j. (jcihigs und handiigs konnten 
sich doch schA\'erlich so leicht an die übrigen adjectiva auf (j 
anschliessen. Alid. lieisst es ebenfalls hantac. In fällen wie 
sincigs, andancnieigs, gatviznc/gs, iishcisneigs, ivanrshvcigs, w'do- 
deigs, audags und zahlreichen anderen könnte man ja Über- 
tragung annehmen, was mich indessen nicht sonderlich befrie- 
digt. Eher dürfte in erwägung gezogen werden, dass hier wie 
im auslaut g auch den entsprechenden tonlosen Spiranten be- 
zeichnet, das auftretende h aber, wie eben angedeutet, auf 
anderen Ursachen beruht. 

Thurneysens gesetz lässt aber auch ausserdem eine reihe 
von ausnahmen zurück, die er selbst zusammengestellt hat, 
nämlich harizeins, ubistva, arhaidim, lianhida, fdigri, tivalihim, 
sihibr, siluhreins, frmnadei, pkvadw. Mag man auch einigen 
seiner versuche, diese formen zu deuten, zustimmen, so bleiben 
doch andere ganz rätselhaft, und ich möchte daher nach einem 
lautgesetzlichen gründe suchen. 

Nehmen wir zunächst hauhida. h geht doch hier höchst 
wahrscheinlich auf indog. 2^ zurück, wenn auch das Verhältnis 
zu lat. Caput, ai. kapüccliala noch nicht genügend aufgeklärt 
ist. Wir erhalten also eine ursprüngliche betonung hauhidd. 

Got. ubisiva 'halle, vorhalle' weist auf dieselbe betoining, 
falls es, wie man mit Johansson, Beitr. 15, 239 und Elirismann, 
Beitr. 18, 227 f. annehmen darf, zu indog. up gehört. 

Worte, mit dem suffix -ino gebildet, sind auf dem / betont, 
vgl. ai. apädnas, anjastnas, navinas, gr. dyxiorlroc, tQi^&Qivog, 
xoQaxivoc, ahd. magatin, lit. Jcaimynas, vgl. Indog. acc. s. 278. 
Wir haben also vorgot. ^harizems, ^siluhreins anzusetzen. Ebenso 
\WM Jiiivadw auf dem ende betont, wie schon oben bemerkt ist. 
Dasselbe für frumadei anzunehmen hindert nichts. Wir würden 
nach diesen beispielen Thurneysens regel dahin ergänzen müssen, 
dass der Übergang des tönenden Spiranten in den tonlosen nicht 
eintrat, wenn der ton unmittelbar dahinter, also auf der dritten 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 327 

Silbe lag-. Oder wir können ancli sagen : der Übergang ist nur 
eingetreten, wenn seit indog. zeit anfangsbetonung liersclite. 

Icli glaube durch diese fassung erledigen sich nocli eine 
ganze reihe von fällen, die Tliurneysen durch ausgleichung 
erklärt. 

Auf die adjectivendungen -aizös, -aize, -aizü will ich kein 
allzu grosses gewicht legen. Da aber die adjectiva meistens 
endbetont waren, und es zweifellos *J)izüs, *J)(zc, *])izö geheissen 
hat, so liegt eine ursprüngliche betonung hlinäaizös sehr nahe. 
Die endungen -za, indog. -sai, und -da waren im indog. in vielen 
fällen betont. Setzen wir dies auch für das germanische voraus, 
so konnten sich niemals -sa und -J)a einstellen. Ebenso können 
die angehängten Partikeln in pizözei, iztcizci, Jvarjizuli, amlizuh, 
tvilcizH den ton getragen haben, wie in anderen indog. sprachen, 
vgl. ai. id-dm, gr. arkad. rco-v'i 'huius', dor. £//£-/, rii, ovtoö-i, 
oiyi, lit. fasüT, abulg. Mtö. Bei dem comparativsufflx -iza, -öza 
haben wir in der überwiegenden mehrzahl der fälle lautgesetz- 
lichen tönenden Spiranten, da ja ausser den sonoren nur p, t, k 
oder /■ J), h am schluss der ersten silbe stehen konnten. Wenn 
auch dieses Verhältnis frühzeitig verwischt ist, so war doch 
der tonlose spirant in mehr fällen vorhanden, als sie historisch 
vorliegen. 

Das schw^ache part. war zweifellos auf dem ende betont, 
daher wären die formen wie hnhaid-, salböd- vollständig laut- 
gesetzlich, und das schwache praet. hat sich nach dem part. 
gerichtet, falls es etwa wurzelbetont "war. Wenn Thurneysen 
meint, das zw^eite d von dedum u.s.^v. sei deshalb erhalten, 
weil das wort als compositum gefühlt sei, so stimme ich ihm 
darin vollkommen bei. Ich habe ja schon früher, um das -e 
zu erklären, eine betonung hdbaidedimi erschlossen, und es. ist 
klar, dass nach einem nebenton das d nicht tonlos werden 
konnte. 

Dass die adjectiva auf -y ihr y erhalten haben, würde sich 
ebenso aus der endbetonung erklären lassen, die für sie ziem- 
lich feststeht, wenn man nicht den oben gegebenen ausweg 
einzuschlagen vorzieht. Für die adverbialendung -ha würde 
ich consequenterweise endbetonung ansetzen. Falls das suffix 
mit den slavischen abstracten auf -ha zusammenhängt, würde 
diese durch die slavischen dialekte gestützt, vgl. Indog. acc. 



328 HIRT 

s. 285. üeber got. ainlihm, tivalibim weiss ich allerdings nichts 
plausibles zu sagen. Ich habe darüber schon IF. 7, 131 1 ge- 
schrieben. Mir scheint im gegensatz zu Tliurneysen got. h 
alt zu sein. Die endbetonung ist mir nicht gerade wahrschein- 
lich, wenn sie auch möglich ist. Diesen rest, der sich auch 
bei T'hurneysen findet, muss ich also lassen. Im übrigen er- 
klärt meine fassung der regel viel mehr, so dass man ilir wol 
den Vorzug vor dei- Tliurne3'senschen geben wird. Entgegen- 
stehende Instanzen wüsste icli nicht anzufüliren. Wir werden 
also das gesetz so fassen: lag seit indog. zeit der accent auf 
der ersten silbe, so gehen im gotischen die lautgesetzlich ent- 
standenen tönenden si»iranten in unbetonten mittelsilben in 
tonlose über, wenn im anlaut der unbetonten silbe ein tönender 
laut steht. 

Im weiteren mag diese erscheinung auf demselben princip 
beruhen, wie die spätere synkopierung der mittelvocale, die 
man sich doch vollzogen denken muss durch einen Übergang 
der vollstimmigen vocale zu tonlosen durch die murmelstimme 
hindurch. Nur ist das gotische auch in diesem punkte seine 
eigenen bahnen gewandelt. 

Thurneysen lässt es im zweifei, ob dieses gesetz auch in 
den übrigen germanischen dialekten gewirkt habe. Es ist sehr 
schwer, hier ein sicheres urteil abzugeben, da einigermassen 
isolierte formen selten sind. Es heisst ahd. scefful 'schöpf er', 
aber leitid 'führer' und helid "held'; gegenüber got. aive])i aus 
*aweÖi steht ahd.avit, ouiuiti; es heisst egiso, Rgs.byrcs 'bohrer', 
ahd. burissa, ags. lynes, and. lunisa 'wagenlünse', ahd. hulisa 
•hülse', mild, bremse 'hemmschuh', aber auch slamjura, slengira 
'Schleuder*, doch lässt sich gerade hier das auftreten des ton- 
losen Spiranten erklären. 

Im allgemeinen bin ich nicht geneigt, die gotische regel 
auf die übrigen germanischen dialekte auszudehnen, doch ist 
hier noch nicht das letzte wort gesprochen. 

In einer beziehung bedarf Tliurneysens beobaclitung wol 
auch noch der berichtigung. Der gegensatz von aiihjödus, 
weitwöd- und bröj)rahans, niuklahs ist vielleicht nur zufällig. 
Die beiden letzten fälle sind, wie ich sehe, die einzigen, auf 
die sich die regel, dass tonloser laut -f liquida wie tönender 
anlaut wirkt, gründet. Wir haben aber oben angenommen, 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 329 

dass g und h übeiliauiit nicht dieser regel unterliegen, und so 
wild man diese bescliränkung ablehnen dürfen. 

In einer anmerkung kommt Tliurneysen auch auf die frage 
nach der behandlung der auslautenden si)iranten zu sprechen, 
eine frage, die ja in mehr als einer hinsieht wichtig ist. 

Die gotischen auslautenden -s sind zum grossen teil erst 
aus tönenden entstanden, und da auch im nordischen im nom. 
sing, durchweg r ei-scheint, so nimmt man wol an, dass einst 
die meisten auslautenden -s i\e,^ germanischen tönend gewesen 
sind. Ks fragt sich dabei nur, ob sie es lautgesetzlich oder 
durch analogische beeinflnssung waren. Der fälle die hier zur 
entscheidung in betracht kommen, sind wenige, und zw^ar in 
erster linie die lautverbindung -rs. Bekanntlich stehen wir 
in der frage, wie diese im got. auslaut behandelt wird, noch 
vor einem ungelösten rätsei, Teils sclnvindet nämlich das 
nominativ-.s', teils bleibt es. Ohne eine reihe von analogie- 
bildungen kommen weder Brugmann noch Braune aus. 

An und für sich liegt es sehr nahe anzunehmen, dass rs 
blieb, rz aber zu r wurde, denn mit einer assimilation haben 
wir es entschieden zu tun. 

1. -rs bleibt in ahs m. 'acker', gr. ajQoq.. fif/f/rs 'finger' 
wird doch wol mii penhiie '5' zusammenhängen, und weist also 
auf *penhos. Die adjectiva auf -ro dürfen wir als endbetont 
ansetzen: Iwrs, lat. cärus (ai. cärnsli ist nicht damit zu ver- 
binden), indog. *lär6s, skeirs 'klar, sivers 'geehrt', (jdtirs 'be- 
trübt', ai. (jhörds 'schrecklich', hlutrs 'lauter, rein'. Gen. sing. 
fadrs, gr. jiaxQÖi;. Doch ist dieser fall natürlich unsicher. 

2. -rz wird zu r. anjxir 'zweite' lässt eine betonung dn- 
])uraz erschliessen, ebenso hapar, gr. n6x£Qo<;. f\divör, ai. cat- 
vdras. stiur 'stier' Xeh. 5. 18 hängt zweifellos mit gr. ravQoc 
zusammen. Genauer entspricht ai. sthdviras 'dick, derb, voll- 
wüclisig'. Der accent von haür lässt sich nicht bestimmen. 

Als einzige ausnähme bleibt ivair übrig, dem im indischen 
virds gegenübersteht. Auf lit. vyras ist w'egen des stosstons 
nichts zu geben, es kann aus *vyrds entstanden sein. Diese 
ausnähme würde in einem ganz anderen licht erscheinen, w^enn 
auf kiimgot. fers 'mann' sicher zu bauen wäre. Hier wäre 
tatsäclilich das -s erhalten, das im gotischen aus unbekannten 



330 HIRT 

gründen verloren sein müsste. Aber dies wort geliört schwer- 
licli zu got. ivüir. ]\ran darf zur not auch eine betonung viras 
ansetzen, die sogar walirscheinlicli wird, falls der bettlername 
iQoq in der Odyssee gleich viros Aväre. 

VI. 

Zu den gernianischen lelnnvörloni im slavischeu 

und baltischen. 

Welch grossen einfluss die germ. dialekte auf die baltisch- 
slavischen ausgeübt haben, ist im allgemeinen bekannt. Kluge 
hat in Pauls (irundr. 1, 321 zuerst wider auf dieses wenig be- 
achtete capitel hingewiesen. Seitdem hat IHilenbeck die 
germanischen Wörter im altsla vischen im Arch. f. slav. phil. 15, 
481 ff. noch einmal zu sammeln versucht, indem er den älteren 
versuch von Miklosich, Die fremdwörter in den slavischeu 
sprachen (Denkschr. der kais. akademie d. wiss. zu Wien bd, 15) 
ergänzte. Ich kann aber auch diese letzte arbeit aus ver- 
schiedenen gründen nicht für abschliessend halten. Denn 
erstens hat Uhlenbeck in seine liste nur solche Wörter auf- 
genommen, die auf grund lautlicher kriterien zweifellos entlehnt 
sind. Die bei denen diese kriterien versagen, fehlen. Nun 
sagt uns aber die Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass auch von 
den Wörtern die lautlich genau übereinstimmen, viele entlehnt 
sein können, ja, dass sie mit derselben Wahrscheinlichkeit von 
Vi unverwant und entlehnt sein dürften. In solchem fall 
werden erst andere gründe die wagschale nach der einen oder 
anderen richtung sinken lassen. In dieser beziehung möchte 
ich seine ausführungen ergänzen. Zweitens mangelt uns aber 
eine lautlehre der germanischen leliuAvörter, und auch in diesem 
punkte will ich versuchen, einiges hinzuzufügen. 

Als sichere kriterien der entlehnung kommen nicht allzu 
viel in betracht. Das slavische ch für germ. h ist das wich- 
tigste. Das slavische ch bezeichnet zweifellos einen reibelaut. 
Man darf aber daraus nichts für die natur des germ. Ji er- 
schliessen. Denn noch heute setzen die Russen für unser h ein 
X ein. Ausserdem verdienen die gutturale aufmerksamkeit. ^^'o 
die baltisch -slavischeu sprachen den verschlusslaut an stelle 
des Zischlautes zeigen, da ist in den meisten fällen entlehnung, 



GKAMMATISCnES UND ETYMOLOGISCHES. 331 

wenn auch uiclit gerade iiiiiuer aus dem geruuinisclien anzu- 
nelinieu. Ich kann hier meine speciellen g'ründe, die sich auf 
eine Untersuchung' der indog'. gutturalreihcn slützen, nicht 
näher ausführen. Hier genüge die bemerkung-, dass die über- 
wieg-ende anzalil der Wörter mit A'ersclilusslaut in der f- reihe 
ohne jede scliwierijgkeit als entlehnt ang-esehen werden kann. 
Oft zeigten auch die slavisclien und g'ermanisclien W()rter die- 
selbe articulationsart, die nicht auf eine indog-. einheit zurück- 
gehen kann. ]\ran hilft sich hier mit der annähme von indog, 
Wechsel von media und tenuis, vielfach geAvis ohne genügenden 
grund. Die Vermutung der entlehnung ist mindestens mit in 
betracht zu ziehen. 

Bei der frage der entlehnung dürfen natürlich die baltisch- 
slavischen siu-achen nicht als eine einheit behandelt werden, 
da wir es mit ganz verschiedenen epochen zu tun haben. 

A. Die germanischen lehnwijrter im altslavischen. 

Abulg. almuzlno, neuslov. almosua, kroat. idmuhio ist aus 
dem deutschen entlehnt, und zwar erst zu ahd. zeit, da dem 
got. das wort mangelt, dafür armaiö. Auch im abulg. heisst 
es gewöhnlich müostyni. almuzino stammt aus einer cechischen 
quelle. Ahd. cd ist deshalb auch durch al und nicht durch la 
widergegeben. 

Xhwlg. hediti 'zwingen', serb. iyee^i^/' 'accusare', vws,^.hediii 
aus got. hdidjan. Xach T'hlenbeck, Et. wb. s. v. urverwant. Die 
genau übereinstimmende bedeutung scheint mir für entlehnung 
zu sprechen. Lit. haidyti heisst 'scheuchen' und ist wahrschein- 
lich urverwant. 

Serb. höh, LoIm, russ. bo/cü, boka ' Seite' aus got. "^bak-, ahd. 
bah, aengl. boec 'rücken'. 

Abulg. bolt 'krank', boU 'ki-ankheit', serb. böl, boli, boleti 
ieiden', got. balivjan 'quälen'. Die möglichkeit der entlehnung 
möchte ich offen halten. 

Serb. bor, bbra (bora), russ. borü, bora 'föhre', ags. bearu 
'Avald. hain'. Nach Uhlenbeck urverwant, 

Abulg. brusnio 'speise', serb. 6m.vwo, russ. dial. börosno 
'roggenmehr, got.barizeins. Urverwant nach H.Pedersen, IF. 5, 54. 

Abulg. bravü, serb. hdv, russ. börovu aus germ. "'banc-, vgl, 
ahd. baruy, bar/i, an. bynjr. 



332 HIRT 

Abulg.?;>-t^H 'ufer', serb. Z; >•■«}'(?</, mss. beregu, goi.hmrgaJiei. 
Nach ausweis von arm. hardzr 'hoch', avest, beremnt hatte das 
wort pahital. und ist deshalb als entlehnt anzusehen. Nach 
Uhlenbeck urverwant. 

Abulg. hrega 'bewahre, behüte', got. hairgan. Urverwant 
nach Uhlenbeck und anderen. 

Abulg. et'?», serb. cto, cijHa, russ. celii, ccld^ goi.Jiails, apr. 
Imilüstihan. Urverwant nach I^hlenbeck. ]\Iir ist die gleiche 
bedeutung im germ.-slav. trotz Brugmann, Die ausdrücke für 
den begriff der totalität s. 41 ff., verdächtig, vgl. abulg. cclovati 
'grüssen, küssen' mit ?igs. hälettan, s,is\.heilsa 'grüssen'. 

Abulg. crcda 'reihe, tagesfolge, herde', got. hairda 'herde', 
alid. hcrta 'Avechsel'. Vgl. lit. Jcerdzius aus got. hairdeis. Nach 
Uhlenbeck urverwant. Die sippe hatte aber palatal, vgl ai. 
(;drdhas 'schar'. 

Abulg. crmm 'zeit', ahd. chräm, Kluge, (4rundr. 2 a.a.O. 
Sie gehören wol nicht zusammen. Man erwartete Vcremü. 
Eher aus ahd. scirm, scerm, mit dem es nach Joh. Schmidt, 
Verwantschaftsverh. s. 41, urverwant ist. Doch ist auch dies 
sehr unsicher. Anders, aber nicht überzeugend, Johansson, IF. 
8, 171, der ahd. chräm wol richtig mit ai. gräma- verbindet. 

Abulg. delü 'teil', serb. dw, dtjcla, got. dails f. 'anteil', 
abulg. deliti 'teilen', got. dailjan. Nach Uhlenbeck und Kluge, 
Et. wb.'' s. V. teil urverwant, was jedenfalls nicht zu be- 
weisen ist. 

Abulg. dlügu 'schuld', serb. düg, düga, russ. dölgü, dölga, 
got. dulgs. Die bedeutung spricht mir für entlehnung. Urver- 
want nach Uhlenbeck. 

Abulg. dolü 'loch, grübe, tal', got. dal n. 'tal'. Urver- 
want nach Kluge, Et. wb.'^ s. v. thal. Die bedeutung stimmt 
überein gegenüber gr. {}-6Xoq. 

Abulg. ärusükü 'kühn', f/m^«<< 'kühn sein', goi. gadaihsau 
'wagen'. Das slavische ^ kann nicht aus slavischen laut- 
gesetzen erkläi't A\'erden, wol aber aus germanischen. Anders 
Nehring, IF. 4, 401. 

Abulg. dunavX, dunaj 'Donau', got. *Dönavi. Müllenhof f, 
DA. 2, 362 ff. 

Ahulg. g(]Lsi, 'dhd.gans, got. *gan.s, vgl. lit. z\(s}s mit palatal. 
Entlehnt nach Kluge, Et. wb.^ s. v. Brugmann, Grundr. 1, 345. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES, 333 

Russ. glazü 'äuge', iiilid. f/larcn. Xehring, IF. 4, 102. 

Xbxüg. (/odn "o-ünstig-e zeit', (jodhin 'ang-enelim', 'A\\i\. (i'Kjat 
. 'passend'. Nach Kluge, Kt. wb.^ s. v. gätlich ui'verwant. 

Abulg. (fostt 'g-ast', gut. gasts. Das slavische wort hat die 
bedoutung des geinianischen gegenüber lat. hostls. Urverwant 
nach Kluge, Et. wb.^ s. v. gast 

Ahiüg.gosjwdr, vielleicht aus got. *gastifa])S, vgl. lüthosjyes. 
Dass der zweite teil des rätselhaften shivischen wertes mit 
*potis zusammenhängt, hat man längst vermutet, aber das d 
blieb unerklärt. Vielleicht hilft also die annähme von ent- 
lehnung aus dem germanischen. 

Abulg. gradu, serb. gräd, gräda, russ. gorodn, göroda, got. 
gards. Für diese auch von Uhlenbeck angenommene, aber 
häufig bestrittene entlehnung sprechen vor allem die composita 
abulg. vinogradü, got. icehiagards, abulg. rriitogradn, got. anrti- 
gards. aurti stammt ja selbst erst aus lat. horfi, so dass in 
diesem falle die entlehnung zweifellos ist. 

Abulg. grebq, got. grahan, abulg. grohn 'grab', alid. grah. 
Sind eher als urverAvant aufzufassen. 

Xsl. grcdel, kroat. gredelj 'pflugschar', russ. gradül, ahd. 
grindd, grhidil 'obex, pessula'. Wird auch zu abulg. gri^da 
'trabs' gezogen. Entlehnt nach Miklosich. 

Abulg. cliotarX '■\m\\\^\ ahd. himfari 'abteilung eines gaues'. 
Miklosich, Et. wb. s. 80. G. Meyer, Alb. stud. 3, 48. 

Ahvilg. chlocJioiati 'strepere' vielleicht aus got. /tlahjan; s, 
Meyer a. a. o. 

Abulg. chrahrü 'krieger', serb. clirdbar, chrahm, chruhro 
aus got.*harva- 'herb' nach G.Meyer a.a.O. Das ist kaum 
richtig, da das got. wort *chravü ergeben hätte. Nach H. Pe- 
dersen, IF. 5, 63 ist es nicht entlehnt. Ob aus got. gajyraßtjan? 
Jn- zu ehr wie in abulg. chrasti 'käfer' aus got.prmustei. 

Abulg. chrütü 'hund', serb. ehrt, ehrfa, klruss. ehort, ehorta, 
ahd. rnd{e)o, got. *hrujfja, ags. hrydda. Der anlaut kr ist für 
das germanische nicht gesichert, wird aber durch das slav. 
festgelegt. 

Slov. chriqi 'tumult', got. hrüi)s 'geschrci'. Uhlenbeck, 
Beitr. 20, 38. 

Abulg. /«/< 'ein', goi.ains und abulg. ?5Ä-«//j \\t.jeszl-6ti, ahd. 
eiscön sind nach gewöhnlicher annähme urverwant. Doch sind 



334 HIRT 

dies, wie mir Brug-mann mitteilt, vgl. jetzt Berichte d. k. säclis. 
g'es. d. wiss. vom G. febr. 1897, s. 37, die beiden einzig-en fälle, in 
denen indog. oi im slavisclien anlaut durch / vertreten sind, 
während die regelrechte Vertretung ja ist. ishati ist auch 
wegen der behandlung- des gutturals verdächtig- . vgl. Brug-- 
mann, (Trundr. 1, 306 anm.. und hui, wofür die Slaven sonst jedinn 
* eins 'gebrauchen, kann der kirchlichen terminologie entnommen 
sein, vgl. inoc^dU ' ftovoysr/jq' = got. ainabaür (baür 'das kind' 
= slav. c^dü 'kind'). 

Russ. iva, serb, wa, ahd. iwa. M. 

Abulg. Idadn 'lege, stelle', got. Majxin. Die urverwantschaft 
ist nur möglich bei der annähme von Wurzelvariation, \g\. 
Uhlenbeck unter afhiapan, Kluge, Et. -w b.^ s. v. laden. 

Xhiüg.lwiojdja, got.*Jiqnaps, Vdt. cannahis, gr. xdvvaßig. M. 

Abulg. kotora 'kämpf, mhd. liader 'zank, streit', vgl. ai. 
Qdtrush. Nach Kluge, Et. wb.^ s. v. urverwant. 

Serb. IxH, hrta, russ. hotn, h-otd 'maulwurf, ahd. chroia, 
chre'ta 'kröte'. 

Serb. h-aj}, russ. JcoropU, ahd. larjw 'karpfen'. 

Abulg. hrüsno 'vestis pellicea', ahd. chiirsina. M. 

Abulg. Jcujni, serb. Jcllp, hnpa, lit. hiäpas, ahd. hoiif, vgl. 
Kluge s. V. häufen. 

Abulg. Jcnrüva, got. ^hörwa- von hörs. Entlehnt nach Tlilen- 
beck s. V. hors und Kluge s. v. hure: 

Abulg. laja 'belle, schmähe', got. Haian 'schmähen'. Unsicher. 

Abulg. lasta, mhd. lanze, lat. lancea. ]\I. 

Abulg, listX 'betrug', Itstlti 'betrügen', got. lists. Nach 
Uhlenbeck kann das abulg. wort entlehnt sein. Vgl. noch Kluge 
s. V. list. 

k\>\\\g.JXvu aus goi.^lkva-, ahd. leo, leivo. Abulg. Tivu kann 
nicht aus lat. leo stammen. Als lehnwort aus dem got., in dem 
leo zu Hiwa- werden musste, wäre es verständlich. 

Abulg. liee, serb. lice, russ. lico 'antlitz', aus Hihiom tax got. 
leiks. sülo-llka 'boshaft' -- got. -lelks; llhlenbeck s.v. 

Abulg. likti ' Chorus', likovati, got, laikan 'salire', got. laiks, 
lit. aber Idiyijti 'wild umherlaufen'. Das slav. wort entlehnt 
nach M. 

Aruss. lohüzati 'osculari', ahd. lefsa M. 

Abulg. Ijidni, got. Ikifs, abulg. Ijidjy == got. Hiuhö. Urver- 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES, 335 

want nach Uhlenbeck. Naoli Kluge, VA. wl).-- s. v. lieh entlelint. 
Doch gellt seine ansieht nicht ganz deutlich aus seinen Worten 
hervor. 

Abulg. Ijudii, Ijiiclije, alul. Jiuf. T^verwant nach Kluge, Et. 
wb.s s. V. Icufe. 

Abulg. losi 'mager', serb. los 'schlecht', got. lasiws. Nach 
Joh. Schmidt. Verwantschaftsverhältnisse s. 39 und Uhlenbeck 
s. Y. urverwant. 

Abulg. U((jatl 'lügen', Ii(zi, serb. laJlf, lazi, russ. lozi, Ui. 
Urverwant nach Uhlenbeck. 

Abulg. hig 'lauge', ahd. lotiga ls\. 'hinge'. Nach Kluge s.v. 
lauge urverwant. 

Abulg. m(^so, got. mimz. An entlehnung denke ich Avegen 
der betonung serb. meso, vgl. verf. Indog. accent s. 1-iO, und weil 
auch Wörter wie got. hlaifs, müuks, hiuds entlehnt sind. 

Abulg. meniti 'meinen', ahd. oneinen. Nach Kluge ur- 
verwant. 

Abulg. rncru, got. mers. Urverwant nach Uhlenbeck. Vgl. 
aber die Verwendung in namen wie Vladimcra. 

Abulg. misa 'patina', got. mes, ahd. mcas, mias. M. . 

Abulg. imzda, got. mizdö m. Urverwant nach gewöhnlicher 
annähme. Man erwartete bei directer entlehnung *nuzdg. Doch 
ist das wort in einzelnen germ. dialekten, wie ursprünglich 
überhaupt, starkes femininum. 

Abulg. nioga, got. mag, aliulg. mosH, serb. moc, moci, riLSs. 
gen. 9nöci, got. mahts. Die sippe hat i)alatal. Vgl. apreuss. 
massi. Urverwant nach gewöhnlicher annähme. 

Abulg. uiora •incubus', serb. möra, ahd. mani. ]\I. Urver- 
want nach Kluge, Et. wb.^ s. a'. mah: Docli vgl. das aus dem 
germ. entlehnte frz. canchemar 'al})drücken'. 

Abulg. mräzcti, mriiznaii 'verabscheuen', got. marzjan 'är- 
gern, anstoss geben'. Entlehnt wegen des z; aus einer form 
mit aar, die vielleicht in nhd. murrest, iil. morrcn 'murren' 
vorliegt. 

Abulg. mUnogü, got. munags. Nach Uhlenbeck urverwant. 
Doch erwartete man im slav. monogu. 

Abulg. ncprijazni ist die Übersetzung des ahd. unliold, und 
wol erst mit der kirchlichen Übersetzungsliteratur zu den Slaven 
gekommen. 



336 iiiiiT 

Abulg. oIh 'sicera', lit. alus, an. ol, ags. ealu. M. Kluge 
s. V. hier. 

Abiilg. oradijc •negotiuin, iiistrumentum, apparatus', alid. 
ärunti. M. 

Abiilg. osUn, g-ot. asiJus. M. 

A\)\\\g. pl(isat} , got. plinsjcm 'tanzen'. Walirsclieinlieh aus 
dem slav. entlehnt. 

Serb. 2^tr, pira 'hoclizeit', russ. pira, pira 'schmaus', ahd. 
firatac. 

Abulg. plahati 'sich die brüst schlagen', got. flülian 'be- 
klagen'. 

Serb. pldtno, russ. polotnö 'leinwand", nihd. valte st. swf. 
u. a. 'tuch zum einschlagen guter kleider'. 

Abulg. o-pona 'Vorhang', got. fana m. 'stück zeug'. 

Abulg. j>mw 'navis genus', ahd. faram. M. Nach Kluge 
s. V. pralim urverwant. 

Abulg. jjnj/aii 'günstig sein', got.frijön, sibvilg.prijatelt, ahd. 
friudil, got. ^frijöjnls, abulg. prijaziü, got. *frijö.~ns. 

Abulg. kroat.jj>?u/ni. 'hierum', mhd. fntot 'gedeihen, klugheit'. 

Abulg. rokü 'termin', serb. rö/,; roka, russ. gen. röha, ags. 
racu, as. rula, ahd. rahha 'rede, rechenschaft, sache'. rolui 
scheint allerdings zu abulg. reka 'sagen' zu gehören. Aber 
reka gehört wol mit ahd. rehhanön zusammen, die man nur 
unter der annähme von wurzehariätion vereinigen kann. 

Abulg. snikd, sraky f. 'tunica', mlat. sarca, an. serkr (st. 
*sarki-), ags. serce (st. *sarkjön-), got. *sarkö. M. 

Abulg. stcnca 'unfruchtbare kuh', got. stairU 'unfruchtbar', 
vgl. nhd. stärke. Urverwant nach l'hlenbeck. 

Abulg. stena 'mauer', serb. stifena, russ. stend, got. stains 
'stein'. Urverwant nach Uhlenbeck. Vgl. aber abulg. stnihtü 
'steinig, felsig', got. staincins. 

Abulg. sMklo 'vitrum', serb. stäklo, got. stikJs m. 'becher, 
kelch'. M. Uhlenbeck si)riclit sich jetzt Beitr. 22, 191 für slav. 
Ursprung des Wortes aus, aber kaum mit recht, da 7 als schwä- 
cliung von e im slavischen zwar einige male vorzuliegen scheint, 
aber absolut nicht als bewiesen gelten darf. Gewis ist ent- 
lehnung aus dem slav. möglich, aber kaum zu beweisen. 

Abulg. svckrü, sveknj, got. swaihra, sivaihrö. Nach gewöhn- 
licher annähme urverwant. Schwierigkeiten bereitet der slav. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES, 337 

versclilusslaut. für den wir zisclilaiit erwarten. Doch sprechen 
schwerwiegende culturhistorische gründe gegen die annähme 
von entlelmnng, wenngleicli die herübernahme von verwant- 
schaftswürtern nicht nnerhürt ist. 

Xhiüg. stidiU, sei'h. tiiclj, tnclja 'fremd', got piuda. M. 

Abulg. trcha 'negotinnr, trehu 'notwendig', hrhovati 'be- 
dürfen; got. Jjmirban, ahd. ihirfan. Urverwant nur bei der 
annähme von Wurzelvariation. Docli ist die stufe perb- im 
germanisclien nicht belegt. 

Abulg. valiti, got. afwalwjan 'abwälzen'. l^r\'erwant nach M. 

Abulg. varovati sg. 'cavere', got. ivarcl 'cautio'. M. 

Abulg. vedro n. 'gutes wetter', aengl. iveder, ahd. iciitar 
'wetter', falls man dieses mit abulg. vetrii 'luft, wind' vergleicht. 

Abulg. rcni "glaube', .serb. vjera, russ. vcra, got. tuziverjan. 
l^rverwant nach Uhlenbeck. 

Abulg. vcsU 'ding, sache', got. ivaihts f. 'ding, sache'. Ur- 
verwant nach gewöhnlicher annähme. 

Abulg. vlada, got. ivaldan. Von Uhlenbeck wird die ent- 
lehnung bezweifelt. Für fi'ühe entlehnung Kluge, Et. wb.^ s. v. 
walten. 

Aserb. vlachü, serb. vluch, vlaclia, russ. volöclm, volöclia, ahd. 
walah. M. 

Serb. vldJcno, russ. volokno 'flachs', vielleicht aus ahd. ival- 
clian 'schlagen, prügeln, walken', vldhio 'das geschlagene', vgl. 
den flachs hlimven. 

Abulg. vosa, serb. osa, lit. rapsä, ahd. ivafsa gegenüber lat. 
vespa. Gewöhnlich als urverwant angesehen. 

Abulg. voslca, lit. väszhas, ahd. icahs n. Vielleicht entlehnt 
nach Kluge s. v. ivahs. 

Abulg. vimuTiu 'enkel', ahd. enenkel. Das abulg. wort führt 
auf ein *anökas zurück. Auffällig ist das Ic. 

Ich füge nunmehr eine kurze Übersicht der Wörter hinzu, 
die Uhlenbeck behandelt hat, w^obei ich aber von seinen bei- 
spielen aus ahd. zeit absehe. 

k\m[g.hljudo,hljudü, got.biups] brady, germ.*&arrfö 'Streit- 
axt'; brüdo, russ. berdo, got. baurd; bugti, ahd. bouff: bnly, got. 
*böJcö; c^ta, got. kintus; cesarT, kaisar; crüky, ahd. chirihka, c^dl, 
ahd. chind; chabiti se 'abstinere', ochaba 'eigentum', got. haban; 

Belträfte zur gescbiolite der deutschen apraobo. XXIII. 22 



338 HIRT 

serb. cÄara/? 'spoliare, devastare', s^n.herja; nhiüg. chqdogn, got 
hcmdugs; sibiüg. chladu 'kühle' stammt nicht aus germ. *A«Wa ; 
cJdaJiü 'caelebs', got. haUs 'arm', -cldastati •freiiare'. ahd. hlast; 
chUhu, got. hlaifs; chlevii 'stall', chUvina, got. ""hlaiws, hlija; 
cMujati, *flöjan; cJdümü, an. Jwlm; abulg. chmeli 'hopfen', an; himdi, 
Jmmall; cJioragij, got. hrugga: chrqsti ^kä.ter\ got. Jirani.stei; Cech. 
ehvüe 'zeit', poln. chn-ila, got. keda; ihvrastn 'wald, eiclie', ahd. 
Jiorst] chyzü, got hüs; dumati ^denkeTi\ duma ^r^V, got. dönijan, 
döms; ghimti ^sceim\ glmna 'Unverschämtheit', an. glaumr; go- 
hidzü, got. gabeigs; godarabll 'saide\ ahd. gotatvehhi] gonesti, 
gomsti, gomznati 'errettet werden', got. gamsan; gonozifi, ga- 
nasjan; gonäi, got. ganah?; gorazdii, got.*garazds; goiovü, got. 
*gataus, gataujan; halezt 'kelch', klad(^z1, got. *haldigga\ Jcrult, 
karl; kofilü, katüs; kupiti, got. *kaupön; kusiii 'kosten', kausjan; 
künegü, kün^dzY, kuning; Ukü, got. lekcis; lichva 'wiicher', got. 
leiJoan 'leihen'; abulg. lokg 'lache', ahd. laMia; lukü, ahd. louh] 
mtci, got.mekeis; mleko; got.müuks; abulg. w^i/^ö 'lohn, gewinn', 
got. möta; navi, got. naus; nuta 'rind', an. nmit; ocUü, akeit\ 
pen^gu, *penning; pigy 'feige', got.^'feigö; a\i\Wg. plosky, ahd. 
flasca; jüugü, an. ^;Zo^>-; idüchn, ahd. pdih; pluku, ahd. folc; 
postü, ahd. fasta:, raka 'grab', *raky, got. *arkö; *raty, *rattö; 
*sakn, got. sakktis; skotü 'vieh', got. skalts; skutü, got. skauts; 
smoky, got. *smakkö (stnakka); sokü 'ankläger', got. sakan; 
strükü, an.storkr; sytii, got.söps\ slemü, got. hilms; abulg. 6'//r«, 
got. skeirs; tynii, an. tun: user^gii, got. ausahrigga; ranti ^ante- 
vertere', got.u-arjan; varovati 'hüten', got. ivars, ivarei, warjan; 
velihqdu, got.idbandus; vino 'wein', got. wein; vinogradü, weina- 
gards; vrüct, got.tmrkeis; vriitu ^gavten\ rrntogntdn, got. aihii 
gards] zUdq, got. gddan. 

Zweifellos wird sich diese liste noch vermehren lassen. 
Was ich angeführt habe, sind teils offenbare lehnwörter, die 
von Uhlenbeck nur übersehen sind, teils andere, bei denen die 
frage, ob sie entlehnt sind, mindestens aufgeworfen werden 
muss. Ich will durchaus nicht behaupten, dass wir in allen 
fällen gezwungen wären, dies zu bejahen. 

Die grosse zahl der germ. worte im sla^•. mag billig in 
erstaunen setzen. Sie weisen nicht auf einen blossen grenz- 
verkehr hin, sondern darauf, dass ^■iele JSlaven germanisch ge- 
lernt haben, und nun die deutschen Wörter in ihre rede mischten. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 339 

Vgl. Über diesen punkt Wiudiscli, Zur tlieorie d. mischsprachen 
und lelinw(>rter. Ber. der sächs. g-es. d. wiss. 1897. 101 ff. Man 
kann, glaube ich, ohne allzu grosse kühnheit annehmen, dass 
einzelne slav. stamme direct unter der herschaft der Goten 
gestanden haben, als diese nach dem Schwarzen meer vor- 
drang:en. Umgekehrt wird es dadurch auch verständlich, dass 
sich keine slav. lehnwörter aus alter zeit im germ. finden. 

Wir werden gut tun, nunmehr die regelmässigen laut- 
entsprechungen zusammenzustellen, bei denen noch manches 
unklar ist. Dabei nehme ich Fhlenbecks material mit auf. 

Vocalismus. 

1. Got. ü ist slav. durch u vertreten: got. ^hukü, abulg. 
hulnj; got. dönis, abulg. dumati] got. *Dönavi, abulg, dunavi; 
got. hrö2)s, s]o\. hrujy, got. Iiörs, ahnig. luriiva; Pihd. phluog, an. 
2^lö(j)\ abulg. jüiKj; mhd. fruot, krönt, jimd. 

2. Got. ö ist slav. durch ij vertreten, zunächst in der 
endung // ^-= got. ö. worüber ^röller. Beitr. 7, 487 gehandelt hat. 
Vgl. al)ulg. cn'dy, rahy, brady, loly, hnhy, svelry. Setzt man 
Imky = got. *bö}iö, SO springt die eigentümliche differenz in 
der behandlung der beiden o in die äugen. Den grund kann 
man in verschiedenen momenten sehen. Entweder sind in- 
und auslaut verschieden behandelt, oder die beiden u des 
gotischen waren verschieden. Dürften wir für das gotische 
eine nasalierte endung ansetzen, so wäre alles in Ordnung. 
Aber nach meiner auffassung der auslautsgesetze geht das nicht, 
wol aber müssen wir o für das westgerm. und nordische an- 
nehmen. Ein solches hätte zweifellos im slav. zu y geführt. 

Auch in Wurzelsilben tritt y für u ein in abulg. myto, 
got.möta. Ahd. heisst es aber mrda 'abgäbe'. I^nd das wort 
könnte auch aus diesem dialekt stammen oder aus einem 
anderen, in dem ö zu u geworden war. Dazu darf man wol 
mit l 'hlenbeck .sv//h aus got. söjis herleiten. Ein ä ist in dieser 
Wurzel sonst nicht nachgewiesen, und rein lautlich lässt sich 
das slav. y schwerlich erklären. Dies müsste jedenfalls später 
entlehnt sein aus einem dialekt, in dem germ. ö zu a geworden 
war, vgl. die Schreibung n für o der bibelhandschriften des 
gotischen. 

3. Ob germ. ö durch a vertreten ist, ist sehr zweifelhaft. 

22* 



340 HIRT 

^ran wird zugeben müssen, dass abulg. plakati und prijati nicht 
entlehnt zu sein brauchen. Jedenfalls müssten diese beiden 
aus sehr früher zeit stammen. 

4. Wie u wird auch au behandelt. Ihm entspricht regel- 
recht slav. n. Ahd. bottc, kroat. bugü, got. lampön, abulg. lupiti; 
got. kaus^jan, abulg. hisiti, ahd. lotih, abulg. luk\ ahd. nüz, abulg. 
nutd] got.skauts, abulg. 6'A-m/«; got.ausa, abn\g.user^(jH\ abulg. 
glumü, an. glaumr. Hier fragt sich, lag im gotischen schon ö 
vor, oder ist im slav. au direct zu u geworden durch laut- 
substitution, oder fällt der Übergang des slav. diiihthongen ou 
in u in die zeit nach der entlehnung. Eine antwort ist schwer- 
lich zu geben. Mit der annähme der letzten möglichkeit muss 
man sehr vorsichtig sein, da ja ö durch u widergegeben wird, 
was nur eine lautsubstitution sein kann. 

5. Got. u wird slav. zu y. Got. lius, abulg. fhyzü, ags, 
tun, got. ^tun, russ. tynü, serb. f«»; got.pUsundi, abulg. tyscßti. 

6. Germ, u wird slav. zu u in abulg. hnmatmü, ahd. brfin; 
abulg. strusü, ahd. strUs; \to\\\. russ. serb. slov. ruta, ahd. rrda\ 
diese Wörter müssen einer jüngeren schiebt angehören als die 
ersten, was ja durch struzü sicher erwiesen wird. Ausserdem 
könnte man schliessen, dass zur zeit, als jene entlehnt wurden, 
entweder slav. u noch nicht zu y geworden war, oder ou noch 
nicht zu u. Falls nämlich kein u bestand, Avurde y für u sub- 
stituiert. Aber beides könnte auch täuschen, da y im munde 
der Slaven dem germ. n vielleicht näher lag, als das aus ou 
entstandene u. Und schliesslich könnten auch verschiedene 
accente in betracht kommen. 

7. Got. m wird abulg. zwju. Got. hiuds, abulg. bljudo; ahd. 
Hut, a.h\x\g.ljudu, got.lmfs, •dhiüg.ljubu; got.])iuda, 'dhiilg. stuMt 
Anders erklärt Zupitza, Die germ. guttui-ale s. 145 diese Avörter. 
Er hält im anschluss an Joh. Schmidt, KZ. 23, 348 ff. slav. ju 
für Vertretung von indog. eu. A^'ie mir scheint mit recht. 
Trotzdem halte ich die Wörter für entlehnt. Ich mache übri- 
gens auf die länge des slav. u aufmerksam. Man müsste für 
iu eigentlich xü > i erwarten. Slav. jn setzt, wie mir scheinen 
will, eine steigende betonung des diphthongen m, also wol iü 
voraus. 

8. (jot. ai und c werden zu e. Got. kaisar, abulg. cesarlt; 
got. baidjan, abulg. bediti] got. hails, abulg. cclu; abulg. chlevü 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 341 

aus got. *}tJaiira] got. lelxis, abulg. Ukii; ahd. meinan, abulg. 
meniti; got. m^rs, abiilg. merü; got. -tver-, abulg. vera; got. hlaifs, 
abulg. chlehu. 

0. Got. c wird zu / in got. mcs, abulg. misa. Hier haben 
wir es mit c'^ zu tun, vgl. ahd. mias. Got. ai wird zu / im 
anlaut, abulg. /.s7.y///, inU. In abulg. lil-U, got. ?«/ä:5 könnte wol 
eine andere stufe vorliegen. Die mittelstufe i wird auch 
vorausgesetzt für die fälle, in denen e und ai zu X geworden 
sind; abulg. mu'X, got. mckeis, aruss. dsari, got. hdsar, denen 
sich (johlni aus gaheigs und oc^^h aus a/^e^Y anreihen. Offenbar 
ist die Verkürzung durch tonentziehung entstanden. 

10. Die lautgruppen e, a -f liquida + consonant erleiden 
die urslavischen Verwandlungen, im abulg. also die metathese 
mit dehnung des vocals; got. hairijan, abulg. hrega, got. hairg-, 
abulg. &>7'(/r<, russ. &ercr/«; got*bar(lö, ?ih\\\g.hrady; germ.*banv-, 
abulg. hravü; got. gards, abulg. gradü; got. halJcs, abulg. chlakü 
u. s. w. 

11. Die lautgruppen /, k, o + liquida + consonant W' erden 
behandelt wie urslav. /, ii + liquida, erleiden also alle Ver- 
änderungen der einzelnen dialekte; abulg, crükg, ahd. chirihha; 
abulg. chlümü, an. höhn, got. *hulm, abulg. *mrüky, ahd. morha; 
•dhiilg, striiJiU, Sihä.storalt; s})\üg.vrHci, got.aürkeis\ ?Lb\i[g.vrtitü, 
got. ath-fl- mit Vorschlag von tv. 

