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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

B S WS. 



liiiÜPjipliiiiH'i! 

iliiüliüpiiSi 















>^r. 



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II ID 



BEITRÄGE 



ZUR 



GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SPRACHE 
UND LITERATUR 

UNTER MITWIRKUNG VON 
HEKIWANN PAULf UND EDUARD SIEVERS 

HERAUSGEGEHEN 



VON 



WILHKLM BRAUNE. 



46. BAISD. 





HALLE A. 8. 

MAX NIEMEYER 

6 BRÜDERSTRASSK 

1922 



/ 



^/ 



3 



^3 



U-Q~^ 



<^ 



INHALT. 

Seite 
Bruchstücke deutscher dichtungen des 13. — 14. Jahrhunderts. 

Von R. Priebsch 1 

A. Schlußverse von Konrad von Würzburg Otte mit dem 

harte. B. Peter von Staufenberg. 0. Hofzucht. D. Bnsant. 

Der Wechsel von u und au in der gotischen M-declination. Von 

R. Löwe 51 

Die kunstanschauung der höfischen epigonen. Von K. Vietor . 85 

Wortdeutungen. Von F. Holthausen 125 

Der lautwandel -ö- > -w- in Baden. Mit karte. Von E.Ochs . 147 

Zu Heinrich von Morungen. Von G. Neckel 156 

Zur altsächsischen Genesis. Von F. Klaeber 164 

Blume. Von S. Singer 168 

Krimgotisch kilemschJcop. Von Th. Siebs 170 

Literatur 172 

Der tractat von der tochter von Syon und seine bearbeitungen. 

Von W. Wichgraf 173 

L Die fassungen des tractats s. 173. — II. Ausgabe des prosa- 
tractats a— f s. 176. — III. Die dialekte der hss. a— f s. 182. 
IV. Stammbaum der 6 hss. des tractates TS s. 190. — V. Die 
freien bearbeitungen des tractats s. 199. — VI. Analyse des 
tractates TS s. 210. — Beigabe s. 227. 

Der Donauübergang im älteren Nibelungenepos. Von C. Wesle 231 

Zur sage von Erraenrichs tod. Von C. Wesle 248 

Zusammensetzung der vocale. Von R. Blnniel 265 

Reim und tonhöhe im neuhochdeutschen. Von R. Blümel . . 275 
Der scheinspondeus im deutschen hexanieter und pentameter. Von 

R. Blümel 297 

MF. 3,7. Von R. Palgen 301 

Sallmre, schantiu/re, pareliure. Von R. Palgen 309 

Lapsü exillts {^. i&d,l). Von R. Palgen 312 

Zum Codex palatiuus 341. Von A. Lei tz mann 313 

Zu den altdeutschen tischzuchten. Von A. Leitzmann . . . 320 

Zwei dunkle stellen im Georgslied. Von E.Ochs 333 

Zum Heliand v. 5788. Von F. Holthausen 337 

Nachtrag. Von R. Priebsch 338 

Literatur 338 



IV INHALT. 

Seite 

Die quantität mindertoniger vocale im Heliand. Vou A. Kiiörn- 

schild 339 

St. Emmerainer stndien. Von G. Baesecke 431 

Hermann Panl f. Mit biidnis 495 

1. Mein leben s. 495. — 2. Schriften s. 499. Von H. Panl. 
— 3. Nachwort s. 501. Von W. Braune. 

Literatur 503 



BRUCHSTÜCKE DEUTSCHER DICHTUNGEN 
DES i;?.— 14. JAHRHUNDERTS. 

A. Schlußverse von Konrads von Würzburg Otte, mit 
dem harte. B. Peter von Staufenberg-. C. Hofzucht. 

D. Busant. 

Die auf den folgenden blättern abgedruckten fragmente 
deutscher gedichte fand herr J. F. Payne M. D. im einband 
eines huches seiner privat bibliothek. Das werk führt den titel: 
Joamiis Ckcki Amjll De Fronmitiatione Graccac potlssinmm 
linguae disputationcs cum Stepliano Vuintoniensis Episcopo . . . 
Basilem, Per Nicol. Episcopium iuniorcm 1ü55A) Dr. Payne 
hatte die gute, seinen fund mir zu übersenden, ein ebenso 
interessantes wie willkommenes geschenk, wofür ich dem in- 
zwischen verstorbenen stets ein dankbares gedächtnis wahren 
werde. 

Es ist bezeichnend, daß im humanisten-zeitalter ein buch- 
binder einen augenscheinlich recht stattlichen codex deutscher 
gedichte zerschnitt und einzelne blätter desselben dazu ver- 
wandte, die ledernen einbanddeckel eines von der griechischen 
spräche handelnden buclies zu steifen. Vorder- und hinter- 
deckel des bandes enthielten je zehn übereinanderliegende, mit 
etwas leim zusammengeklebte blättchen, die ich nach ihrer 
trennung inhaltlich bestimmte, ordnete und derart auf zehn 
blättern starken, braunen papiers (30,9 x 22 cm) montieren 
ließ, daß die ursprünglichen zerschnittenen blatthälften wieder 
aneinander treten, nur durch einen kleinen Zwischenraum 
getrennt, der den der scheere zum opfer gefallenen zeilen 



*) Vgl. Catalogue of the remaining poitiou of tlie Library of the late 
Joseph F. Payne M. D. wbich will be sokl by auctiou by Messrs. Sotheby, 
Wilkinsou & Hodge . . . on Tnesciay, the 30th of Jauuary 1912: p. 26 110.I86 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 46. ]_ 



2 PRIEBSCH 

entspricht. Das so entstandene lieft wurde mit einem grünen 
Morocco-einband versehen. 

Jener alte huchbinder, dem deutsche poesie wenig- lespect 
eingeflößt zu haben scheint, entnahm, wie die roten römischen 
Ziffern auf der mitte des oberen randes jedes blattes zeigen, 
dem mißhandelten, wohl schon früher von ihm für ähnliche 
zwecke ausgeschrotenen codex diesmal die bll. LVI — LIX, 
LXI— LXIII, LXYIIII, LXXXV— LXXXVI und zerschnitt 
sie zunächst der breite nach in zwei gleiche hälften. Allein 
da diese stücke für die deckelfüllung noch zu groß waren, 
beschnitt er die oberen blatthälften ringsherum, die unteren 
nur am linken und unteren rande. Glücklicherweise verfuhr 
ei- mit dem oberen rande der oberen blatthälften so schonend, 
daß über der ersten schriftzeile jeder seite noch ein räum 
von ca. 1,2 — 1,5 cm bleibt und die so wichtige blattbezifferung 
erhalten ist. Wie der abdruck durch die auspunktierten zeilen 
angibt, ist andererseits eine bestimmte versanzalil in der mitte 
und am ende jeder spalte verloren gegangen und zudem auf 
den Vorderseiten fast durchweg ein oder mehrere buchstaben 
zu anfang der verszeilen der ersten spalte, auf den rückseiten 
entsprechend buchstaben der versschlüsse der zweiten spalten. 
In dieser hinsieht sind die unteren hälften stärker in mit- 
leidenschaft gezogen, weil ihr linker rand eben stärker be- 
schnitten worden war. 

Das durchschnittsmaß der bruchstücke in ihrer gegen- 
wärtigen gestalt beträgt nun: höhe 10 — 11 cm, breite 16,5 cm. 
Wohl zufolge des aufliegens auf dem leder des deckeis ist die 
Schrift auf der Vorderseite von bl. LXIII (abdruck 7 '") z. t. 
abgeschabt, z. t. verblichen, auch sonst sind hie und da einzelne 
buchstaben undeutlich geworden oder ganz geschwunden ^ 
kleine löcher, denen öftei's auch buchstaben zum opfer gefallen 
sind, weisen wohl auf nägel hin, die zur befestigung des nach 
innen eingeschlagenen lederbezugs dienten. 

Aus der äußeren gestalt unserer bruchstücke, ihrer blatt- 
nummerierung und ihrem inhaltlichen Zusammenhang läßt sich 
rückschließend etwa folgendes über den codex, dessen klägliche 
Überreste sie bilden, ermitteln: Es war eine ansehnliche papier- 
handschrift in kl. folio, so weit wir sehen können, in zwei 
spalten geschrieben, die durch eine vertikale tintenlinie von- 



BRUCHSTÜCKE DES 13.— 14. JAUKHÜNDEUTS. 3 

einander getrennt waren. Eine horizontale, auf der die erste 
verszeile steht, schloß den spaltenraum nach oben; andeie 
horizontale linierung- fehlte, doch mag-, nun ja nicht (;ontrolliei-- 
bar, jener oberen eine untere mit dem gleichen zweck ent- 
sprochen haben. Die spaltenhöhe betrug ungefähr 23 cm, ihi-e 
breite durchschnittlich 8 cm. Da der Schreiber nicht durch 
horizontale linien gelenkt ward, schwankte auch die Zeilen- 
zahl der abgesetzt geschriebenen verse auf den einzelnen 
Seiten, ja innerhalb der einzelnen spalten: aus dem vorhandenen 
material ergibt sich ein Spielraum von 28 — 33 zeilen. Die 
zweite zeile der reimpaare wai- nicht eingerückt, wohl aber 
bildet eine rot durchstrichene capitale den anfangsbuchstaben 
jeder verszeile. Rot war, wie bereits angeführt, die blatt- 
bezifferung, mit roten buchstaben (a — c) bezeichnet innerhalb 
unserer fragmente der Schreiber zweimal am spaltenrande die 
Umstellung falsch gesetzter verse, und daraus dürfte hervor- 
gehen, daß Schreiber und miniator dieselbe person Avaren. Ob 
farbige initialen vorhanden waren, ob rotschrift auch für titel- 
angabe der einzelnen stücke verwendet wurde, läßt sich nicht 
sagen, allein spuren deuten darauf, daß die erste (resp. 47.) 
zeile des Peter von Staufenberg durchweg in rotschrift war, 
ja es ist sogar möglich, daß das fehlen des prologs (v, 1 — 4G) 
darauf zurückzuführen ist, daß der Schreiber ihn von anfang 
bis ende so eintragen wollte. Jedenfalls erklärt sich daraus 
am einfachsten, warum er gut I3/4 spalten von 1^ unbeschrieben 
ließ, die bequem für seine niederschrift und ev. eine titelschrift 
ausgelangt hätten. Dann wäre auch der Schluß naheliegend, 
daß schon in seiner vorläge (ob einzelhs. des P. v. St., ob teil 
einer sammelhs.?) der prolog irgendwie als solcher kenntlich 
gemacht war. 

Ob mehrere oder nur eine band an der herstellung des codex 
beteiligt waren, können wir natürlich nicht wissen. Die er- 
haltene partie muß ohne zweifei ein und derselben zugeteilt werden, 
wenn auch das letzte fragment {Der Busant) etwas flüchtigere 
und spitzigere züge aufweist. Eine graphische eigentümlichkeit 
ist das gelegentliche auftreten eines nach unten offenen, n (mit 
nach links umbiegenden schlußschaft) ähnlichen Zeichens für «, 
stets, wo es überhaupt gebraucht wird, vor consonanten z. b. gncli, 
tng. Der unterschied zwischen n und u ist gänzlich verwischt, der 

1* 



4 PKIEBSCH 

buclistabe i bald mit einem strich, bald mit einem pnnkt ver- 
sehen, daneben ohne jedes zeichen. Abkürzungen sind sehr 
selten und bieten nichts besonderes. Erwähnt mögen die sehr 
häufigen d^, tv^ (= waz und tcasi) werden (vorläge wohl de, nr; 
vgl. Beitr. 33, 379). Der Schriftcharakter — gotische minuskel 
stark mit cursiven elementen gemischt — weist uns m. e. nach 
der mitte oder eher ins letzte viertel des 14. jh.'s. Als Wasser- 
zeichen tritt auf ein sogenannter dreibei'g (auch abtmütze ge- 
nannt) (s. E.Kirchner, Die papiere des 14. jh.'s, nr.27); in seiner 
gestalt am ähnlichsten der nr. 474 (da freilich erst aus den 
Jahren 1443—44) bei C. M. Briquet, Papiers et Filigranes des 
Archives de Genes, 1888. Außerdem zeigen sich in der ent- 
fernung von je 40 mm vier bodendrähte, deren einer mitten 
durch das Wasserzeichen geht. 

Über die lagen Verhältnisse im ursprünglichen codex läßt 
sich natürlich nichts bestimmen; auch über seinen Inhalt 
bis zu dem punkt, wo unsere fragmente einsetzen, kann 
man keine sicheren angaben machen. Das erste bruch- 
stück (bl. LVI) bringt den Schluß (9 zeilen) von Konrads von 
Würzburg Otte mit dem harte. Nach Pipers Zählung (KDNL, 
4. bd.: Höfische epik III, s. 185 ff.) hat die dichtung 764 verse. 
Nehmen wir auf grund unserer früheren angaben durchschnitt- 
lich 31 Zeilen für die spalte an, so wird der Otte auf der ersten 
spalte von bl. L'^ begonnen haben. Gesetzt, daß keine prosa 
darunter gemengt war, so würden auf den voraufgehenden 
49 bll. ca. 6076 verse platz gefunden haben. Das schlösse, vom 
Trojanerkrieg Konrads ganz abgesehen, auch den Partenopier 
(20784 verse) und selbst den Engelliard (6504 verse) aus, dessen 
einzig auf uns gekommener Frankfurter druck vom jähre 1573 
sich ja wohl keine umfangreichen einschiebsei erlaubt hat. 

Bei diesem negativen resultat wird es verbleiben müssen; 
denn wer sagt uns, daß dem Otte mit dem harte auch nur 
noch eine der kleineren, nicht legendarischen dichtungen 
Konrads, die freilich hier allesamt hätten bequem stehen 
können, voranging? Zwischen dem Schluß des zweiten bruch- 
stückes {Feter von Staufenherg) und dem anfang des dritten 
(Hoßucht) klafft jetzt eine lücke von 5 bll., indem die blatt- 
zählung von LXIII auf LXVIIII springt. Das würde also 
ca. 620 verse ergeben. Nun fehlen vom P. v. St. nur 178 verse 



HUUCHSTÜCKK DKS l:^. 11. .JAIIlillUNDKU TS. 5 

von denen aber noch vier anf dem weggeschnittenen teil der 
zweiten spalte von LXIII' standen; der HoßucJU, dem nächsten 
fragment, mangeln, falls ihr text, wie wahrscheinlich, mit dem 
von A. V. Keller, Erzählungen aus altdeutschen handschriften 
(St. LV 35, 531 iT.) gedruckten gedichte übereinstimmte, ca. 
450 verse zu an fang: zusammen also 174 4- 450 = 024 verse. 
Daher muß sich die Jloßucht unmittelbar an den P. v. St. 
angeschlossen haben. Hiei-auf springt die blattzählung von 
LXVIIII auf LXXXV, d. h. es fehlen 15 bll. mit ca. 1860 versen. 
Da aber dem Schluß der Hofzucht gemäß Kellers text nur 
74 verse, von denen wiederum vier noch auf bl. LXVIIII' - 
standen, dem folgenden Busant nur 290 verse entbrechen, 
das macht 360 verse zusammen, so wird, falls nicht ein prosa- 
stück dazwischengeschoben war, zwischen diesen beiden werken 
noch eine dichtung von etwa 1500 versen gestanden haben- 
Dem Busant endlich mangeln ca. 600 verse (genau läßt sich 
das nicht angeben, da gerade dort, w^o unser fragment schließt, 
auch die einzige, vollständig erhaltene hs. eine lücke hat); 
dafür wären mindestens 5 bll. notwendig gewesen, so daß wir 
auf die blattzahl LXXXXI kämen. Allein, ob damit der codex 
schloß oder dem Busant noch andere dichtungen folgten, das 
ist eine unlösbare frage. 

Günstiger als die frage nach dem ursprünglichen Inhalt 
des codex liegt die nach seiner heimat, nach seinem entstehungs- 
ort. Für localisierung am Oberrhein spricht zunächst der 
umstand, daß sich laut unserer fragmeute zu einer dichtung 
Konrads von Würzburg zwei sicher von ihm beeinflußte ge- 
sellen — der Peter von Staufenherg und der Busant — , 
gedichte, die selbst am Oberrhein zu hause sind. Weiterhin: 
die Orthographie des Schreibers der bruchstücke weist nach 
dem Elsaß, also wohl nach Straßburg. Folgende anführungen, 
zu denen man die arbeit von E. Haendcke, Die mundartlichen 
demente in den elsäßischen Urkunden, Straßbui'g 1894 halten 
wolle, werden zur bekräftigung genügen: 

1. aus dem vocalismus: die sehr häufige Schreibung o statt 
ä, z. b. lot, gohe, ofentäre, on(e), auch im reim zu ä, z. b. hon 
: an; die Schreibung e für (e, z. b. stete, gesehe, gebere; ö tnr e, 
z. b. mönsche; ü (hs. stets ü) für und neben u, z. b. süllent, 
sündin, tügent, vür\ u statt / in dem charakteristischen wurt 



6 PKIEBSCH 

(3. pers. sing.) : verhürtt (P. v. St. v. 985); ü für u, lierüs und in: 
türliche, trüfcn, slüs, drü und immer sü\ daneben ii, z. b. ucli, 
frunf, trmven; ü für uo in füte {= fuogte), gefüget, müste (indic. 
z. b. V. 115. 282); ö statt ou, z.b. stöffenberg, fröwen (= fromvcn)\ 
ü für ie, stets sü (sie), mit immer, doch im reime iiiht : siWsiht). 
Angeführt mag auch har = her werden. 

2. aus dem consonantismus: schwanken von d- t- im an- 
laut: dier, dief, tagen, det, tet, tat, getrimgen; gelegentliches j^ 
im anlaut für b: parn] girnj: hUigete, schrigen; m > n: hint 
(= hinit), helan, lohesan; metathesis des r: dirten\ überwiegend 
nichtbeachtung des mhd. auslautgesetzes: tag, pflag, mag : er- 
schrag, lih, tvib; andererseits urlop, ewedich usw. 

3. aus der flexion: beseitigung der pronominal endung -iu, 
stets die, schöne usw. für diu, sehöniii] die form hestu für hastu] 
die durchführung der endung -mt, auch im praet. stundent, 
soßent usw.; went = ivellent. 

Endlich: das buch, in dessen originaleinband i) die bruch- 
stücke sich fanden, war in Basel gedruckt. War es daselbst 
im officin des Nicol. Episcopius auch gebunden worden, so 
müßten wir auf grund des eben über den dialekt gesagten 
annehmen, daß entweder die deutsche hs. ihren weg aus dem 
Elsaß (Straßburg) nach dem nahen Basel gefunden, oder daß 
sie von einem Elsässer (Straßburger) in Basel selbst geschrieben 
worden sei. Eine dritte möglichkeit darf wenigstens erwähnt 
werden. Sir John Cheke'^) weilte im selben jähre (1555), da 
durch Vermittlung des Coelius Secundus Curio sein büchlein 
gedruckt wurde, in Straßburg, wo er an der Universität 
griechisch lehi-te. Könnte er nicht eben hier das exemplar 
seines buches, das unsere bruchstücke enthält, haben binden 
lassen? Gewiß, nur läßt sich leider nicht nachweisen, daß 
das betreffende exemplar aus seiner privatbibliothek stammte 
oder ein geschenkexemplar an einen freund oder gonner in 
England war. Wie dem auch sei, jedenfalls scheint der Ursprung 
des deutschen codex im Elsaß oder in Basel gesichert. 



') Dr. Payiie sclirieb mir daiüber: The style was very much like tliat 
of other books priiited at Basel about that tiine, e. g. a small Greek volmiie 
of Galen, De ValetiuUue (1549) which I have. It was dark thick calf or 
similar leather with a central oval medallion. 

2) Vgl. Dict. of Nat. Biogr. London 1908, p. 178 usw. 



BRUCHSTÜCKE DKS 1?>.— 14. JAHKUUNDERTS. 7 

Der abdruck der fragmente schließt sich möglichst au 
die hsl, Schreibung an und will zugleich ein bild von dem 
jetzigen zustand der bruchstücke ge))en. Deshalb wurde das 
nebeneinandergehen der zeichen /' s, ß\ /' v, u usw. belassen 
und blieben auch die wenigen abkürzungen unaufgelöst. 
Die auspunktierten zeilen zwischen den oberen und unteren 
blatthälften sowie am spaltenschluß entsprechen dem um- 
fang nach natürlich der zahl der tatsächlich fehlenden zeilen, 
was sich an der band des vollständigen abdruckes der stücke 
meist unschwer bestimmen ließ. Auf dieselbe weise konnte 
— freilich keineswegs überall — die anzahl der durch be- 
schneiden am versanfang oder -Schluß verlorenen buchstaben 
durch eine entsprechende anzahl von punkten angegeben 
werden. Allein wo sich hier aus dem raumverhältnis oder 
noch vorhandenen buchstabenresten die annähme einer von der 
bekannten textgestalt abweichenden lesart mit not wendigkeit 
ergab, habe ich meinen leseversuch, falls er mir das richtige 
zu treffen schien, in die noten gesetzt. Nur in dem kurzen 
bruchstück aus der Hofsuclit wurden die weggeschnittenen 
buchstaben im texte selbst in eckiger klammer ergänzt. In 
den fußnoten findet sich auch angegeben, wo sonst buchstaben 
verloren gegangen oder unlesbar geworden sind; desgleichen 
ist angemerkt, wo einzelne Wörter oder eine ganze zeile nur 
aus buchstabenresten hergestellt ist. 

A. Schluß des Otte mit dem harte. 

LVI. 
li"^ 758 Got ime heiles gunne 

Wemie er lo vil der tagende hat 
760 Von Wurtzburg meii't^ Cünrat 

Der müs ime lern'' heiles bitte 

Er hat der eren ftrit geftritte 

Mit gerne gebender hende 

Hie niniet dis buch ein ende 
765 Schone vnd viäerlelen 

Got müße vnd allen gnedig wele. 



758 — 66 die großen anfangsbuchstaben der verse sind bis auf spuren 
iveggeschnitten, doch ist ihre ergänzung sicher. 766 vnd statt vns durch 
das darüberstehende vnd veranlaßt. Best der seite bis auf ein jja«r feder- 
proben (16. jh.) leer, s. oben s. 3. 



PKIEBSCH 



B. Aus dem Fctcr von Stdu/'oibcrg. 



Iva 

47 . 

48 . 



der nülte von i'tu 

Is ich vor geschriben las 
. . 11 eime Averden ritter her 

50 . . es peterman von teiniger 
. r]id WZ ein tegeu vßerkoni 
. . n ftöftenb-g wz er geborn 
. z lit in mortenowe 
. mauge fchone fröwe 

55 . ich lot in eren fchoweii 
. er lop il't viiuerhowen 
. enue fn vor wandel fiiit behiit 
. . r edele ritter vnd gut 
. z von art ein milte man 



Ivl. 

80 Der hoch ge1)orue leyge 
Dieiide ouch gerne frciwen 
Wo er die mohte l'chowen 
So WZ er von hertzen fro 
Vns tut die ofentüre alfo 

85 Dz er nie To zornig wart 
Sach er eine frowe zart 
Verfwuuden was l'in vngemach 
Dovon man ime dz bel'te iach 
In aller dirre weite wit 

90 Man leite dz weder • E • noch fit 



62 Der edel vnd der i'tete 
Erte arme vnd ouch riebe 
Er lies von ime entwichen 

65 Nie deheinen varenden mau 
Er müfte fine gobe hau 
Ouch diende er flißecliche 
Gotte von himelriche 
Vnd ouch der zarten muter liu 

70 Maria der reinen iYuierin 
Sprach er alle morgen zu 
Hilf mir frowe dz ich getü 
Dz ich din hulde erwerbe 
E denne ich hie erfterbe 

75 Des en verlies er uiemer tag 



93 Der felbe tegen herre 
Mähte mangen fattel lere 

95 In turney vnd in ftriten 
Wart zu beden l'iteu 
Frumer ritter nie gef eben er . . . 

98 Was er ergreif mit der hau . 

102 b Vmb die wz es ergangen 
100a Ynd mit fimefw''te mohte erl 

103 c Des lag vor ime vil manger . . 

Ouch brohte er manigen in n , 
105 Die fich durch werde fruweii 
Vf hofen ließent fchowen 
Als mau ftecheu folte 



Überschrift dem v. 196 der dichtung entnommen, von einer hand des 
JG. jh:s._ 47 bis auf rote farbspnren (janz verloschen. 50 vielleicht 

aus temg-er der vorläge. 54 frowe] -we schrift abgerieben. 62 nur 

untere buchstabenspitzen res}), -hälften noch sichtbar. 75 untere buch- 
stabenspitzen z. t. tveggeschnitten, verlies stark verrieben, fast unleserlich. 
93 die oberen spitzen einzelner buchstaben iceggeschnitten. 95 vndj die 

zwei letzten biichstaben verrieben. 106 ließent von den zwei schließenden 
buchstaben abgesehen ist die schrifl sehr verrieben. 



BKUt'HSTÜCKE DKS 1;;.— M. .lAIIUllUNDEKTS. 



2»- ;i LVII. 

112 . . . iiianigen vur die froweii hin 144 

. . von fin lob wart wit erkant 145 

. woben peygern vngerlant 
115 . iifteu ime dz bei'te iehen 

. . engelant wart er gefehen 

. ud ouch in franckriche 

. ie bel'teii iegeliche 150 

. n tulchan in laniparten 
120 . ach mau inie die frowen zarten 

. ud mit fliße got heiles bitten 

. uch hette er erftritten 

. . . mauheit vnd mit ritters kraft 155 







127 . 


itte er In bekam 




. . . anig vugetofter man 




zu dem andern fprach 


130 . 


. . erden man ich nie gelach 




. . . irre ftoltze ritter ift 




. . . rocheut bi der felben frift 




. . er in rehter moße 




. . lein noch zu große 


136 . 


. . h''tze ift luter oue wang 


135 . 


. . z weder zu kurtz noch zu laug 




. . hette eins reliten mannes Hb 




. . . aniges wilden beiden wib 




lop dang vnd ere 


140 . 


. . . erden frowen here 





Orlj 

Den muter ie gebere 
Dar zu der belcheideu uiille 
Hette ouch mit fime fchilte 
Erworben ritterlichen pris 
Er blügete als dz paradis 
An tugenden vnd an eren 
Der werde ritter herre 
Durch für mit eren manig laut 
Er WZ von ftoffenberg genant 
Wo er in den landen für 
Vil maniger tiuiiche fwür 
Ritte alle die weit uf einen plan 
vur den turften h . . 



159 Die fime libe l'tundent wol 

160 Vür Avor ich uch dz fagen fol 
Bretfpils künde er ouch vil 
Vnd manigir hande feiten l'pil 
Dz tet in dicke frolich wefen 
Er künde ouch fchriben vnd lelen 

165 Dz lerte er in finen jungen tagen 
Birßen beißen vnd lagen 
Kunde ouch wol der ritter gut 

168 Vnd tet in dicke hochgemut 

170 Dz fin h-tze fröden pflag 

169 Nu füte es fich vf einen tag 

171 Dz der helt do heime was 

. . ftoffenberg als ich es las 



120 l. fach. 123 -heit vnd schrift sehr abgerieben. 127 l. Wo 

in ftrjitte. 129 l Dicke zü.^ 130 wjerdeu vom w ist noch der schluß- 
schaft sichtbar. 135 l. Er w]z, s^mren des z sichtbar, weder] -der ver- 
rieben. 140 von wjerden nur die oberen buchstabenspitseu erhalten. 
156 nur die oberen buchstabenhälften sind sichtbar; außerdem noch das 
übergeschriebene e und die i-spitze des vorangehenden müfte. 172 die 
unteren buchstabenhälften fast durchaus iveggeschnitten. 



2vii 

176 . enne der werde ritter do 
. on in was lange zit geweleu 
. er helt an manheit vßerlefen 



2vb 

209 Die fo rehte fchone was 

210 Vns feit die ofentüre das 
Dz got au dife weit ie 



10 



PRIEBSCH 



2va 

. praeh lime kuehte zu 
180 .11 eine pöugelt tage fru 
. nabe bereite mir ein pfert 
. iid dir dz ros min hertze gert 
. u folt nüt lenger biten 
. ir lüUent gon nufbach riten 
185 . wil ich meße boren 
. urch dz got v''ft6reii 
. . lle miner großen iunden ein 
[teil 



LVII. 2 V b 

Schoner wib nie w-den lie 
Als die vil zarte reine 
Von fleuch vnd von gebeine 

215 Wart nie fcböner wib gei'ehen 

Rehte als der liebten luunen 

Git liebten lunne berenden l'c . . . 
Vür alles dz gefteine bin 
Alfo det die frowe gut 

220 Vür alle fröwen hoch gemüt 



lül Vnd durch weltlichen rum 

Der knebt fprach bere ich tun 
Man lol gotte gehorsam l'in 
Do lief er zu dem Italle bin 

195 Vnd zoch her us ros vnd pfert 
Hut mantel fporu vnd fwert 
Dz trug er au finer haut 
Dar do er lin berren vant 
Sü loßent vf vnd rittent dan 

200 Do hies der tugentlicbe man 
Sineu knaben riten vor 
Wenue er noch fines hertzen kor 
Wolte fprechen l'in gebet 
Als er dicke getou hett 



224 So lag der fteiu vor eime ha . . 

225 Do lü der kneht vf i'itzeu va . . 
Ouch bette fü ein wis gewan . 
Dz alfo fchone lubte 

Dz den knaben duhte 

Su wer von himelriche kome . 

230 Oder us dem paradife genom . . 
Vnd füre ouch in der engel fc . . . 
Von palmat fidin rofeuar 
Was ir wunneclicbes kleit 
Dar vf von gokle wz geleit 

235 Vil manig dier erhaben 

Von golde wol durch graben 
Von dem rieben kleide erfchein 



187 l. Wejlle oder SuJUe (d. Solj? von der folgenden zeile (188) sind 
nur die oberen spitzen von ch (in ichj 11 (in allen) und 1 (in veil), sowie 
das (in z\\) sichtbar. 237 nur die spitzen der schaftlangen buchstaben 
sind erhalten, doch ist die lesung sicher. 



3ra 

241 . . e man riebe au trofte vant 
. . me man fü leite in fine hant 
. . r der menfche tot gewefen 
. . e fteine mabtent in genefen 

245 ..s ich die mere v''nomen hon 
. . trüg ein riehen vurfpang an 
. . e felbe reine frowe dar 
. . r irrae hertzen dz ift war 



LVIII. 3ib 

274 Er geturfte nut ftille haben 

275 Weune er den berren entfas 
Der ime alfo nohe was 
Geritten bi der felben ftunt 
Des wart f in hertze an f roden wunt 
Vnd was fin aller groftes leit 

280 Dz ime fin h'^re fo nohe reit 
Do von wolte er nut ftille haben 



BKUCIISTLCKE DES 13. — 14. JAHKHUNDERT.S. 



li 



250 



. s ir wol gezenie was 
ich es gefchribeu las 
r an vil kofte was ü;eleit 
11 mang'' hancle l'chonheit 
. inne ein karfunkel 



LVIII. ßr '- 

Von not iniifte er vur l'icli tral)cn 
Vnd neig ir doch mit ziihten gar 
Nil WZ der h'^re koinen dar 
285 Vil fehlere do der reine 



257 



260 



265 



270 



, . gab wuuneclichen fchin 

. . . les d:^ gerteine hin 

, . mb ving vil manige i'tein 

. . gros vnd klein 

. . eften fo man Tu iergen vant 

. Osten mohte nut ein lant 

. ölten han noch Time werde 

art vf alle der erden 

. eyi'er nie lo lobefan 

es v^golten mohte han 

. llem fime riche 

z fo lobeliche 

WZ fo wuuneclich geuar 



288 V'fwnnden w:^ fin ungemach 
Do er die fchüne fo eine vant 

290 An der was aller wünsch bewant 
Des WZ er von hertzen fro 
Er sprach vil zühteklichedo [zuht 
Got grüße uch frowe durch alle 

294: Got gruff e uch hoch gelobete fruht 

295 Got grüße uch aller fchonf tes wib 
Die ie gewan feie oder lib 
Vnd mir vf erden ie wart kunt 
Got grüße uch frowe tufent ftunt 
Sprach der ritter do zu ir 

300 Min lieber frunt got danke dir 



258 l. Vor al]les und vgl. v. 218. 259 l. Den ujmbeving . . . maniger 
stein. 262 l. Den b]6ften. 265 l Ein kjeyfer. 266 l. Der] es. 

270 von dieser zeüe sind nur ein imar buchstabenspitsen übrig geblieben. 
285 der] durch das r geht ein loch. 288 nur die unteren bucJistaben- 

spitzen sichtbar. 300 got schrift stark verrieben, doch sicher. Von der 
folgenden seile (301) sind nur noch die spitzen eines w und d von dem 
Worte werde sichtbar. 



Bva Lvm. 

305 Er fpraug von dem pferde fin 335 
Die frowe bot ime ir hendelin 
Do hüb der wandeis eine 
Die frowe abe dem fteine 
Do von fin truren gar zergie 

310 Mit armen er fü vmb vie 340 

Vnd bat die frowe fitzen nider 
Do rette die tugentfame uüt wid^ 
Su saßent nider in dz gras 



3vb 

So han ich frunt din gepfiege , 
Bede an ftroßen vnd an ftege . 
In fturmen vnd in ftriteu 
Hüte ich diu zu allen ziten 
Alfo ein frunt des andern fol 
In turnej' hüte ich din och wo. 
Dz dir leides nie gefchach 
Wo men zu hofe ftechen fach 
Do pflag ich ritter milte 



12 



PRIEBSCH 



3v:i 

Der helt rette aber viubas 
315 Gnodeiit frowe hocli geborn 



LVIII. 3vb 

Pin )nit dime fchilte 
345 Ouch 011 alle wider habe 



Des wart der ritter harte fro 
320 Viid fprach tug-entliche do 
Guodent werde reiue 
Wie liut ir hie l'o eine 
Dz üch uiemen wouet bi 
Die frowe clor von rchaudeu fri 
325 Den ritter tugeutliche an fach, 
Dis wort fü lachende fprach 
Dz mag dich wol wunder han 
Ich läge dir ritter lohefan 
Wie fich het gefüget das 
330 Dz ich hie fo eine las 

Do han ich frunt gewartet din 



Als din h'tze hat begert 

Do wart manig helt erflag . . 

350 Do hüte ich din alle tage 
Mit miner frien hende 
Hute ich din in dem eilend . 
Do von din lob ift wite erk . 
In l'woben peyg''n vnd vnger . . 

355 Onch hiite ich din in prnß . . 
Vor valwen vnd vor rußen 
In engelant in franckrich 
Pllag ich din ouch meifter . . 
Zu tufckan in lamparten 

360 Kunde ich din wol gewarten 



306 der schnitt geht mitten durch die 'D-capitalc und ebenso durch 
die capiialen der folgenden v. 307 — 15. 331 die unteren huchstahen- 

hülftcn iveg geschnitten. 348 bis auf ein paar untere huchstabcnspitzcn 

und die h- tmd g-schleifen weggeschnitten. 



4ra LVIIIL 4rb 

364 . . was ich alle zit bi dir 393 Gutes wes din hertze gert 

365 . z du mich helt gefehe nie Des biftu frunt von mir gewert 
. in frunt nü fchoweftu mich hie 395 Aber niraeftu ein elich wib 

. anne ich din ie mit truwen So ftirbet din minueclich'' lib 

. ol mir dz ich difen tag [pflag Dar noch an dem dirten tage 

. elebte ie dz frowe ich mich Vnr wor ich dir dz fage 

370 . prach der ritter löbelich Wenne es nieman erwenden kan 

. z ich üch fchönes wib fol fehen 400 Har vmb foltu dich verftan 

. ir künde liebers mit gefcheheu In hertzen vnd in mute 

. ane folte ich noch dem willen Do fprach der ritter gute 

. . . dent frowe bi uch sin [min Frowe ift die rede war 

377 frunt dz mag wol fin 406 Vnd dar zu lib vnd leben 

ftu des willen min Obe ich vnrehte fage dir 

....eh hie befcheide dich Dz got niemer gehelffe mir 



BRUCHSTÜCKE DES 1:5.— 14, JAHKIIUNDERTS. 



13 



4ra Lvirn. 

380 e tlu wilt l'o lieftu nndi 

... 11 alters eine bil't 410 

. . . Tage dir onch an (I4ell)en fril't 
.... 11 träten ininen lib 
. . . ül'tu one euch wib 

385 ... er lin vntze an dinen tot 

... iebel't gar one alle not 415 
. . . an den juugel'tlichen tag 
. . dich nüt gekrenken mag 
i'wecher wiri't 



4rlj 

Do l'prach der tngentliafte man 
üot den wil ich zfi bürge hau 
Wenne er getruwes hertze nie 
Mit der helffe i'in verlie 
Er liülffe ime us aller not 
Lib vud Tele an gotte Itot 
Der müße vnl'er beder pflegen 
Fruwe ich hau mifh des erwägen 
Dz ich üb vnd leben 
Vür eigen neh wil iemer «eben 



374 l. Gnojdent. Von . . . dent frowe die unteren hülften iveggescJmitten. 
377 l. lieber] f. 378 l Volge]ftu. 382 l Vnd] Tage d^ von der text- 
hand über der zeile eingefügt. 383 l. Wilt]u 384 l. So m|üftu. 388 ge- 
krenken die Schrift stark verrieben. 389 von I'wecher wirft nur die 
obersten buchstabenspitzen erhalten, der rest der zeile ganz weggeschnitten. 
406 die oberen spitzen weggeschnitten. 418 alles bis auf die oberen 
buchstabenspitzen weggeschnitten. 



4v a LVIIII. 

422 Die nam er an finen lib 453 

Vud kufte fü an iren muut 
AITo tat die clore bi der ftunt 455 

425 Sü kufte in tugentliche wider 
Man feit dz weder • E • noch fider 
Großer liebe nie enwart 
Do man mit tribe der niinne art 
Alfo In do hettent beide 460 

430 Do wolte vf der beide 

Der helt bi ir gefloffeu hau 
. fprach die frowe wol getan 

464 

a 

435 b 

Vud kein menfche uiemer gefehe 465 

Vnfer erfte hochgezit 

Vf dirre grünen beiden wit 

Min früut dz foltu erloßen mich 

440 A.ch hertze liebe gewere mich 

Vud los nü zu mole varn 470 

Wir fnllentz heim zu hufe fparu 



4vb 

Der fände wil ich entladen fin 
Vnd fo uim trut dis viiigerlin 
Dar inne fo lit ein edel ftein 
Die funne nie beffern über fcheiu' 
Er fpch mag es nüt anders fin 
So trage ich es durch den wille d . . 
Wau dz ich mus von üch fcheiden 
So gefchach mir nie fo leide 
Alfo mir von uch hie müs befche . . . 
Ach wenne fol ich uch aber feh . . 
Dz tünt mir werde frowe kunt 

. . . . \ vgl. h. 

. . . . \ (Schröder zu v. 464). 

Du folt vareu hören meße 

Durch dz got v-geße 

Alle dine mißetat 

Vnd wenne man den fege gebe . . . 

So rit min früut her wider .... 

Vud go du deuue alters ein 

In die kemenote diu 



14 



PRIEBSCH 



4va Lvim, 

Do wil ich tun den willen fin 
Er fprach gnodent frowe min 
445 Was ir gebieteut dz lol lin 
Do fprach die frowe wider in 
Des uiahtn wol genießen 
Es fol dich nut vNlrießeu 



4vb 

Do wil ich werlich bi dir fin 
Wenne du einoft gewunfclieft 

So bin ich endelich bi dir \ 

475 Vnd leifte was din h^tze gert 
Do fprach der edele ritter w . . . 
So wil ich frolich riten 



422 — 32 der schnitt geht durch die capitalen. 463 die unteren 

buchstabenspitzen sind iveggeschnitten. 473 vielleicht besser gewunf cheft . . . 
(= mir), doch s. zu 973. 477 die unteren hälften der letzten zwei Wörter 
abgeschnitten. 



5ra LXI 

604 . . nam fin vil gnote war 

605 . . . fen frj^en dienftraan 
. . d mauige frowe wunnefan 
. . . fprochen dz er were 
. . . rehter lantfarere 
. . . do nüt bevilte 

610 . . der h''re milte 

. . die witen laut bekam 
... er fin frowe wolte hau 
. . . ne er fin wunfch noch ir ge- 
. . wer naht oder tag [plag 

615 . . w^ fü bi ime zu stunt 

.... heim zu lande kam 

620 neu brudern lobefam 

.... nder vil der möge fin 
. . . . rt ime michel ere fchin 
. . . . e er in lieb au truwen wz 
. . . . ch do vor gefchriben las 
625 .... bruder vnd fiue möge 

t dar vf löge 

ü ime gebeut ein elich wib 

rochent fol fin ftoltzer üb 

.... bes erbe erfterben 

630 alfus vMerben 

kein kindelin 



635 



640 

642 
657 



660 



5rb 

Do wurdeut fü zu rate 

In einer kemenaten 

Do inne ouch wz der werde gaft 

Sü fprochent lieber frunt du haft 

Eren vnd gutes vil 

Vnd ift ouch wol vf dem zil 

Dz du ein elich wib folt han 

Die dir in eren wol gezam 

Der ritter von der rede erfchrag 

Mine lieben fründe ich enmag 

Mich felber nüt gezememen(!) 

[noch 
Mir ift zu maniger hande goch 



Do von ich mich ir hüten wil 
665 Ein fries leben wil ich han 
Die wile ich heiße ein jung''man 
Hie mitte rette er fleh von in 
Dar nach vnlange fü gingent hin 
Vnd nomeut in aber bar 
670 Einen wifen man fü brohteu dar 
Der fin noher fippe was 
Der manige rede vor ime las 
Wanne er künde rodens vil 
Er fprach min frünt ich wil 
675 Dich bitten vnd die bruder din 



BRUCHSTÜCKE DES 13.— 14. JAHHHUNDERTS. 



5ra 



LXI. 5rb 

Vnd alle die hie bi dir l'in 



604 l Da (.?)]nam. 612 l Vnd er. 626 l. Leiten]t. 627 l Wie Jjü. 
631 /. Dz er lat] kein; von den erhaltenen ztvei Wörtern sind nur die k-, (\- 
und l-schäfte und die striche über den i sichtbar. 676 dir stark i^er- 
rieben und loch im papier, ivo d stand. 



5va LXI. 

681 An eins ich wil kein elich wib 714 
.Seite man dar vnib minen lib 
Zu rieuien gar zerfnideu 
Die 'E- die wil ich mideu 

685 Dz fi üch allen vor gefeit 
. ch l'priche dz vf iniueu eit 
Der rede fuUeut ir mich erlan 
Went ir mich gerne bi üch han 
Der alte do mit zuhten l'prach 

690 irt dir die rede als vngemach 
Die ich in truwen habe geton 
. ch woude niit als vnreht han 
. . nim ich uf die truwe min 



697 Dz die naht her zu zoch 

Do wart dem jungen ritter goch 
Dz er Hoffen keme 

700 Er hies vil geneme 

Ime finen knaben zünden nider 
Do rette er ouch nüt wider 
Do nam der ritter wol geflaht 
Von in allen gute naht 

705 Wanne er zu mole betriibet was 
Sinen knaben hies er das 
Dz er ouch ginge an fin gemach 
Zu ime lelber er do fprach 
Ach hHze liebe fröwe min 



715 



720 



724 
723 
725 



5vb 

Bekünbert i'o biftu von mir 
Ein elich wib wil man dir geben 
So haftu lieb diu werdes leben 
Gar gefwinde verlorn 
Ich wolte bette ich v''born 
Dz ich nie worden wer din wib 
Din milter junger Itoltzer lib 
Jemer müs ruwen mich 
Do l'prach der ritter lubelich 
Wz ich dir liep gelobet hau 
Mich l'iu uieman über reden kan 
Ich leiftes bitz au mine tot. 



Man welle dir eiu • E • wib ge , 
730 So loltu dine brüder nem . . 
Vnd die liebefteu möge din 
Den tu To mit Worten Ich . , 

Ein • E • wib mit dir beküu 

Die wone dir zu allen ziten . 

735 Wo du in den landen verlt 

736 Wz du gutes do v'-zerlt 

Dz gebe fu dir din h^'tze tr . 
Vnd fage in ftille vnd über . 
Wie ich mit dir gelebet ha . 
740 Dz erloube ich dir min lieb. ., 
Vnd lo dich über reden niht 



693 l. Dz nim; die letzten zwei Wörter sehr undeutlich. 715 geben, 
der zweite n-strich ist tveggeschnitten. 



16 



PRIEBSCH 



740 



750 
7ö3 

755 



6ra 

. l'o ftunt her peterman 
. n liimel got er ane rief 
. n gründe Ihies hertzen (lief 
, . s er vor dicke tet 
. . r noch es fich gefiiget liet 
. s ich die mere vhionieii hau 
011 frankerich ein fürfte kam 
, eil man zu kunige wolte erhabe 
, fach man vil h-ren traben 
. ürften grofen frieii 
, . le uf den hof fchrigen 



LXII. 6r b 

778 Noch me mag mir got befchern 
Vud fin werde muter zart 

780 Sü ffirent mit ime uf die vart 
Die brüder vud die möge fin 
Do wart in michel ere fchiii 
Erbotten vil von mauigem man 
Der ouch dar zu hofe kam 

785 Do man in fach fo rilich varn 
Maniges edeln fürften parn 
Sprochent dz ift der werde tege. 
Der alle zit fich hat erwegen 
Libes vnd gutes 



762 erde ritter herre 

m ich üch han gefeit 

ren ouch vf den hof reit 

7G5 .... iner wunneclichen fchar 
. . . ette finre möge dar 
. . . drißig vf die vart bereit 
. . . gap der ritter vnhifeit 
. . . haruefch vud pfert 

770 ... in der milte ritter wert 
. . . gutes was fu folteu han 
. . . bruder gingent vür in ftau 
.... art fu in hießent miden 

774 1 . d . . 



792 Do fprach der kunig lobefau 
Wer ift der ritter vuu'-zeit [feit 
Dz wart dem riehen küiiige do ge- 

795 Mit fchalle fpcch des küniges ge- 

[twerg 
Es ift der milte von ftoff'enberg 

798 Von himel got muße in bewarn 
797 Ich fihe in fo riliche varn 

799 Vnd alfe weidelich 

800 Er machet noch mauge arme rieh 
E divre hof ein ende uimt 

So eret er mang'' muter kint 
Der künig den ritter do wol enpfie 
804 Mit zuhten er zu inie gie 



746 Z. Vf] fo. 750 l. Do]r. 762 die schrift sehr verblaßt. 

770 l. Gab] in (= d). 772 gingent schrift mit ausnähme der zwei letzten 
buchstahen stark abgerieben. 774 von der ganzen zeile sind mir die 

oberschäfte des 1 ^^nd d übiig geblieben. 789 die unteren spitzen der 

buchstaben weggeschnitten, die schrift sehr verblaßt. 792 die oberen 

hülften der buchstaben in lobefan iveg geschnitten. 795 getwerg, -twe- 

ganz verrieben. 



6va LXU. 6vb 

809 . z er zu fineu eren kam 840 Vnd do der vil gezeme 

BIO . es dankete ime der werde man Mit den die er brohte dar 

. nd ouch die lieben möge fin Vür den erweiten künig gar 



BRUClISTi'CKE DES 13.— 14. JAI1K1IINDERT8. 



17 



6v:i LXII 

. ie iiigent dief dem kiniige hin 
. ich hflb ein ritterlicher jnlt 
. aniger nf l'ine bruTt 

815 . art geftoßeu dz er balde viel 
. nd ime dz blut zum munde ns 
Nu bereite lieh von tenger [vviel 
. er peterman der ritter her 
. . d reit mit l'challe über hof 

820 war manig bischof 



Wz der Itecher an in reit 
Die hette er balde do geleit 

825 Gef winde zu der erden 
Weune er noch fiure werde 
Jegelichen künde erhaben 
Er fchonde ouch der junge knaben 
Vnd wer ime uf dem hofe entweich 

830 Vür den reit er vnd Oeich 
Dz ime kein leit von imebefchach 
Vil manige reine frowe fprach 
Von rtöffenberg der milte 
Wirbet mit lime fchiite 

835 Dz er wol füret der eren van 



b 

a 
845 



850 



6vi. 

Do Fprach der künig lobefan 
Vnd mit l'inen mögen dar bckan 
Zu dem ritter vnuerzaget 
Vch hot ein lelig tag betaget 
Dz ir zu hofe iint komen her 
Gnodent herre fo fprach er 
Ich vnd die lieben möge min 
Zu uwern eren komen fin 
Wenne wir durfent uwer wol 



855 Dz ich ein eynige miime han 
Die ift fo rehte wol getan 
Vnd ift fo wunneclich geftalt 
Ahtzehen iore ift fü alt 
Vatter vnd müter fint ir tot 

8G0 Der gewalt wol an mir ftot 
Dz ich fn üch gibe zu der 'E' 
Ich wil nch lagen dar zä m . 
Ich gibe üch landes alfo vil 
Als ich üch befcheiden wil 

865 Dz ir wol gewaltig fint 

Ein h''re vnd ouch üwer kint 
Mit miner miimen werden 



811 lieben] -be- schrift ganz ahgerieien. 820 l Des nam] war (= A); 
von war manig sind mir die oberen huchstabenspitzen, von bifchof die 
oberen hälften erhalten. 835 füret] schrift abgerieben, zudem loch im 

papier. 845 dem] das -e- ^^nd der erste m-strich abgerieben. 851 durfent] 
ein loch im papier hat das e fast ganz zerstört. 864 befcheiden] das e 
iii be- abgerieben. 865 gewaltig] -wa- verrieben. 867 mümen] der erste 
m-strich durch ein loch zerstört, das ziceite m und das n verrieben. 



7ra LXm. 7rb 

872 erden vnd die frechen 904 Der fal wz landes hh'en vol 

fprochent alle do 905 Vil bifchoue ouch dorinne was 

e tunt ir fo Die den ritter frogten das 

875 urt gebent Ob er ein • E • wib hette 

ent Do fprach der ritter ftete 

betrübet wart Ich hau ein miüecliches wib 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche, iö. 2 



18 



PRrKBSCII 



880 



890 



er litt er zart 

tte diu 

.... nwe . . . 

11 

eben 



887 tir geben einen man 

mit ereil muge liaii 



... ift von geburte fri 

ir vngezeme 

mich arm mau neme 

. . . pracli der kunig zu haut 
ich ritter gut bekant 

895 .... ich ir ein armen kneht 
.... nket fü billich vnd reht 
.... US ime undertenig l'in 
z ich an der miiinen min 

899 li der ritter wolte wern 



910 Die hat den aller Tchunsten Hb 
Den monlchen ouge ie gefach 
Mit der fo han ich gemach 
Wo ich in den landen var 
So niment fü min alle zit war 

915 Vnd ilt weune ich wil bi mir 



Dz git mir min frowe dar 
920 Wz ich üch fage dz ift wor 
Wenne ich nimme ein elich wib 
So ftirbet mir min junger lib 
Darnoch an dem dirten tage 
Ez ift wor dz ich üch Tage 
925 Als mir min frowe hat gefeit 
Dz ift wor iif mineu eit 
Do begunde ein bifchof iehen 
H^re loiit mich die frowe felicii 
Do fprach der tugenthafte man 
930 Sü lat fich niemau fehen an 
Weune mich alterseine 



905 dorinne] -ri- durch eine loch zerstört, -nne sehr undeutlich. 
907 hette] -et- ahgeriehen. 910 aller] sehr nudentlich, a- ganz abgerieben. 
919 dar] sehr verblaßt und undeutlich. 923 tage] fast ganz erloschen. 
931 Wenne] fast erloschen. 



7v a LXIII. 

936 Nu feit ir doch ein kriften man 970 

Wie fint ir fo befiiinet 

Dz ir den tüfel mineiit 

Vür alle reine frowen zart 
9-10 Wz gutes ie uf erden wart 

Gefprochen oder gefungen 975 

Do von fint ir getrungen 

Von lej'gen vnd oucli pfaffen 

Der tüfel fich gefchaft'en 
945 Hat zii eime wibe 

Die feie in nwenn libe 980 

. . . . ar ift eweclich verlorn 



7vb 

Er hub fich balde uf die vart 
Mit den fineii er von danne reit 
Do er zii naht fich hette gelei. 
Er Avüiischete noch der f ruweii . . . 
Bi ime fo wz die keyferin 
Die fiii ie mit truwen pflag 
Der ritter an irme arme lag 
Sü fprach vil hHze lieber mau 
Wz ich dir verbotten han 
Des wiltu wenig volgen mir 
Er fpdi frowe wz meinet ir 
Die l'dioue f 



HKUCIISTÜCKE DKS 13.— 14. ■lAllKIIlNDERTS. 19 

7v:i LXIII. 7vl' 



Mit inie wort «^olpioclien vil 
Die rede ich hie hekürtzeu wil 
Die pfaffheit iu des über ret 
Dz der ritter au der ftet 

955 Spracli wz der künig heißet mich 
Dz tun ich gewillcclich 
Zu rtunt ime gelobet wart 
Die maget rieh von lioher art 
Dz fü fin 'E- wib solte fin 

960 Der kunig tet ime helffe Ichin 
Vud gab ime kleinoters vil 
Der ritter fprach an dem zil 

9G3 I die inngfröwe 



Du h^bei't unz an den d 

985 "NVenne fit dir gelobet wurt 

Min h^tze dir dz verbürtt 

Dir Tage ich dis gelchehen . . . 

Ich wil Ion feheu minen fü . 

Beide frowen vnd man 
990 Wenne diu hochzit uoliet a . 

So din enge dz gel'iht 

Du folt dich fumen leug"" nili . 

Du folt balde bihten 

Einem prieff" choch(!) gewillten 
995 Vud folt balde got enpfohen 

Den priefter den heis golic . 
997 Dz er dir vil geringe 



947 l. Vür w]ar? 951 Mit] die capitnle s. t. wefjfjeschnitten. 

953 D(ie p)faffheit, die eingeldammerten huchsiaben bis auf spuren ver- 
riehen. 957 Zii] die capitale abgerieben. 984 die oberen spitzen der 
bnchstaben loeggeschniUen. 



C. Aus der Hof sucht. 

8r^ LXVIIII. 8rb 

K 5,20—31: K 6,23: 

/SJitze ftille vnd vfreht Griffeft in fin fchüffel mitderhant 

Bie] hofezuht heißet dich Do von würt die hofezuht bekant 

Effen] ob tifche fuuerlich x 6,25: 

Dz n/e]man dz elTen wider fte ^yntu du koft faltzen iht 

Oder] uf von dem tifche ge 5 

Z>n /-Jolt dz brot effen uiht . ,. ^V•f~^'^■ 
i;j man dz erfte gerihte fiht ^"^^ ^^ ^'^ ^^^^^^^^ "^^ , , ., ^^ 
Beh]üte dich zu aller ftunt ^^' ^^ ^^" *''^"§" 7« '^^ }'f'^^''^^ 

Dz\ du niht bedeuthalb dflf t in den ?^^ 'Y' "' ''^ ^ J /'' In 

7^ n , . , ,. xp • 1 M + r (^ ^A Swenke es über zu der init 

IJur]ch uut io entfpnch niht [munt 10 

So] du in dem munde habeft iht r^ K 6, 27: 

Ift dz e]s gefchehe not Leg uf den tifch die hende niht 

Wo ieman dz von dir gefiht 40 

Dz merket er wol dar an zu haut 

15 Dz dir die hofezuht ift unbekaut 

2* 



20 



PRIEBSCH 



r 541,35— 5U, 25 (K 6,7): 
Bißeß] du den fnit iht 
Lege /'>] uf die fchitffel uiht 

K 6,11: 
Du folt] uüt vor dem gefelleu diu 
Eße)i d]z il't die lere min 
Ob dir] ouch dz gefalle wol 20 

Vor dir] felber er eßen lol 
3Ian fo]\ nüt eiren alle frilt 
3Iit der] hant die ime eugege ilt 

K 6,17: 
Mit de (/ejfellen zu der rehten liaiiT 
Soliu e/']fen mit der linkeu zu haut 25 
Iß hi d]\x uut der gefelle diu 
Zv ßun]t fo loltu beiteu lin 

A' 6,19: 
Man ouc^x fol gerne "wenden 



30 



K 7, 32: 
Volgeltu der lere min 

45 

A' 6, 30: 
Nut kere dicli von dinen gelellen 
So du trinken welleft 

A' 7,2—4: 
Wer trinket vnd ts dem beclier fiht 
Pz zimet gehoften luteu niht 50 
Trincke gar belcheidenlich 
Dz lefze ueze mel'licli 

A' 7. S.- 
Hab die nafe zu nohe nibt 

K 7,9-12: 
Wo man dz von dir gefibt 
Dz du wüXcheft dinen munt 55 

ilit dem tiicbe zu Itunt 
Du bift der zubte nüt wol gemant 

K 7, 13 : 
Wüfcbe den munt mit der haut 

K 7,24—29: 
Ez zimet wol den iuugen 
Dz fie noch tiicbe erfuchent ire GO 
[muude 



12 der erJialtene zeilenrest sehr undeutlich, besonders not. 43 dturh 
das m tmd i von min geht ein loch im papier. 54 v in von verriehen. 

58 mit fast ganz abgerieben. 60 nur die oberen buchstabenhälßen dieser 
seile sind erhalten. 



LXVIIII. 



8vb 



E 7,29-8,1: 
Waßer geben dz ftot wol 
Es fol doch kein knebt 
Die hende twahen dz il't rebt 
Welle fii twaben ein jungh^re 
Der go bin dan verre 

Fehlen in U und K: 
Gewen ift vuhofelicb 
Vor allen dine:en des hüte dich 



K 8,26-9,19: 
Dz rieh ir keine bofer niht ([giht] 

ß^' Wanne man gemeine von frowe 95 
Was man in aller meist gew[e?-<J 
Dz ift iu aller fcbiereft befcb[c;Y] 
Alfo ift es ie vnd ie gefin 
Ich fpricbe vf die trüwe min ino 
Es mohte beffer wefen 

70 Mau ließe in vu^elefeu 



MKUCILSTÜCKK DKS !o.— 14. .JAHIillUNDIOIt l'S. 



21 



8va 

K 8,2—17: 
Was ich dich gelerct lian 
Je (loch loltu mit lau 
Du uemei't alle l'tuiule war 
Was tu die geliufte i'char 
V7J1 liiite du etwz rilü't 

Niemau gefohen alle diug 
Man vindet ouch inanigeu fuut 
Zu dil'eu ziten als mir il't kunt 
Der der hofezuhte l'chara 
Hie vor durch iiiht gezani 
Je doch behalt die lere min 
Vnd leg fu in dz hertze diu 
Dflrtu dz ich dich geleret hau 
So biftn ein wol gehoft'man 

K 8, 18: 
Die lere ouch frowen zimet wol 
Die nierkeut wz l'ü tim lol 

K 8,20 — 21: 
Die lere wil ich zu gezüge hau 
S . . leret f vnd mau 



LXVIIII. 8v h 

Doch fo fol eine reine wip 

Mit zfihteu ziereu iren lib 

Zuht zieret ein frowe wol 105 

Schone gebordc l'u haben [l'ol\ 



80 



85 



90 



lit dz l'u nut gebereu [kan\ 

Sü heißet ficherliche ein [ynan\ 110 

Merkent ir jungen frowe [icol\ 

Wie ein frowe geberen fol 

Verdecken fich zu raoßen 

Zu kircheu vnd zu ftroß[e)(] 

Loßen die lute bel'chowen [fich] 115 

Zu maßen dz rot ich i\<:\i[erUch\ 

Einer jungfrowen übel i[tot\ 

Il't dz fü vnzühtig got 

Ein jungfrowe lol zu &\ller zit\ 

Tretten zu vafte noch z[ü ivit] 120 

Ich wil aber mer vieheu 



75 z in etwz abgerieben. 90 schrift verrieben. 109 die huchstaben- 
spitzcn sind meist weggcschnittoi. 118 r in ver- abgerieben. 120 ü im 
ersten zu abgerieben. 121 nur die oberen buchstabenhülften dieser seile 
sind erhalten. 



D. Aus dem Busant. 



291 



295 

297 
300 



9ra 

. . prochen es wer in leit 

. ade vnd daug wart in gefeit 

. ter handeluuge 

. . minnecliche junge 

. . warte fin vor dem tor 

. . 7,e er kam her vor 

. . er alleine zu ir kam 

. bed'' h-tze do erbran 



LXXXV. 9i- b 

318 Mir f eiber ich trureu krenke 
Vntze vns kunt d^ liebe tag 

320 Dz ich dich hinnan bringe mag 
Slüs vf diu arme los mich varn 
Der riebe got müße dich bewarn 
Mins h'tzen trut vor aller not 
Lieber wolte ich den tot 

325 Jem'' durch dich lideu 



22 PKIKBSCH 

9ra LXXXV. 

. . n liebe viul von miiie 

302 . . . junge küuiginne 309 
a .... ende er in vmbe viug 310 

b 311 

312 

(/ fülle i'weig a 

e teilt boh"' froiden vil & 

/'.... gar ein kurtzes zil c 

(j . . u geliebeu beiden d 

h lü lieb ninlcent i'cbeiden e 

i . . . . t i'üßeu vil getan /' 

/,; .... m jnugeliuge v.'ol getan 327 

303 .... nbte in an ir wangen 

. . . prach micb iniis belange 

305 . . . b'"tzen trut iem^ noch dir 330 

u h''wid'^ kuraft zu mir 

313 ... weuie lol icb nu fröde bau 



9rl, 

Wene dz icb dicb fol niideu 
Wie fol icb diu v\geßen 
Min If tze ii't mir beießen 



Wenne ich dicb ane blickete 
Mir lelber icb gar v-rdiickete 
Leit vnd vngeiuüte 
Ach got dixrch dine gute 
Mus ich dir nu uiiop geben 
Min trut nu friste min leben 
Su bot den munt er gab den kns 
Mit ioiu'' fcbiedent fu aliiis 
Er reit do bin wenne inie wz gacb 
Sil fpracb irae manigen legen nach 
Mit gantzen truwen one bas 
Ynd niem^ tag v^'uie . t fü das 



291 l. Sü f Jprocbeu. 292 l. Gnjade. 293 l. Güjter ? 296 l. 

YiicJ^e, -7,- undeialich. 297 l. Als] er. 302 l. Die] junge. 302 a. l. 
Weinjende; er das r undeiülicli, auch -be von vmbe und -g in ving fast 
erloschen. 302 e. l Sü batjtent. 302/'. l. Do wz] gar. 302 g. l. De]u. 
302 /t. l. Vncz] fü. 302 /. l Do wa]rt. 302 /c. l. Bi de]m.^ oder Vö (\e]m? 
303 l. Sü tr]ubte. 313 /. Von weine; f von frode teilweise durch ein loch 
zerstört und verblaßt. 312 a. die oberen buchstabenhälften sind weg- 

geschnitten, blickete nicht ganz sicher. 332 l. v'meit, -i- durch ein loch 
im papier vertilgt. 



9v a LXXXV. 

337 Der künig vnd alle fiue man 365 

Ime do entgegen kam 

Sü enpfingent in uacb wirde 
3i0 Sin b''tze vnd fin begirde 

Wz gar wandeis eine 

Er ouch d'' küfcben reine 370 

Juugfrowe nie v''gas 

Die ime in fime b'^tzen fas 
345 Er gedobte zu aller ftunt 

Acb inineclich'' roter munt 

fol icb dicb kuf f .... 375 



9vb 

Do die veften lagen 
Er begunde fragen 
Wie die vogte w-ent genant 
Vf dz fü ime alle wurde bek . 
Drye die heften hies er vs 
Er fürte fü einhalb in ein h 
Vnd bat fü vmb drü fnelle . 
Wol bereit als ein gos 
Noch finen wille als er bat 
Do wart meuige gute ftat 
D h h 



HiaiciisrücKi': dks i;{.— U. JAiiKiiuNDioitrs. 



•J;{ 



9va FAXXV. 

350 ßedc froweu vud oucli mau 
Trebeijt vor ime frotkn vil 
Truineii pfiffen vud leite fpil 
Tuniiereu rteclieii viid Inline 
Laclien tautzen vud l'prini^eu 

355 Der inie uie keias wol yeliel 
Sin h''tze lag ime vud quicl 
Von miuueu in dem blute 
Ime WZ Ave zu mute 
Je me er Ichön^ froweu lach 

360 Je größer wart l'iu vugeuiacli 
Wanne er gedohte als . . die 



378 
380 

385 



9vi. 

Die wile hette er vor .... 
Wo l'u heimclich gi ftuude 
Dz CS nieman befiinde 
Do zocli man l'ii vud botz . 
Als man noch guten roß . 
Die mau vf liebe vertt; . . . , 
Den roßen geordeuiert w . . 
Drye l'ettel herlieh 
Die worent von hohe kol' . . 
Dar iuue gurte vnd ftege . 
Wz die ros vmb greif 
Dz von led'' l'olte lin 



347 nur die sdileifen der über die zeile racienden buchstaben sind 
übriij geblieben. 361 /. als au, nur die oberen Imlften der buchstaben 

(lieser ganzen zeile sind sichtbar. 372 gosj V'd. Tristan IG'JH. goz Schluß- 
stein. Glaser s. 51 schlägt vor: und bat si im dri s. r. wol bereiten allen 
gä(he)s. 375 alles bis auf die oberen spitzen dieser buchstaben loeg- 
geschnitten. 386 l. kol'ten rieh. 



lOr a 

394 . z es nüt klug möhte i'in 

395 . . dis Avart alles vollebraht 

. . s er rieh vor hette bedaht 
. . hies er ime bereiten 
. . t itel giildin feiten 
. . ue videl erzuget wol 

400 . . B ein fnrfte füren i'ol 
. er korp gezieret 
. . r Hb geprefieret 
. it golde vnd gesteiue 

404 . . d edelm helffenbeiue 

a 

b 

405 din porte 

. . . z an allen orten 
. . . golt porten vber leit 
. . . die videl wz bereit 
. . . nagel woreut güldin 

410 . . gigen lack wz fidin viu 
rket wol mit bildiu dar 



LXXXVI. 

421 



425 



430 



435 



440 



lOrb 

Ime tugentliche noch kam 
Doch ahte der hoch gelobte mau 
Dz ir do uieinan wart gewar 
Sin müt ftunt zu fime liebe dar 
Do ritteut l'ü mit froden hin 
Ir bed'' liHze vnd fin 
Stunt als do hin gon frauckric[hj 
Der junge fiirfte lobelich 
Wart gar vßer moßeu fro 
Dz er fo rehte fehlere do 

J.h 

Groß'' liebe nie euwart 

Mit gantzeu truwen fo v'^eint 

Sprach er fu het fit vil geweint 

Vnd min fo lange enborn 

Die ich zu froden hau erkorn 

Vür als dz ich ie gel'ach 

Wz mir fit zu gute ie gei'chach 



24 



iiö 



PRIEBSCH 



lOr a LXXXVI. 

. itte WZ dz lange ior 
. g gegangen vil nach 
Junge furiteu wz lo gach 
. vf die vart wurde bereit 
. nebte bette er do gefeit 



lOrb 

Dz gab mir als frodeu uibt 
Wene dz mich uu die zu v^sibt 
Hat fo fro geniachet 
Dz min b'tze lacbet 



397 er] das e bis auf spuren verrieben. 398 güldin] der oberscJiaft 
des 1 abgerieben. 402 . . r lib] die schrift stark verrieben, doch lesbar. 

403 golde] das g völlig, das o teilweise abgerieben. 404 l. Vn]d, das d, 
soivie ed- in edelm sehr undeutlich. 405 l. fijdin. 408 l. Sus] die. 

411 gewirjket, vom r nur das häkchen erhalten. 414 l Dem Junge. 

415 l. D'^ er] vf. 433 außer der unteren schleife des J und b alles weg- 
geschnitten. 



lOv !i LXXXVI. lOv b 

449 Wo er zu b'-berge lag 472 Derkuniglpchfebeutwie d^to . .. 

450 Die lauge naht vntze au den tag Dz er mit mit mir gäbet 

Er feiten iem^ rebt entflief Vud miue riebe gäbe v''fmübet 

Zu fime kuebte er dicke rief 475 Vud oucb die miue bocb zit 

Wol vf wir fulleut riteu Er fpracb ir wiffeut nüt Avie e 

Ich mag nüt laug^ biteu Es würde üch donue "E- gefeit 

455 Mir ift zu difer verte gach Vor eime iore bau ich geleit 

Der knebt fürte ime als uach Einer wißeu tuben eine itrig 

Die fidel die fo fcbone wz 480 Zu d^ ich manigeu ogeu blig 

Dz tet er als vmb*^ dz Vud^ wilent hau getan 

. z fiu uienian eukande Solte ich die iem^ warteu 1 . . 

Do wondent frowe vud man 485 Des lachete d^ kunig 

Dz 6!" junge fürfte were Es dubte in alfo turlicbe 

464 Ein geuger videlere Dz er noch ein^ tuben rei . 

a Der junge fürfte vil geflaht Vud die vart mit ime v'' 

b Kamindesküuigeslantvomaraht Do in d^ küuig felber ba . 

c Der felbe kunig lobefau 490 Vrlob nam er vf d" ftat 

d Wolte die bocbzit bau Gar fruntlich er dannen 

e Mit d'' juugfrowen vin Dz w:^ den b'ren allen lei . 

f Von franckerich der künigin Den weg den er wol kun . . 

465 Der kunig gege ime trat Zii den felben ftuudeu 
Tugentliche er in bat 495 Hup fich der jungeling ... 
Er bat iu mit ime riten 496 Do ir uiemau wart gewar 



BUUCnSTÜCKK DKS 13. — 14. JAIIRIIUNDKIMS. 25 

Zii riiier liocli ziteu (i Weinie tl'' kunig 



458 villi)'-"] (las e verblaßt, vielleicht erst nachlräfjlich übergeschrieben. 
462 die obersten spitzen der über die zeile ragenden huchstaben loeggescluiitlen. 
468 nur die oberen buchstabenspitzen sind übrig geblieben. 485 knuiif] 
-ig durch einen einriß im papier fast ganz zerstört. 488 l. v^'iiieit, der 
erste strich des in noch sichtbar. 496 a. bis auf die oberen buchstaben- 
spitzen weggeschnitten. 

Abliaudluiig. 

Die auf den vorstellenden blättern abgedruckten fraonienle 
bringen keinen Zuwachs an bisher unbekanntem mhd. poetischen 
gut, allein sie verdienen gleichwohl eine eingehendere betrach- 
tung, denn sie ermöglichen es, den text zweier interessanter 
gedichte der epigonenzeit — es sind der Peter von Staufen- 
berg und der Busant — sowie den eines didektischen gedichtes, 
der Hofzucht, innerhalb der von ihnen umfaßten partien er- 
heblich zu verbessern, ja im erstgenannten fall erst seiner 
originalform nahe zu bringen. Sie bewahrheiten so wiederum 
die alte erfahr ung, wie schlecht es um unsere kenntnis der 
ursprünglichen textgestalt der zahlreichen kleineren romantisch- 
epischen gedichte bestellt ist, die, wie die eben angeführten, 
nur in je einer späten handschrift vollständig überliefert sind, 
zu der sich allenfalls noch ein frühdruck, derselben Überliefe- 
rungsgruppe angehörig, gesellt. An solchen vielgelesenen und 
gerngehörten erzeugnissen der kleinliteratur übten eben 
Schreiber, selbst gelegentlich dichter-dilettanten, ihr herren- 
recht mit Vorliebe aus, ihre reim und rh3ihmus glättende, 
ihre wort und plirasen um- und ersetzende, ihre zufügende 
und weglassende tätigkeit. Haben solche unbefugte änderer 
es verstanden, den ton des Originals oder dessen beeinliussungs- 
quelle — in unseren fall Konrads von Würzburg gedichte — 
zu treffen, so ist es bei solcher einschichtigen späteren Über- 
lieferung des denkmals füi' den herausgeber ungemein schwierig, 
auch nur den umfang der zusätze sicher zu bestimmen; weiter- 
hin läuft er gefahr, den dichter besonders in hinsieht auf das 
metrum zu einem stärkeren nachtreter Konrads zu machen 
als er wirklich ist. 



20 PUIKBSUM 

Zu A. Schluß \'oii Koiirads Oltc mit dem hurte. Erhalten 
sind nur die verse 758 — 764 nach Piepers Zählung, Höfische 
epik 3, 204, + ein reimpaar. ein sclireibei zusatz, dessen erste 
zeile ein nicht nur für Konrad unmöglicher vers ist. Sonstige 
ab weich ungen: 764 httch (= I) st.mcerc der übrigen hss. Stärker 
760 f. Von Wurtsbur(f meist' Cünrat \ Der miis st. VunWurze- 
hiirg ich Cuonrat j niäs; am stärksten 758 Got ime heiles güiine 
st. got tvelle im sceldc meren aller übrigen zeugen, ein an und 
für sich guter (Konradischer) vers vgl. Engelh. 4074, Pantal. 30, 
dessen reimband tviinne gewesen sein mag, also (757) da schinet 
maneger tviinne, allein gegenüber der einhelligkeit der anderen 
hss. wird es sich auch hier nur um nachträgliche änderung handeln. 

Zu B. Aus dem Feter von Staufcnherg. Zuletzt heraus- 
gegeben von E. Schröder, Zwei altdeutsche rittenmären, Berlin 
1894, -1913 (wonach unsere verszählungi)); dazu ders. Zs. fda. 
38, 105 ff., Schorbach ebd. 40, 123, P. Jäckel, Egenolf v. Staufen- 
berg ein nachahmer Konrads von Würzburg, Marburg 1898. 
Nach Schröder^ s. 35 'repräsentieren h (Straßbnrger hs.) und 
d (Straßburger druck) zwei äste der Überlieferung, die sich 
schon im anfang des 14. jh.'s aus einem bereits fehlerhaften 
archetypus abgezweigt haben'; darin sieht er eine bilderhs., 
welche auch schon die in h und d oft im Wortlaut überein- 
stimmenden Überschriften entlialten hätte. Daß h und d in 
der tat aus einer gemeinsamen quelle (y) geflossen sind, sichern 
auch unsere bruchstücke (P) einwandfrei. Wir wollen zum 
beweis nur ein paar besonders charakteristische stellen an- 
führen, gegen deren ursprünglichkeit Schröder keinen verdacht 
hat, während sie sich nun doch zur ganze oder in bezug auf 
das reimband erst als mache von y erweisen: 89; 2571 445 f. 
1931; 3491 4591; 746. 796 — 99. 840—44. 

89. P In aller d/rre ivelte tvit, h d in diser wilden tvelte lo. d. h. y 
putzte den vers durch eine K. v. W. entlehnte weudung auf (vgl. Jäckel s. 61). 

257 f. Die starke änderung von y ward nicht sowohl durch den reim 
4- : -t- (P schin : hin) verursacht — denn eben der ist ja 217 stehen ge- 
blieben (vgl. auch 111. 507. 811) — als vielmehr, wie ich meine, durch die 
löbliche absieht, den kurz vorher (218) fast identisch auftretenden vers — 
nur gestirne st. gesteine — ') nicht sobald zu wiederholen. 

1) Inzwischen ist 1920 die 3. aufläge erschienen. (Corr.-note.) 

2) Es ist bezeichnend, daß der Schreiber von P, der offenbar schon 
das folgende überlesen hatte, 218 gesteine für gestirne schreibt. 



maM'iisi'üc;KK i>!:s 13.-14. .iaiiuiii'ndkkis. 27 

445 f. Per iinderiiugsi'rmiil iTir y lag in. e. in dem iirsprüngliclieu 
vionvini, wio ihn P zeigt, oder darin, daß der .sclireiber von y die in die.ser 
oder älmliciier Verbindung liäulige phrase (vgl. v. 581 und (jSO, Iwein ;5ß22) 
iha luon ich niederselirieb und dazu einen neuen reinivers bildete; für das 
umgekehrte, eine erst von P vollzogene Umarbeitung, ist eine Ursache 
nicht ersichtlich. 

193 f. y Avird sich von P nur durch das reim wort hinin (194) st. hin 
geschieden haben; auch hier nicht des reimes von i-.i wegen eiugefiilirt, 
sondern, so trivial das auch scheint, wohl nur, um das hineingehen in 
den stall zum ausdruck zu bringen; d* copierte einfach y, h* dagegen 
schuf die erste zeile (193) in reclit nichtssagender weise um, vielleicht 
weil es die beziehung dieses verses auf die voraufgehende rede des ritters 
(bes. 185 — 87) nicht verstand. 

349 f. 459 f. In beiden fällen suche ich den grund des anstoßes für y 
in dem reim von -en : -c>); bei 459 f. mochte noch ein metrischer grund 
mitspielen; y könnte sie in der ihm vorliegenden P-(0-)l'assung für ein 
vierhebig klingendes reimpaar angesehen haben. Darauf kommen wir noch 
zurück. 

746. y hat an stelle des echten her petennan die in dem gedichte 
und bei Konrad (s. Jäckel s. 51) beliebte weuduug subst. + lohesam ein- 
gesetzt. Dadurch geriet das in P wuchtig betonte praeposit. adv. uf~) nebst 
dem folgenden so in den auftakt, vgl. d auf so stände, h* ließ ferner das 
so fallen; der reim -m : -n kann für y kaum die Ursache gewesen sein, 
denn vgl. 533. 539. 809. 835. 1011. 

796 — 800. Auch hier liegt die übrigens wenig geschickte änderuug 
(vgl. sich ich varn—ivan er vert) bei y, aber der grund hierfür ist mir 
nicht klar. Vielleicht trug nur die versehentliche Umstellung von 798 — 97 
die schuld daran, denn nun ließ sich nicht leicht in der P-gestalt von 799 
fortfahren. 

840 — 44. 3Iöglich, daß sie bereits in X (archetypus der ge^amtüber- 
lieferuug, s. unten Stammbaum), resp. die P-form hatten, aber stilistisch 
vorzuziehen wäre die Ordnung 840. 842. 841. 843, so daß die partie dort 
gelautet hätte: 

Und do der vil gezeme 

Vür den erweiten künig gar 

Mit den, die er brahte dar, 

Und mit sinen magen dar bekam, 

Do sprach der künig lobesam 

Zuo dem ritt er usw. 

dann setzte in y die Umarbeitung ein von dem wünsche aus, den metrisch 
(zweisilbiger auftakt) und stilistisch etwas unbeholfenen vierten vers {Und 



') Daher wird vielleicht auch 149 eren : here, 263 f. werde : erden mit 
P zu lesen und 63 mit P riche : entwichen beizubehalten sein. — Vgl. auch 
oben Busaut 379. 405 und Glaser s. 16. 

2) Vgl. Zs. fda. 45, 281 f. und Salm. 2972. 



28 PRIEBSCH 

. . . bekam), der anl3er(kMii iiiliiiltlieh überflüssig' ersoheiuen mochte, in der 
tat aber 766 f. voraussetzte, zu eutferneii.i) Die versfolge XO blieb in y 
und daraus iud*!, Avähreud h* zufällig iu der umorduuug (S-tO — 12) mit P 
übereiiitraf, das ja auch die zwei folgendeu verse (b a I) vertauscht hatte. 

Abgesehen von diesen charakteristisclien stellen (es sind 
keineswegs alle) geht weiterhin die enge Verbindung von h d 
durch eine gemeinsame stammhs. y gegenüber P daraus hervor, 
daß in P weder von bildillustrationen noch von Überschriften 
eine spur vorhanden ist, weswegen natürlich auch alle jene 
textänderungen wegfallen, die lediglich dem einfluß der 
illnstrierung zuzuschreiben sind. 2) Dadurch erledigt sich m. e. 
auch das, was Schröder'- s. 38 über die frühe illustration des 
werkchens im auftrage Egenolts und über h* und d* als zwillings- 
copien sagt. Illustriert war eben erst y und das ist, wie wir 
sehen, eine dem original bereits ziemlich fe]'nsteliende quelle. 

Aus dem gesagten geht aber auch hervor, daß P einem 
anderen und, da die eben angeführten abweichungen in h d 
sich wohl aus seiner textgestalt. nicht aber umgekehrt erklären 
lassen, einem älteren zweige der Überlieferung angehört. Dann 
hat es als wichtiger zeuge für die hersiellung eines kritischen 
textes zu gelten, der freilich, um anspruch auf unbedingte 
glaubwürdigkeit zu haben, noch eines genossen auf seiner 
Seite bedürfte, um so mehr, als eine kleine anzahl minder 
guter oder auch direct falscher lesarten etwas gegen ihn ein- 
nehmen. Als solche sind anzusehen: 

öO i\nä 811 temiger les'p.tenger st. temringer h, cliemrhiger d: hatte die 
vorläge teingcr'?: 84 tfit st. seit, dem Schreiber lag wohl im ohi' Vns tut 
d. a. Jcunt; 93,150 herre st. here; 97 gesehen erJcant st. erJcant, die Ursache 
liegt wohl aiif der hand; 217 sunne st. wunne unter einfluß des (216) vorauf- 
geheuden sunne\ 218 gesteine für gestirne s. oben s. 26anm. 2; 259 manige 
st. -er?; 275 sin ausgefallen; 300 got st. mt, doch das ist unsicher, da sich 
got am ende halten ließe: s. unten s. 38. 869. 439 dz (= daz) für des; 
382 oiich zu streichen. 424 Also st. So; 436 gesehe st. sehe; 445 sin st. 
din; 674 lieher ausgefallen; 754 franl^erich st. franhefxirt, was einem im 
copieren von rittenmären bewanderten Schreiber leicht passieren konnte; 
794 riehen zu streichen, doch s. unten s. 41. 986 dir st. niemer; 991 äuge 
st. ouge. 



') Schröders interpunction der stelle nach hd scheint unrichtig: punkt 
hinter gar (842), komma hinter kam (843) [so jetzt in der 3. aufläge] und 
da St. 1)0 844. Vgl. d^ (Culemanu). 

'^) Vgl. dazu besonders Wilmauus, Gütt. gel. auz. 1895, s. 408 f. 



BRUCHSTÜCKE DES 13.— 14. JAHRHUNDERTS. 29 

Schröder weist der (luelleiilis. von h d — unserem y — 
bereits eine kleine anzalil von fehlem zu und notiert als solche 
s. 35 fünf stellen, in der ersten auflag-e s. XXXVI sechs, näm- 
lich nocli V. 263. Davon erlauben zwei, v. 585 und 1126, keine 
con trolle mit P; den offenbaren fehler in v. 354 (fehlen von ?w) 
teilt P nicht (d- hat ihn aus eigener initiative verbessert), 
wohl aber stimmt P an den zwei (resp. drei) übriggebliebenen 
stellen mit h d (y) überein. Und um dies noch hinzuzufügen, 
P hat auch 830 sleich = d (in li fehlt der vers), was schon 
Jänicke in streich besserte und Schröder übernahm; endlich 
V. 118 teilt P mit h die lesart die besten . . . gegenüber d zvas 
er den besten: die gilt also für P}'. Liegen hier wirklich 
fehler vor, so kann auch P nicht direct aus dem originalms. 
geflossen sein und die gesamte hsl. Überlieferung ginge auf 
einen bereits fehlerhaften archet3"pus zurück. 

^y\Y hätten also folgendes überlieferungsschema anzusetzen: 



I 




y (bilclerhs.) 
\ 
(Schröder s. 36) h* d* 

A i 

Betrachten wir nun die fünf fälle näher: 1. v. 135f. Die 
von Schröder vorgenommene Umstellung des verspaares steht 
nun gegen die gesamtüberlieferung, ist aber m. e. unnötig, 
denn d gibt einen ganz befriedigenden sinn, wenn man die 
V. 136—35. 137 als directe rede faßt und in h ist eben nur 
er ist vor weder 135 ausgefallen. So also y. In P geht dem 
weder 135 Er iv]z vorauf und v.137 steht hette (ind.) für hat hd 
d. h. nur 136 ist directe rede der beiden in fortsetzung der 
indirecten, v. 135 und 137 aber Charakteristik des ritters im 
munde des dichters selbst. Das ist stilistisch verkünstelt er 
und wohl eben deswegen von y geändert worden, wozu viel- 
leicht noch die erleichterung des schweren zweisilbigen auf- 
taktesi) in 135 trat. P: Er ivs weder zu hurtz noch zu lang, 
y: er ist weder usw. 

Was diesen anbetrifft, so meint freilich Schröder (Zs. fda. 38, 110), 
der dichter meide ihn augenscheinlich und daher habe er ihn nur in einem 



30 PRIEBSCH 

2. Schwieriger ist der fall v. 640 — 42: 

P Yiul ist oncb \vol nf dem zil h So ist ez ouch avoI uf dem zil 

Dz du ein elich wib solt liaii daz du solt ein ewip hau 

Die dir iu ereu avoI gezam die diueu ereu aa'oI gezau 

d m\ ist es doch aa^oI auf dem zil 
das du solt ein eAA'ip hau 
das dir gezeraet Averder mau 

Schröder sieht hinter den ahweichnngen von h d eine ent- 
stellung- in ilirer quellenhs. (unserem y): 

daz du solt ein eAAÜp hau (st. nemeu) 
die diueu ereu mag gezemeu. 

Da nun aber P zu h stimmt, so müßte diese entstellung auf 
X zurückgehen und durch P und y, unabhängig voneinander, 
in derselben weise von der zweiten zeile aus verbessert worden 
sein, während doch bei dem befund Jian : gesemen die von 
Sehr, vorgenommene einrenkung so viel näher, ja für h (h*), 
das in dem einschiebsei hinter 636 eben die wendung ein dich 
froive nemen gebraucht, geradezu auf der band gelegen wäre. 
Vielmehr die von P gebotene reimbindung war die von X j\ 
h behielt sie und nur d änderte ungeschickt und erkennbar 
genug. Mit ihr und damit mit dem auffälligen gebrauch des 
praet. gczam werden war uns schlechterdings auch für ab- 
finden müssen, ich möchte Jänickes rettungsversuch nicht so 
schlankweg von der band weisen wie Schröder s. 36 (vgl. 
auch Parz. 157, 19 — 20. 173,1 — 2), zudem aber darauf hin- 
weisen, daß der dichter die wendung ein elich ivip han (nicht 
ncmcnl) absichtlich gebraucht zu haben scheint, nämlich als 
steigernden abschluß des 6381 unmittelbar vorangehenden du 
hast eren usw. Die freunde sagen: 'du hast reichlich ehren 
und gut; nun ist es auch an der zeit, daß du eine ehefrau 
haben sollst, eine solche, die für dich (als du sie nahmst) an 



so leichten fall Avie 460 so gejscJu'ich zugelasseu. Dabei bat er 817 u. lOil 
übersehen. Jedoch die übereiustimmuug vou P b resp. P d sichert ihn für 
120 und 971 und auch für 100—1 (P b nur ein vers), uud 815 mag ihn, 
der la. von P entsprechend, das original gehabt uud h (h*) resp. y geändert 
haben. Fraglich ist 468: P Vnd iven{ne) man, d loan man, b so man; 
auch 733 ein -E- icib P h, ein tvib d, da hier P b auf gruud des 729 hervor- 
gehenden eivi2) zufällig zusammen getroifen sein können. — 459 P 1. ican 
deich 7)) US ... In betracht kämen endlich 338 uud 352 (s. unten uuter la). 



BliUCnSTÜCKE DMS 18.— 14. JAIIUHUNDEIITS. 31 

ansehen geziemend Avar'. Von dicker auffa.<,sung- aus ließe sicli, 
meine ich, das praet. wohl verstehen. 

8. V. 263, Die gesamtüberliefeiung- hat völlig überein- 
stimmend: vergolten han nacli, sinem u-cnle. Schröder tilgte in 
der ersten ausgäbe sinem und setzte in die zweite [und dritte] 
mit gewaltsameren eingriff vergelten nach sim iverde. AVir 
haben es meines erachtens mit einem vierhebig klingenden 
reimpaar zu tun. dessen zweiter vers am besten wieder nach 
P zu lesen ist: ez ivart uf dire[r] der erden. Der annähme 
gelegentlicher vierhebig klingender verse wird man sich übiigens 
auch sonst nicht ganz entziehen können, so 100 — 102 P h. 
Lauteten 799 f. P ursprünglich: Un de also wcideliehe : er macht 
noch mancg arme rlchc?^) {noch durch Pd gesichert. Hiatus 
vor höherbetontem wort ist in der dichtung häufig: vgl. 122. 
470 [Ph]. 911 u. ö.). 

4. 830 Pd, der vers fehlt in h. fleich könnte allerdings 
von X aus einem ß''ch in verlesen sein; reit er unde ftreicli 
läßt sich hier wohl nur als zweigliederiger ausdruck verstehen 
mit der bedeutung: 'und wer immer vor ihm . . . zurückwich, 
an dem ritt er schnell vorbei, so daß ihm von ihm (Petermann) 
kein leid geschah'. Bei gleicher auffassung würde dann sMch 
bedeuten: '. . . an dem ritt er gemessenen schritts vorbei . . .' 
und ich sehe nicht ein, warum sleich falsch oder auch nur 
weniger gut als streich sein sollte. In beiden fällen wäre der 
relativsatz 829 am besten zu schonde zu construieren. Der 
sinn von 829 — 30 ist übrigens nicht besonders klar und man 
fragt sich, ob diese zwei verse etwa eine Interpolation von X 
sind, 831 also mit der leichten änderung von Ls in st. ime 
direct mit 828 zu verbinden ist? 

5. 118. AVegen der bis ins kleinste gehenden Überein- 
stimmung von Ph in den v. 117—18 muß man darin die X- 
gestalt derselben und in der von Schröder in den text gesetzten 
la. von d dessen willkürliche änderung sehen. Ist X entstellt? 
Ich glaube keineswegs. Hinter franchriche 117 ist punkt zu 



1) Umgekehrt sind 273 f. vierhebig (nicht dreiliebig!) stuiiipf zu lesen, 
da geturste durch Pd gesichert ist, also etwa: Undc gruozie also den knaben | 
er getorst nüt stille haben; und so wohl auch 397 f. darnach an dem (P d) 
dritten tage | fürivär ich dir daz sage, zu denen man eben ihre fast Avllrt- 
liche wiederholuna- v. 923 f. stellen muß. 



32 PRIEBSCH 

setzen und Die hcsicn als empliatiscli liervorgeliobenes und 
vorangestelltes attribut zu die froiven 120 zu fassen. Die 
stelle lautet also im Zusammenhang- in der ortliograpliie von P: 

116 lu eugelaut wart er gesehen 

Vnd ouch in franckriclie. 

Die besten ie gelicbe 

Zu tuschau in laraparten 
120 Sach (= d) man ime die frowen zarten 

Vnd mit fliße got heiles biten. 

Keiner der fünf fälle macht demnach die annähme einer ent- 
stellung im archetypus der gesamtüberlieferung unbedingt not- 
wendig. Gleichwohl wird es sich empfehlen X im Schema 
beizubehalten, da sich ja, wie gesagt, zwei stellen unserer 
controlle entziehen und zudem 829 f. einer Interpolation in X 
verdächtig bleibt. 

P setzt uns ferner gemäß seiner Stellung im Überlieferungs- 
schema in die läge, unechte einschübe und andererseits aus- 
lassungen in h d, resp. h oder d, zu erkennen. Als solche 
haben zu gelten: 1. die bereits von Schröder aus h aus- 
geschiedenen sechs verse hinter 618 und acht verse nach 636, 
endlich sechs verse hinter 836 (i840) und einer nach 170 
(resp. h 169): Und hör waß ich mm fur baß say (Jänicke 168). 

2. Was auf Wilmanns Vermutung hin Schröder in der zweiten 
aufläge auch zurecht rückte, ein teil (vier verse) der partie 
667 — 75 nach ihrer h-gestalt, woraus sich dann die veränderte 
verszählung von 667 ab gegenüber der ersten aufläge ergab. 

3. ein plus von zwei versen hinter dem bereits hierfür um- 
gearbeiteten vers 750 h (s. Wilmanns s.409). 4. die von Schröder 
auf das alleinige zeugnis von h in den text gesetzten verse 
643—56 (doch Wilmanns s.411). 5. die verse 968—69 (h). v. 967, 
der mit den drei vorauf gehenden in P weggeschnitten ist, muß 
mit d gelautet haben: Daran ein zil yemacJiet tvart, worauf sofort 
970 folgt als: Er Mib sich halde uf die vartJ) Sind alle diese 
Zusätze h (h^'') aufs keibholz zu schreiben, so bestätigt 6. P die 
auslassung der verse 765 — 67 und 875 — 76 (in P freilich nur 
aus dem lückenumfang zu erschließen) als nachlässigkeitsfehler 
von d (d*) und ferner den in d nach 768 zugesetzten vers als 



1) Wörtliche -Wiederholung von v. 53G, was zu den stilistischen merk- 
malcn der dichtung gehört, s. Jäckel s. 19 f. 



IJKUCHSTÜCKK DES V-l—U. JAIIIUIUNDERTS. 33 

unecht. 7. Wie der umfang der lücke (= vier verse) in P 
zwischen 463 und 465 nachweist, müssen die von Schröder in 
die fußnoten verwiesenen zwei verse von h nach 464 aucli in 
P gestanden liaben, sind also echt und nur in d (d^), wie 
schon die Sinnlosigkeit seiner lesung zeigt, ausgefallen. P 
sichert übrigens auch die la. varn h statt vor d in 405. End- 
lich (8.) hat h nach ausweis durch P das richtige bewahrt in 
seiner form der verse 99 — 101, die also, me wir schon oben 
betonten, als vierhebig klingendes verspaar zu lesen sind: 

Vnd mit siiiera swerte mohte erlangen') 
Vmbe die was es ergangen. 

(vgl. zur stelle Willehalm 324,27—29). 

Hinzufügen möchte ich zwei durch bildumgebung und stil 
verdächtige stellen, die sich jedoch iinserer controlle durch P 
entziehen. 1. die nur in h überlieferten v. 1005 — 1008. An- 
stößig erscheint die viermalige Wiederholung von ritter 1001. 
1006. 1008. 1009, der ungeschickte Übergang von 1008/09 und 
die praeteritform gedaht 1009, wo d durchaus viel besser hat: 
Defz het er sich ivol bedacht. Grund für die Interpolation 
könnte der wünsch gewesen sein, den abschied der fee von 
dem ritter in Worten (1006 — 07) deutlich zu machen (vgl, 
745, aber 5901). 2. 1021—24, die allerdings in d wie h über- 
liefert sind, so daß der einschub bereits y zur last fallen w^ürde. 
Inhaltlich sind sie ganz wertlos und stilistisch sind sie un- 
geschickt, man beachte auch das anakoluth 1026. Ich lese 
also: 1019 do man nu über tische saz \ und meneglich do tranck 
und az (= d) | {der ritter der saz gegen der brut) | do sach 
man usw. 

Was nun die Verwertung von P für die textkritik an- 
betrifft, so ergibt sich aus seiner Stellung folgende regel, die 
im voraufgehenden bereits praktische anwendung fand. I. Wenn 
P mit a) hd oder b) mit h oder d übereinstimmt, ist die lesart 
des archetypus X, bezw. soweit kein stichhaltiger grund vor- 
liegt, diesen für entstellt zu halten, von gesichert, doch ist 
im falle b) ein zufälliges zusammentreffen der beiden zeugen 
nicht von vornherein ausgeschlossen ; vgl. oben s. 27 zu v. 840 ff. 
und unten II b «) zu v. 192. 659. 733. 768; I b ß) zu v. 475. 



') h Und moht m. s. s. e. schafft den zweisilbigen auftakt weg. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 40. 3 



34 PRIEBSCH 

II. Wo die beiden klassen der Überlieferung auseinandergehen, 
also a) P gegen hd oder b) P gegen h gegen d steht, muß 
jeder einzelfall für sicli geprüft werden, allein, wie sich uns 
aus den bisher behandelten stellen ergeben hat, gebührt P 
größeres vertrauen. 

Von den zu I a) gehörigen fällen sind die wichtigsten 
V. 135 f. 203. 641 schon oben s. 29—31 zur spräche gekommen; 
wir haben nur noch ein paar leichtere hinzuzufügen, wo 
Schröder hd verlassen hat: 

165 sinen. 253 Barinne {ein karfunkel; lag von d eingeschoben). 
423 sfi an iren munt (roten von d hiuzngefügt). 708 selber, daher anch 
884, wo P fehlt. 787 Sprachent. — Ist 338 das von der gesamtüberlieferiing 
gebotene zu allen säen nebst zweisilbigem auftakt zu behalten? Vgl. zu 
352 unter II b, aber andererseits 734 P d. 

Weit zahlreicher sind natürlich die stellen, die unter I b) 
fallen, Sie sämtlich anzuführen, scheint um so mehr unnötig, 
als bereits Schröder in vielen fällen richtig, wie nun P dartut, 
die lesart von h bezw. von d in den text gesetzt hat; zudem 
liegt durch den diplomatischen abdruck der fragmente das 
material für den nach diesem gesichtspunkt zu revidierenden 
text bei einer neuausgabe der dichtung bequem zur band. 
Wir fügen also zu den schon früher herausgehobenen fällen 
nur eine auswahl mehr oder weniger bedeutsamer hinzu. 

Zu I b k) P li gegen <1: 50 Peterman von. — 86 f. Sali er eine fromve 
zart I Versivunden icas = J(änicke), vgl. auch v. 288 Phd. — 99 — 102 als 
vierhebig klingendes reimpaar s. oben s. 3 t und 33. — 104 f., doch 1. 104 
manigen in mit P. — 115 ohne die, d. h. auftaktlos.*) — 117 — 21 s. oben 
s. 31 f. J hat richtig den klingenden reim Frank{en)riche : geliche bei- 

*) Auf grund der fragmente wird bei einer neuausgabe die auftakt- 
frage einer gründlichen revisiou zu unterziehen sein. Es ergibt sich, daß 
ihn häufig y, oft aber erst h (h*) oder d (d*) eingeführt hat, und daß sie 
mehrmals in der art seiner herstellung auseinandergehen, wobei natürlich 
die eine la. = y sein kann — nicht muß. Ich habe mir folgende stellen 
notiert (* bezeichnet, daß h und d in der art seiner einführung auseinander- 
gehen): *48. 72. 81 (d). n07. 115 (d). 127 (h). 129 (h). 167. *179. 181 (h). 
193 — 94 (h). *197. 204 (d). 212 (d). 215 (d). 228 (d). 233 (h). 237 (d). 241. 
243 (d). 249 (h). *250. *320. 349. 358 (d). 370. 377. *378. 379 (h). 380 (h). 
400 (h). 441 (h). 604. 610. 615 (d). 626 (d). *631. 640. 669 (d). 673 (h). 682 (d). 
700 (d). 731 (d). 732 (h). 736. 746. 749 (h). 756. *763. 786. 789 (d). 814. 
823 (d). *834. *841. 851. 858 (d). 860 (d). 915 (h). 919 (d). 926 (h). 951 (d). 
956 (d). 978. 990 (d). Umgekehrt hat P 470 und 641 auftakt, wo er in 
h d = y felilt. 



HRüCIISTÜCKE des 13.— 14. JAnUIlUNDERTS. 35 

belialten. Doch 1. 11<J mit P Zä T. und 120 Such (= d) st. hört. — 
181 ein pfert. — 192 mit P h JJer knabe (P kneht) sprach: herr, ich tuon; 
knabe mag gegenüber P d kneht, das den vers sehr verschlechtert, das 
nrsprüngliche sein; dann wäre die Übereinstimmung von P mit d, das in 
der ganzen partie kneht bevorzugt, hier eben zufcällig; vgl. auch 179 Pd 
knehte, 181 P knabe, d knecht, fehlt h. — 204 = J; zum reim gebet : het 
Zs. fda. 44, 109. — 211 a7i dise ivelte ie. — 212 Schöner loib sonst = d. — 
215 P sichert wip gegenüber bilde d sowie 216 lichten st. claren d; die 
von Schröder, Zs. fda. 38, 108 h zur last gelegte Wiederholung gleicher oder 
eng verwandter Wörter fällt nach ausweis von P zum guten teil dem 
dichter selbst zu. — 219 Also tet die frouwe {giiot : hochgemuot mit P d). 
226 wiz. — 237 Von dem. — 243 Wer der mensche. — 250 Da st. davon. 

— 253 s. zu I a. — 259 1. Den umbefteng vil maneger stein. Den ist in 
P weggeschnitten. Will man Und = h einsetzen, so muß wohl ausfall 
des pronom. objectes (in) angenommen werden. — 261 so man sü iergen (d) 
vant; ob Der (h) oder Die (d) besten zu lesen ist, läßt sich Avegen des 
Schnittes in P nicht entscheiden, doch ist Die vorzuziehen. — 276 also. — 
282 Von note muoste. — 284 der herre. — 311 die fröwe sitzen. — 
313 nider. — 328 Ich sag dir. — 358 ohne da. — 367 Wanne. — 378 des 
{dem h) ivillen. — 380, doch ohne auftakt schaffendes danne. — 381 ob 
mit h Wo (swa) oder mit d So zu lesen ist, läßt sich aus P nicht ent- 
scheiden. — 382 Und sag dir. — 383 Wiltu. — 385 uns an dinen. — 
408 niemer gehelfe. — 415 ohne hiatustilgeudes ouch; s. oben s. 31 zu 
V. 799 f.. — 422 ohne nach. — 423 ohne roten. — 430 Da wolle uf. — 
465 varn st. vor (d). — 470 denne alters ein. — 473 Swenn du einest ge- 
wunschest. — 610 der herre. — 611 In die leiten lant {bekam P). — 
613 sin {sinen h) wünsch ... gepflag {p^lag h). — 615 ohne da. — 624 davor. 
626 ohne die. — 636 einer s. auch zu II b. — 638 *SY/ sprachent. — 
658 min lieben fründe ich enmag, J hat also sprach er (h), das wegen d 
er sprach y eingeführt haben muß, richtig gestrichen. — 659 Mich {mir h) 
selber nnt gezemen, gleichwohl wird Schröder mit aufnähme von gestemen d 
recht haben, indem P h den selteneren ausdrruck unabhängig in gleicher 
weise änderten. — 682 Solte man darumb min {minen P, doch 613 sin, 
895 ein) lip. — 700 Er hiez vil {geneme = d). — 717 gesivinde verlorn. 

— 720 P h sichern die epitheta milter, junger, starker, von deren anordnuug 
in P abzugehen kein gruud vorliegt. — 722 lobelich (= J). — 733 P h 
ewip aber s. oben s. 30 anm. — 737 daz gebe sü dir. — 758 uf den hof 
(h hove s. la. von h zu 760 und Schröder, Zs. fda. 38, 106); Schröder ändert 
mit d uf dem hove, allein uf den hof schrien bedeutet 'zusammenrufen, 
einladen' (cner^^or Ze forno/), was eben d nicht verstanden hat. — 765—67 
s. oben s. 32 unter 6. — 768 unverseit, vgl. dagegen 793, wo P d richtig in 
unverzeit gegen -seit h stimmen ; ein zufälliges zusammentreffen von P h 
in 768 wäre nicht ausgeschlossen, doch gibt unverseit hier guten sinn. — 
789 Libes und{e\ guotes. — 815 f., doch s. unten unter Hb. — 817 f. 1. Nu 
bereite sich von Temringer \ Her Feterman der ritter her, also hat erst d (d*) 
hier einschneidend geändert, vielleicht des reimes wegen. — 823 der siecher. 

— 847 sint komen her. — 858 ohne so. — 951 ohne so. 

3* 



36 pRiEBsca 

Zu Ib /?) Pd gegen h: 58 Der edel ritter. — 64 Er liez. — 
95 turnei (ebenso SiO). — 120 Sach man s. oben unter Ib «). — 147 Er- 
ivorbcn. — 162 manger hande. — 168 — 173, nur daß in P richtig (in 
Übereinstimmung mit dem sonst stark abweichenden h) 170 hinter 168 
steht als abschluß des abscbnittes, daher komma nach hochgemuot 168. — 
179 sime knehte (doch fehlt lieben d). — 181 Jcnabe (d knecht) bereite mir. 

— 183 f. Du soll nüt langer biten \ Wir sültent (1. sönt, d wellend) gen. — 
187 s6l (P . . lle das ebenso gut auf solle [d sol] wie icclle [h well, aber 
schon 186] deuten kann) ein teil. — 191 Und durch iveltlichen ruom. 

— 193 f. s. oben s. 27. — 197 f. Daz truog er an (= d doch ohne auftakt 

schaffendes do) ] Dar da. — 200 hiez. — 212 — 15 ScJiwner tvip nie 

icerden lie | Als die vil zarte reine. \ Von fleisch und von gebeine \ Wart 
nie schcener tvip gesehen (doch d nie seh. bilde w. g. auftakt und wort- 
variation s. oben unter I b cc). — 216 sunnen. — 225 kneht uf sitzen. — 
230 Oder uz. — 232 rosevar, Schröder ^ s. 36. — 233 ohne so. — 243 tot, 
(h siech) s. zu I b a). — 247 reine f. — 249 ohne vil. — 250 ohne ouch, 
aber d davon st. cZa P h s. unter I b «). — ■ 251 Daran vil koste (d kostes) 
loas. — 260 groz und[e\ klein. — 261 iergen, doch s. auch unter I b «). — 
262 P . . . . Osten das ich zu Den bösten ergänze, wozu d den kosten eben 
nur ein lesefehler ist, h den minsten. — 274 geturst s. oben s. 31 aum. — 
277 hi der. — 290 f. {An der was aller wünsch beioant) \ Des was (äwart) 
er von hertzen fro, also nur in der syntaktischen construction und Wort- 
stellung weicht d 290 etwas von P ab, das da gewiß das ursprüngliche 
hat, ygl. Silvester 558 und GWB 1, 1782, 2 'leiten und helfen soll man an 
denen es bewandt ist' Mathesius 26a, s. auch Schröder ^ s. 36. — 292 Er 

sprach vil (= h, gar d). — 296 Die sele oder lip. — 298 Got 

grüeze i'ich. — 306 bot ime. — 312 nüt wider. — 315 Gnadent, 
ebenso 321. 374. 444. 848, also wird dies des dichters form sein, die auch 
494. 580 einzusetzen wäre. — 324 doch 1. mit P dar von. — 325 tugent- 
lieh. — 379 ohne nu. — 389 swecher (= Schröder •< d schiver). — 
395 nimestu. — 397 an dem vgl. s. 31 anm. — 400 ohne so. — 441 ohne 
ez. — 453 Der sünde tvil ich. — 469 min frünt her loider. — 475 tvas 
(= swaz) st. sioes h, unabhängiges zusammentreffen von P d in der jüngeren 
construction. P stimmt übrigens auch in gert mit h gegenüber d begert. 

— 619 heim zu lande. — 621 Und ander vil der m. — 625 sine mage. — 
627 rvie sü im geben. — 639 eren unde. — 643 — 56 fehlen P d, s. oben s. 32 
unter 4. — 667 — 71 = d und von Schröder richtig in den text gesetzt, nur 
1. 668 sü gingent hin bezw. unlanges gingent hin. — 669 ohne do, 1. Vnde 
namen in aber har. — 670 sü brahten. — 673 ohne ivol. — 691 ohne üch. 

— 697 zoch. — 700 geneme s. zu I b k). — 703 Do nam. — 734 zu allen 
ziten. — 746 Uf so stunt. — 748 Von gründe. — 749—52 P d gehen zusammen 
(s. oben s. 32 unter 3) bis auf das 749 P gegenüber h d (^ y) fehlende 
ouch; 1. Als er vore dicke tet. — 756 Do, aber d hin fehlt richtig in P. 

— 770 Gab in der. — 780 fuorent. — 788 erwegen. — 800 tnacht noch. 
804 zuhten. — 820 7iam ivar, h variiert geschickt im hinblick auf 822. — 
826 sinre werde, aber masc. 263. — 830 sleich s. oben s. 31. — 910 Die 
hat. — 915 olnic ouch. — 920 Waz ich. — 926 Daz ist war. — 929 ttigent- 



HKLICIISTÜCKK I>KS V.].— li. JAUKIIL'NDIORTS. 37 

hafte. — 1)42 getrungcn. — 960 ohne ouch. — Ü(>1 kleinolcr (l' -ötcrs, 
s-plurall) vü, die -<?r-forra mag schon dem dicliter zukommen. 

Zu IIa. P st'J?eii 1» d. Einio-e wichtij^e stellen, die besonders geeignet 
erschienen, y zu erhellen, sind bereits oben s. 26 f. behandelt worden: v. 89. 
257f. 445 f. 193f. ^49 f. 459 f. 746. 796 — 99. 840 — 44. Ferner fallen jene 
abweichungen der P- Überlieferung, die wir oben s. 28 als ihr eigentümliche 
fehler aufgeführt haben, hier weg. Bei den folgenden begründe ich die 
la. von P als die bessere nur dort, wo mir dies nötig scheint. 

59 mit P mute, ebenso 128 manig. — 63 arme (h arm\) und ouch riche 
: entwichen. — 65 deheinen. — 66 müste (conj.). — 72 fro2ve duz ich getil; das 
also in hd (y) st. frowe wohl aus dem bestreben, das Verhältnis des (Za^-satzes 
(73) zu verdeutlichen. — 82 vhVtte. — 94 Der zweisilbige auftakt mähte P 
(gegenüber mäht h d) kann vor dem starkbetonten mangen ursiuünglich sein, 
vgl. 139, wo ich scandiere: seite \ löp dnnc und ere. — 98 ergreif mit der 
hant, h d (y) schaffen die beschwerte hebung weg. — 106 ließent (Schröder). 
— 119 Zu Tusean vgl. v. 359. — 145 f. nach P: Darzuo der bescheiden 
milte I Hette ouch mit sime schdte; die änderuug von y wird auf die 
rhythmische form von 145 — zweisilbiger auftakt, s. Kraus, Metrische 
Untersuchungen § 130 — zurückzuführen sein. Hinter 144 gehört ein punkt 
und Schröders anführungszeicheu sind zu tilgen; die v. 145 — 49 liegen im 
mund des dichters. — 148 als dz paradis P ah das mandelris h d (y) und 
154 türliche sivuor P, tobeliche s. h d (y). An beiden stellen sieht Jäckel 
s. 87f. das Vorbild in der pseudo-Konradischen Halben birne v. 38 ff. bezw. 
122. Dort paßt tobeliche, das alle hss. außer L tür er sich verswür über- 
liefern, sehr gut in den sinn, hier, im P. v. St., gar nicht. Man wird also 
annehmen müssen, daß entweder P aus diesem gefühl heraus iu tiirliche 
(vgl. unser 'hoch und teuer schwören') änderte oder, was viel wahrschein- 
licher ist, erst y auf grund eigener kenutnis der 'Halben birne' die phrase 
völlig darnach ausglich. Und 148 anlangend, hätte schon der dichter in 
näherer anlehnung au 'Halbe birne' und die 'Goldene schmiede' (Jäckel 
s. 89) mandelris geschrieben, so ist es schwer einzusehen, warum P diesen 
an und für sich zutreffenden ausdruck geändert haben sollte, also dürfte 
auch hier der nähere anschluß an 'Halbe birne', 'Goldene schmiede' y zu- 
fallen.^) — 149 tugenden .... eren : here s. oben s. 27 anm. 1. — 152 und 
472 in beiden fällen begreift sich die emphatische Stellung des von Staxifen- 
berg resp. iverlich von h d als bewußte änderung von y. — 155 1. al (P 
alle) die. — 156 für den türsten han P, besten h. h d, doch v. 143 h der 
türste (d schoenste, was Schröder m. e. mit unrecht in den text gesetzt hat) 
und 1159 h d der türste ritter, also wird bei der neigung des dichters zur 
Wiederholung P, das an den beiden anderen stellen nicht controUierbar ist, 
auch hier gegenüber y (= h d) das ursprüngliche erhalten haben. — 
167 Kunde ouch lool, y führt auftakt ein (oder emphatisch wieder auf- 
nehmendes däz kunt tcölY). — 182 hertze gert. — 186 verstören. — 
226 hette sü ein. — 241 man riche an tröste; tröste P ist gewiß dem 



*) Erwähnenswert ist, daß paradis v. 230 in der gesamtüberlieferung 
wieder als Vergleichsmittel auftaucht. 



38 piiiEBScn 

allgemeiuereu uud gewohiüicbereu krcftc{n) y vorzuziehen. — 242 leite in 
sine haut?, leite in die hant hd(y); y wird beizubehalten sein, da hiatus 
-e vor betontem vocal sieb öfters findet. — 245 die viere P zweifelsohne 
richtig, y nimmt sein kraft aus seiner eigenen abänderung 241. — 246 1. 
trnog ein riche fihspang an. — 266 sü b d, auf edelstein bezogen, ist wohl 
dem es (sc. fi'irspan) von P vorzuziehen. — 269 Und ivas so xcunneclich 
mit P. — 275 das fehlen von sin in P wird als auslassungsfehler zu be- 
trachten sein. — 281 torst (h torft) ist gegen P icolte zu behalten. — 
289 mit P so eine. — 295 Got grüese nah (auaphora) mit P. — 297 Und 
mir. — 300 got P, nu h d, da 301 in P weggeschnitten ist, läßt sich nichts 
sicheres sagen. War 301 = hd, so müßte der vers als emphatisch er- 
weiternde Wiederholung dieses got gefaßt uud hinter 300 ein korama ge- 
setzt werden; andererseits kann got leicht durch vorwegnähme des got in 
301 entstanden sein. — 326 Die wort. — 330 so eine. — 335 frimt P 
(vgl. 331), ritter hd (y), die neigung des dichters zur Wiederholung und 
die Stellung in beschwerter hebung rät fri'int beizubehalten. — 353 lob ist. 
354 In (= d-) Sivaben, dagegen ist vnd zusatz von P. — 358 ouch P, 
gar h d, was im hinblick auf das kurz vorher stehende ouch (355) stilistisch 
besser scheint, aber vielleicht eben deswegen bewußte äuderung von y ist; 
vgl. 340 ouch P, vil h, gar d, avo dieselbe teudenz die äuderung selbständig 
in h und d hervorgerufen hat. — 370 Sprach, y schafft auftakt, aus gleichem 
grund 377 Lieber frimt mit P. — 400 Harumbe. — 410 bürge (bürgschaft). 
— 422 nam P, truhte h d (y); der anklang an den Busant v. 55 f., wo truhte 
steht (Glaser, Über das mhd. gedieht Der Busant s. 39, doch auch s. 37) 
hilft nicht, da auch y der entlehner sein könnte. — 425 Sn kiiste. — 
428 minnen. — 429 als mit h d. — 432 icolgetan P, lobesan h d, das 
letztere freilich ein lieblingswort des dichters nach Kouradschem vorbild 
s. Jäckel s. 51 — wird an dieser stelle von y eingeführt sein. — 439 Weder 
P mit seinem identischen reim noch h d (y) scheinen das ursprüngliche zu 
haben, aber P weist auf reflexives des solt erlasen dich, was y mit einer 
gewöhnlicheren phrase vertauschte. — 461 müs P, teil h d, P könnte müs 
aus 459 wiederholt haben, aber sicher ist dies nicht. — 470 und ganc hd 
dem Und go die von P vorzuziehen. — 610 Siva der herre, y führt auftakt 
ein. — 611 mit P In die leiten lant bekam, s. auch oben unter Ib «)• — 
612 mit P Und er sin froive ivolte han, y änderte die syntaktische fügung 
und setzte an die stelle von sin das epitheton schcene, das d* in zarte 
änderte. — 640 mit P Und ist ouch tool, y führt auftakt ein, s. auch unten 
uutei' II b). — 641 Dz du ein elich wib solt han, h d Daz du solt ein 
eivip h. ; es ist nach unseren erf ahruugen nicht wahrscheinlich, daß h d (y) 
einen auftaktvers in einen auftaktlosen geändert haben sollten, auch die 
phrase ei)i elich ivip ist ihnen bequem, s. vers 715; daher wird die la. hd 
beizubehalten sein. — 665 mit P Ein fries leben teil, die gewöhnliche, 
prosaische Wortfolge wird hier y zuzuteilen sein, ebenso 670 si't brohien P, 
brachten sü h d. — 690 mit P dir st. üch hd; vgl. 694 din und fehlen des 
üch (h) 691 in P d. — 702 der vers ist in P metrisch zu kurz; andererseits 
ist meinem empfinden nach der jtmgeling h d auffällig. Wäre dies ursprüng- 
lich, warum hätte es P geändert V Vielleicht ist zu lesen: Da rett{e) der 



BUUCIISTÜCKK DKS IM.— 14. .I.MlUIirNDMKTS. 39 

knnbc uiich ni'it wider, da, wie wir wissen, die wiedeilidlung- desselben aus- 
drucks (701) un.serein dichter nicht ungeläufig ist, von P und y aber eben 
deswegen leicht selbständig geändert werden mochte; oder Da rette er 
ouch ni'tt dawider, vgl. 312. — 71-1 1. Bekimbert, ebenso 733. — 718 die 
ungewöhnlichere construction in P Ich ivoltc — kette ich verhorn! — | duz, 
die ich als optatio des Wunsches in der i)arenthese fassen möchte, spricht 
doch für ihre ursprünglichkeit. — 721 mit P Jemer mtioz, y glättet den 
vers. — 723 f. die versfolge in P kann recht wohl das ursprüngliche 
repräsentieren; dann gehört 723 in parenthese. Für das sin dieses verses 
spricht das des von h. — 731 mit P mage st. fründe hd. — 736 Sivaz du, 
y auftakt, ebenso 780 Man{t)ges. — 797 f. y hat die ursprüngliche Ordnung 
(P) umgestellt, in 797 die Wortfolge geändert und P so riliche durch ritter- 
liche (d ritterlich her) ersetzt, vgl. 785. — 803 P do ivol; do fehlerhafter 
Zusatz. — 804 1. nach P mit suhten (== d) er zu tme gie; das zweisilbige 
ime (vgl. zu v. 672 unter II b und unten zum Busant v. 465) sowie die 
häufige höfische weudung einem entgegen gern werden die änderung in y 
hervorgerufen haben. — 817 1. mit P Nuo bereite, im übrigen vgl. zum 
vers oben I b «). — 824 hette er balde do, y setzt hinter er emphatisches 
alle und läßt dafür do fallen. — 844 kfniig P, f'nrste hd; vgl. zur ganzen 
stelle (840 — 44) oben s. 27, demnach wird künig beizubehalten sein. — 
846 mit P selig. — 851 1. durfcnt, auftakt in y eingeführt. — 862 mit P 
Ich wil iich. — 863 mit P landes also lu'l gegenüber h d l. darzuo v. und 
im Zusammenhang damit 865 P wol st. des (h) und 866 P herre und ouch 
st. herre ivol und h d. — 874 P so, h d also ; in P, dessen Schrift hier ver- 
rieben ist, wäre platz für Herre min d, 1. daher: Herre min, wie tuont ir 
so. — 887 einen man P; also wird P 886 Der maget, 887 Der sont (oder 
sullent) gehabt haben, was sehr wohl ursprünglich sein kann; vgl. 895. — 
892 mit P arm man. — 895 mit P ein (= Schröder). — 943 und ouch P; 
ouch wird zusatz sein. — 947 1. ViYnvar ist eiceclich verlorn (oder ewecliche 
vlorn?), aber einen rechten grund für die abschAvächende änderung von y 
vermag ich nicht zu sehen. — 953 die fassung von P Die pfaffheit in des 
Überret ist gewiß vorzuziehen; hat der reim iiberret{te) : stet{e) den anstoß 
zur änderung in y gegeben? — 957 im gelobet, y schafft die beschwerte 
hebung weg. — 971 mit P viit den sinen er von dannen reit. — 972 hette. 
— 978 dir verboten, y schafft auftakt. — 992 und 993 Du solt zweifels- 
ohne richtig. — 995 P balde aus 993 wiederholt, zu streichen. 

Zu II b. P gegen h gegen (1. 48 P vor, h hievor, d fiirwar, daher 
vor gesichert, grund der änderung auftakteinführung. — 70 P der reinen 
sünerin, h der werden s., d ganz abweichend; es liegt kein grund vor von 
P als dem weit vertrauenswerteren abzugehen. — 75 P en verlies, h entliefs, 
d gelies, 1. Des envliez. — 81 Dicndc ouch gerne P, der diente g. d. Steten h 
(verderbt); d* führt auftakt ein, andererseits kann ottch zusatz von P sein, 
also Diente gerne frouwen (= J). — 104 manigen in not P, mangen sit 
i. n. h, der must leiden do die not d; d scheidet aus; die betonung mänigen 
(mängen) in emphase wird anlaß zur einsetzung des im gründe un- 
passenden sit gegeben haben. Übrigens würde ich hinter 103 ein komma 
und erst hinter 104 den punkt (komma nach 106!) setzen. — 107 P Als, 



40 rKlEBSCH 

h Ahu, il Vnd du, auftakt iu li* d*. — 122 P Ouch heile, li tdsus hüte, 
(l als (im übrigen abweichend, scheidet aus); alsus paßt nicht, da von der 
heidenschaft (124) ja noch nicht die rede war; auch hier wird die emphatische 
betonung oüch kette er die abweichiuig erklären. — 127 an P swa in stritc 
er si'i bekam wird nicht zu tasten sein. Der transitive gebrauch von be- 
komen = 'einholen, erwischen', hier so weit ich sehe der früheste beleg 
im mhd., darf als änderuugsgrund (h an sie kan, ä sy . . . anekam) gelten. 

— 129 in P ist das anfaugswort weggeschnitten, platz ist nur für einer d 
oder dicke st. gar dicke h; dies ist wahrscheinlicher. — 135 s. oben s. 29. 

— 179 P sprach sime knehte zu, h sjp. sinem knaben also zuo, d sp. sinem 
lieben knechte (d- seinen lieben knechten) zuo; dadurch wird knehte ge- 
sichert. Die Verschiedenheit der mittel, wodurch h d dem vers alternierenden 
Charakter verleihen, scheint anzuzeigen, daß die P-gestalt mit sprach 
sime ursprünglich ist und auch noch für y galt. — 202 mit P nach sines 
hertzen kor : (vor = h), in y wird hertzen ausgefallen sein, h* ergänzte 
durch gewonheit, d* beließ die lücke. — 229 mit P von {= Schröder). — 
261: s. oben s. 31. — 265 in P nur platz für Ein kjeyser, d kein k., h keiser. 

— 278 mit P (Sehr.) an freuden. — 284 der herre mit P. — 285 schiere 
ist durch P h, reine durch P d gesichert, aber P hat der reine. Leider 
sind 286 — 87 in P weggeschnitten. Ich vermute, daß die stelle ursprüng- 
lich lautete: 

Vil schiere do der reine 

Die schocne muotereine (oAer alterseine vgl. 208 und bes. 470 P) 

Uf dem steine sitzen sach, 

Verswunden ivas sin ungemach. (vgl. 87 P.) 
Erst so erhält schiere (285) guten sinn, während es in Schröders text unklar 
nachhinkt. Mau müßte freilich annehmen, daß die P-form der verse noch 
für y gegolten und die starken abweichungen von h und d sich erst in der 
souderentwicklung über h*, d* herausgebildet hätten. — 312 von P du 
tugentsame abzugehen liegt kein grund vor, y dürfte in daz schosne wip 
(= d) geändert haben; s. auch zu I b ß). — 314 mit P Der helt rette aber, 
h repräsentiert y, das helt durch das geläufigere ritter ersetzte, d weicht 
ganz ab, kaum um den reim -s : -z zu vermeiden. — 320 P tugentliche do, 
h vil (d gar) tugentlich also, auftakt in li d, der versschluß iu P besser. — 
326 mit P lachende ? h (= y) lachenliche vielleicht rhythmische äuderung, 
d wiederholt fehlerhaft tugentlichen aus 325. — 340 P ouch (h vil, d gar) 
ist Jedenfalls im Zusammenhang ganz am platz. — 352 mit P Huot ich 
din in dem (h im\) eilende, also mit zweisilbigem auftakt, vgl. zu 338 
unter las. 34). — 356 mit P (Sehr.) Vahven. — 357 mit P (Sehr.) In 
engelant, in franckrich. — 378 mit P Volge]stu, y joch (h jo) als auftakt, 
wofür d* vnd setzte, s. auch unter I b «). — 382 die getrennte Über- 
lieferung führt auf Und sag dir an derselben frist, vgl. 516. — 396 mit P 
minneclicher (vgl. d icuniglicher) gegenüber h vil stoltzer. — 424 1. Also (Ph) 
tet di clare bi der stunt. — 442 mit P sullentz heim. — 604 mit P Da] 
nam sin vil gnote ivar. — 623 an truwen mit P. — 629 mit P erbe 
ersterben {ersterben durch P d gesichert). — 631 mit P Daz er lat. — 
635—37 zweifelsohne nur in P richtig überliefert: Do ivurdent sü ze rate \ 



HKUCnSTÜCKlO DKS l.'l — H. .) AIIKIlUNDliU TS, 41 

In einer (= h) kevicnule, \ Do inne auch ivus der iverde gast. \ Si'i sjrroihcnt, 
so wird, abgesehen von Des (h d) st. Do G35, noch y gehabt haben und 
die bedeutenden abweiclinngeu werden erst der sonderen twicklnng h* 
(znsatz) nnd d* (umarbeitnng von 636 f.) zuzuteilen sein. — 640 nach P 
Und ist OKch wol, wobei auch durch Ph gesichert ist; im übrigen stellt y 
durch ez auftakt her und h* d* haben st. Und P So resp. nu. — 658 sprach 
er h (bezw. er sprach d) zutat von y, von Jänicke mit recht gestrichen, 
s. auch unter I b «). — 664 mit P Davon ich mich ir (h noch, d auch) 
hfäen teil; h* d* (resp. schon y) entfernen also den pronom. genetiv ir (sc. 
der e). — 672 wieder hat P augeuscheinlicli das ältere mit Der viiin(i)ge 
rede vor ime las (sprach, vortrug), die phrase vor ime (vgl. zu 804 unter 
II a) las wird den anstoß zur änderung gegeben haben, h* weicht in der 
syntaktischen fügung stärker ab als d*. Hinter 671 ist natürlich der punkt 
zu tilgen und hinter 673 statt des komma zu setzen, denn 674, wo d ganz 
ausweicht, ist mit P zu lesen Er sprach min (lieber) frünt, ich teil. — 
688 mit P Went (= Schröder). — 691 mit P in truiven habe. — 725 nach 
P Ich leistez biz (= h), P zeigt emphatische, poetischere Wortstellung; 
über die zum gleichen Satzgefüge gehörigen verse723— 24 vgl. oben unter 
IIa). — 782 Den tue so, h also auftakt, d vertauscht so mit du. — 
738 P sag in, h s. .ez, d beyde. d scheidet sofort aus, die la. von P ist 
vorzuziehen. — 754 die Überlieferung führt auf Frankefurt. — 763 mit P 
ich nch han, y (= h) führte des auftakts wegen hie ein, das d* durch do 
vor ersetzte, weswegen üch fallen mußte. — 773 mit P Die vart sft in 
hießent midcn. — 793 P unverzeit durch d gestützt. — 794 P dem riehen 
leimige do, h dem kirne gereyt, d dem künge bald, man wird bei P do 
bleiben, das h* d*, jedes in seiner weise, mit einem ausdrucksvolleren adv. 
vertauschte, aber P riehen überladet den vers; es wäre zu streichen, oder 
stand ursprünglich dem riche do ? — 799 f. s. oben s. 27. — 815 P Wa-rt 
gestoßen dz er balde viel, h gestozen d. e. b. v., d gestozen daz er fiel dar 
nyder; h d bringen ivart schon 814, d scheidet im übrigen für 815 aus. 
Hat P das ursprüngliche, so war wohl der zweisilbige auftakt ändei'uugs- 
grund für y. — 816 mit P Und im, d weicht wieder ab, indem für d* wohl 
die form wiel den anstoß ergab und 815 in mitleidenschaft zog. — 827 mit 
P (= Schröder). — 828 mit P schonde ouch, h schonte da des hiatus wegen, 
d scheidet aus. — 834 mit P Wirbet mit. — 857 mit P Vnd ist so w. — 
912 P ich gemach, h ich daz g., d ich gtiot g., das plus in h d wohl aus 
metrischem gründe. — 924 daz ich mit P (Schröder), d wiederholt v. 398 P h 
fast wörtlich. — 957 mit P Ze stimt im gelobet. — 962 mit P sprach an 
dem[e] zil. — 970 s. oben s. 32. — 974 P keyserin, h schane vin, d frowe 
vin. Man begreift leicht die änderung des hier etwas auffallend gebrauchten 
keyserin, entweder unabhängig in h* und d* oder wahrscheinlicher schon 
in y- — 977 bei dem auseinandergehen in dem formwort ist am besten 
vil P zu behalten. — 985 P gelobet, h vereinet, d vertrewet, die laa. von 
h und d passen besser zum sinn der stelle, aber es ist zweifelhaft, welche 
die ursprüngliche war. — 986 P dir ist wohl nur st. niemer aus dem 
folgenden vers anticipiert. — 987 dis (diz) mit P. — 994 Einem. — 
996 mit P Den priester den heiz gahen, vgl. 684. 



42 PlilEBSCII 

Die erkeiintnis der hohen kritisclien bedeutung von P für 
die textgescliichte des P. v. St. läßt uns um so mehr bedauern, 
daß es eben doch nur bruchstücke der dichtung sind, die sich 
in dieser älteren und besseren gestalt erhalten haben; es ist 
ja nun gewiß, daß auch in jenen partien, die außerhalb ihres 
umfangs liegen, der nach h und d hergestellte text nicht 
allerorts zuverlässig sein kann, aber für änderungsvorschläge 
läßt sich da nur ein größerer oder geringerer grad von 
Wahrscheinlichkeit finden und manchmal nicht mehr als das 
subjective gefühl. In bezug auf Interpolationen haben wir 
schon oben s. 33 f. zwei verdächtige stellen herausgehoben; 
vielleicht hätten wir die nur in h, der hauptquelle für Zu- 
sätze, überlieferten verse 507 f. trotz Wilmanns s. 411 hinzu- 
fügen sollen. Es sei zum Schluß gestattet, einige stellen 
zu notieren, an denen zum teil die aus P abzuleitenden 
principien, zum teil andere gründe änderungen, öfters nur 
unbedeutender natur, nahelegen: 

43 mit d envegen, vgl. P d zu 788. — 45 mit d der ivol hieze, vgl. h 
zu 599 — 602 nit ivaz gesin, was einen rückschlnß erlaubt. — 271 streiche 
doch = d. — 449 streiche du. — 514 Ich ziehe mit Jänicke die la. von h 
vor. — 516 streiche ouch, da h und d in dem formwort abweichen, vgl. 
P 320. 378. — Aus demselben gründe streiche 533 ie, 539 nu. — 545 f. 
halte ich die versfolge in d für ursprünglich. — 551 1. mit d sprach vil 
liebe f., vgl. 977 P. — 552 — 56 die verse 554 f. sehen in ihrer ungeschickten, 
schleppenden gestalt ganz nach Schreiberumarbeitung aus. d wird bis auf 
einen kleinen naheliegenden fehler (von < vn) fast ganz das echte bewahrt 
haben. Ich lese Ir sidlent got von hiinel sin \ lemer ivillekom und mir.^) \ 
sü sprach, min frünt, got (d falsch nu) lone dir. \ Hiemitte er sü umbe 
vieng, \ an ein bette er mit ir gieng. — 560 wird v/Z zusatz von d* sein. 

— 566 tvan h zu streichen. Vgl. 789 Ph; nach 565 ein punkt. — 
579 streiche nu. — 587 streiche sa = h. — 588 vgl. 393, dessen Wieder- 
holung 588 augenscheinlich ist, also giiotes (h d) sives din herz begert (oder 
besser nach P 393, auch 182 herze gert). — Auch 589 möchte ich näher bei 
h bleiben und lesen Wie vil du teilt daz heisch (d) von mir \ Ich gib ez. 

— 594 streiche ouch ^ h. — 598 ich ziehe die la. von d vor, um so mehr 
als d* 549 klug in hübsch änderte, also hier wohl kaum aus eigenem ein- 
geführt haben würde; außerdem bietet h dem sinne nach nur eine plumpe 
Wiederholung von 593 f. — 678 herze het (d). — 805 — 09. Ich schlage vor 
mit d zu lesen: wan im tvas so vil geseit \ von siner grozen frumekeit. \ 



1) Vgl. die zahlreichen stellen für ivillekomen got und mir im MHD. 
WB I, 906 b— 907a. 



huu(;iistü(;ki<: dks 18.— 14. jaiikiu'ndkkts. 43 

Dann 808 eine itoivov zu nehmen und hinter 8ü'J einen ijunkt zu setzen. 

— 916 streiche so (= d). — !)97 streiclie vil (d (jar). — 998 streiche ouch 
und 1. mit d olci (oder öle). — lü30 mit d erden wart l-cin. — 1034 streiche 
ie. — 1042 streiche alle mit h (= J). — 1045 sreiche häkle (= J). — 
1052 1. niergen (d), vgl. 261 P d. — 1059 streiche im. — 1062 f. J scheint 
mir mit der aufnalime von h im rechte zu sein, doch 1063 vielleicht iveinen 
und mang (st. vil) seh. iv.; vgl. auch 1102. Das epitiieton bei loip läßt 
ein solches auch bei ritlcr erwarten, zudem verstellt sich die äiiderung von 
d (d*) leichter als umgekehrt die von h. — 1066 f. auch hier würde ich 
mit J die la. von h in den text setzen, vielleicht mit gemahel (d) und soU 
sin in 1067. Das starke enjambement mag wie im vorangehenden fall 
änderungsgrund gewesen sein. — 1085 stieiche denn (^= J). — 1091^95 
mir scheint die directe rede wie d sie bietet, viel für sich zu haben, nur 
würde ich 1094 endelich aus h beibehalten und 1095 her streichen. — 
1109 streiche ir (= J). 

C. Aus der Hofzuclit. Vollständig (bis auf eine lücke) 
hrsg-. nach einer Ulmer hs. (ü) von A. Keller, Erzählungen aus 
altdeutschen handschriften, Bibl. d. lit. ver. in Stuttgart, 35 (1855) 
s. 531 — 48; in abweichender fassung A^on demselben nach einer 
Karlsruher hs. (K), Altdeutsche gedichte 5, s. 3 — 11, Tübingen 
1868; eine dritte hs. zu Wernigerode kenne ich nur aus ihrer 
anführung bei M. Gayer, Altdeutsche tischzuchten, x\ltenburg 
1882, s. 83. Ich habe die entsprechenden verszahlen der 
Kellerschen publicationen dem abdruck von P hinzugefügt. 

— P, die der aufzeichnung nach älteste Überlieferung, steht 
weder zu U noch zu K in dem Verhältnis von directer vor- 
läge zu abschrift. Beiden fehlen die verse P 69—70, 
während umgekehrt U 542,2 — 3 = K 6,9 — 10 keine ent- 
sprechung in P haben. Jedoch schließt sich P, was die reihen- 
folge der regeln betrifft, von v. 16, d. h. von dem ersten 
controllierbaren verse hinter der lücke in U ab, diesem genau 
an, ja teilt mit U den ausfall eines verses hinter 34 Wütu die 
kost saltzen iht = U 542, 20. In K steht das vollständige 
verspaar an anderer stelle 6, 25 und der zweite P U fehlende 
vers lautet hier So clue als die suht gicltt, in der Cato- Inter- 
polation, Zarncke s. 138, v. 298 wohl ursprünglicher So lege 
sie in daz salz niht. Dieses mit dem reimwort P 35, U 542, 21 
identische niJit wird durch abspringen des auges auf einer 
älteren stufe der Überlieferung (*PU) den fehler verursacht 
haben. Ein zweiter PU gemeinsamer fehler ist das niä in 
V. 22 = U 542, 8 (vgl. K 6, 15, Cato s. 137 v. 287), ein dritter 



44 PlilEBSCII 

das fehlen von niJit (niä) P 60 = U 543, 12 (vgl. K 7,25). 
Käme nicht feliler 1 hinzu, so könnte man 2 und 3 für zufällig 
gelten lassen. Andererseits teilt P nicht mit U einen vierten 
fehler, den ausfall von fünf versen hinter 544, 11 = P 102 
= K 8,33, der wieder auf abspringen des auges zurückzuführen 
ist (vgl. K 9, 2 = P 104 und K 9, 6 [in P weggeschnitten]). Un- 
sicher ist mir die ergänzung der lücke P 14 — 15 (der gleich- 
falls fehlende vers 13 wird mit K 5, 32 = Cato s. 137 v. 272 
gelautet haben D2 du sniden solt dz hrot). Stand da, was 
nach sinn und construction zu 12 f. gut passen würde, == Cato 
V. 273 f. So setz ez niht an die brüst \ Nach der h-anlcen wibe 
gelust oder, wie P 16 f. zu verlangen scheint = Iv 6, 5 f. Beiß 
nicht ah der sniten \ Da mit du ißest! daß ist siten resp. = Cato 
V. 277 f. Biz niht an eine snite \ Da du wellest ezzen mite ? 
Und noch fraglicher ist die partie P 59 — 63 (61—63 weg- 
geschnitten). Freilich v. 63 ist leicht und sicher zu ergänzen 
Der wirt noch dem tische sol = U 543, 14 K 7, 28, aber wenn 
P 59/60 das ursprüngliche enthält mit dem md. reim jungen 
: munde, so fehlt den beiden anderen textquellen gegenüber 
zwischen P 60 und 63 nur ein vers, nämlich U 543,4 Stüre 
dy zen zu keyner stund = K 7, 27 Stür nicht diezen! daß ist 
mir hunt. Stand an stelle dieses verses in P ein reimpaar? 
Die tatsache, daß U K je ein besonderes reimwort auf jungen 
(59) aufweisen — U Jcunnen, K zimgen — spricht für die 
ursprünglichkeit der reimbiudung -ng- : -nd-. Vielleicht würde 
hier wie in dem vorhergehenden fall die Wernigeroder fassung 
den zweifei lösen. 

In einigen fällen hat P die schlechtere lesart oder einen 
fehler: v. 9 vgl. K 5, 28 Leg heidenthalh nit in dein munt. — 
V. 16 1. der snite. — v. 33 1. unzuht st. hofezuht und v. 42 für 
dasselbe wort zuht (vgl. v. 57). — v. 103 1. ein. — v. 110 hat 
P heißet wie K 9, 8, U 544, 14 verderbt schaffet, aber das ur- 
sprüngliche steht gewiß Cato s. 134 v. 190 Sie hazzent sicher- 
lich die man, woraus sich auch leichter das corruptel in U 
erklärt (vorläge haffet). Im übrigen zeigt P entschieden eine 
vielfach bessere Überlieferung U K gegenüber; vgl. besonders 
V. 5. 17 — 25. 471, wo der ursprüngliche, consonantisch un- 
reine reim gesellen : ivellest in U wie K auch den sinn 
umgestaltende änderungen verursacht hat; 75. 81 f. 95. 102. 



BßUCIISTÜCKK DES 1.1.-14. JAnRIlUNDERTS. 45 

113— IG. — Zur ergänzimg des zeilenanfang.s v. 28 hilft 
Thomasin WG. v. 505. 

D. Aus dem Busant. Nach der einzigen Bremer lis. (B) 
abgedruckt von ^Feyer-Moojer, Altdeutsclie diclitungen, Quedlin- 
burg u. Leipzig 1833, s. 24 — 38, außerdem mit textkritischen 
besserungen in v. d. Hagens Gesamtabenteuer I, nr. XVI. Über 
das gedieht handelt E. Glaser in seiner Göttinger dissertation 
1904, der als Anhang I (s. 118) auch ein neues bruchstück 
(v. 938— 1072) aus einer Karlsruher hs. (K) des 16. jh.'s ab- 
druckt und s. 47—62 besserungsvorschLäge zum texte der 
dichtung gibt. 

Schon ein vergleich von B mit K ergibt mehrfach tiefer- 
gehende sowie kleinere Verderbnisse Jenes hauptzeugen. Dies 
wird nun auch durch P bestätigt, das trotz seines geringen 
umfangs (v. 291 — 496) mehrere, von den herausgebern und 
Glaser zum größten teil nicht bemerkte lücken von B aufdeckt. 

Darüber zunächst ein wort. 1. Die bedeutsamste wird 
eingefüllt durch die im abdruck mit a—f bezeichneten verse 
hinter 464. Erst durch sie wird der Zusammenhang (begegnung 
des beiden der erzählung mit dem könig von Marokko [mareht]) 
aufgeklärt, und zugleich erfahren wir, daß dieser der bräutigam 
der Prinzessin ist (vorher v. 226—29 nur eine allgemeine an- 
spielung auf einen mann, der sol ein hunigrich hau das guldhi 
berge hat). 464 6 wird mit zweisilbigem auftakt zu lesen sein 
Kam in\ slünges laut von maraht, d wohl besser tvolte sine 
liochzit han (vgl. 468. 475). Im Zusammenhang mit dieser 
partie sei gleich auf die richtige lesart von P 462 wotiden 
(== wänden) statt des unsinnigen ivondert von B aufmerksam 
gemacht. Für verderbt halte ich auch den v. 461 B vnU dz 
er dem her (welchem beer ?) also nahe kam, aber in P ist leider 
dieser vers zugleich mit 460 der buchbinderscheere zum opfer 
gefallen. Vielleicht ist hinter lande 460 B ein punkt zu setzen 
und 461 f. zu lesen: Wanne ^) er den also nahe Jcam, \ do 
wanden frowen vnde man. 

Von einer zweiten, von v. d. Hagen notierten lücke hinter 
496 hat P nur die drei ersten Wörter Wenne d' Jcimig erhalten, 



1) lu B stand hier ursprünglich wan, das vntz rührt von der haud 
des correctors, s. Glaser p. 123. 



46 PRIEBSCH 

womit das bruclistück zu ende kommt. Die hinter Imnig noch 
sichtbaren oberen buchstabenspitzen zeigen wenigstens so viel, 
daß hier ganz etwas anderes stand als was in 497 B auf den 
ähnlichen versanfang Der Icünig folgt; zugleich erklärt sich 
aber aucli die lücke in B durch das abspringen des auges 
seines Schreibers von dem ersten (V kuuig (P 496«) auf das 
später folgende (497 B). 

Eine dritte lücke, zwei verse umfassend, ist nach 404 an- 
zusetzen. Leider ist das verspaar in P wieder der scheere 
anheimgefallen und das ist um so verdrießlicher, als auch von 
dem folgenden, in B sicher verderbten vers 405 sich in P nur 
die Schlußworte fijdhi porte erhalten haben. Wahrscheinlich 
handelte es sich v. 404a& (oder wenigstens 4046) bis 407 um 
das reichgeschmückte band, woran der junge fürst oder sein 
Icneht (v, 456 f.) die fiedel um den rücken geschlungen trug. 
Was nun die beschreibung des Instruments und zubehör v. 397 
— 411 anbetrifft, so liat P zunächst v. 398 mit Hei güldin siten 
gewiß das ursprüngliche gegenüber den sydinen siten von B. 
899 genügt P eine fidele (B ein f.) vollständig dem verse, so 
daß V. d. Hagens (Glasers) conjectur ein fideUn abzulehnen 
ist. Die augenscheinlich in B wiederum verderbten verse 401 f. 
lauten in P: D]er 1:6)2^ gezieret \ De\r Hb geprefieret. Das mag 
echt sein (s. auch den gleichen metrischen bau der verse mit 
der beschwerten hebung auf den ersten fuß) und Mrper das 
ganze Instrument, lih seinen schallkörper — gewissermaßen 
die taille — meinen, der also eingedrückt, abgeflacht ((/e^^res/cre^) 
ist, d. h. das eigentlich charakteristische der videl gegenüber 
der yige;^) und daß es sich um eine vidrl dreht, zeigt außer- 
dem der durchgängige gebrauch des Wortes in P (399, hier 
auch bezeichnenderweise in B; 408. 457), dem natürlich 410 
gigensack nicht widerspricht. Da 403 f. offenbar 401 fortsetzen, 
wird man am besten 402 parenthetisch ( ) fassen. 2) 404 hat 
P richtig Vn]d st. B von und 410 macht P gigen fach dem 
unsinn von B, der weder v. d. Hagen noch Glaser aufgefallen 
zu sein scheint, ein ende und gewährt da auch die richtige 
lesart fidin vin. 



') A. Schultz, Höfisches leben 1, 555 f. 
') V. (1. llag-en stellt die heiilen verse nm. 



BRUCHSTÜCKE DES 13.— 14. .lAIIUHUNDERTS. 47 

2. Wir wenden uns zu einigen stellen, die einen mehr 
oder weniger stark von B abweichenden text bieten. 

a) P 291 — 93 weisen auf eine tiefergehende abweichiiiig- von der in B 
vorangehenden partie. Es hat den anschein, daß in P eine nochniaiige 
bitte des königs und der königin, länger zu l)leiben (vgl. v. 171 tt'.) voran- 
ging und 291 in indirecter rede des jungen fürsten und seines hofmeisters 
abschlägige antwort (oder doch den Schluß derselben) enthält; 292 f. sind 
in P bericht des dichters {in in 292 geht natürlich auf das herrscherpaar), 
während sie in B die mit 291 begonnene directe rede des Jünglings fort- 
setzen: aber Sicherheit ist hier nicht zu gewinnen. Hat B oder P den 
umgearbeiteten text ? 

b) für B 297—800 hat P nur: [Als oder Tlan] er aUeine zu ir kam \ 
[Ir] he(P hHze do erhran und in der tat machen vierreira, schleppender 
Stil und die typische phrase sy bot im ir snewisse Jiant B 298 — 99 mehr 
als verdächtig, was bereits Glaser s. 51 empfand. Der Überarbeiter wünschte 
das 'entbrennen in liebe' zu motivieren. 

c) Starke abweichungen zeigt auch die anschließende partie, der 
abschied der liebenden voneinander, v. 302-26. Hinter 302 stehen in P 
10 verse (a— ^•; aber bc weggeschnitten), die B gänzlich fehlen. Erst dann 
folgt 303 B, jedoch in abweichender gestalt. Jene 10 verse bringen keine 
redehandlung, sondern dienen lediglich der situatiousmalerei. Ich zweifle 
an ihrer echtheit, besonders an der des verspaares i k mit seinem identischen 
reim. Auch dann bleibt es noch fraglich, ob die ursprüngliche gestalt 
von 302/3 zu B stimmte oder nach P lautete: [Die] junge kmiiyinne \ [Die 
tr]uhte in an ir ivangen (vgl. v. 55f.). Bemerkenswert ist, daß nach Glaser 
s. 122 V. 304: in B mit die truht einsetzte, das erst der corrector in sy sprach 
änderte; andererseits steht zu der B-fassung das ähnliche bild in v. 601—03. 
Auf 303 folgt in P unmittelbar 313-26 B (davon 314—17 Aveggeschnitten) 
und erst darauf 309— 312 B (311 f. wieder weggeschnitten), in P jedoch, wie 
es scheint, im munde des jüngliugs, aber es ist doch wohl nur das inquit 
Sil sprach v. 309 ausgefallen; vgl. auch 312 e iirlop geben, das nur in den 
raund des mädchens paßt. Und die rede fortsetzend schließen sich sechs 
verse (a — f) an, denen nichts in B entspricht. Davon sind a — c eigent- 
lich nur eine Variation von 3 17 f., schließen sich jedoch trefflich an 312 
als ausführung des ougenweide. Der dreiteilige redeaufbau in P ist ent- 
schieden kunstvoller als der zweiteilige in B. 

Abgesehen von diesen größeren abweichungen bieten in 
einzelheiten folgende verse dieser partie in P eine bessere 
lesart : 

818 (Mir selbe ich), 819 (Untze uns), 320 (dich hinnan), 821 {arme 
los), 322 {Der riche got), 324 f. {Lieber icolte ich. den tod | lern"' durch). 
Vgl. auch 313 P weiTie gegenüber wemen B. (Ausgaben: weinenl) 

d) 884—94. Diese in B zum teil verderbten verse werden auf grund 
von P im original gelautet haben: 



48 PRIEBSCH 

Den rossen geordinieret was 

Drie setel eiiich, 

Die waren von hohen kosten rieh. 

Dar ane (P darinue) gnrte nnd stegereif. 

Waz die ros nmbe greif,') 

Daz von leder solte sin, 

Daz was (alles) sidin vin,-) \ 

Mit guldin borten überzogen. I i t> • ü i •** 

^ * .^ ., } nach B, in P weggeschnitten. 

Sporen, stegereif, satelbogen, 

Daz was vin golt von Arabin, J 

Daz ez uiht klüger muhte sin. 

e) 435 — 37 lese ich mit P: Mit gantzen tnitcen so v'^eint \ (Sprach er) 
SU het Sit vil geweint \ Unde min so lange enborn. B oder seine vorläge 
stieß sich wohl an dem ungewöhnlicheren invertierten sprach er (rede- 
erklärung, vgl. B 120), das hier eigentlich anö xoivov steht, und setzte er 
sprach erst dem vers 437 voran. 

f) 488 f. hat statt des widersinnigen und metrisch obendrein an- 
stößigen nit vermeit richtig init ime v^Ymeit]; dagegen scheinen in 489 
BP einen gemeinsamen fehler zu haben, man erwartet etwa: Vo er in 
selber umhe hat. 

g) 495. B vnde huop sich heimelich dar, P Hup sich der jungeling 
[dar].^) P hat die richtige lesart (nur möchte man aus rhythmischen 
gründen sich lieber hinter jungeling stellen), denn offenbar bildet 495 wie 
mit 496 so auch mit 494 P Zu der seihen stunden eine periode und hinter 
Jcunde 493 gehört ein pnnkt. 496 ist übrigens das von B P überlieferte 
Do ir nieman, wofür Glaser s. 52 gegen den mhd. Sprachgebrauch Da in 
ir vorschlug, nicht anzutasten, denn mit ir ist der Jüngling und sein 
knecht gemeint (vgl. v. 423). 

3. P gewährt andere kleinere textbesserungen: 

295 f. 1. Die warte sin vor dem tor 

Untze er (aber) (aus B 295) kam hervor, 
womit Glasers Vermutung s. 51 töre : vöre erledigt ist.*) 
329 mit P: Er reit do hin tvenne ime wz gach. 
341 do in B, das auftakt einführt, ist nach P zu streichen. 



*) Nämlich der bauch-, schwänz- und brustriemen, A. Schultz I, 495. 
B 488 mit golt heslagen durch den stceiff' ist nach Glaser s. 122 erst (vom 
corrector?) eingefügt worden. 

2) Vgl. zu 389 — 90 Kother 690 f. 

') Für heimelich dar reicht der platz nicht aus, zudem sind schwache 
spuren des d- nach jungeling sichtbar. 

*) Auch 417 f. (in P weggeschnitten) werden ergänzung verlangen, 
etwa er solte riten {ime) vor | des morgens {vruo) (Glaser s. 52) für 
daz tor. 



BRUCHSTÜCKE DES 13,-14. JAHRHUNDERTS. 49 

342 1. J'Jr der kuschen, reinen; B hat hier wie 506 schönen liiiizii- 
gesetzt, vielleicht in vorwegnähme von 558. 910, 1' dagegen onch, um anf- 
takt herzustellen, v. d. Hagens von Glaser s. 51 gebilligter Vorschlag, er 
in V. 543 zu versetzen, ist abzulehnen. 

344 mit P sas (saz) : v''gas {vergaz). 

345 mit P zu aller {zaller) stunt. 

354 1. Lachen, tanzen (fehlt B) und springen ; das hier B P gemein- 
same und wird auch 352. 353 in Übereinstimmung mit P einzusetzen sein. 

355 mit P Der inie nie kein{e)s. 

356 f. 1. nach P hertze lag ime und{e) qiiiel \ Von minnen 
358 so mit P zu streichen, B führt auftakt ein. 

361 mit P gedohte als (= alles vgl. 280. 427, Glaser s. 46; v. d. Hagen 
ergänzte ie) an die. 

369 f. mit P Drie (was schon v. d. Hagen erschloß) die besten hies er 
US I Er fürte sü (1. fürtes) einhalb in ein hus, wodurch auch 370 rhythmisch 
gebessert wird. 

378 P richtig vor[bedaht]. 

379 heimelich gestünden : befiinde, B funde übrigens nach Glaser s. 122 
erst aus bevinde corrigiert. 

381 erstes in fehlt P mit recht. 

395 besser mit P [Do] dis xvart alles 

411 mit P bilden. 

412 mit P Hie m]itte wz dz lange jor; lange ist unter den obwaltenden 
umständen entschieden poetischer als B gantzes. 

414 P sicher ursprünglich Dem] junge fursten wz so gach; vä in B 
aus 413. 

416 P hette er do; do ist metrisch notwendig. 

422 P Doch (B do) ahte, auch hochgelobte ist B hoch geerte vor- 
zuziehen. 

423 mit P Daz st. dar B, s. Glaser s. 52. 

434 wan in B zugesetzt, \\m auftakt zu erhalten. 

441 P richtig als (= alles) fröden gegenüber dem unsinnigen zeschoffen 
in B, das übrigens nach Glaser s. 122 erst von zweiter band aus für einen 
corrigiert ist. 

442 nü, das hier nicht bloßes flickwort ist, fehlt in B. 
444 mir B wohl zugesetzt, um auftakt zu erhalten. 
451 ist P reht entslief vorzuziehen. 

455 P sicher richtig zu diser verte gach, B umgebt die flektierte form. 

565 P gegen ime, B m entgegen, P bat das ältere mit zweisilbigem 
ime bewahrt. 

467 P Er bat in mit ime (1. im) riten, B Vnde sprach er solte ritten, 
die änderung in B dürfte durch das in 466 voraufgeheude bat verursacht sein. 

472 P bestätigt die ergäuzung v. d. Hagens Der Jcunig sprach. 

474 die Überlieferung in B P führt auf: Und min riche gäbe versmahet 
mit zweisilbigem auftakt. 

477 'E- ist in B ausgefallen hinter dem schluß-e von danne. 

478 f. P Jian ich geleit | Einer wißen tnben einen strig, wogegen 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 4ü. 4 



50 tRlEBSCH 

B h. i. g. I eine tvis tuhe in ein stricke barer xmsinn ist, denn man legt 
doch uicht eiueu vogel in eiueu faugstrick. 

4, In ein paar fällen ist es zweifelhaft, auf welcher seite 
das ursprüngliche liegt: 

338 B gegen im us geritten kam, P Ime clo entgegen kam, was farb- 
loser ist, aber der zweisilbige gebrauch von Ime in P könnte die Ursache 
der Veränderung gewesen sein (s. oben v. 465). 

372 B bereit alsem ein gos, P b. als e. g. Will B die beschwerte 
hebung umgehen? 

i21 B im mit tugende, P Ime tägentliche. 

426 B Jiertse und ouch ir sin, P hertze und(e) sin. Versglättung in B ? 

466 B vil zuhteclichen (-en nach Glaser s. 123), P Tügentliche (1. -en) 
er in bat; vil des auftaktes wegen, aber ob zuhteclichen oder Tügrntlichen 
läßt sich uicht entscheiden. 