Auffällig sind einige formen. Abulg. sletnü ist nach Uhlen- 
beck nicht aus got. hilms, sondern aus einem Vielma- entlehnt, 
und zleda stammt nicht aus got. gildan, sondern aus einem 
*geldan. Letzteres halte ich indessen nicht für entlehnt. Diese 
Voraussetzung würde keine Schwierigkeiten bereiten, nur müsste 
bemerkt werden, dass sie nicht bewiesen ist. Ueber abulg, 
mUko aus melko hat sich Uhlenbeck nicht geäussert. , Got. heisst 
es miluks, ahd. miluh. Aus beiden könnte die form nicht stam- 
men. Aber es fehlt jedes beispiel für die behandlung des aus 
germ. el entstandenen gotischen il Wir dürfen nicht ohne 
weiteres das von der lautgruppe id gewonnene auf il über- 
tragen, denn il ist ja aus cl hervorgegangen. Schon Scherer 
hat vermutet, dass got. i für zwei verschiedene laute geschrieben 
werde (ZGDS.'^ 51 anm., vgl. dazu Braune, Beitr. 9, 548) und 
Wrede hat dies QF. 68, 162 weiter begründet, und das slav. 
unterstützt seine annähme entschieden. Denn weshalb sollten 



342 HIRT 

gerade diese zwei oder drei Wörter aus einem nicht got. dia- 
lekt entlehnt sein? 

Ebenso wenig kann icli ühlenhecks ansieht beistimmen, 
dass got. baiü-d im abulg. hrad ergeben hätte. Er führt selbst 
die entscheidenden fälle an, indem er abulg. chlümü aus germ. 
liolma-, plüliü aus ahd. folc entlehnt sein lässt. hanrd hätte 
also im abulg. hrüdo ergeben, wie es wirklich vorliegt. Auf- 
fallend ist die russische form hcrdo, die auf ein urslav. hirdo 
weist. Derselbe fall liegt aber in abulg. strüldi 'storch' vor, 
urslav. ^sttrku. Es scheint fast, als ob ur, or regelrecht durch 
ir, ul dagegen durch ül reflektiert werde. Unter dieser Voraus- 
setzung könnte man abulg. ^^mw, serb. prsi, russ. persi, aus 
deutsch bmst, got. hrusts, an. trünü, russ. ternu aus got.paunius 
entlehnt sein lassen, hrusts und prasa gehören wol zusammen, 
können aber kaum urverwant sein. 

Auffallend ist noch, dass das slav. wort abulg. Irali *der 
könig' die regelrechte entwicklung des volllautes zeigt, russ. 
Jiorolj. Dies stammt aus dem namen Karls des grossen, und 
kann also erst während dessen lebenszeit entlehnt sein. In 
unsern abulg. quellen ist der volllaut vollständig durchgeführt. 
Er muss ja überhaupt viel älter sein als unsere Überlieferung, 
da er gemeinslavisch ist. Man kann unmöglich annehmen, 
dass er erst nach der zeit Karls des grossen eingedrungen sei. 
Beachtenswert ist ahnuzno gegenüber ralcy aus *a7-Aö. Jenes 
wird später entlehnt sein, wol erst aus dem ahd. Freilich 
heisst es dort alaniuosan mit mittel vocal, der aber in andern 
Wörtern nichts ausmacht, 

12. Vocal + nasal + consonant wird regelrecht zum nasal- 
vocal, vgl. ceta, got. kintus; gast, ahd. yans; chadogü, got. han- 
dags; choniyy, got. hriiyya] Idadqzl, got. *kaldiyys. In abulg. 
chotan, ahd. huntari müsste eine si)ätere entlehnung vorliegen. 

13. Germ, a wird zu o, abulg. ho}% ags. hearu, serb. hök, 
got. *hali\ abulg. yosü, got. gasts; abulg. yorazdü, got. *yarazds 
U.S.W. Dies ist die regelrechte Vertretung. Daneben stehen 
unzweifelhafte fälle, in denen 

14. germ. a durch a widergegeben ist, krositalnmmo, russ. 
glazu, mhö.. glaren; •dhvdg.chahiti ag., got.gahahan siJc; nhiüg.sakü, 
got. sakkus; abulg. valitt, got. afwalicjan; abulg. varovati, got. 
warei\ russ. valii, urgerm. ivall. Diese Wörter müssen aus emer 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 343 

späteren zeit stammen. Denn man wird diese Vertretung nicht 
abweisen kininen. Ein besonderer fall liegt voi- in abulg. navX, 
gut. nans, abulg. dunaci Sehr auffällig ist abulg. (jorazda, das 
aus einem got. garazäs stammen soll. 

15. In drei fällen scheint germ. a auch durch ü vertreten 
zu sein, in miuiogii, got. manags, buru, got. hariz, vimuJcii. Nach 
slav. lautgesetzen ist das li hier schwerlich ei'klärbar, aber 
auch die annähme der entlehnung ist nicht bewiesen und nicht 
ohne Schwierigkeiten durchzuführen. 

Sonst ist im vocalismus noch auffallend die widergabe von 
ahd. ärunti diu'ch oradije, und abulg. pen^gii mit langem e. 

lieber den consonantismus ist weniger zu bemerken. 
/■ Avird anfänglich durch ^), später durch l widergegeben, J) 
durch t. Bemerkenswert für die Sprachgeschichte ist yonoziti 
mit z, got. ganasjan, abulg. chjzu, got. hus u. s. w. Zweifellos 
gibt slav. z ein germ. z Avider. 

Auffallend ist die behandlung von germ. h. Es wird in 
der überwiegenden anzahl der fälle zu eh. Beispiele s. oben 
s. 337 f. Vor hellen vocalen wird cJi zu s, slemü aus *helmaz. 
Es wurde so schwach gesprochen, dass es in uscregü ausfiel. 
In einigen beispielen wird es aber durch k widergegeben. 

Ueber abulg. konojilja, das aus got. Vianaps zu stammen 
scheint, habe ich schon oben in anderem sinne gehandelt. Man 
würde hier ja gern die annähme von entlehnung ablehnen, da 
der hanf doch vermutlich eher zu den östlicher wohnenden 
Slaven als zu den Germanen gekommen ist. Aber das j») gegen- 
über dem b in gr. xdr)'ai:i(g, lat. caiinubis bereitet vorläufig 
unüberwindbare Schwierigkeiten. Der einzige ausweg bliebe, 
slav. honoplja aus einer spräche stammen zu lassen, die wie 
das germ. die medien zu tenues verschoben hätte. Aber bis 
jetzt ist eine solche nicht nachgewiesen. 

Abulg. hnriiva kann auch nicht ohne Schwierigkeiten aus 
got. liörs abgeleitet werden, denn woher stammt das «t? Abulg. 
hotora aus einer form, die in mhd. hader noch vorliegt. Abulg. 
hipü, ahd. houf. Mit Wandlung in den Zischlauten finden wii- 
abulg. celu, got. hails, abulg. cnklu, got. hairda. 

Sollten diese Wörter vielleicht nicht direct zu den Slaven 
gekommen sein, etwa durch Vermittlung der Balten? 



344 HIRT 

h wird durch h, vor liellen vocalen durch c und c vertreten. 
Man vergleiche ccsan, cqta, lice, crulcij und a'do, crcsuja, nüci, 
vruci und slde^zl, IcunczL Im allgemeinen repräsentiert wol c 
die ältere Schicht. 

Leider lässt sich nicht feststellen, in welche zeit die frühe- 
sten entlehnungen fallen. Aber mit grosser Wahrscheinlichkeit 
dürfen wir doch die Goten als die ersten ansehen, die einen 
nachhaltigen einfluss auf die slav. sprachen ausgeübt haben. 

Vielleicht, so könnte man denken, böte uns die betonung 
ein kriterium für die entlehnung. Die aus dem germanischen 
entlehnten wörtei- müssten den ton auf der ersten silbe tragen. 
Das ist aber durchaus nicht immer der fall. Es heisst ccsdrX, 
russ. cisari, car; abulg. mUi lautet im serb. mac, müca, aus 
älterem macä. Kroat. heisst es ühoraJc für *uhuraJc aus ahd. 
eimhar; in chuning geht die erste silbe verloren, und es heisst 
serb. knez, Icneza, russ. hijdzü. 

Wir können demnach aus der betonung keinen schluss 
ziehen. Das slav. hat die fremden Wörter offenbar unter ge- 
wisse accentschemata eingestellt. 

Im allgemeinen bin ich, wie man sieht, sehr dazu geneigt, 
entlehnungen anzunehmen, und zwar aus dem gründe, weil ich 
keine besonders nahe verwantschaft zwischen germanisch und 
slavisch anerkennen kann. Neuerdings hat Uhlenbeck, Beitr. 
22, 539 eine anzahl von Wörtern zusammengestellt, die nur im 
germ. und slav. voi'kommen. Es sind nicht allzu viel, und so 
recht significante, denen man einen culturhistorischen wert 
beilegen müsste, sind nicht darunter. Bei einigen habe ich be- 
denken. Ah^.harü, russ. /.or^;?/«/:/ s. unten s. 351. B^i goi.hairpra 
'eingeweide', abulg. cresla 'lende' stimmt die bedeutung nicht, 
abgesehen davon, dass die gutturale Schwierigkeiten bereiten, 
wie ich aber hier nicht ausführen kann. Zu ags. idfetu, ahd. 
elhiz, aksl. lehedt vgl. jetzt Osthoff, IF. 8, 64 ff. Ahd. hemera 
'nies würz', abulg. ccmcri 'gift', cenierica 'helleborus' vermag 
ich wegen der gutturale ebenfalls nicht ohne bedenken zusammen 
zu stellen. 

B. Die altgermanischen lehnwörter im baltischen. 

Das baltische zerfällt bekanntlich in drei dialekte, in das 
ausgestorbene preussische, in das litauische und in das lettische. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 345 

Ich will hier nicht auf eine genaue bestimmung der alten 
Sprachgrenzen eingehen, da es feststeht, dass die alten Preussen 
am westlichsten gesessen haben. Bei ihnen darf man daher 
am ehesten, vielleicht ausschliesslich germ. einlluss voraus- 
setzen. Von wem dieser ausgegangen ist, das kann nicht 
zweifelhaft sein. Die geschichte kennt die (ioten am unter- 
lauf der ^^'eichsel, etwa von der einmündung des Bug bis zur 
Ostsee hin. Im Weichseldelta sass der got. stamm der Gepiden. 
Auch die zeit ihrer anwesenheit in dieser gegend lässt sich 
annähernd bestimmen. 'Der letzte zeitgenössische zeuge, der 
der Goten noch als bewohner der alten geschichtlich bezeugten 
sitze gedenkt, ist Ptolemaeus in der ersten hälfte des zweiten 
jh.'s. Um die mitte dieses jli.'s mögen die züge der Goten 
nach dem Süden begonnen haben. Um 200 müssen die Goten 
die Gegend am Pontus erreicht haben: bereits 214 findet bei 
dem Orientzuge des Caracalla ein erster zusammenstoss mit 
den Römern statt' Sievers, Pauls Grundr. 1', 407 f. Hat das 
gotische also auf das altpreussische gewirkt, so kann das nur 
im ersten und zweiten jh. n. (Jhr. oder früher geschehen sein. 
Man kann allerdings daran denken, dass reste von Goten im 
lande geblieben wären, dass sich nicht alle den zügen an- 
geschlossen hätten, aber eine solche annähme können wir vor- 
läufig nicht beweisen. Dass aber irgend welche menschen als 
träger einer historischen tradition zurückgeblieben sind, das 
geht aus einer reihe von indicien hervor, von denen ich nur 
die neueste besprechung des namens 'Danzig' von Kossinna, 
IF. 7, 285 ff. namhaft machen will. Ob die Goten wirklich mit 
den Pi'eussen in berührung gekommen sind, das wage ich auf 
grund anderer momente nicht zu entscheiden, und will daher 
nur die spräche als zeugin anrufen. Allerdings haben wir 
hier mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der slav. ein- 
fluss auf die balt. spräche ist ungeheuer gross gewesen; den 
germ. von ihm sauber zu trennen, ist oft unmöglich. Doch 
glaube ich einiges wenigstens mit Sicherheit feststellen zu 
können. Wo uns lautliche kriterien im stich lassen, da gibt 
m, e. ein punkt den ausschlag. Stimmt ein preussisches wort 
in flexion, Stammbildung und bedeutung genauer zum germ. 
als zum baltisch-slav., so ist es der entlehnung dringend ver- 
dächtig. 



346 HIRT 

I. Die lelnnvörter im altpreiissischen. 

Ich stütze mich hier auf Berneker, Die preussische spräche. 

aclions ^granue' Yocabular (V.) 277 stimmt j2:enauer zu got. 
ahana 'spreu' als zu Mi. aMdas, X^Xi.ahüts. Es steht für *aclans 
mit statt a nach guttiu-al, vgl. Berneker. Welche casusform 
in achms steckt, ist unklar. Sehr unsicher. 

alu V. 892 'met', lit. alhs, lett. alus aus germ. ^alu-, aengl. 
eaJu n.. an. (jl n. Dies wort wird gewöhnlich zum balt.-germ. 
Wortschatz gerechnet. Doch kann es ebenso gut entlehnt sein. 
Da ein lautliches kriterium fehlt, so gibt vielleicht lit. mldus 
'met' den ausschlag. Dem ai. mddhu n. 'süssigkeit, honig, 
süsser trank", gr. f{ei)-v 'wein', abulg. mcdU 'honig' entspricht 
regelrecht lit. medhs •honig', preuss. meddo V. 391 "honig". Da- 
neben gibt es ein Mi.midiis 'met'. Nun tritt allerdings im 
lit. in einzelnen fällen ein i statt eines indog. e auf (vgl. Les- 
kien, Der ablaut der Avurzelsilben im lit., Abh. d. phil.-hist. cl. 
d. Sachs, ges. d. wiss. 9, 270. Wiedemann, Das lit. praeteritum 
s. 8), aber die fälle sind zu unsicher, um mit ihnen rechnen zu 
können. Das lit. midus 'met' erklärt sich aber sehr einfach 
aus einem im got. zufällig nicht belegten ""midus 'met'. Hier 
haben wir einerseits an dem i, andrerseits an der bedeutung 
ein kriterium der entlehnung, denn germ. *mcdus hat auf dem 
ganzen gebiete unseres sprachzweig;es die bedeutung "mef, 
und nicht mehr die von 'honig'. 

Als dritter fall auf dem gebiete des 'getränkes' kommt hinzu 
preuss. drmjios 'liefen' an. dreyg, pl. drecjijjar (st. ^dragjä-). Das 
got. wort fehlt, müsste aber wol *dragjös lauten. Auch hier 
können wir die entlehnung nicht beweisen, und im allgemeinen 
gelten die worte für ui-verwant, vgl. Kluge, Pauls Grundr. 1, 820. 
Berneker s.' 287. Für entlehnung dagegen G. Meyer, Alb. wb. 
s. V. drä f. und mit recht. 

Pr. ankstan 'butter'. Grünau ancte zu ahd. ancho 'butter', 
lat. unguen 'salbe' u. s. w. Die formen des preuss. stimmen 
nicht genügend überein, um die annähme von entlehnung zu 
sichern. Auffallend ist mir die gleiche bedeutung. Die aus- 
drücke für 'butter' gehen sonst nicht in die urzeit zurück. 
Jedenfalls ist vorsieht geboten. 

assanis V. 13 'herbst', got. asans 'erntezeit'. Abulg. jesewi 
zeigt in beiden silben e-vocalismus. Doch können die preuss. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES, 347 

a für e stehen, was im anlaut im Vocabular sogar regel ist. 
Unsicher. 

asilis V. 436 'esel', \ii. äsilas, ?ih\\\^. osllü aus got. asilus. 
Berneker s. 281 nach anderen. Prellwitz hält es für ein mo- 
dernes lehnwort. aber das tier wurde schon in vorchristlicher 
zeit in Nordeuropa bekannt. 

bnmyosYAld 'brustharnisch', Itit. hrunas, ?i\)n\g. hrnnja 
entlehnt aus got. brmijö. Prellwitz hält es für entlehnung 
aus dem mhd. brürijc, hroniyen, was mir nicht wahrscheinlich 
ist. Bekanntlich ist das germ. in waffennamen und heerwesen 
füi- das baltisch -slav. vorbildlich gewesen. Aus dem preuss. 
gehören noch hierher: 

sanvis Y. 41 f. 'wofen', lit. szarvat aus got. sariva 'rüstung'. 
Unzweifelhaft. 

salmis\A20 'heim', Mi. szatmas, abulg. s?mtf, got.hüms, 
ahd. heim. Doch kann das preuss. wort nicht direct aus dem 
germ. stammen. 

Unmittelbar ist preuss. l'elmis ' liut ' V. 474, chelmo Grünau 
'hut' entlehnt. Hier beweisen die gutturale, da got. hilms zu 
ai. rarman gehört. 

Preuss. kalahian V. 424 'seh wert', lit. kalavljas ' Schwert, 
eisbock, eisbrecher', hdavijäd'u-is 'ein Waffenschmied, schwert- 
feger'. Das wort ist nicht aufgeklärt und sieht unlitauisch 
aus. Man könnte an ahd. lialh, haldb 'handhabe, stiel' denken. 

huccareisi.<i V. 598 'buchecker', huccmvarne \. 723 'holz- 
krähe', lit. hiiha, got. höl:ö, aber kaum direct aus dem got. 

f/a^/rt?6-m^ 'bereiten', \\t. gätavas, lett. (/a^az^'s 'fertig', lit. 
(jatänjti, s.hii\g.<jotoviti 'bereiten', got. (/afcmjan. Nach Brückner, 
Die slav. lehnworte, stammt das halt, wort aus dem slav.; das 
ist möglich, aber nicht sicher. Von Berneker s. 290 wird es 
zu alban. gaf 'bereit', gatuan 'bereite zu' gestellt nach G.Meyer, 
Alb. wb. s. V. gat, aber schwerlich mit recht. 

instran Y. 193 'schmer', an. istra 'fett, schmer'. Unsicher. 

haüüstikan 'gesundheit' nebst abulg. celü, ctlostt entlehnt 
aus got. hails. Wegen des h nicht aus dem slav. Die ent- 
lehnung ist mii' vor allem wegen der bedeutung wahrschein- 
lich, vgl. Sigs. hcel n. 'gesundheit*. 

cayntis Y.197 'dorf, cayme (4r. "dorf, lit. henias aus got. 
huims. Ygl. noch kaitna luke 'sucht heim'. Die Wörter können 



348 HIRT 

aucli urverwant sein, doch gehört haims vielleicht mit gr. 
x(6firj zu preuss. seimlns 'gesinde', lit. szeimyna, abulg. semtnu, 
vgl. Zupitza, Die germ. gutturale s. 49. 

ca^<7*" Y. 355 'kessel', Mi.kätüas, \%ii.liatls, abulg. /lO^i^w aus 
got. TmUIs. 

Mnpishin 'handel' kann natürlich nicht trotz Brückner 
und Prelhvitz aus i)oln. Mpcc entlehnt .sein. Denn woher sollte 
der diphthong stammen? Ebensowenig kann es aus dem nieder- 
deutschen herübergenommen sein. Es bleibt als quelle nur ahd. 
und got. 

/.•err/aw 'zeit', abulg. cVeda ' Wechsel', got. hairda, -dM.herta 
iierde. Wechsel'. Die annähme der entlehnung bereitet wegen 
der bedeutung des preuss. Wortes einige Schwierigkeiten, doch 
hatte die sippe nach ausweis von ai. ^drdha 'schar, herde' 
palatalen guttural. Vgl. noch das sicher entlehnte lit. lierdzius, 
got. hairdeis. Das alte lit. wort für 'liirt' heisst pemü. 

kJauslton, Mausemai, lit. Mausaü, Idausyti, lett. Mausit 'hören, 
gehorchen ; man hat dies wort stets mit abulg. sluchü, ai. cra- 
vanam verbunden. Wegen des verschlusslautes muss das wort 
entlehnt sein. Es gibt aber im deutschen kein wort Maus-, 
und man hat daher diese Vermutung abgewiesen. Ich nehme 
an, dass im lit.-preuss. secundärer ablaut vorlegt, und wir die 
entlehnte form in preuss. ^jokliismai, jioldiismingisJiai 'gehorsam', 
lit. Jclustü, paklusniis zu sehen haben. Lit. Jdustk 'jemandem 
gehör geben, gehorchen' kann auf einer germ. form beruhen, 
die etwa in ags. Idystan 'aufhorchen, zuhören' vorliegt. Der 
aorist klusaü berührt sich mit ahd. Jdosen, hlosön. Secundärer 
ablaut, d. h. die entstehung ablautender form auf grund einer 
einzigen form, ist etwas ganz gewöhnliches in allen sprachen. 

auklipts 'verborgen' aus got.*hUfts, Miftus. Man vergleicht 
das preuss. wort mit gr. xXijixm, lat. depo, got. hlifan, ohne sich 
um die erklärung des / zu kümmern. Auch bei Eerneker finde 
ich nichts. Indog. e kann es nicht sein, und l auch nicht, da- 
her wird man entlehnung annehmen müssen. 

knaplos V. 268 'hanf, lit. kanäpes, lett. kanepe aus got. 
Vianaps. Vgl. oben. 

cui/lis V. 683 'eher', lit. kmhjs 'zahmer eher', lett. kudis, 
nhd. keder, keuler. Eine entlehnung des deutschen aus dem 
lit., wie sie Kluge im Et. wb. vermutet hat, ist mir wegen des 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 349 

lit. vocalismus nicht gerade wahrscheinlich. Wie verliält sich 
hdlys zu kidnle? 

miütan 'malz' in phvamultan aus dem deutschen 'malz'. 

nantin, nmitien 'not', got. naups. Wol entlehnt. 

panno V. 33 'feuer', paniistaclan V. 370 'vuerj'sen'. staclan 
= ahd. stahal, g-ot. *sfahla- n. Letzteres ist vielleicht entlehnt, 
und auch wol panno, da man g"ot. fon, fiinins seinem ablaut 
nach nicht mit dem preuss. Avort vereinig-en kann. 

pcclcu 'vieh'. Mi. pehus, [] Kurschat. mit gutturalem ver- 
schlusslaut geg-enüber ai. pden, entlehnt aus got. faihu. Davon 
abgeleitet jyecküt, popeclcfd 'behüten'. 

rilxis 'herre' V. 404, ril;s 'reich'. Das wort kann nicht aus 
dem slav. stammen, da es dort nicht vorhanden, und kann auch 
kaum in späterer zeit aus dem germ. entlehnt sein, da riks 
nicht mehr die bedeutnng 'herr, könig' hat. In spätere zeit 
gehört IconcujisYAOi) 'könig' gegenüber der alten entlehnung 
von lit. Ihningas 'pfarrer', lett. kmigs 'herr'. 

saltan Y. 376 'speck' braucht man wol nicht in paltan zu 
bessern, da es mit deutsch sali zusammenhängen könnte. 

stiMo 'glas', got. stilds. Möglicherweise aus dem slav. 

fiddlsnan 'freude', got. dullhs 'fest', ahd. didt 'Jahrmarkt'. 

tcanijiis V. 588 'damerau', got. ivaijgs 'paradies', an. vangr 
'feld'. Gegen amiahme von entlehnung lässt sich nichts ein- 
wenden. Gehörte waggs mit gr. oyxoq 'biegung' zusammen, 
so wäre sie sogar sicher. 

Die lehnwörter sind im preuss. weniger gut und sicher zu 
erkennen als im slav. Obgleich vieles sehr zweifelhaft ist, 
glaube ich doch as'dis, sanvis, rihis, laupishan, pecku, tiddlsnan 
direct auf das gotische zurückführen zu dürfen. 

II. Die germanischen lebnwüiter im li t aitisclien. 

Die zahl der altgerm. lehnwörter im lit. ist, wie wir schon 
oben vermutet haben, in der tat ziemlich gering, doch sind in 
einigen fällen, wie mir scheinen will, entlelinungen zweifellos 
anzuerkennen. 

Die angeführten fälle beruhen nicht auf einer sj-stemati- 
schen durchforschung des lit. Wortschatzes, sondern auf gelegent- 
licher notierung. 

Lit. «/ä.v 'hausbier' s. oben s. 34C. 



350 HIET 

Lit. äsilas s. oben s. 347. . 

lÄt. nana 'g-enug' soll aus got. ganah stammen. Das ist 
zwar nicht sicher, aber doch möglicli. 

Lit. gar das 'bürde', abulg". gradü 'raauer, garten', got.gards. 

Lit. jeszl-öti, abd. eiscön s. oben s. 334. 

Lit. Jiätüas, got. katils. Das lit. wort wird kaum aus dem 
poln. stammen. 

Lit. hmgurys, Icangure 'ein mit sandg-ras bewachsener bügel' 
steht neben kaukarä; vgl. an. haugr. 

■ Lett. hmns 'schände, schäm, höhn', got. hauns 'niedrig, de- 
mütig'. 

Lit. kaupas 'ein häufen von erde', abulg. hqyu, ahd. hon f. 
Abulg. Jiupü kann nicht die quelle sein. Gegen urverwantschaft 
spricht die mangelnde lautverschiebung. 

Lit. kemas s. oben s. 347. 

Lit. kerdzms 'hirt', got. liairdeis s. oben s. 348. 

Lit. kirmytl, mhd. hirmen. Die sippe hat palatal, vgl. ai. 
grämyati, doch kann das lit. wort aus bekannten gründen nicht 
aus dem historischen got, stammen. 

Lett. klai];)s 'brot' kann nicht aus dem slav. entlehnt sein, 
sondern nur aus dem got. 

Lit. klausyti s. oben s. 348. 

Lit. khningas 'pfarrer, herr' muss altes lehn wort sein. 

Lit. kuprä, ahd. hovar können auch urverwant sein. 

Lit. kvetys, got. kalt eis wegen des t und des gutturals 
zweifellos entlehnt. 

Lit. mklks s. oben s. 346. 

lÄi.mundras 'munter', ahd.mtmtor, gotmundrei. Vielleicht 
spät entlehnt. 

Lit pröias 'verstand', got. frö])-. 

Lit. 2)utkas, ahd. fok, got. *fulk. 

Lit. stodas, zem. eine herde vieh, besonders pferde' wird 
wol eher aus slav. stado als aus germ. ^sföda stammen. 

Lit. szarvaT, got. sarva s. oben s. 347. 

AVie man aus dieser liste sieht, ist die zahl wirklich alter 
lehnwörter sehr klein gegenüber der im slavischen. Man kann 
daher mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass auch die an- 
geführten nicht direct, sondern durch das preuss. in das lit. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 351 

g-ekommen sind. Das eine steht ahov fest: ein o:uter teil 
dieser Wörter kann zweifellos nnr ans dem altg-enii. stannnen, 
denn später sind ja anf Jahrhunderte hinaus die beziehungen 
zwischen Litauern und Germanen untei'brochen. 

VII. Etyinologieu. 

1. Ahd. hart! 'Schulterblatt'. 
Ahd. //«>-^/ 'Schulterblatt' g-ehört mit ^w. heröar pl. 'schul- 
tern' zusammen und ist bei Zupitza, Die germ. gutturale mit russ. 
kortißki 'schultern' verglichen. Dem schliesst sich jetzt IJhlen- 
beck, Beitr. 22, 539 an, indem er es als germ.-baltoslav. glei- 
chung in anspruch nimmt. Indessen kann man auch lat. car- 
tilägo 'knorpel am tierischen körper' hierher ziehen. 

2. mare. 
Das deutsche mare, nachtmare, dial. mart hat schon A. Kuhn, 
Zs. fda. 5, 488 f. mit ai. marut und mit lat. mori verbunden. Mogk 
hat sich Pauls Grundr. D, 1013 dem angeschlossen und daraus 
eine anzahl von folgerungen abgeleitet. Die Verbindung mit 
lat. mori ist aber zu beanstanden, da man jetzt ai. marut kaum 
von \?it.mavors, mavorüs trennen kann, vgl. Wackernagel, Aind. 
gramm. § 184: hier ist durch zahlreiche beispiele ein indog. 
gesetz belegt, nachdem aus ur, nl unter gewissen bedingungen 
rit, lii wurde. Die lautgesetzliche erklärung ergibt sich auf 
grund von zwei indog. Schwächungsstufen der gruppen er, el. 
Denn es ist klar, dass aus indog. '''mauert nichts anderes als lat. 
mavort werden konnte, während *tuaitrt zu marut führte. 
Ebenso gehen ai. vr'lris, abulg. vlitkü, lit. vitkas, got. ivulfs, lat, 
vidpes auf indog. *Uelkos, lat. hqnis, gr. Xvxog dagegen auf 
*ijlkos, woraus *lukos, zurück. Wir besitzen also einen indog. 
ausdruck maujf, marut für ein gespenstiges wesen, über dessen 
eigentliche bedeutung wir nicht ins klare kommen können. Ob 
slav. mora, serb. mora 'alp' entlehnt oder urverwant ist, lässt 
sich nicht feststellen; ich vermute das erstere. 

3. Got. qairriis. 
Got. ryaeVnLS- 'sanftmütig', a.n. kvirr, kyrr 'still, ruhig', mhd. 
klirre 'zahm, milde' hat Bezzenberger mit Vit gurüs ^lockar, 



352 HIRT 

bröckelig' verbimdeii (BB. 3. 81). Noch besser scheint mir aber 
lit. geras 'gut' dazu zu stimmen. Letzteres hat Bezzenberger 
mit gr. (ftQxtQo^ verglichen, was indessen wegen des labials 
einige Schwierigkeiten bereitet, da wir ^ erwarten müssten. 
Unaufgeklärt bleibt das doppelte ;•. Ist obige gleichung richtig, 
so muss natürlich die Verbindung von lit, geras mit gr. f/tQTtQog 

aufgegeben werden. 

4. Got. qistjan. 

Got. qistjan 'verderben', an. kvista •verstümmeln', mnd. 
quisten, ixM.quistan, chicisten 'verderben, vernichten" bezeichnet 
Uhlenbeck, Et. wb. als unaufgeklärt. Zu gründe liegt ahd. 
quist 'Vernichtung'. Das wort gehört zu einer in den indog. 
sprachen weit verbi-eiteten wurzel gi<es, vgl. 'di.jas 'erschöpft 
sein, totmüde sein, erschöpfen, entkräften', nijas 'vergehen, 
verschwinden', jdsush f. 'erschöpfung, mattigkeit', lit. gesaU, 
gesyti 'löschen', gestu, gesti 'erlöschen', gr. ößtvvvfii aus zgt(es- 
' auslöschen', übertr. 'stillen, dämpfen, massigen'. 

5. Got. -friks. 
Got. faihu-friJcs enthält ein wort friks, das in an. frekr 
'gierig, kühn', ags. free 'verwegen', ahd. freh 'habsüchtig' vor- 
liegt. Dies dürfte doch trotz der nicht übereinstimmenden 
schlussconsonanten zu lat. jrrecäri, procus u. s. w. gehören. Die 
form "^preg verhält sich zu "^iwek wie '^äeig in taikns zu "^deik 

in teihan. 

6. Ahd. gispanst. 

Ahd. gispanst 'lockung' gehört zu ahd. as. spanan 'locken, 
reizen', das man zu gr. öjiäoj 'ziehen' stellt. Noch näher liegt 
aber lit. spendziu, sp^sti 'fallen' oder 'f allstricke legen'. 

7. Ahd. narro. 

Ist ahd. wan-o 'verrückter' ein deutsches wort, so kann 

man es mit lit. narsas 'zorn', nirsti 'starrköpfig, starrsinnig etc.' 

vergleichen. 

8. Ahd. hehara. 

Ahd. hehara, ags. hi^ora m., an. heri, hegri m. 'häher' ist 
noch nicht erklärt. Denkt man an die eigentümliche gestalt 
dieses vogels mit seinem auf dem köpf verschmälerten und 
tollenartig verlängerten gefieder, so könnte man daran denken, 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 353 

dass der vogel luicli seinem ausselien benannt wäre. Die 
grundform des germ. wortes ist unzweifelhaft *kikoros, und 
dieser entspricht g-anz g-enau ai. rikharas 'spitzig', abgeleitet 
von oihhü f. 'haai'busch, pt'auenkamm. spitze', rikharas bedeutet 
also eigentlich 'mit einem haarbusch, federbusch versehen', 
und das passt ausgezeichnet als bezeichnung für den häher. 

9. Ahd. hirso. 

Die hirse gehört bekanntlich zu den ältesten cultur- 
gewächsen Europas, und es ist daher von vornherein anzu- 
nehmen, dass ihr name auch bei den Germanen uralt ist. 
Sehr ansprechend ist Brätes heranziehen von lat. ceres, cereris 
(BB. 13, 48). wenngleich nicht ganz sicher. Ich verbinde weiter 
mit dem germ. wort ai. (■ashpam, das auf t-arsli zurückgeht. Die 
bedeutungen 'junges gras' — 'hirse' sind leicht zu vermitteln, 

10. Ahd. hodo. 

Ahd. /iodo, mvX.liode, a.h'mi^.hotJia 'hode' weisen auf ablauts- 
formen Jiont, htf, deren erklärung noch aussteht. ]\lit lat. cöleus 
'hodensack' (Kluge) weiss ich die formen wegen des vocalismus 
nicht zu vereinigen. Dass das wort uralt ist, ist wegen des 
alters ähnlicher bezeichnungen von vornherein zu vermuten. 
Ich verbinde unser wort mit lat. cunnus aus ^cutsnos. Um 
den bedeutungsübergang zu erklären, verweise ich auf mhd. 
n// 'cunnus, Vulva", gegenüber -di. putn m. dual, 'hinterbacken', 
jwtas 'junges', lit. ^>a<7to6' 'ei', ^;aH^«/ 'hoden, hodensack', die 
lautlich mit dem germ. wort genau übereinstimmen. Auch ai. 
iöfhus 'anschwellung' könnte man mit dem in der Überschrift 
genannten worte verbinden, 

11. Ahd. sclnan. 
Ahd. scman 'glänzen, erscheinen, sich zeigen', got. skeinan 
'leuchten, scheinen" stellt man zu gr. öxiä 'schatten', ai. chmjä 
'glänz, schatten'. Es mag sein, dass hier eine wurzel sket zu 
gründe liegt. Immerhin wird man auch eine andere etymologie 
vorschlagen dürfen, die absolut genau übereinstimmt. Got. 
skeinan entspricht abulg. simiti, sin(i, sinesi 'illucescere', sinX 
'hell, licht'. Weiter gehört hierher alb. si, stamm sin 'äuge'. 

Beiträge zur guscLilcbtu der deutBcüeu uprauhe. XXllI. 23 



354 HIRT 

sk in sl-einan muss auf indog. sie zurückgehen, und daraus liat 
sich ganz regelrecht abulg. s, alb. s entwickelt. 

12. Got. sair. 
Got. sair 'schmerz' stellt Uhlenbeck, Et. wb. s. v. zu air. 
sdeth 'leid, mühe, krankheit'. Ist dies richtig, so kann man 
diese worte weiter mit ai. kshä 'brennen', gr. ^tjgög 'trocken' 
verbinden, indem man von einer e/-wurzel ausgeht. 

13. Ahd. wer ah. 
Ahd. tverah und werch n. 'werg' möchte man gern mit tverJc 
'f'pyoa'' zusammenbringen. Doch bleiben dabei immerhin einige 
Schwierigkeiten der bedeutungsentwicklung. Dass diese selbst 
schon alt ist, scheint mir aus gr. Q/j-yoc 'ein gefärbter teppich, 
eine bunte decke' hervorzugehen, das ich direct mit dem germ. 
Worte vergleiche. Prelhvitz, Et. wb. stellt es zu Qtuo 'färbe', 
was mir nicht notwendig zu sein scheint. 

14. Ahd. hlio. 
Ahd. blw, bUwes 'blei' bezeichnen die etymologen als völlig 
unaufgeklärt. Schade hat es mit ahd. Ml st. n. 'färbe' zu- 
sammengebracht, was schwerlich angeht, und ebensowenig kann 
ein Zusammenhang mit lat. plmnhnm bestehen. Und doch fühlt 
man eine gewisse ähnlichkeit im klänge dieser Wörter, der ja 
täuschen könnte, vielleicht aber doch auf einen alten zusammen- 
hang hinweist. Das ahd. wort kommt ausser in diesem dialekt 
nur noch im an. als hly vor. Dass wir daraus nicht die exi- 
stenz eines urgerm. Wortes erschliessen dürfen, ist bei der 
weiten und rätselhaften Wanderung der meisten metallnamen 
selbstverständlich. Als grundform für unser wort gewinnen 
wir ein Vdnvan (got. *blehv), und dies können wir, einen neuen 
fall zu den alten fügend, auf "mlucam zurückführen. Das er- 
innert uns sofort an gr. (loXtßnc, fioXvßog, fioXvßöog; die erste 
form liegt 11.11,237, die letzte 11.24,80 vor. Ein indog. wort 
liegt hier natürlich nicht ^or, obgleich sich iiöXißoi; auf moli- 
giios, *mllwam aber auf *mle{ghvom zurückführen lassen, zwei 
formen, die sich nur durch einen regelrechten ablaut und den 
häufigen Wechsel ^'on media und media asi)irata unterscheiden. 
Wir haben es viel eher mit lehn Wörtern zu tun. Im griech. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES, 355 

weist darauf schon die verschiedene gestalt der zweiten silbe. 
AVenn aber hier wirklich ein vorläufij? noch nicht näher zu 
bestimmender Zusammenhang zwischen den beiden wr)rtern 
bestellt, so wird man die heimat derselben nicht mit O.Schrader, 
Sprachvergleichung- und urgesch. s,312 in Spanien suchen dürfen, 
sondern in dem alten gebiet der Hallstadtcultur. also in Oester- 
reich-rngarn; und dann werden wir auch \Rt. j^hmihuni nicht 
von dem griech,-germ. worte trennen wollen, wenn wir gleich 
die art. wie das lat. wort seine lautgestalt gewonnen, nicht zu 
bestimmen vermögen. 

Die ältere forschung, z. b, Curtius, Grundr.^ s. 370, verbindet 
auch slav. olovo 'blei', lit. alvas 'zinn' apr. ahci.s mit dem griech. 
wort, was aber aufgegeben werden muss. Dass die halt, Wörter 
aus dem slav. entlehnt sind, wie Brückner, Die slav. lehnworte 
s. 67 annimmt, kann nicht bewiesen werden. Darf ich eine 
Vermutung wagen, so ist slav. öloro, lit. akas das lat, album, 
sc, lüumhum. 

Das engl.-deutsche wort für hlei, inhd. löt, ags. Und 'blei' 
entspricht zunächst ir. limide. Dass die beiden Wörter urver- 
want seien, lässt sich freilich kaum wahrscheinlich mächen. 
"Weiter darf man aber auch ai. lohdm vergleichen, dessen be- 
deutung (kui)fer oder eisen?) allerdings nicht ganz feststeht. 
Gewöhnlich verbindet man löliam mit lat. raudiis, sieht also 
in l ein indog. r, weil im ind. löhitas neben rühitas steht. 
Aber sicher kann man darauf nicht bauen. Dass hier eine 
alte gleichung vorliegt, ist durchaus nicht undenkbar, da die 
Völker Europas zweifellos eine viel grössere kenntnis ver- 
schiedener metalle hatten, als man bisher annimmt. Eine 
kenntnis setzt natürlich noch keinen ausgedehnten wirtschaft- 
lichen gebrauch voraus, und die metalle haben doch zunächst 
als Schmuckgegenstände Verwendung gefunden, die leicht ebenso 
entbehrt werden konnten, wie sie beliebt waren. Es ist daher 
auch sehr w ol möglich, dass die von Lottner, KZ, 7, 183 auf- 
gestellte gleichung lat. ferrum, ags, hrms zu recht besteht, 

15. Ahd, hlat. 
Der für ahd. hläo, ags. hhic^ ahd. Jdlo angenommene wandel 
von anlautendem ml zu bl verhilft uns, glaube ich, auch zu 

23* 



35G HIRT 

einer annehmbaren etymologie des alid. hJat u. s. w. Kluge 
verbindet es zweifelnd mit lat. foliiim, gr. q^vllor. So genau 
auch die bedeutung stimmt, so vermag ich die Stammformen 
vorläufig noch nicht zu vereinigen, namentlich da man hJat 
schwerlich von ahd. hluoma und der dazu gehörigen sippe 
trennen kann. Dies weist alsdann auf eine set-wurzel, mit der 
sich gr. (pvXXov, lat. folium schlechterdings nicht vereinigen 
lassen, hlat und hluoma lassen sich auf eine indog. wurzel 
*hliclö oder melö zurückführen. In beiden fällen lässt sich 
lat. flös, flörere vergleichen, lieber die Vertretung von ml im 
lat. wissen wir noch nichts genaues, vgl. darüber Brugmann, 
Grundr. 1^, 370 anm. 4. Solmsen, KZ. 34, 11. A priori ist es 
wahrscheinlich, dass ml wie mr behandelt wird, und aus dem 
entsteht fr, vgl. fräces *ölhefe', fracidus 'mülsch, überreif', air. 
mra'ch 'malz', lat. marcidus\ fretum, gr. ßgärtm 'siede, brause'; 
lat. fremo, gr. ßgefico. Als ein zweites beispiel Hesse sich viel- 
leicht noch lat. flaccus 'welk, schlapp' anführen, das man zu 
gr. fiaXaxog 'weich, sanft' stellen könnte. Dagegen steht es 
zweifellos fest, dass ml im griech. zu hl geworden ist. Es 
entspricht daher ß/Laözarco 'von pflanzen keimen, empor- 
sprossen', ßXdör?] 'keim, spross', ßXaorog 'keim, trieb, junges 
blatt und zweig, schuss' ganz genau. 

Das griech, wort ist vollständig unaufgeklärt. Die ältere 
forschung verglich ai. vdrdhami 'grösser machen', was ganz 
unmöglich ist, während Prell witz zweifelnd auf ßäXXa), ßkico 
verweist, was in mehr als einer beziehung schwerlich angeht. 
Das griech. zeigt dieselbe 5-erweiterung des Stammes, die auch 
in lat, flös und mhd, hluost und anderen Wörtern vorliegt, und 
die gerade bei set -wurzeln häufig ist. Liegt aber eine wurzel- 
stufe mld zu gründe, so kann diese kaum zu einem anderen 
wort gehören als zu gr, f/oJitlv, ßXojoxco 'gehen, kommen' mit 
einer bedeutungsentwicklung, die sehr wol verständlich ist. 

16, Got, himma u,s. w, 
Uhlenbeck stellt den pronominalstamm got, Id u,s. w. zu 
\it. s/ts, abulg. 5i, lat, t'is u.s,w., während Kluge l'dt.hlc 'hier' 
u, s, w, heranzieht und diese beiden formen unter indog. Jch 
vereinigt. Ich glaube, dass beide forscher zu einem teile recht 
haben. 



GRAMMATISCHES UND ETYMOLOGISCHES. 357 

Die einzige spräche, die noch zwei pronominalstämme hi 
und hhi zeigt, ist das lat.. und das muss daher auch zum aus- 
gangspunkt dienen. Naturgemäss Avird man got. himma daga, 
ahd. hhitagu mit lat. hödie vergleichen, ebenso got. her mit 
lat. Mc aus *heic, dagegen Mdrc eher mit lat. citrä. Ags. he 
U.S.W, wird ebenso lat. hic wie slav. sY, lit. szJs entsprechen, 
falls indog. kh im slav.-lit. durch 5 und. S2 vertreten ist. 

LEIPZIG-GOHLIS. H. HIRT. 



STUDIEN 
ZU REINFRIED VON imAUNSCHWEIG. 

Erster abschnitt. Der (lichter. 

Ist uns auch der name des Verfassers des Eeinfried von 
Brauiischweig unbekannt, so k(Jnnen wir uns doch von seiner 
person einigermassen ein bild machen. Oft genug- tritt er ja 
bei g-elegenheit von excursen mit seinem ich liervor, und so 
erfahren wir denn einiges über ihn direct durch seine eigenen 
werte, anderes lässt sich aus seinen äusserungen wenigstens 
mit ziemlicher Sicherheit erschliessen. 

Nächst der heimatsfi'age — aus der spräche ergibt sicli 
ohne weiteres, dass der dichter dem alemannischen gebiet an- 
gehört — ist die wichtigste die nach der lebensstellung des 
mannes. Hier gehen die ansichten auseinander. Baechtokl (Ge- 
schichte d. deutsch, litteratur in der Schweiz s. 134 ff.) möclite ihn 
für einen geistlichen halten. Dem gegenüber betont K. Eich- 
horn (Reinfriedstudien, teil 1, einladungsschrift zur feier des 
Henflingschen gedächtnistages am gymnasium zu Meiningen, 
1892) im anschluss an Bartsch den bürgerlichen stand unseres 
dichters. 

Wer Baechtold folgen will, kann als einziges argument 
für den geistlichen beruf des dichters nur seine umfassende 
gelehrte bildung in anspruch nehmen. Ergibt sich nun aber 
aus sicheren gründen, dass Baechtolds auffassung irrig ist, 
dann lässt sich doch andererseits die reiche belesenheit des 
dichters nicht gegen eine bürgerliche Stellung in die wagschale 
werfen. Sorgfältige erziehung in einer guten klosterschule, 
bemerkt Eichhorn mit recht, erklärt vollkommen die genaue 
bekanntschaft mit der vulgata und die kenntnis sonstiger 
lateinischer literatur, die der dichter wirklich besitzt. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 359 

Ich halte es für durchaus gesichert, dass der dichter, wenn 
ich mich vorerst einmal negativ ausdrücken darf, nicht geist- 
licher war, und ich folgere das 1. aus seinen eigenen äusse- 
rungen und 2. aus dem stoffe seines Werkes, wie aus formellen 
eigentümlichkeiten seines Stiles. 

1. Beweis aus den eigenen äusserungen 
des dichters. 
Obenan steht hier was der Verfasser über sich selbst be- 
merkt. Dass er nicht ritter ist, versichert er deutlich v. 12820 ff.: 

dar zuo so bin ich äue 
geburt und elleuthafte kraft, 
daz ich niht von der ritterschaft 
weiz, wan diu ist mir verzigen. 

Was er aber von seiner armut sagt (vgl. Eichhorn s. 5. 
Bartsch, ausg. s. 807), ist an sich noch nicht beweisend für 
nichtgeistlichen stand. Jedoch scheinen mir die äusserungen 
über seine Stellung zu den frauen und zur minne entscheidend. 
Er hat selbst eine fi"au geliebt — Else heisst sie (vgl. v. 12802 
tvent ir si lioeren nennen: Min Liep Suez Edel sunder schäm 
ist ir minneclicher nam) — und liebt sie noch, mit blutendem 
herzen, denn sie verschmäht ihn. Aber sie trägt ihm unver- 
schulten haz. Und wenn er sie deshalb auch schelten muss, 
so hat si doch mit senke sich in sin herz gedrungen. Von ihr 
hat er ja das dichten gelernt. 

Es unterliegt in der tat wol keinem zweifei, dass er sich 
auch in der lyrik versucht hat Oft genug noch werden wir 
durch wirklich schöne und. hochpoetische stellen daran erinnert, 
wie tief den dichter die minne berührt hat. Er kennt die 
macht der liebe aus eigener erfahrung und weiss sie uns im 
vergleich zu seiner sonst ruhigen erzählung mit wahrem feuer 
und echter leidenschaft darzustellen. 

Von ausserordentlich feiner beobachtung zeugt z. b. folgende 
scene. Als Reinfried im tui"nier Yrkanes kuss errungen hat — 
übrigens ein schönes bild, wie die liebliche Jungfrau in freu- 
digem erröten vor dem herzog steht, um ihm den süssen lohn 
zu reichen, und in diu minnecUche so ruoziy under ougen sach 
(v. 2074 f., vgl.^^'olfr. Wh. 229, 26) — da führt ihn Yrkane under 
ein swache hüttelin und lie niemen hi ir sin uan ir juncfroutven 



360 GEREKE 

eine. Beider liebenden herz ist zum zerspringen voll, sie haben 
einander so viel zu gestehen und zu sagen, und doch wagt 
keiner zu sprechen. 

V. 3018. V. 3062. 

swä sich zwei herzen schon in ein zno gelicher wise 
mit den gedenken einent, geschiht den sinnen alle frist, 

so daz si beide meinent als da ein hns erfüllet ist 

ein dinc, ein ein. ein liep, ein leit, mit liuten also daz ein man 
und doch dewederz hat geseit niht ine da hin in körnen kan. 

dem andern sines herzen pin, diz bispel ich geliche spür, 

diu herzen müezent beide sin nu stänt Hute vor der tür 

verdäht nä süezer minne. me denne in dem hftse sin. 

Jen Avent her üz und dis hin in 
und dringent vast an der getät. 
der üzern also vil da stät 
daz jene belibent dinne. 

Ich sollte meinen, solche worte könnten nur aus einem 
natürlich empfindenden herzen kommen, das selbst den zauber 
der liebe gefühlt hat. 

Ich denke, wenn wir die vielen stellen, in denen die minne 
gepriesen wird, richtig beurteilen, müssen wir gestehen, dass 
das alles zu der Stellung eines geistlichen schlechterdings nicht 
passt. Auch der ausweg, das seien nur Jugenderinnerungen 
des dichters, ist verlegt; denn v. 2868 erfahren wir, dass er 
noch jetzt bi jungen jären ist, und die worte v. 4074 ff. lassen 
immerhin erkennen, dass er noch keineswegs mit der minne 
abgeschlossen hat: 

ein man muoz sich under daz im wol in muote lit, 

wilent von minne ziehen ald er wirt eteliche zit 

und mit gedenken fliehen von minne missehandelt. 

Was hätte er als geistlicher für Ursache gehabt, v. 10860 ff. 
die ehe als göttliche einrichtung zu preisen und umständlich 
für ihre nichtSündhaftigkeit einzutreten? A\'as konnte ihn wol 
als geistlichen bewegen, bei jeder möglichen gelegenheit auf 
papst, cardinäle, Patriarchen, bischöfe und pfaffen zu schelten, 
deren schände er offen aufdeckt, deren habgier er unter den 
schärfsten ausdrücken an den prangei- stellt? vgl. v. 16870 ff. 
V. 17648 ff. 

V. 17G76. den text, wan si bindent 

si vindent niuwe fünde daz reht hin ze unrehte. 

mit glösen unde vindent daz krump machent si siebte, 



STUDIEN ZU REINFKIED VON BBAUNSCHWEIG, 



361 



daz sieht si künnent krumben. 
got solt in verstnmben 
die Zungen in dem munde. 

Grossen wert lege ich endlich mit Eüchhorn auf die worte 
V. 17841 ff., mit denen der besiegte persische fürst den herzog 
Eeinfried überredet, ilin von seinem in todesnot gegebenen 
taufgelübde zu entbinden: 

erlant mich des gelonben, 

wan er könde ronben 

mich an miner ere 

und mohte niemer mere 

gewinnen relites künges namen. 

diu kröne mües sich ieraer schämen 

nä mir ewecliche. 

werder fürste riebe, 

ob iuch so misselunge 

daz man iuch betwunge 

ein beiden sin an dirre vart, 



iuwer künne und iuwer art 

het sin iemer mere 

laster und unere, 

und wper diu arbeit doch verlorn. 

swä der mensche ist geborn, 

in swelber band gelonben, 

swer in des wil rouben 

mit twinclicher Sicherheit, 

der verliust vil arbeit, 

wan er sich selben triuget 



(vgl. dazu Parton. 2748: swd der mensche wirt erzogen, weis- 
got, da strebet im der sin ie ze jungest wider hin). Das sind 
Worte einer toleranz, wie sie damals ein geistlicher schwerlich 
ausgesprochen hätte. 

Zugleich mit den pfaffen tadelt der dichter aber auch alle 
weltliche obrigkeit; dem kaiser, den fürsten und der ritter: 
Schaft sagt er bittere Wahrheiten. Als geistlicher hätte er 
sich vielleicht des Zweckes wegen über die gründe hinweg- 
täuschen lassen, die deutsche edle zur fahrt in das heilige 
land in bügerines pfliht bewogen; aber als bürgerlicher, der 
die not seines Vaterlandes kennt, empfindet er schmerz darüber, 
dass solche leute gewissermassen aus feigheit, um sich den 
aufgaben zu entziehen, die ihrer im Vaterland und in ihrem 
hause warten, in wallers wise sunder wer gen Kriechen oder 
über mer fahren: 

15514 eins edeln maunes mervart 
^. in bilgerines wise 

ich lasterliche prise 

mit hinderredelicher pfliht. 

ich tar es vor in sprechen niht. 

Der dichter kennt alle schaden der fürsten, er weiss wie 
schlimm es mit ihnen selbst und ihren ratgebern steht. Er 



362 GEREKE 

beklagt aufs tiefste den verfall der ritterschaft. — Das alles 
spricht gegen einen geistlichen Verfasser und bringt uns zu- 
gleich auf die richtige spur. 

Dem verderbten rittertum seiner zeit stellt der dichter als 
Idealbild seinen beiden Reinfried gegenüber. Eine seiner 
fugenden, die er mehrmals lobt, ist die mute; widerholt hebt 
er hervor, dass Reinfried nie versäumt, der gernden diet zu 
spenden; vgl. v. 1890 ff. 2630 ff. 4392 ff. 11420 ff. 12589 ff. — 
V. 26594 ff. entwickelt er ausführlich seine ansieht über die 
gaben des 'milten' und des 'kargen'. 

Und das führt mich auf den gedanken, in dem dichter 
einen mann zu sehen, der wol selbst zur gernden diet gehört. 
So urteilt auch Eichhorn (s. 6), der sehr richtig auf die verse 
327 — 356 hinweist, in denen sich der dichter über die aufgaben 
der fahrenden äussert. 

Zu dieser Stellung des dichters würde alles trefflich passen, 
was wir sonst über ihn erfahren; besonders seine dürftigen 
Verhältnisse fänden auf diese weise leicht erklärung. Eine so 
genaue bekanntschaft ferner mit allen ständen im reiche, mit 
ihren mangeln und schwächen, die stark pessimistische auf- 
fassung der ganzen Zeitverhältnisse ist begreiflich bei einem 
angehörigen der gernden diet, der im lande herumkommt und 
manche trübe lebenserfahrung machen muss. 

Der dichter hat zwar eine gelehrte bildung erhalten und 
ist wol anfangs zu etwas besserem bestimmt gewesen, aber, 
durch widrige Verhältnisse seines guts beraubt, zu dem leben 
eines fahrenden genötigt worden, üeber seine abhängigkeit 
vgl. V. 25474 ff. Er sucht also, wie Eichhorn mit recht aus 
V. 12752 ff. folgert, 'aus dem dichten capital zu schlagen': 

12758 do mich gelücke geltes floch, 
(16 reis mir zuo an muote 
und nam ab au dem guote. 
ich dien min selbes muot hie an, 
Sit ich des guotes lützel hän. 

Wenn er übrigens als grund für sein dichten v. 12752 f. 
und V. 13992 f. angibt, dass er sich urdrütze stvcere damit ver- 
treiben wolle, so folgt er hierin seinem vorbilde Konrad von 
AViirzbui-g, der sich im eingang des Partonopier und des Tro- 
janerkriegs ganz ähnlich über die motive seiner dichtung 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



363 



äussert.. Eine gegenüberstellung wird die abhängigkeit des 
Verfassers des Reinfried zeigen. 



Reinfr. 13088. 

mir sol gewiu und ouch verlust 

beliben ungeteilet, 

Sit sich luiu sin durchgeilet 

an disem selben insere, 

wan urdrütze swfere 

ich mir hie mit vertribe. 

ob ich hie von belibe 

von swacher diete dankelos, 

nu wol, daz wunder ist niht groz: 

des trag ich kleinen riuweu. 

doch wil icli wol getriuwen, 

wirt ez gedihtet und bereit, 

ez werde etesAvenn gespreit 

für reiner sinne merken, 

den ez vil liht kan sterken 

liep und fröude sunder wanc. 

ist mir von den ein habedanc 

beschert oder gefüeget, 

umb daz so benüeget 

mich, wan ich ger anders niht. 

ob eins schalkes zunge gibt 

mir spot, daz län ich also sin, 

wau diu uufuoare ist niht min. 



Part. ]. 

Ez ist ein gar vil nütze dinc, 

daz ein bescheiden jungelinc 

getihte gerne hoere 

und er niemen stoere, 

der singen unde reden kan. 

da lit vil hohes nutzes an 

und ist ouch guot für urdrutz. 

104 swaz aber nu der tumben si, 

die getihten wellen noch, 

ein meister sol niht läzen doch 

dar umbe sprechen imde sanc. 

swie lützel man imwizzedanc 

siner meisterlichen kunst, 

sokere doch herze und vernunst 

fif edeledoene und edeliu wort. 



diu nahtigale singet, 
ir sanc vil oft erklinget, 
da niemen hoeret sinen klanc, 
si lät darumbe niht ir sanc 
daz man sin da so lützel gert 



(vgl. Troj. 174 ff.) 



2. Beweis aus dem stoff des gediclites und aus 
formellen eigentümlichkeiten des stils. 

Als ein mann gelehrter bildung weiss der dichter genau 
bescheid im ritterlich-höfischen epos, und als fahrender kennt 
er die volks- und Spielmannsdichtung. Ueberwiegt im all- 
gemeinen in seinem werke aucli das ritterlich-höfische element, 
so sind doch andererseits unverkennbar eine reihe von zügen 
vorhanden, die wii' vergebens im höfischen epos suchen. 

Der erste teil des Eeinfried eiitliält eine brautfahrt, im 
gründe eine regelrechte entführungsgeschichte, nur in höfischem 
gewande. In der eigentlich höfischen epik findet sich dieses 
motiv nicht, wol aber ist es sehr beliebt in der ganzen Spiel- 
mannsdichtung. Ich erinnere an Rother, Nibel., Gudrun, Ortnit, 
Wolfdietrich, Orendel, Oswalt, Salman und Morolf u.s.w. Und 



364 



GEREKE 



in der tat lassen sich im R. mannigfache anklänge an alle 
diese epen feststellen, besonders aber an die, die in gewisser 
beziehung zu der alemannischen heimat des dichters stehen 
und selbst vom höfischen epos beeinflusst sind. 

Wol kaum zufällig dürfte die ähnlichkeit der brautfahrt 
im E. mit der im Ortnit sein. 



Der Ortnit (DHB..n) beginnt: 

3,1 
ez wuohs in Lamparten ein gewalte- 
ger künic rieh, 



dem was bi den ziten dehein künec 
gelich. 
5,1 
durch künicliche wirde gap man im 

den pris. 
geheizen was er Ortnit, ze stürme 
was er wis. 

Brissen nnde Berne was im undertän. 

(6,4 
im diente mit gewalte Rome unde 
Lateran). 

Dem könig Ortnit wird von den 
seinen geraten, sich ein weib zu 
nehmen. Sein oheim Ilias von Eiu- 
zen nennt ihm eine seiner würdige 
künigin. Er weiss ihre Schönheit so 
zu rühmen, dass Ortnit erklärt: 

18,4 
ez erge mir swie got welle, ich muoz 
nach ir hin über mer. 



Reinfr. 

65 
hie vor ein werder fürste was. 

178 
daz fif der weit kein herre 
lept an wirde sin genoz. 

106 
. . hörte man in prisen. 

man nante den selben herzogen 
Reinfrit von Brilneswic. 

102 
Westeväl und Sahsen 

dienden beidiu siner haut. 

Der knappe aus Dänemark lädt 
Reinfried zum turnier und schildert 
die Schönheit Yrkanes so, dass Rein- 
fried sich zur reise entschliesst : 

398 
zehant im aber brähte 
der sin ander unmuoze, 
wie er sich na ir gruoze 
solt erbeiten ftf die vart, 
der er dur niht wendic Avart. 



Wie Ortnit schon von der künftigen braut angezogen wird, 
ohne sie vorher gesehen zu haben, ebenso ergeht es Reinfried, 



69,2 
niwan von sagenden dingen 
der meide schcene in twauc. 
im het ouch ir minne vil näcli be- 
nomen den sin. 



488 
diu süeze minuecliche 
im nie kam üz den sinnen, 
sin herze muose minnen 
die doch sin ouge nie gesach. 



Ortnit fordert seine mannen auf, 



Ebenso später Reiufried, als Yr- 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



3G.^ 



Oitnit. 

ihm bei der gefährliclien brautfalirt 
zu folgen nud verspricht dem mit- 
ziehenden seine nnterstützung-, droht 
aber dem bleibenden. 

24 
swer mir der reise hilfet, dem 

bin ich immer holt, 
im si ouch mit geteilet min silber 

und min golt; 
laut und bürge, darzuo Hute und guot. 
ich wil im immer danken, swer ez 
willeclichen tuot. 
25 
dem bin ich immer wsege, die wile 
unde ich lebe 



Reinfr. 

kane, von dem dänischen grafen be- 
schuldigt, an ihn einen boten sendet, 
der ihn zum streite mit jenem für 
ihre Unschuld auffordern soll. 

7S44 
swer mir siner helfe gebe 
hie mit dienest n i h t verseif,') 



der wizze, swä in iemer leit 
kumber oder not bestät 



daz er mich da ze helfe hat, 
die wile daz ich einen tac 
mit eren leb und leben mac.^) 



50,2 
swer hinder mir beübet. dem wirde 
ich nimmer holt. 



7874 
swer mich in disen noeten lät 
und mir sin helf wol wser bereit, 
dem si iemer widerseit 
min rät min helfe für diz zil etc. 



Nun erklären sicli die einzelnen fürsten der reihe nach 
bereit, ihn mit mannen und mit ihrer eigenen person zu unter- 
stützen (vgl. auch Vogt, Salman und Morolf s. cxxxiv). Ebenso 
im Reinfried, z. b. 



3G 
do sprach der marcgräve Helmnot 

von Tuscan 
'so iiiiii von mir ze stiure fünf tft- 

sent küener man: 
die wil ich mit dir senten, herr, über 

den wilden se. 
sol ich selbe mit dir liiezen, so wirt 
ir lilite me.' 
39—40 
Der herzog Gerwart von Troyen 
sendet 500 beiden mit, bleibt aber 
auf Ortuits rat selbst daheim : 



») Vgl. 140'J21f. 

>) Vgl. 7882 ff. 7910 f. 



794i; 
von Mizeulant der sprach 'ich var 
und ahzic ritter sunder wer 
mit iuch, went ir über mer.' 



7949 
von Hrandenburc der sprach 'ich wil 
niht mit iuch der reise zil, 
wau mich irret ander pliiht. 



366 



GEREKE 



Ortuit. 

40,4 

'du solt hie heime selbe des herge- 
birges pflegen.' 

51 

si wären alle willic dem riehen kü- 

nege her. 
durch des guotes willen wägten si 
daz leben. 



Rein fr. 

doch län ich iuch an helfe niht, 
ich wil iuch in einer schar 
ahzic ritter lihen dar.' 

7962 
sns wart diu reis gemeret 
von luangeni ellenthaften degen, 
der der vart sich wol bewegen 
torste durch den fürsten rieh. 
. . wan ir einer niht beleip, 
und fuorent alle sament dar. 



Vielleicht ist auch in den näheren umständen der ent- 
führung- der braut selbst ein Zusammenhang zwischen Ortuit 
und R. zu finden. Beide ritter schwingen die braut auf ihr 
ross und reiten davon: 



439,4 
er spranc in sin gereite, die meit 

nara er für sich: 
von der burcliten si do beidiu riten. 
ir res gienc enschüfte, niemens si 
da biten. 



9270 
wan er si bi der haut begreif 
und huop si von der erden dan 
üf daz ors. der werde man 
die reinen vor im fuorte. 
ob erz mit sporne ruorte? 
des wfen ich wol. . . 
niht lauger er da hapte 
und kerte sich sä üf die vart. 

Sie werden verfolgt, doch gelingt es ihnen, da ihnen ihre 
mannen zu hilfe eilen, die feinde zu besiegen. Als Reinfried 
durch seine Verfolger in höchste gefahr geraten ist, bläst er 
in sein hörn, und auf dieses verabredete zeichen kommen seine 
im versteck liegenden mannen herbei: ein motiv, das in der 
spielmannsepik durchaus gebräuchlich ist; vgl. z. b. Rother 
4177 ff. Alph. 862 ff., Salm. u. Morolf 2G54 ff. 2756 ff. 

Mir scheint es keines weiteren be weises zu bedürfen, dass 
der Reinfrieddichter das thema der brautfahrt nach dem niuster 
des volksepos gewählt und vielleicht sogar speciell den Ortnit 
vor äugen gehabt hat. In der näheren ausführung folgt er, 
wie an einer anderen stelle dargelegt werden soll, Konrads 
Engelhard. 

1 )och sehen wir uns nach weiteren volkstümliclien motiven 
um. In der nacht, da Reinfried der Jungfrau Maria, die ihni 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 307 

im träume erscheint, eine fahrt ins heilig'e land gelobt, hat 
auch Yrkane einen träum; hier dürfte dem dicliter bei seiner 
Schilderung Kriemhilds träum vorgeschwebt haben. Beide 
frauen träumen nämlich, dass ihnen ein falke, den sie auf- 
gezogen, von zwei adlern zerrissen wird, 

Nib. L. 13 R. 13520 

ez troumde Kriemhilte iu tilgenden si hatte einen valken, 

der si pflac, als si iu släfe düht, erzogen 

wie si einen valken wilden züge (folgt breite ausführung). 

mauegen tac, 13566 

den ir zweu arn erkrummen. so koraent girdeclicheu her 

in snellen flucken schier gevarn 
zwen ungefüege gröze arn 
und wolten uf in ziehen. 

Ganz genau passt nun aber der träum Kriemhilds doch 
nicht für die zwecke unseres dichters, denn sein held soll ja 
glücklich zurückkehren. Als ihm diese erkenntnis kommt, da 
hilft er sicli in ziemlich naiver weise. Er lässt Yrkane er- 
wachen, ehe der träum zu ende ist, so dass sie glauben muss, 
der falke sei eine beute der adler geworden: hätte sie aber 
weiter geträumt, meint der dichter, so würde sie gesehen haben, 
wie der falke seinen Verfolgern entkommt. 

Yrkane hat auch noch einen zweiten träum, ganz wie 
Kriemhild; in beiden fällen wird uns dieser nicht ausführlich 
berichtet, sondern die frauen erzählen ihn in kurzen andeu- 
tungen ihren männern (Nib, L. 864. E. 14945 ff.). 

Reinfried erhält von Yrkane beim abschied einen wunder- 
baren ring, der die kraft hat, ihn vor gefahren zu schützen, 
mit speise zu versorgen und fröhlich zu machen. Einen anderen 
ring zerbricht er und lässt seiner gattin die eine hälfte zurück 
mit der Weisung, wenn jemals ihr ein böte die künde von 
seinem tode bringen sollte, nur dem zu glauben, der ihr die 
andere hälfte übergäbe. Diese ringmotive finden sich zwar 
auch in der höfischen epik, ') das ändert aber nichts an ihrer 



') Vgl. z. b. Iwein 2945 ft". 

Iw. 2947 R. 15059 

ich wart nie manne so holt ein viugerlin, daz selbe golt 

dem ich ditz selbe golt du fürste mit dir füereu solt. 

wolde lihen unde geben. 



368 GEREKE 

Volkstümlichkeit, und darum sind sie nirgends häufiger an- 
gewant als eben in der volkstümlichen dichtung. Es darf 
wol als sicher gelten, dass die teilung eines ringes mit zur 
braunschweigischen lüwensage gehörte, die natürlich die 
grundlage für den R. bildet. Hätten Avir das gedieht voll- 
ständig, so würde das noch deutlicher sein. IVbrigens spielt 
das zerbrechen des ringes auch im Ortnit eine nicht unwesent- 
liche rolle. Ich stelle die betreffenden partien aus dem Ortnit 
und R. im folgenden zusammen: 

Ortuit 545, 3 R. 14778 

swaz dir die Hute sagen, ob dir min sterben lernen sage, 

des solt du nibt gelouben, du swer daz in der weite si, 

solt nibt sere klagen. des solt du weseu sorgen fri, 

künigiune und frouwe, gip mir din minneclicbe reine. 

vingerlin. du solt gelouben kleine 

swer dir daz widerbringe, dem ge- min bitter sterben sunder haz, 
loube den tot min. ez si denn, süeze frouwe, daz 

swer dir daz viugerl bringet, dem ist icb dir üz dem eilende 
vil wol gescbeben : daz ander stucke sende 

der uimet mir etewaz mere und bat daz an daz diue beeret, 
micb toten gesebeu. wizzest, so bat zerstoeret 

der tot min ellendez leben. 
swaz man dir sag an daz geben 
des stückelins Wortzeichen, 
so mäht du erbleichen 
niemer von keiner riuwe. 

In den erzählungen von den wundern des morgenlandes 
treten riesen und zwerge auf. Wie schon Bartsch (in der ein- 
leitung zum Herzog Ernst) gezeigt hat, ist hier für den Rein- 
irieddichter der Herzog Ernst vorbild. Ist aber nicht auch 
der Herzog Ernst eine Spielmannsdichtung? Widerum also 
treffen wir unseren dichter auf ihm bekannten bahnen. 

Doch noch weiter. Nirgends ist mehr von riesen und 
Zwergen die rede als in den epen des deutschen heldenbuches, 
und dass der Verfasser des R. sicher wenigstens mit einem 
teil dieser vertraut war, beweisen schon die verse 25266 ff., 



Iw. 21)53 R. 15072 

sines Steines kraft ist guot: des Steines kraft 

er git gelücke und senften muot. ist so kreftic und so guot 
er ist a«lec der in treit. daz er sta-te froelicb tuot 

den der iu an der heude hat. 



STUDIEN ZU KEINFRIED VON BKAUNSCIIWEIG. 



369 



WO er ausser den rieseii des König' Rotlier auch Kui)ii;ui und 
Ülsenbrant, sowie 

die rison mit den rroltleniar. 
(laz rifhe keiserlich getwerc, 
den walt vervalte und den berc 
hie vor den Wülfingen. 

nennt. Es wird also nicht auffallen, Avenn sich in seiner er- 
zählung- auch ankläng-e an die genannten epen finden. 

Ich hebe besonders den kämpf Wolfdietrichs mit dem 
riesen Baldeniar hervor, wie er im alemannischen Wolfdietrich 
D dargestellt ist, und vergleiche ihn mit dem kämpf zwischen 
Reinfried und dem riesenboten bei den zwergen. 

Wolfd. D 7, 32 Kein fr. 

in dem seilten walde vor der bürge 

plan 
da erblicte der helt balde den aller 

groesten man 181)98 

der im vor sinen oug-en ie was wor- alrest dem fürsten veilet 

den kunt: in sorgen gröz sin jungez 

umb sinen lip er sorgte an der leben 

selben stunt. 

33 1 yo60 

über alle boume gienc sin des riseu lenge was so hoch 

leuge gar. daz si für alle boume schein, 
er nam sin gnote goume. der rise 

hiez Baldeniar. l',)14Ü 

ein brünje vest von hörne het dö hat der ungefüege man ... 

er geleit an sich. an sich ein hüruin wurnies hfit 

drin stuout der üz erkorne eim beide über diu wäfen schön geleit. 
vil gelich. 

34 18926 

er truoc eine stangen wol aht er fuorte eine staijgen 

cläftern lanc, daz ich ir swjBre nihttar sagen 

(1917() 
si sähen siner wunden slac 
wol kläfters lanc und halbe wit.) 
18908 
einen schilt vor siner hende, der er truoc einen swseren schilt 

was niht ze kranc: höher breiter denn ein tor. 

einer gebelwende was er vil gelich. 

19140 
'der tiuvel dich hie sehende!" sprach . .. der ungefüege man, 
Wolf her Dieterich. 

Beiträge zur geacliichtu der duutschou epraclie. XXIU. 24 



370 GEREKE 

Wolfd. D35, 1 Reinfr. 

'du bist des tiiivels bruoder. du der lasterhafte tiuvels trüt. 
ungefüeger zage.' 

36.1 1S951 
'waz sprichestu, kint daz tuiiibe':" du bist ein kiiit. 

38, 1 1 SO-V.) 

'du redest tumpliche, dir wonet durch dinen tumpliclien niuot. 

iiiht witze bi. 18974 

Krist von hinielriclie macht mich got der den sinen nie verlie, 

wol sorgen fri.' ruoche mir eilenden 

ouch sine gnade senden. 

39, 1 18939 

'wie wiltu, kint daz kleine, diu ist dir din leben veile ...? 

leben danne ernern'?' 1897.') 

des antwurt im der reine 'da wil wer dich reht, wan ich bin hie. 
ich mich vaste wem'. 

40.2 19106 

der fürste unverzeit sin manheit überm?eze 

lief do zornicliche den grozen lief den grozen risen an. 
risen an. 
42 19000 

der rise mit der stangeu vaste wan der rise siege bot 

üf in sluoc. mit siner swseren Stangen. 

44 19028 

er schriet im die stange da von er dem risen sluoc 

schiere von der hant, sin Stangen vor der haut en- 
daz si ze zweiu stücken viel nider zwei, 

üf daz laut. 

19034 

do zöch er von den siten ein ein swert er von der siten 

swert unmäzen breit brach 

daz ze sinen ecken gar freis- lanc und wol zweiger schuohe 
liehen sneit. breit, 

daz an allen orten sneit 
reht als ein gewetzet sahs. 

45 19042 

do lief er zornicliche den wer- den höhgemuoten wisen 

den Kriechen an. lief er do grimmeclichen an. 

Wolfdieterich der küene im also 

nähen kam. 

19072 

underlialj) den knie wen be- der fürste rieh hat im gegeben 

guud ers risen pflegen 

mit also herten streichen ... wunden vil in sin in bein. 



STUDIEN ZV KEINFRIED VON BUAUNSCHWEIG. 371 

Wolfd. D Reinfr. 

•Iti. 2 19111) 

er sluoc im ein wiindo. daz im er traf in und zertranden 

do zeliant von dem nabel hin ze tal 

daz kra>se ziio den stunden daz allez sin gebütte val 

bracli üz des libes want. nani nider ze der erden. 

Icli glaube, dass bei derartigen übereinstimmung-en aucli 
ein sehr skeptisclier beui'teiler einen Zusammenhang zwischen 
beiden stellen niclit wird leugnen können. 

Von demselben riesen, den Reinfried hier besiegt, erzählt 
der dichter eine krafttat, wobei er offenbar eine scene aus 
dem König Kotlier vor äugen hat, den er ja. wie oben schon 
erwähnt ist, selbst v. 25281 citiert, 

Roth er (Eückert) Reinfr. 

1146 18892 

dö zöch man vor Constantinis disch er nam von rehtem zorne 

einin leweu vreissam, ein ungefüeg-ez kemeltier 

derne wolde niemanne vor niht hau. und warf ez gen der bürge 
her nam den knehten daz brOt, schier 

her teten over deme tisclie groze not. mit eins armes swanke, 

Aspriän begreif eue mit der der starke, niht der kranke, 

haut daz ez kam für die zinuen in. 

uude warp eu an des sales want, swaz ez traf, daz rauose sin 

daz her al zebrach. ende da von kiesen, 

we leide eme der kuninc dö des sach man Verliesen 

sazi mangen höher fröuden sin. 

Da ich nun einmal den König Rother herangezogen habe, 
so sei es erlaubt, gleich noch eine andere stelle in parallele 
zu R. zu setzen: 

Rother 909 R. 1892« 

do solden zwene grävin er fuorte eine standen 

Aspriänis stangin int fähin. daz ich ir swsere niht tar sagen, 

da was so vil stälis zö geslagin, mit isen was si so beslagen 

sie ne mochtin sie hebin noch getragin. daz v i e r z i c man die Stangen 
an iren da nc viel sie dar nider, lanc 

sie liezin sie durch not ligen. niüezen lazen sunder danc 

äne wegen län gelegen. 

Ich bin weit entfernt zu glauben, dass dei- Reinfried- 
dichter mit bewu.sster absieht diese stellen des Kliiiig Kother 
nachgeahmt hat: aber er war jedenfalls so in allen solchen 

24* 



372 



GEREKE 



spielmännischen scenen und Wendungen zu hause, dass er ge- 
wissermassen unbewusst fast dieselben worte brauclien konnte, 
Und das ist alles leicht erklärlich, wenn man in dem dichter 
einen fahrenden sieht. 

Ich stimme deshalb auch Rückert zu, der (in der einleitung- 
zum König- Rother s. vii— ix) darauf hinweist, wie unter solchen 
Verhältnissen Vermischung ähnlicher Situationen und namen 
mehrerer gediclite und sagen erfolgen musste. So lassen sich 
die im Reinfiied vorkommenden riesen Orte und Velle (Orte 
ist noch ganz unbekannt, Velle nur in einer jungen Wolf- 
dietrichrecensiou nachweisbar) neben den richtig citierten 
Witolt, Grimme und Aspriän als undeutliche erinnerungen 
auffassen (vgl, Grimm, D. heldens, no. 80), 

In ähnlicher weise möchte ich auch die folgende neben- 
einanderstellung zweier partien des Wolfdietrich I) und des R. 
verstanden wissen: 



Wo lfd. D 

140 

ein viiigerliu von golde khioc 

und wol getan 
an einer snüere sidin vor den rittern 

üf den plan 
was gehenket schöne für die frouwe 

hin. 
dar zuo sie justierten durch daz nie- 
getin. 
141 
swer au den seihen stunden 
stach durch daz golt so rot, 
diu edele juncfrouwe im dö 
ein küssen hot. 
142 
hie mite von den Kriechen der werde 

helt gemeit 
üf dem anger grüene gen in ver- 

wäfent reit, 
in hegnnde an scheu wen manec 

hochgelohter mau, 
dar zuo die edelen frouweu sähen 
in geraeiulich an. 



Eeinfr. 

254 
und swer der hest ist mit dem swert, 
dem ist euch hohez lop hereit. 
diu junge küneginne treit 
ein küssen an ir mündelin: 
daz sol er nen, wan ez ist sin 
swer ez mit lop erring:et. 
ein vi ng- erlin so git diu schon 
im ouch an siuen vinger. 

»)28 
diu liut gemein lieh alle 
durch schon wen warn geloufen 

dar. 



Die zwerge im R. erinnern an Lauiin, 



STUDIEN ZU REINFEIED VON BRAUNSCHWEIG 
Lau rill 



373 



(Lanrin) ist knnie (hier spauueii 
lanc. 

r>anriii führt Piotrich niul seine 
mannen in den beif^-, damit sie sehen, 

846 
waz wüiine in dem herg:e ist. 

"Jtiit 
(16 fuorte Laurin daz getwerc 
mit im die fürsteu iu den berc. 

Darinnen ist eine grosse anzahl 
zwerge : 

die truogeu an daz hoste gewant 
daz mau in allen landen vant: 

Ton golde gap ez liebten scbin. 



Die fürsten werden gut empfangen, 
aufs beste unterhalten und mit speise 
iu kostbaren geschirreu bewirtet. 

1040 
den fürsteu was diu wile unlanc. 

lO.iO 
daz was ir kurz wile unde ir spil. 

Es folgt Laurins treubruch, ge- 
fangennähme und die befreiuug der 
fürsteu. 

1336 
(daz getwerc) blies lute ein her- 

horn 
daz ez in dem berge erhal: 
daz erhörten diu tw(;rc überal. 

1490 
ez erschalte lüte ein hörn. 

Endlich sei aucli noch die 
stimme eines riesen lieisst es: 



Reinf r. 

18524 

ir keiuz wau drier schuohe lanc 

was. 

Wie Dietrich den Laurin vor dem 
berge gefangen nimmt, so verstellen 
auch Reinfried und seine begleiter 
dem zwergkönige den Zugang zu der 
höhle im berge. 

18606 
hin in die burc man fuorte 
die herreu ellentriche. 
diu was so keiserliche 
über die inäze gezieret etc. 

18528 
golt und steine lohte 
ab sumelicher houbet. 

18532 
so durliubteclichen fin 
mit hoher koste schöne 
kleider unde kröne 
von ir kleinen liben scheiu. 

(tanz wie im Lauriu. 

Von der zwergkönigiu heisst es : 

18672 
kurze wile machet 
si vil den werden fürsteu hie. 



1 8500 
ein hörn uain er au die haut 
und blies daz kref tecliche. 
berg und tal geliche 
dem hörne gäben wider döz. 



Virginal angeführt. \'oii der 



374 



GEKEKE 



Virginal 
22 
eiu stimme hörte er Hiltebrant, 
diu was in beiden iinbekant: 
ob si von menschen gieuge 
oder von eines wurmes munt, 
daz was in beiden gar unkunt, 
und obe den ienian vieuge. 
der galni in daz gebirge doz, 
in walt und üf gevilde 
ieze kleine und danne groz. 
diu stimme duhtes Avilde, 
wau si ir Jiiht nie heten ver 
nomen. 
23,7 
wiez umb die stimme wsere getan, 
diu wunder Avolde er schouwen. 



Rein fr. 
18696 
diu griuweliche stimme geben 
kond über berg und über tal 
also jämerlichen schal 
daz si fröude störte 
allem so ez hörte 
und muose dannen ziehen, 
diu stimm von vorhten Hieben 
tet klein gröz zam und wilde, 
wan von menschen bilde 
wart solich wunder nie gehört, 
diu stimme vor der bürge dort 
döz als ein starkez ungewiter. 



Reinfried sagt zu den zwergen: 

18810 
ich wil wenden iuwer leit 
ald ich muoz drumbe sterben. 



Hildebrant fragt: 

24,11 
'von wem duldent ir dise not? 
klagent ir mirs, ich rihtes in 
odr ich gelige dar umbe tot.' 

Das mag- g-enügen, um die viUlige Vertrautheit des Reiu- 
frieddicliters mit den Stoffen der spielmannsdiclitung zu zeigen. 
— Ich wende mich nunmehr zu dem nachweis, inwieweit der 
formelschatz im R. die hypothese, dass wir in dem dicliter 
einen fahrenden zu sehen haben, zu stützen vermag-. A^'ir 
werden natürlich bei einem so späten dichter wie dem Ver- 
fasser des R. niclit mehr erwarten, den alten spielmännisch- 
volkstümlichen Charakter deutlich ausgeprägt zu finden, hat ja 
doch auch schon den epen des deutschen heldenbuches der 
einfluss der höfischen gedichte einen durchaus h(>fischen an- 
strich gegeben. Der dichter des R. vollends hat durch sein 
intensives Studium Konrads von Würzburg sich so in die manier 
des höfischen epos hineingearbeitet, dass vom formelschatz und 
von der ausdrucksweise der spielmännisch-volkstümlichen dich- 
tung bei ihm nur noch sehr wenig zu spüren ist. 

Ich halte mich hauptsächlich an den vergleich mit ^^'olf- 
dietrich D. weil ich hier vielfach auf Jänickes anmerkungen 
zurückgreifen kann. Freilich ist auch gerade auf A\'olfdietrich 
D Konrad von grossem einfluss gewesen, und so kann man 



STUDIKN ZU KEINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 375 

bisweilen schwanken, ob im E. gewisse formein spielmännisch 
sind oder aus Konrad stammen. 

Ortnit C 195, 4 ich Koltc c sterben tot (vgl. Jänicke, ferner 
Grimm, Gramm. 4, 593. Lichtenstein zu Eilhart 104). — llölGl. 
15154. 20219. 

Ortnit C 224,2 ivie das im geschach (vgl. Jänicke). — R. 
4044. 12726. 12810. 16622 n. ö. Ebenso Wolfd. D öfters, Virg. 
297, 7. Gold. 2, 4. Im älteren mhd. nur tvie oder stvie ohne das. 

A\'olfd. B 372, 3 er sluoc im üf das houhet einen stvinden 
slac, das der heiser Ortnit vor im gestreeJcet lac. — R. 9040 f. 
9114 f. 17529 f. (wo allerdings gestrecket fehlt). Ueber die 
Verbreitung dieser formel in der spielmannsepik vgl. Jänicke 
DHB 4. 292. Vogt. Salm. u. lilorolf s. cxlvi f. 

"\^'olfd. B 666. 2 uns im sin guot ros vor müede gar erlac 
(vgl. Jänicke). — R. 8968 f. 

Wolfd. D 3. 65, 1 dö der riclie heiser die boten ane sacli, er 
emjyfienc sie also schöne: nu hairent tvie er sprach. Ebenso 
6, 120, 1. 220, 1. 7, 143, 1 etc. Virg. 131, 1. 178, 2. 526, 1 (vgl. 
Jänicke). — R. 5445 f. Diese formel findet sich nach Jänicke 
nirgends in den höfischen epen der guten zeit, eine behaup- 
tung, die Vogt etwas einschränkt (Salm. u. Mor. cxli; hier auch 
beispiele). 

4,85,2. die siege vaste hullen. ein übel nächgcbiir 
was er in dö allen. R. 20502 ff. (vgl. Martin zur Kudrun 650, 4. 
Jänicke zu Biter. 1578). — (Konr. Troj. 25657). 

5, 216, 2 dö valte er üs blechen manegen herten nagel (vgl. 
Jänicke). — R. 20084 ff. 20484. 

7, 74, 2 mit armen umherüeret (vgl. Jänicke). — R. 9398. 
10983. 

7, 159, 3 ane stegereife er in den satel spranc (vgl. Jänicke). 
— R. 9198 f. 17235 f. 

9. 102. 2 er gienc vor in hoiiwcn also ein ebersivtn. — R. 
9028 f. 18821. (Troj. 5040); vgl. Lichtenstein zu Eilhart, QF. 19, 
CLii. Biter. 12138 f. Reinbot Geo. 430. 

[8, 343, 4 (R. 2701 f.). 9. 56. 4 (R. 6882. 7106. 25432). 10, 34, 3 
(R. 16165 f. 12067. 14144. 20603)]. 

Vii'ginal 72, 4 nu lasen wir si riten hie und sagen tvies 
demßerncere ergie 130, 1. 218, 1. 975, 1 etc. Laur. 1758 (Engelli. 



376 GEREKE 

1629 ff.). — R. 377. 1896. 4451. 8129. 12056. 12363. 15359. 
23212 (vgl. Steinmeyer, Gott. gel. anz. 1887, 806 f.). 

V. 54, 4 von ir sircrtcn rouch ein tunst. 182,7 sant er 
von sivertc nianegen tunst üf gegen des ivaldes tolden, daz 
ich des ivände es iceere ein hrunst. — • E. 11298 von dem 
schintpfliehcn strite huop sich cm ivolkenlicher tunst, daz von 
ir siegen gie ein hrunst. 1042. 17316. Hier scheint speciell 
ein auj^drnck der sidelmannspoesie vorzuliegen, belegt noch 
weiter in Dietr. 11., Laur., Eab., Eckenl. 

V. 168, 13 dar nach schöz von hluote ein hach. 205, 12. — 
R. 9116 f. 

Laur. 214 diu naht wart nie so tunJcel, ez lühte als der 
Hellte tac vom gesteine daz am helme lac. Walb. 854 ff. (vgl. 
Jänicke z. Staufenb. 252). — R. 18586 diu naht tmrt nie so 
tunkel, man hettc lieldes überlast da funden von der steine glast. 

L. 6. 196. 210 in stürmen und in striten. Virg. 82, 10. Gudr. 
725, 3. 730, 4. Alph. 99, 4. Bit. 265. Roseng. (Holz) D 36, 2. 55, 1; 
auch bei Konr. v. Würzb. (vgl. Jänicke z. Staufenb. 334). — R. 
957. 22230. 

L. 371 gegen ein ander si dö stuhen als ztvene vallten die 
da fingen. — R. 884 f. 17338 f. 

L. 1372 daz hluot durch die ringe ran. 1474 f. Yirg. 205, 12 f. 
(Parton. 14358 f.). — R. 17490 f. (204121). 

lieber andere aus der volkstümlichen dichtung stammende 
redewendungen und formein vgl. unten im dritten abschnitt A. 2. 

Nach diesen ausführungen glaube ich mich bci'echtigt, den 
dichter des R. dem fahrenden stände zuweisen zu dürfen. Die 
hauptmasse seines Stoffes hat er vielleicht aus alten liedern 
geschöpft, seine darstellungsform aber erscheint infolge des 
intensiven Studiums Konrads von Würzburg mehr höfisch als 
spielmännisch. 

Zweiter abschnitt. Quellen und Vorbilder. 

Es gehört in der mhd. zeit zu den notwendigen f orde- 
rungen, die man an einen epiker stellt, dass er für seine 
dichtung eine quelle nenne. Daher unterlässt es denn keiner 
sich widerholt auf eine solche zu berufen, mag er nun Avirk- 
lich eine haben oder mag er sie nur fingieren. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 377 

Audi im I\. linden wir derartige angaben, und zwar 
verhältnismässig häufig, allerdings nach spielmannsmanier 
meist ziemlich unbestimmter art. Doch beruft sich der 
dichter daneben auch genauer auf bestimmte quellen. 

Ich stelle zunächst die allgemeinen angaben zusammen: 

1. Mündliche quelle: so man seit 412, als man seit 11887, 
als man uns seit 12307. 12402, als mir ouch tvart cjcscit 18266, 
ist mir geseit 22597; — so ha'r ich jchcn 952, als ich liän (je- 
liört 25319; — ]ia:r ich die wtsen sagen 16, uns sagcnt auch 
die ivisen 18052, ich hör die ivisen alten dick in ganzer ivär- 
heit jehen 19880 f. 

2. Schriftliche quelle: als ich ez las 923. 962. 1510. 6242. 
12500. 17180. 26775, als ich hdn gelesen 20978. 10884. 26717. 
26749, daz hän ich von im eigenlich gelesen 182581; — als ich 
von im geschriben las 16765, schribet man 26718, von den vil 
grözer ivundcr sint geschriben 26756; — als uns für war diz 
mwre seit 146, als daz mcerc seit 15418; — als uns diu även- 
tiure seit 927. 16706, mir seit diu ä. für war 5900, ?iäch der 
ä. sage 11490, von der diu ä. sagt 11882, uns seit diu ä. .13812, 
als diu ä. seit 15431, als mir diu ä. stvuor 18158, sus seit diu 
ä. 27071; — nä der buoche sage 26783. 

Directe berufungen auf die bibel sind folgende: 13094 ob 
ich hin der schrifte tvort erkennen (Samuels geburt), 15868 
als ich da hdn gelesen an der buoche schrift ((Ttideon), 15904 
als ich geschriben vinde in dem ivären buoche (Macca- 
bäer), 20960 daz man Jriuf und icmer mir da von Ust in der 
wären schrift (tempelbau), 15916 als diu bibliä noch seit 
(Maccabäer), 26994 diu bibliä bewiset uns dirre sache baz dan 
ich (himmelsbrot). 

Genauer: 10893 als wirz am eivangeljen hän (hochzeit 
zu Cana), 13124 sicer welle daz im werd bekant diz dinc üf 
ein ende, ze den fünf buochen sende ich in die man Moy- 
senen git (Juden in der wüste), 15815 als uns diu buoeh noch 
tuont bekant (Ägyi)ter ertrinken im Roten meer), 15819 als 
Ich hän von Abirön und Dathän in der rihter buoch ver- 
nomen (irrtümlich für Xum.), 25002 gewisheit uns der wisc tuot 
Salomon in siner schrift, 26818 Machabeörum buoch 
daz seit. 



378 GEREKE 

Berufungen auf eine clironik: 17976 «7*^ in der cröniJi ist 
geschihen (kaiser Friedrichs wunderbares ende), 18143 als crö- 
nicä diu icäre seit (Zerstörung' Jerusalems); vgl. Enikels ^^'elt- 
chr. 28945 ff. 24331 ff. s. unten). 

Andere quellen: 10421 «7^ Wolferau von Eschilhach in 
Titurclles hiioche sprach (vgl. 10584 ff.), 1(3678 hiz daz der 
Jdärc Farziüäl im sine helfe tet erhint, als ich in sime buoche 
vant von dem von Eschilhach yeschriben, 18017 diu icunder 
. . . diu in dem huoch der hintheit von gote noch schöne stänt 
geschriben (s. unten), 21056 /> haut u-ol gchwret ivic ein her- 
zog iizer Beigerlant, Ernest so ivas er genant, und gräve 
Wetzet sin man hie vor oiich zuo dem steine hau, als ich von 
in gelesen hahe. 