491 B von dannen, P dannen. Grund des von wohl wieder metrisch. 
Yerseingang P Gär frunilich oder Gar frimtDch. B gar früntliche. Vgl. 
Glaser s. 47. 

5. In einigen wenigen fällen hat P die schlechtere lesart: 

350 fr Owen unde man B, f. und ouch man P. Vgl. 462 (B P) und 
500 (auch 1026 wird darnach zu ändern sein, ebenso 52).') 

403 mit golde vnd{e) mit gestein[e'\ B, ]SI]it golde vnd gesteine P. 
407 mit giddin porten B, 3Iit] golt porten P. 

Aus dem voraufgehenden ergibt sich, daß P entschieden 
die bessere, dem original näher stehende Überlieferung re- 
präsentiert; wäre es vollständig auf uns gekommen, so ließe 
sich auf seiner grundlage nebst vorsichtiger benutzung von 
B K ein weit correcterer text der dichtung herstellen; natürlich 
auch in hinsieht auf seine metrische form, besonders in bezug 
auf auftakt und beschwerte hebung; denn hierin werden die 
aufstellungen Glasers s. 41 — 43 innerhalb unserer partie durch 
P vielfach negiert: P liat beschwerte hebung, von einem zweifel- 
haften falle 4152) abgesehen, nur bei Zusammensetzungen, in 
syntaktischer pause 372 (oder bereitet oder alsam nach B?), 
im zweigliederigen durch ^inde verbundenen ausdruck (426), 
im einsilbigem wort auf der dritten hebung bei stumpfen aus- 
gang (413. 421), eine deutliche beschränkung, die für die kritik 



') 50 — 53 sind zu lesen: ze hant sie loaren uf die vart | bereit unde 
riten dem. \ Bede froiven unde man \ init in (Jüngling und Hofmeister, 
Glasers conjectur im s. 49 abzulehnen) ze dem tor uz giengen. 

'') V. 456 1. kncht der. 



BRUCHSTÜCKE DES 13.-14. JAHRHUNDERTS. 51 

von Versen anderer teile des gedieht es fruchtbar werden kann. 
Andererseits hat sich aber auch ergeben, daß schon auf dieser 
frühen Überlieferungsstufe vielleicht Interpolation eingesetzt 
hat — V. 302 a—li — und daß wohl auch der archetypus, 
auf den beide fassungen mehr oder weniger direct zurück- 
gehen, bereits einzelne Verderbnisse aufwies. Leider fehlt ein 
dritter zeuge für die B P gemeinsame partie. 

LONDON. ROBERT PRIEBSCH. 



DER WECHSEL VON U UND ÄU IN DER 
GOTISCHEN Z7-DECLINATI0N. 

In dem Wechsel zwischen u und au, wie er in den einzelnen 
Singularcasus der gotischen ^<-declination vorliegt, nimmt be- 
kanntlich der vocativ eine besondere Stellung ein. Während 
bei letzterem casus sowohl -u wie -au sich vorwiegend in den 
durch die abschreiber am wenigsten veränderten teilen findet 
(Jacobsolm KZ. 47, 85), und während hier beide ausgänge un- 
gefähr gleich häufig vorkommen und, wie man mit recht an- 
nimmt, auch beide altererbt sind, erscheint -aus für -us im 
nominativ, -au für -u im accusativ, -us für -aus im genetiv und 
-u für -au im dativ fast nur in denjenigen partien, die auch 
sonst etwas stärker jüngere spuren aufweisen, tritt aber hier 
nur verhältnismäßig selten auf. Nur das Verhältnis der letzteren 
casus soll hier untersucht werden; über den vocativ handele 
ich an anderer stelle und in anderem Zusammenhang. 

In den germanischen dialekten hat sich die M-declination 
infolge ihrer verhältnismäßig schwachen besetzung meist wenig 
intact erhalten. Wenn dieselbe von den übrigen declinations- 
klassen noch am schärfsten abgesondert im gotischen erscheint, 
so liegt das außer an dessen höherem alter vielleicht auch 
noch daran, daß hier das idg. -ou- des gen. sing, und das -eu 
des loc. (dat.) sing, in au zusammengefallen waren, infolgedessen 
sich hier nicht nur der nom. und acc. sing, durch den gleichen 

4* 



52 LOEWE 

vocal ihrer enduiig («), sondern auch der gen. und dat. sing-, in 
entsprechender weise durch ihr au gegenseitig stützten. 

In der weiteren entwicklung des gotischen hat dann dieser 
zusammenfall im verein mit anderen factoren den anlaß zu 
der eigentümlichen formenmischung in der «-declination ge- 
geben. Daß in dem eintreten des u für nichthaupttoniges 
ausl. au kein lautwandel vorliegen kann, zeigt sich deutlich 
darin, daß sich -u weder jemals bei irgend welchen verbal- 
formen auf -au (wie hairau, herjau, hairaidau usw.), noch jemals 
bei isolierten Wörtern auf -au wie bei ahtau und dem ungemein 
häufigen aippau für nichthaupttoniges -au eingestellt hat; hat 
es aber einen solchen lautwandel nicht gegeben, dann gewiß 
auch keinen von nichthaupttonigem ausl. -aus zu -us, wie ja 
auch das isolierte adverb fdans stets erhalten ist. Umgekehrt 
kann auch nichthaupttoniges ausl. -u nicht in -au (das dann 
natürlich als -aii zu fassen wäre), übergegangen sein, da es 
weder jemals bei dem außerordentlich häufigen fiki, noch jemals 
bei dem noch weit häufigeren meist enklitischen nu (nebst 
Jjannu und nunu) erscheint. Daher darf man gewiß auch 
keinen lautwandel von ausl. -us zu -aus annehmen, ganz ab- 
gesehen davon, daß bei den «-stammen selbst nur im nom. sing. 
-aus für -MS, niemals aber auch im nom. plur. -*jaus für -jus 
auftritt, und daß ebensowenig auch bei den r- stammen jemals 
im nom.-voc. plur. -*Jaus für -jus erscheint, obgleich der vocativ 
hrö^rjus in den briefen, die doch neben dem größeren teile 
des Lukas den Wechsel von u und au in der w-declination am 
häufigsten aufweisen, besonders oft vorkommt. 

Aus fällen, in denen au und u im inlaut vertauscht sind, 
könnte natürlich auch nichts über einen lautwandel im aus- 
laut gefolgert werden, selbst wenn diese fälle selbst als 
lautwandlungen aufzufassen wären. So z. b. nicht aus dem 
nebeneinander von aufto und ufto. Doch ist hier überhaupt 
das nur einmal (Matth. 27, 64) belegte ufto wahrscheinlich als 
Schreibfehler für aufto zu betrachten, indem dem Schreiber 
das anklingende ufta 'oft' vorgeschwebt haben wird (weniger 
Wahrscheinlichkeit hat wohl die Vermutung Streitbergs, Got. 
elementarb.-'"* § 52 anm., daß zwischen aufto und ufto ein 
abl au ts Verhältnis wie zwischen got. hditrs und alid. hittar 
besteht). 



[/ VND J(/ ]N DKU (JOTISCIIKN ^/-I)KCI>INA'1I()N. b-> 

Ein Schreibfehler könnte vielleiclit auch in paarxjuurai 
Jjuk. 16,19 gegenüber paurpurai Mk. 15,17 und 15,20, paur- 
purodai Job. 19,2, paurpurodon -Toli. 19,5 enthalten sein, indem 
sich der Schreiber bei der zweiten silbe j'ur an die erste ihr 
sehr ähnliche 2)aür- erinnerte; ist aber paürpaurai eine wirk- 
liche sprachform gewesen, so ist sie höchst wahrscheinlich 
auch nur von einem Schreiber in den text hineingebracht 
worden, da sie vereinzelt viermaligem poiirpur- gegenübersteht. 
Wenn es aber eine wirkliche sprachform paürpaüra gegeben 
hat, so ist diese wahrscheinlich ganz ähnlich entstanden, wie 
wenn paurpaura nur Schreibfehler wäre: beim aussprechen 
der zweiten silbe schwebte die erste (die ja zugleich die 
haupttonsilbe war), wegen ihrer ähnlichkeit noch so deutlich 
vor, daß sie ganz an die stelle jener trat, ganz ähnlich wie 
(nur in umgekehrter richtung) in lateinischen und altindischen 
perfectformen der reduplicationsvocal dem wurzelvocal an- 
geglichen wurde, wobei sich jedoch das cm und das u von 
paürpura schon bereits näher standen als z. b. das e und das u 
von \?it.*tetudi (wofür tutudl) und das a und u von »,i*babudhinid 
(wofür buhudhimd)] dazu kam noch, daß in dem aür für ur 
nach dem ausweise von undaürnimats die dem munde des 
Goten auch in unbetonter silbe lautgerechte Verbindung von 
kurzem dunkelem vocal + r hergestellt wurde (das u in fidur- 
ist als ü aufzufassen nach Paul, IF, 4, 334 und Streitberg, Got. 
elementarb.3"-* § 66, der abulg. cetyre vergleicht). Doch könnte 
got. paürpaüra möglicherweise auch eine von jeher bestehende 
dialektische nebenform von pö^ir^n«-« gewesen sein: der unter- 
schied beider formen hätte dann darauf beruht, daß in paürpura 
nur die haupttonsilbe, in paürpaüra aber zugleich auch die 
sich weniger bemerkbar machende unbetonte silbe den gotischen 
lautverhältnissen angepaßt worden wäre. Wie man aber auch 
die Sache auffassen mag, in keinem falle läßt sich das neben- 
einander der Schreibungen paurpurai und paürpaurai irgendwie 
mit dem Wechsel von -u und -au, -us und -aus in der ^t-declination 
in Zusammenhang bringen. 

Einen Avirklichen versuch, den letzteren Wechsel als laut- 
wandel zu erklären, hat auch überhaupt nur A. Kock, Beitr. 
21, 432 ff. gemacht. Dieser forscher hat allerdings eine wohl- 
durchdachte theorie aufgestellt: ähnlich wie aschwed. u im 



54 LOEWE 

imbetouten auslaut in -o übergegaugeu sei, so habe sich auch 
in dem unbetonten auslaut des schon an sich enklitischen 
vocativs -u in -o {au) verwandelt. Doch läßt sich Kocks an- 
sieht deshalb nicht aufrecht erhalten, weil er den unterschied 
von siinau und magern und den der vocative auf -ii bei den 
Personennamen (vgl. Jacobsohn, KZ. 47, 86) unberücksichtigt 
gelassen hat, abgesehen davon, daß es nicht sicher ist, ob 
wirklich das -u der vocative, auch wo sie wirklich enklitisch 
gewesen sein sollten, noch schwächer als das u des stets un- 
veränderten nu betont war. Für die übrigen casus vermutet 
Kock nur eine schwache tendenz, unbetontes aü in u über- 
gehen zu lassen; wenn hier au für u mit ausnähme von zwei 
fällen Qiairau und siinaus) sich nur nach langer oder in dritter 
Silbe (wie hier aschwed. regelmäßig -o für -u) findet, so liegt 
das in Wirklichkeit daran, daß die zahl der kurzsilbigen u- 
stämme weit geringer als die der langsilbigen und mehrsilbigen 
war. In bezug auf das u im gen, und dat. spricht Kock die 
Vermutung aus, daß man, nachdem man einmal angefangen 
hätte, im nom, und acc, au für u zu schreiben, nun auch im 
gen. und dat. u für au geschrieben hätte; dazu hätte aber 
doch wohl au im nom. und acc, schon weit häufiger sein 
müssen, als es hier wirklich ist. 

Auf den ersten blick findet sich nun freilich auch kein 
weg, auf dem sich die neuerungen der M-declination als analogie- 
bildungen deuten ließen. Das ist offenbar der grund, w^eshalb 
Gaebeler, Zs.fdph,43,27ff. 97 ff. und 103 ff, den versuch gemacht 
hat, die formenmischung als eine rein graphische zu erklären. 
Gaebeler bringt den Wechsel des « mit au in der w-declination 
mit dem eintreten des o für u in Wörtern wie zvidowo, ushofon 
usw. (Braune, Got. gramm."" § 14, anm. 3) zusammen und hält 
letzteres für eine einwirkung des spätlat. schreibgebrauchs, 
nach dem o mit u wie e mit i wechseln konnte. Doch will 
Gaebeler s. 27 selbst nicht leugnen, daß bei der entstehung 
dieser Varianten der zusammenfall von o und u zu tt- lauten 
im gotischen selbst mitgewirkt haben kann, und begründet 
dies damit, daß der lateinische schreibusus in der form au 
für u nur äußerst selten, in der form o für u dagegen ver- 
hältnismäßig häufig zu belegen sei. Aber der gewiesene weg 
ist es doch, daß man umgekehrt die neuerung zunächst aus 



i/ UND ,-/<7 IN DKK (JOriSCIlKN //-DKC.'LINATION'. 55 

der eigenen spräche der Goten zu erklären versucht und erst, 
wenn dies nicht gelingt, die frage stellt, oh vielleicht fremder 
einfiuß im spiele sein kann. Nun ist aber die eikläiung aus 
dem gotischen allein durchaus möglich und aucli einfach genug. 
Das ö hatte ja im italischen ostgotisch den lautwert ü an- 
genommen, wie Wrede, Sprache der Ostgoten 94 aus lateinischen 
Schreibungen wie Ehrcrnud bei Marcellinus Comes für das jähr 
536, Evermud bei Jord. Rom. 370, Got. LX,308 und griechischen 
wie 'EßQiiioi'n für dieselbe person bei Prokop, D.bell. Goth. 1, 8,3 
gefolgert hat, wie aber noch deutlicher aus Alamiid im lat. 
text der Urkunde von Arezzo neben stetem Älamoda im got. 
beider ostgotischer Urkunden hervorgelit. Schrieb man nun 
aber da, wo man n spracli, in weitaus den meisten fällen ein o, 
seltener ein «, so lag es doch wahrlich nalie genug, der 
Schreibung o überhaupt in allen Wörtern zutritt zu gestatten, 
in denen man bisher nur u geschiieben hatte, und zwar nicht 
nur, wo dies ii einen langen vocal, sondern auch wo es die 
kürze zu demselben langen vocal bezeichnete, wie man ja auch 
ä und ä stets durch dasselbe zeichen zum ausdruck brachte. 
Wenn nun o für ü häufiger als o für u geschrieben worden 
ist, ersteres in neun sicheren fällen (Braune a. a. o.), letzteres 
aber nur in ohteigo 2. Tim. 4, 2 B {uhteigo A) und LoJcan in 
der Salzburg -Wiener hs. neben Lucan in der Umschrift, so wird 
das in der hauptsache daran liegen, daß für die Schreibung 
von für u als einen weit selteneren laut als ü auch weit 
seltener gelegenheit gegeben war. Daraus daß in den Wörtern, 
in denen zur zeit der niederschrift unserer Codices u gesprochen 
wurde, weit häufiger die Schreibung o als die Schreibung u 
ererbt war, begreift es sich, daß man im allgemeinen nicht u 
für einsetzte, obgleich bei der häufigkeit des o sich die 
gelegenheit hierzu doch genügend bot: sämtliche sicheren fälle 
dieser art aus den bibelhandschriften stehen im Marcus {sti- 
puda 9,50; uhtedim 11,32; auch spaikulatur 6,27 und luse 
für "Icoö/] 6, 3 nach Luft, KZ. 35, 306; vgl. losezis Marc. 15, 40, 
Luc. 3, 29, losez Matth, 27, 56 für tov 'hoofj, so daß hier nur 
die neigung eines bestimmten Schreibers vorliegen wird), i) Die 

*) Allerdings gilt das uicht mehr für die noch spätere zeit, da sich u 
für altes 5 auch in der Urkunde von Neapel findet. Während sich hier 
Sunjefrithas selbst diakon (aus spätgriech. diäxojv) nennt und den dativ 



56 LOKWE 

für a stehen zwar auch ganz vorwiegend in einem und dem- 
selben evangelium, dem Lucas, davon aber drei in cap. 1 — 10 
fraistohnjo 4,13; widowo 7,12; ainomelnm 8,43) und vier in 
cap. 14 — 20 (simjos 16,8; uslwfon 17, 13; lauhmoni 17,24; ga- 
lüondondans 20, 12), welche beiden teile nach Jacobsohn, KZ. 
47, 84 ff, die spuren zweier verschiedener Schreiber aufweisen. 
Außerdem ist außerhalb des Lucas hier o geschrieben in faiho 
Marc. 10, 23 und aljaJconjai Eph. 2, 19; es liegt hier also mehr 
als die neigung einzelner Schreiber vor. Und vergebens sucht 
man auch nach irgend einem bestimmten anzeichen für den 
einfluß lateinischer Schreibgewohnheiten. 

Aber gesetzt selbst das eintreten des o für u wäre aus 
dem spätlateinischen schreibgebrauch wirklich zu erklären, so 
würde daraus doch noch keineswegs folgen, daß die gotischen 
Schreiber nunmehr auch ihr au, weil es auch den lautwert 
eines o haben konnte, gleichfalls zu einer graphischen Variante 
für M gemacht hätten. Als einziges beispiel dafür aber außer- 
halb der it-declination, auf das er selbst w^ert legt, weiß 
Gaebeler s. 86 nur das für älteres imurpurai im Lucas stehende 
2>aurpaiirai, das ihm auf keine andere weise erklärbar erscheint, 
anzuführen; doch glaube ich gezeigt zu haben, daß sich dies 
paurpaurai sogar auf verschiedene weise einwandfrei deuten 
läßt. Daß sich das vorkommen der graphischen Variante im 
übrigen auf die M-declination beschränkt, will nun Gaebeler 
damit erklären, daß die M-declination wahrscheinlich nicht 
mehr im sprachlichen bewußtsein gelebt hätte, daß daher der 
anblick einer flexion sunus, sunaus, sunau, sunu, sunau auf die 
Schreiber, für die sich kein sprachliches gefühl mehr mit dem 
unterschiede der endungen -ns und -aus, -u und -au verbunden 
hätte, verwirrend hätte wirken und sie daher au (mit dem 
lautwerte ö) und u wie sonst o und u als gleichwertig hätten 



diakona Älamoda bildet, schreibt der priester Ufitahari diakuna Alamoda 
und ganz ebenso weiter unten der Schreiber Merila. Wenn sich Merila 
in dem unterschiede zwischen diakuna und Alamoda auch an Ufitahari 
angeschlossen hat, so würde er das doch wohl kaum getan haben, wenn 
nicht die Schreibung u für altes o auch sonst bisweilen vorgekommen wäre 
(bei Wiljarith, der auch Alamoda schreibt, ist nicht mehr zu erkennen, 
ob er diakoiia oder diakuna geschrieben hat. Übereinstimmend bieten alle 
vier genannten Goten katvtsjon). 



U UNI) AU IN DKK ÜOTISCHKN 6'-UKCMNATI0N. 57 

empfinden müssen. Hierg"egen niöclite ich zunäclist bemeiken, 
daß man die ausspräche von au als aü (ö) in der w-declination 
eben nur deshalb vermutet hat, weil man sich den Wechsel 
der endungen -au und -u, -aus und -us auf analogischem wege 
nicht erklären zu können glaubte, ein lautgesetzlicher Über- 
gang aber von ü in ö oder von Ö in ü an sich weit leichter 
verständlich als ein solcher von ü in den diphthong au oder 
vom diphthong au in ü erschien (vgl. besonders die theorie 
Kocks). Ein Avandel von gotischem unbetontem du und cii in 
monophthonge ist nun zwar an und für sich nicht unmöglich; 
doch liegt keinerlei anzeichen dafür vor, daß sich ein solcher 
wirklich vollzogen hätte. Vollends unwahrscheinlich wäre 
aber die kürzung solcher etwaigen monophthonge, wo doch 
keinerlei Schreibung darauf hinweist, daß die zu Wulfilas zeit 
bestehenden langen vocale später in unbetonter silbe gekürzt 
worden wären. 

Im übrigen hat aber Gaebeler auch dafür, daß die u- 
declination wirklich nicht mehr im sprachlichen bewußtsein 
der spätgotischen zeit gelebt hätte, keinen beweis erbracht. 
Gezeigt hat er allerdings, daß die endung des gen. plur. -nve 
früh ihre productivität eingebüßt hat, was er auf s. 101 mit 
recht zugleich auf die auffälligkeit von -nve selbst und auf 
die häuflgkeit des einfachen -e als endung des gen. plur., be- 
sonders der masculina, zu denen ja der weitaus größte teil 
der Wörter der t/.-declination gehört, zurückführt. Für das -jus 
des nom. plur. muß er jedoch wegen des nebeneinanders von 
aggüjus und aggile wenigstens für die zeit der älteren ent- 
lehnungen aus dem griechischen noch productivität annehmen, 
für die zeit der jüngeren und der bibelübersetzung behauptet 
er dagegen s. 100 an der band des typus praufeteis, praufete, 
ludaieis, ludaie seine un productivität, deren teilweise Ursache 
er s. 102 in der einwirkung der völkernamen auf -eis wie 
Rumoneis sehen möchte. Sein satz: 'Zur zeit der Übersetzung 
war also die w-declination als ganzes System unproductiv; an 
ihre stelle war der mischtypus lud aius getreten^ mag wenigstens 
für den plural richtig sein; aber dieser mangel an ausbreitungs- 
kraft beweist doch noch lange nicht, daß die endungen -jus 
und -iwe bei den erbwörtern der w-declination selbst schon zu 
dieser zeit von anderen endungen verdrängt worden seien. 



58 LOEWE 

Gleiclnvolil glaubt Gaebeler s. 103 ff. aus älmlielien anzeichen 
wie im plural auch schon auf einen verfall des Singulars der 
M-stämme zugunsten der vereinigten o und i-stämme schließen 
zu müssen, ^^^as hier zunächst seinen hinweis auf das neben- 
einander von Matta])hvis, 3Iaita])iaus Luc. 3,25 u.26, praufetaus, 
2>rmifetis Mattli. 10, 41 und lalcohu, laJcohis Marc. 5, 37 betrifft, 
so bemerkt er ja auch selbst s. 73 im anschluß an W. Schulze, 
daß Wulfila zuweilen an einer und derselben stelle unabhängig: 
von der vorläge in den flexionsformen der griechischen Wörter 
variiere, wobei die mannigfaltig'keit der gotischen formen im 
gegensatz zur einförmigkeit des Originals das bedürfnis nach 
abwechslung als moliv dieses zuges Wulfilanischer flexions- 
technik erweise. Diese von Wulfila bisweilen bei fremden 
namen beobachtete stilistische manier kann doch aber wahr- 
lich nichts in bezug auf die erbwörter der w-declination auf- 
klären und beweist um so weniger etwas über den verfall 
dieser, als Wulfila in einem fall, den Gaebeler a, a. o. selbst 
vermerkt, zum zwecke der Variation bei einem fremden namen 
gegen das griechische original auch eine u-iorm einführt: 
Marc. 1^ 16 ist 2^i[i(ora durch Seinwnn, Ji!ii<ojrog aber durch 
Seimonis übersetzt. Dabei ist hier das streben nach abwechs- 
lung nicht einmal der einzige grund zur einführung einer u- 
form gewesen, da sich Wulflla bei Seimon nicht nur der für 
bei namen der griechischen dritten declination in den obliquen 
casus gebräuchlichen o-flexion {Seimon, Seimonis, Seimona 
Seimon^)), sondern auch sonst bisweilen der w-flexion (gen. 
Seimonaus Joh. 6, 8, dat. Seimonau Luc. 5, 4) bedient, offenbar 
weil er sich bei Seimon unwillkürlich an Paitrus, den in der 
bibel gewöhnlichen namen des Simon, erinnerte, wie besonders 
Joh. 6, 8 zeigt, wo er J17//o>»roc IUtqov durch Paitraus Seimonaus 
übersetzt, gegen das griechische original also Petrus als den 
wichtigeren namen vor Simon gestellt hat; in diesem fall ist also 
die t(-flexion bei einem fremdnamen noch productiv gewesen. 2) 



') Seimon als accusativ für Simon Petrus Lno. 6, 14. Für andere 
personen nameus Simon steht nur dicht dahinter Luc. 6, 15 der accusativ 
Seimon, dagegen Marc. 3,18 und 15,21 Seimona; die Übernahme der 
griechischen form wird sich hier daraus erklären, daß diese beiden Simon 
gerade im gegensatz zu Simon Petrus dem Wulfila fremd erschienen. 

'^) Anders ist dagegen wohl der dativ Tibairiadau Joh. 6,23 auf- 



LTUNDyll/ IN DKli (iO'IISCFIEN ^'-DKCI.INATION. 59 

Einen noch deutlicheren voiboten für den verfall auch 
des Singulars der w-declination Avill Gaebeler s. 103 ff. in dem 
bei Wulfila bestehenden Verhältnis der casusfornien der beiden 
namen 'laxojß und 'h'cxoßoc zueinander sehen, von denen 
ersteres stets durch laJcoh, das nur wie dags flectiert, letzteres 
aber außer durch (wie sumis flectierendes) lahohus auch durch 
(dem typus äags auch hier folgendes) lalcoh wiedergegeben 
ist: die einseitigkeit der beeinflussung soll hier für die Stellung 
der beiden flexionssysteme in Wulfilas spräche bezeichnend 
sein. Wenn sich bei der flexion zweier fremdnamen der 
umfangreichste aller declinationstypen durch sein eigenes ge- 
wicht wirklich stärker geltend gemacht hätte als ein typus 
von verhältnismäßig geringem umfange, so würde das noch 
gar nichts dafür beweisen, daß letzterer bereits auf dem wege 
war, von ersterem auch bei den erbwörtern verdrängt zu 
werden. Höchst Avahrscheinlich aber erklärt sich das Ver- 
hältnis der gotischen formen für 'Jazcoß und 'Jdxcoßoc über- 
haupt in anderer weise: Wulfila wird sich eben bei 'Ii'cxoßoc 
bewußt geworden sein, hierin nur die gräcisierte form des- 
selben hebräischen namens, den er in 'Jaxojß ohne griechische 
endung vorfand, vor sich zu haben. Aus diesem gründe konnte 
er wohl laJcob für 'Ic'cxoßoc, nicht aber auch laJcohiis für 
'laxojß setzen. 

Auch die flexion von got. Jesus, auf die Gaebeler noch 
wert legt, spricht nicht dafür, daß die gotische w-declination 
von der o-declination bereits frühzeitig eingeengt wairde. Die 
Goten, welche die wichtigsten Wörter des Christentums mit 
dem ohr, nicht mit dem äuge aufnahmen, konnten griech. 7/yöorc 



zufassen. Wulfila schwebte hier wahrscheinlich die form des Originals 
TißsQLaSog vor, wie er denn Luc. 3, 1 bei einem anderen genetiv eines 
ihm fremden geographischen namens auf -oc, TQu/ejvixLÖoq, die endung -os 
(Trakauneüiclaus) beibehalten hat. Nun war aber TißeQtäöog von tx ab- 
hängig, das Wulfila nur durch das den dativ regierende ns übersetzen 
konnte; formen auf -s ließen sich aber im gotischen unmöglich als dativ 
auffassen; da nun aber der gen. sing, gotisch stets auf -s endete, der dat. 
sing, sich aber vom gen. sing, in einer reihe von klassen nur durch das 
fehlen des -s unterschied (vgl. attins, atiin; tuggöns, tuggön; baürgs, baürg; 
anstais, anstai; sunaus, sunau), so konnte er den griechischen genetiv 
durch fortlassung des -s in einen gotischen dativ verwandeln; das -an von 
Tibairiadau ist also als ö zu lesen. 



60 LOEWE 

mit ^seinem durch den Avoittou gelängten n g-ar nicht auf einer 
linie mit den griechischen auf -oc, die sie durch gotische formen 
auf -US wiedergaben, empfinden (vgl Streitberg', Got. elementar- 
buch''"- ^, s. 116); auch war es ganz natürlich, daß sie Icsäs, so 
weit sie nicht eine fremde casusform dieses namens (den dativ 
7t]Oov 0) direct übernahmen, ihrer umfangreichsten decliuations- 
klasse einreihten. 

Im übrigen müßten, wenn die Vermischung der gotischen 
casus auf -us und -aus sowie derer auf -u und -au in den bibel- 
handschriften darauf beruhen sollten, daß diese formen nicht 
mehr in dem lebendigen sprachbewußtsein der Schreiber lebten, 
weil sie durch solche der o-declination verdrängt worden wären, 
doch auch wohl wenigstens einzelne der letzteren sich selbst 
in den bibeltext eingeschlichen haben. Daß dieser nicht nur 
spuren der lautlichen, sondern auch der flexivischen eigen- 
tümlichkeiten der jüngeren spräche aufweist, ist bekannt: 
erinnert sei hier nur an die Vermischung der adjectivabstracta 
auf -ei und der verbalabstracta auf -eins und die hieraus re- 
sultierenden nom. sing, auf -ein im cod. Ambr. B, wobei das -em 
einmal für -eins {liuhadein 2. Kor. 4, 4) und ZAveimal für -ei 
{gagudein I.Tim. 4, 8; iviljahalpein Kol. 3, 25) steht (Braune, 
Got. gramm.8 § 113, anm. 2). Das gänzliche fehlen von formen 
der o-declination für erbwörter des 5M«i<5-typus in unserer 
Überlieferung beweist doch wohl, daß dieser zur zeit der 
niederschrift unseres Codices gegenüber der o-declination noch 
intact war. 

Ein zeichen des Verfalls der w-declination 'im eigentlichen 
sinne' aus noch späterer zeit, der mitte des 6. jh.'s, will nun 
aber Gaebeler s. 104 in dem nominativ dialcon für diaJcaimus, 
das er mit einem * versieht, und im dativ diakona der Urkunde 
von Neapel sehen. Tatsächlich kommt dialcaünus sogar bei 
Wulfila vor und zwar in den formen diaJcaunjiis I.Tim. 3, 12 
und diahaununs 1. Tim. 3, 8. Aber schon die lautgestalt des 
Wortes in der Neapeler Urkunde zeigt, daß wir es hier gar 



') Der dativ lesü konute sich neben nengebildetem Icsüa deshalb er- 
halten, weil er sich in ein bestimmtes anderes flexioussj'stem nnd zwar in 
das von nasjands, einer benenuung Jesu, fügte (vgl. nom. nasjand-s, lesü-s, 
gen. nasjand-is, lesü-is, acc. nasjand-, lesü-, voc. nasjand-, lesü- und so auch 
dat. nasjand-, lesü-). 



i/UND y4f/IN DB:R GOTISCIIKN /7-DKCLlNATION. Gl 

nicht mit der fortsetzniig: der form des Wullilaiiisclien wortes 
zu tun haben können. Der diakonus ISiinjelritha« nennt sich 
selbst im nominativ äialion; als dativ gebraucht er die foim 
diaJcona, daneben der priester Ufitaliari und der scliieibei- 
Merila dialmna. Während nun belege für den Wechsel von u 
und auch sonst gotisch vorkommen, würde ein solcher von 
und au {aü) hier völlig allein stehen: offenbar haben wir 
es also in dem diakoji der Urkunde mit einer von Wultila 
unabhängigen entlehnung zu tun. Während letzterer einfach 
das griechische öidy.oroc gemäß seinem sonstigen usus als dia- 
Jcatmus in das gotische übertragen hat, muß dem offenbar volks- 
tümlichen dialcon, diiikim der Urkunde eine andere griechische 
form zugrunde liegen. Und eine solche findet sich allerdings 
in dem bereits von mir genannten, im 3. jli. n. Chr. vorkommen- 
den didxcor (belege bei E. A. Sophokles, Greek Lexikon of the 
Roman and Byzantine period s. v.), aus dem sich ein nach der 
o-declination flectierendes gotisches diakün, nach jüngerer aus- 
spräche diahun, ohne weiteres erklärt. Fraglich könnte höchstens 
sein, ob der nominativ des wortes bereits als dialiün oder als 
*diaköns aufgenommen Avurde, in welchem letzteren falle der 
Verlust des -s mit dem in den namen wie Ufitaliari, Gudiluh 
zusammenhängen würde. 

Auch wäre diakon, wenn es wirklich nach der w-declination 
flectiert hätte, nicht, wie Gaebeler meint, der einzige jüngere 
beleg eines Wulfilanischen wortes dieser klasse; vielmehr findet 
sich in derselben Urkunde von Neapel auch viermal der dativ 
handau und zwar jedesmal von einem anderen der vier gotisch 
schreibenden aussteller des Schriftstücks herrührend. In diesem 
handau könnte ja nun immerhin eine im munde der Goten 
dieser zeit selbst nicht mehr gebräuchliche, sondern nur noch 
schriftsprachlich festgehaltene form vorliegen. Aber eine 
lebendige fortentwicklung der ^<-declination zeigt das der 
gleichen Urkunde angehörige Sunjaifnjjas, dessen -as aus 
älterem -us oder -aus lautgesetzlich entstanden sein muß. 
Darin aber liegt der beweis, daß die w-declination sogar noch 
um die mitte des 6. jh.'s im ostgotischen erhalten gewesen ist. 
Kann aber von einem verfall der «-declination selbst zu dieser 
zeit noch nicht die rede sein, so kann ein solcher um so 
weniger schon in einer früheren periode einer graphischen 



62 LOEWE 

vertauscliung- von « und au in den endungen dieser klasse 
vorschab geleistet haben. 

Läßt sich aber das spätgotische nebeneinander von -aus 
und -US, -an und -m in den casus der w-declination so wenig 
als schreibgebrauch wie aus einem lautwandel erklären, so 
kann es nur auf analogischem wege zustande gekommen sein. 
Analogiebildungen hat denn auch bereits van Helten, IF. 14,781 
in den jüngeren formen der «t-declination gesehen, wobei er 
annimmt, daß sich im vocativ neben ererbtem sunau nach 
dem nominativ stmus auch siinu eingestellt, dann aber sunau 
neben smiu auch im nominativ sunaus neben sunus usw. ver- 
anlaßt habe. Nun ist es doch aber schon an sich sehr un- 
wahrscheinlich, daß der vocativ als der seltenste casus, der 
ja überhaupt nur bei personenbezeichnungen im gebrauch war, 
neubiklungen bei allen übrigen singularcasus hervorgerufen 
haben soll; abgesehen von der directen Übertragung von 
formen aus dem vocativ in den nominativ und von diesem 
weiter in die übrigen casus dürfte man nach analogiebildungen, 
die vom vocativ ausgehen, wohl überhaupt vergebens suchen. 
In unserem falle wären aber solche analogiebildungen noch 
besonders erschwert gewesen. Denn da die vocative auf -au 
anderen Wörtern als die auf -u zukamen, so hätten sich doch 
diese wohl zunächst untereinander ausgleichen müssen. Wenn 
man nun aber selbst annimmt, daß nicht nur sunus und magus, 
sondern auch (was nicht sehr wahrscheinlich ist), alle übrigen 
appellativen personenbezeichnungen auf -us ihren vocativ auf 
-au gebildet hätten, so können doch diese vocative insgesamt 
in der Verkehrssprache bei weitem nicht so häufig wie die 
den Personennamen auf -us zukommenden auf -u gewesen 
sein: daher würden sich bei einem ausgleich wahrscheinlich 
keine doppelformen gebildet, sondern die vocative auf -u würden 
wohl die auf -au völlig verdrängt haben. Hinzukam, daß die 
vocative auf -u in ihrem zusammenfall mit dem accusativ auf 
-u insofern noch eine besondere stütze fanden, als die häufigste 
declinationsklasse, die im Singular vereinigten o- und ^■-stämme, 
außerdem aber auch noch die /o -stamme für ihren vocativ 
gleichfalls dieselbe form wie für ihren accusativ boten, sunau 
und magau von letzterem aber abwichen. Vocative, die wie 
s^^nau und magau dem dativ glichen, ohne daß nicht auch wie 



U UND AU\^ DER GOTISCHEN <7-DECLINATI0N. G3 

bei den substantivierten participien der accusativ die gleiche 
form gehabt liätte, sind aus keiner klasse bekannt; aber selbst 
wenn, was sehr fraglich ist, die femininen i- stamme ihren 
vocativ auf -a'i gebildet haben sollten, so würden doch die 
vocative dieser femininform, abgesehen davon, daß sie wohl 
auch zu selten gewesen wären, schwerlich zu den masculin- 
formen sunau, ma(j(iu und ev. auch *airau usw. in näherer 
beziehung empfunden worden sein. 

Da nun die bildung von doppelformen im Singular der 
M-declination auch von keinem anderen ihrer eigenen casus 
als dem vocativ ausgegangen sein kann, so muß sie auf ein- 
wirkung einer anderen oder mehrerer anderer klassen beruhen. 
Nimmt man dies an, so liegt auf den ersten blick eine 
Schwierigkeit allerdings darin, daß von den singularendungen 
der M-declination {-us, -aus, -au, -w) keine einzige sich in einer 
anderen klasse wiederfindet. Aber diese Schwierigkeit ist nur 
eine scheinbare: die endungen der tt-declination können auch 
mit ihnen nicht gleichen, sondern nur ähnlichen ausgängen 
anderer klassen psychologisch associeit worden sein. Bekannt- 
lich können ja überhaupt endungen von entsprechender function 
mit nicht gleicher, sondern nur ähnlicher form zu proportionellen 
analogiebildungen zusammentreten, wofür ich hier nur an einige 
recht deutliche fälle erinnern möchte. So an die entstehung 
des lateinischen gen. plur. auf -onim wie cquörum, das nach 
der gleichung equäs : equös = eqiiänini : equüriim zustande- 
gekommen ist. Weitere beispiele liefern griechische dialekte: 
so haben im äolisch-böotischen und arkadisch -kyprischen die 
Stämme auf -fa nach dem Verhältnis von -äc zu -äv bei den 
masculinen «-stammen zu dem -/^c ihres eigenen nom. sing, einen 
acc. sing, auf -;;r gebildet wie äol. däfiorthj)', böot. zlioyü'tir, 
kypr. daXfjv: das äolische ist dann hierin noch weiter gegangen, 
indem es seine ganze flexion der fc:-stämme zu derjenigen der 
masculinen «-stamme in parallelle gesetzt, d. h. einen gen. 
-ytv/j, dat. -yü')], voc. -ytrs nach dem gen. auf -«, dat. auf -«, voc. 
auf « letzterer geformt hat (Brugmann-Thumb, Griech. gramm.^ 
§ 227, 1). Ebenso haben auch die ö<-stämme {Af/rcö) im äolischen, 
böotischen und dorischen eine flexion -co, -ojc, -co, -cor der 
flexion der femininen «-stamme -ä, -äg, -ä, -äv vollständig nach- 
gebildet (Brugmann-Thumb 4 §179): der grund zur analogie- 



64 LOEVVE 

bildung- bestand hier nur darin, daß beide klassen nur feminina 
enthielten und im uom. sing, auf einen langen vocal endigten. 
Die Singularendungen der gotischen w-declination zeigen 
nun darin Übereinstimmungen mit verschiedenen anderen 
klassen, daß sich die des nominativs von der des accusativs 
und die des genetivs von der des dativs durch das plus eines -s 
unterscheidet. Speciell die letztere erscheinung ist weit ver- 
breitet: sie findet sich bei den masculinen und neutralen 
w-stämmen (attins, attm; hairtins, hairtin), den femininen 
w-stämmen (tuggöns, tuggön; manageins,managein), den femininen 
?-stämmen {anstais, anstai), den femininen wurzelstämmen 
(baürgs, haürg) und den vervvandtschaftsnamen auf -r {bröprs, 
hröj))-). Auf diese weise konnte das gefülil entstehen, daß der 
gen. sing, vor dem dat. sing, ein auslautendes s voraus haben 
konnte, und zwar um so eher, als überhaupt jeder gotische 
gen. sing, auf ein s ausging, das also als das hauptcharakte- 
risticum dieses casus empfunden werden mußte, i) Bei einem 
teile der genannten klassen unterschied sich nun der gen. 
sing, außer vom dat. sing, auch vom acc. sing, durch das plus 
eines auslautenden s, so bei den femininen w-stämmen {tuggons, 
tuggUn, tuggöii] manageins, managein, managein), den femininen 
wurzelstämmen (baürgs, baürg, baürg) und den r-stämmen 
{brö])rs, brüpr, bröpr): dies aber konnte weiter dazu führen, 
daß auch bei solchen klassen, deren dativ dem genetiv bis auf 
das auslautende 5 des letzteren glich, diese dativform auch in 
den accusativ eingeführt wurde. Auf diese weise konnte sich 
bei den «-stammen -au auch als accusativendung einstellen. 
An der möglichkeit einer solchen neuerung wird man um so 
weniger zu zweifeln haben, als auch fälle vorkommen, in denen 
die gleichheit zweier formen einer klasse ohne die ähnlichkeit 
einer dritten allein genügt, um auch bei einer anderen klasse 
die völlige angleichung der beiden entsprechenden formen an- 
einander zu bewirken: so habe ich KZ. 47,103 fußn. darauf 
hingewiesen, daß es im ahd. die gleichheit des gen. sing, und 
dat. sing, der femininen «-stamme war, welche die gleich- 
formung des gen. und dat. sing, der ä- stamme hervorgerufen, 

1) Daß speciell Wulfila so empfunden hat, zeigt sich an seinem dativ 
Tibairiadaü, das er nach einem genetiv *Tibairiadaüs (griech. TißeQitcöog) 

ge?c]iivfren hat; vgl. s. ö8. fußn. 2. 



U UNDAC/ IN DKK OOTISCnKN /■'-DFf'TJNATrON. n5 

und daß ein ganz analoger pror-eß auch im westsächsischen 
stattgefunden hat. 

Von diesen letzteren fällen sowie auch von den aus dem 
lateinischen und griechischen angeführten beispielen unter- 
scheidet sich die analogiebildung bei den gotischen «-stammen 
allerdings dadurch, daß die musterformen für das Sprachgefühl 
zum teil endungslos waren, am deutlichsten baürg, aber auch 
wohl bröj)r sowie tuggün und manayein. Gleichwohl handelt 
es sich auch bei den gotischen «f- stammen um eine streng 
proportionelle analogiebildung, die psychologisch genau so nahe 
lag wie irgendwelche neubildungen lediglich nach mit endungen 
versehenen formen anderer klassen. 

Es erhebt sich nun freilich die frage, warum denn die 
übrigen klassen, deren gen. sing, sich durch ein auslautendes s 
von ihrem dat. sing, unterschied, während sie den acc. sing. 
abweichend bildeten, nicht gleichfalls die dativform in den 
accusativ übertragen haben. Die antwort darauf ist sehr 
einfach: die klassen der masculinen w- stamme {atta) und 
femininen «-stamme (ansts) waren viel zu umfangreich, als daß 
sie sich der analogie minder großer klassen da gefügt haben 
sollten, wo nicht besonders starke momente auf den sieg der 
letzteren hinwirkten; die kleine klasse der neutralen «-stamme 
aber konnte die neuerung nicht mitmachen, weil beim neutrum 
der accusativ stets mit dem nominativ gleiche form hatte. 

Doch könnte man vielleicht weiter gegen meine annähme 
einwenden, daß gerade die größte klasse der musterformen, 
der typus tuggö und managei, nebst dem typus laürgs nur aus 
femininen und nur die kleinste klasse derselben, der typus 
bropar, zugleich aus masculinen und femininen bestanden hat, 
während doch der typus snnus ganz vorwiegend nur masculina 
umfaßte. Hiergegen ist Jedoch zunächst zu bemerken, daß bei 
dem Zustandekommen der analogiebildung auch diejenigen 
klassen mitgewirkt haben werden, die überhaupt im dativ 
dieselbe form wie im accusativ hatten, ohne daß sich ihr 
genetiv zu ihrem dativ genau so wie der genetiv der i^-stämme 
zum dativ derselben verhalten hätte, wie denn in den aus 
dem ahd. und wests. erwähnten fällen überhaupt kein dritter 
casus mit im spiele gewesen ist. Die betreffenden gotischen 
klassen aber waren die masculinen wurzelstämme (reiks) und 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 46. j 



6(5 T.OEWE 

masciilineii paiticipial^tämme {na.yands). Und zwar werden 
diese um so leichter bei dem ganzen processe mitgewirkt 
haben, als das plus ihres -is im genetiv gegenüber ihrem 
dativ und accusativ zugleich sich im sprachempfinden nicht 
allzusehr von dem bei den «-stammen bestehenden plus des 
bloßen -s im genetiv gegenüber dem dativ allein unterschieden 
haben wird. Übrigens haben vielleicht auch einige masculine 
Wurzelstämme, deren gen. sing, wie bei metwps unleserlich 
oder wie bei iveitivöds gar nicht überliefert ist, diesen noch 
auf einfaches -s und nicht schon wie reiks auf is gebildet. 

Die masculinen Wurzelstämme und participialstämme hätten, 
obwohl auch sie nur kleine klassen bildeten, dennoch zusammen 
mit den r-stämmen nun vollauf genügt, um die der ?(-stämme 
zu beeinflussen, wenn wirklich die feminina mit parallel ge- 
bildeten casusformen nicht hätten mitwirken können. Doch 
war ja auch die w-klasse keine allzu große und die in ihr 
enthaltenen feminina verhältnismäßig zahlreich genug, um die- 
selbe nicht als eine masculinische empfinden zu lassen. Auch 
ist zu beachten, daß das femininum handus in der Verkehrs- 
sprache nicht seltener als das masculinum fötus und wohl 
auch kaum erheblich seltener als die masculina sunits und 
tnagus, dagegen häufiger als jedes andere masculinum der 
2<-declination gewesen sein wird; außerdem wird auch das 
femininum kinnus im täglichen verkehr ziemlich häufig vor- 
gekommen und auch -qairrius (erhalten in asilnqairnus), das 
mit Streitberg, Got. elementarb.^^^-^ s. 109 wegen aisl. hiern, 
ags. ctvcorn, ahd. quirn wohl als fem. anzusehen ist, nicht selten 
gewesen sein. Die Goten können daher die ?<-declination, 
deren nom. sing, auf -tis sie ja auch beim adjectivum ebenso- 
gut für das femininum wie für das masculinum verwandten, 
in bezug auf das genus nur indifferent empfunden haben, i) 



') Das bestätigt auch das feminine g'eniTS von baitrgsicaddjus, das 
gegenüber dem zum masculinum aisl. veggr, ags. icag, afries. wäg, alts. iceg 
stimmenden masculinum grimdmcaddjus nicht gut ursprünglich sein kann. 
Wenn Streitberg, IF. 18, 422 das femininum bei ivaddjus als das ältere 
geschlecht ansieht und mit verweis auf nhd. dial. das bleistift (wozu ich 
aus dem Magdeburger lande noch das torweg [niederd. dt dorivex] für 
'hoftor' füge) vermutet, daß hier das erste Ci:mpositionsglied bestimmend 
auf das genus des zweiten gewirkt habe, so wird diese annähme dahin zu 



U UND AU IN DKK OOTIsriFKN r^-DKCLINATION. 0? 

Daß der typus ^inw^ zuj^leicli masculina und feminina 
in sich schloß, wird ihn für den sprechenden besonders in näliere 
bezieliung: zu den verwandtschaftsnamen auf r gebracht haben, 
die außer ihm die einzige aus masculinen und femininen zu- 
gleich bestehende klasse bildeten. Als verstärkendes nioment 
für diese association mochte wohl noch hinzukommen, daß die 
?<-stämme im ganzen plural mit ausnähme des genetivs die- 
selben endungen wie die r- stamme hatten, und daß das zur 
zeit der niederschrift unserer Codices gewiß längst eingebürgerte 
lehnwort «(/gilns auch noch im genetiv des plurals {nggilc) zu 
den r-stämmen stimmte. Auch war es doch kaum gleicligiltig, 
daß sunus, das doch wohl häufigste wort des w-typus, so gut 
wie sämtliche r-stämme ein verwandtschaftsname war. 

Nachdem sich auf die geschilderte weise im acc. sing, der 
«-Stämme -au neben -u eingestellt hatte, lag es sehr nahe, die 
doppelheit durch alle casus des Singulars hindurchzuführen. 
Die Schöpfung eines dativs simu und eifies genetivs sunus zum 
accusativ6^M«if, die zunächst auf der gleichheit des neugebildeten 
accusativs sunau mit dem alten dativ simcm und seiner ähn- 
lichkeit mit dem alten genetiv snnaus beruhte, mußte ja durch 
dieselben muster gefördert werden, die den anlaß zur bildung 
des accusativs sunau selbst gegeben hatten: der unterschied 
war hier nur der, daß nicht durch die vereinte Wirksamkeit 
zweier casus ein dritter eine nebenform erhielt, sondern daß 
umgekehrt zwei casus zugleich durch die einwirkung eines 
einzelnen dasselbe Schicksal erfuhren. Aus diesem gründe 
wird man ja auch die neuerung im genetiv und dativ für 
jünger als die im accusativ zu halten haben. So bildete sich 
nun auch die proportion: acc. sunmi, hröjjr, tuggön, haürg 
= dat. sunau, hröpr, tuggön, baurg, gen. siinaus, hrö])rs, iuggüns, 
haiirgs = acc. sunu : dat. sumi, gen. sunus. Beim nominativ 
freilich konnten von den typen, welche in erster linie die 
nebenform im accusativ hervorgerufen hatten, nur die femininen 



ändern sein, daß eine solche einwirknng vielmehr bei haiirgswaddjus statt- 
gefunden hat, -was ja auch angesichts der Wichtigkeit des hegriffes baürgs 
für die kriegerischen Goten sich weit leichter als bei grunduwaddjus be- 
greift. Wenn aber auf solche weise ein mascnliner «-stamm znm femininnm 
werden konnte, so zeigt das gerade, wie sehr die t(-decliuation als geschlecht- 
lich indifferent empfunden wurde. 

5* 



68 LOEWE 

Wurzelstämme zur neubilduiig mitwirken (acc. sunu, haürg 
: nom. sunus, haürgs ■= acc. sunau : nom. sunaiis). Es ist aber 
fraglich, ob man deshalb die bildung der nebenform im nominativ 
später als die im dativ und genetiv ansetzen darf. Denn die 
analogiebildung im nominativ mußte durch alle diejenigen 
klassen gefördert werden, die diesen casus durch das plus 
eines -s vom aecusativ unterschieden: es waren das aber 
erstens die typen, die wenigstens in zweiter linie zur Schöpfung 
des accusativs auf -aa selbst geführt hatten, die masculinen 
Wurzelstämme {reiks, reiJc) und participialstämme (nasjands, 
nasjand), zweitens vor allem aber der umfangreichste singular- 
typus des gotischen überhaupt, die vereinigten o- und /-stamme 
{dags, dag\ gasts, gast). 

Nicht ganz zwecklos ist es vielleicht, unser material 
daraufhin zu prüfen, ob sich auch aus ihm noch ersehen läßt, 
daß die analogiebildung früher beim aecusativ als bei den 
übrigen casus stattgefunden hat, und ob sich aus ihm auch 
noch etwas über die reihenfolge der neubildungen bei letzteren 
allein gewinnen läßt. Will man eine solche prüfung vornehmen, 
so W'ird es notwendig sein, in allen teilen der gotischen bibel, 
die überhaupt jüngere formen in der w-decliuation aufweisen, 
außer einer Zusammenstellung eben dieser formen auch eine 
solche der altererbten vorzunehmen und das häufigkeits- 
verhältuis beider zueinander in jedem teile für sich zu be- 
stimmen. Dabei ist aber zu beachten, daß diejenigen teile, 
die wegen gänzlichen mangels jüngerer formen für unsere 
Statistik nicht in betracht kommen, in zwei gruppen zerfallen: 
während beim Matthaeus und beim Johannes des cod. arg. die 
jüngeren formen offenbar deshalb fehlen, weil diese partien 
überhaupt dem Wulfilanischen Sprachgebrauch ähnlicher ge- 
blieben sind, läßt sich beim cod. Carol. sowie bei den Codices 
Ambr. C und D wegen ihrer allzu fragmentarischen erhaltung 
nicht feststellen, ob dieselben neben den älteren formen der 
^(-declination auch schon jüngere besessen haben. Welcher 
von diesen beiden gruppen die skeireins angehört hat, läßt 
sich bei dem auch wenigstens relativ geringen umfange des 
erhaltenen teils schwer sagen; ich Averde sie aber gerade aus 
diesem gründe in meine Statistik einbeziehen. 

Zu Jacobsohns beobachtung KZ. 47, 84 ff., daß im Lucas 



U UNM) AU IN DKK (JOTISCIIKN i'/DKCMNATIOX. ()0 

zwischen cap. 1—10 und cap. 14—20 unterschiede bestellen, 
ist docli zu bemerken, daß auch in 14—20 die jiing-eren formen 
der «-declination so wenig- wie im Marcus gänzlich fehlen. Im 
Ambr. A hat man nach Braun bei Streitberg-, Die gotische 
bibel 1,481 zwischen drei Schreibern zu unterscheiden; die 
bei Aveitem längste partie rührt dabei vom drittem Schreiber 
her (vom zweiten nur eine sehr kleine, in der sich überhaupt 
keine form der «-declination tindet). Da, wie Bernhardt, Zs. 
fdph. 5, 187f. aus einer reihe gemeinsamer fehler und in den 
text gedrungener glossen und zusätze erAviesen hat, i) A und B 
auf dieselbe vorläge zurückgehen, so empfiehlt es sich, die 
Partien, die A und B gemeinsam haben (wobei für A nur die 
dritte band in betracht kommt), von den nur in A und den 
nur in B sich findenden teilen getrennt zu behandeln. Eine 
völlige Sonderstellung in bezug auf die formen der tt-declination 
nimmt der am Schluß von A stehende kalender ein. 

In der folgenden aufzählung stelle ich bei jedem casus 
die jüngeien formen an den Schluß, in den A und B gemein- 
samen teilen auch die den jüngeren formen der einen hs. ent- 
sprechenden älteren der anderen. 

I. Lucas 1 — 10. 

Nommativ: aggilus 1,11. 1,13. 1,19. 1,26. 1,28. 1,35. 1,38. 2,9. 
2,10; sunus 1,32. 1,35. 3,22. 3,23. 4,9. 4,22. 4,41. 5,24. 6,5. 7,12. 7,34. 
9, 20. 9, 22. 9, 26. 9, 35. 9, 44. 9, 56. 9, 58. 10, 6. 10, 22. 10, 22. 10, 22; limuUs 
1,66. 6,6. 6,10; prmifetus 1,76. 7,16. 7,28. 7,39. 9,8. 9,19; -wulpus 2,9. 
2,14; Xristtis 2,11. 3,15. 4,41. 9,20; hairus 2,35; diahulus 4,3. 4,6. 
4,13; huhnis 4,25; Faürush,%. 8,45. 9,20. 9,32. 9,33. 9,43; /IodMs6,49; 
Piumagus 7, 7 ; Fareisains 7, 39 ; ivripiis 8, 33 ; laeirus 8, 41 ; lakohus 9, 54 ; 
sunaiis 4,3; diabulaus 4,5. 

Genetiv: gudjinassaus 1,9; Piudinassaus 1,33. 3,1. 8,10; Piumagaus 
1,69; Teibairiaus 3,1; FiUppauz 3,1; Lwsaniaus 3,1; laurdanaus 3,3; 
praufetaus 3, 4; Mattapiaus 3, 26; sunaus 3, 23 (bis 3,38 noch 74 mal). 6, 22; 
lakohaus 6,16; Fareisaia\<s 7,36. 7,37; leihinassaus d, 11; datipus 1,79; 
praufetus 4,17; Alfaius 6,15. 



*) Beweisend für eine gemeinsame vorläge ist auch die A und B ge- 
meinsame Schreibung eines o für u in aljakonjai Eph. 2, 19, da weder A 
noch B sonst jemals ti durch o ersetzt. Andere A und B gemeinsame 
Schreibungen, die in Wirklichkeit nur eigentümlichkeiten der ausspräche 
darstellen wie teikais für tekais Kol. 2, 21 hat Bernhardt nicht ganz correct 
unter den Schreibfehlern verzeichnet; bei der Seltenheit, mit der solche 
Schreibungen vorkommen, stützen sie gleichwohl seine theorie. 



70 LOEWE 

Dativ: aggilau 1,18. 1,31. 2,13. 2,21; sunau 1,36. 3,2; qißau 1,11 
handau 1,11. 1,74. 3,17; sJcadau 1,72; Ägustau 2,1; Kicreinaiau 2,2 
wahstau 2,52; Puntiau 3,1; Peilatau 3,1; laurdanau i, 1; diahulau 4,2 
pmufetau i, 27 ; Sehnonau b,i; Faitrau7,iO; lohannau 9,9; daupaii 9,27 
loidpmi 9,31; Piumagu 1,54; ?ükZj6h 9,26; Haileisaiu 4,27; jJ)-«it- 
/'eht 7,26; sitnit 9,38. 

Accusativ: SMm<l,13. 1,31. 1,57. 2,7. 9,41; qilm 2,23; daupu 2,26; 
A'm^H 2, 26. 4, 41 ; ?n(?>£ 2, 32. 4, 6. 9, 32; foiu -1,11; Mm?« 5, 13. 6. 8. 
6,10. 8,54. 9,62; Paitru 6,14. 8,51. 9,28; iaÄ;o?>i( 6,14. 6,15. 8.. 51. 9,28; 
Filippu 6,14; Barpulomaiu 6,14; Mappaiu 6,15; /ctnnn 6,29; grundu- 
iväddju 6,49; praufetu 7,26; a(/(/«7it 7,27; 7?ia(jfM 9,42; s««^/« 10,11; 
lakobau 5,10; grunduivaddjau 6,48; Piudinassau 9,27. 
IL Lucas 14 — 20. 

Nominativ: Sioms 15,13. 15.19. 15,21. 15,21. 15,24. 15,25. 15,30. 
17,24. 17,30. 18,8. 19,9. 19,10. 20,44; Jmhrus 15,14; Lazarus 16,20; 
Fareisams 18,10. 18,11; Paitms 18,28; Nazoralus 18,37; ZrtK-amsl9,2. 
19,8; ?f»?>ts 19,38. 

Genetiv: sunaus 17,22. 17.26; sahhataus 18,12; asikms 19,30. 

Dativ: maihstau 14,,3b; huhrau 15,17; läbandau 18,2ö; wahstau 19, 'S. 

Accusativ: grundmvaddju 14,29; aü'm 14, 32. 19,14; Ji and ii Ib, 22; 
Lazaru 16,23; wulpu 17,18; sunu 18,31. 20,13. 20,41; praufetu 20,6; 
Xristu2Q,il; ufaras sau 15,17. 

IIL Marcus. 

Nominativ: smms 1,11. 2,10. 2,28. 6,3. 8,38. 9,7. 9,9. 9, 3L 10,33. 
10,45. 10,46. 12,35. 12,37. 14,41. 14,61. 15,39; liandus 3,5. 9,43; Paitras 
3,16. 8,29. 8,32. 10,28. 11,21. 14,54. 14,72; Jaeirus 5,22; praufetus 6,4; 
Xristus 8,29. 12,35. 13,21. 14,61. 15,32; asiluqairnus 9,42; fotus 9,45; 
lakohus 10,35; Nazoraius 10,47; Galeilaius 14,70; Peilatus 15,2. 15,4. 
15,5. 15,9. 15,12. 15,14. 15,15. 15,44; Barteimaiaus 10,46. 

Genetiv: Xristaus 1,1. 9,4:1; sunaus 1,1; ulhandaus 1,6; Zaibaidaiaus 
1,19. 3,17. 10,35; Alfaiaus 2,14. 3,18; laurdanaus 3,8; lakobaus 3,17; 
Füippaus 6,17. 8,27; daupaus 9.1; Teimaiaus 10,46; Alaiksandraus 
15,21; Bufaus 15,21. 

Dativ: praufetau 1,2; lakobau 1,29. 3,17; skadau 4,32; handau 
5,41. 9,27; t7ai0o« 7,10. 10,33. 14,64; ufarassau 7,37; ?o«?/)a?< 8,38. 
10,37. 13,26; laurdanau 10,1; ulbandau 10,25; tvintrau 13,18; Paitrau 
14,66. 14,70. 16,7; iVa-iOraiatt 14, 67 ; Pei7ato?( 15, 1. 15, 43; auhjodaulb,!. 

Accusativ: Marku Überschrift; aggilu 1,2; Scimonu 1,16; lakobu 
1,19. 3,18. 5,37. 9,2. 10,41; Zaibaidaiu 1,20; /»«)*(?(( 1,31. 1,41. 3,1. 
3,3. 3,5. 8,23; Füippu 3,18; Barpaidaumaiu 3,18; Matpaiu 3,18 
Paddaiu 3,18; Pa^tro 5,37. 8,33. 9,2. 14,67; auhjodu 5,38; /"afWrw 8, 36 
smm 9,12. 9,17. 12,6. 12,6. 13,26. 14,62; Zia/r« 14, 47; ^züremam 15, 21 
Nazoraiu 16,6; handau 7,32. 

IV. Ambr. A und B gemeingam. ') 

Nominativ: duupus K 15,54; Teimaupaius K 16,10; tlil,l; sunus 

1) Ich bediene mich für die briefe der abkürzuugeu Ernst Schulzes. 



U UNI) AU IN ÜK14 (UJTISCHI'^V (^-DliOI.INA l'KJN. i 1 

k 1, 19; Xrlsim k 1, 19. k 13, 5. E 5, 2. C t, 27. C 3, 1. C 3, 4. T 2, 5; i<;«0«s 
k3,9. ES, 13. E3,21; w/arass«« k 4, 7. k 8, 14. k 8, 14. E 1, 19; iljnassus 
k8, 14; a/y.7//»s k 12,7; Tcitiis k 12,18; PowZ«sEl,1. Cl,23. tlil,l. Tl,l; 
apaustauitis E 1, 1. Tl,l. T 2, 7. tl, 11; iculpus E 3, 13. E3,21; liptis 
E4, 25; horinassus E 5, 3, G5, 19; Teitus G2, 3; kaUcinassHS G5, 19; skal- 
Jcinassus G 5, 20. 3,5; Haibrnius Ph3, 5; Fareisaius Pli3, 5; Twiccikus 
4,7 (A, TwJceJciis B); Äri{a)slarkus 4,10. (A, Äreidarkas B); 31arkus 
4,10; Jnsius 4,11; Silbanus thl,l; Hwinainaias T 1,20-, Alaiksandrus 
T 1,20; aipiskaupus T 8,2; Fwgaüus t 1,15; Xreskus t 4, 10 (A, wofür 
Krispus B); tvulpatis k 8, 23 A {-us B), Ph 3, 19 .\ {-res B); Xristatis 
G4, 19 B (-US A); fairhaus G 6, 14 B {-us A). 

Geuetiv: f?aH^rt?<s K 15, 56. k 1, 9. k3, 7; Xristaus k 2, 10. 2,12. 2,15. 
3, 3. 4, 4. 4, 6. 5, 10. 5, 14. 8, 9. 8, 23. 12, 9. 13, 3. 13, 13. E 1, 1. 1, 3. 1, 17. 
2,13. 3,14. 3,19. G5,24. 6,2. 6,12. 6,14. 6,18. Pli2,30. 3,7. 3,8. 3,9. 
3,18. 01,24. 4,12. Th5,23. 5,28. th3,18. T 1, 1. 1,1. 4,6. 6,3. tl,l. 

1.10. 4,1; tvulpaus k3,7. 4,4. 4,6. E 1, 6. 1,7. 1,12. 1,14. 1,17. 1,18. 
3,16. Ph3,21. 01,11. 1,27. 1,27; ufarassaus k 3, 10. Ph3,8; Teitatis 
k7,6. 7,13. 8,16; fairhaus k7,10. El, 4. 2,20; luftaus E2,2; diabulaus 
E6, 11; Piihtaus 2,23; Faivlaus th3, 17; Auneiseifaiiraus tl,16; 
apaustaulus k 12, 12 A (-aus B); sunus 01,13 A (-aus B). 

Dativ: Xristau K 16, 24. kl, 21. 2.14. 2,17. 3,14. 5,17. 5,19. 6,15. 
12,2. El, 1. 1,2. 1,3. 1,10. 1,12. 1,15. 1,20. 2,5. 2,6. 2,7. 2,10. 2,13. 

3.11. 3,21. 4,32. Gl, 22. 2,4. Ph3,3. 3,12. 3,14. 01,28. 3,1. 3,3. tlil,l. 
1,2. 3,12. Tl,2. 2,7. 1 1, 9. 3,12. 3,15; fairhau kl, 12. 2,20. T6,7; 
ufarassau kl, 12. k 7, 15. 12,15. E 1, 8. 3,19. T2, 2; ivulpau k 1, 20. 3,8. 
3,9. 3,11. 3,18. 8,19. 3,4; daupau k2, 16; Ph 2, 27. Ph3, 10; ibnassau 
k8, 13; horinassau kl2, 21; sunau El, 6; Paitrau G2, 8; handau G6, 11. 
th 3, 17; Klaimaintau Ph 4, 3 A (Klemaiatau B); Äunisimau 4, 9; Teimau- 
l)aiau T Überschrift; Puntiaii T6, 13; Peilatau T 6, 13 (iu A nur tau); 
haidau t, 3, 8; Paitru G2, 7 A (-au B); Teimaupaiu T 1, 2 B (-au A). 

Accusativ: Piudinassu K 15,50; ivintru K16, 6; Silbauu kl, 19; 2'ei- 
maupaiu kl, 19; kustu k2, 9. 13,3; Xristu k 3, 4. 4,5. 5,16. 5.18. 5,20. 
5,20. 12,10. El, 5. 2,12. 3,17. 4,20. Ph3,20; wuipukB,!!. 3,18. 6,8; 
daupu kl, 10. Ci, 22; Tertw k 8, 23. 12, 18. G2, 1; ufarassu 112,7; mip- 
(jardiwaddju E2, 14A (mipcjardaicaddju B); fairhuE 6, 12; skildu E6, 16; 
Marku t4, 11; daupau tl, 10;') Xristau Ph3, 8; Xristau K 15, 57 A 
(-U B); ivulpau k 3, 18 B (-^^ A); horinassau 3,5 A (-u B); lustau 
3, 5 A (-U B). 

V. A, erste haiul (in B fehlend). 

Nominativ: daupus R 6, 23. 7,13. 8,6. 8,38; Xristiis 8,10. 9,5. 10,4; 
hiüirus 8,35; hairus 8,35; ivulpus 9,4; skalkinassus 9,4; sunus 9,9; 
drunjus 10, 18; apaustaulus 11, 18. 

') daupau stand von jeher fest für B ; in A las Uppström daupu, das 
jedoch 'ziemlich erloschen' sein sollte (vgl. Bernhardt zur stelle); Braun 
bei Streitberg bemerkt aber ausdrücklich, daß auch in A daupau und nicht 
mit Uppström daupu zu lesen ist. 



72 LOEWE 

Geuetiv: Xristaus 7,i. 8,9. 8,35.10,17; daiipaus 7,2L 8,2; luJaiaiis 
10,12; fairhaus 11,15; loidpaiis 9,23 (mit übergeschriebeuein o). 

Dativ: Xrislaa 6,23. 8,1. 8,2. 8,89. 9,3. 13, U; daupau 7,5. 7,10; 
ufarassau 1,1^; ivulpau 9,23; fairhau li, 12. 

Acciisativ: lustu 1,1. 7,8; daupu 1,13; Xristu 1,25. 10,6. 10,7; 
suiiH 8,3; hairau 13, i (-u Car.). 

VI. A, dritte band (soweit iu B feblend). 

Nominativ: Liikius R16, 21; Soseipatrus R16, 21; Tairtius R 16,22; 
Gaius R IG, 2S; ivairdus R 16,23; Airastus R IQ, 23; Qartus RIß, 23; 
Xristus Kl, 13. 1,17. 5,7. 8,11. 11,8. 12,12. 15,3. 15,12. 15,13. 15, li. 
15,16. 15,17. 15,20. 15,23. E 4, 15. 5,23. 5,25. 5,29. G2, 17. 2,20. 2,21. 
3,1; PaiüZws K 1, 13. 1 1, 1. Phil. 19; fairhus Kl, 21; apaustaulus K 9,1. 
9,2. 15,9. tl, 1; Judaius K 9, 20. G8, 28; lipus K 12, 14. 12,19; fotus 
K12, 15; handtis K12, 15; daupus K 15, 21. 15,26; siinus K 15, 28. G4, 7. 
■4.7. tb2, 3; Teitus t4, 10; Alaiksaudrus 1-^,1-^; praufetus Tit. 1, 12. 

Geuetiv: Xristam R16,24. K 1, 12. 1,17. 4,10. 5,4. 5,4. 7,22. 9,21. 
11,1. 11,3. 15,23. E4,7. 4,12. 4,13. 5,20. 5,21. G3,29. th 1, 8. 1,12. 
1,12. 2,1.1) T5,21. tl, 1; Staif anaus K l,l<o; fairhaus Kl, 20. 5,10. 
E2, 2. G4, 3; apaustaulaus K subscr.; wahstaus 'S! i, 13; sunaus Q 4:,Q; 
Pawlus Kl, 12. 1,13'^); sunus E 4, 13. G 2, 20. 

Dativ: Xm^a«K4, 10. 8,12. 15,18. 15,19. 15,22. 15,31. E 4, 13. 
G2,17. 2,20. 3,27. 3,27. 3,28. T 3,13. tl,l. 1,2. Phil. 20. 23; fairhauKb,10. 
T3, 16; w»?/)rtM K 10,31. tb 1,9. T 3,16; /tandaw K 12,21. Phil. 19; lakobau 
K 15, 7 ; daupau k 2, 16^); haidau tb 2, 3 (zweites a unleserlich uach Braun) ; 
Tcimaupaiau tl, 2; Karpau t4, 18; Xristu E 5, 24. 

Accusativ: Krispu K 1, 14; Gaiu K 1, 14; Xristu K 1, 24. 15,15. 
G4, 7. 4,14; luftu K9, 26; Puhtu K 10,29; Piudinassu K lb,2i; sunu 
G4, 4; aggelu GAjli; Ttvkeiku t A, 12; Xristau K9,l; auhsau K9, 9; 
daupau K 11, 26. 

VII. B (in A fehlend). 

Nominativ: Pawlus k 1, 1. 10,1. E 3, 1. G 1, 1. 5,2. Th2,18. Titl, 1; 
apaustaulus k 1, 1. G 1, 1. Titl, 1; Teimaupaius kl, 1; ufarassus kl, 5; 
daupus k4, 12; Tiokeikus E6,21; ivulpus G 1, 5. Th 2, 20. Tl, 17; Faitrus 
G 2, 9. 2,11; lakobus G2, 9; ludaius G2, 14; Judaius C3, 11; sunus 
G4,30; XmfMsGö, 1. 5,2. Pb 1, 18. 1,20. 1,21. C3,ll. 3,13. Tb 3, 11. 
tb2,16. Tl,15; skaäus C2,ll; harharus G 3,11; Skiopus G 3,11; Wmai- 
naius t2, 17; Filetus t2, 17; grunduwaddjus t2, 19; aipiskatipus Titl,7; 
skalkinassaus E5, 5; Xrisiaus Tl,16. 

Genetiv : Staifanaus K 16, 15. 16, 17 ; Faurtunataus K 16, 17 ; Akaikaus 
K16, 17; Xrisiaus kl,l. 1,3. 1,5. 1,14. 9,13. 10,1. 10,5. 10,7. 10,7. 
10, 14. 11, 10. 11, 13. 11, 23. E 3, 1. 3, 4. 3, 8. 5, 5. G 1, 6. 1, 7. 2, 16. 2, 16. 



') th 2, 2 ist Xrisiaus nach Braun uulesbar. 

2) In der Überschrift von E steht für den genetiv von Pawlus die 
abbreviatur Pdws, deren auflösung ungewiß bleibt. 
^) B hat hier für us do,upau den gen. daupaus. 



U UNI),i('/ IN DKK (JOriSC'HKN ('/-DKCI.INATION. IW 

6,17. rill, 19. 1,27. Cl,7. 2,11. 2,17. 3,16. 4,3. Tli 2, 19. 3,2. 3,13. 
th 3, 5. 3, 6. T 6, 13. 6, 14. t 2, 3. Ttt 1, 1; daupaus k 2, 16 (us dmißau A); 
loulpaus k 4, 17. T 1,11; (judjinassaus k 9,12: drcmhtinassans klO, 4; 
slcalkinassaus G5, 1; Paivlaus C4, 18; arkaggilmis Th4, 16; histaus 
Tb 4,5; Pawlus K 16,21. 

Dativ: handau K1(J,2L C4, 18; Xm(aM k 1,2. 11,2. E2,20. 3,6. 
6,23. Gl, 3. 2,16. 5,4. Ph 1,23. 1,26. 2,1. 2,5. 4,7. 4,13. C 2,20. 3,24. 
Th 2, 14. 4, 16. 5, 18. T 1, 12. 1, 14. t 2, 1. 2, 10. Tit 1, 4; ufarassau k 1, 8. 
4,17. 9,14.') 10,14. 10,15. 11,23. 11,23. Th 2, 17. 3,10. 5,13; daii/)au 
k 2, 16; wnlßau k 4, 15. Th 2, 12. t 2, 10; aggilau k 11, 14; gredau k 11, 27. 
grunduicaddjau E 2, 20; lakohau G 2, 12; l'ailrau G2, 14; sunau G 4, 30. 
4,30; bloiinassau 3,18; ivahstmi C 2, 19; Arhppaii C 4, 17; lusiau 
Th2, 17; kalk/nassan Th i, 3'^); luftau Th i, 11 ; /a/rfoaM T 1, 15; Teitau 
Tit Überschrift; 1,4; Xristu G5, 6; Teimaußaiu Th 3, 6. 

Accusativ: Xristu K 16,22. k 1, 5. E 6, 24. G 1, 1. Phl,t5. 1,17. 
1,29. Th4,2. 5,9. t2,8; daupu k 4, 11. Phl,20; lustu G 5, 16. rhl,23; 
Aqmfraudeitu Ph2, 25; apaustidu Ph2, 25; ibnassu C ijl; Teimaupam 
Th3,2; waninassu Th3, 10; haurgswaddjau k 11,33; ufarassau 
Ph 4, 12. 

VIII. Skeireius (nach Streitbergs ausgäbe citiert). 

Nominativ: iviprus 1,7; Nekaudemus 2,9; p rauf ettis 4,17; suims 5,8; 
Filippus 7, 4 ; Fare/saius 8, 23. 

Genetiv: daupaus 1, 2; diabulaus 1,10; ivulpaus 4, 12; Sabadliaus 4,26. 
5,13; Markaillaus 4,26; sunaus 5,6; mauniskodaus 6,12. 

Dativ: diabulau 1,13. 1,20; Jaurdanau ■l,'^; sunau h, 12. 5,17. 5,21; 
Neikaudaimau 8, 19. 

Accusativ: sunu 4,27. 5,19. 5,23. 

IX. Kalender. 
Genetiv: Füippaus; Kustanteinus; Dauripaius; apaicstaulus; 
apaustaulus^). 

Wie die Statistik zeigt, sclieiden sich die partien der 
gotischen bibel, die überhaupt jüngere formen der w-declination 
aufweisen, deutlich in drei gruppen. Die erste gruppe bilden 
diejenigen teile, welche die jüngeren formen nur ganz ver- 
einzelt zeigen, der Marcus und die Lucascapitel 14 — 20, die 
zweite diejenigen, die sie etwas liäufiger hervortreten lassen, 
die Lucascapitel 1 — 10, die von dritter hand geschriebenen 



1) Nach Bernhardt für ufarassaus verschrieben; vgl. Streitberg zur 
stelle. 

-) Nach Gabeleutz-Loebe und Braun bei Streitberg dafür kalkinassaus 
verschrieben. 

^) Ungewiß bleibt, wie die abbreviatur uipisks aufzulösen ist. 



74 LÜEWE 

teile der briefe in A und der cod. B. die dritte derjenige teil, 
der die jüngeren formen durchaus überwiegen läßt, der kalender. 
Zweifelhaft bleibt zunächst, ob der von der ersten liand her- 
rührende teil von A zur ersten oder zur zweiten gruppe gehört. 

Der ersten gruppe muß man aber auch die gemeinsame 
vorläge von A und B zurechnen. Denn da sowohl in A wie 
in B die jüngeren formen nur einen kleinen bruchteil der 
älteren ausmachen, so kann es doch wohl nicht zweifelhaft 
sein, daß überall da, wo eine der beiden hss. in ab weichung 
von der anderen die jüngere form aufweist, im archetypus 
noch die ältere gestanden hat. Nur wo A uud B gemeinsam 
die jüngere form zeigen, wird diese auch bereits für die 
gemeinsame vorläge anzunehmen sein. Das ist aber im ganzen 
nur zweimal, bei den accusativen dauj)au t 1, 10 und Xristaic 
Ph 3, 8, sicher der fall.') Da die A und B gemeinsamen partien 
bedeutend umfangreicher als der Marcus und als die Lucas- 
capitel 14 — 20 sind, so können sie auch am ehesten als prüf- 
stein dafür verwandt werden, ob diejenigen teile der gotischen 
bibel, welche die jüngeren formen der w-declination nur erst 
ganz vereinzelt aufweisen, die neuerung auf einen bestimmten 
casus beschränken. 

Nun zeigen A und B gemeinsam 50 nominative auf -us, 
71 genetive auf -aus, 71 dative auf -au und 31 accusative 
auf -u. Da außerdem von älteren formen noch 4 nominative, 
2 genetive, 2 dative und 4 accusative teils in A, abweichend 
von B, teils in B, abweichend von A, gew^ahrt sind, die älteren 

*) Vielleicht ist auch noch ein dritter accusativ auf -au hiuzuznfügeu, 
indem das A und B gemeinsame gaunopa k 7, 7 für gaunopau verschrieben 
Avordeu sein könnte. Denn die zugleich in A und ß sich findenden Schreib- 
fehler sind sonst sämtlich derart, daß ein buchstabe fortgelassen worden 
ist, so in sai für siai k 12, 16, faurqipa für fauraqipa G5, 21, andahaht 
für andahanht T 2. 6, ahvuggejon für aiwaggeljon 1 1, 10. (In den beiden 
letzten fällen ist der fehlende buchstabe in A übergeschrieben worden. 
Kaum zu den eigentlichen Schreibfehlern zu zählen ist Pize für I^izei 
k 12, 13, während anawilje für anawiljei Ph 4, 5 nach Braun wahrscheinlich 
überhaupt nur in B gestanden hat. Über kileiku E 1, 18, das_ Bernhardt 
als für hüeika verschrieben ansieht, und das in Wirklichkeit für hileikuh 
steht, vgl. Streitberg, Got. bibel 1, 333.) Gleichwohl muß auch mit der 
möglichkeit gerechnet werden, daß dem Schreiber des archetj'pus bei seinem 
gnimopa noch das darauf bezügliche iswarana vorschwebte, dessen -u sich 
auf diese weise für -u eingedrängt haben könnte. 



U UND J(7 IN DKK (JOI'ISCIIKN ^-DECLINATION. i ) 

formen aber hier noch dem ai'cliety[)us angehört liaben, .so 
ergeben sich fiii' diesen im ganzen 54 nominative auf -m5, 
73 genetive auf -aus, 73 dative auf -an und 35 accusative 
auf -u. Hätten zur zeit der niederschiift des arclietypus 
schon bei sämtlichen casus die jüngeren formen neben den 
älteren bestanden, so sollte man sie doch beim accusativ als 
dem hier am seltensten auftretenden casus auch am seltensten 
erwarten. In Wirklichkeit stehen nun aber den 35 älteren 
aceusativen des arclietypus wenigstens 2 (vielleicht sogar 3; 
vgl. s. 74, fußn.) jüngere gegenüber, während die 200 älteren 
formen der übrigen casus keine einzige jüngere neben sich 
haben. Eine solche Verteilung wird doch aber wohl kaum 
auf Zufall beruhen, sondern eben noch das erste Stadium der 
analogiebildung in der it-declination repräsentieren. 

Die Lucascapitel 14 — 20 enthalten an älteren formen 
22 nominative, 4 genetive, 4 dative, 11 accusative, während 
die jüngeren nur aus einem einzigen accusativ bestehen. Das 
kihinte an und für sich sehr wohl zufall sein; angesichts des 
für den archetypus von A und B gewonnenen resultats aber 
Avird man auch vielleicht für die Lucascapitel 14 — 20 an- 
zunehmen haben, daß hier die analogiebildung schon im 
accusativ, aber noch nicht in den übrigen casus statthaben 
konnte. Stehen den 35 älteren aceusativen des archetypus 
von A und B nur 2 oder höchstens 3 jüngere gegenüber, 
so kann man neben den 11 älteren der Lucascapitel 14 — 20 
auch nicht mehr als einen einzigen jüngeren erwarten. 

Anscheinend ein abweichendes resultat ergibt von den- 
jenigen teilen, welche die jüngeren formen nur ganz vereinzelt 
zeigen, der Marcus. Derselbe enthält 45 nominative auf -m5, 
17 genetive auf -aus^ 22 dative auf -au und 34 accusative 
auf -w, aber neben einem accusativ auf -au auch einen 
nominativ auf -aus. Doch hat es mit diesem nominativ Bartei- 
maiaus 10,46 seine eigene bewandtnis: die form folgt un- 
mittelbar als apposition einem sunus Teimaiaiis, dessen -aus 
das hervortreten der gleichen endung auch bei dem höchst 
ähnlichen namen Barteimaius begünstigen mußte. Wohl konnte 
auch für den Marcusschreiber, der den accusativ auf -au schon 
neben dem auf -u gebraucht, schon ein nominativ auf -aus 
neben dem auf -us wenigstens möglich sein und unter besonders 



76 LÜEWK 

"begüiistigeiideii umständen (die beim accusativ nicht nötig waren) 
ihm auch einmal in die feder fließen; es wäre aber auch nicht 
ausgeschlossen, daß in dem Bartcimaiaus ein durch das voran- 
gehende Teimaians veranlaßter bloßer Schreibfehler des Marcus- 
schreibers vorläge. Es besteht aber auch noch die dritte 
möglichkeit, daß die form Barteimaiaus überhaupt noch nicht 
in der vorläge des codex argenteus für den Marcus gestanden 
hat. sondern erst auf den Schreiber dieses codex selbst zurück- 
zuführen ist. Denn wenn auch dieser letztere im allgemeinen 
so treu copiert hat, daß wir in ihm noch deutlich die eigen- 
tümlichkeiten seiner für die einzelnen teile verschiedenen vor- 
lagen unterscheiden können, so kann ihm doch auch hin und 
wieder eine abweichung von seiner vorläge unbewußt unter- 
laufen sein. Da nun dieser Schreiber, der ja auch schon die 
Lucascapitel 1 — 10 mit ihren minder seltenen jüngeren formen 
copierte, höchst wahrscheinlich auch selbst schon diese neben 
den älteren in seiner spräche gebraucht hat, so konnte ihm 
ein nominativ Barteimaiaus, der einem mit ihm grammatisch 
zusammengehörigen genetiv Ttimaiaus unmittelbar folgte, be- 
sonders leicht einfließen. Ist dies richtig, dann bestätigt auch 
wohl der Marcus das am archetypus von A und B gewonnene 
resultat: unter den 85 formen, die der nominativ, genetiv und 
dativ hier zusammen ausmachen, findet sich außer dem unter 
ganz besonderen umständen erscheinenden Barteimaiaus keine 
einzige jüngere, w^ährend den 34 älteren accusativformen auch 
hier wenigstens eine jüngere, deren auftreten nicht durch 
besondere umstände begünstigt war, gegenübersteht. 

Von den partien, in denen die jüngeren formen minder 
selten sind, haben die ersten zehn Lucascapitel 63 nominative 
auf -US, 2 auf -aus, 91 genetive auf -aus, 3 auf -us, 24 dative 
auf -au, 5 auf -w, 34 accusative auf -«, 3 auf -au. Doch sind 
unter den genetiven 75 sunaus, die, immer nur durch einen 
Personennamen voneinander geti-ennt, hintereinander in der 
genealogie Christi stehen, nur als ein einziger zu rechnen, 
also in Wirklichkeit nur 17 genetive älterer form anzusetzen. 
Umgekehrt darf unter den dativen eine der jüngeren formen, 
praufetu 7, 26, kaum mitgezählt werden, da ihm ein accusativ 
praiifetu in demselben verse voraufgeht und dazu noch be- 
sonders betont ist (aJcei ha usiddjedup saihan? praufetu? jai, 



U UND AU IN DKK GOTISCHKN f/-DECLINA'l ION. l i 

qipa izivis jah mais prcmfetn). Somit ergibt sich für den 
nominativ als das Verhältnis der jüngeren formen zu den 
älteren 1:31V2, füi' den genetiv 1:52/3, für den dativ 1:0, 
für den accusativ 1 : llVa- Wenn hier beim genetiv und dativ 
die jüngei'en formen verhältnismäßig häufiger nicht nur als 
beim nominativ, sondern auch als beim accusativ sind, so könnte 
das vielleicht daran liegen, daß die spräche des Schreibers im 
allgemeinen bereits die formen mit u vor denen mit au bevor- 
zugte; freilich sind die unterschiede keineswegs so bedeutend, 
daß sie nicht auch auf einem zufall der Überlieferung beruhen 
könnten. Doch ist bezüglich des nominativs noch zu beachten, 
daß seine beiden formen auf -aus, siinaus 4,3 und diabulaus 4,5 
ziemlich nahe beieinander stehen und überhaupt durch keine 
dritte form der «-declieation voneinander getrennt sind: es 
hat also iwohl dem Schreiber, als er diabulaus schrieb, noch 
sein siinaus vorgeschwebt. Trifft dies zu, dann haben sich in 
der spräche dieses Schreibers die jüngeren formen wahrschein- 
lich früher beim dativ und genetiv als beim nominativ ein- 
gestellt. 

In den von dritter band geschriebenen teilen von A, die 
in B fehlen, stehen 52 nominative auf -us, auf -aus, 31 genetive 
auf -aus, 4 auf -us, 29 dative auf -au, 1 auf -u, 12 accusative 
auf -u, 3 auf -au: Um zu beurteilen, wie sich bei diesem 
Schreiber das Verhältnis der neuerungen bei den einzelnen 
casus zueinander gestaltet, muß man natürlich auch alle hier- 
hin gehörigen formen in den A und B gemeinsamen teilen mit 
ausnähme der beiden accusative auf -au, bei denen bereits der 
archetj'pus geneuert hat, mitzählen. Übereinstimmend mit B 
zeigt A 50 nominative auf -us, 71 genetive auf -aus, 71 dative 
auf -au, 31 accusative auf -u; dazu kommen für A 2 nominative 
auf -US, in denen B -aus, und 2 nominative auf -aus, in denen 
B -US hat, ferner in abweichung von B 2 genetive auf -us, 
1 dativ auf -au, 1 dativ auf -u, 1 accusativ auf -u, 3 auf -atc. 
Das macht also zusammen für den dritten Schreiber von A 
104 nominative auf -us, 2 auf -aus, 102 genetive auf -aus, 
6 auf -US, 101 dative auf -au, 2 auf -u, 44 accusative auf -u, 
6 auf -au. Somit verhält sich hier die zahl der jüngeren 
formen zu den älteren beim nominativ wie 1 : 52, beim genetiv 
wie 1 : 17, beim dativ wie 1 : 50^ ij l^eim accusativ wie 1 : 7^ 3. 



78 LOEWE 

Allerdings muß man auch mit der möglichkeit rechnen, daß 
von den drei accusativen auf -au in denjenigen teilen von A, 
die in B fehlen, der eine oder der andere schon aus dem 
archetypus von A und B stammt. Nehmen wir die äußerste 
möglichkeit an, daß alle drei schon dort gestanden haben, 
dann bleiben für A selbst freilich nur 3 accusative auf -au 
und damit als das Verhältnis der jüngeren formen zu den 
älteren bei diesem casus liUfg, das von dem beim genetiv 
so gut wie nicht mehr verschieden ist. Besonders wegen 
dieser Unsicherheit läßt sich auch nicht mit bestimmtheit 
sagen, ob beim Schreiber von A die jüngeren formen im 
accusativ noch häufiger als in den übrigen casus gewesen 
sind. Da aber der dativ ungefähr das gleiche Verhältnis wie 
der nominativ zeigt, so dürfte beim dritten Schreiber von A 
wohl auch kein unterschied zwischen der häufigkeit der 
jüngeren formen beim nominativ und denen beim dativ und 
genetiv bestanden haben und das häufigere auftreten derselben 
bei letzterem casus in den uns erhaltenen teilen auf zufall 
beruhen. Darf man dies annehmen, dann werden hier aller- 
dings die jüngeren formen immer noch beim accusativ am 
häufigsten gewesen sein, während sich die neuerung im 
nominativ wahrscheinlich ungefähr gleichzeitig mit der im 
genetiv und dativ eingestellt hätte. 

Der cod. B enthält in den ihm allein zukommenden partien 
40 nominative auf -us, 2 auf -aus, 51 genetive auf -aus, 1 auf 
-US, 56 dative auf -au, 2 auf -u, 19 accusative auf -u, 2 auf 
-au. Hierzu müssen auch hier die A und B gemeinsamen formen 
gezählt werden, die 50 nominative auf -us, die 71 genetive 
auf -aus, die 71 dative auf -au, die 31 accusative auf -u, ferner 
die von A abweichenden formen von B: 2 nominative auf -w,<?, 

2 auf -aus, 2 genetive auf -aus, 1 dativ auf -au, 1 auf -u, 

3 accusative auf -u, 1 auf -au. Das ergibt in summa für B 
92 nominative auf -us, 4 auf -aus, 124 genetive auf -aus, 1 auf 
-US, 128 dative auf au, 3 auf -u, 53 accusative auf -u, 3 auf 
-au. Freilich kommt auch hier die möglichkeit in betracht, 
daß von den zwei accusativen auf -au in denjenigen partien, 
die in B allein erhalten sind, einer oder sogar beide schon 
aus dem archetypus von A und B stammen. Es ist daher 
nicht ganz sicher, ob hier für den accusativ das Verhältnis 



ü \mV> AU IN DKK nOTTSCFIKN AADKCLINATION. 70 

der jüngeieii formen zu den älteren als 1 : IT'f'a oder als 1 : 26' ' ,_ 
oder als 1 : 53 anzusetzen ist. Was die übrigen casus betrifft, 
so yerliält sich die zahl der jüngeren formen zu den älteren 
beim nominativ wie 1 : 23, beim genetiv wie 1 : 124, beim 
dativ wie 1 : 412/3. Auch bei dieser Verteilung ist ein zufall 
gewiß nicht ausgeschlossen; doch hat es etwas den anschein, 
als ob in der spräche des Schreibers von B — umgekehrt wie 
vielleicht in derjenigen der ersten zehn Lucascapitel — die 
neuerung früher beim nominativ als beim genetiv und dativ 
eingetreten war. Selbst wenn man beim accusativ das Ver- 
hältnis 1 : 53 annimmt, sind in B die jüngeren formen bei 
diesem casus immer noch minder selten als beim genetiv und 
dativ; nimmt man 1 : I72/3 an (was das wahrscheinlichste ist), 
so sind sie beim accusativ sogar noch ein wenig häufiger als 
beim nominativ. Dafür, daß der Schreiber von B beim genetiv 
und dativ die formen mit aw noch bevorzugte, spricht jedenfalls 
die tatsache, daß er k7, 14, wo Wulfila nach dem ausweise 
des du Teitaun von A für jtqoc, Thor den griechischen accusativ 
gegen die construction (wie hivssann Luc. 16, 19 in gawasida 
ivas paurpaurai jah hwssann) beibehalten hatte, den gotischen 
dativ in der form Tdtaii eingeführt hat (k 2, 13 und k 8, 6, 
wo Wulfila gegen seine sonstige gewohnheit, die griechischen 
namen der o-declination gotisch als m- stamme zu flectieren,i) 



' ') Nach Gaebeler, Zs. fdpli. 43, 62 hat Wulfila bei deu höchst zahl- 
reichen casusformeu der griechischen namen anf -oq außer in Teitaun nur 
noch im vocativ Nazorenai Marc. 1, 24 die griechische endung beibehalten, 
wo er NaL,0Q7jve im auschluß an das vorangehende von ihm näher bestimmte 
und wichtigere 'bjoov, das gotisch sowieso unvei ändert blieb, gleichfalls 
unverändert übernommen hat. Die eigentümliche wiederholte beibehaltung 
gerade von Tlrov läßt sich nur daraus erklären, daß Wulfila, wenn er 
griechisch sprach und schrieb, häufiger gelegeuheit hatte, den namen Tiiog 
als andere namen auf -oq anzuwenden. Offenbar hat Wulfila deu namen 
seines Zeitgenossen Titus, des bischofs von Bostra, der dadurch bekannt 
war, daß er von Julianus Apostata augefeindet wurde und daß er als 
griechischer kircheuschriftstellcr hervorragte, und mit dem er wohl auch 
auf sj^noden zusammengetroffen ist, in griechischer rede häufig, seltener 
aber in gotischer gebraucht. Allerdings wird Wulfila ein uame wie der 
des Petrus auch im griechischen sehr geläufig gewesen sein: hier hat er 
aber offenbar das gotische Paitrus bereits von den Goten, die schon vor 
ihm Christen waren, in allen seinen casusformen übernommen; erst recht 
gilt das natürlich von got. Xristus. Andere griechische namen auf -og wie 



80 LOEWE 

griech. TItov in Übereinstimmung mit der construction als 
Teitaun übernommen hatte, hat B dies so wenig wie A ver- 
ändert). Höchstwahrscheinlich hat der Schreiber von B auch 
k 1, 14 und G 6, 17 wie Bernhardt, Vulfila s. 416 und 482 an- 
nimmt, Xristaus, also auch die ältere genetivform, selbständig 
zu lesuis (so ohne Xristaus in A) nach einer lateinischen hs. 
hinzugefügt; von den griechischen hss. hat in beiden fällen 
die eine gruppe bloßes 'Ifjoov, die andere 7;/öor Xqiotov 
(Streitberg, Die got. bibel 1,287 und 366); es ist aber weit 
unwahrscheinlicher, daß ein Schreiber einen heiligen namen 
wie Xristaus nach einer nichtgotischen vorläge fortgelassen, 
als daß ein anderer ihn nach einer solchen hinzugesetzt hat. 
Der von der ersten band von A geschriebene teil enthält 
14 nominative auf -us, 8 genetive auf -aiis, 1 auf -us, 11 dative 
auf -au, 8 accusative auf -u, 1 auf au, welcher letztere frei- 
lich möglicherweise auch schon aus dem archetypus von A 
und B stammt. Als genetiv auf -us ist umljjaus R 9, 23 auf- 
zufassen: wenn hier auch nach Braun bei Streitberg ein a 
übergeschrieben zu sein scheint, so war doch dem Schreiber 
zunächst ein wulpus entschlüpft, das er dann wohl selbst so- 
gleich nach der vorläge in ivuljxms corrigiert hat. Für den 
ersten Schreiber von A beschränken sich also so wenig wie 
für den dritten derselben hs. und für den von B die jüngeren 
formen noch auf den accusativ; ob sie aber bei ihm dem 
nominativ noch fremd waren, läßt sich bei dem geringen um- 
fang des von ihm herrührenden teiles nicht sagen. 

KQLonoq, FaioQ, ^EnaifQÖönog weiden Wulfila zwar aus dem gotischen 
nicht bekannt, aber auch iu seinem griechisch nur Aveuig geläufig gewesen 
sein, so daß er sie nach dem muster von Xristus, Paitrus usw. gleichfalls 
nach dem swnws -typus flectierte {Krisim, Garn Kl, 14; Aiimfrauäeitu 
Ph 2, 25). In anderen casus als dem accusativ gebraucht Wulfila freilich 
auch von Tiioq nur formen der gotischen «-declination (nom. Teüus k 12, 18. 
G2, 3. tl-, 10; gen. Teitaus k 7, 6. 7,13. 8,16; dat. Terta« Tit. inscr. und 
1, 4) und so auch im accusativ Teitu k 12, 18 und G 2, 1 sowie k 8, 23 {bi 
Teitu) wo es durch das griechische vnl-Q Tirov veranlaßt war. Daß Wulfila 
gerade den accusativ Tixov teilweise im gotischen beibehalten hat, lag 
wahrscheinlich daran, daß er für die griechischen neutra auf -ov im gotischen 
überhaupt nur wieder formen auf -aün setzen konnte wie alabastruun (über- 
liefert alahalstrmm) Luc. 7, 37, so daß ihm griechisches -ov im gotischen 
überhaupt nicht ungeläutig war; daher auch sein bivssmm für griech. ßvooov 
Luc. 16, 19, aber nardaus für griech. vä^dov Job. 12, 3. 



U UND AU IN DEU (JÜTISCMIKN «'/OKCLINATION. 81 

Am stärksten von dem urspiüngliclien sprachzustande in 
beziig auf die it-declinalion weicht, der kalender ab, der 1 genetiv 
auf -aus und 4 genetive auf -us bietet; leider enthält er keinen 
beleg- für irgendeinen anderen casus der klasse. Es ist abei- 
wohl kaum daran zu zweifeln, daß dei' Schreiber des kalenders 
oder der vorläge für den kalender den genetiv der ii-declinati(jn 
schon durchweg auf -uh gebildet und nur das allein in Fdiitpavs 
stehende -rt«6' wieder aus seiner vorläge beibehalten hat. Wahi- 
scheinlich hat dieser schieiber überhaupt nicht mehr zwischen 
doppelformen geschwankt, sondern im noniinativ wie im genetiv 
nur noch -us, im dativ und accusativ nur noch -u (oder mög- 
licherweise in beiden nur noch -au) gesprochen. Jedenfalls 
zeigt seine spräche in bezug auf die it-declination einen jüngeren 
zustand als die sämtlicher Schreiber des bibeltextes. Besonders 
die genetive auf -us hat auch wohl Heyne im äuge gehabt, 
wenn er bei Achelis, Zs. f. neutestamentliche Wissenschaft 1, 335 
auf grund sprachlicher indicien zu der annähme gelangt ist, 
daß der kalender an einem abgelegenen orte des Ostgoten- 
reiches geschrieben worden sei. Allerdings würde derjenige 
Schreiber des kalenders, von dem die H6-formen herrühren, aus 
einer gegend stammen, die der allgemeinen Sprachentwicklung 
in der behandlung der it-declination vorausgeeilt wäre, wenn 
der kalender nicht nachträglich in den cod. A eingetragen, 
sondern schon von dessen drittem Schreiber, der ja nicht das 
-US im genetiv gegen seinen sonstigen gebrauch selbständig 
fast vollständig durchgeführt haben kann, aus einer vorläge 
abgeschrieben worden wäre. Nach Brauns angaben bei Streit- 
berg, Die gotische bibel 1, 481, nach denen überhaupt nur drei 
Schreiber am cod. A tätig gewesen sind, müßte man das auch 
eigentlich annehmen. Doch ist es fraglich, ob der dritte 
Schreiber, der ja den ihm zugefallenen größten teil der briefe 
im allgemeinen correct geschrieben und auch die Schreibfehler 
seiner mit B gemeinsamen vorläge wenigstens teilweis corrigiert 
hat (vgl. s. 74, fußn.), bei einer copie des kalenders, in dem 
es ja von flüchtigkeitsfehlern wimmelt (vgl. z. b. pize aljtjano 
ine Balraujai iiw pizo alpjono in Bairaujai), wirklich alle diese 
fehler mitübernommen haben würde. Ich vermute daher, daß 
Braun bei seinen angaben über die zahl der Schreiber von A 
nur an die der briefe gedacht und den des kalenders vergessen 

l'-citrage zur ge^ichiohte der deutschen spraclie. tll. (j 



82 LOEWE 

hat. Man wird hier freilich noch einmal nachprüfen müssen. 
Sollte meine Vermutung- richtig-, der kalender also erst nach- 
träglich von einem vierten Schreiber in A eingetragen worden 
sein, so ist die durcliführung: des genetivischen -us bei diesem 
eher auf eine zeitliche als auf eine dialektische differenz gegen- 
über den Schreibern der briefe zurückzuführen. 

Wenn das -m5 des genetivs im kalender die für alle mund- 
arten geltende endung für die zeit nach der niederschrift 
unserer bibelcodices gewesen ist, so hat man für den dativ zu 
dieser zeit höchstwahrscheinlich allgemein -u anzusetzen. Auch 
zwingt uns das viermalige, von vier verschiedenen Schreibern 
aus Ravenna herrührende handau in der Urkunde von Neapel 
nicht, eine dialektische differenz für das jüngste gotisch in 
diesem punkte anzunehmen, da, wie schon bemerkt, in dem 
betreffenden handau eine reminiscenz an das liandau des bibel- 
textes vorliegen könnte. Auch das -as des nominativs Sunjai- 
frijjas derselben Urkunde, das ebensogut aus -us geschwächt 
wie aus -aus contrahiert worden sein kann, entscheidet nichts. 

Neben der großen anzahl von formen, die von den singular- 
casus der masculina und feminina der w-declination überliefert 
sind, stehen nur äußerst wenige von solchen der neutra. Im 
texte der bibel selbst belegt ist nur der accusativ fuihu 
(Marc. 10,2-2. 14,11; Luc. 18,24), fa/ho (Marc. 10,23) und wahr- 
scheinlich als neutraler accusativ, wie man wegen des neutralen 
geschlechts des wortes in den übrigen germanischen sprachen 
annimmt, auch leij)u (Luc. 1, 15) sowie der dativ faihau 
(Marc. 10, 24). Selbstverständlich gibt uns diese Überlieferung 
auch nicht den geringsten anhält zur entscheidung der frage, 
ob auch bei den neutra nebenformen entstanden waren. Nicht 
ganz so steht es mit dem einzigen beleg eines gotischen 
nominativs auf -w, mit qairii, das k 12, 7 in A als randglosse 
zu hnuJ)o überliefert ist. Da der Schreiber diese form selb- 
ständig hinzugesetzt hat (in B fehlt sie), so wird ihm im 
nominativ-accusativ der neutra -ii wohl mindestens noch ebenso 
geläufig wie -au, wenn nicht vielleicht hier noch allein geläufig 
gewesen sein; dagegen war ihm im accusativ der masculina 
und feminina, wo er -u zwar in 43 fällen belassen, aber, ob- 
gleich er wahrscheinlich buchstäblich abschreiben wollte, doch 
mindestens in zwei, wahischeiiilich abei' sogar in fünf fällen 



I 



U UND^f/ IN »EU ßOTISCIlKN fA-ÜECLlNATION. 80 

in -im verändert liat, vielleicht -an sclion die g-eläufigere endung. 
Ein irgendwie siclierer sclilnß läßt sich in dieser bezielmng- 
natürlich nicht ziehen; do('h Aväre der unterschied sehr wohl 
verständlich. Unter den mnsterklassen für die Umbildung dei' 
?(-,-;tännne befand sich ja keine einzige neutrale, so daß sich 
die neutralen m- stamme, wenn sie die neuerung überhaupt 
mitgemacht haben, erst nach den masculinen und femininen 
gerichtet haben müssen; dabei konnte aber der umstand, daß 
es bei keiner klasse neutra mit gleichlautendem accusativ und 
dativ gab, sowie daß der accusativ auf -u bei den neutra eine 
stütze gegen nebenformen noch durch den gleichlautenden 
nominativ erhielt, die durchführung der analogiebildung sehr 
wohl verlangsamen, ja vielleicht sogar überhaupt verhindern. 
Etwas zahlreicher als formen der neutralen substantiva 
der M-declination sind nominative der adjectiva der gleichen 
klasse erhalten. Die belege sind: 1) nom. sing. masc. hardus 
Luc. 19,21. 19,22; manwus k 12, 14 (AB), qairriis T 3, 3 A; 
t 2, 24 AB; tulgus t 2, 19 B; twalihwintrus Luc. 2, 42; ])laqus 
Marc. 13, 28. 2) nom. sing. fem. paursiis Luc. 6, 6. 3) nom. 
sing, neutr. aglu Marc. 10,24; aggwu Matth. 7, 13. 7, 14; hardu 
Joh. 6,60; manivu Luc. 14,17; Joh. 7, 6; seipu Matth. 27,57; 
Joli. 6, 16. Am wenigsten läßt sich auch hier beim neutrum 
etwas entscheiden, das in denjenigen teilen, die beim sub- 
stantivum die jüngere form etwas häufiger aufweisen, über- 
haupt nur ein einziges mal vorkommt. Aber auch beim 
masculinum und femininum sind die belege in diesen teilen 
viel zu spärlich, als daß sich aus ihnen etwas bestimmtes 
folgern ließe. Auch aus dem in A interpolierten qairrus T 3, 3 
läßt sich kein Schluß ziehen, da B an gleicher stelle gleich- 
falls ein interpoliertes wort, airlmis, aufweist, das aus einem 
bereits im archetypus von A B stehenden qairrus verlesen 
w^orden sein könnte; im übrigen ist nach Braun auch die 
lesung qairrus selbst zweifelhaft. Immerhin verdient es 
wenigstens beachtung, daß bei den adjectiven nominative auf 
-aus überhaupt nicht überliefert sind. Es würde sich ja auch 
sehr wohl erklären lassen, wenn bei den adjectivischen ti- 
stämmen auch noch spätgotisch -ns die überwiegende, wenn 
nicht sogar noch die einzige endung des nom. sing. masc. fem. 
gewesen wäi'e. Dio adjectiva konnten ja bei ihrer von den 



84 LOEWE 

Substantiven abweichenden flexion gar nicht dem einfluß irgend 
welcher substantivischer declinationsklassen unterliegen und 
daher im nom. sing. masc. fem. ein -aus neben -?(.^ überhaupt 
erst nach dem muster der doppellieit bei den Substantiven 
der w-declination in diesem casus annehmen. Eine solche an- 
gleichung lag allerdings minder fern, falls die adjectiva der 
w-declination im genetiv noch die endung -aus gewahrt hatten 
(worüber das adverb fllaus natürlich nichts entscheidet); auch 
mochten wohl die bahuvrihi unter den adjectiven wie ticalih- 
ivintrus, laushandus eine brücke zwischen den Substantiven 
und den übrigen adjectiven der w-declination bilden. 

Mit größerer Sicherheit als über die jüngere flexion der 
adjectiva und der neutralen substantiva unter den ^t-stämmen 
können wir über die des plurals der masculinen und femininen 
substantiva unter denselben urteilen. Hier kommt im noniinativ 
nur -jus, im dativ nur -um und im accusativ nur -uns vor, 
wofür die belege auch in den die formenmischung im singular 
zeigenden teilen so zahlreich sind, daß sich nicht daran zweifeln 
läßt, daß hier die den monophthong u enthaltenden endungen 
die allein üblichen geblieben waren. Es wäre ja auch an und 
für sich recht merkwürdig gewesen, wenn die doppelheit von 
-MS und -aus im nom. sing, auch ein *-jaus neben -jus im nom. 
plur. hervorgerufen, und noch merkwürdiger, wenn die etwa 
so entstandene doppelheit im nom. plur. selbst zusammen mit 
derjenigen aller singularcasus auch im dat. plur. ein *-aum 
neben -um und im acc. plur. ein *-auns neben -uns erzeugt 
hätte. Ohnehin mußte die pluralflexion der r-stämme, die wohl 
den ersten anstoß zur analogiebildung im singular der u- 
stämme gegeben hatte, zur erhaltung gerade der alten plural- 
flexion letzterer beitragen: hroprjus, hroprum, broJ)runs stützten 
ganz besonders noch sunjus, sunum, sununs. Das fehlen von 
nebenformen aber im plural der t<-declination liefert die 
beste bestätigung dafür, daß die doppelformigkeit derselben 
in den singularcasus weder auf einem lautwandel noch auf 
einer bloß graphischen gevvohnheit, sondern auf einer analogie- 
bildung beruht. 

BERLIN. RICHARD LOEWE. 



I 



DIE KUNSTANSCHAUUNG DKR HÖFISCHEN 
EPIGONEN. 

Der deutsche dichter der mittelalterlichen bUitezeit war 
ausschließlich dichter. Der denkerische teil seines wesens 
blieb noch wenig ausgebildet; er ging, mit der einzigen aus- 
nähme religiöser speculation, noch kaum selbständige, neue 
wege. Wie der mittelalterliche mensch überhaupt, neigte auch 
der dichter mehr zur contemplation als zur reflexion; und ganz 
fern lag ihm vollends jedes grüblerische denken über seine 
dichterische gäbe, seine würde als künster, die Stellung des 
poeten in der Weltorganisation. Wie 'Minnesangs frühling' 
zeigt, ist einfältig singen damals so sehr die regel, daß auch 
nicht ein vers poetischer reflexion unterläuft. Eine Vorstellung 
etwa 'von der hoheit des genies' (Burdach, Reinmar 27 f.) hatte 
man damals ganz und gar nicht, wenn die haltung der großen 
dichter auch starkes Selbstgefühl verrät. Aber das ist die 
Sicherheit von männern, die ihr handwerk verstehen; nicht 
absonderung durch das gefühl des besitzes außergewöhnlicher 
gäbe. Daß der dichter um des dichtens willen da sei, dieser 
gedanke wäre zu einer zeit lächerlich gewesen, wo die sociale 
Stellung des Sängers so viel wichtiger erschien, als seine 
einmalige, persönliche eigenschaft: die poetische begabung. 
Morungens waii ich durch sanc bin zer tvelte gehorn (MF. 133,20) 
kann doch nur als gelegentliche, curiose Überwindung des 
standesmäßigen Selbstgefühls durch das poetische gelten. Für 
die frühen dichter des minnesangs gibt es nur eine lieder- 
(luelle: minne heißt sie, nicht genie, das den dichter — nach 
heutiger anschauung — von anderen menschen grundsätzlich 
unterscheidet. Die kunst erscheint hier gleichsam als von 
außen, von der personifizierten minne oder der besungenen 
frau eingegeben; und nicht aus dem innersten born herauf- 



8ö viE roit 

quellend, der unabhängig- von der sinnlichen weit lebendig 
wäre aus eigener kraft. Diese frühe mhd. dichtung braucht 
keine rechtfertigung ihres tuns; sie reflectiert nicht, sie ist 
nur gesang. 

Die höfischen epen der ersten und der sommerlichen blüte- 
zeit des deutschen mittelalters zeigen kaum ein anderes bild. 
Freilich trägt fast jeder heldenroman am eingang eine persön- 
liche reflexion des dichters vor, im gedankengang und 'ge- 
blümter rede' oft kunstvoll bis zur dunkelheit. Aber diese 
einleitenden Überlegungen gelten noch nicht der poesie, sie 
legen nicht rechenschaft ab von der dichterischen absieht, 
befestigen nicht durch abstrahierte gründe die geltung des 
dichters. Die liegt noch ganz im wert seiner leistung selbst 
und braucht keine stütze von außen. Hartmann macht selbst 
diese bescheiden reflectierenden teile ganz kurz; auch hier 
sich als reiner fabulist bewährend, indem er gleichsam nur 
der aus dem französischen epos überkommenen Conventionellen 
forderung nach reüectierender einleitung nachgibt (vgl. Eich. 
Ritter, Die einleitungen der altd. epen, diss. Bonn 1908). Und 
die kunstvoll-dunklen gedankenverschlingungen Wolframs und 
Gottfrieds wissen, so sehr bei ihnen schon grüblerisches wesen 
sich offenbart, nichts von reflexionen über den dichter, seine 
tätigkeit und seinen platz in der weltordnung. Solche fragen 
quälen die mhd. blütezeit ebenfalls nicht. 
I — Das mußte sich in einer niedergehenden epoche ändern. 
Behielt auch die dichtung der epigonenzeit stoffkreis und 
formale haltung der großen epen im ganzen bei: ihre ein- 
stelluug zu den gleichen themen war nicht mehr die gleiche. 
Die dichtung versuchte nun — gleichsam 'romantisch' werdend 
— im gedieht das vollkommene bild der entschwindenden 
epoche ritterlicher blute festzuhalten. Ideal wurde, was Wirk- 
lichkeit gewesen war, und der immer schmerzlicher fühlbare 
Zwiespalt zwischen verdienst und Würdigung, der schon in 
der blütezeit bekritelt wurde, nötigte zu lauten klagen über 
den niedergang der zeit. Die sittlichen Vorbilder wurden, so 
fühlte man, allenthalben verlassen. Die dichtung mußte sich 
mit den anderen sittlichen kräften zum kämpf gegen diesen 
abfall rüsten. Was sie aber auszeichnet, ist der weitere schritt, 
den die nun geweckte reflexion in den specifisch dichterischen 



DIE KUNSTANSCIIAUUNO DKli II()FIS(:HKN KIMGONEN. 87 

bezirk hineintat: der poet mußte notwendig- naclidenklicli 
darüber werden, wieso er imstande sein könne, die schönere 
Vergangenheit im Hede wieder herzustellen; und der wider- 
stand, den jede sittliche kiitik tindet, nötigte ihn zu der 
weiteren Überlegung: wieweit er Wirklichkeit, Wahrheit in 
seiner dichtung gebe. Denn darauf kam es einer zeit sehr 
wesentlich an, die vom bloßen 'delectare' als zweck der kunst X 
nichts wußte; sondern deren dichtung, auch wo sie es praktisch 
nicht so sehr tat, dennoch mit nachdruck didaktische ziele als 

y 

ihre eigentlichen und würdigsten proklamierte. Gleichzeitig ^ 
ting die dichtung auch an, die ersten ausätze zu einer theorie 
zu entwickeln; und theorie ist, nach A. W. Schlegels Worten, 
'für die poesie der bäum der erkenntnis des guten und bösen; 
sobald diese davon gekostet hatte, war ihr paradies der Un- 
schuld verloren' (Sämtl. werke, 1846. 7, 106). Da die kunst 
begann, nicht mehr selbstverständlich zu blühen und einfach 
dazusein, mußte sie, zur Verteidigung ihrer wankenden position, 
anfangen, wesen und zweck ihrer tätigkeit zu bestimmen; 
nachzudenken, was sie sein könne und solle. So gleitet die 
herbstliche kunstdichtung des deutschen mittelalters immer), 
mehr in die bezirke der Wissenschaft, wird endlich 'gelehrt'''^ 
und bekommt einen Überschuß an reflexionen, absiebten und^ 
Selbstgefühl, der im umgekehrten Verhältnis steht zum künstle- 
rischen wert ihrer leistungen (vgl. auch Roethe, Zweter s. 191). ^ 

Die kunstanschauung dieser epoche soll durch die folgende 
arbeit aufgedeckt werden. Sie will keine entwicklungsgeschichte 
des gedanklichen elements in den mhd. epen bringen, sondern 
nach systematischer Ordnung die stellen aus den kunstepen 
der nachhöfischen zeit vorbringen und deuten, welche sich 
unmittelbar über die dichtkunst und den dichter aussprechen. 
Das material ist nicht gerade reichlich getlossen, wie jeder 
kenner der mhd. dichtung ohnehin vermuten wird.i) Es 
kristallisiert sich von selbst um die letzte große persönlich- 
keit des 13. jh.'s: um Konrad von Würzburg, als den einzigen 
selbständigen köpf unter den vielen verseschreibern seiner und 

^) An vorarbeiten fehlte es bis auf Ehrismanns unten genannte ab- 
handlung- über Rudolf von Ems ganz. G. Eoethe hat am 13. mai 1909 in 
der Berliner akademie über 'Geschichte und t.ypen der mhd. vorreden und 
nachworte' gelesen, doch ist die arbeit nicht gedruckt worden. 



88 VIETOR 

der folgenden zeit. Er denkt geradezu zum erstenmal über 
die fragen der kunst nach; daher die frische und bedeutende 
art, mit der die persönlichkeit dieses dichters aus der epischen 
erzähl ung heraustritt. Selbst herkömmliche Wendungen sind 
da auf eine neue art gebracht. An Konrad darf man sich als 
den kronzeugen unter den dichtem der epigonenzeit halten. 
Denn muß man sich selbst hüten, Konrads kunstanschauung 
auch als gültig für die fahrenden dichter seiner zeit zu nehmen 
(Roethe, Zweter s. 187): sie ist zweifellos ungemein kenn- 
zeichnend für die allgemeine einstellung des dichters und des 
publicums dieser epoche zur poesie; ist es in dem, was sie 
dogmatisch und was sie polemisch vorträgt. 

Die beabsichtigte betrachtung wird auch noch eine weitere 
einsieht vermitteln können. Da es aus der mhd. blütezeit so 
gut wie keine gedanklichen auseinandersetzungen des dichte- 
rischen Wesens mit sich selbst gibt, kann die frage nach 
der kunstanschauung der mhd. blütezeit ebenfalls nur von 
der epigonendichtung aus beantwortet werden. Sie läßt in 
neuen gedanken einen alten kern durchschimmern, der in der 
vorhergehenden epoche noch in der blute verborgen lag. 
Freilich: das be wußtsein des mittelalterlichen menschen hat 
auch in dieser epoche nicht annähernd die breite und tiefe 
erreicht, die den heutigen reflectierenden geist kennzeichnet. 
Wie unter einem gemeinsamen Schleier träumend oder halb- 
wach (Jak. Burckhardt) mußten die geister sich damals schon 
deshalb scheuen vor allzu grüblerischer reflexion, weil nach- 
denken über seine besonderheit heißt: sich absondern. Und 
das hätte der mittelalterliche mensch nicht gewollt und ge- 
konnt; der dichter am wenigsten, welcher selbst in seiner 
innigsten liebesdichtung noch ganz für eine gesellschaft, d. h. 
die standesgenossen sang. 

Besondere vorsieht ist bei der beurteil ung gerade der- 
jenigen stellen notwendig, in denen diu hmst selber genannt 
wird, 'ars' war schon in der antike gemeinbegriff für kunst 
und Wissenschaft; das mittelalter übernahm diese Ordnung und 
bezeichnete mit 'kunst' weit häufiger Wissenschaft, als den 
ästhetischen bezirk, den wir heute fast ausschließlich damit 
benennen. Die bedeutung 'Wissenschaft' (auch = einzelne 
wissenschaftliche disciplin) war vor allen geläufig durch das 



DIE KUNSTANSCHAUUNG DER lI(")riS(;iIKN KI'ICüNEN. 80 

System der ' Septem artes liberales'. Darin gibt es keine ge- 
sonderte 'ars poetica'; die poetik gehört vielmehr allgemein, 
Avie die Stilistik, zur rhetorik (= ars bene dicendi), doch tritt 
sie häufig auch als magd der grammatik auf.i) Die fahrenden 
oder städtischen Sänger des ausgehenden mittelalters anderer- 
seits rechneten ihre kunst zur ars musica,'-) "War so nicht 
einmal in der begrifflichen einordnung der 'artes' für die 
poetik ein selbständiger platz gefunden, im Sprachgebrauch 
war die bedeutung des wortes 'kunst' noch viel umfassender. 
'Kunst' bezeichnete jede fertigkeit schlechthin (spinnen = wip- 
Uche hinst, Troj. kr. 15880); nach dem beispiel des Aristoteles: 
jede besondere fähigkeit, die auf angeborener gäbe oder auf 
bildung beruht. Etwa nach Friedr. Schlegels definition, 'jede 
ursprüngliche oder erworbene geschicklichkeit, irgendeinen 
zweck des menschen in der natur Avirklich auszuführen; die 
fertigkeit, irgendeine theorie praktisch zu machen' (Jugend- 
schriften, ed. Minor 1, 104 anm.). So konnte gott selbst als 
'artifex', als künstler gelten, verstanden unter dem gesichts- 
punkt unendlichen Vermögens und zweckvoller ausführung.^) 
Die Verengung der bedeutung von 'kunst' auf den ästhetischen 
bezirk hat sich erst in den beiden letzten Jahrhunderten 
radical vollzogen. 4) 



•) So schon in der poetik des Eberhard von Bethune (vgl. Knno 
Francke, Zur geschichte der lat. schnlpoesie des 12. jh.'s, München 1879, U). 
Ferner beim Marner 15,19: ' Fundamentum artium pouit Grammatica'; im 
Renner 16665: 'küuste rauoter und schuoler amme Grammatica'. Man 
rechnete die poetik vor allem der metrik Avegen zur grammatik; vgl. 
Norden, Antike kunstprosa (1898), s. 894. 

-) Vgl. Rochus V. Liliencron, tJber den Inhalt der allgemeinen bildung 
in der zeit der Scholastik, Festrede der hayr. akad., München 1876, s. 5. 

^) Die schöne gestalt der geliebten offenbart dem dichter gottes 
meisterschaft am nächsten. Solche stellen: Iweiu 1686; Parz. 123,121; 
Walther (Lachm.) 53, 35. Eine philosophische anschauixng: Kolm. 306 f.; 
vgl. Burdach, Reinmar s. 32. Auch hier gab Aristoteles den gesicbtspunkt. 
Er lehrte, daß der weit ein allwaltender 'artifex' innewohne, dessen 
schaffen man sich nach analogie des menschlichen künstlers vorzustellen 
habe; vgl. Frohschammer, Über die principien der aristotel. philosophie, 
München 1881, 104. 

*) Vgl. zur abstufuiig der mhd. bedeutung auch Roethe, Zweter s. 186 ff.; 
Burdach, Reinmar s. 31. 



X 



90 VIETOK 

1, Wesen und zweck der kunst. 

Walt her preist sich selig, weil er auf erden gar manchen 
(jemacliet frö (L 67, 22). Das bedeutet, er hat den menschen 
höhen muot (100, 7) eingegeben, das schöne gefühl v^oller lebens- 
lust und edlen strebens. Seine Wirkung ist nicht Zeitvertreib 
und ergötzen um jeden preis: sie hat ethische qualität (vgl. 
Ehrismann, Zs. fda. 56, 1631). Diesen zweck des edlen Zeit- 
vertreibs (L 165,1), der Verschönerung festlicher ereignisse, 
des schmuckes menschlichen daseins (Burdach, Reinmar s. 31) 
fühlt die frühe kunst des mittelalters ihrer als durchaus 
würdig. Ihre ziele liegen ganz in diesen grenzen, ehre und 
rühm sind der lohn des höfischen Sängers für sein edel- 
spielerisches tun (Diez, 2. aufl. s. 119). So empfindet imgrunde 
auch die mhd. epik höfischer art; Zeitvertreib und fabulieren 
allein meint sie wohl nie als ihren zweck. Sie hat naiv und 
unausgesprochen das gefühl, mit ihrem dichterischen tun zu- 
gleich einen sittlichen zweck zu erfüllen. Wolfram hat darin 
eine so sichere gewißheit, daß er sich die freiheit gestatten 
kann, sein tiefsinnig -religiöses werk mit galanter, höfischer 
Wendung zu beschließen: ist daz durh ein wip geschehn, diu 
muoz mir süezer worte jehen (Parz. 827, 29). Gottfried zeigt 
das bewußtsein eines ausgesprochen sittlichen zwecks der 
kunst schon um eine Schattierung stärker. Weil gutes in der 
weit nutzlos getan würde, gedächte man nicht der edlen tat 
— darum, so ist der gedankengang der eingangsverse seines 
gedichtes zu ergänzen, muß der dichter das andenken der 
' tugend bewahren. Das ist seine aufgäbe in der weltordnung 
und darum stellt Gottfried seinen roman unter das zeichen 
der triutve (175). Aber nirgends ist noch von didaktischen 
zwecken deutlich die rede; die der liebe geweihten sollen 
diese geschichte hören, um der geschichte willen. 

Daß ein so ganz auf erziehung und sittliche ermahnung 
gerichtetes buch wie der 'Welsche gast' nur belehrung und 
Sittenbesserung als zweck der dichtung kennt, ist selbst- 
verständlich. Die einseitig didaktisch bestimmte persönlich- 
keit Thomas ins gehört zum überzeitlichen typus derer, welche 



1) Vgl. auch den tadel Heinrichs von Türlin (Oröne 6 — 13) für die 
leute, die ihr dichterisches gut in sich bewahren. 



I 



DIE KUNSTANSCHAUUNG DER II()FI.SCI1KN El'HJÜNEN. 91 

kein organ für kirnst haben. Seine anscliauung-en sind einzig 
kennzeiclinend für ihn selbst nnd darüber hinaus nur insoweit 
historisch wichtig-, als man daraus ersehen kann, welche rolle 
der kunst immerhin damals in der erziehung zugedacht werden 
konnte. Gleich im anfang seines Werkes betont Tliomasin, 
daß (juotiu mcere nur von guten lesern recht erfaßt werden 
könne, darum solle jeder sich bemühen, das gute, was er ge- 
lesen, auch selber zu tun: man sol von vrumen lüden lesen 
unde sol doch gerner selbe ivesen ein h/derbe man — (1711'.). 
Die im gedieht ausgedrückte lehre kann von sich aus nichts 
wirken: dehein lere hat die kraft das si mache tugentJiaft den 
an dem tugent niht enist (14641 ff). Aber freilich: Thomasin 
denkt dabei fast ausschließlich an didaktische diclitung. Die 
romane der höfischen diclitung sind für ihn, weil mit lüge 
umkleidet (1118 die äventiure sint gcHeit dicke mit lüge harte 
schöne) nur ein niederes erziehungsmittel, gleichsam 'lehrbücher 
des guten tones und der feinen sitten'.i) 1131 sint die äventiur 
niht war, sie bezeichent doch vil gar ivaz ein ieglich man tuon 
sol der nach vrümJceit ivil leben ivol. In seiner anschauung 
beschränkt sich aber der zweck der kunst vollkommen auf 
diesen didaktischen; weit über dem dichtwerk steht die ewige 
und ungeteilte Wahrheit der schritt. Nur wer zu diesen reinen 
quellen nicht finden kann, der lese die äventiure, die dem 
laien Surrogat sein muß; der pfaffe sehe die schrift an (1103). 
Hier ist die haltung der kirclie zur kunst zum erstenmal in 
deutscher dichtung formuliert. Die autoritäten dieser an- 
schauung sind weiter unten zu nennen. . — , 
Dieser ausgesprochen didaktische zweck der kunst blieb ' 
auch in der epigonenzeit unbestritten, wo es sich um Stoffe 
handelte, die eindeutig lehrhaften inhalt enthielten. Die 
legenden Konrads von Wüi'zburg sollen bischaft geben und 
den hörer zu frommem wandel leiten (Alexius 30. 42 — 51. 
Pantaleon 6 — 11. 20 — 23). Ihr zweck ist also der gleiche 
wie derjenige der kirchlichen lehre. Sie sollen gleichsam 
laienpredigten sein. Solche religiöse dichtung brauchte damals I 
keine rechtfertigung. Anders die höfische epik, die mehr als \ 



^) Vgl. Ebrismaun, Zs. fda. 56, 195; J. Petersen, Das rittertum in der 
darstellung des Job. Rothe, QF. 106, 144. 



92 VIKTOR 

je auf Selbstbehauptung bedacht sein mußte in einer zeit, avo 
nachlassende kraft die angriffe von außen gefährlicher machte. 
Ausführlich, fast umständlich setzt Konrad im eingang des 
Partonopier auseinander, welchen zweck dichtung in der sitt- 
lichen weit erfülle. Zerstreuung und edlen nutzen gebe sie 
dem willig zuhörenden Jüngling, i) und der nutzen sei endlich 
di-eifach: der süße schall des liedes freut das ohr, der sinn 
der dichtung bildet höfisches wesen heran und endlich wird 
von beidem die zunge beredt (Parton. 8 — 15). Noch einmal 
deutet Konrad den hohen zweck der kunst, mit deutlich 
polemischer spitze: 

22 si (=; sanc iintle rede) lerent hoveliche site 
\md alle tugentliche tat. 
wie sol der iemer wiseu rät 
in sinen rauot gesliezen, 
der sich des lät verdriezeu, 
daz man singet oder seit 
von aller der bescheidenheit. 



sin wirde muoz verderben, 
der gnot getihte sintehen wil 



Und stolz nennt er in anlehnung an Gottfried den edlen 
zweck der poesie, auf den sie sich mit hohem Selbstgefühl 
berufen darf gegen jede lierabsetzung: 

34 man überhüebe tugende vil, 

die niht ze liebte würden bräbt, 
ob sanges iinde rede gedäht 
nie wfere in tiutscber zungen. 

Wie ein fruchtbarer bäum blute und frucht trägt, so bringt 
ein gedieht verschwenderisch nach schoener hlücte guotc fruht 
(44 — 48); diu Jcurzeivile (jiiot (48) dringt in den sinn und treibt 
die blute hervor; sittliche anfeuerung ist die frucht, die in 
der seele sich entwickelt, woraus schließlich diu hezserunge (65) 
erwächst. Da hat man gleich einen ersten versuch, den psycho- 
logischen Vorgang der künstlerischen Wirkung nach analogie 
des naturgeschehens zu begreifen. Blüte: vergnügen, frucht: 
belehrung, und als Synthese beider die erneuerung des ganzen 
Wesens — das ist in iiutscher zungen des Horaz bekanntes 



') Das jungelinc läßt eine nachwirkuug des Thomasin vermuten. 



DIK KÜNSTANSCHAUÜNG DKK FIOKISCHEN EPIGONKN. 9.j 

wort: 'iuit prodesse voliint aut delectare poetae' (mir ist aus 
dem aut — aut ein et— et geworden). U 

Diese anschauung blieb im mittelalter durchaus nicht un- 
bestritten. Die durch Aristoteles vermittelte kunstanschauung 
der antike war zwar lebendig, aber von den patristischen 
autoritäten ins theologische gewandt. Die geringe Wert- 
schätzung, die Plato für die kunst hatte, ist bekannt. Sie 
soll aus seinem idealstaat verbannt sein, weil sie der ideellen 
Wahrheit weit nachstehe und — gleich einem Spiegelbild — 
selbst hinter dem den einzelwesen zukommenden maße von 
Wahrheit noch zurückbleibe.'-) Kunst bedeutet ihm vor allem 
sinnliches spiel, das vom strengen weg der geistigen bildung 
abzieht (vgl. Überweg, Die lehre des Aristoteles von dem wesen 
und der Wirkung der kunst, Zs. f. philos. 50, IG, 186; Friedr. 
Stählin, Die Stellung der poesie in der piaton. philosophie, 
diss. Erlangen 1901). Da sie nur nachahmt, kann sie auch 
nur Scheinbilder der dinge geben, wesenlose Schemen. Sie 
steht somit sogar unter den fertigkeiten. Ihr anspiuch auf 
Wirklichkeitshafte geltung macht sie zu trug und täuschung. 
Für den 'heiligen Wahnsinn' (furor poeticus) des dichters 
vollends hat der systematische philosoph nur Verachtung. 
Plato kennt allerdings auch eine echte, nicht- nachahmende 
kunst, welche die natur des schönen zu erschauen weiß (staat). 
Das schöne bedeutet ihm aber auch hier eine 'nützliche lust' 
(Hippias maior). Identität des schönen und guten wird von 
ihm zum erstenmal lehrhaft behauptet (Timäus),^) dabei aber 
der kunst die fähigkeit zu erzieherischer Wirkung abgesprochen 
(Gorgias). 

Für Aristoteles war mit der anschauung von der un- 
trennbarkeit des ideellen wesens und der sinnlichen erscheinung 
eine höhere Schätzung der kunst gegeben. Das kunstwerk, 

^) Diese theorie von der doppelwirkung der kuust blieb bis iu die 
renaissauce hinein gültig. So verlangt Eoban Hessus im vorwort zu 
seinem 'Scribendorum versuum maxime compeudiora ratio', Nürnberg 1526, 
daß ein gedieht dem leser sowohl frucht als blute (utile cum dulci) bringe. 
Vgl. Carl Krause, H. Eobanus Hessus, Gotha 1879, 11,23. 

'■*) Augustin lobt ihn deswegen, Civ. dei II, cap. 14. 

^) Vgl. dazu Ed. Müller, Geschichte der theorie der kunst bei den 
alten, Breslau 1834, I, 29. 86. 39. 58 f. Vgl. auch Aristophanes, Frösche 
1054 'der dichter ist der lehrer der erwachsenen". 



94 VIETOR 

meint er, stehe keineswegs hinter der Wirklichkeit zurück, 
sondern gebe sogar einen volleren, wahreren ausdruck der 
idee, indem es deren 'innere notwendigkeit' nachbilde. So 
bestimmt er ihren zweck: sie sei die edle ausfülhing- der muße 
durch eine auf keinen äußeren zweck gerichtete betätig-ung 
der besten kräfte des geistes (Polit. V, cap. 3 u. 5). Allerdings 
wird auch bei ihm der sittlichen Wirkung der Vorzug ge- 
geben. Wenn er glückseligkeit für die edelste Wirkung der 
kunst erklärt, so meint er damit. nicht den zustand sinnliclien 
w^ohlbehagens, sondern die lust, die aus dem erkennen hervor- 
geht. Die rein hedonische Wirkung nämlich könne, weil nur 
an die unwandelbaren Instinkte des hörers appellierend, keine 
bildung des gefühls bezwecken (Überweg, 1. c. s. 20 f.). Ver- 
gnügen und erholung sind aber immerhin als zweck nicht 
ganz verworfen; sie gehören zum nützlichen, welches mit dem 
sittlichen und der geistesbildung den kreis der Wirkungen 
der kunst ausmacht. In der yMlayur/aflia endlich finden die 
ästhetischen und die sittlichen elemente der kunst sich syn- 
thetisch zusammen. Und da so letzten endes das schöne und 
das gute identisch sind, mußte der zweck der kunst ihrem 
wesen nach schon ein sittlicher sein. Ein sittlich -gutes werk 
war zugleich schön. Plotins anschauung vom wesen der 
kunst schwankt. Bald hebt er des künstlers schöpferisches 
vermögen hervor (de intell. pule. I), bald nennt er die kunst 
eine Spielerei, da sie im gegensatz zur natur durch künstlerische 
mechanik erst von außen an die materie herantrete. Im ganzen 
vertrat er aber doch die anschauung, daß die kunst nicht 
einfach die natur nachahme, sondern auf die begriffe zurück- 
gehe, aus denen die natur schafft. Und daß sie auch aus sich 
selber vieles schaffen und ergänzen könne, um die idee der 
Schönheit zu gewinnen. 'Denn Phidias hat den Zeus nicht 
nach dem muster von etwas sichtbarem gemacht, sondern er 
nahm ihn so, wie Zeus sich uns darstellen würde, wenn er 
unseren äugen sichtbar werden wollte' (vgl. Gregorovius, 
Grundlinien einer ästhetik des Plotin, Fichtes zs. f. philos. 
bd. 26, IIG. 125 f.). 

Diese lösung ging in der patristik zunächst wieder ver- 
lojen. Die kunstanschauung Augustins liat keinen sinn mehr 
füi' die schiMilirit des Averkes und das ergötzen des genießenden. 



DIE KUNSTANSCHAUUNG DKlt HÖFISCHEN EPIGONEN. 95 

Der fromme fanatiker, der sich peinlich prüft, ob er beim 
hören der kirchengesänge auch nicht eine spur von ästhe- 
tischem erlebnis habe (Conf. 10. buch, cap. 38); der es für 
Sünde lullt, wenn der gesang ihn mehr bewegt, als die sache, 
welcher er gilt — er muß alles künstlerische wesen als 'er- 
götzung der sinne', als teil der civitas diaboli tadelnswert und 
gefährlich finden. Nur auf zweck und Stoff der kunst kommt 
es für ihn an; und die können für Augustin natürlich nur 
inneihalb des religiösen bezirks liegen. Die Schönheit selbst 
wird religiös abgeleitet.^) Gott ist das absolut- schöne 'als 
der lebendige rhythmus und die rein geistige form und einheit 
des ungeheueren weltgediclites'. Von den künsten läßt er am 
ersten noch architektur und musik gelten, hinter denen die 
den menschlichen leib verherrlichenden zurückstehen müssen.-) 
Augustins kunstfeindliche haltung begreift sich historisch von 
seiner polemik gegen das damalige theaterwesen aus.^) Aber 
sie hatte doch in gleichem maße ihre quelle in Augustins 
fanatischer askese, die sich sogar noch vorwirft, daß 'pulchrae 
formae et variae, nitidi et amoeni colores' ihre Wirkung auch 
auf diese nach innen gekehrten äugen nicht verfehlen (Conf. 
10. buch, cap. 34). Das schöne als in sich abgeschlossenen 
Selbstzweck zu betrachten und zu genießen, scheint ihm eine 
ablenkung von gott auf das endliche. Diese haltung Augustins 
hat zweifellos diejenige der kirche bis zur Scholastik mit- 
bestimmt. Für den strengen dualismus zwischen leib und 
seele, fleisch und geist, den die christliche lehre vor allem im 
mittelalter betonte, mußte jedes kunstwerk als gaukelei der 
sinne erscheinen, das sich nicht direct in den dienst der 
christlichen kirche stellte. Erst bei Thomas von Aquino / 
tritt die mildere, antike lehre wieder hervor. Nach dem Vor- 
bild des Aristoteles lehrt er 'pulchrum et bonum in subjecto 

1) Conf. 10, cap. 34,53: 'Quouiaiu pnlcbra trajecta per auimas in 
manus artificiosas, ab illa pulchritudine veuinnt, quae super animas est, 
cui snspirat auima niea die ac nocte. Sed pulclaitudinem exteriorum opera- 
tores et sectatores in Je trahuut uteudi moduiu'. 

2) Vgl. Troeltsch, Augnstin, die cliristliche antike und das mittelalter, 
Eistor. bibl. 36, 1131f. 

3) Der kämpf der kircbe gegen das heruntergekommene theater wurde 
immer wieder aufgenommen; vgl. z. b. die scharfe stelle bei Isidor von 
Sevilla, Migue 82, 657 f. 



96 VIKTOR 

quidem sunt idem, quia super eamdem rem fundantur, scilicet 
super formam' (Sum. Theol. I, q. 5, a. 5, ad. 1). Damit war die 
kunst insofern in iiire würde eingesetzt, als sie wieder unter 
die kräfte der sittlichen bildung gereiht wurde.') Freilicli: 
der naehdruck lag au(;h bei dieser gemäßigten anschauung 
auf dem sittlichen element und somit auf dem didaktischen 
zweck, den alle kunst mit oder ohne ihren willen haben sollte. 
Die pädagogische Verwendbarkeit der kunst war geradezu das 
liauptstreitmittel in der fortdauernden Verteidigung gegen die 
kirchlichen anklagen Die sittliche läuterungskraft der poesie 
dui"cli ihre beispielhafte Wirkung hob gerade auch ein apo- 
logetiker der vielgeschmähten musen, der kirchenvater Basilius 
hervor (ßorinski. Die antike in poetik und kunsttheorie, Leipzig 
1914, 3), Dieser sittliche zweck blieb, wie gesagt, der durch- 
aus wichtigste. Das 'delectare' wird von Thomas ausdrücklich 
unter das 'prodesse' gesetzt. An einer stelle, wo über das 
recht der heiligen schritt zum gebrauch von dichterischen 
bildern und figuren gehandelt wird (I, q. 1, a. 9, ad 3), heißt 
es: '. . . . poeta utitur metaphoris propter repraesentationem: 
repraesentatio enini naturaliter homini delectabilis est. Sed 
Sacra doctrina utitur metaphoris propter necessitatem et utili- 
tatem . .'. Also auch hier noch die antithetische gegenüber- 
stellung von 'delectatio' und 'utilitas' und die geringe ein- 
schätzung des sinnlichen teils des kunstwerkes. Entsprechend 
dem antiken und mittelalterlichen Sprachgebrauch spricht 
Thomas von der kunst eigentlich nur als von der fähigkeit 
des machens, der riyv^i. Er definiert: 'kunst ist die rechte 
richtschnur für etwas, das ins werk zu setzen ist'. Sie ist 
eine 'tugend in der veinunft', wie die Wissenschaft, da sie 
auch die fertigkeit gibt, gut zu wirken, ohne selber den guten 
gebrauch ihres Vermögens zu regeln (Summa theolog. VI, q. 57, 
a. 3). Kunst hatte nach anschauung der damaligen kirchlichen 
lehre und Philosophie nur insoweit berechtigung und Avürde, 
als sie sich mit reinem willen ihrem eigentlichen zwecke 
widmete: der mithilfe an dem großen werke sittlicher läute- 
rung, religiöser Wiedergeburt. Sie rangiert dabei aber nur 



1) Vgl. auch M. de Wulf, Les Theories esthetiques propres a St. Thomas, 
Revue Neo-Scolastique, Löwen 189G, 1 11, 125 ff. 140. 



DIK KUNSTANSCIIAUUNG 1>E11 IIÖFfSCHKN Kl'IGüNEN, 97 

mit den anderen geistigen kräften des menschen, die sämtlicli 
diese reinigende aufgäbe innerhalb der göttlichen Weltorgani- 
sation hatten.') Unter ihnen nahm die kunst durchaus keinen 
königlichen rang ein. Die gründe sollen weiter unten auf- 
gedeckt werden. Neben, oder auch unter der Wissenschaft 
stehend und mit dieser auch durch gleiche benennung im 
sprachbewußtsein verbunden, war sie ebenfalls helferin im 
großen kämpfe gegen das böse.-) 

Wo ein meister wie Konrad von Würzburg sich in Über- 
einstimmung mit der kirchlich -scholastischen anschauung dei- 
zeit von wesen und zweck der kunst gehalten hatte, konnten 
kleinere geister nicht wider den Stachel locken. Die späteren 
epen setzen als selbstverständlich didaktische zwecke voraus. 
Nur gelegentlich wird das im eingang betont. So wenn Kon r ad 
von Stoffeln sich die märe vom Gauriel erzählt, um in ver- 
fallender zeit alte tugend aufzurichten; wenn gelegentlich 
eine legendendichtung (Leben der heiligen Elisabeth, um 1290) 
nochmals betont, daß es gut sei, der heiligen vorfahren leben 
und taten sich als sittliches beispiel vorzuhalten. Und das eben 
tut die dichtung am besten, weil sie durch reizvolle form des 
hörers aufmerksamkeit leichter zu fesseln weiß. Im 14. jh. 
noch ist die gleiche autorität bindend; Johann von Würz- 
burg wiederholt nach Konrads Vorbild die antik-scholastische 
anschauung von dem, was der dichtung wesen und zweck sein 
solle: das minne und aventiur von mir würde getihtet und 
lugende dar in gepflihtet uf das aller beste (Wilh. von Öster- 

1) Selbst die musik, die uustofflichste aller künste, galt dem mittel- 
alterlicheu philosophen uach dem muster des Plato uud Aristoteles wesent- 
lich um ihrer sittlichen läuterungskraft willen als daseinsberechtigt. Vgl. 
Oskar Paul, Des Boetius 5 bücher über die musik, Leipzig 1872, s. 1 — 7, 
165—170 ; Herrn. Abert, Die musikanschauungen des mittelalters, Halle 1906, 
und des gleichen Verfassers aufsatz: Die musikästhetischen anschauungen 
der frühen christlichen kirche, Zs. f. ästhet. 1, 526 ff. 

^) Ein französischer didaktiker, Vincent v. Beauvais, begrenzt inner- 
halb dieser anschauung die rolle der kunst wie der Wissenschaft noch enger 
(Über de erud. fll. reg.)- Das böse habe zwei wurzeln: Unwissenheit uud 
begierde; des menschen Wiedergeburt werde daher durch Wissenschaft und 
kunst in bezug auf seine Unwissenheit, durch sittliche läuternng in bezug 
auf die begierde veranlaßt. Vgl. Rieh. v. Liliencron, Über den Inhalt der 
allgem. bildung in der zeit der Scholastik, Festrede der bayr. akademie, 
München 1870, 18. 

beitrage zur geschichte der deutschen spräche. lU. 7 



98 VIETOR 

reich 146 ff.; vgl. auch 159 f. 165. 4464 ff.). Ergötzung- der 
höfischen oliren und läuterung der christlichen lierzen: diesen 
zwiefachen zweck wies die lehre der kirche auf der einen, 
die anschauung der ritterlichen gesellschaft auf der andeien 
Seite der kunst zu.') 

2. Die dichterische absieht. 

I War diese anschauung vom wesen und zweck der kunst 

I auch durch die autorität der kirche und der höfischen gesell- 
' j Schaft damals verbindlich und wurde sie auch, wie die an- 
geführten stellen beweisen, von der kunstdichtung geteilt, — 
ob die poeten sich im einzelnen fall immer in Übereinstimmung 
mit diesem dogma befanden, ob sich in der besonderen absieht 
der allgemeine zweck immer rein durchsetzte, das ist nicht 

/■ ohne weiteres selbstverständlich. Die Volksdichtung mit ihren 
ganz undidaktischen zielen mußte sicherlich auf weniger strenge 
oder gelehrte dichter einwirken, und das höfische element mit 
seinem tugendsj-stem ist bekanntlich ebenfalls nicht eindeutig 
christlich bestimmt. Hart mann z. b. Avagt es durchaus, im 
gegensatz zur einseitig-didaktischen auffassnng Thomasins, 
als absieht seiner dichtung (Arm. Heinr.) nur anzugeben, er 
wolle stücere stunde scnfter machen (Ehrismann, Zs. fda. 56, 195, 
anm. 2), 2) womit er sowohl gott zu ehren wie die gunst seines 
publicums zu gewinnen hofft (ebenso Gregorius 3819 got und 
iii ze minnen). So der biblischen Verheißung nachstrebend: 
'gratia apud deum et homines'. Seine dichtung will hedonistische 
mit religiösen zielen verbinden. 

Für Hartmann wie für die anderen großen kunstdichter 

, der blütezeit verstand sich aber eine absieht immer von 

X selbst: die, mit der erzählung der abenteuer die gunst des 

höfischen publicums und der adligen gönnei- zu erringen. 

Kein wunder, daß selbst der fromme Rudolf von Ems in 



') So auch nocli Job. Rothe, Ritterspiegel 2615: kunst und tognnt äi 
sini fründe, di vele nuizis kunnen geherin. Bei den meisteisängeni trat 
neben das rein religiös -ethische ziel ein philosophisch -speciilatives, vgl. 
H. Lütcke, Studien zur philosophie der raeistersänger, Palaestra 107, 26 f . 

2) Das spricht ihm Wirut v. Graveuberg nach: Wigalois 8,26 ob ich 
mit mineni munde mähte swcere stunde den Hüten senfter machen und von 
soUien suchen duz guot ze hwrcne icctre. 



i)lK KUNSTANSCIlAUllNG DER HÖFISCHKN KIMCJONKN. 99 

seinem ^^'illehalm (trotz der leiiigeii klag-e im Barlaam s. 5 
V. lülT. über die trügerisclie abenteuerdiclituiig seiner Jugend) 
die absieht kundtut, jeden tugendhaften ritter zu erfreuen 
(delectare). (iranz wie ein dichter der höfischen poesie er- 
hufl't er dadurch für sich aller werder liulen yunst (89 — 132, 
audi 5039 ff. 15045 ff.). Dieselbe absieht liatte sein halbfrommer 
'guter Gerhai'd' (0842 durch werder liiite iverdeJceÜ, 0918 ^e 
liurzewüe) und der Alexander {der iveltepris, iverdthtü 12941. 45, 
vgl. Ehrismann, Studien über Kudolf von Ems, Sitzungsber. 
der Heidelberger akademie, phil.-hist. kl. 1919, abhandl. 8, s. 10). 
Ohne scehle, ohne sichtbaren erfolg bei menschen ist ihm die 
kunst freudelos. Um frauengunst bewirbt sich natürlich 
manchei' dichter auch jetzt noch (Ulrich von Lichtenstein, ed. 
Lachm. 593, 11 u. 14—10; Pleier, Tandareis), in späterer zeit 
möchte der bürgerliche Hugo von Trimberg seinen Renner 
nurmehr seinen guten freunden zu gefallen 'gedichtet' haben. 
Gemäß seiner ganzen anschauung vom wesen und zweck 
der kunst hat Konrad von Würzburg immer didaktische^^ 
absieht. Da das hauptziel seines Schaffens die belebung des 
abgestorbenen sinns für die alten höfischen fugenden war 
(Joseph, QF.54, 12), so mußte die moralisierende tendenz bewußt 
in jedem werk unterstrichen werden. Das herzmäre will ein 
beispiel vollkommener minne geben (nach dem vorbild des" 
Tristan und von Konrad Flecks Flore), damit ihr verlorener 
glänz aus diesem bilde rittern und frauen wieder aufleuchte; 
Gottfrieds name ist die losung. ,Wer mit offenem herzen das 
märe hört, wird künftig wieder auf vollkommenere Aveise 
minnen (1—7. 19 — 28). i) Eine gleiche sittliche moral will 
der dichter dem hörer aus seiner erzählung von der schauer- 
vollen erscheinung ziehen, die Wirnt von Grafenberg hatte: 
der iverlte Ion ist jämers vol, das miigt ir alle hän vernomeii, 
und noch deutlicher: von Wirsehurg ich Kuonrät gibe iu allen 
disen rät, daz ir die uerlt läzct varn, ivellet ir die sele hewarn 
(250 f. 208—200). Ebenso soll die geschichte Eugelhards 
einem strebenden herzen vorbild vollkommener treue sein 



*) Der erweiterte Schluß der Laßbergschen hs. unterstreicht diesen 
gedankeu noch einmal; vgl. Bartsch, Partonopier, Eiul. s. 11, und H. Lambel, 
Erzählungen und schwanke, Leipzig 1872, 274. Die gleiche nutzanwenduug 
für uiut und ritterliche manuheit am Schluß des Otte 788 — 747. 



100 VIETOK 

(6496 — 7000). Denn die triitwe, diese hohe ritterliche tilgend, 
ist selten geworden und niemand will sie mehr pflegen. Ihre 
würde will der dichter erneuern (140 — 105). Das schöne bei- 
spiel, welches er ausmalt, kann freilich nur dem schon der 
triuwe ergebenen fruchtbar werden (186 — 193. 6474 — 83). 
Neue tugend will also, meint Konrad mit Thomasin, der dichter 
nicht hervorrufen. Er ist es, der das gedenken wach hält 
und die entschwindende Vollkommenheit im bilde aufleben läßt. 
Neuen sittlichen Inhalt will er nicht schaffen (die gleiche be- 
schränkung der dichterischen absieht beim Fleier; vgl. Meleranz 
96 — 100). Auch das große, ganz auf epische darstellung an- 
gelegte werk des trojanischen krieges soll als vorbild dienen, 
woran man edel hischaft nenien sol (281 — 85). Doch auch hier 
wieder die einschränkung in bezug auf das publicum, an das 
der dichter sich wenden will. Nicht jedermann, nur swtr zuld 
und ere triute, der biete herze und ören her (288 f.). 

p War Konrad auf höfische Ijigend mit seiner dichtung aus- 
gegangen, so hat Rudolf von Ems in seinem ßarlaam ein' 

I rein religiöses ziel. Den sündern zum trost ist sein gedieht 
gemacht; und wer es liest, möge sich in seinem glauben 
festigen durch das vorbild, welches Rudolf nach der Übung 
seiner griechisch -lateinischen quelle geben will (5,14. 402,5). 
Die fromme veranlassung, ein auf trag der möuche des 
klosters Kappel (408,10 — 22; 404,2—4), gibt hier der an 
sich moralisierenden art Rudolfs in thema und tendenz eine 
ganz religiöse richtung. Daß geistliche dichter nur zu an- 
dächtiger erhebung und nicht um öden ruon dichteten, fällt 
-weiter nicht auf (vgl. Hugo von Langensteiu, Martina). 

( Auch ein bürgerlicher dichter liebt es gelegentlich, die rein- 
heit seiner nur auf sittliche besserung ausgehende absieht zu 
betonen (Heinrich von Neustadt, Gottes zukunft 8097 bis 
8101). Didaktische absieht auch beim dichter des jüngeren 
Titurel (str. 60). 

Außer für die 'civitas terrena' (sittliche läuter ung) hat 
mittelalterliche dichter seiner religiösen anschauung nach auch 
einen zweck in der 'civitas divina' zu erfüllen: die Verherr- 
lichung gottes. Nur vereinzelt wird jedoch die absieht aus- 
gesprochen, zu gottes lobe solle das werk geschrieben 
werden: Konrad von Würzburg im Alexius (22 ff.), Ulrich von 



DIK KUNS'l'ANSC'IIAlllN(i KKK IIÖH.SCIIKN KTIOONKN. 101 

Kschenbacli im Alexander (173G1 tl. 27768 IT.) In der gei.st- 
liclien dichtung sind dedieationen an gott üblich. 

P Die poetische Wahrheit. 

Uns ist es heute selbstverständliches fundament unserer 
ästhetischen anschauung, daß die poetische Wahrheit wie jede 
ästhetische eine wesentlich andere sei, als die historisclie. 
[Wir erlauben dem dichter nicht nur, wir verlangen von ihm, 
Idaß er die historische begebenlieit durchaus als material 
brauche, d. h. nach seinen zwecken verändere oder ergänze. 
Unsere ästhetische f orderung geht nur auf Wahrheit inner- 
halb des dichtwerkes; sie muß, meinen wir, die historische 
Wahrheit nur so enthalten, daß sie nicht für sich besonders 
bemerkt wird. Nur dann füliren wir die historische Wahrheit 
gegen die poetische ins feld, wenn der dichter mit seiner lösung 
hinter der uns bekannten der geschichte zurückblieb. Diese 
unsere anschauung von dichterischer Wahrheit hängt natürlich 
aufs engste zusammen mit unserer hochschätzung der phantasie. 
Die betrachten wir als die erste, vornehmste quelle dichterischer 
Schöpferkraft und finden es ganz in der Ordnung, daß Goethe 
dieser göttin als dem schoßkinde Jupiters den höchsten preis 
zuerteilt. Im kunstwerke steht uns eine erdichtete begeben- 
heit höher, als eine historische; und wenn wir das wort 'er- 
dichtet' mit der unterbedeutung 'erlogen' noch anwenden, so 
wollen wir damit nur sagen, daß, was im kunstwerk natürlich 
und gut ist, im lebendigen verkehr der menschen nicht erlaubt 
sein kann. Die Vermischung zweier getrennter Wesenheiten 
wollen wir damit treffen, nicht das dichterische verhalten 
gegenüber der Wirklichkeit. 