Quellen aus dem classischen altertum: 3216 Virgilius seit 
über al, 22590 siver üf ein ort ivil tvizzen daz von anevanc unz 
an daz drum, der sol lesen Statium Achilleides, da er hie 
von vint sines hergen gcr, 22488 als man an Claudiänö seit. 
Ovid wird genannt 10772. 24563. 

Sehr interessant sind zwei ausführliche äusserungen des 
dichters über sein Verhältnis zu seiner quelle, bez. zu seinen 
quellen: 

5fi iTud Avürd diu rede ouoh lilit ze lanc. 

ich sag iucli als mir wart geseit des läz ich ir vil under wegen 

sHiider lougen äiie trüge. und wil eiuvalteclichen stegeu 

daz icli mit worten umbe rtüge, üf der aveutime wän 

da zuo so ist min sin ze kranc, der ich mich uuderwunden hau. 

Sehr naiv kling-t das andere bekenntnis: 

19922 ich sag ez iuch euch sunder sparu. 

da von mich nieman strafen sol swers niht geloube, der läz varn, 

umb lüge, ich wa'ue ez sige war. wan ich geloub an disem zil 

ob ez joch wjer erlogen gar, dar an so vil ouch als ich wil, 

daz wolt ich doch kleine klagen. und mag ez sicher oftenbrir 

ich sach sin niht, ich hört ez sagen, allez samt wol wesen war. 

Zu all den directen berufungen auf quellen kommen nun 
noch zahlreiche anspielungen auf die lu)fisclie literatur. auf die 
Volks- und spielmannseitik. auf mittelalterliche sagen und fabe- 
leien, auf die dicht ungen der alten, so dass wir also bei dem 
dichter des R. eine grosse belesenheit finden. Es dürfte sich 
demnach wol verlohnen, diesen beziehungen einmal nachzu- 
gehen; denn durch sie hat der R., wenn man seinen poetischen 



STUDIEN ZU REINFRIED VON HRAUNSCHWEIG. 



379 



wert auch gering' aiLsclilageii mag, docli cntscliieden eine ge- 
wisse bedeutung für die niittelliochdeutsclie literaturgescliiclite. 
Ich fasse also in den folgench'ii (iiicllemiiitcisiicliungen das 
wort quelle nicht in seinem engen sinn, sondern stelle mir die 
aufgäbe, die literarischen beziehuiigen überhaupt zu verfolgen. 



I. Höfische epen. 
1. Konrad von Würzburg, 
a) Reinfried und Kngelhard. 
l)er plan des R. umfasst drei teile: die brautfahrt Rein- 
frieds nach Dänemark (v. 1 — 12()58), des herzogs zug in den 
Orient (v. 12G59 — 27200) und seine rückkehr (v. 27207 bis 
schluss). Nur die ersten beiden teile sind erhalten und vom 
dritten der anfang. Das motiv der brautfahrt hat der dichter, 
wie wir schon gesehen haben, der spielmannsepik entlehnt; 
auch schliesst er sich ihr in der ausführung einzelner züge an. 
Für die composition des ganzen aber ist ihm in weit höherem 
masse Konrads Engelhard Vorbild gewesen. 

Im eingang des R. und Engelhard heisst es nach der all- 
gemeinen einleitung: 

R. 65 
hie vor ein werder fürst e was 
der zuht «ud er ie an sich las 
mit milt und ritterlicher tat. 



118 
er pinte') leben nnde U\^ 
dur ere in werder rittcrschaft. 

122 
ze swerte sper nnd schilte 
stuont sin sin nnd der gedanc, 
wan er nä ritterschaft ie ranc 



Der ort der handlung 
ist überwiegend Dänemark, 
königstöchter. Engeltrauts 



E. 221 

do lebte in Burguntriche 
vil getriuwecliche 
ein herre von gebürte fri. 
dem wonte zuht und ere bi, 
milte und ganziu sttete. 

240 
sus hiete er sich gepinet') 
üf tugent für die bruoder sin. 

248, 
üf alliu sieleclichiu dinc 
stuont sin es h'erzen girde. 
sin inuot nach höher wirde 
künde ringen unde streben. 

im ersten teil des R. und im E. 

Yrkane und Engeltraut .sind die 

mutter i.st tot (v. 17(37): auch Vr- 



'J Hkh innen (</ noch R. Uli. 'J'JO. 14:iü2. — Part. 8700. 'J554. 



380 GEREKE 

kanes miitter haben wir uns wo) als verstorben zu denken, 
da sie nirgends erwähnt wiid. 

Reinfried erhält durch einen knappen die auffordeiung- zum 
turnier nach Dänemark. Die Schilderung des knappen von der 
Schönheit Yrkanes lässt ihn sogleich in liebe zu ihr entbrennen. 
Der dichtei' äussert seine Verwunderung darüber, da Reinfried 
die Jungfrau Ja noch gar nicht gesehen hat. Er spricht hier 
einen ähnlichen gedanken aus wie Konrad, als Engeltraut mit 
ihrer liebe zwischen Engelhart und Dietrich schwankt. 

R. 49« E. 1(»42 

Sit nach des ougeu wilde daz herze rauoz empfäheii 

ein herz uf minn sich rihtet, liep oder leit vil drate 

daz ouge miioz gepfiihtet al nach der ougen rate: 

ze boten an daz herze sin. wan swaz den ougen sanfte tuot, 

und swie si went, der ougen schin. daz danket uuch daz herze guot 
da volget sin und herze nach. und ist im zwäre avoI da mite. 

herze und ougen hänt den site 
daz si gehellent under in. 

Der Reinfrieddichter fügt dann aber zur erklärung noch 
hinzu: 

V. 534 
ein oug sich mac vergähen dick wider sinen Avillen tuot 

so daz ein herze umbehuot an unbesinter minne. 

Engelhard findet auf seiner reise nach Dänemark unter- 
wegs an Dietrich einen gefährten; beide schliessen innige 
freundschaft. 

E. 805 si wären zallen stunden 
zesaraene gebunden 
mit hoher minne stricke. 

Aehnlich heisst es später von Reinfried und Yrkane: 

R. 30ö(i wan minne mit gedenken bint 
si beidiu in der minne stric. 

Die Schönheit Yrkanes wird wie die Engeltrauts in über- 
einstimmender weise ausführlich geschildert. Doch zeigt sich 
hier eine herübernahme von gleichsam formelhaften Wendungen, 
in denen sich Konrad ])ei darstellung ähnlicher Situationen 
gleich bleibt. Wir können nämlich hier auch die Schilderung 
der Irekel im Partonopier heranziehen. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON HRAUNSCHWEIG. 



381 



R. 220 
ir spilet üz <len ougen 
diu luinue mit ir stricke. 

H)12 

Willi (laz küssen hetzet 
mich iii den tot mit senfter gift, 
sam diu Syreue, so mau schift 
bi ir. tuot mit der stimme. 

2110 
ir reidez här ir under 
der vil riehen kröne schein 
dnrliuhteclicheu reht als ein 
schön durwünscht gespunnen 

golt 
(vgl. 22510). 

2117 
fiz wizer Stirnen glizzcn, 
reht als si dar gerizzen 
waereu, brüne bräwen. 

212.'} 
... ir goltvarwez här. 
üf dem schein durlinhtic klär 
golt und drin gewieret 
edel stein 

(schapel v. 2178. 2247j. 



2144 

laiw uiiil als ein sidc gel 
was ir här. daz verrc hienc 
für den gürtel, swar si gienc. 

vgl. 26176 
gerispelt reit und da bi val 
was ez reht als ein side. 



E. 2231 
ein spilender ougen blic 
da von ich in der minnen stric 
also krefteclichen viel. 

2216 
si tuot als diu Sirene, 
der stimme ist also schoene . . . 
(Troj. 2()(!8 ff. u. ö.) 

vgl. P. 8638 
ir här als ein gespunnen golt 
schein ilurliuhtic über al; 

vgl. 135().5 
sin här schein als gesp. g. 



E. 2982 
da swebeten brüne bräwen obe. 

3010 
man sach von golde ir eine snuor 
z einem schapel nfe ligen, 
diu über al was wol gerigen 
vol edeles gesteines; 

vgl. P. 8650 
sieht und wiz diu stirne. 

S66T 
zwo smale brüne bräwen. 

S6S3 
ir goltvarwen häres ... 

vgl. P. 8640 
für den gürtel hin ze tal 
sluogen ir die zöpfe lanc ; 

vgl. Troj. 23244. Part. 1)430. 
.Jänicke zu Wolfd. T) 8, 323, 3. 



2152 
diu minnecliche blüete 
durliuhter denn ein mandel. 
au ir .so wart kein wandel- 
flecke nie beschouwet 
(vgl. 3844 f.;. 



E. 2998 
ir lip nach edeles herzen gir 
in höher wunne bluote; 

vgl. P. 3348 
so wsere an im kein breste nie 
gewesen noch kein wände 1. 
sin jugent als ein mandel- 
boum in eren bluote: 



382 



GEREKE 



R. 2156 
ir lip den hat betouwet 
alliu stelde touoen. 



2194 
Yrkaiie üliertrift't Jescliute de la 
Lander an sciuinheit des niundes. 

220bi 
fiz dem mündel wart gesehen 
zeue nä helfeubeine. 
wize dünne und kleine 
si gewünschet wären dar. 
saiu die wilden rosen var 
lühten lieht ir wen gel, 
und hienc des hares strengel 
ein löckel reit da bi zetal. 



vgl. Gold. sm. 432 
von dir kam der mandel- 
kerne durch die schalen ganz. 

E. 21»9G 
diu siel de was vil manicvalt 
der ein wunder lac an ir. 

vgl. P. 75(i2 
mit s fei den ist betouwet 
iuwer nam und iuwer li]). 
E. 2991 
Engeltraut übertrifft Isolde an 
weisse der zahne. 

E. 2989 
unde stuonden kleine zeue. 

vgl. P. 8672 
dar inne sani ein helfenbein 
stuonden kleine zene wiz. 

ir wen gel wären beide 
rot als am ein rosen blat. 



da hiengen zwene locke reit 
ir goltvarwen häres für. 

E. 2986 
ir wangen roeselehten schin 
beide gäben alle stunt. 

2970 
und was ir här genöte 
brnn unde reit bi disen zwein. 

2966 
schoene und rainneclichgevar 
gemischet als milch unde als 
was ir liehtiu varvve guot. [bluot 

3684 
reht als ein milcli uml als ein 

bluot 
vil wol gemischet under ein; 

vgl. P. 8656 
reht alse milch unde bluot 
wiz unde rot ir varwe schein; 
diu zwei gemischet under ein 
stuonden wüuneclichen da 
(vgl. Troj. 3024). 

Vgl. Jäuicke zu Wolfd. D 6, 100, 3. Wackernagel, Kl. sehr. 1, 155. 
Wackerneil zu Hugo v. Moutfort 5, 35. 



2220 
rainneclicher schoener lip 
wart nie so süezer noch so guot 
als da man milch und da zuo 

bluot 
in rehter mäze mischet. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAÜNSCIIWEIG. 



383 



2236 
da bi ein kerz ir sieht iu kel 
wizer ileuu ein liermel. 



2248 
stirne bräweii öugel klar 
nase raUudel tinne, 
hilf fei wengel kinne. 



2258 
so durliuhtic libes vel 
wart nie noch so reine 
von fleische noch gebeine 
swä si schein vor der wsete. 

2266 
hoch und kleine brüste 
reht als ein apfel sinewel. 
wizer denn ie kridemel ') 
waen ich daz ez wsere. 



E. 2994 
dnrlinhtic wiz ir kele schein. 

vgl. :i0ü2 
ir wären bein und arme sieht, 
gewollen als ein kerze; 
vgl. P. 12502 
ir stirne ir ongen nnde ir ke! 
ir nase ir niunt ir tinne, 
ir Wangen nnde ir kinne; 

vgl. Trist. '.123 
ir liar ir stirne ir tinne 
ir wange ir niunt ir kinne. 

E. 3039 
daz man dar durch 
I durch das hemde] ir wize hut 

sach liuhten bi den ziteu. 

3044 
ir senften brüstelin 

als ez zwen epfel wteren; 

vgl. P. 15GS 
unde rnorte ir süezen brüst 
diu sam ein apfel was gedrät. 



Die (larstellung- der Schönheit Helenas im Troj. 19865 ff. 
bietet ferner sehr viel ähnliche züge. 

Als Reinfried im furnier g-esiegl und als preis turteltaube 
und kuss von Yrkane empfangen hat, führt sie, die g-leichfalls 
in liebe zu ihm brennt, ihn in ein zeit, wo sie dann beide mit 
süssem minneg-eplauder die zeit verbringen. Bei ihnen ist noch 
eine treue dienerin. Vorsiclitig- verlassen alle drei nacheinander 
in ge^^^ssen z^^ischenräumen das zeit. Dennoch hat sie ein 
dänischer g^raf beobachtet, und aus dem verwirrten haar Yr- 
kanes ahnt er das vorgefallene; nui- geht er zu weit in seinen 
Vermutungen, indem er als sicher annimmt, Yrkane habe ihr 
magdtum preisgegeben. 

Auch Engelhart und Engeltraut bekennen .sich, als sie 
allein sind, ihre liebe und, nachdem Engelhard in einem furnier 
in der Normandie sich als siegreicher ritter gezeigt hat, gibt 



') Dieser vergleich nur noch Troj. 14000. 19989. 



384 



GEliElCE 



sicli Engeltraut ilini hin. Hierbei werden beide vom grafen 
Ritschier entdeckt. 

Beide grafen sind natüilich im höchsten grade eifersüclitig. 
machen, was sie gesehen liaben. bekannt und erklären sich 
bereit, für die Wahrheit ihrer behauptung mit dem Schwerte 
im gottesgericht einzustehen: 



E 2422 
ü f eine m g r ü e n e ii p 1 a n e w i t 
ein rieh ffestüele wart bereit. 



luid wart der kämpf gesprochen 
schier über sehs woclien, 



als ez was l)illich nnde reht. 



R. 6602 
ze vekle wart der tac geleit 
üffen einen witeu plan, 
gestüelet wart dö snnder wan 
nach küneclicher pflihte. 

Die übliche frist von sechs wochen vom tage der fest- 
setzung des gottesgerichtes an wird in beiden fällen angegeben : 

6814 4119 

mit urteillicher lere 
wart der kämpf gesprochen 
von der zit sehs wochen 
und drige tage, s6 man seit, 
nä kampfes gewonheit, 
als ie dö was und noch ist 

(vgl. übrigens Iwein5756: 
nu wart der kämpf gesprochen 
über sehs wochen). 

Ein gottesgericht stellt Konrad von Würzburg auch im 
Schwanritter dar. Mit der darstellung im Schwann zeigt der 
R. manche berührungen. Die ankläger — im R. der dänische 
graf, im Schwanr. der fürst von Sachsen — sind beide so her- 
vorragend tapfere und berühmte ritter, dass sich keiner finden 
will, der es wagt, in einer so heiklen sache ihnen gegenüber- 
zutreten: 

K. 6754 
nu lepte in den ziten 
niht reschers ritters denne er was. 
da von ei* vil kleine entsaz 
daz in ieman bestüende. 



6760 
dö diz beschach, der künic saz 
in sorgen järaerliche. 

... in der zit nie ritter swert 



Schwanr. 590 
der Sahsen fürste hoch 
schein also krefte riche 
daz niender sin geliche 
lebt über allez Jsiderlant 
und man dekeinen ritter vant 
als elleiithaft ze Sahsen. 

604 
der künec selber tnirec wart, 
daz mau dö kempfen solde, 
wan er gelouben wolde, 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BHAUNSCHWEIG. 385 

umb den lip begurte, daz nieman würde fmiden 

den man ze bnbnrte so frecher bi den stunden, 

der für die fronweu vi^hte. 

bezzeru fnnde denne er was. 

Kummervoll und fnig-end lassen die trauen ihre blicke 
umgehen, ob sich denn niclit ein kämpfer für ihie Unschuld 
finde, vgl. R. 6854— G875 und Schwanr. 639—664. 

Im R. wie im Engelhart kommen die kämpt'er für Yrkane 
und Kngeltraut im letzten augeublick noch eben rechtzeitig 
an. Heide sind ganz weiss gekleidet: 

R. S5(59 
ein ballier wizer denn ein swan. 
da mit so was ros unde man 

verdecket an der zite. E. 4G88 

mit wizem semite der fuorte von samite blanc 

er aller in ein ander schein. decke und kurstt wol gesniten. 

Der kämpf beginnt ; er wird im R. wie alle anderen ganz 
in Kom-ads weise mit denselben formelhaften Wendungen dar- 
gestellt, lieber diese allgemeinere nachahmung später! Jetzt 
möchte ich hier nur die beiden stellen im R. und E. verglei- 
chen, in denen sich doch auch charakteristische, sie von den 
übrigen kampfesschilderungen unterscheidende züge finden. 

8897 4848 

die schilt si für sich druhteu, die Schilde für sich huobeu 

diu swert si höhe zuhten. ze schirmen die vil küenen. 

4830 
diu swert begunden si zehant 
zücken. 

8908 4876 

die fiures blicke sprangen üz dem gevegeten isen 

nach der siege duzze, des fiures blic höh üfe stoup. 
als ob der donre schuzze 4S15 

öf ir beider helraes tach. daz des braches klac 

golt und edel stein man sach iftte alsam ein donerslac. 
risen von den starken siegen. .^^-^ 

daz von den stahelringen 
geschach ein michel risen. 
9032 48.51 

mit starken siegen Ionen ir siege wären also grOz 

wolt er mit grimmer herte daz üf einen aneböz 

dem der üf in berte ge.schach nie grcezer tengeln. 

alsam er wser ein aneböz. 

Beiträge zur geachtchte dor deutachen gpraclie. XXIII, 25 



386 GEREKE 

AVie Reinfried von seinem gegner. so Avird Dietrich-Engel- 
hard von Ritschier zuerst niedergeworfen (R. 9U38 ff. — 
E. 4908 ff.). 

Aber Reinfried und Dietrich-Engelhard erheben sich wider 
(R. 9046 ff. — E. 4921 ff.). 

Es gelingt ilinen ihre gegner vJillig zu besiegen, deren 
leben in beiden fällen nur durch das einschreiten des königs 
gerettet wird. Als preis fällt jedem sieger die dänische königs- 
tpchter zu. 

Reinfried führt nun seine geliebte heim. Ihr abschied 
von ihrem vater Fontanagris (v. 11555 ff.) erinnert deutlich 
an den abschied Engelhards von seinem vater (v. 338 — 383), 
als er seine reise nach Dänemark antritt. Beide väter geben 
ihren kindern gute ratschlage, insbesondere den, schlechte 
gesellschaft zu meiden: R. 11730 vor allen dingen fliehen soll 
du hcps geselleschaft. 

Engelhards vater gibt seinem söhne drei äpfel; wenn ihn 
jemand um gesellschaft bittet, soll er ihn damit prüfen. Er 
soll ihm einen apfel anbieten : isst er diesen ganz allein, ohne 
ihn mit seinem geber zu teilen, 

E. 350 
so mit, vil lierzelieber knabe, 
alle sine g-eselleschaft. 
R. 11748 3(18 

luin killt, ilu solt mit ganzer kraft dar niuler ich dich biteii wil, 
dich stseter tugent flizen. daz dn getriuwe gerne sist. 

in demuot verslizen hie mite dn dir selben gist 

solt du din minnecliche zit. vil maneger hande werdekeit. 

zulit bescheideuheit diu git trinw ist daz beste ereu kleit 

dir hühgelopte wirde. daz den friuntlosen man 

bis milt in herzen girde: in dem eilende kan 

stsete kiusche triuwe erfrüuweu unde erhoehen wol. 

sol din herze niuwe 
mit der erbermde halten. 

Beide väter sichern ihren kindern zu, dass es ihnen gut 
gehen wird, wenn sie ihren rat befolgen. 

11714 .3»>4 

wilt du in diu herze graben und hast du die bescheideuheit 

min lere, daz bringet dir heil. daz du behaltest min gebot, 

ez birt dir hulde, sam mir got, 
und bringet dir noch seiden vil. 



STUDIEN ZU KEINKKIEI) VON HUAUNSCHVVEIG. 387 

Die kindei" verspreclien auch ihren viltern gehorsam: 

R. 117S5 E. 37»; 

si sprach 'veterlin, ich wil 'vater' — sprach er — 'ich eusol 

dir üf mines tödes zil niht zebrechen diuen rät.' 

volgen ieiner sunder haz. 
swaz du hast geraten, daz 
wirt von mir vollendet'. 

Was der dichter von Reinfried und Yrkane nach ihrer 
Vermählung* sagt, lässt sich vergleichen mit Kng-elh. 900 ff. : 

107S8 900 

swä wip üz herzen rüme Avan swä daz wip beginnet wegen 

tuot schäm gen liebem manne in ir herzen mannes tugent 

und sich diu minne danne und mit gedenken sine jugent 

den gilt mit glicher schanze, wil mezzen und ergründen, 

da hat der minne lanze da kan diu minne enzünden 

getroffen und beheftet. herze und muot dem wibe 

nach des mannes libe. 

R. 12658 ist ein förmlicher abschluss des ersten teiles, und 
es scheint fast, als ob der dichter ursprünglich auch nur diesen 
ersten teil zu dichten beabsichtigt hat: 

R. 12650 E. ()4ö3 

ir muot ir herze klepten gelücke in hohe stiure bot. 

ein ander in dem sinne si lebeten beide unz an den tot 

mit ungemischter minne froelichen unde schone, 

in ganzer liebe schone. diz heil gap in ze lone 

da von wart in ze löne ir triuwe der si wielden. 

hie der weite pris gegeben, wan si ze herzen vielden 

und dort vor got daz ewic leben gar lüterliche stsetekeit, 

daz fro frisch iemer me gestät, so wart in sselde vil bereit 

so erde und himelrich zergät. in himele unde uf erden. 

Ich halte es auf grund dieser parallele für g'esichert, dass 
der Reinfi4eddichter bei der composition der Vorgeschichte 
seines beiden sich Konrads Engelhard zum muster genommen 
hat. Kr hat die brautfahrt in allen wesentlichen zügen mit 
motiven aus diesem epos ausgestaltet und hierbei engen an- 
schluss an Konrad gesucht. 

Selbständig eingeführt hat er eine ganze reihe von königen 
und fürsten. die am turnier in Dänemark teilnehmen. Deien 
namen nun wiift er beständig durcheinander, ich führe die 
betreffenden stellen an. 

V. 740 mit im der künic I'alarei, 

die hat gefüeret über mer des herze ie nä triuwcn schrei, 

25* 



388 



GEREKE 



wall im kein laster was bekant. 
dar was der künc von Eugellaiit 
ouch komeii hin mit grozer luaht, 
Fluriii, der ie nä ereu vaht. 



938 
der junge kiinic Palarei, 
an schänden gar der traege, 
(er was ze NorwsRge 
gewaltic kiinic unde vogt), 
kam uf die heide ouch gezogt. 



Hier ist also Palarei könig von Norwegen (ebenso 564. 
1859. 2725) und Florin (oder Floris) könig von England (ebenso 
1178. 1813. 2728); nichtsdestoweniger heisst es v. 912 nti hm 
dort nf der heide Palarei, künc von Enyellant. 

Total verwirrt aber sind die namen an folgenden stellen: 
V. 288 ff. von Schotten den h'inc Löris, Lerän von Berhester 
[s. Troj. 23921: Lerant von Schotten; der name Berbester stannnt 
wol aus Wolfr. Wli. 329, 15. 397, 17; vgl. AVolfi\ Tit. 42, 2], ein 
herzog von Wintsester Parlus der fürste ziere, v. 575 ff. Loris 
der Schotten vo(jt, Parlus ein vil werder degen, der herzog uz 
Berhester, Jörän von Wintsester, v. 750 ff. Löris der h'inc ge- 
hiure von Schotten, Fontänägrts von Tenemark, Jörän von Ber- 
hester, der herzog Hz Wintsester, v. 1057. 1417. 2729 Parlus von 
Schotten, V. 1507 Parlus von Wintsester, v. 1529 Turnis von 
Berbester. 

Schliesslich möchte ich hier noch die Übereinstimmung des 
Schlusses des K. mit einer grösseren partie des Engelhard con- 
statieren. Die insel nämlich, an die Reinfried auf der heim- 
fahrt vom Sturme verschlagen wird, ist ganz ähnlich geschil- 
dert wie die, auf der der miselsüchtige Dietrich sich aufiiält. 
Beide inseln sind mit den herrlichsten bäumen und kräutern 
bewachsen, die vögel singen ihre schönste sommerweise; denn 
der mai ist gekommen. 

Uebrigens finden sich ähnliche Schilderungen auch in der 
Klage der kunst, im Partonopier und im Trojanerkrieg: 



R. 27514 
manic vogel suoze 
sin stimme lie da hoereii, 
wan der meige enboeren 
von abrellen wolte; 

vgl. Kl. 2, 7 
der meie het da wol sin gras 
geroeset und geblüeniet. 



E. 5326 
der liebte siieze meie 
was komen dö mit siner inalit. 



STUDIEN ZU EEINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



389 



R. 27524 
kleiner vogel zungen 
sich rüsten vif ein singen, 
die des winters twingen 
tet in sorgen swigen : 
die hörte man üf stigen 
nu in hohem hifte 
mit fröuden richem gufte, 
wan ir sorge was da hin ; 

vgl. Kl. 3, 7 
da säzen vogel üfe gnot 
und sungen siieze wise; 

Troj. Iti504 
da niange süeze wise 
diu vögellin üf singent. 



R. 27544 
üz grüeuen hellen schöne 

k 1 u p 
sich manic nii uneclichiu hluot. 
swaz ougeu ören sanfter tuet, 
des sach und hörte man hie kraft 

[vgl. 17155 
Sit herzen ougen sanfter tuot]; 

vgl. Kl. 3, 3 
man sach da lachen wize hluot 
üf dem grüenen rise; 

Lied (Bartsch) 20, 3 
üzer hellen schöne sliufet 
raanger lösen hlüete kluft. 

R. 27588 
ein küeler hrunne flöz da nä 
des runs gap klingelenden val. 
dur hürst und stüden hin ze tal 
er sich wünneclichen He. 
Reinfrit der höchgehorne gie 
durch kurzewil dem wazzer nach. 

27594 
im was ze kapfende so gäch 
an bluoraen hluot und kriuter smac. 



E. 5333 
und hceten sich gehüset drin (im 

laube) 
diu wilden waltvogelin 
vor der hitze durch gemach. 

ir niuwen sumerwise 
erklancten si dar under 
ze wunnen und ze wunder 
und trihen des gnuoc unde vil; 

vgl. P. 13284 
der meie hete dö gevröut 
mit der liehten küufte sin 
diu wilden waltvogelin, 
dar umbe aldä ze prise 
ir süezen sumerwise 
wurden lüte erklenket. 
si heten sich gesenket 
in die schcenen boumes hluot 
und liezen süeze stimme guot 
des mäles hellen über al. 

E. 5330 
üz grüenem louhe glesten 
sach man die snewize bluot. 

5342 
der ören und der ougen spil 
was da vil harte manecvalt; 

vgl. 1045 
wan swaz den ougen sanfte tuot 
(1198). 



E. 5322 
hie mite kam er durch daz gras 
geslichen zuo dem brunnen kalt. 

5344 
der brunne lüter unde kalt 
gienc rüschende unde klingende. 

535« 
wazzer bluomen unde gras 
sach er mit vollen ougen an. 



390 



GriiiHElvri 



vgl. Troj. 1R510 
ein brunne luter unde kalt 
uz einem velse gät derbi. 

16518 
ez klingelt üz dem steine 
ze wimsche in unser oren. 

R. 27(304 
sin herz und sines libes lider 
hatten von der arbeit, 
so er ftf dem wazzer leit, 
groze müede an sich genomen. 
da von ein släf begunde im kernen 
daz er in die bluomen seic. 



vgl.P. 1327r, 
ein herberg unde ein obetach 
was ime aldä gewannen 
bi eime kalten brunnen, 
da grüene boume stuonden obe. 

E. 5422 
und was von deme gange 
den er zuo dem brunnen gie 
so gar unmehtir worden hie 
daz er entslief nach siner klage. 



alsus der fürst e wert entslief. 



b) Kampfesschilderungen im Reinfried 
und bei Konrad. 

Bevor Konrad seine ritter zum turnier oder zum kämpfe 
reiten lässt, werden wir erst bis aufs g-enaueste über ihre 
rüstung' informiert. Ebenso ist es im R. 

Wir besitzen von Konrad ein gedieht, dessen hauptinhalt 
eigentlicli solche Schilderungen des Avaffenschmuckes der ritter 
ausmachen; icli meine das turnier von Nantes, das ja auch die 
spätere Wappendichtung einleitet. Die Übereinstimmung mit 
den entsprechenden partien des R. ist ausserordentlich. 



R. 832 
man sach daz in die schilte 
geteilet waren in zwei vach, 
von obene dur des randes tach 
gehalbieret dur den spiz. 
von Aräbi gap liebten gliz 
daz ein vach von drin stücken, 
daz golt sich underdrücken 
niht lät mit keinem glaste. 
von zobel glizzeu vaste 
driu ander stucke gezilt. 
so fuorten si den halben schilt 
geworht mit hohem flize. 
von finen berlen wize 
was daz ander überleit, 
und was nä wünsch dar in gespreit 
von rubiu rot'; ein halber ar; 



T. 398 
der herzog einen tiuren schilt 
von zweier varAve stücken 
für sich begunde drücken 
nach ritterlichem rehte. 
sin halbez teil strifehte 
von zobel und von golde was; 
daz ander stücke, als ich ez las, 
erschein durliuhtic wiz hermin, 
und was von roten kelen drin 
geleit ein halber adelar: 



STUDIEN ZU REINFRIED VON HRAUNSCHWEIG. 



391 



vgl. T. 434 
den schilt den fnorte er nnde tnioc ein glänz er adelar sich bot, 
verdecket mit hermine, der was von lichten kelen rot,') 

dar üz in liehteni schine nnd schein daz velt wiz als ein sne. 



R. 8Hfi 
sins helnies tach zwen wedele 
von pliäwen hänt bedecket, 
in schränke« wis gestrecket 
heteu si sich bevangen. 
von golde lieht die stangen 
nf den wedeln glizzen. 



922 
uz Aräbie wa.s sin schilt 
von glanzem golde, als ich ez las. 
von rubin lägen drin gespreit 
entwerhes dri leparten. 
man sol dem herren zarten, 
der alsus keiserlichen vert. 



R. 1008 
da von er sich bekleidet hat 
in stsete varwe läsürblä.*) 

R. 1482 
von golt ein liehter pfelle 
was sin covertinre, 
und was nä höher stiure 
von kelen rot dar in geleit 



E. 2522 
eins phäwen zwene wedele 
fuort er uf sinem helme guot. 

T. 408 = Schwanr. 91t) 
der fürste wol gezieret gar 
üf sirae glänzen helme kluoc 
üz eines phäwen zagele truoc 
zwo wünnecliche stangen 
bedaht und umbevangen 
mit golde lieht und edele 
biz an die zwene wedele 
der phäwenspiegel viderin, 
die glänzen wunneclicheu schin 
üf der planie baren, 
die Stangen beide wären 
üf den heim durch liebten pris 
geschrenket schone in criuze- 

wis. 

T. 310 
mit golde lieht von Ar ab in 
was im [dem Schilde] sin velt be- 
decket, 
und wären drin gestrecket 
entwerhes dri leparten, 
der glaste muoz ich zarten 
und ir gezierde reine . . . 
und wären üz rubin en 
nach hoher wirde lone 
geleit zein ander schone. 



T. 360 
er fuorte von samite 
liehtiu wäpenkleider an, 
dar üz golt und gesteine brau 
kostbciere und üzer mäzen fin. 



'^ Vgl. R. 1485 von kelen rdt. T. 377 von rubintn rdt. Part. 2053fi 
von röten kelen tvas dar in yesniten manec adelar. 

'^) läsurblä und läsiirvar bei Konrad sehr beli«bt; vgl. E. 2507. 2540. 
T. 251. 479. 026. 670. Part. 808. 5214 u. ö. 



392 



GEREKE 



üf schiltes tach und wäfenkleit 

eins löwen bilde grimraende 

und üf ze berge klimmende 

reht alsam er lepte. 

umb den löwen swepte 

einsmal gezieret schiltes rant. 

von golde rieh der strich erkant 

was 

urab des schiltes renke, 
die des löwen pflügen, 
von Saphiren lägen 
liljen klein dar in geworht. 



von dem striche rüeren 

sach man die bluomen üz und in. 

1522 
von golde lieht sins heim es tach 
zwei hörn häten bedecket. 

1706<; 
von golt ein liehter ciclät 
mit edeln steinen schon durbriten 
was sin covertiur gesniten. 



zwivalteclioher varwe schin 
mit golde sinen schilt hevienc. 
ein rant geblüemet drumbe gienc 
so rot als ie kein rose erkant. 
ouch was enmitten üf den rant 
geleit ein güldin strickelin. 
die bluomen sach man üz und 
die von dem rande lüliten [in, 

und alse liljen düliten 
gestellet an ir bilden, 
der schilt mit einem wilden 
löuAven stuout verdecket, 
der was in golt gestrecket 
und lühte von rubinen rot. 

T. 488 
sin heim was mit zwein liornen 
gezieret wol in füi-sten wis. 

T. 302 
er fuorte liebten cyclät 
der mit golde was gebriten, 
dar üz sin wäpenroc gesniten 
und sin covertiure was. 



Von den rossen lieisst es: E. 1010 ein (jrözez ros, tvas apfd- 
grä; dazu vgl. Part. 11820 dn vanve diu ivas apfelgrä, Scliwanr. 
864 vil schöne grls und apfelgrä, so schein daz ros von snellcr 
art; ferner K. 414 f/röziu ros sivarz als ein hech, ein vergleicli, 
den ich häufig nur bei Konrad belegt finde, vgl. SchAvanr. 904 
(das ross) lüJite alsam ein stvarzez hech; sonst von der rüstung 
gesagt: E. 4692. T. 447. P. 21004. Troj. 11992, einmal auch vom 
baren: P. 18258; vgl. auch Veldekes Kneide 5265 (vom schwänz 
des rosses), und Heini", v. Neustadt, Von gottes zukunft 6517 
(vom teufel). 

In allen turnier- und kami)t's('hilderungen bedient sich der 
dichter des R. derselben formelhaften, typischen Wendungen, 
die er aus Konrad entlehnt hat. 

Das ansi)rengen der kämpf er wird wie folgt dargestellt: 

E. 2572 
des wart üf den vil klären 
genuoc und vil gekapfet. 
swenne er kam gestapfet, 
so sprächens algemeine . . . 
kapfen : stapfen Part. 16089. Troj. 12775, 



R. 1024 
und als der wandeis frie 
üf in gehört das kapfen, 
man sach in dräte stapfen 
gen im üf ein tjoste. 



STUDIEN ZU EEINFBIED VON BRAÜNSCHWEIG. 



393 



R. 1714 
schone g-ettörieret 
sach mau si zemen stai)fen. 
ez solte niemeii kapfen 
dem anderu dö dar füeren. 
2011. 23075 gekapfet : gestapfet. 
1730(i 
und kämen geleisieret her, 
niht als si riten, als si fingen. 

1086 
diu ors zesameu dr?Rten 
reht als ob si beide fingen. 

17142 

sin vart niht gie, er kam geflogen. 

vgl. 884 f. 1044 ff. 17338 f. 

20144 

er fuor in dem strite 

alsam in rör diu windes brüt. 

8864 
von ietweders ringes ort 
sach man si bede sprengen, 
den orsen bede hengen 
si künden gen dem juste. 

886 
diu bein sach man si biegen 
da neben zno den lenken. 

17308 
in orses sprunc diu bein si bugen. 

892 
man sach diu ors erspringen 
sam in dem walde hirzetier. 

1011 
daz (ors) lief in sprungen sam 
ein tier. 

1720 
ir hurtedichez riten 
tet anger plan erzittern. 

17312 
wan daz man beide und anger wagen 
spurt von dem starken loufe. 

1732 
dö wurden liebte rosen 
und bluomen vil zertrettet. 



E. 4770 
diu ros diu liefen nilit, si fingen 
noch vaster danne ein windes brüt. 
E. 2774 f. Part. 20720 f. Troj. 12.i27. 
18935. 24716 vergleich mit der Winds- 
braut. 

T. 742 
man horte banier snurren 
als ein ror, daz in den bruoch 
der wint mit stürme neiget 
(Vgl. Part. 15948 ff. 20676 ff.). 

E. 2700 
dö wart vil snellecliche 
den rossen wol verbeuget 
und uf das velt gesprenget 
von den zwein werden rotten. 
Troj. 3890 ff. 12213 f. Part. 5()81 f. 
T. 748 
i'if und zetal begonde sich 
vil raanic schenke! biegen. 
P. 13798 f. 16116 f. 

Schwanr. 905 

lief ez (das ross) als ein snellez 

T. 942. P. 13711. 19423. [wilt. 

Troj. 3793 

und gienc in sprungen sara eiu 

tier. 

Schwanr. 954 
der plan der mohte erkracheu 
durch der snellen rosse louf. 



E. 2592 
die bluomen und daz grüne gras 
vertreten wurden sere dö. 



394 



G£IlEiK£ 



8940 
liehte bluomen roeten 
si mit bluote künden. 

17490 
bluomen gras betouwet 
von bluote swar si träten. 
2O430 f. 

1828 
diu ors begunden roten 
von bluote zuo den siten. 

8942 
wan si vil scharpfer wunden 
sluogen bi den ziten 
den orsen in die siten. 

1036 
für sich er druht des schiltes tach. 

1066 
den schilt er zuo der brüste 
gar ritterliche druhte. 
8897. 

888 
ii- sper si künden senken. 
1038 f. 8872. 17304 f. 

Jetzt prallen die kämpfer 
splittern: 

897 
rae dan in tusent stücken 
sach man die sprizen flücken 
höh lif in den lüften. 

1048 
und stächen daz die schefte 
in kleine sprizen hohe fingen. 

1089 
si beid vertäten 
diu sper, dazs hölic waten 
in den lüften klein zerschivert 
und man die trunzen gar zerrivert 
sach ob den helmen fliegen. 

7332 
den luft mit trunzen zieren 
sach man von dürrer schefte krach. 
8876 ff. 17324 f. 



T. 756 f. Troj. 3986 ff. 
Part. 6174 
daz grüene gras mit bluote rot 
wart geverwet und daz mos. 

14528 f. 



E. 4766 
daz in daz bluot zen siten 
üz begunde dringen. 
T. 206. 763. P. 5258. 13668. 14219. 
15868. Troj. 3895. 12216. 12636. 



Schwanr. 906 
der herzog einen tiuren schilt 



do für sich künde drücken. 

T. 200 
die sper si vornen sancten. 

aufeinander; ihre Speere zer- 

E. 2603 
daz diu kleinen stückelin 
üf in der liebten sunnen schin 
begunden stieben als ein melm. 

Schwanr. 982 
die schefte in kleiniu stückelin 
unde in spsene sich zercluben, 
so daz ab in ze berge stuben 
die schivern und die sprizen. 

P. 13674 
. . . daz diu sper 
kluben sich ze sprizen, 
daz da von die wizen 
schivern in die lüfte flugen. 
20022. 21348. Troj. 3933. 12230 
U. ö. 



STUDIEN ZU KEINB'RIED VON BRAUNSCHWEIG. 



395 



11308 
si gäben unde leisten 
herter siege swsereu zius. 
8924 ff. 



P. 20020 
si gäben herteclichen zins 
ein ander mit den scheften. 



Bei dem heftifren anitrall stürzen die ritter meist von den 
rossen; bisweilen aber hält doch einer den stoss aus: 



T. 840 

als ob da stüende e i n s t e i n e s w a n t, 
alsus enthielt er imder in. 



1012 
der Averde ritter zier 
saz alsam ein vestiu Avant. 

11278 
von dem satel er sich wegen 
liemiure denne ein Steines waut. 
17095. 17330. 

Wenn sie die Speere vertan haben, greifen sie zu den 
Schwertern: 

8898 E. 4830 [zücken, 

diu swert si hohe znhten. diu swert begunden si zehant | 

Des kämpf es getöse ist gewaltig: 



902 
reht als der dunre schuzze, 
so Avart ein schal und oucli ein krach. 

8910 
als üb der donre schuzze 
üf ir beider helmes tach. 

17352 
Avan ir sticli gap krache 
heller denn ein doureslac. 
7.354 ff. 20370 f. 

1784 
sine siege helle 
dur die Avolken duzzen. 
2872 f. 

1800 
man liät in kurzer lenge 
von im ein groz geteugel. 



9034 
dem, der üf in berte 
alsara er Avter ein aneböz. 



E. 4814 
si diu sper zerstächen 
so vaste daz des bruches klac 
lüte alsara ein donerslac 
der spaltet daz geböume. 
Troj. 12242 f. 



T. 818 
daz in den AA'olken Avider hal 
der SAverte griuAA'elicher doz. 

E. 4852. 
iif einen aneboz 
geschach nie grcezer t eng ein. 

2728 ff. T. 812 
do hnob sich groz getengel. 
T. 794 ff. Troj. 4076. 12804. 
P. 14327 
mit SAverten und mit bcngeln 
hnob sich ein solich tengelu 
und slahen üf in also groz, 



396 



GEREKE 



sam sich iif einen aneboz 
erhebet in der smitten 
(Parz. 152, .■>. 537,27. 112,28. 21(t, 4. j. Tit. :{897. 420:0. 

Auf lielm und schild sausen die schwertscliläge nieder: 



17f)C. 
ftz helmen lieht geliouwen 
wurden fiiires blicke. 

178» 
von den helmen schiizzen 
des wilden fiures gneisten. 

11304 
des wilden fiures blicke 
sach man uz helmen dringen, 
von siegen höhe springen 
flammeliche gneisten. 

20482 
von wildem fiure manic brunst 
üz helmen hert von swerten stoup. 
9016 f. 20402 f. 

20508 
man moht an dem fiure, 
daz si üz helmen sluogen 
mit swerten diu si truogen, 
schoube hän anbrennet. 

17354 
vinster wart der liehte tac 
in beiden under helme, 
wan si von dem raelme 
ein ander lützel sahen. 

17368 
ob ir helmen huob sich tampf 
alsam ein starker dicker nebel. 
daz wilde fiur, als ez von swebel 
wser enpfangen und enbrant, 
wart üf helmen dicke erkant. 

(zu melm vgl. am Schlüsse unter 
Wortschatz). 

1752 
golt und gestein unwerde 
ftz Schiiten wart gekloezet. 

1808 
ei waz sin swert verrerte 
sideu golt und steine! 



E. 4T7(; 
ftz herten steinen wart geslagen 
daz wilde fiur an manegen steten. 

4876 
uz dem gevegeten isen 
des fiures blic höh üfe stoup. 

T. 794 
dö Sprüngen fiures flammen 
uz helmen also groze. 
P. 5310. 14460. 21725. Troj. 3958. 
12584. 



E. 4780 
da waere ein kerze wol enzunt 
von den ganstern unde ein schoup. 



E. 4782 
ei wie nach in beiden stoup 
daz fiur und der vil starke melml 

T. 854 
stoup und oucli gesteine mel 
um in ein vinsternisse gap. 
1038. 

P. 21734 
do wart von stoube ze der zit 
ein trüebez wölken unde ein nebel. 

15180 
wan diu malie wart so groz 
und des dicken stoubes melm, 
daz man enweder schilt noch heim 
erkennen mohte drunder. 

E. 4874 
daz von den stahelringen 
geschach ein raichel risen. 

T. 798 
golt und gesteine risen 
begonde nider uf den plan. 



STUDIEN ZU UEINFUIED VON BKAUNSCHWEIG. 



397 



Sil 12 
golt und edel stein man sach 
. risen von den starken siegen. 
17434 ff. 17462 ff. 
17460 
ab b§den schilten spaeue 
wurden d;i "eliuuwen. 



P. 15492 
gesteine purpur unde golt 
wart verreret und versniten. 
14f)3ll. 21730. Trqj. 12740. 
E. 4SS0 
so viel (lä uiiler balde 
von den Schilden nianic spän. 
F. 20052. T. 910. Troj. 3972. 12748. 



Findet ein inassenturnier statt, so bilden sich zwei Par- 
teien, deren jede ilireii füliier wählt: K. 1450 ff. P. 14054 ff. 
T. 256 ff. 

Bevor das turuier beginnt, wird eine messe gehalten: 



1446 
vil schiere wart gesungen 
in ein schoeuiu messe, 
dar nach vil manic presse 
sich rüste üf den turnei. 
(zu presse vgl. am Schlüsse unter 
Wortschatz). 



T. 252 
dö wart gesungen schiere da 
mit llize ein schoeniu messe 
der ritterlichen presse. 

P. 14046 
da sanc ein werder kapelän 
in eime gezelte messe 
der kristenlichen presse. 



Der kämpf entwickelt sich: 

172S 
bi ellenthafter krefte 
sich schar und schar verwurren. 
man hört die siege snurren 
und in den lüften dösen. 

20150 
er kerte hin da sich diu w5p 
vast ze strite wurren. 
sin siege hört man snurren 
mit ritterlichem gufte 
höh üf in dem lutte. 



1724 
man sach die rotten flehten 
sich vaste in ein ander. 



E. 2704 
die Eiuzen und die Schotten 
zein ander sich do wurren. 

T. 740 
die schar nach hoher wirde lobe 
ze samene sich da wurren. 
man horte banier snurren (vgl. 760). 

Troj. 12233 
banier sach man da snurren 
des sich die rotten wurren. 

P. 15433 
kämen alle zuo geflogen, 
als man die pf'ile von dem bogen 
siht riuschen unde snurren. 
si flähten unde wurren 
zein ander sich mit hoher kraft. 

Troj. 12322 
die schar sich underdrungen 
und flähten in ein amler sich. 
T. 10061". 



398 



GRllEKE 



Dem tapferen ritt er gelingt es sicli balin zu brechen durch 
die kämpfenden scharen: 



180(1 
ez wart ein witiii sträze 
in enge swar er kerte. 

1864 
er künde uz engem fürte 
oncli hon wen wite gazzen. 

11297 
in engen hiifen machen 
sach man in gröze wite. 



1878 
da sach man spalten 
die rotten siinder biteii. 

1S02 
alsam die hanfstengel 
sach man die rotten spalten. 



E. 2738 
Engelhart reit under in 
slahende nnde stechende 
und eine sträze brechende 
durch die ritterlichen schar. 

Troj. 1259S 
da wart von im ein straze 
geh ou wen dur die ritterscliaft. 

T. 77(i 
mit orse und ouch mit handen 
mäht er im selben witen rüra. 
erspielt die schar alsam den schfim. 

890 
die schar zecloup er und zespielt. 



Mit grossem eifer wird auf beiden seilen gefochten: 



T. 820 
dö wart vil raanic stegereif 
erlseret unde satelboge. 



175Ü 
man sach da mangen vellen 
von orse uf die erde. 

1754 
vil setel mau enbloezet 
moht uf dem plane schouwen. 

7;i3(5 
vil setel wart gel;«ret 
von der jtonder juste. 

1804 f. 11 354 f. 12378 f. etc. 

So ist es auch das ende eines Zweikampfes, dass einer der 
beiden ritter zu boden stürzt: 

P. 15918 
des nam er einen swinden val 
ab dem orse küene. 



1054 
der frouAven ritter der lac da 
von dem orse wol hin dan 
und was gevallen uf den plan 



11348 
so sach man jenen hinder sich 
über den satel bürzen. 

20361 
und valte vil unwerde 
mangen ze der erde. 



1 3885 

. . . valte in uf den anger dö. 

13898 f. 

T. 216 

. . . daz er zehant geuicket 

wart uz dem satele hinder sich 

und in der ungefüege stich 

mit kraft und mit gewalte 

zuo der plänie valte. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



390 



Wie der diclitei- uns öfter nach gewolinlieit aller höfischen 
dichter versichert, es habe auf erden nichts dem erzählten 
ähnliches g-eg-eben, so erinnert er uns g-anz besonders hier, 
dass man nie einen besseren und grimmigeren streit gesehen 
habe als den eben geschilderten: 



S920 
daz e noch sit den ziten 
so hertez keinpfen nie geschach. 

ich wsene daz mit swerten 
ie geschaehe so guot kämpf. 

1749-1. 20092. 20468. 20535. 25536. 25582 



P. 20062 
daz man nie zwene ritter 
gesach ze keinen ziten 
so «rimmeclichen striteu. 



c) Sonstige anklänge. 
Ueber die entlehnung- von bildern und vergleichen aus 
Konrad vgl. unten abschn. III, A, I, i. 

Partonopier. 

Von anklängen vereinzelter stellen im R. und im P. nenne 
ich folg-ende: 



R. 6496 
wie sol ez armen mir ergän, 
Sit daz der schänden riche 
also lugeliche 
msere üf mich stempfet? 
wird ich überkempfet, . . . 



l:n73 
sns lihte klage sunder nit 
und hete treip si alle zit 
tac und naht iin uuderläz |sträz. 
ze bett ze tisch ze weg ze 
si gie, si stuont, si lac, si 

saz, 
daz si der bete nie vergaz 
eine kleine stunde. 



P. 4036 
wan derselbe tac dar zuo 
von alter ist gerihtet, 
daz man gerne vihtet 
an im unde kempfet. 
mit lügen ist gestempfet 
niht diz wäre msere. *) 

5576 
si künden wol gebären 
als uz erweite kempfen. 
die rede wil ich stempfen 
nilit mit lügenmseren. 

2900 
vor ilisen dingen allen 
«febiutp ich unde rate dir. 
daz du sist getriuwe mir 
und du min niht vergezzest. 
du trinkest oder ezzest, 
du seit an mich gedenken 
und niht von mir enwenken. 



') Schon bemerkt von Bartsch, aum. zu K. 649b. 



400 



GEREKE 



i32i(; 

er enwachete noch slief 

wan daz er lac in twalnies art. 



604 
Uli wachet uude slief er 
sam der in einem twalnie lit. 



Zwei sceiien liaben im R. und im P. eine überraschende 
älniliclikeit in der ausfülirung'. Der junge persisclie fürst hat 
einen Zweikampf ausgeboten, den Reinfiied annimmt; nun lässt 
sich der Persän durch keine bitten seines gross vaters von 
diesem kämpfe abbringen. Ebenso dringt Partono])ier darauf, 
unter allen umständen mit dem sarrazenischen fürsten Sorna- 
giur, der zum Zweikampf hei-ausgef ordert hat, zu fecliten und 
ist durch nichts zum verzieht zu bewegen: 



R. 17025 
sus der fürst genendic 
wült des kampfes wendic 
unib keine sache werden. 
' i c li 1 i e z mich in die erden', 
sprach er, 'e 1 e b e n d i c b e g- r a b e n" 

17010 
man hiez an allen orten 
wit durch die rotten schrien, 
swel künige fürsten frien 
dur minne und werde frouwen 
ein kempfen wolten schouwen, 
daz die alle ktemen. 

17004 
der kämpf also bestsetet do 
wart ze beiden siten, 
daz er einic s triten 
solte und niemen mere 
helfe da zuo kere 
mit werken noch mit worten. 



P. 4910 
'ich w 1 1 e u a m e 1 i c h e n e 
ze den toten sin gezelt, 
dan ieuien anders würde erweit, 
der vehten solte disen wie' 

5061 
also gebot er euch hie sä 
den liuten sin gemeine dil, 
daz si des morgens alle sich 
mit wäpenkleiden wunniclich 
vil schone zieren solten, . . . 
Partouopier der kaerae dar 
und wolte mit im striten. 

5094 
do wart ein Sicherheit genomen 
unde ein fride also gesworn, 
SO die kempfen ftz erkorn 
mit einander va^hteu 
und sich mit strite braehten 
ze grimmer uoete bitter, 
daz b e i d e n t h a 1 p die r i 1 1 e r 
s ti 1 1 e e n t h i e 1 1 e n u f d e r w i s e n 
unde ir keiner hülfe disen. 

Es folgt eine genaue beschreibung der rüstungen, worin 
sich manche Übereinstimmung zeigt. Die kampfesschilderung 
im R. ist natürlich ganz analog den sonstigen im anschluss 
an Konrad ausgestaltet; doch verdienen folgende stellen beson- 
ders hervorgehoben zu werden: 



17254 
vil jämerlicher blicke 
si ftf ze ffote täten. 



5242 
der künec von Kärliugen 
mante got vil tiure, 



STUDIEN ZU REINl'RIEI) VON BRAUNSCHWEIG. 



401 



si fleliten nude baten daz er g-ernochte stiure 

dem werden helt oeliinre mit helfericlien heiiden 

siner helfe stinre Partonopiere senden. 
mit manges trehenes regne. 

(Ileich beim ersten aiilauf zersplittern Reinfrieds und Par- 
tonopiers Speere : 



17388 
dfi von si beide wnrben 
unib höhin jitunt für .sterben. 

17504 
daz swert ze beiden hendeu nan 
der helt nnverzagte. 

17370 
daz wilde fiur als ez von swebel 
wser empfangen tind enbrant. 

17440 
wan sin wer diu niuost im nern 
daz leljeii für ein sterben. 



5708 
si vahten angestliche 
mit ein ander umb daz leben. 

5750 
sin akkes er mit zorne 
ze beiden hendeu schiere bot. 

57S2 
üf in so bran er als ein swebel. 

5842 
daz leben und den lip genern 
wolte der getriuwe. 



Weiterhin stelle ich folgende scenen zusammen: 
Der dänische graf wird mit Partonopier hat Meliurs g-e- 
seiner Werbung- von Yrkane bot übertreten; deshalb ent- 
abgewiesen; sie fordert ihn zieht sie ihm ihre gunst und 
auf: fordert ihn auf: 



5-2H7 
strich von minen ougen. 
wizzest sunder lougen, 
ob min lij) dich iemer siht 
für dis stunt, daz dir beschiht 
daz dir iemer füeget leit. 



8592 
stricli bald üz minen ougen, 
daz ich dich n i e ra e r m e ge- 
sehe, 
e daz dir wirs von mir ge- 
schehe. 



Der dänische g-raf und Partonopier sind sehr betrübt über 
die ihnen zu teil «gewordene Ungnade: 

'J176 ; 
vil manec heizer traheu viel 
uz siuen ougen IGter.') 

Alle bitten Irekels vermögen 
nicht, Meliurs vorwürfe zu ent- 
kräften : 

908(5 
den zepter und die kröne geben 
wolt ich e üz der hende min, 



5280 
man sach sin ougen reren 
heizer trehen tropfen. 

Alle bitten des grafen helfen 
nichts; Yrkane ist nicht zu 
erweichen : 

4788 
ich 1 iez e schetzen, 
sprach ai, mich von dem übe, 



1) Vgl. 9183 f. 

Beiträge zur geachiclite der ileutBclien spräche. XXII 1. 



26 



402 



GEREKE 



e daz min lip ze wibe 
i u c h würde a 1 d z e a ini e n . 
ich lieze mich e t'rien 
libes unde guotes. 



4770 
und hänt an mir zerbrochen 
ritterliche wirde. 

4798 
zwar ez würd gerochen 
an iucli. 

Trojan 

Von Reinfried und Yrkane 
heisst es: 

8704 
diu nätüre twinget dich 
daz diu sin muoz minuen dar 
da si iender wirt gewar 
daz ir gelich näture lit. 

8786 
si sint worden dort gewar 
gelich der ir näture. 

8798 
so minnet sin geliehen 
ein ieclich creätiure. 
diz kunt von der n ä t i u r e , 
von irre mäht und ouch ir 
kraft. 



e daz im solte werden schin 
min lüterlichiu friuntschaft. 

9094 
ich hin des worden über ein 
daz ich benamen stürbe, 
e daz er mich erwürbe 
zeiner ganzen friundin. 

9090 
Sit daz er siner triuwen kraft 
hat wider mich zeb rochen,') 
so muoz an im gerochen 
werden sin vil hoher mein. 

erkrieg. 

Von Jason und Medea sagt 
Konrad: 

7798 
swa rehtiu liebe fundeu 
von der natüre künste wirt, 
weizgot, da bringet unde birt 
diu miune snellen urspriuc. 

7805 
natüre ist also liste rieh; 
wä si m a c v i n d e n i r gelich ... 

7813 
da Jason und Medeä 
von der natüre krefte .sä 
begunden merken under in 
daz gelich ir beider sin 
an rehter liebe künde wegen. 



2. Rudolf von Ems. 
Dass der dicliter des R. Rudolf von Ems kennt, beweisen 
die verse 15300 ff.: 

Als man von Amelien 
der schoenen seit uz Engcllant. 
swie bitterlichez leit si bant, 
daz leit so zühteclich si treip 
daz ir ir leben doch beleip. 

Amelie von England ist bekanntlich die lieldin in Rudolfs 
Wilhelm von Orlens. 



') Vgl. 8961 ff. 



STUDIEN ZU REINFRIEl) VON BRAUNSCHWEIG. 



403 



Da uns von diesem roniane Rudolfs wie von seinem Alex- 
ander leider nur sehr wenig- gedruckt vorliegt, war mir natür- 
lich eine genauere Untersuchung* über das Verhältnis des R. zu 
jenen werken nicht niiiglich. (Gerade der erstgenannte roman, 
der von allen diclituiigen Rudolfs st()ffli(;h ja die meisten be- 
liihrungeii mit R. haben dürfte, würde vielleicht manche paral- 
lelen bieten, wie ich aus der vero:leichung- einer ((T!erm.21.197ff.) 
von Palm veröffentlichten partie schliesse. 

Reinfried bittet nämlich, als er aus dem kämpfe mit dem 
dänischen g-rafen siegreich hervorg-egangen ist, den könig- Fon- 
tanagiis um seine tochter, da er diese nicht ohne die ein- 
willigung des vaters, wie er gekonnt hätte, mit sich führen 
will. Fontanagiis berät sich mit seinem gefolge, ob er dem 
lierzog von Biaunschweig Yrkane geben solle. Eine ganz 
ähnliche scene enthält das genannte stück aus Rudolfs v. E. 
Wilhelm. 



H. 1014S 
so sol man im äne wanc 
die reinen willeclichen geben, 
sin gelt sin guot .sin lip sin leben 
sin liut sin mag sin art sin lant 
sint so breit so wit erkant 
(laz er der reinen wirdic ist. 

10141 
dö dirre rät alsus ergie. 

lulüt; 
als er diz sprach, dö vander 
die volge von in allen, 
in muose wol gevallen 
daz dinc. 

Vgl. auch: 

978Ü 
ncment mines rät es war, 

ob min mnnt incli rate reht, 
da sehent endeliclien zno . . . 

. . . wizz iemen baz, 
swenn ich gerät, der rät onch daz. 

97(11 
er was der fürsten luehster rät, 
wan er also gewfirljen hat, 
daz man im höher ereu sprach. 



W. I. 45 
sit daz der knnig witikin 
ere hat lip nnde gut, 
wirdikeit und hohen mut 
und in so rehter wirde lebet 
daz ir im uwer dohter gebet. 

71 
do der rat also geschach. 

81 
do die den rat vernamen do, 
er geviel in allen wol, 
als man den wisen volgen sol. 



an den rat wart do genomen 
her Wilhelm der furste do 
der riet sns, den andern so, 
iegelichen als er künde, 
do suhte an der selben stunde 
der kunig wilhelmes rat, 
der riet im ane missetat 
den besten rat der do geschach. 



2ü* 



404 



GEKEKE 



9824 
IUI rät ich, ob ich raten kau, 
ob ir mins rätes ruochent. 

10739 
und oiuh diu wandeis eine 
diu minnecliche reine 
diu süeze wol getane 
diu sselden rieh Yrkane.') 



10798 
ein lip zwo sele wirt den zwein 
und ein einlich liden.-) 

11706 
bi leide solt du tragen leit, 
bi liebe liep, bi guote guot, 
bi hohgemuoten hohgemuot. 

10901 
da von ein glicher will e schein, 
ein einlich herze an disen 
zwein. 

Vgl. den rat den Keinfried 

1-1320 
er sprach 'frowe, du solt leben 
gen höhen höh, die armen 
solt du dich län erbarmen 
und in ir jämer troesten. 
den besten und den boesten 
gip senftecliclien dinen gruoz. 
den armen solt du sorge buoz 
mit diner gäbe maclien. 
du bis an allen sachen 
diemüetic vest und da bi reht. 



222 

die süezen Amelyen 

die edelen wandeis vrien. 

n. 1 
die edele kuueginne 
die süeze Amelynne, 
die kiusche wandeis vrie 
die reine uude gute. 

9 
zu allen ziten nuwen 
trugen si beide under in 
einen mut und einen sin, 
einen mut under in zwein, 
da zweier seien naraen schein, 
der werde man sin liebez wip 
mit zwein seien ein lip 
trugen under in beiden, 
eines libes ungescheiden 
waren sie in dem mute, 
da was gut bi gute; 
zuht bi hohgemüete 
was ie mit werder güete 
gelich an den gelieben zwein. 
ir mut in einem willen 
schein. 



Yrkane beim abschied gibt: 



30 
er was mit mit seliglicher kraft 
an allen seiden sigehaft 
mit zuhten wise unde gut, 
werhaft kusche hochgemut 
getruwe miltebere, 
ein rehter rihtere, 
den armen demut unde gut. 
er neigte sinen hohen mut 
nid er zu den guten, 
obe den hochgemuten 



') So wird Yrkane öfters bezeichnet; bei Konrad habe ich derartiges 
nicht gefunden. 

■■') Vgl. V. 12009. 



STUDIEN ZU REINFRIKD VON BRAÜNSCHWEIG. 



405 



daz krumme solt dn machen sieht, 
swä dir diu mäze fuoge git. 

14341 
inide imtugeiitliche art, 
fliuhe swache hohvart, 
bis geil nide und gen liaz 
mit sinnen und mit eien laz: 
daz kau dir sorge sto-ren. 
von swem du nmgest hcereii 
hinderrede mit klaft'e, 
iiz dinem hove schaffe 
in flüchteclichen stricheu. 

14364 
swä dir werde untriuwe kunt, 
da von solt du dich ziehen. 

14368 
dar da man triwen wirt ge war, 
däsoltdudichhinueigen. 

Eine andere stelle ans Endolfs Wilhelm hat Massmann 
in V. d. Hasrens Germ. 10, 110 ff. veröffentlicht: 



trug er den mut vil hohe em- 
sin lob lief in allen vor, [p^ r- 

swen er zu einem male sach. 
dem man dekeiner wirde jach 
der was im iemer mer unkant. 
an wem er zuht und ere vant, 
den minnete ir von hertzen ie. 
untruwen minnete er nie 
und trug in zu allen ziten haz. 
dienstes er nie vergaz 
an dekeiner slahte man. 



K. 19193 
unreht ze rehte schicken 
und reht in unreht stricken, 
unreht mit rehte meren. 



s. 115, 19 
swie du rehte rihtes 
unreht zuo rehte slihtes; 



noch eine andere Zupitza, Zs. fda. 18, 89 ff.: 

R. 900 188 

ein ritterlichez güften. durch ritterlichen guft. 

Der anfang von Kudolfs \\'eltchronik (Yilmar, Die zwei 
recensionen etc. s. 60ff.), der grosse ähnlichkeit mit der ein- 
leitung des Barlaam und mit G. Gerh. 326^411 hat, findet seine 
genaue entsprechung im Eeinfr. in der rede des Fontanagris 
(v. 10589 ff.): 



R. 10589 
got^der alliu dinc vermac, 
der vinster naht und liebten 

tac 
mit siner kraft gemachet hat 
und nach des geböte stät 
daz firmanient. der speren kreiz, 
der Sternen louf. und der ouch weiz') 



Weltchr. (Vilmar) 19 
mit der (wisheit) din gotelichiu raaht 
vinster lieht tac unde naht 
gescheiden hat. 

47 
wan aller geschepfede geschaft 
ervüllet hat din eines kraft. 



') Vgl. R. 129'(4— 12981. 



406 



GEBiEKEi 



10595 
aller herzen meine, 
nieraen wan er eine, 
der alliu dinc von nihte 
g e s c h u f und o u c h b e r ih t e 
den Inft wazzer erde fiur, 

10600 
von dem alle creätinr 
getempert und gemaehet sint, 
nach des geböte sich der wint 
mnoz biegen und da zuo der luft, 
der himels trön und erden kruft 
(= 10972). 

10605 
in siner hant b e s I i u z e t , 



von des genäde fliuzet 

aller creätiure leben: 

in wazzer fiur, in lüfte swe- 

mac niht an sinen hohen rät ; [ben 

10610 
swaz fliuget fliuzet loufet 

stät, (=10970) 
loup gras tier vogel wilde 

und zame, 
wint regen donre kau sin name 
binden und entstricken, 
des wilden donres blicken 

10615 
und aller ougen schouwe. 
von rifen tuft, von touwe, 
von regen sne und ise 
hat er mit hohem prise 
geeret sich, der weite hie 

10620 
ze nutz den er dem menschen lie. 
swaz der tac beliuhtet, 
swaz menge tou erfiuhtet, 
von aller slahte würzen fruht, 
daz liez sin gotelichiu zuht 

1 0625 
allez hie üf erden 
ze dienst dem menschen wer- 
den. 



25 
als ez diu witze berndiu kraft 
alrest von nihte tihte, 
geschuof und gar berihte. 

56 
also getempert häts din list 
mit der vier elementen kraft, 
diu natiircnt alle ge schaff. 

32 
aller h i m e 1 t u g e n t , aller h i - 
mel schar 



nigent diner herschaft, 

din 

die tiefe der abgründe 
hat in kuntliclier künde 
1) e s 1 z z e n und gemezzen. 

40 
din kraft hat besezzen 
elliu leben, dar nach si lebent, 
i }i lüften und in w a z z e r n s w e - 

beut, 
ü f e r d e n 1 e b e n t v 1 i e g e n t g ü n t, 
w u r z e n t w a h s e n t v 1 i e z e n t 

s t ä n t : 
diu nigent dime geböte. 

231 
tiere gevügel Avilt und zam 
niaht in got gehorsam. 



239 
ze uutzelicher lipnar. 

242 
ze niezen aller siner geschaft. 

235 
und swaz üf erden krütes wirt 
und an im bernden sämen birt 
und elliu holz, diu mit genuht 
in ir gesiebte bringent vruht. 

229 
den (menschen) mähte got mit 

siner kraft, 
undertän alle geschaft. 



STUDIEN ZU KEIN FRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



407 



Vgl. Bari. 2, 3 ff. 

erde viur wazzer liift 

(R. 10599 ff.) 
kelte rege» hitze tnft 

(R. lOtilG) 
getempert (K. 10601) hat dm eines 

kraft. — 
din eines vürdjehtlich gewalt 
hat genennet unde gezalt 
d e r s t e r u e n ni e n e g e uudo genant 
ir aller naraen unde erkant 
ir unibelouf. ir umbevart. 

(R. 10594) 
ouch muoz in siuem loufe gän 



daz f i r ni a ni e n t nnz an daz zil 

(R. 10593). — 
von nihte hat getihtet (R. 10597) 
din wiser gotlicher list 
swaz sihtic unde unsihtic ist. 
den d u n r e und diu hlicschöz 

(R. 10t>14) 
von viurinem lüfte lät 
din kraft, diu sie getempert hat. 
du sihst durch aller herzen 

tor (R. 10594 f.) 
in menschlicher sinne grünt 
dir sint elliu herzen kunt. 



Das Vorbild für diese stellen ist jedenfalls Wolfr. Wh. 2, 2 ff. 
215, 11 ff. 25a 6 ff. 

Das paradies mit seinen vier Aussen beschreibt der dichter 
des E. gleichfalls im anschluss an Rudolfs \V., die in diesem 
punkte nach Doberentz (Zs. fdph. 13,207 ff.) auf Honorius Augu- 
stodunensis und Isidor zurückgeht. Wir werden später sehen, 
wie auch unser dichter sich direct an diese als quellen 
anlehnt. 



R. 2191S 
er hat alliu laut durvarn, 
da dur diu wazzer fliezen 
diu au mitten schiezen 
mit gütlichem prise 
üz dem paradise. 
21830 
wie er geboren waere 
tiz dem laut ze Ejulät. 
dur daz selbe lant ouch gät 
üz dem paradise 
mit f r ü li t e c 1 i c li e m prise 
Phisön des werden wazzers duz. 
b i rl e 11 i u m den stein sin f 1 u z 
und ouch onichium da treit. 
daz beste golt, als man uns seit, 
daz uf erd ie funden wart, 
treit ouch hie des fluzzes art. 

21924 
Gyou Ethiop Mörenlant, 
Tigris Assiriam dur gät. 



Weltchr. (Vilmar s. 61) 283 
ein wazzer michel unde gröz 
von der selben mitte vloz, 
daz dem paradise gar 
viuhte und süeze fruht gebar, 
daz teilte in vier teile sich. 

290 
der teil eiuer ist genaut 
Physon daz wazzer, daz noch gät 
durch elliu lant in Eiulät, 
des V 1 u z daz beste golt b i r t , 
daz iendert uf der erde wirt, 
und daz edel berdellum, 
daz guot ist, edel unde vrum, 
daz diu schritt uns nennet sus. 
der edel stein onichilus 
da wahset ouch, in birt daz laut, 
daz ander wazzer ist genant 
Geon, des vluz tuot sich bekant 
über Etiopiara daz lant. 
daz dritte heizet Tigris, 
voa dem tuot uns diu schrift gewis, 



408 



GEREKE 



swaz Eufrates daz wazzer hat daz ez siu vliezeii Avande 

durgaugen laut, diu wären kimt gein Assiriä dem lande 

im eigeulichen nf den grünt. daz vierde heizet Eiifrates.') 

Der geograi)liiscli-etliiiogTai)lii.sclie abschnitt der Welt- 
chronik Rudolfs bietet noch weitere parallelen. 

Rudolf Aveiss von den greifen, die das gold auf dem Kau- 
kasus bewachen: 



mit wüiinedichem schiiie hänt. 
grifen noch tracken nieman länt 
daz selbe golt gewinnen da, 



Doberentz a.a.O., v. 161 
dil ligent berge guldin 
die nach golde liebten .schin 

verglichen mit R. 18224 ff.; dazu vgl. Bartsch, Herzog Ernst 
s. xLiv. Seine wundermenschen hat der Reinfrieddichter meist 
aus dem Herzog Ernst, zum teil jedoch aus Rudolf: 



R. 21935 
und seit den herreu mtere 
wie in eim lande wgere 
ein site ungemseze, 
Avie ie der mensche jeze 
sin rauoter und ouch sinen 
vater. 



Doberentz 244 
da bi haut disiu selben laut 
ein Hut daz solhe site hat, 
daz ir deheiuer daz niht lät, 
guoter nocli unguoter. 
si slahen vater und muoter, 
so si beginneut alteu, 
ir krefte widerwalten, 
und gesteut sich ze Wirtschaft 



Vgl. Honorius, Imago mundi 1, 11. 



mite. 



19348 
er fuort ein kreftecliche schar 
mit im an der stunde, 
houbter sam die hunde 
hat al sin massenie. 

20444 
daz volc daz sam die hunde 
grinen unde bullen. 

Vgl. Honorius a. a. o. 1, 12. 

19312 
ein volc daz kan gäben 
mit loufe sueller denn eiu tier, 
bräht mit im der fürste zier 
mit helfelicher meine, 
niht wau üf eime beine 
daz volc loufet unde stät. 



280 



da bi siut ander Hute, die 

ze houpteu huudes houbet baut. 

niht anders si gekleidet gänt 

wau mit wilder tiere hinten. 

disen selben Hüten 

ist menschen rede niht verlän, 

man hört si hundes stimme hau. 



316 
. . . Cenopodes: 
daz ist ein wildez Hut; daz hat 
einen fuoz, dar lif ez gät. 

331 
dise selben liute siut 
snel und drsete alsam der wint. 



Vgl. Zs.fdph. 13, naft'. 



STUDIEN ZU EEINFRIED VON BKAUNSCHWEIG. 409 

Honoriiis (1, 12), dem Rudolf hier folgt, wirft mit diesem 
A'olk die 'platfüeze' zusammen; der Reiufrieddic-liter kombi- 
niert die einfüssigen mit den einäugigen, die er au.s dem Hei'zog 
Ernst entnimmt: 

19322 :\M\ 

ein w\iii(U'ilicher schar, die da lantliute .siiit genant, 

die wären äue houbet. die sint äne houbet 

an den ahseln offenbar und hoiibetes beroubet, 

siht man sunder lougen und in stänt änelougen 

stän des volkes ougen. an der ahseln vor diu ongeu; 

vorn an der brüste stät ir niunt. für nase und niuut haut sie zwei 

vor an der brüst. [loch 

Vgl. Honorius 1, 12. 

Der Reinfrieddicliter berichtet ferner noch von einem 
Volke, das nicht isst noch trinkt: 

21948 
daz laut dem paradise lac die liute von des smackes trehen 

so nähe, als er horte jehen, so danueii kam sns lebten u.s.iv. 

Die genaue entsprechung hierfür zu finden ist mir nicht 
gelungen. Ich lese bei Rudolf nur von einem volke, 

350 (Doberentz) 
daz lebt deheiner genist sin spise und al sin fuore gar 

ze spise noch ze lipnar; an eines apfels smacke lit. 

Vgl. Hon. 1, 12 solo odore cumsdam pomi vivunt Hierauf 
kann unsere stelle also wol kaum zurückgehen. AVir hören 
(hiiiii von denselben leuten ausser manchem anderen noch, dass 
sie beständig in freuden leben 

21959 sunder missewende 

an aller slahte trure, sleiz uf ein rehtez ende 

biz daz ir iiäture und stürben denn äu allez we. 

Das macht offenbar die nähe des paradieses. Vgl. j. Tit. 6052: 

der luft ist so gesüezet, von paradis betouwet, 

daz er wol kumber büezet. si sint da von geheret und gefrouwet 

in den landen, die iler luft bedrsehet. 

Auf Rudolfs W. dürfte teilweise wol auch die ausführliclie 
erzählung von den Amazonen im R. (v. 19429 — v. 19610) be- 
ruhen. Zwar sind wesentliche abweichungen vorhanden, nament- 
lich in der Vorgeschichte der Amazonen, doch teilt Rudolf diese 
differenzen zwischen ilim uiul R. mit allen anderen überliefe- 



410 GEKEKE 

rungen über diese kriegerischen weiber. Icli glaube daher, 
dass derartige Varianten auf die rechnung des dichters selbst 
kommen. 

Während nämlich sonst, wo überhaupt von der Vorgeschichte 
der Amazonen die rede ist, wie also bei Rudolf (vgl. J. Zingerle, 
WSB.r)0,432. O.Zingerle, Die quellen z. Alex, des Kud.v.E., s.ll8) 
erzählt wird, dass den Amazonen einst in einem kämpfe mit 
nachbarviUkern ihre männer erschlagen seien, weshalb sie sich 
genötigt gesehen hätten, selbst kriegerkleidung und waffen 
anzulegen, lieisst es im R.. die Amazonen hätten ihre männer 
eigenhändig getötet, weil diese auf anstiften des königs 

19495 ir wip ze laster brähteu. 
si schauten nude siiuihteu 
si ze allen stunden. 

Vielleicht hat der dichter in irgend einer lateinischen 
quelle die geschichte der Hypsipyle und der lemnischen weiber 
gelesen und diese mit der Amazonensage combiniert. 

E. 19529 Weltchron. (Zingerle) 104 

. . . diu reinen wip maunes wäpen legten si an 

leiten harnesch an ir lip und lerten ser da mite 

und lerneten sit riten, striten nach nianlichem site. 
mit schilt und swerte striten. 

Rudolf berichtet weiter, die Amazonen seien so tapfer, dass 
niemand mit ihnen zu kämi)fen wage; in einem streite mit den 
männern in der nachbarschaft hätten sie diese alle erschlagen : 

126 als ich die schrift hoere sagen, 

die man verluren dö den strit und liezen ir einen niht ge- 

und wurden von in dö erslagen, nesen. 

Diese worte stimmen merkwürdig zu R. 19524 ff., wo es 
von der ermordung der männer der Amazonen durch ihre eigenen 
frauen heisst: 

ir keine diu lie schouwen daz ein mau lebendic nie genas 

für die naht lebendic ir man. der eht in den landen was. 

diz wart dur alliu laut getan, 

Was der Reinfrieddichter sonst über die Amazonen sagt, 
von ihrem geschlechtlichen verkehr mit benachbarten männern, 
von der verschiedenen behandlung der knaben und mädchen 
nach der geburt, stimmt zu Rudolf und stimmt auch zu allen 
übrigen berichten (z. b. Konrad, Troj. 42235 ff.). 



STUDIEN ZU REINFRIED VON HRAUNSCHWEIG. 411 

Abweichend, aber jedenfalls auf eigene erfindung des dich- 
ters — vielleicht infolge eines Irrtums — zurückzuführen, ist 
nur noch die angäbe v. 19536 ff. 

ir lingge brüst, ist mir bekaut, dur daz si mügeu lideu 

heizent si damieu siiiden, des schiltcs leger vor der haut. 

Sonst erfahren wir nämlich überall, dass die Amazonen 
die rechte brüst abgeschnitten hätten, um nicht beim gebrauche 
des bogens behindeit zu sein. 

Schliesslich möchte ich noch die Vermutung aussprechen, 
dass der dichter durch die verse 183 ff. (Zingerle) bei Rudolf : 

dö liezen si sicli zehant und mit gebirge, als ich las 

nider in ein witez laut, au Alexanders buocli 

daz mit dem mer beslozzeu was 

ZU der angäbe veranlasst ist: 19^47 Gog und 3Iagog der jtiden 
lant stCit in der küneginne [der Amazonen] liant, die ja Alexander 
heslöz })üt berge und mit nn'iren gröz und oiich mit dem grienigen 
mer. — Es besteht jedoch die möglichkeit, wie ich aus den 
zuletzt genannten Worten Rudolfs schliesse (Konrad beruft sich 
V. 42239 f. gleichfalls auf ein huoch ro?i Alexander), dass auch 
der Reinfrieddichter aus irgend einem Alexandergedicht [aus 
Rudolfs?] schöpft. 

Wie dem auch sei, sicherlich kannte und benutzte er 
Rudolfs "^^^ in seinen anspielungen auf biblische geschichten 
ist die quelle zwar immer die bibel selbst, doch gibt es stellen, 
wo er daneben Rudolfs werk berücksichtigt zu haben scheint. 
Als er von der wunderbaren hilfe ei'zählt, die gott Gideon in 
dem kämpfe gegen die Midianiter leistete, beruft er sich aller- 
dings ausdrücklich auf die bibel (v. 158G8 f. = Jud. 7), aber die 
Übereinstimmung zwischen v. 15874 ff. mit Rudolf lässt doch 
auch einen Zusammenhang mit diesem vermuten. ■ 

Schütze (Die histor. bücher etc.) 1, 

s. 36 
weihe man dö trinken sach 
R. 15S74 uude die dir werden kuut 

und swel daz wazzer in dcu daz si daz wazzer in den muut 

iiiuiit üf werfen mit der haut, 

würfen mit den h enden, die suln dir sin da von bekant 

daz wären die eilenden daz si au den ziten 

die got bi den ziten den sie dir suln erstriten. 

erwelet hat ze striteu. 



412 GEREKE 

(Bei Rudolf fehlt die andere partei, die ligeUngen trunlcen, 
E. 15872). 

Im allgemeinen jedoch wird man sich hüten müssen, falls 
etwa irgendwelche zu biblischen berichten gemachte zusätze 
dem R. und Rudolfs W. gemeinsam sind, nun behaupten zu 
wollen, Rudolf sei hier für unseren dichter die quelle gewesen ; 
denn derartige ausschmückungen sind durchaus traditionell. 

Wenn wir also z. b. im R. lesen, dass Lots weib als Salz- 
säule noch heute in einer höhle zu sehen sei (27100 f. Rudolfs 
W., Zs.fda. 18, 102.65), und weiter 27102 da Sodom und Gomorre 
was (jeleyen, da sivebet daz mer (vgl. Rudolfs W. a. a. o. 74 f.), so 
berichten dasselbe auch andere dichter und schriftsteiler der 
zeit, die sich gerade mit solchen Stoffen befassen (vgl. Strauchs 
anm. zu Enikels W. 4193); reisebeschreibungen vergessen selten 
davon zu erzählen (vgl. z. b. Johann von Montevilla). 

Aehnlich steht es mit der geschichte vom turmbau zu Babel 
(R. 27042 ff.). Die angäbe der teilung der spräche (in zwo und 
sihennc zungen (27051) ist ganz traditionell (vgl. Strauchs anm. 
zu Enikels W. 3367). Von Enikel weicht übrigens unser dichter 
insofern ab, als jener von Babel als dem erbauer des turmes 
spricht, dieser davon nichts weiss. 

Eine nähere beziehung zu Rudolfs W. lässt sich vielleicht 
aus dem gemeinsamen reime spräche : räche vermuten (vgl. R. 
27045 f. Rudolfs AV. [ZingerleJ 7 f.); aber ich möchte darauf 
keinen wert legen. 

Eigentümlich ist der erzählung im R. die angäbe: 

27058 
mit zwein und sibenzic eggen der turn daz er verre zoch 

was gebüwen also hoch iu den luft über sich enbor. 

Endlich vergleiche noch über den tempelbau Salomos 

E. 20954 ff. und Weltchr., Germ. 27, 63 

daz krfit künc Salaraones sider (Mogk, Kopenh. fragm.) v. 14 

wart; swaz er da mit bestreich, sie naraen eynes wurmes blot 

swie liart daz was, ez wart doch der liiz tliamnr als ich iz las 

weich, eyn kr>U auch sus gehej'zen was 

wan ez sich nä dem krntc spielt. des saf mishzeten sie dar in 

daz krfit künc Salamon behielt uude bestrichen her unde hin 

und bftt da mit den tempel her. die steyne besneden sie zö haut. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON IJRAUNSCHWEIG. 413 

Petrus Comestor, Hist. scliol. lib. reg. 3, 8 berichtet nur von 
sanguis vermiculi (nicht von einem kraute')), dessen gewinnung- 
er abei- ebenso erzählt wie der Reinfrieddichter die des krautes: 
Erat K>üJomoui strutJiio hahcns pullum, cf mclusus est X)ulhis 
snh vase vitreo. Quem cum videret struthio, scd habere nequiret, 
de dcserto tidit vermicidum, cuius sanguine linivit vitrutn et 
fractum est. Videns aiitem Salomon cacmncn montis Moria, 
nhi acdificavit templum augustum, deiecit illud, et in arcam 
spatiis a))ipliorihi{S diffudit. 

Aus Rudolfs übrig-en werken, aus dem Guten Gerhard und 
Barlaam und Josai)hat, wüsste ich nur weniges anzufühlen, 
was auf R. bezug haben könnte. 

Von zwei liebenden heisst es: 

R. 2443 Gerb. 4740 

(lii ist iiiht wan ein einlich eiu. ein wip ein man, ein mau ein wlp, 

ein liep, ein leit. ein ja, ein nein. ein sin, ein muot, eiu ei nie ein, 

3021 ein lip, ein liep, ein herze an zvvein, 

ein iliuc, eiu eiu, ein liep, eiu leit. eiu minue und eiu geselleschaft. 

Doch sind derartige Schilderungen nicht eben selten. — 
"Wie Rudolf spielt auch der dichter des R. auf das bekannte 
lied MF. 3,1 ff. an: 

R. 4223 Gerh. 478« 

ich bin din, so bist du miu, du raiu, ich diu, ich Avil diu sin. 

ich wil bi dir, du bi mir sin 
in herzen und in sinnen. 

Im Barlaam und im R. findet sich in gleicher weise das 
biblische gleichnis von dem reichen (Luc. 18, 25), im Barlaam 
allerdings in der paraphrase dei- evangelischen erzählung selbst: 

R. 1(5793 Bari. 135,. 1(5 

als ich wol sprechen beere, durch einer nudel «re gät 

dur einer nädel oere ein olbende senfteclicher, 

ein kemeltier e gieuge, denne eiu weltlich richer 

e daz in got enplienge ze gotes riebe müge komen. 
ze siner gnaden tröne. 



') Das kraut führt zurück auf eine antike traditiou von der spriug- 
wurzel, s. Zs. fda. 35, lb3. — Enikel (W. 12031 ff.) berichtet nichts ülicr die 
gewiunung des wurmes; ein kraut keuut er nicht. 



414 



GEREKE 



3. Gottfried von Strassburg. 

Haben ^vir bisher unsern dichter in den spuren Konrads 
von A^'ürzburg und Rudolfs von Ems wandeln sehen, so werden 
wir auch erwarten, einen einfluss des lehrers dieser beiden, 
Gottfrieds von Strassburg-, im R. zu finden. 

Tristan und Isolde sind mehrmals genannt, so Tristrant 
V. 20162 in einer aufzählung' der vortrefflichsten beiden, Isolde 
V. 9238, ferner sie zusammen mit ihrer mutter: 



min sin der hat gezellet 
killt imioter ieffenote 



V. 2;nio 

ze Ysöt und Ysote 

den zwein von Yrlanden. 



Nun scheint allerdings die namensform Tristrant mit be- 
stimmtheit auf Eilhart hinzuweisen (vgl. Lichtenstein, ausg. 
s. cxcii); andererseits aber heisst Tristrants geliebte bei Eil- 
hart Isalde, nicht wie im R. Ysöt (so bei GottMed). Ich meine 
also, aus der form Tristrant ist weiter nichts zu schliessen, 
als dass der dichter eben diese namensform kannte; jedenfalls 
aber hat er hier durchaus nur Gottfrieds roman im sinne. 

Aber es zeigt sich, dass Gottfried mehr formell als inhalt- 
lich auf R. gewirkt hat. Für die stoffliche anlehnung unsers 
dichters an den Tristan weiss ich eigentlich nur ein ganz 
sicheres beispiel anzuführen. Auf Tristans seite im kämpfe 
gegen Morolt, der die stärke von vier männern hat, streiten 
gott, recht und williger mut (v. 6883 ff.). So steht auch Rein- 
fiied gegen den dänischen grafen nicht allein: 

9106 
wan sin lip selpdritter vaht, mit den zwein was diu minne 

er und diu küneginne. ouch in den strit gesprungen. 



R. 1404 
ir sinne wären trehtic 
dar da si meisterinne was 
und gewaltecliclien saz 
in sins herzen klüse. 

4!)Ü1 
sin herze seit im von den zwein 
nilit wan ein jA und ouch ein 
nein. 
Vyl. 2444. 



Trist. 724 
er was in ir herze komen. 
er truoc gewaltecliche 
in ir herzen künicriche 
den Zepter und die kröne. 

Vgl. 807 ff. 

Trist. 13014 
ir beider sin, ir beider muot. 
daz was allez ein und ein, 
ja unde ja, nein \inde nein, 
ja unde nein, nein unde ja. 

Vgl. lC328ff. 



STUDIEN ZU KEINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



415 



Der Reinfrieddichter kennt übrigens ancli die fortsetzung- 
von Gottfrieds Tristan: 

15288 
sam diu miunenclich Ysöt daz si jämerlicb erstarp 

dixi so kle^elicheii warj) iiiuli Tiistrande dem werden degen, 

und zwar höchst wahrscheinlich das gedieht Uh'ichs von Tür- 
heim (v. 3422 ff.), da ihm Heini'ich von Freiberg wol kaum 
schon bekannt war. 



4. Hartmann von Aue. 

V. 8931 und v. 20161 nennt der dicliter den Iwein, v. 201G1 
Kalogriant; er kennt also Hartmann, was man auch ohne diese 
citate als sicher annehmen würde. 

Reminiscenzen aus Hartmann dürften demnach folgende 
stellen sein: 



R. i:{422 
ich lioer die wiseu jehen, 
daz tröurae dicke triegeu 
und trugenliche liegen. 

17390 

ir ritterlichez werben 

moht got gerne hän gesehen, 

solt ein kämpf vor im be- 

scheben. 

r2519 

bezigen. 

man sacb den fürsten nibt verligen. 
Vgl. 14ti74. 

14616 ff. 
Lange aufzäblnng: der eine, der an- 
der, der dritte bis der iiiunde. 
G30 
zwei hundert wa.s der ersten schar, 
schiltknebte, die mit gnoten siten 
ie zwene bi ein ander riten: 
die fuorteu .sper und kreiger da. 
den kam zebaut geritcn na 
ein jungiu schar gesundert, 
der was wol üf hundert 
zwei und zwei der schoensten knaben 
so edel art ie moht gehaben 
über allez Sahsen laut, 
ieclicbcr fuort uf sin er baut 
ein sprinzelin dur uiuotes guft. 



Iw. 3547 
swer sich au troume keret, 
der ist wol guneret. 

Iw. 1020 
hie buop sich ein striten, 
daz got mit eren möhte sehen, 
solte ein kämpf vor im ge- 
schehen. 
Vgl. R. 11384 ff. Trist. 6869. 
Iw. 2789 
die des werdent gezigen 
daz si sich durch ir wip verligen. 
Vgl. 2863. Erec 2970. 

Erec 8260—8286 

Lange aufzählung von 1 — 20. Vgl. 

Part. 836 ff. 1 —6. 1 1 834 ff. 1 —4. 

Im Erec reiten zu einem turnier eine 
reihe könige. 

1944 
besunder bäten si sich 
gesellet ritterlichen, 
die jungen zuo ir glichen, 
die alten zuo den alten. 

Von den jungen nun 
1964 
ir ieciicb fuorte iif der bant 
vier müze, ein sparw*re. 



416 



GEREKE 



5. Wolfram von Eschenbach. 

Wie schon o-Taen bemerkt, citiert der dichter v. 16678 ff. 
den Parziviil; er kennt aber auch den Willehahn. ^^'enn ei' 
sich ferner v. 10421 f. und v. 16584 ff. auf A\'olfranis Titurel 
beruft, so wird sich ergeben, dass er damit den jüngeren 
Titurel meint; vdn einer beziehung- auf Wolframs echte dich- 
tung" findet sich dagegen keine spur. 

Für directe nachahmung Wolframscher scenen im R. gibt 
es verhältnismässig nur sehr wenige beispiele. 

So ist es vielleicht nicht ganz zufällig, wenn sich an der 
stelle, wo der dichter den kämpf zwischen Reinfried und dem 
dänischen grafen mit dem streite Parzivals und seines Stief- 
bruders Feirefiz vergleicht, gewisse anklänge zwischen beiden 
scenen constatieren lassen. 



R. 8968 
biz daz diu ors erlägen 
beide von der müede. 

9002 
ir beider sin gereizet 
was üf ein niuwez kempfen. 

9000 
nu hatten an der stunde 
die herren oueh erbeizet. 

8934 
hie vaht kiusche mit der zulit. 
manheit mit der niilte. 



Parz. 739, 19 
diu ors vor niüede wurden heiz, 
si versnobten manegen niwen 
kreiz. 



si bede ab orsen sprungen. 

741,21 
da streit der triwen hiterheit: 
eröz triwe aldä mit triwen streit. 



Die art und weise, wie der Reinfrieddichter die entstehung 
der menschlichen abnormitäten und wundererscheinungen er- 
klärt, erinnert so sehr an Parz. 518, 1 ff., dass man wol in 
dieser stelle das vorbild sehen kann (zu Parz. vgl. Pniower, 
Zur Wiener Gen. s. 85. Sattler, Die religiös, anschauungen AVolf- 
rams s. 63 ff.). Nur hat der Reinfrieddichter die erzählung viel 
breiter ausgeführt. 

Als nämlich gott den Adam erschaffen hat, 

R. 19702 Parz. 518, 1 

dö gap got wisliche gir unser vater Adam 

Adamen siner bautgetät die kunst er von gote nam, 

für alliu wunder diu er hat er gaj) allen dingen uamen, 

geschaft'en nf der erden. beidiu wilden unde zamen: 

swaz gotes kraft lie werden, er rekant euch iesliches art, 



STUDIEN ZU REINFRIEl) VON BRAUNSCHWEIG. 