Mit dieser anschauung vom wesen der dichterischen Wahr- 
heit befinden wir uns im gegensatz zur antike und zum mittel- 
alter. Xenophanes zog gegen die willkürlichen erfindungen 
der dichter zu felde, die (vor allem Homer und Hesiod) den 
göttern schändlich-menschliche taten angehängt hätten (Diels, 
Vorsokratiker IIB 11/12). Plato lehrte, die kanst ahme die 
ideen unzulänglich nach; damit war sie als minderwertiges 
erkenntnismittel gezeichnet. Diese anschauung war im alter- 
tum so allgemeingültig, daß selbst Plutarch, ein freund der 
dichter, sagen konnte: 'viel lügen die dichter teils vorsätzlich, 



102 VIKTOR 

teils üliiie Vorsatz'. Nicht erlaubtes, ebenbürtiges veriiiögen 
mußte die poetische fiction für eine solche meinung- bedeuten, 
sondern verwerfliche täuschung und Verfälschung der reinen 
erkenntnisquellen (vgl. Borinski, Die antike in poetik und 
kunstanschauung, Leipzig' 1914, 2 f.). Aristoteles machte 
zwar Zugeständnisse, wies der phantasie als leitender macht 
der kunst insofern einen ehrenvollen platz an, als er dieser 
zuerkannte, sie sei bei der nachahmung der natur zwar um- 
bildend, aber in der richtung auf die vollkommene idee hin 
tätig. Minderwertig blieb die phantasie darum doch, eine art 
abgeschwächte Sinneswahrnehmung (Rhet. 1, 11: /) fjt ffccvTccoia 
iOTir aiöf^^tjCjU rig doOtr/'/Q), die vor der wirklichen sinnes- 
wahrnehmung den nachteil größerer unzuverlässigkeit habe. 
Sie könne wahr sein oder falsch, sei aber meistens falsch 
(vgl. J. Frohschammei-, Über die principien der aristotel. Philo- 
sophie, München 1881, s. 47). Plotin ging einen schritt weiter 
zu positiver Wertung: das schöpferische vermögen des künstlers 
gehe über bloße naturnachahmung hinaus. Jedoch auch hier 
die einschränkung: des künstlers nachahmung sei nicht die 
der eigentlichen existenz der natur, sondern eine ihrer formen, 
der loyoi. Immerhin könne die kunst auch manches selb- 
ständige hervorbringen, eine neue, höhere stufe des sinnlich- 
schönen schaffend. Nachahmung aber blieb sie auch hier und 
daher an Zuverlässigkeit und reinlieit notwendig unter dem 
nachgeahmten object. ^ Der anschauung des Plato, Aristoteles, 
Plotin galt die Wahrheit der kunst als eine Wahrheit zweiten 
grades, die — so muß man ergänzen — genügen mochte für 
den laien, dem der zugang zu den reinen ideen verwehrt war. 
Die frühe patristische lehre übernimmt diese anschauung, 
ersetzt aber naturgemäß die philosophischen kriterien durch 
theologische. Augustin stellt mit den gelehrteu disciplinen 
des siebenstufigen Systems der schulfächer auch die kunst 
unter die elementarfächer, weil diese wenigstens gewißheit 
geben. Die frage nach der Wahrheit von Äneas landung in 
Karthago könne der freund schöner literatur nicht mit gewiß- 
heit bejahen. Den anfangsbuchstaben von des beiden namen 

') Vgl. E. Breuuiug, Die lehre vom schönen bei Plotin, diss. Marburg 
1863, s. 25. — F. Gregorovius 1. c. s. 115. 



DIK K(;NSTANS(JHAlU;N(i DKK IIUI'ISC IIKN KI-ICONKN. ll).) 

aber wüßten alle. Ebenso würde es ein schlimmerer vei-lust 
sein, lesen nnd schreiben zu vergessen, als 'poetica illa figmenta' 
(Conf. I. cap. 13). Einer so grenzenlos skeptischen meinung 
von des menschen schöpferischer kraft mußte Homer als muster 
des liebenswürdigen lügners gelten (cap. 14), wie die Civitas 
dei oft verächtlich von den 'märchen' der (römischen) dichter 
spricht. Die in Augustins Weltbild sehr wichtige 'Wahrheit' 
bedeutete eine im menschen sich äußernde, aber objective 
macht, die kein erzeugnis des vei-standes, sondern eine realität 
ideeller natur ist. Als maß und letzten grund verlangt alle 
endliche Wahrheit ein absolutes, die substanziale Wahrheit: 
gott (vgl. Cl. Bäumker, Kultnr der gegenwart I, 5, s. 316j. 
Auf sie kann kein bild menschlicher phantasie, kann nur die 
geoffenbarte lehre hinleiten. An diesem einen, absoluten kri- 
terium mißt Augustin auch die ganze seiner zeit bekannte 
geschichte, vor allem die römische. Der maßstab historischer 
Wertung wächst ihm nicht für jede epoche aus ihr selbst; 
von außen wird ein stets gleicher, absoluter an die wechselnde 
ersclieinung herangetragen. So erscheint denn geschichte als 
Offenbarung göttlicher Wahrheit, die man nicht erfinden, sondern 
nur aus der verbürgten Überlieferung mit größter treue ab- 
lesen kann. Geschichtliche chronistenarbeit mag das noch am 
ersten leisten, dichtung aber muß von hier ans gesehen geradezu 
als fälschung der Wahrheit erscheinen. Die Scholastik über- 
nahm diesen Standpunkt. Thomas von Aquino sagt: kunst- 
werke sind wahr mit rücksicht auf unsere Vernunft; d. h. 
insofern sie der kunstidee entsprechen, die sie geformt hat 
(Summa theologiae I, q. 16, a. 1). Ihre Wahrheit kann keine 
allgemeine sein, ihre anschauung keine gültige (d. h. religiöse) 
erkenntnis vermitteln. An anderer stelle muß die dichterische 
Wahrheit wieder herhalten als antithese zur göttlichen: 'sicut 
poetica non capiuntur a ratione humana propter defectum 
veritatis, qui est in eis: ita etiam ratio humana perfecte 
capere non potest divina propter excendentem ipsorum veri- 
tatem: et ideo utrobique opus est repraesentatione per sensi- 
biles riguras' (Primae sec. partis, q. 101, a. 2). Man sieht: für 
die kirchliche lehre war phantasiegebilde gleich lügengespinst; 
nicht einmal gestaltung der i-elativen Wahrheit, wie es der 
civitas mundana zukam. Da nun phantasie ein tragendes 



lU 1 VIETOK 

elemeiit der kuiist ist, mußte Wirklichkeit der dichtuiig- nach 
ihrem walirheitsgehalt weit zurückstehen hinter der gescliicht- 
lichen Wahrheit etwa der chronik. 

Der Vorwurf mangelnder Wahrheit mußte den dichter des 
mittelalters schwer treffen. Waren seine abenteuer nur er- 
lindungen, so w^aren sie in den äugen der gelehrten, der 
kleriker zu lügen entwertet, die allenfalls den sinnen 
schmeicheln konnten. Nicht einmal der bescheidene sittliche 
zweck, den die dichtung nach kirchlicher anschauung in der 
weltordnung zu erfüllen hatte, konnte dann erreicht werden. 
In der tat zog die kirche damals gegen die phantastischste 
poesie, die Volksdichtung zu felde. Was man vor allem treffen 
wollte, w^aren allerdings die in dieser gattung noch lebendigen 
mythen.i) Die wähl der angriffswaffe beweist aber, wie dog- 
matisch das verlangen nach historischer Wahrheit damals jedem 
Schriftwerk gegenüber gestellt wurde. Im 12. jh. schon war 
es dahin gekommen, daß selbst der laie, der ungelehrte höfische 
Zuhörer, ja das publicum der Volksdichtung von der dichtung 
verlangte, sie solle nicht phantasiegebilde, sondern wirklich 
geschehene dinge erzählen. Die dichterische fiction sollte nicht 
gestattet sein. Dieser anschauung fügte sich der poet und 
stellte an den eingang seines Werkes als abwehrschild und 
und zugleich als empfehlungsbrief den namen eines gewährs- 
manns, auf den als auf seine quelle er sich berief. 

Solche Quellenangaben stellen mitunter die forschung vor 
schwierige probleme. Von weniger als der hälfte der größeren 
mhd. gedichte ist die vorläge noch vorhanden. Wolframs be- 
rufung auf Kiot ist das bekannteste beispiel. Daß selbst 
fabulöse Quellenangaben schon in antiker literatur gebräuch- 
lich waren, ist aus der Stellung der griechischen philosophie 
zur dichtung durchaus verständlich. Friedrich Wilhelm hat 
besonders deutliche fälle nachgewiesen (Beitr. 33, 286 ff.) und 
dabei festgestellt, daß das mittelalter in solchen erfindungen 
so wenig- etwas sittlich anrüchiges erblickt hat, daß gerade 
die eindringlichsten beteuerungen einer historisch zuverlässigen 



^) Vgl. über das verhältuis der frühen mittelalterlichen volksepik zur 
zeitgen. geschichtsschreibinig auch J. W. Loebell, Über die epochen der 
geschichtsschreibung und ihr Verhältnis zur poesie, Raumers bist, tascheu- 
buch NF. II, 1841, s. 342f. 



DIK KUNS'l'AXSOJIAUUN« DKR IHiKlSCHKN Kl'HiONKN. 105 

([Helle ZU großem mißtrauen berechtig-eii. Liignei' dürfe darum 
ein heutiger betracliter die mlid. dichter aber nicht schelten; 
sie seien eben nur einem literarischen brauch gefolgt. — All- 
gemein üblich ist diese quellenberufung allerdings gewesen, 
selbst in der Spielmannsdichtung. Besonders im 12. jh., als im 
Zeitbewußtsein ein Umschwung zu strengerer auffassung von 
Wahrhaftigkeit überhaupt eintrat; i) als man dem canon der 
beliebtesten legenden und sagen in großen compilationen — 
wie dem geschichtsspiegel des Yinzens von Beauvais oder der 
papst- und kaiserchronik des Martin von Troppau — durch 
chronologische bestimmtheit und lückenlosigkeit geschichtliche 
beglaubigung zu geben suchte 2), damals wollte auch die 
Volksdichtung der spielleute die scharfen angriffe geistlicher 
gegner auf ihre 'lügen' durch quellenerflndung parieren.') So 
im König Rother und im Herzog Ernst, wahrscheinlich auch 
in der Klage. Die härtesten beschuldigungen werden in der 
Kaiserchronik (27 — 42) erhoben, wo es von der Volksdichtung 
geradezu heißt: manege erdenckent in lugene unt vuogent si 
zesamene mit scophelichen tvorten. Die kinder lehre man diese 
lügen und so erbten sie sich fort. Dietrichs aufenthalt au 
Etzels hof, chronologisch unmöglich, ist dem Chronisten ein 
Paradigma solcher dichterischen erfindnng. 

Unter den mittelalterlichen quellenberufungen gilt es zwei 
typen zu unterscheiden: 1. die beruf ung auf gewährsmänner; 
2. die berufung auf einzelne, wirklich geschehene oder als 
wirklich geschehen behauptete Vorgänge. Bei der ersten art 
der Quellenangabe hat der gewährsmann die Verantwortung 
für die historische Wahrheit. Der Stricker drückt das nach 
dem Vorbild des pfaffen Lamprecht im Daniel drastisch aus, 
Meister Albrich von Besancon ist sein gewährsmann und bürge 
für die historische Wahrheit: nieman der enschelte mich, louc 
er mir so liug ouch ich (vgl. Wilhelm a. a. 0. s. 336). Ob solch 



^) Vg'l. Georg EUinger, Das Verhältnis der öffentlicbeu meiimug zu 
Wahrheit und lüge im 10., 11. ii. 12. jh., diss. Berlin 1884, s. 94 ff. 

^) Vgl. P. Joachimsen, Geschichtsauffassung und geschichtsschreibung 
Deutschlands unter dem einfluß des humauismus, Beitr. zur cnlturgesch. 
des mittelalters und der renaissance, heft 6, Leipzig 1910, s. 3 — 8. 

^) Vgl. Friedr. Vogt, Volksepos und Nibelungias., Mitteilungen der 
schles. ges. f. Volkskunde, bd. 13/14, s. 593 ff. 



106 VIKTOR 

ein g-ewährsmaiin dem mittelalterlielieii hörer bekannt war 
oder nicht, galt offenbar gleichviel, i) Ebenso groß wie das 
verlangen nach historischer Zuverlässigkeit war auch die 
gläubigkeit solchen angaben gegenüber. 2) Für den typus 
solcher quellenberufung war allerdings die antike und nnttel- 
lateinische literatur vorbildlich. Nebenher aber läuft unzählige- 
mal die einfache Versicherung und beteuerung der historischen 
Wahrheit des erzählten, die der dichter weltlicher Stoffe mit 
dem hagiographen gemeinsam übt. Quellenberufung aber wie 
Wahrheitsbeteuerung, nach form und brauch getrennt, sind 
doch ihrem Ursprung und zwecke nach gleich. Beide wollen 
dem starken verlangen des hörers nach historischer Wahrheit, 
d. h. nach historischer realität des dichterisch gegebenen Vor- 
ganges genugtun. Man könnte die eine art die gebräuch- 
liche, die andere die spontane nennen. 

Das despotische verlangen des antiken wie des mittelalter- 
lichen publicums nach historischer Wahrheit in der dichtung 
ist, wie gezeigt wurde, das correlat der in philosophischer und 
scholastischer lehre immer wieder vertretenen anschauung von 
der minderwertigkeit dichterischer fiction. Jede historische 
angäbe, ja jede erzählung eines sich i-ealistisch gebenden Vor- 
ganges mußte angeheftet sein an einen ewigen, festen punkt; 
nicht aber durfte sie aus fiction, nicht aus selbstschöpferischer 
Phantasie entsprungen sein. Ein bildlicher ausdruck dieses 
Verlangens ist Wolframs erzählung vom beiden Flegetanis, 
der seine angaben über den Gral aus den Sternen gelesen 
hatte. Alles geschehen, auch das nacherzählte, mußte in eine 
letzte causalität einmünden, mochte die kette der Zwischen- 
glieder auch noch so lang sein. Finder (trovatore) hatte der 
dichter zu sein, nicht erfinder. Seine Stoffe sollten wirklich 
geschehene Vorgänge sein, aus quellenkenntnis gewonnen 

1) Abschieben der historischen Verantwortung auf die traditiou wie 
berufung' auf ehrwürdige gewährsmänner oder bücher ist schon im 10. jh. 
bei heiligenlegenden häufig; vgl. Ludw. Zoepf, Das heiligenleben im 10. jh., 
Beitr. zur culturgesch. des niittelalters und der renaissance, heft 1, Leipzig 
1908, s. 157. 

■^) Die unterschiebixng eines anderen, berühmten Verfassers, wie im 
Heidelberger bruchstnck des jüngeren Titurel, scheint mir aber kein bei- 
spiel fabulistiscber fjuellenangabe zu sein, wie Wilhelm a. a. 0. s. 334 
es meint. 



I>n'; KllNSTANSCIlAirUNC; l)KI{ IIOKISCIIKN KlMfJONKN. 10? 

(tiuriiiski, I.e. s. 31f.). Histoiisclie wahilieit allein g'alt, ge- 
treue Wiedergabe eines tatsächlichen Vorganges; dichterische 
phantasiegebilde veiblaßten daneben als lüge und gaukelei. 

Die mild, dichtung paßte sich diesen anschauungen durch- 
aus an. Schließlich war es schon in der ahd. dichtung brauch, 
mit einer berufung auf schriftliche oder mündliche Überliefe- 
rung zu beginnen: Hild. ic gehorda dhat seggen; Musp. 72,7 
da:; hört ih rahhön; und wahrheitsversicherungen sind damals 
schon gewöhnlich: Otfr. 44 tha^ sagenih thir in alaicär; auch 
Hei. 123,18.1) Die mhd. blütezeit hielt streng auf die Wahr- 
heit ihrer erzählungen, wie die häufigen beteuerungen bezeugen. 
Wurde doch Wirnt von Grafenberg des leichtsinns beschuldigt, 
weil er sich bei seinem Wigalois mit mündlicher Überliefe- 
rung begnügt hatte."-) Der dichter des Wigamur will seinem 
werk durch erdichtung einer quelle geltung verschaffen (ed. 
Sarrazin, QF. 35, 3), vor allem aber suchte sich schon im 
12. jh. die volkspoesie mit Avahrheitsbeteuerungen gegen die 
kirchlichen Widersacher zu verteidigen.'^) So sehr derartige 
formein auch aus gründen der versfüllung und des reims sich 
empfohlen haben mögen — ein reines 'stilmittel' sind sie auch 
in der spielmannsepik nicht. 4) Des pf äffen Lamprecht und 
des Strickers abschiebung der Verantwortung auf ihren an- 
geblichen gewährsmann Alberich von Besancon wurde schon 
erwähnt. Die lügenmären seiner Jugend beklagt, Avie spätrer 
Rudolf von Ems, Konrad von Fussesbrunnen in seiner 
Kindheit Jesu (66 — 72). Konrad Fleck beteuert in seiner 
Flore und ßlanscheflur, daß er seinem welschen meister getreu 
gefolgt sei und hoffe, nicht 'gelogen' zu haben. Die einzige 
theoretische stimme aus der blütezeit, T h o m a s 1 n v o n Z i r c 1 a r 1 a, 
wiederholt natürlich die alte beschuldigung der kleriker: die 
abenteuer seien mit lügen sehr umkleidet. Doch versucht er 

1) Eine zusammenstelhiug- solcher formelu bei Karl Weiuliold, Spici- 
legiiim formulariim usw., Hab.-schrift, Halle 1847, s. 3f. 

'-) Vgl. Wigalois, hrsg. von Pfeiffer, s. XV. 

^) Selbst die tierfabel unterließ nicht die übliche Versicherung, daß 
sie historische Wahrheit berichte; vgl. das mittellateinische gedieht vom 
priester und wolf, Jak. Grimm-Schnieller, Lateinische gedichte des 10. und 
ll.jh.'s, Göttingen 1838, s. 340, str. 1 'narrabo neu ficticium'. 

*) So behauptet Paul Schütze, Das volkstümliche element im stil 
Ulrichs von Zatzikovens, diss. Greifswald 1888, s. 3. 



108 VIETÜR 

eine ästhetische Unterscheidung zu machen zwischen realer 
und symbolisclier existenz, zwischen historischer und ästhe- 
tischer Wahrheit: das epos gebe das ideal der zucht und 
Wahrheit im symbol. ein hühin bilde ist niht ein man: swer 
ave ilit versten Jean, der mac daz versten icol das ez einen 
man hezeichen sol. Und der zweck des erzählten abenteuers 
ist ja ein didaktischer; so mag denn auch ihre art der sym- 
bolischen Verwendung der Wirklichkeit hingehen. 

Die epigonen beteuerten die Wahrheit ihrer angaben 
noch leidenschaftlicher. Rudolf von Ems stellt dem reuigen 
bekenntnis seiner früheren poetischen lügen (vermutlich be- 
arbeitungen von sagen aus dem Gral- oder Artuskreis) die 
Versicherung gegenüber, daß er nunmehr nur noch Wahrheit 
berichten wolle und sich genau an seine quelle halten werde 
(Barlaam, ed. Pfeiffer 5, 10 ff. und 403,23—28). Denn — wie 
er weiß — darstellung der Wahrheit ist wesentlicher zweck 
der poesie; darum hat der dichter sich zu mühen, die rechte 
literarische quelle zu finden (Alexander v. 70; vgl. Ehrisniann, 
Rudolf von Ems s. 8 f.) Im Alexander beteuert er immer 
wieder, daß verlangen nach Wahrheit ihn zur dichtung treibe 
(v. 57— 90; vgl. Beitr. 29,4151). Die Versicherung, daß er 
keine lügen erzähle, gibt auch Konrad von Würzburg im 
Schwanritter (1346 — 1351). Aber er bekennt doch schon offen, 
daß der dichter nicht nur die wiedergäbe von allzu langen 
Vorgängen abkürzen dürfe, wie das häufig im mhd. epos ge- 
schieht; sondern er hat schon so etwas wie das be wußtsein, 
als dichter mit seinem stoff frei schalten zu dürfen, durch 
öconomische auslese der Wahrheit nur näher zu kommen; 
Silvester 656: 

er tet vil dinge bi der zit 
der ich uiht aller mac gesageii. 
daz (leine wil (ich) iu verdagen 
und daz groze künden hie, 
daz er mit siner tugent begie. 

Nur das wesentliche, so darf man auslegen, will er von seinem 
helden berichten. So stellt auch Rudolf von Ems im prolog 
zum 3. buch des Alexander als regel für das Verhältnis von 
historie und dichterischer wiedergäbe auf: langen sin mit 
kurzen worten hegrifen (8021 f.; vgl. Ehrismann, Rud. von Ems 



DIK KUNSTANSCIIAUUN(J OKR HÖKISCIIKN KlMGüNKN. 109 

s. 9). Dahinter steht notwendi«^ die anschaiiung: die einsieht 
in die ewige Wahrheit, die der dichter vermitteln will, ist 
nicht durch vollständige aufzählung der taten des helden zu 
erlangen. Die bewegung in der seele des hörers, welche ihm 
das erlebiiis des sittlichen beispiels geben soll, wird durch 
weise heraushebung des wichtigen und wesentlichen am besten 
erzeugt. Im Troj. krieg findet sich nur die gebräuchliche be- 
ruf ung auf die historische quelle (1380 — 97), und zwischen- 
liinein einmal, als Konrad den wunderbaren palastbau des 
Priamus beschreibt, die beteuerung: swaz ich tu noch entsliezen 
sol, das hahent niht für einen iroum (17560 f.). Aus dieser 
zeit sind mir nur noch zwei nachdrückliche Versicherungen 
historischer Zuverlässigkeit bekannt geworden: die eine bei 
Heinzelin von Konstanz (Von den zwein St. Johansen, str. 9), 
die wichtigere in Reinbots von Durne Heil. Georg 46: 

des buochs sol iiiemen spotten 

dar umb ob ez die wärheit 

in ganzer durnähte seit: 

ich enbin der witze nicht so laz 

ich enkünue ez doch verre baz 

tihten unde zieren, 

mit lügenen florieren 

beide her unde dar: 

nü hat ez mir verboten gar 

von beiern diu herzogin, 

der ich underhoeric bin. 

In ganzer treue will Reinbot also die Wahrheit künden und 
darum alles hinzudichten, alle geblümte rede lassen. So wollte 
es seine gönnerin, die herzogin von Bayern, welche also die 
reine historische Wahrheit vom leben und wirken des heiligen 
zu hören verlangt hatte. Sollte die ausdrückliche Versicherung 
Reinbots, er sei der ivitze niht so laz sich gegen etwaige an- 
griffe der volkssänger richten, welche die legendenerzählung 
nicht als rechte dichtung gelten lassen w^ollten? Oder ist es 
nur persönliche eitelkeit des poeten, der seine künste im 
hohen stil, die er bei dieser aufgäbe nicht anbringen kann, 
wenigstens versichern will? 

Hugo von Trimberg sagt im Renner: mit sündcn er sin 
houhet toubt swer tihtet, des man niht geloubt (1229) und drückt 
damit sentenziös die meinung aus, welche das ganze mittel- 



110 VIETOK 

alter bis tief in die renaissance hinein beheirschte: dichtung- 
liabe sich an die gleiche Verpflichtung zu genauigkeit und 
Wahrheit in der wiedergäbe von Vorgängen zu halten, wie 
menschliche rede und menschliche aufzeichnung. Das war 
nicht foi'mal- realistisch gemeint, sondern hatte seine be- 
gründung in der religiösen und philosophischen anschauung 
der zeit vom wesen der Wahrheit. Da es eine absolute und 
objective Wahrheit in allen dingen gab (gott), die sich als 
i-ealität idealer natur auch im menschen äußerte, so hieß diese 
Wahrheit verschieben, gottes geoffenbarten willen stören und 
den menschen das Weltbild fälschen. Erkennen wie künstle- 
risches schaffen waren ja nur ein nachzeichnen der gedanken 
und Worte gottes. Eigene wege durfte die kunst nicht gehen 
wollen, wenn ihr auch nach Plotins milderer lehre einiges 
schöpferische vermögen in hinsieht auf Idealisierung der nach- 
geahmten ideen zugestanden wurde. Phantasie war nicht ein 
wunder menschlich -schöpferischen Vermögens; phantasie war 
Willkür, gaukelei, Verfälschung, lüge. Das platonisch -aristo- 
telische System belegt diese auffassung erkenntnistheoretisch 
und ethisch; die patristische lehre folgt ihr mit religiösen 
bevveisgründen. Dieser herrschenden meinung paßt sich der 
mittelalterliche dichter an, indem er 1. Aviederholt die historische 
Wahrheit seiner erzählung versichert; 2. sich zur Stützung 
seiner autorität auf berühmte, wenn auch fabulöse gewährs- 
männer beruft. Beide arten der Wahrheitsbeteuerung ent- 
sprechen antikem literarischem brauch, d. h. sie zeigen immer 
wieder die herkömmliche formulierung und den gleichen Inhalt. 
Aber sie beweisen doch, wie man nicht übersehen darf, daß 
die forderung nach historischer Zuverlässigkeit damals sehr 
lebendig war, und ferner, daß der mhd. dichter selber darnach 
strebte. Denn die ernsthaftigkeit seiner Versicherung kann 
man darum nicht bestreiten, weil die art ihrer formulierung 
auf literarischem brauch beruhte. Waren sie in alexandri- 
nischer zeit auch nichts mehr als leere formein: das deutsche 
mittel alter gab diesen beruf ungen neuen Inhalt, erlebte und 
erfüllte sie. 

Im allgemeinen hat man zweifellos den mhd. dichtem 
ihre quellen zu glauben, wo sie heute nicht mehr aufzufinden 
sind. Wollte man die gewährsmänner der bedeutenden epiker 



DIE KUN.STANSCHAUUNCi UER HÖFISCHEN EFHiONEN'. 111 

für fabulöse eifindungen halten, wenn sie uns nicht mehr be- 
kannt sind, so müßte man logischerweise gleichzeitig- annehmen, 
(laß die mhd. dichter in ihrer anschauung von historischer 
wahiheit außei-halb ihres Zeitgeistes gestanden hätten, ^^'äln•end 
(loch die aus der antike überkommene, von dei' patiist Ischen 
lehre (und daher auch von der allgemeinen anschauung) ei- 
liobene forderung nach historisclK^i' Zuverlässigkeit der diclitung- 
von den poeten selbst durch (luellenberufung und häutige be- 
teuerung vollkommen anerkannt wurde. Hätten sie, mit den 
Wölfen heulend, auch nur hin und wieder 'mala fide' gehandelt, 
so wäre das scheinlieilige heuclielei. Denn: sich dem Inhalt 
seiner erzählung nach als zuverlässigen Chronisten aufspielen 
und zuweilen sogar auf die größere genauigkeit gegenüber 
einer leichtfertigen vorläge pochen; gleichzeitig aber nur un- 
zuverlässiger Überlieferung folgen und die gute quelle erfinden 
— das wäre wohl nicht nur nach heutiger anschauung eine 
starke täuschung. 

Auch wenn man die erfind ung fabulöser quellen für nichts 
als überkommenen literarischen brauch nehmen wollte, so wäre 
damit für Wolfram z. b. das problem nur von der ebene philo- 
logischer erörterung auf die der Sittlichkeit verschoben. Was 
für geringere götter als erklärung gelten mag: für einen 
großen dichter mit so starkem sittlichen pathos wie Wolfram 
kann man ein gleiches verhalten nicht annehmen, ohne die 
grundlagen seiner menschlichen persönlichkeit problematisch 
zu machen. Aus der genauen kenntnis der im ganzen mittel- 
alter geltenden und von allen als dogmatisch anerkannten 
anschauungen von historischer und ästhetischer Wahrheit er- 
gibt sich doch wohl zwingend der Schluß: Wolframs Kiot sei, 
wenn auch verloren, doch eine wirklich existierende und vom 
deutschen dichter gewissenhaft benutzte quelle gewesen. Hatte 
Wolfram das Averk des Guiot de Provence (rascantiure) nicht 
vorliegen, so müßte man seine berufung auf diesen gewährs- 
mann durchaus als unbegreifliche täuschung nehmen, i) Denn 
an eine andere wesentliche quelle darf man — da Chretien 
unmittelbar nicht in betracht kommt — nicht denken: Avie 
hätte Wolfram sie bei dem eifer mhd. quellenberufung nicht 



') Vgl. dazu S. Singer, Wiener Sitzuugsber. pliil.-liist. kl., bd. 180. 



112 VIETOK 

nennen sollen? Nicht nur sittliche forderung-en aus der kenntnis 
von Wolframs Persönlichkeit heraus nötigen zum glauben an 
seine angaben — die rechte einschätzung der mittelalterlichen 
anschauung von dichterischer Wahrhaftigkeit, vom unwert der 
poetischen fiction zwingt allein schon dazu. Das (noch dazu 
keineswegs einzig dastehende) fehlen der quelle kann kein 
triftiger gegengrund sein. 

Wie es mit den platten oder fabulösen quellenangaben 
der 'di minores' steht, ist eine andere frage. Ihnen mag 
geringere Zuverlässigkeit mit recht zuerkannt, mag die gefolg- 
schaft überhaupt verweigert werden. Der uuschöpferische und 
durch geringes geistiges vermögen unfreie konnte leichter 
der Versuchung unterliegen, anstelle der gewissenhaften Ver- 
arbeitung historischen Stoffes nach der praxis der Volks- 
dichtung wegzulassen oder hinzuzumachen, was gerade gut 
oder bequem erschien. Gleichzeitig aber sich nach außen hin 
durch nachahmung der formel der quellenberufung salvieren. 
Je weniger wahrhaft schöpferische persönlichkeiten die zeit 
hervorbrachte, desto unsicherer wurde die haltung der 
dichtenden gegenüber ihrem Stoffe. Daß dabei die poetische 
theorie auch weiterhin, ja bis tief in die renaissance hinein, ') 
an der alten forderung nach historischer Wahrheit im dichte- 
rischen werk festhielt, kann nicht erstaunen. Es ist eine alte 
erfahrung, daß die poetischen lehrsätze immer älter werden, 
als ihre schöpferischen erfüllungen. Sie bleiben noch in schul- 
mäßiger geltung, wenn längst schon neue schöpferische kräfte 
ihre forderungen überwunden haben. Die rationalistische 
nachahmungstheorie des 18. jh.'s ist das beste beispiel dafür. 
Für die großen dichter der gesamten mhd. zeit gilt aber durch- 
aus, daß sie die forderung nach historischer Zuverlässigkeit 
anerkannten und daher sich stets an eine Überlieferung mit 
treue hielten, die sich ihnen durch Zuverlässigkeit empfahl. 

4. Das dichterische Selbstgefühl. 
Seine Sendung war dem dichter von der kirche und der 
öffentlichen meinung vorgezeichnet, die kunst hatte nach zweck 
und Wirkung ihren bestimmten platz in der Organisation der 



') Opitz, Poeterey, cap. 3 (nach J. C. Scaliger und Rousard). 



DU«: KitN.sr.\isrsciiAuuN(J dki: iiöfiscmikn kpkjo.vkx. Ho 

christlichen weit. Wie fand sich des mittelalterlichen dichter« 
Selbstgefühl darein? Fühlte er sich als mensch abgesondert, 
herausg-ehoben aus der höfischen und kirchlichen weit? Und 
wie dachte ler über seine poetische gäbe im Verhältnis zu 
anderen menschlichen fähigkeiten? 

Wie naiv und ohne betonten stolz ist die auffassung, die 
Hartmann von seinem dichterischen schaffen hat! Seine 
gelehrsamkeit erwähnt er ausdiücklich, aber das gefühl einer 
besonderen dichterischen Sendung scheint er nicht zu kennen, 
da er nur in mußestunden ouch tihtennes pflac. Er ist ein 
erzähler — damit sind seine absiebten und ist sein Selbstgefühl 
gegeben. Wolfram setzt dem liebenswürdigen stolz des über 
seinen stand gebildeten Hartmann die bekannten selbstbewußten 
verse entgegen (Willehalm 2, 19—22), in denen er ein- 
geborene gäbe und Sicherheit der kunst, die ihm sein sin gibt, 
gegen die gelehrsamkeit ins feld führt. Er ist kein gelehrter 
und braucht es nicht zu sein; seine kunst allein macht ihn 
zum dichter. Walthers starkes Selbstbewußtsein ist schon 
von ßurdach (1. c. s. 28) hervorgehoben worden. Er fühlt sich 
als ratgeber in fragen der menschlichen lebensführung, als 
erneuerer sittlicher grundsätze. Aber dafür hielten sich die 
spruchdichter auch, der Meißner und Reinmar von Zweter. 
Man gefiel sich in diesen kreisen sogar, seine lehrhafte Über- 
legenheit nachdrücklich zu betonen, aber stellen, die auf ein 
gehobenes Selbstgefühl hinwiesen, fehlen nicht nur bei Zweter 
(vgl. Roethe, Zweter s. 203). Die höfischen dichter vollends 
konnten das bewußtsein einer besonderen und sie heraus- 
hebenden Wesenheit nicht entwickeln. Ein solcher stolz würde 
sie notwendig von ihrem publicum abgeschieden haben; und 
sie fühlten sich ja, immer an den hörer denkend, nur als 
glieder der gesellschaft, die durch das band der gemeinsamen 
religion und mehr noch durch die geböte der schicklichkeit 
und durch das höfisch - ritterliche ideal zusammengehalten 
wurde (Burdach 1. c. s. 29). Der höfische dichter der mhd. 
blute hat nur ein sociales Selbstgefühl. Den gedanken der 
poetischen Unsterblichkeit, des nachruhms scheint er nicht zu 
kennen (1. c. s. 30, anm. 8). Dafür erstrebt er um so mehr das 
lob der gesellschaft, in welcher er lebt, mochte er auch seinen 
ehrgeiz nicht gern zugeben (Konrad Fleck, Flore 7998—8006). 

Heiträge zur geschichte der deutschen spräche. 46. § 



114 VIETOR 

Von den gelehrten poeten, den dichtem durch Schulung: schied 
ihn andererseits doch deutlich das gefühl seiner angeborenen 
gäbe. Wie Wolfram meint auch dei- Zweter ivas hilf et 
äne sinne kirnst? (93, l).i) Die spielleute ferner wurden 
durchaus als eine minderwertige sorte poeten angesehen. Mit 
diesen Sängern um des Unterhalts willen, diesen dichtem aus 
beruf wollte der höfische dichter in der blütezeit und später- 
hin nichts gemeinsames haben. Man empfand offenbar nicht, 
daß auch im niederen sängerstand die gleiche seltene kraft 
lebendig war und fühlte sich nicht mit den spielleuten 
gegen das publicum, sondern mit dem höfischen publicum 
gegen die spielleute abgesondert. Bei gelehrten dichtem ist 
diese geringschätzung des spielmanns fast noch größer (vgl. 
Strauch, Marner, QF. 14, 37 anm.). 

Wenn man aus dem kreis dieser anschauungen zu 
Konrad von Würzburg kommt, muß das erstaunen über des 
epigonen mächtiges dichterisches Selbstgefühl fast übergroß 
sein. Ist es möglich, daß in einer epoche starker gesellschaft- 
licher bindung des Individuums sich ein dichter immer wieder 
so scharf herausgehoben und abgesondert fühlt durch seine 
gäbe? In den frühesten werken-) spricht sich des dichters 
stolz noch nicht ausdrücklich aus, und wo er zuerst von seinem 
können redet, geschieht es mit demütiger bescheidenheit. Da 
sein lied der himmelskönigin gelten soll (Goldene schmiede), 
beklagt er die geringe fertigkeit der zuuge, die Unreinheit 
seines mundes. Freilich: wer wäre auch solchen gegenständes 
würdig? Meister Gottfried von Straßburg höchstens hätte die 
gottesmutter besser besingen können, die auch Konrad bei 
seinem unternehmen helfen möge (10 — 15, 870 — 893). Das ist 
religiöse demut und darum kein anhaltspunkt für das maß 
seines Selbstgefühls als dichter, s) Die Sprüche bringen die 
erste wichtige und gleich für Konrads anschauung ungemein 
kennzeichnende formulierung (32,303 — 315): 

') Roethe weist 1. c. ainn. 247 auf äliuliche stellen bei Frauenlob und 
Regenbogen hin. 

2) Ich folge der chronologischen Ordnung H. Laudans. 

^) Wilh. Grimm hält in seiner einleitung (s. XVII) Kourads worte 
für den ausdruck versteckter eitelkeit. Ich wüßte nicht warum? Solche 
entschuldigungen mochten nach der rhetorischen lehre formuliert sein; 
vgl. Ehrismanu, Rudolf von Ems s. 41. 



niE KUNSTANS(MIAUrN(; DKK HÖFISCHEN EIMGOXKN. 111 

elliu kunst geleret 

mac werden schone mit verminst 

w!in (laz nienian «i'elernen kan red nnd g'eddMie singen; 

diu beide müezent von in selben vvuhsen unde entsprintjen: 

üz dem herzen klinj^'en 

nuioz ir begin von gotes gnnst 



Ron darf der sanc niht helfe, wan der znngen nnd der brüste: 

sunder valsche äküste 

get er da von vür alle kunst. 

Jede fertigkeit kann man mit dem verstand erlernen und 
lehren, nur singen und sagen nicht. Diese gäbe kann nur 
gott austeilen, und sie muß unmittelbar aus dem unverbildeten 
inneren kommen. Keinerlei vermittelnde, irdische Werkzeuge 
braucht der sang, außer zunge und atem. Von hier bis zu 
der prachtvollen stelle im Partonopier (122 — 134) ist nur ein 
schritt. Die nachtigall, sagt Konrad, singt oft genug im hag 
und garten, ohne daß sie jemand hört. Darum stellt sie ihr 
singen nicht ein: sie singt sich zu eigener lust schier zu 
tod, da ihr wonniglicher schall sie so schön und lieblich dünkt. 
Konrad wendet sich damit gegen den ästhetischen Unverstand 
seiner zeit: will niemand ihn hören und ehren, der dichter 
dichtet sich selbst zur freude und kurzweil. Das dichten hat. 
meint Konrad, losgelöst vom publicum, rechtfertigung und 
sinn in ihm selbst. Wie der vogel muß der poet singen, sein 
Selbstgefühl ruht in dieser begabung, nicht in anerkennung 
und lohn. 

Diese anschauungen führt Konrad im Troj. krieg weiter 
aus. Auch hier wieder der gedanke des Spruches, daß des 
dichters kunst eine gäbe gottes, nicht ergebnis menschlicher 
bildung ist (73—87); daß ferner angeborene gäbe über erlernter 
steht (wie etwa nach christlicher ethik angeborene tilgend 
über erworbener), wie bei ritterlicher fügend, so bei dichte- 
rischem vermögen (6459 — 67); und daß sagen und singen allein 
von allen künsten (hier in der heute geläufigen bedeutung) 
nur der begabung und der zunge, nicht irgendeines mensch- 
lichen rates oder einer hilfe bedürfen (95—101); und nicht 
anderer gerügte, mit dem si von der hrüste ze lichte künnen 
dringen (128 — 135). Und er führt wieder das beispiel von 
der nachtigall an: wie wenig auch echte kunst noch gilt. 



116 VIETOR 

Konrad will nicht von seinem singen ablassen, weil er singen 
muß, solange er lebt. Sich selbst zu lohn und dank dichtet 
er: ob nieman lepte mer, denn ich, doch scite ich nnde simge 
dur das mir seihen clibige min rede und miner stimme schal. 
Wie die nachtigall sich mit ihrem lied die zeit kürzt, gleich- 
viel ob sie jemand hört oder nicht. Und Konrad setzt noch 
einmal mit stärkstem stolz hinzu: min hunst mir seihen sol 
gezemen (174 — 210). Die besondere kostbarkeit der kunst 
beruht auf ihrer seltenlieit; wie jedermann den phönix lieber 
besitzen würde, als den sperber (32 — 45). Welches Selbst- 
gefühl ihm das bewußtsein gab, den 'phönix' zu besitzen! 
Das dichten ist ein ere ivite erkant und riliche ein ivirdiJceif, 
die got hesundcr hat gdeit üf einen tihtcr uz envelt (88 — 91). 
Immer wieder betont Konrad, daß seine gäbe unmittelbar und 
einzig von gott stamme und darum sich selbst als seltene 
kostbarkeit genügen könne. Die menschen aber, wollen sie 
daran teilnehmen, haben nichts als ehre und ehrfurcht dem 
dichter zu zollen, um dieser seiner von gott kommenden kost- 
baren gäbe willen. Sie sollen zum dichter, nicht soll der 
dichter zu ihnen kommen. Vor menschen legt er nur rechen- 
schaft ab über die reinheit seiner dichterischen absieht und 
den eifer seines strebens (11370—377, 19698—707). Mit der 
starken, sich steigernden betonung des dichterischen stolzes 
will Konrad aber offenbar nicht, wie man gemeint hat,i) die 
freiheit der phantasie des dichters etwa gegenüber dem 
geschichtsschreiber proclamieren. Die mittelalterliche an- 
schauung von historischer Wahrheit gilt, wie gezeigt wurde, 
auch bei ihm. Die absonderung durch theoretische formu- 
lierung seines besonderen wesens als dichter gilt in erster 
Knie dem publicum, in zweiter erst den 'artibus'. Gegen das 
publicum verteidigt er die berechtigung seiner kunst auch 
ohne zweck und nutzen; gegen die gelehrte dichtung betont 
er die angeborene gäbe der poesie; gegen die anderen künste 
der Unabhängigkeit der dichtkunst von sinnlich -gegenständ- 
lichem material. Sie braucht nicht stein oder färbe, nicht 
pinsel oder leier: brüst und mund allein sind die Instrumente, 
mit denen der dichter sich sinnlich äußert; auch sie angeboren 

1) Karl Basler, Kourads von Würzbnrg 'Troj. krieg" und Benoits de 
St. Maure 'ßoman de Troie', diss. Berlin 1910, s, 7 f. 



DIK Kl NSTANSCIlyVt (NC; DKU IIOns( IIKN KI'ICONKN. 11/ 

wie seine sdiöpferisclie gäbe. Geistiges niaterial aber, liisto- 
risclie Stoffe und kircliliclie lehren kann der dichter nicht 
entbehren. Konrad zuerst fühlt sich als dichter aus berufung 
(nicht *von beruf, wie Michael, Gesch. d. deutsch. Volkes 4,85 
mißverständlich sagt). 'Poeta nascitur', das genie, ist von gott 
unmittelbar begnadet: das ist hier, wie Roethe richtig sagt, 
zum erstenmal in mhd. diclitung ausgesprochen worden, i) 
Diese anschauung hat in der folgezeit einige schule gemacht, 
ohne aber je wieder in der großartigen breite und mit solcher 
kraft vorgetragen zu werden, wie bei Konrad (vgl. Burdach, 
Reinmar s. 31). 

Friedrich von öonnenburg gibt geradezu eine parodie 
auf das große thema des von der göttlichen gäbe abgeleiteten 
Selbstgefühls: diu hinst diu nimt durch yot umh ere giiot von 
manegcm werden man . . . diu kunst ist wir der richer gäbe, 
hmst ist gotes barmekeit (4, 15). Gott und geld werden hier 
nach der weise fahrender sängei' geschickt und erbärmlich 
vermischt, das Selbstgefühl der dichter nur soweit genährt, 
als es für eine gute entlohnung zweckmäßig scheint. Bei des 
Sunburgers znnftgenossen, meister Rumezland, kommt wieder 
das Selbstgefühl des gelehrten dichters durch; aber negativ, 
bei der kritik des Marners: wäre er in deutscher und latei- 
nischer spräche so lange unterrichtet worden, Avie der Manier, 
so könnte er auch besser singen (MSH. 3, 56). Die gelehrten 
dichter haben natürlich ein besonders starkes Selbstgefühl 
(Roethe, Zweter s. 192); ihr stolz gründet sich aber eben nicht 
auf ihre dichterische gäbe, sondern auf ihre gelehrsamkeit, 
wenn sie nicht ein genie waren wie Konrad. 2) Der lateinisch 



') Vom altertuin zur gegeuwart, hrsg. von Ed. Norden, Leipzig 1919, s. 158. 

-) Von der einsieht aus, wie stark Konrads Selbstgefühl auf seiner 
angeborenen dichterischen gäbe ruhte, scheint mir die allgemeine an- 
schauung revidiert werden zu müssen, Konrad sei ein gelehrter mehr 
als ein poet gewesen (am übertriebensten ausgedrückt bei K. Basler, 1. c. 
8.133: 'Er Avar weit mehr gründlicher, fleißiger gelehrter als dichter'). 
Gelehrt war Konrad natürlich, und su empfanden ihn ja auch die geringeren 
zeitgenössischen dichter (MSH. 3,100b). Aber Konrad hielt nicht, wie etwa 
Rumezland (vgl. Roethe, Zweter s. 188), gelehrte bildung tür die wichtigste 
tugend eines poeten. Er rühmt sich ihrer ja auch nicht. Man kann, 
scheint mir, an Konrads selbsteinschätzung nicht vorübergehen und darf 
höchstens sagen: ein gelehrter und ein dichter. 



118 VIKTOR 

gebildete Frauenlob rühmt sicli, sicher nicht zum wenigsten 
wegen seines gelehrten Wissens, daß er der 'künste koch' sei, 
dessen Tcunst üz Tx-ezzels gründe gehe (165, 7, 12), und daß er 
der zeit ir wise und wort gebe (174). Das Selbstgefühl bezieht 
sich auch hier wieder auf ganz andere dinge als bei Konrad; 
vor allem auf den erfolg, den rühm und den lolm. Der andere 
Würzburger, Johann, ist in seinem Wilhelm von Österreich 
geradezu das gegenteil an Selbstgefühl. Bei ihm spricht sich 
nur bescheidenheit aus; hunst tvdz und sin fehlen ihm gleicher- 
weise, sein geist ist zu früh aus dem neste geflogen, er darf 
nicht achtung fordern, sondern muß um nachsieht bitten (144 
— 153). Soll er einen seesturm schildern, so bedauert er, nicht 
dichten zu können (293 — 94). 

Nach Konrad von Würzburg ist also so gut wie nichts 
mehr von dem stolzen Selbstgefühl des nur gott verpflichteten 
Sängers zu spüren. 

5. Klagen über niedergang der kunst. 
Ein dichterisches Selbstgefühl, entwickelt aus der reflexion 
über wesen und Wirkung der poetischen gäbe, wie es bei 
einzelnen Vertretern der epigonenzeit, vor allem bei Konrad 
stark betont ist, war veranlaßt durch eine Veränderung der 
Stellung, die der dichter als sociales wesen einnahm. Wo die 
Schätzung der kunst nachließ, mußte der dichter sich selbst 
an weit zuteilen, was er aus dem gefühl seiner schöpferischen 
kraft nehmen konnte und was er andererseits zur behauptung 
seines weltgefühles brauchte Konrads deutung vom seligen 
zwang seines liedertriebes, ohne rücksicht auf hörer und 
gönner, ist die charakteristischste formulierung, die dieser aus 
der zeit geborene stolz fand. Diese zeit war traurig genug. 
Die sinkende kraft des deutschen kaisertums, endlich das 
schlimme interregnum — die blute des ritterlichen wesens 
begann längst zu welken. ') Durch diese trüben politischen 
zustände war der dichter schwer getroffen: sein publicum ver- 
lor Interesse und künstlerische cultur und mit dem aufhören 
der alten freigebigkeit geriet der dichter in eine gedrückte 

') Vgl. M. Manitins. Analektcn zur geschichte des Horaz im inittel- 
alter, Göttingen 1893, s. 99 f. 



IHK KUNSTANSCIlALIUNCi DKK II^)1•■|.^CI1KN KI'KJONKN. 119 

sociale Stellung-. Die vergangene blütezeit des höfischen wesens 
war auch die der deutschen dichtung gewesen. Kein wunder, 
daß der dichter der verfallenden epoche die schönere Ver- 
gangenheit der gegenwart beispielhaft vorhält. i) Wie aus 
diesen Verhältnissen die neigung zur reflexion überhaui)t sich 
entwickelte, wurde schon gezeigt. Nicht nur das publicum, 
auch die zeitgenössische dichtung wurden kritisiert, die un- 
geheuer anschwoll und doch an 'intensio' verlor, was sie an 
'extensio' gewann. Die productive kraft schien zu wachsen, 
indes die ästhetische ermattete. 

Zwar die 'laudatio tempoiis acti' hatte auch in der mhd. 
blütezeit nicht gefehlt. Heinrich von Veldecke beklagt 
schon den niedergang der höfischen minne (MF. 65, 13), nach 
ihm AValther (U, 6),2) der auch gegen die feinde des Jiovc- 
lichen singen, die imgefücgen d(ene (64, 31, w^ahrscheinlich 
Neidhards tanzweisen) polemisiert. Auch das publicum wird 
getadelt: die daz relite singen sta-rent, der ist ungeliche mere 
Banne die cz gerne hcercnt {C)b,n). Auch der Stricker (ein- 
gang des Amis) beklagt sich schon über die Avachsende gleich- 
gültigkeit des höfischen publicums. 

Die klagen über das publicum nehmen aber doch in der 
epigonendichtung zu und werden bestimmter. Im Willehalm 
verwünscht Rudolf von P^ms den zuhörer, der da sitzt mit 
siwtliclien sitten und rät ihm, sich von dannen zu scheren. 
Er wünscht sich als liörer ein mann, dem süeze rede sanfte 
tiiot (36). Seine kritik gilt also der geistigen haltung des 
publicums zur dichtung. Friedrich von Sonnenburg da- 
gegen beklagt sich nur über die mangelnde dankbarkeit, die 
rechter kunst erwiesen wird, indes unkunst allenthalben ge- 
winn trägt. Sein zorn versteigt sich sogar zu der Verwünschung: 
swelch herre unkünsie hilfei unde lät kunst bliben in der not, 
der herre ist etveclichen verloren unde an eren tot (4, 14). Beim 
Sunburger ist der wünsch nach mehr anerkennung allerdings 
deutlich der wünsch nach mehr lohn. Konrad findet sich 
aus der kritik seiner hörer gleich wieder in die heitere ent- 
schlossenheit, sein singen unabhängig vom publicum weiter- 

1) Vgl. E. Joseph, QF. 54, 12. 

2) Vgl. Ed. Wechsler, Das cnlturproblem des minnesangs, Halle 1909, 
s. 345. 



12v) \ii',r()K 

zuführen. Es ist ja um seiner selbst willen von gott gegeben 
und braucht darum nicht beifall: wer solle reiner liinste hört 
dar iimhe län verderhen, oh üigentUche werben niemcn w'olte 
wider in? (Part. 112 ff.). Schließlich gibt es auch in künste- 
armer zeit noch freunde der dichtung: e^ hat noch maneger 
cdelheil und also reines herzen gir daz er sin öre neiget mir, 
swenn ich entsliuze minen list (164 ff.). Ein eigenes gedieht, 
die 'Klage der kunst' aber hat auch er der die kunst immer 
mehr verlassenden frou Milte gewidmet. Mit dem schwindenden 
mäcenatentum der höfischen kreise mußte ja auch die wirt- 
schaftliche grundlage der höfischen dichter vernichtet werden. 
Auch der Troj. krieg beginnt mit bitterer klage des einsam 
dichtenden poeten, der es nicht begreifen kann, wie seine 
seltene gäbe so gering geachtet wird. Wie man edelsteine 
um ihrer Seltenheit und kostbarkeit willen hochschätzt, so 
sollte auch bei höfischen leuten ein gutes gedieht wert ge- 
halten sein durch sine tiuren fremdeheit (Troj. krieg 24 — 31 
und 130 — 141). 1) Aber man hört leider mehr die schemelichen 
wort von hmstelösen tören (148) als auf edele spräche tugent- 
sani (151). Wunderbar genug, wie es zugehen mag, daß hoch 
und nieder die weisen gering werten, die wol gcbhioiiiter rede 
pflegent, diu schocne ist und iccehe (12 ff.).-) Das Selbstgefühl 
des streng höfischen Sängers äußert sich so besonders schroff 
in einer zeit, die die alten tempel kunstvoller poesie zu ver- 
lassen beginnt. 

Hugo von Trimberg, wenngleich er sich selbst über 
das einseitige Interesse des publicums für w^eltliche Stoffe be- 
schwert (Renner 16183 — 16213), weiß eine andere Ursache für 
Konrads fremdheit bei den leuten: ein laie könne seine nach 
dem latein kunstvoll gedrechselten verse nicht verstehen. 
Konrad allein trägt die schuld daran, denn swer tihten wil, 
der tihte also daz tveder ze nider noch ze ho sines sinnes fläge 
daz mittel halten, so wirt er ivcrt heidc jungen und alten 
(1207 — 10). Wilhelm Grimm hält diese kiitik für persönliche 
meinung Hugos (ed. Goldene schmiede, Berlin 1840, s. XVI); 

') Der gleiche gedanke in der 'Klage der kunst' vgl. Joseph, 
QF. Ö4,9f. 

2) Nach Benecke-Müller (TTl, 459b) ist ivcehe hier == 'mit kmist herr- 
lich und fein vollendet'. 



DiK KL'^■«l.^^!!5C'llAUL'^'(i pkk iiokisciikx mmconkn. 121 

dej' ästhetische reiz Konradscher diclitiiiig könne nicht olme 
Wirkung auch auf laien gewesen sein. Beweis dafür sei auch, 
daß der Engelhard noch im 16. jli, gedruckt und die rühmenden 
Worte der zeitgenössischen dichter Boppe, Hermann Damen 
und Eumezland ließen anerkennung auch bei lebzeiten ver- 
muten. Grimm hat sicherlich darin recht, daß Konrads klagen 
wie Trimbergs kritik cum grano salis zu verstehen sind. Hugo 
wünscht, daß geistliche und kunstmäßige dichtung dem volke 
wieder interessant werde. Konrads epen wären, weil zeitlich 
am nächsten stehend, dafür recht geeignet. Nur hindere leider, 
meint Hugo, meister Konrads gelehrte künstlichkeit die breite 
Avirkung. Die gleiche eigenschaft erkennt Konrad selbst seiner 
dichtung zu, nur positiv genommen: weil er ein so kunstvoller 
dichter ist, muß ihn eine mehr und mehr künstelos Averdende 
zeit vernachlässigen. Der ihm vorenthaltene rühm ist zugleich 
das zeichen seines hohen dichterischen Avertes. In nieder- 
gehender zeit, meint Konrad, Avird seltener Avert gering ge- 
achtet. Nur der (lualitätvolle hat Wertschätzung für fremde 
Qualität. 

Eine mitschuld am niedergang der kunst tragen nach 
Konrads meinung auch die unzulänglichen poeten seiner zeit. ') 
Kann man doch kaum noch jemanden finden, der ein meister 
heißen dürfte (Troj. krieg 50 — 54). Dabei nennt sich jeder 
nun einen dichter, der ein paar verse machen kann. Die 
lerchen, die man allenthalben hört, sind leider noch nicht alle 
gute Sänger (Part. 70 — 103). Aber mutig und stolz fügt er 
hinzu: sind der nichtskönner noch so viele, ein meister sol 
nicht läzen doch dar umhe sprechen tmde sanc (106 ff.). Ohne 
die anzeichen des Verfalls bei den zeitgenössischen dichtem 
näher zu bestimmen, tut Konrad sie in bausch und bogen als 
tiimhe ab. Seine hohe meinung vom Avesen der kunst und 
ihrem zweck, sein stolzes dichterisches Selbstgefühl vergleicht 
sich und seine Zeitgenossen an den Averken hoher ahnen; und 
wer konnte da AA'irklich außer Konrad selbst bestehen? Kudolf 
von Ems klagt in der einleitung zum 2. buch des Alexander 
mit gleichen Avorteu, wie sehr die so üppig Avuchernde zeit- 
genössische kunst hinter den meisterlichen Averken der blüte- 



Stelleu ans den sprücheu bei Joseph, s. 13 f. 



122 VIKTOR 

zeit zurückstehe (Beitr. 29, 422 ff.). Gelegentlich erhebt auch 
'deus minor' seine klagende stimme gegen die schlechten 
dichter, so Konrad von Stoffeln im eingang seines Gauriel. 
Hugo von Trimberg warnt noch: scliuolzuM und kunst sint 
serc v(rl-art: ivol im, der niJit valsches lert! (Renner 16555 f.). 



6. Poetische theorie. 

Eine theorie der einzelnen dichtungsgattuiigen und der 
dichterischen technik überhaupt entwickelt sich im mittelalter 
noch nicht. Die h'rik folgte den provenzalischen und neu- 
lateinischen kunstformen ohne theoretische auseinandersetzung; 
das drama führte in wenigen und einfachen formen ein be- 
scheidenes dasein und das höfische epos stand so im bann der 
überkommenen muster (allenfalls gelegentlich aus dem volks- 
epos die strophische gliederung übernehmend), daß eine poetische 
theorie auch hier nicht zur ausbildung kam. Vielseitigkeit 
des technischen könnens wird vor allem vom lyriker verlangt 
(vgl. Hoffa, Zs. fda. 52, 343). Von Tristan wird gerühmt, daß 
er aJh dcvne wußte (3624) und Orpheus ist aus dem gleichen 
gründe der Sänger aller sänger (4788 ff.). Eine der haupt- 
fähigkeiten, die vom kunstmäßigen dichter der mhd. zeit ver- 
langt wurden, war bekanntlich die beherrschung der drei 
stilarten; nach Ciceros benennung (De Orat. 3, s. 199. 212, 
Ad. Herennium IV, 8) der 'oratio tenuior, mediocris, plenior' 
(extenuata, mediocris, gravis), oder nach AValthers bezeichnung 
des höhen, nidern, mittclsivanc (Lachm. 84, 22),0 Die literar- 
historischen betrachtungen mhd. epiker, vor allem diejenige 
Gottfrieds und Rudolfs von Ems zeigen deutlich, wie stark 
der einfluß der antiken rhetorischen lehre auf die anschauungen 
des mittelalters vom stil war. Daß eine dieser drei stilarten 
als für einen wahrhaften poeten einzig zulässig erklärt worden 
sei, kann man nicht sagen. Die slehte rede Hartmanns galt 
durchaus als dichterisch vollgültig, ja Gottfried zog sie dem 



1) Vgl. dazu die ersehöpfendeu ansführungen von Ehrismanu, Sitzungs- 
bericht der Heidelberger akademie, phil.-hist. kl. 1919, 8. abhandl. s. 23 if., 
auf die für diese ganze frage verwiesen sei ; auch Borinski, 1. c. s. 35, wo 
die falschen deutungeu Riegers und Pfeiffers richtiggestellt sind. 



IHR KUNSTANSC'IIAUUNG DKU ll()K| ^( IIKN KI'lCi^NKN. l'i'j 

geblümten stiP) Wolframs vor, der für Kudolf wiederum um 
der gleichen dunkelheit willen, die aus dem den hellenistischen 
asianismus fortsetzenden gallicanischenstil stammte, hinter Gott- 
fried zurückstand. Für sich selbst hielt Rudolf die gemäßigte 
rede als die passendste (prolog zum 3. buch des Alexanders), 
und Gottfried galt ihm, mehr noch als der gleichmäßige Hart- 
mann, darum vor allem als ideales stilmuster, weil er die 
hohe und die mittlere rede meisterhaft zu verbinden verstand. -j 
Diese Wertung der großen epiker nach ihren stilistischen 
qualitäten enthält aber sicherlich viel private meinung Rudolfs. 
Als allgemeine zeitanschauung darf sie kaum gelten. Irgend 
welche schriftliche fixierung fand die lehre von den drei stil- 
arten und ihrer anwendung im deutschen mittelalter nicht, 
wie es ja an poetiken aus dieser zeit überhaupt fehlt. Durch 
mündliche Überlieferung allein vererbte sich das Avissen um 
diese fertigkeiten.s) Im Renner ist noch einmal der mittlere 
Stil als der passendste empfohlen: Swer tihten ivil, der tihte 
also Das wed(r ze niäer noch ze Jiö Sines sinnes ßüge das 
mittel halten (1207 ff.). Was der Marner (XY, 19g) vom 
liederdichter verlangt, sind schließlich selbstverständliche, 
ewige f orderungen, deren platter sinn darauf hinausläuft: ein 
dichter müsse eben dichten können! 

Originalität der stofflichen erfindung wurde bekanntlich 
im mittelalter nicht nur nicht verlangt, sondern galt, aus ab- 
neigung gegen die poetische flction, als unerlaubt. Auch die 
freiheit in der benutzung fremden dichterischen gutes war 
ziemlich groß. Gedanken über die zulässigkeit des plagiats 
machte man sich dabei nicht. Nur ein geistlicher dichter mit 
geschärftem sittlichen gefühl wie Thomasin von Zirclaria 



*) Vgl. Ehrismann, Zs. fdpli. 33, 395 ff., Clerm.-roni. nionatsschr. 1, 664 ff., 
Beitr. 22, 313 ff. 

-) Man darf nicht vergessen, daß die geblümte rede nicht als durch- 
gehender Stil, sondern nur als knnstmittel für den aufputz gewisser teile 
der dichtung in betracht kam; Ehrisraann, Beitr. 22, 322. 

3) Erst Opitz gibt, nach Scaligei's Vorgang, eine oberflächliche regelung 
der drei genera dicendi fPoeterey, ed. Braune s. 33 f.). Hier wird auch 
noch, nach rahd. terminologie, von 'schlechter rede' gesprochen, womit 0. 
das 'tenuis" des Scaliger übersetzt. — Ausführlich äußert sich über die 
drei stilarten noch die poetik des Jesuiten Jac. Masenius, Palaestra elo- 
qnentiae ligatae. Col. 1654, I. teil, cap. 23. 



121 VIKTOR. DIE KUNSTANSCHAUUNG DER HÖFISCHEN EPIGONEN. 

fühlt sich ZU einer rechtfertigung seines Verfahrens gedrungen. 
Wenn er fremdes material zu seinem bau benutze, so sei er 
darum docli ein guter Zimmermann (105): 
116 swer gevuoclicheu kau 

setzen in sime getiht 

ein rede die er machet nilit, 

der hat also vil getan, 

da zwivelt nihtes niht an, 

als der derz vor im erste vaut. 

Der vunt ist worden sin zehant. 



Die vorliegende Untersuchung hat gezeigt, wie selir ver- 
schieden von unserer kunstanschaung die des deutschen mittel- 
alters war. Der kunsttrieb und das bedürfnis nach kunst- 
genuß ist zwar ewig, wie auch das wesen der kunst in seinen 
letzten dingen unveränderlich ist. Aber die rolle, die der 
kunst zugeteilt wird und die sie erfüllt, ist zeitlich bedingt. 
Uns ist die kunst neben der gedanklichen speculation und 
dem religiösen erlebnis eine gleichwertige möglichkeit, die 
weit und das leben zu erfassen. Und die mittel, mit denen 
die kunst diese aufgäbe erfüllt, sind unserer meinung nach 
ihre eigenen. Wir glauben durchaus an eine selbstherrlichkeit 
der kunst in ihrem bezirk. Andererseits haben wir nicht all- 
gemein eine so klare Vorstellung vom Verhältnis der kunst zu 
den anderen geistigen kräften des menschen (besonders nicht 
zu den sittlichen), wie sie das mittelalter hatte. Nicht einmal 
die reinigende Wirkung der dichtung, die in der aristotelischen 
renaissance des 18. jh.'s allgemeine geltung erlangt hatte, ist 
heute unbestritten. An tiefe der einzelnen einsichten in wesen, 
bestimmung und Wirkung der kunst sind wir dem mittelalter 
sehr überlegen. Aber wir stehen ihm nach an geschlossenheit 
und einfachheit der kunstanschauung. Diese allgemeine er- 
kenntnis wie die einzelnen, sehr wesentlichen unterschiede 
unserer anschauung und der des mittelalters gilt es immer 
vor äugen zu haben, Avenn man mittelalterliche dichtung 
betrachtet. 

FRANKFURT a. M. KARL VIETOR. 



WORTDEÜTUNGEN. 

1. Beitr. 44,479 habe icli westf. ämes n. 'mittagsessen, 
fiülistück' und eine anzahl ähnlicher oder gleichbedeutender 
Wörter zu erklären gesucht, über die ich jetzt z. t. anders 
denke. Zunächst steckt in nachbneß 'abendessen' wohl eher 
ein alts. *nu]itmös = ahd. naht-muos und in ämts vielleicht 
ein alts. a-niös, vgl. mhd. a-mät 'das zweite mähen', während 
ommet = alts. *a-metl sein wird. Die Verkürzung des unbetonten 
vocals ist ganz gewöhnlich, vgl. haks 'backhaus', nur die be- 
deutungsverschiebiing bliebe auffällig. Doch bedeutet öiues ja 
auch 'frühstück', ommtt auch 'nachmittagsmahlzeit' (vgl. Woeste 
unter ämes). In mormct 'frühstück' könnte auch alts. *mor(jan- 
meti stecken, während in dem analogisch gebildeten naimert 
'nachtessen' das -r- für -l- stehen würde; onimelt möchte ich 
jetzt auf *ä-mäl-üd zurückführen. In Götting. änielse n, 'abend- 
essen' steckt wohl ein altes *ä-mrd + -se, aber was ist lüne- 
burg. ebens? 

2. Götting. 5(7^ afhastern 'sich bis zur erschöpf ung ab- 
mühen, besonders durch hin- und heilaufen' geholt zu westf. 
hmstern 'laut laufen', 'schlagen', bester m. 'dicker, langer stock, 
knüttel', ostfries. beisttrn, bastern 'blindlings zugehen', Münster. 
sik fcrbastern 'sich verirren'. Mit nengl. baste < aisl. beysta 
hat es natürlich nichts zu tun, doch könnte westf. bcBster 
'knüttel' wohl mit ital. lastone, span. baston, frz. bäton ver- 
wandt sein, wie Woeste annimmt. Dagegen gehört Osnabr. 
verbastern 'aus der art schlagen' zu bastard, vgl. Götting. baster 
'bastard'; ebenso ist Idabastem fern zu halten, i) 

3. Götting. afddken 'abprügeln', ddken 'laut fallen' (von 
abfallenden äpfeln) hat nichts mit dak 'dach' zu tun, sondern 
gehört zu alts. thaJcolon 'streicheln', a,eng\. Paccian 'te clap, 

') Vgl. dazu H. Schröder, Streckformen s. 150 ff. 



126 HOLTHAUSEN 

pat, strike gently', lat. längere 'berühren' und griecli. TtTcr/ojr 
'fassend', 

4. Götting. afprotzen 'kartoffeln in der schale abkoclien' 
gehört zu nhd. brutsein und brodeln, der Übergang von b- > ^)- 
eiklärt sich durch das vorhergehende f. 

5. Götting. mpel 'erdbeere' zeigt einmal assimilation von 
■fb- > -|)- (vgl. pfälz. ej)pes 'etwas'), sodann dissimilation der 
liquiden, wie — umgekehrt — Soester elberte. 

(). Götting. beeilte n, ' Obstdarre'; 'teig, der auf einmal in 
den ofen kommt' ist das mnd. beckecle 'soviel der bäcker auf 
einmal backt'. Bemerkenswert ist der Übergang von li > eht, 
vgl. dazu afteike 'apotheke' sowie kofte 'kaufte', dofte 'taufte'. 

7. Götting. bedrüselt 'betäubt' gehört zu mnd. bedrüseiuen 
'ersticken' und nengl. drowsy 'schläfrig', aengl. drüsian 'schlaff 
werden'. 

8. Götting. bedust 'verdutzt, verblüfft, stutzig; dumm' ge- 
hört zu dösig, dusel, aengl. dysig, nengl. düsij, nhd. tor m. 

9. Götting. bäe 'bahn' dürfte wie nhd. rabe, ivolke zu be- 
urteilen sein, indem bau als plural gefaßt wurde, wozu man 
einen singular bäe bildete. 

10. Götting. behcld m. 'behälter', Soester icask-helt ' Wasch- 
faß' stellen sich zu aengl. geliitld 'secret place'. Der im nd. 
auffällige umlaut stammt wohl aus dem plural, vgl. bend 'band'. 

11. Götting. bdip-, -lif-, -lef-ietken 'kennzeichnen, bezeichnen, 
bescheiden, beschreiben' zu mnd. lik-teken zeigen teils an- 
lehnung an lif 'leib', teils dissimilation: lik- > lip- wegen des 
k in der zweiten silbe. Unklar bleibt nur die form belefteiken. 

12. Götting. bengen 'winden' ist wohl aus be-engen ent- 
standen, vgl. mnd. engen 'drängen, zwingen'. 

13. Goiimg. bennedonne 'belladonna' zeigt eine interessante 
assimilation von l > w der folgenden silbe, vgl. nr. 158 u. IGO, 

14. Götting. berbe, benve 'gutmütig, zahm, ruhig' ist aus 
älterem bederwe entstanden. 

15. Gehört Götting. besiivwt 'vorsichtig', das Schambach 
zu holst, besnveln 'beklüglen' stellt, zu alts. sedo, aengl. sefa 
'sinn'? Das gen. verbum würde ein alts. *t>ibilön voraussetzen. 

16. Götting. be.stalpe.rn 'gerinnen, erstarren' gehört zu 
mnd. stalpen 'stagnare' und dem trans. nl. stelpen 'blut stillen'. 
Weiteres s. bei Falk-Torp unter dän. Stolpe. 



WORTDEUTUNGKN, 127 

17. Göttiiig-. hUli n. 'stück land; gartenbeet; häufe gras, 
heufeld; flecken' ist das nmd. hlclc 'fläche landes, rauni. stelle, 
fleck, flecken' und verhält sich 7A\ jleck wie hIachQ'cld) 7A\ jhicJi, 
t\. \\. flrl-feU wäre > Uelxfeld geworden. i) 

IS. Götting-. hUtteni 'glitzern, funkeln, leuchten' dürfte 
eine niischbildung aus hlinkev und iß/tlern (vgl. nengl. f/lifdr, 
aisl. glitra, nhd. glitzern) sein. 

U). Götting. hol, hol 'was sich geworfen hat, gediückl, 
mürbe', }>oHU "mürbes eis, wind-, hohleis' ist das mnd. hol 
'unterhöhlt, hohl', hol-oft/ch 'porös', boll-is 'wind-, hohleis'. 
Das wort gehört zur idg. wni-zel hhel 'schwellen', vgl. dän. 
schwed. häUn., norw. holen 'geschwollen', norw. hola 'hebung', 
nhd. hall usw. 

20. Götting. hräk 'kind' ist wohl dasselbe wort wie mnd. 
hrak 'gekrach', bezeichnet also eigentlich das lärmende oder 
schreiende kind, einen 'schrei balg'. 

21. Götting. hräme 'bremse' und hrönie 'hornisse' stehen 
im ablaut mit ahd. alts. hremo und zeigt denselben vocal wie 
alts. bremmia, nl. hremme, brem. Vgl. über die verschiedenen 
formen Falk-Torp unter hrcmse 1. Dazu gehören die verba 
brummen 'brummen, dumpf tönen, laut weinen', hramsen 'laut 
weinen', sowie das adj. bramsch 'brummig'. 

22. Gehört Götting. bratztln 'sich mit anstrengung hin- 
und herbewegen' zu ^oi.tvndön 'gehen, reisen'? ftr- wechselt 
bei Schambach mit vr- und ivr-. 

23. Götting. breite, frehe 'herbe, bitter' ist sicher das mnd. 
adverb ivrede = alts. wrMo, hat also nichts mit bred 'bi'eit' 
zu tun! 

24. Götting. breicn 'biennen' entspricht dem mhd. brehtn 
'stark leuchten, funkeln'. 

25. (jiöiimg. hreil, vnil 'bindebaum, knüttel' ist das mnd. 
tvrcdd 'knüppel, knebel'. 

20. Götting. hrickeln 'hin- und herreißen' gehört zu mnd. 
vonvrichn 'verrenken', vgl. Falk-Torp unter vriMt. 

27. Dagegen gehört Götting. bricl-e in en bricken mül-tn 
wohl zu mnd. bricke 'scheibe, brettstein'. 

28. Gehört Götting. hrilU n 'prallen' zu nl. brallen 'prahlen'? 

') Vgl. Behaghel, Gesch. der deutschen spräche* g 233, 5«, s. 215. 



128 llOLTIIAUSEN 

29. Göttiiig. hrist m. 'verkrüppeltes biischwerk' g-eliört 
wolil zu mild, ivrit 'dichter, krauser buscli', eh-ivriäe 'eiclien- 
gestrüpp'; es setzt eine grundform wrlst voraus. 

30. Gütting-. hrite f. 'brodem, heißer dunst' = nind. hrittm, 
ImVem, vrätem scheint ja = aengd. hrced, nengl. hrectth, ahd. 
hrädam zu sein, aber wie verhalten sich die vocale zueinander? 
Auch das anlautende mnd. v- ist seltsam ! hritem könnte allen- 
falls friesisch sein. 

31. Götting. hrunne m. 'brunst' ist eine interessante ab- 
leitung von as. hrinnan "brennen'. 

32. Götting. hülse 'beule' ist eine Weiterbildung von 
westf. hülle. 

88. Götting. däleJce 'dolile' ist vielleicht eine mischung 
von däle und älehe, demin. von Adelheid, vgl. nengl. mag-pie 
'elster' zu Margaret. Nach H. Schröder, Germ.-rom. monatsschr. 
2,187 ist däh'Jce eigtl. 'Schwätzerin'. 

M. Götting. denen, dönen 'plaudern, schwatzen' entspricht 
dem alts. dunnian, aengl. dgnnun, aisl. dynja 'dröhnen'; viel- 
leicht ist es abgeleitet von dem alts. subst. *duni = aengl. 
dgn, nengl. din, aisl. dgnr. 

85. Götüug.dip.sel, tc2JseVmi\tze^ ist wohl durch metathesis 
auch 2^etsel = mhd. hesel entstanden. 

36. Götting. dolk, dulk m. 'wickelhede; zulp' ist = dän. 
dolJc 'klotz', norw. 'klumpen', ablautend mit nd. dän. schwed. 
dalk 'teigige mehlspeise', mhd. talke 'klebrige masse', nhd. talk 
'klotz'. Weiteres bei Falk-Torp unter dolk IL 

37. Götting. dölmer{t) 'dummer, täppischer mensch, tölpel', 
dölmern 'sich dumm, täppisch benehmen', döluiisch, dölmersch 
'albern, täppisch' gehören zu dän. dulme 'schlummern', norw. 
schwed. dolma 'duseln, im halbschlaf liegen', aisl. dylminn 
'gedankenlos'. AVeiteres bei Falk-Torp unter dnlnie. 

88. Götting. dUmiike 'tünche' entspricht genau dem ahd. 
tunihha < 1. tunica. 

39. Götting. dötsch, detsch 'albern, einfältig' gehört zu 
mnd. dutte 'albernes frauenzimmer', das selbst = norw. schwed. 
dän, dott 'büschel, wisch, häufen; Schafskopf, aengl. nengl. dot 
'fleck', nl. dot 'fetzen', nd. dutte, dott 'häufen, wicht, gimpel, 
zai)fen' ist. Vgl. Falk-Torp unter dott. 

40. Götting. dra-, dreschäken 'stark schlagen' ist wohl 



W()uri)KUTrN(;EN. 129 

aus einem älteren terschdlien 'zerschütteln' (alts. skaJcan) ent- 
standen. 

41. Götting-. draiisele 'drossel' setzt, wie meklenburg. 
(haussei, eine form mit nrgerm. ö voraus. 

42. Götting. eppel-, eipdtcre f. 'maßliolder' dürfte dasselbe 
wort sein wie alts. aengl. mainilder\ der umlaut stammt aus 
dem adj. eppelteren = alts. mapuldrin, was zunächst *mepeldern 
ergab (vgl. nhd. eschc nach eschen). Das anlautende m- dürfte 
durch dissimilation gegen das folgende^) oder durch assimilation 
an das folgende d zu n- geworden sein (vgl. frz. Etappe < lat. 
mappa), worauf dann durch falsche abtrennung des unbest. 
artikels Schwund des anlautenden n- erfolgte, wie in nengl. 
an adder 'natter' < a nadder u. ä., vgl. GRM. 2, 187 und 
Zs. fdph. 48, 307. 

4S. Götting. eweJc 'epheu' und iwerscJi adj. 'von epheu' 
sind wichtige nebenformen von mnd. uvcsche, iw-, if-, i-, eig-löf, 
wozu aengl. ifegn, ißg, nengl. ivy gehört. 

44. Götting. gäder f. 'kuchenbrett aus flachen holzstäben' 
ist das mnd. gadcre f. 'gatter', mhd. guter mn. 'gatter, gitter'. 
Es wird wohl zu mnd. gader, mhd. gader 'zusammen' gehören. 

45. Götting, gallern 'peitschen; strömend regnen' ist 
= schwed. gallra 'stark tönen', gehört also zu gellen und 
nachtigall, vgl. noch mnä.galm 'lauter schall', gähnen 'schallen'. 

46. Götting. gehramme n. 'weinen; dumpfer ton' steht im 
ablaut mit brummen und mhd. hrimmen, hremen. 

47. Götting. gavag m. 'bewegung des wassers' gehört zu 
bewegen, vgl. mhd. tvage 'bewegung' = ahd. waga, aisl. vgg, 
aengl. tvagian 'sich bewegen'. 

48. Wie Götting. glaiim 'trübe, lehmig' zeigt, hat mnd. 
glömen 'aufrühren, trüben', glömich 'aufgerührt, trübe, unklar' 
urgerm. ö, wozu sich in anderen dialekten ein damit ablautendes 
glum stellt, das auch in nengl. gloom 'finster blicken' (vgl. 
room < aengl. rum) erscheint. Vgl. denselben ablaut in alts. 
dän. schwed. /lö'kuh' neben afries. aengl. cu, aisl. Jcyr (acc. ku), 
got flödus 'flut' neben lit.j;M9^i 'ins schwimmen geraten', alts. 
hivö 'wie' = afries. aengl. hu, ähnlich ahd. goumo : guomo 
'gaumen' mit dem ablaut au : o. — Sonst käme mischung von 
glmn mit mnd. ivlöm (Soester flaum) in betracht. 

49. Götting. gnösel m. 'verkrüppeltes obst' stellt sich zu 

Beiträge zur gescliichte der deutschen sjirache. 40. 9 



130 HOLTHAUSKN 

aisl. gnüa 4-eibeii', aengl. gnead, gnieÖe 'karg, geizig', griech, 
yravoj 'nage, schabe, knuppere'. 

50. Auf erweiteriing derselben wurzel beruht Götting, 
gmij^pcn 'scliaben, kratzen' = dän. gnubhe. 

51. Götting. göcelig n. 'liederliclies weib' (der vocal weist 
auf urgerm. au) könnte mit \\\\^. gül 'gaul' im ablaut stehen, 
vgl. nl. guil 'stute', schwed. gula 'alte stute, mähre'. Zur 
etymologie vgl. H. Petersson, Ar. u. arm. Stud. S. 107. 

52. G'diimg. gröseVg 'in staub zerfallend, bröckelig', gruseln 
'in grus, staub zerfallen', gehört zu mnd. gros 'zerbröckelte 
steine', woneben griis = nl. gruis steht. Dazu stellen sich 
aengl. greosn 'kies' und alts. griusnia 'mica', ferner mnd. grüs 
'ausgepreßter pflanzensaft' und grüscn 'saft auspressen' (eigtl. 
'zerquetschen') und mit anderem vocal grösinge 'ausgepreßter 
kräutersaft'. 

53. Götting. grutscn 'zusammenfegen' gehört wohl zu grot, 
nl. grut 'schutt, kehricht, abfall', vgl. das entlehnte ital. gruzzo 
'häufe zusammengetragener dinge'. 

54. Götting. gäntje f. 'schnauze, Schnabel, ausguß' stellt 
sich zu mnd. günteke 'schenkgefäß, krug' und lat. furniere 
'gießen', fundihidiim 'trichter' (mit /- < gh-). 

55. Nhd. janlcer, jänher, jänlce, janJcen verdankt sein -n- 
wohl der Umbildung von jacJce durch hanke und lanke 'hüfte', 
denn die jacke ist ein bis an die hüften reichendes kleidungsstück. 

56. Götting. intoder, intür 'verwirrt' gehört zu mnd. tüder, 
tudder 'weideseil, strick', nengl. tether. Weiteres bei Weigand^ 
unter tuder, Falk-Torp unter ieir. Es wurde offenbar ursprüng- 
lich von dem tiere gebraucht, das sich durch hin- und her- 
laufen mit seinem strick und dem anbindepfahl verwickelt hatte. 

57. Das lat. Aegidius Avurde im vulgärlat. zu Aeg'dius um- 
gebildet, woher frz. Gilles, nengl. Giles, nhd. Ilgen stammt. Als 
muster dürften namen wie Rutilius, Pompüius, Qaintilius, 
Caecilius, Lucilius, Manilius gedient haben. Die umgekehrte 
Veränderung findet sich in mwdi. amidon 'kraftmehl' < mm/lmn, 
vgl. unten nr. 201. 

58. Dem nhd. hutzel entspricht Götting. hutje 'getrocknete 
apfelschnitte'. 

59. Bei Weigand sind unter hotte zwei ganz verschiedene 
Wörter zusammengeworfen: 1. hotte 'bütte, rücken-, tragkorb', 



W()KTI)KI'TIIN(JKN. 131 

2. hotte 'butteiinilcli, qiiark'. Letzteres entspricht dem miid. 
hotte, nl. hot 'geronnene milch', buttermilch. molken' und gelitirt 
vielleicht zu lat. cndere 'schlagen'. 

GO. Götting'. hartelhäm 'hartriegel' ist wohl zunächst aus 
hartrelhäm dissimiliert, weitere zusammenziehung- zeigen dann 
hart-, luirtjehäm. 

öl. Götting. hanscennehen 'Hans-Ännchen', d. i. 'zwitter' 
ist eine hübsche parallele zu griech. bQficupQÖöiTOi;. 

62. Götting. häwei{we)ke, -iviivehe, -iveweJce, -tveife 'hage- 
dorn' ist offenbar umgebildet aus mnd. hage-wöpelcen 'hage- 
butte', woneben auch tvepe{ke) 'hagebutte, frucht des Weiß- 
dorns, kornelkirsche' steht. Vgl. auch \i\.wepeldoren = meklenb. 
wepeldurn 'rosendorn' = mnd. ivependorn. Die assimilation 
von wepeJce > tvetveke erinnert an got. plapja 'straße' < lat. 
platea oder an skr. ga^d- 'hase' < *gasd- Ist das wort aus 
\sit vepres 'dornstrauch' entlehnt? 

63. Götting. häl 'trocken', heilig 'ausgedörrt', helling m. 
'trockener ast', /(<i% 'trocken' gehören zu nl. haal, westt häl, 
hM, lett. kals 'mager', Jcalst 'verdorren, trocknen', gr. oxilXcj 
'trockne aus, dörre' usw., vgl. Falk-Torp, Wortschatz s. 459 
unter skel 3. 

64. Mengl. to-mürten 'zerbrechen, -reißen' (intr.) wird auf 
ein aengl. *to-myrtan < urgerm. *murtjan zurückgehen, das ich 
zu air. mdrdati, mrdnäti 'reibt, zerdrückt, reibt auf, mardayatl 
'zerdrückt, zerbricht, bedrängt', av. mardd- 'vernichten' stelle. 
Die Zusammenstellung mit lat. moUis wäre dann natürlich auf- 
zugeben. 

65. Aengl. hafettan 'plaudere' stellt sich gut zu griech. 
xojioc. 'schlag', Tiöjirco 'schlage, klopfe, poche'. Weiteres bei 
Boisacq. 

66. Wenn nhd. bayr. Strauche 'schnupfen, katarrh' < mhd. 
strüche ursprünglich das mit erkältungen verbundene geräusch 
in den atemwegen bezeichnete (vgl. griech. xuQvC,a 'schnupfen' 
zu aengl. hrütan 'schnarchen, tönen'), läßt es sich zu griech. 
{o)rQvl,i:iv 'gurren, poltern, schnurren, brummen', xQvycöv 'turtel- 
taube' stellen. 

67. Nd. holle 'haarschopf, federbusch' stelle ich zu lat. 
celsus, -cello, collis, columen, cuhnen, aisl. hallr, alts. höhn 'hügel', 
aengl. hyll, nengl. hill dass. usw., vgl. Walde unter eelsus. Die 

9* 



132 nOLTHAUSEN 

Zusammenstellung mit mnd. hülle 'kopfbedeckung, kopftucli, 
mutze' bei Weigand^ ist wenig überzeugend. Dagegen gehört 
wieder Gütting. hulleJce m. 'hügelchen' sowie brem. Imll 'er- 
höhter 'rasen" hierher. 

68. Götting. JmUeren 'sausen, brausen' und nordfries. holle 
'stier' sind wohl ablautsformen von nhd. hall und htll. 

60. Götting. JiUme f. ' klebkraut ' gehört zu Ideimen, 
aengl. clcmnan 'beschmieren', ahd. Ideimen 'aus lehm formen' 
< *Idalnijan. 

70. Götting. liift in der redensart: zvat fichrift, dat Idift 
gehört offenbar zu ahd. kllban, aengl. cllfan 'kleiben, haften', 
nicht 'wachsen', wie Schambacli unter Idhven meint. 

71. Götting. krütcr 'leicht in hitze und zorn geratender 
mensch' stellt sich zu aisl. Jcrytja 'murren', Jcryir m. 'dumpfes 
murren', griech. /()rC«' < *5fn<(f;ö' muckse', \?it. gnmdio 'grunze'. 
Gehört dazu auch Götting. Z:>-ö% 'frech, keck'? 

12. Götting. kros 'hart geröstet oder gebacken, hart und 
brüchig, knusperig', krosch 'brüchig, mürbe' gehören zu mnd. 
Z;/-os5ew 'brechen, splittern', schwed./i;-055a' zermalmen'. Weiteres 
s. bei Falk-Torp unter däu. kryste, wo auch noch ahd. krustida, 
-da 'knorpel' zu nennen gewesen wäre. 

73. Götting. kräle 'perle' entspricht dem mnd. kralle, krCde 
'koralle', vgl. nhd. hone < lat. corüna. 

74. Götting. lackern 'flackern, auflohen' ist wohl eine 
mischung von lohtn (vgl. laue, läc 'lohe') und flackern, denn 
an Schwund des anlauts ist doch nicht zu denken. 

75. Götting. lammern 'müßig herumgehen' ist wohl eine 
ableitung von wald. lum 'schlaff'. 

7:>. Götting. Za;7/e5 'ein Schimpfwort: hochaufgewachsener, 
großer mensch', in gräte larges ist wohl der heil. Hdarius, 
dessen name, wie derjenige so mancher kalenderheiligen, zum 
gattungsnamen geworden ist. 

77. Götting. lauke m. 'großer, ungeschlachter mensch; 
großer hund' setzt ein alts. ^/öÄo, got. *löka voraus (vgl. dank 
'buch') und zeigt ablaut mit mnd. lak 'schlaff, lose', aisl. lakr, 
läkr 'gering, nichtswürdig'. 

78. Götting. leiten plur. 'eine hundekrankheit', leitig 
'liämisch' hat wohl ei < alts. eo (vgl. leid 'lied') und gehört 
zunächst zu got. Huts 'heuchlerisch', aisl. Ijütr 'häßlich', lyti 



WOK'l'DKl rUNOKN. 133 

'gebrechen' < Hiitti, weiter zu aengl. lot 'betrug' und lyti(j 
'liinterlistig'. Weiteres bei Falk-Torp, Wortschatz s. 374. 

79. Götting. Une, leine 'sanft ansteigend, sich allniälilich 
erhebend' entspricht genau dem aengl. hicene, nengl. Iccm 
'mager' (eigtl. 'sich anlehnend') zu got. hlains, norw. lein 'hiigel, 
halde, abhang', air. cloen 'schief. 

80. Götting. lögetrene ' Wegerich' bedeutet wörtlich 'lügen- 
tritt' und gehört anscheinend zu schwed. dän. trin, älter auch 
Iren 'schritt, tritt', vgl. den nhd. namen ivegetriü. Da aber 
im Götting. alts. trCida 'spur' als träne erscheint, wird auch 
obiges Irene besser als Umformung von trede zu fassen sein. 

81. Götting. loh m. 'drittel eines getreide- oder kleebundes; 
anzahl, menge, häufe', löclven 'getreide oder klee in kleine 
biindel zusammenharken' gehört wohl zu nhd. loche in der 
ursprünglichen bedeutung 'etwas zusammengebogenes, ver- 
knüpftes'. 

82. Götting. luntjen 'schlummern' gehört zu mhd. nhd. 
lunseti, worüber Weigand-Hirt nichts zu sagen weiß. Das 
richtige geben Falk-Torp unter dän. lente und lunte. 

8)3. Wie Götting. niars neben ärs 'arsch' steht, findet sich 
auch masch 'hölzerne Schachtel' für mnd. asch. Das anlautende m 
entstand durch falsche abtrennung eines vorhergehenden dem, 
am, im, fam, tom usw. So hörte ich auch von kindern motel 
für hötel {im, am, vom hötel usw.). Vgl. Zs. fdph. 48, 307 und 
312 anm. 

84. Götting. matönje 'päonie' scheint an mat 'maß' an- 
gelehnt zu sein, während Osnabr. ^a^öw^/e an jj«^ 'pfad' erinnert. 

85. Götting. märte ^nmr, alp' ist offenbar mitmar^e'marder' 
zusammengeworfen. 

86. Götting. miJcerig 'klein, fein, unleserlich' gehört zu nd. 
micke 'brocken, bißchen, kleines kind oder brot' < ml. tnicca 
= lat. mlca 'krume, brocken', vgl. Falk-Torp unter miJcmak. 

87. Götting. mirren 'wimmern, winseln' ist wohl eine neu- 
gebildete ablautsform zu murren. 

88. Götting. möh m. und mök n. 'häufe, menge' gehören 
zu mhd. mocke, vgl. Falk-Torp unter dän. muge I und mukker. 

89. Götting. mörken 'sich abmühen, angestrengt arbeiten' 
gehört zu md. murksen 'schlecht arbeiten, an etwas herum- 
schneiden'. 



134 iiüi/niAUSEN 

1)0. Götting. nllje 'lilie' ist ein lelineiclies beispiel für 
dissimilatioii; vgl. dazu alem./a^^ewe^?^ 'sacktuch' < li-dA. fassoletto. 
In alem. üge ist das erste l geschwunden. 

Ol. Gütting. quulm 'qualm' zeigt dieselbe ablautsstufe wie 
aengl. divolma 'Verwirrung'. Vgl. auch bayr. dolm. 

92. In den mir bekannten Wörterbüchern fehlt bei aengl. 
snlcan (dazu nengl. sneah < *sncecan?), aisl. smJcja, schwed. 
sniJca, dän. snige das ndd. sn^keln 'schleichen' (vgl. dazu Ndd. 
correspondenzbl. 34, s. 86, anm. 64). 

93. Nd. j^rw?/ Jiolen 'sich schicken, zufrieden geben' ist 
wohl eine Übersetzung des frz. tenir sa imrole (vgl. ib. s. 83 
und 85). 

91. Nd. rahanJcen 'lärm machen' (ib. s. 83) ist eine Streck- 
form von mhd. rauhen 'schreien, brüllen', bayr. ranketi, ronken 
'schnarchen', vgl. auch mnd. runken 'schnarchen'. Ähnliche 
formen s. bei H. Schröder, Streckf . s. 58 f. Es scheint mit griech. 
(tiyxoj, Qtyxm 'schnarche' verwandt zu sein, wenn auch der 
Wurzelauslaut verschieden ist. 

95. Nd. runksen 'nachlässig gestützt sitzen' (ib. s. 83), in 
Lübeck sik runksen 'sich hinflegeln', 'sich recken' (s. 86) steht 
im ablaut mit nhd. mnl. ranken 'sich ausstrecken', vgl. Falk- 
Torp unter dän. rank. Es zeigt dieselbe vocalstufe wie ai. 
nJjdti 'er streckt sich'. 

96. Nd. smül mäken 'unverhofften gewinn machen' (ib. 
s. 83) steht für smü = nhd. schmuh < hebr. schmä'ä. Das -l 
erklärt sich vielleicht durch einfluß von miil, denn das wort 
bedeutet Ja ursprünglich 'nachricht, gerücht, gerede', vgl. nhd. 
schmus < dem plur. schmuötli. 

97. Nd. ünnermel 'mittagsruhe' (vgl. ib. s. 2 und 76) ent- 
hält als zweites glied wohl das mnd. wel{e) ' Wohlsein, -leben, 
-behagen' < alts. tvelo, aengl. tvela; m wäre somit durch assimi- 
lation von n ■{• tv entstanden, wie in nd. men 'nur, aber' < alts. 
ne-ivan (vgl. Germ.-rom. monatsschr. 2,187). Die alts. grund- 
form würde *undlrn-tvelo sein. 

98. Daß nd. kanthaken aus kamnihaken entstanden sei 
(vgl. ib. s. 14), scheint mir unglaublich. Nach Weigand-^ ist 
kanthaken 'ein eiserner haken, um lasten an der kante zu 
packen und fortzubewegen', ähnlich erklärt es Woeste: 'haken 
zum umkanten der ballen'. Wie es zu der bedeutung 'hals' 



WOIM'DKUTUNGKN. 135 

oder 'iiacken' gekommen ist, vermag ich nicht zu sagen. Sagte 
man vielleicht zuerst: 'jemanden mit dem kanthaken packen'? 

99. Nd. rant 'streit- und lärmsüchtiges weib (ib. s. 30) 
gehört offenbar zu älterem nl. randten, nengl. to rant 'eifern, 
wüten, schwülstig reden', hat aber schwerlich etwas mit nlid. 
ranzen zu tun. Dagegen ist das ib. erwähnte siJc afrantanicrn 
'sich abmühen, -arbeiten' Streckform von rantern, und scheint 
zu schwed. ranta 'hin- und herrennen' zu gehören. 

100. Das ib. s. 32 recht abenteuerlich erklärte slammatje 
ist inzwischen von H. Schröder s. 198 f. als Streckform von 
latje befriedigend gedeutet worden. 

101. Nd. lurewel 'geflochtener ring' (ib. s. 33) ist dasselbe 
wort wie dän. vrevl 'art backwerk, gewundener teekuchen', 
zu vrevle op 'entwirren', '^ sammen 'verwirren', dial. auch 
vravle 'zusammendrehen', schwed. norw. vravla 'faseln'. Falk- 
Torp vergleichen nengl. ivrap sowie QtJico 'schwanke', Qoöip 
'reisig', lit. verpiü 'spinne', norw. orv, schwed. aisl. orf, mhd. 
ivorp ' Sensenstiel ' u.a.m. 

102. Götting. ivamhet n. 'Wildheit der kühe' ist das mnd. 
ivan-hete m. 'koller', eigtl. 'walmbiß'. 

103. Götting. ivarive, tvarme 'wirbel am spinnrade' = mnd. 
wcrve zeigt dissimilation von w > m wie nhd. walm. 

104. Götting. hräsche, hresche, vresch{e), wasche 'Schwaden, 
getreidehäuf chen, reihe geschnittenen getreides' scheint zu lat. 
versus 'furche, linie, strich' zu gehören. Im anlaut stehen 
hr-, vr- öfter für altes tvr-; ivasche zeigt metathese und Schwund 
des r vor seh, vgl. brem. wirse. 

105. Götting. dellig, delg 'dicht, fest, feucht' klingt an 
mhd. talJce 'klebrige masse' an, ohne daß ich den Zusammen- 
hang jedoch für sicher halten möchte. 

106. Götting. ülequappe 'kaulquappe' ist wohl durch 
dissimilatorischen schwund des anlautsconsonanten aus Mle- 
quappe entstanden. Vgl. aengl. preost 'priester' < lat. ^jrae- 
positus (Hörn). 

107. Götting. s wachen 'schwappen, schwanken' scheint auf 
Vermischung von sivappen und swanken zu beruhen. 

108. Nhd. schlier 'mergel' < mhd. sUer 'lehm, schlämm, 
geschwür', obersächs. schliere 'schleimige masse', nengl. dial. 
sleery 'schleimig', slur 'schlämm' möchte ich nicht mit Falk- 



136 UULTllAL'tJEN 

Torp, Germ, wortscli, s. 540 zur wurzel slii- 'schlaff', niiid. 
sluren 'schlottern' usw., sondern lieber zu lat. lii-tum 'schmutz, 
kot', pol-luo 'beflecke', lu-strum 'pfütze', griech. Xv^a 'schmutz', 
Xv^Qov 'besudelung', air. loth 'schmutz', kymr. lludedic 
'schlammig', lit. lutynas, lutyne 'pfuhl, lehmpfütze' usw. stellen. 

109. iy'öiimg. iwappeln 'plaudern, schwatzen' ist entAveder 
durch metathese aus plappern entstanden, oder beruht auf 
Vermischung von paptpeln mit rappeln oder mit mwL pratelen 
= nengl. prattle. Schließlich wäre auch assimilation aus 
piratteln denkbar, wie in got. plapja < lat. platea. 

110. Götting. bieten, üt^ 'herumsprechen, ausplaudern, 
-schwatzen, klatschen' stimmt so merkwürdig mit nengl. hlow 
(up) 'verraten, ausplaudern' überein, daß ich beide auf ein 
gemeinsames verbum (alts. *bläian, aengl. hläwan 'blähen, 
blasen') zurückführen möchte. 

111. Mecklenb. fladtis 'haube mit flatternden bändern' 
ist wohl dasselbe wort wie westf. fladrüse, Götting. fantüseke 
'frauenmütze', dessen Ursprung Schambach richtig in frz. fon- 
tange 'bandschleife auf dem köpfe' sieht. Woeste vergleicht 
noch preuß. fladruusch bei Frischbier. Das mecklenburgische 
wort scheint an fladuse 'Schmeichelei' < frz. flute douce an- 
gelehnt zu sein. Vgl. auch Götting. Mnhelfüse im bienenstock- 
rätsel. 

112. Nd. Tdäd f. 'flachsbund' (vgl. Nd. correspondenzbl. 34, 88) 
bedeutet wohl etwas fest zusammenhängendes, geballtes, und 
entspricht mhd. Mate 'kralle', setzt also ein mnd. Vdade voraus. 
Vgl. dazu norw. Jdadd 'klumpen, büschel', nd. kladdern 'klettern' 
(eigtl. 'festhaften, sich anklammern'). Zu derselben wurzel 
gehören lat. galla, gleha, ylohus, glomiis usw. 

113. Nd. trügel 'kumme, holzteller' (vgl. ib. s. 84) setzt 
ein alts. *trugil oder ^trkigil voraus, das mit trog und aisl. 
tryyill im ablaut steht. 

114. Imme erwähnt im Nd. correspondenbl. 36, 39 eine be- 
zeichnung für einen geistig beschränkten menschen: nieselpriem 
als ihm unklar. Es wird doch wohl eigtl. 'nasenpfriem' be- 
deuten, vgl. westf. nüdS'l 'nase' zu nl. ncus und neuzelen 
'schnüffeln'. 

115. Ebenda s. 42 wird schnörgel, Schnorchel für 'uase' 
und 'pfeife' erwähnt. Woeste verzeichnet ein westf. snörgel 



WOK'IDKUTUNUKN. 137 

'unreine tabakspfeife', snürgeln 'vom tone, den eine solche 
hervorbringt' und verweist auf Friscli 2,21(3: schnorgeln 'durch 
die nase reden'. Es scheint mit nörgeln oder schnarchcti ver- 
wandt zu sein. 

116. A. a. 0. s. 90 veröffentliclit Brinkmann eine anzalil 
Avörter aus dem Münsterlande, von denen einige eine erklärung 
verdienen, äivwen ist das mnd. öwen 'eigtl. 'üben'; für amauges 
1. amauges (^xestf. mangsf); buJikelbeere 'schwarze Johannisbeere' 
scheint eine Umbildung von hickheere 'heidelbeere' zu sein, die 
schon mnd. hidhere heißt. Ist dies vielleicht durch assimilation 
aus pili-herc 'pechbeere' (Avegen der färbe) entstanden? duclcs 
'einfältiger' stellt sich zu mnd. diiclie 'törin'; äiveU 'gehirn- 
wurm' gehört zu mnd. divelen 'irren', got. dwals 'töricht'; 
fr ante 'maulwurf ' ist = mnd. wrote 'wühler'; gewe 'fest, gesund' 
= mnd. geve 'annehmbar, gut, unverletzt' (nhd. gähe)\ glint 
•zäun' = mwdi. glint, nl.glinting; gniesen 'gesiebter schneiden' 
gehört zu westf. mnd. gnesen, ostfries. gnisen\ jölp 'schlechter 
hund' gehört nicht zu nengl. tvhelp, sondern zu nengl. gel}), 
aengl. gelpan, mhd. gelfen 'kläfen', vielleicht ursprünglich jc>7jj- 
himd?\ leier 'wange' ist = mnd. ler, aengl. hleor; neupen 
'weinen' verzeichnet Woeste als nöpen neben möptn 'gesiebter 
schneiden, den mund verziehen' (vgl. nengl. mope, nhd. mops)] 
wenn die Wörter identisch sind, liegt bei nöpen dissimilation 
vor, wie bei roman. nappe (nengl. naphin) gegenüber lat, mappa\ 
reuJclos ist 'ruchlos' = nengl. recliess; sinder 'kohlenasche' ist 
eher = mnd. sinder 'metallschlacke' als lat. cinerem. Die 
anderen Wörter sind entweder hinlänglich deutlich oder mir 
ganz dunkel, wie hiesewick, hlenze, fasJiet, Jciddig, klüft, mansedel, 
quikerig, scliäärhäätsch, siilt, tauffink, vernöken, wenneken (mnd. 
wenncke). Ich empfehle sie der aufmerksamkeit der forscher. 

117. Götting. polene 'rolle des windseils, winde' ist das 
mnd. polleie, -leine < frz. xioulie, vgl. ne. pidly. Das -n- stammt 
wohl von line 'leine', 

118. Ein schönes beispiel von dissimilation zweier -r- bietet 
mnd. paderel 'ein belagerungswerkzeug' = mhd. pheiercere, 
pfederer, pheter ' Schleudermaschine ' < mlat. peträria. Vgl, dazu 
nhd, marmel, alem. mar fei und engl, marhle 'marmor'. 

119. Ebenso dürfte mi\d. pulm et neben pulpet 'pult' auf 
dissimilation beruhen, wie mnd. kimmieldtir neben kummendur 



138 HOT.THAUSEN 

'komtur'. Zu diesem vgl. Kölner hommiüjon 'communion" und 
Soester omlihus 'omnibns'. 

120. In mnd, vlverc 'feifel' < mlat. vtvolae liegt einer der 
fälle vor. wo l ohne ersichtlichen grund > r geworden ist 
(vgl. umgekehrt alem. Jcüche 'kirche'). 

121. Götting. rören 'zum zweiten mal pHügen' kann natür- 
lich mit lat. aräre, griech. aQÖco nicht verwandt sein, sondern 
gehört zu lat. ruere "aufreißen, wühlen, scharren', griech. 
tQvöix^ojv 'erdaufwühlend', got. riurs 'vergänglich", ahd. riostar 
'pflugsterz', mhd. rune "wallach' usw., vgl. Walde unter ruo 3. 
Die germ. form des verbs wäre *raurön oder ^rauzon. 

122. Nhd. tverre 'maulwurfsgrille' gehört m. e. zu wurm, 
lat. vermis usw. (vgl. den namen 'riedwurm') zur wurzel "^vcr-. 
Das zweite -r- in werre kann altes r oder z sein. 

123. ^Ixi^.palsternaTie 'pastinake' könnte dissimilation eines 
älteren 'yarsferval-c sein (wie alem. alder 'oder'), das zunächst 
durch vorwegnähme des y aus ""pasternaJce entstanden wäre 
(vgl. frz. tresor < thesaurus, nd. trigtor 'theater', mecklenb. 
triptätcr 'deputäter' mit assimilation von d- an -^). Das an- 
genommene "^pasteniaJie selbst müßte sein ;• auch nach irgend 
einem muster eingeschoben haben, etwa wie pastor oder pakr 
iwster? 

121. Mnd. hntmmeJhere "brombeere' (zu alts. hrämal) zeigt 
im vocalismus anlehnung an hrummen. 

125. Götting. schreileti 'sengen' gehört zu schreien (vgl. 
ahd. screiön) wie sengen zu singen und h-eiscken trans. zu 
kreischen intr. 

126. Mnd. schuft 'widerrist', Götting, ~ 'hüfte, hinterbug', 
nl, schoß 'Schulter' sind offenbar identisch und zeigen 5-präfix 
gegenüber air, güpti- 'hüfte'. 

127. Götting. schrüpe f, 'halbierter, hohler, über graben 
gelegter baumstamm' scheint eine erweiterung der in schrot, 
Schröter, nengl. shreic, shreä, shroud vorliegenden wurzel "^skreii- 
' schneiden' zu sein. 

128. Götting. scimcher "nachlässiger mensch' gehört zu 
norw. seimcn 'saumselig, langsam' und aengi. seomian "hängen, 
liegen, bleiben', aengl. scemra < *saimiza 'schlechter', säm- 
'halb-', eigtl. 'schlecht-'. Vgl. dazu Falk-Torp, Germ. Wort- 
schatz s. 438 f. 



vv()icri)K(rruN(JKN. 130 

129. Mild, alet 'rohe, biegsame liolzstaiige, liolz zur balkeii- 
belegimg, kleiiiliolz', Götting. sleite f. 'hölzerne stange, buchenes 
«luerholz über den scheunenbalken' ist das mlid. sleite, nlid. 
sc1ilei(k 'leuchtspan, leinwandfetzen' und gehört zu alts. slitan 
'schleißen, spalten'. Dieselbe stufe erscheint in aengl, slcetan 
'hunde anhetzen' < *slaifjcm. 

130. Neben mm], slip^^en 'gleiten' steht ein zweites slippen 
'einschneiden, schlitzen, zerreißen', wozu ich slippe 'rockschoß, 
-Zipfel; streifen landes, brandgasse', Götting. sUppiye 'boden- 
einsenkung, engpaß' stelle. Da -pp- < idg. -pn- entstanden 
sein kann, dürfte lit. sUypüti 'zerstücken' und Jdijpas 'läppen, 
ackerstück' sowie aengl. tö-slifan 'spalten', nengl. sliver 'ab- 
geschlitztes stück' und nind. slef 'großer löffel' dazu gehören. 
Mit Schlipfen und schleifen hat wL slippe nichts zu tun! 

131. Götting. slunh m. 'peitschenschnur' gehört zu schwed. 
mnd. mh^.slank 'schmächtig, lang, schlank, biegsam', nengl. dial. 
slinh 'schmächtig'. Dasselbe wort ist wohl Götting. slunh 'kohl- 
stengel', während slunh ' Schlund, Schlucht' zu Schlund gehörte. 

132. Nhd. schnarren 'stück, brocken; eine speise', älter 
nhd. isschmarre ' eiszapf en' gehört vielleicht zu griech. iJtQo^, 
fwQcov ^teiV, \d,t. mcreo 'erwerbe'? Weiteres bei Boisacq unter 

(itlQOflCU. 

133. Götting. smart 'schmutzig', smarte f. 'schmutz' stellen 
sich zu got. smarna 'kot' und fioQvoaco 'besudle' oder zu lat. 
merda 'kot', ?i\i'&\. smradu 'unflat'. Vgl. aber auch götting. sw^eV 
'schmutz, kot' (zu nhd. schmieren). 

134:. Götting. spolh m. 'splitter, spahn' steht im ablaut 
mit nl. spalh dass. 

135. (yötimg. Stoiker 'steifer, unbehilflicher mensch' gehört 
zu aengl. stealc 'steil', stalcian, nengl. stalh 'vorsichtig gehen', 
dän. stalhe 'einherstolzieren', lit. stalijus 'trotzig, frech', mit 
ablaut. 

136. Götting. strünen 'strömen' (vom regen) gehört mit 
ablaut zu ström. Bemerkenswert ist das verschiedene suffix. 

137. Götting. stüper, stüp-haun 'huhn ohne schwänz' ge- 
hört zu unserem stief- in Stiefvater usw., vgl. noch aengl. 
ästiepan 'berauben' = ahd. ar-, hi-stiufen. Das gleichbedeutende 
stüwer dagegen stellt sich zu Götting. stuive 'zeugrest' = mnd. 
stüve und mnd. stüven 'abstumpfen, -stutzen'. 



140 IIOLTHAUSEN 

138. Götting. ivaul n. 'Unkraut' ist = miid. alts. ivol 'Un- 
heil, verderben'. Bemerkenswert ist die bedeutungs Verschiebung. 

139. Zu aengl. u-wfJirm "unsinn reden', norw. vava dass., 
lit. vapeti 'plappern' stellt sich noch Götting. tveffeln ' belfern« 
keifen'. Dagegen ist nengl. wliiff'le 'pfeifen' fern zu halten. 

140. Nd. westf. splentern 'spritzen' ist wohl durch dissimi- 
lation »Mi^'^spr entern entstanden, vgl. aisl. sprctta intr. < *sprintan, 
desgl. kaus. < ^sprantjan. Nhd. sprenzen dagegen kann aus 
*sprengeseti entstanden sein. 

l-ll. Mecklenb. hurren "schwirrend fliegen' entspricht dem 
mhd. hurren 'sausen' sowie dem nengl. hirr, hurr, das seit dem 
16. jh. belegt ist. Natürlich sind dies alles schall Wörter ohne 
historischen Zusammenhang. 

142. Mecklenb. alf 'albernes frauenzimmer' ist = mnd. 
«//''böser geist, elf; dazu gehört das sidj. alwsch 'edheni', ent- 
sprechend mnd. dvisch 'verwirrt, geisteskrank'. 

143. Mecklenb. begänschen 'begütigen, beruhigen' gehört 
offenbar zu gaud 'gut', steht also für älteres "^be-gäudescheu, 
vgl. mhd. güeten 'gut machen' ■= aisl. göda, schwed. güda, dän. 
gjedc 'mästen, düngen'. 

144. Mecklenb. blag-raak 'tannenhäher' besteht aus blag 
'blau' und raak = aisl. hroJcr 'garrulus cristatus'. 

145. Mecklenb. bläustrig 'plustrig, erhitzt', blosser 'paus- 
back' scheint zu mhd. bluost, aisl. blöstr 'blute' zu gehören, 
die ursprüngliche bedeutung wäre also 'blühend'. 

146. Mecklenb. blucken 'aufblitzen, -flammen' gehört zu 
lat. flagräre, fulgere, griech. (pXeyeiv. nhd. blank, blenken, blinken, 
blecken, nl. blaken 'flammen' und aengl. bhecern 'leuchter'. 

147. Mecklenb. bräsel m. 'kurze pfeife', wenn auf alts. 
*brusil beruhend, stellt sich zu mnd. bröscJi 'zerbrechlich', 
aengl. brosnian 'zerbrechen (intr.), brysan 'zerbrechen' (trans.), 
ahd. bröstua, alts. brösmo 'brocken', mir. brüini 'zerschmettere', 
alb.&rfsew 'hagel', IdX.frUstum 'brocken'. Weiteres bei Weigand- 
Hirt unter brauschc, brosame und bei Walde unter früstum. 
— Anders beurteilen die genannten Wörter Falk-Torp unter 
dän. bruse. 

148. 'Mn&.bros-becn {l -bereu?) 'wachholderbeeren' gehört 
zu norw. bruse 'wachholder', das Falk-Torp unter dän. bruse 
'brausen' stellen. 



WOKTÜKUTl'NtJKK. 1 J 1 

149. Meckleiib. huclspriet 'bugspriet' zeigt volkstümliche 
anlelinung an hucJc 'bock'. 

150. Mecklenb. hünzeln^ nesteln, knüpfen, zusammenwickeln, 
-flicken' gehört zu nl. hun{d)sel =^ hiindel 'bündel'. Dazu auch 
h'inddn 'ausreißen, davonlaufen', eigtl. 'sein bündel schnüren'? 

151. Mecklenb. hutlcrn 'stampfen, pochen' gehöit zu aisl. 
hauta, aengl. heatan, ahd. hömn 'stoßen', aengl. hiittuc 'hintere', 
vgl. Falk-Torp unter dän. hut 'stumpf, kurz und dick'. 

15'^. Mecklenb. däivh 'kleine nase' ist = mnd. dövilr, nl. 
deuvik 'zapfen', verwandt mit nhd. döbel, nengl. doivel, griech. 
Tv(fOQ 'keil', vgl. Falk-Torp unter dyvel. 

153. Mecklenb. drömt 'ein getreidemaß, 12 scheffel', mnd. 
drömet, dramet < lat. tremodium zeigt im anlaut anlehnung an 
drei '3', wie drülich < lat. trüix. Das ö ist labialisierung 
vor m. 

154. Mecklenb. finsiel 'fetzen, Schnitzel' ist eine nasalierte 
nebenform zu mhd. vlscln 'fasern, franzen'. Dazu gehört nhd. 
finzelig 'überfein'. 

155. Mecklenb. /^«ite/w 'flackern, schweifen, herumspringen' 
entspricht genau dem aengl. flicorkui 'flattern' (vgl. säker 
'sicher', fJämern 'flimmern'). 

156. Mecklenb. fJaktur 'fractur' ist ein neues beispiel für 
liquidendissimilation, desgl. scMetär 'secretär'. Vgl. nr. 160. 

157. Gehört mecklenb. von flüssen 'von frischem, mit er- 
neuter kraft' zu nhd. fiechse 'muskel- und gelenkfaser' (zu 
flachs) ? 

158. Mecklenb. Mhen 'kübel' ist eine interessante neben- 
form des hd. Wortes. 

159. Mnd. töte f. 'mähre, stute; gemeines weib', mecklenb. 
tat 'stute' verbinde ich mit nl. teilten 'saugen', nhd. tüttel, mhd. 
tütel 'punkt', ahd. tuta, -o, mhd. tute 'brustwarze, weibl. brüst', 
nengl. tittle, nl. tittel, mnl. tote. 

160. Mecklenb. Jcnägllch 'kläglich' zeigt dissiniilation von 
l > n wie nhd. hiohlauch, knäuel] mnd. knenlik 'zart, fein' < 
klenlik, knepel 'klöppel'; auch in mecklenb. knüteri 'schnitzelei, 
kleinarbeit' gegenüber mnd. klüteren 'kleine tischlerarbeit 
machen' liegt dissiniilation der liquiden vor. Warum ist aber 
in mecklenlß. hindelst, hinnelst 'hinterste' l für r eingetreten? 
Offenbar durch den einfluß des gegenteils vöddelst, vördclst 



142 HOLTHAUSEN 

'vorderste'. Danach dürfte sich auch hüteist 'äußerst' (zu 
hüten) gerichtet haben. Vgl. etwa aengl. m(ßst nach Mst. 
vulg.-lat. grevis nach levis u. a. m. Eine andere dissimilation 
liegt vor in mecklenb. lanMng 'nanking', wo n > l, sowie in 
dissentür 'deserteur', wo r > n geworden ist. Assimilation 
liegt wieder vor in mnd. Irister 'klistir', teilweise in mecklenb. 
Tiarmenade 'carbonade'. Vgl. auch nr. 156 u. 180. 

161. Mecklenb. demolei 'Schlägerei, streit, händel' aus frz. 
dtmele zeigt wohl anlehnung an demolieren, ebenso dreiguner 
'dragoner' an dreigen 'trügen' und 'drehen'; mnd. drummeldar 
'dromedar' an drunimeldörries 'einfaltspinsel' und drummel 
'trum, stumpf, gedrungener mensch, harter kot, teufel'. Etwas 
anderes ist das nhd. trampeltier. 

162. Mecklenb. rämel 'rain' gehört zu aengl. rima, nengl. 
rim 'rand', aisl. rimi 'streifen landes', ofries. rttn 'rand'. Zum 
vocalismus vgl. däg 'gedeihen' < mnd. dege < alts. *tJiigi. 

163. Mecklenb. westf. eJcstern 'quälen, ängstigen' stelle ich 
zu got. agis, aengl. egesa, ahd. egiso 'furcht, angst, schrecken', 
norw. egse 'aufgeregtheit'. Wegen der lautlichen entwicklung 
vgl. nd. nl. ekster 'elster' = mnd. cgester. Eine andere laut- 
form erscheint in mnd. eisen 'grauen, schaudern', eislc, eisliU 
'schrecklich, häßlich' < alts. egislik. 

164. Mecklenb. jöAtZ« 'spaßen, scherzen' ist eine ableitung 
von ISit.jocärJ, vgl. miü.joclcen. 

165. Mecklenb. lumpen 'lahmen, hinken' steht im ablaut 
mit nengl. limp (zu aengl. lemp-halt). 

166. Daß alts. lugna, mnd. lögene, löchene 'flamme' langes 
ö < germ. au hat, Avird durch mecklenb. läuchen m. 'glut, blitz, 
flamme' bewiesen, dessen diphthong allerdings unregelmäßig 
ist, da man ö statt äu erwarten sollte; das äu ist nämlich in 
der regel der umlaut von au < germ. ö, vgl. häiilcer 'büclier'. 
Aber auch sonst steht äu unregelmäßig, z. b. in laus 'geleise' 
und lausch 'schilf = mnd. lesch, westf. laisk, nhd. liesch. Alts. 
logna steht also für urgerm. *laugina, vgl. ahd. loug, aber es 
muß eine unsynkopierte form daneben gegeben haben. 

167. Mecklenb. wrägel ' zankteuf el, brummbär' entspricht 
einem 2i\i^.*ivrigil und gehört zu mw^.ivnch, w^wgX.ivry 'ver- 
dreht', mhd. rigcn 'kämpfen', mengl. wraw, wrough 'verkehrt, 
zornig' < aengl. '■ivräh = mnl. nnl. wreeg, ureef, vgl. Björkman, 



WOKTDKU'rUNGKN. 141^ 

Xeiiia Lidensiana. Stockliolni 1012, s. 191 f. und meine be- 
mei'kungeii IF. 25, 151 sowie Fraiick-van AVijk unter ivrtef, 
endlich P'alk-Torp unter vrikke. 

108. Mecklenh. risentircn 'visitieren' zeigt w-einsohub wie 
die bekannten englischen Wörter night ingale, mcssamjer usw. 
Das Vorbild war vielleicht präsentieren und lamentieren. 

1()J>. Mecklenb. verdören 'verwinden', sik ^ 'sich erholen, 
beruhigen' gehört w^ohl zu nind. dar 'passend, tunlich' r— mhd. 
dn^re 'paßlich, tauglich'. 

170. Eine neue etymologie von nhd. hoffen, aengl. hoi^imi 
stellt Jespersen in der Nord, tidskr. f. fil., 4. rsekke, YIII, 151 f. 
auf, indem er es mit aengl. hop n. 'zutiuchtsort' (in mar-, f'en- ^ 
Beow.) verbindet; tu-hopa 'hoffnung' würde also eigtl. 'zuflucht' 
bedeuten. ^\^enn er dann aber Aveiter an aengl. hoppian, nengl. 
hop 'hüpfen' anknüpft, so ist dies kein neuer gedanke, da 
bereits Weigand^-Hirt (ob mit recht?) hoffen und hüpfen zu- 
sammenstellt! Die Vermutung endlich, daß auch 'deugl. hype, 
nengl. hip 'hüfte' dazu gehöre, ist schon alt, vgl. Walde ^ unter 
ctibitum, wo auch noch weitere verwandte genannt sind. Warum 
aber Jespersen mengl. nengl. hope 'stück eingeschlossenen 
landes; kleines eingeschlossenes tal; kleine bucht' von aengl. 
hop trennen will, sehe ich nicht ein, da sich diese bedeutungen 
alle leicht aus der grundbedeutung ' Wölbung, krümmung' ab- 
leiten lassen. 

171. In frz. tante ist im wortanlaut der anlaut der zweiten 
Silbe vorweggenommen. Eine schöne parallele bietet alem. 
poperment 'operment, arsenik'. 

172. Mecklenb. hiclc t 'winde zum einholen der linken 
Seite (bickflucht) der heringswaden' ist wohl = norw. hikjc, 
hikkja, dän. hikke, aisl. hikkja, aengl. hicce, nengl. hitch 'hündin'. 
Vgl. nhd. hiiud 'kleiner ofen, hemmgabel', sowie die bezeich- 
nungen hitch, dog für verschiedene englische w'erkzeuge und 
frz. chien 'hahn am gewehr, förderhund, lauf karren, bandhaken, 
dregganker'. Gehört hierher auch unser hickbeere? Vgl. him- 
heere < hindbeere, ferner kronbeere, himdsrose u. a. m. 

173. Nhd. gräting 'rost- oder gitterwerk' (in der seemanns- 
sprache) gehört schwerlich zu grat, wie Hej'ne in Stenzels 
Seemann. Wörterbuch meint, sondern ist entlehnung aus engl. 
grating. 



144 iioi/riiAUsEN 

174. Nlid, Ideist 'glattbutt' (rliombus laevis) gehört zu 
Meister < mhd. Mister, Mei, lit. glitits 'glatt, klebrig', lat. glns 
'leim' usw. 

175. Zu nd. l-olJi 'wasserlocli' gehört noch aengl. cylccm 
'ructare', vgl. nd. holken 'sich erbrechen'. 

170. Ndd. hrappe sce hat nichts mit Jcrahhe zu tun (Heyne 
bei Stenzel), sondern entspricht aisl. Irappr, dän. schwed. hrapp, 
nl. hrap 'kurz, knapp', verwandt mit nhd. h-ampf. 

177. ^\\öi. paddel 'eine art rüder' stammt wohl von nengl. 
paddle 'kleiner spaten', so genannt wegen der ähnlichkeit. 

178. Nhd. p)e(jel hat nichts mit lat. haculus zu tun, sondern 
gehört zu m\?ii. pagella, wovon auch dilvz. paele kommt. 

179. Nhd. topp{c)nant f. 'tau vom topp eines mastes, einer 
Stange nach der nock einer rah, eines giek- oder ladebaumes, 
bootsdavits, um sie zu stützen, zu heben oder zu senken' ist 
wohl = toppenliand. 

180. Wenn Woestes erklärung des Ortsnamens Lüdenscheid 
< Luidolfessceide richtig ist, so ist er durch dissimilation aus 
Lüdelscheid entstanden. Vgl. den umgekehrten Übergang von 
n > l unter nr. 160. 

181. Mecklenb. ylüdern 'von unten ansehen, schielen' ge- 
hört zu mnd. gluren, nengl. glower 'lauern, schielen, glotzen'; 
das -d- vergleicht sich dem -d- in nhd. Jiaudern. Über weitere 
verwandte vgl. Falk-Torp unter dän. glühende. 

182. Mecklenb. hart-fratsch 'nicht wählerisch' gehört zu 
mnd. vrätzich 'gefräßig', das wieder aus dem mhd, stammt. 

183. Mecklenb. krett 'das hintere verschlußstück zwischen 
den Wagenleitern; der räum davor' gehört zu alid. /cre^^o, mhd. 
Jcretse, ahd. kratze 'korbgeflecht' und aengl. crcet 'wagen'. Das- 
selbe bedeutet mecklenb. küsser (woher ?). 

184. Mnd. mecklenb. küscl 'wirbel' ist wurzelverwandt mit 
griech. yvQog 'rund', yvQog 'kreis' usw. Weitere -s-erweite- 
rungen der wurzel sind: aisl. /.;;ö55 'höhlung, bucht', mnd. küse, 
nl. kuis 'keule', mnd. küse, nl. kies 'backenzahn', nl. keuzelen 
'mit schnellkugeln spielen'. 

185. Mnd. wrase 'rasen' hat neben sich die ablautsstufe 
ivröse, vgl. dazu mecklenb. tvrauscn 'rasenstücke'. 

186. Mnd. Walen 'wälzen' entspricht genau Rsliiv. valiti und 
aind. vdlate. Weiteres s. bei ^Yalde unter volvere. 



WORTÜEUTUNGEN. 145 

187. Mecklenb. vergritzt ^verschmitzt; bissig-, verdrießlich, 
ergrimmt' stellt sich zu dän. grklsk 'gierig', früher 'grimmig, 
verbittei't', schwed. grish 'heftig, derb, begierig', aisl. gnö 
'lieftigkeit", m\\&. grtl 'begierde', vgl. Falk-Torp unter gridsl:. 

188. Mecklenb. verhornt -verblüfft' gehöi't wohl zu dän. 
schwed. hom 'fehlschlag, -schuß', nl. honmien, nengl. hoom 
'dridinen', dän. bornre 'schlagen, klopfen'. 

189. Zu den von mir in Beitr. 44,481 besprochenen westf. 
fraise, trudsel 'holzbirne' gehört auch noch aisl. tros n. 'abfall, 
reisig', aengl. trüs, nengl. dial. trouse 'brushwood, cuttingsfrom 
hedges or copses', vgl. das NED. unter trouse und Ritter, Engl, 
stud. 54, 100. Sollte nicht auch got. ufartrusnjan sich dazu 
stellen? Vgl. Frantzen, Neophil. VI, 43 f. 

190. Wenn Gütting. holst, vünsch 'aufgebracht, zornig, 
boshaft', wie Schambach annimmt, aus veninsch 'giftig' ent- 
standen ist, hat man dissimilatorischen Schwund der silbe -en- 
anzunehmen. Der Übergang von i > ü dürfte sich durch ein- 
Jiuß von lünsch 'launisch' erklären, wenn nicht rundung durch 
/■- vorliegt, vgl. dän. schwed. fyrabcn 'feierabend'. 

191. Aengl. nengl. furlong hat eine schöne entsprechung 
in mnd. vorling, Götting. vorli{n)g 'V2 morgen'. 

192. Götting. volkern 'die hühner nach eiern befühlen' 
wird eine /t- er Weiterung von alts. folian 'fühlen' sein, wie 
nengl. talh, wall; aisl. hlidka usw. 

193. Nhd. flause für älteres fause erklärt sich leicht durch 
den einfluß des gleichbedeutenden flocke; in Götting. vlentjen 
'leichtsinniger(s) junger(s) mann, mädchen' = imiä.vente, ventken 
dagegen dürfte einfluß von flott vorliegen. 

194. Götting. flcetangel 'unflätiger mensch, grobian' möchte 
ich aus flwt-tanger mit assimilation von r an l erklären. 

195. Der umlaut in nd. säs 'sonst' ist m. w. noch unerklärt. 
Vielleicht ist er durch assimilation in der häufigen Verbindung 
ümsüs 'umsonst' entstanden? 

196. Götting. täl 'schlank' zeigt dieselbe bedeutungseut- 
wicklung wie nengl. tall 'groß' gegenüber aengl. getcel, alts. 
giial, ahd. gisal 'schnell', 

197. Mnd. tost 'samenkopf, Götting. tost m. 'zweig, ende 
der peitschenschnur, zotte', töstelke f. 'samenkopf der klette' 
gehören wohl zu norw. tos 'faser', nengl. touse 'zausen', nhd. 

üeiträge zur geschichte der deutschen spräche. 46. J^Q 



146 nOLTHAUSEN, WORTDEUTÜNGEN. 

sausen, m\\äi. züse 'gestrüpp, liaaiiocke' usw., lat. dümus < dusmos 
'gestrüpp, dichter straucli' und ir. doss ^hiisdi' <*dHsto. Eine 
nasalierte form der wurzel erscheint in Götting. tunsen 'zausen', 
wenn es nicht eine mischung von dingten und iUsen ist. 

198. Götting. tüleii 'zausen' geliört zu mnd. (hI 'büschel. 
flocke' = nl. tnil 'strauß'. Wenn tnl < *tnJda- entstanden ist, 
gehören die wöi-ter zu ziehen'' lat. dncere usw. 

199. Wenn unser ivicJit (got. icaihfs, aisl. vcf(r, vceir, ritr, 
ahd. aengl. ivild) ursprünglich 'lebendes Aveseu' bedeutete, so 
ist es mit aslav. vesti 'ding, sache' auf idg. "^vektis zurück- 
zuführen, das eine ableitung von der wurzel *y<v/ in lat. ve(jere 
'munter sein', vcgctin 'rührig, lebhaft', vigil 'wachsam', ai. 
vajas 'kraft, Schnelligkeit', väjayati 'treibt, läuft' sein dürfte. 
Aus dem germ. gehören also dazu aisl. val-r, aengl. ivacor, ahd. 
ivachir 'rege, munter', goi. icalMU 'wachen', ivoliains ^wach^w'' 
usw. Ob in aisl. vcetr < *ivahtiz nicht eine ablautsform von 
iviht vorliegt? 

200. Götting. taddih m. 'dotter; stengelmark; eiterzapfen' 
ist wohl nur eine lautliche Variante von duddeh 'eiterzapfen', 
das zu nhd. dotter < ahd. totoro == alts. dodro und -Aengl. dydrm<j 
gehört. Weiteres über die wurzel '^dJuidh s. bei Falk-Torp 
unter doddcr, dude, dar I und dott. Dazu gehört noch nl. doten 
(Kiliaen), nengl. dote und mhd. totsen 'schlafen'. 

201. Nhd. amchncld 'kraftmehl' bringt Weigand'^-Hirt mit 
ahd. nmar 'sommerdinkel' zusammen. Eher wird es, wie nengl. 
mmjl, aus lat. amyJum < griech. a^wXov 'stärke' stammen, das 
im mnd. als (rnddom, -dimh, anidnnJc = frz. aniidon erscheint. 

202. Islml.tarras 'wall, bastei, bollwerk' ist das frz. terrasse 
und zeigt angleichung des vortonigen vocal an den betonten, 
ähnlich Avie lat. pro portiöne < ^^rcJ partiöne, vgl. Walde, 
IF. 39, 93 oder frz. dimanche < vulglat. *diniinica für dominica. 

KIEL. FERDINAND HOLTHAUSEN. 



DKR LAU^rWANDKL -h- > -ir- IN P.ADKN. 

(Mit karte.) 

Die grenze stube : stuwe im elsässischen ist aus der karte 
in Martin -Lienliarts Wörterbuch bekannt. Für Württemberg 
liat sie H. v. Fischer in seiner Geographie der scliwäbischen 
mundart, karte 19, im groben angegeben; Karl Braun liat sie 
bei Heilbronn, Carl Haag bei Schwenningen verfeinert. In 
Baden gilt seit Fischer die Einzig als scheide; seine angäbe ist 
übergegangen in Behaghels Geschichte der deutschen spräche ^ 
s. 212, in das mhd. elementarbuch 2 von Michels s. 96, in den 
Abriß der deutschen grammatik von Hans Schulz s. 71. Daß 
diese grenze unrichtig gezogen ist, mußten schon die arbeiten 
von Heimburger (Ottenheim), Schwend (Oberschopfheim), Jäger 
(Mahlberg), Ehret (St. Georgen i. Br.) zeigen. Es verhält sich 
auch nicht etwa so, daß die lautgrenze in jüngster zeit ge- 
wandert wäre und Fischer den älteren, die doctoranden den 
neuesten lautstand geboten hätten. Heimburgers arbeit ist 
1888, sieben jähre vor der 'Geographie' erschienen; jede um- 
frage bei alten bürgern von Lahr, Emmendingen, Waldkirch 
ergibt, daß man schon vor 50 jähren in einem breiten strich 
südlich der Einzig intervocalisch iv für h sprach, was auch 
Birlinger 1868 (Alemannische spräche rechts des Kheins, s. 139) 
für die Lahrer gegend bezeugt. Für die völlig fränkische 
Stadt Buchen (nicht ihre Umgebung) gibt allerdings Breunig 
1891 (Programm Tauberbischofsheim s. 32) ausdrücklich Ver- 
schlußlaut & au; es handelt sich aber offenbar um eine örtliche 
und ständische sondertümelei, eine art honoratiorensprache; 
im übrigen ist seine arbeit durchsetzt mit lautgesetzlichen tv, 
so in drglwi 'ergibig' s. 12, envl 'erdbeere' s. 17, usw. 

Ich habe nun die badische h : tt'-linie von ort zu ort fest- 
gestellt. Maßgebend war das wort srihd : snivd; mitverglichen 
wurden außer sehr vielen gelegenheitsbelegen besonders abend, 
leben, leber, aber, erben, halber, ferner hafer ^= alem. liaber, 

10* 



148 OCHS 

und mit etymol. iv gerhen nebst färben. Abweichungen vom 
musterwort schreiben haben sich fast nirgends eingeben (siehe 
s. 150f.). Die Verbindung Selbstlaut + ?^ + Selbstlaut und die 
Verbindung liquida + b + Selbstlaut werden gleich behandelt, 
ebenso die seltene Verbindung Selbstlaut + b f liquida (/■«/»•//.) J) 
Der lautwechsel b : w waltet in sehr vielen Wörtern, fällt abei' 
nicht schroff auf. Beim Übergang von mundart in die ver- 
schiedenen stufen der Umgangs- und Schriftsprache geht der 
«<.'-mann mehr oder minder geschickt von w nach b über. Ein 
beispiel ist der grüß 'guten abend' in verschiedenen graden 
der echtheit und gewähltheit. Jedoch belassen solche leute 
das tv in verdunkelten formen. 

Mein verfahren war das gemischte. Ich durchwanderte 
den landstrich im august 1919, mich ortsansässigen gegenüber 
meist als stummer zuhörer verhaltend, ohne auszufragen. Die 
ergebnisse verglich ich mit dem zettelvorrat des badischen 
Wörterbuches. Schließlich bat ich noch den ortsältesten haupt- 
lehrer vieler dörfer schriftlich um bescheid. Diese herren 
haben mir fast ohne ausnähme freundliche, oft vorzügliche 
auskunft erteilt. Die gegenseitige ergänzung der drei quellen 
erwies sich als durchaus nötig. Der unterschied zwischen b 
und lü ist besonders schwer festzustellen, wenn man ins gebiet 
erhaltener mhd. kürzen (bei schwach geschnittenem accent) 
gerät (I'^b9, 'vivere', aber). Da ich aus dem ?f-gebiet stamme 
und von norden her wanderte, war ich öfters versucht, die 
grenze etwas zu weit nach Süden vorzutiagen, bis sich zeigte, 
daß ich schon um ein dorf oder zwei ins 6 -gebiet geraten 
war. Die bewohner solcher orte dicht südlich der grenze 
(z. b. Kirchhöfen, Göschweiler, Reiselfingen) sind sich bewußt, 
ein richtiges b zu sprechen, aber dies habe nicht die stärke 
wie weiter im Süden; sie würden als phonetiker etwa von 
'schwacher lenis' reden. 2) 

Ich habe mich rasch überzeugt, daß die b : w-h's.ge gegen- 
wärtig nicht zusammenhängt mit der zweiheit kurzer : langer 
vocal, auch nicht mit der vocaldehnung in offener silbe. Man 

') Auch demiuutiva wie laible ' weck', kälble dürfen hier geuauiit werden, 
da h erst zu lo wurde, als diese worte längst zweisilbig geworden waren. 

-) Correcturnote: Dazu vgl. jetzt Bohnenberger in den Württemb. 
Jahrbüchern 1918, s. lÜO, und linie 15 seiner karte (südende unrichtig). 



DKK I.AUTVVANDEL -i- > -(,;. IN HADKN. 110 

findet beispielsweise im «<;-gebiet des anites Neustadt i. Scliw. 
erhaltene kürze, im niarkgräflerland dagegen bei erhaltenem b 
durchweg vocaldehnung. Immerhin, auf der strecke Schram- 
berg — Lenzkirch, d. h. in ihrem nordsüdlich verlaufenden stück, 
hat die i-linie ähnlichkeit mit der vocaldehnungslinie, sie er- 
gänzen sich und schaffen im nordwesten mehr rheinische, im 
Südosten mehr echt alemannische züge. Von Lenzkirch bis 
zum Rhein zieht die />-linie Avestlich und ist teilweise mit der 
Bohnenbergerschen Knie L-ind : chind verflochten. Die einzige 
große Stadt der landschaft, Freiburg i. Br., schlägt sich in 
Sachen des h wie auch in Sachen des Je auf die nordalemannisch- 
fränkische Seite (wie schon Wilmanns in seiner Grammatik !•', § 73 
angibt). Jedoch ist Freiburgs ausstiahlungskraft nach süden 
und Westen liinsichtlich des h noch geringer als bei /,•. Jene 
Verflechtung der beiden linien gewinnt noch an reiz, wenn 
man die elsässische entsprechung mitbetrachtet. Bekanntlich 
liefert die lautgeographie für Baden und Elsaß oft ein Ver- 
hältnis der 'verschobenen Symmetrie', d. h. linksrheinische 
eigenheiten treten getreu und in richtiger reihenfolge auch 
rechts des Stromes auf, aber um eine strecke talwärts gerückt. 
Im oberen Elsaß stößt die /i;-linie zwischen Klein-Landau und 
Homburg auf den Rhein, die h-\ime (^t/'-orte cursiv!) gleich 
nördlich davon zwischen Homburg und Ottmarsheim. Auf der 
badischen seite muß man durch die ämter Müllheim und 
Staufen flußabwärts wandern, um endlich unterhalb Hartheim 
(A.-Staufen) die /i-linie wiederzufinden. Noch einige kilometer, 
und man stößt, zwischen Gündlingen und Breisach. auf die b- 
linie. Beide Sprachgrenzen erscheinen demnach nach norden 
verschoben, aber unter Währung ihrer reihenfolge. Zwischen 
Rhein und französischem Sprachgebiet laufen die linien in 
geringer entfernung nebeneinander her, berühren sich einmal, 
dann bleibt die 6-linie wieder etwas nördlich ab, aber ganz 
im Westen kreuzt sie sogar die Z;-linie. Auch das hat sein 
gegenstück in Baden. Die 6-linie trennt zunächst den Tuni- 
berg vom Kaiserstuhl, mündet westlich von St. Georgen i. Br. 
in die Ä;-linie ein, verläßt sie sofort wieder zwischen Wittnau 
und Au, erreicht sie aufs neue zwischen Sankt Ulrich und 
Hofsgrund, springt wiederum ab zwischen Altglashütten und 
Bürental; und bevor sie sich endgültig von der A-linie weg 



150 OCHS 

nach norden wendet, scheint sie diese einen augenblick zu 
kreuzen: in dem kleinen, abgelegenen Grünivald südöstlich von 
Lenzkirch gilt gegenwärtig ch-, aber -iv- (beobachtung des 
herrn hauptlehrers Fesenmeyer). 

Folgendes ist der genaue verlauf der ?>-linie zwischen 
Ehein und württembergischer grenze: Gündlingen Breisach., 
Merdingen Ihringen Wascnweiler Gottenheim, Waltershofen 
Umkirch, Opfingen Sankt-Nikolaus Lehen Bctzenhcmsen Frei- 
hurg, Tiengen St. Georgen i. Br.., Leutersberg Merzhtmsen, 
Wittnau Au., Sölden Ilorhen, St. Ulrich Hofsgrund, Muggen- 
brunn Todtnauberg St. Wühehn, x\ltglashütten Bärentai, 
Raitenbuch Faihm Saig, Fischbach (nördlicli des Schluchsees) 
Linzlärch, Schluchsee Grünivald, Holzschlag Gündelwangen 
Gösch Weiler Kappel (A. Neustadt), Rötenbacli Neustadt i. Schw., 
Friedenweiler Budenherg Schicärsenhach Oberbränd, Dittis- 
hausen Unterbränd, ^Valdhausen Hubcrtshofen, Bräunungen 
Bruggen, Donaueschingen Aufen Wolterdingen, Aasen Grüningen, 
Heidenhofen Kiengen, Dürrheim Kirchdorf Marbaeh, Schwen- 
ningen Villingen, Dauchingen Weilersbach, Deißlingen Kappel 
{A. Villingen), Niedereschach Neuhausen, Fischbach (A. Villingen) 
Erdmannsweilcr Burgberg, Sinkingen Weiler {A. Villingen), 
Dunningen Schönbronn. Hiermit ist die linie auf württem- 
bergisches gebiet übergetreten, auf dem sie dann, die badische 
grenze östlich von Schiita eh- Schenkenzell nur noch einmal be- 
rührend, nach nordnordost strebt. 

Das heikle stück dieser lautgrenze ist die gegend von 
Lenzkirch, in der sie aus der westöstlichen richtung in die 
südnördliche übergeht. Bei Lenzkirch treffen sich mindestens 
vier verschiedene arten des alemannischen; eine grammatik 
dieses landstriches tut dringend not ! Er ist schwach besiedelt; 
die bevölkerungsverschiebung in den letzten 30 jähren beträgt 
bis zu 500/0, zuzug von orts- und stammesfremden ist häufig. 
Das erschwert die beobachtung (zumal auch die erhaltung 
mhd. kürzen gerade hier mitspielt) und macht die Zugehörig- 
keit einiger orte fraglich. Kappet A. Neustadt scheint völlig 
zu schwanken. Für Falkau habe ich vermerkt (z. t, mit hilfe 
des dortigen haui)tlehrers, herrn Kienle): w gilt in abend, 
schreiben, leben, (dier, halber, .filber; dagegen b in erben (+ färben 
+ gerben). Ahnlich, aber nicht genau so, liegen die dinge in 



DKK I.AUTWANDKI. -h-y-'W- IN BADEN. 151 

dem benachbaiteu Sdifj. Ich sehe hierin iiiclit den re.st einer 
alten sonderbehandhing- des h nach r (die anderwärts beseitigt 
wäre), viehiiehr glaube ich an dialektniischung. In Gottmheim 
am Tunibei'g steht nach liquida immer iv, aber im familien- 
namen der Werber hört man meist h: einfluß der schriftform. 
Umgekehrt kann man in i^achheira und Bonndorf von polizei- 
dienern und ähnlichen angestellten zum zeitwort gehen ein 
participium gqwe hören, obwohl die oite ganz im i^-gebiet 
liegen; aber das echt alemannische particip hat ja den labial 
in diesem wort überhaupt beseitigt, und y^ive ist nachahmung 
der 'feineren' Umgangssprache fränkischer Verwaltungsbeamter. 

Das lautgesetz, wonach -h- im nordwesten -ic- wird, hat 
drei einschränkungen: a) h bleibt in neuen fremdwörtern. 
Hierher gehört das masculinum rä>ä 'die untersten großen 
blätter der tabakpflanze', mir bekannt aus Ringsheim, = Eis. 
wb. 11,218; das ältere fremdwort tabah hat dagegen laut- 
gesetzliches lü. b gilt in trlhunal, kahinett Jcarbol, flohert 
'Spatzengewehr V) ^^ aber in tribulieren, trabanttn,l:arbatsühe, 
nobel, trubel, balbieren 'barbieren', fabriJc, überhaupt in der 
mehrzahl der fremdlinge, so auch in den Elässer und Kaiser- 
stühler formen für 'torf, die auf frz. tourbe zurückgehen 
(Eis. wb. II, 711). Auch der mädchenname Bärbele (Barbara) 
wird wie ein erbwort behandelt, während ich in Bdlbln < lat. 
Baibma festes b hörte. 

b) Verschlußlaut b bleibt auch in Zusammensetzungen wie 
Freiburg, Wallburg (ein dorf), SeebucJc Bleibtick (geländenamen), 
JDebacher (familienname), stvieback, rauhbauzig 'barsch'. Maß- 
gebend dabei war der durchsichtig zweigliederige bau dieser 
Worte, das gefühl, es eigentlich mit einem wortanlaut-) zu 
tun zu haben. Wo dieser einfache auf bau durch laut- oder 
bedeutungswandel verschüttet ist, tritt sofort lautgesetzliches 
w auf, z. b. in Dinvl 'eigenname Diebold' (in Ottenheim), 
mancherorts auch in den erbwörtlichen formen für er{d)beereti, 
hei{del)beeren, lorbeer, zu Schonach ferner in der redensart 



') Auch die namen Böbert und Schubert gehören als nicht-erbwövtlich 
hierher. 

■■*) Dies tritt besonders scharf liervor, wenn mau worte wie selbander, 
reibeisen, hcbamme mit ihrem lautgesetzlichen w daneben hält. 



152 OCHS 

in dr li^rowjd sl 'in der herberge sein, d, li. eine mietswolmung- 
innehaben'.!) 

Das dorf Bleihach im Elztal heißt im ganzen gebiet des 
hühneisedels i?/ü6'i;f. (Diese ausspräche ermöglichte die schnurre, 
mir bekannt aus Niederwinden 1895: 'einst sei der teufel dort- 
hin gekommen, habe gefallen an dem ort gefunden und gesagt: 
do bllwi! = da bleibe ich', vgl. auch Heilig, Ortsnamen des 
großherzogtums Baden, s. 126.) Es wäre nun denkbar, daß 
durch Verdunkelung der Zusammensetzung und fortfall des 
nebentons ein altes -lach zum suffix herabsank und den Über- 
gang in -w- mitmachte wie die liei{del)heeren. Wahrscheinlicher 
ist, daß der ortsname gar nicht mit -hach zusammengesetzt ist, 
sondern echtes iv enthält: *BUw-aha = bleiwasser. Das wort 
stellt sich damit zu den Ortsnamen ahd. Goldaha und besonders 
nhd. Ibach 'Ach an der eiben wachsen'. 

c) Wenn sonst im alemannischen nordwesten und im 
fränkischen intervocalisches h auftritt, liegt allemal nicht 
etymologisches h zugrunde, sondern irgendwie durch assimi- 
lation verstärktes b, oder p, oder p2). Hierher stellen sich 
ostfrk. Bibär 'dorf Dittwar' < Bieteburc, nordwestalemannisch 
sdibere 'stäüpern, d. h. stützen', kabüt 'verdorben', snnbc m. 
= schriftspr. 5c/mflMji>e d.h. 'schnupfen'. Diese mundarten be- 
sitzen also ein wertvolles kriterium, um im inlaut etymologische 
b und p zu unterscheiden. (Im südaleraannischen, besonders 
im markgräflerland und Hotzenwald, ist diese Scheidung 
schwieriger.) 

Ich vermutete, daß auch das adverb abhhi 'hinab' hierher 
zu ziehen wäre, fand mich aber getäuscht. Es lautet im nord- 
westen ätvi, wie auch Ehret in seiner doctorschrift (1911) über 
das dicht an der lautgrenze liegende St. Georgen i. Br. s. 59 
angibt. Offenbar ist der ausfall des h erheblich älter als der 
lautwandel b > w. 

Zwischen den fällen b) und c) stehen einige reduplicierte 
(kinder-) Worte, die gleichfalls festes b bewahren: bippele 'hühn- 
chen' (vgl. Zs. f. deutsche mundarten 1917, s. 103 f.), bippelesläs 
'quark', {ver)bipäpperUn 'durch zaudern und nachlässigkeit 

') Die nrakehiuug liierzu bietet das südalcinaimisclie mit formen wie 
chühi = kirchweih, Beitr. 14, 408. 



1>EK LAUTWANDEL -b- y- -w- IN MADEN. 153 

verlieren' (zu 2)appen), poppo 'podex', häbä 'kot von mensch 
oder tier'. 

Die behandlung- der deminutiva wie laiUe, des adverbs 
abhin, der Zusammensetzungen wie erdbeere, lorbeer (vgl. Anz. 
fda. 34, 195) und vollends der fremdwörter legt den Schluß 
nahe, daß der Übergang b > iv im 7iordivestaleniannischen recht 
jung ist ist; auf keinen fall ist tv die glatte fortsetzung ur- 
deutscher tönender Spirans (Paul, Deutsche grammatik 1, 272 f.). 
Der ganze verlauf der b : tu-Mnie weist ferner darauf hin, daß 
da eine fränkische eigenheit sich von nordwesten her aus- 
breitete, Freiburg gerade noch eroberte und schließlich an 
schon bestehenden Knien zur ruhe kam: im rheinischen teil 
an der linie k- : ch-, am osthang des Schwarzwaldes an der 
linie der (vocalischen und consonantischen) quantitäten sowie 
an der linie der pluralischen personalendung -ct. 

Man kann zu der ganzen frage nicht Stellung nehmen, 
ohne auch die fälle mit germanischem -w- zu berücksichtigen. 
Südöstlich der &- linie ist nicht nur Verschlußlaut b erhalten, 
sondern auch echtes -w- lautgesetzlich zu b geworden; die 
grenze für die entsprechungen von ahd. farmven, garaiven ist 
dieselbe wie für erben, biliban. Der süden kennt kein er- 
erbtes -tv- mehr. Dies ist für seine fremdwörter wichtig. 
Wenn in Sunthausen (amt Donaueschingen) ital. cavallo als 
yaball erscheint, so liegt die einzig mögliche lautsubstitution 
vor; für das alter des Übergangs -iv- > -b- beweisen solche 
beispiele nichts. 

Der forscher hat die beiden gesetze über germ. b und 
über germ. w zunächst zu trennen, bevor er sie eventuell ver- 
einigt; für ilir zusammenwirken in räum und zeit sind allerlei 
combinationen denkbar, von denen ich drei hervorhebe: 1. das 
zusammenfallen der jetzigen beiden linien veranlaßte Fischer 
in seiner Geographie der schwäbischen mundart s. 62 zu dem 
satz: Hiber die entstehung des zt;- lautes läßt sich, was unser 
kartengebiet betrifft, nur soviel sagen, daß er sicher schon 
vorhanden war, als in- und auslautendes. ^(; zu b wurde; denn 
die grenze z. b. von blgbor * blauer" und blgtvdr im westen ist 
dieselbe wie die von gcbd und gewd 'geben'.' — Fischers an- 
sieht fürs schwäbische deckt sich mit einer anschauung, die 
Lessiak im Anz. fda. 32, 131 fürs bayerische entwickelt hat. 



154 OCHS 

Danach hat urdeutsches h iutervocalisch im bayerischen folgende 
g-eschichte: hyp>h>ir; damit ist zusammenfall mit geim. ?6' 
erreicht, die ganze entwicklung im 12. jh. beendet. Nach 
Fischer käme also im süd- und ostalemannischen dann die 
rückwandlung sämtlicher -ic- in h-. Die neuernde kraft stammt 
dabei völlig aus dem süden. — Die mehrmalige Verschiebung 
des h in wenigen Jahrhunderten ist eine starke Zumutung; 
trotzdem halte ich Lessiaks ansieht innerhalb des baj'erischen 
für wahr, Fischers ansieht für das alemannische aber für falsch. 

2. Man könnte sich vorstellen, der alem. uordwesten habe 
seit urgerm. zeit intervocalisches d als eine art reibelaut be- 
wahrt. Der Süden wandelte diese d früh in Verschlußlaute; 
ein späterer proceß machte auch die alten -?f- zu h. — Auch 
bei dieser erklärung ginge das neue beidemal vom süden aus. 
Sie ist bestechend einfach und bei dem fehlen nordalem. ahd. 
denkmäler nicht ohne weiteres abzutun. Doch hat hoffentlich 
diese meine Untersuchung gezeigt, an welch sprachgeschicht- 
lichen und geographischen Schwierigkeiten gerade diese hypo- 
tliese leidet. 

3. Meine ansieht ist: im ganzen alemannischen war ahd. -6- 
verschlußlaut. Nach 1270 wandelte eine von süden ausgehende 
bewegung auch das urgerm. -ic- in -b-. Noch später machte 
eine von uordwesten ausgehende fränkische bewegung alle -h- 
(eventuell auch die erst spätmhd. entstandenen) zu -tv-. Bei 
dem ersten gesetz hat der süden geneuert, beim zweiten der 
uordwesten. Die heutige h : *<;-linie ist das ergebnis 
dieser zweiten bewegung. Dieser zweite lautwandel er- 
folgte geographisch in mehreren etappen (vielleicht auch in 
etappen hinsichtlich der phonetischen bedingungen: liquide 
Umgebung, vorausgehender langer vocal, vorausgehender kurzer 
vocal; vgl. Rückert, Schriftsprache 2, 71). Wann die bewegung 
im nordwestlichen Alemannien durchdrang, konnte ich noch 
nicht genau bestimmen. Ich rate auf das 18. jh. Für die 
curpfalz haben wir das ausdrückliehe zeugnis J. Hemmers, 
Mannheim 1775, Deutsche rechtschreibung s. 13, daß ^h zwischen 
zvveenen Selbstlautern wie ein iv klinget'; dazu paßt geivölwe 
in Goethes brieten (1766) 1,80,25. Einstweilen lege ich die 
beisj)iele vor. in denen schon vor dem 18. jh. alem. -b- als w 
geschrieben wird. Die fälle sind sehr vereinzelt. Da anderer- 



DEK t.AUTWANDKL ./^. > .„;. IN MAI)P:N. 155 

seits die Schreibung b für echtes tv seit dem ende des 13. jh.'s 
vorkommt und sicli mit der zeit durchsetzt, sind jene seltenen 
IV < h vielmelir zu werten als umgekehrte Schreibungen und 
als zeugen für den veränderten lautwert des w. Man beachte 
auch, daß es sich fast nur um fälle von liquida 1- labial 
handelt. Die beispiele sind: 

1. Das \erhiim fu'r wen in Griesbabers predigten (Beitr. 14, 512>. 

2. Mebrzabl keiwer im Donauescbinger passionsspiel des lö.jb.'s./Munes 
scbauspiele II, s. 229. — Auf derselben seite mebrmals tuhen 'tauben'; 
überbaupt ist h sonst in diesem drama glatt erbalten (anderseits v. 645 
zeriiben < ze ritowcn). 

3. dergraiven bs. B (15. jb.) von der minne lebre des Heinzelin von 
Konstanz / Pfeiffer, v. 859. Die stelle lautet in älterer Überlieferung er- 
graben (: buochstabcn); äbulicbe reime, in allen bss. mit -b-, bieten 841 f. 
und ^69 f. Das einmalige dergraiven verrät sieb durcb praefix und labial 
als unalemanniscbe, wobl bayeriscbe neuerung. 

4. da sy siner vatterlichen hilfe .. . berouivet waren, Leben des beil. 
Fridolin (Säckingen 1452) / Mones quelleusammlung I, 106b. Säcbingens 
läge tief im südalemanniscben scbließt die «ü-ausspracbe aus. 

5. uf mines vatter giwel 
sitzen der fögelin si'iben. 

Aus dem 15. jb., in Ublands Volksliedern nr. 2, stropheS. Daselbst mebrere -b-. 

Die nächsten beispiele betreffen alle mbd. biderbe. 

6. bidderwe lide Ruhnan Merswin, Neun felsen 1352/C. Schmidt s.24; 
ähnlich s. 25. — Dicht dabei steht fürderbe, bliben, nochgeschribene, si 
lebbent, abber. 

7. bidderive Nikolaus von Basel 1377 / Schmidt, Gottesfreunde s. 87. 
— Auf derselben seite ivibe, lebbest usw. Man achte auf die öfteren bb 
in 6 und 7; spirantische ausspräche undenkbar. 

8. biderwer kimig Mones abdruck elsässiscber bss. (2. hälfte des 
15. jh.'s) des Ortnit, v. 662. Sonst im Ortnit biderber. 

9. Der herizomo tvas biderwe (-.tvidere) elsässische bs. des Orendel 
Ton 1477 / Bei'ger, v. 2609. Sonst im Orendel biderbe. 

10. ein biderwe vn fröme frauw Geiler von K., Der seelen paradies 
(Straßburg 1510) s. 223b. aller glöwigen 'gläubigen' 79a, dicht dabei 
der gelauhigenn, geschriben. Zu sprechen ist v\'ohl immer b, vgl. 214 b das 
participium entferwl. 

Man könnte immerhin dem nördlichen Elsaß in der ent- 
wicklung -!)• > w einige Jahrzehnte vorsprung gegenüber dem 
rechten Rheinufer geben. Aber eine merkAVÜrdige stelle 
Fischarts spricht mehr dagegen als dafür, ins 16. jli. hinauf- 



156 OCHS, DER LAUTWANDEL -h- > -w- TN BADEN. — NECKEL 

zugehen. Fischart setzt sonst die etymologisclien h recht genau, 
z. b. Geschichtklitteruug (neudruck) s. 29 Dörrschnahel, s. 33 
hahcrsacJc. Aber s. 43ff. schiebt er ein altertümelndes kunst- 
stlick ein, parodiert (modern gesprochen) eine art altbayerisch; 
und da häuft er nun formen wie awm', gaival, gnven, ivciwer, 
siohval, fdrschreiivt, groivhait, läivt, streitivaren. tv ist für 
Fischart das veraltete, fremdartig-e; die stelle beweist allen- 
falls die anerkennung des lautwandels g'erm. -w- > h, nicht 
aber die anfange der bewegung b- > iv. 

FREIBURG i. Br., 29. September 1920. ERNST OCHS. 



ZU HEINRICH VON MORUNGP^N. 

In Morungens vielleicht schönstem Hede — so sage ich 
mit V. Kraus — , MF. 138, 17 ff., lautet die zAveite, schönste') 
Strophe so: 

8wer mir des erbau, ob ich si iiiiune tougeii, 

seht, der sündet sich: 

swenue ich eine bin, si schiut mir vor den ongeu. 

so bedanket micli, 

wie si ge dort her ze mir aldur die muren. 

ir rede und ir tröst enlä^ent mich niht truren. 

swenu si wil, so fiieret si mich hinnen 

mit ir wi^en hant höhe über die ziuuen. 

Der dichter schildert, wie seine tougen minne in Wirklich- 
keit aussieht. Sie besteht in einem glück der phantasie: die 
geliebte erscheint, wunderbar durch die wand heranschwebend, 
sie spricht ihm freundlich zu, ja, wenn sie besonders hold ist, 
reicht sie ihm die weiße band und führt ihn hoch über die 
zinnen der bürg hinweg himmelwärts. 2) Das letzte ist ähnlich 
gemeint wie 143,11: min herze wände neben der sunnen stän, 

') in A von den fünf Strophen allein überlieferte. 
'^) Lemcke s. 67 hal. wie schon sein Vorgänger Schütze, die stelle arg 
mißverstanden und deii stilistischen Avert der lesarten ganz falsch beurteilt. 



zu HKINRICH VON MOKUNOEN. 157 

iliir diu ivolken such ich ho, oder wie andere niinne.singer 
sagen: .9/ sivebeten in frönden yar ho alzam ein ailelar, in so 
höher sioehender wunne (Mlid. wb,), die jungen . . die von fröiden 
sollen in den lüften swehen (^Yalther 42, 34). Abei' unsere 
stelle übei'glänzt die parallelen durch die erfindung des hinimels- 
tlug-es zu zweien und durch die anschaulichen züge von dei' 
weißen hand — deren berührung allein schon den dichter 
beglücken muß — und von dei- zinne, über die der thig ho(;h 
hinweggeht. Sinn und aufbau dei- Strophe sind tadellos, 
keineswegs fragwürdig. 

V. Kraus allerdings findet, ihr Schluß bereite Schwierig- 
keiten. Wer, durch eifriges lesen von Volksliedern nicht ein- 
gelullt, bei jedem vers einer dichtung die frage nach dem 
'warum' stelle, werde in dem text C (= MF.) hier keine ant- 
wort finden, v. Kraus' frage lautet genauer: 'wohin, wozu 
und was hat er davon an freude oder leid?' C ist ihr nicht 
geAvachsen. Dagegen führt angeblich A auf das echte. 

in A lauten die beiden schlußverse: 

sweime si wil, so swiieret si mich Liiiueu 
zeiuem venster höhe al über die ziuiieu. 

swüeret ist entstellt aus (si)vüeret. Die einzige wirkliche 
abweichung von C liegt also im Vorderteil des schlußverses. 
Hier allein haben wir die wähl. Und sie kann nicht zweifel- 
haft sein. C kann schwerlich aus A entstanden sein, denn 
es ist besser (A hat eine überfülle von Ortsbestimmungen, ein 
versflickendes al, die erwähnung des fensters wirkt gegenüber 
der wi^en hant nüchtern und dazu sinnlos), wohl aber A aus C 
(tvipu hant ist singulär, kommt nach v. Schissel im ganzen 
MF. nur hier vor, seinem fenster dagegen taucht gleich v. 37 
noch einmal auf und wird einfach auf vorausnähme beruhen). 
Daß C besser ist, läßt sich auch positiv beleuchten, und dann 
tritt zugleich hervor, daß diese lesart des dichters allein 
würdig und im einklang mit seiner sonstigen art ist. So ver- 
gleiche man mit der wi^en haut Hl, 2 hei ivi^; 143,24 noch 
wi^er dan ein sne ir lip vil ivol geslaht. Das anschauliche, 
farbige, concrete liegt Morungen bekanntlich viel mehr als 
etwa Eeinmar und seinesgleichen. 1) Dahin gehören auch seine 

') Vgl. Beitr. 7,38-tf., auch 397 f., 406 f. 



158 NECKEL 

auspieluiigen auf fehde und blutraclie (125,4.10; 145,36) und 
die erwähnungeu solcher ding-e wie elben (126,2), baumfällen 
(127, 30) und vög-el, die auf das tageslicht warten (126, 37). 
Letztere stelle hat nordische gegenstücke: nach Helgakviöa 
Hund. II, 43, 7 freuen sich die raben, wenn sie den tag sehen, 
und je einmal in Thidrekssaga und im Fornsvensk Legendarium 
begegnet 'froh wie der vogel über den tag', 'froher als der 
vogel über den tag'.i) Diese freude der vögel über das tages- 
licht und ihr warten darauf erklären sich daraus, daß die 
vor morgengrauen erwachenden und zwitschernden vogel erst 
beim hellwerden ihr futter sehen und behaglich fressen können. 
Der Zusammenhang des Helgiliedes zeigt deutlich, daß dies 
vorschwebt. Und auch die stelle bei Morungen ist wohl so 
gemeint, daß der dichter wie ein vogel singt, während er auf 
das licht seiner sonne wartet. Beide male liegt ländliche an- 
schauung des tierlebens zugrunde. Aber ebenso gewiß hat 
der hochadlige Sänger den gleichnismäßigen gebrauch des 
morgendlichen vogelsangs aus einer Überlieferung geschöpft, 
und zwar aus mündlicher, volksläufiger dichtung. Die nordischen 
anklänge werden in diesem fall nicht anders zu beurteilen 
sein, als wenn etwa eine Wendung der Nibelungen in einer 
färöischen ballade wiederkehrt. Und so ist es auch nicht 
bedeutungslos für die beurteilung Morungens, daß 'weiß' auch 
in nordischer dichtung ein beiwort der frau, ihres halses und 
ihrer arme ist, während die reiner höfischen ritterpoeten 
solche Schmuckstücke als banal und wegen der bäuerlichen 
associationen verschmähen. In solchem lichte gesehen ist uns 
die weiße rechte von Heinrichs dame erst recht zu schade, 
um mit dem fühllosen messer der Überkritik amputiert zu 
werden,'-) 

Vielleicht gibt es fachgenossen, deren abneigung gegen 
das rechnen mit erschlossenen literarischen großen so tief 



') Thidr. ed. Uuger 110, 7 svä feginn sein fiigl degi; Fonisv. Leg. ed. 
Stephens I, 14, 14 fcaghnare cen fugil daglii. 

2) Es dürfte nicht überflüssig sein zu bemerken, daß es für die be- 
urteihing von lesarten völlig gleichgültig ist, ob dabei eine wähl möglich 
ist, die eine hs. als 'von willkürlichen vercäudernngen noch völlig frei' 
(Lemcke s. 106) erscheinen läßt. Ein solcher Sachverhalt kann nie leitsatz 
der kritik sein, höchstens ergebnis. Die kritik aber wii-d grundsätzlich 
über Haupt nicht hinauskommen. 



zu HKINKKMl VON MüKUNüEN. 150 

gewurzelt i.st, daß dieses 'erst leclit' auf sie keinen eindiuck 
macht. Diese werden dann doch so folgerichtig- sein, angesichts 
des guten sinns der Strophe in C alle änderungsversuche übei-- 
fliissig zu finden und das von v. Kraus hinzuerfundene niotiv 
von dem hinwegst-hweben der dame, während der ritter zuriu^k- 
bleibt, abzulehnen. 

Diese umdichtung verschlechtert ohne zweifei die strophe 
selbst. Sie schädigt aber auch den Zusammenhang mit str. li. 
Die beginnt mit einem bewundernden ausruf über die 'vieles 
könnende' Venus, daran schließt sich unmittelbar si heninit 
mir beide fiöide und ul die sinne, und dies wird dann insofern 
ausgeführt, als der dichter erzählt, wie die dame ihm wohl 
zuweilen holdselig durch ein kleines fenster zu nahen scheint, 
wie er aber dann sie zu anderen frauen gehen sieht, als ginge 
er sie gar nichts an. Also er erlebt eine enttäuschung: das 
bild, das durchs fenster zu kommen scheint, schwindet, und 
wenn er draußen nachsieht, zeigt sich allerdings die dame 
selbst, aber ganz andere wege wandelnd. Die dame hat also 
im vorbeischreiten einen trügerischen doppelgänger ihrer selbst 
zu dem dichter hineingeschickt. Sie kann sich verdoi)peln. 
Sie ist eine zauberin. Das zeigte sich schon in str. 2, wo sie 
durch die mauer eintrat und den dichter durch die lüfte ent- 
führte. In str, 3 zeigt es sich zuerst ähnlich: sie tritt durch 
ein fensterlein ein, also wieder wunderbar durch die mauer, 
und wieder gütig und holdselig. Aber bald folgt die ent- 
täuschung. Das ist das neue, was str. 3 bringt und es wird 
deutlich eingeleitet durch den angeführten vers 35, der einen 
klaren gegensatz enthält zu v. 30 {ir rede und ir tröst enlä^ent 
mich niid trüreii), und in dem das allerdings ungewöhnliche 
beide fröide und al die sinne einen guten sinn ergibt: das 
gaukelspiel macht den dichter nicht bloß traurig, es verwirrt 
ihm auch die sinne, nimmt ihm den verstand. Die 'archi- 
tektonik im auf bau der gedanken' besteht nicht darin, daß 
beide Strophen dasselbe sagen, beide kommen und gehen der 
geliebten schildern — so daß ein unruhiges hin und her ent- 
steht — , sondern darin, daß die 3. Strophe den gedanken der 2. 
aufnimmt und ihn mit neuer Wendung fortspinnt. 

Dasselbe tut die 4. Strophe : sie lenkt zur 2. zurück. Im 
schmerze kommt dem dichter die erinnerung an das glück, 



160 NEOKEL 

das er g-eiioß durch seiner göttiii ersclieinung (liehter scMn) 
und holde blicke, als sein miwt stuont höhe sam diu sumw. 
Dies letzte ist eine Umschreibung des himmelsflugs zu zweien 
in Str. 2, gewissermaßen eine erläuterung, wie diesei- gemeint 
war. Wir erfahren hier, daß die beglückenden erscheinungen, 
die Str. 2 schilderte, den enttäuschenden von str. 3 vorangingen. 
Das stimmt zur reihenfolge der Strophen. Aber es scheint 
nicht zu stimmen zu den präsentischen verben in 2. und 3., 
die alles auf die gleiche zeitebene projizieren: Avir haben den 
eindruck, daß beide erlebnisse sich gewohnheitsmäßig zu 
wiederholen pflegen. Dieser eindruck heischt aber doch be- 
richtigung. Sind nicht beide erlebnisse so individuell, daß sie 
schwerlich öfter als einmal geschehen sein können? Und 
sollte nicht in den zeitlosen praesentien eine Übertreibung, 
eine art großsprecherei liegen? Strophe 2 ist eine Selbst- 
verteidigung des dichters gegen solche, die den Charakter 
seiner ton gen minnc verdächtigt haben. Zu ihrer Widerlegung 
fällt ihm ein phantasieerlebnis — vielleicht hallucinatorischer 
art? — ein, das er einmal gehabt hat, und es liegt nun äußerst 
nahe, diesen beleg für die harmlosigkeit seines glückes in der 
form der allgemeingültigkeit oder gewohnheit zu geben. Kaum 
weniger nahe liegt es, in dieser form fortzufahren und in ihr 
auch das leidvolle erlebnis mitzuteilen. Letzteres schloß sich 
leicht an: nicht bloß ist das glück harmlose!', als übelwollende 
zu glauben behaupten, es ist am ende gar kein glück, so daß 
in keinem sinne ein erhunnen berechtigt ist. An den schwer- 
mütigen ausklang der 3. Strophe fügt sich zwanglos der wehe 
rückblick auf das bessere einst. Der dichter ist ein stimmungs- 
mensch: bei str. 4 angelangt, sieht er die dinge in anderem 
lichte, als wie er str. 2 dichtete. 

Es scheint also doch, daß str, 4 ihren platz behalten darf. 
Auch die fromme selbstverbessei'ung in str. 5 spricht nicht 
dagegen. Sie braucht sich nicht gerade auf die heidnische 
liebesgöttin 138, 33 zu beziehen. Auch ohne deren erwälmung 
wäre sie verständlich, denn es handelt sich ja um Umgang 
mit einer zauberin, und noch in der 4, Strophe ist von dieser 
die rede. Gerade das Schlußbekenntnis 

sä zehant enzunte sich min wiiuue, 

da^ min mnot stuont höhe sam diu sunne 



zu IIKINKICH VON MOHUNGEN. l»il 

kann die leue liervonufen. Solche Inbrunst, solcher yeloubc 
gebührt ja der gottheit, nicht einem zauberischen trugbilde. 

Die reue des dichteis gibt sich so ehrlich, daß er eiklärt, 
alle seine lästerlichen reden seien nicht ernst gewesen (189, 14), 
und seinen sang — im anschluß an das gebet um erlösung 
vom irdischen leid (13) — als bloßen schwanengesang ausgibt. 
Daran fügen sich dann zwanglos die schlußverse mit ihrer 
letzten hoffnung, die elegant zum anfang (besonders 138, 25) 
zurücklenken, im übrigen durch ihie diesseitigkeit zeigen, wie 
wenig ernst es dem dichter mit seiner frömmigkeit ist. 

Ich bekenne mich zu dem glauben, daß das merkwürdige 
denkmal so, wie wir es in MF. lesen, im ganzen richtig über- 
liefert ist. Sicher bauen auf jede silbe kann man bei münd- 
lich entsprungener dichtung überhaupt niemals. Wer sich 
mehr für die handschriften interessiert als für den genius des 
dichters (vgl. v. Kraus s. 3), ist gewiß ein schlechter philologe. 
Aber den genius des dichters zu erkennen mittelst der hand- 
schriften — denn diese müssen immer das hauptmittel dafür 
bleiben — , das eben ist unsere aufgäbe. 

128, 29 f. sagt der dichter von sich: 

ich hau sorgen vil gepfiegen 
unde fronwen selten bi gelegen. 

Dies befremdet v. Kraus, weil es 'einen sehr schiefen gegen- 
satz ergibt und in diesem Zusammenhang jedes feinere emp- 
finden verletzen muß'. Welches ist der Zusammenhang? Ein 
ganz ähnlicher wie 138, 25 ff. An beiden stellen verteidigt 
sich der dichter gegen solche, die in seinen Worten das ein- 
geständnis haben finden wollen, daß er verbotene liebesgunst 
genossen. Das ist dort nicht zu veikennen und hier vollends 
deutlich. 128, 25 ff.: durch freundliches benehmen habe ich 
mich lange töricht hinhalten lassen; mir ist anders niht ge- 
schehen: swer mich rüemtns zihen wil, der sündet sich (ebenso 
138, 26: seht, der sündet sich)] unmittelbar darauf die für 
V. Kraus anstößigen zwei verse; dann ötve, wan daz ich si 
gerne sach und in ie daz heste sprach, mir enwart ir nie niht 
me\ 129, 2: daz ich trimven nie genö^. Man wird danach 
sagen dürfen: wenn in irgendeinem Zusammenhang jene be- 
anstandete Wendung erträglich ist, so ist das hier der fall. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche 46, ^\ 



U32 NECK KL 

Und doch soll g'erade in diesem znsanimenliang jedes feinere 
empfinden verletzt werden? Die vermntung- liegt nahe, daß 
die Wahrheit, die hier ansdruck findet, einfach die ist, daß 
des Verfassers eigenes empfinden — das ziisanimenfällt mit dem 
empfinden der neueren bildung- — verletzt wird und der zusatz 
betreffs des Zusammenhanges nur dazu dienen soll, die gegen- 
stücke, die nicht fern liegen, zu entkräften. Eins davon führt 
v. Kraus selbst an: Reiumar 152.24k: 

sost mir also wol ze muote 

als der bi vrouweu hat geleg-en. 

Hier kommt das anstößige entschieden unvermittelter, auch 
bezieht es sich mit plumper indirectheit auf die gefeierte 
dame selbst, so daß unser gefühl ohne frage stärker heim- 
gesucht wird als bei Morungen. Lehrreicher noch ist Walther 
92,1: halsiii, triuten, hi gelegen, weil hier klar hervortritt, 
wie viel lässiger die ritterliche gesellschaft in solchen dingen 
gefühlt und geurteilt hat als wir heute. Dies ist nicht nur 
sittengeschichtlich merkwürdig — und zwar merkwürdiger, 
als es einem oberflächlichen entwicklungsglauben erscheinen 
wird — , es wirft ohne zweifei auch licht auf den genius des 
dichters, dem unser 'feineres empfinden' offenbar abgegangen ist. 

Sollte ihm nicht auch unsere empfindlichkeit gegenüber 
'schiefen gegensätzen' abgegangen sein? Ist es nicht über- 
haupt eine rein empirische frage, wie weit dichter auf scharf 
logische gedankengliederung gewicht legen? Ich bin über- 
zeugt, daß V. Kraus auch anderswo (z. b. bei 125, 10 ff.) von 
Heinrich von Morungen mehr folgerichtigkeit und sjaumetrie 
verlangt, als angesichts der Überlieferung und unseres Wissens 
über allgemeine geistige zustände im mittelalter plausibel ist. 

An unserer stelle ändert er frouiven in fröuäen. Aber 
konnte man denn sagen fröuden M gelegen? Die einzige 
parallele, die angeführt wird, Eeinmar 151, 38 ?i'irsi vil lihte 
ein vröide nähe bi, ist keine parallele, denn sie weicht im 
wortbestand und in der bedeutung ab ('mir steht vielleicht 
eine freude nahe bevor', vgl. giiot gedinge 152,1). Etwas 
näher kommen Nib. 576, 4: den edelen juncvromven was vil 
höher vröuden bi, und Parz. 709, 30: wone ir vröude od trüren 
hi. Auch Walther 96, 33: da^ ich stcete ivmrc bi kann man 
vergleichen. Ja, bei Wolfram kommt sogar vor: bi sime 



zu IIKINKTCH VON MORUNGEN. 163 

herzen Jciimhcr lac (Parz. 176, 30), Artus hi dem ein site lac 
(Parz. 300, G). Aber auch diese fälle genügen nicht entfernt 
zur rechtfertigung der conjectur, da, "wie wir sahen, das über- 
lieferte viel besst^i- diuch parallelen gestützt wird. 

Auch entsteht bei der änderung eine leere tautologie. 
Wir sind schwerlich berechtigt, dem dicditei- ohne not eine 
solche zur last zu legen. 

Die nächste strophe hebt witzig so an: 

E^ ist uilit (la^ tiure si, 

man habe qt, deste werde)', waii g'etriuwen man. 

Das bedeutet natürlich: es gibt nichts seltenes, das nicht um 
seiner Seltenheit willen höher bewertet würde, ausgenommen 
ein treuer liebhaber — und nicht 'alles beständige wird um 
so mehr geschätzt, nur ein treuer mann nicht'. 

126, 18 muß statt der leider noch immer in MF. fest- 
gehaltenen lesart von C mit A gelesen w^erden: hei ivan müeste 
ich ir also geicalfic sin, . . . Die gründe, die seit Pfeiffer, 
Germ. 3, 490 f. hierfür beigebracht worden sind (vgl. v. Kraus 
s. 11), lassen sich noch vermehren, ^^'ie mit dem angeführten 
verse ein scharfer gegensatz einsetzt gegen die beiden ersten 
verse der strophe, so auch mit dem dritten verse (126, 26) 
der folgenden strophe; in beiden gesätzen stehen die Stollen 
einander nicht bloß metrisch und musikalisch gegenüber (gleich- 
sam wie bild und Spiegelbild), sondern auch inhaltlich. Dieser 
kunstvolle aufbau ist dem dichter aufgegangen bei der 
2. Strophe, und er wiederholt ihn bei der 3., bessei*: er läßt 
sich bei der gestaltung der 3. strophe von ihm leiten; melodie 
und metrum bringen den gedankenbau mit. Und es ist un- 
mittelbar einleuchtend, wie dem dichter der gegensätzliche 
bau des aufgesangs gekommen ist: durch eine zugleich natür- 
liche und kühne association, ein überspringen von dem her- 
kömmlichen gedanken des minuedienstes zu der sinnlichen 
Vorstellung der herrschaft des liebenden über die geliebte. 
Dieses überspringen aber ist zugleich ein zurückspringen aus 
dem bannkreis des provenzalischen minnesangs in die weit 
des älteien deutschen, der von dienst und klage noch nichts 
weiß und das sinnliche noch nicht verschleiert. Wir haben 

11* 



1Ö4 NECKEL, ZU HEINRICH VON MORUNGEN. — KLAEBEK 

hier eine ähnliche erscheinung- wie die oben erwähnten Volks- 
tümlichkeiten Moningens. In C ist die frische färbe mit con- 
ventionellem gran übermalt; man könnte es auch 'castrieren' 
nennen; die tendenz scheint deutlich. "Wir begreifen, daß 
(/ewaUlc weichen mußte und (n gelegen geschont werden konnte; 
ist doch dieses harmlos und kommt auch sonst voi\ Darum 
müssen wir uns über den kritiker wundern, der das harm- 
losere wegschafft und das schlimmere herbeischafft. 

CHARLOTTENBURG. GUSTAV NF.CKEL. 



ZUR ALTSÄCHSISCHEN GENESIS. 

L Beitr. 45, 79 ff. behandelt Jellinek die schon mehrfach 
erörterte stelle v. 46 f.: thes ni habcla he cniga geuuuriihte te 
thi, j suneVa gisuoJäa, ohne jedoch eine endgültige antwort 
auf alle einzelfragen zu finden. E^s sei mir gestattet, eine 
kurze bemerkung daran zu knüpfen. 

Ich glaube, daß der altenglische Sprachgebrauch kaum 
einen zweifei über die interpretatiou mehr bestehen läßt. jVFit 
vollem recht weist Jellinek hin auf die im alts. wie im aengl. 
bekannte constmiction von solnan, secan mit objectsaccusativ 
und einem die richtung- auf ein ziel anzeigenden ausdruck 
(gewöhnlich mit der präposition ir, io). Das objectsnomen 
kann jede beliebige bedeutung haben, also auch 'frevel', 
'feindselige handlung'; statt io findet man im aengl. auch das 
gleichwertige on (in) mit accusativ (und etwa auch hider, 
])ider'^)), so z. b. Cur. Fast. 2. 10: hu mofi utanhordes tvisdom 
(0 larc hider on lond sohle. Auf die nämliche construction 
von suoche.n im Nibelungenlied (174. 1: die iuch da tvolden 
suochen ze Wormz an den Bin\ 148,2: man tvil uns siwehen 

') Der aufsatz von Meißnei". auf den Jellinek bezno- nimmt, ist mir 
zurzeit nicht zugänglich. 

-} So herod, tliarod, hicarod im TIeliand. 



ZUK AI/rsÄCII.Sl.SCHEN OENESIS. 105 

her in unser laut, usw.) machte Wießner, Beitr. 26, 378 f. auf- 
merksam. Ähnliches gilt von verben wie aengl. ascian (so 
Beow. 1206 f.: sijp^an he for ivlenco ivean ahsode, / fcehdt fo 
Frysum), neosan (so Andr. 483 f.: ivolde ic anes to de . . . crwftes 
neosan, Jul. 554 f.). Vg-1. Mod. Lang. Notes 16, 15 f.. und vor 
allem Sievers' grundlegende ausführungen Beitr. 12, 188 fl"., 
sowie Dening, Zur lehre von den ruhe- und richtungscon- 
structionen, s. SOft". Daß die Verwendung von sundea in der 
Genesisstelle der von aengl. hild, fccliö(o) usw. ganz analog 
ist, hat Jelllnek bereits betont. Es könnte sogar ungenaue 
nachahmung vorliegen. 

Schwierigkeit iiat die bedeutung von geiiuuruhie und die 
construction des genetivs thes bereitet. Da geuuuru/itc in 
parallele zu siindca steht, muß es eine ähnliche bedeutung 
wie das 'varians' haben, wenn auch keineswegs notw'endig 
die gleiche. Nun heißt (jiwurht 'tat', 'handlung' (Hei. 2147), 
indessen — wie aus dem aengl. gebrauch mit Sicherheit zu 
schließen ist — darüber hinaus bezeichnet es (im plural) auch 
das ergebnis einer handlung, etwas, was man sich erwirbt 
oder zuzieht, sei es etwas gutes oder schlimmes — verdienst, 
Verschuldung. Der Übergang zur resultativen bedeutung voll- 
zieht sich bei aengl. gewyrht mitunter fast unmerklich, z. b. 
Boeth. (ed. Sedgefieid) 124,23: ac J)wt ivoere ryht Jxet hiora tele 
(julde oöruni edlean celces weorces cefter his gewyrhtum, wie 
denn auch Hei. 5099. 5110 (ni was it thoh he is gewurhtiun 
gidoun) auf der grenzlinie zu stehen scheint. Vielleicht sollte 
man überhaupt nicht von zwei streng geschiedenen bedeutungen 
sprechen. 

Jedenfalls ist aengl. (/c?^-?/r/«^ =^'meri tum' (di\so = geearnung) 
und namentlich be (mid) gewyrhtum = 'merito' (so z.b. Gen. 42,21: 
he gewirhton we ^oliad pas pmg = merito haec patimur) hin- 
länglich beglaubigt. Ein vortreffliches beispiel bietet Beow. 2657: 
J)wt nceron ealdgewyrht, piet he ana scyle . . . gnorn ßrotcian, 
'das hat er niemals verdient . . .'. Nicht minder deutlich ist 
eine stelle in Alfreds gesetzen 7, 1 : öone gylt gehete, swa iver 
swa ivite, swa he geiuyrht age, von Liebermann treffend durch 
'je wie er Verschuldung trägt' wiedergegeben. 

Hält man nun die genau entsprechende perfective function 
von geivyrcan daneben, wie z. b. in siva sivite swa ivuldor, 



lÖÖ KLAE15EK 

stva hini on worulde cer j efne Jxet eordfcvt wr (jcirorhtc, Eede 
der seele 7 f. (vgl. Arcli. f. d. stud. d. n. spr. 109, 310), so erhellt, 
daß aus einem verbalen ausdruck (he) pcet geworhte 'er hat 
sich das verdient' eine substantivische Verbindung* 7^fcs gewyrld. 
wörtlich 'eine Verschuldung (Verursachung) dessen* sich ohne 
Schwierigkeit erklären läßt. Eine wortgetreue, wenngleich 
sehr ungelenke Übersetzung der Genesisstelle wäre also: "er 
war dir nicht nahegetreten mit irgendeiner Verschuldung (ver- 
anlassung) dessen (näml. deines totschlages), mit einer frevel- 
tat'. Das heißt natürlich: er hatte keinen frevel gegen dich 
begangen, der dir einen anlaß zu dem morde gegeben hätte. 

2. V. 90 f.: iüc that im ntld is handim fonlceda / Kain au 
sulicim quühna. Entweder: "daß mit seinen bänden Kain in 
solcher mordtat verbrecherisch gehandelt hatte' (Braune) oder: 
'daß Kain ihn mit seinen bänden auf solch gewaltsame 
(mörderische) weise umgebracht hatte'. 

Schon Braune erwähnte das aengl. fordon 'verderben', 
'töten', stieß sich aber an den dativ im, und Franck, Zs. fda. 
40, 217 hielt es für möglich, daß der Schreiber ein ursprüng- 
liches ina zu im verändert habe. Allerdings ist das aengl. 
fordon 'vernichten', 'zerstören', 'perdere' — die altfries., mhd., 
mnd. entsprechungen wurden schon von Koegel und Franck 
herangezogen — nicht selbst mit dem dativ belegt, aber die 
construction mit dem dativ (der person) bei verben wie forniman 
(Beow. 2828: ac hini ircnna rcga fornamon), forgripan, for- 
grindan ließe den gleichen gebrauch in Gen. 90 durchaus 
glaublich erscheinen; vgl. Engl. stud. 42, 323. Was qualm, 
aengl. cwealm (mit compositis) betrifft, so läßt sich eine grenze 
zwischen den bedeutungen 'tod', 'tötung', 'peinigung bis zum 
tode' (cruciatus) oft nur schwer ziehen. Zu dem instrumentaler 
function sich nähernden gebrauch von an {jiualma) vergleiche 
man einerseits Gen. 52 f.: ni mag im tnig mann than suidor 
. . . faraiiirihian . . . an hittron balodadiou, und andererseits 
Aengl. Chronik, A. D. 1090: 7"-^^ ^'^>'^l ^vms swide fordon on 
unlagageldc. 

Parallelen ließen sich für jede der beiden genannten auf- 
fassungen beibringen. So könnte man zu der ziemlich tauto- 
logischen Verbindung fordmla ('tötete') an qualma erinnern 



ZUK ALTfSÄCll.SISCUKN (JKNKSIS. U)7 

an ausdrücke wie fcrahes ahtian . . . inid <iualina Hei. 5330, 
quulnm siveltan Hei. 750, moröyc, -dcdöe 6-iveaU Heow. 892. 
2782. 3037, oder purh dcuöes civcalm Guöl. 195. 830, deaö- 
cwealm Beow. 1070, usw. Ja, die ganze vorstelluiig-sreilie 
kehrt wieder in Jul. 492 ff.: Im ic bcahUice ' Jjurli mislic civealm 
minum handum / searoponcum sloy. 

Andererseits ist zuzugeben, daß die von Braune an- 
genommene bedeutung von reflex. fordern vortrefflich in den 
Zusammenhang paßt und den erforderlichen gegensatz zu 
V. 89 "^ — 90'* schärfer zur geltung bringt. Sie wird außerdem 
durch Hei. 5380: farduan hahit hie im mid is dadion (vgl. 
Franck, a. a. o.) gestützt. Es darf also wohl angenommen 
werden, daß der Genesisdichter (reflex.) fordon in gleichem 
sinne wie fanvirkian verstand. Demnach läge unserer stelle 
derselbe gedanke zugrunde wie den versen Gen. 52 ff. oder 
35 ff'.: habda im mid is handun haramuuereh miJcil j uuamdadiun 
(jiiiuaraht, thius uuerold uuas so suiöo / besmitin an sundiim\ 
vgl. auch die (einem anderen Zusammenhang entnommene) 
stelle der aengl. Genesis 10941: honda (jewemde / an Caincs 
civcalme mine. 

'i. In seinen 'Jubilee Jaunts and Jottings' (Lunds Tni- 
versitets Ärsskrift, N. F., Avd. 1, Bd. 14, Nr. 2G), s. 58 ciliert 
Ernst A. Kock Genesis 286 — 8 wie folgt: 

nahida moragau 
au allara seliöa gihwem; saug- uhtfug-al 
fora dagas womau 

und nachdem er bemerkt hat: 'the editors put the stop after 
mor<t()ün\ wirft er die nicht unberechtigte frage auf: 'do they 
really mean that the songster gave a concert at each individual 
cottage?' Daß diese frage, nur etwas allgemeiner gefaßt, zu 
verneinen ist, geht hervor aus Mod. Lang. Notes 24,200, wo- 
selbst ein komma nach gihiven gesetzt wurde. Freilich, wer 
kann all die einzelliteratur im rechten augenblick gegen- 
wärtig haben? 

THE UNIVERSITY OF MINNESOTA. 

FßEDERIC KLAEBER. 



168 SINGEU 



BLUME. 



Von den bemerkimgen, die Vogt Beitr. 45. 459 ff. gegen 
meine auffassung- der literarischen ersclieinung des Küren- 
bergers vorbringt, greife ich nur die eine über das geschlecht 
des Wortes hlume heraus, weil ich hier etwas positives bei- 
bringen kann, das auch abgesehen von der einzelnen Streit- 
frage Interesse beanspruchen mag. Das germanische masculinum 
ist, wahrscheinlich unter dem einfluß von rosa, ebenso wie im 
französischen fhur, durch das femininum verdrängt, und zwar 
beginnt die Verdrängung bei den mitteldeutschen und wird 
von hier mit dem Christentum zu den übrigen deutschen 
stammen getragen. Von den Franken hat nur noch Isidor 
das masculinum, Otfried und Williram zeigen bereits das 
femininum. Von da an bleibt es fest: Arnsteiner Marienieich 
MSD. 38,38: Bruder Philipp 9093. 9687. 9754. 9786; Heslers 
Apokah'pse 22076; Paradis der fornuftigen sele 42,17; Mariae 
himmelfahrt in Moues altdeutsche Schauspiele 2189. 2288; Acker- 
mann aus Böhmen, ed. Bernt 24.24; Brun von Schonebeke 4794; 
Krolewitz Vaterunser 679. 2992; Bruder Hans 4739; Marien- 
lied MSH. III, 467a; Marienlob Germania 31, 295,41; Leysers 
predigten 90,19. 117,36, Wenn Pfannmüller in Frauenlobs 
frauenleich 2, 13. 19, 23 das masculinum einsetzt, so ist das 
wahrscheinlich unrichtig und er hätte im ersten falle der 
Weimarer hs., im andern den drei hss. folgen sollen, die das 
femininum bieten. Im Armen Heinrich 110 bietet die ostmittel- 
deutsche Heidelberger hs. das femininum für das masculinum 
des Originals, ebenso Tristan 8274 die mitteldeutschen hss. B N, 
allerdings auch die elsässische hs. H, und so wäre vielleicht 
hier das femininum das echte wie 11529 und das masculinum 
nur 12647 zu belassen, wo es die übertragene bedeutung 
'Jungfernschaft' hat. So hat auch Wickram nach Boltes glossar 
das femininum in der bedeutung 'blume', das masculinum nur 
in der von 'blute', wie auch im englischen das fremde flower 
das alte hlossom als 'blume' verdrängt, aber in der bedeutung 
•blute' belassen hat. 'Fauler ed. Vetter hat in der bedeutung 
'blute' auch das masculinum 87,17. 115,27, aber auch das 
i\imininum 33,3. Sachsenheim hat das femininum für 'blume', 



BLUME. IßP 

Tenij»el 177. Auch der iin Elsaß lebende Heinried» von TiHufeii- 
berg- hat, AN'ackeinagels Kindienlied If. 65, 5. 6(>, 4, das feminiuuni. 
Nur in den abgeleiteten bedeutungen 'ertrag- eines ackeis' und 
'Jungfernschaft' hält sich noch läng-ere zeit das alte mascr.liiuiiii. 
s. Schmidt, Hist. wb. d. elsäß. ma., s. 46f. In der bedeutung- 
'blunie' aber herrsclit seit Gottfried im elsässischen wie noch 
heute, s. ]\rartin und Lienert s. v., durchaus das feniininuni. 
Wie lange vor Gottfried es eingedrungen ist, kann ich nicht 
sagen, da die belege fehlen, wie überhaupt belege füi' das 
geschlecht dünn gesät sind: selbst bei autoren wie Wolfram 
und Walther, bei denen das wort häufig vorkommt, mangeln 
die belege für das geschlecht durchaus. Viel fester ist seit 
Notker das masculinum im übrigen alemannischen gebiet: 
R. v. Ems Barlaam 64,34. 213,24; Gerhard 1040; Martina 
26,101. 44,2; Seuse ed. Bihlmeyer 478, 9; Neidharts Eunuchus 
60, 162; E. V. Sax in Bartschs schweizerischen minnesängern 
28,14. 81; Wahsmuot von Künzingen in MSH. I, 302a; R. von 
Rotenburg MSH. I, 85 a; W. v. Breisach MSH. II, 148 a; in der 
bedeutung 'Jungfernschaft' Ring 48,44. 48b, 3. Wenn Manier 
ed. Strauch XIV, 18 (• wirklich dem IVlarner zugehört, so ist das 
femininum in zeile 7 wohl der elsässischen hs. zuzuschreiben. 
Wenn also heute im schweizerischen und schwäbischen im 
allgemeinen das femininum herrscht, teilweise mit den gleichen 
modiücationen wie im älteren elsässischen: masculin nur in 
der bedeutung 'blute' oder 'ertrag eines grundstücks', so haben 
wir es dabei wahrscheinlich mit späterer beeinflussung durch 
das elsässische zu tun. Im bayerischen ist das feminin bereits 
früh durch fränkische geistliche eingeführt worden, vielleicht 
gleichzeitig mit htünj, geist und rein, die sich durch ihre ab- 
Aveichende vocalisation als aus der fremde eingeführt erweisen. 
Bereits der Wiener Notker ersetzt ein masculinum seiner vor- 
läge durch ein femininum, und Heinzel weist Wortschatz und 
sprachformen des Wiener Notker s.28 auf das gleiche geschlecht 
in den Emmeramer glossen, in der Wiener Genesis und dem 
Speculum ecclesiae hin. Wir finden dann das femininum noch 
in Wernhers Marienliedern, Fundgruben II, 172, 39. ed. Feifalik 
1799, deren Verfasser doch wohl nach Augsburg gehören wird, 
ferner in Megenbergs buch der natur 301,28. 407,84, in der 
Salzburger predigt, Zs. fda. 30, 58, 14. Meik würdig schwankt 



170 SINGER, BLUME. — SIEBS 

Otto von Freising- in seinem Barlaam, nicht nur, daß er das 
wort 7934 masculin, 15682 feminin braucht, er mischt sogar 
die beiden constructionen 9890 die hluomc der da was. Das 
femininum bei Ulrich von dem Türlein mag- sich 214, 22 aus 
seinem langen aufenthalt in Böhmen erklären. Das masculinum 
zeigen Dietmar von Eist MF. 39, 23, der St. Georgener prediger 
260,5; 304,25. 315,32. 325,28, und als bayerisch sind wohl 
auch das Marienlob MSD. 40, 3, 2 und die predigt bei Wackei- 
nagel IX, 17 anzusprechen. Mit unrecht sucht ein femininum 
Bechstein im Frauendienst 1784,1, Lachmann 568,23: er hat 
die construction mißverstanden. Im heutigen baj^erischen ist 
das femininum ganz durchgedrungen: nur in der bedeutung 
'ertrag- eines grundstücks' hält sich noch teilweise das 
masculinum, was vielleicht auf beeinflussung von Schwaben 
her weisen könnte. 

Unter den genannten umständen ist es wenig geraten, 
das geschlecht von blume zum dialektischen schiboleth zu 
machen: man kann für die ältere zeit nur Schwaben und die 
Schweiz vielleicht ausschließen. 

BERN. S. SINGER. 



KRIMGOTISCH KILEMSCHKOP. 

Unter den von Busbeck mitgeteilten krimgotischen Wörtern 
lindM sich hilemschl^op 'ebibe calicem'. hop = becher bedarf 
keiner weiteren erkläruug, es ist (wenngleich nicht im gotischen, 
wo stilds = becher üblich ist) in den meisten germ. sprachen 
bezeugt, vgl. altn. ho2^pr 'geschirr in becherf orm ', aengl. copp 
und cu2)i)e 'fasse', afrs. kop 'becher', ahd. l'opf, laipf u. a. m., 
vgl. auch alts. Mpa, ahd. hiofa, nhd. knfe (heute noch im 
schlesischen für trinkgefäß gebräuchlich) ^^ mlat. copa. In- 
wieweit hier ein germ. wort vorliegt oder das lat. cüpa, später 
copa und cnppa (vgl. ital. coppn) eingewirkt hat, wage ich 
nicht zu entscheiden (vgl. Falk-Torp, Norw.-dän. etym. wb. 1.564); 
daher ist auch die quantität des krimgot. n in diesem woile 
nicht sicher. 



KUIMtJüT. KlLEM^ClIKOr. 171 

(lanz unklar ist bis jetzt das kilemsch. Feist, Ktym. \vb. 
(1. yot. spi. s. 107 nennt es hingedeutet und wolil nicht germ. 
Ursprungs', nimmt also die von Grienberger, Zs. fdph. 30, 130 
gegebene erklärung *kilaima iceis kup ^schlingen (eigtl. kehlen) 
wir den becher' nicht ernst. Ich fasse kilemscli als got. *(jalim- 
pai ]ms oder *galimpip ]ius 'es bekomme (glücke) dir' bezw. 'es 
bekommt (glückt) dir', so daß die wendung etwa ein 'prosit 
tibi' bezw. 'prodest tibi calix' bedeuten würde. 

Die lautverhältnisse bieten keine Schwierigkeiten. Daß 
das anlautende g als /.• erscheint, zeigt auch criten flere = got. 
gretan; zu vergleichen ist allenfalls auch ausl. k für g in rincJc 
sive ringo annulus; übrigens ist anlautendes p, t statt der 
media h, d ja auch in plui sanguis und tag dies belegt. — 
Das got. i scheint eine starke hinneigung zum e gehabt zu 
haben: falls mit E. Schröder (Busbecqs krimgot. vocabular, 
Nachr. d. Göttinger ges.d.wissensch., phil.-hist. kl. 1910, s. 1 — 16) 
statt mcnus caro *mcmis zu lesen und got. mim2 gleichzustellen 
ist. haben wir dafür ein gutes zeugnis. Auch kann stcga 
viginti 'stiege' dafür sprechen; Kluge, EWb. will dieses wort 
freilich mit ahd. atiega 'treppe' gleichstellen und auf germ. c- 
zurückführen (vgl. R Mnch, Indogerm. anz. IX, 193 ff.), aber 
dem widersprechen die für stiege = zwanzig geltenden i-formen 
im ndd., fries., ndl., die auf germ. *.sügo bezw. stigö zurück- 
weisen (die bedeutung scheint hier 'reihe' gewesen zu sein, 
vgl. griech. orixo^, wie ja auch ndl. snees 'reihe' für 'zwanzig' 
verwendet wird). Vielleicht kann auch in ^chcdit lux das e 
aus i entwickelt sein, denn man wird es von der wurzel *skei 
(vgl. engl, sky u. a.) ungern trennen. — Im krimgot. ist^ durch 
ts, äs und ps aber durch tsch ^= ts vertreten, z. b. tzo tu, goUz 
aurum = got. guip, siats terra = got. stop; letzteres ist nicht 
etwa der noni. siaps, sondern der acc. stap, denn es ist nicht 
verwunderlich, daß dem nach einem nomen fragenden dieses 
ebenso oft im acc. wie im nom. angegeben wurde, z. b. plat 
sanguis (statt *plutsch), tag dies, stul sedes, fsc piscis, ntain 
lapis. Andererseits finden wir wintsch ventus für ivinds, ieltsch 
vivus sive sanus für '^'haUips; so wahrscheinlich auch rintsch 
mons für *rinds, das A. Kock, Beitr. 21, 435 mit norw. rinde 
'bergrücken' zusammengestellt hat. Setzt man horrotsch voluptas 
= got. gahaurjöpus, so hat man sogar ein beispiel für ent- 



172 SIEBS, KILEMSCJIKOP. — LITERATUR. 

Wicklung- des Ims unter synkope des u zu tsclx. wie es in 
Mlemsch ans galmpai pus sich ergeben mußte (nach dem labial 
schwand selbstverständlich das t der lautgruppe tsch). 

Was endlich die bedeutung des got. *g(ilimpan = 'von 
statten gehen, gelingen, glücken' betrifft, so sei nur hin- 
gewiesen auf den häufigen gebrauch von aengl. g&limpan con- 
tingere, ^eZ(>//j; gegenüber w/gelinqj (unglück), jelimpUc und 
Kfigelimplic, auf dän.-norw. len/pc, schwed. lämpa und auf viele 
entsprechungen in deutschen mundarten, vgl. z. b. Staub-Tobler 
unter gUmpf, schlesisch lampt.'r u. a. m. 

BRESLAU. THEODOR SIEBS. 



LITERATUR. 

(^'el■zeicllllis bei der redactiou eingegaugeiier schritten.) 
Berthoicl, Juuise, Beiträge zur hoclidentscheu geistliclieu contnifactur 

vor lüUO (Auszug aus eiuer Marburger diss ). — 33 s. 
Güntert, Hermann, Von der spräche der götter und geister. Eedeutuugs- 

geschichtliche. i\ntersuchungeu zur homerischen und eddischeu gütter- 

sprache. Halle, Niemeyer 1921. — VII, 183 s. 
Heuslör, Andreas, Die deutsche quelle der bailade von Kremolds räche 

(== Sitzungsbericlite der preuß. akad. d. Wissenschaften. 1921. XXXII). 

— «. 445 — 469. M. 4.00. 

Karstien, C, Die reduplizierten perfecta des nord- und westgermanischen 
(= Gießener beitrage zur deutschen philologie hrsg. von 0. Behaghel, 1). 
Gießen, v. Münchow 1921. — XII, 169 s. 

Meissner, Rudolf, Cuonio uuidi (S.-A. aus 'Festgabe Friedrich v. Bezold'. 
Bonn 1921), s. 126—141. 

Pavil, Hermann, Deutsches Wörterbuch. Diitte aufläge. Halle, Niemeyer. 

— VI, 682 s. M. 70.00. 

Petersso n, Herbert, Studien über die iudogerman. heteroklise (= Skrifter 

utgivna av vetenskaps-societeten i Luud 1). Lund, Gleerup. — 284 s. 
Sarauw, Christian, Niederdeutsche forschungen I. Vergleichende laut- 

lehre der niederdeutschen mundarten im stammlande (= Det kgl. Danske 

Videnskabernes selskab. Historisk-lilologiske meddelelser V, 1). Koben- 

haven, Host & son 1921. — 432 s. 
Selmer, Ernst W., Sylterfriesische Studien (= Videnskaps-selskapets 

skrifter II. Hist.-tilos. klasse 1921. Nr. 1). Kristiania, Jacob Dybwad 

1921. — XII, 158 s. _ 

Sievers, Eduard, Zum Widsif» (aus 'Liebermaun-festschrift'). — 19 s. 
Volekmann, Erwin, Alte gewerbe und gewerbegassen. Deutsche berufs-, 

handwerks- und Wirtschaftsgeschichte älterer zeit. Mit 2 bildertafelu. 

Würzburg, Gebi-. Memminger 1921. — VIII, 354 s. M. 30.00. 
Waag, Albert, Bedeutungsentwickluug unseres Wortschatzes, ein blick in 

das Seelenleben der Avörter. Vierte, vermehrte aufläge. Lahr, Schauen- 

burg 1921. — XVI, 208 s. 
[Waltlier von der Voaelweide]. Die gedichte W.'s v. d. V., hrsg. von 

Hermann Paul. Fünfte auf läge. (= Altd. textbibliothek. Nr. 1). Halle, 

Niemeyer 1921. — l\ , 211 s. M. 12.00. 

Druck vüu Kurrab, KröUer & Nietschiuiiuii in Halle (.Saale). 



DER TRAGT AT VON DER TOCHTER VON SYON 
UND SJ:INE J3P]ARBEITUNGEN. 

I. Die fassungen des traclats. 

A. Prosafassungen, 
1. Noch nicht veröffentlichte mhd. fassungen: 
si Cgmi) 255 vom jähre 1448, 2", papier 89 hl., ist für 
den kamermaister ehunrat vom egloffstain angefertigt.'-) Er 
ist wundervoll geschrieben und mit roten und blauen initialen 
verziert. Der tractat TS steht auf bl. 34 b — B7a. Über den 
inlialt des codex s. cap. IV. 

b Cgm 411 vom jähre 1436, 4<', papier 197 bl., ist von 
einem Jeronimus Müller geschrieben (vgl. bl. 193a). Die schritt 
ist nicht sorgfältig. Die buchstaben sind oft rot und grün 
verziert. Der tractat TS steht auf bl. 177b — 185a. Die hs. 
enthält noch Die geistliche geisel, einiges aus den vitae patrum 
und mystica varia. 

c Cgm 470 aus dem 14. jli., 8", papier 70 bl., die schrift 
ist gut lesbar, die buchstaben sind nicht farbig verziert, doch 
fehlen auf bl. 37 a zwei anfangsbuchstaben, und ein größerer 
räum ist freigelassen, als ob sie dort liingemalt werden sollten. 
Der tractat TS steht auf bl. 37a — 46 b. Die hs. enthält außer- 
dem einen Maibaum geistlicher herzen, Offene beichte, Unserer 
frauen rosenkränzlein, Ave Maria in reimen, Lehre an eine 
geistliche tochter. Die sieben tagzeiten. 

d St. Georgen 79 aus dem kloster Villingen, jetzt in 
Karlsruhe, aus dem 14./ 15. jh., papier 3) 352 bl. Die schritt 



*) Codex germanicus Monaceusis. 

2) Vgl. deu eintrag auf bl. 88a und dem decket voru innen. Über 
die familie vgl. Biedermann: Geschlechtsregister der Reichs- Frey- unmittel- 
baren Ritterschaft Landes zu Franken Löblichen Orts Gebürg. 1747. Tab. 46. 

ä) Nicht pergament, wie fälschlich bei Längiu: Deutsche hss. der 
großh. badischen hof- und landesbibliothek. 1894-. s. 40. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 40. J2 



174 WICHGRAF 

ist sorgfältig. Der tractat TS steht auf bl. 316a — 321a. Das 
ms. ist eine mystische sammelhs. und enthält noch den 
Spiegel der Vollkommenheit. Eckharts rede der Unterscheidung, 
Augustins betraclitungen. Eine predigt von den Jungfrauen. 
Den geistlichen baumgarten. 

e Cgm29,i) 15. jh, 2^\ pergament 79 bl. Die schrift ist 
sorgfältig. Die initialen sind rot und blau gemalt. Der tractat TS 
steht auf bl. 30a — 32 a. Über den Inhalt s. cap. IV, 

f HB 1,38, zweite hälfte des 15. jh.'s,^) 4^>, papier 196 bl. 
Die hs. trägt auf bl. 5 a den vermerk, daß sie 1659 dem 
kloster Weingarten gehört hat. Jetzt ist sie in der Stutt- 
garter landesbibliothek. Sie ist mit großer schrift schön ge- 
schrieben und mit roten initialen und strichen verziert. Der 
tractat steht auf bl. 179b — 188a. Die hs. enthält außerdem 
Betrachtungen für alle Wochentage, Die kunst zu sterben. 
Gereimte sittenregeln, Gebete, Die kreuzholzlegende in reimen, 
Betrachtungen über die geböte, Über die hauptkirchen. Einen 
tractat über die passion Christi. 

B. Ms. germ. 4" 182 der preußischen Staatsbibliothek zu 
Berlin, 15. Jh., papier 319 bl. Die schrift ist zum teil sehr 
flüchtig. Der tractat TS steht auf bl. 264a — 276a, er ist 
einer predigt des herrn Ulrich von St. Johanns zu dem Grünen 
"Werde (in Straßburg) eingearbeitet. Der Inhalt der hs. um- 
faßt außer predigten auch noch einen Geistlichen garten der 
fugenden, Sprüche der väter, Sprüche Isidors, Speculum animae. 
Das buch hat dem Daniel Sudermann gehört. 3) 

2. Schon veröffentlichte fassungen: 

U. Karl Rieder veröffentlicht in der Zs.f.hochd.ma, I, 80 ff. 
einen mhd. tractat aus dem kloster Unterlinden zu Colmar im 
Elsaß. ^) Der tractat ist aus einer hs. der Universitätsbibliothek 
zu Basel, 15. jh., 4". Der anfang des tractates fehlt. Der 
hier in betracht kommende teil reicht bis s. 85. Es folßft 



') Da mir dieser codex erst ein jähr nach den andern zugänglich 
wurde, konnte ich ihn nicht an die stelle lücken, die ihm gebührt, die erste. 

-) Auf bl. 23b und 59a ist die Jahreszahl 1468 angegeben. 

^) Vgl. über Suderinaun Monatshefte der Comeniusgesellschaft, bd. V, 
s. 222 ff., 189G. 

*) y. Henry übersetzt diese fassung ins französische in der Revue 
d'Alsace 51, 459 ff. 



DIK TOCHTER VON SYON. 175 

eine fortsetzuiig, wie die tochter Syon im kloster Unterlindeii 
untergebraclit wird. 

\V. AN'einliuld druckt in seiner ausgäbe des Lampreclit 
von Kegensburg s, 285 if. den text des lat. tractats von der 
tilia Syon aus codex n 1997 1) der Wiener liofbibliotliek aus 
dem 14. jli. 

Von diesen neun prosafassungen des tractats kommen für 
die ausgäbe in betraclit: Cgm 29. 255. 411. 470, St. Georgen 79 
und HB I 38, da sie so nahe verwandt sind, daß sich ein 
kritischer text aus ilinen herstellen läßt. B, U, W sind freiere 
bearbeitungen, die vergleichend betrachtet werden. 

B, Gereimte bearbeitungen: 
LS. Lamprechts Syon ist von Weinhold 1880 ediert.2) 
AS. Die alemannische Sj^on ist veröffentlicht von 

1. Graff: Diutiska III, 3—21. 1829 nach der kloster 
Neuburger hs. 

2. Schade: ßuochlin von der tohter Sion. 1849, nach der- 
selben hs. 

3. Goedeke: Dtsch.dichtung im mittelalter, 245—249. 1854. 
Er folgt dem text der Diutiska 

4. Merzdorf: Der mönch von Heilsbronn, 129 — 144. 1870 
nach dem cod. palat. 417. Er zieht Graff und Schade zum 
vergleich heran. Seine fassung hat 10 verse mehr. 

5. Simrock: Die tochter Sion oder die minnende seele. 
1851. Er überträgt den text nach Graff und Schade ins nhd. 
Seine Übersetzung ist noch einmal in der deutschen Sions- 
harfe 1857, s. 52 ff. abgedruckt. 

SS. Sudermann hat den tractat in verse gebracht und 
ihn in seinem buche Hohe geistreiche lehren und erklärungen 
über die fürnembsten Sprüche dess hohen liedes Salomonis 
1622 gedruckt. Das buch ist in der preuß. Staatsbibliothek 
in Berlin unter der Signatur Libri impr. rar. fol. 132 a vor- 
handen. Die Universitätsbibliotheken in Breslau und Göttingen 
besitzen ebenfalls je ein exemplar. — Diese gereimten be- 
arbeitungen werden auch herangezogen werden. 

') Preger, Deutsche mystik 1,284, aum. 1 citiert den codex falsch als 1197. 
2) Sanct Franciskeii leben und tochter Syon, hrsg. von K. Weiuhold, 
Paderborn 1880. 

12* 



176 WICHGRAF 

II. Ausgabe des prosatractats a — f. 

e = Cgm 29 wird der ausgäbe zugrunde gelegt, e ist 
niclit die älteste, aber die sorgfältigste hs. Sie hat 7 feliler. 
Als Schreibfehler ist vielleicht 38 schösscJi anzusehen. Fehlei", 
die e mit acf gemeinsam hat sind: 

12 ^e ergänckleycli statt zergencklich bd. 

16 und fehlt, zu ergänzen aus d. 

72 sich statt sij d. 

77 ^•e fehlt, zu ergänzen aus d. 

77 und fehlt, zu ergänzen aus bd. 

79 seinem statt deinem bd. 

Textliche Unklarheiten wie 28. 37. 75, die offenbar auf 
eine weit zurückliegende vorläge zurückgehen, werden in 
cap. IV besprochen. 

Die rein orthographischen resp. lautlichen Verschieden- 
heiten, die die hss. auf grund ihrer verschiedenen dialekte 
aufweisen, werden nicht in die Varianten aufgenommen. Die 
Schreibung der hs. ist mit folgenden ausnahmen gewahrt: 

1. Die eigenuameu sind groß geschrieben. 

2. Die großen anfaiigsbucbstaben der sätze, die die hs. unregel- 
mäßig anwendet, sind nur bei beginn der abschnitte 1. 2. 3. 42. bei- 
behalten. 

3. Die interpunction ist als nicht genügend nicht beibehalten. Als 
Satzzeichen kommen in der hs. nur die striche / in anwendung. Manchmal 
fehlt der strich am satzende, dann tritt aber öfter ein großer aufangs- 
buchstabe bei dem neuen satz ein. Die striche trennen a) hauptsatz von 
hauptsatz: ayne hijcs der gclauh / clye ander liycs ein luare hoffnung j 9. 

b) hauptsatz von nebensatz : s?/ schicH aus dy Erlcantnüss in dy ivelt / ob 
etivas daryn loär i dartzu dy lieh irs herlzen genaygt vi acht werden 4. 

c) Satzteile: ein tochter von Syon j oder fraw j 2. und von rechtem layd j 
Icöm sy in ain kranckayt j 8. Die Zeichensetzung in fall b und e ist 
willkürlich. Nebensätze, die wesentliches enthalten, sind oft abgetrennt, 
oft auch nicht. Zu den abgetrennten Satzteilen gehören nicht nur bei- 
fügungen, sondern auch das subject als dir dann i.:e wissen haben getan j 
der Gelaub und die Hofming 24. 

4. Die abkürzung für r durch das häkchen ist aufgelöst. Der strich 
über auslautendem n, m in dar yn, daryn 3. 4. 8. 14. 30. 78. 80, gern 23. 52, 
sam 58 ist weggelassen. 

5. Die Indexe über vocalen, die zum teil umlauts- und «-zeichen, 
zum teil aber nur vocalunterscheiduugszeichen (vocalzeichen) sind, sind 
bfibehalten, z. b kämt 5, höchwirdig 12, nöldürß't 49. 



DIE 'lOCÜTKU VON SYON. 177 

e = Cgni 29 mit Varianten. 

|30a]. * Merck hernach von der tochter von Syon. 

- In der nach geschriben niaterj, wo man list ein tochter von Syon 
oder fraw, dapej sol man versten eins yeiUeychen menschen sei, und pej 
den jnnckfrawn sol man versten dy tugent, dar mit dy sei begreyff'eii mag 
erkantnüss gen got und gen ir selbs. 

^ p]yn tochter von Syon, ein wolgetzirtew, adeleychcw fraw, klar und 
subtil, plickt sich an zw eyner zeyt und erkannt sich natürlej'ch etAvas 
lyeb tze haben, daryn dy begir irs hertzen rwen mücht. * sy schickt aus 
dy Erkantnüss in dy Avelt, ob etwas dar yn war, dartzu dy lieb irs hertzen 
genaygt möclit werden und dy begirlikayt irs gemütz widerumb erfrewdt 
wurd. •' dy Erkanntnüss zöch aus und schaAvet alle ding in der weit und 
sach, das dy allew ergäncklejxh waren und nit wirdig, das sy lieb solten 
gehalten werden von ir frawen, und köm wider haym. ^ dy fraw sprach: 
„hastu icht gefunden etwas in der weit oder gesechen, dartzü ich naygen 
müg dy lieb meynes hertzen?" ' dy Erkantnüss autwurt und sprach: „ich 
pin umbgangen das erdreych und han geschawet und gemerckt alles das, 
das darauf ist und mit der weit uinbgebeu, und nym war, das das alles 
nmbgeben ist mit sünden und snodikayt der Avelt." ** da dy fraw das ver- 
nam, dy erschrack, als ob ir ain stral geschossen Avär in ir hertz, darumb 

das dy lieb irs hertzen nit möcht haben etwas in aller weit, daryn 

ein aufhalten hyet ir begir, und von rechtem layd köm sy in ain kranckayt. 

■' da das erhörd Avard in dem sal, do lüften zu dy junckfraAven .... 

und besunder zavo, ayne hyes der Gelaub, dye ander hyes ein Avare 
HoÖ'nuug, und fragten. Avarumb dy mynuikleych fraAv also ser gefallen 
Avär in kranckayt. ^" dy Erkantnüss tet yn tze Avissen, als sy dann aus- 
gesandt Avas Avorden. " do trat [30b] hynzü dy erst junckfraw genannt 
der Gelaub zw der fraAven und sprach: ^- „o du tzartew höchwirdigew 
fraAv, du Avayst wol, das ich dich all tzeyt underweyst han und gelert, du 
soltest betrachten und erkennen das da unsichpär ist und nit mit sünden 



1 in roter schrift. Fehlt in cf. 2 fehlt in bd. 2 I rotverzierte 
initiale, sol] mag c. den] auf rasur. der ac. erlcantnüss gen got und 
gen ir selbs] goi got ain erfca)itnüss und gen ir selbert c. 3 Eyntöehter\ 
die dochtter d. PJ blaue initiale, wolgetzirtew] icolgegirtetv c ettvas lyeb 
tze] auf rasur. 4 aus] fehlt in d. dartzxi dg lieb irs hertzen genaygt 

möcht iverden und dy begirlikayt] dar zu ir hertz geneit wer und die 
begird d. 5 schawet] beschant cf. alle] du b. gehalten] gehaben f. 

gehabpt d. 6 hastu icht gefunden etwas in der weit oder gesechen] hast 
nit etwas in der tcelt gefwnden oder gesechen b. hast tu icht gefunden 
dar tzu c. naygen] genaigen c. 7 antiourt nnd sprach] sprach b. sprach 
und antwirt d. geschawet] peschaut cdf. darauf] uff erden d. das das] 
das es bd. 8 zAvei spatien. Au dieser stelle steht sy in cfd. 9 dy 

junckfrawen] die zwo junckfraioen, ainu hies b. 6 cm rasur, zahl der 
spatien nicht festzustellen, zwo] fehlt in d. ayne hyes der Gelaub] die 
heist der gloub d. gefallen ivür in kranckayt] in kranckait gefallen war ci. 
11 hynzü] fehlt in b. hin c genannt der Gelaub] fehlt in d. genant 
glaub c. 12 fraiv] junckfrow d. erkennen] bekennen b. bekennen und 
betrachten c. 



178 WICHGRAF 

iTinbgeben und iiit [zjei'gäncklej^ch, besimder das da ebig ist, und zu dem 
soltest du auf heben dy begir deynes hertzen." '■' da sprach dy Hofnung: 
„dy underweysung kört nit allain dir zu, sy kört auch mich an, wann wer 
hye auf erd begreyffen wil das ewig und das in frewden nyessen, das müs 
durch mich geschechen." >* dy fraw und tochter von Syon da sy vernam 
dy red und wider red der tzwayer junckfrawen und nun vernam, das 
etwas nit was auf erd besunder in dem bymel, daryn irs hertzen 
inprünstigew lieb eyn wonung haben möcht, '^ dy sprach sendleych mit 
sewften als ob sy aus eynem swären trawm erweckt war: '" „o lieben 
junckfrawen, wer gibt mir fetach als der tawben, das ich auf in dy hoch 
der hymel müg kümen und das ewig erkennen [und] darein seuckeu dy 
lieb meines hertzen, davon ir habt geredt?" " dy tzwo junckfrawen, der 
Gelaub und dy Hoffnung, dy sprachen: „wir geben dir eynen trewn rat, 
möchst du haben dy Weyschayt, dy mit dem ewigen allew ding regiert 
und ordent in hymel und auf erd." >* da tze handt ward gefodert dy 
Weyschayt tzw der frawen. *•' da dy köm und sacli dy frawen in kranckayt 
und in ungedultikayt irs gemütz, dy fragt was dy sach war, darumb sy 
also betrübt ir hertz. -" dy fraw möcht nit gäntzleych aussprechen, warumb 
das war, von ängstleykayt wegen irs hertzen. ^' do hüben an dy drej 
junckfrawen, der Gelaub, dy Hoffnung und dy Erkantnüss, und ertzelten 
der Weyschayt dy sach. -- do sprach die Weyschayt zw der frawen: „o 
wirdigew fraw, warumb hastu mich nit gefodert bej der tzeyt zw saleycher 
begir deynes hertzen und zw samleychen Sachen? -' waystu nit, das ich 
altzeyt gern pin pej hailsamen und guten gedencken? -* ich pin genannt 
dy Weyschayt und pin ausgangen aus dem mund des aller höchsten und pin 
ein anvang seyner weg, als dir dann tze wissen haben getan der Gelaub und 
dy Hoffnung. -^ seyt du gedacht hast, was du lieb woltest haben, so seit 
du wissen: es ist ain ewiger, dem nyemand geleych ist. ^r er ist schön über 
aller menschen kind, reich und milt, geweitig und mächtig. '■^' möchstu den 



nit] fehlt in b. zergäncMejch] bd. ze ergäncklei/ch eac. zeer- 
gencJcleich f. da] fehlt in b. soltest du] -est du auf rasur. soltu cdf. 
13 nit allain dir zu, sy hört auch mich an] mir zu und nit allain dir b. 
in] mit b. geschechen] beschechen bc. 14 dy fraiv und tochter von Syo)i 
da sy vernam dy red] da die dochter von Syon die red vernam b. und 
ivider red] fehlt in d. vernam] verstund cf. marlct b. nit ivas] was 
nit cf. irs . . . wonung] die in]}rinstig lieh irs hertzen loonung b. 15 dy 
sprach] fehlt in c. sie sprach b. sprach sy d. trawm] schlaff d. aus] 
fehlt in f. 16 fetach als der tawben] felilt in d. ernennen und] und 

ergänzt aus bd. 17 treten] getrivn b. möchst du] möchstu df. möchtest 
du bc. regiert] fehlt in d. ordent] fehlt in c. in hymel] in dem himell b. 
18 zu der fraiven] fehlt in b. 19 ungedultikait] ungedult b. dy] sie b. 
darumb sy also betrübt ir hertz] toar uvib ir hertz so gross angst het b. 
darumb sy also betrübt hiet ir hertz f. dar umb si betrübt het ir hertz c. 

20 warumb] toaz d. dy fraw bis hertzen] fehlt in b. ivegen] fehlt in c. 

21 drej] fehlt in f. Gelaub dy] gelaub und dy c. glab, hofnung iind cr- 
kantniss b. 22 zu der frawen] fehlt in b. pej der tzeyt] pey tzeit cf. 
samleichen] solchen df. und zu samleichen Sachen] fehlt in b. 23 und] 
fehlt in c. 24 dann] da c. 25 ivoltest] wollest d. geleich ist] geleichen 
mag b. 20 aller] f (dien ac. alle d. 



DIE TOCilTEK VON SYON. 1 7'J 

lialjeii in lieb deyne.s herlzeii, '-'* |so wünl gcsött die IjegiriiuLait deines 
liertzen]. -" er ist vil mer dann du. ^° den soltestu pilleycli erkennen und 
lieb liaben, wann er hat dich als lieb gehabt, das er durch deynen willen vcr- 
g;ossen hat scyn pliit und dar^'ii dich hat geraynigt von aller unraynigkayt. 
•" aber seyt das geschechen ist durch dy Lieb, dy er tzw dir hat gelialjt, 
so sendt nach der Lieb, wann dy gewaltig- ist vor dem anplick Götz für 
ander tngent." [31 aj =*- man schickt pald aus, und da dy Lieb kiim, dy 
ward gar wierdikleych enphangen von der tochter von Syon und von allen 
tugenten, •"'■' und es ward ein sweygen in dem sal wol auf ein halbew 
stund von wirdikayt wegen der Lieb; ■'* wann sy ist ein künigiu aller 
tugent und on sy hat kayn tugent kraft in irem reych, das ist in der sei. 
•'"' sy pewtt und ist nyeniand, der ir widerspricht. ^'^ sy hat den künig 
der ereu als fast gediemütigt, das er an sich genömen hat dy plüden 
menschayt. '" sy ist Jacob der patriarch, der da rang mit dem engel, das 
ist mit der götleycheu maiestat; ^^^ Got den suu gewarffeu hat hyn und 
her, zw dem ersten aus dem hertzen got des vaters in dy schöss der junck- 
frawn Marie, darnach in die cripp, darnach in Egipteuland, ^o jjSv dem 
lesteu an das krawtz und in den engschlichen töd, " und tägleych von 
der hoch der hymel unter dy gestalt des pröts des wirdigeu sacraments. 
*' ist nun dy lieb also starck gewesen und noch ist gen Got, vil mer ist 
sy starck und geweitig wider dy menschen, mer dann all tugent. 

" Da nü dy lieb zw trat zw der töchter von Syon, da redt dy 
Weyschayt zw der tochter von Syon und sprach: " „da edlew creatur 
Gots, du hast gehört, was glori und Avirdikayt, schön und allew tzir an 
dem leyt, der in dem höchsten tron der hymel wesenleych ist, der sich in 
rechter lieb mit dir veraynigen solt. " es ist nit zymleych, das man im 
müg zw kömen an wirdig potschaftt." *= dy fraw antwurt und sprach: 
„0 reycher schätz der eren, o du ayuigs wesen, mein Got, wen sol ich 
schicken? *'' dy Lyeb sach an dy frawen und ir gros begir und erkandt, 
das sy des ein ursach was, das ir hertz als fast ertzündt was, den höchsten 
lyeb tze haben. *' und seyt dy Parmhertzikayt von anfanck und von 
jugent mit der Lyeb aufgewachsen und getzogen ist, do mocht sich dy 
Lieb nit lenger enthalten, sy sprach mit sewfften: *^ „ich erkenn, das dy 



27 haben in lieb dei/nes hertzen] lieh haben in deinem hertzen bd. 
28 ergänzt aus cf. 30 gehabt] gehabt und noch hat b. dich hat] hat 

er dich b. und dich dari/ii gereinigt von d. 32 7nan schielt pahl] auf 

rasur. dy ward] do icard sie b. 3-i ist fehlt im text, steht am raude. 

das ist in der sei] daz in der sei ist d. das ist in disser sei c. 35 und 
ist] und es ist b. 36 genömen hat] hat gcnomen c. 38 hyn und 

her] er nider = hernider b. crijJj}] cripp und c. schöss] schössch. 
39 engschlichen] auf rasur. -liehen steht auf dem außenraud. engstlich af. 
anglichen b. engelischen c. englischen d. il all tugent] all ander 

tugent b. 42 Absatz markiert in eabf. D rote initiale. zw trat] 

trat b. zw der] von der d. 43 glori und wirdikagt] glori und er und 

wirdikait b. ist] fehlt im text, steht auf dem innenraud. solt] sol b. 
44 müg zto] zu mug b. 45 antwurt und] fehlt in b. 46 ertzündt] 

enzünt bd. höchsten] aller höchsten d. 47 gewachsen und gezogen] ge- 
zogen und geicachsen b. 48 erken)i] erkant i: 



180 WICIIGKAF 

krauckayt uuil das seueu deyues hertzen durch meyueu wegeu getscheclieu 
ist. ** nym war, ich Avil wegfertig seyn, aber doch so ist ein iiötdnrfft, 
das mit mir zyech dy juuckfraw, dy da genant ist ein andächtigs Gepet." 
■'° dy ward pald gefodert. ^' ir ward gepoten das sy zyechen solt auf in 
das hymlisch wesen. '"- sy antwurt und sprach: „möcht ich gehaben ein 
klayus käudel mit wasser, so wolt ich gern faren, wann der weg ist hert 
zu wandern." ■'^ dy Lyeb begrayf aynen pogeu und etwan vil stral. ^* dy 
junckfraw genannt das Gepet begrayf ein fiäschel mit wasser, das ist über- 
flüzzikayt haysser tzächer, '"'■' und namen urhaub [31b] von der frawen 
und allen junckfrawen und machten sich auf den weg auf in dy liöch der 
hymel und kümen an dy porten der hymel. '"^ dy ward yn tze handt auf- 
getan, und da dy junckfraw genaudt das andächtig Gepet hinein plickt 
in den trön und secheu wolt den künig der eren in seyner tzir, S' und dy 
Ordnung der dyenär, dy ou aufhören den künig lobten, und allew glori 
und zirleykayt der hymel, und hört auch lobgesanck mit grossem jubiliern 
der auserbelteu, =« do erschrack sy also ser und körn von allen krefften, 
als sam sy synnlos war worden. ^•' aber dy ander junckfraw genannt dy 
Lieb, dy was da wol erkannt und verstund wol, wye sy dy sach handeln 
solt. *"" dy legt auf iren pogen einen stral und plickt an den künig der 
eren und begert den ze wundten mit dem geschos, und lyes ab den pogen 
unerschrockenleych und traf den künig inwennikleych in das hertz. ''' als 
pald der künig des enphand, do sprach er: „mich hat etwär berürt." '^- dy 
Lyeb ze band legt mer auf und schös aber eynen stral und berürt den 
lyebhaber der sei. "^^ der sprach: „du mein gespous, mein gemachel, du 
hast verwunt mein hertz." '^* und ze handt aus den wunden Aussen vier 
trophen, das ist gütleych genad, götleychew erkanndtnüss, hymlischew 
begir und götleychew frewdt. ''•> dy vier trophen nam dy Lieb und köm 
pald zw der tüchter von Syon. '""' als pald dy fraw sach körnen dy Lieb, 
do sprach sy: „pis willikömen, du meyn tröst, ich han deyn gewardt mit 
pelangen und mit sewfften. **' hast du nit gesecheu den lyebhaber und 
begir meines hertzen V' "■'* dy Lieb antwurt und sprach: „ich han yn 
gesechen, der da ist ein scheyn des ewigen lyechts, ein spyegel an all 
mackel, des auplick vol ist aller genaden." '^■' und gab yr dy trophen, 

durch] von b. tvegen\ ivillen d. 4:9 ist ein nötdürff't] ist notdürftig b. 
da] fehlt in bd. 50 pald] fehlt in d. 52 Mai/iis] fehlt in d. ivolt] 

solt c. ivann der tveg ist hert ze wandern] fehlt in d. 54 das gepet] 

andechtiges gebet b. fiäschel] feslin b. ist] ist mit c. 55 und allen\ 

und von abcf. porte}i der hymel] himel porten b. 56 das] fehlt in b. 
ein plickt in den tron] ein plick in den thron det d. tsir] getzird d. 
57 der dgeiiür] seiner b. 58 als sam] als ob b. 59 dy ander junck- 
fraiv genannt] fehlt in b. 60 dy] sie b. begert den] in d. ivundten] 
venvunden bcdf. mit dem geschoss] fehlt in b. das] sein cf. 61 etwär] i 
etivar ad. ettva b. etwaz c. berürt] geriirl b. 62 dy lyeb bis berürt] 
die lieb legt ze hand mer auf ain sträl und schos und berürett b. 
63 der] er b. hast] hast mir b. 66 sach körnen dy lieb] die lieb sach 

kumen b. sacli die lieb d. ivillikömen] gotwilkumen d. gewardt] laiig 
gexvarttet d. und mit sewfften] und seivftzen d. 68 ewigen] einigen d. 
vol ist aller genaden] vol aller genaden ist r. 69 und gab yr dy 

trophen] und sie gab ir die fter tropfen b. 



DIK rOCIlTKli VON SY(JN. l8l 

davon ol)eii geredt ist, und yos irs in ir liertz. '" und i\(> ze liiindt als 
pakl dy fraw enphand dy tngent nnd dy kraft't der trophen, do ward ir 
hertz erfüllet aller genad und alles trösts, und ward aus ir getriben allew 
forcht mit sorg zeytleycher ding. " sy unibvieng ynnwennikleych mit 
beschawendera andächtigem gemüt ireu lyebhaber und tröst aller weit. 
'- sy küst yn lyebleych an seyn mund. " ir hertz ward als fast 
ertzündt in rechter inpriinstiger lyeb, das [syj das nit mücht behalten 
inwennikleycli, besunder mit lawter stymm sprach sy: ** „ich wil an- 
hengig seyn dir meynem auserbelden lyeb ymmer und ewikleych; mein 
sei, mein hertz sol mit dir seyn in ewiger verpünttnüss, bis das icji 
gäntzleych veraynigt piu mit dir meinem lieben gespous." " darnach 
köm dy junckfraw genannt das andächtig Gepet zw der frawn, und da 
sy erkannt, das das Avasser also gewürckt het, [das es] in der [32a] 
frawen verkert was worden in weyn, ""' do mocht sy nit aussprechen den 
schätz aller gnaden, den Got der frawen mitgetaylt het, und verwundert 
sich an der grossen niiltikayt und parmhertzikayt Gots. — •' also was dy 
tochter von Syon, dy edel creatur Gots, ain fraw adeleych getzirt, körnen 
in ayn volkomens genadenreychs wesen, abgeschajden von allen irdischen 
dingen, nichtz das ergäncklejch ist ze betrachten, besunder wol tze ge- 
vallen dem höchsten, dem ein gantz gemüt auf ze halten, rayn und lawter 
sich [ze] behalten von allem dem, das ein lautrew gewissen verunrajuigen 
mag, [und] in dem wesen also ze beleyben. '"* von irs hertzen andacht 
ward ofl't gesprochen: „köm zu mir in den garten meyner sei, mein tröst, 
mein hertzenlyeb, aller weit schöpher, durch den mein hertz verwuutt ist, 
und hab ein wolgevallen daryn und mach grünen mein veruunfft, und lass 
wachsen nach [d]einem gevallen allerlaj plümen, besunder feyol und lilgeu 
mit wolsmeckenden rösen; '■' das ist dyemütikajt, lawtrikajt, götleychew 
lieb. **" und belejb daryn als lang, pis das ich dy tzeyt meynes lebens 
verpring und den schaten diser weit gäntzleych vernicht, und das mir 
darnach scheyn das ewig lyecht, das ist Kristus Jhesus, ayner yedlejcheu 
gelaubigen sei gemachel." amen. 

davon] da vor von d. gos] gab a. 70 und do zehand] fehlt in b. 
und dy kraft der trophen] fehlt in c. und kraft b. ir\ ir ir d. loard 
aus] ivaz uss d. 71 umbvieng] enpfieng d. 73 ertzündt] enzllml bd. 

inprünstiger lyeb] inprünstikait irs hertzen b. sy] eingesetzt aus d. 
sich eabcf. 74 mein sei, mein hertz] mein hertz, mein sei cf. pin] 

wer c. wir f. gespons] sponsen c. 75 das es] felilt in abcef, ergänzt 

aus d. verkert] vertvandelt d. 76 mitgetaylt] mittailt b. an] ab h. 

aber d. 77 genadenreychs ivesen] wessen gnadenreich d. ergäncklejch] 

zergencklich b. ze] ergänzt aus d, fehlt in abcef. imd] ergänzt aus b, 
fehlt in acdef. 78 zu] her zu d. hertzenlieb] hertz lieb c. mein rer- 

imnff't] myn hertz und min Vernunft d. deinem.] verbessert nach bd. 
seinem acef. lilgen] gilgen bc. veihel gilgen d. 79 laivtrikajt] lautcrkait 
und e. lieb] mynn d. 80 pis das] das fehlt in c. verpring] volbring b. 
darnach] dar umb und darnach d. i/edlejchen] jeglichen ab. amen] 
fehlt in d. 



182 WICHGKAF 

III. Die dialekte der liss. a — f. 

Die liss. sind alle entweder ungefähr oder genau datiert, 
c ist aus dem 14. jh., d aus dem 14./15. jh., a vom Jahre 1148, 
b vom jähre 1436, f ist vermutlich 1468 entstanden, e im Zeit- 
raum von 1432 — 1448. 

Alle hss. zeigen oberdeutsche sprachformen. Es kommen 
als heimat nur Bayern und Schwaben in betracht. Diese 
dialekte zeigen im 14. und 15. jh. so viel Übereinstimmung, daß 
eine reihe von merkmalen als uncharakteristisch ausscheidet, 
dagegen je nachdem spuren nach Bayern oder Schwaben 
weisen, als bayerisch oder schwäbisch in anspruch genommen 
Averden darf. Bei manchen der hss. läßt sich vermuten, daß 
der frühere aufbewahrungsort auch ihr entstehungsort ist. 
e und a sind aus dem kloster Indersdorf, zwischen Isar und 
Lech im bistum Freising geleg-en. Es besteht begründete 
annähme, daß sie auch dort entstanden sind (s. cap. IV). 
Moderne dialektforscher scheuen eine genauere einteilung des 
bayerischen. Sie unterscheiden nur nord-, mittel- und süd- 
bayerisch, i) Indersdorf liegt nach dieser einteilung im mittel- 
bayerischen Sprachgebiet. Es liegt im nordwestlichen viertel 
des kreises Oberbayern. Eine anal^'se des dialektes der 
beiden hss. kann nur den zweck haben festzustellen, ob dieser 
herkunft keine sprachlichen gründe entgegenstehen. 

Die herkunft von b und c ist unbekannt, b hat im jähre 
1618 der Münchener herzoglichen bibliothek gehört. Bei diesen 
beiden hss. hat eine analyse den zweck, w^enn möglich den 
teil Bayerns festzustellen, in dem zur entstehungszeit der hss. 
solch ein dialekt gesprochen wurde, wie die hss. enthalten. 

d stammt aus Villingen an der Brigach. Dieses kloster 
liegt an der grenze des schwäbisch-niederalemannischen Sprach- 
gebiets. Es ist zu untersuchen, ob die sprachformen der hs. 
um die wende des 14./ 15. jh.'s in dieser gegend möglich ge- 
wesen sind. 

f hat im jähre 1659 dem kloster Weingarten gehört. 
Heutzutage geht die schwäbisch-hochalemannische grenze nörd- 

') Vgl. Lessiak im Anz. fda. 30,46, der sich Schatz aDScbließt. Brenner 
in Brockhaus Couversationslexikon 4, 993. Nordbayerisch in der heutigen 
Oberpfalz, südbayerisch in Deutsch -Osterreich, mittelbayerisch zwischen 
diesen beiden gebieten. 



DIE TOCHTER VON SYON. 183 

lieh von AA'eing-arten entlang.') Daß die Sprachgrenzen in 
früheren zeiten andere waren, ist keine frage; doch ist 
weder bei der schAväbisch-hochalemannisclien, noch bei der 
schwäbisch -bayerischen einwandfrei festgestellt, in Avelcher 
weise sie sicli verschoben haben. 2) Vielleicht reichte das 
schwäbische Sprachgebiet, oder auch nur schwäbische schreib- 
gewohnheit in der zweiten hälfte des 15. jh.'s bis Weingarten. 
Nur durch einen vergleich mit anderen Weingartener hss. der- 
selben zeit ließe sich feststellen, ob dieser codex dort ent- 
standen sein kann. 

Ich ordne die hss. nach der Zusammengehörigkeit ihrer 
dialekte und beginne mit den bayerischen. An die erste 
stelle setze ich die datierten und localisierten hss. e und a. 

e. 
I. Vocalismus. 

1. Der umlaut von a ist e, auch z. b. geuxltig 2(). 41, 
Jicd 52, ivegferüg 49, anhcngig 74. 

ä findet sich in folgenden worten: ergäncJdcgch 5. 12. 77, 
gäntsleycli 20. 74. 80, ängstlcylmyt 20 gegen eng schlichen 39, 
ni ächtig 26, tägleych 40, andächtig 49. 56. 71, hänclel 52, fläschelb4:, 
tsächer 54. Also steht ä für den jüngeren umlaut, aber nicht 
ganz consequent, s. oben geweitig gegen getvaltig 31, engscldichen. 

ä findet sich außerdem in dyenär hl, etwär 61, ä = ce: 
sivären 15, unsichpär 12, war 4. 8. 15 usw. 

2. a > nur in on 34. 57; vgl. an 44. 68. 

3. or > ar nur in gewar/fcn 38; vgl. forcht, sorg 70. 

4. Altes ai (ay, ui, aj) ist gesondert von neuem ci {ey, ei, 
ej). Auch in der unbetonten silbe -lieh wird i > ey, einzige 
ausnähme engschlichen 39. 

Der unbestimmte artikel-^) findet sich mit ai : uyn, aiu 8. 
25. 53. 77. 77. 80. 

Das Zahlwort liegt vor in aijne 9. 

Zusammensetzungen und ableitungen: allain 13, aynigs 45, 
veraynigt 80. 

') Vgl. Kaufmann, Gescliichte der schwäbischen mundart s. 32. 
■^) Vgl. u.a. Bohnenherger, Alemannia 28, 235 ff. 
^) Vgl. über ain, ein Bartsch, Germania 24, 198 f. und Elirisnianu, 
Renner 4, 94 f. 



184 WICIIGKAF 

Der unbestimmte artikel iindet sicli mit ei : cyn, cht 2, 3. 
8. 9. 14. 15. 17. 24. 33. 34. 46. 49. 52. 54. 60. 62^ 68. 77. 78. 
Adverb ist in > ein 16. 56. 

5. Altes ou ist aiv im auslaut und vor vocalen, z. b. fraiv 
2 usw., schmvet 5. 7, au vor consonant: Gelaub 9. Auch die 
diplithongierung von ä wird au geschrieben auf 7. 

6. m > ew in der Stammsilbe: sewften 15. 47. 66, trewn 17, 
pcwtt 35, auch freivdt 64, erfrewdt 4, freivden 13, vereinzelt 
Icrawtz 39 für hruize. 

iu > ee<; in der adjectivendung -e^^-: 

Nom. sing. fem.: wolgetzirtew 3, adeleychew 3, in/prinsticjmv 14, 
«Z/cit' 43. 70, götleycheiv 64. 79, hymliscliew 64. 

Voc. sing", fem.: sarteiv 12, hochivirdigeiv 12, tvirdigeiv 22, 
c(?^ezy 43. 

Acc. sing, fem.: lialhew 33, aZZe«<; 57, lauircw 77. 

Nora. plur. neutr.: a^?e?<; 5. 

Acc. plur. neutr.: «ZZe^t; 17. 

7. ie ist yc: z. b. %e5 9, /<?/c 13, nyessen 13, nyemant 25. 
35, M?2/e 59, ?ye5 60, ^^/ec/«^ 80. ze: regiert 17, juhiliern 57, 
vier 64. 65. 

Sonst wird ?e > f vor r: fi^ir 43. 56, getzirt 77, sirleyltayt 57. 
i > ie vor r: wierdikleych 32, sonst ivirdig 33. 40. 43. 44. 

8. Ä<e ist ?/ geschrieben: gemüt 4. 19. 71, dyemütikajt 79, 
betrübt 19, grünen 78, plümen 78. 

Ebenfalls vor r: &emr^ 61. 62. 

9. Schwache -e sind meist abgefallen, z. b, Gelaub 9. 11. 
17. 21. 24, Gewafi 64. 70, Lieb 31 usw., cn^jj 38, sei 34, Z;a«/w 
tugent 34, ir ^rö.s 6e^ir 46, ein wäre Hoffnung 9, (?«/ tnynnik- 
leych fraw 9, em lialbew stund 33, em anvang seiner iveg 24, 
cm künigin 34, f/as ew;«</ 13, c/?/ hoch 16. 

Im praefix sind erhalten: Gelaub, Genad (ausnähme gnaden 
76), geleych 25, beleyben 77. 80, gelaubigcn 80. 

IL Consonantismus. 

1. Anlautend b > p mit ausnähme der vorsilbe 6e-, nur 
pelangen 66 und der partikel Z;/5 74. In- und auslautend 
bleibt b: lieb 4, Gelaub 9, selbs 2, sm6^?7 3. 

& für w: auserbelden 57. 74 und einmal ebig 12, sonst 
ewig 13. 16. 17. 25. 68. 



DIE TOCHTER VON SYON. 185 

2. Alllautend d > t. 
Im auslaut erscheint dt 

a) bei sj'nkope des e für -det: geredt IG. 69, redt 42, er- 
tziindt 46. 73, geivardt 66; aber venvunt 63, venvuntt 78. 

-#e^ > ^^, ^: 2?ew^^ 35, antivurt 7. 45. 52. 68. 

b) darnach auch in Egiptenlandt 38, tze handt 18. 50. 
64. 70 (neben se liand 62), ivundten 60, (inf.) erlandt 46, 
(praet.) se?«?^ 31, (imper.) ycnandt 56, gesandt 10, erfrewdt 4. 
Erlcandtnüss 64 (neben Erhantniiss 2. 4. 5, Erlcanttnüss 21, 
erhant 59, genannt 11. 54). 

Im auslaut erscheint (Z: erliörd 9, verstund 59, enpliand 
61. 70, M;«rd 4, M7«r^ 9. 18. 32. 73; aber 6erwr< 61. 
?(?: anserhelden 74 neben auserhelten hl. 

3. Inlautend c/i für 7/: gesechen 6. 67. 68, sechen 56, zycclien 
51, izäclier 54, gemachel 63. 

Auch auslautend bei abfall von schwachem e: 5f?/^c/i 49. 
(3. sing", conj. praes.) (??/ /«öc/i 16. 55. 

Die hs. weist nicht im tractat, sondern nur in anderen 
teilen ch für Je auf, z. b. «^-erc/i 8 b, erchennen 16 b. 

4. 5c/? für s: Weyscliayt 17. 18. 21. 22. 24. 42, schössch 38, 

engschlichen 39. 

III. Einzelnes. 

1. Ausfall des ch: ängstleylcayt 20, zirleyMyt 57. 

2. Undiphthongiertes I: engschlichtn 39. 

3. wt? > ww: imvennildeych 60. 71. 73. 

4. ^e/b(?er^ 18. 22. 50. 

5. Deminutivsuffix -ch liändel 52, fläschel 54. 

6. Praet. von haben: hyet 8, von laufen: luffen 9. 

Ergebnis: 
Der dialekt der hs. e ist bayerisch. 
Merkmale des ba3'erischen sind: 

1. ein bei sonstigem Übergang von ei > ai, 

2. nebentoniges i > ei in -lich^ 

3. die adjectivendung -ew, 

4. or > ar, 

5. h für «<;, 

6. & > i?, 

7. hyet. 

Ausgesprochen schwäbische merkmale fehlen. 



186 WICHGRAF 

a. 

a schließt sich bis auf wenige ausnahmen der Schreibung 
von e an. Es finden sich folgende abweichungen: 

1. t ist nicht diphthongiert in piUicli 30. Der e/-laut ist 
falsch geschrieben in underivaysuny 13, ain < in 56. Folgende 
unbestimmte artikel sind mit ai geschrieben: ainen pogen 53, 
alner yegeltichen seel 80. Das Zahlwort ist ebenfalls mit ai 
geschrieben: aine hies 9. 

2. or > ar: geivarffen 38, farclit 70, sarg 70, 

3. es findet sich nur ein b für tv. auscrhelten bl, 

4. es findet sich kein getrübtes s, 

5. das praefix der- für er-: dergäncUeycli 5, 

6. li > dl im anlaut: erchenncn 12. 16. 46. 48. 64. 

Ergebnis: 
Die hs. a ist bayerisch wie e. 

c. 

I. Vocalismus. 

1. Altes ai {ai, ay) ist gesondert von neuem ei {ei, ey). 
In der nebensilbe -lieh wird i nicht diphthongiert, z. b. minnic- 
lich 9, ergencJiiich 12, scndlich 15, gentzlich 20, xyillich 30. Auch 
gnadcnrichs 77, ertrich 7, begriffen 2 (inf.) gegen pegreyffen 13, 
geleich 25. 

Der unbestimmte artikel ist stets mit ai geschrieben. Es 
ist unbayerisch, daß kein ein für ain erscheint. 

2. Altes ü >au mit ausnähme von luter 11, vgl. leutrew 11, 
lauterJcait 79. 

Altes OH > a: fra 2 u. ö., vereinzelt fraiv 11. 

In nicht hochtoniger silbe: urlab 55. 

Der Übergang von ou > a ist bayerisch und schwäbisch. 

3. iu > regellos civ, e in der adjectivendung. 

4. ie ist mit ausnähme von sir 43. 57 richtig geschrieben. 

5. üe > M in denselben Wörtern wie in hs. e und a. 

6. Schwaclie -e fallen ab, auch in ze: tz ivissen 10, tz handbG. 

7. bemerkt: 

a) die rundung von ä, e > ö: flöschen 54, möchtig 26, er- 
zölten 21, Schöpfer 78, (jrcsfV^^ 28, erwölten 57. 

b) die entrundung von ü > /: injyrinstige 14. 73 und von 
e« > ei, ey: leiten 23, seyften 15, zu a« : jmit 35. 



DIE TOCHTER VON SYON. 187 

IL Consoiiantismus. 

1. (/ für t in dochicr 2. 14. o2 neben toclder 3. 42. 65. 77. 
— schallen für schaten ist wohl nur ein versehen. 

t ist angehängt bei stlhert 2. 
ih in (jethan 56. 

2. Anlautendes sw, si», sw > sehn, schm, sehr: scJmödihdt 7, 
schmeckenten 78, sehweren 15, schweigen 33. 

Verdoppelung von .s-: rossen 78, f?me>- 34. 80. «fa-s.-? 19, 
rtU56' 20, weisshait 22. 

3. Speciell bayerisches im consonantismus: 

a) wmc > w?«c/i 78. 

b) geheht 30, vgl. Weinhold, Bayr. gramm. s. 316 unten. 
Die deminutivendmig-Zem mlcäntlein 52 ist dagegen unbayerisch. 
Die hss. e, a haben händel. 

Ergebnis: 
Hs. c ist stark dialektisch bayerisch. 

l). 

I. Vocalisnuis. 

1. Altes ai (ai, ay) ist nicht von neuem ei {ei, cy) gesondert, 
i ist nicht consequent zu ei diphthongiert, es ist in betonten 
wie in unbetonten silben erhalten geblieben, z. b. zitt 12, wis- 
hait 24, ertrieh 7, zeryencliich 12. Dagegen findet sich der 
diphthong in supteil 3. 

2. Altes ü ist erhalten, z. b. uff' 7. 47. 51 neben auff 56. 
57, usenoelten 57, us 64 neben aus 70. diihen 16. 

Altes Oll > a: glah 9. 11. 21, fram 15. 
ä > au: haun 12, laus 78. 

3. iu > eu in der Stammsilbe: seuften 15. 47. ßi), eiv im 
artikel deiv 24, Undiphthongiertes iv findet sich in getrivn 17, 
/>/r^ 35. 

iu > tt in der adjectivendung: allu 5, .e-ar/H, hoehwirdigu 12, 
wirdegu 22 usw., im artikel: ^?m f?/??.^ 5. 

4. Entrundung: ce > e: 5c/iew 26, schnediMitt 7, «^ > «: 
inprinstig 14. 

Das e im conj. praet. mecht 3 kann altes umlauts-e sein 
oder entrundung aus möhfr. 



188 WICHGRAF 

IL Consonantismus. 

1. Die Schreibung der tenuis h im anlaut als cli: cJiomen 
11. IQ ist baj^eriscli und alemannisch. 

Auf bayerisch spirantische ausspräche von g im auslaut 
deutet sag 5 (praet. von sehen). 

2. Die -/-formen im plural: ir habentt 16. sie erzaltent 21 
sind schwäbisch. 

3. s in anlautenden consonantverbindungen ist scIi nur bei 
schnediliait 1, sonst smehenden 78, sweren 15, swigen 33. 

4. Eine eigentümlichkeit des Schreibers ist die vertauschung 
von w und v. iv tritt für v ein: ivil 29. 53, iverwundret 76. 
V tritt für w ein: gevesen 41, gevaschen 47, vasser 54, gevart 66. 
invendiUich 73. Nach Weinhold, Alem. gramm. § 160, anm. 1 
findet sich diese vertauschung nur in jüngerer zeit. Da Wein- 
hold sie nur in der Alem. gramm. erwähnt, läßt sie sich viel- 
leicht als chai-akteristicum des alemannischen, hier schwäbischen 
Schreibers verw^enden. 

Ergebnis : 
b ist eine bayerische hs. von einem schwäbischen, vielleicht 
ostschwäbischen Schreiber abgeschrieben. 

f. 

Die merkmale, die man von einer südwestschwäbischen hs. 
erwartet, finden sich nicht in f. Dem tractat TS fehlen sogar 
die charakteristischen merkmale des ostschwäbischen, die hs. b 
hat. Andere teile von f dagegen haben sie. Als bayerische 
spracherscheinungen des tractates TS lassen sich in anspruch 
nehmen: 

1. ar > or: word zehnmal. 

or > ar: sarg 70, geivarjf'en 38. 

2. I > ei wenigstens in den Stammsilben consequent. Die 
silbe -lieh ist 16 mal diphthongiert, 20 mal nicht. 

Altes ai wird von neuem ei gesondert. 

II wird durchgehend zu au^ tu > ew, ou > au. 

Es fehlen schwäbische merkmale. 

Ergebnis: 
Der tractat TS ist in hs. f in bayerischem dialekt ge- 
schrieben. Der Inhalt der hs. w^eist auch auf Bayern hin. Der 



ÜIK TOCHTER VON SYON. 189 

tractat TS ist bisher in Bayern am häufigsten aufgezeichnet 
gefunden. Der tractat über die passion Christi ist derselbe 
wie in e, a. Die betrachtungen für alle Wochentage sind 
nicht nur in Bayern weitverbreitet gewesen, sondern sie 
sollen auch von einem Indei'sdorfer dekan verfaßt worden sein 
(laut mitteilung der bayerischen Staatsbibliothek). 



d. 

Hs. d ist aus dem 14./15. jh. Das weibl. adj. endet auf -e, 
diese Schwächung trat relativ früh ein. Die entrundung e< >i: 
aniwlrt 7, inprinstiy 73 und üe > ie: beriert 61 ist dagegen 
alem. und bayer. erst im 15. jh. häufig. 

Speciell alem. merkmale sind: 

1. die beibehaltung des alten ou, einzige ausnähme he- 
schmvenden 71; 

2. der widerstand gegen die diphthongierung des i\ z. b. 
tiss 5. 10. 20, uff' 7. 12, tiff'cnthaUen 8, Uätcr 77, luiterJceit 79; 

3. die bewahrung der germ. media b im anlaut. Es sind 
nur wenige p im anlaut geschrieben: anplick 31. 68, ver- 
puntniss 74, inprinstig 73. Die Schreibung bp vor t scheint eine 
Verbindung von etymologischer und phonetischer Schreibung: 
gibpt 16, betrubpt 19, geJiebpt 30, lohpten 57. Auch germ. d 
ist im anlaut nicht immer verschoben: dochter 2 u. ö., deit 10. 
56, dratt 11. 

4. hosten für höhesten 43. 

5. Zum ausfall des r in duch 13 vgl. Weinhold, Alem. 
gramm. § 197. 

6. Übertritt der 3. pers. plur. praes. ind. in die erste: wir 
gebeut 17. 

Schwäbische merkmale im unterschied zum alem. sind: 

1. die diphthongierung einiger ^ > ei: mein 63. 78, sweigen 
33, sein 30, seit 31. Alle anderen i sind erhalten, z. b. sitt 3, 
rmjnes 6, naturlich 3, erttrich 7. 

2. die diphthongierung eines a > au: straul 60. 

Ergebnis: 
Die hs. zeigt alem. Charakter mit einigen schwäbischen 
merkmalen, wie von einer hs. auf dei' grenze des schwäbisch- 

Heiliage zur geschichte i'ier deutschen spr.iche. 40. J_3 



190 WICHGRAF 

alemannischen spraclig-ebiets zu erwarten ist. Es steht der 
annähme nichts entgegen, daß sie im kloster St. Georgen zu 
Villingen entstanden ist. 

IV. Stammbaum der 6 liss. des tractates TS. 

1. e und a. 

a) Zusammensetzung von e. 
e ist eine Sammlung erbaulicher Schriften, die in di'ei 
teile zerfällt. 

1. Tractat vom leiden des herrn. 

2. Abschrift eines gebetbuches der Elisabeth Ebranin 1426. 

3. Verschiedenes. 

a) Gebete für herzog Wilhelm von Bayern 1432. 

b) Eine heilsame arznei für eine edle frau 1429. 

c) Das geistliche kloster. 

Das gebetbuch der Elisabeth Ebranin scheint ursprünglich 
den Inhalt von bl. 30a — 63a und bl. 69 umfaßt zu haben. 
Da aber das vorletzte stück, Die goldene kette St. Bernhards, 
die bl. 63 a beginnt, unvollendet war, schob ein Schreiber einen 
teil der gebete für herzog Wilhelm ein, nachdem ein anderer 
teil dieser gebete schon hinter das gebetbuch der Ebranin 
gestellt worden war. Daß die hinter dem gebetbuch stehenden 
gebete zuerst geschrieben wurden, bezeugt das inhaltsverzeiclmis, 
das die gebete auf bl. 64a — G6b an letzter stelle aufführt. 
Die gebete für herzog Wilhelm füllten den platz nicht, der 
für die Goldene kette freigelassen war, deshalb wurden bl. 67 
und 68 ausgeschnitten. Auch bl. 69 war ausgeschnitten, doch 
ist es wieder eingeheftet worden. 

b) Entstehung von a. 
a ist offenbar eine abschritt von e. Obgleich einzelne 
sinnvolle Veränderungen vorgenommen sind — richtige Ver- 
änderung der Seitenzahlen im index, richtige einfügung all 
der stellen, die in e am rande nachgetragen sind — , so gibt 
es doch genug anzeichen einer mechanisch genauen abschrift. 
a behält die reihenfolge der eintrage bei und reißt ebenfalls 
die gebete für herzog Wilhelm auseinander. Der hinweis auf 
die Goldene kette wird unverändert abgeschrieben; e weist 



1 



DIE TOCHTER VON SYON. 191 

von bl. 48a auf bl. G3, a weist von bl. 54b auf bl. 63, doch 
stellt die Goldene kette in a auf bl. (37. bl. 68 bleibt leer 
wie in e bl. 63 b. 

c) Datierung- von e. 
a ist im jähre 1448 geschrieben. Das bezeugt der eintrag 
auf bl. 88a, während auf dei- Innenseite der vorderen deckel- 
hälfte nur steht: geschrieben im 48. Jahr, ebenso auf bl. 88b. 
Dann muß e in seiner jetzigen Zusammenstellung zwischen 
1432, der abfassungszeit der gebete für herzog Wilhelm, und 
1448 entstanden sein. 

d) Der ort der entstehung beider hss. 

Wie mir die Verwaltung der bor- und Staatsbibliothek zu 
München mitteilte, ist der gelbrote einband von e typisch für 
das kloster Indersdorf. Daß die hs. dort nicht nur aufbewahrt, 
sondern auch entstanden ist, scheint mir aus folgenden er- 
wägungen wahrscheinlich : 

Die im index eiwähnte frau Elisabeth Ebranin ist die 
tochter des ritters lierrn Conrad von Weichs zu Weichs an 
der Glan. Wiguleus Hundi) schreibt von ihr, sie habe viel 
nach Indersdorf geschafft. Sie starb 1428. Die beziehungen 
der familie Weichs zum kloster Indersdorf waren alte, denn 
die besitzungen waren benachbart, und das begräbnis der 
familie befand sich im kloster.-) Aus den Urkunden des 
klosters geht hervor, daß 1427 Elsbeth Ebranin ihre besitzung 
Grätingen ans kloster gab, 3) und daß 1439 ihr bruder Paul 
A\''eichs Glandorf ans Kloster verkaufte. 4) Entweder ist bei 
einer Schenkung das gebetbuch der Ebranin ans Kloster ge- 
kommen, so daß es in e copiert werden konnte, oder — an- 
genommen, sie hat sich 1426 das gebetbuch selbst dort bestellt 
— dann kann e eine copie des gemeinsamen Originals sein. 
Jedenfalls ist e nicht das gebetbuch der dame im original; 
denn wenn es auch eine zusammengestellte hs. ist, so setzt 



') Bayrisch staminenbuch II, 65, 1586 und 1598. 

2) Bayrisch staraineuhuch II, 356, cf. Hnndt: Urkunden des klosters 
ludersdorf 1, 150, ur. 377, 1863 und 1864. 

3) Hundt, Urkunden I, 217, nr. 565. 
*) Ebenda 1, 264, nr. 657. 

13* 



192 WICHGKAF 

doch gerade der tractat TS, das erste stück dieses gebet- 
biiches, nicht auf einem neuen blatte ein.i) 

Obgleich die familie Egloffstein, die sich das gebetbuch a 
schreiben ließ, zu Bärnfels in Franken ansässig war, so hatte 
auch sie beziehungen zum kloster Indersdorf. Conrad von 
Egloffstein verkaufte 1450 Raindolzried ans Kloster. 2) Ferner 
nannte Conrad bei diesem verkauf einen Ulrich Weichs seinen 
bruder, und er siegelte 1439 für Elsbeth Weichs, 3) die Schwägerin 
der Elisabeth Ebranin. So hat er vielleicht in der familie 
Weichs oder im kloster das gebetbuch gesehen und sich ein 
ähnliches bestellt, oder er hat dasselbe bestellt und eine durch 
vor- und naclisätze erweiterte ausgäbe erhalten. 

e) Die textgestalt beider hss. 

Die textgestalt widerspricht nicht der annähme, die auf grund 
äußerer kriterien gemacht wurde, daß a eine abschrift von e ist. 

e 2 den (radiert) janckfraw. Diese Verbesserung des sing, 
in den plural ist nicht consequent durchgeführt, denn nun 
müßte auch tugent in den plural gesetzt werden, ac haben 
der junckfrawn, wobei frawn der schwach flectierte dativ fem. 
ist. e hatte auch erst diese einleitung, die mit dem Inhalt 
nicht ganz übereinstimmt, denn der tractat handelt von 
mehreren Jungfrauen, d. h, fugenden, e kann die voilage von 
a gewesen sein; dann ist a entweder erst, nachdem e ab- 
geschrieben war, verbessert worden, oder der Schreiber von a 
hat die Verbesserung übersehen. 

e 8 lücke mit zwei spatien zwischen daryn . . em, wo cfd 
sy eingeschoben haben. Also hat e eine vorläge gehabt, die 
cfd verwandt ist, a aber hat gleich den richtig veränderten 
text abgeschrieben. 

1) Trotzdem es nicht das original ist, läßt sich vielleicht noch die 
dritte annähme macheu, daß das gebetbuch nie iu die bände seiner besitzerin 
gelangt ist. Es soll 1426 für sie geschrieben worden sein. Schon 1428 
starb sie. Das buch enthält 18 bilder, deren herstellung gewiß viel zeit 
erforderte. In e sind sie nur zum kleinsten teile ausgeführt, in a ist kein 
einziges begonnen, e enthält einen unvollständigen tractat, Die goldene 
kette, der vielleicht schon in der vorläge (dem gebetbuche?) unvollendet war. 

2) Hundt, Urkunden I, 315, nr. 776. 

3) Ebenda I, 261 nr.657. — Über die Verwandtschaft Weichs-Egloft'stein 
habe ich nichts feststellen können. 



DIE TOCIITKK VON .SYüN. lO.'J 

e 12. Die endung" -est von soKest du steht auf rasur, du 
ist darübergeschrieben. Offenbar liat erst soltu dagestanden, 
wie auch cfd haben, aber a hat den veränderten text sollest 
du schon übernommen, 

e 26. über aller menschen kind, ebenso bf, ist grammatisch 
durchaus möglich, ac dagegen schreiben allen, d alle, al wird 
nur stark ilectiert. alle ist die starke form des acc. plur. neutr. 
allen ist die starke form des dat. plur, neutr. oder die schwache 
des acc. plur. neutr. Die präposition über regiert den acc, 
nur md. auch den dat. Entweder haben also ac den ungebräuch- 
lichen schwach flectierten acc, von «/, oder sie verbinden in 
md. weise über mit dem dat. Dann müßte aber das subst. 
auch im dat. stehen und kinden heißen; das ist aber nicht der 
fall. Ist e die vorläge von a, so hat der Schreiber den text 
fehlerhaft verändert. 

e 39, engschlicheit steht auf rasur. Der Schreiber hat das 
verbesserte wort seinem dialekt angepaßt, a läßt ebenfalls 
das i uudiplithongiert: engstlichtn. e kann die vorläge von a 
gewesen sein, doch hat dann der Schreiber von der stark 
dialektischen färbung des wortes abgesehen. 

eöl, etwär ist dialektschreibung für ettver, cf dyenär 57. 
a schreibt etwar. Das ist flüchtigkeit und deutet auf directe 
Verwandtschaft mit e. 

a schließt sich e nicht an: 2. 26. 61. Diese drei fälle 
werden um zwei unbedeutendere vermehrt, a 67 hastu (so d), 
hast da ebc. Das ist eine zufällige Übereinstimmung mit d. 
Ebenso a 80 yegeleichen (so d), jetlcich ebc. Ferner hat a zwei 
fehler, die e nicht teilt: a69 gob für goss. a 74 gerainigt für 
verainigt. 

a schließt sich e au 8. 12. 39. Die zahl der gemeinsamen 
ab weichungen von c beläuft sich auf 45, eac stimmen in 19 
wichtigen fällen überein. Also stehen 3 + 45 + 19 = 67 fälle 
der Übereinstimmung drei wichtigeren fällen von abweichung 
gegenüber. Die äußeren Zeugnisse für eine directe abhängig- 
keit der hs. a von e zusammen mit den 67 fällen textlicher 
Übereinstimmung machen die annähme einer directen abhängig- 
keit sehr wahrscheinlich. 



194 WICHURAF 

2. Verhältnis der bayerischen h.ss. zueinander, 
a) Wie verhält sich c zu ea? 

Eine gewisse Selbständigkeit zeigen die folgenden ab- 
weichungen der hs. c von ea. 

Es fehlt 1 die Überschrift, 70 und die kraft der trophen. 
Satz 28 ist eingefügt, verändert ist satz 19. Satzteile sind 
umgestellt in satz 2. 9. 12. 14. 36. 68. Andere Wörter sind 
gewählt 2 mag (sol), 39 engelischen (engstlicJien), 48 erlcant 
(erchenn), 52 solt {wolt), 60 sein hertz {das h.), 74 iver {pin)^ 
78 gilgen (lilgen). 

Die anderen fälle sind hauptsächlich abweichmigen im 
gebrauch von vor- und nachsilben. 

Eine engere Zusammengehörigkeit von eac läßt sich auf 
grund folgender stellen annehmen: 

eac haben ein gemeinsames plus: 2. 14. 49, 

ein geraeinsames minus: 16. 75. 77, 

gemeinsame Veränderung: 7. 9. 20. 22. 27. 30. 46. 48. 66. 73. 76, 

gemeinsame fehler: 12. 73. 78, 

sie teilen den fehler mit bd: 38. 

Da bei einer gewissen Selbständigkeit von c doch die Über- 
einstimmung mit ea vorhanden ist, muß angenommen werden, 
daß c und ea aus gemeinsamer quelle y geflossen sind. 



e 



b) Wie verhält sich f zu eac? 
f ist eac nahe verwandt. 

Sie haben ein gemeinsames plus: 2. 14. 49. — 55, i) 
gemeinsames minus: 16. 75. 77, 

gemeinsame ab weichung: 7. 9. 20. 27. 30. 46. 48. 66. 73. 
76. — 5. 12. 67. 74. 80, 

gemeinsame fehler: 12. 78. — 8. 73. 



') Die stellen hinter dem strich sind nicht eac, sondern nur ec oder 
ac gemeinsam. 



DIE TOCHTER VON SYON. 195 

f schließt sich in 18 fällen ea an, doch sind nui- die 
folgenden von bedeutung 2 mag, 78 giUjm. Die anderen ab- 
weichungen sind als Schreibfehler von c nachzuweisen, z. b. 
3 gcyirtciv {gezirteiv), 39 engelischen (engstlichcn), 53 etwa 
(ehcati), 61 ttwaz (etivär) oder sie sind als nachlässigkeiten 
zu erklären, z. b. das fehlen eines wortes oder einer silbe 11. 
41. 43, das hinzufügen eines wortes 21. 

Diesen 18 fällen stehen nur 12 gegenüber, in denen cf 
gemeinsam von ea abweichen, doch sind einige so wichtig, daß 
eine nähere Verwandtschaft zwischen cf angenommen werden 
muß. 1 die Überschrift fehlt in cf, 28 der nachsatz ist in cf 
allein überliefert, 14 verstand cf, vernam ead, marld b. 

f hat auch gemeinsames mit d, wichtig sind nur 5 gehuhen 
statt gehalten (eacb), 22 söUchtn statt samleichen (eac). Eine 
abhängigkeit ist hieraus nicht zu erschließen. 



a f 

Die puuctieruug deutet an, daß f uicht direct von c abbäugt 

wie a vou e. 

c) Wie verhält sich b zu eacf? 

b ist sehr flüchtig geschrieben. Die abweichungen lassen 
sich durch flüchtigkeit und dialekt erklären, nur einzelne 
zeigen Selbständigkeit, z. b. das fehlen der Überschrift und 
der einleitung 1 und 2. Von den abweichenden ausdrücken 
sind folgende auffällig: 41 all ander tugent {all tugent). Der 
lat. tractat W hat hier alias virtutes, 54 feslin (fläschel), lat. 
vasculum, B hat vas, 78 deinem {seinem), b hat hier das richtige 
pronomen, ebenso wie b 16 und 77 'und' richtig einfügt, b ver- 
ändert Sätze in ziemlich freier weise. 

Die Zusammengehörigkeit der hss. geht aus den gemein- 
samen fehlem hervor. 38 got den sun geworfen, 73 sich, 
75 het in der fraiven, 11 sich behalten. 

Ergebnis: b selbst ist keine neuübersetzung, sondern eine 
abschrift, wie aus den vielen flüchtigkeitsfehlern hervorgeht. 
Es scheint nicht angängig, auf grund zweier anklänge an den 



196 WICH GRAF 

lat. text anzunehmen, daß b eine andere nilid. fassung einer 
lat. quelle darstellt. Als wichtiger unterschied bleibt nur das 
fehlen der Überschrift und der einleitung. Während der tractat 
auf der linie y mit Überschrift und einleitung versehen war, 
wurde der tractat auf einer anderen linie x ohne sie ver- 
breitet, und zwar stellt er eine frühere gestalt dar. 



e c 

i . 

3. Verhältnis der alemannischen fassung d zu den 
bayerischen hss. und ihre gemeinsamen quellen. 
a) Wie verhält sich d zu eacfb? 
d ist etwas sorgfältiger überliefert als cb, es lassen sich 
viele abweichungen auf flüchtigkeit des Schreibers zurück- 
führen. Der alem. dialekt begründet die abweichende beliand- 
lung der vor- und nachsilben. Wichtige Selbständigkeit zeigt 
d in folgenden fällen: 1. 2 Überschrift und einleitung fehlen, 
15 schlaff (traivni), lat. de sompno, U slaffe. 52 tvan der ivey ist 
hert ze wandern fehlt. Die einfügungen 75 das es und 77 sii 
bedeuten eine Verbesserung gegenüber den bayer. hss. 

Die ersetzung des wortes trawm durch schlaff kann bei 
der sonstigen Übereinstimmung der hss. nicht ins gewicht 
fallen, d steht den anderen hss. dadurch nahe, daß es mit 
ihnen die Unsicherheit in der behandlung des attributes zu 
tod 39 teilt, daß ihm der zusatz 28 fehlt, und daß es 38 den 
satz ebenso eigentümlich baut. Da ihm Überschrift und ein- 
leitung fehlen, stellt es sich zu b. 



y d b 
e c 

i \ 



DIE TOCHTER VON SYÜN. 197 

b) Die quelle der 6 liss. eacfbd. 
Die Verwandtschaft der G hss. des tractates T8 stellt sich 
trotz gelegentlicher ab weichungen als so nahe heraus, daß 
alle von derselben quelle x abgeleitet werden können. Daß 
diese quelle mhd. und nicht lat. ist. scheint mir aus folgendem 
hervorzugehen. Die wenigen ab weichungen in b 41 all ander 
kigent, 54 feslin und in d 15 schlaff', die sich dem uns er- 
haltenen lat. texte W nähei- anschließen als die anderen 
fassungen, lassen noch nicht den Schluß zu, daß b oder d eine 
selbständige Übersetzung sei. Die folgenden gemeinsamen 
fehler sind nur möglich, wenn alle sechs mhd. fassungen auf 
eine gemeinsame mhd. quelle zurückgehen. 

1) 37, 38. Die stelle ist in allen sechs fassungen gleich, 
sie ist in ihrer grammatischen abgerissenheit auffällig. Inhalt- 
lich stimmt sie mit der lat. fassimg überein: 

sy ist Jacob der patriarch, de]' ipsa etiara ut Jacob luctatiir cum 

da rang mit dem eugel, das ist mit augelo, id est cum dei filio, quem 

der götleycheu maiestet, Got den etiam multis vicibus jaciens, nunc 

sun gewarffeu hat hyu und her, zw de sinu patris in sinum matris .... 

dem ersten aus dem liertzen got des projecit. 
Vaters in die schüss der junckfrawn 
Marie. 

2) 39. Die behandlung des attributes zu 'tod' ist eine 
unsichere. Ein 'englischer' tod (cbd) gibt keinen sinn, denn 
nach der katholischen engellehre sind engel unsterblich, i) 
Das richtige wort steht in e auf rasur und ist in a mit un- 
diphthongiertem i übernommen. 

3) 40. Die stelle ist in allen 6 hss. gleich unvollständig. 

lind tägleych von der hoch der cottidie etiam pi'ojecit eum sub 

hymel unter dy gestalt des prots sacramento altaris in corda fllium. 
des wildigen sacraments. 

4) 47. Die stelle ist in allen 6 hss. gleich mißverstanden, 
und seyt dy Parmhertzikayt von et quum eum ipsa (= ülia Siou) 

anfanck und von jugent mit der ab iufaucia crevit, miserationem nou 
Lyeb aufgewachsen und getzogen ist, Valens ultra se cohibere .... 
do mocht sich die Lieb uit lenger 
enthalten. 



1) Vgl. Wetzer und Weite, Kii-chenlexikon* IV, 509. 



198 WICHGRAF 

5) 75. Die stelle ist in allen G liss. sachlich unklar, wenn 
d auch den anderen hss. gegenüber eine kleine Verbesserung 
enthält. Der lat. text gibt hier keinen directen aufschluß. 
Es ist klar, daß oratio ihr vasculum aquae meint, wenn sie 
suam aquam in wein verwandelt findet. So gibt es auch 
deutlich U. Aus den anderen fassungen muß man eher 
schließen, daß die vier tropfen, die der seele von der liebe 
ins herz gegossen werden, gemeint sind, in der froiven verJcert 
tvas tüorden. Die mhd. fassungen leiden mit dem lat. tractat 
gemeinsam an der Unklarheit, daß vorher nichts von einer 
Verwandlung gesagt worden ist. Es ist anzunehmen, daß 
während des Schlafes der oratio die Verwandlung stattgefunden 
hat. Klar sind an dieser stelle nur die gereimten bearbeitungen 
des Lamprecht von Eegensburg und des Daniel Sudermann. 

Vermutlich ist auch 7 in allen sechs fassungen entstellt, 
doch fehlt die entsprechende stelle im lateinischen. Es müßte 
mit Streichung des eingeklammerten wohl heißen: ich hau ge- 
merckt alles das, das darauf ist (und mit der weit umhgehen) 
und nym war .... 

78. von irs hertzen andacht tvard offt gesprochen: l'om 
zu mir. Diese stelle ist kein gemeinsamer fehler, sondern nur 
eine gemeinsame eigenheit. Der sinn ist: ^sie sprach oft in 
der andacht ihres herzens. Die passivische Wendung und die 
anschauung, die ihr zugrunde liegt, ist etwas compliciert für 
die sonstige einfachheit des tractates. 

Nicht ein fehler, aber doch eine wichtige Übereinstimmung 
liegt in der gleichartigen benennung der tugenden, die von U 
und B abweicht. 

Die gemeinsame mhd. quelle x ist die Übersetzung eines 
lat. tractats. Das möchte ich annehmen, 1. weil latein die 
spräche der älteren erbauungsliteratur ist und der stoff der 
filia Sion zu den älteren themen dieser literatur gehört, 2. weil 
eine lat. fassung AV aus dem 14. jh. vorhanden ist, deren text 
stellenweise sehr genau zu x stimmt. Zum mindesten hat es 
also neben der mlid. Überlieferung auch eine lat. gegeben. 
3. weil die bearbeitung U sicher auf eine lat. quelle zurück- 
geht, denn U behält die namen der tugenden lateinisch bei 
und beginnt jedes citat lateinisch, 4. w^eil die grammatische 
iibgerissenheit der stelle 37. 38 sich vielleicht aus dem 



DIE TOCUTEK VON «VON. 199 

uuvermöf^eii erklärt, die relative anknüi)fiiiig- des satzes wieder- 
zug-eben. Die lateinische Vorstufe nenne ich lat. Q. 

lat. Q 
I 

X 

/1\ 



e c 

1 i . 

c) Die gestalt von lat. Q. 
Es fehlte in x die Überschrift und die einleitung 1. 2, die 
erst y hinzufügte. Es hatte nicht die fehler, die in cap. II 
aufgezählt sind. Sonst ist es identisch mit e zu denken. Lat. Q 
ist die diesem mhd. texte entsprechende lat. fassung, die in W, 
soweit es sich mit e deckt, erhalten ist. Lat. Q = W im 
umfange von e. Ob 40 und 47 erst Übersetzungsfehler sind 
oder schon im lat. falsch waren, läßt sich m. e. nicht ent- 
scheiden. 40 in corda filium kann übersehen worden sein oder 
gefehlt haben. 47 miseratio kann statt miserationem im texte 
gestanden haben oder dafür verlesen worden sein. 

V. Die freien bearbeituugen des tractats. 

1. Die prosabearbeitungen. 
a) Die lateinische fassung W. 
Ein vergleich zwischen dem mhd. tractat TS und der lat. 
fassung W ergibt als charakteristisches mei'kmal von W, daß 
es meiir enthält. Unter dieses plus fallen biblische motive, 
z. b. das der vorangegangenen untreue der tochter von S}' on : 
Filia Syon, a deo aversa, immo jam filia Babylonis misera 
Weinhold 285, 26, Libenter nunc revertar ad virum meum 
priorem 286, 31 und die anderen, aus denen der abweichend 
gestaltete Schluß zusammengesetzt ist, z. b. Ecce saliens in 
montibus et transsiliens coUis de regalibus sedibus sponsus 
venit 290,21 cf. Cant. 1.8. Mane nobiscum, domine. quum ad- 
vesperascit 290, 33 cf. Luc. 24, 29. Ferner im anschluß an 44 



200 WICHGKAF 

qui perscrutator est divinae majestatis opprimeretur a gloria 
288, 13, cf. Prov. 25, 27. 

Die theologischen ausführimgen sind an einigen stellen 
länger, z. b. die stellen, die sich mit Christas nnd seinem heils- 
werk und mit der AVeisheit befassen. 

Zu diesem theologischen plus gesellt sich ein poetisches, 
das in größerer anschaulichkeit und ausführlichkeit der 
Schilderungen besteht. Die zurückkehrende Erkenntnis wird 
beschrieben: demisso capite et moerens venit. Die klage der 
Jungfrauen äußert sich sehr lebhaft: sciderunt vestimenta sua 
et venerunt festinanter .... et fleverunt. Die Schilderung der 
reise der beiden Jungfrauen enthält mehr einzelheiten, sie 
treffen Timor, sie gehen an zwei Wachtposten vorüber, das 
liimmelstor ist golden. Die tochter von Syon läuft der heim- 
kehrenden botin entgegen, sie hat vom weinen gerötete äugen. 

Außer diesem mehr inhaltlichen plus gibt es noch ein 
stilistisches. W enthält viel schmückendes beiwerk in der 
directen rede. Fides fragt die herrin: quid hoc audio de te? 
Fides und Spes reden sie an: o domina virtutum soror. Die 
geheilte herrin fragt: quando veniet? pntas durabo? putas 
videbo ? 

Dagegen enthält W nicht bei der Schilderung des heils- 
werkes Christi die flucht nach Ägypten und den 'ängstlichen' 
tod. Es fehlt ferner die Schilderung der trostwirkung, die in 
e70 steht. 

Eine Umstellung ist mit dem citat: speculum sine macula 
Sap 7, 26 vorgenommen. In W ist es der ersten beschreibung 
Christi eingefügt (e 26), in e steht es erst 68. 

Sonst aber zeigt sich eine durchgehende Verwandtschaft 
und wörtliche Übereinstimmung der mhd. und lat. fassung, so 
daß eine gemeinsame Vorstufe lat. X angenommen werden darf. 

lat. X 

/\ 

/ \ 

lat. Q W 

Ob Q oder W diesem X näher steht, ist aus der obigen 
Zusammenstellung nicht zu erschließen. Ein vergleich von W 
mit den anderen bearbeitungen der allegorie B, U ergibt, daß 
manches, was oben als sondergut festgestellt wurde, auch in 



DIK TOCHTER VON SYON. 201 

diesen bearbeitungen überliefert ist, also einer gemeinsamen 
vorläge angehört haben mnß. Solche stellen sind 1. das motiv 
der untreue, das in B anklingt, 2. die botschaft: 'sage, daß 
ich von minnen siech bin' (B), 3. die wiederholte frage: 'wer 
hat mich berührt?' (B), 4. die einfügung des citats: qui per- 
scrutator est (B U). Der Schluß von W findet sich nicht in 
dem sonst ähnlichen U, also scheint er wirklich sondergut 
von W zu sein. 

Läßt sich unter anwendung psychologischer und ästhetischer 
kriterien die frage entscheiden, ob die sachlichen abweichungen 
zwischen Q und W einen zusatz zu Q oder eine Vereinfachung 
von W bedeuten? 

Eine Vielheit allegorischer einzelheiten regt die phantasie 
an und fördert den zweck der allegorie, eine klare anschauung 
und deutliche Vorstellung von einem geschehen zu geben, das 
nicht immer unsinnlich zu sein braucht, ich denke an die 
minneallegorien des 14. jh.'s, das aber im falle der geistlichen 
allegorie stets übersinnlich ist. So haben die einzelheiten des 
lat. tractats durchaus ihre berechtigung, z. b. die einführung 
von Timor. 1) Eine doppelte berechtigung haben sie, wenn 
sie den biblischen Vorbildern entstammen, denen der tractat 
sich ja auch in der mhd. fassung so offenkundig anlehnt. 
Hierher gehört das motiv der vorangegangenen untreue 2) und 
die ausführlichere Schilderung der Vereinigung. 

So ist es durchaus möglich, daß die lateinische fassung 
der ursprünglichen form des tractats näher steht als die mhd. 
Aus der beiläufigen erwähnung der örtlichkeit 9 und der un- 
klaren darstelluiig des Verwandlungswunders 75, ebenfalls aus 
der undeutlichen Schilderung der Vereinigung läßt sich schließen, 
daß die erzählung in größerer ausführlichkeit bekannt war, 
und daß man glaubte, bei einer häufigen wiedergäbe nicht 
alle einzelheiten mehr geben zu müssen. 

b) Fassung U. 
U ist eine verwässerte, durch nichtssagende einschübe 
verlängerte bearbeitung des tractates TS. Sie ist mit einer 



*) Vgl. die ausführliche Schilderung der ausrüstung des gebets in der 
alem. Syou v. 485 ö'. 

-) Vgl. Weiuholds anm. zu v. 255 der Lamprechtschen Syon. 



202 WICHGRAP 

längeren praktisch gerichteten fortsetzimg versehen, die die 
aufnähme der tochter von Syon ins kloster Unterlinden schildert. 
Offenbar sollten die novizen dieses nonnenklosters in ihrem 
entschluß, ins kloster einzutreten, durch solche lectüre bestärkt 
werden. Als zusätze, die für ein nonnenkloster verständlich 
sind, erweisen sich auch die beiden stellen, in denen U von W 
abweicht. Von dem ohnmächtig werdenden Gebet wird gesagt: 
doch ivas sie alzo züchticliclien nidervallen und slncken als ein 
töter mensche. Nach der rückkelir des Gebets warent sich 
(alle Jungfrauen) darnach lieplichen mit einander ersprechen 
von irem allerliehsten. 

U weist auf eine lat. fassung hin, denn es läßt die 
eigennamen unübersetzt, nur Caritas wird zweimal 'göttliche 
minne' genannt; aucli werden die citate lateinisch begonnen. 
Stellenweise liält sich der text sogar sklavisch an den in 
W überlieferten lateinischen Wortlaut, in eo pedem amoris 
tigere übersetzt U: und also in die himellichen dinge die 
fusse miner minne muge tvorlichcn und ganz gcsetzcn. Diese 
stelle ist zugleich charakteristisch für die teclmik des an- 
schwellens. 

U steht nicht nur im Wortlaut, sondern auch inhaltlich 
W nahe. Die Schilderungen Christi sind so ausführlich wie 
in W, die heilsgeschichte übergeht die flucht nach Ägj^pten. 
Die rede der Weisheit enthält das citat: qui perscrutator 
est ... Nur in der Schilderung der Vereinigung der seele 
jnit gott schließt sich U der mhd. fassung und nicht W an. 
Also ist U in seinem hauptbestandteil näher verwandt mit 
W als mit Q. 

lat. X 



lat. Q Y 



U W 

Strauch weist in der Zs. f. oberd. mundarten 1, 189 darauf 
hin, daß U einige reime enthält. Von den sechs reimen fällt 
nur einer in den ursprünglichen tractat, eiyi guten rat gehe 
wir dir, dem solt du volgen schir. Die anderen sind in der 
fortsetzung-. 



DIK TOCHTKK VON SYON. 203 

c) Fassung- B. 

B ist in einer eliemals Stiaßburger hs. überliefert. In 
der Verwendung- des wortes minne statt liebe stellt sie sich 
zu den beiden anderen alem. fassungen d und U. 

Der tractat ist in eine predigt hineingearbeitet, die von 
einem Jolianniter herrn Ulrich gehalten worden sein soll, wie 
die Überschrift sagt. Über diesen herrn Ulrich hat sich nichts 
ermitteln lassen, da das namensverzeiclmis der Straßbnrger 
Johanniter, das in der Straßburger bibliothek aufbewahrt 
wird, unzugänglich war. i) Aber soviel steht fest, daß die 
Bearbeitung des tractats von einem geistlichen stammt, denn 
die allegorie ist reichlich mit theologischem bailast versehen. 
Die handlung geht manchmal in betrachtungen unter. 

Einige kleinigkeiten mahnen an fassung- W. Das motiv 
der untreue klingt an: iren gemcüid ycsacld liet. Das citat 
qui perscrutator est ist eingefügt. Christus fragt zweimal: 
iver ist, der mich gcsdiossen hat? Die tochter von Syon be- 
auftragt ihre boten, Christus zu sagen, daß sie vou minnen 
siech sei. Doch ist B eine sehr freie bearbeitung des tractats. 
Die namen werden selbständig verdeutscht, statt erkanhiuss 
gebraucht B hclcantnis&'c, statt lioffming süfirsilii. Eine neue 
person wird eingeführt, die Vernunft. Vielleicht ist vei-nunft 
die Übersetzung von cogitatio, die in der alem. Syon als 
Gedanke eingeführt wird. Die gespräche zwischen den Jung- 
frauen werden willküilich verändert, Minne wird r.icht mit 
ehrfürchtigem schweigen begrüßt, es fehlt der lobpreis der 
Minne. Die reihenfolge der handlungeri wird geändert, zuerst 
wird Gebet zum boten geworben, dann schließt sich Minne 
an, erst rüstet sich Minne, dann das Gebet. Die Wirkung des 
geschosses macht sich auch an den umstehenden bemerkbar, 
sie empfinden neue freude. B geht in der freiheit der behand- 
lung bis zur fehlerhaften Veränderung, indem 63 irrtümlich 
die seele statt der minne eingeführt Avird. 10 setzt B die 
Vernunft für Fides und Spes ein. 

Obgleich der Schluß fehlerhaft ist, ist doch ersichtlich, 
daß er sich weder W noch Q anschließt, sondern einen eigenen 

•) Wie herr geheimrat Strauch mir freundlich mitteilte, hat weder der 
Nekrolog noch eine sonstige quelle etwas über diesen Johanniter ergeben. 



20 4 WICHGRAF 

typ darstellt. B ist deshalb als freie beaibeitung- von lat. X 

anzusehen. 

lat. X 



lat. Q 

B U W 

Der tractat gewinnt durch die verquickung mit anderen 
elementen in U und B und durch die allgemeine verflachung 
in U nicht. Das lehrhafte moment, das unstreitig in seinem 
erbaulichen Charakter liegt, tritt unangenehm in den Vorder- 
grund. Die rein theologische beimischung wird zu stark. Die 
handlung tritt mehr zurück, als für den allegorischen Charakter 
des tractats gut ist. Trifft man ihn aber selbst in solcher 
entstellung und unorganischen Verbindung an, so bleibt ihm 
doch immer noch genug von seinem reiz, um zwei so freund- 
liche urteile zu gewinnen wie die folgenden 

Sudermann schreibt von fassung B im Ms. germ. 4o 182 
auf dem ungezählten Vorsatzblatt: Ein schöne predig, ivie die 
liebhabende seel von allen creaturen sol abgescheiden sein, 
aiisshiindig schön, hob mit der hüljfe unsers Herren J. Christi 
etwas drauss gemacht und es trücken lassen, ist fürwar ivol 
aujfhebens werdt. Gleichfalls mit bezug auf diese predigt auf 
bl. 263b: Ist gar schön. Wol dem, der recht verstihet. 

Rieder urteilt fast 300 jähre später über fassung U in 
der Zs. f. oberd. mundarten I, 80: Der ganze tractat zeichnet 
sich aus durch eine eigenartige frische und lebendigkeit, so 
daß man nur mit bedauern den anfang des tractates vermißt, 

2. Die gereimten bearbeitungen. 
Der ausdruck 'poetische' fassung wäre für mindestens 
zwei von den drei bearbeitungen in reimen zu hoch gegriffen. 
Weinhold sagt von Lampreclit, daß ihm compositionsgabe, 
erfindungskraft, gefühl für Ordnung und Proportionen fehlen, 
daß er nur äußerliche technik besitzt, i) Sudermann besitzt 
auch technik, er ist ein geschickter reimschmied. Es ist 
erstaunlich, mit welch einfachen mittein er die zeilen zum 

') Weiiibokl, Lampreclit von Regeiisburg s. ijf. 



DIE TOCHTEU VON SYON. 205 

reimen bringt, ohne wesentlich vom Wortlaut des prosatractates 
abzuweichen. Aber der poetische wert liegt im tractat selber, 
ei' wird nicht erst durch die einkleidung- in gebundene rede 
geAvonnen. Dieses niiichte ich auch von der alem. Syon aus- 
sagen. Da sie aber in nicht schlechte mhd. verse des 13. jh.'s 
gekleidet ist, während Sudermann die silben nach meistei'- 
singei'ischer art nur zählt, ohne ihre betonung zu beachten, 
so steht die alem. Syon relativ höher. WeinhoM urteilt übei- 
den unbekannten Verfasser sehr günstig; er nennt ihn i)oetisch 
begabt, i) 

a) Lamprechts Syon. 

LS ist von Weinhold s. 291 ff. inhaltlich und s. 10 ff. 
stilistisch eingehend anal3\>iert worden. Es bleibt nur noch 
zu untersuchen, welchem zweige der Überlieferung LS sich 
anschließt. 

Lampi'echt bringt, ganz abgesehen von den endlos langen 
eingeschobenen betrachtungen, neue motive in den tractat 
hinein. Er deutet den uamen Syon als warte 111 ff. und als 
Spiegel. Er führt eine neue fügend ein, die noch über Caritas 
steht, das ist die mdzc. Sie wird mit ehrfürchtigem schweigen 
begrüßt 3041 11"., wie im prosatractat die liebe; dann wird aber 
doch die macht der Caritas gepriesen, und Caritas belehrt die 
tochter von Syon. Es ist also Lamprecht nicht gelungen, dies 
neue motiv wirklich hineinzuarbeiten. Er schildert die hochzeit 
der seele mit neuen einzelheiten 4105 ff. und verändert die 
scene bei der rückkehr des Gebets. Oratio merkt, daß ihr 
Wasser in wein verwandelt ist zur feier der hochzeit. Danach 
begibt sie sich zur tochter von Syon und hätte ihr gern von 
den wundern des himmels erzählt, sie ist aber vom anblick 
des Wunders gleichsam trunken und kann nicht sprechen. 

LS geht mit W zusammen über TS hinaus, indem sich 
eine anspielung auf die ungetreue filia Babylonis findet; doch 
ist dieser ausdruck nicht auf die filia Syon angewandt, sondern 
wird nur als gegensatz erwähnt. Das bedeutet eine milderung 
des motivs und in gewisser weise eine Vereinheitlichung des 
Charakters der tochter von Syon; doch ist die an Wendung des 
motivs in W auch verständlich aus der erwägung heraus, daß 



^) Weinhold, Lampreeht von Regensburg- s. 285. 

Beiträge zur geschichtc der deutschen spräche. 16. J^^ 



206 WICHGRAP 

nach einem nie besessenen gute eigentlich nur Sehnsucht, aber 
nicht so heftiger schmerz empfunden werden kann, wie die 
seele empfindet. LS läßt 3793 ff. die tochter der heimkehrenden 
botin entgegengehen wie in W. LS bringt dieselben lat. 
namen für die Jungfrauen wie W. Es fehlen in LS die einzel- 
heiten der reise, weder Timor noch die nachtwachen sind 
erwähnt. Das zurückgekehrte Gebet kann nicht sprechen, 
während es in W 'multo garritu admirationis' heimkehi'te. 
Die Vereinigung der seele mit gott erfolgt m der inrcn schowe 
4170. Das ist nicht wie in W, sondern wie in TS; aber der 
Schluß von W hat sich ja schon als sondergut herausgestellt. 
LS und W gehören, wie schon Weinhold meinte, demselben 
zweige der Überlieferung an. 

lat. X 



lat. Q 



Y 

/!\ 

B U LS W 



b) Die alemannische Syon. 
AS ist bedeutend kürzer als LS. Eingeschobene betrach- 
tungen fehlen nicht ganz, aber sie sind von erträglicher länge. 
Die handlung steht durchaus im raittelpunkte des Interesses. 
Die ausführlichkeit, die z. b. bei der Schilderung der ausrüstung 
des Gebetes einsetzt (469 ff.), scheint leider nicht dem echt 
dichterischen bedürfnis nach größerer anschauliclikeit ent- 
sprungen zu sein, sondern dem wünsche des geistlichen, recht 
viel allegorisches material in dieser erbaulichen allegorie an- 
zuhäufen. Und doch wird durch solche ausführlichkeit die 
handlung ins richtige Verhältnis zu den betrachtungen gesetzt, 
so daß dem unbekannten Verfasser der sinn für Proportionen 
wirklich zugesprochen werden muß, der Lamprecht fehlt. Die 
bezeichnung von Spes als gottes oberste küchenmeisterin (285) 
und von Minne als oberste kellnerin (452) ist wiederum nicht 
gerade poetisch wertvoll, aber der vergleich von Fides mit 
dem meeresstern (165) ist doch hübsch. So ist der Verfasser 
bei seinen zutaten nicht gerade unglücklich, trotzdem scheint 
es mir, daß der eigentliche poetische gehalt schon im prosa- 



DIE TOCHTER VON SYON, 207 

tractat liegt, und daß er in AS nur nicht zerstört worden ist, 
wie in L8, sondern daß er erhalten geblieben ist. 

Zu welchem zweige der übei-lieferung stellt sich AS? 
Daß es eine von LS unabhängige bearbeitung ist, haben schon 
Pregeri) und Weiiihold-) ausgesprochen. Die 'andre recension' 
des tractats, die Weinhold als vorläge von AS vermutet, be- 
sitzen wir in B. Die Übereinstimmung von AS und B tritt 
besonders in folgenden punkten zutage. Beide beginnen mit 
dem citat aus dem Hohen Hede 5,6 — 8. Sie übertragen das 
citat vanitas vanitatum sehr ähnlich, AS mit üppelieit und 
des geistes arbeit, B mit {ippikeit und kestigunyc des geisfcs, 
während es in TS heißt: und nym ivar das das alles umh- 
gehcn ist mit sünden und snödikoyt der weit. Spes wird mit 
moversiht verdeutscht. Statt Cognitio ist in AS Cogitatio 
gebraucht, die man vielleicht in der Vernunft in B wieder- 
erkennen kann. Beide bearbeitungen versäumen es, die an- 
kunft der Weisheit zu schildern, in AS heißt es 277: nu ist 
min rat, daz du fragst die Wisheit, und 298: nu ratet zu, frow 
Wisheit! Nach dem citat min swester und min friundin 
bricht in beiden bearbeitungen die handlung ab, die gnaden- 
wirkung auf die seele wird kurz erwähnt ohne hineinziehung 
der allegorischen tropfen, und dann folgt nur noch der wünsch 
AS 575: laz uns ouch werden inne der wisheit und der minne, 
B: das uns das ividerfare. 

Beziehungen zu W sind nur darin zu sehen, daß die 
namen zum teil lateinisch sind und daß das citat AS 295: er 
ist wiz darunder rot (candidus et rubicundus) nur in W, nicht 
aber in den anderen fassungen vorkommt. 

Weinholds urteil, daß der dichter sich weit freier zu 
seiner vorläge gestellt habe als Lamprecht, 3) ist gewiß auf 
grund der eingeschobenen citate und des vermehrten reich- 
tums an allegorischen einzelheiten gebildet; denn die vorläge 
selbst war Weinhold ja nicht bekannt. Die verwandte be- 
arbeitung B ist offenbar voll willkürlicher Veränderungen, so 
daß ein vergleich mit ihr das urteil Weinholds nicht tiefer 
begründen kann. Als motive, die in keiner der anderen 



') Geschichte der deutschen mystik I, 284. 

-) A. a. 0. s. 285. =>) A. a. o. s. 285. 

14* 



208 WICHGRAF 

fassungen in dieser weise erscheinen, müssen folgende genannt 
werden: 135. Die tochter von Sjon klagt Fides und Spes 
selbst ihr leid, während sonst die Erkenntnis für die ohn- 
mächtige herrin spricht. 139. Das gespräch zwischen Fides 
und Spes ist abweichend. 149. Fides nennt gleich am anfang 
ihrer Unterredung Christus als den heiler aller schmerzen; 
sonst tut es Weisheit erst am ende der Unterredung. 285. Die 
herrin sagt selbst, sie sei von schweren träumen erwacht, 
sonst sagt es der erzähler von ihr. 345. Die Weisheit gibt 
der herrin den rat, sie solle über sich selbst hinausfliegen, um 
zu Christus zu gelangen. 359. Die herrin geht selbst zur 
Minne und preist deren macht mit den Worten, die sonst der 
erzähler gebraucht. 505. Minne, Gebet und die herrin unter- 
nehmen gemeinsam die fahrt in den himmel. 522. Die tochter 
von Syon wird von demselben minnepfeil durchbohrt wie 
Christus, und so erfolgt ihre Vereinigung. 

AS ist also eine freie, wenn auch unverkennbar mit B 
verwandte i'ecension des tractates. 

lat. X 



B AS 



c) Sudermanns Syon. 
Ein gutes beispiel für Sudermanns reimgeschick ist der 
anfang seiner bearbeitung. 

1 — 6. Eiu Tochter jung von Sioii Ler, 

Adlich und keusch, verständig sehr, 
Erkandte sich auss Gottes Gabu 
Einsmals etwas recht lieb zu habn, 
Drinn die Begierdt ihrs Hertzens recht 
In Ewigkeit ruh haben mücht. 

Wie wenig er die wortbetonung beachtet, zeigt 11 ff.: 

... ob drin mücht sein 
Etwas guts, darauff sie allein 
Möcht richten ihr brennende Lieb. 

Die stellen, in denen Christus erwähnt wird, sind in den 
bänden des hochgelehrten meistersingers ebenso gefährdet wie 
in denen eines geistlichen. Sudermann deutet satz 25 des 



DIE 'rOCIllKK VON SYON. 20U 

tractates nicht auf Cliristiis, sondeni auf gotl, scliildcit iliii 
mit vielen Wendungen aus der Scholastik, z. b. 139 IT., und 
leitet dann erst zu Christus über. 

E]benso stark wie der wünsch, seine kenntnisse anzubringen, 
ist das streben nach sachlicher klai'heit. Deutlich gibt er an, 
wer die worte Ixom zu mir in den garten meiner sei spricht, 
während im prosatractat die undeutliche Wendung steht von 
irs hertsen andachi zvard offt gesprochen. Sogar den unklaren 
satz 37 hat Sudermann bessern können. 

193 if. : Sie ist Jacob, der da bezwang 

Ein Engel Gotts, so mit ihr rang, 
Das ist, die Lieb einen kampff Iiet 
Mit der göttlichen Maiestät, 
Gottes wahrn Sohn, den sie ohn schertzn 
Warft" auss dem Vätterlicheu Hertzn 
In reinen Leib der Jnngfraw zart. 

Er faßt gottes ivahrn söhn als apposition zu maiestät auf 
und fügt das verbum ivorff mit dem relativum den und dem 
neuen subject sie an. Er vermeidet die Unklarheit in der 
Schilderung des Wunders. 

349 tt". Baldt kam darzu die Jnngfraw, genandt 
Andächtigs Gbet, welche bekandt, 
Das ihr Eläschleiu mit Wasser schlecht 
Sich het verkehrt in Wein auffrecht, 
Verstund, das der Jungfrawen art 
Irrdischer Gbnrt bekehret wardt 
Vom höchsten Gott in geistlichs Wesu. 
Die Jnngfraw ki'anck, nunmehr gnesn, 
Verwundert sich göttlicher Gnadn, 
Ihr widerfahru in solchem schadn. 
Und lobte sehr mit grossem danck 
Gott, der sie hett zum Heyl gmacht kranck. 

Er verändert dabei selbständig die person, die über die gött- 
liche gnade Verwunderung empfindet. In Q, W, U ist es deut- 
lich, in LS undeutlich das Gebet, in SS ist es die tochter von 
Syon. Aber Sudermann schreibt ja auch im Ms. germ. 4« 182 
auf dem vorsatzblatte: Habs gants gebessert und ist disem nit 
mer gleich. 

Vergleicht man die fassung B mit der bearbeitung SS, 
so findet man, daß Sudermann gar nicht aus B geschöpft 
haben kann, denn die zusätze und ab weichungen, die sich 



210 WICHGKAF 

außer den eben genannten finden, sind alle im sinne von TS 
vorgenommen. Er weicht in dem maße von B ab, wie TS 
von B abweicht. Er muß also außer B noch eine fassung 
gekannt und sie allein als vorläge benutzt haben. Vor allem 
hat er den anderen Schluß. Die scene im himmel ist wie in 
TS, Gebet wird am ende noch einmal erwähnt, die schluß- 
betrachtungen mit ihrer summierung des mystischen gehalts 
sind gegeben. Ferner teilt er den fehler des prosatractates 47 
und sieht in der Barmherzigkeit eine gesonderte persönlichkeit 
245 ff. Die namen der Jungfrauen entsprechen nicht B. Die 
einleitung von TS fehlt, also hat Sudermann eine vorläge vom 
typus X gehabt. Er endet sein werk mit einem anruf der 
dreieinigkeit 393 ff. 



b d SS 

Zur Übersicht stelle ich den Stammbaum aller 12 Versionen 

des tractats zusammen. 

lat. X 



lat. Q Z Y 

/ /\ /l\ 

X B AS U LS W 

y b d SS 

e c 

I 

a f 

VI. Aualyse des tractates TS. 

1. Composition. 

Der tractat besteht in der gestalt, wie er in e vorliegt, 
aus drei teilen. Die einleitung 1 und 2 gibt hinweise für die 
deutung der allegorie. Der liauptteil 3—76 enthält die allegorie. 
Der Schluß 77—80 bring! eine kui'ze Zusammenfassung des 
mystischen gehalts der allegorie. 

Die einleitung erweist sich durch den vergleich der hss. 
als späterer zusatz. Sie ist nicht ganz übereinstimmend mit 



DIK TOCHTKR VON SYON. 211 

dem liauptteil, denn sie weist nur undeutlich auf das Vor- 
handensein mehrerer nebenpersonen hin. Der hauptteil ent- 
hält eine schlichte handlung. Die tochter von Syon schickt 
die Erkenntnis aus, um etwas liebenswertes auf erden zu 
suchen 3. Sie wird krank, da die Erkenntnis nichts findet 8. 
Glaube und Hoffnung- suchen sie zu trösten 9. Auf rat der 
beiden wird Weisheit herbeigeholt 17. Diese nennt ihr den, 
der ihrer liebe würdig ist 25. Liebe wird als fiirsprecherin 
ausersehen 32. Sie bietet sich als botin an und fordert Gebet 
als begleiterin 49. Die beiden rüsten sich und machen sich 
auf den weg- 53. Gebet wird beim anblick der himmelsherrlich- 
keit ohnmächtig 58. Liebe verwundet den herrn mit ihren 
pfeilen 60, Die tochter von Syon empfängt die tropfen aus 
dem herzen gottes und fühlt sich mit ihm vereinigt 65. Gebet 
erwacht und freut sich des Wunders, das an der tochter von 
Syon gewirkt ist 75. Der Schluß enthält zweimal denselben 
gedanken. Zuerst faßt der erzähler mit eigenen Worten das 
praktische ergebnis der allegorie zusammen und zählt die 
anzeichen des vollkommenen lebens auf. Dann läßt er noch 
einmal in directer rede die tochter von Syon von diesem 
leben sprechen. 

Christus als seelenbräutigam ist das grundthema der 
tochter Syon oder der minnenden seele. Es ist das leitmotiv 
der mystik, und in seinem Vorhandensein liegt der mystische 
gehalt des tractates begründet. Aus ihm ergibt sich not- 
wendig das andere, was ich hier an erster stelle als speciell 
mystisches hervorheben möchte. 

Die allegorische handlung des tractates hat ein bestimmtes 
ziel, das erreichen des zustandes der Vollkommenheit. Er lehrt 
ebenso wie Seuses lebensbeschreibung (s. 3, 17) wie man mit 
rehter ordenhafti zu der blossen worheit eins seligen volliomen 
lebens sol homen. Was im tractat unter vollkommenem leben 
verstanden wird, ist aus den Schlußworten zu ersehen: 77 ab- 
geschajden von allen irdischen dingen, nichtz das ergäncklejch ist 
ze betraclden, besimder wol tze gevallea dem höchsten, dem ein 
gantz gemüt auf ze halten, rayn und lawter sich ze behalten 
von allem dem, das ein laiärew gewissen verunrajnigen mag, 
und in dem tvesen also ze beleyben. Ekkehart lehrt: zuo dirre 
gebürtc wil got unde muoz haben eine ledige unbeliümherte vrie 



212 VVICHGUAF 

sele, in der nilU cnsi dcnne er alleine, noch diu niidcs noch nit- 
mannes enwarle denne sin alleine (Deutsclie mystiker 11,14, 19). 
Tauler predigt: er miios ufbton von allem dem daz Got nüt 
enist, von ime selber und von allen creahiren (Tauler ed. 
Vetter 22, 14). Banz zählt in seinem buche über die minnende 
seele s. 114 eine ganze reihe von ausdrücken auf, die als aus- 
gesprochen mystische termini zu betrachten sind. In unserem 
tractat ist bei der Schilderung des vollkommenen lebens nur 
einer von diesen angewandt: 'abgescheidenheit'. 

Speciell mj-stisch ist ferner die darstelhing der gnaden- 
wirkung auf die seele 70: do ward ir herts erfüllet aller genad 
und alles trösts, und tvard aus ir getriben allew forcht mit 
sorg zeytleycher ding. Ekkehart sagt darüber: got Jcumt in 
die scle mit rehter friheit, da mit er den menschen friet von 
allen sorgen des lebens (a. a. o. II, 396, 2). Die parallelen ließen 
sich häufen, das ist ein zeichen, daß nur festformuliertes 
gedankengut in den tractat hineingearbeitet ist. 

Schließlich gehört hierher das erleben einer Vereinigung 
mit gott schon in diesem leben in vorübergehender ekstase, 
der die endgültige Vereinigung im tode folgen wird. Seuse 
hat diesen zustand sehr oft in seinem leben empfunden, Tauler 
schildert ihn unter dem bilde der gotttrnnkenheit, er ziehe 
als vil in sich und trinke mit allem vollem munde, das er wol 
trunken tvurt und wurt Götz also vol, das er in wunnen und 
in volle sin selbes vergisset (a. a. o. 53, 12). Es werden zwei 
phasen dieses zustandes unterschieden, speculieren und jubi- 
lieren, i) die ja auch in unserem tractat erkenntlich sind. 

Der Scholastik dagegen ist die lehre von der seele und 
ihren kräften entnommen. Indem die mittelalterliche Philo- 
sophie zwischen dem wesen der seele und ihren kräften unter- 
schied, ermöglichte sie die Vorstellung verschiedener großen 
und schuf die grundlage für die handlung des tractats. Wie 
klein der schritt von der unallegorischen lehre zur bildung 
der allegorie war, zeigen die folgenden stellen aus Ekkehart: 
alliu Werk, dm diu sele wirket, diu ivirket si mit den kreften. 
Swaz si verstet, daz vtrstet si mit der Vernunft. So sie ge- 
denket, daz tuot si mit dem gedehtnisse. Sol si minnen, daz 

>) Vgl. Seuse a. a. o. 173,9; Ta\üer a. a. o. 53,18; AS 46 ff. 



DIE tociukk von syon. 213 

luot s'i mit dem ivillcn, und also tvirJcet si mit den Icreftcn und 
nilit mit dem wcsenneJ) Si get ouch in den drin tilgenden: 
glouhe, hoff'enunge und minne, ane die ze gote nieman komm mac^) 

Die brautscliaft der seele ist ein biblisches motiv, das 
sich z. b. im gleichnis von den klugen und törichten Jung- 
frauen findet, Matth. 25, 1 ff. Auch im Hohen liede sah man 
im mittelalter eine darstellung Christi in dieser weise. In 
Weinholds commentar der LS sind alle motive hervorgehoben, 
die sich auf bibelstellen und citate aus geistlichen Schriften 
zurückführen lassen. Wenn ich hier solche motive noch ein- 
mal hervorhebe, so geschieht es zu dem zwecke, im zusammen- 
hange zu zeigen, wie stark der biblische einschlag ist, und in 
welcher weise er hineingearbeitet ist. 

Der name Tochter Zion wird u. a. Ps. 9,15 und Jes. 1,8 
als name für Jerusalem gebraucht. Im Hohen lied nennt 1,5 u.ö. 
das suchende raädchen diejenigen, die ihr suchen helfen sollen, 
Töchter von Syon. Unser tractat macht die suchende selbst 
zu einer, hs. d sogar zu 'der' tochter von Syon. Eine deutung 
erfährt dieser name nur in LS und AS. 

Citate sind offenbar folgende stellen: 

5 und schawet alle diug in der weit Eccles. 1, 14 vidi cuncta, quae tiunt 

nud sach, das dy allew ergäuck- sub sole, et ecce uuiversa vanitas. 

leych waren. 

16 wer gibt mir fetach als der Ps. 54, 7 quis dabit mihi penuas 

tawben? sicut columbae? 

24 ich pin . . . ausgangeu aus dem Eccles. 24, 5 ego ex ore altissimi 

muud des aller höchsten. prodivi. 

26 er ist schön über aller menschen Ps. 44, 3 speciosus forma prae öliis 

kiud. homiuum. 

33 es ward ein sweygen in dem sal Apoc. 8, 1 factum est silentiura quasi 

wol auf ein halbew stund. media hora. 

63 du mein gespons, mein gemachel, Cant 4, 9 vulnerasti cor meum, soror 

du hast verwunt mein hertz. mea spousa. 