417 



daz wart Adamen gar l)okaut 
und wart von im micli du yenant, 
als ez nocli hiut gelieizen ist. 
sin höher meisterlielier list 
marht und bekande alle mäht, 
der würzen und der kriuter kraft. 



dar zuü der Sterne umbevart, 

der siben pläneten, 

waz die krefte beten: 

er rekaut ouch aller würze mäht, 

und waz ieslicher was geslabt. 



Viele dieser kräutei 
kraft, dass sclnvang-ere fi 
unmtnsddich figCire gebär 

R. 19732 
diz seit offenlichen do 
Adam sinen kinden 
und bat si des erwiudeu 
da mit ir forme ende uam. 



• bewirken durcli ihre wunderbare 
auen, wenn sie die kräiiter ansehen, 
en: 

Parz. 518, 11 
du siniu kint der järe kraft 
gewunnen, daz si berhaft 
wurden menneschlieher fruht, 
er (Adam) widerriet in ungenuht. 
swä siner tohter keiuiu truoc, 
vil dicke er des gein in gewuoc, 
den rät er selten gein in liez, 
vil würze er se miden hiez 
die menschen fruht verkerteu 
und sin geslähte unerten. 



Die neugierde jedoch lässt ihnen keine ruhe: 



Parz. 518, 25 
diu Avip täten et als wip. 
etslicher riet ir brfjeder lip 
daz si diu werc volbrähte, 
des ir herzen gir gedäbte. 



R. 19830 
do die frowen horten jehen 
daz ouch stuont geschriben dö, 
diu kiTit schatten sus und so, 
do wären si so niugern 
daz ir sin uiht wolt eubern, 
si wolten sin geruochen 
und eudelich versuochen 
ob ez also wsre. 

So sind also die missg-eburten entstanden. Vgl. übrig-ens 
noch die g-anz ähnliche erzählung im deutschen Lucidarius, 
Schorbach, QF. 74, 193. 

rnter den wunderbai-en menschen befindet sich eine schar 
von Taburnit (lOOöG. 19404. 20440); der name stammt ent- 
weder aus Parz. 316, 30 odei- aus dem jung-. Tit. 1398. 

Bei der erwähnung- Nabuchodonosors macht der dichter 
eine angäbe, die in der bibel t'elilt: 



R. 2G7-1G 
für got solt man iu beten an, 
wart üz geschriben in diu laut. 



vgl. Parz. 102, ü 
der an trügelichen buocheu las, 
er solte selbe sin ein got 
(vgl. jung. Tit. 791— 794). 

Beiträge zur geacUictite der deiitücheii «prttcbe. XXIil. 27 



418 GEREKE 

Aus dem Willelialm scheinen die hürnenen leute zu stammen: 

R. 1963« Wh. 35, 1 1 

swaz in dem lande kehie stunt . . . künec (lorliant 

von wibes libe wirt geboni, 

daz ist allez sanient liorn. des volc was vor und binden 

wip kint nnd ouch die man. 35,20 [born. 

da von diz volc in strite kan des künec Gorhandes her 

uieman überwinden. mit stähl inen koll)en streit. 

an alten nnd au kiuden 395, •23 
siht man noch g-rifet niht denn born. ir vel was born in grüeuem schin : 

alsus werdent si geborn die trnogen kolben stälielin 

\md vehtent algeliche (vgl. jung. Tit. 3311 ff.), 
mit kolben ritterliche. 

Keminiscenzen aus Wolfram sind vielleicht auch folgende 

stellen : 

R. 19000 Wh. 85, 25 

er muose swsere siege geben Arofels ors Yolatin 

ze bürgen für sin sterben. und Scboj'us daz swert sin 

da wurden bürgen für sin leben. 

10391 Wb. 11, Iti. 18,28. 20, 11. 44,25 

Terviant als gott der beiden u. s. w. 
vom bäruc angerufen. 

Im folgenden führe ich nun sämmtliche anspielungen des 
Eeinfrieddichters auf Wolframs werke mit den entsprechenden 
belegstellen an. Da es sich aber nicht immer sicher entscheiden 
lässt, ob der dichter in gewissen fällen sich auf den Parzival 
oder den jung. Titurel bezieht, nehme ich die citate aus letz- 
terem hier gleich mit hinzu. 

780 ff. Die turteltaube, das wappen des grals — Parz. 474. 
1—11. 540, 26 f. Keuschheit der gralsritter ~ Parz. 285, 28 ff. 

2078 lebt llischaude die der gräl sich von erste tragen lie . . . 
Hier liegt eine Verwechslung mit Repanse de Schoye vor (vgl. 
Bartsch, anm. zu R. 2078); denn es heisst Parz. 235, 25 liepansr 
de sclioij si Mes, die sich der grdl tragen liez. Ebenso im jung. 
Tit. Aber diese Verwechslung ist zu erklären; denn Rischaude 
wird vom gral dem ersten gralkünig Titurel zur gemahlin ge- 
geben (j. Tit. 418 ff.). 

2194 swaz man von Jeschüte de la Lander mündel seit; 
vgl. Parz. 130, 5 ff. 

8921 ff. Kampf zwischen Parzival und Ferevins — Parz. xv. 

8931 Gaivein. 9240 Herzelond. 9242 Gijhiirc. 



STUDIEN ZU REINFKIED VON HEAUNSCHWEIG. 419 

10418 ff. Der gral, cm wnnscli an Uplicher nar — j. Tit. 
490. 598 (Parz. 238, 28). 

11920 ff. und 24946 f. Reiclitum des köiiigs Artus — j. Tit. 
1403. 1408. 

14854 ff. A^^illelialni verg"isst den schmerz übei' den tod 
seiner getreuen ]\lile und ^'ivianz. wenn er in (ij^burgs armen 
rulit — \\\\. 94. 95. 100 ff. 

15238 ff. Sig'üne Scliinaldelandcrs tot mit fade galt — j. 'J'it, 
5776. 

15276 ff. alsani der nurrinne von Zazamanc, der (jrvnime 
not si räricet jämerlkheu tot nach dem erweltvn Gahmurcten 
— Parz. 750, 24 ff. j. Tit. 1000. 2545. 

15282 ff. /;• Iq) zc tödc het (jetreten vil UJit mit frtgem ivillen 
sam daz licrs SccundiUen dar Fereviz den Ansclievin — ? 

15306 ff. Gyburg- leidet not um den abwesenden Willelialm, 
ebenso wie CondAviramurs um Parzival. 

16146 ff. Die beiden hatten nie so grosse Verluste erlitten 
an allein dö si verliirn so niangen helt df Alischanz. 

16585 ff. Wolfram spricht in ^Titureles huoche' ivol von 
ziveilmndert hänge nanicn; vgl. j. Tit. 1547 zu heider sU zivei- 
hundert, die gein strite ivären in der meine. 

j. Tit. 1974 — 2083 ff. folgt dann eine lange aufzählung von 
namen. Der Reinfrieddichter bemerkt 16590 ff., das sei bei 
der gelegenheit geschehen, als die hruoder üzer Babilon, Pom- 
pcms nnd Ypomedön (vgl. Parz. 14, 3 ziven hruoder von Bahildn, 
Fompeius und fyomidon 101, 28 f.; vgl. noch R. 19945 ff.) 

mit her urliuges pflägen den im dur riehen prisant 

nnd keiserliclien h'igeu durch liebe und durch miniie 

mit ofteiilicher melde diu swarze küneginne 

üf Florischanz dem velde von Zazamanc dem t'ürsten gap. 

gen dem . . . fürst en rieh von Baldac, ... ir laut ir namen ich niht hab 

swie daz der fUrste riebe gekennet und ir nnderscheit: 

hette schedelich verlorn, da von wirt iuch niht geseit 

do vor im der hobgeborn noch kunt von mir ir namen gar. 

<iahmuret wart erslagen ir laut ir wäfen offenbar 

mit bockes bluote, ho-r ich sagen, ') muoz ich durch not verswigen. 

an den hertcn adamant 

Diese ganze gescliichte hat der dichter nur aus dunkler 
erinnerung eingetlochten. Dafür spricht, dass ei- den namen 



') (j. Tit. 916. Parz. IÜ5). 

27" 



420 GEREKE 

der königin von Zazamanc nicht kennt, wie er ihn denn sehr 
wol bei der grossen zahl von namen im j. Tit. vergessen liaben 
konnte. Dafür spricht aber auch die angäbe, dass Pompeius 
mit Ypomedon auf dem felde zu Florischanz gegen den fürsten 
von Baldac gekämpft hätten, während auf Florischanz nach 
dem j. Tit. nur das grosse furnier des Königs Artus stattfand. 
Derselbe Irrtum passiert dem Keinf rieddichter, wenn er sagt: 
16648 die pavilün die Secureis üf Florischanz der heiden liez, 
denn Secureis tritt auf Florischanz gar nicht auf; er kämpft 
vielmehr auf seifen der babylonischen brüder in der schlacht 
bei Plenanze. 

Von den eben genannten zelten heisst es weiter 

V. 10650 die Fereviz der vebe hat 

die von Baldac der fürste hiez ervohten sit mit strite 

Schyonabtelandern neu [j. Tit. 3333], durch der von Taburnite 
daz gelichnisse gen küueginnen willen, 

konde Thasme der rieben stat, der süezeu Secundillen [j. Tit. 5320 ff.] 

(vgl. R. 1(5(382 ff.). 

Dieselbe Secundille sante dem Anfortas den l-ostrricJien 
Iran [j. Tit. 4850 ff. Parz.519, 10—12. 18—80. Wh. 279, 13-23], 
der Sit ze teile der schoenen Orgelüsen wart [Parz. 616, 15 ff.j. 

Es folgt nun die erzählung von des Anfortas Verwundung 
und seiner heilung durch Parzival; 16680 ah ich in sime huoche 
rant von dem von EscMhach gcsclirihen. 

16756 ff. Aroffels tod auf Alischanz — Wh. 81, 12 ff. Von 
Aroffel stammt der Persän, mit dem Reinfried kämpft. 

16766 daz ijoltgehirye KauJcasas diende slner niilten haut 
— gefolgert aus Wh. 80, 22 ff., wo Aroffel Willehalm lösungs- 
geld bietet: oh allez gebirge Kauhisas dtner hand ze gehen 
zceme, daz golt ich gar niht nwnie; vgl. R. 17552 si tvoUen so 
vil goldes gehen und me denn Aroffel bot {if Aliscltanz für 
stnen tot. 

17 106 ff. Aroffels schild nimmt ^\■illelullm an sich — Wh. 82,7. 

17333 cvw rofrln sper von Agram — Parz. 335, 20. 384, 30. 
703, 24. 

17378 ff. Der könig Gramoflanz ist so stark, vier ald fünf 
er tvolte zemdl hestän alleine — Paiz. 604, 12 ff. 

18438 ff. Thesereysens tod auf Alischanz — Wh. 87, 27 ff. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 421 

19958 Ter ramer. 20158 ff. Ferevis, Parzivdl, Gawän, Gah- 
muret etc. 

20406 Scliionalitelander besiegte zwanzig fürsteii an der 
von Bahilune her ~ j. T. 1897. 

21930 Gog Mago</ drl Tndiä ivärcn alle im heJcant, priester 
Juhan und sin lant, sivei und sihenzic Idlnicrich — j. T. 6032. 
6033. 6034. 6058. 

22946 Artus. 

Die verse 16156 ff. 19952 f. beweisen, dass der Eeinfried- 
dicliter aucli die vorgeschiclite zu Wolframs Willelialm von 
Ulrich von dem Türlin kannte. 

6, Der jüngere Titurel. 

Sind bisher nur die citate aus dem jung. Tit. berücksich- 
tigt, so sollen im folgenden die reminiscenzen und directen 
entlehnungen daraus zusammengestellt werden. 

Yrkanes erstes auftreten wird ähnlich dargestellt wie im 
jung. Titurel das der atmerinne: 

R. 792 j. Tit. 2799 

man sach üf höhe reichen golt riche seidin lachen 
ein pur pur von vier scheften, fürt man da hundert swebende 

daz wart gefüert mit kreften ob den Imndert kunigen zu obedachen 

enbor von gräven vieren. ie vier iuncherren eins an schef- 
dar under bi den zieren ten vieren 

reit diu minnecliche magt. und ob der atmerinne. 

Wie Reinfried und Yrkane, so bleiben Titurison und Eli- 
zabel anfangs ohne erben: 

E. 12956 j. Tit. 137 

wan ir süeze miune sie vorhten sunder fr uhtbeliben, 

blüete fruht an ir verbar. an erben alle ir riche 

des sach man si jämervar daz must nu hohe freude von in 

gar ze manger stunde. triben, 

fröude in herzen gründe 
künde ez in verderben, 
daz si got an erben 
so lange hat geläzen. 

Deshalb widmen Titurison und P^lizabel (138 ff.) gott ein 
bild von golde als oi^fer nach Jerusalem, damit er ihnen ein 
kind schenke. Ebenso im R.: 

13188 
er bat got und enthiez ze opfer, ob er wolde 

im ein kint von golde erfüllen sineu willen. 



422 



GEREKE 



Ueber die greifen, die das gold auf dem Kaukasus be- 
wachen (E. 18244 ff. j. Tit. 3346—3348) vgl. Bartsch, Herzog 
Ernst s. cliv f. 

Die grosse auseinandersetzung im R. über die vier elemente 
und die in ihnen lebenden geschöpfe zeigt wesentliche berilh- 
rungen mit einer ähnliclien partie im jüngeren Titurel: 



R. 2t;4U-i 
der eleiaenten viere sint, 
von der coniplexen stiure 
hat alle creatiure 
lip und lebeliche pfiiht. 
an ir teraporuuge nilit 
niac lebende sin iif erden. 



2(3410 
ez muht noch kond üf werden 
krüt holz loixp noch stein 
an diu elementen rein 
diu so in ein sich flehtent 
daz si sttete vehtent 



2(5415 
mit zwilicher natiure. 
dürr heiz ist an dem fiure, 
fiuht und kalt daz wazzer hat, 
kalt und dürr diu erde stät, 
heiz und fiuht so hat der luft. 



20420 
iecliches elementen kruft 
pfligt einer lebendigen art 
diu lebendes muoz werden schart, 
swenn ez in ein anderz kunt. 
ein herinc in des nieres grünt 



j. Tit.') 2756 
got alle creature mit creften hat so 

geordent 
mit wazzer und mit feure luft und 

erde dise viere hordent 
mit solher craft daz niht an sie ist 

lebende 
danne vier hande geschepfe 
der einer ist ie ir eines 
leben gebende. 
2757 
die viere niht gemeine lebent der 

elemente 
feur erde wazzers eine gamaniol 

vil hoch gelente 
vierzehen mile oberhalp der erde 
und lebt niht wan luft es. der 
drier hat er zu einer slaht begerde. 
2 71)0 
die ander creature ist niht wann 

wazzers lebende 
der erden luft noch feure ist nach 

disen drin zu nihte strebende 
daz ist der bering weder groz noch 

kleine 
ist er nihtes lebende danne besuuder 
wazzers gar al eine. 
2761 
der muolwerf ist daz dritte weder 

wirs noch liezzer 
der hoch noch der mitte begert er 

Avcder luft feur noch wazzer, 
wan zu allen ziten in der erde 

louzzen 
sin leben ist verkoufet swenn man 
in ob der erde siht hie ouzzen. 



') Ich gebe den text nach Hahn, ohne Verbesserung. 



STUDIEN ZU REINFßlED VON liliAUNSCHWEIG. 



423 



2ti425 
lebt snnder sterben ane not. 
luft tiiir erde siiit sin tot, 
ieclichez sunder, bin ich wer. 
in der erden lebt ein scher 
lange sunder uoete. 



2(i-i:<(> 
luft wazzer tiur in tcete, 
an diu so lebt er schöne. 
in luft gamaleöne 
ist wol an erden wazzer finr. 
so lebt diu vi erde creatiur 

2(;4.3.5 
an wazzer erden uude luft 
und hat lebelichen guft 
in fiure und niht anders. 



2762 
so ist doni saloniandor immer leben 

teure 
sweun er niht sam ein zander zu 
allen ziten brinuet in dem feure 
dem ist luft wazzer erde niht ge- 

mezze 
wau so vil daz er erde bi dem feure 
muz i)flegen eben sezze. 

2768 
wan sie [die elemente) gar uii- 
geliclie sust kriegent mit ir 
alite 
daz ein ist hitze riebe so ist 
daz ander ringe und kalter 
s Iahte 
daz dritte ist swer kuole und 

darzu trucken 
das vierd swer und feuhte und 
kan ie eins dem andern craft 
wol zucken. 

Die g'emeiiisame quelle für R. und j. Tit. .sclieint Honoiitis 
zu sein; in einigen punkten ist die beziehung zwischen R. und 
Honorius näher als zwischen R. und j. Tit. Honorius, De philo- 
sophia mundi. 1.21 De elenientis: nachdem er im anfang des 
capitels entwickelt hat, dass die sogenannten vier elemente 
eigentlich keine elemente sind ^ denn elcmentum est simpla 
et minima pars — fährt er fort (Migne 172,491)): cum ergo 
illae simplac et minimae x>articidae elementa sint, quae est fri- 
gida et sicca, terra est: quae frigida et humida, aqua 
est: quae calida et humida, aer: quae calida et sicca, 
ignis (R. 26416/9); vgl. Image mundi 2, 58. 

AVeiter sagt er (50 B): sunt alii qui dicunt quae videntur 
esse eletnenta, comprohantes hoc autoritate Juvenalis, qui de 
gidosis loquens ait: 

'interea gustus elementa per omnia quaeruut' 

(Sat. 11,14), 

scilicet in terra venationes, in aqua pisces, in aere aves. 

(50 D): in unoquoque illorum [feuer, wasser, luft, erde] ali- 
quid de aliis est (R. 26 108 f.). 

(52 D): cum cnim sint elementa quatuor et quatuor illorum 



424 



GEREKE 



qualitates, inde fnint sex complexioncs (R. 26405), quarum 
quatiior sunt possibiles, duae imjwssibiks. 

Aus dem j. Tit. ist ferner der ausführliche excurs über die 
gewiniiung der kostbaren gewänder geflossen, die die Salamander 
im feuer spinnen: 

j. Tit. mvo 

ein wider glast der snniien ist vou 

der pfelle wehe 
und wirt mit not j^ewunnen in 
dem f eure wurkent sie den spelie 
bi den ist alle side und golt zu nihte 
wie man die wan die gewinnet da 
inalit man hufen drie von 
holtze die rihte. 



vil. 



R. 26458 
man mnoz mit grözer witze 
uz dem starken brinnen 
här und daz tier gewinnen 
mit grözer kost und noetc 

26450 
wan diu wolle gesinxnnen wart 
vou der creätiure 
in dem Avilden fiure 
mit liitze und mit brinnen. 

26464 
ein grozen hüfen machen 
mit dürres holzes stiure. 

26472 
von dem wirt aber eine 
gemachet, doch unverre dan. 
vier ald tünfe machet mau. 

26492 
der hftf verbrinnet, der ander 
hilf da uä enpfähet. 



26485 
so ziuht er dur die hitze dar, 
wan daz belle fiur in gar 
tuot an allem libe frisch etc. 



26498 
ez würket unde spinnet 
alsam die würme siden. 

26440 
swenn daz kleit an schnene laz 
von keiner slaht unreinekeit 
wart, der ez denn schone leit 
in ein grozez fiur, zehant 



t;066 
von ein ander niht verre den 

man da feuret 
er want daz im niht wei-re au sineu 

kampel freuden ez in steuret 
der ander brinnet sweu der 

erste vellet 
vou dem ez aber gaget und zum 
dritten hoivfen sich gesellet. 
6067 
den wurm also zohet mit feure 

drier houfen 
dem berge er sus empflohet wirt wil 

er gahes wider loufen 
nach gaher wirt die vart im under 

gangen 
dur daz die ersten erloschen sint 
da mit ist er gevangeu. 

6068 
vil siden ist er tragende dar 

inne ist er verwunden 
sie sint durch behagende in dem 

berge gevangeu und gebunden 
wan sie kein feur nimmer kan ver- 
brennen 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAüNSCHWEIG. 425 

diu nnreiuekeit s'e^^rant wer molit al solche wniuler an richeit 

wirt (lii von gar suiider sclirauz. onch erkennen. 

2«525 60G9 

si darf nieman wesclien durch reht nuiu ez vergoldet und ist 

mit lougen noch mit eschen, zu })fellen wegende 

uiht wau in fiur ez reinet sich. gar lylicn wiz getoldet Avirt sin 

craft .sin glast sus wernde ge- 
bende 
vil mange werdekeit derpfelle wählet 
daz feur iu machet newe davon 
er nimmer veraldet. 

7. Sonstige höfische epen. 

Zur Vervollständigung unseres bildes von der belesenlieit 
des Keinfrieddicliters in der zeitgenössisclien höfischen literatur 
dient es, wenn wir v. 8930 f. und v. 201G0 AMgalois und Lan- 
zelet genannt finden. Der dichter kannte also auch Wirnt von 
Gravenberg und Ulrich von Zazichofen. 

Ob er Yeldekes Eneide gelesen hat, lässt sich aus v. 3210 ff. 
und 152(30 ff. nicht erkennen, da er v. 3216 Virgil citiert, und 
wir keinen grund haben, ihm nicht zu glauben, 

li. Spielmannsdichtung. 

In der hauptsache verweise ich hier auf die früheren aus- 
f ührungen über die person des dichters. Ich habe dort (s. 363 ff.) 
festzustellen gesucht, dass der Zusammenhang des E. mit der 
Spielmannsdichtung ein fundamentaler ist und, wenn ich so 
sagen darf, einen inneren grund hat. 

Ich erinnere ferner hier noch einmal an Bai'tsch' einleitung 
zum Herzog Ernst (s. cxxx ff.), wo er den beweis der nach- 
ahmung dieses gedichtes durch den R. fülirt, und mache kui;z 
einige nachtrage. 

Wenn wir im R. lesen: 

19370 
ein volc was ungehiure. si wären an den füezen 

des wir .sprechen niüezen: breit alsam die wannen, 

in beziehuiig auf Ernst 4674 f.: 

den warn die füeze vil breit 
und also den swanen gestalt, 

SO ersetzt der Reinfrieddichter hier einen ungewöhnlichen ver- 



426 GEREKE 

gleich durch einen gebräuchlicheren; vgl. Iw. 443 orcuhrcit alsam 
ein wanne; Krone 9381 (vgl. Lexer 3, 682), 

Der fürst von Ascalon, auf dessen seite Eeinfried im 
kämpfe gestanden hat, erweist sich ihm (hmkbar. Ebenso 
wird Ernst vom fürsten der Arimaspen für seine hilfe belohnt : 

R. 2ü66ß Ernst 4702 

•lip und ouch daz leben min er sprach 'jnngelinc gemeit, 

rauoz iuAver eigenlichen wesen. du hast mir manliche 

ich, liut und laut, wir sin genesen und also frumliche 

von iuch', sprach er, 'iuwer trost ere und lip hehalden. 

hat uns ritterlicli erlost du solt ienier mer gewalden 

von iemer wernder swsere'. niins landes swaz dus haben wil.' 

20670 4708 

'swaz ich üf al der erden 'des sol ich dir liheu also vil 

ieze hän ald ie gewan durch liebe die ich zuo dir han 

und iemer me gewinnen kau, daz du selbe mäht avoI hau 

sol iuwer eigentlichen sin.' beide ere unde ruom.' 

Wie herzog Ernst, so besucht natürlich auch Reinfi'ied 
Jerusalem und das heilige grab: 

R. 17938 Ernst 5078 

der fürste riebe aldä opferte der wigant 

und al sin kristenlichiu schar gote ze eren üf sin grap. 
brahten gröziu opfer dar. 5684 

17944 ze dem tempel gap er ouch genuoc 

(er hiez) mit riehen Sachen und swä er heilige stete vaut. 
daz grap, den tempel kleiden. 

Die frage nun, welche bearbeitung der Ernstsage dem 
Reinfrieddicliter vorgelegen hat, muss offen bleiben. Von den 
uns erhaltenen fassungen scheint direct keine in betracht zu 
kommen (vgl. Bartsch, H. E. s. (;xxxviii). 

Widerholt wird im R. die AI ex and er sage berührt. Diese 
ist ja im mittelalter sehr verbreitet, und unser dichter kannte 
sie gewis aus verschiedenen quellen. Speciell angelehnt haben 
mag er sich an die Überlieferung, wie wir sie in Enikels 
Weltchronik lesen, da er wahrscheinlich bei seinem zweimaligen 
citat einer chronik eben diese meint: 

R. 17970 Enikels "W. 2S9I5 

sider ich gehoeret hab (abweichend von der Kaisercluonik) 

daz diu stat daz grap daz laut dar nach der keiser wart verholn, 

kam aber in der kristeu haut den kristen allen vor verstoln; 

bi keiser Frideriche. wau niemau west diu maere 



STUDIEN ZU KEINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 427 

und do der fiirste riclie w;i er liiii komou wa're etc. 

so wnnderliclien wart vertribcii, (vgl. »Strauclis aiini. zu dieser 

als in der crönik ist geschribeu. stelle). 

18140 EuikelsW. 21:131 ff. 

do Titas und Vespasian 
gotes marter rächen 
und Jerusalem zerbrachen, 
als cronica diu wäre seit. 

Von Alexanders wunderbaren reisen kennt der dichter 
zuerst die nieerfalirt (v. 15156 ff.; vg-l. aucli v. 225;)ü f.) und zwar 
die Version der sag"e, wonacli sicli Alexander an einer kette, die 
seine geliebte hält, in das meer hinablässt (Knikels ^\^ 19251 ff. 
und daraus auch im Baseler Alex. s. 4247 ff.). Die g-eliebte lieisst 
hier Landanne, während sich sonst höchstens der nanie Iloxane 
findet. Den namen Laudavine, der sich nirgends nachweisen 
lässt, hat sich wol der dichter selbst zurechtgemacht, aus 
Lmidine und Lavine (Lavinia). 

V. 21850 ff. \^^rd Alexanders fahrt zum paradiese erwähnt. 
Die angaben treffen insofern mit dem bericht Enikels (19010 ff., 
vgl. auch l^aseler Alex. 4154 ff.) zusammen, als an beiden stellen 
keine andeutung zu linden ist von dem weisen Juden, der dem 
Alexander, erst nach der rückkehr, in Griechenland offenbart, 
was es mit dem icimderlichen stein auf sich habe. So nämlich 
ist die Version in Lamprechts Alexander, nach dem Iter ad 
paradisum. Es fehlt jedoch in Enikels W., was im R. unmittel- 
bar vorhergeht: 

21b4(i 
er seit im daz er wsere kernen mit sinnen in der wise 

mit strenger noete süre daz si dem paradise 

au die höhe müre und dirre erd geh underscheit. 

da al diu weit ein ende nint. für war niemen niht da von seit 

sumeliche liute sint mit siebten worten blözcn. 

Diese niauer könnte der dichter ja nun ebensogut aus einer 
anderen quelle als einer Alexandersage haben (vgl. z. b. Luci- 
darius, Hall, univ.-bibl. Af 2048. a IIDl: der mcistcr sprach also 
die buclier sagent so mag nientant in dz paradeifs kommen dan 
mit gUtten wercke. wan darumh gcet ein feurin maur die reychet 
bifs an de }iimel)\ abei' Avir finden sie z. b. bei Lamprecht 
(6850 ff.) und im Iter ad paradisum (auch bei Ulrich v. Eschen- 
bach 24444 ff.) Also dürfen wir wol annehmen, dass der dichter, 



428 GEEEKE 

wenn er auf die Alexandersage anspielt, liier in der erinnerung 
aus verschiedenen quellen conibiniert. 

Der scliiffsherr aus Ejulat, dei' dem herzog Eeinfried von 
dieser fahrt Alexanders zum paradiese erzählt, da er selbst 
dort gewesen ist, berielitet weiter, Avie er auf seiner reise 
das ende der weit erreicht habe, wo einst k;>nig Hercules zwei 
ertn (so wird statt erlhi v. 21907 zu lesen sein) siul errichtete, 
zum Avahrzeichen, da.z nie kein mensche fürhaz mohte komen. 
In den Strassburger drucken der Historia de preliis werden 
nach Kinzel, Lampr. Alex. s. xxv die säulen des Hercules ge- 
nannt, vgl. Hist. de prel. (hsg, von 0. Zingerle) c. 91. 

Als dritte der wunderbaren reisen Alexanders nennt der 
Eeinfrieddichter die greifenfahrt 22514 ff. Vgl. Enikels W. 
19441 ff. (Baseler Alex. 4381 ff.). In der luft habe Alexander 
den vogel gamaleon gesehen: 

22523 swenn er sich missehüetet 

der vog:el siuiu eiger birt, daz er uäcli zuo der erden kuut, 

und wie im üf dem rugge wirt so ist er tot der selben stunt, 

sin fruht schon uz gebrüetet. wan er üf erden hat kein ner. 

Ueber das nur in der luft lebende chamaeleon vgl. Laudiert, 
Geschichte des Physiologus s. 202. Freidank 38, 109, 14 ff. Eein- 
bot, Georg 3874 — 3880. Im jüngeren Titurel lesen wir str. 4755, 
dass Alexander in der luft den vogel galadrot gesehen habe: 
ivie der in den lüften yet nu sivebende und sine junge brütet, 
hiz das sie mit im schone fliegent lebende. Str. 2759 heisst es 
vom gamaniol: swenne er sine jungen tvillen hat zu meren von 
im ivirt hoch gesungen wenn er legt daz ey zu hant so Jean 
er keren und tut dem ey so not mit nider drucJie untz daz ez 
ivirt zu vögele so kan ers danne füercn uf sinem rucke, und 
von demselben 2757 imd lebt niht ican luftes (vgl. s. 422). 

Ueber die einschliessung von Gog und Magog sagt der 
Reinfrieddichter: 

19547 wie Alexander si besloz 

Gog und Magog der Juden laut mit berge und mit müren gröz 

stät in der küneginne [der Amazonen] und ouch mit dem grienigen nier 

da mit die roten Juden sint, [hant, daz äne wazzer sunder wer 

als man noch geschriben vint. fliuzet stsetecliche. 

Dasselbe berichtet nach Zingerle (Die quellen z. Alex, des 
Rudolf v. E. s. 86) Rudolf in seinem Alexander (v. 1587G— 



STUDIEN ZU REINFRIEl) VON BRAUNSCHWEIG. 429 

17395), mit fälschlicher beruf img auf Josephus [vgl. auch Baseler 
Alex. 4108 ff.]. 

Ooo- und ;Mao;og- neben den roten Juden werden erwähnt 
im j. Tit. (.)057 f. An derselben stelle h(>ren wir auch von dem 
meer: 6056 da hi so ligt hesunder gar ane ivazzer trucken ein 
mcr\ 6059 ditz mcr von sandc durch lavt gar ane zuld ez rinnet. 
Das sandmeer stammt wahrsclieinlich aus dem brief des priesters 
Johannes c. 31: mare harenosum sine aqua. Jiarena movetur et 
tuniescit in nndas ... et numquam est tranquillum. 

Wenn v. 19941 f. und v. 26772 ff. von Alexanders kämpf 
mit Darius berichtet wird, so geht diese kenntnis im zweiten 
falle sicher auf die bibel zurück. Jedoch enthält eben diese 
stelle einen zusatz, den die bibel nicht hat. Alexander hat 
den Darius besiegt und die ganze erde sich untertänig ge- 
macht; aber 

25784 
niht langer wan uf <li1ge tage in tut .sin vil werdez leben, 

wert sin keiserlicli gewalt. wan er starp, im Avart vergeben 

mit untriuwen wart gevalt mit arger gifteclicher pfiiht. 

Da in v. 26784 f. eine textverderbnis ausgeschlossen ist 
{tage reimt auf sage), so kann die stelle, wenn sie sinn haben 
soll, allein so gefasst werden, dass Alexander nur drei tage 
auf dem gipfel seiner macht stand. Diese angäbe weiss ich 
jedoch durch nichts zu belegen. Daher glaube ich, dass der 
dichter, der die eben genannte partie mitten in einen biblischen 
excurs, also wol sicher aus dem gedächtnis, einlegt, hier bei 
den drei tagen eine Verwechslung begeht. Drei tage weilt 
Alexander z. b. auf dem meeresgrunde. üeber Alexanders tod 
vgl. Enikels W. 19652 ff. Baseler Alex. 4441 ff. 0. Zingerle, Die 
quellen z. Alex, des Rud. v. Ems s. 50, a. 3. 

Enikel berichtet uns auch (23779 ff.) die erzählung von 
Virgil, wie er zu Rom von einem listigen mädchen in einem 
korbe aufgehängt wird. Darauf spielt der Reinfrieddichter 
15176 ff. an und nennt hierbei wider einmal, wie bei Alexan- 
ders meerfahrt, für das mädclien einen namen, Äthanatä, den 
wir sonst vergebens suchen. Vgl. Massmann, Kaiserchronik 
3, 451 ff. V. d. Hagen. GA. 3,cxlix. Strauch zu Enikels AV. 6173. 
Germ. 4, 273. Athauais lässt sich als ähnlidiklingend aus dem 
Eraclius allenfalls anführen. 



430 GEREKE 

Im anscliluss hieran erwäliiie ich gleicli noch, dass im R. 
auf diese geschieh te unmittelbar die anekdote von dem 
weisen Aristoteles folgt, der sich von einem mädchen reiten 
lässt (15182 f.). In v. d. Hagens GA. 1, 2 ist das mädclien Ale- 
xanders geliebte, Phj^llis (vgl. dazu GA. 1, einleitung s. lxxv ff.). 
]\rerk würdigerweise führt sie im E. den namen Silariti. Wir 
haben denselben fall wie oben: der name ist anderweitig nicht 
nachzuweisen. Ich glaube deshalb aber noch nicht, dass wir 
daraus auf besondere, uns unbekannte quellen schliessen müssen, 
sondern möchte lieber dem dichter selbst die erfindung dieser 
namen zutrauen. 

Etwas länger verweilen muss ich jetzt bei der episode 
vom Zauberer Zabulon und von dem magnetberge, die im 
E. einen ziemlich beträchtlichen räum einnimmt. Diesen Zau- 
berer, der in unserem epos übrigens Savilon heisst, und seine 
taten kennt auch der Wartburgkrieg, dessen 6. teil Simrock 
'Zabulons buch* überschreibt. Vergleichen wir nun beide er- 
zählungen, so ergeben sich bei zahlreichen, teilweise fundamen- 
talen abweichungen doch viele wörtliche anklänge. Und daraus 
schon folgt, dass ein directer Zusammenhang zwischen E. und 
Wrtbgkr. nicht besteht, sondern dass beide vermutlich aus 
derselben oder aus verwanten quellen schöpfen. 

Ich gebe zunächst eine kurze Übersicht über beide fassungen. 
Zabulon oder Savilon, heisst es: 

R. 21328 W. 156,9 

was der ftrste dem ie wart wa.s der erste der sich 

astronomie bekaiit. astrouoraie ie underwant. 

21344 15G, 11 

nu sach der selbe jungeliuc eins nalites er an den Sternen 
mit zeichen offenbaren vant, 

daz nä zwelf hundert jären daz bi zwelif hundert jären 

har üf dise erden wurde ein kint geborn, 

ein kint solte werden daz alle Juden gar von eren 
von einer megede geborn. stiez. 

von dem kinde solt verlorn 
werden jüdische diel. 

2135G 156, 15 

er gie behendecliche erz uiht enliez, 

und seit ez der muoter sin, wie schier het erz der muoter 

wan diu was ein Jüdin, sin geseit. 

sin vater was ein beiden. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 



431 



213C3 
wau si sin iuneclich eisclirac. 

Auf der inntter i'ut forscht Savi- 
lon weiter in den Sternen und er- 
fährt dnrcli den Satunuis. ilie gefahr 
für die jnden könne verhütet ■wer- 
den, wenn er ein Ideinez hrierel mit 
höhen paragraff'en und mit worten 
beschriebe, die ouch icol du zuo hör- 
ten, und dann diesen brief so ver- 
bärge, dass ihn niemand fände. 

2N3(i 
über daz wilde nier und tief 
fuor er i'if den agesteiu. 

Es folgt eine ausfülu'liche Schil- 
derung der von Savilon auf dem 
magnetberg- g-etroft'enen eiuridi- 
tungen. Unter anderem verfertigt 
Savilon folgendes: 

21-18(5 
ez was ein er in bilde 
und hat ei n h a \n e r i u d e r haut 
erzogen. 

Das eherne bild hat eine ganz 
andere bestimmung als im Wrtbgkr. 
Zwar handelt es sich hier auch um 
ein buch, aber um ein niyroviunzie 
buocJi, mit dem Savilon, um ewig zu 
leben , einen geist in seineu leib 
bannt, indem er seine füsse auf das 
Ijuch setzt. Die übrigen teufel hat 
er mit drei anderen büchern be- 
zwungen, die er in eine wand ein- 
.schliesst. — Sonst spielt Savilon im 
R. selbst die rolle des eherneu 
bildes des \\'rtbgkr. 

21508 
er hatte an dei' stunde 
mit angestrichen sorgen 



150,7 
er was ein Jude von muoter art, 
ein beiden vaterhalp. 

157, 1 
diu frouwe wart in schricken 

rOt. 

Zabulon koninit selbst vermöge 
seiner my.stischen kenntnisse auf den 
gedankeu, das unheil dadurch abzu- 
wenden, dass er nach der Juden kür 
ein bucli dichten will. Wie er das 
buch nun mit allen nigromantischen 
künsten anfertigt, wird ausführlich 
berichtet. Ein jähr und zwölf Wo- 
chen arbeitet er daran. 

159,15 
einen geist er twanc, 
daz er imz üf dem agetsteine be- 

Davou niclits im Wrtbgkr. 



KiO, 3 

der meister da ein bilde üz ere 

der Schrift ez hüeten sol. [göz: 

100,7 

einen klüpfel truoc ez in der 

der stuont ze swterem zil. [haut. 



432 



6E)REK.E 



den kleinen brief verborgen 
im selben in daz ore. 



Savilou bannt ferner einen teiifel 
in ein g-las (vgl. Zs. t'da. 35, 1 tu) f.) und 
verbirgt dies imden an des steines 
pfut. 



Ein hell ze Lamperten, fürst und 
berr zu Mantomve, Yirgil, der grosse 
reichtümer besass, gieng mit seinem 
gelde so verschwenderisch freigebig 
um, dass er gänzlich verarmte. 



Virgil hört von Savilon und macht 
sich mit elf begleitern auf nach dem 
magnetberg. Er findet den geist im 
glase und gewinnt mit seiner hülfe 
den brief Savilons und das vic/ro- 
manz/e huoch unter dessen füssen. 
Nun schlägt das eherne bild mit dem 
hammer zu und tütet den Savilon. 
Zu derselben zeit wird Christus ge- 
boren. 

Virgil lässt den Savilon von den 
teufein, die er befreit, begraben. 

Darauf stürzen die teufel sich 

alle ins meer. Nur den gei.st, der 

in dem glase war, bannt ^'irgil mit 

list wider hinein 

(vgl. Massmann, Kaiserchr. 3, 43S f. 

K. L. Roth, Germ. 4, 27b f.;. 



Ifii), 
der meister sehoub im einen brief 
inz houbet da zer nase. 

Wo hier mit einem male der brief 
herkommt, von dem vorher noch nicht 
die rede gewesen ist, bleibt unklar. 

Eine fliege in einem glase aber 
verrät dem Virgil das buch. Aristo- 
teles hat diese da hineingesteckt, 
indem er seinen gesellen Klestronis, 
um ihn vor der höllenpein zu be- 
wahren, 'als fliege verwandelt in 
den rubiu eines ringes bannte. Aus 
diesem ring war Klestronis nachmals 
dem künig Tirol mit seinem rat beim 
Schachspiel behülflich, als dessen 
haupt zu pfand stand' (Sinirock 
s. 302 f.). 

Iü3, 5 
ze Röme ein rieh gesiebte hiez, 
daz was in armuot komen 
durch ir edelen milten muot 

(Simrock meinte, die erinnerung 
an dieses verarmte geschlecht hätte 
sich im R. nicht bewahrt). 

Dieses geschlecht will die schätze 
der am magnetberg gescheiterten 
schiffe auf des Aristoteles rat ge- 
winnen und sendet deshalb unter 
Fabian eine schar aus, der der Zau- 
berer A'irgil den weg zeigen niuss. 

Damit endet die geschichte im 
Wrtbgkr. Nach Simrock hat die 
Kolmarer liandschrift noch eine fort- 
setzung: Fabian wird von einem 
greifen verschlungen, Virgil gewinnt 
das buch Zabulons und befreit erst 
den geist aus dem glase, zwingt ihn 
aber dann Avider hinein. 



STUDIEN ZU liEINFKIED VON BRAUNSCHWEIG. 438 

Comparetti (Virgiliu nel iiiedio evo 1872, deutsch von 
Dütsclike 1875) versucht es (s. 268) aus beiden fassungen die 
ursitiün,i>-liche sage zu reconstruieren. In einer sich mehr der 
fassung- im K. näliernden form erzählt dieselbe sage Heinrich 
von I\nigeln in einem gedieht auf den zauberer Virgil, das 
Zingerle (lerm. 5, 368 ff. veröffentlicht hat. Comparetti führt 
ferner (s. 264 f.) aus der Image du monde (ed. du ^leril, i\Ielanges 
archeol. s. 456 ff.) die erzählung- von einem besuche des apostels 
Paulus an Virgils grabe an. die gleichfalls ähnliche züg-e 
enthält. 

Das buch Zabulons ist nach ihm aus dem buche über die 
ars notoria entstanden, das, wie Gervasius von Tilbur}' weiss, 
von einem ?]ngländer im grabe Yirgils gefunden sein soll. Im 
wesentlichen wird Comparettis reconstruction der ursprüng- 
lichen sage das richtige treffen. 

Simrock vermutet, dass das uns verlorene gedieht vom könig 
Tii-ol die grundlage bildet. 

Erwähnt sei endlich noch, dass Sahulon auch in einem 
liede der Kolmarer meisterliederhandschrift (Bartsch 28,. 54) 
vorkommt, das nach Bartsch jedenfalls jünger ist als 1308. 

\\'as übrigens die bemerkung im R. betrifft: 21720 wol 
fünfhundert rnile in dem agestein man sach sivaz iender üf 
dem mer hescJiach, so vgl. dazu Comparetti s. 256, der für 
Spiegel von solcher Wirkung belege bringt. Ich füge noch 
hinzu Parz. 592, wo von einem warthaus auf der wunderburg 
Klinschors berichtet wird, in dem eine säule steht, die alles 
abspiegelt, was sechs meilen in der runde geschieht. 

III. Mittelalterliche lateinische Schriftsteller. 

Die unter dieser Überschrift behandelten stellen des R. 
sind leider nicht derart, dass sie zuliessen, ihre quellen zweifel- 
los und bestimmt anzugeben. Das liegt in der natur der 
Sache. Es lässt sich nicht mit Sicherheit behaupten, woher 
der dichter z. b. seine kenntnis des heiligen landes oder sein 
naturwissenschaftliches wissen schöpft. Er hatte dafür viel- 
leicht gar keine directe quelle. Denn was er berichtet, und 
wie er es bei-ichtet, das ist meist gemeinsames wissen der 
zeit. Erzählungen der kreuzfahrer, reisebeschreibungen, ge- 

Uuiträge iüt guucbiclite der iluutiicheu »praube. XXllL, 2b 



434 GEREKE 

lehrte compendien fleissig aus- und zusammenschreibender 
geistlicher u.s.w. haben dafür gesorgt, die bekanntschaft mit 
solchen dingen allgemein zu machen. 

Dennoch möchte ich glauben, dass der E einfrieddichter in 
einem teile seiner angaben wenigstens sich seine Weisheit 
direct aus den in der zeit meistgelesenen Schriften des Hono- 
rius von Antun und des Yincenz von ßeauvais geholt habe. 
Ich will damit nicht behaupten, diese beiden müssten nun für 
jeden einzelnen der im folgenden behandelten fälle, wo sie als 
gewährsmänner herangezogen werden, wirklich (luelle gewesen 
sein — und ich füge darum oft auch noch andere belegstellen 
hinzu — , aber ich meine, es dürfte immerhin wahrscheinlicher 
sein, dass der dichter im wesentlichen alles aus einer oder 
aus zwei quellen schöpfe, als dass ei- seine mannigfaltigen 
kenntnisse von überall her zusammengesucht habe. 

Unter den statten, die herzog Reinfried in Palästina be- 
sucht, ist natürlich vor allem das heilige grab: 

181 38 uä laugen verreu jären sider, 

daz grap bi der selben zit do Helena lebte, 

stuont vor der stat ein teil liindan. diu nach dem krinze strebte, 
do Titus und Vespasiäu diu Constantinus muoter was. 

gotes marter rächen nu büte man die stat s6 daz 

und Jerusalem zerbrächen, [vgl. s. 427] daz grap nu in der kilchen lit, 
als cronicä diu wäre seit, und da diu stat bi alter zit 

do wart ez von der kristenheit lac, da lit nu buwes niht, 

gebüwen vestecliche wider wan man ez noch verwüestet silit. 

Dazu vgl. Honorius Augustodunensis, Spec. eccl.: de 
inventione sanctae crucis (Migne 172, 947): Helena (niater Con- 
stantini) sanctae crucis amore accensa, Hierosolimam properat; 
convocatis Judaeis locum Calvariae sibi demonstrari poshdat, 
quem tum densitas vepritim atque virguUorum operuerat, et ideo 
incognitus erat. Nam transactis de passio7ie Domini XL annis 
Momani Hierosolimam funditiis destruxerant, et aliam 
civitatem Helius Ädrianus post longo tempore in alio loco 
construxerat, quam suo nomine Heliam appellaverat. Do- 
minus enim extra portam j^assus et sepnltus legitur; 
qui uterque locus quae nunc est Hierusalem hodie ab omnibns 
cernitur. 