67 hast du uit gesecben den lyeb- Cant. 3, 3 num quem diligit auima 
haber und begir meines hertzen? mea vidistisV 

68 ein scheyn des ewigen lyechts, Sap. 7, 26 candor est enim lucis 
ein spyegel an all mackel. aeternae et spec\ilum sine macula. 

78 köm zu mir in den garten Cant. 5, 1 veniat dilectus meus in 
meyner sei. hortum suum. 

') A. a. 0. II 4, 29, vgl. 8euse 156, 4. Die lehre von den drei kräften der 
seele geht auf Augustin zurück. '-) A. a. o. II 410, 18. 



214 WICHGRAF 

Viele stellen lehnen sich an bibelworte an: 

vgl. ziT IL = 2. Cor. -i, 18, vgl. zu 37 = Gen. 32, 24, 
13 = Rom. 8, 24, 40 = Job. 6, 35, 

17 = Sap. 9, 9, 55 = Apoc. 4, 2. 7, 9. 14, 1. 

23 = Prov. 8, 12, 74 = Ps. 62, 9, 

29 = 1. Job. 1, 7, 80 = Cant. 4, 6. 

Die handlang selbst ist im Hohen liede nur im kern vor- 
handen. Cant 3, 2 und 5,6: quaesivi illum et non inveni. Dies 
bildet den ausg-angspunkt der handlang. Cant. 5,8: adiuro 
vos, flliae Jerusalem, si inveneritis dilectum meuni, ut nuntietis 
ei quia araore langueo. Dieses motiv bildet den hauptinhalt 
der allegorie. Cant. 3, 4: tenui eum, nee dimittam. Das bildet 
den Schluß der handlang. 

Der tractat enthält viel allegorisches allgemeingut. Für die 
personification von glaube, liebe, hoffnung. denen sich erkenntnis, 
Weisheit und fälschlich auch barmherzigkeit anschließen, finden 
sich parallelen z. b. in den Minnereden (ed. Matthaei, Deutsche 
texte 24) und in der Pilgerfahrt des träumenden mönchs (ed. 
ßömer, Deutsche texte 25). Dort finden sich frau Liebe, 
frau Ehre, frau Zucht, Gnade, Buße. Die liebe als königin 
unter den anderen erinnert an 1. Cor. 13, 13. Das gebet, per- 
sonifiziert als botin der menschen zu gott, findet sich in der 
Pilgerfahrt des träumenden mönchs v. 13254 ff. Seine aus- 
rüstung mit dem tränentiäschlein hat eine sehr entfernte be- 
ziehung zu dem motiv des tränenkrügleins.i) Der träumende 
mönch fürchtet, auf seiner Pilgerfahrt nicht genug wasser der 
reue zu haben v. 11445. Die liebe ist mit pfeil und bogen 
ausgerüstet. Weinhold vermutet in der anmerkung zu v. 3477 
der LS, daß dieses motiv klassischer herkunft ist. Eine Strophe 
des bruders Eberhard von Sax zeigt, daß die Vorstellung, gott 
müsse erjagt werden, eine gebräuchliche war. 

swer Gotes raiiine wil bejagen, 

der ranoz ein jagendez herze tragen, 

daz niht verzagen 

künn \\i der jagenden weide. (Wackernagel, Kirchenl. II, 174). 

Die kranke seele wird mit tropfen aus dem herzen gottes 
gelabt. In dem Buch geistlicher gnaden von Mechthild und 



*) Vgl. die anni. vmi Bolte nnd Polivka /u den kinder- nnd hans- 
)iiärchen der gebrüder Grimm 2, 448. 



DIE TÜCIIJ'EK VON SYON. 215 

Geiüiid von Helffede (Leipzig 1503) heißt es s. 60h: ahcr sie 
neiget sich czu der wunden des iionig flussigen herczen ires 
einigen scligmaehcrs und schcpphers dar aws trancJc sy den 
tranch aller sussikeit und ivolgesmaclces. 

Bruder Eberliart von Sax singt in einem geistlichen liede: 

diu iniinidiu bluot 

vertuüt in allen smerzeu (a. a. o. If, IB-t). 

Die handlung des hauptteiles zeigt einen einschlag höfischen 
Wesens. Er ist nur schwach, da die allegorische einkleidung 
im laufe der Überlieferung gelitten hat, aber er ist doch er- 
kennbar. 

Die tochter von Syon wird uns mit wenigen werten ge- 
schildert. Sie ist ein wolgetsirtew, adeleycliew fraw, klar und 
subtil 3, ain fraw adeleych getsirt 11. fratv bedeutet herrin 
und ist eine ehrende benennung jeder person weiblichen 
geschlechts, sie mag verheiratet sein oder nicht. Die attribute 
getzirt, adeleych, klar sind unmittelbar anschaulich, in der 
höfischen literatur finden sie sich oft bei der Schilderung 
weiblicher gestalten, klar bezieht sich auf die körperliche 
Schönheit und bedeutet glänzend, schön, i) wolgetzirt bezieht 
sich auf den schmuck des gewandes, und adeleych gibt die 
herkunft an, sie ist eine freigeboiene frau, von hoher geburt 
und edel geartet. Welche anschauung das 13. jh. mit dem 
begriffe sid)til verband, ist schwerer zu ermitteln, vielleicht 
würde die Übersetzung 'fein' das richtige treffen. 2) Die vier 
attribute für die tochter von Sj'on sind so gewählt, daß sie 
in übertragenem sinne auf die seele anwendbar sind. 3) Bei 
suhtil ist der verdacht nicht ganz abzuweisen, daß das attribut 
vor allen dingen um seiner übertragenen bedeutung willen 



*) Steinmeyer macht in seiner rede über einige epitheta der mhd. 
poesie 1889, s. 7f. darauf anfmerksani, daß klar erst seit Wolfram häufig 
gebraucht und auch auf menschen angewandt wird. 

'^) das muoz sin in dem aller lutersten und edelsten und subtilsten, 
daz die sele geleisten mag (Deutsche myster ed. Pfeiffer II, 3, 22). sie (Rahel) 
was züchtig und subtil (Historienbibeln ed. Merzdorf 608). tvas klar und 
subtil ist, das tcirt leycht vcrsert (Cgm. 29, bl. 70 b). 

^) Vgl. diu sele sol clarer werden denne diu sonne (Myst. II, 252, 35), 
diu sele muoz gar adclliche leben (Myst. II, 3, 26), mich hatte der himelsehe 
vater über alle Üblich kreatur geziert (Seuse ed. Bihlmeyer 211, 15). 



216 WICHGRAF 

angewandt ist und eine bestimmte anscliauung mit ihm nicht 
verknüpft wurde, i) Vielleicht stellt es sich zu 'zart' in der 
anrede o du tsartew höchwirdigcw fraiv 12. Dann würde es 
die anschauung, die uns die anderen attribute geben, vervoll- 
ständigen. Es schildert uns eine adelige dame, die wohl- 
behütet im frauengemach aufgewachsen ist, und von der die 
rauhen selten des lebens ferngehalten sind. Die bezeichnung 
wynnildcycli 9 findet sich ebenfalls häufig in der höfischen 
literatur. Sie gibt den eindruck wieder, den dieses wesen auf 
seine Umgebung machte und ist nicht immer als formelhafte 
Wendung aufzufassen, wenigstens vielleicht nicht in unserem 
tractat, in dem sie nur einmal angewandt wird. 

Eine hochgeborene dame w^ohnt in einem vornehmen hause 
und hat viele dienerinnen. Ein saal wird demgemäß 9 erwähnt. 
Es muß der große saal des Pallas 2) sein, in dem die dienerinnen 
sich aufhalten, während die herrin in einem privatgemache, 
gaden, zu denken ist, als die krankheit sie auf ein ruliebett 
wirft. Die Jungfrauen, die sie umgeben, sind wie in der 
höfischen dichtung mehr ihre gespielinnen als ihre unter- 
gebenen. Sie vertraut ihnen ihren geheimsten herzenswunsch 
an 16. Sie hat schon früher Unterweisung von ihnen an- 
genommen 12. Sie läßt sich auch jetzt von ihnen beraten 17. 
Die Jungfrauen erzählen von der kranklieitsursache, die die 
herrin in ihrer ängstlichkeit sich nicht zu offenbaren getraut 21. 

Daß wir uns in einem höfischen milieu befinden, geht 
auch aus der strengen Währung des ceremoniells hervor. Die 
liebe wird gar würdiglich empfangen, denn sie ist eine 
königin 32. Bei der absendung eines boten macht die Weis- 
heit die herrin darauf aufmerksam, daß es nit sijmleych ist, 
sich ohne würdige boten zu nahen 44. Als die Liebe etwas 
impulsives sagt, muß zuvor erklärt werden, warum sie sich 
nit lenger enthalten mocht 47. Als sie sich zur botin anbietet, 
erklärt sie die begleitung einer Jungfrau für notwendig 49. 
Vor dem aufbruch nehmen die beiden Urlaub von der herrin 
und ihren Jungfrauen 55. Bei der rückkehr der Liebe vergißt 

') Vgl. die anwenduiig des wortes in späterer zeit: von Vernunft 
subtil (15. Jh., Oheims chronik von Reichenau 58, 30, ed. Barak 1866), mit 
ftubtilen künsten (16. Jh., Chroniken deutscher stiidte 11,668, anni. 1). 

-) Vgl. A. Schulz, Häusliches leben im mittelalter 1, 12 u. 15. 



DIE TOCHTER VON SYON. 217 

die lienin iiiclii den willkonimeiiso:ruß CG, ehe sie die frage 
nach dem eigebnis der reise stellt. 

Die Situation, in der die tochter von Syon sich am anfang 
der erzäliliing befindet, weist ähnliclikeit mit einer Situation 
auf, die in der höfischen lyrik oft geschildert oder voraus- 
gesetzt wird. In den sogenannten frauenstrophen spricht eine 
frau von ihrer Sehnsucht nach dem geliebten. Die tochtei- 
von Syon sehnt sich nach einem wahrhaft liebenswerten wesen. 
Die Vereinigung der liebenden ist nur eine vorübergehende.') 

Das Idealbild des königs trägt züge des ritterideals: reich 
und niilt, (jeweilig und mächtig 26. 

Dieser höfische einschhig bildet einen notwendigen bestand- 
teil des ganzen,-) denn die einzelheiten sind für die allegorie 
wesentlich, sie erläutern das wesen der seele, ihr Verhältnis 
zu glaube, hoffnung, liebe, \veisheit und erkenntnis, so wie die 
damalige zeit es sich dachte, und die Stellung und aufgäbe der 
liebe im leben der seele. Sehr groß sind die Voraussetzungen, 
die für das Verständnis dieser höfischen einzelheiten gemacht 
werden, nicht; aber es muß doch ein gewisser sinn für höfisches 
wesen vorhanden gewesen sein, wo dieser tractat verbreitet 
und beliebt war. Was über die sociale läge der frauen- 
klöster^) bekannt ist, bestätigt die Vermutung, daß über- 
wiegend gesellschaftlich höher stehende kreise in den klöstern 
vertreten w^aren. Für nonnen wird der tractat Avohl in erster 
linie bestimmt gewesen sein. Aus ihren erbauungsbüchern 
kam er in die gebetbücher vornehmer nicht geistlicher frauen 
oder überhaupt adliger familien. Um seines geistlichen gehalts 
willen fand er auch in männerklöstern Verbreitung.'') 

Die sonderung der motive zeigt, daß sowohl im mystischen 
gedankengehalt als auch in der Verwendung biblischer motive 
und in der allegorischen einkleidung nur einfaches gut, das 

') Vgl. Roethe über den gegenseitigen einflnß von geistlicher und 
weltliclier minnepoesie in Reinmar von Zweter s. '237. — Peltzer, Deutsche 
niystik und deutsche kunst s. 183. 

^) Vielleicht ist deshalb das motiv der untreue, das zu der höfischen 
Situation nicht paßt, gefallen. 

') Vgl. K. Bücher, Die frauenfrage im mittelalter, 2. aufl. 1910. — 
Kothe, Die kirchlichen zustände Straßburgs im 14. Jh., 1903. 

'') Indersdorf war ein reguliertes chorherreustift Augustiner ordens, 
St. Georgen zu Villingen eine Benedictiner abtei. 



218 WICHGRAF 

jeder sich leicht zu eigen machen konnte, oder das schon 
jedermanns eigen war, zusammengetragen worden ist. Der 
tractat wird seine anziehungskraft in niclit geringem maße 
der Schlichtheit seiner compositionselemente zu verdanken 
haben; docli liegt ein ebenso starker grund in der art der 
Zusammensetzung seiner demente. 

Aus altüberliefertem gut sind durcliaus typische, un- 
individuelle gestalten geschaffen, doch sind sie mit großer 
lebhaftigkeit geschildert, und das ganze ist mit einer Innig- 
keit des empfindens durchdrungen, die den altbekannten motiven 
doch wieder den Charakter des persönlichen verleiht. Der 
tractat ist den andachtsbildern des Fra Angelico da Fiesole 
vergleichbar, in denen der meister auf die Individualisierung 
verzichtet und sich mit einer wiedergäbe des herkömmlichen 
begnügt, denen er aber doch eine tiefe des empfindens zu 
geben weiß, die sie immer neu und reizvoll erscheinen läßt. 

Obgleich verschiedenartige elemente in dem tractat zu- 
sammengetragen sind, so wirkt das ganze doch einheitlich; 
denn das höfische ist nicht ausgeführt, sondern nur so weit 
angedeutet, daß es anschaulich Avirkt. Es paßt sich dem aus 
dem Hohen liede genommenen kern der handlung an, wie die 
zeitgenössischen gewänder auf bildern mittelalterlicher maier 
sich den personen in den darstellungen biblischer geschichten 
anpassen, und wirkt nicht unwahrscheinlich, weil dem künstler 
diese Zusammenstellung natürlich war. Die biblischen citate 
und anspielungen sind in freier form gegeben, so daß sie sich 
unaufdringlich dem rahmen einfügen. Sie geben ebenso wie 
die speciell mystischen elemente dem tractat einen lehrhaften 
Charakter, doch ist die allegorische einkleidung meist gewahrt 
und dadurch das langweilige vermieden, das eine lehrhafte 
abhandlung mit sich bringen könnte. Nur am ende ist die 
handlung so gepreßt, daß die anschaulichkeit darunter leidet 
und der rein lehrhafte Schluß eigentlich in das ende der 
handlung übergreift. 

Der tractat hat speciell mj^stischen gehalt und trägt da- 
durch einen lyrischen Charakter. Er kleidet diesen gehalt 
in eine erzählung, in der höfische lebensformen und eine 
Situation der minnepoesie anklingen. Also bringt auch die 
allegorische einkleidung lyrische momente mit sich. Die knapp- 



DIE TOCHTER VON SYON. 219 

lieit der er/älihing' ist fern von epischer breite. Sie läßt aber 
i-aum für viel rede und gegeiirede. Dadurch ei'hält die eiyähliing 
einen dramatischen Charakter. Lyrisches und dramatisches 
bietet der tractat in sehr einfaclier. anspiuchsloser weise. 
Seine bescheidenheit erhöht seine wiikung und läßt die Innig- 
keit seines empfindens als echt und die lebendigkeit seiner 
darstellung als ungekünstelt empfinden. 

Einzelne motive des tractats legen die annähme nahe, 
daß er ein längeres Stadium mündlicher Überlieferung hinter 
sich hat. als man eigentlich von einer eibauungsschrift ver- 
muten kann, die man sich, wenn auch nicht immer in ein- 
samer zelle gelesen, so doch höchstens bei tisch vorgetragen 
oder in einer predigt angewandt denkt. Die Umbildung, die 
einige motive erfahren haben, ist aber so typisch für münd- 
lich überlieferte erzählungsstoffe, daß auch bei diesem tractat 
eine periode mündlicher tradition angenommen werden müßte, 
selbst wenn die uns bekannten klosterbräuche es uns nicht 
ermöglichen zu sagen, bei welchen gelegenheiten die münd- 
liche darbietung sich so häufig einstellte, daß die phantasie, 
nicht gebunden durch schriftliche fixierung, sich des Stoffes 
bemächtigen und ihn weiterbilden konnte, i) 

Solche Weiterbildung sehe ich in den parallelen besuchs- 
scenen. Erst besucht Weisheit, dann Liebe die seele. Es ist 
nicht unwahrscheinlich, daß zuerst nur eine derartige scene 
dagewesen ist, aus der dann durch Verdoppelung und variierung 
eine zweite hervorgegangen ist. Eine Veränderung hat auch 
die scene der Vereinigung erfahren: die stufen, die sich ver- 
folgen lassen, sind nebeneinander überliefert, doch bietet der 
grad ihrer compliciertheit einen anhält für ihre aufeinanderfolge. 

1. Die seele verwundet selbst den himmelskönig und kann 
sich im anschluß daran mit ihm vereinigen. So in dem gedieht 
Die minnende seele. 2) 

2. Minne verwundet den lierrn, aber die Seele ist bei ihr, 
so daß die Vereinigung der beiden sogleich erfolgen kann. So 



*) Lamprecht von Regeiisbiug hat den tractat aus müncllicher Über- 
lieferung- gekannt, wie er v. 56 sagt. Doch hat er die motive nicht ver- 
ändert, sondern nur betrachtungen usw. eingeschoben. 

-) ed. in Bartsch, Erlösung 1858, s. 216 ff., vgl. v. 105 und 129. Eine 
bildliche daistellung dieser scene reproduziert Banz tafel VII. 



220 WICHGKAF 

in der alem. 83-011 und in fassung B. Das citat aus dem 
Hohen lied: du mein gcspons, mein gemadiel, du hast verwuni 
mein herk paßt in diese bildung des motivs nicht mehr ganz 
liinein, da ja durch die fortschreitende allegorisierung Minne 
eine von der Seele gesonderte persönliclikeit geworden ist. 

3. Liebe verwundet den herrn, ohne daß sicli die seele 
in ihrer begleitung findet. 1) Auf dieser entwicklungsstufe 
befindet sich das motiv in unserem tractat. Doch ist es liier 
leider ungenau überliefert oder nie klar ausgebildet gewesen. 
Es fehlt der teil der handlung, der von der wunderbaren 
Wirkung der tropfen bis zur Vereinigung mit dem himmelskönig 
führt. Die Vereinigung wird ins innere, in die seele verlegt, 
wobei vergessen wird, daß die tochter von Syon schon selbst 
die seele ist. Lamprecht hat die Schwierigkeit nicht ganz 
beheben können, indem er v. 4016 schreibt: davon sie die gnade 
ervant, daz ir got wart beJcant, dävons ir gir ze liimcl fnioc. 

4. Die lat. fassung empfindet den übelstand gleichfalls 
und schiebt statt der vorzeitigen Schilderung der Vereinigung 
die fragen ein: quaudo veniet? putas durabo? putas videbo? 
Doch folgt keine beschreibung des Wunders, so daß der spätere 
hinweis auf die Verwandlung des wassers beziehungslos bleibt.-) 

2. Stil. 
Mit ausnähme der in cap. IV besprochenen stellen 37. 
40. 47, bei denen entweder ein feliler vorliegt oder der spräche 
gewalt angetan ist, zeigt der tractat keine stelle, die ihn als 
eine mechanische Übertragung aus dem lat. erscheinen läßt, 
sondern er zeigt sich als eine wirkliche Verdeutschung. Man 
vergleiche z. b.: 

8 darumb das dy lieb irs hertzen eo quod uon desiderü sui effectuin 
uit möcht haben etwas in aller habuerit. 

weit daryu ein aufhalten hyet 
ir begir. 
16 darein sencken dy lieb meines in eo pedeni amoris figere. 
hertzen. 



') Bildliche darstellnng bei Sndennann, Schöne auserlesene fignren, 
bl. 65 a. 

^) Banz zählt noch andere Variationen dieses motivs vom rainnepfeil 
auf, s. 84 ff. 



DIK TOCHTEk VON SYON. 221 

2-4 als dir daiiii tze wiss^eu habeu de quo tibi est sermo cum Fide 

getan der Gelaub und dynoffiiunff. et Spe. 

34 nnd nn sy bat kayn tn^ent kraft nani sine ejus imperio non valet 

in irem reych. aliqua virtus movere pedem iu 

reguo a se. 

59 verstund wol wye sy dy saoli sciebat quid opus esset facto. 

bandeln solt. 

66 pis willikümen, du meyn trösl. advenisti desiderabilis. 

In bescheidenem maße bestätigt der tractat das urteil 
Vetters über den einfluß der mystik auf die deutsche spräche: 
erst die mystik hat der deutschen prosa recht eigentlich die 
zunge gelöst. Sie war eine bewegung, welche mit ungewohnter 
gewalt in das volk hineingrift und ein unmittelbares aus- 
sprechen des gefühlslebens verlangte, i) 

Der Stil des tractates ist bei der weitergäbe nicht un- 
beeinflußt geblieben. Fassung b stellt einen eigenmächtig 
veränderten typ dar. Auch in e möchte ich einige stellen 
als spätere er Weiterungen ansehen, z. b. die parallelismen, die 
sonst aus der praxis, die auf kürzung gerichtet ist, heraus- 
fallen, aber eine Verstärkung des gefühlsaccentes bewirken. 

4 dartzu dy lieb irs hertzen geuaygt ((uod possit amare. 
möcht werden und dy begirlikayt 
irs gemütz widerumb erfrewdt 
wurd. 
45 reycher schätz der eren, o du o deus mens, 
aynigs weseu, mein Got. 

Die handlung ist mit sehr viel directer rede durchsetzt.'-) 
Die Weisheit charakterisiert sich selbst 23, während die Liebe 
vom erzähler 34 und Christus von der Weisheit geschildert 
wird 25. Ein fortschritt in der handlung wird mehrere male 
in directer rede vorbereitet. Glaube und Hoffnung raten der 
tochter von Syon^ die '\^^eisheit zu befragen 17. Die Weisheit 
rät zu einer hinzuziehung der Liebe 31 und schlägt vor, einen 
boten auszusenden 44. Ein gefühl äußert sich meist unmittel- 
bar in directer rede. Die Sehnsucht findet ausdruck in einem 
psalmwort, die seelische bedrängnis in einem auruf gottes, die 

') Lehrhafte literatur des 14. und 15. jb.'s, ed. Vetter s. VI. 

'^) Die mystische prosa bedient sich mit besonderer Vorliebe der dia- 
logischen form, für die die lateinischen mystiker das vorbild waren; Strauch 
im Anz. fda. 34, 260. 

ßeitriige zur geschichte Jer deutschen spräche. 4ü. ^5 



222 WICHGKAF 

Ungeduld in den begrüßungsworten: ich han deyn gewardt mit 
pelangen und mit sewfften. 

Aus der reichlichen Verwendung directer rede gewinnt 
die erzählung lebhaftigkeit und frische. 

Die Schilderungen des autors sind knapp und klar. Sie 
beschränken sich auf das ergebnis der forschungen der Er- 
kenntnis 5, die beschreibung der reise in den himmel 55, die 
Zusammenfassung der mystischen lebensauffassung 77. Unklar- 
heit herrscht nur in der erwähnung des wunders 75 und in 
der plötzlich herbeigeführten Vereinigung. 

So gewinnt die erzählung zu ihrer lebhaftigkeit und 
frische prägnanz und schärfe des Umrisses für personen und 
handlungen. 

Trotz der knappheit bleibt immer noch räum für ein 
schmückendes beiwort oder eine beifügung zum zwecke der 
hervorhebung des gefühlsgehaltes. Die mitteilung der Er- 
kenntnis wirkt auf die tochter von Syon, als oh ir ain stral 
geschossen ivär in ir hertz 8. Die dienerinnen nennen ihre 
herrin minnigliche frau 9, zarte, hochwürdige frau 12, die herrin 
kann nicht sprechen von ängstleykayt ivegen irs hertzcn 20, 
das ehrfürchtige schweigen beim empfang der Liebe dauert 
wohl eine halbe stunde 33. 

So gewinnt die erzählung zu frische und prägnanz gefühls- 
wärme. 

Außer den oben angeführten bibelstellen finden sich formel- 
haft gebrauchte Wendungen, die an die spräche der bibel er- 
innern: sy antwurt und spraclt, 7. 45. 52. 68, cf. Matth. 3,15 usw.; 
da redt dy iveyschayt und sprach 42, cf. Matth. 13, 3; da hüben 
an die junckfrawen und ertzelten 21, cf. Matth. 26, 22. 

Dadurch gewinnt der Stil eine gewisse religiöse feierlich- 
keit. Der tractat wird aus der unterhaltungsliteratur auch 
stilistisch in eine geistliche Sphäre gerückt. So wie er sich 
im Inhalte an die bibel anlehnt, findet er in ihr auch das 
muster seines Stils. 

Der tiefere sinn sollte sich in einer gut erzählten allegorie 
von selbst ergeben. Um das Verständnis unseres tractates zu 
erleichtern, hat ein Schreiber die einleitung 1 und 2 voran- 
gestellt. Dies wäre nicht nötig gewesen, denn die namen der 
dienerinnen besagen genug, und die handlung ist durchsichtig. 



DIK TOCHTKK VON SYüN. 223 

Man könnte fast meinen, daß zu wenig gesclielien ist, um den 
tieferen sinn in ein allegorisches gewand zu kleiden, wenn es 
14 lieißt: und nun vernam, das etwas nit was auf er d besiinder 
in dem hymd, daryn irs hertzen inprünstigcw lieh eyn ivonuny 
haben mächt. Doch erscheint Christus ja später als himmels- 
könig, und das himmelreich wird ganz concret mit pforte, 
schmuck und bewohnern geschildert, so daß die stelle doch 
nicht als eine Unterbrechung des allegorischen stils zu be- 
urteilen ist. An der grenze in dieser richtung liegt die 
Schilderung Christi und seines opfertodes 30. Doch scheint 
die stelle kein späterer zusatz zu sein, da das folgende zu 
fest damit verknüpft ist. Ebenso darf man bei der bezeich- 
nung Christi 62 der licbhaber der sei zweifeln, ob sie eine 
spätere einfügung für eine ursprünglich andere bezeichnung 
ist. Als spätere glossierende einfügungen, und zwar als ziem- 
lich ungeschickte, möchte ich die folgenden stellen, die alle 
die gleiche einleitung das ist haben, betrachten. . . . in irem 
rcycli, das ist in der sei 34, ... ein fläschel mit wasser, das 
ist iiberflüzzikayt haysser izächer 54, ... vier irophen, das ist 
götleych genad usw. 64, . . . feyol und tilgen mit wolsnieckenden 
rasen, das ist dyemiitikajt, lawtrikajt, götleychew lieb 78. 79, . . . das 
ewig lyecht, das ist Kristus Jhesus 80. Ferner die stelle . . . da- 
von oben geredt ist 69. An diesen stellen hat jemand es für 
nötig gehalten, den tieferen sinn anzugeben. Dadurch wird 
der Charakter der allegorie zerstört. Der erzähler wendet 
sich nicht mehr mittels der phantasie an das denken, sondern 
direct. Der stil wird an den bezeichneten stellen getrübt. 
Der Schluß enthält eine Zusammenfassung der lehren, die den 
tieferen sinn der erzählung ausmachen. Es wäre zu erwarten, 
daß sie frei von der allegorischen einkleidung gehalten wüiden 
und der deutung der biblischen gleichnisse entsprächen; doch 
ist das nicht so, es gehen hier wortsinn und tieferer sinn 
durcheinander, und das übt rückwirkend auf die ganze er- 
zählung einen trübenden einfluß aus. 

Diesen fehler teilt der tractat mit anderen mittelalter- 
lichen allegorien. Die alemannische Syon gibt gleich nach 
der aufzählung allegorischer einzelheiten die deutung, z. b. 
v. 99 ff., 485 ff., und in der Pilgerfahrt des träumenden mönchs 
findet sich diese eigentümlichkeit durchaus. Weltliche allegorien 

15* 



224 WICHGRAF 

scheinen frei davon zu sein, ich habe diesen Stilfehler weder 
bei Hadamar noch in den Minnereden gefunden. Vielleicht 
ist dieser stil aus den predigten übernommen, wo er ja seine 
berechtigung hat. In Leysers predigten findet sich oft bild 
und deutung, ebenso bei Tauler. 

Der äußere stil des tractates hat im laufe der Über- 
lieferung gelitten, das allegorische gewand ist an manchen 
stellen fadenscheinig geworden. Der innere stil aber tritt 
dadurch um so deutlicher zutage, der tractat wird als er- 
bauungsschrift kenntlich. Das mittelaUer kannte mehrere 
arten von tractaten, die so verschiedenartig sind, daß eine 
definition des begriffes 'tractat' schwerlich genauer sein kann 
als die folgende: ein tractat ist eine prosaschrift erbaulichen, 
oft ins lehrhafte gehenden Inhalts. Die länge ist verschieden. 
Der tractat TS ist einer von den kürzeren. 

Cgm. 29, Cgm. 255, HBI. 38 enthalten denselben tractat 
über das leiden Christi, der die passionsgeschichte mit vielen 
eingeflochtenen stellen aus den Kirchenvätern bringt. Solch 
ein tractat diente dazu, die menschen zum nachempfinden des 
leidens Christi anzuleiten, das für einen wichtigen bestandteil 
christlicher frömmigkeit angesehen wurde. Er bietet eine 
biblische erzählung und will auch sonst den rein theologischen 
Charakter nicht verleugnen. Er belehrt offen und geradezu. 
Die form ist kunstlos, sie ist der form wissenschaftlicher ab- 
handlungen oder nicht sehr guter predigten angenähert. 

Eine zweite art sind die biographischen Schriften. Seuses 
Vita steht auf einem sehr hohen Standpunkt. Sie kann nicht 
eigentlich zu den tractaten gerechnet werden, wenn sie auch 
eine erbauungsschrift ist. Doch gibt es eine menge kürzerer 
biographischer erzählungen, z. b. den anonymen tractat von der 
ÄM^es^er^a/re/, Deutsche mystiker IL 448 ff., und die schritten aus 
dem Straßburger johanniterkloster, als deren Verfasser Rulmann 
Merswin sich selbst oder den unbekannten gottesfreund aus- 
gab.') Sie erstreben das ziel religiöser Vervollkommnung da- 



*) Das buch von deu zwei 15jährigen kuabeu. Der gefangene ritter. 
Das buch von den zwei mannen. Das buch von den fünf mannen. Alle 
ediert von Karl Schmidt in seinem buch über Nikolaus von Basel, 1866. 
Ursula und Adelheid ed. Jundt, Les amis de dieu. 1879. — Karl Schmidt 
sah sie als biographische Schriften eines mannes an. Die kritik hat diesen 



DIE ruCHTEK VON SYüN. 225 

durch, daß sie ihren lesern nachahmenswerte oder abschreckende 
gestalten vor äugen fiiliren. Sie sind nicht allegorisch, sondern 
sie wollen berichte sein. Der leser braucht nicht erst nach- 
zudenken, um sich die leinen abzuleiten, sondern sie werden 
ihm oft mit recht plumper deutlichkeit unmittelbar gegeben. 
Diese tractate haben den stil von Chroniken oder legenden. 
Sie erstreben also eine kunstform, aber eine leicht durchführ- 
bare, da sie ja auf dem geraden wege der erzählung ihren 
zweck direct, nicht auf umwegen erreichen wollen. 

Eine dritte art bilden die allegorischen erzählungen. Der 
geistliche baunigarten im Karlsruher codex St. Georgen 79, 
Der maibaum geistlicher herzen im Cgm. 470, Die tochter von 
Syon. 1) Sie behandeln eine tatsache oder einen Vorgang des 
religiösen lebens in anschaulicher form, illustriert durch nicht 
geistliche tatsachen oder Vorgänge. Sie bemühen sich, dem 
leser die belehrung unauffällig zuteil werden zu lassen. Unser 
tractat behandelt ein recht allgemein gehaltenes thema: wie 
vereinigt sich die seele mit gott? Aber gerade durch seine 
allgemeinheit sicherte er sich das Interesse aller. Diese dritte 
art ist die kunstvollste, da sie die gedanken einkleidet und 
die belehrung indirect geben möchte. Wie unser tractat zeigt, 
waren die überlieferer ihrer aufgäbe nicht immer gewachsen, sie 
zerstörten stellenweise die form. Doch zeigt ihre beschäftigung 
mit dem tractat, wie reizvoll ihnen diese gewesen ist. 2) 

mann als fiction erwiesen (vgl. Denifle in Quellen w. Forschungen 36 und 
Bieder in seinem Buch vom gottesfreund aus dem oberlande, 1905). Trotz- 
dem möchte ich unter einem psychologischen gesichtspunkte die tractate 
biographisch nennen, denn sie enthalten so allgemeine, tj'pische seelische 
erlebnisse, z. b. bekehrungeu, daß irgend jemand sie ganz gut erlebt 
haben kann. 

') Vgl. das buch von den neun felsen, ed. Karl Schmidt 1859. Die 
geistliche stiege. Die geistliche leiter, ed. Jundt, Rulman Merswin 1890. 

'*) Diese dreiteilung läßt sich auch auf anderen gebieten geistlicher 
kuust durchführen. Bei den kircheuliederu, die Wackernagel gesammelt 
hat, gibt es hymnen über Christi passion, lieder von heiligen und lieder 
mit allegorischem einschlag, später ganz allegorische, z. b. Jesus Acker- 
mann II, 490. Die bildende kunst hat das leiden Christi ungezählte male 
dargestellt, sie schildert das leben der heiligen und kennt auch darstellungen 
allegorischer fignren und symbolischer dinge. Bilder solcher art finden sich 
K. b. in der Biblia pauperum, reproduite en fac-simile par Adam Pilinski, 
Paris 1883; im Speculum humanae salvatoris, ed. Lutz-Pordrizet 1907, und 



22tJ WICHGKAF 

üer tractat TS unterscheidet sich von den anderen ge- 
nannten allegorischen tractaten dadurch, daß er eine niinne- 
allegorie enthält. Er ordnet sich damit in die gattung der 
geistlichen minneliteratur ein, die zur weltlichen in naher 
beziehung steht. Gegen Weinholds datierung der LS zwischen 
1240 und 1255 läßt sich nichts einwenden, sie ist vielmehr 
von Edward Schröder in der Zs. fda. 42, 321 nachgeprüft und 
bestätigt worden. Er zieht den Zeitraum noch enger zwischen 
1247 und 1252. Der tractat aber ist älter als das gedieht, 
dem er zugrunde gelegen hat. Und so ist der geist, aus dem 
er entstanden ist, vielleicht noch in Wechselwirkung mit dem 
geist des höfischen minnesangs zu denken, der ja um 1250 
noch gepflegt wurde, wenn seine großen Vertreter auch schon 
alle gestorben waren. Da aber die alemannische Syon un- 
gefähr in dieselbe zeit gesetzt wird, der tractat jedoch zu 
seiner Verbreitung und variierung eine gewisse frist brauchte, 
so hat er vielleicht schon einige Jahrzehnte vor 1250 existiert 
und reicht in seinen anfangen bis in die blütezeit des minne- 
sangs zurück. Die Zartheit und Zurückhaltung in der behand- 
lung der mystischen elemente machen es wahrscheinlich, daß 
der tractat einer frühen zeit entstammt. Es lebt in ihm 
bernhardinische mj^stik. Weinholds commentar der LS zeigt, 
wie viele gedanken Bernhards und Hugos von St. Victor an- 
klingen. So bildet das Zeitalter Bernhards die untere grenze 
des Zeitraums, in dem wir uns den tractat entstanden denken 
dürfen. 

Eine Leipziger dissertation von Goebel 1914 über die 
bearbeitungen des Hohen liedes im 17. jh. gibt im ersten 
capitel einen überblick über die literaiische Verwertung des 
Hohen liedes bis zum 17. jh. Er ordnet die bisher bekannten 
fassungen der allegorie von der tochter von Syon, LS und AS, 
und damit auch den tractat TS in die geistliche minneliteratur 
des 13. jh.'s ein. 

Eine Freiburger dissertation von Oppel 1912 über das 
Hohe lied Salomonis und die deutsche religiöse liebesl^'rik 
betrachtet mehr die innere entwicklung dieses titoffes. Er 

auch in Sudermanns Hohen geistlichen lehren und erklärungen 1622. Dort 
ist z. b. auf bl. 287 der Spruch gemalt : Wer ist die, die heraufsteigt aus 
der wüsten wie ein gerader rauch? 



DIE TOCHTER VON SYON. 227 

bemerkt sehr fein (s. 2G): 'Die mystisch -asketischen gedichte 
des 13. — 15. jh.'s bleiben reflexiv^, contemplativ, episch. Erst 
allmählich sprechen sie aus den erlebnissen selbst ein gefühl, 
eine seelische Stimmung aus, werden sie lyrisch, ähnlich wie 
zu gleicher zeit die prosatractate von der ausmaliing des 
leidenschaftlich gesuchten paradieses zum ausdruck des leiden- 
schaftlichen suchens selbst gelangen.' 

Der tractat TS ist schon in früher zeit zum ausdruck 
des leidenschaftlichen suchens selbst gelangt. 

Beigabe. 

Es wird fassungB ohne die in den tractat hineingearbeiteten 
fremden elemente abgedruckt; denn es kommt hier nicht auf 
einen neudruck der ganzen predigt an, sondern nur auf publica- 
tion der fassung des tractats, die der alemannischen Syon am 
nächsten steht. 

Die grundsätze für die herausgäbe sind dieselben wie für 
den tractat in IIJ) Der gebrauch der tugenden als eigen- 
namen ist in B nicht consequent, darum ist die großschreibung 
nur schwierig durchzuführen. 

[267b] [die sele sprichet :] 'ich han in gesüchet und han in uüt funden. 

ich han geruffet, und er hat mir niit geantwnrtet. mich hant fanden die 
scharwehter der stat, sü haut mich geslagen und hant mich gewundet, 
die huter der muren hant mir abegezogeu minen mantel. ir döhter von 
Jherusalem, verkündet mime gemahel wanne ich bin [268a] von minnen 5 
siech', und in dem also sü geloffen ist von gassen zu gassen, von Strossen 
zu Strossen, und us unersettelicher minne geruffet hat: ^' 'hant ir üt ge- 
sehen, den mine sele liep het?' (öch soltu wissen, daz alle die wort, die 
die sele sprichet und wider umbe zu ir gesprochen werdent, nüt sint lip- 
licheu zu verstünde, dar umbe sprichet sü 'den min sele liep het' und nüt 10 
'min lip') und in dem daz sü usser grosser betrüpnisse iren gemahel ge- 
süchet het und nüt funden, so siht sü nebent sich und siht ire Bekautnisse, 
zu der sprichet sü us angest und us not: 'sage an, wannan kumest du?' 
die antwurtet mit der wisheit Salemonis: ' 'ich bin umbe und umbe ge- 
gangen das erterich und hau alles daz gesehen, daz under der sunnen ist, 15 

1 ff. Cant. 5, 6—8. 5 minnen] mimen. 7 Cant. 3, 3. 14 ff. Eccles 1, 14. 



') Da das zeichen" in dieser hs. nur über die vocale gesetzt ist, bei 
denen ein u, o oder e etymologisch zu erwarten ist, ist das zeichen in 
diese buchstaben umgesetzt worden. — Die kleinen zahlen im text ver- 
weisen auf die entsprechenden sätze in TS. 



228 ' WICHGRAF 

nncl es ist alles sament fippikeit und kestigniige des geistes und finde 
nfit, daz dich in worheit erfrowen mag- nnd dar an du din liebe gelegen 
mügest, und ist daz sache wenne der krakter der ewikeit in dich getrucket 
[268b] ist und du niemer ine gestirbest, so nement alle zittliche ding ein 

5 snelle ende; so gest du eilende und blos und dar umbe so kau ich dir 
keinen trost geben. '* nnd so daz die sele höret und vernimet, daz alle 
ire liebe und trost an der creatnien also gar betrogen ist, so ylet sü 
snelleklich in daz bette der sinertzen und betrüpnisse. •' so daz höret ir 
Imsgesinde, so gont si'i in zu ir in daz kemerlin und wellent sü trösten, 

10 so viudent sii die sele tod ligen, dar abe sü genieiulich gar vaste betrübet 
werden, so got denne die Vernuft zu ir, die ir für die andern heimelich 
ist, und sprichet zu den andern : ' uüt sint betrübet, wanne sü ist uüt dot, 
sü sloffet'. und vohet an zu der seien gar stillekliche zu reden und gar 
vernünftekliche und sprichet: 'ach min sele, edele frowe, sage uns hastu 

15 ützent nuwes befunden [269 a] darumbe du dich selber und uns so gar 
marterliche pinegestV' aber ir wurt ein wort von der seien nüt geant- 
wurtet, und ist daz sache, wanne sol die sele eins in Gotte werden, so 
müs die vernimft abe. und so die Vernunft verstot, daz sü nüt von der 
sele ein wort mag gehören, so sprichet sü zu der Bekantnisse: 'weistu 

20 üt, war umbe sü so gar vaste sich selber und uns betrübet V" i" die Be- 
kantnisse antwurtet der Vernuft und sprichet: 'sü hat mich gesendet, daz 
ich suche uf erteriche durch das, daz sü sich möhte ergetzen und ir minne 
wol mohte erfolgen einer lieplichen gemahelschaft ; und so ich daz nüt 
han funden, daz ist die sache, dar umbe sü sich selber und uns so sere 

25 betrübet'. i> dar noch so sprichet der Globe: ''- o min sele. adeliche 
frowe, habe guten müt und los dich selber ungepineget, du solt niemer 
vergessen der lüstlichen fröiden des ewigen lebendes, [269 b] die Got bereit 
hat allen, die in liep hanf. zii dem antwurtet die Zufersiht und 

30 sprichet: 'waz höret dis hie zu? wanne alle fröide der himel stot in 
Minne, die doch°_in disem eilende nüt vollekumeklichen mag erfolget 
werden?' der Glöbe antwurtet wider umbe: 'dis habe ich dar umbe ge- 
sprochen, daz sü gedencke. waz fröiden ir gelieissen ist. wanne die wile 
sü in disem eilende ist, so sol sü ston in übunge, vasten, wachen, betten; 

35 wanne also geschriben stot: nüt durch lust noch .siissekeit, sunder durch 
liden, mideu, trücke, versmehte, eilende und widerwertikeit got man in 
ewige froidel' *♦ und durch dis gespreche so wurt di sele noch me be- 
trübet und sprichet zu yme usser grosser eilende und betrüpnisse: 'ach 
gont enweg von mii', icli bitte üch, gont enweg. wenne ich weine bitter- 

40 liehe und sint mich och me betrüben [270a] denne trösten". '* so daz 
höret die Wisheit, so sprichet sü zu der seien us raitteliden: 'o min sele. 
würdege frowe, du weist wol, daz dir min rot dicke wol geroteu und 
kumeu ist; dar umbe so sage mir, waz dir ane ligeude ist, vil lihte füget 
es got, daz dir durch raineii rot geholfen wurt'. zu stunt so wurt die 

45 sele erfrowet und sprichet zfi der Wisheit: 'du bist die tugent, durch die 



12 Luc. 8,52: 14 hastu] hastu du. 15 fitzent]. I)iesc form 

für ihtes- iht isi .so>/.s/ nirJii belegt. 



DIE TüCHTEK VON SYON. 229 

mir gcliulfen mag werden, diir lunhe so sage icli dir miiioii gctrang; wanne 
also du weist, daz mir minne von nattnre anhaftende ist, dar nmbe so 
liete ich daz bge der Bekantuisse nf daz erterich gesant, obe es ütschent 
hette fanden, do mit ich liebe und ergettzunge möhte gehaben, nun so 
ich verstanden habe, daz ich iu allen creatureu nüstent vinde, du mitte 5 
ich gantze liebe und ergettzunge müge gehaben und do In och in mime 
adel müge besten, daz ist die sache dar umbe ich wol mag sprechen, ich 
bin verwundet von minnen.' aber so antwurtet die Wisheit: '""werliche 
so het dir die Minne die wunde geschossen, dar umbe f270b] so sol sü och 
zu luiser heimelicheit kumen und rot geben, wie die wunde verheilet 10 
werde.' <«"■*■> und so Minne boret, war umbe ir geruffet ist, so sprichet 
sü: 'ich hau es geton und ich sol es alleine büssen, aber wiltu folgen 
ininem rot, so wil ich dich werlich wider in füren und mit dinem gemahel 
lieplich vereinen', so die sele das erhöret, so Avurt sü ernestlich erfrowet 
und sprichet: <"*'• ^•' 'alles daz du gebütest, daz wil ich dun, und bin bereit 15 
zu leben dime willen und dir gehorsam zu siude'. so daz erhöret Minne, 
so sprichet sü zö der seien: 'o mine sele, miue swester (alle ander tugent 
nennet die sele ire frowe, nuwent alleine Minne sprichet der seien swester) 
also du selber sprichest, du habest in den creatureu und uf dem erterich 
keine rehte liebe funden, so enraahtu och oue liep nüt leben, dar umbe so 20 
kereu wir in die himmel, obe wir do üt findent under engelscher nattureu. 

Excurs. 

[271b] und so die sele och nüt findet iu den engein, daz sü gewer- 
liche vereiuen müge in Got, so findet sü och anders keine rüwe. so sprichet 
die Minne zu ir: 'nun ist es 8ch zu frefel, daz du unmittelicheu wellest 
in Got tringen, wanne also sprichet der wise man: 'der ein erfüudeler ist 25 
der ewigen maj'estat, der wurt vertrucket von der ewigen glorie'. und 
also geschach [272 aj dem engel Lucifer und noch tegelich geschiht allen 
deu, die sich hoher dinge ane nement und sicli selber noch nie haut grünt- 
lich verstanden noch erkennet. '^'' und dar umbe, mine sele, liepliche 
swester, es ist ein mitteler zwüschent Got und dem menschen, unser herre 30 
Jesus Christus, der so vil grosser ist denne die engel, so vil er me geerbet 
het den namen der kintheit denne die engel. zu dem soltu keren, er ist 
iriinucsam und gütig, wanne er so vaste liep het gehaben den, der in nüt 
liep het gehebet, wie vaste wil er denne deu liep hau, der in liep het. 
und Avie avoI daz ist, daz die vollekummenheit der gotheit in yme Avaz 35 
liplich, SU bedarf alje ime doch nieman erschrecken, wanne unser gebresten 
hat er och selber uf ime getragen', und so daz die sele erhöret, so wurt 
sü über alle ding vaste erfrowet und sprichet zu der Minne: "®ach du 
bist die gewaltige tu-[272b]geut, die den, von dem unser rede ist, von 
den himelu het gezogen und in au daz crütze het gebunden, dar an er 40 
den bittern dot het gelitten durch mich und alle menschen, nun hilf und 



3 ütschent] sonst nicht belegte nebenform von ihtes-iht. 5 nüstent] 
sonst nicht belegte nebenform von nihtes-niht. 25 Prov. '*5, 'i7. 33 in 
nüt] müt. 86 liplich] lieplich. 



230 WICHGRAF 

rot. wie daz ich daz erfolge, daz du geroten best', die Minne antwnrtet 
und spricliet: 'du solt tfm also der edele sperwer . . . 

Excurs. 
f27'ib] und nun so spricliet die Minne zu der seien: '^^wer nun hie 
ein redelicher botte, der diu eilende und din we wol künde erzalen dem 
5 hertzen!' zu stunt waz de ein botte, der sieb bette geschürtzet und wol 
US bereit zu dem loffe, und daz ist ein luter andelitig Gebet, (daz ge- 
schürtzet sol sin, daz ist abe geton alles daz, so durch es mag gehüudert 
werden.) und daz selbe Gebet sprichet zu der Minnen: 'wiltu mit mir, so 
wil ich loffen, war min fröwe wil'. die Minne antwurtet: 'jo, ich wil 

10 gerne mit dir', so daz die sele höret, so wurt sü gar über alle mosse er- 
fröwet und sprichet : ' eya, es gezimet gar wol, daz ir miteinander gangent, 
und bitte üch von minnen, daz ir es nüt lenger verziehen, und so ir 
kument [275 a] zu dem künige, daz ir ime verkündent, daz ich bin von 
minnen siech'. -'^ und denue .'so nimet Minne zu ir die pfil, daz ist büruende 

15 begirde, obe sü nüt für den künig müge kumen, daz sü doch von verren 
zu yme müge geschiessen. aber daz Gebet, so daz verstot daz es müs 
gon durch daz laut des kalten wiudes, so sorget es, j-me werde gebresten 
uf dem wege und ^* dar umbe so nimet es mit yme ein vas mit wasser, 
daz sint überflüssige minne trehen, so yme wurt gebresten vor dem künige, 

20 daz es in doch erweiche mit sinen minne trehen. ^^ m^d also got Minne 
und ein luter Gebet miteinander durch die wüste diser weite, ^^ und so 
sü nohe kuraen zu dem tor der stat, do der künig yuue wonet, und daz 
Gebet siht die glorie der stat " und boret daz süsse getone des lüstlicheu 
gesanges der engel, ^^ von wunderunge gebristet yme aller kraft und mag 

25 zu dem tor der stat nüt in kummen, wanne hie müs abe alles, daz Ver- 
nunft und sinelicheit iume hat. ^^ und so Minue siht, daz sü ir gespilen 
verloren hat, so got sü in die stat, wanne sü ist ir avoI bekant, wanne sü 
von anegenge dar inne [275 b] gewonet het. und so sü durch get alle 
köre und ein wenig do für kumet, so siht sü den künig sitzen in sime 

30 trone, *° so schüsset sü gar heimelich einen strol zu ime, mit dem sü in 
rürende ist, ^^ und denne so sprichet der künig: 'het mich ieman ge- 
schossen?' es ist aber allen den uubekant, die umbe in stont; doch so 
enpiindent sü einer nuwen froiden durch dis minne schos. und denne aber 
so sprichet der künig usser frolichem hertzen und gemüte: 'wer ist der 

35 mich geschossen het?' «^ und so daz Minne boret, so ist sü gar frolich, 
und US grossem getruweu, daz ir gefolget von der froge des künges, so 
zühet sü geswinde einen andern strol, und snelleklich so ist sü den künig 
mit dem selben strul durch schiessen bitz in sin hertze und lot in dar 
inne stecken und zühet in nüt her wider us. (daz betütet, daz sü ir 

40 büruende begirde nüt me keret zu keiner creatürlicheit.) ^'■^ und denne so 
sprichet der künig zu der seien us einem minnendeu gemüte : ' min swester, 
min gemahel, nun hestu min hertze verwundet'. ** und also von der 



8 minnen] mimen. 8 mir] mir jo gerne so. 14 minne] mime. 
42 Cant. 4, 9. 



DIE TOCHTER VON SY( »N. 231 

niiueiiricheu wnudeii der reliten ['276a] siteii vin^'ei'.s lieben herren Jesu 
Cliristi, also er dot liiiio- an dem frone erfitze, bliit und wasser Hos, also 
von diser niinne fliessenden wunden rtüsset aller lust und siissekeit >ind 
froide durch die sele. '" zu stunt vergisset sü alles ires getranges und 
aller irer betrüpnisse, und mit minenricheu froiden wurt sü eins iu üotte. 5 
— daz uns daz wider vave, daz helfe uns Got der vatter und der sun und 
der heiige geist. amen. 



5 eins] eis. 

BERLIN. WILTRUI) WICHGEAF. 



DER donauubp:rgang im alteup:n 

NIBELUNGENEPOS. 

Daß die Tliidrekssaga in ihrem bericlit über den unter- 
gang der Nibelungen an Etzels hof ein älteres epos nach- 
erzählt, welches auch dem dichter des Nibelungenliedes vorlag 
und eine altertümlichere gestaltung des Stoffes darstellte als 
das erhaltene gedieht, wird wohl von niemand mehr bestritten, 
wenn auch über die frage, welche rolle dieses ältere epos füi' 
den sagaschreiber im Verhältnis zu anderen quellen gespielt 
hat, noch abweichende meinungen bestehen, ebenso über alter, 
lieimat und literaturhistorische Stellung der verlorenen dichtung. 
Auch gegen die annähme der stoffbegrenzung auf den zweiten 
teil des erhaltenen epos sind einwände erhoben worden (zuletzt 
von Droege, Zs. fda. 58, 40). Ich beabsichtige nicht, diese 
mehrfach discutierten probleme hier erneut zu erörtern. Nach 
meiner ansieht ist durch Roethe und Heusler so gut wie be- 
wiesen, daß unser epiker füi- die beiden teile seines werkes 
getrennte quellen benutzte; daß ein lied die vorläge für den 
ersten teil gebildet hat, halte ich allerdings mit Droege für 
höchst unwahrscheinlich; ich glaube, es ist ebenso ein epos 
gewesen, ein vermutlich rlieinisches epos von Siegfrieds tod. 



282 WESLE 

Für die quelle des zweiten teils, die uns hier allein beschäftigen 
soll, habe ich die bezeichnung 'Älteres epos vom Burgunden- 
imtergang' absichtlich vermieden. Man sollte sie überhaupt 
aufgeben, da sie irreführt. Denn wenn etwas feststeht, so ist 
es das eine, daß diese dichtung den namen 'Burgunden' nicht 
enthalten hat. Daß die einführung des namens in der auf- 
fallend fremden lautform 'Burgonden' nicht viel älter sein 
kann als die erhaltene Nibelungendichtung, hat E. Schröder 
einleuchtend gezeigt (Zs. fda. 56, 246), seine Vermutung, erst 
der dichter selbst habe ihn eingeführt, bestätigt die Thidreks- 
saga, die weder Burgunden noch Burg-onden kennt. Daß er 
aus der rheinischen quelle des I. teils stammt, ist immerhin 
am W'ahrscheinlichsten, obwohl es seltsam bleibt, daß die 
Thidrekssag-a, die sich doch sonst in geographischen und 
ethnographischen dingen nicht durch übergroße consequenz 
auszeichnet, ihn so ausnahmslos getilgt haben soll. Die 
ältere dichtung von 'Kriemhilds räche' ist auf alle fälle kein 
Burgundenepos, sondern ein Nibelungenepos gewesen. Die 
ältere Nibelungennot wäre wohl der angemessenste titel. 

Den verlauf dieser verlorenen dichtung, soweit es möglich 
ist, bis in alle einzelheiten zu erschließen, ist eine überaus 
reizvolle und auch lohnende aufgäbe. Sie ist auch schon 
wiederholt unternommen, aber meines wissens noch nicht bis 
auf die letzten erreichbaren möglichkeiten ausgedehnt worden. 
Außerdem scheint mir überall die neigung zu herrschen, der 
Thidrekssaga von vornherein mehr glauben zu schenken als 
dem epos und ihre lesart überall da, wo die änderungen nicht 
ganz klar auf der band liegen, vorzuziehen. Es ist keines- 
wegs so, wie Polak (Zs. fda. 55, 445) sagt, daß nach ausschaltung 
dessen, was der saga aus anderen quellen zugeflossen ist, 'in 
der Thidrekssaga die Vorstufe, im epos das resultat gegeben 
ist und nur die wege aufgedeckt werden müssen, auf denen 
eins sich in das andere wandelte'. Wir haben in der Thidreks- 
saga nicht die Vorstufe, sondern nur das, was der sagaschreiber 
daraus gemacht hat. Das versteht sich eigentlich von selbst, 
aber es muß doch, wie die dinge nun einmal liegen, nach- 
drücklich betont werden. Selbst Heusler scheint mir hie und 
da der saga mehi' glauben zu schenken als sie verdient. Für 
die ältere Nibelungennot sind saga und epos methodisch ebenso 



DER DONAUÜBEKGANG IM ÄLTEKKN NIBELUNQENEPOS. 233 

ZU bewerten wie zwei vuueinander uuiibhäiigige handschiifteii. 
Daß im epos der formwille des umgestaltenden dichters ge- 
wirkt liat, macht keinen principiellen unterschied. Auch der 
sagaschreiber hat geändert, und es ist bei jeder einzelnen ab- 
weichung von fall zu fall zu erwägen, wo das ursprüngliche 
liegt. Auch der aufsatz von Meißner über "Iringes weg' (Zs. 
fda. 56, 77ft'.) zeigt deutlich, daß man der saga nur mit vor- 
sieht trauen darf. 

Kaum einen zweiten abschnitt der älteren Nibelungennot 
kann man mit soviel Zuversicht aus den abw^eiclienden dar- 
stellungen der beiden hauptquellen erschließen wie die Donau- 
überfahrt, und es dürfte sich empfehlen, bei stellen, wo die 
Verhältnisse so günstig liegen, einzusetzen. Was Polak (Zs. 
fda. 54, 462) fast ausschließlich der saga folgend als Inhalt 
der Vorstufe hinstellt, ist nicht richtig, wie ich hoffe zeigen 
zu können. 

Daß die angäbe der saga, die überfahrt sei da erfolgt, 
wo Rhein und Donau zusammenfließen, aus einer vorläge 
stammt, in der wie im jüngeren epos von zwei Überfahrten, 
über Rhein und Donau die rede war, scheint mir trotz des 
einwands von Frantzen, Neophilologus 1, 74 sicher. Gemeinsam 
sind beiden quellen die Prophezeiung der wasserfrauen und das 
abenteuer mit dem fährmann, aber im einzelnen weichen die 
berichte erheblich ab. Im jüngeren epos geht Hagen, wie es 
der Situation entspricht, den ström entlang, um ein fahrzeug 
zu suchen. In der Thidrekssaga ist es nacht, Hagen erbietet 
sich wache zu halten und meint, er könne bei der gelegen- 
heit vielleicht ein schiff finden. Dann geht er gleichfalls den 
Strom entlang. Daß diese Vermischung von nachtwache und 
suchen nach dem schiff das werk des sagaschreibers ist, er- 
kennt auch Polak (Zs. fda. 54, 434. 436) an (so schon Droege, 
Zs. fda. 51, 190). Heusler (Nibelungensage und Nibelungenlied 
s. 67) hält die nächtliche vollmondscene für ursprünglich. Den 
sicheren gegenbeweis liefern sämtliche bailaden und die Hvensche 
Chronik: überall ist nach dem ganzen Zusammenhang tageszeit 
vorausgesetzt. 

Die wasserfrauen findet Hagen nicht im ström, sondern 
in einem anderen gewässer, nach Ths. in einem wasser, das 
meiere heißt, im Nl. in einem schomen hrunnen. Zwischen maere 



2B4 WESLE 

und dem mocringen des epos str. 1591 besteht zweifellos ein 
Zusammenhang. Icli meine, daß auch hier das epos dem älteren 
gedieht nähersteht, will aber diesen punkt nicht sonderlich 
urgieren. Bei einer ab weichung- fällt sofort in die äugen, 
daß die saga ursprünglicheres bietet: Hagen erschlägt die 
nixen, nachdem sie ihm unheil prophezeit haben. Das wird 
auch durch die bailaden und die Hvensche chronik bestätigt. 
Fast in allem anderen lassen diese jüngeren quellen im stich: 
sie haben die mehrzahl der wasserfrauen und den kleiderraub 
beseitigt, züge, die durch die Übereinstimmung von Ths. und 
Nl. für das' ältere epos gesichert sind. 

Im Nl. erhält Hagen zuerst von der einen nixe eine 
falsche Prophezeiung glücklicher heimkehr, dann erst enthüllt 
ihm die andere die Wahrheit, die er in Ths. sofort erfährt. 
Wenn man das capitel 364 der saga durchliest, hat man so- 
fort bedenken. Zuerst ist von mehreren wasserfrauen die 
rede, aber dann spricht nur eine, und zwar nicht etwa, wie 
es im Nl. vernünftigerweise heißt das eine mertivip, sondern 
schlechthin 'die meerfrau' (siolconan), ganz als ob entweder 
überhaupt nur eine da wäre, oder als ob diese eine, die hier 
spricht, schon vorher irgendwie aus der mehrzahl heraus- 
gehoben wäre. Noch stärker wird dieser eindruck durch den 
Schluß des capitels: Nv hrigctr Hognc sinv svercte oc drepr 
sioJcuna. oc Jiaeggr iniiäio svndr hvaratvegio oc dottor Jiennar 
slict sama. Hier drängt sich die zweite so entschieden in den 
Vordergrund, daß auch ohne den vergleich mit Nl. die annähme 
unabweisbar ist, daß auch sie in der vorläge eine rolle gespielt 
hat. Man kann sich auch nicht damit helfen, daß die beiden 
im älteren epos die Unheilprophezeiung im chor gesprochen 
hätten, denn das ist ja beiden quellen gemeinsam, also sicher 
echt, daß nur eine den Untergang verkündet. Das halten auch 
die jüngeren quellen fest. Es bleibt nichts anderes übrig als 
die annähme, daß die Ths. vor der Prophezeiung der einen 
nixe eine stelle ausgelassen hat, in der die andere sprach. 
Wir kommen also auf die fassung des Nl. hinaus und finden 
eine willkommene bestätigung im fär. Högnilied, wo Hagen 
ebenfalls eine trügerische propliezeihung von glücklichem 
ausgang erhält, die hier dem seemann in den mund ge- 
legt ist. 



DEK Ü0NAUÜBKRGAN(J IM Äl/rKKIiN NIBELUNGENEPOS. 285 

Man möchte nun fragen, ob auch der zug des epos, daß 
Hagen auf die falsche Prophezeiung die kleider zurückgibt 
und dann erst die Wahrheit erfährt, der älteren Nibelungen- 
not angehört hat. Das ist gewiß zu verneinen, denn wenn 
er das einmal getan hat, dann kann er sie nicht mehr töten. 
Der mensch hat an sich keine macht über derartige zaubei'- 
wesen, nur durch den raub der kleider bekommt er sie in 
seine gewalt, kann sie zwingen, ihm zu diensten zu sein und 
kann sie allenfalls auch töten. Das ist docli wohl der sinn 
aller ähnlichen erzählungen. Die vorschnelle rückgabe der 
kleider war erst auf einer stufe möglich, die den totschlag 
aufgegeben hatte. Im übrigen ist diese erflndung sehr hübsch. 
Jetzt erst ist in die nixenscene der koboldhaft neckische zug 
hineingekommen, der diesen elementargeistern eigenes, in- 
dividuelles leben verleiht. Ob ihre Prophezeiung im älteren 
epos schon einen hinweis auf den caplan enthielt, kann von 
hier aus noch nicht entschieden werden. 

Die fährmannsepisode hat an gemeinsamen ziigen: Hagen 
nennt einen falschen namen und bietet gold, der fährmann 
weigert sich anfänglich, kommt dann herüber und weigert 
sich noch einmal. Alles andere weicht stark ab. Eins ist 
zunächst klar, wird auch durch das epos selbst bestätigt: 
nicht die nennung des falschen namens, wie im Nl., sondern 
das gold» lockt ihn über den tiuß. Daß Hagen sich als 'Elsungs 
mann' oder als Ämdrich, der Elsen man ausgibt, ist eine list, 
die ihren zweck verfelilt. Die darstellung des epos ist hier 
ganz verwirrt: zuerst bietet Hagen gold, der ferge ist aber 
so reich, daß er es nicht nötig hat, um lohn zu fahren; dann 
nennt sich Hagen Amelrich, bietet noch einmal gold, das nun 
auf einmal wirkt, und dessen lockung in der vielerörterten 
Strophe 1554 ausführlich und in schreiendem widersprach zu 
1551, aber übereinstimmend mit Ths. begründet wird. 

Ouch was der selbe verge uüelich geliit, 

diu gir nach groi^em guote \i\ boese^ ende git 

do wolt er verdienen da:^ Hageneu golt so rot: 

des ieit er von dem degene den swertgrimmigeu tot. 

Ths. ist ganz einfach und klar: der ferge, der auf den 
'Elsungs mann' nicht reagiert, kommt herüber, weil er den 
goldring seiner jungen frau schenken möchte. Das letztere 



236 WE8LE 

ist ja auch in den bailaden bezeugt. Wie der epiker zu 
seiner verworrenen darstellung- kam, ist leicht zu sehen. Er 
wollte die beiden erlebnisse Hagens, nixenprophezeiung und 
fährmannsabenteuer, welche die ältere dichtung ebenso wie 
Ths. in einfachem nacheinander erzählte, in inneren Zusammen- 
hang bringen. So müssen die nixen Hagen den weg zu dem 
tahrmann weisen, und die list, die er da gebraucht, wird als 
ihr rat vorweggenommen. Ähnliche motive sind ja in märchen 
und dichtung überaus häufig. Überall findet der held, wenn 
er in Verlegenheit ist, einen hilfreichen geist, der ihn berät. 
Deshalb wird auch den wasserfrauen das leben geschenkt. 
Im ersten zorn kann Hagen sie nicht totschlagen, da der 
dichter sie noch braucht, und nachdem sie ihn so freundlich 
beraten haben, war das erst recht nicht mehr möglich. Da 
blieb ihm schon nichts anderes übrig, als sich mit einer 
höflichen Verbeugung zu empfehlen. Diese rücksicht auf die 
composition war nach meiner ansieht für die beseitigung des 
totschlages viel eher ausschlaggebend als der wünsch, Hagens 
brutalität zu mildern, obwohl ich nicht in abrede stellen will, 
daß es dem jüngeren epiker nicht unwillkommen gewesen sein 
mag, auch das nebenbei damit zu erreichen. Ein ganz ent- 
sprechendes beispiel ist der tod des Etzelsohnes: er macht ihn 
zu einer folge der niedermetzelung der knechte und mildert 
zugleich die tat Kriemhilds. Aber daß ihm diese milderung 
nicht von vornherein im sinne lag, beweist die Strophe 1912. 
Sobald die falsche namennennung auf den rat der nixen 
geschah, ging es nicht mehr an, sie wirkungslos bleiben zu 
lassen. Deshalb bietet jetzt Hagen zuerst gold oline erfolg, 
der falsche uame scheint dagegen zu wirken, aber dann fällt 
der dichter mit str. 1553 f. wieder in die vorläge zurück: die 
schöne, bildhafte scene, wie Hagen am ufer steht, den gold- 
ring am Schwert in die höhe hebt, während der ferge begierig 
über den ström rudert, hatte es ihm angetan. Auf sie moclite 
er nicht verzichten. Nun weigert sich der ferge aufs neue, 
nach Nl. weil er sieht, daß Hagen ihn belogen hat, daß er 
nicht Amelrich ist. Das ist selbstverständlich nicht ursprüng- 
lich, denn in der Vorstufe hatte ihn das gold, nicht der falsche 
name verlockt. Den echten grund hat die saga: er nimmt 
den ring an und läßt Hagen ins schiff, ist also bereit ilin 



DER DONAUÜIUOUGANG IM ÄLTKIiKN NlHKLUNUKNEl'OS. 237 

Überzusetzen, aber da er nun aufgefordert wird, am ufer ent- 
lang- zu fahren, macht er sc.hwierig-keiten. Der grund. ist 
natürlich der, daß er jetzt merkt, Hagen ist nicht allein. Das 
steckt auch noch in Habens Worten in str. 1557, 2 ich hin ein 
vremdcr recke mit sorge äf degene. Im epos wird er auf diese 
zweite Weigerung" hin erschlagen, in Ths. läßt er sich ein- 
schüchtern, erst später schlägt Hagen ihn tot, weil bei der 
überfahrt die rüder und ruderpflöcke brechen. Ich gestehe, 
daß ich nicht begreifen kann, wie man jemals auch nur einen 
augenblick zweifeln konnte, daß das epos hier unbedingt den 
Vorzug verdient. Droege hat (Zs. fda. 51, 190 ff.) überzeugend 
dargetan, daß die tötung des fergen vor aller äugen bei der 
überfahrt voll von Widersprüchen steckt. Auf die frag-e, wes- 
halb er es getan hat, gibt Hagen zwei veischiedene antworten: 
zuerst will er nicht, daß die fahrt ins Hunnenland durch den 
fergen verraten werde. Eine rechte Verlegenheitsphrase des 
sagasclu'eibers, denn die fahrt ist doch keine heimlichkeit, 
sondern geschieht offen auf Etzels einladung hin. Man kann 
sich auch nur mühsam vorstellen, wie der ferge das anfangen 
sollte. Er müßte sein schiff im stich lassen, müßte außerdem 
ein pferd haben, um den Nibelungen vorauszureiten. Hagens 
zweite ausrede, er könne jetzt unbekümmert böses tun, da er 
nun bestimmt wisse, daß niemand von der fahrt zurückkommen 
werde, paßt, wie gleichfalls Droege dargetan hat, einzig und. 
allein zu der gewalttat an dem caplan, aber nicht zu der 
tötung des fergen. Am sonderbarsten ist es, daß Hagen es 
überhaupt für nötig hält, seine tat zu begründen, da ja nach 
dem bericht der saga alle mit angesehen haben, daß er sie 
aus zorn über das zerbrechen der rüder verübt hat. Es ist 
ganz klar, daß die saga die tötung des fergen an die stelle 
gerückt hat, wo das ältere epos ebenso wie das jüngere er- 
zählte, daß Hagen den caplan ins wasser warf. Demnach hat 
auch schon die Vorstufe die mitteilung, daß nur der eine 
lebendig zurückkommt, mit der Unglücksprophezeiung der 
Wasserfrauen verbunden. Nur so läßt sich erklären, daß 
Hagen in diesem augenblick zu der gewißheit kommt, daß 
keiner zurückkehrt. Die Ths. hat den caplan ebenso beseitigt 
wie fast alle anderen christlichen motive vor dem bericht 
von Dietrichs bekehrung. Überall wo eine in deutschen 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 46. i(J 



238 WESLE 

diclitungen überlieferte .stelle, die irgendeinen bezug auf 
religiöses hat, in Ths. fehlt oder wesentlich anders lautet, ist 
die echtheit der saga grundsätzlich verdächtig. 

Es ist auffallend, daß Droege, obwohl er so klar erkannt 
hat, daß Hagen ursprünglich den fälirmann erschlägt, bevor 
er mit dern schiff zu den anderen Nibelungen kommt, doch 
daran festhält, daß er ihn wahrscheinlich deshalb tötet, weil 
etwas an dem schiff zerbricht. Diese veranlassung ist doch 
so gesucht und gekünstelt, daß man ordentlich mit bänden 
greifen kann, wie der sagaschreiber sich damit aus der Ver- 
legenheit half, als er gezwungen war, an der neuen stelle 
auch eine neue begründung für die tat zu geben. Sehr 
erfinderisch ist er nicht gewesen. Er griff das altüberlieferte 
niotiv vom brechen der rüder auf, leistet sich dabei die ab- 
sonderlichkeit, daß Hagen, durch dessen kraft sie traditions- 
gemäß brechen, selbst rudert, obwohl der ferge dabei ist, und 
führt obendrein, wodurch er seine neuerung vollends verrät, 
noch den alten zug von der erneuten Weigerung des fergen 
als blindes motiv an der alten stelle mit. Zum Überfluß — 
so möchte man beinahe sagen — bestätigen auch die bailaden 
sowie die Hvensche chronik die angäbe des epos: überall er- 
schlägt Hagen den fälirmann, Aveil er Schwierigkeiten macht 
zu fahren, überall rudert er deshalb selbst und dann brechen 
die rüder. 

"Weshalb der fälirmann sich anfangs sträubt, ist in Tlis. 
nicht klar gesagt. Seine erste antwort auf Hagens ruf, daß 
er einen mann Elsungs nicht lieber fahren wolle als einen 
anderen und vor allen dingen seinen lohn haben wolle, ist 
gewiß nicht ursprünglich. Weshalb weigert er sich dann noch 
einmal, obwohl er lohn bekommt? In Nl. ist es ihm verboten: 
seine herren haben feinde und deshalb soll er niemand in ihr 
land lassen. Auch in der dänischen bailade ist es ihm ver- 
boten, und zwar durch Kriemhild selbst. Auch im fär. Högni- 
lied hat sie den willen, die überfahrt unmöglich zu machen. 
Das lied steigert das auf seine weise ins abenteuerliche. Sie 
erregt durch Zauberkünste einen stürm. Man fühlt sich dabei 
an Dietrich von Bern erinnert, dessen feueratem veranlassung 
gegeben hat, ihn zu einem leibhaftigen drachen zu machen. 
Die gestaltung der beiden motive ist ganz parallel. Unwillkür- 



DEU 1)0NAUÜBERGAN(1 IM ÄLTEKKN NTBELUNGENEPOS. 239 

licli drängt sich die erwäguiig auf, ob dies nicht ein alter 
zug ist. Dann wäre die fährmannsepisode der versteinerte 
rest einer sagenstufe, auf der sie nicht nur die bedeutung 
einer episode liatte, sondern denselben sinn, wie ihn Boer 
ansi)rechend und für mich überzeugend für die Eckewart- 
begegnung dargetan liat. Es wäre einmal ein versuch ge- 
wesen, das Unheil von den brüdern abzuwenden, neben der 
Sendung Eckewarts und den Strophen 1716/7, die Heusler 
(Nibelungensage und Nibelungenlied s. 198) bespricht, i) ein 
drittes zeugnis für die einst brüderfreundliche Kriemhild. 

Daß die luder bei der überfahrt, nicht schon vorher 
brechen, darin stimmen nicht nur die jüngeren quellen, sondern 
auch die Atlamal zu Ths., und ich gestehe, daß ich hier keinen 
rechten grund sehe, weshalb der epiker das motiv vorweg- 
genommen hat. Vielleicht hat ihn die schalte, die der ferge 
an Hagens köpf entzweischlägt, zur unzeit daran erinnert. 
In dem zug des epos, daß Hagen das zerbrochene rüder mit 
dem schiltve^^el bindet, steckt ein altes motiv. In den balladen 



') Ich stimme Heiislers beurteilung dieser stelle in der hauptsache 
durchaus zu, nur will es mir nicht einleuchten, daß die versa 'Nu lool mich 
mtner vreuäen', sprach KriemhiU, 'hie bringent mine mäge vil manigen 
niuwen schilt und halsperge wi^e . .' auch schon in einer dichtung von der 
hrüderfreundlichen Kriemhild mit demselben oder einem ähnlichen sinn 
gestanden haben sollen. Ich kann mir nicht denken, daß K., so lange sie 
den brüdern wohlgesinnt war, sich je über ihre ankunft freute. Wenn die 
ansieht zutrifft, die Heusler u. a. vertreten hat und an deren richtigkeit 
ich nicht zweifle, daß die bekannte sceue in Ths., wo Kr. beim kleider- 
trockneu am feuer die brünnen sieht und daraus mit schreck und zorn 
erkennt, daß die brüder auf ihrer hut sind, eine umkehrung des alten 
zuges ist, wie ihn die Atlakvipa überliefert, dann muß man annehmen, 
daß die brüder in der alten dichtung von der hrüderfreundlichen Schwester 
niemals in brünnen kamen und ihr auch keine gelegenheit gaben, sich 
über ihre vorsieht zu freuen. Ich denke mir den ursprünglichen sinn der 
stelle so: sie sieht die brüder kommen und beklagt, daß sie sorglos und 
ungerüstet daherreiten. Bei der durchführung der roUeuvertauschung ist 
dies, wie so manches andere, ins umgekehrte verwandelt worden. Sie 
freut sich, daß sie ihr ins garn laufen, aber sie sind jetzt in brünnen, und 
so entsteht durch die etwas mechanische umkehiung der motive der schiefe 
eindruck, daß sie sich über die vorsieht der brüder freue, zumal da auch 
der liebevolle, herzliche ton der alten verse die Umänderung überstanden 
hat. Freude Kriemhilds über die vorsieht der brüder wäre ein blindes 
motiv, da die vorsieht ilmen letztes endes doch nichts hilft. 

16* 



240 WESLE 

dienen sclülde zum rudern. Die urspiüngliclie form ist kaum 
zu bestimmen. Auch die erwägung, daß man sich vorstellen 
kann, das rudern mit Schilden habe das umschlagen des 
Schiffes veranlaßt, Avill ich nur als vorsichtige Vermutung 
äußern. Ebensov/enig vermag ich zu entscheiden, ob das ab- 
abtreiben des Schiffes dem älteren epos angehört hat. Ich 
vermute, daß es ein zusatz des jüngeren ist, denn wenn man 
das ruderbrechen hier ausscheidet und der überfahrt zuweist, 
dann bleibt der bericht von dem abtreibenden schiff so merk- 
würdig leer und pointenlos, daß es mir wahrscheinlicher vor- 
kommt, die scene sei niemals ohne das brechen der rüder 
erzählt worden. Immerhin bleibt das unsicher. Den wieder- 
holt erörterten widersprach im epos, daß Hagen das abtreibende 
schiff mit großer mühe wendet und dann doch stromabwärts 
fährt, hat Droege (Zs. fda. 48, 497) sehr geschickt erklärt, 
aber da der ganze Vorgang einiger'maßen verdächtig ist, wird 
man doch den zweifei nicht los. Es ist auch etwas gezwungen, 
daß Hagen das abtreiben so furchtbar unangenehm ist, wenn 
es ihn doch zu seinen leuten zurückbrachte. Daß das schiff 
mit dem Vorderteil nach hinten zeigte, war doch kein so 
großes Unglück. So wird die saga, die Hagen zuerst fluß- 
abwärts gehen läßt, so daß er gegen den ström zurückrudern 
muß, hier jedenfalls das ursprüngliche bieten, und der epiker, 
dessen raumgefühl sich auch sonst recht schwach zeigt (Heusler 
a. a. 0. s. 204 u. ö.), hat sich verwirrt. Daß bei Hagens rück- 
kehr die Burgunden in Ths. schon ein anderes schiff gefunden 
haben, bricht eigentlich dem ganzen fährmannserlebnis die 
spitze ab. Ich kann darin ebenso wie Polak nichts anderes 
sehen als den einfluß einer anderen Überlieferung, aus der 
auch die nachtAvache am ström stammt, und der das fährmanns- 
abenteuer fehlte. Dieser zweiten quelle zuliebe, deren be- 
deutung ich aber im allgemeinen nicht so hoch einschätzen 
kann wie P., ist die ganze nächtliche mondscheinscenerie ein- 
geführt. Das gefundene schiff muß sich als unbrauchbar er- 
weisen, damit das von Hagen so mühsam erworbene fahrzeug 
zu seinem recht kommt. In der ausrede Hagens str. 1568, er 
habe das schiff ohne fergen M einer tvilden ividen gefunden, 
ein Zeugnis sehen zu wollen, daß auch das ältere epos von 
einem herrenlos gefundenen schiff wußte, scheint mir haar- 



DER DONAUÜBEUGANG IM ALTEREN NIHELUNGENEPOS. 2-11 

spalterei. Auf den einfall kann der dichter oder sclion der 
ältere epiker wirklicli von selbst ohne besondere anregung 
gekommen sein, daß Hagen, der seine bluttat verheimlichen 
will, vorgibt, das schiff sei herrenlos gewesen. Es besteht 
auch nicht der geringste wörtliche anklang, der auf einen 
Zusammenhang hinweist, kein wort davon, daß das gefundene 
schiff in der saga an einer weide oder sonst irgendwo an- 
gebunden gewesen wäre. Einen Wortwechsel über den tod 
des fergen, zum mindesten den verdacht Günthers, daß Hagen 
ihn getötet hatte, muß auch schon das ältere epos enthalten 
haben: nur so erklären sich nachher, bei der gewalttat gegen 
den caplan, an dessen stelle in Ths. der fährmann getreten 
ist, die vorwürfe Günthers, daß er immerdar böses tue {illt 
cina mantv gera nu oc hvcrt sinnt, oc nlldrl ertv kdtr nema 
J)a er pv (jerer illt). Die worte setzen doch wohl voraus, daß 
man Hagen nicht nur eine böse tat vorzuwerfen hat. 

Ich habe lange gezweifelt, ob das umschlagen des schiffes 
und das naßwerden der beiden dem älteren epos angehört hat. 
Es ist mir erst durch Heuslers erörterung der empfangssceue 
in Nl. 1737 ff. völlig klar geworden (a. a. o. s. 203 ff.). Hier 
liat der dichter etwas ausgelassen, nämlich das eintreten in 
einen räum, das unbedingt fehlt. Die Streichung der in Ths. 
überlieferten angäbe, daß die gaste in eine halle geführt 
werden, muß aber durch einen sachlichen anstoß veranlaßt 
sein, und dieser sachliche anstoß lag für ihn im trocknen der 
nassen kleider, sei es, daß ihm die Situation für seine beiden 
nicht standesgemäß erschien, oder daß er sich daran stieß, 
daß die kleider in der langen Zwischenzeit immer noch nicht 
trocken geworden w-aren, denn das zweimalige naßwerden und 
die begründung des zweiten durch regenwetter sieht zu sehr 
nach einer erfindung der saga aus, als daß ich sie dem älteren 
epos zutrauen möchte. Das wird wohl den Vorgang noch in 
der alten einfachen weise erzählt haben, daß die Nibelungen 
bei der überfahrt naß wurden und sich bei Etzel trockneten, 
unbekümmert darum, daß diese darstellung, die aus einer 
kürzeren dichtung stammte, durch den einschub des aufent- 
halts bei Rüdeger widerspruchsvoll geworden war. AVie dem 
auch sei, der epiker konnte sachliche gründe haben, das 
kleidertrocknen zu streichen. Daß er es wirklich getan hat, 



242 WESLE 

verrät er uns dadurch, daß er 'mit den feuern aueli die lialle 
beseitigt hat', und daß deshalb die folgenden g-espräche "ohne 
dach und fach' sind. Das umschlagen des schiffes, das durch 
das kleidertrocknen vorausgesetzt wird, hat also dem älteren 
epos wie Ths. angehört. 

In der hauptsache scheint mir der gang der handlung im 
älteren epos in folgender weise erschließbar: die Nibelungen 
kommen bei tag (bei moeringen?) an die Donau, Hagen geht 
den Strom entlang (wahrscheinlich abwärts), um ein schiff zu 
suchen. In einem gewässer findet er zwei badende nixen und 
raubt ihnen die kleider. Um sie zurückzuerhalten, prophezeit 
ihm die eine glückliche heimkehr, aber die andere offenbart 
die Wahrheit, daß niemand außer dem caplan mit dem leben 
davonkommt. Darauf schlägt er beide tot. Er findet den 
fergen und sucht ihn vergeblich zu gewinnen, indem er sich 
für einen mann Eisens (Elsungs) ausgibt. Dem fährmann ist 
(von Kriemhild?) verboten, irgend jemanden überzusetzen, aber 
da Hagen einen goldring an die schwertspitze steckt und in 
die höhe hält, denkt er an sein junges weib, dem er das 
kleinod schenken möchte, und kommt ans andere ufer. Er 
glaubt, Hagen sei allein, und ist bereit ihn überzusetzen. 
Erst als der ihn am ufer entlang fahren heißt, merkt er, daß 
noch melir menschen über den ström wollen, Aveigert sich anfs 
neue und wird erschlagen. Hagen wird von Günther gefragt, 
wo der fährmann geblieben sei. (Günther hat das blut im 
schiff gesehen? Hagen macht ausfluchte?) Er rudert so ge- 
waltig, daß die rüder brechen (schildmotiv, gestaltung zweifel- 
haft). Mitten im fluß wirft er den caplan ins wasser, der 
aber glücklich aus ufer kommt und so die Prophezeiung der 
nixen bestätigt. Das schiff schlägt um und alle kommen 
durchnäßt ans land. 

Im großen und ganzen ist dieser bericht des älteren epos 
im Nl. doch sehr viel besser erhalten als in der saga, die 
nicht nur durch abweichende angaben anderer quellen gestört 
ist, sondern auch aus sich heraus sehr viel gekürzt und ent- 
stellt hat, so viel, daß sich die erwägung aufdrängt, ob die 
saga überhaupt unmittelbar aus dem älteren epos geflossen 
ist oder nicht eher aus einer bearbeitung, die schon erhebliche 
kürzungen aufwies. Aber diese frage läßt sich natürlich nur 



DEK DONAUÜHEKGANG IM ÄLTKKIiN NIHKLUNGENEPOS. 213 

in größerem rahmen und unter ausgiebiger benutzung der 
bailaden erörtern. Daß die bailaden, so entstellt und getrübt 
ihre Überlieferung auch sein mag, dennoch eigenen fiuellen- 
wert besitzen, und speciell der Högnitattur auch mehr als 
ihm de Boor (Die fär. lieder des Nibelungencyklus) zugestehen 
will, steht m. e. außer frage (Neckel, Anz. fda. 39, 19 ff., Die 
Nibelungenballaden in der festgabe für ])raune s. 98f.). Aber 
eine Avichtige änderung fällt aller Avahrscheinlichkeit nach 
dem sagaschreiber zur last: er hat seiuer tendenz gemäß den 
caplan beseitigt und, dadurch veranlaßt, den tod des fähr- 
manns aus dem alten Zusammenhang gerückt. Für die ände- 
rungen des jüngeren epikers lag der hauptanstoß in einem 
formalen grund. Er Avollte z.vei unzusammenhängende scenen 
zu einer einheit machen. Dadurch ist der tod der nixen be- 
seitigt worden und die fährmannsepisode namentlich in ihrem 
anfang stark in Verwirrung geraten. 

Wenn die oben gegebene auffassung des ursprünglichen 
Sinnes der fährmannsepisode und Boers ei'klärung der Eckewart- 
begegnung das richtige treffen, so hat man sich eine ältere 
stufe deutscher dichtung so zu denken, daß Kriemhild zwei 
versuche macht, die brüder zu retten. Sie gibt dem fährmann 
befehl, niemand überzusetzen, und schickt einen warnenden 
boten. Beides schlägt fehl. Der fährmann läßt sich durch 
gold ans andere ufer locken, und nun erzwingen die Nibelungen 
die überfahrt. Der böte schläft ein — ein beliebtes märchen- 
motiv — , seine warnung erreicht die beiden erst, da es zu 
spät ist. Sie sind schon im Hunnenland. An der doppelheit 
der motive darf man sich nach meiner ansieht nicht stören. 
Die brünnenscene beim kleidertrocknen am feuer muß ja ähn- 
lich wie die begrüßung in der Atlakvij^a noch einen letzten 
verzweifelten versuch enthalten haben, das unabwendbare ver- 
derben abzuhalten. Wir hätten also im ganzen drei rettungs- 
versuche der Schwester. Das ist dem stil eines alten liedes 
durchaus angemessen. Jede Vorstellung einer brüderfreund- 
lichen Kriemhild in Deutschand ist natürlich mit der Chrothild- 
hypothese unvereinbar, und diese ansieht hat auch, so weit 
ich sehe, in ihrem vollen umfang, daß Chrothild der historische 
ausgangspunkt der Kriemhild-Gudrungestalt gewesen sei, nicht 
viel anhänger gefunden. Sie ist auch vollkommen unmöglich- 



244 WESLE 

Selbst wenn man diese versteinerten reste von Kriemliilds 
Parteinahme für die brüder niclit anerkennen will, so bleiben 
die unverkennbaren spuren der rollenvertauschung- deutlich 
genug. Ein einziger blick auf die letzte scene des Nibelungen- 
liedes, die horterfragung-, reicht schon aus. Es ist ganz un- 
denkbar, daß eine dichtung, die sich organisch aus der grund- 
lage entwickelt habe, daß die Schwester sich an den brüdern 
für eine mordtat rächte, jemals auf den einfall gekommen sei, 
Kriemhild könne sich jetzt, da sie endlich nach so furchtbarem 
blutvergießen und nach dem Opfer des eigenen kindes am 
ziel ihrer rachewünsche steht, noch bereit erklären, aus- 
gerechnet dem hauptschuldigen das leben zu schenken, wenn 
er den hört herausgibt. Diese bedingung konnte nur der von 
goldgier getriebene Etzel stellen. Von ihm ist sie auf Kriem- 
hild übergegangen. 

Aber aus der Chrothildhypothese hat sich ein comprumiß 
mit der älteren auffassung gebildet: die nordische sagenform 
ist die ursprüngliche, die Umgestaltung der deutschen geschah 
unter dem einfluß der Chrothildsage. Diese ansieht hat u. a. 
in ein so verbreitetes werk wie v. d. Leyens Sagenbuch ein- 
gang gewonnen und ist von Polak (Zs. fda. 55, 474ff.) näher 
begründet worden, hat auch sonst mehrfach Zustimmung ge- 
funden. Mir scheint sie ebenso ein Irrweg wie die aus- 
gesprochene Chrothildhypothese. Der einwand, den Jiriczek 
(Die deutsche heldensage s. 114) erhebt, daß die Umwandlung 
dann so früh erfolgt sein müsse, daß es unbegreiflich wäre, 
wie die sage in ihrem älteren typus in den norden gelangt 
sei, läßt sich allerdings widerlegen: die Umwandlung braucht 
nicht so früh gewesen zu sein, da Aimoin bezeugt, daß die 
Chrothildsage lange zeit lebendig geblieben ist. Zudem könnten 
schließlich auch Varianten nebeneinander bestanden haben. 
Aber schon allgemeine erwägungen erv,'ecken bedenken: Polak 
hält es für psychologisch unmöglich, daß die rücksicht auf 
Attila vermocht hätte, Kriemhilds tat, den ausdruck einer 
•geradezu fanatischen germanischen sippenliebe', ins völlige 
gegenteil zu verkehren. Man möchte einfach die gegenfrage 
stellen: ist es psychologisch verständlicher, daß die anlehnung 
an die heldin einer anderen sage, deren liandlungsweise in 
schroffstem gegensatz zu der alten Kriemliild stand, die gar 



DER nONAri'HEKGAN« IM ALTEKEN NIHELL'NOENEl'OS. 215 

keine innere g-enieinscliaft mit ihr hatte, dieses wunder beAvirkt 
haben soll? Hier steht ansiclit gegen ansieht. ]\Iii- scheint 
überhaupt kaum etwas leichter zu begreifen als die alte er- 
klärung der roUenvertauschung", wie sie soeben wieder von 
Heusler klar und überzeugend vorgetragen wurde, P^ine dichtung 
vom Burgundenuntergang wurde in ein land verpflanzt, wo 
Dietrich von Bern die heldenepik beheri'schte, avo man infolge- 
dessen an den habgierigen, heimtückischen, grausamen Etzel 
einfach nicht glaubte und ihn sich von dieser aus der fremde 
eingewanderten geschichte auch nicht aufnötigen lassen wollte. 
Die fremde sage mußte sich der einheimischen fügen, man 
Avar jetzt gezwungen, eine neue begrüudung für die verräterische 
einladung zu suchen, und fand sie, was sehr nahe lag, in 
Siegfrieds tod. Am glaubhaftesten wird mir diese Umgestaltung, 
Avenn ich annehme, daß sie sehr früh geschah, unmittelbar 
nach der Verpflanzung der sage, nocli ehe die gestalt der 
brüderrächenden Kriemhild zeit hatte, in der neuen heimat 
fest einzuAvurzeln. AVenn irgendwo dann scheint mir hier der 
gedanke an langsame, allmähliche umAvandlung. auch an ein 
fortbestehen der alten sagenform neben der neuen in Varianten, 
die erst mit dei- zeit aussterben, unA^orstellbar, selbstverständ- 
lich nur innerhalb des neuen Verbreitungsgebiets. In der 
alten heimat der sage und auch in anderen teilen Deutschlands 
hat sich die ursprüngliche gestalt des Stoffes zunächst jeden- 
falls erhalten. Dieser ganze Vorgang ist so durchsichtig, daß 
er schon von vornherein mehr für sich hat als die annähme 
einer beeinflussung von außen her. 

Die umgestaltete deutsche sage ist durch die forniel: alte 
sage + Chrothild auch gar nicht erklärt. Die formel mußte 
eine sage ergeben, in der beide gatten gemeinsame sache 
machten, in der Kriemhild Attilas goldgier benutzte, um Sieg- 
frieds tod zu rächen, ebenso Avie Chrothild den machtAvillen 
('hlodwigs ihrer räche dienstbar machte. Eine sage dieses 
Inhalts hat auch Polak aus der Ths. und den verschiedenen 
berichten von der räche des Hagensolines erschlossen, und sie 
liält er für die Zwischenstufe, die unter dem einfluß der 
Chrothild entstand und sich dann unter dem einfluß der 
Etzelfreundlichen Dietrichsage in die bekannte deutsche auf- 
fassung von Etzels Schuldlosigkeit Avandelte. Es gab also drei 



246 WESLE 

stufen: a) Attila allein scliuldig-; b) beide galten schuldig; 
c) Kriemhild allein schuldig. Diese entwicklung ist aber nicht 
möglich; a und c haben einen höchst charakteristischen ge- 
meinsamen zug: der unschuldige teil der gatten übt an dem 
schuldigen die Vergeltung für den Untergang der Nibelungen. 
Es ist nicht so, wie man seltsamerweise fast immer sagt, daß 
die abschließende rächerrolle Dietrich von Bern zugefallen sei. 
In Ths. wird Kriemhild von Dietrich auf ausdrücklichen be- 
fehl Attilas getötet, und so stand es auch im älteren epos. 
Das beweist das Nibelungenlied, wo Hildebrand, der seinem 
herrn die henkersarbeit wie so manches andeie abgenommen 
hat, dadurch veranlaßt wird zum schwert zu greifen, daß 
Etzel Hagens tod beklagt. Nur den ausdrücklichen befelil 
hat der jüngere epiker als zu kraß beseitigt. Daß Etzel nicht 
selbst handelt, ist bei der allgemein herrschenden auffassung 
seiner persönlichkeit beinahe selbstverständlich. Keine spur 
weist darauf hin, daß Dietrich sich jemals eigenmächtig ein 
richteramt angemaßt habe. Lediglich Etzel rächt den tod 
der Nibelungen an seinem eigenen weib. Wie kam er dazu, 
nachdem sie doch auch seine feinde, die mörder seines kindes 
geworden waren, nachdem er auch vorher keinen versuch ge- 
macht hatte, sie zu retten, so lange es noch zeit war, im 
gegenteil Günthers sühneangebot schroff zurückgewiesen hatte? 
Beide quellen haben es zu erklären gesucht, die Ths. durch 
eine recht banale äußerung Dietrichs, der meint, Kriemhild 
würde, wenn sie könnte, mit ihm und Etzel nicht besser ver- 
fahren als mit ihren brüdern. Der Nibelungendichter hat die 
Schwierigkeit mit großem geschick gemeistert. In ritterlich- 
männlichem empfinden beklagt der könig angesichts des toten 
feindes, daß der beste held, dessen glänzende kampftüchtigkeit 
auch der vornehm gesinnte gegner anerkennen muß, einen 
schmählichen tod von weiberhänden finden mußte, und da 
wallt dem alten hitzkopf Hildebrand sein jähzorniges blut 
und er vollbringt, was im herzen Etzels unausgesprochener 
Avunsch geblieben ist. Das ältere epos hatte den Vorgang 
noch, wie Ths. zeigt, in unausgeglichener Schroffheit, auch das 
warnende zureden Dietrichs wird ein zusatz der saga sein, 
('oncipiert wurde das motiv, das selbst in der geschickten 
umdichtung des jüngeren epikers noch wie eine ungeahnte 



DKK DONAUÜBEKGAN(} IM ÄLTEUEN NIBELUNGKNEPOS. 217 

iiberrascliuiig- Aviikt, nicht für eine Gestaltung der sage von 
der brüderfeindliclieu Krieniliild, sondern es wurde von der 
alten brüderfreundlichen Schwester auf Etzel übertragen. Da- 
mit fällt aber jede möglichkeit, die sagenform c aus der 
Zwischenstufe b herzuleiten, denn in b gab es keinen schuld- 
losen gatten, der den schuldigen bestrafen konnte. Hier sind 
sie beide schuldig und fallen nach Polak auch beide der räche 
des Hagensohnes zum opfer. c ist ohne Zwischenstufe aus a 
hervorgegangen, b ist, auch wenn wir es ganz in der 
form, wie Polak es reconstruiert hat, annehmen wollen, keine 
Zwischenstufe, sondern eine mischform, deren entstehung man 
sich auf zwei arten denken kann. Entweder blieb a in teilen 
Deutschlands erhalten und wurde unter dem einfluß von c 
dahin erAveitert, daß beide gatten die schuld teilen, oder c 
wurde unter der einwirkung nordischer sage modificiert. So 
ist auch von dieser seite her nicht wahrscheinlich zu machen, 
daß Chrothild irgend welchen entscheidenden einfluß auf die 
entwieklung der deutschen Kriemhild gehabt hat, und die 
jüngste umfassende darstellung der Nibelungensage hat wohl 
daran getan, Hildiko wieder uneingeschränkt in ihre alten 
rechte einzusetzen, aus denen sie eine nebenbuhlerin un- 
berechtigterweise zu verdrängen suchte. Mau könnte höchstens 
erwägen, ob die bereits umgestaltete sage, in der ja nun 
Kriemhild eine gewisse ähnlichkeit mit Chrothild hatte, von 
dort eine gewisse beeinflussung erfuhr, etwa in der Werbung 
Etzels und in dem widei-stand von Hagen- Aridius. Aber dabei 
kann es sich allerhöchstens um nebensächliche züge der epischen 
ausgestaltung gehandelt haben. 

FRANKFURT a. M., 23. februar 1921. 

CARL AVESLE. 



ZUR SAGE VON ERMENKlCliÖ TOD. 

Der bekannte bericlit des Jordanes schLägt eine brücke 
von der zeitg-enössischen nacliriclit über Ermenrichs tod zu 
der deutsclien und nordischen Überlieferung. vSo scheinen hier 
alle Vorbedingungen für eine sichere erkenntnis der eutwick- 
lung der sage gegeben, aber in Wirklichkeit liegen die Ver- 
hältnisse doch viel ungünstiger. Daß hinter Jordanes ein 
gotisches lied steht, wird niemand bezweifeln, aber Avas wir 
über die epische gestaltung dieses liedes wissen, ist herzlich 
wenig. Mit recht liat sich H. Schneider (Zs. fda. 54, 343 f.) da- 
gegen ausgesprochen, daß man zuweilen mehr aus Jordanes 
herauslesen wollte als tatsächlich dasteht, und schon für das 
gotische lied motive in anspruch nahm, die erst später be- 
zeugt sind, vor allem den dritten bruder, der im norden seine 
gewichtige rolle spielt und im 'König Bloedelinck' des nieder- 
deutschen liedes fortlebt, aber wenn er annimmt, daß nur 
das, was Jordanes berichtet, Inhalt des gotischen liedes ge- 
Avesen sei, so tut er der Überlieferung nicht minder gewalt 
an, und der satz, man dürfe sich die einzigartige gelegenheit 
nicht entgehen lassen, die sage in ihrer entwicklung zu ver- 
folgen, ist ein postulat, aber keine begründung. So wie Jordanes' 
bericht vorliegt, macht er allerdings auf den ersten blick den 
eindruck, als liege er auf geradem wege zwischen der nacli- 
riclit des Ammianus und der nordischen dichtung, als habe 
das lied, das ihm zugrunde liegt, erst ein paar schritte vom 
geschichtlich-politischen ereignis zu der rein persönlichen auf- 
fassung der heldenepik zurückgelegt. Man möchte es als über- 
gangsform, als organisches glied in der kette ansehen, aber 
es kann ebensogut eine mischform sein. Es ist ebensogut 
möglich, daß die gotische dichtung schon den ganzen weg 
zur persönlichen fabel durchmessen hatte, und daß erst der 



ZUR SAGE VON EKMENKICIIS TOI). 219 

historiker die erzälilung' wieder in den ^geschichtlichen zu- 
sammenliang- gestellt und entsprechend umgebogen hat. P's 
ist möglich, daß schon im gotischen lied nicht Ermenrich, 
sondern die rächenden brüder im mittelpunkt standen, und 
daß der geschichtsschreiber den schwei-punkt verschoben hat. 
Ob man das für wahrscheinlich hält, ist eine andere frage, 
aber daß einundeinhalb jaluhunderte nicht ausgereicht haben 
sollen, um diese entwicklung reifen zu lassen, wird man schwei- 
lich einwenden können. Nehmen wir einmal an, das gotische 
lied hätte — abgesehen von der äußerlichen Verbindung- mit 
der Nibelungensage — ungefähr dasselbe erzählt wie das 
eddische Hamdirlied, so konnte Jordanes' bericht auch auf 
dieser grundlage fast genau so lauten, wie er vorliegt. Nni' 
die charakteristische art der Verstümmelung durch abschlagen 
der fuße und bände hätte er wohl kaum durch seine farb- 
losere angäbe ersetzt, aber die familienverhältnisse der rächer, 
die aufreizung durch die mutter und den streit mit dem dritten 
bruder konnte ein historiker, der die dinge ganz vom Stand- 
punkt des königs ansah und sie in seinen geschichtlichen 
Zusammenhang einzufügen hatte, ohne weiteres als belanglos 
übergehen. Tatsächlich hat er einen wichtigen punkt, über 
den das gotische lied sicher nicht schweigen durfte, beiseite 
gelassen: er sagt nicht, was aus den angreif ern nach ihrem 
halbgeglückten unternehmen geworden ist. So gering ist das 
interesse, das er für sie hat. Man nimmt allgemein an, daß 
sie dabei den tod fanden, und das ist auch fraglos das wahr- 
scheinlichste, freilich ebensowenig sicher wie alles andere. 
Weshalb sollte es undenkbar sein, daß die gotische dichtung, 
über deren einzelheiten wir so wenig wissen, sie auf irgend- 
eine weise entrinnen ließ ? Aus den namen Sarus und Ammius 
ist mehrfach geschlossen worden, daß die Goten schon das 
motiv der gefeiten brünnen kannten. Wie man sich dazu 
stellt, ist reine gefühlssache, und es scheint mir müßig, darüber 
zu streiten. Ich sehe jedenfalls keine möglichkeit, wie jemand, 
der an diese bedeutung der namen glaubt, einen anderen, der 
sie für zufällig hält, von der richtigkeit seiner auffassung 
überzeugen wollte und umgekehrt. Aber auch davon abgesehen 
sind alle Schlüsse ex silentio bei einem so knappen und dürftigen 
bericht höchst bedenklich; sogar da, wo wir die quellen nicht 



250 WESLE 

nur in auszüg-en besitzen, würden sie häufig in die irre füliren: 
aus der ganzen umfangreichen mhd. Dietrichepik könnten wir, 
wenn uns niclit andere denkmäler wie Thidrekssaga, Khige 
und Anhang zum heldenbuch auskunft gäben, nicht einmal 
mit Sicherheit erkennen, daß Dietrichs exil mit der heimkehr 
endete. Hätten Avir zufällig nur den Alphart, so wüßten wir 
überhaupt nicht, daß der kämpf mit Ermenrich zu Dietrichs 
Vertreibung führte. Das muß gegen die Zuverlässigkeit einer 
dürren prosanotiz, der es nicht darauf ankam, das gotische 
lied getreu nachzuerzählen, sondern nur, den tod Ermenrichs 
in einklang mit der epischen tradition zu berichten, doppelt 
bedenklich machen. 

Auch die beurteilung des hauptpiinktes, in dem Jordanes 
von der späteren Überlieferung abweicht, der Stellung Svanhild- 
Sunildas und der Ursache ihres gewaltsamen todes, bleibt un- 
sicher. Drei auffa^sungen sind denkbar, keine ist unmöglich. 
Jordanes mag das ursprüngliche gewahrt haben, die nordische 
darstellung, die sich auch für deutsche sage mit großer Wahr- 
scheinlichkeit erschließen läßt, könnte eine Umbildung sein, 
und das würde der allgemeinen entwicklung der epischen stoffe 
vom historischen ereignis zur familientragödie aufs beste ent- 
sprechen. Es kann aber auch anders gewesen sein. Vielleicht 
war Sunilda schon im gotischen lied Ermenrichs gattin und 
wurde hingerichtet, weil man sie des ehebruchs beschuldigte; 
der historiker kann gewußt haben, daß dies der geschichtlichen 
Wahrheit nicht entsprach, und rückte deshalb ihren tod nach- 
träglich in einen politischen Zusammenhang. Und drittens 
können die beiden darstellungen unabhängig voneinander ent- 
standen sein, allerdings gewiß nicht so, wie sich Boer (Die 
sagen von Ermanarich und Dietrich, s, 11) die entwicklung 
denkt: er meint, die alte gotische sage habe überhaupt nicht 
gewußt, weshalb Ermenrich Sunilda töten ließ, sie habe nur 
die nackte tatsache erzählt. Jüngere gotische Überlieferung, 
die Jordanes wiedergibt, und die außergotische epik hätten die 
begründung für die gewalttat erst nachträglich erfunden. Die 
methode ist klar: was abweicht, hat der ursage gar nicht 
angehört, nur das übereinstimmende ist echt. Man gewinnt 
die älteste form durch subtraction. Das ergebnis ist ein Zerr- 
bild: der könig, der ein weib ohne jede veranlassung, bloß 



ZUR SAGE VON EUMENRICIIS TOD. 251 

weil es ihm spaß macht, von pferden zerreißen oder zer- 
stampfen läßt! A^^elclies maß von stumpfer gedankenlosigkeit 
traut man dicliter und hörern damit zul Man könnte sich 
das h()clistoiis vorstellen, wenn Eimenrich schon damals als 
grausamer Wüterich galt, der an blutvergießen und greuel- 
taten eine sadistische freude hatte, aber so barbarisch hat 
ihn nicht einmal der haß der späteren Dietri(diepiker ge- 
zeichnet, und Jordanes hätte sich dann Avohl auch gehütet, 
ihn den edelsten der Amaler zu nennen. Dagegen ist un- 
bestreitbar, daß die begründung von ereignissen leicht ver- 
loren gehen konnte, am leichtesten wenn ein lied verpflanzt 
wurde und in eine Umgebung geriet, wo seine Voraussetzungen 
nicht bekannt waren. Wer die Ermenrichsage zum erstenmal 
durch das Hamdirlied kennen lernte, der wußte auch nicht, 
weshalb Svanhild sterben mußte. Aus der erwähnung des 
schwestersolines am galgen konnte ohne kenntnis des Stoffes aus 
anderen quellen kein mensch erraten, was der dichter voraus- 
setzte; nicht einmal, daß er sich Svanhild als Jörmunreks 
gattin dachte, ging aus dem Wortlaut des liedes hervor. Wenn 
begründungen verloren gehen, so entsteht die notwendigkeit, 
neue zu erfinden, und in diesem sinne ist es allerdings mög- 
lich, daß Jordanes bezw. seine quelle und die aiißergotische 
Überlieferung die veranlassung für Svanhild-Sunildas tod selb- 
ständig ersonnen haben, da ihnen nur das factum ohne be- 
gründung gegeben war.i) Iq\i geiie keinen weg, zu einer ent- 
scheidung zu gelangen, welche von den drei möglichkeiten 
der Wirklichkeit entspricht. 

Jedenfalls kann man, glaube ich, unbedenklich annehmen, 
daß Svanhild als Ermenrichs gattin schon in Deutschland be- 
kannt war und nicht erst nordischer Sonderentwicklung an- 
gehört. Zweifelhafter ist das bei der gestalt, durch welche 
die nordische dichtung ihr eigentümliches gepräge erhält, bei 
dem dritten bruder. Es ist möglich, daß die dreiheit der 
brüder in den Quedlinburger annalen und der Würzburger 
Chronik eine verdunkelte erinnerung an eine persönlichkeit 
enthält, die dem nordischen Erp entsprach. Ebensogut kann 
sich hier die auffassung, daß drei an der tat beteiligt waren 



') Ähnlich faßt auch Schneider seine Zustimmung zu Boers ansieht. 



OK9. 



WESLE 



und (laß Odoaker ein bruder der radier war. auch selbständig- 
gebildet haben, da in der rolle, die Odoaker spielt, gar nichts 
an Erp erinnert. Gewißheit könnte das niederdeutsche lied 
geben: es würde uns eine alte deutsche dichtung erweisen, 
die in allem wesentlichen mit den Hamdismal übereinstimmte, 
wenn nicht gerade diese enge berührung den verdacht 
secundären nordischen einflusses, der abhängigkeit von dem 
Hamdirlied oder einer inhaltlich ähnlichen nordischen quelle 
erregt hätte, was schon Boer (s. 32) erwägt und Schneider zu 
erhärten sucht. Auch darüber wird man kaum zu einer 
sicheren entscheidung gelangen, wie überhaupt die frage, ob 
und in welchem umfang nordische sage auf Deutschland ein- 
gewirkt hat, überaus problematisch ist. Vermutet hat man 
derartige ein Wirkungen schon wiederholt, ein sicherer beweis 
ist meines wissens in keinem falle erbracht. So muß man sich 
schon damit abfinden, daß wir nicht wissen, wo und wann die 
dichtung, die im norden überliefert ist, ihre charakteristische 
gestaltung erfahren hat, ob schon bei den Goten oder in 
Deutschland oder erst in Skandinavien. Am ende sind diese 
bemühungen um die äußere geschichte des Stoffes auch nicht 
einmal die wichtigste aufgäbe: die hauptsache bleibt es, die 
innere entwicklung und den gelialt der dichtung zu erfassen 
und zu würdigen, und gerade in dieser hinsieht treffen Schneiders 
ausführuugen nach meiner ansieht nicht das richtige. 

Ich gehe von den Hamdismal aus, der ältesten (luelle, die 
den ganzen verlauf der handlung erzählt. Die momentphoto- 
graphie, welche die Ragnarsdrapa entwirft, kommt daneben 
kaum in betracht. Die zerrüttete Überlieferung stellt eine 
reihe textkritischer fiagen, unter denen zwei sind, zu denen 
hier Stellung genommen werden muß. Zunächst handelt es 
sich um die vielerörterte Strophe 22 (nach Bugges Zählung). 
In ihrer beurteilung bin ich mit Schneider vollkommen einig. 
Daß hier Gudrun zu ihren söhnen spricht, und daß die verse 
hinter Strophe 10 gehören, hat schon Bugge (Zs. fdph. 7, 380) 
gesehen und Heusler (vgl. Sijmons, Zs. fdph. 38, 147) durch das 
Zeugnis des niederdeutschen gedichtes bekräftigt. Hier hat 
einmal eine glückliche conjectur von außen her die denkbar 
schönste bestätigung gefunden. Einwände, wie sie Boer (a. a. o. 
s. 32 anm.) erhebt, gehen gar nicht auf die Sachlage ein. 



ZUR SAOE VON ERMENKICHS TOD. 253 

Inhaltlich passen die werte durchaus in Gudruns mund: es 

ist Yorausgeg-angen, daß die söhne sich bereit erklärt haben 
Ermenricli anzugTeifen. ihrer blutrachepüicht zu g-enügen. ob- 
wohl sie sich darübei- klar sind, daß die Unternehmung ihr 
tod sein Avird. Und jetzt sag:t Gudrun: 'ihr zwei könnt das 
nicht A'ollbi'ingen g'egen 1000 Goten', genau so wie Hildebrands 
gattin Dietrich warnt, ei' solle mit, seinen paar gesellen Ermenricli 
und seinen vierthalbhundei-t mann nicht zu nahe kommen, und 
genau so wie sich an diese warnung der rat anschloß, noch 
einen anderen, den 'sohn der stolzen witwe^) den könig 
Bloedelinck mitzunehmen, der dann auch Avirklich die haupt- 
arbeit leistet, ebenso folgte auch in Gudiims rede dem negativen 
das positive: 'ihr müßt Erp mitnehmen'. Die verse sind ver- 
loren gegangen und dadurch erklärt sich auch, wie der torso, 
der sich hielt, an eine falsche stelle geriet. Die stelle war 
jetzt, da der positive teil, der den negativen ergänzte, nicht 
mehr da war, unverständlich und in ihrem Zusammenhang 
sinnlos. Da folgerte jemand ebenso wie es Boer ein Jahr- 
tausend später getan hat: hier wird gesagt, die Unternehmung 
sei unmöglich. So kann Gudrun, die zu der tat auffordert, 
unter keinen umständen sprechen. Es muß jemand aus der 
Umgebung Ermeurichs gewesen sein. So wurden die verse 
versetzt. Daß Bugge und Heusler mit der Umstellung das 
richtige getroffen haben, halte ich für vollkommen sicher. Es 
wäre gut, wenn alle fragen höherer textkritik so klar und 
einwandfrei erledigt werden könnten. 

Die zweite frage betrifft die Strophen 12 — 14, Die hand- 
schriftliche reiheufolge ist bekanntlich 14, 12, 13. 

14 pä kuaf> J'at Erpr eiuo siniii — 
ra^rr um lek ä mars baki: — 
'ilt er blaupom hal brautir keniia". 
\u)po harj'an niiok horming iiera. 



') Aus der 'stolzen vvit\ve" künute kübue liypotbeseufreude maucherlei 
folgern und eine sagenforni erschließen, die älter sein müßte als die ge- 
samte nordische i\berlieferung. Damit wäre dann auch die abhängigkeit 
des liedes vom norden widerlegt. Aber die vereinzelte wendung eines 
späten gedicbtes, in der yieUeicht nicht mehr sachlicher kern steckt als in 
dem rein formelhaften -so fern in jenem Frankrike', ist für so weitgehende 
Schlüsse nicht tragfähig, m. e. nicht einmal für das, was Sijmons a. a. o. 
zu der stelle äußert. 

Heitvage 7nr geschicVite der deutschci^ spräche. 4i'>. ^7 



254 WESLE 

12 Fundo ä strffiti störbrQg-pottan : 

'hue mun iarpskarnv okr fultingia'? 

18 Suarapi hm suudrmeepri, suä kua?, iieita mnnrlo 
fnlting frifendom sem fotr o]7roin. 
'huat megi fötr f?eti neita, 
ne holdgroin hqnd auuari y 

Die Umstellung Bug'ges haben Grundtvig, Hildebrand, Gering, 
Raniscli, Jonsson, Sijmons angenommen, auch Genzmer in 
seiner Übersetzung. Detter-Heinzel wahren die handschrift- 
liche Strophenfolge, aber mit ihrer erklärung kann man 
sich schwerlich einverstanden erklären. Daß Fundo d strceti 
sförhrogpöttan nicht die erste begegnung bezeichnen soll, ob- 
wohl die VQlsungasaga es so auffaßt, halte ich für unmöglich, 
und die annähme, daß sich Erp mit seinem ilt er hiavpoin hol 
brautir lenna auf frühere erkundigungen über den weg ins 
Gotenland beziehe, oder daß eine Strophe ausgefallen sei, in 
der gesagt war, daß Sorli und Hamdir auf ihrem beschwer- 
lichen ritt über die berge den bruder auf bequemer talstraße 
reiten sahen und ihn fragten, wie man vom berg hinunter- 
gelangen könne, conjiciert so viel in den text hinein, daß 
dagegen die einfache t<trophenumstellung als erheblich con- 
servativere behandlung der Überlieferung erscheint. Außerdem 
halte ich es für unmöglich, daß überhaupt noch einmal eine 
Unterredung zwischen den brüdern stattfindet, nachdem Erp 
den beiden anderen eine derartige beleidigung ins gesiebt 
geschleudert hat. Aber auch die Umstellung befriedigt nicht. 
Gewiß würde die schwere beleidigung das gespräch wirkungs- 
voll zuspitzen und gäbe eine stärkere motivierung für den 
totschlag, sie wäre auch eine passende antwort auf die alberne 
frage Itiiat megi fötr fceti ueiia ne Itgldgroin lignd annari?, 
wenn statt blanjwm ein anderes adjectivum dastünde. 'Blöde' 
würde vortrefflich passen, aber bloupr heißt bekanntlich 'zag- 
haft, feige', und der vorwui'f der feigheit ist doch gerade in 
diesem augenblick, da die brüder sich zu der unendlich ge- 
fährlichen, tollkühnen rachetat entschlossen haben, der sinn- 
loseste, den man sich denken kann. Genzmer hat deshalb — 
ähnlich auch Neckel, Edda s. 268 — noch weitere Um- 
stellungen vorgenommen: er hat 11, 3 ff. hinter 13 gestellt: 
nach dem gespräcli über band und fuß reiten die brüder 



ZUK SAGE VON lOKMKNRICHS TOD. 255 

zusammen aus, und dann eist kommt 14: Kri» läßt sein pferd 
tänzeln und sagt mit einem male: •Nicht ziemt mir's, zagen 
den weg- zu zeigen'. Er weigeit sich also jetzt plötzlich und 
lieleidigt die brüder, ohne daß man weiß weshalb. Das ist 
unmöglich, denn darin stimmen die drei Überlieferungen, Prosa- 
edda, Yolsungasaga und dei' text der Hamdismal, wie ihn der 
dodex reg-ius bietet, überein, daß Ei-p unmittelbar im anschluß 
an das gespräch erschlagen wird, in dem er den brüdein die 
verhäng-nisvolle antwort gibt, er wolle ihnen helfen wie die 
band der band und der fuß dem fuß oder wie seine worte, 
die ja abweichend überliefert sind, ursprünglich gelautet haben 
mögen. Was so fest gestützt ist, daran darf unter keinen 
umständen gerüttelt werden. Genzmers änderung ist deshalb 
besonders unglücklich, weil sie den ganzen sinn entstellt. So 
wie er das lied wiedergibt, bekommt man den eindruck, daß 
Sprli und Hamdir in ihrem guten recht sind, wenn sie sich für 
diese unverschämte und ganz unvermittelt herausgeschleuderte 
beleidigung' blutig rächen. Aber das ist keineswegs die meinung 
des dichters, wie sich aus den schlußstropheu klar und un- 
zweideutig ergibt. Man muß die strophenfolge der hs. bei- 
behalten, nur darf man vor dei' ersten Strophe (14 nach 
Bugge) kein zusammentreffen der beiden brüder mit Erp an- 
nehmen. Es steht ja auch nichts davon da. Erp ist allein, 
die Worte üt er blattJ)om hal hrautir henna sind ein monolog. 
Er weiß noch gar nicht, daß die brüder zur rachetat ent- 
schlossen sind, ihr langes säumen verurteilt er ganz im sinne 
Gudruns als feigheit, und so tut er mit deutlicher beziehung 
auf SQrli und Hamdir diesen sentenzartigen aussprach. Viel- 
leicht denkt er dabei, daß er selbst eigentlich die pflicht habe, 
sie an ihre Schuldigkeit zu erinnern, aber 'übel ists, einem 
feigen mann die Avege zu weisen', so rechtfertigt er sich vor 
sich selbst, daß er nicht auf sie einwirkt. Eigene rachepflichten 
hat er ja nicht zu erfüllen, da er kein brüder Svanhilds ist. 
Jetzt kommen die brüder zu ihm und fragen, was er ihnen 
bei der räche helfen kann. Er gibt die bekannte antwort, 
die selbstverständlich keine spur von spott und höhn enthält, 
sondern lediglich die emphatische Zusicherung, daß er ihnen 
unbedingt und rückhaltlos zur Verfügung steht: ich will euch 
so treue hilfe leisten, als ob wir glieder eines k()rpers wären. 

17* 



256 WESLE 

Das ist der sinn seiner autwort. Auf den verächtlichen ton, 
in dem die brüder fragen, geht er nicht ein, und ich finde, 
das ist ein besonders feiner zug. Hat er vorher ihr säumen 
mißbilligt, so muß er sich jetzt über den endlich gefaßten 
entschluß freuen, und in seiner freude hört er die gering- 
schätzung gar nicht aus ihren Worten heraus. 

Außer der aufforderung Erp mitzunehmen, muß die vei- 
stümmelte rede Gudruns auch noch irgend etwas von den ge- 
feiten brünnen enthalten haben, die man meiner ansieht nacli 
nicht aus Strophe 25 hin ausinterpretieren darf. Gegen die 
ursprünglichkeit des brünnenmotivs hat Schneider mehrere 
einwände erhoben: die todesahnung vertrage sich schlecht 
damit, Gudruns worte, daß sie allein so vielen Goten nicht 
gewachsen seien, würden nicht dazu passen, und die heldische 
auffassung der brüder werde dadurch beeinträchtigt. Mij- 
scheint das alles nicht eben schwer zu Aviegen. Die todes- 
ahnung wird ausgesprochen, ehe die brüder etwas von den 
gefeiten brünnen wissen. Gudruns worte ^-ertragen sich sehr 
wohl damit: *ihr seid zu zweien 1000 Goten nicht gewachsen. 
ihr müßt Erp mitnehmen, und außerdem will ich euch gefeite 
brünnen mitgeben'. Selbst Avenn wir uns den Inhalt von 
Gudruns rede in die nüchternste und prosaiscliste form ge- 
kleidet denken, kann ich nichts anstößiges darin linden. Ich 
kann mir recht gut vorstellen, daß zwei männer auch in un- 
durchdringlichen brünnen nicht imstande sind, einen könig 
auf seiner eigenen bürg inmitten seines zahlreichen gefolges 
zu erschlagen. Der dritte einwand besagt am Avenigsten. 
Aveil er ganz modern gedacht ist. Nirgends leidet Siegfrieds 
heldentum in den äugen des deutschen epikers unter seiner 
nnverwundbarkeit, auch Achill Avird, wenigstens soweit meine 
kenntnis griecliischer heldendichtung reicht, deshalb nicht 
geringer eingeschätzt. Man muß sich auch die ungeheuere 
schAvere der aufgäbe vorhalten: dazu gehört, selbst Avenn man 
undurchdringbare brünnen trägt, immer noch eine recht acht- 
bare dosis von Verwegenheit und todesverachtung. Und daß 
die brünnen keine unbedingte lebensA^ersicherung sind, beAveist 
der erfolg. Sie schützen gegen hieb und stich, aber man kann 
sich, auch abgesehen von den steinwüi-fen, denen die helden 
erliegen, nocli eine menge anderer möglichkeiten ausmalen, 



ZUK SAOE VON EKMENKICflS Jül). 257 

wie die überzahl die beiden trotz der gefeiten rüstiingen 
überwältigen und töten könnte. Es kommt gar nicht so sehr 
darauf an, daß sie ausgerechnet mit steinen erschlagen werden, 
nur irgend etwas anderes als die blanke Avaffe mußte es sein. 
Viel störender als das brünnenmotiv erscheint mir das damit 
verbundene scliweigegebot, das man in der regel aus den 
Strophen 23 f. herausliest. Daß sprechen den zauber bricht, 
ist allerdings eine geläufige Vorstellung, aber hier liegen die 
dinge doch anders. Der zauber wird gar nicht gebrochen, die 
brünnen bleiben undurchdringlich wie zuvor. Der könig gibt 
den befehl sie zu steinigen: dadurch wird die Wirkung des 
Zaubers umgangen, aber nicht aufgehoben, und daß der könig 
erst durch Hamdirs worte in den stand gesetzt wird, den für 
die brüder verhängnisvollen befehl auszusprechen, hat man 
wohl aus dem nacheinander der beiden reden und den vor- 
würfen, die Sorli gegen Harn dir erhebt, geschlossen, aber es 
steht nicht ausdrücklich da. Boer (a. a. o. s. 26 ff.) faßt die 
stelle anders, und ich glaube, daß er hier richtig gesehen hat. 
Jedenfalls lassen sich die Strophen 26 — 27 ohne zwang auf 
Erps ermordung beziehen, ob man nun mit Boer str.26— 28 als 
zusammenhängende rede S^rlis ansieht oder die Strophen unter 
die brüder teilt. Auch letzteres ergäbe einen guten sinn: sie 
macheu sich gegenseitig vorwürfe, jeder will dem anderen die 
verantw^ortung für die verhängnisvolle tat zuschieben, die sie 
gemeinsam begangen haben. Schneider nimmt an, daß der 
streit der brüder sich in einer älteren fassung des liedes nur 
darum gedreht habe, daß die räche nicht ganz gelungen ist, 
aber im vorliegenden handle es sich darum, daß die hoffuung, 
selbst mit heiler haut zu entkommen, vereitelt ist, M. e, be- 
rechtigt die Überlieferung nicht zu der annähme dieser eut- 
stellung: ich sehe die ursprüngliche auf fassung auch in unserem 
gedieht noch ganz rein erhalten. Gewiß besteht auch ein 
causalzusammenhang zwischen dem scheitern des Überfalls 
und dem tod der brüder: wenn es ihnen gelungen wäre, 
Ermenrich völlig zu erledigen, konnte er den befehl nicht 
geben, der ihnen verderblich wird, und für sie wäre dann 
noch einige aussieht vorhanden zu entrinnen. Dieses Zu- 
sammenhanges ist sich der dichter selbstverständlich auch 
bewußt. Den mißglückten angriff bezahlen die beiden mit 



258 wesltE 

dem leben, und damit finden sie sich in den letzten weiten, 
die ihnen vergönnt sind, stolz und heroisch ab, aber daß dies 
das centralmotiv des vorhergehenden Streites ist, läßt sich 
nicht beweisen, und so wird auch das ganze Schweigegebot 
höchst zweifelhaft. 

Überhaupt ist der brünnenzauber für den dichter kein 
beherrschendes motiv. Er hält ihn mehr im halbdunkel eines 
geheimnisvollen hintergrundes. Vielleicht hat er einmal in 
einer älteren dichtung eine wichtigere rolle gespielt, aber das 
vermögen wir nicht mehr mit Sicherheit zu entscheiden. In 
dem vorliegenden lied ist Erp die hauptsache: sein tod ist die 
Ursache, daß die räche nicht völlig gelingt, und daß die brüder 
sterben müssen. Die einführung dieser gestalt beurteilt Schneider 
höchst abfällig. Sie sei 'absurd und gekünstelt', die ganze 
fabel der Hamdismal nur verständlich, wenn man annehme, 
•daß hier zu einem von vornherein feststehenden schluß ein 
anfang, so gut es eben ging, hinzugedichtet wurde'. Das ist 
ein befremdendes urteil, und ich möchte ihm meine ansieht 
gleich mit entschiedenheit entgegenstellen: ich finde, daß die 
gestalt des Erp, wo und wann sie auch erfunden wurde, und 
die Schwesterrache zu einer vollkommenen einheit zusammen- 
geschweißt sind, in der nichts unklar, nichts gewaltsam und 
nichts erkünstelt ist. In der einführung des dritten bruders 
sehe ich einen überaus glücklichen griff, durch den die liand- 
lung erst richtig sinn und gehalt bekommen hatJ) Schneider 
entwickelt den gang des liedes in folgender weise: Gudrun 
habe Sgrli und Hanidir gesagt, zu zweien könnt ihr mit 
1000 Goten nicht fertig werden, aber wenn ihr drei seid, 
dann mag es gehen. Es sei nun verabredet worden, daß der 
eine die bände, der andere die arme und der dritte den köpf 
des feindes abhauen sollte. Ehe es zur ausführung der tat 
kam, wurde Erp erschlagen; das müssen die brüder aber in 
der hitze des gefechtes ganz vergessen haben: jeder erfüllt 
nur seinen teil der aufgäbe, und die hauptsache bleibt ungetan. 
Wenn das richtig ist, dann hat Schneiders wegwerfendes urteil 
allerdings vollkommen recht, und es muß ein sonderbarer 



') Um zu zeigeil. daß ich damit mc.ht .allein stehe, verwei^'C ich anf 
Heusler in Hoops reallexikon. 



ZUR HAUE VON RRMENRICns TOD. 259 

dichter gewesen sein, der sicli das ausgeklügelt hat, de.ssen 
Weisheit in dem rechenexenipel gipfelt, daß drei mehr sind als 
zwei. Ähnlich ruft ein märchenheld, der mit einem gefährten 
in bedrohliche Inge geraten ist, angstvoll aus: 'wenn wir nur 
drei wären!' und zaubert damit natürlich sofort den helfenden 
dritten herbei (Bolte-Polivka, nr. 130a). Aber so naiv dürfen 
wir uns den altgermanischen dichter schwerlich voistellen. 
und noch weniger möchte ich ihm zutiauen, daß er die tragik 
des heldenuntergangs in törichter Vergeßlichkeit ausreichend 
begründet sah. Weder in den ITamdismal noch in der VQlsunga- 
saga findet diese auffassung auch nur die geringste stütze, 
höchstens aus der Prosaedda könnte man zur not etwas ähn- 
liches herauslesen: hier verteilt Gudrun den körper des feindes 
in entsprechender weise. Die drei brüder ziehen auch gemein- 
sam aus, sind also offenbar zunächst mit dieser Verabredung 
einverstanden oder tun wenigstens so, als ob sie es wären. 
Man könnte sich auch denken, sie seien erst unterwegs auf 
den einfall gekommen, den liebling der mutter, als der Erp 
hier gilt, zu töten, und hätten nachher nicht mehr daran ge- 
dacht, daß die arbeitsteilung jetzt sinnlos geworden war, wenn 
nicht auch hier der lotschlag ganz in derselben weise wie in 
VQlsungasaga und Hamdismal durch Erps antwort veranlaßt 
wäre. So gehen in der Prosaedda zwei sich kreuzende motive 
nebeneinander her, und wir haben das recht, das eine, das 
auch die anderen quellen belegen, zunächst als das ursprüng- 
liche anzusehen und für sich zu betrachten. Daß Eips ant- 
wort keinen spott, sondern lediglich treueste hilfsbereitschaft 
ausdrücken soll, ist wohl unbestreitbar. Das muß jeder ver- 
stehen, der nicht verblendet ist, aber die brüder sind ver- 
blendet. Deshalb geben sie die alberne antwort Jrnat metji 
fötr fceti iieita ne holdgröin hgncl amiari?, oder wie es in der 
Prosaedda heißt: ])eir segja, at Pat var alls ekki, at fötr styddis 
vi(t hgnd, ähnlich in V^lsungasaga: ])eim ])ötti J)at eJcki vera. 
Bei ruhiger Überlegung ist es selbstverständlich, daß die gegen- 
seitige hilfe beider bände oder von bänden und fußen wichtig 
und unentbehrlich ist, aber sie wollen seinen beistand von 
anfang an nicht haben, und weil er trotz des gehässigen tones 
ihrer frage seine bereitwilligkeit erklärt, legen sie der gut- 
gemeinten antwort einen anderen sinn unter. Sie nehmen sie 



260 WESLE 

alü abweisuug oder spott und schlagen ihn tot. E.s ist denk- 
bar, daß in Erps werten noch etwas anderes ausgedrückt ist. 
nämlich die Überzeugung, daß sie ohne ilin nicht fertig werden 
können, wie die glieder einzeln nichts vermögen. Erp würde 
dann in seiner weise dasselbe aussprechen, was die mutter 
den brüdern schon vorher gesagt hat, und der gedanke liegt 
nahe, daß das starke Selbstgefühl, das in seinen Worten liegt, 
dazu beiträgt, den haß der brüder bis zur katastrophe zu 
steigern. Aber auf alle fälle sind haß und geringschätzung 
schon vorher da und finden in der verächtlichen frage kuc mun 
iarpskamr okr fultingia? unverhohlen ausdruck. Ich glaube, 
daß auch der anfang von Strophe 11 gengo 6r gayj)i gervir at 
eisJcra von hier aus zu erklären ist. Sie verlassen die mutter 
im zorn, weil sie ihnen geraten hat, Erp mitzunehmen. Von 
einer teilung der aufgäbe, von einer kameradschaftlichen Ver- 
einbarung ist da nirgends die rede, es ist für sie bei der von 
vornherein bestehenden abneigung gegen Erp auch gar kein 
räum. Daher darf man sie auch nicht für eine Vorstufe 
postulieren, denn diese annähme würde das ganze Verhältnis 
zwischen den brüdern. wie es die Überlieferung bietet, von 
grund aus zerstören. Die darstelluug von Hamdismal und 
V^lsungasaga ist klar und durclisichtig, die von Snorri da- 
gegen offensichtlich getrübt. Er oder seine quelle hat den 
gedanken der vorhergehenden arbeitsteilung erfunden, aller- 
dings nicht als Verabredung der brüder, sondern als anordnung 
der mutter. Es kann sein, daß er ihn aus dem Schluß {af 
uceri nu hgfnji, ef Erpr lifjji) vorweggenommen hat, doch 
möchte ich ehei' vermuten, daß auch das Hamdirlied schon 
etwas ähnliches beim aufbruch erzählt haben wird. Gudruns 
rede ist ja nur verstümmelt erhalten, sie kann sehr gut ge- 
sagt haben: "ihr müßt Erp mitnehmen, er wird J^rmunrek 
das haupt abschlagen, ihi- nur die bände und fuße'. Aber 
wenn Snorri die drei nun gemeinsam aufbrechen läßt, so be- 
seitigt er die Voraussetzung, daß S^rli und Hamdir den brüder 
unbedingt ablehnen. Nur unter dieser Voraussetzung war es 
begreiflich, daß Erps ant\^ort falsch aufgefaßt wurde und so 
verhängnisvolle folgen hatte. Derart konnte sie nur da wirken, 
wo sie längst vorhandenem haß begegnete. Auch dies motiv 
behält Snorri bei, aber er biegt es um, da abneigung gegen 



y.Vil SAUK VON KKMKNKIcriS Kd». JÖl 

den biiider .sieh mit dem gemeinsamen aiübruc.h nicliL mehr 
i'eclit vertragen würde. Die mutter ist Jetzt der gegenständ 
des Iiasses, und i^h'p. uj-sprünglich der simchnKüJjrl, wird zu 
ihrem lieblingssohn gemacht. Damit ist das vorlier so folgen- 
schwere gespräcli. in dem von liand und fuß die rede ist, 
bedeutungslos gew^orden. Der haß gegen Erp konnte sich an 
dieser antwort, wenn man sie mißverstehen Avollte, zur 
gewalttat entzünden, aber der zorn gegen die mutter hatte 
gai- nichts mehr damit zu tun. Das ganze gespräcli wird nur 
noch als blindes motiv mitgeschleppt. Dadurch verrät sich 
ganz deutlich, daß der bericht der Prosaedda nicht in Ordnung 
ist, sei es, daß Snorri aus sich heraus oder unter dem einfluß 
einer abweichenden sagenform geändert hat. 

Für die fabel der Hamdismal kommt verabredete arbeits- 
teilung nicht in frage, ebensowenig für eine hypothetische 
Vorstufe, und damit fällt auch die möglichkeit, in der an- 
gegebenen weise zu erklären, weshalb Sorli und Hanidir den 
könig nur verstümmeln und nicht töten. Das bedarf auch 
gar keinei' besonderen erklärung: sie können es einfach nicht. 
Nur Erp war berufen, den todesstreich zu führen. Das ist 
bestimmung, ist Schicksal, das weiß Gudrun vorher, auch Erp 
scheint es zu wissen, nur die brüder wollen es nicht wissen 
und nicht glauben, weil sie den sundrmiej)ri, den liormmij 
hassen und verachten. Es ist nicht anders als in tausenden 
von märchen. wo von drei genossen, sehr oft drei brüdern, 
nur der di-itte, der jüngste imstande ist, die tat, die es gilt, 
zu vollbringen. Auch Erp wird, abgesehen von der prosa- 
einleitung zur Gudrunarhvi^>t, stets an dritter stelle genannt. 
Noch -Ermenrichs tod' hält das fest: 'könig Bloedelinck' ist 
der allerjüngste mann. Die auffassung Erps als iarpslamr 
und bastard entspricht zahllosen Varianten des märchenmotivs, 
wo der vom Schicksal ausei'wählte dritte wegen unehelicher, 
niediiger oder gar tierischer geburt (söhn der magd, stuten- 
sohn u. dergl.) oder aus anderen gründen, als zwerg oder 
dümmling verachtet wird. Im märchen ist es gang und gäbe, 
daß die beiden anderen dem dritten nacli dem leben trachten, 
nur daß hier der anschlag selbstverständlich fast stets miß- 
lingt oder der gemordete spätei- durch zauber oder wunder 
ins leben zurückgerufen wird, doch ist auch der tragische 



262 WE8LE 

ausg-ang- nicht ohne beispiele.i) Im frölilicli fabulierenden 
märchen dreht sich alles darum, wie der jüngste bruder seine 
aufgäbe trotz aller nachstellungen glücklich durchführt: die 
feindschaft der anderen dient nur dazu, die Spannung zu 
steigern, indem sie die Schwierigkeiten vermehrt, mit denen 
er zu kämpfen hat, und den glänz, der ihn verklärt, durch 
die Überraschung zu vergrößern, daß gerade der verachtete 
und angefeindete die tat vollbringt. Die heldendichtung sieht 
die dinge mit anderen äugen. Hier ist der dritte bruder das 
object, an dem sich die tragik der beiden anderen erfüllt, 
denen die zukunftsweise mutter verkündet hat, daß sie den 
verhaßten und geringgeschätzten brauchen, die aber der 
Schicksalsfügung trotzen und erst zu spät, angesichts des 
todes, ihre Verblendung erkennen. 2) So kann ich auch Petsch 
in seiner auffassung des Hamdirliedes (Aufsätze zur sprach- 
und literaturgeschichte, Wilhelm Braune dargebracht, s, 42) 
nicht beistimmen. Es ist ganz gewiß nicht die meinung des 
dichters, daß die ermordung Erps aus 'jenem Übermut' ent- 
springt, 'der dem edelgeborenen gegenüber dem bastard ge- 
ziemt", auch hat Erp nicht 'höhn mit höhn erwidert', sondern 
treu und brüderlich hilfe angeboten. Man kann ihn auch 
nicht auf eine stufe stellen mit dem Hlnd der Hunnenschlacht. 
Der abschluß der beiden lieder ist weseusverschieden: Angantyr 
beklagt, daß der bruder die schätze, die er ihm so reichlich 
angeboten hat, nicht annehmen wollte. Er rechtfertigt sein 
verhalten, er ist nicht schuld an dem schlimmen ausgang. In 
den Hamdismal sagen die bruder kein wort zu ihrer recht- 
fertigung, nur huntturnk at dtsir, die disen reizten uns, das 
heißt: wir waren verblendet. Das erinnert ja an Angantyrs 
werte: illr er dömr norna, aber was damit ausgedrückt werden 
soll, ist beinahe das gegenteil. Angantyr fühlt sich vollkommen 
im recht, es war Schicksalsfügung, daß er den bruder töten 

') So im 'singenden knochen". Hier sind es bei Grimm nr. 28 nur 
zwei briider, von denen der ältere den jüngeren erschlägt, weil es nur 
dem gelingt, das große Wildschwein zu erlegen, aber in zahlreichen Varianten 
ist der gemordete der dritte brnder (vgl. Bolte-Polivka 1,260). 

■-) Eine ganz andere Verwendung des inotivs, daß die beiden älteren 
briider den jüngsten töten wollen, und daß dor sich dann besonder!^ aus- 
zeichnet, findet sich in der langobardischen sage von Grimoald. 



ZÜK .SAGE VUN KUMKNRICHS TOD. 2<>:'> 

mußte, aber luii' für ihn war es unentriiuibares gesdiick; Hl(^d 
war iiacli seiner ansieht niclit im reclit und niclit schuldlos, 
das hat er in der voi'lierg'ehenden Strophe deutlicli genug* aus- 
gesproclien : du liast es so gewollt; es ist ein unglück, daß icli 
dich töten mußte, aber die nornen haben es so gefügt. Das 
sind seine gedanken. Für Hamdir und SQrli ist hnottumh at 
iUsir nur eine erklärung ihrer eigenen Verblendung: wir 
hätten das nicht tun können, Avenn uns die disen nicht ge- 
reizt hätten. Auch in den Worten giimi inn gunnhelgi spricht 
sich die erkenntnis aus: wir hätten ihn nicht töten dürfen, 
\Venn man irgendwo in einem eddischen lied von einer 
tragischen schuld sprechen kann, dann ist es hiei". Daß der 
bastard ein mann ist. mit dem sich der edelgeborene nicht 
vertragen kann, kommt im Hamdirlied als anschauung des 
dichters mit keiner silbe zu wort, in der Hunnenschlacht 
nach meiner ansieht auch nicht, aber das zu erörtern gehört 
nicht hierher. 

Wo und wann die gestalt des dritten bruders eingefühlt 
wurde, wissen wir nicht. Ich könnte mir ganz gut vorstellen, 
daß sie schon von dem ersten dichter eifunden wurde, der 
F]rmenrichs tod als eine tat schwesterrächender brüder besang. 
Daß Jordanes schweigt, beAveist nichts dagegen. Für sehr 
wahrscheinlich wird man es trotzdem schwerlich halten, und 
selbst wenn es so gewesen sein sollte, es bliebe immer ein 
seeundäres motiv. hervorgerufen durch den auffallenden aus- 
gang der Unternehmung, die beinahe aber niclit vollständig 
geglückt ist. So mag man immerhin daran festhalten zu 
sagen: Erp wurde eingeführt, nm das feststehende ende zu 
erklären, nur sollte man sich hüten, nun auch wirklich eine 
nüchtern-rationalistische erklärung darin zu suchen und sieh 
so den weg zur Würdigung einer der stärksten nnd packendsten 
altgermanischen diehtnngen zu verbauen. Ich möchte mich 
lieber so ausdrücken: das feststehende ende des halb geglückten 
Überfalls liat den dichter angeregt, ihn mit dem dreibrüder- 
motiv zu verbinden und daraus eine schieksalstragödie zu ge- 
stalten, deren beiden in trotzigem auflehnen gegen die fügnng 
des geschickes zugrunde gehen. Man pflegt auch nicht zu 
sagen, Gottfried Keller habe 'Romeo und Julia auf dem dorfe" 
geschrieben, um das ihm aus der notiz der Züricher freitags- 



264 WESLE 

Zeitung bekannte feststehende ende des liebespaares, das die 
feindschaft der familien in den tod trieb, zu 'erklären'. 

Über die weitere entAvicklung der Ermenrichsage in 
Deutschland unter dem einfluß ihrer Verbindung mit Dietrich 
habe ich nichts neues zu sagen, aber ich möchte die gelegen- 
heit nicht versäumen, noch einmal nachdrücklich für eine 
ansieht einzutreten, die schon hie und da in ähnlicher weise 
ausgesprochen wurde, aber nicht viel anklang gefunden zu 
haben scheint. Ich sehe gar keinen grund, der dafür spricht, 
dsß Ermenrich an die steile Odoakers getreten sei. In den 
Quedlinburger annalen vertreibt er Dietrich auf anstiften 
Odoakers, in der späteren epik auf betreiben von Sibiche. 
Und die Übereinstimmung geht noch weiter: da Dietrich sein 
land wiedergewinnt, ist Ermenrich tot, Odoaker- Sibiche hat 
dazu beigetragen, ihn ums leben zu bringen, und hat die 
kröne an sich gebracht. Mit ihm hat Dietrich jetzt zu 
kämpfen. Ebenso erwirbt Theoderich Italien gegen einen 
mann, der seinen herrn gestürzt und sich selbst zum könig 
gemacht hat. Die Übereinstimmung ist so schlagend, daß man 
m. e. zu der annähme gezwungen ist, die sage, die aus der 
eroberung eine rückeroberung machte, habe sich die Vertreibung 
auch schon so gedacht: Tlieoderich wurde auf Odoakers be- 
treiben durch dessen herrn vertrieben, der dann selbst dem 
bösen ratgeber zum opfer fiel. Das stimmt aufs beste zur 
Überlieferung: im Hildebrandslied ist Odoaker die veranlassung 
für Dietrichs landflucht, in Deors Klage ist Ermenrich der 
gegner Dietrichs, der 30 jähre lang sein unglück auf der 
Maeringaburg erträgt. Daß die verse, die von Dietrich handeln, 
nicht etwa zufällig vor dem Ermenrichabschnitt stehen, ist 
wohl außer frage. Auch die Wielaudsage wird in zwei auf- 
einanderfolgenden versgruppen behandelt. Es ist ganz unnötig 
anzunehmen, daß in dem sicher sehr alten angelsächsischen 
gedieht schon eine jüngere sagenform zur geltung gelangt sei 
als im Hildebrandslied. Wenn man letzteres in mhd. Vor- 
stellungen übertragen will, muß statt Otacher nicht Ermenrich, 
sondern Sibiche eingesetzt werden. Ermenrich ist an die stelle 
von Odoakers ursprünglichem herin getreten, den man sich 
durch Odoakei' aufgehetzt dachte. Wie es kam, daß Odoaker 
später durch Sibiche verdi'ängt wurde, ist auch nicht schwer 



WE8LE. — BLÜMEL, ZUSAMMENSETZUNG DER VOOALE. 265 

ZU erklären. Sibiche-Bikki ist der böse ratgeber bei einer 
der beiden andei-eu iibeltalen Ermenrichs, er stammt aus der 
Harlungen- oder der Svanhildsage. Als Ermenrich zu Odoakers 
lierren wurde, hatte er zwei böse ratgebei-. Von ihnen mußte 
einer im laufe der zeit vei'schwinden. 

ERANKFURT a. M.. 8. märz 1921. CARL WESLE. 



ZUSAMMENSETZUNG DER VOOALE.i) 

Die vocale, um die es sich hier zunächst handelt, sind 
/, e, ((, 0. u {0, A s. unten), ö, ä. die nhd. dehnungen der mhd. 
kürzen /, e, a, o, u, ö, iL (Auch 0, A sind so aufzufassen, wenn 
es auch ihre entsprechungeu mhd. vielleicht nicht gegeben 
hat.) Alle diese nhd. laute sind enger als die betreffenden 
nhd. kurzen. Bei wird im gegensatz zu o, das '\ov u liegt', 
die zunge noch weiter zurückgezogen, die lippen werden noch 
mehr vorgestülpt, mit weiterem hohlraum als bei », der schall- 
raum scheint bis zur rächen wand einschließlich zu reichen; 
A übertrifft noch in allen diesen punkten das 0. der schall- 
laum scheint sich bis fast zum kehlkopf hinab zu erstrecken. 

Bei der erzeuguug der vocale, auch der hier nicht 
erwähnten (auch bei diphthongen), sind außer den uns be- 
kannten Sprachwerkzeugen auch noch gewisse rumpfmuskeln 
beteiligt. Am besten ist das zu erkennen, wenn man die 
oben genannten vocale singt 2) (bei O und A ist das freilich 
kaum möglich). Bei / und e zeigt sich dann ungefähr von 
den brustwarzen abwärts das gefühl. als werde eine sehne 

') Beispiele am Schlüsse. 

-) Singen in diesem sinne umfaßt alles, was ein festes tonliöhensj-stem 
hat, dazu gehurt auch der nicht taktraäßige katholische kirchengesang und 
das recitativ. Dagegen gehört der Sieverssche sington, Metrische Studien 4, 165 
mit dem sprechton zusammen zum sprechen. Siugton z. b. Hetß mich nicht 
redoif heiß mich schiceigcii . . .. sprechton z. b. Ah noch rcrlannt und sehr 
gering . . . 



266 BLÜMEL 

nach li in teil angespannt (die zu / gehörige ist nach oben und 
unten länger und straffer als die für e). also ein zug; ü hat 
je einen aufwärts und abwärts gehenden muskelschub. 
ungefähr in zwei senkrechten breiten bahnen, die in der mitte 
ihrer breite die brustwarzen enthalten, bis fast zum ende des 
rumpfes oben und unten, bei a beginnen beide an der taille, 
bei den folgenden vocalen sind die ausgänge dieser muskel- 
schilbe von der taille immer weiter entfernt, so daß sie immer 
kürzer werden, o hat auch noch die nmkehrung der scliübe 
von a. Bei den umlauten ä (von mlid. ^7), ö, ü ist außer einem 
i-zug ebenfalls ein umgekehrter, also gegen die taille ge- 
richteter doppelschub vorhanden. Das gilt auch z. b. von dem 
Umlauts-^ süddeutscher mundarten (mit umgekehrtem schub 
von a). 

Singt man nun die vocale i, c, a, o, ii. so hat man in 
allen tonhöhen — die tonliöhe kann in gewissen fällen mit 
dem vocal unverträglich sein, wie allzu große tiefe mit /, allzu 
große höhe mit u — jedesmal die der einstellung im ausatz- 
rohr entsprechende im rümpf, also i ^- iJ) e |- c, a + a, 
+ 0, u 4- «, auch ä + ä, ö -\- ö, ü -f i'- 

Anders verhält es sich beim sprechen. Ich kann schon 
ansatzrohr- und rumpfeinstellung des i beim sprechen ver- 
binden, etwa wenn mich jemand auffoi\Iert, die '5' vocale des 
nhd. der natürlichen reihe nach zu bilden — außerhalb des 
Satzzusammenhanges — aber für die hebungen der prosa 
und der dichtung gilt das gesetz, daß ansatzrohr- und rumpf- 
einstellung stets verschieden sind. Die rumpfeinstellung a 
fällt hier aus, ö, ü scheinen nur zu besonderen zwecken ver- 
wendet zu werden, wir bekommen also i + e, i -f o, \ -[- u, 
e -f i, 6 + 0, e H M • • • ö + / ... usw., etwa noch i + 0, 
\ + A usw., aber niemals \ -\- i, e + e usw. 2) 

Das geht soweit, daß sogar die zungen- und lippen- 
einstellung — vermutlich alle veränderlichen Sprachwerkzeuge 
vom kehlkopf einschließlich aufwärts — bei den gesprochenen 
hebungsvocalen im sinne des vocalbestaudteiles beeinflußt 

1) Im folgenden geht antiqna auf einstellung des ansatzrohre?, cursiv 
auf die des runipfes, wo l)eide unterschieden werden. 

'^) Hier ist zu beachten, daß und verschiodene vocale sind, 
ebenso a und A. 



ZUSAMMICNSETZÜNG DER VOC'ALR. 267 

werden, der im rümpfe gebildet wird. Habe ich z. b. ansatz- 
rolir-a und rümpf-/, so liat die zunge ein 'bestreben', die 
i-stellung- einzunehmen, sie ist gegenüber der reinen a-stellung 
etwas gelioben und vorgeschoben, sie möchte sich an den 
harten gaumen anlegen; die ecken dci- lifjpen sind etwas 
weiter auseinaiidergezogen, der mund ist nicht mehr rund- 
licli, sondern der spaltform angenähert. Ist ansatzrohr-a mit 
rumpf-^f verbunden, so ist die zunge gegenüber der reinen 
a-stellung etwas zurückgezogen, die lippenöffnung ist kleiner 
als beim reinen a, die lippen sind etwas vorgestülpt. Auch 
bei allen übrigen Verbindungen von ansatzrohr- und davon 
verschiedenen rumpfvocal ist der widerstreit deutlich zu be- 
merken, die Wirkungen von c und o sind nicht so deutlich 
wie die von / und «, aber doch gut wahrnehmbar. 

Im Satzzusammenhang ergeben sich also (zunächst bei den 
hebungsvocalen) eine reihe von klangfarbenmischungen. 
sie fallen besonders auf, wenn man das wort genau wie es 
im Satzzusammenhang gesprochen worden ist, mehrmals wieder- 
holt, namentlich a ^- i klingt dann fast Avie ä. 

Noch eine wichtige erscheinung hängt damit zusammen. 
Ein gesungener vocal kann — abgesehen von gewissen 
grenzen — in jeder beliebigen menschenmöglichen höhe ge- 
sungen werden, der gesprochene (liebungs-)vocal, bei dem 
ansatzrohr- und rumpfeinstellung gleich sind, ist in ganz enge 
schranken eingeschlossen. (Man darf sich nicht darauf berufen, 
daß je nach der Stimmung usw. sehr viele höhenlagen gegeben 
sind — innerhalb der einzelnen hühenlage sind die grenzen 
recht eng.) Ein i tiefer, ein u höher zu stellen, als es an 
sich steht, ein a, ö usw. beliebig hoch zu stellen, so wie es 
die satzmelodie verlangt, wäre also unmöglich, wenn wir stets 
i -f ?', u + n, a f a usw. hätten. Möglich wird das dadurch, 
daß die rumpfeinstellung und damit die tonhöhe -wechseln 
kann, d. h. die tonhöhe de,^ gesprochenen hebungsvocals, damit 
die ganze satzmelodie, richtet sich nach dem rumpf- 
einstellungsvocal; dessen tonhöhe ist A^on der Stimmung 
im Zusammenhang usw. abhängig, die reiheufolge ?' — e — a — o 
— M — — Ä (hoch — tief) bleibt stets dieselbe. Ein i hat also 
je nachdem die höhe eines e (oder, da man c allein nicht er- 
zeugen kann, von e + f) usw., je nachdem es mit der rümpf- 



268 BLÜMEL 

einstellung von c usw. verbiuiden ist. (Über eine ausnähme, 
sowie über Wechsel von rumpfeinstellungen während einer 
silbe s. unten). Gleiches gilt für jeden anderen vocal. z. b. 
nhd. V < mhd. r, auch für die sonanten der diphthonge. — Im 
allgemeinen haben Avir die rumpfeinstellungen / e (hoch) und 
als gegeusatz dazu o ii (tief; auch und .1 sind tief und 
dem ?■ und c gegensätzlich). — Es gibt verschiedene t(m- 
höhenstufen einzelner rumpfeiustellungsvocale, bezeichnendei- 
weise steigt diese zahl von unten nach oben, A^gl. meine 
Einführung in die sj^ntax. s. 228 fl". 

Nun kann es vorkommen, daß an gewissen stellen, z. b. 
am ende eines verses oder eines prosafragesatzes, die höhe 
von / verlangt wird und doch der hebungsvocal i ist. In diesem 
falle wird ausgewichen, d. h. die rumpfeinstellung ist dies- 
mal die des benachbarten vocals (e), nicht i. aber die tonhöhe 
ist doch die von i, also ist die tonhöhe von c geändert, die 
höhe der satzmelodie bleibt. Das zeichen für diese Ver- 
schiebung ist c; für 0, das au stelle von c tritt, o. usw. 

Man kann also die tonhöhe der hebungen einfach durch 
/ e u Ä angeben, wobei anstelle von / auch e\ für e auch /. 
oder 0' stehen kann usw.; handelt es sich auch noch um die 
klangfarbe, dann kann auf die angäbe von etwaigem c usav. 
nicht verzichtet werden. 

Die senkungsvocale haben die rumpfeinstellung der 
hebungen, zu denen sie nach der natürlichen gliederung des 
verses oder des entsprechenden teiles der ungebundenen rede 
gehören, in der nhd. dichtung sind die rumpfeiustellungsvocale 
der Senkungen weit, in den nhd. prosasenkungen gibt es noch 
schwächere einstellungen. Bei den senkungsvocalen kann i 
und ?, u und u usw. zusammen auftreten. 

Indem die hebungshöhen feststellbar, die Senkungssilben 
in der tonhöhe von den hebungssilben abhängig sind, ist, 
sobald ihre beziehung zu den hebungshöhen angegeben wird, 
die ganze satzmelodie gegeben. Freilich darf man nicht fordern, 
daß sie damit schon mit allen Schwingungszahlen vor einem 
steht. Doch läßt sich sagen, in welcher breite ein / usw. in 
einem satze. einem verse oder einem redeabschnitt (strophe, 
absatz usw.) schwankt. 

Die satzmelodie, auch so wie sie hier wiedergegeben wird. 



ZUSAMMENSETZUNG DEU VOCALE. 269 

ist etwas im weiteren sinne stilistisches, das syntaktische 
ist daraus noch nicht ohne weiteres abzulesen. Die haupt- 
silbe eines nominalprädicates kann z. b. einmal denselben ton 
haben wie ein andermal die hauptsilbe eines subjects oder 
accusativobjects. Gewisse satzmelodien (die nur zwischen / 
und n wechseln), sind noch dazu in dieser beziehung recht 
undurchsichtig. Doch lassen sich die unterschiede von satz- 
bedeutungen (behauptungs-, fragesatz) oft sofort ablesen, vgl. 
meine Einführung in die syntax, s. 228 f. Namentlich für die 
melodien mit weniger satztönen kommen dabei die abstufungeii 
von / usw. in betracht. Dabei kann man beobachten, daß 
gewisse tongänge, Verbindungen von satztönen fest sind, unter 
umständen muß sich der tongaug in einer silbe vollziehen, 
vgl. die beispiele, somit bekommt diese zwei rumpfeinstellungen. 
also syntaktisch zwei tiuie, etwa ii und / im fragesatz. 

Ein syntaktisches System der satz- und satzteiltöne kann 
auf folgende weise zustande kommen: zuerst handelt es sich 
um die verschiedenen satzschlüsse als ausdruck von satz- 
bedeutungen. Was die töne der einzelnen Satzteile betrifft, 
so werden alle sätze mit besonderen gefühls- und mit gegen- 
satztöuen beiseite gelassen, innerhalb der übrigbleibenden sätze 
wird jedesmal innerhalb einer gewissen Stimmung eine reihen- 
folge von toudifferenzen aufgestellt, zwischen der reinen ton- 
höhe des Wortes — z. b. gäbe außerhalb des Satzzusammen- 
hangs mit «, liehen ebenso mit umlauts-e usw. — und dem 
jeweiligen satzton, wobei immer subject, accusativobject, prä- 
dicat usw. unterschieden werden. Dabei ist jeder satzschluß- 
ton besonders zu untersuchen, auch noch zwichen vollton und 
enclise sowie proclise zu scheiden. Wahrscheinlich ergeben 
sich auf diese weise gewisse feste unterschiede von subjects- 
ton, objectstönen usw., ihr maß ist die differenz der reinen 
tonhöhe und des jeweiligen satztous. Man kann ja auf grund 
des satztones angeben, daß ein bestimmter satzteil nur subject 
oder accusativobject sein kann, sowie daß der ton des accusativ- 
objects bei allen, die als auszeichnenden ton den höheren 
haben, höher ist als der des subjects, sonst tiefer. So kann 
man auch unterscheiden, ob die lampe ! als subject aufzufassen 
ist = der leuchter ! ('paß auf, die lampe fällt gleich um') oder 
als accusativobject = (?m leucJäcr! ('gib mir die lampe herüber*). 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. J>6. \% 



270 BLÜMEL 

— Dann kann man die besonderheiten von gefühls- und gegen- 
satztönen untersuchen, sowie die frage, wieweit hier und in 
den satzschlußtönen die töne der Satzteile noch bemerklich 
sind. — Gewisse Stimmungen steigern bekanntlich die Ver- 
schiedenheit der töne, andere mindern sie. Vermutlich werden 
sich doch die Verhältnisse der töne in den verschiedenen 
Stimmungen ungefähr gleich bleiben, etwa so, daß das Ver- 
hältnis von vollton des subjects, accusativobjects und substantiv- 
prädicats immer gleich a : b : c ist, wobei a b c feste zahlen 
sind oder in ganz geringen grenzen schwanken. 

Also läßt sich die satzmelodie wissenschaftlich bestimmen 
(natürlich auch durch reine anschauung richtig ablesen), weil 
wir ja, wenigstens in der heutigen Schriftsprache und den 
uns bekannten sprachen und mundarten die satzschlußtöne, 
die töne der Satzteile, die gefühls- und gegensatztöne alle be- 
herrschen und anwenden, und im zweifelsfalle die probe mit 
den rumpfeinstellungsvocalen macheu können. Es hat sich z. b. 
in verschieden fällen (durch beobachtungen von Sievers) er- 
geben, daß nur eine lesung, die 'hochdeutsche' oder die 'nieder- 
deutsche' richtig ist, es wird sich nachweisen lassen, daß nur 
eine richtig sein kann. Denn es ist ganz unmöglich, daß alle 
worttonhöhen zwischen den zwei in betracht kommenden 
rumpfeinstellungsvocalen in der mitte stehen, z. b. niemals die 
von i und u. Und niemals entspricht z. b. eine lesung mit 
der klangfarbe a + u, wo der text a 4- i verlaugt. 

Zum Schlüsse hebe ich noch hervor, daß mit den rumpf- 
einstellungen offenbar die formanten ursächlich zusammen- 
hängen, d. h. begleitkläuge, die das wesen jedes vocals mit- 
bestimmen. Demnach tritt also ein gesprochenes hebungs-a 
im Satzzusammenhang je nachdem mit i-, u- oder anderen 
formanten, nie mit dem a- formanten auf, usw. (Man kann 
zwangsweise die rumpfeinstellung bei den vocalen ausschalten 
und erhält dann vocalähnliches, das sich immer noch, aber 
lange nicht mehr so deutlich als 'I', 'E' usw. unterscheiden 
läßt (die ausschaltung des ansatzrohres ist unmöglich.) Daß 
man den Zusammenhang der bisher unbekannten rumpfein- 
stellungen und der formanten nicht erkannt hat, liegt darin, 
daß die versuche mit gesungenen und zuletzt mit künstlich 
erzeugten, nie mit gesprochenen vocalen angestellt wurden; 



ZUSAMMENSETZUNG DKli VOC'ALE. 271 

gesuugeiie vocale waren notwendig, wenn man ganz bestimmte 
beliebig wechselnde tonliöhen untersuchen wollte. 

Die vorliegenden beobachtungen sind an unseren heutigen 
nhd, gesprochenen vocalen gemacht; sie betreffen aber das 
wesen der vocale und gelten daher für jede ausgebildete 
spräche zu jeder zeit, ausgenommen solche, wo die Wort- 
bedeutung immer mit der tonhühe verbunden ist. 

Vorbemerkungen zu den beispielen. 

1. Der gewöhnliche einwand gegen darstellungeu fremder sjjrach- 
nielodie ist der: für die richtigkeit gibt es keine gewähr. Ich wähle daher 
.selbstverfaßtes, von dem ich genau weiß, wie ich es vortrage. 

2. Der einfachheit halber lasse ich hier im druck nur die grenzen 
des absatzes und der reihe, sowie die hebungen und die pausen 
hervortreten. Im gewöhnlichen druck wird mit dem neuen absatz eine 
neue zeile begonnen, gewöhnlich bei jedem absatz eingerückt, ich bezeichne 
den beginn des absatzes durch besonders große aufaugsbuchstaben. Reihe 
ist in der prosa das, was mit oinem atem gesprochen wird = Atemabschnitt 
nach Klemm, Beitr. 37, 4f. 

Ich beginne hier mit jeder reihe eine neue zeile. Über die souanten 
der hebung oder das was ihm in der rechtschreibuug entspricht ('e' in ai, 
'rt' in «»), setze ich zur angäbe der tonhöhe je nachdem i, e. o oder u; 
pausen bezeichne ich nach Klemm a.a.O. mit zwei punkten. — In der 
tonhöhe sind sich gleich: / r 

i. e 0- 
e. «• 

0. H 

Aus Rolf Tanner, Erzählung, Stuttgart und Berlin 1914, 
s. 6: Blick auf den garten. 



A 



wie schön I 

« U tl II 

Wie ein breiter flnß wogte die wiese dahin, 

i e i e 

begleitet von hochgebuschten baumufern. 

U 

Ein schmaler streif . . 

i e i 

lag noch in ernstem schwarzem schatten, 

U u o 

launisch und lässig wirbelten und ruhten 
funkelnd im sonnenglauz 



18* 



272 BLÜMEL 

« ;/ 

weiße düime nebelgespinste . ., 

e e' e e' i. 

sie umschleierteu wieder die schwarzen inseltiecken, 

« 

die sich vom gründe losgerungen hatten, 

e fr 

und gaben sie zögernd wieder frei. 
Ebenda: Aussicht auf der Wasseikuppe. s. 32: 

o 

Eti w n o u 

ndlich standen sie hochatmend in der scharfen windbrandung, 

e i 

die bald gleichmäßig strömend, 

O W U u 

bald in kurzen stoßböen über den gipfel eilte. 
Ringsum in der weite zerstreut 

MO U 

grüne inseln im windmeer, 

I. i c i 

nun hell, grellgelb aufzuckend, 

U OHO 

dann in biaugrauem schatten niedergedrückt; 

e i 

unter ihren fußen 

U O U 

zierlich gedrechselt, spitz aufzüngelnd, 

e i 

das kleine wachtküppel, 

o. n o 

einen kurzen anlauf auf dem grasigen grat, 

e 

schwupp . ., 

und mau war drüben 



A, 



Lber nun rechts,*) 

e i e e' 

eine Viertelstunde weit mochte es hin sein . . , 

e' e e' 

eine finstere schwarze klippe, 



*) 1. 3. 5. 7. 9. reihe mit baßvocalen, vgl. eine spätere berichtigung. 



ZUSAMMENSKTZUNG DEK VuCALK. 273 

e l ei 

auf deren gipfel jäh drei weiJie kreuze 
uml dann Aveiter unten . . 

I c i e i 

ein heller streif buchenwald aufleuchteten; 

die wand schimmerte nun rötlicli aus dem düstern wolkeublau 

e i e 

und trat liart, wie gemeißelt, hervor, 

dann war nur wieder ein schwarzer schatten 

in finsterem grau. 

T , „ , 

Ist das die Milseburg, 

e i 

der schwarze berg, 

u i u 

der so ganz allein dasteht, 

e 1 

weil sich die anderen vor ihm fürchten?' 

«( i II 

'Ja, das ist die Milseburg.' usw. 

Der Ursprung des griechischen bereichsaccusativs und 
anderes, IF. 33, Iff., s. 74/5: 

f b. i h. e 

Allgemeineres über die hier angenommene eutwickluug.') 



Di 



ie geschichte des bereichsaccusativs und des daneben vorkommenden 

e i c 

gebrauchs von präpositionen mit accusativ 
gehört in einen größeren Zusammenhang, 
nämlich in die geschichte des accusativs, der später durch präposition mit 

h, i b, i, 

accusativ ersetzt wird. 

e i h. e f 

Die allgemeinen züge der entwicklung sind diese: . . 

t e i e 

Nach einer anfänglich der anschauung genügenden form 
1) h. = baflvocal. 



274 BLÜMEL 

(bloßer accusativ), 

i ei ei 

die allmählich iu der bedeutuug erweitert wird nud damit verblaßt, 

e i i: > 

kommt eine andere mit lebhafterer anschaiumg verbimdene auf . . , 

h. i b. t 

(Präposition mit accusativ). 

i e i e i e f 

Die alte erscheinung hält sich nur mehr iu weniger auschaulicLeii gebieten 

f e' c i e i 

und deren fortentwicklungen, die keine anschauliche form nötig haben: 

e i 

accusativobject: 

e i 

accusativ der gemessenen entfernuug, 

e i 

accusativ der Zeitdauer . ., 

6. I h. e 

und accusativ des bereichs. 

e i e e' c 

Vergleiche damit die teilweise ablösuug des artikellosen Substantivs 

c- e 

durch artikel und Substantiv 

I e b. i b. e 

im germanischen, griechischen, romanischen. 

e i (' I 

Daß sich der accusativ des bereichs überhaupt gehalten hat, 

(■ t e i 

daß er nicht in viel weiterem umfange oder ganz durch präposition mit 

e i 

accusativ ersetzt wurde, 

e i e 

kommt daher, daß die bedeutuug, die man auszudrücken hatte, 

i e 

als ganzes schon unanschaulich geworden war, 

i i. b. i b. e 

als sich der gebrauch der präpositionen entwickelte. . . 

e i e b. i b. e 

Damit haben wir einen anhaltspunkt für die entstehuugszeit des bereichs- 
accusativs. 

MÜNCHEN. EÜDOLF BLÜMEL. 



REIM UND TONHÖHP: IM NEU- 

hochdp:ut80hen.o 

Im allgemeinen wird man bei nlid. gedichten mit vier 
tonliöhen der liebungen auskommen. Man kann sie nach dem 
vorausgegangenen aufsatz 'Zusammensetzung der vocale' mit 
/, e, o, u bezeichnen.'-) Dabei ist davon abgesehen, daß diese 
töne in ihrer gesamtheit z, b. in einer Strophe höher, in einer 
anderen tiefer stehen. Es sind nur die tonhöhen zu ver- 
gleichen, die unmittelbar miteinander in beziehung stehen. 

Zwei hebungssilben, 3) die im reim stehen, haben ein ton- 
höhen Verhältnis. Es sind vier fälle möglich: 

Die tonhöhen sind: 

1. gleich, 

2. gegensätzlich, d. h. die eine ist die höchste, die 
andere die tiefste, also i und u, 

3. einander nahe, d. h. sie folgen einander in der töne- 
reihe unmittelbar (es treten also i und e, e und o, o und u 
zusammen), 

4. verschieden, d. h. sie folgen sich nicht unmittelbar, 
sind aber auch nicht gegensätzlich, also sind i und o oder e 
und u verbunden. 

Auf die reihenfolge ungleicher*) tonhöhen (fall 2. bis 4.) 
kommt es nicht an. 



Aus der festschrift für Eduard Sievers zum 70. geburtstag. 

'^) Auf die Senkungssilben habe ich leider erst zu einer zeit ge- 
achtet, wo ich wegen Überarbeitung nicht mehr eingehend untersuchen 
konnte. Einige Stichproben ergaben bei weiblichen reimen steigen der 
Senkungssilbe über die hebung hinaus iu hoher läge (den tonhöhen i und e), 
fallen unter die hebung in tiefer läge (den tonhöhen o und u). Die 
tonhöhe der senkungssilbe(n) steht sicher in einem festem Verhältnis zu 
derjenigen ihrer hebung, denn hebungssilbe und senkungssilbe(n) im reim 
gehören immer zu demselben natürlichen fuß. 

^) Über drei und mehr vgl. s. 284. 

*) Ich scheide scharf verschieden = fall -i. von ungleich 
= fall 2. bis 4. 



27b BliÜMEL 

1. Der g-ewölinliche reine reim und der wiederLolungs- 
reim (s. s. 277) haben gleiches oder gegensätzliches ton- 
höheu Verhältnis; 

2. jeder reim, der nocli als solcher empfunden wird, 
bei dem aber etwas nicht ganz in Ordnung ist, hat das 
nahe tonhöhen Verhältnis: hieher gehören klebereime (mit 
ungenauigkeit in der Senkung), unreine reime (mit uugenauig- 
keit in der hebung), halbreime oder assonanzen, rührende 
reime, endlich reime mit mehr als einer derartigen un- 
gewöhnlichkeit ; 

3. ist das tonhöhenverhältnis das verschiedene, so liegt 
nur scheinreim vor. 

1. Keiner reim mit gleichem oder gegensätzlichem 
tonhöhenverhältnis. Vgl. 'Der gott und die bajadere' von 
Goethe,!) dazu aus Uhlands 'Graf Richard Ohnefurcht', z.25fl:. 
und 49 f.: 

Mahaclöli, der heir der erde, o 

Kommt herab zum sechsten mal, i 

Daß er unsersgleichen werde, o 

Mitzufühlen freud uud quäl. n 

Er bequemt sich hier zu wohnen, e 
Läßt sich alles selbst geschehn. u 

Soll er strafen oder schonen, e 

Muß er menschen menschlich sehn. u 

Noch hatt' er nicht gebetet lange, / 1 

Da rührte hinter ihm im gange / j 

Der leichnam sich auf dem gestelle; ii ] 
Der graf sah um und rief: •geselle, / J 

Du seist ein guter oder schlimmer, i [ 

Leg dich aufs ohr und rühi' dich nimmer!" u | 



Hat sie"'') vom stuhle weggenommen. u \ 
Wohl mancher war' nicht wieder kommen, u j 

Reine reime sind auch solche, wo die einzige ab weichung 
der hebungssilbe in dem verschiedenen silbenaccent be- 
steht, vgl. Uhlands Einkehr, str. 4: 



1) Wo im folgendeji keine .»^itrophe usw. angegeben ist, liegt immer 
der aufang des gedichtes vor. 
") Die handschuhe. 



HEIM UND TONHOIll'; IM NKITHOCHDEDTSCIIEN. 2/r 

Icli fand ein bett zu süßer rnh \rü.\ e. 

Auf weichen grünen matten, 
Der wirt, er deckte selbst mich zu \tsü] e 
Mit seinem kühlen schatten. 

13esgleicheu in Schillers Grafen von Habsburg, sti\ 5: 

Sü des siing-ers lied aus dem inneren schallt o 
Und wecket der dunkeln gef'ühle gewalt o 

(langes und kurzes Z). ') Gleich ist nämlich der silbenteil mit 
der größten klangfülle (Sarans \silbenkamm'), darüber hinaus 
steigt oder fällt die geschleifte silbe noch weiter, doch das 
kommt hier nicht als Avesentlich in betracht. Immerhin empfand 
Leskien solche reime als störend, weil er als Holsteiner für 
solche unterschiede besonders empfindlich war.-) Doch können 
sie im Zusammenhang bis zu einem gewissen grade ausgeglichen 
werden. — Für den Wiederholungsreim vgl. Schillers Bürg- 
schaft, Str. 17 und Storms Stadt, str. 1, vers 2 und 5, für 1 
und 4 vgl. s. 284. 

Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht i 

Ein retter willkommen erscheinen, 

So soll mich der tod ihm vereinen. 

Des rühme der blutge tyrann sich nicht. i 

Daß der freund dem freunde gebrochen die 

[pflicht, 

Am grauen Strand, am grauen meer 

Und seitab liegt die Stadt; / 

Der nebel drückt die dächer schwer 

Und durch die stille braust das meer 

Eintönig um die Stadt. u 

Der Wiederholungsreim ist vom rührenden reim scharf 
zu scheiden. Dieser braucht zweierlei: 1. phonetische gleich- 
heit des consonantischen anlauts, der deckung des reimstücks 
(in dämmerung ■ Weigerung ist -fung die reimstrecke, -img das 
reimstück, r die deckung) oder ungedecktheit beider reimstücke 
(zusammeut'all von reirastrecken und reimstücken), vgl. Cypria 
: Urania in Schillers Künstlern, s. unten (a mit leisem einsatz. 
fester dagegen wäre eine deckung). 2. Bedeutungsverschieden- 

') Sievers, Grundzüge der phonetik 5, s. 260. 

'-) Nach freundlicher mitteilung von herrn professor ütreitberg. 



278 BLÜMEL 

heit des ganzen wortes;i) das ist die bequemste fassung,-) in 
Wirklichkeit handelt es sich um die damit verknüpften, sehr 
verwickelten tonhöhenfactoren, s. s. 287 ff. Zweimaliges aw 
usw. in verschiedenen unfesten Zusammensetzungen, selbst bloß 
teil von verschiedenen bedeutungsganzen, kann wiederholungs- 
reim geben, anscheinend nur dann, wenn jedes an von seinem 
verb getrennt ist, vgl. in Schillers Siegesfest, str. 3: 

Und deu hoben göttern zündet 
Kalchas jetzt das opfer an. u 

Pallas, die die städte gründet. 
Und zertrüiumert. ruft er an / 



Zwei -heit oder -lieit dagegen mit verschiedener bedeutung 
und lautgestalt der gesamtwörter ergeben rührenden reim, 
s. s. 280.3) 

2. Nahes tonhöhenverhältnis bei reimen, bei denen etwas 
nicht ganz richtig ist, die aber noch als solche empfunden 
werden. Von kleb reimen habe ich bisher nur weibliche, 
keine gleitenden gefunden, gleitende klebereime sind aber 
offenbar möglich.^) In der senkungssilbe haben wir: 

1. gleiche zahl der mit dem sonanten beginnenden silben- 
laute, aber eine Verschiedenheit, selten sonantisch, meist con- 
sonantisch, oder mehrere, 

2. einen oder mehrere überschüssige laute in der einen silbe, 

3. beide Unregelmäßigkeiten zusammen. 

Für 1. vgl. Rückerts Barbarossa und Eichendorffs Mond- 
nacht: Der alte Barbarossa, e 
Der kaiser Friederich, 
Im unterirdscben schlösse i 
Hält er verzaiibert sich. 

Es war, als hätte der himmel e 
Die erde still geküßt. 
Daß sie im blütenschimmer i 

Von ihm mm träumen müßt." 



') Zusammensetzungen gelten dabei als ein wort. 

■^) W. Grimm, Zur geschieh te des reims, Abhandlungen der kgl. akademie 
der Wissenschaften zu Berlin 1851, erschienen 1852, s. 523. 

^) Auf Aveitere einzelfälle gehe ich hier nicht ein. 

*) Vielleicht kommen sie überhaupt nicht vor, denn gleitende reime 
sind im gegensatz zu weiblichen (und männlichen) selten und fallen daher 
ganz besonders unter die aufmerksamkeit des dichtere. 



REIM UND TONHÖHE IM NEUHOCHDEUTSCHEN. 270 

Für 2. vgl. von Eichendorlf Das zerbrochene ringleiu und 
Das bilderbucli 8 ff,: 

In einem kühlen gründe, e 

Da geht ein mühlenrad, 
Mein' liebste ist verschwunden, * 

Die dort gewohnet hat. 

Wie ein kind im frühlingswetter c 

Fröhlich bilderhücher blättert o 



3. kann ich nur in einem aucli ungenauen reime belegen 
(g : h), Eichendorff, Vom heiligen eremiten Wilhelm, str. 8: 

Kommst ans Frankreich, frommer pilger, e 
Hör' der heimat laut so gern! 
Kennst du dort den grafen Wilhelm, / 
Meinen vor'gen landesherrn? 

Für vocalisch ungenauen reim vgl. Schillers Bürgschaft, 
str. 15 und seinen Ring des Polykrates, str. 5: 

Da schimmern in abendrots strahlen 

Von ferne die zinnen von Syrakus, e 

Und entgegen kommt ihm Philostratus / 



Doch Avarn' ich dich, dem glück zn trauen, 
Versetzt er mit besorgtem blick. u 

Bedenk, auf ungetreuen wellen. 
Wie leicht kann sie der stürm zerschellen, 
Schwimmt deiner flotte zweifelnd glück. n 

Oonsonantisch ungenauen reim weist z. b. Schillers Berg- 
lied auf, Str. 3: 

Vier ströme brausen hinab in das feld: o 

Ihr quell, der ist ewig verborgen; 

Sie fließen nach allen vier Straßen der weit: e 



Vocalisch und consonantisch ungenauer reim liegt z. b. in 
Schillers Kranichen des Ibykus vor: 

Zum fest der wagen und gesänge, 

Das auf Korinthus' landesenge 

Der Griechen stamme froh vereint, e 

Zog Ibykus, der götterfreund. o 

Für den halb reim oder die assonanz vgl. Die gründung 
Karthagos von Platen: 



280 BLÜMEI. 

Vor der goldbegier des bniders, 
Der nach ihren schätzen schnaubt, 
Der in ihres gatten busen 
Sein verrnchtes schwert getaucht, 
Flieht hinweg die schöne Dido 
Aus sidouischen heimatau'n, 
Nimmt mit sich gehäufte schätze, 
Nimmt mit sich des gatten staub. 



Der halbreim oder die assonanz imtersclieidet sich vom 
uugenauen nicht in der art. sondern im grad der empfundenen 
ungenauigkeit, die durch die häufigkeit des halbreimes bedingt 
ist. und die anwendung (namentlich klebt der halbreim häufigj 
was der ungenaue reim ganz selten tut). — Belege für 
rührenden reim aus Schiller. Der gang nach dem eisen- 
hammer. str. 10, Die künstler, v. 137 ff.. Die götter Griechen- 
lands, drittletzte Strophe; aus Wielands Gandalin 2, 52 ff.: 

Mich reuets jetzt, daß mirs entfahi'en; e 
Denn herr, was habt Ihr zu befahren? i 

Sie selbst, die sanfte Cypria, c 

Umleuchtet von der feuerkrone, 
Steht dann vor ihrem münd'gen söhne 
Entschleiert — als Urania i 



Unbewußt der freudeu, die sie schenket. 
Nie entzückt von ihrer herrlichkeit, e 
Nie gewahr des geistes, der sie lenket, 
Sel'ger nie durch meine Seligkeit i 

Allmählich [gott sei drum gelobet!] 

Spielte ihr altes, wohltätiges spiel 

Die Phantasie, taucht' ins gefühl 

Des gegenwärtigen alle bilder 

Der schmerzlich süßen Vergangenheit, / 

Alles wird dumpfer, dämmernder, milder 

Und schwimmt in lieblicher Ungewißheit; e 

Vgl. dagegen genauen reim von -heit : -Jceit Schiller, Das 
ideal und das leben, str. 9: 

Alle zweifei, alle kämpfe schweigen 
In des Sieges holder Sicherheit: i 

Ausgestoßen hat es jeden zeugen 
Menschlicher bedürftigkeit. u . 



REIM UND TONHÖHE IM NEUHOCHDEUTSCHEN. 281 

Mehr al.s eine von diesen ungenauigkeiten kommt in einem 
reim selten vor, abgesehen von den halbreimen, die häufig 
kleben, vgl. Uhlands romanze vom kleinen däumling, st r. Off.: 
Welches herz muß nicht erzittein, 
Wie du lagst im riesenhause o 

Und den Ogev hörtest nahen, 
Der nach deinem fleisch o^eschnaubet! u 

Auch die übrigen paare von ungewöhnlichkeiten sind zu 
belegen, doch bescliränke ich mich auf die auffallendste vei- 
bindung, die von ungenauem und rührendem reim in Schillers 
Taucher, str. 18: 

Da zeigte mir gott, zu dem ich rief. ? 
In der liüchsten, schrecklichsten not, 
Aus der tiefe ragend ein felsenriff e 



3. Scheinreim mit verschiedenem tonhöhen Verhältnis. ') 
Wenn sich in prosa, abgesehen von reimprosa, und in versen, 
die an sich keinen reim dulden, lautlich zufällig ein solcher 
ergibt, so ist der scheinreim mindestens berechtigt, vgl. Novalis, 
Heinrich von Ofterdingen, Minors ausgäbe (4. band) s. 55 und 
115 (I. teil, l.cap., 2. abs., 15, 3. abs.), wo jedesmal dem nahen 
tonhöhenverhältnis ausgewichen wird, u steht für o, und Hebbel, 
Epigramme und verwandtes, 5. Ethisches, Selbstvernichtung 
in der selbsterhaltung (ich führe zum vergleich auch noch 
den Schluß mit den gewöhnlichen tonhöhen an): 

Berauscht von entzücken und doch jedes eiudruckes bewußt, 

i e o ' e 

schwamm er gemach . . .'-) dem leuchtenden ströme nach, 

i e i e u 

Ein mönch erschien und las eine messe, 

! e 

nachher sprach er ein feierliches gebet, 

i e 

worin er den himmel anrief, . . . 

i e 

die bergleute in seine heilige obhut zu nehmen, 

i e o 

sie bei ihren gefährlichen arbeiten zu unterstützen 

i e u 

vor anfechtungen und tücken böser geister sie zu schützen, . . . 

t e o i e 

und ihnen reiche anbrüche zu bescheren. 

e o II 

') Vgl. auch noch s. 286. -) Paiise. 



282 BLÜMEL 

Du verleuguest dich selbst? Warum denn? Ich will mich behaupten, 
Und man duldet mich nicht, zeig- ich mein wahres gesiebt I /, o 

Aber behauptest du dich, indem du dich heuchelnd vernichtest V 
Lebst du noch selber? Es spukt dann ja ein schatten für dich! i, i/. 

Vgl. damit die anwendung des wirklichen reims in Rudolf 
V. Gottschalls Naturfrieden und in einem gedieht Seumes: 

Hier im stillen tal an der bergeshalde, / 

Friedlich rings umkränzt von verschwiegnem walde / 

Wo der schilt im teich, wenn der abend düstert, / 

Träumerisch flüstert: / 

Die nachtigallen saugen so lieblich nie, / 
Wie deiner stimme magische melodie, / 
Und ist mir je ein lied gelungen, / 

Hab ich es. liebste, dir nachgesungen, ii 

Die gereimten öden von Gottschall wirken als mischform 
nicht überzeugend, Seumes gedieht hat diesen fehler nicht, 
aber deswegen, Aveil es überhaupt nicht mehr den eindruck 
einer ode macht, i) 31 au vergleiche damit die fälle, wo in 
einem gereimten gedichte, dem der (genaue) reim an sich zu- 
kommt, zwei Zeilen, die sonst waisen sind, gelegentlich gereimt 
werden: dieser zugabereim ist niemals scheinreim, wird auch 
nicht als störend empfunden, vgl. von Goethe: 

Und wer franzet oder britet, / 

Italienert oder teutschet: 
Einer will nur wie der andre, / 

Was die eigenliebe heischet. 

Denn es ist kein anerkennen, / 

Weder vieler, noch des einen. 
Wenn es nicht am tage fördert, i 
Was man selber möchte scheinen. 

Morgen habe dann das rechte / 

Seine freunde wohlgesinuet, 
Wenn nur heute noch das schlechte / 
Vollen platz und gunst gewinnet. 

Wer nicht von di'eitausend jahreu i 
Sich weiß rechenschaft zu geben. 
Bleib' im dunkeln unerfahren, * 

Mag von tag zu tage leben. 



*) Dieses beispiel verdanke ich herrn professor Streitberg. 



KKIM L'NIJ TONHÖHE IM NEUHOCHDEUTSCHEN. 283 

Sclieinreim als kunstfehler, wo wirklicher reim be- 
absichtigt ist. kommt wohl sehr selten vor, ich kenne ein 
beispiel bei Schenkendorf, Festlied, mit scheinreim in der 
ersten hälfte und echtem reim in der zweiten hälfte jeder 
Strophe, vgl. str. 2 : 

Da brach hervor zu gotteslust, t 

Was lang im fiiisteru schlief, / 

Der keim der freiheit, welcher tief n 
Entsproß in menschenbrust. u 

In tausend ästen bracli es aus, e. 

Das junge zarte reis, / 

Ein reicher voller blütenstrauß e. 

Zu gottes ehr und preis. %< 

Auf dem papier reimen hier zeile 1 und 4, 2 und 3, ferner 5 
und 7, 6 und 8; aber daß 1 und 4, 2 und 3 lautlich gleich 
sind, fällt beim hören gar nicht auf, denn in hinsieht auf 
tonhöhe stehen sie gar nicht in beziehnng (die reimordnung 
sollte nach dem Versbau der halbstrophe a b a b sein, ist 
aber im Widerspruch dazu a b b a; dagegen hört man die Ver- 
bindung von 5 und 7, 6 und 8; hier fehlt der vorher erwähnte 
widei^spruch). Dieser unterschied der halbstrophen geht durch 
das ganze gedieht hindurch. RIs ist bezeichnend, daß es gar 
nicht darauf ankommt, ob der scheinreim äußerlich rein oder 
unrein ist, vgl. str. 1: 

Nun singt, von audacht hoch durchglüht, e 
Der freiheit lobgesangl i 

Im himmel und auf erden klang o 

Noch nie ein schöures lied. %i 

Es gibt keine Übergangsstufe von einem tonhöhenverhältnis 
zum anderen (es ist ja bezeichnend, daß der reine nicht 
rührende reim gleiches und gegensätzliches tonhöhenverhältnis 
hat). Die ansieht von Rudolf Hildebrand, daß ein reim wie 
Schrein : rein unvollkommener sei als ein solcher wie schrein 
: wein, Zs. fdu. 5, 578, gilt nur vom lautlichen. Daß dieses 
nicht ganz außer acht zu lassen ist, ergibt sich auch daraus, 
daß wir bei ungenauen reimen nur gewisse grade von un- 
genauigkeiten dulden und sonst von assonanzen sprechen, vgl. 
auch noch unten s. 286. Andererseits bemerken wir gewisse 
leichte consonantische Verschiedenheiten unter reimen im 



^84 BLÜMEL 

engereu sinn kaum, die wir sonst imi- bei assoiianzen ge- 
wohnt sind; vgl. Goethes Wirkung- in die ferne, 2. strophe: 

Und uebeu der königiu schlürft zur stmid 

Sorbet die schönste der frauen. 

Da brach ihr die tasse so hart an dem luund. 

Es war ein greuel zn schauen. 

Verlegenheit I Scham ! 

Ums prachtkleid ists getan! 

Sie eilt und fliegt so behende 

Entgegen des sehlosses ende. 

Umgekehrt stellt Uhland in St. Georgs ritter 2, 29 ft"., vgl. aucli 
s. 286. einen ungenauen reim unter halbreime: 

Mächtig ist sein Speer geschwungen, 
Trifft den räuber Fatimän, o 

Der sich gleich am boden kiiimmet, 
Wie der lindwiirra einst getan. n 

Keimen mehr als zwei Wörter, so können zwei oder 
mehr tonhöhenverhältnisse zusammenkommen. Nach meinen 
beobachtungen reimt dann das zweite wort auf das erste, das 
dritte auf das zweite u. s. f. nach den angegebenen gesetzen. 
Besonderheiten zeigen sich bei gedichteu. die einen reim lange 
durchführen, wie gaselen und assonanzen. s. s. 285. 

Auf das Verhältnis von reimwörtern, die in dieser folge 
nicht unmittelbar nacheinander kommen, wird dabei nicht 
geachtet, auch nicht auf die etwaigen scheinbaren verstoße 
gegen die gesetze der toiihöhenverhältnisse, die sich dabei 
ergeben. Vgl. Eichendorffs Bilderbuch 8 ff. und die Zueignung 
zu Immermanns Merlin, str. 18: 

Wie ein kind im frühlingswetter e 

Fröhlich bilderbücher blättert o 
Und es schweift der Sonnenschein 

Auf den buntbemalten letteru e 

Liebmütterlich verkehrte 

Das große himmelswesen, i 

In ihrem buche lehrte 

Die ewige mein zeitlich mägdlein lesen, k 

Sie wies ihr wort für wort und zeil' 

[auf zeile, 
Und wenn zu rasch gewesen / 

Der muntre zögliug, sprach die mutter: 

[weile ! 



KEIM UNÜ TONHÖHE IM NEUHOCHUKUTSCHEN, 285 

Wäre nicht -ivctter von Uilcrn diuch blütieri, -ivesen von 
(je Wesen nicht durch lesen getrennt, so wäre das nahe, nicht 
(las gleiche tonhöhenverhältnis notwendig. 

Zum Stil der gaselen scheint durchgängige i'eimgenauig- 
keii zu gehören. Dagegen verstößt nun scheinbar Platen in 
dem VI. gasel: 

Da «'rollst der weit, weil du g'el)Uiulen bist, 
Uud von dir selber überwunden bist? 
Verklage nicht das fromme schwert der zeit, 
Wenn du der mann der tausend wunden bist! 

überwunden und wunden ergeben rührenden reim,i) also 
nahes tonhöhenverhältnis, aber nicht das geforderte gleiche 
oder gegensätzliche. Tu Wirklichkeit zerfallen alle abschnitte 
von gedichteu mit derart fortlaufenden reimen (also das gasel 
und die assonanzen) in kleine streifen, die nicht gleich zu 
sein brauchen und mindestens zwei reimverse und die etwa 
dazu gehörigen ungereimten verse enthalten; abgegrenzt 
werden die streifen durch eine kurze Stockung nach dem 
gewöhnlichen einschnitt fder toten pause), der den vers be- 
grenzt, durch eine 'fermate". (ühland deutet z. b. in der 
romanze vom kleinen däumling den beginn jedes Streifens 
i durch herausrücken der ersten zeile an.) Die frage nach der 
reimgenauigkeit darf nur für unmittelbar folgende reime inner- 
halb desselben Streifens erhoben werden. Nach dem zweiten 
verse, schließend mit überwunden bist, endigt der erste streifen, 
somit gehören üherwunden bist und wimdt^i bist nicht zum 
selben streifen, gehen sich also nichts an. Vgl. Tiecks sonett 
An Novalis: 

Wer in den blumen, Aväldern, bergesreihen, i 

Im klaren lluß, der sieb mit blumen schmücket, e 

Nur endliches, vergängliches erblicket, o 

Der traure tief im hellsten glänz des maieu. i/ 

Nur der kann sich der heil'gen schöne freuen, i 

Den blumen, wald und ström zur tief entrücket, e 

Wo unvergänglich ihn die blüt' entzücket, e 

Dem ew'gen glänze keine schatten dräuen. u 

Hier reimen sich -reihen und maien, freuen und dräuen mit 
gegensätzlichen tonhöhenverhältnis, aber maien und freuen 



*) bist ist die zweite reimstreeke mit wiederholungsreim. 

Beiträge zur geichichte Jer deutschen spräche, lii. 19 



286 BLÜMEL 

haben keine bezieluing- zueinander (sonst könnte keine richtige 
tonhöhenbeziehiing hergestellt werden). Offenbar sind die paare 
schmücket : erhlicJcet, entrücJcet : entzücJcet ebenso voneinander 
getrennt, obwohl dies an sich nicht nötig wäre. Hier sind 
also Strophenteile voneinander abgesondert (das sonett ist 
ja eine Strophe), wie im absatz die %streifen. — Entsprechendes 
g-ilt mit den nötigen änderimgen von assonanzen. vgl. Uhlands 
Roland und Alda, 4. abschnitt, fünfto und viertletzte i-eilie. 
___ bedeutet streifengrenze: 

Der könig' sieht ibu, neckt ein wenig- ihn;') 
'Traut neffe', spricht er, 'was ist euer sinn 
Geg'en die niaiil. mit der ihr sprächet hieV o 
Wenn irgend zorn ihr heget gegen sie, e 

In liehe bitt' ich euch, verzeihet ihr! 

hie und sie ergäben genauen reim, der kein nahes ton- 
höhenverhältnis erträgt, da aber zwischen beiden die streifen- 
grenze liegt, so braucht nicht das sonst geforderte g-leiche 
oder gegensätzliche tonhöhen Verhältnis einzutreten. 

Dagegen scheint nun Uhland bei beginn desselben ab- 
schnittes zu verstoßen: 

Als Roland höret, daß sie also spricht, 
Entdeckt er ihr sein ganzes herze nicht: 

denn hier haben wir nur einen streifen und darin lautlich 
genauen reim. In solchen fällen haben wir jedocli schein- 
reim (die tonhöhen sind i und o); das ist nun allerdings ein 
abgehen von dem stil, der durchgängiges nahes tonhöhen- 
verhältnis fordert, doch wäre offenbar echter genauer reim 
mit gleichem oder gegensätzlichem tonhöhenverhältnis noch 
stilwidriger, nahes tonhöhenverhältnis wohl unmöglich, es wird 
also der geringere Stilfehler begangen, außerdem wird nicht 
gegen die gesetze der tonhöhenverhältnisse gefehlt. In solchen 
fällen wirkt freilich nur die lautliche gleichheit des reims, die 
aber größer ist als sonst in dem gedichte, und das gefühl für 
die Zusammengehörigkeit. 

Daß die Verhältnisse der tonhöhen beim reim wesent- 
lich in betracht kommen, ist aus verschiedenen punkten zu 



^) in. 



KKIM UNI) TONHÖHB IM NEUHOCHDEUTSCHEN. 287 

ersehen. Lese ich z. b. die erste stroplie von Eichendorfts 

Moiidnar'ht: 

Es war, als hätt' der hiramel 
Die erde still geküßt, 
Daß sie im blüteuschiminer 
Von ihm nun träumen müßt", 

SO emprtnde ich schon in der Wurzelsilbe sim, daß hier etwas 
nicht in Ordnung ist. Das lautliclie stimmt, das kommt also 
hier nicht in frage (auch nicht, was die Zusammensetzung 
der vocale betrifft, wir haben in beiden fällen i und c). Das 
lautliche ist für die hebungssilbe auch in zweisilbigen nur 
consonantisch ungenauen reimen gleich, wenn die ungleichen 
consonanten der senkungssilbe angehören, z. b. in Wielands 
Sixt und Klärchen 2, llfl\: 

. . . Ach, der fall ist da, 

Wo nur ein gott ex machina 

Uns helfen kann. Sei's um ein wunder! e 

Not geht an manu: wir sinken unter I o 

Für die hebungssilben liegt die uugenauigkeil in diesen beiden 
fällen nur in der ungleichen tonhöhe. Auch die tonstärken- 
ungleichheit stört nicht, vgl. aus Uhlands Lerchen: 

Welch ein schwirren, welch ein flug? i 
Sei willkommen, lerchenzugl «« 

Ferner zerstört tonhöhenverschiedenheit den lautlich genauen 
und ungenauen reim, s. 281 ff. Strophen, die wie reimende 
gebaut sind, aber keine reime haben, enttäuschen zunächst 
an den stellen, wo man die reime erwartet, und zwar hin- 
sichtlich der tonhöhe — ich weiß freilich nicht, ob durch- 
gängig — , vgl. von Klopstock Heinrich den vogler: 

Der feind ist da. Die Schlacht beginnt, o 

Wohlauf, zum sieg herbei; i 

Es führet uns der beste mann e 

Im ganzen Vaterland. u 

Fragen wir, wodurch die tonhöhenverhältnisse be- 
dingt sind, so kommen wir zunächst auf zweierlei; alles, was 
die tonhöhe der reimenden silben bedingt 

1. im losgelösten worte, 

2. in der versmelodie. 

19* 



288 BLÜMEL 

Bei 1. ist zu unterscheiden das reimstück, seine deckung- 
oder ungedecktheit, das ganze wort. soAveit es lautlich zusammen- 
hängt. Der genaue reim verlangt für das reimstück die durch- 
laufende gleichheit aller lautlichen teilchen liinsichtlich der 
(jualitätjO vgl. in Gott und bajadere s. 276 w-rmdn : i-ondn, 
erd9 : w-erdd, jedes teilchen hat ja seine bestimmte ton- oder 
geräuschhöhe, notwendig ist auch gleiche reihenfolge, vgl. 
sprichst und angesichts in Goethes Grundbedingungen. 2. Strophe: 

Eh du von der liebe sprichst, '■ 

Laß sie erst im herzen leben, 

Eines holden angesichts i 

Phosphorglauz dir feuer geben. 

Notwendig ist ferner verschiedene oder einseitige deckung 
des reimstücks, vgl. w-öiidn : s-öndn, cnh : iv-erdd (über den 
Wiederholungsreim s. unten). Auf diese beiden punkte hat 
Rudolf Hildebrand, Zs. fdu. 5, 577 ff. nachdrücklich hingewiesen, 
Zs. fdu. 31. 22f. habe ich auf die ungedeckten reimstücke auf- 
merksam gemacht. Was das ganze wort betrifft, so kann 
es mehr umfassen als die reimstrecke, z. b. in gesänge : landes- 
enge Kraniche des Ibykus s. 279, schwcsierliehc : liebe Ritter 
Toggeiiburg, oder mit der reimstrecke zusammenfallen, z. b. 
in ivohneu : schonen, erde : werde Gott und bajadere s. 276, vgl. 
beim Wiederholungsreim sändet . . an : ruft . . an, Siegesfest 
s. 278, wo sowohl zündet als ruft von an getrennt ist, also 
nur an in betracht kommt; beides kann in einem reime zu- 
sammentreffen, z. b. gesrhehn : sehn Gott und bajadere. Ist 
die reimstrecke nur ein teil des Wortes, so können z. b. 
zwei -Jceit in herrlichkeit und seliglceit, Die götter Griechen- 
lands s. 280 oder etwa -heit und -l-eit in einem reime von 
Sicherheit : tapferkcH niemals in den tonverhältnissen gleich 
sein, weil ja das vorausgehende, lautlich sehr ungleiche, hier 
noch mitspielt. Gleiches gilt z. b. für entfahren : befahren, 
Gang nach dem eisenhammer s. 280. Doch vgl. gestelle : geselle 
mit gleichem ge- und gleicher Stärkeabstufung in Graf Richard 
Ohnefurcht, s. 276. Hier haben wir noch meist gleichsilbig- 
keit (und gleichheit der Stärkeabstufung); eine neue ver- 

') In reime wie ruh : zu, schallt : gewalt s. 277 scheint nur die dauer 
der laute u und /, nicht auch ihre qualität verschieden zu sein gegenüber 
reimen wie ^yraküs : Phüostraüts s. 279, 



KKIM UNI) TONIIOIIK IM NKUHOCHDEnTSCIlKN. 289 

scbiedenlieit kommt liinzu. wenn die silbenzahl nicht 
g-leich ist, z. b. in Frieder ich -.sich Barbarossa s. 278, himmd 
: blütenschimmer Mondnacht s. 278, namentlich, wenn es sich 
um den unterschied von gerader und ungerader silbenzahl 
handelt, 1) z. b. in gescheJm : sehn, Gott und bajadere s. 276, 
Sicherheit : hedürftigheit, Ideal und leben s. 280. Diese unter- 
schiede kommen für reimw(>rter in betracht, wenn das ganze 
reimwort beidemale oder einmal mehr silben umfaßt als die 
reimstrecke. Wichtig sind sie namentlich für den rührenden 
reim; der wiederhol ungsreim schließt sie wohl aus. Fallen 
beide reimstrecken mit den reimwörtern zusammen, so gilt 
auch hier der satz, daß das ganze mehr ist als die summe 
seiner teile. Vermutlich spielt die ältere vollere laut- 
gestalt mit. welche das geg-enwärtige wort besessen hat, 
man darf wohl annehmen, daß sich die Stammsilbe -J^alt- in 
erhalten anders zu dn < m verhält als -halt- in erhalten zu 
m < an usw. (Man muß dabei unter umständen die analogie 
in rechnung ziehen, d in Arme dürfte z, b. zunächst nur mit 
dem c verglichen werden, welches die analogiemuster der be- 
treffenden zeit hatten.'-)) Derartiges spielt mit u. a. bei 
rührenden reimen, bei denen reimwort und reimstrecke zu- 
sannnenfallen, z. b. in Imraermanns Merlin, Der gral, 3. auftritt 
(Ka}'), Merlin, 8atan, 5 ff.: 

Da liegt der ritter, 

Deu der könig sandte nach dem wunder, n 
Sollst dir die fuße nicht lanfen wunder. it 

Bei der versmelodie kommt in betracht der syn- 
taktische accent der Satzteile (insofern z. b. die schwerste 
silbe des subjects einen anderen ton verlangt als die schwerste 
des accusativobjects, beide einen anderen als die schwerste 
im substantivischen prädicat, man denke z. b. au die ver- 
schiedene rolle von wunder, dativ bei nach, und icunder, 
prädicatives adjectiv in Iramermanns Merlin, s. oben), der 
unterschied von psychologischem subject und prädicat, etwaige 

*) Sievers, Metrische Studien i, 24. 

'^) Der einfachheit halber habe ich angenommen, daß in solchen fällen 
3 der gleiche laut sei. Sollte das falsch sein, so müßte man annehmen, 
daß es unterschiede gibt, die so gering sind, daß sie keinen klebreim 
mehr hervorrufen. 



200 BI.ÜMEL 

gefülils- und g-egensatzbetonuiig'; ferner der melodieunterscliied 
von offenem und abgeschlossenem satz, von beliauptungs- und 
fragesatz. von aussage- und befelilssatz. Das ist alles prosaisch, 
es kommt noch die formung durch die gebundene rede dazu. 
Wahrscheinlich bedingt jede dieser functionen ein abweichen 
der Silbentonhöhe von der absoluten im absolut ausgesprochenen 
wort (die Senkungen richten sicli dabei nach der hebung ihres 
Sprechtakts.) 

Wir haben also im reim z. t. gleichlieit. aber auch 
eine ganze reihe von unterschieden; diese können sich aus- 
gleichen, oder das gesamtergebnis kann Ungleichheit sein. 
Ausgehen muß mau dabei vom gewöhnlichen genauen 
reim (der Wiederholungsreim bleibt zunächst wieder beiseite) 
und zwar mit gleichem tonhöhenverhältnis. Wir haben hier 
gleichheit des reimstücks, Ungleichheit in der deckung, ge- 
wöhnlich auch in dem tongang des ganzen Wortes, diese 
unterschiede werden durch diejenigen der syntaktischen und 
versmelodischen Verschiebungen von absoluter silbentonhöhe 
zur syntaktisch- versmelodischen aufgehoben. Im rührenden 
reim haben wir alles wie in dem gewöhnlichen genauen, mit 
ausnalime der deckung; während sich beim gewöhnlichen reim 
ausgleichung ergibt, muß die eine abweichung beim rührenden 
reim Ungleichheit zur folge haben. i) Der wiederholungs- 
reim ist, was die deckung betrifft, dem rührenden gleich, 
unterscheidet sich aber von ihm in mancher hinsieht: alle 
unterschiede von tongaug im wort, viele unterschiede der 
syntaktisch-melodischen tonverschiebung (s. oben), fallen weg, 
z. b. die der syntaktischen, die aus der Verschiedenheit der 
redeteile hervorgehen, wie sie vorliegen bei wunder Substantiv 



•) Den mhd. lühreudeu reim bebaudelt eiiigelieud 0. v. Kraus, Der 
röhrende reim im mittelhochdeutschen. Zs. fda. 56, 1 ft'. Nach ihm ist für 
den rührenden reim (abgesehen von der gleichheit der ganzen reimstrecke) 
wesentlich verschiedener (wort- oder satz-) accent (s. 3f.). Wenn ich 
'acceut' als abstufung der silbeuschwere im sinne Sarans fassen darf 
= tonstärke und touhühe ziisainnicn — die liüige kommt hier nicht in 
betracht — so ist die silbenschwere der hebungeu im rührenden reim 
wegen der tonhöhenungleichheit jedesmal verschieden, auch wenn etwa die 
tonstärke gleich ist. (Der Wiederholungsreim, den auch C. v. Kraus vom 
rührenden reim nicht unterscheidet, bleibt hier beiseite.) 



KKIM UND TüNIirulK IM NKIIFIOCIIDKUTSCHEN, 201 

: ivimdcr adjectiv in der stelle aus Immernianns Mei'lin, s. 289. 
Es können sogar alle unterschiede wegfallen, vgl. Schillers 
Triumph der liebe: 

Selig- durch die liebe, / 

Götter — durch die liebe / 
Menschen güttern gleich I 

Bei allen ungenauen reimen (klebreim, unreiner reim, halb- 
i-eim) haben wir im gegensatz zum genauen reim im reimstück 
eine Ungleichheit (oder mehrere) sonantisch oder consonantisch 
oder beides, dadurch werden die tonhöhen der hebungssilben 
schon im absolut gesprochenen woi-t ungleich (im klebreim 
mittelbar durch die auch in der tonhöhe ungleiche folgende 
Senkungssilbe), und dadurch kommt auch im vers ein anderes 
ergebnis zustande als beim genauen reim. — Die unterschiede 
müssen sich jedoch beim genauen reim nicht aufheben, 
deshalb ist hier auch das gegensätzliche oder verschiedene 
tonhöhenverhältnis möglich; bei jenem spielt die gegen- 
seitige ergänzung der pole eine rolle, die offenbar mit der 
gleichheit nahe verwandt ist. Dabei spielt die Spannung der 
versmelodie auf den schluß und die lösung dieser Spannung 
mit, doch ist es nicht nötig, daß Spannung und lösung einem 
Satz angehören, es kann die lösung in einem satz vorausgehen 
und die Spannung in einem andern folgen, vgl. Graf Richard 
Ohnefurcht s. 276. Dieselben jeweiligen gründe, welche die 
ungleicheit der tonhöhen beim rührenden und beim ungenauen 
reim, ihre gleichheit beim Wiederholungsreim bedingen, machen 
gegensätzliches tonhöhenverhältnis beim rührenden und beim 
ungenauen reim unmöglich, beim Wiederholungsreim möglich. 
Vgl. z. b. für den ungenauen reim die stelle aus den Kranichen 
desibykus, s.279, mite — o an stelle von i — u. was bei genauem 
reime einzutreten hätte. Der rührende reim und der ungenaue 
weichen nur in das nahe tonhöhenverhältnis aus, offenbar 
werden nahe tonhöhen noch als verwandt empfunden (wenn 
auch nicht als so sehr verwandt wie die gegensätzlichen). Auch 
diese leichte ungenauigkeit, die in dieser nähe (statt gleich- 
heit oder gegensätzlichkeit) liegt, hat ihren eigenen reiz, 
schließlich gleicht sich im ungenauen reim diese Ungleichheit 
und die lautliche im reimstück wieder aus, während die laut- 
liche gleichheit und die Ungleichheit der tonliöhe im rührenden 



292 HLLMEr> 

reim^) einen leichten Widerspruch ergeben, vgl. die beispiele 
s. 280 f. — Der gleichheit. der gegensätzlichkeit und der nähe 
ist gemeinsam, daß sie eine fühlbare beziehung der ton- 
höhen mit sich bringen; diese fehlt bei der Verschiedenheit 
der tonhöhen. An sich kann das, was wir lautlich genauen 
reim oder ungenauen reim nennen, auch mit Verschiedenheit 
der tonhühe vorkommen; vgl. die beispiele bei Novalis, Hebbel 
und Schenkendorf s. 281. 282. 283. Wahrscheinlich gilt reim- 
geschichtlich der satz: erst von dem angenblick an, wo das 
gleiche (und etwa noch das gegensätzliche) tonhöhenverhältnis 
gesucht wird, gibt es einen wirklichen reim. 

Was lautlich eins und dasselbe ist, das können verschiedene 
dichter unter umständen bald so, bald so auffassen und ent- 
sprechend verwerten. So stellt einerseits Eichendorff (häufig) 
klebreime unter die gewöhnlichen reime. Uhland unter halb- 
reime, Liliencron dagegen verwendet einmal einen klebreim 
als scheinreini, er behandelt also die beiden Zeilen mit schein- 
reim als reimlose, wie sonst die entsi)rechenden zeilen der 
andern strophen. vgl. für Eichendorft' die beispiele s. 278f. und 
s. 284, für Uhland die romanze vom kleinen däumling, Ijegiiin 
und Schluß, für Liliencron die letzte strophe der Schönen 

•' ° ■ Kleiuer Däumling, kleiner Däumling-, 

Allwärts ist dein luhm posaunet; o 

Schon die kindleiu in der wiege 

Siebt mau der geschieh te staunen. /' 

Kleiner Däumling, kleiner Däumling, 
Mächtig ist dein rühm erbrauset: c 

Mit den siebenmeileustiefehi 
Schritt er schon durch ein Jahrtausend, o 

Mitternacht, die gärten lauschen, 
Flüsterwort und liebeskuß, 
Bis der letzte klang verklungen, 
Weil nun alles schlafen muß — 
Flußüberwärts singt eine nachtigall. 

Sonnengrüner rosengarten. 
Sonnenweiße stromesflut, 
Sonnenstiller morgenfriede. 
Der auf bäum und beeten ruht — 
Flußüberwärts singt eine nachtigall. 

') Auch die bedentungsverschiedenheit bei gleichklang' spielt mit. 



KEIM UNI) 'roNiioiii'; IM NKriiocHitia r>(iii.N. 20;> 

Straßeiiti'eibeii. fern. verwniToii. 
Reiclier iiiaini und bettelkind. 
Mj'i'teuki'Jiuze. leicbenzüg'e, 
TaiiseiuUaltig- leben rinnt — 
Fhißüberwärts singt eine nachtigall. 

Langsam graut der abend nieder. / 

Milde wird die harte weit. 
Und das herz macht seineu frieden o 
Und zum kinde wird der held - 
FlnlMiberwilrts singt eine nachtigall. 

Dann und wann muß erst festgestelll werden, wie der 
dichter gesprochen liat. damit die art des reinies erkannt 
werden kann. Z. b. ergibt bei Schiller i und ii. ferner e und i 
oder ü voi' nasal usw. keinen reinen reim, vgl. den Venus- 
wagen, Str. 7 und 5: 

Die ihr schon gereift zu ihren giften, / 
Im herkulscheu scheidweg stutzend steht. 
Hier die göttin in den ambradüften, v 
Dort die ernste tugend seht 

Die ihr in das eis der bouzentraue c 

Eixres herzens geile Hammeii miunuit, 
Pharisäer mit der .Janiismiene I i 

Tretet näher — und verstummt. 

In der mir bekannten Augsburger mundart ist i phonetisch 
von ü unterschieden (ebenso e von ö, ai von äu), indem ii, ö und 
äu leicht gerundet sind (ohne lippenvorstülpung), fürs gehör 
besteht kaum ein unterschied, abgesehen von dem hier sehr 
wesentlichen tonhöhenunterscliied von i und u tiSAV. Ent- 
sprechendes gilt offenbar für Schillers scliAväbisch. — Ein 
reim feld : weit ist süddeutsch ungenau, vgl. s. 279 in Schillers 
Berglied, dagegen im norddeutschen genau, vgl. Ein Spazier- 
gang in Paris von Hebbel, str. 5: 

Der mittag kam, und weil es Lougcharap war, 
So schloß icli mich an die geputzte schar, 
Die sich ergießt durchs elysä'sche feld e 

An diesem oster tag- der schönen weit e 

Dort haben wir feld : ivelt ohne, hier feit : ivelt mit -auslauts- 
verhärtung'. — Je nach der Silbentrennung kann unter um- 



294 BLÜMEL 

ständen lührender oder gewöhnlicher reim vorliegen, vgl. 
Hebbels gedieht Aus der kindheit, str. 10 mit Ulilands Abschied: 

Nun, wir müssen alle sterben, 

Großmama ging dir vor-anf, e 

Und du wirst den himmel erben, 

Kratze nur, sie macht dir auf! o 

Was klinget und singet die straß' her-rauf'?') / 
Ihr Jungfern, macliet die fenster auf!-) n 

Das wort empfinden habe ich nur mit der trennung em-pfinden 
im reim gefunden, so daß ein reim emjifinden : fmden usw. in 
keinem mir bekannten falle rührend ist, vgl. Uhlands Mailied: 

Wenig liab ich )ioch empfunden / 

Von der Averten frühlingszeit; 

All die lust und lieblichkeit 

Hat zu mir nicht bahn gefunden. u 

Diese gesetze gelten nicht bloß für die nhd. dichtung, 
sondern wahrscheinlich für jede dichtung und (reim)prosa,'*) 
die den reim nicht bloß zufällig verwendet; vorausgesetzt, 
daß die betreffende spräche ein und dasselbe wort in mehreren 
tonh()hen gebraucht. Stichproben haben das bestätigt für mhd. 
und ahd. Die tonhöhen sind im mhd. und ahd. durch un- 
gedehnte rümpf vocale i e o u anzugeben. Klingende reime mit 
zwei liebungen sind hier (auch nhd.) als je zwei reime auf- 
zufassen; bei genauem nicht rührendem reim gilt der zweite 
reim geIhKjen : singen als Wiederholungsreim; ist im nhd. ein- 
hebigen klingenden reim nahes tonhöhenverhältnis zu erwarten, 
so kreuzen sich die zwei tonhöhen a, b : b, a; vgl. für den 
rührenden reim die ausgeschriebenen beispiele bei C. v. Kraus. 

^) Die Schreibung- mit r-r soll nur andeuten, daß der laut ;• auch zur 
reimstrecke {rauf) gehört. 

'^) Hier zeigt sicli ein unterschied, der für die reimkunst, namentlich 
aber auch für die plionetik von bedeutung ist und wohl zwei große gebiete, 
Norddeutschland und Süddeutschland, trennt: Hebbel hat im vocalischen 
Avortanlaut — dazu gehören auch fälle wie sommer-abend, ver-einen, ver-eiu 
— gewisse ausnahmen abgerechnet, festen, ühlaud leisen einsatz. Die aus- 
nahmen betreffen bei Hebbel enklitische Wörter im engsten anschluß au 
andere innerhalb des fallenden Sprechtaktes, vgl. zu lösen ist, kein totes 
ist (prädicativisch) u. a. In fällen wie viole, ideen, Italien (vocal nach 
vncal in fremdwörtern) liat der zweite vocal bei beiden leisen einsatz. 

■') Vgl. die Makamen des Hariri, übersetzt von Rückert. 



KEIM UNI) TONHÖriK IM NKlTIIOCIinEU 1 HC'IIKN. 205 

Aiicli echtlieitsfragen können diircli din tonliölien- 
verliältnisse entscliieden werden. In MF", 34^,311'. nf der linden 
obene hat stän (8) tonliöhe e, was nur auf n all es tonhöhen- 
verhältnis (antwort in i oder o) und damit auf rührenden 
oder ungenauen reim (auch assonanz) scliließen läßt. Juin in 
10 mit u ergibt lautlich genauen, der tonhöhe nach scliein- 
reim, was durchaus A^erdächtig ist. denn rociellm : min voraus 
ist ein wirklicher reim mit gegensätzlichem tonhöhenverhältnis 
u : i. Ich glaube auch stimmbiuch^) zwischen zeile 8 und 9 
annehmen zu müssen. 

Für den gesangs vor trag gelten diese gesetze nicht 
(er hat ja andere tonhöhen als i e o u), sondern nur für den 
Sprech Vortrag und zwar für 'sington' und 'sprechton' (Sievers. 
Metrische Studien 4, 165). 



Nachträge. 

1. Soll der mehrsilbige reim gleiches oder gegensätz- 
liches touhöhenverhältniis haben, so ist gleiche innere 
Silbentrennung nötig, sonst ergibt sich nahes tonhöhen- 
verhältnis, vgl. Goethe, Bleiben, gehen, gehen, bleiben, und 
Eichendorff, Waldmädchen, mit Alxinger, Doolin von Mainz 7,50: 

Bleiben, geben, geben, bleiben 

Sei fortan dem tücbtgen gleicb! 

Wo wir nützliches betreiben, 

Ist der werteste bereich. 

Dir zu folgen wird ein 1 eich |t es, * 

Wer gehorchet, der erreich|t es; u 

Bin ein feuer hell, das lodert, 

Von dem grünen felsenkrauz. 

Seewind ist mein bnhl' nnd fodert 

Mich znra lustgen wirbeltanz. 

Kommt und wechselt unbeständig. (/) « 

Steigend wild, 

Neigend mild. 

Meine schlanken lohen wen|d ich: / 

Komm nicht nah mir, ich verbrenn 1 dich! k- 



') Sievers, Metrische Studien 4, 62 ff. 



296 RLÜMEI. 

Sie küssen daukbar seine band, 

Vnil er fährt fort: Mit euerm va|ter, c 

Herr Doolin, reist' ich wohl durch manches 

[schöne land. 
Beim hiramell große taten tat ; er. / 

Trotz einem .... 

Also ist die tonliölie. die für den reim in betraclit kommt, 
zunächst durch den plionetischen aufbau der silbe bedingt, 
während es niclits ausmacht, ob die silben das eine mal in 
einem wort, das andere mal in verschiedenen Wörtern stehen. 
es handelt sich also hier um Sprechtakte und ihre gliederung. 
2. Formen des gleichen wortes mit verschiedener 
Silbenzahl ergeben nahes tonhöhen Verhältnis, also liegt hier 
kein Wiederholungsreim vor. Z. b. aus den Kronenwächtern 
von Arnim, ausgäbe von Steig, 2,270/1: 

Wo die krippe einst gestaniden, e 

Ist der altar aufgerichtet. 

Wo das kind, die hirten standen, / 

Hat der morgen sie umlichtet. 

Daß hier die Wortbedeutung mitspiele, kann man nur insotern 
sagen, als gestanden früher einmal eine andere Wortbedeutung 
gehabt hat als standen (Verbindung mit ye-). während heut- 
zutage kein unterschied der Avortbedeutung mehr vorliegt. 
Der wesentliche unterschied besteht hier in der Verschieden- 
heit der silbenzahl. Der gegensatz von gerade und un- 
gerade gibt hier übrigens nicht den ausschlag, denn auch 
liebe und schrvesterUchc (s. 288), beide geradzahlig, geben 
rührenden leim. 

MCtNCHEN, iuni l'JJO. RUDOLF BLÜMEL. 



DKll SCHK1N8P()NDKIJS liM DKUTHCHEN 
}IKXAMF;rEH UND PENTAMETERJ) 

Die frage, wie der sogenannte spondeus im deutschen 
liexameter und pentameter liiytlimiscli aufzufassen ist, läßt sicli 
nur angreifen, wenn vorher nachgewiesen ist, daß im Zusammen- 
hang jeder vers in allen seinen teilen nur auf eine weise 
rhythmisch richtig vorgetragen Averden kann. 

Man vergleiche z. b. die zweite strophe des Eleusischen 
festes und die ersten acht verse des liedes An die freude: 

Scheu iu des gebirges klUftPii Freude, scUüner götterfunkeii, 

barg der troglodyte sich. locbter aus Elysiuui, 

der uomade ließ die triften Avir betreten feuertruijkeu, 

wüste liegen, wo er strich. himmlische, dein heiligtum. 

Mit dem wurfspieia, mit dem bogen Deine zauber binden wieder, 

schritt der Jäger durch das land — was die mode streng geteilt, 

weh dem freradling, den die wogen alle menschen werdoi brüder, 

warfen an den Unglücksstrand 1 wo dein sanfter Hügel weilt. 

Das erste beispiel macht (namentlich im Zusammenhang 
nach dei- ersten Strophe: -Windet zum kränze die goldenen 
ähreu') rhythmisch einen nüchterneren eindrnck als das zweite. 
Das hängt damit zusammen, daß im ersten hebung und Senkung 
viertel sind, im zweiten die hebung ein viertel, die Senkung 
ein achtel. Die richtigkeit dieser behauptung ergibt sich am 
besten, wenn man beide beispiele nacheinander zuerst in dem 
takte mit lauter vierteln, dann in dem takt mit vierteln und 
achteln spricht und die eigentümlichkeit jedes taktes im unter- 
schied von andern möglichst stark übertreibt. Während der 
takt mit lauter vierteln auf das erste, der takt mit viertel 
und achtel auf das zweite beispiel paßt und nur übertrieben 
wirkt, ergibt sich die anwendun»- des taktes mit viertel und 



') Zu Henslers buch Deutscher und antiker vers, QF. 123. 



298 uLüMEf. 

achtel auf das erste, des taktes mit lauter vierteln auf das 
zweite beispiel als falsch, jenes fällt auseinander, dieses wird 
zerhackt. Nur bei richtigem Vortrag ist die jedem rhythmus 
eigentümliche Stimmung zu erzielen, die auch dem darin 
verfaßten vers zukommt, gleichgültig, ob das rhythmische 
Schema diesen rhythmus erfaßt oder z. b. mit einem wesent- 
lich andern zusammenwirft. Entsprechendes gilt von takten 
mit schwerer oder leichterer grundzeit ('halben', 'vierteln', 
achteln'), von einfachen und zusammengesetzten takten (z. b. 
zwei- und Viervierteltakten). Eine Zeitlang mag man im 
zweifei sein, welche taktart die richtige ist, ein empfindlicher 
vortragender kann jedoch die falsche Vortragsart nicht lange 
aufrechterhalten. Es empfiehlt sich, das ganze gedieht vorher 
zu lesen, damit unrichtige auffassung der rhythmischen Stimmung 
vermieden werden kann. Übrigens kann in einem scheinbar 
rhythmisch einheitlichen gedieht der rhythmus wechseln, bei 
Uhland Avechseln z. b. die beiden anfangs erwähnten rhythmen 
in einzelnen gedichten von Strophe zu strophe, in anderen von 
halbstrophe zu halbstrophe: 

Im herbste. 

Seid gegrülit mit frühliugswomie, viertel 

blauer himmel, goldne sonne! 

Drüben auch aus garteuhallen 

hör' ich frohe saiten schallen. 

Ahnest du, o seele wieder viertel und achtel 

sanfte, süße frühlingslieder? 
Sieh umher die falben bäume ! 
Ach, es waren holde träume. 

An den tod. 
Der du still im abeudlichte viertel und achtel 

wandelst durch der erde beet, 
klare blumen, goldne fruchte 
sammelst, die dir gott gesät, 
schon', tod, was sanft entzücket, viertel 
an des lebens brüst sich schmiegt, 
sich zum süßen liede wiegt 
und zum mutterauge blicket! 

Dabei lassen sich gewisse grundsätze gewinnen, die ohne 
weiteres die frage entscheiden, ob im deutschen hexameter 
und Pentameter mit seinem dreiertakt (z. b. achtel, achtel, 



UKK SCUE1N8P0NDEUS. 299 

achtel) ein spondeus, d. h. ein takt mit zwei gleichwertigen 
grundzeiten oder Zeiten angenommen werden darf. Hexameter 
und Pentameter sind im deutschen reine sprechverse ohne 
begleitung von gesang oder tanz, und die deutschen, wahr- 
sclieinlich alle sprechverse, haben nur geringe rhythmische 
mitgliclikeiten (z. b. weniger als ein gesungenes lied). Für die 
deutschen Sprech vei'se gelten u. a. zwei gesetze: 

1. innerhalb der rhythmischen reihe wechselt der takt nicht, 

2. Auflösung und zusammenziehungdergrundzeiten können 
nie derartig zusammenwirken, daß Überschneidung von gewöhn- 
lichen takten oder taktteilen und tatsächlichen rhythmusteilen 
vorkommen. (Es ist also z. b. im zweivierteltakt auflösung 
der Senkung sowie zusammenziehung von hebung und Senkung 
möglich, aber nicht eine synkopenbildung — auflösung von 
hebung und Senkung mit zusammenziehung der beiden mittleren 
achtel.) Nach dem eisten gesetz ist es unmöglich, daß im 
gesprochenen deutschen hexameter und pentameter mit dreier- 
takt ein zweiertakt auftritt, nach dem 2. ebenso unmöglich, 
daß die mittlere grundzeit gehälftet und die eine hälfte mit der 
ersten, die andere mit der letzten grundzeit zusammengezogen 
wird ('zwei achtel mit punkt'). Wir haben vielmehr jedesmal 
zusammenziehung der hebung und der ersten Senkung (einen 
sogenannten trochäus, der übrigens mit dem echten — un- 
geteiltes viertel und achtel! — nicht zusammengeworfen 
werden darf). Dabei kommt es nun gar nicht darauf an, ob 
der betreffende hexameter- oder pentametertakt in der letzten 
Senkungssilbe mit einem nebenton belastet ist, auch nicht, ob 
der gewöhnliche wortaccent durch den vers vergewaltigt ist. 
Soweit ist Heusler recht zu geben. 

Soll sich nun der sogenannte spondeus im deutschen hexa- 
meter und pentameter von dem 'trochäus' in eben denselben 
versen unterscheiden, so kann es sich nur um feinere rhythmische 
unterschiede handeln, in der agogik oder im rhythmischen zug. 
Diesem zug gemäß verhalten sich die grundzeiten des taktes 
nicht wie 1 : 1 (: 1) oder wie 1 : 1/2; sondern wahrscheinlich wie 
einfache zahlen, z. b. im zweivierteltakt hebung : Senkung = 4:8 
oder hebung : Senkung = 3:4. (Auch andere Verhältnisse 
kommen vor.) Das gilt auch für den gesang und die musik. 
Sobald nun (in gesang und musik) Synkopen auftreten, sobald 



300 BLÜMEL 

eine seukuiig den uebeutuu erhält (in gesaug- und uiusiik ent- 
spricht hier das sforzato auf der Senkung), so verändert sich 
das angegebene Verhältnis, indem der liebungs- und der 
seukimgszeit etwas, wahrscheinlich das gleiche, beigegeben 
wird; der rhythmus wird dadurch gedrängter, schwerfälliger, 
außerdem (Sievers, LIetrische Studien 4, 96) staccatoartig, fast 
aufgebrochen. Diese zeitzugabe muß nun durch entsprecliende 
verschnellerung des zeitmaßes in dem entsprechenden näclisten 
(meist folgenden) rhythmischen teil ausgeglichen wei-den. — 
Nebenbetonung der Senkung tritt in deutschen Aersen, also 
auch in hexameter und pentameter ein, gleichgültig, ob die 
Senkung der hebung der tonstärke nach in der prosa a) unter- 
geordnet, b) gleich oder c) übergeordnet wäre. Fall a wird 
von Heusler nicht anerkannt, b als gleichgewogener, c als 
umgekehrter spondeus bezeichnet. Es ist Heusler zuzugeben, 
daß hhlos und entsprechende Wörter im vers keinen nebenton 
zu haben brauchen und daher solchen wie Jcbtu rhythmisch 
gleich gelten können, aber es gibt deutliche fälle von nebeu- 
ton in der zweiten silbe zusammengesetzter Wörter, z. b. in 
Merckels •Kühe' (Hausbuch deutscher lyrik von Avenarius), 
viertletzter abschnitt, letzter vers: 

Schüii wohl trat sichs liervor aus der .iiigeud oft'euer pfoite, 
kühn uud gelüsteten siuns, das heiz \(/!l großer entwürfe: 
stolz ausspannte der geist die iiugeduldigeu schwingen, 
als er die ragenden gipfel der freiheit vor sich erblickte 
und des erschlossenen weltflugs kranzumflatterte bahnen. 

(Der rhythmische ausgleich durch verschnellerung des zeit- 
maßes erfolgt hier in dem takt -schlossenen). Übrigens kann 
der dichter auch in Wörtern wie lehlos, die an sich schon 
einheitlich geworden sind, die zweiheit hervortreten lassen, 
dann erhält der zweite bestandteil im vers einen nebenton. 
Vgl. im selben gedieht abschnitt 3, v. 4: 

lautlos segelt der falter mit glanzbefiederter schwinge 
droben im sonnigen räum 

Für b und c vgl. aus Merckels gedieht, b von einem tisch: 

b) in trümmer bist du gegangen 

wie deine selige zeit! zu früh stets wallte das tischtucii 

über die herrlichkeit hin 

Abschnitt 7, v. 21. 



r>KR SC'HRINSP0NDB:it8. .'^Ol 

stolz aiisspainito der geist die iuu>eduldigen schwingen 

Viertletzter abschnitt, v. H. 

Bei allen diesen Veränderungen des rhythmus spielt die 
versmelodie eine wichtige rolle. Sie entscheidet, ob bei- 
spiele, die auf dem papier unerträglich aussehen, wie der 
hcrrscher im donnergeivölk, Zeus angehen oder nicht. 

Noch eine frage: warum wirkt der scheinspondeus im 
hexameter und pentameter unangenehmer als die entsinechende 
erscheinung im fünffüßigen Jambus und in anderen versen, in 
welchen sich die hebung zui' Senkung ungefähr verhält wie 
1 : '/j, z. b. in der Macht des gesanges: 

l»ergtritnnner folg-en seineu güssen, 

sowie in versen mit zweiertakt? Der hexameter und der 
pentameter haben drei, diese andern verse zwei bestandteile 
in ihrem takt. Hier steht also ein teil einem andern gegen- 
über, im 'trochäus' und scheinspondeus des hexameters und 
Pentameters ein teil einer Avenn auch zusammengezogenen 
zweiheit von teilen. Das bedingt im rhythmischen zug ein 
ganz anderes Verhältnis, dessen Verzerrung namentlich mit 
andein rhythmischen Veränderungen im scheinspondeus des 
dreiertaktes unangenehmer emi)funden werden muß. 

MÜNCHEN, mai 1921. RUDOLF BLÜMRL. 



MF. 8,7. 

Die bisherigen deutungen dieser strophe (Lachmann, Kl. 
sehr. 1, 477. dem sich Vogt in MF. anschließt. Riegei-, Zs, fda. 
47,237 anm. und neuerdings Singer, Beitr. 44, 427) scheinen 
mir unter der annähme entstanden zu sein, daß dieses gedieht 
zweifellos einheimischen Ursprungs ist, nur von einem Deutschen 
gedichtet sein kann. Da aber die frage des Ursprungs unseres 
minnesanges noch durchaus nicht vollständig geklärt ist. bleibt 

beitrüge zur geschichte der deutschen spräche. Mi. 0(j 



302 i'ALGEN 

eine von den oben erwähnten übersehene möglichkeit zu dis- 
cutieren. nämlich, daß das gedieht nach einem provenzalischen 
vorbikl entstanden ist. 

Die bisherigen erklärer nahmen implicite einen social 
niedrigstehenden sänger an, der beim zufälligen anblick der 
schönen kiuiigin von England von einem phantastischen liebes- 
sehnen ergriffen Avurde. Ein Zusammenhang- mit 3, 12 war 
dabei schwer zu construieren. Ich halte diese deutung- schon 
deshalb für unwahrscheinlich, weil ein so g-eradezu aus- 
gedrücktes liebessehnen nach einer bestimmten persou wohl 
nicht der ahndung durch den beleidigten gatten entgangen 
wäre, (junst war mit solchem bekenntnis nicht zu erlangen. 
Es gehörte dazu eine gewisse Unverschämtheit. Diese auf- 
fassung vernichtet ja den zauber des naiven liebesbekenntnisses, 
scheint mir aber, weil weniger sentimental, historisch richtiger 
und liefert uns einen fingerzeig zur bestimmung des Charakters 
und der person des dicliters, d. h. seines Vorbildes. Rieger 
sieht in dem gedieht eine politische mahnung, Singer gar 
ursprünglich ein geistliches lied. Diese beiden versuche 
sind mir eine stütze dafür, daß der reine liebes wünsch die 
Verfasser nicht befriedigt, ihnen ein rätsei aufgibt. 

Betrachten wir nun das gedieht als aus der troubadour- 
lyrik entlehnt, so bietet sich die raöglichkeit, in dem Verfasser 
einen hochstehenden, einen fürsten zu sehen, der tatsächlich 
seine wünsche zur königin von England erheben mochte. Es 
sind mehrere gründe vorhanden, die es wahrscheinlich er- 
scheinen lassen, daß das vorbild in einem verloren gegangenen 
gedieht des ältesten troubadours, Guilhems IX. von Aquitanien, 
grafen von Poitou, zu suchen ist. 

Es ist zwar weder in den erhaltenen gedichten Guilhems 
noch in der geschichte die rede von seinen beziehungen zu 
einer königin von England. Aber in einem altfrz. abenteuer- 
roman, dem Joufrois,') aus der ersten hälfte des 13. jh.'s, der 
augenscheinlich die liebesaben teuer und auch die dichtungen 
Wilhelms verarbeitet, wird er zum liebhaber der königin von 
p]ngland, Alis oder Halis. Die geschichtlichen grundlagen des 
romans, insbesondere seine beziehungen zur provenzalischen 

') hrsg-. vuu K. Hofinaiiii niid Franz Mniicker, Halle 1880. 



MF. .% 7. :^08 

(liclitung- bedürfen diingend einei- Untersuchung-. ') Eines aber 
stellt fest: das Charakterbild des Joufrois deckt sich aus- 
gezeichnet mit dem, was wir von \\'ilhelnis tun und treiben 
wissen. Daß überhaupt gedichte Wilhelms in den roman ver- 
woben sind, daif man mit Sicherheit annehmen, denn 4;)4?>ft. 
stellt eine übertreibende bearbeitung des bekannten rätsel- 
liedes von Guilhem (Ai)pel, ('hrestomathie 80) dar. Wie hier 
zum ausdruck der pers(»nlichen meinungen des dichters ein 
gedieht (Tuilhems den ström dei- auch sonst noch häufig ge- 
hemmten erzählung unterbricht, so müssen wii" annehmen, daß 
überall dort, wo der Verfasser sich mit seinem eigenen liebes- 
kummer oder seiner eigenen liebestheorie an das publicum 
Avendet, Guilhemsche oder andere provenzalische gedichte ver- 
wendet werden. Hier kommt nun die stelle 4209 in betracht. 
Der Zusammenhang ist folgender: die kr»nigin Alis verabredet 
mit Joufrois (Guilhem), daß sie ihn in der nacht in seinem 
bett aufsuchen wird. Dieses ist in einem saal neben dem 
seines lehnsmannes und begleiters Robert hergerichtet. Die 
ankunft der geliebten verzögert sich und der ungeduldige 
liebhaber geht zur tüi- um zu horchen. Als er zurückkehrt, 
hat der freund, der die geschichte gemerkt hat, sich in das 
bett des Joufrois gelegt und behauptet, dieser habe sich in 
der aufregung geirrt. Joufrois läßt sich überreden und steigt 
in das bett des freundes. Ho findet sich denn die königin 
schließlich in den armen des lehnsmannes, der nun ihre Schön- 
heit in muße bewundert und infolgedessen in eine arge Ver- 
suchung gerät. Soll er seinen herrn verraten oder auf die 
herrliche frau verzichten? Inzwischen wendet der dichter 
des Joufrois sich an seine zuhörer und fragt sie. was sie in 
diesem falle wohl getan hätten: 

4209 E vos, qu'eu feissoiz, seiguorV 
A toz vos pri par grant amor, 
Que chascuiis sou peuser en die, 
Qu'il eu feist a la fe(u)ie, 
S'il fiist en lew. o eil estoit, 
Qui la reiue Alis teiioit. 
Puis re(lira(i) ge mon corage 
Apres V08 tiüt, niü estes sage. 

') Suchier, Literaturgescliichte 60 sieht in dem Verfasser einen fran- 
zösisch schreibenden Provenzalen. 

20* 



304 I'At.orn 

Hier wird also gewissermaßen eine Streitfrage in die Ver- 
sammlung geworfen: was würdest du tun, wenn du die königin 
von England in den armen hieltest? Würdest du verzichten 
oder nicht? Man erwartet eigentlich nun eine reihe von 
antworten auf diese frage, die aber ausbleiben oder doch 
übergangen werden. Nach einer kleinen pause fährt der 
dichter, der sein urteil nur zurückgestellt hatte, um der 
Weisheit der zuhörer das erste wort zu lassen (4215 f.), 
folgendermaßen fort: 

Des or, seiguors. avez vos difr' 
Or me lescontez uii petit, 
Si vos dirai, se deus me vaille. 
Ce que g'en feisse sanz faille. 
Si ge eüsse des seignors mil, 
Si ne toruasse pag \m fil 
Ell lor corroz contra tel lien. 
Si lendemain an un lien 
En deüsse estre pris menez. 
Si fust ites ma rohintez, 
Qu'a la reine me tornasse 
Et tot lo mont por li laissasse. 

Die letzten drei Zeilen lauten also wörtlich: mein wille 
wäre fürwahr gewesen, daß ich mich an die königin sc. von 
England gehalten hätte und auf die ganze Avelt um ihretwillen 
verzichtet hätte. Das entspricht so deutlich MF. 3,7 — 11, daß 
ich nicht umhin kann, beide stellen auf ein original zurück- 
zuführen. 

Offenbar kürzt der Verfasser des Joufrois seine quelle. 
Er übersetzt die antworten der zuhörer nicht, die in poetischer 
form die entgegengesetzte (oder dieselbe) nieinung vertraten; 
das geht schon aus dem geschickten Übergang (4217): Des or, 
seignors, avez vos d'd? deutlich hervor. 

Also wäre hier eine tenzone des Guilhem verarbeitet? 
Diese möglichkeit ist nicht ausgeschlossen. Überhaupt dürfte 
die erfindung der heiklen geschichte und die einführung 
Wilhelms als handelnder person auf eine erzählung des als 
erzähler berühmten dichters zurückgehen, der daran eine Streit- 
frage knüpfte. Die heitere erotische dialektik des geschichten- 
erzählers wurde in geschichte umgesetzt. Allerdings wäre die 
annähme einer tenzone in so fiüher zeit (vor 1127) nicht mit 



MK. ;^, 7. Mon 

der ansieht der forscliung in übereinstininuing (vgl. Zenker, 
Die provenzalische tenzone, Leipzig- 1888). wenngleich sie sich 
auf die ebenda s. 71 mitgeteilte stelle des dicliters stützen 
könnte, wo von einem joc d'amor die rede ist, worin er große 
gescliickliclikeit zu besitzen sich rühmt. Man kann aber auch 
die entscheidung allein, von 4221 ab, auf den dichter zurück- 
führen, indem man die wohl nicht genau zu bestimmende 
beziehung der ganzen episode einer weiteren Untersuchung 
überläßt. 

Der hehl Joufrois wird als verelirer der küuigin Alis 
hingestellt und auf diese bezieht sieh unsere stelle. Das ist 
Adelheid von Löwen, tochter des grafen Gottfried von Brabant, 
die im jähre 1121 Heinrich I. von England heiratete und als 
beschützerin der dichtkunst und der dichter verehrt wurde. 
Da Wilhelm von Aquitanien erst 1127 starb, können wir die 
entstehung des Originalgedichtes in den Zeitraum 1121 — 27 
ansetzen. 

Man könnte nun einwenden, daß ja auch ein anderer 
provenzaliseher dichter, etwa Marcabru. der auch im Joufrois 
auftritt, der Verfasser des gedichtes sein könne. Dem Avider- 
spricht die enge Verwandtschaft die zwischen der strophen- 
foim von mindestens der hälfte der unter Guilhems namen 
überlieferten gedichte und der des deutschen gediehtes besteht. 
Die reimfolge von 3,7 ist folgende: aab xb. Dazu vgl. Appel 60: 
aaab xb. Es ist für die structur ganz unwesentlich, daß der 
erste reim im deutschen gedieht nur doppelt ist. Jeanroy i) 
sieht übrigens in den ersten drei versen der strophenform des 
gedichtes 10 (aab cbc) eine entwicklung aus den ersten vier 
versen der form aaab xb. Die form aaab xb wäre nach Jeanro}' 
auch die grundlage für die form aaab ab (Appel 12 und 39, 
Jeanroy 7), ferner für aaaab ab (Jeanroy 6). — Wir haben 
also in aab xb mit einer leichten änderung die grundform der 
reimfolge für 6 der von Guilhem überlieferten 11 gedichte. 
Wichtig ist ferner Jeanroys auffassung, daß die reimlosigkeit 
des vorletzten verses in aaab xb, der ursprünglichen form, 
darauf hindeutet, daß beide verse einen refrainlangvers bilden. 
der erst später durch cäsurreim sich gespalten hat. Diese 

•') Einleitung zu seiner ausgäbe XIII f. 



306 PALOEN 

auffassung- ist auch auf die deutsche gedichtform anzuwenden. 
Man beachte außerdem, daß an genau denselben stellen der 
reimfolg'e aab xb bezw. aaab xb sowohl im provenzalischen 
gedieht als im deutschen kürzere verse stehen. Einem ersten 
bearbeiter yrovenzalischer lyrik mußte die reimfolge und die 
ungefähre länge der verse viel stärker ins olir fallen als 
einzelheiten der versstructui-, deren getreue nachahmung fort- 
geschrittener Übersetzungstechnik vorbehalten blieb. 

Das gedieht, dessen unzweifelhafte Verarbeitung; im Joufrois 
ich angeführt habe (Appel '69) weist die form aaab ab auf, 
also eine der formen, die sich zweifellos aus aaab xb ent- 
wickelt haben. Ks steht in unmittelbarer nähe jener stelle, 
in der ich die verloren gegangene grundlage zu MF. 3, 7 er- 
kenne (422G u. 4343). 

Bei meiner auffassung- bekommt auch die zweite Strophe 
des deutschen gedichtes einen concreten sinn. Sie enthält 
einen tadel für den. der geheime minne verschmälit aus irgend 
welchen gründen. Der sinn des ganzen gedichtes wäre also: 
•wenn ich (wie der freund des liebhabers in den skizzierten 
umständen), die königin von England (Adelheid) in den armen 
hielte, würde icli auf die ganze weit um ihretwillen verzichten, 
denn geheime minne erhöht den mut (vgl. Appel 11,34) und 
w^er aus irgend welchen (moralischen oder praktischen) rück- 
sichten auf sie verzichtet, verdient tadeP. Ein solches gediclit 
paßt ausgezeichnet zum bekannten Don Juancharakter unseres 
troubadours. Marcabru, der sittenstrenge tadler, kann es gar 
nicht verfaßt haben. 

Königin Alis ist allerdings vorwiegend als gönnerin 
französischer dichter bekannt. Sie hat den geistlichen 
Benedeiz zur abfassung des Brandan angeregt, bald nach 
1121, Das um 1125 entstandene tierbuch (bestiaire) des 
Philippe von Tliaon ist ihr gewidmet. Um 1140 hat sie einen 
dichter David zu einem (allerdings verlorenen) gedieht auf 
ihren verstorbenen gatten Heinrich 1. beauftragt. Zur pro- 
venzalisehen troubadomiyrik hat sie keine beziehung. Das 
setze ich aber auch nicht voraus. Ich nehme an, daß Guilhem 
eine über die zu seiner zeit lebende königin Alis umlaufende 
scandalgeschiehte in einei' tenzone oder irgendeiner anderen 
dichterischen form verarbeitete. Nun besitzen wir ein äußerst 



MF. 3, 7. :?07 

wertvolles Zeugnis zum jalire 1124, das man am besten auf 
einen ehescandal in der königlichen familie bezielil. Oideii(uis 
Vitalis (Historia ecclesiastica B. XII) erzählt, daß könig 
Heinrich I. von Kngland einen widersetzlichen normannischen 
edehnann, Lucas de Barre, des augenlichtes berauben ließ: 
pro derisoriis cantionibus et temerariis nisibus orbari lumi- 
nibus imperavit . . . qui etiam indecentes de me cantilenas 
facetus choraula composuit ad iniuriani mei palam cantavit 
malivolosque mihi hostes ad cachinnos ita saepe provocavit. 
Was sollen die 'unanständigen lieder', die der verurteilte 
•öffentlich' gesungen hat, anderes sein als verhöhung des 
Privatlebens der königlichen familie? Man wird ausdrückliche 
neunung der königin nicht ei'warten können, aber der zorn 
des beleidigten eheraannes scheint aus den kraftausdrücken 
der stelle deutlich hervorzugehen. 

Der Joufrois, dessen historische glaubwürdigkeit ich für 
die einzelheiten dahingestellt sein lasse, berichtet nun einen 
ehescandal. Ein zurückgewiesener seneschall (vgl. das 'teme- 
rariis nisibus I) rächt sich an der königin, indem er erzählt, 
er habe sie mit einem küchenjungen überrascht (185 ff.). Er 
fällt im Zweikampf, in welchem der lield Joufrois die ehre 
der königin verteidigt. Ich glaube, man kann mit ziemlicher 
Sicherheit diese episode des Joufrois auf das Schicksal des 
Lucas de Barre beziehen. Denn die worte des Chronisten 
begründen die Verurteilung des Lucas augenscheinlich nicht 
mit politischen vergehen, sondern mit beleidigung der person 
des königs durch liebeswerben um die königin und lieder 
unanständigen Inhaltes über deren privatleben. Nichts hindert 
diese mit dem Joufrois auf den trotz des verschmähten lieb- 
habers zurückzuführen. Wir können also mit ziemlicher Sicher- 
heit die existenz französischer lieder scandalösen inhaltes über 
das Privatleben der königlichen familie von England, Heinrichs I. 
und der Adelheid um 1124 ansetzen. Zwischen 1121 und 1127 
hat aber Guilhem das von mir erschlossene gedieht verfaßt. 
Über die art, wie er von dem Vorfall kenntnis erhielt, sind 
wir im dunkeln. Daß es kein liebeslied war, ergibt sich von 
selbst. Es behandelte ein scandalhistörchen in form einer 
poetischen Streitfrage, im anschluß vielleicht an die lieder des 
Lucas de Barre oder an sein Schicksal. 



308 l'AI.GKN 

Nicht ganz uuvvesentlich ist in diesem Zusammenhang die 
vielgefeieite Schönheit der Adelheid. Man vergleiche, was 
Henricus Huntendunensis in seiner Historia Anglornm (ed. 
Th. Arnold, s. 243) begeistert von ihr scineibt: De pulchritndine 
vero reginae praedictae sie ((uidani dixit elegiace: 

Anglüiiini regimi, tud.-i, Aileliua, decores, 

Ipsa referre iiaraiis, Mn.*a siniiore ri!j;:et. 

Quid iliadema tibi pulcheiTiiiia':' ijixid tibi gfiiiniae? 

Fallet gemma tibi, iiec diadema iiitet. 

Denie tibi cnltns, cnltiim natura iniuistrat 

Nee ineliovari forma beata yotest. 

Oruauienta cave, nee qnicquani luniinis inde 

Accipis; illa mieant lumine clara tuo. 

Xon pnduit niodicas de magnis dicere laudes, 

Nee pudeat dominani te, preeor, esse meain. 

Nachträglich stelle ich fest, daß Leo Jordan. Zs. fdph. 40, VM, 
Zum altfrz. Joufrois. sich ebenfalls zur annähme einer verloren 
gegangenen lyrischen quelle für .T. 4209 ff. gezwungen sieht. 
Er faßt die stelle (s. 200) als 'eine rundfrage. die aus einem 
anderen gedieht stammen kann*, deren "(luelle nicht auf uns 
gekommen ist'. "Es ist eine art tenzoue zwischen dichter 
und Zuhörer'. Jedenfalls ist die Situation eines partimen 
gegeben. 

Die Avesentlicheii momente meiner hypothese .sind folgende: 
1. Der an und für sich formelhafte ausdruck: 'ich würde um 
meiner geliebten willen auf die ganze weit verzichten", tindet 
sich in dei' duichaus eigentümlichen beziehung auf die 
königin von England wieder in einem altfrz. abenteuerroman 
des 13. jh.'s. Die betreffende stelle (Joufrois 4209) erklärt sich 
am besten (Jordan) durch die annähme einer unvollständig 
wiedergegebenen lyrischen quelle mit partimencharakter. Die 
entstehungszeit dieser (juelle ist zeitlich unbestimmt, nichts 
hindert also, sie soweit hinaufzurücken, daß sie auch als quelle 
für MF. 3, 7 dienen konnte. 

2. Nun sind im Joufrois die Schicksale des troubadours 
Wilhelm von Aquitanien und motlve seiner lyrik verarbeitet. 
Die angenommene quelle entspiicht genau dem Charakter dieses 
dichters. Die reimfolge seiner gedichte steht zum teil der 
reimfolge des deutschen gedichtes sehr nahe. Wilhelm kann 



MK. .%7. 309 

ein gedieht auf die königiii Alis von England verfaßt hahnn. 
über die in der Joufroisstelle verhandelt wird. 

Vielleicht empfiehlt es sich bei der beurteilung der hypo- 
tiiese teil 1 von teil 2 zu trennen und nötigenfalls bei der 
kritik des letzteren die ergebnisse romanistisclier erforschung 
des Joufrois abzuwarten. 

Jedenfalls wäre schon bei annähme von teil 1 das gedieht 
MF. 3, 7 definitiv aus der einheimischen lyrik ausgeschieden 
und für sehr frühe zeit ausländischer einfiuß nachgewiesen. 
Ferner wäre dem rätselraten über die königin von England 
durch die beziehung auf Alis, die zweite gemahlin Heinrichs 1. 
ein dauerhaftes ende bereitet. 

BRESLAU. KÜDOLF PALGEN. 



SALLIURE, SCHANTIUBE, FARELIURE. 

salliare P 531, 19 wird gewöhnlieh mit * spottrede" über- 
setzt und von einem ostfrz. 5aZ^(r( . zum verbum saler = 'salzen' 
gehörig, abgeleitet (s. jV[axeiner, Beitr. z. gesell, d. frz. Wörter 
im mhd., Diss., ^Marburg 1897, s. 38, wo auch auf ein mlat. 
salHura = cutöi^ [Ducange] hingewiesen wird). Es wird auch 
an eine Verbindung mit sah ==^ 'schmutzig" gedacht. Beide 
etymologien müssen abgewiesen w^erden, schon deshalb, weil 
das grundAvort im ersten fall keine bildliche bedeutung besitzt 
und im zweiten überhaupt nur erschlossen ist. Mir ist un- 
erfindlich, weshalb man das woit nicht zu altfrz. sah'ier 
=== 'grüßen' stellen will. Wenn schon eine genau äquivalente 
form erschlossen werden soll, dann bin ich wohl berechtigt, 
auf die möglichkeit eines *salutum, frz. salaure hinzuw'eisen. 
was mit Vereinigung der beiden ü zu einem einzigen genau 
das Wolf ramsche wurt ergibt. Aber ich möchte auch dieses 
verfahren ablehnen. Wolfram springt sehr frei mit den fi-z. 
Wörtern um und es ist ihm wohl zuzutrauen, daß er unter 
dem druck der reimnot aus einem verbum unter Zuhilfenahme 



010 TALGEN 

der verbreiteten freindwortendimg' -iure sich Wörter zu eigenem 
gebrauch bildet. Ich darf für diese erklärung in auspruch 
nehmen, daß sie allein einen unanfechtbaren sinn für die frag- 
liche stelle 531, 19 ergibt: 'ihr spitziger grüß erschien ihm 
so lieblich, daß er nicht bedachte, was sie sprach'. Man be- 
achte, daß gerade an dieser stelle hintereinander mehrere 
gegensätze angewandt werden, wie nach meiner deutung die 
scJiarpfhi salliure ein oxj'moron darstellt; so 26 ougen säese 
mit sür dem herzen hi. 

Sit vlust unt viudeu an ir was 
imt des siechiu freiule wol genas 
daz frumt in zalleu stunden 
ledec unt sere gebunden. 

Die stilistische Spielerei geht von 531, 19 aus. 

Singer greift in seiner abhandlung über AA'olframs stil 
(Sitzungsberichte der kaiserl. akademie der Wissenschaften in 
Wien, phil.-hist. kl. 180) s. 43 auf Maxeiners deutung des bei- 
namens la schanüure für Kyot P 416, 21 zurück (s. 65). Danach 
wäre / der artikel und a gehörte zum Substantiv. Das ergebnis 
aschantiure soll ein enclianteur wiedergeben; a statt an oder 
cn wird dialektisch sein oder nach Singer auf einem spontanen 
präfixwandel beruhen. Wie kommt aber Kyot, der dichter, 
zu dem beinamen 'der zauberer'? Maxeiner behilft sich indem 
er es offen läßt, ob euchanteur die auch belegte bedeutung von 
chanteur gehabt habe (was einen zur bloßen erklärung des 
artikels immerhin etwas umständlichen weg ergibt), während 
Singer gar von der "zauberstadf Toledo phantasiert. Ich 
glaube demgegenüber daran festhalten zu müssen, daß la der 
artikel ist und scliantmre ' Sänger' bedeutet. Wolfram selbst 
versteht darunter einen Sänger, wie aus 416, 23 hervorgeht: 

er ensunge und spraeche so 
des noch geuuoge werdent fro: 

sowie 28: swaz er en fransoys da von ge sprach. Ich betrachte 
schantiurc als eine selbständige bildung Wolframs aus chanter. 
Ich glaube übersetzen zu sollen: 'Kyot hieß jener sänger, 
dessen kunst so groß war, daß er mit seinem singen und 
sagen noch heute viele erfreut'. Wenn wir so la schanüure 
gewissermaßen emancipiert. aus einem beinamen zum subject 
des Satzes erhoben haben, dann bekommt der ausdruck die 



SALLIURE. S^JIAM'IURE. PARKLIURK. ^11 

rolle eines modenieii freiiidwortes, das den deutschen ausdruck 
zur erhöhung' der spracheleganz vertreten soll. A\'enn ^^'olfranl 
das wort selbständig aus chantcr nach dem muster der Wörter 
wie avcntiure gebildet hat, weshalb gibt er ihm dann nicht 
den richtigen artikel? Er gebraucht doch das sicher auch 
selbständig aus parier gebildete pareliure mit dem männlichen, 
dagegen sallhire mit dem weiblichen artikel. Ich erkläre mir 
das so, daß er bei Verwendung des deutschen artikels mit 
scharfem Sprachgefühl die richtige form anwendet, bei preziöser 
Verwendung des französischen artikels aber vor vermeintlich 
französischen Wörtern mechanisch den artikel vorsetzt, den 
die endung erfordert. Er will zeigen, daß er französisch kann, 
daß er weiß, daß -ure eine weibliche endung ist. Übrigens 
konnte er sich dabei auf einige gelehrte ausdrücke stützen, 
die, obwohl sie männliche personen bezeichnen, doch als 
feminina gebraucht werden, weil die etymologische endung e 
sie als feminina empfinden läßt. Chretien gebraucht (Perceval 
ed. Baist 561) Jesu Crist la profete sainte. Ferner findet man 
ein weibliches patriarclie, ermite. Wir finden also im franzö- 
sischen denselben Vorgang: fremd Wörter Averden. aus gram- 
matischen rücksichten, weil sie die endung e aufweisen, 
mechanisch mit dem weiblichen artikel versehen, obwohl sie 
männliche personen bezeichnen. Das Sprachgefühl versagt vor 
der grammatischen form. Genau dasselbe liegt bei Wolfram 
vor, nur daß er die fremdworter durch hinzufügung einer auf 
-e ausgehenden endung an das fremde verbum sich erst selbst 
bildet. Er glaubt aber richtige französische Wörter vor sich 
zu haben und verfährt also genau wie die Franzosen gegen- 
über ihren gelehrten eindringlingen wie ermite, profete us■v^^ 
Schließlich wäre auf ein verwischen des Unterschiedes zwischen 
le und la in manchen muudarten hinzuweisen. 

BRESLAU. RITDOLF PALGEN. 



312 PALGEN 

LÄPSIT EXILLIS (P. 469, 7). 

P. Hageus deiitimg dieser rätselhaften bezeichimug des 
grals als baetylus hat wohl niemand außer ihrem Urheber 
überzeugt. Durcli einen zufall ist mir die richtige etymologie 
aufgestoßen: es hieß in der quelle wohl sicher: l(q)is elixir 
d. li. der gral ist identisch mit dem lapis par excellence, dem 
lajyis philosophoriim. W^Si den lautunterschied von cxiUis und 
elixir anbelangt, so macht nur das schluß-5 bezw. r Schwierig- 
keiten (da der Stellungswechsel von l und x nicht ins gewicht 
fällt). Die vertauschung von r für .^ in elli'/r findet sich aber 
auch in 'Salomonis Trismosini Aureum Velins oder Schatz 
und Kunstkammer. Item veterum philosophorum monumenta. 
Rorschach am Bodensee 1599'. Dort heißt es III, 690 elixis. 
Es eröffnen sich hier ganz überraschende perspectiven für die 
erklärung der deutschen gralauffassung. Ich möchte nur 
drei punkte hervorheben: 

1. Die lebenerhaltende und verjüngende kraft des lap.sit 
exUlis wird unmittelbar nach der nennung stark betont 
(P. 469,8ff.). Vgl. Lebenselixier. 

2. Die seltsamen krankheitsumstände des Amfortas er- 
klären sich durch eine beeinflussung durch eine der üblichen 
allegorischen Schilderungen der bereitung des Steines. 

3. Die mystischen beziehungen des grals zum heiligen 
geist, überhaupt der ganze religiöse gehalt der Gralsage findet 
sich in den Schriften der alchemisten wieder. 

Demnach war die schritt des Flegetanis ein handbuch der 
alchemie. 

Ich behalte mir die ausführliche beweisführung vor.^j 

*) Ich hatte, als ich dies schrieb, keiue keuutiiis von Kampers' 'Turm 
uud tisch der madouua' (Mitteihiugeu der schlesischeu gesellschaft für 
Volkskunde, bd. XIX, Breslau 1917), wo dieselbe auflösung gegeben wird, 
anscheinend auf gruud einer Ijrieflicheu mitteiiung K. Burdachs. Doch ist 
hier die literarhistorische bedeutuug dieser feststelluug nicht erkannt. Die 
Kjotfrage wird hiermit in eine ganz neue beleuohtung gerückt. 

BKK8LAI. KUDOLF PALC^EN. 



ZUM CODEX PALATINUS 841. 

Die folgenden bemeikungen beziehen sich auf Rosenhag-ens 
dankenswerte ausgäbe bisher unbekannter oder an scliwer zu- 
gängliclien stellen veröffentlichter kleinerer mhd, erzähhmgen, 
fabeln und lehrgedichte aus der berühmten Heidelberger 
sammelhs. 841 (Berlin 1909). Ich möchte sie um so weniger 
zurückhalten, als die einzige von fachgelehrter seile aus er- 
schienene größere recension des buches (Ehrismann im Anz. 
fda. 35, 34) sich nur mit allgemeineren fragen der Orthographie 
und interpunction des codex beschäftigt und auf die texte 
selbst und ihre erklärung sowie auf das Wörterverzeichnis des 
herausgebers mit keinem worte eingeht. 

36, 60 durch hantsalben (in der handschrift getrennt hant 
salben) hat Eosenhagen (s. 242) unter dem verbum salben gebucht 
und damit eine constructionsschwierigkeit geschaffen, indem 
er von dem von der präposition regierten Infinitiv noch einen 
objectsaccusativ abhängen läßt: flüssiger wird die stelle, wenn 
man das auch sonst geläufige Substantiv hantsalbe ansetzt, wie 
dies übrigens Haupt in den Altdeutschen blättern 1,90 schon 
für unsere stelle getan hatte. 

36,319. 320. 333. 334. 345. 346. Diese zeilen sind fast 
wörtlich übernommen in die spätmittelalterliche Wolfenbütteler 
sammelhandschrift, die Euling uns zuerst zugänglich gemacht 
hat (Berlin 1908), und bilden dort in der angegebenen reihen- 
folge den sechszeiligen spruch von der allergrößten armut 
(nr. 405). 

40, 113. Das interjectionelle se hätte Rosenhagen (s. 243) 
nicht als imperativ von sehen notieren und dem gefühl der 
eigenen Unsicherheit, das das beigefügte fragezeichen docu- 
mentiert, energischer nachgehen sollen: es ist doch klärlich 
das got. sai (vgl. Feist, Ktym. wb. d. got. spr. s. 220) und gehört 



314 I.EITZMAKN 

vielmehr zum pronomen sa, wie schon Leo Me.yer (Die got. 
spr. s. 692) erkannt hat (v^l. auch Osthoff, Beitr. 8, 311). 

56, 40 sam mir mm triuiven reif! Rosenhagen (s. 242) 
maclit keinen deutungsversuch. trhiicen (wenn die Kalocsaer 
hs. wirklich so liest) scheint mir verderbt; in reif aber m()chte 
ich die auch sonst belegte nebenform für ref 'stabgestell zum 
tragen auf dem rücken' (Lexer 2, 370) erkennen: bei der häufig 
recht drastischen und derben ausdrucksweise des bergmännischen 
Schwindlers scheint ein beteuernder schwur bei einem stück 
seiner Avanderausrüstung ganz i>assend. Will man die Ver- 
derbnis für tiefer liegend halten und eine plausiblere conjectur 
vorschlagen, werde ich der erste sein, der diesen versuch, der 
Überlieferung wenigstens irgendwie beizukommen, wieder fallen 
läßt. Übrigens gibt auch die Überlieferung, wie sie vorliegt, 
einen sinn, wenn man in dem irimvcn reif unsern trauring 
sehen dürfte, ein wort, das Heyne 3, 1018 aus Luther belegt 
(vgl. über den ehelichen ringwechsel Weinhold, Die deutschen 
frauen in dem mittelalter ' 1, 310); auch diese beteuerung 
wäre natürlich schwindelhaft zu nehmen. 

61, 149 do muoste diu vierde gcburt mit c/otes ivisheit sin 
hegwi. Diese übereinstimmende Überlieferung der drei hand- 
schriftlichen zeugen gibt einen guten sinn, wenn man die 
belege bildlichen gebrauchs von hegürten bei Lexer 1, 149 
heranzieht: Christi vaterlose geburt konnte nur durch gottes 
Weisheit ermöglicht werden, mußte von dieser umschlossen 
sein, von ihr zusammengehalten werden. Rosenhagens con- 
jectur helurt verstehe ich nicht, noch weniger, wie er eine 
form bcJiurt (s. 229) von helorn ableiten kann. 

61, 207 ehtcc, das hier als epitheton gottes erscheint, über- 
setzt Rosenhagen (s. 231) mit 'echt': sollte er es wirklich als 
ehaftcc verstanden haben ? Es ist natürlich umgelautetes ahtec 
und bedeutet 'von hohem ansehen'. 

69, Andere, vielfach abweichende fassungen der parabel 
vom Jahreskönig finden sich in der Melker hs. nr. 39 und im 
Laubacher Barlaam 5377. 

69, 86 daz si sich selber iht verseht ze dem evjigen volle 
ist wörtlich dem eingang der Kindheit Jesu von Konrad von 
Fussesbrunnen entnommen (8): daz tvir niht iverden verselt ze 
dem ewigen valle. 



ZUM f;or)Ex PAi.ATiNrs :;ti. Dir» 

72 (= Melker lis. 26), 157. 158 sind aus Fieid. 10,23 eiit- 
iioiiinieii. 

75. Dieselbe paiabel von den drei freunden findet sich im 
Ijanbacher Barlaam 5140. 

75.80. Die ansetzung- einer lücke nach diesem veise, in 
tler 'etwas über den zweiten freund gesagt und das subject 
zu 81 duirh einen i-elativsatz ausgedrückt wai'. wie Rosen- 
hagen glaubt, ist unnötig. Hätte der herausgeber den abdruck 
in Laßbergs liedersaal (nr. 75) genauer herangezogen, so hätte 
er gesehen, daß alles ohne lücke in Ordnung ist: 78 ist hmste 
für ha;ste und punkt, 79 den für dem und komma, 80 mit W 
und Laßbergs lis. der für dvfi zu setzen; dann schließt sich 81 
ungezwungen an. 

81, 16 der iverlde luodcr erklärt Rosenhagen (s. 239) 
zweifelnd 'ein aller welt.«;lüderjan' oder 'eine Verlockung für 
alle weit', beides schwerlich zutreffend. Ebernand 2542 nennt 
den bösen bischof Brun von Augsburg des tiuvels Inoder, einen 
mann, der auf die lockspeise des teufeis angebissen hat und 
nun selbst gewissermaßen mit ihr identisch geworden ist 
(ähnlich pseudo- Neidhart in Hagens niinnes. 3,227b); ähnlich 
sagt der dichter des Salve regina von sich selbst (261): ich 
was der werlt liioder, ein von der weltlichkeit verlockter, 
also genau wie in unserer stelle. An andern stellen heißt 
des tiuvels, der iverlde luoder natürlich einfach 'des teuf eis, 
der weit Verlockung' (vgl. z. b. Jerosch. 4658. 10416, der das 
wort in allen möglichen genetivischen Verbindungen besonders 
liebt, wie Pfeiffer s. 190 zeigt). 

81, 88 muß ein fragezeichen statt des ptmktes gesetzt 
werden. 

Von nr. 89, der parabel vom marktdieb, gibt es noch eine 
fragmentarische Überlieferung, die Rosenhagen entgangen ist. 
Hoffmann von Fallersleben hat in der Germ. 12,61 ein 'bruch- 
stück eines unbekannten lehrgedichts" aus seinem besitz ver- 
öffentlicht: es sind mit allerhand kleineren abweichungen die 
verse 48—100 unserer nummer. ins niederdeutsche umgeschrieben, 
und zwar mit den beiden plusversen von W nach 54. Zwei 
verse des Originals hat Pfeiffer, dem der Palatinus bekannt 
war, der sich aber der Identität des fragments mit unserer 
nr. 89 nicht bewußt wurde, Germ. 13, 353 richtig hergestellt. 



316 LEITZMANN 

Das rätselhafte ohof des fragments (16 = 61), das Pfeiffer als 
öH/jo/''scliafhof' auffassen wollte, ist doch wohl nur ein fehler. 

06,25—30. Die in der anmerkung aus W mitgeteilten 
ersatzverse sind ans Parz. 2. 1 entlehnt: vgl. schon Haupt zum 
Winsb. 15, 9. 

97, 22 äaz ein übel tvip ivirs ist und drier scherfe erger. 
Ich weiß nicht, warum Eosenhagen (s. 243) scherfe mit frage- 
zeichen versieht und unter dem text dri werbe vermuten will: 
scherf ist 'kleinste münze, scherflein' und das gibt einen vor- 
trefflichen sinn. Drei scherflein in sprichwörtlicher wendung 
gebraucht auch der Renner 15924 fuscni marlie muos der darben, 
der ze drin scher fen ist geborn. 

98, 69. Einfacher ist es, wenn man die überlieferten worte 
daz wir nemen nicht in nemen wir duz umstellt, sondern das 
einschiebt und das wir da? nemen liest. 

108, 152. Zu Verla ff en "betrunken" verweist Rosenhagen 
(s. 248) auf das einmal l)ei der Hätzlerin belegte übcrlaffen: 
weit häufiger ist im gleichen sinne erlaffen (Lieders. 129, 33. 89; 
Gesamtab. 62, 241. 369; Boner. 54, 40). 

110 Überschrift hie entret er die tvisen phaffen. Das 
seltene wort entern 'vergleichen, nachahmen, symbolisieren', 
alid. antarön. (vgl. im allgemeinen Ochs, Reitr. 40, 467) hat 
Eosenhagen in sein, wörterzeichnis unbegreiflicherweise nicht 
aufgenommen und vielleicht gar nicht erkannt. Zu dem 
einen literarischen beleg der ganzen wortsiitpe im Mhd. wb. 
hat Lexer 1, 80 und Xachtr. 28 noch einen aus Konrad von 
Megenberg und zwei aus AValther von Rheinau hinzugefügt. 
Unser beleg ist nicht unwichtig, zumal fast alle sonstigen be- 
lege aus spätahd. oder frühmhd. denkmälern stammen: zu den 
bei Ochs s. 468 gesammelten stellen aus Notker, den Glossen 
und dem Physiologus kommen noch Schönbachs reiche Samm- 
lungen (Stud. z. gesch. d. altd. pred. 2, 72). 

Nr. 1J6, die kurze i)arabel vom eieniiebstahl der reb"> 
hühuer, hätte Rosenhagen nicht aufnehmen sollen, da sie an 
einer sehr bekannten und leicht zugänglichen stelle gedruckt 
ist, was ihm entgangen ist: in Freidanks Bescheidenheit 
(144,11 — 26; A^gl. schon Grimm- s. 259); ein weiterer abdruck 
und zwar aus unserm Palatinus findet sich Hätzl. s. XXXVIII, 
den Rosenhagen (s. XXXVIII) citiert. 



I 



'/AM CODKX I'AI-AIIM'S HU. .'.l? 

117, 10. Weitere belege für (dkr Kriechen yoK .sind Strickers 
Karl 2065 (bei Kourad nichts eiitsjtrecheiidesj; Alt.sw. 62. 28. 
60,7; Hadani. o4 1, I. 116,7. Vgl. auch noch alle der Kriechen 
(litoi Pal. 193,61 und (dlir KriccJun srha.z Bruu von Schön. 10508. 

14J. 17 (liK rose hete sich entsmuycn und hcle diu Meter 
2110 gesogen, ivan si des touives nuevanc und ouch ein Jcüeler 
i'fhtnl tivanc. Roseuhagen hat hier keinen anstoß empfunden: 
aber was soll man sich unter des touiws aneranc vorstellenV 
Es muß anehanc heißen und speciell des tomccs anehanc ist 
aus einem liede Wolframs (7, 18j entlehnt. 

142,39 duz enürnmie niht urnbe ein Orot. Zu ho(. dei- 
lesart von W, die aber nur ein einfacher Schreibfehler sein 
dürfte, bemerkt Rosenhagen: "das richtige ist Iöt\ Da die 
bildliche negationsformel mit bröl ohne bedenken auch dann 
gebraucht wird, wenn von wirklichem brod wie hier gar keine 
rede ist, so sehe ich nicht ein. was uns zu einer iinderung- 
der Überlieferung" zwingen könnte. 

113,6 rödtnrar und lilioivar i.si wohl Schreibfehler für 
rosenrot und liluni.ufr. wie auch (),h9^ zu lesen ist. 

143, 118 sol er si in dem herzen tragen und si in hi der 
zehen niht, das wirt ze jungest gar emciht. Daß der Verfasser 
hier keimtuis des Eraclius veiiät (20-48 ,s'/ hete ir dmls hi ir 
hrust dem herzen nälien gclcit: doch ist manegiu, diu nü treit 
ir vriimt hi der zchen), hätte direct gesagt werden sollen an 
stelle des geheimnisvolliii hinweist-s auf Haupts aufsatz (Zs. 
fda. 3, 168). 

147, 103 duz niawe (ougc) tnot nach siner art: iz enivoUe 
ndeh der miuse vurt durch zivelf künege niht selten. Rosen- 
hagen bemerkt hierzu: "104 f. mu(.) bedeuten: es würde selbst 
um zwölf könige willen nicht da\un ablassen, nach mausen 
zu schauen. Aber der wonlaut ist mindestens sehr undeut- 
lich: liegt Verderbnis vor?' Von einem "nicht ablassen" steht 
aber in dem überlieferten satze nichts und diese Interpretation 
der werte kann keinesfalls zutreffen, da sie vielmehr sinn- 
Avidrig- das gegenteil besagen: 'es wüide nicht nach mausen 
ausschauen'. Die Verderbnis scheint mir leicht zu heilen, 
indem man ich für iz liest: •ich hätte keine neigung-. nach 
mausen auszuschauen'. 

Nr. 151, die parabel vom toren und dem teuer, ist nicht 

Beiträge zur geschichte der deiitsyliRii spructie. Hi. OJ 



318 LEITZMÄNN 

nur in den Altdeutschen Wäldern 3.202. sondern, was Rosen- 
hag*en entgangen ist, auch in Laßbergs liedersaal (nr. 256) 
gedruckt, allerdings in einer um 14 zeilen kürzeren fassnng. 

Nr. 162, die yerse vom esel, gaucli und afien, sind nicht 
nur in Laßbergs liedersaal (nr. 201), sondern auch, was Rosen- 
hagen übersehen hat, als schlußverse der ni'. 35 der Melkei' 
lis. (57 — 04) gedruckt; die letztgenannte fabel von der affin 
und der nuß enthält auch unser Palatinus als ni-. 100, wo 
natiirlicli die betreffenden schlußverse fehlen (vgl. Rosenhagen 
s. 221). 

163, 113 muß mit W (hr statt doii gelesen werden, wie 
die i)arallelen. ganz s_ymmetrisch gebauten salzglieder vorlKM' 
und nachher deutlich erweisen. 

164, 30 die sprächen, es enüete got. sine f/ctvänne in andere 
niemen an. Diese stelle ist den von mir Beitr. 44, 132 an- 
geführten beizuordnen, aus denen die genesis des später er- 
starrten Sprachgebrauchs begreiflich wird, täte, tat {getan hätte) 
in irrealen bedingungssälzen im sinne von 'gäbe es nicht, 
wäre nicht vorhanden' zu setzen: auch hier kann tnon noch 
im vollen substantiellen wortsinne genommen werden. Seit 
ich an der eben angeführten stelle ausführlich über diesen 
gebrauch gehandelt habe, habe ich drei schöne belege im 
Nibelungenlied aufgefunden, die bisher nicht beachtet worden 
sind: 273, 1 iras wcere mannes tvünne, des vreute sich sin Up, 
ez rntoiteii scltwne meide und herliehiu wip?; 1039,3 daz ir 
niemen tröste daz herze noch den muot, ez entcete Giselhcr; 
1272, 3 vroii Helche . . . phlac so grözer tugende, daz tvwtlich 
nimmer mer erge, ez eufcete danne Kriemhilt. Vgl. auch noch 
Lieders. 251, 213 tost hoffen und sin zuoversiht, alle liebe wcere 
ein wiht. Dankenswerte nachtrage aus nhd. Schriftstellern hat 
kürzlich .Tellinek (Beitr. 45, 82) beigebracht, ein beweis, daß 
ich nicht erfolglos die aufmerksamkeit der fachgenossen auf 
die merkwürdige erscheinung von neuem hingelenkt habe. 

176, 345. geiecge, das Rosenhagen (s. 234) als gcwcege auf- 
faßt und für den conj. praet. von gewehenen halten möchte, ist 
eine unmögliche form: natürlich ist mit W gewüege zu lesen. 

In nr. 177, dem gedieht vom Wucherer, sind die verse 
157 — 201 eine langatmige paraphrase einiger Sprüche über 
den Wucher aus Freidanks Bescheidenheit: 157- 172, die 



/UM ("UDKX l'ALA'IJNL'S 341. liV.i 

eiörteruDg'eii darüber, daß der wacherer weder in der nacht 
noch an den t'eiertagen ruhe hat, entsprechen Freid. 27.15 — 20; 
17o — 201, die betrachtungen über die dreiteilung- des nach- 
lasses des wiicherei's unter hen-en. teufel und würmer geben 
die folgenden spräche 27,21 — 28,14 wieder. 

178,25 so phUgesf'u, des diu geiz pMif/et: diu schirret, une 
sl harte liget. Von dieser gewohnlieit dei- ziegen spridit aucii 
J^'i'eid. 118, 15 diu geiz h'ralzct innnegc zit von weiclie, unz si 
hertfi Ut: daß diese lesart und nicht diejenige beider auflagen 
Wilhelm Grinims {von, lierfr, ims si weiche Ut) die richtige 
und echte ist, zeigt, worauf Paul (Über die urspr. anoidn. von 
Freid. Bescheid, s. 52) mit recht hingewiesen hat, die folgende 
nutzanwendung [er sol niht sin ein tnmher man, der stnfte 
leben vertragen han). 

178,45 wir hin im reim {-.sin) ist sonst nur aus Strickers 
Karl und Lamprechts von Regeiisburg Franciscus belegt (vgl. 
Weinhold, Mhd. gramm.- ij oG3), dürfte also für die heimats- 
bestimmung des gedichts hervorragend wichtig sein. 

178, 281 so hästü vaste überzaJt ist eine reminiszenz aus 
Iw. 8007 ir habet vaste nherzalt. 

186,99. 120. Zu dem hier zweimal begegnenden meiieahsen 
bemerkt Rosenhagen (s. 240): •? y^o\\\mittnvahsen,\o\\ mittlerer 
große'. Das fragezeichen ist unberechtigt, denn das woi't ist 
lichtig, wenn es aucli die beiden mhd. Wörterbücher noch nicht 
belegen. Lamprecht von Regensbnrg übersetzt das "statura 
mediocris, parvitati vicinior' seiner quelle Fi-anc. 3172 nnd 
was ein metivahsen man. Zur Stammform des ersten bestand- 
teils der composition mda-, metam- vgl. Graff 2, 672. Das von 
den Wörterbüchern gleichfalls nicht gebuchte mitelwahsen steht 
Lieders. 27, 16. 

194,240 daz briunendc ahu fände begegnet auch ]\lelker 
hs. 27 (= Pal. 120), 61. 

194, 263 — '6Q stimmen fast wörtlich zu Melker hs. 41 
(= Pal. 107), 9—12. 

209, 70 des wart der )neisier nntjeniuotes ( : hnotes). Rosen- 
hagen verbessert unter dem text ungemuot ( : hvot). Ich glaube 
vielmehr, daß der altertümliche adverbiale genetiv nnmnotes 
einzusetzen ist, der bei Lexer 2, 1919 mehrfach belegt ist: 
wie sollte der schreibei- darauf verfallen sein, die glatte, 

2L- 



320 LEl'l'ZMAKN 

von Roseuliageu vorausgesetzte lesart durch die geuetivische 
zu ersetzen? 

Von kleineren anstoßen im Wörterverzeichnis notiere ich 
noch folgende: s. 230 'der --— er Gl, 195" (was soll das bedeuien? 
Der citierte vers lautet: .90/ ivir an der sele genesen); s. 283 
iiarwe ist nicht indeclinables adjectiv. sondern adverbium; 
s. 234 muß bei (icnge das kreuzchen gestrichen werden; s. 237 
die bedeutung 'wißbegierig' für harc ist mir zweifelhaft; s.239 
loehern ist natürlich löchern, nicht locl:erri, weshalb die klammer 
zu streichen ist; s. 244 'spies zum braten" muß spi.z heißen, 
da beide worte verschieden sind; s. 250 wide ist 'in ic'nh zu 
bessern. 

JENA, 28. decembei 1920. ALBERT LEITZMANN. 



ZU DEN ALTDP]UTSCHKN T18CHZU0HTEN. 

1. Des Tanhausers hofzucht. 
Obwohl der getaufte Jude und leibarzt des königs Alfons I. 
von Arragonien, Petrus Alfonsi. der erste, der uns in seinem 
bekannten novellen- und exempelbucli nebenbei einige tisch- 
zuchtregeln überliefert hat und dadurch der geistige vater 
aller ähnlichen anstandscompendien der abendländischen 
sprachen geworden ist, den vater auf die ängstliche frage des 
sohnes (Discipl. cleric. 40, 12 Hilka) "o pater, quare oblitus es 
dicere, ([uomodo debet homo comedere coram rege?' antworten 
läßt: 'non oblitus fui dicere, quia nulla diflerentia est inter 
comedere coram rege et alibi', dürfte doch wohl kein zweifei 
sein, daß die achtsamkeit auf diese gesetze der feinen sitte 
und die erziehung zur Vollkommenheit in ihnen zuerst in den 
kreisen der vornehmen zu hause gewesen sind und sich von 
dort aus allmählich weiter und weitei- verbreitet haben wie 
alle und jede cultur, so sondei-bar uns heute wohl vieles von 
dem vorkommen u)ag, was da als häufige Unsitte bekämpft 



zr r>KN Ai.'i'r>iaris([rKN riscii/jTfKiKN. 821 

iiiicl gerügt wird. Ks ist daher recht und billig", wenn ich 
meine betraclitungen zu den altdeutsclien tisclizuchten mit 
demjenigen denkmal beginne, das nacli den gelegentlichen, in 
das erste buch seines Wälschen gastes eingestreuten erziehungs- 
vorschriften Thomasins von Circlaria (sein dort 1171 erwälintes. 
leider verlorenes büchlein von der Jiäfsdteit in italienischer 
si»rache dürfte der älteste tractat della cortesia in den abend- 
ländischen Volksliteraturen gewesen sein) den ältesten deutschen 
versuch darstellt, das betreffende gebiet von erzieh ungsregeln 
in Versen zu behandeln, mit der dem Tanhauser zugeschriebenen 
Hofzucht. Zuerst hat sie Haupt (Zs. fda. 6.-188) aus einer 
\Mener hs. veröffentlicht, der einzigen, die sie uns überhaupt 
erhalten hat: dieser abdruck ist einem neueren von Geyer 
(Altd. tischz. s. 0) schon aus dem gründe unbedingt vorzuziehen, 
weil aus dem letzteren der wirkliclie zustand der Überlieferung 
des gedichts gar nicht zu erkennen ist, da Geyer weder Haupts 
noch seine eigenen versumstellungen irgendwie näher bezeichnet 
ha( ; demgegenüber wollen die wenigen besserungen zu Haupts 
Variantenapparat (zu 13. 130. 147. 175. 190), von denen nur 
die erste eine wirkliche besserung des textes bringt, nicht 
allzuviel besagen. 

Ich beginne mit dem problem der metrischen form der 
dichtung. das von mehreren selten her etwas verwickelt ist 
und mir noch durchaus bis heute weder genügend beachtet 
noch gar überzeugend gelöst zu sein scheint. Haupt zerlegt 
die Hofzucht in vierzeilige Strophen oder quatrains, wie er es 
nennt, und nimmt deren 66 an, was also im ganzen 261 verse 
ergibt; Geyer ist ihm darin gefolgt, ohne zu prüfen, ob er 
dazu berechtigt war, die tatsächliche Überlieferung, die nicht 
66 quatrains. sondern nur 260 verse ohne ganz schematische 
Strophenteilung bietet, in sein vierzeiliges Schema einzuzwängen. 
Betrachten wir einmal die stellen genauer, an denen Haupt 
vom überlieferten abweicht. Bis sti'. 18 (vers 72) ist alles 
in Ordnung: von Strophe 19 dagegen sind nach Haupt nur die 
erste und dritte zeile erhalten, durch den reim gebunden, die 
zweite und vierte dagegen, ebenfalls durch den reim gebunden, 
in der handschrift ohne andeutung einer lücke ausgelassen. Zu 
bemerken ist, daß inhaltlich hier durchaus nichts vermißt 
Avird, vielmehi' bei etwas vermulrrtei' interpunction sich str. 18 



.:'22 l.EIIZMANN 

mit der venueinüicli nur halb erhaltenen str. 11' zu einem 
tadellosen sechszeiler verbindet: 

ob dem tische lat daz breliten sin. 

so ir ezzent, daz süniliche tunnt. 

dar an g'edeiikent, vrinnde niiu. 

daz nie kein site so übele stuont. 

swelli man daz biot legt an den lip 

nnd snidet sani diu kranken wip. 

JSti". 20 — 37 (yers 148) geht dann wieder alles glatt; aber bei 
Str. 38 wiederholt sich der gleiche fall wie bei str. 19: Haupt 
glaubt, auch hier sei nur der erste und dritte vers erhalten, 
der zweite und vierte vom Schreiber ausgelassen worden. Auch 
hier aber fehlt inhaltlich nicht das geringste, vielmehr ergeben 
Str. 37 und die vermeintlich nur halb erhaltene str. 38 wieder 
einen sechszeiler: 

etliche sint sü vräzlich yar. 
si ez/.ent. also dünket mich, 
daz si nilit nement irs mundes war 
nnd bizent in die vinger sich 
nnd in die zunge, hoere ich sagen: 
wem wil der den schaden klagend 

Daß diese ])eiden sechszeiler sich in genau symnietrischeni 
abstände einstellen, genau nach 18 (juatrains. kann nicht wohl 
Zufall sein, sondern muß einer absieht des dichters zugeschrieben 
Averden, nach einer größeren zahl von Vierzeilern durch einen 
sechszeiler einen abschnitt seiner erörterungen einschneidend 
zu markieren. Wir dürfen daimch erwarten, daß nach weiteren 
18 Strophen, also nach str. 56 (vers 224) sich wieder eine 
mit Haupt zu reden lückenhafte, vom Schreiber verstümmelte 
Strophe linden wird: und tatsächlich hat str. 57 nicht vier, 
sondern nur drei zeilen, alle drei durch denselben reim ge- 



bunden : 



nü lilt in die znht beliagen: 

e daz si komen zuo ir tagen, 

den kinden sol uians niht versagen. 



Der dichter scheint mit diesen Worten von seinem publicum 
abschied zu nehmen und sein comidiciertes. dreimal 18 Strophen 
umfassendes reimgebäude, das genau beim abschluß des ersten 
und zweiten dritteis iütatt der gewöhnlichen quatraius sechs- 
zeiler aufwies, erschiene am ende, die beiden früheren ein- 
schnitte noch überbietend, durch einen siebenzeiler passend 



zu VKN Af/rnKrisrnKN TrsrnzurHTEK. 82" 

ausgeleitet. Ist aber aiicli alles folgende echt und will man 
in Str. 50 1- 57 nicht den abschluß sehen, dann erhalten 
wir wiederum 9 weitere Strophen (diesmal also die hälfte 
von 18), deren letzte mit einem sechszeiler anzusetzen ist, 
denn es liegt gar kein giimd vor. mit Haupt in diesem falle, 
wo es sich um kein product höfisch - reiner, vornehmer kunst 
handelt, bei dem allerdings wohl solche schlußreime als schreiber- 
interpolation angesehen werden müßten, die zeilen Disia fjuot 
lere hat ein ende: yoi an uns alle unisuht ivende als unecht 
zu beanstanden. 

Auch auf die reinistellung der Hofzucht muß noch ein 
kurzei' blick geworfen werden. Hier hat Haupt mit vollem 
recht bedachtsam, abei' energisch in die handschriftliche Über- 
lieferung eingegriffen. Von seinen 66 Strophen sind 4 lücken- 
haft, wie er annimmt, erhalten (die oben besprochenen Strophen 
19, 38 und 57 sowie 62, wo sinn und reinistellung in gleiche]- 
weise den irrtümlichen Verlust eines verses dartun) und 3 
durchgereimt (str. 1, 4 und 5). Von den nach abzug diesei' 
7 übrigbleibenden 59 Strophen hat die hs., häufig gegen den 
sinn und syntaktischen Zusammenhang, in 58 fällen gepaarten 
und nur einmal (str. 40, vers 157) überschlagenden reim. 
Von diesen 58 Strophen hat Haupt 49 durch Umstellung 
einzelner zeilen, ohne den sonstigen Wortlaut anzutasten, über- 
schlagende reime gegeben und nur in 9 fällen (str. 50 — 52, 
54 — 56, 60, 61 und 65) die überlieferten gepaarten reime be- 
lassen. Es ist ihm durchaus zuzustimmen, wenn er zusammen- 
fassend sagt (s. 496): 'die Umstellungen der zeilen werden, 
hoffe ich, trotz ihrer menge durch ihre notwendigkeit über- 
zeugen. In einigen quatrains wußte ich die reimverschränkung. 
die ohnehin in den durchgereimten aufgegeben ist, nicht an- 
zubringen'. Geyer erklärt dann, zwar consequent, aber un- 
bedacht (s. 2): 'Haupt hat die ursprüngliche Ordnung meist 
wiederhergestellt; ich habe auch in den von ihm nicht ver- 
änderten quatrains die Umstellung voi-genommen'. Ich kann 
nicht mit Martin (Anz. fda. 8, 309) finden, daß diese consequente 
durchführung 'überzeugend' sei, halte sie vielmehr, auch ab- 
gesehen von den mannigfachen, dadurch notwendig gewordenen 
textänderungen, nicht nur für gewaltsam, sondern mehrfach 
direct für falsch. Pas gewaltsame zeigt sich auch in dem 



durch die unüstelluiig" vielfacli entstandenen verrenkten und 
vei'scliaclitelten satzbau, der sich schon äußerlich dem äuge 
durcli die kleinen eing-eklanimerten Zwischensätze kundgibt, 
eine art der satzverknüpfung oder besser -entknüpf ung. die 
sich sonst bei dem dichter nicht ein einzigesmal belegen läßt. 
Ich mustere rasch die einzelnen fälle. Str. 50 (vers 197): 
der und und haben ihre stellen tauscheu müssen; "gott, der 
keinen anfang und kein ende hat', wie die Überlieferung 
bietet, ist die normale gedankenfolge (vgl. z. b. Walth. 86. H7; 
AVilleh. 1,4; Bonei'. prol. 1; j. Tit. 1, 1; Friedr. v. Sonnenb. 1.1; 
weitere belege aus den minnesingern in Zingerles anmerkung 
zu dieser stelle), nicht das umgekehrte (hierfür hat Gi-imm. 
Gold, schmiede XXVII. 28 nur zwei stellen). Str. 51 (vers 201): 
durch die Umstellung entsteht verrenkter satzbau und klammer- 
stil: das Freidank citat wird von seiner einführung ungebührlich 
losgerissen und die erwähnung der übereinstimmenden ansieht 
des Tanhauser wirkt i)retiö.s. während in der Überlieferung 
alles viel einfacher sich aneinander schließt. Str. 52 (vers 205): 
klammerstil. Str. 54 (vers 21o): die Umstellung verbietet sich 
schon deshalb, weil hier, wie bereits Haupt gesehen hat, ein 
citat aus Freid. 15, 15 vorliegt, im einzelnen zwar ungenau 
und für den vorliegenden zweck verallgemeinert, aber in der 
folge der verszeilen uiul damit der Satzteile genau; mit der 
allegorischen anwendung auf die sieben tagzeiten bei Freidauk 
konnte auch die siebenzahl der gerichte aufgegeben werden. 
Str. 55 (vers 217): das und der schlußzeile hat geändert werden 
müssen; der einfache satzbau hat einer pretiösen dichotomischen 
responsion platz gemacht, aber zu unserem dichter paßt eine 
feinheit der stilkunst Hartmanns (vgl. Faust, Zs. fda. 24, 1) 
wie die taust aufs äuge. Str. 5(3 (vers 221): klammerstil; auch 
hier hat das tind der schlußzeile einem da.:; weichen müssen, 
so daß nun sehi' ungeschickt drei liintereinaiider folgende verse 
mit d€(3! beginnen. Str. 00 (vers 237): hier mußte gar die 
vierte zeile vom ende heiaulgeholt weiden und :<\vischen der 
ersten und zweiten iliien jdatz eihalten; der Schluß also hau 
ich vertwnien, dei- in der Überlieferung zusammenfassend sich 
auf beide vorhergegangenen sätze bezieht, bestätigt nun nur 
den er.sten, niclit auch zugleich seinen gegensatz. Str. Ol 
(vers 241): die plane satzvei'bindung ist aft'ectierl geworden. 



7A' tH':N Af/i DKT isciiiA' irsriizi:« M I KA'. 825 

Str-tM (vei's257): (liUT'li vuiaii.sU'llHii;^- des da-^ ^/Z^: erliinteDulMi 
Satzes mit aU hat der satzbau an klailieit und cinfaclilM'it 
erheblicl) eing-ebüßt. Meines erachtens kann man und darf 
man über die eingritle, die Haupt in die versstellung der Hof- 
zuclit getan hat, weil sie meistenteils flu- den sinn notwendig 
waren, an keiner stelle hinausgehen, muß vielniehi- mit ihm 
dem dichter wechselnde reimtechnik in dieser hinsiclit zu- 
billigen: wie er im anfang einigemale mit Heiß sich durch- 
gereimte Strophen gestattet hat. so liat er im ausganj? die 
strengere und wohl auch mühevollere form der überschlagenden 
reime im princip verlassen und aus äußerem oder innerem 
zwange gepaarte reime zwischen die überschlagenden gemischt; 
das treibende motiv dazu kcinnen wir natürlich nicht wissen. 
Eher dürfte nmn bei vereinzelten Strophen zweit'el hegen, ol) 
nicht die gepaarten reime der Überlieferung besser erhalten 
blieben (so bei str. 6.12. 38. o7. 39. 47 wegen der dicht)tomischen 
lesponsion. Kine einzelne strophe aus metrischen gi-ünden für 
unecht zu erklären, wie es Haupt (s. 496) vermutungsweise 
des klingenden reimes wegen mit str. 52 (vers 205) vorschlug, 
ist [nicht wohl angiingig: noch viel stärker fällt ja str. 53 
(vers 209) aus dem gewohnten klänge heraus, da die zweite 
und vierte zeile nur drei hebungen haben, aber auch hit-r 
wäre jeder uniformierungsversuch gewaltsam. 

Daß die Hofzucht, die sprachlich durchaus den eindi'uck 
macht, als wenn sie noch aus der guten zeit des 13. jli.'s her- 
rühren könnte, deren reimtechnik. wie Martin (s. 309) mit 
recht Geyer gegenüber betont hat, bis auf einige apokopeii 
durchaus sauber und correct ist, dem lyriker Tanliauser nicht 
gehören könne, ihm vielmehr nur untergeschoben sei, ist ohne 
zureichende gründe und ohne jeden versuch eines beweises 
bisher allgemein angenommen worden, abgesehen allein vom 
ersten herausgeber Haupt, der keinerlei zweifei äußert (vgl. 
Koberstein -Bartsch 1^245; Wackernagel-Martin 1,369; Meyer. 
Allgem. d. biogr. 37, 388; Vogt im (^rundr. d. germ. philol. 2, 1, 277). 
Nach dem Charakterbild des Tanhausers (den ich keinesfalls 
für einen kleiiker halten möchte), wie es nach Scherers 
glänzender skizze besonders Oehlke, Kück und Siebert näher 
ausgeführt haben, scheint mii' nicht das mindeste gegen die 
Überlieferung zu sprechen, daß er auch das gedieht von der 



326 LEITZMANN 

liofziiclit verfaßt hat, eine überlief eruüg'. die bisher durch 
niemand widerlegt worden ist, wenn auch Oehlke (Zu Tannh. 
leben und dichten s. 2) sonderbarerweise Gej^er dieses ver- 
dienst zuspricht, obwohl dieser die ganze verfasserfrage nicht 
mit einem worte erwähnt. Die Strophe 12, 5 der Heidelberger 
hs. (Hagens minnes. 2, 94) ein wiser man, der hies sin liebez 
k'mt also gebären zeigt deutlich, daß dem Tanhauser der 
übliche didaktische motivkreis seiner zeit durchaus nicht fern 
lag: es wäre nicht zu verwundern, wenn er dann, von seinen 
gönnern oder freunden ermuntert {mit sümlicher rat 262), sich 
wirklich entschlossen hätte, ein wichtiges capitel der höfischen 
Jugenderziehung, das seiner realistisch -humoristischen be- 
anlagung ein reiches feld eröffnete, in dem gedichte von 
der hofzucht eingehend abzuhandeln. Das gewählte metrum, 
wechselnde vier- und sechszeiler mit bevorzugung der ersteren 
art und mit überschlagenden reimen, hatte er schon einmal 
in seinem zweiten leich (s. 82) verwertet, und unsere Hofzucht 
rückt dann wohl zeitlich dicht an das nach Paul (Grundr. d. 
germ. pliilol. 2, 2, 126) älteste beispiel überschlagender reime 
außerhalb der streng Ijaischen Strophenformen, das. wie 8arau 
nachgewiesen hat, interpolierte, aus dem zweiten viertel des 
13. jh.'s stammende schlußgedicht von Hartmanns büchlein 
heran (Euling, der in seinem stofireichen buche über das 
priamel im sechsten abschnitt den gebrauch des Vierzeilers 
und seiner mannigfachen schwellformen ausfiilirlich behandelt 
hat, läßt dabei leider, wenn ich nichts übersehen habe, die 
frage der reimstellung un erörtert). Wenn der dichter Freidanks 
lob des guten weins mit den Worten begleitet (203): das noch 
der Tanhüscere giht: vil heiden des gelouhent nilit. so erinnern 
wir uns zweier stellen aus dem spruch 14,3 (s. 96): diu 
schmien wip, der guote ivin, diu mursel an dem morgen und 
mvirent in der tvochen baden, das scheidet mich von guote und 
der guote wUi, der süret mir, sivenne ich sin niht mac ver- 
phenden; von dem weinverbot der muhamedaner konnte er 
genaueres wissen, da er ja im lieiligen lande gewesen war. 

Ich schließe mit bemerkungen zu einzelnen stellen. 69 ob 
dem. tische lät das rehten sin: Lexer 2,381 erklärt, wie nicht 
anders möglich, 'das streiten mit Worten', hat aber keinen 
sonstigen beleg. Ich möchte brehten 'sclneien, lärmen' lesen. 



— Mo lese idi a'2en statt c^^en in anl'jlinuiig an Fluid. HO. 12 
die bccsen cezen nmjetwagen, solle ir laster nicniun sa<jen, welche 
.stelle dem dichter im sinne gelegen zu liabon scheint. — 
145 für das überlieferte rncMch setzt Geyer vrevelUch: ich 
möchte rrddich vorziehen, wie auch die Ros.sauer tischzucht 39 
vrcesec hat. — 201 zu dem Freidankcitat bemerkt Haupt: 'in 
einem verlorenen Spruche odei' ist es ungenaue Erinnerung an 
95,2?' (vgl. auch W. Grimm, Klein, sehr. 4,18). Ich meine, 
der dichter citiert etwas frei Fieid. 95, 4 vur diirst niac nUd 
hezsers sin dem ^vaszcr, hier, mete tmde ivin, wo, wie ßezzen- 
berger richtig hervorhebt, die getränke in einer aufsteigenden 
klimax geordnet sind, der wein somit tatsächlich der heste 
tranc ist. Grimm hat also ganz recht getan, die stelle unter 
den Freidank zugeschriebenen Sprüchen nicht eigens mit auf- 
zuführen (wohl aber durften dort nicht fehlen vier stellen aus 
dem Renner: 2811. 8901. 9657. 13267; vgl. Beitr. 45, 120). — 
217 stvä mein des sehdcJh^ahcIs (jert und sivd memz von hunyer 
mert. Haupt bemerkt: 'diese zeile ist mir nicht deutlich'. 
Der sinn ist wohl: wo man mit brotstückclien schach spielt 
und sie dann vor hunger aufißt, d. h. wo geiz oder allergrößte 
dürftigkeit herrscht. Erläuterung bringt, wie schon Haupt 
sah, Renner 5355 (vgl. Wackernagel, Klein, sehr. 1, 119). — 
228 lese ich mans in beziehung auf zuht. 

2. Zur Rossauer tischzucht. 
Daß die Rossauer tischzucht auf Tanhausers hofzuclit be- 
ruht, hat Haupt bei seinem gereinigten abdruck (Zs.fda. 7,174) 
richtig bemerkt und Geyers versuch, das umgekehrte Ver- 
hältnis zwischen beiden texten zu ei'weisen, ist durchaus miß- 
glückt (vgl. schon Martin s. 309). Formell setzt sich der 
Rossauer text aus frei und ohne regel wechselnden absätzen 
von zwei, vier oder sechs zeilen zusammen: im ganzen sind 
es 11 Zweizeiler (11. 13. 15. 23. 61. 63. 65. 67. 69. 71. 91), 
11 Vierzeiler (31—34. 35 — 38. 39—42. 43-46. 47—50. 51—54. 
79—82. 83—86. 87—90. 99—102. 103—106) und 5 sechs- 
zeiler (17—22. 25-30. 55 — 60. 73 — 78. 93—98). Wie man 
aus den zahlen ersieht, könnte man unter den Zweizeilern die 
verse 11 — 16,61 — 66 und 67—72 auch zu sechszeilern zusammen- 
schließen: es blieben dann nur 2 Zweizeiler und statt 5 sechs- 



828 l-EITZMANN 

zeileni eiliielten wir 8. Die Vierzeiler eutyprecheii vielfach, 
wie man aus Haupts Zusammenstellung sofort ersieht, Vier- 
zeilern in der Hofzucht. 

Zu Haupts text bemerke ich folgendes (Geyer hat bei 
seiner textconstruction die kleinen bemerkungen Wagners. Zs. 
fda. 19, 210 übersehen). IG. Da gürtel auch femininum ist, so 
kann das überlieferte der beibehalten werden. Der sinn der 
Vorschrift ist: man soll den gürtel schon, ehe man zu tisch 
geht, bequem und weit genug lassen, damit man nicht genötigt 
ist, ihn während der mahlzeit zu lockern (das letztere wird 
llofzucht 125 getadelt). — 17. In einer durch allerhand cultur- 
liistorische notizen und eigenartige gleichnisse interessanten 
prosaischen mnd. tischzucht (Germ. 21,427) wird gerade ent- 
gegengesetzt geboten, das brot gegen die brüst zu schneiden, 
da einmal ein hofjunker beim ungestützten brotschneiden sich 
eine so schwere schnittAvunde beigebracht habe, daß er daran 
starb und ein erlaß des fürsten diese art des brotschneidens 
untersagte. — 20 ist wohl alten statt Icranken zu lesen, das 
aus versehen aus 21 hereingeraten ist: vgl. bei Gej'er D26 und 
V o4. — 25. an zimt ist beizubehalten und nicht durch enshnt 
zu ersetzen: an semen ist viel häufiger, als es nach den Wörter- 
büchern scheint (vgl. noch Alex. B 56. 68. 90. 382. 457. 465; 
Brun von Schöneb. 2086; Eilh. 6057; Trist. 10862; Apoll. 1785; 
Suchenw. 15,13.101. 18,489. 19,35. 24,332. 29,5.51. 41,304. 
7,29 Fries; Kellers erz. 51,13). — 30. Haupts conjectur ikl 
va:: statt h'mtclvaz, die Geyer übernommen hat, ist mir sehr 
zweifelhaft. — 47. Nach Wagner hat die hs. wphitzt statt 
wiphitst\ (^eyer, dem eine abschrift Roethes vorlag, stimmt zu 
Haupt. Die Wahrscheinlichkeit und die tiliation der tisch- 
zuchten spricht für rophiizt. obwohl auch 8chmellers erklärung 
von iviphittt, die die wörterbüclier übernommen haben, nicht 
so 'albern' ist, wie Wagner meint: Avenn ich als kind. mit 
besonderer Vorliebe beim essen, die Überzeugung, mein stuhl 
bi-auche nur mit zwei beinen, vielleicht sogar nur mit einem 
den boden zu berühren, in die tat umsetzte, ertönte die er- 
mahnung meiner muttev "du sollst nicht geikeln bei tische'. 
Auch in Hans Sachsens tischzucht im rosenton 37 heißt es 
(Geyer s. 31): Irr und rürJc nit auf der penck. — 103 ist wohl 
/;• Ja/ zu iridf zusammenzuziehen (vgl. die i? 4. 19. 78. 79. 81). 



zu DKN ALri)i;i:rs(iiKN' riscu/ijcnir.N. 82'.' 

0. Die beiden Jüngeren lictt'ziichten. 

Zwei jüngere iKjfziicliten. die Adel bei t von iveller heiaus- 
gegebeu oder besser gesagt in luiieni haiidschriftenabdruek 
\oig-elegt hat, ohne es mit der erst^-n herausgebeiptliclit, einen 
sinnN'ollen, im wesentlichen einwandfreien text zu geben, reclit 
ernst zu nehmen, sind mosaik werke aus stücken älterer 
diflitungen, zwischen die verse und vei-sgruppen eigener maelit- 
oft recht ungeschickt eingeschoben sind. Den grundstock bilden 
eigenartig geordnete auszüge aus dem zweiten capitel des 
ersten buches von Thomasins Wälschem gast, das allerhand 
höfische anstandsregeln für diu kint zusammenstellt. Diese 
auszüge A\'urden dann in wesentlich erweiterter form zu einem 
Sitten- und anstandsbrevier ausgestaltet, das in die älteste 
fassung des deutschen Oato nach A'ers 330 eingeschoben wiu'de 
(vgl. darüber Zarncke in seiner ausgäbe s. I2ö; der text findet 
sich dort s. 128). Aus dieser compilation haben dann wieder 
die Verfasser der hofzuchten geschöpft, nicht ohne ihrerseits 
dabei in verschiedener weise eklektisch zu verfahren und 
eigentümliche, teils originale teils gleichfalls entlehnte Zusätze 
zu bringen (im allgemeinen vgl. auch Geyer s. 34). Dieser 
Sachverhalt ist schon Zarncke und Keller natürlich nicht ent- 
gangen: da jedoch ihre hierhergehörigen beobachtungen mehr 
zufälliger natur sind und durchweg der ergänzung bedürfen, 
so versuche ich im folgenden, die verschlungenen gewebe der 
beiden hofzuchten aufzudröseln und die quellen möglichst voll- 
ständig nachzuweisen. Auf die dringend erforderliche reinigung 
und besserung der Xellerschen texte gehe ich dabei mit wenigen 
ausnahmen principiell nicht ein: die anschauung und ver- 
gleichung der Jedesmaligen quellenstellen gibt meistens ohne 
weiteres die erforderlichen correcturen und ermöglicht über- 
haupt erst ein flüssiges Verständnis der texte. Wo ich keine 
vorlagen angebe, müssen die beti-effenden verse vorläufig als 
originell gelten. 

1. Die kürzere der beiden hofzuchten hat Keller aus einer 
Karlsruher hs. des 15. jh.'s (vgl. Keller -Sievers, Verz. altd. hs. 
s. 17) abdrucken lassen im 5. heft seiner Altdeutschen gedichte 
(Tübingen 1868). 

3,2 — 4,8. Zu der stelle von den zwei zungen (4,8) vgl. 
Reinh. fuchs kleine stücke 1589 und Neidh. 82. 37. — 4. 9— IG 



830 LEITZMANN 

= Wälscher gast 471— 478. Die lesarteii stimmen wie aucli 
späterhin mehrfacli, worauf ich hier gleich im allgemeinen 
hinweise, zum vulgattext Thomasius, den Eückert im kritischen 
apparat gibt, und weichen von seiner textherstellung. die im 
wesentlichen auf der Heidelberger hs. A beruht, ab. Hier vgl. 
besonders die lesarten zu 472 und 473. — 4. 17 — 5, 4 = Cato 253 
— 204. Das vorspaar 4,21 ist eingeschoben. — 5,5—8. Das 
erste verspaar 5, 5 deckt sich mit einem reimpaar, das im 
Cato nach 264 in der hs. Z, einer Berliner, überliefert und 
A'on Zarncke im api)arat mitgeteilt ist; das zweite veispaai- 5,7 
hat keinerlei entsprechung. — 5,9—12 =^ Wälscher gast 479 
—482. — 5, 13—24. — 5^25—32 = Cato 265—272. Zugleich 
entspricht 5,25—30 auch Wälscher gast 483 — 490, allerdings 
mit starker kürzung, so daß die Catoverse als unmittelbare 
(juelle deutlich erhellen. — 6, 1 — 4 = Cato 273 — 276 in der 
bei Zarncke im ai)parat mitgeteilten, abweichenden fassung 
der hs. X, der damals Weigelschen (wo ist sie heute?). — 
6, 5—26 = Cato 277—298. Zugleich entspricht 6, 15—24 auch 
Wälscher gast 501 — 510: die lesarten zu 504 und 510 zeigen, 
daß der interpolator des Cato den vulgattext Thomasins be- 
nutzt hat. — 6,27 — 7,1. Hier entspricht das verspaar 6,28 
in umgekehrter folge Cato 299 (verse. die nur in X stehen). 
6, 30 einem danach in X überlieferteu einzelnen reimlosen 
verse, der sich in Zarnckes apparat findet. — 7, 2. 3 = Cato 
301. 302 (nur in X) und zugleich = Wälscher gast 495. 496 
(man beachte hier die lesart von G). — 7,4—11. — 7,12—20 
= Cato 303 — 308 (nur in X). Das verspaar 7, 14 ist ein- 
geschoben. — 7,21—27. Zu 7, 24 vgl. Walth. 87, 10. 15. — 
7, 28—8, 1 = Wälscher gast 519 — 524 (in diesem verse stimmt 
wieder der vulgattext Thomasins zu unserem gedieht). — 
8,2—9,2. — 9,3—24 = (^ato 185—208. Das verspaai- 9,9 ist 
eingeschoben; umgekehrt fehlen Cato 202 — 205 unserem dichter, 
offenbar durch versehentliches abirren des auges von dem 
einen irol 201 auf das andere 205. Zugleich entspricht 9, 17. 18 
auch Wälscher gast 417. 418 sowie 9, 19—22 Wälscher gast 
399—402. Kellers hinweis zu 9, 23 auf Wälscher gast 443 ist 
verkehrt. Zarnckes bedenken gegen die richtigkeit der Über- 
lieferung von Cato 196 scheint mir abzulehnen. — 9, 25. 26. 
- 9,27—10,1 = Wälscher gast 421—424. Kellers hinweis 



zu DEN AhTDKUl'SCIlKN TISCII/UCH l'KN. 331 

ZU 9,29 aut Wälsclier gast 480 ist veikeliit. — 10,2—5 
= Wälsclier gast 451 — 454 (in diesem veise stimmt wieder 
der vulgattext 'i'liomasiiis mit seinem imdcrhleii gegenüber 
dem fremdwort gamutsclt bei Riickert zu unserem gedieht). 

— 10,(). 7 -= Wälsclier gast 437. 4:)8. — 10,8-27 -- Cato 
209 — 232 (in diesem verse beachte man die lesart von X). 
Die xevi^e Oato 219. 220 sind übergangen, die verse 227- -230 
auf zwei zusammengezogen worden. Zugleich entspiicht 10,8.9 
auch Wälsclier gast 439. 440 sowie 10, 10—17 Wälscher gast 
459 — 460 und 10.18.19 Wälschei' gast 397. 398 (in diesem 
verse stimmt wieder der vulg-attext Thomasins zu unserem 
gedieht). — 10,28 — 11.5. Dieser ähnlich auch 24 Aviederholte 
schliißveis (lieser g-ruppe klingt an Oato 233 an. Kellers hin- 
weis zu 10, 28 auf Wälscher gast 400 ist verkehrt. — 11, 0—13 
-- Oato 235—242. Zugleich entspricht 11.7. 8 auch Wälscher 
gast 411. 412. — 11. M— 17. — 11, 18-27 = Cato 243—248. 
Die verse 11,22—25 sind eingeschoben. — 11.28. 29. 