Sicherlich ist für die geschichte der kreuzesauffindung 
Honorius dem dichter nicht einzige quelle gewesen; denn dieses 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAÜNSCHWEIG. 435 

tliema ist in der damalig"eii literatur (vgl. Maissnianii, Ivaiser- 
clironik 3, 849 ff.), aucli in deutschen predigten (vgl. Zs. fdph. 
27. 195) nnd jedenfalls in i-eisebesclireibungen viel behandelt; 
für die mündlichen berichte der kreuzfahrer und i>ilger ferner 
niusste natürlich das heilige grab den niittelpunkt bilden, 

A\'as mich aber bewogen hat, dennoch hier den Honorius 
zu eitleren, ist die mit 1\. übereinstimmende ziemlich ausführ- 
liche angäbe über die firtlichkeiten. wie ich sie in den sonstigen 
berichten nicht gefunden habe. 

Reinfi'ied sieht ferner die stelle da <jot ze himelriclte fiior: 

18159 (lä siiuT fiu'ze zeichen stät 
iu (lern steine da er hat 
ze jungest ftf ertrich getreten. 

Honorius, Spec. eccl. (Migne 172, 958): vestigium . . . quod ascen- 
ilens hurenae hnpressit, adhuc locus ille retinet. Vgl. auch Vin- 
cenz Bellov., Spec. bist. 7, G4 aus Petrus Comestor. Beda, De locis 
sanctis (.Migne 98, 1184). 

Legenden, deren im R. erwähnung geschieht, sind folgende: 
1) V. 13000 ff. ]\rariä gebiirt. — Honorius, Spec. ecclesiae: de 
nativitate :\[ariae (Migne 172, 1000). Alt. pass. (Hahn) s. 5, 63 ff.; 
vgl. Anz. fda. 2, 233. — 2) v. 15942 ff. Märtyrertod des heiligen 
]\Iauricius. — Honorius, Spec. eccl.: de sancto Mauricio et sociis 
eins (Migne 172, 1005). ]\rassmann, Kaiserchronik 3, 779 ff. — 
3) V. 2(3998 ff. Wunderbare Wirkung des leichnams der heil. 
Katharina. — Jacob, de Yoragine, Leg. aurea c. 172. Pass. 
(Köpke) s. 088 f. Im übrigen vgl. Piper, Geistl. dichtung des 
ma. 2, 81 f. Knust, Geschichte der legenden der heil, Katha- 
rina (Halle 1889). Im anschluss an diese legende erzählt der 
dichter von einem kloster, in dem 

27008 
niht nie was wie zwelf liehter über al 

ilenn zwelf herren an der zal, .scliön lirinnent nnde reine. 

Wenn eins dieser lichter erlischt, muss von den zwölf 
mönchen einer sterben; ist dann aber die zahl der mönche 
wider ergänzt, so entzündet sich das erloschene licht von 
selbst. Dazu vgl. H, Schiltbei-gers Keisebuch (hsg. von Lang- 
mantel, Lit. ver. no. 172) s. 71. Johann von Montevilla I (etwas 
abweichend). 

rnbekauiit ist mii- die (juelle zu v. 21042 ff.: Sahmio habe 

28* 



436 GEREKE 

aller tiuvel l:ruft in ein gias venvärket (nach Pass. [Köpke] 
331, 35 ff. in ein vas\ vg;!. Wiese, Zur Marg-aretenleg-ende, in 
den Abhandlungen . . . A. Tobler dargebracht [Berlin 1895J, 
s. 129 f.) und dieses glas aufgehängt in des tempels kröne, 
unz die von Babilöne und wänden diune vinden golt. 

sich au den Juden rächen. dö was dez grözen guotes solt . . . 

daz glas si dö zerbrächen (lücke) 

Vgl. Vogt, Beitr. 1, 286. 

Betreffs der benutzung des Honorius s. auch oben s. 423 f. 
Honorius hat aus Isidor unter anderem den bericht über die 
sämmtlichen wundermenschen und fabelhaften tiere entlehnt, 
und es ist möglich, dass der Ta einfrieddichter neben dem 
Herzog Ernst und Rudolf von Ems auch hierin Honorius be- 
rücksichtigt. 

Was er über die planeten und über Saturn und Jupiter 
speciell sagt, stammt vielleicht gleichfalls aus Honorius; 
sicher ist das bei der undeutlichen kürze der betreffenden 
stellen nicht zu entscheiden: 

18G24 
ir [der planeten] sibenvalteclicher si gar wunderliche, 
die berge gar durchlühten. [schin dö in einem striche 
die werden herreu dühten iegelicher sunder schein. 

(Hon., Imago mundi 1, 68 [Migne 172, 138]). 

Saturnus zornecliche mein Jovis des loufes güete 

tet hie kein ungemüete mit senfteclicher wise. 

(Hon., Philos. mundi 2, 17—18 [Migne 172, 62 f.]). 

21383 
nam aber des sternen war vollendet hat sin loufeu sus. 

der da nä über drizic jär man seit ez wier Saturnus. 

(Hon., Philos. mundi 2, 17 [Migne 172. 62 f.]). 

Ausser Honorius benutzt der Reinfrieddichter wahrschein- 
lich den Yincenz von Beauvais. Beide haben nämlich über 
die elephanten solche eigentümlich besonderen angaben, dass 
ein Zusammenhang mir ziemlich sicher erscheint. 

Wir lesen im R. von den elephanten, die der könig von 
Indien dem herzog als geschenk sendet: 26230 an ketten 
fuort man unde zoch si fjezoycnliehe. Dazu vgl. Vincenz, Spec. 
nat. 19, 39 (aus Plinius): qtii tumuliuantem {^t. elepliantem) ca- 
tenis coerceant. 



STUDIEN ZV REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 437 

26241 f. wild erzählt, dass der elephaiit seine jungen im 
Wasser gebiert. Dazu vgl. Vincenz a. a. o. 19, 44 (aus dem PI13'- 
siologus): tempore vero partus ingreditur aquam usque ad iibera 
et ibi x)arit super aquam. 

Entscheidend ist aber nun der bericht, wie die elephanten 
gefangen und gezähmt werden. 

Zwar beruft sich der dichter v. 2(3267 f. (als ich wol habe 
gehoeret) auf eine mündliche riuelle; ich glaube aber nicht, 
dass man den ausdruck hier so wörtlich nehmen darf. Vgl. 
Viiic. 19, 49. Eleplias in tihiis iuncturas non habet, nt legitur in 
besfiario* dormientes clephanti numquam recumbunt, sed cum 
labore dcfatigati sunt, arboribus magnis applicati se recreant 
et in ijjsis sujfulti dormiunt. qiiod eorum venatores attendcntes 
locum et arbores notant casque paene succidimt. quibus cum 
elephantcs inniti secundum consuetudinem suum putant, rumit 
arbores et clephanti cum eis ad tcrram prosternuntur sicque 
capiuntur. cum enim elephas ceciderit, surgere non calet. sed 
ad eins barritum elephantcs plerumque ceteri currunt 
et cum sc incurvare ac sociuni erigerc non possunt, 
gemunt pariter et barriunt (dazu E. 26276 — 26289). {2)ar- 
vuli vero elephantcs prout valent se secum sua promuscide 
supponentes cdiquando erigunt sicque de manu venatorum libe- 
rant). ideo aiitem maior elephas cadens surgere non valet quia 
ossa solida sine iuncturis Imbet, unde tibias et crura flectere 
non imtest (dazu R. 26254—26260). 

*19, 39 (aus dem Ph3'siologus): elephas dum arte hominum 
succisis arboribus ingentia membra committit, tanto pondere 
supinatus propriis viribus surgere nequit, quod pedes eius nullis 
instituuntur articulis. sed humano solatio surgit, cuius 
arte iacuit. Itaque helua suis gressibus restituta memor 
esse beneficii novit in magistrum, quem sibi subvenisse ag- 
noscit. ad ix^sius arbitrium gressus movet, eiusdem voluntate 
cibos capit (R. 26290—26304). 

19,50 (ex libro de nat. rer.): itaque venatores in deserto 
quaerentes elephantos silvestres, cum cos inveniunt, domesticis 
praecipitmt iUos persequi ac percuterc quousquam oboediant et 
defatigati stando quiescant. tunc venatores illos ascendunt et 
percutiunt ac pungunt et movent cos ad hoc, ut homines timeant 
(R. 26326 ff.). 



438 GEEEKE 

19,42 (aus Isidor) : in Ins enim Persae et Lull liyneis turri- 
hus coUocant: tamquam de muro iaculis dimicant (R. 26344 ff.). 

Aelinliclies erzählt Bartliolomaeus Ang-licus, De proprie- 
tatibus rerum 18, 4;! (Xünibeig- 1492), aber einmal fehlt bei 
Bartholomaeus, der übrigens älter als Vincenz ist, die ang^abe 
des Vincenz 19, 39 ^^ E. 26230 1; ferner hat er abweichend 
von Vincenz und l\. 18, 42: eleplias autem cum sedct flcctit pcdcs, 
sed non imtest fledcrc pcdes qnatuor propter pondtis corporis, 
dormit staute corpore et pcdes posteriores flcctit sicut homo; 
endlich fehlt Vincenz 19, 39 (aus dem Physiolog-us) ^= R. 26290 
— 26304 und der bericht von der Zähmung, Vincenz 19, 50 = 
R. 26326 ff. 

Ungefähr ebenso wie mit Bartholomaeus steht es mit den 
angaben des Jacobus de Vitriaco in seiner Historia Hierosoly- 
mitana (Bongars, Gesta dei per Francos s. 1101). 

Alle sonstigen berichte über die elephanten, die ich kenne, 
erzählen nichts von fang und Zähmung, und so glaube ich hier 
mit ziemlicher Sicherheit den Vincenz als quelle für R. an- 
setzen zu dürfen, zumal der dichter bei ihm alle die einzelnen 
angaben der verschiedensten quellen vereinigt fand, die er sich 
andernfalls aus diesen (Plinius, Isidor, Physiologus u. s. w.) erst 
hätte zusammenholen müssen. 

Die dromedare, erzählt der Reinfrieddichter, laufen so 
schnell, 26956 daz man einz hundert mtle het eins tayes wol 
geriten. Dazu vgl. Vincenz (aus Isidor) a.a.O. 18,45 centuni 
enim et amplius miliaria uno die pcryere solet. 

In demselben Speculum naturale 30, 16 findet sich aus 
Augustin die angäbe Adam ibi quoque de diluvio futuro ac de 
iudicio per iyncm coynovit et libcris suis indicavit. 

Darauf geht direct allerdings R. 19750 ff. wol nicht zurück: 

nii hatte Adam offenbar vei'derben iiude toeten. 

vor langen stunden daz geseit, von disen grözen noeten 

got wolt alle menscheit «eit sin wise güete 

und alle creätiure lang vor der sintflüete. 
mit wazzer alil mit fiurc 

Hieran schliesst sich nämlich im R. die erzählung, wie die 
menschen vor anbruch der sintflul den plan fassten, zwei 
Säulen aufzustellen, die eine aus marmor, damit ihr das wasser 
nicht schaden kann, die andere aus Ziegelstein, damit sie vor 



STUDIEN ZU BEINFUIED VON BRAUNSClIWElG. 439 

feuer geschützt ist. Auf diesen säuleii sollen dann die taten 
der menschen für künftige geschlechter aufgezeichnet werden. 

Diese meik\\ ürdige geschichte überliefert Goropius Be- 
canus in seinen Hieroglyphica (Antwerpen 1580) 1,11: scribit 
... Joscphus^) ex suoruHi honnnuni, nt fullur, traditione, diias 
ante düuvium a Scfhinis columnas erectas fuissc; alteram late- 
ritiam, tie ignc dissilirct; alteram lapkleani, nc aquis corrum- 
peretur: quaruni utrique astrono)mam inticripserunt. accepisse 
enim ah Adanio geminam totius orbis eversionem futuram, alteram 
per vim ignis, alteram per vastam aquarum inimdationem; et 
idcirco eavisse, iit utrovis modo mimdns- periret, caelestium saltem 
motionum doctrina superesset 

Die combination nun, dass die menschen auf diesen säulen 
auch die warnenden lehren aufgezeichnet hätten, die Adam 
seinen kindern betreffs der wunderbaren kräuter gab, stammt 
natürlich aus dem kojjfe des dichters selbst. Offenbar hatte 
er daran anstoss genommen, wie es denn möglich sei, dass 
in folge der Übertretung von geboten Adams die misgeburten 
entstanden sein sollen, da doch die Sintflut ausser Noah und 
seiner familie alles lebende vernichtet hat. Da hilft er sich 
denn ganz geschickt mit der einfügung der geschichte von den 
beiden säulen. Ob er diese aber aus derselben quelle schöpft 
wie Goropius, und welches jene quelle ist — denn schwerlich 
geht Becanus direct auf Josephus zurück — vermag ich nicht 
zu sagen. 

Bei der erwähnung der arclie Noahs im R. sind mir 
übrigens immer folgende worte aufgefallen. Die arche, so 
heisst es, wird vom wasser getrieben, 19747 mit hmh für aller 
berge jocli, die üf der erde ligent noch. Was soll dieser 
sonderbare zusatz: die berge, die noch auf der erde liegen? 
Zum mindesten gibt es zu denken, wenn wir bei Honorius, 
Im. mundi 1. 19 []\Iigne 172, 127] (bei Isidor u. a. in ähnlicher 
weisej lesen: mons Arath, super quem arca Noe post diluvium 
requievit, cuius usque ho die ligna ibi vidcntur. Mir will 
scheinen, als ob es sich an der genannten stelle im R. um ein 
misverständnis handelt. 

Des Vincenz von Beauvais zweites grosses Sammelwerk, 

'; Josephus, Auli<iu. lud. 1, 2, ;j. 



440 GEREKE 

das Speculum liistoriale, kommt vielleicht noch für einige 
andere angaben im R, in betracht. 

13102 ff.: in der (jclnheäe arlx; die sich im tempel unter 
der aufsieht des propheten Hell befindet, liegen verschlossen 
Moyscs tvünschelruote, Aarönes dürres ris, die steinernen ge- 
setzestafeln und ein eimer mit himmelsbrot. In der bibel ist 
von dieser aufbe Währung nur in der epistel an die Ebräer 
(c. 9, 4) die rede (Moses' Wünschelrute fehlt). Ich glaube aber 
nicht, dass der dichter seine kenntnis aus dieser stelle des ihm 
wol sicher so genau nicht bekannten Ebräerbriefes hat. Er 
wird vielmehr auf Yincenz, Spec. bist. 2, 17 oder Petrus Co- 
mestor, Hist. schob (Migne 198, 1365 f.) zurückgehen. Aber 
auch hier fehlt Moses' Wünschelrute; diese hat also der dichter 
selbst hinzugetan. Vgl. übrigens Kolmarer meisterlieder, Bartsch 
6, 200 ff. 

Der Reinfrieddichter erklärt, wie wir schon gesehen haben, 
im anschluss an Wolfram die entstehung menschlicher mis- 
gestaltungen aus der macht gewisser wunderliarer kräuter. 
Er weiss aber auch von einem einfluss der sterne: 

19858 der frech, der zage, der iniuueclich etc. 

al irdenisch figure der siech, gesunt, der siis, der so, 

sich rilltet nä der sterneu kreiz, da nach die sterneu sint geriht 

daz man noch kiintlich wol weiz. imder den ir gebürte pfliht 

der wirt ein diep, der arm, der rieh, mit rehtem loufe hat gezogen. 

Dazu eitlere ich Hrabanus Maurus, De magicis artibus 
(Migne 110, 1098 f.): geneses enim Jiominum per XII coeli signa 
descrihimt, sidcrumqiie cursti, nascenthim mores, actus et eventa 
praedicare conantur, id est, quis qiiall signo fuerit natiis, aut 
quem effectum habeat vidae, qui nascitur etc. 

Ferner Albertus Magnus, De secretis mulierum, II: de 
foetus formatione, der zuerst im allgemeinen vom einfluss der 
Sterne auf die menschlichen geburten spricht und dann die 
besonderen Wirkungen der einzelnen sterne der reihe nach 
durchgeht; z. b. Saiurnus ... facit natum qui suh co nascitur, 
fuscum in colore . . . , capiit turhidum et hene harhatiim, . . . 
secundum vero animam malus est, midtum perfdus et mali- 
tiosus . . . , Venerem minimc diligens etc. . . . ; 3Iars facit natum 
simm ruhei coloris . . . ; secundum animam vero fallax, incon- 
stans, irascihilis etc.; vgl. Parz. 454, 15 f. 



STUDIEN ZU EEINFRIED VON BRAÜNSCHWEIG. 441 

Ueber Petrus Comestor vgl. s. il3. 

Auf irgend eine mittelalterliche lateinische quelle dürfte 
endlich wol das ausführlich erzählte Sircncnahenteuer zurück- 
gehen (22010 ff.). Durch den bericht des schiffsherrn aus Kjulat 
verlockt, Avagt es Keinfried mit zwei begleitern die Sirene auf- 
zusuchen, und nur, indem er sich genau derselben list Avie einst 
Odysseus bedient, entkommt er glücklich aus ihrer macht. 
Odysseus erlebte dieses abenteuer damals, als er den Achilles 
bei Lycomedes suchte (22509—71 und 22595—98). Die Sirene, 
heisst es weiter, zieht hinter Reinfrieds schiff her: 

22()10 
ir was ze singende so gäch, daz ir in dem übe brach 

do si daz schif entrinnen sacb. von iUterdon daz herze. 

Dieser letzte zug beruht A\alirscheinlich auf freier erfindung 
des dichters. Dass er aber eine ganz besondere, eigentümliche 
quelle über Odysseus gehabt haben muss, wenn nicht etwa 
hier ein Irrtum zu gründe liegt, geht aus v. 24541 f. hervor: 
der hänste riche starp üf dem mer da er verdarp. 

Die homerischen beiden des trojanischen krieges, um das 
hier gleich anzufügen, kannte der dichter sowol aus lateinischen 
quellen, als auch aus mittelhochdeutschen dichtem, die die 
Trojanersage behandelt haben, so u. a. aus Konrad von A\'ürz- 
burg. Auffällig ist es daher, wenn wir gegen alle Überliefe- 
rung lesen: 

1994& 
Agamemnon der vor Troie pflac wol nffen drizehen jär, 

rehtes legers oifeubär bräht nie so manio rotten dar. 

Ich möchte deshalb für drizelicn: diu zelien schreiben, so 
dass also gelesen Averden muss: ivol nffen diu zehen jär , eine 
betonungsAveise, die im R. nichts anstössiges hat (vgl. Jänicke, 
Zs.fda. 17,510). 

iV. Bibel. 

Dass der dichter eine grosse kenntnis der bibel, besonders 
auch des alten testamentes hat, geht aus zahlreichen stellen 
seines Averkes hervor, wo er scenen aus der biblischen ge- 
schichte erzählt oder nur berührt, sei es um diese als analoge 
fälle für irgend Avelche im R. vorkommenden ereignisse anzu- 
führen, sei es um bei der Schilderung von örtlichkeiten des 



442 GEKEKE 

morgenlandes ihrer Vergangenheit zu gedenken. Solche ge- 
legenheiten benutzt er dann bisweilen zu ziemlich weitläufigen 
excursen. bei denen sich oft enger anschluss an den Wortlaut 
der vulgata zeigt. Er beruft sich melirfach direct auf die 
bücher der bibel, aus denen er gesclujpft hat (vgl. s. 377). 

Der dichter behersclit den biblischen stoff vollständig, 
wie sicli daraus ei'gibt, dass er oft anspielungen macht, wo 
der Zusammenhang an sich das nicht nahe legt. 

Ich folge bei der besi)reclning der biblischen citate der 
reihenfolge ihrer anführung im R. 

V. 8458 Susanna — Dan. 13. 

V. 10877 gott Stifter der ehe. AVäre die ehe nicht eine 
heilige Ordnung, so hätte ja auch gott (d.h. Christus) und 
seine mutter nicht an der hochzeit teilgenommen, bei der 
Jesus w^asser in wein verwandelte. 

V. 10893 als tvirz am eivamjcljcn käu — Joh. 2. Nacli ur- 
alter tradition (vgl. Schönbach, Altdeutsche predigten, anm. z. 
1, 259, 19 ff.) wird diese hochzeit als sant Jöhans hnUlouf 
(v. 10892) bezeichnet. 

Da die ehe zwischen Reinfried und Yrkane lange zeit 
kinderlos geblieben ist, fleht Yrkane in einer nacht zu gott, 
er möge ihr ein kind schenken, und erinnert den herrn 
gleiclisam an ähnliche fälle, wo er auch noch spät die ehe 
gesegnet liat, so u. a. an die geburt des Johannes und des 
Samuel. 

V. 1304G ff. erzählt der dichter nach Luc. 1 ausführlich 
die geschichte von Elisabeth und Zacharias, v. 13082 ff. nach 
1. Sam. 1 die von Anna und Elchanä. 

Samuel, Annas söhn, weiht den Saul zum könig (v. 13153 
— 1. Sam. 10). 

In derselben nacht, in der Yikane so betet, hat Keinfried 
einen träum; er meint an der walnlieit dessen, was ilnn im 
träume offenbart ist, nicht zweifeln zu dürfen; denn 

13428 
wir hall gelesen offenbar, daz er daz erscheiiule 

swaz got wilent iiieinde, dicke in sliife tougen. 

So hat Ezechiel im schlafe ivunderlich'm dinc gesehen 
(v. 13434 — Ezech. 1, 1). 

Wie dem Reiiifried das traumbild dreimal erschienen ist, 



STUDIEN ZU KEINFKIEl) VON BRAUNSCHWEIG, 443 

SO hat gott den juiigt'ii J^aimu'l dieiiiial gerufen (v. 13446 — 
1. Sam. 3). 

Audi Yrkane hat einen träum p:ehal)t und erzählt ihn 
ihrem gemahl. Er wünscht deshalb ihr diesen deuten zu 
können (v. 13691) wie Joseph dem Pharao ((len. 41) und Daniel 
dem Nabuchodonosor (Dan. 4). Merkwürdig-erweise heisst es 
13601 alsam Joscp tct Salaniou, offenbar ein Schreibfehler des 
abschreibers der handschrift statt Fharaön, da dem dichter 
bei seiner grossen bibelkenntnis solch ein irrt um nicht zu- 
getraut werden darf. 

¥A\\ ganz ähnliches versehen muss angenommen werden: 

26732 
dem Joachim nam er sit ze ludiä, waii Jerusalem 

zepter uiide dyadem vou im ouch zerstoeret wart. 

Statt Indiä ist Jmleä einzusetzen; vgl. Dan. 1, 1 anno 
tertio rcijni Joaliim rcgis Juda, veiiit Nabuchodonosor rex Ba- 
hylonis in Jerusalem et obsedit ea)n (vgl. Zs. f da. 17, 518). 

Yrkane ist ihrem gemahl treu und verrät ihn nicht, v^ie 
Dalidä Samsönen (v. 15167 — Jud. 16). 

Als h'einfried im lieiligen lande sich von der Übermacht 
der beiden bedrängt sieht, da vertraut er auf gott, der die 
kinder Israel vor den Aegyptern und Pharao rettete, indem er 
diese im Koten meer ertrinken liess (v. 15804 ff.; vgl. v. 26988 
— Ex. 14), der Moses und Aaron erlöste, 15819 als ich hau 
10)1 Abirön und Datlidn in der rihter buoch vcrnomen. Die 
berufung auf das Buch der richter ist allerdings irrtümlich; 
denn die geschieh te findet sich Num. 16. 

Der herr liess dem Josua zu liebe sonne und mond stille 
stehen (v. 15834 — Jos. 10); dem Gideon gibt er ein zeichen 
seiner nähe dadurch, dass er das Schaffell üf truJcener erden 
mäht von totiwe naz (v. 15842 ff. — Jud. 6, 36 — 40); er führt ihn 
trotz seiner geringen schar zum siege über die Midianiter 
(v. 15855—15883 — Jud. 7). 

Die Scheidung der schar am brunnen wird mit ausdrück- 
licher berufung auf der bnochc schrift (15869) weitläufig er- 
zählt (vgl. s.411j. 

Mathathias und seine fünf söhne vertrauten auch dem 
herrn, und er schützte sie gegen Antiochus (v. 15904 ff. — 
1. Macc. 2j. 



444 GEREKE 

Judith tötete im vertrauen auf gottes hilfe den Holofernes 
(v. 15928; vgl. v. 26748 — Jud. 13). 

Der Fermn, Eeinfrieds treuer begleitei". ist ein freigebiger 
fürst und hängt nicht habgierig an seinem gute: 

16790 
swer aber stsetecliohe durch einer nadel oere 

ist siuem giiote luulertrui ein kemeltier e gienge 

nnd im dienet sunder wän, e daz in got empüenge 

als ich wol sprechen hoere, ze siner gnaden trone. 

Vgl. Luc. 18, 25 — s. 413. 

den muten ist diu krOne in der üzern vinster bant 

der hohen ewekeit bereit. da niht wanjämer ist erkant. 

die argen kargen sint geleit U?iiÜ\. 25, 30. 8, 12. 

Als Eeinfried all die heiligen statten besucht, an die sich 
Jesu geschichte knüpft, erneuert der dichter bei jedem ort die 
erinnerungen aus des heilandes leben, von Nazareth und Beth- 
lehem an bis zum Oelberg und zum grabe (v. 17981 ff.). 

Dabei beruft er sich einmal, v. 18016 ff., auf das huoch 
der kintheii. Welches der apokryphen kindheitsevangelien er 
aber meint, ob er vielleicht das gedieht Konrads von Fusses- 
brunnen im sinne hat, lässt sich aus seinen wenigen allgemeinen 
angaben nicht constatieren. 

Zu dem geschlechte der riesen, die im R. mehrfach auf- 
treten, gehört auch Goliath (v. 18912), der erworfen wart von 
dem ivcrden reinen Daviden dem Meinen — l.Sam. 17. 

Auf seiner reise kommt Reinfried nach Susa. Diese Stadt, 
bemerkt der dichter, habe könig Aswerus gebaut. 

249.52 unz au Ethiopiam 

des gewalt und siniu rieh 

sich witenen zertrande. moht sin gebiet geleite gen 

von Indiä dem lande den landen gar gewalteclich. 

Vgl. Esther 1, 1 in diebus Assueri qiii reynavit ah India 
usqtie ad Aethiopiam. 

über hundert künge rieh truog er kröne offenbar, 

drin und zweinzic, daz ist war, tuot uns diu bibliä wol schin. 

Ebenso v. 26718 ff. 

Die zahl dreiundzwanzig: XXIII ist offenbar aus XXVII 
verlesen; denn in der vulgata heisst es, Esther 1, 1 super cen- 
tum viginti Septem provincias. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BKAUNSCHWEIG. 445 

V. 24960 wirel dann von dem feste erzählt, das Aswerus 
veranstaltete, und an dt-ni er seine gemalilin (Vasthi) verstiess, 
weil sie seinem wort nicht gefolgt war — P^sther 1. 

In derselben Stadt Susa wird nun eine hkliffezU insceniert, 
die freilich durch einen bösen Zwischenfall unterbrochen wird. 
Das veranlasst den dichter zu der benierkung: 

25002 

gewisheit uns der wise tuot ein herze dick erluehe. 

Salamüu in silier sehrift bi fröudeii rielier z(tlie 

daz sich von des valles trift lit jaiiieis aiigel dicke. 

Vielleicht bezieht er sich hier auf Prov. 14, 13: ristis do- 
lore miscehitur et extrema gaudii litctus occupat. 
In Susa regiert nach Aswerus Arfaxät: 

2(i722 
iiä im der küiiic Arfaxät, Assiriam daz rieh du hat 

der Medeii küuic, über laue und Ninive die grözeu stat, 

uiauic witez riche twane da von er gröze mäht ouch truoc. 

und werte daz iuz zwelfte jär. den künic Arfaxät er sluoe 

Nabuehodouosor für war uf Eagan dem veWe wit. 

Dazu halte man Judith 1, 1 Arphaxad itaque rex Mace- 
donnm suhiugaverat multas gcnfcs imperio suo. 5. anno igitur 
XII regni siii Nahuchodonosor rex Assyriorum, qui regnabat 
in Ninive civitate magna, pugnavit contra Arphaxad et ohtinuit 
cum 6. in campo magno qui apiiellatur liagaii. 

Nahuchodonosor führt die Juden gefangen nach Babylon 
und hält sie dristunt zivcnzc und zehen jär fest (v. 2(3730 ff.). 
Seinen hauptmann Holofernes tötet Judith (v. 26748 ff.). 

26754 
nä im Nahuchodonosor starj) von den vil grözer wunder sint 

der Dauieln und diu zwei kint. geschriben, weit verderben gar. 

Dan. 1, fnerunt ergo inter eos de filiis Juda Daniel Ana- 
nias Misael et Azarias; es wird also v. 20755 drt statt zwei 
zu lesen sein. 

Dem Nabuchodonosor folgt sein söhn Balthasar, 

26759 
der ouch unlange künic beleip. 
nianes thechel phares im sdireip 
uiisilitediche an eine want 
in siiii-r huhgezit ein haut etc. 

Dan. 5, 



446 GEREKE 

2H7f.8 

da von in der selben naht der der erste forste was 

kam Darins von Persiä dem Kriechen ie wart undertan, 

und .sluo<i;- in tot: diu lant da na in sluoc snnder valschen wän 

dieuden im mit friger "er, mit stritlicher werde, 

unz daz Alexander, dem wart al diu erde 

der zepter und der kröne gemeinlicli undertsenic 

truoc ze Macedöne, und was herren senic 

Philippen sun, als ich ez las. unz an in na der buoche sage. 

267S4 
niht langer wan uf drige tage die von jungen jären 

wert sin keiserlich gewalt. wirde erwünschet wären, 

mit untriiiwen wart gevalt den dienden Hut und richiu lant. 

in tot sin vil werdez leben. die zwelf knaben alle sant 

wolten klinge sin als er. 

der werde künic hat kinde niht zepter und dyademeu ger 

von rehter arte, doch der helt leiten si mit schalle 

het zwelf knaben üzerwelt gemeine üf sich alle 

und wolten haben küuges uameu. 

1. Maccab. 1, 1. et factum est, postquam percussü Alexander, 
FJälippi Macedo, qui primus regnavit in Graecia, . . . Darhim 
regem Persarum et Medorum, constititif proelia mnlta et ohti- 
nuit oniniuni mimitiones, et interfecit reges terrae, 3, et per- 
transiit usque ad fines terrae et accej)it spolia multitudinis 
gentium. 8. et regnavit Alexander annis XII et mortuus est 
(vgl. s. 429). 9. et ohtinuerunt pueri eins regnum tmusquisque 
in loco suo, 10. et imposuerunt omnes sihi diademata post 
mortem eius et filii eorum post eos annis muliis. 

Die zwölf knaben, die Alexanders nachfolger werden, 
dürften aus einer Verwechslung- mit den zwölf regierungs- 
jaliren Alexanders entstanden sein. 

26812 

die zwelf künge allesaut zerstoeret und zerteilet sus 

gewunnen kint, da von ir rieh von der stunt nf Anthyochus 

aber wurden wendellich dem wurzel aller bösheit. 

1. Macc. 1,11 et exiit ex iis radix peccatrix ÄntiocJms. 

Macchabeorum buoch daz seit, 

waz er tet oder ie begie, 

wie er die siben bruoder vie etc. 

2. Macc. 7. 

Der dichter wirft hier die beiden Antiochi zusammen, 
Antiochus IV Epiphanes und Antiochus V Eupator. 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIO. 447 

Reinfried gelangt auf seiner ri'ise mit dem persischen 
fürsten an den berg- Sinai, wo gott dem Moses die gesetzes- 
tafeln gab (v. 2()072). und an den berg Horeb. vor dem die 
Juden das goldene kalb machten (v. 2(3976). Die bibel versteht 
unter Horeb und Sinai ein und denselben berg (combination 
aus zwei verschiedenen fassungen); unser dichter redet aus- 
drücklich von zwei bergen: v. 2(3972 da.? (jcbirgc Sßnul, v. 2(3970 f. 
ze Oreh . . . nf dem berge underJialp. 

Reinfried sieht den felsen, aus dem Moses mit seinem 
Stabe Wasser schlug (v. 26980 — Ex. 17), er kommt in die 
wüste, wo die kinder Israel das hiinmelsbrot fanden (v. 26990 ff. 
— Kx. 16). Endlich erblickt er auch das (jeheizen lant, in 
tlem milch und honig tliesst, und die trauben so gross sind, 
dass sie zwei männer tragen müssen (v. 27026 ff. — Num. 13, 
24. 28). Babylon besucht er, 27043 da BfAhcl der turn stät, 
von dem alliu sumje liät noch, tcandclUclie spräche — Gen. 11 
(vgl. s. 412). 

Er sieht die statte von Sodom und Gomorra, bei deren 
brande (v. 27071 ff.) allein Lot und seine beiden töchter, mit 
denen er nachher kinder zeugte (v. 27085 ff. — Gen. 19, 30—36), 
gerettet wurden, und erblickt in einer höhle sogar die Salz- 
säule, die einst Lots weib gewesen war (v. 27091 ff. — Gen. 
19, 26; vgl. oben s. 412). 

V. Altlateinische dichter. 

Die beiden römischen dichter, die im mittelalter das 
grösste ansehen genossen, und am meisten bekannt waren, 
sind unzweifelhaft Virgil und Ovid. 

l'nd so hat sie denn auch der Verfasser des R. gelesen. 
Er kennt die Schicksale des Aeneas und der Dido (v. 3210 ff. 
und V. 15260 ff.) und citiert v. 321() ausdrücklich Yirgil (Aen. 
4, 641 if.). 

Dass Ovid besonders von der minne gesungen hat, sagt 
er v. 24562 f. und ^ 1,^-72 

ich wn-ii und lebt Uvidius, wie si mit blozeii üben 

er müht ez iiiht volschriben, sich uiub einander wunden. 

Dabei denkt er gewis an die Ai's amandi. 
Die im mittelalter bekannteste erzählung aus den Meta- 
morphosen ist die geschichte von Pyramus und 'J'hisbe (Met. 



448 GEREKE 

4, 55 — 166); auf sie spielt der Reinfrieddichter v. 15266 ff. an 
(vgl. Bartsch, einleitung- zur ausg-abe Albrechts von Halberstadt 
s. Lxff.). 

Aus den Metamorphosen (5, 385 ff.) kennt er wol auch die 
erzählung- vom raub der Proserpina (v. 16442): er hat aber 
daneben Claudians gedieht De raptu Proserpinae gfelesen, wie 
wir gleich sehen werden. 

AVenn er v. 25284 ff. die erstürmung- des himmels durch 
die giganten Atlas und P^nschelades und ihre bestrafung- durch 
Jupiter erwähnt, so beruft er sich zwar auf eine andere quelle 
als auf Ovid: 25292 als Fhenstis fabellichen sprach gm der 
ivandels fricn jimcfromven Älac'ien, d. h. auf Theodul (ecl. 85 ff.), 
wie Laistner (Germ. 26, 420 ff.) nachgewiesen hat {Fhenstis 
fälschlich statt Pseustis). Aber in dieser ekloge fehlen die 
namen Atlas und Enschelades: Theod. ecl. 85 

surrexere viri, terra geuitrice creati, 

pellere caelicolas fuit oninibus uua voluutas: 

inons cumulat montem,') sed totiim Mvilciber hostem 

fulmiue deiectum Yulcani trusit in aiitrum. 

Diese namen wird der dichter vielmehr aus Ovids Met. 
1. 151 ff. haben (Bartsch, Albr. v. Halb. s. lxxiii). Ich erinnere 
noch daran, dass Claudian gleichfalls eine Gigantomachia ge- 
dichtet hat. 

Ferner finden sich im R. mannigfache anspielungen auf 
die Herolden. In v. 24534 ff. zählt sie der dichter fast alle der 
reihe nach auf (Bartsch, Albr. v. Halb. s. xviii): 24534 ff. Bene- 
lope de7}i helt ülixes brief unt boten sante, Her. 1; — 24544 ff. 
Dido schreibt an Aeneas, Her. 7; — 24548 ff. Briseida schreibt 
an Achilles, Her. 3 (die form Briseida statt Briseis findet sich 
zuerst bei Dares Phrygius, vgl. Dunger, Die sage vom trojan. 
kriege s. 9); — 24552 Pillis großer liebe aht schrei}) dem helt 
JDemestico, Her. 2 {Bemesticus sagt der dichter irrtümlich statt 
Bemophoon); — 24554 f. Helena schreibt an Paris, Her. IG; 
24556 f. Medea an Jason, Her. 12. Auf Her. 15 beziehen sich 

jedenfalls die verse 

15184 ff. 
si gap oucb discm niide dem als man von der reinen 

niht trost mit sinnes meinen, Helenen seit üz Kriechenlant. 



') R. 25290 berc üffen berge büfeu. 



STUDIEN ZU REINFUIED VON BKAUNSCHWEIG. 449 

Vgl. Ars am. 2. 359: 

dum Meuelaus abest, Heleue, ne sola iaceret, 
bospitis est tepido iiocte recepta sinu. 

Für die erzälilung von des Achilles aufenthalt bei Lyco- 
niedes, seiner liebe zur Deidanna und auffindung durch Ulixes 
nennt der dichter v. 22592 des Statius Achilleis als quelle. 
Obwol ilim diese geschieht e auch von anderswoher bekannt 
sein konnte und auch wol sicher wirklich bekannt war, z. b. 
aus Konrads von Würzburg Trojanerkrieg, haben wir doch 
keinen grund ihm nicht zu glauben, dass er den Statius ge- 
lesen hat. Die angäbe v. 22574 {icie Schyron zöch den heren) 
ein lialp ros, ein halber man fehlt im Statius; also ist hier 
daneben eine andere quelle benutzt (vgl. Strauch zu Enikels 
W. 14551). 

Endlich citiert der dichter noch v. 22488 den Claudian 
für Ori)heus. und zwar bezieht sich dieses citat auf das gedieht 
De raptu Proserpinae; vgl. Claud. 34, 25 vicinumque lupo prae- 
huit ayna latus: E. 2248G der ivolf daz schäf dar ftiorte fridelich 
du arheit. 

Dritter abschnitt. Stil und spräche. 

A. Stil. 

K. Eichhorn hat in seinen Reinfriedstudien (teil 2, Pro- 
gramm des gymnasiums zu Meiningen 1892) die hauptsäch- 
lichsten stilistischen eigentümlichkeiten des dichters zusammen- 
gestellt, ohne jedoch zu untersuchen, ob er in seinem stil 
irgend einem bestimmten vorbilde gefolgt ist. 

Aus unseren bisherigen ausführungen hat sich ergeben, 
dass der Verfasser des R., was den Inhalt seines werkes be-. 
trifft, ausser durch die Spielmannsdichtung besonders stark 
])eeinflusst ist von Konrad von Würzburg und Rudolf von 
Kms. Beide sind seine landsleute, beide durch quantität und 
qualität ihrer productionen in hohem ansehen stehend, zwar 
selbst nur epigonen, aber doch ihre mitepigonen weit über- 
ragend. Sie haben ihre kunst von Gottfried von Strassburg 
gelernt; von allen dreien lernt der Reinfrieddichter, ihren stil 
bildet er. wie sich zeigen wird, bis ins einzelnste nach. Bei 
der nahen berührung der drei lässt sich natürlich nicht immer 

Beitrüge zur t'eücbichte der deutBcliuu spraolic. XXIll. 29 



450 GEREKE 

mit völliger w«jiclieiiieit constatiereii, was im E. aus Konrad, 
was aus Rudolf und was aus Gottfried stammt. Bei weitem 
das meiste jedoch — so viel stellt fest — geht auf Konrad 
zurück; denn dieser hat unsern dichter auch stofflich am 
stärksten beeinflusst. 

I. stilistische eigentümlichkeiten im sprachlichen 
ausdruck. 

1. In der formulierung des einzelnen ausdrucks und 
gedankens. 

Unter den stilistischen mittein des Reinfrieddichters sind 
Eichhorn am auffallendsten die erschienen, durch die, wie er 
sich ausdrückt, die darstelhmg zum verharren genfitigt wird. 

Diese gewisse breite und Avortreiche fülle des stils möchte 
ich als besonders charakteristisches merkmal Konrads in an- 
spruch nehmen. Fast alle erscheinungen, die hierher gehören, 
ziehen sich schon als ein sanfter bacli durch den Tristan hin ; 
bei Konrad schwillt der bacli zum fluss, und im R. wird er 
gar zum ström. Der nachfolger übertreibt seinen Vorgänger. 

a) Tautologien. 

Die häufung verwanter begriffe in zweigliedrigen, 
durch und verbundenen tau tologien lässt einen gewissen 
parallelismus der anordnung erkennen. 

Ich verzichte natürlich darauf, alle beispiele aus den ca. 
28000 versen hier aufzuzählen und begnüge mich für diesen 
punkt sogar nur mit der anführung einiger weniger Verbin- 
dungen, indem ich in der hauptsache hier auf Eichhorns 
Zusammenstellungen verAveise. 

Entweder werden zwei begriffe verbunden, die nur nach 
ihrem bedeutungsinhalte zusammen gehören, also 

substantiva: 3951 mündel unde ivcngel, 5143 truren 
unde leit, 5293 leides unde sorgen (6709), 9298 lasier unde 
schände; adjectiva: 41(33 fraelich unde sclioßne, X121 unlidic 
unde hitter, 8684 vest und ellentrich, oft lidic unde fri (1289. 
1587. 3231. 8388); verba: 3741 sckiuhen unde fliehen, 3863 
prueven unde schouwen, 4548 prüeve unde l'cnne, 4769 meren 
tinde wdhsen, 5341 siufzen unde truren, 8962 vuhien unde 
riinyen (11270. 15769), 17256 flehten unde bäten (6258. 9958). 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRA.UNSCHWEIG. 451 

Oder beide g-lieder haben stamnihafte allitteration: 15969 fro 
unde frccUch, 25583 fnelich und fro 15129. 14754. 23823 (beide 
Wörter von demselben stamm; vgi. Trist. (5581. 12382. 14367). 

Natürlich sind die alten formelhaften Wendungen vertreten: 
39 liep unde leit, 118 leben unde lip, 134 ivitiven unde iveisen 
(140). 138 schirm unde scliilt, 198 singet unde saget, 6120 Inife 
unde Innt (20684. 20716). 

Am häutigsten ist der fall, dass beide giieder durch gleiche 
präfixe alliterierend verknüpft sind (für Grottfried s. Preuss, 
Strassb. stud. 1. 7 f.). 

Yerba: 9214 geUüemet und gerceset (19226; — Kngelh. 
478. Part. 3646. Silv. 68. 835. Gold. schm. 618. Troj. 16194. 35912. 
Kl. d. kl. 2. 8), 4820 erniuivet und erfrischet (7047. 14680; — 
Part. 12539. 14723), 5783 versigelt und vcrsloszcn (5845; — 
Trist. 17822). Die beispiele sind überaus zahlreich (vgl. Eich- 
horn). Bisweilen tritt zu den zw'ei gliedern noch eins am 
schluss des voraufgehenden verses hinzu. Ich nenne zu den 
bei Eichhorn aufgeführten Verbindungen noch folgende: 17335 
gedrceget, geflogen und geivceget, 21123 erahien, erdenken noch 
ertrcüiten, 24813 versigelt, verslozzen und verrigelt, 27409 ge- 
slihten, geJceren noch gerihten; 

substantiva: 675 von hmden und von gesten, 14351 gen 
l'imden und gm gesten (sehr häufig bei Konrad. Trist. 6297. 
12541), 11648 ze bette und ze tische (Engelh. 1947. Trist. 15394). 
Ich zähle, w'eil sie Eichhorn nicht hat, die Wendungen noch 
besonders auf, in denen sich ausser gleichen präfixen auch 
noch stammhafte aliiteration findet: 12602 an milte und an 
)iii(ote, 12724 an manheit und an milte, 17272 an gelte utid an 
guote, 21659 mit buoche und mit bilde, 24603 das Magen und 
daz klömven, 17009 mit werken und mit tvorten (15197; — . 
Mngelh. 746), 957 in stürmen und in striten (22230; — aus 
der Spielmannspoesie; vgl. oben s. 376). 

Beliebt vor allem sind Verbindungen wie: 1102 Iq) und 
herze (6193. 6696), 1909 sin sin und sin gedanc (4228), 2393 
an herzen und an sinnen (2417. 4175. 4209. 4225. 4359. 4590. 
6850. 17272 etc.), 3674 sin und herze {■i2'Sl. 4272. 4478. 5222. 
5336 etc.), 4565 der sin und ouch der muot (4717. 6695), 4713 
herze und gcmiiete, 4722 herze und die gedenke (6304), 5328 
)itln lijj und ouch der muot. 

29* 



452 GEREKE 

Tritt nun ein epitlieton zu den beiden so gepaarten be- 
griffen hinzu, so lässt sich constatieren. dass der dichter hier 
der weise Konrads folgt, d. h. das epitheton tritt zum zweiten 
begriff, wenn es inlialtlich auch schon zum ersten begriffe mit 
gehört (vgl. Joseph, QF. 54, 45 ff.): 151 an ere und an tcerden 
siten, 2511 fröude und höhe ivunne (bei Konrad fast stehende 
formel), 5359 an urloup und an alle sage, 10558 durch ere 
und durch iverdiu ivip, 12133 Idag und jämerltchiu not. 

üeberhaupt verträgt das zweite glied viel eher eine be- 
schwerung als das erste: 625 durch ere und iverder ivthe segen, 
2813 lop und miner eren pris, 5413 den hünc und al das riche. 
1546 ir lande noch ir namen pfliht, 10545 diu mmre und des 
liampfes vart, 12744 mm sin und mtnes herben Jcunst, 14067 
mit Up und mit dem guote, 14084 dur guot und dur die 
hünegin, 14179 mit guot und mit des Ithes lider; vgl. auch 
4481 so vil und also lange, 4859 .90 vil und also dicke, 8957 
so groz und also mehtic, 14990 so liep und also leide (Eugelh. 
935. 1257. 1286. 1499. 1666. 1991. 4663. Part. 1111. 1863. 1941. 
4403. 8525 etc.). 