2. Die längere der beiden hofzuchten hat Keller aus einer 
Ulmer hs. des 15. jh.'s (vgl. Keller-Sievers s. 88) in seinen Er- 
zählungen aus altdeutschen liandschriften s.531 herausgegeben. 
Voran steht die fabel vom esel mit der löwenhaut, die auch 
gesondert überliefert ist (vgl. Keller-Sievers s. 8): die hofzucht 
beginnt erst 534, 15. 

534, 15 — 30 = Cato 1—20 (nur in X). Das verspaar 
534, 17 ist eingeschoben. — 535. 1— G. — 535. 7 — 10 = Cato 
21—24 (nur in X). — 535,11—15. — 535, 16— 536, 2 = Cato 
25. 27 — 48 (nur in X). Das verspaar 535, 23 ist eingeschoben. 
Cato 43 ist natürlich Avie in unserem gedieht saildc statt selbe 
zu lesen; Zarnckes erklärung von 48 erweist sich als richtig. 

— 536,3—26. — 536, 27. 28 = Cato 59. 60. — 536,29—34. 

— 536,35 — 537,4 = Cato 61— 68. — 537,5-8. Zu 537,6 
vgl. 19 und 546,2. — 537,9--16 = Cato 69 — 76 (71—76 
nur in X). — 537. 17—28. Zu 537, 19 vgl. 6 und 546, 2. — 
537,29 — 538,17 = Cato 77—100 (81-90 nur in X). 
Das verspaar 537. 33 und die reimlose, sich mit den beiden 
vorhergehenden zu einem dreireim verbindende zeile 538, 7 
sind eingeschoben. Cato 99 beachte man die lesart von X. 

— 538,18—21. — 538,22— 27 = Cato 101— 100. — 538,28 
-32. Zur schlußzeile vgl. Freid. 61. 3. — 538. 33-30 = Cato 



;W2 LKir/MAXN. ZU DEÜ ALiDEUiisCHüN T18CHZUCHTEN. 

107—110. — 538,37—539,17. — 539. 18 ~27 = Cato 111—120. 

— 539, 28 — 540, 2. Kellers hinweise auf stellen des Wälschen 
g'astes gehen nui- auf den gedanken. nicht auf den Wortlaut, 
der bei Thomasin völlig abweicht. — 540,3-30 = Cato 121 
—148 (125—140 nui in X). Oato 129 dürfte gleichfalls riiem 
std.XX nim zu lesen sein. - 540.31 — 541,33. Leider ist gerade 
das blatt der hs. ausgerissen, auf dem der übei'gang- auf eine 
spätere stelle des Cato enthalten war. — 541,34 — 542,25 
= Cato 272. 277. 280—297. 305 — 308 (305-308 nur in X). 
Das verspaar 542, 12 und der vers 542, 23 sind eingeschoben. 
Die verse Cato 298 — 304 sind übergangen. — 542,26 — 35.' 
Hier entsprechen die verspaare 542,30. 32. 34 der ersten 
hofzucht 7. 22. 14. G, 30. — 542, 36. 543, 1 = Cato 301. 302 
(nur in X). — 5^3,2—544,11 = erste hofzucht 7,4. 5. 8—13. 24 

— 8,17. 22—33. Nur die einen dreireim bildende zeile 543,36 
liat dort nichts entsprechendes. 544,12-34 =^ Cato 188 
— 208. Das vers[tHar 544, 15, das im Cato fehlt, stammt aus 
der ersten hofzucht 9. 9. Die ganze versgruppe beginnt mit 
einem reimlosen vers, ein zeichen, daß etwas aus iiüchtigkeit 
ausgelassen ist. — 544.35 — 545,9 =^ erste hofzucht 9,25 

— 10,7. — 545. 10-31 -- Cato 209—232 mit derselben 
kürzung, die oben die erste hofzucht bei Cato 227 — 230 auf- 
wies. — 545,32—37 = erste hofzucht 10,28 — 11,5. — 546.1 
—14 = Cato 235—248. — 546,15 — 25. 

Diese aufstellung ergibt, daß Geyer unrecht hat. wenn er 
(s. 33) beide Überlieferungen für Varianten derselben dichtung 
hält: wir haben es vielmehr mit zwei verschiedenen gedichten 
zu tun, deren quellen verschieden sind (im einen falle Thomasin 
und Cato, im andern nur Cato) und von denen das längere 
das kürzere teilweise ausgeschrieben hat. Geyers Vermutung 
(s. 34), daß die Karlsruher hofzucht nur die zweite hälfte des 
gedichtes sei, das die Ulmer hs. ganz erhalten habe, ist mit 
nichts zu begründen.') 



^) [Das iuzwischeu von Priebsoh autgefiiudeiie bnuilistück der eisten 
liofziiclit (oben s. 19) gil)t mir zu benierknn^en keinen unlaß.J 

JENA. 17. febrnar 1921. ALBERT LEITZMANN. 



3i3 



I 



ZWEI DUNKLE STELLEN IM GEORGSLIEI). 

1. Vers 39 ist überliefert: 

man uar- fhan- iu den purnnen* er uuas salig-'^er- sun- 

Die meisten lesen er was sdUger sun, was inhaltlich dürftig" 
ist, nach versbau und reim der sonstigen regelmäßigkeit und 
reinheit des liedes widerstrebt. Siemers hat in Beitr. 39, 109 
gezeigt, daß der alemannische dichter des liedes um 900 einen 
accusativ primnan gesprochen haben wird (vgl. Samariterin 
14. 16). Das reimwort dazu darf man nach dem sonstigen 
verfahren des dichters als sunnan ansetzen. Die um 1000 
überlieferte niederschrift lese ich dann: 

man imaif en in den pninnen: er nuas saligk ersunuen. 

crsunnen ist participium perfecti zu ahd. *irsmnan 'weggehen, 
emporgehen'. Die stelle bedeutet: 'Georg war selig verschieden', 
lateinisch müßte sie etwa heißen: beatus decesserat. Der Ver- 
fasser versichert, daß der heilige nach den furchtbaren martern 
nun auch wirklich tot war; das wunder seiner auferstehung 
ist dann um so giößer. Diese Versicherung entspricht ganz 
der sonstigen lialtung des gedichtes und ist überhaupt ein 
beliebtes theologisches rüstzeug, z. b. bei der betrachtung von 
Christi auferstehung, die einen wirklichen tod zur Voraus- 
setzung habe. Die lateinische Georgslegende (Sächsische 
sitzungsber. 1874) hat für die in frage kommende marter 
keine genaue entsprechung, versäumt aber nicht, bei zwei 
umgebenden stellen nach der marter hinzuzufügen: et emisit 
spiritum (s. 53), et sie redidit sanctus Georgius spiritum (s. 56). 
Daß die abtrennung saligJc ersunnen zulässig ist, steht 
bei der Schreibweise unseres gedichtes außer zweifei; vgl. er 
diGita (v. 57), und Zs. f. österr. gymnasien 1894, s. 132. Auch 
Steinmeyer war auf dieser spur, als er in seinen Denkmälei'u 
1916, s. 101 in erwägung zog er uuas nllike ersimntcn. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 4Ü. 22 



834 OCHS 

Das Zeitwort irshmmi 'weggelien. emporg-elien' läßt sieh 
von anderer seite lier einigermaßen stützen. Zwar scheint es 
ahd. sonst nicht belegt — das gotische kennt noch das zu- 
gehörige transitivum nssanäjan — . und die paar mhd. stellen 
mit ersinnen (-'r ersinden) dürfen ihrer moderneren bedeutung 
wegen nur mittelbar mit unserer stelle verbunden werden. 
Das starke verbum sinnan ist eben schon im ahd. nicht mehr 
recht lebenskräftig, zumal da es auch einen starken bedeutungs- 
wandel durchzumachen hat. Vermutlich war irsnnnan dem 
dichter um 900 noch geläufig, dem Schreiber um 1000 nicht 
mehr, was die mangelhafte übeilieferung von v. 39b einfach 
erklären würde. Sonst ist sinnan, gisinnan als starkes verbum 
mit der bedeutung 'gehen, reisen" namentlich noch bei Otfrid. 
Notker, in der Exodus usw. zu finden, z. b. sinnan 'exire' 
Otfrid II 7, 89, ähnlich IV 4, 1 ; Exodus (QF. 57) äaz er dan 
nesimne noJi inic intrunne 327, das si heim siinnen 1319. Der 
Tatian kennt das wort nicht, besitzt aber die entsprechungen 
faran : arfaran^ die sich verhalten wie sinnan : irsinnan; z. b. 
hitnil inti erda farent 'transibunt' 146,3, thana erfarent 'dis- 
cedant' 145. 12. Noch näher zu dem altertümlichen irsinnan 
stellt sich aus dem Tatian das isolierte arivi^an "discedere". 
Dafür, daß gerade das sterben, der gang in die andere weit, 
mit dem stamm sinn- ausgedrückt wird, bietet das ags. zahl- 
reiche belege, so hcefde forsWod 'hätte den tod gefunden' 
BeoAvulf 1550 (vgl. fordiveg 'weg ins jenseits' 2625), on feonda 
geiveald feor sldian 808 (vgl. ellorsid 'tod' 2451, anderwärts 
heonansiö). ]uet min säivid to de sldian mute Bvrhtnod 177. 

2. Vers 48 lautet: 

Do geCrita : : : : A-oljet' iliz • ih betanur Gelculiet ebz' 

(Nach Beitr. 39, 99 ist hinter seGita platz für etwa vier buch- 
staben). Nach der verbreitetsten ansieht soll das heißen: do 
segiter kehet heiz, ih hefamo geloubet ez. Schon Haupt hat 
den reim heiz: ez bedenklich gefunden, vgl. MSD^ II 97. Die 
reime des Georgsliedes sind größtenteils rein; eine abart davon 
ist, daß der vocal seine entsprechung im zweiten teil eines 
diphthongen hat, tnon : spenton 54 {fuoren : sJconen 13, vielleicht 
auch überliefertes nimoto für des älter-alemannischeu dichters 
*ii)i)iafo : drnio 24). Das reimwort zu ez ist mithin nicht heiz, 



ZWEI DUNKLE STELLEN IM GEÜKGSLIEI). 335 

Süudeiu hicz. Dies fordert auch der Inhalt der legende. In 
der lateinisclien fassung* Sachs. sitzung\sber. 1874 s. 58 wird 
einer der wunderbar auferweckten toten (vom kaiser, nicht 
von Georg) herbeigerufen und nach seinem namen gefragt, 
nie respondit': nomen meum dicitur Jovis = Sachs, sitzungsber. 
1875, s. 271 respondit: Jobius dicor. Dieser name lautet in 
der zufälligen alid. Überlieferung Kohef, wofür ich Kobel ein- 
setze mit rücksiclit auf die meliifaclien falsclien / der hs., vgl. 
besonders chtlc 59 für Jielle. Mit der form Kobel ist der an- 
scliluß gewonnen an eine feste legendentradition: der auferweckte 
lieißt Johel in apokrypher griechischer und in Luzarches franz(3- 
sischer fassung, Johd bei Reinbot von Durne. A\'er zu neue- 
rungen neigt und überdies das k der hs. nicht für gesichert 
hält, mag schlechtweg Johel in unser gedieht einsetzen. Über 
die Schwankungen dieses namens und ihre Verwertung für die 
geschichte des Georgstoffes s. Publications of the Mod. Lang. 
Assoc. 17,472. 488. 496. 5081; IS, 114. 123. 138. 141. 143. Ich 
lese mithin v. 48 — 50: 

ilo segita er: 'ih Koljel hiez'. — ili betamu geluuljet ezl — 
quuat, si uiiariu florena demo tiufele al petiogena. — 
ilaz cuut uns selbo saucte Goriu. 

In der gruppe segita er ih habe ich absichtlich das a bei- 
behalten, weil so die Überlieferung geschont wird und die 
ergänzung der vier fehlenden buchstaben am einfachsten ist. 
Hinsichtlich der zweisilbigen Senkung ist 48 a dann gebaut 
wie 55a si spentota iro triso dar. vgl. auch erbibinota und 
erdigita. 

Daß der auferstandene seinen namen nennt, in der prosa 
auch noch andere personalangaben macht, ist wiederum ein 
frommes mittel, die tatsächlichkeit des Wunders, die glaub- 
würdigkeit des erzählers zu erhärten. Abermals fügt sich 
dies gut zum stil des Georgsliedes; und 48b bringt denn auch 
gleich die beteuernde einschärfung-. Aber damit ist noch ein 
haupttrumpf verbunden, den man erst sieht, wenn die lateinische 
fassung daneben liegt: der tote war wegen götzendienstes in 
die höUe gekommen, er und all seine gefährten haben die 
schrecken dieses ortes kennen gelernt, er gibt in langer rede 
davon zeugnis. Also ein erfahrungsbeweis für hölle und 
höUenstrafe 1 In dem ahd. knappen gedieht ist das nicht mehr 

22* 



336 OCHS. ZWEI DUNKLE STELLEN IM GEORGSLIED. 

deutlich; si uuarin florcna, demo tiufele al petrogena bezieht 
der unbefangene leser auf die beiden um Tacianus, obwohl 
ursprünglich der tote und seine gefährten gemeint sind. Wie 
dem aber auch sei. der redende in v. 48a und 49 a, das subject 
zu quiiat, ist sicher der auferweckte, nicht der heilige Georg 
(MSD.3 II 98; Kögels literaturgeschichte I., 102. 106; Festgabe 
für Heinzel s. 314; falsch Zs. fda. 33,417). Daher ist auch der 
doppelpunkt unrichtig, den Braune noch in der 8. aufläge 
seines lesebuches hinter petrogena setzt. Nicht das 'verloren 
und betrogen' tut uns Georg v. 50 kund, sondern die handlung 
der ganzen vier vorausgehenden zeilen; 50 ist nicht ein satz, 
der 49 als object notwendig hätte, sondern ist lediglich ein 
refrainartiger abschluß wie 6. 11. 57. 

Der vielberufene vers 48 b löst sich sehr einfach auf. Er 
schärft die Vorführung eines leibhaftigen verdammten ein, ist 
die stärkste der beteuermigen im Georgslied, ähnelt am meisten 
der zeile 33a ce imare sagen ik es in, und bedeutet: "ich flehe, 
glaubt es ihm!' hetamo = heta ino vertritt älteres hcton hno\ 
hinsichtlich der anschmelzung des pronomens lassen sich einiger- 
maßen vergleichen simes 52, zimo 18, cinio 47. Zum gebrauche 
von beton 'flehen' läßt sich aus dem Tatian — wo das verbum 
sonst lat. orare entspricht — 160,4 beiziehen: ih hetota furi 
thih 'rogavi pro te'. Es handelt sich hier um grenzfälle, wo 
beton noch seiner grundbedeutung 'bitten' nahesteht, wie 
anderseits 'bitten' sich dem sinn von 'beten' nähern kann, so 
schon im Weißenburger katechismus StD. s. 29, 8; 34,2 mit 
anmerkung. 

FREIBURG i. Br., 1. februar 1921. ERNST OCHS. 



ZUM HELIAND v. 5788. 

In V. 5788: 

farau au fetherhamou, tliat all thiu l'ulda ansciaini, 
thiu ertha duuida, 

ist ansciann bisher ein Schmerzenskind der textkritik gewesen. 
Schmeller in seinem glossar stellt es fragend zu scinan, Kückert 
nimmt ein verbum *an{d)^kannan, synonym mit dunnian an, 
Heyne 4 ein miskenan 'widerleuchten', Behaghel'' wieder ein 
anskannan 'dröhnen'. Kauft'mann wollte es in arsciadh 'spsdtete, 
sich' bessern, ich selbst habe Beitr. 44,340 asciall (nsid\*asciellan 
gebildet) dafür zu lesen vorgeschlagen, was aber Sievers ib. 504 
aus versmelodischen gründen zurückwies. Man hat also in 
ansciann bisher stets ein compositum gesehen, während es in 
Wirklichkeit getrennt als ait sciann 'an den himmel' zu lesen 
ist, vgl. alts. Gen. 285 f.: 

suart furdur skred, 
narouua naht an skion, nähida moragan. 

Die unorganische Verdoppelung des endconsonanten lindet sich 
auch sonst in C (vgl. mein Alts, elementarb."^, § 253 anm.) und 
scian ist der regelrechte accusativ von scio 'himmel' (aisl. sÄv/, 
woher auch nengl. shj). Die lateinische quelle, Matth. 28, 2: 
et ecce terrae motiis fadus est magnus gab dem dichter keine 
directe veranlassung zu dieser ausschmückung. Hoffentlich 
verschwinden die mißgeburten ansJcenan und anskannan in 
Zukunft aus den Heliandglossaren, denn selbst wenn scian{n) 
ein reduplicierendes perfect wäre, könnte es höchstens zu 
einem präsens *sl:önan (mit altem ö oder 6 < au) gehören. 
Ein solches gibt es aber nicht! 

KIEL. FERDINAND HOLTHAUSEN. 



338 PKIEBSCII. NACHTRAG. — MTEKATUK. 

NACHTRAG. 

Oben s. 28. zeile -i v. u. reclmete ich die lesart iu v. Toi tlets Peter 
V. Staiifenberg frankerich P gegeuüber frankeftirt hd zu den felileru des 
textes der neuen bruchstücke. Das erscheint mir jetzt etwas vorschnell, 
denn im Zusammenhang- der periode gibt P doch guten sinn: 
15-1: [F]oM frankerich ein fürste kam 
[D]en man ~~(t kunige ivolte erhabe 
[D]o sach man vil li^ren traben iisw. 

hd (jcn frankefurt dar sach (d do sach Jün . . . .) usw. 

Man beachte die durch dar hergestellte locale beziehung anstatt der 
temporalpartikel do. Mit dem fürsten, der von frankerich kam, um zum 
deutsehen köuig gewählt zu werden, kann Heinrich VII. gemeint sein, da 
die grafen von Luxemburg ja als vasallen der französischen kröne galten 
(s. B. Thomas, Die königswahl des grafen Heinrich von Luxemburg, 1875). 
Ist die lesart von P echt, so gewährt sie als termiuus post quem für die 
dichtung den 27. november 1308. Die von dieser vorausgesetzten verwandt- 
schaftlichen beziehuugeu zwischen Kärnten und dem deutschen köaigshause 
bilden nach den ausführungen E. Schröders- s. 44. 47 kein unübersteigliches 
hindernis. Die änderung in hd fällt wieder der jüngeren stammhandschrift y 
zu, deren Schreiber vielleicht nichts rechtes mit de]' herkunftsbestimmung 
von frankerich mehr anzufangen wußte oder den wünsch hatte, das für 
den ritter fatale zusammentreffen mit dem konig bestimmt zu localisieren. 
— Ich benutze die gelegenheit, um einige druckfehler zu berichtigen: 
s. 8 z. 8 V. u. 1. 796 statt 196; s. 12 v. 328 1. lobcfan; s.13 v. 436 1. mönfche; 
s. 14 V. 607 1. fprochent; s. 26 z. 14 1. rittermäreu. 

LONDON. ROBERT PRIEBSCH. 



LITEEATUR. 

(Verzeichnis bei der redaction eingegangener schritten.) 

Holthausen, Ferdinand, Altsächsisches elementarbuch. Zweite verbesserte 

aufläge (= Germanische handbibliothek, hrsg. von Willi. Streitberg I, 1,5). 

Heidelberg, Winter 1921. — XV, 260 s. M. 20.00. 
Paul, Hermann, Über Sprachunterricht. Halle, Niemeyer 1921. — 29 s. M.3.50. 
Schröder, Franz Rolf, Nibelungenstudien (= Rheinische beitrage und 

hülfsbücher zur german. philol. und Volkskunde, hrsg. von Theodor Frings, 

Rudolf Meißner und Josef Müller, bd. VI). Bonn u. Leipzig-, Kurt Schröder 

1921. — 58 s. 
Schwietering, Julius, Die demutsformel mittelhochdeutscher dichter 

(= Abhandlungen der k. ges. d. wiss. zu Göttingen. phil.-hist. kl., neue 

folge XVII, 3). Berlin, Weidmann 1921. — 89 s. 
Sillib, Rudolf, Zur geschichte der großen Heidelberger (Manesseschen) 

liederhandschrift und anderer Pfälzer liandschriften (= Sitzuiigsber. der 

Heidelberger akad. der wissensch., philos.-histor. kl. 1921, 3. abhandlung). 

Heidelberg, Winter 1921. — 27 s. M. 1.60. 



Druck von Ktirras, Kröber & Nietschinanu in Halle (Saale). 



I 



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^ SomI. 



IJIK QUAN^m^ÄT MINÜKP/rONlGKR VOCALK 
IM HELIAND 

1. Während seit den arbeiten Pauls und Braunes (Beitr. 2.4 
usw.) im allgemeinen kiarheit herrscht über die quantität dei' 
ahd. mindertonigen vocale, bestehen über die ({uantitäten der 
gleichen vocale des alts. noch heute ernste zweifei. 

2. Die herausgeber des Heliand scheiden sich daher bis 
lieute in zwei gru^ipen, von denen die eine, vertreten durch 
Rückert und Heyne, sich eine gewisse zahl von mindertonigen 
vocalen als lang reserviert hat. während die andere völlig- 
davon absieht, über die quantität der alts. nebentonvocale 
eine meinung zu äußern. Zu dieser gruppe gehören Piper 
und Behaghel. Neben beiden gruppen stehen die ausgaben des 
Heliand von Schmeller. Köne und Sievers, welche text- 
abdrucke einer oder beider hss. ohne alle quantitätsbezeichnung 
geben. 

I. Allgemeines zur inetliode. 

3. Diese verschiedenartigkeit der urteile zeigt, wie un- 
möglich es ist. mit den bisher angewandten mittein genaue 
aufschlüsse darüber zu gewinnen, wie ursprünglich lange, 
schließlich gekürzte vocale zu einer gewissen zeit in bezug 
auf ihre quantität gesprochen wurden, wenn nicht metrische 
gesetze oder äußere kennzeichen dazu verhelfen. Erstere sind 
im Heliand nicht straff genug, um Schlüsse zuzulassen, und 
letztere fehlen in den handschriften des Heliand überhaupt. 
Andererseits wies zur aufklärung derartiger fragen vor einer 
reihe von Jahren Sievers einen neuen weg und vertrat ihn in 
einer anzahl von voiträgen und aufsätzen. die jetzt in seinen 
'Rhythmisch-melodischen Studien", Heidelberg 1912, gesammelt 
vorliegen: einen weg, bei dem das klangliche der menschlichen 
rede, das bis dahin in wissenschaftlichen Untersuchungen eine 

Ueitrrige zur geschichte der deutschen spräche. iO. 2o 



340 KNÖRNSCHIT.D 

nur unbedeutende rolle gespielt hatte, in den Vordergrund 
gerückt wurde im gegensatz zu der bloß schriftlichen flxierung 
des gesprochenen wortes. Dieser neuen methode bedient sich 
auch die vorliegende Untersuchung. 

4. Jedermann ist die tatsache vertraut, daß man einen 
guten bekannten schon von ferne an seinen bewegungen 
oder am klang seines trittes erkennen kann. Der bewegungs- 
rhythmus und der klangreiz, den diese bewegungen erzeugen, 
haben sich uns bei mannigfacher Wiederholung unbewußt so 
fest eingeprägt, daß wir sie bei entsprechendem äußeren anlaß 
sofort klar gegenwärtig haben. 

Vielleicht weniger bewußt, aber nicht minder zweifelsfrei 
ist die andere tatsache, daß uns, wenn wir uns der Unter- 
haltung mit bekannten erinnern oder eindrucksvoller reden 
anderer gedenken, der 'tonfall' der worte jener unwillkürlich 
ins bewußtsein tritt. Daß sich beim lesen eines briefes von 
bekanntem Schreiber dieselben erscheinungen zeigen, bedarf 
keiner besonderen erwähnung. Woraus erklären sich diese 
tatsachen? 

5. Daß wir nicht in der läge sind, eine in des wortes 
engster bedeutung lautgetreue wiedergäbe des von einem 
anderen menschen gesprochenen wortes oder seines schrift- 
lichen Surrogates zu erzielen, ist selbstverständlich, da wir ja 
nicht völlig das organ und die modulationsfähigkeit des anderen 
besitzen. Es ist vielmehr das, was man längst instinctiv richtig 
als 'tonfair erkannte, ohne es vordem systematisch erfassen 
und objectiv beurteilen zu können: jeder zusammenhängenden 
menschlichen äußerung in worten wird von ihrem autor ein 
persönliches Ingrediens mitgegeben, das ihr folgt wie der 
schatten dem menschen, ungewollt und unbewußt. Dieses 
Ingrediens — die 'satzmelodie' soll es fortan genannt werden 
— ist es, was beim hören unsere erinnerungsbilder so ver- 
knüpft, daß wir die vom text ausgestrahlten melodischen er- 
scheinungen als diesem oder jenem Sprecher eigen erkennen. 
Die 'satzmelodie' in diesem sinne ist die irgend einem menschen 
eigene melodische Verknüpfung stark- und schwachtoniger 
(besser gesagt: stärker und schwächer betonter) silben seiner 
rede, zu der u. a. auch gehört, daß einzelne silben auf einem 
höheren tonniveau liegen als andere. Zu ihr gehört ferner 



I 



DIE QUANTITÄT MiNDERTONKiKH VOCAI-E IM HELIAND. ^W 

die Verteilung" mehr oder wenioer ausgeprägter pausen zwischen 
den einzelnen teilen der rede odei- deren bindung durch atem 
und ton. Sie wird weiterhin wesentlich durch all die er- 
scheinungen beeinllußt. die dem accent, dem rhythmus und 
dem sprachklang zu gründe liegen, wozu von fall zu fall noch 
eine reihe anderer besonderheiten treten, die mehr specieller 
natur sind und an geeigneter stelle besonders hervorgehoben 
werden sollen. Ein vollkommen lautgetreues abbild einer rede 
kann ja freilich eine s})rachmelodische Untersuchung nicht 
liefern, sondern nur eine i>rojection dei' in den bestand- 
teilen der rede ruhenden erscheinungen: eine projection, die 
zwar durch das medium des beobachters hindurchgegangen 
istj aber doch in ihren Wechselbeziehungen getreu den tat- 
sächlichen Verhältnissen entspricht. 

6. Wenn oben unter 3 mehr auf die möglichkeit der er- 
kenntnis von rede bekannter personen hingewiesen wurde, so 
sind die grenzen der erkenntnis doch auch bei werken un- 
bekannter autoren kaum enger gesteckt. Jeder mensch unter- 
liegt nämlich bei der production von rede unbewußt dem 
zwang, seineu Worten eine eigene Sprachmelodie zu verleihen, 
die auf den hörer oder leser (hinfort soll nur noch vom ge- 
schriebenen wort die rede sein) ebenso zwangsweise zurück- 
strahlt, falls er sich willig der vorläge hingibt, wenn er sie 
laut und sinngemäß so liest, wie sie ihm vorliegt, ohne die 
absieht, kunstmäßig, bevvußt zu variieren und etwa nach 
eigenem, "wenn auch scheinbar begründetem ermessen hervor- 
zuheben und abzuschwächen. 

7. Bei allen auf erkenntnis dieser dinge gerichteten Unter- 
suchungen muß das für alle kunstbetrachtung maßgebende 
gesetz. das vom künstler als einheit gewollte werk auch in 
seiner gesamtheit (bei größeren dichtungen in größeren, zu- 
sammenhängenden Partien) auf sich wirken zu lassen und auf 
grund scharfer einfühlung nach seinem totaleindruck zu be- 
urteilen, streng gewahrt werden. Gerade bei dichtungen 
hängt jede einzelne zeile, ja jedes einzelne wort mit seinem 
klang so von seiner Umgebung ab, daß es, aus ihr entfernt, 
seines speciellen wertes für den Zusammenhang entkleidet wird. 
Es nimmt dann gewöhnlich andere melodische merkmale an. 
Deshalb können satzmelodische Untersuchungen von vornherein 

23* 



342 KNÖRNSCHILD 

keine aussieht auf erfolg haben, wenn sie, sich an einzelheiten 
klammernd, die Verbindung des einzel Wortes mit seiner Um- 
gebung- aus dem auge lassen. Immer ist vielmehr bei solchen 
Untersuchungen der gegebene text mit allen seinen teilen als 
continuum aufzufassen und als solches zu beurteilen. Ein 
zweites hauptgesetz aber gipfelt in dem satz, daß die dem 
autor adäquate art des Vortrages und damit auch die grund- 
lage für die erkenntnis der satzmelodie dann gefunden ist, 
wenn sie lauten, sinngemäßen Vortrag ohne hemmung von 
atem und stimmgebung gestattet, 

8, Schlägt man beispielsweise ein beliebiges gedieht 
Goethes auf, so wird dem aufmerksamen leser ohne Schwierig- 
keit dessen satzmelodie erfaßbar sein. Man muß aber einfach 
und schlicht lesen, gegebenenfalls die worte zunächst etwa nur 
murmeln, weil sich dabei die tonhöhen besser überprüfen lassen, 
und jegliches suchen nach kunstmäßigem elfekt vermeiden. 
Als beispiel sei hier 'Der musensohn' angeführt (ausg. von 
V. Loeper 1, 16): 

Durch feld und wald zu schweifen, Ich kaun sie kaum erwarten, 

Mein liedchen wegzupfeifen, Die erste blum' im garten, 

So gehts von ort zu ort! Die erste blüt' am bäum. 

Und nach dem takte reget Sie grüßen meine lieder. 

Und nach dem maß beweget Und kommt der winter wieder, 

Sich alles an mir fort. Sing ich noch jenen träum, usw. 

Fast gesangsmäßig gleiten hier die verse leichtfüßig dahin, 
und hebung setzt sich deutlich von hebuug ab. Die bindung 
ist monopodiseh, so daß also auch keine hebung einer andern 
über- oder untergeordnet wird. Nur die letzte hebung der 
klingend ausgehenden verse ist ein wenig verstärkt und ge- 
dehnt, und das verleiht den versen eine schwingende bewegung, 
die durch die stumpf endenden verse wieder stabilisiert wird. 
Die einzelnen verse sind ferner durch kleine rhythmische 
pausen voneinander geschieden, aber einem elektrischen Sprüh- 
regen gleich, der von pol zu pol springt, spannt die geistige 
bindung von vers zu vers, und sie vereint so die ganze Strophe 
zu einem einheitlichen gebilde. Nur scheinbar wird diese 
einheitliehkeit durch die größere pause am ende der dritten 
zeile unterbrochen: diese pause aber braucht in Wirklichkeit 
ja nur soviel zeit für sich, als bei klingendem ausgang der 



DIE QUANTITÄT MlNDERTüNlGEK VOCALE IM HEMANI». :)\'-\ 

letzten Senkung' zukommt: der i-liythmus läuft also auch hier 
ununterbrochen fort. Und dui-ch die geschlossene ihythmisclie 
einheit zieht sich auch eine einheitliclie melodische (nirve, die 
sich in einer stetigen Zickzacklinie bewegt ())ildlich dargestellt: 
^ '^\ /" \^ /" \_ ' usw.) und auf deren verlauf keine pause 
innerhalb der Strophe irgendwelchen eiuliuß liat. Die ton- 
intervalle sind von geringer große; nur vor einem punkt (als 
dem üblichen ruhezeichen) senkt sich der ton (der der letzten 
liebung) um ein weniges. Die jeweils einer hebung folgende 
Senkung schließt sich der allgemeinen tonbewegung an. die 
durch die hebungen geleitet wird. Die eingangssenkung am 
Zeilenanfang liegt nicht in der rückwärtigen Verlängerung des 
ersten ansteigenden curvenastes, sondern im contrast zu ihm, 
ebenso wie die eingangssenk ungen der folgezeilen die durch 
die Schlußsenkung der vorhergehenden zeile begonnene curve 
fortsetzen, bis sie in der nächsten hebung ihren abschluß findet. 

X ^ X ' X • X I 
V ' X • X ' X 1 

\ . X • y • *? I 



9. Über die ganz ungewöhnliche melodische Avaudlungs- 
fähigkeit in Goethes sprachlichem ausdruck hat sich Sievei-s 
in seinem Vortrag 'Sprachmelodisches in der deutschen dichtung' 
(Rhythm.-melod. Studien, Heidelberg 1912, s. 56ff.) näher aus- 
gesprochen. Aber gerade bei Goethe zeigt es sich, daß auch 
ein dichter wie er gleich allen anderen innerhalb eines be- 
stimmten abschnittes eine bestimmte melodiecurve beibehält 
und nur aus besonderen gründen (sei es etwa zur Charakteri- 
sierung einer person, sei es zum malen einer Stimmung) melodisch 
^^'echselt. Wenn aber nun innerhalb eines dichterischen con- 
tinuums plötzlich ein 'unmotivierter' melodie Wechsel auftritt, 
so beruht das, wie die erfahrung lehrt, fast ausnahmslos auf 
fehlerhafter Überlieferung oder aber auf einem späteren ein- 
griff in den text. bei dem der autor sich nicht in das alte 
melodieschema eingefühlt hatte. 

10. Dafür einige Beispiele: 'Sehnsucht' (v. Loeper 1,56 f.). 
Die melodie entspricht der oben charakterisierten, nur ist sie 



344 KNÖRNSCHILD 

hier durch die zweihebigkeit der verse noch leichter zu er- 
kennen. Wieder bilden die hebungen die höchsten und tiefsten 
punkte der melodischen reihe, in die sich die Senkungen ver- 
bindend einfügen. So geht die tonlinie durch die zwei ersten 
Strophen hindurch, bis sie in der dritten durch buschigen 
unterbrochen wird. Nach dem hochgelegenen vo- beginnt mit 
-gel ein absteigender ast. den ;sh)u fortsetzt und hu- beschließt. 
Dem im gedieht herrschenden Schema zufolge müßte mit 
-scM-gen ein aufsteigender ast ausgefüllt werden: 
Vo- wald 

gel gen 

zum seht- 
bu- 

Statt dessen lautet die melodiecurve hier: 

Vo- 
gel 
.zum wald 

hu- gen 
seht- 

Die silbe schi- fällt unter das niveau der tief schälligen silbe 
bu-. Liegt nun dabei bewußte melodieänderung oder mangel- 
hafte Überlieferung oder Überarbeitung A'or? Hier doch ver- 
mutlich das letztere, da ja Goethe an seinen gedichten später 
oft und viel geändert hat, ohne den neuen text mit der alten 
melodiecurve in einklang zu bringen. Setzt man demnach für 
buschigen das im Taschenbuch auf 1804 stehende buschigten 
ein, so ist die tonbewegung in Ordnung. Sie verläuft in gleicher 
weise wie bei den übrigen versen. 

Auch z. 24 des gleichen gedichtes scheint der oben (unter 8) 
angesetzten melodie zu widersprechen: singt erhält statt eines 
tiefen tones einen hohen, während mich einen tiefen ton trägt. 
Verursacht diese Variation vielleicht der satzschluß? Nein. 
Tief-hoch schließt die erste, zweite, vierte und fünfte Strophe. 
Nur die dritte würde eine ausnähme machen. Auch sie folgt 
indes dem princip des tief-hoch-schlusses, wenn man singt es 
durch singet ersetzt, wie der text zur Zelterscheu musik des 
liedes (18. december 1802) lautet. Die Wiederholung der verbal- 
form singet widersprach später offenbar Goethes gefühl, und 
so setzte er s'mgf efi ein. störte abei- damit wieder die alte 
tonführunü. 



DIE QUANTITÄT MINDERTÜNIGEK VOCALE IM IIELIAND. 345 

11. Ebenso ist die melodie mehrfach gestört in der ersten 
Strophe des gedichtes 'Die schöne nacht' (v. Loeper 1,28). 
Zwei lesungen seien nebeneinander gestellt: 

I. Nim verlass' ich diese hütte, II. Geru verlass' ich diese hütte, 

Meiner liebsten aufentbalt, Meiner liebsten aufenthalt, 

Wandle mit verhülltem schritte Wandle mit verhülltem tritte 

Durch den öden, finstern wald: Durch den ausgestorbueu wald: 

Luna bricht durch busch und eichen, Luna bricht die nacht der eichen, 

Zephir meldet ihren lauf, Zephirs melden ihren lauf, 

l^nd die birken streun mit neigen Und die birken streun mit neigen 

Ihr den süßten Weihrauch auf. Ihr den süßten Weihrauch auf. 

II ist nichts anderes als die fassung von 1770, die, von 
Wielaud im Merkur 1773 wegen ihres 'geschmeidigen aus- 
druckes und leichten versification' gelobt, die steigend-fallende 
tonwelle klar zum ausdruck bringt, während die spätere Über- 
arbeitung (text I) sie mehrfach völlig überdeckt. 

12. Beispiele solcher art ließen sich in großer menge an- 
führen, und sie alle würden zeigen, daß eine einheitliche satz- 
melodie ein integrierender bestandteil eines Werkes ist, der 
nicht ohne schaden für die gesamtwirkung geändert werden 
darf. Sie lehren aber auch, daß die änderung selbst nur eines 
einzigen Wortes, unter umständen sogar eines einzigen lautes 
imstande ist, die tonbewegung einer stelle selbst stark zu 
beeinflussen. Das mag daran liegen, das schon jedes isolierte 
wort einen eigenton besitzt, auf den auch die das wort 
bildenden laute einwirken. Dabei treiben wie bekannt z. b. 
stimmlose laute den ton nach oben, stimmhafte drücken ihn 
nach unten. Auch im Zusammenhang der rede sind solche 
Wirkungen noch merkbar. 

13. Was für werke und schriftliche auf Zeichnungen aus 
nhd. zeit besteht, hat aber seine volle geltung natürlich auch 
für erzeugnisse älterer Sprachperioden, nur sind die Ver- 
hältnisse in älterer zeit oft einfacher und durchsichtiger als 
die der gegenwart. Als beispiel diene hier eine stelle aus 
dem dritten capitel des ahd, Lsidor, dessen satzmelodie 
durch Eberhard Klemm (Satzmelod. Untersuchungen zum ahd. 
lsidor, Halle 1911 = ßeitr. 37, 1 ff.) beschrieben ist. 

1. Hea*r quhi:dit | u-mbi dhazs chri:stU3 | go't eudi dru:htiu ist. || 

2. Aefter dhiu dhazs alma'htiga go:tes cbirüini | dhera go-tliihhüu chri:stes 

chibuu'di | chiniarit m\a:rd, . . . || 



34G KNÖUNSCHILÜ 

3. hear saar a:fter uu ; loit gareunem bi:li<Uun | dbes heilegiii chriscri:bes | 

en- izs archtt:ndemes, || 

4. (Ihazs iv se-lbo cbri:st .... | ist c-hiuuisso go:t ioh diuihtiu. || 

5. Ibn cliri-stus aimr go:t ni muV.ri, | dhemn in psa'hnom cbiq\ihe:dau 

luurd: !| 
(5. 'Dbiin se'dhal, go:t, | ist t'uiia euniu in eauiin, |1 

7. re'htuissa ga-rda | ist g-ai-de dbines rii:hhe3. || 

8. Dhü lui'nntxlös re:ht | endi hazssedös ii:nrebt, |j 

9. bidhiu' amir chisa:lbC)da dhih | go't dhiin go:t |j 

10. mit t'reunuidha o:lee 1 fora dhiniem ebil6:tbzs.s6in'. |l 

Die anordnung Klemms ist liier beibehalten worden, ebenso 
die von ilim eingefügten zeichen: nur sind die langen vocale 
absichtlich durch circumllexe hervorgehoben worden, soweic 
.sie nicht schon im original durch doppelschreibung angegeben 
sind. Die melodie der einzelnen phrasen kennzeichnet Kleuim 
§ 6 als 'eine deutliche tonbewegung, und zwar verläuft diese 
(nach hochdeutscher Intonation: vgl. § 5) in der weise: iiicht 
nur liegt jede zweite hebung tiefer als die erste, sondern auch 
die zwischen den einzelnen hebungen liegenden senkungsdlben 
nehmen an diesem absteigen der melodie entsprechend teil". 
'Laugsames, stetiges absteigen des tones vom hochton der 
ersten hebung bis zum tiefton der letzten silbe der phra»e ist 
also charakteristisch für die melodie unseres textes.' 

Bildlich dargestellt (wobei + einer Senkung, • einer hebung 
entspricht, Klemm s. 9): 



14. Auch der einfluß willkürlicher abänderungen 
des textes auf die satzmelodie ist von Klemm § 34 ff. bereits 
erörtert. Klemm beschränkt sich indes bei seinen versuchen 
auf Variationen der Wortstellung und durch einsetzen sjTiouymer 
ausdrücke. Hier möchte ich meinerseits besonders untersuchen, 
wie sich die satzmelodischen veiiiältnisse bei änderung der 
V c a 1 q u a n t i t ä t e n verändern. 

15. Daß haupttonigc lange vocale nicht nach belieben 
gekürzt werden können, ist ohne weiteres verständlich, da sie 



DIE QUANTITÄT M1NüKUT0N1GL;K VUCALE IM IIEI.IAND. 347 

in vielen fällen, wenn nicht die alleinigen, so doch die haupt- 
sächlichsten träger der satzmelodie fsiiid. Ist aber etwa die 
quantität der mindert onigeii vocale für die satzmelodie ohne 
belang? Das möge hier an einer reihe von beispielen untei-- 
sucht werden: 

IG. Zeile 1. drithihr. I^aiiges ^'' steht bestens im einklaiig' mit dem 
von Klemm anfgestellten melodieschema. Der to)i "leitet von seinem 
gipfel in <jot in kleinen, regelmäßigen abstufungen hinab, bis er im vocal 
»les letzten wortes sein tiefstes nivean erreicht und ruhig ausklingt. 

Kurzes / läßt dagegen an dieser stelle zwei möglichkeiteu offen: 
es schnellt nach dem in der tonscala bereits abgeglittenen u in clruh- auf 
die höhe des o von f/ot zurüclv. und es bedarf entweder eines großen ton- 
sprunges, um auf dio normale tonhöhe des l von ist zu kommen, deren es 
als satzabsohluß bedarf, ode)' das wort ist bleibt in gleichhoher toulage 
wie -tin und erhält einen starken spannuugstou, den es wohl vor einem 
relativsatz tragen könnte, der ihm aber am satzende unmöglich anhaften 
darf. So ergibt sich driihfm als die für die stelle einzig zulässige ausspräche. 

Z e i 1 e '2. uhnahiigu : -uja oder -i(ja ? Lies -Vr/a, und der rest der phrase 
bis rhirüni steigt, während er sonst hier in allem regelmäßig gebildeten 
phrasen zu fallen pflegt. Dazu verliert er das sonst übliche ruhige ebeu- 
maß. Er überstürzt sich in hastender Spannung, die den atemeinschnitt 
nach chirüni beseitigt und sogar die folgende phrase in ein gleich eiliges 
tempo mit hoher tonlage hineinzieht. An stelle weiser Ökonomie tritt un- 
motiviert schneller verbrauch des atems, \mä als folge davon bedarf es 
nach chiburäi einer langen pause, welche die sonst hier üblichen weit 
überdauert, bis endlich bei chimärit das richtige geleis wieder gefunden ist. 

Lies -iga, und nichts von all dem macht sich bemerkbar. Die harmonie 
mit den umgebenden stücken ist aufrechterhalten. 

Zeile ?). Uli verliert deji correclen fallton von uii und verlangt 
störende Überdehnung der rhythmischen pause. — gareuuem: -em löst die 
gleiche erscheiuung aus wie nh. Lifolge des stärkeren syntaktischen Zu- 
sammenhanges dieser und der folgenden phrase steigt hei- weit über die 
höhe von hear und yur- hinaus. 

-mes statt -vies in archundeines würde wieder eilendes tempo erfordern. 
Eine innere Spannung nach der nächsten phrase hin besteht auch, wenn 
-mes gelesen wird. Während aber diese mit sinn, toulage und tempo im 
eiuklang bleibt, erzeugt sie bei -mSs nicht geistige, sondern nur physische 
biudung, und treibt sie die folgephrase wieder in ein steigendes melodie- 
schema hinein. Jeder melodischen phrase iuhäriert eben eine Zeitspanne, 
deren vei'lauf weder verküizt, noch verlängert werden darf, ohne die Wirkung 
zu beeinträchtigen. Sie ist zwar nicht eine absolute, wohl aber eine im 
Zusammenhang mit den übrigen phrasen relativ feststehende große. Die 
stimmliche ausfüllung der melodischen phrasen unterliegt also ebensowenig 
der Willkür des originaisprechers wie der des reproducieremlen. Verkürzt 
man eine melodische phrase bei der wiedergäbe um einen zeitteil, so muß 



348 KNÖRNSCHILD 

man zwaugsweise eiue uumotivierte pause eiuschiebeu (die dann die gesamt- 
wirkuug stört), oder man springt zur nächsten phrase über und entreißt 
dieser ein schalleleraent und beeinträchtigt dadurch den weiteren melodie- 
verlauf. 

Zeile 4. druJMn steht am ende eines aussagesatzes und verlangt 
demzufolge herabgleiten der stimme bis zu einem niveau, daß hier am 
satzende erheblich tiefer liegt als sonstiges phraseneude. Diese absteigende 
curve wird bei der ausspräche -tin mühelos erreicht, nicht aber bei -fin. 
[m letzten falle besteht vielmehr nur ein geringer höhenunterschied zwischen 
den zwei endsilben, und die am satzeude erforderliche entspanunng wird 
nicht erzielt. Immerhin ließe sich hier die Verkürzung des lautenden teiles 
durch eine entsprechende pause bequemer als im satzinnern verdecken, aber 
doch auch nicht ohne schaden ; denn zwischen -tin und dem dann folgenden 
Chris- besteht ein festes iutervall, und dieses würde durch das hohe -(in 
zwar nicht beseitigt, wohl aber würde cfiris- und mit ihm die ganze phrase 
bis ward dabei in eine höhe rücken, die sonst im Is. bei der ersten 
hebuug einer melodiephrase nicht üblich ist. Daran könnte auch eine Ver- 
längerung der pause nach -tin nichts ändern. 

Zeile 5. psalmbrn ergäbe wieder ein ansteigen der tonfolge, aber ohne 
so deutliche markierung der höheuuuterschiede, wie wir sie sonst finden. 
Ferner sei hier auf den auftakt dhiin in z.6 aufmerksam gemacht. Gewöhn- 
lich liegt ein solcher auftakt im Is. tiefer als die erste hebung. So auch 
hier die lesung psalmöm. Würde aber -möm gesprochen, so läge dhiin 
höher als sc-. Auch deshalb ist also -möm zu verwerfen. Durch an sich 
mögliche dehnung des schluß-m endlich würde zwar der ablaiif der folgenden 
glieder nicht gestört; wer sich aber durch lautes lesen von der Wirkung 
dieses schematischen behelfs überzeugt, wird auch ihn ohne weiteres ver- 
werfen. 

Zeile 6. ist fona emiin in euuin. Daß der bau eines wortes an sich 
ohne bedeutung für die satzmelodie sein kann, zeigt die Wiederholung des 
Wortes eimin auf völlig verschiedenem touniveau. Maßgebend ist vielmehr 
in erster linie die Stellung des wortes im Zusammenhang. Für sich allein 
läßt sich das wort emdn in jeder beliebigen tonlage sprechen, ohne an 
klangwirkuug einzubüßen. Sein touniveau wird in diesem falle lediglich 
durch Sprachwerkzeuge und körperliche anläge des sprechenden beeinflußt. 
Dabei bliebe auch länge oder kürze des i der endung ohne belang. Im 
verband des textes gibt es jedoch nur eine lesung, die ästhetischen wie 
physischen bedürfnissen gleicherweise entgegenkommt. Nur durch euutn 
wird die würdevolle getragenheit erzielt, die dem ganzen citat die be- 
absichtigte eindringlichkeit verleiht. Durch '■emän entstünde wieder eiue 
dünne, eilende stimme, contrastlo.sigkeit innerhalb der phrase, überschnellen 
des reiheneinschnittes, und der tiefe eindruck der folgezeile, den der Über- 
setzer durch die anordnung seiner worte hervorbringt, ginge völlig verloren. 

Zeile 8. minnödös — hazssedös. Es wiederholen sich die gleichen 
erscheinuugen. Der zeitüberfluß, der durch lesen einer kürze (-dös) ent- 
stünde, ließe sicli zwar ebenfalls durch eiue pause nach der verbalforui 
verdecken: diese wäre aber ebenso ungerechtfertigt, wie der große ton- 



DIB QUANTITÄT MINDEKTONIGEK VOCALE IM HELIAND. 349 

schritt, mit dem sich die worte nht und unreht anschlieüeii müßten, im 
gegensatz zu z. 6, wo die ijause wie das große inteivall durch die vocaliv- 
form got zu erklären sind. Dort ist beides auch läußerlich durch die Zeichen- 
setzung gekennzeichnet, hier aber verbietet sie sich schon infolge der engen 
Zusammengehörigkeit von verb und directem object. 

Zeile 9. chisalböda. Durch -o^/a wird an den anderwärts bestehenden 
Verhältnissen (Klemm §4) nichts geändert. Der hochbetonten ersten liebung 
folgt die auf einer tieferen stufe der tonscala stehende zweite liebung, 
beide werden durch einen atemeinschnitt von der folgenden melodischen 
phrase getrennt. Spricht man dagegen *-öda, so bleibt zwar das Verhältnis 
zwischen -dhiu und -sal- einigermaßen bestehen, der atemeinschnitt ver- 
schiebt sich jedoch um eine hebung nach rechts, so daß in der neunten 
zeile die melodiecxirve ~---.L _ eintritt. Das heißt: die vier hebungen 
der zeile sinken von der höchsten (der ersten) bis zur tiefsten (der vierten) 
fast gleichmäßig. Während aber sonst die melodische phrase mit einer im 
ton hohen hebung beginnt (also immer höher liegt als die letzte hebung 
der vorhergehenden phrase), liegt hier die erste und einzige hebung der 
zweiten phrase tiefer als die dritte hebung der ersten phrase. Dazu kommt 
dann noch die ungerechtfertigte incongrueuz in der gliederzahl der phrasen, 
die den sonst bei Is. üblichen Verhältnissen (Klemm S. 7. 11 u. ö.) völlig 
widerspricht. 

Ebenso würde in zeile 10 eine ansteigende melodiecurve entstehen, 
wollte man *-nem und *-zssöm lesen. 

17. Fassen Avir die ergebnisse der vorstehenden erörteruug 
zusammen, so zeigt sich: 

a) Die satzmelodie ist ein integrierender bestandteil aller 
menschlichen rede und haftet daher auch jeder sinngemäßen 
aufzeichnung in Worten an. 

b) Die Schwerpunkte der melodischen curven liegen sinn- 
gemäß in den haupttonigen vocalen, die der ganzen ton- 
bewegung richtung, höhe und Spannweite verleihen. Eine an 
ihnen vorgenommene correctur macht sich meist sinnfällig 
bemerkbar. Den übrigen lauten der Wörter fällt zwar eine 
mehr untergeordnete, aber deswegen doch durchaus noch nicht 
unwesentliche rolle zu. Die änderung- auch eines einzelnen, 
scheinbar bedeutungslosen wörtchens, ja selbst die vertauschung 
eines einzigen lautes kann der melodischen bewegung ein ver- 
ändertes gepräge geben und selbst folgende spreclitakte noch 
eigenartig beeinflussen. 

c) Einem autor können wohl verschiedene melodiecurven 
eignen, und die eine oder andere zu Avählen. steht ihm fi-ei. 
selbst Übergang von einer art der tonbewegung zu einer 



350 KNÖKNSCHILD 

anderen ist möglich, aber dann doch stets an irgendwelche 
sondergründe geknüpft (vgl. Sievers über die melodische 
Charakteristik Fausts und Wagners, Rhythm.-melod. stiid. 52 f.). 
Innerhalb eines Werkes von kleinem umfange pflegt aber ein 
und dasselbe tonschema beibehalten zu werden. 

d) Wo in der melodie Wechsel auftreten, deren begründung 
weder im satzbau, noch in inhalt, Stimmung oder absieht einer 
Wirkung liegt, ist daher eine vom autor nicht vorgesehene 
form anzunelimen, die hervorzuheben und, wenn angängig, zu 
erklären oder zu beseitigen aufgäbe der kritik ist. 

Hiernach sollen nun im folgenden die Quantitäten minder- 
toniger vocale im Heliand untersucht werden. 

II. Die neue inethode und der Heliand. 

A. Formfragen. 

18. Der Heliaudtext ist in den mehr oder weniger voll- 
ständigen hss. C und M überliefert, zu denen die fragmente P 
und V treten, die jedoch nur einen geringen bruchteil des 
Werkes übermitteln und deswegen hier von der Untersuchung 
im allgemeinen ausgeschlossen werden sollen. Für unsere 
satzmelodischen feststellungen beschränken wir uns also auf M 
und C. Diese beiden hss. weichen aber bekanntlich auch in 
ihrem lautlichen gewand stark von einander ab. M ist freier 
von Sinnesfehlern als C, weist aber dafür vielfach secundäre 
formübertragungen auf (dat. sg. msc. und neutr. der starken 
declination der adjectiva und pronomina auf -mu, vgl. auch 
thurh M gegen timru C). Die leseprobe zeigt hier überall, 
daß der text von C mitsamt seinem überlieferten lautstand 
einen melodisch wohlgefälligen eindruck macht, während 
gleiche stellen bei Vortrag nach der handschriftlichen Schrei- 
bung von M an lautlicher Zerrissenheit nichts zu wünschen 
übrig lassen und geradezu gefühle physischen Unbehagens 
auslösen können. Zur veranschaulichung des gesagten lese 
man laut nacheinander etwa die stellen 3290a — 3295a nach 
beiden hss. 

19. Daneben finden sich nun freilich auch verse, die in 
beiden hss. völlig gleich lauten (z. b. aus 3265a — 3275a). 
Dann treten aber diese in M in gegensatz zu den umgebenden 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGER VOCALE IM IIELIAND. 351 

verseil mit abweichender lautiing-, während sie in C mit der 
nachbarschaft in einklang' stehen. Daraus ist dann nach allen 
bisherigen erfahi'ungen ohne weiteres zu schließen, daß die 
lautgestalt von C der des grundtextes mindestens wesentlich 
näher kommt als die von M. Dieses urteil mag: in einzelheiten 
einer einschränkung oder einer erweiterung' bedürfen, in seiner 
g:esamtheit ist es unanfechtbar und eben deshalb muß allein 
den folgenden Untersuchungen zugrunde gelegt werden. ^Vie 
weit die auch in C auftretenden orthographieschwankung-en 
auf entsprechenden Wechsel der lautung- schon des Originals 
zurückgehen, kann erst die einzeluntersuchung ergeben. 

20. Hinter die melodische beurteilung- des einzelf alles wird 
natürlich die Statistik zu treten haben. Die anordnung- des 
Zahlenmaterials aber wird so erfolgen müssen, daß die einzel- 
form einer stelle immer zu den grammatisch gleichwertigen 
formen in beziehung: gesetzt w^erden kann, die ihr vorausgehen 
und folgen. 1) 

21. Zwei wichtige raomente fallen beim versuch, die ur- 
sprüngliche lesart zu gewinnen (z. b. alomahtig gegen almahtig), 
besonders in die wagschale: das versschema und vornehmlich 
der gegensatz von gerad und ungerad (vgl. Sievers, Metrische 
Studien 4, Leipzig 1918, s. 21). Auf grund des gleichen gegen- 
satzes spricht die lautliche analyse teilweise für beibehaltung, 
teilweise für Streichung der westgerm. wie der besonders in C 



*) Für sia und sea habe ich dies früher einmal im groben durch- 
zuführen versucht und bin dabei zu dem ergebnis gekommen, daß jede 
der beiden formen fast ausnahmslos in gruppen aufritt und sie sich im 
ganzen der zahl nach wie 5 : 4 verhalten. Ähnlich liegen die Verhältnisse 
bei al- und alo{mahtig) (in v. 1 — 1000), nur sind sie hier weniger deutlich 
wegen der verhältnismäßig geringen zahl der belegsteilen (über das gruppen- 
weise vorkommen der jho -formen in C vgl. W. Schlüter, Untersuchungen 
zur geschichte der alts. spräche 1, Göttingen 1892, s. 123). Ist nun meine 
lesung alo{mahtig) in allen fällen und sia melodisch richtig, so wird man 
die formen al{mahtig) und sea einem Schreiber zuweisen können. Ai;ffällig 
ist es, daß (besonders im anfang des textes) die gruppen von almaliiig mit 
denen von sm, die von alomaMig mit denen von sea zusammenfallen. Daß 
dies Verhältnis später nicht mehr glatt aufgeht, kann gründe haben, die 
zu erörtern hier nicht räum ist. Allerdings kann dies zusammenstimmen 
Zufall sein, treffen aber mehrere solcher Statistiken in dieser weise zusammen, 
so wird man daraus für die entstehungsgeschichte des Heliand wichtige 
Schlüsse ziehen können. 



352 KNÖRNSCHILD 

zahlreichen, erst alts. mittelvocale. Ob die Setzung der nicht 
zur melodie passenden vocale in der schrift dem original an- 
gehört, oder ob diese vocale erst von Schreibern eingeschoben 
worden sind, sei dahingestellt (vgl. unten 41, anm.). 

22. Zu all den angeschnitteneu fragen Stellung zu nehmen, 
war notwendig, um überhaupt an die erörterung des gestellten 
problemes herantreten zu können, denn ohne feste Stellung- 
nahme zum lautstand des textes und anderen damit zusammen- 
hängenden formfragen lassen sich auch die quantitätsfragen 
nicht einwandfrei beurteilen. Trotzdem mußte von systematischer 
behandlung dieser dinge hier abstand genommen werden, weil 
diese nur bei breitester ausführlichkeit zum ziele führen kann. 
Ich habe vielmehr die einschlägigen fragen nur von fall zu 
fall bei den einzelnen melodiebestimmungen behandelt. 

23. Weitere Schwierigkeiten macht die metrische frage. 
Daß die behandlung der alts. verse durch Kauifmann, Beitr. 12, 
283 f., der im vergleich zum ags. wesentlich freieren technik 
der altsachsen nicht überall genüge leistete, hat Sievers schon 
in seiner Altgermanischen metrik (Halle 1893) hervorgehoben, 
dort in §§ 114 — 116 auch schon die grundformen der alts. 
Varianten angegeben und in § 178 (179) gewisse Vortragsregeln 
aufgestellt, aber das thema ist. soweit ich sehe, von selten der 
anhänger der zweihebungstheorie nicht Aveiter bearbeitet 
worden. Auf der seite der anhänger der vierhebungstheorie 
steht dagegen Saftien in seiner Untersuchung über Die schwell- 
formeu des verstypus A in der alts. bibeldichtung, Bonn 1898. 
Auch er, scheint mir, hat den gegenständ zu schematisch be- 
arbeitet (ganz abgesehen von der jedenfalls für mich bestehenden 
physischen Unmöglichkeit, die alliterationsverse vierhebig zu 
lesen), indem er, um möglichst wenig innere senkungssilben zu 
erhalten, beliebig synkope, elision und synaloephe eintreten 
läßt, wie (s.9f.): 

64 a sätta uudar thät gisiöi 

312 a wärdon ira äu thes(a)ro weroldi 

2312a höbim (i)ua luid iro bäudim 

699a ac wendxin (i)m eft an iro willeon 

5209a quäönii um(bi) minan kuniugduom. ') 



>) Im gegeusatz zu ihm beliude ich mich auch z. b. in der lesung 
von 172 a = 251a engil thes alowaldon, den er als A-vers, ich als D-vers 



DIE QUANTITÄT MINDKRTONIGEK VOCAf.K IM IIKLIANI). M,'»?; 

24. Noch weniger verwertbar waren für mich die andichten 
von E. Martin, Der versbau des Heliand und der alts. Glenesis, 
Straßburg- 1907 (QF. 100), der auf Schmellers cadenzenlehre fußt 
und zu erweisen sucht, der alliterationsvers des Heliand sei 
von einfachstem harfenspiel begleitet gewesen, mit einhält uiig 
des vierhebigen taktes (s. 61 — G8), aber s. G8 zugibt, 'völlig 
gleiche dauer solcher bald aufgeschwellter, bald auf das 
knappste maß beschränkter verse kann natürlich nicht be- 
hauptet werden'. Auch in einzelheiten mußte ich oft von ihm 
abweichen (bes. in fragen des auftaktes und der dehnung der 
verkürzten zweiten hebung im C-vers). 

25. Als Vorarbeit mußte ich mir also erst noch eine be- 
stimmte ansieht über die Vortragsweise der einzelnen vers- 
formen zu verschaffen suchen, und ich habe das so getan, daß 
ich aus dem Studium regelmäßig gebauter verspartien heraus 
im laufe der zeit gewisse allgemeine sätze gewann, die ich 
mir dann zu entsprechenden leitsätzen^ machte: 

a) Bei A, B, C ist überall deutlich das zweiteilige Schema 
durchgeführt, wodurch sich besonders A- verse von D-versen 
abheben, bei denen deutlich eine vierteilung wahrzunehmen ist. 

b) Auftakte sind bei den sogenannten steigenden typen 
im allgemeinen nicht zu finden. Bei ihnen ist die eiugangs- 
senkung mit der ersten hebung zur atemeinheit verschmolzen, 2) 
während nach einem auftakt bei A, D oder E stets ein 
psychischer bruch (oder doch wenigstens eine geistige ent- 
spannung) eine auffassungs- und höreinheit von x und L un- 
möglich macht. 



rhythmisiere (— x x | v_. x — x). [Andererseits gegen Saftien 370a als A 
(x I ^ X X I — X — ).] Natürlich kann man den vers als A lesen, aber — 
und hier scheint mir Saftiens hanptfehler zu liegen — nicht im Zusammen- 
hang der stelle. So liest er als C3, ich als A3: 596 hiet that uuiim folgodin, 
(so ü furi uurthi). Ebenso ist 371a nach Saftien gesteigerter C-vers, 
dagegen A-vers nach meiner lesung (ebenso 271a: Saftien C, ich A), 371a 
allero cuningo craftigost, wie meiner meinung nach 4:67b als B zu lesen 
ist. Desgleichen liest Saftien 899 a als A (also in der art wie tclsa man 
mid wördun), ich als D (^ x x | — x — x): 899a färan an fern that heta. 

1) Vgl. auch Sievers, Altgerm, metrik s. 178. 

^) Nur in bestimmten fällen, wo ein syntaktischer einschnitt vor der 
ersten hebung liegt, kann man von auftakt bei B und C sprechen; vgl. 
z. b. 1395a than mer fhe thiu hurg ni mag 2786 b (C). 



354 KNÖRNSCHILD 

c) Dadurch behalten auch A-A^erse mit auftakt ihr typisches 
gepräge: "x ~x . Soviel ich sehe, steht der auftakt bei A 

X X 

auch außerlialb der zeitlichen fußmessung-. 

d) Eng zur einheit verschmolzen sind bei A wie bei B 
und C die hebungs- und die ihr zugehörige Senkungsstrecke. 
Das ist namentlich für C' von höchster Wichtigkeit, denn die 
überschüssige senkungssilbe nach der ersten hebung gehört 
psychisch zu dieser ersten hebungssilbe. Psjxhische ent- 
spannung erfolgt erst hinter ihr, und sie zerlegt den C-vers 
in seine zwei wirklichen hälften: x - x \ L k- 

e) Zur abgrenzung der C'^-verse diente vor allem der 
dynamische wie musikalische contrast, in dem die zwei 
hebungen im C'*-vers zu einander stehen, selbst wenn sie 
beide an der alliteration teil haben. 

f) Verse des Schemas ^-y.Ly. galten für B-verse, wenn 
zweimalige steigende tonbewegung deutlich erkennbar war 
und psychische entspannung (atempause) unmittelbar nach der 
ersten hebung eintrat, so daß .sich das Schema zu x - 1 x ^ x 
modificierte (sonst x- x | wx C'-vers). 

g) Nur nach atembindung oder atempause ließ sich (immer 
natürlich im Zusammenhang mit der Umgebung) entscheiden, 
ob ein vers nach E oder B zu rhythmisieren war, z. B. 467 b 
hdbda im helagna gest (= B), aber 997 b Thit is — quad: 
hie — hehancuninges suno (= E mit auftakt). 

26. Näher auf die versformen 9 im einzelnen einzugehen, 
ist hier nicht der platz. Es sei nur noch erwähnt, daß die 
richtigkeit des an der einzelstelle angenommenen Schemas 
dann als erwiesen angesehen wurde, wenn es ungestörtes 
weiterlesen gestattete und sich überhaupt unauffällig in seinen 
Zusammenhang einordnete. Durch falsche rhythmisierung einer 
stelle wurde dagegen regelmäßig der folge vers im gesamt- 
niveau verschoben. 



*) Nur aumerkuiigsweise sei biugewieseu auf die charakterisieruiigs- 
fähigkeit, die den verstypen und ihrer Verbindung miteinander innewohnt, 
wie sie sich künstleriscli wirkungsvoll z. b. in 139 — 158 (nur A- und B- 
verse!) in der rede des alten Zacharias zeigt. 



I>IK QUANTITÄT MINÜKUTÜNIUKK VOCAIib; IM HELIAND. 355 

B. Bestimmung' der Vortragsart. 

27. Da.s gesprochene Avort ist eindeutig-, niclit aber sein 
ersatz in der sclirift (nach Sievers). Der geschriebene satz 
bedaif vielmelir allenthalben erst noch der erläuterung-, weil 
in ihm ja zwei heterogene bestandteile zusammengelaufen sind: 
der objective, der ihm als einer syntaktischen Vereinigung von 
wfirtern anhaftet (Sarans reine schallform), und dei- subjective, 
den der autor in bestimmter wirkungsabsicht geschaffen und 
an den objectiven gebunden hat (Sarans ethisch gefärbte 
schallform). Sache des reproduciei-enden ist es, aus dem 
objectiven gerüst eines werkes dessen subjectiven ausbau 
wieder ans licht zu fr»rdern. Hat man dabei die interpretatiou 
bisher als reine verstandesarbeit betrieben, so hat man sich 
zugleich eines wichtigen hilfsmittels begeben: des klangreizes, 
der vom text als solchem ausstrahlt. Hier ist also nachzuholen. 

28. Die 'schallform' selbst kann sich (nach Saran, Deutsche 
Verslehre s. 122 f.) nach drei richtungen modiliciereu, sei es. 
daß sie einfacher ausdruck von gedankencomplexen (äußer ung) 
sein, oder als mitteilung zur Übermittelung von tatsachen 
dienen will, oder aber tiefereu t-iiidruek auf den hörer aus- 
üben soll (eindringliche redej. l'ie letzte form ist bei dichtungeu 
die übliche, und auch beim Heliandtext \erläuft sie in den 
richtliuien, die der eindringlichen rede anhaften. Dabei ist 
nicht au einen schulmeisterlichen ton des Vortrages zu denken, 
der etwa gar mit drohendem oder zeigendem finger begleitet 
wäre, auch nicht an den docierenden ton etwa von Buschs 
Versen, vielmehr an freie abfolge accentuell-rliythmisch ge- 
gliederter gebilde, stralf oi-ganisiert, mehr oder weniger 
melodisch gebunden und schneller im tenjpo als die tonfolge 
der reinen schalle, wie sie den Wörtern als solchen innewohnt. 
Scharf scheiden sich hebungen und Senkungen voneinander. 
"Während zu ersteren volle und überschwere silben bevorzugt 
werden und ihre wucht durch beschwerung und dehnnng ge- 
steigert werden kann, sinken die Senkungssilben zu einer stark 
nivellierten, fast gleichtonigen masse herunter, in der sich auch 
von haus aus haibschwere silben zu halbleichten umformen, 
und die gewissermaßen das in sich rollende w^ogengemisch 
bilden, ans dem die hebungsreihen wie inseln emporragen. 

29. Weiterhin läßt sich nach Sievers (Metrische Studien 4, 

Ueitr.Hge 7ur gescliichte der ileiitschen spräche. 4ii. 24 



356 KNÖRNSCHILD 

§ 160,9) jeder metrisch geformte spreclitext durch eine ihm 
adäquate art des taktschlages begleiten. Sie ist besonders zu 
beachten, weil sie den leser in den stand setzt, die rhj'thmischen 
und melodischen eigenheiten des textes leichter zu erfassen. 

30. Für den Heliand findet sie ihren schematischen aus- 
druck in dem Symbol X' (Sievers a. a. 0. § IGO, 4), d. li. den 
text begleitet kreuzschlägiger takt vom schul tergelenk aus 
mit übergriff. Die schlagfigur gehört ilirer größte nach dem 
durchschnittstyp an. Sie verläuft von rechts oben nach links 
unten und von links oben nach rechts unten. Für eingangs- 
senkung und auftakt schiebt sich ein kleiner haken in der form 
eines w-bogens vor den eigentlichen anfang der schlagfigur. 

31. Auf dieser ansieht über die schallform unseres textes 
baut sich nun auch meine weitere analyse auf, und zwar er- 
streckt sie sich, wie oben bemerkt, nach zwei selten: nach 
der accentuell-rhythmischen und nach der melodischen. 

C. Accentuell-rhythmische gliederung. 

32. Grundlegend für die richtige erkenutnis eines accentuell 
gegliederten gebildes ist die feststellung der geschwindigkeit 
seines ablaufs. Dabei ist es von geringerem Avert, die absolute 
zeitgröße zu Avissen, in der eine reihe von Sätzen oder versen 
oder eine (melodische) phrase verklingt (weil diese angäbe 
weder für mehrere personen, noch auch nur für einen einzelnen 
beobachter dauernd Stabilität und damit gültigkeit besitzt), als 
die relativen werte festzustellen. Beispielsweise mag es von 
belang sein zu erfahren, daß der Heliand ein langsameres 
tempo erfordert als Schillers Lied von der glocke, aber ein 
rascheres als Platens Grab im Busento. 

In solchem relativen sinne sind auch alle weiteren an- 
gaben zu verstehen, die hier über den Heliand gemacht werden. 
Innerhalb der allgemeinen grenze treten aber der hauptsache 
nach drei klassen von text auf, die, in ihrer Wirkungsabsicht 
voneinander getrennt, durch nachdruck und zeitlichen verlauf 
differenziert sind: 

a) erläuterungen zum laufenden haupttext (schnelles tempo; 
vgl. z. b. 4147—50), 

b) mitteilung von tatsachen (langsamer und lauter), 

c) directe rede (langsam und laut). 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGEK VüC'ALK IM HKI.IANU. 857 

Dazu kommen noch einzelne Variationen und unteigTui)i)en, 
die mein' durch inhalt als durch gefühlsbetonuug- bestimmt 
werden. 

33. Als oberstes i'hythmisches g-ebikle benutzt der Heliand 
die durch Stabreim gebundene ket te, die sicliin zwei rhythmisclie 
leihen zeilegt, die wieder jede in zwei (bezw. drei) rhythmische 
gruppen zerfallen. Die gruppe ist die Vereinigung zweiei- 
(bezw. dreier) phasen, von denen jede in eine hebung's- odei' 
in eine Senkungsstrecke fällt. Diese strecken, lautlich durch 
eine, zwei oder melirere silben gefüllt, können, sei es gegen- 
einander (hebung zu hebung, hebung zu Senkung, Senkung zu 
Senkung), sei es in sich (senkung) nach schw^ere (stärke), dauei- 
und tonlage abgestuft sein. Auf dieser differenzierung und in 
ihrer Zusammenfassung beruht der rhythmische Charakter der 
glieder bezw. des Werkes überhaupt. 

34. Die kette wird durch eine rhythmische pause (von 
-Sievers 'kettenscheide' genannt) abgeschlossen. Diese tritt 

indes nur da sinnfällig auf, wo sie mit einem satzeinschnitt 
zusaunnenfällt (z. b. 1 SUG. 1867), der sie seinerseits verstärkt. 
Der Heliand meidet solch«' fälle und verdeckt die Schnittstelle 
meist in sogenanntem hakenstil. Leichte pausen treten indes 
zahlreich auf (1905 b. 1915 b. 1936 b usw.). Im allgemeinen 
legt der Heliand schwerere syntaktische einschnitte an das 
reihenende im inneren der kette, wodurch er die reihenscheide 
zwar vertieft, aber den eindruck der gebundenheit nicht zei-- 
stört, wie das bei verstärkter kettenscheide geschehen würde. 

Man kann also beim Heliand nicht von feststehender 
ketten- und reihenscheide sprechen. Beide sind vielmehr 
dauernd im fluß und erleiden durch fortgesetzte verschlingung 
bald Vertiefung, bald erleicliterung. 

85. Die glieder der kette sind die reihen. Berücksichtigt 
man bei ihnen die Stellung von hebung und Senkung, so 
gliedern sie sich in steigende (B), fallende (A, D), steigend- 
fallende (C) und fallend-steigende (E) reihen. 

36. Als in sich abgeschlossene gebilde treten die reihen 
nicht miteinander in beziehung,') will man die außerordentlich 

') Das Verhältnis der liebuiigen einer reihe zu denen der folgenden 
berulit ausschließlich auf melodischen, nicht auf rhytlnnischen factoren und 
soll (ItsliaU) erst später eiürtert werden. 

24* 



358 KNÖKXSCHILD 

rastlose beweguug, die unter dem nameii rh3'thmusweclisel 
längst ihre Classification gefunden hat, nicht dafür ansehen. 
Dieser Wechsel ist in seiner scheinbaren wahllosigkeit aus- 
druck eines starken rhythmischen empflndens und vermeidet 
es, gleichgebaute reihen zu verknüpfen, um der monotonie 
vorzubeugen. 

So werden reihenverbindungen der form \\|/'/|| oder 
//,/|\\||, auch von kette zu kette , '/Ipx \ | bevorzugt, 
denen die der form \ Xl/' \ll und / W/ /" \\ an häufig- 
keit sehr nachstehen. Selten sind die bindungen / / | / \ j| 
und /\|\\||, denen sich mit verhältnismäßig wenig fällen 
// I // II und W I \\ II anschließen. 

Nach Sievers ist 'rhythmuswechsel in jeder gestalt ein 
besonders sinnfälliges variationsprincip alliterierender vers- 
dichtung'. In der gleichbleibenden Wiederkehr der Verknüpfung 
von je zwei gruppen zu einer reihe, von je zwei reihen zu 
einer kette liegt jedoch daneben die einheit in der maunig- 
faltigkeit und die Zusammenfassung begründet, die zum wesen 
des rhythmus gehört. 

37. Die gruppe zerfällt in hebungs- und Senkungsstrecke, 
die in ihrer füllung hier außergewöhnlich variabel sind und 
von der zweisilbigkeit {miMl 519 b) zu stattlicher grüße (509 a) 
anwachsen können. Ihrer form nach sind die gruppen fallend 
oder steigend. Wesentlich ist die zeitgleichung zwischen hebung 
und Senkung. Durch zwei mittel wird versucht, diese wenigstens 
annäliernd aufrecht zu erhalten: 

1. durch tempobesehleunigung (2439 b erste gruppe), 

2. durch tempoverlangsamung 

a) durcli rhythmische pausen (2400 a zweite gruppe), 

b) durch Überdehnung langer vocale und stimmhafter 
consonanten (2464 a erste gruppe, 2466 a erste 
gruppe).!) 

38. Für die dynamische abstufung von hebung und 
Senkung, die im Heiland durch ausgeprägte Verstärkung des 
nachdruckes verbunden mit ohrenfälliger variierung der laut- 



1) Daß 2 b im ersteu lialbvers mehr zur Wirkung kommt, hängt wohl 
damit zusammen, daß der zweite halbvers vielfach den rhythmischen auf- 
takt des satzes bildet. Tm i'ibrii;r'ii sind die einzelnen mittel oft mit- 
einander verbunden. 



IHK t^l ANI'I lA r .MlNI>i:i<l<tNMiKK \(i( AI.i: IM II|,I>IAN1). .'J.M' 

Iieit erreicht wiid. spielt die alliteration als solche keine rolle, 
(leim es können auch silben, die nicht mit alliterieren (zweite 
hebuno- im A- nnd B-A^ers). starken dynamischen ton haben. 
Vermittelnd zwischen hebnng-s- und senkungssilben stehen die 
nebenhebungen in D- nnd V.-verseu, und mit ihnen auf gleichem 
niveaii liegt die zweite hebung- im C-vers. Auch die erste 
hebung- in A:i-versen hat geringen nachdinick. 

89. Innei-halb der senkungsstiecke können ebenialls ab- 
stut'ungen des nachdruckes statthaben. Dafür fällt iibrigens 
die Wortbedeutung weit mehr ins gewicht als bei den hebungs- 
strecken. Fiii- die dynaniische a1>stufuiig der silben innerhalb 
der Senkungsstrecke aber sind so unendlich viele cumbinationen 
möglich und vorhanden.') daß von einer besclireibung hiei- 
abgesehen, sie vielmehr in einer sondei-untersuchung behandelt 
werden muß.-) Nur das sei hier noch gesagt, daß die rhythmische 
Variation der Senkungssilben sich innerhalb eines engen, sehr 
nivellierten stärkegürtels vollzieht, Avobei etymologische längen 
in ihrer tonstärke gekürzt, etymologische kürzen beschwert 
werden können. 

40. Accentuelle gruppenbindung. Hat der accent 
einerseits die aufgäbe zu gliedern, so wird er andererseits 
auch dazu benutzt, einzelteile wieder zu binden. Auf den 
ersten blick scheinen alliterationsverse durch ihre dynamik 
stark gebunden zu sein. Bei näherem zusehen ergibt sich 
indes, daß die bindung durch dauer (zum mindesten im Heliand) 
keine, die durch stärkeaccent nur untergeordnete bedeutung 
hat, insofern dieser die zweite hebung der reihe mäßig er- 
leichert. Er kommt als ausschlaggebend eigentlich nur bei 
versen vom typus A3 und C und dessen Variationen in betracht: 
hier allerdings in sinnfälliger Aveise. Gerade in diesen beiden 
versarten vereinigen die stabträger alle dynamische kraft anf 

') Anders im auftakt, von dem Ries, Die Stellung von subject und 
prädicatsverbura im Heliand, Straßburg 1880, s. 112 sagt, daß er 'im wesent- 
lichen rhythmisch absteigend' sei. 

'■') In der senkungsstiecke ist nicht nur die wortart ihrem bedeutungs- 
inhalt für den Zusammenhang nach zu beachten, sondern auch die zahl 
der füllenden silben, deren bau (geschlossen oder offen), ihre besondere 
anordnung vor, nach oder zwischen stark- bezw. stärker oder schwächer 
betonten silben, ferner ihre Selbständigkeit oder abhängigkeit u. v. a, 



3t)0 KNÖKXscHn-n 

sich und überwuchern so die erste bezw. zweite gruppe völlig 
(so ist es ja auch nur zu verstehen, daß die zweite hebnng 
im C-veis durch sprachliche kürze gebildet w^erden kann). 

Eine andere gruppe 'leichter dynamischer dipodien' (Sievers) 
ist im wesentlichen auf zweite halbverse vom B-typus be- 
schränkt und umfaßt reihen, bei denen die zweite hebung der 
zweiten gruppe durch Wörter mit geringerem bedeutungsinhalt 
gebildet wird (z.b. 1873 b. 1933 b usw.). Neben dieser dyna- 
mischen Verknüpfung finden alle diese fälle und die größte 
zahl der übrigen alliterationsverse ihre gruppenbindung zu 
dipodien im Heliand auf melodischem gebiet, wovon später 
die rede sein wird. 

Der text ist, mit ausnähme des (staccato-)einganges langer 
Senkungen im beginn neuer redeteile, legato zu sprechen. 

41. Wort und silbe. Genauer auf die absolute silben- 
dauer, die durch anzahl und dauer der einzellaute bedingt 
ist, einzugehen, erübrigt sich, da hier ja nur relatives in 
frage kommt. 

Lange vocale in hebung zeichnen sich allgemein durch 
starke Überdehnung aus (räcl, enig). Die meisten hebuugen 
fallen aber auf kurzvocal in geschlossener silbe (ca. 50f'/o 
aller hebungen, z. b. wlancou, maunon, rincos). Der ausgleich 
zwischen diesen zwei arten der hebungsbilduug wird durch 
den silbenaccenti) bewirkt, der in beiden fällen schwach ge- 
schnitten ist. Die beschweruug von Wörtern und silben unter- 
liegt im allgemeinen rhythmischen principien, so daß z. b. ein 
wort bald eine hebung (UOa), bald hebung und Senkung (o397a), 
bald nur eine Senkung (3270 b) füllen kann. 

42. Anhang. Von dynamischem satzaccent kann man 
im Heliand nicht reden, da infolge stark ausgeprägter dynamik 
die ketten und die reihen, die den satz bilden, ihre Selbständig- 
keit zugunsten des satzganzen nicht wesentlich aufgeben, so 
daß der satz keine bedeutung hat als rhythmisch zusammen- 
fassender factor. 

43. Pausen. b> sind sowolil rhythmische wie tote 
l)ausen zu beobachten. Letztere haben ihren platz am satz- 
schluß nach einem punkt. Bescheidener sind sie ihrem um- 

') Mit ihm hängt vermutlich auch die häniigkeit der gleitlaute in C 
ziisammeu. 



DIK (/lANI ri'Ä'l MINI>I',KHiNI(;KR VOCAI.K im IIIIJANI». .')I>1 

fang-e nach liinter Semikolon. Obgleich sie nur an diesen 
beiden stellen anftreten, sind sie nicht notwendig- an den 
Sinnesabschluß g-ebunden, Avohl aber mit ihm eng vei-knüpft. 

Weit größer ist die zahl der rhythmischen pausen. Sie 
zerfallen in zwei arten, ihrer form wie ihrer bedeutnng nach. 
Die erste ait hat neben ihrem ihj'thmischen Charakter einen 
syntaktischen und ist demzufolge von längerer dauer bei ver- 
tieftei-, von kürzerer bei leichter sinnesscheide (im probetext 
ist sie durch komma bezw. ' angedeutet). 

Die zweite art hat nur rhythraisclie bedeutung. Sie ist 
kuiz und steht hauptsächlich am ende der Senkungsstrecken, 
aber auch sonst ist sie im text stark vertreten, oft zwischen 
zwei gruppen zur bloßen psychischen einschnürung verflacht. 

Sinn und form vernichtendes scandieren ist streng zu 
vermeiden. Die letztgenannte art rhythmischer pausen hat 
vielmehr die aufgäbe, kraft der atemführung wie geistige 
Spannung an gewissen punkten zu concentrieren, die für form 
wie Inhalt wesentlich sind. 

Zugleich fällt ihnen die aufgäbe zu, innerhalb der reihen, 
zwischen den gruppen (die ihrer lautlichen füllung nach ja 
ungemein variieren), einen zeitlichen ausgleich anzustreben, 
soweit die zeltgleichung nicht durch tempobeschleunigung oder 
-Verminderung erreicht wird. 

Von besonderer eigenart ist die rhythmische pause 
am ende von halbz eilen, die durch doppelpunkt ab- 
geschlossen werden. Auf diese soll indes erst bei den an- 
gaben über melodieführung eingegangen werden. 

Im übrigen sind die pausen i)raktisch nicht fest an be- 
stimmte stellen des Zusammenhanges gebunden. 

D. Melodische structur. 
44. Die silbe. Im Heliand herrscht durchgängig steigender 
silbenaccent: alle silben zeigen eine deutliche tonbewegung 
von unten nach oben, mag eine silbe geschlossen oder offen, 
haupt- oder mindertonig sein. Ebensowenig einfluß hat darauf 
die dynamische abstufung der Umgebung, und selbst Stimmungs- 
unterschiede können wohl das intervall vom silbeneinsatz bis 
zum Silbenschluß modifizieren, nicht aber das durchgängige 
steigen wesentlich umgestalten. Die neigung, der satz- 



•H62 KNM'»KNscmi,i) 

scliließfudeu .silbe lallende beweguiig" ziiziispreclieu. bleibt 
gleichfalls unbefriedigt. 

45. Das wort, a) Senkung; b) liebung. Aucli im (ein- 
oder niehrjJÜbigen) wovt erleiden die silben keine einbüße des 
oben gekenn zeiclineten tonischen bestandes, wohl aber erhalten 
die Wörter durch gewisse nioditicationen zum teil ein anderes 
)nelodisches gepräge als ihre einzelsilben. Uabei kommt es 
darauf an, ob die Wörter ganz der Senkungsstrecke angehören, 
oder ob ein teil in die hebungsstrecke fällt. Im ersten falle 
werden entweder die silben auf der grundlage ihrer tonischen 
eigeubewegung aneinandergereiht, so daß die folgesilbe immer 
von da ab aufwärts strebt, wo die vorhergehende aufhörte: 

z. b. hubiJ(( 29 b, ihtirii 38 b (graphisch / ), thesaro 1656 a. 
1668 b, yivcltmi 2802 a), oder das wort trifft einen absteigenden 
melodieast und erleidet dadurch fortgesetzt einen widerstreit 
melodischer gegensätze (wortton , silbenton ), in welchem 
kämpfe schließlich der wortton doch die führung behält (z. b. 
35a endi [graphisch /' / \. 1-122 a felhcui, theson. 1352 a ivider- 

/ / 
.slandan [graphisch /' J). I)ie einzelnen silben des Wortes 
rücken dabei auf merklich verschiedene tonstufen, von denen 
die folgende immer tiefer liegt als die vorhergehende, und 
behalten ihre tonale Steigung innerhalb des neuen klang- 
bereiches. 

Hebungen liegen im Heiland (nach hochdeutscher Intona- 
tion) auf hohem tonniveau. stoßen in einem wort senkungs- 
und hebungsstrecke aneinander, so kann sich der hebungsteil 
entweder an die letzte senkungssilbe den ton nach oben fort- 
setzend anschließen (3o b. 20 b u. ö.), oder er ist Aon ihm durch 
Verschiebung auf eine wesentlich höhere tonstufe getrennt. 
Dabei ist es im wesen gleichgültig, ob die Senkung der hebung 
voj'angeht oder- folgt: nur dii> Verschiebungsintervalle haben 
in der regel ungleichen umfang, der sich indes nach der 
gruppenzugeliörigkeii unü irrupi)enfüllung ordnet (kleines 
Intervall 35 b (ji-i^prac. 39 b (ji-aciiop. -loa fas-io. 46a al-dai. 
2364 a far-fan-gan. großes Intervall 35 b sel-'bo. 49 b Cristen, 
2330 b a-stan-dnn). 

46. Die gruppe. Hiermit ist bereits die regelung an- 



IHK ».»UANTir.vr MrN'i>KKr(>M';Ki{ voi alk im iii.manu. .'iO'l 

gedeutet, die liebuiigs- und Senkungsstrecke innerhalb der 
gruppe erfahien. Tn der folge Senkung — hebung (B, C) setzt 
die hebungssilbe die senkungsstreeke melodisch fort. Je nach 
der lautlichen füllung der Senkungsstrecke ist das intervall. 
das diese durchläuft, ziemlich verschieden, klein bei schwacher, 
größer bei hoher silbenzahl (33 13 b. 334Gb. 335Bb. 34(i0b). 
Umgekehrt leitet die Senkung (A, C, D, E), die der hebung 
(bezAV. Nebenhebung) folgt, in abgestuften tonschichten von 
dem tongipfel der hebung heruntei-, wobei ihre lautliche 
füllung viel weniger für den umfang des durchlaufeneu ton- 
intervalls ins gewicht fällt als im vorhergehenden falle (-1034a. 
4100a. 4145 a. 4218 b. 4089 a. 4102 a. 4113a. 4202 a). 

47. Die leihe. Auch die einzelneu verstypen treten 
untereinander in tonale beziehung. Die leituug übernehmen 
dabei die hebungen, die in dreifach verschiedenem Verhältnis 
zueinander stehen können, wie Morgan, Beitr. 33, 96 ff. genauer 
ausführt: die erste stabreimende hebung Jedes halbverses trägt 
den sogen, 'führton', und ihr ordnet sich die zweite haupt- 
hebung mit ('gl eich ton' in besonderen fällen, sonst mit) 
'nah'- oder 'fernton' zu. der seinerseits 'gehoben' oder 
'gesenkt' sein kann. Wie indessen der Heliaudtext sowohl 
in form wie spräche dem Beowuif gegenüber eine wesentliche 
lockerung und starke gegenseitige durchdringung der einzelnen 
teile aufweist, so zeigt er auch in seinem melodischen aufbau 
eine nivellierung, die die beobachtung recht erschwert. Sind 
aber die differenzen zwischen führ-, nah- und fernton au sich 
nicht erheblich, so werden sie durch die außerordentlich starke 
dynamik der hebungen noch mehr überschattet. Zur fest- 
stellung der töne ist es deshalb empfehlenswert, den text 
nicht mit voller stimme (wie sie der sachgemäße Vortrag er- 
fordert), sondern teils murmelnd, teils flüsternd zu reproducieren. 

48. Eine feste raelodie, die gleichmäßig durch sämtliche 
reihen hindui-chginge. besteht nicht; selbst für die einzelnen 
verstypen ist ein klares schema nicht aufzustellen, das ohne 
Wandlung allen Variationen des verses gerecht würde. Wohl 
besitzt jeder typus eine allgemeine melodiecurve, der er außer- 
halb des Zusammenhanges folgen würde, und da ihr erfassen 
für die zustände im fortlaufenden werk wichtig ist, soll sie 
hier einzeln kurz skizziert werden. 



364 KNÖRNSCHILl) 

49. Diese 'ideal'- cur veii schließen sich an die rhythmischen 
gi'undlagen an. Infolge davon verläuft der A-typus zweimal 
fallend: x, (x = hebung), während die meist starke 

\ 

Senkungsfüllung den B-typus zum zweifachen anstieg treibt: 
Xo. Ähnlich ist der verlauf im C-typus. nur daß die 

Xi/ 

/ 

hebungen tonal enger zusammentreten als in B: Xi ^'- ' 

> "^ 
Avobei man sich durch die starke minderung des rhythmischen 

accentes auf der zweiten hebung nicht dazu verleiten lassen 

darf, der zweiten hebung tonsenkung unterzuschieben. D und 

E entsprechen ebenfalls dem B-C-typus, indem Xo sowohl in 

D als in E höher liegt als x^, die nebenhebung gleitet von 

der höhe der haupthebungeu in beiden fällen hinunter: 

j) ^ x-v E XjX//-^'^ (y = nebenhebungj. 

1 \ y 

50. Innerhalb des Zusammenhanges erleiden die 'ideal'- 
curven mannigfache änderungen, doch bleibt in der mehrzahl 
der verse die melodisch gebundene dipodie erhalten. Der 
grad ihrer bindung ist allerdings sehr verschieden, da der 
untergeordnete ton sowohl nah- wie fernton, sowohl gehoben 
wie gesenkt sein kann. Nur D- und E-verse meiden ferntöne 
in ihren haupthebungeu. Daneben besteht die melodische 
mouopodie, meistens indes an das Vorhandensein zweier reim- 
stäbe gebunden (dagegen 5270 a), ohne daß jedoch doppel- 
alliteration auch unbedingt tonale coordination forderte (4025 a. 
5191a). Ferner gehören Wörter der form ^x, soweit sie in 
A, B, D, E hebungen und im C-vers die erste hebung bilden, 
nur einer tonstufe an, während sich in der Senkungsstrecke 
die zweite silbe tonal an die erste nach oben oder unten an- 
schließt (A 995 a. ß 1206 b. D 1117a. E 1026b. Senkung 1359b). 
Als zweite hebung im C- und als erste hebung im A.-j-verse 
verhalten sich solche Wörter dagegen genau wie in der 
Senkungsstrecke, so daß ihr zweiter teil im C-vers tatsächlich 
als Senkung gefühlt wird (A3 971a. C913b. 919 b). Ebenso 
die zweite hebung in den wenigen A.k-versen wie rviJspcl 
mikü 519 b (dagegen 5271b : B). 



I)ll<: <Vl'AN'l riAT MINDKK'l'ONKiKK' \()(\I.K IM II KMAN 1 ). '.Wu) 

51. An und zwischen das tongeiüst der hebinigen scliieben 
sich die senkuiif^ssilben vermittelnd an und ein, wobei die 
Zwischensilben von den einführenden und ausleitenden zu 
scheiden sind. Über die letztere gruppe mit ihien beiden 
Unterarten ist oben (nr. 45) bereits gehandelt und hier nur 
noch hinzuzufügen, daß die Senkungsstrecken der gruppen in 
der reihe zueinander in bezielmng treten, nnd zwar pflegt im 
A- und C-vers die erste senkungssilbe von ihrer zugehörigen 
gruppenhebung in der ersten gruppe tonisch ebensoweit ent- 
fernt zu sein, wie in der zweiten x, X) 

\ 
\ s (^\ = ton- 

\ I 

sj 

entfernuug der senkungssilbe (s) von der hebung x). Im B- 
vers liegen dagegen die gleichen senkungssilben auf gleicher 
tonstufe, soweit die zweite hebung gleichton oder gehobenen 
ausweichton trägt / x, X2 x, 1 ^•^•^ 

/ /' / ' / 

SS SS 

/ / 

s s 

Von ersterer art (Senkungen zwischen hebungen) lassen 
sich zwei verschiedene klassen feststellen: 

a) das ende der Senkungsreihe liegt tiefer als beide 
hebungen; 

b) der anfang der senkungsreihe liegt tiefer als die 
hebungstöne. 

a) ist vertreten bei A-, E- nnd D-verseu, Avobei es gleich- 
gültig ist, in welchem tonverhältnis die hebungen der verse 
zueinander stehen (gleich-, nah-, fernton). 

Zur klasse b) gehören nur die B-verse. Im übrigen soll 
mit vorstehendem weder über die große der jeweiligen Inter- 
valle zwischen hebung und Senkung, bezw. Senkung und hebung 
ein urteil abgegeben werden, noch soll gesagt sein, daß die 
genannten tonabstände bei den einzelnen typen gleich seien. 
Die differenzen zwischen den einzeltönen sind eben so gering, 
daß sie besser gefühlsmäßig erfaßt, als Vernunft mäßig be- 
schrieben Averden können. 

52. Eine besondere erwälmung erfordert der typus A3. 
Gehört er seiner rhythmischen gestaltung nach zu den A-versen, 



366 KNÖRNS(JHILI> 

SO sind seine melodischen verwantschaftsbeziehungen bei 
einem rhythmisch völlig* entgegengesetzten typus zu suchen. 
Während beim gewölmlichen A-vers nach der ersten stab- 
reimenden hebung die Senkungsstrecke stufenweis abwärts 
steigt, klimmt im Ao-vers die silbenfolge im anschluß an die 
hebung allmählich in die höhe bis in die nähe der alliterierenden 
hebung, die nach einem sprung über einen kleinen, tonisch 
uuausgefüllten räum die begonnene tonreihe fortsetzt. Die 
scharfe Scheidung der zweiten hebung von der vorhergehenden 
Senkungsstrecke ist das einzige bindeglied zwischen A und Aj, 
während A3 seiner melodie nach sonst zur ersten hälfte der 
Verse vom B/C-typus neigt. Die Vorliebe für feruton in der 
ersten hebung verstärkt beim A^-vers die eigentümlichkeit 
seines rhythmischen baues und verleiht ihm den eindruck 
einer leichten dipodie. 

53. iTelegentlich treten auch A^-verse auf, deien erste 
hebung gehobenen nahton zeigt. Sie unterscheiden sich vom 
normalen A-typus nur durch ihre dynamischen Verhältnisse 
und das raschere tempo in der ersten gruppe, melodisch sind 
sie A-vei'sen mit gesenktem ausweichton gleich (vgl. 2898a). 

54. Besonderer er wähnung bedürfen außerdem einige 
reihen, die infolge syntaktischen einschnittes in ihrem Innern 
eine niveauverschiebung erleiden, worüber mau sich bei Kunze, 
Die bindung von haupt- und nebensatz im Heliand und der 
alts. Genesis durch mittel des satzaccentes, Leipzig 1 91 l,s. 108 ff. 
näher unterrichten kann. 

Für meine Untersuchung kommen hierfür nur die verse 
2561a und 3883a (und 3855 b) in frage, die ihre toubewegung 

__X3 

nach dem muster von 5191a _x:_ regeln (3855 b wegen 

-iL 

satzschluß I 3; ). In den beispielen mit A-vers nehmen 

beide stäbe an der alliteration teil. Die erste hebung wird 
durch ein verb gebildet und trägt gesenkten nahton (ton- 
beziehung in der reihe ;.). Daß indes auch ein Substantiv 
die erste hebung tragen kann, ohne daß sich das Verhältnis 

der hebungstöne ändert, zeigt 2442a (_jv, tonbez. :.)• 

Im ersten halbvers entspricht die tonbewegung der 
Senkungssilben ganz der des Aj-verses (im zweiten halbvers 



DIE gUANTITÄT MINÜKRTONIOEK VOCAI.E IM HEMANÜ. 367 

wie üblich iu A au solchei' stelle . ; ), so daß mau von uielo- 
dischem A;,-tyi)Us sprechen kr)nnte. 

55. üer auftakt bildet eine aufsteigende tonlinie. Auf- 
takt wie eingangssenkung haben das gemein, daß sit^ untei- 
der tonstufe der folgenden hebung liegen. 

56. Gewisse modificatiouen entstehen, wenn dei- auftakt 
bei B und C von der ersten gruppe. bei A, I), E in seinem 
Innern durch einen satzeinschnitt ') geschieden wird. In der 
hauptsaclie folgt die melodie über den einschnitt hinaus dem 
ansteigenden tonschema (115a. 130h. 133a. 584b. 592b. 557b. 
000 b), erleidet aber zuweilen an der schnittsteile einen 
geringen bruch, dem eine neue auf wärtsbewegung folgt (3751 b. 
4111b. 5207 b). Tritt der satzeinschnitt aus auftakt und ein- 
gangssenkung, wo er im allgemeinen seinen platz hat, in das 
reiheninnere, so bedingt er, außer im A^-vers, gewöhnlich eine 
geringe niveauverschiebung des ihm folgenden satzstückes 
nach oben oder nach unten (vgl. (359 b. 2157 b. 224 b. 3774 b. 
vgl. Kunze s, 110). 

57. Die beiden reihen einer kette treten ebenfalls in 
melodische Wechselbeziehung, indem ihre führtöue im all- 
gemeinen auf gleicher oder mindestens nicht erheblich ver- 
schiedener tonstufe stehen, abgesehen von einer anzahl inhalt- 
lich gesonderter reihen, die, meist einen satz abschließend, 
einen vorangegangenen begriff wiederholen und zugleich ab- 
rundend erläutern. Diese art von reihen gehört nur dem 
ersten halbvers an und tritt in ihrer gesamtheit auf eine 
tiefere tonstufe, zu der weder die voranstehende noch die 
folgende reihe in tonischem Zusammenhang steht (1453a. 1458a. 
1478 a). p]s bleibt fraglich, ob für diese verse stets gesenkter 
aiisweichton in der vorangehenden reihe erforderlich ist. 

58. Wie Kunze s. 11 festgestellt hat, tragen eine anzahl 
reihen auf ihrer letzten silbe einen gewissen ton, den K. im 
anschluß an Sievers den Signalton nennt, dem am anfang 
einer späteren reihe ein gleicher antwortton entspricht. 
Durch den Signalton wird die gesetzmäßige tonstufe der letzten 
Senkungssilbe in der reihe (unter dem niveau der voranstehenden 



*) Über den satzeiuschnitt im auftakt finden sich nähere angaben bei 
Kunze s. 98— 112. 



368 KNÖKNSCUILD 

liebuug', vg^l. iir. 51) verlassen und dafür der ton auf das niveau 
der liebung oder darüber hinaus nach obenhin erhöht. 

Die mehrzahl der antworttöne ruht auf den eing'ängen 
von B- und C-verseu. Während nun im allgemeinen die (ofl 
sehr lange) eingangssenkung dieser reihen nur allmählich und 
in gei'ingem umfange ansteigt, ruft der antwortton eine gewisse 
tempobeschleunigung- und eine erheblieh raschere tonsteigerung 
hervor, die den betreffenden vei'sen einen gedrängten, impulsiven 
Charakter verleiht. 

59. Der melodische verlauf innerhalb der ketten kann 
durch den reihen- bezw. kettenabschluß w^esentlich beeinflußt 
werden, indem sich die tonverhältnisse durch die einschaltung 
kurzer oder langer pausen ändern. Es lassen sich neben den 
ev. kleineren rhythmischen pausen am reihen- bezw, ketten- 
ende drei wichtigere arten von sinnesscheiden feststellen: 
a) die leichte sinnesscheide,i) b) die schwere sinnes- 
scheide und c) der sinnesabschluß. 

Wo die einzelnen scheiden anzusetzen sind, ergibt sich 
aus dem zusammenhängenden lesen des textes. Dabei bedeutet 
die einfahrung der leichten sinnesscheide eine technische 
neuerung gegenüber der bisherigen gepflogenheit, nach der 
sie durch komma angezeigt wurde, falls sie nicht völlig un- 
bezeichnet blieb. Im text hat sie deshalb melodische bedeutung, 
weil vor ihr die tonreihe in zahlreichen fällen ansteigt, die 
zweite hebung also mit gehobenem nah- oder fernton gesprochen 
wird, soweit nicht andere gründe dem entgegenstehen. Diese 
hemmungen werden vermutlich mit einem gesetz zusammen- 
hängen, dessen einzelheiten zu erfassen und zu erklären bis- 
her noch nicht gelungen ist, dem gesetz der 'tonabwechslung', 
wie es vorläufig genannt werden mag. Wie oben (vgl. bes. 
nr. 86) gezeigt worden ist, findet sich im Heliand eine dauernde, 
gegenseitige durchdringung rh^^thmischer demente, die einen 
ausgesprochenen drang nach abwechslung innerhalb äußerlich 
gleichartiger teile befriedigt. In melodischer beziehung zeigt 
sich die ganz gleiche erscheinung: in den beiden reihen einer 
kette sind gleichartige tonverhältnisse so selten, daß da, wo 



>) a) wird im probetext mit ' bezeichnet, b) dniTli koniina, c) durch : 
nml . ancredeiitet. 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIOKK VüCAM-: IM IIKLIAND. ^GD 

sie (loch auftreten, offenbar besondere, noch nicht genügend 
erkannte gründe maßgebend sein müssen.') 

Zeigt die vorderreihe gehobenen ton in der zweiten hebung, 
so pflegt die folgende reihe gesenkten ton aufzuweisen und 
unigekehrt (2450 ; • | • i 2455 ■'!',). Wo die aufstrebende ton- 
bewegung voi- leichter sinnesscheide dem entgegensteht, fällt 
bisweilen zu ihren gunsten die tonale kettendifferenz und vei- 
dunkelt so die bestehenden Verhältnisse. Dem häufig auf- 
tretenden gU'ichton der ersten halbzeile könnte demnach eine 
reihe mit steigender oder fallender tonbewegung folgen. Wenn 
sie in der mehrzahl der fälle durch verse mit gehobenem nah- 
oder fernton ergänzt wird, ist darin wohl eine folge der all- 
gemeinen neigung zu ansteigender tonbewegung 2) zu erblicken, 
von der oben nr, 40 ff. ausführlich gesprochen worden ist und 
die sich mögiicherw^eise beim zweiten halbverse zu einem be- 
stimmten steigtrieb verdichtet hat, der ja freilich von haus 
aus nicht an den zweiten halbvers gebunden gewesen zu sein 
braucht. 

Die schwere sinnesscheide (bj hat keinen directen 
einüuß auf die melodie, wohl aber einen indirecten, indem 
nichtbeachtung der scheide beim Vortrag tonverschiebungen 
der folgenden reihe verursacht. 

Vor vollem Sinnesabschluß (c) ist die teudenz fallender 
tonbewegung vor ruhepausen stark ausgeprägt, so daß sie von 
den üblichen verstypen gesenkten ausweichton der zweiten 
hebung verlangt, aber auch von versen mit doppelalliteration, 
die sonst nahezu ausnahmslos gleichton haben, gesenkten nah- 
ton fordert. 



*) D- und E-versft sclieiuen in der läge ihrer tüne stabil zu sein und 
sich deshalb meist dem princip zu widersetzen, soweit sie im zweiten halb- 
vers auftreten. Ihre zweite hebung behält hochlage über der ersten hebung, 
wenn auch der erste halbvers dasselbe tonverlüiltuis aufweist. 

*) Eine stütze findet diese annähme vielleicht in dem umstand, daß 
der satzanfaug, der ja in der hauptsache auf den zweiten halbvers be- 
schränkt ist, fast ausnahmslos dieser intouation folgt, obwohl sie hier auch 
durch den fallenden, vorangehenden satzschluß bedingt sein kann. Daß 
diese tatsache nicht den Wörtern als solchen anhaftet, sondern im Zusammen- 
hang des Werkes seinen Ursprung hat, zeigt das auftreten des gleichen 
Wortlautes als erster oder zweiter halbvers mit gehobenen oder gesenkten 
tonbeziehungen (z. b. Jiiöeo IhuUo, suno drolitiaes). 



370 KNÖRNSCHILD 

60. Daß alle drei arten von scheiden an sinnfälligkeit 
znnelniien, sobald sie mit kettensclieiden zusammentreffen, be- 
darf nach den früheren ausführungen über srhnittverleoung- 
und Schnittvertiefung (s. oben nr. 34) nicht besonderer er- 
wähnung. In solchen fällen treten jedenfalls so erliebliche 
touabweichungen auf. daß der Helianddichter es so viel als 
möglich meidet. Sinnesabschlüsse mit kettenenden zusammen- 
fallen zu lassen, weil dadurch von kette zu kette melodisch 
leere räume entstehen würden, wie sie beim zusammenfall 
von reihenscheide und Sinnesabschluß nicht zu verzeichnen sind. 

Ol. Doppelpunkt am reihenschluß ist in die bisherige 
betrachtung niciit einbezogen worden, weil er in seinem 
melodischen gepräge einer reihe ohne sinnesscheide gleich- 
kommt. Die geistige Spannung bleibt am reihenende eine Zeit- 
lang bestehen und erregt das gefühl des fortsetzungstones, 
wie er sich bei fortlaufender geistiger bindung von reihe zu 
reihe zeigt. AVährend aber hier die folgereihe den fortsetzungs- 
ton aufnimmt, beginnt sie nach doppelpuukt mit dem ton drs 
'indirecten einganges', den ur. 64,2 näher erläutert, 

62. Der satz als solcher ist auch für die melodie ohne 
besondere bedeutuug. Weder äußere syntaktische Verhältnisse, 
noch bedeutungsinhalte wirken zwingend auf die Stilisierung 
der melodie im satzinnern. Sein allgciiieines tonniveau liegt 
nach hochdeutscher Intonation in mäßiger höhe. In seinem 
aufbau bevorzugt er ein aufsteigend-absteigendes melodieschema 
und verwendet deshalb für directen wie indirecten eingang 
mit Vorliebe B- und C-verse. Oben (vgl. nr. 52) war auf die 
verwantschaft in der melodischen structur zwischen B-, C- 
und Aj- Versen aufmerksam gemacht worden. Es ist des- 
halb verständlich, daß auch an der zahl der eingangsverse 
A3 im Verhältnis zu der häufigkeit seines sonstigen Vor- 
kommens einen wesentlichen anteil hat. Andererseits eignen 
sich A-verse mit ihrem 'idealen' fallenden melodieschema (vgl. 
nr. 49) besonders für satzschlüsse. Daß daneben auch D-verse 
mit ihrer natürlichen tonabstufung in nebenhebung und Senkung 
häufiger als satzschluß auftreten, ist begreiflich. Immerhin 
üben der melodische satzanstieg und die absteigende tonlinie 
am satzende auf die verstypen einen gewissen druck aus, der 
nur in seltenen fällen abgeschüttelt wird, l'nter ihrem einfluß 



DIE QUANTITÄT MINDEKTONIGER VOCALE IM HELIANL). 371 

modificiert sich die melodiecurve des A-typus zum steigenden 

( / '), die von B- und C-versen zum fallenden ( ' \ ) klang- 

schema, wie sich ihrem zwange am satzende auch D- und R- 
verse unterwerfen, indem sie ihre zweite hebung tiefer legen 
als die erste. 

Widerstand gegen tieferen satzschluß findet sich vor frage- 
zeichen, das die hebungssilben aller typen auf gleicher ton- 
stufe erhält, wenn nicht vereinzelt gar eine tonerhöhung dei- 
zweiten hebung stattfindet (3312 a. 8247 a. 2657 a). 

E. Einteilung der verse. 

68. Die fülle verschiedenartigster versformen, die dem 
leser begegnen, mögen diesen wohl zunächst zu der meinung 
veranlassen, daß so wechselvolles material kaum aussieht auf 
erfolgreiche Untersuchung bieten könne, wenn es nicht gelänge, 
die fülle in ein gewisses grundlegendes System zu bringen. 
Das von Morgan (a. a. o.) eingeführte einteilungsprincip konnte 
aber nicht in betracht kommen, weil es hier vielmehr für die 
melodiebestimmung, Avie überhaupt zur erkenntnis der gegen- 
seitigen beeinflussung der einzelnen reihen auf anfang und 
ende der verse ankam. Ebenso konnte aber auch nicht auf 
grund der melodie oder des versschemas eingeteilt werden. 
So blieb zur bestimmung der eingangsform der verse nur 
deren Stellung im Satzzusammenhang und ihr inhalt, zur be- 
urteilung der versausgänge das Vorhandensein und die große 
rhythmischer pausen an ihrem Schlüsse in betracht zu ziehen 
übrig. 

Auf diese weise ergab sich ein System, dem alle verse des 
Heliand eingeordnet werden konnten, mit einziger ausnähme 
derjenigen, die vocativischen Charakter haben und deshalb 
ohnehin des Zusammenhanges mit ihrer Umgebung entbehren. 

64. I. Eingangsverse: 

a) directe eingangsverse, 

b) indirecte eingangsverse. 
Eingangsverse sind solche, die einen satz oder einen 

neuen redet eil beginnen. Direct werden sie genannt, wenn 
sie den absoluten anfang einer gedankenfolge nach punkt 
oder Semikolon bilden. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 40. 25 



37 "2 KNÖRNSCHILD 

Verse nach schwerer sinnesscheide kommen sowohl in 
ihrer form (häufig- B- oder C-typus) wie in ihrer melodie den 
directen eingangsversen sehr nahe; sie werden deshalb als 
indirecte eingangsverse bezeichnet. 

Der directe eingangsvers scheidet sich vom indirecten, 
indem der letztere neben der Verknüpfung der führtöne auch 
geistige Spannung aus dem vorangegangenen behält und die 
tonlage seiner eingangssenkung in beziehung setzt zu den 
vorausgegangenen tönen. Der directe eingang ist in keiner 
hinsieht gebunden, weder in geistiger, noch in tonaler, wes- 
halb er seine eingangssenkung meist ein größeres Intervall 
durchlaufen läßt, als die rücksicht auf den vordervers beim 
indirecten eingang zuläßt. 

65. IL Fortsetzungsverse: 

a) reine fortsetzungsverse, 

b) Variationsverse. 

Geht die geistige Spannung auf den folgevers über, so 
kann man diese verse, da sie den begonnenen gedanken fort- 
führen, reine fortsetzungsverse nennen. 

Eine weitere gi'oße gruppe von versen, die nicht reine 
fortsetzung eines begonnenen gedankens enthalten, aber auch 
keinen neuen gedanken aufnehmen, gelten der ausdeutung, 
erläuterung, Umschreibung, ev. auch der Wiederholung eines 
vorangegangenen Wortlautes in anderer form. Einen teil dieser 
verse hat man längst als epische Variationen bezeichnet. Sie 
sollen deshalb auch hier den namen variations verse erhalten. 
Mit den oben erörterten 'reinen' fortsetzungsversen bilden sie 
eine gruppe. 

Ihren platz haben die variatiousverse nach leichter sinnes- 
scheide, und nur in wenigen fällen, wo es sich nicht um die 
Variation eines vorangegangenen begriffes, sondern um die 
eines ganzen satzes handelt, gelit ihnen eine schwere sinnes- 
scheide voraus. Nicht selten werden sie auch von dem verse, 
den sie näher ausführen, durch eine oder mehrere reihen 
getrennt. 

66. Ist am ende der eingangs- und fortsetzungsverse 
keinerlei pause festzustellen (so daß sich also die geistige 
Spannung auf den folgevers unverändert fortsetzt), so erhalten 
sie die bezeichnung 'mit fortsetzungston', geringe psychische 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGER VOCALE IM HELIANU. M73 

eiitspaniiung wird mit 'leichter siiiiiesscheide' und starke 
mit 'schwerer sinnesscheide' bezeichnet, während das satz- 
ende mit seiner geistigen entspannung unter 'sinnesabschluß' 
unteigebraclit wird. 

Anmerknugen. 
G7. a) lu zweifelhaften fällen, in denen inhalt ixnd form nicht überein- 
stimmen, entscheidet sich die einreihung nach der form: z. b. 204:5b in- 
directer eingang, trotz vorangehender leichter sinnesscheide, 200na indirecter 
eingang trotz variierenden Inhalts. Ebenso 2217 a indirecter eingang. 

b) Nicht selten wird die Spannung von einem versende zum aufang 
des fortsetzungsverses unterbrochen, aber nicht beseitigt. Der fortsetzungs- 
vers beginnt trotzdem mit fortsetzuugston, z. b. 2031b. 2238a u. ü. Auch 
quad hie hat keinen einfluß: 2il9b /2420a. 

c) Ebenso verliert der variationsvers seinen fortsetzungston (am au- 
fang) nicht, wenn er durch reihen von seinem object getrennt ist: 2414a. 
2733 a u. ö. 

68. Der deutlichkeit wegen folge nochmals das gesaratschema. 

I. Eingangsverse: 

A. Directer eingang: 

a) mit fortsetzungston, 

b) mit leichter sinnesscheide, 

c) mit schAverer sinnesscheide, 

d) mit Sinnesabschluß. 

B. Indirecter eingang: 

a) mit fortsetzungston, 

b) mit leichter sinnesscheide, 

c) mit schwerer sinnesscheide, 

d) mit Sinnesabschluß. 

II. Fortsetzuugsverse: 

A. Reine fortsetzuugsverse; 

a) mit fortsetzungston, 

b) mit leichter sinnesscheide, 

c) mit schwerer sinnesscheide, 

d) mit sinnesabschluß, 

B. Variationsverse: 

a) mit fortsetzungston, 

b) mit leichter sinnesscheide, 

c) mit schwerer sinnesscheide, 

d) mit sinnesabschluß. 

69. Die Scheidung des materials nach dem vorkommen in 
ersten und zweiten halbversen geschah lediglich, um zusammen- 
gehöriges (eingangsverse in b-, variationsverse in a-versen) 
nicht unnötig auseinanderzureißen. 

25* 



374 KNÖRNSCHILD 

70. Zur veranschaulichung der einteilung- nach arten der 
atempause mögen die folgenden stellen dienen, deren tonstufen 
und typus zugleich mit angegeben sind: 



4121b 




lAb 












Thann was eft thes iverodes so ßo ' 


- 


B.! 


HBa 




IBa 








muodstarea mann: 




ne iceldun thia mäht 


godes 


E. 


.C! 


HAc 




IBa 








antkennian küÖltco, 




ac sia tcid is craft niikil 


D. 


.C! 


II Aa 




IBa 








wttnnun mid iro xoordon: 


loc'trun im wdldandes 




A. 


.0.! 


HAa 












lera so UÖa: 








A . 


. - 


41471) 




lAa 












hahdun ina gicoranan te ihiu 


- 


B.' 


II Aa 




II Ac 








an them iärtale 




Jubso liodi, 




C. 


!A.: 


IBa 




II Ab 








that hie thes godes 


hüses 


gömian scolda ' 




c. 


!A.; 


II Bd 












tcardon thes wthes. 


— 






A. 


) 


4158 a 












lAc 




IBb 








Ni was ü thoh is will^on, 


that hie so xvär gisprac' 


A. 


.B.! 


nBc 




IBa 








so forth furi them 


foll-e, 


fruma mancunnies 




A. 


.D.! 



II A c IBa 

gimenda furi thero menigi, ac it quam im fan thero mäht godes A . . C . ! 

II A c IBa 

thuru is helagon hed, hivand hie that ht'is godes B . . C . ! 

II A a II A b 

thar an Hierusalem bigangan scolda ' B . I A . ; 

II Ba 
ivardon thes wihes: A.. - 

III. Die quautitüt miudertouiger vocale. 

Vorbemerkungen. 
71. Auf den vorstehenden text wende man die oben 
(nr. 15 ff.) erwähnte methode an, probeweise gewisse willkür- 
liche textänderungen vorzunehmen und die daraus resultierenden 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGER VOCALE IM HELIAND. 375 

Verhältnisse zu prüfen. Selbstverständlich muß, um etwaiger 
Voreingenommenheit zu begegnen, dasselbe wort immer in 
zwei formen — z. b. mit vocalkürze und mit vocallänge — zur 
entscheidung gestellt werden. Dabei muß bei den zur probe 
vorgenommenen formenänderungen natürlich zunächst die rück- 
sicht auf historische möglichkeit unterbleiben; denn es kommt 
hier in erster linie ja nur auf lautliche beschaft'enheit an, 
und die probeänderungen sollen nur zur beleuchtung des 
richtigen dienen. Letzten endes fallen aber übliche melodie- 
curven und richtige wortform immer zusammen. 

72. Setzt man z. b. iu 4121b für muod die in M wie C häufige form 
möd ein, so erhält dieses einen so hohen ton, daß die melodische coordina- 
tion beseitigt wird, die in E-versen dieser art außer vor sinnesabschluß 
allein üblich ist. Stellt man willkürlich dennoch die gleichtonigkeit her, 
so weicht der i'olgevers auf ein zu hohes tonuiveau aus, das ihn klapperig 
und fast weinerlich im klänge macht und aus der melodie seiner Umgebung- 
völlig herausfallen läßt. 

4122 b: *<j6(les für godes (Avie Martin zu lesen vorschlägt). Zwischen 
*gö- und mäht entsteht ein Intervall, das weder dem entspricht, das C-verse 
bei nahton (z. b. 4148 b) zu haben pflegen, noch dem Intervall ferntoniger 
verse (z. b. 3907 b) gleicht. Außerdem steigt die silbe -des über die ton- 
höhe von *gö-, während sie im gleichen falle sonst tiefer als die voran- 
gehende hebuug zu stehen pflegt. Der folgevers verläßt (wie immer bei 
tonfehlern in der vorhergehenden reihe) seine tonlage, die sich nach dem 
führton der folgereihe zu bestimmen pflegt. Daneben werden alle silben 
stark nivelliert, während doch sonst hebung von Senkung deutlich ge- 
schieden ist. Allerdings läßt sich bei 4123 a die beschriebene Wirkung 
durch eine starke pause hinter *gödes ausschalten, während der man sich 
gewissermaßen wieder auf das richtige Stimmverhältnis einstellt. Gegen 
pause sprechen aber form und Inhalt des verses. Durch sie würden die 
eng zusammengehörigen reihen 4122 b und 4123 a auseinandergerissen, und 
der sinn ginge verloren. 

tcoldun für weldun: der gleichmäßige Senkungsanstieg wird durch 
das tiefere wol- unterbrochen, so daß / in J geändert wird. 

4124 a *wunnün für wunnun. Als klangbild ergibt sich folgende curve: 



*-nün sinkt stark unter www-, und mid iro schließen sich aufwärtsstrebend 
an bis zum höhepunkt in wor-. Dem gegenüber steht das übliche melodie- 
schema, bei dem die senkungssilben von der tonhöhe langsam abwärts- 
gleiten, indem sich die folgesübe immer harmonisch an die vorhergehende 
anschließt. 



Ö7b KNORNSCHILD 

4158 b ^gispräc für gisprac. Der tonschritt vou wc'ir zu *-spräc ist 
nicht verwunderlich. Er findet sich häufig. Auch die aufwärtsbewegung 
der haupttöue wird nicht geändert. An 58 b ist also nichts auffälliges, 
das ohne weiteres auf Unrichtigkeit des textes schließen ließe. Um so 
ohrenfälliger sind die Wandlungen, die das *yisprcic in der folgereihe hervor- 
ruft. Die dehnung entreißt der leichten scheide am reiheuende soviel an 
zeit, daß man durch das herrt;cheude tempo dazu getrieben wird, die 
scheide ganz zu beseitigen. Zugleich springt 59 a wieder auf ein tonniveau, 
das mit seiner Umgebung nicht im einklaug steht und außerdem nur einen 
stimmklang zuläßt, der der kopfstimme sehr ähnelt. Das Intervall zwischen 
den hebuugssilben wird so groß, wie man es sonst im Heliand nicht an- 
trifft. Markiert man die scheide dennoch, so bleibt die reihe 59 a immerhin 
auf hoher tonstufe; hinzu tritt, daß die Senkungen beharrlich auf dem 
niveau der hebungen bleiben und nur dynamisch vou diesen unterschieden 
werden. Das Verhältnis der hebungstöne in 59a zur alliterierenden hebung 
von 59 b wird ebenfalls gestört. Regulär ist es nur möglich, daß der führ- 
ton des ersten halbverses tiefer liegt als der des zweiten, nicht aber um- 
gekehrt, wie es hier der fall sein würde. 

5477 b sicormi düäi\ 78 a ivreöero werco : sicoran dudi verlangt.; 
mit leichter scheide. Setzt man dafür ein "^sicoran ein, so ändert sich der 
gleichton der silben si- und -co mit tieferliegendem -ran ('-'J'^ x) in die 
nicht übliche tonfolge -^ ^ x {*-cö- höher als si-), und auch dädi erhält 
statt seines im Zusammenhang wahrscheinlichen und bei lesung mit der 
richtigen kürze vou -co- tatsächlich erscheinenden gesenkten nahtones einen 
gehobenen ton, mit dem sich statt gesenkter silbe -di deren erhebung über 
das niveau von da- verbindet. Behält man die leichte scheide, so fällt 
78 a wiederum aus dem tonumfang seiner nachbarschaft und legt ebenfalls 
die Senkungssilben höher als die haupttonsilben, wobei die stimme einen 
unangenehm spitzen klang erhält, ganz abgesehen von dem psychischen 
Unbehagen, das man bei solcher tonabstufung empfindet, weil die sonst 
übliche atemfülle fehlt. Der tonsprung von tverco zu ivihtes (78 b) ist über 
gebühr groß: sollten doch beide auf musikalisch gleicher, zum mindestens 
empfindungsmäßig nicht differenzierter tonstufe stehen. Die tempo- 
beschleunigung in 78 a ist nicht bedeutend, aber dennoch nicht zu über- 
sehen und für variatiousvers nicht gebräuchlich. 

4161a *hed für hed. Gleicher anlaut der hebungen vor schwerer 
Sinnesscheide verlangt melodische coordination. Am ende der reihe tritt 
eine gewisse entspannung ein, die sich in der rhythmischen pause fort- 
setzt, die sie von der folgereihe scheidet. Nicht so bei *hed. Zunächst 
ändert sich . . in . ! und damit verbindet sich entweder eine längere (tote) 
pause, durch die jeglicher Zusammenhang des sinnes mit der nächsten 
reihe verloren geht, oder es stellt sich (bei weniger bewußtem lesen) ein 
drang zum vorwärtseilen ein. der das zeitliche ebenmaß erheblich stört. 
Dazu gesellt sich eine starke niveauverlegung von 61b nach oben, so daß 
hüs, statt wie üblich mit he- von helag tongleich zu sein, sich tonisch mit 
*h€d verknüpft. Man könnte meinen, daß der psychische wie melodische 
auseinauderfall der zwei reihen allein dadurch bedingt wäie, daß dem 



DIE QUANTITÄT MINDEItTONlGEK VOCALE IM IIELIAND. 377 

A-vers durch kürzung von hed eine Zeiteinheit entrissen würde. Wäre 
dies der fall, müßte ein znsatz dieser Zeitspanne an anderer stelle der 
reihe einen ausgleich herheifüliren. Man lese ans diesem gründe etwa ver- 
suchsweise *Ju'l(i()('in hvd. Ergebnis: zwischen -la- und '■'-fiön entsteht ein 
großer tonsprung nach unten, und ■'hhl setzt sich auf gleiche tonstufe mit 
*-gun. Die tempobeschleunignng ist zwar tatsächlich helioben, aber der 
C-vers tritt in seiner gesamtheit in eine klangspanne, deren kernpunkt 
(mit hüs) weit unter der höhe des hc- von helugon liegt. 

Es war außerdem oben (abschnitt 57) gezeigt worden, daß wohl eine 
gewisse gruppe doppelalliteriereuder reihen im ersten halbvers eine niveau- 
verschiebung nach unten erleiden kann, daß aber weder die folgende zweite 
reihe mit ihrem stabträger jemals auf dieser melodischen tiefstufe stehen 
bleibt, noch etwa die ganze b-reihe im gegensatz zum a-vers sich in einem 
tiefer liegenden tonumfang bewegt. Nur die richtige länge am richtigen 
platz kann psychisch, physiscli wie toniscli befriedigen. 

73. Zusammenfassend seien die erscheinung-en nochmals 
aufgeführt, die sich durch ansatz unrichtiger vocalqualität 
wie -quantität in hebungs- wie Senkungssilben herausstellen, 
und zwar sowohl in der reihe selbst, wie in ihrer unmittel- 
baren Umgebung: 

a) Unmotivierter tonsprung (ungewöhnliche klaugdifferenz oder zu 
große tonentfernung und änderung der tonrichtung), 

b) Unterbrechung der sonst üblichen klangreihen (senkungssilbeu !). 

c) Scheidenverwischung. 

d) Niveauverschiebung der folgereihe. 

e) Nivellierung der toiu'eihen von hebungs- und senkuugsstreckeu. 

f) Änderung in der atemökonomie. 

g) Tempoänderung, 
h) Typusverwischung. 

i) Verschiebung in der sonantenbilduug. 

Nach diesen gesichtspunkten soll nun im folgenden die 
quantität gewisser mindertoniger vocale im Heliand geprüft 
werden. 

74. Dazu bedarf es zunächst noch einiger worte über die 
vocale, die hier untersucht werden sollen. Der reinen schall- 
form nach sind die mindertonigen vocale 'die vocale der end- 
silben, der mittelsilben und der nicht accentuierten präfixe 
und suffixalen Wörter' (Gallee, Gramm., 2. aufl., § 110). Auf 
rhythmische Umgestaltungen bezw. tonverschiebungen ist hier- 
bei naturgemäß keine rücksicht genommen. Sie alle zu 
untersuchen, hätte aber weit über den rahmen meiner arbeit 
hinausführen müssen. 



.'578 . KNÖRNSCHILD 

75. Schon aus gründen allgemeiner art wird man kaum 
erwarten dürfen, daß das alts. in der erhaltung der quantitäten 
mindertoniger vocale conservativer geblieben sei, als das alid. 
Deshalb sollen hier auch nur solche alts. mindertonvocale be- 
trachtet Averden, die im ahd. nachweisbar ihre länge erhalten 
haben oder bewahrt hätten, falls sie im überlieferten ahd. 
formenbestand vorkämen. Die übrigen mittelvocale, die auf 
vorhistorischer länge beruhen, sollen dagegen nur in einzel- 
beispielen herangezogen werden. 

A. Endungsvocale. 
a) in alts. ungedeckter Stellung. 

76. Zunächst wurden endungsvocale in ungedeckter letzter 
Silbe untersucht, die ihren Ursprung sicher in urgerm. längen 
haben, und bei denen die möglichkeit zur erhaltung als längen 
im alts. durch parallelerscheinungen im ahd. gewährleistet 
wird. Dabei wurden gleicherweise urgerm. gestoßene wie ge- 
schleifte langvocale berücksichtigt, ohne daß indes anspruch 
auf Vollständigkeit erhoben werden soll. 

A. a) 1. Femininabstracta auf -?'. 

77. 2175b thiw hit mid thero menigi quani^ (B . ! I A b). 
Für den directen eingangsvers ist ansteigende tonlinie (ge- 
hobener ausweichton) zu erwarten, wie sie sich mit menigt 
ergibt. Die senkungssilbe -gt ordnet sich zwischen die beiden 
hebungen, in seiner tonhöhe etwa mit -ro von tlicro überein- 
stimmend. '*minigi legt diese Senkung entgegen der gewohn- 
heit unter das tonniveau von thuo und zieht damit zugleich 
quam aus seiner tonlage in die tiefe. Die folgende reihe ist 
bei coi'recter ausspräche von 2175 b durch leichte atempause 
getrennt, die durch * menigi zwar nicht beseitigt, aber doch 
um ihren größeren teil verkürzt wird. Tonisch schließt sich 
2176a an quam an, bleibt auch fast bis zum reihenende auf 
dieser tonstufe, wodurch die melodische dipodie zu monotoner 
Silbenfolge herabsinkt. Auch die dynamische auszeichnung 
der hebungsstrecken macht eintöniger nivellierung der silben- 
schwere platz. Willkürliche Vergrößerung des atemeinschuittes 
beseitigt zwar die melodischen hemmungen in reihe 2176 a, 
unterbricht aber auch Zusammenhang und Verständnis. So 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGER VOCALE IM HELIANÜ. liT'.l 

ergibt sich menuß als richtig, weil es zu den im Heliaiid 
üblichen ton- und atemverhältnissen stimmt. 



A. a) 2. Nom. sing. masc. der w- stamme. 

78. 180 b Thuo quam fruod giimo (C . ! I A a). Entgegen 
dem befund in A- und B-versen, wo die silben von Wörtern 
der form ^^^ auf gleicher tonstufe stehen, wird im C-vers die 
silbe, die der kurzvocaligen offenen hebungssilbe folgt, nicht 
allein als Senkung empfunden, sondern als solche auch melodisch 
charakterisiert, also tiefer gesprochen als jene (vgl. 168 b. 169 b. 
182 b usw.). Diese bedingung würde zwar auch die form *gumö 
erfüllen, aber sie hält das Verhältnis nicht ein, das beim vorher- 
gehenden beispiel für die ginppen im A-vers betont wurde 
und das entsprechend auch für 0-verse gilt. Regulär müßte 
der tonunterschied von gu- zu *-m6 dem von fruod zu quam 
entsprechen. Statt dessen liegt *-m6 wesentlich tiefer und 
verschiebt auch die folgende reihe auf ein tiefes tonniveau, 
das wohl abrundenden variationsversen, nicht aber einfacher 
fortsetzung eines begonnenen gedankens zukommt. Fühlbar 
ist auch die verlangsamung des redetempos, die *gumö be- 
wirkt, gumö ordnet den melodisch-dynamischen zusammenbang. 

A. a) 3. Gen. sing, der ?<-declination. 

79. 5788 a suno drohtines (D . ! II B a). Dies wäre der 
einzige beleg für einen gen. sing, der alten ^«-declination (neben 
sonst üblichem sunies), aber der gen. steht hier überhaupt 
nicht sicher. Die leseprobe zeigt, daß vielmehr ein acc. vor- 
liegen muß. Variationsvers ist die reihe auf jeden fall, ob 
sie Uchamon oder herren erläutei't. Die enge psychische 
bindung mit 5787 b verlangt auch im textzusammenhang 
stärkeren Zusammenschluß und damit trennung vom übrigen, 
so daß 5788 a durch leichte atempause zu begrenzen wäre. 
suno drohtines als Wiederholung des begriffes Uchamon hängt 
innerlich mit der folgenden reihe so eng zusammen, daß eine 
atempause unangebracht wäre und sinnstörend wirken würde. 
Der melodische befund (hohe tonlage, die eine bindung der 
führtöne von 88 a und b nicht zuläßt) spricht gegen die auf- 
fassung der form simo als gen. 



380 KNÖRNSCHILD 

Mangels anderer belege ist die quantitätsfrage für unseren 
casus nicht zu entscheiden. 

A. a) 4. Nom. acc. plur. der i-declination. 

80. 2060 b Nil sind Unna gcsU sada (B . ! I A c). *gesti 
ei'gäbe dieselben lautlichen Verhältnisse, wie sie bei *menigi 
A^ 2175 b besprochen worden sind: zu große tondifferenz zwischen 
hebung und Senkung, änderung des Verhältnisses der beiden 
haupttöne, niveauverschiebung der folgenden reihe, verlang- 
samung des redetempos und Verkürzung der atempause. 

1399 a iuwa dädt hidernid (A . ; II B d). *di wendet sich 
mit großem tonschritt von da-, so daß sich hi-, das zweite 
glied der Senkung, in seinem ton nicht anzuschließen vermag, 
vielmehr höher liegt und zwischen *-di und -der- vermittelt. 
Dies entspricht jedoch nicht der üblichen melodiecurve der 
Senkungen. Legt man aber hi- absichtlich tiefer als *di-, so 
rückt -der-, das als nahton dem führton von da- zugeordnet 
ist, weit über ferntonlage von da- ab. Damit verbindet sich 
zerdehnung des halbverses und verwischen seiner dynamischen 
grundlage. 

Kurzes -t ist also in beiden fällen anzuerkennen. 
Ebenso hat der acc. plur. kurzes -X wie etwa 1887 a tliuru 
iuwa dädt (A , . II A a) vor allem durch die tondifferenz der 
führtöne in a und b zeigt. 

A. a) 5, Nom. acc. plur. der o- stamme. 

81. 2450 b lerä minä (A . ! II A a). Hera: Wie bei den 
angeführten beispielen mehrfach erwähnt werden mußte, geht 
auch hier eine Senkung *-rä zu tief herunter im vergleich zu 
-na. Sie drückt dadurch die ganze zweite gruppe (und auch 
die folgende reihe) auf tieferes niveau und läßt die üblichen 
erscheinungen nebenhergehen. Bei verschiedenen leseproben 
zeigte sich hier außerdem eine andere tongebung, die sich 
von der ersten nicht principiell, sondern nur der tonrichtung 
nach unterscheidet: *-rä schließt sich, statt unter die tonlage 
von le- zu sinken, an dieses nach oben an und verschiebt 
mina nach der höhe, wodurch auch die folgende reihe in eine 
zu hohe tonzone eintiitt, die eine bindung der führtöne nicht 
mehr ermöglicht. Die abstufung der siärkegrade nimmt in 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGEK VOCALE IM HELIAND. 381 

beiden fällen ab, Urä liegt dagegen im ziisammenliang der 
melodie. 

673 b endi im thia gcM druogun ' (C . ! I B b). Ein *gehä 
bildet statt des üblichen gleichklanges beider silben in der 
hebungsstrecke der ersten grnppe des C'-verses ein aufsteigendes 
tonpaar. Die psychische einbuchtung, die im C-vers die gruppen 
voneinander zu trennen pflegt, wird beseitigt, ebenso die leichte 
atempause am reihenende, druogun entfernt sich weit von 
seinem führton nach oben und zieht die folgende reihe zu sich 
hinauf. 674 a ist nur mit schwächerer stimme zu sprechen, 
wobei die scharfe dynamische Scheidung von hebung und 
Senkung und die melodische differenzierung beider verloren 
gehen. 

Ebenso liegen die Verhältnisse beim gen. sing, geda, wie 
er etwa in 628 b endi wesan is gebä mildi (C . ! I B a) vor- 
liegt. *geM, selbst zwei tonstufen angehörend, treibt die 
nächste reihe in hohe tonlage mit allen bekannten neben- 
erscheinungen. Dasselbe gilt für die entsprechenden adjecti- 
vischen und pronominalen formen, wie etwa in 2182 b üt at 
thera hnrges dorc, avo thera in beziehung auf hiirges (wie M 
liest) für them C einzusetzen ist. 

A. a) 6. Gen. plur. der starken declination (subsi, adj. 
und pron.). 

82. 5071a cm thena hwarf iverö (C . . II A a). *-ro ver- 
größert den üblichen tonabstand der hebungs- und senkungs- 
silben, demzufolge es mit dem -na von thena auf etwa gleicher 
tonstufe stehen sollte. Dazu tritt tonsenkung der folgenden 
reihe mit gleichzeitiger Zeitdehnung. 

199 a an liudeö höht (B . . II A a). Durch '"-deö wird die 
gleichtonlage der alliterierenden hebungen in das Verhältnis 
führton + gesenkter ausweichton verwandelt, während sonst 
die zweite hebung doppelalliterierender B-verse eher zu ge- 
hobenem nahton hinneigt. Tritt ferner die veikürzung der 
rhythmischen spannungspause vor doppelpunkt nicht besonders 
merklich auf, so zeigt doch die tieflage der reihe 199 b. die 
tonbindung der alliterierenden hebungen nicht zuläßt, die 
quantitative Unrichtigkeit eines ansatzes *-o. 

Eine menge ähnlicher belege beweisen dasselbe (z. b. 431 a. 



382 KNÖRNSCHILD 

454a. 573b, 578 a usw.). Deutlich spricht z. b. 2833a mannö 
menigi (A . . II A a) für kürze beider enduugsvocale. Das Ver- 
hältnis von ma- zu *-n6 und von meni- zu *-gi stimmt aller- 
dings überein: beide endsilben entfernen sich erheblich von 
ihrer zugehörigen hebungssilbe (geminateww deutlich sprechen!). 
Dadurch wandelt sich der gleichton der zweiten hebung in 
gesenkten ausweichton und die ganze reihe steigt so tief ab- 
wärts, daß sie aus dem tonzusammenhang völlig herausfällt. 
Die gleichen tatsachen erweist 2662 a torhterö tecno (A . . 
II Bc); melodie wie rhythmus lösen sich auf, die reihe nimmt 
den klang stockender prosa an durch lange endungsvocale; in 
359 b thar irö heäerö ivas ' (B . ' I B b) zerstört */Vd die auf- 
steigende senkungsreihe durch tiefton in *-r6, tonsprung zu 
he-. Zu starke Senkung des tones durch "^-äaro. Anschluß der 
zweiten hebung {was) an den tiefen vorhergehenden ton. 
Niveauverschiebung der folgenden reihe. 

'~ ' \ , / 

Curve: ^^^ / ; x - statt .x 

/ \ / i \ / / 



Die zahl der hierhergehörigen beispiele ist sehr groß. Sie 
ergeben alle mehr oder weniger gleiche bilder und bestätigen 
durch tonverschiebung nach oben oder unten bei 6 die kürze 
des geschlossenen gen. plur.-ö. 

A. a) 7. 1. und 3. sing. opt. praes. 

83. 1487 b (hat hie ina frani werpc^) (C . ! I B a). 1488a 
endi thena lid: lösjie (C . . II A a). *werpe: großer tonschritt 
von iver- zu *-pe, tonniveauverschiebung der folgenden reihe, 
Stärkeausgleich zwischen hebung und Senkung, tempo verlang- 
samung. In verstärktem grade treten die gleichen erscheinungen 
in 1488 a bezw. 1488 b auf, den ton in außergewöhnliche tiefe 
drängend. 

Entsprechend hat 1489 a endi ina äno cume (B . ! I B a) 
statt gleichtoniger silben cii-me bei ausspräche mit *-me ton- 
aufstieg, der auch die folgende reihe auf ein so hohes ton- 

') werpa M scheint mir nicht der melodie gemäß. 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGER VOCALE IM IIELIAND. o83 

gebiet treibt, daß bindung der benaclibarteu führtöne nicht 
mehr stattfindet. Klangschwäche verbindet sich mit der liöhe. 

A. a) 8. 1. und 3. sing, opt, praet. 

84. 1420 b that ic hithiu an thesa iverold quämt , (C . ! 
I B c). Ein etwaiges falsches *quämi ergäbe tonsprung von 
qtiä- zu *-mi, niveauverschiebung der folgenden reihe, Ver- 
schleppung des Vortrages, nivellierung der dynamischen wie 
melodischen kennzeichen. 

Ebenso stört ein *quämi die tonreihe der Senkungsstrecke 
in 145 b er than quämi thit wif te ml . (ß . ; I B d), indem *-mf 
auf der tonstufe von q^lä- bleibt, so daß zwischen qua- und 
thit eine lücke entsteht, die nur ein tonsprung überdecken, 
nicht aber beseitigen kann, thit erscheint dadurch dem gehör 
zu hoch, 

2949 a that hie ina thuo gineridi , (A , , I B c) ergibt mit 
*neridi dieselben tatsachen, die bei *quämi länge des aus- 
lautenden vocals als falsch erkennen ließen, während neridi 
glatte tonverbindung mit den folgenden reihen ermöglicht. 

A. a) 9. Adjectivadverbia auf -o. 

85. 3806 a thero manno so garö (B , ! II A a), -o in therö 
und manno war nach A a) und A b) als kürze erkannt worden. 
Die Silben von *gar6 lägen auf getrennten tonstufen übereinander. 
Wie sich melodische correcturen meist weniger deutlich an 
ihrem eigentlichen object als an dessen Umgebung ausprägen, 
so ändert auch hier *gar6 die allgemeine läge der folgenden 
reihe wie das specielle Verhältnis ihrer hebungstöne (statt zu 
erwartenden gesenkten tones zeigt sich gehobener nahton). 

86. Zusammenfassung. Haben die wenigen ausgeführten 
beispiele immer ungedeckten alts. endungsvocal als kürze 
richtig erscheinen lassen, so kann hier verallgemeinernd hinzu- 
gefügt werden, daß bei sehr oft wiederholten leseproben nicht 
ein einziger auslautender vocal ohne consonantentdeckung sich 
als lang herausgestellt hat, gleichgültig, ob ihm urgerra. ge- 
stoßene oder geschleifte, gedeckte oder ungedeckte länge, lang- 
vocal in letzter oder vorletzter silbe zugrunde gelegen hat. 

Ebensowenig waren an dieser stelle längen zu finden, die 
etwa durch systemzwang oder analogie sich hätten ergeben 
können. 



384 KNÖRN8CHILD 

b) In alts. gedeckter Stellung. 

A b) 1. Nom. acc. plur. masc. der a-{ja-, «(;a-)stämme. Schrift- 
varianten: -os, -as (-a). 

87. 795 a erlös an them alahe , (A . . II B c). Als varia- 
tionsvers schließt sich die reihe nach leichter scheide an die 
vorhergehende reihe an. Mit -lös senkt sich die stimme nach 
er- und schreitet in dieser bewegung fort bis zur zweiten 
liebung aJa-, dessen zwei silben auf gleicher tonhöhe stehen 
wie er-. Den ausklang der reihe bildet -he mit anschließender 
längerer aterapause. — Ansprache *-ös: Die Senkungssilben 
der ersten gruppe laufen ohne die geringste atemhemmung, 
die vor der zweiten hebung im A-vers üblich zu sein pflegt, 
in die zweite gruppe über, wodurch der eindruck der zwei- 
teiligkeit beseitigt wird. Die reihe liest sich wie ein be- 
liebiges prosastück. Dazu tritt die tonverschiebung zwischen 
er- und ala-, wodurch letzteres auf gesenkten nahton gedrückt 
wird. 795 b schließt sich an den tieferen ton von ala- an, 
wodurch nicht nur seine gesamtlage in ein falsches Verhältnis 
zu 795 a rückt, sondern zugleich eine wesentliche Verringerung 
der lautheit bewirkt wird. 

Vergleicht man die lesungen -ös und *-ös, so wird man 
sich zweifellos für erlös entscheiden, da der vers so mit sonstigen 
A-versen mit sicheren Silbenquantitäten übereinstimmt. 

422 b Thia hirdiös forsttiodun , (A . ! I A c). Mit -iös 
bleibt der Charakter als absoluter eingangsvers mit gehobenem 
ton der zweiten hebung bestehen, während *-iös einen all- 
gemeinen tonabstieg hervorruft, der sich bis in die letzte 
Senkungssilbe der reihe (-un) fortsetzt und damit ein klang- 
schema erzeugt, in dem die zweite hebung den ton der vorher- 
gehenden Senkungssilbe fortsetzt: eine curve, die im correcten 
A-vers nicht anzutreffen ist. Dazu tritt tonnivellierung in 
der folgezeile, so daß statt des ansteigenden indirecten ein- 
ganges that sia mit mah- auf gleiche tonstufe treten. Man 
wird sich also auch hier für -ös (also hirdvös) zu entscheiden 
haben, allerdings, wie auch bei erlös, für geschlossenes o. 

829 a thia iverös an them tvihe , (A . . II B c). ivcrös ver- 
ursacht tonanstieg der senkungsreihe, an dem auch -rös als 
zweite hebungssilbe selbst teilnimmt, die sonst in Wörtern der 



DIE QUANTITÄT MINDERTONIGER VOCALE IM HELIAND. 385 

form ^J" mit der haupttonigeii kürze in A-versen auf gleicher 

tonstufe steht. So ergibt sich 

/ 



als curve. Das tempo wird unangemesseu beschleunigt, wie 
ein vergleich mit dem vorangehenden vers ohrenfällig lehrt. 
Mit iverös wird dagegen nicht allein das vortragstempo mit dem 
sonst üblichen und in der Umgebung ersichtlichen zeitmaß in 
einklang gebracht, sondern die Senkungssilben treten in das be- 
kannte Verhältnis zu den zwei hebuiigen, und wi- tritt mit "^weros 
auf gleiche tonhöhe. Durch die verschiedene quantität der haupt- 
tonvocale (? und i) lasse man sich in der tonhöhenbeurteilung 
nicht täuschen (man murmele zur controlle den text). 

563 a wonlspäha iverös (E . . II ß a). Wenn auch die 
zweite haupthebung im E-vers höher zu liegen pflegt als die 
erste, so stehen beide bei doppelalliteration (abgesehen von 
Stellung vor Semikolon oder punkt) auf gleicher tonstufe. 
werös treibt aber die zweite hebung tonal über die erste 
hinauf. Die rhythmische pause nach doppelpunkt, die als 
bestandteil zum A-vers zählt, verliert nicht nur die eigentüm- 
liche Spannung zum folgevers, sondern auch einen teil ihrer 
zeit. Dadurch geraten die beiden halbverse zueinander in 
ein zeitliches miß Verhältnis, zugleich aber wird das zeitliche 
gleichmaß im b-vers in drängendes eilen geändert. Damit ist 
Verschiebung auf höheres tonniveau verbunden, das seinerseits 
schwerenivellierung von hebungs- und Senkungssilben bewirkt. 
Wenn man ferner beachtet, daß die sonst übliche, volle, atem- 
kräftige stimme, die der Vortrag des Heliandtextes erfordert, 
in eine dünne, schwachatmige ton Verzerrung umschlägt, wird 
man die lesung werös als falsch ansehen dürfen, '^werös be- 
seitigt dagegen alle beschriebenen besonderheiten und muß 
deshalb als richtige lösung gelten. 

440 b Helutös gispräcun (A . ! I A a). *-ös setzt die 
übliche tonfolge ^ x - um in i -^ x . Damit 



zugleich verliert der vers seinen A- Charakter und erzeugt, 



38ß KNÖRNSCHILD 

wenn man ihn ohne besondere beachtung- der alliterations- 
gesetze liest, den eindruck eines A^-verses. Die Wirkung auf 
den folgevers ist nicht beträchtlich, da die silbe *-6s zwischen 
den zwei haupthebungen der reihe steht. Durch -ös gewinnt 
dagegen die reihe ihre übliche musikalische bauart zurück, 
wodurch sich -ös als richtig erweist. 

In dieser art sind alle verse, in denen ein subst. masc. 
der a-, ja- oder wa-declination im nom. acc. plur. auf -os auf- 
tritt, auf ihre melodieform bei kürze und länge der endungs- 
silbe untersucht worden, und es hat sich ergeben, daß weder 
länge noch kürze in allen fällen eine befriedigende lesung 
ergibt. Die quantitätsverteilung ist vielmehr einem bestimmten 
gesetz 1) unterworfen : 

Erhaltung der länge {-ös) nach phonetisch kurzer haupt- 
tonsilbe: tve-rös; 

Verlust der länge {-ös) nach phonetisch langer hauptton- 
silbe und nach mehrsilbigem stamm: cr-lös, gisi-ctös 
und heli-äös.'^) 

Material. 

a) dagös a (= 1. halbvers) 3981. b (= 2. halbvers) 4084. 4131. — 
Äo66s a3310. b 4539. — ivegös hllll. 1930; fm-- a5517; ford- h^lM; 
upp- b 3458. 3595. — werös a 352, 89. 484. 554, 63. 671. 797. 829. 905, 13. 
1001. 150. 222, 83. 385. 582, 98. 614, 28, 65, 72. 776. 2130. 336. 414. 607. 
827. 916. 3118. 417, 28, 48. 633. 746. 4168. 389. 447, 60, 67. 5024. 132. 496. 
512. 762, 66. b541. 658. 2244. 445. 640, 63. 3853. 4102; Imd- a3053. 

b) bergos a 5528. — birilos b 2868. — dmblos a 2279. — driegerios 
a3818. — druhiingos a2061. — duovios a3316. 5255; heri- all02. — 
ederos a4943. — engilos a4301, 71, 82. 5842. b 2598. 3350. 5845. — 
erlös a694. 795. 1515. 638. 856. 2297. 849. 3043. 464. 992. 4003. 819. 943. 
5173. 296. 958, 71, 87. b 181. 441. 632, 83. 756. 903, 18. 1416. 636. 785. 
2722,93. 910. 3086. 447. 4522. 5208,62. 799. — edos bl518; men- a 1504. 
fadmos a3527. 4918. b 5118. — felisos a 5664. b3731. — feteros b 3796. 
fiscos all60. 2852. b 2845. — folmos a4985. — fuglos b 2403. — gardos 
Abll. 4020. 496. 538. — gadulingos a 1266. 5214. b3171. — gestos al039. 
865. 3075. 833. — grurios b 112. — hagastoldos a 2548. — helidos a 346. 



*) Das gleiche gesetz bildet mehifacb die gruudlage für die erhaltung 
der ursprünglichen Quantität. 

'^) Ob dehnung des endsilbenvocals unter dem einfluß des rhythmus 
etwa in schwellversen eingetreten ist, wurde nicht untersucht. Im normal- 
vers kommen rhythmische dehnuugeu oder kürzungen jedenfalls nicht vor 
(vgl. wilspel mikil k^). 



DIK t/UANTITAT MINDEKTONIGER VOCALE IM IIEr.IAND. 3H7 

722. 1112. 409. O-Vi. 744,78. 2121. 49:1 SJ007. 52G. 4144. 438,74. 5507. 947. 
1(440. 917. 1351, S(i. 580. 2142. 2GG. 742. 5260. — hirdios b 422. - hlOtos 
t> 5547. — hvarlios b4I36. — hwelpos 1)3020. — hundos b3017. — mngoft 
a2205. bl455. — luahnos all9H. 845. 3286. 4579. b 1470. 3761. — mvni- 
trrios 1) 3737. — naglos b 200. — ordos a 3697. — inwidrädos b 1755. — 
nneoa a 1273. 2668." 4142. 5062. b 728. 2721. 5545. 779; heri- a2115. — 
dis/doü a733. 1204,80. 3105. 958. 4670. 797. 932. 5019. 803,39,67. 912. 
b952. 1361, 89. 2311, 88. 413. 799. 820. 983. 3798. 4555. 667. 807. 5501. 
884. 979; ivnic- a3602. — scalcos ehu- a388; hildi-h68. — scattos a3205, 
14, 18. 767. 820. b4592; feJm- a 1546. 648. 854. — stenoi^ b 3730. 5663. — 
>>l)-ö)ii()ü a2255. 963. — stvefnoa a, G88. — thegnus a1239. 2549,54,75. 4523. 
1)543. 1111. 4735. 5805. — Ihiohos a8745; m/m- b 1644. — thornos a 2412. 
— mdlofi b3699. — wardos a5777. 874. b392. 415. 1088. 5800,02; crhi- 
a580; heban- a2599; scap- a2033. — vegos a 1809. — zcerdos a2020. — 
vigandos a5271. 543. — ivrdhos b 1874. 

A. b) 2. Gen. plur. der ö- und w- stamme. 

88. 572 a spräcöno so spähi , (A . . II A a). Eine ans- 
spraclie *-u?io läßt zweifache rhytlimisierung- zu: 

a) als A-vers. Mit *-öno tritt statt des tonfalles ein ton- 
anstieg- ein, der sich bis ans reihenende fortsetzt, wo sich an 
stelle der inneren Sammlung", die vor einem doppelpunkt auf 
die folgereihe hinweist und die gedanken concentriert, das 
gefiihl psychischer unruhe einfindet. Will man eine tote pause 
zwischen a und b vermeiden, weil sie sonst vor oder nach 
doppelpunkt nicht zu stehen pflegt, und weil sie den sj'n- 
taktischen Zusammenhang der beiden reihen trennen müßte 
(indem durch sie 572 b in die kategorie directer eingänge 
gedrängt würde), so schließt sich 572 b unmittelbar an die 
a-reihe an und verliert seinen Charakter als 'indirecter' ein- 
gangsvers, erhält vielmehr das gepräge einer in parenthese 
eingefügten nebenbemerkung, die keiner erheblichen tempo- 
beschleunigung unterliegt. Sinn wie sprachlich -musikalische 
Wirkung der stelle ist damit vernichtet. 

b) als E-vers. Verschiebung des auszählscheinas ist häufig 
die folge verschiedener schwere- wie quantitätslagerung und 
ohne weiteres begreiflich, da ja im Heliand die rhythmik sich 
zum teil so frei bewegt, daß A- und E-verse unter umständen 
tatsächlich nur durch den klang im Zusammenhang der stelle 
zu unterscheiden sind (innere Senkung und ausgang mit un- 
betonter Silbe auch in E). Abgesehen von der niveau- 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 4t5. 0(J 



388 KNÖRNSCHILD 

Verschiebung- zwischen sprä- und spä-, die in der abteilung 
ITAa (mit doppelalliteration) als E-vers gleiclitonig- sein 
müßten, tritt eine tempoverschleppung ein, die unzureichende 
atemverteilung zur folge hat. Zugleich beachte man die 
änderung der klangfarbe der vocale und consonanten, die sich 
bei jedem leser bei dieser quantitätsverteilung einstellt, die 
sich aber nicht überall nach gleiclier richtung vollzieht und 
daher hier nicht näher beschrieben werden mag. Es sei nur 
angedeutet, daß die vocale sich meist übermäßig ihrer extremen 
Stellung zuwenden, während die stimmhaften consonanten (bes. l) 
ihre klangfülle einbüßen. Dieser Wechsel vollzieht sich auch 
in der folgereihe. Durch die zerdehnung der Zeiteinheiten, die 
den reihen innewohnen, scheidet er sich von seiner Umgebung; 
reguläre E-verse fügen sich jedoch sonst wohl in die zeitliche 
abstufung (vgl. 575 a), wenn sich auch hin und wieder eine 
neigung zum feierlichen nicht verkennen läßt. 

Die Intonation der reihe bleibt dagegen unbeanstandet 
])ei -öno, so daß kürze des -ö- als richtig erkannt werden muß. 

1187 b was im is lidpöno tharf (ß . ! I B a). Außerhalb 
des Zusammenhanges ließe sich die reihe mit '^-öno wohl als 
E-vers rhythmisieren. Versucht man dies indes im text- 
zusammenhang, so steht dem entgegen, daß eine solche häufung 
von E-versen (1186b. 1187 a E) sich sonst im Heliand kaum 
findet, und ferner zeigt sich, daß die silben was im is tat- 
sächlich nicht auftakt sind, sondern als eiugangssenkung mit 
hei- zusammen die erste gruppe eines B-verses bilden. Kennt 
man auch im alts. nicht ausschließlich die strenge bauart der 
aengl. verse, die in der Senkung zwischen den hebungen im 
B-vers nur leichte nebentöne gestattet, so ist immerhin eine 
ausgesprochene vocallänge an dieser stelle auch im alts. un- 
wahrscheinlich. Ihr einsatz ergibt die gleichen Unstimmig- 
keiten, die bereits beim vorhergehenden beispiel näher be- 
schrieben sind. 

5639 b iverod Jnd^öno (D . ! I A a). Daß nicht Unter- 
drückung der länge infolge Stellung in der Senkungsstrecke 
vorliegt, mag 5639 b beweisen. Hier ruht auf dem o der 
pänultima die nebenhebung des D -Schemas. Aber auch hier 
steigt '■■-öno über die höhe von Jtut- hinauf und prägt dem 
folgeveis eine tiefe tonreihe auf, die an sich wohl mögli<li 



DIK (/FAN'HTÄT MINDKkTONIGKR VOCALE IM RELIAND. .S89 

wäre (vgl. ni'. 57). Hier ist indes.sen die Vorbedingung- dieser 
tieflage nicht vorlianden. Während außerdem bei jenei' vers- 
kategorie innerhalb der reihe die tonbewegung bestehen bleibt, 
liöi-t hiei- jede musikalische abstufung auf. Die stiiiune gehl 
in eine art tliisterton über. Dagegen schließt sidi oO^Oa mit 
-ono als echter D-vers leichtfließend an, ohne daß sich in ihm 
oder in 5039 b eine Verschiebung der tonverhältnisse gegenübei- 
sonst üblichem bemerkbar machte. 

2422 a (jumöno (/csto , (A . . II Ac). Die zwei silben der 
aufgelösten hebung von der form ^J- stehen (außer in dei- 
/weiten gruppe von C-versen) auf gleicher tonstufe (vgl. 2427a 
tvitun, 2428 b firhion). Das gnmono unserer stelle läßt diese 
erscheinung zunächst nicht zu: -mo- liegt höher als (ßi-, -no 
liegt ebenfalls höher als -mo, auch gcsto schließt sich der 
tonsteigung an. Dazu tritt tempobeschleunigung, zu der bei 
so gleichmäßigem bau der gruppen, Avie ihn 2422 a aufweist, 
jeder anlaß fehlt. Denn wenn auch zwischen den beiden 
gruppen der normalen A-verse nicht völlige zeitgleiclie herrscht, 
so findet doch allenthalben das bestreben ausdruck, die teile 
dem empfinden gleich erscheinen zu lassen, so daß tempo- 
beschleunigung in einer gruppe bei ihr auch stärkere sprach- 
liche füllung voraussetzte. Der leichteren zweiten gruppe 
pflegt dann eine ergänzende pause unentbehrlich zu sein (vgl. 
2436 a). *-öno aber erzeugt an unserer stelle die für A-verse 
mit doppelalliteration übliche melodiecurve. 

Zum vergleich betrachte man 4562 a gömöno niofan , (A . . 
II A c). Hier würde *gömöno entweder rhythmisierung nach 
E erfordern (dazu fehlt natürlich die dreiteilige grundlage 
und damit der anhält für die atem Verteilung, woraus sich 
der außerordentlich schleppende gang des verses erklärt, der 
wieder Überstürzung der scheide und dadurch psj^chische 
bindung mit der nachbarreihe hervorruft, die mit dem satz- 
inhalt nicht vereinbar ist), oder nach A: dann fällt die scheide, 
die, wenn auch noch so leicht, im A-vers doch immer gruppe 
von gruppe trennt. Die glieder der ersten gruppe sind ferner 
melodisch nicht voneinander geschieden. Die entspannung, die 
vor schwerer sinnesscheide einzutreten pflegt, macht einei* 
toten pause platz, oder der inipuls treibt zum nächsten halb- 
Vfrs, diesen mit sehr tiefer stimme intonierend. 



390 KNüKNSCHILD 

Im rahmen der Umgebung- und im einklang mit der 
üblichen melodie des A-verses bleibt also nur gömöno. 

1543 a thero (/(döno te gelcle , {A . . II A c). Abgesehen 
von der lautlichen füUung liegen hier dieselben Verhältnisse 
vor wie bei 21:22 a, und dementsprechend erleidet auch das 
klangbild bei der ausspräche -öno ein deutliches verwischen 
der schweren sinnesscheide. Daher ist *-öno erforderlich, 

924 a zvisaro wärsagono? (D . . (II A d). -nno in M be- 
weist nichts für kürze und nichts für länge im Originaltext, 
wie sich ja auch gerade die mit großer consequenz in 
M durchgeführte pronominale dativendung -mn aus texl- 
kritischen wie aus melodischen gründen als unursprünglicli 
erwiesen hat. 

-öno bewirkt wiederum neben tempobeschleunigung der 
nebenhebung und Senkung erhebung des tones von -sa-go- über 
tvär-, während sich regulärerweise vor fragezeichen nur die 
letzte Silbe der reihe über das niveau der vorhergehenden 
silbe setzt. *-6no beseitigt diese klangsonderheit. 

Material. 

a) banöno b 4611. — frumöno aUOO, 59. b 1094. 546. 4802. — f/r- 
böno a 1543. — cjramdno a3359. b 2459. 3455. 5310. — (jiuuvno a 355. 
555. 957. 1019, 39. 149. 252. 418 587. 696. 963. 2820. 422, 90. 703, 69. 80U, 

75. 191. 229. 833,84. 4434. 732. b 908. 1010,20,72. 261,66,99. 561. 747. (;9. 
2052, 65. 431, 51. 644. 847, 58, 70. 3224, 64. 635.84. 708. 805. 4256. 5021. 
341. 487. 566; friäu- a619; thiod- a 972. — heritofjöno a 2735. — mimfDio 
a353. — sagt'mo: fora- b 928. 1422; war- a631. 924. 3049. 399. 4935. — 
sacuno al568. 617. 2617. 5037. — scadöno: min- a5491; ivam- b 5427. — 
twehdno b2904. — tvelöno a871. 1677. 2113. 488. 3143. 293. 377. 773,75. 
4440. b 1023. 2879. 3328. 

b) aldrono a5197. — brösmono a3021. — buotono b 2298. 3549. — 
erdono a758. — gediono: meti- a4331. ^ gomono a4562. — heJponn 
a3574. bll87. 566,73. 849. 2098. 174. 3002. 370,88. 743. — iungrono 
b4505. 5956. — Judeono a71. 2687. 733. 3783. 955. 4170. 203. 459,65,80. 
826. 5057. 107. 232, 59. 345, 58. 525. 719, 65. 874. b 61. 628, 40. 766, 91. 
1227, 2138. 703, 28. 805. 982. 3035, 42. 165,76,83. 521. 685. 734. 833,58, 
84, 96. 4094. 126, 52. 214,39. 476. 552,62,77. 837,50. 913,25. 5127,36,54, 

76, 80. 245. 326, 68, 79. 404, 09,13,70,81. 533,60. 639,77,89. 749,61. 876. 
968. — Urono b 2491. 4245. — menniscono b 2635, 78. 3606, 30. — seoJono 
b2083. 4659. — sorgono a2917. 5966. — simicono a572. 1992. 2466. 719. 
b613. — Sterbono: man- a4326. — sund^ono a 734. 892. 1.568. 617. 720. 
4209. 5037. 440,77. 511,95. b 1014. 575. 717. 2319. 3744. 5352. - iionono 
a2489. 5291. — ireinvono b 4689. — tvUliono b 4025. — wunn^ono b 2356. 



DIK QUANiriAl' MINDKK'IONKJKK VOC.'ALK IM HKI.IAND. iJOl 

A. 1)) ;'>. Das -un der fem. n-stänime. 
S'.t. Her in iir. 7<» aufgestellten regel zufolge wurdtii (iie 
liieihergeliihificu kurzsläiiimigen Substantive von allen iilnigen 
gesell ieden. In betraclit kamen für erstere die verse: 
2709 a titic cuniny te quemi(n); C (B . ; II A d) 
llie cuniny te (pienun; ISI. 
.Möglieherweise 5027a thuru thero thiuun uuord' C (ß.! liAbj 
tJiurJi thera tki uuonV M. 
frmnun, -on: 52 a ßrio harnon ii frumun C (E . . 11 B a). 
5020 a ßrio barnon te frumun . C (E . ; II B d) 

firiho harnum te frumu . M, 
3001 a C ti fr Oman. M te frumu, (E . . II B c), 
1018 b C te frumi. M te frmnun (C . ! I A a). 
Nach der lautmelodischen prüfung beansprucht keius der 
beispiele länge des eudsilbenvocals. 

2709a '''quoinn: '""-an bleibt nicht mit (ßic- auf gleicher ton- 
st ufe, erzeugt vielmehr zwischen sich und quc- einen tonsprung 
nach unten, wie er vor punkt sonst selbst in A-versen nicht 
zu finden ist. Zugleich erhält das -d- eine außergewöhnlich 
dumpfe färbung. Allerdings läßt sich die Schwierigkeit der 
beurteiluug eines solchen falles nicht verhehlen, weil hier nur 
ein beispiel vorliegt und bei ihm die Wirkung der (Quantität 
nur am object selbst, nicht aber an seiner Umgebung beobachtet 
werden kann, da '"-nun die letzte silbe vor dem Sinnesabschluß 
ist. Zwar beeinflußt schon die absieht, ^quenün zu lesen, die 
melodie der vorhergehenden demente, aber doch nur in so 
bescheidenem maße, daß es beim rhythmuswechsel der reihen 
der aufmerksamkeit entgeht. Neben dem gefühl für richtige 
melodie, das sich durch häufiges lesen festigt, kann hier nur 
der vergleich mit anderen, gleichgebauten versen aufschluß 
geben, z. b. mit 422 a thuru Mutttan liugi. Man lese ''^hwji 
und wird an der gleichheit der tonbildung mit "^quenün die 
falschheit der quantität des letzteren begreifen. 

Für 5027 a kann thiivim, Hhüvün wie thiuwun die sprach- 
lich richtige form darstellen. Die Schreibung thiuun des 
Cottonianus beweist nichts für eine ausspräche thitvtm, wie ja 
überhaupt auf die Schreibweise der beiden texte kein besonders 
großer wert zu legen ist. Ausgänge der form ^j< - stehen 
überdies nur dem A-typus mit nebenhebung in der zweiten 



:^.V>2 KNuwNscniLi) 

giuppe zu (von Sievers A2b benannt), wobei die nebenhebiuig 
\v\\ von einem compositum ist. 5027a wäre demnach so zu 
rliythniisieren, daß thurii die erste liebung trüge. Dadurch 
erhielte aber thhvun tvord die bedeutung eines zusammen- 
gesetzten Avortes. Zu diesen technischen Unmöglichkeiten 
kommt eine stolpernde, gezwungene tonreihe, die alle ab- 
stufuugen vermissen läßt, ob man nun -im oder ''^-un liest. 
Atemklemnmug, kopftonklang, Scheidenverwischung, Avandlung 
der toiifolge in der Senkungsstrecke: alles tritt hier als zeichen 
unrichtiger betonung auf. Dem tritt thimvun gegenüber mit 
freier atem- und tonbewegung, im melodischen einklang mit 
der reiheiuimgebung. 

Zw fmmiin: Am deutlichsten zeigt 3001a, daß wedav frnm an 
noch frumihi, sondern das häufige frumu zu lesen ist. E mit 
dopi)ela]literation vor komma zeigt gleiehton der hebungen, 
wobei der zweite teil eines wortes der form ^.'^ auf der ton- 
stufe des ersten teiles steht, froman liegt höher als folc. 
ffiunun hat in der zweiten silbe höheren ton als in fni-, wo- 
durch auch 3001b in die höhe gedrückt wird. 7ntwmw nimmt 
zuviel atemkraft für sich in anspruch, so daß sich 3001 b nur 
mit schwacher stimme auf tiefem niveau sprechen läßt, während 
fruma gleichton mit folc wie mit ferh (01b) herstellt und 
weder atem- noch tonhöhenstörungen verursacht. 

frmniin in 52 a treibt 52b zu hoch; '^frumun tut dasselbe 
mit tempobeschleunigung und erschwerung der atmung. 

fnimu gibt auch hier die richtige lesart, obwohl hier wie 
5029 a in C -on bezw. -un überliefert ist, das sich indes aus 
anlelinung an helpun (51b) oder harnon (52 a. 5029 a) leicht 
erklären läßt. Übrigens steht frumu 5029 a in M. 

5029 a ist weniger deutlich, da ausfall eines n in der folge 
-mim am reihenende an sich schwieiigkeit in der auffassung 
bietet, die sich vor punkt vergrößert. Klar ist jedenfalls, daß 
^'-iin keine einwandfreie lesung ergibt und somit zu ver- 
werfen ist. 

1906 b Üioh sia tiwro seolun nl muyun (B . ' I B a). 

*seolün\ Die tonbewegung beginnt mit '''-Um einen ab- 
steigenden ast, der sich über ni zu mugim fortsetzt und infolge 
des fortsetzungstones der reihe auch auf die reihe 1907 a über- 
greift. Der Schluß des satzes in 07 a fällt dadurch tief unter 



IUI'; (^(fANIIIAI MINKI'MvIDNKJKK VOCALK IM MKI.IAM). ">*.•:) 

das ton iii venu, das er wdcM maß^abc, des führtoiis {i<<d ) in 
071) iimeliabeii sollte. Zudem erhält das reilieni)aar (»tib bis 
(t7a aiisgesproclieiieii staccato-cliarakter, der, verbunden niil 
schwacher stininieutfaltung, keine poetische Wirkung auf- 
kounnen läßt, vielmehr den eindruck einer prosastelle erzeugt. 

scolan gestattet dagegen freie stimme, sachgemäße be- 
tonung und sinnvolle auffassung des Zusammenhanges. 

Mit diesem beispiel stimmen alle belege für -un bei den 
fem. der M-declination iiberein, soweit sie langen oder zwei- 
silbigen stamm haben. 

A. b) 4. Der dat.-plur. der d- stamme. 

00. Die wortform ^'J- ist vertreten durch gdton 6HHa. 
(15Gla schwellvers). 4434b, -karon 4014 b, sacon 1045 a; die 
form '-^J^ "" weisen auf idlson (5812 a schwellvers), -{i)on 5845a 
Inginon 1087 a. 5079 a, fratohon 380 a. 1738 a. 3331a. 3763 a. 
4543 a. 

4434b gedon: yebön erhält aufsteigende tonlinie, so daß 
eguu., nicht für die einzelreihe an sich, wohl aber für den 
Zusammenhang mit der folgereihe zu hoch geht. Durch Ver- 
wischung der leichten scheide nach 34 b tritt 35 a auf ein 
niveau, das weder für satzschluß noch für die bindung mit 
dem stabträger der folgereihe geeignet ist. Verstärkt man 
probeweise die stimme, so erhält 35 b deutlich den Charakter 
eines ausrufs und steht außerhalb des melodischen Zusammen- 
hanges. *gedön verleiht der stelle ausdruck, melodische harmonie 
und bequeme atem Verteilung, gleichklang von ge- und *-d6n 
und zu wald stimmende tonlage der stabträger in 35 a. 

4014 b an muodkarön (C . ! 11 Aa). C-verse mit ausgang 
^ '' legen die senkungssilbe (im gegensatz zu der gewohnheit 
in erster hebung) tiefer als die hebungssilbe, vgl. 4007 b famn, 
4008 b schan, 3950 b sjmkis: karön aber erhebt das -ron über 
ha- und steht damit im Widerspruch zu dem sonst üblichen. 

/ 
Dazu tritt Verschiebung der tonverhältnisse in 4015 a (/ ). 
""muodkarön ist also auch hier der melodisch richtige quan- 
titätsansatz. 

5079a thia liudl mid luginön , (A . . II Bc). *-ön: Die 
vocallänge bewirkt zwischen sich und lugi- einen toncontrast, 



394 KNÖRNSCHIMl 

der nicht im eiuklang steht mit den tont^chritten von liu- zu 
■di und mid. Die stärker gefüllte senkungssstrecke pHegt im 
A-vers ein größeres; Intervall zu durchlaufen, als die schwach 
gefüllte der gleichen reihe, nicht aber umgekehrt, wie hier. 
Falscher tonunterschied zwischen erster und zweiter halbzeile 
tritt auch hier zutage, zu ihm gesellt sich atembeschwerung 
und Verzerrung der lautqualitäten: luginön aber schafft die 
ordnungsgemäße klangreihe. 

3332 b cndi im at is gömön sat (B . I 1 B a). Man spreche 

sat 
man 
^(jöiuon: die tonreihe steigt dann bis zum reihenende: gö- 
Der gedehnten reihe 32 b folgt (im anschlußton) 33 a mit stark 
contrastierender Schnelligkeit, zu der im text keine nütigung 
vorliegt, die vielmehr in dem stark erhöhten zeitanspruch von 
32 b ihren grund hat. 33 a schnellt auf hohe tonstufe. Das 
a von dayo wird heller als üblich, das l von giJnvilikes wird 
mit kleinerem resonanzraum und gleichzeitiger abschwächung 
der lippenrundung zu einem zu hellen (postdentalen) laut. Es 
ist auch hier gömön zu lesen, -mön steht dann zu sat im 
gleichen Verhältnis wie is zu gö-. Die atemverteilung ist der 
Schwierigkeit in 32 b entbunden, und das tempo von 33 a steht 
im eiuklang mit den benachbarten reihen. 

gömön kann als beispiel für den dat. i)lur. aller lang- 
stämmigen ö- usw.- Stämme dienen. 

Die endung des dat. plur. der o-declination hat also die 
länge des ö bewahrt nach kurzem einsilbigen stamm, sie auf- 
gegeben in allen übrigen fällen. 

Material: 

a) (jetiüit a (369. b iiSi. — htrön: muod- b 4014. — sucon a 1045. 

b) /m<o/jOH a 380. 1788. 3331. 763. 4543. 5845. — luginou a. 1037. 5079. 

A. b) 5. Der dat. plur. der w- stamme. 
91. a) Masculina mit kurzer offener Stammsilbe: 
banon 5306 b, hand- 5199 b, bodon 346 b. 915 a, -dugon 1240 a, 
•hamon 1669 a. 5798 a, gramon 3603 b, gumon 1287 a. 2171a. 
3132 a. 4002 a. 4295 b. 4670 b. -sacon 4421b. 4443 a, scaäon 
1871b. 3033 a. 5143a; dazu -_x x: aharon 65 a. 491a. 2126b. 
2221a. 3006 b, egison 2216 b. 5845 a. 



DIK (QUANTITÄT MINr)KKI()Nl(il';ii VOCAI.K IM 1 1 KU AN I >. 395 

2171a (Julies tvillron (luniun . (K.. 11 Ac). *-nnJn steig;! 
iilier (/n-, auslatl mit ihm auf gieiciifi- tunsliife zu stellen. 
Der hörbarste einfliiß auf die fulgeieihe läßt sich beheben 
durch einfügung' einer tuten pause nach Ujumon. Wird abt^r 
dadurch einerseits keine tonsenkung- und keine entspannung 
in 71a hervorgerufen (vor sinnesabschlußl). so wird anderei-- 
seits der indirecte eingangsveis 71 b in die gruppe der absoluten 
eingäng-e gedrängt, wogegen sicli die tonbindung der fülirtöne 
wie die eing-angssenkung der reihe sträuben. AVendet man 
trotzdem in 71b die contrastreicliere intonation des directen 
eingangs an, so Averden seine hebungssilben nacli oben vei- 
schoben, was niveauerhöliung in 72 a zur folge hat. Ohne 
tote pause geht auch die rhytlnnische verloren, dadurch nimmt 
der folgevers den klang der kopfstimme an, weil ihm aus- 
reichender atem nicht zur Verfügung steht, gumön schafft 
dagegen Avieder den ausgleich in ton, stimme, wie schAvere- 
abstufung. 

In -1421 b godes antsacön ' (D . I 11 A b) ruf ''''-cöu ähnliche 
Verhältnisse hervor Avie *-wo)i in 2171a, die durch -sacöii ins 
richtige geleis gebracht Averden. 

221(3 b eyisön hifangan, (A . ; 11 A c). *-5du steht über cgi- 
und reißt auch hi- mit auf hohe tonstufe, fangan intoniert indes 
nach unten, Avodurch ein melodiebruch entsteht: "" - 

den nur ein großer tonsprung überbrücken kann, -ön stellt 
die für A-t3q)US übliche und hier durch 76 a (führton und 
gehobener nahton) geforderte curve her: ^ x , , Avodurch 
-son als richtige lesung geboten Avird. "" ^ " x 

2044 b cndi fhuo te them shenkiön sprak , (B . ! I B c). 
Durch *-'/ow bewegt sich die reihe von endi bis spral( auf an- 
steigender melodiebahn. Die schon mehrfach besprochene 
Avirkung auf die folgende reihe (höheres niveau, atemklemmen 
usAv.) bezw. unmotivierte Schnittvertiefung (tote pause) tritt 
auch hier zutage. Da -iön die sonst als richtig erkannten 
tonverhältnisse wahrt, wird es hier und nach ausweis der 
melodie auch in allen übrigen dat. plur. masc. von ri- stamme 
als 'richtig' festgestellt. 

b) Neutra. Von neutris kommen im dat. plur. nur die 
beiden langstämmigen öron und ögon im text vor {ögon 1564 a. 



P.96 KNOKNSCHIM) 

1969 a.. 1977 b. 3281a. 4091 a. 4i:30a, ö<jan 47Gb. öron 2467 b. 
2609 a, iu M überall -nn). 

1969 a for yodcs ögön (C . I 11 A a). ^vijön: "^-(jon sollte 
als ausgaiig eines C-verses um eine tonstufe tiefer stehen al.s 6-. 
Im gegensatz dazu liegt es höher als c-. Durch keinerlei 
scheide gehemmt, strahlt es seine tonbeweguug auf die folgende 
reihe aus. die dadurch ebenfalls ihr niveau verläßt, gcld sollte, 
mit (jodcs durch Stabreim verbunden, mit diesem auf gleicher 
tonstufe stehen. Statt dessen hat es denselben ton wie ö-, 
dem sich a)it- anschließt und sich auch fd- nicht entziehen 
kann. Erst mit -han stellen sich tiefere töne ein. Wie von 
einem Strudel Averden durch die beschwerung des *-d» die 
folgenden silben mit fortgerissen, bis sie sich allmählich wieder 
in ruhiger Stimmung bescheiden oder durch hemmungen zurück- 
gebracht werden. 

Diese wirbel vermeiden einwandfreie stellen des textes, 
und da -ön auch das gieichmaß der tonbewegung 

(69a ^^ |bi 11 ) 

X ^ j X I X X 

nicht stört, ist längenansatz für das o zu verwerfen. 

Dem etwaigen einwand, daß nur der versausgaiig kürze 
des mindertonigen vocales bedingen könne, möge v. 1977 b 
entgegentreten, wo die gleichen worte in anderer gruppierung 
(als B-vers) auftreten. 

1977b for ögön yodes' (B.! II A b> 1977b bildet mit 
77 a nicht nur metrisch, sondern auch syntaktisch eine einheit, 
die durch leichte scheide abgeschlossen wird, "^-(jon zieht mehr 
zeit auf sich, als ihm in der zweiten gruppe des B-verses zu- 
konnnt. Es stört den rhythmischen wie melodischen Zusammen- 
hang und erweist sich dadurch als falsch. 

c) Feminina. Dat. plur. kurzstämmiger fem. der ?i-declina- 
tion linden sich nicht im Heliandtext, wenn man nicht fniniun 
dafür anzieht, das nach nr. 89 nicht zur melodie stimmt. Auch 
langstämmige sind nur spärlich vertreten. Als beispiele diene 
4752 a. 

4752 a luallan fem tvundön : (A . . II A a). Da doppelpunkt 
ein längeres fortspannen der aufmerksamkeit bewii'kt, fällt 
eine dehnung der silbe *-ön (*uimdön) in diese zeit hinein 



DTK QUANI'ITAT MINHKfi I (»NMiKK VoCALK IM lIKI.IANh. 397 

Mild bleibt daher oliiie besoiideieii (Miitlul.) auf <lie iolfi^eicihf. 
Immerhin wäre die Verkürzung der rnhepause heniei ktiis\\e) t. 
P'iir die reihe 52a bleibt tonerhöhung" von '■'■(Ion ^t<^{'A\ aun-, 
wie sie höchsten!;; vor fragezeichen oder Signalton, niehl aber 
vor doppelton üblich ist. 

Auch die annähernde zeitgleichheit von erster und zweiler 
gruppe im A-vei"S Avird durch '-ön sehr verschoben, dagegen 
gewahrt durch ivunciön, mit dem auch die übrigen meikmale 
des A-typus vor doi)pelpunkt erhalten bleiben, so daß () als 
der richtige endungsvocal zu betrachten ist. 

Im dat. plur. der «-flexion findet sich kein langer endungs- 
vocal mehr, bei den kurzstämmigen fem. muß eine festsetzung 
mangels materials unterbleiben. 

Materi<al: 
((haroH a65. 491. 2221. 1»2126. nOOO. — Ixtuuii 1)5306; hau,]- b 5199. 
— 6c»(/oH a915. b846. — i' luliuf on iil2A0. — egison nbSir,. h 2216. - 
fframoH b 3603. — gimon a 1287. 2171. 31.32. 4002. b 4295. 670. - Jimnon: 
feder- a 1669. 5798. — sacon: and- hH2i; loidar- A-Hid. — scadon: ivam- 
a3033. 5143. bl871. 

Anhang zu A. b) 5: Dat. plur. der adj. und mehrsilbigen 

Pronomina. 

92. Eine dem got. hlindaim entsinechende form ist im 
dal. plur. der starken adjectiva und mehrsilbigen pronomina 
im alts. nicht erhalten; die casusendung dieser kategorie 
gleicht vielmehr derjenigen der subst. und sw. adj. Aus diesem 
gründe sind die dat. plur.- formen der adj. und mehrsilbigen 
pron. untersucht und, soweit sie Wörter mit einsilbigem, offenem, 
kurzvocalischem stamm angehören, hier zur ergänzung der 
subst. herangezogen worden (schwach flectierte formen dieser 
Wörtergruppe fehlen im Heliand). 

Es ergab sich kürze des endungsvocales in allen bei- 
spielen jeden geschlechts, wobei es unentschieden bleibt, ob 
die vocallänge durch ausgleich verlorengegangen ist oder nie 
bestanden hat. 

Beispiele: (fem.) 1815 b so theson minon ni wili (B . ; I Ba). 
Hier liegt zwar ^theson : *-ön in der ansteigenden tonlinie des 
B-einganges, der tonsprung von the- zu *-sön ist indes größer 
als üblich. Auffälliger ist die Wirkung auf minon, das in 



398 KNÖRNSCH1I>D 

eine höht' sleigi, die lonbinduiig- mit dem stabträger der 
vorangehenden reihe ausschließt. 1 >ie oft bemerkte atem- 
klemmung und der Stärkeausgleich zwischen hebung und 
Senkung, die sich meist in der folgereihe einstellen, wirken 
hier bereits in 1815 b. Daß sich auch ■'"minön als falsch 
erweist, zeigt eine leseprobe. 

(masc.) 3788 a sumon tvarim eft so Uita (A;, ; . I A a). 
Auch hier liegt '^snmon nicht außerhalb der üblichen ton- 
richtung. es trägt aber die gleichen merkmale wie "^thcsun im 
vorigen beispiel und löst auch auf seine Umgebung die gleiche 
Wirkung aus, die sich hier auch dem folgevers noch mitteilt. 
siiniöii steht im einklang mit den sonstigen tonverhältnissen 
im A;.-vers. 

Material: 
>Hi/con a-inOl. l)42ül. — fhcson a824:. VIHG. 696. 735,69. U754. 
838. 3727. 952. 4096. 339,44,51. 477. 610. 700. b 894. 1066. 332. 427. 
667. 815. 2756. 830. 3083. 4513. 644. 5028, 89. 317, 23. 638. — sumon 
a496. 3788. 

A. b) G. 2. sing, und 1. 3. plur. opt. praet. (ohne die -o»-verba). 

93. Die alte quantität des i hat sich auch hier in gewissen 
fällen erhalten, während sie in anderen verlorengegangen ist, 
und zwar ordnet sich diese erscheinung wieder nach dem 
bau des Stammes: *-m (-«6f) nach kurzvocalischem, offenem, 
einsilbigem stamm, -m {-is) in allen anderen fällen. 

1881 a that in thia man ni mugin (B . . I B a). mu- und 
■(lin müssen nach früheren angaben auf gleicher tonstufe 
liegen. Dies wird durch -in erreicht, nicht aber durch -in, 
das vielmehr auf eine tonstufe steigt, die über der von mu- 
liegt. Die tonbindung zwischen man und muod der folgenden 
reihe geht ebenfalls verloren, weil das zu hohe -r/m auch die 
reihe 1881b auf zu hohes niveau drückt. Neben dem stärke- 
ausgleich in muod-githähti fällt die tempobeschleunigung auf, 
die weder durch Inhalt und Stimmung, noch durch die form 
des Verses erklärlich ist. Eher wäre nach der starkgefüllten 
ersten gruppe verlangsamung des Vortrages zu erwarten. Auch 
sie unterbleibt bei -in. 

Entsprechend sind die Verhältnisse in 2884 a. 

2884 a yicnrin Ina te ciminge (A . . II B a), wo -In eben- 
falls der reihe ein tempo verleihen würde, dessen Schnelligkeit 



DIK C/UANTITÄT MINDERTONIGEK VOCAI.E IM HELIAND, 390 

weder von vorliergelienden, iiocli folgenden reihen geteilt wird. 
Vertiefung des psj'chischen bruchen am grui)penende kann 
die i-asche abfolge der silben uiclit beseitigen und stört dt'ii 
zusammenliang. Dazu ist die. dynamische beschweiuiig dei' 
Senkungssilben, die mit der ersten hebung auf eine stiitc 
ti'eten, mehrfach als zeichen falscher lesung beobachtet \vor(b*ii. 
■m gibt dem vers das eiwartete gepräge. 

An mughi schließt sich das allein vorkommende beispiel 
für die 2. sing, an: mmfis in 3202 b (B.' T B a), bei dem be- 
sonders die niveauverschiebung der folgereihe durch ^ningl'^ 
wahrnehmbar ist. 

4840 b suoldan quämin (A . ' II A a). *-ndn steigt hier 
selbst über das niveau von qitä- hinauf und zieht die folgende 
reilie nach sich. Dünne, leise stimme, ausgleich des dynamischen 
accentes und atemhemmung treten auch hier auf als merkmale 
falsch angesetzter quantität. qnämm ordnet den Zusammen- 
hang in djniamischer wie melodischer bezieliung. 

3266 b Haan muoiis , (A.; II A c). *4s geht zwar unter 
muo- herunter, verursacht aber einen großen tonsprung, der 
hier dem Verhältnis zwischen hebung und Senkung in der 
ersten gruppe nicht entspricht. Die folgende reihe erleidet 
eine Verschiebung auf tiefe tonstufe, womit außergewöhnlich 
bi'eite ausspräche der vocale verbunden ist. Die tieflage von 
3267 a ist nicht zu vergleichen mit den abrundenden variations- 
versen, weil sie sich von ihnen durch dumpfen, unnatürlichen 
stimmklang abhebt. Merkwürdig ist ferner die verlangsamung 
des redeflusses, während man (im A;{-vers 3267 a) ehei- eine 
geringe beschleunigung in der ersten gruppe erwarten möchte. 
Befriedigend wirkt nur muoüs. 

Material: 

a) mugis b 3202. — deähi b 721. 2888. — dugin b 1740. — gicurm 
a2884. — mug'm a 1736. 881. 905. b U07. — sculin a 1900. 3S11. b 1(303. 
339-1 (897 b sculun). — higm al31. — ivUtn a4095. 152. b 049. 

b) HirtÄf«"» a 5351. 574. b4957. — mi/oi/,s b 709. 3266, 83. — scohh's 
b 2064. 5573. — toäns b 3254. 4031. 

c) äJttin a 3845. 5494. — ahädin b5415. — hur in a5953. — hrfthtin 
b 5202. — buottin b 877. — gidädin a 5800. — yidorstin b 5390. — undriedin 
a3157. 5818. b396. 3942. — druogin a2015; gi- b 2309. — i-gi» b 1955. 
2657. — fehlin all41. — fiengin: for- a:)796. 836,39. 4818; gi- a4268. — 



400 KNÖRNSCHILD 

folgodin a596. 1158. — forhtodin a3943. — fremklin a2701. — under- 
fmidin 1)638. — fnorin a 3742. 421 Ü. bo!)2. 641,83. — gabin b 5184. — 
(lenridhi a 4248. — giengin bllSl. — habdin a2275. 844. b 590. 692. 
2833,40. — hieldin b 130. — hietin b 134. — gihvobin a2888. — liurdin 
bl232. 2263; gi- b 497. 1829. 5073. 140. 337. — gihugdin a 1584. 4430. — 
gIcMddiu a642. — aleskidin a4252. — /es^/Vt al87. — Jietin bll40. :{848, 
57. 4171. 703. 5690; for- b 2034. 701. — gddbdin a2351. — mahUdiu 
a3930. — »«f///f/H a4889. b 857. 2688. 835. 3617. 329. 4174. 5112. 644. 
745. _ mCiridin a 5883. — wt^os^m a 1841. 5069. 198. bl49. 426. 691. 
1168. 236. 2412. 579. 3577. 652. 797. 899. 4249, 69. 862, 64. 5066. 272. 
788. — muotin b 1162. 791. 2426,30. 3728. — nämin b5260; bl- a306. 
b730. 3844. 5437. — qiumin b 138. 1221. 3511. 4840. 5850,84. — queUdin 
a3848. 5418,38. 859. — sagdin a 3166. b 5882; gisahdm a 2305. — 
(imthin b 634. — säicin b 4129; gi- a 3637. b 5373. — sendin b396(!. 
— scoldin a 24. 1139. 986. b 8. 234. 810, 54. 1290. 3189. 847. 923. — 
sluogin a5467. b5859; rt-a4471. — farstälin a,b88b. — suoktin b345. 
685. — thigidin al225. — thurbin b898. — ivarahtin a3726. — ivärin 
al298. 2981. b 1300, Ol, 04, 06. 3838. — tvegdin b 2669. — weldin a4847. 
b498. 2558. 905. 3861. 4701. 939. 5141,74. 411. — ivendin a 1233. - 
wissin a5388. b 620. 2968. 5185. — wwpin b2674; n- a3&53. -- wurdin 
b 5173. 439. — Anm. 3743 b biddian, 3191 b fargehlun, 5698a /'«?•- 
h'etvv. 594 a. 4704 a: text iin.sicber. 



A. b) 7. 2. sing, und 1. 3. plur. opt. praes. (ohne die -^)>?-veiba). 

94. -en {-es) nach kurzvocalischem, offenem, einsilbigem 
stamm, -oi (-i-s) in allen übrigen fällen. 

4383b So hwan so gi thia dädi gisehen (B.! I Aa). Der ton 
erfordert gisehen,^) weil andernfalls der melodische Zusammen- 
hang zerstJirt wird, ''gisehan: -han steigt im ton übei- se- 
hinauf und zieht die reihe 4334 a ebenfalls auf hohes niveau. 
so daß tonale bindung der stabträger in der kette verhindert 
wird. In höherem grade tiitt die gleiche erscheinung bei 
*gis(ln:ri. gemindert l)ei "^gisfän auf. Wohl läßt sich diese 
melodische Unstimmigkeit durch einfügen einer pause nach 



') In C wie M ist die form -an (C gisehan, M gisean) überliefert, und 
die lautliche aualyse zeigt, wie weuig' wert der Schreibung der hss. iu bezug 
auf niiiidertdiiige vocale beizulegen ist; denn wie das -e- im intinitiv, das 
in M zalilreich auftritt, wohl ausnahmslos der raelodie widerstrebt (und 
durch -a- zu ersetzen ist), so fügt sich meiner lesung nach im opt. praes. 
-e-, das in M bei schwachen verben (von starken nur knmen 3506 a) viel- 
fach ersclieint, be.-tser der üblichen tonlinie als -«-. 



DIE QUANTITÄT MINDKRTONIOKK VOCAI» IM HKI-IANI). 401 

4333b ausgleiclien, weil die stimme in dci' ruliezeit zur 
regulären tonstufe zurückzukehren vermag, nichts aber kann 
diese pause rechtfertigen; vielmehr stört sie das zusammen- 
hängende verstehen des Inhalts. Stärkeausgleich und daduich 
bedingte Zeitverkürzung dei' hebungsst recken zugunsten dei' 
Senkungen sind auch hier die begleiterscheinungen falscher 
([uantität. 

2105 b iliat thü an min has cnmcs' (C ! I B b). -mT'.-; 
schafft den ungewöhnlichen tonanstieg, der immer auch die 
folgereihe in mitleidenschaft zieht. Der Impuls, dei- das wort 
"^cmnts erzeugt, ist durch die beiden kurzvocale nicht erschöpft, 
so daß er zum raschen weitei-lesen antreibt. Dadurch geht 
die leichte scheide nach 2105 b völlig verloren. Einschalten 
einer toten pause vor der rhythmischen bewahrt letztere, 
schädigt aber durch ungerechtfertigte dauer das Verständnis 
der stelle. Daß die länge des endungsvocales im wort und 
in dessen form begründet ist und nicht durch rhythmisclic 
tendenzen gefordert wird, zeigt willkürliche dehnung des 
letzten -?- zu *4- in gispriJas 2109 b oder in forgiT)is 2111b, die 
den melodischen Zusammenhang zerstört. 

1942 a lestien hiiva lera , (A . . II Bc). Für -ien an stelle 
von -ian spricht der reguläre tonabstieg der Senkungssilben, 
der durch -iati gestört wird, da dieses tiefer abfällt als das 
folgende iu-. Doch soll hier weniger wert auf die qualität 
als auf die quantität gelegt werden, '^'lestien würde den an- 
steigenden ast eines bogens bilden, der sich von les- bis zu 
dem le- von lera erstreckt. Ist schon diese tonbewegung im 
Heliand ungebräuchlich, so zeigt die starke beschwerung der 
mindertonigen silben (weil sich die länge des endsilbenvocals 
nur durch starken atemdruck erzeugen läßt) das Vorhanden- 
sein falscher quantität, welchen eindruck die Verzögerung des 
redeflusses unterstützt. 

2122b that thü an min hü ganges' (C . ! I B b). Hier 
bietet ein ""-ges alle merkmale falscher quantität: zu hohe 
eigene tonlage, Umgestaltung der zeitgleichung zugunsten der 
zweiten gruppe, verwischen der leichten scheide am reihen- 
ende, verlegen der folgereihe auf hohe tonstufe, Stärkeausgleich, 
staccatovortrag und atemklemmung innerhalb 2128 a. gmuß^ 
liegt in den noimalen grenzen. 



402 KNÖRNSCHILD 

Material: 
a) Climen b 2105. — gisehes b ITOi. — tu-ahes b 4509' 
h) fareii b 1627. 927. 2567. — h<ien b2568. — nmen b2r)7t. — 

(/iüfhhi b4333. — sj^/tcp» b 4193. 

<;) (fiäelex a 1560. — (innres b2r22. — f/ihiiyaiei^ a 5600. -lutea b482. 

leres b 1590. — alösies a 1708. — snokies a 2106, 23. — vihiies 1)4692. — 

wei-ftes b3894. — toülies a8077. b 3855. 4486. 

(1) hiddien b 3743. — binden a2572. — hihrenci'ien b 1928. — hidelben 

a4058. — dinrieu al571. — d(')ien a4001; dttoirit h2bQ9. — dribenhüliö. 

— frummien b 1941. 3401 ; /y/- a 1414. — fnlgiDUfen a 4644. — haldeii 

b3745; &?- a 3400. — hehbie7i a2570. 3002. b 1904. 3408; af- b4477. — 

lateu a2573. b 3999. — Irniien a 1942. 1)4648; gi- b 1934. — hesen a 1733. 

1.1572. — fan^tanden b 1401, 13. 2441 (V). 4655. — fteggien bl731. — bi- 

thekkicn b 4057. — iverpen b 2572. — icerden b 885. — uvllien a1573. 

1)888. 1579. 630. 733. — fonvirkien a3394. 
Anm.: 3191b text unsicher. 

A. b) 8, 2. sing", ind. praet. der scliwaclien verha (ohne die 
-071 -verba). 
95. Drei endungen treten auf: -as, -es, -os. von denen -p.? 
in M, -as und -os in C erscheinen. Im ganzen liegen nur aclit 
fälle in normalversen vor: 821a. 2550 a. 2952 b. 2955 b. 337G b. 
4095 b. 5574 a und 5637 b. Mit ausnähme des letzten beispieles 
(dedöfi) sind die stamme naturgemäß lang und, Avie zu erwarten, 
ist die länge des enduugsvocales verlorengegangen.') Berechtigt 
ist geschriebenes -os als ^-ös nur in 5637 b endi thina helpa 
dedös^ (B . ! I B b). Was zu cumes 2105 b gesagt worden ist, 
gilt auch hier, und wie dort die melodischen Verhältnisse 
durch cumes geordnet wurden, beseitigt auch hier drdös die 
Ionischen Sonderheiten, die durch dedös hervoi'g'erufen werden 

winden. 

Material: 

a) dedös b 5637. 

b) habdea b 2955. 3376. — mahtes b 2952. — sagde.^ a 5574. — ftaidea 
a2550. — Sandes b 4095. — iceldes a821. 

A. b) 9. Zweite schwache conjugation (-öw -verba). 
96 a. Auch bei ihnen findet die hauptreg-el ihre an- 
wendung: nach kurzer offener haupttonsilbe ist die länge des 
alten -o- bewahrt, in allen andern fällen ist es zu -ö- gekürzt. 

'; In bezug auf die qualität srbeiiit M die ursprünglichen verliiiltnisse 
bewahrt zu haben, da sich -es überall besser in die tonlinie einfügt als 
-OS oder -nn. 



f>IK QUANTITÄT MlNDERTONIGfiK VOCALK IM HKr>IANI). 4()>> 

Der praktischen erkeimtnis dieser tatsache stellen zwei 
formengruppen besondere Schwierigkeiten entgegen: die verba 
mit dei- Stammform "".'' "" (faganon) und die part. praes. 

Krstere sind durch iliren bau niclit leicht in der läge, 
tiägei- schwacligesclinittenen accentes zu sein, da ihre teile 
nicht dehnbar sind. Während sie deshalb zum teil durch 
pausen einen ausgleich zu schaffen suchen, verschieben sie 
andererseits zeitteile, die der hebung zukommen, in die 
dehnungsfähige Senkungsstrecke. So erweckt der nebenton- 
vocal leicht den eindruck einer länge, die sich aber beim A^er- 
gleich mit den tonverhältnissen der nachbarsilben regelmäßig 
als irrig erweist. 

Beim part. praes. folgen dem niindertonigen (im vers- 
zusammenhang auch starktonigen) o der participialendung 
zwei stimmhafte consonanten, die ebenso träger des schwach- 
geschnittenen accentes sein können. Je nach den zeitteilen, 
die man dem vocal oder dem ihm folgenden consonanten zu- 
weist, erscheint der vocal länger oder kürzer.') 

In beiden fällen ergaben sich bei genauer Untersuchung 
nui' kurze vocale in der endung. 

3989 b witnön hogdun , (A . ! II A c). Hier erzeugt *-wo« 
einen ungewöhnlich großen tonsprung von nit- nach hog-. 
während *-wow selbst, statt unter tvU- zu stehen, über dieses 
aufsteigt, hogdun schließt sich, durch "^-nön eines teiles des 
ihm zukommenden atems beraubt, schwachstimmig dieser auf- 
wärtsbewegung au. Die pause nach 89 b wird verdeckt, und 
90 a folgt in unnatürlicher Stimmlage. 

1866 a that man hisorgön scal (B . ! I B a). Hier ergibt 

*-(/ow als tonbewegung / statt / , mit Vergrößerung des 
tonschrittes von hebung zu hebung. Hochtonlage und atem- 
klemmung kennzeichnen die folgende reihe. 

3603 b gramon thionödun ' (D . ! I B b). Hier prägt *-o(?- 
der reihe wiederum aufsteigende tonbewegung auf, während 
D-verse das tonniveau der nebenhebung tiefer legen und daran 

1) Eine entscheidung- nach der melodie in jedem einzelfalle zu treffen, 
ist zwar theoretisch möglich, bei den außerordentlich geringen tondifferenzeu 
im Heliand aber so schwierig, daß die ergebnisse für fern erstehende nicht 
immer zweifelsfrei sein werden. 

Beiträge zur geschirhte der cleufschen spräche. 4ö. 27 



404 KNÖRNSCHir.D 

die Senkung auf absteigendem ast anschließen. Die leichte 
atempause fällt, und 3604 a geht in eine höhere tonzone über, 
oder die pause wird verlängert, um für 04 a die richtige läge 
zu eimöglichen, wodurch der enge Zusammenhang der reilien 
03 b — 04 a gelöst wird. 

5205 frägöda fruocno , (A . . II A c). Diesem vers eigen- 
tümlich ist eine stärkere innenpause. Durch den gedanken- 
fortgang aus 5204 b in 05 a wird die pause, die am reihen- 
schluß nach nmdlico ihren platz haben sollte, verdeckt und 
dafür die nächste pausenstelle (in unserem falle die psj-chische 
einbuchtung am gruppenende) um etwas vertieft. Sie erhält 
etwa die länge einer leichten sinnesscheide, mit der sie auch 
insofern übereinstimmt, als letztere ebenfalls meist eine Varia- 
tion vom vorhergehenden trennt. Diese erscheinung ist im 
Heliand ziemlich häufig und deshalb hier ausführlich erwähnt. 

Durch *-0f7a würde der zweiteilige A-vers in das Schema 
des typus D gepreßt, seine gangart aber durch die unechte 
dehnung verlangsamt, so daß der Zusammenhang gestört wird. 
Dazu weicht die toncurve von der übliche D-linie in bekannter 
weise nach oben ab. 

4462 a craftag ' farcöjjod (A . , II B a). Auch diese reihe 
hat, ähnlich 5205 a, eine stärkere innenpause, die eine Variation i) 
abschließt. Die psychische gruppeneinbuchtung vereinigt sich 
mit dieser pause und verläßt dadurcli ihren üblichen platz. 2) 

'"-pöd hält die gleiche tonstufe inne, auf der c6- steht, 
und beschleunigt das tempo der folgenden zeile bei gleich- 
zeitiger schwerenivellierung. 

1980a reähiön^ wid thena rilceon. (A.; II Ad). Der halb- 
veis gehört mit seiner starken innensenkuiig dem erweiterten 
typus A an und verlegt demzufolge die psychische einbuchtung 
in der reihe, ohne sie jedoch zu verstärken. 

Man spreche im Zusammenhang *n(tmön, und man wird 
an der ansteigenden toncurve, wie sie an sich bei doppel- 
alliteration im Heliand nicht vorkommt und vor punkt un- 



') Variationeu haben am ende meist leichte atempause, ohne daß 
dazu ein zwang vorliegt. Es gibt eine menge variationeu, die im fort- 
setznngstou zum folgenden text spannen oder nacli ihrer Stellung im Satz- 
zusammenhang auch schwere atempause oder abschluß erfordern. 

'-) Ähnliche erscheinungeu beim erweiterten typus A, vgl. 1980a. 



DIK (.QUANTITÄT MINDKRTONIGKK VOCALK IM IIKMAND. 405 

möglicli ist, leicht erkennen, daß die angesetzte vocalquantität 
der sprecligewolinlieit des autors nicht entspricht. Einheit in 
rhythmus wie nielodie wird nur durch redinön erzielt. 

3823 a JnvHO hie tvas (fmnnitöd (A ! . I B a). Ein *-^ör/ 
erhöbe sich über -muni- und drückt die folgereihe nicht allein 
auf zu hohes tonniveau, sondern ändert die beziehung der 
töne, die nach der tonabweclislung fallenden schritt aufweisen 
sollte, in führton + gehobenen nahton. -töd stellt die er- 
warteten A^erhältnisse her. 

5872 b tliar sia sorgöndi (C . ! I B a). Zur beleu(;htung 
der Verhältnisse betrachte man zunächst 186 b that sia üses 
tvaldandcs (C . ! I b a). Da trägt ihat den antwortton, was 
geringe intervallsteigerung der ersten Senkungsstrecke zur 
folge hat (vgl. 190b: directer eingang ohne antwortton). In 
geringen tonabständen folgen die silben einander, bis ihre 
reihe durch u-al- abgeschlossen wird, dessen l wesentlich länger 
dauert als z. b. das l von Ura und lesiien in 187a. Nach einem 
geringen psychischen bruch setzt sich die zweite hebung -dan- 
an die tonstufe von ival- langsam steigend an, indem auch sie 
am längsten bei ihrem letzten consonanten, dem n. verweilt. 
Um geringes tiefer setzt die zweite Senkungsstrecke ebenfalls 
schwach ansteigend ein. Die beiden gruppen entsprechen gut 
der üblichen zeitgleichung. Leicht schließt sich die reihe 187 a 
auf einem mit ival- ungefähr gleichen tonniveau an. Wollte 
man in -dan- etwa ein ä einsetzen, so verschöbe sich sowohl 
das -des wie die folgende reihe nach oben, ohne daß 187 a 
zum erwünschten abschluß käme. Lag vorhin besonderer 
nachdruck auf dem n von -dan-, so würde es jetzt fast ganz 
unter der lautfülle des *^i verschwinden. 

Zu 5872 b: thar trägt ebenfalls antwortton. Wieder reihen 
sich die silben ansteigend aneinander, sor- bildet mit langem r 
den abschluß, es folgt schwacher psychischer bruch, -gon- mit 
gedehntem n und -di stehen zu sor- im gleichen Verhältnis, 
wie -dandes zu ival-. bidun der folgereihe hat ungefähr 
gleiche tonstufe wie sor- und schließt sich leicht an 5872 b 
an. Ein *sorg6ndi dagegen rückt -di und die folgende reihe 
höher als sie üblich stehen und läßt 5873 a nicht zur schließenden 
entspannung kommen. Auch hier wird n durch o Avesentlich 
in seiner länge vermindert. Ergebnis: 186b und 5872b stimmen 

27* 



406 KNÖRNSCHILD 

im rhythmischen bau wesentlich überein. Ihr eindruck auf 
das gehör und ihre Wirkung auf die Umgebung sind dieselben 
bei gemeinsamer kürze wie bei gemeinsamer länge des Aocals 
der zweiten hebung. 

A^'ürde man sich wegen des einklangs mit den benach- 
barten Versen und mit der sonst in C-versen üblichen ton- 
bewegung schon gefühlsmäßig für die lesung mit vocalkürze 
entscheiden, so bestimmt naturgemäß die willkürlich angesetzte 
falsche quantität des d in *-ään- zur abweisung dieser lesart. 
mit der zugleich über das Schicksal des o in *sorgöndi ent- 
schieden ist. 

Daß unter nebenton die gleichen Verhältnisse herrschen, 
läßt sich bequem wiederum an einem verspaar parallelen 
baues wie etwa 5488 a sorgondi sehan und 277 b n-aldandes 
rraft nachweisen. 

Material (unter dem infiiiitiv sind sämtliche belege des betr. wortes 
ohne unterschied der flexionsenduug registriert): 
ahton a3235. b5156; gi- a2164; ahtoian a 1714. — uldron a 79. - 
fO'Jojt a 4455. — anno« a 3340. — W/rfon b 2005, 53. — heäröragon 
lt5510(':'). — drubon a4931. 5613. — drusinon b 154. — endoii a46; -imi 
bl950. 4040. 328. — eron al540. b 2755. — escon b 823. 5967. — fagmuni 
a 5982. 1) 526. 3029. 4106. 5294. - fandon a 4305. — färon a 1230. — 
fdütnon a 3385. 527. 4891. 959, 85. 5635. b 4790. 855. 5578. — fergon 
a 1795. 3536. b 2757. — fiscon a 1156. — folgon a 545, 96. 1158. 667. 947. 
2370. 995. 3011. 586. 631, 64. 999. 4192. 938, 52, 89. 5517. b2190. 4195. 
537; /'or- a 1493; foZfyom« a 2428. — /ö/Zi^on a3943. — /bmo/i a 1276. 
5456; gi- a2972. 411(5. — frägon a 210, 28. 815. 2741. 839. 35.53. 846,83. 
4286. 605. 835. 972. 5180. 205, 76. b 552. 633. 911. 2951. 3241,57. 713. 
«07,25. 4529,96. 5082. 341. 848; frägoian a5410. b 2417. — /mÄon a 1451. 
bl673. — freson a 773. 4476. 660. b4663; gi- b 5321. — fruodon a208. 
1) 150. 228. 3484. — fundon a 3991. — gamalon b 72. 481. — gornon 
a 1(562. 4071. 717,24. 859. 5051. 965. b805. 5515. — forgumon b 3219. — 
hafton a2500; a- 2520. — hangon a5667. 731. b 5337. 690. — farhardon 
a 5679. — hedron a 5633. — helagon a 4634. b 5973. — giherod b 102. 
4144. — hwarbon b 4965. 5465. — cölon b5702. — cöiwn b 1847. 5153; 
far- a 3525. 4462. 577. 606. 837. b 4806. — coston a 1030. b 1079; gi- 
a 4764. — langon b 5372. — Uhon b 4001. — leccon a 3345. — ledon 
a3231. 486. — Ucon b 3149, 93. — linon aSlO. 1237. 731. 2470. 751. 3469. 
786. b2430. 3454. — lönon a3083. 4416. b 1936, 62. 3459. — löson a 1718. 
2110. — mälon hA816. — jnangon nBTdl. — warco» a 128, 92. 1514. 
2057. 4780. 5711. b 1671. 4893; gi- a2792. 4979. 5279. — meldon a305. 
1753. 4838. — minnion a318. 1449,55. 3970. 4253. 654. 5618. b 2535. — 
vtinson a 1031. 3834. — momon a721. 1063. 4728. — mwidon a2933. — 



niK «/IIANIIIAI' MINDKIMONKiKi: VOCALK IM HKI.rVM». I<>7 

ninniton ii HS'JI}. (jinludoti aÜJöO. b 3275- — niitsun a 107.">. oimnun 
;i 1709. »AHl. (it7. b 5«70. 772. m?//io« a 19S0. — m//o)i .a5211. 

ripon a259:>. - rohun 115497; he- b2193. — ruton a 1644. — nioinoii 
a3904. — snlhon b 5788. — sowmou a 1204, 45. 042,47,55. 2222. S6(i. ;i07I. 
:J29. 4464. b96. 349. 611. 791. 950. 1148. (iSl. 2090. 734. 812,62. :J412, 16. 
4015. 5056,59. 131. 370. 750; s«}«noiau a4136. — .se^HO» a 2042. — sicoron 
a892. - sidon a 425. 1988. 2150. 897. 906,74. 4111. 5360. b 3546. 4824. 
5511. 782; sUtoion b 594. — fimnwon a 3820. 56G8. 846. b2347. 3359. 
4.572, 87. 5807; scuuicoiun a 4078. — soi-fjon a 13.57- 927. 4588. 771. b 1858, 80. 
2244. 517. 617. 4590. 5789. 872; bi- a 334. 1864.66. — stillon b 2259. — 
ijisundion a5033. — >>ichfon al29l. 2413. b 3724. 5381. — träoa b2069. 
350. 5680; gl- b285. 2028. 3114; (jitrüoian b2952. 5944. - li«jictonh21b2. 
— ihancon b 4635. — tharbon b 1329. 3602. — githingon a 4593. 5416. — 
thionon a 118 (snbst.). 178. 516. 862. 1111.19. 2905 (subst.). 3535.37. 4207. 
b77. 108. 789. 1472. 636,66. 2033. 980. 3283. 603. 4442,59,(55; gi- a506. 
1188. 2767. bll71; thionoian bll45. 418. — thorron a 4317. — gühröon 
a5324. — ivardon a 300, 21. 1702. 3837. b 384. 1734. 4355. 547. 756; gi- 
b 1516; hi- a2561 ; far- a 4980. — giiväron a 4348. 485. b 374. 597. — wchdon 
b2486. 708. 4029. b 4627= — giuerkon al333. 3670. 5182; far- a 4824. 913. 
5012. — giwerdon a2448. 4039. — iciodon a2561. — tvison a3051. 544. 
683. 705. 983. 4402,29. 5063. — wHnon a501. 4224. 5135. b751. 3945,89; 
gi- a 3864. — wundron a 141. 203. 2336. b 160, 75. 816. 1826. 4109; 
icimdroian a2261. 5024. 

96b. Kurzstämmige verba. 

4143 b eftha wi scidun üses libes iholön' (B . I 1 B b). 
*lkolön bildet gegen sonstige gewohnheit eine aufsteigende 
tonlinie. Ferner wird 4143 b der regel nach durch leiciite 
atempause von der folgenden reihe getrennt, die hier eine 
Variation der begriffe wi und lihes enthält. Der leser wird 
durch den starken fortsetzungston in '''tholön veranlaßt, die 
atempause zu überschlagen. Indem er zugleich zwangsweise 
die tonzone von "^tholön auf die folgende reihe überträgt, ent- 
behrt diese, im klänge zu hoch, in der Stärkeabstufung zu 
stark nivelliert, im tempo zu rasch, der befreienden entspannung 
vor sinuesabschluß. 'Selbstleser' (Sievers, Rhythm.-mel. stud. 
s. 82) werden möglicherweise nach *tholön eine längere tote 
pause einschalten, die genügt, um sich auf die folgende reihe 
umzustellen. Damit ist letztere gerettet, der Zusammenhang 
aber, und besonders der zusammenklang der stelle, ist ver- 
nichtet, auch abgesehen davon, daß schwere atempause vor 
Variationsreihe nicht üblich ist. tholön wahrt dagegen die 
gewöhnlichen tonverhältuisse. 



408 KNÖKNSCHILl) 

Daß die länge des vocals hier nicht durch die Stellung 
des Wortes im rh3'thmischen schenia gefordert wird, zeigt 
4142 b, dessen ende ganz dem von 4143 b entspricht und 
sachgemäß doch nur durch sculun seiner tonalen Umgebung 
sich anpaßt. 

2185 a karöda endi Jcilmda (A . . 1 B a). Doppelalliteration 
und gleichton: das ist fast ausnahmslos bedingung. Diese 
forderung findet hier eine besondere stütze darin, daß zwei 
begriffe gleicher art, zwei verba, auch syntaktisch coordiniert 
sind. Eine tonprobe mit -^karöda entspricht ihr dagegen nicht: 
sie gibt vielmehr völlig das klangbild eines Ag-verses mit 
geringer Übertreibung der rascheren gangart in der ersten 
gruppe. Die zweite hebung übernimmt die tonführung, und 
ihr gleichen sich die beiden folgenden reihen im tonniveau 
an. Während jedoch beim regulären A;j-vers dieser führton 
dem führton des vorangehenden verses (falls er nicht gerade 
den 'abrundenden' Variationen angehört) tongleich oder doch 
wesentlich tonähnlich ist. liegt er in 86 a beträchtlich höher 
als in 84 a und 84 b. Man wird also (auch abgesehen von der 
formellen Schwierigkeit der doppelalliteration beim A^-vers) 
auch aus tonalen gründen der Intonation als A;,-vers nicht 
zustimmen. Man muß mithin aus formalen wie melodischen 
gründen nach maßgabe der praxis des Heliandtextes gleich- 
tonigen A-vers erwarten, und dies kann nur durch die aus- 
spräche htröda geschehen, bei der sich auch die beziehungen 
zur Umgebung dem gewohnten einfügen. 

4802a manöda mahügna (D.. IBa). Tempobeschleunigung 
ist das tj^pische zeichen falscher kürze in der endung kurz- 
stämmiger -ow -verba. Sie zeigt sich auch hier bei der aus- 
spräche "^'nuinödd und befindet sich im contrast zur zweiten 
haupthebung und zur nebenhebung, die durch Verschleppung 
der gangart den ausgleich zu schaffen suchen. Außerdem 
Avandelt sich das bei derartigen halbversen übliche ton- 
verhältnis . . in . ! um. 

Zur leichteren erfassung dieser tatsachen seien einige 
fälle angeführt, in denen dem kurzstämmigen verbum mit 
langem endungs-d ein ähnlichlautendes langstämmiges mit 
kurzem o gegenübersteht. 

822a gistdön sulica sorya, (A.. II Ac) (mit Signalton) und 



DIK (VLIANilTÄr MINDKRroNICKIi VoCALK IM IIKMAM». I O'J 

1988a aiitön tc selkton . (A . . II A d). 

Besonders auffällig- ist die tenipobeschleiuiigung dui-ch 
etwaiges ^'.sldön und die tempo Verschleppung durch '.sidon, 
jedesmal außerhalb des Zusammenhanges mit der tongebung. 

4G03 a hUnöda mid is höbdu : (A . . II B a). 

810 a läsim endi linödim , (A , . II A c (mit Signalton). 

Man beachte wie VilXnöda ansteigen, ^'linödun ab fall der 
toubewegung in der reihe hervorruft, womit noch hemmungen 
der mehrfach besprochenen arten vei'bunden sind, hlhiöda im 
einen und iinbdnn im andern falle fügen sich der Umgebung 
ohne Schwierigkeit ein. 

4216 a itärödnn an tlitm ivihe . (A . ; II A d) und 

4485 a th'm ivord (jiuärön, (A . . II B c), oder 597b Nu is 
ii (dl gnväröd so ' (B . ! I A b). 

Wie neben der Zeitteilung und ihrer änderung durch 
quantitätsminderung die melodie in der reihe als ordnendes 
moment wirkt, zeigt willkürliches vertauschen der quantitäten 
in 4216 a ivärödim zu *wärödim, 4485 a giwdrön zu *ijiwärön 
und ebenso in 597 b. 

Schließlich sei noch 1721a und 1886a augeführt: 

1721a iuwa meriyriotun mäcön (E . . II A a) und 

1836 a gimäcön mid mannon , (A . . II A a), 
als beweis, daß die langen vocale erhaltene alte langvocale 
und nicht rhythmischer herkunft sind, denn in letzterem falle 
läge kein grund für ö in gimacon vor. In *gimac6n steigt 
jedoch das *-cön über -ma- hinauf, zieht mid und mannon 
nach sich, gibt der ersten reihe der gruppe wesentlich mehr 
zeit als der zweiten und zerstört die tonbindung der stab- 
träger, während gimacon den einklang mit der gewohnten 
melodie herstellt. Andererseits betrachte man die glatten 
tonverhältnisse zwischen 1721a und b bei mäcön und ihre 
auflösung durch '-^mäcon. 

Material (vgl. obeu s. 406 zu der materialreihe ahton usw.): 
underbadön a 4851. — bedön a 644. 1104. b 1109. 590. — bibön 
b5662. — fehön: gi- a2398; far- a 3698. — fridön a3858; gi- a 3896. — 
f;e6ön a 2065. 3762; (/e&ömw a 1545. - «/ev'ön a2774. — bihagön Si2ill. 
— halön a 302. 1161. 2560,68. 4922. b2851; halöian a 2573; gihaldn 
a5423. bl451. — hlamön b29l4. — hlinön a4603. — karon a2185. 4018. 
5011. b2197. — bidihön a2409. — bilamön a2301. — lebön b774; gi- 
a3335. — lidön a684. 2632. — lobdn a6. 1021. 404. 634. 2875. 3711. 



410 KNÖRNSCHILÜ 

h417. 955. 1570. 2227. — manön a2027. 2-10. 330. 4710. 802,86. 5164. 
b347l; fii- a 837, 68. 3188. 349. 487. b 89. 423. — macdu a241. 1721; yi- 
a3626. b3432. — ^m«möu b 3626. — «^m/coh a 2220. — mön a 3749. 
b932. - (jisidoH a822. — spilon b 2764. — talön a2471. 4492. — twehön 
bl374. 2945. 4171; (ji- a2952. — thagOn al284. 386. 583. 2604. 3872.911. 
5078. 280. — tholön a 3346, 92. 601,42. 4431,63. 569. 784. 833. 5054,78. 
1 19. 280. 492. b 1077. 346. 2933. 3016. 379, 82. 436. 551, 90. 4032. 143. .522. 
.■)050. 171. 378. 562,92. 608,94; gi- a 502. 1890. 3097. 4919. 5504,31. 
b1895. 2136. 5290. 301; tholöian a3996. 4795. 5015. bl351. 3181. 4183. 
677. 701. 5216; gi- a4139. 894. b 1534. 3527. 4174. — it^acon a 4352. 708,78; 
ivacoian a 384. — wandn a 3629. — ivarÖH a 2913. 3764. 4216. b 1003. 
3481. 4687; after- a2322. 3760. — wonön a664. 707,61. 827. 1936. 2086. 
3959. 4188; gi- a3960; thuni- b3463; tvonödsam al098. 2137. 

A. b) 10. Dritte sclnvache conjiigatioii. 

07. Von den verben, die urspiünglicli der dritten sehwaciien 
conjugation angehörten, sind nnr geringe reste alten bestandes 
erhalten geblieben. Augenscheinlich liegen solche alte formen 
noch vor in der 2. und 3. sing. ind. praes. luibes, habeä. Bei 
der trage nach der (lualität und quantität der betr. endungs- 
vocale wurden durch die lautliche anal3'se resultate erzielt, 
die mit der handschriftenüberlieferung sehr wohl im einklang 
stehen. 

Erhaltung der ursprünglichen länge -es nach kurzem ein- 
silbigem offenem stamm zeigt sich in der zweiten sing, praes., 
einerlei ob sie als haljes, habas (M) oder als hatis (C) über- 
liefert ist. 

Auch die o. sing, praes. verlangt in allen fällen -ed als 
endung gegen die Überlieferung -et, -ad, -ut, -id. -it. Das gesetz 
der längenerhaltung nach kurzer tonsilbe ist indes bei dieser 
person durchbrochen; "^-ed entspricht an keiner stelle der 
melodiecurve. 

Viades fand seinerzeit in den optativformen wie cames, 
(jisehes usw. eine stütze. Die endung -ed entbehrte jedoch 
jeder parallele und verfiel deshalb früher der kürzung, die ja 
zur zeit der handschriftlichen Überlieferung offenbar schon in 
beiden formen (wenn auch in verschiedener richtung: -as : -is) 
eingetreten war. 

Vergleichsweise wurden auch die formen sagis, sagit-sagad, 
hugis, hugid, hiigit und -hugida herangezogen, bei denen wiederum 
in allen fällen kurzes i melodisch gefordert wurde. Das original 



IHK (^UANTIT.VI' M1NI>KIM UN'K; KK VoCyM.K IM II KI.IA N I >. ill 

des Heliand stellt demnach mitten in der zeit der fonjugations- 
verschiebung, deren etaitpen es in günstigem beieinander ei- 
halten iiat. — Beispiele: 

2153b so thil (jilöboH habcs (B . I 1 B a). 

hatHs: Die tonstnfe von ha- liegt unter der von bis. wo- 
durch die folgende reihe ebenfalls in übermäßige liitlie steigt, 
die den tonabstieg vor punkt fast niclit zum ausdruck zu 
bi-ingen vermag, wie sie auch umkehrung des melodischen 
lageverhältnisses von liebung und Senkung bewirkt. Dazu 
tritt zu rasches tempo im vortrage der reihe 2154 a. Die 
gleichen erscheinungen sind in geringerem grade niit der aus- 
spräche -es und -as verbunden. Da außerdem die worte nicht 
in Silben, sondern als complexe appercipiert werden, macht 
sich der eintiuß der kurzvocalisclien endung auch auf die 
vorangehende silbe bemerkbar, die dadurch zur ersten hebung 
{-16-) in ungewöhnlicli großen toncontrast tritt, hohes erzeugt 
gleichmaß und harmonie. 

1909 b hivand hie habed bcctks ghvald ' (B . . I B b). Während 
hahtt den gleichmäßigen, durch autwortton im Intervall ver- 
engten anstieg der senkungssilben bis zur ersten hebung stört, 
indem es in seiner zAveiten silbe die hebungshöhe übersteigt 
und dadurch eine gebrochene tonlinie erzeugt, liegt habH 
ganz in der linie die mit hivand beginnt und in be- ihren 
abschluß findet. Mit der ausspräche habit vergrößert sich auch 
das Intervall hie ha-. 

2434b hivand in foryeban habed (C. ' I B a). hadidji löst 
die gleichen Wirkungen aus wie hadis in 2153 b. Der regel 
nach muß (was bei habed auch der fall ist) der zweite teil 
der zweiten gruppe im C-vers als Senkung gefühlt werden. 
Davon kann bei einer ausspräche habidt (ebenso bei -ad) 
keine rede sein. Wohl aber zeigt sich im folge vers stärke- 
ausgleich und Verschiebung der articulationsstelle bei dei- 
lautbildung (a , 1 !). 

3019a suoällco sag'is (E . . II B a). Man spreche einmal 
*sages. Ist sa- in dieser Verbindung schon für die tonbindung 
der Stäbe zu hoch, so fällt die tonlinie *sa- ges völlig aus 
dem rahmen des gewohnten und zwar so stark, daß man 
bei lautem lesen der stelle die Unrichtigkeit der quantität 
ohne weiteres erkennt. In gleicher weise, wenn auch 



412 KNÖRNSCHIM) 

weniger stark, stört .sages den üblichen nielodieverlauf, dem 
nur snyis genügt. 

2193a hdiäos (jihiigula (A . . 11 ß a). Ein '''gihiiyda läßt 
vermöge seiner höhe keinen gleichton mit hclidos zu, den auch 
"^gihugeda durch seine toncurve (ausbuchtung nach oben) ver- 
eiteln würde. Nur gihvgida befriedigt. 

Material: 

a) halu's a205ti. 751. '302-1. 282. bltS. 200. 101)5. 103. 5+7. 706. 2107, 
53. UP. 3265,87,89. 6ü5. 4063. 406,85. 511,14. 768. 5215. — hahed at51. 
1482. 2486. 3193. 4296. b 127. 771. 893. 902. 1(X)7, 86. 405. 679. 715, 53, 56, 
61. 806. 909,54,58. 2147. 435,65,76,78,93. 587. 881. 3302,24,72,84. 779. 
808, 10, 28. 939. 4610. 806, 23, 92. 912. 5031. 186. 330; «- a5364; ant- 
bl813; be- b5978. — Ainn. 1099 b birid. 

b) 7m(//ö b 1546, 50. — sa</is a 3019. 5090. b3951. — /tifY/Zrf a 2467. 
b3304; gi- a 2493. 505. 665. 3799. b 1861. 2445. 3043,45. 5331. 

B. Wortbilduugssuffixe. 
B. 1. -in : -in. 

98. Es handelt sich hier einerseits um einige adjectiva, 
die von substantivis abgeleitet sind, andererseits um das Sub- 
stantiv drohtin. 

Bei den belegten adjectiven ist ursprüngliches langes i 
in keinem falle erhalten; offene kurze einsilbige stamme (hinter 
denen andere vocale ihre länge sonst bewahren) liegen aller- 
dings auch nicht vor. 

5902 a llmn liggian , (A . . 11 A c). Bei einer ausspräche 
mit *-in müßte die silbe *-nw als Senkung der ersten gruppe 
im vers mit fallender melodie tonal unter das U- hinunter- 
sinken. Statt dessen steigt sie über U- hinaus und drängt 
auch das ligg- in die fortsetzung dieser tonreihe. Nach dem 
starken atemverbrauch der ersten gruppe bleibt für liggian 
nur noch wenig übrig, das deshalb mit dünner, farbloser 
stimme ausklingt. Zwar kann man dem wort liggian die 
übliche vollstimme geben, man muß aber dazu den leichten 
psychischen bruch zwischen erster und zweiter gruppe in 
eine längere atempause umwandeln, die durch nichts im text 
gerechtfertigt ist. An der ungewöhnlichen höhenlage von *nm 
ändert sie auch nichts. Dagegen stellt -m die üblichen Ver- 
hältnisse her. 



IMK «Vl'AN'l ITAI' .MINDKK MtNKiKK NOCAI.K IM lli;i,IAM>. 11-'. 

Daß auch i-hytlimisclie iiiolive nicht imstande waren, die 
alte länge zu erlialten, beweist 

841Ga siluhrinna sait . (K . ; II A d). 

Nornialei'vveise schließt sich bei E-veisen der türm 
llx I- die Senkung an die nebenhebung als tonale fort- 

\ 
Setzung der begonnenen rieht ung an ( ), welche bedingung 
-in auch erfüllt. Ein *-in verläßt dagegen mit großem ton- 
schi'itt die läge von silii- und stellt aus der tiefe durch ■}i(i 

die Verbindung zu smt her: ''^silu- scat. 

, . na 
bnn- 

J)urcli bewußte Verschiebung der töne kann man zwar 
die betreffenden silben (mit größeren Intervallen als üblich) 
in das schematisch geforderte läge Verhältnis bringen, man 
muß sich aber dabei mit staccatoartigem Vortrag bescheiden, 
der Wirkung wie Zusammenhang aufhebt. 

Sehr reiches material bietet das wort drohtin. Nach der 
in den bisher besprochenen fällen beobachteten regel hätte 
das wort, wenn es überhaupt altes i hatte, dieses zu i ver- 
kürzen müssen, und das ist in den Üectierten formen in jeder 
Stellung (ohne rücksicht auf den nebenton) auch geschehen. 
Die unflectierte form hat dagegen die länge erhalten. Die 
erklärung für diesen Zwiespalt ist wohl in dem besonderen, 
formelhaften gebrauch des wortes drohtin als anruf an gott 
zu suchen. 

drohtin findet sich sowohl im ersten wie im zweiten halb- 
vers, in den normalen, wie in den erweiterten typen. 

5641a drohtin furi them doäe (A . . II B a). Das Intervall 
der Senkungsstrecke der ersten gruppe wird durch die starke 
lautliche füllung einerseits auseinandeigezogen, andererseits 
sind die tonabstände von silbe zu silbe kleiner als der ton- 
schritt von dö- zu -de in der zweiten gruppe (vgl. nr. 46). 
Die tonstufen der einzelnen senkungssilben liegen trotz 
rhythmischer beschwerung von furi harmonisch untereinander. 
Die psychische einschnürung vor do- ist ebenfalls vorhanden. 
Ein gekürztes *-m dagegen legt nicht allein die töne der 
Senkungssilben in einen bogen, der sich von droh- zu do- 
spannt, sondern verwischt auch den leichten psychischen brueh 
vor do- und nimmt damit der silbe dö- die dynamische 



414 KNORNSCHII.I) 

belastuiig, durch die im doppelalliterationsveis die beiden 
liebungeii gleiclie tonslärke erhalten. Erst die silbe drin- 
5641b erhält die gleiche rh3'thmit?che schwere wie droh-. 
Bemüht man sich bewußt, der silbe dö- die reguläre schwere 
zu geben, so verliert die leihe den für ihre art übli(;hen 
gleichton. Dazu tritt eine tempobeschleunigung, die im verein 
mit den andern erwähnten tatsachen eine ausspräche mit -hi 
als ungeeignet erscheinen läßt. 

4550 a hclag droliün' (A.! II B b). Ein *-thi ginge als 
letzte silbe (wie nur vor fragezeichen und mit Signalton üblich) 
über droh- nach oben. Die leichte scheide Avürde verwischt. 
Die melodie geht dabei von droh- bis cunian in einem bogen, 
auf dessen Scheitel käs steht. Die tonbindung mit hc- geht 
verloren. Wie sonst oft kann man auch hier die intuitiv 
angeschlagene melodie bewußt corrigieren, indem man beispiels- 
weise die pause nach ''-i/n verlängert und so 50 b in sein richtiges 
geleis zurückbringt. Diese pause wäre aber nicht zu recht- 
fertigen und ist deshalb unzulässig. 

Schließlich sei noch ein beispiel für gesenkten ausweich- 
ton vor Satzschluß angeführt: 

o026 a an thena liiidio drohtm . (A . ; II B d). Der vers 
enthält zwar inhaltlich nicht eine reine Variation der voran- 
gegangenen begriffe god oder mahf, aber eine begriffliche 
Synthese beider: 'groß ist dein glaube an die macht gottes, 
an den menschenbeherrscher'. Er hat also weniger variierenden, 
als abrundenden Charakter und ist demzufolge mit melodischen 
Sonderheiten (vgl. nr. 57) behaftet. Sind somit die führtöne 
der kette nicht miteinander durch gleichton gebunden, so 
stehen sie doch in einem combinatorischen Verhältnis, dessen 
nichtachtung melodische, wohl auch rhythmische Veränderungen 
in der Umgebung des Stabträgers hervorruft. Man versuche 
3026 a in der tonlage von 3025 a zu lesen, und man wird 
deutlich Avahrnehmen, daß die reihen 26 a und 26 b aus dem 
Zusammenhang herausfallen, weil sie auf hohe tonlagen ge- 
schoben werden, die ihnen nicht zukommen. Nicht so stark, 
aber qualitativ gleich ist die Wirkung, die ein *-m auf 26 b 
ausübt. Da es in 26 a die zeitverteilung sehr zuungunsten 
der zeitgleichung verschiebt, fehlt dem abschlußvers die be- 
freiende entspannung, die -in allein herbeizuführen vermag. 



niK QUANTITÄT MINOEKTONIGKK VOCAI-K TM HK[,1AM). 41'. 

drohtme: 1047 b that hie ivarä is drohtine Uä' (B . ! IBb). 
that trägt einen antwortton, womit die in nr.58 besprochenen 
eigenheiten verknüpft sind.') Zum ausgleicli der versrhieden 
stark gefüllten senknngsst recken ist ''-ine niclit erforderlich. 
Rine geringe bruchverstärknng am ende der ersten gruppe 
stellt das gleicligewicht in der reilie wieder hei', während 
durch *-nie von droh- bis Uä eine aufsteigende tonreilie ent- 
steht, die die zweite gruppe verschleppt, die strenge schwere- 
scheidung zwischen Senkung und liebung beseitigt und neben 
atemklemmung und kopfstimme auch zu hohes niveau der 
folgereihe hervorruft. Gleiche und ähnliche tonverschiebungen 
zeigt auch eine etwaige lesung '''droh- (vgl. Kluge, Urgerm. 
§ 199), womit dessen falschheit mindestens für diesen vers 
erwiesen ist. 

Daß drohtine auch die zweite hebung im A;.-vers tragen 
kann, zeigt 464Ga: mid thius sculun gi iuwon drohtine (A ; . 
TAa).-) Ein *-me würde auch da wieder die üblichen begleit- 
erc^heinungen falscher quantität zeigen. 

4250 a iro drohtines (C . ' II A a). Der tonschritt von 
droh- zu einem angesetzten ^-tines ist gr()ßer, als ei- zwischen 
zwei hebungen bei fernton zu sein pflegt. An *-ti- schließt 
sich dann -nes noch oben an. dinr- 50 b ist nicht mit droh-, 
sondern mit *-ti- durch gleichton verbunden. Diese zeichen 
falscher lesung fallen bei der ausspräche mit -tn- weg, und 
die kette erhält ihr übliches melodisches gepräge. 

Haben die flectierten formen von drohtin bei Stellung des 
-in in Senkung wie hebung das alte i in i gekürzt, so ist an- 
zunehmen, daß auch unter nebenton die ursprüngliche länge 
des i verloren gegangen sei. Dem ist auch wirklich so: 

3542 b barn drohtmes - (D , ! II A a). Diese halbzeile 
steht mit zwei andern reihen in parenthese, wodurch neben 
geringer verlangsamung des tempos eine allgemeine reducierung 
der lautheit verursacht wird. Ein *i würde hier eine ton- 
differenz zwischen haupt- und nebenhebung schaffen, wie sie 



•) Um sich die eigenart des verses mit aiitwortton deutlich zu machen, 
vergleiche mau etwa 1040 h (sonst ähnlicher hau, aher ohne antworttou). 

■^) Daß völlig gleichgebaute reihen nicht scheraatisch. sondern je nach 
dem zusamnieuhang zu rhythmisieren sind, ergibt sich aus dem vergleich 
von 404Ga (A) mit 486ia (C). 



410 KNÖRNSCHrLI) 

im Heliand niclit üblich ist. Statt des gewöhnlichen ton- 
abstiegs von der haupthebung- zur Senkung würden sich die 
töne in einem dreieck lagern, und trotz trennung- durch 
Parenthese würde die folgende reihe auf tiefes tonniveau 
lieruntergedrückt. 

Material: 

a) (Irohthi a27. 83. 383. 710. 1054. 670. 2828,40,54. 966. 3026,98. 
563,84. 722. 892. 953. 4241. 550, 70. 788,94. 827. 5016. 146. 446. 510,13. 
641,99. 834. 909,49. b 37. 53. 401,30,39,85,90. 681. 846. 967,71. 1025,27. 
133. 208,18,53,84,92. 386. 576. 607. 790. 831. 917,60,94,99. 2169.208,28. 
330. 420. 578. 892. 925, 37, 50. 3112. 244. 312. 411, 24. 614, 23. 706,49, 
63 (?), 81. 865. 960. 4037. 185, 87. 207, 13, 96. 304, 65, 87. 415, 39, 52, 90. 
507, 20, 59, 79. 699. 765. 833. 5030. 288. 331. 491. 504. 613, 36. 56, 71. 715,35. 
818,58,60,79; tnan- bl200; sigi- a 1575. 3744. 4093. 

b) droht m- a 140. 446. 515. 702, 70. 939, 40, 61. 1000, 05. 229. 798. 
2084. 284. 366. 808, 15. 999. 3046, 91. 313. 532. 994. 4001, 26, 44. 250. 338, 
71. 772. 864. 940. 5110,53. 207. 431. 539,44. 68. 788. 806,37,50. 905. b 264. 
316. 418. 505, 34. 834, 89. 1045, 47. 198. 560, 71, 96. 2073. 199. 279. 62t. 
797. 857. 969, 74. 3005. 115. 316. 542. 611, 63. 787. 978,80,84. 4012,53,88. 
259, 72. 353. 409. 563. 604, 31. 705, 44, 57 ("?), 72. 800, 60. 992. — eriu- 
a 3767. — gerstin- b 2844. — gnldln- a 3205, 14. — hMin- a 3238. b 2335. 
4167. — cn'stiu- a2426. 3074. — l/nin- a5902. — ntdm- a3272. — 
silohrin- a3416. 822. 

B. 2. 4g : -ig. 

99. Die trennung von -ig und -ig folgt wieder der all- 
gemeinen regel: -ig steht nach kurzem offenem einsilbigem 
stamme, in allen übrigen fällen gilt -ig. 

Für die erste klasse finden sich im Heliand nur fünf bei- 
spiele: httng 1707a, liMgo 2475 a, tvlittg 1393 a, -a 201a, -ost 
271a (.s. auch -ost nr. 102). 

1393 a wlitig endi wunsam (A . . II Ba). Der halbvers 
gehört zur gruppe der abrundenden verse (nr. 57). Ein ver- 
gleich mit 1392 a zeigt deutlich die ihm anhaftende tiefere 
tonstufe. Gekürztes -ig vernichtet dagegen nicht nur die 
übliche tongleichheit der silben wli- und -%, sondern ver- 
schiebt zugleich das Verhältnis zwischen -ig und endi, indem 
es die töne der reihe in eine ansteigende linie^) drängt. 



') Da diese erscheimnig sich beim wachset der qnantität außerordent- 
lich häufig einstellt (weshalb auf sie im laufe der arbeit wiederholt auf- 
merksam gemacht Averden mußte), sei hier eingeschaltet, daß in ihr wohl 



DIE QUANTITÄT MINDEItTONIOKK V()('AMC IM HKI.IAXD. 417 

Zugleich wild der starke dynamische accent, der der hehung 
zukommt, verwischt, so daß *ivlithj und endi mit fast gleicher 
stäi'ke nebeneinander stellen, dem vers einen klappernden 
gang verleihen, der an dieser stelle die wiikung tötet. -<// 
rückt dagegen das endi tiefer, als es selbst steht, beseitigt 
damit die sonstigen Unstimmigkeiten, die oben angegeben sind 
und stellt die psjahische einbuchtung vor itnin- wieder her. 

1707 a hard trio endi hcbic) . (E . ; II B d). Mit Uij fehlt 
dem Satzschluß die entspannung, wodurch man geneigt ist, 
die tote pause nach punkt durch eine ihj'thmische zu ersetzen, 
wobei man zugleich das niveau von 1707 b verlegt, -ig ist 
die richtige lesart. 

2475 a thk Indigo gilöbo , (A . . II B c). *-tg ruft hier die 
gleichen erscheinungen hervor, die bei 1393 a (n-litig) be- 
schrieben worden sind. Besonders auffällig ist das besclileunigte 
tempo, das ein ""hMgo erfordert, und das im gegensatz zu der 
Umgebung steht. Absichtliche Überdehnung der reihen 2474 a 
bis 2476 a hebt diese tatsache deutlicher hervor. 

•ig nach langer Stammsilbe: 

2627 b than is man entg (C . ! II A a). Man versuche ein 
""mig: die erhöhung des eigenen tones der silbe -ig teilt sich 
auch der folgereihe mit, die dadurch entweder der entspannung 
vor Sinnesabschluß entbehrt oder die tondifferenz zwischen 
den Stabträgern in 2628 a der gruppe führton — fernton an- 
gleicht: ein tonverhältnis, daß zwischen alliterierenden silben 
im Heliand sonst nicht vorkommt. Ferner beachte man die 
besondere ausspräche des ä in tvänie, die durch *-^^ hervor- 
gerufen wird. -Yg bringt dagegen die reihe wieder in Über- 
einstimmung mit ihrer Umgebung. Auch unter hauptton erhält 
sich das ursprüngliche *-ig bei diesen Wörtern nicht: 

2304 b that sia so thurftXges (C . ! I A a). Das wort that 
trägt antwortton, *-ig vergrößert den tonschritt von tlmrf- 
zu *-^e-. Die Wirkungen auf die folgende reihe gleichen den 
zu 2627b besprochenen. Schaltet man hinter thurf- eine kleine. 



eine Unterart des gesetzes von gerade und ungerade (vgl. Sievers, Metr. 
stud. 4, § 21) zu sehen ist. Hier stünden nur anstelle der silben zeitteile, 
die durch die lautenden eleniente eines Wortes zueinander in bt-ziehung- 
treten. 



418 KNÖRNSCHILD 

pause ein, so fällt das tonverhältnis der hebungen in die gruppe 
fiihrton — gesenkter nahton, wobei die Senkung des nahtons 
nach gleichtonigem erstem halbvers allerdings der sonstigen 
gewohnheit zuwiderläuft, ohne indes unbedingt falsch zu sein. 
Wurde bei der ersten lesung die leihe 2305a zu hoch, so 
gleitet sie jetzt auf das niveau der abrundenden variations- 
verse, zu denen sie inhaltlich nicht gehören kann, -/// löst 
alle Schwierigkeiten, 

Material: 

a) heb/g a 1707. — Inbhj a2475. — wlittfi a 201, 71. 1393. 

b) mendädig a 2472. — eUlendig a 5139. — elifhiodig a 2819. — enig 
a264. 844. 923, 42. 1477. 508,13. 691. 844,48,55. 2787. 837,92. 994. 4299. 
426. 933, 87. 5322. 700. b 25. 164, 78, 84. 229, 63. 571. 1003. 492, 98. 511, 
47,61. 648,69,95. 703. 847,54,97. 2097. 338. 411. 529,51. 627,87.89. 712, 
58,92. 807,28,88. 3190,98. 224,46,63. 38.8,85. 483. 520. 747,70. 875.80. 
4042, 83. 138, 92. 243. 405, 60, 97. 514, 48, 93. 867. 5008, 15. 486. — ewig 
a 1785, 96. 3059. 325, 617,53. 5087, b 947. 1661. 789. 3081. 667. 924. 4416, 
20, 50. 642. — gibidiga 1348. b 80. 195. 3378. 586. 4268. — gihürig a 68. 
82. 2981. b837. 2115. — ungilöbig b3006. — ginädig a2248. 3275. 5602. 
— giweldig b 3185. — hriuwig a804. 2184. 3179. 4589. 672. 718. 5612. 
b712. 4446. — -hugdig: arm- a823; balo- a4721. 5081; gravi- a4812. 
5355: nht- a 1056. b"616; ivred- b5201. — craflig a2674. 804. 4217. 831. 
5963. b754. 1030. 3130. 525. 607,18. 4021. 223. 5011. — mahtig a24l. 
337,72. 423. 583. 798. 828,87. 937. 1378. 514,44. 903,99. 2024,38. 193. 
229,33,62. 325. 576,81. 792. 927. 3013,99. 172. 548. 646. 934,53. 4204. 
405,24. 766,80. 802. 5274. 505,41. 610,14,51. b 357, 94. 753. 812,63. 996. 
1039, 44, 58. 248. 632. 827. 2103. 178. 846, 73. 924, 38. 3084. 509, 18, 92. 
614. 4028,79. 137. 229. 304. 528. 601,45. 758. 886. 5064. 279. 380. 491. 
621,74; alo- a245. 476. 1110. 619. 2337. 4052. 893. b 31. 416. 1087. 766. 
2168. 957. 4038. 5635. 977. — -vxuodig: gel- a4948; hard- a3137; ohar- 
b2705; sltd- a 5247. — ödig a 3298. — sälig a468. 611. 802. 1024. 180. 
336. 440. 940. 2092. 296. 795,99. 862. 3071. 174. 412. 958. 4390. 5509. 
b76. 400. 587. 892. 1300,04. 655. 998. 2172. 582. 3111. 477. 784. 838; Jof- 
b 176. — s^ciüdig a 4592. 5319. 647. b 3820. 5232; WH-a752. 3086. — 
strUlig b 4854. — smidig a 5019. b 1363. 2106,23. 3894. 5857; nn- a2722. 
tuomig a2489. 616. — ihurftig a525. 1541. 966. b2304. — w»% b3399; 
gaod- Am.. — wirdig a20. 200. 1853,62. 2879,85. 4000. 5017,92. 106,08. 
237. b938. 1466. 611. 729. 933. 2104. 3227; gi- all83; bar- b2932. 4597. 
%vittig a3718. b569; un- a 1818. — sidwnorig a 670, 98. 2238. b 660, 78. 

B. 3. -lico. 
100. Der melodische befund bestätigt die allgemeine ge- 
wohnheit, -Uco mit langvocal anzusetzen. Es hat sich mir 
kein fall einer kürzung des i gezeigt. Schon das häufige 



DIE (QUANTITÄT MJNDERTONIGEli VOCALK IM IIEMAND. 419 

vorkommen des -lico in A-, D- und E-versen spi-iclit aus 
i'liytlimis('lien gründen für erhaltung des i. 

328 a helaglico . (A . ; II B d). *-lico steigt über helag- 
aufwärts und zerstört damit die entspannung vor sinnes- 
abscliluß, wie es auch die tote pause in eine rhytlimisclie 
umzuwandeln trachtet. Schwereausgleich zwischen hebung 
und Senkung gelit nebenher. Bewußtes niederdrücken der 
toncurve gibt der stimme unnatürlichen klang. 

3175a nc hie im opanlico (C . ! I B a). *-ltco behält zwar 
die principielle tonverschiebung bei, welche -lico zwischen sich 
und opan- aufweist, vergrößert aber das Intervall. Dazu tritt 
Aveiter störend die ausstrahlung auf die folgende reihe, die 
dann nach oben drängt und zwangsweise mit dünner stimme 
gesprochen wird. 

4841a so nhidlko an naht, (E . , II Ac). Auch in der 
nebenhebung des E-verses bewahrt -lico seinen langen vocal. 
*-l7co nivelliert die stimme von hebung und Senkung, womit 
sich klappernder gang der reihe verbindet. Dazu kommt eine 
beschleunigung der gangart und Verschiebung der hebung nuJit 
aus dem melodischen gleichklang mit niud. Wohl infolge der 
größeren rhythmischen pause am reihenende und des ein- 
stellens auf directe rede unterbleibt stärker fühlbare ein- 
wirkung auf 4841b. -lico regelt w'ieder das Verhältnis der 
hebungen in bekannter weise und bringt den dreiteiligen bau 
des E-verses ohrenfällig zur geltung. 



Material: 

arbedUco b 3462. — baldl/co a915. 2929. - baralko a 1424. b5193 
(/>«>•- V). — berhtllco a8. 1674. — diwUco a883. 967. 3167. 4507. 6iKS. 
5735. 909. — ferhtUco al09. 659. 1637. 2667. — firiwMko b815. 2771. 
839. 3553. 5276. — ßtlko a5328. — frölko a2677. 3041. — gählko a5864. 

— (jarolko b5962. — griolko b5152. — hardUco a6-tO. — hilaglko 
a 328, 33. 448. 5844. — holdlko a 1870. b4573. — hönlko a 5026. — Jiriu- 
iviglko a3690. 4748. — craftiglko a2652. — cudlko a857. 4123. 5951.— 
Icdlko a.lbG3. — lioflko a381. — mäiiko a3141. — mislko a2446. 3512. 

— niudlko a210. 353. 616. 1155,78. 2468. 4803,41. 971. b 1448. 5204. — 
obasüko a 5896. 935. — opanlko a 3175. 4180. 5386. 443. 948. — säliglko 
a2i58. b48. 1169. — spuhlko a238. 1381. 901. 2650. — siiodlko a494. 
565, 81. 637. 1361. 2651. 3019. 5090. — swäsJko a 4500. — swidlko a 4977. 
th-lko all37. — torhtlko a89. — thiolko a99. 1111,19. 574. 3221. 537. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. 40. 28 



420 KNÖRNSCHILD 

4207. — tvanUco a239G. — tvaralieo a4352. — ivärUco a 300, 98. 620. 868. 
905,13,74. 1428. 520. 668. blOOl. — werdllco a417. 2419.4402. — w?slrco 
a 233. 87. 622, 55. 3764. 4284. 5559. — tvundarlico a 2056. 

B. 4. -lic. 

101. An das adverbium auf -Iko scliließt sich die gruppe 
der flectierten adjectiva auf ursprüngliches -lik mit der bei- 
behaltung der länge des i an, während die endungslosen wort- 
formen kürzung des yocals (in -Wc) zeigen (hirililc und sulik 
sind in allen formen hier zunächst von der betrachtung aus- 
geschlossen), 

2427 b wärlic hilidi (A . ! II A a). *-?ic erweitert hier die 
tondifferenz zwischen war- und hi- zu ungewöhnlicher große, 
indem es selbst sich über war- erhebt und bi- mitreißt. Durch 
die hohe tonlage der zweiten gruppe von 2427 b wird auch 
2428 a in die höhe getrieben. Neben kopfstimme und atem- 
klemmung- zeigt sich Verwischung des verstypus, da 28 a sich 
der regulären rhythmisierung nach typus D widersetzt. Zu- 
gleich kann man eine von der üblichen abweichende aus- 
spräche der consonanten (z. b. des l in büidi) beobachten, 

{wär)l'ic stellt die regulären ton- und Stärkeverhältnisse 
zwischen hebung und Senkung wie zwischen reihe 27 b und 
28 a wieder her und hat deshalb als die aussprachsform des 
Originals zu gelten, 

2416 a suTic siiodllc spell (B . . II Aa) mit falschem *-lic 
zeigt dieselben erscheinungen, wie sie zu 2427 b angeführt 
wurden, in einem B-vers, besonders die beeinflussung der 
folgenden reihe, die erst durch -lYc ihren gewöhnlichen ab- 
schluß findet. 

Zweimal findet sich -Uc als zweite hebung in einem B-vers: 
1303 a. 3588 b, Schon die Seltenheit dieser Verwendungsart 
au haupttoniger stelle (im gegensatz zu -Uco) läßt kürze ver- 
muten, und die klangbeobachtung bestätigt das, 

1303 a siiicto helaglYc (B . ! II B a). Auf dem -llc ruht ein 
starker dynamischer accent, und trotzdem verträgt die zeile 
nicht eine (namentlich probeweise übertriebene) dehnung des /, 
Will man zugleich die richtigen pausen einhalten (leichte 
Sinnesscheide nach 1302 b und 1303 b), so bringt *-^lc schlechte 
atem Verteilung mit sich, insofern der atem duirli zu starke 



DIE (JTTANTITÄT MINDEKTONIGKIl VOCALE IM IIEIJAND. 421 

inaiispiiu'luialiiiie in 03 a {*-lic) nicht bis zur näclisteu ateni- 
pause ausreiclit.') Eine pause etwa nac^li 1303a einzuschieben, 
verbietet der starke fortsetzungston in 03 a, der unbedingtes 
weiterlesen erfordert. Auch bei regulärem lesen zeigt *-ltc 
durch niveau Verschiebung in der nachfolgenden reihe die 
falschheit der quantität an. 

Auch im neben ton ist die ursprüngliche länge des i auf- 
gegeben. Schvviei'ig ist die entscheidung in fällen Avie 1397 a 
wrisilic (jiwerc . (E . . 11 B c), wo sich das -lic an zweisilbig- 
kurzen stamm anschließt (vgl. auch 1779 a, 4320 a. 5678 a. 
5907a). Man ist in diesen versen allzuleicht geneigt, rhyth- 
mische beschwerung für sprachliche länge zu halten, was 
damit zusammenhängt, daß der stamm keine dehnfähigkeit 
besitzt. Das gi- springt bei der ausspräche *-lic von ungewöhn- 
lich tiefem zu hohem ton empor, während sonst die Senkung 
die nebenhebung tonal nach unten fortsetzt, wie das bei der 
ausspräche -lic auch hier der fall ist. 

Die stellen, welche die ausspräche -lic erfordern, ge- 
hören vorzugsweise dem tj^pus E an, vereinzelt den t^^pen 
C und A, wo sie die haupthebung ausfüllen, und nur einmal 
(2515 a) steht (mis)Ucan in der Senkung eines A-verses, 
allerdings unter beschwerendem nebenaccent in beiden 
Senkungsstrecken . 

252 a munilica maxjad (E . . II B a). Falsches "^-Itca spannt 
wieder den melodischen bogen von muni- zu mogaä. Zugleich 
verliert sich bei beschleunigter Sprechweise der dreiteilige 
Vortrag des E-typus. Die folgende reihe beginnt nicht mit 
dem indirecten eingangston, wie sonst nach doppelpunkt, ver- 
fällt vielmehr in die art tonschwacher parenthetischer verse, 
wie sie allerdings bei namensnennung mehrfach vorkommt 
(vgl. 4147 a). Dazu steht aber der Inhalt von 252 b seiner 
Wichtigkeit wegen im directen gegensatz. 

Damit vergleiche man die Avirkung gerade von 252 b mit 
seinem novum Maria, Avenn munilica gelesen Avird. Daß es 
sich hierbei nicht um bloß rhythmische dehnung im vers. 



') Daß daran nicht die Überdehnung- schuld ist, erweist z. b. 1288 a 
bis 1289 a, wo drei reihen mit mehreren langen vocalen in einem atem- 
abschuitt zu sprechen sind, ohne daß bei gemeinsamer Überdehnung ateni- 
klemmung eintritt. 

28* 



422 KNÖKNSCHILD 

sondern um die benutzung- sclion sprachlich gebotener länge 
liandelt, zeigt 1397a mit -lic bei gleichem rli3'thmisclien bau. 

336 a guodlicon giimon ' (E . . II B b). Mit "^-Uc- verbindet 
sich tonbogen nach gumon. schwereausgleich zwischen hebung- 
und Senkung- und typus Verwischung-. 

Anders liegen die Verhältnisse bei den kurzstämmigen 
Itwilih und siiVw. Sie werden beide nach gleichem princip be- 
handelt und können sowohl kurzes wie langes / haben, und 
zwar auch in flectierten formen. Bei ihnen gibt vielmehr die 
Stellung im versschema den ausschlag. Tragen sie haupt- 
oder nebenton, so ist das i bewahrt, im übrigen ist es zu i 
geworden. Es ist darin offenbar die Wirkung der gerade bei 
diesen Wörtern so häufigen proklise zu erkennen. 

4520 a sulic gideli , (A-i ; , II A c). Der für den Aa-vers 
übliche tonaufstieg wird durch das gi- von gideli bei einer 
ausspräche suDc zwar gewahrt, aber die zu erwartende gleich- 
tonigkeit von sulic weicht einer ansteigenden liiiie. Außerdem 
treibt sulic zu einem drängenden Vortrag, der die schAvere 
scheide am reihenschluß überstürzt und die folgende reihe in 
die höhe drückt, so daß die bindung der stabträger durch 
gleichton fällt. Zugleich wird die rhythmische form des halb- 
verses verwischt (man beachte auch die veränderte ausspräche 
des e in gideli). suUc bewahrt dagegen den gleichton seiner 
Silben, den rhythmischen Charakter des A^-verses. die reihen- 
scheide und die harmonie der tonverhältnisse. 

Ganz entsprechend sind die unterschiede bei "^snlic und 
suUc bei anderer rhythmischer form in 4120 b (ß . ! I B a). 

1464 a hartio gihtvilicon , (A . ! II Ac). Der Signalton, der 
dem ihat von 1464 b vorausgeht, ruht auf 6c 63 b, so daß das 
-con von gihwilicon regulär unter der tonstufe von liwili- liegen 
müßte. Statt dessen steigen die töne von -hwi- bis -con und 
verdrängen so die scheide, die 64a abschließen soll. Befriedigend 
wirkt dagegen wieder die lesung -Uc. 

376 a thuro hivilic ödmuodi (C . ! I B a). *htvUic stört hier 
den ansteigenden eingang des typus C durch tonspriing zur 
silbe öd: Hier ist also hwilic zu fordern. 

Entsprechend liegen die Verhältnisse in 433 b htviltc im 
thar hilidi tvard (B . ! I B a). Auch im B-vers stieg die ein- 
gangsseukuug silbe um silbe bis zur ersten hebung. Daran 



DIK tiUANIMTA'l' MINDEHTONIGEK VOCAr.K IM IIKIJANM). rJ:! 

wird sie liier durch die ansspraclie '"litrllic geliiudeit. ]\Ian 
vergleiche die <>latten tonreihen dei' eingangsseiikuiig' etwa in 
100 b. -103 b usw., und man wird heraushören, daß dei' tou- 
contrast zwischen '*-lic und hn größer ist als zwischen im und 
thar. Er Avird gleich durcli die ausspräche -llc. 

4594 a sulthes inwiddies (C . ' II A a). Die tondifferenzen 
bei der ausspräche mit langem und mit kurzem vocal sind 
bei nicht haupttonigen wöi'tern nicht so auffällig, weil inner- 
halb der Senkungsstrecken die tonunterschiede selbst nur be- 
scheidenen umfang haben. Immerhin ist auch hier zu hören, 
daß -"suUkes eine reihe von drei gleichen tönen bildet, von 
der ein sprung zu der hebung in aufsteigt, während sullJces 
sich in drei tönen hintereinander anordnet, die in gleichen 
abständen zu dem ht hinführen. 

Wie in den drei angeführten beispielen zeigt die ton- 
bewegung an allen hierhergehörigen stellen abweichungen von 
den üblichen curven bei einer ausspräche mit *-Uc-. Überein- 
stimmung mit ihnen bei der ausspräche -lic-. Damit soll nicht 
geleugnet werden, daß sich bei siilic oder htviliJc in langen 
Senkungen durch einHuß stärker oder schwächer accentuierter 
Umgebung durcli eigene ihythmische beschwerung nocli 
mancherlei graduelle unterschiede bezüglich der vocalquantität 
werden feststellen lassen, aber in keinem falle Averden sie 

— das kann auf grund zahlreicher proben gesagt werden — 
an eine zweifelsfreie länge heranreichen. 

Material; 

a) armlic- a 786. — diurUc- a988. 1790. 2797. — frUic- b 3967. — 
(juodlic- a336. 2085 (subst.). b 4275. — imiorUc- a 735. — UdUc- a2587. 
lihilk- a2055. — liohlle- a 1277. 828,61. 2830. - misUc- a 1876. 2515. 
3735. b2492. — muniUc- a252. 1997. 5784. — ödarltc- b 155. 3123. — 
schtl/c- a3158. 5457. — suodUc- al83. — wundarlic- b 36. 

b) berhtlic a3122. — äiurlic a961. 1005. 592. 3046. 994. 4751. 909. 
5806. b255. — egislic a 1779. b 4323. — fjestlic b 1323. — guodlic a865. 
1101. 3135. 4295. b4283. 541. — hurmlic a5514. — Mlacjlic a 1303. — 
/ie<<7/c a4215. 320. holdlic h'iiVi. — Ze^//c a 1624. 2343. — lioflic 
al558. 3515. — muhtigltc b 2349. 3588. — märlic a 1295. — (jimedlic 
b2658. — mislic al891. 5380. b 3467. — seldlic a 5678. 872,78. 907. b 3128. 

— suodlic a2416. 4908. — torhlic a 1212. - ivänltc a207; un- a4957. — 
wärlic b 1802. 2427. — totslic a 23. 1205. 740, 60. — wrisilic a 1397. — 
tmmdarlic a4309. 5622. 

c) hicdic a 44. 308. 1019, 73. 298. 485. 539. 803, 15. 2230, 83. 415. 535. 



424 KNÖKNSCHILD 

623. 3207. 963. 4538,91. 842 (text?). 5548. bllTÜ. 368. 530. 964. 2644; 
in- a929; gi- a 954. 1113. 218,53. 418,64- 536. 607, 99. 752. 917,63,87. 
2051. 169. 347. 490. 616, 18. 732. 3200. 333, 36. 628. 781. 874. 932. 4191. 
249. 377. 587. 5035. b 56. 342, 53. 908, 75. 1008, 20. 344. 412. 504, 92. 602, 
16, 70. 712, 48. 824. 2065. 284. 592. 879. 3188. 216. 811, 51. 913. 4050. 115, 
53. 375. 595. 773. 5253. 357. — sultc a872. 1215,80. 417. 829. 4513,20. 
5156. b925. 4120. 

d) hicilic a 376. 553, 55. 2262. 5248. 877. b 433. 537. 1394. 753. 974. 
3519,54. 808,68. 4308. 972. 5031; en- a3048. — sidic a284. 355. 592. 
822, 51. 1099. 444. 636, 79. 749. 2416, 91. 979. 3237. 849. 4023. 324. 404, 06. 
594. 920. 5106. 235, 44. 334. 873. b 118. 590. 817, 41, 50. 1404. 699. 724, 37. 
56,61. 2156. 429,46. 606,49,56. 716. 815,81. 3082,96. 202,53. 777,79. 936, 
50,51. 4032. 191. 314. 890. 918. 5020. 101. 365,88. 530,90. 606. 868,91. 
939, 45. 

B. 5. -OSt. 

102. Kurzstämmige einsilbige adjectiva (etwa wie sad) 
küminen in superlativformen im Heliand nicht vor. 

Ein beleg für die ■\vortform -^j^ x findet sich in 760 a 
fayarösta, das sich (wie gleichgebaute substantiva der «-declina- 
tiou usw.) den langstämmigen Wörtern anschließt und damit 
auch wieder der allgemeinen regel; sie haben also das super- 
lativsuffix mit kurzem vocale. Besonderer erwähnung bedürfen 
die Superlative tvlitigost, craftiyost, egislicost und guodlicost. 
Die beiden ersten folgen auch als Superlative der quantitäts- 
verteilung der -/(/-adjectiva : tvlitigost : crafttgöst. Ebenso 
schließen sich die zwei letzten der regel an, die für ihren 
positiv maßgebend ist: sie haben also -liebst-. Beispiele: 

3254 b heröst wäris ' (A . ; 11 A b). An diese reihe schließt 
sich eine Variation an, die v. 3254 a näher ausführt. Diese 
art, eine Variation von dem eigentlichen gegenständ der er- 
läuterung durch eine oder mehrere verse zu trennen, ist nicht 
selten, aber auch dann wird die Variation wde die übrigen 
Variationsverse durch leichte atempausen von der unmittelbar 
vorangehenden reihe getrennt. Läßt man dies außer acht, so 
tritt leicht eine schwere atempause an die stelle der leichten, 
und damit wird nicht allein die beziehimg der haupttöne der 
vorderreihe geändert (hier in 3254 b wird .; in ., gewandelt), 
sondern auch die folgereihe in eine tiefere tonzone gedrückt. 
Die Variationszeile wird dadurch zum abrundenden vers modi- 
ficiert und dessen Verhältnis zum stabträger der nächsten reihe 
getrübt. Dies ist beim lesen zu beachten. 



DIK (.»[JANriTAT MINDEKTUNIOEK VOCAI-E IM IIEMANI). 125 

Falsches *-herdst statt hcröst ruft, bei leichter atenipause, 
die beschriebenen ilnderungen ebenfalls hervor, und zwar noch 
wesentlich gesteigert. Die entfernung- der töne von hc- zu 
war- übersteigt ziemlich stark den weitesten sonst üblichen 
tonschritt von führton zu fernton und verhindert durch un- 
gewöhnliche tiefe der reihe 3255 a tonale Verbindung mit 3255b. 
Schwere atempause nach 3254 b drängt die reihe 3255 a in 
ihr natürliches geleis, zerieißt aber die inhaltliche beziehung 
zum voranstehenden und damit das Verständnis der stelle. 
Der ansatz hcröst löst dagegen tonale wie inhaltliche 
Schwierigkeiten. 

821b nianno Uobosto (D . !). Diese reihe gehört als 
vocativ keiner der im einteilungssj'stem (nr. 63 ff.) aufgestellten 
klassen an, sie steht vielmehr (als einschub in den Zusammen- 
hang des Satzes) ohne Verbindung zu den benachbarten reihen, 
von denen sie zwar, wie hier, meist durch leichte atempause 
getrennt ist, die aber für sich mit fortsetzendem ton enden 
(821a) und mit fortsetzungston beginnen (822a).i) Tonisch 
steht reihe 821b in Verbindung mit ihrer Umgebung, so daß 
sich auch hier falsches *-ös{o durch Verlegung der reihe 822 a 
auf tieferes niveau bemerkbar macht. 

760a fluodo fagarösto-) . (D . ; II B d). Durch die aus- 
spräche *-östo wird der tonschritt von faga- zu *-r6s- zu groß, 
so daß auch die letzte silbe {-io) zu tief gelegt wird: eine 
selbst für sinnesabschluß nicht übliche tonlage. Durch -östo 
wird die gewöhnliche Intonation vor punkt erreicht. 

2613 a that is egisUcöst (C . ' I A a). Der größte im Heliand 
sonst übliche tonschritt wird durch "^-licöst noch erweitert. 
*-li-cöst und die folgende reihe treten auf gleiches tonniveau. 
Damit verbindet sich ausgleich der schwere in "^-Itcöst. Die 
feierlichkeit des tones, die bereits auf die folgenden schwell- 
verse hinweist, geht dadurch verloren. Daß aber -öst nicht 
mehr langen vocal hat, zeigt der tonaufstieg von '^-öst über 



') Ähnliches verhalten der reihen bei rhythmisch nicht g-ezählteui 
quad hie am reiheuschluß. 

'-) Im gegensatz zu MC scheint fugarusto der melodie besser zu ent- 
sprechen als -u, ohne daß jedoch darauf viel gewicht gelegt werden soll, 
da solche qualitätsunterschiede am satzschluß vom einzelfall aus ohne be- 
achtung des übrigen materials schwer zu bestimmen sind. 



426 KXöKxstMiu.n 

-Uc hinaus, dem sich reihe 2613b anschließt. Die melodie 
erfordert eben die ausspräche cgisUcöst. 

3119 a cuninyo craftigost (Ad.. II B a). -/// oder -/r/? 
-05^' oder -öst'^ *-ig wie *-öst und deren Verbindung- üben auf 
die folgereihe die gleiche, nur der Intensität nach verschiedene 
Wirkung aus: sie verschieben das tonniveau von 3119b auf 
eine falsche tiefe. Audi atemklemmung tritt in beiden fällen 
auf, während tempoverschleppung und typusverwischung bei 
*-ig mehr zutage treten als bei '^-6st. Befriedigen kann nur 
craftigost im zweiteiligen auszählschema. 

Material: 
annost a4:436. — hredost a2595. — ecjisUcost a2613. — fagarost 
a760. — ferrost a214i. — (jiUcost a58l0. — (fiiodlicost a574t. — hclu- 
(jost b578n. — herosi a 204(5. 3414,41. 556. 4949. 5030. 887. b 2883. 3254. 
58. 790,93. — hlMost a746. — liöhost a278. 419. 1083. 5075. — crafti- 
(jost a871. 973. 1134. 599. 2315. 696. 3119. 5634. — ledost a5649. — 
liobost a485. 3149. b821. 2283. 697. 4600. — lofsamost a2063. — nUost 
b404. 1138. 249. 334. 993. 2089. 577. 901. 4380. 606. 745. 5630. — scömost 
b270. 379. 43S. 2017,32. — snellost b 5027. - spähost a613. — strancfost 
b 370. — fswarost b 1215. — swasosf b 202. — icerdost a 1299. — wulost 
a45. — uy'sost a 2186. b 4467. — vh'ltfiost a211. — wmisamost a 811. 
3143. 687. 5549. 

B. 6. -oi: 

103. Als Vertreter der comparativendung wurde nur der 
comparativ vom adverbium untersucht, der in C ausnahmslos 
auf -or endet. Es fanden sich im stamm nur phonetisch lange 
Silben, so daß sich, wie zu erwarten, allgemein -ör als richtige 
endung ergab. 

4857a nähör miil nktu . (A . . II A c). Bei einer aus- 
spräche *nähör entfernt sich das *-hör weiter von seiner 
hebung, als es die Senkung zu tun pflegt, und es drückt zu- 
gleich auf den rest der reihe, dessen töne sich nun auf ab- 
steigender linie bewegen. Der bei doppelalliteration übliche 
gleichton wird beseitigt. Stärkeabschwächung im allgemeinen 
und besonders zwischen hebung und Senkung im folgenden 
vers kennzeichnet *-dr als unrichtig. 

4119 b sidör sia is helagun tverc (B . ! IBa). Mit sidör 
klimmt der ton von silbe zu silbe aufwärts bis zur ersten 
hebung, ohne Sprünge, in gleichmäßigem tempo. Bei der aus- 
spräche '^sutör tritt dagegen ein nicht zu überbrückender 



DIK (QUANTITÄT M INDKIMUNlCKli VOCALK IM IIKMAND. \'J.( 

tonsiiiniig- von *-ör zu sia ein. Dazu verlaugsainl sich das 
temix), das erst bei is wieder in seinen gewohnten gang ein- 
tritt. Der eingang: eines B-verses verträgt aber normalerweise 
eher eine besclileuiiigung der silbenfolge (um bei stark gefüllter 
eingangssenkung die zeilgleichheit mit der schwachen senkungs- 
strecke der zweiten gruppe zu bewahren), als ilij- gegenteil. 
Auch hier stellt siäör den ausgleich her, 

Material: 
diupor bl43(). — [ckor a207. 2510. b 23:38. 432. 3770. 4:ioB. 0077. ö77 1. 
\tilior b2707J. — fuU/cor a 1454. — funtoy a 1173 (text?). 437. 2512. 
:J209. 484. 4566. 5007. 578. 700. b 44!). 2265. 5652. 813. — höhur b 4734. 
- ndhor al82. 2482. 4857. 971. S204. 693. 825. b231. 579. 1056,75. 255, 
79. bl061. 2102. 382. 468. 3516. 4031. 5713. — ö^/or a 3299. nhnor 
a2384. — st'tfior a3301. — scror böOlO. — siäor a4180. 5421,26 (texf:-). 
bl47. 507. 71, 81. 1117. 330. 470. 710.18,19. 2067,69,77. 887. 900. 3168. 
289. 421. 504. 661,66. 4119. 257. 625. 5033. 426. 949. — widor a536. 

B. 7. -ari. 

Ii)4. Wie im alid. -üri und -eri < -ayi nebeneinander slelien, 
so finden sich auch alts. belege für -eri neben solchen auf -ari. 
Von letzteren ist nur noch das lehnwort soläri 4542 a erhalten, 
während ßscari 3209 a, altari 107 b. 1471a und carcari 2723a. 
4400a. 4680a nur mit kurzem a erscheinen: 

4542 a liöhan soläri , (A . ; II B c). Bei einer ausspräche 
* soläri steigt das / in die höhe. Die schwere scheide wird 
durch den starken fortsetzungstrieb, der bei dem worte '^soläri 
eintritt, übersprungen, und dadurch verliert die folgende reihe 
ihre rhythmische gliederung, und beschleunigt sie wesentlich 
ihr zu erwartendes tempo. Auch innerhalb 4542 a geht die 
zeitgleichung verloren, da die enge Zusammengehörigkeit der 
begriffe höhan und *soläri keine ausgleichende pause verträgt. 
Also ist soläri anzusetzen. 

In 3209 b würde *fi.scäri rhythmisierung der reihe nach 
typus E verlangen und damit zerdehnung der reihe und mangel 
an atemökonomie eintreten. Auch die leichte atempause am 
reiheuschluß ginge verloren. Langes -ä- wäre also falsch. 

Material: 

a) soläri a 4542. 

b) altari a 1471. b 107. — driogeri a 3818. — fiscari b 3209. — 
carcari a 2723. 4400. 680. — muniteri b 3737. 



428 KNÜKNSCHIM) 

C. Z u s a m m e u f a s 8 u ii g-. 
105. \'orliLstorisch lange inindertonvücale haben in alUs. 
gedeckter Stellung 

A. ihre länge allgemein bewahrt 

a) nach kurzem offenem einsilbigem stamm: 

1. im nom. acc. plur. masc. der «-(usav.) stamme: -os, 

2. im gen. plur. der ö- und w-stämme: -o«o, 

3. im dat. plur. der o-stämme: -ön. 

4. in der 2. sing, und 1. — 3. plur. opt. praet. aller 
verba: -is, -in, 

5. in der 2. sing, und 1. — 3. plur. opt. praes. aller 
verba: -es, -en, 

6. in der 2. sing. ind. praet. der sw. verba: -ös,^) 

7. in der 2. sw. conjugation: -ö-, 

8. in der 3. sw. conjugation: haöcs,''-) 

9. bei den adjectiven auf -ig, 
10. bei den substantiva auf -äri. 

B. ihre länge unter besonderen bedingungen bewahrt: 

a) nach kurzem offenem einsilbigem stamm: 

1. in sulic und JnviUc mit tiectierten formen und 
compositis, wenn sie haupt- oder nebenton tragen, 

b) nach langem stamm: 

1. bei drohtin im casus rectus, 

2. bei adjectivis auf -Uc- in den casus obliqui. 

C. ihre länge allgemein aufgegeben: 

a) nach kurzem offenem einsilbigem stamm: 

1. im fem. der w -stamme: -un, 

2. im dat. plur. der »«-stamme: -on,-^) 

3. in der 3. sw. conjugation: hiibed,^) 

b) nach langem stamm: 

1. in den oben unter A. a) 1 — 10 genannten fällen, 

2. im comparativ auf -or,^) 

3. im Superlativ auf -ost,^) 



*) Nwr dedös belegt. 

') Sonst außer habed [vgl. C. a) 3] nichts erhalten. 

=*) Fürs fem. bietet der Heliaud keine belege. 

*) Vgl. aum. 2. 

*) Kurzstämmige belege nicht vorhanden. 



DIK (QUANTITÄT MINDKII TONKiKK VOCAM«: TM liKLlAND. 120 

I). ihre länge unter besonderen bedingungcu aufgegeben: 

a) nacli kurzem offenem einsilbigem stamm: 

1. in snlic und huilic mit tlectierten formen und 
compositis. ^^enu sie der Senkung angehören, 

b) nach langem stamm: 

1. bei drohtin in den casus obliqui, 

2. bei den adjectivis auf -lic im casus rectus. 

10t). Die gewonnenen resultate zeigen, daß die entstehung 
des Heliandtextes selbst einer zeit angehört, in der noch 
beträchtliche reste altertümlicher lautgebung mit kräftigen 
neuerungen im lautstand band in band gingen, einer zeit des 
Überganges aus einer sprachpei'iode in die andere. 

(LEIPZIG) DRESDEN. A. KNÖKNSC^HILD. 



luhalttiübersicht. 

I. Allgeuieiues zur niethode s. 339 

1. Neue weg-e von Sievers: Satzraelodie s. 83i); — 2. Satz- 
inelodie bei Uoethe s. 342; — 3. Laut- und worteinHuß auf 
die satzuielodie bei Goethe s. 343: — 4. Satzmelodie im ahd. 
Isidor s. 345; — 5. Änderung- der quantitiit miudertoniger 
vocale und ihr einfluß auf die melodie des Isidor-textes 
s. 346; — 6. Zusammenfassung der methodischen grundsätze 
s. 349. 

II. Die neue raethode und der Heliaud s. 350 

A. Formfragen: 1. Überlieferung des textes s. 350; — 2. Wahl 
des C-textes s. 350; — 3. Orthographische Varianten s. 351; 
— 4. Einfluß von 'gerad und ungerad' auf die melodie 
der wortformen {al-, alo-; gleichlaute) s. 351; — 5. Die 
metrische form (gegeusatz zu Kauffmann, Saftien, Martin) 
s. 352; — 6. Leitsätze für die metrische form s. 353. 

B. Bestimmung der Vortragsart: 1. Aufgabe der Interpreta- 
tion s. 355 ; — 2. Modification der schallform s. 355 ; — 
3. Takt s. 355. 

C. Accentuell - rhythmische gliederung: 1. Redetempo und 
textklassen s. 356; — 2. Die kette s. 357; — 3. Die reihe 
s. 357; — 4. Die gruppe s. 358; — 5. Hebung und Senkung 
s. 358; — 6. Accentuelle gruppenbindung s. 359; — 7. Wort 
und silbe s. 360; — 8. Die pausen (tote und rhythmische) 
s. 860. 



480 KNÖRNSCHIl.l), INHALTSÜBERSICHT. 

P. Meludische strnctu)': 1. Die silbe s. 361; — 2. Das woit 
s. 362; — 3. Die gruppe s. 362; — 4. Die reihe (mit auftakt 
und eiiigaugssenkuug) s. 363; — 5. Die kette (sigiial- uml 
autwortton) s. 367; — 6. Melodie uud pause s. 368; — 7. Der 
satz (-eiugaug, -Schluß ; punkt, fi'agezeichen) s. 370. 
E. Einteilung der verse nach Stellung im Satzzusammenhang 
und Inhalt s. 371. 

111. Die (juantität inindertoniger vocale s. 374 

Vürbeinerkuugen: 1. Quantitätsiiuderungen am prubetext 
s. 374; — 2. Zusammenfassung: Wirkung falscher quautität 
in der reihe und ihrer Umgebung s. 377. 

A. Enduugsvocale: a) in alts. ungedeckter Stellung: 1. Fem. 
abstracta auf -/ s. 378; — 2. Nom. sing. masc. der n-stämnie 
."<. 379; — 3. rien. sing, der «-stamme s. 379; — 4. Noni., 
acc. plur. der *- stamme s. 380; — 5. Nom., acc. plur. der 
ö-stämme s. 380; — (Anhang: Gen. sing, der ö-stämme 
s. 381); — 6. Gen. plur. der starken declination (subst.. adj., 
prou.) s. 881; — 7. 1. und 3. sing. opt. praes. s. 382; — 

8. 1. und 3. sing. opt. praet. s. 383; — 9. Adj.-adv. auf -o 
s. 383; — Zusammenfassung s. 383. 

b) in alts. gedeckter Stellung: 1. Nom.. acc. plur. masc. a- 
(ja-, t6'rt-)stämme s. 384 ; — 2. Gen. plur. der ö- und «-stamme 
s. 387; — 3. -un der fem. w-stämme s. 391; — 4. Dat. phu'. 
der 0- Stämme s. 393; — 5. Dat. plur. der n- stamme s. 394; 
— (Anhang: Dat. plur. der adj. und mehrsilbigen pron. 
s. 397); — 6. 2. sing, und 1./3. plur. opt. praet. s. 398; — 
7. 2. sing, und 1./3. plur. opt. praes. s. 400; — 8. 2. sing. ind. 
praet. der schwachen verba (ohne on-verba) s. 402; — 

9. Zweite schwache conjugation (on- verba) s. 402; — 

10. Dritte schwache conjugation s. 410. 

B. Wortbildungssuflixe: 1. -in s. 412; — 2. -ig s. 416; — 
3. -lico s. 418; — 4. -lic s. 420; — 5. -ost s. 424; — 6. -or 
s. 426; — 7. -ari s. 427. 

C. Zusammenfassung s. 428. 



ST. emmeramp:Pv s^rrDiKN. 
I. 

In meinem anfsatze 'Muspilli', Berliner sitzung-sber. 1918, 
s. 41411, habe ieli inelufacli (s. 427 f.) auf die veiwandtsoliaft 
des gediclites mit der alid. bearbeitung des 138. psalms 
li in gewiesen. 

Daß diese, Avie sie vorliegt, aus Regensburg stammt, be- 
sagen vielleicht schon die v = rm (v. 1. 10. 11. 19. 25), die 
wir noch aus den Regensburger Urkunden (a. a. o. 424), aus 
Lond. Can. (a. a. o. 428), aus dem Emmeramer Clm, 9534 {vüda 
I. 444, 3) und die regelmäßigen u ■= mi, die wir aus Clm, 9534 
{kiuati 1.456,11), Musp. und Hrab. kennen (a.a.O. 415, aucli 
aus Musp. II, wie nachzutragen ist: heuigon 41, ueliha 64 0); 
das V = uui {giv^ida > givisida 11) findet Verwandtschaft an 
dem urkundlichen Vtidamot Ried, Cod. chronologico-diplomaticus 

') Hierauf verweist mich Jelliuek brief lieb, wie auf /"«?•- 11,61. Er 
wendet ferner ein, daß in II worte feblen, die wie sKonnen und dergl. in I 
gemination nach länge aufweisen könnten, daß auch vielleicht die l, vi, n 
statt II, mm, nn nach andern buchstabenauslassungen wie in phhe 26, 
kipgan 76 (wo aber der fehlende gleich dem folgenden vocal ist) zu beurteilen 
seien. Diese letzte gleicbsetzung von nichtgeminieren und auslassen will mir 
freilich nicht einleuchten, und ich hoffe hier darzutun, daß der Zusammen- 
hang anders ist. Noch weniger Steinmeyers forderung, daß die graphischen 
eigeutümlichkeiten einander ausschließen müßten, Avenn sie von der Scheidung 
überzeugen sollten, daß also etwa für I /i ■< k, für II hh ■< k, nicht für 
I h und hh ■< k, für 11 hh <^ k zu fordern wäre. Das scheint mir an sich 
willkürlich und unbillig, namentlich in betracht der kraft orthographischer 
tradition, hier aber besonders falsch, weil I und II von derselben band ab- 
geschrieben sind. Auf andere mir höchst förderliche einwände Steinraeyers 
komme ich noch zu sprechen. 

An der Scheidung aber darf ich nun wohl festhalten, die ja doch auch 
durch Inhalt, versbau und stil gefordert und mir wenigstens privatim sonst 
zugestanden ist. Übrigens hat bereits Neckel (Sitzungsber. der Heidelberger 
akademie der wiss. 1918, VII) darauf gefußt. 



432 BAESECKE 

Episcopatus Eatisboneusis, nr. 21 anno 821. wolil auch an 
niis:e = uuise Musp. II. 62 u. dgl.; die falschen Vereinfachungen 
von geminationen in anegine 4, ale > alle 18 an alcro JMusp. I. 
19. 34, mano 10. 81, dene 65. 65, hdc > hella 21 und urkund- 
lichen Schreibungen wie Pilinc und Ano; die merkwüidigen 
vortonig'en sproß vocale in splricho 10, eher ist 11, clurefiii 23 
an mehrfachem chcneht des Emmeramer Clm. 14747 s. X. 
(Schatz, Altbair. gramm. § 54) und besser an dem urkund- 
lichen Folcherat 79 a. 900. Das regelmäßige anlautende g ist 
im 10. jh. ein zeichen für Eegensburg (in Freising ist es aus- 
nähme, vgl. Schatz § 70 a). 

Nun liegt aber die psalmbearbeitung nur in abschritt vor. 
Das zeigen die reime zun statt zoum : goiim 7, gitan : intr innen 
(so ausdrücklich Steinmej^er, Die kl. ahd. sprachdenkm. XXII) 
12. finsfcr : sar 29 und das fehlerhafte daz statt de sceßi 23, 
wie wegen des se 24 und des plurals tela neqiiissimi des Vor- 
bildes Ephes. 6, 16 gelesen werden muß: de = diu steht aucli 
V. 11 und 26 (se = siu 24), und dem Schreiber war die form 
nach ausweis von den statt de ftnstar 29 ungeläuflg (vgl. auch 
die lesart s. 105, nr. 12 bei Steinmeyer: 'de] e scheint aus an- 
satz von i[diti] corrigiert'). Ohnehin würde man den einschub 
22—24. der den gedanklichen wie den grammatischen Zusammen- 
hang {ßenta 19 plur., imo 23 f. sing.) zerstört und im psalmen- 
texte keine vorläge hat, nicht für das werk des dichters halten. 

Aber die Verwandtschaft mit Muspilli wird schon im 
original begründet gewesen sein. Das läßt sich, glaube ich, 
an der verskunst dartun. 

Ich knüpfe da an die darlegung Berliner sitzungsber. 419 
an, wonach das gleichstellen oder gar überordnen der vierten 
haupthebung des langverses durch ihre bestabung die alte 
Vorherrschaft der dritten gebrochen erscheinen läßt, und es 
sei jetzt deutlicher ausgesprochen, daß ich das eindringen des 
endreimes mit seiner starken betonung für einen hauptgrund 
dieser gewichtsverschiebung halte: bei stumpfem wie klingendem 
ausgange ist diese hebung trägerin des endreims, nur bei 
vollem — so regelmäßig im ursprünglichen Otfriedverse — 
tiele er auf die abschließende nebenhebung: aus süomi : mgetä 
wird (mit übertreibender accentuierung) süond : sdgetd, ans 

^/, f r ' r I ^ r i r wird ^/, r' r i r r i f r i r r- 



ST. EMMERAMER STUDIEN. 438 

Diese Überführung läßt sich aber aiicli anderweit erkennen. 
Liest man den Steinmeyerschen text von Mnsi>illi IT (außer 
V. 48 und Gl/62, die stablos oder endreimend sind) nafh den 
alten betonungsgesetzen, so erhält man als längste zwei sieben- 
silbige auf takte: denne imird'd untar in 39 b und dar man 
dar eo mit sinen 60 b, außerdem einen trotz alliteration nicht 
stabenden vers: muor uarsuuUJiit s)k, snilizot löugiii dcrhimü 53. 
Aber augenscheinlich ist doch der stab erstrebt: die drei 
beanstandeten verse haben sozusagen verborgene stäbe und 
ihre hervorhebung {uuirdit, man, suüisoi) beseitigt sofort die 
schweren auf takte. In v. 37. 57. 58. 59 stehen sie an falscher 
stelle, und in v. 49 ist einer überflüssig, d. h. dem dichter ist 
das anbringen von alliterationen wichtiger als ihre anordnung 
und die einhaltung des alten versaccents. Man hätte also zu 
lesen (die acute als zeichen monopodischer messung): 

39b denne uuirdit üntar in uuic arlidimn, 

53 b suilisot lougiü der himil, 

60b dar mdn^) dar eo mit sincn mdyon ptehe, 
und dann auch 

57 a dar ni mdc denne mdk dndremo. 

Es fehlt dann zum neuen verse nur noch der endreim. 
der entweder der alliteration noch platz läßt (37. 49. 62) oder 
ganz ohne sie auskommt (61). 

Wie der dichter von Musp. II allmählich in die neue 
kunst hinübergeglitten ist, habe ich a. a. o. s. 419 darzulegen 
versucht. 

Eine Vorstufe läßt Muspilli I erkennen: die bestabung 
der vierten haupthebung (3. 90), namentlich im verein mit 
der zweiten (15. 30. 76. 80) und in Verbindung mit endreim 
(78); endreim mit zweifelhaften Stäben (79); verborgener stab 
der besprochenen art, der das verbum auf die betonungsstufe 
des nomens erhebt, die dipodische abstuf ung ausgleicht (22); 
verse ohne stab (13. 18. 97); dazu regelrechte verse mit 
schlußreimen (7. 28. 87. 96), die dann ihrerseits auf Uniim 
: wärthn und man : yiwinnän Hild. 67 und 56 zurückweisen. 
Denn daß man solche klänge zu empfinden wußte, zeigen die 
Zusammenstellungen von Fraenkel, Zs. fda. 58, 61 f. {hapthandun 

man ist also wohl siibstaiitivisch; es fehlt sonst in II: vgl. I. 78, IG. 
27. 6G. 70; 63. 93j 9i, 19. 34. 72. 81. 90; 103. 



434 BAESECKE 

: iiigandun, westar : swestar, enteo ni uuenteo usw.). und icli 
wüßte nicht, wo man die grenze des zufälligen ziehen wollte. 
"Wie haben aber diese Zufälligkeiten von Hild. zu ]\lusp. 
zugenommen ! 

Von den Verfallserscheinungen in der verskunst des Musp., 
die schon Sievers in seiner Altgerm, metrik §§ 130 fl'. zusammen- 
stellt und die ihn von einer 'art endglied in der entwicklung 
der alliteratiousdichtung' sprechen lassen, 'das mit aufgebung 
einer reihe älterer cliarakteristica die brücke zu der bald er- 
blühenden neuen dichtungsform bildet", führe ich noch an, daß 
nur noch zweimal ein satz ohne einschnitt nach altei' weise 
in die näch.ste langzeile hinübergreift (22 f. 511): der mono- 
podische rhythmus mit oder ohne endreim hebt die bedeutung 
des versschlusses. 

Der vers des Musp. begreift sich als Übergang nicht nur 
vom Stab- zum endreim, sondern auch vom vier- zum zwei- 
vierteltakt, und das gilt auch wohl in dem gedichte schon 
weiter als es erAveislich ist. 

Von dieser eigenen Übergangskunst im versbau zeigt Ps. 138 
die unmittelbare fortsetzung auf der linie Musp. I — Musp. IL 
Es gibt 1. einen allenfalls viervierteltaktig lesbaren allitera- 
tionsvers mit Stabstellung 1. 2. 4 (v. 31, vgl. Musp. 1. 15); es 
gibt 2. viervierteltaktig lesbare alliterationsverse mit end- 
reim (v. 17. 18. 27; vgl. Musp. I. v. 7. 28. 78. 79. 87. 96; 
Musp. IL V. 37. 49. 62); 3. einen zweiviertel taktigen allitera- 
tionsvers ohne endreim (v. 4, vgl. IL 39. 53. 57. 60); 4. zwei- 
vierteltaktige alliterationsverse mit endreim (v. 3. 36, vgl. 
Musp. I. 78. 79, IL 62); 5. viervierteltaktig lesbare endreim- 
verse (v. 1. 9. 23. 32. 33, vgl. Musp. IL 61); 6. zweiviertel- 
taktige endreimverse mit gelegentlichen alliterationen (die 
übrigen). 

Die reime der psalmbearbeitung unterscheiden sich be- 
trächtlich von den Otfriedischen. Daß die vocale der schluß- 
silben in germ. ^ x nicht zueinander stimmen {lianton : (jerhin, 
firdanen : ginadon) kommt bei 0., soweit überhaupt gereimt 
ist, in den fünf büchern 1, 2, 0, 5, Imal vor,i) in Ps. 8 mal, 



') Die zahlen hier uud im folgenden aus den angaben bei Holzwaitli, 
Zu Otfrieds reim, diss. Leipzig- 190U, Itesonders J;31. erieclinet. 



n'V. KM.MKKAMKi: SllltlKN. if'..") 

das >siiid dort 0,12, liiei- 22,2 Oy der reime I rnigekelirt j^ibt 
es bei 0. reime mit germ. 1 ;< : 1 ', , in denen nur die scliluß- 
silben stimmen {loufa : äiafa) 1126, d.i. 15,2 "/oi iu P^- 3 (einsclil. 
himile : hcrie mit .stab). d. i, 8,3 "o- Ks liegt nahe zu .sagen, 
dieser starke unterschied sei folge der Schwächung, die den 
endsilben nicht mehr gestattet liätte, das gewicht des reims 
allein zu tragen (vgl Zarncke, Berichte der sächs. gesellsch. 
der wissensch. 1874, s. -40; Kögel, Gesch. der deutschen lit. II, 123). 
Aber in Wahrheit sind die endsilben im Ps. fester als bei 0. 
(Die einzelheiten bei Pongs, Das Hildebrandslied s. 156, und 
bei Ingenbleek, Über den einfluß des reims auf die spräche 
Otfrieds), und dementsprechend sind auch die reime ix : 1 in 
Ps. häufig-er als bei 0.: 8 gegen 938 oder 22,2 gegen 12,7 0,,. 
Es ist vielmehr so: Ps. macht die durch den Otfriedischen 
vers geforderte gewaltsame und sprachwidrige hebung der 
endsilbe nicht mit, er bevorzugt die alte natürliche wort- 
betonung, wodurch dann der reim von selbst die von Ehris- 
manu, Gesch. der deutschen literatur s. 205, empfundene mehr 
gedank- als klangliche bedeutung zurückgewinnt, i) Es fragt 
sich nur, ob diese rückgewinnuug des alten klingenden vers- 
schlusses auf dem wege von 0. zum mhd. liegt oder ob wir 
hier, wie Kögel II, 122 wollte, einen selbständigen vers haben. 
Für das zweite spricht das dargelegte hervorwachsen aus dem 
alliterationsverse mit der Vorstufe der bestabung der vierten 
haupthebung, d. h. der siebenten hebung des langverses, die 
dann den klingenden reim trägt. Ferner spricht dafür, daß 
Ps. mit der Vernachlässigung der endsilben im klingenden reim 
ebenso vereinzelt ist wie überhaupt in der ahd. Überlieferung: 
Sigih. Sam. Bienens. Augsb. Petr. Georgsl. Rhetor. haben nichts 
dergleichen, bei 0. spuren, nur in dem volkstümlicheren Ludw. 
liest man cUian : uuillion 39, sungun : eleison 47. Und die 
gegenprobe: die zahl der auf die schwachen endsilben be- 
schränkten vocalreime steigt in nachahmung der neugefundenen, 
bequemen Otfriedischen art in Bienens.. Sam. und Ludw. auf 

•) Wenn bei 0. die Vernachlässigung- der endsilben trotz des scbluß- 
accents nicht ab-, sondern zunimmt (s. die zahlen s. 43i, auch Zarncke 
a. a 0. s. 23) und die zweisilbigen reime auf germ. -1 x sich mehren (Holz- 
warth § 69), so liegt das wie die beseitiguug sprachwidriger synalopheii 
(Beitr. 36, 375üf.) im erstarkenden widerstände des Sprachgefühls begründet. 

Heiträge zur geschichte der deutschen spr.iche 4ii 2c) 



t36 lUESECKE 

20. 22,6 und 28,8, in den klösterlicheren werken Georgsl,, Rlietor., 
Sig. und Augsb. gar auf 41, 42,3, 50 und 50 0/^: das ist fremde 
pergamentene kunst; aber Ps. mit seinen 8,3 o/o steht hierin 
nicht allein: im Petrusliede fehlt derartiges ganz. 

Damit führt mich die herleitung eines endreimverses aus 
dem Stabreimverse wieder auf die pfade Fraenkels (s. oben 
s. 434). Aber seiner behandlung Otfrieds muß ich laut 
widersprechen. 

Ich hatte schon Zs. fdph. 41, 100 mit aller schärfe ge- 
schieden zwischen dem verse Otfrieds und etwaigen andern 
deutschen endreimversen. Jener war etwas neues und fremdes: 
das zeigen die lesehilfen (a. a. o. s. 98 ff.) der accente und 
sjnialöphezeichen, das zeigt die art der sj^nalöphe selbst und 
namentlich die sprachwidrige betonung von germ. L x im reime 
{loufa : diafa). Freilich sehe ich dann die selbstzeugnisse in 
dem briefe an Liutbert anders an als Fraenkel. Er klammert 
(a. a. 0. s. 50) die worte von non quo z. 74 bis sonoritatem z. 77 
ein. In der hs. V, die wir als das von 0. corrigierte original 
betrachten dürfen, die nachträgliche Zusätze von seiner band 
hat, an dieser stelle aber weder rasur, noch absatz, noch irgend- 
eine äußere Unebenheit aufweist! Man kann zugeben, daß der 
ganze abschnitt nicht wohl geordnet ist, daß er vielleicht, wie 
der brief an Liutbert auch sonst, schichten erkennen läßt, 
aber was dasteht, ist 0. und muß interpretiert werden, und 
ohnehin ergibt jene einklammerung den unsinn: per hanc (seil, 
figuram metaplasmi, quam doctores — vocant sinaliphani) saepis- 
sime patitur (haec lingiia) conlisionem sinaliphae. Der sinn des 
eingeklammerten aber ist unerhört verzerrt, wenn schließlich 
(s. 51) zusammengefaßt wird: 'nicht eine kunstvolle metrik 
(wie im latein), sondern der streng durchgeführte reim mache 
das wesen deutscher verskunst aus'. Series scriptionis Imiiis 
heißt nicht 'die deutsche dichtung' (s. 51), sondern 'der hier 
angewandte vers', und was das schema homöoteleuton betrifft, 
so wird es zweimal erklärt: apta et priori decens et consimilis 
verhorum in fine sonoritas und consimilis verhornm ter- 
minatio: das ist das besprochene reimen nicht der letzten 
worte, sondern der endsilben, auch wenn sie nur schwach 
betont sind. Dieser reim ist lateinischer Import wie der 
ganze vers. neu und fremdartig wie er, er wird gefordert 



ST. EMMRRAMKR STUDIEN. 4o7 

von dem ornatus Imius lingnae, d. h. wenn man in dieser 
spräche (der klassizistischen Überlieferung' gemäß!) dichten 
will, und er dient zugleich ut legentibus, (ßwd lectio signat, 
apertior fiat (sensus): beim lesen gliedert der mit gehobener 
stimme gesprochene reim interpunctionsartig die langen sätze. 
{Ut 86 bezieht sich natürlich auf ohservarc 85, es ist etwa 
ein kolon davor zu setzen.) Seinem erzbischof zu erzählen, 
daß 'die deutsche dichtung' endreimend sei, wenn sie es wie 
die lateinische war, hatte Otfried wohl auch keine veranlassung; 
noch weniger, wenn sie es noch nicht war. 

Fehlerhaft scheint mir auch die auffassung des satzes et 
hoc nisi fiat usw^ z. 79: 'wenn man sie (die verschleif uug) 
unterließe, würden die Wörter sonderbar lang klingen; wie 
auch die Umgangssprache stark der verschleif ung huldigt'. 
Eine deutsche Umgangssprache gegenüber einer geschriebenen? 
Vielmehr: die Umgangssprache hat die häßlichen langformen, 
d. h. sie beachtet barbarischerw^eise den hiat nicht. Die 
sinaliplia ist ja ausdrücklich ein metaplasmus genannt, und 
Mctaplasmiis est transformatio quaedam recti solutique ser- 
monis in alteram speciem metri ornatusve (ornatus = poesie) 
causa (Zwierzina, Zs. fda, 31,296): die synalöphe geht in 
diesem verse über das natürliche hinaus (Beitr. 36, 375 ff.). 
Von dem satze Fraenkels: 'die verschleif ung hat keine 
metrischen, sondern sprachliche gründe' ist also das gegen- 
teil richtiger. 

'Aber die aus der Überlieferung von Otfrieds werk zu 
erschließende tatsache seiner geringen Verbreitung und Wirk- 
samkeit ist ein ernster gegengrund' gegen die annähme, daß 
er den endieim eingeführt habe (s. 44). In Wahrheit ist kein 
ahd. dichtwerk so reich überliefert, von keinem lassen sich so 
die Wirkungen schon an der handschriftlichen Überlieferung 
verfolgen (vgl. Einführung s. 6), und jetzt ergibt sich ein 
weiterer maßstab an den endbetonten reimen, der nur etwa 
den 138. psalm und das Petruslied, d. h. Bayern, außerhalb 
stehen läßt. Man kann dabei ruhig zugeben, daß sich ein 
stilistischer einfluß Otfrieds auf die andern literarischen 
gattungen angehörigen gedichte Sam. Ludw. Georgsl. nicht 
erweisen lasse — mir scheint das dafür von Ehrismann, Lit,- 
gesch. s. 202 und s. 224, Sievers, Beitr. 39. 111 ff. und nun von 

29-^ 



438 BAESECKE 

Fraenkel beigebraclite lüclit hinlänglich — , daß aber auch 
nur eins von ihnen (Ludw.) als unabhängig- erwiesen wäre 
(s. 53), ist eine recht leichtsinnige umkehrung. 

Etwas, anderes ist es mit dem Petrusliede, von dem 
aus wir zu diesem abstecher kamen. Da möchte ich Fraenkel 
(s. 54 — 59) recht geben, der es vor Otfried ansetzt, freilich 
nur, sofern ich nun 0. 1, 7. 25 ff. für nachahmung einer end- 
reimstrophe ansehe, wie sie in Petr. 7 ff. erhalten ist. (Vgl. 
übrigens auch v. Unwerth, Gesch. d. deutschen lit. s. 175 f.). 
Diese Scheidung erklärt zugleich das fränk. fir- 7 in dem 
bayerischen gedichte. Der ursprüngliche deutsche text (v. 7 f.) 
ist, wie zu erwarten, von (Rhein -)Fj'anken ausgegangen, die 
erhaltene bearbeitung bayerisch. Und wir verstehen nun auch 
jene metrische Sonderstellung des gedichtes neben Ps. und 
gegenüber 0. (s. 12): es erwuchs vor und neben diesem, das 
gebe ich nun zu, ein natürlicherer deutscher endreimvers, der 
die metrische entwicklung später maßgeblich beeinflußte. (Zu 
diesen metrischen Überlegungen vgl. auch v. Unwerth a.ao. §54.) 

Diese Verknüpfung von Musp. und Ps. braucht nicht die 
beziehungen zu 0. auszuschalten, von denen Berliner Sitzungs- 
berichte s. 426 f. die rede war. Verse und reime wie Musp. 02 
können nach wie vor von dort beeinflußt sein, und auch die 
na weisen dorthin. Nur ist mir zweifelhaft geworden, ob wir 
den Freisinger text als den gebenden ansehen dürfen, weil er 
wahrscheinlich, wenn auch nicht sicher, erst seit 902 geschrieben 
ist (Steinmeyer, Kl. ahd. sprachd. s. 102) und der urkunden- 
sammler Anamot, nach dessen lautstande wir Musp. II auf 
etwa 890 datierten, spätestens 891, im todesjahre des bischofs 
Embricho, mit seinem werke begonnen hat (Bretholz, Mitt. des 
instituts f. österr. geschichtsforschung 12, 5 ff). 

Die erhaltene niederschrift des Psalms (der codex Vindob. 
1609 enthält bl. 9 äff. briefe des erst 912 verstorbenen Notker 
Balbulus) ist sprachlich nicht viel jünger als die von Musp. I -f- II, 
die noch ins 9. jh. gehören mag (a. a. o. s. 426). Der vocalismus 
der Stammsilben ist gleich: no < ö, ou < au, ie < e hier und 
dort, die regelmäßigen io von Ps. entsprechen denen des Muspilli- 
schreibers. Eine Verjüngung zeigen die praeflxe: ir ist für ar, 
se ist für sa und zc, pi und pe für pi eingetreten. .Tugend- 
licher erscheint auch die regelmäßigkeit von cli < lili. ausl. 



ST. EMMiaiAMliK STUOIKN. 'i'.'A) 

ch < (j und an], /y. Aber anderseits hat Ps. im dal. i)lui'. nucli 
-un, Musp. II schon -on. 

Für eine schärfere erfassung ist es böse, daß die nicht- 
königlichen Eegensburger Urkunden zwar bis 1)02 reichlich, 
dann aber so spärlich sind: je eine von etwa 925. 930. 974. 
090. 991. 99G. Und jene ch < hh, -cn < -in, aiisl. {c)h < y 
ergaben zw^ar den terminus a quo, der schon durch ^Musp. vor- 
geschrieben war, abei' regelmäßig wie im Ps. war damals keine 
dieser erscheinungen in Hegensburg: noch 930 und 973 finden 
sich wieder Huc, Hartuuk und dergl., noch 973 liiutwn und 
990 Frunchinpach, noch 990 und 990 Ädalhoh und Bihholf. 
wie denn auch tio von 900 — 974 Avieder durch ö verdrängt 
scheint (io < co zuerst in Gotcsdieo 979, anderseits aber auch 
schon 902 ic). Kegelmäßig ist nur seit 902 das anl. y auch 
in den königlichen Regensburger Urkunden. 

Eine untere grenze ergibt sich von hier aus nicht. Aber 
noch unter bischof Tuto, also vor 930, ist laut eintragung der 
('Im. 14754 nach Regensburg gekommen, der die Zs.fda. 58, 241 ff. 
behandelten Isidorglossen enthält, darunter nach s. 262 als eigene 
lesarten noch ochasa und innovili, doch auch schon dunuuenge 
und zwei ge-, d. h. wir dürfen solche vocalschwächungen, wie 
sie Ps. aufweist, schon vor 930 annehmen. Aber selbstverständ- 
lich sind sie auch später möglich, die hs. wird aus ende des 
10. jh.'s gesetzt, und wir müssen, wenn das mit recht geschieht, 
eben annehmen, daß die abschrift lautlich recht treu ist. 

Was das original betrifft, so scheint es nach der s, 434 ff. 
besprochenen behandlung der endsilben äußerst fraglich, ob 
wir fJioyan : nioman 32 f. ansetzen dürfen; die reimänderungen 
yiioton > yoton 1, tuon > ton 16 verbieten sich durch man- 
sleccun : yituon 16, ridon : rihiuom 17 und rietun : rilduom 18 
— daß in yruoztc v. 2 o nachgetragen ist, führt sogar am ehesten 
auf ein no des Originals — . Wenn aber Ve- 32 vielleicht aus 
P/- verbessert ist und nacht 30 sicher aus naht, so jjraucht 
die vorläge weder geschwächte präfixe noch regelmäßige ch < h 
gehabt zu haben, d. h. sie brauchte sprachlich überhaupt nicht 
von Musp. II abgerückt zu werden. 

Der Zusatz 22—24 hat starke anklänge au 0.: ich wüßte 
nicht, woher die beiden mo für imo sonst stammen sollten, 
otfriedisch wäre die betonung- äinero und der endsilbenreim, der 



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den anlauteuden cousonanten mit umfaßt und der hier sonst 
fehlt: muozse : sJciozse. Es ist ein gebet vom schlage der 
Sigihartschen, entstanden wie sie unter dem eindrucke 
Otfrieds (vgl. im übrigen Elirismann s. 206). Ich glaube sogar, 
daß die durch ihre Wiederholung so besonders einprägsame 
Strophe V, 23, 11 = 79 = 95 = 105 = 115 = 145 = 157 
des besonders einprägsamen Schlusses mit ihrem Biscirmi uns, 
druliün guato vorbildlich gewesen ist: sie würde durch die 
dann folgenden worte therero araheito lichamon joli sela zu- 
gleich unser unerklärtes iogiuuedrehalp erklären. (Mit 22 a 
vgl. Nabucliodonosor [Waag, Kl. dt. gedickte IV] v. 63 got mit 
sinir giwalt.) Die art der anknüpfung an einen begriff des 
vorausgehenden Zusammenhangs ist die gleiche (fiente 21 
> feind 22, wie arabeiti 0. V, 23, 9 > araheito 11 usw.). 

Daß es sich bei den übrigen versen um eine bearbeitung, 
nicht um eine Übersetzung handelt, beweisen die auslassungen 
und Zusätze (Kögel s. 119 und 121, Ehrismann s. 204), dazu 
die nicht zu beseitigende Umstellung von v. 9 und 12 der 
Vulgata, wobei Far ich 29 mit abweichung vom sinne des Ur- 
textes nach 13 (< Vulg. 8) gebildet ist. Damit fällt die be- 
rechtigung, die versreihenfolge der Vulgata herzustellen oder 
ihren gedankengang festzuhalten. Wegweiser müssen vielmehr 
die Schlüsse der dreizeiligeu Strophen und die refrainzeilen 
sein, zumal sie in v. 15 und 35 zusammenfallen. 

Eine dritte grenze entsteht dadurch, daß 29 — 35 durch 
die umdeutung des urtextes (s. oben) und die anapher in Far 
wie durch die Wiederkehr des refrains ofenbar parallel zu 
etwa 5 — 15 gebildet sind. Aber über alle diese grenzen führen 
gedankenbrücken: 15/16 da ich überall in deiner gewalt bin, 
muß ich mich vor mord hüten; 28/29 ich muß wieder zu erde 
werden, aber auch da in der finster nis hast du mich in der 
hand; 35/36 wohin ich mich kehre, hast du mich in der haud, 
so füge du, daß ich den rechten weg einschlage. Wir dürfen 
also nicht umstellen; die Wiederkehr des gedankens von 5 — 15 
in 29 — 35 ist durch die form als beabsichtigt hervorgehoben, 
wie denn auch zweimal (durch Nu 16 = 36) die folgerung 
daraus gezogen ist, sie gehört zum hymnischen Charakter des 
gedichtes: v. 15 = 35 ist sozusagen das theraa. 

Wenn das wahr ist. kann die vorläge des erhaltenen 



ST. EMMEKAMKK STUDIEN. 441 

ürigiualniedersclirift, braucht nicht auf Zeichnung- aus dem 
gedächtnis gewesen zu sein, über die erst eine weitere stufe 
zum dichter führte. Und nun bestätigen sicli die formale 
herleitung und die sprachliche festlegung gegenseitig: *Ps. 
schließt unmittelbar an Musp. II, und auch hier ist Otfried 
doch wohl im spiele. Wenn die negation mit trof 27 sonst 
ganz und der umlaut in megih 5. 15. 35 so gut wie ganz auf 
den Otfriedvers beschränkt sind, und mehr als ein fünftel 
(21,2%) aller reime {gidanclmn : g'muanclion 5, ist : Christ 11, 
fart : {gegin)uuart 14, lant : hant 15. 35, ruom : tuon 21, gipurti 
: uurti 28) dort seinesgleichen hat, kann ich das nicht gering- 
fügig finden, wie Kögel es (s. 123) unter dem banne seiner 
(und meiner) anschauung von diesem verse tut. (Vollends ist 
es ein sprung aus dem fenster, wenn Fraenkel, ohne etwas 
von dem material abzustreichen, s. 54 folgert: 'der deutsche 
psalm hat also nichts mit 0. zu schaffen'.) Übrigens bedeuten 
ja die reime auch anderweite anklänge: mit v.5f. vgl. 0. II, 21,8 
then Imgu in then githanJwu ni laset uu