Besonders häufig ist folgender fall: sollen zwei synonyme 
oder überhaupt begrifflich verwante Wörter (verba) gepaart 
werden, so werden sie auf zwei verse verteilt, und das zweite 
erhält irgend einen erweiternden zusatz (Joseph a.a.o. s. 70): 
1912 siis wart sin kraft erfrischet und lüterlich erniuivct, 3448 
miiese schiere heilen und minnecUch verwahsen, 6463 sus lert 
diu minne liegen und wandelUchen biegen (5879 f. 6975 f. 14139 f. 
23551 f. 23647 f.); 505 des tvil ich iuch iiz rihten und üf ein ende 
slihten, 3399 iuch einen knappen rüemen und so mit ivorten 
hliiemen, 4251 die dar uz vielen und üf von herzen wielen 
(4273 f. 5337 f.). 

Natüi'lich finden sich auch ausnahmen; aber die fälle, in 
denen das erste glied erweitert ist, sind wie bei Konrad ver- 
hältnismässig selten (2409. 2431. 3353. 3458. 7181; — 8949. 
2485. 12391. 12473). 

Der parallelismus der anordnung, der in diesen ZAveiglied- 
rigen tautologien hervortritt, ist nicht mehr vorhanden in den 
mehr als zweigliedrigen Verbindungen. Namentlich 
häufig sind Zusammenstellungen von drei gliedern, deren 
letztes mit und angereilit ist: 225 ir herze ir leben und ir 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 453 

muof, 3219 mm sin min herze und min gedanc, 3338 herz lip 
sin und da zuo muot, 9383 lip sin herz und ouch ir muoi, 
3599 herze leben unde sin, 5001 diu lip din leben und din sin, 
8859 ir sin ir lip und ir gedanc. Beliebt vor allem bei Rudolf 
von Ems: Gerli. 7. 88. 127. 1029. 3971. 5055. Bari. 39, 39. 276,6. 
341,37. Ich erwähne besonders beide herze sin und muot 
und stelle dazu: Bari. 9,5. 26,20. Weltchr. Rudolfs, Schütze 
2, 115, 35. Stricker, Dan. 33. 373; Karl 1507. 4828. 6298. Ausser- 
dem vgl. Zingerle, Germ. 6,224. Jänicke zu Staufenb. 1112. — 
Weiter: 918 zuht er und miltelceit, 2609 guot scelde und cre\ 

— 6179 lip leit unde Iclagen, 8186 ir leit ir sorge und ir tve\ 

— 9947 lip guot friunt und mäge, 11825 gelt guot Hut und 
lant, 11586 art guot gelt lant und Hute:, — 123 ze swerte sper 
und sehnte (4417. 7012). 

1691 troest hilf und gib mir rät, 7285 hiez flehte unde bat, 
11800 merke prüeve unde sjjüre, 12513 birsen beizen unde 
jagen. 

2210 uize dünn und Ideine, 25232 leidic trüric und unfro; 

— 26381 brün rot gel ivtz grüen unde blä (Part. 12248. 13446. 
14186. 15506. 21342. 21700. Troj. 1410). 

Sehr ausgedehnt ist im R. nun endlich noch der gebrauch 
der asyndetischen Verbindungen. Entweder reiht der 
dichter die begriffe an einander, indem er zu jedem einzelnen 
artikel, pronomen oder präposition hinzusetzt: 176 din nam 
din ivirde, 180 din er din lop, 4376 sin mäht sin gelt, 6408 
min sin min herze (6508. 9392), 6907 diu turteltüb daz golt 
der kus, 10150 sin gelt sin guot sin lip sin leben sin Hut sin 
mag sin art sin lant, 13176 ze bett ze tisch ze weg ze sträz 
u. s. w., oder ohne solche präfixe: 696 ritter gräven frigen (27ol. 
6582. 8324. 9135. 12711. 14023), 4204 tanzen ballen springen 
singen schallen sivigen harpfen rotten gigen pfifen hei tamburen 
(die zuletzt genannten Verbindungen sind auch sonst sehr häufig, 
namentlich bei Gottfried und in seiner schule); 11122 triuwe 
mäze milte zuht schäm kiusche bescheidenheit demuot gcdult 
stcetekeit (122201 12269 f.); — 10611 loup gras tier vogel iv int 
regen donre; 417 orse kleider liehtiu ivut, 453 mit kleinet har- 
nesch lichter wät, 9935 bürge stet gelt witiu lant. 

Bisweilen mit amplificatorischem abschluss: 15665 naht tac 
alle stunt, 15809 ros man wegen alle diet; 2247 kröne schappel 



454 GEREKE 

gehvez här stirne hräiven öugel klär nase mündcl tinne hüffel 
ivengel Mnne Icele neclcel dl der Up (Trist. 923. Part. 12562). 

Rudolf von Ems verwendet ganz besonders häufig solche 
asyndetischen Verbindungen. Zum beweise stelle ich nur die 
aus dem Barlaam in betracht kommenden zusammen: 35,38. 
36,28. 54,15.17. 65, 13 f. 98,15. 111, 13 f. 112, 32 f. 115,35. 
149,281 155,27. 160,8. 162,26. 202,27. 221,7. 219, 3 f. 266,17. 
271, 2. 273, 29 f. 32. 285, 19 f. 297, 29. 310, 27. 363, 33. 

Dasselbe stilmittel, häufung des gleichartigen, erkennen 
wir in der manier des dichters, verschiedene hü Ifsverba 
zu verbinden, lediglich aus dem gründe, um den ausdruck 
voller zu gestalten: 6040 nu Jcond er noch enmohter, 6300 er 
tvolt und muose minnen (7895. 8853. 10182. 11889. 12539); — 
12989 gelchen mac und leben sol (13460. 13925. 14177. 14180. 
14258. 15641. 16779. 20306. 26568. 27125); — 1598 min Up sol 
unde muoz arheiten üf die zuovcrsild, 2424 da von sol ein iec- 
Itch mimt und muoz ein icärer böte sin, 15008 sU daz du niht 
wilt bi mir sin noch getarst noch soll noch mäht. Freilich 
treffen wir diesen gebrauch ausser bei Gottfried und seinen 
nachfolgern auch sonst in der höfischen epik an, doch nirgends 
in so ausgedehntem masse. 

In ganz ähnlicher weise werden verschiedene tempora 
desselben verbs aneinander gereiht, wo dem sinne nach 
eine form ausreichen würde (Eichhorn wendet dafür den aus- 
druck polyptoton an): 3015 beschehen ist — beschiht — beschach, 
3590 ist beschehen und beschiht (5638), 4058 des ich niemer 
hct gedeiht noch gedcehte, 5123 dienet und gedienet hat, 11104 
minne dm gewalt ivas ie und ist und muoz icmer sin, 13454 
got hat getan ze manger stunt und tet ie und tuot noch (3456. 
4284. 6048 f. 8413. 11981 etc.). 

Auch orts-, zeit-, conditionalpartikeln etc. werden 
so gehäuft: 6872 sivenn und sivä (7672), 7031 ivie und ivd 
(10547), 8029 ivie ald tvä ald war (9191), 9555 ivie — wer — 
wie tvar umbe oder tvä von (12075). 4640. 9601. 12180. 13729. 
15437. 15455. 15921 etc. 

b) Antithesen. 

Das dem vorigen entgegengesetzte verfahren ist dies: 
gegensätzliche begriffe zusammenzustellen oder, wo ein be- 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BKAUNSCHWEIG. 455 

stimmter ausdruck erfordert wird, zugleich das gegenteil hin- 
zuzufügen. — Die anwendung der antithese ist mannigfach 
variiert. 

Am einfachsten ist die form, dass ein Substantiv mit 
seinem attribut in Widerspruch tritt: 12QQ süezer tvundcn 
tvunt, 12(37 ir süezer smerze, 1288 diu säeze strenge niinne 
(1988), 1295 silezez ungemac\ 1399 minnecUcJie sivcere. 

Oder das Substantiv tritt mit seinem prädicat in 
Widerspruch: 4948 er ivolte in dem fiure lieizer minne erfrieren, 
4954 sin süeze fröude süren Jcund im mit höhen riiuven (Trist. 
11889), 4710 diu süeze Jean mir süren, 16866 ir süeze diu Jean 
süren, ir liehe diu Imn leiden. Dazu vgl. Preuss a. a. o. 1, 1 ff. 

Der ausdruck bekommt so zuweilen das aussehen eines 
Paradoxon: 1800 in kurzer lenge (11190. 14275. 20084), 
11065 mit fraudem richem leide, 13357 tvachender sldf, 18490 
der lebende töte (Trist. 1845 tmd ist ein lebelicher tot, 18234 
sin lebender tot [18472]; — 7741. 7788. 9596), 11746 bezzers 
bcesers nie niht wart, 13022 ir leben was des todes tot, ir höher 
fiint der helle vlust, 16124 des tvart ir senftez släfen unsenf- 
teclich erwecket (Trist. 12194. 19031), 20088 diu swert ze beiden 
handen diu icip univiplich nämen. Solche Oxymora liebt natür- 
lich Konrad auch (vgl. Joseph s. 43). 

Weiter werden gegensätzliche ausdrücke gepaart: 
8242 Verlust und ouch getvinne, 8868 geivin und ouch Verluste, 
8264 sorgen unde minne, 9093 mit übel noch mit guote {10087); 
3780 ivinter unde sumer, 13167 tac unde naht (13175. 16732 
etc.), 4952 dient unde morgen (5204. 6165. 7146. 7849. 8254. 
15644. 16748. 24336), 5380 dbent unde fruo; — 8245 trüret 
nu und ivas nu fro, 10613 binden und entstricken, 11149 bindet 
und entbindet, verliurct unde rindet, si schiUet unde grüezet, si 
siuret unde süezet, si leidet unde fröuwet u. s. w. -^ 11163; — 
9428 beide arm und da zuo rieh, ze orse und zc fuoz gelich, 
veriväpent nacket unde blöz, ivip und man, klein und gröz, 
12664 der witzic und der tumbe, der arme und der riche, junc 
und alt geliche, klein gröz, edel stvachiu art, 14257 den minsten 
und den meisten, 14334 den minsten und den merren (17666), 
8995 stille und offenbar (Part. 1835. 4359. 8591. 9633. 11620. 
17059. Troj. 12943. 19002. 19294. Silv. 213. Welt lohn 50; 
vgl. Jänicke z. Staufenb. 1188); 11517 off'enlich und iougen 



456 GEREKE 

(1153. 9404; — Part. 2097. 6733. 8591. 15339. 18537. Silv. 1326. 
Trist. 8117. 11510. 16349), 20780 stille und üherlüt (Engelh. 
4354. 5008. 5078. Part. 7068. Silv. 5207 [Gold, sclim. 1919]. — 
Bari. 260, 6 [383, 31]; vgl. Jänicke z. Staufenb. 760). 

Ganz wie bei Gottfried werden zuweilen beide begriffe 
anfangs zusammengestellt und dann jeder für sich 
behandelt: 17166 von Babilön dem vogte was dirre mmre 
linder scheit beidiu liep und da zuo leit, lieh umb die fro'lich 
angesiht, leid umb die Immpflichc pfliht; vgl. 2808 ff. 4009 ff. 
Trist. 937 ff. 3149. 4705. 8658. 15538. 16758 (Preuss s. 24). 
Etwas anders 24338 so daz der junge Minie relit von Assyrie 
solle nen ivtp, und solle im die gen von Asclialön des landes 
tvirt. gen und nen man nilit verbirt. 

Es werden aber nicht nur einzelne ausdrücke, sondern auch 
ganze gedanken antithetisch gegenübergestellt, in- 
dem entweder der erste gedanke im zweiten gliede einfach 
umgekehrt wird (spiel des gegensatzes): 2230 als ir schin dem 
golde bot und daz golt dem scJüne icider, 2966 da Jean minn 
ere heren und liert oucli ere minne, 12846 ivie leit daz liebe 
pfändet und liep daz leide stoeret, 13760 in vinden ich verloren 
Jiän: so vind ich in Verluste, 17680 daz hrump machent st 
sichte, daz sichte st künnent hrumhcn (Trist. 30. 2019. 9874. 
9878 etc., Preuss s. 27), oder indem überhaupt zwei entgegen- 
gesetzte gedanken zusammentreten: 49 im himel dort, üf erden 
hie (10935), 10903 gen gote dort, der weite hie (12647. 13863. 
14355); 11103 vor gote dort üf erden hie, 23499 hie der tvelt 
und dort vor got\ — 12443 den gesten liep, dem wirte leit, 
12573 dem Jmehte hie, dem ritter dort; — 11414 der tue zergie, 
der abcnt an vie sunder misseivende, 16081 diu naht diu kan, 
der tac verswein (7420 f. 11168 ff.); — 1318 si störten senden 
riuwen und brähten lustic girdc, 7018 sin herz an schänden 
leeret und üffet an den eren (2100 f. 118501 118661 168601); 
— 2390 ez frömvet in dem leide und smirzet in der liebe, 4727 
in fmres gluot ich zitier und switze in Jcaltem froste, 14880 
si siuret in der güete und liebet in den leiden. 

Sehr beliebt, wie auch sonst, ist es im E., zAvei personen 
und das von ihnen ausgesagte antithetisch darzu- 
stellen: 3792 sivaz er ivolt, daz vander an ir nä eren hröjie. 
diu minnecUche schöne vant ouch stves si gerte an im, ivun er 



STUDIEN ZU EEINFRIED TON BRAUNSCHWEIG. 457 

gciverte si mit stcetes herzen sin, sivcs si muotcn moht an in 
(vgl. Part. 1725 ff.); 3848 .<?/ ivas siner fröiiden glänz, er irs 
herzen liehter schhi. sin munt an ir nuindelln, ir wange an sin 
wange etc., 11005 er was ir u'unsch, si was sin heil, er tvas 
ir lip, si ivas der teil an dem sin hoehste fröiide lac. er tcas 
der sorgen niderslac, si was sins herzen icunnc etc. (3774 ff. 0258. 
12783. 129341). Oder: 1896 ivie jenen dort gelinge und discm 
hie, daz läzen sin, 9283 sprach einer hie, der ander da, 11406 
u'ic jene dise twingcn und disc jene verseren. 

Häufig sind die aiititliesen hin — her, har — dar, sus — 
so: 5662 alsus fuor si har und dar mit den gcdenJcen sus und 
so, 2463 nu tvendet hin und denne har, 6885 har noch dar. 

Meist tritt noch anapliora hinzu: 4869 nu sus, nu so, nu 
hin, nu her, 11267 nu hin, nu har, nu dort, nu hie (11333), 
15675 nu hie, nu dort, nu dort, nu hie; 2664 nu wil er hin, 
nu ivil er her, nu wil er sus, nu ivil er so, nu ist er triiric, 
nu denn frö, nu teil er diz, nu teil er daz, nu liehet im, nu 
treit er haz (6645. 10076 f. 12120 f.). 

Oft werden zwei eigenschaften entgegengesetzt, 
fast immer mit anaphorischer gliederung: 8791 cz si 
iihel, ez si guof, ez si trüric, hohgemuot, ez si leidic, ez si frö, 
ez si nider, ez si ho, ez si sivoch, ez si gesunt; 16280 waz wcer 
tunJicl, wcer niht Mär? tvaz tva^r He}), wwr kein Icit? waz ivwr 
ruow an archeit u. s. w. — 16293. 

Eine ganz besondere art der antithese endlicli findet noch 
anwendung, wenn eine eigenschaft dadurch hervor- 
gehoben wird, dass sie erst positiv, dann negativ 
ausgedrückt wird (vgl. Kinzel, Zu Wolframs stil, Zs. fdph. 
5,12): 9088 der rösche, niht der lazze, 18896 der starke, niht 
der kranke, 20120 diu freche, niht diu kranke, 20236 der ivise, 
niht der tumhe. 

Hierher gehören auch Wendungen wie 1213 einhelleclichen 
sunder haz, 9919 stände sunder kniuiven, 11874 mit eren sunder 
schände, 12052 7nit fröuden sunder schände, 15543 tougcnlichen 
sunder braht, 24675 fraglich sunder riuwe, 25097 snelle sunder 
trägen- — 7475 snelleclich unträge (11324. 11456. 13936. 23729), 
11845 offenlich untougen, 25074 offenlich niht stille (vgl. Kinzel, 
Zs. fdph. 5, 13). 



458 GEREKE 

c) Umsclireibiiiigoii. 

Ein weiterer g-rund für den breiten Charakter des stils im 
R ist der, dass der dichter sich oft nicht mit der einfachen 
bezeichnnng einer person, eines gegenständes, einer handlung 
U.S.W, begnügt, sondern dafür einen umschreibenden oder 
irgendAvie erweiternden ausdruck anwendet. 

Ganz wie Konrad vermeidet er 'den einfachen sub- 
stantivischen begriff, indem er ihn 'von einem anderen 
Substantiv als einem umschreibenden begriff ab- 
hängig' macht (vgl. Joseph a.a.O. s. 33ff.; hier auch zahl- 
reiche beispiele aus Konrad). 

Es wird z. b. der eine begriff abhängig gemacht von einem 
inhaltlich übergeordneten oder gleichgeordneten: 557 mit hohes 
hrahtes dön, 1428 Schalles hraht (4213. 6991); 645 sam eins 
diüires dö^; — 547 7)iit geivaltes mäht] — 200 sunder vorhtes 
zitier (758. 10092), 1006 sunder vorhtes Up, 13611 sunder 
rorhte schrecken; — 339 haszes nit (12735), 22773 sunder 
hazzes Mp\ — 12771 sunder spottes schimpfe — 1841 sunder 
zivivels ivanhe, 13039 an zivtvels meine, 13225 sunder zwivels 
zadel; — 14973 sunder meines schände, 21335 sunder meines 
tragen; — 301 ^e mitter meigen zU, 1197 üf des abents zit, 
12941 manges järes zit; — 2497 üf der ivisen velt, 7377 üf 
des veldes plane; — 3501 üf iväges flücte, 15421 üf des wilden 
eueres fluot, 16419 iif des ivilden meres vart; — 15375 in des 
ivindes luft; — 15824 sunder strites vehten, 15892 mit siges 
strit; — 195 in aller lande kreiz (4275. 4434 etc.), 1063 üf 
des ringes kreiz, 1564 iif der plante kreiz; — 4409 durch aller 
lande rinc, 10646 in der weite rinc. 

Beliebt sind die Umschreibungen mit ^///M: llbO mit siner 
ougen pfliht, 1546 ir namen pfliht (1963. 1950. 2264. 2515. 
2623. 3041. 3172. 4019. 4030. 4708. 5881. 6073. 6734. 6748 
etc.; — Engelh. 800. 4798. 5371. Part. 7907. 9207), und mit 
stiiire: 1243 nä höher eren stiure, 7294 nä höher koste stiure 
(3826. 5231. 5441. 7263. 7386. 7775 etc.); ferner solche wie 
552 in keins herzen sinne, 1097 manges herzen sin (1285. 1423. 
1962. 2453. 2670. 3402. 5931 etc.), 1149 vor sins herzen an- 
gesiht, 305 in shis herzen grünt (1265. 1398. 5498. 6913 etc.; 
— Engelh. 2143), 79 sines vesten herzen brüst (Troj. 2726). 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 459 

Zweimal umschrieben: 4677 mit herzen grunäcs sinne, 471 mit 
ungewiters dunres krach (Engelli. 1950 sines muotes herzen (jir). 

Häufig wird ein begriff abhängig gemacht von einem 
charakteristischen merkmal: 851 der rufe gliz, 804 sunder 
ruomcs gliz] — 404 nä hoher ivirde gelt; — 808 der lichten 
sunnen glast, 7421 (7^5 morgens glast, 8272 f. der sternen glast 
verborgen lac von der tvolJcen decken, 14899 des Hellten morgcn- 
sternen glast, 14897 des vil lieht en tnorgetis brehen; — 1110 
diner gneisten funken. 1787 des u-ilden fiures gneisten; — 767 
üf des schiltes lach (908. 1030. 1486. 1513. 99(35 etc.), 834 des 
randes lach, 866 sins helmes tach (1505. 1915); — 1616 in des 
todes grimme (22448), 13395 von sorgen quäle-, — 1652 des 
jdmers überflilzze, 3272 durch mines dienstes innen, 4730 des 
jämers koste; — 599 näcli- des ivunsches sagen, 2265 nä ivun- 
schcs luste, 2047 der minnc tivingcn, 5039 mit trostes gingen. 

Umsclu^eibung durch metaphorische ausdrücke: 221 der 
minne stricke (444. 1395. 2002. 5187), 6526 der sorgen stricke, 
15311 todes stricke; — 327 dankes gruoz, 1597 kusses gruoz; — 
1757 fiures blicke, 13382 in jämers fiur; — 2399 leides angel 
(6325. 11522), 3703 untrimven angel, 5391 der minne angel; 

— 6164 des jämers flecke, 15476 lasters flecken; — 8649 von 
iveinens regene; — 13194 üz jämers fürte, 16762 in eren fürte; 

— 22042 leides orden, 22958 von strengen jämers orden. 

Das wort pfliht, das, wie oben bemerkt, gern bei dieser 
ausdrucksweise Verwendung findet, Avird auch oft mit einem 
adjectiv verbunden, um den in dem adjectiv liegenden begriff 
als Substantiv zu bezeichnen. Und zwar gebraucht der dichter 
für diesen fall adjectiva auf -lieh, von denen er eine zahllose 
menge hat: 3297 mit dienestlicJier xyfliht, 3504 mit cineclichcr 
pfl., 4897 nä wirdeclicher pfl., 6010 zornliche pfl., 6605 nä künec- 
lichcr pfl., 7208 jämerliche pfl., 8077 mit tougenllcher pfl., 8477 
mit urteilUcher pfl., 10494 mit snellecUchcr pfl., 13502 in släf- 
licher pfl., 15517 mithinderredelicher pfl., 11 11 Q kämpf liehe pfl., 
22800 iscnliche pfl., 25112 mit gevancUcher pfl. 

Für })fliht kann ein anderer allgemeiner oder specieller 
begriff eintreten: 5401 mit volleclicheni rate, bb91 mit lobelicher 
t(ete, 0249 die mortUchen tat, 6262 mit twinclicher frage, (5204 
kebcsliche vart, 0411 gunstlichez grüezen, 0814 mit urteillicher 
lere, 6836 daz kämpf liehe striten, 7125 7nit klegelicher schomve, 



460 GEREKE 

7240 mit helfelicher güete, 7291 7nif snelledicher ile, 7362 in 
engellicher wtse, 7543 helfeltchen muot, 7873 helfeltchen rät, 
8191 2ivlvellicher wdn, 8424 urteilUche spor (8653. 8679. 10084. 
10300. 11455. 13349 etc.). 

Dieser letzteren art der Umschreibung weiss ich aus Konrad 
oder aus seiner richtung nichts ähnliches — wenigstens in dem 
umfange — an die seite zu setzen. 

Wol aber ist Konrads vorbild widerzuerkennen in der 
ersetzung eines hülfszeitworts durch sinnliche be- 
griffe oder in der Umschreibung eines einfachen ver- 
bums durch einen verbalen ausdruck (vgl. Joseph s. 41). 
Hier spielt, wie anderswo pfliht, das verbum pflegen eine 
grosse rolle: 1587 sol der smerze tvonen ht mir alleine, ich 
hin tot; 6792 uns muoz iemer lasier hi tvonen umb die schände; 
— 5439 (diu sache) diu im nähe in herzen lac; — 2342 da von 
lasters müese pflegen min ere, 4800 pflegent von mir fluht, 
5094 pflegent fliehte, 6292 für die not der er nu p)flegen miiose, 
6345 (minne) diu so hohes namen pfligt; — 718 das diu sunne 
lüidergliz nam von dem golde; 836 von Arahi gap liehten 
gliz daz ein vach (849. 1516. 1543. 7364 etc.); 17200 daz diu 
liehte sunne an im ividerglenzen hos; — 1562 si täten 
hohe tüirde seh in, 1839 er tet mit geivalte schin (1898. 7250. 
7574 etc.); — 2674 nu gap im minne lere; — 2972 stvä diu 
minne here von eren hat; — 19113 nam val zuo der erden. 

Sehr gewöhnlich ist die ersetzung des persönlichen 
Pronomens durch sinnliche begriffe, ein stilmittel, das 
schon Wolfram ausgiebig verwendet und Konrad bevorzugt 
(vgl. Joseph s. 37): durch lip: 114 sin lip üf vier und zwenzic 
jär an alter hat die zU vertriben (120. 184. 1004. 1598. 4452. 
6250. 6897. 6905 etc.), durch herz: 212 sit daz ir herze nie 
gewan ämis noch wart ämie (420. 862. 1152. 1156. 1305. 1906, 
2115. 3975. 5596 etc.). 854 ir herze gar an sorgen hlös sus üf 
den hof leisierten; durch sin: 688 sin sin so höher koste pflac 
(2704. 6252. 6284 etc.); durch muot: 279 daz sich sin muot 
ellendet dar (4644); durch band hingen: 1234 ir liepUch 
smieren sach in an, 9420 sin vart vil gähe snuorte, 15309 sin 
ritterUehez eilen reit, 16214 ir stritliehez werben sazte sich ze 
grözer iver. 

In ähnlicher weise, ganz wie bei Konrad (vgl. Joseph s. 38), 



STUDIEN ZU REINFRIED VON BUAUNSCHWEIG. 461 

werden die zeit- und ortsadverbia umschrieben: 958 ^mo 
den siten (1533), 306 se disen ziten (7810. 7003), 6835 U den 
ztten (8943. 9454. 9530), 6754 in den zUen, 8401 an den ztfen 
(11398); — 7037 an der selben stunde, 8643 an den selben 
stunden, 10208 an den stunden, 11200 an der sfunt; — 15374 
«w dem zu, 14690 an dem selben zil; — 4927 ze mdngen 
tagen, 4696 zc allen zUen, 652 vor den ztten (8047), 7031 ze 
tvclher stunf; — 10251 alle frist (16423), 10286 alliu zu, 13218 
alle varf. 

Umschrieben wird bisweilen auch die conditional- 
conjunction durch einen ganzen satz: 5632 ist aber daz 
ez also stät (9737. 13297. 16024. 25376), 15025 und si daz 
got dir gnade tue, 22451 ivcer daz daz schif het gebiten. 
Hierin ahmt der dichter Gottfried nach; vgl. Trist. 6098. 6103. 
6151. 6174 etc. (aucli Part. 2128. 4508. 4748. 10960 etc.). 

Endlich ist hier noch anzufügen die bildliche Verstär- 
kung- uder Umschreibung der negation, die sich unter 
allen mhd. dichtem am häufigsten zuerst bei Gottfried findet 
(vgl. Zingerle, Ueber die bildliche Verstärkung der negation bei 
mhd. dichtem, WSB 39): 2177 niht als umb ein bappel (Zingerle 
s. 459), 8394 er ahte niht üf einen bast (Zingerle s. 429), 9417 
ahte alliu dine als einen stoup (Zingerle s. 436), 9747 umh ein 
liär, 14305 u. ö. umb ein Jcleinez här (Zingerle s. 438 ff.), 18412 
niJit ein linse geben umb (Zingerle s. 421), 20837 umb ein bönen 
niht gedenJcen (Zingerle s. 417), 22393 als ein wicke (Zingerle 
s. 420), 22355 umb ein bräwe, 22407 umh einen snal, 24989 
daz eines punkten niht enbrast. 

d) Widerholuugen und Wortspiele. 

Einiges von dem hierher gehörigen hat Eichhorn unter 
der Überschrift 'epizeuxis' zusammengestellt. Dahin sind also 
Wendungen zu setzen wie 262 watig an wange (2352 u. ü.), 1099 
von ring ze ringe, 1397 uz oug in ougen, 2353 munt an munde 
(3840 u. ö.), 2167 herz in herz, sin in sin, 2183 gedenke iht zuo 
gedenken; — 1729 sich schar und schar verwur reu, \\2iS^ rotte 
in rotte, schar in schar. Die beispiele sind überaus zahlreich, 
2635 gap und gap (12589. 14661), 5987 bat und bat, 6148 er 
bat und bat und ich verseil lang und lang und mange stunt, 
26039 er lech und lech und Itch (9489. 15765. 23909. 23455; 



462 GEBEKE 

— Turn. 86 er (jap und fjap und (jap et dar), 8432 timh nnd 
imibe (22054. 22802. 22349), 8663 dicke und dick Gleichsam 
ein ganzes füllhorn schüttet der dichter aus 12 bi guotem giiot, 
so hcßr ich jehen, bt siiesen siiez, bi argem arc, bt miltem milf, 
In kargem karc, bi frechem frech, bi sagen sagen icirt man, hwr 
ich die wisen sagen. Ebenso 184 f. 10710. 10903. 11706 ff. 
12606 ff. 12260 ff.' 17285 ff. 17742 ff. 

Anderes nennt Eichhorn annominatio; doch gibt seine auf- 
zälilung niclit entfernt einen begriff von der reichhaltigkeit, 
über die der dichter in der anwendung dieses stilmittels verfügt. 

Er setzt z. b. einem Substantiv ein adjectiv von demselben 
stamm hinzu: 777 gm minnecUcher minne (1690. 2461. 3613. 
10990 etc.), 3895 nä kusUchem hisse, 7588 frinntlich friunt, 
11014 trütlich trtit, 13312 wunderUchiu ivunder. 

Oder er rückt Substantiv und verbum desselben Stammes 
eng an einander: 3582 sioas din güete giietct (Trist. 8301 ir 
schijRne diu schanet), 7430 die schar geschart in glicher pfliht^ 
13292 ein rart rarest über mer, 10343 manic slös entslossen, 
oder irgend welche anderen Wortklassen: 1266 süeser wunden 
tvtint (4959), 7995 an ivirde ivirdecltche, 11021 trätUch getriutet. 

Die beiden stammverwanten Wörter stehen nicht eng neben 
einander, sondern sind durcli Zwischenglieder getrennt: 1082 
, die kriger liefen üf ir slä mit manger lüten krige, 1374 ich 
tvmie das sin herse wem künne höhen dienest tvol froinven 
den er dienen sol und den sin herse dienest treit, 1744 ein 
ritter moht dö siniu lider ritterlich erstvingen (8390 f. 8668 f. 
90981), 2000 er suohte blic, so vander an ir tvid erblicke, 
die blicke in minne stricke ir beider herse kmipften, 2297 mit 
urteil hie erteilet (6811), 2580 j6 ivart ich der wir de ge- 
lüirdet nie, so mir beschach, 2982 minne in minnecUcher 
gir, 4382 und ivarp mit wirdekeit da nach eren und nä 
werdekeit, des sin nam noch tvirde treit., 4457 des sin s-ich 
so versinte, 8471 das wolt erteilen ir ein teil, 8476 und 
ein ander urteil kam also mit urteilltcher pfliht, 8694 und 
minnten gerne minneclich, 10924 ivip und ivixüich minnen 
ist alles hör des üb er hört. 

Klangvoll verdienen die formen der annominatio genannt 
zu werden, in denen die stammverwanten Wörter einen Wechsel 



STUDIEN ZU REINFRTED VON RRAUNSCHWEIG. 463 

des vocals (namentlich ablaut und unilant) zeigen: 808 daz 
da diir nicht (jelcsten molii der licltfcn suniicn (/last, llO-i 
ei süeziu mi)inc, dlniu hant hindent sunder Jieften, 2213 
lullten licht ir tcengel, 2229 nie luhtc lichter morijcnrot, 2821 
liehten tac üf Vmhten, 13222 durcliliuliteclicUen li%hte\ — 2880 
ja mit mangem sivanlic ir ougen zemen swungen, 3004 ja 
der sinne senJce sich sancten su ze gründe, 4871 mit sivanhe 
übersivenkcnt, 5548 so das diu x^fat und al der stic so in 
ir herze mohte st c gen, 5932 sicenn ir hlicJce schoz üf in mit 
schüzzen an geverde, 9936 so starläu Iclien liht mhi hant, 
11056 diu kraft mac üherlcreftet mit keinen Sachen werden, 
13133 die klag in klegelicher art, 13230 in dem schin er- 
scheinde. 

Bei "^^^[derllolter anwendung desselben Wortes oder stamm- 
verwanter AvfJrter entstehen Wortspiele, wie sie Rudolf von 
Ems besonders liebt: 82 ein vester f rinnt ht friundes rät, 96 
den knehten knehtes reht er liez (12540. 12554. 12568), 1145 
der schoen für alle schoene tvac, 2471 und friundet friunt in 
friundes triff, 2957 waz liep mit liehe liebes kan, da liep cht 
liehe liehes gan (Konr. lied 22, 19 liep noch liehe liehes gan), 
3075 stvä liep ist liebem liehe bi, 9824 nu rät ich, ob ich raten 
kan, oh ir mins rätes ruochent- 10780 stvä liep cz liehe hiutet 
liepUch sunder vorhte schäm; — 623 inl und vil me danne vil, 
4429 ie me und nie und aber me (Trist. 8079 wol und tvol und 
alze tvol)] — 357 der gerndc kneht tet sinem lop mit lohe reht, 
wan siver sin lop ze lobe treit, da stät nach lobe der eren kleit 
(ebenso 364 — 371), 15532 und als der filrste rieh vernam daz 
ez friunde ivären, ir friuntlicli gebären galt er mit friundes 
gruoze. vil friuntllcher unmuoze huop sich ze beden slten (vgl. 
Gerh. 1—115. 383—392. 1667—1679. 2422— 2425. .2901—2907). 

Der dichter spielt mit mehrei-en begriffen: 70 ist im der lip 
erstorben, tvel nöt'f' sin lop> doch höhe sucpt. tre dem verzagten 
der so lept sivenn im der lip alhie verstirbt, daz sin lo]) mit 
dem Üb verdirbt; — 4454 do im der lip mit leben erstarp, so 
lept sin lop doch iemer me (vgl. Rol. 5447 f., zum gedanken: Parz. 
471, 13, Iw. 16); — 128 ein man der mac dort und hie eriverben 
ritterlichen solt. ritters ordcn dem ist holt got, ob er ritterliehen 
stät als in got selbe gordent hat; — 1110 — 1121 herz, sin, 
minne; 2962—2973 minne,ere; 3504 — 3512 €in{en), meine{n). 



464 6EREKE 

e) Negative aiisdnicksweise. 

Fast alle mittelliochdeutsclieii dicliter seit Wolfram kennen 
das Stilmittel, einen positiven ausdiaick negativ zu gestalten, 
etwa um die betreffende stelle liumoristiscli oder ironisch zu 
färben, oder um überhaupt etwas lebhaftig-keit in den gleich- 
massigen gang der erzählung zu bringen. Es mögen also hier 
aus dem R. einige beispiele platz finden: 45 diu (iverJc) wären 
an untcete las, ivan er der eren nie veryaz, 86 sin stoite triwe 
sich nie verharc, 286 ein hünic den schände yar verhirf, 743 
tvan im kein lasier ivas heJcant, 857 des herze ie schände ßöch 
(959), 917 des herze ie schände meit (1219; — 703. 1899. 1479), 
862 sin herze nie ühertretten hat heine stunt der mäze riz, 
1230 shi lip lind oiich sin leben, sich an eren nie versneit; — 
647 daz cz im leit zerstörte, 726 man sach da niemen triiren 
noch haben Iceine stvcerc, 937 des ivas sin sorge gar enzivei, 
2015 diz tet im sorge kranlcen- — 706 giuden brehten was 
niht tiiir, 3824 licplich umberähen mähten si untiure. hoher 
sorgen stiure ivas in beiden tvilde, 4938 fröude ivart im wilde; 
— 604 so daz in hoste niht enbrast, 614 dö ivart niht langer 
dö gebiten, 12946 der eren und der soliden tor ivas in beiden 
unverspart, 18190 daz bitten wart niht übertreten, 18458 ein 
smieren ivart da niht vermiten von den fürsten beiden u.s.w. 

Eine besondere art der negativen ausdrucksweise haben 
Konrad und seine nachahmer in die epische poesie eingeführt 
(vgl. Jänicke DHE 4 zu Wolfdietrich D 5, 103, 2), nämlich die 
negierung durch äne, fri etc. Den Ursprung dieses stilmittels 
bei Wolfram zeigt Kinzel (Zs. fdph. 5, 4 f .) : 214 diu siieze wan- 
deis frie (1182 u. ö.), 9698 diu valsches fri\ — 939 an schänden 
gar der trcege (1187), 2726 Palarei den troegen an allen houbet- 
schanden; — 1323 der lauschen wandeis hranhen (1842. 20200. 
20351); — 1866 den schänden lazzen, 6192 der veige an eren 
laz; — 6208 der eren leere, 9008 an zageheit die siechen u.s.w. 

f) Hyperbeln. 

Von den hyperbeln, deren verschiedene arten Eichhorn im 
allgemeinen vollzählig besprochen hat, möchte ich hier nur eine 
besonders charakteristische klasse hervorheben, die ich bei 
Eichhorn vermisse. Der dichter hat sie zweifellos seinem vor- 
bilde Konrad nachgebildet. Es handelt sich um übertreibende 



STUDIEN ZU KKINFUIKI) VOX MKAUNSCIIWEIG, 1(55 

Versicherungen, die er seinen personen in den niund legt . von 
der art: 'elie das geschieht , ehe soll das und das geschehen' 
(meist 'ehe will ich tot sein'): 2522 nein, mich müez r 2)fenden 
der tot an dem übe, c min munt Jceinem ivibe ze Jctis sich icmer 
biete; 4300 ich tvolt e das ich wcere tot, c ich mit sinnen icmer 
ivolte minnen ald meinen andersivar denn iuch; 4762 ich liez 
mich in die erden e lebendigen telben, ich tvolt den tot mir selben 
e füegen unde schielten, e daz ich ... (4786 ff. 4992 ff. 5160 ff. 
6118 ff. etc., vgl. Engelh. 3755 daz ich schiere stürbe, e duz 
ich...; 4010. 4142. 5528. 5938. 6040. Herzm. 210. Sclnvanr. 629. 
Part. 2824. 6056. 6434. 7370. 9087. 9097. 9872. 10062. 11242. 
12944. 17352. 19322 etc.); 7668 ich ivolte mich zersniden e 
Idzen und zerhomven, c ... (6562 ff. 8358 ff. 9734 ff. 9974 ff. 
10800 ff., vgl. Engelh. 6058 ich lieze e mich zersniden [vgl. Jä- 
nicke z. Staufenb. 703]); 2762 e wolt ich von dem lande gän 
daz mich üf geerbet hat, c . . . ; 3704 c ivold ich haben mangel 
liebes nnz üf minen tot, e . . . (vgl. Engelh. 3745 e daz ich ge- 
dcehte ... e ivolte ich fröude nimmer noch sceleJceit geschouwen; 
5616. 6048). 

Von all den übertreibenden fornieln, wonach bisher auf 
erden nichts dem erzählten ähnliches zu finden ist (vgl. Eich- 
horn a. a. 0.), nenne ich besonders folgende: 802 diu ivelt so 
hinnen scheidet daz niemer solich hof ergät, 11496 diu ivelt 
sich also endet daz liep bl solhem leide von einer hinscheide 
so gröz geliche niemer ivirt. 

Endlich erwähne ich noch die formein: 165 me dan genuoc 
(419. 25551), 623 vil und ril me danne vil, 1307 me denn ze 
vil (27117), 10425 me vil denne gnuoc, 11907 vil me denne gnuoc 
(15932. 24304), 24861 me denne vil. 

g) Anaphorische gliederuugr. 

Ueber die anaphora bei Gottfried vgl. Preuss s. 28 ff. 

Dass die anaiihora im E. bei den antithesen häufige an- 
wendung findet, haben wir schon oben (s. 457 f.) gesehen; und 
zwar hat die widerholung hier meist innerhalb desselben verses 
statt. Dahin gehören noch folgende stellen: 6666 ... nmh al 
sin tverben, umb sin trüren, um sin Idagen, umb sin leif, um 
ir versagen, umb sin dröuwen . . . ; 9317 ald waz ich tnoti tdd 
uaz ich läu] 11106 vor tac vor naht vor sunnen sdiiti, vor 

Beiträge zur gescUichte der deutecUen spräche. XXlll. 3U 



466 GEREKE 

Mmel erde ivazzer luftg vor speren trön, vor helle hriift, vor 
muneti scMn, vor Sternen hreis. S. Tristan 2387. 3744. 4051. 
4262 etc. 

Am anfang mehrerer verse findet sicli anapliora: 1) eines 
nomens: 3624 minne diu Txan linden sorge herter denn ein 
fl'ins. minne diu glt sivmren sins iren besten friunden etc. (im 
ganzen 12 mal; s. Troj. 2214 ff. 2540 ff.); 11002 ff. minne (22 mal), 
10916 ff. w?j;(25mal); — 2) des artikels oder eines prono- 
mens: 3666 miner fröiiden anger, mines tröstes ivirde, mhies 
liistes girde, mtnes herzen ivunne n. s.w.; 4418 ein hruft der 
rehten milte, ein herndes zun der zülde, ein ivurze reiner friüite, 
ein stein rehter triuive, ein slöz der stcete nimve; — 3) eines 
form wort es: 2904 so nnirfcn jene dort den stein, so zngen 
dis srhuhzahels2)il eta. (älinlicli 11328— 11331), 9680 tcie (2 m.), 
23649 ff. 23658 ivic, 24230 tcie (11 m.) recapitulierend (s. Trist. 
4241 ff.); 10824 ff. oh... oh . . . ald oV . . . uld oh... oh; — 4) meh- 
rere Wörter zugleich: C)02tf. dar nach man (2 m.), 5182 ff. so 
sach man (2 m.; 113481), 5414 ff. man /m;^ (2 m.), 5616 ff. wilt 
du (2 m.), 5660 ff. wil ich (2 m.), 8816 ff. ez kilfet (2 m.), 9388 ff. 
ach got ivie (2 m.), 11 130 f. ez u-art nie herze (2 m.). 

li) Alliteration. 

Des schmuckes der alliteration bedient sich bekanntlich 
Gottfried in ausgedehntem masse. Rudolf von Ems folgt ihm 
hierin mehr als Konrad, und im i\. finden sich alliterierende 
Verbindungen ziemlich häufig. 

Die alten formelhaften Verbindungen habe ich schon oben 
(s. 451 ff.) behandelt, desgleichen die mit alliterierendem präflx. 

Nicht formelhaft sind: 2518 ran und ruoz, 6206 f. grtsen 
und grätven, 8938 Icraft noch Jcunst, 18312 schint unde scliirt. 

Es alliteriert ferner ein Substantiv mit seinem attribut: 
797 diu minnecllche magt, 2333 holder herze, 2685 sender sorgest 
(3203. 3530), 2856 ivaldes wilde, 2892 ir minncclicher munt, 
3331 mit minnecUcher meine, 3382 senden sinne, 3861 sunder 
sorge siveichen, 5065 uz snren sorgen striclcent, 5281 heizer 
trehen tropfen (7043), 5348 der minne marterwrc (6372), 6531 
in wildes waldes vorste, 8975 onit grözer grimme, 9641 üfrehtc 
rede, 10039 iveltlicher ivunne, 10543 starJccr grüse gröz, 17471 
mit manges sivertes sivanlce etc.; 



STUDIEN ZU IIEINFRIED VON BRAUNSCHWEIG. 467 

ein verbuni mit seiner bestimmnn^: 2170 vestcclkhen vehen, 
2213 Uüitcn lieht (2229), 4348 warp so wirdedlchen (4370), 
8361 ivolte tviUecltchc, 9132 vasfe vaht, 11146 lutcrUch crlmJitef; 
— 1830 durch die rotten rlten (7303), 2223 in rehter mäze 
mischet, 2827 in den wolhen tvcegen, 9289 mit ivazzer über- 
wallen etc.; 

ein Substantiv mit seinem verbum (subject oder object mit 
prädicat) : 2061 höhe fürsten fuorten, 2566 al min sin hesenget, 
3289 ich merl-e iuiver meinen, 4680 liehte vartve vehvet, 8489 
die ir guotes yunden etc.; 

andere Wörter: 450 üfsiben soiimer sunder sein, 2019 sorge 
uz dem sinne, 2309 het er Mut hie verliuhen, 2388 daz senen 
senftet smerzen, 3344 in so ivunderlichiu tverch hat minne mich 
getvorren, 3358 ei dö si so süeze sleich, 3802 leit hi liehe 
dicke lit, 4064 minne mit ir^ mugende ivürhet wunderlichiu dinc, 
5658 die mir zuo gemuotet hat sin miint uf minne iverhen, 
6934 so was der ören ivünne sin tvildiu tverch diu er hegienc, 
7036 ir sin hegimde senken sich an der selben stunde, 8270 
die lerchen man in lüften hoch . . . , 8552 troeste mhien trüeben 
sin, 8676 der ritter ritterlichen saz, der ivise ivirdecUchen hielt, 
9080 den lip er liitzel sparte und lief in ritterlichen an, 9084 
da von er sunder lougen an hrefte wart geletzet, 15481 in 
waJlers trise sunder teer, 20117 in starken stürmen hcrtcn, 
heim und schilte scherten sach man mit sivertes swanke etc. 

i) Metaphern und bilder. 

Ein gut teil der Schönheit der poetisclien spräche beruht 
auf ihrem bilderreichtum, denn die aufgäbe der poesie ist es, 
unsere phantasie zu beschäftigen. A\'er also ein guter dichter 
sein will, muss über einen gewissen Vorrat von bildern ver- 
fügen können, und dazu gehört lebendige anscliauungskraft 
und phantasievolle auffassungsgabe. Nun werden ja manche 
bilder, die wegen ihrer Schönheit oder ihrer bequemen anschau- 
lichkeit öfter anweiiduiig finden, schliesslich allgemeingut. Die 
bedeutung eines dicht ers kann also nur darin sich zeigen, was 
er hier aus eigener kraft neues zu schaffen vermag. 

Unter unseren mittelhochdeutschen dichtem ist die zahl 
solcher wirklich originalen dichter nicht allzu gross,